
                               Ganghofer, Ludwig

                                Der Ochsenkrieg

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                                Ludwig Ganghofer

                                Der Ochsenkrieg

                         Roman aus dem 15. Jahrhundert

                          Peter Rosegger in Verehrung


                                  Erstes Buch

                                       1

Er nahm den Zgel straffer und versetzte dem schnaubenden Gaul einen Hieb mit
der Reitpeitsche. Das Tier zuckte zusammen, bewegte aber keinen Huf, stierte mit
vorgequollenen Augen auf die grauen Tmpel des Sumpfbodens und fing zu zittern
an.
    Dem jungen Reiter brannte der Zorn im Gesicht. Wieder hob er die Peitsche.
Doch er schlug nicht, lie die Gerte sinken und schob sie hinter den
Ledergrtel. Whrend er unter beruhigendem Zureden dem Pferde den Hals
ttschelte, sah er prfend an dem Tier hinunter.
    Der schlanke Pongauer Rappe hatte ein reichlich Teil seiner glnzenden
Schwrze eingebt. Die Beine waren bis an den Bauch herauf in das Grau des
zhen Schlammes gewickelt, durch den der Weg des Tieres gegangen war.
    Die Hand auf die Kuppe des Pferdes sttzend, sah der Reiter hinter sich.
Zwischen Moosbscheln konnte er auf eine weite Strecke, bis hinber zum
Waldsaum, die Spuren seines Rittes gewahren, diese tiefen, schon mit Wasser
vollgelaufenen Stapfen des Pferdes. Die fernsten dieser kreisrunden Wasserlcher
glnzten in der spten Sonne des Sommertages wie blanke Goldstcke.
    Umkehren? Der Reiter schttelte den Kopf. Er guckte ber die unruhig
bewegten Ohren des Pferdes hinber. Da vorne war der Boden nicht besser als da
hinten. Aber nur vierzig, fnfzig feste Sprnge mte der Pongauer machen, dann
wre der gute, grne Almboden da! Und wie zum Hohn fr den ratlosen Reiter
schritt da drben das Weidevieh gemtlich umher: junge, blkende Kalben, Khe
mit schwer schlenkernden Eutern, mchtige Ochsen mit blechig rasselnden Glocken.
Der diese heiseren Schellen gehmmert hatte, das war kein guter Glockenschmied.
    Der Reiter machte einen gtlichen Versuch, das Pferd in Gang zu bringen.
Doch der Pongauer zitterte und wollte die tragende Insel, die er nach seinem
grauenvollen Einsinken gefunden hatte, nicht verlassen. Sie war so klein, da
der Gaul keinen Schritt nach vorne oder rckwrts machen konnte, ohne in dieses
linde Grau zu treten, das keinen Boden hatte.
    Moorle, sagte der Reiter, whrend er das Pferd an der dicken Mhne zauste,
da wird nichts helfen! Hinber mssen wir! Oder im Dreck das Jngste Gericht
erwarten!
    Langsam gab er dem Pferd die Eisen, immer schrfer. Der Pongauer keuchte.
Doch er stand, als wren seine Beine in Stahl verwandelt.
    In Herrgotts Namen, so tu noch rasten, ich will geduldig sein!
    Der junge Reiter besah sich die Gegend. Hinter ihm lag der stille Waldberg,
ber den er von der Berchtesgadener Grenzwach am Hallturm herbergeritten war -
ein Ritt, so herrlich wie tricht. Aber das ist so: Alles Schnste des Lebens
braucht immer als Vater den Leichtsinn, den man schelten mchte.
    Und vor ihm, in der Ferne da drben, stiegen die blauen Bergriesen auf, die
Mhlsturzhrner, der Hochkalter und der Steinberg. Da mute in dem
sonnendunstigen Tal dort drauen der Hintersee liegen.
    Und gleich da drunten, wo sich die lange Waldschlucht gegen halbversteckte
Felder weitete, blitzte eine groe, weie Wassersichel, von Rhricht umstanden.
Der Taubensee? Dann mute der bse Boden, auf den er da geraten war, das
verrufene Hngmoos sein, auf das sich die Berchtesgadener Herren bei ihren
Pirschgngen nicht gerne verirrten.
    Verrufen? Und da drben lag die schnste Weide, die eine Herde von Khen und
Ochsen nhrte! Und aus einer Grasmulde des tieferen Almgehnges stieg wie ein
feiner, blauer Strich der Rauch eines Herdfeuers zum Himmel auf.
    Mit klingender Stimme schrie der Reiter nach dem Hirten. So ein Viehhirt
kennt doch die Wege im Sumpf, wie Gott das Gute kennt im Herzen eines schlechten
Menschen.
    Doch niemand antwortete. Und hinter den westlichen Bergen ging schon die
Sonne hinunter.
    Moorle! Jetzt mssen wir vorwrts.
    Der Pongauer war anderer Meinung. Kein Zureden, kein Zorn, kein Eisen, keine
Peitsche half. Da gab es keinen andern Rat mehr als absteigen und das Moorle
fhren.
    Der Reiter tappte gleich beim ersten Schritt hinunter bis bers Knie; mit
Widerstreben gehorchte das Pferd der ungeduldigen Kraft, die den Zgel straffte;
unsicher trat es ber den Moosbuckel hinaus, versank bis an die Gurten, schlug
verzweifelt mit den Hufen, machte kehrt und kletterte, den am Zgel hngenden
Menschen hinter sich herreiend, wieder empor, auf die tragende Insel. Und der
Reiter, bis an die Hften mit Schlamm behangen, schwang sich in den Sattel, um
von der Unruhe des Pferdes nicht in den Sumpf gestoen zu werden. Whrend der
Pongauer heftig zitterte, drehte er den Kopf mit einem Blick, der zu fragen
schien: Wer war jetzt der Klgere von uns beiden? Dann schttelte sich der
Gaul, da die abgeschleuderten Schlammflocken weit hinausflogen ber das
sumpfige Gehng.
    Irgendwo ein Lachen.
    Der junge Reiter drehte flink das Gesicht. Oberhalb des Bruchbodens sah er
zwischen dicken Wacholderbschen einen roten Fleck - zu gro fr eine Blume. Da
drben hockte wohl die Hirtin? Und die sa wohl schon lange da und guckte zu?
Und lachte?
    In Zorn wollte der junge Reiter da hinberschreien. Aber da klang bei den
Wacholderbschen eine Stimme: Tu warten, Mensch! Ich komm. Eine krftige
Stimme war's - gleich dem Laut eines halbwchsigen Buben, der noch immer auf dem
Kirchenchor den Engel singt, aber schon mannen will.
    Leichtfig kam die Hirtin ber den Sumpf herber, von einem Moosbuckel zum
andern springend. Die mute fest und gesund sein! Sie bewegte sich, wie frohe
Menschen tun. Die Fe waren nackt. Ein grauer Zwilchkittel hing bis zu den
halben Waden hin. Sie trug kein Wams, kein Mieder; ber dem groben Hemde war nur
mit Lederriemen und kleinen Hirschhornknebeln ein roter Tuchstreifen um die
Brste geschnrt, die leise zitterten, sooft das Mdchen von einem Moosbuckel
zum nchsten hinbersprang. Das straff gezopfte Schwarzhaar lag wie eine dicke,
schwere Haube um das strenge, sonnverbrannte Gesicht, in dem die blauen,
wunderlich ruhigen Augen sich ansahen wie verlliche Sterne.
    Beim Wald da drben, sagte sie mit ihrer herben Knabenstimme, wo der Weg
ausgeht, da httest umwegs gegen den Berg hin mssen. Der grade Weg ist nit
allweil der beste. Sie sprach so bedchtig, wie kluge Menschen reden, die schon
in Jahren sind.
    Er sah sie schweigend an und dachte: Tut wie ein Altes und ist ein paar
Jhrlein ber die Zwanzig!
    Sie hatte den letzten Moosbuckel erreicht, blieb mit dem einen Fue drben
und stellte den andern auf des Pongauers Insel neben den Huf des Pferdes hin.
    Da fragte der Reiter: Bist du die Hirtin auf dem Hngmoos?
    Sie gab keine Antwort. Ihre geschickten Hnde lsten flink eine Schnalle des
Riemenwerkes und streiften das Zaumzeug ber den Kopf des Pferdes herunter. Mit
Tieren verstand sie umzugehen. Moorle wurde ruhig, sobald er diese Hnde sprte,
und drehte schnuppernd die Schnauze gegen die Hirtin hin. Sie zog dem Reiter den
Zgel fort, den er noch immer festhielt, hngte das Zaumzeug ber die Schulter
und sagte: Absteigen mut! Lang hab ich nit Zeit. Vor Nacht mu ich meine
siebzehn Kh noch melken.
    Der khle Bergschatten wanderte schon ber das Sumpfland hinaus, und im Tale
drauen bohrten sich die schwarzblauen Schattenkegel immer tiefer in den gelben
Sonnenduft.
    Absteigen? Und der Gaul?
    Ohne Brd hat er's leichter, als wenn er tragen mu.
    Whrend der Reiter auf der andern Seite des Pferdes aus dem Sattel glitt -
ein bichen vorsichtig - zerrte die Hirtin rasch die Schnallen des Gurtes los
und nahm den Sattel auf ihren Nacken.
    Nein, du! Den la mich tragen!
    Du wirst Augen und Hnd fr den Weg brauchen. Sie wandte sich und machte
wieder diese raschen, sicheren Sprnge ber die grnen Mooskissen im Schlamm.
    Ein bichen lachend, schlpfte der Reiter unter dem Bauch des Pferdes durch,
wobei sein grnes Hirschlederwams ber den Rcken hin eine Frbung ins Graue
bekam. Nur an der Brust dieses Wamses und auf der Oberseite der mit violettem
Tuch geflgelten rmel blieb noch die schne Farbe. Alles andre - die gelb
gestlpten Reitschuhe mit den Stachelsporen, die violetten Strumpfhosen und der
Ledergurt mit dem Wehrgehenk - alles war grau geworden. Diese Graumannsfrbung
wurde auf dem weiteren Wege noch befrdert. Die Hirtin hatte richtig prophezeit:
Nicht nur die Augen, auch die Hnde wurden ihm ntig. Bald lachte er, bald
schalt er wieder, wenn er bei einem Sprung daneben trat, und immer warf er einen
Blick nach der Hirtin, wie in Sorge, ihr spottendes Lachen hren zu mssen. Aber
sie wandte keinen Blick nach ihm, sie sprang und sprang, wobei die Eisenbgel
des Sattels leise klirrten, und kmmerte sich nimmer um den Weglosen, den zu
fhren sie gekommen war.
    Moorle, auf seiner kleinen Insel, betrachtete diesen Vorgang mit wachsendem
Erstaunen. Er streckte den Hals und wurde ungeduldig. Und als er die Hirtin
neben seinem Herrn, der das schlanke Mdchen noch um einen halben Kopf
berragte, auf den schnen, grnen Almboden treten sah, stie er ein Gewieher
aus und machte einen verzweifelten Sprung. Bis an die Schultern versank er,
schlug und arbeitete, kam in die Hhe, tauchte wieder hinunter, fand eine
hilfreiche Insel, zgerte und lie sein Wiehern klingen, hrte den sorgenvollen
Lockruf seines Herrn und machte rasende Sprnge. Und als der Rappe den sicheren
Almboden erreichte, bis ber den Hals herauf in einen Eisenschimmel verwandelt,
begann er wie in bewuter Rettungsfreude ein so irrsinniges Umhertollen, da die
Khe, Kalben und Ochsen vor Schreck mit gehobenen Schwnzen unter rasselndem
Schellenklang davonrannten. Moorles junger Herr begann bei diesem Bilde heiter
zu lachen. Auch den strengen Mund der Hirtin kruselte ein Lcheln. Die Khe,
die vor dem lebensfreudigen Moorle Angst bekamen, liefen ihr zu, und whrend sie
den Weg zur Htte nahm, war die halbe Herde des Ahnfeldes um sie herum, ein
dicker Kranz von fetten Rcken und gehrnten Wackelkpfen.
    Da tauchte hinter einem Steinhgel eine kleine, verkrppelte Menschengestalt
auf. Ein Knabe? Oder ein Greis? Das Gesicht war bla und runzlig, aber die Augen
waren jung - es waren die gleichen blauen Augen, wie sie in dem strengen,
sonnverbrannten Gesicht der Hirtin glnzten. Arme und Beine waren mager und
kurz, der von schwarzen Haarstrhnen umhangene Kopf sa tief zwischen hohen
Schultern, und der Rcken war zu einer hlichen Krmmung entstellt. Doch dieser
Krppel war besser gekleidet, als sich die Bauernshne in den Tlern drunten zu
tragen pflegten; fast sah er aus wie ein verzrteltes Herrenkind, das man durch
schmuckes Gewand fr die Migestalt seiner Glieder entschdigen wollte. In der
einen Hand hielt er ein kurzes, gebogenes Messer, in der andern ein Stck weien
Lindenholzes, aus dem eine fliegende Schwalbe halb herausgeschnitten war.
    Die Hirtin ging mit dem Sattel auf eine hlzerne Htte zu und machte dem
Krppel, der sich hinter einem Felsblock verbergen wollte, rasche Zeichen mit
der Hand. Er schien zu verstehen, schien ruhiger zu werden, nickte, sah hinber,
wo der Fremde stand, und schnitt von dem Lindenholz einen Span herunter. Dann
legte er Holz und Messer auf einen Fels, nherte sich mit gaukelndem Sbelgang
dem fremden Jngling und begann, ihm, ohne ein Wort zu sagen, mit der Spankante
den grauen Schlamm von den Kleidern herunterzuschaben.
    Der Fremde lie sich das eine Weile lachend gefallen. Dann fragte er: Wer
bist du? Und weil er keine Antwort bekam, fate er den Krppel an der Schulter.
Du! Red doch ein Wort! Wer bist du?
    Das Gesicht erhebend, lallte der Krppel mit schwerer Zunge ein paar
sinnlose Laute und machte mit dem graugewordenen Span ein Zeichen gegen Mund und
Ohr. Dann fing er wieder zu schaben an.
    Ein Taubstummer?
    Schweigend betrachtete der Fremde den kleinen, fleiigen Kobold, und weil er
an ihm diese blauen Augen sah, wandte er in fragendem Verwundern das Gesicht zur
Htte hinber.
    Da drben stand die Hirtin und reinigte am Brunnentrog den Sattel und das
Riemenzeug. Dann ging sie auf den grasenden Moorle zu, streckte die Hand und
lockte mit leisen Lauten. Das Pferd streckte den Hals und schnupperte, lie sich
an der Mhne fassen, folgte der Hirtin willig zum Brunnentrog und hielt
verstndig unter den Wassergssen aus, mit denen ihm die Hirtin den Schlamm von
Leib und Gliedern splte. Und lie sich trocknen mit einem Tuche, lie sich
satteln und zumen.
    Die Hirtin schien die Tiere liebzuhaben, auch dieses fremde. Unter leisem
Schwatzen fate sie den Moorle an der Schnauze, und in ihrem stillen, strengen
Gesicht erwachte eine warme Herzlichkeit, whrend sie dem Pferd die Nstern
streichelte und ihm die Bschel des dicken Stirnhaars aus den Augen strich. Dann
hngte sie die Zgel ber den Brunnenstock, gab dem Pferd einen leichten,
zrtlichen Schlag auf den schwarzglnzenden Hals und trat in die Htte.
    Moorle sah der Hirtin nach und wieherte.
    Sie kam aus der Tre, zwischen den Hnden eine hlzerne Schale, die mit
Milch gefllt war, und ging zu der Stelle hinber, wo der Fremde sich schaben
lie. Bei seinem Anblick mute sie ein bichen schmunzeln. Aber dieses leichte
Gekrusel ihrer Lippen war schon wieder verschwunden, als sie die Milchschale
auf eine Steinplatte stellte mit den Worten: Wenn dich drsten tt? Sie
deutete gegen das Waldtal hinunter. Dort geht der Karrenweg. Da kannst du
nimmer fehlen. Jetzt mu ich zur Arbeit. Gottes Gru!
    Sie wollte gehen.
    Du! sagte er mit raschem Laut.
    Ruhig wandte sie das Gesicht.
    La dir Vergeltsgott sagen fr alle Treuung an mir und meinem Gaul.
    Ist gern geschehen. In der Eind mssen die Leut einander helfen. Wo viel
beinander sind, mten sie's auch. Aber da tun sie's nit. Und keifen und beien
wie die hungrigen Hund bei der Schssel.
    Er sah sie mit wachsendem Staunen an. Diese seltsamen Worte! Aus dem Mund
einer Zweiundzwanzigjhrigen! Aber es war in diesen Worten weder Groll noch
Bitterkeit. Ganz ruhig hatte sie das gesagt. Und wieder, weil sie gehen wollte,
rief er hastig: Du! Er htte noch gern geschwatzt mit ihr. In diese blauen,
ruhigen Augen war ein gutes Schauen.
    Sie lchelte ein wenig. Jetzt mu ich schaffen.
    Da mu ich dich gehen lassen, freilich. Man wr bei dir gut aufgehoben. Der
arme, kranke Bub da, der ist wohl bei dir in Pfleg?
    Die Hirtin schttelte den Kopf, whrend sie mit einem Blick voll heier
Liebe an dem Krppel hing. Das ist mein Bruder. Dann ging sie davon.
    Er blickte auf den eifrig schabenden Krppel hinunter und sah der Hirtin
nach. Wie ist das mglich? Da aus dem Scho der gleichen Mutter solch eine
Miform ins Leben fallen kann? Und solch ein festes, helles und aufrechtes
Menschenkind?
    Freundlich fuhr seine Hand ber das Schwarzhaar des Krppels hin. Er schob
den Buben, der immer noch zu schaben hatte, von sich fort und ging, mit einem
violetten und einem grauen Bein, zu der hlzernen Milchschale hinber, tat den
Trank eines Durstigen und legte eine Silbermnze neben die Schale. Der Krppel
lallte einen zornigen Laut, griff nach der Mnze, schob sie in die Grteltasche
des Fremden und sbelte mit den kurzen Beinen zu dem Stein hinber, auf dem sein
Messer neben der geschnitzten Schwalbe lag.
    Guck nur, wie stolz! Es war wie rger in diesen Worten. Das lange, lichte
Braunhaar aus dem erhitzten Gesicht schttelnd, schritt der Fremde zum Brunnen
hinber und stieg in den Sattel. Moorle benahm sich ein bichen ungebrdig,
mute aber flink dieser krftigen Faust und dem Druck dieser festen Schenkel
gehorchen.
    Bei der Htte bckte sich der Reiter, um durch die Tre schauen zu knnen.
Er sah einen Raum, in dessen Zwielicht eine versinkende Flamme flackerte. Seine
Augen suchten, whrend er weiterritt. Er gewahrte die Hirtin auf dem hheren
Almgehnge. Mit dem kupfernen Milchzuber und einem dreibeinigen Sthlchen ging
sie einer aus plumpen Steinen aufgeschichteten Stallung zu. Viele Stcke der
Herde trabten ihr mit heiseren Schellen nach. Und aus dem ganzen Almfeld, von
berall, zogen die Khe mit Gebrll und Schellengerassel dem Steinbau entgegen,
zu dem die Hirtin wanderte.
    Whrend Moorle vorsichtig ber den groben, steilen Weg hinunterkletterte,
wandte der Reiter immer wieder das Gesicht.
    Nun nahm der Wald ihn auf. -
    Als er beim Taubensee das offene Feld erreichte, fing der Abend zu dmmern
an. In einem gezunten Wiesgarten war ein Bauer mit seinem Weib dabei, das Gras
zu mhen. Der Reiter verhielt den Gaul. Bauer! Komm her da!
    Die Sense flog ins Gras, der Bauer sprang, und sein Weib fing in dunkler
Sorge zu bangen an. Wenn ein Herr befahl, das war fr einen Bauern immer ein
bel Ding.
    Weit du, wer die Hirtin ist auf dem Hngmoos droben?
    Der Bauer atmete auf. Das ist die Jula vom Runotter, den man heuer wieder
zum Richtmann der Ramsauer Gnotschaft gewhlt hat. Sein Vater ist Erbrechter
worden vor dreiig Jahr.
    Sinnend sagte der Reiter: Die Jula?
    Die, ja! Knnt's besser haben und mt nit sennen. Die Jula geht aus
Frlieb almen, um ihres bresthaften Bruders willen. Der mag nit unter Leut
sein.
    Ohne zu antworten, lie der Reiter dem ungeduldigen Pongauer die Zgel
schieen. Und der Bauer kehrte zu seiner Sense zurck. In Sorge fragte das Weib:
Was hat er wollen?
    Von mir kein Hlml. Gott sei Dank! Blo nach der Jula droben hat er mich
ausgefratscht. Aber da wird ihm der g'lustige Herrenschnabel trcken bleiben.
    Schrei nit so! tuschelte das ngstliche Weib. Was war's denn fr einer?
    Ich glaub, der jung Someiner.
    Dem Gadener Amtmann der seinig?
    Der, ja! Aber 's Zwielicht kann mich genarrt haben. Es heit doch allweil,
der jung Someiner wr auf der Prager Magisterschul.
    Was geht uns der Bub des Amtmanns an? Das Weib bekreuzigte sich. Gott sei
gelobt, da wir nit Kinder haben. Nit Buben, die Eisen fressen mssen fr die
Herren, und nit Tchter, die man zu Lustfhlen macht.
    Der Bauer brummte was in den dielten Bart und schwang im sinkenden Abendtau
die Sense wieder. -
    In gleichmigem Takte klang der Hufschlag des trabenden Pferdes.
    Der Reiter achtete des Gaules wenig und war nachdenklich.
    Die Jula?
    Hatte er nicht die Jula vom Runotterhof einmal gesehen, vor sieben Jahren,
noch als ein halbes Kind? Wie das magere, trutzugige Ding sich ausgewachsen
hatte! Aber so stolz und so sparsam mit Worten wie damals war sie noch immer.
    Auf der besseren Strae, in die der Taubenseer Karrenweg einbog, klang der
Hufschlag des Pongauers fester und heller.
    Die ersten Sterne schimmerten, und es schlich die stahlblaue Nacht um die
Berge, als der Reiter zu den Wohnsttten der Ramsau kam. Neben der Strae
rauschte die Ache. Und auf der andern Seite des Weges huschten armselige Htten
vorber, die nicht Zaun und Grtlein hatten; dann kamen fest umgatterte Hfe mit
hohen Dchern, es kam die kleine Kirche und das groe Leuthaus, in dem noch
Licht war und trunkene Knechte beim Dnnbier sangen. Und dort, auf dem Hgel
droben, das groe Gehft mit den starken Planken und dem steilen Moosdach? War
das nicht der Hof des Richtmanns Runotter? Dessen Vater einst, als das Stift zu
Berchtesgaden unter drckenden Schulden zu leiden begann, das alte Schupflehen
um einhundertvierzig Pfund Pfennig als Erbrecht und Eigengut erworben hatte?
    Der Pongauer, in dem die Sehnsucht nach dem Stall erwachte, fiel in einen
sausenden Trab.
    Die Jula!
    Und da die schlanke, aufrechte Jula einen Krppel zum Bruder haben mute?
Die klsterlichen Hofleute, die gut von den Herren redeten, erzhlten es so: Die
Frau des Runotter mit ihrem vierjhrigen Dirnlein wre eines Tages, als die
Erdbeeren reif geworden, im Hochtal des Windbaches hinaufgestiegen zur Ahn ihres
Mannes; am selben Tage htten die Berchtesgadnischen Chorherren dort oben eine
Hetzjagd auf Hirsche abgehalten; und ein Rudel flchtenden Hochwildes htte die
Runotterin, die seit drei Mondzeiten gesegneten Leibes war, zu Boden geworfen
und ber eine stubenhohe Steinwand hinuntergestoen; das kleine Dirnlein wre
ber den Unfall der Mutter so arg erschrocken, da ihm durch, lange Zeit ein
seltsames Zittern blieb, eine blinde Angst mit atemwrgenden Schreikrmpfen; und
nach sechs Monden gebar die Runotterin den taubstummen Krppel und blieb ein
stilles, trauriges Weib und starb.
    Aber die Bauern, wenn sie keinen Herrn und Hofmann in Hrweite wuten,
erzhlten es anders. Und das wuten alle im Land, da damals ein junger
Chorherrr, Hartneid Aschacher, pltzlich nach dem Kloster Chiemsee hatte
verschwinden mssen, weil er seines Lebens im Berchtesgadener Lande nimmer
sicher war.
    Ein dumpfes, donnerhnliches Rauschen in der schnen. Nacht. Das war der
Windbach, der seine Wasser herunterstrzte durch die enge Klamm.
    In dem jungen Reiter erloschen die Bilder des Erinnerns. Er mute scharf
nach der Strae sphen, die zwischen den hohen, schwarzen Waldmauern kaum noch
zu sehen war.
    Nun kam die freie Hhe der Strub. Kleine, rtliche Lichter, weit zerstreut
durch das finstere Tal hin - groe, funkelnde Sterne im tiefen Blau des Himmels;
und zwischen den Flammen der Hhe und den trben Laternchen des tiefen Lebens,
das zu schlummern anfing, dehnten sich die schwarzgrauen Wlle der Berge in die
Ferne, vom klobigen Untersberg bis hinber zum scharfen Zahn des Watzmann.
    Das erste Haus von Berchtesgaden. Der Reiter mute den Pongauer zu ruhigem
Gange zwingen, weil das Pflaster der Marktstrae begann. Zwischen den groben
Steinen drohten Lcher, die fr einen Pferdehuf wie Fallen waren.
    Die meisten Huser standen schon in schlafendem Dunkel. Nur selten ein
Licht. Bei einer Wende der engen Gasse sah man in lauschiger Ecke ein schmales,
hohes Gebude, aus dessen geschlossenen Lden zu ebener Erde es rtlich
herausdunstete, das Badhaus. Im zweiten Stockwerk waren zwei Fenster offen und
hell erleuchtet. Da droben war heiteres Lachen. Man hrte das Geklimper einer
Laute und eine trllernde Mdchenstimme. Hier wohnte die Pfennigfrau eines
Chorherrn. Noch immer war das Stift gelhmt unter schweren Schulden, aber so
viel an Einknften, die aus Holzschlgen, Salzgefll, Steuern, Holdenzins und
Erbrechtskufen erflossen, hatte es noch immer, da man sich das Leben heiter
machen konnte.
    Die Gasse wand sich, und es kam der stille Marktplatz. Schulter an Schulter
standen da die schmucken Huser der Handwerker und Kaufleute, mit schweren
Eisenstangen und Hngschlssern vor den Gewlben.
    Von den Mauern widerhallte der klirrende Huftritt des Pongauers. In der
Tiefe des Marktplatzes, hinter dem schwarzen Umri eines steinernen Brunnens,
flackerte ein Pfannenfeuer vor der Pfrtnerstube des Stiftstores.
    Es kamen zwei Wchter, die halblaut miteinander schwatzten. Der eine von den
beiden, ein magerer, baumlanger Spieknecht, grte den Reiter: Schn gute
Nacht, Herr Magister!
    Der dankte: Vergelts, Marimpfel! Und eine kleine Eitelkeit erwachte in
ihm: Aber weit du, der Magister liegt in der Truhe. Jetzt mut du Doktor
sagen.
    Gotts Teufel und Bohnenstroh! Ein breites Lachen. Da tu ich Glck
ansagen, Edel Herr Doktor Someiner! Wieder dieses Lachen. Sucht sich ein Kind
die richtig Mutter aus, so wird das Leben ein lustigs Aufwrtsschupfen.
    Der Huftritt des Pongauers klirrte. Und von irgendwo aus der Luft klang eine
besorgte Frauenstimme: Bub, bist du's? Bist du's?
    Wohl, Mutter!
    Endlich! Gott sei Dank! - Vater, so schau doch! Hast wieder umsonst
gebrummt. Der Bub ist doch lang schon da. Die Stimme erlosch, und man hrte das
Geklapper eines Schubfensters, das herunterfiel.
    Der Pongauer blieb vor einem dunklen Tore stehen, und der Reiter stieg aus
dem Sattel.
    Lampert Someiner, Magister artium und Doktor des kanonischen und gemeinen
Rechts, hatte das Haus seines Vaters erreicht, des Amtmanns zu Berchtesgaden.
    
    Der eichene Torflgel rasselte auf. Ein Knecht mit einem Windlicht erschien
und nahm den dampfenden Moorle in Empfang. Und Lampert sprang ber die Schwelle
mit dem flinken Schritt des Sechsundzwanzigjhrigen, der sich der Heimat freut
und wei: Jetzt hab ich mein Tischleindeckdich!
    Ein Flur mit gewlbter Decke, erleuchtet von einer kleinen Hirschtalglampe.
Eine Tr - die Tre der Amtsstube - war schwer vergittert. ber ein steiles,
enggemauertes Trepplein gings hinauf. Und durch den gleichen Flur, in dem diese
Herrentreppe war, wurde der Pongauer zu seinem Stall gefhrt.
    Oben auf der Treppe stand Mutter Someiner mit hoch erhobenem Leuchter,
dessen Teller einen schwarzen Schatten ber die Frau herunterwarf. Ach, Bub,
wie kannst du denn nur so lang ... Da sah sie den Zustand seiner Kleidung und
erschrak. Um Himmels willen! Bub? Was ist geschehen? Dir?
    Nichts, Mutter, nichts! Er lachte. Der Moorle und ich, wir haben nur ein
ltzel durch schiechen Honig mssen. S ist er nicht gewesen, aber gepickt hat
er. Tu mich nicht anrhren, sonst werden deine weien Tchlein grau. Lachend
schob er sich an der Mutter vorber, sprang die andere Treppe hinauf und trat in
eine kleine, weie, von zwei dicken Kerzen erleuchtete Stube. Die schwere, wei
umhangene Bettstelle nahm fast ein Drittel des Raumes ein; in der Ecke ein
kleiner Tisch mit kupfernem Becken und kupferner Wasserkanne, die von der
Handzwehle bedeckt war. An der Wand eine groe eisenbeschlagene Truhe. Darber
ein Zapfenbrett mit Gewand und Waffen. Und dann ein Erker, der halb ein kleines,
vergittertes Fenster und halb eine niedere Tr war, die zu einer Altane fhrte.
Das Stbchen duftete herb. In das Wachs der Kerzen war Rucherwerk
eingeschmolzen, dessen strenger Wohlgeruch in dnnen Rauchfden aus den
zuckenden Feuerherzen der beiden Dochte stieg. Solche Kerzen go man, seit durch
das deutsche Land der schwarze Tod gegangen war, der jeden Dritten unter den
Boden warf.
    Drunten, auf der ersten Treppendiele, war die Amtmnnin stehengeblieben, bis
sie vernahm, da droben die Tre geschlossen wurde.
    Nun betrat sie die Wohnstube.
    Frau Someiner war in dunkles Braun gekleidet. Und dennoch war sie wei. Die
leinene Glockenschrze bildete eine Art von bergewand, und weie
Ellbogenschoner waren um die rmel gebunden. Ein rundes, aufgeregtes
Muttergesicht mit lebhaften Braunaugen. Und ber dem leichtergrauten Haar die
weie Fltelhaube mit der Kinnbinde.
    Der Tisch in der Wohnstube war schon gedeckt. Aber Frau Someiner hatte da
noch immer was zu richten, whrend sie von ihrem Buben schwatzte.
    Der Amtmann nickte zu allem. Doch er sah dabei sehr aufmerksam auf das
Schachbrett, das in dem kleinen Erker auf einem spreizfigen Tischchen vor ihm
stand. Die untere Hlfte des Herrn Ruppert Someiner trug noch die Amtstracht,
schwarze Strumpfhosen und rote Schuhe, whrend die Herzgegend des Gestrengen in
eine braune, pelzverbrmte Hausschaube gewickelt war. Graue Haarstrhnen hingen
schtter ber die Wangen herunter. Herr Someiner, den der Bader mit dem besten
seiner Messer zu rasieren pflegte, hatte kein bses, nur ein mdes Gesicht, das
ein bichen gelb war von stetem rger. Das Schuldenwesen des Stiftes, dessen
Wirtschaft er zu fhren hatte, machte ihm schwere Sorgen. Und bei dem vielen
Handel und Wandel mit gefhrlichen und unbotmigen Menschen hatte Herr Someiner
zwei kalte, unglubige Augen bekommen.
    Neben der flinken, frohen Stimme der Amtmnnin war in der Stube noch der
langsame, schwere Schlag eines Uhrpendels. Bei jedem Schlag sagte das Pendel in
dem hohen Kasten: Bau! Dann tat es fr eine Sekunde lang einen seufzenden
Atemzug. Und sagte von neuem: Bau!
    Ein Ungeheuer von grnem Kachelofen wuchs mit abgesessenen Bnken aus der
Wand heraus. Decke und Wnde der Stube waren braun getfelt, nur oben herum lief
ein weier Streifen der Mauer. Fast so gro wie der Ofen war der Anrichtkasten.
berall funkelte Zinn und Kupfer, berall leuchteten weie Tchelchen mit
mhsamen Stickereien. Und ber dem weigedeckten Tische brannten auf schwebendem
Eisenreif vier Wachskerzen mit dem gleichen herben Wacholderduft, wie er in
Lamperts Schlafkammer war.
    Der junge Doktor des kanonischen und gemeinen Rechtes betrat die Stube in
der schwarzen Tracht seiner akademischen Wrde. Das lange Braunhaar war
sorgfltig gescheitelt, und in dem krftigen, etwas erhitzten Jnglingsgesicht
mit dem dunklen Brtchen auf der Oberlippe und dem sprossenden Kinnflaum
glnzten die gleichen Augen, wie Frau Someiner sie hatte. Ein zrtlicher Blick
des jungen Mannes berflog die Stube. Vor drei Tagen war Lampert von der Prager
Schule heimgekommen. Und noch immer hatte das elterliche Haus etwas Neues fr
ihn, jeder Blick entdeckte eine liebe Kostbarkeit.
    Stolz betrachtete die Mutter den Sohn, whrend der Vater sagte: Komm her
ein ltzel! Der hochwrdigste Herr Dekan hat mir eine Schachaufgab gestellt.
Wei zieht an und soll matt setzen nach drei Zgen. Aber ich komm nicht drauf.
    Lampert musterte die Stellung der Figuren. Dann griff er zu. So, Vater! Und
so! Und so!
    Richtig! Er hat's! Herr Someiner lachte. Bub! Wenn du im Amt so flink und
sicher zugreifen lernst, dann tut der Hof mit dir als neuem Aktuario einen guten
Fang. Und du kannst ihm die Schulden schupfen helfen.
    Glckliche Freude glnzte in den Augen der Amtmnnin.
    Eine alte Magd brachte das Nachtmahl, und es kam eine gemtliche
Tafelstunde. Lampert erzhlte von seinem Ritt zum Hallturm und zu der bayrischen
Feste Plaien. Das Abenteuer auf dem Hngmoos berspringend, erzhlte er von
seinem Waldritt ber den Bergsattel zum Taubensee. Dabei legte ihm die Mutter
reichlich vor. Und einmal fragte sie: Schmeckt es, Bub?
    Ja, Mutter! Allweil ist Mutters Tisch die beste Herberg. Und ich hab einen
gesegneten Hunger heimgebracht. Seit dem mageren Frhmahl, zu dem mich der
Hallturner eingeladen, hab ich nur am Abend auf dem Hngmoos ein Schppel Milch
getrunken.
    Milch? Vater Someiner zog verwundert die Augenbrauen in die Hhe. Ist der
Ochsenwirt auf dem Hngmoos solch ein Schlemmer, da er sich Milch auftragen
lat, bis von der Ramsau her.
    Lampert lachte. Aber Vater! In der Kserhtt auf dem Hngmoos brauchen sie
doch nur zu melken.
    Auf dem Hngmoos steht kein Kser.
    Ich bin doch an der Htt vorbeigeritten.
    Da mut du dich verschaut haben. Oder wo du gewesen bist, das war nicht das
Hngmoos.
    Wo der Sumpf ist, den die Jger meiden? Hinter dem Taubensee droben? Ist
dort das Hngmoos?
    Ja.
    Dort bin ich gewesen. Und die Htt ist dagestanden. Und die siebzehn Kh,
die sie auf dem Hngmoos melken knnen, hab ich selber gesehen.
    Der Amtmann runzelte die Stirn. Dann schttelte er den Kopf. Du magst viel
gelernt haben auf der hohen Schul zu Prag. Aber mir scheint, du hast dabei
vergessen, wie sich die Kuh vom Ochsen unterscheidet.
    Lampert wollte erwidern. Doch die Mutter zwinkerte ihm heimlich zu; sie
erinnerte sich der heftigen Meinungskmpfe, die es in frheren Ferienzeiten
zwischen Vater und Sohn gegeben hatte, kannte die strenge Rechtskrmerei ihres
Mannes und sorgte sich, da ein unbehaglicher Wortwechsel entstehen knnte. Doch
Lampert schwieg nicht nur, weil es die Mutter wollte. Er wute, da es zwischen
dem Stift und den Almholden immer Reibereien um die Deutung der Rechtsbriefe
gab. Und wenn nun irgend was auf dem Hngmoos droben nicht in Ordnung war, so
wollte er nicht zur Ursache werden, da man der hilfreichen Jula einen
stacheligen Pfahl vor die Httentre setzen knnte. Drum schwieg er. Und es
blieb eine wunderliche Sorge in ihm zurck.
    Mutter Someiner schwatzte eifrig von allem, was ihr gerade einfiel, war
glcklich, weil sie die dunkle Gefahr des Augenblicks berbrckt sah, und wollte
sich was erzhlen lassen von Prag und dem bermtigen Studententreiben in den
Bursen. Lampert erzhlte auch, doch er blieb zerstreut und kam nicht in rechte
Laune. Auch der Vater war nachdenklich und wortkarg. Sogar der Wrzwein, der
nach der Mahlzeit zum blichen Schlaftrunk aufgetragen wurde, verbesserte des
Amtmanns Stimmung nicht. Und pltzlich murrte er: Das Ding mit den Khen auf
dem Hngmoos will mir nimmer aus dem Kopf. Ich mu da auf reinen Tisch kommen.
Sag mir -
    Die Mutter witterte gleich wieder eine Gefahr und unterbrach: Geh, Ruppert,
la die Sach heut gut sein! Ob Kh oder Ochsen -
    Das verstehst du nicht.
    Aber ich versteh, da unser Bub nach so einem schweren Ritt die Mdigkeit
in allen Knochen haben mu. Er soll zur Ruh gehen.
    Ja, Mutter! Rasch erhob sich Lampert. Gute Nacht, Vater! Er ging zur
Tre. Als er schon die Klinke in der Hand hatte, zwang ihn die wunderliche
Unruhe, die in ihm wachgeworden, zu einer Frage. Vater? Auf dem Heimweg bin ich
durch die Ramsau gekommen. Und hab den Runotterhof gesehen. Und hab vernommen,
der Runotter wr wieder Richtmann in der Ramsauer Gnotschaft. Was ist der
Runotter fr ein Mensch?
    Das ist von den Verllichen einer! sagte der Vater, dem der seltsame
Klang in der Stimme seines Sohnes aufzufallen schien. Viel Kummer ist dem Mann
ins Leben gefallen. Aber er ist ein Treuer und Redlicher geblieben.
    Lampert atmete erleichtert auf. Gute Nacht, Vater!
    Bub? Der alte Someiner erhob sich. Die siebzehn Kh auf dem Hngmooos?
Hast du die wahrhaftig selber gesehen? Mit eignen Augen?
    Lampert sagte ruhig: Ja, Vater! Wenn der Runotter so ein Redlicher ist, da
brauch ich doch nicht zu lgen.
    Er ging. Und die Mutter in ihrer Sorge lief ihm nach und fragte drauen auf
der Treppendiele: Was ist denn los?
    Ich kenn mich selber nicht aus. Es ist mir jh eine Sorg ins Herz gefahren,
ich wei nicht, warum. Aber jetzt bin ich wieder ganz in Ruh.
    Gelt, ja! Die Mutter streichelte dem Sohn die Wange. Was schieren dich am
End die Ochsen oder Kh der Ramsauer Bauern? Sie lachte ihren Buben an. Doch
als sie zurckkam in die Stube, wo Herr Someiner nachdenklich auf und nieder
schritt, sagte sie ein bichen verdrielich: Allweil mut du aus jedem Blslein
eine Blatter machen!
    Das verstehst du nicht! Recht mu Recht sein und Unrecht ist Unrecht.
Freilich, es knnt auch sein, da ich selber mich irr. Ich hab den Hngmooser
Weidbrief schon lang nimmer angeschaut. Aber ich mu das wissen - Whrend
dieser Worte hatte der Amtmann an einer Kerze des Deckenleuchters einen Span
entzndet. Er brachte das Licht einer kleinen Laterne in Brand.
    Aber Mann! Wo willst du denn heut noch hin?
    Hinunter in die Amtsstub, den Hngmooser Weidbrief nachlesen.
    Da ist doch morgen auch noch Zeit dazu.
    Unrecht soll keine Nacht berschlafen.
    Whrend Frau Someiner seufzend den Kopf schttelte, nahm der Amtmann aus
einem Wandkstlein des Erkers einen dicken Schlsselbund heraus.
    Drunten zu ebener Erde mute er drei Schlsser aufsperren, am Gitter, an der
Tr und an dem groen, schwer mit Eisen beschlagenen Aktenschrank der Amtsstube.
Aus einem Gewirr von Papieren und Pergamenten suchte der Amtmann ein gesiegeltes
Blatt heraus, den Hngmooser Almbrief. Und kaum hatte Herr Someiner beim trben
Schein der Laterne zu lesen begonnen, da lie er im Zorn seine Faust auf das
Schreibpult niederfallen. Das ist eine Frechheit ohnegleichen!
    Hier war es seit fnfundsechzig Jahren verbrieft und gesiegelt: Auf dem
Hngmoos durfte kein Kser stehen, keine feuerbare Htte, nur ein Wetterschlupf
fr den Ochsenhirten, und Milchkhe durften nicht aufgetrieben werden, nur
zwanzig zwiesmmerige Kalben und an mastbarem Galtvieh sechzig Ochsen.
    Und nun stand wider Recht und Fug auf dem Hngmoos eine Kserhtte! Und
Milchkhe wurden aufgetrieben! Wider Fug und Recht! Wohl litt das Stift keinen
rasch erkennbaren Schaden dabei. Aber Recht ist Recht. Und was die Ramsauer da
verbten, war unbotmiger Eigenwille und grobes Verbrechen wider die
Hoheitsrechte des frstlichen Stiftes. So sah es fr den Amtmann Someiner aus,
dem die anmaende Willkr der Holden und Eigengtler das Leben verbitterte. Seit
das Stift um der Last seiner Schulden willen gezwungen war, ein Schupflehen ums
andre an vermglich gewordene Bauern als Erbrecht zu verkaufen, wurde der
Untertanen bermut und Anspruch rger von Jahr zu Jahr. Neben Herrenstand und
Brgertum begann sich als ein dritter Stand die Bauerschaft emporzustrecken.
Schon hatten sich in der Scheffau, zu Bischofswiesen, in der Schnau, in der
Gern und Ramsau die Erbrechter und Eigengtler zu Gnotschaften zusammengetan,
hatten Frstnd und Sprecher gewhlt. Und in den Zeiten der blen Wirrnis, da
das ganze Berchtesgadener Land an das Salzburger Erzbistum verpfndet war,
hatten es die trutzbeinigen Bauernschdel durchgesetzt, da man den Gnotschaften
Wort und Vertretung im Rat der Landschaft zubilligen mute. Und seit sie
mitschreien durften, meinten sie auch mitbefehlen zu drfen, vermaen sich
umzustoen, was verbrieftes und gesiegeltes Recht war, und meinten ihren
Trutzwillen durchsetzen zu knnen wider des Frsten Gebot und Eigentum.
    Was da nun wieder die Ramsauer gegen Wort und Meinung eines gesiegelten
Weidebriefes verbten, war ein grobes und bermtiges crimen juris laesi. Man
mute da ein heilsames Exempel statuieren. Ohne Erbarmen! Oder Hoheit und Besitz
des Stiftes muten an solcher Anmaung und Schrpferei verbluten.
    Whrend Amtmann Someiner beim trben Laternenschein das alte brchige
Pergament wieder im Schrank verwahrte, erwog er schon den Gedanken, den
Ramsauern am Morgen die bewaffnete Exekution ber den frechen Hals schicken und
die siegelwidrig auf dem Hngmoos weidenden siebzehn Khe pfnden und
davontreiben zu lassen.
    Aber der Ramsauer Richtmann Runotter? Dieser Verlliche und Redliche? Wie
kam es, da der solch eine schreiende Rechtswidrigkeit geschehen lie? Konnten
die Ramsauer vielleicht doch ein Fhnlein der Entschuldigung aushngen? Und auf
den Richtmann Runotter, der trotz schwerem Unrecht, das der Chorherr Hartneid
Aschacher ihm angetan, noch immer in Treu zu Stift und Recht gestanden, mute
man verdiente Rcksicht nehmen.
    Als der Amtmann zu dieser wohlmeinenden Erwgung kam, hrte er drauen auf
dem Gassenpflaster den klirrenden Schritt der Stiftswache.
    Er ging in den Flur, riegelte das Haustor auf und rief in die Nacht hinaus:
Hi, Wachleut!
    Die beiden Spieknechte kamen gesprungen.
    Wer ist Wachfhrer?
    Ich, Gestreng Herr Amtmann, der Marimpfel.
    Gut! Auf dich ist Verla. Komm herein zu mir! Herr Someiner hob dem
baumlangen Kerl, der in den Flur trat und mit dem Spie salutierte, die kleine
Laterne gegen das Gesicht. Im Lichtschein funkelten des Knechtes Armschienen,
die Brustplatten und der blanke Eisenhut, der mit zerzauster Feder ber einem
verwitterten, von Narben durchrissenen Bartgesichte sa. Der Amtmann sagte: Um
Mitternacht la dich ablsen und vergnn dir ein ltzel Schlaf. Doch eh der
Morgen aufgeht, sollst du hinausreiten zum Taubensee und hinauf zum Hngmoos.
    Der Knecht lachte. Da mu ich acht haben, Herr da ich mein Rssel nit in
die graue Supp hineinreit.
    Wir haben nicht Spassenszeit! sagte der Amtmann streng. Auf dem Hngmoos
zhlst du die Kalben und Ochsen. Aber halte dein Maul vor dem Hirten! Und tu ihm
keinen Trutz an! Und siehst du auf dem Hngmoos einen Kser stehen und tt es
wahr sein, da da droben Melkvieh weidet, so bring dem Richtmann Runotter eine
Ladung vor mein Amt.
    Soll ich Beistand mitnehmen? Wenn's ntig wr, da man zugreift.
    Someiner schttelte den Kopf. Der Runotter wird im guten kommen. Er soll
bei mir sein, morgen, so lang noch Amtszeit ist.
    Wohl, Gestreng Herr Amtmann! Wird geschehen.
    Als Marimpfel wieder drauen auf der Gasse war, tuschelte sein Kamerad die
Frage: Ist was Lustigs los?
    Ich schmeck, man will einen Baurenschdel zwiefeln. Einen, dem ich's gnn!
Weil er die Nasenlcher gar so weit auftut. Solcher Hochmut wachst, seit die
Herren zu gut sind. War ich der Probst, ich mcht den Mistbrdern einen Flohbei
auf die Haut setzen, da sie springen mten, wie man winkt.
    Der so redete, war selber ein Ramsauer Kind und eines leibeigenen Bauern
Sohn. Was die Schrpenfarbe fr ble Wunder wirkt! Geschworener Knecht eines
Herren werden, eines Herren Wehr und Farben tragen, und schlagen und stechen
mssen auf des Herren Wink - das heit, ein Hofmann sein, und heit, verachten
drfen, was tiefer steht, und heit, was Besseres werden, denn man gewesen als
seiner Mutter Kind.
    Die beiden Spieknechte schritten ber den Marktplatz gegen das Stiftstor
hin, vor dem das Pfannenfeuer brannte.
    Im Widerschein der roten Loderflamme waren die Kanten des Gemuers und die
Sume der steilen Dcher wie von rinnendem Blut bergssen. Und hinter den
dunklen Firsten stiegen die Trme des Mnsters und der neuen Pfarrkirche in die
sternschne Nacht hinauf, gleich schwarzen, himmelhohen Riesen, die sich in der
Finsternis aus den Schlnden der Erde erhoben hatten, um Ausschau zu halten ber
das Tun und Leben der kleinen Menschen.
    In des gestrengen Amtsmanns Hause hatte Herr Someiner das Flurtor wieder
fest verriegelt. Und hatte die drei Hngeschlsser wieder gesperrt, am
Pergamentkasten, an der Tr der Amtsstube, am eisernen Gitter.
    Als er mit dem schwankenden Laternchen die enge, steile Treppe hinaufstieg,
war er des redlichen Glaubens, da er im Dienste seines frstlichen Herrn, des
Erzpropstes zu Berchtesgaden, eine dringende Pflicht seines Amtes gewissenhaft
und mit klugem Bedacht erfllt htte.
    In der Wohnstube war der Tisch gerumt. Auf dem Eisenreif Brannte nur noch
eine einzige Kerze; die Hausfrau hatte die drei andern Lichter ausgelscht. Und
leise sprach bei diesem sparsamen Zwielicht das Pendel in dem alten Uhrkasten:
Bau! Bau!
    Herr Someiner verwahrte den Schlsselbund, lschte das Laternchen und blies
auf dem Eisenreif die letzte Kerze aus.
    Nun war die Stube finster. Nur um die verbleiten Scheiben des Erkers
zitterte, vom Pfannenfeuer des Stiftes her, ein matter, rtlicher Schein.
    Im Uhrkasten sagte die schwingende Stimme unablssig: Bau! Bau! Bau!
    Diese Uhr, deren Rderwerk kein lebendes Herz, nur sthlerne Federn und
wirkende Gewichte hatte, war klger, als Menschen sind. Immer wieder sprach sie
in der stillen Nacht ihr schlummerloses Mahnwort. Doch in dieser stillen Nacht,
in der ein Rechtsbeschtzer seine Pflicht gewissenhaft erfllt zu haben whnte,
begann im Berchtesgadener Land ein sinnloses Zerstren und grauenvolles
Vernichten.

                                       2


Als der Morgen dmmern wollte, jagte ein Reiter gegen die Ramsau hinaus. Bevor
er das Ziel seines Spherweges erreichen konnte, stieg hinter den stlichen
Bergzinnen der schne Tag herauf.
    ber dem Hngmoos lag die erste Morgensonne.
    Das Gras der trockengelegten Weideflchen hatte einen Goldton in seinem
Grn, und die frische Luft war zart erfllt vom sen Wohlgeruch der
Kohlrschen. In der mild erwachenden Wrme begannen die Wasserflchen des nahen
Sumpfes zu dunsten, und um die Mooskissen des Bruchbodens, um ihre besonnten
Vergimeinnichtbschel und Dotterblumen gaukelten graubraune Schmetterlinge in
so reicher Zahl, da ihre Menge manchmal anzusehen war wie ein dunkelwehender
Schleier.
    Die Kalben, Ochsen und Khe weideten mit leis tnendem Schellenklang, und
aus der Rauchscharte des Ksers stiegen blauquirlende Wlklein in die Sonne
hinauf. Der Brunnen murmelte und go den blitzenden Wasserstrahl in den Spiegel
des Troges.
    Auf der hchsten Stelle des Almfeldes zog vertraut ein Rudel Gemsen gegen
das Latschendickicht. Hoch in der Sonne kreiste ein Weihenpaar. Und als mchte
auch das Leben der Tiefe einen Gru hinaufsenden in diesen schnen, heiligen
Frieden der Bergfrhe, so klangen, mild und kaum noch hrbar, aus weiter Ferne
her die raschen Laute einer rufenden Kirchenglocke.
    Im aufziehenden Sonnenwinde fingen die nahen Wlder sanft zu rauschen an.
    Was der Morgen an Hirtenwerk verlangte, war getan. Jedes Rind hatte Salz
bekommen, die Khe waren gemolken, die Milch war aufgestellt in hlzernen
Schalen.
    Ein leuchtender Streifen der Sonne fiel durch die offene Tr in das
Zwielicht des Httenraumes. Neben dem Feuer saen Jula und ihr Bruder Jakob in
der Herdmulde und aen die Morgensuppe. Dann beteten die beiden mit geneigten
Gesichtern.
    Jula erhob sich, warf die schweren Zpfe zurck, die ihr auf die Brust
gehangen, und sprach mit der Hand. Jakob nickte. Und whrend Jula die abgerahmte
Milch des verwichenen Tages in den kupfernen Sudkessel schttete und ihn mit dem
Balken, an dem er hing, ber die Herdflamme zog, verlie ihr Bruder die Htte.
Neben dem Brunnen setzte er sich in die Sonne und begann an der fliegenden
Schwalbe zu schnitzen, die sich schon bald aus dem Holze lsen wollte.
    In der Htte sang Jula mit halber Stimme.

Ich wei ein' Buben hbsch und fein,
Ht du dich!
Der kann so falsch wie freundlich sein,
Hut du dich!

Er hat zwei Augen, die sind braun,
Ht du dich!
Die gucken allweil durch den Zaun,
Ht du dich!

Er hat ein lichtbraunfarbnes Haar,
Ht du dich!
Und was er redt, das ist nit wahr,
Ht du dich!

    In der Tiefe des Almfeldes rasselten viele Schellen wirr durcheinander.
Jula, beim Klang ihrer Stimme und beim Geprassel des neugeschrten Herdfeuers,
achtete dieses Lrmes nicht. Und Jakob konnte ihn nicht hren. Doch als er
einmal von seinem Schnitzwerk aufblickte, sah er da drunten die flchtenden
Rinder und sah, da am Waldsaum ein Reiter, der aus dem Sattel gestiegen war,
seinen Gaul an eine Lrche band.
    Jakob erhob sich, sbelte aufgeregt in die Htte, lallte einen schweren Laut
und sprach mit den Hnden.
    Betroffen sah Jula den Bruder an. Eine leichte Rte glitt ber ihr strenges,
sonnverbranntes Gesicht. Dann lachte sie ein bichen und steckte rasch die
hngenden Zpfe hinauf. Sie trat aus der Htte. Doch als sie den dunkelbrtigen
Spieknecht ber das Ahnfeld heraufkommen sah, machte sie verwunderte Augen,
schttelte den Kopf, redete mit den Hnden zu ihrem Bruder und kehrte wieder an
den Herd zurck.
    Es dauerte eine Weile, dann fiel ein schwarzer Schatten ber die sonnige
Trschwelle.
    Mit freundlichem Grue trat Marimpfel in die Htte. Er sah nur die Hirtin.
Jakob, um seine Migestalt zu verbergen, hatte sich hinter dem Sudkessel in den
Herdwinkel gedrckt.
    Jula erwiderte den Gru des Spieknechtes. Der Anblick dieses Gastes war ihr
keine Freude. Sie wute: Hofleut sind wildes Volk, vor dem man sich hten mu.
Doch ruhig fragte sie: Woher des Wegs?
    Bei einem Grenzstein hab ich nachschauen mssen. Marimpfel lie sich auf
die Bank nieder, wobei das Eisenwerk seiner Rstung klirrte. Er guckte in der
Htte herum. Ein schner Herd! Ein feiner Kser! Wann ist denn der gebaut
worden?
    Das wei ich nit. Jula begann mit langer Holzspachtel den dampfenden
Inhalt des Kessels aufzurhren. Willst du Zehrung haben?
    Marimpfel lachte, und seine schwarzen Funkelaugen musterten die Gestalt der
Hirtin. Vergelts deinem Gutwillen! Aber Bauernks ist saurer Fra.
    Jula furchte die Brauen. Ich kann dir auch sen geben, wenn du so
schleckig bist.
    Viel sen Ks wirst du nit aufstellen knnen von den vierzehn Khen, die
ich gesehen hab. Oder hast noch mehr?
    Siebzehn hab ich.
    Und wieviel Ochsen?
    Dreiundvierzig hab ich aufgetrieben. Und zwanzig Kalben dazu. Gottlob, es
ist mir heuer noch kein Stckl im Bruchboden versunken. Hab einen friedsamen
Sommer heuer, Gott soll ihn segnen.
    Marimpfel erhob sich. Zwanzig Kalben? So? Unter kurzem Lachen fate er mit
flinker Faust den Arm der Hirtin. Und dazu noch ein Geilein, mit dem gut
bocken wr! Was meinst?
    Was Jula meinte, brauchte sie nicht zu sagen. Marimpfel las es in ihren
zornblickenden Augen. Und pltzlich fhlte er an seinem Handgelenk einen groben
Schlag. Jakob, das Gesicht verzerrt, stand zwischen der Schwester und dem
Spieknecht, mit dem Schnitzmesser in der kleinen, zitternden Faust.
    Marimpfel wollte an den Grtel greifen. Aber da fiel ihm das Wort des
Amtmanns ein: Tu dem Hirten keinen Trutz an! Er war ein verllicher Hofmann.
Drum nahm er die Sache spahaft. Guck, wieviel Schneid die haben! Er lachte.
Dirn! Bei dir sind die sen Beeren gut verzunt! Zur Tre schreitend, sagte
er heiter ber die Schulter: Ein andermal!
    Jula legte den Arm um ihres Bruders Hals und knirschte durch die Zhne: Die
Leut sind schlecht.
    In der schnen Morgensonne ging Marimpfel mit klirrendem Schritt ber das
Ahnfeld hinunter. Als er den Gaul von der Lrche losband, sah er schmunzelnd zum
Kser hinauf. Die wr eine Todsnd wert!
    Whrend der Gaul auf dem steilen Karrenwege vorsichtig durch den Wald
hinunterkletterte, sang der Spieknecht eine zrtliche Weise. Auch diesem
Wildfang quoll die Schnheit des leuchtenden Morgens durch Eisen und Haut. Und
als er auf dem Weg eine junge Amsel sitzen sah, die unflgg aus dem Nest
gefallen war und angstvolle uglein machte, lenkte er barmherzig die Hufe des
Gaules auf die Seite.
    Wo der Taubensee zwischen grnem Rhricht blitzte, kam Marimpfel zu dem
Wiesgarten, in dem der Bauer das am Abend gemhte Gras mit dem Rechen umwarf.
Sobald der Heuer den Spieknecht aus dem Wald heraustauchen sah, lief er an den
Straenzaun und kreischte: Bruder? Bist du's oder nit?
    Marimpfel lie das Ro ein paar Galoppsprnge machen, um sich vor dem Bruder
als Hofmann zu zeigen. Ei wohl, ich bin's. Dann verhielt er den Gaul und
fragte von oben herab: Wie geht's dir allweil?
    Nit schlecht. Es tut's. Hab dich lang nimmer gesehen.
    Ein Mistbreiter und ein Herrschaftsreiter haben Weg, die auseinand laufen.
Marimpfel wollte nichts Bses sagen, nur etwas Selbstverstndliches. Und sphend
beugte er sich im Sattel hin und her. Man sieht wahrhaftig das Husl nimmer.
Wie ich Bub gewesen, hat man's noch gesehen von der Stra. Jetzt ist alles
zugewachsen. Bum, Viech und Leut werden allweil mehrer. Blo das Geld wird
minder. Lebt die Mutter noch?
    Wohl! Aber mit dem Schaffen ist's lang schon aus. Hockt allweil im Sessel.
Und kein Tag, da sie nit redt von dir. Vom Malimmes redt sie nie. Hast lang
nichts mehr gehrt von ihm?
    Vier Jahr lang nimmer. Da ist er bei den Nrembergern gewesen als
Stadtknecht. Ist kein frnehmer Dienst. Hofmann sein ist feiner. Aber die Stadt
haben allweil die greren Geldsck. Da wird's dem Bruder nicht schlecht
gegangen haben.
    Das tat die Mutter wohl anhren. Magst nit ein ltzel hereinkommen?
    Ich hab nit Zeit.
    Die Mutter tt sich freuen.
    Tu das Weibl gren. Herrendienst hat's eilig. Marimpfel straffte den
Zgel des Gaules.
    Du? sagte der Bauer hastig. Tust was gelten bei deinem Herren?
    Dem bin ich der Liebst von allen.
    In den mden Augen des Bauern glnzte eine Hoffnung. Da knntest bei deinem
Herren fr mich eine Frbitt machen.
    Mareiner! Der Spieknecht wurde khl. Bist Holdenzins oder Lehent
schuldig blieben?
    Der Bauer schttelte den Kopf. Noch allweil bin ich ein rechtschaffener
Zahler gewesen Und hab den Magen geschnrt und hab ein ltzel was auf die Seit
gebracht. Marimpfel wurde aufmerksam.
    Und ttest du bei deinem Herren fr mich ein gutes Wrtl reden, sagte
Mareiner, und tt das Stift sich gengen an einem christlichen Gebot, so mcht
ich mein Schupflehen auf Erbrecht kaufen.
    Jetzt lachte Marimpfel. Narr! Wem willst du denn was vererben? Kinder hast
doch nit.
    Was nit ist, kann werden.
    Freilich, ja! Oft kriegt die Buerin Kinder, der Bauer wei nit wie.
    Dem Taubenseer flog es hei ber die Stirne. Doch er sagte ruhig: Ist auch
nit der Kinder wegen allein, die mir der Herrgott erst schenken mt. Aber was
ein richtiger Mensch ist, hngt auch ein ltzel an der Ehr. Htt ich Eigengut
und wr ein Erbrechter, so drft ich in der Gnotschaft mitreden und mt nit
allweil das Maul halten.
    So? Der Spieknecht wurde heiter. Erbrechter werden? Und den Brotladen
aufreien? Und wider die Herrschaft schreien? Und da soll ich helfen dazu.
    In den Augen des Bauern brannte die Sehnsucht. Bist nit mein Bruder?
    Richtig, ja, das htt ich als Hofmann schier vergessen. Und freundlich
sagte Marimpfel: Wieviel kannst dem Herrn bieten frs Erbrecht?
    Zgernd, an jeder Silbe klebend, sagte der Bauer: Sechzig Pfund Pfennig.
Mehr hab ich nicht.
    Sechzig Pfund hast? Da kannst dem Herrn blo vierzig bieten.
    Wieso?
    Tust vergessen, da ich dein Bruder bin? Und da ich in Hsl und Hemd aus
dem Haus gegangen? Und da ich Anspruch hab an Acker und Wiesfrucht? Mareiner!
Sechzig Pfund? Da wirst wohl dritteln mssen. Mit mir!
    Der Bauer sah den hfischen Bruder an und wurde mauerbleich ber das ganze
Gesicht. Und ohne noch ein Wort zu sagen, drehte er sich um und ging durch die
Wiese davon.
    Marimpfel hob sich im Sattel und rief dem Bauer lachend nach: Gotts Gru,
Mareiner! Ich komm bald! Dann ritt er davon.
    Der Taubenseer ging an seinem Rechen vorber, unter schattenden Bumen
hindurch und kam zu einem grauen Balkenhaus, ber das ein groes Moosdach
herging, wie eines Mannes Hut ein kleines Kind bedeckt.
    Neben der Haustr sa, von Sonne umspielt, in einem grob gezimmerten
Holzsessel eine alte, weihaarige Frau mit gichtisch verkrmmten Hnden,
zermrbt von der schweren Arbeit eines langen, mhsamen Lebens.
    Kindl? sagte sie zu dem vierzigjhrigen Manne. Was hast?
    Der Bauer bi die Zhne bereinander und schien sich auf eine Antwort zu
besinnen. Dann sagte er: Mutter! Der Marimpfel ist dagewesen.
    Und ist nit herein zu mir?
    Mareiner schttelte den Kopf und trat ins Haus.
    Ohne sich zu regen, murmelte die alte Frau vor sich hin: Ist dagewesen. Und
ist nit herein zu mir. Ein Weg, schier kaum ein halbes Vaterunser lang. Und
steht am Zunl. Und geht nit herein zu mir. Sie hob das zerfallene Gesicht, und
ihre trockenen, fast schon erloschenen Augen suchten irrend im Blau des Himmels.
Heilige Mutter! Was sagst du jetzt?
    Geduldig blickte die alte Frau in dieses schne, reine Blau empor und
wartete auf Antwort.
    Vor sechzig Jahren, als vierzehnjhriges Dirnlein, hatte sie die
Gottesmutter zur Patronin ihres Lebens erwhlt, war Marientrgerin gewesen bei
jedem Bittgang in und auerhalb der Kirche, hatte sich, eine Dreiigjhrige, zum
Ehestand segnen lassen an einem Marientag und hatte jedem der drei Buben, die
sie geboren, bei der Taufe einen Festtag der Mutter Maria als segensreichen
Namen in das Leben mitgegeben. Mareiner hie Mari Reinigung, Malimmes hie
Mari Lichtme, Marimpfel hie Mari Himmelfahrt.
    Auf dem Moosdach gurrten die Tauben, kleine Vgel sangen in den Kronen der
Bume, es krhte der Hahn, und die Hhner gackerten, es rauschte der nahe
Wildbach, die Bume flsterten, am Waldsaum grunzten die whlenden Schweine -
alles redete, was Natur und Leben hie. Nur dieser schne, blaue Himmel schwieg.
    Und als die Augen der alten Frau den Schmerz des Lichtes fhlten und wieder
heruntersanken zur Erde, sah diese Mutter ihr vierzigjhriges Kindl Mareiner mit
Hacke und Spaten scheu hinberspringen zum Walde.
    Unter dem Kittel trug der Bauer einen schweren Ledersack, in den das Spargut
seines Schweies eingeschnrt war: dreiundachtzig und ein halb Pfund Pfennig in
rheinischem Gold, in Silber und schwarzem Blech. Weil Mareiner einen Bruder
hatte, der Hofmann war, vergrub er diesen Sack im Dickicht des Waldes zwischen
den Wurzeln einer alten Fichte, die er unauffllig mit dem Messer merkte, als er
den Boden geebnet und wieder mit Moos bedeckt hatte. Kein Fuchs htte da einen
Wandel der Dinge wahrgenommen.
    Whrend Mareiner beruhigt sein unsichtbares Werk betrachtete, erfreute sich
Marimpfel auf seinem trabenden Gaul immer wieder des gleichen
Rechnungsschlusses: Von sechzig ein Drittel ist zwanzig!
    Was konnte man im Leben nicht alles haben fr zwanzig Pfund Pfennig! Der
adlige Chorherr Jettenrsch bezahlte seiner Hbschlerin und Pfennigfrau fr alle
Lieb und Freud eines langen Jahres nur fnfzehn Pfund. Freilich war, wie die
Leute munkelten, Herr Jettenrsch bei dem frummen Frulein Rusaley nicht der
einzige Zahler.
    Marimpfel lachte.
    Von den Herren, die klug sind, kann man lernen. Gute Kameraden und Gnoten
mssen teilen knnen ohne Neid bei Trank und Schssel, bei Mhsal und
Pfennigsack. Warum nicht auch bei der sesten von allen Freuden? Wie mehr sich
teilen in des Lebens Kosten, um so billiger wird des Lebens Rausch.
    Und Marimpfel wute nun eine, die ihm gefiel. Warum sollte man die nicht zum
Pfennigweibl machen knnen? Jungferntrutz ist wie Maienschnee. Um ein
freudenreiches Leben ist alles feil. Und wie gut ihr das stehen mu, wenn sie
das schwere Schwarzhaar im grnen Schleier hat! Und reitet ein hoher Frst durch
Berchtesgaden, so mu ihm die schne Hbschlerin des Marimpfel das rote
Stricklein spannen und die lustige Ehr erweisen. Groe Herren haben kleine
Lustbarkeiten gern. Und wissen, wie man danken mu.
    Whrend Marimpfel diese goldenen Zukunftsplne schmiedete und durch die
einseitige Husergasse der Ramsau ritt, schien ein stummer Lebensschreck vor ihm
herzutraben. Wo Leute oder Kinder vor den Tren waren, verschwanden sie flink im
Haus. Und ein Hund, der mit schwerem Holzknebel am Hals auf der Strae in der
Sonne gelegen hatte, wurde durch einen schrillen Pfiff in das Gehft gerufen, zu
dem er gehrte.
    Hinter dem Haus des Leutgeb lenkte Marimpfel von der Strae weg und ritt zu
einem hohen Hag hinauf, der ein auf grnem Hgel liegendes Gehft umschlo. Der
Reiter stie mit dem Fu an das versperrte Hagtor. Auf! In des Herrn Nam!
    Holzschuhe klapperten. Ein junger Knecht ffnete das Tor, machte scheue
Augen und sagte rasch: Der Richtmann ist nit daheim.
    Wo ist er?
    Im Holz. Bis zur Mahlstund kommt er.
    Solang kann ich nit warten. Spring ins Holz hinaus und hol den Richtmann!
Ich tu derweil einen Trank beim Leutgeb. Der Spieknecht ritt zur Strae
hinunter.
    Zwischen den Stauden und Bumen, die den Weg in der Richtung gegen
Berchtesgaden geleiteten, sah er ein Leuchten bunter Farben und blanker Waffen.
Wer kam da? Keiner von den Hofleuten des Gadens. Die trugen sich anders.
    Der gesprenkelte Stieglitz, der da zwischen den Stauden einherschritt,
schleppte sich mit schwerer Last. War also wohl ein fahrender Kriegsknecht, der
seinen Dienst verlassen hatte und zu einem neuen Soldherrn wanderte. Nun bog er
auf die freie Strae heraus, ein langes, braunbrtiges Mannsbild in der bunten
Tracht der stdtischen Soldknechte, Wams und Hosen bunt gezwickelt, wie es bei
den Kriegsleuten in der groen Welt da drauen neue Mode wurde. Er ging
barhuptig, das braune Langhaar gescheitelt. Den flachen, mit einer gelben
Kruselfeder umwundenen Hut hatte er an einer Kordel auf der Brust hngen, neben
dem Knauf des hochgebundenen Zweihnders. Den Dolch und das Kurzeisen trug er am
Grtelgehenk. An dem langen Spie, den er geschultert hatte, schleppte er eine
Last, die man auf einen Zentner und darber schtzen konnte: den Eisenhut, die
Brustplatten und Armschienen, den braunen Gugelmantel und dazu das dicke, stamm
gedrosselte Lederbndel seiner Kriegsmannshabe. Einen schwchlichen Menschen
htte solche Last erdrckt. Doch dieser lange Kerl hatte trotz der heien
Sommersonne keinen Tropfen Schwei auf der sonnverbrannten Stirn und ging unter
dem schweren Gewicht mit so federndem Schritt, als trge er Schwanenflaum auf
seinem Rcken. Und Augen hatte er, die heiter in den schnen Morgen schauten.
Sein von Narben zerfetztes Gesicht erzhlte, wie oft dieser Frhliche schon
unter dem Streich des Todes gestanden. Die jngste seiner Narben, noch dunkel
gertet, ging von der Stirn ber das rechte Auge mit geradem Strich herunter bis
zum Kinn und wre schrecklich anzusehen gewesen, wenn sie in diesem gesunden und
vergngten Mannsgesichte nicht eine Art von groteskem Humor bekommen htte.
    Als dieser fahrende Sldner den berittenen Hofmann kommen sah, blieb er
breitspurig stehen und fing zu lachen an.
    Auch Marimpfel lachte. Wenn eins den Wolfen nennt, kommt er gerennt!
Malimmes! Kein halbes Stndl ist's her, da hab ich mit dem Mareiner geredet von
dir. Und jetzt bist da. Herzbruder! Gottes Gru im Land!
    Malimmes streckte dem Reiter die Hand hinauf. Gott gr dich, Bruder! Ich
hab dich schon gesucht im Gaden draut. Htt gern zum Einstand ein Hflein mit
dir gelupft. Und hab gehrt, du wrst in der Ramsau. Bist bei der Mutter
gewesen? Wie geht's dem guten Weibl?
    Marimpfel erkannte in den Augen des Bruders die ehrliche Sehnsucht, wurde
ein bichen verlegen und sagte: Es geht der Mutter nit schlecht. Allweil
schnauft sie noch.
    Das Gesicht des andern strahlte. Gute Botschaft! Will dem lieben Herrgott
danken dafr. Am Sonntag werf ich dem Mepfaffen einen Goldpfennig in den
Bettelsack. Ich hab's. Einen Winter lang kann ich mich auf die Faulhaut legen
und kann der Mutter ein gutes Leben machen. Komm, Bruder, kehr um! La uns
selbander heim!
    Ich kann nit, hab eilfertigen Herrendienst. Aber auf ein Stnderlein beim
Leutgeb hab ich Zeit.
    So komm! Ein Bruder ist auch ein kostbar Ding. Dreh dich, Schtzlein, dreh
dich! Malimmes fate lachend den Zgel und wandte den Gaul des Bruders.
Auftragen la ich dir, als wrst ein rmischer Delegat. Fri und sauf und tu
mich anlachen! Not und Hader sind drauen in der Welt. Daheim ist daheim. Und
was ich anguck, ist liebreich und friedsam. Er schrie einen Jauchzer in die
sonnige Luft hinaus, so gellend, da Marimpfels Gaul einen scheuenden Sprung
machte.
    Auf dem Wege zum nahen Leuthaus schwatzte Malimmes in seiner frohen Laune
immerzu. Marimpfel war nachdenklich geworden. Und pltzlich, den Bruder von der
Seite musternd, fragte er: Einen Winter lang willst feiern? Bist in Ehren ledig
worden von Herr und Dienst? Oder mut dich verstecken? Hat's eine Sauerei
gegeben?
    Malimmes sah ernst an dem Reiter hinauf. Da wr alleweil ein andrer die Sau
gewesen.
    Meine Frag war nit schiech gemeint.
    Mu ich halt dumm gehrt haben. Malimmes lachte schon wieder. Ich will
einmal fr ein Zeitl mein eigner Herr sein. Viel Grund sind gewesen, da ich
gegangen bin. Der letzte war, da mich das Heimweh angefallen hat, derweil ich
sechs Wochen im Spittel gelegen bin. Wegen dem da! Er deutete auf den frischen
Narbenri, der wie ein roter Feuerstrich in dem braunen Gesichte glomm.
    Ein bser Streich! Bruder, da mut dich schlecht gedeckt haben?
    Lustig zwinkerte Malimmes mit den Augen und schttelte den Kopf. Es htt
ein feiner Hieb sein knnen! Htt aus meinem Hirndach schier zwei pfelschnitten
gemacht. Aber grad, wie der Hieb schn kunstvoll ansetzt, hat der ander, ein
Pegnitzer Heckenreiter, meinen Spie in der Seel gehabt. Seine Faust hat nur
noch ein ltzel rutschen knnen. Fr sechs Wochen hat's bei mir noch ausgegeben.
Aber der ander ist nimmer aufgestanden. Ist ein braver Kerl gewesen, mit dem ich
oft gebechert und geknchelt hab. Hat mir's nit schlecht vermeint, hat halt auch
nur seinem Fhnl die Treu gehalten. Wegen sieben Ballen flandrisch Tuch, die
sein Edelherr gekrapst hat. Malimmes lachte nimmer.
    Verwundert guckte Marimpfel auf den Bruder hinunter.
    Kriegsmann sein, war ein gutes Handwerk! sagte Malimmes. Er hob den
belasteten Spie auf die andre Schulter. Die Eisenstcke klirrten. Man sollt
nur allweil wissen, da es hergeht um eine Sach, die ntig und ehrlich ist. Da
war das Dreinhauen eine Freud. Aber die meisten Hndel mten nit sein. Und
geht's nit um einen stdtischen Pfeffersack, so geht's um einen herrischen
Hennendreck. Mich freut's schon lang nimmer. Im Ausland solden, wie's andere
tun, das mag ich nit. Ich mag nit welschen, hab das Deutsche lieb. Aber bei uns
im Reich, da ist's ein Elend. Der Knig, sagen die Leut, wr blo ein Schatten
noch. Die Frsten reien ihm den letzten Fetzen aus dem Mantel. Von denen
trachtet ein jeder nach dem wrmsten Hosenfleck fr seinen eignen Hintern. Jeder
ist seines Nachbarn Feind und Neider. Da man zusammengehrt im Reich, das wei
man nimmer. Ein Grausen, wo man hinschaut! Hab mir's oft schon denken mssen.
Und jetzt, derweil ich sechs Wochen im Spittel gelegen bin und es hat der
Feldscher so grob geschustert an meinem Hirnkastl, da hat mich allweil gedrstet
nach einer Hand, die linder nhen tat. Nun lachte Malimmes wieder. Da ist mir
die Mutter nimmer aus dem Sinn gefallen. Und jetzt bin ich daheim. Und will
meinen lustigen Fried haben ein Zeitl.
    Marimpfel gab dem Bruder einen Puff. Ein Kerl wie du! Wirst doch kein
Sinniervogel sein! Elend im Reich? Was geht denn uns das an? Wie mehrer das
Gold, so fester der Sold, wie feiner der Brei, so besser die Treu, wie grer
die Ehr, so blanker die Wehr! Die als Kriegsleut anders denken, sind
Rindviecher.
    Malimmes lachte. So bin ich halt eins.
    Geh, Bruder, sei ein ltzel stolzer! Aber ich wei schon, wo's fehlt bei
dir. Als Stadtknecht bis du gut bei Gold und Brei gewesen, aber mager bei der
Ehr. So was wurmt einen festen Kerl, der aufwrts mcht. Tu den Kopf heben! Ich
schaff dir einen frnehmen Herren. Hofmann sein bei guter Farb, das ist allweil
das Beste. Da kannst herunterspeien auf die, wo minder sind.
    Die beiden lenkten von der Strae in den Hof des Leuthauses ein. Und wieder
hob Malimmes das braune, von dem feurigen Strich durchsgte Gesicht und sah
hinauf zu dem hfischen Reiter. Du! Er schmunzelte. Ich hab einmal einen
Frosch gesehen. Der ist der stolzeste gewesen unter allen Frschen. Und weit,
warum? Weil ihn der Ochs getreten hat. Und die andern Frsch, die haben nur den
Tritt der Kuh gesprt. Drum sind sie minder gewesen. Heiter lachend trat
Malimmes in den Flur des Leuthauses und machte lustige Spe ber Bauch und
Doppelkinn des Wirtes, der den Kriegsknecht unterwrfig begrte. Und jetzt
trag auf, du Gauner! Bring Wurst und Selchfleisch! Her mit dem besten aus deinem
Keller! Nimm die grte von deinen Bitschen! Ich wei wohl, Saufen ist der
Deutschen Spott vor der Welt wie auch vor Gott! Aber wenn mich halt drsten tut!
Was soll ich machen? Ist nit der liebe Gott dran schuld, wenn an siedheiem
Sommertag dem Menschen die Leber brandig wird?
    Der heitere Rumor, den Malimmes anhub, brachte gleich das ganze Haus in
vergngten Aufruhr. Die Wirtin kam gezappelt, die zwei jungen Mgde kicherten
und sprangen. Und der Knecht, der den Gaul Marimpfels versorgen mute, trug die
Freudenbotschaft in den Stall: Der lustige Malimmes vom Taubensee ist
heimgekommen!
    In der groen Leutstube lie der Soldknecht seine schwere Last auf eine
Tischplatte hinklirren. Marimpfel trat mimutig zur Tr herein; des Bruders
Gleichnis von den Frschen hatte ihn gergert, und er schien nicht recht zu
wissen, wie er den Heimgekehrten nehmen sollte. Doch als er prfend den Spie
des Bruders mit der daranhngenden Last zu lupfen versuchte, wandelte sich sein
Verdru in ehrliches Staunen. Gotts Teufel und Bohnenstroh! Herzbruder! Da hast
dich aber schuftig schleppen mssen! Und hast bei solcher Hitz kein Trpfl
Wasser auf deiner Ns!
    Malimmes rckte hinter den Nachbartisch. Die hurtig schwitzen mssen, sind
leichtfertige Leute und Schwchlinge. Wer mannsfest lebt, dem bleibt auch in
harter Mhsal das Hutl trocken.
    Fr diese Lebensweisheit hatte Marimpfel kein hrendes Ohr. Er musterte
neugierig den strotzenden Lederbinkel am Spie, statzte ihn fest auf die
Tischplatte hin und ffnete weit die Augen, ah er dieses leicht zu deutende
Geklirr vernahm.
    Gelt, rief Malimmes lachend, da drin, da klingelt's?
    Der Wirt und seine Leute begannen aufzutragen, als wren zwei groe Hansen
zu Gast gekommen. Malimmes, immer schwatzend, immer lachend, schnitt dem Bruder
das Selchfleisch und die Wrste in groen Brocken vor und fllte ihm fleiig den
zinnernen Becher. Auch der Leutgeb, sein Weib und die zwei jungen Mgde muten
mithalten. Jeder Knecht und Stallbub, der kudernd zur Tr hereinguckte, wurde
frhlich zu dem gastfreien Tisch herangewunken, und jeder Bauer wurde angerufen,
der drauen auf der Strae vorber wollte - mancher schttelte den Kopf und ging
seines Weges, doch mancher kam. Bald saen an die dreiig um die lange Tafel, zu
der man Tisch neben Tisch zusammenrckte. Marimpfel, um dem lustigen Bruder
gefllig zu sein, bezwang seinen Hofmannsstolz und gab sich als Herr, der sich
gndig niederbeugt zu den Minderen. Doch Malimmes hatte eine Art von
kameradschaftlicher Freude an der randalierenden Gesellschaft, nannte sie seine
Kump- und Dumpanei, war der Obrist Schluckhauptmann und kommandierte mit
drolligen Sprchen den Becherlupf.
    Der stdtische Soldknecht und der gadnische Hofmann vertrugen viel. Sie
schluckten munter und behielten klare Kpfe, whrend die andern bald in einen
feuchtfrhlichen Dusel gerieten. Ein altes, drres Buerlein, das die billige
Schluckstunde eifrig ntzte, kam in so mutige Laune, da es, neben scheuer
Ehrfurcht vor Marimpfel, gegen den lachenden Stadtknecht spttische Redensarten
zu werfen wagte.
    Wieder lie Malimmes die leergelupfte Bitsche fllen. Leutgeb! Spring und
bring! Ich zahl's. Ich bin ein redlicher Kriegsmann und hab's! Bin nit der
deutsche Knig, der Atzung, Trunk und Herberg schuldig bleiben mu, seit ihm die
Frsten das letzte Hellerlein aus dem Sckel gerissen.
    Haben tust du's? schrie das mutige Buerlein. Woher denn hast du's? Vom
Sold wirst dir's nit abgespart haben! Wie, Mensch, zeig deine Hnd her! Hast
Christngel oder Geierkluppen? Kriegsleut sind schieche Greifer.
    Wozu htt's denn der Bauer und Pfeffersack, fiel Marimpfel ein, wenn's
ihm der Kriegsmann nit nehmen sollt?
    Malimmes lachte. Denen man nimmt, die verstehen's nit.
    Der Gadnische Hofmann wartete mit Sprichwrtern auf. Rauben ist keine
Schand, das tun die Besten im Land. Mir flecket's nit die Hnd, wenn's einen
Ritter nit schndt.
    Ist aber schon oft so ein Ehrenschilder gefangen worden und hat
verschnaufen mssen im Hanfsamen. Ein Griff, den das Buerlein nach dem Halse
tat, erklrte deutlich, wie das Wort vom Hanfsamen gemeint war.
    Marimpfel verlor die gndige Laune und wollte mit der Faust ber den Tisch
hinberschlagen. Doch Malimmes fing den Arm des Bruders auf. Tu Fried halten,
Herr Hofmann! Der Bauer hat recht. Wie die Frnehmen das Beispiel aufstellen, so
machen's die Minderen nach. Drum ist es Gesetz geworden im Land: Schlupf durch,
und alles ist erlaubt, la dich fangen, und alles ist verboten.
    Und du? kreischte das Buerlein. Bist noch nie nit erwischt worden?
    Schon oft! Bin viermal schon im Hanfsamen gelegen, und jedesmal bin ich
wieder ledig worden. Malimmes spreizte auf dem Tisch die Fuste auseinander und
lachte vergngt. Ich stirb nit am Rappenholz. Vor achtzehn Jahr, auf meinem
ersten Kriegszug, hat mir's Zigeunerweibl im Ungerland geweissagt aus der Hand,
es tten mich sieben Strick nit umbringen, erst vor dem achten mt ich mich
hten.
    Ein lustiges Geschrei erhob sich um die Tafel her, man witterte
abenteuerliche Schwnke und rckte neugierig zusammen.
    Vier Hnfene haben mir keinen Schaden getan. Drei kann ich noch
ausprobieren und lachen dazu. Und eh sie den achten fr mich drehen, schlupf ich
in ein Kloster und la mich zum Franziskaner weihen. Da hab ich den achten
Strick um den Bauch, drf mir erlauben, was ich mag und brauch keine Angst nit
haben um mein Hlsl!
    Im Dutzend kreischten die neugierigen Fragen durcheinander. Und Malimmes
fing zu erzhlen an.
    Den ersten Hnfenen haben sie mir selbigsmal im Ungerland geflochten,
sieben Tag nach der Weissagung, die mir das Zigeunerweibl gemacht hat. Achtzehn
Jahr alt bin ich gewesen. Ein fester Lackl! Aber gut gewachsen sein, ist ein
Segen Gottes.
    Eine aufgeregte Stimme schrie: Was hast du verbrochen, selbigsmal?
    Fr meinen Herren hab ich wie ein blinder Narr gefochten und hab mich tief
in den ungerischen Haufen hineingeschlagen, bis mir der Bidenhnder in Scherben
gegangen ist. Da haben sie mich bei den Ohren erwischt. Und fnf andre fromme
Gnoten dazu. Und weil ich von uns sechsen der Lngste gewesen bin, drum haben
mich die Ungern fr den Schlechtesten gehalten und haben mich zur
Buverschrfung aufgehoben auf die Letzt. Hab zuschauen mssen, wie sie die fnf
hinaufgezogen haben auf einen Birnbaum neben der Stra. So groe Birnen hat er
noch nie getragen wie selbigsmal. Fr jeden von den fnfen hab ich ein
Vaterunser gebetet. Sind brave Kerle gewesen. Unser Herrgott wird sie selig
haben in Gnad und Barmherzigkeit. So, sagt der Drosselmeister, jetzt haben wir
gleich das halbe Dutzend voll! Sagt's. Und wirft mir den Hnfenen bers Kpfl.
Mir ist ein ltzel dumper zumut geworden. Anfangen mssen ist allweil schwer,
beim Sterben nit anders als bei der Lieb oder sonst bei einem kunstvollen Ding.
Und derweil mir bel gewesen, hab ich aufs Beten fr mich selber ganz vergessen.
Und mu meine Hand noch anschauen und mu mir denken Jetzt wird's aufkommen, ob
mein Zigeunerweibl eine Gans gewesen oder meine Hand ein Lugenschppel! Und da
haben die vier Lwen des Drosselmeisters zugegriffen und haben mich auf den
dicksten Ast hinaufgezogen.
    Um die Tafel her war eine fiebernde Spannung. Und eine junge Magd, der die
blonden Zpfe dick um die Ohren lagen, betete angstvoll: Heilige Mutter, steh
ihm bei!
    Hinaufgezogen! Ja! Hngt einem ein feines Maidl um den Hals, ihr lieben
Leut, das druckt linder als ein Hnfener. Und wie mir schon ltzel blau wird vor
den Augen, saust eine Staubwolke her bers Feld, und die unsrigen sind da und
schlagen drein wie fleiige Bauren mit dem Drischel. Aushalten, schreit's in
mir. Ich pluster den Hals auf wie ein Truthahn und seh durch farbigen Nebel
noch, da einer auf hohem Gaul zu uns sechsen herreitet. Ich will noch sagen:
Guck, mein Zigeunerweibl war ein gescheites Luder! Aber da geht mir kein
Schnaufer nimmer durch den Hals, und es ist mir eine se Finsternis durchs
Leben geronnen. Jhlings tu ich die Augen auf, lieg im schnsten ungarischen
Gras, neben meiner liegen fnf stille Gnoten, die nimmer haben aufwachen mgen,
und mein dicker Hauptmann steht vor mir: Wie geht's, Malimmes? Ich heb mich aus
dem Gras und sag: Nit schlecht, Herr Hauptmann, aber krieg ich nit gleich ein
Ml Wein, so wird mir das Zpfl kitzeln, da ich ruspern mu.
    Ein freudiger Jubel erhob sich am Tisch. Es macht den Menschen die Seelen
warm, wenn sie einen lachen sehen, der dem kalten Tod entronnen. Zrtlich sagte
die blonde Magd: O heilige Mutter, dem hast beigestanden! Marimpfel, in dem
das Abenteuer des Bruders ein stolzes Wohlgefallen weckte, schob ihm die Kinne
hin: Schluck, Herzbruder, schluck, da dich das Zpfl nit kitzelt! Und als
Malimmes nach festem Trunk die Kanne niederstellte, drngten die aufgeregten
Stimmen schon: Das andermal? Wie war's das andermal?
    Das ist im Clevischen gewesen, vier Jhrlein nach dem ungerischen Handel.
    Die Zrtliche fragte: Hast im Clevischen auch so treu gefochten wie im
Ungerland?
    Nein, Maidl! Malimmes bekam einen Zug von Ernst im Gesicht. Da hab ich im
trunken bermut eine schieche Sache verbt.
    Was denn fr eine?
    Dir sag ich's nit! Junge Maidlen mssen nit alles wissen. Dem Kapuziner hab
ich's gebeichtet. Der hat arg geschumpfen. Und hat gesagt: Ich absolvier dich
blo, weil du sterben mut! So schiech ist die Sach gewesen, da mein eigener
Hauptmann mich zum Baum hat fhren lassen, derweil ein grobes Unwetter am Himmel
gehangen hat. An mein Zigeunerweibl hab ich gar nit denken mgen. Denn meine
Straf ist redlich verdient gewesen. Auf dem Weg zum Eichbaum, der nit weit vom
Gelger war, hat's grau zu schtten angehoben. Derweil ich Reu und Leid gemacht
hab, ist das Wasser von mir niedergeronnen. Unter dem Eichbaum bin ich neben dem
Meister Ungut auf der Staffel gestanden. Und wie der Hnfene an den Ast gebunden
war, tu ich ein Kreuz machen und sag: Sto mich hinaus, Meister, ich hab's
verdient! Und grad, derweil ich den Sto verspr, da tut's in den Lften einen
Bller als wie von der Clnerin Unverzagt, und Feuer ist vom Himmel gefallen,
da die Welt wie in blauer Glut geschwommen hat. Der mchtige Eichbaum ist in
Scherben gewesen. Wie die Fliegen, wenn's zum Frieren anhebt, sind die Leut auf
dem Boden gelegen und ich dabei, ich wei nit wie. Viere hat der Blitz
erschlagen. Und mit den andern, die sich aufrappeln, lauf ich ins Gelger
hinein. Meine Zeltgnoten haben mir gesagt, wie das Feuer gefallen wr, da htt
ich am Ast gehangen und htt einen groen Heiligenschein um den ganzen Leib
herumgehabt. Jetzt denket, Leut! Ein grauslicher Snder! Und schaut wie ein
Benedeiter aus! Viel Ding im Leben sind hart zu verstehen, ist schon wahr! Und
ich geh zum Herrenzelt und sag: Herr Hauptmann, morgen, da wird's wohl wieder
trcken Wetter geben, da mu man's halt zum andernmal mit mir versuchen. Und da
ist mein grober Hauptmann wie ein gtiger Heiland worden und sagt: Geh hin und
sndige nimmer! Ich mu vergeben, wenn der Herrgott mit himmlischen
Pulverbchsen nach deinen irdischen Richtern schiet.
    Schweigen blieb an der Tafel, whrend Malimmes trank. Von seiner Geschichte,
die ihn selber ernst gemacht, war's wie der Hauch eines Wunders ausgegangen.
Sogar Marimpfel schwieg. Aber sein Stolz auf den Herzbruder war im Schwinden.
Hatte die Geschichte sich wirklich so zugetragen? Oder verstand sich Malimmes
nur so fein aufs Lgen? So oder so - Marimpfel begann auf den Bruder
eiferschtig zu werden, begann es ihm zu neiden, da diese Grbelnden am Tisch
mit groen Augen und offenen Mulern zu ihm aufstaunten.
    Die Zrtliche hatte einen feuchten Schimmer unter den Wimpern und fragte
leis: Hast nimmer gesndiget?
    Ein ltzel schon. Weit, Maidl, Mensch bleibt Mensch. Malimmes
schmunzelte. Aber so grauslich wie selbigsmal im Clevischen ist's niemals
nimmer ausgefallen. Er lie die Bitsche kreisen. Und wie sie mich das drittmal
htten hngen mgen, das ist bei Ulm gewesen, vor sieben Jahr. Da hab ich das
feindliche Gelger aussphen mssen. Und da haben sie mich hopp genommen.
    Marimpfel reckte sich. Wirst es halt dumm gemacht haben!
    So? Meinst? Der Bruder blinzelte ihn heiter an. Mach's achtzehn Jahr lang
mit, und nachher komm und sag mir, wie's am besten ist.
    Ein Gelchter surrte um den langen Tisch, und Marimpfel tat, als wre ihm
das Mitlachen ein Vergngen. Da erschien der junge Knecht des Runotter in der
Tr und rief dem Gadniscben Hofmann zu: Mein Bauer ist heimgekommen, jetzt
kannst ihm Botschaft sagen.
    Marimpfel schlug mit der Faust auf den Tisch. Die soll er sich holen! Der!
Wo ich sitz, das siehst. Da kannst es ihm sagen. Fahr ab!
    Der Knecht verschwand.
    Die am Tische guckten. Und verwundert sah Malimmes den Bruder an, beugte
sich zu ihm hin und tuschelte: Du! Es wird dir doch so ein Trpfl Wein nit den
Kopf verdsen! Hast mir nit gesagt, du httest eilfertigen Herrendienst? Mensch,
tu verstndig, was deines Amtes ist!
    Was meines Amtes ist, das wei ich schon! Marimpfel wurde verdrielich.
Das wei ein Herrschaftsreiter besser wie du, Herr Baurenfreund! Schau deine
lieben Knospen an der Tafel an! Die gluren auf deine Possen -
    Bruder!
    Wie Kinder in der Fasnacht auf die Schembarter! Erzhl doch! Erzhl! Wie!
hat's denn gegangen mit dem dritten Strick?
    Auch die Ungeduldigen am Tische riefen: Erzhl! Erzhl!
    Malimmes sah den Bruder schweigend an. Dann legte er sich mit breiten
Ellenbogen ber die Tafel.
    Also, die Ulmer haben mich hopp genommen! Und flink hat's da geheien: Ans
Rappenholz, der Lump mu hngen! Aber der Ulmer Meister vom letzten Hanf ist ein
junges Schaf gewesen. Hat gemeint, er verstnd was, und hat seine ntige Kunst
traktiert wie der Sautreiber die Nachtigall. Und weil er allweil so drselt an
mir und bringt die Sache nit freinand, da ist mir die Geduld vergangen. Und ich
schlag dem Hammel eine Maulschelle ber den Schnabel. Und schrei: Du! Richten
mu flinke Barmherzigkeit sein. Komm her, du Lapp, ich will dir zeigen, wie
man's macht! Da geht ein lustiges Lachen durch den Leuthaufen, der um uns her
gewesen ist. Die Schwaben sind ein verstndigs Vlkl. Ein Sprchl sagt: Der
Schwab ist froh, und ist er arm, so tanzt er noch mit leerem Darm. Und wie die
Leut so lachen, streckt sich ein junges, sauberes Maidl in die Hh und schreit:
Um den wr schad, den sollt man gnadigen. Und hundert Mannsleut schreien es
gleich dem Maidl nach. Und richtig! Die Ulmer haben mich laufen lassen.
    Am langen Tisch erhob sich ein glckseliges Gelchter. Und Malimmes, whrend
er gemtlich mitlachte, sagte zu Marimpfel: Jetzt nimm mich in die Lehr,
Herzbruder! Wrst du auf dem Ulmer Schrgen gestanden, wie httst es denn du
gemacht?
    Was Marimpfel brummte, war bei dem heiteren Rumor der Tafelrunde nicht zu
hren. Die blonde Magd hatte ein heies Gesichtl und lachte: Fr das
schwbische Maidl bet ich heut nacht drei Vaterunser! Und viele sprangen von
den Sthlen und Bnken auf, vergaen das Selchfleisch und die billige Bitsche,
drngten sich um Malimmes her und wollten aus nchster Nhe hren, wie die
Geschichte des vierten Strickes ihr glckliches Ende finden wrde.
    Das ist in Landshut gewesen, vor dritthalb Jahr, erzhlte Malimmes, und
Landshut, Leut, das ist eine gefhrliche Stadt. Da haben einmal die Wolf den
Schulthei auf offenem Markt gefressen. Die Landshuter haben zugeguckt aus ihren
Fenstern. Und wie der rmste gefressen war, hat ein barmherziges Kindl gesagt:
Der Schulthei ist mager gewesen, die lieben Wolf lein mssen noch Hunger haben.
Im selbigen Landshut, in so einer gefhrlichen Stadt, htt ich schier mein Leben
lassen mssen. Da haben wir Nremberger, nit weit von Regensburg, einem Ritter
die Burg gebrochen. Der ist mit dem Landshuter Herzog Heinrich im Bund gewesen.
Auf dem Heimweg hab ich mit zwlf braven Gnoten die Nachhut gedeckt. Wir kommen
zur Donau. Die zwlfe hocken schon im Fhrboot. Da sprengt ein Hufl von des
Herzogs Reitern auf uns ein. Ich sto das Fhrboot ins Wasser und will
nachspringen. Aber weil mein Binkel ein ltzel schwer gewesen ist, bin ich zu
kurz gesprungen. Das Fhrboot rinnt davon, ich platsche ins Wasser hinein, und
die Landshuter greifen mich.
    Jesus! stammelte die blonde Magd erschrocken. Und das magere Buerlein
kreischte: Gnsl, dummes! Ist ihm doch nichts geschehen! Er hockt doch bei uns
und lacht.
    Aber selbigmal ist mir nit zum Lachen gewesen. In meinem Binkel haben sie
fnf goldene Becher und viel schnes Geschmeid gefunden. Drum haben sie mich
mitgezarrt bis auf Landshut. Zwischen den Nrembergern und des Herzogs Rten
hat's eine endsmige Schreiberei um mein Leben abgesetzt. Und derweil sie viel
gutes Papier verdorben haben, bin ich zu Landshut vom Juli bis zum Jnner im
Turm gehockt. Selbigsmal hab ich min ein bayrisches Musl dressiert. Ist mir ein
lieber Gesell gewesen bis zum Heiligdreiknigstag, an dem mir die Landshuter den
Stab gebrochen haben. Am letzten Morgen hab ich mit dem bayrischen Musl noch
meine Himmelfahrtswurst geteilt. Dann hat mich der Freimann zum Karren geholt.
Die Richtstatt ist ein halbes Stndl weit vor der Stadt gelegen. Und eine
schauderhafte Klt ist gewesen. Mir hat's nit viel gemacht, im Turm gewhnt sich
einer ans Frieren. Aber dem Meister Freimann hat die schieche Klte auf dem
Karren gebeutelt, da ihm die Zhne gescheppert haben. Und da hab ich lachen
mssen. Freilich, du kannst lachen, sagte der Freimann, du hast es gut, du
brauchst bei so einer Klt den weiten Weg heut nimmer heimfahren!
    Am Tisch ein heiteres Gelchter. Sogar die blonde Magd, obwohl sie zitterte
vor barmherziger Sorge, mute schmunzeln.
    An die tausend Leut sind um das Rappenholz hergestanden. Und auf den Herzog
Heinrich hat ein kostbar Zelt mit einem Glutpfndl gewartet, da der hohe Herr
bei der schnen Lustbarkeit nit frieren mt. Das Glckl hat gelutet, und der
Herzog, ein kleines, braunes, flinkes Manndl, ist dahergeritten mit stolzem
Gefolge. Also, Freimann, sag ich, fangen wir an in Gottesnamen, frnehme Herren
drf man nit warten lassen. Der Weg zum Schragen hinauf ist ganz vereist
gewesen. Und da tut der Freimann einen Rutsch. Du, sag ich, das bedeutet nichts
Gutes, heut wirst noch eine Dummheit machen! Und richtig! Wie der Freimann auf
dem Spreiel hockt und kletzelt mir den Hnfenen um das kitzlige Zpfl, da tut
die Leiter jhlings auf dem hauen Eis einen Fahrer. Hoppla! schreit der Freimann
und will sich halten an mir. Aber fr so ein schweres Paarl ist der Hnfene nit
berechnet gewesen. Und ist gerissen. Und derweil der Freimann einen Purzelbaum
ber den Schragen macht, bin ich auf dem schnen Glatteis schlittengefahren bis
vor das warme Glutpfndl des Herzogs hin. Der schaut, ich wei nit wie. Und
fragt mich: Nremberger, woher so flink? Ich sag: Gradaus vom Himmel her. Und
einen schnen Gru vom heiligen Petrus bring ich. Der Herzog macht ein paar
Augen, als wt er nit, ob er lachen oder sich rgern soll. Und sagt: Warum bist
du, wenn du schon vor des Himmels Tor gestanden, nit auch hineingegangen? Ich
sag: So hab ich tun wollen, gndigster Herr! Aber der Petrus hat mich nit durch
die himmlische Maut gelassen. Und hat befohlen: Kehr um, ich darf dich nit
allein in den Himmel lassen, es ist so frgesetzt im Buch der Ewigkeit, da du
selbander kommen mut mit dem Herzog Heinrich von Laridshut.
    Malimmes mute warten, bis sich der lustige Aufruhr am Tisch ein bichen
legte.
    Ich sag's. Und der Herzog verfrbt sich ein ltzel, schmunzelt aber gleich
und ruft: Der Mann soll leben! Htet seine Gesundheit und gebt ihm sicheres
Geleit bis Nremberg! Und wie ich mit dem Freimann wieder heimgefahren bin nach
Landshut, schauet, da hat mich, weil ich so lang mit meiner dnnen Hos auf dem
kalten Eis gesessen bin, halt auch ein ltzel gefroren. Und ich sag zum
Freimann: Gelt, da siehst du's, man soll den Tag nit vor dem Abend loben, schau,
jetzt geht's mir auch nit besser als dir!
    Am Tische ging ein Spektakel los, so laut, da man das einzelne Wort nicht
mehr verstand. In heiterem Aufruhr schrien sie alle durcheinander und fingen
darber zu streiten an, ob der Herzog Heinrich von Landshuf einen
aberglubischen Schreck versprt oder den Galgenspa mit einem barmherzigen
Herrenscherz erwidert htte. Whrend dieses Streites schlich sich die blonde
Magd mit heiem Gesicht zu Malimmes hin, schlang ihm pltzlich den Arm um den
Hals und flsterte ihm ins Ohr: Magst mich haben? Er lachte, kte sie schnell
auf die glhende Wange, gab ihr einen Schlag auf die runde Seite und sagte:
Dummes Gnsl, du! Aber ein richtiges Weibl bist! Lauft der Tod einem Mannsbild
nach, so rennt dem Tod noch allweil ein Weibl voraus, das flinker ist.
    Der Knecht des Runotter war in die Stube getreten. Marimpfel sprang auf und
schrie: Wo ist dein Bauer? Warum kommt er nit?
    Mein Bauer lat dir sagen, er wartet noch, bis ich heimkomm. Dann mu er
wieder zur Arbeit ins Holz. Gleich nach dem letzten Wort machte der Knecht sich
wieder davon.
    Dem Gadnischen Hofmann schwoll der Kamm. Wart, Bauer! Dir sag ich ein
Wrtl!
    Da fate Malimmes den Arm des Bruders und mahnte freundlich: Tu dich
besinnen! Sei gescheit!
    So gescheit wie du bist, bin ich schon lang gewesen. Marimpfel befreite
seine Faust, stie ein paar der lustig Streitenden aus seinem Weg und verlie
die Leutstube. Drauen fluchte er wie ein Bauer bei der Fron. Und als er im
Sattel sa, bekam der Gaul so grob die Sporen, da er ein paar rasende Stze
machte.
    Zugleich mit dem jungen Knecht erreichte Marimpfel das Hagtor des
Runotterhofes. Ein weites, sauber gehaltenes Gehft. Wie ein viereckiger Hgel
lag der von Geflecht umhrdete Dngerhaufen vor den zwei niederen Stallgebuden,
in denen es stille war. Eine groe Scheune. Und daneben das Wohnhaus, ein
schwerer Holzbau, fest und klobig, grau vor Alter. Weie Tauben gurrten auf dem
steilen Dach, das halb die Sonne hatte und halb im Schatten von drei alten,
mchtigen Ulmen trumte. Hinter den Bumen lag ein Grtchen mit blhenden
Blumen.
    Auer dem jungen Knecht, der mit dem Reiter gekommen war und gegen die
Stlle ging, war niemand zu sehen.
    Bauer! schrie Marimpfel und hatte mit dem ungebrdigen Gaul zu schaffen.
    Keine Antwort lie sich hren, niemand kam.
    Gotts Teufel und Bohnenstroh! Was ist denn? Bauer! Bauer!
    Da rief der Knecht von den Stllen her: Der Bauer ist im Haus. Wirst wohl
hinein mssen.
    Marimpfel sprang aus dem Sattel, warf den Zgel des Gaules ber einen Pflock
und trat in den dunklen Flur. Zur Linken stand eine Tr offen. Die fhrte in
einen groen, niederen Raum mit fnf kleinen Fenstern. Der Boden war mit Lehm
glatt ausgeschlagen und mit rtlichem Sand bestreut. Wnde und Decke bestanden
aus dem braunen Geblk des Hauses. Ein groer Ofen, gemauert. Und eine Bank um
den ganzen Raum herum. In der Fensterecke ein schwerer Tisch mit vier
dreibeinigen Sthlen davor. Und im Mauerwinkel ein hlzernes Kreuz mit frischen
Wacholderzweigen.
    Bei einem der kleinen Fenster sa Runotter, die Faust ber die Tischplatte
hingestreckt, ein Fnfzigjhriger, schwer, fest und knochig, in verwittertes
Lederzeug gekleidet. Das glatt auf die Schultern fallende Haar war halb ergraut,
das Gesicht von Gram und Arbeit hart versteint. Doch in diesem Gesichte glnzten
die gleichen Augen, ruhig und blau, wie in den Gesichtern seiner beiden Kinder.
    Als der Bauer den Spieknecht kommen sah, erhob er sich. Gottes Gru in
meinem Haus!
    Schon auf der Schwelle fing Marimpfel zu brllen an: Du Kerl! Was bist denn
du fr einer -
    Der Richtmann Runotter bin ich. Oder mu ich meinen weien Stab holen, da
du merken kannst, mit wem du redest?
    Diesem ruhigen Ernste gegenber kam Marimpfel zur Besinnung. Eines
Richtmanns Stab und Wrde muten auch einem Hofmann heilig sein. Der Spieknecht
schwieg. Er musterte den Mann mit funkelnden Augen, und sein Zorn erstickte in
einem halben Lachen. Dann sagte er grob: Bauer! Du bist befohlen vor meines
Herren Spruch. Und mut mir folgen. Auf der Stell.
    Runotters ernster Blick schien in dem Gesicht des Spieknechtes lesen zu
wollen. Meines Herren Wort in Ehren! Ich komm. Er rief zu einem Fenster
hinaus: Heiner, tu mir den Schimmel zumen! Und sagte zu Marimpfel: Gleich
bin ich wegfertig. Er trat in eine Kammer.
    Als er wiederkam, war er zum Ritt gestiefelt, trug auf dem Kopf die
geschirmte Eisenschaller und um die Brust den plump geschmiedeten Holdenkra,
ber dem das Schwert an sthlerner Kette hing.
    Marimpfel machte zuerst verdutzte Augen, dann fragte er spottend: Willst
fechten mit dem Amtmann?
    Das nit. Aber was Weg heit, ist unsicher. Man sieht ach fr. Drauen
klang der Huf schlag eines schreitenden Pferdes. Komm!
    In der Sonne fhrte Heiner den Schimmel vom Stall herber, ein kleines,
festes Rssel, das mit einem Strick gezumt war und keinen Sattel hatte, nur
einen Gurt, an dem die Bgel hingen.
    Bauer! Marimpfel lachte. Dein Gaul hat einen schiechen Heubauch. Da wird
er schnaufen mssen neben meinem Ro.
    Fest schnaufen ist gesund.
    Die beiden stiegen auf, und als sie zum Hagtor ritten, warf der Bauer einen
sorgenvollen Blick ber sein Gehft.
    Vom Leuthaus hrte man den Lrm der lustigen Kumpanei.
    Marimpfel drehte den Kopf nicht. Auf der Strae brachte er seinen Gaul in
jagenden Trab. Der Schimmel schnaufte wohl, blieb aber hinter dem Ro des
Hofmanns nicht zurck.
    Poch pltzlich, als der Wald begann und das dumpfe Rauschen des nahen
Windbaches den Hufschlag der Pferde bertnte, blieb der Schimmel stehen.
    Lachend fragte Marimpfel: So, Bauer? Mut deinen Heiter schon rasten
lassen?
    Das nit. Mit ernsten Augen sah der Bauer den Spieknecht an. Der Schimmel
ist stehengeblieben, weil er das so gewhnt ist, da ich halten und ein ltzel
lusen mu, sooft ich da vorbeikomm, wo der Windbach rauscht. Und wo ich. an
einen denken mu, der Hartneid Aschacher heit.
    Der Hofmann gab keine Antwort und guckte in den Wald hinein.
    Mit schwerer Hand ber die Mhne des Pferdes streichend, sagte der Bauer:
Komm, Schimmel! Heut ist nit Lusenszeit, heut rufen die Herren.
    Die beiden Pferde trabten. Und immer war cler Schimmel um eine feste Nase
voraus. Das Ro des Hofmanns fing zu galoppieren an, und seine Flanken pumpten.
    Gotts Teufel, Bauer, knirschte Marimpfel, tu langsamer ein ltzel!
    Gern, Hofmann! Runotter straffte den Zaum.
    Nun trabten die beiden Seite an Seite. Und als sie hinauskamen auf die
offenen, von der Sonne berglnzten Wiesen flssen die Schatten der zwei Reiter
zu einem schwarzen, wunderlichen Ungetm zusammen, das acht kurze, wirbelnde
Beine, einen grotesk vernderlichen Drachenleib und zwei nickende Geierkpfe
hatte.

                                       3


In dem kleinen, schmucklos eingerichteten Gemach, das hinter des Amtmanns groer
Schreibstube gegen den Hofraum! lag, saen Herr Someiner und Lampert am Tisch,
der bedeckt war mit aufgeschlagenen Bchern.
    Der Amtmann fhrte den Sohn, der seinen Dienst als Aktuarius beginnen
sollte, in das verwickelte Wirtschaftswesen des kleinen Reiches ein und hatte
dabei viel mehr von bser Schuldenlast und Rechtsbedrckung zu reden als von
friedlichen Lebensgtern und erfreulichem Besitz. Miwirtschaft im Innern und
ruhelose Fehden nach auen hatten den Landbestand des Stiftes beschnitten, die
Einnahmen geschmlert, den Verbrauch gesteigert, die Schulden vermehrt. Es war
eine bse Zeit, ein hartes Leben. Nie war Friede an den Grenzen. Nahm sich das
Stift der Seinen krftig an, so gab es blutige Hndel, war es geduldig und
nachgiebig, so stellte es sich der Unbill und Willkr auf allen Seiten blo.
    Die Brder vom heiligen Zeno zu Reichenhall versumten keine Bedrngnis
Berchtesgadens und schluckten bald einen Grenzwald und Bauernhof, bald einen
strittigen Jagdberg. Und Salzburg, das auf Betreiben der bayrischen Herzge das
Gadnische Land nur widerwillig aus langer Pfandschaft entlassen hatte,
erschwerte ihm eiferschtig den wachsenden Salzbau und wartete auf eine gnstige
Stunde, um als fetter Wolf das magere Lamm zu verspeisen.
    Allweil sind wir wie ein gehetztes Schaf. Wehrt sich das arme Vieh mit dem
Maul, so wird ihm der Schwanz beschnitten. Zieht es den Schwanz ein, reit man
ihm die Woll von den Lusern. Und wo wir uns hinwenden um Beistand, werden die
hilfreichen Hnd zu Klauen, die man frchten mu.
    Es war die Politik der bayrischen Frsten, Berchtesgaden nicht an Salzburg
und nicht an sterreich fallen zu lassen. Und Politik der sterreichischen
Herzge war es, den Hinfall Berchtesgadens an Bayern zu verhindern. Solchem
Schutz zu Danke hatte das Stift die Frsten von sterreich als Erbvgte und
Schirmherren Berchtesgadens anerkannt. Doch diese Erbvgte wurden so gndig, da
Berchtesgaden wieder Schutz bei den Herren von Bayern suchen mute, die es seine
Stifter und Patrone nannte. Auf der Kanzel des Gadnischen Mnsters wurde vor der
Predigt fr die sterreichischen Erbvgte und wider ungenannte Feinde, nach der
Predigt wider ungenannte Feinde und fr die bayrischen Patrone gebetet.
    Und glaub mir's, Bub, wir wren lang schon an Landshut, Ingolstadt oder
Mnchen gefallen, wenn nicht die bayrische Faust fnf Finger htt, die sich
feindselig spreizen, statt sie eintrchtig miteinander greifen. Seit sie das
Lwenfell des groen Ludwig in Lappen gerissen haben, macht der ewige
Vetternzwist die bayrischen Herren schwcher mit jedem Tag. Ein Glck fr uns,
da es in sterreich drben nicht besser ist. Und so ist's berall im Reich,
Kein Wachsen nimmer, berall das Auseinanderfalten in Neid und Zwist. Was hab
ich fr bse Zeiten mitgemacht! Drei Knige im deutschen Land! Und in der Kirch
drei Ppst!
    Gott sei Dank, Vater, das ist vergangenes Elend! Und Knig Sigismund ist
ein Herr, von dem die Deutschen ein Aufleben hoffen drfen.
    Wer glaubt, wird selig. In dir ist Hoffnung, weil du jung bist, in mir ist
Mitrauen, weil ich Menschen und Leben kenn. Im Reich gibt's keine Auferstehung
nimmer. Der groe deutsche Traum? Der liegt noch tiefer versunken als blo im
Untersberg. Die zu Rom haben's durchgesetzt. An der goldenen Bull ist zu
Scherben worden, was deutsche Einheit heit. Von den Frsten schmort sich jeder
den eigenen Gockel. Und der deutsche Knig ist ein armer Mann, fristet mhsam
sein Leben, reitet im Land herum und brandschatzt eine Stadt nach der andern.
Aber was tat mich die Wirrnis kmmern im Reich da drauen! Htten wir nur in
unsrem Bergwinkel ein leidliches Leben!
    Vater! Lamperts junge Augen blickten ernst. Das ist von den Elendsgrnden
einer, da so viel tausend allweil sagen: Was kmmert mich die Wirrnis im Reich!
Tt jeder die Not des Reiches spren wie eine Not des eignen Lebens, so wr bald
alles anders.
    Herr Someiner zog zuerst erstaunt die Brauen in die Hhe, dann lchelte er
nachsichtig. Jeder Redliche sprt die Not des Gemeinwesens und mchte helfen.
Aber jeder sprt auch die bermacht der Widerstand und ermdet dran.
    Widerstnde sind da, um berwunden zu werden. Streit um ein nichtsnutzig
Ding ist ein Verbrechen, aber Kampf um ein herrlich Gut ist das Beste des
Lebens.
    Wieder lchelte Herr Someiner. Wart erst, bis du im Amt bist! Und bis die
Widerstnd dich seufzen machen, sooft du ein Gutes willst! Wie Mauern stehen sie
da. Jetzt renn mit dem Schdel hin!
    Vater? fragte Lampert, sich erregend. Ist ein Kriegsheer von
hunderttausend Mann nicht ein Widerstand? Und kein Jahr ist's her, da hat ein
Hufl schlechtbewaffneter bhmischer Bauren die mchtige Ritterschar vor sich
hergejagt wie einen Hasenschwarm. Und weit du, von wo diesen Bauren solche
Kraft gekommen ist? Weil in ihren Reihen ein Gedanke war, eine Hoffnung und ein
Glaube. Vater, ich hab viel gesehen in Prag und viel gelernt. Auf dem
Scheiterhaufen zu Konstanz hat man blo einen Leib zu Rauch gemacht. Aber des
Hussen Geist lebt weiter in seinem Volk und wirkt ein Groes. Wir Deutsche
mssen lernen von den Bhmen.
    Vor Schreck ber diese Worte hatte der Amtmann ein fahles Gesicht bekommen.
Er machte eine wehrende Bewegung, die den Sohn verstummen lie. Nun war Stille
in der kleinen Kammer. Lange blieb Herr Someiner unbeweglich. Dann ffnete er
die Tr der Schreibstube und sah hinaus. Der Schreiber Piebcker war schon zur
Mahlzeit fort. Aufatmend verriegelte der Amtmann drauen die Flurtre und kam
mit brennendem Gesicht zurck. Lampert? Seine zitternde Hand fate den Sohn an
der Schulter: Bist du ketzerisch?
    Ruhig sah Lampert in die angstvollen Augen des Vaters. Nein! Ich bin
gutglubig. Bei meiner Mutter Leben, das ist wahr!
    Dem Himmel sei Dank! unterbrach ihn der Vater. Einen schnen Schreck hast
du mir eingejagt. Herr Someiner rttelte den Sohn an der Schulter. Sei
frsichtig! Verdcht ist eine Maus, die zum stoenden Stier wird, eh man sich
umschaut. Zu Regensburg haben sie heuer den Kaplan Grnsleder, blo weil er den
Hus verteidigt hat, auf dem Markt verbronnen. berall ist das ketzerische Elend
los. Bei uns hat's auch schon angefangen. In der Woch, eh du heimgekommen, hat
man einen Salzkrrner gefat. Der ist ein Bruder vom freien Geist gewesen und
hat eine hllische Lehr ins Volk geredet: Er wr durch die Gnad des Himmels
vllig eins mit Gott geworden und tt nimmer sndigen knnen, und wenn der
Mensch blo allweil lebt nach seiner Natur Gehei, so drft er sich alles
erlauben, und es gab fr ihn kein kirchliches und kein menschliches Gesetz mehr!
- So eine Verruchtheit! Der Mann ist gestupt worden, da er an seiner Bu
versterben hat mssen.
    Lampert sah das angstvoll erregte Gesicht des Vaters an. Und pltzlich sagte
er: Zu Prag, in der bayrischen Burse, hat einer eine wunderliche Frage getan.
Er hat gefragt: Wenn Gott allmchtig ist, warum hat er die Menschen nicht blo
zum Guten erschaffen, warum auch zum Bsen? Gott mu doch strker sein, als der
Teufel ist? Weil Gott allgtig sein mu, kann er das Bse nicht zulassen, nicht
selber schaffen. Aber das Bse ist da. Oder sagen blo wir Menschen: bs? Und
Gott sagt: gut? Zu allem? Weil alles sein Werk und Kind ist?
    Und was fr Antwort hast du dem Tropf gegeben?
    Ich hab geschwiegen. Lampert lchelte. Aber einer hat mit der Faust auf
den Tisch gehauen und hat geschrien: Eine Frage tun, auf die man nicht Antwort
wt, wr Hinterlist und Niedertracht. Und da hat's dann Hndel und blutige
Ohren gegeben.
    Herr Someiner schttelte mibilligend den Kopf und nahm seinen Platz am
Tisch wieder ein.
    Vater! Das war zu Prag ein friedloses Leben in der letzten Zeit. Bhmisch
und hussitisch, deutsch und katholisch, das hat man allweil fr ein Ding
genommen. Hie Freund, dort Feind! Auf der Stra, im Rat, in der Herberg, in den
Bursen, berall ist der ewige Hader gewesen, und kein Tag ist vergangen ohne
Schlagen und Stechen. Auf der Stra einmal, da bin ich in so einen Handel
hineingeraten, ich wei nicht wie. Und derweil ich dreinhauen will, da packt
mich einer am Arm. Ist ein junger Mensch gewesen mit blassem Gesicht. Und hat
mich angeschaut mit traurigen Augen und sagt: Nicht schlagen! Denken!
    Der Amtmann nickte: Das ist einer gewesen von meiner Art! Aber du hast
nicht unrecht, in Hndel kommt man, man wei nicht wie. Weil die Leut das nicht
lernen mgen: erst denken! Bis sie vor Weh und Mdigkeit zu denken anheben, ist
das rgste Unglck schon allweil geschehen.
    Als Lampert wieder zu sprechen begann, kam etwas Traumhaftes in den Klang
seiner Stimme, so da jedes Wort erfllt war wie vom Hauch eines Geheimnisses.
Wir zwei sind gute Kameraden worden. Er ist ein Medikus gewesen, und sein
Lieblingswrtl hat geheien: Tu die Augen auf! War ein Rechtglubiger. Und hat
doch gut von den Feinden der Kirch gesprochen. Eines Tages hat er midi beredet,
da ich mit ihm hinausgeritten bin zum Taborberg. Und wie wir hinkommen zum
Zeltgelger der Hussiten, sagt er wieder: Tu die Augen auf! - Vater, da hab ich
ein seltsam Ding gesehen.
    Tief aufatmend streckte Lampert die Fuste ber eines der aufgeschlagenen
Schuldbcher hin.
    Wie tausend goldne Lanzen sind die Zeltspitzen in der friedsamen Sonn
gestanden. Ein groes Volk beisammen! Und du hast keinen Hader und Zwist
gesehen, hast kein Johlen und kein Geschrei vernommen. Ruhig haben die Leut
geredet, und jeder ist seiner Werkung nachgegangen. Unter den Bauren sind
Brgersleut gewesen und adlige Herren. Aber die hat man nimmer
auseinandergeschieden. Und die Frauen ohne Putz, ohne Gold und Edelstein. Das
haben sie niedergetan auf den Tisch der Sach, von der sie sagen, da es die gute
wr.
    So ein Wrtl ist bald gesagt! Herr Someiner wurde verdrielich.
    Und da sind wir zu der Mahlsttt gekommen, wo die Priester auf grner Wies
und in der Sonn den Kelch gereicht haben. Du weit, sie sagen, da man das
Gttliche nicht nur speisen mt, auch trinken. Das heilige Buch ist ihnen die
einzige Lehr. Und Gleichheit vor Gott und Menschen verknden sie, Gemeinschaft
der Gter in Friedsamkeit.
    Der Amtmann schttelte den Kopf. Von dem, was in Lamperts leiser Stimme
zitterte, quoll nichts hinber zu ihm. Narren, Narren! sagte er hart.
Gefhrliche Narren!
    Zu Tausenden sind die gewaffneten Mannsleut und die Maiden und Frauen auf
den Knien gelegen. In Inbrunst haben sie gebetet und den heiligen Trunk
genommen. Und bald da und bald dort ist einer aufgestanden, vom inneren Geist
entzndet, und hat mit flammender Red gesprochen zu den Herzen des Volks. Und
allweil ist die Anred gewesen: Brder und Schwestern!
    Htt heien sollen: Verdrehte Kpf und hirnkranke Fhlen! Lang wird der
ketzerische Wahnsinn nimmer dauern. In sterreich rstet man schon. Man wird
ihnen predigen mit Eisen und Feuer.
    Lampert erhob sich. Mit Feuer und Eisen wird man nimmer tot machen, was
lebendig geworden in vielen. Hat man den Hus nicht totgemacht? Schau jetzt nach
Bhmen hinber! Ketzer? Mag sein, da du recht hast! Aber ist nicht auch in den
Gutglubigen die Einsicht, da es besser werden mu mit Kirch und Lehr? Und du,
Vater? Bist du zufrieden mit deinen geistlichen Herren?
    Der Amtmann trommelte rgerlich auf einem Buche. Die Antwort fiel ihm
schwer. Der Propst, der alte Dekan und ein paar von den Herren im Stift, das
waren feste, redliche und aufrechte Mnner. Aber diese jungen Chorherren und die
bermtigen Domizellaren! Die entschlugen sich lustig der Regel und lebten, als
wre ihr Wunsch, das Kloster in ein weltliches Stift verwandelt zu sehen, schon
erfllt. Sie vergeudeten das Gut des Stiftes, kmmerten sich keinen Strohhalm um
ihren geistlichen Beruf, so da man zur bung der Seelsorg bezahlte Kaplne
anstellen mute, derweil die Chorherren den Tag mit Jagen, Fischen und Beizen
verbrachten, die Nacht mit Mummereien und Maidenspiel. Um den brgerlichen
Frauen und Tchtern leidliche Ruh vor diesen heiteren Herren zu schaffen, mute
die Gadnische Gemeinde im Badhaus die freie Wohnung stiften fr die
Hbschlerinnen, fr die geschuhten Wachteln, die von Salzburg geflogen kamen. Um
solcher Dinge willen hatte Herr Someiner schon manch einen zornigen Fluch
verschluckt. Jetzt sagte er mrrisch: Da redet man nicht davon. Im Amt mu
Frsicht allweil das erste sein.
    Ein Amt ist berall, Vater! Und drum ist berall die Frsicht und das
Dulden. Und berall die Sittenwildnis der Geistlichkeit.
    Herr Someiner verlor die Geduld. Die heilige Kirch und die Klerisei sind
zwei verschiedene Dinge. Ein Knecht, der miraten ist, macht den Herren nicht
schlechter.
    Aber auch nicht besser.
    Bub! Der Amtmann sprang auf. Bist du heimgekomen, um mich in Gefahr zu
bringen?
    Nein, Vater! Lampert redete ruhig. Aber das ist ein Ding, das mich
schmerzt. Sollt man da nicht denken drfen an Hilf?
    Du wirst den schmierigen Hafen der Zeit nicht sauber machen! Dem
Gestrengen schwoll die Zornader an der Schlfe. La du die Hilf von denen
kommen, die dazu berufen sind.
    Wren die geistlichen Herren nicht berufen als die ersten? Geistlich? Kommt
dieses Wort nicht vom Geist her? Aber sie msten den Leichnam eines faul
gewordenen Lebens und lassen der Menschheit redlichen Geist versterben! Wer und
was soll helfen, Vater?
    Herr Someiner wollte heftig erwidern. Da hrte er Stimmen und vernahm von
der Schreibstube drauen ein Podien an der Tre. Erschrocken flsterte er: Sei
still, Bub! Da kommen Leut. Der Zorn zitterte noch in seiner Stimme. La dir
raten! Red solch unbeschaffen Zeug nicht vor andern Leuten! Auch nimmer vor
mir!
    Whrend Lampert die Hand ber die Augen prete, ging sein Vater in die
Schreibstube hinaus und sperrte die Flurtr auf. Und als er an Stelle Marimpfels
und des Ramsauer Richtmanns, die er erwartet hatte, einen alten Mann und einen
jungen Burschen in der schwarzen Tracht der Salzknappen gewahrte, brach der
mhsam verhaltene Zorn aus ihm heraus. Gotts Nten, was ist das fr ein Unfrm?
Wie trauet ihr euch zu lrmen vor meiner Tr?
    Der junge Burch lachte verlegen und zog den Kopf zwischen die Schultern. Und
der Alte sagte scheu: Gestreng Herr Amtmann, der Bub da, das ist der Ulrich
Eirimschmalz, ist Stollenknecht bei uns seit Lichtme, ist ein Auslndischer,
vom Rhein her, und ist in Herberg bei mir. Und der hat ein Ding gemacht, da ich
gemeint hab, ich mte es dem Gestreng Herrn Amtmann weisen.
    Was fr ein Ding? Ein schlechtes?
    Ich wei nit, Herr! Schauet selber! Und der Alte reichte dem Amtmann ein
mrbes, zerknittertes Blttlein Papier.
    Herr Someiner nahm das Blatt, sah es an, zog die Augenbrauen in die Hhe und
trat zum Fenster.
    Komm, Bub! Mut nit Angst haben! sagte der Alte, trat mit dem jungen
Burschen in die Amtsstube und drckte die Tre zu.
    Am Fenster betrachtete Herr Someiner das Blatt, auf dem drei schwarze Reihen
dicker, gleich groem Schriftzeichen waren, plump und unsauber, schief
aneinandergereiht, hnlich der ungebten Schrift eines schlechten,
schwerhndigen Schreibers. Aber lesen konnte man's. Und jede der drei
untereinanderstehenden Zeilen sagte das gleiche:

ullri eirimsmalz der menzer
ullri eirimsmalz der menzer
ullri eirimsmalz der menzer

    Herr Someiner schttelte den Kopf. Was ist das fr eine Narretei? Er
guckte das Blatt wieder an, whrend Lampert aus der Kammer trat. Das sieht aus,
als htt's ein Geisbock geschrieben mit dem Huf!
    Red, Bub! sagte der alte Bergmann. Tu dem Gestreng alles weisen! Gelt,
Herr, das ist ein erstaunlich Ding!
    Erstaunlich? fragte Lampert. Was?
    Da einer schreiben kann und keine Feder nit braucht.
    Lampert nahm das Blatt, das der Vater ihm reicht, und besah die wunderliche
Schrift.
    Der junge Knappe, dem bei der Sache nicht recht behaglich zumute war, begann
zu erzhlen, immer scheu den gestrengen Amtmann musternd.
    Er wre zu Mainz daheim, Sohn eines Zinngieers, von zwlf Geschwistern das
jngste. Vor zwei Sommern, mit achtzehn Jahren, wre er auf die Wanderschaft
gegangen, htte ein Jahr lang dem Stadthauptmann zu Wrzburg als Pavesenknecht
gedient, ein Jahr lang dem Bischof von Chiemsee als Pulverster und als
Zeltpflcker bei Jagd und Beizwerk. Die blauen Berge htten an seiner Seele
gezogen. Und so wre er nach Berchtesgaden gekommen und Stollenrumer im
Salzwerk geworden.
    Und do haw ich, drei Woche kann's her sin, vor de Knappe bei der Mahlzeit
erzhlt, ich htt in der Menzer Borscheschul en Kamerad gehatt, den Henrichen
Gensfleisch von Guteberg. Der htt was Richtigs nich lerne woll, haw ich
erzhlt, und htt de allerweche finde mg, da mer schreiwe kann un kee Feder
nich braucht.
    Halt auch so einer von den Tagdieben, murrte Herr Someiner, die nicht
wissen, wie sie die kostbaren Stunden totschlagen.
    Wird schon so sein, Herr, jo! Awer gefunnen hot er's. Un weil die Knappe
de nich hawe glaube mg, da mer schreiwe kan un keen Feder nich braucht, un
weil ich mer nich der Lug hab zeihe la, drum haw ich mer frgenomm, da ich's
ihne weise will, wie's der Hennichen Gensfleisch gemacht hot. Un hab die
Schriftzeiche nach Spiegelweis ussem Buchsbaumstche erausgestoche, wie's der
Hennichen Gensfleisch gemacht hot. Und hab mit Essig und Ru e Farb gerhrt, hab
die Stbcher eneingetunkt un hab die Schriftzeiche uf e Blttche gedruckt, wie's
der Hennichen Gensfleisch gemacht hot. Und do hawe's die Knappe lese knn.
    Aber schlecht! sagte Herr Someiner. Mach, da du weiter kommst mit deiner
mhsamen Narretei!
    Vater! Lampert hatte groe Augen. Das sollte man besser beschaun. Ich
mein', das ist -
    Ein drhnender Hall wie vom Einschlag eines schweren Blitzes krachte durch
die Lfte, und dann hrte man ein dumpfes Echo hinrollen ber den Untersberg.
    Ein Ungewitter? In der schnen Sonne und bei blauem Himmel?
    Die viere, die in der Amtsstube waren, rannten zum Haustor und sprangen auf
die Strae hinaus. ber ihren Kpfen klirrte ein Fenster, und da droben klang
die angstvolle Stimme der Frau Someiner: Was ist denn? Um Jesu Christ! Was ist
denn da?
    Aus allen Fenstern der Marktgasse fuhren Kindergesichter und weibehaubte
Frauenkpfe heraus. Buben und Mannsleute kamen aus den Tren gesprungen, und
alle redeten wirr durcheinander.
    Nun wieder der gleiche, die Menschen erschreckende Hall. Er drhnte vom
Hirschgraben des Stiftes herber. Und man hrte das donnernde Echo vom
Untersberg ber das weite Tal hinausrollen bis zum fernen Watzmann.
    Viele Leite rannten gegen den Hirschgraben hin. Und von dort her kam an der
Huserzeile ein kleiner, magerer Mensch gesprungen, der mit dem wehenden
Mntelchen einem bubengroen geflgelten Insekt vergleichbar schien. Das war der
Amtsschreiber Piebcker, dem die Gadener den Spitznamen der Item gegeben
hatten.
    Der fuchtelte mit den Armen und kreischte in dnnen Fistellauten: Gestreng,
kommet flink hinber zum Hirschgraben! Item, da probieren sie die neue
Kammerbchs, die gestern von Augsburg gekommen ist. Das Mnnlein, dem der Atem
versagte, schnappte nach Luft. Item, sie haben mit dem ersten Schu eine Mauer
gebrochen, item, mit dem zweiten haben sie den groen Vierzehnender im Graben
totgeschossen, item, das Vieh ist blo noch ein Klumpen Fleisch und Blut
gewesen. Item, Herr, das neue Ding ist eine mchtige Hilf wider Feind und
Burgen! Kommet, Gestreng! Kommet, kommet! Und aufgeregt, mit wehendem
Mntelchen, gaukelte das magere Mnnlein wieder davon.
    Eins nach dem andern! brummte der Amtmann. Erst mu ich den Mainzer Buben
seiner Narrheit berweisen. Und whrend er in das Haus trat, sagte er zu dem
jungen Knappen: Hast du den Hall vernommen! Da ist auch ein ltzel Ru dabei.
Ist aber ein mchtig Ding! War anders als dein ruiger Zeitvergeud!
    Lampert stand noch immer auf der Strae und sah verloren in das schne Blau
hinauf, das ber den steilen Dchern glnzte.
    Wieder donnerte die Kammerbchse im Hirschgraben.
    Ein alter Handwerker in groem Schurzfell und mit nackten Armen nickte stumm
vor sich hin. Er wandte das mde, freudlose Gesicht und flsterte seinem
neugierig guckenden Weibe zu: Sie sagen, das htt ein Pfaff erfunden. Da wird's
der Welt einen Schaden tun.
    Als Lampert in die Amtsstube kam, sa Herr Someiner am Pult, tauchte die
Feder ein, und whrend er zu kritzeln anfing, fragte er den Ulrich Eirimschmalz:
Jetzt sag, wie lang hast du gebraucht zu deiner federlosen Schreiberei?
    Durch dritthalb Woche haw ich an jedem Feierawend geschnitt un gestoche,
bis die Stbcher fertich ware. Drei Feierawend haw ich gebraucht zum Farbreibe
un zum Drucke. Viel Blttcher haw ich verschmiert.
    Drei Wochen? So? Der Amtmann reichte dem Buben ein kleines Blatt. Und das
da hab ich geschrieben im Viertelsteil eines Paternosters. Was du geschrieben
hast - schau her da! Herr Someiner fuhr mit einem Federlappen ber das
bedruckte Blatt, und die Schrift war ausgewischt zu einem ruigen Fleck. Was
aber mein Kiel mit guter Tinte geschrieben hat, das bleibt! Das kannst dir
aufbewahren fr Kind und Kindeskind!
    Auf dem Blatte stand mit zierlicher Schrift geschrieben: Hennichen
Gnsbraten der Mainzer ist ein Tagdieb. Und du bist auch einer!
    Herr Someiner sprach: Flink! Weiter mit euch!
    Die beiden trollten sich, und der junge Bergknappe mit dem Zettel in der
Hand, sah stumm den alten Bergmann an. Der sagte: Ich hab gemeint, es wr eine
nutzbare Sach. Aber so ein Herr versteht's halt besser.
    Wieder drhnte der Hall der Kammerbchse.
    Komm, Bub, sagte der Amtmann. Jetzt wollen wir hinber in den
Hirschgraben und das neue Ding betrachten. Der Piebcker hat schon recht: Das
ist eine groe Sach! Und sei verstndig, Bub! Tu im Hirschgraben die Herren
geziemend komplimentieren. Er fgte mit leiser Stimme bei: Auch die
Jungherren, die dir nicht gefallen.
    Vater!
    Was? fragte der Amtmann mimutig.
    Lampert legte die Hand auf den Arm des Vaters. Das Ding mit dem Buben will
mir nicht aus dem Sinn. Ich wei nicht, ob das recht gewesen, was du da getan
hast.
    In der reizbaren Seele des Amtmanns kam pltzlich der nur halb unterdrckte
Zorn wieder obenauf. Willst du mucken wider deinen Vater? schrie er. Werd
erst ein festes Mannsbild! Bist Doktor und Magister! Aber allweil bist noch wie
ein seidnes Fhnl, das sich rhrt vor jedem neuen Wind, mag's ein guter oder
schlechter sein! Ich denk zuerst! Verstehst du! Und was ich tu, das ist -
    Herr Someiner schwieg und sah zum Fenster hin. Da drauen verstummte der
Hufschlag zweier Pferde.
    Lampert, der bei seines Vaters Wort vom seidenen Fhnlein bleich geworden,
wandte sich schweigend ab und verlie die Amtsstube. Als er schon bei der Treppe
war, hrte er das Eisengeklirr zweier Mnner, die das Haus betraten. Er drehte
das Gesicht und schien in seiner Erinnerung zu suchen. Da kam der Ramsauer
Richtmann auf ihn zu, streckte ihm die Hand hin und sagte freundlich: Gottes
Gru, Jungherr! Euch kenn ich noch allweil. Aber Ihr wisset wohl nimmer, wer ich
bin. Freilich, es ist schon an die sieben Jahre her, da wir uns nimmer gesehen
haben. Ich bin der Runotter von der Ramsau.
    Whrend Lampert rasch die Hand des Richtmanns umklammerte, fuhr ihm das Blut
ins Gesicht. Doch, ich wei schon, Ihr seid es! In der Erregung, die ihn
befallen hatte, sagte er Ihr, als wre der Bauer von den Herren einer. Lampert
warf einen fragenden Blick auf den Spieknecht hinber, der in die Amtsstube
trat. Runotter? Bist du vor das Amt gerufen?
    Wohl, Jungherr!
    Warum?
    Ich wei nit.
    In der Amtsstube flsterte Marimpfel: Gestreng! Auf dem Hngmoos steht ein
Kser, und siebzehn Milchkh sind aufgetrieben. Der Kerl da drauen mu ein
schlechtes Gewissen haben. Er ist grob gewesen, und seine Wehr hat er angetan.
Herr Someiner winkte mit den Augen. Da ging der Spieknecht auf die Tr zu und
rief hinaus: Richtmann! Kommen sollst!
    Runotter trat in die Stube. Gottes Gru, Gestreng Herr Amtmann!
    Mit dem Bauer war auch Lampert gekommen. Er sagte rasch: Hier wird
geamtet? Seine Stimme klang gepret. Ich soll doch lernen, nicht? Da kann ich
wohl bleiben und hren?
    Herr Someiner nickte und sagte zum Richtmann: Gottes Gru! Du bist in Wehr?
Warum?
    Der Ramsauer sah zum Fenster hinaus. Herr? Sollt nit der Spieknecht acht
haben auf die Gaul da drauen? Der meinig ist ein ltzel hitzig. Da knnt er
schlagen oder beien.
    Beit er, murrte Marimpfel, so kriegt er eine aufs Maul. Klirrend
verlie der Spieknecht die Stube.
    Runotter nahm die eiserne Schaller ab, legte sie auf das Fenstergesims und
sagte ruhig: Warum ich in Wehr bin, Herr? Aus Frsicht. Fr Hofleut ist ein
Bauer allweil der Minder. Um Hndel zu verhten, hab ich die Wehr angetan, wie
mir's zusteht als Erbrechter.
    Lampert, der gegen die Tr der Kammer gelehnt stand, verwandte keinen Blick
vom Gesicht des Bauern.
    Soooo? sagte Herr Someiner. Frsicht ist eine lbliche Tugend. Er
musterte den Mann. Ein festes Eisenzeug! Wirst bald noch einen zweiten
Holdenkra brauchen. Heut hab ich im Wehrbuch gelesen, da dein Bub im Winter
zu achtzehn Jahren kommt. Vermerkt steht, da er nicht wehrfhig ist.
    Runotters Augen suchten im Leeren. Das is nit meine Schuld.
    Das Wort war ruhig gesprochen, und dennoch schien es unbehaglich auf den
Amtmann zu wirken. Er benahm sich wie einer, der nicht gehrt haben will, und
sagte: Willst du fr deinen Buben das Erbgut aufrecht halten, so mut du fr
ihn zur Holdenwehr im Winter einen Ersatzmann stellen. Da wirst du dich
beizeiten umschauen mssen.
    Wohl, Herr! Knnt sein, es war da grad ein guter Weg. Heut hat mir der
Heiner, mein Knecht, von einem Soldmann erzhlt, der in die Ramsau kommen ist.
Will reden mit dem. Mag er bleiben, so zahl ich ihm gern die Lhnung frs Warten
bis zum Winter. Fr meinen Buben tu ich alles.
    Freilich, du kannst es! Herr Someiner lchelte. Der beste Steuergeber in
der Ramsau!
    Dem Himmel Vergelts! Gott segnet meinen Schwei.
    Wieviel Ochsen hast du?
    Sechs fr den Zug, zwei davon fr den Acker, der mein ist, viere fr
Jagdfron und Scharwerk. Sieben Stckl Jungzeug hab ich auf der Alben.
    Wo tust du sennen? Im Windbachtal?
    Nein, Herr! Die Brauen des Bauern zogen sich hart zusammen. Da droben
soll kein Stckl Vieh mehr fressen, das mein ist.
    Ist da die Weid so schlecht?
    Runotter zgerte mit der Antwort. Seine Stirne frbte sich. Nach der Hoflag
tt' ich sennen mssen beim Windbach. Aber die Gnotschaft hat mir's zulieb getan
und hat mir das Hngmoos zugewiesen.
    Das Hngmoos? Herr Someiner wuchs auf seinem Sessel. Da sennest du
selber?
    Wohl, Herr! Runotter schien das Wunderliche im Klang dieser Frage nicht zu
begreifen. Wir sind unserer Sechse, die auf dem Hngmoos sennen, der
Taubenseer, des Mareiners Schwager, die zwei Hintermser, der Schwarzecker und
ich.
    Da hast du einen schlechten Tausch gemacht.
    Wieder furchten sich die Brauen des Bauern. Ist mir lieber, als am Windbach
sennen.
    Auf dem Hngmoos ist schlechter Boden.
    Der ist besser worden. Wir haben Grben geschlagen und viel Boden trcken
gemacht. Freilich, viel Sumpfland ist noch allweil droben. Ist oft schon ein
Stckl Vieh versunken.
    Da wirst du selber dein gutes Melkvieh wohl nicht auftreiben?
    Doch, Herr! Drei Kh hab ich im Stall fr die Heimleut, achte sind auf der
Alben.
    Auf dem Hngmoos? Herr Someiner erhob sich.
    Verwundert sah Runotter den Amtmann an. Wohl, Herr! Auf dem Hngmoos.
    Runotter, sagte Herr Someiner streng, du bist mir bekannt als redlicher
Mann. Drum will ich vorerst noch gtig bleiben. Aber ich mu jetzt doch -
    Vater! stammelte Lampert, dem vor Unmut das Gesicht brannte. Du wirst mir
das nicht antun wollen, da ich -
    Hier wird geamtet! klang es wrdevoll ber das Pult herber. Da redet
blo der Amtmann und wer gerufen ist.
    Die erstaunten Augen des Richtmanns glitten zwischen den beiden hin und her.
Ihr Herren? Was ist denn da?
    Das wirst du hren! Herr Someiner ffnete den eisenbeschlagenen Schrank,
holte den Hngmooser Almbrief hervor und legte das alte, mrbe Pergament auf das
Pult hin. Er wollte sprechen. Doch das Gebaren des Sohnes machte ihn aufblicken.
Lampert, an der Lippe beiend, tat einen Schritt gegen den Vater hin, sah ihm in
die Augen, wandte sich ab und trat in die Kammer hinaus. Herr Someiner bekam
einen roten Kopf. Auch im Klang der Stimme verriet sich sein rger. Wieviel
Vieh ist aufgetrieben zum Hngmoos?
    Achtzig Kpf, Herr, nach unserm Weidrecht. Heuer sind zwanzig Kalben
droben, dreiundvierzig Ochsen und siebzehn Milchkh.
    Achtzig Kpf? Der Amtmann sah in den Almbrief. Das stimmt. Aber Melkvieh?
Seit wann wird Melkvieh aufgetrieben zum Hngmoos?
    Das ist wohl allweil so gewesen, ich wei es nit anders.
    So?
    Den Hngmooser Sauerks, den hab ich schon gegessen, da bin ich noch
Jungbauer gewesen und - Auf der Brust des Richtmanns hob sich langsam der
schwere Kra. Und ein Mensch im Glck! Lang ist's her. Noch lnger, wie da
mein Bub ein Krppel sein mu.
    Der Amtmann mochte diese Erinnerung an das Glck des Runotter nicht gerne
hren. Er sagte verweisend: Tu nicht reden von Dingen, die nicht vors Amt
gehren!
    Der Bauer bi die Zhne bereinander, und seine sonnverbrannten Fuste
klammerten sich hrter um den Knauf des Holdenschwertes, das er vor sich stehen
hatte.
    Und in der Sach, um die es da hergeht, fuhr der Amtmann fort, da mut du
dich irren, Runotter! Sauerks vom Hngmoos, sagst du? Man kann nicht ksen, wo
kein Kser steht.
    Auf dem Hngmoos steht doch einer.
    Seit wann?
    Seit allweil.
    Weit du auch das nicht anders?
    Nein.
    Die kurzen Antworten mifielen dem Gestrengen. So? Dann schau dir einmal
den Weidbrief an!
    Der Bauer nahm das Blatt und las. Das dauerte lang.
    Inzwischen polterte Herr Someiner hinter dem Amtspult.
    Da hrt sich doch alles auf! Seit Jahr und Jahr wird da ein Frevel wider
das Frstenrecht verbt. Gro wie ein Haus steht das Unrecht auf dem Hngmoos,
hat siebzehn Schwnz und achtundsechzig F. Und kein Jger sieht's, kein
Grenzwchter und kein Forstknecht! Und keiner meldet's! Und die Herrschaft hat
den Schaden. Es ist ein Kreuz! Auch auf die eignen Leut ist kein Verla. Und tut
man nicht alles selber, so bleibt es ungetan.
    Runotter hob das Gesicht, sah den Amtmann an und betrachtete wieder das
Blatt. Herr, liegt da kein andrer Weidbrief nimmer fr?
    Ich wei von keinem.
    Der Bauer legte das Blatt zurck. Nachher mu da ein Irrtum sein, ich wei
nit, wo. Ist er bei uns Bauren, so geben wir schuldige Bu. Aber der Albmeister,
der das Weidrecht htet und die Schriften in Verwahr hat, ist ein redlichs
Mannsbild. Ich glaub nit, da er mit Wissen tt, was wider das Recht ist.
    Der Amtmann schlug mit der flachen Hand auf das Dokument: Da steht es aber
doch! Auf dem Hngmoos darf kein Kser sein. Kh drfen nicht weiden da! Blo
Ochsen.
    Das ernste Steingesicht des Runotter bekam einen leisen Zug von Heiterkeit.
Der Herr mu sich nit aufregen. Es wird sich alles weisen. Der Weidbrief ist
alt. Vor Zeiten ist auf dem Hngmoos schlechte Weid gewesen. So ein saures Gras!
Drum wird man blo Galtvieh aufgetrieben haben. Und der Ochsenhirt hat keinen
Kser gebraucht. Drauf haben die Bauren den Weidboden so verbessert, da
Melkvieh hat grasen knnen. Und ich denk, da wird man das so ausgeredet haben -
    Davon wei ich nichts. Eine andre Urkund ist nicht im Kasten. Beim Recht
entscheidet nicht, was du denkst, und nicht, was ich denk. Beim Recht
entscheidet Schrift und Siegel. Da liegt der Brief. Wie er's zu Recht verlangt,
so mu es gehalten sein. Der Kser auf dem Hngmoos mu weg. Die siebzehn
Milchkh mssen herunter, die siebzehn Ochsen mssen hinauf.
    Runotter, den seit achtzehn Jahren keiner hatte lachen sehen, mute
schmunzeln. Herr, das Weidrecht geht doch ums Gras. Ist das nit ein Ding, ob
das Gras von einer Kuh gefressen wird oder von einem Ochsen?
    Nein! Herr Someiner geriet in Hitze. Recht ist kein Rtlein, das man
biegt. Da steht's. Das Recht will Ochsen. Die Ochsen mssen hinauf!
    Der Richtmann schwieg eine Weile. Dann sagte er ruhig: Herr! Wegen siebzehn
Ochsen, die statt der Kh auf dem Hngmoos fressen sollen, wird doch nit der
gndig Herr Frst mit der Ramsauer Gnotschaft einen Krieg anheben?
    Krieg? Red nit so unbeschaffen! Krieg fhren Herr und Herr miteinander,
nicht Herr und Bauer. Da geht's um Recht oder Unrecht, um Gehorsam oder schwere
Bu.
    Runotter stie das Schwert, dessen Knauf seine Fuste umklammerten, leicht
auf den Boden hin. Gut, Herr! Ich bin nit bockbeinig und will den ntigen
Verstand haben -
    Heftig unterbrach Herr Someiner: Meinst du, den hab ich nicht?
    Das hab ich nit gesagt. Aber es knnt doch sein, da der Irrtum auf Seit
der Herren ist?
    Nein! Der Amtmann schrie: Bei mir ist alles geschrieben und gesiegelt.
Mein Amt steht auerhalb des Irrtums. Und Recht mu Recht sein! Oder -
    Runotter sah die schwellenden Adern ber des Amtmanns Schlfen und sagte
rasch: Gut, Herr! Da wir Fried halten - ich will, bis die Sach geklrt ist,
auf dem Hngmooser Herd kein Feuer nimmer znden lassen. Und will die Kh
heruntertun. Und da der Bauerschaft kein Schaden geschieht, drum will ich die
siebzehn Kh derweil auf meinem Anger grasen lassen. Und die Ochsen tu ich
hinauf. Das soll geschehen, sobald meine Leut neben der Heumahd Zeit haben.
    Zeit hin oder her! Der Mensch kann Geduld haben, das Recht hat Eil. Was du
tun mut nach Recht und Siegel, das wirst du tun bis morgen zur Mittagsstund!
Sonst schick ich die Pfndung auf das Hngmoos, la den Firstbalken aus dem
Kser stoen und la die siebzehn Kh davontreiben als Pfand fr Siegel und
Recht.
    Herr, fuhr es dem Richtmann heraus, das wr doch Unverstand!
    Bei diesem Wort streckte sich Herr Someiner. Seine Stimme klang hher und
stie gegen die Nase. Redest du so mit mir? Weit du nicht, da ich hier steh
an deines Frsten Statt?
    Verzeihet, Herr, es ist mir nur so herausgerumpelt. Der Bauer atmete
schwer. Ich trag seit achtzehn Jahr um meiner Kinder willen einen Zaum vor dem
Maul. Aber diemal reit er.
    Und dann kommt es, da du redest, wie du denkst. Ja, Bauer! Mitrauisch
und forschend musterte Herr Someiner den Richtmann. Mir scheint, dich lern ich
auch noch kennen! Doch was du geredet hast wider mich, das will ich um deiner
Kinder willen vergessen. Aber Amt ist Amt. Nach Pflicht meines Amtes wird
geschehen, was meines Frsten Recht verlangt. Tu, was du willst! Morgen ums
Mittagluten ist die Pfndung auf dem Hngmoos. Fertig! Er legte das gesiegelte
Dokument in das Fach zurck und versperrte den eisenbeschlagenen Schrank.
    Recht? Wo ist Recht? Runotter drehte den Knauf des Schwertes zwischen den
Fusten. Ihr saget: Amt ist Amt? Gut! Da hab ich jetzt einen Merk gekriegt. Ein
Amt hab ich auch. Ich bin Richtmann der Ramsauer Gnotschaft, bin eingeschworen
drauf, unser Recht zu wahren. Auf dem Hngmoos geschieht, was allweil geschehen
ist. Die Ramsauer htten nit so getan, wr nit ein Recht dabei. Und wo das Recht
ist, braucht man nit Pfndung und Spieknecht frchten. Herr! Jetzt tu ich amten
und sag als Richtmann der Gnotschaft: Recht mu Recht sein, und der Hngmooser
Kser soll stehen, wo er steht, und die siebzehn Milchkh bleiben auf der
Alben.
    Herr Someiner hatte die Arme verschrnkt und stand gegen den versperrten
Kasten gelehnt. Nur weiter, weiter! Da wei ich doch endlich, was du fr einer
bist. Noch gestern hab ich gesagt: Der Runotter ist von den Treuen und
Verllichen einer!
    Das bin ich, Herr! Nit um Hofgunst. Jeder Mensch ist, wie er sein mu.
    Schn, Runotter! Du redest ja schon bald wie ein Bruder vom freien Geist!
Ich merk, es fliegen Fledermus im Land herum. Und heimliche Funken springen. Am
Sonntag hat ein Rauschiger im Leuthaus die schweizerischen Eidgenossen leben
lassen. Jetzt liegt er im Loch. Ich tu dich warnen, Runotter!
    Was Ihr da redet, Herr, das trifft mich nit! Ich hr nit drauf, wenn ein
paar Narrenkpf von der Schweizer Freiheit tuscheln. Aber verzeihen knnt man's
-
    Was? fragte der Amtmann scharf.
    Da ein Durstiger Sehnsucht hat nach einem Trunk. Und jetzt frag ich, Herr
- mit den Ochsen vom Hngmoos - mu das wahrhaftig so sein, wie's jetzt beredet
ist?
    Recht mu Recht sein!
    Gut! Dann mu ich als Richtmann stehen beim Recht der Gnotschaft. Runotter
nahm die eiserne Schaller vom Fenstergesims und drckte sie ber den Scheitel.
Deswegen bin ich kein Unverlssiger und kein Freigeistler. Mein Herrgott ist
mein Herrgott, und mein Frst ist mein Frst. Ein Schwanken kam in die Stimme
des Bauern. Der ist mir drum nit minder worden, weil sein Chorherr Hartneid
Aschacher ein schlechtes Stck getan hat wider mein Weib und mein Leben.
    Der Klang dieser Worte schien im eisenbeschlagenen Rippenschrank des
Amtmanns etwas Menschliches aufzureien. Er mute seufzen. Doch er sagte streng:
Runotter, das gehrt nicht vor mein Amt.
    Dann wird's wohl vor ein Amt gehren, vor dem wir uns alle finden - einmal!
Und solang ich noch auf der Welt steh, ist das gut, Herr Amtmann, da der
Chorherr Hartneid Aschacher im Kloster zu Chiemsee ein frnehms Leben hat. So
weit von uns. Wie eine sthlerne Klammer spannte sich die Faust des Bauern um
die Scheide des Holdenschwertes. Gottes Gru, Gestreng Herr Amtmann!
    Die schwergenagelten Schuhe des Bauern klappten auf der Diele, und leise
klirrte an seinem Kra die Kette des Schwertgehnges.
    Die Tre schlo sich. Und Herr Someiner sah sie mit wunderlichen Augen an,
als mte er sich besinnen, was da jetzt geschehen wre.

                                       4


Schritte weckten den Amtmann aus seiner Versonnenheit. Lampert trat aus der
Kammer, vor Erregung zitternd. Vater! Rufe diesen Mann zurck!
    Wen? Herr Someiner erwachte. Ach so? Von der Strae hrte man den
Hufschlag eines Gaules, der sich entfernte. Da! Der reitet ja schon davon! So
ein Dickschdel!
    Ich hol ihn noch ein. Darf ich?
    Nein! Der Amtmann war rgerlich. Htt er nicht umkehren knnen und mir
ein gutes Wort geben?
    Das hast du ihm unmglich gemacht.
    Ich? Herr Someiner hatte den Blick eines erstaunten Kindes, das man einer
Snde beschuldigt, deren Namen es gar nicht kennt. Lampert? Ich versteh dich
nimmer. In deinem Gesicht ist eine Erregung ohne Ma. Warum?
    Weil ich frchte, da du eine ungerechte und gefhrliche bereilung
begehst.
    Ich?
    Davon hab ich nicht zu reden, meinst du? Hier redet nur der Amtmann und wer
gerufen ist. Gerufen bin ich nicht. Aber das mit diesen unglckseligen Ochsen,
die das verbriefte Gras nicht fressen? Das weit du doch von mir. Und da machst
du mich, deinen Sohn, zum Spher und Angeber!
    Das ging dem Amtmann ber die Grenze der Geduld. Er schrie in Zorn: Dir
sollte die Mutter sagen, da du aus jedem Blslein eine Blatter machst! Wtend
ging er in die Kammer hinaus und begann in dem dickleibigen Merkbuche zu
blttern.
    Lampert folgte ihm bis zur Schwelle. Vater? Wirst du morgen die Pfndleut
schicken? Wirklich?
    Herr Someiner hob das Gesicht. Was aus den Augen des Sohnes sprach, schien
begtigend auf den Vater zu wirken. Kann sein, ich tu's, kann aber auch sein,
ich berleg mir's noch. Jetzt mu ich da was im Merkbuch suchen.
    Vater! Ich habe nicht Ruh, bevor du mir nicht klar versprichst, da du die
Pfndleut nicht schicken wirst.
    Da war nun wieder alles verdorben. Herr Someiner schlug mit der Faust auf
das Merkbuch. Jetzt bin ich im Amt!
    Lampert lachte kurz und verlie mit jagendem Schritt diesen geheiligten
Raum.
    Als er hinauskam in den Flur, rief Frau Someiner gerade ber das
Treppengelnder: Mann! Bub! Die Supp ist fertig.
    Das stimmte. In dieser verspteten Mahlzeitstunde war eine bse Suppe gar
geworden.
    Beim Anblick des Sohnes merkte Frau Marianne gleich, da Sturm ins Haus
gekommen. Hat's Krach gegeben?
    La mich, Mutter! Lampert strmte in sein Stbchen.
    Frau Someiner wollte folgen, aber da hrte sie von droben das Klirren eines
Riegels. Der hat sich eingesperrt, da ist er sicher! dachte sie mit
mtterlichem Verstande, machte kehrt und begab sich zu ihrem Mann hinunter.
    Der Amtmann stand ber den Tisch der kleinen Kammer gebeugt, bltterte
aufgeregt in dem groen Merkbuch und schien etwas zu suchen, was sich nicht
finden lassen wollte.
    Ruppert! fragte Frau Marianne sanft. Was ist denn schon wieder? Bist du
mit dem Buben berkreuz gekommen?
    Der Gestrenge bltterte. La mich in Ruh, jetzt bin ich im Amt.
    Vor dem geweihten Wrtlein Amt schien Frau Someiner eine wesentlich
geringere Ehrfurcht zu besitzen als ihr Sohn. Ach geh, du, mit deinem Amt! Mir
ist's um den Hausfrieden. Und die Supp ist fertig. Komm! Tu dich mit dem Buben
in Ruh wieder ausgleichen. Bei guter Schssel wird das Gemt schn nachgiebig.
Aber so eine trckene Rechtslpperei - Frau Marianne konnte diese kostbare
Perle ihrer Lebenserfahrung nicht zu Ende drehen.
    Denn der Amtmann hatte im Merkbuch gefunden, was er suchte. Alle mimutige
Strenge seines Gesichts verwandelte sich in triumphierende Freude. Recht hab
ich! Recht! Da steht's Da! Da! Da! Dreimal stie er mit dem Zeigefinger auf das
Merkbuch hin. Und jetzt, meinetwegen, jetzt kann ich auch Langmut zeigen. Weil
es schwarz auf wei bewiesen ist, da ich recht hab. Ruf den Buben, Mutter! Das
soll er lesen! Da steht's! Sub 28. Junio 1391: Den Hngmooser Auftrieb
visitiert, sind aufgetrieben zwanzig Kalben und sechzig Ochsen, item ansonsten
alles befunden nach Recht und Weidbrief von Anno 1356. Da steht's! Herr
Someiner war in diesem Augenblick der glcklichste der Menschen.
    Frau Marianne grollte wohl: Du liebe Gt! Schon wieder die Hngmooser
Ochsen! Doch sie lachte, weil sie aus der frohen Sonne, die in der Amtsstube
aufgegangen war, den Friedensschlu bei der Suppenschssel erglnzen sah. Geh,
Ruppert, komm - Da kroch die schne Sonne hinter eine dicke Wolke. Denn Herr
Someiner, der bei jeder Erscheinung des Lebens gleich zu rechnen anfing, beugte
sich mitrauisch ber das Buch.
    Der 28. Junius 1391? Und heut? Was ist denn heut? Der 26. Junius 1421!
Zwischen diesen beiden Kalenderziffern schien ein Abgrund des Unheils zu
klaffen. In den Augen des Amtmanns malte sich ein Schreck, als htte sich vor
seinem Blick etwas Grauenvolles ereignet.
    In Sorge fate Frau Marianne den Gatten am rmel. Geh, Ruppert, la doch
jetzt -
    Herr Someiner befreite seinen Arm und brauste los: Da hrt sich doch -. Und
ich in meiner Gut und Nachsicht htt jetzt bald -. Ist das ein Kerl! Will die
Schweizer Freiheit einfhren im Land! Und redet wie ein Bruder vom freien Geist!
So ein Heimtcker wie der! So ein geriebener Hinterlister!
    Frau Marianne wollte immer reden. Es gelang ihr nicht. Der Zorn ihres Mannes
brauste weiter wie ein entfesselter Wildbach.
    Ein Glck, da Gottes Segen ber meinem Amt ist! Und da ich den Schaden
noch zu rechter Zeit besehen hab! Zwei Tag noch, und es wr zu spt gewesen! Und
das ochsenmige Unrecht, das sie verben auf dem Hngmoos, wr verjhrt und wr
ein ersessen Recht geworden. Und das Stift wr wieder rmer um ein Herrengut.
Aber Gott sei Dank, ich bin noch allweil da.
    Als der Amtmann dieses letzte Wort gesprochen hatte, war er schon nicht mehr
da. Er hatte Hut und Stock ergriffen und war schon auf der Strae.
    Frau Someiner sah die offene Tr an, schttelte kummervoll den Kopf und
predigte ins Leere: Gott hat die Welt geschlagen, wie er die Mannsleut
erschaffen hat! Ist jeder wie ein kranker Narr, dem man bei Tag und Nacht das
kalte Tchl um das Hirndach legen sollt.
    Als gewissenhafte Hausfrau versperrte sie die Amtsstube und das Eisengitter,
nahm den heiligen Schlsselbund in die Wohnstube mit hinauf und gab ihn an
seinen Platz.
    Nun war sie allein mit ihrer guten Suppe. Lampen kam aus seinem
selbstgewhlten Gefngnis nicht herunter, und des Gatten Heimkehr war nicht
abzuwarten, solang die Suppe noch lau blieb. Frau Someiner sa am gedeckten
Tische. Aber sie rhrte den Lffel nicht an. Bei vielen trefflichen
Eigenschaften, die man ihr nachrhmen mute, war sie eine von den Frauen, die
sowohl der Kummer wie die Freude veranlat, sich dem Irdischen zu entwinden und
Hunger zu leiden. Doch sie lie das Mahl fr Vater und Sohn getrennt in zwei
Tpfen warm halten, whrend sie selbst keinen Bissen berhrte. Htte Herr
Someiner dieses Widerspruchsvolle in der Handlungsweise seiner Gattin gewahrt,
so htte er vermutlich wieder einmal festgestellt, da weder Jubel noch Elend
eine sinngeme Ursach wre, um sich der Speise zu enthalten; Sttigung des
Leibes wre ein natrlicher Brunnen der Lebenskraft, die man gerade in Elend und
Jubel doppelt ntig htte; essen mte der Mensch noch, auch wenn er wte, da
ein Viertelstndlein spter die Welt zugrunde ginge; aber, freilich, das
Natrliche wre fr die Frauen immer das Unverstndlichste.
    Der Gelegenheit, sich solcher Weisheit zu entledigen, war Herr Someiner an
diesem Tag entrckt. Whrend Lampert, wunderlich verstrt, sich auf der Altane
seines Stbchens in einen zierlich geschriebenen Traktat ber des Boethius Werk
de consolatione philosophiae vergrub und die Mutter mit feuchten Augen vor dem
trockenen Teller sa, eilte der Amtmann aufgeregt dem Stifte zu, um seinem
gndigsten Frsten diesen brennend gewordenen Rechtsfall in causa boum
hengismosianorum, in Sache der Hngmooser Ochsen, zu hochpersnlicher
Entscheidung vorzutragen.
    Die Hlfte dieses Weges wurde dem Amtmann erspart. Denn als er das Stiftstor
erreichte, durch das man in einen Vorhof sah, der minder an die Nhe einer
klsterlichen Sttte als an den von Sldnern, Jagdbuben und Roknechten
bevlkerten Wallhof einer Ritterburg gemahnte, da kam dem Amtmanne der Erzpropst
zu Berchtesgaden entgegengeritten, der edle Herr Peter Pienzenauer, begleitet
von einem Jger mit der Armbrust und von zwei Vorlufern, die sich fr die
Heimkehr in der Nacht mit Pechfackeln ausgerstet hatten.
    Der Propst war in schmuckloser Jgerkleidung, ein sechzigjhriger Graubart,
hager und sehnig. Dem strenggezeichneten Kopfe, der auf diesen straffen
Schultern sa, waren Fhigkeiten anzumerken. Htte er sie nicht in Wahrheit
besessen, so htte er, bevor er Propst zu Berchtesgaden wurde, als Domherr zu
Freysing und Augsburg nicht das wichtige, Umsicht und Scharfsinn erfordernde Amt
des Kellermeisters bekleidet. Die tchtigen Kellermeister gehen mager aus ihrem
Amte, die schlechten verlassen es fett.
    Herr Someiner eilte rasch auf den Frsten zu; aber es gelang ihm nicht
sogleich, die geladene Kammerbchse seines Amtszornes zu entladen. Denn einer
der Novizen, ein junges, feines, weltlich gekleidetes Brschlein in
Schnabelschuhen, mit klingenden Schellen am Grtel und an den seidenen
rmelfahnen - der Domizellar Sigwart zu Hundswieben - kam aus dem Innenhof des
Klosters gelaufen, fate das Pferd des Propstes am Zgel und sprach sehr
flehentlich zu dem Frsten hinauf.
    Der Amtmann blieb in hfischer Entfernung stehen.
    Herr Pienzenauer sah auf das modische, fast mdchenhafte Brschlein hinunter
mit einem Blick, in dem sich Wohlgefallen seltsam mit Geringschtzung mischte.
Dann schttelte er den Kopf. Nein! Seine sonore Stimme war weithin zu
vernehmen. Fr heut soll's genug sein. Mit dieser Knallerei vergrmt ihr mir
den Rehbock. Und das Pulver ist teuer. Man wei nicht, wie bald man's brauchen
kann zu ernsteren Dingen als zum Niederbummern meines besten Hirsches im Graben.
Ihr seid wie die Kinder.
    Ein neues Gebettel unter leisem Klingeling der silbernen Schellchen.
    Per Propst blieb unerbittlich. Nein! Wenn ich meinen Rehbock habe, morgen,
meinethalben. Heute nicht mehr. Er hob den Zgel und brachte das Pferd in Gang.
    Sigwart von Hundswieben sah ihm auf eine Weise nach, die wenig Ehrfurcht
verriet.
    Da trat Herr Someiner auf den Frsten zu.
    Ruppert? Was gibt's? Lang hab ich nicht Zeit. Sonst versum ich die
Pirsch.
    Der Amtmann sprach. Und als er seine Darlegung beendet hatte, fragte er:
Was soll geschehen, gndigster Herr?
    Was verstndig ist und dem Recht entspricht. Propst Peter lchelte. Auf
dich kann ich mich verlassen. Dann ritt er davon.
    Der Amtmann nickte. Jetzt war die Sache klar erledigt. Ohne einen Blick fr
die Menge des lrmenden Volkes zu haben, das sich drunten bei der Mauer des
Hirschgrabens drngte und auf eine Fortsetzung dieser ebenso lustigen wie
erstaunlichen Donnersache wartete, suchte Herr Someiner eilfertig den Vogt des
Stiftes auf und beorderte ihn zur Pfndung der siebzehn siegelwidrigen Khe auf
dem Hngmoos, pnktlich zur Mittagsstunde des kommenden Tages.
    Doch auf dem Heimweg zur guten Suppe wurde der Amtmann nachdenklich. Wie war
das nur? Hatte der Frst gesagt: Was Verstand hat und dem Recht entspricht?
Und hatte er den Nachdruck auf das Recht gelegt? Oder sagte er: Was dem Recht
entspricht und Verstand hat? Und meinte er als wesentliche Sache den Verstand?
    Da aber auch die hohen Herren immer so zwiespltig reden! Man wei da nie
mit Sicherheit, wie man dran ist.
    Doch so oder so, jetzt war die Sache in Gang. Der amtliche Karren, der keine
Deichsel zum Umkehren hat, mute laufen. Los! In Gottes Namen!
    Zu Hause, als Herr Someiner allein und ungestrt die warmgehaltene Suppe a,
war in ihm ein ruheloses Wechselspiel von vernunftgemer Zufriedenheit und
unerklrlicher Besorgnis. Schlielich wollten ihm die boves hengismosiani gar
nicht mehr aus dem Sinn. Und neben den ruhigen Pendelschlgen in dem alten
Uhrkasten - Bau! Bau! - wurde Herrn Someiners Unsicherheit in der Deutung
jenes delphischen Frstenwortes vom Verstand und vom Rechte immer qualvoller.
    Inzwischen dachte der edle Herr Peter Pienzenauer schon lange nicht mehr an
die siegelwidrigen Ochsen oder Kh. Er freute sich des schnen Pirschabends, der
da kommen wollte, ritt ohne Eile den Waldschlgen des Totenmannes zu und
berlie seinem Ro die Zgel zu behaglichem Schreiten.
    Um die gleiche Stunde mute ein andres Rlein rennen, schnaufen und
schwitzen. Als der Schimmel vor des Richtmanns Hagtor in der Ramsau mit
pumpenden Flanken stehenblieb, fielen handgroe Schaumflocken von ihm herunter.
    Ich mu gleich wieder davon, sagte der Runotter zu Heiner, fhr den
Schimmel umeinand, da er sich nit verkhlt. Er ging zum Haus und zog am Kra
die Schnallen auf. Vor der Schwelle drehte er das erhitzte Gesicht. Weit nit,
ist der Soldknecht noch im Leuthaus drben?
    Schon lang nimmer. Die Rauschigen sind all davongetorkelt. Und den Malimmes
hab ich lustig singen hren, weit ber die Stra hinaus.
    Ist er's gewesen? Wahrhaftig? Der Malimmes vom Taubensee?
    Wohl, Bauer!
    Runotter trat ins Haus. Gleich kam er wieder, des Eisens ledig, nur mit
einem festen Meser am Grtel. Kann sein, ich komm ber Nacht nit heim. Er zog
die Lederkappe in die Stirn, sprang auf den Schimmel hinauf und lie ihn am
Brunnen trinken.
    Im Trab die Strae hin gegen den Taubensee.
    Bei einem Haus, das neben der Strae auf einem kleinen Hgel stand, rief
Runotter: Hi! Ist der Albmeister daheim?
    Der wre beim Heuen, gleich da drben ber dem Bach.
    Die Ache machte mehr Lrm, als sie Wasser hatte. Leicht kam der Schimmel
hinber und kletterte ber die steilen Wiesen hinauf.
    Ein neunzigjhriger Bauer, drr und gebeugt, kahlkpfig und mit weien
Bartstoppeln, wendete das am Morgen gemhte Heu - Seppi Ruechsam, der Albmeister
der Ramsauer Gnotschaft. Sein Hausname kam wohl davon, da einer seiner
Vorfahren ein besonders Sparsamer gewesen war. Wie fr die Fhigkeiten des
Propstes sein frheres Amt als Kellermeister, so sprach fr den Seppi Ruechsam
die Tatsache, da er Albmeister war. Um Albmeister zu werden, mute man
zumindest siebzig Jahre hinter sich haben, mute das Vergangene wissen und mute
ein Makelloser, einer von den Besten der Gemeinde sein. Der Albmeister war halb
wie ein Heiliger, weil er den grnen Speisbrunnen und das wertvollste
Lebensrecht des Bergdorfes htete.
    Ehe noch der Schimmel den Seppi Ruechsam erreichte, fragte Runotter schon:
Seppi? Du? Wie ist das mit dem Hngmoos? Seit wann ist der Kser droben? Seit
wann treibt man das Milchvieh hinauf?
    Langsam streckte sich der Greis. Das ist, seit die Salzburger den Propsten
Kunrad vertrieben und das Stift in Pfand genommen haben. Ist gewesen im
dreiundneunziger Jahr.
    Ist Melkvieh und Kser mit Rechten auf der Alb?
    Was denn sonst? Albmeister ist der Seppi Ruechsam. Der wird wohl wissen,
was recht ist. Fr den Greis in seiner steinernen Ruhe schien das ein
Zwiefaches zu sein: er als Mensch und er als Albmeister.
    Ist unser Recht verbrieft?
    Was denn sonst?
    Runotter atmete auf. Der Brief ist weisbar?
    Was denn sonst? Liegt bei mir in der Truchen, ist gut geschrieben ist
gewchsnet mit des Herrn Kunrad Frstenring.
    Der Richtmann verlangte nicht, den Brief zu sehen. Er wute: Der Albmeister
hat die Truhe mit den Rechtsbriefen, der ltestmann der Gnotschaft hat den
Schlssel, und Schlo und Schlssel drfen nur Hochzeit halten, wenn fnf
spruchbare Mnner der Gnotschaft als Zeugen dabei sind.
    Sie sagen im Amt, es war kein Brief nit da als blo der alte von den
Ochsen.
    Die sagen viel. Der Greis fing wieder zu heuen an.
    Und der Amtmann will die Milchkuh pfnden lassen, morgen.
    Seppi Ruechsam hob langsam das Gesicht. So? Er sprach dieses kleine Wort,
als htte ihm einer an schnem Tage gesagt, es regnet. Was tust da, Richtmann?
    Ich steh beim Recht. Und treib nit ab. Die Kh mssen bleiben.
    Was denn sonst?
    In der Nacht reit ich um und ruf die Leut fr morgen zum Taiding.
    Der Greis nickte. Ist hart, in der Heuzeit einen Tag verlieren. Aber mehr
als Heu ist die Kuh, mehr als die Kuh ist das Recht.
    Das Taiding ruf ich zu deinem Haus.
    Was denn sonst? Es geht ums Weidrecht. Der Seppi Ruechsam ist morgen
daheim, wo die Truchen steht. Aber Pfndleut hin oder her, einem Spieknecht
gibt der Seppi Ruechsam den gewchsneten Brief nit in die Hand. Recht liegt
fest. Das tut man nit umtragen wie den Bettelsack. Vor guter Zeugschaft mu der
Amtmann zum Seppi Ruechsam seiner Truchen kommen. Und kommt er nit, und sie
pfnden? Gut! Da mu der Frst die Kh futtern und die Milch vergten. Derweil
kriegen wir auf der Alb mehr Gras, wenn minder gefressen wird. Ist ein Nutzen.
Den Schaden mu das Stift gutmachen. Tt der Frst fr seines Amtmanns Unrecht
nit aufkommen, so geht man zum deutschen Knig. Dafr ist der Knig da. Wozu
denn sonst? Und den Weg zum deutschen Knig wei der Seppi Ruechsam. Sonst tt
er nit Albmeister sein. Was denn sonst? Jetzt tummel dich, Mensch! Und reit!
    Das war die lngste Rede, die man vom Seppi Ruechsam seit vielen Jahrzehnten
gehrt hatte. Er sollte in seinem Leben keine so lange mehr halten.
    Der Richtmann berquerte die Ache wieder, und sein unermdlicher Schimmel,
dessen Heubauch schlank geworden, jagte zum Taubensee.
    Die Sonne bekam schon goldene Glut, und alle Farben der Erde und des Himmels
vertieften sich zu sanftem Glanz.
    Im Wiesgarten am Taubensee schleppten Mareiner und sein Weib das fein
geratene Heu in groen Tchern zur Scheune. Die Buerin, als sie den Reiter sah,
bekam gleich wieder einen Schreck; ein Herr war der Runotter freilich nicht,
aber der Richtmann war er.
    Du, Mareiner, rief der Ramsauer und sprang vom Gaul, ist's wahr, da dein
Bruder Malimmes gekommen ist?
    Wohl! Das konnte der Bauer ruhig sagen. Seine dreiundachtzig und ein halb
Pfund Pfennig waren in Sicherheit; und Malimmes tat, als mchte er geben wie ein
Christ, nicht nehmen wie ein Hofmann. Vor der Haustr hockt er bei der Mutter.
    Mein Gaul ist hei gelaufen. Magst ihn ein ltzel fhren, derweil ich mit
deinem Bruder red?
    Gib her!
    Runotter ging zum Haus. Er dachte zwei Menschen in Freude zu finden und fand
zwei Leute, von denen sich keins ums andre zu kmmern schien. Wohl saen sie
nebeneinander, die alte Frau im Sessel und Malimmes auf dem Boden, ohne Wams und
mit nackten Fen, recht wie einer, der daheim ist; doch er hielt die Arme um
die aufgezogenen Knie geschlungen und guckte verdrossen vor sich hin; die groe
Narbe brannte wie Feuer.
    Er war nicht wehleidig. Aber wie die Mutter seine Heimkehr nahm, das war
doch wunderlich. Eine kurze Freude, wie beim Besuch einer Nachbarin, die man
lange nicht gesehen. Und nun saen die beiden so nebeneinander, schon den ganzen
Nachmittag. Wenn Malimmes erzhlen wollte, hrte die Mutter nicht zu und guckte
zum Himmel hinauf; und wenn er stumm wurde, redete sie vom andern, immer vom
andern. Jetzt wieder. Und pltzlich fragte sie: Malimmes, bist du noch da?
    Noch allweil, ja!
    Wie lang, sagst, hast du laufen mssen bis zu deiner Mutter?
    Sieben Tg.
    Ein weiter Weg. Und der ander steht am Zunl. Steht am Zunl. Und geht nit
herein zu mir.
    Das hast du mir schon gesagt, Mutter! Oft schon. Magst nit ein ltzel mit
mir reden?
    Steht am Zunl und geht nit herein zu mir.
    Malimmes sah den Richtmann kommen, streckte sich, stand auf und ging ihm
lautlos durch das Gras entgegen. Bist du nit der Runotter?
    Freut mich, da du mich noch kennen magst. Erschrocken sah Runotter die
brennende Narbe an.
    Kommst du zu mir?
    Wohl! Hab gehrt, du wrst wieder da.
    Gelt! So wirft das Leben die Leut umeinand, man wei nit, warum. Das klang
ein bichen katzenjmmerlich. Und doch war an Malimmes keine Spur von
Trunkenheit. Er sah ber die Schulter zu der alten Frau hinber. Dann zwang er
sich zu heiterem Ton. Ja, weit, in Nremberg hat's mir nimmer gefallen, seit
man um der Franzosen willen die Badstuben geschlossen hat. Ich hab allweil ein
ltzel auf Sauberkeit gehalten. Wie kleiner ein Grtl ist, um so feiner mu
man's hegen.
    Der Richtmann schien nicht zu verstehen. Franzosen? Im Reich? Ist Krieg?
    Jetzt konnte Malimmes lachen. Ein harter, ja! Aber Gott sei Dank, von der
Ramsau mssen die blauen Marodier noch weit sein! - Jetzt red, Richtmann! Ich
sehe doch, du willst was.
    Bleibst lang daheim?
    Wieder sah Malimmes ber die Schulter. Glaub nit. Was tu ich denn da? Man
ist der Niemand. Der Schlechter ist allweil der Besser! - Und was tu ich draut
in der Welt? Nit wissen, wo man daheim ist. Pfui Teufel!
    Hast keinen Herren? fragte der Richtmann rasch.
    Malimmes schttelte den Kopf.
    Dem Runotter scho die Freude hei ins Gesicht. Ich tt dir was wissen.
Aber du wirst nit mgen.
    Schie los! Der Soldknecht lachte. La den Bolzen fahren! Gut oder
schlecht geschossen, ein Pltzl trifft er allweil.
    Mein Bub mt im Winter zur Holdenwehr. Dienen kann er nit, weil er
bresthaft ist.
    Der Sldner nickte.
    Das weit? - Weit auch warum?
    Wieder nickte Malimmes. Selbigsmal bin ich doch fort. Hab flchten mssen,
weil ich ber den Hartneid Aschacher geschumpfen hab.
    Jh streckte Runotter die Hand.
    Malimmes nahm sie nicht. La gut sein! Deinetwegen hab ich nit geschumpfen.
Ich hab geschumpfen, weil mir gegraust hat. - Also? Was willst?
    Zgernd sagte der Richtmann: Fr meinen bresthaften Buben, da er das
Erbrecht nit verliert, such ich einen Stellmann zur Holdenwehr.
    Jetzt verstand Malimmes und brach in heiteres Gelchter aus, wie ber einen
guten Spa. Jija, Bauer! Bist voll und toll? Wer heut mit mir gesoffen hat,
das wei ich nimmer. Aber du bist doch nit dabei gewesen?
    Spotten brauchst nit! Runotter war bleich geworden. Hab mir eh schon
gedacht, du wirst nit mgen.
    Im Klang dieser Worte war ein so schwerer Kummer, da Malimmes sein Lachen
sein lie und verwundert aufsah.
    Gottes Gru! Der Richtmann wollte gehen.
    Da fate ihn Malimmes flink am Arm. Du! Ein langes Schweigen. Wenn ich um
Allerheiligen noch leb und frei bin, meiner Seel, ich tu's.
    Mit jagenden Worten sagte Runotter: Wenn du mchtest, Mensch, ich tt dir
Sold geben von heut an. Verlang, was du magst. Hab ich so viel, so geb ich's.
    Nun mute Malimmes wieder lachen. Da ttest ja du mein Herr sein bis zum
Winter! Immer heiterer wurde er. Dem Knig hab ich gesoldet, einem Kurfrsten,
einem Herzog, einem Bischof, einer schnen Frau, einem Heckenreiter und einer
Stadt. Noch nie einem Bauren! Jija, schau, da htt ich ja gar was Neues im
Leben!
    Red nit so! sagte Runotter unwillig. Mir ist das kein lustig Ding.
    Aber mir! Eines Bauren Soldmann? Ist was Neues! Freilich, die Bauren fhren
allweil Krieg, eines Sauren Kriegsmann sein, ist gefhrlich. Knnt sein, da
geht's mir flink an das kitzlige Zpfl. Aber wissen mcht ich, wie das ist,
wieder einmal was Neues haben. Lustig klatschte Malimmes die Hand auf seinen
Schenkel. Einmal im Clevischen, da hat mich auch ein Gusto gekitzelt. Hab
gemeint: Um des Wissens wegen mu man alles verkosten. Da htten sie mich schier
gehenkt. Ein Blitz hat einschlagen mssen, da ich vom Baum wieder ledig worden
bin.
    Der Richtmann sagte hart: La dein narrisches Reden sein, das ich nit
versteh. Tust mich foppen? Oder ist es dein Ernst?
    Die Hand her! So schlag ich ein!
    Die beiden Fuste umklammerten sich. Malimmes lachte, Runotter blieb ernst,
doch die steinerne Hrte seines Gesichtes milderte sich. Was verlangst?
    Ich schtz dich nit minder ein als wie die Nremberger: doppelt Gewand, fr
Sommer und Winter, Wehr und Eisen nach Not, Trank und Speis nach Landsbrauch, im
Frieden Stub und Bett, bei Krieg einen Polster im Zelt, zwanzig Pfund Pfennig
als Doppelsold, viermal im Jahr ein frummes Weibl und nach jeder gewonnenen
Schlacht das Raubrecht.
    Im Gesicht des Richtmanns zeigte sich ein leiser Zug von Heiterkeit. Sollst
alles haben. Blo die frummen Weiblein, die mut dir selber suchen -
    Eins wei ich mir schon, nit weit von deiner Burg.
    - und meine Schlachten verlier ich. Da wirst kein Raubrecht haben.
    Ist auch nit schlecht. Fasten und arm sein knnen, ist eines Kriegsmanns
beste Kunst.
    Gilt's, Malimmes?
    Topp!
    Topp!
    Runotter wollte gleich zu seinem Gaul. Aber Malimmes fate ihn am Grtel.
Halt, Herr, jetzt mu ich Treu schwren!
    Geh, Mensch, la die Fasnachtspossen!
    Das mu sein! sagte Malimmes ernst. Er stellte die Beine breit, legte die
Linke auf seinen hageren Brustkasten, hob die Rechte mit gespreizten Fingern und
sagte, wie ein Frommer sein Gebet spricht:

Meinem Herren tu ich den Eid,
Will ihn schtzen und ehren allzeit
In Fried und Gefecht.
Treu deinem Recht,
Bin ich dein Knecht,
Mit Herz, Haut, Fleisch, Blut und Sinn
Hast mich, wie ich bin.
Und tt ich nit, wie du befohlen,
Soll mich der Teufel holen!

    Freundlich sagte der Richtmann: Bist noch allweil der gleiche
Narrenschppel, der du als Bub, gewesen. Er wollte gehen.
    Halt, Herr! Jetzt mu ich das Knie beugen.
    Geh, la doch! So was mag ich nit.
    Herr, das mu sein!
    Sag doch nit allweil Herr zu mir! Ich bin keiner.
    Der meinig bist! Malimmes beugte auf hfische Weise das Knie. Meinem
Herren zur schuldigen Ehr! Als er aufstand, streckte er dem Runotter die Hand
hin. Es war etwas Warmes und Schnes in der Art, wie er sagte: Sei mir ein
guter Herr, so bin ich ein guter Knecht, bei Tag und Nacht, in Glck und Elend.
    Auf mich ist Verla, Malimmes!
    Auf mich nit minder! Der Soldknecht lachte. Also, morgen mit der Sonne
steh ich ein bei dir. Mit wem hast Fehd? Heut vor Nacht, da schleif ich noch
meinen Bidenhnder. Da knnen wir morgen gleich losschlagen.
    Fast ein bichen schmunzelnd machte der Richtmann eine abwehrende Bewegung
mit der Hand. Da wirst dich nit tummeln brauchen.
    Wie brennendes Blut lag der rote Schimmer des Abends ber allen Dingen der
Erde.
    Als Runotter schon gehen wollte, sah er zum Haus hinber und sagte leis:
Von mir aus hast Urlaub bis zum Winter. Deiner Mutter knnt's unrecht sein, da
du gehst.
    Jede Spur von Heiterkeit erlosch in den Augen des Malimmes. Die hat nit
gemerkt, da ich kommen bin. Wird nit merken, da ich geh. Sieben Tg lang bin
ich gelaufen in einem Saus von Nremberg bis zum Taubensee. Allweil ein Freud
vor mir. Jetzt bin ich da. Wo ist die Freud? Er sah dem andern in die Augen.
Runotter! Wie von Nremberg zum Taubensee, so ist der Weg von der Wiegen bis
zur Grub. Seine Brust hob sich. Auf morgen! Ich komm. Und hast nit
Kriegsmannsarbeit fr mich, so la mich die Su hten. Sind liebe Viecher.
    Herzlich sagte der Richtmann: Bei mir sollst es gut haben! Du und ich, pa
auf, das gibt zwei feste Kameraden.
    Sie gingen voneinander, Runotter zu seinem Gaul, Malimmes hinber zum Haus.
    Neben der Mutter blieb er stehen und strich ihr mit zrtlicher Hand ber den
weien Scheitel.
    Sie schob seine Tatze fort.
    Steht am Zunl. Und geht nit herein zu mir!
    Malimmes blieb noch immer bei ihr stehen und wartete. Dann streckte er die
langen Glieder und trat ins Haus.
    Durch den glhenden Abend trabte der Schimmel gegen das enge Waldtal hinauf.
Den Weg zum Hngmoos kannte er gut. Im Walde fing es schon zu dunkeln an. Der
Schimmel fand sich zurecht, ohne da sein Reiter ihn lenken mute.
    Es war im Richtmann eine Ruhe, ber die er sich selber wunderte. Aber war
denn nicht die angedrohte Pfndung eine Narretei geworden, jetzt, seit er wute,
da der gewchsnete Rechtsbrief in der Truhe des Seppi Ruechsam lag? Oder kam
diese Ruhe aus seiner Vaterfreude? Weil er seine Kinder sehen sollte? Oder war
diese Ruhe in seinem Herzen seit dem Handschlag des Malimmes? Wird das Leben ein
besser Ding in der Stunde, in der man einen Menschen findet, aus dessen heiteren
Augen die Treue redet?
    Im steilen Walde stieg Runotter ab, damit dem Schimmel das Klettern leichter
wrde. Als die beiden das dunkle Almfeld erreichten, nahm der Richtmann dem Gaul
das Zaumstricklein und den Gurt herunter und lie ihn laufen. Der Schimmel
wlzte sich gleich in der nchsten Schlammwanne des Bruchbodens.
    Guck, wie gescheit! Der zieht ein warmes Jckl an, da er sich nit
verkhlt.
    Raschen Ganges schritt Runotter ber die Alm hinauf. Es war schon finster.
In der Hhe und im stahlblauen Osten glnzten die groen Sterne. Gegen den
Westen lag noch ein schwefelgelber Streif des versinkenden Lichts ber dem
Lattengebirge. Warm, wie aus einem Backofen, strich die Nachtluft ber das
Gehnge herunter. In den Smpfen des Bruchbodens sangen mit viel hundert Stimmen
die Frsche. Diese Stimmen, von denen eine wie die andre klang, schwammen zu
einem gleichmig flutenden Rhythmus ineinander. Ein endloses Lied mit einem
einzigen Wort: Wogwogwogwogwog ... Fast klang es, als htte die Erde irgendwo
- in der Nhe oder fern? - eine verborgene Kehle, durch die eine geheimnisvolle
Stimme der Tiefe heraufsang.
    Dazu noch, weit in der Finsternis drauen, das Rauschen eines Baches. Und
hier und dort, ganz leise, tnte zuweilen eine Almschelle. Die Rinder ruhten
schon. Doch pltzlich kam etwas heftig Rasselndes durch die Dunkelheit heran,
sehr schnell, dumpf schnaubend, eine finstere Tiergestalt mit plumpem Kopf: ein
vierjhriges chslein, das seinen Heimherrn gewittert hatte. Sah wie ein Schreck
der Finsternis aus - und war tierische Zrtlichkeit. Der Atem des Rindes ging
dem Richtmann hei und wohlriechend gegen die Wange, gegen die Hand.
    Dunnerli, bist du's?
    Ruhig ging das chslein neben dem Bauer her bis auf einen Steinwurf vor der
Htte, aus deren Tr ein matter Rotschein herausgloste.
    Im Dunkel eine leise, froh erschrockene Stimme: Vater?
    Wohl, Kindl!
    Jula, die neben der Tr auf der Httenbank gesessen, gab dem Vater die Hand.
Wird der Bub sich freuen! Ihre Knabenstimme war wie ein linder Fltenton in
der Nacht.
    Wo ist er?
    Schlafen tut er schon. Der wird Augen machen, wenn du ihn weckst.
    Runotter schwieg. Nach einer Weile schttelte er den Kopf. Soll er lieber
schlafen. Der Schlaf ist das best. Da ist der Mensch dem Himmel nher und weit
von der Welt.
    Die Hirtin nickte. Ist schon wahr. Besser, der Jakob schlaft. Das tut ihm
gut. Heut schon gar. Er mu sich ein ltzel gergert haben. Sie meinte den
Auftritt mit Marimpfel; aber davon mochte sie dem Vater nichts erzhlen. Du
weit, nach einem rger tut er sich allweil mit dem Schnaufen hart. Zum Abend
ist's wieder besser gewesen. Gut, da er schlaft.
    Freilich, ja! Runotter tat einen schweren Atemzug. Da du noch nit zur
Ruh bist?
    Zum Abend sitz ich allweil so und schau hinaus. Und die Frsch, die mag ich
leiden.
    Runotter streifte die Schuh von den Fen. Lautlos, mit nackten Sohlen, trat
er in den Kser und ging zum Heukreister hin, der in der Ecke war. Von der
Kohlenglut des Herdes strahlte ein rotes Zwielicht aus. Und unter diesem roten
Schimmer lag in der breiten, mit Heu gefllten Schlaftruhe ein Huflein mhsam
atmenden Lebens. Eine graue Wolldecke verhllte den winzig zusammengehuschelten,
bresthaften Krper. Das schwarze Haar hing wuschelig in die bleiche Stirn; in
den Runzeln des schmalen Gesichtes war ein ruheloses Zucken. Und dennoch gab der
Schlaf diesem hlichen Bild einen Hauch von wohligem Frieden.
    Runotter streckte die Hand nach der wollenen Decke, ohne sie anzurhren. Und
wie jedesmal, wenn er seinen Buben mit geschlossenen Augen sah, so jagte dem
Richtmann auch jetzt eine Reihe von Bildern durch das Gehirn.
    Er sah sein junges Weib aus dem Tal des Windbaches heimkommen, an der Hand
das verstrte Dirnlein, das in einem erwrgten Schreikrampf immer schlucken
mute; alles Weie am Gewand des jungen Weibes hatte rote Flecken wie von Blut;
aber die kamen nur von den zerdrckten Erdbeeren; doch am Hals und auf der
kalkbleichen Wange hatte sie eine leichte Ritzwunde.
    Er sah sein Weib auf der Bank in der Stube sitzen, sah, wie sie zitterte an
Hnden und Knien, wie sie immer das Gesicht hin und her drehte, immer ihres
Mannes Augen vermied und stumm blieb auf alle Fragen. Immer stumm, solang der
Tag noch ein Brslein Licht hatte. Und erst in der Nacht, als sie im Dunkel der
Kammer an ihres Mannes Hals geklammert hing, da kam ihr die Sprache.
    Er sah sich im Mnster zu Berchtesgaden hinter einer Sule stehen, das
Messer im rmel verborgen; er sah die Stiftsherren beim Rauschen der Orgel zu
ihren Chorsthlen kommen, alle, alle - und nur ein einziger kam nicht und blieb
verschwunden: Hartneid Aschacher.
    Er sah einen grauen Wintermorgen und sah, wie ihm die schweigende Hebfrau
auf seine ausgestreckten Hnde hin ein verdrehtes, widersinnig verschobenes
Menschenkind legte, das die Augen nicht auftat, immer das schmerzhafte Mndchen
ffnete und doch nicht lallen wollte.
    Er sah -
    Da legte er langsam den Arm ber seine Augen.
    Lautlos trat er hinaus in die Nacht.
    Nun saen Vater und Tochter auf dem schmalen Bnklein, Schulter an Schulter,
immer schweigend.
    Dann fing Runotter ruhig zu reden an und erzhlte von dem Stellmann, den er
fr Jakob gefunden.
    Wieder schwiegen die zwei.
    Und immer leiser wurde das Lied der Frsche, immer weiter schien es
fortzurcken, immer ferner in die Nacht hinauszuschwimmen. Es wurde zuletzt wie
eine feine Stimme, die zrtlich herausflsterte aus dem Dunkel: Komm, komm,
komm, komm -
    Das hr ich gern! sagte Jula.
    Nun erzhlte Runotter von der Arbeit im Hof daheim. Aber arg still ist's im
Haus. Tt mir recht sein, wenn der erste Reif schon da war und du kmst mit dem
Jakob wieder heim! Beieinand sein ist allweil das best. Aber jetzt mu ich fort,
mu noch ein paar Weg machen in der Nacht. Er war aufgestanden und hatte Jula
schon die Hand gereicht. Und nun erst sprach er von dem anderen, von der
Narretei dieser Pfndung.
    Die Hirtin erschrak. Und in der Sorge um ihre Tiere, die sie liebhatte,
sprach sie zornige Worte.
    Der Vater schob die Fe in die Schuhe. Komm, geh ein ltzel weiter vom
Kser weg. Der Bub soll mich nit sehen, wenn er aufwacht. Der braucht's nit
wissen.
    Die beiden gingen langsam in die Nacht hinaus, Runotter mit Zaum und Gurt
ber dem Arm. Als der Vater stehenblieb, sagte Jula in Zorn: Das ist doch
unrecht, Vater!
    Mehr Unverstand und ein ltzel Irrtum, der sich weisen wird. Ich glaub eh,
sie lassen's gut sein. Aber kommen die Pfndleut; so mut dich nit aufregen. Ich
schick dir morgen in der Frh den Heiner herauf. Tat selber kommen, wenn ich nit
bei der Gnotschaft sein mt. Und zum Pa dahinten, gegen den Hallturm, leg ich
einen Buben als Lugaus. Merkt er die Pfndleut, so mu er heimspringen und unter
der Alben drei Juchzer tun, da du weit, sie kommen. Da geh mit dem Jakob vom
Kser weg, weit weg, bleib in den Stauden hocken und tu dich nit kmmern um die
ganze Sach. Der Heiner macht schon alles.
    Vater, das ist hart, da du mich wegschicken tust von meiner Herd!
    Blo wegen dem Buben, weit! In drei, vier Tag ist alles wieder gut. Leicht
morgen zum Abend schon. ber den Bruchboden bringen die Pfndleut so viel
schwere Kh nit hinber. Da mssen sie durch die Ramsau. Und beim Seppi Ruechsam
steht die Gnotschaft mit unserm Recht. Kann sein, ich bring die Kh vor Nacht
wieder her. Geht's anders, so tu ich Botschaft schicken. Da bleibt der Heiner
zum Ochsenhten, und du mit dem Buben kommst heim.
    Jula konnte nicht reden.
    Runotter tat auf den Fingern einen Pfiff. Ein Pochen wie von zwei schweren
Hmmern lie sich hren, und der Schimmel kam aus der Nacht herausgaloppiert.
Der Richtmann fhlte an den Gaul. So? Hast du dein warmes Jckl schon wieder
abgebeutelt? Er grtete und zumte den Schimmel.
    Da sagte Jula: Da die Leut so schlecht sein knnen!
    Wie's half geht!
    Mu das allweil so sein? Und ist das allweil so gewesen?
    Ein Strl zum Besseren gibt's berall, und gewesen ist's auch nit allweil
so. Meines Vaters Vater hat als junger Bursch noch leben drfen in der, seligen
Heinrichszeit.
    Beklommen fragte die Hirtin: Was fr eine Zeit ist das gewesen?
    Bald hundert Jahr ist's her, da hat im Land ein guter Frst regiert, Herr
Heinrich von Inzing. Von dem hat meines Vaters Vater als altes Mannderl oft
erzhlt, und wenn er geredet hat von ihm, sind die Leut herumgesessen,
muserlstill, und jedem ist ein Glanz in den Augen gewesen.
    Da htt ich leben mgen! sagte Jula leis.
    Ja, Kind, selbigsmal, sagen die alten Leut, da wr das Gadener Land wie ein
Paradeis gewesen. Und nit der Herrgott hat's gemacht. Ein Mensch! Da glaub ich
dran: Ein starker und guter Mensch macht tausend glckselige Leut und greift dem
Elend der Welt ins Karrenrad. Runotter sprang auf den Gaul. Der Schimmel hat
die besseren Augen. Da geht's flinker. Gut Nachts Kindl! Und morgen tust so, wie
ich's haben will. Gelt? Er fate die Hand, die Jula ihm hinaufbot. Gestern
noch die beste Ruh, und heut so eine Sorg! Mcht nur wissen, wer die Narretei da
aufgerhrt hat. Der Marimpfel kann's nit gewesen sein. Der ist doch heut schon
mit der Ladung kommen. Runotter sprte an Julas Hand eine Bewegung. Was hast?
    Sie schttelte den Kopf. Und schweigend stand sie in der Dunkelheit.
    Jetzt mu ich aber davon! Gut Nacht! Und tu am Kser die Tr fest riegeln.
    Jula blieb stehen.
    Den Vater sah sie schon nimmer. Nur auf dem Rasen hrte sie noch vier Hmmer
leise pochen. Manchmal klang's wie Eisen gegen einen Stein; und winzige Funken
sprhten auf.
    Langsam drehte Jula das Gesicht gegen den Bruchboden hinber, aus dessen
matter Wasserhelle die kleinen Moosbschel wie struwelige Koboldkpfe
herauslugten.
    Die Stille der Nacht.
    Auch die Frsche schliefen und sangen nimmer.
    Da klang in weiter Ferne ein Murren wie vom Donner eines nahenden Gewitters.
    Doch die Hhe war wolkenlos, die Sterne glnzten ruhig und schn.
    Herr Peter Pienzenauer war mit dem Rehbock heimgekommen ins Stift. Und da
hatten die Chorherren noch einmal die neue Kammerbchse im Hirschgraben gelst,
um den Pulverblitz in der Nacht zu sehen.

                                       5


Schon zeitig am Morgen fingen die Herren wieder zu schieen an. Siegwart von
Hundswieben, Gesicht und Hnde wie von Ru geschwrzt, glich einem Betrunkenen
in seiner Freude an diesem Gedonner und Rauchgewoge, das ber die Firste des
Stiftes emporwirbelte, als wre die klsterliche Sttte verwandelt in eine
kriegerische Brandstatt. Der bermut des jungen Hundswieben steckte die andern
Domizellaren, sogar die lterem Chorherren an. Nicht minder lustig waren die
neugierigen Leute, die sich auf der Strae um die Mauer des Hirschgrabens
drngten und das Zugucken nicht satt bekamen. Ein paar Furchte same rannten
freilich erschrocken davon, als der junge Hundswieben Belagerung spielen wollte
und die mit einer kinderkopfgroen Steinkugel geladene Kammerbchse gegen die
Straenmauer richtete. Ein banger Schrei der vielen Menschen, ein
Rckwrtsweichen und Auseinanderfluten. Dann lutete die Annasusanne - wie
Hundswieben sein bedenkliches Spielzeug getauft hatte - ein Pulverblitz, ein
Krach, eine kreisende Rauchwolke, ein Gekoller von Steinbrocken, und mitten in
dem alten grauen Gemuer konnte man pltzlich ein rundes Auge des blauen Himmels
gewahren. Wie durch ein Wunder war der gefhrliche Scherz ohne bse Folgen
abgelaufen. Und als die Leute das merkten, fingen sie gleich wieder vergngt zu
schwatzen an. Ein Kreischen wie beim Schembartlaufen erhob sich, als Hundswieben
und die andern Domizellaren die Bresche unter frhlichem Kriegsgeschrei
erstrmten, in den Schwrm des Volkes eindrangen und zwei junge hbsche Mdchen
haschten, die sie als Siegesbeute mit sich herunterrissen in den Graben. Die
eine, die immer lachen mute und dennoch Zetermordio schrie, wurde rittlings auf
das heie Bchsenrohr gesetzt. Dabei lud man die Annasusanne wieder. Auf der
Strae gab's ein johlendes Gebrll, als die langgestielte Rohrbrste so hurtig
ein und aus fuhr. Ganz nrrisch lachten die Leute, als die Herren den
Pulverdampf eines blinden Schusses dem andern Mdel unter das aufgehobene
Rcklein fahren lieen. Dem entsetzten Opfer dieses Scherzes pfurrten die dicken
Rauchfden aus Hemdrmeln und Kittelschlitz heraus.
    Ein paar von den Leuten gingen freilich mit zornrotem Gesicht davon. Immer
gibt es Dummkpfe, die keinen Spa verstehen. Wenigstens war der junge
Hundswieben dieser Meinung.
    Neben dem Scherz und bermut der Herren schien in dieser knallenden
Pulverstunde auch eine ernste Sache zu spielen. Lampert Someiner tauchte mit
verstrtem Gesicht aus dem Hof des Stiftes heraus. Er lief, da ihm die Menschen
auf der Strae verwundert nachsahen. In den Flur des elterlichen Hauses
strmend, schrie er den Namen des Stallknechtes. Und weil sich der Knecht nicht
sehen lie, sprang Lampert selbst in den Stall und sattelte in Hast den Moorle.
    Fr einen Ritt war Lampert nicht gekleidet. Er kam von einer Reverenzvisite
bei seinem frstlichen Herrn und trug ein kostbares Hofkleid, mit einem
zierlichen Dolch am Grtel. Von seiner Mardermtze hing rckwrts eine
goldfarbene Seidenschrpe herunter und schwang sich unter dem linken Arme bis
zur Brust.
    Mit diesem feinen Kleide stapfte Lampert aufgeregt im Dnger des Stalles
umher. Er fluchte, als der Pongauer beim Zumen nicht gleich die Zhne
auseinandertat. Schon im Hofe schwang sich Lampert auf den Gaul hinauf und lie
ihn ber das Holzpflaster des Flures hinauspoltern auf die Strae.
    Die Tr der Amtsstube wurde aufgerissen, und Herr Someiner erschien, mit dem
Gnsefhnlein hinter dem Ohr. Was soll denn das, Bub? Was willst du?
    Lampert war schon drauen im Licht, und nur der lange, buschige Schweif des
Moorle wehte dem Amtmann noch eine unverstndliche Antwort zu.
    Jagende Schritte, ein stammelnder Laut. Und aus dem dunklen Treppenschachte
fuhr die weie Frau Marianne heraus. Ruppert! Das ist doch der Bub gewesen?
    
    Mir scheint -
    Die beiden rannten auf die Strae hinaus. Dem Amtmann stieg das Blut zu
Kopf, und ein deutliches Unbehagen redete aus seinen verdutzten Augen. Frau
Marianne rief mit schriller Stimme: Lampert! Lampert! Aber der Reiter, der den
Moorle trotz des lcherigen Pflasters zum Jagen zwang, verschwand schon um die
Wende der Marktgasse. Lampert! klang noch ein drittes. Mal der schrille,
angstvolle Ruf.
    Ein Gewirr von Stimmen quoll vom Hirschgraben her. Die fleiige Annasusanne
brllte wieder, und whrend das Echo des Schusses ber die in Sonne flimmernden
Berge hinrollte, grub sich in das Herz der Frau Marianne eine bange Muttersorge,
von der sie durch fnfzehn Monate nimmer erlst werden sollte.
    Auf den Moorle, der an den letzten Husern von Berchtesgaden schon vorbei
war, hatte das Gebrll der Kammerbchse wie ein Peitschenschlag gewirkt. Der
Rappe hmmerte mit den Hufen, da eine wehende Staubwolke um ihn herum war. Ro
und Reiter wurden grau. Nur die wehende Schrpe behielt noch ihre Farbe und war
hinter dem Reiter vom Luftzug des jagenden Rittes zu einem Halbreif ausgebogen,
wie der goldene Henkel hinter einem silbernen Krug.
    Dann schlug auf der hochliegenden Strae der Wind um und wehte den
aufgewirbelten Staub vor dem jagenden Rosse her. Lampert, ganz eingehllt in
dieses dampfende Grau, sah nimmer auf zehn Schotte weit. Ein Hornruf, den er
pltzlich hrte, verriet ihm, wie weit er in der Stunde dieses hetzenden Rittes
schon gekommen: bis zum Burgstall am Gwhr, einem Innenwerke der Befestigungen,
mit denen der Hallturm die Berchtesgadnische Grenze gegen Reichenhall und das
Landshutische Bayern schtzte.
    Den Pongauer parierend, schttelte Lampen den Staub vom Gesicht und streifte
ihn von den Augenlidern. Und als die graue Wolke davondampfte, stieg aus ihrem
Schleier ein wundervolles Bild heraus. Keine Burg. Nur eine Mauthalle, ein
kleiner Turm und ein schlechtes Haus hinter grob geschichtetem Gemuer. Aber die
Sonne vergoldete das alles, und hinter dem leuchtenden Schllein glnzte der
Sammet hundertjhriger Wlder und die trumende Ferne der ins Blau gehobenen
Berge.
    Ein paar Sldner, deren Waffen in der Sonne blitzten, guckten aus den
Scharten des Turmes herunter und erkannten den jungen Someiner.
    Er schrie hinauf: Sind acht von den unseren da vorbeigekommen?
    Wohl, Herr, die sind ber den Saurssel aufgestiegen, ein Stndl mag's her
sein.
    Die mu ich einholen!
    Noch eine kleine Strecke ging der Ritt auf der Strae hin. Nun klomm der
Rappe ber das steile Gehng einer Wiesenschlucht hinunter und drben wieder
hinauf, er keuchte, immer steiler ging es bergan, auf groben Wegen, durch
Bachschluchten und dichten Hochwald. Auf einer ebenen Hhe mute Lambert den
Gaul rasten lassen. Und der Reiter, dessen Blicke immer suchten, sah hoch drohen
ber dem Bergwald die acht Pfndleute auf steiler Windbruchflche hinaufklettern
gegen den Hngmooser Pa, zwei, die ihre Rosse fhrten, zwei unberittene
Spieknechte und vier Trobuben.
    Lampert tat einen Schrei, der ihm die Stimme zerri.
    Die acht da droben hrten nicht, der Lrm ihres Marsches ber das drre
Astwerk erstickte jeden Laut der Tiefe. Sie stiegen hher und hoher. Jetzt kamen
sie zu dem grasigen Paweg.
    Die beiden Reiter konnten wieder aufsitzen, und so zogen die acht in den von
Sonnenlichtern durchfunkelten Wald hinein.
    Marimpfel, der die Wege seiner Heimat kannte, ritt voraus. Pltzlich
verhielt er den Gaul, hob sich im Sattel und sphte in den Wald. Rannte da nicht
ein Bauernbub?
    Halt! brllte Marimpfel.
    Doch der Bub hetzte durch den Wald hinunter gegen die Hngmooser Schlucht
und suchte Wege, wo kein Reiter ihm folgen konnte. Jetzt sah er einen grnen
Fleck der Alm. Wie ein blinkender Erzwrfel lag die Htte in der Mittagssonne.
Taumelnd klammerte sich der Bub an einen Baum und schickte einen gellenden
Schrei zur Htte hinauf - und wieder einen - wieder einen. Dann rannte er in die
Schlucht hinunter, dem Taubenseer Karrenweg entgegen. Von den Gratwnden kam ein
vielfaches Echo der gellenden Schreie. Es klang, als sen rings um die Alm
herum die Hterbuben dutzendweise, und als kreischte jeder von ihnen einen
Jauchzer in die schne, friedliche Sonne.
    Jula stand vor der Htte. Noch immer war sie des Glaubens gewesen: Die
Pfndleute kommen nicht, das ist Unrecht, und das drfen sie nicht tun!
    Nun hrte sie den Buben schreien. Und wie Trauer war es in ihrem Blick, als
sie hinuntersphte gegen den Wald und dann hinbersah zu dem von Sonne
glitzernden Sumpfgewsser und zu der kleinen, grnschopfigen Insel, von der sie
einen Sattel auf sicheren Boden getragen hatte.
    Komm, sagte sie zum Jungknecht Heiner, den ihr der Vater am Morgen
heraufgeschickt hatte, wir treiben die Kh zum Kser her, da sich das Unrecht
nimmer plagen mu. Sie zog die Schuhe an und knpfte mit zitternden Hnden die
Riemen.
    Heiner fluchte und schalt. In seinem Zorn wider die Herren schlug er mit dem
Stecken auch auf die Khe los.
    Tu nit so grob! Das Vieh kann nit dafr, da die Menschenleut nit anders
sind.
    Jetzt waren die siebzehn Khe bei der Htte und brllten, weil sie die
wunderliche Sache nicht verstanden. Heiner mute springen, wehren und treiben,
um die Tiere beisammen zu halten.
    Den Bruder hatte Jula schon frh am Vormittag hinbergeschickt zur Leite,
auf der die zwiesmmerigen Kalben weideten. Zwischen der Leite und dem Kser lag
ein Waldstreif von Erlen, Birken und hohen Krppelfhren. Wer hinter diesen
Stauden sa, konnte nimmer sehen, was bei der Htte geschah. Drum war's ein
guter Platz fr den Jakob. Und sein totes Ohr, das noch nie einen Laut der Liebe
vernommen hatte, konnte auch nicht die Stimmen des Unrechts hren, das da
geschehen sollte.
    In der Htte schlang Jula einen Riemen um die kleine Kupferschssel, die
neben dem Herdfeuer stand und das Mahl fr den Bruder enthielt. Brot und Lffel
gab sie in die Schrze, die sie am Bund ihres Rockes aufsteckte. Mit dem
Eisenzagel schob sie auf dem Herd die halbverbrannten Scheite auseinander, die
noch ein bichen flackerten, und bedeckte die glhenden Strnke mit Asche.
Solang es den Herren nicht gefiel, durfte von Stund an auf diesem siegelwidrigen
Herde kein Feuer mehr brennen.
    Jula trat in die Sonne hinaus, um dem Jakob sein Mahl hinberzutragen auf
die Leite. So hatte sie sich's am Morgen ausgedacht, damit der Bruder nicht
merken sollte, da etwas geschah, was wider die Ordnung war.
    Jetzt tu Verstand haben! sagte sie zu Heiner, dem das Gesicht von Zorn und
Plage brannte. Und mach alles in Ruh, wie's der Vater haben will. In Sorge
warf sie einen Blick ber die kleine, zusammengetriebene Herde der siebzehn Khe
hin, die sich unter Gebrll und Schellengerassel aneinanderdrngten. Julas Augen
wurden feucht. Wortlos ging sie davon.
    Heiner mute springen, um die Tiere beisammen zu halten, die der Hirtin
folgen wollten. Immer lauter wurde das Gebrll, immer schriller das
Schellengerassel.
    Als Jula droben bei den Birken war und das Gesicht wandte, sah der Schwrm
der Khe wie ein plumper, bunter Kfer aus, der immer schwirrte und doch nicht
fliegen konnte. Und weit da drben, aus dem Pawalde hinter dem Bruchboden, kam
etwas Langsames herausgekrochen wie ein kribbelndes Spielzeug. Zehn winzige
Figrchen. Und manchmal ging von ihnen ein kurzes und feines Blitzen aus wie von
einem unruhigen Spiegel, den die Sonne traf. Die acht Mnner mit den beiden
Pferden umgingen den Bruchboden nach aufwrts. Bei ihnen mute einer sein, der
auf dem Hngmoos die sicheren Wege kannte.
    Jula, mit zusammengezogenen Brauen, sphte gegen den Wald hinber. Sie sah,
das waren Spieknechte und Buben. Der andre war nicht dabei - jener, von dem es
hart zu glauben war, da er die Narretei dieser Pfndung aufgefhrt htte.
    Die Hirtin wandte sich und folgte einem Viehsteig, der das Gestrpp
durchquerte. Sie kam zur Leite, einem steilen, saftig bewachsenen Grashang, auf
dem die Kalben weideten.
    Jakob sa im Schatten einer Birke und schnitzte an der fliegenden Schwalbe,
die nur weniger Schnitte noch bedurfte, um sich mit gehobenen Schwingen aus dem
Holze zu lsen. Er war in seine Arbeit so vertieft, da er die Schwester erst
gewahrte, als sie neben ihm stand. Seine Augen glnzten, und seine Hnde
redeten.
    Whrend er das Mahl verzehrte, lag Jula neben der Birke, als wre sie md
und mchte schlafen. Jakob sollte nicht sehen, was in ihrem Gesichte war. Sie
hielt die Augen geschlossen und blieb unbeweglich, whrend sie unter dem
Gehmmer ihres Herzens dem Lrm und den Stimmen lauschte, die von der
Ksersttte heraufklangen: Schellengerassel und Gebrll, das Geschrei der
Gadnischen Hofleute und einmal die zornig kreischende Stimme des Heiner. Dann
hrte Jula, was sie nicht verstand, ein leises Gekicher wie von vielen Mdchen,
dann einen dumpfen Krach.
    Als da drunten die Knechte zur Erweisung des Herrenrechtes den Firstbalken
des Ksers aus den Fugen hoben, fielen die Schindeln zu Hunderten in den
Httenraum, auf die Bretter der Schlaftruhe, ber die Bank hin und auf den Herd,
unter dessen Asche noch die Kohlen glommen. Das Geklapper dieser fallenden
Schindeln hatte geklungen wie lustiges Gelchter. Und weil die Knechte den
schweren Balken nicht ber das Dach hinausschwingen konnten, verschoben sie ihn
nur und lieen ihn hinunterplumpsen in den Httenraum; er schlug die Querbalken
entzwei, warf ihre Trmmer gegen den kupfernen Kessel, auf den Herd - und das
klang beinahe, als htte Siegwart von Hundswieben wieder Krieg gespielt mit der
Annasusanne, deren Widerhall seit dem Morgen immerzu wie das Schnarchen eines
fernen Riesen in den Lften war.
    Jula sann noch immer, woher dieser schwere Krach und dieses hlzerne
Gelchter kme. Da hrte sie neben sich einen lallenden Laut, der wie kindliche
Freude war. Sich aufrichtend, sah Jula den Bruder an. Jakobs Augen glnzten,
whrend er der Schwester auf flacher Hand die aus dem Holz geschnittene Schwalbe
hinhielt. Wohl glich dieser Vogel mehr einem wunderlichen Mittelding zwischen
einem dicken Entenkchlein und einer Maus mit flgelgroen Ohren. Doch fr den
Jakob war's eine Schwalbe, die fliegen konnte. Und whrend er immer wieder die
Hand mit dem kleinen Schnitzwerk gegen die Sonne schwang, war so viel Freude in
seinem hlichen Runzelgesicht, so viel Glck in seinen Augen, da auch Jula
alle Sorge dieser Stunde verga.
    Pltzlich entstellte sich ihr Gesicht. Sie sah, whrend die Stimmen da
drunten durcheinanderkreischten, einen dicken Rauch hinter dem Waldstreifen
emporsteigen ins Blau. Erschrocken sprang sie auf und sagte mit den Hnden:
Bleib! Gleich komm ich, wieder! Langsam ging sie bis zu den Stauden hinber.
Als sie gedeckt war, fing sie zu springen an und schlug die Zweige aus ihrem
Weg. Am Saum des Gehlzes blieb sie stehen, von Schreck gelhmt. Wo ihre Htte
gestanden, sah sie einen schwarzen Klumpen mit gelbglhendem Sparrenwerk, aus
dem die Flammen wie hundert rotblaue Nattern in die Sonne zngelten. Und die
Khe, in vier Reihen zu vieren aneinandergekoppelt, liefen mit Schellengerassel
gegen den Wald hinunter, von den Trobuben fortgezerrt, von einem Spieknecht
und einem Reiter getrieben. Viele Ochsen standen um die brennende Htte her und
brllten. Und eine von den Khen, die sich losgerissen hatte, keuchte gegen das
Gehlz herauf. Ein Spieknecht rannte ihr nach, und ein Reiter schwang dem Tier
eine Strickschlinge um die Hrner und warf es zu Boden. Die Kuh berschlug sich
und kollerte ein Stck des Hanges hinunter. Diese plumpe, zappelnde Walze war so
komisch anzusehen, da die Spieknechte lachen muten.
    Jula, aus ihrer Lhmung erwachend, schrie mit gellender Stimme: Heiner -
Heiner - Heiner -
    Der Knecht gab keine Antwort. Aber Marimpfel, der noch immer die gefangene
Kuh am Stricke hielt, guckte auf, schmunzelte wie bei einem lustigen Einfall,
sprang aus dem Sattel und sagte zu seinem Gesellen: Heb die Kuh und den Gaul
ein ltzel! Er machte flinke Sprnge gegen das Gehlz, und bei jedem Sprunge
rasselte sein Eisenzeug.
    Als Jula ihn kommen sah, umklammerte sie einen drren Ast, der auf der Erde
lag, und wich in das Gehlz zurck. Lustig, mit Lauten, wie man die jungen Gnse
lockt, sprang Marimpfel der Hirtin nach.
    Da klang, weit ber den Bruchboden her, der heisere, kaum vernehmliche
Schrei einer Mnnerstimme. Ein grauer Reiter kam aus dem Pawalde herausgejagt
und machte nach aufwrts hin den Umweg um die Smpfe. Immer schrie er. Doch das
Schellengerassel und Gebrll der Ochsen, das Rauschen der Brandsttte, das
Keuchen und die Hufschlge des eignen Gaules verschlangen die heiseren Schreie.
Lampert hetzte den vor Mdigkeit stolpernden Pongauer mit Faustschlgen, mit
stoenden Beinen. Und weil ihm der Umweg zu lange whrte, suchte er einen
krzeren Weg zur Brandsttte, geriet in eine Zunge des Sumpfes, mute aus dem
Sattel springen, mute waten und den Moorle zerren. Hinter dem Feuer sah er
einen Spieknecht ber den Hang hinunterspringen, sah eine Kuh, einen Reiter und
einen hopsenden Knecht da drunten im Wald verschwinden - und suchte mit
verstrtem Blick und schrie immer wieder: Jula, Jula, Jula -
    Beim Brunnen - so nah dem Feuer, da die qulende Hitze zu spren war - lag
der Heiner vor dem Trog auf den Knien, schpfte Wasser mit beiden Hnden und go
es ber den gebeugten Kopf. Wo das Wasser aus dem Haar des Buben heraussickerte,
war es rot.
    Lampert schrie: Die Hirtin? Wo ist die Hirtin?
    Ich wei nit! sagte der Bub wie einer, der im Rausche taumelt. Und whrend
Lampert die Zgel ber den Stock des Brunnens warf und hinbersprang zur
Feuersttte, tauchte Heiner die beiden Hnde wieder in den Brunnentrog, aus dem
der Pongauer mit gierigen Zgen das rosafarbene Wasser zu schlrfen begann.
    Immer den Namen der Hirtin schreiend, irrte Lampert um die brennende Htte -
barkpfig, denn er hatte die Mardermtze verloren - die verstaubte, goldgelbe
Schrpe hing ihm von der Brust herunter bis ber das Knie.
    Da war ihm pltzlich, als htte er dort oben in dem Waldstreifen einen
gellenden Laut vernommen. Jula? Wie Freude war's in seinem heiseren Schrei.
Und Lampert sprang ber das Gehng hinauf, hrte eine Stimme, in der sich
Zrtlichkeit mit Jammer mischte, und warf sich durch die dicken Stauden, da die
Seide seines festlichen, von Staub und Sumpfkot berkrusteten Kleides in Fetzen
ging. Er kam zu dem Viehsteig, sah auf dem Boden ein kurzes, gebogenes Messer
liegen und sah die Splitter eines aus Holz geschnitzten Vogels, den ein grober
Fu zertreten hatte. Ein paar Schritte noch. Und nun sa vor ihm die Hirtin auf
der Erde, mit niedergerissenem Haar, mit dem Gesicht einer Irrsinnigen. Sie
hatte den Jakob ber dem Scho liegen, hielt das aschgraue Gesicht des
zwerghaften Krppels zwischen den Hnden, rttelte immer den leblosen Kopf und
bettelte in Jammer: Tu die Augen auf! Tu doch die Augen auf!
    Da einer gekommen war, das sah sie nicht. Sie merkte erst seine Nhe, als
er neben ihr kniete und ihre Hand fassen, den Arm um ihre Schulter legen wollte.
Sie blickte auf, wie aus grauenvollen Trumen erwachend. Und als sie den
erkannte, der helfen wollte, verzerrte sich ihr Gesicht. Sie machte mit den
Armen eine ringende Bewegung, verstrt von Zorn und Jammer, schrie mit erwrgter
Stimme ein bses Schimpfwort und stie dem jungen Someiner die Fuste vor die
Brust, da er taumelte. Den Bruder umklammernd, wollte sie sich aufrichten, fiel
zurck auf die Erde und wurde von einem trnenlosen Schreikrampf befallen, der
ihren Krper zucken machte.
    Lampert wollte sprechen und brachte keinen Laut aus der Kehle. Sein Gesicht
war entstellt. Nun beugte er sich zu Jakob nieder, hob diese kleine, entstellte
Miform des Lebens auf seine Arme und konnte mit der heiseren, zerrissenen
Stimme nur sagen: Komm! Ich bring ihn heim.
    Whrend er mit der leblosen Last hinunterstieg zum Feuer, hrte er immer
hinter sich die schluckenden Schreie der Hirtin.
    Die Ochsen brllten nicht mehr. Sie hatten sich an den Anblick der rauchlos
gewordenen Flamme gewhnt. Und manche von ihnen lagen ruhig schon wieder im
sonnigen Gras, wiederkuend, und scheuchten mit der Schwanzquaste die frechen
Bremsen fort.
    Lampert mute denken: Ob Gott auch so ruhig in der Sonne liegt, wenn
Menschen morden?
    Beim Brunnen sagte er zu Heiner, der sich einen Fetzen seines Hemdes um den
Kopf gebunden hatte und noch immer ein bichen duselte: Du mut mir helfen!
    Sie hoben den Toten in den Sattel, banden ihn mit Riemen und mit Lamperts
Schrpe fest, und whrend jeder von den beiden mit einer Hand den md
schleichenden Pongauer am Zgel fhrte, sttzte er mit der andern Hand den
stummen, immer nickenden Reiter, der eine schlechte Haltung hatte.
    Jula, mit hngendem Haar und geballten Fusten, ging hinter dem Pferde her,
schluckend im erwrgten Schreikrampf - wie damals vor achtzehn Jahren, als sie
mit der Mutter heimgekommen war vom Erdbeerpflcken im Tal des Windbaches.
    Ein dumpfies Gepolter.
    Die abgebrannten Dachsparren waren in den Httenraum hinuntergestrzt. Und
weil nun die feuchten Grundbalken zu brennen begannen, qualmte wieder ein dicker
Rauch zum Himmel hinauf.
    Man sah diese graue Rauchsule bis weit hinaus ins Tal.
    Beim Taubensee, vor dem Schupflehen des Mareiners, stand die Buerin auf dem
Karrenweg, guckte immer zu diesem wunderlichen Rauch hinauf, schttelte den
Kopf, lief zum Haus hinber und sagte zu der alten Frau, die in der Sonne sa:
Auf dem Hngmoos droben, da mu was brennen!
    Bekmmert nickte die Mutter. Steht am Zunl! Und geht nit herein zu mir!
    Die Buerin wurde rgerlich. Mit der Mutter war kein Reden mehr. Und von den
Mannsleuten war keiner daheim. Malimmes hatte schon im Grau des Morgens mit Wehr
und Sack das Haus verlassen. Und gegen Mittag war der Bauer davongelaufen. Wenn
er auch als hriger Schupfgrtler beim Taiding der Gnotschaft das Maul halten
mute, er wollte doch dabeisein. Und die Sache lohnte sich. Er war da zu einem
lustigen Ding gekommen.
    In der Ramsau gab's um diese Mittagsstunde ein groes Lachen. Das ging von
Malimmes aus, vom Bauernsldner, der gepanzert und mit blankgezogenem
Bidenhnder hinter seinem Herren stand und aus seinem seltsamen Dienstverhltnis
eine muntere Sache machte. Die Bauern gaben sich lachend der Wirkung seiner
derben Spae hin, seit sie wuten, da sie sich nicht zu sorgen brauchten um ihr
bedrohtes Ahnrecht.
    Der Weidbrief war aufgewiesen vor den spruchbaren Mnnern der Gnotschaft,
war zu Recht befunden und lag nun wieder in der eisernen Brieftruhe des Seppi
Ruechsam.
    Vor achtundzwanzig Jahren, in einem drren Vorsommer, der die Wiesen im Tal
verbrannte, hatte Propst Kunrad eines Tages beim Taubensee gejagt und eine gute
Strecke gemacht. Als da die Bauern, die beim Weidwerk fronen muten, ihres
Frsten gute Laune sahen, taten sie die Bitte, ihr hungerndes Milchvieh anstatt
einer gleichen Ochsenzahl auf das feuchte Hngmoos treiben zu drfen. Der Herr
war gndig. Beim Heimritt schrieb er in des Albmeisters Haus auf den alten
Ochsenbrief die Gestattung fr den Kserbau und den ewigen Auftrieb der Khe und
drckte seinen Frstenring in das Brcklein Wachs, das man von einer geweihten
Kerze genommen hatte.
    Was ging es da die Ramsauer an, wenn die Gadnischen Hofleute verzettelt
hatten, dieses neugeborene Recht auf ihrem Ochsenbrief zu vermerken? Freilich,
damals im dreiundneunziger Sommer war zu Berchtesgaden alles drunter und drber
gegangen. Wenige Tage nach der glcklichen Jagd am Taubensee hatte der bse
Handel mit den Salzburgern angefangen, die den Propst Kunrad verjagten und das
Stift durch elf Jahre als Schuldpfand in der Faust behielten.
    Die Ramsauer hatten an ihrem verllichen Recht eine Freude, die nicht frei
von bermtigem Spott wider die schlampichten Herren war, und Seppi Ruechsam,
der allwissende Albmeister - Was denn sonst? - guckte bei dem lustigen
Geschwtz der andern so ruhig, stolz und zufrieden drein - Malimmes sagte: Wie
Gott-Vater vor dem Sndenfall.
    Und mit den Juden bei der Bergpredigt verglich Malimmes die Spruchbaren und
Maultoten der Gnotschaft, die vor dem Httenhgel des Seppi Ruedisam herumsaen,
auf Bnken und Sthlchen, auf Baumkltzen und Holzklaftern, auf den Querbalken
des Zaunes, im Straengraben und auf den Steinblcken am Ufer der Ache. Mit
Weibern, Buben, Mdchen und Kindern war's ein hundertkpfiger Schwrm, der als
lustiger Riegel die Ramsauer Strae sperrte. Mochten jetzt die Pfndleute mit
den siebzehn Khen nur kommen! Die Strae war mit Menschenkpfen fest vernagelt
und der Seppi Ruechsam mit dem guten Recht war da! Was wunder, da die Ramsauer
lachen konnten, als Malimmes wieder die vier Geschichten vom ungefhrlichen Hanf
erzhlen mute, die seine Gesellen von der Leuthauskumpanei schon herumgetragen
hatten, in der ganzen Gnotschaft.
    Sobald Malimmes seine Schlittenfahrt auf dem Landshuter Glatteis gemacht und
seine Himmelsbotschaft an den Herzog Heinrich wieder ausgerichtet hatte, schrie
unter dem Lachen der andern ein alter, langer Kerl, der Hinterseer Fischbauer,
der drr und braun, und runzlig war wie die Saiblinge, die er rucherte: Pa
auf, Malimmes, da du beim fnften Hnfenen nit mir unter die Hnd kommst! Die
Strick, die ich dreh fr meine Reusem, heben wie eiserne Drht.
    Malimmes schmunzelte. Hast du einen da zur Prob?
    Was ein Fischer ist, mu allweil einen Strick im Sack haben
    Her damit! Und tu mir den Strick um das kitzlige Zpfl!
    Es gab ein heiteres Gedrnge, als der Fischbauer das kleinfingerdicke
Stricklein zur Schlinge machte und dem Malimmes um den Hals warf.
    So, Mensch, sagte der Sldner, jetzt zieh! Aber fest!
    Der Fischbauer zog lachend die Schlinge zu, Malimmes machte die Kehle lang
und dnn, dann pltzlich blhte er den Hals auf, straffte die Sehnen, da es
aussah, als ginge ihm der Hals von den Ohren schief herunter bis zu den
Schultern - und der Strick des Fischbauern knallte entzwei wie eine schlechte
Saite.
    Ein vergngtes Gebrll. Und einer von den Burschen kreischte in Bewunderung:
Herrgott, ist das eine feine Kunst! Er versuchte gleich unter drolligen
Grimassen den Hals zu blhen.
    Ja, Leut, bung macht den Meister! sagte Malimmes, der um den Hals eine
Linie hatte, fast so rot wie die groe Narbe in seinem Gesicht. Und dann fgte
er lachend bei: Jetzt wei ich aber nit, mu ich den Hnfenen des Fischbauern
als fnften zhlen oder geht er als Probstckl drein? Ich komm ein ltzel aus
der Rechnung.
    Mannsleute, Weiber und Kinder - alle probierten dieses ntzliche Spiel und
plusterten krftig den Hals auf, wie es Malimmes ihnen vorgemacht hatte. Sie
bekamen blaue Gesichter und muten husten vor Schmerz und Lachen.
    Nur einer, der mitten unter diesen Heiteren sa, blieb ernst. Er hatte den
weien Richtmannsstab in der Faust, immer suchten seine Augen, immer schwieg er
und lauschte in die Ferne. Nun erhob er sich.
    Viele fragten: Runotter? Was ist?
    Er sagte: Der Bub, der zum Lugaus hinauf ist in den Pawald, kommt ber die
Schwarzecker Wiesen heruntergesprungen.
    Die andern muten lange sphen, bis sie den Buben sahen. Und dann dauerte es
noch eine geraume Weile, bis er ber die Strae herkeuchte. Der Bub war so
atemlos, da er nicht reden konnte. Whrend die hundert schwiegen, als wre
ihnen pltzlich etwas Unbehagliches in die heiteren Seelen gefallen, fragte
Runotter: Hast du meine Kinder gesehen?
    Der Bub schttelte den Kopf, warf sich auf den Boden hin und prete die
Fuste auf seine arbeitende Brust.
    Viele Stimmen: Sind die Pfndleut droben?
    Der Bub nickte.
    Ein wirrer Lrm, halb ein Reden in Zorn, halb schon wieder Gelchter und
Spott ber die Herren.
    Einer schrie: Wenn sie die Kh bringen, mu man den Brief aufweisen. Ein
Recht in der finsteren Truchen wirkt nit, ein Recht mu im Licht sein.
    Von den Spruchbaren waren viele der gleichen Meinung. Auch Runotter. Aber
der Seppi Ruechsam schttelte den Kopf und wieder sagte er: Der Amtmann mu zum
Seppi Ruechsam seiner Truchen kommen. Was denn sonst? Recht liegt fest. Das mu
man nit umtragen wie einen Bettelsack.
    Die Gnotschafter redeten aufgeregt gegen die zhe Weisheit des Albmeisters.
Die Khe mssen doch leiden unter dem weiten Trieb vom Hngmoos bis zum Stift.
In ihren Eutern kann sich bei Plag und Hitze die Milch verschlagen. Fr solchen
Schaden kommen die Herren nicht auf. Warum soll man ein Recht nicht weisen, wenn
man's bei der Hand und in der Truhe hat?
    Der Seppi Ruechsam arbeitete mit den Ellbogen. Ich tu's nit, und ich tu's
nit. Wenn dem gewchsneten Brief ein Schaden geschieht, geht's aus am Seppi
Ruechsam. Was denn sonst?
    Man trat um den Richtmann her zum Ring zusammen, und der Seppi Ruechsam
wurde zum erstenmal, seit er Albmeister war, von den Spruchbaren der Gnotschaft
berstimmt. Mit einem Gesicht, als htte er Essig getrunken, stieg er neben dem
ltestmann und mit den fnf Zeugen zu seinem Haus hinauf, um den Weidbrief aus
der Truhe zu holen.
    Hinter ihm blieb eine quirlende Heiterkeit zurck. Weil man das Recht
aufweisen konnte und des verstandsamen Friedens sicher war, konnte man lustige
Spottreden machen ber den Ochsenkrieg zwischen Bauern und Herren. Ein halbes
Stndl noch, und der Schwarzecker - der auf den Fingern pfeifen konnte, da
man's aus dem Ramsauer Tal bis zum Grat des Steinbergs hinaufhrte - wrde zur
ersten Schlacht trompeten. Und ob Malimmes, der Bauernsaldmann, auch treu und
tapfer fr die Gnotschaft dreinschlagen wrde? Lachend lie Malimmes den in der
Sonne blitzenden Bidenhnder mit sausenden Kreisen um seinen Eisenhut
herumwirbeln unter dem lustigen Schlachtgeschrei: Hie Baurenschaft, hie guter
Mist und gutes Recht! Und als der Bidenhnder wieder senkrecht auf der Erde
stand, drngte sich einer von den Burschen, die sich im Winter zur Holdenwehr
der Gnadischen Kriegsmacht stellen muten, an Malimmes heran und bettelte: Wie,
la mich das Eisen lupfen ein ltzel! Kreischend wichen die Leute zurck, als
der Bub sein ungeschicktes Schwertschwingen begann. Mit dem Knauf des
Bidenhnders stie er sich die Nase blutig. Unter dem Gelchter der andern, das
Gesicht von Scham und rger brennend, gab er dem Kriegsmann das schwere Eisen
zurck und schalt: So ein klobiges Ding! Da kann man doch keine feinen Streiche
mit machen!
    So? Meinst? Malimmes schmunzelte. Mit meinem Bidenhnder mach ich feinere
Arbeit als wie der rmische Bader mit seinem toledanischen Schermesser, wenn er
den Papst rasiert.
    Um die lustigen Zweifler zu berweisen, schickte Malimmes einen Buben davon,
der in der Kappe ein Dutzend Eier bringen mute. Unter heiterem Aufruhr der
Leute wurde die blonde Leuthausmagd unterwiesen, wie sie die Eier werfen mute.
Malimmes lie den blitzenden Bidenhnder kreisen; so oft er Hoppla! schrie,
mute ein Ei geflogen kommen - und unfehlbar schnitt das sausende Eisen in der
Luft jedwedes von diesen kleinen, weiet, flgellosen Vgelchen mitten durchs
Herz entzwei. Da gab's ein Staunen und Lachen! Eiwei und Dotter spritzten nach
allen Seiten umher, die Leute flchteten, wischten und kicherten, einer
kreischte: Heut ist die Ramsau das Gelobte Land, heut regnet's Milch und
Honigmus! - und obwohl ein altes Weiblein ber die sndhafte Vergeudung der
Gottesgabe zrnte, erhob sich vor dem Hause des Seppi Ruechsam ein Gelchter,
nicht minder laut und heiter als vor dem Gadnischen Hirschgarten beim Spiel mit
der Annasusanne.
    Den Richtmann schien die Heiterkeit der Leute und dieses kriegerische
Eierspiel zu qulen. Er sagte: Geh, Malimmes, treib keinen Unfrm und la die
Gelgersp unterwegs! Mir ist nit zumut darnach. Da kreischten viele Leute:
Die Pfndleut kommen! Alles drngte lrmend gegen die Strae hin, und Runotter
erhob sich von dem Baumstock, auf dem er gesessen. Malimmes! Geh in des Seppi
Ruechsam Haus hinein! Ich mag nit haben, da es zwischen dir und den Hofleuten
spttische Reden gibt.
    Der Soldmann nickte, als begriffe er die Vernunft dieses Befehles. Er
haschte das blonde Mdel und wischte mit ihrer Schrze das Eigelb von der Klinge
weg. Lachend den Bidenhnder schulternd, ging er zum Haus des Albmeisters.
    Auf der Strae sah man zuerst nichts andres als eine dicke Staubwolke. Sie
rckte nher wie ein graues, kopfloses Ungetm, das keine Fe, nur wehende
Hgel hatte und dennoch plump auf der Erde kroch.
    Der Lrm der Leute verstummte. In diesem erwartungsvollen Schweigen hrte
man beim Rauschen der Ache aus weiter Ferne wieder ein murrendes Echo des
Herrenspiels mit der Annasusanne.
    Ein paar hundert Schritte vor dem Menschenriegel, der die Strae sperrte,
blieb der Trupp der Pfndleute stehen. Die Staubwolke verdampfte, und langsam
entschleierte sich in der Sonne des schnen Tages eine farbig ausschauende
Sache: die Trobuben, der buntgefleckte Schwarm der gepfndeten Khe mit
nickenden Kpfen und pendelnden Schweifen, zur Linken ein Spieknecht, einer zur
Rechten, hinter dem Trupp ein Reiter, und voraus, auf hochbeinigem Gaul, der
lange Marimpfel als vorsichtig sphender Fhrer. Er wandte sich im Sattel und
redete zu seinen Leuten.
    Im Menschenriegel, der die Strae sperrte, sagte der magere Fischbauer:
Jetzt hat er dem Melkvieh hfisch eingeredet, da viel nit fehlen tt und die
Kuh wr ein Ochs.
    Mareiner, der sich in der Gnotschaft wichtig machen wollte, schrie ber alle
Kpfe weg: Der Hauptmann ist mein Bruder Marimpfel. Da brauchet ihr nit Angst
haben. Mit ihm red ich, und alles ist in Ordnung. Dieser hilfreiche Vorschlag
wurde wenig gewrdigt. Eine Mnnerstimme rief: Da reit ein Schupfgtler das
Maul auf! Fr die Gnotschaft redet, wer spruchbar ist, sonst keiner. Eine dnne
Stimme quiekste: Auch nit der Mareiner!
    Das Verslein erheiterte die Leute. Doch als Runotter den weien
Richtmannsstab erhob, wurden alle still.
    Der Trupp der Pfndleute kam heran. Ein alter Bauer und zwei Buerinnen, die
ihre Khe erkannten, wollten gleich mit Locken und Jammern auf die brllenden
Tiere zu. Doch die Fuknechte streckten die langen Spiee vor: Ist Herrengut!
    Marimpfel parierte den Gaul. Und da wollte Mareiner reden. Aber der Hofmann
zog den Fu aus dem Bgel, schob den Bauer vom Gaul weg und wandte sich an den
Richtmann: Was rotten sich da auf der Stra die Leut zusammen?
    Die Leut sind friedsam.
    So?
    Und ich steh fr die Gnotschaft da -
    Wer bist du denn?
    Ein Geschrei ber die ganze Breite der Strae. Runotter blieb ruhig.
Spieknecht? Ob du mich kennen magst oder nit, ist eins. Aber kennst du den
weien Stab nit?
    Red du so mit deinen Knechten! Ich bin ein Hofmann. Aus dem Schwrm der
Leute klang ein Lachen, das Marimpfel nicht gerne zu hren schien. Er wurde
grob. Kerl! Siehst nit, da mein Gaul scheuet? Tu deinen Stecken weg! Er stie
mit dem Fu, und des Richtmanns weier Stab bekam einen grauen Streif.
    Die hundert Ramsauer begannen in Zorn zu schreien, und eine Stimme schrillte
aus dem Huf: Wer den weien Stab schndet, ist ein Lumpenkerl!
    Leut! rief Runotter. Haltet Ruh! Auch ihm hatte der Zorn die Stirne rot
gemacht. Doch whrend er den Zaum des Gaules fate, sagte er ruhig: Hofmann! Du
hast den weien Stab verunehrt, den mir der Frst gegeben. Ich mu Klag fhren
gegen dich beim Frsten und mu dich schuldig sagen. Hundert Stimmen schrien
das Schuldig! nach. Das wird kommen. Jetzt ein ander Ding -
    Weg frei fr meines Herren Recht! befahl Marimpfel und kitzelte den Gaul,
um ihn scheuen zu machen.
    Mit eiserner Faust hielt Runotter das bockende Pferd am Zgel. Deines Herrn
Recht ist heut ein Irrtum.
    Willst du schimpfen auf meinen Herrn? Marimpfel machte einen Griff, wie um
das Eisen zu fassen.
    Das tu ich nit. Ich ehr den Frsten. Aber tu unser Vieh vom Strick! Die
Pfndung ist geschehen wider Recht und Brief. Albmeister Ruechsam! Weis den
Weidbrief auf, der geschrieben und gewchsnet ist!
    Was denn sonst? Seppi Ruechsam trat heran, hielt das kostbare Pergament
mit beiden Hnden fest und wollte seine Rede aufsagen. Er begann: Das tat der
Seppi Ruechsam nit -
    Marimpfel lie den Gaul steigen und schrie in Zorn: Was Schrift und Wachs!
Das geht mich den Teufel an. Mir ist Recht, was mein Herr geboten. Weg frei!
    Das tt er nit, redete der Seppi Ruechsam, aber die Gnotschaft will: Der
Seppi Ruechsam mu den Weidbrief weisen. Da ist der Brief! Ist gutes und festes
Recht. Ist geschrieben und gewchsnet. Was denn sonst?
    Brief? Recht? Marimpfel fate mit einem groben Griff seiner Faust das
Pergament. Gleich brselte das geweihte Wachs davon. Das ist ein Wisch fr
meine Notdurft. Er hob sich im Sattel und machte mit dem Hngmooser Weidbrief
eine symbolische Bewegung.
    Ein hundertstimmiger Zornschrei flog ber die Strae hin. Und dem Seppi
Ruechsam fielen pltzlich siebzig Jahre vom Buckel herunter. Wie ein
Zwanzigjhriger in blindem Jhzorn, so sprang er gegen den Reiter hinauf, fate
ihn mit beiden Fusten an den Eisenplatten der Brust - und rutschte wie ein
mder Greis wieder auf die Erde herunter. Hatte Marimpfels Hand einen neuen
Irrtum begangen? War einer von den Fuknechten unvorsichtig mit dem Spie
dazwischengefahren? Niemand wute, wie es gekommen war, da dem Seppi Ruechsam,
der sich jetzt ganz ruhig verhielt, ein dickes Blutbchlein ber das braune
Runzelgesicht und ber die Bartstoppeln herunterfuhr. So, so? sagte er in
verstndiger Besinnung und wollte mit der zitternden Hand das Blut vom Gesichte
wischen. Jetzt geht der Seppi Ruechsam zum deutschen Knig. Was denn sonst?
Dann fiel er um und war tot.
    Mordio! Mordio! kreischten die Ramsauer. Sie griffen nach den Messern,
rissen Prgel vom Zaun, und die Weiber hoben Steine von der Strae auf, whrend
die Kinder in grillender Angst davonrannten, ber die Planken kletterten und
durch die Ache patschten. Runotter, mit einer Stimme, die den tobenden Lrm noch
bertnte, schrie gegen des Seppi Ruechsam Haus hinber: Soldmann! Soldmann!
    Marimpfel sah einen gepanzerten Kriegsknecht mit blitzendem Bidenhnder ber
den Hgel herunterspringen, schlug seinem Gaul die Sporen in die Weichen und
brllte: Hofleut! Durch! Die verschimpfen den Frsten! Die machen Meuterei!
    Wie ein von einem Riesenhammer getriebener Keil, so fuhr der Trupp der
Pfndleute mit Reitern, Fuknechten und Trobuben unter dem Schellengerassel der
galoppierenden Khe in den Schwarm der schreienden Menschen hinein. Der
kreischende Hauf wich auseinander und flutete wieder zusammen in einen wirren
Knuel. Und alle mit Schimpfworten und Flchen hinter den Gadnischen Hofleuten
her. Prgel wirbelten durch die Luft, und Steine flogen. Und in dem wsten Lrm
unterschied man nimmer, was ein Todesschrei oder eine Stimme des Lebens war.
    Mit entfrbtem Gesichte, in der Rechten den zerbrochenen Stab des Friedens,
stand Runotter neben dem Seppi Ruechsam, der nicht von der Stelle gekommen und
doch zum mchtigsten aller Knige gegangen war. Und mit der Linken hielt der
Richtmann den Arm des Malimmes umklammert. Bleib Mensch! Tt ich dich schlagen
heien, das wr Unrecht. Doppelt Unrecht Dein Bruder ist dabei. Man soll nit
Bruder gegen Bruder hetzen.
    Malimmes sagte mrrisch: Bei einer Fehd heit's Freund oder Feind. Da ist
kein andres Wrtl nit. Er sah den Seppi Ruechsam an, dessen Gesicht wie von
einem roten Tuch umwickelt war. Bauer? Was hat's denn gegeben da?
    Schier wei ich's nit. Ist mir alles wie ein bser Nebel. Das haben die
Herren nit wollen. Schlechte Diener sind fr die Herren ein Elend und ein bler
Ruf.
    Herr oder Knecht? Sag lieber: Narretei der Leut. Die macht so Herr wie
Knecht zu blindwtigen Gockeln.
    Sie hrten ein wildes Geschrei. Komm, Mensch! sagte Runotter. Da mssen
wir abwehren!
    Die beiden liefen der Strae nach, dem tobenden Lrm entgegen. Aus den
Fenstern und Tren der Htten guckten verstrte Kindergesichter heraus. Dann
liefen drei Khe vorber, mit rasselnden Schellen, mit klunkernden Eutern und
gestreckten Schwnzen, die Stricke schleifend, die von ihren Hrnern
herunterbaumelten. Guck, sagte Malimmes, fr die ist auch der Hnfene ein
ltzel mrb gewesen.
    Wie ein steifes Holz lag ein Mannsbild auf der Strae, und ein schreiendes
Weib war hingeworfen ber seine rote Brust.
    Ist der Schwarzecker! stammelte Runotter. Der so fest hat pfeifen
knnen.
    Komm! Den pfeift man nimmer herein ins Leben. Ist schon drauen.
    Fnf Khe kamen gezottelt, klatschten durch das reiende Wasser der Ache,
blieben drben auf einer Wiese stehen, guckten dumm herum und fingen zu weiden
an. Hinter den Stauden sprang ein Mensch, der sich nicht sehen lassen, sich
immer verstecken wollte. Es war der Mareiner vom Taubensee. Der packte zwei von
den Khen an den Schellengurten, sphte ngstlich nach allen Seiten und zerrte
die Khe davon.
    Immer nher kamen die zwei springenden Mnner dem tobenden Lrm auf der
Strae. Und pltzlich schien es, als flute das Geschrei zurck. Man hrte
fernher eine schmetternde Trompete. Rennende Menschen erschienen bei einer
Straenwendung, es folgte ein dicker Schwrm, und schrille Stimmen waren zu
hren: Da kommen Herren und Hofleut, zwanzig Reiter, vierzig, sechzig,
hundert! Andere Stimmen schrien wieder etwas anderes. Der flchtende Haufe kam
ins Stocken, die Leute guckten und fragten, und dann hrte man eine kreischende
Weiberstimme, die immer die gleichen Worte schrie: Hilf in der Not! Das ist
Hilf in der Not! Hilf in der Not!
    Mnner mit erhitzten Gesichtern kamen gelaufen und holten den Schwarzecker
und den Seppi Ruechsam. Zwischen dem Leuthaus und dem Hag des Richtmannes legte
man die zwei Toten auf die Strae hin. Und noch zwei andere legte man dazu:
einen jungen hbschen Buben, an dem man keine Wunde sah, und ein Weib, dessen
Gesicht vom Todesschreck verzerrt und in dieser Grimasse des Grauens wie
versteinert war.
    Diese vier Stummgewordenen sollten reden fr die Not der Ramsauer und
sollten mit schweigendem Betteln die Strae sperren vor einem geistlichen
Frsten, der da geritten kam.

                                       6


Vor dreizehn Tagen war Herr Konrad Otmar Scherchofer, Propst von St. Zeno zu
Reichenhall, mit Gefolge nach Salzburg geritten, um einer Provinzialsynode
beizuwohnen, die ein Heilsames wider das grassierende Konkubinat der Kleriker
und wider das ketzerische Unwesen des freien Geistes beschlieen sollte.
    In zehn Sitzungen hatten die zu Salzburg versammelten geistlichen Frsten,
Kanoniker und Doktoren zahlreiche Kirchengesetze beschlossen und verkndet. Und
es gab doch der Kirchengesetze bereits so viele, da auch der gewissenhafteste
Christ nicht mehr imstande war, sie alle zu kennen und zu befolgen. Da konnte
kein Tag vergehen, ohne da nicht jeder Mensch, ob Kleriker oder Laie,
ahnungslos durch irgendein Wort oder irgendeine Tat in die Exkommunikation oder
in eine andre schwere Kirchenstrafe verfiel. Es war unmglich, alle zu
bestrafen, die sich versndigten. So wurden die vielen und strengen Gesetze
lcherlich, die bertretung bekam Humor.
    Diese Wahrheit hatte Herr Konrad Ottmar Scherchofer, der als Priester auch
kluger Weltmann war, auf der Synode zu Salzburg ausgesprochen. Er hatte gesagt:
Wird ein Mensch ermordet, so ist das ein bles und trauriges Ding, das allen
Rechtschaffenen Schmerz bereitet und ihren strafenden Zorn erregt. Werden
zehntausend erschlagen, erstochen, gehenkt, geviertelt, gerdert und verbrannt,
so verwandelt die widersinnige commulatio den Menschenmord zu einem grinsenden
Schembartspiel der irdischen Torheit, das auch den ernstesten der Menschen
lachen macht. Exemplum trahit. Ein Gesetz ist heilsam, tausend Gesetze werden zu
einer Fulnis, zu einem Brunnengift des Lebens. Gott, in Gte und Nachsicht, hat
der Menschenseele, die von des Teufels schmutzigem Boden zu reinlicher Hhe
mchte, tausend Wege und immer noch einen gegeben. Versperrt ihr sie alle bis
auf einen, so wird die suchende Menschenseele einem hungernden Esel gleichen,
der zwischen tausend vernagelten Gotteskrippen die eine nimmer findet, wo er
nach eurem Willen fressen soll. Der Esel sind unzhlbar viele. Sie haben nicht
Platz vor einer Krippe. Sie mssen zupfen drfen, wo Gott ein Grslein oder eine
Distel wachsen lie.
    Wie der berittene Hofmann auf der Ramsauer Strae brllte: Willst du meinen
Herren verschimpfen? - so hatte im Salzburger Synodensaal ein Erzrnter
geschrien: Willst du uns Esel heien?
    Herr Konrad Scherchofer hatte lchelnd erwidert: Ich darf auch andere
heien, was ich mich selber heie. Vermute ich auch, da ich unwrdiger bin als
ihr seid, so glaub ich doch, kein schlechter Mensch zu sein. Ich bin als Mensch
so gut, wie es die andern mir zu sein gestatten. Und diese andern sind, wie ich
bin und wie ihr seid: vor allem schwach von Gedchtnis. Es ist in mir nur noch
ein blasses Erinnern an die Gesetze, die wir gestern und ehegestern verkndet
haben. Und heute zur Nacht, in einer schlaflosen Stunde, begann ich
nachzurechnen, wie oft ich als abschreckend schlechter Christ und als leidlich
guter Mensch in den hundertachtzig Tagen dieses halb erfllten Jahres schon dem
Kirchenbann und eurer Hlle verfallen mute. Lasset mich die kummervolle Zahl
verschweigen, die ich gefunden. Als ich beim Rechnen an die zwanzig Mal mit
meinen Fingern zu Ende war, da hatte ich verdammenswerter Snder die Vision
eines Heiligen und sah, wie Gott in seiner reinen Himmelsglorie heiter lchelte.
Ihr, meine wrdigen Brder in diesem geweihten Saale, lasset einen Trompeter
kommen und heit ihn hinausblasen zum Fenster, bis da drunten die guten Menschen
zusammenlaufen nach Tausenden. Dann leeret einen Karren Sand zum Fenster hinaus,
indessen ein krftiges Lftlein blst. Und jedes verwehte Sandkorn wird einen
Menschen treffen, der zu Bann und Hlle verdammt ist nach irgendeinem von euren
vielen Gesetzen. Und zahllose Sandkrner werden es sein, die der Wind
zurckblst in diesen Saal. Meine wrdigen Brder! Wir sollten uns versammeln,
um Gesetze zu streichen, nicht um neue zu ersinnen.
    Solche und andre Worte, die er lchelnd sprach, hatten ihm eine Antwort
eingetragen, die ihn bei seiner Klugheit beredete, von der Salzburger
Provinzialsynode im schtzenden Grau des Morgens davonzureiten, bevor sie nach
Sonnenaufgang mit festlichem Tedeum beschlossen wurde.
    Der vorsichtige Propst zu Reichenhall hatte von den drei Straen, die ihm
fr die Heimkehr zu Gebote standen, die beste, fast vllig ebene ber Wals und
Marzoll aus dem Grunde vermieden, weil sie zu lange auf Salzburger Boden blieb.
Er war auch nicht die Strae geritten, die durch die Hfe des Berchtesgadnischen
Stiftes zum Hallturm und zum Grenzpfahl mit dem Wappen des heiligen Zeno fhrte.
Er wre da ohne eine aus Grnden der Courtoisie unerlliche Visite nicht
durchgekommen. Aber mit Herrn Peter Pienzenauer, der von der Synode
ferngeblieben war, sprach sich Herr Otmar nicht gut um verschiedener Dinge
willen, die seit Jahren an den Grenzen zwischen Berchtesgaden und Reichenhall
ein chronisches Leiden waren. So hatte er als empfehlenswertesten Weg die
schlechte Karrenstrae gewhlt, die unterhalb des Stiftsberges von Berchtesgaden
durch hllende Wldchen fhrte und nach betrchtlichem Umweg wieder einlenkte
auf die Strae zum Tal der Ramsau. Und just diese dritte, durch Klugheit und
Vorsicht anempfohlene Strae sollte sich als ein bler, folgenschwerer Weg
erweisen.
    Und so kam nun Herr Konrad Otmar Scherchofer durch die Ramsau, in der eine
Not des Lebens mit hundert Stimmen brllte. Da dabei vier stillgewordene
Stimmen schon ausgeschieden waren, das machte in dieser Flle der Flche und des
Jammers keinen merklichen Unterschied.
    Herr Otmar war nicht begleitet von hundert Reitern, nicht von sechzig, nicht
von vierzig, auch nicht von zwanzig. Ihm zur Linken ritt sein mit
staatsmnnischen Gaben gesegneter Kaplan Franzikopus Wei. Hinter den beiden
kamen vier Berittene, nicht reich gekleidet, aber gut bewaffnet. Dann folgte ein
mit vier Maultieren bespannter Gepckwagen. Und vor dem Zelter des Propstes
trappelten zwei magere Lufer und ritt ein junger Trompeter. Der hatte sein
Instrument in Hrweite des Berchtesgadnischen Stiftes schweigen lassen. Jetzt
aber blies er alle dreiig Schritte ein paar schmetternde Tne, die verkndeten:
Es kommt ein hoher Herr, die Strae ist freizuhalten von Schweinen, Vieh und
Hunden, von Mistkarren, Heuwagen und sonstigem Hindernis. Und weil die Trompete
beinahe so weit zu hren war wie ehemals ein Fingerpfiff des nun still
gewordenen Schwarzeckers, drum ahnten die verstrten Ramsauer nach einem
ffenden Schreck diese nahende Hilfe in der Not, noch ehe ihnen Herr Konrad
Otmar Scherchofer klar erkennbar zu Gesichte kam.
    Als die Kavalkade bei dem rauschenden Windbach vorbeigeritten war und den
Verzweiflungslrm der Ramsauer schon wie dumpfes Murren vernehmen konnte,
begegnete ihr ein sonderbarer Zug, der sich eilfertig bewegte und dennoch
langsam von der Stelle kam: ein berittener Spieknecht, dem das Blut von der
Faust heruntertrpfelte, ein zweiter Spieknecht, der seinen lahmen Braunen
fhrte, ein Sldner und drei Trobuben, die ihre verprgelten Kpfe hngen
lieen und dazu noch zwei entseelte Menschen zu tragen hatten.
    Herr Otmar erkannte die Berchtesgadnischen Farben. Segnend machte er mit der
Hand das Zeichen des Kreuzes, tat keine Frage und ritt vorbei. So schweigsam wie
der Herr, so schweigsam blieben die Diener. Doch ehrfrchtig entblten sie die
Kpfe vor dem Tod, der da getragen wurde. Dann sagte Herr Otmar ber die
Schulter zu einem der Seinen: Reite zurck! Wenn die rmsten Strkung oder
Verbandzeug ntig haben, soll man es ihnen reichlich geben aus meinem Wagen.
Nachdenklich betrachtete er das Gesicht seines Kaplans. Franzikopus? Witterst
du Gefahr?
    Ich glaube, hier ist geschehen, was ntzlich werden kann. Der Kaplan
lchelte. Betrachte dir die Lage und Biegung dieses wundervollen Tales,
geliebter Herr! Sieht es nicht aus, als htte Gott sich dieses Tal gedacht als
den seitwrts gestreckten Daumen der Hand von Reichenhall? Da Hand und Daumen
voneinander getrennt sind, ist wider die Natur.
    Franzikopus? Leiser Unmut war in der Stimme des Propstes. Wann wirst du
anfangen, als Mensch zu denken?
    Sobald ich aufhre, als dein Kaplan fr unsern Vorteil zu sinnen.
    Schweigend ritten sie weiter. Nun sahen sie auf hundert Schritte den
Leichnamsriegel, der wie ein bunter, splitterig verbogener Balken die Strae
sperrte. Und hinter ihm standen die hindert Ramsauer wie eine bewegliche Mauer.
    Herr, sieh diese Menschen an! sagte Franzikopus leise. Es ist
einleuchtend, da ihnen geschah, was wir als schweres Unrecht bezeichnen mssen.
Sie scheinen Hilfe von dir zu erwarten. Willst du solche Hilfe nicht bieten als
Frst, so mut du sie bieten als der gtige Mensch, der du sein willst. Und
bedenke, da die Ramsauer zur bayrischen Burg Plaien nicht weiter haben als zum
Dache des heiligen Zeno. Was du verschmhst, fllt einem andern in die Tasche.
    Jetzt vermochten die Ramsauer deutlich Herrn Otmars Gesicht zu sehen, dieses
blasse, feingeschnittene, auch im Ernste noch ein bichen lchelnde
Mannsgesicht. Und da streckten sich pltzlich zweihundert Arme, und hundert
Stimmen schrien in Furcht und Hoffnung: Hilf uns, hilf uns, hilf uns!
    Herr Konrad Otmar Scherchofer hob die Hand, an der ein Smaragd in der Sonne
blitzte. Fast lautlose Stille entstand. Und die Ache rauschte.
    Ihr guten Leute! Ich sehe Blut und Tod vor euren Fen, sehe Gram und Sorge
in euren Gesichtern. Was ist da geschehen? Seid ihr Gebte, die ein Unrecht
begingen?
    Alle Stimmen kreischten: Bei uns ist das Recht! Das Recht!
    Wieder hob Herr Otmar die Hand. Einer rede!
    Viele schrien: Richtmann! Jetzt tu das Maul auf! Red!
    Runotter streckte sich. Sein Gesicht war aschengrau, sein Auge traurig. Ich
red nit. Richtmann bin ich nimmer. Mein Stab ist zerschlagen. Erst mu mir der
Frst einen neuen geben. Nachher red ich. Aber bei dem, was heut die Gnotschaft
will - Hilf und Spruch wider unsern Frsten von einem fremden Herren heischen -
da tu ich nit mit!
    Recht hast! sagte Malimmes, an dessen Arm sich zitternd das blonde Mdel
aus dem Leuthaus klammerte.
    Das Wort des Soldknechts ging unter in einem ohrenbetubenden Geschrei.
Geballte Fuste streckten sich gegen Runotter. In Furcht und Zorn beschimpften
ihn seine Dorfbrder als Feind der Gnotschaft, als frsichtigen Liebdiener und
als Hofmannslecker. Einer schrie es ihm an die Nase hin: Ein Untreuer bist!
Schau den Seppi Ruechsam an! Der ist ein Treuer gewesen. Runotter packte den
Schreier an der Schulter und drckte ihn gegen den Seppi Ruechsam nieder: Frag
den Seppi! Kann sein, er sagt dir's noch, wo er stehen tt, herben bei mir oder
drben bei euch! Was der Richtmann weiter noch redete, versank in dem
brllenden Lrm der andern.
    Da sagte Herr Otmar in lateinischer Sprache zu Franzikopus: Es wre mir
lieber, wenn dieser eine zu mir um Hilfe kme und die andern wren dagegen.
    Der ltestmann der Gnotschaft, der etwas rot und grau Geflecktes zwischen
den Hnden hatte, stieg ber den Seppi Ruechsam hinber, trat vor den ruhig am
Zaune kauenden Zelter des Propstes hin und erzhlte die Geschichte der
Hngmooser Ochsen und der siebzehn gepfndeten Milchkhe. Ganz ehrlich erzhlte
der ltestmann diese Geschichte, genau aufs Hrchen, wie er sie erlebt zu haben
glaubte. Und dennoch war diese Geschichte etwas vllig andres als die Wahrheit.
Aber das Recht, von dem der ltestmann berichtete, konnte er beweisen - mit
zitternden Hnden hob er zu dem Propste den knitterbrchigen, vom grauen
Sattelschmutz des Marimpfel und vom roten Blut des Seppi Ruechsam befleckten
Weidbrief hinauf.
    Herr Otmar zog die Hand zurck. Franzikopus, lies!
    Whrend der Kaplan sich in das Studium der halberloschenen Schrift
vertiefte, hrte man neben dem Rauschen der Ache nur das schwere Atmen dieser
hundert harrenden Menschen.
    Nun sprach der Kaplan. Zu seinem Herrn nur. Doch seine Stimme klang so laut,
als sprche er zu vielen. Herr, das ist klares Recht! Da fehlt kein Hauch und
kein Stublein. Auch Wachs und Siegel waren da. Man erkennt noch deutlich die
Stelle. Ich mu entscheiden, da diesen braven Leuten schweres Unrecht geschah.
    Runotter sagte: Das haben die mutwilligen Knecht -
    Er wurde von hundert Stimmen berschrien, whrend Franzikopus dem ltestmann
das rot und grau gefleckte Pergament zurckgab.
    Herr Otmar, der die Hand erhoben hatte, wollte sprechen. Doch Franzikopus
kam seinem Herrn zuvor und sagte, wieder nur zu seinem Propste, aber sehr laut
und langsam: Herr! Diese armen Leute erbarmen mich. Sie sind in harter Lage. Zu
Berchtesgaden wird man immer fragen: Ochsen oder Khe? Da wird man sagen:
Meuterei! In solchem Falle straft man zuerst. Und dann untersucht man. Ich sehe
zu meiner Sorge, da an der Ramsauer Strae alte Ulmen mit starken sten
stehen.
    Aus der dumpfen Bewegung der hundert Ramsauer klang eine heitere Stimme
heraus: Kann sein, da blht mir der fnfte Hnfene! Oder der sechste? Ich wei
nimmer recht.
    Franzikopus guckte einen Augenblick verwundert den stmmigen Soldknecht an.
Dann sprach er bekmmert weiter: Kommen die Exekutierer, so werden diese guten
Menschen aus Irrtum ihres Frsten morgen rmer sein um viele Ochsen, Khe,
Ziegen, Schafe und Schweine. Auch rmer um einige Kpfe. Nein, lieber Herr, es
liegt mir ferne, diesen redlichen Leuten einen unbegehrten Rat erteilen zu
wollen. Doch jeder Mensch darf menschlich denken. Wenn ich heut ein Ramsauer
wre, wrde ich mich noch vor Dunkelheit mit Weib, Kind, Vieh und Sack
davonmachen und mich einem Heiligen anvertrauen, der hilfreich ist. In seinem
Schutze kann man geduldig eine bessere Zeit erwarten.
    Runotter rief: Solang ich in mir noch einen redlichen Schnaufer hab, will
ich nit hoffen, da die Gnotschaft so was tut.
    Schnell redete der Kaplan in den Lrm hinein, der diesen Worten folgte:
Gewi nicht! Nein! Ihr msset Recht bei eurem Frsten suchen. Er kann auch
gndig sein. Wenn er es immer wre, mte bei so redlichen Menschen, wie ihr es
seid, dieses schne Tal ein Haus des Glckes in einem Rosengarten sein. Ein
gtiger Frst macht seine Brger froh und fllt die Truhen seiner Holden mit
dauernden Schtzen. Meines Herren schnes, friedliches Hall heit nicht umsonst:
das reiche. Wir Chorherren zu Hall sind arme Leute, die sich mit trockenem Brot
begngen. Doch meines Herren Untertanen leben in berflu, in Freiheit und
Freude. Bei manchem Nachbar ist es umgekehrt.
    Ein so sehnschtiger Lrm entstand, da Herr Otmar wieder die Hand erheben
mute. Er betrachtete seinen Kaplan mit einem ehrlichen Blick des Unwillens und
sprach: Ihr Leute! Hrt nicht auf diesen Schmeichler! Suchet Recht und Gnade
bei eurem Frsten, wie es sich fr treue Holden gebhrt. In seine Stimme kam
ein seltsam unsicherer Klang, als mte er aus dunklen Grnden sprechen, was er
selbst nicht sagen wollte. Solltet ihr gerechte Gnade bei eurem Frsten nicht
finden, dann mgt ihr in Gottes Namen tun, was euer verbrieftes Recht
entschuldigt und eure bittere Not begehrt.
    Er gab seinen Leuten einen Wink. Der eine Lufer hob den Seppi Ruechsam zur
Linken hin, der andre zog den Schwarzecker um eine Menschenlnge nach rechts,
und Herr Otmar Scherchofer begann zu reiten. Viele Hnde streckten sich zu ihm
hinauf, viele Stimmen bettelten und fragten. Herr Otmar sprach kein Wort mehr.
Doch immer wieder machte er segnend das Zeichen des Kreuzes mit der schlanken
Hand, daran der Smaragd seines Hirtenringes in der Sonne blitzte. Und als die
verstrten Menschen den Zelter des Propstes umdrngen wollten, ritten die vier
Bewaffneten mit freundlicher Achtsamkeit neben ihren Herrn hin. Die Pferde
begannen zu traben, der nachkommende Wagen ratterte hinter den galoppierenden
Maultieren, die Lufer sprangen voraus, und der Trompeter blies von Zeit zu Zeit
drei schmetternde Tne.
    Franzikopus lchelte behaglich, doch Herr Otmar hatte ein mimutiges
Gesicht. Er war unzufrieden mit sich selbst. Und whrend der tobende Lrm der
Ramsauer hinter ihm zu versinken begann, sagte er leise:
    Heute bin ich schon wieder siebenmal des Kirchenbannes und der Hlle
schuldig.
    Nicht um dieser letzten Stunde willen. Klugen Erwerb begreift und verzeiht
die Kirche. Von Gott wei ich es nicht mit Sicherheit. Aber ich traue ihm das
beste zu und hoffe, er wird die guten Ramsauer noch heute zum heiligen Zeno
schicken.
    Franzikopus, manchmal redest du wie ein Verbrecher, manchmal siehst du aus
wie ein ntzlicher Mensch. Zu welcher Gattung gehrst du?
    Der Kaplan schmunzelte. Viellieber Herr! Am schwersten unterscheidet man
die Menschen auf der schmalen Kippe zwischen einem Verdammten und einem
Heiligen.
    Verdammte kenn ich zur Genge. Jetzt hab ich Sehnsucht, nur ein einziges
Mal einem Heiligen zu begegnen, der noch auf Erden wandelt.
    Warum willst du das?
    Um zu erforschen, wie ein Heiliger bei lebendigem Leibe riecht.
    Die grauen Augen des Kaplans wurden rund. Ich verstehe meinen geliebten
Herrn nicht.
    Dann will ich es dir erklren. Menschen, die eine das reinliche Ma
bersteigende Liebe zu Tieren besitzen, riechen bitter und schlecht. Tiere, die
eine tiefe Neigung zu Menschen fassen, bekommen in des geliebten Menschen Nhe
einen kstlich duftenden Atem. Wie schn und rein mu jeder Hauch eines Menschen
werden, wenn er zu lieben beginnt, was wertvoller ist und hher steht als seine
eigne Erbrmlichkeit. Du, Franzikopus, suerst! Ich frchte, es wird mit dir ein
bses Ende nehmen.
    Heiter lachte der Kaplan. Doch pltzlich sphte er ber die Strae voraus
und sprach: Das ist heut ein Tag der Dinge, die vielfltig sind und doch immer
ein gleiches bleiben. Wir haben den Tod auf den Schultern des Lebens gesehen und
den Tod im Staub der Strae. Jetzt kommt der Tod im Sattel. Wir wollen abseits
reiten, lieber Herr. Jedes dritte Omen macht mich aberglubisch.
    Sie ritten von der Strae gegen die Wiesen hinaus, und weil sie sich vom
Ufer der Ache entfernten, deren Rauschen stiller wurde, hrten sie wieder
deutlich den Stimmenlrm der Ramsauer.
    Die lieferten einander von Nase zu Nase ein erbittertes Wortgefecht, bei dem
schon bald die brderlichen Fuste zur Mitwirkung bereit erschienen. Der Haufe,
der vor dem Hof des Leuthauses durcheinander whlte, hatte sich durch Zulauf
noch vergrert. Und immer neue Menschen kamen von allen Seiten ber die
Wiesenhgel heruntergerannt. Von den Kindern standen die einen in Neugier oder
mit erschrockenen Gesichtern herum, andre pritschelten heiter in der Ache,
warfen Steine nach den Forellen oder trieben sonstwie ihre gewohnten Spiele.
    Die Ordnung der Gnotschaft war vllig in Fransen gegangen. Nicht nur die
Spruchbaren redeten. Alle schrien durcheinander, Mnner und Weiber, Erbrechter
und hrige Schupfgtler. Nur ein einziger schwieg: Malimmes. Whrend ihm das
blonde Mdel wieder und wieder, verstrt und zitternd, ein paar Worte
zuflsterte, stand er an der Ecke des Leuthauses auf die Kreuzstange seines
Bidenhnders gelehnt und blickte aufmerksam in den tobenden Schwrm hinein.
Immer waren seine Augen beim Runotter, der sich in dem drngenden Haufen
umherschob, bald den einen, bald den andern am Kittel fate und ernst auf ihn
einredete.
    Aber da fruchtete keine verstndige Mahnung mehr. In den ratlos furchtsam
Gewordenen hatte die Staatsklugheit des Franzikopus Wei drei vernunftfressende
Worte zurckgelassen: das Wort von den Schtzen, mit denen ein gtiger Frst die
Truhen seiner Holden fllt, das Wort von den Exekutierern und den vielen Ochsen,
Khen, Schafen und Ziegen, das Wort von den hohen Ulmen mit den festen sten. Je
tiefer diese drei Worte sich einbohrten, um so mehr verlor fr die Ramsauer der
heilige Peter von Berchtesgaden an vertrauenswrdigen Eigenschaften. In gleichem
Mae gewann der heilige Zeno von Reichenhall an schutzbietender Kraft.
    Schon mehrmals hatte der ltestmann umsonst versucht, von diesen schreienden
Menschen gehrt zu werden. Nun stieg er auf einen Zaunpfosten des Leuthauses.
Und weil seine Stimme in dem tobenden Lrm versank, hob er zwischen seinen
zitternden Hnden den Hngmooser Weidbrief in die Hhe, dieses grau und rot
gefleckte Heiligtum des Seppi Ruechsam. Mit gekrmmtem Rcken und eingeknickten
Knien stand der greise Mann da droben und wartete geduldig, bis halbe Stille
entstand. Dann sprach er: Es wre mit allen Stimmen der Spruchbaren wider die
einzige Stimme des Runotter ein Frschlag ausgeredet, den alle hren und
gutheien mten, die zur Ramsau und zum Schwarzeck, zum Tauben- und Hintersee
gehren; man soll die vier Toten dem Pfarrherrn vor das Widum legen zu
christlichem Begrbnis; man soll vor Nacht alles Vieh von den Ahnen holen und
beim Taubensee zusammentreiben; neuer Albmeister ist der Hinterseer Fischbauer,
der soll die gesiegelten Rechtsbriefe mit der Truhe des Seppi Ruechsam in
Verwahr nehmen und haften dafr mit Leib und Leben, mit Gut und Seligkeit; fr
jeden Schwerkranken und vor Alter Mden soll man einen halbwchsigen Buben
daheim lassen zu Treuung und Pfleg, bei jedem eine Milchgei und das Geflgel,
das sich vor Nacht nimmer fangen lt, einen versteckten Sparpfennig,
ausreichendes Brot, dazu noch Mehl und Schmalz und Salz; was sonst in der Ramsau
und auf dem Schwarzeck, am Tauben- und Hintersee ein Lebendiges ist, Mannsleut,
Weiber und Kinder, mit allem nutzbaren Vieh, mit Geld und beweglichem Gut, mit
Wehr und Eisen, mit Sack und Karren, soll bis Mitternacht Zulauf suchen beim
Taubensee. Auf da wir zur Wahrung von Hab und Leib einen andchtigen Bittgang
tun zum heiligen Zeno, der uns ein mchtiger Frsprech sein wird beim gtigen
Herrn im Himmel, bei Jesuchrist und seiner barmherzigen Mutter. Wer dawider ist,
da man den Bittgang macht, der tu seine Faust in die Hh!
    Eine einzige Faust erhob sich, die des Runotter. Dann streckten sich noch
zwei Arme. Von den drei Knechten des Runotter stimmten zwei wie ihr Bauer.
    So ist beschlossen, da man's tut! Der ltestmann lie sich vom
Zaunpfosten herunterheben.
    Leut, Leut, Leut! rief der Runotter mit hallender Stimme. Das ist kein
andchtiger Bittgang nit! Das ist Landsverrat!
    Alle hundert Stimmen brllten gegen den einen. Und Malimmes schrie: La gut
sein, Bauer! Steckt der Karren so tief im Dreck, da mt man im Dutzend helfen.
Einer lupft ihn nimmer.
    Doch Runotter, whrend ein Schwrm von Buben schon nach allen Seiten
auseinanderstob, um das Almvieh heimzuholen, fate den ltestmann am Kittel,
rttelte ihn und schrie wie von Sinnen: Mensch! Was tust denn, Mensch? Bist der
ltest, solltest der Klgste sein und bist der Dmmst. Und hetzest die Leut ins
Verderben! Und redest zu Landsverrat und Treubruch!
    So? keuchte der Greis. Und wie heit denn, was die Herren tun?
    Wenn einer stiehlt, mu da gleich jeder ein Dieb sein? Die Treu verlassen,
heit auf den Mist springen, nit auf guten Boden! Der Frst tut Unrecht an uns.
Ist wahr! Das werden die Herren einsehen -
    So? Und bis sie's einsehen, liegt ein Hufl von uns beim Seppi Ruechsam
oder hngt an den Ulmen. Das Leben ist eh noch alles, vpas der Bauer hat.
    Hundert Stimmen schrien das gleiche.
    Leut, Leut! rief Runotter. So tut doch Vernunft haben um Herrgottschristi
willen! Ihr stot ja die eignen Huser in Scherben und versauet das eigne Feld!
Wo einer Untreu bt, geht Feuer nieder, da ihm die Hnd verbrennen. Leut, Leut!
Habt ihr nit dem Frsten geschworen -
    Da kreischte eine Frauenstimme aus dem whlenden Lrm. Du hast's ntig, da
du so fr die Herren redest! Denkst nimmer an dein Weib?
    ber das Gesicht des Runotter fuhr eine kalkige Blsse. Stumm bi er die
Zhne bereinander. Dann hob er die Hnde und wollte reden. Doch ein wirres,
wildes Geschrei, in dem sich Hohn und Grauen mischte, erstickte sein Wort. Einer
auf der Strae schrie: Da kommt des Richtmanns hfische Treu geritten! Und
wieder jene Frauenstimme: Guck her, du! Guck! Wie's die Herren treiben! Oder
ist das ein Gru von deinem Weib?
    Eine Gasse tat sich auf, die Menschen wichen zurck und Runotter sah den
reitenden Tod, der ein verschobenes, bresthaftes Krperchen hatte.
    Die Augen des verstrten Mannes irrten.
    War der Tod so ein reicher Herr, da er eine Frluferin besolden konnte?
Und zwei Diener, die ihn sttzten? Einen in staubgrauer Seide und einen mit
blutiger Leinenkappe? Und hinter dem reitenden Tode lief ein Schwrm von Kindern
her wie hinter einem Blatterpfeifer mit lockenden Tnen.
    Ein dumpfer Lrm. Doch fr Runotter war alles ein kaltes Schweigen. Er
bewegte sich wie ein Erwachender. Dann stie er die Fuste vor sich hin. Jula?
Das war ein Laut wie das Rcheln eines sterbenden Tieres. Wer?
    Mhsam atmend, erschpft, mit steinernem Gesicht sah Jula den Vater an. Da
- schau - jetzt komm ich heim - - mit dem Jakob.
    Er krampfte die Fuste in ihre Schultern und rttelte sie, da ihre
niedergerissenen Haare rieselten. Wer? Wer? Wer?
    Ihr Gesicht verzerrte sich. Der Spieknecht, der mich nten hat wollen.
    Runotter fuhr sich langsam mit dem Arm ber die Stirne, und sein Rcken
krmmte sich. Da sah er, da der kleine Tod im Sattel sich auf die Seite neigte
- Lampert und Heiner hatten die Riemen und den Knoten der Schrpe gelst - und
Runotter sprang unter keuchendem Laut auf den Rappen zu und umklammerte mit den
Armen die kalte, starre Miform, die sein Kind gewesen.
    Schreiend und schmhend drngten viele Leute gegen Lampert hin, und bei
ihren Flchen hoben sie die Fuste. Andre kreischten auf den Runotter ein.
Wieder hrte man jene Frauenstimme schrillen; es war die Stimme der
Schwarzeckerin, deren seliger Mann so prachtvoll hatte pfeifen knnen; sie
schrie: Hast allweil die Jula noch! Die mut zum Gaden schicken! Aber die
Herren, weit, die haben's gern linder als auf der Alben. Gib der Jula das
Bettzeug mit! Da bist ein Treuer. Runotter, den toten Krppel umklammernd, sah
ber die Gesichter hin wie ein Irrsinniger. Und da fragte ihn der ltestmann:
So, Mensch, was tust denn jetzt?
    Runotter nickte: Ich hre schon, ja!
    So red! Was tust? Gehst mit zum heiligen Zeno?
    Und hundert Stimmen schrien es nach: Gehst mit? Gehst mit?
    Er sah das vom schwarzen Haar umwuschelte Gesicht seines kalten Buben an.
Dann hob er den Kopf, sein Krper streckte sich, und mit langsam gleitenden
Augen sah er ber das Gewhl der Leute hin.
    Wieder schrien viele Stimmen: Gehst mit? Gehst mit?
    Er sagte: Mein Leben ist md. Ich steh im Elend da. Aber mich niederhocken
in den Dreck? Das tu ich nit. Ich bleib, wo ein sauberes Hausen ist. Geht euren
Weg! Ich such den meinen. Taumelnd, als wre der leichte Krper auf seinen
Armen eine Last zum Erdrcken, machte Runotter ein paar Schritte, blieb stehen
und drehte das entfrbte Gesicht. Malimmes! Der Soldknecht stand schon neben
dem Bauer. Tu mir aufpassen auf den Herren da! Der hat - Ein Wrgen kam in
seine Stimme. Der hat meinen Buben reiten lassen auf seinem Gaul.
    Unter dem tobenden Lrm, der entstand, trat Malimmes mit dem blanken Eisen
auf Lampert zu. Flink, Herr! Lang kann ich fr Ruh nit brgen. Die Leut sind
als wie von Hornaussen gestochen.
    Lampert, mit dem Zgel in der Hand, machte rasch einen Schritt vor die
Hirtin hin. Jula! Seine Stimme hatte keinen klaren Laut und war wie das
Krchzen eines Halskranken. Jula! Ich bin nicht, was du mich gescholten hast.
    Sie sah ihn an. Trnen fielen ihr ber das entstellte Gesicht herunter. Dann
wandte sie sich schweigend ab und ging hinter dem Vater her, zum Hag hinauf, vor
dessen geschlossenem Tor mit trgem Schellengerassel acht verstaubte Khe
standen, die geduldig auf Einla in ihre Heimat warteten.
    Der graue Reiter, barhuptig, jagte ber die Strae hinaus. Geschrei und
Flche waren hinter ihm her. Und Steine flogen, Einer traf ihn an der linken
Schulter, da der Arm aus dem Gelenk gestoen wurde und schlaff herunterhing.
    Es schattete schon im Walde. Doch auf den offenen Wiesen der Strub, da lag
die Sonne wieder, goldschn in der leuchtenden Reinheit des Abends.
    Nicht weit vor den ersten Husern von Berchtesgaden jagte Lampert an dem
trge kriechenden Zug des Marimpfel vorbei. Die Faust des berittenen
Spieknechtes blutete nimmer, seit sie in die Leinenbinde des heiligen Zeno
gewickelt war. Auch die vier Leichentrger hatten die verprgelten Kpf e mit
Flachs umwunden, der zu Reichenhall gewachsen. Und den flssigen Strkungen des
gtigen Heiligen hatten sie so reichlich zugesprochen, da Niederlage und rger
fr sie verwandelt waren in einem schmerzlosen Dusel.
    Lampert fhlte beim Anblick dieses Zuges keine Erschtterung irgendwelcher
Art. Im jagenden Vorberreiten stie er ein heiseres Lachen vor sich hin. Und
sprach dabei zwei alte Worte: Fiat justitia!
    Als er auf dem Marktplatz an verwundert guckenden Leuten vorbeigaloppierte,
klang von einem Erker her der Schrei einer aus Sorge erlsten und doch von Angst
bedrckten Mutter. Und es klirrte ein niederfallendes Schubfenster.
    Im Hausflur trat Herr Someiner dem Sohn entgegen.
    Viel Zeitung, Vater! krchzte Lampert unter schneidenderb Lachen. Der
Kser auf dem Hngmoos ist niedergebronnen. Der Sohn des Richtmanns ist erwrgt.
Vier Ramsauer sind erschlagen, das Dorf ist in Aufruhr. Wo deine siegelwidrigen
Khe und deine rechtsgetreuen Ochsen sind, das wei ich nicht. Deine Pfndleut
bringen zwei tote Buben.
    Amtmann Someiner war ein groer, stattlicher Herr. Nun pltzlich erschien er
kleiner um einen halben Kopf. Er hatte weit aufgerissene Augen und sagte mit
schwerer Zunge: Recht mu Recht sein!
    Ein halbes Wort, Vater! Vergi nicht die andre Hlfte: Pereat mundus!
    Etwas Weies kam sehr schnell aus dem dunklen Treppenschacht heraus.
    Jesus!
    Dieser Schrei, den Frau Marianne emporschickte zum mildesten aller Menschen,
hatte nichts mit den Hngmooser Ochsen, auch nicht das geringste mit den fnf
Ramsauern und den zwei Gadnischen Hofleuten zu schaffen, die das Atmen verlernt
hatten. Dieser Schrei war nur einer Mutter Sorge um ihren Sohn.
    Als sie den vor Erschpfung Wankenden hinauffhrte zu seinem Stbchen, sagte
er ruhig mit seiner tonlosen Stimme: Es ist nichts, Mutter! Nichts! Mut nicht
Angst haben. Aber den Medikus brauch ich. Mit meinem linken Arm ist, ich wei
nicht was. Nichts, Mutter, nichts! Blo heben kann ich ihn nimmer.
    Frau Marianne rief mit schriller Stimme nach ihrem Mann. Der kam nicht. Weil
er schon auf dem Wege zu seinem gndigsten Frsten war, ohne Stock und Hut.
Hinter sich vernahm er Hufschlag und Geschrei von Menschen. Er sah sich nicht
um. Was man nicht sieht, ist nicht vorhanden.
    Im inneren Stiftshofe, zwischen blauem Schatten und goldroter Abendsonne,
waren die Domizellaren mit Herrn Jettenrsch und ein paar andern, noch jungen
Chorherren beim Reifenspiel, an dem sich auch drei schlanke, vergngte Frulein
beteiligten, die das Haar mit grnen Schleiern umwunden trugen.
    Der Amtman keuchte die zwei Treppen zum Frstenzimmer hinauf und befahl dem
Diener: Tu mich melden beim Herren! Sag, es wr in causa boum
hengismosianorum.
    Ein groer Raum, vornehm und doch nicht prunkhaft. Frst Peter Pienzenauer,
im weien Ordenskleide, sa am offenen Fenster, durch das man eine von Gold und
Schatten durchwrfelte Ferne, das Haupt des Watzmann mit dem weien Schneebart
und die scharfen Zinken der Watzmannkinder sah. Eine breite Woge der Abendsonne
fiel durch das Fenster herein, berleuchtete den Prlaten und warf den Schatten
des in tiefer Verbeugung stehenden Amtmanns als schwarzen Klo auf die
rotleuchtende Wand.
    Nun, lieber Ruppert? Was wollen die Ochsen schon wieder?
    Gndigster Herr! Da hat sich jetzt eine schieche Sache ausgesponnen.
Genaues wei ich noch nicht. Aber soviel mein Sohn mir da kundgetan -
    Whrend Herr Someiner weiterredete, zog der Frst die Brauen immer strenger
zusammen. Und der Amtmann hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als der Vogt mit
dem Spieknecht Marimpfel erschien.
    Das ist ein bel Ding! sagte Herr Pienzenauer. So gehen
Eigenmchtigkeiten der Unbesonnenen immer aus. Warum hast du diese einfache
Sache nicht so geordnet, Ruppert, wie ich es wnschte? Ich habe dir doch
deutlich gesagt, wie es gehalten werden sollte?
    Der Amtmann stotterte: Aber gndigster Herr -
    Schweig! Der Propst winkte. Erst soll der andre reden. Wie war's?
    Marimpfel beschnigte nichts. Das hatte er nicht ntig. Wie der lteste der
Ramsauer, so blieb auch er als gewissenhafter Mensch und verllicher Hofmann
streng bei der Wahrheit, die er gesehen hatte und beschwren konnte. Und doch
bekam die Begebenheit des Tages nun schon ein drittes Gesicht.
    Die Pfndung war nach Marimpfels Meinung laut Befehl in strengster Ordnung
vollzogen worden. Der Kser geriet in Brand, weil die drren Schindeln auf den
Herd fielen, auf dem noch die siegelwidrigen Kohlen glhten. Ein Hirte, der sich
unbotmig aufspielte, bekam die verdiente Dachtel. Ich brauch auch nit
verschweigen, Herr, da ich mit der sauberen Hirtin ein ltzel scherzen htt
mgen. Das ist doch Hofmanns recht. Nit, Herr?
    Auf diese Zwischenfrage gab Frst Peter weder ein Ja noch ein Nein zur
Antwort.
    Bei heiterem Scherzen mit der Hirtin mute Marimpfel so eine breshafte Krot,
die ihm grob an den Hals gesprungen, von sich abbeuteln. Der Lausbub hat gleich
das Messer gezogen, und ich hab mich wehren mssen meines Leibs. Und in der
Ramsau hielt der Runotter, hinter ihm an die zweihundert Leute, meuterisch die
rechtlichen Pfnder auf.
    Der Runotter? fragte der Propst erstaunt.
    Der, Herr, ja! Arg weit hat er den Brotladen aufgerissen.
    Weil Frst Peter den Kopf schttelte, erschien es dem Amtmann als Pflicht,
von der Sehnsucht des Runotter nach einem Trunk aus dem eidgenssischen
Freiheitskrug zu sprechen. Doch barmherzig verschwieg er dabei des Richtmanns
freigeistiges Wort vom Menschen, der sein mu wie er ist.
    Und Marimpfel erzhlte: Ist auf mich los und hat mir den Gaul scheu gemacht
mit seinem Stecken, da ich ihn fortschieben hab mssen. Und da haben die Leut
ein Schreien angehoben und haben mich einen Lumpenkerl geheien. Noch allweil
hab ich Ruh gehalten. Erst wie der Richtmann auf den Herren geschumpfen hat, da
hab ich pflichtmig einen Griff nach dem Eisen getan. Hab's aber nit gezogen,
weil ich doch wei: Der Herr ist lieber gtig als streng. Aber da verschimpft
der Richtmann die Pfndung als ein Unrecht, bietet mir, ich soll die Kh vom
Strick tun, und der Albmeister weiset mir einen papierenen Wisch -
    Ruppert? fragte Herr Pienzenauer.
    Das kann nur der Ochsenbrief gewesen sein! beteuerte der Amtmann. Ein
ander Siegelrecht ist in matricula sigillorum nicht registriert. Kann sein, die
Bauren haben den Hofmann verdutzen wollen.
    Ja, Herr, nickte Marimpfel, so ist mir's frgekommen. Und da hab ich -
In aller Aufrichtigkeit wiederholte er jene symbolische Geste. Ist schon wahr,
ich bin ein ltzel zornig gewesen. Auf meinen Frsten kann ich nit schimpfen
hren. Also, ich sag noch: Mir ist Recht, was mein Herr gebietet. Und jhlings
springt mir der Albmeister an den Bauch. Ich wehr mich mit dem Ellbogen. Der
Fuknecht, der jetzt im Hof liegt und nimmer reden kann, will mir helfen und
fahrt mit dem Spieholz dazwischen. Da droht der Albmeister mit dem deutschen
Knig. Und weil er geblutet hat, ist dem alten Manndl letzt worden. Und da
schreien die Ramsauer Mordio. Und her ber uns mit Zaunhlzern und Messern. Und
der Richtmann schreit nach einem. Und der springt aus des Albmeisters Haus, mit
dem blanken Eisen - Marimpfel verstummte.
    Nun?
    Mein gtiger Herr Frst soll mir verstatten, da ich um Bluts willen den
Namen verschwieg. Ich hab's nit mgen zu einem schiechen Handel kommen lassen.
Und hab Befehl gegeben: Hofleut! Durch! Und die Ramsauer hinter uns her, mit
Fluchworten und Unflat, mit Holztremmeln und Steinbrocken. Einen Fuknecht und
einen Buben haben sie uns totgeschmissen. Jeder von uns hat einen blutigen Wisch
abgekriegt. Marimpfel zeigte die verbundene Faust. Und derweil wir uns gewehrt
haben unsres Leibs und Lebens, sind die Kh zum Teufel. Ein paar aus dem
Meuterhaufen sind liegenblieben. Ist schon wahr, Herr, wie die angestochenen
Keiler haben wir uns stellen mssen. Aber sechse gegen dritthalb Hundert! Die
Ramsauer htten uns all erschlagen, wr nit durch Gottes gtige Frsicht der
Reichenhaller mit seinen Reitern des Wegs gekommen.
    Wer? fragte der Frst erstaunt.
    Der Propst vom heiligen Zeno. Vor seiner Trumpeten sind die Ramsauer durch.
Und Herr Otmar hat uns christlich gesegnet und hat uns in Gtigkeit viel
Strkung und Verbandzeug bieten lassen aus seinem Karren.
    Oh? Herr Pienzenauer erhob sich. Bei aller Erregung, die man ihm ansehen
konnte, lchelte er seltsam. Die armen Chorherren von Hall? Und schenken so
reich? Da wird man ein hfliches Dankschreiben verfassen mssen. Er blieb vor
Marimpfel stehen. Hast du die Wahrheit gesprochen?
    Der Spieknecht streckte sich. Bei meinem Eid und Leben, Herr!
    Frst Peter nickte. Man wird deinen Sold erhhen. Jetzt geh und la dich
pflegen! - Vogt! Man soll die Chorherren zum Kapitel rufen. Gleich! Als Herr
Pienzenauer mit dem Amtmann allein war, ging er schweigend durch die Stube.
    Die rote Sonne war erloschen. Das Fenster leuchtete noch als heller Fleck,
doch in allen Winkeln des groen Raumes sa schon die graue Dmmerung.
    Dem Amtmann begann dieses lange Schweigen hchst unbehaglich zu werden.
Herr -
    Da blieb der Frst vor ihm stehen, mit den Fusten hinter dem Rcken. Mag
das jetzt sein, wie es will. Die Ochsen sind erledigt. Jetzt sind andre Dinge
da. Ein Dorf in Aufruhr. Unrecht und Mord - so oder so. Und hat sich auf der
Salzburger Synode nicht ein Fuchs in ein Schflein verwandelt, so wird noch
bleres nachkommen. Da mu man vorbeugen. Noch heut in der Nacht. Aber das
verstehst du nicht, mein guter Ruppert! Du verstehst nur, da man jetzt
bestrafen und die Exekutierer schicken mu. Und da kann ich dir leider nicht
unrecht geben. Ich mu die bse Suppe auslffeln, die du mir eingebrselt hast.
    Someiner verfrbte sich. Ich hab mich streng nach dem Wort Euer Gnaden ans
Recht gehalten.
    Der Frst schien in Zorn zu geraten. Doch er sagte ruhig: Ans Recht? Mag
sein. Aber mein Wort? Willst du mich unter die siebzehn einreihen, die nach
deiner Meinung statt der siegelwidrigen Khe auf dem Hngmoos fressen sollten?
Hab ich dir nicht auch gesagt, du sollst verstndig handeln? Sieben Tote! Ist
das Verstand? Sieben Menschen um einen Schppel Gras! Und alle Folgen dazu! Und
so flink hast du das gemacht, da die junge, gesunde Vernunft, die sich dagegen
wehrte, deinen Streich nimmer hindern konnte!
    Freilich, jetzt, stammelte der Amtmann, wo ein unberechenbares Unglck
geschehen ist, jetzt kann man leicht -
    Herr Pienzenauer hob den Kopf. Ruppert, du bist ein unfhiger Mensch! Jetzt
hast du es bewiesen. Vermutet hab ich es schon lange. Und weil ich dich im Amte
lie, bin ich heute dein Mitschuldiger. Du hast drei Monate Zeit, um deinen Sohn
in die Geschfte einzufhren. Dann geniee die ntige Ruhe. Deine Bezge werden
dir belassen. Gott befohlen!
    Ein rasch bimmelnder Hall. Auf dem Dach des Stiftes lutete die
Kapitelglocke. Und da wute man im Umkreis einer Stunde, da Gefahr im Lande
war, die schleunigen Rat verlangte.
    Als Ruppert Someiner mit schwachen Knien ber die von Dmmerung umwobene
Treppe hinunterstieg, befiel ihn pltzlich die wunderliche Erinnerung, da er
als Knabe einen groen Apfel auf glhender Ofenplatte gebraten hatte. Der Apfel
tanzte und sang sehr hbsch, doch pltzlich, mit starkem Knall, zerplatzte er.
Und da machte der kleine Ruppert die berraschende Entdeckung, da der Apfel
groe, hohle Samengehuse hatte, in denen keine Spur von einem Kern zu entdecken
war.
    Seit mehr als vierzig Jahren hatte Someiner nicht mehr an diesen Apfel
denken mssen. Warum gerade jetzt? Die Logik dieser absonderlichen Gehirnblase
blieb fr Ruppert Someiner unentrtselt, weil sich ihm das Bild des leeren
Apfels zu schnell verwandelte in vorwurfsvolle Erbitterung ber die
Ungerechtigkeit der Menschen, insonderheit der Frsten.
    Als er den Hof durchschritt, keuchte einer in schwarzem Mantel an ihm
vorbei. War das nicht der Ramsauer Pfarrherr?
    In der farbigen Dmmerung begannen die Glocken auf drei Trmen den
Abendsegen zu luten. Die schn und sanft ineinanderflieenden Tne schwammen
als wundersames Friedenslied durch die leuchtende Luft.
    Someiner fand sein Haus wie ausgestorben. Das Amt war geschlossen; der
Schreiber Piebcker hatte Hut und Stock seines Vorgesetzten und die Schlssel
hinaufgetragen in die Wohnstube. Obwohl es schon dunkelte, brannte noch eine
Kerze. Und der Abendtisch war nicht gedeckt. Und niemand kam, um die Bitterkeit
diese gekrnkten Mannes mitzufhlen und ihn zu trsten. Den dumpfen Stimmenklang
und die hin und her eilenden Tritte ber der Decke droben hrte er nicht,
vernahm auch nicht das ruhelose Mahnwort des Pendels im alten Uhrkasten: Bau! -
Bau! - Bau!
    Gebeugten Hauptes sa er im Zwielicht des Erkers. Und dicke Zhren
trpfelten ihm ber die kalkweie Nase herunter. Ruppert Someiner war dabei des
Glaubens, da er, als der einzige Weise auf Erden, bittere Trnen vergsse ber
den Irrsinn des Lebens, in dem, was heiliges Recht war, sich in eine ebenso
grausige wie lcherliche Torheit verwandeln konnte.
    In Wahrheit war die Sache so, da Herr Someiner heulte, weil er an die
schwindende Ehrerbietung seiner Frau, an den unkindlichen, feindseligen
Widerstand seines Sohnes und an seine nahe Schande vor den Menschen denken
mute.
    Drei Monate?
    Gab's auf der Welt eine Ungerechtigkeit, so gro, da man sie in drei
Monaten nicht widerlegen und durch ungebeugte Tchtigkeit ad absurdum fhren
konnte?
    Bei diesem Gedanken fate Herr Someiner den mannhaften Entschlu, von seiner
Amtsentsetzung zu schweigen, solange Herr Peter Pienzenauer nicht reden wrde.
    Auf der glhenden Ofenplatte seines Kummers briet der kleine Ruppert
abermals einen groen Apfel ohne Kern.

                                       7


ber dem Runotterhofe hing die laue Sommernacht mit funkelnden Sternen. Das
Rauschen der Ache war wie ein gleichmiger Murmelsang im Schweigen der
Dunkelheit. Aus den Stllen tnte zuweilen das Klirren einer Kette und der
murrende Laut eines Rindes. Sonst kein Zeichen von Leben in der Nacht. Die
angrenzenden Hfe lagen wie ausgestorben, und vom nahen Leuthaus klang nicht wie
sonst das Schreien und Singen trunkener Knechte.
    Doch aus Reiter Ferne - von dem nach Reichenhall ziehenden Tal des
Schwarzenbaches - war immer wieder ein mattes, wirres, wunderliches Gerusch zu
hren. Das klang, wie wenn man Erbsen in einer blechernen Schssel rttelt. Es
war der ferne Lrm des andchtigen Bittganges, den alle wegfhigen Mannsleute,
Weiber und Kinder von der Ramsau, vom Schwarzeck, vom Tauben- und Hintersee zum
heiligen Zeno unternahmen, mit Wehr und Eisen, mit Geld und Vieh, mit Karren und
Sack.
    Immer leiser, immer ferner klang dieser wunderliche Lrm.
    Der regungslose Wchter, der vor dem Hagtor des Runotterhofes auf einem
Grasbuckel sa, mit dem Bidenhnder ber den Knien, mute immer schrfer
lauschen, um noch einen matten Hall dieses erlschenden Lrms zu vernehmen. So
oft er das leise Gerttel der Erbsen in der Blechschssel hrte, war in ihm die
Frage: Ist die Mutter mitgezogen, oder hat sie bleiben mssen, und hat man auch
bei ihr einen halbwchsigen Buben zurckgelassen mit einem versteckten
Sparpfennig, mit einer milchenden Gei, mit einer legenden Henne, mit Mehl und
Schmalz und Salz?
    Lautlos kam ein Mensch von der Strae heraufgesprungen, man sah von ihm in
der Dunkelheit nur einen Schimmer des weien Wundverbandes, der um den Kopf
gewickelt war. Eine flsternde Stimme: Der Pfarrherr ist nit zu finden. Vor der
Widumstr, da liegen die vier erschlagenen Leut. Allweil hab ich gepochet an der
Tr. Aber niemand hat aufgetan. Der Pfarrherr -
    Der ist beichten gegangen. Aber nit zum heiligen Zeno! Malimmes lachte
kurz. Jetzt wissen die Herren im Gaden, wie andchtig heut in der Nacht die
Ramsauer wallfahren. Einen Augenblick besann er sich. Geh hinein und sag dem
Bauren, da er auf den Pfarrherrn nit warten braucht. Sag, der Pfarrherr war
davongelaufen. Sonst sag kein Wrtl! Verstehst?
    Wohl.
    Nachher sag, da du letz bist und schlafen mut. Und tu deinen Lederkra
an, und nimm dein Eisen. Und geh hinauf zu dem Schlupf hinter dem Grtl droben,
wo wir am Abend die Gul hinausgetan haben. ber dem Hag drauen, gleich in den
ersten Stauden links, da liegt des Bauren Wehrzeug. Und Gewand und Wehr von des
Bauren Bruder liegt dabei, der jung hat sterben mssen. Und ein lederner
Waldsack, der ein ltzel schwer ist. Das alles mut du aufnehmen. Und trag's
hinber zum Hirscheneck beim Windbach, wo die andern mit den Gulen sind. Und
jetzt leg deine Hand in die meinig! Willst du treu sein, Heiner?
    Wohl!
    So geh! Und la den Bauer nit merken, was geschieht!
    Als der Bub in den Hof schlpfte, knarrte das Hagtor ein bichen.
    Malimmes setzte sich wieder auf den Rasenbuckel hin. Er lauschte ber die
nach Berchtesgaden fhrende Strae hinaus. Da war nur das dumpfe, hinter dichtem
Wald versunkene Rauschen des Windbaches zu hren. Dann lauschte er nach Westen
gegen den Schwarzenbach. Und da konnte er von Zeit zu Zeit noch immer dieses
ferne Klirren vernehmen, dieses dnne Erbsengerttel in einer Eisenschssel.
    Pltzlich drehte Malimmes das Gesicht gegen den Hag. Er lachte leise. Du
Gnsl, du dummes! Bist du noch all weil da?
    Keine Antwort. Doch eine Weibsgestalt lste sich grau von dem schwarzen
Zaungeflecht.
    Maidl, jetzt mu ich grob werden! sagte Malimmes ernst. Bleibst du noch
lnger, so knnt ein schieches Ding ber dich herfallen. Schau, da du deinen
Heimleuten nachkommst!
    Eine zerdrckte Mdchenstimme: Ich bleib, wo du bist.
    Malimmes schien rgerlich zu werden, wandte das Gesicht und lauschte gegen
die Gadnische Strae hinaus.
    Das Mdel beugte sich zu ihm hinunter. Ein sehnschtiges Drsten war in der
leisen Frage: Tust mich denn gar nit mgen?
    Er lachte ein bichen und legte den Bidenhnder fort. So komm halt! Mit
beiden Hnden fate er das Mdel und zog es auf seinen Scho. Wer wei, ob wir
morgen noch warmes Blut im Leib haben. Sie hatte schon seinen Hals umklammert,
und seine Worte erstickten unter ihren gierigen Kssen. Aber schau, Maidl, ich
wei noch gar nit, wie du heit?
    Traudi.
    Da mute er wieder lachen. Ich trau mich schon.
    Ein Sto des wechselnden Nachtwindes fuhr durch das Bachtal her, die Ulmen
an der Strae rauschten, und deutlicher klang der dumpfe Wasserlrm des
Windbaches. Dann wieder die Stille mit dem sanften eintnigen Lied der Ache. Und
immer waren zwei murmelnde Menschenstimmen zu hren, die wie mdes Summen vom
Haus herberklangen ber den Hag - weil der Pfarrherr nicht gekommen war,
sprachen Vater und Schwester fr den toten Jakob den christlichen Seelentrost.
Sie beteten lange. Nun verstummten sie.
    Guck Maidl, sagte Malimmes wie ein Erwachender, leise und heiter, so
schiech ist keine Lebensstund, da sie nit noch ein Brselein Sigkeit haben
knnt! Aber pa auf, jetzt mut du auch tun, was ich schaff.
    Alles, Bub! Sie umklammerte ihn.
    La luck ein ltzel! Er suchte in seiner Tasche. Da hast du fnf gldene
Pfennig. Tu's nit verlieren, gelt! Und jetzt lauf die Stra hinaus zum
Taubensee! Wenn du viele Reiter kommen hrst, so tu nit erschrecken. Ich glaub,
die reiten zum Schwarzenbach. Eh sie dich einholen, birg dich in den Stauden.
Und sind sie vorbeigeritten, so lauf wieder. Weit du des Mareiners Haus?
    Das Mdel nickte an seinem Hals.
    Kann sein, das Haus ist leer. Kann sein, ein altes, mdes Weibl ist da. Dem
steck zwei gldene Pfennig in jeden Strumpf. Sag, die tt ihr einer schicken,
der am Zunl gestanden. Sonst tu kein Wrtl reden, nit von dir und nit von mir!
Und mach dich wieder davon!
    Aber -
    Was?
    Der ander Pfennig?
    Er kte sie auf die Wange. Den heb dir auf! Von mir.
    Sie schttelte heftig den Kopf. Das nit! Darfst mir alles tun! Das nit!
    Malimmes lachte. Da mut mir halt den berschichtigen Pfennig wieder
bringen.
    Wann? Das Mdel schmiegte die Wange an seinen Hals. Und wo?
    Wenn's tagen will, kannst hinter dem Schwarzeck droben warten, auf dem
Steig zum Hngmoos. Kann sein, ich komm. Kann auch sein, da ich ausbleib. Da
brauchst mich nimmer suchen.
    Das hatte er ruhig gesagt. Und dennoch fing das Mdel, von dunkler Angst
befallen, an seinem Hals zu zittern an.
    Flink! Tu folgen! Er packte sie fest, stellte sie auf die Fe und stand
selber auf. Mach weiter! Ist nimmer viel Zeit.
    Sie kte ihn und suchte mit den Lippen die bse Narbe. Und flsterte:
Wirst sehen, das heilet wieder. Ganz. Und da bist du der Schnste von allen.
    Er gab ihr lachend einen Schlag auf die dralle Schattenseite. Spring jetzt!
Flink!
    Traudi rannte davon und kam zurck. Wenn aber das alte Weibl nimmer da
ist?
    Eine Weile schwieg er. Dann sagte er hart: Da tu, was du magst! Er hob den
Bidenhnder aus dem Gras und lauschte gegen den Windbach.
    Hinter dem Leuthaus verhallte das flinke Schuhgeklapper des Mdels.
    Nun wieder die ruhige Nacht mit dem eintnigen Wellengesang im schwarzen Tal
und mit den funkelnden Sternen in der stahlblauen Hhe.
    Nach dem Stande dieser weisenden Himmelslichter mute Mitternacht schon
lange vorber sein.
    Da streckte sich Malimmes.
    Er hatte vom Windbach her ein Gerusch vernommen, wie wenn ein starker
Brunnenstrahl auf einer hlzernen Kufe trommelt. Rasch verstrkte sich dieser
Lrm und wurde zu einem Pochen von hundert eisernen Hmmern.
    Malimmes trat in den Hof, drckte das Tor zu und schob die zwei schweren
Sperrbalken in die Zwingen. Mit ruhiger Hand bekreuzte er das Gesicht, zog den
Bidenhnder blank und hakte die Lederscheide wie einen Grtel um die Hfte.
    Das Gehmmer dieser vielen Hufe kam immer nher, ohne seinen wirren Takt zu
verlangsamen.
    Es stimmt. Das geht vorbei. Die reiten zum Schwarzenbach.
    Durch das Schuberloch des Tores guckte Malimmes auf die Strae hinunter. Nun
kam's. Und das war wie ein langer, schwarzer, flinker, vielfiger Nachtdrache,
der hurtig seine Ringe schob und die Stacheln seines Rckens auf und nieder
zucken lie. Nun tauchte das Ungeheuer, das aus der Finsternis gekommen, in die
Finsternis hinein.
    Kamen bis in einer halben Stunde die flchtenden Ramsauer auf ihrem
andchtigen Bittgang nicht so weit, da der schtzende Mantel des heiligen Zeno
sie umhllte - dann wird dieser eisenschuppige Drache seinen Durst an ihnen
stillen und Blut saufen.
    Das waren an die vierzig Reiter gewesen. So viele berittene Soldknechte
unterhielt das Stift zu Berchtesgaden nicht. Es muten auch die Domizellaren,
die jngeren Chorherren und die wehrhaften Brgershne mit ausgeritten sein.
    Das Gehmmer der vielen Hufe klang schon wieder wie das Getrommel eines
starken Brunnenstrahls auf einer hlzernen Wanne, wurde schwcher in der Ferne
und versank im Rauschen der Ache.
    Jetzt noch ein Stndl. Und die Raubleut kommen.
    Malimmes schlo am Hagtor den Guckschuber, verwahrte den Bidenhnder in der
Scheide und ging zum Haus hinber.
    Aus den offenen Fenstern der groen Stube quoll ein trber, zuckender Schein
in die Nacht heraus. Der kam von den Talglampen, die neben dem Totenbrett des
Haussohnes brannten. Und diesen Schein durchwirbelte der dnne, scharf duftende
Rauch der Wacholderzweige, die zu Fen des Toten in einem Kohlenbecken
brannten.
    Lautlos trat Malimmes zu dem Fenster, das neben der Haustr war, und sphte
in die Stube. Den Jakob, dessen Totenbrett auf der Erde lag, konnte er nicht
sehen. Er sah nur den Qualm der Talglampen und die zngelnde Wacholderflamme, in
der die brennenden Nadeln wie weiglhende Sternchen flogen. Und hinter diesem
Schleier von Rauch und Licht gewahrte Malimmes die zwei schweigenden Menschen
auf der Ofenbank. Runotter sa gebeugt, mit den Fusten auf den Knien, und das
niederhngende Grauhaar umhllte sein Gesicht mit dunklem Schatten. So sa er
regungslos. Nur manchmal hoben sich seine Schultern unter einem schweren
Atemzug.
    Jula, deren Arme schlaff herunterhingen, hielt den Kopf an den Ofen gelehnt.
Die langsam gleitenden Augen suchten im Leeren. Diese Augen waren hei und
trocken. Doch in der Blsse des versteinerten Gesichtes waren graue Striche, die
vom Lampenru beschmutzten Wege der eingedorrten Trnen.
    Immer machte Malimmes heimliche Zeichen zu ihr hin. Ihre irrenden Augen
blieben blind. Und einmal, als Malimmes schon glaubte, sie htte ihn gesehen,
beugte sie sich nieder und legte einen frischen Wacholderzweig in die
Glutpfanne.
    Das junge Feuer prasselte, und den wehenden Rauch durchflogen die blitzenden
Sternchen.
    Mhsam atmend hob Runotter das Gesicht.
    Geht nit die Nacht schon dem Morgen zu?
    Ich wei nit, Vater!
    Er sah sie an. Lange schwieg er. Dann sagte er langsam: Geh, Kind, und such
deine Ruh! Fr dich ist morgen auch wieder ein Tag.
    La mich bleiben!
    Wr das erstemal, da du deinem Vater nit recht geben ttst.
    Jula stand auf.
    Und Runotter sagte: Schau, Tod ist Tod, und Leben mu Leben sein. Und mir
ist wohler, wenn ich wei, da du ein ltzel Ruh hast.
    Sie nickte.
    Lange blieb sie neben der sternigen Wacholderflamme stehen und sah auf die
Erde hin. Dann ging sie zum Tisch - und kam zurck - und mit einer plumpen
Schere schnitt sie an den Schultern ihre beiden Zpfe ab. Sie beugte sich nieder
und legte das schne Haar wie eine Opfergabe auf die Fe des Bruders.
    Runotter hatte wehrend die Hand gestreckt. Er lie sie fallen und schwieg.
    Whrend Jula sich aufrichtete, bekreuzte sie Gesicht und Brust. Morgen,
Vater! Sie ging zur Tre.
    Malimmes stand schon im Hausflur. Als Jula kam, machte er ein
Schweigzeichen, fate sie bei der Hand und zog sie hinaus in die Nacht und gegen
den Wiesgarten hin.
    Die alten Ulmen, die das Haus dach berwlbten, rauschten leise im lauen
Wind. Von den Gartenblumen war ein zarter Wohlgeruch in der Nacht, der sich
mischte mit dem herben Wacholderduft an Julas Kleidern.
    Ketten rasselten in den Stllen, und zwei Khe fingen zu brllen an. Hatten
sie den Schritt der Hirtin vernommen und erkannt? Oder brllten sie nur, weil
sie mde waren und ziehende Euter hatten?
    In der schwarzen Dunkelheit, in der die matt erleuchteten Fenster wie
verweinte Augen hingen, lauschte und sphte Malimmes nach allen Seiten, whrend
er noch immer Julas Handgelenk umklammert hielt.
    Sie fragte: Mensch, was tust du?
    Meinen Dienst als guter Knecht, der seinen Herren aus dem Elend lupfen
will.
    Sie fragte in der Verstrtheit ihres Schmerzes: Kannst du lebig machen, was
tot ist?
    Das nit. Malimmes sprach leise und ruhig. Aber man kann beim Leben
halten, was noch schnauft. Hinter dem Tod ist die Seligkeit. Aber was vor dem
Sterben noch im irdischen Grtl steht, ist auch nit schlecht. Ich sag: Der
Herrgott soll dem toten Buben meines Herren gndig sein, aber meinem Herren und
seinem schnaufenden Kind soll er Gut im Leben erweisen. Gott ist allmchtig.
Aber der Mensch mu mithelfen. Sonst mag der Herrgott nit. Am liebsten hilft
Gott dem Strksten. Drum hab ich ein ltzel frgesorgt -
    Mit erstickten Lauten unterbrach ihn Jula: Seit dem Abend hast du heimlich
getrieben, ich wei nit was. Der Vater hat nit sehen und hren knnen. Ich hab
geschwiegen. Weil alles andre minder ist als meines Vaters Weh. Aber dir mu ich
sagen - Sie verstummte.
    Sag's
    Du hast meines Vaters Wehr und Eisen heimlich vertragen. Ich mu mich
sorgen, ob du ehrlich bist? Sie hrte einen Laut, der wie ein Kichern war und
befreite in Zorn ihre Hand.
    Mut nit harb sein, Haustochter! Seine Stimme bekam einen Klang von zarter
Herzlichkeit. Ich bin halt so, da ich allweis ein ltzel lachen mu, wo ein
Wehleidiger heulen mcht. Ich glaub, wenn ich sterb einmal, das wird ein Stndl
wie die letzte Narretei in der Fasnacht. Aber wahr ist's, ich hab deines Vaters
Wehr vertragen. Noch schlechter! Ich hab deines Vaters Mgd verjagt, die dummen
Gans, hab deines Vaters Mannsleut fortgeschickt, hab deines Vaters Gaul
verschleppt, bin ein Spitzbub worden und hab deines Vaters schweren Sparbinkel
heimlich aus dem Bodenloch gehoben, das ich ausgekundet hab. Dir sag ich's.
Htt's dein Vater gemerkt, so tat er's machen, wie die Herren im Gaden und tt
mich des Unrechts zeihen, derweil ich recht tu.
    Mensch?
    Erst la mich alles sagen. Ein halbes Stndl ist noch Zeit -
    Zeit?
    Bis die Raubleut kommen. Hast du die Reiter, die zum Schwarzenbach sausen,
nit traben hren?
    Der Vater hat's nit gemerkt.
    Die andern, die flings kommen, wird er merken. Mut nit erschrecken!
Solche Hndel hab ich schon viel erlebt, bald als Prgel und bald als Buckel.
Die Herren kenn ich. Die Knecht noch besser. Und schau - Aber magst dich nit
niederhocken ein ltzel? So viel zittern tust!
    Ich steh. Red zu!
    So schau! Da drunten auf der Stra, wo der Seppi Ruechsam gelegen ist, da
hab ich deinem Vater recht gegeben. Treu ist ein feines Ding. Aber die Herren
haben jetzt nit die Augen dafr. Die andchtigen Ramsauer und ihr flinker
Pfarrherr haben deines Vaters sauberen Boden vermistet. Und am Abend hab ich
deinem Vater sagen mssen: Bauer, fort mut! Er hat den harten Kopf geschttelt:
Ich bleib und tu meinen Buben in geweihten Boden, und morgen geh ich zum Frsten
und hol mein Recht.
    So mu der Vater tun.
    Aber der Pfarrherr ist davongelaufen. Und beichtet den Herren, wie
andchtig die Ramsauer sind. Und dein Vater wird morgen nit zum Frsten gehen,
weil der Frst zu deinem Vater kommt, jetzt, in der Nacht. Nit selber. Frsten
schicken ihre Knecht, wenn der Weg ein harter ist. Und da wird dein Vater morgen
keiner sein, der gekommen ist, sondern einer, den man geholt hat. So einer hat's
nit gut. Das Leben ist diesmal ein spaig Ding. Dem Lmmlein in der Einschickt
geht's allweil hrter als dem Fuchs unter hundert Wlfen. Wr dein Vater so
andchtig auf die Wallfahrt gelaufen wie die Ramsauer, da tt er bei Landsverrat
seines Lebens sicherer sein als jetzt, wo er redlich und treu geblieben.
    Jula schttelte stumm den Kopf und prete die Stirn auf ihre Fuste.
    Schau! Dein Vater hat einen Mangel wie die Sonn, von der die Blinden sagen,
sie wr im Winter zu khl und im Sommer zu hitzig. Dein Vater ist so bermig
redlich, da ihm die Mitrauischen das nimmer glauben. Einer, dem man das Weib
genommen? Einer, dem man das Kind erschlagen? Einer, vor dem die Herren sich
schmen und frchten mssen? Wie sollen die Herren von dem noch glauben knnen:
Der ist treu? Tatst du das glauben? Ich nit. Wie wahrhafter dein Vter vor dem
Frsten reden wird, um so hinterlistiger und verlogener wird's fr die Herren
ausschauen. Alles berma im Leben ist von bel. Auch beim Guten. Die Heiligen,
eh man ihnen das Kerzl angezunden, sind doch allweil geschunden worden. Ein
Heiliger braucht dein Vater nit werden.
    Mit rauher Stimme fragte Jula: Willst du dem Vater raten, da er lgen soll
und unrecht tun?
    Das nit. Aber einer, der doppelt redlich ist, mu doppelte Frsicht ben.
Dein Vater wird im schiechen Loch liegen, er wei nit wie. Kann sein, es geht
sein Weg aus dem Loch wieder in die Freiheit. Vllig vernagelt ist ja die
Menschheit noch allweil nit. Auch Herren werden nach schwerem Wein wieder
nchtern. Aber -
    Red!
    Es kann auch sein, da dein Vater sich vor lauter Redlichkeit um den Hals
schwtzt. Da er als Ramsauer ben mu fr die Untreu der Andchtigen. Und da
sein Weg aus dem Herrenloch zum roten Holz geht.
    Verzweifelt fate Jula den Soldknecht an der Brust. Und da hast du ihm
Eisen und Wehr verschleppt!
    Ja, Gott sei Dank! Malimmes lste sanft diese zuckenden Hnde von seinem
Kittel. Schau! Dein Vater harret doch jetzt aufs Recht. Was kommt, wird
ausschauen wie neues Unrecht. Und so redlich dein Vater ist, er ist doch allweil
blo ein Mensch. Da wird ihm der Zorn ins ehrliche Blut fahren. Und kriegt er
ein Eisen zu fassen, so schlagt er zu. Schlagt vier oder fnfe nieder. Ein
Dutzend rumpelt ber ihn her. Und am Morgen liegt dein Vater neben dem Jakob.
Und du -
    Ich?
    Du wirst neben ihm liegen. Wenn du an deinem lieben jungen Leib nit leiden
willst, was eines Hofmanns Recht ist. Da heit die Frschrift: Mag's der Vogt
nit tun, so steht's den Reitern zu, mgens die Reiter nit tun, so haben die
Knecht das Recht. Einer ist alleweil da, der mag und Zeit hat.
    Bei dem heiteren Klang dieser Worte rann ein kaltes Grauen durch Julas Leib
und Herz. Verstrt umklammerte sie den Arm des Malimmes. Was mu ich tun?
    Blo mir ein ltzel trauen. Freilich, irren kann sich ein jeder. Sogar
unser Herrgott hat sich getuscht, wie er gemeint hat, er htt die Menschen so
gut gemacht, da sie besser nit sein knnten. Denk, sogar der Herrgott! Und ich
bin nur ein irdisches Wrml. Ich kann mich verrechnet haben. Das mu ich dir
sagen. Geht's schief, so hab ich selber den Kopf in der Schling. Und mir bleibt
als letzte Hoffnung, da die Gadnischen Herren einen so schlechten Seiler haben,
wie der Fischbauer vom Hintersee einer ist.
    Eine wehe Klage: Ich versteh dich nimmer. Was bist du fr ein Mensch! Tu
nit so grausig scherzen!
    Die fluchen, machen das Leben nit besser. Nur schlechter noch. Freilich, es
hat ein jeder sein unsinniges Stndl. Gestern zum Abend bin ich ein trauriger
Lapp gewesen. Heut freut mich das narrische Leben wieder. Und ich verwett meinen
Hals drum, da ich morgen, eh die Sonn wieder scheint, deinen Vater auf festem
Boden hab. Willst du mir helfen?
    Red! Jula richtete sich auf. Was verlangst du, das ich tun soll?
    Ein hartes Stckl fr ein gutes Kind.
    So red doch!
    Fort mut du. Jetzt. Mit mir. Jetzt gleich. Und dein Vater darf's nit
wissen.
    Das tu ich nit.
    Es geht nit anders. Wenn die Hofleut kommen, mu dein Vater glauben, du
bist im Haus und liegst im Bett. Das macht ihn frsichtig. Er wird sich geben
ohne Streit, wenn ihm die Hofleut den Hausfried zusagen. Die lgen schnell. Und
alles ist gut.
    Jula schwieg. Dann streckte sie wehrend die Hnde.
    Da lachte Malimmes. Und fragte: Hast du keinen lieb, fr den du dich
aufheben mchtest?
    Unbeweglich stand sie in der Nacht. Ein mhsamer Atemzug. Und sie schttelte
den Kopf. Ich bleib, wo der Vater ist.
    Gut! sagte Malimmes ruhig. So bleib ich halt auch. Und stell mich hin vor
dich, vor meinen Herren und vor das Totenbrett. Und rhrt euch einer an, so
schlag ich zu mit dem Bidenhnder. Doch statt das Eisen blank zu ziehen,
koppelte er das lange Schwert vor der Brust an den Riemen, als htte er den
Wunsch nach freien Hnden. Das wird eine grobe Blutsuppe geben. Er fate mit
festem Griff ihr Handgelenk.
    Zum Vater - Jula versuchte ihre Hand zu befreien. Ich will zum Vater.
    Lauschend hob Malimmes den Kopf, stand eine Weile unbeweglich und flsterte:
Lus!
    Im Rauschen der Ache hrte Jula von der Strae herauf ein Gerusch, das sie
nicht zu deuten wute.
    Malimmes zischelte: Das mssen an die zwanzig sein, die neben der Stra im
Gras laufen. Und drei Gul. Zwei treten hart. Die tragen. Einer geht leer. Das
ist der Gaul, auf dem dein Vater reiten soll. Und lus! Da steigt ein Bub ber
den Hag.
    La aus! Jula rang gegen die eiserne Kraft des Soldknechtes.
    Er packte sie mit beiden Armen. Wehr dich, gutes Maidl! Wehr dich, wie du
kannst! Blo schreien tu nit! Sonst bringst du deinen Vater um. Whrend er sie
mit dem linken Arm an seine Brust klammerte, prete er die rechte Hand auf ihren
Mund und ri sie mit sich fort, in die Nacht hinaus.
    Das Hagtor quiekste ein wenig, als es von dem Buben geffnet wurde, der
vorsichtig ber den hohen Zaun geklettert war. Dunkle Gestalten mit grauen
Gesichtern drngten sich in das offene Tor. Vom rtlichen Licht, das herausfiel
aus den Fenstern, blinkten die Spieklingen, als wren sie schon mit Blut
gefrbt.
    Leis befahl eine rauhe Stimme: Zwei zu jedem Fenster, vier an die Haustr,
sechs in die Stll. Nit eher, als ich im Haus bin. Der Reiter mit mir.
    Rasch gingen die zwei auf das Haus zu. Sie zogen das Eisen nicht. Der
vorausging, hatte einen Steithammer in der Faust und war gut gewappnet. Seine
Platten klirrten, als er ber die Schwelle trat.
    Das klang so laut, da auch Runotter in der Taubheit seines Schmerzes dieses
Klirren hren mute. Er hob den Kopf. Doch er konnte die Augen vom Jakob nicht
losbringen. Als die zwei schon bei der Stubentr standen, sah Runotter noch
immer seinen Buben an, der starr und mifrmig auf dem Totenbrette lag,
umzittert vom Licht der Talglampen und von der roten Glut des halbverbrannten
Wacholders. Wuschelig hingen die schwarzen Haare in das schmerzlose Gesicht des
Toten, der vom unruhigen Licht noch eine Farbe des Lebens auf den Wangen hatte
und mit geschlossenen Augen ber eine schwer begreifliche Sache nachzudenken
schien.
    Runotter?
    Der Bauer wandte den Kopf. Der Vogt? Bei mir? Er deutete auf den Toten.
Wei der Frst schon, wer's getan hat?
    Mir hat er's nit gesagt. Da ist jetzt auch nit die Red davon.
    So? Das Gesicht des Bauern verzerrte sich. Schickt mir der Frst den
neuen Richtmannsstab? Langsam erhob er sich.
    Runotter? Der Vogt, ein schweres, breitschultriges Mannsbild, tat einen
Schritt in die Stube, und hinter ihm drngte sich der andre nach. Arg still
ist's heut im Dorf. Die Huser zwischen dem Windbach und deinem Hof sind leer.
Wo sind die Ramsauer?
    Die Brauen des Bauern zogen sich hart zusammen. Was geht mich an, wo die
Ramsauer sind? Ich bin, wo ich sein mu.
    Der Vogt schmunzelte ein bichen und deutete auf den Toten. Lg der da nit
auf den letzten Laden, Bauer? Wo wrst du denn nachher jetzt? Auch auf der
frommen Wallfahrt?
    Runotter streckte sich. Da wr ich beim Frsten. Jetzt.
    So komm! Der Frst will reden mit dir.
    Das Leben hat viel Recht. Der Tod hat auch eins. Dein Frst wird mir Urlaub
lassen bis morgen. Ich mu meinen Buben in geweihten Boden tun.
    Das wirst du nit knnen. Der Pfarrherr ist im Gaden draut. Ich wei nit,
wie lang er bleibt. Dein Bub und die andern werden warten mssen. Der Frst hat
Eil. Komm mit! Ich will dir raten, du tust es in Gut und Ruh.
    Lange schwieg der Bauer. Er musterte die zwei Mnner, sah unter schweren
Atemzgen den Toten an, und dann irrte sein Blick ber die Stubendecke. Er
nickte. Seine Stimme war tonlos. Gut. Ich mach mich fertig. Mit raschen
Schritten trat er in die Kammer hinaus und drckte hinter sich die Tre zu.
    Der Spieknecht wollte springen. Aber der Vogt hielt ihm den Arm vor. ber
den Toten, der mit Lampen und Glutpfanne den Weg sperrte, wollte er nicht
hinber. Bleib! Der kommt wieder. Das ist von den Ochsen einer, die nit grasen
auf dem Hngmoos.
    Die Tr der Kammer wurde geffnet und langsam trat der Bauer heraus. Sein
Gesicht war grau wie Asche, seine leeren Hnde zitterten, und wieder irrte sein
Blick ber die Stubendecke hin. Lag Julas Kammer da droben?
    Der Vogt lchelte. Ich hab gemeint, du suchst deinen Hut?
    Runotter sah ihn mit den Augen eines in die Enge getriebenen Tieres an.
Vogt?
    Wenn ich in Ruh und Gut mit dir zum Frsten geh? Tust du den Buben da in
Fried lassen? Und mein Haus?
    Wie soll ich deinen Hausfried stren? Ich und der da, wir reiten mit dir
zum Herren. Jetzt gleich.
    Auf Wort?
    Auf Wort!
    Gut! Da hast mich! Beim Frsten find ich, was Recht ist. Runotter sah
seinen Buben an und ging um die Kohlenpfanne herum. Da fate ihn der Spieknecht
am Arm. Der Bauer zuckte wie ein Erwachender auf. Was willst?
    Du mut dir den Strick um die Hand tun lassen! sagte der Vogt in gtigem
Ton. Es ist Befehl.
    Lange schwieg der Bauer. Seine Brust arbeitete. Gut! Ich hab dein Wort. Er
streckte die Fuste hin. Geh ich nit mit dir in Gut und Ruh? Wozu der Strick?
    Der Vogt wartete, bis der Spieknecht den Strick geknotet hatte. Dann sagte
er: Weil du verdchtig bist des Landsverrats und der Meuterei.
    Eine Weile sah Runotter dem Mann wie ein Trumender ins Gesicht. Dann brach
er in grelles Lachen aus. Vogt! Das Leben ist ein nrrisch Ding!
    Ich glaub, es wird dir nimmer arg lustig sein!
    Die beiden fhrten den Bauer hinaus, der auf der Schwelle noch das Gesicht
drehte.
    Da hrte man Stimmen, berall, und Lichtschein zuckte auf. Fackeln fingen zu
brennen an. Und whrend fnfe, sechse von den Exekutierern in das Haus
rumpelten, in die Stube sprangen und ber die Stiege hinaufpolterten, zerrten
andre schon das gepfndete Vieh aus den Stllen. Einer kreischte: Die Kh sind
da! Er hat die siegelwidrigen Kh im Stall! Geschrei und Gelchter.
    Jula! Jula! brllte Runotter. Malimmes! Heiner! Leut! Leut!
    Keine Antwort. Niemand kam. Nur die Exekutierer rannten hin und her. Und
lachend sagte der Vogt: Deine Leut haben eine gute Ns gehabt. Die sind auf der
Wallfahrt.
    Mit windenden Fusten hatte Runotter die Stricke gedehnt. Er brachte die
Hnde nicht heraus, doch er konnte sie bewegen. Und whrend er einen von den
Knechten niederzerrte, entri er ihm die Fackel. Alle fielen ber ihn her. Aber
der Feuerbrand wirbelte schon auf das Hausdach hinauf. Erbrecht! Herrentreu!
    Sie stieen den Lachenden zu Boden, zogen ihn zum Hagtor, hoben ihn auf
einen Gaul und banden ihm die Fe unter dem Bauch des Pferdes zusammen.
    Bei dem wirren Geschrei der andern kletterten ein paar von den Exekutierern
auf das Dach hinauf, um noch zu lschen und das Feuer totzuschlagen. Doch die
flinke Flamme lief schon auf dem drren Dache nach allen Seiten hin, zngelte
ber den First hinaus und leckte gegen das Astwerk der alten Ulmen.
    Es wurde hell in der Nacht, als der Vogt und der Spieknecht davonritten,
zwischen sich den Gaul mit dem Gefesselten. Die Hufschlge klapperten laut auf
der Strae.
    Hinter den eilig Reitenden blieb das Geschrei der Exekutierer und das
Gebrll des gepfndeten Viehs, das sich vor Rauch und Feuer schreckte.
    Rote, flackernde Lichter fielen von der Brandstatt ber die Wiesengehnge
und ber die Strae her. Doch als der geschlossene Wald begann, zuckte nur noch
hie und da ein roter Schein durch die Lcken der Baumkronen. Der Straenboden
war finster.
    Das Rauschen des Wassers wurde stark und dumpf. Die Reiter kamen zum
tosenden Windbach.
    Da knickte pltzlich das Pferd des Vogtes zu Boden. Auch die zwei andern
Gule strzten. Sie fielen hin wie vom Blitz erschlagen. Dabei hrte man das
Klirren des entzweigesprungenen Eisendrahtes, der die Strae gesperrt hatte. Und
whrend die Pferde keuchten und sich erheben wollten, waren fnf Menschen da,
zerschnitten die Stricke des Bauern, rissen ihn unter dem Gaul heraus und
stieen den Vogt und den Spieknecht ber den steilen Straenrain hinunter in
den rauschenden Bach. Der war nicht tief. Aber die zwei kollernden Mnner in
ihren schweren Eisen machten doch einen festen Klatsch. Und wenn man reichliches
Wasser in der Hose hat, ist alle Tapferkeit zu Ende. Bis die beiden stumm und
triefend aus dem Bach herauskrabbelten, sich versteckten und dann im erwachenden
Morgengrau den Mut fanden, zur stillen Strae hinaufzuklettern, waren die fnfe
mit dem Runotter schon lang verschwunden und waren schon hinter dem Wald und
ber den Wiesenhngen droben auf dem Karrenwege, der vom Schwarzeck zu den
Wldern des Pfaffenbhels und zum Hngmoos fhrte.
    Heiner und die zwei andern Knechte leiteten den flinken Schimmel und die
beiden Ackergule, die gleich Saumtieren schwer befrachtet waren.
    Malimmes und noch ein andrer muten den taumelnden Runotter sttzen, der vom
Sturze betubt schien, sich nicht erholte und wie mit den schwachen Knien eines
Betrunkenen vorwrts tappte.
    Whrend Malimmes heiter schwatzte, sphten seine ernsten Augen unablssig
nach allen Seiten.
    Hinter dem Schwarzeck, schon weit von den letzten Husern, in stiller,
grauer Einde, kam der Zug zu einem Bache.
    Da sind wir sicher! sagte Malimmes. Jetzt mu sich der Bauer ein ltzel
zusammenklauben. Er lie den Taumelnden neben dem Bach auf den Boden nieder,
wusch ihm das Gesicht und die offene Brust, klatschte ihm das kalte Wasser gegen
Stirn und Augen, go ihm aus einer gedrrten Gurke einen Schluck Branntwein
zwischen die Zhne und gab dem halb Bewutlosen unter wunderlichen Umstnden mit
der flachen Hand drei scharfe Schlge auf eine Stelle des Rckens.
    Rasch erholte sich der Bauer. Mit dem ersten klaren Blick sah er nach der
Richtung hin, in der die Ramsau kg. Da war kein Feuerschein. Doch der Rauch des
Brandes lag wie ein brauner Nebel ber dem Tal.
    So? - Wohl, ich versteh schon! - Jetzt ist der Jakob zugedeckt fr ewige
Zeit. Ein Zittern rann durch die schwere Gestalt des Bauern. Und seine Augen
irrten, whrend er schrie: Das Maidl? Wo ist das Maidl?
    Da trat der andre von den beiden, die ihn gefhrt hatten, im Grau des
Morgens vor ihn hin, jung und schlank, in schlechtsitzender Bubentracht, einem
siebzehnjhrigen Knaben hnlich, in einem verrosteten Holdenkra, um den ein
kurzes Schwert an dnner Kette hing. ber dem blassen, strengen Gesicht, das
groe, blaue, heibrennende Augen hatte, sa eine rostige Eisenschaller, aus der
das schwarze Haar, zausig abgeschnitten, bis zu den schmalen Schultern hing.
    Der Blick des Bauern glitt ber dieses Eisen. War das nicht die Wehr seines
Bruders, der jung hat sterben mssen?
    Eine leise, herbe Knabenstimme: Kennst du mich nit?
    Runotter erhob sich halb, unter heiem Lachen. Bist du's gewesen, der mich
unter dem Gaul herausgerissen?
    Ein stummes Nicken.
    Da sprang der Bauer auf, als wre jede letzte Schwche von ihm gewichen. Den
Arm des Buben umklammernd, knirschte er durch die Zhne: Recht hast! Sei der
Stellmann des Jakob! Du! Und tu das Eisen nimmer aus der Hand! Und schlag und
brenn und stich und mord! Das Leben ist ohne Recht und Treu! Und um so besser
wird's, wie mehrer du niederschlagst!
    Malimmes lachte. Gar so schiech wird's nit ausfallen. Ein paar lassen wir
schon noch brig. War doch ein ltzel schad, wenn die Welt aussterben tt! Er
wurde ernst. Jetz komm, Bauer! Zum Reden ist nit Zeit. Wir mssen flinke Fe
machen.
    Runotter schttelte den Kopf. Zum heiligen Zeno geh ich nit.
    Das httst mir nit sagen brauchen. Ich mein', wir steigen ber das
Lattentor und nchten in der bayrischen Plaienburg. Unter Dach kann man
weiterreden.
    Der Bauer nickte. Zum Lattentor? Da mute man ber das Hngmoos, wo der
Jakob den letzten Schnaufer getan. Dort ein Vaterunser beten! Weiter dachte
Runotter in dieser grauen Morgenstunde nicht.
    Der Tag begann. Die Vgel waren wach geworden. Von einer steilen Wiese
flchtete ein Rudel Hochwild, als es die Menschen kommen sah, in den Schutz des
Waldes.
    Die steigende Sonne verwandelte die wildzerklfteten Grate des
Lattengebirges in leuchtende Rosenhgel unter lachendem Blau. Und als sie
herberguckte ber die Waldkuppen des Totenmannes, umglnzte sie den schweigsam
wandernden Zug mit ihrem funkelnden Gold und warf die langen blauen Schatten der
Menschen und Gule weit voraus ber den von Tauperlen schimmernden Grasweg.
    ber allen Bergen war der Himmel rein. Doch in der Scharte zwischen dem
Lattengebirge und dem Untersberg, weit drauen in der westlichen Ferne, stand
eine lange, violette Wolkenbank. Stieg da ein Gewitter herauf? Oder wollten
regnerische Tage kommen?
    Am Saum des Waldes, der ganz rot von Sonne war, erhob sich ein Weib.
    Heiner, der mit dem Schimmel den Zug fhrte, blieb stehen, Da ist wer.
    Malimmes nickte. Die mssen wir mitnehmen.
    Um die andern kmmerte sich Traudi nicht. Sie schien nur den Malimmes zu
sehen. Ihr Rock klatschte von der Nsse des Taues. Auf Hals und Stirn glitzerten
die Perlen ihrer Mhsal. Eine Mischung von Staub und Schwei hing fleckig an dem
mden, verngsteten Gesicht. Das blonde Mdel mochte seit Mitternacht viel
Heiteres nicht erlebt haben. Und dennoch war der Glanz eines Menschenglckes in
ihren Augen, jetzt, als sie dem Malimmes mit dankbarem, schon wieder drstendem
Blick auf der offenen Hand den Goldpfennig hinhielt.
    Da hast ihn wieder!
    Den tu mir gut aufheben! Meine Sack haben Lcher. Ein leichtes Schwanken
kam in seine ruhige Stimme, als er fragte: Hast du am Taubensee das alte Weibl
gefunden?
    Das Mdel nickte. Und whrend die beiden hinter den andern herwanderten,
erzhlte Traudi.
    Im Haus des Mareiner sa die alte Frau in der Herdstube neben dem Feuer. Sie
zitterte vor Angst. Doch als sie die vier Goldpfennige - von dem, der am Zunl
gestanden - in den Strmpfen hatte, lachte sie ein bichen. Immer wieder griff
sie mit den drren Hnden zu ihren Fen hinunter. Und dann schlief sie ein.
Niemand war bei ihr in der Stube. Von den Buben der Nachbarsleute war keiner
geblieben. Aber der Bauer und die Buerin waren noch beim Haus. Vieh und Karren
standen im Hof, und immer schrie die Buerin nach dem Bauer, der mit einer
Laterne im Walde war, etwas suchte, was er nicht finden konnte und wie ein
Verdammter fluchte.
    Und derweil ich davongelaufen bin durch die Stauden, ist jhlings ein
Haufen Reiter dagewesen, ich wei nit, wie! Und Kienlichter Haben gebronnen. Die
Latern im Wald, die ist ausgeloschen, der Bauer mu in der Finsternis
versprungen sein. Aber das Vieh haben die Reiter gepfndet, und die junge
Buerin mssen sie erwuschen haben. Jesus, Jesus, hat das Weib kreistet! Lang!
Und allweil wieder!
    Heiter sah Malimmes gegen den Taubensee hinaus. Bruder Mareiner! Ich
frcht, nach der Fasnacht wirst du taufen mssen!
    Die beiden machten flinke Schritte, um die andern einzuholen. Und da sagte
Traudi: Du! Der junge Bub da? Das ist doch -
    Kennst du den Buben? Malimmes sah sie mit so strengen Augen an, da sie
weder ja noch nein zu sagen wagte. Das ist ein Vetter des Bauern. Der Jul. Ist
heut in der Nacht gekommen. Aus der Fremd. Wer's anders wissen wollt, dem wr
ich feind. Ich tt kein Wrtl nimmer reden mit ihm.
    Jesus, stammelte das Mdel, auf Ehr und Seligkeit, das ist der Vetter,
ich wei es nit anders.
    Als Malimmes den Bauern einholte, sagte er lustig: Sechs Helm und drei
Gul! Ein Troweibl ist auch schon da. Jetzt sind wir schon bald ein Heer. Der
Feind wird Angst kriegen vor uns!
    Md sagte Runotter: Tu nit scherzen! Mir ist weh in tiefster Seel.
    Der Zug ging weiter mit stummer Hast.
    Auf dem Hngmoos fanden sie die sieben Ochsen, die zum Runotterhof gehrten.
Alles andre Vieh war abgetrieben. Nur die vielen braunen Schmetterlinge waren
noch da, die ber dem sonnigen Bruchboden gaukelten. Und immer wieder sah man
auf den Wasserflchen ein kleines Blitzen - sooft ein Frosch nach einem der
Schmetterlinge sprang.
    Das vierjhrige chslein kam gelaufen. Runotter kraute ihm die Stirn. So,
Dunnerli? Bist du noch da? Er sah die andern an. Ein Vieh hat's gut!
    Sie standen vor dem Aschenhaufen des Ksers. Ein paar schwarze Balkenstrnke
glhten und rauchten noch.
    Whrend die Gule am Brunnen tranken, stiegen Jul und Runotter zu dem
Waldstreif hinauf.
    Als der Bauer wieder herunterkam zum Aschenhaufen, streckte er die beiden
Hnde. Schauet, Leut! Er hatte auf der einen Hand das kleine, krumme
Schnitzmesser des Jakob liegen, auf der andern die schmutzigen Splitter eines
hlzernen Vgelchens. Das alles barg er an seiner Brust wie eine Kostbarkeit.
Seine Augen glitten langsam ber die grnen Gehnge hin. Leut! - Da soll's
nimmer Hngmoos heien. Das ist die Mordau.
    Die andern nickten und sprachen es nach: Die Mordau! Nur der schlanke,
junge Bub, der neben dem Bauer stand, blieb stumm. Das blasse, erschpfte
Gesicht mit den mden Augen war gegen den Bruchboden hingewendet, ber dessen
glnzenden Wassertmpeln die Schmetterlinge tanzten.
    Nun stiegen die sieben gegen das Lattentor hinauf. Malimmes und Traudi
trieben die Ochsen hinter den Gulen her.
    Als der mhsam kletternde Zug zur steinigen Grenze kam und die Leute unter
Gefahr und Beschwer das Vieh und die Pferde durch die rauhe Felsenscharte fhren
muten, wandte sich keines der sieben Gesichter nach dem Berchtesgadnischen Land
zurck, das hinter ihnen versank.
    Vor ihren Augen, die nicht suchten, nur des harten Weges achteten, tat ein
neues, fremdes Land sich auf.
    Vorgelagerte Berge und Waldkuppen verhllten das Schutzgebiet des heiligen
Zeno und das Reichenhaller Tal. Drben stiegen die drei grnen Stufen in das
dunstig gewordene Blau. An ihnen vorber sah man weit hinaus in ein welliges
Land. Seine Ferne war von schweren Wolken berzogen, unter denen die Erde ohne
Sonne war, mit schwarzen Wldern und grauem Feld.
    Doch alle Nhe glnzte noch im Schimmer des Mittags. Und wo die westlichen
Waldgehnge des Untersberges sich niedersenkten gegen die blitzende Saalach,
tief da drunten, sa die bayrische Plaienburg auf einem Buchenhgel, winzig wie
ein kleiner roter Kfer auf einem grnen Blatt.

                                       8


Die vierzig Reiter, die den andchtigen Bittgang der Ramsauer hindern sollten,
kamen zu spt, um den heiligen Zeno vor Zulauf zu behten. Bei der Haller
Grenzverschanzung im Schwarzenbachtal war die Mautschranke hinter dem letzten
Karren der Ramsauer schon gefallen. Drei Gadnische Hofleute setzten im Schu des
Rittes ber den Grenzbaum hinber. Dann rasselten die Torbalken herunter. Und
whrend die ausgesperrten siebenunddreiig Reiter ein zorniges Geschrei erhoben,
kam es innerhalb des Tores zwischen der Besatzung des Grenzwalles und den drei
Abgeschnittenen zu einem Scharmtzel, in dem der heilige Zeno Sieger blieb; aber
zwei von seinen Soldknechten muten ins Gras beien, was bei dieser
mitternchtigen Finsternis kaum zu sehen war.
    Die siebenunddreiig hatten sich bis zum Berchtesgadnischen Grenzwall
zurckgezogen, der ein paar hundert Schritte von der feindlichen Mauer entfernt
lag. Sie waren in groer Sorge um die abgeschnittenen Genossen und hielten
Kriegsrat. Der junge Hundswieben, der noch den Pulverdampf der Annasusanna in
den Nasenlchern hatte, wollte strmen und gebrdete sich so berserkerisch, da
ihn seine besonnenen Stiftsbrder nur mit Mhe von diesem sinnlosen Beginnen
abhalten konnten. Jeder Angriff war aussichtslos. Wohl zhlte die Besatzung des
feindlichen Werkes kaum mehr als ein Dutzend Helme. Doch bei der Enge des Tales
konnte dieses Dutzend den Wall so lange halten, bis Verstrkung vom heiligen
Zeno kam. Und die Gadnischen sahen auf dem Bord der Zenonischen Mauer das
kochende Wasser in den Kesseln dampfen und die Pechkrnze brennen.
    Wie der erfahrene Malimmes im Runotterhofe, so hatte der staatskluge
Franzikopus Wei bei der Schwarzbachwacht des heiligen Zeno ein bichen
vorgesorgt fr alle Flle und hatte aus Herrn Otmar Scherchofers hilfreichem
Reisewagen zwei Faustbchsen mit Pulver und Blei zurckgelassen. Auf jeder Seite
des Tores drohte solch eine mit roter Mennige angestrichene Blitzrhre.
    Die Besatzung des Gadnischen Grenzwalles war ohne Feuerwerk. Wohl besa der
heilige Peter zu Berchtesgaden schon seit einigen Jahren acht Faustbchsen. Die
hatte man aber bei diesem Nachtritt nicht mitgenommen, weil der junge
Hundswieben im Hirschgraben auch das letzte Krnlein Pulver verschossen hatte,
das im Arsenal des Stifts aufzufinden war.
    Aber die abgeschnittenen Kameraden im Stich lassen? Das ging nicht an. Man
mute parlamentieren. Herr Jettenrsch, der die hbscheste Pfennigfrau zu
Berchtesgaden und vielleicht aus diesem Grund ein ruhiges Blut besa, ritt mit
dem weien Fhnlein, begleitet von zwei Fackeltrgern, vor die feindliche Mauer.
Hier sah er beim Schein der Pechflammen drei Mnnerkpfe zur Strafe des
Friedensbruches auf der Mauer stecken. Ohne seinen Antrag auszurichten, wandte
er das Ro und ritt mit blassem Gesichte zurck.
    In der Berchtesgadnischen Schanze entlud sich die Wut der Herren gegen den
unglcklichen Wallmeister, der die andchtigen Bittgnger durch Tor und Schranke
gelassen hatte. Der Mann verteidigte sich, es wren voraus die vielen Weiber und
Kinder gekommen mit einer so lauten und inbrnstigen Litanei, da man den Lrm
der nachfolgenden Viehherden und Karren nicht htte vernehmen knnen; solch eine
fromme Wallfahrt durfte man doch nicht stren; und eh man Verdacht schpfen
konnte, waren an die zweihundert Mannsleut und Buben in Wehr und Eisen da,
trieben Holzkeile in die Nuten des Falltores und sicherten den Durchzug des
letzten Ochsen. Vierzehn Spieknechte - gegen zweihundert Mnner? Und gegen die
eignen Landsleute? Diese unanfechtbare Logik reichte nicht aus, um den
Wallmeister der Berchtesgadnischen Schwarzbachwacht vor einem blen Schicksal zu
bewahren; er wurde seines Amtes entsetzt, an Hnden und Fen gebunden und auf
einen Gaul geladen. Sechs Reiter blieben zurck, um bis auf weiteren Befehl die
Besatzung der Schanze zu verstrken, zwlf Reiter wurden am Taubensee und in der
Ramsau den Exekutierern beigegeben, die Herren mit dem brigen Gefolge und mit
dem gefesselten Wallmeister ritten nach Berchtesgaden.
    Noch ehe sie heimkamen und Herrn Peter Pienzenauer den milichen Ausfall
ihres Unternehmens berichten konnten, war aus der frstlichen Kanzlei des
heilgen Peter an die Adresse des heiligen Zeno ein hfliches Dankschreiben fr
die nachbarliche und barmherzige Hilfe abgegangen, die Herr Konrad Otmar
Scherchofer dem Marimpfel und seinen Leidensgenossen geleistet hatte.
    Als Herr Jettenrsch seine Meldung von den Ereignissen bei der
Schwarzbachwacht erstattete, sprach der Propst einige Worte, die bitter ernst
gemeint waren und doch einen heiteren Anklang an einen berhmten Spruch des
rmischen Kaisers Augustus hatten: Ruppert, Ruppert, gib mir meine Ochsen
wieder!
    Um die Mittagsstunde traf ein Pergament des heiligen Zeno ein, der den
heiligen Peter von Berchtesgaden zu vershnlicher Gte mahnte, sich krftig der
zu Reichenhall erschienenen Bittgnger annahm und den Strafvollzug wider drei
Friedensbrecher unter Hinweis auf die einschlgigen Gesetze meldete. In diesem
Pergamente war mit keinem Wort das unanzweifelhafte Recht des seligen Seppi
Ruechsam erwhnt. Solches Schweigen entsprach der Staatskunst des Franzikopus
Wei; er hatte, zur Beruhigung der Ramsauer, den grau und rot gefleckten
Hngmooser Weidebrief in Verwahrung des heiligen Zeno nehmen wollen; doch die
eiserne Truhe, welche die Rechtsschtze der Gnotschaft enthielt, war im Verlaufe
des andchtigen Bittganges verschwunden. Der Hinterseer Fischbauer, obwohl er
sich als schlechter Seiler erwiesen hatte, war ein Albmeister von geriebener
Schlue. Kaplan Franzikopus war nicht gut auf ihn zu sprechen. Herr Otmar
lachte. -
    Am Abend, als sich der Himmel ber allen Bergen dunkel zu berziehen begann,
kehrten die Gadnischen Exekutierer aus der Ramsau in das Stift des heiligen
Peter zurck. Mit ihnen kamen auch der Vogt und sein berittener Geselle, vllig
trocken; die beiden meldeten getreulich den berfall und die Entfhrung des
Bsewichtes, der den roten Hahn auf das nach dem Ableben seines einzigen Sohnes
wieder an das Stift zurckgefallene Lehensdach gesetzt hatte; doch sie
verschwiegen - als unwichtig - ihren Purzelbaum in den Bach und sprachen auch
nicht von dem reichlichen Wasser, das in ihren Hosen gewesen. Nach dieser
Meldung litt sogar das Bild, das sich Herr Peter Pienzenauer von den
Geschehnissen in der Ramsau machte, an einer unheilbaren Verzerrung, und er
traute von Stund an dem Amtmann Ruppert Someiner wenigstens die Fhigkeit zu,
gefhrliche und heuchlerische Menschen richtig einzuschtzen.
    Die Exekutierer brachten - wie der Amtsschreiber Piebcker notieren mute -
das Vieh aus den Stllen des Runotterhofes und des Schupflehens am Taubensee;
item einige Khe, Kalben und chslein, die man am Abend noch abstechen mute,
weil sie die Nacht nicht berlebt htten; item ein paar Dutzend Schweine, die
gesund und vergngt waren; item sehr viele, starr am Grtel hngende Gnse,
Enten, Hhner und Tauben. Die milchenden Geien hatten die Exekutierer nach
altem Rechtsbrauch und aus Barmherzigkeit den Kranken und Greisen gelassen, auch
das zur Notdurft des Lebens ntige Brot und Mehl, samt Schmalz und Salz. Doch
alle versteckten Spargelder hatten sie aufgestbert. Acht Reiter konnten sich
sogar in vier rheinische Goldpfennige teilen, die sie in den Strmpfen einer
alten Frau gefunden hatten. Diese acht Reiter richteten dem mit verbundener
Faust umherwandelnden Marimpfel wunderliche Gre von seiner Schwgerin aus, vom
Weibe des Mareiner.
    In der Nacht begann es grob zu schtten. Viele Tage whrten diese ruhelos
wechselnden Gewitter. Die Bche traten ber die Ufer, die Straen wurden zu
dickem Morast, um alle Berge und Wlder hingen die schweren Nebel. Whrend
dieser nassen Tage wanderten zwischen Berchtesgaden und den armen Chorherren von
Hall die protestierenden Pergamente hin und her. Mit jeder Antwort verschrfte
sich die Tonart.
    In der nchtlichen Kapitelsitzung, bei der man zu Berchtesgaden die
Entgegnung auf ein drohendes Schreiben des heiligen Zeno beriet, kam es trotz
allem Ernste der Zeit zu einer groen Lustigkeit. Sie wurde verursacht durch ein
Papier, das am dunklen Abend dem Propste mit einem stumpfen Bolzen in die Stube
geflogen war. Hellsehende Augen htten den Gram und Zorn eines zerbrochenen
Menschenherzens aus diesem Brief herausgelesen; doch auf die Gadnischen
Chorherren, die ihn durch die Brille dieser blen Tage lasen, wirkte er
belustigend in seinem weitschweifigen Stil, der mit dem Schwulste hochtrabender
Herrenworte berladen war. Ein Bauer - fr den Gadnischen Hof ein dem Strang
verfallener Meutrer und landflchtiger Brandstifterkndete in diesem Brief
seinem einstigen Lehensfrsten die Treu und sagte ihm Fehde an, wider Blut und
Leben, wider Gut und Land. Der Brief war unterschrieben: Runotter der Ramsauer,
ehmals Richtmann der Gnotschaft in Treu und Redlichkeit, itzt, nach Gotteswillen
Feind und Widerpart der Herren, so da Mitreu und Unrecht heien und so man
vertilgen mu von der Welt.
    Doch eines muten die lachenden Herren zugeben: Der Bauer, der diesen
drolligen Brief verfat hatte, konnte sich eines geschickten Botengngers
rhmen. Dieser Bote hatte sich von irgendwo auer Lands bis an das Gadnische
Stift geschlichen und war den Augen aller Wachen entronnen. Und ein guter
Armbruster mute das gewesen sein, der die um den stumpfen Bolzen gewickelte
Epistel in der Abenddmmerung von der Strae auerhalb des Hirschgrabens durch
die kleine Fensterluke der Frstenstube zu schieen verstand.
    Der Fehdebrief des heiligen Peter wider den heiligen Zeno war geschrieben
und lag, gesiegelt und in einer Blechkapsel verschlossen, zur Albsendung bereit.
Nur besseres Wetter mute abgewartete werden. Und um Zeit zu gewinnen und rsten
zu knnen, wechselte man hoch immer Pergamente mit gereiztem Inhalt, doch mit
hflichen Anreden.
    Zum Schaden fr Land und Leute machte die Arbeit des Friedens Feierabend,
und die Arbeit fr den Krieg begann. Herren ritten davon, um Geld zu borgen, wo
es zu kriegen war. Sldlingswerber wurden mit zrtlichen Verheiungen nach
vielen Orten gesandt. In den Korn- und Haferkammern wurde lrmend geschanzt. Die
Backfen und Selchereien rauchten durch Tag und Nacht. Die Schneider bekamen
Schwielen an den Fingern, und ruhelos hmmerten die Hufschmiede, die
Schwertfeger und die Wehrklempner. Mit liebevoller Sorgfalt behtete man die
Annasusanne und erhielt sie bei gelten Rdern. Steinkugeln wurden gemeielt und
mit Blei umgossen. Sechs Karren sandte man nach Salzburg, um Pulver zu holen;
sie kamen nicht leer zurck; doch sie brachten nur Salpeter und Schwefel; der
Salzburger sagte: Da es in den bayrischen Landen zwischen Herzog Ludwig und
Herzog Heinrich bedenklich gre, knne er aus Vorsicht seines trockenen Pulvers
nicht entraten. In dieser Ausrede war ein Krnchen Wahrheit; seit dem Konzil in
Konstanz - auf welchem Herr Ludwig im Bart bei Beredung alter Hndel den Vetter
Heinrich von Landshut als Sohn eines Kochs beschimpft, und Herzog Heinrich diese
Schmach in einem meuchlerischen berfall mit sieben Schwertstreichen an seinem
Vetter Ludwig gercht hatte -, seit diesem heiligen Konzil zu Konstanz
erschienen die Dinge zwischen Ingolstadt und Landshut sehr bedrohlich. Aber
Salzburg hatte noch andere Grnde, sich in den Streit, der zwischen St. Peter
und St. Zeno entbrannte, nicht hilfreich fr den ersteren einzumischen. Jede
Schwchung des Stiftes zu Berchtesgaden war fr Salzburg eine Verheiung
kommender Gelegenheiten, die sich ntzen lieen. Und statt den Gadnischen
Herren, die schon hoch in der Kreide standen, das, teure, fertige Pulver auf
Borg zu geben, kreditierte man ihnen lieber den schlechten Salpeter und
Schwefel, den der vorsichtige Salzburger Bchsenmeister nicht mehr zu vermahlen
wagte.
    Also wurden zu Berchtesgaden, in sicherer Entfernung vom Stifte, flink drei
Pulvermhlen errichtet und zu ihrer Bedienung in der aus allen Lndern
zusammengewrfelten Knappschaft des Salzwerkes die Leute gewhlt, die von
solchen Dingen einige Kenntnis hatten. Gleich zu Beginn der Arbeit flog eine der
drei Mhlen unter dumpfem Donnerschlag in die Luft. Dabei wurden zwei Knappen
gettet. Der eine war ein Schwabe, der verblutend noch sagen, konnte: I hab mer
aber scho lleweil denkt, es wird emal pumpere! Der andre, der nimmer sprach
weil er keinen Kopf mehr hatte, war Ulrich Eirimschmalz der Menzer. Sein frher
Tod hatte zur Folge, da man im Berchtesgadner Land fr einige Jahrzehnte vom
Tagdieb Henrichen Gnsfleisch zu Gutenberg kein Wort mehr hren sollte.
    Das grauenvolle Gebller hatte die Frommen im ganzen Lande aberglubisch
gemacht. Sie versahen sich keiner guten Dinge von dieser Fehde wider den
heiligen Zeno. Doch die Herren, da sie, mit wenigen Ausnahmen, nicht zu den
Frommen zhlten, blieben von solch trichtem Aberglauben unberhrt und setzten
feste Hoffnung auf ihre hundertachtundsechzig Sldner und wehrfhigen Holden,
auf ihre guten Grenzschanzen, auf die acht alten und zwlf neugeschmiedeten
Faustbchsen, auf die liebe Annasusanne und auf die unanzweifelbare Tatsache,
da die Gadnischen im Rcken von der Salzburger Seite her Gefahr nick zu
befrchten hatten. Auch beim Hallturm war nur eine kleine Scharmtzelei, kein
ernstlicher Angriff zu besorgen. Hier schob sich zwischen den heiligen Zeno und
den heiligen Peter der Burgfrieden der bayrischen Feste Plaien als ein breiter
Riegel herein. Und wie Herr Pienzenauer bereits erkundet hatte, gedachte der
Burghauptmann von Plaien sowohl den Gadnischen, wie auch den Haller Chorherren
jeden kriegerischen Durchzug durch das Gebiet seines Herrn, des Herzogs Heinrich
von Bayern-Landshut, mit strenger Unparteilichkeit zu verwehren. So hatte man's
nur beim Schwarzenbache ganz allein mit dem heiligen Zeno zu tun, dem der
heilige Peter von Berchtesgaden an Helmen, Rossen, Feuerwerk und
Kriegsbereitschaft unzweifelhaft berlegen war.
    Am Abend des 13. Juli - als der Regen versiegte und die Nebel sich zu heben
begannen - bersandten die Gadnischen Herren, die nicht aberglubisch waren, dem
heiligen Zeno den seit einer Woche in Bereitschaft liegenden Fehdebrief.
    Gegen Mitternacht marschierten vom Hallturm dreiig Fuknechte ab, um die
auf den nrdlichen Hngen des Lattengebirges liegenden Bauernhfe des heiligen
Zeno, die ohne Berhrung des bayrischen Landes zu erreichen waren, mit Krieg zu
berziehen und zu brandschatzen. Die Bauern, von Franzikopus Wei gewarnt,
hatten sich rechtzeitig mit Weib und Kind und Vieh und Habe geflchtet. In den
leeren Stuben gab es keinen Kampf. Es gingen nur im Verlaufe dieses
Nachtangriffes, bei dem die Nebel sich verzogen und die Sterne mit scheuer
Neugier vom Himmel herunterblickten, achtundzwanzig Heustdel und sechzehn
Lehenshuser des Haller Heiligen in Flammen auf. Fr Leute, die ferne drunten im
Tal der Saalach wohnten, sah dieser erste Sieg des heiligen Peter aus, als wren
vierundvierzig schne Sterne vom Himmel auf die liebe Erde gefallen.
    Im Grau des Morgens, der einen reinen Tag bescheren wollte, krachte auf der
sdlichen Seite des Lattengebirges, bei der Schwarzbachwacht, der erste
ernsthafte Schu der Annasusanne gegen das Torgemuer des Haller Grenzwalles.
Ein wundervolles Echo rollte ber die steilen Waldgehnge des engen Tales hin.
Fallende Steinbrocken polterten, und der heilige Zeno hatte ein bses Loch in
seinem Mantelsaum. Die drei Mannskpfe, die noch immer auf der Mauer staken und
denen der vierzehntgige Regen die Haare glatt um die Schlfen frisiert hatte,
machten bei geschlossenen Augen sehr kummervolle Gesichter.
    Das Feuer der Gadnischen wurde, obwohl aus den Scharten, des feindlichen
Walles, zwlf mennigrote Faustbchsen drohten, von der Besatzung der Haller
Schanze nicht erwidert. Und die Leute des heiligen Zeno deckten sich so gut, da
man nur ab und zu einen Helm hinter den Scharten huschen sah.
    Der zweite Schu der Annasusanne bohrte in die feindliche Mauer ein neues
Loch, das flink wieder von innen mit Bruchsteinen zugestopft und verkeilt wurde.
    Bis zur Mittagsstunde krachte die Annasusanne siebenmal. Immer wieder in dem
engen Tal dieses wundervolle Gedonner mit rollendem Echo, indes die Sonne schn
zu scheinen begann und den nassen Farbentopf der Welt in Frische glnzen machte.
Doch an der feindlichen Mauer, obwohl sie schon sehr zahnlckig herberguckte,
wollte die Sache nicht flecken. War die Augsburger Kammerbchse kein
Meisterwerk? Oder fehlte dem zu Berchtesgaden fabrizierten Pulver die richtige
Triebkraft? Mao sah, da die Annasusanne noch sehr oft luten mute, bis da
drben eine sturmfhige Bresche entstehen wrde.
    Sigwart von Hundswieben, der als Bchsenmeister fungierte, wurde ungeduldig
und hatte einen Einfall, den er als hannibalisch bezeichnete. Im Kerne war's ein
ganz simples Rechenexempel: Soll man dreiig Gulden bezahlen, so mu man nicht
dreiigmal einen Gulden auf den Tisch legen, man kann auch zehnmal je drei
Gulden blechen.
    Die brennheie Annasusanne wurde mit kaltem Wasser gekhlt. Dann
verabreichte man ihr die dreifache Ration Pulver. Man trieb den Holzklotz mit
festen Schlgen ein und setzte drei Kugeln drauf. Da war die Annasusanne so
gesttigt, da ihr der letzte, mit Blei umgossene Steinbissen noch mit einem
weien Blink zum Munde herausguckte. Feinpulver wurde ins Weidloch gegeben, und
auf des jungen Bchsenmeisters Kommando sollte der Luntenmann den langen, mit
dem brennenden Schnrlein umwickelten Eisenzagel auf die Zndung senken. Diesem
kriegegerischen Instrumente hatte Sigwart von Hundswieben in seiner scherzhaften
Art den Namen Bchsenlebner gegeben, weil dieser Funkenzagel im Scho der
Annasusanne hochzeitlich das feuersprhende Leben erzeugte.
    Mit Ausnahme der Feuerwerker rckten alle Herren und Knechte vor den Wall,
um bei Niederbruch einer starken Bresche gleich mit dem Sturm zu beginnen. Der
erfinderische Bchsenmeister Hundswieben hatte sich auf eine Mauerkante
geschwungen, um die Wirkung seines hannibalischen Einfalles besser ersphen zu
knnen. Drben hinter dem feindlichen Walle mochten die mit Bolzen und Pulver
sparenden Helden des heiligen Zeno nichts Gutes ahnen; kein Helmbusch und keine
Schaller war zu sehen; die gegnerische Mauer stand wie ausgestorben da und
wartete des Schicksals, dem sie nimmer entrinnen konnte.
    In Spannung und hei erregt, lang den Hals streckend, kommandierte Sigwart
von Hundswieben mit glockenheller Jnglingsstimme:
    Den Lebner an die Bchs!
    Eine Feuergarbe, ein grauenvoller Knall, ein Drhnen der Berge, als wre das
Ende der Welt gekommen. Drben rasselte das feindliche Gemuer, die drei Kpfe
mit den kummervollen Gesichtern verschwanden im qualmenden Mrtelstaub, das Tor
des heiligen Zeno lag in Scherben, und mit dem Feldschrei Hie Sankt Peter!
begannen die Gadnischen Herren und Knechte den Sturm gegen die klaffende
Bresche.
    Von diesem Siegeslaufe blieb der junge Hundswieben ausgeschlossen. Er stand,
wie von Schreck versteinert, gegen die Mauer gelehnt. Irgendein Frchterliches
mute da geschehen sein. Whrend ihn der dicke Pulverdampf umqualmte, fhlte er
etwas Heies in seinem Gesichte. Das Blut rann ihm ber Kinn und Brust herunter.
Und als er mit scheuen Hnden an sich herumtastete, vermite er auch ein Stck
seines Helmes, einen Lappen seines Haarbodens und dazu noch die Nasenspitze. Die
Mauerkante, die jetzt ganz zerbrselt war, hatte ihn vor blerem behtet.
    Aber wo war die Annasusanne? Der Platz, auf dem sie gestanden, war leer.
Ihre Trmmer lagen in weitem Kreise zerstreut. Sie hatte bei diesem
hannibalischen Schusse mehr geleistet, als man von ihr verlangte, hatte nicht
nur nach vorne gegen den heiligen Zeno geschossen, auch nach rechts und links
und nach hinten hinaus gegen den heiligen Peter. Die drei Feuerwerker lagen als
regungslose Menschenpartikel in einer roten Lache.
    Doch drben bei der feindlichen Schanze hallte das Siegesgeschrei der
Strmenden. Jetzt ein kurzes, wunderliches Schweigen. Dann folgte ein wirrer
Lrm, der sich mischte aus Zorngeschrei und Gelchter. Hinter der
niedergebrochenen Tormauer lag ein Toter; sonst fanden die Sieger den Wallgang
und das Mauthaus vllig gerumt. Nur die zwlf druenden Faustbchsen waren noch
da - hlzerne Brunnenrhren, die man mit Mennige rot angestrichen hatte. Und von
der Schanze dehnte sich ein grner, das ganze Tal von Wand zu Wand erfllender
See auf dreihundert Schritte hin. Der Feind hatte den Schwarzenbach durch einen
Felsenwall gestaut und eine neue, feste Verschanzung hinter dem angelaufenen See
errichtet, der das Land des heiligen Zeno vor jedem Einfall mit Rossen und
schwerem Kriegsgert behtete.
    Drauen auf dem See, schon an die hundert Schritt weit, ruderte die kleine
Besatzung der Mautschanze auf einem Balkenflo der neuen Befestigung zu. Unter
dem Geschrei der siegreichen Strmer traten die Gadnischen Armbruster und
Faustschtzen an. Es schnurrte und knallte. Ein Hagel von Bolzen und Bleikugeln
flog in den See hinein. Die Menge tat's. Als die Flobalken den Stauwall
erreichten, trugen sieben leidlich gesunde Leute vier Schwerverwundete an das
neue Ufer des heiligen Zeno.
    Den Siegern blieb geringe Arbeit. Zu rauben gab es nichts. Man steckte das
kleine Mauthaus in Brand und begrub die drei Kpfe mit kummervollen Gesichtern.
Den Mann, den der heilige Zeno verloren hatte, warf man in den neuen See, um fr
die nahe Berchtesgadnische Schanze die Luft nicht durch Verwesung verpesten zu
lassen.
    Weiteren kriegerischen Unternehmungen war vorerst ein unbezwingbarer Riegel
vorgeschoben. ber die steilen Waldgehnge des engen Tales brachte man weder
Karren noch Ro hinber. Und kletternde Fuknechte wren ein leichtes Ziel fr
die feindlichen Faustschtzen und Armbruster geworden. Doch es war diesem
sperrenden See, der dem heiligen Peter den Siegeslauf behinderte, auch etwas
Gutes nachzusagen. Wie die Gadnischen da nicht hinberkamen, so kam die
Kriegsfurie der Herren von Hall auch nicht herber. Man brauchte also in der
Berchtesgadnischen Mautschanze keine groe Besatzung zurckzulassen und konnte
die Hauptmacht fr die Ereignisse sparen, welche die Haller vermutlich an andrer
Stelle vorbereiteten, weil sie hier am Schwarzenbach mit ihren Krften so
vorsichtig geknausert hatten.
    Die drei Feuerwerker, denen der Heldentod beim letzten Knall der Annasusanne
zu einem schnellen und schmerzlosen Vorgang geworden war, bekamen am
Schwarzenbach ein gemeinsames Grab und Kreuz. Und so zog der heimkehrende
Haupthaufe des heiligen Peter am Abend zu Berchtesgaden nur mit einem einzigen
Blessierten ein, der ohne Helm geritten kam und auf soldatischem Leib einen
jungen Frauenkopf mit weier, nach aufwrts gerutschter Kinnbinde zu tragen
schien.
    Der Verlust der Kammerbchse erregte in Berchtesgaden groe Bestrzung bei
Herren und Volk. Doch die Not ist ein Schmied, der die Schwachen zu Starken
hmmert. Noch am Abend meldeten sich beim Propste zwei mutige Mnner: ein
Wagenschlosser, der eine neue Anna aus eisernen Stben und Ringen schweien
wollte, und ein Erzformer, der eine neue Susanne aus Kupfer und Zinn zu gieen
wagte. Weil es fr solchen Gu an Speise fehlte, warf man noch vor Nacht eine
schadhafte Glocke vom Turm der Pfarrkirche herunter.
    Trotz der Hilfe, die sich da zeigte, blieb Herr Peter Pienzenauer
sorgenvoll. Ein Spher hatte am Abend zwei Nachrichten gebracht, eine gute und
eine bse. Die andchtigen Bittgnger aus der Ramsau, nachdem sie bei der
Sperrung des Schwarzenbachtales um ihrer selbst willen krftig mitgeholfen
hatten und jetzt neben den Stiftsmauern zu Hall in Bretterschuppen und Zelten
hausten, weigerten sich hartnckig, mit bewaffneter Hand an einem Fehdezug gegen
den heiligen Peter teilzunehmen; sie wollten nur fromm und glubig zum heiligen
Zeno beten, ihr Vieh betreuen und bessere Zeiten abwarten; sonst nichts. Das war
die gute Nachricht, die einen Fehler in der staatsmnnischen Rechnung des
Franzikopus Wei bedeutete. Aber sie stand in logischem Zusammenhang mit der
bsen Kunde, da Franzikopus am Morgen in Begleitung eines mit reichen
Geschenken vollgepfropften Wagens nach Burghausen gezogen wre, um Beistand bei
Herzog Heinrich zu erflehen.
    Goldene Geschenke pflegten in Burghausen immer zu wirken. Und da wrde wohl
eine hbsche Teilung beredet werden. Die Ramsau fr den heiligen Zeno, das Land
zwischen der Plaienburg und Bischofswies, vielleicht das ganze Gadnische Gebiet
fr Herzog Heinrich?
    Propst Peter dachte in dieser Sorge an das gute alte Sprichwort: Strker als
zwei Wlfe ist der Br.
    Von den sterreichischen Schirmvgten, die in der Ferne wohnten und mit den
Hussiten zu schaffen hatten, war Hilfe in kurzer Frist nicht zu erwarten. Und
Salzburg wrde keinen Beistand leisten ohne schwere Verpfndung. Nur eine Hilfe
gab's: Man mute den Br ber die Wlfe hetzen.
    Ein verllicher Bote mute reiten! Noch in der Nacht! Auf weitem Umweg
durch das Straubinger Land nach Ingolstadt, zu Herzog Ludwig im Bart!
    Frst Peter wute unter seinen Chorherren keinen, der ihm fr solch einen
gefahrvollen Ritt verllich genug erschien. Doch der bisherige Verlauf dieses
Ochsenhandels hatte ihn bereits aufmerksam gemacht auf' eine neue Kraft, in der
sich Jugend und Besonnenheit miteinander zu paaren schienen.
    Es war schon dunkle Nacht geworden. Klirrende Wachen machten die Runde, und
in den Werksttten des Stiftes wurde noch fieberhaft gearbeitet. In der
Marktgasse hatten die vor den Schrecken des Krieges zitternden Brger sich schon
in ihre Huser verkrochen und saen hinter verriegelten Tren und geschlossenen
Fensterlden. Nur an einem einzigen Haus der Marktgasse strahlte noch rtlicher
Lichtschein aus einem Fenster zu ebener Erde. Herr Ruppert Someiner, seit
vierzehn Tagen von einem krankhaft erscheinenden Ameisenflei befallen, sa zu
spter Stunde noch in seiner Amtsstube, addierte die neuen Schulden des Stiftes
zu den alten und stberte in vergilbten Pergamenten nach eingeschlafenen
Rechten, die man wieder aufwecken und zu einem Goldsegen fr das Stift
verwandeln knne. Gefunden hatte er noch nichts. Doch von seiner ruhelosen
Arbeit erwartete er mit Zuversicht einen raschen und mirakulsen Aufschwung des
Berchtesgadnischen Landes.
    Er war in eine Urkund aus alten Reiten, so vertieft, da er den
Klppelschlag am Haustor, den Schritt des Knechtes und das Klirren des Riegels
berhrte.
    Als die Tr der Amtsstube sich ffnete und Frst Peter im Licht der Lampe
stand, verlor der Amtmann vorerst die Sprache. Und bevor ihm die Fhigkeit
zurckkehrte, von seinen Goldmacherplnen zu reden, winkte der Propst mit der
Hand. Bleib, Ruppert! Bleibe bei deiner wichtigen Arbeit! Ich suche deinen
Sohn. Wie geht es ihm?
    Der Arm - sssssein Arm -, Someiner, der seit vierzehn Tagen erschreckend
abmagerte, schien auch vor der Gefahr zu stehen, ein Stotterer zu werden.
    So? nickte der Frst. Besser, also? Dann la dich nicht stren, mein
fleiiger Ruppert! Ich finde schon hinauf. Jede Antwort abschneidend, zog der
Propst die Tre zu.
    Droben, am Ausgang des Treppenschachtes begegnete er der weien, aufgeregten
Frau Marianne, die der Knecht von dem hohen Besuch, der ins Haus gekommen,
verstndigt hatte. Man sah ihr an, wie schwer sie unter dem schweigsamen, aber
um so schmerzhafteren Kriege gelitten hatte, der seit zwei Wochen im Hause war
und Vater und Sohn entzweite. Beim Anblick des Frsten scho ihr gleich wieder
der Gedanke an eine neue Gefahr ins Herz. Auf die Frage des Propstes, wie es dem
Kranken ginge, klagte sie: Ach, gndigster Herr, mit dem Buben hab ich ein
Kreuz! Sein Arm, gottlob, der wird ja wohl bald wieder gut. Aber seine Seel will
nimmer heilen. Allweil ist er so ein heller und froher Mensch gewesen. Jetzt ist
er ein vllig andrer. Ist reizbar und jhzornig und hat kein Lachen nimmer. Die
bsen Zeitluft mssen ihm auf dem Herzen liegen wie ein Berg.
    Frst Peter nickte stumm.
    Ich kenn mich in dem Buben schier nimmer aus. Ach, Herr! Noch nie ist ein
bser Wunsch in mir gewesen. Aber den heiligen Zeno mcht ich jetzt am liebsten
hinausschelten aus dem Himmel - Gott verzeih mir die Snd! Frau Marianne
ffnete die Stubentr und sagte sanft: Schau, Bub, der gndigste Herr ist da!
    Lampert, den linken Arm in schwarzer Binde, sa unter den flackernden Kerzen
des Eisenreifens am Tisch, vor dem Kriegsbuche des Abraham von Memmingen. Er hob
das ernste, blasse Gesicht mit den tiefliegenden Augen, die in schlaflosen
Nchten hei geworden. Beim Anblick des Frsten sprang er vom Sessel auf.
    Wie geht's dir, Lampert?
    Gut, Herr! Lampert nahm den Arm aus der Binde. Seine Mutter wurde bla und
machte ihm hinter dem Rcken des Frsten abwinkende Zeichen. Doch Lampert sprach
weiter: Bin ich ntig, so kann ich morgen in den Sattel steigen. Es lag noch
immer ein rauher Schleier um seine Stimme; und wenn er sprach, kam immer wieder
ein leichter Hustensto, wie von einem qulenden Reiz in der Kehle. Mein
rechter Arm ist gesund, der linke wird ausreichen fr den Zgel.
    Das hr ich gern. Aber dich brauche ich zu einem besseren Ding als zum
Dreinschlagen. Hltst du dich krftig genug fr eine weite und anstrengende
Reise?
    Frau Marianne hatte keinen Tropfen Blut mehr im Gesicht.
    Lampert reckte sich. Fr alles, was ntige Arbeit ist! Diesem peinvollen
Zerwrfnis mit dem Vater zu entrinnen, der ruhelosen ngstlichkeit seiner Mutter
und den qulenden Gedanken seiner unttigen Einsamkeit entrckt zu werden - das
war wie Erlsung fr ihn, wie Erfllung einer brennenden Sehnsucht.
    Frau Marianne, sagte der Frst, geh und richte, was dein Sohn fr eine
Reise braucht, die eine Woche dauern kann. In einer Stunde wird er reiten
mssen.
    Reiten? stammelte die Amtmnnin. In Feindesland?
    Nein, gute Mutter! Der Propst lchelte. Zur Beruhigung deiner
Gluckenseele schicke ich deinen Sohn in friedsame Gegend.
    Mutter, fiel Lampert in Erregung ein, ich bitte dich - das eilt.
    Ja, ja, ja, Bub! So schau, ich geh doch schon! Frau Marianne huschte davon
und klammerte sich an den Trost von der friedsamen Gegend, obwohl sie nur halb
an diese Verheiung glaubte. Whrend sie in Lamperts Stube den Mantelsack und
die Satteltaschen, packte, die ntigste Zehrung in einen Lederbeutel tat und
sechs Goldstcke einzeln in den Saum des Wamses nhte, hrte sie unablssig aus
der Wohnstube herauf den leisen Summ der beiden Mnnerstimmen. Was die zwei da
bereden mochten? Frau Marianne htte in der Qual ihrer Muttersorge ein Muschen
sein und sich durch den Kammerboden hinunterbeien mgen, um lauschen zu knnen.
Bei solchem Wunsche wurde sie von einer galligen Erbitterung befallen. Diese
Zeiten! Und diese Menschen, diese Narren, diese Ochsen! Und weil sie nicht
wissen, was Redlichkeit und Frieden heit, weil sie Torheit und Schlechtigkeit
aufeinanderbauen wie Kinder die hlzernen Kltzlein, drum mu eine Mutter ihren
Sohn, den sie mit Schmerzen geboren, den sie mit aller Zrtlichkeit einer guten
Seele umklammert, hinausreiten lassen in Not, Gefahr und Elend! Bei finsterer
Nacht! Denn da da drauen der Vollmond freundlich schimmerte, das sah Frau
Marianne in ihrem sorgenvollen Zorne nicht. Sie sah nur die schwarzen Dinge des
Lebens und dachte: Wenn es nach Meinung der Mtter ginge, dann gbe es bald
keinen Krieg mehr, und ewiger Friede wre auf der schnen Erde. Da sollten sich
die Mtter einmal zusammentun, wie die Frsten ihre Heerhaufen sammeln. Und
sollten diesen unsinnigen Mannsbildern und Streithammeln so lange, die nakalten
Putzfetzen um die Ohren schlagen, bis sie zu Vernunft und friedlicher Besinnung
kmen.
    Als Frau Marianne ihr mtterliches Frsorgewerk vollendet hatte und
hinunterkam zur Tr der Wohnstube, klangen da drinnen noch immer die zwei
Mnnerstimmen. Sie wagte nicht einzutreten. Doch in dieser brennenden Minute
ihrer Muttersorge hielt sie es fr keine unschne Sache, an der Tr zu lauschen.
Nur lauschen? Frau Marianne war eine von jenen Mttern, die fhig sind, fr Wohl
und Glck ihres Kindes das schwerste Verbrechen zu begehen und dabei des
Glaubens zu sein, da sie einem heiligen Gebot gehorchen.
    Sie hrte Herrn Peter Pienzenauer mit ernsten Worten sagen: Nein, Lampert!
Als redlich fhlender Mensch magst du recht haben: Der Anfang dieses blen
Handels war eine Torheit, die man htte vermeiden knnen. Aber nun sind die
Dinge so, wie sie sind. Und da mu ich denken und fhlen als Frst. Stehen groe
Werte auf dem Spiel, so scheiden Mitleid und Barmherzigkeit mit einzelnen
Menschenschicksalen vllig aus. Nach dem, was du mir jetzt ber den Runotter
sagtest, denk ich anders von diesem wunderlichen Manne als vor einer halben
Stunde noch. Aber das zhlt nicht mehr. Ein paar Menschen? Was gut das? Jetzt
mu ich mich wehren um mein Land. Und ich hoffe, da kann ich mich auf dich
verlassen? Nicht?
    Ja, Herr! Mit Leib und Seele! klang Lamperts heisere Stimme. Aber den
Gedanken, da wir an einem Karren ziehen, der mit einem Wirrsal von Recht und
Unrecht beladen ist, bringe ich nicht mehr aus mir heraus. Freilich, die andern
da drben, die machen es nicht anders als wir. Aber immer mu ich mich fragen,
wie Gott das geschehen lassen kann, da aus dem Unverstand einer Stunde das
Elend vieler Jahre und das Leiden von tausend Menschen wachsen darf.
    Frau Marianne hrte ein kurzes Lachen und dann die Stimme des Frsten: Da
bin ich berfragt. Und du, Lampert, du bist sehr neugierig, mehr, als ntig ist
fr die Ruhsamkeit eines Menschenlebens.
    Herr?
    Was?
    In finsteren Nchten mu ich mich immer fragen, ob Gott, whrend die
Menschen sinnlos hadern, in khlem Schatten ruht oder in heier Sonne liegt.
    Ein kurzes Schweigen. Und in Mutter Marianne schlugt das angstvolle Herz wie
ein schmerzender Hammer.
    Lampert? - Das ist eine seltsame Frage. Vielleicht versteh ich sie.
Vielleicht auch nicht. Im khlen Schatten ruhen die Mden, in heier Sonne
liegen die Trgen. Das sind Eigenschaften des Lebens. Wenn Gott unermdlich und
immer werksam ist, dann mte ihm das trge, mde Leben eine ferne,
gleichgltige Sache sein? Nein! Lassen wir das! Da sind Abgrnde. Gott hat uns
Wahrheit gegeben. Manchmal fhle ich, wie du, da sie nicht ausreicht. Aber
bessere Wahrheit kann ich als Mensch nicht finden. So mu ich warten, bis Gott
sie mir sagt. Schweigt er, so bleib ich ohne Neugier und nehme in Licht und
Dunkelheit die Dinge des Lebens so, wie sie mir erscheinen. Aber solche Worte
sind unfruchtbar wie alte Frauen. Und die Stunde drngt. Geh und sieh, Lampert,
wie weit deine Mutter mit der Arbeit fr deine Reise kam!
    Erschrocken, mit verstrten Augen, trat Frau Marianne rasch in die Stube und
sah, wie Lampert einen gesiegelten Brief, der auf dem Tische lag, an seiner
Brust verwahrte. Alles fertig! stammelte sie. Ist alles schon fertig!
    Brav, Mutter Marianne! Der Propst legte ihr lchelnd die Hand auf die
Schulter. Und ganz ohne Sorge! Ich habe deinem Sohne sicheres Geleit
verschrieben. Und gebe ihm von meinen Hofleuten den verllichsten mit, den
Marimpfel.
    Nein, Herr! sagte Lampert hart. Den nicht! Ich nehme Heber den
Stallknecht meines Vaters mit. Das ist ein guter und froher Mensch. Aber um drei
feste Pferde mu ich bitten. Von unsern Gulen ist nur der Moorle zu brauchen.
Den reit ich, so lang er aushlt.
    Frst Peter nickte. Dann sagte er schmunzelnd: Bei so langem Ritt in den
Mondnchten wirst du Zeit haben, um ber die Wahrheit nachzudenken, von der wir
sprachen. Bringst du was heraus dabei, so sag mir's, wenn du wieder heimkommst!
Ich werde dir dankbar sein. Und jetzt eile dich, da du in den Sattel kommst!
Gott soll dich schtzen auf der Reise - Gott, von dem ich auch nach diesem bsen
Ochsenhandel noch glauben werde, da er nicht trag ist und seiner Liebe nicht
mde wird.
    Als Herr Pienzenauer das Haus verlassen hatte, blieb hinter ihm ein
hetzendes Gewimmel. Nur Vater Someiner - als er vernahm, um was es sich handelte
- beteiligte sich nicht an diesem Aufruhr und kehrte mit dem Anschein
unerschtterlicher Ruhe zu seinen Pergamenten zurck. Sein abgemagertes Gesicht
war gelb. Er empfand diese dunkle, zwischen Lampert und dem Frsten spielende
Vertraulichkeit, von der er sich ausgeschlossen sah, als eine neue, schwere
Krnkung. Und der Sohn begann in des Vaters Augen zu einem whlenden Feinde zu
werden, der ihn aus Amt und Wrden wie aus der Gnade des Frsten zu verdrngen
suchte.
    Vom Stifte wurden drei gute Pferde geschickt. An zweien war Packung und
Sattelzeug mit grauen Reiseschabracken berschnallt.
    Mutter Someiners Abschied von Lampert wurde eine lange und harte Sache. Als
der Sohn sich vom Vater verabschieden wollte, erhob sich der Amtmann gar nicht
von seinem heiligen Sessel. Er nickte nur und sprach: Ja, ja, schon gut! Reit
nur! Auf der hohen Schul zu Prag ist wohl doziert worden, wie man sich schn
Kind macht bei seinem Frsten?
    Wortlos schwang Lampert sich in den Sattel, fate mit der rechten Faust den
Zgel und legte den linken Arm wieder in die schwarze Binde.
    Leb wohl, Mutter!
    Als die Pferde im Mondschein ber das grobe Pflaster davonklapperten, kam es
in der Amtsstube zwischen Frau Marianne und ihrem Gatten zu einem frchterlichen
Auftritt, der fr die sorgenvolle Mutter mit heien Trnen und fr den
tiefgekrnkten Frstendiener mit einem vernunftwidrigen Tobsuchtsanfall endete.
    Zwischen dem heiligen Peter und dem heiligen Zeno stand der Krieg erst vor
der Entwicklung. Doch in dem einst so friedsamen Hause Someiner schlug die um
der Ochsen willen aufgebrochene Fehde bereits ihre grimmigen Schlachten.

                                       9


In der gleichen Vollmondnacht, in welcher Lampert Someiner dem Salzburger
Grenzwall am Hangenden Steine zujagte, erreichte Franzikopus Wei mit seinem
Gesandtschaftswagen das steile Ufer der Salzach. Die Rder knatterten sanft auf
schner Strae. In Herzog Heinrichs Landen gab es gut gepflegte Wege. Die hatte
er ntig fr seine vielen Truppenzge. Auch sonst noch hatten diese guten
Straen einen Nutzen. Sie lenkten fast den ganzen italienischen Handel durch
niederbayrisches Gebiet und zu Herrn Heinrichs ertragsreichen Mautschranken.
Viel Geld verdiente er an diesen guten Straen, die seine fronenden Bauern bauen
und erhalten muten. Und in keinem Reichsland gab es Wege, die so sicher waren.
Machte sich ein Straenruber unliebsam bemerkbar, so hatte er flink die
Harnischreiter Herzog Heinrichs auf den Fersen und wurde ohne juristische
Umstndlichkeiten an den nchsten Baum befrdert. Der unvershnliche Vetter
Ludwig zu Ingolstadt, der kein Freund von Todesurteilen war, hatte ber den
Vetter Heinrich das bissige Wort geprgt: Zu Landshut und Burghausen henkt man,
wie man im Spittel hustet! Aber die Handeltreibenden rhmten es dem Herzog
Heinrich nach, da man in seinem Lande reise wie in einem Rosengarten. Freilich,
viele rote Blutrosen hatten im Straenstaube blhen mssen, bis der
niederbayrische Rosengarten so sicher wurde.
    Auf solch einer sicheren Strae konnte auch Franzikopus reisen, ohne viel
Geleit zu fhren. Er hatte nur zwei gewaffnete Reiter und zwei dienende Brder
mit aufmerksamen Gesichtern bei sich. Seine beiden Lufer hatte er schon am
Nachmittage vorausgeschickt, um dem Herzog seine Ankunft melden zu lassen. Das
Geschft, das Franzikopus brachte, war es wert, da Herr Heinrich fr eine halbe
Nacht des Bettes verga.
    Von der hohen Waldbschung, ber die sich die Strae zum Tal der Salzach
hinuntersenkte, konnte man im hellen Mondlicht die befestigte Stadt Burghausen,
Herzog Heinrichs Sommerresidenz, gut berschauen.
    Gleich einer langen steinernen Schlange zog sich da drben die Doppelzeile
der Brgerhuser am Ufer des rauschenden Flusses hin. Zwischen den Dchern stand
die Pfarrkirche wie ein hochgewachsener Hirte zwischen kleinen Schafen. Von der
Salzach bog sich ein breiter Wasserarm um den steilen Schloberg herum, auf dem
sich mit Wllen, Palisaden, Mauern, Trmen und vielen Dchern das herzogliche
Schlo erhob gleich einer zweiten kleinen, langgestreckten Stadt, die von fnf
Schluchten in sechs getrennte, durch Fallbrcken verbundene Festungen
zerschnitten wurde. Die vielen Dcher waren berleuchtet vom friedlichen Glanz
des Mondes. Kleine Fenster schimmerten wie blanke Silbermnzen; andre, hinter
denen noch Licht war, blinkten rtlich wie Sterne bei dnnem Nebel.
    Vor dem untersten Burgtor kletterte Franzikopus aus dem Wagen und lie einen
schn geschnitzten, mit blauem Stahl beschlagenen Schrein herausheben, der die
Geschenke des heiligen Zeno von Reichenhall enthielt.
    Seinen Tro mute der Kaplan bei der Torwache zurcklassen. Zwei Soldknechte
des Herzogs trugen den Schrein.
    Auf langem Wege ging es durch fnf Burghfe, die beim Geflacker der
Pfannenfeuer von Wachen wimmelten. Es ging vorbei an hohen Kornkammern,
Haferksten und Arsenalen. Fnf Zugbrcken fielen vor Franzikopus und stiegen
hinter ihm wieder auf.
    Unter dem Tor des Schlohofes empfing ihn der Kastellan, fhrte ihn zu einer
trb erleuchteten Halle und verschwand, um den Gast bei Herzog Heinrich zu
melden.
    Whrend Franzikopus in einem Lehnstuhl ruhte, berlegte er seine Anrede. Die
ersten Worte verlangten Vorsicht. Sprach man den Herzog lateinisch an, so wurde
er verdrielich, weil er kein Latein verstand und das bekennen mute. Und
begrte man den Herzog in deutscher Sprache, so wurde er rgerlich bei dem
Gedanken: Der redet Deutsch, weil er wei, da ich Lateinisch nicht verstehe.
    Franzikopus grbelte. Inzwischen stieg der Kastellan ber zwei Wendeltreppen
hinauf zu einem weien, kahlen Korridor, dessen einziger Schmuck aus groen
Hirschgeweihen bestand; Herzog Heinrich war ein leidenschaftlicher Jger, der in
seinen Wldern das Hochwild berreichlich hegte und den Bauern nicht erlaubte,
da sie Hunde hielten oder ihre Felder durch Zune schtzten.
    Eine schmale, niedere Tr fhrte zu einem groen, vielfenstrigen Raume. Rote
Kerzen brannten mit starkem Harzgeruche auf vier Hirschgeweihen, die an eisernen
Ketten unter der Balkendecke hingen. Um die Wnde zog sich mannshoch eine
braune, plumpe Tfelung mit Bnken und schweren Ksten. An der Mauer, die ber
diesem Holze frei blieb, war kein Bild, kein Schmuck, keine Kostbarkeit, nur
eine Reihe handwerksmig gemalter Wappenschilder mit Spruchbndern. Auf jedem
dieser Bnder wiederholten sich in groer Schrift die gleichen drei Worte: Denk
des Loys!
    Sthle wie in einer Bauernstube. Und in der Mitte des Raumes stand ein
groer, schwerflliger Tisch mit Papierrollen, Urkunden und Plnen, mit kleinen
Modellen von Schanzen, Kammerbchsen und hussitischen Heerwagen. An diesem
Tasche, schreibend, sa ein Kahlkpfiger in schwarzem Ordenskleid, Nikodemus,
des Herzogs geheimer Rat und kluger Finanzmann. Und neben dem Tische - mit den
Fusten am Grtel, in roten Strumpfhosen und grauem Kittel, der nach Art der
Bauernrcke geschnitten und mit Marderpelz gesumt war - ging Herzog Heinrich
auf und nieder, ein kleiner, frischer, brauner Herr von fnfunddreiig Jahren,
zart gewachsen und flink beweglich, mit steil herausstechender Nase, mit den
Aderwlsten des Jhzornigen an Hals und Schlfen. Dickes, streng gescheiteltes
Schwarzhaar, das in kruseligen Wlsten nach beiden Seiten strebte, umschattete
das schmale, olivenfarbene Gesicht, aus dem die Augen eines Menschenverchters
dunkel, stolz und lauernd herausbrannten. Er glich einem Sdlnder. Von seinem
Urgrovater. Kaiser Ludwig wiederholte sich kein Zug an ihm. Alles an Heinrich
kam aus dem Blute seiner zierlichen Mutter Maddalena, die ein Kind des Barnabas
Visconti war.
    Dieser kleine Herzog, ein groer Frst und khner Kriegsmann, schien so
scharf zu hren wie ein Iltis. Bevor die Tr sich ffnete, hatte er schon den
leisen Schritt des Kastellans vernommen. Und kaum schob der alte Mann den Kopf
zur Tre herein, da fragte Herr Heinrich: Kam er?
    Ja, Herr!
    Wie sieht er aus?
    Der Kastellan zgerte mit der Antwort. Wie einer, vor dem man sich hten
mu.
    Dann flink herauf mit ihm! Der Herzog wurde heiter. Gott soll's, wollen!
    Bei der Tre fragte der Alte: Soll man ihm Dach und Zehrung im Schlo
bieten?
    Nein! Der soll in der Herberg bleiben. Da verdient der Leutgeb, und ich
spare mein Geld.
    Der Kastellan wollte gehen. Da klang durch die offene Tr, vom Korridor
herein, ein tollendes Kinderlachen, das immer nher kam.
    Der Herzog fuhr auf: Was soll das? Warum ist der Junge zu so spter Stunde
nicht im Bett?
    Das feine, helle Lachen war schon nahe vor der Tre. Dazu klang eine leise,
ngstliche Mdchenstimme: Kind, Kind, Kind! Lachend kam was Kleines ber die
Schwelle gewirbelt, in langem Hemdlein und mit nackten Fen, ein vierjhriges
Bbchen, gesund und krftig, das glhende Gesichtl von wirren Locken umflogen.
    In Zorn schrie der Herzog: Man soll das pflichtvergessene Weibsbild stupen
und hinauswerfen!
    Erschrocken blieb das Bbchen stehen. Bei seinem Anblick schmolz der Zorn
des Vaters. Er raffte einen schwarzen Mantel auf, der ber der Lehne eines
Sessels hing, umhllte den Knaben, trug ihn zum Tisch und stellte ihn auf die
Platte, so da die Gesichter der beiden einander gegenber waren.
    Eine junge Magd mit bleichem Gesicht wollte eintreten; auf der Schwelle
wurde sie zurckgezogen, und es erschien eine fnfundzwanzigjhrige Frau,
schlank, mit einem roten, pelzverbrmten Mantel ber dem dnnen Nachtgewande.
Scheue, verschchterte Augen glnzten gro in dem blassen Rundgesichtchen dieser
Frau, die mit siebzehn Jahren zum ersten Male Mutter geworden und nach acht
Geburten in sieben Jahren schon vorzeitig zu altern drohte. Der Schreck vor dem
Muttergespenste war in diesem kindhaften Frauenblick. Zwei Shne starben im
ersten Lebensjahr; zwei Shne kamen verfrht und tot zur Welt. Drei Mdchen
lebten. Und dieser gesunde, blhende Knabe.
    Lautlos war der Kastellan davongegangen. Und Nikodemus verschwand durch eine
Seitentr, die man, als sie geschlossen war, in der Tfelung nicht mehr sah.
    Herzogin Margarete, weil der Gemahl ihre Nhe nicht zu bemerken schien,
blieb scheu und frstelnd bei der Mauer stehen.
    Herr Heinrich hatte die Hnde unter den Mantel geschoben, der das Kind
umhllte, knutschte vergngt das krftige Krperchen des Knaben und fragte mit
gespielter Strenge: Du Wildfang, warum schlfst du nicht? Kinder, die gesund
sein wollen, mssen schlafen.
    Leise sagte das Bblein: Hab zum Vatti wollen.
    Die Augen des Herzogs glnzten auf. Seine Stimme blieb streng. Zum Vatti
sollst du kommen, wenn die Sonne scheint. Jetzt stehen Mond und Stern am Himmel.
Da sollst du schlafen. Er kte den Knaben auf die Wange, und seine Stimme
verwandelte sich. Jung, hast du mich lieb?
    Lachend streckte das Kind die Hndchen nach Haar und Nase des Vaters.
    Der fragte heiter: Wer bin ich?
    Vatti.
    Ja. Auch. Aber sag mir, wie ich bei den dummen Menschen heie?
    Heinich der Swazze.
    Wie noch?
    Heinich Bluthund.
    Der Herzog lachte. Wie noch?
    Heinich der Filz.
    Stimmt! So mu es sein. Dean du, mein lieber Junge, sollst ein Reicher
werden! Du kleiner Herkules! Gott soll's wollen! Und Geld ist Macht. Wieder
kte Herr Heinrich den Knaben auf die Wange. So! Und jetzt geh schlafen! Und
machst du nicht gleich die Augen zu, so hau ich dir ein paar feste auf dein
dickes Quartier.
    Der Knabe klammerte die rmchen um des Vaters Hals.
    La luck! Jetzt mut du schlafen gehen. Also! Wie sagt mein Jung beim
Schlafengehen zum Vatti?
    Gut Nacht!
    Nein! Besinn dich! Wie sagt mein Jung?
    Der Knabe zog die Brauen zusammen und sprach langsam die drei schwierigen
Worte: Denk - des - Lllloys!
    Ja, mein Jung! Die Augen des Herzogs funkelten. An den will ich denken.
Heute mehr als je! Er drehte das Gesicht ber die Schulter. Komm! Und nimm
ihn!
    Schweigend trat die Herzogin zum Tische, lste das schwarze Tuch von dem
Knaben und umhllte ihn mit ihrem roten Mantel.
    Das unverlliche Weibsbild soll man fortjagen. Der Jung braucht eine
sichere Wartung. Der da soll mir am Leben bleiben. Gott soll's wollen!
    Leise sagte die Herzogin: Das Mdchen hat nichts verbrochen. Die Schuldige
war ich.
    Das httest du verschweigen sollen. Wer seine Schwchen und Fehler
eingesteht, ist dumm. Fr die eigne Torheit lt man andre leiden, wenn man
herrscht. Zur Frstin taugst du nicht, als Frau bist du kalt wie eine Suppe von
gestern. Hast du den Ehrgeiz, auch noch als schlechte Mutter zu gelten?
    Ein weher Kampf war in dem verstrten Gesicht der jungen Frau. Ihre
zitternden Arme umklammerten das Kind. Nach kurzem Schweigen sagte sie tonlos:
Ich sehne mich heim.
    Das ist zwecklos.
    In deinem Hause bin ich wie eine Magd und Gefangene. Ich! Das Weib des
Frsten.
    Weib? Du? Ein Weib? Nein, gute Gretl! Du bist wie eine steyrische
Mehlspeis. Bring den Jungen ins Bett und leg dich schlafen! Sonst hast du morgen
wieder die blauen Ringe um die Sehnsuchtsaugen. Herr Heinrich ging voran und
ffnete vor der Herzogin die Tre. Die junge Frau, die den Knaben an ihrer Brust
umklammert hielt, verschwand wie eine Flchtende.
    Es dauerte noch eine Weile, bis Franzikopus eintrat. Whrend er sich tief
und ehrfurchtsvoll verneigte, stellten die zwei Spieknechte den Schrein auf die
Bank.
    Franzikopus fing zu reden an und gab sich mit schauspielerischem Geschick
als Ehrgeizigen, der gerne wie Cicero reden mchte, die schwierige Sache nicht
fertigbringt und sich mit buerischem Deutsch behelfen mu.
    Das dunkle, strenge Gesicht des Herzogs wurde vergngt. In Neugier
betrachtete er den ungeschickt erscheinenden Redner und fing zu lachen an.
Pffflein, du bist ein verflucht schlaues Luder!
    Schmunzelnd verbeugte sich Franzikopus, als htte ihm Herr Heinrich ein
groe Schmeichelei gesagt.
    Und das dort? Der Herzog deutete auf den Schrein. Soll das mir gehren?
    Franzikopus ffnete die Schatztruhe. Teller, Platten, Becher und Kannen
funkelten. So grt der heilige Zeno.
    Schweigend nahm Herr Heinrich eine Kostbarkeit um die andre aus dem Schrein
und prfte sie als Kenner, der nach dem Gewichte geht. Als er den letzten Becher
zurckstellte, sagte er: Schn! Im Himmel des heiligen Zeno wohnen gute
Goldschmiede! Jetzt sind sie Meister. Als sie den Leidenskelch des Heilands
schmiedeten, waren sie noch Lehrlinge.
    Im Anschlu an das Bild von den Goldschmieden des Himmels fand Franzikopus
Wei sehr salbungsvolle Worte und sagte schlielich: Gott ist wunderbar in
allen Plnen und Werken. Seinen treuen und rechtschaffenen Diener gewhrt er
Gnade und Hilfe. Die Ruchlosen aber straft er nicht nur im Jenseits, auch schon
hier auf Erden.
    Und da leben wir beide noch? Lachend musterte Herr Heinrich das verdutzte
Gesicht des Franzikopus. Dann gab er den beiden Soldknechten einen Wink. Man
soll das in meinen Turm hinberschaffen. Die Knechte schlssen den Schrein und
trugen ihn davon. Herr Heinrich sah ihnen nach. Als sie verschwunden waren,
sagte er: Den Gru des heiligen Zeno schtze ich auf Sold und Zehrung fr
hundertzwanzig Mann mit vierzig Pferden auf sieben Tage, mit Pulver und
Bespannung fr eine Bchse, die hauptgro schiet. Als Franzikopus, der etwas
unsicher geworden, noch immer stumm blieb, fragte der Herzog: Wird das dem
heiligen Zeno gengen?
    Herr, flsterte Franzikopus und deutete mit dem Finger, da drauen
lauscht einer.
    Wo?
    Dort! Er hat den Holzzapfen aus einem Astloch genommen. Ich sehe vom
Kerzenschein sein Auge glnzen.
    Nikodemus! rief der Herzog heiter. Der Kahlkpfige erschien. Dieser kluge
Mann da wnscht, da du hier in der Stube hren sollst, was er mir zu sagen
hat. Nikodemus lachte, und Franzikopus errtete wie ein Mdchen, whrend eine
Zornlinie um seine Mundwinkel spielte. Also? sagte Herr Heinrich und lie sich
nieder. Auch Franzikopus und Nikodemus nahmen Platz. Was will dein Heiliger
kaufen von mir?
    Der Gesandte sprach. Er hatte an Herzog Heinrich und Nikodemus zwei
aufmerksame Zuhrer, die mehrmals einen raschen Blick miteinander tauschten.
    Franzikopus log nicht. Er blieb bei der Wahrheit des heiligen Zeno. Doch die
Geschichte von den Folgen des Mordauer, alias Hngmooser Ochsenhandels bekam
jetzt ein viertes Gesicht.
    Als der Kaplan verstummte, blieb Herr Heinrich eine Weile nachdenklich. Dann
sagte er: Deiner dreihundert andchtigen Ramsauer, die noir beten wollen,
erbarmt sich mein christlich Gemt. Aber freien Durchla durch mein Land von
Plaien gewhr ich euch nicht. Aus Barmherzigkeit fr den heiligen Zeno, den ich
als ungefhrlichen Nachbar liebe. Der heilige Peter von Berchtesgaden wrde ihm
das geschorene Haardach bs verprgeln. Darunter wrden meine Reichenhaller,
mein Salzhandel und meine Saalacher Sassen leiden. Und euch Hilfe schicken, um
den heiligen Peter zu klopfen, der ein lieber Patron ist? Das mu ich mir sehr
berlegen. Was meinst du Nikodemus?
    Der Kahlkpfige sagte ruhig: Herr, da mu ich dringend abraten.
    Hrst du, Pffflein?
    Franzikopus begann in Hast zu reden.
    Der Herzog hob die Hand. La gut sein! Was Neues sagst du mir nicht. Du
weit nur, was gestern in der Nacht und frher geschah. Ich wei, was heute
geschehen ist und was jetzt geschieht.
    Die Augen des Kaplans erweiterten sich.
    Herr Heinrich lachte. Bleib ohne Neugier! Ich sage dir nicht, was ich wei.
Nein, Mann! Den goldenen Gru des heiligen Zeno mssen wir als Vorschu fr
andre Dinge nehmen. Jetzt kann ich nickt helfen. Der Ingolstdter lauert. Der
schlgt an der Donaulos, wenn ich mich an der Saalach schwche. Zwischen
Burghausen und Ingolstadt liegt altes Stroh. Fliegt hier im Sden ein Funke, so
schlgt im Norden das Feuer auf. Wenn ich euch helfe, weck ich Gefahren fr mein
Land und Volk. Auch fr mich selbst. Ich stehe wegen jener Dummheit zu Konstanz
unter weltlichem und geistlichem Gericht. Die Zge des Herzogs verzerrten sich.
Dann lachte er wieder. Soll ich meine Richter durch Unbequemlichkeiten erbosen?
Auch hab ich Knig Sigismund mein Wort gegeben, da ich Frieden halte, solange
mich der Loys nicht angreift. Du wirst mir bezeugen knnen, da ich mich dieses
Worts in Ehrfurcht vor dem Knig erinnere.
    Wieder sprach Franzikopus, rasch und erregt. Hilfe fr den heiligen Zeno
wre kein Friedensbruch, sondern ein christliches Werk. Und alte Miwirtschaft
knnte hier geregelt werden. Die Ramsau gehre durch natrliche Lage zum
Schwarzenbachtal des heiligen Zeno. Und das Berchtesgadnische Land, verwstet
durch schlechte Fhrung und bedrckt von Schulden, knnte sich nur unter Schutz
und Hand eines starken Frsten wieder zu gedeihlichem Leben erholen.
    So? Die schone Ramsau wollt ihr haben? unterbrach der Herzog. Er ghnte.
Und klopfte sich ein paarmal mit der schlanken, braunen Hand auf den offenen
Mund. Und ich soll nehmen, was brig bleibt? Teilen? Nein! Mit dem Teilen hab
ich schlechte Erfahrungen gemacht. Teilen heit unzufrieden werden. Man mu klug
auf das Ganze gehen.
    Franzikopus erblate. Bevor er sprechen konnte, sagte der Herzog:
    Fr solche Dinge gehrt ein waches Gehirn. Heute bin ich, md und
schlfrig. Ich brauche Ruh und will mich zu Bett legen. Morgen frh wird der
heilige Zeno Bescheid erhalten. In Herrn Heinrichs ruhige Stimme kam ein Klang
von Erregung. Gott soll's wollen! Er stand vom Sessel auf, nickte zum
Abschied, ging auf ein Finster zu, legte die Hnde hinter den Rcken und sah
unbeweglich in die Nacht hinaus.
    Der Kaplan, als er sich von seiner Verblffung erholt hatte, wollte
sprechen. Da machte Nikodemus mit gut gespieltem Schreck ein Schweigezeichen,
nickte bedeutungsvoll, fhrte den Gesandten hflich aus der Stube, bergab ihn
dem Kastellan und schlo die Tre.
    Herr Heinrich drehte sich mit einer raschen Wendung vom Fenster weg. Seine
Augen brannten, eins wilde Erregung zitterte in seinem Gesicht, und die
Oberlippe zog sich von den Zhnen zurck. Nikodemus! Die Stimme war ein rauhes
Flstern. Diese Gelegenheit hat mir Gott geschickt! Mit stoenden Fusten
schien er etwas Unsichtbares zu fassen. Jetzt hab ich den Loys! Und will ihn
rupfen, da nur ein paar Flocken noch brigbleiben von seiner Pariser Wolle!
Der Herzog wollte lachen. Das wurde nur ein heiserer Laut. Er ri ein Fenster
auf, atmete tief, und mit den Fusten am Grtl begann er durch das Zimmer zu
schreiten, die Zge des Gesichtes hart gespannt von whlendem Denken.
    In Sorge betrachtete Nikodemus den Frsten. Er wute, aus welchen
Erinnerungen der Aufruhr dieses Augenblicks quoll und was in Herzog Heinrich
ruhelos brannte. Das war nicht die Erinnerung an jenen Schimpf, den der mit
Worten flinke Ingolstdter vor vier Jahren zu Konstanz Herrn Heinrich bei einem
Handel um alte Schulden ins Gesicht geworfen hatte, vor Knig Sigismund, in
Gegenwart des mit der ehemals bayrischen Mark Brandenburg belehnten Fritz von
Zollern, des Gemahls der schnen, Else, der Schwester Heinrichs. Sohn eines
Kochs? Dummes, hliches Gesindegeschwtz, das ein Denkender nicht htte auf
die Zunge nehmen sollen! Herzog Friedrich, Heinrichs Vater, war nicht der Mann,
um sich betrgen zu lassen von seinem Weibe, Sohn eines Kochs! Der sinnlose
Schimpf war gercht, mit sieben blutigen Schwertstreichen und brannte nicht mehr
in Heinrich. Dieser Schimpf war eine Lcherlichkeit geworden, seit zwischen den
Srgen von Geschwistern dieser kleine Herkules heranwuchs, dieser lachende,
blhende, von Gesundheit und Lebenskrften strotzende Knabe, in dem die
wittelsbachische Art das Blut der Visconti bersprungen und des Vaters makellose
Abstammung erwiesen hatte.
    Dieser Knabe, in dessen frischem, rosigem Gesichtlein die Augen des
wittelbachischen Ahnherrn glnzten, hatte einen qulenden Zorn aus der Seele des
Vaters hinausgelacht. Doch in dem Herzen, in dem dieser groe Zorn getobt hatte,
war eine kleine, stumme, brennende Scham, zurckgeblieben. Und dieses Kleinere
war das Hrtere, war unertrglich, war wie der ruhelose Schrei einer Eifersucht,
deren schmerzendem Griff Herr Heinrich sich nick entwinden konnte.
    Meuchelmord? So nannten es die andern, wenn sie von jenem nchtlichen
berfall zu Konstanz redeten. Herzog Heinrich lachte dieses Wortes. Kampf oder
Mord? So lppische Unterschiede macht die Rache nicht. Die Rache will schlagen,
tten. Aber sie mu das knnen! Nicht schwach darf sie sein - nicht so schwach,
wie zu Konstanz die Faust dieses von Zorn geschttelten Rchers war!
    Seit vier Jahren ist kein Tag und keine Nacht vergangen, ohne da jenes
wirre, von Blut bergossene, von Scham berglhte Bild in Herzog Heinrich
erwachte.
    Die dunkle, stille Gasse zu Konstanz. In finsterem Winkel steht und lauert
dieser Kleine, dieser Schlanke und Zierliche, der in der Gre seines Zornes ein
Rcher werden will. Er und seine Helfer, alle gepanzert und bewaffnet bis an die
Zhne. Und da kommt in stiller Nacht dieser Eine geritten, geschtzt durch den
Frieden des heiligen Konzils, kommt von einem heiteren Knigsmahl, ein Lachender
und Sorgloser, ein Lebensfroher, mit glhendem Wein im Blute, prunkvoll
gekleidet, ohne Waffen, ohne Gefolge, auf ruhig schreitendem Zelter, nur gefhrt
von zwei fackeltragenden Edelknaben. Heiter, nach Art eines Trunkenen, plaudert
er mit den beiden Buben; noch ehe man ihn sieht Zitterschein der Fackeln,
vernimmt man sein starkes, frohes Lachen schon. Ein Fnfzigjhriger! Und hat
noch immer das Lachen eines Jnglings!
    In der finsteren Ecke schlagen dem lauernden Rcher beim Klang dieses hellen
Lachens die Zhne aufeinander. Waren diese beiden nicht Shne von Schwestern?
Nicht die Nachkommen des gleichen Ahnherrn? Warum ist der eine seiner zarten
Mutter Bild, der andre das Bild seines kraftvollen Ahns? Warum hat dieser
Zierliche nur das Zhneschauern seiner krperlichen Schwche? Warum jener Starke
dieses helle, frohe, sorglose Lachen - in der Nacht des gleichen Tages, an dem
er den andern gedankenlos und ungerecht beschimpfte? Und kommt geritten. Und
lacht. Und schwatzt mit den Edelknaben und prahlt von einem franzsischen Feste,
das er dem Knig Sigismund geben will. Das soll ein Fest werden, wie man Feste
nur in Paris zu rsten versteht! Die deutschen Bren sollen noch ein Jahr lang
an ihren Tatzen lecken. Und rennen und stechen la ich bei meinem Fest. Und bin
ich der Sieger, wie immer, dann wird sich einer rgern, bis er Galle speit! So
ein Kleiner! O du Laus du! Er lacht - und wird stumm - hebt sich im Sattel und
lauscht.
    In der vorn Fackelschein bergaukelten Dunkelheit knirschte eine Stimme
durch verbissene Zhne: Den ungerechten Schimpf in den Hals dir! Dieser
Kleine, dieser Zierliche, stt mit der Wucht seines Zornes den starken,
hochgewachsenen Reiter aus dem Sattel. Und whrend der Zelter scheu davonrast
und die verstrten Fackeltrger entfliehen, schlgt und sticht Vetter Heinrich
auf den zu Boden gestrzten Vetter Ludwig los und schlgt ihm Wunden, die den
Tod herbeirufen. Doch dieser Blutende, dieser fast schon Sterbende, der auf der
Erde liegt, wehrt sich wie ein verzweifelter Lwe, fngt die Streiche mit Armen
und, Hnden auf, klammert in letzter Kraft die zerschnittene Faust um Heinrichs
Handgelenk und entwindet dem Rcher das Eisen. Heinrich schreit nach seinen
Helfern. Die schlagen drein. Der Blutende auf der Erde hat jetzt ein Schwert, um
sich zu schtzen. Fackeln in den Gassen. Geschrei von rennenden Menschen, von
Mnnern in Eisen. Und Heinrich, der ein Schwertloser geworden, mu zu entrinnen
suchen, gewinnt das Tor, ist landflchtig, reitet durch Nchte und Tage - und
hinter seinen festen unbezwingbaren Mauern, zu Burghausen, holt ihn die
Nachricht ein, da Vetter Loys nach sieben Wunden, von denen jede einen minder
Starken htte tten mssen, wieder genesen wird. Die Rache, weil sie milang,
ist eine Lcherlichkeit geworden vor Heinrichs eignen Augen.
    Der Anblick seines neugeborenen Knaben, in dem sich das Bild des groen
Ahnherrn wiederholen will, erstickt in Heinrich den Zorn ber jenen sinnlosen
Schimpf: Du Sohn eines Kochs! Doch hinter dem schwindenden Zorn bleibt eine
ruhelose Scham, die an seinem Leben zehrt wie ein giftiges Geschwr. Das martert
ihn durch Tag und Nacht. Und wenn er im Kloster zu Raitenhaslach vor dem
Grabstein der Herzogin Maddalena steht, ist kein Gebet in ihm, nur dieser
Gedanke: Fluch dir, Mutter, da du mich, mit der Kraft und dem Geist des Vaters
in Hirn und Seele, an Leib und Gliedern zu einem Sohn deiner zierlichen Schwche
machtest! Und das drstende Verlangen, den andern zu vernichten, ist heier
noch in dieser kleinen, eiferschtigen Scham, als es in jenem groen Zorne von
Konstanz war.
    Loys, der Genesene, tobt als ein Unvershnlicher zu Ingolstadt, wirbt Helfer
wider Heinrich, wo er sie finden kann, und queruliert gegen den Meuchelmrder
bei Knig und Papst. Die Frbitte Friedrichs von Zollern, der Sigismunds
Getreuester ist und in heier Schlacht das Leben des Knigs rettete, wendet von
seinem Schwager Heinrich die Acht des Reiches ab. Knig Sigismund - er schuldet
Geld an Ludwig, schuldet Geld an Heinrich - entschlgt sich des Richteramtes und
schiebt die unbequeme Entscheidung dem Papste zu. Der empfngt die reichen
Geschenke Heinrichs, segnet seine frommen Stiftungen, untersucht und verschleppt
die Sache von Konstanz und verhngt den Kirchenbann ber Ludwig im Bart, weil er
die Klster zu Kaisheim, Tegernsee und Scheyern durch ungebhrliche Steuern
bedrckte.
    Heinrich verstrkt die Mauern seiner Burgen und Stdte, schliet geheime
Vertrge mit den Vettern zu Mnchen, lt Pulver mahlen und Bchsen gieen,
verdoppelt die Zahl seiner Sldner, bewaffnet seine wehrfhigen Bauern,
verpfndet dem Knig sein Wort, da er Frieden halten und sich belsten Falles
nur wehren wolle, wenn der Vetter Loys ihn molestiere - und rstet, rstet,
rstet - und lauert auf die Stunde, die den Ingolstdter zu einer
Unvorsichtigkeit verleiten, zu verfrhtem Losschlagen verfhren wird.
    Die Stunde kam. Sie brachte den von Heinrich ersehnten Sto, der die locker
hngende Lawine der Vernichtung niederrollen lt ber Volk und Land der
bayrischen Bruderstmme - weil ein Starker an Geist und Blut, doch ein an
Gelenken Schwacher die Scham ber seine Zierlichkeit nicht ertragen kann und ein
Riese werden will.
    Nikodemus? Herzog Heinrich hielt in seinem raschen Aufundniederschreiten
inne und sagte mit rauhem Lachen: Ich will dem heiligen Zeno eine zwanzig Pfund
schwere Kerze opfern. Man soll sie gieen am Morgen, soll sie aufstecken in
meiner Hauskapelle und brennen lassen durch Tag und Nacht.
    Wieder begann er sein jagendes Wandern um den Tisch herum, blieb stehen und
sagte leise: Dieser kleine Fuchs des heiligen Zeno ist ein groes Schaf. Mein
Wort vom Klugen, der aufs Ganze geht, hat ihm bei seinem Hunger nach der Ramsau
einen Schrecknagel ins Gehirn getrieben. Ich besorge, da er heute nacht nicht
schlafen wird. Er wird zwei neue Eisen ins Feuer legen, wird heimliche Briefe
schreiben, nach Ingolstadt, nach Mnchen. Von seinen Boten, frcht ich, wird
einer zu Gott kommen, nicht zu meinem Vetter Ernst. Die zitternden Fuste um
den Grtel klammernd, trat er vor Nikodemus hin mit brennenden Augen. Wie
siehst du es an?
    Ruhig sagte der Kahlkpfige: So wie Ihr, Herr! Als eine Gelegenheit, die
schieben wird. Den heiligen Peter von Berchtesgaden in den Landshuter Sack
stecken? Das wrde Euch bel vermerkt werden bei Knig und Papst. Auch bei den
Vettern in Mnchen. Aber dem heiligen Zeno zulieb dreihundert andchtige
Wallfahrer schtzen? Das ist frommes Werk und wird gute Frchte tragen. Es mu
nur eine Woche lang so aussehen, als sollte dem einscherigen Krebs von
Burghausen mit dem Lande des heiligen Peter die zweite Schere gegen Salzburg
wachsen. Wenn wir Salzburg zwicken, wird zu Ingolstadt ein Wehleidiger
schreien.
    Der Herzog nickte. Den Haller Fuchs hab ich angelogen. Ich wei nicht, was
heute nacht da drben hinter dem Untersberg geschieht. Aber wenn der Pienzenauer
statt Hirn nicht einen Strohwisch unter dem Haardach hat, dann - dann - Er
streckte die Fuste auseinander. Gott soll's wollen! In Hast ergriff er einen
kleinen Holzhammer und schlug an eine Glocke. Wie ein tnender Schreck des
Lebens fuhr der scharfe Hall durch die nchtliche Stille des Schlosses.
    Ein Diener und drei Schwergepanzerte kamen gesprungen.
    Zu dem Diener sagte Herr Heinrich: Bring mir Wein und, Kirschen! Dann gab
er mit raschen Worten seine Befehle an die Trabanten: Du! Man soll dreiig
reitende Boten bereithalten. Fort! - Und du! Man soll in aller Stille die
Herberg berwachen, in der die Reichenhaller Leute wohnen. Schickt der Haller
Kaplan ums Tagwerden zwei Boten davon, so soll man ihnen unauffllig folgen.
Schlgt der eine die Strae nach Ingolstadt ein, so soll man ihn geheim
beschtzen und die Eile seines Wegs befrdern. Den andern - wenn er nach Mnchen
will - soll man drei Wegstunden von Burghausen festnehmen und verschwinden
lassen. Es ist viel Krankheit im Lande. Ein Reisender kann sterben. Den Brief,
den man bei ihm findet, will ich haben. Fort! - Und du! Weck den Hauptmann
Seipelstorfer und den Bchsenmacher Kuen! Sag den beiden: Bis zur achten
Morgenstunde mssen hundertzwanzig Pferde und dreihundert Spieknechte mit
dreiig Faustbchsen marschfertig sein, dazu zwei Kammerbchsen, eine Farzerin
und ein Blidenkarren, Zeug und Zehrung fr vierzehn Tage. Um sieben Uhr soll der
Hauptmann kommen und seine Weisung holen. Fort!
    Als Herzog Heinrich mit Nikodemus wieder allein war, streckte er sich und
dehnte die Arme wie einer, dem froh um die Seele wird. Jetzt setz dich, Lieber!
Und schreib! Zuerst an die Mnchner Vettern. Da mssen wir snftiglich reden und
ehrlich bekennen, da wir den heiligen Peter nicht zu krnken wnschen, nur die
Wallfahrtsfreiheit zum heiligen Zeno schtzen wollen. Nein! Zuerst den Brief an
meine schne Schwester Else! Der Herzog lachte. Gott ist mit mir! Wie gut sich
das trifft, da Schwager Zollern gerade da droben im Norden ist, in seiner neuen
Mark. Das ist ein Redlicher. Die Redlichen sind hilfreich, aber manchmal
unbequem. Und klug ist er. Ich sorge, der wrde wittern, was gekocht wird, wrde
zum Knig halten und den Frieden wahren. Der Schwester will ich einreden, was
ntig ist. Sie soll, solange der Fritz seinen jungen Kohl im Brandenburger Sande
pflanzt, den Loys in Franken zwicken, bis er ungeduldig wird und eine von seinen
flinken Dummheiten macht. Schreib, Lieber! Spitze dir eine feine, zarte Feder!
Am Buchstaben hat das Zierliche seine Vorteile wie an Weibern.
    Der Herzog nahm einen festen Schluck des sauren Trausnitzer Weines, den der
Diener in einem groen Zinnkrug gebracht hatte. Um den Tisch wandernd, diktierte
Herr Heinrich den Brief an seine schne Schwester Else von Zollern, a dazu die
schwarzen Kirschen und spuckte die Kerne zum Fenster hinaus.
    Nach dem Brief an die Mnchner Vettern wurden Briefe an die Hauptleute von
Heinrichs Burgen geschrieben, an die mit ihm verbndeten Bischfe, Ritter und
Stdte. Zu verllichen Lehensherren konnte Herr Heinrich ehrlich reden. Doch in
den meisten der Briefe, die da geschrieben wurden, hie es nur: Man hre von
verdchtigem Unternehmen des Ingolstdters; man wisse, da ihm von jeher nie zu
trauen war und da man sich stets der belsten Dinge von diesem bermtigen und
Gewissenlosen zu versehen hatte; man solle streng den vom Knig gebotenen
Frieden wahren, doch auf der Hut sein und alle beste Wehr bereithalten, um einem
drohenden berfall begegnen zu knnen.
    Je lnger Herr Heinrich diktierte, um so besser wurde seine Laune. Zwischen
die Stze, die Nikodemus zu schreiben hatte, schob der Herzog sein erregtes
Geplauder hinein, seinen stachligen Spott und seine derben Scherze. Immer wieder
mute Nikodemus lachen. Und so heiter wurde Herr Heinrich, da er bei seinem
ruhelosen Wandern die Kirschkerne hinaufschnippte gegen den Namen Loys, der auf
allen Spruchbndern der Wnde zu lesen war.
    Der Morgen fing zu grauen an, der Tag wurde hell, und die klare Sonne
glnzte an den Fenstern durch das bucklige Glas herein, whrend auf den
Hirschgeweihen noch immer die Kerzen brannten und mit ihrem Qualm und Harzgeruch
die Stube fllten.
    Immer hrte man einen dumpfen Lrm. Der klang aus den Burghfen, in denen
der Heertrupp und die Trowagen zum Ausmarsch gerstet wurden.
    Gegen sechs Uhr morgens meldete man dem Herzog einen Boten der Plaienburg.
Herr Heinrich schrie: Herauf mit ihm! Da ist was los!
    Der Kastellan brachte einen langen, grau verstaubten Sldner, der lchelnd
auf den kleinen Herzog heruntersah und einen Kratzfu machte wie bei heiterem
Wiedersehen. Es war Malimmes vom Taubensee.
    Herr Heinrich, ohne zu dem Boten aufzuschauen, ri ihm den gesiegelten Brief
aus der Hand - und las - und wurde vergngt. Nikodemus! Gott hat's wollen. Ich
habe diesen Haller Fuchs nicht angelogen. Ich bin ein Ehrlicher, der die
Wahrheit redet. Ich wei, was geschehen ist heut nacht. Der Pienzenauer hat eben
Hurtigen reiten lassen. Nach Ingolstadt! Herr Heinrich sprang zur Tfelung
hinber, ri die Geheimtr auf, verschwand und von drauen hrte man seine
Stimme: Du! Sechs flinke Reiter nach Straubing hinauf! Da kommen zwei, auf der
Passauer Stra, ein Jungherr und sein Knecht. Der Brief da weist, wie sie
ausschauen. Die zwei soll man kitzeln. Es soll so scheinen, als wollt man sie
fangen. Aber nur hetzen soll man sie. Je flinker sie zum Ingolstdter Mautbaum
kommen, um so besser! Eilig trat der Herzog wieder in die Stube, nahm einen
Trank Wein, und als er die Kanne hinstellte, fragte er ber die Schulter:
Kannst du gleich wieder reiten, Mann? Oder mut du rasten?
    Rasten? Nein. Aber ein neues Ro mu ich haben. Mein Gaul ist hin.
    Herr Heinrich drehte langsam das Gesicht, als wre ihm der Klang dieser
Stimme aufgefallen. Sein erhitztes Gesicht verlor die Farbe, whrend er den
Sldner betrachtete, der in einer Garbe dieser gelben Morgensonne stand. Nun
lachte Herr Heinrich ein bichen, beugte sich zu Nikodemus hin und sagte ihm
leise ins Ohr, was an den Hauptmann von Plaien zu schreiben wre. Und als
Nikodemus den Brief begann, ging der Herzog auf Malimmes zu und stie ihn mit
dem Finger vor die Brust.
    Du? Bist du's?
    Malimmes nickte lustig. Wohl, Herr! Vergeltsgott fr mein Leben! Das
Schnaufen bleibt allweil ein liebes Ding.
    Nikodemus! Herr Heinrich sah zum Tisch hinber. Guck! Das ist Malimmes,
der Galgenvogel von Nremberg, mein Botschaftsbringer von der Himmelstr. Die
Stimme des Herzogs bekam einen wunderlich unsicheren Klang. Da der heut kommt?
Just heut? Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?
    Heiter sagte der Kahlkpfige: Wie man's nehmen mag. Zeichen reden nach
unserem Willen.
    So soll es ein gutes sein fr mich, ein schlechtes wider den andern! Lang
betrachtete Herr Heinrich den Sldner. Dann fragte er schmunzelnd: Hast du heut
ein warmes Sitzfleisch?
    Ich hab's noch nit untersucht, Herr! Aber wer in fnfthalb Stund auf einem
schlechten Gaul von Plaien nach Burghausen reitet, dem geht der Sattelfleck nit
mit Grundeis.
    Teufel, staunte der Herzog, da mut du eiserne Schenkel haben! Und zhes
Blut hast du auch, er deutete auf den brennenden Narbenstrich im Gesicht des
Malimmes, wenn du den da berstanden hast!
    Drei Wochen Spittel hat er mich all weil gekostet.
    Rasch fragte der Herzog: Wann war das?
    Grad einen Monat ist's her, da ich aufgestanden bin.
    Nikodemus! Herr Heinrich drehte das Gesicht. Hast du das gehrt? Ist das
nicht seltsam? Einen Monat war es her, da der Herzog an seinem hitzigen Fieber
gelitten hatte, an einem Anfall seines Erbbels, vor dem die rzte ratlos
standen. Und ber Nacht war Herr Heinrich wieder genesen, man wute nicht wie.
Was sagst du dazu?
    Der Kahlkpfige lachte. Nicht viel, Herr! Der helle Witz eines gesunden
Menschen und die kranken, dunklen Dinge des Lebens haben nichts miteinander zu
schaffen.
    Der Herzog nickte; doch die aberglubische Regung schien nicht vllig in ihm
erloschen zu sein; es war an dem scheuen Verwundern zu merken, mit dem er den
Malimmes betrachtete. Warum bist du den Nrembergern davongegangen?
    Weil ich gern gesund bin, Herr! In den Nremberger Huschelgrten ist's arg
parisisch zugegangen. Da bin ich lieber ein Deutscher blieben.
    Herr Heinrich furchte die Brauen und nickte. Rasch griff er hinauf zu der
Schulter des Sldners. Gesund bleiben heit ein Starker sein. Ja, Mensch! Wahr
deine Gesundheit!
    Das tu ich, Herr! Ich berfri und bersauf mich nit. Regnet's Prgel, so
deck ich mich. Wo ander Leut sich rgern, tu ich lachen. Und mit den Weibern bin
ich sparsam. Blo da man ledig wird seiner Plag.
    Der Herzog betrachtete den langen Sldner. Nikodemus! Den seh dir an! Das
ist ein Mensch.
    Ja, Herr, sagte Malimmes frhlich, oft ist mir selber zumut, als tt ich
kein Viech nit sein.
    Soldest du bei meinem Hauptmann zu Plaien?
    Da hab ich blo Unterstand mit meinem Herrn. Und hab mich dem Hauptmann
angetragen als Boten, weil ich ein fester Reiter bin.
    Magst du Hofmann werden? Bei mir?
    Ich hab einen guten Herrn, bei dem ich aushalt durch dick und dnn.
    Wer ist das?
    Der Runotter von der Ramsau. Der ist in Fehd wider Berchtesgaden -
    So? Herr Heinrich lachte.
    Hat flchten mssen, und der Hauptmann von Plaien hat ihn unter Dach
genommen.
    Der Herzog sagte zum Tisch hinber: Schreib in den Brief hinein, da ich
dem Soldherrn dieses Boten gewogen bin.
    Die Augen des Malimmes glnzten, als htte er jetzt den Botenlohn empfangen,
um dessentwillen er den jagenden Ritt getan und einen von den beiden Ackergulen
des Runotter zuschanden gehetzt hatte.
    Dem Kastellan, der bei der Tre stand, befahl der Herzog: Man soll dem Mann
da Trank und Speise reichen, als Botengab zehn rheinische Gulden! So
verschwenderisch war Herr Heinrich selten. Und fr den Heimritt schenk ich ihm
aus meinem Heerstall den Gaul, der nach meinem eignen Ro der beste ist.
Lachend fate Herr Heinrich den Sldner an der Brust. Bleib gesund, du! Und
wahr dich vor dem Galgenholz! Ich kann nicht jedesmal als Schutzengel
dabeistehen, wo man einen hinaufzieht. Und alle Stricke reien nicht. Heiter
sah er dem Sldner nach, der mit dem Kastellan die Stube verlie. Als die Tre
geschlossen war, ging der Herzog mit flinkem Schritt auf ein offenes Fenster zu,
atmete tief und blickte eine Weile in die schne Morgensonne hinaus. Dann fragte
er ber die Schulter: Du? Wie sagt der Lateiner bei einem guten Zeichen?
    Omen accipio.
    Herr Heinrich nickte. Omen accipio! Gott hat mir heute zeigen wollen, wie
gesund ich bin. Und jetzt leg ich mich schlafen. Mach die Briefe fertig! Und
kommt der Hauptmann um die Weisung, so schick ihn zu meinem Bett. Mit dem Haller
Fchslein mache, was du willst. Du weit ja, wie ich's meine.
    Als der Herzog rasch davonging, erhob sich der Kahlkpfige zu einer
Verbeugung.
    Lauter und lauter wuchs der Lrm in den Burghfen.
    Eine halbe Stunde spter wurde Franzikopus Wei aus der Herberg ins Schlo
geholt. Bei seinem langsamen Anstieg durch die Burghfe konnte er den
Kriegshaufen schtzen, der da zum Ausmarsch geordnet wurde. So viel Hilfe hatte
der heilige Zeno sich nicht ersehnt; doch Franzikopus konnte lcheln; schon im
ersten Grau des Morgens waren seine beiden Boten, die zwei dienenden Brder, mit
den Briefen an Herzog Ernst zu Mnchen und Herzog Ludwig zu Ingolstadt als
harmlose, unauffllige Bettelmnche zum Tor hinausgeschlpft.
    In der Schreibstube des Nikodemus erwartete den Kaplan der armen Chorherren
von Hall eine etwas unklare Sache - ein Vertrag des Wortlautes: Auf instndiges
Bitten des heiligen Zeno stellt Herzog Heinrich fr den Schutz andchtiger
Wallfahrer zwanzig Rosse und sechzig Spieknechte mit sechs Faustbchsen zu
Diensten, ohne Wissen, in welcher Weise der heilige Zeno diese Hilfstruppe zu
verwenden gedenkt; bei vorkommendem Mibrauch von sehen des Heiligen entschlgt
sich Herzog Heinrich jeder Verantwortung vor Gott, Papst und Knig.
    Franzikopus machte den Einwurf, da Herr Heinrich von vierzig Pferden,
hundertzwanzig Spieknechten und einer Kammerbchse gesprochen htte.
    Ruhig erwiderte Nikodemus: Mein gndigster Frst hat die Gre des heiligen
Zeno im Gewicht ums Doppelte berschtzt. Ich mute als meines Herrn
gewissenhafter Diener den Irrtum richtigstellen.
    Und der Kriegshaufe, der da drunten in den Hfen zum Ausmarsch geordnet
steht?
    Soll die Besatzung von Plaien und zwei andern Burgen ablsen. Das war schon
bestimmt vor Wochen.
    Als Franzikopus unterschrieb, hatte er ein krebsrotes Gesicht.
    Unter dem Gelut der Kirchenglocken und bei strahlender Morgensonne zog der
rasselnde Kriegshauf in langem Zuge, mit vielen Trowagen und einem lrmenden
Schwrm von Gelgerdirnen zum Tor hinaus.
    Franzikopus, dem man von einer Reise im Wagen abgeraten hatte, ritt an der
Spitze des Zuges zwischen dem Hauptmann Seipelstorfer und dem Bchsenmeister
Kuen. Die beiden plauderten sehr freundlich mit dem Kaplan des heiligen Zeno.
    Auf der schnen Strae, ber die sich der Heerzug dem blau in der sdlichen
Ferne stehenden Untersberge zubewegte, war Malimmes vor zwei Stunden im Trab
davongeritten.
    Gegen das Bergland stieg der Weg. Und Malimmes, obwohl er Eile hatte,
schonte den feinen, schlanken Falben, den er sich in Herrn Heinrichs Heerstall
ausgesucht. Zu dieser Wahl hatte des Herzogs Stallmeister den Kopf geschttelt.
Das ist ein Rl fr einen leichten Buben. Ein so fester Kerl wie du braucht
einen schweren Gaul. Doch Malimmes hatte seinen Sattel auf den zierlichen
Falben gelegt: Der taugt mir, den nimm ich.
    Gegen die dritte Nachmittagsstunde erreichte er, vom Ufer der Saalach
aufwrts reitend, den schtteren Buchenwald, der den Burghgel von Plaien umzog.
Steil ging's hinauf. Doch trotz des siebenstndigen Rittes hatte der Falbe noch
einen festen Schritt; Malimmes klopfte ihm, whrend die Zugbrcke
herunterknarrte, zrtlich den nassen Hals.
    Ein altes, enges, winkliges Mauernest, oft zerstrt, immer neu wieder
aufgebaut. Die Zinnen der Umwallung bestanden aus frischem Mrtel werk und
hatten junge Schirmdcher; die aus plumpen Felsen gefgten Grundmauern, die mit
dem Gestein des Hgels verwachsen schienen, waren ein halbes Jahrtausend alt und
hatten Teile, die noch lter waren; eingemauerte Bogen und Pfeiler zeigten die
braunen, stahlharten Ziegel jener versunkenen Zeit, in der ein rmischer
Wachtposten die das Saalachtal durchziehenden Salzfrachten geschtzt hatte.
    Unter dem Torgewlb umdrngten die Sldner, die den Brckendienst versahen,
den Malimmes mit ihren lrmenden Lobsprchen. Bist ein Kerl! So ein
Gewaltsritt! Ist ein Ding, das dir nit leicht einer nachmacht! Und der feine
Falbe, den der Bote als Geschenk des Herzogs mitbrachte, erregte Aufsehen.
    Beim Eintritt des Malimmes in den engen, schattenkhlen Schlohof erhob sich
einer, der wie ein unruhig Harrender auf der Stiege des Wehrganges gesessen, ein
mder, gebeugter Mann mit vllig ergrautem Haar. Seit jenem Tag, an dem man in
der Amtsstube des Herrn Someiner um die siegelwidrigen Khe und die
siegelgerechten Ochsen geredet hatte, schien Runotter um ein Jahrzehnt gealtert.
Eine steinerne Trauer war in seinem abgemagerten Gesicht, aus dem die
tiefliegenden Augen wie dunkle Zornflammen herausbrannten.
    Auf den lachenden Gru des Malimmes antwortete Runotter nur mit einem
stummen Nicken. Sein bohrender Blick forschte in dem Gesicht des Reiters.
    Leise sagte Malimmes: Mir daucht, es wird Arbeit geben. Schon morgen.
    Der Bauer streckte sich, als wre dieses Wort eine Erfllung seiner
Sehnsucht. Doch die Trauer in seinen Augen vertiefte sich, als fiele aus dieser
Nachricht auch ein neuer Sorgenstein auf seine Seele.
    Und gut geredet hab ich mit dem Herzog, flsterte Malimmes weiter, der
Hauptmann wird dem Jul und dir das Dach nimmer knden, Bauer! Von heut an bist
zu Plaien ein Gast, dem der Herzog gewogen ist.
    So?
    Und guck das Rl an, das ich mitgebracht hab fr den Jul! Da wird er
sitzen drauf wie ein Frstensohn. Die Augen des Malimmes suchten. Wo ist der
Bub?
    Runotter sagte md: Auf dem Turm hockt er und schaut, ich wei nicht,
wohin.
    Als Malimmes antworten wollte, kam aus dem Herrenhaus ein festes,
struwelhaariges Mannsbild in hchst unkriegerischen Filzpantoffeln
herausgeschritten, Martin Grans, des Herzogs Hauptmann auf der Plaienburg.
Malimmes sprang aus dem Sattel, machte seine Botenmeldung, bergab den
gesiegelten Brief und fhrte, whrend der Hauptmann gleich zu lesen begann, den
schwitzenden Falben zu einem der schlechten Stlle, die unter den Wehrgang
eingebaut waren.
    Martin Grans schien an dem Auftrag, den er da zu lesen bekam, keine
sonderliche Freude zu haben. Er knurrte einen Fluch durch die Zhne.
    Aus der offenen Stalltr klang die Stimme des Malimmes: Her da, Heiner! Tu
mit sauberem Stroh das Rssel brsten, bis es trcken ist! Das Maul und die
Hessen reib ihm mit einem Schlckl Branntwein! Flink! So grau verstaubt, wie er
in den Burgfried eingeritten, kam Malimmes aus dem Stall gesprungen und eilte
hinber zu der kleinen Eisentr des Turmes, der in der sdlichen Ecke des Hofes
plump hinaufstieg in das Blau.
    Mimutig faltete der Hauptmann den Brief zusammen, ging auf Runotter zu, bot
ihm die Hand und wurde freundlich.
    Zufrieden lachte Malimmes vor sich hin und verschwand in dem dunklen Trloch
des Turmes. Von dem vierzehnstndigen Botenwege schienen seine Knochen nichts zu
spren. Bei jedem Sprunge nahm er drei von den hohen Steinstufen. Mit Geklirr
und Gerassel ging's hinauf ber steile Wendeltreppen, durch Wehrstuben, in denen
Armbrusten und Faustbchsen unter dem sprlichen Licht der winzigen Fenster
hingen. In der Wachtstube des vierten Stockes saen ein paar Spieknechte mit
heiterem Lrm beim, Knchelbecher. Noch eine letzte steile Stiege, und Malimmes
tauchte durch die Bodenluke hinauf zum Sller des Turmes. Das wundersame Bild,
das von allen Seiten ber die Zinnen herleuchtete, war wie ein Farbenjauchzen
der schnen Erde. Rings um die Tiefe des Turmes ein Gewoge von Wldern. Gegen
Norden ein sanft gehgeltes Land mit grnen Wiesen und gelben Feldern, mit
weien Straen und silberblitzenden Bachlufen. Gegen Osten, Sden und Westen
der ruhige Riesenkranz der Berge, mit grnen, grauen und weien Gipfeln, mit
bewohnten Tlern, mit dem besonnten Gemuer der Berchtesgadnischen Festungswerke
beim Hallturm, mit dem Dchergewirre von Reichenhall und den weien Stiftsmauern
des heiligen Zeno, dessen Mnster nur mit den beiden Turmspitzen ber einen
bewaldeten Hgel herberguckte. Und hinter diesen fernen, weien Mauerstrichen
war etwas Braunes und Graues zu sehen, gleich dem Budengewirr eines drflichen
Marktes, das Zelt- und Barackengelger der andchtigen Bittgnger aus der
Ramsau.
    Weie Tauben flogen um den Turm, und Schwalben schssen er schrillem
Gezwitscher blitzschnell durch die klare Sonne.
    In einer Zinnenscharte sa Jul auf dem Mauersaum, das vorgeneigte Gesicht
vom schwarzen Haar umhangen, um die Brust den blank gefegten Plattenkra.
Versunken sphte der Bub zum Hallturm hinber und in die Ferne des
Berchtesgadnischen Landes.
    Malimmes legte ihm die Hand auf die Schulter. Gottes Gru, lieber Bub! Da
bin ich wieder.
    Wie ein Erwachender hob Jul den Kopf mit dem schwankenden Haar. Die blauen
stillen Augen in dem sonnverbrannten Gesicht hatten einen verlorenen Blick.
    Wach auf! Tag wird's! Malimmes rttelte den Buben zrtlich an der
Schulter. Die mde Faulheit hat ein End. Es ist ein Kriegshauf unterwegs. In
des Herzogs verdeckten Sudhafen schaut unsereins nit hinein. Aber ich denk, wir
liegen morgen vor dem Hallturm und schlagen los.
    Ein Schreck war in den Augen des Buben, ein jhes Erblassen ging ihm ber
Stirn und Wangen.
    Du! Wirst doch nit Angst haben! mahnte Malimmes mit lachender
Herzlichkeit.
    Stumm schttelte Jul den Kopf.
    So freu dich! Geh! Da kannst du deinen Zorn wider die Herren austoben. Und
wo du stehst, da steh ich bei dir. Streck dich, Bub! Seit vierzehn Tag hast du
was gelernt von mir. Reiten kannst du wie ein Jungherr. Ein Rl hab ich dir
gebracht, wie der heilige Peter keines im Stall hat. Und mit dem Eisen verstehst
du dich aufs Klopfen wie ein Kesselschmied.
    Jul erhob sich und wollte gehen.
    Hia? Was ist denn? Malimmes fate den Buben am Arm. So lauf mir doch nit
allweil gleich davon!
    Tu mich auslassen! Ich mu hinunter zu ihm. Wie dunkler Sammet war's im
Klang dieser tiefen, wehen Knabenstimme. Was morgen kommt, wird ihm hart
werden.
    Hart?
    Jul nickte. Sein Zorn mu schlagen, seine Treu verwehrt's ihm. Er drehte
langsam das Gesicht gegen die Ferne, in der die Gadnischen Berge blauten.
Mssen, was man mit will? Das ist ein arges Ding. Und macht einen md. Den Arm
aus der Faust des Malimmes lsend, ging Jul davon.
    Schweigend stand der Sldner, und wie ein frischer Blutstreif brannte die
groe Narbe in seinem Gesicht, als er den Buben durch die Dachluke des
Turmsllers hinuntertauchen sah.
    Die Schritte des Jul erloschen in dem heiteren Lrm, den da drunten in der
Wehrstube die wrfelnden Spieknechte machten.
    Nun drehte auch Malimmes das Gesicht gegen die Berchtesgadnische Ferne hin
und tat einen leisen Pfiff.
    Er lachte hart.
    Flinke, rappelnde Tritte klangen auf der Holzstiege. Das blonde Mdel aus
dem Ramsauer Leuthaus surrte erhitzt durch die Luke herauf, mit einer Schssel
und einem zinnernen Weinkrug. Heie Freude glnzte in den Augen des verhrmten
Gesichtes. Da bist ja wieder!
    Er nickte und wollte an ihr vorbei.
    Erschrocken vertrat sie ihm den Weg und sagte sanft: Magst nit essen und
trinken? Nach so einem weiten Weg?
    Maidl! Malimmes sah ihr streng in die Augen. Tu mich in Ruh lassen! Unser
Anfang ist ein End gewesen. Den Freudenpfennig legt man hin auf den Tisch. Man
dreht ihn nit siebenmal um. Wenn dich drsten tut nach einem Mannsbild - es sind
doch feste Buben in der Burg, such dir halt einen aus.
    Sie sah ihn an und Zhren kollerten ihr ber den Mund herunter. Wenn man
einmal die Deinig gewesen ist, mag man keinen andern nimmer.
    Malimmes schien verdrielich zu werden. Doch er lachte. Du Gnsl, du
dummes! Sei gescheit und tu dir das junge Leben nit beschweren!
    Der freundliche Klang seiner Worte machte ihr Mut. Sie schmiegte sich scheu
an seinen Arm und flsterte: Ich mu dir was sagen. Seit gestern wei ich's.
    Was?
    Da ich Mutter bin. Von dir.
    Nit schlecht! Heiter streckte sich Malimmes. Wenn man hundertweis die
Menschen totschlagt, mssen sie einschichtig wieder herwachsen. Freundlich
strich er mit der Hand ber das Blondhaar des Mdels. Tu dich freuen! Mutter
sein ist ein gutes Ding. Trag dein Kindl in Lieb und Sauberkeit! Brauchst du was
von mir, so verlangt! Und wenn du kommst und bringst mir das Kindl, so reden wir
weiter. Jetzt hab ich nit Zeit. Beht dich derweil!
    Er ging mit Lachen davon und verschwand in der Luke.
    Traudi trocknete die Trnen vom Gesicht und trug dem Malimmes den Weinkrug
und die Schssel nach.
    Aus der Tiefe des Turmes klang wachsender Stimmenlrm und wirres Gerusch
herauf.
    Hauptmann Grans begann die kleine Besatzung der Plaienburg fr die Ablsung
zu rsten und lie unter den Gehngen des Burghgels die Stallbuden fr den
Kriegstrupp aufschlagen, der am kommenden Morgen im Saalachtal erscheinen mute.

                                       10


Sechs Spieknechte, die der Hauptmann zu Plaien am spten Abend in seine
Schlafstube gerufen hatte, verlieen nach Einbruch der Nacht die Burg durch eine
Schlupftr. Es hie, sie sollten der nahenden Ablsung entgegenziehen und die
Strae sichern.
    Um die zehnte Stunde war's ruhig in den Burghfen. Droben in der Schlafstube
des Hauptmanns brannte noch Licht, und von Zeit zu Zeit deckte der schwarze
Schatten eines Mannes die rtliche Fensterhelle. Das war, als trte ein
Ungeduldiger immer wieder an das Fenster, um in die Nacht hinauszusphen.
    Im inneren Hofe sa ein Schlafloser vor der Tre des kleinen Gstehauses auf
der Steinbank, regungslos, mit der Stirne zwischen den Fusten.
    Jul, in einen Mantel gewickelt, trat aus der Tr und legte dem Gebeugten die
Hand auf die Schulter: Geh, tu rasten ein ltzel!
    Runotter nickte. Ich komm schon. Bald.
    Jul ging in das Haus zurck. Und Runotter sa aufrecht gegen die Mauer
gelehnt, mit den Fusten auf den Knien. Seine Augen suchten in der stahlblauen
Hhe, in der die ruhigen Sterne funkelten.
    Matter Lichtschein fiel aus den kleinen Fensterluken der Stlle. Manchmal
hrte man das Schnauben und Wiehern eines Pferdes das Klirren einer Kette, die
mde Stimme einer Stallwache. Und wie ein Chorgesang von tausend sanften
Murmelklngen war das Rauschen der Saalach in der stillen Nacht.
    Die Felswnde der Staufen und die Steinzinnen der Lattenberge wurden wei
vom Lichte des steigenden Vollmonds. Doch ber Turm und Dcher von Plaien warf
der schwarze Untersberg noch seinen finsteren Schatten.
    Oder kam auch da droben auf diesen dunklen Gehngen schon der Mond? Eine
wunderliche Helle zitterte ber die steilen Wlder hinauf, und schwarze
Waldmassen begannen sich mit rtlichem Schimmer zu sumen.
    Runotter erhob sich, hhlte die Hnde um den Mund und rief gegen den Sller
des Turmes hinauf: Hi! Wchter! Siehst du da droben das Feuer nit?
    Aus der schwarzen Hhe klang eine Stimme: Wohl, ich schau schon allweil und
wei nit, was ich denken soll.
    Da wurde droben am Haus der Burg das erleuchtete Schlafstubenfenster
aufgerissen, und der Hauptmann rief zum Turm hinber: Was ist denn?
    Whrend zwischen Haus und Turm die Stimmen hin und her klangen, wurde es in
den Hfen lebendig. Die Sldner sprangen aus der Wachtstube und aus ihren
Schlafkammern, die Robuben aus den Stllen, die Gesindleute aus dem Haus.
    Dann kam der Hauptmann scheltend herunter und bestieg den Turm.
    Auf dem Gehng des Untersberges wuchs die Feuerhelle. Da droben lag der
Hirschanger mit sieben bayrischen Bauernhfen. Und man konnte nimmer zweifeln:
Dort oben waren wieder ein paar leuchtende Sterne auf die schne Erde gefallen.
Man sah die Zngelflammen von Heustdeln und Hausdchern. Waren Spieknechte des
heiligen Peter von Berchtesgaden brandschatzend auf bayrisches Gebiet geraten?
Anders konnte man sich die brennenden Feuer da droben nicht erklren. Aber noch
immer schttelte Hauptmann Grans den struwelhaarigen Kopf: Die Gadnischen mt
ja doch der Teufel reiten bei so einer Frechheit!
    Da hrte man in der Nacht das Geschrei von Menschen, die durch den Wald
herunterflchteten, hrte das Gebrll von Rindern, das Gerassel ihrer Schellen,
und zwischen den schwarzen Bumen zitterte ein Schein von Fackeln, die der
Plaienburg immer nher kamen.
    Whrend der Vollmond ber die Hhe des Gadnischen Hallturmes heraufstieg,
das Tal der Saalach mit weier Milch berflutete und neugierig aus dem ewigen
Blau herunterguckte auf das sonderbare Treiben der Menschen, erreichte der
Schwarm der Flchtenden vom Hirschanger, an die dreiig Menschen - Mnner,
Weiber und Kinder, mit sechzig Rindern - das Tor der Plaienburg. Weil die
kleine, enge Feste solchen Zulauf nicht fassen konnte, wurde das Vieh der
Flchtigen in den Baracken untergebracht, die man am Abend fr die aus
Burghausen angesagte Ablsungstruppe aufgeschlagen hatte.
    Die Bauern berichteten: Von der Gadnischen Seite wren Spieknechte
brandschatzend eingefallen; weil sie zuerst die auf den hheren Wiesen stehenden
Heustdel niederbrannten, htte sich alles Lebendige aus den Bauernhfen noch
rechtzeitig flchten knnen, bevor das Feuer in die Huser geworfen wurde.
    Hauptmann Grans brllte vor Zorn ber diesen gottstrflichen Friedensbruch.
Und dennoch schien seine tobende Wut eine khle Sache zu sein, die ihm den
Herzfleck nicht hei machte. Nur die obdachlos gewordenen Bauern hatten das
richtige Zornfeuer in ihren Seelen, die Weiber weinten oder schimpften, die
Kinder zitterten stumm oder heulten. Und die Sldner, weil sie Arbeit und Beute
witterten, schlugen einen Spektakel auf, da alles Gemuer der Burg widerhallte
von ihrem Geschrei.
    Es blieb dem Hauptmann Grans nach Brauch und Gesetz nichts andres brig, als
vier Reiter mit einem scharfzngigen Sergeanten zum Berchtesgadnischen Hallturm
hinaufzuschicken und in Herzog Heinrichs Namen strenge Shne wegen dieser
friedensbrecherischen Brandschatzung zu fordern.
    Nach blassen Mondscheinstunden begann der Morgen eines schnen Tages sich
rosig zu erhellen.
    Die fnf Abgesandten brachten die Meldung: Der Hallturmer schwre die
heiligsten Eide, da er von der Brandschatzung nichts wte und wider Herzog
Heinrich schuldlos wre; keine Seele der Gadnischen Besatzung hatte whrend der
Nacht den Burgfried und die Schanzen verlassen; er msse nach blichen Rechten
jede Shne verweigern; diesen brennenden Unfried htte wohl der heilige Zeno in
Falschheit angezunden, um den heiligen Peter von Berchtesgaden bei Herzog
Heinrich schlecht zu machen.
    Die Antwort wurde von der Plaienschen Besatzung mit Hohn und schreiendem
Lrm empfangen. Und whrend die Sldner und Bauern einen wilden Rumor erhoben
und den Hauptmann hetzten, der unentschlossen und schweigsam war, schmetterte
pltzlich auf der Turmhhe der Ruf eines Hornes.
    Herr Martin Grans tat einen Atemzug der Erleichterung, sprang zum Turin
hinber und eilte hinauf zum Sller.
    Der Hornblser empfing den Hauptmann mit den drei vergngten Worten: Sie
kommen, Herr!
    Es ging schon auf die sechste Morgenstunde. Die Hhen der Berge glhten im
jungen Sonnenschein, und die Farben der Tler waren hell und leuchtend, obwohl
sie noch vom zarten Blauschatten des Morgens umschleiert lagen. In der
nrdlichen Ferne drauen war das hgelige Land der Tiefe schon eine goldig
schimmernde Schnheit. Inmitten dieses friedsamen Erdenleuchtens sah man etwas
wunderlich Dunkles. Auf der Pidinger Strae kam's heran. Und war wie eine lange,
lange, brunliche Schlange, die sich trag bewegte - war wie ein riesenhafter
Tausendfler, stachlig und borstig - war wie ein rtselhaftes Untier, das sich
in Windungen vorwrts schob, einen dicken staubgrauen Dampf aus seinen Ringen
und Gliedern ausstie und unter diesem wehenden Qualm ein Blitzen sehen lie wie
von metallenen Schuppen.
    Lachend rief der Hauptmann: Jetzt bin ich erlst! Jetzt sollen die
Berchtesgadner einen Dampf unter der Nase merken. Er eilte hinunter in den Hof
und schrie den Sergeanten an: Was sagt der heilige Peter?
    Da er schuldlos wr und da er -
    Weiter lie Herr Grans den Sergeanten nicht reden. Reit hinauf! Und sag,
da mein gndigster Herr sich nit abspeisen lt mit Lgen und Ausflchten.
Meine geschdigten Bauren schwren: Das sind Gadnische Brandschatzer gewesen,
zehn oder zwlf oder mehr. Ich will sagen, es sind blo acht gewesen. Die hat
der heilige Peter bis zur neunten Morgenstund gebunden, barhuptig und barfig
vor mein Gericht zu schicken. Und bis zur gleichen Stund hat der heilige Peter
fr den angestifteten Schaden gerechte Bu zu geben: zehn Pfund Pfennig fr
jeden niedergebronnenen Heustadel, vierzig Pfund Pfennig fr jedes
gebrandschatzte Bauernhaus. Ist binnen drei Stunden nit glatte Rechnung gemacht,
so steht Glock zehne mein gndigster Frst, Herr Herzog Heinrich, in gerechter
Fehd wider Land und Volk und Hab und Gut des heiligen Peter!
    Beim Austritt des Sergeanten und der vier Geleitsknechte erfllte ein
jubelnder Lrm den Hof der Brg. Die Sldner schienen verwandelt in einen
Schwarm von Betrunkenen. Sie wuten: Fr den Hallturmer war's ein unmgliches
Ding, die Forderungen des Hauptmanns von Plaien zu erfllen; dann wrde Glock
zehn das Klopfen mit dem Eisen beginnen; lang konnte sich der Gadnische
Grenzwall wider einen festen Sturm nicht halten; und vielleicht am Abend schon,
doch sicher am kommenden Morgen, gab es ein lustiges Hetzen hinter den
Fliehenden, und zu Berchtesgaden gab es Raub und Beute, Wein und Weiber.
Freilich, Verwundete und Tote gab es wohl auch! Doch jeder von diesen
Hoffnungsvollen dachte: Das trifft den andern! Ich leb und raub und sauf und
lach und freu mich!
    Neben dem lrmenden Jubel, der den Burghof erfllte, stand das Huflein der
sieben Ramsauer stumm beisammen. Sechse hatten ernste Gesichter. Nur einer von
ihnen blieb heiter, guckte lachend hinein in das rumorende Gewirr und sagte
leise: Wenn die Herren raufen, mu der Bauer Haar lassen.
    Ein warmer Strahl der Sonne, die ihren Weg zur Hhe nahm, glitt ber die
Mauerkante in den Hof herunter.
    Da klammerte Runotter die Faust um das Handgelenk des Malimmes: Tu nit
lachen, Mensch!
    Warum denn nit? Narretei macht allweil lustig.
    Narretei? Sag: Schlechtigkeit und Unrecht!
    So? Malimmes lachte. Merkst, wie der Schneider den Kittel flickt, wenn
das Tuch nit reicht?
    Ich merk: Vor einem schiechen Ding bin ich davongelaufen, in ein schieches
Ding bin ich hineingerumpelt. Mit brennenden Augen sah Runotter den Sldner an.
Mensch? Wo ist denn ein Strl, auf dem das Gute lauft?
    Das ist allweil hinter dem Berg, Malimmes schmunzelte, und da mu man
halt hinber. Ernst werdend, legte er die Hand auf den Arm des Bauern. Sei
gescheit! Nit sinnieren! Tu lieber einen khlen Trunk! Und bleib das feste
Mannsbild, das du gewesen! Blo fr den, der sich selber verliert, ist alles
hin.
    Runotter wollte antworten. Aber da trat Herr Martin Grans auf ihn zu, mit
verdrielichem Gesicht, und sagte: Wie ist das jetzt? Wenn wir losschlagen
Glock zehn? Willst du ein verllicher Fehdgeno meines Herrn sein?
    Der Bauer hob den Kopf. In seinem steinernen Gesicht bewegte sich kein Zug.
Und seine Augen irrten ins Leere, whrend er dem Hauptmann die Hand hinstreckte.
Ich mu. Und will. Und mich und die Meinigen darf man hinstellen, wo's am
hrtesten ist.
    Da wurde der Hauptmann freundlich und sagte lchelnd: Gut! So tu dich
rsten!
    Schweigend nickte Runotter und ging zur Tre des Gastbaues.
    Komm, Jul! Malimmes legte den Arm um den stummen, blassen Buben, dessen
Augen seltsam glnzten. Dann sagte er den Knechten, was sie tun mten. Und
whrend die drei zum Stall hinberliefen, zog Malimmes den Buben zur Tre. Das
blonde Mdel ging hinter den beiden her. Auf der Schwelle drehte Malimmes das
Gesicht: Willst du was helfen, Traudi?
    Das Mdel nickte froh.
    So nh fr den Heiner aus lindem Tuch eine Kapp! Da ihm der Eisenhut die
frische Mordauer Narb nit aufdruckt. Geh! Mach flink! Bist ein gutes Maidl!
    Unbeweglich blieb Traudi stehen. Ein jhes Erblassen rann ihr ber das mde
Gesicht. Langsam glitt ihr Blick von Malimmes zu diesem andern, von dem sie nur
wissen durfte, da er ein Vetter des Runotter war. Und whrend sie dem schlanken
Buben nachsah, der da so frsorglich in das Dunkel der Tre geleitet wurde,
blitzten ihre Augen in Ha und Eifersucht.
    Aus der Tre klang es noch heraus: Hast du das Kappel fertig, so ruf die
Unsrigen zusammen und bring uns Trunk und Speis!
    Jul und Malimmes traten in eine kleine, niedere Stube, durch deren Fenster
die Sonne mit goldenen Augen hereinblinzelte. Ein Strahl fiel ber den Runotter
hin, der auf der Wandbank sa und mit dem Wetzstein sein Eisen schrfte, wie er
einst bei trockener Mahd die Sense zu schrfen pflegte.
    Mach die Schneid nit gar zu fein! mahnte Malimmes. Wie grber, so besser
geht sie durch Hauben und Platten.
    Der Bauer nickte. Ich nimm schon den Faden mit dem Stein wieder weg. Er
tat einen schweren Atemzug. Und geht mein Eisen in Scherben, so schlag ich mit
dem Stumpen zu. Mir grauset vor Welt und Leut.
    Mir nit. Malimmes lachte. Alles ist, wie man's anschaut. Ein Katzenhaar
in der Supp ist ein grauslich Ding. Aber wenn die Katz nackicht wr, so tt sie
frieren. Sie will warm haben. Da mu man einsehen, da sie einen Pelz braucht.
Und was ein Pelz ist, mu Haar verlieren. Die Katz kann nit ausschauen, wie sie
einer haben mcht, den jedes fremde Hrlein kitzelt. Bei diesem heiteren
Schwatzen ffnete er eine Truhe und kramte allerlei Lederwerk und klirrendes
Zeug auf den Tisch heraus. La alles sein, wie's ist, und guck's lustig an! Ein
Frhlicher verschluckt die haarige Welt, und sie peiniget ihm den Magen nit. Ein
Trauriger mu sie wieder speien. Und nachher graust ihm. Nun schob er den Buben
in den Sonnenstreif, der durch das Fenster hereinfiel, und zog am Kra des Jul
die Schnallen auf.
    Den la mir! stammelte Jul erschrocken.
    Kriegst ihn schon wieder! Und ist ja doch kein Fremdes in der Stub. Der
Kra klaffte auseinander, und Malimmes stellte die leere Eisenmuschel auf den
Boden hin. Der Segen kommt von oben, sagen die Frommen. Aber rsten mu man von
unt auf. Erst die Beinschienen. Die mssen fest am Gurt hngen, sonst drucken
sie das Knie. Schau nur, wie gut sie passen! Als htt sie dir der Hofschneider
angemessen! Er lachte. Und ich hab sie doch in des Hauptmanns Rstkammer nur
nach dem Augenma ausgesucht. Achtsam zog er die Schnallen zu; sie muten haken
und durften nicht drcken. So, Bub. Die Schuh hab ich dir scharf beschlagen.
Auf deine F brauchst du nit achtgeben! Er schnallte den aus feinen
Stahlringen geflochtenen Kettenschurz um des Buben Hfte. Tu nur nie einen
Schritt nach rckwrts! Spring all weil fest voraus! Ein mutiger Sprung ist halb
schon der Sieg. Und in der Not kriegen die F Verstand. Die la nur tun, wie
sie mgen. Mut auch dem Feind nit auf die F schauen! Dem schau auf die Hand
und in die Augen!
    In die Augen! wiederholte Jul mit leiser Stimme. Der Bub hatte den Blick
eines Fieberkranken, der wach ist und ohne Bewutsein trumt.
    Runotter erhob sich von der Fensterbank. Schweigend schob er das geschrfte
Schwert in die Lederscheide und begann sich fr die eiserne Arbeit zu kleiden.
    So! sagte Malimmes. Jetzt die Armkacheln! Die mssen Luft haben.
Versuch's, Bub, streck die Arm nach aufwrts!
    Jul hob die Arme.
    Gut so! Und vergi das nie: Ein Streich geht um so tiefer, wie hher als er
kommt. Bei diesen Worten holte Malimmes vom Tisch ein wunderliches Wehrstck;
es sah wie eine groe lederne Brille aus und hatte Achselbnder wie ein Mieder.
    Was ist das? fragte Jul.
    Wirst schon sehen! La dir's nur antun! Komm!
    Nein! Die Wangen des Buben brannten. Ich mag das nit!
    Geh, sei nit unschickig! mahnte Malimmes herzlich. Das Plsterlein hab
ich genht fr dich, da dir die Harnaschplatten nit das Herzl drucken. Nun
lachte er heiter. Angemessen hab ich's freilich nit. Aber es wird schon passen.
Ich hab ein gutes Augenma.
    Jul wehrte mit den Hnden. Ich mag das nit.
    Da sagte Runotter ernst: Tu folgen Bub! Das Leben dreht sich nit um, wenn
auch die Menschenleut alles zu berst und unterst kehren. Tu, wie er's haben
will! Tt die Mutter noch leben, sie knnt nit treuer sorgen fr dich. Er legte
dem Sldner die Hand auf die Schulter. Vergelt's Gott, Mensch! Dann ging er
zur Tre. Ich schau derweil nach den Gulen.
    Schweigend gehorchte der Bub und lie sich dieses wunderliche Wehrstck um
die Brust schnallen.
    Als Malimmes die Haken schlo, sagte er lustig: Gelt, es pat. Ich verschau
mich nit leicht.
    Jul hatte feuchte Augen und sah in den Sonnenschein, der das Fenster
umflimmerte.
    So! Jetzt kriegst den Kra wieder, den du nit lassen magst! Du schmigs
Brschl du! Malimmes nahm die zwei Eisenmuscheln, legte sie um Brust und Rcken
des Buben, schob die Achselkanten unter die Schulterkacheln der Armschienen,
lie die Nuten einschnappen und schlo die Schnallen. Sitzt alles gut?
    Der Bub nickte.
    Und Malimmes fragte lachend: Sag selber, ob dir der Kra nit leichter ist,
seit du das Plsterlein hast?
    Wieder nickte Jul.
    Weit, Bub, allem Hartem mu man was Lindes unterlegen. Sonst druckt's. -
Jetzt heb den Arm und tu einen Streich!
    Die eisernen Platten knirschten, als Jul die Faust hinter den Nacken hob und
unter festem Sprung einen Streich ins Leere tat.
    Hia! Gut so! lachte Malimmes in Freude. Beim richtigen Hieb mssen
Streich und Frsprung allweil eins sein, wie Mnndl und Weibl in der Lieb. Der
Streich mu schlagen, der Sprung mu stoen. Und wenn's den andern niederreit -
gleich drber weg und gegen den nchsten los! So springt man all weil der Not
davon und dem Leben zu.
    Wenn es - den andern - niederreit? Jul atmete schwer, und ein wehes
Suchen war in seinen verstrten Augen. Das mu hart sein -
    Was, Bub?
    Den ersten fallen sehen. Und wissen, man ist schuld an seinem Tod.
    Da gewhnt man sich dran. Beim ersten bremselt's einen. Beim zweiten tut
man sich schon leichter. Beim dritten ist's wie Nuknacken. Und alles schiebt
man auf den Krieg. Was willst? So macht halt der Krieg die Leut.
    Krieg? Das ist ein grausiges Wort! Wieder atmete der Bub, als lgen ihm
schwere Gewichte auf der Seele. Mu das sein auf der Welt?
    Meinen sollt man freilich, es wr nit ntig. Von jedem Krieg, der anhebt,
knnt ein Gescheiter sagen: Das mu nit sein, es geht auch anders. Aber da
schreien die unsinnigen Narren gleich: Es mu, es mu! Und so geht's halt los.
    Wird das allweil so bleiben?
    Solang die Menschen nit anders werden. Jetzt sind sie halt noch, wie sie
allweil gewesen. Und eh der Maulwurf nit das Graben lat, wird der Mensch die
Rechthaberei und das Zannen nit lassen.
    Malimmes hatte vom Tisch ein sthlernes Ringgeflecht genommen, welches
Hauptschutz und Halsberge in einem Stck war. Und whrend er am Fenster in der
Sonne stand und immer dieses leisklirrende Flechtwerk schttelte, damit die
Stahlringe sich glatt und gleichmig legen mchten, schwatzte er mit ruhigen
Worten:
    Freilich, es kann auch anders sein. Was Sicheres wei keiner. Knnt auch
sein, da Elend, Schreck und Grausen ein notwendig Ding im Leben sind, damit die
Menschen merken, was Glck und ruhsame Zeiten wert sind. Bei ewigem Tag mten
die Menschen wie blind sein. Sehen lernt man blo in den Nchten. Und wie
kostbar der Frieden ist, das lernt man blo im Krieg. Und Katz ist Katz, und
Krieg ist Krieg. Schlagt der ander zu, so mut du dich wehren. Und stehen mu,
wer nit fallen will. Noch allweil besser: Ich leb und schnauf, derweil der ander
ins Gras beit. In Gottesnamen, drischt man hak den andern nieder. So mu man's
halten als guter Kriegsmann.
    Er stlpte dem Jul eine leichte, wattierte Leinenkappe bers Haar und zog
ihm dann das feine Stahlgeflecht ber Wangen und Nase herunter.
    Aus dem Oval der Kettenhaube guckte das eng von glitzernden Ringen umrahmte
Gesicht des Buben bleich heraus. Seine Augen sahen in die Sonne, whrend er
dstern fragte: Malimmes?
    Was, lieber Bub?
    Glaubst du, da die Berchtesgadnischen viel gute Kriegsleut haben?
    Nit viel. Mein Bruder ist keiner. Lachend kniete Malimmes auf den Boden
nieder, weil er an den Beinschienen noch was zu richten fand.
    Zgernd, immer mit dem Blick an dem leuchtenden Fleck der Sonne hngend,
fragte Jul: Meinst du, da der Jungherr Someiner ein guter ist?
    Malimmes hob jh das Gesicht. Seine sonnverbrannte Stirn entfrbte sich, und
die groe Narbe fing dunkel zu glhen an. Doch ruhig sagte er: Ein schlechter
oder guter - Angst brauchst du nit haben. Wir zwei, wir frchten uns nit. Wirst
du nit fertig mit ihm - ich hilf schon, weit!
    Da klang es wie ein zorniger Schrei: Das darfst du nit!
    Was nit?
    Die Stimme des Buben wurde langsam und schwer: Den mut du mir lassen! Md
machte Jul mit der Faust die Bewegung eines Schlages.
    Ein kurzes Schweigen. Gut! Und Malimmes mit einem wunderlichen Lcheln,
stand vom Boden auf. Wie's dir am besten taugt. Man mu nur allweil sagen, wie
man's haben will. Er ging zum Tisch und holte die eiserne Schaller. Aber -
eins mut du dir merken, Bub: Was man will, mu man knnen. Oder man darf nicht
wollen, was man nit kann. Weiter sprach er kein Wort mehr, whrend er dem Buben
den blanken Eisenhut ber die Kettenhaube stlpte und unter dem geschtzten Kinn
die Sturmspange festmachte. Schweigend schnallte er ihm das Dolchgehenk um den
Kra und gab ihm die Schwertkette um die Schulter.
    Jul, den Knauf des Schwertes fassend, sagte leis: Viel Ding im Leben sind
hart.
    Das Hrteste sollst du nit kennen lernen.
    Mit groen Augen sah der Bub den Sldner an. Das Hrteste? Was ist das?
    Wenn einer friert. Und mcht sich wrmen an der besten Glut. Und kann
seiner Lebtag nie nit zum richtigen Ofen kommen.
    Jul fragte scheu: Was tut so einer?
    Lachen! Da fand Malimmes wieder seinen heiteren Ton. Wenn er ein Kluger
sein will. Oder heulen - wenn er ein wehleidiges Rindviech ist.
    Runotter trat in die Stube.
    Guck, Bauer! Jetzt schau den Buben an! Allweil heit's: Herr Albrecht, der
Mnchner Prinz, wr von allen frstlichen Jungherren der Feinste. Aber im Eisen
kann er auch nit schner dastehen als wie der Jul! Und wenn der Bub erst droben
hockt auf seinem Burghausener Falben! Gotts Unmut und Schabernack des Lebens -
ich freu mich drauf!
    Geh, du! sagte der Bub erglhend.
    Und Runotter nickte. In dem Lcheln, das seinen schmalen Mund umzuckte,
waren Schmerzen. Er fate die Hand des Buben. Geb's Gott, da wir uns morgen
die Hand wieder bieten knnen. Oder bermorgen. Weiter denk ich nit.
    Die Knechte kamen. Heiner war sehr stolz auf die sauber genhte Leinenkappe,
die unter seinem Eisenhut herausguckte. Er rhmte die Geschicklichkeit der
weiblichen Hnde im allgemeinen, insbesondere die geschickte Hand der guten
Traudi. Aber die Traudi, obwohl sie schon in der Stube war, hrte das warme Lob
nicht. Schweigend deckte sie den Tisch, brachte das Mahl und den Weinkrug mit
dem letzten Trank, den die sieben in der Burg von Plaien nehmen sollten. Immer
gingen die zornigen Augen des schweigsamen Mdels zwischen Jul und Malimmes hin
und her.
    Die sieben beteten. Sechse redeten fromm mit Gott. Das blonde Mdel, das ein
keimendes Leben unter dem Herzen trug, erflehte von der Allmacht des Himmels den
Tod eines jungen Menschenkindes.
    Whrend die sieben unter sparsamen Worten aen, rann immer wieder ein feines
Zittern durch den Stubenboden, durch alles Gemuer. Und ein dumpfer Lrm quoll
aus dem Tal herauf, das dem Burghgel zu Fen lag.
    Dieses leise Erdenzittern rhrte von den schweren Geschtzen her, von denen
jedes - die beiden Kammerbchsen, die grobe Farzerin und der schwere
Blidenkarren - durch ein Gespann von sechzehn Pferden ber die steile Bergstrae
gegen den Hallturm hinaufgezogen wurde. Dazu noch zwanzig Kugel- und
Pulverkarren, jeder mit zehn Pferden bespannt.
    Das geschah zu heilsamer Verwarnung - um den heiligen Peter wegen seiner
friedensbrecherischen Brandschatzung bayrischer Bauernhfe zu nachgiebiger Reue
und zu schuldiger Bue zu bewegen.
    Vor und neben und hinter diesen drhnenden, rasselnden Kriegsfahrzeugen
marschierte und ritt ein Heerhaufe, der sich, seit er von Burghausen
eingetroffen war, um zwanzig Reiter, sechzig Spieknechte und sechs Faustbchsen
vermindert hatte. Die waren mit Franzikopus Wei am Ufer der Saalach
abgeschwenkt, um unter Befehl des heiligen Zeno den Inhalt jenes Schatzkoffers
abzuverdienen, der das kostbare Eingeweide des runden Turmes von Burghausen
vergrert hatte.
    Kurz vor der neunten Morgenstunde rckte auch die Wehrmacht von Plaien aus.
Hinter den Mauern blieben nur ein paar Helme als Besatzung und Torwache zurck.
Die gebrandschatzten Bauern vom Hirschanger, wie alle Mannsleute von den
Bauernhfen im Umkreis der Feste, muten als Schanzgrber mit ausrcken.
    In dem Raiszuge, der von Plaien hinaufklirrte zum Hallturm, hielt sich das
Huflein der Ramsauer dicht hinter dem Hauptmann Grans und seinem Sergeanten:
Jul auf dem zierlichen Falben, Runotter auf dem flinken Schimmel, der seinen
Ramsauer Heubauch vllig verloren hatte, und Malimmes auf dem noch brigen
Ackergaul, bei dem die Knste des Reiters die Flligkeiten des Kriegsrosses
ersetzen muten. Die drei Knechte schritten als Spieleut hintendrein.
    Runotter und Jul waren schweigsam. Hauptmann Grans tuschelte leis mit dem
Sergeanten. Doch sonst ging ein heiteres Schwatzen, Lachen und Singen durch den
frisch marschierenden Zug, fr den in dieser reinen Morgenluft eine Witterung
von Beute war.
    Der Berchtesgadnische Hallturm lag versteckt, weil der Weg durch dichten
Hochwald fhrte. Als der Zug schon bald zur Pahhe kam, holte er den
Burghausener Heerhaufen ein, dessen Spieknechte auf einem neben der Strae
gelegenen Hgel Auf dem Fuchsenstein, die Bume niederschlugen, um die drei
Geschtze und das Schleuderwerk in gute Stellung zu bringen, achthundert
Schritte von der Gadnischen Grenzmauer entfernt.
    Der Hall der Axtschlge, das Drhnen der strzenden Bume, die aufgeregt
durcheinander schreienden Menschenstimmen, das Stampfen, Keuchen und Wiehern der
Pferde, das Rdergeknatter und die Kommandorufe bertnten das Murmellied der
klaren Bche und das schne Rauschen des Waldes, ber dessen Wipfel ein scharfer
Ostwind herblies. Und die hei werdende Sonne glnzte herunter auf ein Geblitze
von Waffen und auf ein Gewimmel tollgewordener Farben, die so lustig
durcheinander leuchteten, als sollte inmitten des ernstgrnen Bergwaldes eine
bunte Faschingsmette ihren Anfang nehmen.
    Hauptmann Grans war mit dem Bchsenmeister Kuen und dem Hauptmann
Seipelstorfer zu einem geheimen Kriegsrat zusammengetreten, abseits vom Gewimmel
des Heerhaufens und vom Geschrei der Burghausener Gelgerdirnen, die ihre
Huschelzelte und Zapfbuden aufschlugen, schon Feuer machten und zu kochen
begannen.
    Die drei Herren, die sich da berieten, waren so guter Laune, als vertrieben
sie sich die Zeit mit dem Erzhlen lustiger Geschichten.
    Auch bei den Geschtzen gab's eine Heiterkeit. Die Bauern, von denen die
meisten noch nie eine Bumbarde gesehen hatten, drngten sich mit Hacken und
Spaten auf den Schultern um die zwei Kammerbchsen und die plumpe Trommelkanone,
die sechs Rohre hatte, mit Hilfe des Springfeuers einer Zndschnur in flinker
Folge sechs faustgroe Kugeln scho - pu pu pu pu pu pu - und von diesem
hurtigen Gepummer ihren Namen hatte. Die kleinere der beiden Kammerbchsen hie
die Hornauin, und auf der greren war in schwer entzifferbarer Spiegelschrift
ein Vers in Metall gegossen:

Die Landshuterin hei ich
Auf den Ingolstdter pfeif ich.

    Als die Bauern das Sprchlein entrtselt hatten, begannen sie eine derbe
Debatte ber die Frage, ob dieser unreine Reim als sinngem zu erachten wre.
Lang hatten sie nicht zu lachen; sie muten gleich die Schanzarbeit auf dem
Fuchsenstein beginnen.
    Vor der zehnten Morgenstunde wurde der Sergeant mit dem weien Fhnlein und
einem Geleit von vier Knechten ausgeschickt, um sich beim heiligen Peter nach
dem letzten Worte zu erkundigen.
    Geh mit! sagte Hauptmann Grans zu Malimmes. Du bist einer, der wei, wie
man eine Mauer angucken mu!
    Malimmes empfing diesen Auftrag wie eine willkommene Sache. Er lie den
Ackergaul galoppieren, um das Huflein der Parlamentre einzuholen. Das war ein
kurzer Ritt. Schon nach hundert Schritten, an der Grenze des bayrischen Landes,
ging der Wald zu Ende. Am Saum des Gehlzes liefen alte Schanzgrben durch das
Tal und erzhlten von Fehden vergangener Zeiten.
    Vor wenigen Tagen war da ein dichter Hochwald noch ein paar hundert Schritte
weiter gegen den Hallturm hin gestanden. Die Berchtesgadnischen hatten quer
durch das schmale Tal, von Bergwand zu Bergwand, diese tausend hundertjhrigen
Bume niedergeschlagen, um fr die Angreifenden die Deckung zu mindern. Dadurch
hatten sie fr sich selbst den Schutz eines fast unberwindlichen Verhaues
gewonnen; in mannshohem Wuste lagen, jedem Ansturm wehrend, die
niedergeschlagenen Bume wirr durcheinander, den Waldgrund des engen Tales und
die Strae bedeckend mit einem Gefilze starrender ste. Wo die Strae unter
diesem grnen und braunen Chaos verschwand, da standen friedlich drei
Grenzpfhle in bunten Farben beisammen; der eine trug das Wappen mit den
Schlsseln des heiligen Peter, der andre zeigte das Wappen des heiligen Zeno, an
den dritten war eine Tafel mit der Inschrift genagelt: Hie Paierlant!
    Und hinter dem braunen und grnen Gewirr von Stmmen und sten erhob sich
die lange, nach links und rechts gegen die unwegsamen Felswnde kletternde,
durch sieben feste Trme gesttzte Mauer des Gadnischen Grenzwalles am Hallturm,
mit dem klobigen Torbau in der Talsohle, mit der hochgezogenen Brcke zwischen
den beiden Tortrmen.
    Auf den Zinnen sah man viele kleine, zierliche Figrchen, die von Waffen
blitzten. Steile, sonnbeglnzte Dcher stiegen hinter der Mauer auf. Die Sonne
vergoldete alles Gestein und Gemuer, machte alle Kanten gleien wie poliertes
Metall und zeichnete die Schatten der Trme wie blaue Bilder in dieses Gold. Ein
so farbenschner, wundersamer Anblick war's, da man htte trumen mgen: Hier
steht die Pforte eines paradiesischen Landes! Doch ums Trumen war es dem
Sergeanten mit dem weien Fhnlein, seinen vier Geleitsknechten und dem Malimmes
in dieser Stunde nicht zu tun. Sie hatten die Pferde zurckgelassen, und whrend
der Sergeant, der diesen blen Weg seit Mitternacht schon zum fnften Male
machte, das weie Fhnlein mit den Zhnen festhielt, qulten sich die sechse
unter Schwitzen, Lachen und Fluchen durch das Gewirr der ste. Je nher sie dem
Tor des Hallturmes kamen, um so deutlicher hrten sie die Spottreden der
Gadnischen Herren und Knechte, die auf der Mauer waren und mit Heiterkeit der
mhseligen Kletterei der Parlamentre zuguckten. Aber diese Heiterkeit und ihre
Spe hatten etwas Gezwungenes. Den Gadnischen war nicht sonderlich wohl zumute.
Ein mchtiger Frst, den man ernster nehmen mute als den heiligen Zeno, war
ihnen bs geworden, bedrohliche Dinge schienen da im Dunkel zu spielen, und eine
schwere bermacht lag vor der Mauer. Diese Mauer war von erfahrenen Kriegsleuten
angelegt, war gut und konnte auch einem harten Sturme trotzen. Und der Weg zur
Mauer war vorerst noch gesperrt durch diesen niedergeschlagenen Wald. Das Gewirr
dieser hunderttausend ste war aber nur ein Schutz, solang gut Wetter blieb und
dieser scharfe Ostwind blies. Da wrde der Hauptmann Grans sich hten, Feuer in
diesen Verhau zu werfen. Der Ostwind wrde die Flammen hinunterblasen in die
bayrischen Wlder, gegen den Heerhauf, der da drunten lagerte und sich eingrub
mit seinen Geschtzen, und gegen die Hfe und Mauern von Plaien.
    Doch wenn das Wetter umschlug und der Westwind einsetzte?
    Aber war der Patron der Gadnischen, der heilige Peter, nicht der himmlische
Wettermacher? Der wrde sich doch als verllich und treu erweisen? Und die
Sonne scheinen und den Ostwind blasen lassen?
    Auch Herr Armansperger, der bejahrte Hauptmann des Berchtesgadnischen
Hallturms, erhoffte sich alles Beste von den Schnwetterkrften des heiligen
Peter. Dennoch hatte er in dunkler Sorge am hellen Morgen einen reitenden Boten
nach Berchtesgaden zu Herrn Pienzenauer gesandt und ihm die rtselhafte
Brandschatzung auf dem bayrischen Hirschanger, die unerfllbare Forderung des
Hauptmanns von Plaien und das Nahen eines mchtigen Heerhaufens melden lassen.
Bei dieser Nachricht war Frst Pienzenauer mit dem Stogebet aus dem Bette
gesprungen: Htt doch der Teufel die siebzehn Ochsen geholt, eh Ruppert sie bei
den Schwnzen packte!
    Was zu Berchtesgaden ein Eisen schwingen konnte, mute zum Hallturm
marschieren, die neue Anna und die neue Susanne rasselten im Galopp ihrer
Gespanne der bedrohten Pforte des Landes zu, die Kugel- und Pulverkarren
knatterten hinterdrein, und Frst Pienzenauer ritt in sausender Hast nach der
andern Seite davon, um von Salzburg Hilfe in der Not zu erflehen, und wr's auch
gegen Verpfndung der Schellenberger Pfannsttte. Lieber ein kostbares Glied aus
dem Leibe reien, als mit dem Kopf bezahlen.
    
    Herr Armansperger, whrend er vom Bord der Mauer Zwiesprach mit dem
Sergeanten von Plaien hielt, konnte das Rdergerassel der zwei nahenden
Geschtze hren, die man binnen sechsunddreiig Stunden zu Berchtesgaden
geschmiedet und gegossen hatte. Als sie ber die Innenbrcke des Hallturms
fuhren, machten sie einen so drhnenden Spektakel, da Herr Armansperger sein
eignes Wort nimmer hrte und nicht weiterverhandeln konnte. Er verschwand von
der Mauer. Vor den sechs Parlamentren fiel die Kettenbrcke ber den
Wassergraben herunter. Man sah in eine Halle, die von Gepanzerten wimmelte. An
die zwanzig kamen heraus, und der Plaiensche Sergeant, dem man die Augen mit
einem weien Tuch umhllte, wurde in die Feste gefhrt. Hinter ihm hob sich die
Brcke wieder.
    Seine vier Geleitsknechte lagerten sich in der schnen Sonne auf dem Boden.
Malimmes blieb stehen, auf den Bidenhnder gesttzt, und musterte mit prfendem
Blick das Gemuer und die Trme.
    Er sah es gleich: Diese Mauer mute man in schwerem Sturme berennen. Zu
umgehen war sie nicht. Zur Linken und zur Rechten, wo sie gegen den Untersberg
und gegen den Rotofenkopf des Lattengebirges auslief, war steiles, unwegsames
Gehnge. Oder gab es da doch einen Weg? Irgendwo da droben? Fr Fe, die mit
den Bergen vertraut waren? Zur Rechten, auf dem Rotofenkopf? Nein. Zur Linken,
auf dem Untersberg?
    Die Augen des Malimmes sphten. Hoch droben im Sturz des Berges entdeckte er
ein Felsband. Das war, auch wenn der Mondschein half, ein bler Weg fr die
Nacht. Ein Weg, auf dem es bei jedem Schritt ums Halsbrechen ging. Aber ein Weg
war es doch.
    Schmunzelnd musterte Malimmes die Mauer wieder. Wo war auf dieser linken
Seite die schwchste Stelle?
    Da gewahrte er auf einem Wehrsller dieser Mauerseite unter andern Leuten
der Besatzung das verwitterte Bartgesicht seines Bruders Marimpfel. Als
langjhriger Hofmann stand Marimpfel bei der Kerntruppe des Stiftes. Die hatte
man hingestellt, wo man die besten Leute brauchte, weil da die Mauer am
leichtesten zu fassen war. Hier mute man also strmen, hier den Gadnischen in
den Rcken fallen.
    Malimmes umging den Wassergraben, der in dem steinigen Talschnitt nur das
Tor und seine Trme schtzte. Auf steilem Felsgerlle stieg er gegen den Fu der
Mauer hin und winkte lachend zum Wehrsller hinauf: Gr dich, Bruder! Auch
schon munter?
    Marimpfel war verdrielich. Er brllte ber die Mauer: Eh du heut die Augen
auf getan hast, hab ich die Hos schon viermal umgedreht.
    Sooo? Malimmes lachte. Wenn du mit dem Eisen so flink bist wie mit dem
Hosenbndel, da wird's uns schlecht gehen.
    Kann schon sein, da man dich aufzieht. Beim wievielten Hnfenen bist du
schon?
    Auf den sechsten wart ich. Oder kommt erst der fnfte? Mir geht's wie einer
Wittib, die nimmer wei, was ihr zusteht.
    Weil dieses Gleichnis die Mannsleut auf der Mauer erheiterte, lachte auch
Marimpfel mit. Bist du bei denen da drben? Soldest dem Landshuter?
    Das nit. Aber haben htt er mich mgen.
    Zu dem tatst passen! Ist ein Feiner, der! Wissen tut man's. Aber sagen darf
man's nit. Mir scheint, der hat heut nacht auf dem Hirschanger die bayrischen
Kinder schiech in den eignen Dreck gewickelt.
    Tu's ihm halt verzeihen! Bedreckte Kinder mu man nit gleich wegschmeien.
Wozu ist das saubere Wasser da? Geh, Bruder, sei gutherzig!
    Was Bruder! Ich bin Hofmann. Bei mir da heit's: Hie Freund, seil Feind!
    Malimmes lachte. Da bin ich dmmer wie du. Fr midi bleibst allweil noch
ein Trpfl aus meiner Mutter Blut. Und da kannst mir als Bruder einen Gefallen
tun! Im Gesicht des Malimmes spannte sich jeder Zug. Magst von mir einen Gru
ausrichten an euren Jungherrn Someiner?
    Marimpfel, der lieber nach Ingolstadt geritten wre, als da er hier auf der
Mauer stand, war seit zwei Tagen auf Lampert Someiner nicht gut zu sprechen. Er
brllte: Den Gru richt selber aus! Aber weit wirst laufen mssen!
    Einer von den Spieknechten auf der Mauer fate den Schreier am Arm, als
wollte er ihn zum Schweigen mahnen. Marimpfel befreite seinen Arm. La aus! Ich
wei schon, was ich red. Es gibt halt Leut, die lieber in der Welt
umeinandersausen, als da sie auf der Mauer bei ehrlicher Fehd ihr feines Hutl
verkaufen.
    Die Augen des Malimmes erweiterten sich. Und er dachte an den hurtigen
Reiter, von dem Herr Heinrich zu Burghausen gesprochen hatte. Heiter lachend
nickte er zu Marimpfel hinauf. Da mu ich meinen Gru halt selber bestellen,
wenn ich hinter die Mauer komm.
    Du? Hinter die Mauer? Ein Hohngelchter. Auch die andern Spieknechte da
droben beteiligten sich.
    Wohl! Morgen! Aber tu nit Sorg haben! Bruder ist Bruder. Wo du auf der
Mauer stehst, da strm ich nit.
    Komm nur, wenn du Schneid hast! schrie Marimpfel in Zorn. Aber trauen
tust dich nit!
    Sooo? Bist du so stark, da du Angst hast vor dir selber? Und lachend ging
Malimmes dem Wassergraben zu.
    Die Brcke fiel. Man nahm dem Sergeanten die weie Binde von den Augen. Dann
rasselten die schweren Ketten wieder gegen die Mauer hinauf.
    Der Sergeant trat auf die Seinen zu und sagte: Krieg! Sie schwren noch
allweil, da sie unschuldig wren an der Brandschatzung.
    Heiter fragte Malimmes: Ist das fr dich eine Neuigkeit?
    Die sechse kletterten ber die niedergeschlagenen Bume.
    Als die heigewordene Sonne in der Mittagshhe stand, erffnete man auf dem
Fuchsenstein das Feuer mit der Burghausener Trommelkanone. Und da muten die
Berge ein Echo fr einen neuen, drolligen Hall ersinnen, den sie zum ersten Male
Hrten:
    Pu pu pu pu pu pu!
    Bei diesem Gepummer, das die Berge ein bichen undeutlich nachmachten, flog
ber dem niedergeschlagenen Wald drben an einem Turm des Gadnischen Tores eine
Wolke von Staub und Steinbrocken auf. Und neben einer Mauerluke wurde der
Chorherr Jettenrsch ohnmchtig. Wohl erholte er sich bald. Aber der
Streifschu, den er am rechten Arm bekommen, machte ihn doch zu weiteren
Heldentaten unbrauchbar. Und weil er an zarte Hnde gewhnt war, entzog er sich
dem Hallturmer Feldscher, ritt mit einem Notverband nach Berchtesgaden und gab
sich bei seiner Pfennigfrau, dem frummen Frulein Rusaley, in verlliche
Pflege.
    Bald nach dem ersten Schu der Trommelkanone fing auf dem Fuchsenstein auch
die Landshuterin zu pfeifen und die Hornauin zu stechen an. Vom Hallturm
antworteten die Anna und die Susanne; sie hatten feste Stimmen und doch eine
schwache Lunge; die Steinkugeln, die sie schssen, fielen entweder in das
Astgewirr des niedergeschlagenen Waldes oder richteten an den Schanzen des
Fuchsensteins nur schwchlichen Schaden an, der von den fronenden Bauern flink
wieder ausgebessert wurde.
    Gegen die zweite Nachmittagsstunde war drunten beim heiligen Zeno zu
Reichenhall, im Tal der Saalach, etwas Seltsames zu gewahren. Das magere
Fllein verwandelte sich pltzlich in eine riesige Silberschlange. Eine
berschwemmung bei schnem Wetter! Herr Martin Grans verstand dieses Rtsel: Um
mit den Burghausener Hilfstruppen die Berchtesgadnische Grenzwacht im
Scwarzenbachtal berennen zu knnen, lie der heilige Zeno den angestauten
Wehrsee wieder ablaufen. Das brauchte Zeit! Bis der Reichenhaller Sturmhaufe da
drben hinter dem Lattengebirge trocknen Boden bekam, mute wohl die ganze Nacht
und der Morgen vergehen. Aber dann hatte der heilige Zeno leichten Weg. Und wenn
er nicht als erster nach Berchtesgaden kommen und den besten Rahm von der
Raubschssel schpfen sollte, mute man auf dem Fuchsenstein und beim Hallturm
flinke Arbeit machen.
    Die Hauptleute wurden unruhig und gerieten in Sorge. Sie kannten ihre
Kriegsknechte und wuten aus hufiger Erfahrung, was von dem plnderungslustigen
Haufen, dessen halber Sold in der Aussicht auf Beute bestand, zu erwarten war,
wenn er um das ersehnte Raubgut betrogen wurde. Da gab es Aufruhr und Meuterei.
    Seit dem Bericht, den Malimmes von der Mauer brachte, hatten die Hauptleute
ihren Sturmplan fertig. Doch immer blies dieser verwnschte Ostwind, der den
Hallturm wie mit einem wunderwirkenden Mantel umhllte.
    War der heilige Peter kein verllicher Patron der Seinen? Oder gibt es
Dinge, wider die auch der strkste aller Heiligen machtlos ist? Denn kaum begann
die silberne Riesenschlange im Tal der Saalach dick zu werden, da sah man auf
dem ebenem Lande drauen aus dem reinen Blau des heien Sommertages ein paar
kleine, weie, kugelige Wlklein herauswachsen, die von Minute zu Minute grer
wurden. Die nordwestliche Ferne umdunstete sich. Bei der Donau drunten, dort, wo
Ingolstadt und Regensburg liegen muten, schob sich eine stahlblaue Wolkenbank
ber den Horizont herauf. Dieses dunkle Blau der Ferne wurde brunlich,
gelblich, wurde silbergrau vom Regen, vom fallenden Hagel des nahenden
Gewitters.
    Als begnne die reine Luft ber den Bergen diesen Himmelsaufruhr der Ferne
schon zu fhlen, so fing der schne Ostwind in Unruh zu wechseln an. Martin
Grans erklrte: Das von der Donau herziehende Gewitter wrde ber dem
Untersberge stehen, ehe der Abend kme; und durch den niedergeschlagenen Wald
mte ein Sturmweg ausgebrannt sein, bevor in der Nacht die lschenden
Regenstrme fielen.
    Beim Fuchsenstein entwickelte sich ein aufgeregtes, wirr durcheinander
zappelndes Leben. Zwanzig Freiwillige, in den Bergen geborene Leute, wurden
aufgerufen und mit den Ramsauern unter den Befehl des Malimmes gestellt. Und
whrend die sechsundzwanzig durch den Wald davonkletterten, gegen den Untersberg
hinauf, fingen die Hornauin und die Landshuterin fleiig zu brllen an, und die
Blide mit ihrem groen, surrenden Schleuderbeutel begann in hohem Bogen die
brennenden Pechfsser zu werfen. Wie braune Tageskometen mit langen
Rauchschwnzen flogen sie durch die schne Sonne, fielen vor der
Berchtesgadnischen Mauer in den Waldverhau und steckten das Astgewirr der
niedergeschlagenen Stmme in lohenden Brand.
    Wenn die Gadnischen mit Wasserkbeln schwarmweis aus dem Hallturm
herausstrzten, um den aufschlagenden Brand zu lschen, begannen auf dem
Fuchsenstein die Faustbchsen zu knattern, und die Trommelkanone pupupuputete.
Der Bchsenmeister Kuen verstand seine Sache. Von den Lschleuten des heiligen
Peter wurde mancher, der mit zwei triefenden Wasserkbeln aus dem Tor des
Hallturmes herausgesprungen war, mit leeren und schlaffen Hnden wieder in das
Tor hineingetragen.
    Als unter dem Kugelhagel des Fuchsensteines gegen den zngelnden Brand des
Verhaues mit Wasser nicht mehr aufzukommen war, begannen die Antwerke auf der
Gadnischen Mauer groe Krbe mit Erde, Sand und Mist in das Feuer zu schleudern,
um es zu ersticken. Aber der Ostwind blies, schrte die halb erlschenden Gluten
immer wieder an, lie das Feuer von der Gadnischen Mauer weg durch den
Waldverhau sich durchfressen gegen den Fuchsenstein und trieb die dicken
Rauchwolken auf den bayrischen Heerhaufen zu und ber die Plaienschen Gehnge
des Untersberges.
    So dick war die Luft mit diesen Rauchmassen angefllt, da man von dem
nahenden Gewitter in der nrdlichen Ferne nichts mehr sehen konnte. Herr Martin
Grans, der sonst nicht zu den Andchtigen zhlte, begann auf die Hilfe des
Himmels zu bauen. Lat der gtige Herrgott nit regnen, bis der Sturmweg
durchgebronnen ist, so haben wir des Teufels Arbeit wider uns selber gemacht.
    Auch die sechsundzwanzig, die durch den Hochwald des Untersberges
hinaufkletterten, hatten unter diesen stickenden Rauchschwaden, die der
fackelnde Ostwind ber sie her peitschte, schwer zu leiden. Oft muten sie sich
zu Boden werfen, die Gesichter in das Moos drcken oder die in einem Wildbach
mit Wasser getrnkten Mntel um die Kpfe wickeln. Doch je hher sie kamen, um
so dnner wurde der Rauch. Die Leute klommen ber den steilen Hang empor,
keuchend, hustend, die Gesichter von Schwei bergssen. Wo sie rinnendes Wasser
fanden, fuhren sie mit den Hnden hinein, tranken und benetzten die Augen. Jul,
der immer unter den ersten kletterte, wurde schwach und fing zu taumeln an.
Malimmes sttzte den Buben, Runotter lief um Wasser. Da schlug unter heftigem
Sausen der Wind um, und pltzlich waren die sechsundzwanzig in reiner Luft und
hatten ber sich den blauen Himmel und die klare Sonne, unter sich ein graues,
flutendes Rauchmeer, das sich gegen Osten schob und den ganzen Kessel des Tales
fllte. Von dem brennenden Verhau, vom Fuchsenstein und vom Hallturm war unter
diesen hastig treibenden Schleiern nichts zu sehen.
    Jul erholte sich, als er Wasser getrunken hatte. Auf alle Fragen, ob er sich
wohl fhle und wieder klettern knne, nickte er stumm. Malimmes nahm dem Buben
die Eisenschaller, die Kettenhaube und die Armkacheln ab; und alles lud er am
Bidenhnder auf seine Schulter. Runotter sagte: Gib mir das! Malimmes
schttelte den Kopf: Ich spr's nit.
    Sie klommen, bis der Wald zu Ende ging und auf dem steilen Gehng die
niederen Latschenstauden begannen. Hier muten sie bleiben und die Nacht
erwarten.
    Tu mir die Leut in guter Deckung zwischen den Stauden halten, sagte
Malimmes zu Runotter, ich steig mit dem Buben zu einem Fleckl hinaus, wo ich
guten Lugaus hab. Er legte die Wehrstcke zu Boden. Komm, Jul! Eh die Nacht
nit da ist;, brauchst du dein Wehrzeug nimmer.
    Die beiden kletterten ber den Sturz des Berges hin, bis Malimmes sagte:
Der Westwind treibt den Rauch zum Rotofen hinber. Wir mssen uns decken. Sonst
knnten wir sichtig werden fr die am Hallturm. Komm, tu rasten und la dir wohl
werden!
    Auf einer schroffen Felsnase lieen die zwei sich zwischen dichten
Latschenstauden in das linde Berggras nieder. Durch eine Gasse des Gebsches
konnten sie hinunterschauen in die Tiefe, in der das Feuer als roter Vorlufer
der Kriegsscharen kmpfte. Die Kammerbchsen schwiegen, seit der wallende Rauch
da drunten das Zielen unmglich machte. Doch der schrfer werdende Westwind
suberte den Fuchsenstein immer mehr von diesen grauen Schleiern. Man konnte
schon das Gewimmel des Heerhaufens und das Zeltgewirr des Gelgers erblicken.
Das alles sah so fein und zierlich aus wie ein Spielzeug vornehmer Kinder. Nun
entschleierte sich auch der Brand des niedergeschlagenen Waldes. In der Tiefe
mute das eine grauenhafte Flamme sein; doch aus der Hhe gesehen war's ein
hbsches, liebliches Geflacker, rtlich, blulich und gelb, mit zartem
Rauchgeringel; das Rauschen und Geprassel des Feuers klang herauf wie das
Gepltscher eines Brunnens; und wenn das Schleuderwerk auf dem Fuchsenstein nach
den noch nicht in Brand geratenen Teilen des Waldverhaues ein neues, flammendes,
qualmendes Pechfa schleuderte, war es anzusehen, als flge da drunten ein
kleiner Kfer, dessen Rckenschild in der Sonne glitzerte.
    Lachend sagte Malimmes: Da schau hinunter, Bub! Jetzt versteh ich ein
ltzel was von des lieben Herrgotts Gleichmut. Wenn das da drunt schon fr uns
so kleinweis herguckt, wie lausig mu fr einen in der hchsten Hh alles
ausschauen, was auf dem Erdboden umeinander krabbelt!
    Ein schweres Atmen machte ihn aufblicken. Er sah erschrocken in das
erschpfte Gesicht des Jul, dessen Augen rote Rnder hatten wie von heiem
Weinen.
    Bub?
    Jul beugte sich langsam vor und deutete mit gestrecktem Arm hinunter gegen
den Hallturm, ber den sich der Rauch zwischen hei wabernden Luftstrmen in
dicken Schwaden hinwlzte. - Schau nur - schau - was mssen die armen Leut da
drunt fr ein schweres Schnaufen haben!
    Malimmes mute barmherzig sein und lgen: Ist nit so arg! Die knnen sich
hinter der Mauer bergen und in den Wehrstuben hocken.
    Bis - Jul konnte nimmer reden.
    Was meinst du, Bub?
    Bis wir kommen und dreinschlagen mit dem Eisen. Die Zhne des Buben
knirschten wir vor einem Schreikrampf. Ich wei doch, wie schiech es ist! Und
mu es tun. Ich mu - ich mu -
    Da sagte Malimmes hastig: Das nit, Bub! Nit ums Herrgotts willen! Auf den
einen wirst du morgen nit losschlagen mssen. Per ist nit da drunt bei der
Mauer. Frgestern ist er nach Ingolstadt geritten.
    Jul hob das erstarrte Gesicht, um das die schwarzen, nassen Haarstrhnen
hingen. In seinem Blick war ein tiefer Schreck, der hinberglnzte in eine so
schne Freude, als kme eine erlste Seele aus diesen Augen heraus. Dann war's
wieder eine schwere Trauer. Jul schttelte den Kopf, als mchte er sagen: Du
verstehst mich nit! Sich beugend, prete er die Stirn auf das eisengeschiente
Knie und brach in stummes, wrgendes Schluchzen aus.
    Malimmes legte den Arm um des Buben Kra. Reden konnte er nicht. Und wie
ein Frierender fing er zu zittern an. Dieser Rauhe, der ohne Trne war, htte in
diesem Augenblick die Sonne vom Himmel reien mgen, um sie einer drstenden
Menschenseele in die Hnde zu legen.
    Sich leis bewegend, wiegte er den schluchzenden Buben an seiner Schulter.
Dann fing er mit einer Stimme, die fein und heiter klang, nach einer seltsam
heimlichen Weise langsam zu singen an:

Ich leb, wei nit, wie lang,
Ja, leb, wie lang?
Ich sterb und wei nit, wann,
Ja, sterb, und wann?
Ich reit, wei nit, wohin,
Wohin?
Wei nit, warum ich so frhlich bin!

    Das gleiche sang er ein zweites Mal. Und wieder. Wieder. Bis Jul das Gesicht
erhob und flsternd sagte: Das ist schn.
    Gelt ja? Hab nit oft ein Wrtl gehrt, das gescheiter geredet htt von
Glck und Leben. Und weit du, wo ich das Liedlein herhab? Sieben Jahr ist's,
Bub, da hab ich einem Heckenreiter gesoldet. Und die Regensburger haben mich
hopp genommen und haben mich in den schiechen Turm geworfen, den man den
Giebel heit. Und in der trben Lochstub ist das Liedlein eingeschnitten
gewesen in den mrben Tisch. Und weit du, von wem? Der Lochwrtl hat mir's
gesagt: von einem, den die Regensburger zum Tod gesprochen haben.
    Irgendwo ein dumpfes Rauschen. Und ein Drhnen in der Ferne, wie von tausend
brllenden Hauptbchsen.
    Jul und Malimmes hoben die Gesichter. Und da sahen sie in den fernen Lften
ein Wunder stehen, so schreckhaft und von so herrlicher Schnheit, da sie ihrer
selbst und aller Nhe vergaen.
    Weit drauen im Tal der Saalach, in der Scharte zwischen Untersberg und
Staufen, stand ber dem ebenen Land das entfesselte Gewitter, das von der Donau
gezogen kam. Unter dem blauen Himmel und neben der Sonne, die noch auf die Berge
schien, war das ferne Wettergewlk anzusehen wie eine riesenhafte, graublaue und
schwarzbraune, mit Gold und Silber beschlagene Himmelstruhe, durch deren Ritzen
die edlen Geschmeide Gottes blitzten. Aus der oberen Wolkendecke, die von Sonne
schimmerte, wuchsen schneeweie Dampfbume gegen das leuchtende Blau hinauf, wie
Palmen und Pinien gestaltet, mit rosigen Blumen und goldenen Trauben behangen.
Und unter den Wolken, in dem stahlblauen und schattengrauen Gewirr der
Regengsse, zuckten mit grellem Schein oder in grnlichem Leuchten die Blitze
hin und her. Und wenn die Blitze nach aufwrts durch die Wolkendecke stachen,
faten sie die silbernen Nebelbume, ringelten sich wie glitzernde Schlangen
ber die Stmme hinauf, verteilten sich im Gezweig, machten die Blumen und
Trauben brennen - und aus den Wipfeln fuhren sie verzngelt in die blassen
Dnste wie wehendes Goldhaar. Und dazu ein Rauschen, Drhnen und Rollen, als
kme der Schpfer gefahren auf seinem Wagen, der gezogen wurde von den Riesen
der Ewigkeit.
    Schweigend nahm Malimmes den Eisenhut vom Haar. Und Jul, die Hnde
ineinanderklammernd, fing mit der bebenden Stimme eines Weibes zu beten an.

                                       11


Unter den peitschenden Regengssen und prasselnden Hagelschlgen des Gewitters,
das ber die bayrischen Lande niederging, jagte Lampert Someiner in klebenden
Kleidern auf seinem erschpften, triefenden Rappen der vieltrmigen Stadt
entgegen, die wie ein grauer Schemen hinter den Schleiern des vom Himmel
fallenden Wassers lag.
    Irgendwo in diesem Grau, ganz nahe und dennoch unsichtbar, rauschte die
hochgeschwollene Donau so stark, da auch der rollende Donner dieses Rauschen
nicht vllig bertnen konnte. Sooft das blaue oder weigrelle Leuchten eines
Blitzes durch die Lfte ging, verstrkte sich der in groen Tropfen
niederklatschende Regen, oder es prasselte ein neuer Hagelschauer aus den Wolken
herunter. Auf der Strae versanken die Hagelkrner in Morast und Pftzen, doch
auf den Wiesen und ber den zerschlagenen Getreidefeldern neben der Strae lagen
sie wie dicker Schnee. Und ber diesem Schnee war tischhoch der weiliche Dunst,
zu dem die auffallenden Regentropfen auf den harten Eiskrnern zerstubten.
    Moorle jagte mit gesenktem Schdel, keuchend, die Augen vorgequollen, da
man rings um die angstvollen Lichter das blutunterlaufene Weie sah. Lampert, um
sich leicht zu machen und den Winddruck zu verkleinern, lag mit Brust und
Gesicht auf der Mhne des Pferdes. Nur sein Schwert hatte er behalten - alles
andre, die Packung des Pferdes, den Mantel, die Arm-und Beinschienen, den
Plattenkra und die Stahlhaube, hatte er bei dieser hetzenden Verfolgung
fortgeworfen, um die Last fr den Gaul zu mindern und diesen sechs rtselhaften
Heckenreitern zu entrinnen, die er seit dem Morgen hinter den Fersen hatte. Zwei
von den Stiftsgulen waren niedergebrochen. Nun mute Moorle seinen letzten Atem
hergeben und aushalten bis zum Ingolstdter Tor.
    Whrend Lampert den erschpften Rappen mit Spornsten hetzte, wandte er
immer wieder das Gesicht. Von seinem Knecht und den sechs Reitern war seit einer
Weile nichts mehr zu sehen.
    Diese Reiter? Die immer verschwunden waren, um immer wieder aufzutauchen?
Lampert wute nicht, was er von ihnen denken sollte. Manchmal hatte diese
Verfolgung sich angesehen wie ein boshafter Narrenstreich, wie ein
Blindekuhscherz. Erst waren es nur zwei gewesen, dann viere, dann sechse. Auf
offenem Gelnd und in der Nhe von Drfern hatten sie gespielt mit ihm wie
Katzen mit der Maus, die nimmer entrinnen kann. Doch sooft sich die Strae in
dichtem Wald verlor, war's Ernst geworden, bei keuchendem Jagen. Und im letzten
Wald vor Ingolstadt, bei Ausbruch des Gewitters, hatten sie den Knecht eingeholt
und aus dem Sattel gerissen.
    Strauchdiebe? Die sich mit einem abgeschundenen Pferd, mit Kittel und Hemd
eines Knechtes begngten?
    Ein Blitz fuhr nieder, da Strae und Wiesen wie in Feuer schwammen. Dann
ein Gerassel in den Lften. Moorle scheute, und seine Hufe hmmerten ber die
Bohlen der Donaubrcke. Aus den grauen Wassergssen des Gewitters tauchten die
schweren Trme heraus, schwarz vor Nsse.
    Lampert mute auf dem zitternden Gaul eine Weile harren, bis im Tor das
schwere Balkengatter aufging.
    In der Mauthalle drngte sich ein Schwarm von bunten Sldnern um den
triefenden Reiter her.
    Botschaft an Herzog Ludwig! Geleit vom heiligen Peter zu Berchtesgaden!
    Lamperts Stimme klang so heiser, da die Mautknechte ber diese krchzenden
Laute zu lachen begannen. Man gab ihm zwei Sldner, die ihn zur Burg des Herzogs
fhren sollten, und versprach ihm, zehn Reiter auf die Suche nach seinem
verschwundenen Knecht zu schicken. Er stieg aus dem Sattel, um den zitternden
Gaul zu entlasten. Nach diesem mehr als vierzigstndigen Ritte wurde das Gehen
fr Lampert eine harte Mhe. Den linken Arm, der heftig schmerzte, konnte er
kaum bewegen. Auch Moorle war fertig und kroch wie ein zerprgelter Ackergaul
ber das grobe Pflaster hin. Die enge Strae war leer, doch unter den Torhallen
standen buntgekleidete Menschen dichtgedrngt beisammen, um das Ende des in
grauen Schnren fallenden Regens abzuwarten; sie machten Spe, als die zwei
Sldner mit dem gewaschenen Fremden zwischen den pltschernden Dachtraufen und
unter den Gssen der Wasserspeier vorbertappten.
    Nach langem Weg durch winklige, von gelben Bchen berschwemmte Gassen
erreichte Lampert das mit reichgekleideten Wachen besetzte Tor der herzoglichen
Burg. Er wurde mit hfischer Umstndlichkeit salutiert, und viele Diener
stellten sich zu seinem Dienst. Lamperts erste Sorge gehrte dem bel
zugerichteten Moorle. Als man den Gaul zu gutem Stall gefhrt hatte, lief einer
von den rotgekleideten Leibtrabanten, die man Einrsser nannte, flink davon, um
dem Herzog die Ankunft des Berchtesgadnischen Herrn zu melden.
    Die langen Hallen, die der Trabant durchschreiten mute, um dem in die Hfe
niederprasselnden Regen zu entgehen, wimmelten von rotgewandeten Sldnern, von
grn und braun gekleideten Jgern und Falknern, von Herren in Scharlach und
Silbergrau, mit der goldenen Edelmannschnur um die Hte. In Herzog Ludwigs
zahlreichem Hofgesinde diente neben den Soldknechten und Troleuten ein halbes
Tausend von Grafen und Rittern, von beuteschtigen Abenteurern aus allen
Lndern. Neben der heimatlichen Sprache hrte man Italienisch, Flmisch und
Ungarisch, das Platt und den schwbischen Dialekt, die rauhen Laute der
Schweizer und am hufigsten das hurtig gleitende Franzsisch. Zwischen den
Herren und Knechten ein Gewimmel von Jagdhunden. Man schwatzte, schrie und
scherzte, da es den Lrm des Regens bertnte; man zechte an langen Tischen bei
Saitengeklimper, bei Brettspiel, Karten und Knchelbecher. Herr Ludwig, der
diesen Schwarm von Hofleuten nhrte, lie das viele Gold, das er aus Frankreich
nach Ingolstadt verfrachtet hatte und das er im eignen, reichen Lande gewann,
durch lockere Finger ins Leere laufen.
    In einem kleinen, von hohem Kreuzgang umzogenen Hofe, der mit schnen
Steinmetzarbeiten geziert war, standen trotz Regen und Traufe viele Herren,
Sldner und Jger mit Lachen und Schwatzen um groe Holzkfige und Krbe her, in
denen Fasanen und ungarische Hirsche gekommen waren, um die Bestnde des
herzoglichen Tiergartens aufzufrischen. Die Jagdhunde klfften das Hochwild an
und schnupperten gierig den Duft der schnen Vgel.
    Der Einrsser eilte durch lichtarme Korridore und ber unbequeme Treppen
hinauf. Das alte Schlo war dster und winklig in seiner Bauart. Doch die
bedrckten Rume waren verschwenderisch ausgestattet, und in allen Gngen
standen rotgekleidete Leibtrabanten mit vergoldeten Spieklingen.
    Vor der Tagstube des Herzogs lag der einzige groe Saal des Schlosses wie
eine glitzernde Schatzkammer. Kunstvoll gewebte Bilderteppiche bedeckten die
Wnde. In verglasten Schrnken schimmerte eine Flle von Kostbarkeiten: Diademe,
Grtel und Kronen aus Smaragden und Saphiren; Heiligenschreine standen umher mit
Schnitzereien aus Elfenbein; goldene und silberne Statuen glnzten, Hausaltre
mit Gemlden auf Goldgrund, verschwenderisch umkrustet von Perlen und
Edelsteinen; und berall funkelten kristallene Gefe und emaillierte Gerte,
Werke der Schmelzknstler von Limoges.
    Die Heimat dieser Kostbarkeiten war Frankreich. Sein halbes Leben hatte Herr
Ludwig in Paris und in franzsischen Knigsschlssern zugebracht, wo die
prunkvolle Tobsucht des Knigs auf alle lebenden und toten Dinge seiner Umgebung
abfrbte und aller hfische Brauch eine verrckte Schamlosigkeit atmete, fr
welche die Knigin, Ludwigs Schwester Isabeau, das Vorbild stellte. Und als Herr
Ludwig vor Jahren aus Frankreich flchten mute, hatte er diese Pfandstcke, fr
die er dem Knig und der Knigin bayrisches Geld geliehen, nach Ingolstadt
entfhrt - nicht adle mit gutem Recht. Seine Freunde nannten ihn drum einen
klugen Kaufmann - sein Vetter Heinrich zu Burghausen sagte: Der Ingolstdter
Dieb!
    In diesem Schimmersaal, bei der Tre, die zur Tagstube des Herzogs fhrte,
sa ein bejahrter Mann, der Kmmerer Wolfgang Graumann, Herrn Ludwigs getreuer
Wolfl. Neben ihm, auf einem groen, roten Kissen, ruhten zwei schne, starke
Hunde, braun und wei gefleckte Brenfinder, die aus dem berhmten
Jagdhundzwinger des bayrischen Oberstjgermeisters Kaspar Trring stammten und
des Herzogs Begleiter auf allen Wegen waren.
    Der Einrsser machte seine Meldung, und Wolfl trat durch die Tr. Eine
wohnliche Stube. Wertvolle Gemlde an den dunklen, mit goldbedrucktem Leder
berspannten Wnden. Auffllig waren die vielen kleinen Statuetten von
Bullenbeiern mit gefletschten Zhnen. Sie ersetzten die Spruchbnder, die in
Herzog Heinrichs Stube zu Burghausen waren. Auf dem Marmorgesimse des
franzsischen Kamines stand das grte dieser Bluthundbilder, ein schwerer
Bronzegu, auf dessen Sockel die lateinischen Worte zu lesen waren: Memento,
quia canis est! Nach der Heimkehr vom Konzil zu Konstanz, als ein von schweren
Wunden Genesener, hatte Herr Ludwig bei der Aufstellung dieser Gedchtnisstatue
lachend gesagt: Wenn ich den Mrder Heinrich einmal gebunden da herein
schleppe, mu er sich das bersetzen lassen: Vergi nicht, was fr ein Hund das
ist! Selber versteht er's nicht.
    Die Stube hatte nur zwei winzige Fenster, bekam aber eine Flle von Licht
durch den neuen Erker, der aus einer Ecke des Raumes gegen die Donau
hinausgebaut war. In diesem Erker hingen zierliche Goldkfige mit
fremdlndischen Singvgeln, daneben ein grerer Flugkfig mit kleinen grnen
Papageien, die unter ruhelosem Gezwitscher allerlei wunderliche Maschinerien
trieben, wenn sie Futter nahmen. Mit diesem steten Vogelgeschwtz und dem
Traufengepltscher des Regens mischte sich der Klang eines kunstvollen
Lautenspiels. Der Musikus, in Scharlachfarbe gekleidet, ein Dreiigjhriger mit
verschmitztem Geweht, sa in einem Polsterstuhl des Erkers, Peter Nachtigall,
der Hoflautner des Herzogs, der Vertraute und geheime Briefbote bei seines Herrn
verschwiegenen Zrtlichkeiten. In diesem sekreten Dienste hatte Peter Nachtigall
viel zu tun, obwohl Herr Ludwig im Bart, der zu Paris seine beiden Gemahlinnen
begraben hatte, schon im sechsundfnfzigsten Lebensjahre stand.
    In seinem stattlichen Wuchs und seiner strotzenden Lebenskraft sah der
Herzog wie ein Vierziger aus. Sein Vater Stephan war ein zierliches Mnnchen
gewesen und Ludwigs Mutter Tadda Visconti, die Schwester von Heinrichs Mutter
Maddalena, eine schlanke, feingelenkige Sdlnderin. Und dennoch hatte sich der
Sohn solcher Eltern, das Bild des kaiserlichen Ahnherrn wiederholend, zu diesem
prachtvollen, mit Stolz und Lachen begabten, ritterlich gestalteten Mannsbild
ausgewachsen, whrend alles Kleine und Lebensdunkle der Eltern auf seine an
Gesicht und Krper zierliche Schwester Isabeau gekommen war, die auf dem Throne
von Frankreich sa als das belste Weib ihres Landes. Am Pariser Hof hatte
Ludwig, der sich Loys zu nennen liebte, den scharmanten Schliff franzsischer
Sitten angenommen und sich geschult in franzsischem Mutwillen. Doch er hatte
bei seiner Flucht aus Frankreich - neben einer kleinen, hlichen franzsischen
Narbe am Hals - auch eine zweifelhafte Schtzung des deutschen Wesens mit
heimgebracht und eine weitgehende Skrupellosigkeit in der Wahl der Mittel bei
seinen zahlreichen politischen Hndeln. Es mischte sich in ihm viel Gutes mit
viel Bedenklichem: ein reizbares und leichtsinniges Blut mit einem lebhaften,
fr alles Schne empfnglichen Gemt, harter Eigenwille mit rascher
Barmherzigkeit, hochfahren des Wesen gegen seinesgleichen mit leutseliger Gte
gegen Anne und Niedrige.
    Als Wolfl die Stube betrat, fand er den Herzog zu einer Stunde, die in
Ludwigs groen, dunkelblauen Augen alles Gute seines Lebens glnzen machte.
Neben dem reich geschnitzten Tisch, der viele Laden und Geheimfcher hatte,
stand er hoch und stattlich, in einem lose gegrteten, aus Gold und Grn
gewobenen Brokatrock, die rote, mit Hermelin verbrmte Sammetmtze ber dem
braunblonden, nur von wenigen grauen Fden durchzogenen Haar. Der dunkelblonde,
nach franzsischer Art geschnittene Vollbart umrahmte das krftig gefrbte
Gesicht mit der starken Nase und den roten, sinnlich geschwellten Lippen. Eine
dicke Narbe ging schrg ber die Stirn, und an den schn gepflegten Hnden waren
die Male schwerer Schnittwunden zu sehen - die Erinnerungszeichen an jene
blutige Rchernacht zu Konstanz.
    Mit diesen Hnden hielt Herr Ludwig in Zrtlichkeit die Hand eines schnen,
zwanzigjhrigen Jnglings umschlossen, der in dunklen Reisekleidern vor dem
Herzog stand wie ein in Jugend erneutes Ebenbild des Frsten: Jungherr Wieland,
Sohn der schnen Jungfrau Canetta, der Tochter des herzoglichen Rates Wieland
Swelher zu Neuburg.
    Ohne die Hand des Jnglings zu lassen, hob Herr Ludwig das Gesicht. Mein
guter Wolfl, was bringst du?
    Ein Bote vom heiligen Peter zu Berchtesgaden ist eingeritten, Herr Lampert
Someiner, mit einem Brief, der eilig ist.
    Keine Botschaft ist so eilig, da sie der Reinlichkeit nicht Zeit gewhren
knnte. Herr Ludwig sah zum Fenster, vor dem der Regen versiegte. Der rmste
hatte bses Reisewetter. Man soll ihm ein heies Bad richten. La ihn essen und
trinken, was ihm schmeckt. Dann kleid ihn aus meiner Kammer!
    Wolfl Graumann verschwand.
    Herr Ludwig zog die Hand des Jnglings nher an seine Brust und sah ihm
herzlich in die Augen. Jetzt geh, mein lieber Junge! Du wirst zum Anfang deiner
Reise noch schne Stunden haben. Das Wetter hat sich ausgetobt, die Sonne will
wieder kommen. Reise gut und bleib gesund! Dein Hofmeister wei, wie es nach
meinem Willen auf der hohen Schule zu Bologna mit dir gehalten werden soll. Sei
fleiig und lerne tchtig! Das Leben ist eine zweifelhafte Sache, die nur
ertrglich wird und Wert gewinnt durch Schnheit, Wissen und Kunst. Geh auch
verstndig mit deiner Jugend um! Freu dich, vergeude Gold, wenn es dir Spa
macht, aber schone das Beste deiner Lebenskraft! Tue, was ich selbst zuweilen
unterlie: Zgle dein junges Blut! Aus Erfahrung wei ich, da Sturm in den
Adern immer Gefahr ist. Man kann nie voraussehen, ob das einer Tugend zuluft
oder einem Laster! So, lieber Junge! Und jetzt - Herr Ludwig zog am Tisch eine
Lade auf.
    Ein leises Knirschen an der Tre. Auch die Vorhnge bewegten sich. Doch
niemand kam. Peter Nachtigall hob den Kopf und unterbrach sein trumerisches
Saitengezirp durch krftige Baklnge. Herr Ludwig, von der Erregung des
Augenblicks umfangen, berhrte den klirrenden Wink. Er nahm aus der Lade eine
Goldkette heraus, an der ein Taubenblutrubin von seltener Schnheit blitzte.
Diese Kette legte er um den Hals des jungen Wieland. Nimm das! Als Geschenk zum
Abschied. Das ist des heiligen Ludwigs achteckiger Rubin, den ihm ein Engel
brachte - sagte man. Der Herzog fand sein frohes und starkes Lachen. So kommen
des Himmels Gter auf uns irdische Snder.
    Herr, stammelte Wieland in Freude, die auch Bestrzung war, Ihr
verschwendet der Gte zu viel an mich Unwrdigen.
    Unwrdig? Manchmal bist du's! Es fehlt dir an Stolz und Selbstbewutsein,
zu dem du als mein Sohn ein Recht hast. Drum mifllst du mir oft. Aber ich
liebe dich. Zrtlichkeit, die ihren Gegenstand mit Lgen umschleiert, ist
Schwche. Liebe, die jeden Fehler des geliebten Menschen erkennt und dennoch
liebt, ist Kraft.
    In tiefer Bewegung kte Wieland die Hand des Frsten. Herr - wie soll ich
danken -
    Sag Vater zu mir! Mein Sohn bist du! Der andre ist mein Erbe, Gott sei's
geklagt!
    Peter Nachtigall spielte eine sehr lrmende Weise, whrend die Papageien
schrill zu schwatzen begannen.
    Du wirst in kommenden Zeiten nicht gut fahren mit meinem Erben, diesem
Hckerlein von Gottes Gnaden. Drum hab ich fr alle Flle gesorgt. Der Herzog
sprach immer rascher. Ich habe dir das Donaumoos verliehen. Die Feste
Hohenstein sollst du haben. Auch sind zwlftausend rheinische, sechstausend
ungarische Gulden und dreitausend Dukaten bei der Stadt Regensburg hinterlegt
fr dich. Und zwanzigtausend Gulden liegen bei den Stadtvtern in Lauingen,
leider in Landshuter Silber. Die kleine Burghausener Laus versteht sich darauf,
mir Nissen in den Pelz zu legen. Aber noch besser versteht sie sich auf
schlechtes Mnzen. Um den Schaden fr dich auszugleichen, hat ich dir zu
Straburg etliche Kostbarkeiten hinterlegt, die meine Schwester an mich
verpfndete: die Krone vom Tag, der Knigin Schapel mit sechzig Rubinen und
zweihundert Perlen, der Knigin Rosenkranz und Grtel. Urkund ber alles liegt
zu Neuburg bei deinem Grovater Swelher. Nein - du sollst nicht danken! Ich
gebe, weil ich liebe. La dich kssen! Und geh!
    Herr Ludwig fate den schnen Jngling mit beiden Hnden am Blondhaar, zog
ihn ungestm zu sich her, kte ihn auf beide Wangen, schob ihn heftig von sich
fort, wandte sich ab und trat zum Fenster. Der junge Wieland ging mit glhender
Stirn zur Tre. Als er die schweren Vorhnge beiseite schob, erschrak er, da
sein Gesicht sich entfrbte. Peter Nachtigall lie crescendo die Laute
schnurren. Und da wurde Herr Ludwig aufmerksam. Er wandte sich vom Fenster und
sah, wie der junge Wieland sich gegen den Trbehang verneigte und mit jagendem
Schritt davonging. Der Herzog warf einen fragenden Blick zu Peter Nachtigall
hinber, trat auf die Tre zu und guckte hinter den Vorhang. Du! - - Was machst
du da?
    Eine hohe, glatte Knabenstimme: Ich habe der holden Musik deines Peter
Nachtigall gelauscht. Freude an schnen Klngen - du weit doch, das ist das
einzige, worin ich dir gleiche.
    Dem Herzog stieg es hei in die Stirne. Stehst du schon lange da?
    Schon ein hbsches Weilchen.
    Herr Ludwig, gegen das Fenster schreitend, sagte mit unverhehlter
Verachtung: Lungern und lauschen! Wer auf der faulen Haut liegt, kommt zu bsen
Gedanken. Er drehte das zornrote Gesicht ber die Schulter. In deinem Alter,
mit achtzehn Jahren, hab ich meinen ruhmvollen Feldzug gegen Flandern
ausgefochten.
    Du hattest gerade Glieder.
    Aus den Vorhngen, die sich beiseite schoben, trat in reicher Kleidung ein
junger migestalteter Mensch hervor, mit groem Kopf, der von dnnen, braunen
Haarstrhnen umhangen war, mit kleinem, hinter den Schultern wunderlich
gehrntem Rumpf und mit langen, mageren Beinen - hnlich einem langfigen
Kfer, der aufrecht schreitet. Aus dem breiten, blassen, immer lchelnden
Gesicht sprach eine frhreife Klugheit. Und unheimliche Dinge blitzten in diesen
dunklen, sphenden Augen.
    Das war Prinz Ludwig, den sie den Buckligen und Ludwig Hckerlein nannten,
des Herzogs Erbe, der eheliche Sohn seiner ersten Gemahlin Anna von Bourbon.
    Das Volk erzhlte: Als Herzog Ludwig um der Snden seiner Schwester willen
vor einer Meuterei des franzsischen Adels flchten mute, htte man das
Knblein Ludwig in einem kleinen, engen Maultierkorbe von Paris bis Ingolstadt
gesumt; bei diesem wochenlangen, gekrmmten Liegen in dem drckenden Kretzen
htte sich das Krperchen des Knaben so hlich entstellt. Aber die rzte des
Herzogs wuten es anders. Sie wuten auch, da der schne Sohn der Jungfrau
Canetta zwei Jahre vor Ludwig Hckerleins Geburt zur Welt gekommen war, ab
Herzog Ludwig - damals noch Prinz - die heimatlichen Lande bereiste und an
seinem Hals die hliche franzsische Narbe noch nicht hatte.
    Nach dem Wort des Buckligen - Du hattest gerade Glieder! - war langes
Schweigen in der Stube. Ludwig Hckerlein blieb unbeweglich neben der Tre
stehen, in den Augen die Pein seines entstellten Leibes, seinen funkelnden Ha
und seine brennende Eifersucht. Der Herzog stand bei dem kleinen Fenster und sah
in Mimut zu, wie die goldschne Abendsonne aus den verziehenden Wetterwolken
blinzelte. In weiter Ferne - von Sden her, wo die Berge lagen - klang zuweilen
noch ein Murren des Donners.
    Herr Ludwig fragte heftig: Was willst du jetzt? Bleiben? Oder gehen?
    Der Prinz lchelte steinern. Bleiben. Meister Nachtigall hat wieder eine
se Weise gefunden - nach jenem lrmenden Zwischenspiel. Er ging mit langen,
langsamen Spinnenschritten auf den Tisch zu. Es war nicht lrmend genug. Sein
Gesicht verzerrte sich, whrend seine Stimme glatt und freundlich blieb. Ich
konnte bemerken, da heute bei dir ein Schenktag ist. Willst du deinen einzigen
Sohn nicht auch bedenken?
    Herr Ludwig fuhr auf: Deinen ewigen Geldhunger vergng ich mit keinem
Pfennig.
    Schade! Einer liebt zu sagen: Geld ist Macht.
    Jetzt brannte der Zorn im Herzog. Mahne mich nicht an diesen Filz!
    Die Leute sagen, er htte viel Macht in seinem Schatzturm.
    Meinst du? Herr Ludwig wurde ruhig. Aber frag nicht, wie er zu solcher
Macht gekommen. Einer hat Gold aus einem Federbett gestohlen. Als er flchten
mute, warf er den Raub ins Wasser. Die Goldstcke sanken unter, die Flaumen
schwammen. So kommen die Wertlosen obenauf. Ein Witz dies Lebens.
    Ich danke dir.
    Weshalb?
    In deinem Gleichnis ist eine Hoffnung fr die Stiefkinder des Glcks. Der
Bucklige fand ein spielendes Lcheln, das sein Gesicht beinahe mnnlich machte.
Du bist Gold. Ich bin ein Flumchen. Wenn ein helfender Wind blst, will ich
fliegen.
    Der Herzog sah den Lchelnden forschend an. Hckerlein! Du weit, ich mag
dich auch um deiner belsten Bosheit willen nicht strafen. Ich spreche keinen
Verbrecher zum Tode. Soll ich nicht geduldig sein gegen meinen Sohn? Aber eine
Wespe, die stechen will, verscheucht man.
    Oder man beschftigt sie und legt ihr eine se Birne hin - s, auch wenn
sie schon ein bichen faul ist. Mit einem wunderlichen Schupf des mifrmigen
Krpers setzte sich Prinz Ludwig auf die Lehne eines Stuhles, der vor dem Tische
stand. Vater?
    Was?
    Gefllt dir die Wickerspacherin noch immer?
    Welche meinst du? Herr Ludwig lachte kurz. Die Mutter oder die Tochter?
Schn sind beide.
    Welche du willst. Die Stimme dies Prinzen zitterte von einer drstenden
Gier seines Blutes. La mir die andre!
    Der Herzog wurde heiter. Hckerlein, du redest Unsinn. Such dir was
Eignes!
    Ich finde nichts. Die Hlichen mag ich nicht. Die Schnen nimmst du! Der
Blick des Prinzen glnzte von Bosheit. Nun bist du schon bald ein Greis. Dich
sollte der Liebe gengen. Leidenschaft in deinen Jahren ist noch drolliger als
mein Hcker. La die Jungen werben!
    Da stieg dem Herzog der rger in die Kehle. Wirb! Ich selber mchte das
erleben, da dich eine nimmt. Dann wollte Ich versuchen, dich mit ihren Augen au
sehen, damit du mir besser gefllst. Du bist mein Sohn. Gott und mein Herz
sagen: Ich mu dich lieben. Aber du hinderst mich.
    Von diesen heftigen Worten des Vaters schien Prinz Ludwig nur das erste
gehrt zu haben. Werben? Ich bin ungeschickt. Es wre deine Pflicht, mich in
die Schule zu nehmen. Du bist sehr erfahren in diesen Dingen. Der Bucklige
drehte das entstellte Gesicht zur Tre hin, durch die der junge Wieland
verschwunden war. Dann lchelte er wieder, mit einem Lauern in den Augen. Ist
das wahr, Vater, was die Mgde von dir erzhlen?
    Was erzhlen sie?
    Da du das Unmgliche wahr machen kannst. Unter den zahllosen Mdchen, die
du verfhrtest, soll auch eine Cisterciensernonne gewesen sein? Im Blick des
Buckligen war Freude, als er sah, wie tief er den Vater verwundet hatte.
    Herr Ludwig hob die Faust, als mchte er sie niederschmettern auf die Stirn
seines Sohnes.
    Der Bucklige sa unbeweglich und sah den Vater neugierig an.
    Mhsam sagte der Herzog: Ich glaube stark zu sein wider eine Welt. Gegen
deine kindische Schamlosigkeit bin ich machtlos. Er tat einen Gang durch die
Stube und blieb beim Erker stehen. Nachtigall? Hast du das gehrt? Was der
Junge in seiner bsen Knabentorheit schwatzt, ist eine Komdie, da meine
Pariser Fratzenschneider mir keine lustigere vorspielen knnten.
    Langsam streckte sich der Bucklige. Seine Zunge, wie die Zunge eines
Drstenden, leckte ber die blulichen Lippen. Und seine Augen brannten. Ich
wte dir eine, die noch lustiger wre.
    Spiele sie! schrie Herr Ludwig.
    In die Wangen des Prinzen stieg eine krankhafte Rte. Um diese Komdie fr
deine heiteren Nchte schreiben zu knnen, mt' ich erst wissen, wie es der
Oheim Galeaz Visconti machte, als er zu Mailand deinen Grovater Barnabas von
der Herrschaft wegschob. Hat er ihn nicht auch im Kerker erwrgen lassen?
    Herr Ludwig stand eine Weile regungslos, in Entsetzen den Sohn betrachtend.
Dann drehte er das Gesicht zum Erker. Schweig, Nachtigall! Die Laute
verstummte. Und verhnge die Kfige! Meine Vgel sollen nimmer singen. Aber
bleibe bei mir! Ich mag nicht allein sein - mit diesem Kind!
    Whrend Peter Nachtigall mit dunkelroten Tchern die Kfige verhngte, ging
Herzog Ludwig rasch auf den Prinzen zu und schrie: O du Laus du! Er wurde
ruhig. Die Kraft seines Lieblingswortes schien den whlenden Zorn in ihm
beschwichtigt zu haben. Ernst, beinahe traurig, sagte er: Hckerlein! La dich
warnen! Die Geschichte ist ein Schulmeister. Ermuntern soll das Vorbild der
Guten. Das Schicksal der Bsen soll abschrecken.
    Der Bucklige lchelte fein. Das ist eine bequeme Lehre fr solche, die bs
gewesen. Wenn die Maus satt ist, erzhlt sie, das Mehl wre bitter.
    Die Augen des Herzogs erweiterten sich. Was soll das heien?
    Ich habe heut in alten Pergamenten gekramt. Da fand ich eine Urkund, in der
sich dein Vater eidlich von dir versprechen lie, da du ihn zeitlebens
ungekrnkt bei Gewalt und Frstentum lassen solltest.
    Dem Herzog fuhr eine heie Blutwelle ins Gesicht.
    Und freundlich fragte Prinz Ludwig: Ist diese Urkund eine Flschung?
    Ein whlender Kampf im Herzog. Nein.
    Also hatte dein Vater Ursache, sich das von dir versprechen zu lassen? Wenn
es dich beruhigt, Vater, unterschreib ich dir das gleiche Pergamente.
    In der Stube war dumpfe Stille. Verschwommen klang aus den Hfen das Gelut
der Jagdhunde und die lrmende Heiterkeit des groen Menschenschwarmes. Sich
nach vorne beugend, sagte Herr Ludwig mit zerdrckter Stimme: Kind! Sieh meine
Augen an! Sind sie na?
    Heiter lchelte der Bucklige. Ich wei ein Sprichwort: Besser, es weint der
Vater als das Kind. Oder heit es anders?
    Lange schwieg der Herzog. Dann sagte er, uerlich ruhig, doch mit einem
Beben in der Stimme: Hckerlein! Mir graut vor deiner Seele. In dir verbindet
sich mein Mutwille und meine Gewaltttigkeit mit Vetter Heinrichs Niedertracht
und Schlue. In jeder List und Verschlagenheit bist du so wohl unterrichtet wie
deine Tante in Frankreich. Du kannst ein Frst werden, von dem die nachkommenden
Geschlechter viel erzhlen
    Meinst du, viel Gutes?
    Nein! Emprung und Meineid stehen auf deiner Stirne. In seltener Mischung!
Die solltest du fortpflanzen. Um der Raritt willen! Wirb! Wirb! Wirb! Er wre
mglich, da eine dich nimmt. Dir fehlen Herz und Bauch, du hast nur Hirn und
Geschlecht. Fr gesunde Weiber ist das zu wenig. Aber ich habe Weiber
kennengelernt, die am kranken Grauen und am krperlichen Widersinn eine Freude
hatten. Ein Weib wirst du also finden. Aber keine wird dich mit einem Sohn
beschenken. Das Weib, das du zur Mutter machst, wird Katzen gebren. Oder sie
mte dich mit ihrem Koch betrgen. Da gibt es Beispiele. Herr Ludwig atmete
tief. Bse? Ja, mein zrtliches Kind! Man darf bse sein. Wenn das Notwendige
nicht im Guten vorwrts will. Aber knnen mu man's. Nicht schwach darf man
sein. Wie die kleine Laus von Burghausen. Fuste mu man haben und Herz und Blut
und Knochen! Und ein Lachen mu man besitzen, das die guten, dummen Menschen
vershnt. Du bist ein armseliger Tropf im schwchlichen Hunger deiner kranken
Knabensinne, die faul geworden, ehe sie noch reif wurden. Geh aus meiner Stube!
Flink! Und greif dir eine von meinen Badmgden, die mir nur die Waden kneten
drfen und die Sohlen schaben! Geh! Ich mag dich heut nimmer sehen.
    Mit aschfarbenem Gesicht, doch immer lchelnd, machte Prinz Ludwig seinen
langsamen, wippenden Kferschritt und verlie die Stube.
    Nachtigall, spiele mir was, und la die Vgel wieder singen! Herr Ludwig
ging erregt in der Stube auf und nieder. Drei Kinder wurden mir in Paris
geboren und starben jung. Ihre zwei Mtter hatten zu wenig Sonne im Leib, um
meine Kinder fr das Leben reif zu machen. Nur diesen einzigen, der noch lebt -
Der Herzog sprach den Satz nicht zu Ende. Seine Schritte wurden schneller, und
in Zorn murrte er vor sich hin: Allerlei Kostbarkeiten habe ich aus Paris
davongetragen. Er sah zur Tre hinber. Um eine zu viel! Ein schwerer Atemzug
hob seine breite Brust. Wahr ist's, Nachtigall! Ich hab viel gesndigt an
meinem Haus. Er deutete nach der Tre. Der da sieht aus, als sollte er's
vergelten an mir.
    Die Vgel zwitscherten wieder, und Nachtigall spielte die zrtlichste seiner
Weisen. Herr Ludwig schttelte den Kopf: La gut sein! Mein Gehr ist
verdorben, alles klingt mir falsch.
    Der Kmmerer Wolfl brachte eine Meldung. Und dann trat ein kleiner,
hochbejahrter Mann mit weiem Faltengesicht in die Stube, dunkel gekleidet, mit
einer seidenen Schaube: Herzog Ludwigs Geheimschreiber, der Stadtpfarrer Gabriel
Gleslin. Ihm folgte ein Laienpriester, vierzigjhrig, in langem Schwarzkleid;
eine gesunde, derbe Gestalt war's, mit sonnverbranntem Gesicht und groben
Fusten; doch unter der braunen Haut an Stirn und Wangen war dem Manne das Blut
entronnen, eine wehe Angst bettelte in seinen Augen, und seine Fuste zitterten.
Er neigte sich tief.
    Wer ist das? fragte der Herzog.
    Gleslin erwiderte: Einer, der den gndigsten Herrn um Gnade bitten mchte.
    Herr Ludwig betrachtete den Mann, schickte den Meister Nachtigall mit einem
stummen Wink aus der Stube und fragte wieder: Wer ist das?
    Der Pfarrer von Ksching.
    Sooo? Der Herzog nickte heiter. Von Ksching? Der, als der Papst den Bann
ber mich verhngte, so flink seine Kirche schlo, die Lichter ausblies und das
Sakrament versperrte?
    Ich mute, Herr! Der Pfarrer kmpfte um jedes Wort. Als Priester! Nach
meinem Eid!
    Sooo? Und wie hltst du denn sonst deinen priesterliche Eid? Du bist doch
wohl der Pfarrer von Ksching, der eine Kebsin mit drei Kindern in seinem Widum
hlt? Hat deine sakramentlose Gemeinde dich verklagt?
    Der Pfarrer schttelte den Kopf. Blo mein Kaplan. Meine Pfarrkinder mgen
mich leiden. Mich und - ach, gndigster Herr, mein Trinle ist so ein gutes,
barmherziges Weibl!
    Gut oder boshaft, das macht fr die Weiber keinen Unterschied. Ein Weib
zieht immer den krzeren. Ist sie boshaft, so hilft es ihr nichts. Ist sie
barmherzig und geduldig, so geschieht ihr unrecht. Herr Ludwig wandte sich an
Gleslin. Wie denkst denn du ber dieses verbotene Zuckerbrot in den
Pfarrhfen?
    Der Greis schmunzelte. Da hab ich kein zutreffendes Urteil mehr. In drei
Jahren bin ich achtzig.
    Ja, Gleslin, alte Bcker verstehen sich nimmer auf neues Brot. Herr Ludwig
betrachtete den Inkulpaten. Jetzt bist du verklagt. Du mut das Weib mit den
Kindern fortschicken aus deinem Widum. Oder ich mu dich strafen. Gesetz ist
Gesetz.
    In den Augen des Dorfpfarrers irrte eine hilflose Verzweiflung. Er prete
vor der Brust die Fuste aneinander, da er weie Knchel bekam, und stie die
Worte rauh heraus: Ich mcht dem Gesetz gehorchen, Herr, und bring's nit
fertig. In meinem Innern ist bestndiger Krieg. Oft lauf ich in meiner
Gewissenspein hinaus in den Wald und tu einen Eid um den andern, da ich
umkehren will auf dem Weg meiner Snden. Und komm ich wieder heim, und treten
mir Weib und Kinder entgegen, dann regt sich in mir die Lieb zu ihnen mchtiger
als die Lieb zum Guten. Und da mu ich wieder ein Meineidiger sein und bring's
nit fertig, da ich mich selber berwind. Er konnte nimmer weiterreden. Seine
Zhne knirschten.
    Da sagte Herr Ludwig rasch: Du bist ein Mensch. Sei im brigen, was du
magst! Ich bin kein Heiliger, der zu richten kam. Drum sag ich dir: Geh hin und
sndige!
    Der Mann von Ksching ri die Augen auf und konnte dieses Wort der Gnade
nicht gleich begreifen. Als er es verstand, wlke er sich aufs Knie werfen. Doch
Herr Ludwig, mit seiner starken Faust, hielt ihn aufrecht und sagte ruhig: Ein
Pfarrer, der seinen Eid hlt, darf nicht knien vor einem, den der Papst in den
Bann getan. - Gleslin! Fhr diesen Menschen hinaus! Das Ding ist erledigt.
    Als der Greis wieder in die Stube kam, sagte er: Der Himmel segne Eure
Barmherzigkeit!
    Herr Ludwig schttelte den Kopf, Barmherzigkeit ist keine Eigenschaft der
Menschen. Die kommt zuweilen, ich wei nicht, von wo. Vielleicht von dort her,
wo der Ewige wohnt, von dem wir alle wissen und den noch keiner gesehen. -
Gleslin!
    Was, gndigster Herr?
    Ich glaube: Er lebt! Und gut ist er. Zu ihm kehrt, wenn ein Krper
verdirbt, der menschliche Geist zurck, sei er von Snden befleckt oder nicht,
seien die Werke des Menschen gut oder bs gewesen.
    Wieder schmunzelte Gleslin. Sagt solche Dinge nur zu mir, gndigster Herr!
Sonst verbrennt man euch wie den Hus.
    Der Herzog lachte: Das Feuer ist fr die Kleinen. Wenn ein Ketzer den
Purpur zur Entschuldigung hat, dann ist er sicher. Verstummend hob er den Kopf
und betrachtete den Greis, der aus seiner Schaube ein Pergament herausholte.
Gleslin? Du machst dein Rtselgesicht? Bringst du was Dummes?
    Das hat mir vor einer Viertelstunde ein Freund geschickt.
    Herr Ludwig las. Dunkel fuhr ihm der Zorn ins Gesicht. Ach, guck doch! Die
schne Else rhrt ihre weien Muhmenhnde! Die will wohl meinen Mist auf ihres
Bruders Acker fahren? Er warf das Pergament auf den Tisch und ging mit jagendem
Schritt durch die Stube. Da mu man zuvorkommen.
    Seid bedchtig, Herr! Was der Brief da meldet, mu uns wachsam machen. Das
geb ich zu. Aber schwren mcht ich, da der Zollern von diesem Kunkelspiel in
seiner Frauenstube keine Kenntnis hat. Seit dem Herbste ist er in seiner
Brandenburger Mark -
    Die er von unserm Haus gerissen!
    Nein, Herr! Die der Knig ihm verliehen hat fr treue Dienste. Der Zollern
hat immer zum Knig gehalten und ans Reich gedacht -
    Reich! Reich! Was Reich! Mir liegen Paris und Mailand nher als Prag und
Wien. Ich bin Frst auf meinem Boden, will's bleiben und wehre mich meiner
Haut. Weil Herr Ludwig die Stimme so zornig schraubte, fingen die kleinen
grnen Papageien schrill zu kreischen an.
    Gleslin ging zum Erker und deckte die dunkelroten Tcher ber die Kfige.
Die starke Abendsonne, die durch das Fenster hereinfiel, umglnzte den blassen
Greis.
    Immer heier erregte sich der Herzog. Meine Haut kann erzhlen! Sieh meinen
Kopf an, meine Hnde! Ich will Shne haben. Und Fritz von Zollern hindert sie
mir. Hat er nicht das Gericht wider diesen fahrigen Mrder verzgert, der sich
von Bayern nennt? Hat er ihm nicht die Verzeihung des geldnotigen Knigs
erwirkt?
    Solchen Vorschub um der Verschwgerung willen hab ich nie gebilligt. Aber
zieht auch in Rechnung, gndigster Herr, was Ihr ihm getan habt.
    Ich zhle, was mir in die Rechnung pat.
    Ihr habt ihm vergangenes Jahr seine frnkischen Lande verwstet, habt ihm
die Stammburg seines Geschlechtes niedergeworfen. Und immer zgert Herr
Friedrich noch, wider Euch in den Kampf zu treten.
    Weil er mich frchtet.
    Nein, Herr! Weil er im Reich der einzige ist, der auf die Friedensmahnung
des deutschen Knigs hrt. Und sollte Frau Else, verhetzt von ihrem Bruder,
Landshut wider Ingolstadt rsten, so drft ihr dessen versichert sein, da ihr
Gemahl solchen Anschlag vereiteln wird.
    Nichts an diesen ruhigen Worten des Greises rechtfertigte den malosen
Jhzorn, in dem Herr Ludwig aufbrauste: Gleslin! Bist du mein Rat? Oder bist du
bezahlt vom Fritz von Zollern?
    Dem alten Mann stieg eine dnne Rte ins Gesicht. Wer und was ich bin,
gndigster Herr, das wit Ihr so gut wie ich. Aber ich sehe wieder: Es ist ein
fahrvolles Geschft, einem Frsten die Wahrheit zu sagen.
    Rasch fate Herr Ludwig den Greis an den Schultern und sagte herzlich:
Nimm's nicht bel! Ich hab's nicht bs gemeint. Aber vieles brennt und whlt in
mir - Der Herzog ging zum Erker und blieb in der schnen Sonne stehen.
    Herr! Nun dien ich Euch dreiig Jahre. Viel habt Ihr getan, wozu ich den
Kopf habe schtteln mssen. Doch verstanden hab ich Euch stets. Ihr seid mir als
Mensch und Frst noch immer ein helles Gef gewesen. Aber sooft Ihr vom Zollern
redet, seh ich etwas Dunkles in Euch, das ich nicht begreife.
    Dann schweig davon! Es knnte auch sein, da ich heut ein andrer bin als
sonst. Herr Ludwig sah ber die Schulter zur Tr hinber. Heut ist mir eine
Niedertracht des Lebens ber das Herz getrampelt. Er lachte hart. Vielleicht
war's auch eine Gerechtigkeit. Man st, man erntet! Jetzt ein Lachen in
Heiterkeit. Guck nur, Gleslin, ich werde noch aberglubisch auf meine alten
Tage!
    Nach kurzem Schweigen sagte Gleslin ernst: Herr! Soll ich Euch ntzlich
raten, so lat mich die Wahrheit sehen! Warum hasset Ihr diesen festen Mann, den
Ihr klugerweise zu Eurem Freunde machen solltet?
    Mit jhem Schritt ging Herr Ludwig auf den Alten zu. Jetzt bist du beim
rechten Wort. Ja, Gleslin! Diese Landshuter Laus will ich nur zertreten, weil
sie fr mich ein lstiges Ungeziefer ist. Aber den andern hasse ich.
    Warum?
    Die Stimme des Herzogs wurde rauh. Ich kann es dir sagen. Aber du wirst es
nicht begreifen.
    Warum hasset Ihr ihn?
    Weil ich nur das Leben habe, in dem ich stehe - solang ich es vor meinen
fernen und nahen Feinden zu wahren vermag. Der andre - den du einen festen Mann
nennst - nicht mit Unrecht - dieser andre hat gesunde Shne und hat die Zukunft.
Darum hasse ich ihn. Fortleben! Warum er? Warum ich nicht?
    Herr! Bekmmert sah der kleine, greise Mann zu seinem stattlichen Frsten
auf. Solche Gedanken solltet Ihr dem Neid Eures Vetters Heinrich berlassen.
Eurer Hoheit sind sie nicht wrdig.
    Der Herzog ging eine Weile stumm in der Stube auf und nieder. Dann sagte er
mrrisch: Lassen wir's gut sein! Bslein Else soll spinnen, was sie mag. Ich
will's berschlafen. Heut hab ich Gift im Ohr und Essig im Herzen. Da ist man
kluger Dinge nicht fhig.
    Gleslin atmete auf.
    Und der Herzog rief mit lauter Stimme: Nachtigall! Der Lautner huschte
durch ein niederes Trchen herein. Ich reite zum Tiergarten und will zusehen,
wie man die ungarischem Hirsche aus dem Kfig lt. Freiheit ist erquicklich in
jeder Form. Um zehn bestelle mir das Mahl bei den zwei schnen
Wickerspacherinnen - Da ging's wie Widerwille ber das Gesicht des Herzogs.
Nein! Zu diesen beiden mag ich nimmer hin Man soll sie beschenken. Reich! Ich
speise bei der roten Brbel. Geh!
    Noch ehe Peter Nachtigall verschwunden war, kam der Kmmerer Wolfl mit einem
der Sldner, die beim Donautor die Wache hatten. Der Sldner meldete, man htte
den Knecht des Berchtesgadnischen Herrn bei der Straubinger Strae im Wald
gefunden, ohne Ro und ohne Kleider; und der Knecht schwre, die sechs
Gewaffneten, die seinem Herrn seit dem Morgen hinter den Fersen jagten, wren
Landshutsche Harnischreiter gewesen; die htten ihm Sattel und Hemd genommen und
wren in argen Zorn geraten, weil sie bei ihm den Brief nicht gefunden, den sie
htten fangen sollen.
    Fangen? Einen Brief? Warum? Herr Ludwig streckte sich. Was fr eine
Botschaft mag es sein, die der zrtliche Vetter Landshut meinem Herzen ersparen
wollte? Mit einem Handwink schickte er den Sldner fort. Dann klammerte er die
Faust um den Arm des Kmmerers. Hol mir diesen Berchtesgadner! Und sitzt er
noch im heien Wasser, so lupf ihn nackicht heraus und bring ihn im Badmantel
her zu mir!
    Wolfl Graumann sprang zur Tre.
    Gleslin, pa auf! Herr Ludwig lachte. Wir werden Groes von kleinen
Lusen hren. Es juckt mich schon in allen Haaren.
    Zwischen den Vorhngen der Tre erschien das Gesicht des Kmmerers.
Gndigster Frst, da kommt der Jungherr -
    In einem kostbaren, weinrotfarbenen Hofkleide, das Gesicht noch glhend von
der Dampfhitze des Bades, trat Lampert Someiner in die Stube und neigte sich vor
dem Herzog.
    Herr Ludwig begrte den jungen Mann mit gewinnender Hflichkeit und schien
dabei so guter Laune zu sein, als htte ihm dieser Tag nur lachende Sonne
gebracht.
    Berchtesgaden? Solcher Heimat darfst du dich rhmen, Jungherr! Ist Rom das
Herz der Welt und Paris ihr kssender Mund, so ist Berchtesgaden eines von ihren
schnen Augen. Ein Name, der Sehnsucht in mir weckt. Ich sehe friedliche
Menschen - Dem Herzog entging der wehe Zug nicht, der sich um Lamperts Lippen
schnitt. Sehe stille Berge, sehe Gemsen springen und mu an rhrende Hirsche
denken. Und Freund Pienzenauer? Wie geht es ihm?
    Lampert wollte antworten. Seine Stimme erstickte in einem heiseren Laut.
    Jungherr! Bei diesem nassen Ritt scheint deine Stimme gelitten zu haben?
    Schon frher, Herr!
    So? - Nun? Was macht Herr Pienzenauer?
    Mein Frst hat schwere Sorgen.
    Die haben wir alle. Ein bichen mehr, ein bichen weniger, das macht bei
Menschen keinen Unterschied. Sorge hin oder her, wir Menschen haben es immer
noch am besten auf Erden. Stirbt der Mensch, so begrbt man ihn zuweilen ohne
Kopf, doch immer mit der Haut. Das tut man bei Ochs und Esel nicht. Die mssen
vor der letzten Ruhe das Leder lassen. Ich preise mich glcklich, ein Mensch zu
sein. Und hoffe bei dir, mein lieber Jungherr, die gleiche Wertschtzung des
Lebens zu finden.
    Das tndelnde Geplauder schien auf Lampert wie eine Marter zu wirken.
    Herr Ludwig betrachtete ihn mit Wohlgefallen. Ich sehe, Freund Pienzenauer
wollte mich ehren, als er fr mich zum Botschaftstrger den Schmucksten aus
seiner adeligen Jugend whlte.
    Herr, dieses Lob gebhrt Eurer Hofkammer, aus der ich gekleidet wurde.
    Fein gesagt! Bescheidenheit ist ein kstlich Ding. Manchmal berflssig.
Und? Wie sagtest du, lieber Jungherr? Freund Pienzenauer htte Sorgen? Drckt
ihn die Last des Alters?
    Nein, Herr! Ein schweres Elend seines Landes. Lampert whlte aus dem
reichen Kleide, das er trug, den Brief heraus, der in dnnes, verltetes
Silberblech eingeschlossen war.
    Per Herzog gab den Brief an Gleslin, der mit einer Schere die verltete
Kante abzuzwicken begann. Herr Ludwig plauderte freundlich weiter, obwohl seine
Zge sich seltsam spannten.
    Frst Pienzenauer hat feste Schultern. Aber vllig spurlos werden auch an
ihm die achtzehn Jahre nicht vorbergegangen sein, seit wir selbander nach Rom
geritten, um Berchtesgaden durch des Heiligen Vaters Hilfe aus der Salzburger
Pfandschaft herauszuschlen. Das waren schne Tage! Hinter den Bergen im Blau!
Er ein guter Priester, ich ein miratener Prinz! Er mute meinetwegen sehr oft
zur Beichte gehen. Herr Ludwig lachte, whrend seine hei funkelnden Augen an
Gleslin hingen, der den Brief des heiligen Peter las. Wir beide, dein
prchtiger Frst und ich, wir haben im ewigen Rom viel sterbliche Torheit
getrieben. Das frohe Lachen des Herzogs verstummte. Gleslin? Er bohrte den
Blick in das ernste Gesicht des Greises und ri ihm das Blatt aus den Hnden.
Gib her! In Hast begann er zu lesen.
    Lampert wurde in diesem Schweigen von einer Erregung befallen, da man an
seinem Hals die Pulse pochen sah. Auch Gleslin, der keinen Blick vom Herzog
wandte, schien von einer schweren Sorge bedrckt.
    Da legte Herr Ludwig enttuscht das Blatt aus der Hand. Was soll mir das?
Der heilige Zeno scheint dem heiligen Peter eine mivergngte Woche zu bereiten.
Aber wenn zwei Heilige sich an den Haaren ziehen, soll sich ein irdischer Snder
nicht einmischen. Der Himmel ist allein verantwortlich fr die Konduite seiner
Benedeiten. Ja, ja, ja - da der Reichenhaller den vorsichtigen Schlfer von
Burghausen aufstbern mchte, ist mglich. Aber was helfen mir Mglichkeiten?
Ich brauche, was sich mit Fusten greifen lt. Der Herzog sah den Brief wieder
an. Dann wandte er sich rasch an Lampert. Wie war das heute? Mit diesen
Harnischreitern? Die deinen Knecht aus dem Sattel rissen? - Beruhige dein gutes
Herz! Dein Knecht ist schon gefunden. Ein bichen Adam, aber sonst gesund! - Sag
mir! Wie war das?
    Lampert erzhlte mit jagenden Worten und fhrte an, was ihn am Ernst dieser
Hetze hatte zweifeln lassen.
    Strauchdiebe? Herr Ludwig schttelte den Kopf. Nein! - Gleslin? Was
meinst du?
    Der Greis wollte antworten. Da erhoben die zwei Brenfinder im Prunksaal
drauen ein wtendes Geklff.
    Der Herzog sagte lachend: Die wittern, was fr ihre Nase nicht lieblich
ist. Was mag da kommen? Er ging zur Tre.
    Wolfl trat in die Stube, auf silbernem Teller ein gerolltes Blatt, das grau
und zerknittert war. Flsternd sprach er unter dem Lrm der Hunde zu seinem
Herrn, der diese leise Meldung mit halblauten, abgerissenen Worten unterbrach:
Ein Bettelmnch? - Staatsgeschfte? Mit mir? - Was sagst du? Verfolgt? Der
auch? Er warf einen schnellen Blick auf Gleslin und fragte den Kmmerer laut:
Warum hast du ihn nicht hereingefhrt? Eine leise Antwort. Und Herr Ludwig
sagte lachend: Wahrhaftig? So schrecklich ist das? Dann begreif ich die Hunde.
Die lrmen ja wie toll. Geh, Wolfl, entfhre den Schmutzfink ihrem
Witterungsvermgen! Meine Badstube bewahre vor ihm! Schick ihn zu den Grobmgden
in die Waschkche! Da findet er Schmierseife, Bimsstein und etwas Humor dazu.
Als der Kmmerer die Stube verlassen hatte, beugte der Herzog seine Nase mit
Vorsicht ber das zerknllte Rllchen. Ja! Das riecht sehr schlecht! Aus dieser
Botschaft quillt mir alle dunstende Schwche der Menschheit entgegen. Wenn die
Seele, die in diesem blen Krper steckt, nicht besser riecht - Mit achtsam
zugreifenden Fingerspitzen entrollte er das graue Blatt.
    Drauen wurden die Hunde still.
    Dem Herzog, kaum er zu lesen begonnen hatte, fuhr das Blut in die Stirne.
Seine Augen blitzten. Und mit einer Stimme, in der sich Zorn und Jubel mischten,
schrie er ins Leere: O du Laus du!
    Erschrocken trat Gleslin auf Lampert zu und flsterte: Ich bitt Euch,
Jungherr, verlasset die Stube! Er legte den Arm um Lampert, ging mit ihm bis
zur Tre, wandte sich und tat einen mhsamen Atemzug.
    Gleslin! schrie der Herzog. Lies das! Lies, lies, lies! Dieses stinkende
Blatt ist drei von meinen Burgen wert! Lies das! Ich hab ihn! Schlecht ist er
immer gewesen. Jetzt ist er dumm. Das soll ihm den Hals brechen.
    Der Greis hatte die lateinischen Zeilen des Franzikopus Wei mit raschem
Blick berflogen und stammelte: Herr, lat Euch warnen! Das sieht der
schlauesten von seinen Listen hnlicher als einer Dummheit.
    Nein! Was er da beginnt, liegt auerhalb seiner Schlue. Das kommt aus
seiner Habgier. Die macht ihn blind. In Blindheit schwcht er sich. Ein groer
Heerhauf unter seinem besten Hauptmann, Kammerbchsen und Antwerke unter seinem
besten Schiemeister - und das alles festgelegt auf Wochen hinaus! Jetzt hab ich
ihn. Jetzt schlag ich los. Trommle die Schreiber zusammen! Die Briefe an die
Meinen mssen fort, noch heut in der Nacht!
    Herr, gndigster Herr, der Greis zitterte und hob die Hnde, ich beschwr
Euch, Herr, geduldet Euren Zorn! Mitraut dieser Sache! Er will Euch reizen,
Euch berrumpeln. Ihr seid nur halb gerstet. Das wei er. Drum lockt er Euch.
Kommt zur Besinnung, Herr! Eure Macht ist ungengend -
    Heftig unterbrach der Herzog die stammelnden Worte des Greises: Wahr! Ich
bin an Land der schwchste unter Bayerns Frsten. Man hat meinen Vater und mich
bei der Teilung brderlich bestohlen um Stdte und Burgen. Was verschlgt's! An
Gehirn bin ich der Reiche. Mein Witz wird ausreichen, um die Vettern nach meinem
Willen zu meistern. Die zu Mnchen sind deutsche, redliche Biederleut. Also
ungefhrlich. Und den Landshuter Maulwurf, der mir den Boden untergraben will,
zerstampf ich.
    Herr, Herr, wie drfet Ihr vergessen, da Ihr dem Knig geschworen habt,
den Frieden zu wahren? Soll Herr Sigismund Euch wieder den Vorwurf machen, da
Ihr vor bayrischen Stauden den deutschen Wald nicht seht?
    Dieses mahnende Wort hatte eine Wirkung, da Gleslin erschrak und stumm
wurde.
    Wer? Wer bricht den Frieden? schrie Herr Ludwig in einem Zorn, der sein
Gesicht verzerrte. Soll ich von meinem eignen Diener hren mssen, da ich mein
Wort nicht halte? Und wenn es so wre? Mein Wort ist mein Wort. Ich richt es auf
und brech es entzwei. Wie's mir beliebt. Aber so ist das nicht. Jetzt nicht. Er
ist der Meineidige.
    Der Herzog ging zum Erker und stand umgossen von der rotgewordenen Sonne,
die schon sinken wollte. Unter den dunklen Tchern zwitscherte ein Vogel, in
dessen verhangenen Kfig ein Strahlensplitter dieses glhenden Lichtes fiel.
    Hhnend schrie Herr Ludwig ber die Schulter: Guck nur, guck! Will den
heiligen Peter in seinen gierigen Sack stecken und Salzburg in den Hintern
zwicken. Ist das nicht Friedensbruch? Kommt er da nicht in mein Gehege? Bin ich
nicht Patron und Stifter von Berchtesgaden? Bin ich nicht verpflichtet, dem
heiligen Peter nach Krften beizuspringen? Und Salzburg? Mit dem ich verbndet
bin? Nun, Gleslin? Warum redest du jetzt nicht von deiner berhmten deutschen
Treue? Jetzt will ich einmal ein Deutscher sein. Ich will. Und da sollst mich du
nicht hindern. Und keiner!
    Ach, Herr, klagte der Greis, wie soll man aufkommen wider Euch? Ihr
schreiet. Und da mu man schweigen, weil man den Krften Eurer Lunge nicht
gewachsen ist.
    Gut! Schweige! Das Ding bedarf keines Rates mehr. Gestern hat der
Landshuter mit diesem Zug wider Berchtesgaden das Wort gebrochen, das er dem
Knig gab. Wer gegen den heiligen Peter schlgt, trifft mich. Da wehr ich mich
meiner Haut. Das ist mein Recht. Und fr die Spitzfindigen wahre ich auch den
Schein. Zu deiner Beruhigung. Den Esel von Burghausen mein' ich. Drum mache ich
den Anfang mit seinem Helfer Zollern lind schlage morgen los auf den
Brandenburger Sack. Herr Ludwig schritt vom Erker hinber zum Tisch.
    Gleslin ging hinter ihm her und sagte: Herr! Wollt Ihr schon, nicht
Besinnung zeigen, so seid in dieser mrderischen Stunde doch wenigstens bis zu
ntzlichem Mae aberglubisch! Lat den Zollern in Ruhe! Den allgewaltigen
Gnstling des Knigs und solch ein Kind des Glckes greift man nicht an.
    Dieses ruhige Wort schien den Herzog stutzig zu machen. Aber da kam sein
Lachen, jenes starke und frohe Lachen, mit dem er auf der Stechbahn loszurennen
pflegte, um den Gegner wie in heiterem Spiel auf den Sand zu werfen.
    Gnstling? Das mag stimmen, Gleslin! Ein Kurfrst von Knigs Gnaden. Aber
ein Glckskind? Mit leeren Taschen? Im Purpur, dem die Knpfe fehlen? Nein,
Gleslin! Das geliebteste Kind des Glckes ist der Starke. Nun soll es sich
weisen, bei wem die Kraft ist. Schweige! Kein Wort mehr! Bei meiner Ungnad! Ich
will's. Und was ich will, das tu ich. Lachend legte Herr Ludwig seine
zerschnittene Hand auf die Schulter des alten Mannes. Sorge dich nicht! Ich
spre in mir das Glck und die Gunst der Stunde. Den Vorteil und die Gelegenheit
wittern, das ist die Eigenschaft aller wahren Kinder des Glcks. Es wre
mglich, Gleslin, da in dieser Stunde, die du mrderisch nanntest, eine neue
Kaiserkrone geschmiedet wird. Der Herzog guckte lachend in der Stube herum. Wo
ist der Gadnische Jungherr? Er ging zur Tre.
    Gleslin nahm den weien Kopf zwischen die zitternden Hnde. Weh uns! Weh
ber unser schnes Land! Ihr Herren, ach, ihr Herren, ihr traget einen Kretzen
voll Elend um! ber wen wird man ihn ausschtten?
    ber den Schwcheren. Herr Ludwig rief in den Prunksaal hinaus: Jungherr
Someiner?
    Lampert kam.
    Es tut mir leid, mein lieber Jungherr, aber ich kann deiner beschdigten
Kehle keine ausreichende Erholung vergnnen. Vor dem Morgen wirst du reiten
mssen. Dein mder Gaul kann leer laufen. Ich gebe dir ein gutes Ro, Geld,
Kleider, Waffen, was du brauchst. Der Wunsch deines Frsten, der mich um
Beistand bittet, ist erfllt.
    Eine heie Blutwelle scho in Lamperts Gesicht. Doch gleich erblate er
wieder, als htte ihm eine Sekunde des Denkens die jhe Freude in Sorge
verwandelt.
    Ich gebe dir dreiig von meinen Besten mit, sagte der Herzog, da kannst
du schnurgerade auf guter Strae reiten, gleichviel durch wessen Land. Zehn
sollst du zum Bischof von Chiemsee schicken, zehn zu meinem treuen Kaspar
Trring. Die beiden sollen ausrcken und die Laus, die dem heiligen Peter auf
den Pelz gekrochen, von hinten fassen. Und du -
    Der Herzog setzte sich an den Tisch, warf in Hast einige Zeilen auf ein
Blatt, unterschrieb mit groen Zgen: Loys - und machte jenen wunderlichen
franzsischen Schnrkel drunter, der das Gesptt seiner deutschen Vettern war.
    Du reite mit dem Geleit, das dir bleibt, nach Salzburg! Hier ist mein
Auftrag. Salzburg wird deinem Frsten Beistand leisten.
    Lampert neigte sich. Als er wieder aufrecht stand, haftete sein ernster
Blick an den Augen des Herzogs. Eure Hoheit erfllen die Bitte meiner Heimat,
sagte er mit entfrbten Lippen, und ich mu Euch danken. Das mu ich, Herr! Ich
danke. Aber -
    Was aber? fragte der Herzog verblfft. Er machte ein paar Schritte, und
die rotvioletten Lichtstreifen, die durch den Erker hereinfielen, lagen wie
lange, gerade Blutbche um ihn her, durchschnitten von seinem groen Schatten.
    Herr - Lampen kmpfte. Eine schmerzende Sorge bedrckt mich -
    Oh? - Nun! Rede! Du machst mich neugierig, Jungherr!
    Was da um eines nichtigen Anfangs willen aufsteigt ber Land und Menschen
meiner Heimat - Herr - das ist eine Wetterwolke, aus der es: Geielschlge
regnen wird. So, Herr, wie heute der Hagel ber die Frchte von tausend ckern
fiel.
    Erheitert lachte Herr Ludwig. Mein lieber Jungherr Someiner! Gedulde dich
in deinem heldenhaften Erbarmen, bis du weit, wer die Hiebe bekommen hat. Er
rief mit starker, ungeduldiger Stimme: Wolfl! Der Kmmerer trat in die Stube.
Bringe diesen mden Jngling zu einem guten Bett! Fnf Stunden kann er
schlafen. Alles Weitere hrst du noch. Und zu Lampert, der bleich geworden war
bis hinter den goldbetreten Halsrand des roten Hofkleides, sagte der Herzog
liebenswrdig: Gott befohlen, Jungherr! Es war mir eine Freude, dich
kennenzulernen. Die Gelegenheit wird sich ergeben, da wir uns wiedersehen, um
tapfere Worte zu wechseln. Gre mir das schne Berchtesgaden!
    Whrend Lampert zur Tre ging, hrte er den alten Gleslin flstern: Herr!
Das war keine Stimme der Furcht. Das ist Herz und ehrlicher Mut gewesen.
    Der Herzog lachte. Ja, ja, ja, lieber Gleslin! Du hast recht, ich wei. Du
bist ein groer Menschenkenner. Ich bin das Kind! Aber Kinder wollen ihren
Willen haben. Komm und schreib die Briefe an meine Hauptleute, an den Balthasar
Muracher von Aichach, an den Frauenberger, an den Pfleger von Wasserburg -
    Drauen im Prunksaal, ganz verloren, streichelte Lampert mit seiner
zitternden Hand die Stirnen der beiden Hunde, die ihm ihre Kpfe hinstreckten.
    Man fhrte ihn zu einer hbschen Stube, in der ein Mahl bestellt und ein
Bett gerichtet wurde.
    Mit seinem Arm war's besser seit dem heien Bad. Aber seine Kehle schmerzte,
immer mute er husten.
    Als er allein war, stand er noch lang an dem kleinen Fenster und sah ber
Gewirr der spitzen Dchter, ber Mauern und Basteien, ber das bleiche der Donau
und ber Felder und Wlder hinaus in den sinkenden Abend. Die sdliche Ferne, in
der seine Heimat lag, war berhangen von einem Wuste finsteren Gewlks.
    In der dunkel gewordenen Stube warf er sich auf die Polster hin.
    Unter einem Wirbel schmerzender und sehnschtiger Gedanken drckte ihm die
krperliche Erschpfung einen bleiernen Schlaf auf die Lider.
    Whrend der ganzen Nacht ging ber das kleine Fenster ein mattes, vom
Mondschein gedmpftes Wetterleuchten des nach Sden gezogenen Gewitters.
    Um die dritte Morgenstunde ritt Lampert Someiner mit den dreiig Gepanzerten
durch das Donautor. Der steife Moorle zottelte leer zwischen den schweigenden
Reitern. Lampert sa auf einem guten Gaul, und ber den eignen Kleidern, die
wieder trocken waren, trug er als Botengabe des Herzogs eine feingeschmiedete,
flmische Plattenrstung, dazu einen Helm mit zwei Fasanenflgeln.
    In der dunstigen, vom Mondschein grnlich getnten Hhe funkelten noch die
letzten mden Sterne. Gegen Osten und Sden standen dicke Wolkenwnde, von den
glhenden Streifen des Morgenrotes gesumt und durchdert.
    Als hinter den Reitern das Rauschen der Donau versank, war in der grauen
Morgenstille nur noch Lamperts bellender Husten, das Hufgeklapper der schweren
Rosse und das taktmige Klirren des vielen Eisens. Bald nher, bald wieder
ferner, sah man auf dem sanft gehgelten Gelnde einzelne Reitet jagen, die
zwischen dunklen Waldflecken auftauchten, sich schwarz vom hell werdenden Himmel
abhoben und wieder verschwanden.
    Das waren Herzog Ludwigs Boten, die mit den Briefen zu seinen Stdten und
Burgen ritten und nach allen Richtungen die Funken des aufbrennenden Krieges
trugen.

                                       12


In der tobenden Gewitternacht, die ber die Berge gekommen war, hatten die
Menschen zu Berchtesgaden keinen Schlaf gefunden. Nicht, weil ruhelos der Regen
prasselte und wtende Donnerschlge die Lfte fllten.
    Die Frauen und Mdchen hatten beklemmende Trume hei wachen Augen. Viele von
ihnen flchteten trotz Regen und Finsternis zu versteckten Tlern oder
kletterten bei Laternenschein zu entlegenen Almhtten hinauf, um sich zitternd
im Bergheu dunkler Dachbden zu verkriechen. Auer den Alten, und Kranken
blieben nur ein paar Lustige, die dem Schicksal trotzen wollten, und die von
Sehnsucht erfllten Hlichen, die dem Feinde einen minder whlerischen
Geschmack zutrauten, als ihn die Berchtesgadnischen Mannsleute bewiesen hatten.
Es, blieben auch die tapferen Mtter, die kein Schmachgedanke von ihren
hilflosen Kindern trennen konnte, und die braven Frauen, in denen das
Pflichtgefhl strker war als die Angst vor dem unausbleiblichen Feinde.
    Eine von diesen Frauen war die Amtmnnin Someiner. Sie hatte in dieser Nacht
sehr viel zu tun. Es blieb ihr keine Zeit, an den Feind zu denken. Und da sie
ihren Buben weit vom Schu wute - dieser Trost half ihr die Sorge tragen, die
ihr die pltzliche Erkrankung ihres Mannes verursachte.
    Herr Someiner war seit dem verwichenen Mittag ein schwer Leidender. Das
stand auer Zweifel. Er lag zu Bett, mit hufigen Unterbrechungen, und litt
entsetzliche Qualen. Sei es, da der ehrenfeste Ruppert sich eine rapid wirkende
Erkhlung zugezogen hatte - sei es, da ihm der ruhelose Gedanke an seine
Amtsentsetzung gleich einem giftigen Wurm das Leben benagte oder da ihm sein
schlechtes, von siebzehn lebendigen Ochsen und vielen erschlagenen Menschen
bedrcktes Gewissen die Eingeweide belastete - so oder so, er fhlte sich seinem
letzten Stndlein erschreckend nahe gerckt. Kein Warmbier mit Muskatnu, kein
heier Wein mit Zimtrinde wollte helfen. Immer wieder erneute sich das
heimtckische Leiden. Den drohenden Tod vor Augen, wollte Herr Someiner mit dem
Irdischen abschlieen und sein Testament machen; aber sein Leiden gewhrte ihm
die freie Minute nicht, die er zum Schreiben ntig hatte. Er kam der vlligen
Auflsung immer nher.
    Vom Abend bis zum Morgen, unter Blitz und Donner, lief Frau Marianne
zwischen Krankenstube und Kche unermdlich hin und her. Und in den kurzen
Pausen, die ihr die Pflege des leidenden Gatten bewilligte, hatte sie notwendige
Kriegsgeschfte zu erledigen. Sie mute, was an Geld, an Schmuck und Silber im
Hause war, auf dem Dachboden verrumen oder an den undenkbarsten Pltzen
vermauern. Die alte Magd, die der Amtmnnin bei diesem Huschelwerke behilflich
war, uerte dunkle Ahnungen ber das Findertalent der Kriegsleute, denen sie
auch sonst noch himmelschreiende Dinge zutraute. Doch Frau Marianne fand die
tapfere Antwort: Soll nur einer kommen! Dem schlag ich meinen Schurz ums Maul,
da ihm Hren und Sehen vergeht.
    Die gleiche Arbeit, die von der Amtmnnin auf dem Dachboden und sonstwo
geleistet wurde, geschah whrend dieser Gewitternacht in allen Husern von
Berchtesgaden. Wer einen Knopf von Wert besa, vergrub ihn.
    Auch im Stift waren viele Hnde damit beschftigt, die Pergamente und
Kostbarkeiten, das silberne Tafelgeschirr und das bescheidene Quantum des nach
den Rstungen der letzten Wochen noch brigen Bargeldes in Sicherheit zu
bringen.
    Noch immer hofften die Chorherren, da Frst Pienzenauer in jeder nchsten
Stunde mit der ersehnten Hilfe aus Salzburg heimkehren wrde. Und als mit dem
erwachenden Morgen das Gewitter sich ausgetobt hatte und ein schwerer Nebel das
Tal bis zum Erdboden fllte, setzten die Herren neues Zutrauen auf dieses dicke
Grau, bei dem auch eine feindliche bermacht den Sturm nicht wagen konnte. Doch
sie wollten sichergehen fr alle Flle. Als es zu dmmern anfing, knatterten
sieben mit Nahrungsmitteln, Zelttchern, Decken, Kissen und Kochgeschirr
beladene Wagen zum Knigssee hinauf. Dort war eine versteckte Waldschlucht mit
einer groen Hhle, die man die Klostergrube nannte. Hier hatten sich auch bei
frheren Kriegshndeln die flchtenden Chorherren geborgen. Alle, die zum
frstprpstlichen Hof des heiligen Peter gehrten, hatten Kenntnis von diesem
Schlupf und wuten, wohin sie rennen muten, wenn eine gefhrliche Stunde
schreien wrde: Menschenkind! Jetzt spring!
    Gegen die neunte Morgenstunde fing von Westen her ein fester Wind zu blasen
an und brachte die grauen Schwaden der Lfte in jagende Bewegung. Und da hrte
man von der Reichenhaller Gegend herber ein dumpfes Murren, das ferne
Stimmengebrll der Hornauin und der Landshuterin, die beim Hallturm mit der
Anna und Susanne musizierten. Die Berchtesgadner wuten, es stand eine
erdrckende bermacht vor den Grenzen des Lndleins. Je schneller die dumpfen
Pulverstimmen in der Ferne bollerten, um so mehr begann sich das Gefhlter
Unsicherheit zu einer ratlosen Verwirrung zu steigern. In den Hfen des Stiftes
und in allen Gassen von Berchtesgaden gab's ein schreiendes Gerenne.
    Inmitten dieses angstvollen Aufruhrs spielte ein paradiesisches Idyll, von
den hlichen Dingen der Welt durch dichtgeschlossene Fensterlden geschieden.
    In der ebenerdigen Dampfkammer des Badhauses, Jessen obere Stockwerke den
frummen Frulein und Pfennigfrauen zur Wohnstatt angewiesen waren, nahmen zwei
blessierte Helden whrend des Bades ihr reichliches Frhstck ein, der Chorherr
Jettenrsch, mit einem Verband um den rechten Oberarm, und der junge Siegwart zu
Hundswieben, mit verbundenem Haardach und einem knopfhnlichen Pflaster auf der
Nasenspitze. Jeder von den beiden sa in einer hohen, langen, zwiebdrigen
Holzkufe. Dem Jettenrsch sa in der Wanne das Frulein Rusaley gegenber, dem
Hundswieben das Frulein Aglaja. Zwischen Mnnlein und Weiblein war ber die
Kufe ein Brett gelegt und mit gesticktem Linnen bedeckt. Neben den Zinntellern,
auf denen Obst und hartgekochte Eier aufgetragen waren, standen die mit Rotwein
gefllten Becher. In einer dritten Kufe sa einsam das Frulein Gerilind und
spielte mit flinken Hmmerchen auf einer Stahlzitter. Die frummen Frulein
trugen hohe, mit allerlei Glitzerschmuck gezierte Hauben, die das Haar zchtig
verhllten. Whrend man so das Frhstck verzehrte, wurde mit hfischer
Zierlichkeit ein heiteres, neckendes Gesprch gefhrt. Und manchmal lachte
Frulein Aglaja oder Frulein Rusaley mit hellen Stimmchen belustigt auf. Nur
das einsame Frulein Gerilind blieb ernst und widmete sich mit musikalischem
Pflichtgefhl dem klingenden Stahlkonzert, obwohl von diesen feinzirpenden Tnen
nicht viel zu vernehmen war. Denn die zwei groen kupfernen Dampfretorten, unter
denen das Feuer in gemauerten Herden prasselte, lieen mit sausendem Gerusch
die heien, kstlich nach Latschenl duftenden Dunstwolken, in die Kammer
strmen.
    So verging den Badenden der halbe Vormittag in modischer Ergtzlichkeit. Bei
dem sonnigen Frohsinn, der ihre weltentrckten Seelen erfllte, bemerkten sie
lange nicht, da das Wasser, in dem sie saen, bedenklich an angenehmer
Temperatur verlor. Aber schlielich fhlten sie doch den wachsenden Entgang an
Sitzwrme und luteten der Bademagd.
    Diese Magd erschien nicht. Als jener angstvolle Aufruhr durch die Gassen von
Berchtesgaden gesprungen war, hatte auch der erschrockene Bader mit seinen
Leuten Reiaus genommen und vllig der in der Dunstkammer sitzenden Badgste
vergessen, die beim sausenden Gepfurr der Dampfretorten weder den versiegenden
Buchsendonner in der Ferne vernommen hatten noch das wachsende Menschengeschrei
der nahen Gasse zu hren vermochten. Aber jetzt, weil unter den Retorten das
Feuer auszugehen drohte und der Dampf immer schwcher zischte, wurden die
Arkadier im verkhlenden Wasser aufmerksam auf die rohen Stimmen der Auenwelt.
Und pltzlich hrten sie ein verzweifeltes Geschrei, dazu den Hufschlag jagender
Rosse auf dem Pflaster. Herr Jettenrsch, von bser Ahnung befallen, hpfte aus
der Kufe heraus und zerrte an einem Fenster die Lden auf. ber seinen Kopf weg
fuhr der dicke weie Dunst des Baderaumes in den bleichen, khlen Tag hinaus.
Und da drauen gewahrte Herr Jettenrsch einen mit dem Pferde quirlenden Reiter,
der sich auf der Flucht in den Gassenwinkel vor dem Badhaus verirrt hatte.
Gottes Tod! Was ist denn geschehen?
    Entgeistert starrte der Reiter dieses paradiesische Fenster an, in dem jetzt
unter wehendem Dampf ein doppelter Adam und eine dreifache Eva zu sehen war.
    Fnf Stimmen kreischten ihm erschrocken zu. Und da lallte der Reiter: Die
Hallturmer Mauer ist gefallen. Die bayrischen Reiter sind hinter uns. Springet,
ihr Herren, springet!
    Herr Jettenrsch, der Hundswieben und die drei frummen Frulein sprangen
bereits. Sehr schnell. Sie sprangen aus der Badstube und ber die steile Treppe
hinauf.
    Es verging eine halbe Stunde, bis sie zur Not in deckende Kleider kamen und
in der Verwirrung zusammenraffen konnten, was sie mitschleppen wollten.
    Durch die Marktgasse gab's keinen Weg mehr. Vor dem Badhaus knuelte sich
ein Gedrnge flchtender Bauern vorber, mit groen Packen auf den Kpfen, mit
Kindern, Schafen und Schweinen, mit Vieh und Karren. Ein Trupp von sieben
Gadnischen Reitern sprengte erbarmungslos in dieses Gewhl hinein - und einer
war dabei, der halb ohnmchtig im Sattel hing, helmlos, das brtige Gesicht und
die Platten der Rstung von Blut bergssen. War's der Marimpfel? Oder war's nur
einer, der ihm gleichsah?
    Die fnfe aus dem Badhaus hatten erschrocken kehrtgemacht. Sie liefen durch
den Hausflur, gewannen das Grtlein, hpften durch die bunten Beete, kletterten
ber Mauern und Zune, flchteten ber das steile Gehng hinunter und wateten im
Tal durch die rauschende Ache. Auf dem Strlein, das neben dem Frauenreuter
Sudhaus gegen den Knigssee hinaufzog, trafen die fnf drftig Bekleideten
keuchend mit dem Huflein der dicht verhllten Nonnen zusammen, die aus dem
geweihten Schwesternhaus geflohen waren und mit geschrzten Kutten zu dem
verllichen Schlupfwinkel der Klostergrube rennen wollten. Wie ein Schwrm
erschreckter Schflein sprangen die frommen Mtterchen ratlos hin und her und
waren glcklich, als sie Geleit und mnnlichen Schutz bekamen. Hinter den beiden
blessierten Stiftsherren zappelten die ehrbaren Nonnen und die frummen Frulein
eintrchtig nebeneinander her, hielten sich bei den Hnden gefat und beteten
beim Springen den gleichen Hilfeschrei zur allbarmherzigen Himmelsknigin.
    Wer von diesen Fliehenden die verstrten Augen ber die Schultern drehte,
konnte droben auf der Hallturmer Strae, von jagendem Nebel halb umschleiert,
ein winziges Figrchenspiel entdecken, das sich hurtig gegen Berchtesgaden
bewegte. Aus der Ferne beschaut, erschien es fein und zierlich. In der Nhe
war's ein Schauder und Grauen.
    Hinter fliehenden Fuknechten des heiligen Peter kam ein Schwrm der
Burghausener Harnischreiter einhergesprengt. Nach der blutigen Arbeit bei der
Hallturmer Mauer blhte diesen Siegern das lustige Sackmachen zu Berchtesgaden.
Wer jetzt den flinksten Gaul hatte, fand die reichste Beute und konnte das Haus
whlen, das er plndern wollte. Wie der Hagel auf die hren schlgt, so
stampften die Gule immer wieder in einen Trupp der Fliehenden hinein. Wer von
diesen Bedrohten nicht ber den Hang der Strae hinuntersprang - wer in einem
Wahnwitz, den er als Tapferkeit empfand, sich wider die rollende Eisenwalze zur
Wehr setzte -, der wurde niedergeritten, niedergeschlagen, niedergestochen.
    Weit hinter dem Reiterschwarme jagte ein schlanker Falbe, der sich beim
Rennen wie ein Windhund streckte. Im Sattel gaukelte ein junger Mensch. Seine
Rstung war von Erde und Asche umkrustet, mit geronnenem Blut gesprenkelt. Die
Linke hielt den Zgel vorgeschoben; die Rechte, die schlaff hinunterhing,
umklammerte den Griff des Schwertes. Er hatte den Helm verloren, trug nur die
Kettenhaube - und aus dem kleinen Oval des Stahlgeflechtes sah ein blasses, von
Schwei und Schmutz geflecktes, fast zur Unkenntlichkeit verzerrtes
Knabengesicht heraus. Immer hrte er zwei zornige Stimmen schreien, weit hinter
sich. Der eine von den beiden, die immer die gleiche Silbe kreischten, ritt auf
einem keuchenden Schimmel, der andre auf einem erbeuteten Ro, das eine
Gadnische Herrenschabracke trug. Die beiden hetzten ihre Pferde, doch immer
grer wurde die Entfernung zwischen ihnen und diesem andern.
    Als hinter den Wiesenhgeln die ersten Dcher von Berchtesgaden auftauchten,
hatte der Falbe den jagenden Reiterschwarm schon eingeholt. Mit keinem
Spornstreich hetzte der junge Mensch den Gaul. Aber bis auf die Mhne beugte er
sich und bettelte mit flehenden, leisen Lauten. Und der Falbe streckte, streckte
und streckte sich, berholte wieder und wieder einen von den andern Reitern, kam
mit der Nase voraus und jagte als erster in die leere Marktgasse von
Berchtesgaden hinein.
    Als der Reiterhaufe um die Wende der Gasse sauste, fiel ein Geknatter ber
die Dcher her, und droben auf dem Berghang pufften kleine Wlklein auf, die
Schsse von Faustbchsen. Zwei von den Reitern fielen unter die Gule - ein Ro,
das in den Kopf getroffen war, stieg mit fuchtelnden Hufen in die Luft. Auch der
Bub auf dem rasenden Falben wankte. Doch er hielt sich an der Mhne. Vor einem
Haus, durch dessen Erkerglas ein weies Frauengesicht in Angst herausguckte,
wollte er das Pferd zum Stehen bringen. Der Falbe prellte noch eine Strecke weit
voraus. Mit zerrenden Fusten wendete der junge Reiter den Gaul und erreichte an
Amtmann Someiners Haus das Tor in dem gleichen Augenblick, in dem der
Sackmacherschwarm heranrasselte. Der erste Huf jagte weiter, zum Stift und zu
den Kirchen, aus denen sich die fetteste Beute holen lie. Die Nachtrabenden
whlten unter den Husern der Gasse.
    Der Bub blieb im Sattel sitzen, weil er vor Schwche nicht aus dem Bgel
kam. Er drngte den Falben breit vor das Tor, und der Gaul lie den Kopf hngen
und pumpte mit zitternden Flanken, von denen die weien Schweiflocken
herunterfielen.
    Ein paar von den Reitern, die in der Gasse whlten, kamen flink dahinter,
da der Bub unter den Husern das beste zum Sackmachen gefunden hatte. Sie
wurden grob und wollten den Falben vom Torbogen wegziehen. Mit erwrgter Stimme
schrie der Bub: Das Haus ist mein! Und rhrt mich einer an, so schlag ich zu!
Das Ding drohte bs zu enden. Da kamen zwei Pfeif die die Strae hergejagt, das
Ro mit der Gadnischen Herrenschabracke und der keuchende Schimmel. Malimmes war
zuerst bei dem Buben. Er sprang aus dem Sattel, stie die maulenden Reiter fort,
fate den Jul am Arm und brllte wtend: Du Lausbub, du narrischer! Was hast du
denn da fr eine Dummheit gemacht! Da httest du hin sein knnen!
    Jul schttelte den Kopf und lchelte stumm in seiner Erschpfung. Nun lachte
auch Malimmes. Und Runotter trat zu dem Falben hin und lehnte das entstellte
Gesicht gegen des Buben eisernen Scho. Grauenhaft sahen diese beiden aus. Ihr
Wehrzeug hatte hundert Dullen und war von den Fen bis zur Halsberge wie in
dunklen Rost getaucht.
    Von den Nachbarhusern war ein dumpfes Krachen zu hren. Hier wurden
Gewlbtren und Ksten in Trmmer geschlagen. Und von berall klangen zeternde
Stimmen, die um Hilfe schrien.
    Hui, da zwicken die Raubleut! Lustig guckte Malimmes an dem schmucken Haus
hinauf. Brav, Bub! Gut hast du gesorgt fr unsern Sack!
    Nit rauben! knirschte Runotter. Aber das Haus in Scherben schlagen! Und
Feuer in die Amtsstub werfen! Er stie den gepanzerten Fu gegen das Haustor.
    Einen verstrten Blick in den Augen, sagte Jul mit strenger Stimme: Das
Haus hat Fried. Ich will's. Das ist nit des Amtmanns Dach. Da hauset ein andrer.
Der hat meinen Bruder auf seinen Gaul gehoben.
    Whrend Runotter wortlos die Zgel der drei Gule fate, guckte Malimmes mit
gut gespielter Verblffung drein: Nit schlecht! Und jetzt hab ich mein ganzes
Spargut versoffen und verknchelt - bis auf drei Goldpfennig und einen
schlechten Landshuter Gulden! So sagte er. Doch was ihm den Hosensack so mager
gemacht hatte, das war der unverschmte Preis gewesen, den Herr Grans fr das
gute Wehrzeug des Buben gefordert hatte.
    Jul wollte aus dem Sattel steigen. Malimmes - tu mir helfen -
    Der griff mit hurtigen Fusten zu, hielt den Buben an die Brust geklammert,
drosch mit der freien Faust auf das Haustor los und schrie zum Erker hinauf:
Frau! Hia! Das Tor auf! Euer Haus hat Ruh. Bei Gottes Blut!
    Ein Gerappel im Flur. Riegel wurden zurckgeschoben, und eiserne Stangen
klirrten. Die Tr ging auf.
    Malimmes sagte zu Frau Marianne, die wei in der Dmmerung des Flures stand:
Dem Buben mt Ihr ein Vergeltsgott sagen, Frau! Der ist mit dem Teufel um die
Wett geritten, um Euer Haus wider die Raubleut zu hten. Er fhrte den Buben zu
der Steinbank, die im Flur an der Mauer war. Flink, Frau! Ein Trunk Wein mu
her und ein Bissen Brot.
    Die Amtmnnin rannte ber die Treppe hinauf. Und der Flur verfinsterte sich,
weil Runotter die drei Gule hereinfhrte. Er sagte md: Da mu doch ein Stall
sein, nit? Die zwlf Hufe klapperten ber die Bohlen. Und Runotter drehte das
Gesicht nach der vergitterten Tr der Amtsstube.
    Drei suchende Sackmacher wollten ins Haus herein. Langsamt Malimmes zog
das Eisen blank. Da ist schon wer! Die drei gingen schimpfend davon. Malimmes
blieb unter dem Torbogen stehen, um die Schwelle zu sperren. Als Frau Marianne
kam, mit einem Brotwecken, mit einem gehuften Teller und zwei bauchigen
Weinkrgen, drehte Malimmes das Gesicht und sagte zu Jul: Nimm kein Fleisch
nit! Blo trckenes Brot. Schweigend a der Bub, und Frau Marianne, mit
kollernden Tropfen auf den blassen Wangen, sa neben ihm und reichte ihm die
Brotscheiben hin. So! sagte Malimmes. Jetzt tu einen Trank! Aber fest! Frau
Marianne hob den Krug und lie den Buben trinken, bis er die Kanne fortschob und
mit seiner linden Knabenstimme sagte: Vergelt's Gott, liebe Frau! Mir ist
wieder wohl.
    Malimmes fragte: Hast du wahrhaftig genug?
    Der Bub nickte.
    Also her damit! Malimmes nahm einen festen Rinken Brot und die Kanne, aus
welcher Jul getrunken hatte. Frau, den andern Krug und den Teller mt Ihr
meinem Herrn in den Stall tragen. Er trank wie ein drstendes Ro.
    Auf der Strae ein Getrappel vieler Hufe. Malimmes guckte zum Tor hinaus. Es
waren die Hauptleute, Herr Seipelstorfer und Martin Grans mit Gefolge.
    Herr Grans deutete lachend: Da steht ja der Bauernsldner, den wir unter
den Toten gesucht haben.
    Die Herren kamen zum Haustor geritten, und Hauptmann Seipelstorfer sagte:
Mann! Heut in der Nacht hast du die beste Arbeit gemacht. Sonst tten wir noch
allweil vor der Hallturmer Mauer hocken. Man wird dich lohnen dafr.
    Das kann ich gleich brauchen! Malimmes lachte. Darf ich eine Bitt tun?
Das Haus da ist Raubgut meines Herren. Mchtet Ihr nit ein Schutzfhnl Vor die
Haustr stecken?
    Ein weies Fhnlein mit dem Frstenzeichen wurde vor der Schwelle
aufgestellt. Dann ritten die Herren mit ihrem Gefolge zum Stift, um in den
Stoben des Propstes Quartier zu nehmen.
    Jetzt konnte Malimmes das Eisen ins Leder stecken - hinter jeder Ungebhr
wider den weien Tuchlappen, der da vor dem Haus des Amtmanns baumelte, stand
der Galgen.
    Der Sldner ging auf den Buben zu, der mit geschlossenen Augen gegen die
Mauer gelehnt sa. Und da kam gerade Frau Marianne aus dem Stall zurck, mit
einem neuen Schreck in den Augen. In dem von Asche, Schmutz und Blut bedeckten
Harnischreiter, der die Gule betreute, hatte sie den Ramsauer Richtmann
erkannt. Und da zitterte sie um ihres Mannes Leben. Sie ging auf den Buben zu
und wollte reden; doch um ihre Kehle lag's wie eine wrgende Faust.
    Komm! sagte Malimmes zu Jul. Du mut dich waschen und brauchst ein Bett.
    Jul flehte: La mich da noch sitzen eine Weil!
    Ins Bett! Malimmes wandte sieb grob an die Amtmnnin. Ich will fr den
Buben eine gute Stub.
    Eine Stub ist leer, mein bestes Bett ist drin. Ich lauf gleich, da ich
alles richten kann. Frau Marianne hastete ber die Treppe hinauf. Dabei hrte
sie einen kommen und sagen: So, die Gul sind versorgt. Lautlos weilte sie
ber die letzten Stufen der Treppe hinaufschleichen. Frau! Ein Wrtl! Wie
versteinert blieb sie stehen und klammerte sieh an das Gelnder.
    Klirrend kam Runotter ber die Treppe herauf. Ist der Amtmann im Haus?
    Sie stammelte: Ach, guter Mensch - bei Gottes Barmherzigzeit, meinem
Ruppert ist bel.
    Hart sagte der andre: Nit lang ist's her, da ist mir auch nit wohl gewesen
in dem Haus da.
    Mensch, Mensch, so hab doch Mitleid mit einem Siechen!
    Runotter lachte grell. Ich will ihm nur Grgott bieten. Das ist doch
ntig, nit, wenn man als Gast in ein Haus kommt?
    Frau Marianne schttelte heftig den Kopf. Er nimmt's fr geboten an.
    Wollet Ihr mich nit fhren, Frau, so such ich den Amtmann selber.
    Da ging ihm Frau Someiner schweigend voran in die Wohnstube. Hier brannten
sehr viele wohlriechende Rucherkerzlein, whrend das schwere Pendel der
Kastenuhr sein altes Wort sagte: Bau! Bau! Bau!
    Frau Marianne ffnete die Tr der Schlafkammer, in die das Licht von zwei
kleinen Gartenfenstern hereinfiel. Das groe Ehebett war zur Hlfte bedeckt, zur
Hlfte offen. Leer war auch die offene Hlfte. Denn Herr Ruppert Someiner, von
einem Anfall seines Leidens gepeinigt, sa wie ein Huflein des bittersten
Elends in einem, hlzernen, wunderlich geformten Lehnsessel, hemdlings, Leib und
Beine von einer geblmten Decke umhllt, abgemagert, klein zusammengekrmmt,
fahlgesichtig, mit hilflos irrenden Augen.
    Schau, Ruppert, stotterte die Amtmnnin, da kommt einer - mut keine Sorg
haben - blo gr Gott will er sagen. Ich tu dich ins Bett heben, komm!
    Herr Ruppert sthnte: Ich kann nicht - Er wurde stumm, sein Gesicht
vernderte sich, und das Kinn fiel ihm schlaff gegen die Hemdkrause.
    Runotter stand auf der Schwelle, wortlos, die beiden Fuste ber dem Knauf
seines Schwertes, das er vor sich hin gestoen hatte.
    Drauen in der Wohnstube klang immer dieses Bau! Baut! Und wie aus weiter
Ferne hrte man kreischende Menschenstimmen, Gepolter und Gerassel, den Lrm des
Sackmachens in den Nachbarhusern.
    Also, Gestreng Herr Amtmann? Wie ist das jetzt? Drfen die siebzehn
Ramsauer Kh auf der Mordau grasen? Oder mssen die siebzehn Ochsen hinauf?
    Mordau? lallte Herr Someiner.
    Wohl! So hat man das Hngmoos taufen mssen. Mein Bub erwrgt, hundert Leut
erschlagen, mein Haus ein Kohlhaufen, hundert Dcher vom Feuer gefressen, ein
Dorf im Elend, ein Land verwstet, Mord und Not in der Welt - und was Recht
heit, mu in Angst auf dem Schmelzbnkl hocken.
    Herr Ruppert fand keine Antwort. Sein Gesicht wurde so grau wie Asche.
    Der Bauer nickte. Jetzt ist das so. Und keiner macht's nimmer anders. Wenn
ich Euer Leben in Scherben schlag, wie's die Herren gemacht haben mit dem
meinigen - was tt's helfen? Gute Besserung, Herr Amtmann! Ich geh. Es schmeckt
nit fein da herin. Er ging durch die Wohnstube hinaus.
    Frau Marianne atmete auf. Und Herr Someiner klagte in einer dunklen Logik
seiner bedrngten Seele: Das htt ich mir meiner Lebtag nicht trumen lassen,
da ein redliches Mannsbild so in Untreu verfallen knnt!
    Mann, ja Mann, so nimm doch ein ltzel Verstand an! grollte die Amtmnnin,
whrend sie den Leidenden in das Bett schleppte. Der hat doch mit seinen Leuten
unser Haus gehtet wider die Raubleut.
    Durch dieses Wort und in der Bettwrme schien Herr Ruppert zu einer milderen
Anschauung zu gelangen. Aber er hatte mit seiner Rede, die der andre noch
vernommen, einen schweren Schlag auf den qulenden Stachel getan, der seit
vielen schlaflosen Nchten in Runotter bohrte.
    Als der Bauer hinunterkam, sah Malimmes ihn verwundert an. Herr? Was hast
du?
    Nichts. Runotter legte seine schwere Hand auf die Kettenhaube des Buben.
Ich geh zu den Gulen.
    Wieder rasselte auf der Strae ein Reitertrupp vorbei. Zwei im ledernen
Holdenkra, mit erbeuteten Pferden, hielten vor der Haustr, der Altknecht des
Runotterhofes und Heiner, der bei lachendem Gesicht eine Blutkruste auf der
Stirn hatte.
    Durch den Eisenhut war's durchgegangen. Aber das gute Kpplein der Traudi
hat grad noch ausgehalten.
    Der dritte von den Knechten fehlte. Wird schon kommen! trstete Malimmes.
Aber dieser dritte blieb aus.
    Die Magd mute Speis und Trunk bringen, mute den vergitterten Eingang der
Amtsstube aufsperren und in diesem geheiligten Raum die Heulager richten.
    ber die Treppe rief Frau Marianne herunter: Das Stbl ist fertig.
    Komm, Bub! Wann nit gehen kannst, ich trag dich.
    Es geht schon.
    Als Frau Marianne droben im zweiten Stockwerk vor den beiden Mannsleuten die
Tr der kleinen weien Stube auftat, sah der Bub erschrocken die Kleider an, die
von einem Zapfenbrett an der Mauer herunterhingen. Ein grnes Reiterwams aus
Hirschleder war dabei, mit violett geflgelten rmeln.
    Nur Mut! mahnte Malimmes mit einer wunderlichen Stimme. Ist kein Feind
nit da!
    Das Stbchen duftete herb, obwohl die zwei Kerzen nicht brannten. Wasser war
in dem kupfernen Becken und Wasser in der kupfernen Kanne. Vor dem Waschtisch
war eine dicke Kotze auf den Boden gelegt. Das groe, weiverhangene Bett, neben
dem ein Tischlein mit Wein und Speisen stand, war aufgedeckt. Schweigend
richtete Frau Marianne die Kissen und ging aus der Stube.
    Malimmes hob dem Buben die Kettenhaube ber die Ohren. Das schwarze Haar war
dicht an den Kopf geklebt, auf den Wangen sah man wie eine Blutzeichnung das
Muster des Ringgeflechtes, und das schmale Oval, das die Kettenhaube vom Gesicht
freigelassen hatte, war braun und grau. Unter heiterem Schwatzen zog Malimmes an
des Buben Kra die Schnallen auf. Nun pltzlich der Laut eines frchterlichen
Schrecks. Der Kra hatte auf der Brustplatte eine kleines, rundes Loch mit
einwrts gebogenen Rndern. Bub, bist du letz?
    Jul schttelte den Kopf. So viel gut ist mir.
    Malimmes ri ihm den Kra herunter. Das Gescho der Faustbchse hatte den
Stahl durchbohrt und war in dem Lederpolster, das wie eine groe Brille aussah,
kraftlos hngen geblieben. Guck, mein gescheites Plsterlein! Und lachend
legte Malimmes auf die Hand des Buben ein kleines Ding wie eine graue,
zerquetschte Nu.
    Vergelt's Gott, Mensch! Jul atmete auf und betrachtete die zerdrckte
Kugel. So kann der Tod ausschauen! Fest schlo er die Hand um das kleine
Brcklein Blei.
    Malimmes schnallte die letzten Eisenstcke von dem Buben herunter, immer
hei und bermtig schwatzend.
    So! Jetzt tu dich waschen! Fest! Was Eisen ist, nimm ich mit. Dein Gewand
mut du vor die Tr hinaustun. Und liegst du im Nestl, so i und trink! Er
strich mit der Hand ber das weie Lager hin. Da wirst du gut schlafen. Seine
Stimme bekam wieder jenen wunderlichen Klang. Und lieb wirst trumen, pa auf!
Er lud das klirrende Eisenzeug auf Arm und Schulter. Drauen blieb er stehen,
bis er innen an der Tre den Riegel hrte. Er nickte vor sich hin. Und pltzlich
wurden seine Zge ernst und md. Langsam, wie mit zerschlagenen Knochen, stieg
er die Treppe hinunter.
    Vor dem Hause ging ein lrmendes Gedrnge vorbei. Der Huf der Spieknechte
rckte in Berchtesgaden ein. Manche hatten verbundene Kpfe, und viele trugen um
die Schuhe noch die dicken Lumpen, die sie vor dem Sturmlauf na um die Fe
gebunden hatten, damit ihnen die unter der Asche noch verborgene Glut des
niedergebrannten Waldverhaues das Schuhleder nicht versengen mchte.
    Der Hauf brachte die Gefangenen, unter denen der alte Armansperger war, der
Hauptmann vom Hallturm.
    Die Schwerverwundeten des bayrischen Heerhaufens hatte man zur Plaienburg
hinuntergeschafft, die Toten begraben. Die Gefallenen der Gadnischen Besatzung
hatte man liegenlassen; um die hatte sich der heilige Peter zu bekmmern, von
dem augenblicklich niemand wute, wo er sich aufhielt. Die Flchtigen seiner
Kriegsmacht waren gegen Schellenberg hinausgeprellt; die meisten hatten sich zur
festen Gadnischen Grenzburg am Hangenden Stein gerettet. An die zwanzig, die
verwundet waren und nimmer weiterkamen, wurden aufgestbert - unter ihnen
Marimpfel mit einer Kopfwunde, die ihm tiefer ins Blut als ans Leben gegangen
war. Von den Faustschtzen, die auf die Heiter in der Marktgasse geschossen
hatten, wurden drei erwischt. Sie erlebten noch einen schnen Abend; denn der
Himmel und die Berge begannen sich zu klren; die sternhelle Mondnacht erlebten
sie nimmer; bevor es dmmerte, hingen sie an dem Galgen, den man auf dem
Marktplatz neben dem Brunnen errichtet hatte.
    Im Verlaufe dieses schnen Abends gab es noch einen Alarm. Von der
Gadnischen Besatzung am Schwarzenbach, wo der heilige Peter ebenfalls mit
fehlendem Glck wider eine bermacht gefochten hatte, kam ein Huflein
fliehender Reiter durch die Ramsau nach Berchtesgaden gejagt. Ein paar
entrannen, die andern wurden gefangen oder niedergestochen. Und hinter ihnen
erschienen die Sackmacher des heiligen Zeno. Sie fanden zu Berchtesgaden
abgespeiste Tische und leere Ksten. Es gab Geznk und Raufereien. Die zu kurz
Gekommenen zerstreuten sich im Tal, um die einschichtigen Bauernhfe
heimzusuchen. Herden von Vieh, Schafen, Ziegen und Schweinen wurden
zusammengetrieben - item verloren viele Gnse, Enten, Hennen und Tauben die
Kpfe, ohne da der Amtsschreiber Piebcker diesmal die Ziffern notieren mute.
Und ehe die schne Nacht ber die Berge hinging, flammten an vielen Orten die
Dcher auf, in die ein mutwilliger oder enttuschter Sackmacher das Feuer
geworfen hatte.
    Zu Berchtesgaden hausten die Raubleut schauerlich. Einer von den hfischen
Ministerialen brachte nach Einbruch der Nacht die Kunde dieser Greuel zur
Klostergrube hinter dem Knigssee, wo an die sechzig Flchtlinge des
frstprpstlichen Hofes versammelt waren, in einer Hhle und unter Zelten, auch
unter freiem Himmel, im trumerischen Bergwald und bei lustig flackernden
Feuern, an denen emsig gekocht und gebraten wurde.
    Herr Jettenrsch, der nicht nur das schmuckste Pfennigweiblein, sondern auch
eine poetische Ader besa, wurde durch die Schilderung der Sackmachergreuel
dichterisch angeregt. Whrend er im Sche des frummen Fruleins Rusaley die von
den Musen gekte Stirn ruhen lie, prete er seinen Zorn ber die Missetaten
des Feindes in eine vaterlndische Elegie, deren lateinische Hexameter besagten:

Vierzehnhundert zwanzigundeins, im Jahre des Unheils,
Als die siebzehnte Sonne des Juli aus Nebeln emporstieg,
Wurde mein Berchtesgaden tckisch bekriegt und geplndert.
Gleich einer heidnischen Horde warf sich der Feind in den Tempel,
Raubte den kostbaren Schmuck, entraffte die frommen Gerte,
Schleppte die Mebcher fort und - leider - die wertvollen Kelche,
Samt den mit edlem Gestein umkrusteten Knchlein der Heil'gen.
Dreimal weh den Verruchten, die an des Mnsters Altren
Hcksel, Hafer und Heu ihren mistenden Rossen geboten!
Solcher Frevel ward noch erhht durch greuliche Snde:
Denn die verdammten Halunken - so nicht wissen, wen Gott ist -
Schleuderten nicht nur schndlich fort die gttliche Zehrung,
Nein, sie stahlen - o pfui! - uns auch die Monstranz noch, die goldne.
Zwiefach wurde der gttliche Kult gestrt und geschdigt:
Nicht nur die Priester muten entfliehn, auch die Schwestern, die frommen,
Da sie mit Recht die Schndung der heiligsten Gter besorgten.
Weh! Diesen Greuel verschuldete Herzog Heinrich der Schwarze.
Nennt sich: katholischer Christ! Und ist eine Geiel der Kirche!
Frst von Bayern, du, hab acht, dein wartet die Hlle!

    Als der Mondschein ber die Wipfel des Bergwaldes, hinglnzte und am Feuer
die schmorenden Gnse dufteten, trug Herr Jettenrsch mit einer Stimme, die von
Ergriffenheit bebte, seine lateinische Dichtung vor. Und als der begeisterte
Snger schlo und in der Stille des Bergwaldes erwartungsvoll umherblickte,
erhob sich reichlicher Beifall. Es applaudierten auch jene, die gar nicht Latein
verstanden.
    Der junge Sigwart zu Hundswieben prete das Gesicht in die Hnde und bewegte
schluchzend die Schultern.
    Liebster? fragte der geschmeichelte Dichter. Weinst du ber das Unglck
unsres Landes?
    Nein! Hundswieben hob das grinsende Gesicht mit dem Pflasterknoten auf der
Nase. Unser unglckliches Land wird sich in Blde wieder erholen. Ich weine
ber deine schlechten Verse, die in Ewigkeit nicht mehr besser werden.
    Herr Jettenrsch rgerte sich. Alle andern lachten. Die heitere Stimmung
mehrte sich noch, whrend man die am Spiee knusperig ausgefallenen Gnse
verzehrte und gegen die Khle der Bergnacht mit stark gewrztem Glhwein
ankmpfte, der nicht nur den Magen wrmte, auch das Blut in allen Adern
befeuerte. Gewagte Scherzworte flatterten auf; neben den erlschenden Feuern
begannen allerlei Zrtlichkeiten heimlich zu spielen, und die Tchter der
Hofbeamten lieen sich von den Domizellaren in modischen Gebruchen
unterrichten. Sogar die jungen Nnnlein beteiligten sich lebhaft an Gesprchen,
wie sie sonst im Schwesternhause niemals gefhrt wurden. Und sie bekamen
glhende Wangen, als die frummen Frulein Rusaley, Aglaja und Gerilind ein
ses, sehnsuchtsvolles Liedchen mit feinem Dreiklang hinauszwitscherten in die
stille, schne Nacht.
    Das Mondlicht tauchte hinter den Watzmann hinunter, das sanft rauschende
Dach der Bume wurde finster, kleine Leuchtkferchen flogen um, und whrend es
den Anschein hatte, als wre das Lager der Flchtigen schon tief in Schlummer
gesunken, huschte mit leisem Kichern das ewig Menschliche durch den friedvollen
Bergwald - - -
    - Um diese dunkle Stunde erwachte zu Berchtesgaden eine Schlferin und fuhr
aus den Kissen auf, geweckt durch einen heiser gellenden Schrei der eigenen
Kehle.
    Ihre verstrten Augen irrten in der Finsternis, von der sie umgaben war, und
fanden die matte Helle des kleinen, vergitterten Fensters. Mit wirbelnden Sinnen
und unter tobenden Herzschlgen begann sie dieses Entsetzliche zu verstehen: Die
Feinde hatten sie gefangen, hatten ihr das blutige Eisen aus der Faust gewunden
und hatten sie zu ewiger Strafe verdammt; und nun lag sie in diesem finsteren
Kerker, zu gerechter Bue fr die unmenschliche Tat, die sie begangen hatte im
Grausen der Schlacht. Begangen? Wer? Ihre eigne Faust, ihr Herz, ihr Wille?
Nein! Nein! Nur dieses schreckliche, von einem bsen Geist gefhrte Eisen hatte
das Grauenvolle verbrochen. Dieses Eisen, das ein lebendiges Ding mit eignem
Willen war und immer stach und schlug und mordete! Dieses Eisen, das ein
widerstrebendes, von allen Schrecken der Erde gepeinigtes Menschenkind hinter
sich her ri und die an den Schwertgriff gebannte Faust mibrauchte, um eine
geliebte Stirn zu spalten.
    Zitternd an allen Gliedern, brennend an Leib und Seele, sa die Erwachte in
den Kissen, immer gemartert von der Angst, da sie diesen heiseren Todesschrei
des Erschlagenen noch einmal hren mte.
    Die Finsternis eines Kerkers? Nein! Das war die schwere Nacht, die sich ber
das Schlachtfeld beugte. Mit dunklem Mantel umwickelte sie die vielen noch
Lebenden, die sich in Schmerz und Wunden krmmten, und bedeckte schwarz die
vielen Toten, die sich nimmer regten. Wie verkohlte Pfhle lagen sie da. Nur ein
einziger glich noch einem Menschen, war klar zu sehen, deutlich zu erkennen. Wie
in schner Sonne lag er inmitten dieser grauenvollen Finsternis, hatte einen
roten Blutstrom auf der weien Stirne, war tot und hatte dennoch offene, lebende
Augen. Und als die Suchende kam, diese verzweifelt und ruhelos Irrende, da
richtete sich der Tote wie durch ein Wunder auf, war anzusehen wie die
Lichtgestalt eines Heiligen, streifte mit langsamer Hand das Blut von seiner
Stirne fort, lchelte ein bichen und sagte leis: Ich bin nicht, was du mich
gescholten hast. Warum erschlugst du mich?
    Sie wollte schreien und streckte die Arme. Da zerflo das leuchtende Bild in
der Finsternis. Und die tastenden Hnde der vllig Erwachten fhlten die khle
Mauer, fhlten das Tischlein mit Teller und Glas, die Vorhnge des Bettes und
die linden Kissen, die hei waren von der Glut ihres zitternden Leibes. Und da
fiel in ihre Seele ein neuer Sturm, der sich mischte aus Schmerz und Sehnsucht,
aus Glck und Freude. Jetzt wute sie, dieses Frchterliche war nur ein Traum
gewesen, ein bser Traum, der sich weitergesponnen hatte vor ihren offenen
Augen. Und da wute sie auch wieder, wem diese kleine Stube gehrte - wute, in
wessen Bett sie lag. Erschrocken und selig prete sie unter zerbissenem
Schluchzen das Gesicht in die Kissen, die na wurden von ihren Trnen. Und
whrend ein lautloses Schluchzen ihren Krper schttelte, glitt alles, was seit
den Gewitterstunden auf dem Untersberg nur ein unbewutes Erleben gewesen, in
jagenden Bildern an ihr vorber.
    Diese grauenvolle Nacht! Sie ist wie ein Zorngericht des Himmels, der die
sndhafte Erde verdammt. Dieses ohrenbetubende Rauschen des Regens, der den
lohenden Brand des Waldverhaues ertrnkt und in der Finsternis auf die Menschen
lospeitscht! Dieses Feuerschwimmen der Blitze, das ruhelose Gebrll des Donners!
Zwischen Sturzbchen und springenden Felsbrocken kmpfen sich die
Sechsundzwanzig Schritt um Schritt durch die steile Wand, bei jedem Atemzug
bedroht von einer unsichtbaren Faust des Todes. Mhsam und keuchend klettern
sie. Kein Blitz mehr. Nur manchmal noch ein mattes Aufleuchten. Und immer ferner
rollt der Riesenkarren des Donners. Unter dicken Nebelfluten will der Morgen
grauen. Die Sechsundzwanzig hocken hinter Steinblcken, die zum Sturz gerichtet
sind, und harren im Gewoge des Nebels auf das Sturmzeichen vom Fuchsenstein. Der
Tag wird hell, und sausender Westwind fhrt in die Nebelschwaden. Manchmal
taucht eine Bergrippe, ein Stck des Tales aus dem wirbelnden Grau heraus. Da
drhnt der erste Schu der Landshuterin. Schu um Schu, glle mit dem Echo
zusammenrinnend zu einem ununterbrochenen Tongebrll. Jetzt ein dumpfes
Gerassel. Ein Turm ist gefallen, ist ein Schutthaufen ber zerdrckten Leichen.
Verwehte Menschenstimmen, wie das Kreischen lustiger Kinder. Spielen sie Krieg,
diese Kleinen? Man hrt ein Gemecker wie von winzigen Trompeten. Durch einen Ri
des Nebels sieht man drunten im Tal das Aschenfeld des niedergebrannten
Waldverhaues. In dieser Asche kriecht eine lange, bunte Raupe mit glnzenden
Haarbscheln - die Kolonne der Strmenden mit Langspieen und Mauerleitern.
Wirres Geschrei, und jetzt ein feines Klingen, als wrde ein Sack Mnzen
ausgeleert. Achtung! schreit Malimmes. Die sind bei der Mauer schon
handgemein. Auf dem Fuchsenstein drei schmetternde Trompetenste. Los!
Frwrts!
    Ein Geklirr der Schienen und Platten. Eiserne Schultern stemmen sich gegen
die fllig gestellten Felsblcke. Sechsundzwanzig Stimmen schreien die
Sturmlosung. Die Blcke fangen zu rollen an, springen und poltern, verschwinden
krachend im Nebel. Schreck und Verwirrung rennen dem Huflein der
Sechsundzwanzig als Kampfgenossen voraus. Der Widerstand der Besatzung, von
einer dunklen Gefahr im Rcken gefat, wird schwcher und zerflattert. Wie ein
Schwrm von Flhen hpfen die Bayrischen ber die zerbrselte Mauer. Und
Fnfundzwanzig, die aus dem Wald herausbrechen, schlagen mit blitzenden
Schwertern los. Nur einer, ein schlanker Bub, bringt keinen Streich zuwege, ist
wie ein Blinder, wie ein halb Ohnmchtiger. Malimmes, der immer lacht und
schreit, mu mit dem sausenden Bidenhnder die Hiebe der Gadnischen von dem
Buben abwehren und kreischt ihm zu: Denk an den Jakob! Und da schrillt die
Stimme des Buben: Jakob, Jakob, Jakob, Jakob! Jeder Schrei dieses Namens wird
ein zorniger Streich mit dem, Eisen. Klirrendes Gemenge. Spritzendes Blut.
Braune Gesichter werden bleich. Menschen strzen und seufzen, winden sich
sthnend unter eisernen Tritten. Los, los, frwrts, brllt Malimmes, hinter
meinem Herren her, oder mein Herr ist hin!
    Mit dreschenden Hieben hat Runotter eine Gasse durch das kmpfende Gewhl
gebrochen. Er schlgt und schlgt. Seine Augen suchen. Jetzt ein Schrei wie in
tierischer Freude. Er hat den Gegner gefunden, den er suchte. Prasselnd fallen
des Runotters Hiebe auf diesen Keuchenden nieder, der sich verzweifelt wehrt.
Die Stahlhaube des Gadnischen Hofmanns geht in Scherben, ein rotes Bchlein
fhrt ihm ber Nase und Bart. Da saust der lange Bidenhnder zwischen die beiden
hinein, Malimmes stt den Bruder seitwrts, fat den Taumelnden am Bein, reit
ihn zu Boden - Narr! Bleib liegen! - und ber den Blutenden geht das wste
Gedrng der Kmpfer hinber. Auf allen vieren fngt Marimpfel zu kriechen an,
gewinnt den Waldsaum, reit einen von den angepflckten Gulen los und klettert
mhsam in den Sattel des scheuenden Tieres.
    Ein letzter, wilder Kampf um Hof und Torhalle der Feste. Wieder sucht
Runotter. Und findet. Jetzt fhrt ihm auch kein Bidenhnder vor die dreschende
Klinge hin. Unter dem lallenden Todesschrei Herr Jesus! bricht der Gadnische
Vogt wie eine klirrende Eisensule unter den Streichen des Bauern zusammen. Ein
wirres, jubelndes Geschrei. Das Tor ist genommen. Die Brcke fllt. Durch die
Torhalle drngen Herzog Heinrichs Harnischer. Der alte Hauptmann des Hallturms,
Herr Armansperger, wird vom Gaul gerissen und gefangen. Mit drngendem. Gewirre
- halb noch Kampf, doch halb schon eine schauerliche Posse - beginnt die Flucht
der berwundenen, umschleiert von wehenden Nebelfetzen, umwirbelt vom Qualm der
brennenden Gebude. Die Sieger sind verwandelt in gierige Sackmacher. Hundert
Stimmen schreien? Die Gaul! Die Gaul! Rennende Troknechte. Ein Gewhl von
Rossen, die man vom Aschenfeld hereinbringt durch die mit Leichen und
Verwundeten gepflasterte Torhalle. Hinter den Flchtenden geht ein grausames
Jagen und Hetzen her. Und der schlanke Bub, ohne Eisenhut, mit blutbespritzter
Kettenhaube, den Kra und die Schienen von Schmutz und Asche umkrustet, rennt
und schreit, findet den Falben, zerrt sich in den Sattel, taumelt auf dem Gaule,
den er hetzt und mit schmeichelnden Lauten kost - und hinter dem Buben schreien
zwei Erschrockene in Sorge: Jul! Jul! Jul! -
    Vor der Seele des gequlten Menschenkindes, das in dunkler Nacht unter
ersticktem Schluchzen das Gesicht in die Kissen whlte, erlschen die Bilder.
Alles Geschehene wird ein Wirres und Unbegreifliches, ein Schauder und Grauen,
wird eine mde Dumpfheit ohne Sinn und Willen, wird zur Marter einer hilflosen
und verstrten Sehnsucht.
    Um das kleine, vergitterte Altanenfenster dmmert das Erwachen des Tages.
    Und irgendwo ist ein leises, ruheloses und wunderliches Tnen. Das klingt,
wie wenn ein Schnitter seine Sense dengelt - und klingt, als wr's der hastige
Schlag eines sthlernen Herzens gegen eine Brust von Eisen.


                                  Zweites Buch

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Die erste Stimme des jungen Morgens, der zu Berchtesgaden erwachen wollte, war
ein dnnes Pochen und Klingen, das sich flink und ruhelos wiederholte.
    Im Flur des Someinerschen Hauses sa Malimmes rittlings auf einer Holzbank
und klopfte mit dem Hammer an des Buben Kra die Dullen aus.
    Auch von den Nachbarhusern war das gleiche Hmmern und Pochen zu hren.
Gepanzerte Wachen klirrten auf der Strae vorber; Gule wurden hin und her
gefhrt; verstrte Weibsbilder huschten vorbei; und von irgendwo hrte man den
johlenden Gesang bezechter Kriegsleute.
    Malimmes hob das Eisenzeug auf den Arm und ging zur Amtsstube. Die zwei
Knechte waren schon im Stall; Runotter schlief noch und lag auf dem Heu wie ein
regungsloser Klotz. Um Ruhe zu finden, hatte dieser sonst so Mige am
verwichenen Abend schwer gebechert, bis spt in die Nacht hinein. Der Soldknecht
beugte sich nieder und rttelte den Schlafenden am Arm. Runotter hob den Kopf;
sein stumpfer Blick ging langsam ber die hellen Fenster hin. Herr, sagte
Malimmes, der Morgen ist da. Dann stieg er die zwei Treppen hinauf, stellte
die blanken Wehrstcke des Buben auf den Boden hin und lie das Eisen ein
bichen klirren. Er lauschte.
    In dem weien Stbchen da drinnen blieb es still.
    Als Malimmes wieder hinunterstieg, begegnete ihm die Amtmnnin, die
verschchtert die bse Narbe des Sldners anstarrte. Sie schien diesen
schreckhaft aussehenden Kerl, obwohl er lachte, nicht unter die guten Seelen zu
rechnen. Er sagte: Frau! Fr den Buben da droben msset Ihr was tun!
    Frau Marianne nickte gleich.
    Er hat bei der Hallturmer Mauer das Helmdach verloren. Jetzt braucht er ein
neues Eisenhtl.
    Die Amtmnnin stammelte: Ach, Mensch, da wei ich aber nicht -
    Geh, Frau! Ihr habt doch einen ausgewachsenen Sohn.
    Schweigend ging Frau Marianne davon. Und sie hatte nasse Augen, als sie
einen zierlichen Stahlhelm mit grauem Reiherbusch aus der Stube brachte.
    Malimmes lachte. Gelt? Wenn man will, geht alles. Jetzt tragt ihm das Htl
aber auch selber hinauf! Mit einem rechtschaffenen Frhmahl! Er nickte der
Amtmnnin lustig zu. Drunten im Hofe fand er den Runotter, der sich am Brunnen
wusch. Recht so, Herr! Kalt Wasser ist gut. Des Weins, mein' ich, ist dir
gestern ein Kitzel zu viel worden? Nit?
    Ich hab schlafen knnen. Runotter richtete sich auf. Seine nassen, vllig
ergrauten Haare tropften, und dnne Glitzerfden liefen ihm ber das mde
Gesicht. Jetzt bin ich wieder nchtern. Und da ist mir allweil eine Frag im
Hirn.
    Was fr eine?
    Mit schwerer Trauer in den Augen sah Runotter den Sldner an. Was besser
ist: Unrecht leiden oder Unrecht tun?
    Herr! Da ist eins so dumm wie das ander. Der richtige Weg geht
zwischendurch.
    Den finden blo die Glckhaften.
    Nit wahr ist's. Man mu halt suchen. Aber komm! Eins nach dem andern. Jetzt
essen wir zuerst die Supp.
    Als sie bei der Schssel saen, kamen zwei von den Plaienschen Soldknechten
und holten den Malimmes zum Hauptmann Grans. Er schien diesen Weg nicht gerne zu
machen. Und flsterte dem Runotter zu: La den Buben nit aus dem Haus! Und die
Gul mssen unter Zaum und Sattel sein. Den ganzen Tag.
    Was frchtest?
    Geforchten hab ich noch nie was. Aber gestern hab ich allerlei gemerkt, das
mir nit gefallen hat. Wir reden noch drber. Jetzt mu ich zum Hauptmann.
Hauptleut warten nit gern.
    Als Malimmes das Haus verlassen hatte, legte Runotter seine Platten an und
ging zum Stall. In den kleinen Hof, wo der Brunnen war, fiel schon die
Morgensonne herein. Runotter guckte am Haus hinauf und sah auf der Altane des
zweiten Stockes den Buben stehen, in Kra und Schienen. Jul, ganz in Sonne, das
schmale Gesicht umschattet von den dichten Strhnen des schwarzen Haares, beugte
sich ber das Gelnder, nickte dem Gepanzerten im Hof da drunten zu und wollte
in die weie Stube treten. Doch hei erschrocken blieb der Bub auf der
Altanenschwelle stehen, ein schlanker Schatten vor dem Glanz der Sonne.
    Frau Marianne, den zierlichen Stahlhut mit den grauen Reiherfedern auf dem
Arm, und die alte Magd, mit Wein und Mahl fr den Durst und Hunger eines Riesen,
kamen zur Tr herein. In ngstlicher Hast bestellte die Magd den kleinen Tisch
und surrte davon. Die Amtmnnin machte erstaunte Augen, als sie das suberlich
bedeckte Bett und das sorgfltig aufgerumte Stbchen sah. Zum erstenmal, seit
die Kriegsleute in ihr Haus gefallen, bekam ihr Gesicht einen ruhigen, fast
frohen Ausdruck. Der rtselhafte Schutz, der ihrem Haus zu Hilfe gekommen war,
hatte ihr Herz nicht so zutraulich berhrt wie die Ordnungsliebe dieses
gepanzerten Knaben. Junger Mensch, sagte sie, dich hat deine Mutter gut
erzogen. Weil der Bub gegen die Sonne stand, konnte sie die Erschtterung nicht
gewahren, die den Wortlosen befiel. Sie reichte ihm den schmucken Helm mit den
Reiherfedern hin. Der Soldknecht mit der bsen Narb hat mir gesagt, du ttst
ein Eisenhtl brauchen. Da ist eines. Ich htt's keinem anderen gegeben. Dir geb
ich's gern. Sie sagte herzlich. Komm, tu dein junges Kpfl her! Ob das Htl
pat?
    Jul beugte den Kopf. Und von den Schultern fiel ihm das schwarze Haar um die
heien Wangen.
    Frau Marianne hob den Stahlhelm ber die Stirn des Buben. So ein junges
Kpfl mu guten Schutz haben! Sie seufzte schwer. Ach, der Krieg! Da wurde
sie wieder heiter. Guck nur, wie das Htl sitzt! Sie trat zurck und
betrachtete den Buben mit Wohlgefallen. Meinem Sohn hat's auch so gut zu
Gesicht gestanden. Der hat's gekriegt, wie er wehrhaft worden ist.
    Erschrocken nahm Jul den Helm herunter. Das Htl nimm ich nit. Ich bin kein
Sackmacher.
    Du? Ein Sackmacher? Und hast meinem Haus den Fried geschenkt. In einer
schiechen Zeit.
    Hastig sagte der Bub: Blo weil ich den flinkeren Gaul hab, bin ich der
erste beim Tor gewesen. Da Eurem Haus nichts Ungutes widerfahren soll, das hat
mein - - Wahr ist's, Frau! Das hat der Runotter so haben wollen, mein Vetter.
    Frau Marianne beugte den Kopf, wie um hinunterzulauschen nach der blen
Leidenskammer ihres Mannes. Dann sagte sie ernst: Was man deinem Vetter getan
hat, ist ohne Verstand gewesen. Und da vergilt er's an unserem Haus mit gtigem
Fried! Dein Vetter ist ein redlicher Mann. Soll ihn der schieche Krieg nicht
anders machen. Der Krieg ist ein Leutverderber. Whrend Frau Marianne diese
Goldmnze ihrer Weisheit prgte, hatte Jul mit zitternden Hnden den Helm auf
die Bettkissen hingelegt, in die das blinkende Eisen lautlos versank. Aber
komm, Bub, jetzt tu dich hersetzen! Ganz wohl ist mir, da ich ein ltzel
plauschen kann. Dein Mahl hab ich selber gekocht. Da mcht ich auch zuschauen,
wie's dir schmeckt. Greif zu! Es ist dir vergnnt. Sie legte ihm vor, fllte
das Weinglas und redete dem Zgernden herzlich zu. Und immer betrachtete sie den
Buben, whrend er a. Vor sieben Jahr, bei einem Richtmannsfest in der Ramsau,
da hab ich deines Vetters Mdel gesehen. Ist selbigsmal noch ein halbes Kind
gewesen. Und so viel trutzig gegen meinen Buben. Ich mu dran denken, weil ich
mein', du hnelst ihr ein ltzel.
    Jul beugte das Gesicht ber den Zinnteller. Oft sagen's Leut.
    Wo ist das Mdel jetzt?
    Mhsam antwortete der Bub: Es heit, die hat der Vetter hinbergeschickt
ins Pondau - zu seiner Schwgerin -
    Ist das deine Mutter?
    Der Bub schttelte den Kopf.
    Wo lebt deine Mutter?
    Jul hob den Kopf. Meine Mutter hat sterben mssen. Schon lang.
    Ach - Mit beiden Hnden griff Frau Marianne ber den kleinen Tisch
hinber. Und whrend sie die zitternde Faust des Buben streichelte, sagte sie:
Dir lebt deine Mutter noch allweil. Sonst wrst du nicht, wie du bist! Aber
komm, tu trinken und essen! Mein armer Ruppert sagte allweil: Trauer drf nie
des Hungers Feind sein. Und du bist mir nicht bs? Gelt, nein? Ich hab gemeint,
ich tu dir was Liebes an, wenn ich von deiner Mutter red.
    Ja, Frau! sagte der Bub mit seiner schnen dunklen Stimme. Tausend
Vergeltsgott - weil Ihr so gut seid - zu mir -
    Du gefllst mir. Und schau, ich bin doch auch eine Mutter und hab einen
Buben. Frau Marianne tat einen schweren Seufzer. Der mu jetzt umeinandreiten
in der Welt, ich wei nicht, wo! Und kann in Fahrnis und Kriegsnot kommen. Gott
verzeih mir die Snd - ich denk oft: Der Herrgott ist auch blo Mannsbild. Sonst
mt er doch dreinschlagen mit dem himmlischen Besen. Bei so viel Narretei auf
der Welt! Aaaah, freilich! Brandschatzen, Ksten zerschmeien, Weiber nten, mit
Pulver pumpern, mit Eisen scheppern - und nachher brsten: Hui, was ist der
Krieg fr ein lustig Ding! Und was eine Mutter ist, die kann derweil versterben
vor lauter Angst um ihren Buben. Kein Stndl bei Tag und Nacht, wo man nit
frchten mu, jetzt, jetzt, jetzt rumpelt so ein Haufen Lauskerl ber meinen
Buben her und metzget ihn nieder. Wegen siebzehn Ochsen! Ja, Ochsen! Wer sind
denn die Ochsen? Die den Krieg machen, die sind's! Frau Marianne mute fr ein
Weilchen verstummen, um ihre reichlich flieenden Trnen zu trocknen; bei dieser
feuchten Beschftigung gewahrte sie nicht, da auch dem gepanzerten Buben zwei
schwere Perlen herunterkollerten ber den Mund. Ach, Bub - freilich, du, ein
junges Mannsbild im ersten Eisen, du denkst wohl anders - aber tu's einer Mutter
nicht verbeln, was sie leiden mu!
    Jul schttelte den Kopf.
    Und die Amtmnnin klagte weiter: Ttst du nur wissen, was fr ein richtiges
Leben in meinem Lampert ist! Und schau, wenn ich gut bin zu dir, als Mutter zu
einem fremden Buben - es mu doch, noch irgendwo ein ltzel Gerechtigkeit geben
- schau, da darf ich mir denken: Was ich tu an einem Fremden, das kommt in der
schiechen Welt da drauen meinem Buben wieder heim von einer fremden Mutter.
    Da flsterte eine dunkle Stimme voll Inbrunst: Gott soll's geben!
    Gelt, ja? Und Frau Marianne, in einem Sprudel zrtlicher Worte, schttete
das Lob ihres Sohnes aus bedrckter Seele heraus. Wie aufrecht, fest und redlich
er wre, wie herzlich zu seiner Mutter, wie fleiig und tchtig in seiner
Wissenschaft, wie klar und reinlich in seinem Leben, wie geschickt und klug in
allen Dingen, zu denen man Vernunft bentigt. Und wr's meinem Buben
nachgegangen, so htt das ganze Elend mit dem Ochsenkrieg nie angehoben. Der Bub
hat allweil dawider geredet. Aber nein! Recht mu Recht sein! Und da schreien
die Bnkelsnger aus, wir Weibsleut wren so - Frau Marianne hob in Zorn die
Arme ber den Kopf und machte die berhmte Bewegung des Knickens auf dem
Daumennagel. So? Ja? Und wie sind denn die Mannsleut? Die fahren doch gleich
mit Kammerbchsen los gegen jeden Rechtsfloh, der in ein Grsl beit. Mein Bub
htte den Unsinn noch hindern mgen in der letzten Stund. Jesus, wenn ich
drandenk, wie er auf seinem Rssel hinausgesurrt ist zum Haustor! Da hat kein
Schrei seiner Mutter nimmer geholfen. Weit, er htt die Pfndleut noch gern
berholt. Und wie ist er heimgekommen am Abend! Das Gesicht so wei wie das Bett
da! Und den linken Arm haben sie ihm ausgeschmissen, die Unmenschen. Und schier
kein richtiges Wrtl nimmer hat er im Hals gehabt. Weit, beim Burgstall am
Gwhr, da hat er die Pfndleut noch gesehen, hoch droben auf der Bergschneid.
Und da hat mein Bub in seiner Sorg einen Schrei getan, der ihm die Stimm
zerrissen hat. Das ist noch allweil nicht gut.
    Erschrocken verstummte Frau Marianne und betrachtete ratlos den schweigsamen
Buben. Der zitterte so heftig, da die Stahlschienen an seinen Armen knirschten.
Sein Gesicht war entstellt, und die weit geffneten Augen brannten wie der Blick
eines Fiebernden.
    Bub? Um Christi willen? Bist du krank?
    Er schttelte den Kopf und bewegte die Lippen. Reden konnte er nicht.
    Aber ich seh's doch, Bub! Dir mu was fehlen! Tu deine Hand her! La
schauen, ob du fieberst? Frau Marianne war aufgesprungen und wollte die Hand
des Buben fassen.
    Da scholl durch den Treppenschacht die Stimme des Runotter herauf: Jul?
Hi? Wo bist?
    Der Bub sprang auf. Mit zitternden Hnden warf er das Sehwertgehenk ber den
Kra, fate die Kettenhaube und wollte zur Tre. Die aufgeregte Frau vertrat
ihm den Weg, raffte den blinkenden Helm aus den weien Bettkissen, drckte dem
Buben das feine Stahldach auf das schwarze Haar und stammelte: Das Htl! So
nimm doch das Htl! Dein junges Leben mu doch bin Schirmdach haben!
    Als Jul hinunterkam in den Flur, fragte Runotter erschrocken: Bub? Was ist
dir? Ohne zu antworten, fiel Jul auf die Steinbank hin. Und als Runotter diese
verstrten Augen sah, schrie er ratlos dem Heiner zu: Spring, Mensch! Such den
Malimmes!
    Der junge Knecht mit dem blutfleckigen Stirnband sprang auf die Strae
hinaus und rannte zum Stift. Auf dem Marktplatz war ein Gewimmel von Menschen.
Aus allen Fenstern guckten die Leute in Sorge und Neugier. Und die Strae war
angefllt mit vier langen Reihen von Spieknechten, die vom Hauptmann
Seipelstorfer gemustert wurden. Ein hnliches Bild fand Heiner im Stiftshofe.
Nut standen hier die Reiter mit ihren gesattelten Gulen. Und Pferde wurden aus
der offenen Torhalle des Mnsters herausgefhrt. Der Krieg hatte die schne
Kirche in einen wsten Stall verwandelt.
    Heiner fragte sich bis zum Quartier des Plaienschen Hauptmanns durch. Das
war im zweiten Stockwerk des Stiftes, in den Frstenzimmern. Als der Knecht ber
die Treppe hinaufkeuchte, kam Malimmes ihm entgegen, sehr schlecht gelaunt. Die
groe Narbe war wie ein Blutstreif. Heimkommen sollst! Der Bub ist letz.
    Zuerst erschrak Malimmes. Doch er wurde ruhig, als er hrte, wie der Bub aus
seiner Quartierstub herunter gekommen wre. Da wei ich schon, was los ist.
Komm!
    Die beiden muten zu ebener Erde einen langen Korridor durchschreiten, der
erfllt war von einem grauenhaften Spittelgeruch. An die vierzig Kranke und
Blessierte waren hier auf unreinlichen Kissen, auf Stroh und Pferdekotzen
schlecht gebettet. Wehleidige und wirklich Erkrankte, schwer und leicht
Verwundete, Genesende und Sterbende, adlige Herren und niedrige Knechte, Sieger
und Besiegte - alles lag da friedlich nebeneinander. Der eine hatte seinen
Kra, der andere ein Bndel Kleider unter dem Nacken. Hier wurde einem eine
Pfeilspitze aus dem Fleisch geschnitten, dort zog man einem eine Kugel aus den
Knochen. Hier gab ein Priester einem Sterbenden das Sakrament und redete ihm zu,
an Gottes Barmherzigkeit zu glauben. Dort waren zwei mit verpflasterten Kpfen
nahe zusammengerckt und wrfelten. Zwischen den Lebenden lagen ein paar Tote,
die man noch nicht hinausgetragen hatte. Letztes Rcheln und schmerzvolle
Seufzer mischten sich mit Gelchter und heiterem Geschrei. Dazu hrte man von
irgendwo die lustigen Trommeln und Pfeifen. Und in der leeren Zeile zwischen den
Strohbetten eilten gesunde Kriegsknechte mit frhlichem Schwatzen hin und her.
Von denen, die es nicht anging, hatte keiner Mitleid mit dem andern. Narr!
Httst du dich besser gedeckt!
    Dem Malimmes, als er schon zum Tore hinaus wollte, flog ein nasser Klumpen
Leinewand gegen den entblten Nacken. In Zorn drehte er sich um - und mute
lachen. Was ihm da an den Hals geflogen, das war ein brderlicher Gru. Auf
einer Strohgarbe sa Marimpfel mit verbundenem Kopf, den Bart verkrustet von
Blut, das Gesicht gesprenkelt mit blauen Flecken. Malimmes trat auf den Bruder
zu und streckte die Hand. Marimpfel nahm sie nicht. Mit grober Stimme fing er zu
schimpfen an. Landesverrter, Spion und Lumpenkerl - das waren unter seinen
brderlichen Zrtlichkeiten die mildesten. Malimmes lachte. Geh, Bruder, was
redest du denn fr Narretei?
    Hast mich nit am Fu gepackt? brllte Marimpfel. Hast mich nit tckisch
niedergerissen? Grad wie ich dem Ramsauer Gauch den Garaus hab geben wollen!
    Geh, du Fasnachter! Malimmes blieb noch immer heiter. So ist doch das nit
gewesen. La dir sagen -
    Willst mir predigen, du? Es folgte ein Schimpfwort, das auch den Malimmes
ernst machte, weil es dem Scho des alten Weibleins am Taubensee einen bsen
Irrtum nachredete.
    Predigen? Dir? sagte Malimmes hart. Blo wnschen will ich, da du bald
gesund wirst. Solche, wie du, mssen rumlaufen auf der Welt. Da sterben die
Redlichen lieber. Er ging davon.
    Im Stiftshof war noch immer das Gewhl von Pferden und Gepanzerten. Doch die
Spieknechte, die auf dem Marktplatz gestanden, waren verschwunden. Von der
Hallturmer Strae hrte man Trommeln und Pfeifen, die sich entfernten. Malimmes
lauschte, mit schweren Furchen auf der Stirn. So, so? Alt er im Someinerschen
Haus den Flur betrat und den Runotter auf der Steinbank sitzen sah, mit dem Kinn
auf dem Schwertknauf, fragte er: Wo ist der Bub?
    Im Stall bei den Gulen.
    Was ist denn gewesen mit ihm?
    Ich wei nit. Jetzt ist er schon wieder in Ruh. Da er grad. Aus dem
sonnigen Hof trat Jul in die dmmerige Flurhalle herein, ber der Kettenhaube
den zierlichen Helm mit dem Reiherbusch. Malimmes, so ernst sein Gesicht war
schmunzelte ein bichen. Da fragte Runotter md: Was bringst du vom Hauptmann?
    In die Ramsau mu ich reiten, mit einem Brief an den Reichenhaller Kaplan,
der in der Ramsau fr den heiligen Zeno eine Pflegschaft aufstellt.
    Runotter schwieg. Und Jul, mit einem raschen Schritt, trat neben den
Wortlosen hin.
    Weisung, was ich weiter tun mu, krieg ich in der Ramsau. Komm! Der
Hauptmann hat verstattet, da ich dich, den Buben und deine Knechtleut mitnimm.
    Runotter hob das entstellte Gesicht. Mich sieht die Ramsau nimmer. Meines
Jakobs Grab ist berall.
    Malimmes nickte. Ich versteh's. Aber gib mir den Buben mit!
    Jul legte den Ann um den Hals des Runotter. Ich bleib.
    Lange schwieg Malimmes. Dann murrte er verdrossen: Da kannst nichts
machen! Ein Hufgetrappel vor dem Flurtor. Guck, mein Geleit ist da! Er lachte
bitter. Zwlf Harnischer krieg ich mit. So nobel reiten oft groe Herren nit.
Meintwegen! Ich hol meinen Gaul. Als er in den Hof hinaustrat, winkte er dem
Runotter.
    In dem engen Stall des Amtmanns standen die fnf Gule dicht gedrngt an der
Krippe des Moorle.
    Whrend Malimmes sein beim Hallturm erbeutetes Herrenro zum Ausritt fertig
machte, kam Runotter in den Stall. Was ist?
    Die Augen mut offen haben.
    Weit du was Sichers?
    Malimmes schttelte den Kopf. Was der Herzog spinnt, das kann mir der
Hauptmann Grans nit an die Nas hngen. Es kommt mir so fr, als mcht uns der
Hauptmann fort haben. Aber du magst nit. Gut! Wenn sich's der Mensch so
einrichtet, wie's ihm taugt, das ist ein Weg zum glckhaften Leben.
    So red! Was glaubst?
    Wenn ich's nur wt! Ich merk blo allerlei, was mir nit gefallen will.
Krieg? So eine Katzmauserei! Und die Maus, mein' ich, beit ihren Speck an der
Donau. Malimmes lachte. Warum sind die Kammerbchsen und der Tro nit
nachgeruckt? Warum stehen alle Gul unter Sattel? Wo rucken die Spieknecht hin,
denen man grad davongepfiffen hat? Mensch, da stinkt was! Und wenn die zwlf
Harnischer, die mich geleiten, nit geheimen Auftrag haben, la ich mich hngen.
Der Hnfene Nummer fnf oder sechse ist mir wohl eh nimmer weit. Mich kitzelt
das Zpfl.
    Runotter sagte streng: Der Herzog wird doch nit ein unschuldigs Lndl ins
Elend schmeien, blo weil's ihm ein Salz auf seiner Suppen ist? Geh, sei nit so
mitrulich!
    Ja, ja! Ich bin schon so ein Lumpenkerl. Mein Bruder hat recht. Aber hrst
du einen Lrm, so spring mit dem Buben auf die Gaul und reit wie der Teufel auf
Plaien zu. Und eh du nit die Kammerbchsen findest, eh drfst du nit rasten. Mir
wr's arg, wenn dir und dem Buben was zustoen tt. Malimmes fhrte sein
erbeutetes Herrenro in die Sonne heraus. Und la dir was sagen! Tapferkeit ist
ein schnes Ding. Aber aufmucken wider einen Berg, der umfallt? Gott hat die
Menschleut nit erschaffen, da sie Mus werden. Er stieg in den Sattel. Und
jetzt soll's kommen, wie's mag. Ich wehr mich. Malimmes ritt in den Hausflur,
umklammerte die Hand des Jul und sagte mit einem wunderlich klingenden Lachen:
Sonst red ich allweil, was ich selber denk. Jetzt schwtz ich nach, was dir
einer in Plaien hat sagen mssen: Geb's Gott, da wir uns morgen die Hand wieder
bieten knnen! Ein heier, sehnschtiger Blick. Dann versetzte Malimmes dem
Gaul einen Faustschlag und lie ihn hinausklappern auf die Strae. -
    Das wurde ein flinker Ritt. Im Tal der Ramsau, vor dem Einflu des
rauschenden Windbaches in die Ache fand Malimmes eine Schanze aufgeworfen, die
den Zugang zum eroberten Lande des heiligen Zeno gegen Berchtesgaden sperren
sollte. Sldner des Reichenhaller Stiftes und Burghausener Spieknechte hielten
Wache und beaufsichtigten die Arbeit. An die dreihundert Leute - Mnner, Weiber
und halbwchsige Buben - waren beim Werk, schleppten Felsbrocken und fllten
Bume. Malimmes erkannte unter den Schanzleuten viele Ramsauer. Der lange,
magere Fischbauer, den sie hinter dem Seppi Ruechsam zum Albmeister gemacht
hatten, stand im Bach und half bei der Arbeit am hngenden Pfahlrost, mit dem
die Ache gesperrt wurde. Und einer, der ber dem Wasser drben zimmerte? War das
nicht der Mareiner vom Taubensee? Malimmes schrie den Namen des Bruders. Bei dem
Lrm des Wassers hrte Mareiner die Stimme nicht gleich. Dann lachte er, kam auf
einem Baum, der den Bach berspreizte, flink herbergegaukelt und streckte
Malimmes froh die Hand hinauf: Gottes Gru, Bruder!
    So? Bist wieder im Land?
    Seit gestern abends.
    Wie geht's der Mutter?
    Nit schlecht. Mein Weib ist doch auch wieder mit heim kommen. Etwas Helles
glnzte in den Augen des Bauern. Die Meinig ist eine gute Seel. Da hat die
Mutter wieder ihr Sach, wie's sein mu. Blo ein ltzel unsinnig tut das alte
Weibl. Allweil sucht sie vier Goldpfennig, die sie vom Marimpfel haben will. Ich
wei nit, was sie meint.
    Malimmes fragte rauh: Sind die andchtigen Bittgnger gern wieder heim?
Oder ist ihnen der heilig Zeno ein ltzel spieig worden?
    Die meisten hat man treiben mssen. Ich bin gern gegangen. Mareiner redete
ruhig, wie ein verstndiger Mensch. Jetzt ist die Ramsau zenonisch. In eine
Ordnung, die neu ist, mu man sich schicken. Herr ist Herr. Schlechter wird's
auch nit sein. Eher besser. Einen Vortl hab ich schon verschmeckt. Der Bauer
streckte sich stolz. Jetzt bin ich Erbrechter.
    Was bist? fragte Malimmes verblfft.
    Erbrechter! Vierzig Pfund Pfennig hab ich gegeben. Der heilig Zeno braucht
Geld und hat's billig gemacht. Und morgen, da krieg ich wieder Kh und Su.
Wohl, Bruder! Jetzt ist mir mein Haus wie Haut und Mantel. Noch gestern vor
Nacht hat der hochwrdige Herr Franzikop meinen Erbrechterbrief gesiegelt. Jetzt
bin ich wer. Und kann mitreden.
    Ernst sagte Malimmes: Gott soll dir's geben, da es bleibt! Er dmpfte die
Stimme. Sei frsichtig, Bruder!
    Es wird schon bleiben! nickte Mareiner mit ruhiger Heiterkeit. Ich hab
ein Zeichen. Krieg ist ein schieches Ding. Aber hinter dem Mist wachsen Blumen.
Weit, im reichen Hall drben, im Gelger, da hat man Zeit gehabt und ist
allweil beieinander gewesen. Und viel gebetet hat die Meinig auch. Da hat sich
der heilig Zeno gndig erwiesen. Jetzt wei ich, warum ich Erbrechter bin.
Mareiner lachte froh. Ich mein' das gibt einen Buben. Bei uns im Haus hat's
allweil Buben gegeben.
    Ein Sldner des heiligen Zeno befahl dem Bauer: Geh schanzen! Oder du
kriegst einen Merk.
    Ich geh schon, Mensch! sagte Mareiner freundlich. Ich bin ein Williger
und tu, was Recht ist. Mit frohen Augen grte er den Bruder und gaukelte auf
dem schwankenden Baum ber den Bach hinber.
    Als Malimmes den Gaul wandte, sah er, da der Frmann der Harnischreiter
leis mit dem Sergeanten der Burghausener Spieknechte schwatzte. Die beiden
wurden stumm, als sie merkten, da sie dem Bauernsldner auffielen. Im
Weiterreiten fragte Malimmes: Was hast du getuschelt mit dem?
    Der andere lachte. Blas nit, was dich nit brennt!
    Recht hast! murrte Malimmes. Viel Feuer ist, von dem ein Stank aufgeht.
Blast man hinein, so wird's noch rger. Er sah ber den rauschenden Bach zum
anderen Ufer hinber, wo der glckliche Mareiner fleiig zimmerte. Harnischer?
Weit du, was Glck ist?
    Was man im Sack hat.
    Nit wahr ist's! Glck ist, was man glauben kann.
    Das Wort spann sich weiter in den Gedanken des Malimmes. Immer sah er die
frohen Augen des Bruders. Der glaubte! Sein Erbrecht, sein Weib, sein keimendes
Kind. Fr den Mareiner gab es was anderes nimmer. Alles Gewesene war versunken
fr ihn. Keine Frage um die Landsnot, keine Frage nach dem Runotter! Was ging
den glcklichen Mareiner das Elend des Runotter an?
    Da droben auf dem grnen Hgel lag das Grab des Jakob; ein mchtiger
Aschenhaufen mit schwarzen Balkenstrnken. Wie finstere Riesenhnde mit
gespreizten Rufingern ragten die verkohlten Ulmen in das schne Blau des
Himmels. Kleine Vgel flatterten vergngt um die schwarzen ste. Und auf dem
Aschenhgel keimte schon wieder das Grn, Unkraut und Grser, alles
durcheinander. Wer hatte den Samen dieses neuen Lebens ausgestreut? Der
Herrgott? Oder die Raubleut des heiligen Peter?
    Ein wirrer Lrm quoll ber die Strae her. Der Hof des Leuthauses wimmelte
von Bewaffneten, von kreischenden Dirnen und Gaunern. Der dicke Leutgeb mit dem
Doppelkinn mute seinen Wein im Hof unter den Bretterdchern ausschenken, denn
in der groen Leutstube amtete Franzikopus Wei mit zwei Schreibern, um die
Pflegschaft des heiligen Zeno in der eroberten Ramsau einzurichten und die neuen
Lehensregister, die Holdenbcher und Wehrlisten anzulegen. Scheue, Bauern gingen
aus und ein. Boten kamen und rannten davon. Ein feines Staubgewirbel war in der
Stubenluft, und scharf begrenzte Sonnenstrahlen fielen durch die kleinen Fenster
herein.
    Der Brief, den Malimmes vom Hauptmann Grans berbrachte, schien den klugen
Staatsmann des heiligen Zeno in schlechte Laune zu versetzen. Doch bevor
Franzikopus zu Ende gelesen hatte, zeigte er schon wieder das Lcheln des
Weisen, der berzeugt ist, da er es mit einem Dummen zu tun hat. Gndig lie er
sich in ein langes Gesprch mit Malimmes ein und stellte viele Fragen. Manchmal
sagte Malimmes die Wahrheit, und das klang immer sehr unwahrscheinlich. Manchmal
log er, und das hatte jedesmal einen Ton, der berzeugte. Franzikopus wollte den
Sldner schon entlassen. Da fragte er pltzlich: Kennst du den Fischbauer vom
Hintersee?
    Wohl, Herr!
    Kann man glauben, was er sagt?
    Malimmes lachte. Es kommt drauf an, was er redet.
    Wenn er sagt, eine Truhe mit Rechtsbriefen der Gnotschaft wre verloren
gegangen, er wte nicht, wie?
    Mit einer Treuherzigkeit, die schlecht gespielt war, beteuerte Malimmes
schnell: Da lgt er. Ganz sicher, Herr!
    Du weit doch, der Fischbauer ist Albmeister?
    So? Malimmes machte verblffte Augen. Das ist mir neu.
    Lchelnd tippte Franzikopus seinen Zeigefinger gegen den Kra des Malimmes.
Wie man den Seppi Ruechsam erschlagen und den Fischbauer gewhlt hat, bist du
doch selber dabeigestanden. Warum lgst du?
    Malimmes wurde sehr verlegen. In Gottes Namen, Herr, man ist doch ein Kind
seiner Heimat, der man nicht schaden mag.
    Merk ich. Du kannst gehen. Die Antwort fr den Hauptmann sollst du morgen
haben.
    Als Malimmes die Tr der Leutstube hinter sich zuzog, sprach er drei leise
Worte: So ein Hornochs! Drauen im Hofe sah er den ltestmann der Gnotschaft
stehen. Das Mnnlein war bleich und zitterte. Malimmes, im Vorbergehen,
flsterte: Sag dem Fischbauer, er soll hocken bleiben, wo er hockt, der Fuchs
ist irr in der Fhrt. Er trat zu einer Zehrbude, go einen Stutz Wein hinunter
und kaufte ein Stck Selchfleisch. Das a er im Sattel, whrend er die Strae
gegen den Taubensee hinaustrabte.
    Friedliche Sonnenstille lag um das Erbgut des glcklichen Mareiner. Keine
Schweine, keine Schafe, keine Khe. Nur ein paar Hennen waren seit dem Besuch
der Raubleute noch brig und gackerten vor dem leeren Stall, weil sie den Hahn
vermiten.
    Unter dem leis rauschenden Gezweig einer Ulme sa die alte, weihaarige Frau
in dem grobgezimmerten Holzsessel, das Gewand verwstet und zerrissen. Ihre
Augen glitten ruhelos umher, und die drren, gichtisch verkrmmten Hnde machten
fahrige Bewegungen, als mchte die alte Frau sich an der Wade kratzen und fnde
die richtige Stelle nicht. Weder Freude noch Verwunderung war in ihrem Blick,
als sie den Malimmes aus dem Sattel steigen und seinen Gaul an eine Zaunlatte
binden sah. Jetzt kam er und strecke die Hnde nach der Mutter. Da er redete,
hrte sie nicht. Und als wre er nur ein bichen ums Haus herumgegangen, fragte
sie Hast du ihn noch gesehen?
    Wen, Mutter?
    Meinen Buben! In ihrem Blick war es wie Rausch oder Fieber. Grad ist er
dagewesen.
    Ich hab ihn gesehen, Mutter!
    Gelt! Heut ist er nit stehen geblieben beim Zunl. Lang ist er bei mir
gewesen. Und hat mir - Sie wurde ungeduldig. So komm doch her, du! Und tu dich
bcken! Oder bist du auch so dumm wie der Mareiner?
    Das glaub nit, Mutter! Ich bin gescheit.
    So bck dich! Und such! Da, in den Strumpf mut du greifen. Da ist sein
Goldpfennig drin. Ich spr ihn allweil. Unter der Fers mu er liegen. Und der
ander bei der groen Zeh. Hast ihn? Hast ihn?
    Malimmes hatte sich niederfallen lassen auf die eisengeschienten Knie. Um
den Goldpfennig zu finden, brauchte er nicht in den Strumpf der Mutter zu
greifen; er fand ihn im eigenen, Hosensack. Da ist er, schau! Auf der flachen
Hand hielt er der Mutter eine gelbe Mnze hin.
    Die verkrppelten Hnde griffen zu, so flink, wie die Klauen eines Habichts
greifen. Ein leises, glckliches Lachen. Wo ist der ander? Such! Such!
    Ist schon da, Mutter! Schau!
    Die Augen der alten Frau bekamen den Blick eines heiteren Kindes. Immer lie
das lachende Weiblein die beiden blinkenden Mnzen von einer Hand in die andere
rieseln. Such! Es fehlen noch zwei.
    Er suchte. Und da fand sich auch der dritte Goldpfennig. Einen vierten hatte
Malimmes nimmer.
    Die alte Frau wurde zornig. So such doch, du!
    Mutter, jetzt hat's ein End.
    Sie sah ihn mitrauisch an. Gleich tust ihn hergeben! Dich kenn ich. Wie du
fortgelaufen bist, hat der Vater fnf Heller gemnglet.
    Ja, Mutter! Die hab ich gestohlen!
    Bist allweil ein schlechtes Kind gewesen! Du! Allweil! Und da wute sie
schon nimmer, da er noch da war. Immer spielte sie mit den Goldmnzen und
kicherte vor sich hin.
    Malimmes sa auf seinen Waden, lie die gepanzerten Arme schlaff
herunterhngen und sah die Mutter an, als wre das alte, frhliche Weiblein eine
unbegreifliche Sache. Jetzt begann er mde zu lachen. Und pltzlich mute er
aufschauen. Er hatte was gehrt, vom Haus herber, die Mareinerin, mit einem
Wasserzuber, hatte aus der Tr treten wollen und war beim Anblick des
Kriegsmannes in das Dunkel des Flurs zurckgewichen. Sich sttzend, als wren
ihm alle Gelenke zerbrochen, stand Malimmes auf und ging zum Haus hinber. Auf
der Schwelle blieb er stehen und sah das stumme, mitrauische Weib an. Mut
dich nit frchten! Blo ich bin's. Gelt, du hast halt noch allweil den Schreck
im Blut?
    Die Buerin sagte zornig: Ich versteh nit, was du meinst.
    Freilich! Was man schreien hat hren selbigsmal in der Nacht, das sind die
Su gewesen, die euch die Raubleut totgestochen haben.
    Bist narrisch, du? Sie stellte den Zuber hin und stemmte die Fuste an den
Schrzenbund. Ich wei nit, was du meinst! Selbigsmal in der Elendsnacht, da
bin ich versprungen. Flinker als der Meinig. Das wei er selber. Und bis der
Meinig hinbergekommen ist ber den Berg, da bin ich lang schon drben gewesen
im Haller Gelger. Wohl! Und bin vor Angst um den Meinigen schier verstorben.
Wohl! Das knnen hundert bezeugen. Und der Meinig auch.
    Ernst nickte Malimmes. So ist's! Recht hast du und dein Glck. Von denen,
die anders sagen knnten, ist die Hlft schon totgeschlagen. Und mit der anderen
Halbscheid dauert's nimmer lang. Mut nit Angst haben.
    Sie wollte sprechen und brachte kein Wort heraus. Sein seltsamer Ernst
machte sie schweigen.
    Ich tu dir Glck wnschen! Er redete ruhig vor sich hin. Soll's sein,
wie's mag - Mutter ist Mutter - noch allweil mein ich, es ist das Beste. Tu dich
freuen, Schwgerin! Mich brauchst nit frchten. Ein Glck rhrt man nit an. Oder
man mt ein Lauskerl sein. Ich geh gleich, weit! Mcht blo ein Zeitl bei der
Mutter bleiben. Und rasten ein ltzel. Nachher reit ich wieder. Ist das
letztemal gewesen, da ich kommen bin. Beht dich, Schwgerin! Tu mir den Bruder
gren! Langsam, in seinem klirrenden Eisen, ging er zu der alten weihaarigen
Frau hinber, die nicht merkte, da er kam. Schweigend lie er sich nieder ins
Gras und lehnte den Kopf gegen den Scho der Mutter.
    Immer spielte sie mit den drei Goldpfennigen. Und nun war es wie Schmerz in
ihrem Gesicht. Heftig schob sie die verkrmmte Faust gegen den Kopf des Malimmes
hin und sagte klagend: Du tust mich drucken.
    Er nickte. Gelt, ja? Und stie einen Laut vor sich hin wie ein Ruspern.
Dann sprang er auf, da seine Wehrstcke rasselten. Ein tiefer Atemzug.
Schweigend streifte er die Hand ber den weien Scheitel der alten Frau. Und
rasch sich wendend, ging er auf den Gaul zu, ri den Zgel von der Zaunlatte los
und sprang in den Sattel.
    Keuchend jagte das Ro gegen die Strae hin.
    Malimmes ritt ber das Wiesengehnge zu den Schwarzecker Hfen hinauf und
gegen den Totenmann. Auf der Schneide des Waldberges hielt er an. Von dieser
Hhe hatte er freien Ausblick. Er koppelte den Gaul an eine lange Schnur und
lie ihn grasen. Dann setzte er sich auf die Erde hin, nahm den Kopf zwischen
die Fuste und sphte gegen Berchtesgaden hinaus. In der Sonne des reinen Tages
war ein blauer und grner Traum von Schnheit um ihn her. Aber Malimmes sah nur
den kleinen, bunten, wirren Huserfleck da drauen im Tal.
    Ein glhender Abend sank. Den Gaul fhrend, stieg Malimmes in die Ramsau
hinunter. Es wurde finster, bis er das Leuthaus erreichte. Einige Zecher saen
noch beim Kienlicht in den Bretterbuden. berall hrte man den Schritt von
Wachen. Die Zelttcher pluderten im Nachtwind, und schlafende Spieknechte, in
ihre Mntel gewickelt, lagen um die halb erloschenen Feuer her.
    Im Garten standen die Pferde der zwlf Harnischer unter Sattel. Malimmes
koppelte seinen Gaul an einen Baum, nahm den Mantel und legte sich ins Gras. Er
fand keine Ruhe. Wieder und wieder hob er den Kopf und lauschte in die Nacht
hinaus. Erst gegen Morgen, als bei sptem Mondlicht die Sterne zu verblassen
begannen, zerbrach ihm die Mdigkeit den Willen und drckte ihm einen bleiernen
Schlummer auf die Augen.
    Im Grau des jungen Tages weckte ihn pltzlich ein wirrer Lrm. Den Hof des
Leuthauses fllte ein aufgeregtes Gewhl von Menschen und Pferden, irgendwo
kreischte die weibische Stimme des hochwrdigen Herrn Franzikopus, der zu
befehlen schien, was niemand befolgte - und aus weiter Ferne drhnte der dumpfe
Donner eines schweren Geschtzes.
    Holla! Die Supp ist gar! Mit diesem Schrei sprang Malimmes zu seinem Gaul
hinber. Ein Ruck an den Gurten, dann sa er im Sattel, mit dem Bidenhnder vor
der Brust, in der Hand das blanke Kurzeisen. So jagte er durch den Hof des
Leuthauses. Er sah noch, wie Herr Franzikopus sehr aufgeregt mit den Armen
winkte. Und einen der zwlf Hmischer, die gerade davontrabten, hrte er auf der
Strae schreien: Hi! Mit uns! Befehl des Hauptmanns: durch das
Schwarzenbachtal nach Plaien!
    Malimmes brllte: Reitet dem Teufel zu! Und ri den Gaul herum, gegen die
neue Schanze beim Windbach. Er wute, da er eine nutzlose Dummheit machte, die
ihn Freiheit und Leben kosten konnte. Aber machen mute er sie, mute sich
wehren gegen einen fallenden Berg, mute mit dieser sinnlosen Tapferkeit
lcherlich werden vor sich selbst.
    Auch bei der Windbacher Schanze war Aufruhr und Streit, die Spieknechte des
Herzogs wollten nach Plaien abmarschieren, die Sldner des heiligen Zeno wollten
es hindern. Malimmes ritt in den Schwrm hinein und schrie: Das Schanzentor
auf! Ich mu nach Kundschaft reiten. Herr Franzikopus hat's geboten. Gotts
Teufel, das Tor auf! Man hob die Sperrbalken, und Malimmes jagte ber die freie
Strae hinaus. So lange der Wald dauerte, mute der Gaul rasen, als htte er
Feuer unter dem Schweif. Bei den freien Wiesen der Strub waren die Krfte des
Tieres erschpft. In Gottsnamen, so verschnauf! Ist doch eh ein Unsinn! Bei
dieser klugen Einsicht brannten dem Malimmes die Augen vor Sorge. Immer lauschte
er und sphte. Nichts war zu hren, nichts zu sehen, was seine Sorge htte
mehren knnen. Diese khle Helle kam wie schner Friede. Nur ber den steilen
Wiesen droben, wo die Strae zum Hallturm liegen mute, dampfte ein graues
Gewoge. War's Morgennebel? Oder die Staubwolke eines Reitertrupps?
    Dem Malimmes kam wohl der weise Gedanke, den Gaul ber das Gehnge
hinaufzufhren und die nach Plaien laufende Strae zu suchen. Da wre er seines
Lebens sicher gewesen. Das wute er. Und dennoch begann er wieder den
erschpften Gaul zu treiben und hetzte ber die Strae hin, die nach
Berchtesgaden und zum Haus des leidenden Amtmanns fhrte. Er kam an
niedergebrannten Hfen vorber, an einer Staude, bei der zwei belriechende
Schlfer lagen, erschlagene Bauern, von deren Leibern beim Nahen des Reiters ein
Krhenschwarm davonflatterte. An solche Bilder war Malimmes gewhnt. Sie hielten
ihn nicht auf. Und er hatte zu denken. Immer mute er sich fragen, wie die
herrische Katzmauserei dieses Morgens zusammenhinge? Und warum er, seit er aus
dem Windbacher Wald herausgeritten, das Gebrll jenes fernen Geschtzes nimmer
hrte?
    Alles meinte er zu verstehen. Dieses ganze Grausen der letzten Tage war nur
eine landshutische Fopperei wider den Ingolstdter. Der hat jetzt aufgemuckt,
und sein Bundeskamerad, der Salzburger, hat fr den heiligen Peter das Eisen aus
dem Leder getan. Und der Seipelstorfer und der Grans, die sind beim ersten
Gepummer einer Salzburger Hauptbchse auf die Gaul gesprungen. Und hinter den
gescheiten Hauptleuten ist der liebe Bub mit den Seinen schon lang davongejagt,
gegen den Hallturm hinaus, dorthin, wo die vorsichtigen Kammerbchsen geblieben.
So war's! Aber es konnte auch anders sein. Und drum wute Malimmes, da sein
dummes Herz keine Ruhe finden wrde, bevor seine Augen nicht das Haus der Frau
Marianne gesehen hatten.
    Nun pltzlich hrte er beim Rauschen des Baches einen wunderlichen Lrm. Wie
ein wildes Gelchter von tausend Menschen war's. Und das mute irgendwo da
droben gewesen sein, beim Stift da droben. Und war schon wieder erloschen. Oder
war es nur untergegangen im Hall der Glocken, die zu luten begannen? Etwas
Hastiges war in diesem Gelut. Es klang nicht so, wie Glocken klingen, die zum
Frieden luten.
    Malimmes hetzte den keuchenden Gaul. Jetzt kam die Wende der Strae. Und im
gleichen Augenblick - von der anderen Seite her, auf dem Karrenweg, den Herr
Konrad Otmar Scherchofer bei der Heimkehr von der Salzburger Provinzialsynode
vorsichtig gewhlt hatte - erschien in Wirrenden Trab ein groer Reitertrupp:
Gadnische Hofleute mit vielen Harnischern in den Salzburger Farben. Hinter der
Vorhut ritt Herr Peter Pienzenauer, schwer gepanzert, zwischen dem Salzburger
Stadthauptmann Hochenecher und einem schlanken Ritter in flmischer Rstung, mit
zwei Fasanenflgeln auf dem schimmernden Helm.
    Die Vorhut stutzte, als sie den Malimmes gewahrte, der sich im Sattel
vorbeugte. Er peitschte das rchelnde Tier hinauf ber die steigende Strae, die
neben der Mauer des Hirschgrabens zum Marktplatz von Berchtesgaden fhrte.
    Mit Geschrei und Gerassel, unter dem klingenden Gelut der Glocken, jagten
gleich an die Zwanzig hinter ihm her.
    Gebckt, mit hauenden Sporen, das Eisen zum Schlag bereit, sah Malimmes ber
die Schulter. Hia! Jetzt wird die Supp gefressen! Ich Rindvieh! Doch sein
erschpfter Gaul war unter dem Schmerz der Sporen noch schneller als die Gule
der Reiter, die hinter dem Fliehenden herjagten.
    Beim schnen Klang der Glocken ein kreischender Lrm. Der ganze Marktplatz
war angefllt mit Salzburgischen Spieknechten. In diesen Huf von Fleisch und
Eisen prellte der gehetzte Gaul des Malimmes hinein. Schon wollte sich unter dem
Geschrei der Zurckweichenden eine Gasse ffnen. Da klangen die Stimmen der
nachhetzenden Reiter: Nieder den Lump! Nieder! Nieder! Ein wirres Gemenge, ein
Hauen und Stechen. Einer stie dem taumelnden Gaul den Langspie in die Brust.
Im Strzen ri Malimmes den Bidenhnder vom Kra weg. Er stand. Ein Blitz in
der Sonne. Die mchtige Klinge warf einen Spieknecht ber den Hals des Gaules
hin, warf einen anderen zurck in den kreischenden Huf - ein Gewhl von Rossen
- eine Klinge funkelte ber einem schimmernden Helm mit zwei Fasanenflgeln -
und pltzlich sah Malimmes unter der Nasenstange dieses Helmes ein Gesicht, das
er kannte - das er gesehen hatte, als der bucklige Tod vom Hngmoos zum Ramsauer
Leuthaus geritten kam. Und da wurden dem Malimmes die Arme schwach. Er konnte
nicht schlagen, parierte nur den Hieb, der auf ihn niedersauste, lie den
Bidenhnder fallen, hob die entwaffneten Arme und keuchte: Herr Someiner! Euch
geb ich mich auf Gnad! Von der Seite und vom Rcken droschen noch ein paar
Hiebe auf den Panzer des Wehrlosen her, sein Eisenhut klapperte davon, ein
Bschel Haare flog ihm vor den Augen vorbei - und dann war ein geschienter Arm
ber ihm und eine heisere Jnglingsstimme schrie: Der Mann ist mein!
    Grobe Fuste faten den Gefangenen und zerrten ihn unter Geschrei und
Flchen gegen das Tor des Stiftes. Im Taumel der Erschpfung hrte Malimmes die
kriegerischen Reden nicht. Er sprte kaum, da man ihm die Waffenstcke und das
Wams vom Leibe ri - sprte nur etwas Warmes und Nasses in seinem Haar, und eine
rote Traufe ging ihm ber die Augen herunter. Das hinderte ihn ein bichen in
der Betrachtung der Dinge. So viel aber sah er immer noch, da am Haus des
kranken Amtmanns eine weie Frauenhaube sich aus dem Erker herausstreckte und
da jener schimmernde Helm mit den zwei Fasanenflgeln im Tor verschwand. Dieser
Anblick htte die trichte Sorge des Malimmes beruhigen knnen. Trotzdem geriet
er in eine sehr verdrieliche Stimmung; denn ehe die schreienden Kriegsknechte
den Gefangenen, der nur noch das Hemd und die Reithosen hatte, in das Stiftstor
hineinstieen, gewahrte er den hohen Galgen, den Herr Seipelstorfer neben dem
Marktbrunnen hatte errichten lassen. Der Querbalken hatte schwer zu tragen. Die
drei Berchtesgadnischen Faustschtzen von jenem schnen Abend hatten an diesem
klaren Morgen bereits erkleckliche Gesellschaft bekommen. Der Sergeant von
Plaien war dabei. Wie im Krankenflur des Stiftes, so hielten Freund und Feind
auch hier in friedlicher Eintracht zusammen. Malimmes zhlte vierundzwanzig
schwebende Beine. Obwohl er erleichtert aufatmete; weil ihm der Plaien'sche
Sergeant unter diesen erhhten Schlfern der einzige Bekannte war, murrte er
doch sehr nachdenklich vor sich hin: Guck! Da komm ich als Dreizehnter!
    Nun stand er, whrend die Glocken noch immer luteten, in dem von buntem
Gewhl erfllten Stiftshofe vor dem Salzburgischen Profoen. Das war ein
schweres, dickes Mannsbild mit etwas Asthma, aber mit wohlwollenden Augen. Man
rhmte es ihm als besondere Milde nach, da er keinen hngen lie, ohne ihm
zuvor den letzten christlichen Trost zu vergnnen. Dadurch unterschied sich
seine Salzburgische Methode von der Landshutischen. Als er das Verhr begann,
ritt Herr Peter Pienzenauer mit seinem Gefolge vorbei und lenkte das Pferd
hinber zum Mnstertor, um bekmmerten Herzens die Verwstung zu beschauen, die
der Feind im geweihten Gotteshause zurckgelassen hatte.
    Du? fragte der Profo den Gefangenen, dem man die Hnde hinter dem Rcken
gefesselt hatte. Wer bist du?
    Ein Esel bin ich.
    Das ist kein Verdienst. Solche Wrde teilen sehr viele mit dir.
    Da mt Ihr Euch ausnehmen, Herr! Sonst kommt Ihr in einen falschen
Verdacht.
    Dem ist leicht widersprochen. Ich la dich hngen. Da wirst du merken, wie
gescheit ich bin.
    Der Kreis der Neugierigen, die sich um die beiden herdrngten, begann sich
zu erheitern. Malimmes aber sagte ernst: Ob ich hngen soll, das hngt nicht
von Eurer Weisheit ab. Ich hab mich dem Jungherrn Someiner auf Gnad ergeben. Der
tut den Spruch ber mich. So ist's Kriegsbrauch in aller Welt. Ich begehr mein
Recht. Er drehte den Hals. Und wenn grad einer von euch lieben Knospen die
Hand frei hat, so kann er mir das Blut von den Augen wischen. Soll ich schon
ber die anderen Leut um eine Mannslnge hinauswachsen, so tt ich nit ungern
sehen, auf wieviel Gerechte die Sonn noch scheint. Ein Mitleidiger tauchte
seinen Mantelzipf in den unter den Lauben des Stiftshofes pltschernden Brunnen.
Als Malimmes, der mit geschlossenen Augen stand, auf seinem Gesicht die Nsse
fhlte, begann er das tropfende Wasser zu schlrfen. Und schlrfte mit dem
Wasser auch sein Blut. Er lchelte md. Guck nur, ich htt mir nie denken
mgen, da mein Lebensbrnndl so s ist.
    Die Berufung des Gefangenen auf den Jungherrn Someiner gefiel den
Neugierigen nicht. Sie wollten ein anziehendes Schauspiel bekommen und begannen
den Profoen ungeduldig zu hetzen. Der bewahrte seine wohlwollende Ruhe und
erklrte nach Kriegsrecht: Der Jungherr Someiner mu gehrt werden. Er
schickte einen seiner Gehilfen zum Haus des Amtmanns: Sag dem Jungherrn, die
Sach htt Eil! Und den Umstehenden befahl er: Jetzt lasset den Mann in Fried,
bis sein Spruch getan ist! Nach diesem Beweis seiner Milde wollte er
davongehen.
    Da drngte sich ein langer Gadnischer Hofmann mit dunkelbrtigem
Narbengesicht und verbundenem Haardach in den Kreis der Spieknechte. Er duftete
nach Essig und hatte auch sonst noch einen krftigen Spittelgeruch. Und nach
seinem trunkenen Lachen zu schlieen, schien er die Befreiung seiner Heimat
schon mchtig begossen zu haben. Ei, so guck doch, haben sie dich erwuschen?
brllte er in seinem Dusel. Jetzt gib acht, du Strickfester! Ob der Hnfene
wieder reit!
    Malimmes ffnete die Augen nicht, obwohl er den Marimpfel an der Stimme
erkannte. Er atmete tief und sagte: Alles kommt, wie's mu. Blo ein Bruder
kommt anders.
    Das verstand Marimpfel nicht vllig. Aber die Ruhe dieses Wortes schien sein
feuchtes Gemt zu reizen. Und whrend die feine Morgensonne ber die Dcher
herunterglnzte auf dieses bunte Gedrnge, schrie der Hofmann im Zorn seines
Rausches: So? Ttst dich noch aufspielen als groen Hansen? Du Lumpenkerl!
Spion, du! Landesverrter! Ruck den Grind weg, oder es trifft dich! Er spie dem
Malimmes ins Gesicht.
    Der Beschimpfte ffnete die von Blut umronnenen Augen. Herzbruder! Wenn ich
jetzt sagen mcht: So was tut man nit? Was tt's dir helfen? Schenk einer Sau
des Knigs goldenen Kittel! Sie legt sich halt doch in den Dreck damit.
    Wtend wollte Marimpfel auf den Gefesselten losschlagen. Die anderen
Spieknechte hielten ihn zurck. Und verstndig mahnte der Profo: Seid
gescheit, ihr Brder, und verschiebt eure Hausfehden auf des Herrgotts Urtl im
Jenseits! Das Gedrng der Kriegsknechte spaltete sich in zwei Parteien. Fr
einige unter diesen Shnen des blutigen Handwerkes hatten die zwei Silben Bruder
noch immer ein menschliches Gewicht, und sie gaben dem Marimpfel unrecht. Die
andere Partei, bei der die Gadnischen Hofleute waren, stach die Worte Spion und
Landesverrter auf und wurde wibegierig.
    Marimpfel salvierte seine Bruderseele durch die kraftvolle Beteuerung:
Frstentreu geht ber alles! Da gibt's keinen Ausweg nimmer. Ich tu's nit gern
- aber jetzt mu ich reden! Und nun rechnete er dem Malimmes ein langes
Register schwerer Landesverbrechen ins Gesicht: Hat Sold genommen von einem
hrigen Bauren und hat ihm gedient wider seinen Frsten; hat mitgeholfen, da
ein Treubrchiger das Feuer hat werfen knnen auf ein Lehensdach des Gadnischen
Hofes; hat den Vogt in den Bach geschmissen und einem flchtigen Verrter
beigestanden; hat sich mit den Bayrischen verbndet wider das eigene Land; hat
auf dem Untersberg die Mauer berstiegen und ist den Unsrigen in den Rucken
gefallen. Das belste von den Verbrechen des Malimmes - seine Hallturmer Tcke
gegen den eigenen Bruder - konnte Marimpfel gar nicht mehr aufzhlen. Denn die
Gadnischen Hofleute und die Salzburger Spieknechte begannen wie im Takt eines
Rundgesanges zu brllen: Rappenholz! Rappenholz! Rappenholz! Rappenholz!
    Aus Erfahrung wute der Profo, da gegen solche Volksstimme schwer
aufzukommen war. Er bezwang sein Wohlwollen und wurde streng. Mensch! Was sagst
du dazu?
    Malimmes hatte munter dem trpfelnden Blut die Augen wieder geschlossen, hob
die Achseln ein bichen und lachte. Ein Bruder wird doch nit lgen! Das alles
ist wahr. Da beit die Maus kein Brselein Speck nimmer weg davon.
    Ein Zorngeschrei in der Runde. Und der Profo entschied: So bist du als
Landesverrter dem Gutwillen des Herren Someiner entzogen. Ich mu dich zum
Galgen sprechen. Hundert jubelnde Stimmen. Einen Pfaffen will ich dir holen
lassen. Tu Reu und Leid machen als guter Christ!
    Reuen tut mich nichts, als da ich Rindvieh heut am Morgen nit nach Plaien
geritten bin. Und was ich beichten mt, wei ich nit. Auer, da ich ein gutes
Mdel zur Mutter gemacht hab. Das wird mir der Herrgott verzeihen. Wo so viel
Leut auf der Welt erschlagen werden, mu er doch wnschen, da wieder Kinder
wachsen. Nit?
    Der Zorn der Umstehenden verwandelte sich in Heiterkeit. Marimpfel war jetzt
der einzig Wehmtige. Ich geh, ich kann's nit mitanschauen, mein Bruder ist er
halt doch! Und whrend dieser Trauernde davontorkelte, wurde der Salzburgische
Feldpater in den Kreis geschoben.
    Hochwrdiger Herr, sagte Malimmes freundlich, beichten brauch ich nit. An
einen gtigen Herrgott glaub ich. Und hoff, da ich zu ihm komm. Ein andermal.
Er lchelte. Aber fr alle Fll, in Gottesnamen, gebt mir Euren heiligen
Segen! Als der Pater seine Hnde erhob, beugte Malimmes fromm den roten Kopf.
Dann sagte er: Also! Frwrts! Wie schneller, um so lieber ist mir's.
    Ein wirres Geschrei der vielen Menschen. Und der ganze Schwarm, mit dem
Gefesselten in der Mitte, schob sich gegen den Marktplatz hin. Die zwei Gehilfen
des Profosen, die man Lwen nannte, gingen neben dem Delinquenten her. Und einer
von den beiden knpfte kunstgem die hnfene Schlinge. Malimmes sah sehr
aufmerksam bei dieser Hantierung zu: Brav, Mensch! sagte er rauh. Du
verstehst dein Sach! Besser als wie der Ulmer, dem ich's erst zeigen hab mssen.
Aber schad um den guten Strick! Tt so viel Lumpen geben, die ihn verdienen.
    Kerl! Der wohlwollende Profos geriet in einiges Staunen. Einer, der
gleich vor dem ewigen Richter steht, sollt keine frwitzigen Reden nimmer
machen.
    So? Die Zhne des Malimmes knirschten, whrend er flink an der Schulter
eines Lwen das Blut von den Augen wischte. Da denk ich anders, Herr! Tt
sich's weisen, da ich dran glauben mu, so ist's allweil besser, ich geh lustig
hinber als traurig. Nit?
    Unleugbar: Das letzte Stndlein des Malimmes, das da kommen sollte, hatte
einen Zug von Frohsinn. Die Spieknechte, die mit dem Gefesselten aus dem
Stiftshof kamen oder schon auf dem Marktplatz standen, waren in guter Laune; es
wurde doch da die Welt wieder rmer um einen, der ihnen mit dem Bidenhnder das
Haardach in unliebsamer Weise htte belstigen knnen. Und die gereizten Bauern
und Brgersleute, die den Brunnen und das berfllte Rappenholz umdrngten,
betrachteten die Lebensbue dieses einen als ein beruhigendes Pflaster fr die
mannigfachen Leiden, die ihnen der Schwrm der feindlichen Sackmacher bereitet
hatte. So verwandelte sich der halsnotpeinliche Vorgang, der doch auch mit einem
Ellenbogen an das dunkelste Grauen streifte, zu einer befriedigenden
Kriegskomdie. Dazu glnzte die strahlende Morgensonne aus dem reinen Blau so
wundersam auf das kreischende Menschengewhl herunter, da dieser bunte
Ausschnitt des irdischen Lebens einen Schimmer von froher Schnheit gewann.
    Aber Malimmes wurde, je nher er dem Brunnen kam, mit jedem Schritte
ernster. Er konnte wieder sehen - das Blut in seinem Haar begann zu stocken und
trufelte ihm nimmer in die Augen - doch der drstende Blick, den er mit
gestrecktem Halse hinberwarf zum Hause des Amtmanns, zeigte ihm nichts
Hilfreiches. Und da begann er den Brunnen und das reichbesetzte Rappenholz zu
mustern. Seine Augen wurden wie die Augen eines gehetzten Wildes, das bei der
Flucht zwischen Leben und Tod mit jagendem Blick jede Mglichkeit der Rettung
und jedes mrderische Hindernis erspht. Vom whlenden Denken reihten sich auf
seiner roten Stirne dicke Runzeln bereinander, und die groe Narbe, soweit sie
nicht von Blut bertrufelt war, wurde wei wie Kalk.
    Er stand schon auf dem Brunnen, hatte schon die hnfene Schlinge um den
Hals. Die zwei Gehilfen des Profosen warfen den Strick ber das ble Holz und
banden den Knoten. Da gewahrte Malimmes etwas. Sprend hing sein Blick an dem
berlasteten Querbalken des Galgens. Ein heies Funkeln erwachte, in seinen
Augen. Und gleich wieder ein Ausdruck wie von tiefern Schreck. In dem
kreischenden Lrm, der den Marktplatz fllte, vernahm sein scharfes Ohr das
dumpfe Gerttel der schweren Geschtze, die auf der Salzburger Strae gefahren
kamen. Und da wute er: Der Salzburgische Hauptmann und Herr Pienzenauer haben
die Verfolgung der Bayerischen nur eingestellt, um die Ankunft der Kammerbchsen
abzuwarten; jetzt kommen die Bchsen, die Pulverwagen und der Tro; da wird's
Alarm und flinken Aufbruch geben. Teufel, jetzt hat's, aber Eil! Wenn die
Alarmtrompeten bliesen, machte man nimmer viel Umstnde mit einem, der den
Hnfenen schon um das kitzliche Zpfl hatte.
    Malimmes streckte sich und sah den Profosen an: Herr! Ich hab doch schon
die ewige Seligkeit um den Hals herum. Jetzt seid barmherzig und lasset mir die
Hand lsen, da ich als andchtiger Christ noch ein Kreuz machen kann.
    Rings um den Brunnen herum ein wirres Geschrei, in dem sich grausamer
Widerspruch mit christlichem Erbarmen mischte. Das letztere schien auch in der
Seele des Profosen zu erwachen. Er besann sich seines Wohlwollens und zog den
Dolch, um die Stricke entzweizuschneiden, mit denen die Hnde des Gefangenen
gefesselt waren.
    Da sich vom Haus des Amtmanns ein Reiter in flmischer Rstung unter heiser
schrillenden Worten einen Weg durch das Gewhl der Menschen zu bahnen suchte -
das konnte Malimmes nicht mehr sehen. Er sah nur immer den schwer belasteten
Querbalken des Galgens an. Und die Aufregung verzerrte sein Gesicht, whrend er
die Fuste in den Gelenken drehte und noch einen heiteren Ton in seine hastigen
Worte zwang: Herr, meiner Seel, da hngen aber schon viel, da ist ja fr mich
kein Platz nimmer!
    Der Profos lachte: Mt ihr halt ein ltzel zusammenrcken!
    Also! Gut! Wenn's der Balken nur leisten kann! Ein fliegender Blick um den
Brunnen herum, ein kurzes, angestrengtes Lauschen gegen die Salzburger Strae
hinaus - und in etwas unchristlicher Flinkheit bekreuzigte Malimmes das
rotgesprenkelte Gesicht. Hia! schrie er mit gellendem Laut. Er stie die
Fuste nach links und rechts - die beiden Lwen des Profosen purzelten in den
Brunnentrog - Malimmes plusterte den Hals, und whrend er ber dem Kopf mit
beiden Fusten den Hnfenen packte, machte er einen rasenden Sprung in die Luft
hinaus. Ein hundertstimmiger Schrei. Erschrocken wichen die Nahstehenden zurck,
die stillen Kameraden am blen Holze pendelten wirr durcheinander, das Querholz
des Galgens krachte, knickte in seinem Falz entzwei - und pltzlich plumpsten
die zwlf Entseelten als ein schwerer Knuel mit diesem Lebendigen herunter auf
das grobe Pflaster. Um den kollernden Gliederhaufen entstand ein leerer Kreis.
Und whrend die zwei von Wasser triefenden Lwen des Profosen fluchend aus dem
Trog des Brunnens kletterten, und whrend Aberglaube, Schreck und Heiterkeit auf
dem Marktplatz durcheinandertobten, hatte Malimmes schon den Hnfenen von seinem
Hals gerissen, stand zwischen den Toten auf den Fen und schrie mit halb
erwrgtem Atem: Ich sag's ja. berma ist nie von Nutzen. Httet ihr mich als
zwlften gehenkt, so wr' ich hngen geblieben. Aber so - ein dreizehnter ist
allweil berzhlig!
    Unter dem Geschrei, das sich erhob, sprang einer in flmischer Rstung von
seinem Ingolstdter Gaul, dicht vor dem kahlgewordenen Galgenbaum. Er fate den
Malimmes an der Schulter und ri ihn zu sich heran. Die heisere Stimme
schrillte: Der Mann ist mein! Wer ihn anrhrt, den schlag ich nieder. Dennoch
wollte ein dicker Schwarm von kreischenden Spieknechten gegen den aus dem
Hanfsamen Erlsten andrngen. Lampert Someiner machte in Zorn das Eisen blank.
Da hrte man vom Stiftshof dumpfes Gepolter und schweres Rdergerassel.
Alarmtrompeten fingen zu blasen an. Ein Stutzen und Schauen der Kriegsleute,
eine lrmende Verwirrung, ein Drngen und Auseinanderlaufen. Schnell, du!
keuchte Lampert. Spring auf meinen Gaul!
    Vergelt's Gott, Herr! Das war ein heier, frhlicher Schrei. Und Malimmes
sa im Sattel. Und beugte sich nieder: Die Jula hat Euch lieb! Wahr ist's,
Herr! Die Jula -
    Das steigende Ro drehte sich wie ein Kreisel. Und als es den ersten Sprung
tat, ri Malimmes einem Doppelsldner den Bidenhnder von der Brust. Wie, du!
Gib her! Ich brauch ein Eisen! Und durch das Gewhl der schreienden Menschen,
die vor dem kreisenden Stahl und vor den schlagenden Hufen des Pferdes
erschrocken zurckwichen, jagte Malimmes die Marktgasse hinaus, der Hallturmer
Strae zu. Und war verschwunden.
    Lampert Someiner stand wie ein Trumender inmitten des Aufruhrs, der ihn
umbrllte. Und so stand er noch immer, als Frst Pienzenauer und Hauptmann
Hochenecher aus dem Stiftshof herausgeritten kamen. Zwischen den beiden Herren
tppelte asthmatisch der Profos, der in Aufregung etwas erzhlte. Und als der
Frstpropst neben dem Marktbrunnen den wirren Knuel der stillen Schlfer und
die leere Strickschlinge sah, fing er herzlich zu lachen an. Noch immer lachend,
ritt er auf den Jungherrn Someiner zu und fragte: Lampert? Hrst du nicht, da
Alarm geblasen wird?
    Lampert erwachte aus dem lhmenden Bann, hrte vom Erker seines Hauses die
Stimme der Mutter, sah, da Frau Marianne sich mit winkenden Armen fast aus dem
Fenster strzte - sah wieder seinen lachenden Frsten an, stammelte ein paar
klanglose Worte und begann zu laufen.
    Einer in schwerem Panzer, wenn ihm der tragende Sattel fehlte, war immer
anzusehen wie ein plumptaumelnder Kfer, dem man die Flgel ausgerissen. Die
Spieknechte kuderten, als sie den ritterlichen Jungherrn so mhsame Sprnge
machen sahen.
    Lampert verschwand im Flur des vterlichen Hauses. Er schrie den Namen des
Knechtes. Und schrie: Den Moorle! Tu einen Sattel auf den Moorle - Ein
Hustenreiz erwrgte ihm die Stimme.
    Im Gerassel seines Panzers tappte er ber die Treppe hinauf. Unter der
Stubentre kam ihm die Mutter wie eine Verzweifelte entgegen: Allgtiger
Heiland! Was ist denn schon wieder?
    Alarm! Leb wohl, Mutter! La mich! Jetzt mu ich fort.
    Jesus, Jesus! Frau Marianne umklammerte den Sohn. Ist denn der Krieg
nicht aus?
    Mutter, ich sorg, er will erst anheben. Lampert befreite sich und fragte
in seltsamer Verstrtheit: Der Sldner, Mutter? Von dem du gesagt hast, er htt
mit dem jungen Buben und dem Runotter unser Haus gehtet? Hat er ber's Gesicht
herunter einen schweren Hieb gehabt?
    Ach geh, was geht denn uns -
    Er drngte: Sag mir's, Mutter!
    In Gottsnamen, ja, ist eine schieche Narb gewesen, ist von der Brau bers
Aug gegangen bis zum Hals herunter.
    Der ist's!
    Frau Marianne begriff diesen Schrei nicht, in dem es wie Jubel war. Und als
sie den Glanz in Lamperts Augen gewahrte, sagte sie in neuem Schreck: Ach
Jesus, ich versteh ja nimmer -
    Lampert streckte sich unter frohem Lachen. Mutter! Jetzt wei ich - Seine
Stimme erlosch, er mute husten, mute tief Atem schpfen.
    Die Amtmnnin, als sie diesen bsen Husten hrte, fing in ihrer verstrten
Muttersorge zu jammern an: Das geht nicht! Wie kann denn einer ausrucken, der
krank ist bis auf den Tod? Das drfen die unsinnigen Herren nicht verlangen! Ich
leid's nicht! Ich lauf zum Frsten. Und einen heien Wein mut du haben, und
Umschlg mu ich dir machen - Whrend Frau Marianne so klagte, hrte man
Trommeln und Pfeifen, hrte den Taktschritt vieler Spieknechte, ein wirres
Hufgetrappel und dumpfes Rdergeknatter.
    La mich, Mutter! Mir ist schon lang nimmer so wohl gewesen wie heut! So
la doch, Mutter! Ich mu ins Feld! Und will dem Vater noch einen Gru - Die
Hnde befreiend, sprang Lampert in die Wohnstube.
    Frau Marianne hinter ihm her. Immer jammernd, immer in Zorn auf die
verbrecherischen Frsten und auf den Wahnsinn der ganzen Menschheit scheltend.
Auch in der Krankenstube ihres armen Ruppert hielt sie mit dieser Klage nicht
inne, whrend Lampert stumm vor dem Vater stand, der zwischen aufgeschichteten
Kissen schwach und hinfllig im Bette sa. Der Amtmann sah zum Erbarmen aus. Und
whrend drauen auf dem Marktplatz der dumpfe Kriegslrm rottelte, zog der
kranke Mann mit drrgewordenen Hnden die geblmte Decke gegen die Brust hinauf.
Auch schien das schwere Leiden sein Erinnerungsvermgen in sonderbare Verwirrung
gebracht zu haben. Denn er sthnte vorwurfsvoll: Wegen siebzehn Ochsen! Wegen
siebzehn Ochsen! Und weil mich die Herren nicht halben tun lassen, wie ich mgen
htt. Da wr alles in Ruh gegangen. Aber nein! So sind die Frsten! Erst
schlagen und nachher denken, wenn - Er mute, von einem grimmen Schmerz
gepeinigt, ein Weilchen schweigen. Dann seufzte er mde: Wenn's zu spt ist.
    In wortlosem Erbarmen betrachtete Lampert den Vater und nahm seine
zitternde, von kaltem Schwei bedeckte Hand. Und sagte rasch: Jetzt mu ich
fort! Leb wohl, Vater! Tu bald gesunden! Und tu dir ein ltzel Ruh vergnnen!
Klagen hat keinen Sinn.
    Frau Marianne fgte schluchzend bei: Gott wird schon alles wieder recht
machen. Da glaub ich dran.
    Dieser fromme Trost verursachte in der verstrten Christenseele des Herrn
Someiner eine schreckhafte Wirkung. In seinem entstellten Gesicht erweiterten
sich die angstvollen Augen. Die Hand des Sohnes umklammernd, lispelte er scheu:
Gott - Gott? Ach, Bub, wie hart ist das!
    Was, Vater?
    Derzeit ich den Undank der Frsten kenn - derzeit ich spren mu an mir
selber, wie im Leben die Redlichen gemartert werden - Herr Someiner verstummte,
und sein hilfloser Blick starrte ins Leere.
    Sag's, Vater!
    Ich - ich kann - Der Amtmann lie das gelbe, magere Gesicht gegen die
wollene Decke sinken. An Gott kann ich nimmer glauben!
    Im ersten, sprachlosen Schreck bekreuzte sich Frau Marianne. Und Lampert,
von einer tiefen Erschtterung befallen, sagte ernst: Vater? Weit du, was Gott
ist? Der Amtmann hob die verstrten Augen. Und Lamperts rauhe Stimme wurde
leis. Gott ist der Glaube an uns selbst. Wenn wir Freude, Wert und Kraft in
unserem Leben spren, glauben wir auch an den Schpfer, der uns Wert und frohe
Krfte geschenkt hat. Ich glaube. Er beugte seine Wange auf die feuchte Stirn
des Vaters, streichelte ihm das dnne Haar, wandte sich wortlos ab und ging mit
klingendem Eisenschritt durch die Stube hinaus. Frau Marianne lief ihrem Buben
nach und hngte sich schluchzend an seinen Hals.
    Drunten auf der Strae fuhren die gewaltigen Hauptbchsen der Salzburger und
die mit vielen, zentnerschweren Steinkugeln belasteten Wagen vorber. Das
erschtterte den Grund so heftig, da es wie ein Erdbeben war. Die Mauern des
Someinerschen Hauses zitterten, die Deckenbalken der Wohnstube chzten, Mrtel
brselte von den Wnden herunter, und im Kasten der alten Standuhr wurde das
lange Pendel in seinem ruhigen Schwung gestrt. Es klapperte gegen die
Holzverschalung und sagte noch ein letztesmal mit seufzender Stimme: Bau! Dann
schwieg es.
    Drunten im Hause polterten die Hufe des Moorle ber die Holzdielen des
Flurs. In der Wohnstube blieb eine bange Stille. Auch auf dem Marktplatz war es
schon wieder ruhig geworden, als Frau Marianne endlich heraufkam. Sie wollte
sich auf einen Sessel setzen, weil ihr die Knie zitterten. Aber sie tat es
nicht. Denn die ungewohnte Stubenstille fiel ihr auf. Und da entdeckte sie: Die
Kastenuhr war stehengeblieben, knapp vor der siebenten Morgenstunde.
    Zum erstenmal in ihrem Leben wurde diese helle Frau von dunklen Ahnungen
befallen. So sehr hatten die Schrecken des Krieges ihren gesunden Verstand
umwirbelt.
    Whrend sie den armen Ruppert pflegte, die versteckten Kostbarkeiten aus den
Mauerlchern herausholte und die grndliche Scheuerung des Hauses berwachte,
ging ihr diese ziellose Sorge nimmer aus dem Sinn: Welches Unheil wird
geschehen zu einer siebenten Morgenstund? Dabei ertappte sie sich auf einem
wahrhaft vaterlandsfeindlichen Gedanken. Das fremde Kriegsvolk in Berchtesgaden
und ihr Sohn in sicherer Ferne - dieser vergangene Zustand war ihr lieber
gewesen als der jetzige, bei dem der heilige Peter mit den Salzburger
Hauptbchsen einem wahrscheinlichen Sieg entgegenrasselte.
    Solch einer unheldenhaften Erkenntnis schmte sich Frau Marianne nicht im
geringsten. Das wertvollste Lebensgut dieser natrlich gearteten Mutterseele war
das Glck und die Sicherheit des Sohnes, den sie geboren hatte. Auch zweifelte
sie nicht an Gott wie der geplagte Ruppert. Sie war im Gegenteil der festen
berzeugung, da der Ewige und Allweise ber diese Dinge nicht um ein Hrchen
anders dachte als die Amtmnnin Someiner.

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Von Staub umwirbelt, mit pludernden Hemdrmeln, die rot gesprenkelt waren,
hetzte Malimmes auf dem Ingolstdter Gaul dem zerstrten Hallturm entgegen. Dem
Erschpften drohten die Krfte zu erlschen. Manchmal verzog er das Gesicht,
weil ihm das verkrustete Blut die Haut spannte. Und manchmal lachte er wie ein
Berauschter vor sich hin. Den fremden Bidenhnder hatte er quer vor dem Sattel
liegen. Die mchtige Klinge war ein bichen rot geworden. Bei den letzten
Husern von Berchtesgaden hatte dem Malimmes eine Wache mit vier Spieen den Weg
versperren wollen. Dann hatte ihm kein Hindernis mehr den jagenden Ritt gestrt.
ber die Stillen, die auf der Strae lagen, sauste der Gaul ohne Zuck hinber.
Er scheute auch nicht vor den Brandruinen, nicht vor den Leuten, die bei den
qualmenden Haustrmmern stumpf und ruhig auf der Erde saen.
    Von Rauch umkruselt, von aufgeregten Dohlen und Tauben umflattert, tauchten
die Reste des Hallturmes ber die Wiesen herauf. In der Torhalle war's d und
still. Alles Leben fehlte. Und die Toten hatte man, um Platz fr den Rckzug der
Bayrischen zu schaffen, aus dem Torweg herausgezerrt in den Burghof. Hier und
entlang der Mauer, lagen sie in der bratenden. Sonne und mahnten schon
frchterlich an die Dfte des Vergnglichen. Sie waren wie friedsame Schlfer
nur mit dem Hemd bekleidet; was sie sonst am Leibe getragen hatten - Kleider,
Wehr und Waffen -, alles war verschwunden.
    Dem Malimmes, der an den Graus der Schlachtfelder gewhnt war, rann beim
Anblick dieses vom Tode besetzten Burghofes kein Schleier des Grauens ber die
Augen. Als Kriegsmann erriet er, da diese Schlfer auf ihre Grber warten
muten, um den heiligen Peter und seinen Freund Salzburg durch die Pflichten der
Piett einen Tag lang vom Sturm auf den Fuchsenstein und die Feste Plaien
abzuhalten. Herr Seipelstorfer, der den Nachmarsch des Feindes durch jeden
Behelf verzgern wollte, hatte auch die Zugbrcke zerstren lassen. Der tiefe
Wassergraben sperrte den Weg des Malimmes. Ein Faustschlag: Spring, Rssel!
Und der Ingolstdter, der von Herzog Ludwigs Falkenjagden an kalte Bder gewhnt
war, klatschte mit mchtigem Satz in das grne Wasser hinunter. Als das weie
Geschum zerflo, war unter dem Wasserspiegel ein wunderlich geformter, heftig
arbeitender Riesenfrosch zu sehen. Jetzt tauchte ein triefender Menschenkopf,
ein triefendes Tierhaupt, an die Luft, Malimmes schleuderte den Bidenhnder ans
Ufer, stieg mit den Fen auf den Sattel des schwimmenden Gaules, sprang an das
Land und half dem schlagenden Pferd aus dem Wasser heraus. Ein Griff nach dem
Bidenhnder. Und wieder hinauf und davon durch das weigraue Aschenfeld des
niedergebrannten Waldverhaues.
    Das kalte Wasser hatte dem Malimmes die mden Krfte ein erfrischt und
suberlich alle Blutflecken vom Hemde, vom Gesicht und aus den Haaren
fortgewaschen. Gott sei Lob und Dank! Jetzt wird der Bub nicht erschrecken vor
mir. Er schttelte sich in der Sonne.
    Hinter dem Aschenfeld arbeiteten Kriegsknechte und Schanzbauern an einem
neuen Sperrwall, der schon bermannshoch gewachsen war. Und auf dem Fuchsenstein
gewahrte Malimmes ein Geblitz von Waffen und die Verschanzungen der drei
Geschtze. In seiner Freude hob er den Bidenhnder und tat einen gellenden
Schrei. Waren die Kammerbchsen noch da, so waren auch Jul und Runotter nicht
weit.
    Viele Stimmen kreischten auf dem Wall. Faustbchsen und Armbrusten richteten
sich gegen den Reiter. Malimmes schrie die Losung von Plaien und schimpfte:
Hammelskpf! Man schiet doch nit auf die eigenen Leut!
    Der Wall hatte kein Tor und war so steil, da man den Sldner und seinen
Gaul an Seilen hinauflotsen mute. Und da war auch Herr Martin Grans schon auf
dem Wall und brllte: Du Schaf, du gottverlorenes!
    Herr Hauptmann, Ihr seid ein Menschenkenner!
    Hast du denn meinen Botschaftsweg in die Ramsau nicht verstanden?
    Wohl, Herr! Aber weil ich ein Schaf bin, hab ich halt auch was Schafmiges
tun mssen. Sind meine Leut in Sicherheit?
    Freilich! Herr Grans wurde heiter. Dein Herr und sein Vetter sind grad so
dumm wie du! Die wren um deinetwegen ins Feuer gesprungen. Denen hab ich Fu
machen mssen.
    Malimmes tat einen tiefen Atemzug.
    Aber du, Mensch? Wo kommst denn du jetzt her? Und so?
    Der Sldner guckte an sich hinunter. Ich bin gewesen, wo man die Gns
rupft. Und hab gemeint, da Ihr Kundschaft braucht. Die hab ich geholt. In
dritthalb Stunden sind die Salzburger beim Hallturm. Ich schtz dreihundert Ro
und fnfhundert Spie, dazu vier Hauptbchsen, die einen Zentner schieen.
Hauptmann ist der Hochenecher. Den kenn ich vom ungrischen Handel her. Ist ein
Scharfer! Aber sein Profos ist ein Schps. Bei den Salzburgern sind die
Gadnischen, die sich gesammelt haben. Und Ingolstdtische mssen dabeisein. Ich
hab Gul gesehen, die den Loys mit der Herzogskron als Brand auf dem Hintern
haben.
    Herr Grans war ernst geworden. Teufel! Das ist mehr, als der Seipelstorfer
wei. Er wollte davongehen, sah den Malimmes an, trat auf ihn zu und rhrte mit
dem Finger an den blulichen Strich, den der Sldner rings um den Hals hatte.
Mensch?
    Jetzt lachte Malimmes. Und weil er wute, da dem Hauptmann die Geschichten
vom ungefhrlichen Hanfsamen bekannt waren, sagte er: Der von heut, das ist der
sechste gewesen. Kann auch sein, erst der fnfte. Ich wei nimmer recht. Aber
mein Hals will verdienen. Verget nit auf meinen Botenlohn! Heut bin ich
Kirchenmaus geworden. Ich brauch Gewand und eine neue Wehr.
    Sollst alles haben.
    Und einen Mann, der mich zu meinem Herren fhrt.
    Der Hauptmann winkte einen der Knechte herbei. So erzhl doch, Mensch!
    Ein andermal, Herr! Malimmes nahm den Zgel des Ingolstdter Gaules,
dessen Fell in der warmen Sonne schon zu trocknen begann. Heut wird's mit der
Zeit ein ltzel knapp. Er sah ber die Schulter gegen die Hallturmer Mauer.
Ich htt mir in Berchtesgaden gern die Haar stutzen lassen. Aber der Bader ist
mir mit der Scher unter die Haut gekommen. Jetzt wart ich lieber bis
bermorgen. Malimmes sah scharf den Hauptmann an und sagte langsam: In
Burghausen gibt's doch gute Haarstutzer? Nit?
    Herr Grans wollte etwas erwidern, drehte sich aber pltzlich um, klirrte
davon und schrie: Der Seipelstorfer? Wo ist der Seipelstorfer?
    Den Gaul am Zgel fhrend, ging Malimmes hinter dem Knechte her, der ihn zum
Runotter fhren sollte. In dem schmalen Waldtal war eine dichte Zeltstadt aus
dem Boden gewachsen. Sldner, Schtzen und Harnischer lagen neben den Reihen der
angepflckten Gule bei den Feuersttten, wrfelten um Beutestcke, verzechten
das Berchtesgadnische Raubgeld und scherzten mit den Troweibern. Fast am Ende
des Gelgers, bei einer Quelle unter alten Bumen, stand das groe Zelt, das man
dem Runotter und den Seinen zugewiesen hatte. Der Falbe, der Schimmel und die
zwei erbeuteten Gule der Knechte waren angepflckt und zupften den Hasenklee
aus dem Moose. Heiner putzte das Sattelzeug. Als er den Malimmes kommen sah,
sprang er auf. Gott sei Lob! Er rckte vergngt den Stirnverband, als wr's
ein Htl. Der Bub, unser Bauer und das narrische Mensch sind fast verzweifelt
vor Angst um dich!
    Wer noch? fragte Malimmes.
    Die Traudi. Wirst doch wissen -
    Malimmes sah ein bichen wunderlich drein. Die ist auch noch da? Und
whrend er seinen Gaul anpflckte, murrte er vor sich hin. Es ist doch ein
Elend mit den Weibsleuten. Haben kann man sie flink. Los wird man sie niemals
wieder. Den Altknecht machte die mangelhafte Bekleidung des Sldners neugierig.
Da ist die Hitz dran schuld. Gebadet hab ich, wider das Schwitzen, weit. Und
da ist mir so pudelwohl geworden, da ich das ganze Gelumpert beim Wasser hab
liegenlassen. Malimmes lachte ber die verdutzten Augen der beiden Knechte,
ging auf das Zelt zu und sah in den dmmerigen Raum. Wo ist denn - - Hi! Wo
der Bauer ist, frag ich?
    Da drunt, wo man Ausschau hat ber das Haller Tal. Die meinen doch, du
kmst durch den Schwarzenbach von der Ramsau her.
    Spring, Heiner! Sag dem Bauer, da ich daheim bin. Der Bursch rannte
davon. Und Malimmes befahl dem Altknecht: Hol mir den Feldscher! Und schau, da
du einen Krug Wein auftreibst. Einen festen! Als er allein war, taumelte er auf
den Waldboden hin. Eine Weile blieb er liegen, wie leblos. Dann stemmte er sich
mhsam wieder auf und trat in das Zelt. Zwischen anderen Waffenstcken hing da
ein zierlicher Helm mit einem Reiherbusch. Malimmes strich mit der Hand ber den
blanken Stahl, als wr's die Wange eines Kindes. Nun ging er zu seinem neuen
Gaul, lockerte ihm die Sattelgurten und ttschelte den schlanken Hals des
schnen Tieres. Bald kriegst was! Erst mut verschnaufen.
    Zwei Knechte des Herrn Grans erschienen mit einem groen Pack. Sie brachten
Wehrzeug, Waffen und Kleider. Alles war, Raubgut. Und Hauptmann Seipelstorfer
schickte als Dank fr die Kundschaft einen schweren Beutel. Malimmes
schmunzelte. So viel ist der Hnfene nit wert gewesen. Er wollte sich kleiden.
Es war reichliche Auswahl da. Nur das Hemd fehlte. Malimmes kramte im Zwerchsack
der Knechte. Umsonst. Die hatten nur das Hemd, das sie am Leibe trugen. Im
Bndel der Traudi fand er ein langes, grobleinenes Weiberpfaid. Das zog er an.
Und lachte, whrend er so dastand und sich anguckte. Den feuchten Bausch des
eigenen, zerfetzten Hemdes stopfte er zwischen die paar Habseligkeiten des
Mdels. Mit allem anderen ging's flink. Stattlich und doch ein bichen sonderbar
gewandet, wie ein Mischling aus zwei Dritteln Herr und einem Drittel Soldknecht,
stand Malimmes vor dem Zelt, als der Feldscher mit seiner Tasche und der
Altknecht mit dem Weinkrug kamen. Gib her! Malimmes packte den Krug. Jetzt
duck dich, arme Seel! Die Sndflut kommt! Er soff, da die zwei anderen zu
lachen begannen.
    Nun sa er auf einer Baumwurzel und hielt unter dem Lichterspiel der Sonne
geduldig den Kopf hin, whrend der Feldscher die kitzlige Arbeit begann. Ein
Hautlappen, den man wegschneiden mute, flog ins Moos. So! sagte Malimmes. Da
kriegen die Mus was. Der liebe Herrgott teilt's allweil so aus, da jedes
Schwnzlein Leben zu seiner Notdurft kommt.
    Heiter meinte der Feldscher: Nit jeder lat seine Haut so willig wie du!
    Was liegt an einem Lpplein Haut? Wer gut durch die Welt kommen will, mu
sieben Haut haben. Da schlt sich bei jedem Elend eine weg von ihm. Die wo
nachwachst, mu allweil die bessere sein. Ohne Zusammenhang mit diesen klugen
Worten lachte Malimmes pltzlich wild hinaus. Dann prete er den Arm an die
Stirn und sagte bekmmert: Sonst vertrag ich nit wenig. Aber heut - die Hitz
halt, weit - Er atmete schwer. Der Feldscher nhte mit festem Zwirn, den er
zuvor in Essig tauchte. ber die Naht kam das Pflaster. Malimmes griff hinauf.
Jetzt mut mir noch die Haar ber das Pflaster kampeln. Ich mag nit merken
lassen, da ich ein Loch hab, wo keins hingehrt. ber den neuen Scheitel, der
ihm angebrstet wurde, zog er eine gesteppte Seidenkappe, die er im Pack des
Herrn Grans gefunden. Aus dem Sckel holte er den Dank fr den Feldscher heraus:
Vergelt's Gott, Mensch! Und dem Altknecht befahl er: Jetzt futter meinen
Gaul! Er hat verschnauft.
    Eine freudig schrillende Weiberstimme im tieferen Wald. Malimmes guckte
gottergeben drein. Atemlos kam Traudi durch den Wald heraufgewirbelt, verga
aller Eifersucht und berschttete den Malimmes mit einer ausreichenden Mahlzeit
von Sorge und Zrtlichkeit. Stumm ertrug er's, whrend schon die Wirkung des
schweren Trunkes in seinen Augen zu blinkern begann. Da er anders aussah als
sonst, das merkte die Traudi nicht. Der Malimmes war da, war gut zu ihr, und ihr
Glck hatte keinen Wunsch mehr. Als ihre Freude sich ausgetobt hatte, fate er
sie am Handgelenk: Dich hab ich gesucht. Blo um deintwegen bin ich gekommen.
    Ist's wahr? Sie glich in diesem Augenblick dem seligsten Geschpf der
Erde.
    Aber, Maidl, jetzt mut du beweisen, da du mich lieb hast.
    Dir tu ich alles.
    Zu meiner Mutter mut du, in die Ramsau, jetzt gleich. Die Mutter tut Not
leiden. Er schttelte den Inhalt des Sckels vor sich hin und schob ein paar
Silberstcke in seinen Hosensack: das brige teilte er nach dem Augenma und gab
dem Altknecht die eine Hlfte: Das schieb in des Herren Zwerchsack. Ist fr uns
alle. Die andere Hlfte gab er wieder in den Sack. So, Maidl, das bring der
Mutter, jetzt gleich! Und bei der Mutter bleibst du, bis ich komm. Dein Kind mu
ein Heimatl haben, weit!
    Ihre Augen strahlten. Wann kommst?
    So bald wie's geht. Hast meinen Goldpfennig noch?
    Wohl! An einem Schnrl um den Hals.
    Da la ihn nur hngen derweil. Jetzt kannst du die Mutter auch gren - von
mir. Mach weiter! Das Ding hat Eil. Sie wagte keinen Widerspruch, sprang in das
Zelt, holte ihr Bndel und wollte den Malimmes halsen. Er sagte: Schon gut!
Mit Trnen in den Augen sprang die Traudi davon. Er sah ihr nicht nach, sondern
starrte vor sich hin auf den Waldboden, und in seinem Gesicht war der Ausdruck
eines peinvollen Grams. Mit schweren Schritten ging er ins Zelt und prete die
Lippen, an den zierlichen Helm, wie ein inbrnstiger Beter die Reliquie eines
Heiligen kt. Wieder jenes wilde Lachen. Dann warf er sich auf die
Pferdedecken, die in einem Winkel des Zeltes lagen.
    Noch einmal hrte er die Stimme der Traudi. Das Mdel war dem Runotter und
dem Jul begegnet und sprach mit ihnen.
    Nun kamen die beiden. Jul war ohne Kettenhaube, barhuptig. Wie ein dickes,
schweres Mntelchen hing das schwarze Haar um das erhitzte Gesicht. Runotter,
vllig gewaffnet, schlug den Tuchlappen des Zeltes zurck. Gott sein Dank! Da
ist er. Mir geht ein Stein von der Seel.
    Malimmes lag unbeweglich auf den Decken, mit geschlossenen Augen. Als Jul zu
ihm hinspringen wollte, fate Runotter den Buben am Arm. Sei frsichtig! Der
schaut aus wie ein arg Mder. Gnn ihm die Ruh! Er schlaft.
    Lautlos kauerte der Bub sich auf den Boden hin und schmiegte seine Wange an
die Faust des Malimmes. Der zuckte leis. Doch er lie die Faust so liegen, wie
sie lag.
    Mit groen Augen sah Runotter die sonderbare Gewandung des Sldners an und
betrachtete die neuen Waffen, die da umherlagen. Drauen bei den Gulen war ihm
das fremde Ro mit dem prchtigen Sattelzeug aufgefallen. Was er mit eigenen
Augen sah, und das wirre Geschwtz, das der Heiner gemacht hatte, und das
verdrehte Gerede der blonden Leuthausmagd - das alles stimmte nicht zueinander.
    ber das braune Gesicht des Bauern glitt pltzlich ein fahles Erblassen. Der
schwere Kra, der zu Hupten des Malimme auf dem Boden stand? War das nicht der
Kra, den der Gadnische Vogt in jener Nacht getragen hatte, als der Jakob auf
dem Totenbrett hatte liegen mssen? Und war's nicht der gleiche Kra, ber den
bei der Hallturmer Mauer das Blut des Erschlagenen heruntersprudelte, der unter
den Streichen des Runotter zusammenbrach? Wie kam dieser Kra in das Zelt? War
Malimmes auf dem Greuelfeld des Hallturmer Burghofes zum Raubmann geworden? Oder
gab es Wege, auf denen die Toten ihre bsen Mahnungen zu den Lebenden schicken?
    Wortlos, wie von einer drckenden Last gebeugt, ging der Bauer aus dem Zelt.
Und drauen befahl er mit rauher Stimme dem Altknecht: Lauf, Mensch - da liegt
ein Krug - bring, was du kriegen kannst! Mich drstet nach Ruh.
    Der heitere Lrm des Gelgers - diese kreischenden Stimmen, das Gelchter,
die johlenden Lieder, das Dullenklopfen auf den Harnischen und Eisenhten, das
Gewieher und Stampfen der Pferde - das alles tnte gleich dem wirren Gepltscher
eines Sturzbaches in die dmmerige Stille des Zeltes.
    Unbeweglich sa der Bub auf der Erde, mit dem Kopf an die Schulter des
Malimmes gelehnt. Der lag wie ein toter Klotz. In dem Schlafe, den er geheuchelt
hatte, war ihm aus Erschpfung und Weindunst ein ehrlicher Schlummer auf die
Lider gefallen. Manchmal lie er ein kurzes, drolliges Schnarchen hren - es war
wie der rchelnde Laut einer Kehle, der es ein bichen an Luft gebricht. - -
    Vor der Mahlstunde des Gelgers, als die Waldluft erfllt war von den
Schmorgerchen der vielen Feuersttten, vernahm man immer wieder von der
Hallturmer Hhe her ein kurzes, dumpfes Trommelgerassel. Das war der
kriegerische Segen, mit dem der heilige Peter seine Toten versptet dem Scho
der Erde bergab. Jeder von den Trobuben, die beim Hallturm als Totengrber
dienen muten, hatte sich ein mit Essig getrnktes Tuch um Mund und Nase
gebunden. Und hohe Feuer loderten, die man mit Sten von Wacholder nhrte. Man
trieb da den Teufel mit dem Teufel aus und bertubte den blen Geruch des Todes
mit einem Gestank des Lebens. Das gemeine Volk, das die Pflichten der Piett
erfllen und durch die zerbrselte Mauer die fr den Sturm auf die feindliche
Sperrschanze ntigen Tore brechen mute, hielt den bayrischen Hauptmann
Seipelstorfer fr einen groen Esel, weil er sein Pulver sparte, statt die
Arbeit bei der Hallturmer Mauer durch einen Hagel von Stein und Blei zu stren.
Die Bchsenschanzen auf dem Fuchsenstein waren deutlich zu sehen; doch ber
achthundert Schritte konnten die Getreuen des heiligen Peter nicht mehr
erkennen, da die bayrischen Geschtze bereits aus den Schanzen zurckgezogen
waren. Unter Bespannung standen die Landshuterin die Hornaussin und die
Trommelkanone schon im Wald auf der Strae, wo ihre Rder fest mit Sacklumpen
und Filz umwickelt wurden. -
    Der wehrhafte Huf des heiligen Peter, dessen Nachhut noch mit einem langen
Schwanz die von Berchtesgaden herziehende Strae fllte, wurde auerhalb des
Duftbereichs der Hallturmer Mauer aufgestellt. Hinter den vier Hauptbchsen
hatte Hauptmann Hochenecher mit seinen Geleitsherren auf einem grnen Hgel
Stand genommen, um die Anordnung des Sturmes zu beraten. Der durfte vor der
fnften Morgenstunde nicht beginnen. Es war wohl verabredet, da der Hinterhalt
der Salzburger mit dem Kriegshaufen des Bischofs von Chiemsee und des Kaspar
Trring das Saalachtal vor Anbruch der Nacht bei Piding und Marzoll, hinter dem
Untersberge, sperren wrde. Aber man brauchte den sichtigen Morgen dazu, um den
Seipelstorfer von Plaien abzuschneiden und den Feind hinunterzupeitschen in die
unentrinnbare Mausfalle an der Saalach. Sooft die Salzburgischen Herren whrend
ihres Kriegsrates zum Fuchsenstein hinberguckten, fingen sie zu lachen an. Wie
ahnungslos die winzigen Kfer da drben auf und nieder krabbelten an der
Sperrschanze! Und Erde karrten und Bume schleppten. Um sich einzusperren in
einen mrderischen Sack!
    Neben den Lachenden stand ein Ernster, der in diesem Kriegsrat kein Wort
gesprochen hatte. Die feste Sonnenluft, die ber den Hgel hinblies, bewegte die
Fasanenflgel auf seinem schimmernden Helm.
    Als die Herren des Rates auseinandergingen, jeder zu seinem Fhnlein, legte
Frst Pienzenauer seine gepanzerte Hand auf die Schulter dieses Schweigsamen.
Komm! Ich will reden mit dir.
    In Lamperts Augen war eine drstende Hoffnung.
    Die beiden gingen zu einer alten Ulme, in deren Schatten der Frst sich
niederlie. Lchelnd betrachtete er den Jungherrn. Ich habe mir berlegt, was
du mir am Morgen sagtest. Auch hast du dir durch den gefahrvollen Ritt nach
Ingolstadt einen Dank verdient.
    Ich tat nur meine Pflicht.
    Grund genug fr deinen Frsten, um dir zu danken. Der Menschen, die immer
ihre Pflicht tun, gibt es wenige. Sonst htte das Leben ein anderes Gesicht als
jenes ble, das von der Hallturmer Mauer zu uns herguckt und das wir heut in
meinem verwsteten Mnster gesehen haben. Ich will es dir nicht vergessen, da
ohne deinen mutigen Ritt die Bayern noch immer in meiner Stube sen. Oder
denkst du auch von Herzog Heinrichs Leuten so gut wie von deinem Ramsauer
Schtzling?
    Nein! In diesem harten, heiseren Worte zitterte ein leidenschaftlicher
Zorn. Man hat uns schamlos und wider Recht berfallen. Die da drben haben die
eigenen Bauernhfe auf dem Hirschanger in Brand gesteckt, um einen Vorwand wider
uns zu schaffen und die Unseren lgnerisch der Schuld zu bezichtigen.
    Die da drben erklren das vermutlich als feine Kriegskunst, die nicht Gut
und Menschen zhlt, nur den ntzlichen Vorteil wertet.
    Herr? fragte Lampert erschrocken. Redet Ihr solchen Dingen das Wort?
    Ich? Nein. Aber wer das Wesen des Lebens erkennen will, mu es mischen aus
zwei Gesichtern.
    Das, Herr, ist eingesichtig: Was Herzog Heinrich um dunkler Zwecke willen
gegen uns begann, ist ein Frevel ohnegleichen.
    Da frage den Klugen in Burghausen! Ich vermute, fr ihn ist hell, was du
dunkel nennst. Der Frst lchelte. Dein Zorn wider diesen Weisen liee mich
hoffen, da du morgen gegen seine Farben ein grimmiges Eisen schwingen knntest
- wenn nicht diese andere Sache wre, die deine Kraft bedenklich fesselt. In dir
ist mehr als nur die Dankbarkeit fr diesen wunderlichen Mann, der die
folgenschwere Kurzsichtigkeit meines guten Ruppert mit unglaubwrdiger
Menschlichkeit vergalt. In dir ist das strkste von allen Dingen: ein Glaube.
    Ja, Herr! Ich glaube an diesen Redlichen.
    Herr Pienzenauer nickte. Du bist auch nicht sein einziger Apostel. Den
Sldner, der heut fr seinen burischen Herrn durch die Salzburger
Strickschlinge sprang, mcht ich als Diener haben. Durch zweier Zeugen Mund -
das ist ein altes, gutes Wort. Ich bekehre mich zu deinem Glauben.
    Herr! stammelte Lampert in Freude.
    Ich will, da meine Gadnischen sich morgen auszeichnen. Auch du! Da soll
dein Arm nicht lahm werden durch die Sorge, da du morgen diesem Redlichen
begegnen knntest, gegen den du nicht schlagen willst, weil er fr deinen
Glauben das Martyrium eines Gerechten leidet. Es zeugt doch auch deine
zerbrochene Stimme fr die Kraft deines Glaubens.
    Spottet nicht meines Glaubens, Herr! Ich brge mit meinem Kopf -
    Den verwette nicht! Wieder lchelte der Frst. Er ist mir zu lieb. Obwohl
ich Raupen in ihm sehe. Wie in allen Menschenkpfen - leider auch in meinem
eigenen. Hre, Lampert! Ich will alles in deine reinliche Hand legen. Nimm zwei
von meinen Leuten, reite mit dem weien Lappen zur Sperrschanze der Bayrischen
hinber und mache den Versuch, ob sie dich mit dem Ramsauer reden lassen.
Gelingt es dir, so la dir sagen von ihm, wie sich alles in der Ramsau und auf
dem Hngmoos zutrug. Ich selber glaube, da der Richtmann nicht lgen wird. Und
waren die Dinge so, da du seine Lsung auf dein Gewissen nehmen kannst, so hast
du Vollmacht von mir, ihm Verzeihung und Urfehd anzutragen. Ich will sein Dach
wieder aufbauen und will ihn ungekrnkt mit den Seinen hausen lassen im
Erbrecht. Bist du zufrieden?
    Herr! Wie in einem Rausch von Freude beugte Lampert die Stirne auf den
Eisenhandschuh des Propstes. Das ist mehr, als ich hoffen durfte.
    So geh! Und eil dich! Die bsen Dinge laufen so schnell, da die guten sich
um den Vorsprung tummeln mssen. Freundlich, doch nicht ohne leisen Spott, sah
Herr Pienzenauer dem jungen Manne nach, der im ungeschickten Kfertanz eines
Gepanzerten ber den Hgel hinuntergaukelte zu seinem Pongauer Rappen.
    Whrend der Knecht den angepflckten Moorle lste, fate Lampert mit beiden
Fusten das Pferd an den Kiefern und drckte ihm das Gesicht an die Schnauze.
Moorle, Moorle, wir reiten zu einer Freud!
    Die zwei Gadnischen Hofleute, die mit Lampert Someiner durch ein in die
Mauer geschlagenes Tor hinausritten, trugen an ihren langen Spieen die weien
Flatterzipfel.
    Whrend die drei ihre Rosse durch das zhe Grau des im Winde stubenden
Aschenfeldes waten lieen, tnte ihnen ein sonderbar aufgeregter, ohrbetubender
Gesang entgegen.
    Hinter der neuen Sperrschanze saen Herzog Heinrichs Harnischer auf ihren
Gulen, in kleine Haufen geteilt. Jeder Reiterschwarm brllte ein Lied, jeder
ein anderes. Und die hundert Schanzbauern jodelten ihre heimatlichen Weisen.
Richtiger Gesang brauchte das nicht zu sein, nur fester Lrm, der den
Flinkschritt der unter Martin Grans davonmarschierenden Spieknechte und das
dumpfe Gerassel der vom Fuchsenstein abziehenden Geschtze und Trowagen
bertnen sollte.
    Nahe bei der Sperrschanze, auf welcher Herr Seipelstorfer mit seinem Geleit
die Parlamentre erwartete, waren einem Reiterhaufen auch die fnf Ramsauer
zugeteilt. Malimmes, in seiner neuen Tracht und schweren Bewaffnung, war nach
einem fnfstndigen Schlaf wieder frisch bei Krften, sang lustig mit und
schwatzte dazwischen allerlei drolliges Zeug gegen Jul und Runotter hin, die
still auf ihren Gulen saen. Manchmal sahen die beiden den heiteren Sldner
verwundert an. Seit er aus dem bleiernen Schlaf erwacht war, hatten sie gemerkt,
da er heute anders war als sonst. ber seinen lustigen Ritt durch Berchtesgaden
log er allerlei krauses Zeug zusammen. Dem Runotter mifiel das; doch Jul sagte:
Wir verstehen's halt nit. Ich wei: Was er tut, ist ein Nutzen fr uns.
    Und whrend da nun dreihundert Kehlen so krftig sangen, da von dem
Marschlrm hinter dem Fuchsenstein nichts mehr zu hren war, kam ein Trabant des
Herrn Seipelstorfer ber den Wall heruntergesprungen und winkte dem Runotter:
Kommen sollst du! Ein Gnadnischer Herr steht vor dem Wall, mit Botschaft fr
dich. Der Jungherr Someiner. Der Name wirkte auf die drei wie ein Lanzensto.
Malimmes warf einen brennenden Blick nach dem Buben, der sich auf eine
wunderlich sinnlose Weise pltzlich gegen die Mhne seines Gaules beugte.
Runotter, in dessen Augen nach dem schweren Trank dieses Mittags eine dumpfe
Ruhe gewesen war, verfrbte sich. Er sagte rauh: Der soll seine Botschaft dem
Hauptmann kundtun! Nach Zwiesprache mit Gadnischen Herren drstet mich nit.
    Da hob der Bub den schimmernden Helm mit dem Reiherbusch. Ein irres Flehen
war in seinen groen Augen. Red mit ihm! Der tt nit bringen, was ein Ungutes
wr fr dich!
    Der Bauer sah den Buben an - und sah dem Trabanten nach, der gegen die
Sperrschanze hinauf sprang - und sagte md: Ist schon vorbei.
    Herr Seipelstorfer winkte vom Wall herunter. Er rief auch etwas. Doch unter
diesem brllenden Gesang verstand man's nicht.
    Ein heies Drngen: Vater! So geh doch, Vater!
    Runotter schien nicht zu hren und war auf seinem Gaul wie eine steinerne
Sule.
    In Zorn schimpfte Malimmes: Gotts Teufel, so rumpelt doch frwrts! Er
versetzte dem Schimmel einen heimtckischen Futritt gegen den Hinterbacken. An
so grobe Behandlung war das brave Rlein nicht gewhnt. Schnaubend surrte es
gegen die Sperrschanze hin. Und Malimmes - in einer Aufregung, als ginge es
jetzt um Hals und Leben - fate den Zgel des Falben und hetzte gegen den
Fuchsenstein hinauf. Komm, Bub! Ich la meinen Herren nit aus dem Aug. Nun
waren Jul und der Sldner zwischen den Schanzen der verschwundenen Geschtze,
sahen den Runotter beim Hauptmann steher und konnten ber die Sperrschanze
hinausgucken auf das Aschenfeld.
    Da drauen hielt ein eisgrauer Reiter.
    Siehst du ihn? tuschelte Malimmes. Da er so grau ist, kommt von der
fliegenden sch da drauen! Man sah die grauwehenden Schleier, die der
Sonnenwind von dem Aschenfeld emporwirbelte; sie waren so dicht, da man die
zwei ferner stehenden Gadnischen Hofleute mit den weien Flatterzipfeln manchmal
nur als verschwommene Schemen gewahrte. Siehst du ihn? Er ist nit allweil so
grau, ist wie ein jungs Buml im besten Saft. Und heut in der Frh, da ist er
gewesen wie der heilige Jrg, der dem Teufel ins Maul speit und lacht dazu!
Auch Malimmes wollte lachen. Doch mit gut gespieltem Schreck verstummte er, als
das brennende Gesicht des Buben so jh herumfuhr. So, jetzt hab ich mich
schiech verschnappt. Jetzt mu ich schon alles redlich bekennen. Heut hab ich
dich grauslich angelogen. Eine Dummheit gesteht man nit freiwillig ein. Weit,
ich hab wieder eine von meinen Narreteien gemacht, und da haben mich die
Salzburger beim Zwickel erwischt. In elenden Todsnten bin ich gewesen, und es
hat mir der Hnfene schon das Zpfl gedruckt -
    Jesus! stammelte der Bub erblassend.
    Aber da ist der Jungherr bei mir gewesen wie ein paradiesischer Engel, hat
mich herausgehoben aus aller Not, hat mir den hilflosen Buckel gedeckt und hat
mich aus dem Tod wieder reiten lassen ins lustige Leben - auf seinem eigenen
Gaul! Guck, Bub! Das feine Rssel, auf dem ich da hock, das ist des Jungherren
Kriegsro. Eine zitternde Knabenhand tastete nach Hals und Mhne des schnen
Pferdes. Gelt! Ein frnehmes Rssel! beteuerte Malimmes. Hat den Loys mit der
Herzogskrone auf der Schattenseit!
    Fr dieses Wichtige schien der Bub kein Ohr mehr zu haben. Die mit Stahl
geplattete Hand in die Mhne des Ingolstdter Gaules klammernd, beugte er sich
im Sattel vor, und seine groen Augen glnzten gegen das Aschenfeld hinaus.
    Malimmes tat einen schwlen Atemzug.
    Das war in dem Augenblick, als man auf der Sperrschanze den Runotter an
einem Seil hinunterlie ber den Steilhang des hohen Walles.
    Unter dem Gewicht der eisernen Wehr und seines schweren Krpers versank der
Bauer bis zu den Waden in die angewehte Asche. Ein paar Schritte machte er noch.
Dann blieb er stehen, mit den Fusten auf dem Schwertknauf.
    Lampert Someiner trieb seinen grau gewordenen Rappen gegen den Bauern hin.
Er beugte sich nieder und bot dem Runotter die Hand.
    Der nahm sie nicht.
    Richtmann -
    Jetzt bin ich Kriegsknecht.
    Sei, was du magst! Mir bist du immer der gleiche. Ich bin gekommen -
Lampert rusperte sich. Er mute die kranke Stimme plagen, um bei diesem
sonderbaren Liedergebrll verstndlich zu werden. Ich bringe Frieden, Runotter!
Fr dich!
    Da wird wohl Krieg bleiben! sagte der Bauer hart.
    Runotter! Du bist ehrlich - sag mir, wie alles war in der Ramsau. Ich
selber wei, wie es war auf dem Hngmoos -
    Da heit man's jetzt: in der Mordau.
    Gott seis geklagt: Dieser Name hat Wahrheit! Aber hre mich, Runotter! Ich
habe Vollmacht von unserem Frsten -
    Das ist Euer Frst. Der meinige nimmer.
    Die Erregung verwandelte Lamperts Stimme in ein rauhes Krchzen. So will
ich sagen: Ich habe Vollmacht von meinem Frsten, die gerechte Lsung und
ehrlichen Frieden zu bieten, wenn du schuldlos bist. Und da du es bist, das
wei ich. Runotter, ich glaube an dich.
    ber die schwere Gestalt des Bauern lief ein Zittern. Er wankte ein wenig,
wie von einem wuchtigen Hieb getroffen. Dann stand er wieder in seiner
steinernen Hrte, wortlos, mit starrglnzenden Augen.
    Runotter? Warum bleibst du so stumm?
    Mhsam sagte der Bauer: Weil Eure Stimm mir weh tut. Seit gestern wei ich,
fr wen Ihr den Hals so verschrien habt.
    Lampert nickte. Fr dein Recht! Hab Vertrauen zu mir! Sag mir, wie alles
gewesen ist!
    Das wei ich nimmer. Jetzt ist alles anders geworden. Da ist kein Reden
mehr, kein Fried und kein Rckweg. Wenn Euer Frst sich der Gt besinnt, soll er
gerecht sein gegen die Ramsauer, die Eure Gadnischen Hofleut hineingehetzt haben
in die Untreu der ngstlichen.
    Das will ich erwirken.
    Vergelt's Gott, guter Herr! Fr die anderen. Mich lasset aus dem Spiel! Fr
mich ist die Ramsau nimmer auf der Welt. Und Euer Frst, der ist tot fr mich.
Die Stimme des Bauern wurde grell. Einmal hab ich die Treu meines Lebens
zerbrochen im Zorn. Das reut mich, da es mir hart an die Leber geht. Jetzt hab
ich wiederum Treu geschworen. Die halt ich bis in den Tod, Reitet heim, Jungherr
- Runotter verstummte und sah mit glasigen Augen den Kopf des Moorle an.
Langsam hob er die Hand, blies die graue Asche von der Stirn des Rappen und
streichelte ihm sanft die Nstern. Gottes Vergelts, du gutes Ro! Weil du
meinen Jakob getragen hast auf deinem Buckel! Er wandte sich und wollte gehen.
    Runotter! stammelte Lampert erschttert. Und schwieg eine Weile. Und stie
es mhsam vor sich hin: Denkst du nicht an dein ander Kind?
    Der Bauer sagte ber die Schulter: Mein Kind ist weit. Was geht's Euch an?
Wie die Herren ihr Traid geworfen haben, so ist's aufgegangen fr mich und mein
Weib, fr meinen Buben und mein Maidl. Er sah diesen ratlosen Kummer in
Lamperts Gesicht. Nichts fr ungut, Jungherr! Ihr, wei ich, habt's redlich
gemeint. Vergelt's Gott! Aber jetzt ist das so! Was die Su verwstet haben, das
macht auch kein Heiliger nimmer sauber. Er schnaufte schwer und ging.
    Runotter! Lampert streckte erschrocken die Hand.
    Ein End, Herr! Und da ich ehrlich bin: Heut habe ich einen Rausch. Den mu
ich ausschlafen. Weil ich nchtern sein mu, wenn die Gadnischen Hofleut
strmen. Unter rauhem Lachen ging Runotter zur Sperrschanze, schlpfte mit Kopf
und Armen in die Strickschlinge, rttelte am Seil und schrie: Wie, Leut! Lupfet
mich in die Hh! - -
    - Jetzt konnten die beiden auf dem Fuchsenstein den Runotter nimmer sehen.
Weil ihn der Wall verdeckte. Sie sahen nur, wie unter dem ohrzerreienden
Liedergebrll jener graue, Reiter zgernd davonritt durch das Aschenfeld. Und
ohne sonderlichen Menschenwitz war es zu merken, da die zwei in der Asche da
drunten - mochten sie was immer miteinander geredet haben - nicht eines Sinnes
geworden.
    Malimmes mute flink seinen Arm um den Buben legen, dem ein Laut aus der
Kehle quoll wie der zerdrckte Atem eines Erstickenden. Da mut du dich nit
sorgen. Jul! Heut hat er blo einen halben Weg getan. Das Stndl kommt noch, wo
er den ganzen tut. Der Weg zum Verstand geht allweil treppelweis.
    Das blasse Gesicht des Buben im schmalen Oval der Kettenhaube war entstellt.
Nicht mit der Stimme eines jungen Harnischers, sondern mit dem Stammeln eines
hilflos verstrten Mdels fragte Jul: Hast du -?
    Was?
    Hast du - heut, am Morgen - geredet - mit ihm?
    Ich? Der Sldner machte verwunderte Augen. Nit ein Wrtl! Das war so
ehrlich gesagt, da man's glauben mute. Und als der Bub aufatmete, lachte
Malimmes. Zum Reden ist gar nit Zeit gewesen. Mein heiliges Jrglein hat mich
so flink aus der Not geschupft, da ich schon den Hallturmer Stank in der Nh
geschmeckt hab, eh's mir eingefallen ist, da ich dem Jungherren ein
Vergeltsgott htt sagen mssen. Der Mensch ist allweil ein undankbares Luder.
Da streckte er pltzlich in Neugier den Hals. Auf der Strae von Plaien sah er
einen Kundschafter auf keuchendem Gaul heraufjagen zur Sperrschanze. Hia! Mir
daucht, da blast ein Wind, der nit gut ist? Komm, Bub! Er packte den Falben am
Zgel. Und die beiden Pferde kletterten ber den Hang des Fuchsensteines
hinunter.
    Unter ihnen scho der erschpfte Reiter vorbei. Herr Seipelstorfer lief ihm
entgegen. Und der Reiter, im Sattel hngend, redete atemlos auf den Hauptmann
herunter. Der knirschte einen Fluch und fate einen Trabanten am Arm. Flink!
Die Stra hinunter, bis du den Grans findest! Er soll die Spieknecht in die
Burg stopfen. Bchsen, Pulver und Kugeln dazu. Vom Tro soll er bergen, was die
Zeit verstattet. Die Troleut mgen hinspringen, wo's ihnen pat. Vor dem Abend
schick ich dem Grans noch Botschaft! Flink!
    Whrend der Trabant auf seinen Gaul sprang, trat Herr Seipelstorfer mit den
Gefolgsherren zusammen. Der Kriegsrat, der da gehalten wurde, schien Feuer unter
dem Boden zu spren. Die Reiter und Schanzbauern, whrend sie ihre wirren Lieder
brllten, guckten in Sorge zu der aufgeregten Gruppe hin, die den hastig
redenden Hauptmann umstand. Nur Runotter schien nicht zu sehen, was da vorging.
Mit fahlem Gesicht, einen starren Glanz in den Augen, ritt er den beiden
entgegen, die vom Fuchsenstein herunterkamen. Und sagte: Malimmes! In dir ist
Treu. Da mut du auch wissen, was Untreu wr. Jetzt deut mir das aus -
    Was?
    Ob ich den Handschlag halten mu, den ich dem Grans, gegeben?
    Wohl, Herr, das mut du!
    Der Bauer wurde ruhiger. So hab ich mich nit versndigt. Mit einem Blick
voll heien Kummers sah er den Buben an: Jul! Man hat uns einen Weg zum Frieden
gewiesen. Mir ist er zugemauert. Dir ist er offen. Magst du ihn reiten?
    Der schlanke Krper des Buben straffte sich im Eisen. Und die herbe
Knabenstimme sprach: Du und ich miteinander. Und die Unsrigen mit uns. Sonst
nit. Und wenn's in den Himmel wr.
    Da verwandelte sich der Rauschglanz, der die Augen des Bauern fllte, zu
klarem Blick. Vergelt's Gott!
    Und Malimmes, dessen groe Narbe zu glhen anfing, sagte lachend: Herr! Man
fragt doch nit, ob der Tag hell ist.
    Trotz allem Lrm bei der Sperrschanze vernahmen diese drei, da mehrere
Stimmen nach dem Malimmes schrien. Der Sldner lie den Ingolstdter Gaul die
paar Sprnge bis hinber zum Hauptmann machen. Du bist doch der, fragte Herr
Seipelstorfer, der von Plaien in fnfthalb Stund zum Herzog geritten ist?
    Wohl! Die Augen des Malimmes lauerten.
    Das mut du heut wieder machen.
    Wenn's dem Runotter pat. Der ist mein Herr.
    Der Hauptmann winkte den Bauern herbei. Runotter nickte. Mir ist's recht.
Und nun fhrte Herr Seipelstorfer den Gaul des Malimmes aus der Hrweite der
anderen und sah dem Sldner scharf ins Gesicht. Kann ich mich verlassen auf
dich?
    Wie der Hllische auf eine arme Seel, die den Himmel verscherzt hat.
    Gut! Augen hast du - das wei ich -
    Ums Eck kann ich nit schauen. Aber die Salzburger mten ein Muckenhirn
haben, wenn sie nit hinter dem Untersberg an der Saalach drunt das Loch mit
Balken vernagelt htten.
    So mut du ber die Balken hinber.
    Malimmes lachte. Ein Hauptmann redet sich leicht.
    Bleib ernst!
    Das geht nit. Man mu doch lachen, wenn man sieht, wie die Menschenleut
sich plagen, da sie um die Gurgel kommen. Also?
    Tu die Augen auf! Und da du Bescheid weit: Die Spieknecht hab ich in die
Burg geworfen. Mit den Reitern bleib ich ber die Nacht. Ich mu den Grans
decken, bis er die Bchsen in Plaien hat. Wenn's Tag wird, leg ich Feuer an den
Sperrwall. Sag dem Herzog, da ich mich an der Saalach durchschlag, ber Piding
hinaus. Ich hoff, da ich mich halten kann, bis die Sonn und der Herzog kommen.
Die Sonn ist sicher. Kommt der Herzog nit, so bei ich mich mit den Wenigen, die
mir bleiben werden, gegen den See von Waging durch. Jetzt reit! Du mut in
Burghausen sein bis zur elften Glock. Auf der Hh von Raitenhaslach mut du
Feuer in jeden Baurenhof schmeien. Wie mehr als brennen, wie besser! Das wird
den Herzog wecken. Um Mitternacht mu er vierhundert Harnischer sausen lassen.
Sonst liegen morgen hundert von unseren Kpfen im Dreck. - Was meinst du?
    Ich bin landskundig und mein', da ich durchkomm. Aber machen mu ich's
drfen, wie ich mag. Meine Herrenleut nimm ich mit.
    Gut.
    Und zehn Reiter mu ich haben. Oder lieber sechs.
    Such dir die besten aus!
    Nit Herr! Malimmes beugte sich im Sattel. Sein Gesicht wurde hart. Sechs
Kpf sind weniger als hundert. Gebt mir nichtsnutzige Leut! Aussuchen mt Ihr
sie selber. Ich bin nit Richter. Jetzt reit ich derweil voraus. Da ich Ausguck
find, mu ich hinter Plaien hoch am Untersberg hinaus. Wo der Plaiener Weg an
die Saalach hinunterbiegt, sollen die sechs Speckbrocken warten, bis ich komm.
Ich mein', da wei ich schon, wo die hungrigen Ratzen ihre Lcher haben.
    Herr Seipelstorfer sah verdutzt an dem Sldner hinauf. Dann schmunzelte er.
Kerl! Komme ich morgen oder bermorgen mit dem Herzog ins Reden, so bist du
Sergeant.
    Nit um die Welt! Malimmes griff an den Hals. Fr Sergeanten ist der
Galgen eine sichere Sach. Mir ist er noch allweil zweifelhaft. Er wandte den
Gaul. Gotts Gru, Herr Hauptmann! Beim Herzog wieder! In Sorge warf er einen
Blick zu dem Buben hinber, ritt neben den Runotter hin und flsterte: Komm,
wir reiten!
    Der Bauer schttelte den Kopf. Ich bleib, wo man ficht. Fr Kundschaft taug
ich nit.
    So? Gut! Und kann auch sein, es ist besser so! Fr den heutigen Ritt knnt
dein Schimmel nit ausreichen. Und im Schdel hast einen Sums, an den du nit
gewhnt bist. Seine Stimme wurde wie Stahl. Den Buben nimm ich mit.
    Ruotter wollte widersprechen.
    Wehr's nit, Bauer! Der Bub soll Sicherheit haben. Die ist bei mir!
Schutzengel mssen nchtern sein. Ich hab ausgeschlafen. Sei gescheit! Und la
den Buben nit merken, was los ist.
    Das Gesicht des Bauern versteinte. Schweigend reichte er dem Sldner die
Hand. Dann zwang er sich zu einem heiteren Lcheln und nickte dem Buben zu.
    Malimmes fate den Zgel des Falben. Komm, Jul, wir reiten ein ltzel auf
Kundschaft. Da lernst du was Neues. Und, eine schne Gegend siehst. Er zog den
Falben gegen die Strae.
    Jul, mit den Augen eines halb Erwachenden, schien kaum zu merken, da sein
Gaul sich unter dem Sattel bewegte.
    Es war um die vierte Nachmittagsstunde, als die beiden hinuntertrabten gegen
die Plaienburg, der Bub unter stetem Schweigen, Malimmes unter lustigem
Schwatzen. Allerlei sinnlose, Dummheiten plauschte er zusammen, whrend er mit
gerunzelter Stirn diese Rechnung machte: eine Stunde fr den Ausguck, eine
Schleichstunde fr den Umweg um den Salzburger Hinterhalt, der sich wohl bei
Marzoll schon eingegraben hatte, und fnf Stunden fr den Ritt bis zu den
Raitenhaslacher Bauernhfen, die brennen sollten, damit Herr Heinrich neugierig
wrde. Diese Rechnung mute stimmen, oder - - Malimmes schnitt den halben
Gedanken mit dem Glauben ab: Ich zwing's.
    Um den Buben ein bichen lcheln zu machen, begann er von dressierten Flhen
zu erzhlen, die eine welsche Gauklertruppe dem Knig Sigismund zu Nrnberg
vorgeritten hatte.
    Jul fragte: Wei denn ein Knig, da es Flh gibt?
    Sobald sie ihn beien, merkt er's. Und Zweibeinige hocken mehr auf ihm, als
eines Bauern Hund von den anderen hat. Dabei rechnete Malimmes: Von Piding bis
Raitenhaslach, das wre mit den zwei feinen Gulen in vier Stunden zu machen.
Aber der Bub mu heil nach Burghausen kommen. Also fnf Stunden. Eh' die Sonne
rot wurde, muten sie hinter Piding sein.
    Guck, wie nett das ist!
    Er deutete nach der Plaienburg, ber deren steilen Fahrweg die vielen Rosse
das schwere Geschtz hinaufzogen. An jedem Rade hingen Spieknechte, die stemmen
und schieben muten. Und das alles, aus der Ferne gesehen, war so winzig, da
man es mit dem Milchbecher eines Kindes htte einschpfen knnen.
    Nun verschwand das niedliche Bild, weil Jul und Malimmes einritten in das
Waldgehnge des Untersberges.
    Warum legt der Seipelstorfer Geschtz und Spievolk in die Burg?
    Weil er beim Fuchsenstein nit losschlagt. Der Seipelstorfer ist ein
Frsichtiger. Und der heilig Peter mu warten. Das faule Liegen wird manchem von
den Gadnischen unlieb sein, der ein guter Kriegsmann ist. Malimmes betonte das:
Ein guter Kriegsmann!
    Die beiden hatten schon einmal von einem guten Kriegsmann miteinander
gesprochen. Also war's nicht verwunderlich, da der Falbe dicht neben den
Ingolstdter kam: Das mut du mir nochmal sagen, wie er dich heut herausgelupft
hat aus der Not.
    Malimmes erzhlte - und das wurde eine so abenteuerliche Geschichte vom
Heldenmut des heiligen Jrg mit den Fasanenflgeln, da Jul unmutig sagte: Geh!
Jetzt lgst du aber!
    ber diesen ungerechten Vorwurf war Malimmes gekrnkt. Er schwor: Bub,
wenn's nit wahr ist, soll mir gleich einer sagen drfen, ich htt als Mannsbild
unter dem Kra ein Weibsbilderhemd. Das glaubst doch selber nit? Gelt, nein?
    Die beiden kamen im Wald an aufgeschichtetem Brennholz vorber. Auf einer
Scheiterbeuge lagen sechs lange, dnne Kienholzscheite, schon zum Feuermachen
ausgespnelt. Malimmes griff zu. Die knnen wir brauchen.
    Tu's liegenlassen! Der Bauer wird's mnglen.
    Nimm's ich nit, so stiehlt's ein andrer. Malimmes schnrte die Scheite
hinter dem Sattel an den Mantel fest.
    Das Waldgehnge bog sich um eine Rippe des Berges. Nun kam eine Rodung, von
der man hinuntersah ins Tal der Saalach und weit hinaus in das grn gehgelte
Vorland. Der erste Spherblick des Malimmes huschte ins nahe Tal. Und beinah
htte er's laut gesagt: Eine Mausfall, wie vom Satan erfunden fr den belsten
der Snder. Herben vom Untersberg, bei Marzoll, und drben vom Staufen, bei
Piding, schoben sich die Waldkpfe bis nahe zur Saalach hin. Hundert feste Kerle
konnten da einem mchtigen Kriegshauf den Weg versperren. Und der braune,
zerfaserte Strich da drunten? Halb im Wald versteckt - von Marzoll gegen die
Saalach hin? Dieser krause Strich, hinter dem man immer wieder ein feines
Blinken gewahren konnte? Das war die Wagenschanze des Salzburgs Hinterhaltes.
    Gelt, Bub, eine liebe Gegend!
    Schau nur, sagte Jul mit leisem Beben in der Stimme, wie goldig schn da
drauen das Traid steht! Dem Buben wurden die Augen feucht, weil er an die
Ramsauer Felder dachte, auf denen der Hafer in diesem Jahr verfaulen mute.
    Schn steht alles, ja! Malimmes nickte ernst. Aber nimmer lang. Seine
Augen sphten wie der Blick eines Falken, mit winzigen Pupillen. ber der
Saalach drben, von Piding gegen Aufham hin, war nichts Ungemtliches zu sehen.
Das war der Weg, den Malimmes nehmen mute. Aber - so leichtsinnig knnen doch
die kriegstchtigen Salzburger nicht sein, da sie bei Marzoll sperren und bei
Piding die Mausfall offen lassen? Sprend wanderte sein Blick von Aufham gegen
den Waginger See, dann ber die Tittmoninger Wlder in den Dunst hinaus hinter
dem es nach Raitenhaslach und Burghausen ging. Und wieder zurck - ein Blick,
der in Erregung die Ferne trank. Nun zogen sich die Brauen des Sphenden hart
zusammen. Zwischen Aufham und dem See von Waging kroch ein langer, grauer
Tausendfler, von Staub umqualmt.
    Der Herzog? Nein! Das mte der Seipelstorfer wissen. Also ein Feind! Wer
kann es mit Salzburg und Ingolstadt halten? Und so flink bei der Saalacher
Schssel sein? Nur einer. Der Kaspar Trring! Der mit Herzog Ludwig im
Ritterbunde verbrdert war und sich mit Herzog Heinrich zerschlagen hatte wegen
des bayerischen Oberstjgermeisteramtes. Kaspar Trring, bei dessen altem
Geschlecht dieses Amt seit vier Jahrhunderten erblich war, begehrte als
Oberstjgermeister der bayerischen Herzge freies Jagdrecht, so weit die
bayerischen Berge in den blauen Himmel wachsen. Aber nicht, so weit meine
Wlder grn sind! wehrte Herzog Heinrich und schimpfte ber die in aller Welt
berhmten Leithunde des Trringer Zwingers. Um Hund und Hirsch machen die Herren
Krieg, bis die Bauern verbluten, die Huser brennen und das Traid auf den
Feldern verfaulen mu.
    Der Trring? Einer mit fester Burg! Ein Starker bei kleinem Spiel. Bei
groem Wurf ein Schwacher fr sich allein. So einer reitet nicht gern ohne
Freund. Und in dem weiten Lande da drunten hat der Trring nur einen einzigen
Bundeskameraden, den Bischof von Chiemsee. Die Augen des Malimmes suchten. Und
jetzt fanden sie auch den zweiten graudampfenden Heerwurm.
    Nit schlecht!
    In einer Stunde mute der Trring an der Saalach stehen. Und dann gab's
zwischen Piding und Marzoll keinen Ausweg mehr. Beim Chiemseer Haufen aber waren
geistliche Herren. Die reiten nicht gleich dem Teufel die Ohren weg. Die
machen's bequemer. Wenn der Kaspar Trring sich schon bei Piding einbeit,
wird's noch ein halbes Stndl dauern, bis die Chiemseer aus dem Aufhamer
Waldbuckel herauskommen. Und da mu man zwischen durch!
    Komm, lieber Bub! Malimmes lachte wunderlich laut. Jetzt machen wir noch
ein lustiges Reiterstckl! Sehr flink ging's ber den steilen Hang hinunter.
Und als die beiden zu besseren Wegen kamen, ritt Malimmes in sausendem Trab
voran. Immer wieder rief er ein paar lustige Worte ber die Schulter zurck.
    Wo hinter Plaien der Weibach sein Geschume in die Saalach schttete,
fanden sie die sechs Speckbrocken. Von denen sah jeder aus, da man nicht gerne
bei Nachtzeit mit ihm allein durch einen Wald htte reiten mgen. Sehr vergngt
waren sie, hatten die Gule festgebunden und eine Buerin gefangen. Alle sechs
waren um das schreiende Weibsbild herum.
    Da kam der Falbe dem Ingolstdter voraus. Mit brennendem Zorn in den Augen
schrie der Bub: Ihr Sau! Lasset das Weib in Ruh! Die Spreckbrocken wollten
aufmucken. Aber da sahen sie den Malimmes. Und Herr Seipelstorfer hatte ihnen
geboten: Der ist euer Frmann! Wer ihm Gehorsam weigert, hngt.
    Nur ein kurzer Aufenthalt war ntig, bis die Reiter im Sattel saen. Im
Galopp davon. Durch das Wasser der Saalach. Die weien Tropfengarben spritzten
ber die Gule hinauf, Und drben ging es durch weglosen Wald. Da mute man mit
dem Eisenhut voraustauchen, um die ste zu brechen. He, Frmann, fragte einer
von den sechsen, zum Teufel, wo geht's denn hin?
    Zum Teufel, wiederholte Malimmes, merkst du's noch allweil nit? Hinter
Aufham drauen, da ist ein Wirt - der schenkt einen roten Wein - bei dem vergit
man die Not der Zeit. Flink, liebe Gnoten, flink!
    Jetzt gefiel den sechsen dieser unbequeme Ritt. Doch in den Augen des Buben
war ein Vorwurf. Er hieh den Falben am Da la mich umkehren. So was mag ich
nit.
    Geh, sei kein Spielverderber! Lachend fate Malimmes den Falben am Zgel
und ri ihn vorwrts. Ein so fester, junger Reiter wie du, der mu sich ein
ltzel auch ans Saufen gewhnen.
    Als Jul erwidern wollte, sah er den Ernst in den Augen des Sldners.
Erschrocken schwieg er. Und da beugte sich Malimmes zu ihm und tat, als mte er
am Zaumzeug des Falben was ordnen. Kaum hrbar tuschelte er: Bub? Hast du kein
Vertrauen nimmer? Zu mir? Und gleich wieder schwatzte er lustig ber die
Schulter gegen die sechse hin: Aber gelt, das Maul heit's halten! Der
Hauptmann hat mich heut nit zum roten Wein geschickt. Wenn mich einer
verschwtzt, der kriegt's! Da wurden heilige Eide geschworen. Und weiter und
weiter ging's, durch versteckte Waldlcher, hgelauf und hgelnieder. Immer
huschten die Augen des Malimmes, immer war in seinem Gesicht die Anstrengung des
Lauschens. Und als die schne Abendsonne sich golden frbte, befahl er mit einem
keuchenden Laut dem Buben: Reit links von mir! Die Gefahr war rechts. Zu sehen
war sie nicht. Aber Malimmes hrte sie: die Harnischer des Kaspar Trring ritten
da drunten in Piding ein. Und pltzlich scholl aus dem Tal herauf der grillende
Schrei eines Weibes.
    Frmann! Lus! Was ist denn da?
    Gelt ja, du Tropf du! lachte Malimmes. Meinst, das bringen die Pidinger
Bauernburschen nit auch noch fertig, da sie ein Weibsbild in den Speck
zwicken? Fnfe lachten. Doch einer, ein Sachse, machte die vorwitzige
Bemerkung, da da drunten was zu hren wre wie das Hufgeklapper eines
Reiterhaufens. Ei, guck doch, was fr gescheite Leut die Sachsen sind!
Malimmes haschte wieder den Zgel des Falben. Die wissen alles, blo das
einzige nit, wie ein Berglnder Sensenschmied mit seinen Gesellen hmmert. Und
weiter, weiter, bis man die Pidinger Sensenschmiede nimmer hrte. Malimmes tat
einen tiefen Atemzug. So, Leut, da drunten kriegen wir die schne Stra hinter
Aufham. Da sind wir jetzt bald beim feinen Wirt. Er rusperte sich lustig. Ich
mach schon die Gurgel sauber. Die in Sorge fragenden Blicke des Buben schien er
nicht zu sehen. Flink durch den Wald hinunter. Und richtig, da war die schne
Strae. Sie leuchtete unter dem beginnenden Rotglanz des Abends. Malimmes fiel
in jagenden Trab. Jul mit dem guten Falben konnte sich an der Seite des Sldners
halten. Die sechse mit ihren schlechteren Gulen blieben zurck.
    Jetzt lief die Strae wieder in dichten Wald hinein, dessen Wand einen
langen Schatten warf. Malimmes zwang den aufgeregten Ingolstdter zu ruhigem
Schritt. Und der Falbe, wie ein kluger Kamerad, verstand das gleich; er hatte
bei diesem Ritt, so Seite an Seite, schon was gelernt; alles tat er dem
Ingolstdter nach, ohne sich viel um die Zgelgebote seines leichten Reiters zu
kmmern, den die mhsame Hetze zu erschpfen begann.
    Erst mssen wir die Gul verschnaufen lassen. Es war seltsam, mit welchem
Ernst Malimmes dieses scheinbar Unwichtige vor sich hin murmelte.
    Da lispelte Jul: Aber geh, so sag doch, was los ist!
    Ja, lieber Bub! Dir sag ich alles. Er lauschte mit vorgestrecktem Hals.
Aber wart noch ein ltzel! Bis wir beim roten Wirt vorbei sind. Und sorg dich
nit! Er drehte das Gesicht nach dem Buben. Du wirst nit saufen mssen vom
roten Becher! In seinen Augen war eine heie Zrtlichkeit. Du nit!
    Ich bitt dich, bettelte Jul, tu ehrlich reden!
    Gut! Die Stimme des Malimmes bekam einen grimmigen Humor. Der
Seipelstorfer ist neugierig, ob der Wirt von Aufham einen Speck braucht. Mir
wr's lieber, es ging ohne Speck. Aber geht's nit anders, so mu der Wirt seinen
Speck haben.
    Das war lustig gesagt. Und dennoch sprte Jul ein Rieseln, das wie dunkles
Grauen war. Er sagte leis: Der Vater hat schon recht, heut lgst du. Allweil.
Aber es wird wohl sein mssen. Sonst ttst du's nit!
    Gelt ja? Malimmes fing wie ein glcklicher Mensch zulachen an. Aber da ri
ihm pltzlich ein Laut, den er vernommen hatte, den Kopf herum. Seine groe
Narbe war wei wie Kalk, und seine Augen hatten den Blick eines bsen Tieres.
Aber den sechsen, die nachgekommen waren, rief er heiter ber die Schulter zu:
Hi, Leut! Wie langweilig ist das, so still dahintappen! Ich mein', wie singen
ein lustiges Liedl! Damit der Aufhamer Wirt gleich merkt, da gute Gnoten
kommen. Da zapft er an! Die sechse waren schon mitrauisch geworden. Aber wo
man singen durfte, war man weit von aller Gefahr. Drum stimmten sie gleich ein
Lustiges an:

Ein Reiter, der wollt pi-hir-schen,
Halerieh halerah fallaaah,
Auf Reechlein nit noch Hi-hir-schen,
Halerieh halerah fallaaah,
Er fing sich da ein Jungfeinsmaid,
Wozu brauchst du ein Nunnenkleid,
Ja Ni-na-nunnenkleid,
Wozu ein weies Pfaid?
Hurrjeeh, stampeeh,
Was liegt im grnen Klee?

    Whrend die sechse so sangen, zog die Strae zu einer Biegung. Und da sprang
Malimmes aus dem Sattel. Teufel, jetzt ist meinem Gaul ein Eisen locker! Mit
dem Zgel des Ingolstdters wand sich Malimmes auch den Zgel des Falbe um den
Arm. Zu den sechsen sagte er: Nur weiter! Gleich hinter dem Eck da drben ist
der Wirt.
    Durch den Wald her war ein gleichmiges Gerusch zu hren. Auch bei Aufham
schien es Sensenschmiede zu geben. Die Singenden hrten den Klang dieser Hmmer
nicht. Malimmes vernahm ihn. Und whrend er so tat, als schlge er mit einem
Stein auf das Hufeisen des Gaules, machte sein Gehirn verzweifelte Sprnge.
Mute der Wirt von Aufham Speck bekommen? Gab's keinen anderen Weg? Ein
Ausbrechen rechts von der Strae war unmglich. Struppige Waldhgel, die kein
Gaul berwinden konnte, verwehrten es. Eine Wegschlucht, die nordwrts gegen den
See von Waging fhrte, kam erst weit da vorne - dort, wo die fleiigen Hmmer
immer vernehmlicher pochten. - Und die Gefahr nach links umreiten, wie bei
Piding? Dazu reichte die Zeit nimmer, wenn Herzog Heinrich wach werden sollte
vor der elften Glock. Bei der Sensenschmiede von Aufhausen hie es: durch! Der
Speck mute die eisernen Muse beschftigen, mute den geschlossenen Zug des
Chiemseer Haufens auseinander reien.
    Die vergngten Snger nherten sich der Straenbiegung:

Das ist von Gott erscha-haf-fen,
Halerieh halerah fallaaah,
Da braucht's ihm keinen Pfa-haf-fen,
Halerieh halerah fallaaah!

    Malimmes lie den Stein fallen und sah den Buben an. Sein Gesicht wurde
hart. Der Bub? Und die anderen beim Fuchsenstein? Hundert gute Kpfe? Und
sechse, die nicht viel taugten?
    Da vorne sangen sie:

Und wenn du laufst mit einem Kind,
Tu langsam, 's geht nit so geschwind 

    Die Faust des Malimmes umklammerte das Knie des Jul. Jetzt schau nur meinem
Gaul auf den Schwanz. Und her hinter mir! Er sprang in den Sattel. Von den
Sngern bogen die zwei ersten um das Eck der Strae:

Geschwie-schwa-schwiaschwind,
Schn heimlich wachst die Snd!

    Malimmes haschte die Hand des Buben: Tu geloben: Wenn ich Frwrts schrei,
da hau deinem Gaul die Sporen in den Bauch und la ihn rennen! Ein leises
Lachen. Ich hol dich wieder ein. Da kannst dich verlassen drauf! Er lste den
Bidenhnder von der Brust. Auch Jul, mit groen Augen, stumm, das schmale
Gesicht gespannt von einer ruhigen Strenge, griff nach seinem Eisen. Und da
vorne verschwanden die zwei letzten der frhlichen Snger:

Hurrjeeh, stampeeh,
Mich la in Ruh, hadjeeh!

    Seite an Seite jagten der Ingolstdter und der Falbe nach links in die von
der Abendglut umbrannte Waldung hinein.
    Die sechse auf der Strae sangen:

Wird's ihm ein Bub, heit Pe-he-ter,
Halerieh halerah fallaaah,
Der macht's wie seine V-h-ter,
Halerieh halerah fallaaah!
Wird's ein Feinsmaid, heit Adelheid,
Und braucht's ihm auch kein Nunnenkleid,
Ja Ni-na-nunnenkleid
Und auch kein weies Pfaid.
Hurrjeeh, stampeeh,
Das erstemal tut's weh!

    Das lustige Lied klang gegen das Ende hin ein bichen schtter, weil ein
paar von den Sngern nimmer mittaten. Die hatten ihre Gule verhalten und
guckten verdutzt ber die Strae hinaus, auf der ein langgezogener Reiterhauf
einherzog. Der kluge Sachse schrie nach dem Frmann. Die Spitze des fremden
Reiterschwarmes kam fr ein paar Augenblicke ins Stocken; dann zogen die
Chiemseer vom Leder und lieen die Gule jagen. Jetzt begannen auch die anderen
fnf Speckbrocken zu schreien: Frmann! Frmann! Sie zogen blank, warfen die
schlechten Klepper herum, flchteten gegen die Sensenschmiede von Piding, und
immer wieder schrien sie: Frmann! Frmann!
    Ihr Geschrei klang laut hinein in das Gehlz. Und Jul, dessen Falbe hinter
dem Ingolstdter herflog, stammelte flehend: Mensch! So hr doch, die Unseren
schreien!
    Malimmes hatte das bse Gesicht. La schreien!
    Von der Strae war ein Gerassel zu hren, als htte man eiserne Pfannen zu
Boden geworfen.
    Mensch! Dem Buben versagte fast bei dem auf und nieder tollenden Ritt die
Stimme. So tu doch den Unseren helfen!
    Frwrts! Frwrts!
    Und der Bub im Zorn: Wie schlecht du bist!
    Bei sausendem Ritt ein hartes Lachen. Wei schon! Ein Lumpenkerl bin ich.
Tut man, was sein mu - das ist allweil schlecht. Da merkte Malimmes, da Jul
den Falben verhalten wollte. Ein knirschender Fluch. Gotts Teufel, Bub, du bist
wahrhaftig so dumm wie ein Weibsbild! Er ri den Ingolstdter wie einen Kreisel
herum, fuhr dabei mit dem Gesicht in einen Wust von drren sten und haschte den
Zgel des Falben. Frwrts! In der engen Gasse zwischen den Bumen legte sich
der Falbe an den Ingolstdter hin. Schlecht? So? Aber vergessen, was man gelobt
hat, das ist redlich! Ein jhes Anhalten. Ganz nah bei der Strae war's. Im
Blut des Abends schien alles rot zu sein, die polternde Kammerbchse da drauen,
die Pulverkarren und Kugelwagen. Nur Fuknechte waren dabei. Die Geleitsreiter
waren vorausgesprengt - dorthin, wo die Muse den Speck fraen. Bub! Die
Stimme des Malimmes klang wie erwrgt: Da mssen wir durch, eh die Nachhut
kommt. La dein Eisen hngen! Das meinige reicht. Pack den Gaul an der Mahn! Und
los!
    Ein wildes Geschrei erhob sich auf der Strae, als hinter der Kammerbchse
die beiden Gule mit den geduckten Reitern gleich gehetzten Hirschen ber den
Weg hinberstoben. Drei Spiee fielen gegen die Rosse vor - ein Streich des
Bidenhnders machte die Hlzer splittern, ri von einem Chiemseer noch ein Stck
gepanzerten Lebens mit davon - und bevor noch ein Schwarm des Fuvolks
zusammenspringen konnte, waren die beiden in eine enge, von der Strae nordwrts
fhrende Bachschlucht hineingetaucht.
    Bei diesem rasenden Jagen - ber steinigen Waldboden und durch das Bett des
Baches - blieben die zwei Gule Hals an Hals, und Malimmes drckte sich ber den
gebeugten Rcken des Buben hin. Jul wollte sich aufrichten, doch Malimmes prete
ihn mit grober Faust wieder auf die Mhne des Gaules. Ein Klatschen ging durch
das Buchenlaub - wie von schweren Hagelkrnern, die nicht senkrecht vom Himmel
fielen, sondern quer hinausfuhren durch das Gezweig der Bume. Nun ein kurzes,
rasseliges Klingen. Es war wie ein Hammerschlag auf eine schlechte Glocke. Ja!
Schnecken! lachte Malimmes. Nit auf den Kra kommt's an. Auf den Mann, der
drinsteckt.
    Da machte der Falbe schnaubend einen wilden Ruck. Jul sthnte: Mein Gaul -
    Frwrts! Malimmes ri den klunkernden Bolzenschaft aus dem Backenfleisch
des Gaules. Das tut ihm nichts! Ein ltzel Pfeffer im Blut - da springt er
besser. Wieder so ein klirrender Hammerschlag. Malimmes machte mit dem Oberleib
einen schweren Tunker auf den Buben hin. So! Nit schlecht! Wenn sie mir noch
viere, fnfe auf den Kra pelzen, ist mein Buckel eine Leiter. Da kannst ber
mich in den Himmel steigen. Im aufspritzenden Wasser des Baches tauchten die
beiden Gule um die Deckung eines Hgels. Und Malimmes schrie wie ein froh
Betrunkener: Bub, schnauf auf! Er sa wieder grad im Sattel, und seine Augen
sphten im schwindenden Glanz des Abends nach einem besseren Weg. Von dem
fahrigen Ritt geschttelt und geworfen, richtete Jul sich auf, wie einer, den
alle Glieder schmerzten. Erschrocken fragte Malimmes: Hab ich dir weh getan?
    Jul schttelte den Kopf.
    Ein ltzel doch! Gelt ja? Und da bin ich noch einer von den Leichten. Ach,
du Weible! Das wirst du noch merken mssen, wie schwer so ein Mannsbild werden
kann! Whrend Malimmes schwatzte, war er mit Ohr und Auge ber der Schulter.
Und sooft er den Hals bewegte, ging es wie Schmerz ber sein blutiges, von sten
zerkratztes Gesicht. Nun fand er einen freien Weg zwischen hohen, dunklen
Waldmauern, ber denen die gelbe Flamme des Abendhimmels brannte. Seite an Seite
galoppierten die beiden Gule, der starkblutende Falbe immer um eine halbe
Kopflnge voraus.
    Eine erstickte Stimme: Malimmes! Die Unseren?
    Da mut nit Sorge haben. Die sind ausgerissen wie schlechte Knopflcher und
sind vor der Nacht daheim. Das sagte er ruhig. Komm! Jetzt denk nit rckwrts,
Bub! Denk frwrts. Und da du auch weit, warum - Nun sagte er die halbe
Wahrheit. Zur Hlfte verschwieg er sie noch. Weil die Gefahr noch nicht
berstanden war. Vom Rcken her durfte er sich sicher fhlen. Bis das Geschrei
der Fuknechte die Reiter herbeigerufen hatte, war's zu spt geworden, um den
Flchtigen ins Blinde des dmmernden Waldes nachzujagen. Doch hinter den Wiesen
da drauen, die noch hell im Glanz des Abends schimmerten, mute Malimmes auf
weitem Umweg das Uferinger Moor umreiten, whrend von der Nachhut der Chiemseer
eine feste, gerade Strae zum See von Waging lief. Und da hier eine Botschaft
zu Herzog Heinrich ging, die am Waginger See vorbei mute, auf schmalem Gelnde
zwischen Moor und Wasser - um das zu erraten, brauchten die Chiemseer das Gras
nicht wachsen zu hren. Ob da nicht schon ein Dutzend losgeritten waren? Oder
hatten sie auf gutem Boden den Wald umsprungen? Und lauerten da drauen, wo es
noch hell war?
    Whrend diese flinken Gedanken durch das Hirn des Malimmes zuckten, fhlte
er pltzlich den Arm des Buben um seinen Hals. Mrrisch entzog er sich dieser
dankenden Zrtlichkeit, bei der unter dem Gehops des Rittes die sthlernen
Schienen klapperten.
    Nahe dem Waldsaum verhielt Malimmes die Gule. Jul, in seiner Sorge um jene,
die beim Seipelstorfer in der Falle saen, bettelte hei: Tu reiten! Jesus,
Mensch, so tu doch reiten!
    Der Sldner lachte ein bichen. Dir wird das Reiten heut noch genug
werden! Er sprang aus dem Sattel. Da bleib! Und tu die Gul halten! Wenn du
mich pfeifen hrst, so komm! Mit der Hand strich er ber die Wunde des Falben
hin; der zckte kaum merklich; also war's nicht schlimm. Dann sprang Malimmes
davon, mit einer sonderbar steifen Kopfhaltung, Im Springen ri er am Kra die
Schnallen auf und schlte den Rckenteil herunter. Der eine Bolz hatte nur eine
Dulle geschlagen, der andere war durchs Eisen gegangen und sa wie
festgeschmiedet. Du Luder! Einen Zoll tiefer - und wo lg der Bub? Der Bolz
war nicht herauszuziehen. Mit einem Stein mute Malimmes auen den gefiederten
Schaft und innen die birkenblattfrmige Klinge vom Kra schlagen. Er griff am
Rcken unter das Wams hinauf. Teufel, da nsselet's ein ltzel! Im
Weiterspringen schnallte er sich den Stahl wieder um den Buckel. Am Waldsaum
blieb er stehen und sphte. Ebene Wiesen bis zum Uferinger Moor hin. Nur kleine
Stauden, hinter denen kein Kind sich htte verstecken knnen. Malimmes pfiff.
Als Jul mit den Gulen aus dem Walde kam, bot ihm der Sldner die mit Wasser
gefllte Eisenschaller hinauf. So, Bub, trink!
    Jul beugte sich herunter. Vergelt's Gott!
    Dann soff Malimmes. Von dem, was in der Schaller blieb, spritzte er dem
Buben eine Handvoll ins Gesicht, den Rest go er sich ber Kopf und Nacken
hinunter. Und wieder hinauf in den Sattel. Nun tranken die Gule. Gierig
schlrften sie von dem Grabenwasser, in dem sich der gelbe Himmel spiegelte.
    Los! Jetzt allweil hinter mir!
    Die zwei dunklen Reitergestalten jagten ber die feuchten, fein dampfenden
Wiesen hin. Im Uferinger Moor, das sie umreiten muten, sangen die Frsche den
wundervollen Abend an. Bei diesem Lied der Dmmerstunde wurde Jul von einer
qulenden Erinnerung befallen. Die nassen Tropfen, die von seinem vorgebeugten
Gesicht ber den Hals des Falben rollten - das waren nicht nur die Tropfen des
Reiterschweies.
    Nun eine gute Strae. Sanft wogende hrenfelder in der letzten Farbe des
Lichtes. Einzelne Htten, kleine, friedsame Drfer. Manchmal ein zrtliches
Paar, das sich hinter Stauden verlor. Und vor den Haustren heiterschwatzende
Menschen, die stumm wurden, wenn die Reiter kamen.
    Der Himmel hatte noch milde Helle. ber der Erde lag schon ein stilles Grau,
als die beiden den See von Waging gleich einem groen, weien Schneefleck in der
Dmmerung liegen sahen.
    Es kam ein dunkler Wald, in den der Straenboden wie ein mattgrauer Strich
hineinlief. Bub! Voraus! Malimmes hatte eine so heisere Stimme wie der
Jungherr Someiner. Und nimm das Eisen! Stumm gehorchte Jul. Und als er den
Falben voraustrieb, blieb der Ingolstdter fr einige Sprnge an seiner Seite.
Die von Erregung gewrgte Stimme des Sldners raunte: Vergi nit, was du gelobt
hast! Wenn ich Frwrts! schrei, so schau dich nimmer um. Da reit, reit, reit!
Allweil der guten Stra nach. Und kommst du nach Burghausen, so mut du dem
Herzog melden -
    Jetzt wollte Malimmes die Wahrheit sagen, die ganze. Aber da reichte die
Zeit nimmer. In der Finsternis des Waldes war's lebendig geworden. Von beiden
Seiten rasselten die schwarzen Klumpen der Chiemseer gegen die Strae her. Wie
ein Irrsinniger fing Malimmes zu brllen an: Bub, frwrts! Frwrts!
Frwrts! Er ri den Ingolstdter herum und versetzte dem Falben noch einen
wtenden Futritt. Schnaubend raste der schlanke Gaul des Buben davon. Und
Malimmes sperrte mit dem kreisenden Bidenhnder die Strae. Geschrei und Flche,
das Stampfen und Keuchen der auf einen Haufen zusammengedrngten Gule,
klirrendes Eisen, das Gerassel der Platten und Schienen. In der Dunkelheit ein
Funkensprhen wie vom Ambo eines Schmiedes. Ein schwarzer Eisenbrocken kollerte
ber den Wegrain - Malimmes hatte einen der Angreifer aus dem Sattel gestochen.
Der reiterlos gewordene Gaul, der immer nach hinten ausschlug, raste durch die
Finsternis davon. Und im Straengraben gurgelte der schwer Verwundete mit junger
Stimme: Aschacher, hilf mir - Aschacher - Aschacher -
    Da jagte Jul gegen diesen tobenden Knuel her. Nicht nur die zerrenden
Fuste des Buben, der dem Malimmes beispringen wollte, hatten den Gaul gewendet.
Der Falbe war selber umgekehrt, weil er als guter Kamerad den Ingolstdter
suchte. In Gaul und Reiter war der gleiche Wille. Die Stimme des Buben
schrillte: Gesell, ich komm! Er hrte noch den wtenden Schrei des Malimmes,
dieses zornig keuchende Frwrts! Frwrts! Aber da schlug er schon mit dem
Eisen drein, zum erstenmal erfllt von einem Wunsch, der tten mute, weil er
helfen wollte. Ein gellender Laut - ein strzender Mensch, ein Ro, das sich
berschlug - dann war es dem Buben, als fiele pltzlich etwas Frchterliches
ber seinen Kopf, so schwer wie ein Berg. Unter dem Schwinden seiner Sinne
fhlte er noch, da er den Sattel verlor und im Sturz von einer starken Faust
hinbergerissen wurde auf einen anderen Gaul. Dann war vor seinen Augen eine
farbige Nacht. Und jene schmerzvolle Stimme, die im Straengraben sthnte:
Aschacher, hilf mir, Aschacher, Aschacher! - diese Stimme blieb in dunkler
Ferne zurck und erlosch wie ein starkes Kinderwimmern in der Finsternis.
    Verfolgt von schreienden Reitern, an seiner Brust den ohnmchtigen Buben
umklammernd, jagte Malimmes auf keuchendem Ro in den schtteren Wald hinein,
dem matten Schimmer entgegen, mit dem der Waginger See hinter schwarzen Bumen
blinkte.

                                       3


Im schmerzenden Gehirn des Jul ein zusammenhangloses Gewirr von grau
umschleierten Bildern. Dazu ein Gerttel, das beim Jagen des Gaules zu
schaukelndem Fliegen wird; ein qulendes Anprallen der Arme und Beine gegen
schwarze Baumstmme; zrtliche Laute des Malimmes und grimmige Flche; Geklirr
von Waffen und der Todesschrei eines Erschlagenen; ein Niedersausen durch
dmmernde Luft; der Sturz in den kalten See; ein wrgendes Wasserschlucken;
jetzt ein Auftauchen, ein peinvolles Erwachen; ein Rauschen und Pltschern;
schwarz und triefend beugt sich ein Gesicht unter heiem Geflster ber den
sthnenden Buben her; die Hufschlge klirren ber festes Land; immer keucht und
hmmert ein Ro; und noch ein zweiter Gaul ist da, der in Kreisen luft und so
schmetternd wiehert, als wr's der Falbe! Alles schwere Eisen lst sich vom
gerttelten Leib - Malimmes reit dem Buben die Wehrstcke herunter und
schleudert sie in die Nacht hinaus - die gequlte Brust kann leichter atmen, nur
diese eiserne Pein um die Stirn herum ist immer da und ist wie ein Schmerz, an
dem man sterben mu.
    Ist das der Tod? Dieses mde, auch unter Qual noch wohlige Dmmern? Und
trumen die Toten? Trumen sie von glhenden Kssen auf Wangen und Augen? Hat
der Tod zwei starke, harte Arme, mit denen er die Gestorbenen an seinem
sthlernen Herzen wiegt? Ist der Tod ein Reiter? Ein ruheloser Reiter? Warum
brllt der Tod mit so frchterlicher Stimme: Kohlmann, sto mir das Kienholz in
deinen Meiler! Jetzt lacht der Tod, als htte er das Lachen von Malimmes
gelernt. Und ein Feuer ist da, dicht vor den Augen, immer tanzt es und gaukelt.
Neben dem Feuer flammt ein zweites auf. Und eins von diesen beiden Feuern wird
ein brennender Stern, der schn davonfliegt. Immer reitet der Tod. Und immer
wieder sind diese beiden Flammen da, und wieder wirbelt eine von ihnen in die
schwarze Nacht hinaus. Hinter dem reitenden Tode schreien verzweifelte Menschen.
Und wo sie schreien, dort mu das Leben sein, dost ist es so hell, wie brennende
Huser sind.
    Der Tod wird mde. Er reitet langsam. Nun ist er daheim, in tiefer
Finsternis. Eine ferne, ferne Stimme: Hi, Burin, komm her, sei so gut und
hilf mir den Buben tragen! Es lsen sich Stricke und Ketten, die wie
schneidende Schmerzen waren. Da rauscht ein Bach, dessen Wellen wie Eisen
klingen. In der Wohnung des Todes gibt es viele Gepanzerte auf schwarzen Rossen.
Unter den Kriegsleuten des Todes mu Malimmes sein. Man hrt ihn reden. Seine
Stimme ist greisenhaft. Und pltzlich kreischt eine andere Stimme in
schrillendem Zorn: Den Trring zerreib ich auf Mus! Die Chiemseer sollen ihr
eigenes Wasser saufen. Gott soll's wollen! Und dann ist alles eine schwarze
Nacht, ein martervolles Schweigen.
    Kann man sich bewegen in einem Grab? Leiden auch die Toten noch Schmerzen,
unertrgliche Schmerzen in allen Gelenken? Schmeckt die Erde, die ein Toter im
Munde hat, nach Zimmet und gewrztem Wein? Liegt man im Grab auf linden Decken
und Kissen? Glht in der Wohnung des Todes ein rotes Kohlenfeuer? Haust der Tod
in einer armen, kleinen Bauernstube mit winzigem Fensterloch, durch das die
mager gewordene Sichel des Mondes hereinblickt? Und wie das seltsam ist, da die
Toten nicht einsam sind! Immer ist einer da, der sie mit zitterndem Arm
umschlungen hlt, nach Schwei und mooriger Erde riecht und einen heien Atem
hat.
    Ein sanftes. Rtteln an den Schultern des erwachenden Buben. Und eine
bettelnde Stimme: Kennst du mich noch allweil nit?
    Malimmes?
    Da lachte ein Glcklicher: Heilige Mutter, hab ich jetzt noch ein Quentl
Speck am Leib, so la ich mir's aussieden auf ein Kerzl fr dich! Malimmes
sprang zu dem niederen Herd, auf dem das Kopienfeuer zngelte, und brachte in
einer Kupferschale was Dampfendes, das nach Wein und Gewrzen roch. Geh, tu
noch ein Schlckl! Das mischt dir das mde Blut schn auf.
    Der Bub, als er getrunken hatte, sah wirr umher und tastete an seinem Krper
herum.
    Nichts, Bub, nichts! Du bist gesund an allen Gliedern. Ein ltzel verprellt
und bermdet. Dritthalb Stund so hngen mssen, vor mir, auf dem Sattelknopf -
das zerbrselt einem die Knochen.
    Noch immer tastete der Bub. Nun schrie er wie ein Menschenkind, dessen Seele
verzweifelt: Mein Helm? Mein Helm?
    Ist alles da! Ein mdes und leises Lachen. Seinen Helm hast du, auf
seinem Gaul bist du gehangen, in seinem Bett bist du gelegen. Jetzt brauchst du
ihn blo selber noch.
    Jul schien nicht zu hren. Immer griffen seine Hnde. Mein Helm? Mein
Helm?
    So schau doch, da drben liegt er! Dein ganzes Wehrzeug hab ich
verschmeien mssen beim Ritt. Blo dein Eisenhtl hat nit auslassen. Das hat
dir so ein Chiemseer Lauskerl aufs Kpfl gedroschen, da ich mit der Buerin
ihrer Beizang das Schirmdach, hab aufzwicken mssen. Aber geh, komm, Bub, tu
noch ein Schlckl! Unter deinem Haardchl nebelt's noch allweil ein ltzel.
Malimmes hob die Kupferschale an den Mund des Buben.
    Jul erwachte vllig. Der Vater? Was ist mit dem Vater?
    Tu nit Angst haben! Der Herzog reitet schon. Vierhundert Harnischer sausen.
Wir haben die zweite Morgenstund. Eh's wieder nchtet, ist der Vater bei dir.
    Da wurde der Bub ruhiger, fiel auf die groben Kissen hin und atmete tief.
Wo bin ich denn?
    In Raitenhaslach. Da ist Burghausen nit weit.
    Die Sinne des Buben schienen wieder zu erlschen. Oder kam in seiner
Erschpfung der Schlummer?
    Malimmes rttelte ihn heftig an den Schultern. Nit schlafen! Tu dich
aufrichten!
    Jul versuchte sich aufzuheben und fiel mit bereinander gebissenen Zhnen
wieder auf die Kissen hin. Ich kann nit.
    Wollen mut du! Dann geht's. Malimmes fate den Buben unter den
Ellenbogen. Und da konnte Jul sich aufrichten. Gelt, es geht? Malimmes lachte.
Ich bring dich schon wieder zu Krften. Aber ein ltzel gescheit mut du sein!
Gelt ja?
    Jul nickte unter schweren Atemzgen.
    So komm! Malimmes wollte das lederne Wams des Buben ffnen.
    Der wehrte sich erschrocken. Mensch! Was tust du mir?
    Hast nit gesagt, du willst gescheit sein? Anders kann ich nit helfen. Da
mut du den Kittel wegtun lassen. Und alles.
    In Scham und Erschpfung zitternd, sah Jul den Sldner mit flehenden Augen
an.
    Malimmes sagte ruhig: Bist doch ein Bub! Nit? Da mut du auch tun knnen
wie ein Mannsbild. Und hab nit Sorg! Es ist niemand im Haus. Der Bauer und sein
Bub haben mit dem Herzog fort mssen. Und die Burin hab ich nach Burghausen
geschickt. Du brauchst doch einen neuen Kra. Nit?
    Zitternd klammerte Jul am Hals die Lappen des Lederwamses bereinander.
    Geh, wirst dich doch nit scheuen vor mir? Ich bin dein Blutgesell und
Zeltkamerad. Das ist heiliger als ein Bruder. Komm, Gesell, tu dir helfen
lassen! Oder morgen bist du so starr wie ein Stckl Holz. Und mut liegenbleiben
und kannst nit mitreiten, wenn der Bauer kommt.
    Ein mhsamer Atemzug. Tu dich umdrehen.
    Ich geh zum Brunnen um Wasser. Aber tu nit umfallen! Jetzt mut du aufrecht
bleiben. Malimmes nahm einen hlzernen Zuber, der neben dem mden Herdfeuerchen
stand, und verlie die Stube. Als er nach einer Weile wiederkam, war auf dem
Herd keine Flamme mehr. Und Jul stand mit geschlossenen Augen da, in den Mantel
des Sldners gewickelt.
    Komm, la aus! Malimmes fate den Mantel. Von den paar Kohlen, die auf dem
Herd noch glhten, und von dem schwachen Mondlicht, das durch die Fensterlcher
hereinflimmerte, war eine matte Helle in dem schwlen Raum. Malimmes sagte
leise: Was fr ein feiner Bub du bist! Dann go er das kalte Wasser ber den
schlanken, schauernden Krper hin und begann mit einem nassen Tuch die Arme, den
Rcken und die Beine zu schlagen. Er wickelte das Tuch um seine Faust und rieb,
bis die Haut an allen Gelenken zu glhen begann. Pa auf jetzt! Das wird dir
ein ltzel weh tun. Aber es hilft. So hab ich auf dem Schwarzeneck dem Bauer
geholfen. Weit du's nimmer? Er nahm des Buben Kinn in seine Linke, drckte ihm
den Kopf in den Nacken und fhrte mit der Schneide der rechten Hand drei feste
Schlge gegen eine Stelle des Rckgrats.
    Jul drohte niederzubrechen. Aber Malimmes hielt ihn aufrecht. So! Jetzt
mach ein paar feste Schrittlen! - Also? Wie geht's?
    Viel besser.
    Gelt ja? Ein glckliches Lachen. Und Malimmes wickelte seinen Mantel um
den Buben, hllte ihn noch fest in eine Pferdekotze, hob den Zitternden auf
seine Arme, trug ihn zum Lager hin und legte ihn achtsam auf die Kissen. So,
lieber Gesell! Jetzt schlaf! Gut Nacht! Wenn's Tag ist, komm ich wieder.
    Drauen vor der Tre stie er seinen schweren Dolch als Riegel in den
Pfosten. Auf der Hausschwelle stand eine Laterne. Die nahm er und ging in die
Scheune, um nach den Gulen zu sehen. Wie mde Hunde lagen sie im Stroh, lieen
die Buche auf und nieder gehen und streckten die starren Beine von sich. Dicke
Blutkrusten standen auf ihren Fleischwunden. Und der Burghausener Falbe, der
eine zrtliche Seele hatte, lag mit verdrehter Kehle auf dem Hals des
Ingolstdters.
    Wie ein Schlafwandler legte Malimmes den Gulen das Futter vor die Schnauzen
hin. Die Tiere rhrten sich nicht. Sie lieen nur ein bichen die vorgequollenen
Augen rollen, als er einen dicken Strohbusch nahm und davonging. Den trug er in
den Hausflur und warf ihn vor der Stubentr auf den Lehmboden. Und wollte noch
eine Garbe holen, um besser zu liegen. Bevor er die Scheune erreichte, mute er
sich gegen die Mauer lehnen.
    Die Nacht unter der kleinen Sichel des Mondes war aschengrau.
    Irgendwo ein rotglostender Feuerschein. Und verschwommene Stimmen in der
Ferne.
    Die schlafen auch nit! Mit tappenden Schritten, die Fuste gegen seine
schmerzenden Lenden pressend, ging Malimmes zur Scheune. Als er mit der Laterne
und dem Strohbndel wieder herauskam, fing sein gebeugter Krper zu taumeln an.
Hia, guck! Seine Zunge war schwer; doch seine Stimme hatte noch heiteren
Klang. Ich kenn mich aus. In einem Keller bin ich und hab gesoffen. Ich
schlechter Kerl! Jetzt komm ich an die Luft - Er lie das Stroh und die Laterne
fallen und wollte zum Brunnen, wollte den Kopf in kaltes Wasser stecken. Auf
halbem Wege strzte er lautlos ber den Rasen hin.
    Der Morgen begann zu dmmern.
    Vom Tal der Salzach nherte sich ein dumpfes Pochen und Knattern, ein
lrmendes Stimmengewirr.
    Im Erwachen des Tages, dessen stlicher Himmel bergssen war vom Feuerblut
der kommenden Sonne, zog an dem einsamen Bauernhaus ein langer Zug von
Spieknechten vorber, mit schweren Hauptbchsen, mit gaukelnden Antwerken und
Sturmkatzen, mit einer fast endlosen Zeile von Trokarren. Hinter dem singenden
Schwrm der Heerweiber kam als letztes Schwnzlein dieses Kriegsungeheuers noch
der hohe Blachenwagen des Feldschers angefahren und hielt vor dem Gehft. Es
stieg eine alte Buerin aus, der man einen klirrenden Pack herunterreichte.
Munter schwatzte das Weiblein noch mit einem, der unter der Blache hockte. Dann
lud es den Pack auf den Rcken und ging zum Haus.
    Neben dem Brunnen sah die Buerin den Malimmes im Grase liegen. Sie warf den
Pack zu Boden, erkannte an dem Bewutlosen eine Spur von Leben und rannte
schreiend hinter dem Blachwagen her. Der Feldscher wollte nicht aus seinem
Karrenbett heraus und wurde erst barmherzig, als die Buerin beteuerte, das wr'
ein herzoglicher Harnischer, den Herr Heinrich in der Nacht gekt htte, zum
Dank fr kostbare Botschaft. Jetzt bekam es der Mann im Karren eilig. Einen, den
der Herzog kte, darf man nicht sterben lassen.
    Es dauerte lang, bis der Feldscher, seine zwei Gehilfen und die Buerin den
Sldner wieder zum taumelndem Leben brachten. Sie setzten ihn auf den Brunnen
und lieen den kalten Strahl ber seinen Kopf herunterpltschern. Unter dem
Gepritschel des Wassers fing Malimmes zu lallen an: Da mir keiner hinein?
rennt in die Stub! Oder ich hack das Luder auf Wrst zusammen.
    Die viere muten lachen, weil dieser grimmig Drohende doch selber ein
bichen wie Wurstfleisch aussah. Sein Gewand war starr von eingetrocknetem Blut.
Als sie das Wams heruntergezogen hatten, gab's eine Heiterkeit. Denn dieser
Brocken Mannsbild stak mit seinem sehnigen, rot berronnenen Leib in einem
Weibsbilderhemd, das an den Achseln gehkelte Spitzen und vor der Brust einen
himmelblauen Bndel hatte. Doch hinter dem Lachen kam ein barmherziger Schreck.
Whrend man dem Sldner das nette Hemd ber den Kopf herunterschlte, kreischte
die Buerin: O du heilige Mutter, das ist ja kein Pfaid nimmer, das ist doch
ein Sieb!
    Flick's halt wieder! brummte Malimmes. Ich schenk dir's. Da hast du was
Feines fr die hohen Feiertg.
    Die Buerin konnte nicht lachen. Auch der Feldscher, als der diesen von der
Bolzenklinge zersgten Rcken und die Wunden an Schultern und Armen sah, machte
ein ernstes Gesicht. Kerl, gegen dich ist der heilig Sebastian am Marterpfahl
ein unschuldigs Kindl! Da glaub ich freilich, da es dich umgeschmissen hat.
    So, meinst? Malimmes stie ein wildes, kurzes Gelchter vor sich hin. Die
paar Kratzer! Viel verstehst! Mich hat's umgeschmissen, weil ich gesund bin.
Frag einen jungen Kapuziner, wie weh das tut, allweil zu einer Heiligen beten,
die ein herzliebes Weibl ist!
    Die Buerin guckte verwundert drein. Und der Feldscher tuschelte: Der wei
noch allweil nit, was er redet.
    Stumm nickte Malimmes.
    Die Morgensonne blinzelte grell zwischen den mit Purpur gesumten
Wolkenstreifen heraus, whrend der Feldscher wusch und Zunder schnitt und
pflasterte. Dann holte er aus seinem Blachenwagen ein richtiges Mannsbilderhemd
und erbat sich dafr den Dank: Sag deinem gndigsten Herrn ein gutes Wrtl ber
mich! Er meinte den Herzog, der den Harnischer gekt hatte.
    Mein Herr? Mhsam erhob sich Malimmes vom Brunnen. Hart schnaufend, sphte
er in die sdliche Ferne. Man sah da keine Berge, nur dunkle Wlderkmme und
grauen Dunst. Mein Herr?
    Der hohe Blachenwagen ratterte flink davon, um den verschwundenen
Kriegshaufen einzuholen.
    Im Flur des Bauernhauses sa Malimmes auf dem Stroh. Er lauschte. In der
Stube war es still. Da sagte er leise zu der Buerin: Guck durchs Fenster
hinein! Und mach die Lden zu, recht still! Unbeweglich blieb er sitzen, bis
die Alte wieder kam.
    Das Bbel schlaft wie ein Iltis im Winter.
    Vergelt's Gott, Weibl! Malimmes fiel auf das Stroh zurck. Im Haus mu
Ruh sein! Und wenn du Zeit hast, schau nach den Gulen! Er tat einen mden
Atemzug und drehte sich gegen die Stubenschwelle hin. Die Buerin holte aus
ihrer Kammer ein Kissen. Als sie es brachte, schlief Malimmes schon. Sie hob
seinen Kopf und schob ihm das Kissen unter den Nacken.
    Whrend der Morgen eine dunstige Sonne bekam, klang aus der sdlichen Ferne
ein dumpfes Murren. Das hrte sich an, als wre in den Bergen ein schweres
Gewitter, bei dem jeder Donnerschlag hinberrollte in den nchsten. Aber man sah
im Sden kein Wettergewlk, nur einen brunlichen Rauch, der alle Hhen
umschleierte. Sehr bald verstummte das Gebrumm. Doch jenes rauchige Braun wurde
um die Mittagsstunde dicker und dicker; aus dem Tal der Saalach kroch es nach
der einen Seite immer weiter gegen das Salzburger Land, nach der anderen Seite
immer weiter gegen den Chiemgau hin.
    Unter diesen braunen Schleiern rollte der Krieg aus den Bergen heraus in das
ebene Land.
    Als der trbe Abend dmmerte, bekam der ferne Dunst eine rtliche Frbung.
Sie kam vom Widerscheine brennender Drfer und vom Feuerglanz der flammenden
Haferfelder, die am verwichenen Nachmittag zu Fen des Untersberges noch
geleuchtet, hatten wie goldene Schsseln des Friedens.
    Im Dunkel zwischen Abend und Nacht wurde Malimmes, der noch immer schlief
wie ein Klotz, von der Buerin aufgerttelt: Jesus, Mensch, so spring doch
hinaus und guck, was da los ist in der Welt!
    Im Erwachen fuhr Malimmes mit beiden Hnden nach dem Mund des Weibes. Wirst
du deinen Schnabel halten! Er lauschte gegen die Stube. Komm! Mit starren
Knochen richtete er sich auf, drehte die Gelenke und streckte die Beine. Das
Gehen wurde ihm sauer. Und immer sprte er etwas an seinem Hinterkopf wie das
Pochen eines kleinen Hammers. Die Kopfwunde, die ihm der Hautschneider beim
Hallturm zugenht hatte, fing zu eitern an. Das machte ihn mimutig. Doch als er
drauen unter dem dichtverhangenen Himmel stand und das Glutspiel der sdlichen
Ferne sah, fuhr ihm ein froher Schrei aus der Kehle: Hia! Mein Herr ist ledig!
Die Fall ist in Scherben geschlagen.
    Das ferne Gemisch von Rauch und Wolken glutete wie Abendrte, die sich
versumt hat bis in die Nacht hinein. In der matt zerflossenen Farbe sah man
kleine, hellere Glutflecken. Drei lagen dicht beisammen, die Feuermale von
Marzoll, Piding und Aufham. Diese Drfer gehrten dem Herzog Heinrich - da
hatten wohl die von Salzburg, der Trring und die Chiemseer den heien Gockel
fliegen lassen. Und deutlich unterschied man unter dem Gewlk zwei lange
Glutgassen: Die eine zngelte gegen die Lande des Trring hin - da war wohl
Herzog Heinrich dem bayrischen Oberstjgermeister hinter den Waden und machte
ihm die Lehensdcher warm; die andere streckte sich gegen den Chiemsee - da
peitschte der Seipelstorfer die Chorbrder des heiligen Peter nach Hause und
brannte die Steuerbchsen der geistlichen Herren aus. Oder umgekehrt. Man konnte
unter den rtlich angestrahlten Wolken an die dreiig von diesen kleinen,
helleren Glutflecken zhlen. So viel leuchtende Scheinkreise da droben am Himmel
waren, so viele Drfer brannten auf der Erde.
    Nur dieser rotgewordene Himmel erzhlte. Den Brand in der fernen
Menschentiefe verdeckten die waldigen Hgel. Aber die alte Buerin, deren
Hausdach um der Fehden ihres gndigsten Herzogs willen schon dreimal in Feuer
aufgegangen war, sah auch diese unsichtbaren Flammen, sah tausend armgewordene,
schreiende, verzweifelte Menschen und fing in Sorge und Barmherzigkeit zu klagen
und zu beten an, zu fluchen und hilflos zu weinen.
    Ja, Weibl! Krieg ist in der Welt! sagte Malimmes hart. Und bers Jahr ist
das schne Bayerland ein Wurmloch und schenhaufen. Da kannst du ein
Menschenherz billiger haben als einen Hennendreck. Er ging zur Scheune. Die
jammernde Buerin hinter ihm her. Von ihrem gndigsten Herzog sprach sie noch
immer ehrerbietig; doch dem Ingolstdter wnschte sie die belsten Krankheiten
an den Hals. Sind Vettersleut, die zwei Herren! Sollten wie Brder sein!
    Brder? So? Brder speien einander ins Gesicht. Malimmes trat in den
Stall, in dem die Laterne brannte. Der Burghausener Falbe und der Ingolstdter
hatten sich leidlich erholt, standen auf steif gespreizten Beinen, lehnten sich
mit den Schultern gegeneinander und kauten eintrchtig ihr ungeteiltes Heu.
Sind Viecher nit gescheiter wie Menschen? Guck her da! So sollt man die
gndigen Vettern aneinander halftern, bis sie friedsam fressen lernen aus der
gleichen Kripp. Er trnkte die Gule, wusch ihre Wunden und legte Spinnweben
drauf, die ihm die Buerin aus den Winkeln des Stalles in reichlicher Menge
herbeiholte. Dann nahm er die Laterne. Hast du was Gutes im Haus? Jetzt mu ich
fr den Buben kochen. Die Buerin erbot sich gleich: Das wre doch Arbeit fr
eine Weiberhand. Er lachte. Ungekostet, ich kann's besser wie du! Und mein
feiner Gesell hat heut ein heikliges Mglein. Mit dem Buben sei frsichtig,
Weibl! Sein Vater ist so reich, da man an seinem Erbgut den Zaun nimmer sieht.
Barfig trat Malimmes in die stille Stube und hngte ber dem Herd die Laterne
an einen Balkennagel. Lautlos ging er auf das Lager zu.
    Jul schlief, wie Kinder schlafen, mit den Fusten vor den Augen. Gleich
einem dicken Mntelchen lag das schwarze Haar um die heie Wange her. Unter den
Decken machten die Beine manchmal eine zuckende Bewegung. Und die nackte
Schulter hatte sich ein bichen herausgeschoben. Malimmes zog sein Wams herunter
und hllte das linde Leder achtsam ber die rosige Ble. Dann ging er zum Herd,
legte dnnes Astwerk bereinander und entzndete am Laternenlicht einen Span.
Das Feuerchen zngelte. Und Malimmes schrte die Flamme nur mit Reisig. Weil die
Scheite krachen.
    Auch die Buerin, als sie das Beste aus ihren Schrnken: brachte, mute
barfu gehen. Kein Wort durfte sie reden. Aber whrend sie zuguckte, wie
geschickt und reinlich Malimmes kochte, mute sie doch in ihrem Staunen
flstern: Von dir kann ein Weibsbild lernen. Nit ein einzigsmal hast du beim
Kochen die Ns mit der Hand geputzt. Allweil mit dem rmel. Und, den Kopf hast
schn auf die Seit getan, da kein Schweitrpfel nit in die Supp fallt.
    Das hab ich dem Hofkoch des deutschen Knigs abgeschaut. Der hat's allweil
so gemacht, solang er nit allein in der Kuchl gewesen ist. Malimmes machte es
aber auch so, nachdem er die Buerin aus der Stube geschickt hatte. Und als der
Wrzwein dampfte und die reichliche Mahlzeit fertig war, ging er zum Lager hin,
lie sich etwas sperrig auf den Lehmboden nieder und schob seinen Arm unter den
Nacken des schlummernden Gesellen.
    Jul tat die groen, blauen Augen auf und fragte: Ist er schon da?
    Noch nit. Lchelnd verschluckte Malimmes einen Tag. Ist ja noch allweil
Nacht. Vor Abend kann der Bauer nit kommen. Der reitet im Huf. Da geht's nit so
geschwind wie bei uns. Auch mut du dich richtig ausschlafen, eh du wieder in
den Sattel kommst. Jetzt mut du essen und trinken. Ist alles schon fertig. Und
ich mein', nit schlecht. Ich selber hab aufgekocht.
    Erschrocken fragte Jul. Hast du denn nit geschlafen?
    Ein ltzel, freilich! Wenn wir gegessen haben, streck ich mich gleich
wieder auf die Haut. Jetzt hab ich kochen mssen.
    Da legte Jul den nackten Arm um den Hals des Malimmes und schmiegte die
Wange an seine Schulter. Wie ein Bruder bist du zu mir!
    Ein mdes Lcheln. Nit ganz. Er wollte den halb noch Liegenden aufrichten
und das lederne Wams fortschieben. Der Bub hielt es fest an seinem Hals. Geh,
sagte Malimmes, das ist, doch mein Kittel. Den mut du wegtun. Ich sorg, er
stinkt ein ltzel nach - Fast wre ihm das herausgefahren: Nach Schwei und
Blut. Doch er sagte: Nach meiner Reitermh.
    Jul sah den Sldner an, mit einem herzlichen Glanz in den Augen. Und
pltzlich drckte er in stummer Dankbarkeit das Gesicht auf dieses mrbe Leder.
    Malimmes erhob sich schweigend und ging zum Herd. Seine Hnde zitterten,
whrend er die heie Suppe aus dem irdenen Hafen in die zinnerne Schssel go.
Dabei sagte er ruhig: Ich mein', du solltest dich ein ltzel anziehen. Die
Nacht ist khl. Ich rhr derweil das Ei in die Supp.
    Nach einer Weile sagte Jul: Kannst schon kommen. Er sa auf dem Lager, in
Wams und Reithosen, mit nackten Fen.
    Lachend fragte Malimmes: Was machen die Knchelen?
    So viel gut ist mir.
    Gelt, ja Der Sldner zog einen dreibeinigen Schemel vor das Lager hin und
stellte die Schssel drauf. Nun hockten sie bei dem zitternden Schein des
kleinen Feuers nebeneinander, lffelten die Suppe und aen Brot und geschmortes
Rauchfleisch.
    Da sagte Jul, ganz leise: Die drei schneidigen Streich, die du mir auf den
Rucken gegeben hast? Wie kommt das, Malimmes? Mir ist gewesen, als tt ich jh
wieder aufleben.
    Ja, das ist seltsam! Gelt? Warum das so ist, das wei ich nit. Aber helfen
tut's. Nie, wenn einer Wunden hat. Blo allweil, wenn kein Blut geronnen ist,
und wenn einer vor Schwch verscheinen will. So hab ich schon oft wieder einen
lebig gemacht. Das hat mir einer gewiesen einmal, im Ungerland, einer, der in
Jerusalem gewesen ist. Malimmes griff nach dem Nacken des Jul. Sprst du das
Pltzl, wo ich den Daumen hab?
    Wohl.
    Das tu dir merken! Von da mut abwrts zhlen um sieben Wirbel. Dort ist
das Fleckl, wo man hinschlagen mu, dreimal, fest und schneidig. Malimmes
dmpfte die Stimme. Dir sag ich's, Bub! Das ist ein kostbar Ding. Ich hab's
noch keinem verraten. Du bist der einzige, dem ich's gnn.
    Mit groen Augen, wie berhrt vom Hauch eines alten Geheimnisses, sah Jul
den Sldner an und sagte tief atmend: In dir ist viel, was stark ist. Du
solltest Medikus werden und allweil helfen.
    Malimmes schttelte streng den Kopf. Jeder ist der Hilf nit wert. Er
lachte scharf. Oft hat's ein Gutes, wenn dem Erdboden leichter wird.
    Staunen und Kmmernis waren in den Augen des Buben. Du pst aber gar nit
reden, wie -
    Wie wer?
    Wie ein Christ.
    Und du nit wie ein Mannsbild. Lchelnd fate Malimmes das Gesicht des Jul
zwischen seine schweren Hnde, mit einem linden Griff, und sagte zrtlich: Bist
nit die erste, die mich schilt. Und wirst nit die letzte sein. Aber komm - Er
trug das Geschirr zum Herde. Jetzt kriegst du den Wrzwein. Nachher mut du
wieder schlafen. Aber magst du nit erst ein paar hundert Schrittlein machen
drauen in der frischen Luft? Brauchst die Reitstiefel nit antun. Da stehen der
Buerin ihre Schlorpen. Und drauen ist trcken Wetter. Als Malimmes dem Buben
die plumpen Patschen unter die schngeformten Fe schob, sagte er lustig:
Guck! Da haben sich jetzt zwei weie Muslein verschloffen, jedes in einem
Klberstall.
    Der Bub, dem ein dunkles Errten ber die Wangen geflossen war, legte dem
Sldner die beiden Hnde auf die Schulten. Wenn alle Unchristen sind wie du, so
mssen sie auch in den Himmel kommen. Er nahm den Mantel des Malimmes um, ging
zur Tr und trat in die Nacht hinaus.
    Der Sldner blieb auf den Knien liegen, sah die Tr an und schmunzelte. Dann
begann er vorsichtig an seinem Hinterkopf herumzutasten und verzog das Gesicht
ein bichen. Ui, da ist Butter drin! Langsam erhob er sich, schttelte das
Lager des Buben auf, nahm einen festen Trunk von dem Wrzwein, fllte die
kupfernde Schale wieder und stellte sie auf den dreibeinigen Schemel hin.
    Mit Sorge in den Augen kam Jul zur Tre herein. Du! Der ganze Himmel ist
rot, gegen das Bergland hin.
    So ist's oft am Morgen, im Flachland, wenn das Wetter umschlagen will. Du,
vom Bergland, du kennst das nit.
    Jul atmete erleichtert auf.
    Aber komm! Dein Bett ist wieder lind. Und trink fest! Da schlafst du bald
ein.
    In den Kleidern streckte der Bub sich auf das Lager hin. Und trank. Und lie
sich zurckfallen auf das Kissen. Malimmes blieb sitzen bei ihm. Ein langes
Schweigen war, whrend auf dem Herd das kleine Feuer in Glut versank. Pltzlich
sagte der Bub wie mit erwrgtem Schrei: Allweil mu ich denken an ihn.
    Sorg brauchst du um den Bauren nit haben. Malimmes lchelte. Mit der Sonn
ist der Herzog in Piding. Und alles ist gut. Da sind die Feindlichen und die
Bayrischen einander gleich, nehmen Vernunft an und reden den Frieden aus.
    Wenn ich seh, wie ruhig du bist, kann ich auch wieder schnaufen.
    Gelt ja? Und komm, trink wieder ein Schlckl! Malimmes hob dem Buben die
Schale an den Mund. Als er sie wieder auf den Schemel stellte, fragte er:
Denkst du neben dem Bauren nit auch noch an wen?
    Nach einer Weile die leisen Worte: Wohl! An unsere Leut!
    Ich hab mir eh gedacht, da du an die nit vergessen wirst.
    Wieder ein langes Schweigen. Dann umklammerte Jul die Faust des Malimmes.
An alles, wie's gewesen ist am Abend, kann ich mich nimmer besinnen. Aber eins
ist allweil in mir. Allweil hr ich einen Namen. Aschacher, Aschacher,
Aschacher! Hast du den Namen nit auch gehrt? Gestern? Beim See von Waging?
Aschacher, Aschacher, Aschacher! So hat in Schmerzen ein Mensch geschrien, ich
wei nit, wer.
    Malimmes schttelte den Kopf. Ohren hab ich doch auch. Tiefer Ernst war in
seiner ruhigen Stimme. Nein, Bub, das mut du getrumt haben.
    Leis sagte Jul: Kann sein. Weil ich an den Namen Hartneid Aschacher allweil
denken mu, derzeit ich ein Kind gewesen. Er atmete schwer und schlo die
Augen.
    Die Schmeerkerze in der Laterne hatte einen dicken Ruber und brannte trb.
Aber die Kohlen glhten. Und in diesem rtlichen Dunkel sah Malimmes die Trnen,
die von den geschlossenen Lidern des Jul herunterkollerten ber das strenge
Knabengesicht. Schweigend erhob sich der Sldner, holte von der Fensterbank den
zierlichen Helm mit den geknickten Reihergranen, mit der schweren Dulle und dem
aufgezwickten Stirnblech - und stellte ihn neben das Kissen des Buben hin.
    Jul fuhr auf. Doch er schwieg. Nur die groen, erschrockenen Augen fragten.
    Weit, sagte Malimmes, ich stell ihn blo her. Sonst tust du dich am End
wieder sorgen drum. Er nahm die Laterne vom Nagel, setzte sie auf den Boden hin
und holte sein Wams. Jetzt geh ich schlafen. Gut Nacht, Gesell!
    Schlafst du nit in der Stub?
    Die Burin gibt mir die Sohnkammer. Da lieg ich besser. Er wollte in sein
Wams schlpfen, zog den Arm wieder heraus, ging auf das Lager zu, rttelte an
dem groben Linnen seines weitfaltigen Hemdrmels und sagte vorwurfsvoll: Weil
du allweil so unglubig bist - da, greif her - ist das ein Weibsbilderpfaid,
oder ist das ein Mannsbilderhemd?
    Ein Laut, kaum hrbar: Geh, du! Und schweigend drehte Jul das Gesicht auf
die Seite.
    Also! Malimmes warf das Wams ber die Schulter, griff nach der Laterne und
nahm den Bidenhnder aus der Stube mit hinaus.
    Sobald die Tre geschlossen war, zog Jul mit hastigem Griff das bel
zugerichtete Eisenhtel bis dicht an die Kissen her, lie die Hand auf ihm
liegen und schlo die Augen.
    Er schlief bereits, als Malimmes - der noch im Stall gewesen und ber die
finstere Strae hinausgelauscht hatte - vor der Stubentre sein Strohlager
aufschttete.
    Der Sldner hatte eine unruhige Nacht. Wenn ihn die Sorge nicht weckte,
machte ihn das Blutpochen an seiner schwrenden Wunde munter. Auf dem Hinterkopf
konnte er nimmer liegen; da sprte er jeden Strohhalm wie ein Messer. Noch
unbehaglicher war ihm das Liegen auf dem Bauch. Als der Morgen nur ein bichen
zu grauen anfing, stand er auf und hielt den Kopf zehn Vaterunser lang unter den
Brunnenstrahl. Dann musterte er den Pack, in dem die Buerin das neue Wehrzeug
fr den Buben aus des Herzogs Rstkammer gebracht hatte. Die Buerin hatte kein
so gutes Augenma bewiesen, wie es Malimmes besa. Am belsten gefiel ihm der
plumpe Kra. Gotts Teufel, da wird der Bub drin ausschauen wie ein Hslein im
Wolfsmagen. Lautlos hob er das Rstzeug durch das Fenster in die Stube hinein,
auf die Mauerbank und drckte den Laden wieder zu.
    Whrend aus dem niedrig hngenden Graugewlk ein khles Nebelreien
herunterging, trieb Malimmes den Gulen die Starrheit aus den Gelenken. Er
fhrte sie an den Halftern auf der Strae hin und her, zuerst im Schritt, dann
lie er sie traben und galoppieren. Es ging. Wieder in den Stall. Er legte das
Sattelzeug auf die Gule. Wo er sie anrhrte, schtterten sie mit der wehleidig
gewordenen Haut. Und immer lieen sie die Wunden zittern, um die Fliegen von den
Blutkrusten zu scheuchen.
    Zuerst ritt Malimmes den Falben. Als er auf der Strae schon ein paarmal
gewendet hatte, verhielt er pltzlich den Gaul und sphte scharf in die hell
gewordene Ferne. Im Galopp zur Haustr hin, ein Schwung aus dem Sattel, ein
Griff nach dem Bidenhnder, wieder auf den Gaul, der Strae zu - und jetzt, mit
dem Eisen in der Hand, jetzt glaubte Malimmes seinen Augen. Die Reiter, die da
geritten kamen, an die vierzig oder fnfzig, brachten keine mordlustige
Kriegerseele mit. Sehr friedfertig ritten sie einher, bei gemtlichem Schritt
der mden, reichlich verpflasterten Gule. Keine Waffe blitzte, und kein
Harnisch funkelte. Der Glanz des Eisens, das sie trugen, war erloschen unter
Staub, Morast und Blutrost. Die meisten hatten ihre Eisenhte am Sattel hngen.
Und neben den bunten Farben der Mntel und Wmser war sehr viel Wei zu sehen:
Stirnverbnde, Backenbinden, Schulterwlste, Armschlingen und Kniebauschen. Die
vierzig oder fnfzig, die da kamen, waren Spittelreiter, die der Herzog nach
Burghausen schickte.
    Malimmes lie den Falben ein paar Sprnge machen, hob den Bidenhnder und
schrie mit gellender Stimme den Namen seines Herrn. Im Reiterschwarm antwortete
eine rauhe Kehle, ein Arm erhob sich. Lachend warf Malimmes den Bidenhnder auf
den Rasen, sprengte zum Fenster hin und rief in die Stube: Bub! Auf! Der Bauer
kommt. In der Stube ein erstickter Freudenlaut. Tu dich rsten! Steht alles
auf der Bank, was du brauchst. Das Eisenhtl hng an den Arm! Das mut nit
aufsetzen. Es tt dich kratzen. Tummel dich! Ich reit dem Bauer entgegen. Er
lie den steifbeinigen Falben im feinen Geriesel des Regens ber die Strae
hinausklappern.
    Runotter, vllig gerstet, den rechten Arm in einer breiten Leinenschlinge,
kam auf dem starr hopsenden Schimmel dem Schwarm der anderen voraus.
    Die erste Frage des Malimmes war: Herr? Sind am Arm die Flaxen noch ganz?
    Wohl. Der Knochen hat ausgehalten. Sechs Wochen, meint der Feldscher. Die
heien Augen des Bauern suchten. Wo ist der Bub?
    Der lacht. Wird gleich bei dir sein.
    Runotter atmete tief. Vergelt's Gott! Dann ritten sie nebeneinander zu dem
einsamen Bauernhaus.
    Der brennende Glanz in den Augen des Runotter schien dem Malimmes nicht zu
gefallen. Er fragte in einer seltsamen Spannung: Herr? Hast du heut schon
wieder den Krug gelupft?
    Heut bin ich nchtern. Und gestern hab ich gelobt, da ich auer lauterem
Wasser keinen Tropfen nimmer trink, eh mein Krieg nit zu End ist.
    Die Augen des Malimmes erweiterten sich. Dein Krieg?
    Mein Krieg! Wohl! Das erschpfte Gesicht des Bauern spannte sich zu einer
Strenge, die wie Andacht war. Und seine Stimme dmpfte sich. Lus, Malimmes!
Gestern, im Gefecht bei Aufham, bin ich dem Chorherren Hartneid Aschacher
begegnet.
    Hab mir's eh schon gedacht.
    Achtzehn Jahr ist's her. Heut schaut er anders aus. Mir hat's ein Zittern
in meiner Seel gesagt: Der ist's! Und wie ich das Eisen auflupf, krieg ich von
einem anderen den Streich auf den Arm da. Der Aschacher ist mir entronnen.
Malimmes! Jetzt wei ich, warum Krieg ist. Da ich den Hartneid Aschacher wieder
find.
    Ein Schauer des brennenden Zornes, der in dieser Stimme zitterte, fate auch
den Malimmes. Doch er zwang sich zu einem heiteren Wort: Freilich! Wenn nur
jedes Hfelein seinen Deckel findt. Nachher ist die Welt so gut eingerichtet,
da sie der Herrgott nimmer besser htt machen knnen. Er wurde wieder ernst.
Verschweigt vor dem Buben! Der hat's eh schon im Wind gehabt. Ich hab lgen
mssen.
    Der Bauer verhielt den Gaul. Lgen?
    Bei dem Schwarm, der uns frgestern vor dem Waginger See in den Weg
gerumpelt ist, mu der Aschacher gewesen sein. Ich hab einen adligen Jungherren
in den Graben hinuntergeschlagen. Der hat mit einer sen Stimm gekreistet:
Aschacher, hilf mir! - Der und der Aschacher? Brder sind das nit gewesen.
    Ich versteh nit. Was meinst?
    Sei Kriegsknecht an die achtzehn Jahr lang, nachher verstehst du schon.
Einmal, da hab ich auch nit verstanden. Und bin neugierig worden. Im
Clevischen. Malimmes plusterte ein bichen den Hals. Aber du kommst allein? Wo
sind die unseren?
    Erst nach einer Weile gab der Bauer Antwort. Ich wei nit. Der Altknecht
ist nimmer nachgekommen. Dem Heiner haben sie im ersten Anlauf den Gaul
erstochen. Kann sein, die zwei haben sich durchgeschlagen mit den Spieknechten.
Kann sein, sie haben saufen mssen - von meiner Treu. Gott soll sie gndig
haben. Jetzt geht's ber alles weg. Bis ich den Aschacher find.
    Von der Bauernstube klang der heie Schrei einer Mdchenstimme. Doch aus der
Haustr kam ein schlanker Bub in schwerem Eisen heraus. Und whrend Runotter aus
dem Sattel stieg, mute Malimmes lustig lachen, weil Jul in diesem plumpen,
unpassenden Wehrzeug aussah wie ein junger Vogel, der mit kurzem Hals aus dem
Kobel guckt.
    Jul und Runotter standen Hand in Hand; nur ein paar Worte sprachen sie; ihre
Augen redeten; und das Gesicht des Buben war wei wie Linnen, als seine Finger
ber die Armbinde des anderen herunterstrichen.
    Malimmes klaubte in Hast sein Zeug zusammen, hngte die Eisenschaller an
seinen Arm, gab der Buerin die paar Silberbleche, die er im Hosensack hatte,
und holte den Ingolstdter aus dem Stall.
    Auf der Strae kroch der Zug der Spittelreiter vorber; die meisten saen
stumm und gebeugt im Sattel; nur wenige schwatzten; in ihren Stimmen war Galle
und Verdrossenheit; von allen, die da redeten oder schwiegen, schien keiner an
diesem grauen, rieselnden Morgen den Krieg fr eine frhliche oder notwendige
Sache zu halten.
    Und weit ber den abgemhten Wiesen drauen, gegen Sden, wo die schwarzen
Dachstrnke eines als Weckfeuer niedergebrannten Bauernhauses gegen den trben
Himmel starrten, erschien auf der Strae ein langer, brauner, wackeliger Wurm:
die Reihe der vielen Karren, in denen man die Schwerverwundeten brachte, die
nimmer reiten konnten; es waren auch Tote dabei, die man am verwichenen
Nachmittage noch als Lebendige in das Karrenheu hinauf gehoben hatte. Manchen
von diesen Ungeduldigen, die das Burghausener Spittel nimmer erwarten konnten,
hatten die Karrenfhrer, um ihren Gulen das Ziehen zu erleichtern, schon
hinausgeworfen in die Straengrben; aber gewissenhaft brachte man von diesen
Abgeladenen alles, was Kleidung oder Wehrstck hie, mit heim in die
landsherrliche Rstkammer. Der herzogliche Zeugmeister nahm es in solchen Dingen
sehr genau; nur bei den Hemden, die man den Toten mitgab in die Ewigkeit, hielt
er die Fhrung eines Registers fr berflssig.
    Ehe der lange, braun und grau gesprenkelte Karrenwurm zu dem einsamen
Bauernhause herangeschlngelt kam, waren die drei Ramsauer schon dem Trupp der
Spittelreiter nachgezogen.
    Immer dichter fing der Regen zu strmen an. In diesem eintnigen Rauschen
erfuhr der Bub ber die Sensenschmiede von Piding und Aufham die ganze Wahrheit.
Sie war so hart zu hren, da in die Augen des jungen, schlecht gewaffneten
Harnischers ein Entsetzen kam. Seine Zgelhand, an deren Arm der eingebeulte
Helm mit den geknickten Reihergranen hing, zitterte wie die Hand eines
Fieberkranken, whrend Runotter in seiner kurzen, strengen Art diese roten Dinge
vor sich hin sagte. -
    - Hauptmann Seipelstorfer hatte die Verllichkeit seines Boten als eine
feste Ziffer in die Rechnung jener Nacht und jenes blutigen Morgens eingestellt.
Als der Abend dunkelte, lie er die Fronbauern und den Rest der Troleute
entspringen. Beim Sperrwall blieben nur die zwanzig Schanzleute vom Hirschanger
zurck, denen - wie Herr Grans behauptete - der heilige Peter die Hfe
gebrandschatzt hatte. Auf den Bauernzorn dieser obdachlos Gewordenen, die den
Gadnischen ihre heie Not auch hei wieder heimzahlen wollten, konnte Herr
Seipelstorfer sich verlassen. Nach der vierten Morgenstunde, als der Himmel sich
zu lichten begann, kniff der Hauptmann mit seinen Reitern aus. Das geschah nicht
ohne Lrm; man konnte in der windstillen Dmmerung das Hufgestampf und
Eisengerttel weit vernehmen.
    Vor den Trmmern des Hallturmes, im Aschenfelde, standen die Salzburger und
der heilige Peter schon zum Sturm bereit. Hauptmann Hochenecher witterte die
Lunte, die hinter der Sperrschanze brenzelte. Doch weil ihm bang wurde um die
Freunde bei Aufham, Piding und Marzoll, wagte er im Vertrauen auf seine
bermacht einen Gewaltstreich und befahl in der ersten Morgenhelle den Sturm.
Als die tapferen Springer die Sperrschanze erklettert hatten, sah man, da die
Bayerischen ausgerissen waren. In rasender Hast wurde eine Bresche durch die
Schanze gebrochen. Und los mit der ganzen Reiterei, auf der Strae hinter dem
Seipelstorfer her! Schon wollte das Fuvolk mit den Bchsen nachrcken. Da
glommen kleine Feuerchen in zwanzig Buschverstecken auf, Fackeln flogen in die
Reisighaufen der Sperrschanze, eine rasche Flamme rannte quer ber das schmale
Tal, die Bume des Walles fingen Feuer, und eine lodernde Flamme legte sich
hinter dem Reiterschwarm als unberwindlicher Riegel vor die Salzburger Bchsen
und den Haupthaufen der Spieknechte.
    Fr den Hochenecher gab's nur noch einen einzigen Weg: hinaus gegen Marzoll!
Als die dicke Reitermasse unter der Plaienburg vorberklirrte, fingen da droben
die Faustbchsen zu knattern an, brllend spien die Landshuterin und die
Hornaussin schwere Eisenschachteln mit Bleibrocken aus, und ruhelos knarrte die
Trommelkanone. Unter schweren Verlusten geriet der Reiterhaufen in Verwirrung,
spritzte gegen die schzenden Wlder auseinander, und bevor er sich bei der
Saalach wieder sammeln konnte, begann der Seipelstorfer ein grimmiges
Dreinschlagen. Die Sonne war da. Herr Heinrich, den Hinterhalt vom Rcken
auseinanderkeilend, rasselte ber Piding herein. Und der Boden und die Saalach
wurden rot, whrend die Berge sich einwickelten in den Qualm des flammenden
Waldes und in den Rauch der brennenden Drfer.
    Dann war's gekommen, wie es Malimmes vom Himmel abgelesen hatte. Der
Seipelstorfer hetzte mit Eisen und Feuer den flchtenden Huf der Chiemseer. Und
Herr Heinrich - auch im Jhzorn noch wirtschaftlich seine Krfte sparend - lie
die Reste vom Reitertrupp des Hochenechers und der Gadnischen hinausbrechen nach
Salzburg, gegen dessen Mauern nicht aufgekommen war, und tobte brandschatzend
hinter dem Trring her. Die Burg des bayerischen Oberstjgermeisters und seiner
weltberhmten Jagdhunde mute fallen, ehe die Salzburger ihr Fuvolk und ihre
Bchsen ber Berchtesgaden herausziehen, den Stand der Dinge berschauen und zum
Entsatz des Trring heranrcken konnten. -
    - Whrend Runotter, zwischen den beiden anderen reitend, das alles mit
harten Worten hersagte, hielt Jul die Stirn so tief gebeugt, da ihm das
schwarze, vom Regen durchnte Haar gleich hngenden Rabenflgeln das Gesicht
verhllte. Und als der Bauer schwieg, blieb Jul noch immer so gebeugt. Er fand
keinen Laut, tat keine Frage und klagte nicht. Doch die Schulterkacheln seiner
Rstung gingen knirschend auf und nieder. So mhsam atmete er. Immer wieder warf
Malimmes einen Sorgenblick zu ihm hinber.
    Die Strae zog von der Raitenhaslacher Hhe hinunter in das Tal der Salzach.
Fr das wundervolle Bild des herzoglichen Schlosses, das wie ein geheimnisvolles
Mrchen hinter den Schleiern des Regens dmmerte, hatten die drei kein Auge. Sie
hrten auch das Geschrei der Menschen nicht, deren wirre, aufgeregte Stimmen von
den Torwerken herauftnten.
    Warum hatte Runotter von den Gadnischen nichts erzhlt? Kein Wort vom jungen
Someiner? War da nichts bles zu berichten? Um dem Buben die Ruhe zu geben,
glaubte Malimmes eine Frage, die wie gleichgltige Neugier aussah, wagen zu
drfen: Hast du nit gesehen, Bauer, was mit den Gadnischen gewesen ist?
    Wohl! Und da mu ich dir ein Hartes sagen.
    Mir blo? Sag's!
    Dein Bruder, als ein halb Heiler, ist mit ausgeruckt. Der liegt. Zwei von
des Hauptmanns Trabanten haben ihn aus dem Sattel gestochen. Mir hast du ihn
genommen. Und recht war's. Um deintwegen ist mir leid um ihn. Auch mu er arg an
seiner Mutter gehangen haben. Wie's ihn auf dem Gaul berworfen hat, da hab ich
ihn dreimal brllen hren: Mutter, Mutter, Mutter ...
    Das Gesicht des Malimmes verzerrte sich, als mchte jenes wilde Lachen aus
seiner Kehle brechen. Dann war's, als htte ihm eine unsichtbare Hand ber die
Augen gestrichen. Er sagte ernst: Das kommt fr jeden, da er sich seines Bluts
besinnt. Und nach einer Weile: Red weiter! Von den anderen.
    Der Frst hat sich mit dem Hochenecher gegen Salzburg durchgeschlagen. Das
mu er dem jungen Someiner danken. Der hat sich fr seinen Herren ins Zeug
geschmissen wie ein Brbeier. In die Stimme des Bauern kam ein Schwanken.
Mich hat er gemieden. Ich hab ihn auch nit gesucht. Gefechten hat er noch als
der Beste, derweil ihm schon wie ein rotes Bchl das Blut ber den Schenkel
geronnen ist.
    Erschrocken warf Malimmes einen Blick zu dem Buben hinber. Der sa noch
immer tief gebeugt.
    Schweigend ritten die drei dem Tor entgegen, bei dem das Huflein der
Spittelreiter schon eingetroffen war. Ein Gewimmel von Menschen. Die fingen zu
jauchzen und zu jubeln an, als sie die Nachricht des Sieges hrten.
    Guck, sagte Runotter, der verwundert aufblickte, da gibt's Menschen, die
sich freuen.
    Dieses Wort schien den Krampf zu lsen, der den Krper des Buben gefesselt
hielt. Er hob das kalkweie Gesicht mit den verzweifelten Augen, griff ber den
Gaul des Vaters hinber, klammerte die Hand an den rmel des Malimmes und
schrie: Mensch, Mensch, warum hast du mich bei Aufham nit sterben lassen!
    Geh, Jul, sei gescheit! Malimmes befreite seinen Arm und trieb den
Ingolstdter neben den Falben hin. Htt ich dich sterben lassen, so tat ich
liegen, wo du liegst. Und unser Bauer tt nit in Burghausen einreiten als
lebendiger Gast des Herzogs.
    La den Buben! sagte Runotter hart. Ganz unrecht hat er nit. Htt ich
schmecken knnen, was herauswachst aus dem gesiegelten Ochsenbrief - ich htt
die siebzehn Kh auf der Mordau niedergestochen, Stuck um Stuck, und htt mich
totschlagen lassen vom Seppi Ruechsam und den andern. Er streckte sich im
Sattel. Jetzt ist's, wie's ist. Jetzt will ich den Kopf aufheben und dem Ding
in die Augen schauen, das kommen mu.
    Sie ritten in das Tor. Die Menschen, die sich drngten in der Halle,
kreischten den drei Gepanzerten, denen man die Schwere des Krieges ansah, in
aufgeregter Freude entgegen. Wie betrunken waren diese Leute. Und hbsche und
hliche Mdchen, die sich wie irrsinnig gebrdeten, warfen dem jungen,
leichenblassen Harnischer Kuhnde und Blumen zu. Von ihren Hlsen rissen sie
die seidenen Tchlein, die dnnen Silberketten, die Schaumnzen und schleuderten
alles vor die Pferde hin - und sahen aus dabei, als wre ein groes Glck in
ihren Herzen.
    Der Falbe, als er aus dem Torbogen herausstampfte auf die Strae, fing hell
zu wiehern an, weil er seine Heimat erkannte und den gewohnten Stall in der Nhe
wute. Und der Ingolstdter, den das Geschrei der Menschen zapplig machte,
begann trotz seiner schweren Verwundung zu tnzeln und wollte schneller vom
Fleck. Lachend sagte Malimmes: Du Rssel aus Ingolstadt! Jetzt reitest du ein
bei Herzog Heinrich in Burghausen! Und du wehrst dich nit. Wr's dein
Ingolstdter Herzog, der tt sich spreien!
    Das jubelnde Geschrei der vielen Leute, immer wachsend, schob sich durch die
enge Huserzeile gegen den Marktplatz hin. Und schne Glocken fingen zu luten
an.
    Drauen vor dem Stadttor keuchte eine zerrissene Reihe von schweigsamen
Menschen ber die steile Strae hinauf, alte Mtter mit suchenden Augen, junge
Frauen mit verstrten Gesichtern, tppelnde Kinder mit ratlosem Blick. Sie
rannten gegen Raitenhaslach hin, immer schneller, schneller, schneller, dem
langen, braun und grau gefleckten Karrenwurm entgegen, der die Sterbenden
brachte und die Toten schon abgeladen hatte.

                                       4


Herren-Chiemsee brannte.
    Und rings um den See herum stiegen die Feuersulen der geschatzten Drfer
auf, wie kleine Kerzen einen schimmernden Altar umglnzen.
    Damit Herrn Heinrichs Schwur - Gott soll's wollen! - Erfllung fnde, lie
der Seipelstorfer zwei junge Chorherren, die man hinter Aufham gefat hatte, in
den See stoen. Drei, die man im Stift gefangen, muten je tausend Dukaten
Lsegeld bezahlen. Jene, die auf guten Gulen entronnen waren - unter ihnen
Bischof Engelmar und der Chorherr Hartneid Aschacher - flchteten nach
Ingolstadt.
    Eine lange Reihe von Bauernkarren unter scharfer Bewachung, mit Plndergut
aus Stift und Mnster, mit Lsegeldscken und Sackmacherbinkeln, wurde nach
Burghausen geschickt. Dann zog der Seipelstorfer mit dem zusammengeschmolzenen
Trupp seiner Harnischer nach der Burg des Kaspar Trring, um den Belagerungshauf
seines Herrn zu verstrken. Da kam er gerade noch recht, um das Ende der flinken
Arbeit zu sehen, die Herzog Heinrich geleistet hatte.
    Tag und Nacht waren die Bchsen und Bliden in ruheloser Ttigkeit gewesen
und hatten vierzehnhundert Steinkugeln in die Burg geworfen. Die Antwerke hatten
pechgetrnkte Strohbauschen und glhende Lumpenscke geschleudert und alles
Brennbare der Burg in Flammen gesteckt. Nur der starke, aus gewaltigen Quadern
erbaute Wachturm Hochtrring stand noch - ohne der Besatzung viel Schutz zu
bieten; in diesem sicheren Turme hatte Kaspar Trring seine sechzig geliebten
und berhmten Leithunde mit ihren Wrtern, mit ihrem Koch und ihrer Kche
untergebracht. Schauerlich klang mit dem Gebrll der Hauptbchsen das tobende
Hundegeheul zusammen, das immerzu aus den Wehrscharten des Hochtrring
herausscholl. Neben diesem Turme, der die zentnerschweren Steinkugeln wie drre
Kletten von sich abschttelte, war alles andere der schnen, stolzen Burg, die
vor wenigen Tagen noch als ein steinernes Kleinod hinausgefunkelt hatte ber die
waldreichen Lande, eine qualmende Brandsttte und ein formloser Schutthaufen
geworden.
    Dennoch befahl Herr Heinrich den Sturm nicht. Er wollte sein Volk schonen.
Durch die Geschtze des Trring und bei den verzweifelten Ausfllen, mit denen
die Besatzung den feuerspeienden Ring zu sprengen versuchte, hatte der Herzog
schon ein halbes Hundert seiner Leute verloren. Aber auch die Besatzung der Burg
hatte sich um mehr als die Hlfte vermindert; ihre Toten schwammen im
braungewordenen Wasser des Burggrabens; und siebenunddreiig, die lebendig in
die Fuste der Herzoglichen gefallen waren, hingen an der Eiche, die das Zelt
des Burghausener Profosen beschattete - eines Profosen, der seinem Salzburger
Amtsbruder an Wohlwollen bedenklich nachstand. Die ste des Baumes bogen sich
unter dem Gewicht der vielen zweibeinigen Frchte. Manche von diesen sanft und
schweigsam Schaukelnden hingen so tief herunter, da die Gehilfen des Profosen,
wenn sie aus dem Zelte heraus oder in das Zelt hinein wollten, sich bcken
muten, um nicht an die schwankenden Fe der Gerichteten zu stoen. Wenn die
noch Lebenden der Besatzung das bunt gesprenkelte Grn dieser Eiche sahen,
dachten sie: Die haben's berstanden!
    Die bergabe des unhaltbar gewordenen Trmmerhaufens war stndlich zu
erwarten. Aus Sorge vor dem Anrcken der Salzburger wollten die Belagerer das
Letzte beschleunigen und ntzten zu diesem Zweck eine alte Erfindung des
Bchsenmeisters Kuen, der jetzt in der Plaienburg unter den heien Luftwellen
brennender Wlder schwitzte. Man nannte das in der Kriegssprache: den Dachs
ausschwefeln. Aller Unrat des Belagerungsheeres, fest und flssig, dazu noch
alle Jauche der benachbarten Bauernhfe wurde in Fsser geladen und aus den
Antwerken in die Hfe der qualmenden Burgruine und in die Turmscharten
hineingeschleudert. Das war nicht nur den Leuten des Trring, auch seinen edlen,
an Reinlichkeit gewhnten Hunden zu viel. Sie heulten und winselten, als wren
die Steinkammern des Hochtrring die qualvollsten Hllenschlnde.
    Es war am Nachmittag. Eine Schnwettersonne begann schon den lieben
Weltboden und sein lebendes Gewimmel rot zu vergolden. Da verstummte das Gebrll
der Belagerungsgeschtze.
    Herzog Heinrich, der in seinem groen, durch einen Wall geschtzten Zelte
angekleidet auf dem Feldbett lag, fuhr aus den Kissen auf und kreischte lachend:
Ksperlein? Kommst du? Er sa und lauschte mit vorgestrecktem Hals, heien
Glanz in den Augen, die hageren Wangen von einer krankhaften Rte glhend, den
kleinen Kopf umstarrt von dem dicken, kruseligen Schwarzhaar.
    Erschpft durch die schweren Strapazen, denen sein zierlicher Krper nicht
gewachsen war, litt Herr Heinrich seit dem verwichenen Abend wieder an einem
Anfall seines rtselhaften Fiebers, das die rzte bald als Folge geistiger
bermdung, bald als Wirkung eines schleichenden Giftes, bald als welsches
Erbgut des Hauses Visconti erklrten, ohne ein Mittel dagegen zu finden. In
aufgeregten Zeiten erschien das Fieber. Wurden die Tage ruhig, so verschwand es
wieder. Im Volke tuschelte man, das kme von dem Fluch, den die Wittib des an
einem Ostertage gekpften Landshuter Ratsherrn Leitgeb ber den damals
vierundzwanzigjhrigen Herzog gesprochen. In jener Osterwoche - whrend der
Herzog zu Regensburg turnierte - wurden vierundfnfzig Landshuter Brger, weil
sie aus der herzoglichen Residenz eine freie Reichsstadt machen wollten, um Haus
und Habe gebt. Dreiig wurden verbannt, einem Dutzend stach man die Augen aus,
ein Dutzend wurde hingerichtet, ihre Witwen und Kinder wurden des Landes
verwiesen. Aber das war schon lange her. Genau zwlf Jahre. An dieses Vergangene
dachte Herr Heinrich selten. Und was nach seinem Glauben notwendige
Gerechtigkeit gewesen, beschwerte ihm die Seele nicht und beschleunigte ihm
keinen Pulsschlag seines Blutes. Nur da er seit damals nicht gerne in Landshut
residierte. Er zog das verlliche Burghausen vor.
    Der jngste Anfall seines rtselhaften Fiebers war so hitzig, da die Sache
dem Leibarzt bedenklich wurde. Herr Heinrich selbst war sorglos. Er hatte das
unbequeme Leiden noch immer berstanden. Jetzt spielte zu seiner Beruhigung auch
ein bichen Aberglaube mit: Jener Nrnberger Galgenvogel, der ihm vor Jahren zu
Landshut die lustige Botschaft von der Himmelstr gebracht, und dem er in diesen
Tagen einen kostbaren Vorsprung gegen die Ingolstdter verdankte, der sa, wenn
auch etwas beschdigt, doch ganz lebendig in einer gesunden Stube des
Burghausener Schlosses.
    Heiter lachte Herr Heinrich vor sich hin, als er die klirrenden Schritte
vernahm, die sich dem Zelte nherten. Was da kam, erriet er. Loys! Denk an den
heutigen Tag! Du Starker! Heut hab ich dir deinen Besten auf Mus zerrieben. Gott
hat's wollen.
    Einer von den schwergepanzerten Leibtrabanten trat in das Zelt.
    Das weie Fhnl?
    Ja, gndigster Herr! Auf dem Hochtrring haben sie's ausgesteckt.
    Der Dachs will frische Luft haben? Ein Lachen. Und whrend sein Krper im
Fieber schauerte, nahm Herr Heinrich den schwarz umstruwwelten Kopf zwischen die
glhenden Hnde. Nach kurzem Nachdenken rief er ruhig: Oswald!
    Ein schmucker, dreiigjhriger Mann, der hinter dem Bett gestanden, trat
schnell herbei: Oswald Aheimer, des Herzogs Marschalk.
    Geh hinauf zu diesem wilden Jger! Ich mchte wetten, er denkt zuerst an
seine berhmten Hunde und dann erst an Weib und Gesind. Ist binnen einer halben
Stunde die bergab vollzogen, so will ich ihm das gewhren - Der Herzog schwieg
eine Weile. Seine Leute haben sich rechtschaffen gehalten, sie sollen freien
Abzug auf Urfehd haben. Seiner edlen Hausfrau schwr ich Leben und Ehre zu. Dem
Kaspar Trring geb ich ritterliche Freiheit nach demtiger Kopfbeugung vor
meinem Bett. Herrn Heinrichs Stimme wurde langsam: Und wir wollen ihm
gestatten, da er - seine berhmten Hunde mitnimmt. Alle! Er lchelte.
Wiederhole mir das!
    Der Marschalk hatte gut aufgepat. Er konnte den Willen seines Herrn
wrtlich nachsagen. Der Herzog nickte heiter.
    Die Burg wird geplndert. Das hab ich meinen braven Blutzapfen versprochen.
Viel werden sie nimmer finden in dem Mus da droben. Jetzt geh! Wenn's dem
Ksperlein taugt, dann soll er kommen. Mifllt's ihm, so wird
weitergeschwefelt.
    Als der Marschalk das Zelt verlassen hatte, kam der Leibarzt mit vier
Dienern, reichte dem Herzog unter Ruhemahnungen einen Khltrank, entblte ihm
den Oberkrper bis zum Grtel und wusch diese zarte Knabenbrust und den schmalen
Rcken mit Essig, dessen Sauerduft durch feine Wohlgerche gemildert war.
    Herr Heinrich, sobald er wieder in seinem grauen Kittel stak, legte sich
still und geduldig auf die Kissen hin. Immer lchelte er. Und wartete.
    Man ffnete die Zelttcher, um die letzte Sonne hereinzulassen. Wie
goldroter Sammet lag ihr Glanz auf dem zertretenen Rasen des Zeltbodens. Und der
Lrm des Lagers da drauen glich dem Rauschen einer groen Mhle.
    Nun ein lustiges Geschrei von vielen Stimmen.
    Der Herzog setzte sich auf. Eine drstende Spannung war in seinem Gesicht.
Mit erloschener Stimme befahl er seinem Diener: Schau, was los ist! Dann griff
er nach seinem schwarzen Mantel und wollte sich erheben. Der Leibarzt beschwor
ihn, seiner Gesundheit zu denken und sich ruhig zu halten. Herr Heinrich nickte
und blieb in den Kissen sitzen, den Mantel ber dem Scho. Da kehrte der Diener
in das Zelt zurck. Kommt er?
    Ja, gndigster Herr! Und zehn von den Unseren fhren die vielen Hund
gekoppelt ber den Burgberg herunter. Man hrte schon das nher kommende
Geklff wie eine frhliche Jagd.
    Heiter stie der Herzog die kleinen Fuste vor sich hin. Gott hat's
wollen! Er wurde ernst. Zehn schwere Parzer mit blankem Eisen zu meinem Bett!
Der Kaspar Trring ist einer von den Starken, die gern gewaltttig werden. Nun
lachte er wieder und streckte dem Leibarzt die Hand hin. Fhl den Puls! Ich
spr, da mein Fieber minder wird.
    Der Doktor machte ein freudig staunendes Gesicht. Wahrhaftig, gndigster
Herr, die Krise scheint berstanden zu sein.
    Scheint mir auch so! Herr Heinrich schttelte das Haar und streckte sich.
Ob's nicht ein Wechselfieber ist? Mich verlt es heut. Einen anderen wird es
packen. Gott soll's wollen!
    Die zehn Harnischer traten an, postierten sich zu Fen und Hupten des
Bettes, zogen vom Leder und stellten die blanken Schwerter vor sich hin. Hinter
den Gepanzerten war einer mit der Hauptmannsbinde gekommen. Der flsterte dem
Herzog ein paar Worte zu.
    Oh? Guck! Die Salzburger! Herr Heinrich hatte vergngte Augen. Da die
Freunde des Loys doch immer zu spt kommen! Du sagst, sie stehen beim Waginger
See? Da brauchen sie noch zwei Stunden. Wieder nahm er den Kopf zwischen die
Hnde. Eine halbe Stunde fr die Plnderung. Sag meinen braven Blutzapfen, sie
sollen sich eilen. Dann la Alarm blasen. Das Fuvolk mit Tro und Geschtz
voraus im Flinkmarsch. Mich soll man in einem Stangensessel tragen. Mein Ro
bleibt neben mir. Der Seipelstorfer mit der ganzen Reiterei deckt mir den
Rcken. Weiter! Der mit der Hauptmannsbinde sprang davon, whrend man das
Klffen und Winseln der vielen Jagdhunde schon nahe vor dem Zelt vernahm.
Lachend fate der Herzog einen Diener an der Kittelfalte, zog ihn zu sich her
und tuschelte ihm ein paar flinke Worte ins Ohr. Erschrocken sah der Diener
seinen Herrn an, wagte aber keinen Widerspruch und ging mit verstrtem Gesicht
davon.
    Unter dem Lrm, den die vielen Hunde aufschlugen, hrte man weit und
verschwommen vom Burgberg her das Toben und lustige Schreien der Sackmacher und
das angstvolle Kreischen weiblicher Stimmen.
    Mit vorgebeugtem Kopfe lauschend, regungslos, die Fuste in den schwarzen
Mantel geklammert, sa Herr Heinrich auf dem Feldbett.
    Der Marschalk Oswald Aheimer, von drauen erscheinend, schob das Tuch des
Zeltspaltes noch weiter auseinander. In der dunkelroten Sonne vor dem Zelte sah
man ein Gewhl von rostbraunen, von schwarz und wei, von wei und braun
gefleckten Jagdhunden. Die vielen, aufgestarrten und hurtig wedelnden Schwnze
gaben dem Gewhl der klffenden Bracken das Bild eines wunderlich bewegten
hrenfeldes. In diesem Geklff war eine rauhe, von Zorn bebende Stimme zu hren:
Eures Herrn Wort ist Brge. Wer meine Hunde nicht redlich betreut, versndigt
sich wider seines Frsten heilig Wort.
    Herr Heinrich lchelte. So? Meinst du?
    Da trat in die purpurne Sonne des Zeltspaltes ein hochgewachsener, sehniger
Mann mit sonngebruntem, verwittertem Gesicht und grauem Knebelbart, ohne Hut
und ohne Waffen. Er war wie ein alter Jger, aus einem Forsthaus der Berge
hausgeholt. Nur kostbarer gekleidet. Doch diese grne Seide war nicht reinlich
und verbreitete einen schlechten Geruch. Der sie tragen mute, war der
ausgeschwefelte Dachs, der Oberstjgermeister der bayerischen Herzge, Herr
Kaspar Trring, den der Volksmund den Teufel von Jettenbach nannte. Man verstand
dieses Volkswort, wenn man des Trring khne Adlernase und seine funkelnden
Augen sah.
    Als er stumm, mit bereinandergebissenen Zhnen und geballten Fusten auf
das Feldbett des Herzogs zuging, lie Oswald Ahaimer das Tuch der Zeltspalte
fallen. Eine violette Dmmerung war in der groen Leinwandstube, deren Ritzen
wie feurige Linien schimmerten.
    Trring wollte sich neigen. Herr Heinrich winkte ab und sagte freundlich:
La die Frmlichkeit, mein guter Kaspar! Unter uns Jgern ist das entbehrlich.
Wir wollen uns daran gengen, da du gekommen bist. Wie geht's dir? Wir haben
uns lange nicht gesehen. Seit dem Scharmtzel bei Piding nimmer.
    Ja, Herr Herzog! murrte Trring. Bei Piding hab ich Buch gesehen. Ein
ltzel weit. Einer mit minder scharfen Augen, als ich sie hab, htt Euch
schwerlich erkannt. So ferne habt Ihr Euch gehalten.
    Du Nrrlein! Herr Heinrich schmunzelte. Ich werde doch mit dir nicht
fechten! Ich, ein Zwerg. Mit einem Riesen und Teufel! Aber sag, was macht dein
edles Weidwerk? Haben die guten Hirsche in meinen Wldern schon verfegt? In
meinen Wldern bist du ja mit deinen berhmten Bracken viel mehr zu, Hause als
wir selbst.
    In Zorn machte Kaspar Trring einen Schritt und wollte sprechen.
    Flink erhob der Herzog die schlanke Hand. Nicht so nahe, mein lieber
Kaspar! Du riechst nicht gut.
    Der andere in heiem Grimm: Wer hat mich denn so verstunken?
    Ich glaube, das war dein seltsamer Einfall, nach Piding zu reiten. Aber
ehrlich, guter Kaspar, mir ist leid um dein kostbares Kleid. Seidene Strmpfe?
Oooh! Hat dir die dein gndiger Loys geschenkt? Oder hast du sie bezahlen mssen
nach Pariser Preis? Ihr Lebensfrohen, ihr tut euch leichter als ich in meinem
Bauernkittel. Seidene Strmpfe! Wenn ich so verschwenden wollte, wohin kam ich?
- Oswald! Geh mit diesem kostbar Gekleideten in die Zeltkammer und la ihn
brsten. Jger pflegen auf Reinlichkeit zu halten.
    Herzog Heinrich, sagte Trring mit erdrosselter Stimme, spart mir den
Hohn! Eure empfindsame Nase werde ich nicht lang belstigen. Da mir die
Nackenbeugung gndig erlassen wurde, ist mein Geschft zu Ende. Lat mich nach
Eurem frstlichen Wort mit meinen Hunden -
    Seine rauhe Stimme erlosch in dem aufgeregten Geschrei, das sich vor dem
Zelt mit dem Geklff und Gewinsel der Bracken mischte. Eine schrillende
Frauenstimme. Die Trbehnge wurden auseinandergerissen. Vom Purpur der Sonne
umschimmert, taumelte eine hohe, blonde Frau in das Zelt herein, noch schn bei
vierzig Jahren, mit Strmpfen und zierlichen Schuhen ah den Fen, doch nur
bekleidet mit einem langen Hemd, dessen dnne Leinwand vor dem Sonnenpurpur
einen blauen Schattenri des Krpers gewahren lie - die Hausfrau des Kaspar
Trring. Whrend sie zitternd den Hals ihres Mannes umklammerte und das Gesicht
an seiner Brust verbarg, schrie Trring in Wut gegen den Herzog hin: Du
Wortbrchiger! Du schnder Frauenschnder! Seine funkelnden Augen sahen die
Fuste der zehn Gepanzerten an.
    Herr Heinrich hatte sich vom Feldbett erhoben. Ich hoffe nicht, da unser
frstliches Wort miachtet wurde! Edle Frau? Ist Euch ein ernstliches Leid
geschehen?
    Sie schttelte an der Brust ihres Mannes den Kopf.
    Also, Kaspar? Wozu dein Zorn? Meine Blutzapfen waren in beklagenswertem
Grade unhflich und haben deiner Gemahlin den Schmuck und das Seidenkleid mit
den goldenen Tressen genommen. Alles andere hat sie noch. Sieh nach! Whrend
Herr Heinrich so sprach und seinen schwarzen Mantel vom Feldbett nahm,
verwandelte sich drauen das Geklff und Gewinsel in ein grauenvolles Geheul.
Dazu hrte man dumpfe Schlge und ein Knirschen wie von brechenden Knochen.
Edle Frau! sagte der Herzog mit sehr lauter Stimme. Wollet Euch meines
Mantels bedienen! Und whrend der kleine zierliche Herr sich streckte, um ihr
den schwarzen Mantel ber die Schultern zu hngen, sagte er liebenswrdig: Wie
strack und hoch - und wie schn rund Ihr seid! Ihr solltet einen Mann haben, der
zuerst an Euch denkt. Und dann erst an seine berhmten Hunde.
    Kaspar Trring schien nicht zu hren, was der Herzog redete. Den Arm um
seine Hausfrau geschlungen, streckte er sich in lauschendem Schreck. Nun sprang
er keuchend zur Zelttre, ri den Vorhang weg und sah da drauen einen Haufen
erschlagener und noch zuckender Hunde liegen, mit wirr durcheinander gekrampften
Beinen, umronnen von einer grauenvollen Blutlache - und sah, wie die
Lagerknechte mit Knppeln auf die noch lebenden losschlugen, welche keuchten und
heulten. Trring deutete da hinaus und schrie wie ein Irrsinniger: Herzog! Dein
Wort? Dein Wort?
    Ruhig sagte Herr Heinrich: Ich versprach dir ritterliche Freiheit. Und da
du deine berhmten Bracken mitnehmen kannst. Man kann auch tote Hunde mitnehmen.
Nicht? Er wandte sich zum Marschalk Ahaimer. Oswald? Hast du ihm was anderes
gesagt?
    Erschrocken fing Ahaimer zu stammeln an. Und Trring, wie ein Tobschtiger,
sprang auf einen der Gepanzerten zu und ri ihm das blanke Langschwert aus den
Fusten.
    Die Fieberrte im Gesicht des Herzogs verwandelte sich jh in aschige
Blsse.
    Ehe die Harnischer zuspringen konnten, sauste die schwere Klinge schon. Und
Marschalk Ahaimer, der keinen Kopf mehr hatte, setzte sich rot auf den Boden
hin.
    Die Harnischer wanden dem Trring das Eisen aus den Hnden und hielten seine
Arme gefesselt. Einer fragte: Herr? Was soll geschehen mit ihm?
    In seiner kalkigen Blsse sah der Herzog die Gemahlin des Trring an, die
den schwarzen Mantel um das Gesicht gewunden hielt. Dann sagte er ruhig: Ihm
soll geschehen, was ich versprach. Man soll ihm die ritterliche Freiheit geben.
    Trring keuchte: O du Laus du! Recht hat der Loys!
    Mein guter Kaspar! Herr Heinrich lchelte. Heut hast du mich enttuscht.
Ich habe dich immer fr einen groen Jger gehalten. Der bist du nicht. Ein ganz
kleiner bist du. Httest einen edlen Hirsch erlegen knnen. Mich! Und hast dich
mit einem armen Hasen begngt. Mit dem Oswald! Und wie dir heute nicht
klargeworden, was du tun sollst, so hast du auch nicht gewut, warum du neulich
nach Piding rittest. Ich verzeihe dir. Der Herzog verneigte sich: Edle Frau!
Behaltet, meinen Mantel und fhrt Euren kleinen Jger, wohin Euch, beliebt. Er
ging zur Zeltkammer. Unter dem Vorhang sagte, er: Man soll den Oswald mit Ehren
bestatten. Er hatte ein schlechtes Gedchtnis. Das ist eine Krankheit, an der
man sterben kann. Herr Heinrich verschwand.
    Whrend man Leib und Kopf des Oswald Ahaimer davontrug, sah Kaspar Trring
wie ein Erwachender den stillen, rostfarbenen, schwarz und wei, und Wei und
braun gefleckten Hgel der erschlagenen Bracken an und begann zu weinen wie ein
Kind.
    Da nahm ihn seine Frau am Arm. Komm, Kaspar! La dich fhren! Vielleicht
merkst du dabei, da deine Frau noch lebt. Hunde kannst du ja wieder zchten.
    Er klagte: Ach, was versteht denn ein Weib! Gibt's nicht! Weiber zu
Hunderttausenden? Solche Bracken hat's nur sechzig auf Erden gegeben.
    Die zehn Harnischer geleiteten das Ehepaar durch die Lagergasse, in der man
mit heiterem Lrm das schwere Plndergut auf die Trokarren lud und zum Abmarsch
rstete.
    Bei dmmerndem Abend lie sich Herzog Heinrich im Stangensessel hinter
Geschtz und Fuvolk hertragen, das im Flinkmarsch ber Kay und Tittmoning gegen
Raitenhaslach zog. Seipelstorfer mit den Harnischern deckte den Herzog gegen
einen berfall der Salzburger, die zum Entsatz des Trring heranrckten.
    Whrend des ganzen Nachtweges von Trring bis Burghausen plauderte Herr
Heinrich leutselig mit den Sesseltrgern. Als er einmal eine kleine Weile
geschwiegen hatte, lachte er lustig auf; er hatte in diesem Schweigen
beschlossen, den Turm Hochtrring abbrechen und die mchtigen Quadern nach
Burghausen fhren zu lassen, um dort einen Turm Hunds-Trring zu erbauen - -
    - Um die elfte Nachtstunde traf der Salzburger Entsatzhaufe bei der
Trringer Trmmersttte ein, wo es unter den funkelnden Sternen noch bler
duftete, als es beim Hallturm in der Sonne gerochen hatte.
    Herr Kaspar, in einer Mischung von wehmutsvollem Jgergram und schumendem
Ritterzorn, nahm mit der Salzburger Reiterei die Verfolgung des Herzogs auf. Er
kam bis Raitenhaslach. Hier mute er in der Morgendmmerung umkehren, wenn er
nicht in das Geschtzfeuer der herzoglichen Burg geraten wollte. Whrend des
Heimrittes erzhlte er dem Salzburger Hauptmann von jedem der sechzig seligen
Hunde eine lange, wundersame Geschichte, welche bewies, da auch der dmmste von
ihnen noch immer klger war, als Aristoteles gewesen. -
    Der Salzburger Heerhaufe rckte wieder in die heimatliche Stadt, ohne einen
Toten zu beklagen oder einen Verwundeten mitzubringen. Die erzbischflichen
Wundrzte hatten schon reichlich mit jenen zu schaffen, die ein Karrenwurm von
der Saalach und von Marzoll gebracht hatte.
    Einer von diesen Leidenden, dem der linke Schenkel mit Lehm geschindelt war,
machte zur Nachtzeit eine beschwerliche Reise nach Berchtesgaden. Er tat es
gegen den Willen der rzte, weil ihm seine Mutter die verzweifelte Botschaft
geschickt hatte: Komm! Dein Vater mu sterben! Die flmische Rstung, der Helm
mit den Fasanenflgeln, die Waffen und zwei Krcken wurden dem Pongauer Rappen
auf den Sattel gebunden. In einer Bettlade, an die man zwei feste Stangen
genagelt hatte, trugen acht Mnner den Verwundeten. Immer ging ihm die Reise zu
langsam, immer bat er die Trger um Eile. Seine Stimme hatte einen Schleier, den
sie im Leben niemals wieder verlieren sollte.
    Wenn Lampert bei dem flinken Gehops der Trger stumm in den Kissen lag, sah
er hinauf zu den funkelnden Sternen der Sommernacht und suchte das Antlitz
Gottes, an den er glaubte. Gottes Gesicht sah aus wie die unbegrenzte Nacht, wie
ein riesenhafter Panzer aus blauem Stahl und hatte unzhlbar viele Augen,
solche, die gro und klar und herrlich, und solche, die winzig und geheimnisvoll
waren.
    Gott hat Augen nur fr den Sehenden. Gott ist augenlos fr die Blinden.
    In den stillen, dunklen Drfern brannte kein Feuer, nirgends sah man den
Qualm einer Brandsttte, und dennoch war ein scharfer Rauchgeruch in der Luft.
Er kam mit den Windsten, die ber den Untersberg herunterwehten, schwl wie
ein Frhlingsfhn; sie bliesen ber den Kamm der Felswnde die heie Luft
herber, die hinter dem Untersberg von den brennenden Wldern gekocht wurde.
    Je nher der kleine Trupp dem Tal von Berchtesgaden kam, um so nebliger
wurde die Nachtluft. Und als es von der Ache hinaufging zum Stift des heiligen
Peter, sah man in dem weilichen Dunst auf keine hundert Schritte mehr. Die
grauen, treibenden Schwaden, die wie der Dampf einer groen Badestube waren,
rochen jetzt nach Harz, Wacholder und Fichtennadeln. Einer von den Trgern
sagte: Tt man den Husten haben, so wr's gesund.
    Eine Glocke schlug die dritte Morgenstunde, als die Reisenden durch den
Stiftshof kamen. Der war wie ausgestorben. Kein Eisen klirrte, keine Wache rief.
Die ganze, noch brige Wehrmacht des verwaisten Lndleins war in der Ramsau, die
man wieder sanktpetrisch machte, war im Schwarzbachtal und beim heiligen Zeno,
dessen herzogliche Hilfstruppe sich fast ohne Schwertstreich den Gadnischen
ergeben hatte. Und da wurde der heilige Zeno so schwer um Gut und Besitz gebt,
da er fr alle Zeiten aufhrte, eine politische Person zu sein und da den
geweihten Shnen seiner Kirche aus Mangel an Beschftigung nichts andres
brigblieb, als ihrem geistlichen Amt zu dienen und gute Priester zu werden.
Herr Konrad Otmar Scherchofer trstete sich als lchelnder Philosoph, der
innerlich dem Besseren immer gewogen war. Doch sein sauerriechender Kaplan, Herr
Franzikopus Wei, der mit schweren Beulen und blauen Malen aus der Ramsau
entronnen, konnte es nicht ertragen, da seiner staatsmnnischen Begabung der
groe Wirkungskreis entzogen werden sollte. Er konspirierte hinter dem Rcken
seines Propstes und schrieb geheime Briefe.
    - In dem dichten Dunste, der ber dem Marktplatz von Berchtesgaden lag,
waren die Huser still und dunkel. Nur ein einziges war wach. Gleich groen,
trb verschwommenen Laternen hingen die erleuchteten Fenster des Someinerschen
Hauses im grauen Nebel. berall war Licht, vom Erdgescho bis hinauf zur
Dachstube der alten Magd. Als Lampert die hellen Fenster sah, fiel ihm ein weher
Schreck in das Herz. Bevor noch seine Trger die Bettlade auf das Pflaster
niederstellten, streckte er die Hnde und stammelte: Meine Krcken - meine
Krcken - Da fing der Moorle zu wiehern an. Droben am Erker klirrte das
Schubfenster. Ein Schrei. Der Schlag einer Tre. Im Haus ein Geraschel. Schwere
Riegel klirrten, das Tor wurde aufgerissen, und aus dem Hausflur quoll der
Geruch von starkem Rucherwerk. Bei trbem Lichtschein taumelte die schwarze
Frau Marianne auf die Gasse heraus. Bub, mein Bub - Zitternd hing sie in den
Armen des Sohnes, lie sich hinfallen auf die Kante des Bettes und wute nicht,
was in ihr das Grere war, der Jammer und Gram dieser Nacht oder die Freude
dieses Augenblicks.
    Mutter? Er lebt doch?
    Sie konnte nicht reden, konnte nur schluchzen an Lamperts Hals. Und als ihr
nach Trnen die Sprache kam, fand sie nur zwei gallige Worte: Siebzehn Ochsen!
Die acht Trger, als sie die zwei unbegreiflichen Worte der Amtmnnin hrten,
hielten die Frau fr irrsinnig.
    Lampert nahm den Kopf der Schluchzenden zwischen seine Hnde. Komm, Mutter!
Sei ruhig! Komm, ich fhr dich hinauf! Mit beiden Beinen stieg er aus der
Bettlade, bi die Zhne bereinander und knirschte: Die zwei Stecken her!
    Beim Anblick der Krcken schrie Frau Marianne den Namen des Heilands in die
Nacht hinaus.
    Nein, Mutter! Hab keine Sorg! Das ist nur jetzt - weil ich den Knochen
geschindelt hab und das Knie nicht biegen kann. Das wird schon wieder.
    Jetzt war Frau Marianne keine schluchzende Witib mehr - war nur die Mutter
noch, die ihrem Sohne helfen mu. Zu den Schwachen hatte sie nie gezhlt. Der
alten Magd, die mit einem Windlicht auf der Hausschwelle stand, befahl sie:
Flink! Tu besser leuchten! Die Schulter unter dem Arm des Sohnes schiebend,
fate sie ihn fest um den Rcken. Und den strksten der acht Trger schrie sie
zornig an: Du Muckenfanger, so komm doch und hilf!
    Die beiden trugen den Wunden ber die steile Treppe hinauf. Als sie ihn bei
der Stubentr vorbeibringen wollten, bat er: Mutter! Ich will ihn sehen!
    Morgen, Bub! Heut nimmer! Du mut ins Bett. Und mut dich ausrasten und
mut deine Ruh haben.
    Ich will, Mutter -
    Morgen, morgen!
    Frau Marianne log. Schon seit dem Abend war der selige Amtmann Someiner
nimmer im Hause. Kaum da er kalt geworden, hatte man ihn hinuntergelegt in
geweihten Boden und hatte Sarg und Grube zugeschttet mit gelschtem Kalk. In
der Marktgasse waren schon sieben Leute von dem gleichen, bsen Leiden befallen.
Um das Gift der Krankheit im Hause zu zerstren, brannten in allen Rumen die
Wacholderkerzen und das beizende Rucherwerk. Bei Anbruch der Nacht hatte ein
Siechenwrter das Bettzeug und die Wsche des Entschlafenen geholt, um alles in
einen glhenden Ziegelofen zu werfen.
    Der Morgen fing matt zu grauen an, als Lampert in seiner kleinen, weien
Stube gebettet lag, in der so viele Wacholderkerzen brannten, da der Raum sich
ansah wie eine Weihnachtsstube. Der gleiende Schein, der in das erste trbe
Grau des Tages hinausstrahlte, lockte die Dmmerungsfalter so zahlreich an, da
man meinen konnte, da drauen wren zwei unsichtbare Hnde, die rastlos mit den
Fingerngeln gegen die Fensterscheiben trommelten. Eine Werbetrommel des Todes!
Jeder klirrende Laut am Fenster rhrte von einem kleinen Leben her, das sich in
Lichtsehnsucht und Eigensinn am harten Glase den Kopf zerschlug. Erst bei
wachsendem Morgen, dessen Helle strker wurde als der Kerzenschimmer, endete der
ruhelose Todesflug der Schmetterlinge. Nach diesem Kriege zwischen Nacht und
Helle sah es da drauen auf dem steinernen Fenstergesims wie bei der Hallturmer
Mauer aus: Viele Leichname lagen in der Sonne. Nur ein bichen kleiner waren sie
als jene Zweibeinigen; und der Sieger plnderte ihnen nicht den glnzenden
Schuppenpanzer vom toten Leib herunter.
    Frau Marianne hatte den Medikus holen lassen, der den locker gewordenen
Verband erneuerte und die Sorge dieser verstrten Mutterseele durch die
heiligsten Schwre beruhigte.
    Als die Frhsonne in die weie Stube hereinglnzte, sa die Amtmnnin neben
dem Bett ihres Sohnes, liebkoste seine schlaffe Hand und erzhlte vom letzten
Leiden des armen Ruppert. Schon gestern in der Frh, wie's auf die siebente
Morgenstund gegangen, hab ich gemeint, er mu verscheiden. So schwach ist er
gewesen, so ganz von Krften gefallen. Und da ist das rgste noch erst
gekommen.
    Mutter?
    Er hat mich schon nimmer kennen mgen, den geistlichen Herren nimmer, den
Piebcker nimmer, keinen Menschen mehr. Und derweil ihm die kalten Tropfen ber
das magere Gesicht heruntergelaufen sind, hat er allweil angstvoll auf das
gleiche Fleckl in der Luft geschaut, hat geredet mit einem Unsichtbaren und hat
gerungen mit ihm. Ach, Bub, wie grausam ist das gewesen! Sechs Stund lang hat
der Vater kmpfen mssen wider den Teufel. Und allweil das gleiche Wrtl:
Siebzehn! Siebzehn! Und noch ein anders hat er allweil gesagt: Nicht schlagen!
Mir ist das Herz schier auseinandergebrochen. Trnen erstickten die Stimme der
Amtmnnin.
    In tiefer Erschtterung bedeckte Lampert das Gesicht mit den Hnden. Nicht
schlagen! Denken!
    Verstehst du, was er sagen hat wollen?
    Lampert nickte.
    Und allweil, allweil, allweil so! Sechs Stund lang. Bis zum Nachmittag um
die zweite Stund. Da hat ihm der gtige Herrgott beigestanden im Krieg wider den
bsen Feind. Und da ist er ruhig geworden. Und ist so dagelegen und hat ein
ltzel leichter geschnauft. Und jhlings tut er sich in den Kissen aufsetzen.
Erst hatt' ich gemeint, er kennt mich, weil er allweil gesucht hat nach meiner
Hand. Aber mit den Augen ist er im Leeren gewesen. Und ich sag dir, Bub, was
Heiliges ist ihm ins magere Gesicht gekommen. In seinen Augen ist ein Glanz
gewesen, da ich gemeint hab, es sitzt ein biblischer Erzvater in dem schiechen
Bett. Und da tut er die Hand strecken - grad so, wie's im Krieg die Hauptleut
machen - und sagt mit einer festen Stimm: Jetzt wei er's! Jetzt hab ich's ihm
bewiesen nach Brief und Siegel. Da keiner schlagen darf! Auch der nicht. Gottes
Recht verbietet's. So hat er geredet, Bub! Und hat sich hinfallen lassen auf
meinen Arm. Es ist sein letztes Wrtl gewesen. Um die vierte Stund ist er schn
und ruhig eingeschlafen.
    Lampert umklammerte die Hand der Mutter. Und nach einer Weile fragte er mit
zerdrckter Stimme: Hat er nimmer geredet - von mir?
    Die Amtmnnin stammelte hastig: Wohl, Bub! Freilich! Eine heie Rte
schlug ihr ber das vergrmte Gesicht. Frgestern Abend oder gestern in der
Frh - recht wei ich's nimmer - da hat er mich bei der Hand genommen und hat
gesagt: An unserem Buben wird der Frst einen guten Amtmann haben.
    Ernst sah Lampert die Mutter an, behielt ihre Hand in der seinen und drehte
schweigend das Gesicht gegen die weie Mauer:
    Frau Marianne atmete schwer. Sie hrte keinen Laut ihres Sohnes. Aber sie
merkte es an seinen zuckenden Schultern und konnte es fhlen an seiner Hand, wie
der Schmerz in ihm whlte.
    Ach, Bub, was soll ich noch sagen? Sie haben mich wegtun wollen vom Bett,
aber ich hab's nicht gelitten und hab ihm selber die letzte Pfleg gereicht. Ohne
Beistand hab ich ihn lupfen knnen. So ein stattliches Mannsbild ist er gewesen,
einmal. Und ist auf dem letzten Brett gelegen wie ein Hehndl, so klein und
mager. Unter flieenden Zhren sah die Amtmnnin ins Leere. Dann hat der
Piebcker die Tr versiegelt. Und in der lieben Stub, wo ich sechsundzwanzig
Jahr lang mit meinem guten Ruppert gelegen hab in Glck und Sorgen - da brennt
der Schwefel, und Stank und Gift ist drin -
    Lampert hob sich erschrocken aus den Kissen. Mutter? Er hatte verstanden.
    Sie sah ihn hilflos an. Mu ich's halt sagen. Der Vater ist seit dem Abend
nimmer im Haus.
    Die Sonne strahlte durch das verbleite Glas und spannte schimmernde Stege
ber den herbduftenden Rauch der Wacholderkerzen.
    Nach einer Weile schob die alte Magd das scheue Gesicht durch einen Spalt
der Tr herein. Im Stall beim Moorle ist ein fremder Mensch. Der geht nimmer
fort. Will Essen und Trinken haben und ein Bett.
    Bub? Wer ist das?
    Mein neuer Knecht. -
    Man reichte dem Manne Trank und Speise und gab ihm die Stube des frheren
Knechtes, der nimmer kam. Das war ein froher, lustiger Bursch gewesen, der gerne
sang und lachte. Dieser Neue war schweigsam und ngstlich.
    Graue, dumpfe, sorgenvolle Tage.
    In vielen Husern muten die Wacholderkerzen und der Schwefel brennen.
    Die schwle, giftige Luft, die ber Berchtesgaden dunstete, wurde besser,
als ein schwerer Gewitterregen den Brand der Wlder bei der bayerischen
Plaienburg erstickte.
    Nun konnte man in der Krankenstube des Someinerschen Hauses an jenem schnen
Morgen das Fenster ffnen, um die Sonne und den Duft der Gartenblumen
hereinzulassen.
    Als das Wundfieber berstanden war, begann sich Lamperts Befinden langsam zu
bessern.
    Um sein Bett frisch berziehen zu knnen, hob man ihn eines Morgens vom
Lager auf eine Matratze, die man auf den Fuboden der Stube gelegt hatte. Und
whrend Frau Marianne den Schilfsack des Bettes wendete und die zerlegenen
Binsen locker machte, fiel etwas Schweres auf den Boden, kollerte unter der
Bettlade heraus und blieb neben Lamperts Matratze liegen. Er streckte die Hand
und griff nach dem kleinen, wunderlichen Ding, das zu ihm gekommen war. Ein
Brocken Blei. Wie eine zerquetschte Nu.
    Schau, Mutter! Eine Bchsenkugel. Die mu man am Hallturmer Elendstag in
meine Stube hereingeschossen haben.
    Ich glaub, das mu anders sein. Selbigsmal ist zu Berchtesgaden nicht viel
geschossen worden. Und am Fenster ist nie ein Loch gewesen.
    Ich hab sie nicht mitgebracht. Wie kommt die Kugel in meine Stub? Lampert
betrachtete das zerdrckte Klmplein Blei, das auf seiner flachen Hand lag. Die
Kugel sieht aus, als war sie durch einen Harnisch geflogen. Aber es ist an dem
Blei kein trockenes Blut.
    Frau Marianne setzte sich neben Lampert auf die Matratze hin und beguckte
das rtselhafte Ding. Eine Erinnerung wurde in ihr wach. Ob die Kugel nicht von
dem Buben ist?
    Rasch fragte Lampert. Der in meinem Bett geschlafen hat?
    Zwei Nchte lang. Ja! Und ich besinn mich. Der Bub ist heil gewesen. Aber
ich hab auf seinem Krabrstling eine Dull gesehen.
    Lamperts Augen wurden gro. Und sein erregtes Gesicht fing zu brennen an,
als kme ein Rckfall seines Wundfiebers.
    Die Kugel, sagte Frau Marianne, mu dem guten Buben zwischen Kra und
Leib gehangen haben. Und wie er sich in seiner Mdigkeit zum Schlaf in das Bett
gelegt hat, mu sich das Blei in die Binsen verschloffen haben. Sie erhob sich
und breitete das frische Linnen ber das Lager ihres Sohnes.
    Von dem jungen Harnischer, der dem Someinerschen Haus ein Schutzengel wider
die Sackmacher geworden war, hatte die Amtmnnin schon viel erzhlen mssen. Und
immer hatte Lampert so seltsam gefragt, da ihn die Mutter manchmal verwundert
ansah. Jetzt, da sie wieder von dem Buben redete, den sie immer den guten
nannte, geschah es zum erstenmal, da Lampert keine Frage stellte. Schweigend,
mit Sorge und Sehnsucht in den Augen, betrachtete er das zerquetschte Ding auf
seiner Hand. Und whrend die Amtmnnin die Kissen des Bettes aufschttelte,
prete Lampert pltzlich die Lippen in heier Zrtlichkeit auf das graue Blei.
    Ach, was fr Zeiten das sind! seufzte Frau Marianne bei ihrem
frsorglichen Mutterwerke. Es wird doch der gute Bub nicht auch in der Saalach
liegen?
    Nein, Mutter! Der war beim Fechten neben dem Runotter gewesen. Meinen Helm
mit den Reihergranen htt ich sehen mssen. Der Bub hat bei Marzoll und Piding
nicht mitgefochten. Auch der ander ist nicht dabeigewesen.
    Wer?
    Der mit der schweren Narb. Der Jungherr schwieg. Und nach einer Weile
sagte er leise: Der so viel von dem Buben wei. Er lchelte wie ein
Trumender. Auf dem Boden ist ein schlechtes Liegen, Mutter! La mich wieder in
das Bett heben!
    Der neue Knecht und die alte Magd muten helfen, um ihn auf das frisch
gerichtete Lager hinaufzulupfen, fr das dieser zweifellos tapfere Kriegsmann,
der sich bei Marzoll wie ein Held fr seinen Frsten geschlagen hatte, eine
hchst unkriegerische Vorliebe zu empfinden schien. Er drckte wohlig das
Gesicht ins linde Kissen.
    Im Verlaufe des Tages mute Frau Marianne sich darber wundern, da ein
erwachsenes, leidendes Mannsbild stundenlang gleich einem heiteren Jungen
spielen konnte mit einem Stcklein Blei. Oder war diese Kugel, die nahe zum
Herzen eines jungen Lebens gedrungen, ein Amulett mit geheimnisvollen Krften?
Denn Lamperts Besserung machte seit diesem Tag so flinke Fortschritte, da in
Frau Marianne die glubige, hoffnungsvolle Mutterfreude sich in einem steten
Kriege gegen ihre Witibstrauer um den seligen Ruppert befand. Neben dieser
Trauer hatte die Amtmnnin auch beklommene Zeitsorgen. Sie erzitterte bei jeder
bsen Botschaft, die von der entfesselten Kriegsfurie der bayerischen Vettern
nach Berchtesgaden drang. Vor Schreck wurde sie kreidebleich als sie vernahm,
da Frst Pienzenauer im Stifte eingetroffen wre, um fr seinen herzoglichen
Freund zu Ingolstadt eine Hilfstruppe von vierzig Harnischreitern, achtzig
Spieknechten und zehn Faustschtzen auszursten. Auch war am Mnstertor zu
Berchtesgaden einer von den vielen Werbebriefen angeschlagen, die Herzog Ludwig
in alle Welt entsandt hatte.
    Da stand zu lesen: Wer zu Uns reiten will um Gewinn, dem wollen Wir Unsere
Burg ffnen und fr Rechnung Proviant auf einen Monat liefern. Wer zu Uns reiten
will um Geld und Sold, dem bieten wir auf drei Gewappnete und drei Pferde
monatlich fnfzehn Rheinische Gulden und Ersatz des Pferdeschadens im Gefecht
nebst Anteil an der Beute. Wer aber soldlos zu Uns reiten will, um Ritterschaft
zu suchen, dem versprechen Wir Stechen, Rennen, Tanz und Spiel mit schnen
Frauen, Sturm und Scharmtzel nach Herzenslust.
    
    Zwei Gadnische Herren, der junge Hundswieben und der Dichter Jettenrsch
verlieen die erfolgreiche Pflege der frummen Pfennigweiblein im Badhaus zu
Berchtesgaden und zogen gen Ingolstadt - um Ritterschaft zu suchen.
    Darber wurde in der Marktgasse viel, doch sehr verschieden geredet. Im
Someinerschen Hause sprach man von solchen Dingen kein Wort. Frau Marianne war,
soweit es den Krieg betraf, eine heroische Schweigerin geworden; und die alte
Magd wie der neue Knecht hatten heilige Eide schwren mssen, den Schnabel zu
halten. Unter dem gleichen Schwure stand auch der Medikus. Sooft er bei Lampert
eine erfreuliche Besserung wahrnahm, zog die Amtmnnin erschrocken die beiden
Daumen ein. Und wenn Frst Pienzenauer sich nach Lamperts Befinden erkundigen
lie, schickte sie sehr schlechte Nachrichten in das Stift hinber. Sie sagte
zur Magd, das tte sie, weil sie aberglubisch wre. Und in den immer lnger
werdenden Nchten betete sie um ein Wunder, das der Allmchtige beim besten
Willen nicht wirken konnte: Ihr Lampert sollte flink so gesund werden, wie eine
Forelle im Bergbach ist und sollte dabei fr den Propst so leidend erscheinen,
da er als Invalide dem grauenvollen Morden und Brennen entzogen blieb, zu dem
der Krieg der bayerischen Herzge sich auswuchs.
    
    Immer schrecklicher lauteten die Botschaften, die von gebrochenen Burgen,
geplnderten Stdten, gebrandschatzten Drfern, erschlagenen, gehenkten,
erstochenen, verbrannten und ersuften Menschen aus dem ebenen Lande
hereindrangen in das wieder friedsam gewordene Bergtal, wo man keine toten
Kriegshelden mehr zu begraben hatte, nur noch mager gewordene Lazarusse, die
gleich dem Amtmann Someiner an der roten Ruhr das Zeitliche gesegnet hatten.
    Nach der zweiten Augustwoche, an einem Berglandsmorgen von wundersamer
Schnheit wanderte die vom heiligen Peter fr Herzog Ludwig ausgerstete
Hilfstruppe mit frhlichem Pfeifenklang gegen Salzburg davon.
    Lampert, in seiner weien Genesungsstube, hrte von der kriegerischen Musik
und dem Lrm der Menschen noch einen verworrenen Schall. Er hob sich aus den
Kissen. Seine tiefliegenden Augen fingen zu glnzen an. Mutter? Marschieren da
nicht Kriegsleut aus?
    Was dir einfallt! Mutter Marianne log mit geschulter Seelenruhe. Heut ist
Hochzeit. Einer von den Burghausener Kriegsgefangenen heiratet eine Gadnische
Hofmannstochter. Da gnnen ihm die Hofleut ein ltzel Kriegsmannsehr und spielen
einen Lustigen auf.
    Ernst sah Lampert die lchelnde Mutter an und lie sich stumm auf das Kissen
zurckfallen. Dann sprach er ruhig vor sich hin: Jetzt kann ich auch bald
wieder reiten.
    Frau Marianne erschrak, da ihr der Herzschlag zu stocken drohte.

                                       5


Whrend Herzog Ludwigs Hauptmann Christoph Laiminger mit seinem Heerhauf seit
Wochen die frnkischen Gter des Fritz von Zollern verwstete, fielen entlang
allen Grenzen des Landshuter Gaues die Ingolstdtischen Truppen unter Marschall
Frauenberger, unter Hauptmann Muracher und dem Pfleger von Wasserburg in Herzog
Heinrichs Lande und hinterlieen in Hunderten von niedergebrannten Drfern die
Spuren ihrer Wege.
    Wie eine laufende Flamme brannte der Krieg an allen Ecken und Enden der
bayerischen Herzogtmer auf.
    Wilhelm und Ernst von Mnchen, der Kurfrst von der Pfalz und Johann von
Neumarkt - die Herr Heinrich zur Hilfe wider den unbequemen Ingolstdter
gewonnen hatte - sandten ihre Fehdebriefe an Ludwig im Bart. So standen alle
Wittelsbacher im Kampfe gegen diesen Einen ihres Blutes, der durch seine
gewaltttige und hochfahrende Art, durch seinen franzsischen bermut, sie alle
schon einmal gekrnkt, verhhnt, beleidigt und geschdigt hatte.
    Der auflodernde Zorn der Frsten bertrug sich auf ihre Untertanen. In
Stdten und Drfern, in Burgen und Handwerkerstuben, berall, wo Brger der
Wittelsbachischen Herzge bisher friedlich beisammen gewohnt hatten, ergriffen
sie Partei fr ihre Frsten und zerschlugen einander die Kpfe unter dem
Geschrei: Hie Ludwig! Hie Mnchen! Hie Heinrich! Auf den Universitten zu
Prag, Wien, Heidelberg und Leipzig stachen in den Bursen die Studenten einander
die Rapiere in den Leib, auf den Mrkten der deutschen Stdte prgelten sich die
Kaufleute und ihre Kunden, die Viehtreiber und Karrenfhrer.
    Wie die Frsten, so wechselten die ihnen verbndeten Ritter und Stdte ihre
Fehdebriefe. Mehr als fnfhundert Lehensherren der Mnchener Herzge und des
Landshuters begannen Krieg wider Ludwig. Und fast ebensoviel ritterliche Freunde
des Ingolstdters, der nach seinen Werbebriefen Zuzug auch aus Frankreich,
Ungarn, Italien, Holland und Dnemark bekam, kndeten dem Herzog Heinrich und
den Mnchener Frsten den Frieden auf. Die Briefe, die man noch immer wechselte,
whrend das Morden und Brennen schon begonnen hatte, flossen ber von Hohn,
Verdchtigung und Ha. Die gegenseitigen Beschimpfungen huften sich wie bei den
Homerischen Helden vor dem Zweikampf.
    Da seit der unglckseligen Erbteilung der bayerischen Lande die Besitzungen
der Wittelsbachischen Frsten in Flicken und Lappen die Lnder des Gegners
durchsetzten, stand Nachbar gegen Nachbar im Kriege: Burghausen gegen
Wasserburg, Landshut gegen Freising, Tlz gegen Mnchen, Schrobenhausen gegen
Pfaffenhofen, Traunstein gegen Rosenheim, Kufstein gegen Marquartstein. Durch
berredung gewonnnen oder durch Vorteil verlockt, durch Drohung eingeschchtert
oder durch Geld bestochen, fielen die Lehensleute von ihren Herren ab, innerhalb
der Stdte entzweite sich Volk und Regierung, der Bruder schlug gegen den
Bruder, Vater und Sohn wurden Feinde.
    So standen auf allem Boden, der bayerisch hie, von der Ulmer Gegend bis zum
Bhmerwald und bis Linz hinunter, vom Main bis nach Tirol, die Bewohner
schwesterlicher Erde mit Feuer und Eisen, mit Galgen und Pulver gegeneinander im
Kampfe, und es entbrannte ein Krieg verwandter Stmme, schmachvoll und
schauerlich, wie er unerhrt war in der Geschichte eines von gleichem Blute
durchstrmten Volkes.
    Knig Sigismund, der in Sorge geriet um die Sulen des Reiches, mahnte durch
Briefe und Gesandte zum Frieden, bat mit herzlichen Worten, wurde streng und
drohte mit der Reichsacht. Und Rom, das seine Klster und Kirchen gebrandschatzt
und geplndert sah, rckte mit Kirchenbann und grlichen Strafen der Ewigkeit
wider die vom Zwietrachtsteufel besessenen Frsten aus. Aber keiner von den
Wittelsbachern hrte auf die Stimme des deutschen Knigs, keiner auf den Schrei
des Papstes. Herzog Heinrich wie Herzog Ludwig schworen mit heiligen Eiden, das
dem Knig gegebene Friedensgelbnis unverbrchlich gewahrt zu haben; der
knigstreue Ingolstdter schob die Schuld auf den heimtckischen Landshuter, der
knigstreue Landshuter schob sie auf den allzeit gefhrlichen Ingolstdter,
einer beschuldigte den anderen des schnden Friedensbruches, und jeder
beteuerte, da er wider Willen gezwungen wre, sich seiner bedrohten Haut zu
wehren. Nur die Mnchener Herzge konnten mit gutem Rechte sagen: Wir mssen
als redliche Leute die Treue wahren, die wir dem Vetter Heinrich zugelobten.
    Von allen Frsten, die in diesen Krieg verwickelt wurden, hrte nur ein
einziger auf die Friedensmahnungen des deutschen Knigs: Friedrich von Zollern,
der Burggraf von Nrnberg und neue Herr der ehemals Wittelsbachischen Mark
Brandenburg, mit der ihn Knig Sigismund auf dem Konzil von Konstanz fr treue
Dienste belehnt hatte. Obwohl ihn Ludwig mit Pikensten reizte und
brandschatzend seine frnkischen Lande verwstete, zgerte Friedrich noch immer,
in den Kampf zu treten. Jeder Werbung seines Schwagers Heinrich von Landshut
entzog er sich. Was kmmert mich euer Vetterngeznk, ich will in Frieden meinen
jungen Acker bauen. Er blieb in seiner Mark, machte aus der Ferne noch einen
Versuch zur Herstellung des Friedens in den bayerischen Landen, vereitelte einen
Anschlag seiner Verbndeten auf den Ingolstdter und bot ihm die Hand zur
Vershnung. Sein Dank war ein mit Hohn und Schimpf beladener Brief, der ihn des
Raubes am Hause Wittelsbach beschuldigte, ihn die brandenburgische Elster nannte
und mit den Worten begann: Du krzlich hochgemachter Markgraf! Da schob auch
Fritz von Zollern die Faust in den eisernen Handschuh und erschien im Felde. Mit
raschen Sten warf er dem Ingolstdter die Feste Parkstein nieder und eroberte
die Burgen von Hilpoltstein, von Weiden und Flo.
    Was Herzog Ludwig hier im Norden verlor, das lie er seine Gegner sdlich
der Donau in sinnloser Verwstung ben. Whrend dieses roten Herbstes wurden
die bayerischen Lande durch Eisen, Feuer und Raub so schwer geschdigt, da
innerhalb weniger Monate mehr Leute verdarben und arm gemacht wurden als sonst
in hundert Jahren. Immer wieder das gleiche: fallende Burgen, strzende Mauern,
geplnderte Stdte, brennende Drfer, verwstetes Feld, geschndete Weiber,
verstmmelte Mannskrper ohne Augen und Ohren, ohne Nasen und Lebner, groe
Lachen geronnenen Blutes und verwesende Leichname von Mensch und Tier, die zu
begraben der Krieg keine Zeit gefunden. In allen bayerischen Landen begann es zu
riechen, wie es beim Gadnischen Hallturm gerochen hatte. Und whrend das Volk
verdarb, ohne Obdach war und hungerte, fllte die Ritterschaft jede Kriegspause
mit Turnier und Festen, mit Tanz und Frauenspiel.
    Des Brennens und Mordens wurde weniger, als bei Anbruch der Winterklte die
Kinnhaut kleben blieb an der sthlernen Halsberge und die blauen, starren Finger
anfroren an den Schwertgriff.
    Nachdem die Truppen bis zur Adventzeit im Felde gelegen, waren Waffen und
Harnisch verdorben, die Kleider am Leib der Kriegsleute verfault, das Sattelzeug
der Gule von Nsse und Frost zermrbt.
    Fast alle Dorfleute der bayerischen Lande muten sich whrend des Winters in
den Stdten und Burgen halten. Auerhalb der Stadtmauern stand oft zwlf und
fnfzehn Meilen weit kein Dorf und kein Haus mehr. Zwischen dem Main und den
Bergen war an Drfern ein halbes Tausend geplndert und niedergebrannt. Und
manches Dorf war so ganz verderbt, da weder Haus noch Kirche mehr brig waren.
    In den Stdten, Burgen und umwallten Mrkten, wo sich die Flchtlinge in
gedrngten Massen bei Not und Hunger zusammenhuschelten, brachen fressende
Seuchen aus. Unter Armut, Leiden und Hilflosigkeit verzagten die Menschen und
wurden des Lebens mde. Sie sagten: Sterben ist das Beste. Nur die
Siechentrger und Totengrber hatten Erntezeit, und die Pulvermller,
Schwertfeger, Pfeilschfter und Waffenschmiede fanden bei ruheloser Arbeit
reichlichen Verdienst. Das sthlerne Klopfen bei Tag und Nacht war wie der
fiebernde Pulsschlag dieses Winters in allen Stdten und Burgen.
    Im schmelzenden Schnee des Febers jagten die Briefreiter durch die
verwsteten Lnder, die belebt waren von Dohlenkrchzen und Geierflug. Eine bse
Unsicherheit lauerte bei den schwarzen Resten der niedergebrannten Drfer.
Gauner, kranke Weiber, Bettler und Ausgestoene sammelten sich zu Schwrmen des
Elends und hausten in den Wldern. Diebstahl, Raub und Meuchelmord
durchtaumelten das Land. Ritterliche Heckenreiter machten gemeinschaftliche
Sache mit den niedrig geborenen Rubern. Sogar des Knigs Boten wurden auf den
Straen niedergeworfen und beraubt.
    Herzog Heinrich verstand es, zwischen Landshut und Burghausen eine Art von
Sicherheit aufrechtzuerhalten. An den vielen, die seinem Landfrieden in die
Quere gerieten, hatten die entlaubten Bume neben den niederbayerischen Straen
schwer zu tragen. Herr Heinrich pflegte zu sagen: Das sind Wlfe. Weg damit!
Es sah auch sonst im Herzen seines Landes whrend dieses Winters ein wenig
besser aus als anderwrts. Er hatte den Gegner nach Krften geschdigt, doch
immer nach Mglichkeit seine eigenen Leute geschont. Es war eines von seinen
klugen Worten: Wenn alle Bauern erstochen werden, wo nehmen wir andere her, um
uns zu ernhren?
    Bei Beginn des lauen Frhlings stand er mit erfrischten, gut bewaffneten
Truppen wieder als erster im Feld und berannte die noch winterschlfrigen Burgen
seines Gegners. Er wandte sich immer gegen Pltze, deren Bezwingung nur ein
miges Opfer an Geld, Zeit und Menschen von ihm verlangte.
    Ehe die blauen Veilchen kamen, war von den Bergen bis zum Main der Krieg
schon wieder in roter Blte.
    Herr Heinrich - ohne Rcksicht auf seine Verbndeten nur den eigenen Vorteil
wahrend - fhrte diesen Frhlingsfeldzug so vorsichtig und sandte den treuen
Vettern nur so bescheidene Hilfe zu, da die Herzge von Mnchen unwillig wurden
und klagten: Willst du nicht besser beispringen, so mssen wir von diesem
Kriege abstehen.
    Mit Heinrichs sparsamer Hilfstruppe, mit ihren Mnchener Brgern und ihren
Oberlnder Bauern brachen Herzog Ernst und Wilhelm dem Ingolstdter die Feste
Friedberg, die Burgen Schwabeck, Trkheim und Grainsbach und bedrohten die
Stdte Neuburg und Rain, zwischen denen die Fackeln von hundert Drfern
loderten.
    Noch bler als sdlich der Donau stand die Sache des von Feinden umkreisten
Ingolstdters im Nordgau. Als Markgraf Friedrich die festen Pltze Kirchberg,
Monheim und Dingolfing mit dem Schwerte genommen und zur Huldigung gezwungen
hatte, mute Ludwigs Hauptmann Christoph Laiminger nach dem Falle von Lauf bei
Fritz von Zollern um einen Waffenstillstand ansuchen.
    Herzog Ludwig geriet in eine erbitterte Stimmung. Der Ausgang des
Unternehmens konnte bei der bermacht seiner Gegner nicht zweifelhaft sein. Die
Zahl seiner Feinde mehrte sich noch immer, und seine eigenen Leute begannen irr
an ihm zu werden. Die kleinen Muse verlieen das sinkende Schiff. Auch einer
von Ludwigs mchtigsten Vasallen, der Abendsberger, fiel von ihm ab und ffnete
den Mnchener Herzgen seine Burgen. Doch was in Ludwig die strotzende Kraft am
gefhrlichsten zerbrselte und sein helles Lachen erlschen machte, war sein
begrndetes Mitrauen gegen den eigenen Sohn. Prinz Hckerlein, obwohl er in
diesen knirschenden Zeiten Tne von kindlicher Herzlichkeit gegen den Vater zu
finden wute, entwickelte hinter des Herzogs Rcken eine unheimliche Ttigkeit,
zog des Vaters Freunde durch goldene Versprechungen an sich und gewann des
Herzogs Vertrautesten, den Lautenspieler Nachtigall. Herr Ludwig fhlte das
graue Spinnennetz, das da gewoben wurde, und konnte es doch mit seiner starken
Faust nicht fassen, nicht zerreien. Er lie sich bei Tag und Nacht von seinen
roten Einrssern bewachen und geno keine Speise, ohne da Prinz Hckerlein die
Mahlzeit mit ihm teilte. Das Gefhl der Unsicherheit, seine ruhelose Sorge um
Macht und Leben, seine gereizte Laune und sein Jhzorn verleiteten ihn zu
Grausamkeiten, die sonst nicht in seiner Art lagen.
    Als eine seiner reichsten Stdte, Donauwrth, von ihm abfiel und ihm die
schweren Steuerlasten mit offener Fehde heimzahlte, zwang er den Brger Lang,
der den Fehdebrief berbrachte, das Pergament mit Schnur und Siegel zu
verschlucken. Du bist kein Gesandter. Du bist ein meineidiger Schuft. Allen
deinen Mitbrgern, wenn ich sie fange, soll es ergehen wie dir! Dieser
leutselige und frohe Frst, der noch nie in seinem Leben ein Todesurteil
unterschrieben hatte, gab den Befehl, dem stdtischen Gesandten die Augen
auszustechen, die Zunge und den Lebner abzuschneiden und die beiden Hnde vom
Leib zu hacken.
    Als dem Herzog in seiner kostbaren Stube gemeldet wurde, da es geschehen
wre, deutete er auf den aus Bronze gegossenen Bluthund und sagte im Ekel:
Jetzt bin ich auch wie der! Heraufsteigen zu mir hat sie nicht knnen, die
Laus! Jetzt hat sie mich zu sich hinuntergezogen. Beim Auf- und Niederschreiten
durch die von Vogelgezwitscher erfllte Stube sah er in einem Silberspiegel sein
Bild, lachte grell und spie es an. Dann pltzlich umklammerte er den Hals seines
alten Gleslin, weinte wie ein Kind und bettelte: La ihn tten! Da er nicht
leiden mu!
    Nach diesen Trnen schien die alte Kraft in ihm wieder wach zu werden. Er
wehrte sich wie ein Verzweifelter gegen eine Welt in Waffen, verpfndete seine
kunstvollen Kostbarkeiten an Juden und reiche Brger, rstete ein neues Heer und
gewann im Unglck eine Seelengre, eine Festigkeit und Ruhe, da auch unter
seinen Gegnern mancher Gerechte ihn einen herrlichen, preiswerten Frsten zu
nennen begann.
    Die Mnchener Herzge - durch Ludwig zum Abzug von Rain und Neuburg
gezwungen - wurden immer drngender gegen den Vetter Heinrich, dem sie trotz
allem Mitrauen noch immer die Treue hielten.
    Heinrich schickte neue Versprechungen und bundsbrderliche Briefe, doch
keinen Gaul, keinen Spieknecht, keine Bchse, und blieb persnlich dem
Feldlager fern, sich entschuldigend mit einem Anfall seiner Krankheit. Durch
Kundschafter gut unterrichtet, witterte er mit seiner klugen Nase das Erwachen
einer neuen, bedrohlichen Kraft in dem Unverwstlichen zu Ingolstadt. Und da
hielt er mit Vorsicht das Seine zusammen, und whrend er am Tage zu Burghausen
und seiner pflichtschuldigen Fiebers willen das Bett htete und erst nach
Anbruch der Dunkelheit einen erfrischenden Ausritt unternahm, betrieb er
innerhalb seiner Mauern mit Hast und aller Gewalt ein neues Rsten.
    Da wurde ihm zu Anfang des August, in spter Nachtstunde, eine Botschaft
gebracht, die ihn barfig aus dem Bett trieb und zu so wildem Jhzorn reizte,
da sich nun ein Anfall seines Erbbels ganz ehrlich bei ihm einstellte.
    Sein Schwager Zollern hatte ihm sagen lassen: Wehre dich mit eigenen
Fusten deiner Haut, wenn du glaubst, da du noch immer fechten mut! Mich
erbarmt dieses schnen, deutschen Landes. Und der Knig will's. Ich schliee
Frieden. Willst du dir raten lassen und nicht den Zorn des Knigs wider dich
heraufbeschwren, so tue das gleiche! Meinst du es aufrichtig, so will ich
Mittler sein zwischen dir und dem Loys.
    Jagenden Puls in den Adern, mit nackten Fen, nur in einen Mantel
gewickelt, tobte Herr Heinrich in den schlecht beleuchteten, schmucklosen Stuben
seiner Burg umher, whrend man den geheimen Rat Nikodemus aus der Stadt
heraufholte.
    Die Zhne des Herzogs knirschten, die Ngel seiner Finger gruben sich in das
Fleisch seiner zarten Fuste, und die Augen traten ihm vor wie bei einem, den
die Angst vor dem Tode rttelt.
    Sein whlender Ha schon fast erfllt! Seine Sehnsucht schon fast zur
Wahrheit geworden! Das erdrstete Glck schon in den Hnden! Jener Starke mit
der gebeugten Stirn und dem erloschenen Lachen schon fast in den Staub gedrckt!
Und jetzt alles nur ein Halbes! Alles zunichte, allem die Kehle durchschnitten.
Und ihm, diesem Schwachen und Kleinen, war wieder das Schwert aus der Hand
gewunden - wie damals auf der dunklen Gasse zu Konstanz!
    In der groen, vielfenstrigen Stube, vor deren Scheiben eine schne
Sommernacht mit funkelnden Sternen blaute, setzte sich Herr Heinrich unter
keuchenden Atemzgen, die flehende Mahnung seines Kmmerers miachtend, an den
Tisch und begann zu schreiben.
    Als Nikodemus kam, war die Antwort an Fritz von Zollern vollendet. Und Herr
Heinrich war ruhig. Er reichte seinem geheimen Rat die Botschaft des Schwagers.
Lies! Lchelnd schlpfte er in die warmen Schlafschuhe, die ihm der Kmmerer
gebracht hatte, und zog seinen schwarzen Mantel fester um das Hemd.
    Nikodemus, als er gelesen hatte, sah den Frsten erschrocken an. Der lachte
leis und gab ihm die schief gekritzelte Antwort zu entziffern.
    Man sah es dem Kahlkpfigen an den Augen an, da er den Inhalt dieses
Blattes nicht begriff.
    Wie heit der letzte Satz? fragte Herr Heinrich.
    Nikodemus las: So tue in deinem und meinem Namen, was ich als notwendig,
hilfreich und redlich erkenne.
    Mit heiterer Spannung in den fieberglnzenden Augen fragte der Herzog: Das
verstehst du doch?
    Nicht ganz.
    Dann mut du dich noch ein wenig besinnen. Treue Diener mssen die Gedanken
ihres Herrn erraten. Siegle das Pergament! Und fort damit! Der Bote meines
deutschen Schwagers wartet. Herr Heinrich hatte das deutsch wie ein spottendes
Wort betont. Nun trat er zu einem Fenster hin. Da drauen dmmerte ein klarer
Morgen. Schn Wetter wird! Dieser gute Knig, der in Eilmrschen zu uns bsen
Vettern kommt, um uns friedsam zu machen, wird feines Reisewetter haben. Ein
kurzes Lachen. Ob Herr Sigismund, der sich um unseren Frieden bemht, nicht
besser Ursach htte, den Frieden in seinem Ehebett herzustellen? So viele
Hirsche habe ich in meinem Leben noch nicht geschossen, als Knigin Barbara
ihrem hohen Gemahl schon durch das schngesalbte Lockenhaar springen lie.
    Auch Simson wurde betrogen.
    Dann bin ich lieber ein Schwacher. Aber wahr ist's, lernen kann man von
diesem Knig. Er liebte zu sagen: Wer nicht zu heucheln wei, versteht nicht zu
regieren. Ein gutes Wort! Seiner hab ich mich heut erinnert. Die Weisheit des
Knigs wird mir Frchte bringen. Gott soll's wollen. Whrend Herr Heinrich zur
Tre ging, glitt sein heiterer Blick ber die Spruchbnder an der weien Mauer.
Heut hab ich an den Loys gedacht! Jetzt leg ich mich ins Bett. Guten Morgen,
Nikodemus! Dem Kmmerer befahl er: Ruf mir den Medikus! Unter seinem Mantel
schauernd, trat er in den kahlen Korridor hinaus.
    Vor der Schlafstube des Herzogs hielten zwei Harnischer mit blankem Eisen
die Wache - ein langer, sehniger Mensch mit einer schweren weien Narbe ber das
sonnengebrunte Gesicht herunter; der andere ein klobiges Mannsbild in wuchtigem
Panzer, mit steinernen Zgen und heien Augen. Diese beiden schienen bei Herzog
Heinrich in hoher Gunst zu stehen, da er ihnen seinen Schlaf und sein Leben
anvertraute. Er nickte ihnen freundlich zu. Und zu dem Mageren mit der schweren
Narbe sagte er lustig: He, du, mein Nremberger Galgenvogel? Bist du gesund?
    Nit ganz, Herr! Der Harnischer lachte, doch etwas Mrrisches war im Klang
seiner Stimme. Faule Zeit vertrag ich nit recht.
    Dann wirst du gesnder werden. Herr Heinrich, sich streckend, legte dem
anderen die Hand auf die eiserne Schulter. Und du, Ramsauer? Warum drsten
deine Augen so hei?
    Weil ich sterben mu, wenn ich nit bald zu schaffen krieg.
    Der Herzog betrachtete die zwei. Htt ich tausend wie ihr beide seid, so
wrde Gott immer wollen, was mir wohlgefllt.
    In einem Schttelfrost fingen ihm die Zhne zu schnattern an. Dabei kicherte
er vergngt vor sich hin: Arbeit kommt. Wir kleinen Luse wollen einen Stier
umschmeien.
    Es erschien der Leibarzt mit dem Heiltrank; hinter ihm zwei Diener mit der
Essigschssel und den Tchern.
    Bei der Schlafstubentre des Herzogs gab es ein ruheloses Hin und Her. Im
Nachtkleide kam die Herzogin Margarete gelaufen, Schreck in den Augen, und
wollte eintreten. Aus der Stube hrte man die schnatternde Stimme des Herzogs:
Sei verstndig, Gretl! Denk an das junge Leben in dir und bleib in deinem Bett.
Und weck mir den Jungen nicht auf. Der soll schlafen. Hrst du?
    Links und rechts von der Schwelle standen die beiden Harnischer wie starre
Eisenbilder. Solange sie auf Wache waren, durften sie nicht reden miteinander.
Doch ihre Blicke hielten Zwiesprache. In dem Schwergepanzerten, unter dessen
Eisenschaller das vllig wei gewordene Haar herausquoll, schien eine wilde
Freude zu whlen; sie verzerrte sein steinernes Gesicht und war wie ein Brand in
seinen Augen. Aus dem Blick des anderen, ber dessen sonnverbranntes, in Leiden
hager gewordenes Gesicht die schreckliche Narbe lief, sprach eine flackernde
Ungeduld, in der sich Hohn und Sorge miteinander mischten.
    Als der Morgen hell wurde, rasselte eine Ronde von sechs Harnischern, die
ein ritterlicher Hofmann des Herzogs fhrte, durch den kahlen Gang herauf. Die
zwei bei der Tre wurden abgelst; dann die zwei alten Doppelsldner vor dem
Schlafzimmer der Herzogin und die zwei Gepanzerten vor der Stube des
fnfjhrigen Prinzen Ludwig.
    Die Ronde der Abgelsten klirrte in den Schlohof hinunter. Hier war es
ruhig. Doch Hof- und Wehrgnge waren so dick mit Spieknechten, Armbrustern und
Faustschtzen besetzt, als wre ein Angriff in jeder nchsten Stunde zu
besorgen. Vor dem grauen Schatzturm - den Herr Heinrich den Sieger nannte -
bewachten vier Gepanzerte die schwer mit Eisen beschlagene Tre. Junge
Weibsleute gingen mit leisem Schwatzen umher und verteilten an die Soldleute die
Morgensuppe und den Frhwein.
    ber eine Zugbrcke, unter der ein faules Wasser den weiblauen Himmel des
erwachenden Tages spiegelte, kam die Ronde in den zweiten Burghof. Das gleiche
Gewimmel von Waffen wie im Hof des Schlosses. Und ein Schwarm von
Handwerksleuten kam zur Arbeit. Schweres Balkenfachwerk umhllte den noch
unvollendeten Hunds-Trring; der gewaltige Turm war bis zur dritten
Schartenreihe gewachsen und sollte vollendet stehen, ehe der Winter kme.
    Im dritten Burghof, wo die neugegossenen Hauptbchsen Maul gegen Maul in
zwei Reihen standen, waren die Schlafhuser und Turmstuben der Trabanten und
Doppelsldner. Hier ging die Ronde der Abgelsten auseinander.
    Die beiden, die vor der Schlafstube des Herzogs gestanden, traten in einen
kleinen, alten Turm. In dem dunklen Stiegenraum umklammerte der ltere den
stahlgeschienten Arm des anderen. Eine rauhe Stimme: Was uns der Herr vertraut
hat, mu man verschweigen. Auch vor dem mden Buben da droben.
    Ich htt mir den Schnabel eh nit zerrissen! gab der andere mrrisch zurck
und wollte ber die steile Treppe hinauf.
    Bleib!
    Was willst?
    Wer kann sagen, was kommt? Ich mcht nit haben, da auch du noch saufen
mut - von meiner Treu. Du! Unter den Meinen der Beste. Besser, als ich selber
bin. Und ich sah, du leidest. Ich mein auch, da ich wei, warum.
    Ein hartes Lachen. So? Meinst? Knnt auch sein, da du dich irren tust.
    Ich irr mich nit. Willst du frei sein, so bist du's. In meiner Seel wirst
du bleiben, so lang ich leb. Jetzt kannst du dir noch allweil ein neues Leben
machen. Das meinig ist aus, ich wei nit, wann. Sobald der Streich gefallen ist,
auf den ich wart! Ich mag dich nit mit hinunterreien. Du sollst
weiterschnaufen.
    So? Weiterschnaufen? Da mut du mich bleiben lassen. Magst du mich nimmer
als Knecht, so la mich bleiben als des Buben Bruder. Dich und den Buben hab
ich. Sonst nichts. Das mut du mir lassen. Komm! Auf der finsteren Stiegen
wispern? Wir sind doch keine Liebesleut. Tt ich nit wissen, da du nchtern
bist wie der Schlokaplan vor der Frhmess', so tt ich glauben: Du bist voll
und hast einen Jammer. Komm! Und mach keinen Lrm! Der Bub mu Ruh haben. Die
braucht er wie ein kranker Vogel die Federn. Tu frsichtig auftrappen!
    Runotter nahm die Eisenschaller vom Kopf, legte den klirrenden Arm um den
Nacken des Malimmes und prete die Stirn an seine zerhackte Wange.
    Vorsichtig stiegen sie ber die drei steilen Treppen hinauf, die wie schmale
Leitern waren.
    Eine kleine Turmstube mit zwei Betten; drei Holzsthle und ein plumper Tisch
bei dem winzigen Fenster; zinnernes Geschirr in einer Rahme; und an den
Holzngeln der Mauer hingen die Kleider und das Waffenzeug.
    Whrend Malimmes neben dem Herd die Rstung lautlos von sich
herunterschlte, trat Runotter in die Helle des Fensters. Mit den weien, dnnen
Haarstrhnen sah er aus wie ein Siebzigjhriger, der noch den Krper eines
kraftvollen Mannes hat. Er legte jedes Wehrstck, das er von sich abtat, auf
sein Bett hin. Malimmes kam mit nackten Fen aus dem Herdwinkel und half.
Dieses Jahr des Burgenbrechens, des Mordens und Brennens, der Gefahr und Mhsal,
hatte den Bauernsldner uerlich kaum verndert. Nur ein bichen mager war er
geworden, und in dem sonnverbrannten Gesicht war die groe Narbe jetzt wie ein
weier Kreidestrich. Noch immer war das Lachen um seinen Mund, doch mit einem
Zug von Hohn und Starrheit. Und ein mdes Leiden dmmerte in seinen Augen.
    Runotter ging auf die niedere Kammertre zu.
    Rasch fragte Malimmes: Wr's nit besser, du tatst dich schlafenlegen?
    Ich mu das Kind sehen.
    Hi, Bauer! Ich mt viel! Und tu's nit.
    Runotter zgerte. Dann griff er hastig nach der Klinke und trat in die
Kammer. Ein Raum, der gerade ausreichte, um ein Bett, einen kleinen Tisch und
einen schmalen Kasten zu fassen. Das Fenster ging nach Osten, von wo die
kommende Frhsonne ein glimmerndes Feuerband ber die Balkendecke hinwarf. Auf
dem Gesimse standen drei Tpfe mit rotblhenden Blumen; sie sahen in der ersten
Morgenglut der Sonne wie kleine, stille Flammen aus. ber dem Bett war ein
plumpes Kreuzbild, mit Blten und Grn geschmckt. Auf einem Sessel lag die
bunte Kleidung eines Jungsldners.
    Jul, in einen braunen Mantel gewickelt, ruhte schlafend auf dem Bett, mit
den Fusten vor den Augen. Das dichte, langgewordene Haar umschleierte die heie
Wange und verhllte die Schultern. Whrend Runotter neben dem Bette stand,
schlief Jul noch immer weiter; doch als der schwere Mann die Kammer lautlos
verlassen wollte, fuhr Jul mit dem Kopf und dem rieselnden Schwarzhaar vom
Kissen auf. Dieser Kopf mit diesem Haar und den entrckten Augen war von
ergreifender Schnheit, lieblich und dennoch erschreckend. Das strenge, schmale,
sonngebrunte Knabengesicht hatte noch nie so deutlich den Zgen eines Weibes
geglichen wie jetzt nach diesem Jahr der Reiterplage, nach dem Anblick alles
kriegerischen Grauens, nach dem Miterleben des gehuften menschlichen Jammers.
In den groen, blauen Augen, die im Erwachen ratlos ein Ziel der Ruhe zu suchen
schienen, brannte ein seelenkranker Blick, der wie das Trumen einer
ekstatischen Nonne war.
    Gottes Gru zum Morgen, Kind!
    Juls Augen, die noch immer nicht vllig erwachen wollten, irrten ber die
Mauern des kleinen Raumes hin und blieben verstrt an dem gebeugten Manne
haften. Kommt schon wieder ein Tag? Das klang, wie die Rettungslosen fragen:
Kommt der Tod?
    Bekmmert sagte Runotter: Kind! Die Sonn ist da. Siehst du's nit?
    Stumm schttelte Jul den Kopf, und eine gramvolle Mdigkeit vernderte sein
Gesicht.
    Ich bin schuld. Runotter atmete schwer. Der ander hat wieder recht
gehabt, ich htt deine Ruh nit stren sollen. Geh, tu noch weiterschlafen! Er
wollte die Kammer verlassen.
    Da streckte Jul die zitternde Hand und flsterte mit der Angst eines Kindes,
das sich vor Gespenstern frchtet: Vater!
    Runotter kam, setzte sich auf den Rand des Bettes und fate die glhenden
Hnde: Um Gott, was ist denn mir dir?
    Und Jul, wie im Fieber: Vater! Tu mich anschauen! Was siehst du an mir?
    Was soll ich denn sehen?
    Meine Stirn schau an! Siehst du da nicht, was anders ist wie sonst?
    Du bist wie allweil.
    Ein tiefes Atmen, ein dumpfes Besinnen. Und dann die hastige Frage: Vater?
Sag mir, ob das sein kann?
    Sein kann alles. Was meinst du?
    Ob das sein kann? Da man ein zwiefacher Mensch ist und ein doppeltes Leben
hat? Das eine im traurigen Wachen und das ander - ich wei nit, wann? Und ich
wei nit, wo?
    Runotter erschrak. Bevor er antworten konnte, befreite Jul. die zitternden
Hnde, warf sich auf das Lager hin und prete unter ersticktem Schreikrampf das
Gesicht ins Kissen.
    Hilflos sah Runotter diesen zuckenden Krper im braunen Mantel an und ballte
die Fuste. Aschacher? Wo bist du?
    Tappende Sprnge. Mit nackten Fen, halb entkleidet, stand Malimmes am
Bett, fate den Jul an beiden Schultern, rttelte ihn heftig und befahl: Wie,
Bub! Sei gescheit! Flink, steh auf! Er lupfte ihn aus dem Bett heraus und
stellte ihn aufrecht hin. Jetzt tu dich waschen! Fest! Der Tag wird schn. Wir
zwei, wir reiten ein paarmal in der Sonn um die Stadt herum. Malimmes packte
den Runotter am Arm und zog ihn aus der Kammer. Komm, Bauer! Ich koch derweil,
bis der Bub sich fertig macht!
    Gewaffnet, in bunten, schmucken Kleidern und im Funkelglanz der
Stahlplatten, ritten Malimmes und Jul um die siebente Morgenstunde zum Tor
hinaus. Der Falbe und der Jngolstdter schmiegten sich im Traben gegeneinander,
und immer scherzte der eine mit der Schnauze nach dem anderen hin. In der Sonne
schimmerte das Fell der Gule, das am Hals und auf den Hinterbacken von vielen,
weigrauen Narben durchrissen war. - -
    - Auf der gleichen Strae war im Grau des Morgens der Bote des
Brandenburgers mit starkem Geleit davongeritten, gegen die Donau hinunter.
    Fnf Tage spter jagte dieser Bote von Nrnberg nach Ingolstadt.
    Als er um die Mittagsstunde bei Herzog Ludwig einritt in den von heiterm
Lrm und buntem Leben erfllten Schlohof, mute er verwundert dreingucken,
mute lachen, mute an Burghausen denken. Was er dort gesehen hatte, war die
wache, schweigende, bis an die Zhne bewaffnete, des Angriffs harrende Kraft.
Und hier - wo er das Elend und die Trostlosigkeit des Besiegten zu schauen
erwartet hatte - hier lrmte und jubelte in der Mittagssonne aller farbige
Leichtsinn des Lebens. Da war ein frhliches Gewimmel von Jgern und Falknern,
von huschenden Windspielen und klffenden Jagdhunden, von scharlachfarbenen
Einrssern und ritterlichen Herren in reichem Hofkleid, von Gauklern, Musikanten
und geschmckten und geschminkten Weibern. In den groen Hallen, die den Hof
umgaben, waren Tische zum Mahl gestellt. An gesonderten Tafeln hatten jene
Fremdlnder, die zu Herzog Ludwig gekommen waren, um Ritterschaft zu suchen,
sich landsmnnisch zusammengetan. Whrend die Tafelmusik den Lrm
durchschrillte, wurde an dem einen Tisch franzsisch geschwatzt, am anderen
italienisch; hier flmische Laute, dort das wunderliche Wortgesprudel der
Ungarn. In einer Ecke der Halle saen die Edelleute der Salzburgischen und
Berchtesgadnischen Hilfstruppe.
    Neben dem mrrisch dreinschauenden Hauptmann Hochenecher pokulierte
schwatzlustig der junge Sigwart von Hundswieben mit dem Chorherrn Jettenrsch.
Der Krieg und das emsige Suchen nach Ritterschaft hatte die beiden so sehr
verwildert, da von dem geistlichen Stande, dem sie angehrten, nimmer viel an
ihnen zu merken war. Den zwei vergngten Freunden gegenber hielt ein
Fnfzigjhriger eine hbsche, kichernde Weibsperson auf den Knien und tuschelte
ihr Spae ins Ohr, ber die auch dieses geschminkte Laster noch zu errten
drohte. Er war wie ein eitler Jungherr gekleidet, obwohl ihm der zierlich
gestutzte Knebelbart schon zu ergrauen begann; die blauroten derchen des
Trinkers berkruselten seine Wangen, und in den grauen Augen glnzte eine
freche Lustigkeit. Es war der Chiemseer Chorherr Hartneid Aschacher, der vor
neunzehn Jahren aus dem Stift zu Berchtesgaden hatte verschwinden mssen.
    Einem jungen, sonngebrunten, ernstblickenden Kriegsmarine, der ber
schmuckloser Kleidung den spiegelblanken Brstling einer flmischen Rstung
trug, schienen die Tafelspe des Chiemseers zu mifallen. Schweigend erhob er
sich vom Tisch und trat aus der khlen Halle in den sonnigen, von heiterem Lrm
erfllten Hof hinaus. Bei raschem Gange knappte er ein bichen mit dem linken
Bein.
    He, Someiner! rief der Chorherr Jettenrsch. Wohin denn?
    La ihn laufen! wehrte der junge Hundswieben. So ein muckischer
Spielverderb! Der tt besser nach Burghausen taugen als nach Ingolstadt.
    Lampert, der diese Worte noch gehrt hatte, drehte das Gesicht, kam zurck
und sagte ruhig: Hundswieblin! Jetzt sind wir des Herzogs Leut und haben kein
Recht ber uns. Sagst du aber ein zweites Mal so ein Wort, so denk ich nimmer,
sondern schlag dich mit der Faust unter den Tisch hinunter.
    Der junge Hundswieben wollte vom Leder ziehen. Aber Jettenrsch, whrend
Hartneid Aschacher lustig hetzte, fate den Erbosten am Arm. Und Hauptmann
Hochenecher nahm Lamperts Partei und sagte: Recht hat er. Das ist ein Mensch.
Wo die Ferken schmatzen, ist ihm nit wohl. Mir auch nit. Er hngte sich in
Lamperts Arm und verlie mit ihm die Halle.
    Hundswieben und Aschacher fingen zu lrmen an. Ihr Geschrei ging unter in
dem spannungsvollen Aufruhr, den der Eintritt des brandenburgischen Boten
erregte.
    
    Um die Mittagsstunde hrte man in Herzog Ludwigs Stube, die whrend der
letzten Wochen minder kostbar geworden war, nach langer Zeit zum ersten Male
wieder jenes helle, krftige Lachen. Ganz so hell und frhlich wie frher klang
es freilich nickt. In der erlsenden Freude, die da gekommen war, bitterte auch
ein Tropfen Demtigung und rger. Aber es war doch ein Lachen, bei dem der alte
Gleslin mit frohem Verwundern aufblickte. Der Lautenspieler Nachtigall
unterbrach die kunstvolle Weise, die er im Erker klimperte; und weil er seinem
Frsten eine whlende Gedankenarbeit ansah, verhngte er die Kfige der
zwitschernden Vgel; die kleinen Snger wurden stumm, und da war nun ein
wunderlich bedrckendes Schweigen in der Stube.
    Prinz Ludwig, der in einer Fensternische sa und an den Fingerngeln bi,
sah den froherregten Vater an und wurde bla bis in die Halskrause. Seine Augen
forschten, whrend er langsam den migestalteten Krper aufrichtete. Lchelnd
machte er ein paar von seinen wippenden Kferschritten gegen den Herzog, der dem
alten Gleslin das Pergament des Brandenburgers ber den Tisch hinberreichte:
Gleslin? Wie gefllt dir das? Wieder lachte Herr Ludwig.
    Mit zrtlichem Augenaufschlag lispelte der bucklige Knabe: Mein geliebter
Vater scheint Botschaft erhalten zu haben, die gut ist?
    Ja, mein Honigwrmchen! erwiderte der Herzog, halb heiter, halb in Zorn.
Diese Botschaft ist fr mich so gut, da sie dich schwermtig machen knnte.
Drum verschweig ich sie dir. Wolltest du nicht heute mit dem Sperber reiten? Es
soll dir gestattet sein. Der Prinz lchelte, whrend in seinen Mundwinkeln das
Zucken eines leidenden Kindes war. Die Sonne brennt. Mein Sperber ermdet
leicht in der Hitze. Ich will warten auf einen khleren Tag. So tu, was du
willst! Der Herzog deutete nach der Tr. Ich gebe dir Urlaub.
    Stumm, den groen Kopf zwischen die gekrmmten Schultern ziehend, wippte
Prinz Hckerlein durch die Stube. Auf der Schwelle, schon halb verborgen von den
Brokatvorhngen, drehte er sich beim Komplimentieren wie ein ungeschickter
Tnzer und warf dem Lautenschlger Nachtigall einen funkelnden Blick zu. Herr
Ludwig, der diesen Blick nicht sehen konnte, sagte hart: Gott erlse uns von
allem bel! Drauen vor der Tre knurrten die beiden Doggen. Hrst du,
Gleslin? Sie hassen ihn. Er tat einen scharfen Pfiff. Lrmend kamen die zwei
groen Hunde in die Stube gefahren und sprangen mit Gewinsel an der hohen
Gestalt des Herzogs hinauf. Er liebkoste ihre schnen Kpfe. So! Jetzt legt
euch wieder! Ihr meine Getreuen! Die Bracken, als htten sie jedes Wort ihres
Herrn verstanden, gingen Seite an Seite und mit ruhigem Schritt aus der Stube.
In den Augen des alten Gleslin war ein tiefer Kummer. Was er da zwischen Vater
und Sohn hatte spielen sehen, lie ihn fast des wichtigen Pergamentes vergessen,
das er zwischen seinen drren, zitternden Hnden hielt. Der Herzog mute
nochmals fragen: Also? Wie gefllt dir das?
    Gleslin sah das Blatt an. Erst nach einer Weile konnte er antworten: Herr,
das ist die Rettung.
    Das ist mehr! Nicht nur die Rettung aus meiner Klemme. Auch ein Wegweis zu
neuem Aufstieg. Es wird mir hart, dir einzugestehen, da du recht hattest,
damals, als ich losschlug wider deinen Rat. Aber Wahrheit geht durch alle
Greuel, ohne den Saum ihres Kleides zu beschmutzen. Ja, Gleslin, er ist ein
Starker. Jetzt wei ich, da er auch gut ist. Drum mute er mich besiegen, der
ich stark war und bsartig bin. Ich will lernen von ihm.
    Ein Aufatmen hob die Schultern des Greises, whrend Herzog Ludwig nach dem
Pergamente griff, um wieder zu lesen, was seine Rettung war.
    Eine kurze Botschaft: Friedrich von Zollern trug sich als Mittler zwischen
Loys und Heinrich an, der es redlich meine und eine Verstndigung zwischen
Ingolstadt und Landshut als notwendig und hilfreich erkenne. Die Botschaft
schlo mit den Worten: Ehe wir handeln wegen des anderen, wollen wir das Unsere
reinlich in Ordnung bringen. Ich biete dir abermals die Hand zum Frieden. Willst
du? Herr Ludwig antwortete: Ich will nicht. Aber ich mu. Du bist der
Strkere.
    Den reichbeschenkten Boten, der diese Worte nach Nrnberg davontrug,
begleitete des Herzogs Vizedom Brunorio von der Leiter, um mit Zollern den
Frieden abzuschlieen und wegen der Shne zu verhandeln, die Herzog Heinrich fr
seine meuchlerische Tat von Konstanz leisten sollte. Gegen die sechste
Nachmittagsstunde ritten sie mit verschwenderisch ausgestattetem Geleit davon.
Auer dem Herzog, dem alten Gleslin und dem getreuen Nachtigall wute niemand zu
Ingolstadt, welche Botschaft da getragen wurde. Wieder glnzte ein goldroter
Abend durch die Scheiben des Erkers herein, in dem der Lautenspieler seine
klingende Kunst erwies. Herzog Ludwig, whrend er rastlos durch die Stube
wanderte, mute Musik hren, um des frohen Aufruhrs Herr zu werden, der ihn
erfllte, und um die wirbelnden Plne dieser Stunde zu ordnen. Was jetzt vor ihm
lag, war neues Leben, neue Macht. Das wiederholte Friedensgebot des deutschen
Knigs? Die mit der Hlle spielenden Drohungen des ppstlichen Legaten Branda?
Gleslin? Sind das Dinge, die mich bezwingen? Das deutsche Knigtum ist ein
leerer Sack. La ich Gold hineinschpfen, so kann ich mich draufsetzen. Und die
Hlle ist eine zweifelhafte Sache. Da spar ich mir die Neugier auf eine sptere
Stunde, die alle Nsse knackt. Jetzt leb ich wieder. Und so lang ich lebe, will
ich mit festen Fen auf meiner Erde stehen. Jetzt hab ich nur noch einen Feind,
der mir Sorge macht. Meinen Sohn und Erben! Herr Ludwig sah zur Tre hin.
Diesen Honigwurm mu ich in eine Wabe setzen, die er hrter als Stein und Eisen
finden soll! Dann will ich wider die minder Gefhrlichen tun, was notwendig und
hilfreich ist - wie diese kleingewordene Laus von Burghausen sagt.
    Gleslin, der die Gedanken seines Herrn erriet, begann in Sorge zu warnen,
noch ehe der Herzog den keimenden Plan dieser Stunde deutlich ausgesprochen
hatte: gegen die Vettern zu Mnchen, die ihn bitter bedrngt und schwer
geschdigt hatten, alle Reste seiner Macht zu einem schnellen und vernichtenden
Schlag zu sammeln, jetzt, da er durch den Frieden mit Fritz von Zollern von
seinem gefhrlichsten Gegner im Rcken erlst war und auch des anderen ledig
wurde, der unttig zu Burghausen sa und ngstlich um seinen dnnen Hals zu
feilschen begann.
    Herr! Herr! jammerte Gleslin. An diese friedsame Unttigkeit zu
Burghausen glaub ich nicht.
    Da magst du recht haben! Eine Laus kann das Beien nicht lassen, solange
sie nicht geknickt wird! Herr Ludwig hatte wieder vllig sein frohes Lachen von
ehedem. Drum will ich mich vorsehen und die gnstige Stunde ntzen, die mir
heute kam. Das ist meine Stunde, Gleslin! Vor einem Jahr warst du der Klgere.
Das hab ich eingesehen. Heute bin ich es. Und das sollst du begreifen mssen.
Nein, schweige! Oder du wirfst mir mit deiner ngstlichkeit eine neu erstehende,
schne Welt ber den Haufen. Jener Kleine von Burghausen mchte Dach sein.
Dieses in Treue trichte Mnchen ist seine tragende Mauer. Schmei ich die Mauer
nieder, so fllt das Dach. Dann habe ich Ruhe fr immer.
    Gleslin warnte und flehte in der zitternden Schwche seines Alters.
    Doch dieser Lachende wuchs mit jedem Worte fester in seinen neugeborenen
Willen hinein. Ich schlage los, sobald ich viertausend Helme ins Feld stellen
kann. Vor meinem Haupthaufen schick ich meinen Verllichsten voraus, den
Hauptmann Wessenacker. Der soll mit einem Handstreich das gute Mnchen nehmen.
Da reichen siebenhundert Pferde. Die Zeit hat Rosen fr mich, dieweil sie
verblhen fr die anderen. Ich wei, das Volk von Mnchen grollt mit seinen
Herren um der schweren Steuer willen und ist mde des Fechtens. Mir waren die
Mnchener immer gut. Weil sie gesunde Menschen sind, lieben sie das Starke und
Frohe. Sie werden zu mir stehen, sobald der Wessenacker die erste Mauer
niederstt. Das soll geschehen am Tage vor Matthi. Mein Heiliger, Gleslin,
mein Heiliger! Der hlt zu mir!
    Dem gewaltttigen Strom dieser Worte stand Gleslin hilflos gegenber. Mit
Trnen in den Augen, keines Wortes mchtig, fate er den durch die rote Sonne
schreitenden Frsten am Sammetrmel.
    Diese krperliche Berhrung schien Herr Ludwig bel zu vermerken. Doch rasch
bezwang er den aufsteigenden Jhzorn, sah den erschrockenen Greis freundlich an
und sagte heiter: Aber Gleslin! Sei doch nicht wie ein feuchtes Mdel! Du! Ein
Mann in trockenen Jahren! Er wurde ernst. Und jetzt ein Ende! Ich hab's
gesagt. Es wird geschehen. Vom Blutglanz des Abends umwoben, trat er zum Erker
hin. Nachtigall! Spiel! mir das frohe Liedchen, das ich liebe! Heut soll es mir
singen von meinem erneuten Glck. Ein feines, gaukelndes Saitengezwitscher. Und
whrend Gleslin auf einen Sessel hinsank und die schwachgewordenen Knie zittern
lie, stand Herzog Ludwig hoch und straff an die Mauerkante des Erkers gelehnt
und sah unter glubigen Trumen hinaus in das rote Feuer des versinkenden Tages.
    Noch in der Nacht begann das fieberhafte Rsten. Unter den Lehensleuten
wurde die Rede ausgegeben, Herzog Ludwig, um den deutschen Knig zu vershnen,
erflle einen frommen Wunsch des Gesalbten und rste einen Heerhaufen wider die
bhmischen Ketzer, die in drohenden Schwrmen gegen die Ostgrenze der
frnkischen Lande herandrngten. -
    Eines Tages - der nicht khl war, sondern eine brennende Sonne ber den
wolkenlosen Himmel heraufschickte - zog Prinz Hckerlein zur Flugjagd aus, auf
der Faust den empfindlichen Sperber, der schon am Morgen vor Hitze schmachtete.
Sieben Falkner, denen Herr Ludwig die Jagdpferde versagt hatte, begleiteten den
Prinzen als unberittene Jagdgesellen. Und zur Bewachung des Honigwurmes ritten
auf guten Gulen sechs rote Einrsser mit aus, unter Fhrung des getreuen
Nachtigall. Der sa auf einem von des Herzogs flinksten Jagdrossen und trug
nicht wie sonst die Laute, sondern war gepanzert und hatte eine scharfschieende
Armbrust.
    Lange vor Abend kam die Jagdtruppe des Prinzen, der in grimmiger Laune zu
sein schien, in das Schlo zurck. Der Herzog, als er den Zug erscheinen sah,
wurde stutzig. Die Jger brachten keinen Reiher, auf der Faust des Prinzen
fehlte der Sperber, einer von den Falknern war verschwunden, und Peter
Nachtigall, der um sein Pferd gekommen, wanderte sorgenvoll hinter den sechs
Einrssern einher, die den Prinzen umgaben.
    Auf der Treppe trat Ludwig dem Sohn entgegen. Der fing beim Anblick des
Vaters zu weinen und zu schreien an, beschuldigte den Nachtigall des
heimtckischen Mordes an seinem Sperber und forderte als Shne, da man dem
Missetter die Hnde vom Leib herunterhacke.
    Der Lautenspieler stammelte: Gndigster Herr, ich bin unschuldig.
    Da wurde der Bucklige von solchem Jhzorn befallen, da er Krmpfe bekam,
sich in grlichen Zuckungen auf dem Boden wlzte und unter gellendem Geschrei
mit den Fusten gegen den Kmmerer Wolfl Graumann und gegen die Lakaien
losschlug, die ihn zu seiner Stube trugen.
    In den Augen des Herzogs funkelte das Mitrauen. Er wute, da der Honigwurm
dieses ble Leiden auch sehr geschickt zu spielen verstand, um einer unbequemen
Zwiesprache mit dem Vater zu entrinnen. Stumm klammerte Herr Ludwig die Faust um
den Arm des Lautenspielers, zog ihn zu einem Fenster hin und sah ihm forschend
in das erblate Gesicht.
    Rede! Was war da?
    Herr, ich bin unschuldig -
    Der Herzog schrie: Du sollst mir sagen, was geschehen ist.
    Der Sperber hat wegen der Hitze den Flug verweigert. Wir sind im Wald
gelegen, um den khleren Abend herzuwarten. Der Sperber hat arg geschmachtet.
Und weil der gndigste Prinz sich grob um den edlen Vogel gesorgt hat, hab ich
gemeint, man mte dem Sperber ein Bad geben. Ich selber hab in meiner
Eisenschaller das Wasser geholt. Aber mich hat der gndigste Prinz dem Vogel nit
in die Nh gelassen.
    So?
    Der Falkner Laitzinger, des Prinzen Liebling, hat den Sperber baden mssen.
Und da ist geschehen, ich wei nit, was. Eh man ein Vaterunser htt beten
knnen, ist der Vogel umgestanden. Und der gndigste Prinz, in der ersten Wut,
haut mit den Fusten auf den Laitzinger los. Der will entrinnen. Da zieht der
gndigste Prinz das Waidmesser und will den Buben niederstechen. Und der, mit
Geschrei, auf meinen Gaul hinauf!
    Auf deinen Gaul? Auf den besten?
    Wohl, Herr! Und davon wie der Teufel!
    Und du?
    Ich spring nach meiner Armbrust. Aber da hat schon der gndigste Prinz mein
Schiezeug in Hnden -
    Und fehlt den Buben? Mit jedem Bolz, der in deinem Leder war? Nicht? Nicht?
Nicht? Herr Ludwig lachte in Zorn.
    Wohl, gndigster Frst! Der blasse Lautenspieler machte erstaunte Augen.
Sechsmal hat er daneben geschossen -
    Sechsmal einen Gaul und Reiter fehlen? Der? Und schiet den Spatzen vom
Dach herunter, den Fasanengockel aus der Luft!
    Herr, ich hab mich selber verwundert. Zwei von den Einrssern, die zwei
verllichsten, hab ich als Hter bei dem gndigsten Prinzen gelassen. Mit den
anderen bin ich hinter dem flchtigen Buben hergehetzt -
    Der verschwunden war?
    Kleinlaut nickte der Lautenspieler: Wohl, Herr! Und da hat mich der
gndigste Prinz in Zorn beschuldigt, mit dem Wasser in meiner Eisenschaller htt
ich den Vogel vergiftet - da der Prinz sich rgern mt und mein gndigster
Herr was Lustigs zu lachen htt.
    Nachtigall? Herr Ludwig fate mit seiner wuchtigen Faust den blassen,
zitternden Menschen an der Schulter. Nachtigall? Bist du falsch?
    Jesus, Herr -
    Oder bist du bei deiner hundertmal erprobten Schlue doch so ein Rindvieh
des Lebens wie viele Musikanten?
    Der Lautenspieler atmete erleichtert auf und sagte drollig: Jetzt schimpft
der gndigste Herr, da zrnt er nimmer.
    Dir? Nein! Mit der Dummheit mu man gtiges Erbarmen haben. Nachtigall?
Herr Ludwig nahm den Musikanten beim Ohr. Hast du denn wirklich nicht gemerkt,
da diese ganze Sperbergeschichte ein abgeredetes Ding war? Eine gut gespielte
Komdie meines holden Herzkfers? Mit seinem Liebling Laitzinger? Und da da
eine Botschaft fortging? Welche? Ich kann's nicht raten. Wohin? Ich wei es
nicht. Er lachte ber das hilflos verblffte Gesicht des Nachtigall. Erschrick
nit, mein guter Peter! La ihn spinnen, was ihm taugt. Meine Faust ist strker
als seine kleinen, krummen Fden sind. Er wei nur immer das Halbe. Und das
Beste dieser Tage - das kennen nur ich, der Gleslin und du! Der Herzog wurde
ernst. Das ist sicher vor den Fledermauszhnen meines lieben Kindleins. Ein
kurzes Besinnen in whlendem Unbehagen. Dann wieder ein Lcheln. Vielleicht nur
eine Weibergeschichte? Kann sein, er knappert in seines Leibes Armut an einem
Kuchen, den ich beiseite schob? Und will es verbergen vor mir?
    Rasch flsterte der Lautenspieler: Ob's nicht die rote Brbel ist, die der
gndigste Herr nach Neuburg verschickt hat?
    Die? Nein! Herr Ludwig wurde heiter. Die hatte die gradgewachsenen Tiere
lieb und konnte nie eine Spinne sehen. Dieses Wort schien ihn zu reuen, kaum es
gesprochen war. In seinem Gesichte stritt der rger ber sich selbst mit dem
Mitrauen gegen den Sohn. Einer vterlichen Regung des Augenblicks gehorchend,
lie er den Musikanten stehen und ging mit raschen Schritten durch den Korridor
auf die Stube des Prinzen zu.
    Vor der Tre standen die verschchterten Diener, die Prinz Hckerlein aus
seinem Schlafzimmer verjagt hatte.
    Als der Herzog eintrat, lag der Bucklige halb entkleidet auf dem seidenen
Bett und hielt wie ein Toter die blassen, durchsichtigen Lider geschlossen.
Dicker, weier Schaum quoll ber die Lippen heraus, und ein heftiges Zucken lief
ber den migestalteten Krper hin, der in dieser halben Todeshnlichkeit von
erschreckender Hlichkeit war.
    Nein! Das kann man nicht heucheln! Ob diese Sperbergeschichte und die Flucht
des gengstigten Falkners vor einem mrderischen Jhzorn nicht doch eine
ehrliche Sache war? Und im Zorne zittern die Hnde, da auch dem besten Schtzen
die Bolzen nicht fliegen, wie er will. Und dieser selige Sperber? War er nicht
das einzige Geschpf, fr das in dieser menschlichen Migestalt so etwas wie
Liebe wohnte? Man kann um trichter Dinge willen nicht das einzige tten, an dem
man mit Liebe hngt. Das kann auch der da nicht! Obwohl er sich auf ble Dinge
versteht. Der Sperber starb. Und aus Kummer um den geliebten Vogel mu dieser
Unglckliche leiden an allem Elend seines verkrmmten Krpers. Mit diesem
Glauben erwachte in Herzog Ludwig das Erbarmen des Vaters. In Sorge, fast
zrtlich, schob er den Arm unter den unfrmigen Kopf des Prinzen und versuchte
ihn aufzurichten.
    Die Gliederzuckungen des Buckligen erloschen. Er tat einen tiefen Atemzug.
Doch er blinzelte erst vorsichtig unter den Lidern hervor, bevor er sie vllig
aufschlug. Seine Augen gingen noch irr, whrend er klagend fragte: Was war mit
mir?
    Ich mute sehen, da du leidest. Denk nimmer an den Sperber! Ich schenke
dir den schnsten von meinen Falken. Ist dir besser?
    Ich glaube, ja! Ein seelenvoller Blick. Viel Dank, lieber Vater! Der
Prinz versuchte sich zu erheben.
    Nein! Bleib ruhig liegen! Man soll dich pflegen, wie es ntig ist. Ich
lasse dir meinen Leibarzt holen. Herr Ludwig ging rasch zur Tre.
    Whrend drauen des Herzogs laute, befehlende Stimme klang, spuckte Prinz
Hckerlein den weien Seifenschaum, den er noch reichlich im Munde hatte, hinter
das seidene Bett, huschelte sich in gekrmmter Lage auf die Kissen nieder und
kicherte spttisch gegen die Tre hin:
    Matthi? Dein Heiliger, glaubst du? Ob's nicht der meine wird?

                                       6


Der Falkner Laitzinger, der sich bei Tag verstecken mute, hetzte in den kurzen
Sommernchten das gute Ro des Peter Nachtigall zuschanden. Dreimal war er auf
diesem flinken Sattel den Straenrubern entronnen. Zu Ende der fnften Nacht,
zwischen Ampfing und Mhldorf, brach der erschpfte Gaul zu Boden und stand
nimmer auf. Laitzinger mute laufen. Immer hielt er sich in den Wldern, den
ganzen Tag, schlug sich durch Dickungen und watete durch Moor und Sumpf. Zu Tod
erschpft, dem Verhungern nahe, in zerrissenen Kleidern, mit Schlamm behangen,
sah er am sinkenden Abend von der Raitenhaslacher Hhe die Pfannenfeuer flammen,
die man zu Burghausen entzndete, um die Arbeit am Hunds-Trring auch in den
Nachtstunden vorwrts zu bringen.
    Laitzinger wollte ber das steile Waldgehnge hinunterklettern. Da kam von
der Saalach ein klirrender Reiterzug die Strae herauf. Herzog Heinrich, von
seinem ehrlichen Fieberanfall noch nicht vllig genesen, machte seinen
abendlichen Erquickungsritt. Seine Leibtrabanten, an die vierzig Harnischer,
waren ihm Schutz und Gefolge. Zwei mit Wachsfackeln ritten voraus.
    Der Falkner hatte kein schweres Raten: Dieser kleine, flinke, braune Herr,
der gesondert von den anderen trabte, trug an seinem zierlichen Leibe die Hand,
fr die das winzige, mit Schwei durchtrnkte, an einer Silberschnur um den Hals
des Laitzinger gesiegelte Rllchen bestimmt war.
    Als der schmutzige, zerlumpte Strolch so jh aus den Stauden schnellte und
auf den Herzog zusprang, wollten die Harnischer mit dem Eisen dreinschlagen.
Botschaft fr den Herzog, kreischte der Falkner, von seinem besten Freund.
Er streckte die leeren Hnde hoch. Ich bin ohne Waffen.
    Herr Heinrich, der ein bichen erschrocken war, befahl: Nremberger,
Ramsauer! Fat den Kerl an den Hnden! Er musterte beim Fackelschein den vor
Erschpfung Zitternden. Von meinem besten Freund? Das ist gelogen. Unter
Frsten und Herren hab ich nur einen Freund. Der bin ich selber. Wer ist der
Wunderliche, den du meinst?
    Ich hab schwren mssen, da ich schweig. Die Botschaft ist um meinen Hals
gesiegelt. Nur Ihr allein, Herr, drft sie lsen von mir.
    Auf einen Wink des Herzogs sprang Malimmes vom Gaul und entblte die Brust
des Laitzinger. Herr Heinrich schnitt mit seinem Dolche die silberne Schnur an
des Falkners Hals entzwei, wickelte das mrbe, feuchte Rllchen auseinander und
las bei der Fackelhelle. Er wurde bleich, und sein Gesicht verzerrte sich. Mit
funkelnden Augen beugte er sich aus dem Sattel herunter und sah dem Boten ins
Gesicht. Und las wieder. Heim! Seine Stimme schrillte. War's Zorn? Oder wilde
Freude? Hebt ihn hinter dem Jul auf den Gaul hinauf. Zwei magere Buben machen
den Falben nicht md. Und fort! Fort! Heim! Der Herzog hatte sein Ro gewendet
und lie es jagen. Die Harnischer muten ihre schlechteren Gule treiben. Bei
dem schnellen Ritt wehten die Fackelflammen, da sie zu erlschen drohten.
    In diesem zuckenden Wechsel von Dunkelheit und Helle sa der Bote hinter Jul
auf dem Falben und hielt die Arme um den jungen Reiter geklammert.
    Malimmes, in einer galligen Verdrossenheit, murrte dem Runotter zu: Guck!
Dem Jul ist ungemtlich. Das pat, ihm nit, da der ander die Arm so fest um ihn
her hat.
    Der Ramsauer nickte, neigte sich im Ritte gegen den Sldner hin und
flsterte: Ich selber merk's. Und das ist seltsam. Frher einmal - ich wei
nimmer, wann - ist ein Maidl gewesen, das allweil ein ltzel gebubnet hat. Jetzt
seh ich einen Buben, der maidelen tut.
    Ein rauhes Lachen. Und Malimmes schlug seinem Gaul die Sporen in den Leib,
lie ihn ein paar Stze nach vorwrts machen, fate mit eiserner Faust den Boten
am Nacken, ri ihn von dem scheuenden Falben zu sich auf den Ingolstdter
herber und hielt ihn umklammert, da der Laitzinger sthnen mute. Gelt, du?
Bei mir ist das Hocken ein ltzel grber.
    Es wurde Nacht, bis der Reiterzug ber die letzte Brcke hineinklirrte unter
die Hallendcher des Schlohofes.
    In der groen, vielfenstrigen Stube brannten die Kerzen. Nikodemus sa mit
vier Schreibern am Tische. Als Herr Heinrich so zu Tre hereinstrmte, wie er
aus dem Sattel gesprungen war, in Panzer, Mantel und Helm, da merkte der
Kahlkpfige gleich, da ein schweres Ding sich ereignet hatte. Er schickte die
Schreiber aus der Stube und fragte erschrocken: Herr?
    Der Herzog sah mit blitzenden Augen die Spruchbnder an der Mauer an, lachte
grell und rief ber die Schulter: Den Kerl herein!
    Die vier Harnischer, die seit dem Winter immer um seine Person waren -
Malimmes, Runotter, Jul und ein alter Doppelsldner - brachten den Laitzinger in
seinem Schmutz und seiner bleichen, zitternden Angst ber die Schwelle und
fhrten vor den Herzog hin. Drei von diesen vieren schienen sich bei dem Vorgang
nicht aufzuregen; sie hatten gleichgltige, strenge Gesichter. Doch in den
groen heien Augen des Jul war ein scheues Erbarmen mit dem jungen Menschen,
der sich vor Angst und Erschpfung kaum noch auf den Beinen erhalten konnte.
    Schweigend hatte der Herzog seinem Rat das kleine, mrbe, zerknitterte
Pergament gereicht; und schweigend, mit vorgebeugtem Gesicht und unter raschen
Atemzgen wartete er, bis Nikodemus gelesen hatte.
    Der Kahlkpfige betrachtete das Blatt, sah verdutzt den Herzog an und las
wieder.
    Nun?
    Nikodemus hob stumm die Schultern.
    Kennst du diese Schrift?
    Das ist zierlich gemalte Klosterschrift, die keine Hand erkennen lt.
    In Zorn geratend, drngte der Herzog: Und die Botschaft? So rede doch!
    Herr! Die mu man mit Vorsicht beschauen. Das kann ein furchtbares Ding
sein. Aber auch ein dummer Schabernack.
    Dreck oder Gold! Herr Heinrich nickte: Gold, wenn ich wei, von wem die
Botschaft kommt. Er ging mit flinkem Schritt auf den Laitzinger zu. Hast du
Kenntnis von dem Inhalt dieses Blattes?
    Der Bote schttelte den Kopf.
    Wer hat dich geschickt?
    Herr, ich hab auf das heilige Brot geschworen, da ich schweig.
    Da lchelte Nikodemus. Als Priester sag ich dir: Erzwungener Eid ist
keiner, Reden aus Zwang ist Schweigen. Ich absolviere dich.
    Und bleibst du schweigsam, fiel Herr Heinrich ein, so la ich dich auf
die spanische Bank legen und schicke dich morgen mit diesem Blatt nach
Ingolstadt zu meinem Vetter Loys. Dann wird der dich fragen.
    Der Bote schlo die Augen und wankte, da man ihn sttzen mute.
    Redest du aber, so sollst du leben bei mir wie einer, der mich beschenkte
mit einer unbezahlbaren Kostbarkeit.
    Laitzinger tat die verstrten Augen auf und kmpfte in seiner verlorenen
Seele einen langen, stummen Kampf. Dann keuchte er: Lat mich leben, Herr! Ich
will es Euch ins Ohr sagen.
    Gierig streckte Herr Heinrich den Hals. Und Laitzinger flsterte am Ohr des
Herzogs. Ein paar Worte nur.
    Erschrocken wich Herr Heinrich zurck. Und whrend er sprachlos stand, war
Entsetzen in seinen Augen. Den Arm des Kahlkpfigen umklammernd, stammelte er:
Nikodemus! Ich bin nicht der belste der Menschen. Es gibt noch Dinge, die auch
mich empren. Mit jagendem Schritt verlie er die Stube. Und eilte durch den
kahlen Gang zu einer Tre, vor der zwei Harnischer auf Wache standen. Als er im
Geklirr seines Stahlkleides den kleinen dmmerigen Raum betrat, der von einer
verschleierten Ampel nur matt erleuchtet war, erwachte der schlafende Knabe. Der
Herzog ri ihn aus den Kissen und schttelte heftig das feste, gesunde
Krperchen. Du! Du! Wirst du mich auch einmal verraten? Er sah nicht das
blasse Gesicht der Wrterin, sah nicht die Herzogin in ihrem Schreck. Nur immer
die Augen seines Kindes sah er an, diese noch schlaftrunkenen und doch schon
neugierigen Knabenaugen. Der kleine Hemdschtz wollte unter dem harten Griff der
gepanzerten Fuste ein bichen greinen. Aber da erkannte er den Vater, lachte,
schlang die rmchen um Herrn Heinrichs Halsberge und sagte munter: Gut Nacht,
Vatti! Denk des Lllloys!
    Ich denke! Herr Heinrich hielt an seiner eisernen Brust das Kind
umschlungen. Gott! Schicke mir alles ble, ich hab's verdient. Nur dieses Eine
nicht! Dieses Frchterliche! Da mein eigen Kind mich verrt! Nun war er ruhig.
Er kte und, herzte den Knaben, schwatzte lustig mit ihm, huschelte ihn auf die
Kissen hin und deckte ihn sorglich zu. Schlaf, mein Jung! Schlaf nur wieder!
Ich arbeite fr dich. Ohne der bleichen, zitternden Frau einen Blick zu gnnen,
verlie er die Kammer.
    Als er wieder in die groe Stube kam, legte er den Helm, das Schwert und den
Mantel ab und lie sich von Malimmes die Wehrstcke herunterschnallen. Dabei
sagte er zum Laitzinger, der zitternd auf einem der dreibeinigen Sthle sa,
weil ihn, seine Knie nicht trugen: Deine Botschaft ist Gold geworden. Aber du
hast nur halb geredet. Jetzt rede ganz! Wieviel Helme kann der Vetter zu
Ingolstadt noch aufbringen? Wer steht noch zu ihm? Wer ist in Ingolstadt?
    Der Laitzinger schtzte den Rest von Herzog Ludwigs Macht auf dreitausend
Helme. Und zhlte die Namen der fremden Herren auf, die nach Ingolstadt gekommen
waren, um Ritterschaft zu suchen. Und nannte die Verbndeten, die dem Herzog mit
Hilfstruppen zugezogen waren, nannte den Kaspar von Trring, den Hochenecher von
Salzburg, den Bischof Engelmar und den Chorherrn Hartneid Aschacher von
Chiemsee, den Frstpropst Pienzenauer und den Ritter Lampert Someiner von
Berchtesgaden.
    Der Herzog nickte heiter vor sich hin. Dann sah er ein bichen verwundert
den Runotter und den jungen Harnischer an. Doch um Erregung und Sturm in den
Gesichtern seiner Leute pflegte sich Herr Heinrich nicht viel zu kmmern. Und
was er in den Augen dieser beiden sah und im brennenden Gesicht des Malimmes,
das deutete er als kriegsmnnische Ahnung der Dinge, die jetzt kommen wrden.
Ja, Leut! In seiner Stimme war ein frhlicher Hohn. Arbeit kommt. Die letzte.
Dann wollen wir uns als friedsame Seelen des schnen Lebens freuen! Er wurde
ernst und betrachtete den Laitzinger. Du! Man wird dich speisen und kleiden,
wird dich ruhen lassen, bis du nimmer zitterst. Ich schenke dir als Botenlohn
einen Waldhof im Innviertel, mit Knechten, Vieh und Feldern. Morgen wird man
dich hinbringen. Dort lebe! Ich mag dich nimmer sehen. Fort mit ihm! Er wandte
sich von den Harnischern, die den Laitzinger aus der Stube fhrten. Und lachend
fate er den Kahlkpfigen an der Schulter. Nikodemus! Dieser andere ist der
Starke. Ich bin der Kleine, bin seine Laus. Aber bei ihm ist Verrat und
Dummheit. Bei mir das Glck.
    Herr Heinrich und Nikodemus arbeiteten bis zum Morgen. Als die Sonne kam,
jagten sieben berittene Boten davon. Und whrend der folgenden Wochen verlie an
jedem Abend ein kleiner Trupp von Harnischern, die den Landfrieden bewachen
sollten, oder ein Huflein von Spieknechten mit Armbrustern, Faustschtzen und
Trowagen die Mauern von Burghausen. Alle Leute erfuhren es: Das waren
Hilfstruppen, die der Herzog Heinrich ber Mhldorf, Landshut und Kehlheim nach
Nrnberg schickte, um das Reichsheer mehren zu helfen, das der deutsche Knig
wider die Hussiten in Bhmen rstete. Als Fhrer dieser getrennt und auf
verschiedenen Wegen marschierenden Kriegshuflein whlte Herr Heinrich seine
Verllichsten; sie beschworen auf das Kruzifix die geheime Order, sich bis zum
12. September in der Nhe von Landshut zu halten, dann in Nachtmrschen auf
versteckten Wegen an Freising vorbeizuziehen und sich zwei Tage vor Matthi, am
Abend des 18. September, in den Wldern zwischen Dachau und dem Webelsbach zu
sammeln. - -
    - Knig Sigismund war zu Nrnberg eingetroffen, erlie unter Androhung der
Reichsacht ein neues Friedensgebot an die kriegfhrenden Herzge von Bayern und
beschied sie auf den 1. Oktober zu einem Frstentag nach Regensburg. Hier
sollten alle Gegner sich vershnen und einen heilsamen Frieden beschwren, um
Gott, der Kirche, dem Reich und dem Knig als deutsche Herren und fromme
Christen zu dienen. Hundert Knigsboten trugen dieses Gehei durch die
frnkischen, pflzischen und bayerischen Lande, trugen es durch verdete
Gebiete, an Verwstung und Elend vorbei, an Brandschutt und Ruinen vorber, zu
allen Herzgen, Grafen, Baronen und Kirchenfrsten, zu Lehensherren und freien
Stdten, zu Burgen und Klstern.
    Wie beim Sieben des Getreides der Staub und die Spelten durch das Gitter
fallen, so rieselte eine kleingewordene Kunde dieser Knigsbotschaft aus den
Schlssern, Klstern, Burgen und stdtischen Ratsstuben herunter in die
Brgerhuser, in die der Vernichtung entronnenen Htten des Volkes.
    Durch jene Drfer, die halb entseelt waren, aber doch mit unverbrannten
Husern noch auf der bayerischen Erde standen, ging ein Aufatmen der Hoffnung,
ein froher Schrei des Glaubens an die Rettung.
    Der deutsche Knig ist kommen und hilft den Bauren.
    Um die Mitte dieses schnen, in milder Sonne leuchtenden September, in dem
gar manche, mit Blut, Verwesungssften und Asche gedngte Blume ein zweitesmal
blhen wollte, sah man viele, viele von diesen Knigsglubigen gegen die Donau
wandern. Es waren Hunderte und Tausende, die den hilfreichen Knig sehen, zum
deutschen Knig einen Schrei ihres Elends tragen wollten. Darbend, in Durst und
Hunger, auf dem Rcken den mageren Binkel der Armut, in zermrbten Kleidern, die
Gesichter von Not und Gram zerfressen, wanderten sie auf versteckten Wegen oder
hielten sich aus Furcht vor den ritterlichen und gemeinen Straenrubern am Tage
verborgen und sprangen um so flinker in den milden, sternschnen
Septembernchten. Wo zwei und drei und mehr von ihnen zusammentrafen, redeten
sie unermdlich vom deutschen Knig, wie hochgewachsen und schn er wre, wie
freundlich, leutselig und hilfreich, wie gerecht und stark! Doch ein ltzel
ginge es auch dem Knig so wie den Bauern. Auch bei ihm wre das bare Geld ein
mageres Ding. Weil ihm die Frsten und Pfaffen alles nehmen, was er hat.
    Wenn diese heimlich Wandernden so redeten, sagten sie nur selten: Knig.
Fast immer sagten sie: Kaiser. Deutsch und Knig und Kaiser - das sind drei
Worte, die zusammengehren. Mag der rmische Papst Herrn Sigismund die Krnung
verweigern und noch zehn Jahre lang seinen feilschenden Handel um die
Kaiserkrone treiben! Der deutsche Knig trgt sie. Ob der Papst sie ihm aufsetzt
oder nicht.
    Als in einem Schwrme der Wandernden dieses Wort gesprochen wurde, nickte
ein langer, magerer Bergbauer und sagte: Was denn sonst! Seit dem Tode des
Seppi Ruechsam hatte der Fischbauer von Hintersee diese drei kostbaren
Weisheitsworte sich angeeignet, gleichsam als unverliehene Krone seiner
Albmeisterwrde.
    Neben diesen Wanderzgen des Elends und der Sehnsucht sah man auch andere
Schwrme reisen. Gauner, Gaukler und kufliche Weiber taten sich zu
Erwerbsgenossenschaften zusammen, um unter dem Sonnenglanz des kniglichen Hofes
ihre Ernte zu halten.
    Die vornehmen Herren, die auf guten Gulen ein flinkes Reisen hatten,
brauchten sich nicht so frhzeitig auf den Weg zu machen.
    Dennoch brach Herr Heinrich schon am Abend des 14. September, sechs Tage vor
Matthi, von Burghausen auf. Er tat es leider den Rat seiner rzte. Die
Erregung, die in ihm whlte, hatte sein rtselhaftes Leiden, von dem er vor
kurzer Zeit erst genesen war, wieder wach gemacht. Der Leibarzt beschwor ihn,
seiner kostbaren Gesundheit zu gedenken und die Reise zu verschieben. Mit
schnatternden Zhnen sagte der Herzog: Wr ich du, so blieb ich im Bette. Wrst
du ich, so wrdest du reiten.
    Am Morgen vor seiner Reise lag er in der Schlokapelle drei Stunden im Gebet
auf den Knien. Und erhob sich mit den Worten: Gott soll's wollen! Er stiftete
an diesem Tage drei ewige Messen: eine fr die Schlokapelle, eine fr die
Pfarrkirche von Burghausen, eine fr das Mnster von Raitenhaslach, wo seine
zierliche Mutter Maddalena Visconti begraben lag. Und dieser Sparsame, der bei
Feinden und Freunden den Namen der Filz hatte, verschenkte an diesem gleichen
Tag erschreckende Geldsummen und kostbare Kleinode an Kirchen und Klster seines
Landes und an den rmischen Stuhl.
    Am Abend, beim Anbruch der Dmmerung, begann er die Reise, als sein Stern,
der Mars, wie eine feine, rtlich blitzende Nadelspitze schon am wolkenlosen
Himmel stand. Sein Leibarzt und vier Diener begleiteten ihn. Zweihundert
Harnischer und hundert berittene Faustschtzen waren ihm Schutz und Gefolge.
Kein Trowagen ging mit. Pulver, Blei, Geldscke, Ersatz an Waffen, Zehrung,
Zeltbedarf und Kleider waren auf hundertfnfzig Maultiere und Gule gepackt, die
zwischen den Harnischern und Schtzen traben muten. Dieser Zug, der nicht
ausgerstet war wie zu einer frstlichen Prunkreise, sondern wie zu schwerem
Gefechte, wurde vom Hauptmann Seipelstorfer und vom Schtzenmeister Kuen
gefhrt, der seit den heien Tagen von Plaien groe Brandnarben im Gesicht und
an den Hnden trug. Auch diese beiden kannten den Weg nicht, den Herzog Heinrich
nehmen wollte, und waren der Meinung, es ginge nach Regensburg.
    Nur Nikodemus - der am 18. September die zwanzig Trowagen mit den
Hofkleidern, dem frstlichen Prunk und einem groen Vorrat an gemnztem Golde
nach Regensburg geleiten sollte - wute um alle Wahrheit dieser verfrhten
Reise.
    Gleich auerhalb des nrdlichen Tores von Burghausen begann Herr Heinrich
einen sausenden Trab.
    Gndigster Herr, mahnte der Seipelstorfer, ich mein', Ihr solltet um
Eurer Gesundheit willen langsamer tun. Das Glck versumt Ihr nicht. Das ist
allweil mit Euch.
    Der Herzog lachte und spornte den Gaul.
    Zwischen den Leibtrabanten, die hinter dem Frsten waren, ritten Malimmes,
Runotter und Jul. Als der Reisezug das Gehng des Salzachtales berwunden hatte
und zu freier Hhe kam, drehte Malimmes das Gesicht. Er sah die Mauern und Trme
des herzoglichen Schlosses und den vom Balkengerst umsponnenen Hunds-Trring
gegen den stahlblauen Abendhimmel ragen. Bei einem Abschied fr immer pflegen
viele Menschen zu weinen. Malimmes lachte. Und sagte mit heiterem Hohn einen
alten Vers:

Zwischen Ach, Elend und Grausen
Liegt Burghausen.

    Jul und Runotter hrten das nicht. Sie hatten auch keinen Blick fr den
lachenden Malimmes, hrten nur die Stimme, die unter ihren Krassen redete, und
hatten nur Augen fr die noch in gelbe Helle getauchte westliche Ferne, der sie
entgegenritten.
    Herr Heinrich trabte ohne Rast die ganze Nacht, neun Stunden lang. Hauptmann
Seipelstorfer gewann schon in dieser ersten Nacht die Meinung, das wre nicht
der Weg nach Regensburg. Als er eine Frage stellte, sagte Herr Heinrich mit
einem wunderlichen Gekicher: Mein alter Seipelstorfer, la du die Kinderfragen!
Kannst du dich nicht gedulden, bis ich rede, so bleibe neugierig!
    Als der Morgen hell wurde, gebot Herr Heinrich die erste Rast. Die Stelle
schien vorausbestimmt; drei Kundschafter mit abgehetzten Gulen warteten hier,
brachten Briefe und ritten wieder davon. Weit entfernt von der Strae in einem
Buchenwald, der sich schon gelblich frbte, wurde Lager gehalten und das Zelt
fr den Herzog aufgeschlagen. Aus dem Sattel hob man ihn auf das Feldbett. Der
Leibarzt mischte den Khltrank und verbrauchte fr die Waschungen eine
reichliche Menge von Essig und Wohlgerchen.
    Man schlief von zehn Uhr morgens bis zur fnften Nachmittagsstunde. Die
Gule grasten an den Pflockleinen. Als es dunkel wurde, brach man auf.
    Und so drei Nchte und drei Tage.
    Im Morgengrauen des 18. September erreichte Herr Heinrich, der whrend
dieser letzten Nacht an drei kleinen, vorsichtig ziehenden Heerhaufen
vorbeigeritten war, die Wlder zwischen Dachau und dem Webeisbache. Der Zug der
Harnischreiter und Schtzen mit den Trotieren mute lagern. Herr Heinrich lie
sich nicht auf das Feldbett heben, lie sich nicht mit Essig waschen. Er blieb
im Sattel. Nur den Becher mit dem Khltrank schlrfte er gierig aus. Er befahl:
Heute darf kein Feuer brennen. Wer Rauch macht, den la ich hngen. Und obwohl
ihm das steigende Fieber dunkelrote Flecken auf seine braunen Wangen brannte,
ritt er mit dem Seipelstorfer und sechs Trabanten davon. Unter diesen sechsen
waren die drei Ramsauer.
    Ehe die Sonne heraufstieg, kam der kleine Trupp zu einem Waldsaum, von dem
man hinuntersah in ein langes und breites Bachtal. Auch hier die schwarzen
Kohlflecken niedergebrannter Drfer. Durch das Tal bachab und bachauf war
nirgends ein Mensch zu sehen. Das Wiesengras, das man nicht eingeheut hatte,
stand hoch und welkte. Auf den Feldern waren Weizen und Hafer vom Hochwild
durchwatet und niedergetreten. Viele Rudel sah man; bei einem stand ein Hirsch
mit herrlich versteltem Kronengeweih.
    Herr Heinrich, von jh erwachender Jagdleidenschaft befallen, verga seiner
Krankheit und verlangte nach seiner Armbrust. Doch als man ihm die Waffe
reichte, hatte er die weidmnnische Gier schon niedergerungen. Er lachte: Wr
ich jetzt der Kaspar Trring, so lie ich meine Welt zugrunde gehen und schsse
den Hirsch da drunten. Aber so kleine Luse, wie ich eine bin, haben starke
Seelen. Die bringen das bermenschliche fertig. Ein spitzes Kichern. Das
kostbare Gut meiner Mnchener Vettern soll mir heilig sein. Heute.
    Die Pferde wurden tief in den Wald gestellt. Ein alter Harnischer blieb bei
ihnen. Die anderen sieben setzten sich am Waldsaum zwischen welkenden
Weidornstauden in das hohe Gras. Weil Herzog Heinrich immer nach Norden sphte,
taten es auch die sechse, die bei ihm waren. Gegen die neunte Morgenstunde sagte
Malimmes: Weit da drauen seh ich den Staub eines groen Heerhaufens.
    Nremberger! Die Stimme des Herzogs klang wie ersticktes Jauchzen. Deine
Augen sind Gold. Verlange von mir, was du willst. Ich geb's.
    Das Gesicht des Malimmes spannte sich. Dann sagte er leise gegen den Herzog
hin: So verlang ich fr mich den Gadnischen Ritter Lampert Someiner, wenn er
morgen oder bermorgen gefangen wird.
    In seltsamer Verwunderung sah Herr Heinrich auf. Mensch? Woher weit du?
    Aber, Herr! Man ist doch kein Hammel, der die Blumen erst schmeckt, wenn
sie verschluckt sind.
    Lachend nickte der Herzog und sphte wieder in die nrdliche Ferne, in der
die Staubwolke deutlicher wurde. Der Mann ist dein. Er zitterte heftig, und
immer heier brannte das Fieber auf seinen Wangen.
    Hauptmann Seipelstorfer guckte verdutzt den Frsten an, stellte aber keine
Frage. Und Runotter, mit den Fusten den Schwertgriff umklammernd, hatte um den
harten Mund ein ruhiges Lcheln; nichts anderes sah er als die graue, wachsende
Wolke in der Ferne. Er hrte auch nicht an seiner Seite diesen mhsamen Atemzug,
der wie das zerbissene Sthnen eines unertrglichen Schmerzes war. Nur Malimmes
vernahm diesen Laut. Mit ein paar flinken Stzen sprang er zu Jul hinber, lie
sich neben dem gebeugten Buben nieder und legte ihm den Arm um die Schultern.
Jul beugte das Gesicht noch tiefer gegen die stahlgeschienten Knie. Da rttelte
ihn Malimmes und flsterte: Eine Nacht und einen Tag noch! Und du leidest
nimmer. Oder wir alle liegen da drunten im Dachauer Moos. So oder so, die Ruh
finden wir allweil.
    Langsam hob Jul das Gesicht. Malimmes erschrak vor diesen irrenden, von Gram
und Sehnsucht verbrannten Augen und prete ungestm mit seinem eisernen Arm das
junge Menschenkind an sich, das krnker an seiner Seele war als Herzog Heinrich
in seinem Fieber.
    Einer von den Trabanten sah die beiden spttisch an, gab seinem Nebenmann
einen Puff mit dem Ellbogen und zwinkerte gegen Jul und Malimmes hin.
    In der nher kommenden Staubwolke, deren graue Schleier ber die Wiesen und
Felder auseinanderflossen, war schon das Waffengefunkel der Reiterschwrme zu
erkennen; bald sah man einzelne Banner, unterschied die langen Kltze des
geschlossen marschierenden Fuvolkes und den endlos scheinenden Schwanz, den
hinter dem mchtigen Heerhaufen die Trowagen bildeten.
    Herr Heinrich, dem die Zhne schauerten, beugte sich kichernd gegen den
Hauptmann Seipelstorfer hin. Jetzt frage, wo Regensburg liegt!
    Herr?
    Weit du noch immer nicht, wer da kommt? Eine groe, groe Maus. Die
hungrig ist, aber das Schlageisen nicht wittert. Gott ist gerecht, lieber
Seipelstorfer! Da drunten zwischen dem Dachauer Moos und dem Haspelmoor? Weit
du, was da den starken Loys erwartet? Die Vergeltung fr Marzoll und Piding.
Der Herzog lachte. Und der da drunten hat keinen Galgenvogel, der morgen in
fnfthalb Stunden vom Dachauer Moos nach Ingolstadt reitet. Mit leisen Worten,
die immer langsamer wurden, sprach er vor sich hin: Er ist klug, dieser starke
Loys! Sehr klug! Aber die Schwachen sind zuweilen noch klger. Und Krppel gibt
es, die zu hilfreichen Vipern werden. Was sagst du, Seipelstorfer? War das nicht
ein feiner Gedanke des Loys: die Mnchener Vettern zu zwicken, whrend die
friedsame Laus von Burghausen nach Regensburg zum Knig kriecht?
    Herr? fragte der Seipelstorfer unwillig und deutete gegen den von
Staubwolken umdampften Heerhaufen. Wissen das die Frsten zu Mnchen?
    Lchelnd schttelte der Herzog den Kopf. Die schlafen den Schlaf der
Biederen. Sie werden erwachen heut nacht, derweil sie von Frieden trumen. Er
kicherte in einem Schauer seines Fiebers. Der Wessenacker - der Beste, den der
Loys noch hat - ist gestern am Abend mit siebenhundert Gulen da drunten
durchgezogen. Jetzt liegt er an der Wrm. Wenn der Abend dunkelt, wird er
Mnchen berrumpeln.
    Seipelstorfer sprang erschrocken auf und rief: Einen Boten! Einen flinken
Boten! Malimmes -
    Da fate ihn der Herzog, dessen brennendes Gesicht sich verzerrte, mit
krallender Faust am Saum des Waffenrockes. Der Hauptmann wollte reden. Doch beim
Anblick der zornglhenden Augen seines Frsten verstummte er. Und Herr Heinrich
zog an dem Waffenrocke, bis der Seipelstorfer sich wieder ins Gras setzte. Du?
Bist du ein Kind? Ich denke, du bist ein Mann! Und der meine! Da solltest du
rechnen knnen. Fr deinen schwachen Herrn. Ein geschrpftes Mnchen ist mir
tauglicher als ein blutstrotzendes, das mir den Ellbogen und die Lende bedrckt.
Grob werden sie dreinschlagen, diese biederen Mnchener, heute nacht, wenn sie
aufwachen aus ihrem friedlichen Bierschlummer. Aber Blut werden sie lassen. Und
der starke Loys wird an Mark und Knochen verlieren. Sehr merklich. Und dann
klopfen wir ihm den mden Rcken.
    Gndigster Herr! Das wird Euch der Knig bel vermerken.
    Meinst du? Ich glaube, es gibt fr seinen Groll ein beruhigendes Pflaster.
Herr Sigismund ist wieder in der Klemme. Ich will ihm dreiigtausend Dukaten
borgen. Die reisen heute von Burghausen nach Regensburg. Herr Heinrich wollte
lachen. Aber da machte er pltzlich mit dem Oberkrper einen sonderbaren Tunker
gegen den Boden hin.
    Erschrocken griff der Hauptmann mit beiden Hnden zu, und auch Malimmes
sprang zu dem Frsten hin.
    Der Herzog hatte sich schon wieder aufgerichtet. Mit der Hand wehrte er die
Besorgten von sich ab. Seine Augen hatten den ziellosen Blick eines halb
Bewutlosen, doch seine Stimme klang fest und ruhig: Seipelstorfer! Pa auf! Am
Abend wird der Loys da drauen sein Lager machen, vor dem schmalen Hartboden,
der zwischen dem Haspelmoor und dem Dachauer Moos gegen Bruck und Alling zieht.
Da wird er warten, bis ihm von Mnchen her vier Feuersulen knden, da die
Stadt genommen ist. Manches wird gehen, wie Gott will. Eins wird kommen nach des
Teufels Wunsch. Zuweilen ist er hilfreich. Dieser Bse! Die vier Feuersulen
werden brennen um die zehnte Abendstunde. Ein ses Kinderherz wird sorgen
dafr. Und rckt der Loys in der Nacht mit seinem Haupthaufen in den festen
Landsack zwischen den Smpfen hinein, so sperrst du am Morgen der Rckweg. Hast
du verstanden?
    Herr? fragte Seipelstorfer ratlos. Mit unseren dreihundert Gulen?
    Der Herzog, der wieder taumelig wurde, antwortete heiter: Wenn es dmmert,
stehen im Wald zwischen Dachau und dem Webelsbache dritthalbtausend von meinen
Helmen. Er schlo die Augen und tastete mit der Hand. Den Khltrank! Meinen
Khltrank mu ich haben. Weil er ins Gras zu rollen drohte, hoben der Hauptmann
und Malimmes ihn auf und sttzten seine tappenden Schritte. Lallend, doch immer
noch mit einem Klang von Lustigkeit, sagte er: Jetzt wird sich mein Leibarzt
freuen, weil er recht behlt. Ich mu ins Bett. Als man ihn durch den Wald zu
den Gulen fhrte, versagten ihm die Knie. Mit erlschenden Sinnen befahl er
noch: Mein gesunder Galgenvogel soll mich tragen. Dann schwanden ihm die
Sinne.
    Bis zum Abend lag Herr Heinrich bewutlos in seinem Zelte.
    Als es zu dmmern anfing, flsterte Jul, der mit drei anderen die Wache
hielt, dem Malimmes mit heiem Betteln zu: So hilf ihm doch!
    Der Sldner schwieg; er nahm nur das blanke Eisen von der rechten Armbeuge
in die linke.
    Bei Anbruch der Dunkelheit wurde es laut und lebendig im Wald. Die
Harnischer und Spieknechte, die vor vielen Tagen von Burghausen aufgebrochen
waren, begannen sich zu sammeln, wie es Herr Heinrich befohlen hatte. Sie waren
verstrkt durch Kriegshaufen, die von Landshut und anderen Stdten und Burgen
des Herzogs kamen. Ohne Feuer verbrachte das Heer die Nacht. Nur im Zelte des
kranken Frsten flackerte das Kerzenlicht, whrend der Leibarzt, das belste
besorgend, den Fiebernden aus seinen Delirien zu wecken suchte. Der Herzog
schwatzte wirre Worte, die sehr heiter klangen, lachte und kicherte, stie mit
den Fen wie beim Reiten, und gleich einem Kmpfenden schlug er mit der rechten
Faust gegen einen unsichtbaren Feind. - -
    - Zu Beginn der gleichen Nacht brach Herzog Ludwigs Hauptmann Wessenacker
mit siebenhundert Gulen bei Planegg aus den Wldern an der Wrm heraus. Durch
stille Drfer, die unter dem Schutz der nahen und starken Hauptstadt von
schweren Kriegsschden bisher verschont geblieben, und ber abgeerntete Wiesen
und Felder jagte die klirrende Reitermasse auf das schlafende Mnchen zu.
    Ein feiner, schwarzer Schattenri, hundertfltig ausgezhnelt, heben sich
die Basteien, Mauern, Dcher und Trme der Isarstadt gegen den mit funkelnden
Sternen besten Himmel. An vielen Stellen ist dieses Schattenbild unruhig
berschimmert vom Schein der Pfannenfeuer, die bei den Toren und ber den Zinnen
der Wachtrme brennen.
    Gleich einem Murmellied von vielen Stimmen gaukelt das Rauschen der Isar
durch die stille Nacht und bertnt den Hufschlag der Pferde. Kleine Huser und
Htten, die schon dunkel sind, stehen vereinzelt unter Stauden und Bumen am
Ufer des breiten Stromes, in dem die weien Kiesbeete wie mchtige Linnenstcke
schimmern. Mit dem Rauschen des Wassers mischt sich das Fauchen des krftigen
Nachtwindes, der khl aus den Bergen kommt und die ersten welken Bltter von den
Bumen schttelt. Im Wehen dieses Windes tnt von der Stadt ein verschwommener
Hall, zehn Schlge einer groen Glocke.
    Bei den Holzhfen zwischen dem Glockenbach und der Isar klingen ein paar
Mnnerstimmen. Hier sind zu dieser spten Stunde noch Menschen bei der Arbeit,
heitere Menschen. Sie lachen, sie schwatzen lustig. Eine Jnglingsstimme
trllert einen kecken Vierzeiler. Es sind Oberlnder Fler, die sich auf der
Fahrt versumten und ihre Fle noch festlegen wollen. Nun steigen sie
schwatzend ber die Bschung des Ufers herauf, um die Herberge zu suchen.
Verwundert gucken sie die vielen Reiter an, die neben dem Glockenbach aus den
Stteln springen. Freundlich gren sie: Gut Nacht, ihr Herren! Das ist das
letzte Wort ihres frhlichen Lebens. Ein Klingen von Eisen, klatschende Schlge,
wehes Sthnen und ein grlicher Schrei. Fnf blutende Krper rollen ber
steiles Ufer in das rauschende Wasser hinunter.
    Hundert Reiter sind abgesessen. Zwei Feldbchsen, unter deren Gewicht die
Saumtiere gekeucht hatten, werden abgeladen und hastig aufgeholzt; ihre
kopfgroen Kugeln sollen Bresche in das Tor schieen; vierzig Gepanzerte spannen
sich an die Zugstrnge. Und Hauptmann Wessenacker sprengt von einem Reitertrupp
zum andern und verteilt die Befehle zum Sturm auf das Angertor, das er fr den
Handstreich whlte, weil es unter den Toren Mnchens das lteste und schwchste
ist.
    Da sieht er in der Gegend, aus der die siebenhundert gekommen waren, eine
grelle Feuerrte gegen den Himmel steigen. Teufel, was ist das? Und dort,
gegen Pasing hin, steigt eine zweite Feuersule auf! Eine dritte! Eine vierte!
    Im Milchwinkel der Hauptstadt Mnchen brennen die Drfer Germaring, Gauting,
Pasing und Aubing. Wer hat den roten Hahn auf diese Hunderte von Dchern
gesetzt? Ein feindlicher Zufall? Oder haben wider den strengen Befehl des
Wessenacker die Nachzgler das Sackmachen und Brandschatzen schon vor dem Sieg
begonnen? Oder ist Verrat im Spiel?
    Der Hauptmann zittert vor Wut und findet in dieser brennenden Gefahr keinen
Rat. Diese vier verfrhten Feuersulen knnen fr Herzog Ludwig zu einem bsen
Irrtum werden. Sie lgen ihm vor, da Mnchen genommen ist. Und der Ingolstdter
Haupthaufe rckt sorglos in den schmalen Landsack ein, der zwischen den weglosen
Smpfen des Haspelmoors und des Dachauer Mooses liegt.
    Boten schicken? Oder umkehren mit den siebenhundert Gulen? Und den
wachwerdenden Gegner hinter sich herziehen, gegen den Herzog hin?
    Da quillt von der nahen Stadt ein dumpfes Summen und Tnen durch das
Rauschen der dunklen Nacht. Die vier Feuersulen, die immer hher zum Himmel
lodern, haben das schlafende Mnchen geweckt.
    Hauptmann Wessenacker - ratlos, wtend, halb verzweifelnd, halb an die Hilfe
durch einen raschen Gewaltstreich glaubend - gibt den Befehl zum Angriff auf das
Angertor.
    Auf allen Kirchtrmen von Mnchen luten die Glocken Sturm. Geschrei und
Lrm durchrennt alle Gassen. Helle Feuer brennen auf. Grausen in Eisen wirbelt
mit kleiner Komik im Hemde durcheinander. Und als die ersten Schsse aus den
Feldbchsen des Wessenacker gegen das Tor und die Mauer krachen, sind alle
Wehrgnge und Turmscharten schon besetzt mit vielen Hunderten von bewaffneten
Brgern. Aller Hader und Steuerzank zwischen dem Volk, der Stadt und seinen
Frsten ist vergessen. Volk und Frsten sind in dieser Stunde der Gefahr
verwachsen zu einem Krper, der sich grimmig und erbittert seiner Ehre und
seines Lebens wehrt. Und in der gesunden Stadt ist kein Brger mehr, der sich
aus alter Anhnglichkeit des leutseligen Ingolstdters, seines heiteren Lachens
und seiner frhlichen Kraft erinnern mchte. Fr sie alle ist Herzog Ludwig in
dieser Nacht der bse Feind geworden, den man verfluchen und erschlagen mu.
    Der Wessenacker mit den Seinen kmpft wie ein wtender Stier gegen den
hauenden Lwen. Aber die Bresche, die er geschossen, ist ausgefllt mit einer
lebendigen Mauer von Brgern in Eisen. Aus den Scharten der Wehrgnge regnet's
Bleikugeln, gefiederte Bolzen, kochendes Wasser und brennendes Pech. Und auf
einem Wallturm arbeitet der Mnchener Bchsenmeister Vlschel mit zwei
Trommelkanonen, die er in seiner Lehrzeit beim Kuen in Burghausen gieen lernte.
Das Geschrei der Kmpfenden, das Glockenluten, das Feuergeprassel, das Gerassel
des Stahls und das Bchsenkrachen sind wie das Rauschen eines angeschwollenen
Stromes, in dessen wildem Liede das matte Seufzen der Strzenden versinkt.
    Als der Morgen grauen will, ist der Boden in der Bresche des alten Tores mit
einem hohen, festgestampften Pflaster von Leichen bedeckt. Ingolstdter und
Mnchener liegen vertrglich durcheinander, kreuz und quer, mit verschlungenen
Armen und verflochtenen Beinen. Aus den Wehrgngen schleppt man die verwundeten
Brger in die nahen Huser. Und drauen, am Fu der Mauer, im Stadtgraben und
vor dem umstrittenen Angertor, da liegen die Getreuen des Loys in dicken Haufen,
zweihundert friedlich Gewordene, mit zerbrochenen Gliedern, erstochen,
erschlagen, vom siedenden Wasser verbrht, von den flammenden Pechkrnzen
angefressen.
    Noch immer will der Wessenacker nicht weichen. Der Gefahr seines Frsten
denkend, stot er immer wieder mit hundert Kpfen gegen die Eisenbrste der
Mnchener.
    Die Haufen der Brger, die aus zwei anderen Toren herausfallen, fassen die
Ingolstdter von beiden Seiten. Und von allen Drfern in der Nhe der Stadt,
gerufen durch das Sturmgelut der Glocken, kommen die Bauern gelaufen, stechen
mit Spieen und schlagen drein, mit Sensen, Drischeln und Morgensternen.
    Beim ersten Blick der steigenden Sonne wendet Hauptmann Wessenacker den
Gaul. Und die vierhundert von den Seinen, die noch laufen oder reiten knnen,
taumeln hinter ihm her, gegen das brennende Pasing hinaus.
    Tor und Mauer am Anger sind verwandelt zu Denkmalen auf dem Leichenacker
dieses Morgens. Ein halbes Tausend liegt im Blute, stumm geworden oder noch
sthnend in Schmerzen. Doch fnfmal tausend, zehnmal tausend jubeln in trunkener
Freude: Sieg! Sieg! Sieg! Die Mnner lachen im Stolz der Tapferen, die Weiber
und Mdchen umhalsen sich in den sonnig gewordenen Gassen, und auch die Kinder
jubeln, ohne zu wissen warum - sie sehen's bei den anderen und machen es nach.
In dieser schreienden Freude hrt man die paar hundert nicht, die weinen mssen.
    Herzog Wilhelm, ein frommer und rechtschaffener Mann, den die Armen von
Mnchen lieben, bernimmt es, die Stadt zu hten und in der Brgerschaft die
Ordnung und Ruhe zu wahren. Herzog Ernst und sein Sohn, Prinz Albrecht, beginnen
die Verfolgung des fliehenden Gegners. Mit ihnen ziehen die frstlichen Sldner
und die drei Brgerhaufen unter ihren Hauptleuten Lorenz Schrenk, Franz Tichtel
und Hans Ptrich; die siebenunddreiig Mnchener Znfte haben dreihundert
Berittene und zwlfhundert Mann zu Fu gestellt. Meister Vlschel - ein dicker,
lustiger Mnchener, der fr seine Heimatstadt die groe Stachlerin, den Pecker
und vier Kammerbchsen gegossen hat - reitet auf festem Gaul dem Trupp der
zweihundert Faustschtzen voraus; und hinter dem Stadtheer drngen die Schwrme
der Bauern nach, die sich gesammelt haben aus zwanzig Ortschaften.
    Diese Bauern wollen nicht in Reih und Glied marschieren, beim Marsche nicht
Ordnung halten. Wenn's losgeht wider die Loysischen Brandschatzer, mchten sie
die ersten sein, die dabei sind. Und viele von ihnen haben ihre Herzge noch nie
gesehen; denen mchten sie einmal in die Augen schauen. Im Staubgewirbel, das
den Flinkmarsch des Heeres begleitet, springen die Bauern von der Strae auf die
Wiesen und Felder, rennen dem geschlossen marschierenden Zug der znftigen
Brger voraus und schreien, schwingen die plumpen Waffen, schwenken die Hte und
umdrngen die unruhig werdenden Gule der beiden Frsten.
    Der Hauptmann des herzoglichen Sldnerhaufens will das hindern und
abschaffen. Doch Herzog Ernst befiehlt ihm: La die Leute! Sie tragen ihr Blut
und Leben zu uns. Da der Untertan uns beschauen kann, ist das mindest, was wir
dem Volk zu schenken haben. Den jubelnden Bauern freundlich zunickend, reitet
er hinter dem herzoglichen Banner her, das zwiefach im Geviert den Lwen und die
blauweien Rautenfelder zeigt. Er zwingt mit ruhiger Faust das scheuende Ro.
Kraftvoll, ein Fnfzigjhriger, sitzt er fest im Sattel, obwohl sein Oberkrper
in nachlssiger Haltung gegen die linke Hfte hngt. Der mit Adlerfedern und dem
Rautenflgel geschmckte Helm bedeckt einen wuchtigen Kopf. Das dicke Haar ist
brunlich, der starke Vollbart mit dem lang herunterhngenden Schnauzer ist
dunkelblond. Blaue Augen glnzen unter dem aufgeschlagenen Helmvisier ber die
scharfgeschnittene Nase heraus. Der vorgeschobene Mund, obwohl er freundlich
lchelt, gibt dem Gesichte ungerecht einen Zug von Hrte und bler Laune.
    Am Grtel hngt das breite Schwert und daneben ein klobiger Streithammer.
ber den Brstling des Panzers geht eine Goldkette mit groem, blitzendem Rubin.
Auf den roten, die Halsberge deckenden Samtkragen sind die Wappen der Stdte von
Bayern-Mnchen gestickt. Und der starre Waffenrock ist wie das Bannertuch
gewrfelt mit den Rautenfeldern und dem silbergestickten Lwen.
    An der Seite des Vaters, auf einem schweren Apfelschimmel, reitet Prinz
Albrecht, der Einundzwanzigjhrige, den das Volk den Schmucksten unter allen
Frstenshnen des Reiches nennt. Auch wenn er nicht den gleichen Helm, die
gleiche Wehr und den gleichen Waffenrock trge wie Herzog Ernst, mte er als
ein verjngtes Bild seines Vaters erscheinen, freundlich, gtig und kraftvoll.
Er ist von jenen Menschen einer, die man liebt, weil sie leben und lcheln.
    Die Bauern jubeln, haschen nach seiner Hand, schwatzen und scherzen mit ihm.
Heiter gibt er Antwort und nickt ihnen zu. In dem drngenden Schwrme fllt ihm
ein junger Bursch auf, gewachsen wie ein Frhlingsbaum, mit gesunden Gliedern,
strotzend von Kraft und Leben, mit froh blitzenden Blauaugen und dickem
Blondhaar, das um die heien Wangen baumelt. Der Prinz sagt zum Herzog: Schau,
Vater! Was fr Leut wir haben! Er deutet auf den jungen Bauern, der ein altes,
rostiges Langschwert ber der Schulter trgt.
    Herzog Ernst winkt den Bursch zu sich heran. Wer bist du?
    Ich bin aus Schwabing, Herr! Einer Stalzsterin einziger Sohn.
    Wie heit du?
    Michel Ungeraten.
    Der Herzog sagt: Da hat das Schwabinger Kirchenbuch eine Dummheit gemacht.
Ein so wohlgeschaffener Mensch sollt anders heien. Halte dich tapfer, wenn es
zum Schlagen kommt. Und ich gebe dir einen gerechten Namen.
    Der Bub schreit einen Jauchzer in die Sonne.
    Und der Marsch geht weiter. Bei der Feuersttte von Pasing, wo die
halbverbrannten Htten noch flackern und qualmen, gibt's einen kleinen
Aufenthalt. Mnner und kreischende Weiber, die sich wie wahnwitzig gebrden,
schleppen zwei Gefangene vor die Rosse des Frsten hin. Das wren zwei von den
feindlichen Brandschatzern; man htte sie festgenommen, als sie in der Nacht das
Feuer in die Kirche von Pasing warfen. Von den Weibern zetert eines: Die sollt
man in einen Ziegelofen schmeien, da sie am Tag verschmecken, wie den Bauern
in der Nacht das Brennen tut!
    Der Herzog mustert die beiden, die in ihren Prgelwunden und blauen Malen
schrecklich aussehen. Es scheinen fahrende Musikanten zu sein; der eine, klein
und dick, hat eine zerfetzte Blatterpfeife um den Hals hngen, der andere, in
dessen fahlem Gesicht die Augen scheu und angstvoll rollen, trgt auf dem Rcken
eine verbeulte Laute.
    Ruhig sagt der Herzog: Strafen? Diese zwei? Die haben mitgeholfen, um uns
zu wecken in der Nacht. Wir wollen diese Wohltter mit Dank zurckschicken zu
ihrem Herren.
    Da sprengen vier Kundschaftsreiter ber die Strae her. Sie haben bei
Freiham den fliehenden Feind entdeckt, der ber Alling und Puechheim hinaus
entrinnen und zwischen den weglosen Mooren die feste Landbrcke bei Olehing
gewinnen will.
    Drauf und dran! Mit diesem frohen Kampfschrei lt Prinz Albrecht seinen
Schimmel jagen.
    Jung! Sei bedchtig! mahnt der Herzog. Aber da drngen schon alle Gule
dem Schimmel nach. Mitten in dem Reiterschwarme springen und hopsen keuchend die
beiden Musikanten, jeder mit der Hand an einen Sattel gefesselt. Und hinter den
Gulen, von Staub umwirbelt, folgen im Laufschritt die drei Heerhaufen der
Znfte und das Gewirr der Bauern.
    Bei Freiham, auf einer Wiese, sitzen Verwundete, die dem fliehenden Trupp
des Wessenacker nimmer folgen konnten. Erschpfte Menschen und niedergebrochene
Rosse liegen in dem Buchenwald, durch den der Weg des rasselnden Reiterhaufens
geht. Und als die Herzge das breite, lange Wiesental des Starzelbaches
erreichen, das sich beim Jgerhause von Hoflach aus bewaldeten Hgeln nach
Norden gegen die Smpfe des Dachauer Mooses hinzieht, sehen sie aus den Dchern
von Puechheim und Alling, die der fliehende Wessenacker in Brand gesteckt, den
Rauch und die Flammen aufgehen. Und weit da drauen, ber tausend Schritte vom
Hgel des Jgerhauses, gegen Olching hin, gewahren sie in der Mittagssonne das
bunte, funkelnde, blitzende Gewirr eines groen, auf vierhalbtausend Helme zu
schtzenden Heerhaufens, dessen gestaute Massen von zwei Seiten gegeneinander
drngen und sich zu ordnen suchen.
    Whrend die Flammen der Drfer wachsen und von den Brandsttten das
Jammergeschrei der Bauern und ihrer Weiber herberschrillt, fat Herzog Ernst
den Gaul des Sohnes am Zgel. Langsam, Brechtl! Das Ding wird ernst. Der Vetter
Loys ist da. Er ist der Strkere.
    Wir sind die Besseren! trotzt der Junge.
    Jetzt wirst du den Schnabel halten und dich gedulden. Ruhig gleiten die
Augen des Herzogs und rechnen und messen. Da drben eine schwere bermacht. Und
ein Heerhaufe, dessen Kern aus einer geschulten Sldnertruppe und aus vielen
Hunderten von ritterlichen Herren besteht, die aller Dinge des Krieges kundig
sind. Herben nur an die zwanzig adlige Leute, eine kleine Sldnerschar, dazu
das bescheidene Heer der Stdter, die gestern noch bei ihrem brgerlichen
Handwerk waren, und der regellose Schwarm der Bauern, die schlechtbewaffnet von
der Drischeltenne gelaufen kamen. Doch hier der feste Boden, und fr den Notfall
die waldigen Hgel der Heimat als Deckung. Und die da drben stehen auf
feuchten, schlpfrigen Wiesen, zwischen Dreck und Moos. Da drben der bermtige
Friedensbruch, herben die ehrliche Notwehr, das strkere Recht. Mit Gottes
Gnad! Wir wollen es wagen.
    Zwei adlige Herren des Hofes mit einem Trompeter reiten hinber, um Herzog
Ludwig von Ingolstadt zur Schlacht zu fordern. Vier Sldner begleiten sie und
fhren die zwei gefesselten Musikanten, die Herzog Ernst seinem gtigen Vetter
Loys zurckerstattet, mit freundlichem Dank fr den roten Weckruf dieser Nacht.
    Whrend die Rauchfahnen der beiden brennenden Drfer sich in der Sonne
hinkruseln ber die welkenden Buchenwlder, nimmt Herzog Ernst mit zwanzig
Trabanten seinen Stand auf dem Hgel, der das kleine Jgerhaus von Hoflach
trgt. Von hier aus kann er das ganze Wiesental, das ein Schlachtfeld werden
soll, und die Anordnung seines Heerhaufens berschauen.
    In die Mitte des Treffens stellt er unter Fhrung des Prinzen Albrecht seine
adligen Herren, die kleine Schar seiner Harnischreiter, die Berittenen der
Brgerschaft und den Kriegshaufen der schweren Znfte, der Schmiede, Schlosser,
Zimmerleute und Bruer. Zur Linken und Rechten die Schwrme der Bauern.
Beiderseitig ist das Treffen geflgelt durch die Armbruster und
Leichtbewaffneten der Brgerschaft, jeder Haufe gesttzt durch hundert
Faustschtzen. Hinter dem Treffen steht ein Trupp von Nothelfern, deren Fhrung
der Herzog sich vorbehlt.
    In dieser ernsten Stunde, whrend das Treffen sich ordnet, hrt man
pltzlich aus einem hinter Stauden versteckt liegenden Bauerngehft das
klgliche Schreien und drollige Glucksen eines Schweines, das abgestochen wird.
Und da ruft der schmucke Michel Ungeraten mit seiner starken, lustigen Stimme in
das ernste Schweigen hinein: Die schlauen Luder denken halt: Selber schlucken
macht fett. Und stechen die gute Sau noch ab, eh die Raubleut kommen.
    ber die Breite des Treffens rollt, jede Beklommenheit bezwingend, ein
frhliches Gelchter hin.
    Auch Herzog Ernst - in aller Sorge, die ihn bedrckt - mu schmunzeln. Und
heiter sagte er zu den Kriegsleuten, die ihn umgeben: Mssen wir sterben, so
ist unser Tod kein hartes Ding. Wir sterben mit Lachen.

                                       7


In dem groen Zelte, das man am Ufer der Amper mit aller Hast auf dem feuchten
Bruchboden der Olchinger Wiesen errichtete, stehen die beiden Mnchener Herren
und ihre Gefolgsleute mit verbundenen Augen vor Herzog Ludwig. Und hinter ihnen
zittern die zwei, dem gtigen Vetter Loys zurckerstatteten Musikanten.
    Von drauen rauscht der wirre Lrm des gestauten Heerhaufens in das Zelt
herein, dessen Tuchspalten verbrmt sind vom Glanz der Mittagssonne. Das
Schreien und Fluchen, das Geklirr und Geknatter, das Stampfen und Keuchen der
Gule, die vielen Trompetenste, die von weit her Antwort erhalten - das alles
klingt zu einer blen Stimme zusammen. Der flchtende Schwarm des Wessenacker,
mit den Verwundeten und Erschpften, mit den scheuen, keinem Zaum mehr
gehorchenden Gulen, verwirrte den Aufmarsch des Ingolstdter Haupthaufens,
dessen Nachhut und Karrenwurm sich auf der Strae von Geiselbullach noch weit
hinauszieht gegen Feldgreding und Dachau hin. Bis die Nachzgler eintreffen,
wird's noch eine Stunde dauern; sie knnen nur langsam, nur in dnner Zeile
marschieren; bei jedem Schritt, der hinausgeht ber die schmale Strae, tappt
der Fu in den nassen Filzboden, den von der einen Seite das Dachauer Moos, von
der anderen das stundenlange, den trgen Lauf der schwarzen Maisach geleitende
Haspelmoor heranschiebt.
    Immer lauschte Herr Ludwig hinaus in diesen bsen Lrm. Etwas Grauenvolles
whlte in seinem zornroten Gesicht. Im Schimmer seiner franzsischen Rstung sa
er auf einem Feldsessel. Ein Dutzend von seinen Freunden und Hauptleuten war um
ihn her. In einem Winkel des Zeltes nhte des Herzogs Leibarzt dem rotgefrbten
Wessenacker die Wunden zu. Und gesondert von den anderen - auf einer kleinen
Truhe, die Ludwigs Feldschatz, die Kleinode seiner Herzogswrde und sein
Majesttssiegel enthielt - auf dieser Truhe sa mit lang bereinander
geschlagenen Beinen eine wunderlich sinnwidrige Gestalt aus Silber, Gold und
bunten Farben: Prinz Hckerlein, fr den Kampf gerstet. Er schien die zwei
Musikanten nicht zu sehen. Mit ruhigem Lcheln betrachtete er bald die Mnchener
Herren, bald den Vater. Der schwieg und bi die Zhne bereinander, sah immer
den einen der beiden Musikanten an, der die verbeulte Laute hinter dem Rcken
trug, und nun pltzlich drehte der Herzog das Gesicht und musterte mit einem
funkelnden Zornblick seinen Sohn.
    Da sagte einer der Mnchener Herren, whrend er den Kopf mit der Augenbinde
unmutig gegen den Nacken legte: Euer Gnaden lassen uns lang auf Antwort harren.
Mit der Tapferkeit und den ritterlichen Sitten, die man Euch nachrhmt, ist das
bel zu vereinen.
    Du! Herzog Ludwig sprang vom Sessel auf. Nimm das Maul nicht so voll. Und
deinen zwei Frsten sagt, sie sollen des Fechtens heute noch satt werden. Ich
hoffe, sie haben fr flinke Gule gesorgt. Die werden sie brauchen. Er machte
einen Wink mit der Hand. Und als die Mnchener Herren aus dem Zelt gefhrt
waren, sagte er in whlender Erregung zu seinen Hauptleuten: Wir mssen Zeit
gewinnen. Man soll die Mnchener Kindlein mit verbundenen Augen im Kreis
herumfhren, bis sie die Geduld verlieren. Alles andere ist beredet. Dieses
Mnchen, das meiner verga, soll merken, wer ich bin. Ich will rote Hochzeit mit
ihm halten. An seiner kostbar inkrustierten Rstung zerrte er eine Schnalle
auf, als wre der Stahl fr seine Brust zu eng geworden. Von den Frauen, die
ich genommen, hat sich noch keine als sturmfest erwiesen. Sie starben an meinen
Umarmungen. So soll Mnchen fallen, wenn ich es umklammere. Jeder an seinen
Platz! Mit Gott, meine Treuen! Helft mir! Und ich will's euch danken. Er
reichte jedem die Hand; den Prinzen bersah er.
    Die Herren verlieen das Zelt - nur der Wessenacker blieb und lie sich den
nackten Oberkrper mit den ntigen Pflastern belegen. Auch Prinz Ludwig tat so,
als wollte er sich mit den Hauptleuten entfernen.
    Mein Seelenwrmchen? Herr Ludwig lachte in galligem Hohn. Willst du nicht
bleiben?
    Gerne, lieber Vater! Wenn du mich duldest in deiner Nhe? Der Bucklige
setzte sich wieder auf die Truhe hin.
    Der Herzog ri abermals eine Schnalle seiner Rstung auf. Und schrie: Wo
ist der Wolfl?
    Aus der Zeltkammer, in der man zwei Hunde winseln hrte, huschte der
Kmmerer Graumann heraus. Er sah, da dem Herzog etwas an seiner Rstung nicht
taugte, und wollte zugreifen.
    Mitrauisch, mit groben Fusten, packte Herr Ludwig den Greis an den
Handgelenken. Wolfl? Bist du auch schon falsch? Hab ich von denen, die in
meinem Hause waren, nur meine zwei Hunde noch?
    Herr! Dem Alten wurden die Augen na.
    Da sagte der Herzog rasch: Verzeih mir! Er kte ihn auf die Wange. Nun
war er ruhig. Mein guter Wolfl, heut mu ich mich wehren um mein Leben.
Schnalle mir diesen glitzrigen Pariser Dreck herunter! Und gib mir die blaue
deutsche Rstung, die mir meine Ingolstdter schenkten! Und gi mir das
schwerste von meinen deutschen Schwertern!
    Im Winkel des Zeltes brummte der Wessenacker: Gott sei Dank!
    Das hrte Herr Ludwig nicht. Whrend Wolfl die Arbeit begann, sah der Herzog
immer die zwei Musikanten an, die, grau von Staub, mit ihren verprgelten Kpfen
und den blutig zerkratzten Gesichtern zitternd neben dem Spalt des Zeltes
standen. Du! Er meinte den kleinen Dicken mit der zerfetzten Blatterpfeife.
Dich kenn ich nicht. Was gehst du mich an? Auf Erden gibt's viele Menschen, die
keine Ursach haben, mir treu zu sein. Spring zu den Dunklen, die dich bezahlen
fr dein leuchtendes Feuerwerk von gestern. Mach, da du weiterkommst! Wie eine
Ratte, die der Falle entronnen, surrte der Dicke durch den Spalt des Zeltes
hinaus. Aber du? Herr Ludwig nickte gegen den Lautner. Warum bleibst du heute
so fern? Sonst warst du doch immer sehr nahe bei mir. Komm her! Oder hast du
Angst? Vor mir? Hab ich dir nicht tausendmal bewiesen, wie gtig ich sein kann?
    Zitternd machte der Lautner ein paar taumelige Schritte, whrend das Gesicht
des Prinzen, der lchelnd in seiner Migestalt auf der Truhe sa, eine gelbliche
Frbung bekam.
    Der Herzog sah den hinkenden Musikanten an. Wahrhaftig! Das Gehen wird dir
sauer. Warum bist du mit dem rtselhaften Dorn in deinem Fuballen nicht
daheimgeblieben? Um mir den Verllichsten meiner Verllichen wieder gesund zu
machen? Warum nicht, mein treuer Nachtigall?
    In einem Schreck, der zum Verwechseln einer Wahrheit hnelte, sprang Prinz
Hckerlein von der Truhe auf. Vater! Um Christi Barmherzigkeit! Der da? Dein
Peter Nachtigall? Jetzt erkenn ich ihn erst! Gott, Gott, ich sorge, er hat was
Bses getan. La ihn in Ketten legen! La ihn verwahren -
    Schweige! schrie Herr Ludwig. Gestern hat dir mein treuer Peter keinen
Sperber vergiftet. Gestern hat er nur mir einen Tropfen Gift ins Leben
geschttet. Wem zuliebe?
    Da sagte der Bucklige sanft: Mein treuer Vater ist seiner Sinne nicht
mchtig und redet, er wei nicht was. Whrend er sich gegen die Truhe
hindrehte, warf er einen beruhigenden Augenwink zu dem zitternden Musikanten
hinber.
    Der atmete auf und fing von seiner Ehrlichkeit zu reden an. Ein Dorn, den
man sich in den Fuballen trat, kann ausschwren. Freilich, das Gehen bleibt
eine schmerzhafte Sache. Aber reiten kann man. Und da reitet man mit einem guten
Gesellen durch Tag und Nacht zu seinem Herrn, auf dem krzesten Wege. Und da
sieht man bei Mnchen die Drfer brennen. Und da mu man glauben: Wo die Flammen
aufsteigen, ist unser Herr, unser siegreicher Frst! Man reitet auf diese
weisenden Feuer zu. Aber die dummen Bauern! In ihrem Grimm und Wahnsinn fassen
sie zwei Unschuldige.
    Wessenacker? Herr Ludwig, dem der Kmmerer die blauen Stahlplatten der
deutschen Rstung um den hohen, kraftvollen Krper schnallte, stie einen
lachenden Laut vor sich hin. Klingt das nicht so bieder, als war es auf
Mnchener Malzboden gewachsen? Und darf ich diesem Menschen zrnen? Hundertmal
befahl ich ihm, als Meister fr mich zu lgen. Jetzt lgt er als Meister wider
mich. Sancta justitia!
    Ach, gndigster Herr! Wollt Ihr meinen ehrlichen Worten nicht glauben,
fltete Nachtigall, so lat meinen blutigen Schdel fr meine Unschuld reden!
Den hab ich den wtigen Bauren geduldig hingehalten, da sie mir nit das
Lautenspiel beschdigen. Schauet, Herr! Mein Spiel hab ich mitgenommen. Weil ich
doch als Halbgenesener hergeritten bin, um meinem Herren fr mde Lagerstunden
eine Kurzweil zu bringen, wie er sie lieb hat!
    Bei diesem Beweise, der sieghaft htte werden knnen, vergriff sich Meister
Nachtigall im Ton. Und Herzog Ludwig packte die verbeulte Laute, ri sie vom
Band und schlug sie dem Musikanten von rechts und links um die Ohren, da die
Saiten kreischten und der hohle Holzbauch in Scherben ging. Den Halsstumpf mit
den geringelten Stahlfden schleuderte er gegen die Zeltwand. Bei dieser
Gewaltttigkeit schien sein whlender Zorn sich vllig entladen zu haben.
Peter! sagte er ruhig. Bei allem hast du noch Glck! War ich die kluge Laus
von Burghausen, so liee ich dich jetzt auf die spanische Bank legen, bis du
redest, was wahr ist. Aber dein Glck erkor dich zu einem Getreuen des dummen
Stieres von Ingolstadt. Tausend Stunden Hast du mir schn gemacht. Ich kann dich
nicht ermorden um einer einzigen willen, die mir hlich wird. Geh mir aus den
Augen! Und suche den verschwundenen Laitzinger! Den auf einem sen Botenweg die
Straenruber erschlugen - wie mein zrtlicher Herzkfer vermutet.
    Glaubt mein geliebter Vater, da es anders wre? fragte der Bucklige unter
aufatmendem Lcheln, whrend Peter Nachtigall seine blutenden Ohren flink aus
dem Zelte hinaustrug.
    In der blaublinkenden Rstung trat Herzog Ludwig vor den Prinzen hin. Was
du getan hast, wei ich nicht. Aus seinen Augen sprach eine schwere Trauer.
Ich wei nur, es war ein schlechtes Ding. Und ich spre, da mir die Mnchener
Vettern, noch ehe die Schlacht begann, einen mrderischen Streich versetzten.
Er prete die zitternden Fuste auf den Panzer. Verraten werden? Das ist, seit
Jesus sterben mute, kein allzu hartes Ding. Man sollt es nur nicht erfahren.
Das ist das Harte.
    Auch Hauptmann Wessenacker war wieder in den Stahlmuscheln seiner mit Dullen
besten Rstung. Er sagte ernst: Herr! Um der Ehre Eures frstlichen Sohnes
willen httet Ihr den Nachtigall nicht so barmherzig entlassen drfen.
    Da knirschte der Herzog: Ich hab's getan, weil ein meineidiger Knecht nicht
zeugen soll wider meinen einzigen Sohn und Erben.
    Dein einziger Erbe? Ja, Vater! Prinz Ludwig richtete sich auf. Dein
einziger Sohn? Stimmt das? In den Augen des buckeligen Knaben war ein kalter
und bser Blick. Da du immer von anderen die Wahrheit willst, solltest auch du
bei der Wahrheit bleiben.
    Der Herzog lachte. Du? Bist du mein Blut? Oder bist du der Sohn eines
Kochs? Er fate den Wessenacker am Arm und zog ihn vor den Prinzen hin. Sieh
dieses verbogene Geschpf an! Das nur mein Erbe sein will. Und sag mir, ob es
denkbar ist, da mich der da verraten hat? Er atmete schwer. Wenn's nicht
Wahrheit wre, da die Salzacher Laus daheim in ihrem Pelze sitzt und durch den
Zollern um Frieden bettelt, so mte ich glauben - - Herr Ludwig bi die Zhne
bereinander. Nein! Ich mag's nicht sagen. Wer einen schlechten Gedanken
ausspeit, macht die Welt unsauber. Er stlpte den Helm ber die Kettenhaube.
Komm, Wessenacker! Kampf ist ein Wille Gottes. Sonst htte der Himmlische die
Menschen ohne Falsch erschaffen. Ruhig sagte er zu seinem Sohne: Gott allein
soll zeugen fr oder wider dich. Mit meinen Einrssern stell ich dich in die
erste Reihe des Treffens. Da soll sich erweisen, ob du schuldlos bist. Wie Gott
dich zeigt in dieser Schlacht, so stell ich dich morgen zu Mnchen vor deine
Richter, die ich aus Heer und Volk berufe.
    Lchelnd sagte Ludwig Hckerlein: Dann bin ich morgen ein Gereinigter.
    Ohne zu antworten, ging der Herzog aus dem Zelte. Wolfl Graumann trug ihm
das schwere Schwert und die mit Stahl geplatteten Handschuhe nach.
    Der Prinz guckte den Medikus an. Ich bin gesund. Um meintwillen brauchst du
nicht zu bleiben. Er rief mit scharfer Stimme zwei Namen. Whrend der Medikus
davonging, kamen aus der Zeltkammer zwei Diener gesprungen, ein junger und ein
alter. Erschrocken sahen sie, wie Prinz Ludwig den Deckel der Truhe ffnete, den
kleinen Lederbeutel mit des Herzogs Majesttssiegel herausnahm und unter dem
Brstling des hckerigen Panzers verwahrte.
    Der Alte flsterte zitternd: Herr! Ihr rennet in Euer Verderben! Lat Euch
raten, schauet mein weies Haar an, Alter macht das Gehirn hellsichtig.
    Aber die Lenden schlaff und das Feuchte in der Nase trocken. Die Krfte
fallen aus, aber in den Ohren wachsen die Haare. Ludwig Hckerlein war heiter.
So seh ich es an meinem Vater und an dir. Drckt dich dein Gewissen, so beichte
morgen. Heut ist Arbeitstag. Sobald die letzte Dummheit meines Vaters da drauen
anfngt, schafft ihr den Wolfl beiseite. Dann alles, was da in der Truhe ist,
auf meine Trotiere! Und fort! Nehmt die Strae nach Emmering. In den Stauden
des Buchenwaldes sollen mich zwei von den Meinen mit vier guten Gulen erwarten.
Ihr mit den Trotieren flink voraus, ber Bruck nach Augsburg! Dort verbergt ihr
euch - Prinz Ludwig sah mit funkelnden Augen in die Truhe, bis ich diese
schnen Dinge von euch fordere. Ein Drittel des gemnzten Goldes ist euer. Und
bin ich Herzog, so seid ihr die Besten unter den Meinen. Seine Stimme bekam
einen klagenden Ton. Ich frchte, mit meinem trichten Vater geht's hinunter.
Vielleicht schon heute. Kluge Menschen halten sich an jene, die emporkommen.
Aber tut, was ihr wollt. Wenn ich die Krone trage, la ich meine Feinde hngen.
Er klappte lautlos an der Truhe den Deckel zu. Geht, ihr Treuen! Gott wird euch
segnen. Die beiden blieben ratlos noch immer stehen. Der Wolfl kommt. Da
sprangen sie flink in die Zeltkammer hinaus, und lchelnd wandte Prinz Ludwig
das Gesicht.
    Wolfl Graumann kam mit sechs Einrssern in blankem Stahl und in
scharlachroten Wappenrcken. Einer von ihnen sagte streng: Gndigster Prinz!
Wir mssen Euch holen. Die Arbeit will anheben, wenn die Sonn, die uns widrig
ist, hinuntergeht hinter die Wlder.
    Die Sonne? So? Diese Sonne! Immer geht sie hinunter, wenn das Helle sterben
will. Ich komme. Habt nur ein bichen Geduld, ihr Gradgewachsenen! Einer wie ich
bewegt sich langsam. Prinz Ludwig machte einen wippenden Spinnenschritt und
legte einen herzlichen Klang in seine dnne Knabenstimme. Komm, guter Wolfl!
Mache mich bereit! Heut will ich sterben fr meinen geliebten Vater. Zieh mir
die Schnallen fest! Gib mir den Degen, den mein Vater ablegte! Der ist so scharf
wie leicht. Und hll mir den grauen Mantel um das Hckerchen, das mein Panzer
hat. Er lchelte. Sonst erkennen mich die Feinde zu schnell. Wenn sie fliehen,
bevor ich fechte, bleib ich ohne Ruhm.
    Schweigend tat der Kmmerer, was der Prinz ihm befohlen hatte.
    Guter Wolfl? Warum so mrrisch? Weil der Vater ungerecht wider mich redet?
Ich will ihn lieben dafr, wie es der Heiland befiehlt. Sag ihm das, wenn ich in
der Schlacht fr ihn gestorben bin. Und ehrlich: Hab ich dich schon zur Untreu
verleiten wollen? Nein? Also! Und hab ich den Vater nicht immer vor diesem bsen
Nachtigall gewarnt? Erst gestern noch! Dieser Nachtigall ist ein Meister in
schnen Dingen. Alles Schne ist falsch. Seine Stimme wurde leis. Und diese
beiden, die der Vater noch mit ins Feld genommen - - Prinz Ludwig flsterte
dem Kmmerer zwei Namen ins Ohr, doch immer noch so laut, da die sechs
Einrsser diese zwei Namen deutlich hren konnten. Mir glaubt der Vater nicht.
Warne du ihn vor diesen beiden! Das sind Diebe. Gestern auf dem Marsche hab ich
sie reden hren von meines Vaters Truhe. Sei wachsam, guter Wolfl! Hte meines
Vaters Gut und Leben! Gott wird dich segnen dafr. Wenn ich heute sterben mu
und hinaufkomme, will ich die Heiligen bitten, da sie dir beistehen. Um meines
geliebten Vaters willen.
    In diesen Worten war ein Klang von rhrender Kindlichkeit. Und als der Greis
verwundert aufblickte, sah er unanzweifelbare Trnen ber das breite, blasse
Gesicht des Prinzen herunterkollern.
    Drauen unter dumpfem Sausen ein Trommelgerassel und rasche Trompetenste.
Der Fhrer der Einrsser sagte: Gndigster Prinz! Es ist an der Zeit!
    Mit den nassen Augen nickte Prinz Ludwig den sechs Gepanzerten herzlich zu.
Wippend trat er zu ihnen, reichte jedem die Hand, wickelte den mausgrauen Mantel
um seine Rstung und sagte: Schtzet den Sohn eures Frsten! Als die sieben
hinaustraten durch den Spalt des Zeltes, fiel wieder die Sonne herein.
    Wolfl Graumann strich mit dem Handrcken ber seine Stirn, als mte er
einen Nebel vor seinem Blick verscheuchen. Da faten ihn grobe Fuste vom Rcken
her und rissen ihn zu Boden. Bevor er schreien konnte, hatte er einen
Leinenbausch im Munde. Die beiden, vor denen der Prinz ihn gewarnt hatte,
fesselten ihm Hnde und Fe, wickelten ihm einen Mantel seines Herrn um das
Gesicht herum, und so lieen sie ihn liegen.
    In der Zeltkammer winselten und klfften die zwei Hunde, whrend die
schweren Scke aus der Truhe gehoben und davongetragen wurden.
    Hinter dem Zelte machte sich ein Trupp von berittenen Leuten mit zwei
schwerschleppenden Saumtieren und vier leeren Gulen durch den schnen Abend
davon, kreuzte die auf der Dachauer Strae im Laufschritt anrckende Nachhut des
Heeres und mute sich bei der Amperbrcke durch einen Knuel von Trowagen
winden, mute einem Schwarm der kreischenden Gelgerdirnen entrinnen.
    Der letzte Zug der Spieknechte, der den breitgezogenen Rcken des gegen die
brennenden Drfer Puechheim und Alling vorrckenden Schlachthaufens einzuholen
versuchte, geriet auf der feuchten, von Menschen und Rossen zerstampften Wiese
aus dem Zusammenhang, schlielich sprang ein jeder, wohin er wollte und wo er
besseren Grund zu finden hoffte. Noch ehe diese Moosgaukler den vordrngenden
Heerschwarm erreichen konnten, blieb er stehen. Nach allem Lrm war pltzlich
eine wunderliche Stille in der Luft. Die Menschenmassen waren unbeweglich. Nur
die Rosse, die der schlechte Boden unruhig machte, blieben nicht still; sie
trampelten und keuchten. Und im Rcken des Heeres, unter dem Schwarm der wirren
Springer, hallten aufgeregte Stimmen in die beklommene Stille hinein: Sie
beten! Nieder auf die Knie! Sie beten schon!
    Ein paar Soldknechte sprangen noch bis zum Heerhaufen hin und gerieten
hinter die Hilfstruppe des heiligen Peter von Berchtesgaden, der mit Salzburg
und Chiemsee die linke Flanke neben Herzog Ludwig sttzte. Unter den Rittern war
ein schmuck Gersteter, dem der ergrauende, zierlich gestutzte Knebelbart ber
die Halsberge herausstach. Mit dem Eisen puffte er seinen Nachbar zur Rechten
an, der in flmischer Rstung auf einem Pongauer Rappen sa und sich im Gebet
auf den Hals seines Gaules beugte: Du! Jetzt mcht ich das Gesicht Gottes
sehen!
    Der in der flmischen Rstung blieb versunken in sein Gebet. Doch des
Neugierigen Nachbar zur Linken, der junge Hundswieben, tuschelte: Gesicht
Gottes? Aschacher? Denkst du ans Sterben?
    Ich? Sterben? Noch lang nicht. Was geht mich das alles an? Wenn man nur
gesund ist. Ich hab das Gesicht gemeint, das der Herrgott jetzt machen mu, bis
er wei, mit wem er's halten soll, mit Ingolstadt oder mit Mnchen? Seine lieben
Kinder sind wir alle. Und da beten wir, und es beten die andern. Wem soll er
helfen, wen soll er hauen? Heut ist das ein hartes Geschft: Herrgott sein!
Hartneid Aschacher legte den Kopf zurck und sah durch die Klumsen des
Schlachtvisiers in die blaue Luft hinauf.
    Ein reiner, leuchtender Himmel wlbte sich mit milder Schnheit ber den
zwei betenden Heeren. Die niedergehende Sonne hing wie eine groe, blitzende
Goldkugel zwischen den Kronen des welkenden Buchenwaldes, der hinter dem
Hoflacher Jgerhause lag. Alle Spitzen der Bume waren wie zierliche, glitzernde
Glutfden, von so starkem Schimmer, da das menschliche Feuerwerk der in Flammen
stehenden Drfer neben dem strahlenden Glanz des Waldes und Himmels eine
schwchliche Sache wurde. Sogar der dicke, braune Rauch der Brandsttte - da ihn
die Abendsonne in Purpur und Gold verwandelte - war heller und schner als die
matte Knisterflamme dieser hundert Htten, in die der Mensch seine sengende
Kunst getragen. Je hher die purpurnen Qualmwolken in die Sonne stiegen, um so
leuchtender erschienen sie und waren zuletzt wie zarte, aus Rosenschimmer
gewobene Schleier, hinter denen die langen Zge der von der Sonne angestrahlten
Waldhgel gleich Ketten wundersam geschliffener Topase funkelten.
    Vor den brennenden Drfern und im Wiesentale zwischen den Hgeln waren die
knienden Mnchener schon umwoben von blauem Schatten. ber das breite Treffen
der Ingolstdter zuckten von der Hhe des Hoflacher Waldsaumes noch die
schimmernden Lanzen der Sonne herunter, lieen die Waffen und Panzer funkeln,
setzten blitzende Flmmchen auf die blanken Helme und machten aus den
scharlachfarbenen Einrssern einen Tanz von grellroten Lichtern. Und hinter
Herzog Ludwigs betendem Schlachthaufen fielen die Schatten von Menschen und
Pferden lang und blauschwarz ber die zerstampfte Wiese hinaus, die Schatten der
Fuknechte wie die Schwarzbilder knorriger Baumstmme, die Schatten der Reiter
wie die Nachtgestalten mrchenhafter Ungeheuer. Dann flo die schne Sonne, die
diese schwarze Fabel erfunden hatte, wie geschmolzenes Gold ber die Wiesen zur
Amper und Maisach hinunter, weit, weit hinaus ber das de Sumpfgelnde der
endlos scheinenden Moorflchen, und in der Ferne verwandelte sie die Waldberge
von Dachau in lange Frhlingshecken, an denen die Blutrosen blhten.
    Zahllose Wassertmpel des weiten Moorlandes, groe und winzige, spiegelten
den hellen Glanz des Himmels und waren wie blitzende Silberschilde und wie
verschwenderisch ausgestreute Goldmnzen. Und die kleinen, unsichtbaren Zwerge,
die diesen Hort von Gold und Silber bewachten, sangen eine geheimnisvolle Weise.
Millionen von Frschen und Krten unkten im schnen Abend: Gwo gwo gwo gwo gwo
... Es war wie ein Urweltslied mit einem einzigen Worte, wie ein Schwingen und
Beben der abendlichen Erde, wie eine Todesstimme der unerforschlichen Tiefe.
    Einer von den Rittern, die mit Herzog Ludwig beteten, drehte beim Klang
dieses Liedes das Gesicht, das bedeckt war vom Visier des mit Fasanenschwingen
geflgelten Helmes. Eine tiefe Erschtterung befiel ihn. Whrend er die mit
Stahl geplattete Zgelfaust in die Mhne seines Rappens whlte, war ein
schmerzender Schrei in seiner Seele. Moorle! Auf dem Hngmoos? Wie du dich
geweigert hast, in den Dreck zu springen? Bist du da nicht klger gewesen, als
Menschen sind?
    So stark und mchtig wurde das Getn der Smpfe, da es noch zu hren war
unter dem frommen Schlachtgesang, den die beiden Heere zu singen begannen, als
sie gegeneinander rckten.
    Herzog Ludwig hatte die Losung ausgegeben: Vorwrts! Mit einem wilden Sto!
Dem festen Boden zu, auf dem wir siegen! Alles niedergeritten! Die Schlacht mu
gewonnen sein, eh man hundert Vaterunser betet. In Mnchen steht unser Bett.
    So wollten es seine Ritter und Reiter. Doch die Gule versagten. Wie Kinder
vor der Nacht, so zitterten die Rosse vor diesem schwarzen, mrben Boden. Kein
Reiten und Rennen war's, ein grauenvolles Auf und Nieder, ein Kmpfen um jeden
Sprung, ein Klatschen und Keuchen. Von den Waldhgeln knatterten die Bchsen der
Stadtschtzen gegen die langsam vordringende Reitermasse. Wer aus dem Sattel
strzte, wurde von den scheuenden Rossen in den Morast gestampft. Auch auf den
Flanken des Ingolstdter Haufens fing man zu feuern an. Dieses Gebummer machte
die scheuen Gule noch wilder. Schon drohte die ganze Reihe des Treffens in
Verwirrung zu geraten. Da kam der bessere Boden. Endlich! Endlich! Unter
Trommelschlag und Trompetensten hrte man Herzog Ludwigs mchtige Stimme ber
alle Kpfe hallen. Doch bevor die bermacht seiner Ritter und Reiter den wilden
Sto und das sieghafte Niederreiten beginnen konnte, sauste der Kern des
Mnchener Treffens auf den zerrissenen Gegner los, voraus der junge Prinz mit
seinem jauchzenden: Drauf und dran!
    Nun sind die beiden Heere von Schatten umflossen. Und diesen wilden
Zusammensto begleitet ein Gerassel, als kollerten schwere Eisenpfannen,
Kupferkessel und zerspringende Glocken zu Tausenden ber einen steilen Berg
herunter. In dem grauenvollen Geschtter geht alles unter, was der Wehschrei
eines Menschen ist, der Jauchzer eines Tapferen, der zu siegen hofft, das
Rcheln eines Verlorenen, der sterben mu.
    Hoch ber dem wirren Schattengebalge von Menschen und Gulen, von Blei und
Eisen, von Dampf und Feuer - droben im Glanz der Sonne - rudert ein riesiger
Schwarm von Wildgnsen durch die leuchtende Luft. Sie kommen vom Haspelmoor und
fliegen den Seen der Berge zu. Whrend sie ber das Schlachtfeld ziehen, bleibt
der lange Keil ihres Heeres ruhig und verwirrt sich nicht - sie fliegen so hoch,
da alles, was unter ihnen auf der Erde wimmelt, ein winziges, trges,
kriechendes Ding wird, dessen sie nicht zu achten brauchen.
    Von der roten Sonne beschienen, sehen die vielen Vgel, die den Hgel von
Hoflach berfliegen, wie eine Wolke wehender Rosenbltter aus.
    Unter den Gepanzerten, die vor dem Jgerhause bei Herzog Ernst
zurckgeblieben sind, schreit ein Frommer und Aberglubischer: Jesus, ihr Leut,
schauet hinauf in die Luft! Uns fliegen die Engel des Himmels zu. Wir mssen
siegen.
    Herzog Ernst, auf seinem schweren, unbeweglich stehenden Rosse, wirft einen
raschen Blick in die Hhe und murrt: Deine Engel haben Flgel. Aber sie
schnattern. Dann spht er mit vorgebeugtem Halse wieder hinunter auf das wirre
Bild der Schlacht, deren ohrenbetubendes Getse zu ihm heraufquillt. Er wird
unruhig. Eine bange Sorge beschleicht ihn. Der bescheidene Huf seiner Reiterei
ist zu hitzig vorgeprellt. Ich sag's ja, der verrckte Jung! Wenn's schiefgeht,
rei ich ihm die Ohren weg. Er spht und streckt sich ber den Rist des Gaules
hin. Unter der Halsberge pocht ihm der Blutschlag wie ein Hammer. Immer mehr
mifllt ihm das gefhrliche Spiel da drunten. Wohl hat sich Prinz Albrecht mit
den sechshundert, die hinter ihm herjagten, in tollkhner Tapferkeit schon
hineingekeilt zwischen die Massen des Gegners und sgt sich noch immer weiter
gegen das Frstenbanner des Ingolstdters hin. Doch hinter dem Prinzen und
seinen Reitern ist ein bses Loch geblieben; der Kernhaufe des Mnchener
Futreffens kann so schnell nicht folgen, obwohl die schweren Mnner wie junge
Buben rennen; und die Flanken, bedrckt durch den regellos hetzenden Schwrm der
Bauern, ziehen sich zu weit auseinander und werden gegen die Hgel geschoben.
Wenn die berittene bermacht der Feinde sich vllig herausstampft aus dem
schlechteren Boden, ist alles verloren, und alles wird niedergerasselt.
    Aus des Herzogs Kehle fhrt ein rauher Schrei. Sein Sohn ist verschwunden,
ist gesunken, vom Gaul gerissen. Ein wildes Gebrll da drunten, halb wie Jubel
und halb wie Schreck. Fr einen Augenblick schliet der Herzog die Lider. Dann
reit er den schweren Streithammer vom Grtel, wirft durch einen Zuck des Kopfes
das Helmvisier herunter und schreit: Ihr Mnner! Los! Und drauf und dran! Oder
mein lieber Sohn ist hin. Und alles!
    Die zwanzig gepanzerten Rosse jagen ber den Hgel hinunter, durch eine
Lcke des Treffens gegen den Feind.
    Schon kreischt man ber die stockenden Reihen hin: Der Prinz ist tot! Und
Hunderte stehen erschrocken, Hunderte wollen sich wenden. Da hallt die Stimme
des Herzogs: Frwrts, ihr guten Leut! Erschrecket nit! Mein Sohn ist wie ein
anderer. Rettet euer Volk und Land! Drauf und dran! Hie gutes Mnchen! Seht, wie
der Feind entflieht! Dieses letzte Wort ist eine Lge; doch eine hilfreiche.
Gleich einer Mauer, die zu laufen verstand und jetzt das Springen lernte, drngt
die neugeschlossene Reihe des Stdter-und Bauernheeres dem Herzog nach und fllt
mit Sensen, mit Bidenhndern und Morgensternen gegen Ludwigs ankeuchende
Reitermenge. Und Herzog Ernst bahnt eine Gasse, fat den Streitkolben mit beiden
Fusten und haut nach links und rechts hinunter, mit plumpen, klobigen
Streichen, mit gewaltigen Hammerschlgen, unter denen die Helme und Schdel, die
Platten und Knochen splittern. Hinter dem Herzog schiebt sich der Hauf der
schweren Znfte nach und ein Trupp von Bauern, die mit grimmigen Hieben
dreinschlagen. Allen voran ist der Michel Ungeraten mit seinem rostigen Eisen.
Er hlt dem Herzog den Rcken frei und hat fr jeden, den er mit wtendem
Streiche niederdrischt, die drei gleichen Worte: Schmeck, wie's tut!
    Ein wstes Geraufe und Stoen, Schreien und Fluchen ist um den
niedergestochenen Apfelschimmel des Prinzen her. Vom schweren Krper des Gaules
halb in den Morast gepret, wehrt sich der Liegende mit ermattenden Krften.
Einer schlgt ihm das Eisen aus der Faust, ein roter Einrsser reit ihm den
Helm herunter, fat ihn am Hals und drckt den vom Blondhaar umringelten Kopf
des Prinzen in den Kot: Ergebt Euch, Herd Da saust in dem wirren Gewhl der
Streitkolben des Herzogs auf den Nacken des Einrssers. Der bricht zusammen.
ber ihm ein lachender Schrei: Ui? Wolltest du meinen Jungen fangen? Den brauch
ich selber. Die Mnchener wollen jubeln, doch sie mssen sich ihres Lebens
wehren. Zwei Reiterhaufen des Ingolstdters berflgeln das Gebalge, das um den
Prinzen ist. Ludwigs Hauptmann Christoph Laiminger rennt gegen den Herzog an.
Ein Streich des Michel Ungeraten wirft ihn vom Gaul. Und der Michel will noch
schreien: Schmeck, wie's - Doch das dritte seiner Worte findet er nimmer.
Stummgeworden rollt er unter die Hufe der Rosse.
    In dicken Schwrmen prellen die Ingolstdter vor. Und ohne zu lgen,
jauchzen schon viele von ihnen: Sieg! Sieg!
    Da schrillt zwischen den roten Einrssern eine dnne Knabenstimme: Rettet
euch! Alles verloren! Rettet euch! Wendet die Gule! Unser Herzog in Gefahr!
Der vordringende Schwarm der Ingolstdter stockt. Eine dumpfe Verwirrung. Und
einer in mausgrauem Mantel reit mit zerrenden Fusten sein Ro zur Flucht.
Wieder und wieder zetert er die zwei gleichen Worte: Rettet euch! Rettet euch!
Zwanzig, dreiig, hundert beginnen zu fliehen. In langen Reihen wanken und
weichen sie.
    Herzog Ludwig mit den fremden Hilftruppen, die im Treffen die Nachhut hatten
und noch zu keinem Streiche gekommen waren, wirft sich dem Gewirr der Fliehenden
entgegen, will das rennende Unglck zum Stehen bringen, befiehlt und droht und
bittet, reitet gegen das eigene Volk und schlgt mit seinem deutschen Schwert
die eigenen Leute nieder.
    Wie eine eiserne Mauer pret sich das Heer der Mnchener gegen die
weichenden Reihen des Gegners und drngt die letzten, die noch stehen mchten,
auf den moorigen Boden zurck. Hier wird jedes Ro zu einem Feinde seines
Reiters. Die fuchtelnden Hufe schlagen auf Menschenleiber. Ein Sthnen, Keuchen
und Schreien. Und whrend die Frsche millionenstimmig das ewige Lied der Tiefe
singen, wlzt ein verzweifelter Knuel von Menschen und Tieren sich immer weiter
gegen die weglosen Smpfe hin. Rosse versinken bis ber den Bauch, gestrzte
Reiter tappen und waten, werden vom Gewicht der Rstung immer tiefer gezogen und
bleiben hngen wie Fliegen im bsen Honig.
    Keine Rettung mehr! Herzog Ludwig mu das Elend der Stunde erkennen. Doch
alles Zhe seiner Krfte bumt sich in ihm, und seine Fuste greifen nach einem
neuen Schimmer von Hoffnung. Noch ist nicht alles verloren. Nur sein Sohn ist
ein Verrter geworden oder noch ein Ekelhafteres: ein Feigling. Sonst nur ein
Tag verspielt! Wohl liegen tausend von Ludwigs Treuen auf der Wiese oder hngen
im Moor oder rennen, wer wei wohin. Zweittausend hat er noch! Und mehr! Die mu
er retten, zusammenhalten und fhren, mu ihnen die Strae sichern, mu sie bei
Dachau auf festen, verllichen Boden bringen. Dort will er sie sammeln, will
sie ruhen lassen bis zum Morgen. Und wenn sie erkannten, da nur der Ha des
Bodens und die Widrigkeit einer Stunde sie besiegte, will er sie zu einem neuen,
glckreicheren Stoe gegen Mnchen fhren, morgen, in dieser jungen Sonne, die
seine Sonne ist, die Sonne von Sankt Matthi!
    Mit den Truppen, die noch frisch geblieben - mit den Salzburgern und
Gadnischen, mit dem Zug der Chiemseer und des Trring - besetzt er im Blutglanz
des sinkenden Abends die Amperbrcke bei Olching und formiert einen langen, weit
auseinanderstrebenden Trichter, der die verwirrten Schwrme der Fliehenden
auffangen und sie zu ruhigem Rckmarsch in dnner Reihe zwingen soll.
    Das gelingt ihm.
    Es gelingt, weil Herzog Ernst bei dmmerndem Abend die Seinen sammelt, um
sie von einer hetzenden Verfolgung auf gefhrlichem Boden abzuhalten. Und weil
er ein gengsamer Sieger ist. Gott hat uns aus der Not gehoben. Jetzt wollen
wir barmherzige Menschen sein.
    Im sinkenden Zwielicht werden die Verwundeten zusammengetragen, Freunde und
Feinde. An die dreihundert hocken und liegen im Wiesgarten vor dem Hoflacher
Jgerhause. Nur wenige sind schwer verletzt. Gefallen ist vom Heer der Mnchener
nur ein einziger. Er liegt wie ein steifes Holz im Gras, ist in den Mantel des
Herzogs eingewickelt und hat einen neuen Namen bekommen. Man wird ihn zu Mnchen
in der Schlokirche bestatten, und der Bchsenmeister Vlschel, der alle Verse
fr seine Haupt- und Kammerbchsen selber macht, hat schon eine Grabschrift fr
ihn gefunden:

Ein Bauer hie Michel Ungeraten,
Da seine uglein noch blitzen taten,
Hat gelacht fr sieben, gefochten fr zehn,
Heiet im Himmel: Herr Seelenschn!

    Das Verslein gefiel den Frsten, Brgern und Bauern. Nur ein alter
Schwabinger schttelte den Kopf und sagte: Seiner einschichtigen Mutter wird's
nit zusagen. Der wr ein lebendiger Ungeraten lieber.
    In der matten Helle, die der versinkende Brand der beiden Drfer am spten
Abend noch machte, musterte Herzog Ernst die Schar der Gefangenen. Fast ein
halbes Tausend. Nicht viele waren in der Schlacht gewonnen; unter ihnen ein paar
von des Ingolstdters besten Leuten, der verwundete Hauptmann Christoph
Laiminger, Herr Jrg von Frauenberg und Seiz Marschall von Oberndorf. Die
meisten der Gefangenen - darunter mehr als zweihundert adlige Herren - hatte man
nach der Schlacht aus dem grauen Pfuhl gezogen. Wie man Fische im Moorwasser
fngt, mit der hohlen Hand. Bevor man diese erbeuteten Grafen und Barone unter
Siegesjubel und Glockengelut nach Mnchen einbringen konnte, mute man sie ein
bichen subern. Mit pltschernden Wassergssen splte man ihnen den Morast von
den kostbaren Rstungen. Lachend sagte Herzog Ernst: Ihr Herren, verzeihet der
groben Wsch! Meinem Sohn ist's auch nicht feiner ergangen. Der putzt noch
allweil an seinem langen Haar und riecht wie ein fauler Karpf.
    Von irgendwo - aus einem Dorfe, das noch nicht verbrannt war - klang im Grau
des Abends der Hall einer Glocke.
    Der Herzog und die Seinen beugten das Knie zur Andacht. Sie dankten dem
Himmel fr den flinken Sieg, den sie im Gold dieses sinkenden Tages erfochten
hatten, bevor eine langsame Christenseele hundert Vaterunser htte beten knnen.
    Nach dem Amen tat Herzog Ernst das Gelbde: Wo Gott uns geholfen hat, will
ich zu ewigem Gedchtnis eine Kapell erbauen.
    Unter einem Himmel, der noch hell war, begann das Heer der Mnchener den
frhlichen Rckmarsch. Die Brger schwatzten, die Bauern sangen.
    Von den glostenden Feuersttten der niedergebrannten Drfer huschten Mnner
und Weiber am schwarzen Waldsaum gegen das stillgewordene Schlachtfeld hinunter
und holten sich von den kaltgewordenen Ingolstdtern, die Herzog Ludwig wider
Willen zurckgelassen hatte, eine kleine Vergtung fr ihren Brandschaden. Bei
der Plnderung des vergessenen Frstenzeltes fanden sie einen Gefesselten, dem
sie die Freiheit gaben, weil sie glaubten, das wre einer von Herzog Ludwigs
Feinden.
    Gelchter, harte Flche und leise Stimmen. Und manchmal ein lautes Klatschen
in den weilichen Wassertmpeln, die noch immer einen Schimmer von Helle zu
spiegeln hatten.
    ber den groen Pftzen zuweilen ein Flgelrauschen, ein aufgeregtes
Entengeschnatter.
    Und noch immer sangen die Frsche.
    In der Dmmerung huschten zwei groe Hunde wie rasend zwischen dem
Schlachtfeld und dem Lauf der Amper umher. Winselnd und klffend verschwanden
sie im Dunkel.

                                       8


Wie ein schwingender Orgelton, verschwebend und wieder wachsend, scholl das Lied
der weiten Smpfe in die kommende Nacht. Von den Rndern der flachgedehnten
Moore klang es noch ber das feste Land hinaus bis zu den schwarzgewordenen
Waldhgeln, die zwischen Gnding und Dachau einen groen, dunklen Wiesenkessel
umzogen.
    In den schwarzen Wldern nirgends ein Feuerschein. Doch immer wieder das
Gerusch von brechenden Zweigen, ein Stampfen ungeduldiger Pferde, ein leises
Klirren von Eisen.
    Aus einer finsteren Wand des von unsichtbarem Leben durchlispelten Waldes
lsten sich zwei graue Reiter und hielten auf einem Wiesenhgel: Malimmes und
Jul. Ihre Gule standen Seite an Seite, whrend die beiden schweigend
hinaussphten ber das singende Moor.
    Gegen Westen streifte den Horizont noch ein matter Blutschein des
versunkenen Tages. Und in der sdlichen Ferne, wo der Himmel zwischen dem
Stahlblau der vorrckenden Nacht und dem glimmenden Rot des Westens eine
gelbgrne Tnung hatte, hing etwas Traumhaftes in den Lften. Es war von
rtselhafter Form, hatte ein zartes Leuchten und drohte hinter den dampfenden
Herbstnebeln zu versinken. Fast glich es den schimmernden Zacken einer groen
Krone, die ein unsichtbarer Knig trug, die Kette der Berge, auf deren hchsten
Zinnen noch ein roter Nachglanz der untergegangenen Sonne lag.
    In dem leiser werdenden Lied der Frsche lie sich von Westen ein Gerusch
vernehmen, hnlich dem fernen Lrm jener Elendsnacht, in der die Ramsauer den
andchtigen Bittgang zum heiligen Zeno unternommen hatten. Wie ein Gerttel von
Erbsen in einer eisernen Schssel.
    Ruhig sagte Malimmes: Da kommen sie. Herr Heinrich hat gut gerechnet. Wenn
er die wilde Fiebernacht bersteht, wird Gott wieder wollen mssen, was der
Herzog will. Wr ich der Herrgott, so htt ich einen anderen Willen.
    Stumm und unbeweglich kauerte Jul im Sattel, war auf den Hals des Pferdes
gebeugt und sphte ber das klingende Moor hinaus.
    Was wir da schaffen mssen, ist ein bles Ding. Malimmes redete durch die
Zhne. Einen Feind totschlagen? Gut! Einen Erschlagenen drosseln? Ich versteh's
nit. Er lachte. Mu wohl sein, da ein niedriger Lumpenkerl nit wei, wie ein
frnehmer Herzog rechnet: Zweimal zwei ist drei fr die andern, zweimal zwei ist
sieben fr den Herzog. Sein Turm wird fett dabei. Unsereins bleibt mager.
    In der nebligen Ferne, wo die ruhelosen Erbsen rasselten, glommen die
Fackeln auf, die der fliehende Heerhauf entznden mute, um zwischen Sumpf und
Sumpf die feste Strae nicht zu verlieren. Und im Sden wuchs ein rtlicher
Schein: das Freudenfeuer, das man zu Mnchen entzndete. Um die heimkehrenden
Sieger zu begren, lutete man in der Stadt mit allen Glocken. Das
vielstimmige, durch Ferne und Nebel sanft gedmpfte Gelut schwamm ber den
singenden Sumpf herber und mischte sich mit dem Lied der Frsche, das wie eine
zrtlich flsternde Stimme im Dunkel schwebte: Komm, komm, komm, komm, komm,
komm -
    Schaudernd unter den sthlernen Schienen, fiel Jul im Sattel vornber und
prete das Gesicht in die Mhne des Gaules.
    Malimmes lie den Zgel fallen, griff mit beiden Armen hinber und richtete
den zitternden Gesellen auf: Sei gescheit! Tu dich aufrecht halten! Was ist
denn das?
    Malimmes! Ich sterb, ich sterb!
    Da lachte der Bauernsldner mit einem wunderlich wehen Klang. Sterben? Das
glauben die Maidlen all weil, wenn ihr Leben erst richtig anheben will.
    Jul hob den Kopf und sagte mit der Stimme einer verzweifelten Seele:
Mensch, ich versteh dich nit! Du redest wieder, ich wei nit, was.
    Ganz gut verstehst du mich. Guck bers Moor hinaus! Malimmes deutete nach
den Fackeln, die weit da drauen gaukelten. Da kommt einer. Der lebt! Er mu
leben. Da glaub ich dran, du Kind meines gtigen Herren! Eh zwei Tag versinken,
ist das Lachen in dir. Oder seit Adam ist kein Prophet auf der Welt gewesen, und
der Malimmes vom Taubensee ist ein Schaf mit sieben Haxen. Das heitere
Schwnzlein, das er hinter den Ernst seiner Worte gehngt hatte, wollte nicht
wirken.
    Du tust mich martern.
    So mut du's halt ein ltzel aushalten. Ein junges Mannsbild darf nicht
wehleidig sein. Jetzt bist du eins. Was du sein wirst, bis der Neumond ins
Wachsen kommt, das mag ich nit wissen. Und pa auf, Gesell, ich sag dir was! Die
irdischen Leut in ihrer Torheit reden von allerlei Sachen. Die sagen: Tod oder
Leben, Ehr oder Schand, Hab oder Armut, Licht oder Finsternis. Fr alles, nach
dem sie drsten oder was sie frchten, haben die narrischen Menschen so einen
Laut. Ist alles blo ein lausiges Wrtl. Alles ist Nuhaut. Kern ist blo ein
einzigs. Die's richtig erleben, knnen nit sagen, was es ist. Blo die wissen
es, die's nie nit finden und allweil hungern. Die sagen: Glck! - - Bub? Hrst
du, was ich sag?
    Ein schluchzender Laut.
    In der Hhe fingen die Sterne zu blitzen an, whrend ber dem Moor das
Nebelziehen der Herbstnacht immer dichter qualmte. Die Feuerhelle der
siegreichen Stadt war schon verschwunden. Und auch der Schein der vielen
Fackeln, die sich ber die Moorstrae herbewegten, drohte zu erlschen in diesem
schwrzlichen Grau. Doch immer lauter scholl das Erbsengerttel in der
Eisenschssel.
    Whrend die Kpfe der zwei ruhig stehenden Gule zrtlich miteinander
scherzten, waren die Worte des Malimmes ein heies Flstern: Mu ein hurtiges
Ding sein! Das Glck! Hat zwei springende F, will nit stehen bleiben und mag
nit warten. Lauft einem allweil davon. Wer's haben will, mu es greifen im
richtigen Schnaufer. Ich Esel hab den richtigen verpat. Liebs Maidl, tu die
Augen auf! Wenn dein Glck kommt, so pack's! Seine Stimme wurde wie das
Knirschen eines Fieberkranken. La nimmer aus! Das Glck ist alles. Und was du
brauchst dazu, das nimm! Ist alles dein! Mein Sack und Geld, mein Ro und Eisen,
mein Blut und Leben. Nimm's! Und da du's weit: Frgestern hat mir der Herzog
einen geschenkt, den ich fangen will. Und der ist dein! Nimm ihn! Nimm ihn!
    Taumelnde Worte: Ich wei nit, wen du meinst!
    Den du lieb hast!
    Mensch! Eine Stimme in heiem Zorn. Bist du ein Narr? Oder redest du im
Rausch?
    Nach langem Schweigen sagte Malimmes heiter: Jetzt hast du's troffen! Ist
wahr, heut hab ich den Becher fest gelupft. Ich frcht mich nit so leicht. Aber
heut? Recht hast du! Heut hab ich mir ein ltzel Mut in die Leber gegossen. Weil
ich sorg, da morgen Verliertag ist. Das Letzte verlier ich nie. Ich selber
bleib mir noch allweil. Aber morgen verlier ich das Beste. Er fate mit einem
wilden Griff den Zgel des Falben. Komm! Wir mssen dem Seipelstorfer Meldung
machen, da die Mus ins Wasser hupfen. Er lie die zwei Gule keuchend
hinaufjagen ber den steilen Hgel, auf dem der Wald begann.
    Drauen im Moor verwandelte sich das Gerttel der Erbsen in schweres
Eisengerassel. Gule stampften, man hrte das Rderknarren flink fahrender
Karren, den dumpfen Schritt marschierender Haufen. Das Wiehern und Schnauben der
Rosse, schreiende Befehle und die vielen aufgeregten Stimmen - alles schmolz
ineinander zu einem wirren Lrm. Auf der festen Wiesenflche, die vom Halbkreis
der im Nebel unsichtbaren Waldhgel umzogen war, sammelte sich das fliehende
Heer des Ingolstdters. Zelte wurden aufgeschlagen, Lagerfeuer angezndet. Bei
den Trokarren rauften sich die Hungrigen um die Zehrung, die man austeilte. Die
geleerten Karren verkeilte man gegen die Moorstrae zu einer Schanze, um das
rastende Kriegsvolk gegen einen nchtlichen berfall der Mnchener zu schtzen.
    Als die Erschpften bei den Feuern ruhen konnten, ihren Hunger stillen und
den Durst ersufen, kam in den Lrm des von Nebeln umsponnenen Lagers ein
heiterer Klang. Die Lagerdirnen sorgten fr Aufmunterung der betrbten Helden.
    Den Herzog hatte man zu einem Hauptmannszelte gefhrt, vor das Frst
Pienzenauer die Gadnischen als Wache stellte. Seinen scharlachfarbenen
Einrssern traute Herr Ludwig nimmer.
    Whrend ihm beim Schein einer Fackel der zitternde Wolfl, der ein gedunsenes
Gesicht und an den Handgelenken dicke Striemen hatte, die blauen, unter
Schlammkrusten erloschenen Stahlschienen herunterschnallte, blieb der Herzog
schweigsam. Er schien nicht zu hren, was die Herren und Hauptleute redeten, die
im Zelte waren. Immer sah er die zwei abgehetzten Hunde an, die in ihrem
schlammigen Haar auf einer Pferdedecke lagen und die jappenden Zungen ber die
schwarzen Lefzen hngen lieen.
    Sein stolzer Krper war gebeugt, sein Gesicht gealtert. Dunkle Ringe lagen
um die Augen, tiefe Schnitte um den Mund. Was ihm der Wolfl hatte sagen mssen,
hatte ihm die letzte Kraft zerbrochen. Als er des Eisens ledig war, sah er die
Herren an und machte mit der Hand eine dankende Bewegung. Morgen! Heut sind wir
mde. Wer schlafen kann, soll es tun! Er lchelte ein bichen. Lat euch was
Holdes trumen! Die schnen Dinge mu man im Schlafe finden. Fr den Wachenden
sind sie, man wei nicht, wo.
    Nun war Herr Ludwig allein mit dem Kmmerer. Geduldig lie er sich subern
und pflegen, nahm einen Bissen und leerte den Becher. Schon auf das Lager
hingestreckt, umklammerte er pltzlich mit seinen starken Fusten die dnnen
Waden des bejahrten Dieners und schrie: Wolfl? Kannst du es glauben? Ein Sohn!
Glaubst du das?
    Der Alte schttelte den weien Kopf. Er hat mich doch selber vor den zwei
Dieben gewarnt, die ihm verdchtig waren. So htt er nit geredet, wenn er -
    Gelt, nein? Und das mit dem Nachtigall? Das kann doch so sein! Und diese
Feigheit in der Schlacht? Nicht Feigheit. Nein. Ich will Schreck sagen. Auch in
gradgewachsenen Menschen mu erst erzogen werden, was Mut heit. Ein Kind. Halb
noch ein Kind. Und die erste Schlacht. Schreck ist ein menschliches Ding. Sein
Schreck kostet mich viel. Das ist wahr. Aber auch ich erschrecke noch manchmal.
Ich erschrecke vor Ratten. Weil mir ekelt. Und auch das ist wahr: Er ist nicht
gut, Wolfl. Bse Dinge sind in ihm. Wie in uns allen. Aber solch ein
Frchterliches? Nein. Was ich denken mu, ist nur ein Wechselbalg des bsen
Mitrauens in mir. Wolfl! Spei aus vor mir! Ich verrate. Nicht dieses verirrte
Kind, das heute nacht um meiner Torheit willen seinen Kopf hinlegen mu, ich
wei nicht wo. Er fiel auf das Lager hin. Eine Weile - bis Wolfl Graumann die
Hunde gesubert hatte - blieb er unbeweglich. Dann fuhr er mit dem Oberkrper
auf, streckte die Arme und lockte mit zrtlichem Laut. Die zwei Bracken kamen
gesprungen, duckten sich zu ihrem Herrn auf das Lager und machten sich klein
unter seinen Armen. Mit den Hnden prete er die braun und wei gefleckten Kpfe
der Trringer Brenfinder an seine Brust, wurde ruhig und lchelte. Sieh her
da, Wolfl! Das sind Tiere. Viele Menschen wissen nicht, warum es Tiere gibt. Er
schmiegte das Gesicht gegen die Schnauzen der beiden Hunde. Wie gut sie
riechen! So blieb er ruhig liegen, mit den Runzeln eines whlenden Denkens auf
der Stirne.
    Als eine der Bracken lauschend den Kopf erhob, fuhr auch Herr Ludwig auf und
fragte heftig: Wer hat die Wache vor unserem Zelt?
    Wolfl stammelte: Ich wei nit, Herr!
    Hole mir den Mann, der da drauen befiehlt!
    Der Alte huschte davon. Und in der flmischen Rstung - grau von Schlamm,
der auch die Fasanenschwingen des Helmes noch so dick bespritzt hatte, da sie
wie Sperberflgel waren - trat Lampert Someiner in das Zelt. Der gndigste Herr
gebietet?
    Weit die Augen ffnend, setzte der Herzog sich auf und nahm die Kpfe der
Brenfinder unter die Arme, als mte er sie vor einem Fremden zur Ruhe zwingen.
Doch sie murrten nicht. Ei, schau doch! Der Ritter Someiner! Mein
Berchtesgadner! Nimmer so schmuck wie vor einem Jahr. Und doch gefllst du mir
besser. Er tat einen tiefen Atemzug. Freund Pienzenauer hat es gut mit mir
gemeint. Du vor dem Zelt da drauen? Da kann ich schlafen ohne Sorg. Und ich bin
mde. Herr Ludwig sah wie verwundert die Kpfe seiner ruhigen Hunde an und
nickte. Die wissen, wer du bist. Er hob das Gesicht. Jetzt wei ich es auch.
Zu Ingolstadt bist du mir in der Masse entronnen. Die Masse ist dnner geworden.
Da sieht man den einzelnen. Heut hast du mir Arbeit getan, bei der die
Tapfersten verzagten. Viele Hunderte von meinen verstrten Schpsen hast du zu
Vernunft und auf ruhigen Weg gebracht.
    Herr, die haben sich selber besonnen.
    Dem Herzog fiel die heiser umflorte Stimme auf. Er lchelte. Hast du schon
wieder einen verkhlten Hals?
    Nein, Herr! Das ist noch allweil so. Es bleibt. Was schadet's? Ich bin kein
Kirchensnger.
    Schweigend betrachtete Herr Ludwig diesen ruhigen, festen Mann, der noch die
Jahre des Jnglings hatte. Dann sagte er ernst und langsam: Die Trichten
fragen. Und irgendwann kommt eine Stunde, die ihnen Antwort gibt. Da du vor mir
stehst so fest, heute in meiner Schmach, das ist eine Antwort. Fr mich. Seine
Worte wurden schwer wie Blei. Warum hab ich dich nicht besser beschaut? Damals?
Ich htte auf deine junge, redliche Stimme hren sollen. Dann s ich heute
nicht, wo ich sitze. Und unsere Heimat wre nicht rmer geworden um viele
Tausende von Menschen! - Damals, weil du heiser warst, habe ich dich ein bichen
drollig gefunden. Und wenn ich mich recht besinne, sagte ich dir ein hhnisches
Wort. Willst du mir das verzeihen? Der Herzog streckte die Hand.
    Lampert umklammerte mit seiner gepanzerten Faust diese Hand, die von den
Konstanzer Narben durchschnitten war. In seiner tiefen Erschtterung wute er
nicht, was er sprach. Er sagte: Herr, fr Euch in den Tod!
    Der Herzog schttelte den Kopf. Tod? Nein, Someiner! Jetzt wei ich, was
ich will. Morgen wollen wir einen Weg zu ertrglichem Leben suchen. Und
heimziehen, den Stolz zerbrechen und unser Haus bestellen. Der Fritz von Zollern
wrde sagen: Meinen jungen Acker bauen. Und lernen wollen wir, wie man sein mu
als Vater, um einen treuen Sohn zu haben. Herr Ludwig erhob sich und drckte
schmeichelnd die Hunde auf das Lager hin. Nun hatte seine Stimme fast einen
heiteren Ton. Kluge Greise sagen gerne: Zu spt! Sie sind Narren. Weise sind
nur die Hoffenden. Morgen kommt die Sonne von Matthi. Sobald der Moornebel
verschwindet, sollst du zu meinen Vettern nach Mnchen reiten. Dich will ich
schicken. Du sollst meine Vershnung mit ihnen bereden. Komm zu mir, wenn es Tag
wird. Da besprechen wir alles. Jetzt lege dich ein paar Stunden schlafen! Hier
in diesem Waldloch sind wir sicher.
    In froher Erregung sagte Lampert: Ich will wachen.
    Der Herzog lachte: Tue, was du mut! So lautet das Gesetz der Verllichen.
Jetzt kann ich schlafen. Gute Nacht, Someiner!
    Ein glckliches Leuchten war in Lamperts Augen. Gesegneten Morgen, Herr!
    Someiner? Bist du vermhlt?
    Eine dunkle Welle ging ber das braune Gesicht. Nein, Herr!
    Friede kommt. Nimm dir ein gesundes Weib! Und zeuge gradgewachsene und
redliche Shne! Man braucht sie auf Erden. Der Herzog wandte sich zu seinen
Hunden und streichelte ihnen die schnen Kpfe. Als Lampert Someiner das Zelt
verlassen hatte, sagte Herr Ludwig: Wolfl? Wie kommt das? Ein Mensch. Und redet
keine zwanzig Worte. Und wird ein Stab und ein Wegweis. Wie kommt das?
    Gndigster Herr, das wei ich nit.
    Wolfl, du bist ein altes, dummes Huhn. Heiter fate der Herzog den
Kmmerer am Ohrlppchen. Das kommt so, weil in graden und gesunden Menschen die
reiche Seele zu reden anfngt, wenn die Lippen arm werden. Er streckte sich auf
das Lager hin. Lsche die Fackel! Dann kannst du schlafen gehen.
    Drauen klirrte der Stampfschritt einer gepanzerten Ronde, die von Feuer zu
Feuer ging, um Ruhe zu gebieten.
    Die Flammen erloschen bei den Zelten und zwischen den wirren Haufen der
Menschen, die in den Mnteln auf der blanken Erde lagen. Nur vor der
Wagenschanze, bei der man, gegen die Moorstrae hin, eine starke Wache postiert
hatte, loderte noch eine hohe Feuersule. Ihre Helle lockte das Nachtleben des
Moores an. Pfeifende Bekassinen schssen vorber, dicke Rohrdommeln, die wie
Raben krchzten, berflatterten mit schwerem Flug die hohe Flamme, und manchmal
sauste ein kleines Entenvolk heran, wendete mit ngstlichem Geschnatter und
verschwand wieder. Das Gewimmel der Moosschnaken hing wie ein wogender Schleier
in der Helle, und ruhelos kam ein immer wachsender Flug von Nachtschmetterlingen
gegen die Flamme her; das war wie ein rtliches Schneegestber; jene, die tief
in das Feuer flogen, verwandelten sich in aufblitzende Sternchen; und die
anderen, die sich nur versengt hatten, begannen rings den Boden mit kleinen
Leichen und mit einem Gewhl von kribbelnden, in Schmerzen taumelnden
Insektenleibern zu bedecken. - -
    Als der Morgen graute, wurde Lampert, der wachend die ganze Nacht vor dem
Frstenzelt gestanden, zum Herzog gerufen.
    Trg ermunterte sich das Lager. Die Leute, die bei der qulenden
Insektenplage keinen Schlaf gefunden hatten, waren bernchtig, md, erschpft,
voll bler Laune; und immer scharrten die angepflckten Gule, unruhig und
gereizt.
    Gegen die siebente Morgenstunde begann der Nebel sich aufzuhellen und kroch
nach Westen ber das Moor hinaus. Manchmal sah man einen Schimmer, als wre
irgendwo die Sonne.
    Mit kleinem Geleit - an den langen Speeren die weien Friedenslappen -
trabte Lampert Someiner als Gesandter des Herzogs von der Wagenschanze ber die
Moorstrae hinaus, auf Mnchen zu. Beim Reiten schlssen sich manchmal seine
Lider ber den heien, rotgernderten Augen.
    Sonnbeglnzte Waldkmme tauchten aus dem schwindenden Grau; wie kleines,
glitzerndes Spielzeug sah man zwischen leuchtenden Schleiern und blauen
Himmelsflecken die Dachauer Hhe mit Mauern, Turm und spitzigen Firsten; und in
der Tiefe blinkten schon die vielen Wassertmpel des Moores wie funkelnde
Silberschilde zwischen goldgetnten Nebelstreifen.
    Da scholl von dem Waldloch, in dem das Lager war, ein wstes, grauenvolles
Geschrei.
    Lampert verhielt seinen Pongauer Rappen, streckte sich in den Bgeln und
sphte. Zwischen den wehenden Dnsten, aus denen das frchterliche
Stimmengekreisch herausschrillte, sah er ein braunes Gewhl von Menschen und
Rossen. Und ber die sonnbeglnzten Waldhgel rollten blitzende Wogen von Eisen
gegen das verwirrte Lager hinunter, dicke Reiterschwrme und breite Zge von
Fuknechten.
    Wendet! Jesus Maria! Wendet! brllte Lampert mit seiner rauhen Stimme,
warf den Rappen herum und ri das Eisen aus dem Leder. Wendet, ihr guten Leut!
Der Herzog in Not!
    Er jagte mit den sechsen, die sein Geleit waren, gegen das Lager zu. Auf der
Strae, die schmal durch die weglosen Smpfe hinzog, quoll ihm ein tobendes
Gedrng von Fliehenden entgegen, von springenden Mnnern, schrillenden Dirnen
und hopsenden Reitern. Lampert sperrte mit seinem Geleit den Weg, befahl und
schrie und bettelte und stach die Rosse nieder, die an ihm vorber wollten. Aber
da half kein Mut und kein Wille eines Menschen mehr. Die Angst dieser waffenlos
Entfliehenden war wie eine sinnlose Walze, die alles niederdrckte, was ihr im
Wege stand.
    Die junge Sonne von Matthi lchelte goldschn aus dem reingewordenen Blau
herunter, und vom Dachauer Kirchturm klang das Gelut der frommen
Sonntagsglocken, whrend auf der Moorstrae die niedergerittenen Menschen sich
unter den Hufen der jagenden Rosse wlzten und schreiend ber die
Straenbschung hinunterkollerten in den grundlosen Schlamm. Die vielen im
Moraste auf- und niedertauchenden Hnde waren wie hpfende Fische, und gleich
aufgeblhten Frschen waren die irrenden Menschenkpfe, die mit starren, weit
aufgerissenen Augen aus den Tmpeln ragten. Rosse tappten und keuchten durch den
schwarzen Pfuhl, versanken und tauchten wieder auf, whlten sich in den Tod
hinein oder hingen mit den Vorderbeinen geduldig an einen Moosbuckel
angeklammert. Und eines von diesen Rossen - ein Pongauer Rappe - stand reiterlos
und mit enggestellten Hufen auf einer kleinen Raseninsel, peitschte seine
graugewordenen Flanken mit dem schlammtriefenden Schweif und wieherte klingend
ber den von Sonne schimmernden Sumpf hinaus.
    Und drben, gegen Norden hin, auf der anderen Seite des von Heinrichs
Truppen schon umzingelten Lagers, war ein klirrendes Gehmmer wie von tausend
Schmieden.
    Herzog Ludwig, im blauen Stahl seiner Ingolstdter Rstung und mit dem
breiten deutschen Schwerte, brach unter verzweifelten Streichen eine Bresche in
die eiserne Mauer der Landshuter Harnischer. Lieber den Tod, als mich fangen
lassen von dieser giftigen Spinne! Er schlug und focht und erkmpfte Schritt um
Schritt - mit ihm Herr Peter Pienzenauer und die Chiemseer, der Hochenecher mit
den Salzburgischen Rittern und gegen dreihundert von Ludwigs Lehensherren und
adligen Sldnern. Und allen voraus, immer an der Seite des Herzogs oder vor ihm
her, drosch und hmmerte Kaspar Trring, der aus dem Teufel von Jettenbach
verwandelt war in den mrderischen Satan von St. Matthi. Das Geklff von
Ludwigs Hunden, die hin und her durch das Gewhl der Kmpfenden sausten, schien
die tollkhnen Krfte des Trring zu verdoppeln. Sooft er das Zorngelut der
Brenfinder hrte, lachte er unter dem blutbespritzten Visier und schlug und
schmetterte alles vor sich nieder. Und immer suchten seine Augen, immer schrie
er: Die Laus? Wo hat sich denn die winzige Laus versteckt? Er brllte: So
eine Laus! Ich will ihr einen Tod bescheren, gegen den das Leiden meiner sechzig
Bracken ein seliges Verschnaufen war! Und als er die Landshuter Mauer
durchbrochen hatte, wandte er den schweren, in Eisen gehllten Gaul und schlug
und ri den Herzog aus dem Gewhl heraus, das ihn bedrngte.
    In Erschpfung keuchte Herr Ludwig: Durch! Nach Regensburg zum Knig! Oder
alles ist verloren fr mich.
    Die letzten, die um den Herzog waren, begannen schon mit dem Frsten die
Flucht gegen das enge Waldtal beim Webelsbache. Da rasselte eine neue Mauer
lebendigen Eisens gegen sie heran: Herzog Heinrichs Kerntruppe, die
Harnischreiter und Trabanten von Burghausen. Beim Zusammensto ein
Stahlgeschtter, da es weithin durch die Lfte klirrte und allen Stimmenlrm
verschlang, der ber der Kampfsttte fieberte. In dicken Haufen rasselten die
Burghausener gegen den Herzog an, jeder wollte den goldenen Preis der tausend
Dukaten verdienen, mit denen Herr Heinrich den kostbaren Gefangenen zu bezahlen
versprochen hatte. Ein wstes Hauen, Stoen und Stechen. Nur einer von diesen
Schwergepanzerten, ein klobiger Mann, dem das weie Schlfenhaar unter dem
Helmsturz herausquoll, schlug mit seinem langen, breiten Eisen nicht zu und hob
es nur, um die niedersausenden Hiebe von sich abzuwehren. Doch immer tiefer
drngte er den Gaul in das klirrende Gewhl und streckte sich und sphte, atmete
schwer unter den sthlernen Platten und suchte, wie ein Drstender den Brunnen
sucht. Nun ein Zucken, ein Aufstraffen des Krpers. Und ein wilder, jauchzender
Schrei:
    Hartneid Aschacher!
    Ein schmuck Gersteter, dem unter dem kurzen Schlachtvisier der ergrauende
Knebelbart wie eine zierliche Sache herausstach, drehte bei diesem schrillen
Anruf wie in Verblffung den Kopf. Wer bist du?
    Wehr dich, Lump! Einen Gru von meinem Weib und Kind! Ich bin der Ramsauer
Richtmann.
    Ein Lachen unter dem Visier. Und der Chiemseer schwang sein Eisen. Da fuhr
die schwere, in der Sonne blitzende Klinge des Bauern schon herunter wie ein
zuckendes Licht. Und fuhr dem Hartneid Aschacher unter dem Arm in den Panzer und
durch die Lende hinunter bis ins Geschlecht.
    Aufatmend lste Runotter die Fuste vom Griff seines Schwertes, das in dem
rot aus dem Sattel strzenden Mannskrper stecken blieb.
    Du ntest kein Weib nimmer!
    Runotter wandte den Gaul und suchte einen Weg aus dem tobenden Gewhl. Fr
den Ramsauer Richtmann war der Krieg zu Ende. Einen Hieb, den er kommen sah,
parierte er mit dem geschienten Arm.
    Bauer, Gotts Teufel, brllte hinter ihm eine Stimme, wenn du nit schlagen
magst, so wehr dich doch! Und weil dieser Schreiende sah, da der Bauer ohne
Waffe war, entri er einem adligen Herrn den Streitkolben. Nimm, Bauer! Gotts
Teufel, so nimm doch! Das Gewhl des Kampfes keilte die beiden auseinander. Und
Runotter, der einen niedersausenden Streich mit dem Arm nicht vllig parieren
konnte, sagte ruhig zu dem Gegner: Wie, Mensch, tu nit so grob! Dir bin ich nit
feind! Da stach ein anderer dem Herrn, der den Streich gefhrt hatte, das Ro
zu Boden. Der Strzende, der halb unter den Pferdeleib zu liegen kam, verlor den
Helm: ein strenger Graukopf, brtig, mit hagerem Gesicht und blitzenden Augen,
die klug waren und ohne Schreck.
    Runotter, dieses Gesicht erkennend, sprang erschrocken aus dem Sattel.
Jesus! Mit den blutenden Armen zerrte er den Gestrzten unter dem Gaul heraus,
stlpte ihm den Helm ber das Grauhaar, gab ihm die Waffe in die Faust und half
ihm auf das eigene Ro hinauf.
    Frst Pienzenauer in seiner Erschpfung stammelte: Deinen Namen!
    Schweigend wandte sich der Ramsauer ab und verschwand im Gewirr der Gule.
    Das war in dem gleichen Augenblick, in dem der Hauptmann Seipelstorfer den
Herzog Ludwig halb aus dem Sattel gerissen hatte. Doch er brachte ihn nicht ganz
zu Boden, mute ihn wieder lassen, weil ein bles Versehen geschah. Ein Sldner,
der die Landshuter Farben trug und dem unter dem Helmsturz eine weie Narbe
gegen das braune, magere Kinn herunterlief, verbeulte dem Frstenfnger mit
einem verirrten Flachhieb den Helm so frchterlich, da der Seipelstorfer
duselig wurde. Und Kaspar Trring, diese hilfreiche Sekunde ntzend, ri den
Herzog in eine freie Gasse - und drosch und sgte mit seinem schartig gewordenen
Eisen - und schrie dem taumeligen Seipelstorfer hhnend zu: Sag deiner
hundsmrderischen Laus, da ich ihr den Loys genommen hab!
    Hinter dem klein zusammengeschmolzenen Huflein der Ingolstdter, das die
Umzingelung durchbrochen hatte und im Tal des Webelsbaches einen Fluchtweg gegen
Norden fand, ging noch lange die hetzende Verfolgung her. Der Weg, den sie nahm,
wurde bestreut mit niedergebrochenen Rossen und blutenden Menschen.
    Um die Mittagsstunde - whrend die Sieger zu Sackmachern wurden, das Lager
plnderten, die groe Zahl der adligen Gefangenen um alle kostbaren Waffenstcke
erleichterten und mit etwas unchristlicher Sonntagsarbeit die kaltgewordenen
Feinde bis auf die letzte Leinwand schlten - in dieser sonnenschnen
Mittagsstunde von St. Matthi war Hauptmann Seipelstorfer noch immer ein bichen
duselig und wurde geplagt von stetem Brechreiz. In so blem Zustand mute er
seinem Herrn die Meldung bringen, da Herzog Ludwig der eisernen Schlinge
entronnen war. Fluchend ritt er zum Frstenzelt hinauf, das inmitten einer
freien Waldhhe in der Sonne stand, umzogen von einer Schanze und einem
blitzenden Ringe stahlgeschienter Wachen, die der Bchsenmeister Kuen
befehligte. Herr Heinrich hatte reichlich fr die Sicherheit seines Lebens
gesorgt, das an diesem Tage minder vom Feinde als von dem brennenden Fieber in
seinem Blute bedroht war.
    Der Eingang des Zeltes war bewacht von vier Trabanten, die mit blankem Eisen
neben ihren Gulen standen - unter ihnen Jul, dessen bleiches Gesicht mit
irrendem Blick heraussah unter dem geflickten Schirmblech des Reiherhelmes.
    Hauptmann Seipelstorfer bekreuzte sich, bevor er das Zelt betrat.
    Ein Bndel senkrechter Sonnenstrahlen, durchwoben vom blulichen Dampfe des
Rucherwerkes, fiel von der Zeltgabel in den dmmerigen Raum. Der Leibarzt und
vier Diener waren da; und weie Tcher sah man, Schsseln mit Essig und Wasser,
Npfe mit qualmenden Wohlgerchen. Neben dem Tragsessel stand das Feldbett, auf
dem der kleine braune Herzog im Zittern und Zhneschauer seines Leidens ruhte,
mit nacktem Oberkrper und in den mit Stahl geschienten Reithosen. Sein Gesicht
war verzerrt und brannte hei. Die dnnen Lippen hatten eine weie Kruste vom
Fieberschorf. Und unter dem wirren Schwarzhaar, das sich buschig nach zwei
Seiten strubte, brannten die Augen wie ruhelose Flammen.
    Beim Eintritt des Seipelstorfer fuhr Herr Heinrich auf, griff mit den
kleinen, mageren Fusten in die Luft und schrie: Wo ist er? Habt ihr ihn? Der
Hauptmann brauchte nicht zu antworten; sein Gesicht hatte dem Herzog schon alles
gesagt. Ein welscher Fluch. Eine jagende Flut von Schimpfworten. Und mit den
Zuckungen eines Tobschtigen fiel Herzog Heinrich auf die Kissen zurck.
    Whrend der Arzt und die Diener um den von Fieber und Jhzorn geschttelten
Frsten beschftigt waren, blieb der Seipelstorfer ratlos stehen, noch lange.
Endlich ging er. Als er das Zelt verlie und in die Sonne hinaustrat, hrte er
den Herzog lallen: Gott hat's nicht wollen. Aber ein Gutes hat auch Gottes
Unlust. Heut hab ich tausend Dukaten gespart.
    Drauen sagte der Hauptmann zum Bchsenmeister Kuen: So, du! Jetzt spei
mich an! Ich bin in Ungnad.
    Der andere, mit den Brandnarben von Plaien im Gesichte, antwortete ruhig:
Das ist allweil so. Sobald er dich braucht, schiet ihm die Gnad schon wieder
ein.
    Seipelstorfer nickte. Hast recht! Ich tu, was sein mu. Fragt der Herr, so
sag ihm, da ich die Gefangenen nach Landshut fhren la. Viel Ehr stecken wir
heut nicht auf den Helm. Mrrisch ging er davon und schwang sich in den Sattel.
    Nach einer Weile kam einer von den Dienern aus dem Zelt gesprungen: Flink,
ihr Leut! Drei, viere sollen reiten! Nach Dachau hinauf. Und einen geistlichen
Herren holen! Schnell!
    Jul und die drei anderen, die vor dem Zelt die Wache hatten, jagten davon.
Zu Dachau fanden sie einen alten, kleinen, dicken Pfarrer. Der nahm sein frommes
Heilgert in einem Schnerfsack auf den Rcken. Dann schnallten sie ihn auf den
Gaul des Jul, weil der Falbe unter den vier Rossen das frmmste war. Im Saus
davon. Der hochwrdige Herr, der ber dem Sattel wie ein Kleiensack hin und her
schotterte und vor Angst und Mhsal frchterlich zu schwitzen begann, wurde auch
von der Frage noch gemartert, wie man mit einem Herzog vor seinem letzten
Stndlein reden msse. So wie mit einem Dachauer Bauern? Das ging nicht. Da
mute man feiner kommen. Aber wie? Der Hochwrdige fand es nicht. Er wollte sich
nach der Titulatur des Herzogs erkundigen und wandte sich an den gepanzerten
Buben, der mit der Hand an einen Sattelriemen des Falben geklammert hing und die
Sprnge des Gaules klirrend mitmachte. Doch ehe der hopsende Pfarrer seine Frage
stellen konnte, mute Jul in Erschpfung den Riemen auslassen und taumelte auf
den Moosboden hin. Er blieb eine Weile liegen, mit den Fusten auf dem Brstling
seines Panzers. Dann erhob er sich und fing im Walde zu rennen an und verlor den
Weg. Oder zog ihn der wirre Lrm, der von irgendwo aus der Tiefe des Moorlandes
zu ihm herauftnte? Er sprang immer schneller, seine jungen Glieder schienen die
Last des Eisens, das sie beschwerte, nicht zu fhlen. In seinen Zgen war der
Ausdruck einer qulenden Angst, in seinen Augen der Blick einer gehetzten Seele.
    Der Waldsaum. Und ein freier Blick von der Hhe hinunter in das Wiesental,
in dem eine wilde Frhlichkeit das eroberte Lager fllte. Zelte, Karren, Rosse,
Kriegsleute und Weiber, alles war klein durcheinandergeschttelt, wirr und
farbig, von Sonne funkelnd und lebendig. Schallendes Gelchter, schreiende
Stimmen, johlender Liederklang und grelles Dirnengekreisch - das Bild eines
siegreichen Heerhaufens, wie es Jul seit dem Sommer des vergangenen Jahres zu
dutzendmalen gesehen hatte. Und dennoch hatte das Bild des Sieges nur ein halbes
Gesicht. Es fehlten die verzweifelten Bauern, und man sah keine brennenden
Drfer, weil man im Land der Freunde und Verbndeten war und weil die
Ingolstdter an diesem Morgen zum Brennen keine Zeit mehr gefunden hatten. Und
noch ein anderes Ding war da drunten, das dem blichen Bild der Siege nicht
gleichen wollte. Auf der Moorstrae und am Rand der Smpfe waren viele, viele
Menschen mit Brettern und Stangen wunderlich beschftigt. Fischten sie nach
Frschen und Mooskarpfen? Oder suchten sie nach versunkenen Menschen?
    Auf der anderen Seite des Lagers war es wie sonst nach einem Gefecht: viele
Pferdeleichen; eine lange Reihe von Lasttrgern; und immer zwei von ihnen trugen
etwas, das einem steifen Pfahl oder einem eingeknickten Sacke glich.
    In der Seele des Buben schrie die Sorge: Der Vater? Malimmes? Und - Mit
sinnlosen Sprngen hetzte er ber den steilen Hang hinunter. Jh ein Erstarren
des jungen, schlanken Krpers. Und mit vorgestrecktem Hals ein entsetztes
Sphen.
    Weit da drauen im Moor, scharf abgehoben von einem glnzenden Tmpel, stand
die zierliche Schwarzgestalt eines Rosses mit dicker Mhne und langem, wehenden
Schweif.
    Wer von Kind auf bei Tieren war, die Tiere liebt und dreimal ein Tier
gesehen hat, erkennt es wieder.
    Ein gellender Schrei. Und in taumelnder Seele eine jagende Bilderflucht: das
Hngmoos mit den singenden Frschen und der Rappe auf einer kleinen, grnen
Insel im Sumpf; eine Feuersttte mit brllenden Ochsen und der Rappe, der den
buckligen Tod im Sattel trgt; das Hallturmer Aschenfeld, von dem ein
schaudervoller Geruch zum Fuchsenstein herberweht, und dieser von Asche
graugewordene Rappe, auf dem ein aschengrauer Reiter sitzt - -
    Da drauen steht dieser Rappe. Und wiehert ber den Sumpf hinaus - mit
leerem Sattel -
    Und der Reiter, den er getragen? Wo ist dieser Reiter? Dieser Reiter?
    Moorle!
    Wie die Schwalbe einen rauschenden Strom berfliegt, so schwimmt dieser
klingende Schrei ber den Lrm der Tiefe. Und der Gaul da drauen steht wie
versteinert, mit gestrecktem Hals.
    Durch das Gewirr der Leute, die am Ufer des Sumpfes mit Brettern, mit
Spieen und langen Stangen fischen - die einen aufgeregt und barmherzig, die
anderen roh belustigt, und den Fisch, den sie angeln wollen, nach dem Gewicht
seines Lsegeldes schtzend - durch dieses Leutgewirr kmpft sich ein junger
Harnischer, stt andere nieder, schlgt mit den Fusten zu, wenn der Weg sich
sperren will, gewinnt die Moorstrae, jagt an der Bschung hin, spht mit
huschenden Augen nach einem Pfad im Sumpfe, und immer wieder klingt seine
gellende Mdchenstimme ber die von Sonne glitzernden Tmpel: Moorle - Moorle,
ich komm - Er sieht nicht, da ein Schwarm von Leuten hinter ihm her ist, hrt
nicht, was sie schreien, hrt auch jene zornige Stimme nicht, die immer die
gleiche Silbe brllt, nur die eine Silbe: Jul! Jul! Jul! So schrien einmal auf
der Strae vom Hallturm nach Berchtesgaden zwei Stimmen in Zorn und Sorge. Jetzt
schreit nur eine, immer die gleiche Silber wieder: Jul, Jul, Jul ...
    Am Hang der Strae jagend, reit der gepanzerte Bub die sthlernen
Armkacheln von seinen Schultern, die Platten von den Armen, die Schienen von den
Schenkeln. Ein paar Augenblicke unter keuchenden Atemzgen rastend, zerrt er die
gespornten Schuhe und die leinenen Lappen von den Fen. Moorle, ich komm! Und
whrend er leichtfig, mit nackten Sohlen von einem Moosbuckel zum anderen
springt, manchmal bis bers Knie hinuntertappend, schleudert er das Schwert in
den Sumpf, das Dolchgehenk und den Kettenschurz.
    Manchmal ein Stcklein besseren Bodens, dann wieder das frchterliche Grau,
mit groen, trben Lachen, mit Watspuren und Moorlchern. Hat hier ein Ro sich
durchgestampft? Ist dort ein Mensch versunken? Ein Speer ragt mit der Spitze aus
dem Sumpf, dort schwimmt ein roter Mantel in einer Pftze, hier zittert das
trbe Wasser um ein regungsloses Ding, das aussieht wie ein blasses
Menschengesicht.
    Um den Buben herum ist eine Wolke der Moosschnaken. Immer mder und krzer
werden seine Sprnge. Das Eisen, das er noch trgt, ist schwer und zieht.
Whrend die Augen suchen, in Angst und Hoffnung, reit er die Halsberge und die
Kettenhaube herunter, stlpt den geflickten, schlechtgewordenen Helm mit den
Reihergranen wieder auf das dicht um die Schultern fallende Schwarzhaar, reit
am Brstung seines Panzers die Schnallen auf, schleudert die sthlernen Muscheln
von seinem Leib, zerrt mit dem Lederwams den wunderlichen Polster herunter, der
wie eine groe Brille ist, und trgt nur noch das grobe Bubenhemd und die
lederne Reithose, die bis zu den Hften schon behangen ist mit Schlamm.
    Das nahe Wiehern eines Gaules, aufgeregt und schmetternd.
    Moorle! Moorle!
    Durch dick verflochtenes Schilf ein verzweifelter Kampf. Ein Niederbrechen
bis zu den Rippen, ein mhsames Aufwrtsklimmen. Jetzt wieder das offene Moor,
mit grnen Buckeln, mit groen Silberschilden und kleinen Goldmnzen, mit den
schlammig vollgeronnenen Stapfen eines Rosses. Und da drben, auf halbe
Steinwurfweite, steht der graugefrbte Pongauer, hat vorgequollene,
weigernderte Augen und wiehert dem Leben entgegen, das er kommen sieht.
    Es kommt; mit wilden Sprngen, die den Tod verhhnen. Und sooft sich die
nackten, von Moor und Wasser triefenden Fe aus einem tragenden Rasenschopf
hinberschwingen zum andern, strafft und streckt sich der schlanke
Mdchenkrper. Und unter dem schlammbespritzten Hemde zittern leise bei jedem
Sprung die strengen Brste.
    Ein verstrtes Innehalten. Rings um den wiehernden Pongauer nur das
glitzernde Wasser. Wo ist der Reiter? Julas verzweifelte Augen suchen, suchen,
suchen. Schrei um Schrei. Doch keine Antwort. Nur von der Moorstrae quillt der
Leutlrm herber. Und ein Sldner, der zwei lange feste Bretter von einem
Trokarren losgerissen, springt von der Straenbschung hinunter und
verschwindet im Schilf.
    Immer schreit die Suchende. Ein jhes Besinnen in dieser ratlosen Angst.
Nicht hier, wo der geduldige Rappe steht - da drben mu sie suchen, wo die
schlammigen Watstapfen des Pferdes herausfhren aus einem Gewirr grner
Moosschpfe! Sie springt und springt. Und sieht zwei graugewordene
Fasanenflgel, die sich zwischen den Moosgrsern matt bewegen. Ein jauchzender
Schrei der Suchenden, die gefunden hat. In ihrer Freude wagt sie einen
unmglichen Sprung, verfehlt den Rasenbuckel, tappt daneben und sinkt, zerrt
sich in die Hhe, lacht und weint, macht sieben Sprnge noch, bei denen der Tod
mit schwarzen Fusten nach ihren Fen greift - und da sieht sie ber dunklem
Wasser den geflgelten Helm und dieses bleiche, mit Schlamm bespritzte
Mannsgesicht.
    Ein zerwhlter, schwarzer Teig ist um ihn her. Vom Gewicht des Eisens
hinuntergezogen, hngt er bis ber die Halsberge im Moor, die geschienten Arme
seitwrts gestreckt, mit den gepanzerten Fusten eingeklammert in zwei kleine
Moosschpfe. Seit dem Morgen hing er so und wagte sich nimmer zu rhren, um
nicht vllig zu versinken. Die Erschpfung hat sein Gesicht gelhmt, doch die
Augen sind offen. Sein Blick ist stumpf, er scheint die schwarz und grau
umwickelte Gestalt, die immer nher kommt, nicht zu erkennen. Doch die
schreiende Stimme hrt er. Nun pltzlich ein Aufleuchten in den starren Augen.
Er hat den Helm mit den Reihergranen erkannt. Wer ihn trgt, das wei er - und
nun wei er auch, wer gekommen ist und um seinetwillen den Tod nicht frchtete.
Ein Aufatmen, ein Versuch, sich hher emporzuziehen - ein Lcheln wie in einem
schnen, aber wunderlich verrckten Traum - dann schlieen sich die Lider,
whrend der Kopf mit dem schweren Eisenhute langsam gegen den Nacken sinkt.
    Aufschreiend wagt Jula den Sprung nach einem Rasenschopf, der unerreichbar
scheint. Und sie gewinnt ihn, die kleine Insel trgt, doch die Wucht des
Sprunges wirft ihr den Helm vom Kopf. Sie will ihn haschen und knnte ihn noch
greifen, bevor er niedertaucht. Aber da mu sie die Arme nach jenem sinkenden
Leben strecken, das ihr mehr gilt als das eigene. Sie hat sich niedergeworfen.
Von dem Rasen, der sie trgt, vermag sie den Arm des Niedergleitenden nicht zu
fassen. Um ihn zu erreichen, mu sie hinunter in den schwarzgrauen Pfuhl. Die
linke Faust in das zhe Wurzelwerk einklammernd, gleitet sie bis an die Arme
hinunter - und kann mit der freien Rechten den Sinkenden greifen, fat ihn am
Wangenkamm der Halsberge, zerrt ihn langsam, langsam durch den zhen Schlamm an
ihre Brust heran, hlt seinen Nacken umklammert, fngt zu schreien an - und
verstummt pltzlich und wird ruhig, weil sie sieht, da einer kommt, der helfen
wird. Gott will ihr beistehen und schickt den strksten und treuesten der
Menschen.
    Es rauscht im Schilfe. ber die Kolben und Bltter taucht ein graues,
flinkes Rad herauf, verschwindet, ist wieder da, kommt immer nher und nher.
Etwas Farbiges taucht aus dem Rhricht heraus: Malimmes, seiner eisernen Wehr
entkleidet, in der bunten Sldnertracht, mit nackten Fen. Er hat zwei lange,
feste Bretter. Auf dem einen steht er, das andere lt er ein Rad schlagen,
wirft es vor sich hin, springt hinber, packt das Brett, auf dem er gestanden,
schwingt es herum und baut die fliegende Brcke immer flinker gegen die beiden
hin, die im Moor gefangen hngen. Immer lacht er, weil Lachen mutig macht; doch
bei diesem Lachen zittert's wie Zorn in seiner frhlich tuenden Stimme: Hia,
huppla, ihr zwei sen Moosvgel, nur ein ltzel Geduld, jetzt haben wir's
gleich. Und whrend er das feste Brett hinschmeit, da die Schlammfetzen
aufspritzen, hhnt er im Grimm seiner galligen Laune: Ui, fein stecket ihr da
beisammen, ihr zwei! Aber eine schieche Gelegenheit habt ihr euch ausgesucht.
Sonst, wenn Glck und Lieb bei der Jugend Einstand halten, duftet's nach
Rosmarin und Veiglein. Bei eurer Seligkeit schmeckt's wie auf dem Nremberger
Fischmarkt am Karsamstag!
    Erschrocken starren ihn Julas Augen an. Und ihre Stimme bettelt und zrnt:
So hilf doch, du! So hilf doch! Hilf!
    Er lacht in seiner Qual. Gotts Teufel, ja, was soll ich denn machen sonst?
Zwei, die speisen knnen, und einer, der hungern mu, ist allweil noch besser,
als mten alle drei das Maul an den Bindfaden hngen. Er hat das zweite Brett
vor die beiden hingeschoben, betrachtet ihre Gesichter, und das Lachen vergeht
ihm. Mit einer wunderlichen Trauer sagt er: So ein Krieg halt, gelt! Alles, was
schn ist, mu er versauen! Wie du und der da, Maidl, so schaut die liebe
bayerische Welt jetzt aus. Mit beiden Armen hat er zugegriffen und lupft den in
halber Ohnmacht taumelnden Ritter Someiner aus dem Schlamm heraus.
    Jula schwingt sich ohne Hilfe auf die Bretterbrcke.
    Schweigend schlt Malimmes dem Lallenden das schwere, schlammige Eisen der
flmischen Rstung vom Leib und schleudert Stck um Stck hinaus in das Moor.
Auf der Brust und am Halse reit er ihm den Koller und das Hemd auseinander. Und
Jula schpft immer Wasser mit den hohlen Hnden und wscht dem Taumelnden das
Gesicht, die Brust und an den Handgelenken die Stellen, wo die matten Pulse
ticken.
    Beim Anblick dieser stummen, sorgenden Zrtlichkeit wird Malimmes
ungeduldig: Wie, du, jetzt la einmal gut sein! Gar so pppeln brauchst du ihn
nit. Der reit schon von selber die Augen wieder auf - und greift nach dir.
    Verstrt sieht Jula an ihm hinauf und stammelt: Malimmes? Bist du's? Oder
ist's ein andrer?
    Er vermeidet ihre Augen und murrt vor sich hin: Krieg ist berall. Ich wei
nimmer, was recht und gut ist. Verstummend kniet er auf die Bretter nieder,
schiebt seinen Nacken unter den Ohnmchtigen und nimmt ihn auf den Rcken und
streckt sich auf. Er steht unter der schweren Menschenlast ein bichen gebeugt.
Dann sagte er ruhig: Sei zufrieden! Ich trag hin hinaus. Mit den Brettern mut
du den Weg machen. Das ist leichter.
    Whrend Jula ber die Moosbuckeln des Schlammes die fliegende Brcke baut
und die Bretter schwingt, sieht Malimmes sie ein paarmal an und wendet immer
gleich den Blick wieder von ihr ab. Was sie noch am Leib hat, klebt an ihr. Wie
ein schnes, nacktes Weib, das aus dem Moorbad herausgestiegen ist - so sieht
sie aus.
    Ein Schilfboden mit besserem Grund. Und als der vergessene Pongauer die drei
im Rhricht verschwinden sieht, beginnt er zu wiehern, da es klingt wie eine
Trompete.
    Sein Gaul! schreit Jula erschrocken auf.
    Da verliert Malimmes die Ruhe wieder. Mut du denn alles haben? Dem Gaul
ist nit zu helfen. Sei zufrieden, weil du dein Mannsbild hast.
    Stumm, mit Schmerz und Trauer in den Augen, sieht Jula ihn an. Und
schweigend, in beginnendem Ermden, baut sie die Bretterbrcke durch das Schilf.
    Die Moorstrae war schon nahe. Deutlich hrte man das Schreien der Leute.
Aber in dem hohen Rhricht und unter dieser dicken Wolke der in der Sonne
schwrmenden Moosschnaken sah man nicht weit.
    Und berall im Schilf die lrmenden, lachenden Menschen. Sie machten dem
Malimmes das Brckenbauen mit den Brettern nach und fischten noch an die zwanzig
von den eisernen Karpfen heraus. Wie viele hinunter gesunken waren in die
schwarze Ewigkeit, das wute man nicht.
    Als das Rhricht dnner wurde und der Boden fester, lie Malimmes die Last,
die er trug, auf das Brett heruntergleiten. Herr Someiner? Knnet Ihr stehen?
    Lampert hatte die Augen offen. Mhsam straffte er die von allem Grauen
dieses Tages zerbrochenen Glieder. Er nickte. Und sah die Jula an, immer die
Jula. Matt umklammerte er die Hand des Malimmes. Ich danke dir.
    Braucht's nit, Herr! Heut ist Zahltag fr das Rappenholz von Berchtesgaden.
Und fr das Ingolstdter Rssel. Das mt Ihr jetzt wieder reiten. Es ist mit
dem Falben zusammengewhnt. Was sich lieb hat, drf man nit auseinandreien.
Malimmes lachte. Wie, Maidl, komm her da! Tu deinen Herren schn in der Hh
halten. Sonst fallt er um. Wie ihr ausschaut, ihr zwei, so la ich euch nit
hinaus. Ich mag nit, da die Leut spotten, wenn so ein feines Paar daherkommt.
Erst mu ich euch ein ltzel subern. Weil Jula nicht kommen wollte, lie er
den schwarzen, lchelnden Trumer allein auf dem Brette stehen. Da kam sie
erschrocken gesprungen und griff mit beiden Armen zu. Und Malimmes hopste davon.
Gleich kam er wieder, mit einem Mantel und einem Eisenhut.
    Jula hielt die Arme um den taumeligen Mann geklammert, sah ihn aber nicht
an, sah immer gegen die Moorstrae hin, auf der die vielen Leute lrmten. Der
Vater? Wo ist denn der Vater?
    Ich wei nit, Maidl! Aber da mut du nit Sorg haben. Malimmes sagte, was
er selber glaubte. Aus dem Treffen ist er aufrecht und lebendig heraus. Derzeit
hab ich ihn nimmer gesehen. Unter den Toten und Verwundeten, die man
zusammentrug, hatte er den Bauer nicht gefunden. Ein Schub von adligen Herren,
die man gefangen hat, ist nach Landshut abgegangen. Kann sein, da hat ihn der
Seipelstorfer als Geleitsmann mitgeschickt. Mut nit Angst haben! Komm, jetzt
la dich sauber machen - wie du sein mut - heut -
    Er fllte den Eisenhut mit Wasser und go es ber Julas Schultern hinunter,
um ihr den Moorschlamm von den Gliedern zu splen. Den zweiten Gu bekam der
Ritter Someiner. Dann Jula wieder einen. Gu um Gu. Malimmes teilte redlich.
Und als die beiden auf dem schmalen Brett sich schauernd aneinander preten,
schpfte er immer flinker und go so reichlich, da an den Triefenden bald keine
Spur von Moorschlamm mehr zu entdecken war. Gelt, ja? Er lachte wild. Das ist
gut fr euch zwei, ein ltzel kalt Wasser! Dann wurde er ernst. Und seine Hnde
zitterten, als er den Mantel um Julas Krper hllte. Nimm! Da drauen sind
Leut. Ich mag nit, da die Grasaffen dich anschauen. Ein Zug von Schmerz
erschien in seinem braunen, hageren Gesicht, dessen groe Narbe so wei wurde
wie ein Kreidestrich. Und da fand er sein Lachen wieder und stlpte lustig den
Eisenhut ber Julas Kopf. So! Du Kriegsmann! La nur dein feines Raubgut nimmer
aus!
    Lachend watete er den beiden voraus dem festen Boden entgegen.

                                       9


Der Sonntagabend von St. Matthi brannte mit allem Farbenzauber der Moorluft
ber dem trunkenen Lager, das erfllt war von einem johlenden Gewhl. Hunderte
von Bauersleuten waren aus den nahen Drfern herbeigelaufen.
Unternehmungslustige Wirte kamen mit groen Karren angefahren und verzapften
Bier, Branntwein und gesten Roten. Fiedler und Blatterpfeifer spielten auf,
und die Heertrdler handelten den Kriegsleuten die Beute ab. Von den Fuknechten
des Ingolstdters, die man gefangen, entwaffnet und gegen Schwur auf Urfehde
entlassen hatte, war die Hlfte geblieben, um sich mit den Siegern anzubrdern
und bei leeren Hosenscken zu einem Trunk und Bissen zu kommen. Und die
zahlreichen Lagerdirnen des Ingolstdtischen Trosses hatten sich, den Wechsel
des Lebens klug erfassend, zu Herzog Heinrichs beutereichem Heer geschlagen;
eins von ihren groen Huschelzelten stand mit Pfeifenklang und Gelchter nicht
weit von dem Wiesenfleck, auf dem in langen, stillen Reihen die Kaltgewordenen
lagen, deren Bestattung man wegen des heiligen Sonntags auf den kommenden Morgen
verschoben hatte.
    Der Lrm in den Lagergassen, das Gequiekse der Musikanten, die brllenden
Liederklnge, das Gelchter und Aufkreischen der Weiber und das emsige
Dullenklopfen eitler oder gewissenhafter Kriegsleute - das alles schwoll zu
einem Brummton ineinander wie von einer schwingenden Riesensaite.
    Inmitten des in Tollheit schwrmenden Menschenhaufens stand ein stilles Zelt
mit geschlossenen Tchern. Malimmes hatte dieses Leindwandhaus einem Landshuter
Sldner abgehandelt, dessen Beute es geworden war. Als Jula den erschpften,
taumelnden Mann da hereinfhrte, wurde Lampert von einer grauenvollen, an seinen
letzten Krften reienden Erschtterung befallen. Es war das Hauptmannszelt, in
welchem Herzog Ludwig die mde Rast dieser mrderischen Nacht gehalten hatte.
Die erloschene Kienfackel stak noch im Eisenring, im Winkel war noch die
schlammige Pferdekotze, auf der die beiden Hunde gelegen, und daneben das grobe
Deckenlager, niedergedrckt und zerwhlt von einem schweren Krper, der sich hin
und her gewlzt hatte in unruhigem Schlaf.
    Beim Anblick des leeren Lagers ri sich Lampert von Julas Hnden los, griff
mit suchenden Fusten ins Leere und schrie: Ein Ro - nach Mnchen - ich mu
nach Mnchen -
    Malimmes mute den besinnungslos zu Boden Taumelnden auffangen und auf das
Lager heben.
    Hilf ihm! Hilf ihm! bettelte Jula in Sorge.
    Eins nach dem andern, sagte Malimmes, fliegen kann ich nit. Er holte
drres Holz und Reisig, schlug Funken und schrte ein kleines Feuer an, dessen
Rauch durch die Zeltgabel hinausquirlte. Da tu dich trcknen, Maidl! Sonst mut
du morgen dein Glck mit Niesen und Husterei beginnen. Was ihr sonst noch ntig
habt, ihr zwei, das treib ich schon auf.
    Als er gehen wollte, umklammerte Jula seinen Arm.
    Er sagte ruhig: La aus! Heut tu ich den letzten Dienst als meines Bauren
redlicher Knecht. Der Krieg ist aus. Ich mu auch was haben. Morgen reit ich
nach Regensburg. Da geht mein freies, lustiges Leben an. Das heitere Lachen,
das er bei diesem letzten Wort versuchte, gelang ihm nicht.
    Stumm, mit nassen Augen, sah Jula ihm nach, als er davonging.
    Er brachte Wasser in zwei Trnkeimern, brachte Leinwand und Wsche, Zehrung,
Brot, Geschirr und Lffel, einen zinnernen Becher und einen Krug mit Wein,
Gewrz und Honig; er brachte nach seinem erprobten Augenmae Kleider, Mntel,
Wehrstcke, Waffen, brachte alles, was man braucht zu einer Reise durch
unsicheres Land. Wie ein Zaubermeister war er. Und wenn ihm einer nicht
gutwillig geben wollte, redete Malimmes mit seiner Faust. Um alles
herzuschaffen, tat er Dinge, fr die ein strenger Profos ihn zu Stock und Bank,
vielleicht zum Galgen gesprochen htte. So! Da liegt, was ntig ist! Whrend
seine schwer atmende Brust sich hob, betrachtete er prfend den jungen Someiner,
der auf Herzog Ludwigs letztem Kriegsbett in einem bleischweren Schlafe seiner
Erschpfung lag. Ohne Jula anzusehen, murrte Malimmes: Ein Stndl darfst du ihn
schlafen lassen. Nit lnger. Sonst kreitet er morgen wie ein Mhsamer. Wenn er
sich rhrt einmal, da mut du ihn wecken. Und nachher hilfst ihm. Hast es ja
gelernt von mir. Unter dem Zeltspalt sagte er noch: Ich geh derweil und hol
dir den kostbaren Gaul noch aus der Schmier. Es mt mir leid sein, wenn du von
deinen Sachen was mngeln tatst.
    Drauen blieb er stehen und prete den Arm ber die Augen. Gotts Teufel und
Not! Was ist ein verliebter Mensch fr ein haariger Ochs! Die siebzehn, die auf
dem Hngmoos htten grasen sollen, sind nackete Mus dagegen!
    Der leuchtende Abend drohte schon seine schnsten Farben zu verlieren, und
die Frsche sangen. Im Lrm des Lagers hrte man das Lied der Smpfe nicht. Aber
drauen auf der Moorstrae - als Malimmes mit drei Verwegenen, die ihm helfen
wollten, die fliegende Brcke mit vier Brettern baute - war das Unken der Krten
und Frsche wie ein Glockenton in der Luft.
    Der Pongauer, den man als schwarzes Figrchen gegen den gelben Himmel sah,
graste ganz gemtlich auf seiner verllichen Insel.
    Freilich! Der wei, da ein Ochs um seintwegen in die schwarze Supp
springen mu!
    Das wurde eine schauerliche Arbeit. Malimmes, zwischen seinen grimmigen
Flchen, brllte immer: Es hilft dir nichts! Heraus mut du! Und als die drei
Verwegenen mutlos wurden und den Malimmes im Stiche lieen, brachte er den Gaul
allein heraus. Whrend er das keuchende Tier durch das letzte Rhricht zerrte,
begann die Nacht zu sinken, und die Sterne funkelten. Wie er Jula und Lampert
gesubert hatte, so machte er auch den Pongauer blank. An den eigenen Kleidern
lie er den Sumpfschlamm hngen. Und den linken Arm bewegte er ein bichen
langsam; der Gaul hatte ihn geschlagen.
    Hinter dem Hauptmannszelte wurde der Pongauer angepflckt. Dann schickte
Malimmes einen davon, um den Falben von der Zeltsttte des kranken Herzogs
herunterzuholen. Und frag den Hauptmann, wohin man den Runotter verschickt
hat. Er selber holte den eigenen Gaul und pflckte ihn neben den Pongauer.
    Dann sa er in der sternhellen Nacht neben den beiden Rossen auf der Erde
und hielt den Kopf zwischen die Arme gewhlt. Er wollte die linde, zrtlich
klingende Knabenstimme nicht hren, die im Zelte redete. Und dennoch mute er
lauschen und diesen Klang in seine Seele trinken. Deutlich hrte er, wie die
Stimme sagte: Pa auf jetzt! Ein ltzel weh wird's tun. Aber das mut du
aushalten. Es hilft. So hat der Malimmes auf dem Schwarzeneck meinem Vater
geholfen!
    Der Lauschende knirschte durch die Zhne. Guck! Mit meinen eigenen Wrtlen
redet sie.
    Er hrte die drei Streiche der Handschneide; dann die Stimme der Jula:
Jetzt mut du ein paar feste Schritt machen! ... Gelt? Viel besser geht's?
    Ein leises, frohes Lachen, nur ein bichen heiser: Ich schau dir in die
Augen und bin gesund. Lange war kein Laut mehr zu hren. Nun die gleiche
Stimme: Warum wirst du immer stumm, wenn ich rede?
    Weil mir deine kranke Stimm so weh tut. Und weil sie mir so lieb ist.
    Malimmes rannte in die sternhelle Nacht hinaus, die sich von den Moorflchen
her mit dnnen Nebeln zu fllen begann.
    Im Lager war es ruhig geworden. Viele hatten sich schon auf den Heimweg
gemacht. Und viele, die md oder betrunken waren, schliefen schon. Nur vor den
Wirtsbuden grhlten die noch immer Durstigen, und aus den Huschelzelten wirbelte
die tolle Heiterkeit, der Fiedelklang und das Pfeifengetriller zu den halb
verschleierten Sternen hinauf.
    Wie angesteckt von dieser Lustigkeit schrie Malimmes pltzlich einen wilden
Jauchzer in die Nacht. Dann sang er vor sich hin:

Ich leb, wei nit, wie lang,
Ja leb, wie lang?
Ich sterb und wei nit, wann,
Ja sterb, und wann?
Ich reit, wei nit, wohin,
Wohin?
Wei nit, warum ich so frhlich bin.

    Ohne da er es wollte, war er wieder dem Hauptmannszelte zugegangen und sa
neben den zwei Gulen wieder auf der Erde, mit der Stirne zwischen den Fusten.
Und hrte die Stimme des jungen Someiner, der immer redete, hei und drngend:
    Jula, das mu ich tun. Ich mu nach Mnchen. Noch heut in der Nacht, in
dieser Stunde, jetzt. Leben und Freiheit, die ich dir und deinem Mut verdanke,
will ich ntzen fr den Pursten, dem ich diene. Sein Elend hebt nicht auf, was
er in meine Hand gegeben. Ich mu. Mein Weg nach Mnchen in dieser Nacht ist
ntiger, als er's am Morgen war. Ich reite. Dich lasse ich nicht im Lager. Wir
gehren zueinander. Komm! Von Mnchen schicke ich dich heim zu meiner Mutter.
Willst du? - - Jula? Willst du? So rede doch!
    Ein Schweigen.
    Und Malimmes wute, da Jula um ihres Vaters willen den Kopf geschttelt
hatte.
    Lampert fing wieder zu reden an. Er bat. Dann wurde seine Stimme streng.
Aber das hrte Malimmes nimmer; er hatte den Hufschlag eines Gaules vernommen
und sprang dem Gesellen entgegen, der den Falben brachte. Hast du droben
gefragt? Wo ist er?
    Keiner wei was. Beim Geleit der Landshuter ist er nit. Ich hab den Kuen
gefragt und den Seipelstorfer -
    Schweig! Vergelt's Gott, Mensch! Und geh!
    Unbeweglich stand Malimmes in der Nacht, mit dem Zgel des Falben in der
Hand. Eine Sorge war ihm kalt durch das Herz geronnen. Aber was er frchtete,
das mute nicht so sein. Unter Tausenden von Menschen verlauft sich einer
leicht. Nur der Runotter nicht. Der wei, wo er hin mu. Freilich, in solch
einer Wirrnis kann es hundert mgliche Dinge geben, an die man nicht denkt. Aber
das Ungewisse ist eine Pein, die hrter als die Wahrheit ist. Darf dem lieben
Mdel solch ein wrgender Schatten ber das junge Glck dieser Stunde fallen?
    Das tt der Bauer nit wollen. Und ich will's auch nit.
    Malimmes pflckte den Gaul neben den beiden Kameraden an. Der Ingolstdter
und der Falbe waren gleich wieder mit den zrtlichen Ohren beieinander, und der
Pongauer guckte bei diesem Gesellenspiel verwundert zu.
    Im Gesicht eine steinerne Ruhe, schob Malimmes das Zelttuch beiseite. Unter
dem Loderschein der Fackel standen die beiden und hielten sich an den Hnden.
    So, Maidl! Jetzt hab ich eine verlliche Botschaft. Es ist so, wie ich
geraten hab. Der Seipelstorfer hat den Bauer mit dem Herrenschub nach Landshut
und Burghausen geschickt. Von Burghausen mu er ins Gadnische, weil er mit dem
Propst seinen Ramsauer Unfried auf gleich bringen will. Er lat dich gren,
sagt der Seipelstorfer. Und lat dir sagen, du sollst eine Gelegenheit ins
Gadnische suchen, wie blder, wie besser. Mich hat er freigegeben. Der Krieg hat
ein End. Ich reit nach Regensburg. Gott beht dich! Seine Stimme blieb wie
Eisen. Ist ein Jahr voll Grausen und doch eine schne Gesellenzeit gewesen.
Aber jeder Faden mu einen Zipfel haben. Ein Landl gibt's, das man Heimat
heit. Malimmes lachte. Da sehen wir uns schon wieder einmal! Gott beht dich,
Maidl! Gottes Gru, Herr Someiner!
    Er sah das Erblassen in Julas Gesicht und wandte sich ab und ging mit
schweren Schritten davon. Drauen in der Nacht begann er zu rennen, wie ein
Dieb, der den Profosen frchtet. Er hrte noch diesen wehen, in Trnen
erstickenden Schrei: Malimmes, Malimmes -
    Springend keuchte er: Schrei, wie du magst! Morgen lachst du!
    Neben der Moorstrae, die nach Mnchen fhrte und schon vom Nebel umhangen
war, stand er zwischen dem Rhricht bis zu den Hften im Sumpf. Und wartete.
    Ein paar von den Feuerkrten, die auch in der Nacht nicht schweigen, sangen
noch ihr eintniges und dumpfes Lied.
    Malimmes wartete.
    Droben auf dem schwarzen Hgel, wo Dachau stand, schlug eine Glocke die
zweite Morgenstunde.
    Malimmes wartete.
    Da kamen die beiden, in dunklen Mnteln, auf dem Falben und dem Pongauer.
    Sie ritten im Nebel vorber und verschwanden im Grau.
    Einer, der aussah wie ein gebeugter Greis, stieg aus dem Moor heraus.
    Noch immer horte man von vier oder fnf Stellen des Lagers her jene tolle
Heiterkeit, den Fiedelklang und das Pfeifengetriller.
    Die haben's gut!
    Malimmes ging hinber zum Hauptmannszelt und trat in den leeren Raum.
Allerlei Zeug war auf dem Deckenlager und auf der Erde. Die Kohlen glommen noch.
Und die Fackel brannte.
    Er nahm sie aus dem Eisenring und ging davon.
    Da hrte er ein wildes Gewieher und sah, wie der Ingolstdter aufgeregt an
der Pflockleine zerrte und wtend ausschlug. Ui, guck! Einer, der nit
einschichtig bleiben mag! Malimmes lste die Leine, gab dem ungebrdigen Gaul
einen zrtlichen Schlag auf den Hinterbacken und lie ihn laufen. In
Gottesnamen! So renn halt deinem Gesellen nach, den du nit missen kannst!
    Der Gaul, mit gestrecktem Hals und wehendem Mhnenhaar, stob in die neblige
Nacht hinaus.
    Malimmes wanderte mit der Fackel durch das Lager - an einem der Huschelzelte
vorber, in dem es lebhaft zuging - und stieg durch den Wald zu der Hhe hinauf,
wo Herzog Heinrich in den glhenden Zangen seines Fiebers lag.
    Der steile Weg war schon halb berwunden. Da blieb Malimmes pltzlich
stehen, hob die Fackel und lauschte in den Wald hinein. Ihm war, als htte er
den Laut einer menschlichen Stimme gehrt. Hia! Was ist denn da? Er hrte das
mde Sthnen wieder und sprang der Richtung zu, aus der es kam.
    Zwischen den Wurzeln eines dicken Baumes hockte einer und sah aus wie ein
plumper Hgel aus rotbraunem Eisen mit einem Menschenkopf, um den die weien
Haarstrhnen hingen.
    Jesus! Bauer! Malimmes prete den Fackelstumpf in die Gabel eines
doppelten Baumes. Wie, was ist denn, Bauer? Wie geht's denn?
    Eine ruhige, wunderlich versunkene Stimme: Nit schlecht. berall
ertrgliche Schmerzen.
    Der Sldner wollte den Kauernden aufrichten.
    Runotter schttelte den weien Kopf und sagte wie ein Schlaftrunkener: La
mich hocken! Zum letzten Weg hat's nimmer gereicht. Mein Krieg ist aus gewesen.
Ich hab hinauf wollen zum Buben. Da hat's mich umgeschmissen.
    Schweigend sah Malimmes das entfrbte Gesicht an, das die Hand des Todes
schon berhren wollte. Und da wurde er ganz ruhig, setzte sich neben seinen
Herrn, zog ihm die gepanzerten Fustlinge herunter und fate die feuchten,
erkaltenden Hnde.
    Langsam drehte Runotter den Kopf. Dich hab ich auch mit hineingerissen in
meine Not. Verzeih mir's!
    Geh, Narr, was redest du denn da? Malimmes lachte. Ich bin ein
Einschichtiger. Du bist mein Herr. Ich bin dein Knecht.
    Und bleib's.
    Auch Runotter, den der Rotschein der Fackel umzngelte, fand ein mattes
Lcheln. Die Leut lgen, die auf die Menschen schelten. Auf der Welt ist Treu.
Weil du lebendig bist. Bleib, wie du sein mut! Wo einer Untreu bt, geht Feuer
nieder, da ihm die Hand verbrennen. Mhsam hob er die geschienten Arme,
streckte sie gegen den Schein der Fackel, drehte die von trockenem Blut
umkrusteten Hnde hin und her - und nickte - und sah immer diese Hnde an. Dann
lie er sie fallen. Mein Kind ist ohne Schuld. Gott mu gerecht sein! - Gelt,
Malimmes? Und du bist da? Jetzt, wenn Fried wird, kann's ja noch allweil werden.
Zwischen meinem Maidl und dir.
    Ui, Bauer, da ist mir der Ofen kalt worden. Wieder lachte Malimmes. Aber
es klang nicht froh. Dein Maidl braucht mich nimmer. Jetzt ist ein andrer da.
Der jung Someiner. Nie hast du mir glauben wollen. Heut in der Nacht ist's
Wahrheit worden. Die zwei, die mgen einander.
    Nach langem Schweigen murmelte der Sterbende heiter vor sich hin: Der jung
Someiner! Schau! Der jung Someiner! Seine Stimme wurde krftiger. Das ist ein
fester und grader Mensch. Der wird's anders machen als sein Vater. Da mcht ich
wieder leben.
    Ein Aufzucken und Flackern des Lichtes. Die Fackel neigte sich, fiel aus der
Baumgabel heraus, kollerte ber den Waldboden und erlosch.
    Die zwei Mnner saen in der Finsternis.
    Malimmes! Tu mich auf lupfen! Ich mcht die Welt nochmal anschauen - von so
hoch herunter, wie ein Mensch seinen Kopf aufheben darf.
    Der Sldner schlang die Arme um die gepanzerte Brust seines Herrn und zog
ihn vom Boden auf.
    Immer drehte Runotter den Kopf hin und her und sah in die Nacht hinaus.
Mensch, wie schn ist alles! Der schwere Mann begann zu taumeln. Er wollte
noch sagen: Gott soll mir gndig sein! Aber nur die zwei ersten Worte wurden
noch laut: Gott soll - - Das andere erlosch in der Finsternis.
    Malimmes, whrend er den Entseelten auf den Boden niederlegte, sprach in das
schwarze Schweigen hinein: So! Wenn jetzt der Herrgott nit selber wei, was er
tun soll, nachher sagt's ihm keiner mehr.
    Er blieb bei dem Toten sitzen, bis das Gesicht und die Hnde kalt waren.
    Dann sprach er, auf beiden Knien liegend und mit hoch gefalteten Hnden,
laut und langsam ein Vaterunser - wie die Fuknechte beten vor einer Schlacht.
Nach dem Amen legte er dem Toten einen groen Moosballen ber das Gesicht, um
die gebrochenen Augen vor den Vgeln des Morgens zu schtzen.
    Mit schweren Schritten tappte Malimmes durch den finsteren Wald hinunter.
    Vom Moorland dampfte der Nebel schon dick ber das Lager her.
    Eine Ronde rief den Malimmes an. Weil er nicht antwortete, wurde er
festgenommen. Das versetzte den Erwachenden in so rasenden Zorn, da er mit den
Fusten losschlug. Einem anderen wre es bel ergangen. Diesen Liebling des
Herzogs lie man laufen.
    Lange sa er am Waldsaum und sah den Schanzknechten zu, die seit Mitternacht
an einer groen Grube arbeiteten.
    Dann schritt er langsam an einer Reihe der Kaltgewordenen hin und sagte zu
einem Wchter: Da droben im Wald, wo's zum Herzog hinaufgeht, da liegt noch
einer. Dem mt ihr ein gutes Pltzl geben.
    Unter den ziehenden Dnsten waren alle Sterne schon erloschen.
    Malimmes ging auf das Lager zu und kehrte wieder um; wanderte gegen den Wald
hinber und kehrte wieder um; suchte das leere Hauptmannszelt und kehrte wieder
um; er wute nimmer, wohin.
    Als der khle Herbstmorgen matt zu grauen anfing, trat Malimmes in eines der
lustigen Zelte, wo man Durchnacht machte bei Saitengedudel, Pfeifengetriller und
lustigem Dirnengekreisch.
    ber dem wsten Bilde hing ein dicker Schleier des Qualmes, mit dem eine
brennende Pechpfanne den groen Raum erfllte. Hinter einem Schanktisch, den man
aus Karrenwnden aufgeschlagen, verzapfte ein flinkes, mageres Weib den Wein.
Auf dem Schanktisch saen auch die drei Musikanten, deren hurtiges Gequiekse
halb unterging in dem Stimmengebrll der Betrunkenen. An die dreiig oder
vierzig - Gepanzerte und Ungewaffnete, Sieger und Ausgeklopfte - saen auf
Bnken und leeren Fssern oder lagen auf dem Boden umher, grob mit den
halbnackten Weibern scherzend.
    Malimmes trat zum Schanktisch: Einen Stutz Wein!
    Bei seinem Anblick kreischten die Dirnen, vor Lustigkeit die einen, vor
Schauder die anderen. Der neue Gast sah grauenvoll aus mit dem kalkig verzerrten
Gesicht, mit dem Moorschlamm bis ber die Hften herauf und in dem roten Blut,
das droben im Wald seine Hnde, seine Arme und seine Brust berrieselt hatte.
Unter den Weibern waren ein paar, denen das gefiel. Sie hngten sich an den
Schweigsamen, schwatzten, lockten, kicherten und streichelten ihm die groe
Narbe. Er sah diese heien, schwitzenden Gesichter mit halbgeschlossenen Augen
an und machte, um die Zudringlichen loszuwerden, mit dem Arm einen groben Schub.
Lachend strmten sie wieder gegen seine Brust.
    Da schrie von den Bnken her ein Betrunkener, der den Panzer von Herzog
Heinrichs Trabanten trug: Den lasset in Ruh, ihr sen Knospen! Die Weiblein
mag er nit leiden. Der hat in seinem Zelt einen schmucken Buben - Was er weiter
noch sagte, ging unter in dem hhnischen Gelchter dieser vierzig, fnfzig
Menschen.
    Im Gesicht des Malimmes brannte die Narbe so rot, als wre sie wieder eine
offene Wunde geworden. Er hatte schon den zinnernen Weinstutz in der Hand,
stellte ihn wieder auf den Schanktisch hin, ballte die Faust und sprang auf den
Schreier zu.
    Beim Weinfa kreischte die magere Budenmutter: Bei uns gibt's keine Hndel
nit, bei uns ist friedsame Ruh, wir sind christliche Leut, gehorsam vor Gott und
Obrigkeit. Noch ehe sie mit diesen Worten zu Ende kam, war der Handel schon
erledigt, mit einem einzigen Faustschlag.
    Der Gepanzerte rollte klirrend ber die Bank hinunter, mit Geschrei liefen
die Dirnen aus dem Zelt, und ein Wald von Fusten fiel ber den Malimmes her.
Sie rissen ihn zu Boden. Er wehrte sich nicht und lie seine Hnde fesseln. Und
als ihn die Erbitterten, die sich bei ihrer schnen Freude so bel gestrt
sahen, in das neblige Morgengrau hinausfhrten, schrie er lachend zu den
Schleiern des Himmels empor: Zigeunerweibl! Den Siebenten schenk ich dir. Das
Sterben ist ein kostbares Ding.
    Im Zelt des Profosen, der bei einer Wachsfackel zwischen seinen vier
handfesten Gehilfen sa, redeten zuerst die Zeugen der bsen Tat. Dann fragte
der Strenge: Was kannst du sagen dagegen?
    So viel wie ein Floh, der nimmer beien mag.
    Hoppla! Der Profos machte die Augen rund. Dich kenn ich als lustiges
Luder. Es mu wohl wahr sein: Wie einer lebt, so stirbt er. Hast du getan, was
die da sagen?
    Biederleut reden die Wahrheit. Ich hab ihn erschlagen.
    Warum?
    Weil ich an meinem Tun drei gute Eigenschaften gesehen hab. Es war
notwendig, ehrlich und gesund.
    So? Da mu ich halt auch tun, was ehrlich und notwendig ist. Ob's dich
gesnder machen wird, das mu ich bezweifeln. Dieser Profos war einer von
Herzog Heinrichs flinken Richtern. Wohl wute er, da Malimmes zu den
begnstigten Leibwchtern des Frsten zhlte. Aber wenn ein Gesetz redete, lie
Herr Heinrich auch jene hngen, die er liebte. Und das Gesetz war streng: Auf
Totschlag im Lager und in der eigenen Truppe stand der Galgen. Hast du einen
letzten Wunsch?
    Wohl, Herr! Blo die Begrabenen wnschen nimmer. Die Lebendigen noch
allweil. Ich will einen Rinken Brot und Wurst. Und vier Ma guten Wein dazu. Im
Himmel tt's schiech ausschauen, wenn mein erstes Wrtl sein mt: Mich drstet
und hungert.
    Ist bewilligt. Aber sag mir, Christenmensch, was machst du in der Seligkeit
mit einem vollen Magen?
    Was drin ist, la ich auf die irdische Gerechtigkeit herunterfallen.
    Um den Richtertisch erhob sich ein Gelchter. Und der Strenge rgerte sich.
Ein halbes Stndl la ich dir Zeit. Fiat justitia!
    Die Gerechtigkeit entfernte sich. Und der Profos schickte einen Lufer zum
Hauptmann Seipelstorfer, um die Besttigung des Spruches einzuholen.
    Als der Lufer die Waldhhe schon fast erreicht hatte, tauchte er ber den
Nebel hinaus und kam zu einer wundersamen Landschaft: Eine von der ersten
Morgensonne umflossene Fhreninsel schwamm inmitten eines silbernen Meeres. Wie
ein Eiland der Seligen war's.
    Fast lautloses Schweigen trumte um das Zelt des Herzogs her, der seit
achtzehn Stunden bewustlos im Fieber lag. Die Wachen saen im Gras und
flsterten. Man sah auf ihren bernchtigen Gesichtern keine Trauer oder Sorge,
nur Mdigkeit.
    Auch der Lufer, als er zum Hauptmann gefhrt wurde, mute leise reden.
    Herr Seipelstorfer zog die Brauen hoch und nickte. Der Spruch ist gerecht.
Fort mit ihm! Und zum Kuen sagte er: Einmal, da hab ich von dem Tropf was
gehalten. Gestern hat er schlecht gefochten. Mit seinem tppischen Dreinschlagen
hat er mich um tausend Dukaten gebracht.
    Die beiden beredeten, wie sie sich halten mten, wenn mit dem Herzog das
belste geschehen sollte. Denn der Leibarzt, dessen duftende Knste vllig
versagten, hatte allen Glauben an die Erhaltung dieses kostbaren Lebens schon
aufgegeben.
    Aus dem Zelt klang eine mde Stimme, die lateinisch psalmodierte.
    Der kleine, dicke Pfarrer von Dachau war noch immer da. Er war schon sehr
erschpft. Von der Schwle, welche die vielen brennenden Kerzen erzeugten,
hingen ihm die Schweitropfen an den Augenbrauen. Zu Fen des Feldbettes sa er
auf einem Klappstuhl, zwischen den Hnden das abgegriffene Buch, aus dem er die
lateinischen Gebete herauslas.
    In einem Winkel des Zeltes kauerten zwei Diener und kmpften bei diesem
eintnigen Betgesang in Ermdung gegen den Schlaf. Von den zwei anderen Dienern
kniete der eine links, der andere rechts vom Bette; sie hielten die zwei
brennenden Weihkerzen aufrecht, die man dem Bewutlosen in die schlaffen Hnde
gegeben hatte. Sein zierlicher Krper ruhte nackt unter dem Leintuch, das ihn
von den Fen bis zur Brust bedeckte. Der Kerzenglanz umschimmerte das braune,
heie Schmalgesicht, das in der Flle des wolligen Haares wie in einem schwarzen
Kissen lag. Kaum merklich hob und senkte sich die Brust des Kranken. Unter den
geschlossenen Lidern rollten manchmal die Augensterne hin und her, die als
dunkle Schatten hinter dem dnnen, olivenfarbenen Hutlein mit den schwarzen
Wimpern zu erkennen waren.
    Der sorgenvolle Leibarzt tauchte immer wieder ein Tuch in die Essigschale
und befeuchtete die sprden, von weilichem Fieberschorf berkrusteten Lippen
des Kranken.
    So tat er wieder einmal. Und da atmete Herr Heinrich tief und ffnete die
Augen. Erst schien er die Dinge und Menschen, die ihn umgaben, nicht zu
erkennen. Nun kam ein Schreck in seine Augen. Er starrte die brennenden Kerzen
an, die er in den Hnden hielt, und sagte leis und ngstlich: So steht's mit
mir? In seinen Schreck mischte sich ein kindliches Verwundern. Den kleinen,
dicken, lateinisch betenden Pfarrer betrachtend, deutete er mit der brennenden
Kerze: Was sagt denn der?
    In sichtlicher Freude schlo der Dachauer Seelenhirt das Buch und schien
diesen Augenblick des Erwachens fr geeignet zu halten, um den hohen Sterbenden
christlich fr die Himmelsreise vorzubereiten. Er streckte die gedrungene
Gestalt, hob den Zeigefinger und mahnte mit einer tapferen und redlichen
Strenge: Du Herzog von Bayern! Reinige deine sndhafte Seele und vershn dich
mit dem Himmel. La dir raten, und besinn dich deiner Christenpflicht! Oder
glaubst du, Gott wird mit einem Herzog von Bayern besondere Umstand machen? Da
wirst du dich irren! Da droben bist du nit mehr als wie der geringste von deinen
Knechten!
    Herr Heinrich hatte die zwei brennenden Kerzen den Dienern hingeboten,
richtete sich mhsam auf und betrachtete halb in Angst und halb mit freundlicher
Neugier den unerschrockenen Mann Gottes.
    Da droben wird's heien: Heinerich, hast du verziehen oder nit verziehen?
Wenn du verziehen hast, wird's heien, so will ich dir auch verzeihen. Hast du
aber nit verziehen, so verdamm ich auch dich!
    In den heiglnzenden Augen des Kranken war ein frhlicher Blick. Er sagte
mit schwacher Stimme: Vor Gott hab ich Ehrfurcht. Aber ich denke noch nicht ans
Sterben. Ich habe Besseres zu tun. Und da fing er leis zu lachen an, weil er
bemerkte, da der schwarze Rock des Pfarrers vom Kinn bis zum Buchlein hinunter
mit einem Strich von Eiergelb betrenst war.
    Als die Leute, die drauen vor dem Zelte standen, den Herzog lachen hrten,
kamen der Seipelstorfer und der Kuen hereingesprungen.
    Herr Heinrich winkte dem Pfarrer mit freundlicher Hand. Braves Mnnlein! Du
kannst heimgehen! An deinen Augen seh ich, da du mde bist. Ich danke dir. Wenn
es wieder mit mir zum Sterben kommen sollte, will ich dich holen lassen. Du
gefllst mir.
    Als der Pfarrer von Dachau mit seinem Schnerfsacke sehr schnell das Zelt
verlie, schien den Herzog eine neue Ohnmacht berfallen zu wollen. Gewaltsam
hielt er sich aufrecht in den Kissen, straffte den Krper, griff ins Leere,
suchte mit den Augen und kreischte gleich einem ngstlichen Kind: Wo ist mein
gesunder Galgenvogel? Mein Nremberger? Wo ist er? Ich will ihn haben. Ich will
sehen, da er gesund ist.
    Erschrocken sagte der Seipelstorfer: Herr! Der hat einen Gesellen
erschlagen. Jetzt hngt man ihn eben.
    Ihr Narren! schrie der Herzog, dessen Zge sich verzerrten. Wollt ihr
mich ermorden? Seine Stimme und seine Hnde bettelten. Holt ihn! Holt ihn! Er
ist begnadigt. Und htte er zehntausend erschlagen wie Knig David! Holt ihn!
Her mit ihm! Ich will ihn haben. Ich will ihn sehen. Er mu gesund sein. Weil
ich leben will.
    Der Hauptmann war mit dem Bchsenmeister schon davongesprungen.
    Zittend sa der Herzog in den Kissen, streckte den Hals und lauschte auf das
Hufgeklapper der Gule, die davonjagten. Er hrte nicht, was der Leibarzt mit
ihm redete, und schien der Pflege nicht zu achten, die man ihm widmete. Immer
lauschte er. Und was ihn so schttelte, war nimmer sein Fieber, sondern ein
Schauer seiner aberglubischen Todesangst. Obwohl man die brennenden Kerzen
ausgeblasen, den Spalt des Zeltes geffnet und die khle Morgenluft
hereingelassen hatte, rannen ihm die Schweitropfen ber Gesicht und Brust und
Arme herunter.
    Da spannten sich seine Zge in lauschender Erregung. Mit seinen scharfen
Wieselohren hrte er frher als die anderen das Keuchen und die Hufe der Gule,
die vom Lager ber das Waldgehnge heraufkamen. Er hrte die Stimmen und
verstand, was sie schrien. Und lachend lie er sich auf die Kissen zurckfallen.
Ich lebe! So lag er eine Weile, whrend drauen der heitere Lrm sich nherte.
Als der Seipelstorfer schon im Spalt des Zeltes erschien, streckte Herr Heinrich
dem Leibarzt die linke Hand hin: Greif, du! Mir ist besser.
    Der Hauptmann kam. Herr, der Faden hat grad noch gereicht, erzhlte er
vergngt, ich selber hab den zwiefigen Apfel mit meinem Eisen vom Baum
heruntergeschlagen.
    Jetzt brachten die anderen den Malimmes. Er hatte ein verdrossenes Gesicht
und war bel anzusehen. Nur die mit Moorschlamm behangene Reithose trug er und
das offene, mit Blutflecken durchtrnkte Hemd. Um den mageren Hals lief eine
rote Strieme. Auch das gerade Stehen fiel ihm schwer. Aber das kam nicht von
irgendwelchen nachteiligen Folgen des Rappenholzes, nur von den vier Ma Wein,
die der Profos dem armen Snder als letzte Lebensfreude bewilligt hatte.
    Herr Heinrich in seiner Schwche sagte heiter: Das Schwein ist besoffen.
Aber sonst gesund. Gott sei Dank!
    Mit dem Suff ist's nit so arg, erklrte Malimmes in galligem Mimut, vier
Ma, die reichen mir blo vom Zehennagel bis zum Knie.
    Immer munterer wurde der Herzog. Wieviel mut du schlucken, bis du voll
wirst?
    Sechs Ma gehen mir bis zum Nabel, acht Ma bis zu den Ohren. Hher ist
mir's noch nie gegangen. Das Hirn ist allweil hell geblieben.
    Und solch einen glckseligen Magen gibt Gott den armen Knechten! Herr
Heinrich betrachtete vorwurfsvoll den Leibarzt. Mir wird schon bel nach einer
Ma. Stumm, mit einer Handbewegung, befahl er den Leuten, das Zelt zu
verlassen. Den Malimmes winkte er zu sich heran. Neugierig streckte er sich und
beguckte die rote Strieme am Hals des Sldners. Hat's arg gekitzelt?
    Malimmes schttelte rgerlich den Kopf. Ich bin's gewohnt, Herr! Jetzt ist
von meinen ungefhrlichen Hnfenen der siebente berstanden, ohne da ich's
wollen hab. Der achte wird gefhrlich. Wenn ich jetzt noch leben mcht, mt ich
werden, was die Biederleut einen braven Menschen heien. Da tat mir grausen vor
mir. Tut mir den Gefallen, Herr, und lat mich aufknpfen! Nachher hab ich Ruh.
    Nein, du! Ich will, da du leben sollst. In meiner Gnade.
    Die verdien ich nit. Ich bin ein falscher Knecht. Das mu ich Euch ehrlich
sagen. Malimmes musterte den kleinen Herzog mit bsem Blick. Seit gestern hab
ich an Euch kein Wohlgefallen nimmer.
    Seit gestern erst? Herr Heinrich lchelte. Da bist du spt auf den
rechten Geschmack gekommen. Ich habe mir noch nie gefallen.
    Und gestern -
    Was?
    Der Sldner geriet in eine zornige Erbitterung. Gestern hab ich wider Euch
ein untreues Ding getan.
    Du? Das glaub ich nicht.
    Wohl, Herr! Das ist kein Versehen gewesen. Das hab ich wollen! Wie der
Seipelstorfer den Herzog Ludwig htt greifen knnen, hab ich dem Hauptmann einen
Streich aufs Dach gehauen, da er den Frsten hat mssen fahrenlassen. Und da
hat der Trring den Ingolstdter aus der Not gerissen. Also, Herr! Jetzt lat
mich hngen!
    ber das heie Gesicht des Herzogs war ein Erblassen geronnen. Lange schwieg
er. Dann fragte er in einem Zhneschauer: Warum hast du das getan?
    Weil mich des edlen Herrn erbarmt hat in seiner tckischen Not.
    Mit funkelnden Augen betrachtete Herr Heinrich den Sldner. Etwas Schweres
schien im Herzog zu kmpfen. Dann rief er die Diener und lie den Hauptmann
kommen: Drei Stunden nach Mittag brechen wir auf. Zweihundert Harnischer reiten
mit mir nach Regensburg. Die anderen in ihre Heimat. Was an Tro und Waffen
erbeutet wurde, nach Burghausen. Man soll mich kleiden und in den Sessel heben.
Ich will hinunterschauen in das Dreckloch, aus dem mein Vetter Loys nach Gottes
und eines Menschen Willen entsprungen ist. Er entlie den Hauptmann mit einem
gndigen Lcheln. Dann befahl er den Dienern: Den Malimmes soll man subern und
soll ihm eine Ruhstatt schaffen. Sechs Stunden kann er schlafen. Dann soll man
ihn kleiden und rsten. Er reitet mit mir nach Regensburg.
    Teufel, murrte Malimmes kummervoll, es ist ein Elend auf der Welt, wenn
der Mensch das Sterben nit fertigbringt. Er wollte auf den betrunkenen Knien
seinen unbekneipten Verstand aus dem Zelte tragen.
    Da winkte ihm der Herzog. Du! Beuge dich herunter zu mir! Und als der
lange Mensch sich neigte, sagte ihm Herr Heinrich ins Ohr: Ich bin, der ich
bin. Drum mu ich wollen, was dir mifllt. Wr ich du, so htt ich gestern
vielleicht getan, was vielen gefallen wrde. Du bist von den Wohlgeratenen des
Lebens einer. Solche, wie du bist, mssen wir Frsten um uns haben. Willst du
der Meinige werden?
    Ein bichen verwundert guckte Malimmes den Herzog an. Ich will's bedenken,
Herr! Erst mu ich's berschlafen. Er ging. Unter dem Spalt des Zeltes drehte
er das Gesicht. Herr! Wenn Euch nach der Mittagsstund noch allweil nit besser
ist, so lat mich wecken. Kann sein, ich wei ein Ding, das hilfreich wider Euer
Leiden ist. Aber da mu ich nchtern sein. Auch in den Waden.
    Im Zelt der Dienstleute wurde Malimmes gewaschen und gekleidet. Schweigend
lie er alles mit sich machen. Auf dem Lager, das man fr ihn richtete, sa er
noch lange wach, krumm zusammengebogen, mit dem Gesicht zwischen den Hnden.
    Dann schlief er. Um die zweite Mittagsstunde wurde er geweckt und zum Herzog
geholt.
    Er blieb mit Herrn Heinrich allein im Frstenzelt. Auch der Leibarzt mute
sich entfernen, bevor Malimmes dem Herzog half.
    Als man nach Regensburg aufbrach, brannte das Fieber des Kranken noch immer;
er mute kurze Tagesmrsche machen und lange Ruhepausen halten; aber mit jedem
Morgen wurden seine Pulse ruhiger, und am vierten Tage fhlte er sich krperlich
so sehr gekrftigt, da er den Tragsessel nimmer ntig hatte, sondern reiten
konnte.
    Der Leibarzt, der ein bichen kleinlaut geworden war, hielt sich immer in
der Nhe des schmuck gekleideten, nach Art eines ritterlichen Herrn gewaffneten
Sldners. Endlich kam er mit der Frage: Wie hast du dem Frsten geholfen?
    Milaunisch schttelte Malimmes den Kopf. Jedem das Seine, Ihr seid ein
Medikus, ich bin ein Kriegsmann. Alles im Leben ist Handel. Weiset mir einen
Bolz, mit dem man einen im Kra auf tausend Gang aus dem Sattel schiet, so
will ich Euch weisen, wie man die Mden munter macht.
    In der Abenddmmerung, nicht weit hinter Landshut, berholte Herzog
Heinrichs klirrender Reiterschwarm den gemchlich reisenden Zug der Herzge von
Mnchen.
    Herr Heinrich begrte die Vettern mit lebhafter Herzlichkeit. Der Gegengru
war minder freundlich. Herzog Wilhelm und Prinz Albrecht blieben stumm; im
Gesicht des Prinzen war eine heie Zornflamme; und Herzog Ernst lachte in seiner
schwerflligen Art.
    Warum so wunderlich, meine lieben Vettern? fragte Herr Heinrich mit dem
Anschein eines Gekrnkten. Solltet Ihr noch nicht vernommen haben, wie krftig
wir euch bei Dachau zu Hilfe kamen?
    Vernommen? sagte Herzog Ernst. Ob das ein zutreffendes Wort ist? Sollte
man nicht sagen: wahrgenommen? Ja, Vetter Heinrich! Wir haben wahrgenommen.
Deine klugen Taten sind wie stille Seufzer. Man hrt nicht viel von ihnen. Aber
sie werden ruchbar.
    Herr Heinrich legte den Kopf zurck. Sehr hfisch redest du nicht, mein
derber Vetter! Ich htte wohl besser das Eisen im Leder gelassen. Jetzt mu ich
an ein Wort meines Schwagers Zollern denken. Wenn er Gutes tat und Undank
erfhrt, pflegt er zu sagen: Es ist mein Schicksal, miverstanden zu werden. Er
nickte einen Gru. Ihr reiset langsam. Ich habe Grund zur Eile. In Regensburg!
Herzog Heinrich rasselte mit seinem Schwarm davon.
    Er berholte whrend der beiden folgenden Tage noch manchen Reiterzug, der
von Stdten, Burgen oder Klstern kam.
    Die Reise ging vorber an Feldern, auf denen die Ernte faul geworden,
vorber an den Kohlsttten verbrannter Drfer und an gebrochenen Mauern.
berall lungerte das Elend neben der Strae, und in der schnen, milden
Sonnenluft waren ble Gerche. In den Stauden und Grben kauerten mde oder
kranke Menschen, die aussahen, als wren sie hinter einem Wanderzuge erschpft
zurckgeblieben. Niemand kmmerte sich um die Niedergebrochenen; jeder, den die
Fe noch trugen, hatte mit sich selbst zu schaffen; unter den Schrecken dieses
Kriegsjahres war die Barmherzigkeit abgestumpft, das Erbarmen erloschen. Wer
sterben mute, blieb liegen, wo er lag, und war umschwrmt von Ungeziefer, von
Krhen und Geiern.
    Am letzten Reisemorgen geriet Herr Heinrich in lange Zge von wandernden
Menschen und mute vorsichtig reiten, weil diese Mden und Erschpften die
Strae nur langsam rumen konnten.
    Als der ungeduldige Reiterschwarm des Herzogs solch einen Hauf von grau
verstaubten Wandersleuten zerkeilte, verhielt Malimmes pltzlich den schnen,
feurigen Schimmel, den ihm der Herzog geschenkt hatte. In einem Trupp, der neben
dem Straengraben rastete, war ihm ein langer, magerer Bauer aufgefallen.
    Hi! Du! Bist du nicht der Fischbauer vom Hintersee?
    Was denn sonst?
    Da fand Malimmes seit dem Tage von Dachau das erste heitere Lcheln. Guck,
der Seppi Ruechsam ist noch allweil lebendig. Die Guten sterben nit. Er sah den
Bauer an, der ihn mitrauisch betrachtete. Mensch? Was tust denn du in
Regensburg?
    Du mut mich ja nit hintragen.
    Willst du am End gar zum deutschen Knig?
    Was denn sonst?
    Malimmes wollte nach Mutter und Bruder fragen. Doch schweigend gab er dem
Schimmel die Sporen und jagte dem Schwarm des Herzogs nach, wieder mit jener
stumpfen Trauer in den Augen.
    Um die Mittagsstunde, als die Scharen der Wandernden immer dichter wurden,
sah man von einer Waldhhe in das liebliche Tal der Donau hinunter, das zrtlich
begleitet war von lind geschwungenen Hgeln und herbstlich gefrbten
Buchenwldern. In ihrer Mitte, wie ein feiner Kern in der Schale, lag das von
Mauern und Wllen umschlossene Dchergewirre der freien Stadt mit schlanken
Kirchtumspitzen und plumpen Streittrmen.
    Ein dumpfes Murren von Bumbardenschssen und ein sanft verschwommenes Tnen
vom Gelute vieler Glocken.
    Es war zu der Stunde, in der die edlen Geschlechter und der groe und kleine
Rat von Regensburg mit Pomp und Jubel ausrcken wollten, um auf der Nrnberger
Strae den Knig Sigismund und die Knigin Barbara feierlich einzuholen.
    Den deutschen Knig, den Kaiser zu empfangen, hatte die alte, freie
Donaustadt sich schn gemacht mit Gewinden der letzten Herbstblumen, mit bunten
Tchern und wehenden Fahnen.
    In den letzten Nchten hatte man groe Schweineherden durch die Stadt
getrieben, damit die braven, fr Reinlichkeit sorgenden Tiere alles verschlingen
mchten, was bequeme Brgersfrauen an blen Dingen aus ihren Fenstern auf die
Strae zu werfen pflegen. Und was die Schweine zu entfernen verschmhten, wurde
in fleiiger Nachlese von den ruhelos umherwandernden Buttenknechten gesammelt.
    Man hatte das Stadthaus gesubert und geziert, hatte Trommler und Ausrufer
durch die Stadt geschickt, um die strengen Festtagsgesetze zu verknden und das
Volk zu gesittetem Verhalten zu ermahnen. In alle Husern, die zu Quartieren fr
hohe Gste und ihr Hofgesinde bestimmt waren, hatte man rastlos gefegt und
gescheuert, das Silber geputzt und die Zinngeschirre blankgerieben. Und unter
den Betten, in denen die Frstlichkeiten ungestrten Schlummer finden sollten,
hatte man Flohfallen aufgestellt und Leimruten fr sonstiges Ungeziefer.
    Whrend die schne Herbstsonne ber den Gassen und um die steilen Dcher
funkelte, rauchten alle Schornsteine, und berall sprte man den Duft von
Honigkuchen, Schmalzgebackenem, Gewrz, Wacholder und Rucherwerk.
    Unter dem Donner der Regensburger Kammerbchsen und dem Gelut der Glocken
waren die engen Straen und der groe Marktplatz, auf dem sich der Zug zur
Einholung des Knigs ordnete, von einer farbigen, freudig erregten Menschenmenge
erfllt. Um die stdtischen Standarten und die vielen Kirchenfahnen ein Gewimmel
von Geistlichen in prunkvollen Ornaten, von reichgekleideten Ratsherren und
wappenfhigen Geschlechtern, von gepanzerten Stadtknechten, Sldnern und
Schtzen, von Frauen mit Blumenkrnzen im Haar, von geputzten Jnglingen und
Jungfrauen mit gebnderten Stben und von vielen, vielen kleinen Mdchen und
Knaben mit langen Birkenreisern, an denen die herbstlich gefrbten Bltter in
der Sonne wie kleine, goldene Herzen flimmerten. Und rings um diesen farbigen
Prunk herum, hinter den Zunen der Spieknechte, staute sich die graubraune
Masse des mhsamen Volkes mit kreischenden Kinderschwrmen; da hatte jede
Mutter, die in reifen Jahren war, einen Ring von struwweligen Kpfen um sich
her; und manche mute flink die Augen bewegen, wenn sie verllich wachen wollte
ber das Dutzend ihrer Knospen.
    Dieser frhliche Lrm und dieses Festgeprnge lie nichts von den Schrecken
des Krieges gewahren, der seit Jahresfrist die bayerischen Lande mit blinder
Zerstrungswut durchtobte. Wie Augsburg und Nrnberg, so hatte es auch
Regensburg durch kluge Politik verstanden, sich fern von den Wirren dieses
Krieges zu halten, und hatte das Aufblhen der Stadt gefrdert, whrend
auerhalb ihrer schtzenden Mauern die trotzigen Burgen fielen und die Krfte
des Rittertums vor dem Ansturm der Sldnerscharen und unter den Streichen der
Brger- und Bauernfuste versagten. Tausend Drfer waren in Flammen aufgegangen,
und der Verzweiflungsschrei eines namenlosen Elends durchschrillte alles offene
Land, ber das der Frstenzank mit Eisen, Feuer, Galgen, Bchsen, Hunger und
Seuchen seine sinnlose Verwstung hatte hinrollen lassen, wie ein Bergsturz mit
springenden Trmmern alles blhende Leben verschwinden lt unter seinem Schutt.
Doch in den ummauerten, von fester Kraft geschtzten und mit kaiserlichen
Freiheitsbriefen begnadeten Stdten war unbedrcktes Atmen, rhriger Handel,
wachsender Wohlstand und friedsame Arbeit, bei der ein Umschwung aller Dinge im
Reich und neue Zeiten sich vorbereiteten, die Zeiten eines machtvollen
Brgertums.
    Zu Regensburg, in dieser sonnenschnen, feierlichen Mittagsstunde, mischte
sich mit dem frohen, alle Gassen und den Marktplatz fllenden Festlrm ein
fernes, dumpfes Sausen, das der brausenden Stimme eines gewaltigen Stromes
glich. Es war das Stimmengewirr der dreiigtausend zugewanderten Bauern, denen
man den Einla durch die Mauer verweigert hatte, um die friedliche, gesunde
Stadt vor allem zu behten, was da ah Armut und Zorn, an Aufruhr und Mordgefahr,
an Unsitten und Krankheit zusammenstrmte aus allen Weiten der verwsteten
Lande.
    Auf dem groen Anger vor dem Ostentore lagerte dieses graue Heer des Elends
und der Sehnsucht, des stumpfen Grames und der seufzenden Erschpfung, des
suchenden Lasters und eines quirlenden Leichtsinns, der alle Not und Trauer
betubte mit lachendem Schrei.
    Whrend die von Sden ankommenden Frstlichkeiten durch Gepanzerte des
stdtischen Heeres empfangen und in die Stadt geleitet wurden, irrten ruhelose
Scharen der ausgesperrten Volksmenge an den Wllen und Mauern entlang, kamen zum
Ufer der Donau und kehrten zurck zum Ostenanger. Mit jeder Minute vermehrte
sich das graue Heer durch neue Zuzge von allen Landstraen. Die vom Stadtrat
aufgestellten Zehrbuden, Brothtten und Schankzelte konnten den Hunger der
vielen Tausende nicht stillen, wurden geplndert und niedergerissen. Das Gelrme
der Ungeduldigen schmolz zusammen mit dem festlichen Drhnen der Kammerbchsen
und dem Freudengelut der stdtischen Glocken. Und pltzlich brauste ber den
wimmelnden Aufruhr ein wilder, tausendstimmiger Schrei erneuter Hoffnung hin:
Der Knig kommt! Der Kaiser ist da!
    Das tosende Gewhl begann sich vorwrts zu schieben, gegen das Ufer der
Donau hinunter. Tolle Neugier und leidende Sehnsucht keilten sich gegeneinander.
Die Ellenbogen whlten, und die Fuste droschen. Schwachgewordene wurden
niedergestoen: und zertreten. Und weil den Ausgesperrten auch der Zugang zur
Steinernen Brcke verwehrt blieb, rissen sie bei den Fischerhusern die Khne
und Fhren los, um die Donau zu bersetzen, und dem deutschen Knig
entgegenzuziehen; an die dick mit Menschen gefllten Boote klammerten sich noch
Dutzende an und lieen sich von den abwrtstreibenden Schiffen durch das Wasser
schleifen; und wenn eine ermattete Faust die Finger ffnen mute und ein Mensch
in den schieenden Wellen versank, so war's fr die anderen, wie wenn im
herbstlichen Wald ein welkes Blatt zwischen Moos und Stein verschwindet.
    Hunderte kamen ber den Strom, und viele Tausende fllten dichtgedrngt die
schmale Schiffslnde zwischen dem Fu der Stadtmauer und dem Ufer der Donau.
ber dem Strome drben und hinter der befestigten Vorstadt Am Hofe sahen sie auf
den falben Wiesenhgeln, ber welche die Nrnberger Strae herunterkam, das
feine Funkeln und Farbenleuchten des Knigszuges, der seiner Einholung wartete.
Und whrend auf der Steinernen Brcke, deren Trme und Trmchen von bunten
Tchern flatterten, die festliche Menge der Stdter mit Standarten und Fahnen,
mit zwei purpurnen Traghimmeln, mit Zinkengeschmetter und Pfeifenklngen dem
Knig entgegenzog, streckten auf der Schiffslnde die vielen Tausende des
zugewanderten, eng zusammengepferchten Volkes in glubiger Hoffnung jenem fernen
Knigsgeglitzer die Arme entgegen und schrien immer wieder mit rauh gewordenen
Stimmen: Der Knig ist kommen, der Kaiser ist da! Die Worte verstand man
nicht. Doch flehende Sehnsucht war in dem wogenden Gebrll. Es klang, wie wenn
eine riesige Wallfahrtsmenge von Leidenden, Verzweifelten und Besessenen
litaneit:
    Allmchtiger, erhre uns! Allmchtiger, beschtze uns! Allmchtiger, erlse
uns von allem bel!

                                       10


In den groen Zelten, die auf der Wiesenhhe der Nrnberger Strae fr das
Knigspaar und sein Gefolge errichtet standen, hatten Herr Sigismund und Frau
Barbara die verstaubten Reisekleider abgelegt und fr den Einzug in Regensburg
sich angetan mit dem Schmuck der Herrscherwrde.
    Whrend die Knigin, die immer geraumer Zeit bedurfte, um sich schn zu
machen, noch vor dem silbernen Reisespiegel sa, hatte der Knig schon das Zelt
verlassen und stand in der milden Sonne. Noch trug er die Krone nicht. Doch
seine hohe Gestalt, in der sich Majestt und Anmut paarten, war schon umflossen
von den starren Falten des schwer mit Gold bestickten und mit Hermelin
verbrmten Purpurmantels. Darunter schimmerte der lange, bis zum Grtel
geschlitzte Reitrock von mattgrner, mit Perlenblumen benhter Seide. An den
Fen glitzerten die goldgespornten Schnabelschuhe; und die groen, bunten
Emailglieder des Grtels trugen das breite Schwert, an dessen Knauf ein grner
Smaragd von der Gre einer Welschnu funkelte - ein Stck geschliffenen Glases
- den echten kostbaren Schwertstein hatte Herr Sigismund zu Nrnberg verpfnden
mssen, um Geld fr die Regensburger Reise zu beschaffen. Dieses Geld war auch
schon wieder ausgegeben, war auf der langen Reisestrecke in die flehenden Hnde
des verarmten Volkes geflossen, das berall in hoffendem Glauben die Strae des
schnen, hilfreichen Knigs belagert hatte. Er kam zu seiner treuen Reichsstadt
Regensburg mit einer Tasche, die so leer war wie ein junges Grab, aus dem der
Schaufelmann soeben herausgestiegen.
    Von den widerlichen Sorgen, die seine husliche Wirtschaft bedrckten, war
in seinen hellen, heiteren Augen kein Schatten zu gewahren. Er schwatzte munter
und stand unter dem reinen Himmel wie ein menschgewordener Sonnenstrahl. Das
kurzgelockte Braunhaar des Vierundfnfzigjhrigen war noch ohne grauen Faden.
Ein sorgsam gepflegter, in zwei Spitzen geteilter Vollbart mit lichterem, hbsch
geschwungenem Schnauzer umrahmte das lngliche, edelgeformte Gesicht, das
frische, gesunde Farben hatte. Doch rings um die frohen Augen waren viele
feingerissene Faltenzge; sie erzhlten von Blutstrmen und von Dingen, die nach
Meinung der Frommen vor Gott kein Wohlgefallen finden. Wer nicht dicht vor dem
Knig stand, sah diese Runenschrift eines wild durchrttelten Lebens nimmer, sah
nur den frstlichen Kopf, diese herrliche, anmutsvoll bewegte Mannesgestalt,
diesen Knig von unverwstlicher Jugend und Schnheit, dem die Herzen des Volkes
entgegenjubelten, wenn er lchelte und freundlich grte.
    Neben ihm stand der ppstliche Legat Branda in scharlachfarbener
Kardinalstracht mit einem wie aus Marmor geschnittenem Greisenkopf. Den beiden
las der junge Kanzler Schlick eine Botschaft vor, die aus Mnchen gekommen war.
Der Bote, der sie gebracht hatte - Lampert Someiner -, stand bei den Herren des
Hofes, grau verstaubt nach einem jagenden Ritt, in den Augen ein ruhiges
Leuchten.
    Whrend der Kanzler mit halblauter Stimme las, wurde ein Imbi eingenommen.
Wie beim Mahl auf einer Falkenbeize stand man zwischen angepflckten Rossen oder
sa auf Wiesenbuckeln und a aus kleinen, billigen Zinnschsseln. Das goldene
Reisegeschirr der Majestt war zu Nrnberg bei dem groen Schwertsmaragd
zurckgeblieben.
    Der Knig hrte die Botschaft, die da gelesen wurde, mit Lcheln an. Eine
leichte Rte auf seiner Stirn verriet den Zorn, den er stumm bezwang. Der
Kardinal erregte sich: Die Frsten zu Mnchen sind begabt mit vershnlichen
Seelen. Sie verzeihen dem Ingolstdter flink. Rom wird zgern mssen mit seiner
Gte.
    Wie immer! Herr Sigismund sah zu einer Herrengruppe hinber, die den
zwerghaften, grokpfigen Narren des Knigs umstand und in schallendes Gelchter
ausgebrochen war. Was ist da drben? Lat euren sorgenvollen Herrscher
mitlachen!
    Einer kam: Wir sprachen von heibltigen Frauen. Da sagte der Narr: In den
Leib jener Frauen, die als Liebende unersttlich sind, mte von ungefhr ein
Pantherhaar geraten sein, das sich nimmer entfernt und ruhelos kitzelt.
    Die Majestt wurde verdrielich. Unser Narr kennt die Frauen, wie der Neid
die Freude. Und in bhmischer Sprache, die der Kardinal nicht verstand, sagte
Sigismund seufzend zum Kanzler: Wenn der Wirrsinn des Narren Wahrheit wre,
mte unsere Knigin einen ganzen Panther verschluckt haben.
    Da griffen pltzlich viele Herren nach ihren Waffen. Hinter dem Lagerplatz
jagte auf der Nrnberger Strae eine dicke Staubwolke heran. Als man die Reiter
und zwei braun und wei gefleckte Hunde erkennen konnte, flsterte Schlick: Der
Ingolstdter, mit dem Pienzenauer und Trring.
    Stumm, in aufbrennendem Zorne, wandte sich der Knig und trat so hastig ins
Zelt, da sich der Purpurmantel wie eine schwere Fahne hinter ihm herbauschte.
Der Kanzler ihm nach. Im Zelt schrie Herr Sigismund: Ich will ihn nicht sehen.
Er hat wider uns und das Reich gesndigt. Ich mu ihn von der Herrschaft
stoen.
    Da stand der zwerghafte, grokpfige Narr bei ihm, zupfte am Mantel des
Knigs und pisperte mit seinem Kastratenstimmchen: Vetter, berschrei dir die
Lunge nicht! Sonst wirst du zu Regensburg vor den schnen Frauen husten mssen,
statt da du gewinnend redest.
    Diese Stimme flo wie l auf den Zorn des Herrschers. Ratlos sagte er zu
Schlick: Was soll ich tun?
    Lchelnd flsterte der junge Rat: Eine gtige Strenge whlen, die fr heute
zu nichts verpflichtet. Und warten, bis Vetter Heinrich sprach. Der Schatzturm
von Burghausen hat eine Stimme, auf die man in knappen Zeitluften hren mu.
    Alles Redliche in Sigismund wallte auf. Schlick! Das ist ein Grauenvolles
an meinem Leben. Immer will ich das Gute und Gerechte und mu es biegen und
beschmutzen -
    Warum? piepste der Zwerg. Weil wir sonst den Schneid der, Schuster und
Bcker nicht bezahlen knnen.
    Schweige, Narr! Deine Spae lgen. Den Knig belgen alle. Vor dreiig
Jahren hat mir einer, den ich vom Schwert zum Leben begnaden wollte, ins Gesicht
gerufen: Ich nehme nichts geschenkt von dir, du bhmisches Schwein! Und hat
seinen Kopf auf den Block gelegt. Seit damals hat mir keiner mehr die Wahrheit
gesagt! - Nur einer. Wo ist er? Narr! Hole mir den Fritz!
    Das grokpfige Mnnlein zappelte davon. Dann trat mit ihm ein kraftvoller
Mann von fnfzig Jahren in das Zelt, schwer und schmucklos gepanzert, ohne Helm,
mit dem roten Adler zwischen den schwarzweien Gevierten des Waffenrockes. Der
Kopf hatte in der Art des Braunhaares und des geteilten Vollbartes eine leichte
hnlichkeit mit der Majestt, doch das sonnverbrannte Gesicht war grber, fester
und ruhiger; dazu ein Mund, der gerne und krftig lachte, und kluge, graublaue
Augen wie blanker Stahl - Friedrich von Zollern, der Burggraf von Nrnberg, der
neue Herr der Brandenburger Mark.
    In Erregung fragte der Knig: Weit du, wer kommt?
    Er ist schon da. Der Markgraf lachte. Er redete laut und rasch. Rom setzt
ihn bereits auf glhende Kohlen und rstet ihm das christliche Fundament. Ich
besorge, man wird ihn um mancher Snde willen brennen, die er nicht beging.
    Hinter deinen Worten ist Erbarmen. Bist du nicht sein Feind?
    Ich? Nein! Ich keines Mannes Feind. Schlgt einer her, so schlag ich hin,
um ein gut Teil grber als der andere. Kann er sich vertragen, so bin ich
friedsam. Oheim Ludwig ist ein Baum mit sten, die gut sind. Die malos
aufgeschossenen sind ihm gestutzt worden. Jetzt mgen die gesunden treiben. Das
sollte die Majestt in Gte frdern.
    Du weit nicht, was bei Mnchen geschehen ist. Schlick! Gib ihm das Blatt
zu lesen!
    Der Markgraf nahm das Pergament. Als er las, bedeckte sich seine Stirn mit
harten Falten. Ein garstiges Ding! Macht Waffenruhe mit mir, vertrdelt den
wohlgemeinten Friedenshandel mit Landshut und ntzt die unbedrngten Ellenbogen,
um ruhige Leute zu puffen. Die gesunden Hiebe von Alling vergnn ich ihm. Das
Leben hat heitere Gerechtigkeiten. Ich merke, da er mich tuschte. Aber das
haben die Mnchener wettgemacht. Das friedsame Wort, das ich ihm sagte, soll
gelten.
    Lies weiter! Da wirst du von deinem Schwager Heinrich hren. Der Kleine hat
wieder flinke Arbeit getan. Und sein treues Glck ist mit ihm gelaufen.
    So? Der Markgraf schien das gerne zu vernehmen. Doch als er weiterlas,
fuhr ihm eine dunkle Blutwelle ins Gesicht. Die Lippen vorschiebend, faltete er
das Pergament zusammen, bot es dem Kanzler hin und schwieg.
    Rede! mahnte der Knig ungeduldig.
    Das fllt mir schwer. Der eine tuschte mich, der andere tat's noch bler.
Man mu da immer wieder lernen, von neuem zu glauben. Die Majestt mchte mich
eines Ratschlages entbinden! Den einen will ich nicht tiefer hinunterstoen, als
er fiel. Und ich kann nicht reden wider den Bruder meines Weibes, das mir eine
tapfere Hausfrau ist und mich beschenkte mit dem Besten des Lebens, mit gesunden
Jungen.
    Sigismund, der ohne Sohn war und dieses Wort mit Mivergngen gehrt hatte,
rief rgerlich: Versagst du auch? Was soll ich tun?
    Hinter dem Rcken der Majestt guckte der Kanzler mit verstndlicher Trauer
in seine Grteltasche.
    Ach so? Fr den Markgrafen schien die Stunde pltzlich an Ernst verloren
zu haben. Er nickte. Freilich, der Fink mu Hanf haben, wenn er nicht unschn
pfeifen soll. An schne Lieder bei Darbenden glaub ich nicht.
    Was soll ich tun? wiederholte der Knig gereizt, whrend man vor dem Zelt
einen heftigen Wortwechsel zwischen dem Kardinal Branda und Herzog Ludwig
vernahm. Was soll ich tun?
    Was kein Verstndiger schelten darf. Geld kann man von den Juden borgen.
Wenn's nicht billiger geht, um hohen Zins. Man braucht sie drum nicht zu
verbrennen. Man kann sie auch bezahlen. Das ist minder schmerzhaft. Ich will
gutstehen. Und der Fink kann pfeifen, wie er soll.
    Gutstehen? fragte Sigismund freundlicher. Selber geben kannst du nicht?
    Nicht jetzt. Die Majestt mge verzeihen. Ich bin erschpft.
    Du schttest zu viel in den Sand deiner Mark.
    Ohne Samen kein Weizen.
    Der Knig lchelte auf eine Art, die dem Markgrafen zu mifallen schien. So
mu ich schauen, wo Samen sich findet.
    Vor dem Zelt die erregte Stimme des Kardinals: Um Euretwillen wurde
Glockenluten, Gesang und Gottesdienst zerschlagen.
    Dann die zornbebende Stimme des Ingolstdters: Warum sperrt Ihr um
meinetwillen die Kirchen? Lat sie offen fr die anderen! Dann knnt Ihr luten,
singen und Messe lesen nach Herzenslust. Belagert nicht meinen Weg! Ich will zum
Knig. Wozu das Reich, wozu der Herrscher, wenn die beiden sich verschlieen vor
der Not eines Deutschen?
    Im Zelt sagte Sigismund heiter: Oh? Wo bleibt Paris? Mein Land ist reicher
geworden um einen deutschen Mann.
    Da strmte Herzog Ludwig in das Zelt, mit Staub bedeckt, das Gesicht von
Gram zerstrt, in den Augen den zerbrochenen Stolz. Schweigend bi er die Zhne
bereinander und beugte das Knie.
    Die Majestt trat zurck, blieb stumm und streckte abwehrend, mit einer
anmutsvollen Geste, die schnen Hnde vor sich hin.
    Herzog Ludwig drckte den starren Nacken noch tiefer hinunter und harrte
zitternd auf ein gtiges Wort. Weil es nicht kommen wollte, erbarmte sich der
Markgraf dieses Gebeugten, wollte ihm mit einem freundlichen Scherz ber den
bsen Augenblick hinberhelfen und sagte freundlich: Oheim? Ihr habt keine gute
Farbe. Seid Ihr ein so strenger Christ, da Ihr im bermae fastet?
    Die gute Absicht dieses Scherzes miverstehend, fuhr Herzog Ludwig vom Boden
auf, mit brennender Stirne, mit Trauer und erneutem Ha in den Augen. Willst du
mich hhnen? Du? Der verschlang, was in meines groen Ahnherren goldenem Kessel
gekocht wurde fr Witteisbach?
    So ist es nicht. Aber wenn es so wre, knnt ich nicht leugnen, da es mir
mundet.
    Noch heier gereizt durch diese lchelnde Ruhe, wandte sich der Herzog an
die Majestt. Knig! Leidende haben ein helles Gesicht. La dich warnen vor
diesem allzu Gesunden. Er wird dir die deutsche Krone nehmen, wie er meinem
Hause die Mark genommen.
    Die gab ich ihm doch. Als Dank fr redliche Dienste.
    La dich warnen! Die Stimme des Herzogs war rauh von Zorn. Seine Federn
sind schwarz und wei wie die der Elster. Was eine richtige Elster ist, die lt
ihr Hpfen nicht.
    Herr Sigismund lachte heiter. Dennoch war es ihm anzumerken, da diese
Warnung bei seinem leicht erregbaren Mitrauen ihr Ziel nicht vllig verfehlt
hatte.
    Des Knigs achtete der Markgraf in diesem Augenblick nicht. Er sah nur den
von Zorn und Leid durchwhlten Herzog an und sagte ernst: Leidende haben kein
helles Gesicht, sie haben verschleierte Sinne. Dieses Wissen vershnt mit ihnen.
Ihr seid ein vergrmter Vogel, Oheim! Man merkt es an Eurem verstimmten Gesang.
Ich habe schon bessere Lieder von Euch vernommen. Seht zu, da Eure Kehle sich
bald wieder bessern mge. Er neigte sich vor der Majestt und ging im Geklirr
seines schweren Panzers aus dem Zelt.
    Die Augen des Knigs, die ihm folgten, hatten eine unmutigen Blick. Dann
sagte er zu Herzog Ludwig mit jener gtigen Strenge, deren Ton er glcklich zu
treffen wute: Oheim, du bist ein mnnlicher Frst. Auch warst du ein Mchtiger
an Barschaft. Das haben Wir zu Unseren Gunsten oft erfahren. Wir schulden dir
viel. Des wollen Wir gedenk bleiben. Aber dir ist es ergangen, wie es allen
ergeht, die mehr Vertrauen in sich selbst haben als in Gott.
    Whrend immer das ferne Glockenluten summte und das Zinkengeschmetter des
festlichen Zuges nher und nher tnte, zwang Herr Ludwig die Worte heraus: Was
ich habe, will ich geben. Jetzt bin ich arm. Reichtum wird wiederkommen. Die
Majestt verspreche mir nur, mich ungeschdigt bei meiner ererbten Herrschaft zu
halten. Was ich erbitte, ist mein frstliches Recht.
    Der Schuldige mu empfangen, was ihm zugesprochen wird, um christlicher
Gte willen. Du bist besiegt durch die Kraft der anderen und durch die eigene
Torheit.
    Das Gesicht des Herzogs entstellte sich. Mich besiegte einer, den ich nicht
nenne. Man kann einen Menschen beugen. Sein Recht bleibt stehen. Ich fordere
mein Recht.
    Wer fordert und nicht die Macht hat, seinen Willen durchzusetzen, ist ein
Narr. Bei diesem Worte nahm die heiter gewordene Majestt dem Herzog die
pelzverbrmte Mtze vom Kopf und setzte ihm die Schellenkappe der Narren auf.
    Herr Ludwig stand unbeweglich.
    Drauen erscholl ein ser, lieblicher Gesang von tausend Kinderstimmen.
    Wir werden entscheiden im Rat der Frsten! sagte Sigismund. Unsere treuen
Regensburger kommen. Er wandte sich. Meine Krone?
    Unter spttischem Grinsen brachte der Zwerg das von edlen Steinen funkelnde
Knigsgeschmeid: Nimm, barmherziger Vetter, das ist deine Narrenkappe!
    Meinst du, Wir htten nicht den klugen Kopf, den sie verlangt?
    Den hast du, leider! Du versuerst mir mein hartes Brot, das wir zuweilen
schuldig bleiben. Oft bist du witziger als ich. Der Narr hrte das Rauschen
eines seidenen Kleides und schmunzelte. Die Funken deines Witzes erlschen nur,
wenn du Ehemann wirst. Und da kann ich meinen Witz nicht zeigen. Weil ich
auerhalb des Trchens bleibe, hinter dem du klein und tricht wirst.
    Knigin Barbara, die zweite Gemahlin der Majestt, trat aus der Zeltkammer,
in milchblaue Seide gekleidet, die jede Form des schnen Krpers nachzeichnete.
Funkelnd thronte das Krnlein ber dem kupferroten Haar, und wie ein
Glitzerhauch umflo der silberne Schleier die reizvolle Gestalt. Eine
Dreiigjhrige, die einem jungfrulichen Mdchen glich, mit rosigen Wangen, mit
schwellendem Mund und mit suchenden Schwarzaugen voll kindlicher Neugier.
    Sigismund kte sein Ehgemahl vorsichtig auf die Wange und sagte scherzend:
So schnell bereit?
    Die Narrenkappe fortschiebend, beugte Herzog Ludwig sich nieder. Vor der
Schnheit kniet man leichter als vor der Wrde. Freundlich hob ihn Frau Barbara
auf und fing munter zu schwatzen an. Der Ingolstdter plauderte mit ihr,
ritterlich und bilderreich, whrend sein entstelltes Gesicht wie Asche war.
    Die Majestten traten Hand in Hand aus dem Zelte. Brausender Jubel
verschlang das Lied der Kinder, deren Schar mit den gelbgebltterten
Birkenzweigen in der Sonne wie ein goldenes Wldchen war. Der Knig sah
freundlich die vielen Kinder an und sagte: Da wchst uns eine neue Welt.
    In weitem Ringe standen die Hochwrdigen, die Edelfesten und Ehrbaren der
freien Stadt, die Znfte mit ihren Fahnen, hinter ihnen die berittenen Sldner,
die Fuknechte und Schtzen, und dann das graue Volk.
    Herzlich begrte der Knig den Frstpropst Pienzenauer und den Kaspar
Trring, die nicht sonderlich festlich aussahen.
    Trompeten schmetterten, eine schwer atmende Stille lagerte sich in der
Sonne, und whrend von der Stadt das Gelut der Glocken scholl, fing der
Brgermeister in Ehrfurcht zu reden an. Der Knig lauschte wohlwollend. Minder
aufmerksam war die Knigin, die in lchelnder Neugier die schmucken
Geschlechtershne musterte. Zum Willkomm verehrte die Stadt der Majestt einen
groen goldenen Kupf, der bis zum Rande gefllt war mit rheinischen Dukaten;
auch Frau Barbara, der Kanzler und der Narr bekamen Becher mit Geldgeschenken.
    Nun bewegte sich der Zug mit Sang und Klang der Stadt entgegen. Immer
segnete der ppstliche Legat das Volk; er ritt unter dem ersten Purpurhimmel.
    Auf einem ungrischen Goldfuchs, dessen seidene Schabracke den Boden
berhrte, ritt die deutsche Majestt unter dem zweiten, kleineren Traghimmel;
voraus schritten vier Edelknaben mit groen Grteltaschen, aus denen sie
neugeprgte Silberpfennige mit dem Bild des Knigs in die Massen des jubelnden
Volkes warfen. Hinter dem Herrscher, unter einem Pfauenfcher, ritt Knigin
Barbara auf einem Berberschimmel, der so zierlich war wie die schne Frau in
seinem Sattel. Dann kam die Schar der Frsten und Herren, unter ihnen Herzog
Ludwig mit entbltem Haupt, zu jeder Seite seines abgehetzten Pferdes einer von
den ruhig schreitenden Hunden; mit den lang herabhngenden Zungen und den mager
gewordenen Leibern sahen sie aus wie lebendige Wappentiere. Und auerhalb der
von Waffen starrenden Spaliere drngte sich eine graue, jubelnde Menschenmenge
und raufte sich auf dem Boden um die Silberpfennige, die unter dem Purpurhimmel
der Majestt herausflatterten.
    Jetzt kam der Knigszug zu dem Mrchenbau der Steinernen Brcke. Ein
wundervolles Bild: der mchtige, rauschende Strom und diese hochgeschwungenen,
steinernen Bogen mit Toren und Trmchen, mit Fahnen, Krnzen und wirbelndem
Bnderwerk; und drben die feste, schne Stadt, umflossen von goldener Sonne,
mit den langen Mauerzgen, mit den von Menschen wimmelnden Wehrgngen und
Basteien, mit den eng zusammengehuschelten Firsten und Trmen, die von bunten
Tchern umflattert, von Scharen der aufgescheuchten Dohlen und Tauben umflogen
waren. Ein Drhnen und Hallen, als wre der ganze Himmel eine schwingende
Glocke. Und jetzt - als der Knig auf der Hhe der Brcke fr die da drben
sichtbar wurde - jetzt bertnte den klangvollen Lrm ein dumpfer, schwerer, den
Himmel und die Erde erfllender Laut wie der Ton einer Riesenorgel, wie das
grauenvolle Sthnen eines leidenden Ungeheuers: das sehnschtige Gebrll der
vierzigtausend Zugewanderten, die eng gepfercht zwischen Wasser und Mauer
standen, in glubiger Hoffnung immer Kaiser! Kaiser! Kaiser! schrien und die
braunen, von grauen Lumpen umhangenen Hnde hinauf streckten zum erwarteten
Retter.
    Das Gesicht des Knigs entfrbte sich in tiefer Erschtterung. Er stammelte
einen Namen; zwei von den Ordnern des Zuges liefen nach rckwrts und brachten
den Frstpropst Peter Pienzenauer. Herr Sigismund umklammerte den Arm des
Propstes: Siehst du das? Da drunten? Das arme Volk! Und ich kann nicht helfen.
Rom und die Frsten machen mich zu einer Puppe, die an Drhten zuckt. Ich mchte
das Gute und Rechte. Doch die Kleinen struben sich. Sie sind wie Muse, die
sich in der Falle sicher vor der Katze glauben. Zorn und Erregung zerdrckten
ihm die Stimme. Peter! Reite heim nach Berchtesgaden! Und rttle in deinem
Untersberg den alten, schlafenden Kaiser wach!
    Die Wirkung des Bildes, das er gesehen hatte, blieb in ihm, als er durch das
Brckentor zu Regensburg einritt und umjubelt wurde von der Brgerschaft. Er
hrte nicht das Freudengeschrei und sah nicht die mit weien Tchern aus allen
Fenstern winkenden Frauen. Zerstreut betrachtete er, was er sonst sehr gerne zu
sehen liebte: den Fltenreigen der in durchsichtige Schleier gekleideten
Hbschlerinnen und geschuhten Wachteln, die man zu Regensburg die armen Tchter
nannte. Die schmucken Weibchen, die sehr heiter waren, sperrten mit einem Seil
aus roter Seide und mit Rosengewinde die Straen und luden den Knig in galanten
Versen zu einem Fest in ihrer sen Herberg. Immer nickte, dankte und lchelte
er. Doch etwas Mdes und Steinernes war in der heiteren Schnheit seines
Gesichtes. Immer schienen seine Augen nach einwrts zu schauen in die trauernde
Herrscherseele.
    Als er in der gewlbten Halle des Stadthauses von den zu Regensburg
eingetroffenen Frsten empfangen wurde, eilte er, alle hfische Regel
miachtend, auf den kleinen Herzog Heinrich zu, nahm ihn beiseite und flsterte
ihm hei ins Ohr: Oheim Landshut! Wir wollen dir alles verzeihen! Alles! Kannst
du uns Geld geben? Viel Geld? Seine Augen wurden frhlich, als er von den
dreiigtausend Dukaten hrte, die Herzog Heinrich schon in das Quartier der
Majestt, in das alte Patrizierhaus der Gumprecht, hatte schaffen lassen.
Lieber Oheim! Der Knig lachte. Wir wollen dir danken. Morgen. Was Wir tun,
ist verwerflich. Aber helfen ist von den Freuden des Lebens die schnste.
    Er befahl den Brgermeister und die drei Almosenherren der Stadt zu sich.
Noch in der gleichen Stunde sollte man aufkaufen, was in der Stadt an Zelten,
Kleidern, Mnteln, Zehrung und Trank fr das zugewanderte Volk zu erschwingen
war. Auf vielen Wagen sollte man alles hinausfahren zum Anger vor dem Ostentor.
Jede arme, leere Hand, die sich da drauen verlangend streckte, sollte empfangen
von der Gte des deutschen Knigs. Der Brgermeister neigte sich dankbar vor dem
Herrscher; doch der Auftrag, den er bernommen, machte ihm Sorge; er hatte
Ursach, alle Tore fest verschlossen zu halten. Von da drauen war eine Meldung
in die Stadt gedrungen, die man verschweigen mute - eine Meldung, vor der auch
Tapfere erzitterten bis ins Blut. Da drauen, unter den vierzig Tausenden, war
einer zugewandert. Der hatte leere Augenhhlen und schlug mit der Knochenfaust
an das Ostentor. Von allen Siegern der gewaltigste!
    
    In der gewlbten, reich gezierten Halle des Stadthauses brannte, obwohl der
Abend noch nicht dmmerte, schon die Flle der Wachsfackeln und Kerzen. Um die
schnen, freundlichen Majestten bewegte sich ein funkelndes Gewirre von Frsten
und edlen Frauen, von geistlichen Wrdentrgern, von ritterlichen Herren und
wappenfhigen Brgern.
    Ein bichen auerhalb des funkelnden Gewimmels stand in kostbarem Hofkleid
der kleine Herzog Heinrich an eine Sule gelehnt, vllig genesen, belustigt und
zufrieden. Seine blitzenden Schwarzaugen gingen suchend ber das Gewhl der
Gesichter hin, und ein feines Schmunzeln huschte um seine schmalen Lippen, sooft
im Gewirr das unbedeckte Haupt und die grau bestubten Schultern des
Ingolstdters erschienen.
    Da trat im schweren Panzer sein Schwager Zollern vor ihn hin, sah ihn an,
nickte, schob die Lippen vor und schwieg.
    Mit lebhafter Herzlichkeit sagte der Kleine: Gott gr dich, Schwager! Wir
haben uns lange nicht gesehen. Jetzt geschieht es zu guter Stunde. Wir hatten
Glck, wir beide.
    Jeder auf seine Weise. Um das recht zu sehen, mut du mein Gedchtnis
auffrischen. Wie lautete, was du mir nach Nremberg geschrieben?
    Da du tun mchtest in meinem Namen, was ich als notwendig, hilfreich und
redlich erkenne. Als redlich hab ich erkannt, was du tatest. Notwendig und
hilfreich erschien es mir nicht. Drum hab ich es anders gemacht. Herr Heinrich
schmunzelte. Mifllt es dir?
    Zollern bekam die harten Furchen auf der Stirn. Dann lachte er pltzlich,
laut und krftig. Schwager! Man kann dir im Ernst nicht grollen. Das ist
manchmal ein schwierig Ding, zu wissen, was gut oder bse ist. An den sieben
Huten deiner Seele ist kein klarer Fleck. Aber dein Land und Volk wird gewinnen
dabei. Das lt milder ber dich denken. Er wollte gehen. Und sah neben der
Sule den barhuptigen Herzog Ludwig stehen mit aschfarbenem Gesicht und
brennenden Augen. Nur nher, Oheim! Hier findet Ihr, einen klugen und heiteren
Mann. Jetzt, vermute ich, wird er redlich mit Euch unterhandeln. Klirrend
schritt er davon.
    Herr Heinrich verlor ein wenig an frhlicher Farbe, als der hochgewachsene
Ingolstdter in seiner gewaltttigen Art so dicht vor ihn hintrat.
    Wir sahen uns zum letztenmal in Konstanz. Nicht? Fnf Jahre sind eine lange
Zeit. Gute Vettern sollten sich zuweilen besuchen. Um sich auszusprechen. Damals
in Konstanz wurdest du am Reden behindert. Nicht? Es war sehr finster. Damals.
Heut ist es hell. Warum zitterst du? Die Stunde ist hfisch. Die Nhe des
schnen Knigs umschleiert die hlichen Dinge. Da mu man zierliche Worte
finden. Mu Brcken ber alles Dunkle schlagen. Ich schaue nicht hinunter.
Nein! Herzog Ludwig sah die Narben an seinen Hnden an. Ich will dich nur
etwas fragen. Eine kleine Sache. Das mut du mir sagen.
    Was, du Groer und Starker? Herr Heinrich war wieder heiter geworden und
streckte sich, weil er merkte, wie viele Augen in Neugier auf ihn und den
anderen hersahen.
    Hast du in deinem Lebern schon einmal die Wahrheit gesagt?
    Herzog Heinrich schien sich zu besinnen und nickte. Doch. Manchmal. Wenn es
ntzlich war.
    Dann sage sie mir jetzt! Der Ingolstdter beugte sich langsam zu dem
kleinen Vetter hinunter. Er lachte, wie man zu lustigen Dingen lacht. Doch seine
Stimme keuchte: Wer verriet mich?
    In Heinrichs schwarzen Augen blitzte es wie eine geschliffene Klinge. Seine
Seele war durchwhlt von dem gierigen Wunsch, diesem Starken, noch immer nicht
vllig Gebeugten den letzten Sto in das Herz zu bohren. Seine Klugheit
widerriet es ihm. Er sagte: Niemand! Schmetternde Trompetenste klangen vom
Saal herunter, und die Majestten stiegen auf lindem Teppich ber die steinerne
Treppe hinauf. Das Mahl beginnt. Es mge dir schmecken, Vetter! Herzog
Heinrich ging rasch davon und wollte sich in das glitzernde Gewhl verlieren.
    Da sprang ihm der. Ingolstdter nach, fate ihn mit eisernem Griff am
Handgelenk, zerrte ihn hinter sich her zu einem Winkel in der Halle hin und
deutete auf eine mit kostbarem Hofkleid geschmckte Miform. Vetter? Kennst du
den da? Ist das jemand? Oder niemand? Wer ist das?
    Prinz Hckerlein hatte ein weies Gesicht, doch ein verwundertes Lcheln und
einen sanften Knabenblick.
    Wer ist das? schrie Herzog Ludwig so laut, da die ber die Treppe
hinaufsteigenden Mahlgste erstaunt die Kpfe drehten.
    In Zorn hatte Heinrich seine Hand befreit. Nun sah er den Buckligen kalt und
gleichgltig an und antwortete ruhig: Die hnlichkeit versagt. Aber man wei:
Es ist dein Sohn. Er ging zur Treppe hinber.
    Gebeugt stand Herzog Ludwig vor dem Prinzen, dem eine zarte Rte die Blsse
vertrieben hatte. Wann kamst du?
    Jetzt eben, Vater!
    Wo warst du seit deiner Heldentat von Alling?
    Mit dem Gesicht eines hilflos Bekmmerten klagte der Prinz: Da der groe
Feldherr, der mein Vater ist, in die Smpfe reitet, konnte ich bei der Jugend
meiner Kriegserfahrungen nicht vermuten. Als deine treulosen Einrsser meine
Tapferkeit behinderten, nahm ich eine Strae, die mir fest erschien.
    Ja, mein Wrmchen, reite auf dieser Strae! Herzog Ludwig, unter heiserem
Lachen, klopfte dem Buckligen auf die Schulter. Reite! Reite! Nur immer zu! Da
wirst du weit kommen. Er wollte gehen, wandte sich wieder und sagte rauh:
Weit du, da man mich zu Alling in meinem Zelt bestahl?
    Erschrocken fragte Prinz Hckerlein: Um viel?
    Bei aller Qual belustigt, brach Herr Ludwig in Gelchter aus. Um viel? Ach
nein! Nur um Kornreif, Siegel und Stab. Das bichen Bargeld soll auer Rechnung
bleiben.
    Die Diebe mu man ausforschen. Willst du mir das berlassen, Vater? Ich
finde sie. Die Augen des Buckligen erweiterten sich. Solltest du verhindert
werden, nach Ingolstadt heimzureiten, so will ich sie hngen lassen, diese bsen
Diebe. Wie alle, die meinem Vater treulos waren.
    Im Gesicht des Herzogs eine jhe, grauenvolle Vernderung. Und mit schwerer,
dumpfer Trauer sagte er leis: Einen wirst du begnadigen mssen! Wenn du leben
willst. Er wandte sich und stieg ber die festliche Treppe hinauf. Der
migestaltete Knabe, in der schimmernden Seide seines reichen Hofkleides und mit
seinem wippenden Spinnenschritt, ging lchelnd hinter ihm her.
    Drauen auf der Strae eine brausende Woge des Jubels. Vom kleinen Erker des
groen Rathaussaales hatte sich das Knigspaar der Brgerschaft gezeigt, die im
Glnze des nahenden Abends Kopf an Kopf den Platz und die abziehenden Gassen
fllte. Als die Majestten vom Fenster verschwanden und droben im Saal die
schmetternde Bankettmusik begann, entstand auf dem Platz ein schiebendes Gewhl
unter Kreischen und lustigem Gelchter. Auch Streitreden und Hndel gab's. Die
jungen Brgershne vermerkten es bel, da ihren Schwestern und Bschen die
fremden Frstenknechte so gut gefielen.
    Ein Burghausener Harnischer hatte ein blondes Mdel gefischt und zog es
hinber zum Wadmarkt. Der war abgesperrt. Vor dem Mallerschen Patrizierhause, wo
Herzog Heinrich Quartier genommen, standen die Zelte seiner Sldner und die
angepflckten Rosse. Als der Harnischer das blonde Mdel durch die Wache
schmuggelte, fragte ein Stadtknecht nach dem Malimmes vom Taubensee. Man wies
den Knecht zu einem Zelt, in dem ein schmuck gekleideter Sldner auf den
Pferdedecken lag. Du? Bist du der Malimmes vom Taubensee?
    Ein Mder richtete sich auf. Ich bin's gewesen einmal. Was ich jetzt bin,
wei ich nimmer. Der Krieg macht bses Vieh aus den Leuten. Was willst du?
    Beim Ostentor ist einer festgenommen worden, der die Mauer hat bersteigen
wollen. Der sagt, er mt mit dem deutschen Knig reden und wr aus der Ramsau.
Du tatst ihn kennen, sagt er.
    Verdrielich murrte Malimmes: Was geht mich die Ramsau an? Ruh will ich
haben. Doch er nahm seinen Hut und das Eisen. Komm! Das Gewesene lat einen
nimmer aus.
    Als sie den Zaun der Wache durchschritten hatten und hineintauchen wollten
in das heitere Menschengewhl, blieb Malimmes stehen und musterte ein geputztes
Weib, das einen grnen Schleier um Haar und Gesicht gewickelt trug und wie
wartend dastand. Ist die schon wieder um den Weg? Seit er zu Regensburg
eingeritten, hatte er diesen grnen Schleier schon viermal gesehen. So eine
geschuhte Wachtel! Was die nur will von mir? Komm!
    Es war eine harte Mhe, in diesem Gedrng das Ostentor zu erreichen. Hier
ging es lrmend zu. Hochbeladene Karren wurden in langer Reihe zum Tor
hinausgefahren, ein dumpfes Brausen scholl herein, und Stadtknechte mit
gefllten Piken verteidigten die Torlcken, um die von drauen andrngenden
Menschen abzuwehren.
    In einer kleinen, schon vom Abend durchschleierten Kammer neben der
Wachtstube fand Malimmes den Hinterseer Fischbauer, der die Wrde und das Wort
des Seppi Ruechsam geerbt hatte. In der braunen Faust umklammerte der Bauer eine
blecherne Pergamentkapsel. Sonst war er splitternackt. Ein Medikus untersuchte
ihn und sagte: Redet sonst nichts wider ihn, so kann man ihm Einla gnnen. Der
Mann ist gesund.
    Was denn sonst?
    Malimmes mute fr den Verdchtigen zeugen. Er nickte. Das ist ein guter
Mensch. Der hat mit dem Vieh zu tun. Das Vieh verdirbt einen Menschen nit. Und
whrend der Fischbauer in das Hemd fuhr, fragte der Sldner zgernd: Wie geht's
denn allweil? Daheim?
    Recht mu Recht sein. Sonst geht's nit schlecht. Langsam macht sich schon
alles wieder. Drei von meinen Buben hat man totgeschlagen. Aber von den fnfen,
die noch brig sind, hat jeder ein Gtl gekriegt, das leer geworden ist.
    So so? - Und der Mareiner?
    Der Albmeister lachte. Dein Bruder ist angerumpelt und mu das Maul wieder
halten. Sein Zenonisches Erbrecht hat man nit gelten lassen. Jetzt ist er wieder
Sanktpetrischer Frongtler. Aber sonst ist Segen in seinem Haus. An Ostern hat
seine Burin Drilling gekriegt. Drei Buben.
    Nit mehr? Auch Malimmes wurde heiter.
    Gelt, ja! Heuer ist in der Ramsau ein gutes Kinderjahr. Jedes Weibl und
Maidl tragt in der Sonn was Lebendiges umeinander.
    Wo man viel totgeschlagen hat, mssen viel wieder herwachsen. Geh's wie's
mag!
    Was denn sonst? Der Fischbauer bndelte die zwei Schfte seiner grauen
Hose zusammen.
    Und auer den drei Buben? Das Gesicht des Malimmes, das eben noch
berleuchtet war von einer wilden Frhlichkeit, wurde hart und ernst. Ist da
sonst noch ein Kindl im Haus? Beim Bruder?
    Geh, du Narr! Der Albmeister schlpfte in die genagelten Schuhe. Meinst,
deine Schwgerin kann hexen? Freilich, ein ltzel was lernt man im Krieg. Die
Mareinerin hat allweil gezittert vor Angst, wenn ein Herrenknecht in der Nh
gewesen. Jetzt lacht das tapfere Weibl, so oft einer kommt. Was denn sonst?
    So so? Nach langem Schweigen, whrend der Albmeister die Riemen seiner
Schuhe knpfte, fragte Malimmes rauh: Wie geht's meiner Mutter?
    Jeh, du, die ist doch gestorben, selbigsmal, wie der Marimpfel bei Piding
hat bleiben mssen. Den besten von ihren Buben verliert eine Mutter hart.
    Diesen Erfahrungssatz des Albmeisters hrte Malimmes nimmer. Der Strich
seiner groen Narbe war so bleich geworden, als hinge ein weier Zwirnfaden ber
das braune Gesicht herunter. So ging er stumm und mit schwerem Schritt aus der
Kammer.
    Drauen in der Glut des schnen Abends lie er sich einkeilen in das Gewhl
der Menschen und lie sich schieben, stoen und treiben von der Menge - er wute
nicht, wohin. Und wo dieser bunte, frohe, rauschende, vom Blut des Abends
berleuchtete Lebensstrom den Malimmes hinschwemmte, in jeder Gasse, berall und
immer war jener grne Wachtelschleier in seiner Nhe. Jetzt wieder. In der engen
Brckengasse. Und da whlte sich Malimmes pltzlich zu dem Frauenzimmer hin und
griff nach dem grnen Schleier. Das Weib wehrte sich schweigend und wollte
entrinnen. Aber Malimmes hatte den Schleier schon in der Faust und ri ihn
herunter.
    Blonde Zpfe, groe, angstvolle Augen und ein geschminktes Gesicht, das
nicht erblassen konnte. Die Traudi war's. Stumm und zitternd stand sie vor ihm,
Furcht, Liebe, Gram und Freude im nassen Blick.
    Beim ersten Erkennen leuchtete in Malimmes etwas auf, als wre in seine
frierende Einsamkeit ein bichen Wrme gekommen. Doch beim ersten Blick gewahrte
er auch das Frchterliche im Gesicht dieser armen Tochter: die franzsischen
Krankheitsflecken unter der weien und roten Schminke. Wortlos, die Zhne
bereinander knirschend, fate er die Traudi am Arm.
    Sie entzog sich ihm und sagte traurig: Du sollst mich nimmer anrhren! Du
nit. Die Kriegsleut haben mich versaut.
    Er brauchte lang, bis er fragen konnte: Warum bist du fort von daheim?
    Wie die Mutter tot war, hat's mich nimmer gelitten. Weil du nit kommen
bist, hab ich dich suchen mssen. So bin ich auf Wasserburg gekommen, das man
beschossen hat. Jeden hab ich gefragt nach dir. Und einer - Sie konnte nimmer
weiterreden.
    Er sagte heiser: Wasserburg? Das ist im vorigen Herbst gewesen. Sein
Gesicht entstellte sich. Wann hast du dein Kind geboren?
    Wie man Friedberg verwstet hat, heuer in der Osterwoch.
    Die Augen des Malimmes irrten flackernd ber das vergngte Gewhl der
Menschen hin. Gott wird wollen haben, da dein Kindl tot ist?
    Sie schttelte den Kopf.
    Da schrie er wild: Es lebt?
    Sie nickte.
    Den Kopf beugend, keuchte er: Wo hast du's?
    Drunten, im Holzlndgssel, bei meiner Herbergsmutter.
    Schweigend stand er vor ihr, wie mit gebrochenem Nacken. Dann sagte er mde:
Komm!
    Sie rhrte sich nicht und sah ihn verzweifelt an.
    Hrst nit? Komm! Er whlte einen Weg durch das Menschengedrng. Und die
Traudi schmiegte sich hinter ihm her; heimlich berhrte sie mit den
Fingerspitzen seine Arme, seinen Rcken, seine Schultern; dabei war in ihren
klagenden Augen ein kleines, armes Glck.
    Zwischen hohen Husern mit feuchten, muffigen Mauern lag eine enge, lange
Gasse, in die vom leuchtenden Abendhimmel noch ein matter Glanz herunterfiel.
Nur wenig Leute liefen da hin und her. Immer jagender wurde der Schritt des
Malimmes. Schwer atmend tppelte die Traudi neben ihm her. Ein paarmal versuchte
sie zu reden. Immer schwieg er. Da sagte sie leise: Deinen Goldpfennig hat mir
einer vom Hals gerissen. Das ist mir das rgste gewesen.
    Er schwieg.
    Aber ein ltzel was hab ich schon noch von dir. Sie wartete, ob er fragen
wrde.
    Er schwieg.
    Das Hemmed, das du mir beim Hallturm in den Binkel geschoben hast. Das hab
ich noch. Ich hab's gewaschen und gut geflickt. An jedem Sonntag, wenn die
anderen in der Kirche sind, schlupf ich allweil ein ltzel hinein und geh mit
dem Kind in meiner Stub herum. Da bet ich.
    Schweigend nahm er ihre Hand und machte krzere Schritte, damit sie nicht so
schnaufen mte.
    Unter einem vertrumten Lcheln fragte sie: Ist der Heiner auch bei dir?
    Der ist tot.
    Jesus! Aber der Altknecht, gelt?
    Der ist tot.
    Herr Jesus! Und der Bauer?
    Der ist tot.
    Allmchtiger! Mu denn alles - Die Stimme zerbrach ihr. Und -
    Er senkte schweigend den Kopf.
    Da fragte sie scheu: Wo ist denn der Bub? Erschrocken umklammerte sie
seinen Arm; denn sie sah ein Gesicht, als wre das nicht der Malimmes, sondern
ein Fremder, den sie nie im Leben gesehen hatte.
    Ruhig befreite er seinen Arm und sagte mit Worten, die wie Eisen waren: Wer
fragt, geht irr. Krieg ist Krieg. Die Lieb macht lebendig, der Krieg macht tot.
Frag nit um die andern! Dein Kind lebt. Er lachte.
    Die Traudi verstand den Malimmes nimmer. Hilflos sah sie zu ihm auf. Tust
du denn nit trauern?
    Die Zeit ist so. Da mu man sein Herz an die Wand werfen knnen, da es
hngen bleibt.
    Sie wagte kein Wort mehr zu reden. Ganz am Ende der Gasse blieb sie vor
einem schlechten Hause stehen, ber dessen Tr, obwohl es noch nicht dunkelte,
eine rote Laterne brannte.
    Kommst du mit herauf?
    Er schttelte den Kopf.
    So wart ein ltzel, ich bring's. Sie wollte ins Haus treten, blieb stehen,
sah ihn glcklich an und machte eine Bewegung, als mchte sie mit dem Finger an
seine groe Narbe rhren. Schier gar nimmer sieht man's.
    Malimmes nickte. Und als sie im Haus verschwunden war, setzte er sich auf
die Bank neben der Tre.
    ber der Mauer drauen rauschte die Donau. Der Lrm der Menschen hing ber
der Stadt wie das Summen eines riesigen Bienenschwarmes, vom Stadthaus klang die
Bankettmusik gleich einem feintnenden Gezirpe, und der lange Strich des
abendroten Himmels ber den Dchern der schmalen Gasse war wie eine groe,
blutende Wunde, die man mit einem schartigen Schwert in Gottes Gesicht
geschlagen hatte.
    Langsam kam die Traudi aus dem dunklen Trloch heraus, an der Brust ein
kleines, rotes, blaues und grnes Binkelchen, mit einem weien Schleierlappen.
    Er streckte sich und nahm das von Bndern umwickelte Kissen auf seine Arme.
    Die Traudi sagte: Ist ein Bblein. Und heit Maria Lichtme. Wie du. Als
er den Schleier wegzog, war eine flehende Angst in ihrem Blick. Jetzt schaut es
ein ltzel ungut aus. Ist allweil wie ein Rslein gewesen. Jetzt hat es - ich
wei nit, was - aber das vergeht schon wieder. Gelt, ja?
    Das Gesicht des Malimmes versteinte, whrend er dieses kleine, wunde,
rettungslose Leiden betrachtete, aus dem zwei klagende Lichterchen hervorguckten
wie die Augen eines jungen, sterbenden Tierchens.
    Gelt, ja? Gelt, ja? Das wird schon wieder gut? Das ist halt so, wie's die
Kinder oft haben.
    Er nickte und schlo die Augen. Und so, mit geschlossenen Augen, sagte er
ruhig: Da tu dich nit sorgen, gutes Maidl! Das ist, was die Leut den Dreiiger
heien. Da gibt's ein Mittel dafr.
    Gelt, ja?
    Da hilf ich, Maidl, jetzt gleich.
    Jesus!
    Und vergelt's Gott fr das liebe Kind! Dem will ich ein guter Vater sein.
    Die Traudi lachte, als wre ihr der leuchtende Himmel ins Herz gefallen.
    Hast du einen Mantel?
    Sie sprang ins Haus.
    Malimmes ffnete die Augen. Er sah das wunde Gesichtchen des Kindes an. Und
sah wie ein Irrsinniger die Gasse hinauf. Und sah zur Mauer hinunter. War da
drunten nicht ein Trlein, das zur Holzlnd fhrte? War da drauen nicht die
rauschende, reiende Donau?
    Nun strich er mit der Hand ber die dnnen Hrchen des Kindes hin, hllte
den kleinen Schleier drber und sagte leis und zrtlich: Pa auf, Kindl, was du
fr einen guten Vater hast! Was ich fr dich tu, das bringen die besten nit
fertig. Die Augen schlieend, spannte er seine sthlerne Faust um die Schlfe
dieses kleinen, vergifteten Lebens.
    Da kam die Traudi mit einem grnen Mantel.
    Recht so, Maidl! Auf dich ist Verla! Bist noch allweil die Richtige. Er
hllte den Mantel um das Kissen und ging der Mauer zu. Jetzt komm!
    Sie lief neben ihm her wie ein treues, glubiges Tier neben seinem Herrn.
Und da fing er ruhig und heiter zu reden an. So ein Dreiiger bei einem Kind,
das ist nur wie bei einem groen Menschen ein Schnitt in den Finger. Man taucht
das kranke Kind in flieendes Wasser. Dreimal. Und in drei Wochen ist das Kind
wieder heil, ist gesnder und schner als je. Dann reitet man in die Ramsau,
selbdritt auf einem guten und festen Gaul. Da kauft man sich in ein Gtl hinein,
das leer geworden. Und da schafft man und ist zufrieden. Und da ist man
beisammen und lebt, wird alt und stirbt, und Kreuz darber, und aus und gar
ist's, und schner htt's nit sein knnen!
    Traudi, ein bichen zweifelnd, fragte in ihrer bangen Freude: Tust dich nit
scheuen vor mir?
    Er schttelte den Kopf. Der Krieg ist schuld. Du bist die Beste gewesen.
Und bist's noch allweil. Gott will nit, da eins ben mu durch ein langes
Leben, was andere verschuldet haben.
    Die Traudi bekam Augen, als htte sie schweren, sen Wein getrunken.
    Malimmes ging auf den Wrter des kleinen Tores zu und flsterte die Losung
des Tages: Knig und Reich! Und sagte laut: Befehl meines Frsten. Ich mu
eine gute Mutter und ihr liebes Kind geleiten. Nachher komm ich wieder.
    Der Strom und drben die Insel Whrd und die Bogen der Steinernen Brcke,
alles war schon von den grauen Schleiern der Dmmerung umhangen. Das starke
Rauschen des nahen Wassers verschlang jedes andere Gerusch.
    Die schmale Holzlnd zwischen Mauer und Strom, wo in der Mittagsstunde viele
Tausende ihr Kaiser! Kaiser! Kaiser! geschrien hatten, war de geworden. Nicht
vllig. Ein paar graue Menschen saen wie schlafend gegen die Mauer gelehnt. Sie
gaben keine Antwort, als Malimmes grte: Guten Abend, Leut! Und einer lag
ausgestreckt auf der Erde, mit dem Gesicht nach unten. Maidl, da mut du
ausweichen! Wird wohl ein Rauschiger sein. Er stieg zu einem Flo hinunter. Den
Mantel knpfte er wie ein Bndel um das Kissen herum. So, Majdl! Jetzt beten
wir. Alles Hilfreiche mu mit Gott geschehen. Auf den Knien liegend, betete er
mit hochgefalteten Hnden, wie die Kriegsknechte beten, bevor sie morden mssen.
    Die Traudi betete froh und glubig, mit heller Stimme.
    Also, Maidl! Jetzt nimm den Mantelknoten um den Hals herum. Da hebst du das
gute Kindl leichter. Und dreimal eintauchen, flink und fest. Und jedesmal mut
du sagen: Gott soll uns gndig sein!
    Malimmes erhob sich, whrend Traudi auf den Knien blieb. Sie hatte ein
bichen Angst vor dem starken Rauschen des Wassers. Aber was der Malimmes will,
das tut man, weil es das Gute und Rechte ist. Gehorsam schob sie den Kopf unter
den Kreuzknoten des Mantels. Gott soll uns gndig sein! Sie lie den dunklen
Binkel hurtig hinuntertauchen. Das reiende Wasser scho in den Mantelsack und
zog wie ein Riese. Die Traudi kreischte noch: Hilf, Malimmes! Und verschwand
im jagenden Schu der Wellen.
    Ist schon geholfen, du arme Tochter! Malimmes bekreuzte sich. Gott soll
mir gndig sein! Die Menschen tten mich verdammen.
    Lange stand er unbeweglich und sah dem Gewirbel der rauschenden Wellen nach,
bis der Abend ihn umhllte mit dunklem Grau.
    Als er langsam zurckging zu der Mauerpforte, brannten auf den Trmen und
Basteien unter Glockengelut die Pfannenfeuer und Ehrenflammen auf.
    ber allen Dchern glomm ein strahlendes Leuchten, vor allen Fenstern
flackerten die Lichterschnre auf den Gesimsen. Griechische Feuer wechselten in
weien, roten und grnen Farben.
    Ein jubelnder Lrm in allen Gassen. Und auf dem Platz vor dem Stadthaus ein
wogendes Stimmengebrause.
    So dick standen da die Menschen, da Malimmes den Weg zum Wadmarkte nur
mhsam erzwang. Er sah noch, wie auf dem kleinen Erker des groen Ratssaales der
Knig und die Knigin mit den Herzgen von Mnchen und Landshut im strahlenden
Glanz der tausend Lichter erschienen. Und da begann im Jubel der anderen auch
Malimmes zu schreien: Kaiser! Kaiser! Kaiser! Seine Stimme war wie eine
Trompete und schmetterte, da alle Leute, die um ihn her waren, zu lachen
anfingen.
    Wie betrunken war er. Und immer wieder schrie er: Kaiser! Kaiser! Kaiser!
    Die grelle Stimme flog so scharf ber das brausende Jubelgewoge hinaus, da
sie auf dem Erker der Frstlichkeiten deutlich zu hren war. Die schne Knigin
lachte belustigt auf. So hrt doch! Hrt! Da drunten wiehert ein Elefant!
    Die Stimme kenn ich, sagte Herr Heinrich, dem das braune Gesicht vom
genossenen Weine brannte, das ist einer von den meinen, mein Bester, mein
Galgenvogel Malimmes. So hab ich ihn schreien hren einmal in hartem Gefecht,
wie er in Sorg um einen jungen Buben war. Der hat eine Gurgel wie keiner mehr.
Und alles kann er besser als andere.
    Alles? Frau Barbara kicherte, und neugierig suchten ihre Augen in dem von
Lichterschein beglnzten Gewhl des Volkes.
    Alles? wiederholte der kleine Herzog. Er lachte. Da bin ich berfragt.
Aber was ich wei von ihm, reicht aus. Das ist das mannhafteste Mannsbild, das
ich je gesehen hab auf der Welt. Ist schlechter als schlecht und besser als
gut.
    Die wunderliche Neugier der Knigin wuchs.
    Der beweist das Leben und widerlegt den Tod. Schon siebenmal hat er im
hnfenen Strick gehangen und ist jedesmal aus der Schling lebendig wieder
herausgesprungen ins unsterbliche Lachen.
    Siebenmal gehangen? Und siebenmal wieder auferstanden? Die Knigin hatte
die glnzenden Augen eines staunenden und begehrlichen Kindes. Den will ich
sehen.
    Der Herzog sagte scherzend: Aber da mt Ihr Eure Zofen ermahnen, da sich
keine in ihn verliebt. Der Mann ist so keusch wie ein steinernes Heiligenbild.
    Gibt es solche?
    Der ist einer.
    Das glaub ich nicht. Belustigt schttelte die schne Frau das von
kupferroten Locken umzitterte Kpfchen, das die zierliche Krone trug. Heilige
gibt es nur im Himmel. Auf Erden sind auch die Mnner selten.
    Als der Knig mit anmutsvollen Handbewegungen das jubelnde Volk zum Abschied
grte und dem Hochsitz der Frstentafel zuging, hngte sich Knigin Barbara an
den Arm des kleinen Herzogs.
    ber dem bunten Farbengewirr der sieben lrmvollen Tafeln schimmerte der
groe, schne Saal von strahlendem Licht. Der Wein begann schon die Stimmen rauh
und laut zu machen. Das Schwatzen wurde zum Geschrei, die Heiterkeit zum
Gebrll. Der Knig, der die Ausbrche trunkener Stunden kannte, hatte seiner
Gemahlin schon einen Wink zum Aufbruch der Frauen gegeben. Das wollte die
Knigin nicht bemerken; in Eifer und mit schimmernden Augen lauschte sie den
seltsamen Dingen, die Herzog Heinrich von seinem Galgenvogel Malimmes
berichtete.
    Zwei Ratsherren kamen mit dem Goldenen Buche der Stadt zur Frstentafel,
damit der Herrscher und die Herzge den festlichen Tag durch weise Worte
verewigen mchten. Freundlich plauderte der Knig mit den beiden Brgern ber
die Not der Zeit und schrieb in das Buch: Streitigkeiten sollte man mit guten
Worten schlichten, nicht aber mit bsen Streichen. Diesen Weisheitsspruch der
Majestt glossierte der Narr durch die Anmerkung: Knige wissen immer das
Rechte. Aber sie tun es nie.
    Darunter schrieb Herzog Ernst von Bayern-Mnchen: Gott hat den Frieden
erfunden, der Teufel erfand den Krieg.
    Friedrich von Zollern schrieb: Wird ein Bauer erschlagen, so zittert die
Krone seines Frsten; wird ein Bauer geboren, so wchst das Reich. Das Volk ist
Volk auch ohne uns Frsten, wir sind nicht Frsten ohne das Volk.
    Als Herzog Heinrich diese Worte las, nickte er seinem Schwager lchelnd zu
und schrieb mit seinen flinken, kritzeligen Buchstbchen darunter: Leichter als
den Verlust eines Dukaten verschmerzt die Welt den Totschlag von tausend
Menschen. Wo Menschen sterben, gewinnt das bleibende Leben. Da werden die Leute
tchtiger, weil vier Fleiige leisten mssen, was frher zehn Faule nicht
zustande brachten.
    Herzog Wilhelm von Mnchen, der nicht las, was die anderen geschrieben
hatten, bereicherte das Goldene Buch durch den alten Vers:

Was du weit, verschweig,
Wo dir wohl ist, bleib,
Was du hast, behalt,
Werd mit Lachen alt!

    Kardinal Branda schrieb lateinisch: Gott und Petrus. Dann das andere.
    Der Ingolstdter, als man das Buch vor ihn hinlegte, lachte heiser, tat aus
seinem Becher einen schweren Trank, sah zum Ende der Tafel hinunter, wo der
Bucklige in guter Laune zwei junge Damen der Knigin zu verlegenem Gelchter
brachte - und schrieb:

Ich hab an einer Gewohnheit gelitten:
So oft ich bin von Haus geritten,
Tat ich zu Gott ein hei Gebet,
Da ich bald wieder heimkommen tat.
Jetzt bitt ich meinen Herrgott sehr,
Da ich heimkomm nimmermehr.

    Als das Goldene Buch nach langem Wandern zum Ende der Tafel kam, schrieb
Ludwig Hckerlein mit zierlicher Klosterschrift ein einziges Wort unter die
Verse seines Vaters:
    Amen!
    Whrend er neben dieses Wort ein gekrntes Kreuzlein malte, gab es im Saal
einen scharrenden Lrm. Frau Barbara hatte sich erhoben. Der Knig kte seine
schne Gemahlin vorsichtig auf beide Wangen. Gefhrt von Edelknaben mit
Windlichtern, unter einem Schmettertusch der Musikanten und unter den jubelnden
Zurufen der Frsten, Ritter und Ratsherren verlie die Knigin mit allen Frauen
den Saal.
    Ihrer Snfte gingen die stdtischen Pfeifer voran, und in den
lichtschimmernden Gassen begleitete sie der frhliche Jubel des Volkes bis zur
Tre des Gumbrechtischen Hauses.
    Eine Stunde spter, als die strenge Bierglocke der Stadtpolizei schon
gelutet hatte und die dunkelgewordenen Gassen zu verden begannen, huschte eine
verhllte Magd durch ein enges Glein. Sie lief zum Platze vor dem Stadthaus
und blieb da wartend in einem Winkel stehen.
    Droben im Saal war die Bankettmusik verstummt. Doch hinter den erleuchteten
Fenstern tobte noch immer der heitere Lrm der betrunkenen Herren.
    Vornehmen Gsten, die den Saal verlieen, wurde mit Wachsfackeln
heimgeleuchtet. Mancher ging aufrecht, mancher taumelte.
    Den Herzog Heinrich, dem sehr bel geworden war, trug man zum Mallerschen
Hause auf den Wadmarkt.
    Dann kam eine kleine Schar junger Hofleute. Bei ihnen war der Narr des
Knigs und ein Migestalteter in schimmerndem Festkleid. Er benahm sich sehr
bermtig und machte Scherze, die seine Begleiter bei stetem Gelchter
erhielten. Inmitten dieser berfrhlichen ging ein hochgewachsener Mann mit
anmutigem Schritt, schweigsam, ber dem Kopf einen schwarzen Ratsherrenmantel.
Die Nachtschwrmer zogen hinunter zum Latron. Hier lag, der alten Kapelle
gegenber, das von einem Grtlein umzogene Frauenhaus, der armen Tchter se
Herberg, in der die Stadt auf ihre Kosten ein heiteres Nachtfest bestellt hatte.
    Dem lrmenden Huflein war die verhllte Magd bis zum Latron nachgegangen.
Als sie den Mann mit dem schwarzen Ratsherrenmantel im Grtlein des Frauenhauses
verschwinden sah, lief sie schnell durch die stillen Gassen zurck.
    Das Rauschen der Donau schwamm in der khlen, sternhellen Herbstnacht. Aus
der Richtung des Ostentores klang ruhelos ein dumpfes Summen. Und vom Tiergarten
drhnten die Orgeltne brnstiger Hirsche.
    Auf dem Wadmarkt, in einem Zelte vor dem Haus der Maller, wurde ein Schlfer
geweckt, der in den Kleidern auf den Pferdedecken lag. Komm! flsterte der
Hmischer, der ihn aufgerttelt hatte.
    Eine ruhige Stimme: Was ist denn?
    Komm nur!
    Als Malimmes vor das Zelt hinaustrat, wurde ihm rasch eine dicke Binde um
die Augen geknpft. So so? Er lachte ein bichen. Jetzt wei ich nit, holt
mich der Henker, oder ist was anderes los? Eine linde Hand umfate seine
kncherne Faust. Er sagte verdrielich: Hia, jetzt wei ich, wie ich dran bin.
Die Menschen leben in harter Zeit. Da mu man so einer armen Seel einen Spa
vergnnen.
    Es ging sehr flink durch die stillen Gassen. Neben dem festen Schritt des
Sldners rauschte immer das Kleid der Magd.

                                       11


Malimmes, noch immer mit der Binde um die Augen, sprte einen zarten Duft von
Rosenwasser, Lavendel und reifen Birnen. Teufel, da schmeckt's aber fein. Beim
Hallturm hat's bler gerochen.
    Ein leises Kichern.
    Er hob den Kopf. Ui, jetzt bin ich angeschmiert. Ich hab gemeint, man holt
mich zu einer. Da kudern viere. Und eine steht hinter mir, die sich nit zu
mucksen traut.
    Deine Sinne sind scharf! sagte ein leises, heiteres Stimmchen. Wer bist
du?
    Kluge Frauen fragen nit, was sie schon wissen. Warum die Zeit vergeuden?
    Wieder das vierstimmige Kichern. Und das heitere, leise Stimmchen: Bist du
jener Malimmes, der schreien kann wie ein Elefant?
    Soll ich's tun, Frau?
    Ein erschrockenes Nein. Dann die flsternde Frage: Bist du jener Malimmes,
der siebenmal hngen mute und siebenmal wieder auferstand?
    Siebenmal? Ganz sicher wei ich's nit. Kann auch blo sechsmal sein. Oder
der Hnfene des Fischbauren vom Hintersee mt gelten als voll! Seine Stimme
wurde ernst. Nachher wird's wohl so sein, da jetzt der achte kommt, der
gefhrlich ist. Er streckte sich. So in der Finsternis, das taugt mir nit. Ich
mu Licht haben. Frau, ich bin ein Verllicher. Ich red nit aus, was ich seh.
Er nahm die Binde herunter und warf sie fort. Die Magd, die ihn hergefhrt
hatte, hob das Tuch vom Teppich und verschwand.
    Eine groe, schne, matt beleuchtete Stube mit kunstvoll geschnitzem
Getfel, mit wertvollen Bildern auf Goldgrund, mit dem Gefunkel silberner
Gerte. Gegen die Gasse lag ein mchtiges Fenster, in dessen bunten Scheiben die
Wappen des Bayerlandes einen aufrechten, mit der Tatze schlagenden Lwen
umgaben. Eine offene Tre fhrte zu einer Kammer, in der eine farbige Helle war.
    Ein leerer Sessel vor einem kleinen Tisch, auf dem eine Platte mit Frchten,
ein schwerer Krug und fnf zierliche Becher standen. Hinter dem Tisch eine
geschnitzte Bank mit roten Polstern. Da saen vier junge schmucke Weiblein, alle
gleich gekleidet wie die Dienerinnen einer frstlichen Frau. Jede von ihnen
hatte um den Kopf einen rtlichen Schleierbund, der die Stirn, die Augen und
auch das halbe Naschen bedeckte.
    Malimmes guckte rasch ber die vier Frauen hin, und forschend blieb sein
Blick an der einen haften, die zierlicher war als die anderen; sie hatte ein
rosiges, heiteres Mdchengesicht; doch die schweren, schwarzen Locken, die wie
zwei starre Wnde ber die nackten Schultern bis zu den halb entblten Brsten
herunterhingen, machten das kleingesichtige Kpfchen ein bichen unfrmig. Und
immer betrachtete sie den Malimmes, immer lchelte sie; er schien ihr zu
gefallen.
    Der lange Sldner tat einen schwlen Atemzug; dann sagte er ruhig: Da sieht
man so viel schne Sachen, da man gar nimmer wei, wo man hinschauen mu. Er
sah die Platte mit den Frchten an. Das tt mir taugen. Am Abend bin ich nit
zum Speisen gekommen. Da hab ich ntige Sachen erledigen mssen. Jetzt hungert
mich. Darf ich zugreifen?
    Die mit den schwarzen Locken sagte: Alles darfst du! Die drei anderen
kicherten.
    Das wr ein ltzel zu viel. Man mu gengsam nach dem Besten greifen. Er
nahm die schnste Birne von der Platte, lie sich auf den Sessel nieder und bi
in die Frucht. Sie schmeckte ihm, und whrend er wortlos schmauste, guckte er
ein bichen spttisch die vier jungen Frauen an. Auch gab er sich Mhe, nett und
reinlich zu essen. Bevor er nach einer neuen Birne griff, suberte er an seinem
braunen Langhaar die Finger.
    Mit vorgestreckten Hlsen sahen ihm die munteren Weibchen in wunderlicher
Neugier zu. Immer hatten sie ber ihn zu lachen. Halb war's ein Auslachen, halb
ein Gekicher des Wohlgefallens.
    Warum bist du so schweigsam?
    Ohne zu antworten, a er eine Frucht zu Ende. Dann sagte er: Man schwtzt
nit, derweil man schluckt. Das knnen die Herren tun, die keiner anraunzt. Ein
Knecht mu gute Sitten haben. Jetzt bin ich satt, jetzt kann ich reden. Also,
ihr feinen Knsplein? Weswegen bin ich da? Man wird's mir sagen mssen. Er
schmunzelte. Selber komm ich nit drauf.
    Du sollst uns erzhlen, warum man dich siebenmal gehangen hat. Immer
sprach nur die Schwarzgelockte. Und wie du siebenmal wieder lebendig wurdest.
Willst du?
    Meintwegen! Aber blo ein Karren pfeift, wenn er trcken ist. Ein Mensch,
der reden soll, mu den Schnabel feuchten.
    Alle viere griffen nach dem Krug. Die mit den schwarzen Locken sagte: Ich
will ihm geben. Sie fllte die kleinen Becher.
    Als vier Becher gefllt waren, stlpte Malimmes den fnften um. Die taugen
fr eure dnnen Hlslein. Ich hab noch nie aus einem Fingerhtl getrunken. Ich
nimm den Krug.
    Ein heiteres Lachen. Und die Schwarze sagte lustig: Nein, du Gengsamer!
Fr uns soll auch noch bleiben. Sie glitt zur Wand hinber und streckte sich,
um von dem Bord mit dem Silbergert einen getriebenen Kupf herunterzunehmen.
Dabei sah man, wie leicht sie gekleidet war.
    Malimmes bekam eine Furche auf der Stirn und schlo die Augen. Als er sie
wieder ffnete, versuchte er zu lachen und nahm den groen Becher, den man fr
ihn gefllt hatte. Ein leichtes Beben war in seiner Stimme: Euch zum Wohlsein,
ihr feinen Frauen! Auf alles Gute und Schne der Welt! Dessen ist so viel, da
man nit greifen mu nach dem Schlechten. Wer's tut, soll hngen. Er hielt ihnen
mit der eisernen Faust den Becher hin, den sie ein bichen verwundert und ein
bichen erregt mit den kleinen Kelchen antippten. Zuerst nahm Malimmes nur einen
kurzen Schluck, um zu kosten. Teufel! Ist das einer! Er leerte den Becher mit
einem flinken Sturz und lachte: Der kann einen Heiligen um die fromme Seel
betrgen und einen Snder um die letzte Reu. Die Hand streckend, fragte er, in
der Stimme ein heies Betteln: Also, krieg ich noch einen?
    Unter bermtigem Lachen fllte ihm die Schwarzgelockte den Silberkupf; die
drei anderen wurden ngstlich, guckten einander an und htten es gern gehindert.
    Malimmes merkte ihre Sorge. Um meinetwegen, ihr feinen Knsplein, mssen
euch nit die Graushaar wachsen. Mich hat noch kein Roter und kein Weier
umgeschmissen. Meine Seel bleibt hell. Er leerte den tiefen Kelch, als wr's
eine Haselnuschale. Das ist gewesen wie ein Trpfl auf glhendem Ofen. Die
Schwarze, deren Lachen einen seltsam gereizten Klang bekam, fllte ihm gleich
den Becher wieder. Er sah den dunkel rinnenden Strahl des Weines an. Den hab
ich noch nie gekostet. Wie heit denn der?
    Sie neigte sich flsternd zu ihm: Lacrimae Christi, Trnen des lieben
Herrn.
    Die Augen des Malimmes wurden gro. Er hielt den vollen Becher vor sich hin.
So ist's ein billiger. Weil's mehr von ihm geben mu als Wasser und Blut. Das
ist ein Jahr gewesen, in dem der liebe Herr hat weinen mssen vom ersten Morgen
auf dem Hngmoos bis zum heutigen Abend bei der Steinernen Brck. Er stand vom
Sessel auf, hob den Kelch und sah zur Stubendecke: Du lieber Herr, schau her,
ich trink, da du bald wieder lachen sollst! Er schlrfte den Wein mit ruhigen
Zgen. Und stellte den Becher auf den Tisch. Und als die wunderlich erregte
Schenkin den Krug wieder heben wollte, sagte Malimmes streng: Nit schne Frau!
Heut trink ich keinen Tropfen nimmer!
    Sie reichte den Krug den drei anderen hin, trat flink auf den langen Sldner
zu, streckte sich, hob den Arm, dessen weiter rmel bis zur Schulter fiel, und
whrend in ihrem halbverhllten Gesicht eine heie Spannung war - wie im Gesicht
eines Kindes, das einen seltenen Schmetterling gefangen - strich sie mit dem
Finger langsam und zart ber die groe Narbe herunter.
    Das kitzelte den Malimmes, da er sich schtteln mute. Er sagte mit einer
tollen Lustigkeit: Gotts Tod! Wenn die Leut mich hngen das achtemal, und ich
bleib im Hanfsamen und rhr mich nimmer, schne Frau, da mt Ihr kommen mit
Eurem Fingerlein. Und ich steh wieder auf. Er strich mit dem Arm ber seine
Stirn und warf sich lachend in den Sessel. Guck, ich vergi ja schier, weswegen
ich da bin. Und da ich erzhlen mu! Ich will doch die Trnen des lieben Herrn
nit umsonst genossen haben. Also! Er zog das rechte Bein bers linke Knie
herauf. Wie ich zum erstenmal hab hngen mssen, das ist im Ungerland gewesen
- Dieses hnfene Abenteuer berichtete er so hnlich, wie er's im Ramsauer
Leuthaus erzhlt hatte, damals, als er wider Willen die Traudi mit Herz und Leib
gewonnen. Doch alles hatte jetzt einen noch heieren Puls, ein tieferes Grauen,
eine wildere Freude. Die zierliche Frau mit den schwarzen Locken bekam schon bei
dieser ersten Geschichte vor prickelndem Schauer ein leises Zhneschnattern.
    Als Malimmes den zweiten Hnfenen an den Eichbaum im Clevischen knpfte,
wurden die lauschenden Weiblein zappelig vor Neugier nach der bsen Snde, durch
die er des Rappenholzes schuldig geworden. Sie baten, wurden rgerlich, reizten
ihn durch Spott und wollten ihm die Wahrheit abschmeicheln. Er schttelte
lachend den Kopf. Und nit ums Leben! Ich sag's nit. Und nit um euren sen
Leib. Das Ding ist grauslich gewesen. Ich tt mir lieber die Hand abhacken, eh
da ich was Schieches hinlegen mcht vor eure lieben, sauberen Flein. Und
whrend sie noch baten und schmeichelten, erzhlte er schon weiter, lie den
Blitz mit Gerassel herunterfahren in den Eichbaum und malte den Heiligenschein,
der die Snde des Malimmes umlodert hatte, mit so schaudervollem Humor, da die
Frauen stumm wurden und sich zitternd aneinanderhuschelten. Dann wandelte die
lustige Geschichte vom Ulmer Schragen und vom ungeschickten Freimann ihr
aberglubisches Gruseln in heiteres Gelchter. Und als er vom Wolf erzhlte, der
den mageren Schulthei zu Landshut fra, vom empfindsamen Henker, der das
Frieren nicht vertrug, und von der Schlittenfahrt auf dem dnnen Hosenboden,
spickte er das Bild des kleinen, verdutzten Herzogs mit den Kletten eines so
beienden Spottes, da die Zierliche vor Freude und Lachen ganz nrrisch wurde.
    Nun rauschte die Ramsauer Ache. Und es zitterte ein weher Ton durch die
bermtige Lustigkeit des Malimmes, als sein Bidenhnder die fliegenden Eier in
der Luft zerschnitt und als der schlechte Reusenstrick des Fischbauern vom
Hintersee entzweisprang wie eine kraftlose Saite bei verrcktem Spiel.
    Das will ich sehen! bettelte die junge Frau wie eine Fiebernde. Das mut
du mir zeigen. Willst du? Willst du?
    Er lachte rauh. Einer schmucken Frau tut man alles zulieb.
    Ihr Stimmchen zitterte. Komm her zu mir! Knie nieder vor meinem Scho! Ich
will die Schlinge machen. Ich lege sie um deinen Hals. Dann mut du wieder
auferstehen. Willst du? Willst du?
    Malimmes nickte und lie sich niederfallen.
    Immer lachte sie, war wie eine hbsch Betrunkene, und whrend sie die
Grtelschnur an ihrem leichten Kleide lste, wies sie die anderen Frauen mit
einem herrischen Wink aus der Stube.
    Er hrte die leisen Schritte und das Rauschen der Gewnder. Seine Augen
wurden klein. Doch er wandte keinen Blick. Mit einem sonderbar starren Lcheln
sah er an der zarten, hei erregten Frau hinauf. Und als sie ihm mit bebenden
Hnden die Schlinge der Grtelschnur um den Hals legte, beugte er den Kopf
zurck, wie in Sorge, da ihre Brste sein Gesicht berhren knnten.
    Darf ich? fragte sie mit der Ungeduld eines glhenden Kindes und wollte
die Schlinge straffen.
    Da fate er die Schnur mit den Fusten und lachte md, whrend ihm das
Gesicht wie Feuer brannte. Ein ltzel langsam! Das ist der achte. Der knnt mir
gefhrlich werden. Da mu ich Frsicht ben. Und fr den Fall, da der Spa heut
schiefgeht - da mcht ich mich erst noch ledig machen von meiner Pflicht. Ich
mu doch erst erzhlen vom sechsten und vom siebenten Hnfenen. Nit? In seinen
Worten war etwas so Unheimliches, da die junge Frau erschrocken vor ihm
zurckwich und schlaffe Hnde bekam. Das sechstemal, das ist zu Berchtesgaden
gewesen. Da haben sie mich hngen wollen, weil ich ein Esel war. Und einer hat
mich gelst. Dem hab ich's teuer bezahlen mssen. Seine Stimme zerbrach. Und
das siebentemal, das ist bei Dachau geschehen. Da wr ich von Herzen gern
gestorben, schne Frau!
    Sie fragte leise: Warum?
    Weil ich am selbigen Tag so arm geworden bin wie eine Maus, der man die
Kirch verbronnen hat. Und da hat mich ein Grausamer wieder herausgerissen ins
Leben. Ich hab's ihm nit gedankt. Aber seit heut am Abend wei ich, warum es
sein hat mssen. Bei allem Harten ist ein Gutes. Er machte eine Bewegung, wie
um etwas Schweres von sich abzuschtteln. Und jetzt? Wenn's dumm geht? Soll ich
mich da erwrgen lassen von Eurer spaigen Lust? Da mt mir leid sein um Eure
weien Fingerlein! Auch mcht ich noch leben, bis ich auf der Welt ein
rechtschaffenes Ding getan. Durch eine Drehung der Fuste sprengte er die
feste, mit Silber durchwobene Schnur entzwei, lie die Stcke auf den Teppich
fallen und lachte ein bichen.
    Stumm betrachtete sie den Unbegreiflichen. Seine wunderlichen Worte waren
dunkle Rtsel fr sie gewesen. Doch im Klang seiner Stimme war eine Macht, die
sie empfand. Und ganz verstand sie die brennende Marter in seinen Augen. Rasch
sich vorbeugend, nahm sie seine Gesicht zwischen ihre Hnde und wollte ihn
kssen. Er fate ihre Handgelenke und schob sie zurck. Nit, schne Frau! Auf
die Letzt ist jeder ein schwacher Mensch. Auch der Strkste. Schwl atmend
erhob er sich und gab ihre Hnde frei.
    Seinen Kampf erkennend, fragte sie lchelnd: Mifall ich dir?
    Er schttelte den Kopf. So ein feines Weibl hab ich im Leben nit oft
gesehen. Und ganz leise: Nur ein einziges Mal.
    Heute? Weil er nicht antwortete, streckte sie die Hand zu seiner Schulter
hinauf und schmiegte sich an ihn. Und als er so unbeweglich blieb wie ein
hlzerner Pfahl, griff sie nach seinem ergrauenden Bart, zupfte ein bichen und
fragte scherzend: Du? Bist du kein Mann?
    Das bin ich mehr, als mir lieb ist. Ein Jahr lang hab ich hart gehungert.
Jetzt ist alles in mir wie ein bses Feuer. Vom Hirn bis hinunter zu meinen
Sohlen brennt ein siedender Durst nach Eurem Leib.
    Sie fragte gleich einem verwunderten Kinde: Warum nimmst du mich nicht?
    Weil ein Mannsbild, das sein Blut nit in der Faust hat, minder ist als ein
Vieh. Seine Augen wurden ruhig. Und weil ein deutscher Bauer seinen Knig nit
verschimpft.
    Erschrocken fuhr sie zurck und knirschte: Wer hat dir verraten, wo du
bist?
    Malimmes lachte leis. Ui, mein, Frau Knigin! Ich bin doch kein heuriger
Has nit. Ein Tchl macht zwei gute Augen nit blind. Und Ohren hat man doch auch.
Und man wei, was echt und was falsch ist. Mget Ihr nit die fremden, wsten
Haar ein ltzel heruntertun? Bitt schn, Frau Knigin, lasset einen armen Teufel
anschaun, wie schn Ihr seid!
    Schweigend streifte sie den Schleierbund und die schwarze Percke fort. Das
kupferrote Geringel fiel ihr um das heie Gesicht. Und als sie die Freude in
seinen Augen sah, wurde sie verdrielich und klagte in Zorn: Du bist ein Narr!
Soll ich dir sagen, wo mein Gemahl sich belustigt? In dieser Nacht?
    Gleich verstand er. Das mt Ihr ihm abgewhnen, Frau Knigin! So was ist
nit gesund. Und tut man's in der Nacht mit Lachen, so kommt am Morgen das
Grausen. Eine Weile standen die beiden stumm voreinander, bis Malimmes in
Unbehagen sagte: Jetzt darf ich wohl gehen? Nit? Er schritt zur Tre.
    Rasch vertrat ihm Frau Barbara den Weg und sah ihn mit glnzenden Augen an.
Ich bin ein verdorbenes Geschpf. Wren die Mnner wie du, wir Frauen wren
Heilige.
    Sie hatte das so ernst gesagt, da er lachen mute. Frau Knigin, das glaub
ich nit recht.
    Hei fragte sie: Willst du mir dienen?
    Malimmes schttelte den Kopf und sagte heiter: Nit ums Leben! Da knnt's
noch schieche Sachen absetzen. Er wurde ernst. Ich bin schlechter dran als wie
die andern. Jedweder Mensch hat einen doppelten Weg zur Wahl. Der eine geht zur
Sonn und der ander zum Unrat. Ich hab blo einen. Der Weg zur Sonn ist mir
vermauert. Und im Unsauberen leidt's mich nit. Mu ich halt zwischendurch.
    Nun hatte die Knigin wieder ganz die Augen eines verwunderten Kindes, das
ratlos ein unbegreifliches Ding betrachtet. Und schweigend und traurig stand
sie, whrend Malimmes den Saum ihres seidenen rmels kte und zur Tre ging.
Bevor er die Klinke niederdrckte, sah er die kleine, zierliche Frau noch einmal
an. Er hrte sie noch leise sagen: Wir sehen uns wieder! Dann verlie er die
reiche Stube.
    Drauen beugte er tief den Kopf herunter, um das Knpfen der Tuchbinde zu
erleichtern. So! Jetzt bin ich wieder ein blinder Ochs!
    Die Magd verlie mit ihm das Haus. Auf dem Haidplatz hrte Malimmes einem
Arbeitslrm von vielen Menschen, das Hmmern, Sgen und Hobeln der
Handwerksleute, die fr das feierliche Friedensfest den Thronhimmel des Knigs
bauten, die Hochsitze fr die Frsten und die Schranken fr das Volk.
    Man schanzte und schaffte da die ganze Nacht. Das Brettergerst wurde beim
Flackerschein der Fackeln mit rotem und gelbem Tuch beschlagen. Die
Arbeitsleute, die ihren Brgerschlaf fr eine prunkvolle Bekundung des Friedens
opferten, bekamen Freiwein und gerieten in schwatzlustige Stimmung. Sie machten
unziemliche Scherze, als bei grauendem Morgen ein Huflein lrmender
Nachtschwrmer von Fltenblsern und Lautenschlgern heimbegleitet wurde. Da
ein hochgewachsener Mann und eine taumelnde Zwergengestalt beim Gumbrechtischen
Hause verschwanden, bemerkte niemand. Doch einen unfreundlichen Zusammenlauf der
Arbeitsleute gab es beim hochtrmigen Hause der Weltenburger, wo man einen
Migestalteten, der ein von Rotweinflecken verwstetes Hofkleid trug und schwer
betrunken war, gewaltsam zur Ruhe bringen mute. Er hatte einen Anfall von
Krmpfen, schlug mit den Fusten um sich, und immer schrillte seine dnne
Stimme: Wenn ich Herzog bin - wenn ich Herzog bin -
    Im ersten Wei des Morgens bekamen die Gerste, die man auf dem Haidplatz
aufgeschlagen hatte, ein festliches Ansehen. Der Thron des Knigs und die
Hochsitze der Frsten wurden mit Wappen behangen, mit Standarten und
Laubgewinden geschmckt.
    Bei Aufgang der Sonne bezogen zwlf junge Ritter im Gumbrechtischen Hause
die Ehrenwache vor den Zimmern des Knigs und der Knigin und vor der unruhigen
Amtsstube des Kanzlers Schlick. Weil die zwlf aus dem Geleit aller Frsten und
Prlaten gewhlt waren, die einander bekriegt hatten und sich heute vershnen
sollten, fanden sie fr sich selbst den scherzhaften Namen: die zwlf
Friedensengel.
    Fr den heiligen Peter von Berchtesgaden war Lampert Someiner da. Er stand
mit drei anderen bei der Tre des Knigs, mit dem Ellbogen auf den Knauf des
blanken Eisens gesttzt. Fr das leise Geplauder seiner Gesellen hatte er kein
Ohr. Immer sah er in das flimmernde Sonnenband, das durch ein hohes
Spitzbogenfenster in den gewlbten Treppengang hereinfiel. Drauen kam ein
schner und reiner Tag. Da funkelte wohl heut die gleiche milde Herbstsonne auch
ber den blauen Bergen seiner Heimat? Und ber der Strae von Salzburg nach
Berchtesgaden? Whrend Lampert in die Sonne guckte, sah er immer diese Strae
und einen kleinen, eilig trabenden Reisezug von vierzehn Gulen.
    Am verwichenen Abend mute Jula zu Salzburg eingetroffen sein, auf ihrem
Falben, mit dem Knechte, der den zrtlichen Ingolstdter ritt, und mit den zwlf
Geleitsreitern, die Lampert zu Mnchen angeworben hatte. Durch das schwarze,
kahlgebrannte Land von Plaien und ber den Trmmerhaufen des Hallturms hatte er
seine Jula nicht reisen lassen. Um dieses Grauenvolle nicht zu sehen, mute sie
den Umweg ber Salzburg nehmen. Und weil der Morgen so klar und sonnig wurde,
war sie wohl schon vor Tag von Salzburg aufgebrochen? Da mute sie um die
siebente Morgenstunde nach Berchtesgaden kommen - um diese siebente
Morgenstunde, vor der die aberglubisch gewordene Frau Marianne bei jedem
Tageserwachen aufs neue zitterte.
    Lampert lachte vor sich hin. Die anderen, die mit ihm die Wache hielten,
guckten ihn verwundert an.
    Das merkte er nicht. Immer sah er nur die schne, von der Morgensonne
umglnzte Strae zwischen der Gadnischen Ache und dem Untersberg. Sah diese
schlanke Reiterin im graugrnen Reisemantel auf dem rasch und zierlich trabenden
Falben. Sah die Trme und Firste von Berchtesgaden, sah den Marktplatz, auf dem
viel weniger Menschen als im Sommer vor einem Jahr zur Messe gingen, und sah das
stillgewordene Amtmannshaus mit den in der ersten Sonne blinkenden
Erkerscheiben.
    Die Mutter ist schon wach. Frau Marianne ist eine fleiige Frhaufsteherin.
Noch immer, obwohl das Trauerjahr schon zu Ende gegangen, ist sie schwarz
gekleidet. Aber Glockenschrze, rmelschoner und Morgenhubchen machen sie ganz
wei. Wie an jedem Tage, so denkt sie auch heute, seit sie die Augen aufgetan,
immer und immer an ihren Buben. Und bei der Frhsuppe, die sie einsam lffelt,
guckt sie immer wieder mit ihrem Sorgenblick zu dieser schrecklichen Uhr hinauf,
die sie lieb hat und hassen mu. Im alten, hohen Pendelkasten immer die gleiche
Stimme: Bau! Bau! Bau! Und gleich wird der Hammer schlagen, siebenmal. Und wie
an jedem Morgen so denkt Frau Marianne auch jetzt in Zittern: Ob heut das
Unglck kommen wird? Um die siebente Morgenstund?
    Vom groben Pflaster des Marktplatzes klingt das Gehmmer vieler Hufe herauf.
Die Rosse halten vor des seligen Amtmanns Haus. Erschrocken springt Frau
Marianne zum Erker, stt das Schubfensterchen in die Hhe, fhrt mit dem Kopf
in die Morgensonne hinaus und schreit beklommen: Jesus! Was ist denn?
    Da drunten beugt eine Reiterin in graugrnem Mantel den Kopf zurck. Dichtes
Haar quillt aus der dunklen Gugel heraus. Und zwischen den schwarzen Strhnen
sieht Frau Marianne ein schmales, sonnverbranntes Mdchengesicht mit der
Leidensschrift eines bsen Jahres in den strengen Zgen, mit scheuer Freude im
Blau der groen Augen. Und eine linde, von der Aufregung ein bichen
zugeschnrte Stimme ruft von da drunten zum Erker herauf: Gute Botschaft von
Eurem Sohn!
    Jesus!
    Das gleiche Wort, das vor wenigen Sekunden ein Laut des Schreckens war, ist
jetzt der Schrei eines heien Jubels. Und Frau Marianne - obwohl ihr das
vergangene Jahr ein Bleigewicht auf alle Gelenke legte, fhrt wie ein junges
Mdel zur Stube hinaus und ber die Treppe hinunter. Und drunten im Hausflur
steht sie ratlos und starrt betroffen auf das schlanke Mdchen, das die Gugel
des Reisemantels zurckstreift in den Nacken und leise sagt: Kennet Ihr mich
nimmer, Frau? Ich bin der Bub gewesen, dem Ihr das Eisenhtl gegeben habt. Jetzt
soll ich die Ehfrau Eures lieben Sohnes werden.
    Frau Marianne steht noch immer stumm. Nun fngt sie zu lachen an. Und mit
beiden Hnden mu sie nach ihren Knien greifen, die befallen sind von einem
heftigen Zittern. Ich mu mich niederhocken ein ltzel. Sie taumelt zur
Steinbank im Hausflur und wird umschlungen von einem jungen Arm, der zrtlich
und stark ist. -
    - Klirrende Schritte im Treppenflur des Gumbrechtischen Hauses und zwei
erregte Stimmen. Lampert Someiner war aufgerttelt aus seinem Sonnentraum. Er
straffte sich und machte mit dem blanken Eisen die hfische Reverenz vor dem
Markgrafen von Brandenburg und dem Kanzler Schlick.
    Die beiden hatten gut ausgeschlafene Gesichter, doch Augen voll Sorge. Mit
dem Morgen war bse Zeitung gekommen. Drauen vor dem Ostentor geschah, was die
Stadtvter vor dem Kanzler nicht lnger zu verschweigen wagten: Im Gelger der
vierzigtausend, die trunken waren vom Freiwein des gtigen Knigs, fielen die
pestkranken Menschen um wie Fliegen nach einer kalten Nacht. Doch an solche
Dinge war man gewhnt seit vielen Jahrzehnten, seit der schwarze Tod ein
sehafter Brger im Reich geworden. Das war die mindere Sorge. Was den Kanzler
bewogen hatte, den Markgrafen aus der Morgenruhe aufzustren und zum Knig zu
rufen, war eine schwere Kunde, die aus weiter Ferne gekommen - Botschaft von
gewaltigen Rstungen des trkischen Sultans Murad wider Siebenbrgen und Ungarn
- und die Botschaft, da die Hussiten mit zahllosen Heerschwrmen verwstend aus
den bhmischen Wldern herausbrachen in die oberpflzischen Lande. Sie scherten
Stdte und Drfer nieder, zerstrten Kirchen und Klster, verbrannten die
Priester, die sie fingen, erwrgten die Herren, die in ihre Hnde fielen,
predigten dem Volk alle Freiheit und sprachen es los von der Pflicht des
Gehorsams gegen Papst und Frsten. Friedrich von Zollern und der Kanzler
betraten die kniglichen Gemcher. Durch einen prunkvollen Raum, in dem der
Haarkrusler des Knigs seine wohlriechenden Siebensachen aus einer Tasche
kramte, kamen die beiden in die groe Schlafstube. Hier stand eine neue,
kupferne Badewanne, in der das heie Wasser qualmte. Das groe Himmelbett war in
die Mitte der Stube gerckt, und auf den roten Seidenkissen lag entblt der
Knig, dem zwei weigekleidete Badmgde die Gelenke kneteten. Um das mit Salbe
belegte Gesicht war ein dicker Bausch von heier, dampfender Leinwand
herumgebunden. Unter diesen Tchern fragte Sigismund mit erloschener Stimme:
Schlick? Bringst du ihn?
    Statt des Kanzlers antwortete Fritz von Zollern: Ich stehe vor der
Majestt.
    Was sagst du zur blen Zeitung dieses Morgens?
    Man hat gest. Da mssen die hren kommen, wie der Same war.
    Der Knig machte eine mimutige Bewegung. Dann befahl er den Mgden: Hebt
Uns in die Wanne! Und verlat Uns!
    Die Mgde schoben ihm ihre roten Arme unter Rcken und Knie, trugen die
Majestt zur Wanne, hoben sie vorsichtig in das duftende, mit Rosenessenz
gefrbte Wasser und erneuerten noch den Dunstumschlag auf dem Gesicht; dann
verschwanden sie.
    Die Haltung des Badenden war sehr anmutsvoll. Doch weil das Wasser immer
schwankte, schien der schne Mannskrper, der nur wenige Spuren des beginnenden
Alters zeigte, unablssig in weie, rotgernderte Stcke zerrissen zu werden.
Und der gesichtslose Kopf, um dessen dampfenden Leinwandbausch die verwsteten
Braunlocken wirr herumhingen, hatte etwas Unheimliches.
    Fritz von Zollern betrachtete in stummer Trauer den Beherrscher des Heiligen
Rmischen Reichs.
    Unsere Geduld ist erschpft, sagte der Knig unter den dunstenden Tchern.
Wir gedenken dieser bhmischen Tollheit ein rasches Ende zu bereiten.
    Wenn das so schnell geschehen knnte, wie es gesagt wird!
    Wir muten Lehrgeld bezahlen. Sigismund lachte. Jetzt kennt man ihre neue
Art, zu fechten. Whrend er so redete, spielten seine schnen Hnde mit dem
rosigen Wasser. Wir stellen hundertzwanzigtausend Helme ins Feld, die Wir
deiner bewhrten Fhrung anvertrauen.
    Der Markgraf schob die Lippen vor und schwieg.
    Unwillig fragte die Majestt: Besinnst du dich?
    Ein wenig, ja. Sichere Hiebe sind kein erquicklich Ding.
    Da hob der Knig rasch den Kopf mit der augenlosen Leinwand. Du? Der immer
Starke, immer Glubige? Seit wann bist du ein ngstlicher geworden?
    Das bin ich nicht. Aber eh zwei Krfte sich messen sollen, mu man sie
wgen. Die Schalen stehen ungleich. Bei uns ist Zerwrfnis, Hader und
Widerspruch, ein zerrissener Leib und eine versumpfte Seele. Die Gegner haben
ein Ziel, nach dem sie brennen, einen fhrenden Gedanken und einen reinen,
unerschtterlichen Glauben, der ihre Krfte in Stahl verwandelt.
    Fritz! Die augenlose Majestt tauchte bis ber die halbe Brust aus dem
rosigen Wasser. Bist du ketzerisch angekrnkelt von der bhmischen Luft?
    Ich? Nein. Oder jedes aufrichtige Wort ist Ketzerei. Man braucht kein
Grtner zu sein, um zu wissen, was gesunder Kohl ist. Und man kann auch ein
Christ bleiben und dennoch der Meinung sein, da im Garten Petri viel bles
Unkraut wuchert. Man liebt es, die Bhmen kranke Kpfe zu nennen. Aber Fieber
ist keine Krankheit, nur Wirkung einer Ursach. Die mte man heilen. Die
Hussiten bekehrt man nimmer. Will man sie nicht zu verstehen suchen, so mu man
sie alle totschlagen. Und schlgt man sie alle tot, so wachsen neue nach, mit
anderen Worten und mit frischen Zungen, die gegen die kranke Ursach reden.
    Der Knig, mit einer vllig vernderten Stimme, sagte heiter: Wir waren
tricht in dieser Nacht. Ein schwerer Kopf ist undankbar fr groe Weisheiten.
Wir verstehen nicht, was du meinst.
    Das lt sich sagen mit einem kurzen Wort. Ich will die Fahne wider die
Bhmen fhren, wenn ich nur zu schlagen brauche im Notfall und unbeschrnkte
Vollmacht habe, mit den Hussiten zu verhandeln.
    Verhandeln? Sigismund schien nachdenklich zu werden. Was soll bei solchem
Handel zutage kommen?
    Mit schwerem Ernst beugte sich der Markgraf gegen das blinde Gesicht des
Knigs: Vielleicht ein Weg, auf dem wir in Deutschland die Kirche deutsch und
einig machen.
    Ein langes Schweigen. Nun ein leichtes Gepltscher in der Wanne. Und
belustigt sagte Sigismund: Mancher wird heute Ursach haben, saure Fische zu
essen. Du wirst beichten mssen.
    Dem Markgrafen ging es hei ber die Stirne. Doch ruhig sagte er: Ich fhle
mein Gewissen nicht beschwert. Die Majestt mge meinen Rat bedenken. Jetzt
kommen die Bhmen. Hinter ihnen die Trken und Heiden. Sie niederzuwerfen, wre
fr die eingeborene Kraft des Reiches ein Kinderspiel. Aber der deutsche Riese
hat viele Nchte voll ungesunder Torheit hinter sich. Saure Fische helfen ihm
nimmer. Soll er vor den Dingen, die kommen, nicht in Schwche zittern, so mu
man ihm die Stirn mit Feuer salben, die Augen sehend machen und den erschpften
Leib in erfrischenden Gedanken baden.
    Nach kurzem Schweigen schob der Knig mit einer anmutsvollen Armbewegung den
Leinenbausch ber die Stirne hinauf. Sein edles Gesicht war ohne Runzeln und
hatte rosige Farben. Hochgeborener Herr Markgraf! Er lchelte. Euch verdanken
Wir viel. Unser Dank hat Euch emporgehoben zum Mut dieser Stunde. Manches mgen
wir Euch gestatten. Nicht alles! Mit beiden Hnden fate Sigismund die Kanten
der Kupferwanne. Wo sind die Mgde? Unser Bad ist khl geworden.
    Fritz von Zollern ffnete die Tr und rief in den anstoenden Raum hinaus:
Ihr! Heda! Flink! Die Majestt mu frieren.
    Die zwei Mgde und der Haarkrusler waren rasch zur Hand, sorgten fr neue
Wrme und wuschen dem Knig die von einer trichten Nacht verwsteten Locken. -
    Gegen die neunte Morgenstunde begannen alle Glocken der Stadt zu luten, um
den jungen Frieden der bayerischen Lande zu gren, den diese Stunde gebren
sollte. Die Frsten und Prlaten, mit ihnen die Brgermeister der freien Stdte
und der herzoglichen Residenzen, kamen zum Gumbrechtischen Hause, um die
Majestt in feierlichem Zuge nach dem Stadthaus zu geleiten. Mancher von den
edlen Herren sah sehr ungemtlich drein, nicht aus politischen Grnden. Der
kleine Herzog von Bayern-Landshut hatte ein Gesicht, das einer grnen Olive
glich; er litt, obwohl er nicht unmig getrunken hatte, an einem Katzenjammer,
bei dem er jedes Haar auf seinem gesalbten Haupte wie einen giftigen Nadelstich
empfand.
    Der Haidpiatz war erfllt von einer drngenden Volksmenge, die den
freundlich grenden Knig mit strmischer Zrtlichkeit umjubelte.
    Und immer war das Stadthaus von Stimmengewirr umgeben, whrend im groen
Ratszimmer hinter verschlossenen Tren um den Frieden gehandelt wurde. Es ging
da drinnen sehr lrmvoll zu, und die erregten Stimmen wuchsen immer krftiger,
whrend im Vorraum die Tische zu einem Erquickungsmahl gedeckt und mit leichten
Weinen, mit gesuerten Getrnken, gerucherten Saiblingen, gesulzten Renken und
mit Bratwrstchen auf Sauerkraut bestellt wurden. Das alles duftete sehr
einladend, und mancher von den edlen Herren kam schon aus dem Ratszimmer heraus,
noch ehe der erste Teil der Verhandlung erledigt war: die Schlichtung des
persnlichen Streites zwischen den Herzgen Heinrich und Ludwig wegen des
Konstanzer berfalles.
    Der Ingolstdter war im Zorn der Stunde wie ein gereizter Tiger und stellte
maloe Forderungen: Man soll den fahrigen Mrder Heinrich aller Ehren und
Wrden entkleiden und soll ihn richten nach dem Spruche: Aug um Auge, Zahn um
Zahn! Man soll ihm sieben Wunden an seinen Leib machen, darunter zwei auf den
Tod. Und man soll ihm die Hand abhacken, mit der er nach unserem frstlichen
Leib gestochen.
    Herr Heinrich, in der Bitterkeit seines hmmernden Katzenjammers, antwortete
klagend: Unser edler Vetter Loys verlangt der gerechten Dinge so viel, da wir
in Sorge um sein kostbares Dasein geraten. Menschen, die des Guten auf Erden zu
viel begehren, leben nicht lange. Mit diesen Worten brachte er die Lacher auf
seine Seite, nachdem der Ingolstdter durch das berma seiner Forderungen die
Herren grblich verstimmt hatte.
    Der Knig entschied unter dem Beifall des Frstenrates: Herzog Heinrich soll
zur Shne seiner unvetterlichen Tat sechshundert Helme wider die Hussiten
stellen, einen Kriegszug gegen die Heiden unternehmen, eine bufertige Wallfahrt
nach Rom machen, drei ewige Messen stiften, dem Vetter Loys alle Kurkosten
ersetzen und ihn vor Knig, Frsten und Volk um Gottes und unserer lieben
Gottesmutter willen demtig um Verzeihung bitten. Der kleine Herzog beeilte
sich, zu erklren: Wir beugen uns dem Urteil der weisen Majestt.
    Herzog Ludwig schrie mit einem Auflachen seines Hohnes in den Saal: Man
ehrt mich ber Gebhr und hlt mich fr kostbarer als unseren Herren Christum.
Der ward um dreiig Silberlinge verraten. Mich verkauft man um dreiigtausend
Dukaten.
    Bei dem Lrm, den der Aufbruch zum Frhstck verursachte, schien niemand
diesen Zornschrei zu hren. Alle schwere Stimmung war pltzlich verwandelt in
schwatzende Heiterkeit. Whrend im Vorraum die Tische sich fllten, standen die
Herzge von Mnchen mit dem Brandenburger abseits in ernstem Gesprch. Im
Ratszimmer war nur Herzog Ludwig mit seinem getreuen Kaspar Trring
zurckgeblieben, der in Zorn die irdische Gerechtigkeit eine feile Metze schalt
und die Welt als wrdig eines baldigen Untergangs erklrte.
    Um alle Folgen der trichten Nacht zu dmpfen, frhstckte die Majestt sehr
reichlich. Herzog Heinrich, der auerhalb seines Schlosses zu Burghausen niemals
ohne Vorkoster speiste, berhrte den Imbi nicht, obwohl eine heftige Sehnsucht
nach sauren Dingen in seinen Augen war. Sehr aufmerksam betrachtete er den
Knig, dem die duftenden Wrstchen trefflich zu munden schienen. Und leise
fragte der kleine Herzog: Frchtet die Majestt nicht, vergiftet zu werden?
    Nein! Unsere Brder sind tot. Der Knig lachte. Auch sind Wir
unempfindlich gegen Gift geworden. bung gewhnt den Krper an alle Dinge.
Heiter erzhlte er von mannigfachen Giften, die man ihm schon verabreicht hatte,
und von der scharfsinnigen Kur eines schwbischen Arztes. Der hatte den im Lager
vor Znaym vergifteten Knig durch vierundzwanzig Stunden bei den Fen aufhngen
lassen, bis das genossene Gift durch Mund und Nase vllig abflieen konnte! Das
war nicht lieblich. Aber hilfreich. Nach dieser Erzhlung sprach die Majestt
sehr fleiig wieder dem Sauerkraut und den Wrstchen zu. Aber vielen an des
Knigs Tafel war die Lust zum Essen vergangen.
    Unter dem betretenen Schweigen, das am Tische herrschte, sagte pltzlich ein
Regensburger Ratsherr: Eure Majestt schneiden die Wrstlein in die Quere. Das
ist nicht empfehlenswert. Ist das Wrstlein in die Quer gebrckelt, so beit man
beim Speisen auf die Haut und hat den minderen Geschmack. Man mu es nach der
Lnge schneiden und mit dem Fleisch auf die Zunge legen.
    Am Tisch erwachte ein heiteres Lachen. Alle griffen von neuem zu, versuchten
die ratsame Sache, nickten zustimmend mit den Kpfen, und die Majestt sagte
freundlich: Wir danken Euch, Ehrenfester! Unser Dasein ist um eine kstliche
Weisheit bereichert. Ihr seid ein Meister in der Kunst zu leben.
    Whrend dieses Frhmahls erfuhr der Propst des heiligen Zeno, Herr Konrad
Otmar Scherchofer, eine kleine berraschung. Der Kanzler Schlick beschenkte ihn
mit einem schn und zierlich beschriebenen Pergament. Es war ein Brief, in dem
sich Franzikopus Wei bei Sigismund um einen Bischofsstab bewarb und sich
erbtig machte, das Zenonische Land und Volk der Hausmacht des Knigs
anzugliedern. Das wre ein schlechter Handel, sagte Herr Konrad Otmar, von
meinem Volk und Land ist weniger brig geblieben, als von aufgespeisten Fischen
zu bleiben pflegt. Er besah den Brief und wurde heiter. Dieser Heilige riecht
nicht gut. Ich will ihn mit Wohlgerchen waschen lassen.
    Die Majestt erhob sich und gab das Zeichen zum Neubeginn des Frstenrates.
    Whrend die edlen Herren sich schon im Ratszimmer zu sammeln begannen, trat
der schwere Brgermeister von Landshut auf den kleinen Herzog Heinrich zu, und
um die Treue der guten Stadt zu erweisen, erbot er sich, dem gndigen Herrn die
Wallfahrt nach Rom abzunehmen, mit zwlf angesehenen Brgern durch Italien bis
zur Peterskirche zu reiten, dort inbrnstig zu beten und kostbare Spenden zu
Fen des heiligen Apostels niederzulegen.
    Nein! Herr Heinrich prete die Hand an den schmerzenden Hinterkopf. Das
kostet schweres Geld. Lat unser Geld im Lande bleiben! Warum wollt ihr's nach
Rom tragen? Beten kann man in Landshut auch. Die Wallfahrt nach Rom - weil es
schon sein mu - soll einer machen. Einer, der nichts versumt. Der mu sich
durchbetteln. Sonst wre das kein frommes Werk, das wohlgefllig vor Gottes
Augen ist. Stiftungen macht man vor dem Gelingen. Nach dem Gelingen behlt man,
was Gott so wollen hat.
    Im Frstenzimmer begann schon wieder der gleiche aufgeregte Lrm, wie er vor
dem Imbi geherrscht hatte. Kaspar Trring wollte bei Knig und Reich um seiner
erschlagenen Hunde willen Klage fhren. Man mute dem Erbitterten bedeuten, da
die Sache der erschlagenen Menschen den Vorrang htte und da man die noch
Lebenden durch einen raschen Frieden beglcken mte.
    Nach gereizten Reden und Gegenreden entschied die Majestt, es solle Friede
sein; die Not der Zeit verlange, da man sich gegen die ueren Feinde wende,
statt sich selbst zu zerfleischen; dem lieben Oheim zu Ingolstadt wre der
Vorwurf nicht zu ersparen, da er wider Gott, Knig und Reich gesndigt und vor
bayerischen Bumen den deutschen Wald nicht mehr gesehen htte; Bayern, das Herz
der deutschen Lande, msse deutscher sein als deutsch; des lieben Oheims groer
Ahnherr Ludwig htte die richtige Glocke aufgehangen; doch sein Enkel htte ihr
mit Hader und Zwist wider die friedlichen Vettern den hallenden Schwengel
ausgerissen, da sie zu einer tauben Schelle wurde; der frevelhaft begonnene
Krieg mte geshnt werden nach irdischer Gerechtigkeit und nach billigem
Anspruch der Sieger; wer sich dem Spruch der Majestt und den Bedingungen des
von ihr gebotenen Friedens widersetze, bliebe dem Kirchenbann und der Acht des
Reiches verfallen.
    Sehr feierlich bekrftigte der ppstliche Legat die Worte des Knigs.
    Dann verlas der Kanzler Schlick die Bedingungen des Friedens: Alle Gegner
sollen sich vor Knig und Volk zu christlicher Vershnung umarmen. Die
Gefangenen werden ausgelst, die noch nicht bezahlten Lsegelder von beiden
Seiten erlassen. Was Herzog Ludwig im Kampfe verlor - sechs Stdte, achtzehn
Burgen, sieben Marktflecken und hundertzweiunddreiig Drfer - soll im Besitz
der siegreichen Gegner bleiben. Alles brige Land von Bayern-Ingolstadt soll an
den Knig bergeben werden. Herzog Ludwig soll als Frst ohne Land und Diener
dem Knig nach Ungarn folgen und unter den Augen der Majestt wider Ketzer und
Heiden fechten. Als Verweser des frstenlos gewordenen Landes bestellt die
Majestt den Prinzen Ludwig unter Aufsicht des Ingolstdtischen Hofmeisters
Brunorio von der Leiter.
    Die Augen der Herren suchten bei diesem Spruch den migestalteten Knaben,
der zum Hter ber die Lande seines Vaters gesetzt wurde. Er war nicht im Saal.
    Durch den Stimmenlrm, der sich zu erheben begann, schrillten die wtenden
Worte des Kaspar Trring: Ei, wie klug! Ei, wie klug! Meine totgeschlagenen
Hunde, wenn sie noch lebendig wren, htten es klger gemacht.
    Herzog Heinrich, dessen Katzenjammer sich zu mildern schien, sagte lachend
zu dem Erbitterten: Mein guter Kaspar! Es ist von aller Klugheit die beste:
Glck haben! Deine gescheiten Hunde litten unter einem unverstndlichen
Mierfolg.
    Whrend Trring allen Zorn seiner ehrlichen Jgerseele ber den kleinen
Herzog ausschttete, stand Herr Ludwig stumm und bleich inmitten der erregten
Frsten. Langsam streckte sich sein stolzer Krper. Eine wunderliche Heiterkeit
erwachte in seinen heien Augen. Und pltzlich rief er lachend ber alle Kpfe
hin: Ihr lieben Kinder! Gehabt euch wohl! Er wandte sich und verlie den Saal.
    Drunten auf der Gasse mute er sich durch ein dickes Gedrng des Volkes
whlen, um sein Quartier, das Haus der Weltenburger auf dem Haidplatz zu
erreichen.
    In der groen, fremden Stube, die er betrat, sprangen ihm die zwei braun und
wei gefleckten Trringer Bracken entgegen und hoben sich unter tppischen
Zrtlichkeiten zu seiner Brust hinauf. Mit den Armen umschlang er ihre Kpfe und
prete sie an sich: Ihr Treuen! Wir bleiben beisammen. Er setzte sich auf das
Bett. Die Hunde sprangen an seine Seite und schmiegten sich unter seine Arme.
    So sa Herr Ludwig unbeweglich fast eine Stunde. Unter den Fenstern wogte
das Gesumm des Volkes. Und die sonnige Luft war erfllt vom Gelut der Glocken.
Es klangen alle Trme der Stadt. Nur der neue Dom, der noch keinen Turm und
keine Glocke hatte, konnte nach auen hin den feierlichen Vorgang nicht
verknden, der sich unter den Spitzgewlben seiner steinernen Riesenhalle
vollzog. Hier zelebrierte Kardinal Branda, der ppstliche Legat, vor dem
Knigspaar und den Frsten das festliche Hochamt, stimmte zum Danke fr den vom
Himmel niedergesunkenen Frieden das Tedeum an und predigte nach dem Sanktus
wider die bhmischen Ketzer und die mosleminischen Heiden. Whrend er den
begeisterten Gottesstreitern, die fr den Feldzug gegen die Hussiten nur sehr
bescheidene Hilfstruppen bewilligt hatten, die geweihten Kreuze aus weier Seide
an die Stelle des Herzens heftete, bergab die Majestt das Reichsbanner dem
Markgrafen von Brandenburg. Der nahm es, sah den schnen, lchelnden Knig mit
ernsten Augen an und sprach: Vor Gottes Gesicht mu ein kleiner Mensch sich des
eigenen Willens begeben.
    Als der Zug der Frsten unter Glockengelut und Bumbardenschssen den Dom
verlie, sa Herzog Ludwig im Haus der Weltenburger noch immer auf dem Bett, mit
den Kpfen der Brenfinder an seiner Brust.
    Er hrte nicht, da die Tr der Stube leise geffnet wurde. Nur weil die
Hunde zu murren begannen, sah er auf. Sein Gesicht entstellte sich. Doch
unbeweglich blieb er sitzen und betrachtete den migestalteten Landverweser, der
in seinem reichen Hofkleid ein Gesicht von sehr blem Ansehen hatte.
    Den Blick des Vaters vermeidend, immer irgendwo in eine dunkle Ecke guckend,
fing Ludwig Hckerlein zu reden an, nicht mehr so sanft, kindlich und demtig
wie sonst, doch immer noch mit redlicher Herzlichkeit. In Trauer beklagte er das
ungerechte Los des teuren, geliebten Vaters und erbat sich Ratschlge fr sein
ernstes, schwieriges Amt der Landverwesung.
    Herr Ludwig blieb stumm. Er lachte nur.
    Der Prinz wurde drngender, sprach von drren Zeiten, von ntigem Gelde,
verglich das verwstete Land mit einem abgebrannten Acker, der reichlich des
frischen Samens bedrftig wre, und bat den geliebten Vater um Aufklrung ber
verpfndete Kostbarkeiten und verstecktes Gold.
    Da sprang der Herzog auf. Und whrend er die Hunde, die gegen den Buckligen
klfften, an den Halsbndern festhielt, schrie er dem Sohn ins Gesicht: Nimm
ein Schwert und stich es in mich und sprich, du wolltest Geld haben! So lang,
bis die Seele mir entfhrt, will ich dir antworten: Nichts sollst du haben!
Nichts! Nichts!
    Drauen vor der Tre war ein Lrm als mchte einer den Eintritt erzwingen,
den die Diener ihm verwehrten.
    Lauschend streckte sich der Herzog. Er schien die Stimme zu erkennen. Freude
war in seinen Augen. Und pltzlich schrie er mit aller Kraft seiner Kehle: Den
Treuen steht jede Schwelle offen. Der da kam zu mir, soll eintreten.
    Unter der Tr erschien ein schlanker Jngling in schwarzem Studentenkleid,
das Gewand von einem weiten Ritt verstaubt, mit blassem Gesicht, mit heier
Sorge im Blick. Als er sich vor dem Herzog beugen wollte, fate ihn Herr Ludwig
an den Armen, hielt ihn aufrecht und sah ihn an. Nicht reden, Liebling! Ein
ungeschicktes Wort knnte mir einen wundervollen Augenblick verderben. Weshalb
du gekommen bist, das wei ich. Nur eines sag mir! Ich mu als Frst ohne Land
und Diener dem Knig nach Ungarn folgen. Seine Augen drsteten. Gehst du mit
mir? Er brauchte nicht auf Worte zu harren, las die Antwort in Wieland Swelhers
glnzenden Augen, ri ihn an sich, und whrend er ihn umklammerte, sagte er
ruhig und froh: Ich hab einen Sohn.
    Stumm, das verzerrte Gesicht wie von Asche berschttet, ging der
Landverweser von Bayern-Ingolstadt mit seinem wippenden Spinnenschritt zur Tr
hinaus.
    Drunten auf dem Haidplatz klangen die brausenden, alles Glockengelut
bertnenden Jubelstimmen des Volkes, das den funkelnden Zug des Knigspaares
und der Frsten unter Zinkenklang und Pfeifengetriller feierlich herankommen sah
zum festlich gezierten, von schner Sonne umwobenen Friedensthron.

                                       12


Auf dem Haidplatz, den die hochgegiebelten und getrmten Huser der reichen
Brger in buntem Schmuck umgaben, drngte sich Kopf an Kopf.
    Wie eine eiserne Mauer standen die frstlichen Harnischer und die
gepanzerten Stadtknechte um die Schranken her und lieen hinter ihren Schultern
das Gedrng des Volkes verbranden.
    Innerhalb des abgesperrten Raumes war ein Gewirre von Fahnen und Standarten,
ein Gewirbel von hundert leuchtenden Farben und ein Gefunkel von blanken Waffen
und Edelsteinen.
    Als das Knigspaar mit dem ppstlichen Legaten den Friedensthron und die
Frsten ihre roten, mit Wappen gezierten Hochsitze schon bestiegen hatten,
fllten die Prlaten, die Ritter und Ehrbaren die Bnke. Dabei gewahrte Propst
Pienzenauer in der ersten Reihe der Sldner einen Harnischer, dem ber das
braune, ernste Gesicht eine schwere Narbe herunterlief. An dieser Narbe erkannte
er ihn wieder. Rasch trat er auf ihn zu und fragte erregt: Du? Warst du nicht
bei Dachau im Gefecht, als der Seipelstorfer den Herzog von Ingolstadt fangen
wollte?
    Wohl, Herr! Da hab ich mitgedroschen. In die harte Stimme des Sldners kam
ein leichtes Schwanken, als er neben dem Frstpropst den Ritter Someiner stehen
sah. Und ich bin nit weit gewesen, wie Euch ein redlicher Mann unter dem
niedergestochenen Gaul herausgezogen hat.
    Mensch! Weit du, wer das war?
    Wohl! Malimmes vermied es, den Ritter Someiner anzusehen. Das ist mein
guter Herr gewesen, der Richtmann Runotter von der Ramsau.
    Wo find ich ihn?
    Ein rauhes Lachen. Da braucht Ihr Euch mit dem Suchen nit plagen. Der ist
weiter, als Menschen laufen oder reiten knnen. Malimmes sah zur Sonne auf.
Wer den Runotter finden mcht, mt fliegen lernen und hher steigen als ein
Islnder Falk.
    Whrend Herr Pienzenauer erschttert schwieg, stammelte Lampert Someiner mit
heiserem Laut: Malimmes -
    Neben dem Friedensthron begannen die Trompeten zu blasen. Ihr Geschmetter
weckte ein dreifaches Echo an den hohen Mauern, und Hall und Widerhall
verschmolzen miteinander zu einem rasselnden Tongewirr, das sich anhrte wie das
Gelchter eines Riesen.
    Nun eine summende Stille.
    Auf dem Friedensthron erhob sich die Majestt im funkelnden Prunk der
kniglichen Wrde.
    Alle Gesichter der vielen Tausende, der Hohen und Niederen, waren dem
schnen, lchelnden Knig zugewendet. Nur ein einziges nicht, das schmale,
rosige Gesichtchen der zierlichen Knigin. Die streckte das schlanke Hlslein
und lugte hinber zu den Reihen der Harnischer.
    In anmutsvoller Bewegung die beringte Hand erhebend, begann die Majestt mit
gutgeschulter, klingender Stimme zu sprechen:
    Ihr meine lieben Oheime und Vettern! Ihr hochgeborenen Frsten und Herren,
die Ihr Beschirmer der Gerechtigkeit und Liebhaber des Guten seid, Ausreuter des
bels, Vertilger von Schande und Laster, eine sichere Zuflucht fr alle
Betrbten, gepeinigten und hilflosen Menschen!
    Die Frsten blieben ernst, obwohl sie bei dieser Ansprache ein bichen
verwundert dreinguckten. Doch das Volk, das die spottende Heiterkeit flink
erfate, brach in munteres Gelchter aus.
    Durch die ganze Rede, die ein blhendes Loblied des Friedens wurde, schwang
der Knig die anmutige Geiel des Spottes, der ihm die Herzen des Volkes
eroberte. Und als er den Tausenden gebot, den in die bayerischen Lande
heimgekehrten Engel des Friedens mit deutschem Heilruf zu begren, rauschte ihm
aus aufgereckten Hnden eine brausende Woge der Freude und Begeisterung
entgegen.
    Noch ehe das frohe, dankende Geschrei verhallte, kam vom Hause der
Weltenburger ein wunderlicher, gar nicht festlicher Zug einhergewandert; voraus
der land- und dienerlos gewordene Herzog Ludwig, der die beiden Hunde an seinen
Grtel gekoppelt hatte; ihm folgten Kaspar Trring und Wieland Swelher mit zwlf
von Ludwigs letzten Getreuen, und sie alle, der Herzog wie die Seinen, waren
gleich gekleidet und trugen graue Knechtshosen, graue Bauernkittel und graue
Kappen, die mit Marderschwnzen gezottelt waren.
    Ein Lachen und Hlserecken im Volk, wie auf allen Bnken der Herren. Und
belustigt fragte der Knig: Oheim Ludwig? Was soll zu ernster Stunde dieser
wunderliche Fasching?
    Fasching? Nein, Majestt! Stolz und ruhig hob Herr Ludwig den Kopf. Das
ist Wrde und Weihe. Mit diesem grauen Gewande wollen wir die Sieger ehren, die
uns in solchen Bauernkitteln bekriegten.
    ber den weiten Haidplatz rann ein Fragen und Schwatzen hin. Und Herzog
Heinrich murrte gergert: Wollte ich so viel Geld an jeden billigen Spa
vergeuden, so wre mein Schatzturm bald eine Flohfalle, aus der die gelben Flhe
bis auf den letzten entsprangen.
    Dieser heiteren Minute folgte eine ernste Zeremonie. Whrend umflorte
Kirchenfahnen entschleiert und geknickte Wachskerzen aufgerichtet und entzndet
wurden, bliesen dumpfe Posaunen. Wrdevolle Spannung lag auf allen Gesichtern.
Nur Kaspar Trring war nicht vllig bei dieser ernsten Sache. Immer musterte er
die beiden Hunde, die an Herzog Ludwigs Grtel gekoppelt waren. Und in Erregung
flsterte er gegen das Ohr des Freundes: Du, Loys, das sind die zwei schnsten
aus meinem Zwinger! Ein Rd und eine Hndin. Die sollen der Welt ein neu
Geschlecht erwecken. Fllt von ihnen der erste Wurf, so will ich dabeisein. Ich
gehe mit dir nach Ungarn.
    Die feierlichen Posaunen schwiegen, und unter dem Baldachin des
Friedensthrones erhob sich der ppstliche Legat, um den Ingolstdter vom
Kirchenbanne loszusprechen und als reuige Seele in den Scho der rmischen
Mutter zurckzufhren.
    Whrend Herr Ludwig das gebeugte Knie streckte, sprach er mit starker
Stimme: Gott im Himmel wird mich richten nach meinem Herzen, nicht nach der
Torheit meiner Fuste und meines Blutes. Er ging auf den Markgrafen von
Brandenburg zu: Verzeihe mir! Nach Verdienst belehnte mich die Majestt mit der
Narrenkappe. Dich htt ich erkennen und fr mich gewinnen sollen.
    Fritz von Zollern reichte ihm die Hand und sagte lchelnd: Mich miversteht
man immer. Ich wei nicht, woher das kommt.
    Ferne Berge sind den Narren wie Maulwurfshgel. Und Herr Ludwig wandte
sich zu den Herzgen von Mnchen: Wider Euch hab ich schweres Unrecht getan.
Wollt Ihr meiner blen Torheit vergessen?
    Freundlich nickend, bot ihm Herzog Ernst seine schwere Rechte. Dinge, die
geschehen sind, sollen ein Gutes nicht bedrcken, das kommen will. Waren wir
keine guten Vettern, so wollen wir's werden. Gelt?
    Schweigend sah Herr Ludwig dem Vetter in das lachende Bartgesicht. Dann
wandte er sich, betrachtete den Herzog Heinrich, blieb wie steinern vor ihm
stehen und wartete.
    Mit langsamen Schritten kam der kleine Herzog nher: Nach Inhalt des
Urteils, das die Majestt gesprochen, bitte ich dich in schuldiger Demut um
Verzeihung.
    Herr Ludwig sah die Narben an seinen Hnden und sagte rauh: Du gibst mir
schne Worte. Wenn es dir wahrhaft leid wre, mtest du andere Augen haben.
    Ein feines Lcheln. Ich habe Augen, wie Gott es wollte.
    Freundlich mahnte die Majestt: Oheim Ludwig? Wollt Ihr diesem Bittenden
nicht vergeben?
    Ruhig sagte Herzog Ludwig: Ich vergebe ihm nach Form und Seele des
Urteils.
    Ein Summen ber den Kpfen der Menge. Und von dem goldenen Sessel, der hher
war als der rote Stuhl des Knigs, segnete der ppstliche Legat die Frsten und
das Volk. Freundlich streckte der Kardinal die Hnde nach der Knigin, hob sie
zu sich empor und kte sie auf beide Wangen, whrend der Knig die Herzge von
Bayern der Reihe nach umarmte. Herzog Ernst umarmte den Ingolstdter, Herzog
Heinrich den Brunorio von der Leiter. Der Erzbischof von Salzburg und der
Bischof von Chiemsee umarmten den Propst des heiligen Zeno. Herr Konrad Otmar
umarmte den Frstpropst Pienzenauer von Berchtesgaden, der heilige Zeno den
heiligen Peter. Hauptmann Hochenecher umarmte den Hauptmann Seipelstorfer. Es
umarmten sich die Ritter, von denen einer dem anderen die Burg gebrochen hatte.
Und es umarmten sich die Brgermeister von Mnchen und Ingolstadt, von
Burghausen und Wasserburg, von Landshut und Freising, von Schrobenhausen und
Pfaffenhofen, von Traunstein und Rosenheim, von Kufstein und Marquartstein.
    Inmitten einer andchtigen Stille wirkte dieses Bild der Vershnung und
christlichen Liebe so ergreifend, da die Kinder zu beten, die Frauen und
Jungfrauen zu weinen begannen. Und pltzlich, in diesem von Andacht und Rhrung
betrufelten Schweigen brllte von irgendwo eine grobe Bauernstimme: So? So?
Nit schlecht! Tut sich da jetzt alles umarmen? Macht alles Fried? Und die
Hngmooser Ochsen? Was? Wer nimmt denn jetzt die Hngmooser Ochsen um den Hals?
    Ein Sturm von Heiterkeit brauste nach diesen Worten ber den weiten
Haidplatz hin.
    Man soll erkunden, befahl die Majestt, was dieser Biedere von Uns
begehrt!
    Bei der Schranke rief ein Harnischer mit der Stimme eines trompetenden
Elefanten: Das ist der Ramsauer Albmeister. Den Ramsauern ist ein schweres
Unrecht an Khen und Ochsen widerfahren. Drum will der Albmeister reden mit der
deutschen Majestt.
    Whrend die Knigin ein bichen bla wurde und trauernde Augen bekam, lachte
der Knig in leutseliger Heiterkeit. Man soll diesen Braven vor Unser Angesicht
fhren.
    Unter lustigem Rumor des Volkes und aller Herren brachten die Festordner den
langen, mageren Fischbauer vom Hintersee vor den Friedensthron.
    Freundlich sagte die Majestt: Wir hren, du bist der Ramsauer Albmeister.
    Was denn sonst?
    Ein vergngtes Gebrll rings um die Schranken her.
    Und mit dem deutschen Knig willst du reden?
    Was denn sonst?
    Wieder dieses schallende Gelchter, whrend der Albmeister vorsichtig aus
einer Blechkapsel ein zerknlltes Pergament herausdrehte.
    Warum willst du reden mit Uns?
    Weil unsere Ochsen grad so viel Recht haben als wie die anderen. Unsere
Ochsen mssen heut auch dabeisein. Was denn sonst? Um unsere Ochsen geht doch
der ganze Krieg. Und Recht mu Recht sein. Unser Recht ist verbrieft und
gewchsnet.
    Lustig streckten sich tausend Hlse, und der Ramsauer Albmeister machte
einen plumpen, komisch wirkenden Fufall vor der Majestt und reichte ihr das
alte Pergament empor, das rot und grau gefleckt war vom Blute des Seppi Ruechsam
und vom Sattelschmutz des Marimpfel.
    Whrend das Schwatzen und Kichern in der Menge immer lauter wuchs, sagte der
Knig zu Peter Pienzenauer: Lieber Neffe von Berchtesgaden! Wollt Ihr Uns
dieses wunderliche Rtsel deuten?
    Der Frstpropst hatte kummervolle Augen. Herr! In dieser Sache bin ich ein
Schuldiger. Da soll einer sprechen, der rein zwischen Recht und Schuld
gestanden. Er winkte dem Ritter Someiner. Rede, Lampert!
    Vor Knig, Frsten und Volk fing Lampert Someiner zu sprechen an. Aus jedem
seiner Worte zitterte die tiefe Erschtterung, die ihm die Nachricht vom Tode
des Runotter ins Herz geworfen hatte. Doch was er selbst als ein schweres
Trauerspiel der Menschheit empfand, das wurde - durch den widersinnigen
Gegensatz von Ursache und Wirkung - fr diese tausend in lustiger Neugier
Lauschenden zu einer grotesken Lcherlichkeit des Lebens, die keine Trne
wecken, nur wilden Hohn oder schallende Heiterkeit erzielen konnte.
    Siebzehn Ochsen! Siebzehn Ochsen! Und Volk und Reich geschdigt und
zerrttet, die Zeit zurckgeworfen um Jahrzehnte und bedrckt durch blutende
Verluste, weite Lnder bis zum Grauen verwstet, Stdte zerstrt, Burgen
gebrochen, zahllose Drfer in Asche verwandelt, die Mnze verschlechtert, alles
Gut entwertet, Arbeit und Handel erdrosselt, hunderttausend Menschen verarmt und
viele Tausende erschlagen, erwrgt, erstochen, verbrannt, vergiftet von Seuchen,
verfault und verstunken! Und siebzehn Ochsen! Siebzehn Ochsen!
    Indes den Haidplatz ein hhnendes Gejohl erfllte, sagte der Knig, halb
noch lachend, halb bedrckt von einer schreckvollen Schwermut: Wahrlich! Ein
Ochsenkrieg! Um Ochsen begonnen - - Weil die Majestt verstummte, fiel das
spottende Kastratenstimmchen des Narren ein: Von Weisen gefhrt! Und friedsam
beschlossen von einem klugen Knig. Mit beiden Hnden machte der grinsende Narr
bei dem Wrtchen klug ber seinem Kopf eine Bewegung, die von allen, welche sie
sahen, sehr heiter gedeutet und mit Gelchter aufgenommen wurde. Auch der Knig
lachte mit. Nicht gerne. Doch gndig beugte er sich zum Ramsauer Albmeister
hinunter und entschied, da der Friedensvertrag der Frsten - der unterzeichnet
und gesiegelt war von einem Kurfrsten, drei Herzgen, einem Erzbischof, einem
Bischof, von zwei Prpsten und zur Zeugschaft von vielen Kirchenfrsten und
Baronen - noch einen klrenden Nachtrag in causa bovum Hengismosianorum sive
Mordaviensium erhalten sollte.
    In dieser Klausel wurden die Ramsauer berechtigt, den zu Unrecht
niedergebrannten Kser auf Kosten des heiligen Peter von Berchtesgaden neu zu
errichten. Und nach Gutdnken und Verstand der Bauern sollten von nun an bis zu
ewigen Zeiten an Stelle der Ochsen auch Milchkhe auf dem Hngmoos, nein, in der
Mordau grasen drfen.
    So entschied die Majestt. Und der Ramsauer Albmeister sagte stolz und
ruhig: Was denn sonst? Jetzt haben wir's wieder, wie's allweil war. Da htt's
den ganzen Krieg nit braucht.
    Inmitten der Heiterkeit, die den funkelnden Friedensthron umwogte, scholl
aus dem Gewhl der Menge ein wilder Schrei, dem ein Gezeter angstvoller Stimmen
folgte. Von den Hochsitzen der Frsten sah man im Gedrng der Leute pltzlich
einen leeren, rasch auseinanderflieenden Pflasterfleck. In dieser Leere, die
mit jeder Sekunde wuchs, lag ein dicker, reichgekleideter Brger unter sinnlosen
Gliederzuckungen auf dem Boden, mit dem Gesicht gegen die Erde. Und in der
Menge, die entsetzt vor ihm zurckwich und sich qualvoll staute, fingen zwanzig,
vierzig, hundert, tausend Stimmen zu schreien an: Der Tod ist in der Stadt! Der
schwarze Tod!
    Auf dem Brettergerst der Frsten, bei den Bnken der Ritter und Ehrenfesten
wie bei den Schranken des gemeinen Volkes, berall begann ein schreiendes oder
stumm erschrockenes Drngen und Entweichen. Vor diesem strksten aller
Kriegsfrsten entflohen Sieger und Besiegte, Knig und Bettler, Weib und Mann,
der Greis und die Kinder.
    Ein Sldner blieb ohne Schreck. Und ging auf den einsam Gewordenen zu, der
in Todesangst und Schmerzen sthnte. Hia, du armes Mnndl! Fehlt's denn so
weit? Er drehte den Zuckenden herum und sah ein verzerrtes Gesicht, auf dessen
fahler Haut ein paar kleine, schwrzliche Pestflecken waren. Ui, Teufel,
Brderlein, da mssen wir schauen, da wir zum Medikus kommen! Mit beiden Armen
griff er zu. Herrgott, Mensch, hast du ein Gewicht! Whrend er fester Zugriff,
beugte er den Kopf hinunter. Wie, sei gescheit! Und nimm mich um den Hals
herum! Da trag ich dich leichter.
    Der Sthnende umarmte den Malimmes, der die Richtung nach dem
Sondersiechenhaus vor dem Jakobstore nahm.
    Wo der hastig Schreitende mit diesem klobigen, in Samt und Seide gewickelten
Binkel des Elends erschien, wichen die Menschen zurck.
    Ui, guck! Malimmes lachte. Mir macht man die Gassen frei, als ob ich der
Knig wr!
    Prfend sah er das Gesicht des Kranken an. Der sthnte nimmer. Die
schwrzlichen Flecken auf Stirn und Wangen waren gewachsen, und neue waren dazu
gekommen. Und whrend der schwere Mann mit offenen Augen duselte, spannten sich
seine Arme wie eine eiserne Klammer um den Nacken des Sldners.
    Hia, la luck ein ltzel! Du druckst ja rger als wie ein Hnfener! Die
Klammer, die den Hals des Malimmes umschnrte, wurde nicht linder. Unter dem
Druck dieser Arme fiel ihm das Atmen schwer. Doch heiter schwatzte er vor sich
hin: Mir daucht, jetzt kommt der Achte. Vor dem ich mich hten htt mssen.
Aber ein Rindvieh bin ich allweil gewesen. Und bleib's. Er machte schnellere
Schritte und fing zu keuchen an.
    In einer Gasse, wo man nicht wute, was auf dem Haidplatz geschehen war,
blieben die Leute stehen und betrachteten in Neugier diesen Flinken mit seiner
kostbaren Last. Spottend schrie Malimmes: Obacht, Leut! Da kommt einer, der ein
ltzel grob ist.
    Die Leute verstanden nicht und wurden lustig. Malimmes mute deutlicher
werden. Leut! Da kommt der Tod! Der ist anmaiger als wie der Knig, ist mit
Kraut und Bratwurst nie zufrieden, frit die Menschen mit Haut und Haar!
    Nun ging ein dumpfes Geschrei und angstvolles Gerenne vor ihm her. Und
Malimmes rief den Springenden nach: Ein ltzel gemtlicher! Auf die Letzt
entrinnet ihr ihm doch nit! Und weil er sah, da ihm viele voraushopsten zum
Jakobstor, schwatzte er mit dem Bewutlosen, den er trug: Ei guck, jetzt haben
wir Vorlufer und Melder, wie der Propst vom heiligen Zeno in der Ramsau. Er
lachte. Blo ein Trompeter geht uns noch ab! Mit geblhten Backen, die Lippen
aufeinander pressend, begann er in drolligem Trompetenklang das Liedchen der
sechs Speckbrocken von Aufham zu blasen:

Ein Reiter, der wollt pi-hir-schen,
Halerieh halerah fallaaah,
Nach Reechlein nit noch Hi-hir-schen,
Halerieh halerah fallaaah -

    Ein tobender Aufruhr war beim Jakobstor. Die vielen, die dem Malimmes
vorausgesprungen waren, hatten dem Torwart schon gemeldet, welch einen hohen
Herrn man da getragen brchte. Und wie irrsinnig schrien sie: Das Gatter
hinauf! Der mu hinaus! Hinaus! Hinaus!
    Die schwere Balkensperre war schon emporgezogen, noch ehe Malimmes rufen
konnte: Weg frei! Da kommt der Tod! Im leeren Torbogen hallte sein Schritt.
Und dicht hinter seinem Rcken fiel das eisenbeschlagene Gatter mit Gerassel
herunter. So, du! Jetzt sind wir ausgesperrt. Die lassen uns nimmer hinein.
Jetzt wartet eine schne Frau umsonst.
    Vom Jakobstor ein paar hundert Schritte entfernt, stand hinter einer dichten
Wand von welkenden Bumen und Stauden das groe Sondersiechenhaus zum heiligen
Lazarus.
    Malimmes schnupperte. Mir daucht, da ruchert man einen Dachs aus? Es roch
nach Essig, nach Schwefel und Wacholderqualm.
    Jetzt brauchte er nimmer zu schreien: Obacht, Leut! Es kommt der Tod! Fr
den heiligen Lazarus war das keine Neuigkeit. Hier war der groe Sieger schon
lange anwesend. Mit zahlreichem Gefolge. Man hatte von der Holzlnde, vom Anger
vor dem Ostentor und von den Freiweinbuden des gtigen Knigs schon ber
zweihundert herbeigetragen. Die verdchtigen Taumler hatte man in den Saal der
harten Geduld gesperrt, die Kranken in die Bettstuben gebracht, die
Stillgewordenen im Garten der Barmherzigkeit versenkt in eine mchtige
Kalkgrube. Und als Malimmes mit seiner khlen, regungslosen Last die Torhalle
des schmerzvollen Heiligen erreichte, kam mit dem Sldner zugleich ein Zug von
vermummten Bahrentrgern.
    Ein Arzt und zwei Wrter, welche lederne Fustlinge, mit Essig getrnkte
Leinwandkutten und Gugeln mit kleinen Augenlchern trugen, mhten sich unter dem
groen Kreuz in der Halle vergebens, die starrverkrampften Arme des Sterbenden
vom Halse des Sldners loszubringen. Ich sag's ja! Der lat nimmer aus. Was ein
richtiger Strick ist, reit nit. Auf der Welt gibt's schlechte Seiler. Da drben
ist einer, der's besser kann. Gewaltsam mute Malimmes den Kopf aus dieser
unnachgiebigen Schlinge herauszerren. Als er sich aufrichtete, sagte er lachend:
So hart und mhselig bin ich noch nie aus einem Hnfenen herausgeschlupft. Gott
soll euch gndig sein, ihr Leut! Ich geh.
    Da fate ihn der vermummte Medikus am Arm. Hab noch ein wenig Geduld, du
Lustiger! Wir mssen dich behalten als verdchtig.
    Malimmes nickte. Ja ja! Ich bin schon allweil so ein verdchtiger
Lumpenkerl gewesen, dem man das belste hat zutrauen mssen.
    Man fhrte ihn zu einem dunstigen Raum, in dem es sehr heftig roch. Hier
wurde er entkleidet und mit einer Mischung aus Essig und Lauge gewaschen. Er
machte dabei so muntere Spae, da die Wrter nicht aus dem Lachen kamen. Einer
sagte: Wren alle wie du, so gb's beim heiligen Lazarus kein Zittern und
Grausen.
    Gelt, ja! Die Menschen sind arge Narren. Wie leichter einem das Schnaufen
wird, um so mhsamer finden sie's. Er bekam eine mit Essig getrnkte
Leinwandkutte, an der eine Gugel mit kleinen Augenlchern war. So! Jetzt wird
der Kapuziner bald fertig sein. Ein ltzel bruner mu er noch werden.
    Man fhrte den Vermummten in den Saal der harten Geduld. Hier waren schon an
die hundert zugegen, alle in den gleichen, suerlich duftenden Kutten und
Gugeln. Man unterschied da nimmer, was ein Alter oder ein Junger, ein Schmucker
oder ein Hlicher, ein Mnnlein oder ein Weiblein war. Schweigend saen und
standen die weien Masken in dem groen Saal umher. Und es war die einzige
Regung ihres bedrohten Lebens, da sie sich gerne an jenen Stellen des Saales
hielten, die farbig berglnzt waren von der schnen, durch die hohen
Buntscheibenfenster hereinfallenden Nachmittagssonne.
    Als der weivermummte Malimmes in den Saal geschoben wurde, drehten alle
anderen Masken die kleinen Augenlcher gegen die Tre. Mit drolligen
Tanzbewegungen kam der neue Bruder des letzten Wartens ber die Schwelle
gesprungen und begann den gleichen lustigen Rumor, wie damals im Leuthaus der
Ramsau. Viele von den Verhllten guckten ihn schweigend an, einige wurden
mimutig, schalten den bermtigen Gesellen und sprachen von der Heiligkeit des
Ortes und von der dunklen Nhe des Todes. Eine der Masken, ein schlankes,
flinkes Figrchen klatschte die Hnde ineinander, tat mit junger Stimme einen
etwas beklommenen Jauchzer und rief unter frohem Aufatmen: Dem Herrgott sei Lob
und Dank! Gucket, ihr Angstmuser, da kommt ein Mensch!
    Gelt, ja? Komm her, du guter Gesell! Wir zwei, wir halten zusammen als
lustige Gnoten. Ich wt nit, warum ich greinen mt. Bin ich gesund, so geht's
wieder heim ins Leben. Und mt ich sterben? Gut! So geht's hinauf in die ewige
Seligkeit, wo man die Kerzen nit putzen mu, weil sie allweil sauber und ohne
Ruber brennen. Komm her, Gesell! Vor uns das Schnste und hinter uns das
Liebste! Warum denn traurig sein in der Mitten?
    Die beiden, von denen der eine aussah wie der andere, lieen sich Seite an
Seite in der linden Sonne nieder und begannen ein so munter mit Spaen
durchspicktes Geplauder, da sie bald einen dicken Zirkel lachender Masken um
sich hatten. Auch die von dunklem Grauen durchrttelten Angstmuser muten
schlielich unter den weien Gugeln ein bichen schmunzeln, kamen nher,
lauschten in scheuer Neugier und wurden Menschen, in denen Zuversicht und
Hoffnung war.
    Als der junge, blasse Priester - der jede dritte Stunde kam, um mit den
Verdchtigen zu beten - das nchstemal den Saal der harten Geduld betrat und
diese heiter schwatzende Gesellschaft fand, war ein ratloser Blick in seinen
Augen. Schweigend ging er auf das an die Wand genagelte Kreuzbild zu, lie sich
auf die Knie fallen und begann erregt das Gebet zu sprechen.
    Langsam verstummte das Schwatzen und Kichern. Stimme um Stimme fiel in die
frommen Worte des Priesters ein, und mit hoch erhobenen Hnden beteten die
weien Masken. Jetzt war es anders als bei den frheren Gebeten; da hatte man
mir lallende, von Angst erwrgte Laute vernommen; jetzt klangen alle Stimmen
hell und ruhig, und in den frommen Worten, die sie sprachen, glhte eine
Inbrunst, die so frhlich wie glubig war.
    Whrend der junge Priester nach dem Amen rasch den Saal verlie, rief eine
weie Maske den anderen heiter zu: Ihr lieben Knospen! Nur wieder her zu mir!
Jetzt haben wir sauber gebrstete Seelen, da knnen wir desto lustiger sein. Wir
leben noch allweil, gelt? Das Leben ist wie ein fester, gesunder Stier, der an
eisernen Strngen zieht. Die reien nit leicht. Mich hat der Tod schon beim
Ohrlppel erwuschen, ich wei nit, wie oft. Und an den Fingern kann ich's nit
auszhlen, wie oft schon der Hnfene das Zpfl gekitzelt hat. Und jedsmal bin
ich wieder gesund ins Leben gesprungen. Ui, ihr lieben Gnoten, wenn ich das
alles erzhlen mcht, da ttet ihr lachen mssen.
    Ein heiteres Gedrng, man witterte abenteuerliche Schwnke, setzte sich um
den Lustigen her, und hundert Stimmen bettelten: Erzhl! Erzhl!
    Auf dem Boden in der Sonne hockend, die beiden Arme um die aufgezogenen Knie
geschlungen, fing die weie Maske zu erzhlen an: vom Birnbaum im Ungerland, von
der Blitzeiche im Clevischen, vom Schragen der gescheiten Ulmer, von den
Landshuter Wlfen und von der Schlittenfahrt auf dnnem Hosenboden, vom
schlechten Reusenstrick des Fischbauern, vom gengsamen Rappenholz, das mehr als
ein Dutzend nicht tragen wollte - von Herzog Heinrichs ngstlichem Profosen, der
seit dem Tag von Dachau immer hinauf schauen mu zum Himmel, ob da nicht ein
gefhrliches Ding herunterfllt auf seine irdische Gerechtigkeit, und vom lieben
Lendenschnrlein einer schnen Frau, die gerne reich geworden wre und das
unzufriedene Weiblein des rmsten unter allen Deutschen hatte werden mssen.
    Was das Leben an Ernst und Schmerz in die Wahrheit dieser Geschichten
hineingesponnen hatte, verwandelte sich im Saal der harten Geduld zu einer
gaukelnden Heiterkeit. Und als das bedrohliche Lendenschnrlein der schnen Frau
von Irgendwo entzweigerissen war und die freudige Runde der Lauschenden wieder
und wieder was Lustiges hren wollte, begann die unermdliche weie Maske immer
neue Galgengeschichten zu ersinnen, eine drolliger als die andere. Immer
wundersamer stellten sich die Rettungen ein. Beim dreiundzwanzigsten Hnfenen
wurde ein bermtiger, der die fr den Knig gebratenen Wrstlein verspeisen
wollte, zum unzerreibaren Strang verdammt; und als er baumelte, kam ein feiner
zierlicher Engel vom Himmel heruntergeflogen und brannte mit einem Sonnenstrahl
den sthlernen Strick entzwei. Der Engel hatte kupferfarbene Lcklein um das
zarte Gesicht, hatte Wangen wie rote pfel, hatte einen rosenfarbenen Mund und
Kinderaugen wie dunkle Kirschen. Und weil die groe, vom Baum gefallene Birne
sehr lange brauchte, um wieder ein lebendiger Mensch zu werden, beugte sich der
liebliche Engel zu dem halb Entseelten hin, der im Gesicht eine groe Narbe
hatte. Und mit silbrigem Fingerlein strich der Engel ganz leis ber die Narbe
herunter. Da fing die auferweckte Menschenseele zu niesen an und sagte lachend:
Hr auf, liebs Engelein, das kitzelt so schauderhaft, ich halt's nit aus!
    Whrend die weie Maske diese aus Sehnsucht, Spott und seltsamer Verzckung
gewobene Auferstehungsgeschichte erzhlte, ging ein vermummter Arzt im Saal der
leicht gewordenen Geduld umher, zog von den heiter Lauschenden einen nach dem
anderen auf die Seite, guckte ihm unter die Gugel hinauf und fhlte nach Puls
und Herzschlag. Zu jedem Verhllten sagte er die gleichen Worte: Sei ohne Sorg!
Morgen wirst du heimgehen drfen! Dann stellte er sich hinter den Kreis der
Lauschenden, die unter den letzten, dnnen Streifen der roten Abendsonne auf dem
Boden des Saales hockten. Und prfend sah er immer die eine Maske an, die mit
einer wunderlich sprunghaften Lustigkeit, fast in der taumeligen Art eines
Betrunkenen und unter wiegenden Kopfbewegungen erzhlte, wie die vom
dreiundzwanzigsten Tod erweckte Menschenseele und das wunderttige Engelein
miteinander schwatzten. Der Engel wollte die geplagte Seele von der bsen Erde
fortlocken und in den Himmel fhren. Aber die Menschenseele hatte gegen die
ewige Seligkeit allerlei witzige Bedenken.
    Ja, Leut! Und derweil die zwei so plauschen, kommt der Teufel des Wegs, als
wr's der Kaplan von Reichenhall. Jia, Leut, was fr ein schiecher Kerl ist das
gewesen! Hat einen Schweif gehabt als wie zusammengenht von siebzehn Ochsen.
Nit der Kaplan. Der Teufel! Und hockt sich her zu mir und nimmt das
Schweifqustl ber den Arm und erzhlt mir von der Hll so viel schne Sachen,
da ich hab denken mssen: Teufel, da geht's ja zu wie beim Knigsmahl im
Regensburger Stadthaus! Aber den Teufel kennt man doch. Nit, Leut? Der; lgt als
wie ein Burghausener Doppelsldner, den der Herzog lieb hat. Geh, sagt meine
schlaue Seel, fahr ab, du Stinker! In deiner Nh, da schmeckt's, als wie vor dem
Regensburger Jakobstor! Und der Teufel schaut mich an voller Wut und sagt: Du
Feinschmecker, was willst denn du? Mag nit in den Himmel und mag nit in die
Hll? Was will denn der? Und da schreit meine lustige Seel: "Lebendig bleiben!
Wahr ist's, Leut! Und der Seppi Ruechsam tt sagen: Was denn sonst?
    Die Maske hatte das so trunken und drollig herausgesprudelt, da ihre
hundert weien Brder lange lachen muten, ohne recht zu wissen, warum.
    Nur einer lachte nicht: der vermummte Medikus. Der legte der weien Maske,
die beim Wort des Seppi Ruechsam mit dem Kopf einen wunderlichen Tunker gegen
das Knie gemacht hatte, seine von Leder umhllte Hand auf die Schulter und
sprach: Du bist gesund. Dich knnen wir gleich entlassen. Komm!
    Gelt, ja? Ein langsames Aufrichten mit schweren Gliedern. Auch das war
komisch. Hab mir eh schon gedacht, da ich bis morgen nimmer warten mu.
    Nun gab's ein klagendes und doch so lustiges Durcheinanderschwatzen, als
wrde von einer vergngten Tafelrunde ein berfrhlicher verfrht nach Hause
geholt. Nur da man das Kssen und Hndedrcken unterlie. Das galt unter dem
Dache des heiligen Lazarus als ble Sitte.
    Bei der Tre rief die weie Maske noch lachend ber die Schulter: Auf
Wiedersehen, ihr lieben Gesellen! Seid ihr genesen, so treffen wir uns im
Bratwursthusl. Da la ich allweil ein Dutzend ber der Glut halten, da keiner
warten mu, wenn er kommt!
    Hundert heitere Stimmen. Eine Tr fiel ins Schlo. Und whrend der
Scheidende durch die dmmerige Halle taumelte, konnte er vom Saal der Geduld
noch immer das Lachen und das heitere Schwatzen der Zurckbleibenden hren.
Ruhig fragte er den vermummten Arzt: Wo steht mein Bett?
    Nicht weit! Komm, du Tapferer!
    Als man in der Bettstube aus der weien Gugel den kranken Malimmes
herausschlte, hatte der Duselnde schon einen so dichten Schleier vor den Augen,
da er die anderen Betten nimmer sah.
    Er fragte in seinem Taumel: Nchtet's schon?
    Wie aus weiter Ferne antwortete eine mde Stimme: Nach aller Nacht kommt
wieder ein Morgen.
    So so? Malimmes schmunzelte.
    Nun lag er ausgestreckt auf den feuchten Kissen, dehnte die Glieder, die zu
schmerzen begannen, und plauderte ganz leise vor sich hin: Jetzt, Frau Knigin!
Wo ist das wunderttige Fingerlein? Tief atmend schlo er die Augen.
    Man wollte ihn aus diesem Dusel noch einmal ermuntern, um die heilige
Zehrung auf seine Zunge zu legen.
    Er tat die Augen auf, tastete mit den Hnden ins Leere und lallte schwer:
Der Bub - wo ist denn der Bub -
    Dann sprach er nimmer.
    Irgendwo lutete eine kleine, dnne Glocke. Die lutete immer, die ganze
Nacht hindurch, den ganzen Tag. Manchmal schwieg sie so lange, da man halb ein
Vaterunser htte beten knnen. Bis zum Amen wre man nicht gekommen. So hurtig
und ohne Geduld fing ihr leichter, zappliger Schwengel wieder zu tingeln an. Sie
lutete, lutete, lutete -
    Diese Friedensglocke! Der die rzte prophezeiten, da sie bis in den Winter
tnen wrde. -
    Am dritten Tage bekam der heilige Lazarus schon zahlreiche Gste aus der
Stadt, neben Verdchtigen auch solche, ber die kein Zweifel herrschte. Doch der
Zuzug von der Holzlnde und von den Wiesen auerhalb der Mauer versiegte
langsam. Vor dem Ostentor war es still und d geworden. In den leeren Zehrbuden
wurde der Freiwein des gtigen Knigs in den halbverzapften Fssern sauer. Und
auf dem Anger, obwohl da kein Schwertstreich gefallen war, sah es aus wie nach
einer grimmigen Schlacht - nur mit dem Unterschied, da kein Mensch die grauen
Beutestcke haben wollte, die in schrecklicher Menge umherlagen. Und wenn die
Schweine, die hungrig von den Drfern gelaufen kamen, in dieser herrenlosen
Erbschaft whlten, geschah es manchmal, da eins von den Tieren umfiel, wie vom
Blitz erschlagen.
    Die vierzigtausend, die den geliebten Knig und ersehnten Retter nur auf der
Steinernen Brcke gesehen hatten, waren vor dem groen Sieger, dem auch der
Knig wich, in alle Windrichtungen davongelaufen, vermindert um einige Hunderte.
Und sie lieen noch auf allen Straen, am Wegrain und in den Grben viele
Mdgewordene zurck, die ber Nacht des Wanderns vllig vergaen.
    Auf den Reisestrecken der Frsten muten die Wegmacher vorausreiten, um die
Straen von aller Gefahr zu subern, die man sehen konnte. Die unsichtbare
blieb. Sie lief mit den Laufenden, ritt mit den Reitenden und lie sich mit den
Bequemen in der Snfte tragen.
    Am vierten Tage nach dem Friedensfeste war von allen Frsten nur Herzog
Heinrich noch in der Stadt. Er blieb, weil er nicht reisen konnte. Sein Arzt
glaubte, das wre wieder das alte Fieber mit neuen Erscheinungen. Aber es war
nur die Wirkung der aberglubischen Todesangst, die den Herzog in der Stunde
befallen hatte, als er aus dem Sondersiechenhaus die Nachricht erhielt, da sein
Hofstaat um den Galgenvogel Malimmes vermindert wre. Herr Heinrich wand sich in
Qualen, die mehr seelischer als krperlicher Art waren und sich durch ein
ruheloses Nervenzucken in der Magengrube uerten. Doch als er von Burghausen
die Kunde empfing, da in seinen Bergwldern die Hirsche gut zu rhren begnnen
und da besonders auf den abgebrannten Waldflchen bei Plaien die Brunft eine
selten lebendige wre, machte seine niedergedrckte Seele einen gewaltsamen Ruck
nach aufwrts: Da mu man genesen! Gott soll's wollen! Aber er wurde schwcher
und elender mit jeder Stunde.
    Schlielich begehrte er von seinem Leibarzt: Hilf mir, wie der selige
Malimmes geholfen hat! Der Medikus war ratlos. Herr Heinrich erklrte ihm die
Sache sehr umstndlich und genau. Doch als der Leibarzt mit der Handschneide
krftig zuschlug, ging's daneben. Der Herzog purzelte sthnend ber das Bett
hin, raffte sich wtend auf und verabreichte dem Medikus eine frchterliche
Maulschelle. Diese Aufwallung des Gebltes erwies sich als segensreich. Wie ein
neues Wunder des Malimmes war's. Herr Heinrich konnte am folgenden Morgen zu
seinen schreienden Hirschen reisen.
    Er reiste mit solcher Hast, da er an einem schwlen, wolkenschweren Morgen
bei Mhldorf den kleinen Reiterzug der Berchtesgadnischen und den Reiseschwarm
der Salzburger berholte, die zwei Tage frher von Regensburg aufgebrochen
waren.
    Gegen Abend drohte vom schwarzgewordenen Himmel ein schweres Oktobergewitter
herunterzufallen. Man mute einen Wolkenbruch besorgen.
    Frst Pienzenauer, der weit hinter den Salzburgischen zurckgeblieben war,
beschleunigte die gemchliche Reise, um vor dem drohenden Wassergu das
Stdtchen Laufen noch zu erreichen.
    Als durch eine Waldgasse schon die Trme und Mauern der kleinen festen Stadt
zu erblicken waren, hrte man ber die Strae her ein wildes, zorniges Geschrei.
    Lampert Someiner jagte voraus und brachte seinem Frsten die Nachricht, zu
Laufen wte man schon, da von Regensburg der schwarze Tod in die Welt liefe;
jetzt htte der Rat von Laufen das Tor gesperrt, gedchte keinen Reisenden in
die Stadt zu lassen und hielte mit einem Huflein von Spieknechten und
bewehrten Brgern die Strae verriegelt; darber wre ein Zank zwischen den
Salzburgischen und denen von Laufen ausgebrochen und die Streithhne wren schon
nahe daran, mit dem Eisen aufeinander loszuschlagen.
    Ein Jammer, Lampert! klagte Herr Pienzenauer. Die Menschen mgen nicht
lernen. Komm! Da mssen wir Frieden stiften. Die beiden spornten ihre Gule.
Ehe sie die Stelle erreichen konnten, von der das wste Geschrei zu hren war,
wurde zwischen denen von Salzburg und Laufen schon mit dem Eisen geredet. In der
Abenddmmerung gab es Funken. Doch die kleine Straenschlacht, die da begonnen
hatte, war noch zu keinem Toten, nicht einmal zu einem leicht Verwundeten
gediehen und nahm mit verblffender Schnelligkeit ein Ende. Aus dem Himmel fuhr
ein Blitz in den Wald herunter, wie ein brennender Baum so dick; ein Donner
rasselte, da die Erde beben mute; und pltzlich wurde die dunkle Hhe der
Lfte wei, so wei wie Schnee. Ein grauenvolles Sausen und Geknatter. Und mit
Krnern, die grer als eine Nu und nicht viel kleiner als ein Hhnerei waren,
prasselte der Hagel in dicker Masse auf die erschrockene Welt herunter. Das
klang auf den Krassen und Eisenhten derer von Salzburg und Laufen, als wrde
mit tausend harten Lffeln auf tausend blecherne Pfannen getrommelt. Die Gule
wurden scheu, die Knechte zu Fu begannen wie Narren zu rennen, und immer hrte
man die flinkvershnten Helden schreien: Au! Au! Au!
    Propst Pienzenauer und Lampert hatten sich mit ihren Rossen in einen
Heuschuppen geflchtet. Durch den weien Schnrchenvorhang der Hagelkrner sahen
sie ein komisches Gezappel von Gulen und Menschen, die nach allen Richtungen
auseinanderstoben. Das war anzuschauen wie der lustige Hohn und bermut eines
Fastnachtspieles.
    Seht nur, Herr, sagte Lampert Someiner, der Himmel kann doch das! Warum
macht er's nicht immer so, bevor die Menschen zu stoenden Ochsen werden?
    Da mte der Himmel hageln lassen durch Tag und Nacht. Lchelnd sah der
Graubrtige den jungen Gesellen an. Und der Himmel hat auch Blumen erschaffen.
Die wollen Zeit haben, um zu blhen.
    Hinter dem Hagel kamen unter Blitz und Donner noch so schwere Regengsse,
da es die Schindeln des Heuschuppens diesem Wassersturz nicht verwehren
konnten, die zwei Philosophen einzuweichen bis auf die Haut. Frst Peter sagte:
Komm! Wir wollen reiten. Drauen werden wir auch nicht nsser!
    Sie trabten durch den strmenden Regen. Hinter Laufen fand sich auf dunkler
Strae ihr halbes Geleit und ein Trupp der Salzburger mit ihnen zusammen. Erst
blieb man stumm. Dann wurde man heiter. Weil alle so lieblich pltscherten,
spottete einer ber den andern.
    Drei Stunden nach Mitternacht, als man Salzburg erreichte, begann der Regen
zu versiegen. Sterne guckten durch die ziehenden Nebel, und frischbeschneite
Bergspitzen sahen aus, als htten sie Mondschein.
    Ich will rasten und mich trocken legen! sagte Frst Pienzenauer in der
Herberg. In dir ist Ungeduld. Dich will ich nicht halten. Reite voraus!
    Lampert fand keinen hflichen Widerspruch. Er leerte einen Becher Glhwein,
geno einen Bissen und sprang in den Sattel.
    Die rein werdende Frhe dmmerte, whrend er durch die stillen Gassen der
Stadt davontrabte. Drauen auf der freien Strae lie er den Moorle jagen.
    Der Pongauer, der bei aller Mdigkeit die nahe Heimat witterte, machte
Sprnge, als mte er einem Sumpf entrinnen und festen Boden finden. Und wurde
der Gaul ein bichen ruhiger, so brauchte der vorgebeugte Reiter, dessen
Eisenzeug sich nach dem Regen und bei der frischen Morgenluft in roten Rost zu
tauchen begann, nur leise mit der Zunge zu schnalzen. Und der Pongauer stie mit
keuchenden Sprngen vorwrts.
    Die Ache rauschte mit so vielem Wasser neben dem Untersberge her, da man
das Rhren der Hirsche von den Wiesen des engen Tales und aus den steilen
Wldern nur wie ein dumpfes Murren vernahm.
    Immer heller wurde der Morgen, immer blauer der klare Himmel.
    Um eine dunkle Bergrippe herum, die letzte Wende.
    Und der weite herrliche Talkessel von Berchtesgaden tat sich auf mit
nebeldampfenden Tiefen, mit einem Kranze rot und gelb gewordener Wlder unter
den sammetgrnen Fichtengehngen, mit den weibeschneiten Almen und den
silbernen Zinnen, die sich vor der kommenden Sonne schon in glhendes Gold
verwandelten.
    Lampert Someiner mute schreien wie ein Trunkener.
    Schmerz und Freude brannten in seiner Seele, in seinem Herzen, in seinem
Blut.
    Tausende von Menschen waren hinuntergesunken, waren zertreten und
zerstampft. Kostbare Werte waren vernichtet, stolze Werke des Lebens lagen
zerbrochen, zerbrselt, in Staub zerrieben.
    Das schne, ewige Antlitz Gottes war unverwstet.
    Mit dem Brausen seiner Gewsser, mit dem Rauschen seiner Wlder, mit dem
Schrei der brnstigen Hirsche und mit dem Schweigen seiner wundervollen Ferne
sprach es in Gre und Herrlichkeit das gleiche mahnende Wort wie die kleine,
alte Uhr im Hause des seligen Amtmanns Ruppert Someiner.
