
                                  Christ, Lena

                                Mathias Bichler

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                                  Lena Christ

                                Mathias Bichler

                                   Im Weidhof

Meine Kostmutter hat mir gesagt, da ich am vierten Sonntag nach der Erscheinung
des Herrn, also gerade an dem Tag auf die Welt gekommen bin, da in Sonnenreuth
der erste Viehmarkt im Jahr ist.
    Wer meine Mutter ist, hat sie gesagt, das wei sie nicht; und von meinem
Vater hat sie bis auf den heutigen Tag nichts gesehen. Ich auch nicht; und ich
glaube fast, da es wahr ist, was die alte Irscherin, die Waldhex, gesagt hat:
nmlich, da ich ein Wechselbalg bin, bei dem die Truden und Unhold Gevatter
gestanden sind.
    Das aber ist einmal gewi: Ich bin an dem obgemeldeten Tag auf d' Nacht nach
dem Gebetluten vor der Haustr der alten Weidhoferin gelegen und habe durch
mein jmmerliches Wimmern die Leut erschreckt. Denn wie der Weidhofer, der
Memer von Sonnenreuth, vom Gebetluten heimkommt und zu der Haustr hineinwill,
liegt was am Boden. Er stt mit dem Fu daran hin, da fngt es an zu wimmern.
Der Weidhofer macht's Kreuz; dann aber hebt er das Pcklein auf und trgt's
hinein in die Stuben.
    Und wie sie den ganzen Haderlumpen auseinandergewickelt haben und haben
geschaut, da war's ich.
    Und auf einem Zettel ist es gestanden: da ich heut nacht zur Welt gekommen
und noch nicht getauft bin, und da die Gemeinde schon fr mich zahlen wird.
    Da hat die Memerin gesagt: In Gott's Nam; zieht man'n halt auf, den Wurm!
    Und sie hat mich am andern Tag aus der Tauf gehoben und hat mir eine Wiegen
in ihre Schlafkammer gestellt und an ihre Bettstatt gerckt.
    Und einen Namen hat sie mir gegeben, nach ihrem Sinn und Stand, und ich
heie: Mathias Bichler, der Weidhoferbalg. Denn da man keinen Vater noch eine
Mutter gewut hat, die mir htten ihren Namen geben knnen, so hat halt die alte
Weidhoferin den ihrigen hineingesetzt ins Taufbuch und hat gemeint: Alt ist er
und gut auch, und er wird schon auskommen damit und vielleicht einmal ein
rechtschaffener Bauer werden, wie der alte Bichler, Gott hab ihn selig, einer
gewesen.
    Aber es ist wohl ein wenig anders gekommen; und ich habe schon von klein auf
zu allem andern mehr Lust und Geschick gezeigt als zu einem Bauern.
    Auch bin ich nicht, wie andere Bauernkinder, stundenlang auf dem Stubenboden
oder im Hausflz gehockt, zufrieden, wenn man mir einen leinenen Schnuller in
den Mund steckte und den Stiefelzieher auf den Scho legte als Spielzeug. Ich
begann vielmehr, kaum ich ein vier, fnf Jhrlein alt und Herr ber den Gebrauch
meiner Glieder geworden war, allerlei Wnsche und Neigungen zu bettigen, die
wenig zu einem gengsamen und geraden Bauernwesen paten.
    Am liebsten schlich ich mich in die Knigkammer, die beste Stube des Hauses,
in der seit Menschengedenken aller Prunk und Glanz des Weidhofs angehuft wurde.
    Da whlte ich in den Truhen und Schrnken, behngte mich mit seidenen und
blumendurchwirkten Tchern, silbernen Ketten und schimmernden Flachszpfen,
setzte die alte, hohe Pelzhaube des seligen Weidhoferahnls auf und stellte mich
so herausgeputzt vor den Spiegel des Glaskastens und betrachtete und beschaute
mit viel Ergtzen meine Herrlichkeit. Sodann kletterte ich auf Tisch und Stuhl,
nahm die alten, vergoldeten Heiligenbilder von den Wnden, lehnte sie der Reihe
nach rings um die Ofenbank und begann, vor diesen auserlesenen Zuschauern die
wunderlichsten Tnze und Sprnge auszufhren.
    Oder ich trieb mich auf dem Dachboden herum und trug dort alles zusammen,
dessen ich irgendwie habhaft werden konnte: Decken, Schsseln, Messer,
Mausfallen, Weichbrunnkrgl, Gebetbcher; ja sogar das Vogelhaus samt dem Hansl
und die Blumenstcke vom Sller schleppte ich dahin.
    Dabei hatten alle diese Dinge in meinen Spielen ihre Bestimmung; sei es nun,
da der Vogelkfig zum Weidhof und die Blumenstcke zum Obstgarten wurden, oder
da aus den Gebetbchern ein ganzes Bauerndorf erstand, indem ich sie halb
geffnet auf den Boden stellte, die Messer als Bewohner dieses stillen Orts in
die Ritzen des Fubodens steckte, whrend ich den Kfig bald zur Kirche, bald
zur Schule machte und der flatternde, kreischende Vogel bald zum Schulmeister,
Pfarrer oder gar Herrgott erhht wurde.
    Rings um dieses Dorf hing ich dann die Decken ber altes Germpel und nannte
sie das Gebirge, whrend ich in die Schsseln von den Bergen aus Quellen, Teiche
oder gar Seen erschuf, welche Tat mir freilich einmal eine Tracht Prgel
eintrug, als der Weidhofer, der schon berall nach mir gesucht hatte, mich, als
ich eben regnen lie, in dieser seltsamen Gegend fand.
    Nun hat mir einmal der Brgermeister im Zorn darber, da ich in seinem
Garten die schnsten Frauenbirnen vom Baum gebrockt und in den eigenen Sack
gesteckt hab, nachgeschrien, da ich ein Zigeunerbalg und von teuflischen
Gauklern sei.
    Auch sonst wies allerlei darauf hin, da ich kein Bauernblut im Leib gehabt,
vielmehr ein loser Vogel und von abenteuerlichem Wesen war, auch jede
Kameradschaft mit andern Kindern meines Alters vermied und mich, wei Gott wo,
herumtrieb, daher meine Ziehmutter auch viele Kmmernisse mit mir ausstand.
    Sie war ein ruhiges und gottesfrchtiges Weib und hatte das Haus voll
Kinder, ohne selber jemals eins geboren zu haben. Es waren lauter fremde, die
sie um ein Vergeltsgott und etliche Kreuzer Kostgeld aufzog. Sie fragte nie
lange, woher oder von welchen Leuten so ein Wurm kam; mit gutem Herzen nahm sie
ihn in die Arme und war ihm eine rechte Mutter.
    Wenn ich an den langen Winterabenden in der Stube hockte und mit dem
Ziehvater Besen band oder der Mutter das Garn vom Spinnrocken verzwirnte, da
erzhlte sie oftmals den Mgden von ihren Eltern und deren Schicksalen.
    Lebendig steht er noch vor mir, der selige Weidhofer, wie ein knorriger,
trutziger Baum, mit allen Bauerntugenden, die seine einzige Tochter, meine
Kostmutter, von ihm rhmend berichtete.
    Er hatte den Weidhof schon als junger Bursch bernehmen mssen, nachdem ihm
der schwarze Tod ber Nacht die Eltern und das Gesinde weggeholt hatte. Er war
damals gerade im Tirolerland gewesen bei einem Vetter, als ihm flchtende
Bewohner des Heimatdorfes die Hiobsnachricht zutrugen. Kurz darauf holte er sich
eine Buerin aus der Umgegend, die ihm neben dem stattlichen Brautschatz auch
einen sparsamen Sinn und ein Paar riegelsame Arme mitbrachte. Mit ihr hauste er
fnfunddreiig Jahre und war zufrieden und angesehen. Und als er ihr nachmals
ein verschnrkeltes Grabkreuz und den alten Efeustock auf ihren Hgel setzen
mute, half ihm eine einzige Tochter trauern und den Hof versorgen. Diese
Tochter aber war meine Ziehmutter.
    Sie war damals ein hageres, gelbhaariges Mdchen, das nchtern und gelassen
alle Dinge nahm, wie sie kamen. Daher sagte sie auch ohne viel Besinnen ja, als
der Memerkaspar, ein ungeschlachter, aber gutmtiger Mensch, um sie anhielt.
    Der alte Weidhofer htte es nun freilich anders im Sinn gehabt, und der
Antrag des mageren Freiers war nicht nach seinem Willen; doch brachte er es
nicht ber sich, seinem einzigen Kinde dies zu sagen, und so wurde bald still
Hochzeit gehalten.
    Nach Wunsch und Willen des Weidhofers blieben beide im Haus; denn obschon
der immer noch rstige Alte nicht um alles den Weidhof bei Lebzeiten seinem
Schwiegersohn bergeben und sich ins Austragstblein gesetzt htte, wollte er
doch nicht, da seine Wabn als Memerin in einer Huslleutwirtschaft ein
kmmerliches Brot e.
    Und nachdem er sich als fast siebzigjhriger Greis zu seiner seligen Buerin
in die Grube gelegt hatte, bernahm der Memerkaspar den Hof und nannte sich von
nun an Weidhofer.
    Seine Ehe mit der immer hagerer und bleicher werdenden Wabn blieb kinderlos,
obschon diese die mannigfachsten Gelbnisse und Wallfahrten unternahm.
Schlielich trstete sie sich und begann, ein innerliches, gottseliges Leben zu
fhren, las fleiig den Thomas von Kempis und andere fromme Werke und hielt im
Haus auf Zucht und Gottesfurcht.
    Da htte sie es denn freilich gern gesehen, da ich, nachdem ich die ersten
paar Hosen auf der Schulbank zerrissen hatte und anfing, ein ziemlich
wohlgestalter, kleiner Bursch zu werden, auch zugenommen htt an Weisheit; denn
mein Ziehvater, der Memer, jammerte um einen Ministranten. Wohl waren unter den
sieben Kostkindern, die sein Weib aufzog, vier Buben; allein, er konnte keinen
fr dies Amt gebrauchen. Der lange Ambros war so dumm, da er das Glcklein
nicht einmal bedienen konnte bei der Messe, geschweige denn dem Pfarrer
antworten. Der Fritz war noch im Flgelrock, und Hans und Hausl muten schon
aufs Feld.
    Da sagte die alte Mutter oft zu mir: Mathiasl, schau, da d' gscheiter
wirst!, oder: Mathiasl, guck, unser lieber Herr braucht 'n Knecht!
    Und der Weidhofer, mein Ziehvater, setzte sich mit mir auf die Hausbank und
lehrte mich das Konfiteor, das Deo gratias und noch gar vieles.
    Oft nahm er auch ein paar alte Milchknnlein und wies mir, wie man den
Priester beim Amt bedient und bei der Messe.
    Dies alles htte mir wohl gefallen, und ich begriff schnell und mit gutem
Verstand, was er mir zeigte; allein die Leute sagten, da es eine Snde sei,
wenn so ein hergelaufener Balg am Altar des Herrn bediene. Wer wei߫, sagten
sie, von wem er stammt, und was fr ein gottloses Gewerbe vielleicht seine
Eltern getrieben haben!
    Und etliche Bauern sagten: Wir haben selber Buben; wir brauchen keinen
gelegten!
    Also durfte ich nicht in die Kirche und zum Altar, und der Weidhofer
schickte mich nun mit dem Vieh auf die Weide, und ich wurde der Hterbub.
    Das war freilich keine harte Zeit fr mich, und ich hatte viel der Weil fr
allerhand Dinge, die meinem Sinn damals noch nher lagen als Gebetluten und
Kirchendienen.
    Aus Weidenstbchen schnitt ich mir kleine Pfeifen und brachte es dabei auf
eine solche Anzahl, da ich mit ihnen das Te deum blasen konnte. Sie lagen alle,
den Tnen nach geordnet, auf einem Felsblock, und ich vergngte mich viel mit
ihnen.
    Oder ich machte Wasserspritzen und Luftpistolen aus Holunderholz und
verhandelte sie sonntags nach der Kirche am Gottesackertrl gegen alte
Silbergroschen, Glaskugeln, Adlerfedern oder andere Sachen, von denen ich in
einem Felsenloch schon ein gutes Huflein beieinander hatte.
    Darinnen sa ich oft stundenlang und unterhielt mich mit diesen leblosen
Dingen, als seien sie meinesgleichen.
    Ich stellte etliche wunderlich geformte Wurzelstcke an die Felswand, da
sie die Bauern wren; und die kauften oder verhandelten alsdann die
Kostbarkeiten, wobei ich jedem eine andere Stimme lieh und ein anderes
Temperament, gerade so, wie ich es an den Festtagen auf dem Kirchplatz von
Sonnenreuth gesehen und gehrt hatte.

                                 Die Wallfahrt


Zu meiner Kinderzeit hat man in Sonnenreuth den Schulzwang noch nicht gekannt;
daher auch der Weidhofer, mein Kostvater, seine Pfleglinge, um an Schulgeld zu
sparen, kaum sie ein paar Tafeln zerschlagen hatten, wieder von dieser gelehrten
Sttte hinwegholte und an die Arbeit spannte. Da mute denn ein jedes, sei es
nun im Stall oder drauen in Feld und Wald gewesen, aus sich selber die Bildung
des Verstandes und der Seele vollenden. Zum besseren Gedeihen dieses Werkes gab
mir die Ziehmutter eine zerschlissene Fibel, eine alte Legende und das
Evangeliumbuch mit auf die Alm, daraus ich dann oftmals meinen hlzernen
Freunden in der Hhle vorgelesen und gepredigt habe.
    Da geschah es wohl bisweilen, da das Vieh, whrend ich in dem Verstecke mit
mir selber Jahrmarkt oder Christenlehre hielt, auf und davon ging, so da ich
groen Flei brauchen mute, es wieder zusammenzubringen.
    Dabei ist es auch einmal geschehen, da sich eine Kalbin, die vielleicht aus
irgendwelcher Ursache erschreckt geflchtet war, so sehr verstiegen hatte, da
ich nimmer glaubte, sie lebend wieder zu erlangen. Sie stand blkend auf einem
kaum armbreiten Felsvorsprung des Schwarzenbergs und konnte nicht vor noch
zurck; ich wei beim Himmel nicht, wie sie dahin gekommen.
    In meiner Not fiel mir ein, ich knnte mich zu unserer lieben Frau vom
Birkenstein verloben, und ich versprach ihr sechs von meinen alten
Silbergroschen, wenn ich meine Kalbin heil und unverletzt herunterbrchte. Ich
wei aber nicht, wie es kam, oder ob sie half: In diesem Augenblick kamen ein
paar fremde Gesellen aus einer Felsenrinne hervor und halfen mir das Vieh
herunterschaffen.
    Es waren aber Pascher oder Schmuggler, die das Revier auskundschafteten; und
sie fragten mich des langen und breiten um alle Weg und Steg. Gern und willig
gab ich ihnen ber alles Aufschlu, froh, da ich die Kalbin wieder hatte; denn
mein Ziehvater, der Memer, war ein strenger, jher Mann, der in der ersten
Hitze oft manches tat, was ihn nachher gereute.
    Also hatte unsere liebe Frau von mir ein Gelbnis erhalten, und mich dnkte,
da ich es nun auch alsobald ausfhren msse, wenn ich ihr gefllig sein wollte.
    Und ich begann alsbald, mein Felsloch auszurumen und die Schtze im
Sonnenlicht auszubreiten; es war ein gerechtes Huflein. Aber es wurde mir nicht
leicht, mich so ohne weiteres von den schnen, funkelnden Silberstcken zu
trennen; immer wieder drehte ich sie zwischen den Fingern, legte sechs in die
linke Hand, wog sie, schttelte sie und schob sie endlich schnell wieder in den
Sack, indem ich halblaut vor mich hin sagte: Nein, diese nicht! Ich suche
andere aus!
    Doch auch mit diesen ging es mir nicht besser, bis ich endlich unvermittelt
das ganze Huflein zusammenraffte und wieder in die Hhle steckte.
    So trieb ich es acht Tage lang; da kam das Fest Mari Himmelfahrt. Fr
diesen Tag hatte ich mir von der Weidhoferin Urlaub zur Wallfahrt erbeten, und
sie schickte mir den langen Ambros, da er fr mich zwei Tage den Viehhter
mache.
    Der brachte mir in einem Bndel ein Stck Kse, Brot und die Nagelschuhe,
dazu mein gutes Jpplein und den Rosenkranz. Auch ein Wachs und eine dicke
Silberkette legte er mir hin und sagte: Das sollst unserer lieben Frau
mitnehmen von der Weidhoferin. Und du sollst ein paar Vaterunser fr sie beten
und die Meinung machen, da dies nur grad eine Drangab ist zu der Verlbnis, die
sie getan hat. Und sie kommt schon noch selber, dies Jahr, und tut ihren
Dankgott!
    Da gab es mir einen Ri. Meine Kostmutter hatte mir hier ihren kostbarsten
Schmuck, ihre Brautkette, fr die liebe Frau geschickt, weil sie kurz zuvor bei
dem scharfen Hagelschauer ihre Felder wunderbar beschtzt hatte; wie durfte ihr
nun ich, dem sie nicht weniger wunderbar geholfen hatte, meine paar
Silbergroschen verweigern!
    So eilte ich denn in die Hhle, steckte eine Hand voll Mnzen in meine
lederne Hose, schob die brigen in die dunkelste Ecke und dachte, da die
Himmelmutter wohl mchtig genug sei, mir das Opfer, welches ich ihr hiedurch
brachte, hundertfach zu vergelten.
    In diesen Gedanken legte ich die Schuhe an, hing die Joppe ber die Achsel
und sagte: Ambros, jetzt geh i halt in Gotts Nam. Pfate Gott!
    Und zum Vieh sagte ich noch, da ich ihnen einen besonders groen, krftigen
Segen mitbringen wolle und da ich sie schon einschlieen wrde in die Andacht.
    Dann nahm ich das bunte Sacktuch, in welches das Opfer der Memerin
eingewickelt war, hing es an meinen Stecken, lupfte mein Htl und machte mich
auf den Weg.
    Obgleich ich erst etwa zwlf Jahre zhlte und noch nicht ber unsere Alm
hinausgekommen war, fehlte es mir nicht an Schneid; es war mir genug, da die
Nandl, unsere Schwaigerin, einmal mit der Hand gegen den Wendelstein gewiesen
und dabei gesagt hatte: Siehst Mathiasl, dort hint is unsa liebe Frau vom
Birknstoa. Grad unterhalb vom Wendlstoa!
    Darum wandte ich mich sogleich gegen diesen, suchte mir einen Weg, der in
der Richtung fhrte, und trabte frisch dahin, indem ich wohlgemut ein Frauenlied
ums andere hinaussang.
    Dabei schaute ich immer wieder hinter mich, ob mir keine Kuh oder Gei
nachkme, und horchte auf das immer ferner klingende Gelute des Viehs. Doch
bald lag alles weit hinter mir in blulichen Dunst und Nebel eingehllt, und ich
stieg langsam auf einem einsamen Waldweg, zu dessen Seiten ein kleines Wasser
talab flo, bergan.
    Eine groe Stille war rings um mich her; nur der Schrei des Hhers, das
Singen der Waldvgel und das Summen der Hummeln und Wespen tnte an mein Ohr.
Kein Mensch begegnete mir; nur ein paar Rehe sprangen erschreckt davon, als sie
mich so unvermerkt vor sich sahen. So stieg ich weiter, bis ich, den Wald hinter
mir lassend, ber eine Almwiese wanderte, mit groen, erstaunten Augen
hinabschauend auf eine weite Welt, von deren Gre ich mir keine Vorstellung
machen konnte. Wohl an die zehn Kirchtrme erblickte ich da, die bald spitzig
wie ein Griffel, bald rund wie unsere Edelbirnen oder sonst wunderlich geformt
im Sonnenlicht glnzten.
    Ich blieb stehen, sttzte das Kinn auf den Stock und sah unverwandt hinab
und dachte, was das wohl schne Orte sein mchten, und ich wre gern einmal in
jedem gewesen. Da erhielt ich pltzlich einen heftigen Sto von rckwrts, da
ich rittlings ber meinen Stecken fiel; und da ich aufsah, stand ein Bauer
zrnend und greinend hinter mir und schrie, da es mir durch alle Glieder fuhr,
ich solle schauen, da ich aus seinem Grund und Boden hinauskme; und wenn er
noch einmal so einen verdammten Ellbacher Lumpen in seinem Rain fnde, knnt
schon sein ...!
    Ich erwiderte ihm zwischen Zorn und Schreck, da ich gar kein Ellbacher sei,
ja, da ich diesen Ort gar nicht wisse. I bin doch der Weidhoferbalg von
Sonnenreuth! sagte ich; und ich geh nur grad wallfahrten auf Birkenstein!
    Da schaute er mich erst zweifelnd, dann lachend an und meinte: Wie sagst?
Vom Weidhofer z' Sonnenreuth?
    Und als ich, wieder aufstehend, nickte, sagte er, dann solle ich nur da
weitergehen: Gleich da hinten bei dem Zwiefiturm ist Fischbachau; balst dich a
weni schleunst, nachher gehst es leicht in zwo Stund!
    Ich nickte wieder, und nachdem ich ihm noch mrrisch Pfa Gott gesagt,
lief ich davon.
    Der schmale Wiesenpfad fhrte wieder in einen Wald, und ich eilte nun, ohne
zu rasten, dahin, bis ich auf eine breite Strae kam, an der ein Wegweiser nach
Ellbach und Durham zeigte. Indem ich nun bald auf den Weg, bald auf die Tafel
blickte, donnerte ein Schu durch die Berge und gleich darauf noch mehrere. Ich
dachte, da es gewi Bller sein mchten, und hrte aufmerksam auf die Richtung,
woher sie kamen. Da drang pltzlich, erst verworren, dann immer deutlicher,
lautes Beten an mein Ohr, ich blickte mich um, da sah ich eine groe Schar
Mnner und Frauen die Strae heraufkommen, Fahnen und Kreuze tragend und den
glorreichen Rosenkranz betend. Voran gingen zwei Priester im Chorhemd; etliche
Ministranten mit roten, goldverzierten Schulterkrgen folgten ihnen und trugen
kranzgeschmckte Statuetten der Heiligen auf langen Stangen, und dahinter
reihten sich die Beter. Sie schritten alle gebeugt, und der Schwei stand vielen
auf dem Gesicht, doch hielten sie eine schne Ordnung; und es gingen auf der
rechten Straenseite die Frauen und auf der linken die Mnner hintereinander,
also da die ganze Straenbreite leer zwischen ihnen blieb. Ein Mann im Chorrock
lief mit einem langen, silbernen Stab bestndig den Zug entlang und schrie mit
groem Nachdruck immer die ersten Worte eines jeden Ave Maria hinter sich,
worauf die Beter alle zu gleicher Zeit einfielen; und es war die Ordnung also,
da die Mnner den Gru vorbeteten, die Frauen aber mit der Bitte nachkamen.
    Ich zog mein Htlein, lie sie an mir vorber und folgte ihnen, berzeugt,
da es Wallfahrer seien, die gleich mir die Mutter vom Birkenstein heimsuchten.
    So war es auch; und wir zogen unter dem Gelute der Glocken durch die Orte,
und es kam mir vor, als trabte eine groe Schafherde vor mir her, der ich als
ein junges Hndlein oder wie ein krummgehendes Lamm folgte. Doch zog ich auch
meinen Rosenkranz aus dem Sack und schrie mit vieler Kraft mein Gegrt seist
du, Maria hinter den Betern, so da sich endlich die letzten umsahen und mir
ganz freundlich und ermunternd zunickten.
    Immer noch krachten die Bller; und ich dachte, da es nun nicht mehr weit
sein knne bis zu dem Ort, wo sie abgefeuert wurden; denn sie donnerten hart,
und ihr Schall brach sich unmittelbar an allen Wnden.
    Langsam bewegte sich der Zug bergan, vorber an kranzgeschmckten Husern,
und von allen Seiten strmten Pilger herbei und schlossen sich ihm an. Und
whrend ich, neugierig einen vollbesetzten Wirtsgarten betrachtend, gedankenlos
noch meine Ave Maria schrie, verschwanden droben allmhlich die Fahnen und
Statuetten hinter den Birken eines von Menschen dichtumlagerten Felsens, von dem
das Gelute silberner Glocken tnte, der Glocken der Kapelle unserer lieben Frau
vom Birkenstein.
    Allmhlich zerteilte und lste sich der Zug in Gruppen, und ich schob mich
behende durch die Versammlung vor dem Kirchlein; denn ich wollte meine Aufgabe
vollbracht haben. Darum stieg ich sogleich die schmale Holztreppe hinauf, die zu
einem Wandelgang fhrte; der zog sich rings um das Kirchlein und war an Decke
und Wnden mit Votivtafeln und Gemlden dicht behangen. Ein niederes Tor stand
weit geffnet, und der Duft von Weihrauch und Kerzen drang heraus. Ich zwngte
mich durch einen dichten Knuel von Buerinnen und schlpfte ungeachtet ihrer
erzrnten Mienen und Reden hinein in die Kirche.
    Eine tiefe Stille war hier trotz der groen Zahl der Betenden, und man hrte
nichts als das Fallen der Rosenkranzperlen und das Knistern seidener Schrzen
und Kopftcher. Nur manchmal begann irgendein Weiblein zu seufzen oder zu
hsteln, oder es entstand ein kleines Gerusch durch eine abrinnende Opferkerze.
Ich empfand diese Stille und die Schwle in dem winzigen, vollgepfropften Raum
ganz bengstigend und suchte, da mir zudem auch jeder Blick auf den Altar durch
die Erwachsenen unmglich war, in die Nhe desselben zu gelangen. Ich schob mich
daher bald hier, bald dort an einer seidenen Schrze vorbei, trat wohl auch
manchmal einem oder dem andern auf die Zehen, bat diesen oder jenen Bauern, mich
durchzulassen, und brachte es am Ende zustande, da ich mich an der Stufe des
Hochaltars befand.
    Heia! Ri ich da die Augen auf! In einem magischen roten Licht, umgeben von
goldgeflgelten Cherubinen und kleinen Engeln, die auf rosenrot leuchtenden
Wolken schwebten, stand die Mutter mit dem Kind. Beide trugen goldene,
steingeschmckte Kronen und reichverzierte Prunkmntel; insonderheit der
schwere, weitausgebreitete Purpurmantel unserer lieben Frau erregte in mir
Staunen und Verwunderung. Das Bild schien mir zu schweben, und bei dem unsteten
Schein der vielen Kerzen glaubte ich fast, es lebe; denn es stand frei, hoch
ber dem Altar, und hielt ein Zepter mit so lieblicher Gebrde, wie nur ein
lebendes Wesen dies tun kann. Und ich dachte, wie es doch mglich gewesen wre,
ein solch kstliches Werk zu schaffen und aus dem ungefgen Holz zu schneiden;
denn der Weidhofer hatte mir erzhlt, da es holzgeschnitzt und bemalt sei. Und
mit einem Male trat ein Wunsch auf meine Lippen, an den ich noch nie zuvor
gedacht: Ich mchte ein solcher Meister werden, wie der dieses Bildes einer
gewesen. Inbrnstig sagte ich ihn drei-, viermal vor mich hin, und das letztemal
mu ich es wohl laut getan haben; denn eine Stimme hinter mir flsterte erzrnt:
Bist net glei stad!
    Ich wandte erschreckt den Kopf, und es war mir, als sei ich aus einem Himmel
gerissen worden; die ganze Andacht war dahin, und ich dachte an nichts mehr, als
wie ich am schnellsten aus den Augen dieser Menschen kme. Da trat eine dicke
Buerin vor und legte mit vielen Kniebeugen und ehrfrchtigen Gebrden eine
dicke Kerze und ein verschnrtes Pcklein auf den Altar. Sogleich folgten noch
etliche, und ich erinnerte mich dabei, da ich nun auch mein Opfer hinlegen
msse.
    Also holte ich erst meine Silbergroschen aus dem Sack und legte sie abseits
von den andern Gaben auf den Altar; sodann band ich das Tuch auf und wollte
schon das Wachs herausnehmen. Aber da fiel mir ein, da ich auch etwas zu beten
htte, und ich sagte nun, indem ich das Tchlein geffnet mit beiden Hnden
hielt, was mir meine Kostmutter aufgetragen; dann leerte ich es zu meinen
Groschen aufs Altartuch und drckte mich hierauf durch die Menge wieder dem
Ausgange zu.
    In diesem Augenblick krachten wieder die Bller, luteten die Glocken, und
ein Chor sang das Pange lingua, begleitet von Posaunen und Geigen. Auf dem
freien Platz hinter der Kapelle war ein Altar und eine Kanzel errichtet worden,
und eben gab der Pfarrer den Segen mit dem Allerheiligsten.
    Nun strmte alles herbei; die Kapelle und der Wandelgang leerten sich, und
die Menge lagerte sich auf Felsblcken oder im Grase und hrte auf die Worte des
Evangeliums. Da dachte ich bei mir, da es nun wohl besser sein mchte, wenn ich
wieder in die Kapelle ginge; denn ich verstand damals noch nicht gar viel von
Predigten und mute nicht selten dabei dem Schlaf wehren. Also trat ich abermals
ins Kirchlein und setzte mich betrachtend und staunend in die vorderste Bank
ganz nahe der Mauer, die mit Gemlden und Bildern berreich geschmckt war.
    Und wieder berkam mich dieses seltsame Gefhl, und ich betete und wnschte,
da ich immer in einem solch heiligen Haus weilen knne. Dabei schaute ich starr
auf das Bild der Mutter, deren liebliches Gesicht durch das flackernde Licht
bald zu lcheln, bald zu trauern schien; und ich merkte nicht, wie eine
verborgene Tr sich drehte und ein Arm sich herausstreckte.
    Da klirren meine Silbergroschen am Altar; ich blicke hin und sehe, wie eine
rote Hand sie zusammenrafft und mit ihnen verschwindet. Gleich darauf erscheint
sie wieder und packt auch das brige; ich stoe einen Schrei aus und strze aus
der Kirche und davon, fest berzeugt, da der Teufel leibhaftig der Mutter
Gottes ihre Gaben geraubt.
    Mein Entsetzen war so gro, da ich ohne Besinnen die Holzstiege hinablief,
mitten durch die andchtig der Predigt lauschende Menge, und weder sah noch
hrte, als etliche mich anschrien und versuchten, mich aufzuhalten.
    Durch ein felsiges Tal sprang ich dahin und hielt nicht inne, bis ich,
schweibedeckt auf einer einsamen, sumpfigen Wiese angelangt, bei jedem Tritt
tief in dem nassen Moor versank. Das bestrkte mich noch in dem festen Glauben,
da hier der Bse umgehe und besonders mir Verderben bringen wolle; und ich
begann, mich zu bekreuzen und unsere liebe Frau anzurufen. Der Frost schttelte
mich, und es peinigte mich ein groer Durst, whrend ich langsam einen Fu um
den andern durch den Morast zog.
    Nach geraumer Weile wurde der Boden wieder fester, und ich kam endlich auf
einen breiten, vielbetretenen Wiesenweg, dem ich, in trbe und abenteuerliche
Gedanken versunken, nachging. Alle Geschichten aus der Heiligenlegende fielen
mir ein, in denen der Teufel sein unheimliches Handwerk getrieben, die
gottseligsten Personen geschttelt, in die Hhe geworfen, geschlagen und
zertreten hatte, wie er den Bauern das Vieh im Stall verzaubert, da es blutige
Milch gab, und aus frommen Frauen die rgsten Hexen und Unhold gemacht hatte, so
da sie von Stund an Mensch und Vieh nur noch bel wollten. Ja, der alte Pfarrer
von Sonnenreuth hatte ihn selber leibhaftig gesehen damals, wie ihn der
hochwrdige Herr Bischof aus einem krummbeinigen, buckligen Menschen
hinausgetrieben hatte; wie eine feurige Katze sei er aus dem Maul des Besessenen
herausgefahren, htte gar jmmerlich geschrien und sei mit einem schrecklichen
Fluch verschwunden.
    Die Haare hatten sich mir damals gestrubt, und gar, als uns der Herr
Pfarrer aus einem Buch vorlas, wie es drunten in der Hlle zuginge, und was fr
greuliche Arbeit die Teufel und Oberteufel daselbst zu verrichten htten, da
schttelte es mich wie einen Hollerstrauch im Wind; denn da stand es schwarz auf
wei, wie die armen Verdammten in l und Pech gesotten, in glhende Feuerfen
geworfen, mit Nattern und Klapperschlangen zusammengesperrt und auch sonst
gezwickt und zerschunden werden, ohne da sie jemals einen Augenblick Ruhe oder
Erleichterung in dieser Pein haben. Und es sind aber sieben Kreise in der
ewigen Hlle, heit es weiter in diesem Buch, die gleich sieben unendlichen
Ringen den Pfuhl des obersten Teufels Luzifer umschlieen. Und ein jeglicher
Ring ist bewohnt von einer Legion Unterteufel, ber welche ein Oberteufel die
Herrschaft fhrt. Und es sind aber die Ringe also, da in jedem eine besondere
Art von Snde gestraft und gepeinigt wird. Die Hoffart mit Zwicken und Brennen
und in Kot Treten; der Geiz mit Nattern und Schlangen und sonst allerhand
schdlich Gewrm; die Unkeuschheit mit groen Hagelsteinen und brennendem
Pechregen; der Neid mit Stoen und Schmeien in siedendes l und
Darinniederdrucken mit teuflische Gabeln; die Vllerei mit Hunger und groer
Klt, also da die blutigen Zhren, so der Verdammte weinet, ihm an den Leib
gefrieren, und sein Bauch knurret aus bergroem Verlangen nach Speis; der Zorn
mit Geilen und Verschlieen in einen Kessel, allda Pech mit Hanfgarn gesotten
und mit teuflische Besen verzwirnet ist, und kein End nicht hergehet aus aller
Wirrnis und Pein; die Trgheit mit groen Steinen, so ihnen von den Teufeln auf
den Rucken gebunden, und die sie schleppen mssen durch ihren Hllenring ohne
Rasten und Absetzen in alle Ewigkeit.
    Ein Bllerschu ri mich aus der Betrachtung; vom Birkenstein klang Luten
herber und mahnte, den menschgewordenen Gott bei der Wandlung anzubeten.
    Ich schlug das Kreuz und lief darnach meinen Weg dahin, etliche Bauern
grend, ein paar Dirnen, die mit ihren feuerroten Unterrcken prangten, auf den
Weg nach dem Wallfahrtsort weisend und an nichts denkend, als da ich wieder bei
meinem Vieh und meinen Schtzen sein mchte.
    Gegen Abend kam ich wieder an die Weidhoferalm und ging sogleich in die
Htte; da mich aber die Nandl, unsere Schwaigerin, erblickte, lie sie
erschreckt den Melkeimer fallen und schrie: Mariand Joseph! Der Mathiasl! Ja
Bua, wo kimmst denn du her?
    Vom Birkenstein, sagte ich und erzhlte ihr mein Erlebnis. Da glaubte auch
sie nicht anders, als da hier der Teufel einmal wieder ein bses Werk getrieben
habe, und meinte, da ich mich nun wohl hten und vorsehen msse, denn das sei
klar, da er es auf mich abgesehen htte.
    Indem wir noch miteinander sprachen und ich in einen Hafen voll Milch ein
gerechtes Stck Brot einbrockte, kam der lange Ambros zur Tr herein; aber kaum
da er mich ersehen, tat er einen halblauten Fluch und lief wieder hinaus. Ich
schrie ihm nach, doch hrte er nichts mehr, auch war er nirgends mehr darnach zu
sehen.
    Da fiel mir mein Felsenloch ein, und zugleich dachte ich an meine Schtze;
ich lief hin, griff in alle Ecken und fand nichts mehr. Es war alles dahin.
Starr vor Entsetzen konnte ich nichts denken und sagte nur das Wort Teufel
etlichemale stumpfsinnig fr mich hin.
    Ein Lachen hinter mir erschreckte mich; ich sah mich um und in das hhnische
Gesicht des langen Ambros.
    Da suchst umsonst, rief er voll Spott und verschwand. Da packte mich ein
Grimm; ich strzte hinaus, ihm nach und packte ihn, gerade als er sich von einem
verwachsenen Kiefernbaum in eine Felsenrinne hinablassen wollte.
    Wo is mei Sach? schrie ich voll Wut und schttelte ihn, da er Mhe hatte,
sich zu halten.
    Was wei ich, sagte er hhnisch und gebot mir, ihn loszulassen.
    Ich lie ihn frei und wiederholte meine Frage; in diesem Augenblick aber
sprang er vom Baum, ergriff mich und begann mit mir zu ringen und mich gegen die
Felsrinne zu schieben. Wart, ich werd dirs gleich zeigen, wo's ist! knirschte
er und trat ein wenig zurck; noch ein kurzes Ringen, ein Sto, und nach einem
heftigen Schmerz am Kopf wute ich nichts mehr.
    Rings um mich war es Nacht, als ich die Augen wieder ffnete; ich lag hart,
und Steine und Gestrpp bedeckten mich. Meine Hnde tasteten im Dunkeln matt
herum, und ich fhlte, da ich durchnt war; doch wute ich nicht, ob es ein
Wasser war oder mein Blut, in dem ich lag. Ein dumpfer Schmerz whlte mir im
Haupt, und ich schlo die Augen wieder, indem ich abermals whnte, in eine Tiefe
zu fallen.
    Als ich wieder klar denken konnte, war es heller Tag, und ich sah, da ich
in einem seichten Wasser lag, welches ber Felsen und Gerll talab flo.
Brombeerstauden stachen und zerkratzten mich, meine Glieder schmerzten, und mein
Mund war verschwollen und verklebt. Es drstete mich, und ich versuchte, meine
Lippen zu netzen, aber meine Arme gehorchten dem Willen nicht mehr und fielen
kraftlos herab, so oft ich versuchte, sie zu erheben. Da begann ich, um Hilfe zu
seufzen und Gott anzurufen, denn ich whnte, da mein Ende nahe sei. Ich lieh
meinem inbrnstigen Gebet Stimme und sthnte laut und lauter: Herrgott hilf!
Maria hilf!, bis mein Haupt abermals, der Sinne beraubt, zurckfiel ins Wasser.

                                  Im Waldhaus


Da ich wieder erwachte, sah ich ber mir einen bemalten Betthimmel; die gekrnte
Jungfrau blickte auf mich hernieder, und lustige Engel umschwebten sie und
hielten ihr Gewand. Geblmte Vorhnge hingen zusammengeschoben von dem Baldachin
herab, und ein rothaariges Mdchen band sie eben an den gedrehten Sulen des
Lagers fest.
    Ich blickte verwundert bald auf das Mdchen, bald auf mein Bett, und es war
mir, als trumte ich; aber das Mdchen redete mich, da es meine Augen offen sah,
sogleich an und fragte: Hast du Durst? Liegst du gut?
    Ja, sagte ich blo; da brachte sie mir ein Krglein mit einem Trank und
meinte: Gut schmecken tut's ja nicht; aber die Hitze nimmt's!
    Ich trank gierig, und sie sttzte mir dazu mein Haupt mit dem Kissen, indem
sie ihren Arm darunterschob. Dann legte sie mich wieder hin, holte sich das
Spinnrad aus der Ecke, in der ich auch einen alten Hausaltar erblickte, setzte
sich neben das Bett und spann.
    Da berkam mich eine groe, wohlige Ruhe; meine Wunden brannten nicht mehr
wie vordem, und ich fhlte, da ich nun wieder lebte und gesund wrde.
    Nach einer Weile, whrend der ich nur das Schnurren des Spinnrads, das
Summen der Fliegen und das hackende Ticktack der hohen Standuhr vernahm, tat
sich die Tr auf, und ein altes, runzliges Weib trat lautlos ein und ging auf
mein Lager zu.
    Er ist munter! meinte sie, da sie meine offenen Augen sah; jetzt mu er
aber essen, der Bursch!
    Ich versuchte zu reden und fragte, wo ich denn sei. Da sagte sie: Gut
aufgehoben. Frag nicht und sorg dich nicht; du mut wieder werden.
    Darauf nahm sie mir meine Kopfbinde ab, tauchte sie in eine Schssel und
legte sie mir wieder an; auch strich sie etliche Pflaster auf leinene Lappen und
beklebte damit meine Wunden und sagte dazu: Einen guten Gsund hast schon, Bub!
Das hlt der zehnte nicht aus! Ich hab schon gefrchtet, da ich dem Totengrber
das Ma bringen mt fr deine Gruben; aber jetzt hast du's gewonnen!
    Darauf kniete sie sich an das Bett und betete dieses Gebet:

Es reiten siebenundsiebzig Diebe hinaus,
Sie reiten fr eines Menschen Haus.
Gott der Herr sprach: Ihr Reiter, wo wollt ihr hinaus?
Wir wollen in eines Menschen Haus
Und wollen ihm nehmen sein Fleisch und sein Blut.
Und wollen ihm nehmen sein Freud und sein Mut.
Gott der Herr sprach: Siebenundsiebzig Frsten, das sollt ihr nicht tun,
Ihr sollt ihn lassen liegen und ruhn.
Ihr sollt ihm lassen sein Fleisch und sein Blut
Und sollt ihm lassen sein Freud und sein Mut.

Es gehe ber dich bald der Segen Gottes des Vaters, der Segen des Sohnes und der
Segen des heiligen Geistes. Amen. Es sollen vergehen deine siebenundsiebzig
Fieber im Namen des hchsten Gottes. Amen.

Sodann stand sie auf und besprengte mich mit einem geweihten Wasser und machte
das Zeichen des Kreuzes ber mich.
    Nun brachte das rote Mdchen ein Schsselchen mit Milch und brockte ein
weies Brot hinein. Darnach setzte sie sich an mein Bett und gab mir lffelweise
zu essen.
    Guck, sagte sie; unser Vogel frit wieder! Gilt's, er lernt auch wieder
fliegen, Mutter?
    Wann ihm die Flgel wieder geleimt sind, kanns schon sein, meinte die Alte
und mischte ein Pulver und rhrte es ins Wasserkrglein; 's hitzige Fieber darf
er freilich nimmer kriegen, der Bursch, sonst wachsen ihm andere Fittig, whn
ich!
    Und dann gab sie mir wieder zu trinken und wnschte mir eine geruhige Weil
und einen baldigen Gsund.
    Hierauf setzte sie sich in den Sorgenstuhl hinter dem blulichen Kachelofen,
steckte sich eine groe Hornbrille auf die Hakennase und las schweigend in einem
alten, dicken Buch, whrend das Mdchen wieder zu spinnen begann.
    Ich lag ganz still und sah den Fliegen zu, wie sie ihren Reigen um die bunte
Perlenampel tanzten, die am Fenster hing und in der Abendsonne glnzte, bis mich
ein guter Schlaf bermannte.
    Den andern Morgen, da ich eben erwachte, trat ein bleicher Bursch zur Tr
herein und blickte sich um in der Kammer; und da er mich in meinem Bette liegen
sah, fragte er mich, ob ich die Jungfer Kathrein nicht gesehen htte.
    Ich wute nicht, um was es galt, also sagte ich ihm: Nein, und ich kenne
niemand dieses Namens.
    Da trat das rothaarige Mdchen mit meiner Morgensuppe zur Tr herein; doch
kaum sie jenen erblickte, tat sie einen Schrei und lief sogleich wieder hinaus.
    Der Bursch schaute ihr lachend nach und rief: Lauf nur, Jungfer, ich
erwische dich ja doch noch!
    Dann ging er aus der Kammer, und ich hrte ihn drauen noch rufen und
schreien und merkte daraus, da er die Jungfer htte haben mgen, da sie aber
nicht willens war, ihm zu eigen zu sein.
    Da sie nun nach einer geraumen Weile mit roten Augen wieder hereinkam und
mir meine Schssel Milch eingab, begann ich, sie eindringlich zu betrachten.
    Sie war wohl an die fnfzehn Jahre alt und hoch und schlank gewachsen, hatte
ein milchweies Gesicht und ein Paar feine, rote Lippen. Ihre Augen sahen mich
freundlich an; doch an dem unruhigen Blick des Mdchens erkannte ich, da sie
sich frchtete und in Sorge war.
    Also fragte ich sie: Warum hast d' denn geweint?
    Sie sagte: Weil ich ein Unglck hab.
    Ich fragte wieder: Wer ist der Bursch gewesen?
    Dem reichen dhofbauern sein Bub, erwiderte sie; er htt mich freien
mgen.
    Bist du denn die Jungfer Kathrein? fragte ich wieder.
    Ja, sagte sie; und ich mag ihn nicht, weil er heut die und morgen die hat
zum Gespons.
    Ich freute mich, da sie ihn nicht mochte, und sagte: Du bist brav, weil du
bei mir bleibst. Ich mag dich.
    Zugleich wollte ich mich aufsetzen und ihr meine Zrtlichkeit bezeigen; aber
ich konnte nicht. Da sagte ich zu ihr: Heb mich auf, ich mcht dich
streicheln!
    Dies gefiel ihr so wohl, da sie sich ber mich neigte und ihr Gesicht auf
meine Wange legte, mich einen lieben Dalken hie und mit ihren feinen Hnden
ber meine Finger strich, da mir ganz wohl und warm dabei wurde.
    Ich hielt den Atem an und rhrte mich nicht und dachte nichts weiter, als
da es so gut sei. Und da sie gehen wollte, bat ich: Bleib noch da!
    Aber sie mute fort, und ich lag wieder allein, bis die Alte im
Kirchengewand und Kopftuch in die Kammer trat.
    Ei! sagte sie zu mir, whrend sie ihre gute Schrze abband und eine rauhe,
alte dafr umtat; hat der Bursch schon aufgehrt zum Schlafen! Hast du schon
was gegessen? Ja, sagte ich; die Jungfer Kathrein hat mir schon was
gegeben.
    Da fuhr sie in die Hhe: Was tausend! Jungfer Kathrein! Wer hat dir das
geschafft, da du die Dirn so benamsen sollst?
    Niemand, sagte ich; aber es ist einer dagewesen, der sie so geheien hat;
und dann hat er geschrieen und sie hat geweint.
    Da lachte sie kichernd und meinte: Ja, ja! Sie wr ihm wohl gut genug aufs
Stroh! Aber ...
    Das andere murmelte sie in sich hinein und machte dazu ein bses Gesicht,
warf die Sachen in der Kammer durcheinander und fuhr mit den Hnden herum, da
ich mich vor ihr frchtete und pltzlich fragte: Wer seid Ihr? Bei wem bin
ich?
    Da lachte sie wieder, wehrte mir mit beiden Hnden kopfschttelnd ab und
lief hinaus.
    Nun berfiel mich eine groe Angst, und ich schrie, so laut ich konnte, nach
der Jungfer. Sogleich kam diese herein und fragte nach meinem Begehr.
    Ich mcht heim zu meiner Ziehmutter! sagte ich; ich frcht mich bei euch.
Deine Mutter ist wie eine Hex ...
    Das letzte flsterte ich nur und sah ngstlich nach der Tr, wo die Alte
zuvor verschwunden war.
    Kaum aber waren die Worte meinem Mund entkommen, da schrie das Mdchen laut
auf und weinte und klagte: O Unglck! O Schand!
    Ein heftiges Mitleid mit der Jammernden erfate mich, und ich bat sie, doch
aufzuhren mit dem Weinen, und ich htte ihr nicht weh tun wollen.
    Aber sie lie sich nicht mehr trsten und schwur, da sie dies Haus
verlassen werde und fremd wohin gehen. Und dann sagte sie mir, da sie gar nicht
die Tochter der Alten sei, sondern nur ein hergelaufenes Mdchen, das die
Pflegemutter wohl einmal irgendwo aufgelesen htte. Eigentlich sei ja die
Ziehmutter das beste Weib unterm Himmel; die gb gewilich ihr Leben fr ihr
Pflegekind; aber - sie sei halt doch eine verrufene Waldhex.
    Ich erschrak bei diesem Namen auf das heftigste, denn ich gedachte meiner
Ziehmutter und ihrer Erzhlungen von der alten Irscherin, der Waldhex, von der
es hie, da sie Kindern die Hnde abhaue und diese an Ruber und Diebe verkaufe
als ein Zaubermittel gegen Verfolger, und da sie auch sonst viel schndliche
Dinge treibe.
    Stockend fragte ich: Wie heit denn deine Ziehmutter?
    Sie ist die alte Irscherin! sagte sie und meinte, da ich erblassend ihren
Arm ergriff: Du brauchst aber keine Furcht vor ihr zu haben; sie tut niemandem
was, am wenigsten dir. Wenn du das gesprt httest, wie sie dich damals in dem
Felsenloch auf die Schultern genommen und hergebracht hat, wie sie dich in ihr
eigenes Himmelbett gelegt und gewartet hat und gepflegt, wie sie die vielen Tage
und Nchte bei dir gewacht hat und dein hitziges Fieber gekhlt und dich
besnftigt hat, wenn du in deinen unsinnigen Trumen gerungen hast mit einem
andern und getobt und geheult; wenn du das alles gesprt httest, sag ich, du
knntest dich nicht frchten vor ihr!
    Staunend vernahm ich alles dies und fragte: Wie lange bin ich denn schon
hier?
    Gewilich schon an die vier Wochen oder fnf! erwiderte sie und khlte mir
die heie Stirn mit einem nassen Tuch und gab mir zu trinken. Wir wissen
nicht, fuhr sie darnach fort; woher du kommst, und auch nicht, wer du bist,
und niemand in der Gegend hat bis heut nach dir gefragt. Du bist ohne Sinnen und
ganz ohnmchtig dagelegen bis gestern und wirst wohl noch eine Weil stillhalten
mssen, bis du wieder richtig bist. Aber das ist einmal gewi: Die Mutter macht
dich wieder gesund. Und du sollst dich nicht mehr vor ihr frchten!
    Sie strich mir ber die Wangen; da sagte ich: Wenn du sagst, da sie so gut
ist, dann frcht ich mich nimmer.
    Wie heit du denn? fragte sie wieder; und wie konnte dir das Unglck so
ankommen?
    Da sagte ich ihr, da ich der Weidhoferbalg sei und Mathias Bichler heie.
Auch von meiner Wallfahrt berichtete ich und von meinem Kampf mit dem langen
Ambros; doch tat ich es nur stockend und fhlte eine Schwche beim Reden.
    Da meinte sie: Schweig nur wieder still und denk nicht mehr daran! Ich
bleib schon bei dir!
    Dessen war ich von Herzen froh und tat von da ab alles, was sie mir zu
meiner Gesundung empfahl, und war auch gegen meine alte Pflegerin dankbar und
zutraulich.
    Und als sie meiner Ziehmutter, der alten Weidhoferin, zu wissen machte, da
ich bei ihr sei, und da diese voller Schreck den Hausl zur Irscherin sandte mit
der Botschaft, sie htte das Bett schon aufgedeckt fr mich und ich bruchte
mich blo hineinzulegen, da sagte ich zu dem Buben: Sag der Mutter, da es mir
bei der Irscherin ganz gut geht, und da auch auf dem Stroh von der Waldhex gut
schlafen ist, und ich glaube, da sie gar keine ist.
    Da lie sie mich noch liegen und schickte nur ab und zu einen Boten, da er
ihr einen Ausspruch brchte, wie es mit mir stand; denn um keinen Preis htte
sie, die fromme Memerin, es ber sich gebracht, das Haus der verschrienen Alten
zu betreten; es wre denn ein Pfarrer vor ihr hergegangen und htte den Teufel
mit Weihrauch und Benediktion gebannt und verscheucht.
    Ich selber sprte nun allerdings nichts von dem unholden Wesen, das man der
alten Irschermutter nachsagte; sie pflegte mich Tag fr Tag mit einer
gleichmigen Freundlichkeit, riet mir dies und gab mir das, und noch ehe ein
Monat um war seit dem Tag, da ich zum erstenmal wieder klaren Verstand gezeigt
hatte, konnte ich schon mit ihr am Waldrand entlang hinken oder hinter dem Haus
auf dem Anger in der Sonne liegen und die Geien hten.
    Auch lernte ich allmhlich das Haus der alten Mutter, das Stblein der
Jungfer Kathrein und noch allerhand kennen; auch wute ich nun, da die Alte
eine groe Kunst kannte, Leut und Vieh von Krankheiten und Gebresten zu heilen,
Menschen auf kommendes Unheil vorzubereiten oder selbiges von ihnen abzuwenden,
wenn sie sich ihr freundlich erzeigten. Sie konnte sympathische Trnke mischen
und denen helfen, die durch unholde Zauberei liebeskrank, unglcklich oder arm
geworden waren.
    Auch bereitete sie auf eine geheimnisvolle Weise Glcksmnnlein oder
Mandragoren.
    Da las sie erst eifrig in ihrem alten Handbuch, schrieb mit der Kreide
allerhand geheime Zeichen an die Stubentr und blickte jeden Abend aufmerksam zu
den Sternen. Endlich hatten diese eine glckliche Stellung zum Monde, und nun
ging sie mit einem Tuch hinaus an den Saum des Waldes. Dort grub sie etliche
seltsam geformte Wurzeln aus, die sie Hundswurz oder auch Alraunen nannte, und
trug sie in dem Tuche heim. Nun beschnitt sie alle Auslufe der Wurzeln, holte
aus einer alten Truhe ein Leichentuch, in das, wie mir die Jungfer Kathrein
berichtete, einst ein heiliger Mnch des Zisterzienserordens gehllt gewesen,
und trug sie so verwahrt nach dem Friedhof. Hier steckte sie die Wurzeln in die
Grabhgel verstorbener reicher Leute und ging darnach heim.
    Am andern Morgen durchsuchte sie den Dachboden nach Fledermusen, fing drei
derselben und ertrnkte sie in den Molken der Kuhmilch; darauf begann sie laut
zu beten und heilige Sprche herzusagen und go die Milch in ein kupfernes
Weihbrunngef.
    Jeden Morgen vor Sonnenaufgang ging sie nun laut betend ums Haus, nahm
darnach etwas von den Molken und begab sich zum Friedhof, die Wurzeln mit dieser
Milch zu begieen. Hierauf ging sie in den Wald und sammelte Farren- oder
Natternkraut, sowie auch Eisenkraut, drrte es und legte es darnach in die
Truhe.
    Nach etlicher Zeit, es mochte wohl eine Woche oder zwei vergangen sein, grub
sie die Wurzeln wieder aus, trug sie im Leichentuch wieder nach Hause, heizte
den Ofen mit dem gedrrten Kraut und trocknete die Alraunen an diesem Feuer.
Dann schnitt sie von dem Leichentuch kleine Stcklein ab und wickelte die
Wurzeln, welche jetzt gerade so aussahen wie winzige, vertrocknete
Zwergmnnlein, darein und nhte sie in leinene Scklein.
    Solange man eine solche Mandragora bei sich trug, schlugen einem nach dem
Ausspruch der alten Irschermutter alle Geschfte und Handelschaften zum Glck
aus, und sie gab mir Beispiele, wie dieser und jener Bauer, der vordem ein armer
Fretter gewesen, pltzlich zum glckhaften und wohlhabenden Mann geworden sei,
nachdem er eine solche wunderbare Mandragora von ihr erhalten habe.
    Sie wute auch allerlei Mittel, um einem eine geliebte Person hold zu
machen, und hatte eine gute Kundschaft von solchen Leuten, denen sie dann um
gute Worte allerlei gab: dem einen ein gepulvertes Schwalbenherz oder das einer
Taube, das mute er der Liebsten in den Wein streuen; der andern ein Stck
Lilienwurz und ein Ringlein, woran die Verliebte etliche von ihren Haaren binden
mute und es dem Liebsten in das Gewand stecken, ohne da er es merkte; wieder
einem gab sie ein Wachsbild, das eine Frau vorstellte, und sie sagte ihm, da er
dies Bild in ein Stcklein seines Hemdes wickeln und der Verehrten unter den
Kopfpolster ihres Bettes legen msse, worauf sie ihm ewig zugetan sei.
    Auch Liebestrnke braute sie aus Johanniskraut und starkem Met und gab dies
denen, die sich ber groe Klte der geliebten Person beklagten.
    Doch auch Gegenmittel wute sie zu geben, wenn durch irgendwelchen Zauber
jemand von einer unsinnigen Liebe fr eine Person ergriffen war und wieder davon
geheilt sein wollte.
    Da lie sie dem Kranken einen Magneten auf die Brust hngen, Ipericon mit
Melissenwasser trinken oder destilliertes Enzianwasser und riet Bder aus
Johanniskraut und Dorant.
    Auch verstand sie eine uralte Kunst, das Nestelknpfen, um einem Bauern oder
Burschen die Mannbarkeit auf lange oder kurze Dauer zu nehmen, und das
Grteldrehen, was den gleichen Zweck hatte.
    So strafte sie auch den dhofer fr seine unvernnftige Liebeshitze zur
Jungfer Kathrein; sie knpfte, als er wieder einmal kam und ungestm nach der
Jungfer rief, eine uralte, rote Nestel hinter seinem Rcken und gab ihm ein Glas
Wein, in dem sie Sauerampfer destilliert hatte, worauf er sich nicht mehr sehen
lie im Hause; doch wei ich nicht, ob er wegen der geknpften Nestel oder wegen
des bitteren Weins ausblieb; wo er aber hinkam, schalt er laut ber die Hexe.

                                  Lieb und Tod


Die Zeit ging hin, und ich war unversehens so ein halb, dreiviertel Jahr im Haus
der alten Irscherin gewesen und hatte dort vieles gesehen und auch gar manches
gelernt, was mir nachmals im Leben ntzlich und zur Wohlfahrt wurde; hatte auch
eine innige und feste Zuneigung zur Jungfer Kathrein gefat und, obschon ich
erst ein gut zwlfjhriges Brschlein war, bei mir beschlossen, sie einmal zu
ehelichen.
    Das sagte ich ihr auch ganz frei, und sie lachte dazu und lie mich
gewhren, wenn ich sie strmisch umschlang, ihr die roten Haare zauste oder
sonst zrtliche Spe mit ihr trieb. Da hie sie mich ihren nrrischen Buben
oder ein Nachtei, ein dummes, und, wenn ich es etwan gar zu unsinnig trieb,
ihren tolpatscheten Ritter. Dazu gab sie mir einen zrtlichen Backenstreich und
zuweilen wohl auch einen Ku.
    Meine Liebe fr sie wurde immer heftiger, und ich erschrak bei dem Gedanken,
da ich nun doch bald von ihr scheiden msse und wieder zurckkehren zur
Weidhoferin.
    Und da nun der Knecht meiner Ziehmutter wirklich kam und mich holen wollte,
lief ich, kaum ich ihn von weitem gesehen hatte, davon und in die Kammer der
Jungfer. Dort verkroch ich mich unter ihre Bettstatt und lie mich nicht mehr
blicken, bis das Kathreinl spt am Abend hineinkam und ich sie weinen hrte. Da
kroch ich eilig hervor und fragte sie: Was weinst du denn, Kathrein?
    Sie erschrak heftig und wollte davon; doch ich sprang auf sie zu, umschlang
sie und bat sie flehentlich zu bleiben. Nun erst erkannte sie mich und rief
Mathiasle! O du Ludersbub, du schlechter! 's ganze Haus, alles hab ich um dich
abgesucht! Die Mutter ist noch drauen im Holz und schaut und schreit nach dir,
und sie meint, du bist wieder in die Klauen von dem Unhold gefallen, der dich
selbigsmal in die Felsenschlucht gestoen hat!
    Darnach seufzte sie und fuhr fort zu reden: Ach, Bub! Jetzt ist's halt
wieder vorbei! D' Weidhoferin hat geschickt, und du mut heim! Jetzt bin ich
halt wieder allein.
    Und sie begann aufs neue zu weinen und setzte sich aufs Bett und drckte die
Schrze an die Augen.
    Da sprang ich auf ihren Scho, halste sie und streichelte sie und gab ihr
die zrtlichsten Namen, um sie zu trsten. Kathreinl! bat ich; sei doch
wieder gut! Ich geh ja gar nicht fort! Ich bleib halt da bei dir und la der
Mutter sagen, da mich du nimmer g'raten kannst!
    Und da sie mir nichts antwortete, kte ich sie auf die Lippen, Augen und
Wangen und geriet in eine solche Liebeshitze, da ich selbst darber verwundert
war, ohne jedoch der Natur zu wehren. Vielmehr verstieg ich mich zu den tollsten
Versprechungen: da ich jeden totschlage, der mich von ihr wegbringen wolle, und
da ich, wenn es sein mte, fr sie die peinlichsten Martern leiden wolle.
    Sie hrte schlielich auf zu weinen und wurde durch meine unsinnige Raserei
ebenfalls munter und zrtlich und erwiderte am Ende meine Ksse und gab mir
allerlei se Namen und liebkoste mich zrtlich.
    Der Kienspan, den sie aufgesteckt hatte, war abgebrannt, und sein letzter,
glimmender Stumpf bog sich und sprang verlschend ab, so da wir im Dunkeln
saen. Da stieg ein seltsam heies Gefhl in mir auf; ich sprte, da meine
Wangen wie mit Blut bergossen wurden, und fiebernd prete ich meinen Mund auf
den des Mdchens. Sie drckte mich fest an sich, ihre Brust hob sich strmisch;
pltzlich seufzte sie tief auf, schob mich von sich und sagte mit fremder,
rauher Stimme: Geh jetzt, Bub, geh jetzt!
    Wieder, wie damals in der Kapelle der Mutter Gottes, als mich der Bauer
zurechtgewiesen, packte mich ein Gefhl, als htte mich jemand aus einem schnen
Himmel gerissen, eine groe belkeit bemchtigte sich meiner, und ich lief ohne
ein Wort hinaus aus der Kammer und vor das Haus.
    Da sa die alte Irschermutter auf der Hausbank, hielt ihren Krckenstock
zwischen den Hnden und stie damit von Zeit zu Zeit auf den Boden.
    Ich rief sie an; da wandte sie langsam den Kopf und sagte: Da bist du ja,
du Dunnersbursch! Wo steckst denn alleweil?
    Ich tat, als berhrte ich ihre Frage, wies auf die schwarzen Wetterwolken
am Himmel und sagte: Kommt ins Bett, Mutter! Ein Wetter steigt auf!
    Dann lief ich in meine Kammer und legte mich zu Bett, ohne eine Spur von
Schlaf zu fhlen. In meinem Kopf sauste und hmmerte es, und in den Gliedern
empfand ich eine seltsame Schwere. Meine Gedanken weilten bei der Kathrein, und
ich versuchte, mir ihr Gebaren zu erklren, da sie mich pltzlich so rauh von
sich gewiesen hatte.
    Da begann es zu blitzen und zu krachen, und ein furchtbares Gewitter tobte
daher. Der Sturm heulte und pfiff ums Haus vom Wald herber, und Regen und Hagel
schlug an die Fenster.
    Ich hrte drauen die Irscherin den Riegel der Haustr stoen und sah sie
beim Aufleuchten eines Blitzes an den Fenstern meiner Kammer vorbergehen.
    Gleich darauf ffnete sich die Tr, und das Kathreinl kam herein und sagte:
Mathiasle, la mich zu dir kommen; es tut grauslich drauen, und ich frcht
mich.
    Ein blulicher Blitz flammte auf, und ich sah das Mdchen im dnnen
Nachtgewand und mit offenen Haaren vor mir. Ein leichtes Tuch hatte sie um die
Schultern gelegt und hielt es mit beiden Hnden vorn ber der Brust zusammen.
    Setz dich zu mir her, bat ich und rckte zur Seite, whrend das Haus
erbebte von dem Donnerschlag.
    Heiligs Kreuz, rief sie und bekreuzte sich; jetzt hat's eingschlagen!
    Und sie lehnte sich frstelnd an mich. Die Mutter ist noch fort, sagte sie
dann; sie ist so eigen; wenn es drauen am rgsten tut, dann geht sie ums Haus
und schwingt die Sichel und lt kein verstndiges Wort mit sich reden ...
    Wir fuhren beide zusammen: ein grelles, blaues Leuchten ging durch die
Kammer und zugleich tat es einen Krach, da wir uns umschlangen.
    Bebend kroch das Kathreinl zu mir ins Bett und drckte ihren Kopf fest an
meine Schulter, da sie nichts mehr sah, whrend sie flsterte: Gfehlt is's!
Das wird's End!
    Ich bettete sie aufs Kissen, schob meinen Arm unter dasselbe und legte mich
ganz nahe neben sie. Da schlang sie ihre Hnde um meinen Hals, und wir hielten
uns ganz still.
    Das Wetter entfernte sich, und der Sturm lie nach; nur der Regen fiel noch
und sammelte sich in der Dachrinne und pltscherte vor dem Fenster in das Fa
nieder, das die Irschermutter aufgestellt hatte, um in dem Regenwasser die
Wsche zu waschen.
    Das Kathreinl war an meinem Hals eingeschlafen und ihre Hnde lsten sich
langsam und fielen herab.
    Ich zog leise meinen Arm unter ihrem Haupt weg, nahm ihre Hnde in die
meinen und schlief am End gleichfalls ein. Brummend schlug die Uhr eben vier,
als ich erwachte und mich einen Augenblick besinnen mute, ehe ich Traum und
Wirklichkeit voneinander scheiden konnte; denn ich hatte im Schlaf das Kathreinl
weit fortgefhrt in ein hohes Haus und hatte dort Hochzeit gemacht mit ihr. Da
war die Irschermutter gekommen und hatte die Sichel geschwungen und geflucht,
und im selben Augenblick strzte das ganze Haus ber uns zusammen.
    Nun sah ich das Mdchen schlafend neben mir, und ich besann mich auf den
Abend und die Nacht. Ein ruhiges Glcksempfinden berkam mich, und ich
betrachtete mit groer Lust das feine Gesicht, die halboffenen Lippen und die
langsam auf- und niedergehende Brust.
    Endlich rhrte sie sich; ihr Kopf whlte sich unruhig ins Kissen, ihre Hnde
fuhren etlichemal im Gesicht und auf der Brust herum, sie tat einen Seufzer und
ffnete die Augen. Da sie mich erblickte, schlo sie dieselben wieder, rieb sich
mit beiden Fusten den Schlaf daraus und ffnete sie weit, indem sie sich
aufrichtete.
    Kathreinl! sagte ich und kte sie.
    Aber sie war ganz traurig und meinte: Ach weh! Jetzt hab ich wohl kein
Glck mehr! Ach, Mathiasl! Jetzt ist's Jungfernkrnl weg und dahin!
    Und sie weinte leise.
    Da sagte ich: Sei still und klag nicht! Mir deucht, es liegt noch in deiner
Kammer drben! Bei mir ist's nit!
    Dann suchte ich scheinbar eifrig in meinem Bett, whrend sie, wieder
lchelnd, langsam aufstand und hinauslief.
    Nun hielt es mich nimmer auf meinem Lager, und ich erhob mich und machte
mich zurecht. Dann trat ich hinaus auf den Flz und wollte den Riegel der
Haustr ffnen, um hinauszugehen; doch die Tr war nicht verschlossen, und der
Schlssel steckte nicht, wie sonst, am Schlo.
    Ich ging verwundert hinaus vors Haus; doch mit einem Schrei fuhr ich zurck:
die Irschermutter lag tot auf der Erde - erschlagen vom Blitz.
    Sie war ganz schwarz und ihre Kleider verbrannt. In den Hnden hielt sie
noch krampfhaft den verkohlten Sichelgriff und den Krckenstock.
    Ein Schauer schttelte mich, und ich mute mich an den Trstock lehnen, um
nicht zu wanken.
    In diesem Augenblick hrte ich drinnen das Kathreinl in seiner Kammer
singen, und ich wurde wieder fest und berlegte, wie ich es machen sollte, um
dem Mdchen das Schwere auf eine Weise darzutun, die es am wenigsten traf.
    Aber ich fand keinen rechten Ausweg; endlich dachte ich, da es das Beste
sei, wenn ich vorerst noch schwieg und alles dem Himmel berlie; der wrde es
schon recht machen.
    Ging also wieder ins Haus und verriegelte leise die Tr. Darnach blickte ich
in die Kammer zum Kathreinl und bat sie um eine Morgensuppe, obgleich mir zu
allem andern eher Muts war, denn zum Essen. Sie sang noch immer und lachte mich
lustig an, whrend sie den Stubenboden mit einem Besen aus grnen Tannenreisern
auskehrte. Gleich, Mathiasl, sagte sie und fegte mir ber die Schuhe; schau
derweil, was die Mutter macht; sie scheint das Aufstehen heut ganz zu vergessen
und das Melken auch. Die Viecher brummen schon, hr ich!
    Ich nickte blo und sah nach dem kleinen Stall, in dem eine Kuh und zwei
Geien standen und nach dem Morgenfutter riefen. Rasch holte ich einen Korb voll
Klee und gab ihnen zu fressen, nahm darauf den Melkeimer und das Sthlchen und
begann, sie zu melken.
    Dabei traf mich das Kathreinl, als es eben nach dem Rechten schauen wollte,
und es dmmerte die Wahrheit in ihr auf, und sie fragte mich ngstlich: Bub!
Warum in aller Welt mut heut du das Vieh melken? Was ist's mit der Mutter?
    Sie wird noch schlafen, sagte ich und steckte den Kopf tief unter den
Krper der Kuh, damit das Mdchen nicht sah, wie mir die Augen na wurden.
    Aber sie sagte gar nichts mehr darauf, lief in die Kammer der Mutter und
kam, da sie dieselbe leer und das Bett unberhrt fand, ganz bleich und still
wieder in den Stall, legte ihre Hand auf meine Schulter und sagte tonlos: Sie
ist nimmer da. Sag mir's nur, ich wei schon: sie ist tot.
    Und als ob sie alles schon wte, ging sie ganz ruhig wieder hinaus, schob
den Riegel zurck und trat unter die Haustr.
    Ich stellte den Eimer weg und lief ihr nach; aber sie kniete schon neben der
Toten und war ganz still und gefat.
    Ich hab's schon gewut, da es so ist, sagte sie blo, als ich auf sie
zutrat und sie wegfhren wollte; es war ja ihr Wunsch, so durch die Gewalt der
Elemente zu sterben. Feuer oder Wasser, sagte sie immer, mssen mich umbringen;
lang leiden und siechen mag ich nicht.
    Sie nahm ihre Schrze ab und deckte sie ber die Tote. Dann ging sie hinein
und ordnete das Haus, wobei ich ihr half und mit ihr beredete, was zu tun sei.
    Wir mssen sie begraben lassen, sagte sie, und sie machte sich, nachdem
sie noch ein wenig Milch getrunken hatte, auf den Weg nach Sonnenreuth, um den
Tod der Mutter beim Brgermeister, beim Doktor und beim Pfarrer anzuzeigen.
    Bis dahin hatte sie keine Trne geweint, keine Klage laut werden lassen;
doch da sie wieder aus dem Dorf zurckkam, schluchzte sie laut und klagte: Arms
Mutterl! So mu alles kommen!
    Trstend strich ich ihr ber die nassen Wangen. Da schrie sie laut auf: O,
die Christen! Die frommen Pfarrherrn! Nicht aussegnen will man sie! Den Friedhof
verweigert man ihr, weil sie eine Hexe war! Der Herr Pfarrer sagt, das sei
augenscheinlich, da Gott ihren Frevel bestraft und der Teufel sie geholt htte,
und er verweigert die letzten Segnungen der Kirche.
    Starr hrte ich ihr zu; dann sagte ich: La 's nur gut sein, Kathreinl! Ich
geh zum Weidhofer, da er dem Herrn Pfarrer ein gutes Wort gibt!
    Aber sie sagte: Das hilft dir nichts. Dein Ziehvater, der Memer, ist
selber dabei gestanden, wie der Pfarrer so ber die Mutter geschimpft und sie
eine gottlose und unholde Person genannt hat; und er hat genickt zu der Rede vom
Pfarrer und hat gesagt: Ganz recht! Meinen Buben, den Mathiasl, hat sie so auch
schon behext gehabt, da er nimmer heim will in den Weidhof.
    Dabei fiel sie mir um den Hals und weinte bitterlich, bis ich sagte: Komm,
sei fest und hr auf zu jammern! Was brauchen wir denn einen Pfarrer! Wir graben
sie halt selber ein. Drauen am Weg unterm Feldkreuz geben wir ihr die Ruh.
Unser Herrgott wird schon zufrieden sein damit!
    Also nahmen wir Hacke und Schaufel und gingen hinaus auf den Weg und
arbeiteten den halben Tag, um der Toten ein gutes Bett zu machen.
    Dann gingen wir heim, lieen die Kuh und die Geien aus dem Stall auf den
Anger und tranken wieder ein wenig Milch und aen ein Stck Brot.
    Die Sonne stand gerade ber uns, als wir den Schiebkarren mit Laub und
Blumen geschmckt und die Tote in Leinlachen gehllt und darauf gelegt hatten.
    Das Kathreinl nahm nun einen Rosenkranz, das alte Buch, in dem die Mutter so
gern gelesen, und ein Kstlein, in dem sie ihre wunderbaren und geheimen Dinge
immer verwahrt hatte, legte sie zu den Fen der Toten, und dann fuhren wir sie
zum Grab.
    Wir streuten Gras und Blumen in die Grube, beteten das Vaterunser und
senkten den Leichnam weinend hinab. Darnach legten wir die Kostbarkeiten zu ihr,
bedeckten sie mit Blttern und Blten und machten das Grab wieder zu, indem wir
dazu beteten: Herr, gib ihr die Ruhe, dein Licht leuchte ihr, la sie ruhen in
Frieden. Amen.
    Darauf fuhren wir unseren Karren wieder heim, verschlossen alle Tren des
Hauses und setzten uns auf das Bett und hielten uns wortlos bei den Hnden.
    Endlich stand ich auf und ging hinaus, um dem Kathreinl etwas zu richten;
denn sie sah so bleich und elend aus, da ich dachte, sie htte gewi Hunger.
Aber sie lief mir sogleich nach und sagte: Es hungert dich leicht, Bub?
    Und sie holte etliche Eier aus der kleinen Speiskammer und das
Schmalzhflein und schlug fr mich drei und fr sich zwei Eier in die Pfanne,
und wir hielten auf der Ofenbank, whrend das Reisigbschel am Herd verglimmte,
ein trauriges Totenmahl.
    Pltzlich sagte das Mdchen mit einem schwachen Lcheln: Jetzt fehlt nur
noch der Leichentrunk und der Totentanz! Wir mssen der Mutter doch die letzten
Ehren schenken!
    Damit lief sie hinaus und kam nach einer Weile mit einem Krglein saueren
Mosts und einem schwarzen Holzkasten wieder.
    Trink, sagte sie und nahm eine alte, abgegriffene Zither aus dem Kasten
und legte sie auf die Knie.
    Ich sah ihr mit Schaudern und Staunen zu und wollte diesem Empfinden eben
Worte geben; da griff sie in die Saiten, schlug etliche Akkorde an und spielte
einen alten, harten Landler.
    Den hat sie am liebsten gehrt, sagte sie darnach, den hat ihr schon ihr
Vater immer aufgespielt; er ist ein zwiefacher und geht gut zum Plattln. Frher
hat die Mutter noch manchmal ein paar Burschen und Dirndln auf Besuch geladen,
und sie haben da getanzt und gesungen; aber seit der Pfarrer einmal von der
Kanzel gesagt hat, wen er noch mal bei der alten Waldhex antrifft, den
absolviert er bei der Beicht nimmer, seit der Zeit hat sich keins mehr in den
Heimgarten getraut auer dem dhoferbuben; aber der ist nicht wegen der Musik
gekommen und auch nicht wegen einer von den Dirndln. Ich glaub auch, da kein
anderer dem Pfarrer was gemeldet hat von dieser Tanzmusik als wie der dhofer.
Er htt halt gern allein sein mgen zum Zuhren.
    Sie lachte pltzlich spitzbbisch auf, trank hastig und spielte darnach
wieder weiter.
    Ich fand mich nicht ganz wohl bei dieser ganzen Sache und meinte, indem ich
ein leises Grausen abzuschtteln suchte: Jetzt langt's schon, Kathreinl! Mir
deucht, die Tot mcht jetzt lieber ihre Ruh haben!
    Aber das Mdchen schttelte blo den Kopf, trank wieder, nahm die Zither in
eine Hand, stand auf und begann mit derselben einen tollen Tanz aufzufhren,
indem sie mit voller Hand Akkorde griff und die Zither schwang. Das klang bald
wie fernes Glockengelute, bald wie wilde Orgelmusik, und ihre Fe stampften
dazu, und sie wirbelte herum, da ihre roten Zpfe los wurden und herabfielen.
Da erhaschte ich einen, als sie eben wieder an mir vorbeistampfte; ich hielt sie
daran fest und umspannte, als sie aufschreiend stillhielt, ihren Leib.
    Ganz elend bat ich sie flehentlich, doch aufzuhren, und ich drohte ihr,
sogleich aus dem Haus zu laufen, wenn sie den Teufelstanz nochmals beginnen
wrde.
    Sie stand erschpft vor mir, und ihre Brust ging strmisch auf und nieder.
Ja, ja; ich bin schon wieder still, sagte sie heiser und verschlo sodann die
Zither und lehnte den Kasten hinter den Ofen. Dann strich sie sich das Haar
glatt, trank gierig und setzte sich, mich neben sich niederziehend, wieder aufs
Bett.
    Ich folgte ihr widerstrebend. Eine seltsame Scheu vor dem wilden Wesen des
Mdchens hatte mich ergriffen und wich auch nicht, als diese pltzliche Wildheit
einem stumpfen Vorsichhinstarren Platz machte.
    Stumm sa ich neben ihr und spielte nachdenklich mit dem Ende ihres Zopfes
und wickelte ihn gleich einem Ring um die Finger, als drauen heftig an die
Haustr gepocht wurde.
    Wir sprangen beide zugleich auf und sahen uns erschreckt an; da pochte es
wieder.
    Das Kathreinl sagte: Nicht aufmachen! Sei ganz still! Ich schau, wer's
ist!
    Und sie schlich ganz leise ber die Stiegen hinauf und sah vom Sller durch
eine Luke hinab auf den Einlabegehrenden.
    Gleich darauf kam sie mit unhrbarem Schritt wieder herab und flsterte mir
zu: Halt dich still! Der Schnepfalucka, der Leichenbschauer, ist's! Der soll
nur wieder gehen!
    Da hielten wir uns ganz still und horchten, bis wir ihn wieder fortgehen
hrten; das Kathreinl lief in die Speiskammer und sah durch das dichte
Fliegengitter hinaus nach dem Weg, dann sagte sie: Er geht schon wieder heim.
Heut la ich keinen Menschen mehr ins Haus, und morgen ...
    Sie schwieg pltzlich und sah mich ganz traurig an, so da ich fragte: Was
ist's morgen?
    Morgen mssen wir halt fort - hinaus aus dem Haus, sagte sie gepret, der
Brgermeister hat mir befohlen, da ich alles gut verschlieen solle und ihm die
Schlssel bringen, damit er nicht selber herausgehen msse wegen der
Verlassenschaft.
    Und du? fragte ich erstaunt und erschrocken.
    Ich mu halt schauen, wo ich unterkomm derweil, sagte sie, ich bin ja
blo ein Balg, eine Hergelaufene; da mu erst die Verlassenschaft entscheiden,
was mit mir geschieht.
    Da stieg ein groer Zorn gegen die von der Verlassenschaft in mir auf,
obgleich ich das Wort nicht verstand; ich brachte es aber mit dem Begriff
Verlassensein in enge Verbindung und dachte, da das Kathreinl nun niemanden
mehr habe auf der Welt, auer mir.
    Darum sagte ich entschlossen zu ihr: Da hat gar niemand was zu entscheiden
wegen dir, als wie ich; und du mut mit mir zu der Weidhoferin gehen, und sie
mu dich nehmen. Und dann bleibst du bei mir.
    Ich war, obgleich ich noch gar nicht wute, ob alles so hinausginge, so
erfreut ber die Lsung, da ich das Mdchen ganz fidel mit mir in der Stube
herumzog und mit vielen Worten mein Glck pries, da sie bei mir bliebe.
    Wir brachten den brigen Tag ziemlich nutzlos zu und gingen fast nicht aus
der Kammer.
    Und da wir das Vieh eingetrieben und gemolken hatten und es allmhlich
dunkel wurde in der Stube, begann sich das Kathreinl zu frchten und sagte, da
sie sich nicht in ihre Kammer traue, worauf ich wieder mein Bett mit ihr teilte
und die halbe Nacht mit ihr redete und sie unterhielt, bis uns endlich beiden
die Augen zufielen.

                                Die Hexenjungfer


Es war schon heller Tag, als ich erwachte und mich nach dem Kathreinl umsah;
doch ihr Platz war leer, und ich hrte sie schon drauen vor dem Haus am Brunnen
werken und waschen. Da stand ich gleichfalls auf und half ihr, das Tgliche zu
verrichten. Wir ftterten das Vieh und gaben ihm frische Streu, darauf machte
ich mich ans Melken, whrend das Mdchen die Morgensuppe kochte, mein Bett
richtete und den Hausflz mit dem Tannenbesen auskehrte. Und nachdem wir das
Vieh auf den Anger getrieben, unsere Suppe verzehrt und das Haus verschlossen
hatten, machten wir uns auf den Weg nach Sonnenreuth.
    Das Kathreinl hatte sein bestes Gewand angelegt und prangte in einem
rotschillernden Kleid und einer leuchtendblauen Schrze mit schwarzen Blonden.
Ihr kunstreich abgenhtes Mieder wurde von einem reichen Silbergeschnr
zusammengehalten, und den Hals zierte eine vielreihige Silberkette mit schwerer
Schliee. Um die Schultern trug sie ein buntgesticktes Seidentuch, und ihre Fe
staken in weien Strmpfen und feinen, lederbesetzten Zeugschuhen mit groen
Schnallen.
    Diese Tracht trugen zu jener Zeit alle Mdchen und Frauen der Sonnenreuther
Gegend, und dazu setzten sie schwarze Filzhte mit langen Goldquasten und
reicher Goldverschnrung auf.
    In einem rotbestickten Sacktuch trug das Kathreinl die Schlssel des Hauses,
eine grobe Schrze und ein Stck trockenen Brotes.
    Da wir unter das Kreuz kamen, wo die Mutter lag, blieben wir eine Weile
still und wnschten der Toten mit Andacht die ewige Ruh und den Frieden. Dann
gingen wir ba drauflos und kamen gegen zehn Uhr in der Frh nach Sonnenreuth
und an das Haus des Brgermeisters. Dem bergab das Mdchen die Schlssel,
sagte, da die Mutter schon eingegraben sei und da die Kuh und die Geien auf
den Abend wieder melken bruchten; darauf fate sie mich bei der Hand und ging
rasch und ohne dem Alten auf seine Fragen etwas zu erwidern mit mir hinaus.
    Wir hielten uns auch beim alten Schnepfalucka, dem Leichenbeschauer, nicht
lange auf; das Kathreinl klopfte rasch an seiner Tr und rief hinein: Die
Irscherin ist schon eingegraben!
    Dann liefen wir wieder davon und kamen gegen den Weidhof.
    Meine Ziehmutter wollte eben den Hennen Futter streuen, da traten wir Hand
in Hand durch den Gadern in den Hof. Erschreckt schttelte sie den ganzen
Weidling voll Krner unter die Hhner, beschattete die Augen mit der Hand, um
besser zu sehen, und schrie: Da 's Gott gsegn'! Unser Bub! Und mit der
Hexenjungfer!
    Und sie bekreuzte sich und wollte rasch ins Haus; aber ich zog das
widerstrebende Mdchen hinter mir her und vertrat meiner Ziehmutter den Weg:
Haltet, Mutter! Bleibt noch ein wenig! Ich bring wen mit - ein Waisl, das Ihr
aufnehmen mgt!...
    Aber sie erhob abwehrend beide Hnde, wandte das Gesicht weg und lief ins
Haus, whrend dem Kathreinl langsam eine Trne nach der andern ber die Wangen
rollte.
    Das gab mir einen Stich ins Herz, und ich lief der Mutter nach und fate sie
am Gewand und schrie sie an: Ihr sollt sie nicht weinen machen, Mutter! Ihr
sollt gndig sein und gut, weil sie auch gut ist!
    Und da sie nicht hren mochte, drohte ich: Wenn Ihr sie nicht nehmt, dann
geh ich auch wieder, und Ihr habt die Schuld, wenn was geschieht ...!
    Damit lief ich wieder hinaus und fand das Mdchen, als es eben aus dem Hof
gehen und den Gadern hinter sich schlieen wollte.
    Kathreinl! schrie ich, was willst du denn tun? Warum kehrst du um?
    Weil ich nichts verloren hab da drin! erwiderte sie rauh und schlug das
Trl zu.
    Da eilte ich hinaus, packte sie am Arm und schrie: Und ich will haben, da
du dableibst! Du gehrst zu mir! Sie mssen dich aufnehmen!
    In diesem Augenblick kam der Memer, mein Ziehvater, vom Gottesacker daher
und ging auf uns zu und sah, wie ich das Mdchen zurckhielt. Da sagte er: Wo
aus, Jungfer? - Hast ihn jetzt wiedergebracht, den Racker? - Wohin denn schon so
frh in dem Putz?
    Eine Heimstatt suchen, sagte das Kathreinl und wollte sich von mir
losmachen. Da rief ich: Nehmt sie doch Ihr derweil, Vater! Sie soll nicht
allein rumtappen! - Gelt, Vater, Ihr behaltet sie derweil, bis sie nimmer
verlassen ist!
    Der Weidhofer sah wohlgefllig auf mich nieder, betrachtete das Kathreinl
eine Weile und meinte dann: Wenn sie mit dem Strohsack zufrieden ist in deiner
Kammer? Du kannst ja im Ambros seiner Liegerstatt schlafen, so lang er auf der
Alm ist. Von mir aus kann sie schon dableiben; Arbeit gibts bei uns fr jeden,
der sie nicht scheut!
    Herrgott! Wie wurde ich froh! Ich bedankte mich jubelnd beim Vater und sagte
darnach zum Kathreinl: Jetzt mut du doch bei mir bleiben! Jetzt mach nur
geschwind, da wir's der Mutter sagen!
    Da sagte sie denn ja und dankte dem Weidhofer und ging mit uns.
    Die Ziehmutter war schon eine Weile unter der Haustr gestanden und hatte
auf uns herbergeschaut; da sie uns aber nun alle drei eintreten sah, schttelte
sie den Kopf und verschwand im Haus.
    Ich fhrte nun das Mdchen in meine Kammer und meinte, da ich das Bett sah,
nachdenklich: Du mut halt schauen, wie du liegst; ich bring dir schon alles,
was du brauchst und gern haben mchtest!
    Ihr Stbchen war ein viel schneres und ihr Bett ein viel besseres gewesen,
und ich sah ngstlich und unruhig auf das Mdchen.
    Scheu blickte sie an den kahlen Wnden entlang, betrachtete stumpf den
verstaubten Wandherrgott in der Ecke und die groe Spinnwebe daneben und setzte
sich schlielich seufzend und frstelnd auf die Truhe, die unter dem niederen
Fenster stand und meine paar Habseligkeiten in sich verschlo.
    Pltzlich sagte sie: Wie kalt es in diesem Christenhaus ist! Bei uns daheim
ist's viel wrmer gewesen! - Wer wird leicht jetzt das Hexenhusl kriegen? - Es
ist schad drum! Ich suchte ihr die Kammer ein wenig behaglicher zu machen und
lief hinaus, durchsuchte das Haus nach allem mglichen und schleppte es hinein
zum Kathreinl: einen alten, wackligen Tisch vom Dachboden, einen geschnitzten
Stuhl aus der Kammer des Ambros, das Kopfkissen aus dessen Bett, zwei
Blumenstcke vom Sller und eine alte, blaubedruckte Bettzieche als Tischdecke.
    Darauf holte ich aus meiner Truhe etliche Heiligenbilder und nagelte sie
alle ber das Bett.
    So, Kathreinl, jetzt pat es schon eher fr dich! sagte ich darnach
befriedigt; jetzt bring ich dir noch einen Spiegel und das Spinnradl von der
Mutter, da du gute Weil und was zu tun hast.
    Nach langem Suchen fand ich einen alten, bemalten Spiegel, in einem Kasten
hngend; den brachte ich dem Mdchen und auch etliche Zpfe Flachs zum Spinnen.
Das Spinnrad stand verstaubt am Heuboden, und ich mute es erst mit dem
Flederwisch reinigen, ehe ich es dem Kathreinl in die Kammer stellen konnte.
    Derweil ich noch immer nach neuem suchte, um dem Mdchen das Stblein gut zu
richten, lutete es zu Mittag, und ich hrte Tren schlagen, Tritte poltern und
Mnnerstimmen reden und lachen. Der Weidhofer kam ber die Stiegen herauf und
rief: Mathiasle, was is's - zum Essen! Bring deine Jungfer auch gleich mit!
    Da holte ich geschwind einen schnen Teller und einen neuen Lffel aus der
Knigkammer, damit das Kathreinl nicht mit den Knechten in eine Schssel zu
langen bruchte, und stellte einen Lederstuhl neben die Bank, auf der ich sonst
gesessen war; darnach holte ich die Jungfer hinunter. Die groe, bemalte
Schssel mit den Kndeln stand schon auf dem Tisch, als wir eintraten. Knechte
und Mgde standen darum, und der Weidhofer betete eben um Gottes Segen zu Speis
und Trank und um Gnade und Gedeihen dazu.
    Der Weidhoferin ihr Platz war noch leer, und alle blickten nach dem
Tischgebet noch unschlssig, ob sie sich setzen knnten, da gemeiniglich die
Sitte bei den Bauern ist, da erst der Bauer und die Buerin niedersitzen und
auch als erste in die Schssel langen.
    Der Memer setzte sich endlich und sagte: Fangts nur derweil an; d' Mutter
wird schon kommen.
    Nun zog ich das Kathreinl, welches glhendrot geworden war, mit mir an den
Tisch und ntigte es an den von mir bestimmten Platz; darauf wollte auch ich
mich setzen.
    In diesem Augenblick sahen alle neugierig auf das Mdchen; die Oberdirn warf
den Lffel mit dem Ruf weg: Mariand Christi! D' Hexenjungfer!, bekreuzte sich
und lief weg; und sogleich standen auch die andern alle auf, murmelten
Verwnschungen und entfernten sich, ohne auf den Unwillen des Weidhofers zu
achten. Das Mdchen aber sa starr und ganz schneebleich auf seinem Stuhl, sah
einen nach dem andern gehen und seufzte tief auf, als der Vater mit der Faust
fluchend in den Tisch schlug und schimpfte: Gesindel verdammtes! Sollen's
bleiben lassen, wenn sie nicht mgen! - I, Maidel, und la dich's nit
verdrieen!
    Ich war ihm von Herzen dankbar fr seine Worte und rief: Ihr seid brav,
Vater, das Kathreinl tut niemand was.
    Frsorglich legte ich alsdann dem Mdchen, das stumm zum Fenster hinaussah,
einen Kndel auf den Teller, reichte ihr das Schsselchen mit dem Dotschentauch
und bat sie, doch zu essen.
    Erst hrte sie nicht auf mich; endlich nahm sie, a aber nur etliche Bissen
und stand darnach mit einem leisen Vergelts Gott auf. Auch ich brachte kaum
ein wenig Speis in mich, erhob mich gleichfalls und ging mit dem Kathreinl
wieder in meine Kammer, whrend der Memer fr uns drunten dem himmlischen Vater
Dank sagte fr alle Wohltaten.
    Eine Weile spter, whrend das Mdchen das Mieder und Geschnr ablegte,
seine rauhe Schrze umband und sich zum Spinnen rstete, fiel mir ein, da
drunten im Wandschrnklein der Wohnstube eine alte Legende mit vielen
wunderlichen Abbildungen liege; ging also hinab, sie zu holen, damit das arme
Kathreinl Kurzweil dran htte. Wie ich nun in die Stube trat, saen die andern
erst beim Essen mitsamt der Weidhoferin und blickten unmutig auf mich. Da sagte
ich ganz laut und keck: Die Hexenjungfer kommt! Wer nicht schnell verschwindet,
wird verwunschen!
    Da entstand ein groer Tumult: die Mgde kreischten furchtsam auf, schlugen
das Kreuz und wollten fliehen; die Mannsleute fluchten und gaben mir grobe
Namen, und die Weidhoferin, meine Ziehmutter, stand auf, da ihr Stuhl umfiel,
wies mit der Hand nach der Tr und schrie mit hochrotem Gesicht: Marsch,
weiter, sag ich! Unser Herr hat lange Arm; der trifft dich schon noch fr dein
Gsptt!
    Ich lachte, nahm das Buch aus dem Schrnklein und ging hinaus; doch sagte
ich dem Kathreinl nichts von der Sache, um sie nicht noch trauriger zu machen;
denn sie weinte ohnedies schon, da ihre Augen ganz rot wurden.
    Sie band eben den Flachs ans Spinnrad und rckte sich den Stuhl dazu, indem
sie die Schrze vors Gesicht hielt, damit ich nicht she, wie sie weinte. Ich
empfand tiefen Schmerz, als ich sie so sah, und auch groe Reue, da ich sie
hierher gebracht; doch war es mir unmglich, dem Mdchen dies zu sagen, noch,
sie zu trsten. Es war, als sei etwas Fremdes, Kaltes in mein Herz gekommen, das
meine groe Liebe fr sie zurckschlug, so oft sie daraus emporkommen wollte;
und obschon ich immer noch an unser Zusammensein im Haus der toten Irscherin mit
stiller Freude dachte, so tat ich doch nichts, um dies Schne noch einmal zu
erleben.
    Also sa ich auf der Truhe und beschaute die Bilder der Legende, bis ich,
von Mdigkeit bermannt, einnickte.
    Das Spinnrad schnurrte wieder, als ich erwachte, wie einstmals, und das
Kathreinl sa wieder in dem flimmernden Licht der untergehenden Sonne, und ihr
rotes Haar glnzte wie lauteres Gold. Sie sah nicht um sich; gedankenvoll hielt
sie ihr Haupt ber das Spinnrad gebeugt und drehte mechanisch am Faden, dabei
von Zeit zu Zeit die Finger an den Lippen netzend.
    Eine geraume Weile sah ich ihr zu und hielt, damit sie es nicht bemerkte,
meine Augen halb geschlossen; da aber die Sonne hinter den Bergen verschwunden
war und nur noch ein dmmernder Schatten von ihr ganz oben an der Wand zitterte,
richtete ich mich auf und sagte: Jetzt htt ich bald den Feierabend
verschlafen; geh, hr auf zu spinnen, Kathreinl, dann hol ich dir dein
Nachtessen.
    Ging also hinab in die Kuchel des Hauses, suchte den Teller des Mdchens und
den Lffel und trug beides hinauf in die Kammer.
    Die Ziehmutter stand derweil am Herd, hatte die groe, ruige Eisenpfanne
auf dem Dreifu, unter welchem ein lustiges, offenes Reisigfeuer prasselte, und
kochte den Abendschmarren, ein rauhes Gericht aus Mehl und Erdpfeln. Sie
schaute mich unfreundlich an, sagte aber nichts und gab mir, als ich ein weies
Schsselchen vor sie hinstellte und sagte, da ich dem Mdchen zu essen bringen
wolle, sogleich ein ansehnliches Huflein Schmarren und einen kleinen Weidling
voll ser Milch.
    Dies brachte ich, nachdem ich mich bei der Mutter dafr bedankt, dem
Kathreinl, das bei meinem Eintreten am Fenster lehnte und in den nebligen Abend
hinaussah. Gemeinsam verzehrten wir darauf diese Mahlzeit, ohne etwas dabei zu
reden; darnach wnschte ich ihr eine ruhsame Nacht und trug das Geschirr hinab
in die Kuchel.
    Der Memer wusch sich eben am Brunnengrand Gesicht, Hals und Brust, als ich
nach diesem vors Haus ging und mich auf die verwitterte Holzbank setzte; da er
mich sah, fragte er, indem er sich einen Strahl Wasser auf den Scheitel pumpte:
He, Racker, wo ist denn deine Jungfer? Sag ihr, der Brgermeister htt das Vieh
vom Waldhaus geholt und in die Gemeindestlle gewiesen, bis es auseinandergeht
mit der Verlassenschaft. Er hat mirs zu wissen gemacht und fragt, wo die
Waldhuslerin eingegraben ist. In Gottes Erdboden, erwiderte ich und lief
hinauf, alles dem Mdchen zu berichten; doch sie hatte ihre Tr schon verriegelt
und gab mir auch auf mein Rufen und Pochen keinen Bescheid, so da ich endlich
ging, drunten Gut Nacht wnschte und hierauf die Kammer des Ambros aufsuchte
und mich zu Bett legte. Mitten in der Nacht, als ich endlich nach langem Denken,
Betrachten und Sinnen eingeschlafen war, fuhr ich pltzlich empor. Unter meinem
Kammerfenster wurde eine Leiter angelegt, ich hrte jemand keuchend
emporsteigen, und im nchsten Augenblick erschien im Rahmen des geffneten
Fensters die Gestalt des langen Ambros. Er hielt sich einen Augenblick ganz
still, horchte und schwang sich dann rasch in die Kammer herein. Ich gab keinen
Laut von mir und hielt beide Fuste an die Brust gepret, um mein heftiges
Herzklopfen zu beruhigen, whrend ich daran dachte, was ich tte, wenn er mir
abermals bel wollte.
    Aber er schaute gar nicht auf das Bett; mit grter Hast schlo er eine
kleine Truhe auf, warf eine Menge silberklirrender Mnzen hinein und verschlo
sie darnach wieder sorgfltig. Darauf nahm er die Truhe auf die Schulter und
wollte sie nun durchs Fenster forttragen; doch brachte er sie nicht durch den
Rahmen und fluchte derowegen ganz wtend.
    Indem er sich vergebens abmhte, kam mir ein Gedanke; ich tat pltzlich
einen gellenden Pfiff, sprang aus dem Bett und lief aus der Kammer, laut rufend:
Ein Dieb, ein Dieb!
    Als gleich darauf der Weidhofer mit einem Kienspan aus seiner Kammer lief
und mir in die des Ambros folgte, lag die Truhe auf dem Boden, die Leiter aber
und der Bursch waren verschwunden.
    Da schlo der Vater das Fenster und meinte: Nachlaufen hat keinen Wert; der
ist jetzt doch schon Gott wei, wo.
    Aber wissen mcht ich doch, wer es war.
    Ich sagte: Der Ambros selber war's und berichtete, was ich gesehen, worauf
der Vater erwiderte: Dem komm ich schon drauf, was er htt wollen, wenn er's
war; und die Truch trag ich derweil zu mir.
    Damit hob er sie auf und ging, sie unter dem Arm haltend, wieder schlafen.
    Am anderen Morgen schickte er sogleich einen Knecht auf die Alm mit dem
Befehl, da er den Ambros vor ihn bringe. Dies geschah, und ich stand dabei, als
der Hausl mit ihm eintrat. Kaum hatte mich der Bswicht erblickt, als er auch
schon wei wie der Kalk an den Wnden wurde; seine Augen weiteten sich und sahen
unstt und angstvoll von einem zum andern. Da trat der Vater herzu und sagte:
Wo ist der Schlssel zu deiner Truch?
    Droben in der Kammer, erwiderte der Bursch stockend und sah wieder
ngstlich nach mir, so da der Vater unwillig fragte: Was scheust dich denn vor
dem Buben so? Hat er dir leicht was getan, heut nacht?
    Da kam eine furchtbare Bewegung ber mich; bebend trat ich vor den langen
Ambros hin und schrie ihm ins Gesicht:
    Hast's wohl nicht gehofft, da ich noch laut bin - da ich noch einmal
abrechnen knnt mit dir, du Mordbub!
    Wie ein Hieb war mir das Wort entfahren - wie ein Hieb traf es alle, am
rgsten aber den, welchen es anging. Der bleiche Schelm wankte und mute sich
anlehnen, um nicht zusammenzufallen; aber seine blulichen Lippen murmelten:
Was bin ich? - Willst das zrucknehmen, du ...
    Zrucknehmen! schrie ich da in hchster Wut; zrucknehmen soll ich was! -
Draufhelfen tu ich dir lieber, wann du's nimmer weit: Droben am Bergrinnl, beim
Weidhofer seiner Alm hat einer einen hinunter ... jawohl ... z'erst 'n Ruber
gmacht, darnach 'n Mrder! - Ich streckte den Finger nach ihm aus, und ein
hartes Weinen schttelte mich, indem ich mich an die Umstehenden wandte: Der
war's; meine Red ist wahr. Lat's die Kathrein von der Irscherin reden!
    Heiser brllte der Bursch und beteuerte seine Unschuld und wand sich doch
vor ngsten; da trat die Jungfer, welche schon eine Weile im Flz gestanden war,
herzu, ganz bleich, und sagte mit bebendem Mund: Es ist wahr, er lgt nicht.
    Und sie berichtete allen, wie die Irscherin mich in der Bergrinne beim
Wasserfall gefunden htte, wie ich in meinem Fieber mit dem Burschen gerungen
und dabei den Namen Ambros gerufen htte, und er solle mich doch schonen und mir
mein Sach wiedergeben ...
    Sie gab also allen Zeugnis von der beltat des Schelmen, so da dieser nicht
mehr vermochte, eine Ausred oder Widerrede zu finden, vielmehr als ein feiger
und furchtsamer Bswicht pltzlich sich aufrichtete und, derweil wir alle auf
die Jungfer hrten, einen Sprung nach der offenen Haustr tat und verschwand,
obgleich ihm der Vater und der Knecht auf dem Fue folgten. Am End sagte der
Vater, man solle ihn nur derweil laufen lassen, der kme schon von selber noch
dahin, wohin er gehre. Darauf ging man ins Haus, sprengte die Truhe und fand
darin nicht nur meine Groschen vor, sondern auch noch einen groen Haufen Gelds,
Silberzeugs und sonst kostbarer Dinge, die er alle geraubt hatte und die teils
in den Weidhof, teils andern Leuten zu Sonnenreuth gehrten.
    Der Weidhofer bergab alles dem Pfarrer, und dieser forderte am
darauffolgenden Sonntag in der Predigt alle jene, denen etwas abhanden gekommen
war, auf, sich ihr Sach bei ihm zu holen; doch blieb noch mehreres liegen und
wurde spter unserer lieben Frau zu Birkenstein auf den Altar gelegt. Ich aber
schenkte meine ganzen Silbergroschen dem Kathreinl und bat sie, dieselben zu
nehmen als eine Verehrung und ein Andenken. Von dem Schelmen, dem Ambros, aber
war nichts mehr zu hren und zu sehen, und es schien, als habe er die Gegend
verlassen.

                                Das Vermchtnis


Etliche Tage nach diesem Ereignis erschien der Gemeindeschreiber oder, wie er zu
Sonnenreuth hie, der Aktenlippel, im Weidhof und fragte nach dem Kathreinl von
Amts und wichtiger Ursach wegen. Ich stand gerad unter der Haustr und sah ihn
mit weiten, gewichtigen Tritten daherstiefeln, stand ihm Red und holte das
Mdchen zu ihm herunter.
    Ist Sie die Jungfer Maria Kathrein Paumgartner? fragte der Alte und
betrachtete sie ber seine Hornbrille hinweg mit zwinkernden Augen.
    Ja, die bin ich, erwiderte das Mdchen; was will man von mir?
    Der Lippel nahm eine Prise, rieb sich darnach die Nase mit dem Daumen und
stellte sich in strammer Haltung vor sie hin: Also, Sie ist die genannte
Person; also. Dann hab ich Ihr von Amts wegen kund und zu wissen zu machen, da
die ehrenfesten Testamentsvollstrecker durch meine Person aus Anla der
Verlassenschaft, Siegelabnahme und Testamentsvollstreckung den obrigkeitlichen
Befehl erlassen haben: ich solle sie, die Jungfer Paumgartner, ins Waldhaus
bestellen. Also. Kann Sie gleich mitkommen, he?
    Ja, ich geh gleich mit, sagte das Kathreinl und bat mich, ich mge ihr die
gute Schrze und den Hut herunterholen.
    Geh nur derweil, ich trag dir's nach! rief ich, whrend der Aktenlippel
erst das Mdchen, dann mich mit einem vterlich-wrdevollen Blick ma, noch
einmal schnupfte und darnach aus der Haustr trat.
    Eilig lief ich in die Kammer, holte den feinen Filz und die Schrze und lief
ihnen damit nach, ohne da sich jemand um uns bekmmert htte, wo aus wir
gingen. Tagein, tagaus sa ich ja beim Kathreinl und vergngte mich, whrend sie
mit flinken Fingern den Flachs zum Faden drehte, mit groben Holzschnitzereien:
Tieren, Gottheiten, Bilderrhmlein und Madonnenstatuetten, die ich ihr dann mit
Stolz als ein Angebinde berreichte. Die Ziehmutter sah weder mich noch das
Mdchen mehr mit einem Blick an, und der Weidhofer hatte den ganzen Tag zu
werken und zu schaffen und kam nur selten in unsere Kammer. Betrat er diese aber
wirklich einmal, so hatte er immer etwas fr uns dabei: sei es nun ein
Fliederstrulein, ein rots oder blaues Wchslein, einen Ablapfennig oder einen
Kuchen vom Lebzelter; denn es bedrckte ihn in seiner Rechtlichkeit, da man das
Mdchen um seiner Herkunft willen so schlecht achtete, wenn er gleich der
Irscherin stets feind gewesen.
    Nun ich den zweien nachgelaufen war, bergab ich dem Kathreinl seine Sachen
und bat, da sie mich mitnehmen mchten; und da es ihr und auch dem Schreiber
recht war, lief ich also mit ihnen.
    Vor dem Waldhaus standen schon der Lindlschneider und der Staudenweber, zwei
angesehene Mnner aus der Gemeinde, und warteten auf den Schreiber. Nach kurzem
Gru der beiden Bauern und tiefen Bcklingen des Lippel holte dieser umstndlich
einen Band Schlssel aus dem hinteren Sack seines braunen Amtsrockes und
probierte einen nach dem andern, bis am End das Kathreinl bat, ob nicht sie den
rechten Schlssel zeigen drfe, worauf der Lippel zwar giftig sagte: Da hat Sie
nichts zu zeigen! Das ist Sache der Obrigkeit!, auf Anraten der Mnner aber
doch dem Mdchen die Schlssel bergab.
    Sie schlo nun Tr um Tr auf, und die drei traten in das Haus und in die
Stuben, in denen eine stickige, dumpfe Moderluft war, so da die Mnner sogleich
alle Fenster ffnen lieen.
    In der Kammer der Toten wurden nun die Kommoden und Kasten geffnet und alle
Laden, Truhen und Schubfcher geprft. Neugierig stand ich dabei und sah
verblichene Gewnder und Tcher, schwere Leinwandballen und weiche Flachszpfe,
ein leinenes Sterbehemd und ein buntes Perlenkrnzlein und dazu noch mancherlei
Schmuck fr Frau und Mann, etliche samtene Mnnerleibstcke mit silbernen
Knpfen und einen feinen Tuchrock, wie auch der alte Weidhofer einen
hinterlassen.
    Auf dem Sterbehemd lag, mit einem roten Wachsfaden zusammengehalten, eine
vergilbte Papierrolle; der Schreiber langte sie heraus, stellte sich ans Licht
und ffnete sie langsam; darnach rusperte er sich, rckte einen Stuhl und sagte
feierlich: Setze sich die Jungfer! Es ist hier in meinen Hnden die letzte
Verfgung der anhier verstorbenen Walburga Irscherin, Waldhuslerin bei
Sonnenreuth.
    Bleich und zitternd setzte sich das Kathreinl.
    Wollen die Manner sichs kommod machen und als Zeugen herhren auf die
Artikel des Testaments! wandte sich der Schreiber nun an die beiden Bauern.
    Ich schob ihnen Sthle hin, rckte dem Schreiber eine kurze Bank vor das
Tischlein, an dem er lehnte und zog mich mehr ins Dunkle zurck, whrend die
Mnner sich setzten und der Lippel einen Gnsekiel aus der Tasche zog,
zurechtspitzte und ein Flschlein Tinte dazustellte.
    Eine groe Stille war in der Kammer; der Schreiber schob seine Brille nher
an die Augen, wischte sich mit zwei Fingern ber die Nasenflgel und begann zu
lesen:
    In Gottesnamen schreibe ich dieses nieder mit dem Gedanken und in der
Meinung, da es dereinst als mein letzter Wille gtlich geglaubt, wohl geacht
und fglich in seinen Artikeln getreu befolget werde.
    Hab nicht gar wohl gelebt als eine verachte und mignstig betrachte Person;
hab aber dennoch anso gelebet, wie mir mein Herz befohlen; doch darum um der
feindlichen Christenlieb sei nicht geklagt. Ich mach mein Sach recht und hoff
annoch auf einen gndigen Richter.
    Wie es denn nun sein soll, so erffne ich meiner von mir auferzogenen
Tochter Maria Kathrein, da sie ist eine leibliche Tochter des erlauchten Herren
Georg von Hhenrain und der Katharina Elisabeth Paumgartner zu Stubenberg.
Welche als ein junges und liebliches Maidlein die Kh gehtet und am Wald sich
Krnz ins Haar geflochten hat, bis genannter edler Herr sie bei einer Hirschjagd
erblickt und ein gro Verlangen nach ihr versprt hat. Haben also in Lieb und
Treuen genannte Jungfer Maria Kathrein gezeuget und mir dieselbe mit einem
Zehrgeld von zwlf Gulden fr das Jahr und einer Aussteuer von fnfhundert
Gulden bergeben, da denn die Mutter des Kindleins noch als ein jung Blut hat
von dieser Erden gehen mssen und liegt begraben bei der Kapellen des Schlosses
auf Hhenrain. Und so hab ich das Mgdlein gehalten wie ein eigen Kind in Treuen
und behtet bis auf diesen Tag.
    Hab als ein jung und einfltig Geschpf mich versprochen einem handlichen
Burschen, so als ein Holzfaller in Diensten des erlauchten und edlen Herren
Georg von Hhenrain gestanden ist. Haben also Hochzeit miteinander gefeiert
drauen im freien grnen Wald, wo der gro und mchtig Herrgott der Pfarrer und
allerhand munter Getier und Vglein getreue Zeugen gewesen sind, und hat er mich
heimgefhret in sein Haus gleich einer ehelichen Hausfrau. Hab ihm alsbald einen
lieblichen Knaben in die Wiegen gelegt, der aber leider als ein mannlicher
Bursch hernach fr seinen Herrn und Frsten als ein tapferer Soldat das Leben
gelassen, da ich wohl an die fnfzehn Jahr schon Wittib gewesen, alsdann denn
auch mein lieber und getreuer Hort und Mann, noch bevor ich ihm ein sieben
Jhrlein angehret, von einem rollenden Baumstammen erschlagen und auf der Stell
ertdt worden.
    Hab also nicht Erben noch Sippschaft, so ein Anrecht auf itwelches Ding in
meinem Haus, noch auf das Haus oder den Anger darum htten; und vermach ich also
am heutigen Tag und auf diese Stund alles, was mein ist an Haus, Grund,
Liegenschaft oder Gegenstand, sowie mein Sparpfennig von dreihundert Gulden
guter Whrung genannter Jungfer Maria Kathrein Paumgartner, welche ist in meinem
Haus als ein rechtes und riegelsames Maidlein bis auf diese Stund, auch nit
Anla gibt zu Schimpf und Schand.
    Weshalb ich genannter Maria Kathrein noch gebe den heiligen und krftigen
Segen:  Der Herr segne sie  im Namen des Vaters  und des Sohnes  und des
heiligen Geistes. Amen.
    In der blauen Truhen unter meiner Himmelbettstatt liegt zu finden das erst
Gewndlein samt Schhlein und ein Beutel mit fnfhundert Gulden Besitztum
genannter Jungfer Kathrein.
    Man begrab mich bei meinem Hause und lasse nicht Pfaff noch Leut dazu;
dieweilen ich die nicht gebraucht im Leben, sothan sie mir auch nichts helfen im
Sterben und etwan auch nicht wohl reden nach meinem Verscheiden. Und so verleihe
mir und genannter Jungfer Maria Kathrein unser lieber Herr ein gut Stund zum
Leben und ein unschmerzlich Augenblicklein zum Absterben. Amen.
    So Gott will. Amen.
        Walburga Irscherin, Waldhuslerin bei Sonnenreuth, geboren als des
            Wundarzten Rauff einzig Kind zu Au in Baiern.
Der Schreiber hatte zu Ende gelesen; er nahm nun die Feder, einen Bogen sauberen
Papiers und schrieb, indem er laut dazu sagte: Dieses wahre und echte
Schriftstck ist eigenhndig geschrieben und unterzeichnet am fnfundzwanzigsten
Jnner des Jahres eintausendsiebenhundertsechsundneunzig zu Sonnenreuth, von der
am dreiigsten Mai dahier verschiedenen Walburga Irscherin, gebrtig aus Au in
Baiern.
    Hier machte er eine Pause, dann schrieb und sagte er weiter: Im Beisein der
ehrenfesten Manner Korbinian Urber, Lindlschneider dahier, und Balthasar
Meckinger, Staudenweber dahier, sowie der in Persona erschienenen Erbin, der
Jungfrau Maria Katharina Paumgartner, gefunden, geprft, unversehrt befunden,
feierlich erffnet und vorgelesen zu Sonnenreuth am zehnten Tag im Heumonat des
Jahres eintausendachthundertundeins.
    Er berlas das Ganze noch einmal halblaut und rief darauf: Trete die
Jungfer nher und unterzeichne Sie das Protokoll!... Wollen die Manner als
Zeugen ihre Namen daruntersetzen zur Beglaubigung!
    Damit nahm er die Feder, tauchte sie in die Tinte und hielt sie mit
feierlicher Gebrde dem Kathreinl hin.
    Das Mdchen hatte schon whrend des Ablesens leise zu weinen begonnen, und
als sie nun ihren Namen kritzelnd unter das Protokoll setzte, tropften ihre
Trnen auf das Papier.
    Nach ihr unterschrieben die beiden Bauern, oder vielmehr, sie setzten ein
jeder drei groe Kreuze nebst einem Buchstaben auf das Schriftstck, und zum
Schlu machte der Aktenlippel noch einen schwunghaften Schnrkel darunter,
bergab dem Kathreinl die Urkunde des Testaments, langte nach seinem Kpplein
und sagte: Komme die Jungfer im Laufe des Tages auf die Brgermeisterei und
hole Sie andorten ihre Kuh und Geien ab und gebe Verfgungen wegen Ihres
Besitzes und Erbes!
    Darnach wandte er sich an die Mnner: Wollen wir gehen!
    Nun nahmen auch die beiden ihre Hte, und alle drei gingen, kurz grend,
aus dem Haus und lieen uns allein. Unbeweglich sa das Kathreinl in seinem
Stuhl; ihre Augen waren noch na, und sie sah trb ins Leere, die Hnde
verschlungen im Scho haltend.
    Ich blieb noch eine Weile stumm in meinem Winkel hocken; da aber das Mdchen
sich immer noch nicht rhrte, stand ich schlielich auf und nahm die
Testamentsurkunde vom Tisch, trat ans Fenster und las, so gut ich konnte, die
Artikel durch. Darnach meinte ich etwas kleinlaut: Was wird jetzt wohl werden?
Wirst mich halt nimmer mgen, wenn ich einmal gro bin, wo du jetzt auf einmal
eine Herrische bist! Wird dich halt ein Graf kriegen oder ein Junker!
    Sie antwortete mir nichts, und ich kam mir recht armselig und
bemitleidenswert vor, als ich das Schriftstck so unschlssig in der Hand
drehte.
    Nach einer Weile begann ich wieder: Was hast jetzt vor? Was willst jetzt
tun? Wirst wohl kaum mehr mitgehen in den Weidhof? Bleibst wohl gleich da?
    Da ich abermals keine Antwort von ihr erhielt, warf ich die Urkunde auf den
Tisch, nahm mein Htl und sagte: Jetzt bist halt ein Herrenkind! Jetzt kennst
halt den Weidhoferbalg nimmer, gelt!...
    Drauen war ich, und krachend fiel die Tr ins Schlo, und ich rannte
ingrimmig dahin, die Herrischen verfluchend und denen die Hlle wnschend, die
mich hergesetzt in diese lausige Welt.
    Keinen Blick tat ich mehr zurck nach dem Waldhaus und kam keuchend in den
Weidhof, schlich mich ungesehen in die Kammer des Ambros und warf mich aufs
Bett. In meinen Ohren sauste und hmmerte das Blut, und der Schmerz wrgte mich
am Halse, da ich Mhe hatte, die Trnen zu verbeien.
    Stundenlang lag ich so, beide Fuste vor den Kopf gepret und nichts denkend
als: sie ist herrisch, von Hhenrain, sie wird einen Herrischen kriegen.
Schlielich bildete sich in meinem Hirn ganz von selber eine Melodie zu diesem
Gedanken, und am End mute ich mit dem Fu den Takt dazu stoen, whrend ich auf
dem Bauch lag und summte: Sie ist herrisch, von Hhenrain ... sie wird einen
Herrischen kriegen ...
    Mein Ziehvater ri mich endlich aus diesem unsinnigen Brten; er kam herauf
und sah nach mir, fragte um die Jungfer und wollte uns zum Nachtessen holen.
Ohne mich zu erheben, berichtete ich ihm mit wenigen Worten von der
Testamentserffnung. Die Jungfer ist gleich droben blieben im Waldhaus; schlo
ich darnach; ghrt ja jetzt alles ihr. Sie ist ja eine Herrische von
Hhenrain!
    Erstaunt ber diese Botschaft wollte der Weidhofer gerade was erwidern, als
das Mdchen eilig ber die Stiegen heraufkam und ihn, als er aus meiner Kammer
blickte, ngstlich fragte, ob ich schon daheim sei.
    Ja, ja, Jungfer, sagte mein Ziehvater lachend; der ist schon da. Hat mir
schon allerhand vorgeflunkert von der Erbschaft!
    Damit ging er wieder zu mir in die Kammer herein und lud auch das Kathreinl
ein, sich ein wenig auf meinen wackligen Stuhl zu setzen und zu erzhlen.
    Ich sprang nun rasch aus dem Bett, strich es glatt und wollte davon; aber
der Ziehvater lehnte an der Kammertr, und so mute ich noch einmal die ganze
Sach ber mich ergehen lassen.
    Der Memer hrte ihr aufmerksam zu, berlas auch die Urkunde und erbot sich
schlielich, ihr in allem getreu zu helfen und zu raten, darber sie sehr
erfreut war und ihm froh dankte.
    Darnach gingen wir alle drei hinunter in die Wohnstube, und der Vater rief
im Vorbeigehen in die Kuchel: Auftragen fr drei! Haben die andern schon
gessen?, worauf ihm vom Kuchelmensch der mrrische Bescheid wurde:
    Schon lang.
    Also aen wir, und der Vater unterhielt sich eifrigst mit der Jungfer und
gab ihr viel gute Ratschlge, erbot sich, ihr Vieh aufzunehmen, ihr Haus zu
versorgen und sie selber - wenn sie wolle, natrlich - als ein Vormunder in
allen ihren Gerechtsamen zu untersttzen und ihr Erbe zu verwalten.
    Das Mdchen war mit allem einverstanden und bat am Ende noch um die
Vergnstigung, da sie, bis sie einmal irgendwo ein gedeihliches Unterkommen
fnde, im Weidhof bleiben drfe, wofr sie dann dem Vater den vollen Milchertrag
und frs Jahr ein Kalb verschreiben tt. Einigten sich also, da die Jungfer von
nun an wie ein Hausglied im Weidhof aus und ein gehen und leben kunnt,
wohingegen der Memer dann den vollen Milchertrag und zu Lichtmessen ein Kalb
erhielt.
    Frhlich ging das Kathreinl darnach in ihre Kammer; der Weidhofer aber nahm
die Mutter beiseite und brachte es nach langem, hartem Kampf dahin, da sie zu
dem Handel ja und amen sagte.
    Also blieb die Jungfer im Weidhof; ich aber trug mich mit dem Gedanken, das
Haus zu verlassen und mich in der Fremde ein wenig umzuschauen; doch sagte ich
niemandem etwas davon und wartete nur auf eine Zeit, die mir besser dazu pate
wie der Sommer; wie denn insgemein ein jeder wei, da in den Hundstagen berall
bei den Bauern die Arbeit metzenweis um etliche Groschen leichtlich zu haben
ist. Es mg mir aber nicht zu einer Unehr angerechnet werden, da ich in jenem
Alter noch nicht so gar aufs Geldverdienen aus war, vielmehr lieber ums
Gnadenbrot und Gottes Lohn in meiner Kammer oder auf der Hausbank hockte und
meiner Ziehmutter, der Memerin, aus weichem Holz allerhand Koch- und Rhrlffel
schnitzte, whrend die andern auf dem Felde schwitzten und die Kathrein droben
in ihrer Stube am Spinnrocken sa und tagein, tagaus spann und einen
Flachswickel um den andern zum feinen Faden drehte.

                                 Die Herrische


Nun hatte sich also der Weidhofer, mein Ziehvater, wie ein rechter, guter Christ
der Jungfer Kathrein angenommen, hatte ihr in der Erbsache wohl geraten und auch
ihr Geld in seine Obhut getan.
    Die Kuh und Geien standen nun im Stall bei seinem Vieh, und wegen des
Waldhauses war er bald mit dem Mdchen einig um fnfhundert Gulden; denn er
meinte, der Grund sei am Wald wohl saftig genug, da man es mit Klee und Haber
darauf probieren knne.
    Nun waren aber noch alle Stuben im Waldhaus so, wie sie am Todestag der
Irscherin gewesen; der Weidhofer nahm daher Rcksprach mit der Jungfer, ob sie
nicht willens wr, das ganze Gerumpel auf den Markt zu stellen und versteigern
zu lassen; denn, meinte er, es nehme ihm den Platz in der Htte weg und sei
dennoch nichts fr gut.
    Was dir grad bsunder lieb und wert ist, kannst ja in meinen Hof schaffen,
sagte er, als sie ihn mit groen, angstvollen Blicken ansah; von mir aus kannst
dir auch deine Stuben vollstellen mit dem Zeug; aber das meiste, die Hauptsach,
tt ich hergeben, wenn ich du wr!
    Da sagte sie ja, und nachdem der Hausl mit dem Fuhrwerk das Himmelbett,
einen bemalten Kasten, eine Kommode, die Standuhr, die Zither und das Spinnradl
samt Tisch, Sthlen und Bildtafeln in den Weidhof gebracht hatte, lie sie die
noch vorhandenen Ksten und Truhen leeren, behielt vom Inhalt, was ihr gefiel,
und bergab das andere nebst dem Mobiliar dem alten Donatl, der an jedem ersten
Mittwoch im Monat auf dem Marktplatz den Hammer schwang und berflssige und
entbehrliche Dinge wieder nutzbar und wertvoll machte, indem er sie denen, die
sein Fa, auf dem er schrie und werkte, umstanden, mit vielen und wohlgewhlten
Worten anpries und ein ganz respektables Mindestgebot dafr forderte.
    Ich half berall mit anpacken, auch beim Fortschaffen dessen, das auf den
Markt kam, obgleich mir um jedes Stck, das ich aus dem Haus trug und zum Wagen
schleppte, von Herzen leid war; denn ich hing doch viel mehr an dem Waldhaus,
als es durch den kurzen Aufenthalt dort eigentlich bedingt gewesen wre.
    Aber gewaltsam unterdrckte ich jede Kundgebung meines Schmerzes, um ja dem
Mdchen keinen Einblick in mein Inneres mehr zu geben; denn nichts in der Welt
htte noch vermocht, mich von dem einmal gefaten Entschlu abzubringen, meine
Lieb fr sie ganz zu verschlieen und zu verbergen. Ich ging ihr aus dem Weg, so
gut dies in einem engen Bauernhaus eben mglich war; und wenn ich mit ihr
dennoch beisammen sein mute, legte ich ein so gleichgltiges, ja unfreundliches
Wesen an den Tag, da sie wohl glauben mute, ich htte keinen Gedanken mehr an
sie und an das Vergangene.
    Freilich, in den stillen Nchten, wenn es kein Aug ersehen, kein Ohr
vernehmen konnte, da packte mich der Schmerz immer von neuem und trieb mir nicht
selten grimmige Trnen in die Augen, wenn ich jener Stunden und Tage gedachte,
die ich im Waldhaus mit dem Mdchen verbracht. Ich war durch meine Neigung zu
ihr unversehens zu einem reifen Burschen geworden und hatte keinen Augenblick
anders gedacht, als da ich sie dermaleinst werde besitzen und fr sie arbeiten
knnen, bis die unselige Erbschaft alle meine Trume und mein Hoffen zerschlug.
    Gegen Abend war nun das Waldhaus ganz leer, und der Weidhofer ging von Stube
zu Stube und sagte zufrieden: Da hat schon was Platz herin; herunten machen wir
mit Futter voll und droben mit Stroh. Jetzt kann wachsen, so viel als mag;
unterbringen tun wir's schon!
    Mit frhlicher Miene verschlo er alles und ging gemchlich heim; die
Jungfer schritt bla neben ihm her, und ich folgte ihnen, nachdem ich noch einen
Augenblick beim Kreuz verweilt hatte.
    Der Hausl hatte derweil das Himmelbett und alles andere vom Leiterwagen
herab und im Hof aufgestellt, worber die Weidhoferin so erzrnt war, da sie
uns mit heftigem Schelten empfing, als wir in den Hausflz traten.
    Dennoch aber half sie darnach selber mit, die Kammer der Jungfer
auszurumen, und befahl sogleich einer Dirn, den Boden zu fegen und frische
Vorhnge aufzustecken. Dann lief sie geschwind in ihre eheliche Schlafkammer,
holte geweihten Rauch und Kruter, legte sie aufs Glutpfnnlein und rucherte
die Stube damit aus, auf da dem Kathreinl nichts bles darin widerfahre.
    Und da ihr die Jungfer mit einem guten Dank vergalt, wurde meine Ziehmutter
pltzlich weich und meinte: Mut mir's nit sonderlich nachtragen, meine
Letzheit gegen dich! Schau, wenn ich gwit htt, wo d' her bist ...
    Sie wurde ganz rhrselig und mute die Schrze an die Augen drcken, so da
das Mdchen mit einem brennroten Gesicht sagte; Aber, Weidhoferin! Zwegen dem
brauchts Ihr doch nit zu heunen! Ob man jetzt von hoch oder nieder stammt - vor
unserm Herrgott sind wir doch allesamt blo arme Wrm!
    Der Weidhofer unterbrach sie: Ein Wetter steigt auf! Helfts und packts an,
da wir alles trocken unterbringen!
    Da gings! Die Memerin regierte die Leut herbei, die Jungfer stand in der
Kammer und nannte den Platz, wo sie ein jedes Ding haben wollte, und nach einer
knappen Stunde war die Stube fertig, und das Mdchen gehrte zum Weidhof.
    Und als nach einer Weile der Sturm ums Haus fegte und der Weidhofer in die
Kirche lief, den Wettersegen zu luten, da kniete auch die Jungfer drunten in
der Wohnstube und betete mit dem ganzen Haus samt Kostkindern und Ehehalten das
Evangelium Johannis: Im Anfange war das Wort, und das Wort war bei Gott, und
Gott war das Wort. A auch am selben Abend noch unangefochten am groen Tisch
mit den andern zur Nacht und ward von allen geehrt und hochgehalten als die
leibliche Tochter des edlen Herren von Hhenrain.
    Sie hatte einen Haufen kleiner Mnze unter das Gesinde verteilt und, nachdem
das Wetter sich verzogen hatte, allen zu Ehren ihres Einzugs Freibier und
Honigkuchen gestiftet; mir aber legte sie, bevor sie zu Bett ging, den feinen
Rock, ein samtenes Leibstck und die groe Taschenuhr ihres Ziehvaters in meine
Kammer und bat mich, da ich es annehmen wolle zum Angedenken an die
Irschermutter und das Waldhaus.
    Sie begabte auch die Kirche und stiftete einen Jahrtag fr ihre selige
Mutter; wollte auch fr die Irscherin einen anordnen, das ihr aber nicht gelang,
dieweil der Pfarrer auch jetzt noch der Toten jede heilige Handlung und Segnung
verweigerte. Doch wute der Weidhofer hierin einen guten Rat und empfahl der
betrbten Jungfer, sie solle doch zu unserer lieben Frau auf den Birkenstein
gehen, dort wr die Stiftung wohl angenehm und in willfhrigen Hnden; wofr ihm
die Jungfer gro dankte und fnfzig Gulden dorthin brachte.

                             Von Mathi zu Laurenzi


Nach diesen Ereignissen kam die Erntezeit; ein jedes im Weidhof hatte vollauf zu
werken, und auch ich mute nun meine Glieder fleiig brauchen; der Ziehmutter
mangelte das Kuchelmensch, dem Vater der Ochsenbub, da beide im Heuet waren;
auch mute ich den Mahdern das Essen und den Scheps aufs Feld bringen, Heu und
Klee wenden, die Leiterwagen zum Einfhren der Ernte bald auf diesen, bald auf
jenen Acker oder Grund fahren und zuweilen wohl auch an Stelle des Vaters in der
Kirche zum Angelus luten.
    Im Waldhaus wurden nun alle Fensterladen geschlossen und die Stuben und
Kammern mit dem reichen Ertrag an Klee, Heu, Wicken und Haber angefllt, whrend
die Stadel des Weidhofs Roggen, Korn und Grummet, Stroh und Laubstreu bargen.
    Ein frhliches Erntefest folgte auf diese an Arbeit und Sorge reiche Zeit,
und es wurde wieder lebendig in dem bisher stillen Bauernhaus.
    Bald erscholl auch wieder aus der weitgeffneten Tenne das klappernde Lied
der Dreschflegel:

Buama, hauts ein,
Hauts nur grad drein!
Dirndln, hauts ein,
Dreschts fleiig drein!
Lats enka Drischl fliagn,
Da mir an Lobspruch kriagn;
Drischts alle Spitzbuam z'samm,
Da mir koa Plag it habn
Mit so an Teifisgfra;
Hauts zua, na habts an Gspa!
Unter der Drischl drin
Habts die foast Weberin
Und den kloan Nagelschmied;
Dreschts 'n nur aa guat mit!
Hauts nur grad zua allsam,
Dreschts es guat z'samm!
Bauer, hau ein,
Drisch uns an Wein!
Buerin, hau ein,
Drisch uns an Brei!
Lats enka Drischl fliagn,
Da mir hbsch Gulden kriagn;
Drischts alle Schulden z'samm,
Da mir koan Schadn it habn;
Dreschts uns a Feirtagwand,
Gebts uns an Guldn auf d' Hand!
Unter der Bettziach drin
Habts enkan Geldsack liegn,
Teats 'n nur aua gschwind,
Da 'n der Schwed it findt!
Laarts 'n am Dreschbodn hin,
Na san ma zfriedn!

Es ist schon ein alter Brauch, da die Drescher in ihren Drischelliedern die
Verfehlungen ihrer Nachbarn, besonders aber den Ehebruch, geieln und rgen,
ihre Gerechtsamen als Ehehalten dem Bauern und der Buerin frhalten und auf
ehrliche Auszahlung ihres Lohnes dringen.
    Drum stellte auch die Weidhoferin whrend dieser Tage fter als sonst den
Fleischhafen bers Feuer und warf auch in den Brei allwegen ein greres Stck
Schmalz zum Schmeck als sonst.
    Und als dann die Kirchweih kam, da trug sie Schsseln auf, da sich der
Tisch bog: dreierlei Fleisch und dreierlei Kndel, zweierlei Tauch und zweierlei
Schmalzkchlein, und ein eigenes Kirtabrot mit Zibeben und gedrrten Birnen und
Zwetschgen gespickt, Kaffee, Bier, Most und Wein.
    Dann kam der Zupfgeigenjackl und der Klarinettensteffl; der Oberknecht holte
seine Zither unter der Bettstatt heraus, und der Ochsenbub nahm das Trumscheit
aus der Ecke, und bald gings an ein Musikmachen und Singen, an ein Tanzen und
Stampfen, da alle Fenster schepperten und der Boden erzitterte.
    Auch das Kathreinl brachte an diesem Tag seine Zither herab und schlug sie
meisterlich, sang auch viele Trutzgsangln und war munter und aufgerumt. Sie
hatte wieder ihren Staat angelegt, und als sie einmal mit einem der Burschen
tanzte, da klirrten die Taler und Mnzen, die Trublein und Ringe an ihrem
Silbergeschnr, und der Seidenzeug ihres Gewandes knisterte und rauschte.
    An diesem Tag hat mancher, glaub ich, leichtlich vergessen gehabt, da das
Maidel einmal als Hexenjungfer verachtet und verschrien war; ja, ich glaube
nicht bel zu raten, wenn ich dem oder jenem zutraue, er habe damals im Ernst
erwogen, ob seine Spargroschen sich etwan wohl ausnhmen neben dem Geldsack der
Jungfer oder ob sein pechschwarzer und strohgelber Haarschppel zu den
Goldzpfen einer Herrischen gut stnde.
    Auch mich ergriff wieder eine unbezwingliche Sehnsucht, das Mdchen an mich
zu reien und zu herzen; doch kmpfte ich hart dagegen und begann zu saufen und
zu plrren, auf da meine Sinne betubt wrden. Sang auch alle Trutzlieder
durch, die mir bekannt waren, machte ungefge neue hinzu, sang ber die Junker
und ber die Pfaffen, spottete der Lieb und Treue und gehub mich am End so
zgellos, da der Weidhofer aufstund, mich bei den Ohren hinauszog und mir ein
paar herunterstrich.
    ber diese derbe Zurechtweisung war ich dann so sehr beschmt, da ich mir
nicht mehr getraute, zu den andern hineinzugehen, sondern mich ganz still und
kleinlaut nach der Kuchel verzog, wo die Weidhoferin und das Kuchelmensch eifrig
brieten und hantierten; bald wurde es mir aber darin zu dmpfig, und ich drckte
mich nach dem Stall, lehnte mich an die Hhnersteigen und schlief schlielich
dorten so fest ein, da mich weder das Rufen der Stallmagd noch die Pffe des
Ochsenbuben wieder erwecken konnten und das Stallmensch mir am End aus
christlicher Nchstenlieb ihren Melkkittel unterbreitete und mich daraufstie
und schnarchen lie bis zum andern Morgen.
    Da verwunderte ich mich hchlich ber diese seltsame Liegerstatt und konnte
mich gar nicht drauf besinnen, wie ich dahin gekommen war. Es wurde mir aber
bald ein Licht darber aufgesteckt, indem die Burschen und Mgd allesamt, kaum
ich darnach in die Stube trat, um meine Frhsuppe zu essen, anfingen, mich zu
verlachen und als traurigen Helden zu rhmen, der, wenn er auch noch nach
Windeln rieche, gleichwohl schon gut beschlagen sei im Saufen und Schreien, und
der jede gute und ehrbarliche Gemein durch sein suisches Benehmen in ble
Nachred brchte.
    Mit offenem Maul sa ich unter solchem Gered da und marterte mein Hirn, ohne
da mir was einfiel. Da half mir der Weidhofer drauf: Gelt, heut sitzt da, als
wenn dir d' Hennen 's Brot gnommen htten! Aber gestern hat einer plrrt und
grehrt wie ein narreter Stier, und hat sich aufgmandelt und ein rechtlichs Maidl
verchtlich gmacht!... Und da ich ihn ganz verdattert anglotzte, fuhr er fort:
Ja, ja. So hast es trieben, gestern. Aber jetzt hast ausgstnkert, mein ich;
jetzt sind dir die Perlen rausgfallen aus der Kron; und deine Jungfer, denk ich,
wird wohl auch genug haben an so einem Ldrian, so einem Hannaken, wie du einer
bist.
    Bei einer solchen Kirchweihpredigt wr einem andern auch kaum mehr bsunder
geruhig zumut gewesen; mir aber ward so elend dabei, da ich, wei Gott, was
drum gegeben htt, wenn ich in diesem Augenblick htt ein Tarnkpplein oder
Blepulver bei mir getragen, mich unsichtbar zu machen, oder einen
Meilenstiefel, mich damit an das ander Weltend zu kutschieren; aber ich war
verurteilt, zur Predigt auch noch das Amt zu hren, indem sie nun alle
zusammenschrien und auf mich einfuhren, bis ich mit einemmal einen greulichen
Fluch ausstie, meinen Stuhl umwarf und hinausstrmte.
    Ich riegelte mich in meine Kammer ein und lie mich nicht mehr sehen, bis
die andern auf dem Kirchgang waren; da denn der Kirchweihmontag bei uns als ein
guter Feiertag gleich dem Oster- und Pfingstmontag galt. Erst als alles im Haus
still geworden, schlich ich aus meiner Kammer und lief durch den Stall hinaus
und fort, trieb mich etliche Zeit im Wald herum und ging darnach keck zu einem
Sonnenreuther Bauern auf den Kirtaheimgarten; doch hielt ich mich dorten tapfer
und sparte den Trunk. Gegen Abend bedankte ich mich sodann und ging heim,
drckte mich, whrend die Unsern in der Stube sangen und spielten, eilig ber
die Stiegen hinauf in meine Kammer und lie mich von dem Tag ab nur selten noch
bei den Mahlzeiten sehen. Der Jungfer Kathrein aber ging ich nun noch mehr aus
dem Weg wie ehvor und tat, wenn wir uns dennoch trafen, wie ein Fremder gegen
sie; blieb auch den Winter ber wie ein Einsiedel in meiner kalten Klausen,
whrend die andern scherzend und lachend in der warmen Stube bei der Kunkel
saen und die Burschen den Maiden mit dem Kienspan zum Spinnen leuchteten und
allerhand Fden knpften.
    So kam der Auswrts, das Frhjahr, und der Weidhofer schickte mich wieder,
wie ehedem, mit dem Vieh auf die Alm; denn, meinte er, zur groben Arbeit taugte
mein zerschundener Leib doch nicht viel; womit er auch recht hatte: ich wurde
nichts Rechtes mehr seit dem Sturz vom Felsen; mein Krper blieb unscheinbar,
meine Fe waren kurz und stumpficht, meine Arme aber drr und gar lang. Auch
zwickte und ri es mich bald da, bald dort, und ich hatte manchen Tag, an dem
ich mich kaum rhren konnte.
    Ging also mit vieler Freud wieder auf die Berg wie ehvor, htete das Vieh
des Weidhofs und die Kuh samt dem Kalb und den Geien der Jungfer Kathrein und
schnitzelte dabei allerhand Krippenmnnlein und Himmelmuttern, bis eines Tages
etwas daherkam, das mich wie der gottlos und unbarmherzig Kuckuck aus meinem
Nest warf und in eine fremde Welt hinausjagte.

                            Kindlnot und Brautschau


Es schickte sich um Laurenzi desselben Jahres, da ich wieder auf der Alm sa,
da unsere Schwaigerin, die Hosennandl, ber allerhand Beschwernisse und
Gebresten klagte und mit Schmerzen die Zeit herbeisehnte, wo wir wieder
heimtreiben durften von der Alm.
    Und etliche Wochen darnach geschah es, da es mitten in der Nacht heftig an
meine Kammertr klopfte und die Nandl mit Zhnklappern bat, ich solle doch
geschwind hinberlaufen in die Riedleralm, da die Mariandl km und ihr
beistnd.
    Ich stand also eilends von meinem Strohsack auf, fuhr in die Hosen und lief,
was ich konnte; denn die Nandl tat so wehleidig und jammerlich, da mir ganz
angst um sie wurde.
    Pochte also ungestm an die Fenster und Tr der Mariandl, bis sie endlich
aufmachte und mich anhrte.
    Da 's Gott gsegn! schrie sie. Sie wird doch nit die rot Ruhr im Leib
haben oder gar die Pestilenz!
    Eilig legte sie ihren Kittel an, und wir liefen, so schnell wir konnten,
durch die mondhelle Nacht hinber in die Weidhoferalm zu der Kranken.
    Aber, wer kann unser Staunen und Verwundern beschreiben, als wir die Tr
auftaten und uns ein dnnes Kreischen in die Ohren scholl! Da lag die Nandl, md
und matt, und neben ihr ein nackends Wuzerlein, nicht grer denn eins von
unsern jungen Sulein, so die Alte zu Pfingsten geworfen hatte.
    Mit schwacher Stimm bat mich die Mutter Nandl, da ich mich ums Melken
bekmmern wolle; die Mariandl, der's Gott danken mg ihre Lieb, wrd schon
fertig in der Htten. Htt ja schon gern noch das brennrote Wrmlein mit dem
feinen, schwarzen Haarschppel ein wenig betrachtet; aber ich ging, als man mir
sagte, da ich darnach noch lang das Kindsmensch machen knnt, wenn unser lieber
Herr den Balg da lie auf der Welt, und da ich ihm, zumal es ein Bub sei,
Gevatter stehen und ihn aus der Tauf heben drft. Als nun der helle Tag
heraufgekommen war, schickten mich die Frauen hinab zum Weidhof, da ich meiner
Ziehmutter die Botschaft brcht von dem Ereignis, auch um eine Aushilf fr die
Schwaigerin tracht und im Vorbeigehen dem Huslpauli ans Fenster pumpere und ihm
ausricht: ein Bub wr's, und er sollt an seine Vaterpflicht denken. Also machte
ich mich auf den Weg und traf den Pauli grad auf dem Rbenacker vom
Staudenweber, Bltter fr seine Stallhasen rupfend. Pfiff ihm also, da er
erschrocken in die Hhe fuhr, und schrie ihm zu: He, Pauli! Ich soll einen
Kinihasen auf d'Weidhoferalm bringen, Kindstauf gibt's! Er kam langsam, wie
lauernd, nher: Ha moanst?
    Wie ich mein, fragst! schrie ich ihm da in die Ohren, als wenn er
stocktaub wr. Na, ich mein, und ich wei und soll dirs sagen, da d' Vater
worden bist heut nacht; 'n Buben hat s', die Hosennandl vom Weidhof; wirst ja
schon gutding wissen jetzt, was d' zu tun hast.
    Damit wollte ich gehen; der Pauli aber hielt mich am rmel fest: Da i net
wt, Bua!... Is mir nix bekannt! - Gar nix!... An Buam, sagst?... Naa, gar nix
bekannt!... Soo, heunt nacht, sagst?... Woat, mi gehts ja nix o, i kenn mi aa
net o als Vatern; naa, gar net!... Wenn hat s' denn schon?... Ja so, heunt nacht
... ja ... no - sagst halt, es is scho recht. I werd mirs berlegn.
    Damit bckte er sich wieder und rupfte weiter, wie wenn nichts gewesen wr;
ich aber rief ihm noch zu: Ist auch gescheider, du berlegst dirs, Pauli! D'
Nandl hat ein hbsches Geldl und ist auch sonst gar net bel!
    Dann lief ich weiter und kam gerade in dem Augenblick in den Weidhof, als
zwei mit Bndern und Blumen geschmckte Rsser am Brunnengrand vor der Haustr
standen und tranken.
    Ich trat ins Haus und mit dem Ruf in die Kuchel: D' Nandl braucht eine
Hilf, sie ist krank und hat 'n Buben!
    Aber kein Mensch merkte auf mich; die Ziehmutter stand lachend vor dem Herd
und kochte ein fettes Eiergericht, und das Kuchelmensch holte die Schnapskrugel
aus der Speiskammer und lief damit in die Stube, wo zwei mit bunten Bndern und
Blumen aufgeputzte Mannsleute standen und sich mit dem Ziehvater laut vom Wetter
und von der Ernte unterhielten.
    Ich folgte der Dirn und trat neugierig ein, als pltzlich der eine von den
Bandelnarren die Nase in die Luft reckte und ausrief:

Was kimmt denn jetzt lei a feins G'rchei in d' Stubn daherein?
Meiner Treu! In dem Haus mua a Brutl sein!

Worauf auch der andere herumschnupperte und sagte:

Bruada, du hast recht, und i werd schaugn gschwind,
Ob i das Brutl nindascht find!

Damit nahm er seinen blumengeschmckten Hut vom Tisch, steckte sich einen
Rosmarinzweig ins Knopfloch und zog einen hlzernen, bemalten Sbel aus der rot
und blaubebnderten Scheide, salutierte und ging hinaus, whrend der andere dem
Weidhofer mit einem Glschen Schnaps Bescheid tat.
    Derweilen brachte die Ziehmutter das duftende Eierschmalz auf einer groen
Platte herein und stellte es auf den Tisch, indem sie sagte: I kann mirs a
schier gar nit denken, was uns die gro Ehr verschafft; aber ich mein, da ichs
erraten hab, wenn i sag, zwegn der Oarspeis!
    Fehlg'raten! schrie der Bandelnarr und ri einen Rosmarinzweig aus dem
Sack, steckte ihn ins Knopfloch, zog gleich seinem Genossen einen bemalten
Holzsbel aus der bandgeschmckten Scheide, salutierte und rief:

Also, meine Leutln, ich tu enk z' wissen und kund,
Da ich ein Brutl such in diesem Haus und auf diese Stund,
Das Brutl soll heien: Jungfrau Maria Kathrein
Und soll dem Lackenschusteranderl seine Hochzeiterin sein.
Drum, Leutln, teats mi net lang umasprenga und plagn,
Vielmehr teats mir als dem Hochzatlader dem Brutl sein Aufenthalt sagn,
Auf da i hingeh zu der Jungfrau und Braut,
Und lad s' zum G'festen, in d' Kirch und zum Kraut!

Ja, was nit gar! rief da die Weidhoferin lachend; unser Kathrein! Dera fallts
net im Traum ein, da s' in Ehstand geht!... Da bist gstimmt, mein Lieber!
    Und sie schob den Widerstrebenden an den Tisch und bat ihn, doch zu essen,
bevor das Gericht kalt sei.
    Da setzte sich also der Bandlnarr oder Hochzeitlader nach vielen
Komplimenten und a, whrend der Weidhofer ganz leis aus der Stube schlich.
    Ich lief ihm nach und sagte drauen: Vater, ist's Euch recht, wenn ich die
Stallmagd mitnimm auf d' Schwaig?
    D' Nandl is krank.
    Dabei berkam mich pltzlich ohne jede Ursach ein Zwang, laut aufzuweinen;
unterdrckte ihn aber und tat einen derben Fluch und spaizte giftig auf den
Boden, so da der Memer mich zornig und verwundert ansah und rief: Schlingel,
unrespektierlicher! Mu i dir 'n Haselhans oder d' Birkalies zeigen und
berstreichen, damitst lernst, was sich ghrt?
    Wurde aber gleich wieder gndig und besann sich auf meine Frage: D'
Stallmagd brauchst?... Ja, sag ihrs nur!... Nimm ein etlichs paar Flaschen Most
oder Wein mit fr d' Nandl!... Wo fehlts denn?
    Halt am Gsund, sagte ich; 'n Buben hat s' auf d' Welt bracht heut nacht.
    Aber der Weidhofer hrte schon nichts mehr; eilends schlpfte er aus seinen
Haferlschuhen, sprang die Stiegen hinauf und in die Kammer der Jungfer, steckte
den Kopf zur Tr hinein und rief halblaut: Auf, Maidl, der Hochzatlader is da!
Der Anderl mchts richtig machen und d' Hochzat ansetzen. - Wenn pats dir denn
am ehndesten? Herrgott! Wie wurd mir da bald warm, bald kalt; und eh ich mich
dessen versah, stand ich auch schon droben hinter dem Ziehvater, zitternd und
auf die Red der Jungfer harrend, die nun kam.
    Mit einem hellen Lachen sagte sie: Ja, was! Der Lader ist da! Da mu ich
mich aber gschwindse verkriechen!
    Sie lachte wieder laut und lustig und sprach weiter: Sagts eahm halt: In
drei Wochen kann er mich haben! Am Samstag 's Stuhlfest, am Sonntag zum ersten
verknden, und derweil, denk ich, wird der Schreiner schon richtig sein mit 'n
Kuchelwagen!... brigens, was ich noch sagn mcht, Memer: In Glaskasten mu er
noch a Spiegelwand einsetzen! - Und der Hausaltar soll blo drei Heilige
kriegen: unser liebe Frau, d' Sankt Kathrein und 'n Sankt Andr; sonst wei man
ja kaum mehr, wo man hinbetn soll, vor lauter Heilige. So viel brige Zeit hat
man ja auch nit, da man den ganzen Tag an unsern lieben Herrn sein Freundschaft
denken kunnt. - So, und jetz geh ich nunter hinter d' Stiegen.
    Da kam sie auch schon aus der Kammer; ich aber wollt, ein Mausloch oder
Mauerspalt htt mich in dem Augenblick aufgenommen; - mit brennrotem Kopf stand
ich auf der obersten Staffel und mut mich an die Wand lehnen, da ich nicht
herabfiel vor belkeit.
    Sie aber lachte lustig auf: Ei sieht eins! Der Mathiasle!... Gilt schon,
Mathiasle, gilt schon! Httst nit eigens brauchen den weiten Weg z'kommen!
Glaub's schon, da d' mir du nix Schlechts wnschst zu mein Ehstand!
    Sie langte in den Sack: Da! - Halt - ich hab was anders fr dich! - lief
noch einmal zurck in die Kammer und holte eine Schachtel, whrend der Ziehvater
lachend und voll Spott sagte: Na, Bursch, wo hast denn jetzt auf einmal deine
Schneid lassen? Bist doch ehvor noch so anhabisch gwesen!
    O, wie gern wr ich da hinab ber die Stiegen und davon! Aber es war, als
htt der Blitz in mich eingeschlagen; ich lehnte ganz schwach und elend an der
Mauer und konnte nicht Fu noch Hand rhren, auch nicht den Mund auftun und
hinausschreien, was in mir tobte.
    Derweil brachte also die Jungfer eine schne Kette, aus Haaren zierlich
geflochten und mit goldenen Schlieen und Schnrkeln geschmckt, und hing sie
mir um den Hals, indem sie mit lieblicher Stimm dazu sagte. So Bub, die Ketten
soll fr dich sein; ist noch von der Irschermutter eine. Halt s' gut und in
Ehren!
    Dann tschelte sie meine Wange und lief drauf eilig ber die Stiegen hinab
und hinter dieselbe, wo das groe Krautfa stand. Schlpfte geschwind hinein,
und der Weidhofer deckte eine Wagendecke drber; ging drauf in die Stuben und
lud den Bandelnarren schalkhaft ein, das Brutl, von dem er red, zu suchen.
    Im selben Augenblick kam der andere mit seinem Sbel eilig zur Haustr
herein, hielt in einem roten Barchentsack eine schreiende Henne in die Hhe und
rief:

Hui! Auf, Kamerad! Mei Brutl, ds hab i im Sack!
Lus auf, Bua, wie's juchazt und schrein tuat: gigg gagg!
Is sauber und mollat und liabli vom Fua bis zum Kopf,
Grad schad, da's gelbe Augn hat, an rotn Schopf und'n Kropf!

Drauf stie er einen hellen Juchzer aus, schwang seinen Sack, da die Henne laut
schrie und gaggerte, und stampfte mit den Stiefeln und sang:

Aber Dirnei, was knerrst denn und schreist denn a so!
Balst so ohabisch tuast, nachher kriagst ja koan Mo!
Du muat ja sch stad sei und 's Herzerl auftoa,
Muat a zuckersae Drutschl sei, sunst bleibst alloa!

Der Hochzeitlader war derweil aus der Stuben gekommen und begann nun berall
nach der Braut zu suchen: in der Kuchel, in der Speis, im Stall. Dazu sang er:

Jetz sollt i verkndn, da a Brutl da is,
Und kann s' nindascht findn, wo s' hingschloffa is!
Is in der Kuchl net, in der Speis net und in Stall nindascht z' sehgn,
Jatz mua i 's Kirzl ozndn und leuchtn a weng!

Zog also ein Wachs und Zndzeug aus dem Sack und schlug Feuer. Der andere aber
gab ihm einen Rat:

Schaug in Heubodn auffe, schaug in d' Kammer ei,
Schaug ins Millikastl und ins Krautfa nei!
Schaug in d' Liegerstatt und hinter d' Kellerstiagn,
Balst es gscheid ohebst, werst es scho kriagn!

Ich lehnte immer noch droben auf der Stiegen, und es war mir, als sei ich in
einem Komdienhaus und hrte da ein nrrisches Fastnachtsspiel; aber es war
leider ein trauriges Zuschauen und Hren, da mir mein liebes Kathreinl fr einen
andern geworben und gefreit wurde.
    Und am End konnt ich nicht mehr Stand halten, kroch an die Tr zum Heuboden
und schlpfte hinein; stieg an der Leiter hinab zur Tenne und lief durch den
Stall hinaus in den Hof, wo die Stalldirn kehrte und fegte, da der Staub
aufwirbelte.
    Indem fiel mir die Nandl ein, und ich sagte der Dirn, da sie gleich
mitkommen mt auf die Schwaigen; sollt auch zwei, drei Flaschen Wein und ein
etlichs paar Eier mitnehmen fr die Wochnerin.
    Unwillig erwiderte sie: La mir nix schaffen vom Khbuben!
    Dann fuhr sie mir mit dem Besen zornig ber die Fe und kehrte weiter.
    Eine Weile noch sah ich ihr gedankenlos zu und blieb auf dem Fleck; dann
aber lief ich kurzerhand hinein ins Haus, wo der Hochzeitlader eben das
Kathreinl aus dem Krautfa zog und der Ziehvater und die Mutter lachend
dabeistanden; fuhr also grimmig dazwischen und schrie die Weidhoferin an:
Machts einmal ein End mit der Narretei! Ich mu eine Schwaigerin haben! Eine
Hilf brauch ich fr die Nandl!
    Oho! Net so gach, Bberl! erwiderte die Ziehmutter hochfahrend. Wann die
Herrischen handeln, haben die Dienstigen das Maul zu halten! Wir haben jetzt
keine Zeit fr dich!
    Und der Memer rief spttisch: Geh nur und such dir dein Sach! Bist ja auch
sonst so mannig!
    Himmel! Da kam's ber mich, und es fuhr mir heraus, was an Gift und Galle in
mir steckte, ungeachtet der zu erwartenden Straf; und ich schrie, da mir die
Stimm berschnappte: Jawohl, das bin ich auch! Und so dumm wr ich auch nit,
da ich so eine nhm, die schon bei einem andern Buben glegen ist! Herrisch oder
nit! Aber lieber eine Gnsdirn, als wie so eine!
    Heia! Das traf! Und ich lief aus dem Haus und dahin auf die Alm; und in den
Ohren gellten mir noch immer meine eigenen Worte. Sie lieen mich nimmer aus,
hallten mir aus allen Geruschen entgegen, aus dem Rauschen des Bergbachs, aus
dem Keuchen meines Atems - und dazu mischte sich eine harte Anklag meiner
selbst: Du hast sie ehrlos gemacht aus Bosheit.
    Wie ein Feuer brannte es auf mir, da ich so feig und gemein an dem Mdchen
gehandelt hatte, und ich zermarterte mein Hirn, wie ich es wieder gut machen
knnte. Planlos lief ich unter diesem dahin; ein leiser Regen begann zu fallen,
und die Nebel sanken weit in die Tler hinab. Bald kam ein Frsteln ber mich,
und ich begann zu fiebern und zu frieren. Unsinnige Gedanken jagten durch meinen
Kopf; bald wollte ich wieder zurcklaufen und die Geschmhte um Vergebung
bitten, bald zum Wasserfall, mich hinabzustrzen; doch lief ich immerzu den
geraden Weg nach der Weidhoferalm und kam endlich ganz durchnt an die Htte.
    Wollte also hinein; aber entsetzt fuhr ich zurck - unter der Tr stand
grinsend mein Widersacher, der lange Ambros. Sein Gewand war zerfetzt, seine
Haare zerwirrt; er war bleich, und in seinen Augen brannte es wie ein Feuer.
    Hab schon eine gute Weil auf dich gewart, Brscherl! sagte er und weidete
sich an meinem Schreck. Hab dich aber doch noch erwarten knnen, wie ich seh!
    Mich schttelte ein Grausen; aber ich zwang mich zur Schneid und sagte
gleichgltig: Auf mich hast g'wart! Ich hab denkt, auf d' Landjager, weil grad
zwee daherkommen da vorn! Dabei wies ich nach einer nahen Wegbiegung, die durch
einen mchtigen Felsblock verdeckt war. Der aber hatte kaum das Wort Jager
vernommen, rannte er auch schon davon und verschwand hinter der Htte, whrend
ich eilends hineinging und die Tr verriegelte.
    Die Schwaigerin lag schlafend auf ihrer Liegerstatt und hielt das Kind warm
an die Brust geschmiegt. Ich durchsuchte die Htte nach der Mariandl, die mute
aber wohl schon wieder nach der Riedleralm zurck sein; denn ich konnte sie
nirgends finden. berlegte also, was ich nun beginnen sollt, besonder da ich
auch ganz allein war und in dem Schelmen, dem Ambros, einen gefhrlichen, ja
unheimlichen Patron sah.
    Mitnichten wollte ich allein in der Htte bleiben; stellte also der Nandl
einen Weidling voll Milch auf einen Hocker vors Bett, legte einen Lffel, Brot
und Butter dazu und schlich mich leise wieder davon und versperrte die Htte.
    Nun sprang ich also eilends wieder hinab nach Sonnenreuth und war noch vor
dem Abend am Weidhof.
    Der Memer sa gerad mit der Jungfer auf der Hausbank und hatte einen
kstlichen Rauchmantel aus der Pfarrkirch vor ihr ausgebreitet, als ich durch
den Gadern trat.
    Flickst 'n halt a bil z'samm, da mans nimmer gar so stark sieht, das
Brandloch, sagte er und zupfte an einer brchigen, versengten Stelle des
Mantels; da ging ich auf ihn zu und sagte, ohne lang zu gren: Der Ambros ist
in der Schwaigen gwesen, der hat nix Guts im Sinn; lats wem Handlichen mitgehn,
eh was passiert! Erschrocken fuhr er in die Hhe: Was - der Lump - in der
Schwaigen, sagst? Auch die Jungfer war aufgesprungen und hatte in dem
Augenblick gewi alles vergessen, was ich ihr zuvor angetan; die Hnde
zusammenschlagend, rief sie aus: Der Ambros! Weidhofer, das gibt ein Unglck!
    Nun man willig auf mich hrte, berichtete ich alles, auch, da die Nandl mit
einem Bub in der Woch lge und da wir so schnell wie mglich Hilf bruchten,
worauf der Memer den Rauchmantel der Jungfer auf den Scho warf und sagte: Leg
'n derweil in dei Stuben, Maidl; ich mu Leut z'sammtrommeln.
    Dann pfiff er dem Ochsenbuben und der Stalldirn, gab der Weidhoferin Bericht
und Befehle, nahm seinen Hut vom Nagel, und wir gingen alle zusammen fort.
    Der Tag war lngst hinter den Bergen verschwunden, und die Nacht brach
dunkel und sternlos herein, als wir auf unserm Almfleck anlangten, von da aus
man noch ein guts Stck zu steigen hatte bis zur Schwaightten. Da gewahrten wir
durch den dichten, schwarzen Nebel einen seltsamen, hellen Schein.
    Aber heunt geht der Mondscha wunderlich auf! meinte der Weidhofer, und
auch uns mutete das Licht sonderbar an; da fuhr es mir pltzlich durch den Sinn:
Das ist von der Schwaigen. Am End ist die Nandl gar tot oder das Kindl.
    Ich glaubte nmlich damals fest daran, da Leute sich, wenn sie von der Welt
scheiden, anmelden oder dies durch Lichter anzeigen.
    Indem ich aber noch darber nachgrble und den Lichtschimmer mit starren
Augen betrachte, deucht es mir pltzlich, als stiege ber dem Schein ein dicker
Rauch auf; ein jher Schreck durchfhrt mich, und ich schreie gellend: Das
brennt! O Gott! D' Nandl - s' Kind!
    Dann strz ich hin und wei nichts mehr. Doch nicht lange dauert diese
Ohnmacht; ich raffe mich auf und finde mich allein, die andern sind wohl nach
meinem Schrei sogleich dahingestrmt. Ich wende mich gegen die Richtung, wo ich
vorhin das Licht gesehen; allgtiger Gott! Die Schwaigen brennt wirklich!
    Nun fasse ich alle meine Krfte zusammen und renne den Berg hinan und komme
gerade in dem Augenblick an, wo das Dach ber meiner Kammer mit Krachen und
Zischen zusammenfllt. Es brennt nur ein Teil der Htte; der, in dem die Nandl
liegt, ist auen noch unversehrt. Da fllt mir die Kranke und das Kind ein.
Herrgott! Ich habe ja den Schlssel abgezogen! Sie kann nicht entweichen, und
die Helfer knnen nicht zu ihr!
    Aber da kommt auch schon der Weidhofer und der Ochsenbub von der Seite her,
wo die Haustr ist, und sie tragen die Mutter und das Kind samt dem Strohsack;
zwar ohne Besinnung, doch von dem Feuer unversehrt.
    Ich hocke mich daneben, unvermgend, etwas anderes zu tun, als unter
Zhnklappern und Frost fr mich hinzusagen: Gottlob, sie haben s', whrend die
andern verzweifelt arbeiten, um zu retten, was noch zu retten ist; denn das
Feuer an der hlzernen Htte zu lschen ist doch unmglich.
    Dazwischen haben sie Mh und Not, die ngstlich gewordenen Tiere vom Feuer
wegzubringen; und am End schreit der Memer: Treibt mir eins das Vieh hintern
Berg und nachher tragts alles weg vom Feuer, Leutln. Was jetz no drin is, lassn
mir brennen!
    Nun fate auch ich mit an; denn die Nandl hatte zuvor die Augen ein wenig
aufgetan, nach ihrem schlafenden Kindl gegriffen und war mit einem Seufzer
wieder zurckgesunken auf ihr Kissen.
    Ich lockte und rief also das Vieh und brachte es ziemlich weit vom Feuer
weg; der Weidhofer aber fate den Strohsack der Wochnerin und trug diese mit
Hilf des Ochsenbuben nach der Riedleralm.
    Darnach blieben wir die Nacht ber beim Vieh und berieten, was nun geschehen
sollt.
    Mit einer groen Ruhe sagte mein Ziehvater: Heimtreiben mu man halt. D'
Hauptsach is, da nix verbrunnen ist an Leut und Vieh. Das ander ist gleich, das
baut man halt wieder auf; gibt ja Holz genug. Aber den einen, den Lumpen, la
ich fangen. Der mu mirs ben, das! Immer noch schossen Feuergarben gen
Himmel, und ein Stck nach dem andern loderte, krachte und fiel zusammen.
    Endlich aber wurden die Flammen kleiner, der Rauch blulicher; und als der
Morgen mit fahlem Schimmer aufstieg, sah man von der Schwaightte nichts mehr
als einen Haufen Asche, verkohlte und verrute Trmmer und daneben, lustig
pltschernd, den Brunnen der Schwaige, der durch einen gnstigen Wind unversehrt
geblieben war.
    Da ging der Weidhofer noch einmal hinauf zur Brandsttte und bego die
rauchenden berreste mit Wasser; dann eilte er hinab ins Dorf, um seinen Leuten
das Unglck zu melden und seine Befehle zu geben, ehe er in die Kirche mute,
den Morgengru zu luten und bei der Frhmesse zu dienen.
    Und da es Tag war, kamen nacheinander: der Oberknecht, der Mitterknecht, die
Oberdirn, die Mitterdirn, das Kuchelmensch und der Hausl und besahen die
abgebrannte Schwaig, fluchten dem Schelmen und nahmen jedes ein paar Trmmer des
Geborgenen und trugen es hinab in den Weidhof. Darnach kam auch die Ziehmutter
samt der Jungfer Kathrein, klagten ber das Unglck und gingen hierauf nach der
Riedleralm, die arme Nandl und ihr Kindlein heimzusuchen.
    Derweilen richteten wir drei, der Ochsenbub, das Stallmensch und ich, die
Khe zum Abtrieb und schrien und sangen mit rauher Kehl und gebrochener Stimm:

Kuahlein! Gehn ma hoamazua!
He, Schwoagasbua, der Wendlstoa tragts Hatl scho voll Schnee!
Ds is a Zoacha, da ma jetz gent hoamtreibn von der Hh.
Es dauert it lang, so legt er gent sein schneern Mantel o
Und deckt die ganzen Alma zua, drum roas' ma frei davo!
Kuahlein! Gehn ma hoamazua! Juchu!
Jetz mua i meine Kah und Kalm mit Krnz und Buschn ziern,
Da s' ausschaugn grad wia Hochzatleut, wo mir vo der Alm hoamfhrn.
Na pack i Pfann und Kbl z'samm und spirr mei Schwoagn zua
Und treib mit meine Kah und Kalm sch schdad gen Weidhof zua!
Kuahlein! Gehn ma hoamazua! Juchu!

Da wandte erst die Vorderkuh den Kopf nach uns und schttelte sich, da die
mchtige Glocke, die sie um den Hals trug, durch die Berge hallte, und trabte
eilig auf mich zu; und indem ich ihr einen Kranz von wildem Enzian umhngte,
kamen auch die andern und lieen sich willig Hals und Hrner mit Tannen und
Enzian schmcken, stellten sich auch in schner Ordnung hintereinander und
drngten sich ganz dicht, bis wir drei unsere Ht geziert und den letzten
Juchzer in die Berg geschrien hatten.
    Also ging ich, frisch mit meiner Geiel knallend, voran, die Stalldirn hielt
zur Seite die Ordnung, und der Ochsenbub trabte hinterdrein.
    So kamen wir denn gegen Mittag auf den Hof, brachten das Vieh in den Stall
und trnkten es und setzten uns darnach an den Tisch, unser Einstandsmahl zu
verzehren, whrend der Weidhofer jedem einen Krug Most an seinen Platz stellte
und einen blanken Silbergulden darunterlegte.

                             Kindstauf und Einstand


Etwan eine Woch nach diesem kam die Mutter Nandl und trug ihr Kindlein in einem
dicken Pack von Kissen und Tchern auf dem Arm; hatte ihm auch etliche
Rosenkrnz, Amuletten und Ablapfennig um den Hals und die Fingerlein gewunden
und ein geweihts Wachs auf die Zudeck gebunden, auf da dem armen Heidenbbl
nicht vom bsen Feind oder von einer Hex kunnt was bles angewunschen werden.
    Nun gab es ein groes Zulaufen; Knecht und Mgd, Bauer und Buerin und auch
die Jungfer Kathrein kamen, das Wuzerlein zu betrachten, bei den winzigen
Hndlein zu fassen und ber die seidigen Hrlein zu streichen; worber ich am
End ganz wild wurde; denn ich hatte sogleich das versprochene Amt der Kindsdirn
bernommen, den verstubten Kinderwagen vom Dachboden geholt, einen Haufen
Bettzeug und Polster aus dem ganzen Haus zusammengeschleppt und das elendige
Dinglein hineingebettet.
    Und nachdem ich neue Zwecken in die hlzernen Rder des Wagens gesteckt
hatte, bracht ich das Bblein sogleich in demselben vor das Haus des
Brgermeisters und zeigte es ihm an als das Kind der Weidhoferschwaigerin Nandl
Wiesmller und des Paulus Heckmaier, genannt Huslpauli von Sonnenreuth. Der
hatte sichs nun wirklich berlegt, hatte vier Gulden fr das Kindl und einen
feisten Stallhasen fr die Mutter Nandl geschickt und dazu sagen lassen, da es
mit allem seine Richtigkeit htt, und wenn die Nandl Lust htt, Huslerin zu
werden, knnten sie's noch vor Kathrein richtig machen.
    Worauf ihm die Nandl voller Freud sagen lie, es mt wohl gut Huslerin
sein, und - je ehender, desto lieber.
    Da sah es nun gerad aus, als sollten in Bld zwei Hochzeiten statt einer
zugericht werden im Weidhof, wie denn auch geschah; denn die Jungfer Kathrein
war schon mit ihrem Hochzeiter, dem Lackenschusteranderl, aufs Gfesten, das ist,
zum Pfarrer wegen des Stuhlfests und der Ehestandslehr gegangen, waren auch
schon zweimal von der Kanzel herab verkndigt worden und hatten bereits beim
Sonnenreuther Klinglwirt das Hochzeitsmahl angedungen.
    Die Nandl wiederum hatte den Pauli eilig in den Weidhof holen lassen, ihm
den Jaschmarren zum Zeichen ihrer Einwilligung vorgesetzt und alles mit ihm
richtig gemacht zwegen der Ausricht und dem Heiratsgut. Er war wohl zufrieden
mit seinem Brutl und lief also eilig zum Pfarrer, damit das Bblein ohne Verzug
in seine Rechte mcht kommen als ein gut eheliches; worauf ihm der geistliche
Herr den Verspruch tat, noch vor der Kirchweih die dritt Verkndigung zu ordnen.
    Nun aber mut noch das kleine Heidlein getauft werden, und ich sollt ihm
richtig zum Gevatter stehen; was mich gar stolz und narret machte.
    Da wollt ich ihm denn gern ein ansehnliches Godengeschenk geben und beriet
mich dessentwegen mit allen vornehmen Leuten, dabei denn die einen meinten:
einen silbernen Becher; die andern: einen schnen, guten Frauentaler; wieder
eine riet mir zu einem Paar feiner Schhlein und eine andere zu einem Rosenkranz
mit vielen Ablapfennigen dran.
    So wollt ich mir also vom Weidhofer mein Jahrgeld geben lassen fr die Tauf,
was zu der Zeit war: sieben Gulden und dreiig Kreuzer als Viehbub nebst einem
hrenen Hemd und ein Paar Schuh; dasselb, was auch der Ochsenbub Lohnung hatte,
doch zwei Hemden. Der Ziehvater aber gab mir eine gute, silberne Uhr samt Kette,
einen funkelnden Tauftaler und einen feinen, beinernen Muslffel, wobei er
sagte: G'halt dein Geld und hebs gut z'samm! Soviel hat der Weidhofer alleweil,
da er eine Taufgab richten kann!
    Wohl zufrieden mit solcher Rechnung machte ich mich nun geschwind daran,
noch allerhand kleine Dinge zu schnitzeln und zu schneiden fr mein Godenkind;
denn was ich auf der Alm gemacht hatte, war alles bei dem Feuer verbrunnen; wie
denn die Nandl auch berichtet hatte, da der Ambros schon oft gesagt, da er noch
auf der Alm war: Dem Hias, dem scheinheiligen Tropfen, heiz ich noch einmal
ein, da er sein Lebtag mehr kein Feuer braucht! Dem la ich den roten Gockel
noch aus seiner Kammer springen!
    Also schnitt ich vielerlei; ein zierlichs Tischzeug fr mein Godenkindl, aus
Messergriff, Lffel und Gbelein bestehend, die Gabel mit zwei Zinken; auch ein
hbsches Dockenkpflein, woraus mir alsdann die Ziehmutter eine Wickeldocke
nhen mute; dazu noch mancherlei Tiere und Huser, mit denen es dereinst gut
spielen knnt.
    So kam der groe Tag, an dem ich schon lang vor der Morgensonn auf war, die
Angebinde bald hierhin, bald dorthin ordnete, an meinem Festtagshabit umbrstete
und stubte und den Flaum auf meinem Htl wohl zwanzigmal anders steckte, bis er
mir gut genug deuchte.
    Mit einer andchtigen Zrtlichkeit fuhr ich dann den kleinen Balg, nachdem
ihn seine Mutter gebadet hatte, in der Kammer auf und ab und wickelte sein
Schnullerlppchen mit einer ernsten Sorgfalt, whrend meine Ziehmutter, die
Memerin, den Taufstaat der Kostkinder aus der Kommodlade nahm und samt dem
Wickelkissen mit dem blaugeblmelten berzug aufs Bett des Kindleins legte und
dazu meinte: Da, steckts 'n gleich in das Gwandl; meinerthalben soll ihm ein
ordentlichs Taufzeug nit mangeln! Es ist das nmliche, in dem du schon gschrien
hast. Vielleicht schlagt 's ihm einmal zum Glck aus! Ist keins mehr
dringsteckt, seitdem da du's anghabt hast selbigsmal zu deiner Tauf!
    Drauf gab sie dem Kind noch einen Weichbrunn und ging wieder; mir aber wurde
eine Stund schier zum Tag, bis es endlich Zeit war, da wir uns richteten.
    Da flog's! Auf ja und nein steckt ich in meinem Festgewand und lief darnach
aufgeregt in die Stube der Nandl, sie bittend, da sie mit meinem Godenkind noch
ein Augenblicklein in meine Kammer schauen mcht.
    Und da sie eingetreten, berreicht ich ihr meine Angebinde und wnscht
meinem Tufling einen guten Gsund, worauf die Mutter Nandl feuchte Augen bekam,
viel Worte des Danks fr mich hatte und dem nobel aufgeputzten Kindl unter
zrtlichen Liebkosungen sagte, da ich ein gar werter Gode sei, und er sollt mir
ja einmal danken.
    Was mich herzlich lachen machte: denn der Zwack begann bei der Red seiner
Mutter pltzlich zu schreien und zu kreischen, als htt man ihm, wei was, bel
getan.
    Nun nahm die Nandl das Weichbrunnkrgl, segnete und weihte mich und den
Tufling und wand sich ein rotes, geweihtes Wachs um die linke Hand und den
rechten Fu, auf da weder ihr noch uns etwas Bses widerfahren knnt; denn es
lagen Beispiele mehr denn genug vor, wo der Teufel, wenn so ein armes Wrmlein
getauft wurd, darber, da ihm wieder eine Seel auskam, also wtig ward, da er
mit der ganzen hllischen Bosheit und Gewalt derweil auf die Wochnerin losfuhr
und sie nicht selten um Leib und Leben bracht.
    Indem trat die Weidhoferin festlich angetan in die Stuben; denn sie lie es
sich nicht nehmen, das Brschlein selber aus der Tauf zu heben. Erstlich,
sagte sie, bin ich dies Geschft schon so gewohnt von den Kostkindern; und
dann, so ein Bubl, wie der Mathiasle, knnt das Kind doch leicht unrecht
angreifen oder gar fallen lassen!
    Verschmachte mir zwar schon recht, solch eine Geringschtzung meiner Person;
doch lie ichs gut sein und dachte, die Memerin la sich nicht anschauen, die
gb gewi reichlich, und die Nandl knnts wohl brauchen.
    Was auch eine richtige Rechnung gewesen; da dann die Weidhoferin ein kleines
Trchlein auskramte und allerhand schne Silbersachen fr das Bblein, eine
feine Vorstecknadel fr die Mutter und einen Lederbeutel voll blanker
Silbergroschen auf den Tisch legte. Darnach nahm sie den Tufling, und gings
also dahin. Da stieg ich wie der welsch Gockel vom Weidhof neben meiner
Ziehmutter her und zur Gottsackertr hinein.
    Der Memer, mein Ziehvater, stand im weien Chorhemd vor der Sakristei und
blies ins Rauchfa, da die Funken flogen; nun wir kamen, lief er geschwind
hinein, und wir stellten uns vor die Kirchentr; denn mit dem ungetauften
Heidenbbl einzutreten wr gegen Brauch und Sitten gewesen.
    Nach einer kleinen Weil tat sich die Pforte auf und trat der Frhmepriester
mit meinem Ziehvater als Diener heraus, machte das Zeichen des Kreuzes ber uns
und fragte dreimal: Willst du getauft werden?, worauf die Weidhoferin
andchtig sagte: Ja.
    Kam also allerlei Gefrag: ob er widersag dem bsen Feind und seinem Anhang,
ob er glaub an Gott den Allmchtigen und Dreieinigen; und die Kostmutter sagte
zu allem ja: da er widersagt und da er glaubt, worauf nach vieler Benediktion
das Heidlein hineingetragen werden durft. Ging also die Ziehmutter mit dem
Pcklein in die Kirch und an den Taufstein, und ich folgte mit einem brennenden
Wachs, das mir der Memer in die Hand gegeben.
    Da ward denn das schlafende Kindlein wuzelnackend ausgezogen und ber das
Taufbecken gehalten, mit Wasser begossen, mit l beschmiert und mit Salz
gefttert im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, da es
endlich laut zu schreien anfing und, eh man sich dessen versah, in die glnzende
Kupferschale brinzelt'.
    Und wurde also benannt: Mathias Paulus Anton; wurd mit Weihrauch beruchert,
mit Weichbrunn besprengt und darnach wieder in seine Gewndlein und Betten
gesteckt und heimgetragen mit groer Freud.
    Als wir aber in den Hof traten, stand vor der Haustr ein mchtig
aufgetrmter Leiterwagen, mit Bndern, Buschen und Krnzen geziert, mit Krgen
und Bildern behangen und mit dem Hausrat der knftigen Lackenschusterin beladen.
Da thronte in der Mitten das Himmelbett mit seinem wohlgefllten Flaumkissen und
Ziechen; davor prangte die Wiege und auf ihr der reichgeschnitzte Hausaltar.
Hintenauf stand der weitgeffnete Hausschrein, in dem allerhand Seidenrck und
modische Gewnder, schwere Leinenballen und dazwischen mit Bndern
durchflochtene Flachszpfe, seidene Schultertcher, prchtige Gebetbcher und
kunstvolle Wachsstcke prangten. An den Schranktren hingen Rosenkrnze,
Skapuliere und eine groe Zahl heiliger Bildchen. Im obersten Fach aber standen
alle die kleinen Schachteln, Trchlein und Figuren, die ich der Jungfer
einstmals geschnitzelt hatte. Alles war mit Bndern zierlich umwickelt und an
Ngel geknpft, damit beim Fahren nichts verloren ginge.
    Da stand ich denn und ri die Augen auf und verga die Tauf samt dem Kind,
starrte auf den Kuchelwagen und konnte weder denken noch entweichen. Eine
bemalte Schsselrahme wurde hinten an den Wagen gehngt, ein zierlich
aufgeputztes Spinnrad zuoberst auf das Dach des Himmelbetts gebunden, ein Stuhl
dazugestellt - und ich stand noch immer auf demselben Fleck und sah nichts
anderes denn diesen Wagen.
    Peitschenknallen weckte mich endlich; der Wagen wurde mit sechs Ochsen
bespannt, die Nhterin von Sonnenreuth lie sich zum Spinnrad hinaufheben, die
Kuh der seligen Irscherin trabte, mit Krnzen und Buschen geschmckt und gefhrt
vom Zimmermann des Orts, aus dem Stall. Zwlf Bllerschsse krachten vom nahen
Kreuzberg herab, und ein Huflein Musikanten kamen mit ihren Fiedeln und Flten
in den Hof.
    Da sprang die Jungfer und Hochzeiterin lachend die Stiegen herab und hielt
mit der einen Hand das prchtige Gewand gerafft, mit der andern aber die hohe
Pelzhaube aus der Stirn. Ihre Wangen waren purpurn, und ihre Augen leuchteten
vor groer Freud, da sie um den Wagen ging und alles besah und betrachtete.
    Der Weidhofer aber lief geschwind vom Kirchhof herber, spannte die Kutsche
ein, steckte groe Buschen daran und hob darnach die Jungfer hinein; packte mich
alsdann mit schnellem Griff und setzte mich rittlings auf eins der Rsser, gab
mir eine mit Buchsbaum und Bndern geschmckte Peitsche in die Hand und sagte:
Mach 'n Fhrer! Da d' mir Achtung hast! Nit, da was passiert!
    Reichte dann der Hochzeiterin einen Korb hinauf in den Wagen, darin ein
Scklein voll Kreuzer und Groschen, ein Bund Schlssel zu den Schrnken und
Laden war samt dem stehenden Angebind fr den Hochzeiter, nmlich einem gar
feinen, milchweien Bierkrug, mit Blmlein bemalt, nebst einem selbstgesponnenen
Hemd und selbstgestrickten weien Strmpfen fr ihn.
    Derweil begannen die Knecht mit ihren Geieln zu knallen und die Musikanten
zu geigen und zu blasen; dann gings dahin. Die Musik machte den Vortrab;
juchzend und knallend folgten die Knechte mit dem Kuchelwagen, und dahinter ging
der Zimmermann und fhrte die Kuh. Das End aber machten wir mit dem Brautwagen.
    Der Memer hatte sich zu der Hochzeiterin gesetzt und schrie mir zu: He,
Bua, schnalz und juchz, da alles scheppert! - Dreimal um den Hof fahrn und
darnach dahin!
    Ach, der hatt ein leichtes Reden! Ich aber sa auf meinem Rl wie ein
angepappter Kripperlmann und sah hilflos bald hierhin, bald dorthin; doch fand
sich keiner, der mit mir htt tauschen mgen. Da gab ich mir endlich selber
einen Ansporn, schnalzte mit der Geiel, da es nur so hallte, und schrie:
Huia, Heierln! Ziehgts! Huiuh!
    Da liefen alle noch eilig an die Haustr; die Weidhoferin und die
Schwaigernandl mit meinem Godenkindl am Arm, die Knecht und Mgd samt den
Kostbuben - alle kamen noch herzu und wnschten viel Glck und einen guten
Einstand, bis ich endlich am Zgel ri und anfuhr.
    Sauste also dreimal um den Weidhof und knallte und plrrte dazu wie ein
Schwed und fuhr darnach dahin durch Sonnenreuth. Doch kamen wir nicht weit;
schon vor der Schmiede stand eine Schar Kinder, hielten eine Stange ber den Weg
und wnschten eine frohe Brautfahrt. Da holte die Hochzeiterin das Scklein mit
den Kreuzern aus dem Korb und warf eine Handvoll unter die Hord. Drauf ging die
Fahrt weiter, bis abermals die Strae durch einen Haufen Kinder versperrt war.
    Also mute sich das Brutl wieder loskaufen und das noch etlichemal, eh wir
an den Hof des Lackenschusters kamen. Da krachten wieder die Bller und hallten
zwlf Schsse durch das Tal; und es kam uns der Hochzeiter, ein stmmiger
Bauernbursch mit kohlschwarzen Haaren und dunklen Augen, auf einem schn
geschmckten Ro juchzend entgegengeritten, begrte alle freundlich und reichte
dem Brutl die Hand. Drauf bot er ihr aus einem feingeschliffenen Glaskrug, der
mit allerhand Bndern, Perlen und Mnzen geziert war, zu trinken, indem er rief:
Hochzeiterin, gra di der Himmel und gra di Gott dahoam! - Geh, tu mir
Bscheid, obst gern und willig hoam gehst zu mir!
    Da nahm die Braut und Jungfer den Krug, und ihre Augen glnzten, als sie ihm
den Bescheid tat: Gra di Gott aa! - Mit Verlaub - auf dein Gsund - auf unser
Glck - auf mein Einstand in der neuen Hoamat!
    Drauf trank sie und gab ihm den Krug wieder zurck; er aber tat blo noch
einen herzhaften Trunk daraus und sagte darnach: Ghalt 'n nur! Zum Angedenken
auf die Stund!
    Worauf ihm die Hochzeiterin dankte, den Schlsselbund aus dem Korb holte
und, aus der Kutsche springend, sagte: Also siechst mi zu deinen Faen stehn
als dein anvertrautes Weib. I kimm mit Freuden, - da hast d' Schlssel, und -
sie nahm das Hemd und die Strmpf - wannst mir halt die Liab ttst und nahmst
es an aus meiner Hand! Rei's z'samm in Glck und Gsund!
    Da sa der Hochzeiter ab, fate sein Brutl an der Hand und fhrte sie in
sein Haus. Der Weidhofer aber stieg aus dem Wagen, nahm das Ro des Hochzeiters
beim Zaum und bergab es einem Knecht desselben; darnach hob er mich aus meinem
Sattel und sagte: Kannst auch mit ins Haus gehn und helfen einrumen, wannst
magst!
    Aber ich mochte nicht. Hatt nichts verloren in dem Haus. Ging mich ja nichts
an. Sollten nur die andern werken, saufen und Faxen treiben, wie es der Brauch!
Sagte also: Ja, ja. Werd schon sehn, wie sichs schickt, lie den Weidhofer ins
Haus gehen und macht mich davon, auf den Heimweg. So von ungefhr begegnete mir
der Pfarrer; der fragte, ob ich vom Lackenschuster km.
    Nein, sagte ich; bin vom Weidhof, zog mein Htl und lief davon; wute
wohl, da er kam, um die neue Einricht, das Haus, das Vieh und alles im
Lackenschusterhof einzusegnen und zu weihen.
    Das aber war seine Sach und ging mich nichts an.
    Sprachlos und grimmig sah mir der alte Herr nach und stand, als ich mich
nach einer Weil umwandte, noch immer am selbigen Fleck und schttelte mir die
Faust.
    Ich kehrte mich aber nicht viel daran. Bin auch mein Lebtag kein bsunderer
Freund der Pfaffenrck gewesen, ausgenommen des einen, den ich aber erst
nachmals in der Mnchnerstadt kennen lernte.
    Also trabte ich dahin und kam wieder zu meinem Godenkind. Das lag wohl
schlafend im Wagen, und die Mutter Nandl fuhr es leise die Stube auf und ab und
sprach mit der Weidhoferin ber ihre Hochzeit und den Pauli.
    Ei was! sagte die Nandl voller Freud, da sie mich sah; der Herr Gd ist
schon wieder zruck!
    Auch die Ziehmutter belobte mich, und beide dachten nicht anders, als da
dies rein aus Eifer und Lieb fr das Wuzerlein geschehen wr, daran ich doch
lngst nimmer gedacht, vielmehr mein ganzes Herz bei der Kathrein gehabt hatt!
    Doch schwieg ich still, lie mir eine Schale Kaffee geben und a dazu
etliche Taufkchlein. Da gings denn an ein Gefrag und an ein Getue wegen des
Einstands der Jungfer; ich sollt sagen, wie sie angekommen, wie er sie
empfangen, ob der Pfarrer schon gesegnet htt, ob's recht zuging jetzt, - kurzum
eine wollt das Knetene wissen, die ander das Bachene. Sagt ihnen aber gar nichts
von der ganzen Sach, als da ich sie wohl hingebracht htt, und dann sei ich
gegangen; den Pfarrer htt ich am Weg getroffen, wie er zum Segnen ging.
    Dazu a ich meinen Kaffee aus, wischte drauf meinen Lffel ans Tischtuch und
wollt gehen; doch sagte die Memerin, ich sollt nur sitzen bleiben; an so einem
heiligen Tag verlangt' kein Mensch, da ich noch arbeit'.
    Dann ging's Schwatzrdlein wieder munter um, und ich vernahm, da der
Pfarrer, eh er nach dem Lackenhof gegangen, dagewesen sei und der Nandl eine gar
frohe Botschaft gebracht htt; nmlich, da er sie morgen schon zum drittenmal
verknden wollt, und wenn die Memerin nichts dagegen htt, knnt man ja gleich
zwiefache Hochzeit halten.
    Also sollt am Irchtag in der kommenden Woch auch die Nandl mit ihrem
Hochzeiter vereint werden, und die Weidhoferin versprach, da sie ihr gleich
morgen einen sauberen Kuchelwagen aufrichten wollt; der Wagen und die Ochsen
seien ja schon gericht, und die Einricht und den Kastenprunk wollt sie der Nandl
gern leihen zum Einstand, auf da die Leut nit gleich neinschmecken kunnten in
ihren Haushalt.
    Wei nicht, ob es noch so ist; damals aber war der Brauch, da arme
Hochzeiterinnen ihre reiche Freundschaft um leihweise berlassung der
Hausschtze angehen muten, damit ja dem Kammer- oder Kuchelwagen, wenn er so
ffentlich durch alle Gassen gefahren wurde, nichts mangelte an Prunk und
Pracht. Da waren die Betten hoch und voller Flaum, und die Ksten gefllt mit
Leinwand, Flachs und reicher Wsche; htt einer aber etlich Wochen nach der
Hochzeit nachgewogen, da wr wohl manche Lade gar leicht und gering befunden
worden, und htt es ihn leichtlich kaum mehr gelst', in dem Himmelbett zu
schlafen, das erst so mollig war und weich, nun aber so dnn und mager wie eine
Haut.
    War also die Mutter Nandl voller Freuden und schickte mich sogleich zum
Pauli, da ers halt wt und 's Husl grecht macht' fr den Einstand.
    Dem wars nicht sonder zuwider; gab mir einen Groschen Botengeld und die
Antwort, da er mit Freud auf sie wart und alles richt.
    Also mute der Wagen sogleich, kaum die Knecht mit ihm zurckgekommen waren,
wieder aufgerichtet werden; und die Weidhoferin rumte willig ihre Kinikammer
aus und lie Stck fr Stck von den zierlich geschnitzten und fein bemalten
Mbeln hinabtragen, stopfte selber den Kasten voll mit Linnen und Flachs, mit
Wsche und Wachs, mit seidenen und wollenen Tchern und zierlichen Tassen und
Glsern.
    Kannst es ja nach und nach wieder zruckschaffen bei der Nacht! meinte sie
gutherzig; zu mir kimmt doch kein sterblicher Mensch in d' Herberg!
    Der Kuchelwagen war eben vollendet und wieder aufgerichtet und sollt nun
derweilen ber Nacht in die Tenne geschoben werden, als der Weidhofer die
Jungfer und Braut wieder zurckbrachte mit der Kutsche.
    Haha! Machten groe Augen alle beid! Glaubten wohl, da sie ein Blendwerk
narrte! Aber die Ziehmutter stand schon eifrig schwatzend da und berichtete, da
nun auch die Nandl am Irchtag ihre Hochzeit mach, und morgen sollt der Einstand
sein.
    Worauf die Nandl kerzukam und sagte, da sie noch am Montag zum Beichten
ging und auch zum Vorsegnen, zumal sie schon aus den Kindlwochen sei.
    Herrschte also berall groe Lust und Frhlichkeit und gedachte niemand des
Spruchs:

Groe Freud glangt nit weit.


                                   Brautfahrt

Des Weidhofers alter Hund heulte in langgezogenen Klaglauten, als ich mich an
jenem Morgen aus meinem Traum ghnte und mich noch lebend und wohlauf fand,
obgleich mich eben mein Widersacher totgeschossen hatte.
    Die Sonne stand schon so hoch, da ihr Schein nur noch ein Ecklein meines
Fensterbretts streifte, und ich sprang eilends aus dem Bett.
    Da - bumm - die Scheiben des Fensters klirrten; abermals erschreckte mich
ein Schu, whrend drunten im Hof ein Knecht den Hund mit lautem Schelten in
seine Htte wies.
    Und wieder und wieder krachte es und hallte von den Bergen zurck; drauen
vor der Kammer und auf der Stiege gings tripp trapp, der Memer gab kurze
Befehle, die Ziehmutter lief hustend und schnaufend an meiner Tr vorbei, die
Weibsleute schwatzten und lachten, und das Bblein, das Mathiasle, schrie und
kreischte, als ob's im Messer steckt'.
    Und mit einemmal fiel es mir ein: 's ist ja der Hochzeitstag der Schwaigerin
- und der Jungfer, meiner liebsten Kathrein.
    Da liefs mir siedighei den Rucken hinauf, und eiskalt berkams mich; ich
gedacht mit Zittern und brennendem Schmerz jener Nacht, die ich als die
glckhafteste meines Daseins gepriesen, und da ich die Jungfer als mein liebstes
Brutl gewhnt und ihr mein ganzes armseligs Leben versprochen hatte.
    Nun sollt also ein anderer mit ihr hausen und fr sie werken und sorgen,
dessen ich mir selbsten ehmals so geschmeichelt hatte und darber mich ein
tiefes Schmen ankam. Doch stieg darnach erst leis, dann aber immer mchtiger
eine boshafte Freud in mir auf, darob, da dieser andere, der sie nun heimfhren
sollt, annoch nicht der erst gewesen.
    Bist ja dennoch der Beschissene! dachte ich; ich bin lang vor dir
dagewesen und hab sie mein herzliebs Kathreinl geheien und meine Freud an ihr
ghabt!
    Lachte voll bbischer Lust fr mich hin: Ha! Jungferlein! Hast gewhnt, ein
Kindl wrs gewesen, bei dem du geschlafen; dachtest, ein Kind htt dir deine
roten Zpf zerzaust, deine Wang gestreichelt und deine Augen und Lippen gebusst!
Mich dnkt, es war wohl ein mehrerer gewesen denn ein Kindl!
    Ach, da mut ein jeds Augenblicklein jener Lieb herhalten in dieser Stund
fr meine schndliche Freud, und ich whnte, damit alles Schne und Herzliebe
leichtlich in mir totzumachen und nur noch Grimm und Verachtung fr die falsche
Dirn zu empfinden, da ich doch nachmals noch gar oft jene Zeit mit stiller Freud
wieder durchlebte, ja, niemals im Leben hab aufhren knnen, des Maidls in
tiefer, warmer Lieb zu gedenken und mich nach ihr zu sehnen.
    Hatt also das Herz voller Gall und Gift und fluchte meiner klglichen
Gestalt und meinem elendigen Aussehen, fluchte dem Schelmen, der es verschuldet,
und schwur bei mir selber, da ichs ihm, so ich ihn einmal unter die Finger
bekm, reichlich ausmessen wollt, was er mir eingemessen. Derweilen wurde es im
Weidhof immer lebendiger; vom Hof drang das Klingeln der Rllein herauf, mit
denen die Geschirrung der Hochzeitsgul geschmckt wurde; pfeifend und singend
taten die Knecht ihre Arbeit, putzten und striegelten die Rosse und behingen sie
mit Buschen und Bndern. Das Kuchelmensch stand im Festgewand am Brunnen und
wusch und schwenkte einen Korb voll Glser und Krg fr den Eingang und Ausgang,
das ist, fr die beiden Frhmahlzeiten und den Morgentrunk bei Ankunft der
beiden Hochzeiter, und vor der Abfahrt zur Kirche.
    Und da ich endlich aus meiner Kammer trat, prasselte und brodelte es mir von
der Kuchel herauf entgegen, Geschirr klapperte, des Weidhofers Schnallenschuh
knarzten ber die Dielen, und die Nandl sang mit weinerlicher Stimme ihr Bblein
in den Schlaf und fuhr es in dem hlzernen Karren am Hausflz hin und her.
    Aus der Kammer der Jungfer scholl das helle Lachen der Hochzeiterin und
ihrer Nhterin, und von der Wohnstube herauf drang gedmpftes Zitherspiel und
die halblauten Gsangln unserer Kostbuben.
    Begab mich also zu ihnen hinab und wurde sogleich lustig und mit Scherz
empfangen; und es sang mir der ltere von uns Kostbuben, der Hausl, gleich
munter entgegen:

He Baberl, geh eina,
He Baberl, kehr zua,
Balst a Feirtagwand o'hast
Und gnagelte Schuah!
Balst sakrisch tanzen kannst
Und schn hofiern
Und d' Sunnreuther Dirndln
Zum Lebzelter fhrn!

Da mut ich nun wohl oder bel meinen Schmerz und Grimm verbeien und ein guts
Gesicht zum Gespiel machen, auf da ich nicht des Spruchs teilhaftig wrd: Wer
den Schaden hat, braucht ums Gesptt nicht zu sorgen.
    A alsdann meine Morgensuppe und kmmerte mich um das Kindlein, bis das alt
Sixnwaberl, ein arms Huslleut, kam und das Wuzerlein auf etliche Tag zu sich
holte, bis die Hochzeit vorber und die Nandl wieder in Ordnung wr.
    Derweilen kamen die Musikanten ins Haus, gaben den zwei Hochzeiterinnen
etliche Weisen als ein Stndchen und machten sich darnach zu den Hochzeitern, um
auch ihnen den Tag anzublasen.
    In der Wohnstube versammelten sich nun alle Hausgenossen, Knecht und Mgd,
und der Weidhofer, mein Ziehvater, fragte ein jedes auf Treu und Gewissen, ob
alles in Haus, Hof und Stall wohl gerichtet und getan sei, ob das Vieh bei gutem
Gsund sei und nirgends was fehle. Und da ihm alle auf Ehr und glaublich die
Gewiheit gaben, da alles in der Ordnung war, sagte er: Also, Leutln, nachher
will i enk heunt alle miteinand auf d' Hochzat lassen; und soll ein jeds auf
mein Namen kriegn: vier Speisen zu jeder Mahlzeit und Bier soviel, bis halt ein
jeds langt. Aber mit der Bedingnis, da einer von enk Bubn auf d' Zeit und unter
der Zeit einmal heimschaut zum Vieh, ins Haus und in Hof. Futtern tut man wie z'
Feiertgs und melken auch. Also, jetzt wit ihrs!
    Darnach lief er in die Kirche.
    Nach diesem kam die Nandl in ihrem schwarzwollenen Brautgewand und einem
Flitterkrnzlein im Haar zur Tr herein und bat die Stalldirn, ihr die langen
Haarbnder und den Rosmarin anzuklufen.
    Steckte ihr also die Dirn ein paar himmellange, breite Bandmaschen hinter
den Brautkranz aufs Haarnest und machte ein Rosmarinkrnzlein um das flitterne
drum, behing ihr darnach den Hals mit allerhand silbernen und blechernen Ketten,
Kreuzlein und Amuletten und heftete ihr einen langen Rosmarinbuschen auf den
Brustfleck.
    Unterdessen begann vom Kreuzberg her wieder ein lustigs Schieen; da lief
die Weidhoferin, meine Ziehmutter, eilends in ihre Kammer, um sich festtglich
herzurichten und zu schmcken.
    Kam auch nach einer geraumen Weil in einem reichgefltelten blulichen
Gewand, mit seidenem Brustfleck und goldenen Litzen besetzt. Auf ihrem Kopf sa
eine wunderliche, steife Spitzhaube aus goldenen Brtlein, Bndern und Blonden;
ein feines Schleiergewebe bedeckte ihre Stirn und den Scheitel, und ein
prchtiger Silberspie steckte in ihrem geblmten Brokatmieder.
    Sah also gar gut und frnehm aus und stund ihr alles so wohl an, da ich,
ungeachtet meines Herzwehs und Grimms, einen groen Gefallen an dieser Tracht
fand und mich ein heftiges Verlangen ankam, ein Maler zu sein und die Ziehmutter
in solcher Gestalt zu konterfeien. Fragte sie auch, warum man solche herrliche
Gewandung nirgends mehr fnd; worauf sie sagte: Weil das schon gar lang ist,
da solchs modisch gewesen; ist ja mein Brautgwand und meiner Mutter, Gott hab
sie selig, ihre Brauthauben. - Gibt ja auch ganz andere schne Sachen jetzt; -
bringen ja neumodischs Zeug von berall her: von Welschland, von den Franzosen
und von der Mnchnerstadt! - Ist auch nit schiach - fr die Jungen.
    Ja, da hatte sie recht; denn als nun die Tr aufging und die ander
Hochzeiterin, das Kathreinl, hereintrat, da bracht ich das Maul nimmer zu und
ri die Augen auf, da sie mir bergingen. Das flimmerte von Seide und Gold, von
Silbergehng und Geschmeid; Spitzen ums gldene Brautkrnlein, Fransen am
Miedertuch, Edelstein in den Frstecknadeln und Perlen in den Ohrgehngen. Da
bauschte sich eine brokatne Schaube und prangte drber ein weies, seidenes
Frtuch mit Blonden und Perlen, und klirrte und knisterte es bei jedem Schritt
und schimmerte das Gewand bald silberig, bald grn und rtlich. Das Haar aber
trug sie gar kunstvoll aufgesteckt und hatte ein kstlichs Myrtenkrnzlein um
die steingeschmckte Brautkron. Mit lieblichem Lcheln ging sie von einem zum
andern und dankte fr die Wnsch, die ihr ein jedes mitgab; doch wartete sie bei
mir vergeblich auf dergleichen Redensart: ich stand vor ihr, wortlos, mit
flammendem Gesicht und klopfendem Herzen, fate ihre beiden Hnd und drckte sie
heftig, whrend mir in meinem Sinn blo das eine Wort umging: Kathreinl!
    Da schrie sie leis auf und sagte bittend: Mathiasle! 's ist gut!
    Worauf ich ihre Hnd loslie und mich umwandte.
    Da war alles in den Wind gestreut: mein ganzer Grimm und Schmerz, die
Gewiheit ihrer Heirat, - alles war vergessen, und ich glich einem Kind, das da
glaubt, es mt seinen Willen durchsetzen um allen Preis der Welt, - ich hatte
nur noch einen Wunsch und ein Verlangen, da ich sie wieder wie ehemals um den
Hals nehmen durft und mein herzliebes Kathreinl heien.
    Trug mich also mit dem Gedanken und hatte das Herz voller Gier, mein
unsinnigs Verlangen zu stillen, dabei ich aber nach auen hin vor den Leuten ein
gar ruhigs und ehrbars Wesen zur Schau trug.
    Indes fuhren drauen zwei Chaisen vor: dem Weidhofer seine, die den
Huslpauli brachte, und die vom Lackenschuster, darin der Anderl selber
kutschierte.
    Gleich liefen alle Mannsleut hinaus, und indes die Brute sich eilends in
eine Kammer versteckten, empfingen sie die beiden Hochzeiter mit Juchzen und
Schreien und fhrten sie ins Haus, da es dann abermals an ein Gren und
Plrren, Glckwnschen und Juchzen ging, da man sein eigens Wort kaum mehr
verstund.
    Da kam der Hochzeitlader scharf angeritten, band sein Rl an den Brunnen
und lief hinein in das Haus; und derweilen die beiden Hochzeiter geschwind aus
der Stube verschwanden, ffnete er die Tr und rief:

Gra enk der Himmel und gra enk Gott!
Heunt sechts mi alle in ara groen Not:
I htt zwee Jungherrn von Sonnareuth epps Wichtigs zum Sagn
Und kunnt s' um alls in der Welt nindascht findn oder dafragn;
Drum htt i halt jetzand a gromchtige Bitt an enk Leut;
Geh, leicht's ma zwee Kuahglocken, da i fleiig damit lut,
Und da i s' de zwo Hochzeiterinnen um 'n Hals umma bind,
Damit da a jede no vor der Kopulier ihren Hochzeiter findt!

Ging also einer der Knechte hinaus, brachte zwei von unsern Kuhglocken und
lutete damit durchs Haus.
    Da kamen die beiden Hochzeiter lachend wieder in die Stube und fhrte jeder
sein Brutl an der Hand. Darber schien der Lader, oder was er mich dnkte, der
Bandelnarr, gar erfreut und steckte einen gromchtigen Rosmarinzweig zu seinen
vielen Bndern auf den Hut, juchzte und machte allerhand Sprch und Reime.
    Derweil hatten die Weibsleut den Tisch aufgedeckt und die Weidhoferin
etliche Schsseln mit Voressen, Kraut und Wrsten hereingetragen, was man den
Eingang heit; und es wurde nun frhlich gegessen und dazu Bier und
Schwarzkirschenschnaps getrunken.
    Darnach klopfte der Bandlnarr mit seinem langen, reichverzierten Stab
etlichemal auf den Boden; da standen alle vom Tisch auf, und der Lader machte
den Abdank. Das ist eine gar schne Red in guten Reimen, darin auch der
dahingegangenen Eltern und lieben Freund gedacht wird. Hab sie aber leider nicht
in meinem Sinn gehalten knnen, denn ich bei diesem Abdank gleich den andern hab
so viel schneuzen, krigeln und augenwischen mssen, da mir davon alles
entfallen ist.
    Unterdessen begann es von der Kirch zum Amt zu luten, und alles stellte
sich in Ordnung: Die Fuhrwerke wurden vor die Haustr gebracht, und es stiegen
die Hochzeiter in die eine, die Brut in die ander Kutschen; die Knecht und Mgd
aber samt der Weidhoferin und den Kostkindern saen nach gutem Verschlu des
Hauses auf den gezierten Leiterwagen, davor vier Rsser gespannt waren. Und es
ritt der Hochzeitlader voran und fhrte den Zug durch das ganze Dorf, obgleich
die Kirch schier an dem Weidhof lehnte; doch gings ohne Juchzen und ohne Musik
mit groem Ernst dahin, indes vom Turm alle Glocken luteten und vom Berg die
Bller krachten.

                                    Hochzeit


Unter dem Vordach der Kirche stand schon der alte Pfarrer mit meinem Ziehvater,
dem Memer, als wir aus den Fuhrwerken stiegen und in den Gottsacker traten.
    Da ward nun von dem Priester eine Red im Freien gehalten und darnach
gefragt, ob einer aus der Gemeind was auszubringen htt gegen die Brautleut, das
ein Hindernis wr, dessentwegen sie einander nicht heiraten kunnten.
    Und da niemand was wute, wurden die Beistnder oder Zeugen herbeigerufen,
was gewesen sind: der alt Vetter vom Lackenschuster, genannt Simmer vom Tal, und
der Rumpl von Reuth fr den Anderl und die Kathrein, der Jackl, unser
Oberknecht, und der Hausl vom Weidhof fr den Pauli und die Nandl.
    Wie denn nun alles wohl in der Ordnung war, der Hochzeitlader auch allerhand
Schreibebriefe aus dem Hutfutter zog und dem Pfarrer bergab, wurde zur
Kopulierung geschritten; fragte also der Priester alle vier nacheinander, ob sie
in den heiligen Stand der Eh eingehen wollten, darauf dann erst der Anderl,
drauf die Jungfer, hernach der Pauli und am End die Nandl antworteten: Ja.
    Wurden also alle vier eingesegnet und ihnen das Sakrament der Eh gespendet,
darnach die Kirchtr geffnet und alle hineingefhrt; und es begann der
Schulmeister die Orgel zu traktieren in forti und fortissimi, der Memer schwang
das Rauchfa, da alle Heiligen samt den Altren in blaue Dnste und Nebel
gehllt wurden, und alle nahmen in den Kirchensthlen Platz.
    Darnach ward ein festlichs Amt gehalten, das an die vierzig Gulden kostete,
und den Hochzeitsleuten der feierliche und krftige Brautsegen gespendet, den
Abgeschiedenen aber am Friedhof ein Memento und Requiem gesungen und ihre
Grabhgel mit Rauch und Weichbrunn gesegnet. Dabei ich der guten Irscherin
gedachte, die auch ohne solche Benediktion ihre Ruh gefunden hatte und eine
leichte Erde samt dem Frieden.
    Mag auch nicht vergessen, da ich benenn den Opfergang beim Amt, da dann
erst die Manner um den Altar gehen muten, darnach die Frauen, und muten in
vier silberne Teller opfern: am rechten Seitenaltar, zu beiden Seiten des
Hochaltars und am linken Seitenaltar. Da war es lustig hinzuhren, wie auf dem
Hochaltar die Silbergroschen laut vernehmlich klangen, an den andern aber blo
magere Kreuzer leise klirrten.
    Nach dem Amt wurde noch den beiden vermhlten Paaren und allen
Hochzeitsgsten vom Pfarrer aus einem goldenen Kelch Wein gereicht; und er hatte
ein kleins Tchlein, damit wischte er immer, wenn eins getrunken, den Rand des
Kelchs. Dabei durften die Brautleut dreimal trinken, die andern aber blo
einmal, und es sagte der geistliche Herr dazu die Worte: Trinket die Liebe des
heiligen Johannes!
    Mein Ziehvater, der Memer, stand daneben und go drauf, als der Kelch leer
wurde, und sagte zu jedem, der sich ans Speisgitter kniete: Nit stark saufen!
    So war denn die Kirchenfeier zu End, und es folgte das weltlich Fest mit
Mahl und Trunk, mit Musik, Sang und Tanz, dabei die Gulden sprangen und klangen.
    Und der Klinglwirt rieb sich die Hnd und freute sich schon auf den andern
Tag, da dann gemeiniglich den Tag nach der Hochzeit mit dem Wirt abgeroatet
wird. Der hatte sich schon am Hochzeitstag selber den breiten Tiroler Ledergurt
mit der Geldkatz umgelegt, damit ein jeder gleich sehen kunnt, da er wohl genug
Ding und Sck htte, einen gerechten Haufen Mnz darin zu verwahren. Stieg auch
wie der Gockel im Hanfsamen, reichte jedem der Gste die Hand und hatte sich
dazu einen artigen Spruch als Gru ausgedacht, den er nun jedem, sei 's Mann
oder Weiberts gewesen, zum Eintritt gab: Gfreut mi, gfreut mi! Wnsch Glck und
an Buam!
    Mittlerweil war auch der Weidhofer, mein Ziehvater, seiner Memerpflichten
ledig geworden und kam nun und setzte sich neben seine Memerin, indes die
Musikanten anfingen, einen seltsamen Tanz aufzuspielen, den man Hungertanz
heit, da er dem Herkommen gem dem Mahl vorausgeht. Dabei war die Ordnung
also, da erst der Anderl mit der Kathrein dreimal herumtanzte, darnach der
Pauli mit der Nandl und drauf in guter Folg die Freundschaft; und es whrte der
Hungertanz so lang, bis die Frau Wirtin die Schssel mit Kraut hereinbrachte.
    Da liefen alle an die Tafel; die Musikanten stellten sich hinter die Gst
und spielten bers Kraut auf, dazu dann ein jedes einen Reimen singen mut und
einen Silbergroschen ins Kraut werfen als Waisung oder Trinkgeld fr die
Spielleut.
    Nach diesem wurde fr die zwei Brut der vorderste Jungherr erwhlt, was
eine groe Ehr fr denselben bedeutet; denn er darf, solang die Hochzeit whrt,
zur Rechten der Braut sitzen, ihr die Schsseln mit der Speis darreichen, hat
auch das Recht des Entfhrens und zu guter Letzt die Gnad, die Vermhlten
heimzugeleiten und der Braut vor dem Schlafengehen die Strmpf auszuziehen,
dafr ihm dann ein ansehnlichs Geschenk wird.
    Whlte also der Weidhofer fr die Nandl einen von meinen Kostbrdern, den
Fritz, der kaum um zwei Jahr lter war denn ich, doch schon einen mannlichen
Burschen vorstellte; fr die Kathrein aber nahm er mich, dabei mir das Blut gach
ins Hirn stieg und meine geheimen Wnsch wie ein Feuer schrte, obgleich mich
eine Angst und innere Furcht deswegen ankam und mich sagen hie, der Ziehvater
sollt einen andern nehmen, weil ich nicht taugte fr die Ehr.
    Stand aber schon fest bei allen, und ich konnt nimmer lang nein sagen; mute
mich also neben die Braut setzen und ein ordentlicher Jungherr sein. Ward mir
freilich nicht wohl bei diesem Amt, und ich htt viel lieber in einem Ritt zehn
Rosenkrnz abgebetet, denn hier die Schsseln und Platten vor die Braut zu
setzen und dabei wie ein nasser Pudelhund zu zittern.
    Nun mag ich nicht des langen und breiten reden von dem Mahl, da ein jeder
leichtlich ermessen kann, da es gar hoch und reich hergegangen ist, da der
Lackenschusteranderl der alleinige Erbe und Besitzer des besten Hofes zu
Sonnenreuth gewesen; das war zu dieser Zeit ein Gut mit sechzig Tagwerk
Ackerland und zwlf Scheffel Samen fr Getreid und Klee, ungerechnet die vielen
fetten Wiesen und Weiden, die Alm und den Wald.
    Da gab es also vielerlei Gericht, und es whrte das Mahl bis spt in den
Nachmittag, da dann der Tanz anging. Hab auch etlichemal mit der Braut ein
Tnzlein machen mssen, wenn ichs gleich nicht recht wohl verstand und wie ein
Geibock lcherliche Sprng machte oder dem Kathreinl auf die Zehen trat; was
sie aber nicht fr ungut nahm, vielmehr mit der Zeit gar lieblich und freundlich
mit mir tat und sich gerad so wohl benahm wie einstmals, da wir noch im Waldhaus
saen.
    Gemach wurde es aber im Tanzsaal immer hitziger, die Luft ward rauchig und
das Treiben der Gst lauter und lrmender, so da bald ein Paar ums andere
hinabging ins Freie, um sich zu erkhlen, was dann auch ich mit dem Kathreinl
tat.
    Da lag ein dichter Nebel ringsum, da man kaum zehn Schritt weit vor sich
sehen konnt und niemand auf diese Streck erkennen.
    Indem wir so standen, fate mich wieder die unsinnige Lust, dem Kathreinl
noch einmal die Hnd zu pressen und ihr von meiner Lieb fr sie zu sagen. Zog
sie also weiter vom Wirtshaus weg und fragte sie, ob sie sich wollt entfhren
lassen, da es eben eine gute Zeit wr dazu; worauf sie lustig lachte und sagte:
Meinst, da mich die andern nimmer finden sollten! Wo mchtst denn aus mit
mir?
    Am liebsten in die ander Welt! fuhr es mir heraus, und ich ergriff ihre
beiden Hnd; weit, so weit fort, da dich keiner mehr finden kunnt, und da d'
grad noch mir allein ghrn ttst!
    Darauf sie mir, hellauf lachend, eine Hand entzog, mir einen Schlag ins
Gesicht gab und ausrief: Schau, schau! Wie sich das Baunzerl krautrig macht! -
Bble, Bble! Sei froh, da d' noch so ein armseligs Gafferl bist, sunst kunnt
di leicht heut noch einer erwischen und a bil abrankeln, frcht ich!
    Whnte also immer noch, da ich ein harmloses Brschlein wr, und versah
sichs nicht, als ich sie pltzlich um den Hals fate und an mich drckte.
    Da machte sie sich unwirsch los und greinte: Tolpatsch, narreter! Dank
Gott, wenn ich dir nit ein etlichs paar Dachteln wisch fr dein anhabischs
Treiben! - Gell, jetz wr ich wieder gut fr dich! Da d' mich darnach wieder
schlecht machen kunntst!
    Dann ging sie rasch gegen das Haus und lie mich stehen. Ich aber war wie
betubt und sah ihr nach, wie sie im Nebel verschwand.
    In diesem Augenblick huschte eine lange Gestalt an mir vorber, ohne auf
mich zu achten; mir aber fuhrs wie der Blitz durch den Sinn: Das ist der Ambros
gewesen! Lief also eilends hinein und wollt dem Weidhofer Botschaft geben; doch
war er nicht zu sehen, und auch die Memerin schien nicht im Saal zu sein.
    Indem ich noch also suchend herumging, fragte mich der Vetter vom
Lackenschuster, der Simmer, ob ich nicht bald Gelegenheit fnd, das Brutl
auszufhren; der Weidhofer wr mit der Nandl und dem Fritz schon eine gute Zeit
dahin.
    War mir aber alle Lust dazu vergangen, und ich bat ihn, dies fr mich zu
besorgen; er sei schon lter und kunnt besser umspringen mit den Weiberleuten
denn ich; doch war mein Bitten umsonst, er wollte nicht.
    Mut ich also gehen und die Braut, die an der Kucheltr stand und mit der
Wirtin schwatzte, beim rmel zupfen und fragen, ob sie nicht auf ein Wort
herhren mcht. Worauf sie mich hochmtig mit den Blicken ma und ohne eine
Silbe mit mir ging.
    Ich fhrte sie hinaus vors Haus und sagte: Der Weidhofer ist mit der Nandl
schon fort; ich denk, sie sitzen in der Post drben.
    Nein, erwiderte sie voller Klt; die sind noch da. Bleiben auch da.
Sitzen grad in der Wirtsstuben drin.
    Damit wandte sie sich um und ging hinein; und indes ich ihr folgte wie ein
geprgelter Hund, ffnete sie die Tr der Gaststube, sah nach mir zurck und
sagte: Da sitzen s'.
    Worauf ich mit ihr hineinging und ein lustigs Gesicht machte, obgleich ich
viel lieber meinen Kopf htt an die Wnd rennen mgen vor rger und Reu ber
meine Dummheit und unsinnige Raserei. Doch das Kathreinl tat auch munter und
lachte und schwatzte, also da bald eine laute Frhlichkeit am Tisch herrschte.
    Ich hatte ihr einen Krug sen Weins hinstellen lassen, und sie tat jedem
vergnglich Bescheid; der Weidhofer brachte einen Schwank um den andern vor, die
Nandl wute allerhand lustige Almgeschichten, der Fritz sa mit glsernen Augen
dabei und stie alle Augenblick ein schallendes Gelchter aus; kurzum, wie die
Ding gerad lagen, verga ich am End auf meine klgliche Niederlag bei der
Jungfer Braut und auch auf die Erscheinung des Ambros.
    Meine Kostmutter, die Weidhoferin, sa derweilen an einem Tisch hinter dem
Ofen und unterhielt sich mit dem Grasberger, einem steinalten Bauern, der dem
seligen Weidhofer, dem Bichlervater, schon manche Kuh abgekauft und manchen
Jahrmarktrausch angehngt hatte zu einer Zeit, da der Klinglwirt noch gar nicht
in die Welt gesetzt und der jetzige Weidhofer noch ein Babl gewesen war, das
seiner Mutter die Schsseln zerschlug und den Stubenboden nte.
    Mocht wohl schon bald seine hundert Jahr alt sein, der Grasberger; war auch
von allen seinen Kameraden und vom ganzen Grasberghof der einzige, der noch auf
dieser Erden wandelte, und hatte schon seinem Eheweib, sieben Kindern und
leichtlich zwanzig Enkeln in die Gruben schauen und die ewige Ruh wnschen
mssen. War aber immer noch wohl beim Zeug und trank sein Hflein Bier oder Most
in gutem Gsund.
    Mittlerweil hatten sie droben im Hochzeitssaal unser Verschwinden bemerkt
und machten sich nun alle samt den Musikanten auf, uns zu suchen, und fanden uns
am End in lauter Lustbarkeit.
    Da spielten die Manner frhlich auf; die Hochzeiter nahmen ihre Brut bei
der Hand und juchzten und tanzten dazu; der Wirt aber mut reichlich Wein
auftragen und feine Strublein, Klauben- oder Frchtenbrot und Honigzelten.
    Gings also an ein Fressen und Saufen, Stampfen und Schreien, bis die Wirtin
in die Gaststube trat und meldete, da die Abendtafel gericht' sei; darauf alles
seinen Krug oder Glas leerte und hinaufeilte, als htt keiner seit drei Tagen
einen Bissen mehr im Leib gehabt.
    Nun war es lustig anzuschauen, wie einer nach dem andern sein rots oder
blaus Binkeltuch aus dem Sack zog, einen Brocken Klbernes, ein Trumm
Schweinernes, eine Hennenbrust oder sonst ein Schmankerl nebst etlichen
Schmalznudeln, Bavesen und einem Stck Klaubenbrot dareinband und den also
gefllten Binkel an den hagelbuchernen Stecken knpfte.
    Nach diesem Mahl wurden noch allerhand Tnz aufgefhrt, zwiefache und
abdrahte, Hirtentnz und der Polsterltanz, welch letzterer mich sehr ergtzte;
denn da muten alle Paar einen Kreis bilden, indes ein Weibsleut mit einem
Polster oder Kilein in der Mitten drin stand. Jetzt begannen die Spielleut in
einem schnellen Drehertakt aufzumachen, und das Maidlein tanzte dreimal
innerhalb des Kreises wirbelnd herum, warf pltzlich einem Burschen oder
Jungherrn den Polster zu Fen, indes dann die Musik eine andere Weis brachte.
Also mut sich der Bursch vor dem Maidel auf die Knie niederlassen, bis sie ihn
wieder aufhob und kte, dazu dann abermals anders gespielt wurde. Darauf mute
es der Jungherr ebenso machen wie die Jungfrau, und kamen alle dran bis auf eine
alte Dirn vom Lackenschuster, die zum End mir berblieb, was mir viel Gesptt
eintrug.
    Unterdessen wurde es Zeit, die Hochzeit zu beschlieen, und mein Kostvater,
der Memer, gab der Wirtin ein geheims Zeichen.
    Da erhob sich in der Kuchel ein wildes Geschrei und Geschirrklappern; die
Wirtin kam laut jammernd in den Saal gelaufen und schrie gar jmmerlich: Aus
ist's und gfehlt ist's, Leutln! Alles ist dahin! Unser alte Gluckhenn ist
mitsamt ihre vierazwanzg jungen Heah'ln zum Kuchelfenster dahereingflogn und hat
alles Gschirr und alle Haferln derschlagn!
    Ein groes Gelchter und spahaftes Entsetzen folgte dieser Red. Der
Hochzeitlader aber stand auf, klopfte mit seinem Stab auf den Boden und rief:

Ds is a trauriger Bericht, den wo mir da kriagn!
Hochzatleut, jetz hoats Barmherzigkeit bn und n' Beutl ziagn!
Und der Wirtin gent gschwindse ein etlichs paar Kreuzer verehrn,
Da zu der nachstinga Hochzat wieder aufkocht kann wer'n!
I gib als erschta an nagelneun Hosenknopf her;
Wer nach mir kimmt, zahlt 'n Gulden und gibt 'n Hochzeiter d'Ehr!

Also mut ein jeder seinen ledernen Zugbeutel auftun und einen Gulden fr sich
und seine Jungfrau oder Ehefrau als Haferlgeld erlegen und darnach den
Brautleuten die Hand geben und seine Danksagung machen, dabei auch an mich die
Reihe kam und mein Kostvater mir erst mut einen Gulden vorgeben, denn ich
selber nichts mehr hatte.
    Nach diesem hielt der Hochzeitlader den Abdank und sagte:

Also meine lieben Leut,
Jetz sag i enk halt Dank
Vom Tisch auf d' Bank,
Von der Bank bis auf d' Schinderbruck,
Aufs neu Jahr in der Fastnacht
Kriagts enka Geld wieder zruck!

Alsdann begann er nach altem Brauch und Herkommen auf alle Hochzeitsgste
lustige Reime zu machen, ihre Schwachheiten aufzudecken und besonders die
Verliebten und die Brautleut herunterzumachen, dabei keines aufmucken durft oder
sich getroffen fhlen, vielmehr lachen mute und dem Bandelnarren darnach
Bescheid tun mit dem letzten Trunk. Da gings denn erst ber den Pauli und die
Nandl:

Wann s Kind amal schreit
Und s Muas kocht am Herd,
Hat s Hausen im ledinga Stand
Nimmer viel Wert!

Darnach kam er ber das ander Paar:

Der Anderl und sei Kathrein,
Die schaugn sie liabli in d' Augn;
I wett, in dreiviertel Jahrn
Hngan d' Windeln am Zaun!

Trafs auch bei der Stallmagd vom Weidhof nicht schlecht, dann sie sich mit dem
Staudenwebersepp abgegeben hatte.

A Stallmensch und a Bauernbua
Gengan der Stauden zua,
Gengan ins greane Gras;
Wern scho wissen, zwegn was!

Da wurde es manchem anders, und er htt gern ungesehen verschwinden mgen, eh
ihn der Bandelnarr erschaut hatte und nun durchlaufen lie; doch an der Tr
standen die Musikanten und spielten nach jedem Gstzlein einen kurzen Landler.
    Ei, dachte ich, er wird ja nicht gar viel wissen von dir, und sa keck
auf meinen Hosen und trank hitzig dahin.
    Da hatte er mich aber schon im Maul:

Der Weidhofer Hias is a Woaslbua,
Is krumpat und gstumpfat und bucklat dazua;
Aber anhabisch dengerst und broglat mitn Mu,
Und beim Ausrichtn und Schiachredn is er aa glei dabei!

Ha! Da schluckte einer und druckte und rutschte auf seinem Sitzleder hin und
her, als htten ihn die Ameisen besaicht! Da go einer seinen Wein hinunter, als
htt er einen Brand zu lschen da drinnen!
    Aber es half nichts, da ich soff und berlaut lachte; die andern hatten
mich schon, und die Hochzeiterin an meiner Seite sah verchtlich auf mich nieder
und rckte von mir weg, indem sie ihr Kleid zusammenraffte, da ja kein Fdchen
meinen Krper streifte!
    
    Mittlerweil hatte der Bandelnarr lang etliche andere durchgehechelt, und die
Abdankung nahm gemach ihr End.
    Nach solchem ward also noch der Ehrentanz gehalten. Den mu die Braut mit
dem Hochzeitslader allein auffhren, und es darf niemand auer ihnen den
Tanzplatz betreten.
    So machten denn die Spielleut auf; der Bandelnarr fate die zwei
Hochzeiterinnen bei den Hnden und hielt den Ehrenreihen, bis pltzlich erst die
eine und gleich drauf die ander Braut zu hinken anfing und keine mehr vom Fleck
kam. Zugleich begannen die Musikanten gnzlich falsch und gar quieksend zu
spielen, bis der Hochzeitlader schrie:

He, Jungherrn! Schaugts amal,
Was da ds is,
I moan alleweil und i schtz,
Es is a Natternbi!

Worauf der Fritz und ich eilends hinzuliefen, die Schuh der Brute untersuchten
und einen Gulden darin fanden.
    Zeigten ihn also berall herum und warfen ihn darnach den Musikleuten in
ihre Bageige, dazu der Hochzeitlader ein ganz glckseligs Gesicht machte und
ausrief:

Himmlischer Vater! Is ds a Glck!
A so a Jungherr hat do an guatn Blick!
A Nagl hat aus 'n Schuach auagschaut,
Den hat halt der Schuasterlenz net grecht einighaut!

Nach diesem fate er die beiden Hochzeiterinnen wieder und wollte mit ihnen
weitertanzen.
    Doch in diesem Augenblick hrte man von der Gassen herauf einen wsten Lrm,
und der Wirt lief, wei wie die Wand, herein und schrie: Manna! Leut! Brenna
tuats!
    Ein wildes Schreien der Weiber, dumpfes Murmeln der Mnner -, die Lust hatte
ein End, und alles rannte hinab und dahin, um zu schauen, wo es sei.
    Blutrot war der Himmel; - einer schrie: Die Kirch! - da erscholl es
ringsum: Die Kirch brennt, - die Kirch!
    In diesem Augenblick strmte meine Ziehmutter, die Memerin, hinter uns
drein, rannte gegen die Feuerstatt zu und - o mein Gott - und reckt pltzlich
beide Arm gen Himmel und schreit gellend auf: Jesus! Der Weidhof! -
    Und fllt wie ein Baum zur Erden.
    Und da wir sie aufheben wollen, sehen wir, da es zu End ist: Sie ist tot.
    Etliche Frauen nehmen sie auf und tragen sie vom Wege ab, die andern strmen
dahin, den Schrei: Der Weidhof! weitergebend und den Mannen zur Brandstatt
folgend.
    Mir aber liegts wie Blei auf der Brust; denn ich wute es: Das war kein
anderer denn der Ambros.
    Mein Ziehvater und der Lackenschuster waren die vordersten, die in den
brennenden Hof eindrangen.
    Der Pauli und etliche andere folgten; doch mut ein jeder eilends wieder
umkehren - es brannte berall: unten, oben, im Stall und in der Scheune, in der
Stube und in den Kammern.
    Da schlug der Memer mit furchtbarer Kraft die Stalltr ein, das Vieh zu
retten.
    Drei - vier - sechs - zehn Khe sprangen gengstigt ins Freie; - Rsser
folgten - Hhner flogen schreiend heraus - etliche Ochsen schoben sich brllend
durch den Qualm und Rauch - wie gelhmt standen die Menschen dabei, ohne einen
Finger zu rhren.
    Endlich fate einer oder der andere ein Tier bei der Kette und zog es weg
vom Feuer; - ein Kommando erscholl, und man besann sich, da man ja lschen
sollt. Aber da tat es einen entsetzlichen Krach, die Feuergarben lohten wild gen
Himmel, und ein einziger Schrei ging durch die Menge: Der Memer!
    Das Dach berm Heuboden war eingestrzt und mit ihm die Stalldecke.
    Hilf Himmel! schrie ich; er kann ja nimmer heraus!
    Bebend sprang ich hinzu, der Hausl folgte mir; - wir drangen in den
rauchenden, prasselnden Trmmerhaufen und suchten und schrien nach dem Memer.
    Ach Gott! Es war leider ein nutzloses Hin und Her, ein vergeblichs Rufen und
Schreien! Nichts mehr zu sehen als Feuer, nichts mehr zu greifen als Glut und
Trmmer!
    Htt uns bald auch noch verderbt; denn da wir weiter eindringen wollten,
strzte abermalen ein Flez Weidecke herab, brennendes Heu und Stroh kam
fuderweis nach - und wir muten in groem Schreck zurckweichen.
    Wohl begannen nun die Manner den Eimer zu schwingen, die Weiber geweihte
Teller und Kruterbuschen in die Flammen zu werfen und die Brunst im Namen des
dreieinigen Gottes zu beschwren - doch wilder und hher schlug die Lohe, bis
endlich der stolze Weidhof in ein kleins Huflein Schutt und Glut, Asche und
Kohle zusammenfiel und meinen herzguten Ziehvater in sich begrub.

                  Alle Herrlichkeit des Menschen ist wie Staub


In einem Augenblick
Kommt ghlings aus ein Schrick,
Der eim die Seel gar tief durchdringet.

Die Zcher bers Gsicht abgehn,
Das Herz wllt eim schier stille stehn,
Kein Glchter eim nit mehr gelinget.

Wann ich schon auch daheimt
Das Elend hab beweint,
Mu annoch in meim Leid verbleiben.

Wer wollt doch alls genugsam sagen!
Die Not kunnt zur Geng mit Klagen
Mein Feder nit beschreiben!

Ach, wohl dem Mann, der ein harts Herz hat, da ihn nicht betrbt ein solches
Leid und Unglck! Denn da der frhe Tag mit grauem Nebel anbrach, hatt ich nicht
Vater noch Mutter mehr, nicht Heimat noch Liegerstatt.
    Sa stumpfsinnig und frierend mit meinem Ziehbruder, dem Fritz, auf den
Stufen vor der Gottsackertr, und wir hielten uns bei den Hnden und hatten kein
Wort mehr und keine Zhre. Drben stieg ein feiner, blulicher Rauch aus den
Trmmern auf; drei ruige, geborstene Mauern ragten aus dem Schutthaufen, und
daneben standen die verkohlten Stmpf der beiden mchtigen Birnbume, die der
alte Bichlervater, Gott hab ihn selig, bei seiner Hochzeit gepflanzt hatte.
    Leut kamen und gingen, beschauten und bejammerten das Unglck; und die
Knecht und Mgd, die Kostbuben und Freund des Weidhofs standen herum und
stierten trbselig ins Leere.
    Der Pfarrer war schon in der Nacht zum Brandplatz gekommen, hatte mit lauter
Stimme allen die Generalabsolution erteilt und fr meine lieben toten Zieheltern
auf den Knien das De profundis gebetet. Hatte auch Befehl gegeben, da man die
Kirch gut in Acht nahm und die Funken, so auf ihr Dach flogen, sogleich
verlschte, und, nachdem die Brunst vorber, meine Kostmutter in den Pfarrhof
tragen und dorten aufbahren lassen.
    Nun es ganz hell wurd, kamen auch die jungen Ehleut wieder auf den Platz.
Waren halt doch heimgegangen in der Nacht, da sie sahen, da nichts mehr zu
retten war.
    Hatten ja ohnedies keine glckhafte Brautnacht mehr gehabt und gewilich
auch keine Freud an dem Narrenzeug, das ihnen am Hochzeitstag von den Freunden
in der Schlafkammer aufgericht worden war nach altem Brauch und Herkommen.
    Indes hatte man begonnen, meines Ziehvaters Leichnam zu suchen und aus den
Trmmern zu schaffen. Wurd also viel Wasser auf die heien, dampfenden berrest
gegossen und darnach mit vieler Mh das Mauerwerk beiseit gehoben, bis man
endlich auf den steinernen Futterbarren stie.
    Immer mehr Leut hatten sich whrenddessen zusammengefunden; immer lauter und
lrmender ging es zu. Jeder Stein, der gehoben wurde, jeder Spatenstich wurd
beredet und durch die Reihen fortberichtet.
    Da scholl es zu uns herber: Ach Gott! der Weidhofer! Und so zugrund
gricht!
    Ein Jammern und Klagen ging durch die Menge, und auch wir standen auf und
seufzten und konnten uns vor Leid kaum fassen.
    Etliche brachten eine Leiter - ein Tuch; man legte den verbrannten und
verstmmelten Leichnam darauf und gedacht, ihn nach dem Kirchhof zu tragen.
    Da kam ein Hauf von Kindern die Gasse dahergestrmt, laut rufend und
schreiend: Sie haben ihn! - Man bringt ihn! - Den Ambros haben s'!
    Ja, sie brachten ihn. Inmitten zweier Schrgen oder Landjger kam er daher,
schlotternd und wankend, von den Kindern mit Steinen beworfen, von den Mnnern
und Weibern verwunschen und verflucht.
    Vor der Brandstatt hielten sie an; der Tote ward vor den Schelmen
hingetragen, und der wurde gefragt im Namen Gottes und im Angesicht des Toten
und der Feuerstatt: ob er sich schuldig bekennen wollt!
    Und er stand da mit grauem Gesicht und verhetztem Blick, konnte kaum das
Wort aus dem Maul bringen vor Zhnklappern und sagte dennoch: Nein, nein!
    Da brach ich mir einen Weg durch die Menge; stand bebend vor ihn hin und
schrie: Beim dreieinigen Herrgott, er hat's tan! - Ich hab ihn sehen
davonschleichen! - Hund! Du hast's tan!
    Ich konnt nimmer. Es wurde mir todbel und ich mut mich einhalten.
    Doch schreckenvoll war die Wirkung meiner Worte: der Teufel - kaum da er
mich ersehen und meine Red vernommen, begann er gottslsterlich auf mich zu
fluchen, gestand unter wildem Rasen die Tat und schumte vor Wut, da er mich
immer noch lebend sah.
    In diesem Augenblick aber strzten sich die Bauern auf ihn; - vergebens
wollten ihm die Schrgen Deckung geben, - sie wurden gleich mir aus dem Knuel
gerissen und der Schelm darnach grausam ums Leben gebracht durch Steinwrfe,
Faustschlge und Messerstiche. Sein Heulen hallte grausig durch das Dorf, und
sein Blut flo wohl aus hundert Wunden, bis er endlich tot hinfiel.
    Hatten ihm also Gerechtigkeit widerfahren lassen; ich aber kann mein
Lebenlang nimmer froh werden, da ich solches mit meiner Red verschuldet,
obgleich man mich im Ort derhalben gro belobt hatte.
    Da nun die Bauern den Memer aufgebahrt, den Frevel genug beschaut und auch
geshnt hatten mit harter Feme, gingen sie wieder heim und die Weiber und Kinder
mit ihnen.
    Die Schrgen aber nahmen den Leichnam des Gerichteten und trugen ihn auf den
Schindanger, wo sie ihn verscharrten.
    Mein Ziehbruder, der Fritz, und ich begaben uns darnach zur jungen
Huslerin, der Nandl, und fanden dort auch die andern Kostbuben des Weidhofs;
denn es wut keiner, was er nun sollt anfangen oder ausrichten. Die lteren, der
Hausl und der Hans, hatten zu ihrem guten Glck noch etliche Gulden Zehrgeld und
gaben der Nandl willig davon, da sie ihnen ein Essends gab und ein Lager; wir
beide aber waren ohne jeden Kreuzer und muten zuschauen, was nun wrd mit uns.
    Da war es denn gar traurig, da die junge Hausfrau, ehedem meine seelensgute
Schwaigerin, mit uns gar leidig tat und sagte, da sie nicht kunnt jeden
Bettelbuben herfttern; wer was wollt, mss' allenthalben zahlen.
    Also da wir uns wieder davonmachten und zu fremden Bauern gingen, da wir
dann um Gottswillen etliche Tag bleiben konnten, bis unsere liebsten Zieheltern
zur Erden gegraben waren mit groem Geprng und starkem Zulauf. Mu nun leider
gedenken einer gar betrblichen Zeit, da sich das Sprichwort an mir zum Wahrwort
machte:
    Freund in der Not gehn hundert auf ein Lot.

                                 Um zwei Gulden


Da nun die Toten in Frieden ruhten, auch der Brandplatz gesubert war, erscholl
eines Tags schon frh am Morgen die Glocke des Gemeindeschreibers durch die
Gassen, und der Aktenlippel rief in die Huser: Heut wird ausgeboten der Grund
und Besitz des Weidhofs! Wer was schuldet, und wer was zu fordern hat, ist
hiemit kommandiert, auf die Burgermeisterei zu kommen!
    Eija! Wie ward da mancher vordem Gerechte zum Spitzbuben!
    Hatte keiner was zu zahlen, war keiner was schuldig, da doch mein guter
Ziehvater vordem als der best und christlichst Geldgeber und Wohltter gepriesen
ward!
    Da standen droben beim Klinglwirt etliche Kh im Stall, die er in der
Brandnacht gar barmherzig aufgenommen hatte und gesagt: Ach, des armen
Weidhofers Kh!
    Nun aber der Tag gekommen, da er sie billigerweis htt herausgeben mssen,
waren es bei Ehr und Seligkeit seine eigenen!
    Wie wars doch mit der Schwaigerin, der Nandl!
    Hatte sie nicht einen ganzen Hausrat aus dem Weidhof im Kuchelwagen
fortgefahren als eine Leihgab?
    
    Ei was! Da stand der Pauli und beschwor, da alles ein Geschenk der Toten
gewesen wr, so wahr Gott lebte!
    Ach, da kamen die Knecht und Mgd und hatten ein jedes zu fordern seinen
Lohn und noch ein etlichs hundert Gulden aufgehebtes Geld!
    Hatten 's alle angelegt gehabt im Weidhof, da doch keiner htt mehr zu
kriegen gehabt, denn seine zwanzig bis dreiig Gulden Jahrgeld und sein hrwenes
Hemd dazu!
    O, der Schmach und Schand! Da kam der reiche Lackenschuster und verlangte
Bu fr die fnfhundert Gulden Heiratsgut seiner Ehefrau, der Kathrein!
Verlangte Bu fr die fnfhundert Gulden vom Verkauf des Waldhauses! Forderte
hundert Gulden Bu fr das verbrunnene Sach seiner ehelichen Hausfrau!
    Ach, indes ich dabeigestanden war, drei Tag vor seiner Heirat, da ihm mein
Vater, der Weidhofer, die blanken Gulden auf den Tisch gezhlt und alles Glck
gewunschen hatte!
    Wohl htt ich knnen mein Maul auftun und solches offenbaren; allein, wer
wollt denn auf einen Spatzen hren! Pfeifen ihrer viel von den Dchern und merkt
niemand drauf!
    Schwieg also still und wartete, bis alle ihre Wnsch und Gerechtsamen dem
Aktenlippel in die Feder diktiert; alsdann trat auch ich vor und bat um meinen
Jahrlohn: sieben Gulden und dreiig Kreuzer als Viehbub.
    Fuhr mich aber der Lippel rauh an und sagte, solch lumpiger paar Grten
wegen kunnt er nicht noch einen neuen Bogen schns Papier verschmieren; sollt
warten, was berblieb, das knnt ich alsdann unangefochten mein eigen nennen.
    Also ward alles aufgeschrieben, der Grund und Besitz zerteilt und jedem sein
Sach gegeben nach Ma der Forderung. Da erhielt der einen Acker, der ander zwee
Wiesen; der dritt den Hausgrund samt dem Anger und der viert ein Kleefeld. Der
Lackenschuster aber nahm das Waldhaus, die Alm und die vier Rsser. Ein jeder
bekam sein Sach, weil alles wohl aufgeschrieben war; da aber die Reih an mich
kommen sollt, war nichts mehr, das sie mir htten geben knnen, wie denn auch
die andern Kostbuben ein jeder nur eine oder zwei Hennen erhielten als Lohnung
und Erb.
    Nach solcher Teilung ward wieder mit der Glocke gelutet: Gute Leut sollten
sich melden, die einen von uns Waislbuben um Gottswillen aufnehmen wollten.
    Aber da war niemand, der sich erboten htte, und so sollten wir, altem
Herkommen gem, am Tag darauf als Gemeindelmmel versteigert werden.
    In der Gemeindestuben wurde noch ein jeder ausstaffiert mit einem rupfernen
Hemd, ein Paar Holzschuhen und einem Tchlein, darein diese Hab gebunden war.
Nach diesem sollten wir uns auf dem Marktplatz einfinden, um ffentlich
ausgeboten zu werden.
    Da waren unser aber blo noch zwei; - die andern hatten sich fein bedankt
fr die Gab und waren darnach eilends aus Sonnenreuth entwichen, darber bei den
Bauern ein groes Gelchter, beim Aktenlippel aber wilder Zorn ausbrach.
    Wurde also erst der Fritz ausgeboten: Ein gros, handlichs Brschl ist zu
verdingen um den Jahrlohn von fnf Gulden und einem Hemd!
    Niemand wollte bieten.
    Um vier Gulden und ein Hemd! schrie der Lippel wieder; wer bietet vier
Gulden?
    Keiner bot, und dem Fritz liefs blutrot ber die Wangen, whrend ich bei mir
dachte: Lieber Himmel! Wenn sie schon fr den baumlangen Burschen nicht vier
Gulden wollen bieten - was wird dann wohl mit mir armseligem Huflein Elend
geschehen!
    Da schrie der Lippel voll Gift und Gall: Geh, schaamts enk do, Manna! Habts
denn gar koa Erbarmnis mit dem Brschl? Mag 'n denn wirkli koana?
    Zum Hausanznden! sagte da ein alter Bauer, schttelte abwehrend beide
Hnde und ging weiter.
    Der Fritz aber hatte kaum das Wort vernommen, als er auch schon dem Lippel
sein Pcklein vor die Fe warf und ohne ein Wort aus dem Kreis ging. Niemand
hielt ihn auf, niemand sagte eine Silb des Schimpfs oder Unwillens, und auch der
Gemeindeschreiber fand keine Red des Zorns.
    Mir aber schnrte es den Hals zu, als ich dieses sah und hrte; wollt auch
gern dem andern folgen, wenn mich nur meine F htten tragen mgen.
    So aber war ich keiner Bewegung mchtig und mut es also leiden, da mich
der Lippel um das Gebot von drei Gulden und einem rupfernen Hemd ausrief.
    Alle lachten, und etliche Bauern sagten: Viel Geld fr so ein hoalos
Krischperl! Is ja zu nix z' brauchen als zum Fressen und Schlafen!
    Um zwee Gulden fuchzg Kreuzer! schrie der Lippel dazwischen. Is niemand
da, der das Babl nimmt! - Kann Vieh hten, s Kindsmensch machen, d' Floign
ertten ...
    Wieder lachte die Menge, whrend ich meine Seligkeit htt hingeben mgen um
ein Mausloch, mich drein zu verkriechen. Htt mich willig vom Teufel holen
lassen, wenn er mich nur in dem Augenblick htt wegfhren wollen.
    Also, Manna, was is's? fragte der Schreiber noch einmal; mag 'n neamd um
ds Geld?
    Da trat der Lackenschuster vor: I nimm 'n auf d' Alm um zwee Gulden dreig
Kreuzer. Gibst mir 'n um ds, nachher nimm i 'n glei mit.
    Da gab mich der Lippel hin, nahm die dreiig Kreuzer als Drangeld in
Verwahrung und schlug mit einem hlzernen Hammer auf sein Tischl: Also nimmt 'n
der Lackenschuster, was ihm Gott gsegnen mag!
    Wandte sich darnach an mich und fuhr mich an: Da d' eahm dankbarli bist
und koa Schand machst, deinem Bauern! - Verstanden!
    Worauf mich der Lackenschuster an der Achsel fate und sagte: So, geh nur
jetzt! Arbat gibts grad gnua fr di!
    Und schob mich also aus dem Haufen, indes die Bauern sagten: Is a guata Mo,
der Anderl, a christlicher Mo.
    Mg mir's vergnnt sein, stillzuschweigen ber meine Pein, da ich meiner
liebsten Kathrein mut unter die Augen gehn als ein armseliger Gemeindelmmel;
auch fortan ihr Knecht heien sollt, - ja, nicht einmal ihr Knecht, - gar blo
ihr Khbub!
    Und sollt von nun ab diesem Schinder angehren, der gefrcht war bei allem
Dienstvolk im ganzen Umkreis wegen seines gachen Zorns.
    Nun war die junge Hausfrau freilich gar gut und gndig zu mir und setzte
mich auch nicht gleich zu dem Gesind, um mir Gesptt zu ersparen, darum, da ich
erst noch ein stolzer Brautfhrer und Jungherr gewesen bei ihr, und nun der
mindest Dienstbub.
    Doch wut ich ihr keinen Dank dafr und brachte den Tag in trbem Schweigen
hin.
    Und da die Nacht kam und ich im Stall auf einem harten Strohsack mein
armseligs Dasein berdacht, da kams mir in den Sinn, da es besser wr, wenn ich
gleich meinen Kostbrdern die Schuh nach auswrts stellt.
    Stand also mitten in der Nacht ganz leise auf, nahm mein Gemeindebndel und
machte mich durch den Stall davon.
    Lief also immer fort, ohne mich zu besinnen, wohin ich mich wenden sollt,
und stand endlich bei Tagesanbruch vor einem dichtbewaldeten Berg, den die Leut
den wilden Rohnberg heien.
    Da stieg ich denn hinauf, soweit ich konnte; mut aber alle Augenblick
verschnaufen und mich ausrasten. Und da ich endlich eine halbverfallene
Streuhtte fand, kroch ich hinein und schlief darin den ganzen Tag bis zum
Abend.
    Stand darnach eilends auf und suchte nach einem Weg, auf dem ich wieder
weiter wandern kunnt; fand auch schlielich einen Pfad, der mich leichtlich um
den Berg fhrte und auf eine Landstrae.
    Derweilen hatte mich aber ein groer Hunger ergriffen, und ich lief, so
rasch ich konnte, dahin, um bald in einen Ort zu kommen, da man mir mcht etwas
geben; gelangt auch endlich zu einem breiten Bach, einer Brucken und einer Mhl
dabei.
    Setzte mich also auf einen alten Mahlstein neben dem Haus und wartete
sehnschtig auf den hellen Tag, da ich alsdann vor die Haustr trat und um ein
Stcklein Brot bat, worauf mich die Mllerin eintreten hie und mit einer guten
Brennsuppen und einem Keil Brot speiste, nach meinem Woher und Woaus fragte und,
nachdem ich ihr geantwortet: auf die Wanderschaft, mich mit einer wohlgefllten
Schnapsflasch und einem Scklein Brot versorgte und mir gute Wanderschaft
wnschte.
    Ich dankte ihr mit frohem Herzen und machte mich darnach wieder auf den Weg,
der mich in ein neues Leben und in die weite Welt hineinfhren sollt.

                                Der Bildlmacher


Fand mich also der zwanzigst Oktober des Jahres eintausendachthundertzwei, der
Tag vor dem Kirchweihfest, auf der Landstrae, die ber Trach und Stauden nach
Geitau fhrt.
    Rings um mich erhoben sich die Berg, und drberhalb dem Wasser, was die
Leizach gewesen, stand der Wendelstein, der Birkenstein und Fischbachau.
    Besann mich eine Weil, ob ich noch einmal sollt hinaufsteigen und unserer
lieben Frau mit dem Kindl einen Gr Gott sagen; doch dacht ich, da sie es mir
gewilich nicht weiter nachtragt, wenn ich, ohne solches zu vollbringen, auf
meinem Weg weiterlief.
    Also trabte ich weiter und sagte dabei laut fr mich hin:

Sei gegrt am Gnadenthron
Muetter Gottes hochgeehrt!
Vor dir und deinem liebsten Sohn
Lieg ich flehend ob der Erd.
Hr mein Seufzen und mein Bitt:
Muetter, ach verla mich nit!

Sieh, in dieser Not ich stecke,
Schrei um Hilf mit ach und weh,
Zu dir meine Hnd aufrecke:
Muetter Gottes, mir beisteh!
Dein gttlichs Kindl fr mich bitt,
Muetter, ach verla mich nit!

Gedacht auch dabei der seligen Weidhoferin, meiner liebsten Ziehmutter, die mir
dies Gebet einstmals angelernt und gar oft vorgebetet hatte; und es dnkte mich
gar schwer, zu bedenken, da ich sie nun samt dem Ziehvater in Ewigkeit nimmer
sollt wiedersehen. Denn was die Menschen von der Auferstehung des Fleisches
sagten, schien mir so furchtbarlich, da ichs nicht glauben konnt oder wollt.
    Wurd auch wieder an das schreckliche End des langen Ambros gemahnt und ging
also in trben Gedanken meinen Weg dahin, immer dem Lauf des Wassers entgegen,
vorbei an einschichtigen Bauernhfen und Mhlen; a auch von meinem Brot und kam
endlich gegen Mittag, da man gerad zum Essen lutete, nach Geitau.
    Daselbst lud ich mich bei einem guten Bauern zu Tisch, lie es mir auch
gefallen, da man mir die Taschen mit Kirchweihkrpflein vollstopfte, bedankt
mich wohl und ging darnach wieder weiter in Gottesnamen, durch ein breites Tal,
immer dem Weg nach, der mich endlich zu einem gar schnen und lieblichen Ort
fhrte, daselbst es mich gelstet, etliche Zeit zu verweilen.
    War schon herzlich md und abgeschlagen und wusch mir zum allerersten in dem
klaren Bach die F, das Gesicht und die Hnd, auch meine weien Feststrmpf,
die ich als einzigs Paar seit der traurigen Hochzeitsnacht bei mir trug. In
solcher Arbeit fand mich ein alts, brtigs Mnnlein, das ein wunderlichs,
hlzerns Gestell in der einen Hand hielt und ein gemalts Bild in der andern,
darauf das Tal und die Berg, darin ich mich befand, samt dem Drflein
Bayrischzell getreulich abkonterfeit und dargestellt waren.
    Ei tausad tausad! rief der Alt; mut wohl deine Kirtastrmpf no gschwinds
waschen, ehvorst auf 'n Tanzboden gehst damit!
    Verlegen sah ich mich um und sagte: Gra Good.
    Ja, gra di Good aa, erwiderte er lchelnd; ghrst du auf Boarischzell?
    Nein, sagte ich; i bin drberhalb die Berg her. Bin auf der
Wanderschaft.
    Ei tausad tausad! rief da das Mnnlein wieder aus; no so kloa und
haderig, und scho auf d' Wanderschaft gehn! - Wie nur grad a Vata so epps
zuagebn kann!
    Da sagt ich ihm, da ich ja keinen mehr htt, da ich berhaupts niemand
htt und halt schauen mt, wie ich fortkm in der Welt. Erzhlte ihm also
alles, was ich leichtlich sagen konnte, ohne was Geheims bekennen zu mssen;
dabei aber doch dem guten Alten die Augen bergingen. Hatte gar ein herzlichs
Mitleiden mit mir und sagte zu guter Letzt: Wirst wohl kaum schon ein Orts zum
Schlafen frgsprochen haben, denk ich; kannst also mit mir gehen, wenn d' magst.
Hab schon eine Schaw Stroh zum Drauflegen und ein Haferl zum Einbrocken; ein
Lffel zum Ausessen wird sich nachher schon noch finden!
    Den kann i mir ja selber schneiden! rief ich voller Freuden; und wann 's
s aa no a paar brauchts, nachher schneid i Enk gern aa no a paar! Und ein
Rahmerl um ds Bildl da!
    Ging also mit frhlichem Herzen mit und dachte, da ich schon weiterfinden
wrd mit der Hilf Gottes; nahm dem Alten sein Gestell ab und trugs ihm nach, bis
er abseits vom Ort an eine gar wunderliche Htten kam und mich hineinfhrte als
seinen Gast.
    Machte wohl groe Augen, da ich ber die Schwelle dieses Husleins trat! Es
hatte mir zwar schon von auen gar seltsam gedeucht mit seinem niedern
Strohdach, darauf allerhand alte Gewandstcke, ein zierlichs, eiserns
Gartengitter und ein rostigs Wirthausschild lagen; doch kann ichs kaum
beschreiben, wie mir wurd, als ich mich pltzlich, statt im Hausflz, in einem
winzigen Stall befand, darin drei weie Geien lagen und dem Alten sogleich
zumeckerten.
    Indem ich aber noch gaffte und staunt, ffnete der alt Vater eine niedere,
mit einer Landschaft bemalte Tr und sagte:
    Tritt eina in mei Klausn, Babl, und sei gern da!
    Folgte ihm also und trat ein in ein wundersams Stblein, darinnen alle Wnd
mit Bildern behangen, die Fensterscheiben mit Tierkpfen bemalt und die Gesimse
mit allerhand Farbtpfen vollgestellt waren.
    In einer Ecke stand ein grner Sesselofen, dessen Rohr gleich durch die
Mauer ins Freie ging; daneben war eine Bank und davor ein wurmstichiger Tisch,
auf dem ein hlzerner Teller mit Ks, ein Schmalzhflein, etliche Pinsel und
Farbtiegel sowie ein angeschnittener Brotlaib lagen und standen.
    In einem Kasten, dessen ausgehngte Tr, mit dem Bild unserer lieben Frau
vom Birkenstein bemalt, ber einer kleinen Anricht hing, waren etliche
altmodische Gewnder aufgehngt, und in einem Fach desselben lagen ein paar
Wschestck, ein dickes Buch und eine Flasche, darin das Leiden Christi in
seinen Werkzeugen bildlich dargestellt und geheimnisvoll verschlossen war.
    Inmitten der Stube aber stand eine Hhnerleiter, die zu einem hlzernen
Verschlag emporfhrte, daraus lautes Gackern und Girren scholl, und eine Luke
unter der Ofenbank stand als Ein- und Ausgang fr die Hennen offen.
    ber dem Ofen hingen an einer Stange etliche Tcher oder Hadern, eine
eiserne und eine kupferne Pfanne und die Sichel.
    Mein Maul stand noch offen vor Verwunderung, als der Alte abermals eine Tr
aufsperrte und mir das Schlafgemach wies, darin ein Strohsack auf dem Boden lag
mit einem Kissen und einer rauhen Decke. Eine alte Truhe und ein irdener
Wasserkrug standen neben dieser Lagerstatt, und zwei Weidlinge voll Milch waren
am Fensterbrett aufgesetzt.
    Auch hier hingen vielerlei Bilder an den Wnden, die alle die Gegend
vorstellten: bald im Sommer, bald im Winter, bald bei blauem Himmel, bald mit
schwarzen Wetterwolken oder leuchtendem Abendrot. Manchmal tummelte sich auch
eine Viehherde auf dem Bild, und ein Bauer kniete mit gefalteten Hnden dabei,
whrend in den Wolken die Jungfrau mit dem Kind thronte; oder eine Familie mit
sieben, acht und noch mehr Kindern lag inmitten der Landschaft, dem Geschlecht
und Alter nach ordentlich in zwei Reihen geschlichtet, auf den Knien und blickte
andchtig gen Himmel, wo die Birkensteiner Mutter Gottes in einem leuchtend
gelben Strahlenkranz schwebte.
    Mochten wohl leichtlich an die fnfzig Bildertafeln herumhngen in dieser
Kammer; lagen auch auf dem Boden noch etliche St in jeglicher Art und Gre.
Hinten in der Ecke aber war ein groer Haufen Heu aufgeschichtet als
Winterfutter fr die Geien; ein Sack mit Mehl und eine Kiste mit Kleie standen
daneben samt einem Krblein voll Eier. Jetzt mut d' dir halt eine Gruben ins
Heu machen als Liegerstatt, meinte der alt Vater, als ich lang genug alles
beschaut und betrachtet hatte; ich gib dir dann auch noch ein Leilachen dazu
und mein Schafpelz als Zudeck, da di nit friert. - Und jetz wolln mir nachher
einmal z'allererst epps zu der Nacht essen!
    Nahm also einen Weidling Milch und trug ihn hinaus in die Stube, holte
Reisig und machte ein lustigs Feuer in den Ofen, darauf er dann die kupferne
Pfann mit der Milch stellte; darnach ging er hinaus hinter die Htte, wo ein
kleiner Rhrlbrunnen stand, holte in einem Schfflein Wasser und schpfte die
eiserne Pfann damit voll. So, das gibt unser Kaffeesupperl, sagte er; jetz
mu i no gschwinds meine Goaln und 'n Hennan ds eahna gebn, nachher koch ma
unsern Kaffee, und nach 'n Essen mu i melchan.
    Mir war gar wohl bei diesem Mann; und da er mir nun seine Arbeit so
hersagte, dachte ich; kannst ihm doch leichtlich was abnehmen!
    Half ihm also beim Streubreiten und beim Fttern, nahm ihm auch gleich das
Melken ab, dabei sich die Geien so still hielten, als htt ich sie schon ihr
Lebtag immer gemolken.
    Der Alte lachte still und zufrieden und gab mir noch allerhand Befehle und
Weisungen, doch nicht wie ein Bauer, vielmehr wie ein guter Vater.
    Ich mut also aus einem Schrnklein, das in die Wand gemauert war und ein
Bild mit dem Bergglhen als Trl hatte, zwei irdene Schsseln langen und mir
einen Lffel schneiden, was aber derweilen lang geschehen war, bis der Vater ein
Huflein gebrannte Eicheln und Zichorienwurz zwischen zwei flachen Steinen
gemahlen und die Kaffeesuppe davon gekocht hatte.
    Drauf mute ich von einem Zuckerhut etliche Brocken abklopfen und in
Stcklein zwicken, indes der Vater eine Latern aus der Anricht holte, ein
Stmplein Licht hineinsteckte und am Herdfeuer anbrannte.
    Nun zog ich meine Kirchweihkrpflein aus den Taschen und teilte sie mit dem
Hausvater in Redlichkeit.
    Setzten uns also zum Tisch und aen mit ruhigem Herzen. Hat mir gar wohl
geschmeckt in dieser Htten; gewilich besser, wie dem groen Napoleon seine
kstlichsten Mahlzeiten!
    Der Alte hatte ein groes Wohlgefallen an mir gefunden und meinte darnach,
da wir in der Schlafkammer auf unserer Strohschtt lagen: Jetzand wirst mi aber
do nit schon wieder bald verlassen wollen! - Hab schon lang Weillang ghabt nach
so 'm Schlafkameraden, wie du bist! - Grad alloa sein und sein Lebtag alloa sein
is aa nix. A bil a Freundschaft tut halt do not auf der Welt!
    Und so mut ich ihm also versprechen, da ich etliche Zeit bei ihm bleiben
wolle. Tat es auch gern und willig, zumal mir das Leben in diesem geruhigen
Huslein bei dem wunderlichen alten Vater wohl gefiel. Der mochte leichtlich
seine sechzig Jahr am Rucken haben und war klein und hager, schlohwei an Haar
und Bart und hatte das wetterbraune Gesicht voller Falten und Fltlein, die,
wenn er lachte, gar lustig und freundlich aussahen. Zwinkerte schalkhaft mit
seinen hellen Augen, wenn er was fragte oder erzhlt', und konnt lachen, da ihm
die Trnen kamen.
    Als der jngste von vierzehn Geschwistern war er im Tirolerland geboren;
sein Vater war ein Kraxenkrmer gewesen, der mit der Kirm am Buckel landaus,
landein zog und den Leuten um etlich Kreuzer allerhand verkaufte: Wunderbalsam,
Klufen und Nadeln, Bnder und Litzen, Haarpfeile und Pudelhauben, silberne
Fingerringlein und goldene Hutschnre. Seine Mutter war ein Krutlweib und
brachte die Zeit, da ihr Ehemann auf der Wanderung war, mit dem Ansetzen von
Schnpsen, Sammeln von Krutern und Wurzeln hin und gebar dazwischen ihre Kinder
zur Welt und erzog sie in der Notdurft und Armseligkeit ihrer Umstnd, bis ein
jedes selber fr sich sorgen konnte.
    Kam der Vater von seinen Reisen heim, so brachte er meist jedem was mit aus
den fremden Orten und von den Jahrmrkten, oder er wute irgendein glckhaftes
Schanzlein, eine gute Dienststell oder einen Lehrplatz fr seine Kinder. Wurde
also gemach eins ums ander hinausgeschickt in die Fremd, sein Brot zu suchen,
dabei ihnen dann der alt Beham, ihr Vater, noch viel gute Reden und ein kleins
Lederbeutlein mit zwlf Kreuzern als Aussteuer mit auf den Weg gab.
    Und da nun alle lngst dahin und im Land zerstreut waren und nur noch er,
als der Nesthocker, der Jngst, vom Tisch der Eltern a, so kam endlich auch an
ihn die Reih und sagte der alt Vater zu ihm: Thomas, jetz werds Zeit, da du
auch ein wengl in der Welt umaschaugst; bist eh schon ein Mordshannacken her und
frit fr zwee!
    Schnrte ihm also sein Rnzl, gab ihm als dem Kleinsten seinen vterlichen
Segen mit einem Weichbrunn und dafr blo zehn Kreuzer zur Aussteuer.
    Die Mutter aber legte sich auf ihre Lagerstatt, ward krank und serbend und
brauchte kurze Weil darnach den Totengraber und drei Schuflein Erde fr die
ewig Ruh.
    Das war also die Geschicht des alten Thomas Beham, meines gtigen
Hausvaters. Ein mehreres war nicht aus ihm zu bringen, und er sagte blo immer:
Ja ja. Und nachher bin i halt fort und habs probiert, hab dies gelernt und
jenes, dies erlebt und jenes, - und bin z' guter Letzt vor vielen Jahren da in
den Ort und zu der Htten kommen, wo frhers ein alts Korbflechterweib ganz
mutterseelenalleinig ghaust hat. Da hab i nachher ein Hoamatl gfunden - und no
was: die schne Kunst, wie man d' Welt auf an Wischhadern, auf ein Krautbrettl
und auf an Hafndeckl hinzaubern kann mit so ein paar Farbhaferln und etliche
Goapemsel.
    Und er war ein gar fleiiger Maler; Tag fr Tag ging er hinaus und stellte
sich bald hierhin, bald dorthin, eifrig betrachtend, zeichnend und malend.
    Und zu allen diesen Bildern begann ich nun breite und schmale Rahmen zu
schneiden und zu schnitzeln, sie mit allerhand Schnrkeln zu verzieren und Rosen
in ihre Ecken zu setzen, wie ich es an den Bildertafeln der Kirche zu
Sonnenreuth gesehen hatte.
    Von Zeit zu Zeit aber wurden die fertigen und gerahmten Tafeln in eine hohe
Kirm gepackt; der alte Thomas holte seinen Knotenstock aus der Ecke, setzte
einen hohen, spitzigen Hut auf und ging auf die Mrkt: bald nach Schliersee oder
Miesbach, bald nach Tegernsee oder Tlz, indes ich daheim die Htte mit den
Tieren versorgte und auf das Tgliche acht hatte, bis der Vater nach etlichen
Tagen wieder zurckkam und mir ein kleins Angebind auf den Tisch legte.
    Doch htt sich solch ein Reisen wohl nicht ausgetragen und gelohnt, wenn der
Vater Thomas nicht schon lngst als Exvotomacher einen guten Namen und eine
gewisse Kundschaft gehabt htte. So aber bracht er zu allen Zeiten reichlich
Verdingungen heim aus der ganzen Gegend.
    Da brauchte die Reiserin von Miesbach eine groe Tafel; sollt auf den
Birkenstein zu unsrer lieben Frau kommen, mut eine Kindlstuben als Bild haben
und drunter die Inschrift:
    Anno 1802 den heiligen Christtag hat Creszentia Reiserin zu Miesbach dies
Bild hierher bringen lassen als eine Dankgab unserer lieben Frauen fr Hilf in
schweren Kindsnten.
    Hatte dem Alten einen Silbergulden dafr gezahlt und ein Hflein mit Honig
dazu fr seinen kelzenden Husten.
    Der Angerer von Hausham brauchte auch ein Taferl, darauf er selber
abkonterfeit sein sollte, liegend unter dem Leiterwagen; und sollt ein starks
Gewitter sein und die Rosse sich gar wild aufbumen, drber die heilig Jungfrau
und drunter eine Danksagung zu finden.
    Gab dafr einen halben Gulden und einen Ranken geselchts Fleisch von der
Christtagsau.
    Also kamen unsere Bildertafeln berall hin: nach Altentting, auf den
heiligen Berg zu Andechs, zu unserer lieben Frau vom Birkenstein, ins Mariazell
und auf Herrgottsruh; und es zeigte ein jeds Stuck ein anders Leid und Gebrest,
Unglck oder Anliegen.
    Standen auch allerhand Sprch und Danksagungen drunter, die das Unglck
meldeten und auch die wunderbare Hilf; und es hat sie alle der gut Vater Thomas
selber ausgedacht und draufgemalt auf die Tafeln.
    Hab mir ein etlichs paar davon in meinem Gedchtnis aufgeschrieben und kann
nicht umhin, sie hierherzusetzen und mich noch einmal daran zu ergtzen und zu
erbauen:

Anno 1803 im Maien ist
Eine groe Plag im Land gewesen,
Da ham die Mus das ganz
Gedraid z'sammgfressen,
Ham's abgebutzet auf dem Feld,
Als wr es abgemaht;
In solcher Drangsal uns
Die Muetter Gottes gholfen hat,
Da unser Feld und Acker
Unversehret blieb,
Indem sie solche Mus
Ins Schwabenland hintrieb.
Bei uns ist widrum Ruh,
Indes man z' Augsburg klagt,
Maria fr dein Hilf
Sei Dank gesagt!

Diese Tafel wurde gestiftet von den Bauern zu Lnggries in die Wallfahrtskirch
zu Andechs und wurde dafr dem Vater die Summe von sieben Gulden als Lohnung
gegeben.
    Eine andere, unserer lieben Frauen zu Altentting geweihte Exvototafel hie
also:

Sitzen alle daheimt im Haus,
Grad der Michl ist noch draut,
Hat sein Sensen an Eichbaum glaihnt
Und ein Unglck nit vermeint,
Da kmmt ein Blitz und Dunnerklapf,
Der Michl strzet mit groer Klag.
Doch hat ihm die schwarz Muetter das Leben gschenkt
Dewegen ist allhier diese Tafel aufghenkt.

Mu auch noch einer Tafel gedenken, die unserer lieben Gottsmutter zu Ebbs im
Tirol gestiftet wurde.

Die Steinmllerin zu Ebbs
Mu neunzehn Kinder gebrn,
Heilige Muetter Gottes hilf,
Da sie alle selig wern!
Der Steinmller hat 22 Frischling
Von einer Sau,
Sind all glcklich davonkommen
Mit Hilf unserer lieben Frau.

Ein alts Weiblein aus dem Landl lie fr die Mutter vom Birkenstein auch ein
Tflein machen, und es sollt dieser Dankspruch drunter kommen:

Walburga Mrzin verlobt sich mit offenen Fen,
Maria hat geholfen - Gott sei gepriesen!

Zahlte auch willig zwlf Kreuzer Lohnung fr das Bild und wnschte noch tausend
Vergelts Gott als Dreingab.
    So brachte sich also der alt Beham Thomas mit seinem Handwerk gut durch und
sagte manchesmal zu mir: Es is do schad um mi, da i nit gheirat hab; i woa
wirkli nit, fr wen da i arbat. Kunnt oana leicht amal schn erbn von mir; aber
so - so mu i s' halt selber umbringen, meine Kreuzer! - Und du kannst mir dabei
helfen!
    Wei Gott, das hab ich auch getan und hab mirs gut gehen lassen bei dem
alten Thomas.
    Aber der Lauf dieser Welt bringt's halt mit sich, da es der Mensch, wenn's
ihm gut geht, noch besser haben mcht, da den Gaul gar bald der Haber sticht
und die Zufriedenheit alle Tag rarer wird und geringer.
    
    Und aus dieser Ursach geschah es auch, da ich, eh ichs recht bedacht, jenem
Esel glich, der, wenn's ihm zu wohl wird, aufs Eis geht.

                              Das Tiroler Katherl


Mocht also ein guts Jahr bei dem Bildlmacher gewesen sein, als mir auf einmal
das Rahmerlschneiden und Geilmelken nimmer gefiel; konnt auch die ewig
Fastenkost nicht mehr recht vertragen und bekam allerhand Beschwernis, wenn ich
blo an die Geimilch dachte.
    Wollt auch meinen Leib ein bil besser sich ausgehen lassen; denn des Wegs
von der Htte zum Wald oder nach Bayrischzell war ich gemach berdrssig worden.
    Fate mir also am End ein Herz und sagte dem alten Thomas, da ich ein
G'lusten htt, mir die Welt anzuschauen und was zu werden.
    Nun mochte mich der alt Vater wohl fr einen Dummerl halten, der bernacht
allen Verstand verloren hatte; denn er schaute mich so erschrocken an und
schttelte so ohne alle Fassung den Kopf, da er mir ganz erbarmte. Dann aber
schrie er mich scharf an: Nix da! - D' Welt sehgn! - Du brauchst no nit so viel
z'wissen von der Welt! - Wirst's wohl aushalten knnen bei mir!
    War also fr diesmal die Sach umsonst. Doch ich lie nicht mehr luck und
fing alle Tag von neuem damit an, da ich halt einmal wieder hinaus mcht und
ein bil wandern.
    Und zum End mut er doch nachgeben, der Alt. Versprach mir also, da ich zur
nchsten Jahrmarktreis mittappen drft auf Kufstein zum Lichtmemarkt. Sollt
aber zuvor noch auf Bayrischzell hineingehen zum alten Tiroler Katherl und sie
bitten, da sie dem Bildlthomas wieder mcht das Haus versorgen, bis er
zurckkm, wie sie es sonsten immer getan hatte, ehedem ich zu ihm gekommen war.
    Froh dieser Botschaft machte ich mich also etwan ein Woch vor Lichtme auf
den Weg, das alte Weiblein heimzusuchen.
    Sie hatte ein armseligs Logis im Husl der Totenpackerin von Bayrischzell,
dafr sie dieser die Kindswindeln wusch, den Geienstall versorgt und etwan auch
bei dem einen oder dem andern Abgeschiedenen die Totenwacht hielt, wenn die
Packerin nicht der Weil hatte dazu.
    Ihr winzigs Kammerloch, das man ihr zur ebenen Erd angewiesen hatte, lag
neben dem Stall und glich ehender einer alten Rumpelkammer denn einer
Altleutstuben. Auer etlichen alten, wurmstichigen Hockern und Bnklein, einem
wackligen Tisch und einer niedern Truhe sah man nichts als Germpel,
zerbrochenes Geschirr und zerrissene Hadern in der Kammer. Im Eck aber stand
eine gromchtige Himmelbettstatt, darin statt der flaumigen Federbetten ein
Haufen Haderlumpen und ein Geienfell lag; auf dem Dach des Betthimmels standen
allerhand Schachteln, Krb und Glser, ein zerbrochens Spinnrad und eine mit
verblichenen Bndern gezierte Strohkirm oder Kraxe, darin das Katherl in seinen
rstigen Jahren allerlei ntzliche und kostbarliche Dinge durch die Land
getragen und an gutwillige Buerinnen, deren Tchter und Ehhalten verkauft
hatte: Haarpomaden, schmeckende Seifen, allerhand Mixturen gegen Leberfleck und
Hexenmal, feine Flschlein mit Wasser, das nach Rosmarin oder Lilien, nach
Purpurrosen oder Mrzveigerlein roch; zierliche Kettlein an Hals und Mieder,
seidene Barben und steife Schmisettlein, und dazu viel kurzweilige Sp,
Neuigkeiten, Wundermren und sonst gefllige Reden und Weisen.
    Ihre Mutter, eine Marketenderin, welche als eine stattliche, handfeste Dirn
mit den Tirolern in alle Kmpfe zog, als es galt, dem sterreichischen Kaiser
und Herrn Leopold seinem Sohn den Thronsessel und die Kron von Spanien zu
gewinnen, hatte als getreue Liebste eines Fahnentrgers ausgehalten an seiner
Seiten, magere Kost und elendigs Quartier mit ihm geteilt und ihm endlich, grad
als er, von einer Kugel zerschossen, im Sterben lag, das Katherl in den Arm
gelegt; hatte ihm nach seinem Abscheiden den kaiserlichen Rock ausgezogen und
das arm Wuzerl dareingewickelt, den kaiserlichen Fahn in die Hand genommen und
war als ein rechts und riegelsams Soldatenweib, das Kind gleich einem
Schleppsack auf den Buckel gehngt, den Mannern vorangezogen, bis auch sie, vom
Blei getroffen, liegen blieb und ihren Kaiserfahn samt dem zwei Jahr alten Kindl
den Tirolern berlie.
    Da ward also das armselig Maidlein bald von dem einen, bald von dem andern
Siechen oder Verwundeten eine Weil gewartet, bis sich endlich ein christlich
Weib im Schwabenland des vater- und mutterlosen Zwacks annahm und etliche Jahr
um Gottswillen dafr sorgte.
    Aber schon rhrte sich auch in dem jungen Blut das unstete und wanderlustige
Wesen der Mutter; und da eines Tags ein Karrner durch das Nest gezogen kam und
auch im Haus der alten Pflegmutter vorsprach um Schmalz und Eier und sich in
liebreicher Weis mit dem kleinen Katherl unterhielt, da hing sich das Kind
pltzlich an seinen Hals und bettelte ihn, da er es doch mitnhm auf seinem
Karren. Hrte auch nicht ehender auf zu bitten und betteln, bis es ihr der gut
Mann versprach.
    Gab sie also die Pflegmutter hin und band ihr ein Hemd, ein Rcklein und ein
Paar feuerrote Strmpf in ein Tuch, hing ihr ein Krglein um mit einer Kapuzen
und setzte sie auf den Karren zu den Eierkrben und Schmalzhfen.
    Da lachte das Maidlein und schrie h hott! und fuhr dahin.
    Also wanderte der gut Karrner wohl etliche Jahr mit ihr durchs Schwabenland,
durch Bayern und bis gegen die Berge, da es dem nunmehr zehnjhrigen Jungferlein
dann so wohl gefiel, da es alle Lieb fr den guten Karrner verga.
    Verkroch sich also etliche Tag in Streuschupfen und Holzlegen, bis der
trostlose Alte endlich nach hartem Suchen ohne sie weiterfuhr.
    Da fand man sie halb verhungert und ganz ohnmchtig in einem Schupfen und
bergab sie der Gemeindemutter, die sie nach langem Struben endlich aufnahm und
eine kleine Zeit behielt, bis das Maidl wieder wohlauf war; alsdann verdingte
man den Balg, den fremden, zu einem Bauern als Gnsdirndl, dabei sich das Kind
eine Weil ganz wohl fhlte, bis wieder der Laufteufel ber sie kam und sie eines
Tags mitten vom Gnshten davonlief und sich weit ins Gebirge hineinwandte,
hungernd und bettelnd und doch munter singend.
    Wurde auch bald da, bald dort aufgehalten und zur Arbeit eingespannt, blieb
aber nirgends lnger denn etliche Wochen und kam endlich bis ins Tirolerland, da
sie dann einen Kraxentrager fand, der sie mitnahm, erst als ein Pflegkind, bald
aber als sein Lieb und Gespons.
    Nun war das Katherl ein gar wilds und ungebndigts Ding, konnt nicht lesen
und nicht schreiben und hatte sein Lebtag keinen andern Unterricht gehabt, denn
jenen bei dem rauhen, alten Karrner und der guten Pflegmutter; welches Weistum
aber mit ein wenig Rechnen und ein paar frommen Bibelsprchen sein Bewenden
hatte.
    Mut also dieser Gesell manchen alten Strau mit der wilden Katz ausfechten
und groen Flei brauchen, sie ein wenigs handlicher und manierlicher zu
schaffen fr das Gewerb, dem er oblag.
    Bracht sie also dieser Kraxentrager nach vieler Mh am End dahin, da sie
gleich ihm die Kirm auf den Buckel nahm und den Weibsleuten dies und jenes
aufschwatzte.
    Und da sie bald einen guten Begriff von solcher Handelschaft bekam, wute
sie dies Geschft schlielich zu einem ganz eintrglichen zu machen, gab den
Weibern allerhand Ratschlge in geheimen Anliegen und spielte nicht selten um
klingende Mnz die Kupplerin und Vermittlerin in Ehe- und Liebessachen.
    Am End trennte sie sich von ihrem langjhrigen Genossen und zog nun,
abenteuerlich gekleidet und herausgeputzt, mit ihrer Kirm durch die Berg, hatte
bald diesen, bald jenen Liebhaber, kam wohl auch zu den Schlssern reicher
Adliger, bei denen sie als ein fremds Wunder viel beschaut, als bildschns und
kurzweiligs Frauenzimmer wohl auch daselbst etliche Zeit aufgehalten und gar
fein gewartet und bedient wurde.
    Zog endlich als Tiroler Katherl von Schlo zu Schlo, ging auch in Stdte
und fhrte ein abenteuerlichs Leben, bis sie schlielich in die Jahr kam, da aus
der Buhlerin gemeiniglich eine Beterin wird.
    Hatte sich im Lauf der Zeit ein schns Huflein Gulden erspart und fing also
an, dieselben wohl einzuteilen, da sie, wie sie vermeinte, so ein zwanzig
Jhrlein davon kunnt zehren, bis sie der Gvatter Sichelmann auf die
Totenschragen brcht. Zog also in das bayrische Zell und fhrte da ein
beschaulichs Leben.
    Nun aber war sie lngst ihre hundert Jahr alt; die Gulden hatten sie alle
verlassen, und der Gvatter wollt immer noch keine Freundschaft mit ihr halten;
da suchte sie eine andere, schlo sich an die Totenpackerin von Bayrischzell an
und nahm bei dem bleichen, kinderreichen Weib, dessen Ehewirt ein Flickschneider
und Sufer war, das armselige Logis, in dem ich sie nun fand.
    Sie bot mir einen wackligen Hocker an und setzte sich auf das Bnklein neben
dem Himmelbett, wickelte den groben, hlzernen Rosenkranz, den sie grad in der
Hand hielt, um die Finger und begann, mich des langen und breiten um mein
Herkommen, meine Heimat, meine Eltern zu befragen, schwatzte viel ber sich und
ber den Bildlthomas, den sie vor vielen Jahren schon kennen gelernt hatte, als
er noch ein gar sauberer Bursch gewesen war, und sagte zu guter Letzt, da sie
gern und mit Freuden den Tag vor Lichtme kommen wollt, worauf ich eilig
zurcklief und dem alten Vater diesen frhlichen Bericht gab.
    Der verwunderte sich zwar immer noch ber mein narrets Getue und sagte: Da
dir nur dein Gaul nit durchbrennt, wennst 'n gar so aufs Rennen schickst! Htt
nit vermeint, da d' dir so schnell 'n bermacht an meiner Suppen gessen httst;
aber i will di nit aufhalten, wann's di nimmer gfreut bei mir!
    Darnach nahm er ein Stricklein und begann, an mir zu messen; denn, meinte
er, mit so einem einschichtigen Klftl in d' Fremd zu gehen, das taugt nit.
    Worauf ich ihm erwiderte: Habs doch gar nit im Sinn, in d' Fremd z' gehen!
Blo so ein etlichs Ortschaften mcht i sehgn, andere Leut mcht i kennen lernen
und eine Weil fortwandern mcht i. Darnach geh i ja wieder gern zruck zu Enk!
    Der Alte aber schttelte immerfort den Kopf, und am End sagte er: Glaub nix
mehr! - Ds Eichkatzl, was mir selbigsmal auskommen ist, hab i nimmermehr
gsehgn; habs aa schon ber fnf Jahr ghabt!
    Ich meinte: Das ist doch was ganz anderes! Da wird halt ein Raubvogel
drberkommen sein, oder es hat nimmer heimgfunden aus 'm Holz!
    Ja, ja, sagte da der alte Vater seufzend; kann scho sein; dahin is
dahin.
    Damit nahm er seine Pelzhaube und den Stecken, holte etliche Gulden aus der
Truhe, hing den Schafpelz um und ging, mir eine Kluft zu bestellen.
    Kam also auf den Abend heim und brachte ein schns Tuch mit, ein oder zwei
Ellen, auch etwas zu einem roten Leibstckl, und sagte: Der Schneiderkaschbar
kimmt morgn auf d' Steer.
    Darnach ging er gleich und legte sich schlafen, so da es mir recht
unwirtlich vorkam in der Htten und ich also auch, ohne ein Bilein zu essen, in
mein Heu kroch.
    Kunnt auch den andern Tag nicht recht froh werden, obgleich der
Schneiderkaschbar, ein gar loser Spamacher, bald ein witzigs Wort, bald eine
nrrische Gebrde frbrachte, auch keinen Augenblick das Maul hielt und bei
jedem Nadelstich ein anders Grimassengesicht machte; er wute alle lustigen
Schwnk, die man sich im ganzen Umkreis seit undenklichen Zeiten erzhlte; er
kannte alle Schelmenlieder, die man in den Tlern und auf den Almen sang, und
berichtete alle Lcherlichkeiten der Leut, bei denen er gearbeitet hatte.
    So wute er, da die Strieglerin ihren Ehemann einmal im Schubkarren aus dem
Wirtshaus heimgefahren htt, weil er schon so voll war, da ihm das Stehen nicht
mehr geriet. Er war auch dabeigewesen, wie der Bhlermartl seine Alte bis zum
Hals in den Misthaufen eingrub, weil sie das Gicht so plagte. Hatte auch den
Strohriegler, jenen Schelmen, noch gekannt, der beim Pfarrer einen raren
Schunken aus dem Rauchfang stehlen wollt und dabei in den Backtrog herunterfiel,
darin die Kchin den Brotteig auf die Wrm gestellt hatte zum Aufgehen. Durch
das Gepolter war diese und auch der Pfarrer erwacht, und sie hatten den Dieb
noch brav umgewuzelt in der Mulden und darnach aus dem Haus gejagt, um und um
voll Teig.
    Indes nun der Schneider solche Schwnk auftischte und Kurzweil trieb, sa
der alt Thomas hinterm Ofen und rahmte seine Bilder, leimte und nagelte und
hielt sich dazu ernst und schweigsam.
    So gingen also die zwei Tag hin, whrend der mir der Schneider einen gar
ordentlichen Habit zusammengezimmert hatte, darin ich aussah wie ein junger
Bauer aus Zell, so da auch der alt Vater wieder ein Lcheln fand und ein guts
Wort, als ich mich dafr bei ihm bedankte. Ei, tausad, tausad! rief er aus;
jetz bist es aber, der Kronabauer von der Sunnaseitn! - Jetz wern dir aber d'
Mentscher nachschaugn, whn i!
    Da fiel mir das Kathreinl ein, das nun schon ein Jahr des Lackenschusters
Hausfrau war. Ob sie wohl noch manchesmal an mich dacht? - Ob es ihr wohl gut
erging beim Anderl? - Und ich wurde still und nachdenklich und hrte kaum auf
die Red des alten Thomas, der mich vor den Weiberkitteln warnte und vor zu
vieler Kameradschaft.
    Also kam der Tag vor Maria Reinigung oder Lichtme, und ich stand schon in
aller Frh vor Taggrauen auf, schmierte meine Schnallenschuh, nahm das feine
Haarkettlein der seligen Irscherin aus dem Scklein, darin ich es verwahrt
hielt, legte meine weien Strmpf an und strhlte mir das Haar wie ein
Herrischer.
    Konnte es auch kaum erwarten, bis das Tiroler Katherl angehumpelt kam, und
schaute wohl hundertmal nach ihr aus, bis ich endlich ihren roten Kittel hinterm
Schneefeld leuchten sah.
    Der alte Vater betrachtete mit geheimer Freud meine Erregung; doch sagte er
nichts und lchelte nur still in sich hinein, indes er ein Tflein ums ander in
die Kirm packte.
    Indem fielen mir meine Schnitzmesser ein, und ich steckte sie eilends in den
neuen Hosensack, obgleich ich keinen Gedanken trug, lnger als der Vater Thomas
fortzubleiben.
    Unterdessen war es Zeit geworden zum Gehen, und wir aen noch jeds einen
Weidling voll Milchsuppe, banden uns einen Ranken Speck und einen Scherz Brot
ins Tchl, nahmen den Gehstecken und sagten dem Katherl Pfa Gott.
    Trug also der alt Vater seine hochaufgerichtete Bildlkirm am Buckel, indes
ich ein leichts Rnzel, darin mein bissel Hab verschlossen war, lustig auf dem
Rcken tanzen lie.
    Also verlie ich dies geruhige Huslein, wie ehedem der verlorne Sohn getan
und seine gute Heimstatt gegen die fremde Wildnis vertauscht hatte aus reinem
Mutwill und Undank.

                                 Die Marktreis


Da wir durch Bayrischzell wanderten, war es eben um die neunte Morgenstund; die
Glocken des alten Klosterkirchleins luteten zusammen, und gegen den Gottsacker
hin bewegte sich ein langer Leichenzug.
    Sechs Jungfrauen in weien Gewndern und hohen, schwarzen Pelzhauben trugen
den Sarg, sechs gingen mit brennenden Kerzen nebenher; dahinter qualmte und
duftete der Weihrauch; ein alter Priester las still in seinem Buch, der
Schulmeister schritt gemessen hinter ihm drein, und dann folgten, gedmpft
vorbetend, die Mnner und Jnglinge: Und gebenedeit ist die Frucht deines
Leibes, Jesus, o Herr, gib ihr die ewig Ruah!
    Und das ewig Liacht leucht ihr, heilige Maria, bitt fr uns arme Snder ...
, beteten die Weiber und Kinder nach und lieen ihre Rosenkrnze durch die
Finger gleiten und schauten mitleidig auf das alte Weiblein, welches wohl in der
Abgestorbenen ihr Kind so klglich beweinte; denn sie tat ganz trostlos und
bel.
    Wir nahmen unsere Ht ab und blieben stehen, bis der Sarg schwankend durch
die Gittertr des Friedhofs getragen war und die Menge dichtgedrngt die offene
Grube umstand, indes der Pfarrer mit dem Schulmeister die Grabgebete absang.
    Dann gingen wir schweigend unsern Weg weiter.
    Ringsum leuchteten die schneebedeckten Berge in der Sonn, feine Eisstublein
flogen in der kalten, klaren Luft, und der festgefrorne Schnee gurrte und
knarzte unter unsern Tritten.
    Bald lag das Dorf mit seinen niedern Holzhusern, Schneedchern und leise
rauchenden Kaminen weit hinter uns, das Glockengelute drang nur noch wie ein
Hauch im Wind ganz verloren in das Waldtal herber, und endlich waren wir einsam
und weit weg von allem und stiegen langsam empor zum Ursprung der Leizach.
    Ein kleiner Bergsee lag hier mit einer Fischerhtte am jenseitigen Ufer;
eine dnne Eisdecke spannte sich darber und knisterte und krachte leise unter
der Wrme des Sonnenlichts; aus der Ferne schallte das Schlagen der
Holzflleraxt, eine Schar Raben flog erschreckt von ihrem Fra auf, als wir uns
nherten, und wir sahen ein tots Reh im Gestrpp liegen.
    Das ist erfroren, meinte der alt Vater, ist ein letzer Winter, das; denk
lang kein solchen mehr, der so gach einkommen wr und so gruslat und streng
g'wat't htt!
    Wir stiegen weiter und waren bald bei der Stockermhl und dem Stockersee,
aus dem die Leizach ihre Wasser schpft. Ein paar Huslein standen darum, und
aus den mit tropfenden Eisblumen berzogenen Fenstern schauten neugierige
Gesichter.
    Grend nickte eins oder 's ander; aus der Mhl aber lief ein kleins Bblein
und rief uns zu: Wart a bil! Zu meiner Muatta kemma!
    Da hielt der Alte lchelnd inne, wandte sich gegen das Haus und meinte: Ei,
tausad, tausad! Is leicht gar epps Wunderlichs frkemma bei der Muatta? Indem
trat die Mllerin aus der Tr und rief: Gra di, Thomas! A Votiv brauch i auf
Birkastoa! Zwee Buam ham ma! - Und so guat ganga! - Ganz ohne Kindlweib! - Wie
der Mller kemman ist mit der Wunsiedlin, bin i scho firti gwen! - Na, Gott sei
Dank und insana liabn Frau! Bestellte also ein Tflein, gab dem Vater zwei
Gulden dafr und bat ihn, da er's gleich in den nchsten Tagen machte und ihrem
Knecht, wann er hinabkm, mitgb. Darnach wnschte sie uns noch eine gute Weil
und Gottes Hut und ging hinein, indes wir uns wieder auf den Weg machten.
    Gingen also weiter, vorbei an der Bckeralp, und gelangten zu einem einsamen
Wirtshaus bei Ursprung.
    Da kehrten wir ein, aen ein wenigs von unserm Speck, und der alte Vater
lie ein Krglein roten Wein auftragen, nannte ihn Tiroler und tat, als htt er
sen Met, dieweil er mir doch schier wie eine Essigbrh frkam; doch wollt ich
nicht als ein Schleckermaul gelten und nahm herzhaft etliche Schluck von diesem
Schindertrank.
    Indem kam die Frau Wirtin und setzte sich zum alten Thomas, fragte dies und
erzhlte das und kam zum End auf ihre beiden Tchter zu reden.
    Ach, da ihnen Gott gnad! jammerte sie; hast s' ja leicht gut kennt, alle
zwo! - Habs bei die heilinga Frauen ghabt, z' Chiemsee. - Ja. - Und hat die erst
schon d' Profe gmacht, und die ander ist im Noviz gstanden. - Ach, da 's Gott
erbarm! Alle zwo hab i s' da! - Ach, ber den Frevel! Alle Klster zuaspirrn,
die heilinga Leut vertreibn und das schne Klostergeld einschiabn! - Thomas, mi
deucht, es is nimmer weit zum Antichrist!
    So klagte die gut Seel; der Thomas aber schttelte den Kopf und meinte:
Glaubs nit! Es glangt no nit! D' Welt mu no viel schlechter wern! Ja, was
nit gar! schrie die Wirtin auf. No schlechter! - Gibts leicht no epps
Schlechters als wie ds, wann der Kni und der Kaiser sch stad zuaschaugt und
sei Pfeiferl raucht, unterdem da die andern alle Klster zuaspirrn, d' Kirchen
zuaspirrn, d' Megwander stehln und die allerheiligsten Sachen, und nit amal
insan liabn Herrn selm verschonen! - Is das nit schlecht, wann so a arms
Trutscherl, wo nixn kennt hat als wie ihra Klosterzelln, ihrn Herrgott und ihrn
Rosenkranz, wann die jetzt aufamal in dera sndhaften Welt heraut umanandapudln
mua, die heilig Unschuld verliern und eppan gar no Kinder kriegn! Wann das nit
traurig gnua is, und net schlecht gnua is, Thomas, na woa i nimmer!
    Sie hatte einen brennroten Kopf aufgesetzt, die Wirtin, und stand wild vor
dem Vater, der nachdenklich trank, sich ein Pfeiflein stopfte und dazu bedchtig
die Achseln schutzte.
    Da ging die Tr auf, und herein traten zwei liebliche Jungfern in schwarzen
Wollgewndern; die eine mocht ein paar Jhrlein lter sein als die ander, die
ich auf etwan zwanzig schtzte.
    Die ltere hatte ein gar schmals, weies Gsichtlein, groe Augen, die
ngstlich und versprengt von einem zum andern sahen; um die kurzgeschnittenen
Haar trug sie ein feins Netz, das ber der Stirn mit einer samtnen Schleife
geziert war.
    Die Jngere aber, ein rotbackigs Maidlein mit lustigen Augen und lachendem
Wesen, hatte den Kopf ganz voll dunkler Ringellocken; sie lief sogleich an den
Tisch, begrte uns freundlich, indes die ander sich schweigend in eine Ecke
setzte, und sagte: Gra enk Good beinand! -Seids aa scho so weit herobn heut!
- Wo gehts denn zu, wenn d' Frag verlaubt is?
    Auf Kufstoa, erwiderte der Thomas lchelnd, und auch ich brachte ein
halblauts Gra di Good heraus.
    Das Maidl gefiel mir so wohl, da ich in alle Ewigkeit htt so sitzen mgen
und sie anschauen, indes die Wirtin und sie mit dem Vater schwatzten, ber den
Handel, ber die Mrkt, ber die Leut und ber die Zeit.
    Frisch gab die Jungfer auf alles Bescheid; und da der alte Thomas sie
unversehens fragte, ob sie denn nicht Weillang htt nach dem Kloster, da lachte
sie gar hell und rief:
    Naa, Vaterl, gwi nitta! - Dunkt mi viel schner dahoamt bei der Muatta
jetzand; viel schner wie ehvor!
    Und sie tat so lieblich mit der Wirtin, da diese ganz stolz sagte: Ja, mei
Rosl hat mi alleweil scho mgn! - Die halt't zu ihrana Muatta, da feit si nixn!
    Dann warf sie einen finstern Blick ins Eck, wo die andere Tochter still in
einem Buche las, und fuhr fort: Die hat si aa glei wieder eingwhnt dahoamt,
mei Rosl; die hilft mir in allem und hngt nit so bratat umanand, wie d legate
Henn da hinten, d' Resl! - Alls zu seiner Zeit! - 's Betn und 's Faulenzn is
ganz schn - im Kloster -; aber da heraut in der Welt, da mua ma si rhrn, da
mua ma anpackn und si was anglegn sei lassen! - Sagst es nit aa, Thomas?
    Der Vater war um die Antwort verlegen; er richtete unaufhrlich an seiner
Pfeif, trank bedchtig und sagte schlielich, indes die bleiche Dirn gedrckt
aus der Stube ging:
    Sie wird halt nimmer recht taugn fr d' Welt, whn i. - Muat es halt
wieder wo einisteckn ins Kloster! - Werd scho an Orts wo oans sein, wo's d' es
einitoa kannst!
    Die Wirtin wollte auffahren, da legte die Rosl ihre Hand vor den Mund der
Mutter: Nit greina, Muatta! - Der Bildlthomas hat scho recht; sie sollt halt
wieder wo hin in a Kloster; i bleib ja da bei dir! Htt wohl auch haben mgen,
da mir das Maidl htt also schn getan!
    Aber der alt Thomas warf mir gach einen Stein in mein Glashaus: Was is mei
Schuldigkeit? fragte er, zog den ledernen Zugbeutel mit dem Wieselgebi an der
Ziehschnur aus dem Hosensack und legte seine Kreuzer hin, nachdem ihm die Wirtin
geantwortet; Ds woat ja a so, Thomas; 's Kragl an Sechser!
    Hie mich also der Alte austrinken, klopfte seine Pfeife aus und schob sie
ein, nahm seine Kraxe auf den Buckel und sagte den zwei Frauen Pfa Gott.
    Nun mut ich wohl oder bel ein gleiches tun; tat aber noch mehr und drckte
dem saubern Maidl noch gar fest die Hand zum Abschied, dazu sie freundlich
lachte, und sagte mit groem Ernst zu ihr: Mir wern uns wohl amal wieder sehgn!
Pfa Good derweil!
    Hatte auch einen gar heien Kopf bekommen bei solchem Abschied; nun ich aber
vor die Tr trat in die frische, kalte Winterluft, da wurd's bald wieder khlig
in meiner obern Stuben; ich tat einen hellen Juchzer und trabte munter hinter
dem alten Vater drein, bis wir hinab ins Landl kamen.
    Nun mag ich auch nicht versumen, zu melden, da wir unser Sach durchsuchen
lassen und unsre schuldige Zollabgabe entrichten muten, als wir das
sterreichisch Land betraten; da dann der alt Thomas aus dem linken Hosensack
einen neuen Lederbeutel zog und dafr den alten hineinsteckte. Denn jetzund hie
es mit anderer Mnz zahlen denn daheim im Bayerland.
    Mu aber sagen, da mir die F nit schwerer wurden im Tirolischen; ging ja
auch allweil bergab auf der Stra ins Landl, da es mir gar wohl gefiel. Stund
ein schns Jagdschll auf einem Hgel, ein kleins Kirchlein darunter und
etliche Holzhuser, deren Fachwerk fein geschnitzt und bemalt war, und kunnt man
auch eine gar schne Inschrift lesen ber der Tr eines Wirtshauses, die also
hie:

Ich leb, wei nit, wie lang,
Ich sterb, wei nit, wann,
Ich fahr, wei nit, wohin,
Mich wundert, da ich so frhlich bin.

Hat mich wohl ein gelinds Schauern erfat beim Lesen, und mu auch heut, da ich
annoch schon fast betagt bin, dieser Wort gedenken und manchesmal mein Lachen
dmpfen, wenn ich gleich mitten in der Lust bin.
    Der alt Vater sprte kein G'lusten, in diesem Ort zu verweilen; er schnitt
sich blo ein Rnklein von seinem Brot ab und a es unterm Gehen, indes uns aus
den niedern Fenstern die Leut neugierig nachsahen.
    Nun wars ein gar schns Wandern zwischen den schneeglnzenden Bergen; uns
zur Seiten rann ein klars Bchlein, das bald hben, bald drben mit einem
Bergwsserlein zusammenkam, bis es endlich als breite Ach zu unserer Linken
hinter den Bergen verschwand, indes wir uns mehr gegen Mittag hielten.
    Hier wurde das Tal breiter, und wir kamen etwan ums Zwlfuhrluten an den
Schrcksee, dabei wir ein gastlichs Haus fanden, von einer alten Base des
Bildlthomas gefhrt, die uns sogleich mit einem Gericht von Schpsenfleisch und
Rbenkraut bewirtete, einen Krug Wein auf den Tisch brachte und des langen und
breiten von der ganzen Sippschaft des Alten schwatzte.
    Darber verging die Zeit, und ich wurde in der dunklen, heien Stube bald
md und schlfrig, legte den Kopf auf den Arm und sunselte schn still dahin,
bis mich am End der Alt erweckte und zum Weitergehen mahnte, zumal wir noch ein
guts Stck bis Kufstein zu wandern hatten.
    Da beutelte mich der Frost, und ich klapperte mit den Zhnen, da wir uns auf
den verschneiten Weg machten und gegen das Endziel unserer Reis zuhielten. Die
Sonne war lang hinter einem dichten, grauen Nebelberg hinabgesunken; die
Mondsichel stand bleich und hoch in einem kleinen klaren Himmelsfleck, und der
Nordwind zog beiend und rauh durch mein Gewand.
    Der alt Vater war nun ganz schweigsam worden, ging gesenkten Haupts dahin
und sah nicht mehr nach mir um; mocht wohl allerhand aus frhern Tagen im Sinn
tragen, das die Base wieder ausgegraben hatte aus dem Vergessen. So kamen wir
denn ohne viel Lrm und lautes Wesen nach Kufstein, da mir die Mauern und Zinnen
der Stadt und die Festung auf dem hohen Felsen gar wunderlich frkamen in dem
Dunkel des Abends.
    Hab auch mein Verwundern gehabt an den vielen Huslein, darin berall die
Lichter brannten wie bei einer Kirchen; und es hatten auch die Gassen alle
Lichter und glnzten da und dort feine Schilder und Wirtshauszeichen im Schein
von roten Laternen.
    Und indem wir so dahinstapften, kam aus einem alten Torbogen eine gelbe
Kutsche gefahren; zwei feiste Schimmel trabten davor, und ein Postillon sa hoch
am Bock und spielte auf seinem Hrndl eine schwermtige Weis und neigte dazu den
Kopf bald rechts, bald links, da der schwarze Buschen auf seinem hohen Hut wie
ein Schilfrohr schwankte.
    Hab ihm eine gute Weil noch nachgeschaut, da er so traurig spielte, indes
die Schimmel gemchlich ber die steinige Stra trabten; aber da war das Lied zu
End, der Postillon knallte lustig mit der Geiel, und in frischer Fahrt bog der
Wagen um die Ecke und rollte dahin und aus der Stadt.
    Der alt Thomas war derweil immer weitergegangen, ohne nach mir zu schauen,
und ich mute lange F machen, ihm nachzukommen. Erwischte ihn auch grad noch,
eh er hinter dem Torbogen verschwand, daraus zuvor die Postkutsche gekommen.
    Nun war es gar seltsam in diesem Stdtlein, da die Weg nicht wie in andern
Orten eben dahin gingen zwischen den Husern, vielmehr stark bergauf fhrten, so
da wir, da wir auf dem Platz standen, wo den andern Tag der Lichtmemarkt sollt
gehalten werden, das Horn des Postillons gar weit unter uns im Tal verklingen
hrten.
    Noch eine Weil lauschte ich, indes der Thomas sich unter den aufgeschlagenen
Holzstnden umsah und nach einem Platz suchte, da er mcht am besten von den
Marktbesuchern ersehen werden. Endlich hatte er ein Flecklein gefunden, das ihm
gnstig schien, und er sagte halblaut zu sich selber: Alsdann. - Wird schon was
gehn. - Das Platzl is nit bel - gar nit bel.
    Dann wandte er sich nach mir um, wies nach einem hochgiebeligen Haus, ber
dessen erleuchteter Tr ein grner Reifen hing mit einem goldenen Stiefel darin,
und sagte: So, Bubl, jetz wiss' ma unsern Stand. - Jetz gehn wir in das
Wirtshaus und schauen uns zwegn der Schlafstatt um; wird schon noch epps habn,
der Stiefelwirt!
    Und er wandte sich gegen das Haus und stampfte hinein, als htt er die Schuh
voll Schnee.
    Ich folgte ihm md und frierend in die rauchige Gaststube, da er dann seine
Kirm abnahm, zum Wirt an die Schenke trat und wegen des Quartiers unterhandelte;
darnach schob er mich an einen vollbesetzten Tisch und rief; Alsdann! -Da wrn
ma. - Gra Good, beinanda! - Gibts noch a Platzerl oder zwee vielleicht?
    Ah, der Bildlmacher! schrien da die Manner. Freili gibts Platz! Freili! -
Sitzts Enk nur eina!
    Und sie rckten ganz eng zusammen und schoben ihre Krg und Glser vor sich
hin, indem sie sich neugierig ber mich, das Baunzerl, hermachten: Was habts
denn da fr ein' dabei, Thomas? - Wo habts denn ds Baunzerl aufklaubt? - Is ds
schon ein Sohn? Bis der alt Vater, der erst eine Weil schmunzelnd hingehrt und
sich seine Pfeif zugerichtet hatte, unwillig wurde und ihrem Gefrag wehrte: Nur
gmach, Leutln; nur gmach! - Nur nit so gach toa! - Kimmt alls noch mit der
Zeit!
    Dann lie er sich einen Krug Bier bringen, hie mich antrinken, fragte mich
nach meinem Hunger und sagte, da ich nur nach einem Strohsack verlangte aus
bergroer Mdigkeit: Hat wieder einmal einer d' Augen grer ghabt wie's Maul!
- Mi dunkt, fr heunt is dir d' Welt scho gro gnug gwesen! - Wirst nit gar z'
weit rumkommen, wann dir d' Fa nit lnger wachsen, whn i! - Da darf unser
Herrgott schon an Zaun rumsetzen um ds Fleckl, ds wo's du Welt heist, damit
da d' nit irr gehst auf deiner Wanderschaft! - So, und jetzand gehst mit der
Stasi auffi, na zoagt s' dir dei' Lagerstatt!
    Mut also diese spttische Red ber mich ergehen lassen, darber die Manner
gar lustig lachten; ich sagte aber nichts drauf, als: Guat Nacht beinand!, und
ging hinaus, fragte nach der Stasi und lie mich von der feisten Kucheldirn mit
den klappernden Holzpantoffeln und dem fettglnzenden Gesicht hinauffhren
unters Dach, wo in einer niedern Kammer mit winzigen Guckfenstern etwan zehn
Strohsck auf dem Boden lagen, auf jedem ein dnner Hauptpolster und eine rauhe
Zudeck ohne Federn.
    Wies mir also die Stasi den letzten Strohsack hinten im Eck an, wnschte mir
eine glckhafte Nacht und ging.
    Da trat ich an eins der vereisten Fenster, ffnete es und tat noch einen
Blick hinaus auf die hohen Giebel und schneebedeckten Dcher, schaute noch
hinauf zu der hohen, dunklen Festung und zu dem stillen Nachthimmel mit seinen
flimmernden Lichtern und legte mich darnach md und ohne Nachdenken aufs Stroh,
da ich alsdann nach wenig Augenblicken entschlief und keinen von den andern
Nachtgsten mehr kommen hrte, als sie nach langer oder kurzer Weil ihren Tag
endeten und sich hinlegten: der Lebzelter zum Seifensieder, der Leinweber zum
Wurzenkramer, und der Holzschuhmacher zum Nagelschmied, ohne Brotneid und ohne
Argwohn, auf Treu des Nachbars bauend und sein Handwerk achtend nach rechter
Weis; indes drauen der Nachtwchter durch die Gassen stapfte und sein
Stundenlied sang, das ich aber erst vernahm, als er grad vor dem Wirtshaus die
vierte Morgenstund anblies und dazu sang:

Hrt, ihr Herrn, und lat euch sagen:
Unsre Glock hat vier geschlagen!
Vierfach ist das Ackerfeld,
Mensch, wie ist dein Herz bestellt?

Auf! Ermuntert eure Sinnen,
Denn es weicht die Nacht von hinnen!
Danket Gott, der uns die Nacht
Hat so vterlich bewacht!


                           Allerhand um fnf Kreuzer

Gemach wurd es nun in unserer Herberg auch lebendig; der eine hustete, der ander
krigelte, der dritt seufzte, und der viert drehte sich raunzend um. Vor der
Kammertr gings trab trab die Stiegen auf und ab, und die Stasi klopfte nach
einer Weil und stellte eine Latern herein, indem sie rief: Auf in Gotts Nam!
Tagnen tut's ghend!
    Schob also einer nach dem andern die Zudeck zur Seiten; der eine seufzend,
der ander fluchend, wie es halt grad in der Natur eines jeden lag, und fuhr
jeder in die Hosen mit viel Gekreite und Gesthn.
    Der alt Thomas hockte schon auf einem Bnklein und mhte sich mit Schelten
und Schnaufen, die F in seine langen Rohrstiefel zu zwngen, als mir einfiel,
da ich jetzund wohl auch aufstehen msse.
    Kroch also frstelnd unter meiner Deck heraus, streckte mich ghnend und
schlupfte dann eilends in meinen Habit, fuhr mit den Fingern durch die Haar und
ging schlielich den andern nach, die grad mit dem Anziehen und Aufbetten fertig
waren und nun aus der Kammer traten; und es liefen alle die Stiegen hinab und
hinaus in den Hof, da einer aus dem Ziehbrunnen einen Eimer voll Wasser wand.
Daraus schpfte sich jeder die beiden Hnd voll, schttete sichs ins Gesicht und
rieb sich gehrig ab; darnach mute man die feiste Kucheldirn um das rupferne
Handtuch bitten, woran sich jeder sein Gesicht und die Hnd wischte und der Magd
einen Kreuzer verehrte.
    Ich tat auch wie die andern und griff in die Hosen, denkend, da ich ja ganz
ohne Geld wr; aber da zog ich einen kleinen Beutel heraus und fand ihn gefllt
mit lauter Silberkreuzern, da ich erschrak. Gab also der Stasi ihre Lohnung und
lief eilends hinauf in die Kammer, dem Vater zu danken fr seine gtige Vorsorg;
doch fand ich ihn nicht mehr droben und machte nachdenklich mein Bett. Dann
ffnete ich ein Fenster und sah hinaus und horchte auf das Brllen des Viehs,
das auf den Markt getrieben wurde und nach seinen Stallgenossen schrie, indes
die Treiber fluchten und mit der Geiel knallten.
    Gemach verblaten die Sterne, und ein gelblicher Streif am uersten Himmel
kndete den Tag an; drunten leuchteten Laternen auf, Lichter bewegten sich hin
und her zwischen den Marktstnden, und ein Hammer drhnte in festem Schlag. Bald
wurde es lebendiger, Mnner schwatzten, erbrachen Kisten, nagelten an den
Stnden; Weiber liefen hin und wider, hingen Tcher um die nackten Holzgestelle
und Schautische, und ein wunderlicher Wagen, der einem fahrenden Huslein glich,
hielt auf dem Platz. Eine Drehorgel ertnte, und ein paar Kinderstimmen riefen:
Der Prater kommt! Heut wird Prater gfahren!
    In diesem Augenblick hrte ich den alten Thomas hinter mir rufen: Ei
tausad! Da steht er ja! - Was loahnst denn lang da uma? Dein Millibrei wird
kalt!
    Ich wandte mich nach ihm um und dankte ihm fr das schne Geld, dabei er
aber abweisend mit beiden Hnden fuchtelte und rief: Mein Ruah! Mein Ruah! -
Wirst s' schon anbringen, die paar Grten; und balst nit auskommst damit,
nachher sagst es, da i dir noch epps gib!
    Ei! So gut htt ers mit mir gemeint, der alt Vater! Aber mir deuchte allein
mein Beutel voll schon ein Heiratsgut in diesem Augenblick, und ich wies seine
Lieb gar heftig ab, also, da er lachen mute ber meinen Eifer.
    Nun gingen wir hinab in die Wirtsstuben, da schon allerhand Gst bei der
Frhmahlzeit saen: die einen bei der Brennsuppe oder Milch, andere bei Schnaps
und Ks oder Wurst und Bier.
    Ich a mit gutem Hunger und hing darnach mein Rnzel wieder um; alsdann
folgte ich dem Thomas, der etliche Bretter von seinen Genossen erbat und nun an
dem Platz, den er sich ausgesucht hatte, seinen luftigen Stand aufrichtete.
    Zu seiner Rechten hatte er den Messerschmied als Nachbarn und zur Linken den
Lebzelter; die gaben ihm gern einen Schragen ab, darauf er seine Bretter legte
und ein rots Tuch darberbreitete.
    Ich half ihm noch beim Auspacken und Aufstellen der Tflein und lie mir
darnach Urlaub geben; denn inzwischen war es heller Tag worden, und mich
gelstete es, die Stadt zu besehen und die hohe Burg.
    Der Alte zwinkerte mit den Augen, als er meine Red hrte, und meinte: Trau
dir nur nit z'weit! Kunntst am End nimmer zruckfinden zu mir! - Aber - wie dir
halt ist! I red dir nix ein!
    I komm bald wieder! sagte ich; und wann i alloans nimmer zruckfind, wird
mich schon einer zruckweisen! - Guate Gschften derweil!
    Und ging also; beschaute mir erst den Platz und die Huser beim Markt und
machte mich darnach weiter auf den Weg, den Burgfelsen zu ersteigen.
    Kam aber nicht weit; denn da standen ein paar wilde Soldaten und plrrten
mich an, da ich sollt schleunig umkehren, wenn ich nicht als ein Landsspion
wollt verarretiert und erschossen werden!
    Hei! Da wandt ich meine F gar schnell und lief, als htten sie mich schon
beim Genick!
    Htt bald ein alts Mnnlein ber den Haufen gerannt bei solchem Strmen; der
schaute mich verwundert und voll Schrecken an und rief, indem er ein groes
Kreuz schlug: Ums Christi Bluet! - San s' leicht schon wieder da beim Brennan
und Schian?
    Und da ich ihm nichts erwidern konnt, schttelte er die Faust gegen das
flache Land und grollte: Da san s' drauden, die Tuifeln! Ham uns alles zgrund
gricht um und um, die franzesischn Hund! - Aber kriagt ham s' uns dengerscht
nit! - Ha ha ha! - Aber der Boar wenn kimmt - Bua - der Boar -, er fate mich
an der Schulter und wisperte mir das letzte ins Ohr und sah sich scheu um, - da
- whn i - hilfts nix mehr! Da nutzt koa Stadtmauer und koa Burgmauer - der
frit uns mitsamt unserner Geroldsburg da drobn! - Bua, i sag dir grad so viel:
der Napoli und der Teifi - die zwo san oans. Die ham Arm, so lang, da s' die
ganz Welt daglanga kinnan - und Kufstoa aa!
    Und da er dies gesagt hatte, steckte er den Kopf nachsinnend zwischen die
Achseln und ging weiter.
    Ich aber hatte nun genug von meiner Reis und betrachtete nachdenklich die
himmelhohen schneeigen Bergwnd und Zacken, die aussahen wie eine unbezwingliche
Mauer, die unsere zeitliche Welt von der andern, so man das Jenseits nennt,
scheidet.
    Leichtes Gewlk hing um die Zinken und Berggipfel, und darber schien die
Sonne mit blendend hellem Glanz und lste mit ihrer Wrme die Nebel in den
Tlern und Schluchten, da sie wie Spinnweben wurden und verflogen.
    Gemach wandte ich mich um und schaute nieder ins weite Land ber die grauen
Mauern und Zinnen der Stadt, da der breite Innflu wie ein silberns Band durchs
Gau flo, wo mancherlei rter zwischen bewaldeten Hgeln und beschneiten Fluren
lagen und ringsum hohe Felswnd gen Himmel ragten.
    Ist gar ein schns Stuck, dies Land! dacht ich bei mir; wr schad, wenns
der Feind etwan verwsten mcht!
    Und ging wieder zurck und dem Markt zu, da die Hndler hinter ihren Stnden
hockten, ber schlechte Zeiten jammerten und in die Finger hauchten, um sich zu
erwrmen.
    Auch der Vater Thomas stand blasend und die Hnd reibend da, trippelte und
stampfte auf dem hartgefrornen Boden und rief mich an: He, Brschl! Hat d'
Weltreis schon ein End? Sind dir d' Fa angniglt, gelt; brauchst epps zum
Aufwarmen, wie ich!
    Dabei griff er mit seinen erstarrten Fingern in den Hosensack, gab mir
etliche Kreuzer und wies nach dem mit roten Tchern gezierten Stand einer
Schnapsbrennerin: Lueg! Sell vorn hat d' Enzianlies ihren Stand! Is a guate
Kameradin von mir und sehets gar nit ungern, da ich s' zur Bildlthomain
machet; also, sagst ihr 'n Grua von mir und ich htt's Aufwarmen vonnten!
    Dazu lachte er lustig und schaute mir nach, indes ich durch die Reih der
Hndler schritt.
    Fand also die alte, wunderlich aufgeputzte Schnapslies, da sie grad ein
Strulein Rosen aus Goldpapier auf ihren turmhohen, spitzen Hut steckte und
dazu mit rauher Stimm das Lied sang:

Schmecker und Rosenblat
Steck i am Huat, am Huat,
D' Henn hat a Oarl ausbrat,
Ds is nix fr guat!
Der Gockl hat koa Schneid it ghabt,
Hat si nix traut, nix traut,
Sunst waar des sell Oarl epps worn,
Und i waar a Braut!

Ich blieb vor ihren Flaschen und Flein stehen und hrte zu, bis sie sich nach
mir umwandte und geschftig fragte: Baunzerl, was fehlt dir? Nix a Glaserl
gfllig von mein selberbrenntn Enzian?
    Da verlangte ich mein Sach und entbot ihr auch den Gru vom Alten, darber
sie eine nrrische Freud bezeigte und sogleich eine dickbauchige Steinkrugel aus
einem besonderen Flein fllte und dazu sagte: Gfreut mi scho recht, sagst
eahm, da er no auf mi denkt, der Beham! Soll si nur guat aufwarmen, mein alter
Kamerad, sagst, und i dank eahm viel und oft frn Grua!
    Und da sie mir die Krugel in die Hand gab, rannen ihr ein paar dicke Trnen
ber die faltigen, blaugefrorenen Wangen, und sie fragte mit ngstlicher Stimm:
Bist eppa gar schon ein junger Beham? - Hat er leicht gar schon ein Weib, der
Thomas? - 's sell waar mir mei Tod, Bua!
    Naa, naa! sagte ich lachend; der is no allweil alloan in seiner Htten;
jammern tut er ja schon hie und da um a Hausfrau - aber -, ich hielt inne, um
die Alte nicht noch nrrischer zu machen; denn sie konnt die Augen fast nimmer
von meinen Lippen wenden, dieweil ich so redete; was kost mein Schnaps? fragte
ich und hielt ihr meine Mnz hin.
    Fnf Kreuzer fr mein Kameraden, sagst! erwiderte sie mir mit frhlicher
Miene; und an Grua tust mir bstelln an Thomas, und da der Lies 's Warten nit
z'lang wird, und sollts nomal zwanzg Jahrl anstehn, bis er kimmt!... Das ander
hrte ich nimmer; denn ich lief, ihr ein kurzes Pfa Gott zurufend, mit meiner
Krugel davon.
    Der Thomas schaute schon nach mir aus und empfing mich halb lachend und
scheltend: Gar schon! - Hab vermeint, du bleibst glei sell! - Hat di wohl schon
als ihren Ziehbuben protakolliert, da d' so langmchti z'schwatzen ghabt hast
mit ihr!
    Ich hatt wohl Lust, dem alten Schelmen sein Getue mit einem losen Wort zu
schlagen; sagts aber lieber nicht, indem ich bedacht, der Alt mcht schon seinen
guten Grund haben, da er der liebtollen Schnapslies so spottete.
    Und da er mir zu trinken bot, tat ich es willig und trollte mich darnach
wieder davon, den Markt weiter zu besehen. Da standen und lehnten allenthalben
die Handwerker und Handelsleut, hatten die Hnd im Gewand vergraben und schrien
einander ihre Klagen ber die unruhigen, schlechten Zeiten zu, belobten, kaum
ich an einen Stand trat, ihre War mit vielen Worten und machten, da ich, noch
ehe man von der Sankt Veitskirch drben zum Mittag lutete, meine Taschen
gefllt hatte mit verschiedentlichen Dingen, indes mein Beutel gemach um vieles
lockerer ward.
    So hatte ich fnf Kreuzer gezahlt fr ein karmisinrotes Halstuch aus
florentinischer Seide, und sagte mir der Hndler im Vertrauen, da der Kaiser
von Ninive das nmliche von ihm um zehn Kreuzer gekauft htt. Fnf Kreuzer gab
ich fr ein zierlichs Besteck, das man in ein lederns Behltnis schlieen und im
Hosensack verwahren konnt; fnf Kreuzer fr ein feins Bchlein, darin von einem
jungen Abt zu lesen war, der eine tiefe Lieb zu einer Maid gefat und zum End
sich selber den Tod gegeben hatte aus bergroem Leid, da sie einen andern nahm
zum Ehgemahl; dabei ich wieder in heftigem Schmerz an mein liebs Kathreinl
denken mut.
    Konnt auch nicht anders - mut mich auf eine einsame Steinbank hinter dem
Gottsacker Sankt Veit setzen und das Bchlein vom Anfang bis zum End lesen, und
kam unversehens dabei ins Brten und Sinnieren, bis mich pltzlich ein lustigs
Lachen daraus aufscheuchte und ein abenteuerlich gekleideter Bursch einen roten
Zettel in mein Bchlein fallen lie, darauf eine wunderliche Anzeigung stand: Im
Wirtshaus zum Hirschen sollt denselben Abend ein ergtzlichs und feins
Theaterstck aufgefhrt werden, das den Titel trug: Ktherlein, die schne
Kupferschmiedstochter, und der Teufel. Als besonderer Glanzpunkt der Vorstellung
waren hervorgehoben und angepriesen: die wunderseltsamen Zauberkunststcke des
Magister Zaranka, der als Teufel die Jungfer Ktherlein auf offener Bhne
verzaubern wollte. Jedermann war dazu gar hflich eingeladen gegen ein
Eintrittsgeld von fnf Kreuzern, und jeder Gast sollte nach der Vorstellung vom
Direktor ein artigs Andenken zum Geschenk erhalten.
    Ich berlas die Anzeigung etlichemal, und es kam mich ein Gelsten an, die
also gepriesene Komedie zu sehen und zu hren.
    Lief also eilends auf den Markt und zum Vater, ihm von meinem Begehren zu
sagen; der aber, da er meine Red vernahm, lachte wieder still vor sich hin,
blinzelte lustig mit den Augen und meinte: So, so! Nach der Komedie verlangts
di! - Is schon recht, geh nur. I geh nit hin; i bin lieber bei meine Leut; bin
nit so drauf eingsprengt auf die Tausendknstler und die Komediespieler!
    Darnach suchte er umstndlich in seinem Geldbeutel und reichte mir endlich
fnf Kreuzer, indem er weiter sagte: Da, schau her! Nit, da d' whnst, i gunn
dir's nit! - Kimmt mir nit drauf an, auf die paar Grten, wannst a Freud hast an
dem Gschnaks.
    Und da ich meine Hnd nicht aus dem Sack zog und trotzend vor mich hinsah,
wurde seine Red schier bittend, und er sagte: Geh nur hin, wanns di glust! Habs
schon reichli verdient und profitiert, die fnf Kreuzer, mit deine Rahmerl. -
Zwanzg Taferl gibts wieder z' machen fr d' Kirch von Ebbs, da koa Krieg nimmer
auskemmen sollt. -Alsdann! - Vielleicht helfen s' so viel, da der Napoli sein
Viduz aufs Tirolerland verliert!
    Damit steckte er mir das Geld in die Joppentasche und fragte mich, wo ich
schon berall gewesen sei; doch kam ich nimmer zum Antworten, denn die dicke
Stasi vom Stiefelwirt kam mit einem dampfenden, kupfernen Kessel daher und
schrie: Heie Wrst! - Wer mag a heie Kreuzerwurst?
    Ei, da gings! He, Stasi! Mir ein Paar! - I krieg aa zwee Stuck! - Halt,
Mdla! Mir au e Paar Wrschtle!
    Und auch der Thomas gab nochmals fnf von seinen Kreuzern hin und erstand
vier von den langen Wrsten und einen weien Weck dazu und teilte es mit mir als
Mittagsmahl; darnach tranken wir ein Schlcklein Enzian, und ich machte mich
gemchlich wieder durch die Marktreihen, besah mir dies und erhandelte das und
wartete mit groem Verlangen auf den Abend, da die wundersame Auffhrung sein
sollte.

                                    Komedie


Gemach ging der Tag hin; um die Berge zogen dichte Nebelschwaden, und die
Marktgst zndeten ihre Laternen an und trieben ihr Vieh heim mit schwankendem
Tritt und frhlichem Sinn, da leichtlich ein jeder vermeinte, er htt allein den
besten Tausch und wohlfeilsten Kauf gemacht auf diesem Markt, und also in
solcher Freud gutding seine sieben, acht Krg hinabgo, bis der Wirt eine
qualmende llampe auf den Tisch stellte, die schwarze Holztafel an das trbe
Licht hielt und jedem liebwerten Gast mit groer Bedauernis seine Strichlein
abzhlte und in Mnz umrechnete. Darauf dann einer um den andern den gefalteten
Lederbeutel zog und fluchend und kreiend die paar Kreuzer herausklaubte, den
hagelbuchernen Stecken mit dem gefllten Bschaidtchl dran unter der Bank
hervorholte und nach dem Stall schwankte. Also sein Stck Vieh mit Wohlgefallen
betastete und ttschelte in dem Bewutsein, seinen Hof damit um ein guts grer
und ansehnlicher gemacht zu haben.
    Mittlerweil hatten auch die Hndler und Handwerker angefangen, ihre War
wieder einzupacken und die Stnd abzubrechen; und ich ging zum Platz des alten
Thomas, diesem dabei ein wenigs an die Hand zu gehen.
    Doch der war schon lang fertig und dahin, und sein Nachbar, der Lebzelter,
rief mir zu, indem er einen Arm voll ser Herzen in eine Kiste legte: Der Alt
sitzt schon lang beim Stiefel drent! Wohl schon seit zwo Stund! - Der kann
lachen! - Hat alls verkauft bis auf ein etlichs paar Bildln!
    Da machte ich ihm meinen Dank fr die Botschaft und ging darnach eilig hinab
zum Hirschen, da schon ein feister Mensch mit blaugefrornem Gesicht und lustigen
Augen unter der Haustr stand und jeden, der vorbeiging, anrief: Treten Sie
ein, Euer Gnaden! Kommen Sie herein zu dem weltberhmten und wunderbaren
Komedienspiel!
    Und derselbe Bursch, dem ich die Anzeigung des Theaters verdankte, lief in
einem vielfarbigen Flecklgewand auf mich zu, klapperte mit zwei blechernen
Schsseln, die mir reich mit Geld gefllt schienen, und schrie: Herein, wer
noch Platz will! Der letzte Sessel ist nur noch frei! Treten Sie ein, Herr Graf!
Die Komedie beginnt!
    Ja, sie begann wohl und gewi in diesem Augenblick! Eilends zog ich meine
fnf Kreuzer aus dem Sack und hielt sie dem Tropfen hin, der sie mit einer Mien
und Gebrd annahm, als seien's lautere Goldstck gewesen.
    Darauf schob er mich in den Hausgang; der Dicke wies mir eine Tr, und im
nchsten Augenblick fand ich mich in einem dunklen Saal, darin wohl leichtlich
ein fnfzig Bnk in Reihen aufgestellt waren; doch konnte ich keinen
Sterbensmenschen ersehen und wollt fast an der Schwelle wieder umkehren, als
ganz vorn im Saal, da ich im Dunkel einen gromchtigen Vorhang erkannte, lautes
Schimpfen und Schreien, Trampeln und Hmmern vernehmlich wurde.
    In diesem Augenblick brachte ein Knecht etliche llampen und hing sie rings
an die mit papiernen Girlanden, Rehgeweihen und Schtzenscheiben gezierten Wnd;
den fragte ich, wo denn die Leut alle wren, welche hier die Komedie anhren
wollten. Doch der Tropf lachte und sagte: Die gehn drauen noch ein wenig Luft
schnappen, bis da's losgeht!
    Daraus ich leichtlich ersehen konnt, da der Flecklnarr mich angeschmiert
hatte mit seinen Sprchen. Doch machte ich mir nun, da ich die Sach beim Licht
betrachten konnt, nichts mehr draus, sondern setzte mich in eine Bank und besah
die grellgemalten Nixen und Teufel auf dem Vorhang und hing dabei meinen
Gedanken nach.
    Da ffnete sich die Saaltr, und es kamen etliche Gst: zwei junge Burschen
mit ihren Maidlen, ein Bauer und eine alte Ringlmacherin vom Markt, die den Tag
ber wohl manchen Kreuzer von den Verliebten und Versprochenen gelst hatte fr
ihre Ohrgehng und Fingerring, Silberschnallen und Halsketten.
    
    Nun kam auch ich wieder hervor und setzte mich ganz in die Mitte der ersten
Bank und sah unverwandt auf ein dunkles Loch im Vorhang, durch das von Zeit zu
Zeit ein glhendes Aug auf die Bnke starrte.
    Gemach fllte sich der Saal, und ein lebhaftes Reden und Disputieren
entspann sich auf allen Pltzen, bis pltzlich hinter dem Vorhang eine
mitnende Musik erklang, die Lichter verlscht wurden und die Nixen und Teufel
sich quiksend um eine hlzerne Rolle an der Decke des Saales wanden.
    Alles war still, und ich schaute staunend in eine Landschaft aus gemalten
Leinwandstreifen, darin sich seltsam gekleidete Menschen in magisch rotem Licht
bewegten und eine wunderlich geschnrkelte Sprache redeten.
    Alsbald begannen etliche, sich zu schlagen und mit ihren Degen zu
durchbohren, dabei dann der leibhaftige Teufel auf die Bretter sprang, einen
Juchschrei tat und die Leichen packte, mit denen er verschwand.
    Nun erschien ein alter, feister Ritter und sagte, er wr der Kupferschmied
und so stark, da ihm kein Mensch widerstehen kunnt; tat auch gar gewaltig und
schrie nach der Weinkanne.
    Da kam eine liebliche Jungfrau in himmelblauem Gewand, mit langen, goldroten
Haaren, trug eine schwere Zinnkanne und reichte sie dem Ritter mit zierlichen,
sittsamen Worten.
    Es war das schne Ktherlein; mich aber bednkte es in demselben Augenblick,
meine Kathrein stnd mit Leib und Seel da vor mir auf den Brettern; und ein
Seufzer stieg in mir herauf.
    Da blickte mich die Jungfrau an, und es schien, als lchle sie ein wenig,
darber ich ghlings rot und bleich wurd, auf meinem Sitz hin und her rckte und
nicht geringe Lust versprte, aufzuspringen und die Jungfrau an mich zu ziehen
und zu halsen.
    Doch ging derweil das Spiel seinen Gang; der berhmte Magister Zaranka
erschien als Teufel mit einem roten Federhut und begann mit dem Kupferschmied
ein Geplnkel und dessen Kraft zu spotten.
    Die schne Jungfrau ging hinaus, und der Kupferschmied geriet durch die
spitzen Reden des Teufels also in die Hitze, da er mit lauten Worten einen Eid
schwur, er wolle mit ihm seine Kraft messen und ihn durch Sonn und Mond werfen;
ja, er verwettete seine eigene Tochter, das Ktherlein, da er mit dem roten
Ritter wollt fertig werden.
    Dabei mir ein kalter Schauer den Rcken hinabging; denn ich vermeint nicht
anders, als glt es nun in Wahrheit Leib und Leben des Maidleins, das meiner
Kathrein so sehr glich.
    Der Rote nahm den Kampf wirklich an, und bald gings ans Ringen und Werfen,
da die Bretter krachten, die gemalten Bume schwankten und die Weinkanne in den
Saal herabkugelte, worauf ein lautes Lachen, Trampeln und Beifallsschreien in
den Bnken anhub, das erst verstummte, als der Teufel pltzlich einen wilden
Fluch ausstie, einen Zauberspruch sagte und mit den haarigen, rotbeschuhten
Fen auf den Boden stampfte, worauf ein weies Gespenst erschien, einen dicken
Rauch und Dampf machte und hinter demselben mitsamt dem lautschreienden
Kupferschmied verschwand.
    Nun begann Zaranka allerhand Zauberkunststcke zu vollbringen und
verwandelte schlielich auf offener Bhne, freilich wieder hinter einer
undurchdringlichen Rauchwolke, einen dnnen Stab in den Kupferschmied.
    In diesem Augenblick erschien wieder das schne Ktherlein, gefolgt von
einem alten, gelb und rot gekleideten, dicken Weib, das sich ihre Mutter nannte
und mit keifender Stimme bald den roten Ritter, bald ihren Ehgemahl, den
Schmied, anplrrte.
    Hab nicht wohl aufgemerkt auf ihr Getue; vielmehr waren meine Blicke starr
auf die Jungfer gerichtet, und mein Geist verglich sie Spann um Spann mit der
jungen Lackenschusterin, meiner Kathrein.
    Und immer mehr Bekanntes, immer mehr Wesensgleiches fand ich an der
goldroten Jungfer; meine Sinne hingen an ihr, und mein Herz schlug laut vor
Erregung.
    Und da nun das Spiel zu End war und die Gste lrmend den Saal verlieen, da
schlpfte ich behend unter den mchtigen Kachelofen und hielt mich still, bis
alle Lichter verlscht und hinter dem herabgelassenen Vorhang alles ruhig
geworden war.
    Nun kroch ich langsam hervor und tastete mich an den Bnken entlang bis zur
Bhne, da noch die Kanne am Boden lag und im Mondlicht glnzte.
    Ich griff mit zitternder Hand und klopfendem Herzen an den Vorhang; er gab
dem Druck nach, und ich hielt mein Ohr lauschend an den Spalt.
    Nichts regte sich. Da schwang ich mich eilig hinauf, schlpfte hindurch und
stand also bei stockdunkler Nacht an der Stell, da ehvor die schne Spielerin
gewandelt war.
    Noch hielt ich nach jedem Tritt inne und horchte; doch nichts war zu
vernehmen als mein eigenes, ungestmes Atmen.
    Da tastete ich mich an den gemalten Bumen weiter und fiel im nchsten
Augenblick von den Brettern hinab in einen knisternden, krachenden Korb, der
ganz mit Kleidern und Stoffen gefllt schien.
    Ich hatte beim Sturz erschrocken nach einem Halt gegriffen und hielt nun
einen dicken Strick in Hnden, whrend es hinter mir pltzlich licht war. Und da
ich mich in heftigem Schreck umwandte, sah ich, da ich den Bhnenvorhang in die
Hh gerissen hatte.
    Zog also, nachdem ich ngstlich gelauscht, ob niemand meinen Fall gehrt
htte, bedchtig am Strick weiter, dabei das Quiksen und Klappern der Rolle
geisterhaft wie das Schreien der Nachteulen durch den matterhellten, leeren Raum
hallte.
    Die gromchtige, bleiche Mondscheibe lie ihren Schein durch die gefrornen
Fenster ber die weigescheuerten Bnke auf die gemalte Landschaft des
Hintergrundes und die zerlumpten Teppiche der Bhne fallen und hob die Schatten
der Gegenstnde gespenstisch von der Helle ab.
    Ich stand starr und hielt krampfhaft das Seil in den Hnden, indes mich ein
pltzliches Grauen schttelte; und als es im selben Augenblick vom Sankt
Veitsturm zwlf Uhr schlug und der Wchter drauen die Mitternacht anblies, da
lie ich ghlings los, da der Vorhang schnallend herabsauste.
    Ich hatte genug von dem Abenteuer, und es verlangte mich zurck zu dem alten
Thomas. Herrgott! - Was mocht der sich derweil ber mein Ausbleiben denken!
    Vergessen war der ganze Rausch und die feine Jungfer, und ich suchte nach
einem Ausgang.
    Doch alles war fest verschlossen, die Tr des Saales, die neben der Bhne
und auch die Fenster.
    Vergebens wandte ich alle Kraft an, lief bald im Saal von Fenster zu
Fenster, sprang auf die Bhne und schlpfte durch den Vorhang: ich konnt's nicht
ndern.
    In meiner Not begann ich zu rufen und zu schreien; aber kein Mensch hrte
oder erschien.
    Am End ward ich md vom Schreien, ein Frost packte mich, und ich verlangte
nach dem Schlaf.
    Und da mein Fu eben wieder an den Korb stie, suchte ich nach einem warmen
Stck, wickelte mich darein und legte mich in den hintersten Winkel der Bhne,
da ich mir aus dem Inhalt des Korbs ein notdrftigs Lager bereitete.
    Also lie ich den Schlaf ber mich kommen, hllte mich fest in das weiche
Stck, von dem ich whnte, da es der himmelblaue Mantel des schnen Ktherleins
wr, und sagte nur noch ghnend: Guate Nacht, Himmelvater!, wie ich es von
meiner seligen Ziehmutter gelernt hatte.
    Dann entschlief ich.

                                  Falsche Lieb


Ein harter Schlag von der Pratze des Bren, der auf dem Markt getanzt hatte und
mir nun in meinen Trumen die liebliche Jungfer aus der Komdie, da ich sie eben
in meinen Armen hielt, rauben wollt, schreckte mich aus meinem tiefen Schlaf
auf, und ich wehrte mit beiden Hnden ab, indes mich eine scheltende Stimm noch
vollends munter machte.
    Da blickte ich in das zornrote Gesicht des Burschen, der mich ehvor zum
Besuch der Komdie verfhrt hatte und mir nun seinen Fu grimmig in die Seite
stie, also da ich mit einem Schrei in die Hhe fuhr und nicht bel Lust hatte,
ihm etliche zu wischen.
    Der aber plrrte: Hat einer so was schon erlebt! - Liegt der Wicht am
hellichten Nachmittag da auf den kostbaren Gewndern und schnarcht wie eine
Baumsg! - Ob er wohl auf und davon gehen will, bevor ich ihm Fe mach, dem
Halunken! - Hat wohl stehlen wollen, he! - Ha! - Gewi hat er stehlen wollen! -
Aber wart, Brschlein! Mein Alter wird dirs austreiben, das Stibitzen!
Sprachlos stand ich da und wute nur, da er vom Nachmittag gesprochen hatte. -
    Ja, Himmel! - Es war doch wohl noch nicht schon am andern Tag? - Aber, - die
Nacht fiel mir ein, - es war ja schon zwlf Uhr gewesen, da ich ans Fortgehen
gedacht hatte! - O, die verfluchte Komdie! - Was mocht der gut alt Thomas jetzt
von mir denken! - Dacht wohl, da er recht gehabt htt mit seiner Meinung, ich
wollt von ihm weg fr immer! - Wie konnt nur dies einschichtige, rothaarige
Weibsbild, diese Theatermamsell, meine Sinne so verwirren!
    Aber indem ich noch so dachte, trat das Mdchen eben durch die niedere Tr
ein und sah mich verwundert an.
    Ei! rief sie aus; hast du einen Besuch hier, Joschka? Was Besuch!
erwiderte da der Bursch grimmig; wr mir ein sauberer Besuch das! Schleicht
sich bei Nacht und Dunkel ins Haus und will stehlen!
    Und da ich auffahren wollte, plrrte er mich an: Was! Willst es noch
leugnen? - Hab ich dich nicht erwischt mit dem teuern Mantel der Donna hier!
    Erschrocken fragte diese mit einem entsetzten Blick auf mich: Wie sagst du?
Meinen blauen Mantel hat er ...!
    Glaubts doch nicht, Jungfer! sagte ich bittend mit einem giftigen Blick
auf den Kerl. Er lgt Euch aufs Maul, so wahr Ihr hier steht! - Ich wollt ja
nur blo ... - Da hielt ich inne, indes mir eine heie Flamme bers Gesicht
fuhr: Ich mocht es doch nicht vor diesem Flegel sagen, da ich blo aus
nrrischer Lieb fr sie hiergeblieben war!
    Der ander aber schrie sogleich, kaum er mich errten und stocken sah: Ha! -
Fllts dir nimmer ein, jetzt! - Hat dir wohl die Red verschlagen, he! Seht Ihrs
nun, Donna! Es ist so, wie ich sagte: stehlen hat er wollen. - Aber ich will ihm
schon Mores lernen! Gleich geh ich jetzt zum Alten! - Gleich!-Auf der Stell!
    Wirklich ging er, indes die Jungfer ganz erstarrt dastand, das dunkelrote
Samtkleid, in dem sie prangte, fest an sich raffte und ihre schwarzen Augen voll
Verachtung ber meine armselige Gestalt wandern lie. Da nahm ich mir einen
Anlauf und sagte ihr ganz wahrhaftig und einfach, da sie mir viel glte, weil
sie meiner verlornen Kathrein so hnlich sei, und da ich sie in der Nacht
gesucht htte und dabei nicht mehr aus dem Saal gekonnt und also, da ich md
ward, auf ihrem Mantel geschlafen htt. Bat sie auch gleich, sie mg fr mich
bitten, da ich um sie bleiben drft; denn ich kunnt nimmer von ihr lassen.
    Ganz still hatte sie auf meine Red gemerkt und mir so die Schneid gegeben,
ihr mein Herz zu offenbaren.
    Nun lachte sie leise fr sich hin und sagte zwischen Spott und Mitleiden:
So so; seine Kathrein hat er verloren! - Der arme Bub!
    Dazu maen mich abermals ihre Blicke, da ich mich unwillkrlich auf die
Zehen stellte und meinen verkrppelten Leib streckte, so gut ichs vermochte.
    Nach einer Weil fragte sie: Wem gehrst du denn?
    Ich ghr gar niemand, erwiderte ich; Vater oder Mutter wei ich keine,
und die mich aufgezogen haben, sind tot.
    Und wo kommst du jetzt her? forschte sie weiter, indem sie mit einem ihrer
langen Zpfe spielte.
    Von Bayrischzell. Vom Bildlmacher Beham, sagte ich.
    Und pltzlich fiel mirs ein: Der hatte ja einen Haufen Verdingungen fr
Votivtafeln erhalten! - Ich htt ja wieder Rahmen schneiden sollen! -
    Aber in mir sagte eine Stimm gar trotzig: Das macht nichts. Der hat ehvor
auch niemanden gehabt, - also wird er jetzt auch fertig werden, allein.
    Und ich fuhr fort: Aber ich bin mein eigener Herr und kann hin, wo ich mag.
- Und jetz mcht ich halt gern bei Euch bleiben, wann ich Euch nit zwider bin.
    Indem ich noch redete, kam der Tropf schimpfend wieder zurck, gefolgt von
dem erzrnten Herrn des Theaters und der keifenden Alten.
    Hat ein Mensch noch Worte! schrie diese keuchend, und ihre Brust wogte
unter dem schmierigen, schleiigen Seidenkittel, kann man da noch reden! - Das
ist ja eine himmelschreiende Bosheit! - Wo ist denn der Teufelsbraten! Und sie
fuhr wtend und mit den Armen fuchtelnd auf mich los, packte mich bei den
Schultern und schttelte mich, da mir grn und schwarz vor den Augen wurde und
ihr die aufgesteckten knstlichen Locken zu Boden fielen.
    Karnalje! zischte sie dazu; unverschmte Karnalje! Tten werd ich dich,
wenn du nicht Bu gibst fr die Bberei!
    Da fiel ihr die Jungfer bittend in den Arm: Lat ihn doch, Frau Direktorin!
Er hat eigentlich gar nichts Schlimmes vorgehabt, der Kleine! - Er hat mirs
gesagt: Die Liebe zur Kunst hat ihn getrieben, - ein Spieler wollt er werden!
    Wer's glaubt! mischte sich der lose Schelm bissig drein und spaizte in
weitem Bogen auf die Bhne.
    Aber der Direktor sagte, kaum er die Red des Mdchens vernommen, geschwind,
indem er mich lauernd ansah: Liebe hat er, sagst du? - Zur Kunst, sagst du? -
Wohl, wohl! - Soll nur mitfahren mit uns, wenn er will! - Kann ihn schon
brauchen, den Krischbel!
    Langsam lieen mich die Fuste der Alten los, langsam beruhigte sich ihre
wogende Brust; sie griff nach ihrer Frisur und hob eilig die Locken vom Boden
und steckte sie wieder zu dem eigenen, dnnen, schwarzen Haar, indem sie sagte:
Wenn du dich nur nicht tuschst, Fritz! - Wenn er nur nicht wieder so ein
Galgenvogel ist wie der Heinz!
    Sie steckte eine Haarnadel zwischen die Zhne und wand ein herabhngendes
Flitterband um den Schopf.
    Wo bist du her, und wie heit du? fragte sie mich scharf, die Zhne fest
zusammenbeiend, da ihr die Nadel nicht entfiel.
    Mathias Bichler aus Sonnenreuth, sagte ich tonlos.
    Was sind deine Eltern? forschte der Direktor weiter.
    Das wei ich nicht. Hab s' nit kennt. - Hab nie epps ghrt davon. Mein
Ziehvater, der Memer von Sonnenreuth, hat wohl gwhnt, es kunnten Vagierende
gwesen sein oder Gaukler. Aber nix Gwi wei niemand drber. - Bin ja grad ein
Glegter!
    Wie ich gedacht hab, - ein Balg! hhnte der Rotzlffel hinter mir; aber
die Mamsell verwies ihm sein Schmhen, und auch der Alte sagte: Halt den
Schnabel! - Der Bursch bleibt da!
    Die Frau Direktor aber starrte mich eine Weil wie entgeistert an, ihre Brust
begann mit einem Mal, sich wieder strmisch zu bewegen, und dann breitete sie
pltzlich die Arme aus, zog mich an sich und rief unter Trnen mit schmelzender
Stimme: Er ists!... Mein Sohn!... Mein ses Kind!
    Ei, Teufel! Hab mich wohl grausam gewunden wie ein Wurm, den eine alte
Bruthenn aufgepickt hat und verschlingen will; hab auch eine Haut wie ein
gerupfter Gnserich an mir berlaufen versprt vor Grausen und Abscheu. Aber die
Alt lie mich nimmer los und drckte meinen Kopf fest an ihren nach alter
Lederschmier riechenden Kittel, bis der Herr Direktor und die Jungfer sich von
ihrem Erstaunen so viel ermannt hatten, da sie wieder Worte fanden und also
ausriefen: Sie ist verrckt! - Sie ist vom Verstand kommen!
    Da lie sie mich seufzend los, die Alte, und schaute mit schwimmenden Augen
zum Himmel, indem sie mit bebender Stimme sagte: Redet nicht!... Ich hab mein
Kind wieder!... Es ist kein Traum!... Er ist wahrhaftig mein Sohn!
    Und erzhlte also eine gar abenteuerliche Geschichte von meiner Herkunft.
    Ach! sagte sie und setzte sich auf einen Schemel hinter der Bhne. Es ist
furchtbar traurig gewesen. - Du hast ihn ja gekannt, den Alessandro, - nicht
wahr, Fritz! - Also, ich war leider damals noch seine Frau; allerdings auch
nicht mit dem Segen der Kirche - nur so durch die Umstnde des Lebens bedingt;
denn ich war zur selben Zeit seine Partnerin auf dem hohen Turmseil. - Ach ja!
Damals war ich noch eine Schnheit! Die Mnner liefen mir nach, wie die Katzen
der Maus! - Weit du, Fritz, - wenn ich so mit der grten Grazie ...
    Sie stand auf und balancierte kokett auf dem Schemel.
    ... so mit Noblesse auf der einen Seite des Seiles stand und Alessandro auf
der andern, - und wir dann elegant und sicher aufeinander zukamen - aneinander
vorbeiglitten - und wieder auseinandergingen ber die schwanke Schnur, als wrs
ein Spazierweg ber die Wiese, - Fritz - ich sage dir, - da waren die Leute alle
hin vor Verwunderung, und ein rasender Beifall erhob sich! - Ach ja! -
Damals!... Sie hockte sich wieder breit auf ihren Sitz.
    ... Aber er war brutal! - Und er hat mich verfhrt! - Und als ich dastand
im Elend, da wollt er nichts mehr wissen von mir und dem armen Wrmlein.
    Sie brach in Schluchzen aus und tupfte sich die Augen mit einem Zipfel ihres
Kittels. -
    ... O! - Es war entsetzlich! - Er nahm mir das Kind aus meinen Armen, - er
ri es von meiner Brust und trug es fort!...
    Sie sprang auf, indes die andern wortlos dastanden, umschlang mich abermals
mit theatralischer Gebrde und rief in Verzckung aus: Aber nun hab ich dich
wieder! Mein Engel! Mein Kind! Mein liebster Sohn! - Nun wird dich keine
Erdenmacht mehr von mir trennen knnen!
    Ich litt groe Pein, machte mich von ihr los und wollte was erwidern; da
aber die andern immer noch wie angenagelt auf ihrem Fleck standen und nicht
wuten, wie sie sich verhalten sollten, blieb ich still.
    Die Alte aber fate sich schnell wieder und fragte nach einer Weile lauernd:
Leben sie noch, deine Zieheltern? Darauf ich stumm den Kopf schttelte.
    Sie sind beide schon tot? fragte sie. Haben sie dir was vermacht? - Sie
waren doch reich ...
    Wieder schttelte ich blo den Kopf.
    So bist du ganz ohne Hab und Gut? kams forschend von ihrem Mund.
    Nein, sagte ich, ohne recht zu wollen; ich hab schon ein bil was.
    Da wollte sie mich abermals umarmen, indes mich die andern wie ein heiligs
Bild begafften und die schne Jungfer ganz nah zu mir trat und mich lieblich
ansah; aber ich fuhr fort und sagte: Drent beim Stiefelwirt hab ich mein Sach.
Ich geh und werds holen.
    Und hrte also auf nichts mehr und lief geraden Wegs zur Tr hinaus auf die
Gassen.
    Ein wstes Durcheinander von Gedanken strmte durch mein Hirn; ich rannte
ohne Besinnen dahin und fand mich schlielich vor dem Tor des Stiefelwirts.
    Da kam es ber mich: Kehr um und geh wieder zum Vater Thomas! - Geh nimmer
zurck zu der Komdiantenbrut! - Es ist ja unmglich, da diese grausliche Alte
deine leibhaftige Mutter sein sollt!
    Und schon war der Entschlu, wieder zum Bildlmacher zurckzukehren, nahezu
in mir fest worden, als mich ein silberns Lachen aufschreckte, ein weicher Arm
sich in den meinen schob und die Theatermamsell mit ser Stimm sagte: Ich bin
dir nachgelaufen, ohne da es die Alten wissen! - Ich mcht ein wenig allein
sein mit dir! - Ich hab dich sehr lieb!
    Ei! Da fuhr ich herum! - Fate sie bei den Hnden, verdrehte meine Augen und
war vor Seligkeit und Glck ganz nrrisch!
    Vergessen war der gut Thomas, vergessen die schreckliche Alte, die sich
meine Mutter nannte; - ich hatte nur noch einen Gedanken: mit ihr zu gehen - bei
ihr zu bleiben!
    Und ich sagte mit vor Freuden zitternder Stimm: Dirndl! - Gern habn tust
mich! - Ja, Himmel Herrgott!... Geh! Wart nur grad a Weil, bis ich mein Ranzl
hol; nachher ghr ich dein, so lang als d' mich magst!
    Lief also eilends hinein zum Wirt und fragte um mein Rnzlein. Der aber gab
mir auch noch ein verschnrts Pcklein und sagte: Das hat dir der Beham noch
zruckglassen; wirst es wohl brauchen knnen, meint er! - Und 'n Auftrag soll ich
dir noch ausrichten von ihm: Wannst wieder kimmst, hat er gsagt, bist da. Und
was sein ghrt, das ghrt auch dein. Und viel Glck zu der Wanderschaft! Ach,
zu jeder anderen Zeit meines Lebens htt ich eine solche Red wohl anders
hingenommen denn jetzt! - Wr wohl mit beschmtem Herzen wieder eilends
zurckgelaufen zu dem herzguten alten Vater und htt gesagt: Da bin ich wieder.
Nimm mich wieder auf!
    Aber leider Gott war in diesem Augenblick der heilige Geist samt allen
seinen Gnaden von mir gewichen, und ich, so voller nrrischer Lieb zu der
Mamsell, konnt dem Wirt nicht einmal einen gerechten Dank geben fr seine Red,
geschweige denn ein verstndigs Werk vollbringen.
    Mein Sinnen und Trachten ging nur noch auf den Besitz der feinen Jungfer,
und ich gab mich schon dem Traum hin, mit ihr bald ein lieblichs Eheleben zu
fhren.
    Also nickte ich blo etlichemal mit dem Kopf, schob das Pcklein geschwind
in den Ranzen, hing mir diesen um und lief mit kurzem Gru hinaus zu dem
Mdchen, das mich verwundert ansah und fragte: Ist das alles, was du hast?
    Nein, nein! lachte ich voll Lust. Hab schon noch was anders auch! -
Dich!
    Und wollt sie also gleich auf offener Gassen an mich reien.
    Aber sie schien gar nicht mehr so liebreich wie ehvor und wehrte mir meine
Narrheit mit gemessenem Ernst; doch folgte sie mir nach langem Struben zu der
Steinbank hinter dem Friedhof, daselbst ich ihr sogleich das karmisinrote
Seidentuch und auch das Bchlein als Verehrung gab.
    Sie dankte mit kargen Worten und sah kaum drauf hin; und ber eine Weil
fragte sie, ohne mich anzusehen: Bist du blo ein Handwerksbursch? Hast du kein
Geld?
    Was? Kein Geld? rief ich da protzig. Geld grad gnug hab ich!
    Und zog meinen Beutel und lie die Kreuzer scheppern. Mir langts leicht,
was ich hab, und fr dich verdien ich schon was, wannst mitgehst mit mir!
    Damit steckte ich das Geld wieder ein und kramte in dem Ranzen.
    Da griff ich das Pcklein vom Thomas und zog es eilig heraus, indes die
Mamsell neugierig fragte: Was ist denn da drin?
    Ah, nix Bsunders! erwiderte ich; denn obgleich ich mir selber gar nicht
denken konnt, was es sei, so wollt ich mir doch nicht merken lassen, da es ein
Geschenk des Bildlmachers wr.
    Doch ffnete ich es mit Hast und hatte im nchsten Augenblick harte Mh,
einen lauten Schrei zu unterdrcken; in dem Pcklein lagen Gulden und Kreuzer,
sterreichisch und bayrische Mnz, ein reichlicher Batzen, und dabei ein Zettel,
darauf stand: Gsegn dirs Gott und komm bald wieder.
    In meine Augen stieg es brennend hei. Ich starrte auf das Geld und auf das
Blttlein Papier und sprte ein Wrgen im Hals. Da fuhr die Mamsell kichernd mit
der feinen Hand in das Huflein Mnz und jubelte: O, wie hell das klingt! - Wie
ich mir so was wnschte! - Schenk mir doch ein paar von den herrlichen Stcken!
    Gedankenlos sah ich ihr zu und gab ihr etliche Gulden; dann schob ich alles
seufzend in den Ranzen, indes ein Gefhl der Scham in mir heraufkroch.
    Die Jungfer aber schlang pltzlich in heier Zrtlichkeit ihre Arme um
meinen Hals und schmiegte ihre weichen Wangen an mein Gesicht, gab mir allerhand
Koseworte und tat so lieblich, da ich gar bald alle Reu und Scham verga und
mir wie verzaubert vorkam.
    Und so hab ich leider Ursach, jene Zeit zu beklagen und ihrer mit Scham und
Bitterkeit zu gedenken als einer Zeit der Schand und Untreu gegen meinen
herzensguten alten Vater, den Thomas, gegen das Andenken meiner allerliebsten
Zieheltern und gegen meine alleinige Lieb, die Kathrein.
    Denn jene Dirn erschien mir so holdselig und tat so zrtlich mit mir, da
ich ihr willig folgte, als sie mich mit sich nahm zu ihren Leuten. Und also
lebte ich gleich den Zigeunern in einer wilden Ehgemeinschaft mit dem Weibsbild,
das mir gemeinsam mit jenem Ungeheuer, so sich meine Mutter nannte, meine
Kreuzer bis zum letzten aus dem Sack zog und mir alle Ehr und alle Scham raubte.
    Da wurd gezecht und gewrfelt Tag um Tag; wurde gewerkt und gelumpt in dem
niedern Wagen, der dieser wandernden Komdiantenbrut Heimat und Besitz, Obdach
und Elysium bedeutete; und hatte der Herr des Theaters den Segen eines Pfarrers
nicht vonnten gehabt in seiner Eh, so schien mir dieser noch weit weniger
notwendig in meiner Liebschaft, die gegen fleiige Lohnung und Geschenke an die
Alten von diesen stillschweigend geduldet wurde, bis mein Beutel endlich leer
und damit meine Freigebigkeit zu End war.
    Bis dahin aber galt ich berall als ein Mitglied der Komedie und hatte auch
etliche leichte Rollen eingelernt, um bei vorkommender Untersuchung durch die
Obrigkeit bestehen zu knnen; denn ich besa weder einen Pa noch sonst
Kundschaft, die mich htten ntigenfalls ausweisen oder empfehlen knnen.
    Im brigen aber war ich jetzund der Sohn des Theaterweibs und passierte als
solcher unangefochten die Tore der Stdte, darin wir spielten.
    Somit kam ich also in dieser Zeit gar weit umher und lernte viele Orte
kennen, wie: Linz, Innsbruck, Salzburg, Rosenheim, Wasserburg und andere;
daselbst wir aber berall nur kurze Zeit verweilten und stets nur drei Komdien
auffhrten; die vom schnen Ktherlein, eine andere, die den Titel hatte: Bodo
und Siglinde, oder das Zauberbild, und eine vom armen Heinrich und der Goldelse.
    Nun mocht ich also leichtlich ein halbes Jahr in solchem Lumpenleben
zugebracht haben, als meine Buhlin eines Tags in der Frh, da wir eben zu
Rosenheim im Wirtshaus zur Sonne den Tanzsaal in ein Theater umwandelten, nicht
wie sonst lachend und scherzend um mich herumtanzte, vielmehr sich mimutig ber
meine traurige Gestalt, meine Mittellosigkeit und buerische Art beklagte,
endlich hinauslief und den Tag ber kaum mehr sichtbar ward.
    Und da wir abends vor dichtgefllten Bnken wieder das schne Ktherlein
spielten und also die Stelle kam, wo sie nach den Zaubereien des Zaranka mit
ihrer Mutter wieder auf den Brettern erscheinen sollte, da warteten sie alle
vergeblich: die Mutter, der Kupferschmied und die Zuschauer. Das Ktherlein,
oder, wie sie sonsten hie, Liane, blieb verschwunden; Zaranka aber verschwand
gleichfalls zu dieser Stund.
    Mit Mh und Not brachten wir einen klglichen Schlu der Komdie zustande
und durchsuchten darnach alle Winkel des Wirtshauses und des Wagens nach den
beiden, doch vergebens.
    Und den andern Morgen fand der Direktor auch den Platz in seinem Strohsack,
da sonst seine Geldtruhe lag, leer.
    Eine furchtbare Aufregung folgte, und nachdem er und die Alte, die Mutter zu
nennen ich annoch heut nicht vermag, genugsam getobt und geplrrt hatten,
verlangten sie von mir zwanzig Gulden als Notgeld.
    Und da ich ihnen nicht beispringen konnt aus dem einen Grund, weil ich
selber nichts mehr hatte, so fielen sie beide mit groben Schmhreden ber mich
her, und die Alte schrie: Bist du auch noch ein Sohn deiner Mutter! Lst mich
im Unglck hngen wie jener Hund, dein Vater! - Marsch, sag ich! Fort aus meinen
Augen! - Entweder du bringst das Frauenzimmer wieder, oder aber zwanzig Gulden!
- Mcht doch wissen, wofr ich einen Sohn habe, wenn er mir nichts zu Lieb tut!
    Mut also mein Rnzl wieder umschnallen und nach dem Stecken greifen, dabei
mir aber trotz aller Traurigkeit ein gar kurzweiligs Sprchlein einfiel:

Lustig ists auf der Welt,
Ham die Herrn aa koa Geld,
Is fr mi aa koa Schad,
Wann i koans hab!


                               Auf der Landstrae

Also stand ich an jenem Tag, es war im Erntemond des Jahres 1804, nachdenklich
auf der Innbrucken und wute nicht, wo aus und was tun, als drei
Handwerksburschen die Strae daherzogen und frhlich sangen:

Steh auf, steh auf, du Handwerksgsell,
Die Zeit hast du verschlafen!
Die Vglein singen im Grnen,
Die Fuhrleut tun schon blasen.

Was kmmert mich der Vgelein Sang
Und auch der Fuhrleut Blasen!
Ich bin ein frhlicher Handwerksmann
Und ziehe meiner Straen.

In der Schlossergassen im roten Hahn,
Da ist eine Herberg zu finden.
Da wollen wir singen und lustig sein,
Da wollen wir singen und trinken!

Und da sie an mir vorberkamen, tat einer einen hellen Juchschrei, eilte auf
mich zu und schlo mich in seine Arme.
    Mathiasle! schrie er; ja, wie kommst denn du da her? - Willst etwan gar
ins Wasser hupfen, da d' so sinnierst?
    Eine heftige Freude durchfuhr mich: Es war mein Ziehbruder, der Fritz; und
er lud mich ein, mit ihm und seinen Genossen durchs Bayerland und gegen die
Mnchnerstadt zu wandern.
    Voll Verwunderung fragte ich ihn, wie er zu solcher Wanderschaft und in
diese Kameradschaft km - als Bauernknecht; da lachte er und sagte: Zwegn der
Kost, Bruderherz! Zwegn der Kost! - Allweil oa Suppen frit der Bauer nit, ds
woat ja selm! - No ja, - und ds ewige hausbacherne Brot - ds wachst oan am
End aa zum Hals raus! - 's Zunftbrot schmeckt aa nit schlecht, sagt mein Freund,
der Loabischmied!
    Zugleich rief er seinen zwei Genossen, die derweil langsam weitergegangen
waren, nach: He, Loabischmied! - He, Magister! - Geh, warts a wengl!
    Und indessen diese zgernd auf uns zukamen, hatte ich ihm mit wenig Worten
meine Abenteuer berichtet und gesagt, da ich gern mit ihm ginge, wenn ich nur
etwelche Kundschaft oder einen Pa htte.
    Da lie sich der lteste von den dreien, ein dicker, glattrasierter Mensch
mit feinen Manieren, den sie Magister nannten, vernehmen: Was? - Er mcht ein
Pfiffges sein und durch die Mrtine holchen, und hat keine Flebbe?
    Ich sah ihn wie ein blaues Wunder an und konnt mir gar nicht denken, was er
meinte; doch der ander, der Bcker oder Loabischmied, half mir drauf: Ob du
auch als Handwerksbursch durch die Mrkt laufen willst, ohne da du Briefe oder
Papiere hast?
    Da sagte ich: Ich hab noch nie ein Papier besessen; hab auch keins vonnten
gehabt auf meinen Reisen. - Wo kann man denn so was bekommen?
    Auf der Polizei halt! erwiderte mir der Fritz.
    Der Magister aber wollt nicht viel davon wissen und brummelte: Narr,
einfltiger! Lt den Kaffer zur Schmiere laufen! - Da die grnen Hunde von mir
Wind bekommen und mich einkasteln! Bist wohl verrckt - he!
    Dabei tat er ganz scheu und sah bald hinter sich, bald vor sich, ob nicht
schon ein Schrge kme.
    Die andern aber lachten und spotteten ber seine Furcht, so da er wieder
munter wurde und mich, nachdem er gefragt, ob ich nichts am Kerbholz htt,
ebenfalls einlud, mitzugehen; fr meine Papiere wolle er schon sorgen.
    Holch nur mit, Kotem! sagte er; brauchst nicht so grandig Bauser
scheften! - Wir holchen jetzt durch die Mokum, fechten darnach in die Fede,
achlen und schwchen grandig und josten uns darnach aufs Rauscher, bis die
Glanzer unterholchen!
    Ich konnte ihn wieder auf keine Weise verstehen und fragte den Fritz, was
der Gsell damit gemeint htt und was das fr eine seltsame Sprache wr.
    Das ist welsch, sagte mein Ziehbruder. Das versteht blo der, welcher uns
wohl gesinnt ist; fr die andern ist die Sprach auslndisch. Ganz auslndisch. -
Also, da du's weit: er meint, du sollst nur mitgehen, Kind, und nicht so viel
Angst haben! - Wir gehen in die Stadt, betteln, und darnach in die Herberg,
essen und trinken tchtig und legen uns darnach aufs Stroh, bis die Stern
untergehn. - Ich versteh ihn ganz gut; aber selber komm ich noch nicht bsunder
zrecht mit dem Zeugs!
    So ists auch bei mir, fiel ihm der Bcker ins Wort; verstehen tu ich ihn
gut, den Magister; - aber mit dem Nachsagen - da hats seinen Haken!
    Nur Geduld! sagte da der Magister vterlich; Ihr lernts noch bald genug.
Aber vor dem Brschl da will ich wieder eine Weil deutsch parlen. - Wie heit er
denn, der Kaffer?
    Mathias, erwiderte ich; Mathias Bichler.
    Seine Profession? fragte er weiter.
    Ich kunnt ihm nichts antworten; denn was verstand ich zu der Zeit von
solchen fremdklingenden Namen!
    Dafr gab ihm der Fritz den Bescheid, da ich gleich ihm bei den Bauern
gearbeitet htt und zuletzt bei einem Maler gewesen wr.
    Das ist schon eher was Znftigs, meinte auf diesen Bericht hin der
Magister; als Malergsell kann er die ganze Welt durchplatteln! - Kein Teufel
schert sich drum! - Blo mu er hie und da so dergleichen tun, als mcht er gern
schanzen. - Braucht ja nicht lang bei einem Meister zu bleiben, wenn ihm grad
ein Haar oder sonst was Unlustigs in die Suppen km. - Aber jetzt wollen wir
wieder eins singen, da die Leut ein gerhrts Herz kriegen fr uns arme Mucken!
    Damit stimmte er ein frisches Burschenlied an, und wir zogen alle vier durch
die Gassen dahin und walzten also den ganzen Tag bis zum Abend durch die ganze
Rosenheimerstadt als vier arme, reisende Handwerksburschen und sprachen bald
hier, bald da um Arbeit zu; darauf dann die Frau Meisterin oder der Meister in
die Tasche griff und einen Zehrkreuzer herfrzog.
    Waren eine saubere Gesellschaft, wir vier: der bleiche Loabischmied mit
seiner mehlbestubten Ballonhaube und dem fadenscheinigen Habit, - der Fritz in
seinem blauen Fuhrknechtskittel und dem federgeschmckten Spitzhut, - der
leichtlich seine vierzig Jahr alte, feiste Magister in seiner stdtischen
Gewandung, seidenen Strmpfen und dem abgeschabten Dreispitz, den er weit ins
Gesicht setzte, ein feins spanischs Rohr in der Hand und ein mageres Felleisen
umgehngt; - und dazu ich armseliger, kurzgestiefelter Zwack, der in der
gleichen Zeit, da die andern einen Schritt machten, leichtlich seine drei
haxelte.
    Wo wir gingen, liefen Kinder hinter uns drein und reichten uns kleine
Pcklein mit Kupfermnz; Mnner nickten uns wohlwollend zu, und die Weiber und
jungen Mdchen sahen neugierig aus den Husern und blickten uns lange nach.
    Abends machten wir endlich vor einem grauen, verwitterten Hause halt, und
der Magister fhrte uns durch einen dunklen Gang in ein niederes Lokal, das von
Rauch und Qualm, von Lrmen und Geschrei erfllt war.
    Bei unserm Eintreten wandten sich die meisten der an langen, schmutzigen
Tischen sitzenden Gste blitzschnell nach uns um; etliche zogen sich eilends in
einen dmmerigen Winkel hinter dem mchtigen Ofen zurck und blickten scheu und
forschend nach uns.
    Der Magister aber begann sogleich, diesen oder jenen in seiner welschen
Sprache zu begren, schob uns eine Bank zurecht und verlangte vom Herbergsvater
befehlend Speis und Trank.
    Warf auch gleich einen Gulden auf den zinnernen Teller am Schanktisch und
begehrte ein Nachtlager fr alle vier.
    Der Wirt, ein buckliger, alter Tropf mit rinnenden Augen und langen Krallen
an den Fingern, kam schlrfend in einem schmierigen Leinenkittel aus seinem
Verschlag und stellte jedem von uns ein Glas Branntwein hin, langte einen
Brotlaib aus dem Wandschrank und sagte: Was is gfllig, meine lieben Leut? -
Frische Gselchte hab i, oder Fleischkndl; a Voressen oder a Brckerl Ks is aa
no da. - Geht wohl so alles auf eine Rechnung, Herr Magister?
    Aber freilich, Vater Kaspar! rief da der Gsell; solang wir grandig Kis
scheften, ist jeder unser Briger!
    Da stie mich der Bcker an: Hast es ghrt, Hiasl! Solange er hbsch Geld
hat, sagt er, ist jeder sein Bruder! - Alle Hochachtung vor unserm Kameraden! -
Alle Hochachtung!
    Mein Ziehbruder, der Fritz, aber sagte gar nichts, betrachtete die Gesichter
der Burschen, die hier herumsaen und standen, aen und tranken, schwatzten,
wrfelten oder sich sonst unterhielten, und a darnach mit gutem Hunger etliche
Wrste.
    Also tat ich auch desgleichen, nachdem ich noch jedem gesagt hatte, da ich
ganz ohne Kreuzer Gelds war; darauf aber alle drei nur ein lustigs Lachen hren
lieen und mich ermahnten, gut zuzugreifen.
    Nach solchem Mahl reckte der Magister behaglich seine Beine unter den Tisch,
zndete sich eine kurze Pfeife an und schlo die Augen; doch verlor er kein Wort
der Unterhaltung und gab jedem, der ber den Tisch was fragte, sogleich
Bescheid.
    Da schwirrten die welschen Reden durchs Lokal, da selbst meine Kameraden
Mh hatten, sie zu verstehen und mir zu verdeutschen.
    Endlich aber wurden wir md und lieen uns das Nachtlager zeigen, dabei uns
der Magister noch wohl ermahnte, nichts von Wert unverwahrt liegen zu lassen; so
ein lakerer Koluf htt seine Scheinling die ganze Zeit ber bei uns herben
gehabt. Was soviel bedeuten sollt, als da so ein falscher Hund seine Augen auf
unsere Ranzen geworfen htte.
    Also legte jeder sein Sach unters Haupt, und ich konnt nicht umhin, einen
Stoseufzer zu unserer lieben Frau vom Birkenstein zu schicken, ehe ich die
Glieder streckte und entschlief.
    Hab nicht gar bsunder wohl geruht, die selbige Nacht; denn da wimmelte es in
meinem Strohsack von allerlei Getier, so da ich den andern Morgen am ganzen
Leib voller Binkel und roter Fladen war und mir vor Jucken und Beien kaum mehr
zu helfen wute.
    Wr auch gern in ein Schaff kalts Wasser gesprungen, um mich darin eine Weil
zu baden, eh ich wieder in meinen Habit schloff; das aber leider nicht geschehen
kunnt, weil blo ein armseligs Npflein fr alle Gst bereit stand zum Waschen.
    Waren ihrer nicht allzu viel, die sich in der trben Brh abwuschen, und der
Magister riet mir, auch damit zu warten, bis wir unterwegs ein Orts einen Bach
fnden; denn fr Krtz und Lus sei ich noch zu jung. Die wren besser fr die
lteren Lumpen und Strolche.
    Darnach gab er mir insgeheim ein schmals Bchlein und ein Pcklein Papiere,
indem er sagte: Hab gut acht drauf und weis sie nur vor, wanns gar nicht anders
geht! Ich hab sie gestern noch fr dich eingehandelt!
    Ich besah mir die Papiere darnach an einem geheimen Ort und erschrak nicht
wenig, als ich las, da ich der zwanzigjhrige Malergesell Johannes Schrckh aus
Traunstein sein sollt.
    Ging also hinein und sagte zum Magister: Ihr mt Euch geirrt haben! Ich
hei Mathias Bichler und bin aus ...
    Aber der alt Spitzbub hielt mir sogleich das Maul zu und fuhr mich halblaut
an: Haarbogen, dummer! - Halt dein Bonum! - Sei froh, da du berhaupt was
bist! - Ohne Kundschaft kommst du nicht weit im Land herum, das merk dir! - Da
werden sie dich bald krank zopfen, und du kannst etliche Wochen hinter Schlo
und Riegel brummen. - Oder sie fegen dich aus und schieben dich nach dem Nest
ab, aus dem du stammst! - Die werden ja schauen, wenn du wieder kommst als
ausgefegter Pfiffges!
    Damit lie er mich stehen, ordnete sein Felleisen und mahnte den Bcker und
meinen Ziehbruder, die eine braune Zwiebelsuppe auslffelten und Branntwein dazu
tranken, zum Aufbruch.
    Avanti! sagte er. Schmust nicht lang; holcht, da wir bald aus dem Bais
und ins Flach stieben! - Mir ists, als sei die Schmier im Anzug! Ich habs nicht
mit der kistigen Kontrolle!
    Da machten sich die beiden geschwind fertig, indessen ich einen harten Kampf
mit mir ausfocht, ob ich sollt unter falschem Namen weiter wandern oder aber als
der, welcher ich wirklich war, in Not und Elend kommen, von den Schrgen
aufgegriffen und nach Sonnenreuth abgeschubt werden.
    War mir gar nicht wohl bei solchem berlegen, und ich htt gern gewnscht,
da ich wieder bei dem alten Fegfeuer in dem Zigeunerwagen gesessen wr als ihr
Sohn.
    Aber in dem Augenblick fate der Fritz meinen Arm, schttelte mich und
sagte: Also, Hiasl, wannst mitwillst, mut gleich gehen! ber eine Weil ists
schon zu spt, - die Wach kommt um Sechse zum Visitieren!
    Da raffte ich mich auf, schnallte mein Rnzel um und folgte ihnen, ohne mich
noch viel zu bedenken; darber der Magister sehr erfreut schien und mir bei
allen Zufllen seine Hilfe versprach.
    Also zogen wir hinaus zum Tor und dahin durchs Gau, kamen in allerlei
Ortschaften, da man uns mitrauisch betrachtete, die Huser verriegelte oder
aber uns scheltend von der Tr jagte; besuchten Drfer und Mrkte, daselbst
einer oder der ander auf eine Zeit Arbeit und Lohnung fand oder von guten Bauern
mit Zehrung reich versehen wurd, und hielten dabei fest zusammen als gute
Kameraden, die gern und willig miteinander teilen, was sie haben; sei's nun Geld
oder Speis, Quartier oder Unterstand, oder der magere Inhalt des Felleisens.
    Der Magister insbesonders tat mit uns gar brderlich; hatte auch immer Geld,
oder, wie er es nannte, Kis, obgleich er am wenigsten sich plagte oder lange wo
arbeitete.
    Doch dacht ich auch ber dies nicht viel nach und vertraute ihm als einem
weitgereisten und welterfahrenen Mann, der mir zwar als ein Vagabundus, niemals
aber als ein wirklicher Spitzbub frkam und grad fr mich eine schier zrtliche
Neigung hegte.
    Er stammte aus gutem Hause und war der Sohn eines rheinischen Gutsbesitzers.
Die harte Zucht im elterlichen Haus lie ihn schon als vierzehnjhrigen Knaben
den Entschlu fassen, heimlich davonzugehen. Er packte also einen Anzug, Geld
und sonstige notwendige Dinge zusammen, versteckte den Pack in einem alten Boot
am Rheinufer und lie nach solchen Vorbereitungen noch einige Zeit verstreichen,
ehe er verschwand.
    Man whnte, da er im Rhein beim Baden ertrunken wr, weil man nachher seine
alten Kleider daselbst gefunden hatte, und lie ihn aus der Liste der Lebenden
streichen, dieweil er mit einem Kaufschiff rheinaufwrts fuhr und schlielich in
Basel lngeren Aufenthalt nahm, ein Student wurde und durch seine Geniestreiche
bald unter der Burschenschaft groen Ruhms und Ansehens geno.
    Lebte also flott und in Saus und Braus, machte Schulden, bis ihm kein Mensch
mehr borgte, und kehrte schlielich im Jahr 1790 als ein etwa
fnfundzwanzigjhriger Studiosus der schnen Wissenschaften Basel den Rcken;
doch nicht, ohne noch seine Hauswirtin, eine mannstolle Wittib, durch das
Mrchen, er sei als Hofrat zu der Frstin von Taxis nach Regensburg beordert
worden und brauche dazu Geld und anstndige Kleider, um ein schns Smmchen
Geldes zu prellen. Sie gab ihm willig fnfhundert Gulden, nachdem er sie seine
liebe Braut genannt und ihr versprochen hatte, sie zur Frau Hofrtin zu machen.
    Darnach zog er lange Zeit in der Welt herum, tat gar fein und anhabisch, so
da man ihn berall als einen groen Herrn mit Hochachtung und Ehrfurcht
behandelte, bis er eines Tages unter Rcklassung groer Schulden und etlicher
trauernder Mdchen wieder verschwand.
    Im Jahr 1800, da er eben ohne jeden Kreuzer Gelds in der rmlichen Dachstube
einer Vorstadt Wiens sa, fiel ihm ein Gedicht in die Hnde, das auf einem
Fetzen Papier stand, darein ihm die Mamsell vom Krmerladen sein Stck Speck
gewickelt hatte. Es war eine Lobhymne auf den groen Fritz, den Preuenknig.
    Sogleich ging er nun daran, etwas hnliches auf einen sterreichischen
Herzog zu machen, widmete es Seiner Durchlaucht alleruntertnigst und erhielt
dafr von dem alten Herrn, der sich durch den schwlstigen Lobgesang nicht wenig
geschmeichelt fhlte, ein ansehnliches Geldgeschenk, ein huldvolles
Handschreiben und eine silberne Dose mit frstlicher Widmung.
    Da ihm also solches so wohl geglckt war, machte er das Lumpenstck sogleich
auch in Deutschland und dichtete bald diesen, bald jenen hohen Herrn an; doch
folgte dieser einen groen Auszeichnung leider keine zweite mehr, und die
deutschen Frsten hatten hchstens einen Ordensstern oder ein paar trockene
Dankesworte fr ihn.
    Noch einmal kehrte er nach Wien zurck, empfahl sich aber nach verschiedenen
Streichen bald wieder, und schlielich erwischte ihn die Polizei, als er eben
ohne Bezahlung seiner Zechschuld aus einem Gasthof zu Nrnberg verschwinden
wollte.
    Im Polizeigewahrsam hingen sich bald etliche znftige Gauner an ihn; er
lernte ihre welsche Sprache, und nachdem er wieder in Freiheit gesetzt war, zog
er mit allerhand reisendem Gesindel durch die Gaue, um sich schlielich doch
wieder von ihnen zu trennen.
    Und so war er am End bis in die Berge gekommen und hatte in der Gegend von
Kufstein den Bcker und meinen Ziehbruder getroffen, mit denen er nun der
Mnchnerstadt zu wollte, um daselbst als Schreiber irgendwo unterzukommen.
    Also tappte ich mit ihm und den beiden andern dahin, indes die Felder kahl
wurden, die Obstbume berall voll schwerer Frchte hingen und ein scharfer Wind
durch die ste der fahlen Buchen und Birken strich und auch uns durch die
leichte Kluft fuhr.
    Aus den Scheunen aber erscholl wieder das gleichmige Lied der Drischeln
und gemahnte mich an jene glckhaften Tage im Weidhof, also da ich gemach immer
stiller wurd und im Innersten meines Herzens ein tiefes Weh nach jener Zeit und
Weil versprte.
    Da schickte es sich, da wir eines Abends so um Kirchweih durch ein greres
Bauerndorf nahe bei Ebersberg zogen und daselbst um Speis und Nachtquartier
herumbettelten, als ein gromchtiger Blachenwagen aus dem Schupfen eines
Wirtshauses gezogen, mit allerhand Kisten, Krben und Scken beladen und mit
zwei starken Rssern bespannt wurde.
    Der Magister war sogleich zu dem Fuhrknecht hingegangen, sah ihm eine Weil
zu und fragte ihn dann herablassend: Wo aus noch mit der Fuhr, lieber Freund?
    Darauf der Bursch, ohne aufzuschauen, erwiderte: Auf Mnga. - Ds is 's
Botenfuhrwerk.
    Nun stand der Magister noch eine Zeit, ohne ein Wort zu reden, sah dem
andern beim Eingeschirren zu und wandte sich darnach an uns, die wir gleich ihm
um das Fuhrwerk herumstanden.
    Ihr wollt wohl auch nach Mnchen? fragte er uns scheinbar neugierig.
    Freilich wohl! erwiderten wir frisch und machten, da uns der Knecht
pltzlich erstaunt und mitrauisch ansah.
    Nix da! sagte er unwirsch; da kunnt jeder kommen und mitfahren wollen! -
Habs nit mit solchen Gsten, wies ihr seids!
    Das kann ich mir denken, meinte der Magister halb lchelnd, halb
mitleidig; Ihr wollt halt auch nicht grad umsonst jeden fahren, der kommt. -
Jawohl. - Da habt Ihr auch nicht so unrecht, lieber Mann! - Aber - wie wrs,
wenn Ihr - natrlich gegen gutes Fahrgeld - mich mitnehmen wrdet? - Ich habe
droben beim Herrn Pfarrer amtshalber zu tun gehabt und hab leider die Post
versumt.
    Er tat, als she er auf seine Taschenuhr, dabei er doch nur eine Zwiebel an
dem Band hngen hatte, und wiederholte: Jawohl. - Leider. - Viel zu spt!
    Der Knecht geschirrte ruhig weiter, indes er ab und zu einen schnellen Blick
auf den Magister warf und gleichmtig sagte: So - beim Herr Pfarrer, sagts! -
Mhm. - Ja, - mats halt aufsitzen, wanns Euch nit z' hart is. - Mhm. - Dees
kost nachher nit viel fr Euch ... Dees wits ja selber!...
    Da zog der Magister mit frnehmer Gebrde einen Gulden, den letzten, den er
noch hatte, aus dem Sack und hielt ihn dem Knecht hin.
    Der aber wollt von solchem reichen Fuhrlohn nichts wissen: Naa, naa,
gndiger Herr! sagte er; a so tean ma nit! Um dees fahr i ja den ganzen
Pfarrhof bis auf Mnga! - Naa, so viel nimm i nit o! - So viel scho berhaupts
nit! Da blinzelte der Magister zu uns herber und meinte gutherzig: Ihr seid
ein braver Kerl. - Aber ich will Euch was sagen: ich geb Euch den Gulden, und
dafr erbarmt Ihr Euch ber die armen Brder da und nehmt sie um Gottswillen mit
in die Stadt. - Ich werde nicht versumen, dem Herrn Pfarrer von Eurer
Gutherzigkeit zu schreiben!...
    Da lag er drin - der Gimpel! - No ja, sagte er wieder langsam und
gleichmtig; nachher la i s' halt aufsitzen, die drei. - Aber i hoff, da s'
Enk koan Unmu nit machen!
    Und wandte sich an uns: Also - nachher kinnts scho aufhocken!
    Gab ihm also der Magister den Gulden, - der Knecht bedankte sich
untertnigst, - und wir stiegen frhlich ein und freuten uns ber die Keckheit
des Magisters.
    Der aber lie sich fein Gndiger Herr titulieren, setzte sich auf die
weiche Decke, die ihm der Knecht noch gegeben hatte, und wnschte sich und uns
eine gute Reis, indes der ander drauen den Handgaul beim Zaum fate, lustig mit
der Geiel knallte und aus dem Dorf fuhr.
    Unterwegs, da die Pferde gemchlich in der einbrechenden Nacht dahinstapften
und der Knecht pfeifend und singend nebenherschritt, lachten wir noch viel ber
diesen wohlgelungenen Streich und lobten die Schlauheit des Magisters.
    Der aber erwiderte schmunzelnd: O, das ist noch gar nichts! Da hab ich
frher schon feinere Stckln geliefert!
    Und erzhlte uns also die verschiedensten Streiche, die er als Studiosus,
als Reisender und als Vagabund schon ausgefhrt.
    So ging er einmal bei Sturm und Regen, ohne einen Knopf im Sack, hungrig und
durstig der Stadt Wien zu und dachte darber nach, wie er es anstellen mcht,
da er sich ohne grere Ausgaben einmal wieder ordentlich satt essen und seinen
ueren Menschen ein wenig vorteilhafter gestalten kunnt, als ihm etwas einfiel.
    Er lief also eilends zum Tor hinein, indem er dem Wchter eins jener
huldvollen Handschreiben aus frstlicher Feder unter die Nase hielt und sagte:
Es eilt, mein Lieber! - Seine Durchlaucht wollen mich sprechen!
    War also glcklich drinnen in der Stadt und begab sich sogleich in einen
Gasthof, daselbst er ein Zimmer begehrte, den Brief mit dem herzoglichen Siegel
vorwies und sagte: Wenn seine Durchlaucht nach mir senden sollte, dann meldet,
da ich momentan unplich sei. Ich werde in zwei, drei Tagen kommen!
    Fragte auch gleich, wann die Wechselbank geffnet sei, und befahl, man
mchte sofort nach einem Schneider und zwei Schustern schicken; denn er sei
unterwegs in den Platzregen gekommen und htte im Augenblick kein Gepck bei
sich.
    Man beeilte sich sogleich respektvollst, die Wnsche Seiner Gnaden zu
erfllen, wies ihm ein nobles Zimmer mit Kabinett an und bewirtete ihn
reichlich; ja - der Besitzer des Gasthofs lie ihm sogar ein Paar feiner
Staatshosen, neue Strmpfe und trockene Wsche bringen, damit dem Herrn Baron
nichts Unpliches zustoe.
    Nacheinander kamen nun die Meister, und er lie sich einen feinen Anzug
nebst zwei Paar Schuhen anmessen, sagte, da er die Sachen bestimmt in zwei
Tagen haben mte, holte aus dem alten Rock die Briefe der Frstlichkeiten und
legte sie offen auf den Tisch; sein altes Gewand aber schenkte er einem Armen.
    Am bernchsten Tag kam zur bestimmten Stunde erst der Schneider; der
Magister probierte die feinen Stcke und bemerkte, da ihn die Hosen ziemlich
spannten; darum sagte er: Ich glaube, Ihr mt die hintere Naht seichter
nehmen, lieber Freund! Bedenket doch, da ich als Gast des Herzogs viel
Komplimente machen mu! - Aber bringt mir die Hosen ganz bestimmt um sechs Uhr
wieder! - Den Rock und das Leibstck knnt Ihr hier lassen; - das pat.
    Mit tiefen Verbeugungen verschwand der Schneider.
    Nun trat der erste Schuster ein.
    Sogleich probierte der Magister die frnehmen Staatsschuhe und fand, da ihn
die linke kleine Zehe schmerze.
    Ach, sagte er zu dem devot vor ihm knienden Meister; schlagt ihn doch
noch zwei Stunden ber den Leist, den linken! - Und um drei Uhr bringt Ihr ihn
wieder; der andere pat wie angegossen!
    Unter vielen Entschuldigungen ging der gute Mann, und gleich darauf erschien
der andere Schuster.
    Wieder probierte der Magister und gab den rechten Schuh mit dem Wunsch
zurck, da er noch ein wenig ausgeraspelt werden sollte; denn beim Auftreten
steche ihn ein Stiften in die groe Zehe. Doch msse er den Schuh bestimmt bis
zwei Uhr wieder haben, da er beim Herzog zur Tafel geladen sei.
    Gewi, Euer Gnaden! - Schamster Diener! sagte der Meister und ging.
    Nun begab sich der Magister wohlausstaffiert hinab zum Wirt und fragte, ob
die Bank jetzt offen sei, er msse sich Geld holen.
    Jawohl, Herr Baron! Gerade gehts noch! sagte der Wirt; aber ich will Euer
Gnaden doch lieber ein Pferd geben. Reiten geht schneller denn gehen, und der
Bankportier kann ihn ja derweilen halten, den Gaul, bis Euer Gnaden fertig
sind!
    Lie also einen sauberen Fuchsen satteln, - und der Magister ritt frhlichen
Herzens zum Tor hinaus und bedauerte nur, da er die Gesichter der Geprellten
nicht mehr sehen konnte, wann sie es merkten, da der Vogel ausgeflogen war mit
ihren Federn. -
    Unter solchen Erzhlungen des Magisters waren wir schier die halbe Nacht
gefahren, als uns endlich der Schlaf berfiel und wir uns auf die harten Kisten
und Scke streckten.
    Da gab es dem Wagen pltzlich einen Ruck. Wir rissen die Augen auf, sahen
uns schlaftrunken an und krochen dann neugierig unter der Blache hervor.
    Da stand das Fuhrwerk vor dem Haus des Zolleinnehmers, und der Knecht
klopfte eben ans Fenster des Beamten.
    Holla! sagte da der Magister halblaut; jetzt ists aber Zeit, da wir
verschwinden; sonst kommts auf, was ich fr ein Vogel bin!
    Damit sprang er vom Wagen und rief dem Knecht zu: Die armen Kerle suchen
Arbeit; nun will ich sie einmal schnell zu meinem Vetter, dem Pfarrer von Maria
Hilf, fhren; der hat hbsch Holz zum Machen. - Also adjes, guter Freund! - Ich
werde nicht versumen!
    Der Knecht zog ehrfrchtig seine Haube und grte den Magister devot; wir
aber liefen frisch dahin.
    Es war ein schner Morgen; ber den Fluren und Wiesen lag ein glitzernder
Reif, feine Nebel stiegen auf und nieder, und unter uns in einem Tal lag die
Mnchnerstadt wie ein Schattenri mit ihren Trmen und Giebeln, Mauern und
Zinnen.
    Ein breites, dampfendes Wasser, das der Isarflu war, flo rauschend
zwischen herbstlich buntgefrbten Bumen und Bschen dahin, und aus dem
Nebelschleier ragten die mchtigen, grnlich schimmernden Kuppeln der Trme vom
Dom unserer lieben Frau.
    Glockengelut tnte zu uns herber, das Rufen und Juchzen der Fler drang
vom Flu herauf, und allerhand Fuhrwerke und Leut bewegten sich auf den zwei
Brcken, die unter uns ber die Isar nach dem Tor der Mnchnerstadt fhrten.
    Also trabten wir den Rosenheimer Berg hinab, vorbei an niedern Husern mit
kleinen Grten und geraniengeschmckten Fenstern, und schritten ber die
Brucken, darunter der Flu mit wilden, grngelben Wassern dahinflo.
    Vor dem Tor waren berall noch grne Wiesen mit Schafherden; Gnse und Enten
tummelten sich in Bchen, aus einer Kaserne ritten bunte Soldaten, im Wirtshaus
zum Postgarten blies ein Postillon etliche Landlermelodien, und unter dem
Isartor hobelte und schnitzte der Stadtwagner an der Deichsel einer frstlichen
Karosse; der Messerschmied daneben lie die Funken von seinem Schleifstein
sprhen, und ein Schlosser stie eben seine glhende Eisenstange ins kalte
Wasser und schlug und hmmerte sie zur kunstvollen Schnecke.
    Vor dem Zollwchterhaus aber stand ein alter Soldat der Polizei, fragte nach
unsern Papieren und machte, da ich mich in diesem Augenblick elender fhlte als
zu jener Stund, da ich alles verloren hatte.

                               Johannes Schrckh


Mit zitternden Fingern und groer Kmmernis und Angst im Herzen schnallte ich
mein Rnzl ab und holte umstndlich die Kundschaft und das Wanderbuch heraus,
unsere liebe Frau wieder einmal brnstig um Hilf angehend und den Magister, der
grad anstandslos als Karl Ludwig Harold, Geheimschreiber aus Darmstadt, das Tor
passierte, in alle Hllen und Verdammnisse verfluchend.
    Eben gab der Bcker seine Papiere hin, sagte, da er Philipp Leber heie und
in Mnchen Arbeit suche, und folgte darauf ebenfalls ohne Hindernis dem
Magister; darnach kam mein Ziehbruder, der Fritz. Der Beamte las laut:
Friedrich Glotz, Stallknecht aus Sonnenreuth, - Ihr sucht Arbeit? - Wird schon
was geben. - Knnt passieren.
    Nun war also die Reih an mir, und ich stand allein und verlassen von der
ganzen Welt vor dem gestrengen Gendarm, darauf gefat, da er im nchsten
Augenblick die Hscher rufe, mich in Fesseln lege und in den nchstbesten Turm
sperre als gemeinen Betrger.
    Aber er sagte blo: Stimmt. - Knnt passieren.
    Und gab mir den blichen Gegenschein fr meinen Reisepa.
    Noch umstndlicher, als ich meine Judasfetzen ehvor ausgepackt, tat ich den
empfangenen Wisch jetzt hinein in den Ranzen, sagte dem Alten mit bebender Stimm
Pfa Gott und ging mit schlotternden Knien hinein durchs Tor in die Stadt und
ins Tal Mari.
    Lachend standen meine Gefhrten vor dem Haus eines Bckers und empfingen
mich mit blem Spott, darber ich mich so stark erzrnte, da ich von ihnen
weglief.
    Der Magister aber eilte mir nach und redete mir zu, bis ich wieder umkehrte
und also mit ihnen beriet, was wir nun anheben wollten.
    Ich wei schon mein Teil! sagte der Bck; ich geh jetzt zu dem
Wecklmeister da hinein, - vielleicht hab ich Glck!
    Und trat also ins Haus, ber dessen Tr ein fein geschmiedeter Kranz mit dem
Zunftzeichen der Bcker hing und ein Schild: ZumDirnbcken.
    Indessen er drin verhandelte, gingen wir herauen langsam auf und ab und
lugten dabei verstohlen durch die Scheibe des Schiebfensters, dahinter der
feiste, mehlbestubte Meister neben seiner himmellangen Hausfrau stand und dem
Philipp seine Kundschaften abverlangte.
    Es dauerte eine geraume Weil, eh der Kamerad wieder aus dem Haus trat; da er
aber endlich erschien, lachte er voll Freuden und nahm von uns Abschied.
    Bin schon gedungen! sagte er. Ist ein guter Herr, der Meister. - Drei Tag
Prob ums Essen, - darnach fix auf drei Jahr, wann ich mich gut halt. - Herrgott,
bin ich froh drber! - Ich wnsch euch das gleiche Glck! - Und ...
    Er langte in den Sack und zog alle seine zusammengefochtenen Groschen und
Kreuzer hervor: Da - teilts es frhlich miteinander! - Und jetzt bht euch der
Himmel!
    Wir wnschten ihm alles Glck und nahmen sein Geschenk gern an. Dann
versprachen wir ihm, zum nchsten Sonntag vor dem Haus zu stehen und auf ihn zu
warten.
    Und also gingen wir, indes er seine Ballonhaube schwenkte und wieder ins
Haus trat.
    Im Tal Mari war schon lautes Leben und Treiben, da wir so
durchmarschierten. Schwerbeladene und mit feisten Ochsen bespannte Bierwgen
kamen aus einem Bruhaus, aus der Hufschmiede daneben drang beiender Rauch und
das Fluchen der Gesellen. Vor der Werkstatt eines Sattlers hielt eine
Staatskarosse, whrend daneben aus der Hochbruckenmhl die weien Mahlburschen
mit schweren Scken aus dem Tor keuchten und einen Wagen beluden. Kraxenweiber
und feine Kochmamsellen, alte Bauern und junge Gecken liefen durch die Gassen;
prunkvoll in Samt und Seide gekleidete Brgersfrauen und silberstrotzende Mnner
kamen aus einer Kirchen. Ein Tndler stand unter seiner Ladentr, hatte eine
endsgroe Brille auf der Nase und stubte und blies an einem alten Ministerrock
und schimpfte nebenzu grimmig auf den Gestank, welchen der Weigerber mit seinen
Huten und Fellen um sich verbreitete, da er sie vom Karren hob und ins Haus
trug. Ein Fuhrwerk mit feinem weien Sand zum Fegen der Bden und Bnk stand vor
dem Wirtshaus zum Lffelwirt, und der Lenker des alten, hinkenden Schimmels
schrie in langgezogenen Tnen: Wei Saand! Dabei er aber von einer
buntgewandeten Jungfer, die zwo Flein in einer Kraxe am Rucken trug,
berschrien wurde; denn sie lockte die Frauen und Kochdirnen ringsum aus den
Husern mit ihrem Ruf: Rhrmilli und Butter!
    Ein alter, zusammengeschrumpfter Salzstler mit erfrornen Backen und
trpfelnder Nase stand hinter der trben Scheibe seines Ladenfensters und sah
neidig auf die schweren Kisten und Ballen, die daneben vor dem Tor des reichen
Handelsmannes und Seidenhndlers abgeladen wurden, indes ein Gendarm dabei Wache
hielt, da nichts gestohlen wurde. Zwei Diener liefen mit einer Snfte, darin
ein steinalts Mnnlein mit langstieligem Spekulierglas und gepuderter Percke
sa, dem Ratstor zu und stieen dabei schier einem Burschen seine zwei
gromchtigen Ksrder vom Kopf, die er eben aus einem Gewlb trug.
    Vor dem Haus eines Branntweinbrenners hielt der Magister an und sagte:
Jetzt gehn wir einmal zuerst da hinein auf ein Glas Bittern. Und dann reden wir
weiter!
    Also traten wir ins Haus, das man den Heiliggeistbranntweiner hie, und
darin schon mnniglich Leut beieinander saen und standen: Alte und Junge,
Bauern, Hndler, Handwerker und Brger, ihr Stamperl tranken oder etliche Krg
fllen lieen und daneben sich mit jedermann anlieen und unterhielten.
    Und da wir also unsere himmelblauen und grnen, gepreten Glslein nahmen
und auf gut Glck anstieen, trat einer zu uns, ein aufgeblhter, rotkopfichter
Mensch mit schweren Silberknpfen an seinem braunen Rock, und fragte leutselig,
wo wir herkmen.
    Sagten wir: Von den Bergen - Arbeit suchen.
    Darauf er unser Gewerb wissen wollt und jeden drum fragte.
    Der Magister aber nannte ihm willig statt unser alles: Der ist ein guter
Stallknecht fr Ochsen und Kh, Rindvieh und Ro߫, sagte er vom Fritz; der da
ist ein Maler oder Anstreichritter - zwar nicht gro, aber ein firmer Gsell,
rhmte er von mir und meinte dann von sich selber: und ich bin ein alter
Schreiber, Sekretr und Stiefelzreier.
    Der ander betrachtete uns eine Weile prfend; dann fragte er meinen
Ziehbruder: Kann er melchen?
    Freilich! sagte der Fritz; melken und buttern, fttern und stallrumen.
Und in der Feldarbeit da fehlt sich auch nix.
    Worauf sich der Alt noch ein Glas Schnaps einschnken lie und die Papiere
des Bruders zum Durchschauen verlangte.
    I bin Millihandler, sagte er darnach; i kunnt di schon ganz gut brauchen;
- was verlangst denn?
    Was halt der Brauch ist, erwiderte der Fritz; ich mach mein Sach richtig
und la nix ber mein Vieh kommen. - Was zahlts denn?
    No ja, meinte der Milchhndler bedchtig und trank; no ja. I gib dir, was
recht is: vierazwanzg Gulden im Jahr und ein Paar Schuh. Nach zwo Jahr vier
Gulden mehr, und den Drangulden extra.
    Jawohl, sagte der Fritz; so, wies halt der Brauch ist. - Um das mcht ich
schon anfangen bei Euch!
    No ja, nachher is ja alles recht und richti! erwiderte der Alt und zog
einen gestrickten Geldbeutel aus der Hose. Nachher gib i dir also glei dein
Drangeld, und du gehst auf der Stell mit.
    Also war auch der Fritz gut unter Dach. Der Magister aber sagte: Kann man
vielleicht inne werden, wo Euer Sach ist, Herr? - Er bekmmert mich, der junge
Kampel!
    Dees kinnts scho inne werden, erwiderte ihm der Alt. I bin in der
Salzgassen und hab a schns Sacherl. Bei mir hoat mans zum Fischer Simmerl;
knnts schon amal kommen zu eahm auf d' Nacht nachn Feierabend.
    Ach Gott, wie war mir in dieser Stund elend in meinem Gewissen! Denn ich
gedacht mit Angst und Grausen des Augenblicks, da auch an mich die Frage km:
Wer und was - woher und wohin?
    Er kam leider nur zu schnell, dieser Augenblick! Denn der Milchhndler
wandte sich an einen hageren, weihaarigen Mann, der hinter dem Schanktisch beim
Branntweiner stand und ein gemaltes Schild in Hnden hielt, mit den Worten:
Behringer! - He, Behringer! - Geh amal her! - Hast nit du gsagt, da dir a
Junggsell mangelt in deiner Werkstatt?
    Der Angeredete ging auf uns zu und fragte: Warum? - Hast leicht oan?
    Jawohl, Euer Gnaden! rief da geschwind der Magister und nahm mich bei den
Schultern: Wenn Euer Gnaden geruhen wollten, den Burschen auf eine Probe zu
dingen! - Er ist ein Vetter von mir, - versteht sein Sach von Grund aus, - kann
blo mit den Leuten nicht recht umspringen. - War ja auch sein Lebtag immer bei
der eigenen Freundschaft; - gewhnt sich aber schon noch an die fremden Leut. -
Welchen Zweig der edlen Malerei pflegen Euer Gnaden, wenn man fragen darf?
    Mir tean vergolden und Figuren von die Herrn Bildschnitzer bemaln,
erwiderte der Meister; der Dreler in der Hackenstra und i - mir san die
oanzign von dem Fach. - I hab halt zwoa Altgselln und vier Junggselln in der
Werkstatt, ohne die Lehrbubn. - Wie heit er denn, der Krowat? - Hat er
Kundschaft?
    Schrckh, Euer Gnaden! beeilte sich der Magister statt meiner, der ich
dastand wie Sankt Sebastian mit den fnfzig Pfeilen im Leib; Johannes Schrckh.
- Hallo - geschwind deine Flebben, Bursch! - Nur nicht so verdattert, mein
Lieber! - Der Meister wird bald genug Respekt vor dir kriegen!
    Langsam, als tt ich mein Halstchl ab, damit mir der Scharfrichter den Kopf
leichter abhauen kunnt, holte ich die verfluchten Hadern heraus und gab sie dem
Magister hin, denkend, es wr wohl das Best, wenn mir unser lieber Herr in dem
Augenblick geschwind einen sanften Tod schenkte.
    Aber ich blieb lebend und gesund und hatte eine Weil darnach einen
brennenden Dinggulden in der Hand.
    Der Magister aber bedankte sich mit geschraubter Red bei dem Meister und
fragte, ob er mich einmal aufsuchen drft mit Verlaub Seiner Gnaden.
    Aber gwi! sagte dieser. Kommts nur, wenns Euch beliebt! - Ich habs gar
nit ungern, wann hie und da eins von der Freundschaft ein bil dahinter steht
mit der Fuchtel! - Sie schlagn dann nit so leicht ber d' Strng, find ich!
    So ists! sagte der Erzgauner, der scheinheilige. Und wo sind Euer Gnaden
zu finden, wenn man fragen darf?
    Ja so, erwiderte ihm mein Meister; also, wenn Ihr Euch merken wollt:
Christian Behringer is mein Nam; Mal- und Vergolderwerkstatt, - glei da drben
im Hackenviertel; - Brunngassen. 's erste Haus linker Hand, wenn man von der
Hundskugel rein kommt. - Unser liebe Frau steht gro ber der Haustr in der
Nischen.
    Da bedankte er sich noch einmal, der Magister, gab mir gute Lehren und
schne Wort und versprach, mich am Sonntag nach dem Essen zu besuchen, mit
Verlaub.
    Ich aber wut nicht Red noch Antwort, fhlte nicht Schmerz noch Lust und
stand auf meinem Fleck, indes in meinem Hirn der eine Gedanke umging: Gfehlt
ists! - Aus ists! - Du bist ein Lump!
    Mittlerweil hatte sich der Milchbauer mit dem Fritz auf den Weg gemacht, und
der Magister nahm nun ebenfalls von uns Abschied, trank sein Glas aus und ging.
    Da gab ich mir einen Ruck und dachte, wenn ich erst einmal eine Weil bei dem
Meister wr und er keine Klag ber mich htt, dann kunnt ich ihm ja leichtlich
alles erzhlen.
    Und bis dahin wrd es schon gehen mit der Hilf Gottes.
    Ging also mit ihm und trat hinaus in die sonnbeschienenen Gassen und folgte
meinem Meister durch das feinbemalte Ratstor ber den Marktplatz mit der lieben
Frau auf der Sulen, vorbei an den Stnden der Hndler und hinein in schmale
Gassen und enge Winkel, bis wir endlich zu dem Haus mit der groen Madonna
kamen.
    Aufrecht ging ich durchs Tor und hinein in die Werkstatt, da der Meister mir
meinen Platz neben einem Altgesellen anwies und sagte: Also, Hans, probiern
wir's halt in Gottsnam.
    Nun hatte ich also eine Arbeit, einen Meister, einen Platz beim Altgesellen
- aber kein Gewand, wie es die znftigen Maler gemeiniglich bei ihrem Schaffen
tragen.
    Sagte also derhalben zum Meister: Es wr mir lieb, Meister, wann ich gleich
meine Kluft ablegen kunnt und ein anders Gwand anlegen. Auch hab ich mir noch um
kein Logis gschaut.
    Das kannst im Haus haben, erwiderte der Meister; bei mir loschiern alle
im Haus, die bei mir werken! - Habs nit mit den Auswrtsschlaf ern! - Hngt sich
leicht allerhand an! Und - was ich sagen will, - Kittel und Schawer findst da
hint, in dem Kasten, was d' brauchst.
    Also suchte ich mir meinen Habit aus und folgte darnach dem Meister hinauf
unters Dach, da drei niedere Kammern fr die Gesellen gerichtet waren mit
sauberen Betten, blechernen Waschschsseln und steinernen Wasserkrgen. Vor
jedem Bett stand ein blank gescheuerter Hocker und eine niedere Truhe, und an
der Wand hing ein einfacher Herrgott, mit Palmbscheln und Antlaskrnzlein
geschmckt. In den geblmten Zeugvorhngen steckten allerhand Zunftzeichen und
Anhngsel, Blumenstrulein und bunte Bnder, und auf einem Fensterbrett stand
einschichtig ein magerer Rosmarinstock.
    Der Meister hatte derweil seine Ehefrau gerufen; und die lchelnde,
rundliche Meisterin mit ihrem blonden Haarschopf, darin ein gromchtiger,
geschnitzter Hornkamm steckte, rief mit heller Stimm, indem sie eilig ihre
blumenbestickte Leinenschrze zurckschlug und glttend ber die Kissen eines
Bettes strich: Ja, was is dees, Vater! - Ham ma scho wieder oan! - So so! - Na,
dees is recht. - Wie heit er denn? - Is er auch brav und ordentlich? - Und
gsund? - Kennt er unsern Herrgott noch? - Geht er schn in d' Kirch? - Er hat
doch hoffentlich kein Schatz? - Gwi nit? - Also - dann ists recht. - - Acht
gebn aufs Bett! - Kein unntzen Dreck machen! - - 's Bettgwand nit zreien! -
fters beichten gehen! - Den Boden nit vollspaizen und 's Waschwasser nit in d'
Dachrinn gieen! - Und nit streiten! - Und im Haus Filztapperln tragen! - Also.
    Und sie nickte mir freundlich zu, lie die Schrze wieder fallen und lief
die Stiegen hinab, da ihr Schlsselbund rasselte.
    Da zog ich mich eilig um, tat einen Stoseufzer und folgte darnach dem
Meister wieder in die groe, lichte Werkstatt, in der berall Engel und Heilige,
Madonnen und Wandherrgotte umeinanderlagen und standen; bald aus Holz, bald aus
Gips, alabasterne und steinerne, bemalte und vergoldete.
    Hier strich einer frisch an dem lichtblauen Mantel der Himmelsknigin, dort
malte einer die Schuhriemen des heiligen Florian; der rieb auf einer glsernen
Platte emsig die Farbe an, und jener setzte eben goldene Sterne auf das Gewand
eines Cherubs.
    Der Altgesell aber, dem ich zur Hilf zugeteilt ward, malte kunstvoll das
Antlitz eines Herrgotts am Kreuz; bleich, mit blulichem Unterton, die
halboffenen Augen voll Schmerz und Leid im Ausdruck.
    Etliche Lehrlinge liefen geschftig mit Farbtpfen und Goldlackhfen herum,
wuschen Pinsel, trugen den Gesellen le oder Paletten, Tpfe oder Npfe zu und
machten dabei ihre Spe und Umtriebe.
    Der Meister holte derweil einen Pack leerer Wandkreuze, legte sie fr mich
hin und sagte: So, die mssen sauber schwarz gstrichen werdn. - Der Benno soll
dir's Farbhaferl bringen und Pinsel! - Gregori, schaugst ihm halt hie und da auf
d' Finger, da ers recht macht, sein Sach!
    Mein Altgesell nickte, und ein Lehrbub brachte mir alles, was ich brauchte.
    Also begann ich meine Arbeit, die ich wohl begriff; denn ich hatte schon
beim Bildlthomas viele Rahmen bemalt, gestrichen und vergoldet.
    Der Gregori brauchte kein Wort zu reden und war mit dem Anfang so wohl
zufrieden, da er am Mittag zum Meister sagte: Schafft gar nit schlecht, der
Binkel! - I denk, mir lassen ihn morgen bei den Birchmayer-Aposteln 's Grundiern
anfangen.
    Was mir einen wohlgeflligen Blick vom Meister eintrug.
    Um die Essenszeit begann es in der stillen Werkstatt pltzlich lebendig zu
werden, und die schweigsamen Gesellen fingen an zu scherzen und zu singen, zu
lachen und zu pfeifen, bis es ringsum von den Kirchen und Kapellen zum Mittag
lutete.
    Da stellten sich alle auf einen Haufen zusammen, wandten sich gegen Aufgang
der Sonne, da in der Ecken ein mattes llicht vor einem dornengekrnten Herrgott
an der Geielsule brannte, und beteten laut den Angelus Domini und das
Tischgebet.
    Darnach rief einer dem andern einen guten Tag zu, wnschte ihm einen
gesegneten Appetit und wusch sich in einem Schaff voll Lauge die Hnd, worauf
man sich der Arbeitskleider entledigte und zum Tisch ging.
    Da trat man zu ebener Erd in eine geraumige Stuben, darin in der Mitte ein
endsgroer Tisch aufgedeckt war. Ringsum standen schwarze Ledersthle, und an
der Wand neben dem Kachelofen war ein ledernes Kanapee, darauf der Meister sa
und in der Zeitung bltterte.
    Ein Kommodkasten, darauf eine Stockuhr, ein Christkind unter einem
Glassturz, ein Arbeitskorb und ein Zinnkrug standen, ein Wandschrnklein und ein
Spinett machten die Einrichtung fertig.
    Man wnschte also dem Meister guten Appetit und setzte sich, nachdem er
zuerst Platz genommen, rings um die Tafel.
    Lchelnd trug die Frau Meisterin eine endsgroe Schssel voll
aufgeschmelzter Brotsuppe mit Zwiebeln auf, wnschte, man mcht sichs schmecken
lassen, und schpfte sich darnach ein wenigs in einen zinnernen Teller, whrend
der Meister mit uns gleich aus der Schssel a.
    Da gings in schnem Takt und guter Ordnung: erst der Meister, dann der
Gregori; darnach der zweit Altgsell, die Junggsellen, dann ich und drauf die
Lehrbuben. Den letzten Lffel hatte noch der Meister.
    Nun brachte die Meisterin jedem einen hlzernen Teller und stellte eine
Schssel voll Kndel, eine Platte mit dnnen Fleischschnitzeln und einen Hafen
voll Kraut auf den Tisch.
    Dazu ging der Brotlaib und der Wasserkrug die Runde, und schweigend hielt
man seine Mahlzeit, bis der Meister das Wort ergriff und etwas ber den Tisch
fragte. Da durfte ein jeder schwatzen und wohl auch einen Spa treiben, bis die
Hausfrau an ihren Teller klopfte, aufstand und mit singender Stimme den Dank fr
Gottes Gaben betete.
    Nach diesem sagte ein jeds Gelts Gott und begab sich gemchlich wieder in
die Werkstatt, da dann geschafft wurde bis um drei Uhr. Drauf wurde gevespert
und darnach der Tag mit fleiigem Tun beendet.
    Nach Feierabend gings an ein groes Waschen und Kmmen; denn die Meisterin
als eine adrette Frau liebte nichts Ungepflegtes und htte gewilich jeden, der
unsauber zum Nachtkaffee gekommen wr, vom Tisch gewiesen.
    Mein Altgsell, der Gregori, hatte gleich Freundschaft mit mir geschlossen
und schlug mir nun einen kleinen Spaziergang vor, dazu ich gern ja sagte.
    Noch etliche waren dabei, und so gingen wir unter heiteren Gesprchen ein
wenig hinters Haus, durch einen schnen Garten mit barocken Sandsteinfiguren,
Brunnen und Bnken, vorbei an einem kleinen Pavillon mit einem Eisengitter um
den Balkon, wie Filigran so fein und durchsichtig; ber einen schmalen Fuweg
durch eine Wiese und zu einem Bach, daselbst wir die F ins eisige Wasser
hingen und die andern mein bisherigs Leben und Treiben aus mir herausfragen
wollten. Da wurde leider mein eingeschlafens Gewissen wieder erweckt, und ich
gedacht mit groer Trauer meines Leichtsinns, diese Schwindelfetzen vom Magister
angenommen zu haben.
    Kunnt auch in der Folg nicht gar froh werden trotz aller Lieb des Meisters
und der Freundschaft meiner Kameraden; denn es bedrckte mich, da alles dies
nicht mir, sondern einem Fremden galt, der vielleicht in Wirklichkeit irgendwo
am Galgen baumelte oder noch gar nicht zur Erden geboren war.
    Und ich nahm mir wohl hundertmal vor, dem Meister alles zu beichten; dazu es
aber leider Gottes niemals kam aus feiger Furcht, es mcht mich die Achtung der
andern und die Lieb des Meisters kosten.
    Zudem arbeitete ich mich tglich besser ein in mein Handwerk und tat es
schier dem Gregori gleich. Hatte auch wieder angefangen zu schnitzen und
schenkte bald dem einen, bald dem andern ein geschnittenes Schchtlein, einen
Rahmen oder ein Figrl.
    Und da ich einst mit dem Gregori zu einem Bildhauer in der Hundskugel kam,
betrachtete ich mit heier Gier die Werkstatt und die Gerte, die Modelle und
Zeichnungen und bat schlielich den Meister Birchmayer, der eben aus einem
Haufen Lindenstck etliche aussuchte, er mg mir doch ein Scheitlein schenken,
weil ich auch diese Kunst probieren mcht.
    Worauf mich der Knstler einen Augenblick streng prfend ansah, darnach
lchelte und sagte: Gerne! - Wenn du glaubst, du kannst es, so mach nur einmal
was Rechtes! - Aber ich frcht, es wird dir doch nicht so fein von der Hand
gehen, wie du es im Kopf hast!
    Damit gab er mir verschiedene weiche Hlzer, fragte, ob ich auch Werkzeug
htt, und meinte zum End: sehen mcht ers aber doch schon ganz gern, was ich
zustand brcht.
    Heia! Da sa einer von nun ab jeden Tag nach Feierabend bei seinen Kltzen,
schnitzte und schabte, linste und pate und hielt sein Werk alle Augenblick
prfend vor sich hin, ob alles recht wrd!
    Und nach Verlauf etlicher Wochen stand ich mit klopfendem Herzen wieder beim
Meister Birchmayer und hielt ihm das Tuch hin, darein ich meine Schpfungen
sorglich gewickelt hatte: eine Statuette der Madonna, einen Christus am Kreuz
und zwei Leuchter.
    Starr sah mich der Meister an, schttelte nachdenklich den Kopf, betrachtete
die Dinge lange und sagte schlielich, indem er den Christus in der Linken hielt
und leise mit den Fingerspitzen der Rechten darberstrich: Wer hat dich denn
das gelehrt?
    Niemand, erwiderte ich ihm; ich hab schon als kleiner Bub geschnitzelt; -
und mein Kathreinl ...
    Erschreckt hielt ich inne, und eine heie Rte stieg mir ins Gesicht. Der
Knstler aber sagte lachend: So so! Auch schon verliebt! - Na - ist ja deine
Sache! - Also - dein Kathreinl ...?
    Voller Verlegenheit sagte ich ihm nun, da die schon einen Haufen solcher
Dinge von mir htt und da ich schon oft gedacht htt, ich mcht einmal auch was
ganz Groes, Gutes zuwegbringen.
    Da legte der Meister meinen Christus wieder hin und sagte: Ich will dir
dazu helfen. La die Stcke hier liegen, bis mein Freund Boos hier war, dann
sehen wir weiter. Und komm am Sonntag wieder. - brigens: wie heit du denn
eigentlich, und wer sind deine Eltern?
    Mir war, als htt mich ein Schlag gerhrt bei dieser Frag. - Starr und
hilflos blickte ich auf meinen Herrgott und die Madonna, - und dann kams mir
pltzlich wie Wasser von den Lippen: Eltern hab ich keine. Mathias Bichler hei
ich und aus Sonnenreuth bin ich. Meine Zieheltern waren die Memersleut von
Sonnenreuth. Beim Weidhofer hat mans gheien. Und mein Kathreinl ist jetzt die
Lackenschusterin von Sonnenreuth. Bei der htt ich als Viehbub dienen sollen und
bin davon.
    Und erzhlte ihm meine Schicksale bis dahin, wo ich die Komdiantenbrut
kennengelernt hatte.
    Aber da kam ein hochbetagter Herr mit einer ltlichen Mamsell, ein Freund
des Meisters, wie es schien, und ich mute gehen.
    Mit herzlichen Worten reichte er mir noch die Hand und sagte zuletzt: Komm
ja wieder! Du freust mich. - Und nimm dir wieder ein paar Holzkltze mit!
    Band mir also etliche in mein Tuch und geleitete mich hinaus.
    Leichten Herzens lief ich heim und tat, was ich seit langem nicht mehr
getan, - sang und jodelte, juchzte und pfiff aus bergroer Freud.
    In den nchsten Wochen aber schnitzte ich meiner Meisterin eine zierliche
Madonna und dem Meister einen feinen, verschnrkelten Rahmen zu seinem Bild, das
ihm der Gregori als Silhouette geschnitten hatte; darber gro Lob und eitel
Freud im Hause herrschte.
    Es mocht jetzt so ein halbs Jahr sein, da ich in dem Haus des Malers lebte
und die Heiligen anstrich; hatte auch eine frhliche Weihnacht daselbst gefeiert
und mich gut eingewhnt.
    Da rief mich eines Sonntags der Bildhauer Birchmayer zu sich und erklrte,
ich kunnt bei ihm ohne jedes Lehrgeld als Jnger eintreten, sobald ich wollt.
Seine Freunde Muxl und Kobell sowie der alte Professor Boos, der neulich mit
seiner Tochter grad dazugekommen wr, als ich ihm meine Werke berbracht htte,
seien gern bereit, mich zu untersttzen, damit was Ordentlichs aus mir wrd.
    Mit Trnen in den Augen erfate ich seine Hnd und brachte doch kein Wort
des Danks hervor.
    Und dann lief ich davon und eilte heim, meinem Meister sogleich die
Botschaft zu bringen und ihm zugleich die Wahrheit ber meine Person zu sagen.
    Aber es war leider kein Mensch zu Hause, und ich muts bleiben lassen.
    Ging also langsam durch die Stadt, bis mir mein Ziehbruder und die andern
zwei Gesellen einfielen; denn der Magister hatte sich noch nicht einmal bei mir
blicken lassen, und auch ich war die ganze Zeit ber niemals mit einem oder dem
andern zusammengekommen aus eben der Ursach, mein wirklicher Name mcht dadurch
an den Tag kommen.
    Und so berlegte ich grad vor dem Kaffeehaus zum schnen Turm, ob ich nicht
einen von ihnen - etwan den Fritz - aufsuchen sollt, als mir unser Gregori auf
die Schulter klopfte und sagte: He, Hansl! - Bist auch alleinig? - Magst nit
mitgehen in die Tanzschul? - Menuett und Deutsch lernen? - Kost blo zwei Gulden
frs Jahr!
    War mir nicht bsunder angenehm, da ich sollt da mitgehen; aber ich fragte
doch, wo es wre, darauf der Gregori sagte: Drunten beim Kosttor, - in der Arch
Noe. - Gibt allerhand Leut und Madeln dort: Bcken, Mller, Knecht und Mgd,
Kocherln, Nahterinnen und halt allerhand. - Is ganz lustig dort; - der
Gerstenegger Hiasl, ein Schustergsell, hat die Gschicht ber sich. - Also, was
ists? - Gehst mit?
    Und schob also seinen Arm in den meinen und nahm mich mit durch die Stadt,
da wir hinab zur Kosttorkasern muten, wo auch der Falkenturm, ein hartes
Zuchthaus, und die churfrstlichen Hofstlle standen.
    Auch hier flo ein Wasser durch, der Kainzmllerbach geheien; eine Brucken
fhrte grad vor dem Wirtsgarten drber, und ber eine kleine Stiegen hinab kam
man in das Haus, auf dessen Fassade eine gut gemalte Arche Noe prangte.
    Wir begaben uns erst in die vollbesetzte, allgemeine Wirtsstube, einen
dunklen, verrucherten Raum, ber dessen Wnde sich uralter Epheu hinspannte und
den vielen Heiligenbildern samt dem Gemld des verstorbenen Churfrsten Carl
Theodor eine feine Zierde gab. Von der Weidecke hingen an Ketten etliche
Glasksten, darin die Wahrzeichen verschiedener Znfte in beraus zierlicher
Darstellung prangten. So sah man in dem einen die getreue Nachbildung eines
churfrstlichen Prunkwagens samt Pferden und Kutschern, Dienern und Lakaien. In
einem andern waren eine Menge winziger Hte aller Zeiten und in allen Formen und
Farben aufgeschichtet, und wieder ein anderer enthielt einen ganzen Bienenkorb
aus Wachs, mit feinen wchsernen Blumen verziert, darauf Bienen von der gleichen
Materie saen.
    Rings an den Wnden waren Rehkpfe aufgemacht, daran die Gst ihre Ht und
Hauben hingen.
    An einem der niederen Fenster sa ein kleiner Affe mit einer Miene wie ein
alter, verkmmerter Schulmeister, wiegte sich auf der schaukelnden Stange und
klopfte dazu, so oft er drauen jemand kommen sah, an die Scheiben.
    Ab und zu sprang er von seiner Stange, kletterte, so weit ihn seine Kette
lie, am Epheu entlang und schaute neugierig und interessiert hinber zum andern
Fenster, da wohl leichtlich an die dreiig Vgel in einem geschnitzten, mit
Trmen und Fhnlein gezierten Flughaus sangen und lrmten.
    Pltzlich stie er einen quiksenden Schrei aus und kehrte hastig wieder
zurck auf seinen Platz.
    Indem ich den wunderlichen Burschen noch betrachtete, zupfte mich der
Gregori am rmel und sagte: Gehn wir wieder, - es ist niemand da, den ich
kenn.
    Und fhrte mich also hinauf ber eine Stiege in den Tanzsaal, wo mnniglich
beieinanderstand, fein in Paare gericht und auf den Beginn der Musik harrend.
    Nun gab der Tanzmeister mit seinem langen, bandgeschmckten Stab ein Zeichen
in die Ecke, wo auf einem Podium zwei Blser und ein Geiger saen, zhlte: Eins
- zwei - drei - eins! und der Reigen begann.
    Wir drckten uns unbemerkt in einen Winkel und sahen zu, indes die Paare
stampfend oder schleifend, wirbelnd oder drehend an uns vorbertanzten und der
Meister bald diesem, bald jenem Paar einen Wink gab.
    Nach beendetem Reigen rief der Lehrmeister etliche Tnzer beim Namen und
sagte: Oh! Oh! - Was war das fr ein Gehopse, Jungfer Gertraud! - Sag ich Euch
nicht immer, Ihr sollt nicht so konfus herumhpfen! - Und Ihr, Mosj Engelbert!
- Wo habt Ihr denn Euern linken Arm wieder hinplaziert! - Mamsell Kuni! - Nicht
doch - nicht doch! - Ihr verdreht ja die Augen beim Walzen, als seien sie
Wagenrder! - Und Ihr da hinten - Mosj Benno! - Nicht so stampfen, sag ich! -
Mu denn wirklich alle Welt wissen, da Ihr ein Bruknecht seid! - Eleganter,
sag ich, - eleganter! - Nun noch einmal!
    Und der ganze Reigen wurde wiederholt.
    Diesmal gings zur Zufriedenheit des Meisters; denn er lchelte freundlich,
nickte beifllig bald diesem, bald jenem Paar zu und rief entzckt: Scharmant!
- Ich applaudiere! - Admirabel! - Grandios! - Es ist gut, - wir wollen
pausieren!
    Whrend der Pause stellte mich der Gregori dem Meister Gerstenegger vor und
sagte, da ich die Absicht htte, bei ihm das Tanzen zu lernen; darber der Geck
schier krumm wurd vor lauter Katzbuckeln und sagte: Ah! Scharmant! - Ich habe
die Ehre, Mosj, Herr Baron! - Meine Referenz! - Freut mich, freut mich! - Mit
Vergngen zu dienen, Euer Gnaden! - Aber - pardon - fr heute, bitte ich, blo
geflligst zuzusehen! - Pardon! - Gehorsamster Diener, meine Herren!
    Er verbeugte sich noch einmal und schwnzelte darnach durch den Saal an
einen kleinen Tisch, daselbst er sich mit Bier und Ks erfrischte. Wir machten
uns nun an eine der Gruppen an, die lngs der Wand auf ledergepolsterten Bnken
Platz genommen hatten, aen und tranken und sich lachend und scherzend
unterhielten.
    Hier packte eben ein schwarzhaariges Kocherl ein feistes Ganshaxl aus und
legte es ihrem Tnzer mit sem Lcheln auf die Knie; dort steckte ein Bcker in
lichtblauer Uniform seiner Partnerin eine feuerrote Nelke aus Papier an die
Brust; wieder andere stieen auf ihre Gesundheit an und machten allerhand Witze,
die der Gregori mnchnerisch nannte.
    Eine groe, blasse Jungfer aber sa ganz allein bei einem Glslein Met und
hatte niemand, der sich mit ihr unterhielt.
    Zu dieser setzte ich mich nun und wnschte ihr einen guten Tag.
    Seid Ihr ganz allein da, Jungfer? fragte ich.
    Jawohl, erwiderte sie; meine Freundin, die sonst immer mit mir hergeht,
ist leider Gott krank.
    Lernt Ihr auch tanzen - mit Verlaub? kam ich wieder.
    Ei freilich! lachte sie; sonst wr ich wohl nicht da!
    Ganz richtig, meinte ich verlegen; darf man vielleicht wissen, - wer und
was?...
    Ei, sieh da! rief das Mdchen auf solche Red hin aus; wie kommt Ihr mir
vor, Mosj! - Hat eins schon so was erlebt! - Fragt mich der Gischpel um meine
Privatsachen und sagt nicht einmal, wie er heit! - Ein sauberer Kavalier!
    Und machte also, da ich vor Verlegenheit nicht mehr aus noch ein wute.
    Aber mein Kamerad war derweil wieder zu mir getreten und half mir aus der
Klemm: Oho! Jungfer Lisbeth! - Nit so aufbegehrn! - Der Jungherr ist mein
Kamerad - ist ein zermer Knstler und ein feiner Bursch! - Der kriegt andere
auch noch, wie so eine einschichtige Flickmamsell! - Gell, hat dich dein
Schorschl heut versetzt! - Da drben hockt er, - schau! - Bei der schnen
Christl - bei deiner Freundin!
    Nun erbarmte sie mir doch; denn sie wurde erst rot, dann bleich und sagte
blo halblaut: Geh zu, - boshafter Mensch!
    Worauf sie der Gregori noch einmal spttisch ansah und dann zu einer der
Gruppen trat, bei denen es am lautesten zuging.
    Ich aber blieb nun bei der traurigen Jungfer, setzte mich neben sie und fing
ein Gesprch mit ihr an.
    Sie war nun recht freundlich, und wir unterhielten uns gar gut, indes ihre
bleichen Wangen langsam wieder Farbe bekamen.
    Und ehe der Tanz wieder begann, fragte ich sie noch schnell um ihre
Huslichkeit und versprach, sie zum nchsten Sonntagskurs abzuholen; darber sie
gar nicht ungehalten war. Mittlerweil wurde es gemach Zeit, da wir ans
Heimgehen dachten, und der Gregori nahm meinen Arm und zog mich aus dem Saal.
    Und also trabten wir gemtlich durch die matt erleuchteten Gassen und gingen
heim, da schon die andern in weien Hemdsrmeln um den Tisch in der Estube
saen und diskutierten, bis die Frau Meisterin im Sonntagsstaat mit Locken und
silbernen Nadeln, mit gesticktem Mieder und goldener Riegelhaube eintrat und
eine groe Platte mit Wrsten auftrug, jeden fragte, ob er auch in der Vesper
oder im Rosenkranz gewesen wr, und daneben eine Schssel voll Kraut
herumreichte, indes der Meister am Kanapee lag, die Stirn in Falten zog und nach
dem Bierkrug rief. Darauf ihm die Meisterin sein gottslsterliches Saufen
vorhielt und ihn zu Bett brachte.
    So ging also der Tag um, der letzte, den ich als ein Malergsell verlebte;
denn schon der ander Morgen brachte mir ein Ereignis, das die Wahrheit des
Sprichworts wieder einmal klar bewies: So sich einer die Suppen einbrockt, soll
er sie auch auslffeln.

                                    Im Turm


Die Frau Meisterin hatte mir grad noch eine extrige Butterbretzel zu meinem
Kaffeeweckl gelegt, nachdem ich ihr und dem Meister als erster einen guten
Morgen gewunschen, da wurde drauen der schwere Trklopfer dreimal laut
vernehmbar, und ins Haus traten zwei Gendarmen und ein Polizeidiener.
    Mit Verlaub, Meister Behringer! sagte der Diener, da ihnen der Meister
aufmachte. Gut Morgen. - Haben was Fatals heut, - mit Respekt zu melden - ganz
was Fatals. - Es soll nmlich - mit Verlaub - in Euerm Haus ein ganz
gefhrliches Individium - respektive - Subjekt sein, ein Erzspitzbub,
Einbrecher, Straenruber und - mit Respekt zu melden - ein ganz
gemeingefhrliches Galgenfutter!
    Sprachlos starrte mein Meister die drei an, indes die Meisterin einen
schwachen Schrei ausstie und mit dem Seufzer: Heiland! I stirb! ohnmchtig
mir in den Arm sank, der ich doch selber vor Schreck und Entsetzen wie ein Halm
im Sturmwind schwankte; denn ich hatte es im ersten Augenblick schon gewut: die
sind wegen deiner da, - jetzt kommt die Straf Gottes!
    Ganz gebrochen und mit bebenden Hnden half mir der fassungslose Meister
seine Ehefrau aufs Kanapee legen und brachte nur die Worte heraus: In mein
Haus! - In mein Haus! - A Ruber in mein Haus!
    In diesem Augenblick kamen die Gesellen die Stiege herab, und einer um den
andern trat in die Stube - starr und verwundert.
    In jener Stund hab ich auch 's Beten vergessen und 's Wnschen; denn mein
Schicksal schien mir besiegelt.
    Jetzt ists aus, - sagte ich mir; - jetzt gehts dahin, und der Scharfrichter
mit dir jetzt ghend ein rots Halsbindl an, - anstatt da d' ein Knstler wirst
und ein groer Herr!
    Und berlegte also nur noch, wie ich meinem Meister die groe Kmmernis ein
wenigs abnehmen und mir die Schand ersparen kunnt, so vor dem ganzen Haus in
Ketten gelegt und verarretiert zu werden.
    Nahm also meine Kraft zusammen und wandte mich an die Gendarmen: Verschonts
doch die armen Leut! -
    Kommts da raus, - ich will euch ber alles Aussag geben! Sie muten mich
fr den Sohn des Hauses halten; denn sogleich gab der Diener den beiden
Gendarmen einen Wink, befahl, da jeder Gsell in der Stube bleibe, und folgte
mir auf den Gang hinaus.
    Ihr kennt wohl alle, die hier in Arbeit stehen? fragte er mich alsdann.
    Ja! erwiderte ich bebend. Nennt den Namen!
    Da kams auch schon wie die Posaun vom jngsten Tag: Johannes Schrckh,
Malergesell, geboren und katholisch getauft im Jnner des Jahres 1786 zu
Traunstein in Baiern.
    Alles Blut war aus meinem Gesicht gewichen; eine Schwche fate mich, und
ich mute mich an das Stiegengelnder lehnen, um nicht zu sinken.
    Und sagte weiter nichts, als: Es stimmt schon; nehmts mi nur gleich mit! -
Ich bin der Johannes Schrckh gewesen.
    Verblfft sahen mich alle drei an; aber ich hielt ihnen meine Hnd hin zum
Fesseln und sagte: Es ist schon so. Ich hei zwar Mathias Bichler, - aber ich
bin unter dem Namen Schrckh da in Arbeit gestanden. - Warum, - das kann ich
euch nit sagen!
    Das kann man glauben und nicht glauben! meinte nun der Polizeidiener. Da
mu ich schon eine Gwiheit drber kriegen!
    Die sollts gleich haben! erwiderte ich und wollte hinaufgehen in die
Kammer, meinen Passierschein aus dem Ranzen zu holen.
    Aber in eben dem Augenblick trat der Meister aus der Stube, blickte wild von
einem zum andern und sagte endlich grollend: Ihr werdts wohl irr gangen sein! -
In mein Haus arbeiten blo ehrliche Leut, - koane Spitzbuben! - Und jetz mcht i
nachher wieder an Ruah in meiner Htten! - Verstanden, meine Herrn! - I bin ein
Brger! - Ein Mnchner Brger! - Verstanden!
    Ho, ho ho! Meister! lie sich da einer von den Gendarmen hren. Teans
Eahna fein net so auslassen! - Mir san die hohe Obrigkeit - und das Gesetz -
verstanden! - Mir tean ganz einfach unser Pflicht - verstanden!
    Jawohl - ganz richtig! pflichtete ihm der Diener bei. Vor dem Gsetz und
der Polizei hat jeder zu schweigen! - Wie heien Eure Gesellen? - Vor- und
Zunamen!
    Der gute Meister zitterte noch immer vor Zorn, und seine Stimme klang
heiser, als er sagte: Meine Gselln? - Dees kinnts glei von jeden selber hrn! -
I sags Euch nachher schon, obs stimmt!
    Da sagte ich noch einmal: Ich hei Johannes Schrckh und bin aus
Traunstein. - Moaster, - stimmts?
    Jawohl, Hansl, - du bist es schon! erwiderte der gute Alte und sah mich
schier zrtlich an. Und was die andern betrifft, so derfts es grad fragn! - I
geh!
    Und spuckte also giftig aus, murmelte einen Fluch und ging in die Werkstatt,
indes aus der Stube das laute Durcheinanderreden der Gesellen und klgliches
Weinen der Frau Meisterin vernehmbar ward.
    Noch einmal hielt ich meine Hnde hin; die Gendarmen schlossen mich in
Ketten und fhrten mich ab, wie ich ging und stand.
    Der Polizeidiener aber rief zur Stubentr hinein: Ihr knnt an euer Gschft
gehn! - Wir sind fertig!
    Ging und schlug das Haustor hinter sich zu, da es krachte.
    Also ward ich als ein bler Verbrecher unter groem Zulauf des Volks durch
die Gassen gefhrt und hinter der Kirch Sankt Peter in ein Gebud und vor den
Kriminalrichter gewiesen, der mir eine Stunde lang alle erdenklichen Kreuz- und
Querfragen vorlegte, ohne doch was anderes zu erfahren als die Wahrheit, die ihn
aber leider als die rgste Lug dnkte.
    Schade! sagte er am End ingrimmig. Schade, da wir die Folter nicht mehr
so brauchen drfen wie vordem! - Aber du wirst schon bekennen, wenn man dich
morgen einmal ein wenig auf die lange Bank legt, - deine Glieder streckt und dir
so ein zwanzig, dreiig Streiche gibt! - Ab jetzt - in die Keuchen! - Wir finden
schon was, um dich zur Wahrheit zu bringen, - Brschlein! - Deinen Kragen
kostets dich so oder so! - Morgen kommst du in den Falkenturm!
    Worauf mich einer abfhrte und in die Keuchen des Ratsturms sperrte.
    Da sa schon einer auf einem Schemel, hatte den Kopf in beide Hnde gesttzt
und rhrte sich nicht, da ich eintrat; wandte auch den Kopf nicht, als der
Schrg zu ihm sagte: He, da! bruet wohl wieder neue Bosheiten aus, der Gauner!
und ihm dazu einen Rippensto gab, worauf er brummend wieder hinausging und
hinter uns abschlo.
    Nun erst wandte der Gefangene langsam den Kopf und sah mich an; - aber da
stie ich einen Schrei aus: es war der Magister.
    Auch er starrte mich ohne alle Fassung an, packte mich an den Armen und rief
dann aus: Mathiasl! Ja zum Teufel! Wie kommst denn du da rein?
    Wie werd ich reinkommen sein! sagte ich bitter. Zwegn deine verfluchten
Malefizfetzen! - Dein Herr Johannes Schrckh ist heut aufgabelt worden! - Das
hab ich blo dir zu verdanken, da ich jetz dasitz in der Schand! - Der Richter
redt gar schon von der Tortur, und da s' mich kpfen wolln oder hngen!
    Ach was, Unsinn! - Kpfen! sagte der Magister. Wenns bei mir weiter
nichts wr, wie bei dir, so knnt ich billig lachen! - Dein Fall kann doch
sofort geklrt werden! - Fr was bin denn ich noch da! - Nur Kopf hoch und nicht
gleich so verzwazelt sein! - Ich halt, was ich versprochen hab!
    Dies gab mir wieder etwas Hoffnung in mein traurigs Gemt; auch wars mir
trotz meines Grolls auf den Magister um vieles leichter, da ich nicht ganz
allein war in meiner Gefangenschaft; daher erschrak ich nicht wenig, als der
Diener nach einer Weil wiederkam und den Magister fortholte; denn ich whnte,
man wrde ihn jetzt wo anders unterbringen.
    Eine groe Beklemmung kam ber mich, und ich lief ruhelos zwischen den
grauen Wnden hin und her, betrachtete scheu die elende Lagerstatt im Eck und
den Stein, darauf ein Wasserkrug stand.
    Ein armseligs vergittertes Fensterloch lie kaum ein wenig Tageslicht durch
seine blinde Scheibe herein, und ein Unratkbel verbreitete einen bestialischen
Gestank in der winzigen Keuchen.
    Mein Hirn brannte, und eine harte Angst schnrte mir die Brust zusammen, da
ich der Drohung des Richters gedachte.
    Nun wuten es die Gesellen und der Meister schon, da ich der Verbrecher
war, den die Schrgen geholt!
    Und der Meister Eberhard, der Birchmayer, erfuhr es wohl auch bald!
    Ach Gott! - Und alles blo wegen dieses Leichtsinns! -
    Wer wei, was dieser Magister alles geliefert hatte, da er hier sa! - Er
wollt mir helfen! - Wie wollt er mir denn helfen? - Dem schenkte ja doch niemand
Glauben!
    Und dacht also dies und jenes, dacht zurck in der Zeit und Weil und war
schlielich am End, da ich in jener Nacht aus dem Haus der Lackenschusterin,
meiner Kathrein, entwichen war.
    Da stieg es mir hei auf; - ich lie mich auf die hlzerne Lagerstatt fallen
und weinte bitterlich.
    Schme mich annoch jetzund dieser Trnen nicht, da sie doch mein Herz
erleichterten und meine Sinne willfhrig machten einer tiefen Reu ber alle
Leichtfertigkeit meines Lebens.
    In solcher Zerknirschung fand mich nach einer geraumen Weil der Magister,
als er wieder in das Loch gebracht wurde; und er verwunderte sich hchlich
darber, da es doch gar nicht schlecht um mich stnd, wie er meinte.
    Ich glaub gar, du flennst! sagte er. Mcht mich wohl schmen an deiner
Stell, zu heulen! - Man hat mich geholt und mir befohlen, dich auszufragen ber
dein ganzes Leben, um dir die Tortur zu ersparen. - Ich werde mich also noch
heut abends melden und ber dich reden, wie sichs gehrt. So. Und jetzt wird
nimmer geheult! - Pfui Deibel!
    Er spuckte giftig an die Wand und sagte nach einer Weil vertraulich: Habs
auch nicht gut gemacht, mein Sach; hab einem Milchbauern seiner Kuh die
Maulseuch abbeten wollen um zehn Taler. - Derweil zeigt mich der Hund an! -
Weils nichts geholfen hat! - Jetzt kann ich zehn Tag brummen und darnach die
Staup kriegen!
    Nach Verlauf etlicher Stunden ward ich abermals vor den Richter gestellt und
mit vielen und beweglichen Worten ermahnt, doch zu gestehen: da ich erstlich
wirklich der Johannes Schrckh sei, zweitens, da ich drben bei Augsburg einem
Handelsmann seine Barschaft geraubt und ihn durch Schlge mihandelt und
drittens das Gewlb eines Geschmeidhndlers erbrochen und ausgeraubt htte.
    Und da ich auf meinen alten Angaben, also bei der Wahrheit, bestehen blieb,
lie der wrdige alte Herr einen Schreiber kommen, der mir den Gang der Tortur
von einem Bogen Pergament ablesen mute.
    Ist jemand vor dem Gesetz hinreichend verdchtig, begann er, ein
Verbrechen begangen zu haben, und laugnet trotz aller Ermahnungen, so mu mit
ihm zur blichen Tortur geschritten werden.
    Diese besteht darin: da erstens der Verdchtige in die Torturkammer gefhrt
werde.
    Hier sind alle Wnde ganz schwarz, rings mit Lichtern behangen, der Raum
berall mit peinlichen Werkzeugen vollgestellt, so da das Auge des Verbrechers
keinen Ruhepunkt findet. - Nichts als Martergerte.
    Dort wird er ausgekleidet, ihm das Torturhemd, welches rckwrts offen ist,
angelegt, und er auf die Streckbank geworfen, Hnd und F mit Stricken
angebunden und sein Leib auf alle Weis gedehnt und gestrecket.
    Darnach dreiig harte Streiche mit der Rueten gegeben, da ihm das Fleisch
vom Gebein fallet.
    So das nicht ntzet und der Verbrecher noch laugnet, zweitens:
    Den folgenden Tag Wiederholung der ersten Tortur, doch diesmal sechzig
Streiche mit der Rueten.
    Bekennt er auch dann nicht, so wird er: drittens, ber Nacht in einen
eisernen Leibring gespannt, die Hnd in eiserne Handschuh gestecket und den
dritten Tag also vorbereitet in die Marterkammer gefhrt, vom Nachrichter in den
Stachelstuhl geworfen, da sich die eisernen Zinken ins Fleisch bohren, und
darnach sechzig Streiche.
    Hierauf werden ihm die Daumen und groen Zehen kreuzweis mit Schnren
gebunden und eine Walze voll eiserner Spitzen unter die auf den Rucken
gebundenen Arme geschoben; alsdann schnellet der Nachrichter von Zeit zu Zeit an
den Schnren, da es den Krper heftig durchzuckt.
    Dazwischen noch einmal sechzig bis siebenzig Streiche, dabei aber der
Medikus Acht haben soll, ob der Verbrecher solches ohne Gefahr des Lebens bis
zum End vertrage.
    Also las der Schreiber dies erschreckliche Schriftstck, dabei mich ein
kalter Schauer schttelte und ich fr eine Weil die Sprach verlor.
    In solchem elendigen Zustand fragte mich nun der Richter aufs neue, ob ich
der besagte Johannes Schrckh sei oder nicht.
    Da sagte ich noch: Bei Gott, nein! - Mathias Bichler ...
    Dann fiel ich wie ein Klotz zur Erden und wurde ohnmchtig in die Keuchen
und zu dem Magister verbracht.
    Der bebte vor Zorn, da ich wieder zu mir kam, und versicherte mir hoch und
heilig, da er mich retten wollt um jeden Preis.
    Und da der Mittag kam und wir ein Schsselchen Suppe zur Mahlzeit erhielten,
sagte er zum Schrgen: Sagt dem Richter, ich htt was zu melden.
    Dann forschte er mein ganzes Leben aus mir heraus, nannte besonders die
Namen des Lackenschusters und des Meisters Eberhard Birchmayer etwan zwanzigmal
und wiederholte das, was ich ihm erzhlt, so lange halblaut, bis er zum Richter
geholt wurde, daselbst er leichtlich eine Stunde verblieb.
    Hab eine harte Weil gehabt in jener Stund und billig unsers Herrn gedacht
und seiner Not, da er vor seinem Sterben am lberg kniete und Blut schwitzte.
    Und es kam mir wieder das alte Gebet auf die Lippen, das meine Ziehmutter,
die Weidhoferin selig, jeden Donnerstag beim Nachtluten gebetet hatte:

O du liebster Herr Jesu Christ,
Traurig zum lberg gangen bist;
Denn du erkanntest in deinem Herzen,
Da du leiden mssest groe Schmerzen,
Den Vater batest mit Begier,
Da er nhm den Kelch von dir.
Vor Todesangst war dir so hei,
Da dir ausging der blutge Schwei;
Und als du solchen berwunden,
Hast deine Jnger schlafend funden.
Als sie vor Traurigkeit dalagen,
Ttst du mit groer Liebe sagen:
Wachen und beten sollet ihr,
Da keine Versuchung euch verfhr!

Nach solchem Beten setzt ich mich auf den Schemel, hielt die Hnd gefaltet und
berdachte noch einmal den Gang der Tortur und meine Lage. Und da ich so stumpf
vor mich hinstarrte, fiel mir eine Schrift in die Augen, die mit einem scharfen,
spitzen Ding in das Holz der Liegerstatt geritzt war. Mhselig entzifferte ich
bei dem dmmerigen Licht das Gekritzel und las:

Drei Rslein im Garten, -
Drei Enten im See, -
Mein Everl mue warten, -
Bis i wieder aui geh!

Darunter stand: Heiliger Peterl mit den Himmelschlsseln, spirr meine Keuchen
auf und fhr mi naus!
    Da ich dies gelesen hatte, wurde ich wieder gefater; denn ich bedachte, da
auch vor mir schon mancher hier gebrummt und gezwirnt hatte, vielleicht mit noch
geringerer Schuldigkeit - mit grerer Pein.
    Stand also auf und suchte an Tr und Wnden berall nach Zeichen von
solchen, die das gleiche Unglck, wie ich, oder vielleicht ein greres gehabt.
    Ach, da war schier kein Flecklein an der dicken Eichentr - kein Flecklein
lngs der grauen Wand, das nicht irgendein Mal, ein Zeichen oder sonst eine
Inschrift gezeigt htte!
    Hier war ein Herz mit verschlungenen Buchstaben; darunter stand das
Verslein:

Du hast ein falsches Herz,
Das hab ich geprgelt,
Jetzt sitz ich voll Schmerz
Beim Wasserkrgel.

Dort war ein Talerstck getreulich nachgezeichnet, darum die Worte standen:

Die Daler waren gar zu scheen,
Deswegen mue ich ins Zuchthaus gehn.

Wieder eine Inschrift hie also:

Katherl, i kimm, wann i aui kimm;
Fhr di in Gansbhl numero siem!

Dazwischen waren allerhand Diebs- und Gaunerzeichen zu finden sowie geheime
Zahlen und Zinken.
    An der Tr aber standen in Rotwelsch etliche Stze und darunter die Worte:
Kamerusche, noppelt fr den Jahrler Toni! - Heut holchts in Falkenturm, morgen
zur Inne, und in drei Jumen scheft ich kapore! - Memento more!
    Indem ich noch las und buchstabierte, kam der Schrg mit dem Magister wieder
zurck und lie ihn ein.
    Der schmunzelte, sah nach der Tr zurck und sagte: Haarbogen!
    Dann tat er einen Schluck aus dem Wasserkrug, streckte sich auf das hlzerne
Lager, schob die Arme als Polster unter den Kopf und sah nachdenklich zur
Weidecke empor.
    Ich war aber nun neugierig geworden, was die Inschrift an der Tr zu
bedeuten htte, und sagte: Magister, was heit das?
    Und las ihm den ganzen Schmarren vor, worauf er ihn mir verdeutschte und
sagte:
    Das war einer von der Zunft; der klagt: Die Streifer haben mich gefangen,
mich dummen Hund! - Jetzt bin ich Narr im Gefngnis ohne Kameraden. - Die
Richter machen mir groe Angst mit Stockschlgen und Tortur, wenn ich nicht
gestehe. - Aber ich gestehe niemals! - Wenn ich nur ausbrechen knnt! - Ich
frcht, da sie mich hngen oder kpfen, wenn sie meinen wahren Namen in die
Nase kriegen. -
    Und das andere heit: Kameraden, betet fr den Waldler Toni! - Heut gehts in
den Falkenturm, morgen zur Tortur, - und in drei Tagen bin ich tot - kapore -
memento more!
    Dann stand er auf, streckte sich und sagte: Dem ist ganz recht geschehen, -
das war ein wilder Bursch; - der hat nicht wenig Bauern kalt gemacht und dazu
genommen, was er erwischt hat. - Ist ein teuflischer Kerl gewesen - aber - hin
ist hin.
    Unter solchem Reden fiel mir mein eigenes Unglck wieder ein, und ich fragte
den Magister, was er ausgericht htt beim Richter; doch war nicht um alles in
der Welt eine Antwort aus ihm zu bringen.
    Er schob die Hnd in den Sack, zuckte die Achseln und sagte blo das eine
Wort: Abwarten!
    Also, da ich aufs neue in groe Kmmernis kam und nichts Gutes fr den
andern Morgen erwartete.
    Zugleich aber stieg nun mein Groll gegen den Magister, als den Urheber
meines Unglcks, heftig in mir auf; ich nannte ihn im stillen einen
scheinheiligen Hund und sprach den ganzen Tag kein Wort mehr mit ihm.
    Und den Abend, da von den Trmen Sankt Peters und Heilig Geists das
Angelusluten ertnte, warf ich mich auf mein Lager, schlug die Hnd vors
Gesicht und wrgte die heftig aufquellenden Trnen hinunter, indem ich der
Schand gedachte, die meiner wartete.
    Ich a auch nichts mehr und kehrte mich gegen die Wand, gab dem Magister
auch auf sein Gut Nacht keinen Dank und entschlief, eh ichs bedachte.
    Mitten in der Nacht aber wachte ich auf; - Fieber schttelten mich, und ich
sah mich im Geist schon auf der Bank ausgespannt liegen, zerschunden und
zerfleischt. Die Haare standen mir zu Berg, und ich setzte mich auf, indes meine
Glieder wie zerschlagen waren und schmerzten und brannten, da ich aufsthnte.
    Und in dieser Stunde machte ich den Vorsatz, den andern Morgen, wenn man
mich fortfhren wollt, alles zuzugeben, dessen man mich beschuldigte.
    Mocht man mich lieber als einen Fremden hngen, denn als Mathias Bichler
schinden und schnden!
    Nach solchem Entschlu ward ich wieder ruhiger und schlo die Augen.
    Ein fahles Rot schien den andern Morgen durch die trbe Fensterscheibe,
spielte um die grauen Spinnweben daran und zeichnete die starken Gitterstbe als
ein groes Kreuz an die mattbeleuchtete Wand.
    Und also zog der Tag herauf, den ich mit der Ruhe und Entsagung eines
sterbenden Klosterbruders erwartete.
    Der Schrg brachte eine Schssel voll brauner Brennsuppe fr jeden; der
Magister fuhr eilig von seiner Liegerstatt auf, rieb sich das Gesicht und a
sogleich mit groem Hunger.
    Schweigend go ich ihm auch meinen Teil in seine Schssel, dazu er lachte
und sich bedankte: Wirst ja ohnehin heut was Bessers kriegen! meinte er; ich
wollt, ich wr du!
    Is scho recht! erwiderte ich ihm bitter, setzte mich wieder auf meine
Holzpritsche und verlor mich in allerhand trbe Gedanken, aus denen mich der
Schrg aufschreckte, als er kam und sagte: He da, Schrckh Hannes! - Mitgehen!
    Wortlos, mit einem stechenden Schmerz in der Brust, folgte ich ihm in den
Saal des Richters.
    Der sa mit etlichen anderen an seinem Tisch und schrieb, als ich eintrat.
    Der Gefangene ist da, Euer Gestrengen! meldete nun ein Schreiber, worauf
der Richter einen forschenden Blick zu mir herschickte, seine Feder weglegte
und, sich ruspernd, in den Akten herumbltterte.
    Darnach fragte er einen Diener: Sind die beiden da?
    Mit Respekt zu melden: Ja, Euer Gestrengen! erwiderte dieser.
    Nun gings an mich.
    Also, Er prtendiert, da Er nicht die Person ist, als welche Ihn seine
Legitimationes signiren?
    Jawohl - nein, hoher Herr! antwortete ich mit Zhneklappern; ich gebs
jetzt zu, da ich der Lump bin!
    Wie sagt Er? - Er ists auf einmal! - Er wollte doch gestern noch ... h ...
Mathias Bichler heien!
    Jawohl, hoher Herr! - Aber heut nimmer, sagte ich nun; ich geb alles zu.
- Es ist alles so, wie der hohe Herr meint und sagt!
    Subjekt! - Er will uns wohl zum Narren halten! brllte mich jetzt der
Richter an, so da mir vor Schreck und ngsten bald schwarz, bald grn vor den
Augen wurd.
    Aber nein, hoher Herr! meinte ich zitternd und verzagt; ich will niemand
nixen zleid tun! - Wenn halt der hohe Herr glauben, ich bin der Schrckh, - so
bin ichs, - wann nicht, - dann bin ichs auch nicht.
    Der Kerl ist verrckt worden! sagte der Richter darauf kopfschttelnd,
Ihr habt doch gestern fest und steif behauptet, da Ihr nicht Schrckh, sondern
Bichler heit!
    Jawohl, hoher Herr! besttigte ich. Aber heut nimmer. - Heut sag ich zu
allem Ja.
    Hirnloses Subjekt! donnerte nun der Richter und schlug mit der Faust in
den Tisch. Warum sagt Er zu allem Ja? - Warum heit Er heut nicht mehr
Bichler?
    Ach Gott, - weils mir halt graust vor der Schinderei, hoher Herr! sagte
ich. Ich hab mir denkt, es wr doch eine Snd, wann ich die Herrn vom Gricht
durch mein eigensinnigs Neinsagen dazu treiben tt, da s' mich foltern mten.
Da sag ich lieber Ja und la mich gleich hngen!
    Dummkopf! sagte einer von den Herren; der Richter aber fhrte ein
langgestieltes Spekulierglas an die Augen, besah meine schlotternde
Jammergestalt eine Weile mit spttischer Miene und sagte dann zum Schreiber:
Holt mir die beiden Zeugen herein!
    Der Schreiber lief hinaus und brachte die beiden, die ich aber nicht sehen
konnte, da sie hinter mir Platz nahmen.
    Aber wie erschrak ich, als der Richter sagte: Meister, wie heit Ihr? und
eine bekannte Stimme antwortete: Eberhard Birchmayer. Ich bin Bildhauer und
loschier in der Hundskugel beim Chirurgus Waltermair.
    Dann trat er vor, indes ich meinen Kopf zur Seiten neigte und die Augen, wie
mein geschnitzter Wandherrgott, schlo, und sagte mit mitleidigem Ton: Ja, er
ists schon, der Mathias; - was hat er denn angstellt?
    Das ist noch nicht genugsam eruieret! erwiderte der Richter. Also, Ihr
knnt einen Eid drauf geben, da er Mathias Bichler heit und aus Sonnenreuth
ist?
    Jawohl. So hat er mir erzhlt, sagte der Meister.
    Es ist gut. - Tretet zur Seiten! winkte der Richter ab. - Der zweite
Zeuge soll vortreten! - Wie ist sein Name?
    Friedrich Glotz; klangs da an mein Ohr und lie mich mit einemmal wieder
aufschauen und fr mein Leben hoffen.
    Gebrtig? fragte der Richter weiter.
    Aus Sonnenreuth. - Aber - mit Verlaub - das ist ja mein Ziehbruder ...!
    Wart Er, bis Er gefragt wird! fuhr ihn der Richter an. Das kommt erst
jetzt! - Also - Er kennt den Angeklagten?
    Ja freilich, Herr Richter! rief der Fritz aus. Er ist ja mit mir
aufgwachsen im Weidhof zu Sonnenreuth! - Is ja auf der Wanderschaft noch mit mir
beinander gwesen, der Hiasl!
    Da wandte sich der Richter an mich: Also - Er ist der Mathias Bichler. -
Wie kommt Er aber zu den Papieren des Johannes Schrckh? - Wei Er nicht, da es
strafbar ist, wenn einer unter falschem Namen reist!
    Ach Gott, ja, hoher Herr! erwiderte ich zaghaft. Habs ja auch nit wollen!
- Gwi nit! - Aber ich hab gar keine Kundschaft nit ghabt, - htt ja auch keine
kriegt, weil ich daheim davongangen bin mitten in der Nacht ...
    So ists, Herr Richter! besttigte mir der Fritz. Er ist als Viehhterbub
vom Lackenschuster selbigsmal eingesteigert worden, wo s' mich auch so
niedertrchtig behandelt haben; - und da er aus dem Stall davon ist, - das kann
ihm kein Mensch nit verargen! - Da sind schon mehr davongangen!
    Das mag sein! erwiderte der Richter nun um vieles milder. Aber wir knnen
ihm nicht helfen. Er hat gegen das Gesetz gefehlt, da er sich falsche Papiere
zulegte, und mu dafr bestraft werden. Doch gehrt dies nicht in unsere
peinliche Gerechtigkeit, sondern an die Polizei. Der Angeklagte wird also nach
der Arrestkammer des Polizeihauses expedieret werden, wo ihm seine gebhrende
Strafe erteilt wird. - Und was die Geschichte mit dem ... h ... Lackenschuster
anlangt, so kann dieser den Entlaufenen wieder zurckfordern, Geldbuung
verlangen und dessen Einlieferung durch Schub beantragen. Die Gemeinde aber kann
sich weigern, ihm die notwendigen Legitimationes zum Zweck der Wanderschart
auszufertigen. - Doch dies nur nebenbei. - Die beiden Zeugen sind entlassen, -
der Angeklagte wird abgefhrt!
    Damit war das Verhr beendigt, und ich wurde in einen andern Teil des
Gebudes gebracht und in eine helle Kammer eingeschlossen, bis mich aufs neue
einer holte und in einen Saal fhrte, da allerhand Leut, hohe und niedere, in
Uniformen und Staatsrcken beieinandersaen und standen.
    Hier wurde also mein Fall noch einmal des langen und breiten durchgehechelt,
der Magister, der Meister Birchmayer und mein Ziehbruder als Zeugen gehrt und
ich zu guter Letzt wegen Vergehens gegen die Landesgesetze zu einer Geldbue von
zehn Gulden verurteilt.
    Darob mich neuer Schreck erfate, weilen ich ja keinen Kreuzer bei mir hatte
und mein Meister, der Behringer, gewilich ein guts Teil meiner Lohnung als Bu
fr mein unzeitigs Ausscheiden zurckbehielt.
    Aber da trat mein Gnner und Frsprecher, der Meister Eberhard vor, zog
seine feine Brse und zahlte fr mich die Bu; bat auch, man mg mich nunmehr
freigeben, er wrd schon fr mein Unterkommen sorgen.
    Noch war aber der Lackenschuster da; denn die Herren des Gerichts hatten
sogleich ein Schreiben nach Sonnenreuth gehen lassen, und die Gerechtigkeit lief
ihren Gang genau nach dem Buchstaben.
    Allein, auch in dieser Not kam mir mein Gnner zu Hilf. Er gab Brgschaft
fr mich, da dem Lackenschuster gebt wrde, was recht wr; und bat zugleich
um Kundschaften fr mich, die es mir mglich machten, in der Welt fortzukommen;
darauf das Gericht nach einer Weil und nach geheimer Aussprach Ja und Amen sagte
und mich freigab.
    Meine Feder mags nicht beschreiben, wie froh und glckselig ich in jener
Stund war! Konnt auch nicht anders, mut noch eine Frbitt einlegen fr den
Magister, der ja die wahre Ursach meiner Befreiung gewesen.
    Hab nicht an Worten gespart und damit auch eins erreicht, da er nmlich
nicht dem peinlichen Gericht bergeben, sondern nur als ein Landstreicher nach
Darmstadt expediert wurde, wo er aber leider nicht lang verblieb und eines Tags
zu Berlin als ein Hochstapler ins Zuchthaus wanderte.

                         Lehrjahre und glckhafte Zeit


Ich war also nun wieder frei und ledig, brauchte nimmer einen Bauernbuben und
Viehhter, auch nimmer einen Malergesellen zu machen, sondern zog ein in das
Haus des Chirurgus Waltermair als der Gehilf, Schler und Jnger des wrdigen
und herzlieben Meisters Eberhard.
    Bin leichtlich an die zehn Jahr bei ihm gewesen in der dmpfigen, niedern
Dachwohnung, daselbst mir wohler zumut war denn im schnsten Palast.
    Wir hatten vier Stuben samt einer Rumpelkammer, darin mnniglich
beieinanderlag und stand: Mnner, Weiber und Kinder; der heilige Michael neben
der Aphrodite, der Churfrst Carl Theodor zwischen zwei Meerweibern; gipserne
Engel neben hlzernen Heiligen und nackte Musen zwischen geharnischten Rittern.
    Eine leichte Staubschicht lag auf allen Gestalten, und Spinnen hatten ihre
feinen Netze und Fnge von einem zum andern gezogen.
    In dem Schuppenhelm eines Ritters aber hatten die Spatzen ihre Heimstatt
genommen und flogen eifrig durch eine zerbrochene Dachluke ab und zu.
    Zu ebener Erden war die Werkstatt, darin mein Meister tagaus, tagein
schaffte und schuf, meielte und schliff, Neues entwarf und Altes vollendete.
    Hier wies er mir, den Stift zu fhren und das, was mir vorschwebte, im Bilde
festzuhalten; hier wuchsen aus ungefgen Holzstcken und harten Marmorblcken
edle, feine Gestalten und gaben mir in ihrer reinen Schnheit und Vollkommenheit
stets neuen Ansporn und neue Kraft zum Wirken und Schaffen.
    Dabei drckte mich keine Sorg ums Tgliche; denn die liebwerte und vornehme
Gemahlin meines Meisters hielt mich gleich einem Sohn und schaffte sich viel
Plag um meinetwillen.
    Sie war eine zarte Frau von schlankem Wuchs und hatte eine milchweie Haut
und den Kopf voll kohlschwarzer Locken. Ihre Gewandung war nicht in der blichen
Tracht der Brgerinnen Mnchens, sie trug vielmehr lange, schleppende Kleider
aus feiner Seide und in lichten Farben und liebte keine Ketten oder ein
Geschmeide. Ihr alleiniger Schmuck war eine aus Elfenbein kunstvoll geschnittene
Rose, die sie an einer seidenen Schnur um den Hals trug.
    Mein Meister hatte eine tiefe Lieb zu dieser Frau und sah es gern, wenn sie
zuweilen in die Werkstatt kam, sich in einen alten Armstuhl setzte und
schweigend unserm Schaffen zusah, indes ihr einziger Sohn, ein etwan
siebenjhrigs Brschlein, als ich ihn erstmals sah, sich in eine Ecke hockte und
aus den Bruchstcken des Marmors Grotten und Hhlen baute und allerhand Kfer
und Fliegen darein verschlo.
    Also lebte ich frhlich in diesem Hause, und mein guter Meister verfolgte
mit wahrer Freud und Teilnahm meine Arbeit, bald anerkennend, bald verbessernd,
wie es grad vonnten war.
    Und noch einer war mir in diesen glckhaften Tagen meines Werdens ein treuer
Berater und vterlicher Freund; - der alte Professor Boos, dessen Name um jene
Zeit einen guten Klang hatte.
    Er war schon ein hochbetagter, greiser Mann, mut sich beim Gehen auf den
Arm seiner Tochter sttzen und wohl auch die leitende Hand seines Jngers
Eberhard dulden, wenn er einmal die zwei steilen Himmelsteigen zu unserer
Wohnstatt hinaufklettern wollte.
    Dieser wrdige Meister hatte der Mnchnerstadt und dem Lustschlo
Nymphenburg manches groe Werk geschaffen, hatte den Marmor Tirols und den von
Salzburg in herrliche Gtter und Nymphen verwandelt und in gromchtigen
Holzblcken die Taten des griechischen Halbgotts Herkules verkrpert.
    Und also saen wir beieinander in unserer Werkstatt und hatten nur Aug und
Ohr fr die edle und herrliche Kunst, indes die Straen widerhallten vom
Kriegsgeschrei und der Weltbezwinger Napoleon seinen Einzug in die Stadt hielt
und in gromtiger Freigebigkeit dem Churfrsten die Knigskrone samt dem
Gottesgnadentum berreichte.
    Hab annoch, Gott sei Dank, nicht brauchen mitzuschreien und ihm Salut zu
geben; denn man kunnt mich wegen meines armseligen Krpers nicht gebrauchen zu
einem Soldaten.
    Doch hat es auch in meiner Hand gezuckt und ist mirs durchs Herz gefahren,
da man nachmals die gefangenen Landsleute meines besten Freundes, des
Bildlthomas, zu Mnchen schmhte und mit Kot und Steinen bewarf, dafr, da sie
um ihr Tirolerland, um ihre angestammte Heimat stritten.
    Mag nicht daran denken, an die Schmach, da man den tapfern Andreas Hofer im
ganzen Bayerland verfluchte und ber sein traurigs End frohlockte, solang jener
korsische Herrgott die Bayern samt ihrem Knig am Gngelband fhrte, bis endlich
nach jenem furchtbaren Feldzug dreiigtausend Bayern in Ruland blieben, Max
Joseph pltzlich umsattelte und zu sterreich hielt und die Macht dieses
Despoten bei Leipzig gebrochen ward.
    Da begann man allenthalben jenes beraus klgliche Lied vom Andreas Hofer zu
singen und zu plrren, darin vom heilgen Land Tirol und vom treuen Hofer gar
viel geschmalkt und geredet wird; und mag wohl in dieser Zeit, da ich schon
betagt bin, kein Wirtshaus sein, daselbst nicht Bnkelsnger und Saufbrder dies
Lied im Maul haben und mit Hafendeckeln und blinden Patronen den Todesschu
markieren.
    
    Doch genug von solcherlei Geschichten! Mag nimmer daran denken und red
lieber von jener glckhaften Zeit, da ich den Endzweck meines Schaffens, jene
persnliche Kraft fand, die ich an den alten Vorbildern und Meisterwerken so
sehr wertschtzte und liebte.

Will einer die Werke unserer heutigen Bildschnitzer und Herrgottschneider recht
betrachten, so mag er nur den Christmarkt und die Dult besuchen oder den Korb
eines jener von Haus zu Haus ziehenden Burschen ausrumen: er wird bald finden,
da jene Lauterkeit und Gre der Lebensfhrung, so man gemeiniglich Kultur
nennt, bei dem gebildeten Stdter auch in seiner Vorliebe fr religise
Bildwerke von Tag zu Tag niedriger wird, verweichlicht und verflacht.
    Wo sind jene einfachen, natrlichen Linien, die so sehr die Kraft des
Schpfenden erwiesen, wo jene Unmittelbarkeit, jene Wucht, mit der die Werke
frherer Tage den Beschauer packen und zur Andacht zwingen?
    Weichlich und ohne Halt, kalt lassend in ihrer Gltte, oder aber durch
sliche Verlogenheit zu falscher Gefhlsheuchelei fhrend, so stehen und hngen
sie zu Dutzenden um uns in Schulen und Wohnsttten, in den Wirtsstuben und
Verkaufslden, ja selbst in den Kirchen und Klstern.
    Fade ldrucke wechseln mit schablonenhaften Gipsfiguren, geschmacklose
Madonnenstatuetten mit sinnlich-sentimentalischen Wandkreuzen, deren Anblick
niemals einen Menschen aus der gleichgltigen Lauheit des Alltags reien kann,
wie uns annoch die allgemein bliche Bettigung der tglichen und huslichen
Andachtsbungen gar trefflich zeigt.
    Immer seltener werden jene ergreifenden Darstellungen aus dem Leben und
Leiden unseres Herrn, die gerade durch die harte und scheinbar kunstlose Fhrung
der Linien, durch die Anspruchlosigkeit und Einfachheit der Gebrde ergreifen
und zum Gttlichen weisen.
    Sogar die Krippe der Weihnacht mit ihren holzgeschnitzten Figuren wird von
Jahr zu Jahr mehr aus dem brgerlichen Haus verbannt und dafr sfarbige
papierene Bilder auf den Hausaltar gestellt; denn unserer brgerlichen Zeit ist
alles Lebenswahre zu roh, zu kra und nicht selten - zu unsittlich.
    Wie himmelhoch stehen dagegen die Werke einfacher Bauernschnitzer, insonders
der Tiroler, vor uns: ein einschichtigs Feldkreuz, - ein armseligs Bildwerk
einer Votivkapelle, - der anspruchlose Wandherrgott in einer Sennhtten kann uns
zur wortlosen Andacht, zum Nachdenken und zu ernster Betrachtung zwingen.
    Die Art, wie dieser Gekreuzigte das Haupt senkt -, jener die Finger
einkrallt oder die Glieder im Schmerz renkt oder im Tode streckt, - die
unmittelbare Auffassung der biblischen Legende und ihre lebenswahre Verkrperung
ist es, die uns armselige Erdenwandler ergreift und erschttert.
    Und diese Vorbilder waren es, an denen ich mich erbaute und sie mir zunutze
machte; die lebendige Wiedergabe des wirklichen Lebens wollte ich von ihnen
lernen.

Unter solcher Arbeit gingen die Tage hin, und die Zeit brachte in zwanzig Jahren
ihres Laufs mannigfache Vernderungen - dem Land, der Stadt, den Leuten und auch
mir; denn da man zhlte 1826, da stand ich als schier vierzigjhriger
Herrgottschneider einsam in der Werkstatt des Meisters Roman Boos, der seiner
Hausmutter und Ehefrau schon im Jahr 1810 nachgefolgt war in die khle
Grabeserden und niemand hinterlie als seine Tochter Anna. Diese wurde
Besitzerin seines Hauses; was noch an Bildwerken und Steinblcken da war,
erhielt Breitenauer, der treffliche Schler des Meisters.
    Mir aber hatte der Dahingegangene das Recht gesichert, sobald ich alt genug
wr, in seiner Werkstatt gleich wie in einer eigenen zu werken und zu hausen,
bis ich das Glck und die Mittel htt, mir selber eine Heimstatt zu schaffen.
Also nahm ich Besitz von dem Raum als ein reifer Gsell und bezog eine stille
Kammer in dem ehrwrdigen Haus des toten Gnners.
    Mein guter Meister Eberhard aber zog sich immer mehr von den Menschen zurck
und lebte nur noch fr seinen einzigen Sohn und dessen Mutter. Er war mit der
Zeit bitter und still, schier wunderlich worden, fand sich in der sich Jahr um
Jahr immer mehr verndernden Stadt und unter den neumodisch gesinnten Vertretern
der Knste nimmer zurecht und sah mit Wehmut ein Stck ums ander von dem alten,
barocken Mnchen fallen. Dazu war die Stadt mit Fremden berschwemmt, die
trefflichen Meister seiner Zeit wurden allgemach heimgeholt und neue, von einem
andern Geist beseelte, traten an ihre Stelle.
    Er sah mich ungern aus seiner Dachwohnung scheiden und lie mich nachmals
noch oft durch seinen Sohn holen, wenn ihn die selbstgewollte Einsamkeit
pltzlich drckte und beklemmte.
    Noch einer fand sich alsdann in der einfachen, heimlichen Stube ein, ein gar
frtrefflicher und liebwerter Mann, ein geistlicher Herr, dem die Priesterwrde
nicht gleich tausend anderen jeden Freimut und jede Duldsamkeit erttet hatte;
es war der wrdige, ehemalige Hofprediger Grail.
    Diesen Priester habe ich geliebt wie einen Vater; ja - er war der einzige
unter allen Menschen, so mir in meinen Tagen begegneten, der meinem Herzen so
nahe kam, da ich mein ganzes Inneres, die geheimsten und verborgensten Triebe
meiner Seele vor ihm erffnete, in dem glubigen Vertrauen, da er mich
verstnd.
    Hab annoch nicht umsonst vertraut; denn er wute Rat und Hilf, Trost und
rechte Wort bei allem, was mich je bedrckte.
    Auch er htt billig Ursach gehabt, zu grollen und den neuen Geist der Zeit
zu beklagen; denn auch er war einer jener Mnner, die um ihres Freimuts und
ihrer Ehrlichkeit willen daran glauben muten; doch er klagte nicht.
    Seine Geschichte war aber die: Als Hofprediger hatte er whrend der Fasten
des Jahres 1810 in einem Vortrag gesagt, da Christus, der Herr, seine gttliche
Lehre ohne allen Lrm und ohne jegliche Absicht, zu glnzen, verkndigt htte,
als eine Lehre, die jedermann lieben mt, der sie hrte und verstnd. So sei
auch bekannt, da groe, wahre Gelehrte, wahre Knstler ihre Werke ohne alles
Gerusch, ohne jede Bemhung, zu gefallen, an das Licht stellen.
    Wenige Tage nach dieser Predigt lie ihn der Obrist-Kammerer, Baron von
Rechberg, zu sich befehlen und erffnete ihm dieses: Seine Majestt haben uns
den allerhchsten Befehl erteilt, den Herrn Hofprediger zu verwarnen, da, wenn
er noch einmal in solcher Weis wider den Zeitgeist predigen wrd, er ohne
weiters abgedankt sein sollt!
    Und da er in seiner nchsten Predigt abermals wider die Eitelkeit und
Ruhmessucht sprach, wurde es mit der Drohung Ernst - Grail mute gehen.
    Aber er trug den Schlag tapfer und ohne ein Wort zu verlieren, schlo sich
fester an seine Freunde, den Professor Westenrieder, den Pfarrer Darchinger von
der Hofkirch und den Meister Birchmayer an und fhrte ein einfachs, beschaulichs
Leben von den paar Groschen, die er sich erspart hatte.
    Auch der alte Boos war ehedem sein guter Kamerad gewesen, bis sie leider der
Tod voneinander schied und er dem edlen Meister die Augen zudrcken mut.
    Zu meiner Zeit aber hatte er nur noch den guten Eberhard; denn der alte
Westenrieder war gemach zu einem Sonderling worden, und fr den Hof- und
Leibpfarrer Darchinger war es auf die Dauer doch nicht schicklich, mit dem
Abgedankten noch freundschaftlich zu verkehren.
    Man hatte Beispiele genug dafr, wie zu dieser Zeit solche Dinge geahndet
wurden!
    Da brauchte man blo an den Pfarrer zu Heilig Geist denken und an die drei
Benefiziaten von Sankt Peter; oder an den Kaplan bei der Pfarr zu Unserer lieben
Frau: eine miliebige Kameradschaft, - der gesellige Verkehr mit Leuten, die an
allerhchster Stelle nicht sehr beliebt waren, - so was gengte in diesen Tagen
schon, einen Mann von Amt und Wrden zu bringen.
    Und also blieben wir abgesondert von aller Welt unter uns und sahen nur von
fern dem Wirken und Weben, dem Wandel und Treiben der Krfte und Mchte jener
Tage zu. Es war nicht viel, was uns zum Anteilnehmen zwang; es sei denn, da ich
jenen Schreckenstag, den dreizehnten Septembris des Jahres 1813, benenne, da
wohl an die hundert Menschen in den Wassern der reienden Isar umkamen, als
diese mit wilder Gewalt die Ludwigsbrcken beim Prater in Trmmer zerbrach und
mit ihren Wogen fortsplte.
    Oder da ich jener Zeit der bittern Not und Teuerung gedenke, da man schrieb
1816 und 17, in denen Tagen das Schffel Weizen achzig bis neunzig Gulden
gekostet hatte und viele Hundert Arme Hungers starben, indes in den Palsten
getanzt und geschwelgt wurde.
    Oder da ich rede von den Tagen meiner hchsten Freude, da mir die ersten
Verdingungen zukamen aus der Umgebung von Mnchen; bald auf Feldkreuze oder
Wandherrgotte, bald auf ein Kirchenkreuz oder einen heiligen Leib fr die Feier
der Grablegung.
    Gemach mehrten sich die Auftrge; man wollte bald diesen, bald jenen
Heiligen, - bald die schmerzhafte, bald die glorreiche Madonna fr Kapellen oder
Kirchen; auch Werke zum Schmuck der Huser und Treppen, geschnitzte Tren und
Gelnder, Rahmen und Armleuchter gab es zu entwerfen und zu fertigen.
    Nicht lange, da brauchte ich einen Gehilfen, und wieder nicht lang, - deren
zwei.
    Und also kam langsam der Segen der Arbeit in meine Werkstatt, und die
Wnsche meiner liebsten Freunde und Gnner wurden zur Wahrheit: ich setzte mich
durch, hatte bald einen guten Ruf als Schnitzer und kam gemach zu einem
bescheidenen Wohlstand.
    Und da nach einer Zeit und Weil die ehrwrdige Jungfer Anna Boos ihr
Sterbhemd aus dem Schrein holte und sich auf den Weg zum Jenseits schickte,
vermachte sie mir fr Zeit meines Lebens das liebe alte Haus ihres Vaters, mit
der Bestimmung, da es, falls ich ohne Erben bliebe, nachmals in den Besitz der
Stadt bergehen sollt.
    Der wrdige Vater Grail gab auch ihr den letzten Trost und das Grabgeleit
und zog alsdann auf mein dringliches Bitten als mein alleiniger Hort ein in die
Stube seines seligen Freundes.

                                    Heimkehr


Nun hatte ich also, wie man gemeiniglich sagt, mein Sach wohl bestellt, und es
mangelte mir schier nichts mehr zu einem geruhigen, glckhaften Leben.
    Und dennoch kunnt mein Herz nicht froh werden und mein Wnschen nicht still;
denn ich gedacht grad jetzt in allem berflu oft wehmtigen Sinnes jener Zeit,
da ich noch als der Weidhoferbalg ein freies Leben, herzliebe Zieheltern und
annoch mein Kathreinl gehabt.
    Und kunnt also mittendrin nicht anders, - mut einen Bogen Papier nehmen,
eine Feder schneiden und alles, was mich bedrckte, mit meinen groen, hlzernen
Buchstaben vom Herzen herunterschreiben.
    Dabei mir aber doch also weh ward, da ich vermeinte, es sei gestern erst
gewesen, da ich alles verloren hatte, was ich besessen.
    Also setzte ich auf das Schreiben die Adre der Lackenschusterin,
versiegelte es und trugs zur Post, da man den ersten Tag in der Charwoch des
Jahres 1835 schrieb.
    Hab oft bei meinem Wandeln in dieser Erdenzeit das Fest der Auferstehung
erwartet; doch mag ichs nun ruhig gestehn: Niemalen dnkte mich eine
einschichtige Woch so lang wie diese, da ich auf eine Handschrift meiner
Kathrein harrte.
    Und es erfate mich wohl ein bitterer Schmerz, wenn in stillen Nchten immer
wieder der Gedanke in mir aufstand: sie ist tot fr dich; - vielleicht lange
schon wirklich tot, - gewilich aber als Lackenschusterin fr dich verloren. Mag
wohl auch deiner schon lngst vergessen haben! -
    In dieser trbseligen und harten Zeit hat mir mein vterlicher Freund und
Berater, der alte Grail, wohl manches Trostwort gegeben und meinen Geist damit
aufgericht.
    Den Tag nach Ostern aber mut er das Halleluja mit mir anstimmen; denn an
diesem Tag erschien der Postbot mit einem gromchtigen Pack, darin ein Laib
Osterbrot, gefrbte Eier und ein Bschel Palmktzchen lagen nebst einem
Handschreiben der Lackenschusterin, das also lautete:

    Herzlieber Mathiasle!

Mut es halt nit in bel nehmen, wann ich dir annoch jetzund diesen Namen gib;
habs halt nit anders im Sinn und Gedenken.
    Hab also dein liebs Schreiben auf den grnen Pfinztag in die Hnd kriegt als
eine rechte herzliebe Ostergab. Und es ist mir eine groe Freud, da du Gottlob
gsund und wohlauf bist, wie es verbleiben mge bis ins Absterbens. Amen.
    Also dannen weil ich dir schreib, magst du wissen, da ich wohl schon sither
vierzehn Jahr eine Wittib bin und ein einschichtigs Weib, dieweilen meinen
gueten Eheherrn, den Anderl, selbigsmal das Ro geschlagen und gar ertt hat,
also da ich ihn halt eingraben hab mssen. Gott geb ihm die ewig Ruh. Amen.
    Und also steh ich ohne ein Kind und ohne einen Sterbensmensch da und schaff
halt weiter in dem Hof, da die andern dereinstmalen eine Freud haben.
    Aber habs mir nit in bel, lieber Mathiasl, da ich grad nur von mein Sach
red. Mcht gern wissen, was du schaffst und wie es bei dir ausschaugt, sither du
ein groer Herr bist worden und ein frtrefflicher Bildschnitzer. Mu dir eben
in dem Augenblick sagen, da ich annoch deine Sachen guet bewahrt hab bis auf
den heutigen Tag und verschlossen in dem Schreinen von der gueten
Irschermuetter, Gott hab sie selig.
    Nun mag ich dir nit verschweigen, was eine harte und auch betrbte Zeit und
Weil allhier gewest, sither da du selbigsmal so viel unntz von unserm Haus und
aus dem Ort entwichen bist.
    Blitz und Hagelschlag haben damalen oft die Gau verheert und alles zerstrt,
eine groe Teuerung ist allhier gewesen, da der Gulden kein Pfennigs Wert mehr
hat ghabt und ein Schffl Gedraid het schier hundert Gulden golten. Nach solchem
haben mssen sechsundzwanzig Kinder zu Sonnenreuth an den Blattern sterben; doch
keins von mir, dieweilen der Herr meine Ehe nit hat segnen mgen mit solcher
Gab. Hab mich halt dreingschickt in Geduld und Demut.
    Alsdann hat hier gewtet ein teuflischs Morden und Schieen, - sind bald
kommen sterreichische, bald Frankreichische von dem Napoleon, haben Quartier
genommen, und muten wir unaufhrlich liefern Leut, Vieh, Pferd, Geld und War,
muten Weib und Kind ein Schandtod sterben und Jungfrauen ihren Kranz lassen bei
den Wterichen. Napoleon wurde berall als ein Gott angebett, - einmal mit allen
Glocken gelutt, weil es geheien hat, da er unsern Frsten zu einem Knig
verbrieft, - und ist darnach abermalen das Elend fortgangen die Jahr, bis unser
lieber Herrgott ein End gemacht.
    Nun mag ich nit versaumen, da ich dich um eine gndige Absolution bitt
zwegen der fnf Gulden, so der Anderl, Gott la ihn ruhen, selbigsmal von Euch
verlangt hat als Bue, da du ihm davongangen bist. Habs gwi nit wollen und ihm
fleiig frgstellt - das aber leider alles vergebens war.
    Liebster Mathiasl, du fragst, ob ich einen Platz hab fr einen kranken
Mensch. Wr mir wohl der Gedank nit darwider, da etwan du dieser Mensch bist,
und wollt dich schon gsund machen in unserm Gau; aber wenn du schreibst, da du
gesund bist, wird schon wer anderst krank sein. Etwan gar deine Hausfrau. - Hast
ja nit geschrieben, ob du schon ein Ehweib genommen - was mich leider ja auch
nit angehet.
    Also bring mir die kranke Person und kehr bald bei mir zu.

Und nimm Gotts Grue von deiner
getreuen Kathrein
                                                              Lackenschusterin.

Nun la ich es sein, von meiner Freud zu sagen; ist wohl kein Mann noch Frau, so
nicht einmal ein Gleiches htt erlebt.
    Mein ehrwrdiger Vater Grail aber sagte: Pack zsamm, Hiasl! - Ich versorgs
Haus schon, bis d' wiederkommst. Und der Eberhard ist ja auch da, wenn sich grad
was fehlen sollt. - Aber - ich mein - es fehlt sich nix!
    Also machte ich mich reisefertig und fuhr den andern Tag dahin - heim.
    Mag sonst wohl ein kurzweiligs Reisen sein, so durch die Gaue und durch
mannigfache Drfer und Mrkt, vorber an jungen Saatfeldern und Wiesen, an
Wldern und Ortschaften, immer die schneeglnzenden, blauschimmernden Bergketten
vor Augen. Diese Reise aber deuchte mir schier wie eine Fahrt durch die
Ewigkeit, obgleich ich mit der Eilpost dahinfuhr und die Landschaft mit ihren
Hgeln und Tlern rasch an meinem Wagenfenster vorberglitt.
    Endlich aber wurde der Weg steiler, die Hgel wurden zu waldigen Hhen, die
Bergkette wurde dunkler und rckte nher und nher.
    Und da es um die Stunde war, da der Landmann vom frischgeeggten Feld, von
der Frhjahrsarbeit heimkehrte zur Abendsuppe, da lie der Kutscher seine Geiel
knallen und fuhr hinein in meinen Heimatort, durch blhende Obstgrten und helle
Bauernhfe, bis er gegenber der Kirche vor dem Tor des Hauses hielt, darber
das Schild prangte: Postgarten Sonnenreuth.
    Mit zitternden Knien stieg ich aus dem Wagen und gab meine Weisungen fr die
Rckfahrt.
    Dann ging ich langsam hinauf zum Freithof und suchte meine herzlieben
Zieheltern heim und wnschte ihnen den Frieden.
    Indem lutete man zum Rosenkranz, und ein junger Pfarrer trat ein und
verschwand in der Sakristei. Darnach kam ein hinkender Bursch im Memerrock,
ffnete die Kirchentr und das Freithofsgitter und grte bald diesen, bald
jenen aus der Gemeind.
    Und dann wandelten sie daher: alte, gebeugte Mnner, weihaarige, runzlichte
Mtter, etliche Jungfrauen mit niedergeschlagenem Blick und demtig geneigtem
Haupt, und dazwischen die Kinder meiner Altersgenossen und Kameraden.
    Noch einmal ertnte ein kurzes Zusammenluten zweier Glocken, - die Uhr
schlug fnf, und die Kirchentr wurde leise geschlossen, indes der schrille Ton
der Sakristeiglocke das Eintreten des Priesters zum Altar verkndete.
    In diesem Augenblick erscholl das feierliche Spiel der Orgel, die silbernen
Glcklein der Ministranten tnten whrend des Segens zu mir heraus, und nach
einer Weil vernahm ich das gleichmig abgestimmte Beten der Gestzlein des
glorreichen Rosenkranzes: Der von den Toten auferstanden ist.
    Noch ein paar Augenblicke lauschte ich, dann ging ich langsam aus dem Garten
der Abgeschiedenen und wandte mein Aug der Sttte zu, da einstmals der Weidhof
geprangt hatte. Ein mchtiger Besitz stand nun hier und lie nicht ahnen,
welches Unglck diesen Erdenfleck vor einer Zeit heimgesucht.
    Mit Bitterkeit und Trauer wandte ich meine Blicke weg und schritt frba,
dem Lackenschusterhof zu.
    Der stand frei auf der mit blhenden Obstbumen bepflanzten Anhhe und hob
sich massig aus dem blulichen Dunkel des Abends.
    Eine feine Rauchsule stieg aus dem Kamin, und etliche Knecht und Mgd
gingen geschftig ab und zu.
    Ein zottiger Hund stand vor seiner Htte und gab knurrend Laut, und eine
schneeweie Katze strich schnurrend um den Trstock, als ich mit klopfendem
Herzen einging und mit berquellenden Augen in der Kuchel hinter sie trat:
Kathreinl!
    Als ein schmchtigs, betagts Frauenbild stand sie da und rhrte mit dem
Schuflein im Schmarren. Ihr goldrotes Haar war an den Schlfen wie Flachs
gebleicht und ihr schmales Gesicht war von der Herdhitz leicht gertet.
    Sie hatte mich nicht gehrt und mein Kommen nicht weiter beachtet, also da
ich ganz nahe hinter sie trat und wieder sagte: Kathreinl!
    Da wandte sie ganz langsam den Kopf, ihre Augen glitten wie aus weiter Fern
ber mein Gesicht, blickten mich eine Weil gro an und wurden langsam trb und
na.
    Dann falteten sich ihre Hnd wie zum Beten, und sie sagte leise: Mathiasl -
ja - du bist es schon. - Gra di Gott!
    Und lste ihre Hnde und erfate die meinen: I hab schon gwart auf di. -
Kimm nur glei auffa - dei Stberl is schon gricht.
    Darnach rief sie eine Dirn in die Kuchel und fhrte mich hinauf ber die
knarzende Stiege in eine reiche Kammer, schob mir einen Stuhl hin und setzte
sich zu mir, indem sie sagte: Lang hab i warten mssen - aber jetz hab i di do
no derwart. - Jetz bist do no hoam kommen.
    Ja - ich war heimgekommen. Und ich wute es jetzt: Nirgends sonst gabs noch
eine Heimstatt fr mich denn bei ihr.
    Wohl waren wir beide betagt, - hatten das Leben hinter uns, - aber wir
wollten noch eine geruhige Weil - einen frohen Feierabend und einen friedlichen
Heimgang.
    Und so nahm das Kathreinl meinen Verspruch, da ich bald wiederkm und eine
lngere Zeit bei ihr bliebe; und nachmals, wenn unsere Tag ins Neigen gingen,
wollten wir dieselben miteinander in dem ehrwrdigen Bauernhof beschlieen und
in einer Erdenkammer zum ewigen Schlaf gebettet werden.
    Drei Tage blieb ich bei der liebsten Frau; dann fuhr ich wieder zurck in
die Stadt mit dem festen Willen, bald wiederzukommen.
    Und das Kathreinl gab mir noch die Hand in den Wagen und sagte: Bleib nit
z' lang, - i zhl jede Stund!
    Dann zogen die Pferde an, und ich winkte noch einmal zurck, indes sie still
stand und, die Augen mit der Hand beschattend, mir nachsah, bis das Gefhrt
hinter der Kirche um die Ecke bog und aus dem Markt fuhr.

                                     Abend


Es war im Erntemonat desselben Jahres, als mein vterlicher Freund und lieber
Hausgeno eines Morgens nicht, wie gewohnt, erschien; und da ich in seine Stube
trat, lag er bleich und still auf seinem Lager und hatte die Augen fr immer
geschlossen.
    Voll Leid und tiefer Trauer lie ich ihn an der Seite seines besten Freundes
hinabsenken und halte sein Angedenken still in Ehren, indem ich mir sein Leben
und Wandeln zu Nutz und Frommen fleiig vor Augen fhre und ihm nachzufolgen
trachte.
    Nicht lange nach ihm ging auch mein liebster Lehrer und Gnner, mein teuerer
Meister Eberhard, zur Ruh, und ich stand einsam an seinem Grab und bedachte die
Vergnglichkeit unserer Tage.
    In dieser Zeit wurde mein Verlangen nach dem geruhigen Haus zu Sonnenreuth
und nach dem schmalen Gesicht mit den gebleichten Schlfen, nach meiner
Kathrein, wieder lebendig.
    Und da ich einen meiner Gehilfen als eine gute, verlssige Kraft erkannt
hatte, bergab ich ihm die Leitung der Werkstatt, die Sorge frs Haus und eine
Summe Geldes mit allen Vollmachten, dafr mir der treue Bursch von Herzen
ergeben und dankbar war.
    Und nach solchem packte ich mein Sach zusammen und reiste heim.
    Das Kathreinl stand schon mit zwei Mgden vor dem Postgarten, da meine War
gut heim km, und wir folgten ber den Freithof nach und redeten kein Wort.
    Und da wir Hand in Hand ber die Schwelle traten, sagte sie blo: Gra di
Gott daheim - und sei gern da.
    Beim groen Gott - ja! Ich war gern da, ich war daheim.
    Jeder Tag lie mich aufs neue die glckhafte Ruhe und den stillen Frieden
der Heimat kosten, und meine Zeit und Weil war voll reiner Zufriedenheit.
    Einmal noch habe ich mich aufgemacht und bin den Weg gen Bayrischzell
gewandert und zum Haus des alten Thomas. Doch das war ganz verfallen und
verdet, so da ich, einer trben Ahnung folgend, meine Schritte zu dem Freithof
lenkte. Da stand ein einfaches Kreuz in einem Winkel, und ein rmlichs Rnklein
Epheu schlang sich darum und wand sich um das Tflein, darauf zu lesen stand:

  Hier ruhet der ehr und tugendreiche Jngling Thomas Beham, Bildlmacher von
          Bayrischzell. Gestorben den zehnten Februaris 1820. R.I.P.

Ergriffen stand ich vor dem kleinen Hgel, bis mein Blick nach einer Weil auf
einer Inschrift des armseligen Kreuzes daneben haften blieb:

  Hier liegt das Tiroler Katherl begraben. Sie starb den Jakobitag des Jahres
               1809 im Alter von hundertundsieben Jahren. R.I.P.

Still verlie ich die Ruhstatt der beiden Toten und machte mich langsam auf den
Heimweg.
    Es war schon dunkel, als ich heimkam, und das Kathreinl sa einsam auf der
alten Hausbank und wartete auf mich. Ein Schreiben meines Gehilfen war gekommen,
darin er mir zu wissen machte, da eine sieben Schuh hohe Madonna fr den
Frauenaltar der Kirche zu Brunntal befohlen wr.
    Also mute ich unverhofft den andern Tag Abschied nehmen, dabei ich aber der
liebsten Frau versprach, bis zur Weihnacht wieder bei ihr zu sein.
    Fuhr derhalben sogleich dahin und machte mich an das Werk, welches nachmals
als mein bestes gepriesen ward.
    Tag um Tag sa ich nun dabei, formte die hohe Gestalt der himmlischen Frau,
schnitt ihr faltigs Gewand, ihr Szepter, ihre feinen, adligen Hnd und stemmte
und schabte, schnitzte und schliff an dem Antlitz der Jungfrau, indes meine
Gedanken sich in ferne Zeiten verloren und gemach sich in ein geruhiges Glck
einspannen.
    Es war schon spter Herbst, als ich endlich mit dem Glasplttlein den
letzten Strich schabte und starr und unverwandt das Angesicht der hohen Frau
betrachtete, dessen Linien mich leise an ein wohlbekanntes Frauenbild gemahnten
und das Heimweh nach ihm weckten.
    Also da ich mich beeilte und die Statue dem Meister Dreler zur Bemalung
bergab, der sie darnach zum Fest Mari Empfngnis in die Kirche nach Brunntal
verbrachte.
    Und da man mir meine achthundert Gulden fr das Bildwerk ausgezahlt hatte,
fuhr ich frhlichen Sinnes zurck nach Sonnenreuth, um mit meiner Kathrein die
Weihnacht zu feiern.
    Ein tiefer Winter war derweil gekommen, und der Schnee lag glnzend ber der
keimenden Saat, beugte die Bume unter seiner Last und bedeckte die Dcher und
Trme mit hohen, in der Sonne blitzenden Hauben.
    Die Wege waren schuhtief verschneit, und mnniglich steckte den Kopf fest
unter den Mantelkragen und zog die Pelzhaube tief ber die Ohren.
    Meine Kathrein aber kniete vor dem gromchtigen Linnenschrank und holte das
feinste von den selbstgewirkten Tafeltchern heraus fr die Weihnacht, indes die
Mgd am Backtrog standen und den Teig zum Kletzenbrot kneteten.
    Und da etliche Tag darnach der heilig Abend anbrach, stellte die liebste
Frau die alte Hauskrippe unter den Altar, steckte rings um den Tisch rote Kerzen
auf und trug schwere Schsseln voll pfel, Nsse und Weihnachtsbrot in die
Stube.
    Darnach stellte sie alle die armseligen Figrlein und Sachen, so ich ihr als
Knab geschenkt, an ihren Platz und steckte eine groe Kerze dazu.
    Am End aber wies sie mir auch meinen Platz, indem sie ein Licht neben das
ihre klebte und eine feine Silbertruhe, darin ein goldens Herz und in diesem ein
alter Fingerring lag, dazustellte, worauf sie hinauslief, ihre Leut zu holen.
    Nun legte auch ich meine Verehrung fr sie, ein goldens Medaillon, sowie
eine Statuette ihrer Patronin zu ihren Sachen und setzte mich darnach still auf
die Ofenbank.
    Lachend und schwatzend erschienen nun alle im Festgewand, wnschten mir
einen guten Abend und knieten sich darnach um die Krippe.
    Da trat auch die Kathrein in hohem Staat ein, trug einen brennenden
Wachsstock in der Hand, lchelte leise zu mir herber und entzndete die Kerzen,
indem sie mit bewegter Stimm das Weihnachtslied begann. Da fielen alle ein und
sangen:

Was Wunder ist gschehen zu dieser Nacht,
Da uns die Jungfrau den Christ hat bracht!
Ein Jauchzen dringet vom Himmel her;
Englein tun singen: Gott sei die Ehr!
Es knieet Maria wohl auf dem Stroh
Und ist der erflleten Botschaft froh,
Hlts Kindlein voll Lieb wohl in dem Arm
Und singet: Nun schlafe, mein Shnelein, warm!
Ich wiege dich sanft und ich wiege dich fein,
Schlafe, mein herzliebes Kindelein, ein! -
Ihr Manne, der Joseph, das Bettlein aufmacht
In der Krippen, darein er ein Strohbund hat bracht;
Maria die legt ihren Schleier dazu
Und bettet ihr Shnlein zur gueten Ruh.
Ein Ochs und ein Eslein, die wehren der Klt
Und halten fein warm den Erlser der Welt.
Viel Engelein fliegen durchs nchtliche Tal,
Besingen das Kindlein in Bethlehems Stall,
Frohlockend des Wunders der heiligen Nacht,
Da Jerichos Rose das Blmlein hat bracht.

Nach solchem Singen standen alle auf, und ein jegliches nahm sein Licht vom
Tisch; das Kathreinl aber reichte ihnen den blichen Christtaler, verteilte den
Inhalt der Schsseln unter sie und nahm darnach auch unser beider Verehrung vom
Tisch, legte es in ihre Schrze und setzte sich schweigend zu mir, indes die
Mgd aufdeckten und die Mahlzeit hereinbrachten.
    Also ward frhlich gegessen und getrunken, gelacht und gescherzt, indes das
Feuer im Ofen krachte und der Kienspan knisterte.
    Das Kathreinl trug nun unsere beiden Lichter samt den Gaben hinauf in meine
Kammer und setzte sich darnach wieder auf die Ofenbank.
    Sie schien md und abgeschlagen zu sein, also da ich meinte, sie mg sich
doch hinlegen; - die heilig Nacht ging auch ohne ihr Zutun frhlich hinber.
    Aber sie wollte nicht.
    Und da es Zeit war, zur Metten zu gehen, und das Krachen der Bller und das
Gelut der Glocken durch das Tal hallte, richtete sie die Laternen zu, schob den
langsamen Zeiger der Uhr auf halb zwlf vor und hllte sich in ihren groen
Schal. Dann sagte sie zu mir: Wirst wohl noch munter sein, wann ich wiederkomm,
Mathiasl; - la mir halt kein Unhold ins Haus und krieg den Weillang nit.
    Worauf sie mir lchelnd einen Weichbrunn gab, gute Nacht wnschte und den
andern folgte.
    Ich aber sa nachdenklich auf meiner Bank und dachte, da das Kathreinl heut
gar nicht wohl ausgesehen htt, und da sie besser tat, wenn sie den Hof
verkaufte und sich zur Ruh setzte.
    Und hing also einsam meinen Gedanken nach, als dumpfer Lrm an mein Ohr
drang und mich erschreckt auffahren lie.
    Ich lief hinaus frs Haus, - da kamen die Knecht und die Mgd - und trugen -
heiliger Gott - meine Kathrein. -
    Sie wr ihnen ganz gerecht nachgekommen, erzhlte der Oberknecht, - sei noch
eine Weil dahingegangen, - htt dann mit einem Mal ein erschreckliches Husten
hren lassen - die Arm ghlings in die Hhe geworfen - und sei wie ein Baum
zusammengebrochen. - Und da sie voll Schrecken hinleuchten, ist der Schnee rings
gertet. -
    Wir legten sie aufs Bett.
    Bleich und ohne Leben lag sie da.
    Wir wuschen ihr das Gesicht mit Essigwasser, und ich hielt bebend ihre
kalten Hnd in der meinen, indes die einen zum Wundarzt liefen, - die andern zum
Pfarrer.
    Das brige Gesind war leise hinausgegangen, und ich vernahm aus der
Wohnstube herauf das gedmpfte Beten fr die Kranke.
    Meine liebste Frau ffnete die Augen, sah mich matt und hilflos an und
schlo sie wieder.
    Nach geraumer Weil kamen die andern zurck und meldeten: der Wundarzt wr
nicht daheim, - km auch nicht heim, die Nacht, - und der Herr Pfarrer htt
nicht der Weil, - und der Koprator auch nicht, - die mten jetzt die Metten
singen und das Christamt halten.
    Dann gingen sie hinab zu dem brigen Gesind.
    Also sa ich allein am Bett meiner Kathrein, indes die hohe Uhr ihr
langsames Tick Tack hackte, das Wachslicht flackernd niederbrannte und das
murmelnde Beten zu mir heraufdrang.
    Da schlug sie noch einmal die Augen auf, - sah mich an, - ffnete den Mund
und flsterte meinen Namen. Ich beugte mich ber sie und hielt mein Ohr an ihre
Lippen, krampfhaft ein lautes Schluchzen verbeiend.
    Aufheben -, lispelte sie.
    Und ich schob leise meinen Arm unter ihr Hauptpolster und hob sie. Da
lchelte sie ein wenig - sagte flsternd:
    Gelts - - - Gott - - - ich - - - geh - - - heim - - - o Jesus - - - und
war still.
    Ich legte sie stumm zurck - drckte die herzlieben Augen zu - und ging
hinaus.
    Und nun mag ich nimmer reden von meinem Leid.
    Sie ward mit groem Geprng zur Erden bestattet, ihr Hof zerteilt, dabei die
herzliebste Frau auch mir ein Teil zuma; - und dann reiste ich zurck in die
Stadt, - suche Trost im Schaffen und lebe ein einsams Leben, - das mir der gut
Vater zu einem gndigen End fhren wolle. Amen.
