
                                Scheerbart, Paul

                        Lesabndio. Ein Asteroiden-Roman

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                                Paul Scheerbart

                                   Lesabndio

                              Ein Asteroiden-Roman

                              Personenverzeichnis

Biba. Sehr alter Pallasianer, der sich besonders fr die Sonne interessiert und
    philosophische Bcher schreibt.
Bombimba. Ganz, jugendlicher Pallasianer, dessen Entstehung geschildert wird.
Dex. Ein Fhrer auf dem Stern Pallas. Die Heraufbefrderung und Bearbeitung des
    Kaddimohnstahls ist seine Hauptbeschftigung.
Labu. Ein knstlerischer Fhrer, der sich fast nur fr die Formen mit gekrmmten
    Linien interessiert.
Lesabndio. Ein Fhrer, der mehr technische als knstlerische Interessen hat und
    die Erbauung eines groen Turmes am meisten frdert.
Manesi. Ein grtnerisch veranlagter Fhrer, der fr Rankengewchse begeistert
    ist und viele Pilzwiesen anlegt - auch in den Hhlen des Sterns Pallas.
Nax. Ein Bewohner des Sterns Quikko. Kommt mit neun andern Quikkoanern durch
    Vermittlung von Lesabndio und Biba auf den Pallas.
Nuse. Erbauer von Lichttrmen.
Peka. Knstlerischer Fhrer, der nur mit graden Kanten und Flchen arbeiten will
    und alle kristallinischen Formen hher schtzt als die anderen Formen.
Sofanti. Fachmann fr Hautfabrikation.

                                 Erstes Kapitel


Lesabndio macht den Biba auf einen kleinen Doppelstern aufmerksam und sagt, da
nach seiner Meinung der Asterod Pallas ebenfalls ein Doppelstern sei. Biba
schwrmt danach fr das intensive Leben auf der Sonnenoberflche und erklrt,
da er gerne dort sein mchte. Lesabndio will ihn davon abbringen und liest ihm
eine Geschichte vom Stern Erde vor, auf dem vor kurzem ein alter Pallasbewohner
gelebt hat, ohne von den Erdbewohnern bemerkt zu werden. Zum Schlusse wird von
dem irdischen Astronomen Pallas berichtet, der dem Asterod Pallas seinen Namen
gab, der merkwrdigerweise ebenso klingt wie der Name, den die Pallasianer
selber ihrem Sterne gegeben haben.

Violett war der Himmel. Und grn waren die Sterne. Und auch die Sonne war grn.
    Lesabndio machte seinen Saugfu ganz breit und klemmte ihn fest um die sehr
steil abfallende zackige Steinwand und reckte sich dann mit seinem ganzen
Krper, der eigentlich nur aus einem gummiartigen Rhrenbein mit Saugfu
bestand, ber fnfzig Meter hoch in die violette Atmosphre hinein.
    Mit dem Kopfe des Lesabndio ging oben in der Luft eine groe Vernderung
vor sich; die gummiartige Kopfhaut wurde wie ein aufgespannter Regenschirm und
schlo sich dann langsam zu; das Gesicht wurde dabei unsichtbar. Die Kopfhaut
bildete danach eine Rhre, die nach vorn offen war, whrend sich auf ihrem
Grunde das Gesicht befand, aus dessen Augen zwei lange fernrohrartige Gebilde
heraustraten, mit denen der Lesabndio die grnen Sterne des Himmels sehr
deutlich sehen konnte, als wre er ganz in ihrer Nhe.
    Der heftige Biba reckte sich neben dem Lesabndio ebenso in die violette
Atmosphre hinein. Whrend aber der Gummikrper des Letzteren ganz steif und
grade stand, bewegte sich Bibas Gummikrper wie ein Grashalm im Winde.
    Nun sagte Lesabndio - und seine Stimme klang dabei sehr laut, da sie durch
die Kopfhautrhre verstrkt wurde:
    Biba, siehst Du neben dem Stern Erde den kleinen Doppelstern?
    Biba legte nun auch seine Kopfhaut um die Ohren und machte aus der Haut auch
eine Rhre und lie auch in dieser Hautrhre seine Augen zu zwei langen
Fernrohren werden.
    Und der Biba entdeckte den kleinen Doppelstern ebenfalls und sagte nach
einer Weile:
    Der Doppelstern hat aber nichts mit dem Stern Erde zu tun; er ist einer von
den kleinen Sternen, den Asteroden, zu denen auch der Stern Pallas gehrt, auf
dem wir leben.
    Das ist, versetzte Lesabndio, auch meine Meinung. Ich mchte nur gern
wissen, ob wir diesen Doppelstern mal in nchster Nhe sehen knnten.
    Ich habe, sagte da der Biba, diesen Doppelstern schon fters beobachtet;
er geht viel langsamer als der Pallas, und wir mssen ihn deshalb in einiger
Zeit einholen. Wir werden den Doppelstern wohl bald in nchster Nhe sehen. Aber
warum interessiert Dich das?
    Das obere System des Doppelsterns, erwiderte Lesabndio, sieht wie eine
spitze Dte aus, deren Spitze sich oben befindet. Das untere System des
Doppelsterns ist eine Kugel, die sich dreht; die Pole der Kugel befinden sich
rechts und links. Erleuchtet wird die Kugel von einem Lichte, das aus dem
Inneren der Dte kommt - von oben herunter kommt das Licht - aus der unten
offenen Dte heraus. Das Licht erleuchtet die ganze Kugel, da sich die Pole
dieser sich drehenden Kugel seitwrts rechts und links befinden. Dte und Kugel
hngen also eng miteinander zusammen.
    Ja, sagte nun der Biba erstaunt, das hab ich Alles lngst gesehen. Warum
interessiert Dich das in so auerordentlicher Weise?
    Weil, rief nun der Lesabndio pltzlich sehr laut, ich glaube, da zum
Stern Pallas auch eine solche Dte gehrt - oder etwas hnliches. Kurzum: weil
ich glaube, da der Stern Pallas auch ein Doppelstern ist.
    Biba sagte darauf nach einer Weile:
    Ich werde darber nachdenken.
    Dann wurden die Beiden wieder ganz klein, die Kopfhaut legte sich an den
Hinterkopf, und die groen Augen lagen wieder ganz einfach neben der
messerscharfen, fein gekrmmten Nase.
    Um Bibas Mundwinkel glitzerten viele feine Falten, und er sprach dabei,
whrend sein Kopf jetzt nur anderthalb Meter vom breiten Saugfu entfernt war:
    Zweifellos haben wir das Recht, in allen astralen Dingen sehr viele
Doppelsysteme zu vermuten und sehr viel Vielfltiges - ist doch unsre Sonne mit
ihrem groen Trabantenheer auch nur ein derartiges Vielfltiges - ein groes
Doppelsystem, in dem die Trabanten den einen Teil bilden, whrend die Sonne das
Andere, das Hhere - die Dte ist. Wie kommt es aber, da sich all die Trabanten
von der groen Sonne fesseln lieen? Ich glaube, es ist hauptschlich malose
Neugierde und malose Bewunderung. Die beiden groen Sterne, die der Sonne am
nchsten sind, bewegen sich garnicht um sich selbst, starren die Sonne immerzu
an und sind ganz weg vor berauschender Bewunderung. Der dritte Stern, den wir
Erde nennen, ist nicht mehr so heftig von der Intensitt der Sonnenkraft
mitgerissen; er dreht sich noch um sich selbst - er hats noch nicht vergessen,
da er einst auch eine Sonne war - sein Mond starrt ihn ebenso unbeweglich an -
wie die beiden groen Sterne, die der Sonne am nchsten sind, die Sonne
anstarren. Und mir gehts beinahe so wie diesen beiden Sternen, obgleich ich kein
Stern und auch weiterab bin. Aber diese rasenden Strme der Sonnenhaut - dieses
intensive wilde unerschpfliche zuckende Flammen-, Licht- und Glutleben reit
mich auch hin. Was soll man zu einer so unbeschreiblichen Kraft - zu solcher
ungeheuren Schnelligkeit und zu solchem sprhenden trotzigen Lebensberma
sagen? Ich mchte mich fr die Stoffverhltnisse der Sonnenhaut unempfindlich
und unsichtbar machen und einmal da auf der Sonnenhaut mittendrin in all dem
tollen Flecken- und Protuberanzen-Leben stehen und sehen - wies denn blo
mglich ist. Es mu der hchste Lebensrausch da sein - ein Lebensrausch, gegen
den alles Trabantenglck einfach mde Schlafmtzigkeit ist. Oh - wenn ich da
hinkommen knnte! Lesabndio, die Sonne ist grer als alle ihre Trabanten.
    In noch greren Kreisen, erwiderte Lesabndio, als wir bewegen sich auch
Sonnen um die groe Sonne, die sich in der Mitte unseres Planetensystems
befindet. Weiterab von der Mitte - weiterab als die Pallasbahn - gibt es auch
groe Sonnen, die sich wie wir um unsre Mittelpunktssonne bewegen, warum willst
Du Deine Gedanken nur dieser widmen? Und - haben wir nicht auch auf unserm Stern
Pallas genug zu bewundern?
    Biba bewegte vier seiner Arme, aus denen sich viele lange Finger
herausstreckten, bedeutsam in der Luft herum und machte dann seine Arme zehn
Meter lang und deutete mit allen Fingern zitternd nach der grnen Centralsonne,
die als dickster grner Stern oben im violetten Himmel sanft leuchtete wie eine
ganz stille, ruhige Welt.
    Sie ist nicht still und ruhig! rief der Biba.
    Und der Lesabndio sprach nun, whrend der Biba wieder seine Arme und Hnde
in die Falten seines Krpers hineinlegte:
    Ein interessantes Buch hab ich neulich entdeckt, in dem ein Pallasianer
seinen Aufenthalt auf dem Stern Erde schildert; er ist dort fr die
Erdverhltnisse unsichtbar und unempfindlich gewesen und ist von seinem Leben
auf diesem Stern Erde garnicht so entzckt. Und so knnte Dirs auch ergehen,
wenn Du mal in hnlicher Weise auf die Sonne kmest. Biba wurde sehr lebhaft
und wollte das Buch kennen lernen, und der Lesabndio griff mit vielen Fingern
an seine Halskette, von der an feinen Fden viele kleine Rollen
herunterbaumelten. Und eine von diesen Rollen machten Lesabndios flinke Hnde
auf.
    Da die meisten Pallasianer ihre Augen auch ganz leicht zu Mikroskopen machen
konnten, so wurden fast alle Bcher in allerkleinster Form in photographischer
Manier nur fr Mikroskopaugen hergestellt, soda jeder Pallasianer imstande war,
seine ganze Bibliothek am Halsbande zu tragen.
    Lesabndio las nun aus dem Buche, das der Pallasianer, der auf der Erde
gewesen war, geschrieben hatte, das Folgende langsam und deutlich vor:
    Auf dem den Pallasianern wohlbekannten Keulenmeteoriten fuhr ich durch die
Bahn des Sterns Erde. Und es gelang mir da, ganz gefahrlos die Oberflche der
Erde zu erreichen. Die Erde ist ein auerordentlich schwerer Stern, besteht aber
aus Stoffen, die so vollkommen anders sind als diejenigen, die wir auf dem
Pallas kennen, da mein ganzer, doch recht umfangreicher Krper fr die Bewohner
der Erdoberflche gnzlich unsichtbar und unempfindlich blieb. Ich aber konnte
mit meinen vortrefflichen Augen sehr wohl alles sehen, was auf der Erde vorging.
Was ich aber sah, war wohl sehr seltsam, aber doch wenig erfreulich. Die
Erdbewohner konnten durch meinen Krper durchgehen, ohne da sie es bemerkten.
Ich fhlte bei solchem Durchgehen nur ein feines, nicht unsympathisches Kribbeln
in meinen Gliedern. Ich versuchte, auch ins Innere der Erde zu gelangen - das
war aber an allen Stellen unmglich. Und so mute ich auf der Oberflche
bleiben. Ich fand berall eine Vegetation, die meinen Krper ernhrte. Whrend
wir aber auf dem Pallas nur ntig haben, unsern Krper mit den Pallaspilzen in
Berhrung zu bringen, um den Nahrungsstoff durch unsre Krperporen aufzunehmen,
war ich auf der Erde gezwungen, Pilze und Schwmme erst zu zerreiben, bevor sie
von meinen Poren aufgenommen werden konnten. Entsetzt aber war ich durch die
Ernhrungsart der Erdbewohner; diese nehmen die Nahrung durch den Mund auf, bis
ihr Leib aufquillt. Und das Furchtbarste war, da sie andre Lebewesen tteten,
zerschnitten und zerhackten und dann stck- und kloweise in ihren Mund
steckten; im Munde hatten sie steinharte Zhne, mit denen sie alles zermalmten.
Ich versuchte auf alle mgliche Art, mich den Erdbewohnern bemerkbar zu machen;
es gelang mir aber nicht. Die Erdbewohner sind von sehr verschiedenartiger
Intelligenz, die fhrende Rolle hatten Lebewesen, die auf zwei Stelzbeinen
mhsam sich weiterschleppten und sich Menschen nannten. Diese Menschen waren
ursprnglich Raubtiere - das heit: Lebewesen, die mit Klaue und Zahn ber andre
Lebewesen herfielen, sie tteten und auffraen. Aus diesen Raubtierinstinkten
entwickelten sich nun die abscheulichsten Gewohnheiten. Die Menschen
vernichteten nicht nur die weniger intelligenten Lebewesen auf der Erdrinde, sie
vernichteten sich sogar gegenseitig um der Nahrung willen. Und wenn ich auch
nicht gesehen habe, da sie sich gegenseitig auffraen, so mute ich doch sehen,
wie sie in groen Horden zu Tausenden aufeinander losgingen und sich mit
Schuwaffen und scharfen Eisenstcken die entsetzlichsten Wunden beibrachten, an
denen die meisten nach kurzer Zeit starben.
    Hr auf! schrie da der Biba pltzlich und wurde ganz blau im Gesicht, wie
kannst Du mir das vorlesen? Du marterst mich ja. Soll ich glauben, da auch die
Bewohner der Sonnenoberflche auf einer derartig niedrigen Entwicklungsstufe
stehen? Niemals werde ich das glauben - ich mte es denn mit meinen eigenen
Augen sehen. Und das wre entsetzlich. Willst Du mir meine Sehnsucht nach der
Sonne rauben?
    Aber, sagte nun der Lesabndio, wie kann Dich dieser Bericht so aus der
Fassung bringen? Mut Du nicht froh sein, da Du auf einem Sterne lebst, dessen
Bewohner ein feineres Leben fhren? Sieh, lieber Biba, ich mchte Dir gerne
Deine ungestme Begierde nach dem Sonnenleben abnehmen. Es ist nicht gut, wenn
man so ungestm nach einem anderen Leben sich sehnt und dabei die Vorzge des
Lebens, in dem man sich befindet, miachtet. Auch das Leben auf der Erdhaut mu
nach dem Buche, das ich hier in Hnden habe, ebenfalls Vorzge besitzen.
    Ich bitte Dich, sagte darauf der Biba ganz weich, scherze nicht: Du
kannst doch nicht behaupten, da diese Erdbewohner, die sich gegenseitig in
Horden vernichten, irgendwelche Lichtseiten in ihrem Leben aufweisen knnten.
    Lesabndio lachte und widersprach und las schlielich aus dem kleine Buche,
das er in seinen Hnden hatte, noch das Folgende vor:
    So unglaublich es klingen mag, so mu doch gesagt werden, da sich einzelne
von diesen Menschen auch mit dem Leben der anderen Sterne beschftigen und da
sie sich knstliche Glasaugen gemacht haben, mit denen sie die brigen Sterne in
vergrertem Mastabe sehen. Und besonders lustig war es, als ich hrte, da die
Menschen auch den Stern Pallas entdeckt hatten. Unsern Stern nennen sie nach dem
Astronomen Pallas. Dieser Astronom heit nmlich Peter Simon Pallas, und ich
habe ihn mit eigenen Augen gesehen. Natrlich wei dieser Pallas nicht viel von
uns, aber er wute doch, da unser Stern gute vierzig Meilen im Durchmesser hat.
Gesehen hat er von unserm Stern allerdings nur einen Lichtpunkt. Dieser Peter
Simon Pallas hat natrlich nur unsre Atmosphre gesehen, die von der Sonne und
von dem uns nchsten groen Trabanten der Sonne, den die Menschen Jupiter
nennen, beleuchtet wird. Aber es ist doch unglaublich seltsam, da der Name des
irdischen Astronomen, nach dem unser Stern genannt wird, genauso klingt wie der
Name, den wir unserm Sterne gegeben haben. Man sollte deswegen auch ber
niedriger stehende Lebewesen auf anderen Sternen niemals zu schnell ein
abflliges Urteil aussprechen.
    Bibas Gesichtszge erheiterten sich und wurden wieder hellbraun wie sonst.
    Dann aber wollte der Biba das ganze Buch selber lesen, und Lesabndio liehs
ihm.
    Nachdem der Biba das Buch an einem Faden seines Halsbandes befestigt hatte,
beschlossen die Beiden, an der steilen Felswand emporzusteigen. Sie reckten sich
wieder hoch auf, wurden dann blitzschnell wieder klein und stieen sich dann mit
dem zusammengezogenen Saugfu ab, soda sie in die Hhe flogen - wohl
dreihundert Meter hoch.
    Sie breiteten in der Luft ihre Rckenflgel aus, soda sie sich wieder der
Felswand nherten, an der sie dann mit dem Saugfu abermals festen Fu faten.
Von dort aus sprangen sie wiederum hoch empor wie vorhin und kamen so mit
einigen guten Stzen zu den Gipfeln des Gebirges, das den oberen Rand des Pallas
kreisfrmig abschliet.

                                Zweites Kapitel


Es wird zunchst die Tonnenform des Pallas geschildert. Dann werden die
schwirrenden Bandbahnen des Nordtrichters vorgefhrt. Und dann kommt Lesabndio
mit Biba zum neuen Riesenlichtturm, den sie mit Nuse, Dex und Manesi auf
Seilbahnen besteigen. Auf der Spitze des Turms erleben sie das wunderbare
Schauspiel des Nachtbeginns. Whrend Nuse auf dem von ihm erbauten Lichtturm
bleibt, begeben sich die vier anderen Herren zum Mittelpunkt des Sterns -
Lesabndio fliegt hinunter und sieht sich die Beleuchtungen des Nordtrichters
an, whrend die drei Andern eine Seilbahn benutzen, um schneller zum Mittelpunkt
des Sterns zu gelangen.

Das Gebirge, das den oberen Rand des Pallas kreisfrmig abschliet, hat viele
hohe Gipfel und viele schroff abfallende Felswnde. Der Kreis, den dieses
Gebirge bildet, hat einen Durchmesser von zwanzig Meilen.
    Der Stern Pallas sieht uerlich so aus wie eine Tonne. Die Hhe der Tonne
von oben nach unten betrgt vierzig Meilen, die Breite in der Mitte dreiig
Meilen. Und dort, wo die Deckel der Tonne sind, ist der Durchmesser der runden
Deckelflche oben wie unten zwanzig Meilen gro. Aber es befinden sich keine
Deckel an dieser Tonne; im Innern der Tonne sind oben wie unten zwei leere
Trichter von zwanzig Meilen Tiefe. Die beiden Trichter stoen mit ihren Spitzen
im Mittelpunkte zusammen. In diesem Mittelpunkte befindet sich ein Loch, das im
engsten Teile noch eine halbe Meile breit ist. Durch dieses Loch sind die beiden
Trichter miteinander verbunden. Die krftig ausgebauchte Tonne dreht sich
langsam um sich selbst - um die senkrechte Linie, die durch den Mittelpunkt von
oben nach unten geht. Und mit Ausnahme der leeren Trichter besteht die Tonne aus
festem Stoff.
    Lesabndio befand sich nun mit dem Biba auf dem oberen Rande des
Nordtrichters. Und dieser obere Rand zeigte viele hohe Gebirgsgipfel. Und nach
unten gings zwanzig Meilen schrg ab in die Tiefe zum Mittelloch. Aber die Wnde
dieses Riesentrichters waren nicht flach und glatt - sie zeigten wie der Rand
oben viele zackige Gipfel und viele schroff abfallende Felswnde. Aber diese
Felswnde waren auch nicht glatt, sondern vielfach zerrissen und von vielen
tiefen Tlern durchfurcht.
    Die Pallasianer hatten nun wohl die Fhigkeit, infolge ihres Saugfukrpers
hoch in die Lfte zu springen und sich auch in den Lften mit Hilfe ihrer
Rckenflgel schwebend zu erhalten, soda sie leicht zu jeder Bergspitze und
berallhin gelangen konnten. Diese natrliche Fortbewegungsart erschien aber den
Pallasianern sehr bald nicht schnell genug. Und sie hatten daher in den beiden
Trichtern unzhlige sogenannte Bandbahnen hergestellt, die die Gipfel und Tler
nach vielen Richtungen hin - schrg, waagrecht und auch senkrecht - miteinander
verbanden.
    Die Bandbahnen bestanden aus langen Bndern, die nicht viel breiter als fnf
Meter waren und sich an den beiden Endpunkten auf automatisch ttigen Rollen
sehr schnell fortbewegten; ein Bandstck bewegte sich oben und das andre unten.
Nun brauchte der Pallasianer nur auf das Band aufzuspringen und sich mit seinem
Saugfu auf dem Bande festzuheften - so sauste er mit rasender Eile dahin. Am
Schlu sprang dann der Pallasianer ab und flog mit der gegebenen Geschwindigkeit
so lange durch die Luft weiter, bis er eine zweite Bahn erreicht hatte, die ihn
mit derselben Schnelligkeit wie die erste weiter befrderte.
    Nun liefen immer sehr viele Bandstreifen auch in andrer Richtung, soda alle
Trichterwnde nach allen Richtungen hin leicht befahren werden konnten. Die
Bandstreifen bewegten sich natrlich smtlich ohne Unterla, da die rotierende
Ttigkeit der Rollen, um die die Bandstreifen rumgelegt waren, nicht aussetzte.
    Die Bandbahnen boten ein Bild der heftigsten Verkehrsfreude; die Pallasianer
flogen immerzu auf die Bnder rauf und immerzu wieder von den Bndern runter,
soda langsam in natrlicher Bewegung dahinschwebende Pallasianer durch ihr
langsames Schweben auffielen - wie trge Nichtstuer.
    Um ihre Saugfe ein wenig zu schonen, pflegten zusammenfahrende Pallasianer
aufeinander zu sitzen - was zuweilen sehr drollig aussah. So sa auch der Biba
mit seinem Saugfu auf Lesabndios Rcken hinter den Flgeln, als die Beiden auf
den Bandbahnen rasch einem ferner gelegenen Berggipfel zustrebten. Nachher sa
der Lesabndio auf dem Biba. Die Beiden kamen rasch weiter im oberen Teile des
Trichters und berflogen mindestens dreiig breite Talschluchten in ein paar
Augenblicken.
    Und dann flogen sie rasch von der letzten Bahn ab nach oben hinauf auf die
Spitze eines sehr hohen Berggipfels, auf dem Tausende von Pallasianern ganz
still dasaen und ein neues Bauwerk anstarrten.
    Das Bauwerk war ein Glasturm.
    Doch dieser Glasturm ragte eine volle deutsche Meile in den Weltenraum
hinauf.
    Und so wars sehr natrlich, da Tausende von Pallasianern dieses neue
Bauwerk ganz still anstarrten.
    Der Pallasianer Nuse, der diesen Turm gebaut hatte, sah jetzt den Lesabndio
mit dem Biba heranfliegen und breitete gleich seine Kopfhaut wie einen riesigen
Regenschirm seitwrts aus und brachte den Rand seiner Kopfhaut zum Schwingen.
Lesabndio und Biba taten dasselbe; so pflegten sich die Pallasianer immer zu
begren, wenn sie gern miteinander sprechen wollten.
    Und sie sprachen miteinander.
    Viele feine Falten glitzerten dabei neben den Mundwinkeln der Pallasianer.
Und die messerscharfen Nasen zuckten fters.
    Der Glasturm war ein Lichtturm, der heftig leuchten sollte - in der langen
Nacht. Die lange Nacht war auf dem Pallas so lang wie ein Monat auf der Erde;
der Tag war ebenso lang.
    Der eigentliche Lichtspender ist aber auf dem Pallas nicht die Sonne,
sondern eine weie groe Wolke, die hoch ber dem Nordtrichter befindlich ist.
    Diese weie Wolke leuchtete jetzt auch in vollem Glanze. Die Berge auf dem
Trichterrande waren auch zumeist wei; nur einzelne Stellen zeigten blaue und
graue Farben; in der Tiefe des Trichters waren die blauen und grauen Farben
dunkler und vorherrschend, soda man da das Weie nur vereinzelt sah.
    Die Gesichter der Pallasianer hatten gelbe Farbe - nur die Augen waren braun
und die Lippen ebenfalls, whrend die Kopfhaut aufgesperrt innen radiale braune
Streifen auf gelbem Untergrunde zeigte; die Rckseite der Kopfhaut war
dunkelbraun. Der kautschukartige dunkelbraune Krper hatte viele groe und
kleine gelbe Flecke.
    Nuse hatte schon viele Lichttrme gebaut - zumeist auf den Berggipfeln, die
sich tiefer im Nordtrichter befanden - aber keiner der Lichttrme hatte den
zehnten Teil der Gre erreicht, die der Lichtturm erreichte, vor dem jetzt
Tausende von Pallasianern staunend dasaen.
    Nuse klagte und sagte:
    Es ist so unsglich schwierig, die Pallasianer zu so groen Arbeiten zu
berreden. Ich will doch eigentlich noch hundert solche Trme bauen. Aber meine
guten Freunde wollen vorlufig noch nicht; sie wollen immer wieder was Andres.
    Oh, versetzte da der Lesabndio, das ist ja das Geheimnis unsrer Kraft:
je mehr Schwierigkeiten und Hindernisse von uns zu berwinden sind, um so mehr
wchst unsre Kraft. Und es luft doch alle unsre Ttigkeit nur darauf hinaus,
uns immer krftiger, grer und bedeutender zu machen.
    Alle Ttigkeit der Pallasianer konzentrierte sich aber darum: den Stern
Pallas weiter auszubauen - umzubauen - besonders landschaftlich zu verndern -
prchtiger und groartiger zu machen.
    Und sie hatten vor nicht allzulanger Zeit ein Material im Innern ihres
Tonnensterns entdeckt, das den Horizont ihrer Baugelste merklich erweiterte.
Dieses Material hie Kaddimohnstahl und bestand aus unzerbrechlichen
meilenlangen Stangen.
    Mit solchen Stangen war auch der neue Lichtturm erbaut; ohne dieses neue
Material htte man natrlich nicht so hoch in die Hhe gehen knnen.
    Der Pallasianer Dex, der neben Nuse stand, wute mit diesem Kaddimohnstahl
am besten umzugehen; auf dem gegenberliegenden Teile des Trichterrandes hatte
er zwei riesige Bergspitzen in riesigem Bogen miteinander verbunden, und Manesi,
der Vegetationsarrangeur, hatte diesen Bogen, der im Halbkreise die beiden
Gipfel verband, mit hngenden und hochaufragenden Pallas-Bumen besetzt. Auch
der Manesi stand neben dem Nuse.
    Nuse war nur Beleuchtungsarrangeur und sehr stolz auf seinen ganz bunten
Glasturm, der brigens im oberen Teile sehr viele Ausbuchtungen und weit
heraustretende Auslufer zeigte; die letzteren sprangen wie radiale Strahlen aus
dem Turm heraus.
    Als die Fnf den Turm genug bewundert hatten, machten sie aus ihren Augen
wieder lange Fernrohre, schlugen die Kopfhaut wie ein Futteral um die
Fernrohraugen rum und sahen sich jetzt die neue Schpfung des Dex an, die noch
nicht fertig war und gegenber auf dem Trichterrande in einer Entfernung von
zwanzig Meilen auch recht khn in den Weltenraum hinaufragte.
    Dann bat der Nuse die vier anderen Herren, mit ihm auf die Spitze des neuen
Glasturmes zu steigen.
    Der Himmel war dunkelviolett, und man sah auch all die grnen Sterne am
Himmel - auch die dunkelgrne Sonne, neben der ein kleiner hellgrner Komet
sichtbar wurde. Oben mitten ber dem Nordtrichter leuchtete die weie Wolke.
Aber die weie Wolke bekam schon ein paar dunkelgraue Flecke.
    Wir mssen uns beeilen! sagte der Nuse. Und danach sprangen die Fnf in
den Turm, und jeder von ihnen nahm dort ein Instrument in die Hand, das einer
groen Kneifzange hnelte.
    Im Innern des Turmes rollten dicke Seile ber Rollen. Diese Seile wurden mit
den Kneifzangen fest angepackt - und dann wickelte der Pallasianer blitzschnell
seinen Unterkrper um die langen Druckstangen der Kneifzange herum - und flog so
in ein paar Sekunden zur Spitze des Turmes hinauf. Die Hemmvorrichtungen
funktionierten oben auf einer Strecke von tausend Metern, soda sich die Zange
im richtigen Moment oben von dem Seile loslste, ohne da der Passagier Gefahr
lief, auf der Spitze des Turmes gleich weiter hinauf in den Weltenraum
hinaufzufliegen.
    Die Fnf waren also bald oben. Und oben sagte der Lesabndio sehr heftig:
    Wundervoll ist ja hier die Aussicht. Ich wundre mich nur, da wir so hoch
gekommen sind. Wenn wir vom Gipfel unsrer Trichterrandberge aus uns mit Hilfe
der schnellsten Bandbahnen in die Hhe schieen lassen, so erreichen wir kaum
eine Hhe von dreihundert Metern, und mit solchem Turmbau kommen wir
siebentausendfnfhundert Meter hoch. Wenn das nicht seltsam ist, so wei ich
nicht, was seltsamer wre. Unsre Leuchtwolke oben hat abstoende Kraft. Wie
wrs, wenn wir nun diese abstoende Kraft berwnden, indem wir noch hhere
Trme bauten?
    Wie willst Du, fragte nun der Dex, das anfangen? Wir bauen, versetzte
Lesabndio, auf jeden Trichterrandgipfel einen meilenhohen, ganz schlanken
Turm, der sich nach der Mitte des Trichters hinberbeugt. Dann verbinden wir die
Spitzen dieser schiefen Trme durch einen Ring, dessen Durchmesser kleiner ist
als der Durchmesser des Trichterrandes. Und dann bauen wir auf diesen Ring
wieder schiefe Trme, verbinden wieder die Spitzen der schiefen Trme durch
einen noch kleineren Ring - und fahren so in fnfzig bis hundert Etagen fort -
dann sind wir oben mitten in der Wolke und wissen bald, was sich dahinter oder
ber der Wolke befindet. Ich vermute, da da oben das Geheimnis unsres Lebens
verborgen ist.
    Da schmunzelten die vier Herren, die dem Lesabndio zugehrt hatten. Und
dann lachte der Nuse und sagte:
    Schner Bauplan das! Aber ich mchte wissen, wo Du die Bauleute
herbekommst. Ich kriege sie nicht zu einem zweiten Turm - und Du willst, wenn
ich nicht irre, an die tausend Trme bauen.
    Dex rief danach:
    Und das Material? Ei, da mten wir noch viel Kaddimohnstahl ausbuddeln!
Obs so viel gibt? Ich glaube allerdings, da es ganz bestimmt so viel gibt.
    Da bestrmten die Andern den Dex zu sagen, woher er das wisse. Und er
erzhlte ihnen etwas von seinen Entdeckungen und Vermutungen.
    Whrenddem wurde oben die Wolke immer dunkler und senkte sich dann mit
ungeheurer Schnelligkeit hinab - und machte Nacht auf dem Pallas, indem sie sich
um den ganzen Tonnenstern herumwickelte; nur unter dem Sdtrichter lie sie eine
freie Aussicht in den Weltenraum brig.
    Diese Wolke bestand aus Trillionen feinster Spinngewebefden, die sich
durcheinander spannen, ohne sich zu verwickeln und zu verknoten.
    Die Sterne des Himmels waren nun nicht mehr zu sehen. Dafr leuchteten im
Nordtrichter Hunderte von Nuses kleineren Lichttrmen auf, und der groe
Lichtturm, auf dessen Spitze die fnf Herren standen, leuchtete mit vielen
beweglichen buntfarbigen Scheinwerfern so mchtig in die Nacht hinein, da aus
der Tiefe des Kraters ein groes Beifallsgeschrei hervordrang.
    
    Nun wollte Biba mit Manesi und Dex rasch zum Centralloch des Sterns, um dort
die merkwrdige Musik zu hren, die sich immer beim Einbruch der Nacht hrbar
machte; sie schossen wieder mit der Seilbahn auf ihren Zangen zur Tiefe hinunter
und benutzten unten eine Tunnelbahn, die ebenfalls eine Seilbahn war - und auf
der man auch mit Zangen in zwei Minuten die zwanzig Meilen bis zum Centralloch
hinuntersausen konnte. Solche Tunnelbahnen gab es sehr viele. Und in allen
Tunneln wurden an Stelle der Bandstreifen starke Seile verwandt. Nuse blieb auf
seinem Turm.
    Und Lesabndio sprang von der Turmplatte aus hoch in die Hhe - er kam aber
nicht fnfzig Meter hoch und breitete danach oben seine Rckenflgel aus und
schwebte seitwrts schrg in den Trichter hinein und sah dabei sich langsam
drehend berall die unzhligen elektrischen Lichter im Trichter. Und es waren
nicht nur die Lichttrme des Nuse, die da leuchteten; alle Bume hatten an
Stelle der Frchte und Blten grere und kleinere Ballons, die am Tage schlaff
herunterhingen, nachts aber sich weit aufblhten und leuchtende
phosphoreszierende Farben in die Nacht hinausstreuten.
    Leuchtkfer gabs auch - sehr viele.
    Und Lesabndio leuchtete wie alle Pallasianer ebenfalls an einzelnen Stellen
seines Krpers - wenn ers wollte.
    Er zog seinen langen Schlangenleib im Kreise hintenber und erfate mit
seinem Saugfu seinen Hinterkopf und schwebte so langsam sich drehend mit
ausgebreiteten Flgeln in bequemster Lage langsam zur Tiefe. Die Nacht war
kstlich.

                                Drittes Kapitel


Lesabndio schwebt langsam in groen Kurven durch den erleuchteten Nordtrichter
hinab zum Centrum des Sterns, in dem die Sofanti-Musik ertnt. Er kommt durch
das Centrum mit Sofanti in den Sdtrichter, wo die Magnetbahnen zu finden sind.
Nachdem die merkwrdigen Verhltnisse der Anziehungskraft, die im Sdtrichter
nchtlicher Weile vieles auf den Kopf stellen, errtert sind, werden die beiden
Fhrer Peka und Labu im Gesprch mit Lesabndio vorgefhrt. Danach wird die
Scheinwerferuhr und das Einschlafen der Pallasianer um Mitternacht geschildert -
dabei auch das Rauchen des Blasenkrautes.

Ganz langsam schwebte Lesabndio zur Tiefe - immer mit dem Saugfu am Hinterkopf
- und dabei zog er bald den einen Flgel ein und bald den anderen, soda er
kreiste in mchtigen hinuntergezogenen Spiralkurven.
    Er kam an vielen, senkrecht aufragenden Nuse-Trmen vorber, und er sah mit
seinen Fernrohraugen alle Seiten des zwanzig Meilen tiefen Trichters und sah die
vielen tiefen Grotten und all die Bergkegel, die vor den Grotteneingngen
emporragten, und er sah die unzhligen breiten Brcken, die sich hoch ber den
Schluchten und Abhngen hinberspannten zu den anderen Seiten, und er sah auch
die vielen knstlichen Kuppeln, die manche Abgrnde berwlbten - er sah die
Kuppeln alle von oben - und sie waren smtlich von unten aus von bunten
Kristalllampen durchleuchtet.
    Die bunte Lichtflle des Trichters berauschte den Lesabndio. Da gabs nur
eine kleine Anzahl von dunklen Stellen. Die groen Fruchtballons glitzerten in
phosphoreszierendem Licht, und die Leuchtkfer leuchteten auch, und die
Pallasianer leuchteten ebenfalls. Aber all dieses natrliche Licht htte den
Trichter nicht sehr hell gemacht, wenn nicht die vielen bunten Lichttrme - und
die unzhligen bunten Scheinwerfer, die sich immerzu nach allen Richtungen hin
drehten, ihr knstliches elektrisches Licht in den Trichter hinausgestreut
htten. Dieses knstliche Licht hatten die Pallasianer mit groen Mhen berall
dort angebracht, wo sich die Anfangs- und Endstationen der Bandbahnen befanden.
Und diese Bandbahnen waren berall; sie gingen quer, schrg und steil nach oben
und nach unten; da gabs zehn bis zwanzig Meilen lange Bandbahnen und unzhlige
krzere; von diesen fhrten viele ins Innere der Grotten und Hhlen hinein, von
denen aus man auch an einzelnen Stellen ins tiefste Innere des Sterns gelangen
konnte.
    Und auf den Bandbahnen sah Lesabndio mit seinen Fernrohraugen, whrend er
in groen Kurven im Trichter herumkreiste, die Pallasianer auf und ab fahren -
mit blitzartiger Geschwindigkeit. Und da die Krper der Pallasianer an vielen
Stellen des Trichters aufleuchteten, so sahen die Wnde des Trichters so aus,
als fhren immerfort Funken nach allen Richtungen durch sie durch.
    Dieses Funkengezuck bildete den Untergrund der Trichterwnde; von diesem
beweglichen Lichtuntergrunde hoben sich die bunten, ganz steif und unbeweglich
dastehenden Nuse-Trme krftig ab. Und die beweglichen farbigen Scheinwerfer
traten mit ihrem Licht weit aus den Wnden des Trichters heraus, soda auch die
freie Luft des Trichters beleuchtet wurde. Und es schwebten sehr viele
Pallasianer und viele Leuchtkfer in der freien Luft, und da die Scheinwerfer
sich nach allen Richtungen hin bewegten, so wurden die Pallasianer und die Kfer
auch von den Scheinwerfern oft getroffen, soda sie deren Lichtkegel oft durch
ihre Gestalt und durch die Schatten, die sie warfen, seltsam belebten.
    In der Mitte des Trichters - besonders im oberen Teile desselben, war das
Licht der Scheinwerfer nicht mehr so wirksam; nur die greren Scheinwerfer
warfen ihr Licht in voller Kraft sechs bis sieben Meilen hinaus; das wirkte
besonders oben sehr imposant, wenn die Lichtkegel zuweilen senkrecht nach oben
hinaufgingen und dort die glitzernden Spinngewebewolken, wenn sie nachts
heruntergekommen waren, beleuchteten.
    Lesabndio hielt sich mehr in der Mitte, soda er von den Scheinwerfern
selten getroffen wurde.
    Und er sah dann nicht mehr die Wnde mit ihren Funkenspielen und Lichttrmen
an - er blickte nur noch nach unten - in den Mittelpunkt des Sterns.
    Dort unten im Mittelpunkt wurde es immer heller und heller - und noch viel
bunter als rechts und links.
    Und eine feine Musik mit ganz lang gezogenen seltsamen Tnen drang aus der
Tiefe heraus.
    Diese Musik kam aus dem Centralloch, das den Nordtrichter mit dem
Sdtrichter verband.
    Hier im Mittelpunkte, wo die Trichterwnde sehr zackig und an einzelnen
Stellen nur eine halbe Meile voneinander entfernt waren, hier im Mittelpunkte
bildeten sich immer beim Nachtbeginn groartige Tne, die durch den Luftzug
entstanden, der von der so schnell herunterkommenden Spinngewebewolke
hervorgebracht wurde.
    Um diese Mittelpunktsmusik des Pallas, die natrlich am besten im
Sdtrichter zu hren war, zu verstrken und in melodisen Flu zu bringen, hatte
man in dem Mittelpunkte viele dnne, zumeist sehr groe Hautstcke so
aufgespannt, da sie die durch die zackigen Felswnde hervorgebrachten Tne in
merkwrdiger Weise variierten. Und da man die Hautstcke so angebracht hatte,
da sie leicht in andre Lagen zu bringen waren, so entstanden durch die
beweglichen Hautstcke wundervolle Melodieen, die natrlich durch kleine und
groe Schalltrichter und besondere umfangreiche Metallinstrumente ganz
orchestral gemacht werden konnten.
    Sofanti hie der Pallasianer, der die Hautstcke mit Hilfe seiner Freunde
herstellte. Und bei Beginn der Nacht sammelten sich im Sdtrichter immer sehr
viele Pallasianer, die die neuesten Sofanti-Melodieen hren wollten.
    Aber ber dem Centralloch im Nordtrichter - dort, wo dieser nur noch
anderthalb Meilen im Durchmesser hatte, - da hatte der Dex auf Wunsch des
Sofanti mit Kaddimohnstahl ein groes Gestell errichtet, in dem von allen Seiten
schrg nach innen gerichtet Stahlstangen standen, die oben durch einen Ring
verbunden waren, und auf diesem Ringe waren abermals schrg stehende
Stahlstangen angebracht, die auch oben durch einen wieder kleineren Ring
verbunden waren.
    An einzelnen dieser Stahlstangen hatte Sofanti seine neuesten groen
Hautstcke - smtlich in Scharnieren beweglich - angebracht.
    Als Lesabndio dieses Stahlstangengestell erblickte, ri er pltzlich seinen
Saugfu vom Hinterkopf los und rief laut:
    Dieser Sofanti! Da hat er ja eigentlich den groen Turm, den ich oben im
Groen machen wollte, hier unten im Kleinen schon gemacht. Dieser Dex! Dieser
Sofanti! Also ist meine Idee vom groen Turm garnicht so neu.
    Zuflligerweise war der Sofanti grade in der Nhe und hrte sich seine
Trichtermusik von oben an - und als er den Lesabndio so laut reden hrte, rief
er ihn an:
    Lesabndio, rief er, warum redest Du so laut zu Dir selbst? Ich habe ja
jedes Deiner Worte verstanden.
    Da erkannte der Lesabndio den Sofanti.
    Und da sprachen sie denn sehr eifrig ber den groen Stahlturm und ber den
kleinen Stahlturm.
    Und whrenddem rauschte die Centralmusik in ungeheuren mchtigen Akkorden
auf, da die Wnde des Nordtrichters ganz fein zitterten - und da die
Pallasianer berall von den Bandbahnen absprangen und in die Luft
hinausschwebten, um die mchtigen Akkorde der neuesten Sofanti-Musik ganz genau
zu hren; diese Musik machte auf die Pallasianer fast einen greren Eindruck
als der groe Nuse-Turm, der eine Meile hoch war.
    Whrend Lesabndio mit Sofanti in die Tiefe des laut tnenden Centralloches
hinunterschwebte, stand der Nuse noch immer auf seinem Turm und blickte stolz
umher in die dunkle Spinngewebewolke und in den bunten funkenzuckenden
lichtkegelvollen Nordtrichter, in dem auch die andren Nuse-Trme glhten und
leuchteten. Oben bei Nuse war es ganz still und kein Laut von der Centralmusik
zu hren.
    Aber im Sdtrichter schallte die Centralmusik - oft mit tausend Echos -
donnernd um die Felswnde rum, da die Pallasianer immer wieder das schnelle
Fahren sein lieen und lauschend in der Luft herumschwebten - mit beiden
Rckenflgeln und auch mit einem. Die Musik blieb eine volle Stunde hindurch
hrbar; eine Pallas-Stunde entspricht ungefhr den vierundzwanzig Stunden eines
Erdtages.
    Der ganze Sdtrichter bildete jedoch eine Welt fr sich, die mit der
Nordtrichterwelt wenig gemein hatte. Die Anlagen des Sdtrichters waren lter
und zumeist ganz anders als die im Norden. Das hing besonders mit den
merkwrdigen Verhltnissen der Anziehungskraft zusammen.
    Da der Stern Pallas im Innern sehr viele ausgedehnte Hohlrume besa, so
bten alle Trichterwnde eine sehr verschiedene Anziehungskraft aus. Dazu kam
noch, da die Nachtwolke alle Schwergewichtsverhltnisse in sehr empfindlicher
Weise verschob. Ein Gravitationscentrum kannte man nicht; im Sdtrichter konnte
der Kopf der Pallasianer ruhig nordwrts gerichtet bleiben - aber whrend der
Nacht konnte man im Sdtrichter den Kopf auch nach allen andern Richtungen
hinbringen, ohne krperliches Unbehagen zu empfinden; es kam somit vor, da
Pallasianer auf groen Hautstreifen, die an manchen Stellen den Trichter quer
durchspannten, mit ihrem Saugfue auf der einen Seite saen, whrend auf der
andern Seite der Haut auch Pallasianer saen, soda oft ein Saugfu oben und
einer unten eine Stelle des Hautstckes umschlo. Dieses nahegelegene
Antipodentum wirkte von weitem gesehen zuweilen sehr komisch.
    Nun war der freie Raum des Trichters von unzhligen Drahtseilen durchzogen.
Und viele Hautstreifen waren zwischen diesen Drahtseilen; die Zahl der
Hautstreifen, die nur zum Ausruhen benutzt wurden, war aber nicht sehr gro,
soda der freie Raum als solcher immer noch bestehen blieb. Das Verkehrsleben
spielte sich in diesem freien Raume ausschlielich auf den Drahtseilen ab - und
zwar wurde der Pallasianer hier durch ein Magnetblech angezogen, soda die
Bahnen Magnetbahnen genannt wurden. Das Magnetblech befand sich an den
Knotenpunkten der Seilbahn und konnte dort beliebig gestellt werden - auch so,
da es seine Anziehungskraft verlor. Wollte nun Jemand auf einem Seilstck, das
natrlich auch zwei bis vier Meilen lang sein konnte, an einem Ringe hngend
rasch dahinsausen, so hatte er erst das Magnetblechstck der nchsten
Knotenstation in die richtige Lage zu bringen, was durch eine Kurbelvorrichtung
allerdings leicht zu bewerkstelligen war - andrerseits doch immerhin sehr viel
Zeit beanspruchte, da manchmal ein Magnetblechstck auch von andrer Seite in
Anspruch genommen wurde. Die Bandbahnen des Nordtrichters waren jedenfalls
bequemer, zudem wurde das Magnetblech immer wieder durch die verschiedenartige
Anziehungskraft der Trichterwnde in sehr erheblichem Mae irritiert, soda es
zum Beispiel sehr schwierig war, einfach schwebend dorthin zu gelangen, wo man
hingelangen wollte. Im Sdtrichter schwebten deshalb die Pallasianer nur sehr
selten in der freien Luft herum: fast alle benutzten die langsamen veralteten
Magnetbahnen; die meisten Bandbahnen des Nordtrichters gingen achtzig-bis
hundertmal schneller.
    Die Hlfte der Nacht - also eine Zeit, die ungefhr einem halben Erdmonat
entsprechen wrde - verbrachten die Pallasianer vielfach mit geselligen
Zusammenknften. Aber dort, wo man schnell mit einer notwendigen Arbeit fertig
sein wollte - und solche Stellen gabs immer - wurde auch gearbeitet.
    Die Zeit wurde in der Nacht - sowohl im Sdtrichter wie im Nordtrichter -
durch groe automatisch ttige Scheinwerferuhren angezeigt. Aber dabei
bettigten sich ein paar Hundert Scheinwerfer - sie standen immer unter
besonderen Winkeln zueinander - und aus dieser Winkelstellung, die eine kurze
Zeit unbeweglich im Trichter sichtbar blieb, entnahm der Pallasianer, wie spt
es war.
    Als die Hlfte der Nacht beinahe vorbergegangen, befand sich Lesabndio mit
dem Fhrer Peka und dem Fhrer Labu im Centrum des Sterns. Und die Drei sprachen
natrlich nur von dem groen Kronenturm, den Lesabndio auf dem oberen Rande des
Nordtrichters erbauen wollte. Peka und Labu lchelten zu dem Plan.
    Woher die kolossalen Arbeitskrfte nehmen? fragten sie Beide. Peka wollte
den Stern Pallas durch kristallinische, regelmige, sulenartig eckige,
gradlinig feste, hart und starr aufstrebende Steingebilde verndern; er brachte
demnach seiner Wesensart entsprechend dem Plane des Lesabndio wenig Wohlwollen
entgegen und meinte:
    Der Bau mit Kaddimohnstahl will mir nicht sehr gefallen; ein kompakteres
kantiges Baumaterial wre mir lieber.
    Labu interessierte sich dagegen mehr fr den berzug; er wollte berall
Glasur, Email, Stukkatur anbringen, um damit knorrige, wurzelartig dicke,
kuppel- und schildartige Formen zu bilden; er wute nicht, was er bei dem
Lesabndio-Turm machen sollte. Lesabndio erklrte dem Labu, da er die Punkte,
in denen mehrere Stahlstangen zusammentreffen muten, doch im Kuppel- und
Wurzelgeschmack verzieren knnte. Doch man begab sich bald, ohne sich ber
irgendetwas geeinigt zu haben, zur Ruhe.
    Die zweite Hlfte der Nacht und die erste Stunde des Tages pflegten die
meisten Pallasianer zu schlafen.
    Whrend des Schlafes nahmen sie durch ihre Hautporen ihre Nahrung auf; sie
schliefen auf Pilz- und Schwammwiesen, die sich in den blauen und grauen
Talschluchten und auf den blauen und grauen Hhenzgen der Trichterwnde
befanden; diese nahrhaften Schwmme und Pilze wuchsen whrend des langen Tages
wieder aufs neue.
    Bevor die Pallasianer einschliefen, bildete sich an ihrem Rcken ein
Hautgewebe, das bei Eintritt der Mdigkeit sich nach beiden Seiten ausspannte
und hoch oben ber dem Krper sich zuschlo, soda sich der Krper des
Schlafenden gleichsam in einem groen lnglichen Ballonsack befand.
    In diesem Ballonsack rauchte der Pallasbewohner sein Blasenkraut, das an
einem seiner links befindlichen Arme festgewachsen ist und an einem Wurzelende
in den Mund gesteckt wird. Zieht der Mund nun den aromatischen Duft des
Blasenkrautes ein, so kommen spter durch die Nase und durch die Hautporen
kleine Blasen durch, die in dem Ballon grer werden und an der Decke des
Ballons haften bleiben. Die Blasen reinigen den Krper - und sie leuchten.
    Der Pallasianer leuchtet nicht mehr, wenn er schlfrig wird.

                                Viertes Kapitel


Es wird ein Traum des Lesabndio erzhlt. Danach wird geschildert, wie die
Pallasianer erwachen und zuerst ihre Ballonhaut abschneiden, die in die
Morgenluft emporsteigt. Lesabndio fhrt nach dem Erwachen in Pekas Atelier und
sucht ihn fr seinen Nordtrichter zu begeistern, es gelingt ihm das nicht; und
sie begeben sich in Labus Atelier, der den Sofanti spterhin in dessen Atelier
auf die Idee bringt, den Lesabndio-Turm mit transparenten Huten zu umspannen.
Lesabndio spricht dann von der Bekmpfung der Mdigkeit, und zum Schlu wird
die Auflsung eines Sterbenden geschildert.

Lesabndio trumte.
    Er sah, wie ihm pltzlich an der rechten und linken Schulter riesig lange
Arme wuchsen. Und diese Arme bekamen viele groe Krallen. Er flog in einer roten
Luft und breitete die Arme nach beiden Seiten aus und versuchte dann, die
Krallen vorn einander zu nhern. Da sah er, da aus den Krallenspitzen groe
Ballons wurden. Und diese Ballons vergrerten sich immerzu. Da er aber die
Krallen doch nicht einander nhern konnte, so versuchte er, beide Krallenhnde
mit den Ballons seitwrts nach hinten zu werfen. Und das gelang. Und dabei scho
Lesabndios Krper mit furchtbarer Geschwindigkeit nach vorn, soda die Arme
ganz hinten blieben. Da fhlte er, da er die Krallen bewegen konnte und da
hinten die Ballons weg waren. Da ri er die Arme ganz steif, ohne sie zu biegen,
wieder nach vorn - und als sie vorn wieder so waren wie am Anfang, bildeten sich
wieder die groen Ballons an den Krallenspitzen. Und er warf die Arme wiederum
nach hinten, und sein Krper scho abermals mit der grten Geschwindigkeit nach
vorn.
    Jetzt brauchen wir, rief Lesabndio im Traume, die Bandbahnen und die
Seilbahnen nicht mehr - so gehts ja viel schneller. Doch nach diesen Worten
erwachte der Trumer und sah ber sich in der Ballonhlle, die seinen Krper
umgab, oben die vielen Blasen, die vom Rauchen des Blasenkrauts herrhrten, ganz
gro und ganz wei. Und er schnitt mit den scharfen Ngeln seiner grten Hnde
die Ballonhlle dicht am Krper ab. Und da stieg die Ballonhlle, von den Blasen
getragen, in die helle Morgenluft empor und verschwand oben.
    Und ringsum stiegen auch die Ballonhllen der andern Pallasianer in die
Morgenluft empor. Die weie Spinngewebewolke leuchtete wieder hoch ber dem
Nordtrichter. Und alle Pallasianer rieben sich die Augen und erwachten und sahen
die weien Felsen ringsum und auch die blauen und grauen.
    Lesabndio sprang mit einem Satz auf die nchste Bandbahn und sauste in eine
tiefe, ganz dunkelblaue Schlucht hinein und kam von dort in eine sechs Meilen
hohe Hhle, die der Peka sein Atelier nannte.
    Hier gabs sehr sehr viele glatt polierte Felswnde in allen mglichen Farben
und mit vielen scharfen Ecken und Kanten. Peka wollte die Felskegel und die
Felsschluchten in den groen Trichtern des Pallas glatt und kantig machen; alle
mglichen regelmigen Kristallformen wollte er in den Pallas hineinmeieln;
seine Hauptmaschinen waren groe Poliermaschinen, die den Felsen spiegelnde
Gltte beibrachten.
    Pekas grte Werksttten waren Schleifanstalten, in denen kolossale
Riesenbrillanten hergestellt wurden.
    Aber Pekas Fehler war, da er Alles in allzu groen Dimensionen haben
wollte, soda er niemals die gengende Anzahl von Mitarbeitern fand.
    Und so kams, da schon in seinem Atelier unsglich viele Stcke nicht einmal
zur Hlfte fertig wurden.
    Einen abgeschlossenen Eindruck machten nur die kleinen Modelle, in denen er
zeigte, wie die Bergkegel in sulen- und pyramidenartige Formen gebracht werden
sollten; da wurden aus Bergkegeln auch viele spitze und kantige Trme mit
Brillantenknufen und berkragenden Balkengesimsen.
    Der Peka wollte hauptschlich nur mit rhythmischen Verhltnissen wirken, und
die Rhythmik wollte er teils durch Farben und teils durch Brillantenverbrmung
wirkungsvoll herausstreichen; dies gelang ihm besonders dort, wo er schrg
abfallende Felsen in viele Terrassenanlagen zerlegte, bei denen er auch durch
lange Sulenreihen wirkte.
    In Pekas Atelier gabs an die zehntausend verschiedene Sulen - die meisten
in kleinstem Mastabe - aber auch viele von hundert Metern Hhe, soda man sich
in diesem Atelier sehr wohl eine Vorstellung von dem, was Peka wollte, bilden
konnte.
    Das Atelier hatte nur eine geringe Breite, die nur an einzelnen Stellen bis
zu einer halben Meile sich ausdehnte. Die Lnge des Hhlenraums betrug nur zwei
Meilen. Dafr gings aber berall fast sechs Meilen hoch in die Hhe, soda man
berall lange berkragende Terrassen sah, auf denen gearbeitet wurde. Und
Bandbahnen gabs hier natrlich in groer Zahl und nach allen Richtungen hin -
und auch Transportbahnen, die aus vielen Drahtseilen bestanden.
    Auf den Bandbahnen konnte man langsam und schnell fahren; man brauchte nur
an der Anfangsstation den Schnelligkeitsapparat an den Schwungrdern
umzustellen.
    Lesabndio stellte den Apparat einer schrgen Bandbahn so, da er ganz
langsam drei Meilen neben den Terrassen emporfahren konnte.
    Und oben kam er mit dem Peka wieder zusammen.
    Alle elektrischen Flammen und Scheinwerfer leuchteten in der Hhle so, da
alle glatten Felsflchen die Sulen und Gesimse spiegelten - und da die groen
Brillanten aus durchsichtigem Gestein glhende Farben ausstrahlten und dabei
mchtig funkelten. Sehr lebhaft wirkten die Atelierterrassen auch dadurch, da
immer wieder viele Pallasianer durch die Sulen durch hinaussprangen und mit
Hilfe ihrer Rckenflgel die nchste obere oder untere Terrasse zu erreichen
suchten.
    Die meisten Arbeiten, die hier getan wurden, wren ganz unmglich gewesen,
wenn nicht jeder Pallasianer sehr viele Hnde gehabt htte - sowohl sehr grobe -
wie auch sehr feine. Zu den letzteren gehrten auch die, an denen sich Finger
befanden, mit denen man ohne weiteres schreiben konnte wie mit einem
Fllfederhalter.
    Und mit solchem Finger schrieb jetzt auch der Lesabndio in sein winzig
kleines Notizbuch, das neben andern Bchern an seinem Halse hing. Dem Lesabndio
gegenber sa der Peka mit seinem braunen Krper, aus dem die gelben Flecke
scharf herausleuchteten, auf einem zwei Meter hohen blauen Brillanten, der nur
einen halben Meter breit war und sehr viele feingeschliffene kleine Flchen und
auch scharfe Kanten zeigte.
    Und nachdem Lesabndio mit dem Notizenmachen fertig war, sagte er:
    Es ergibt sich immerhin, da der Eisendrahtturm, den ich ber dem
Nordtrichter aufrichten will, doch eine regelmige Form bekommen mu, die
Deinen spitzturmartigen Brillanten in mancher Hinsicht hnen drfte. Die ersten
schrgen Sulen, die von den hchsten Stellen des Trichterrandes aus zur Hhe
gehen und sich dabei zur Trichterffnung neigen, mssen zweifellos in ganz
gleichen Abstnden voneinander erbaut werden. Und der Ring, der die Spitzen der
Sulen oben verbindet, drfte nicht Kreisform haben; Sulenspitze mu mit
Sulenspitze immer durch einen graden Balken verbunden werden. Und wenn nun auf
diese erste Etage die andern neunundneunzig Etagen hinaufkommen, so mssen diese
genau so regelmig gebaut werden wie die unterste Etage - nur werden die Sulen
oben immer nher aneinanderrcken. Aber wir werden oben so viele Sulen brauchen
wie unten; wenn unten fnfzig Stahlsulen ntig sind, werden oben in der
hundertsten Etage ebenso viele Sulen ntig sein; sie knnen oben nur dnner
sein. Verbindest Du nun die aufstrebenden Sulen und die Querbalken mit einem
glatten Material, so hast Du einen Riesenbrillanten, wie Du ihn wnschest.
    Die Verbindung, versetzte Peka, dieser Stahlstangen mit einem glatten und
festen Material ist eben eine Unmglichkeit. Es gehrt doch schon genug dazu,
dieses riesige Stangengerst aufzufhren. Alle knstlerische Ausgestaltung
dieses Knochengerippes mu von selber fortfallen, da unsre Krfte doch nicht
dazu ausreichen, auch noch das Entbehrliche herzustellen. Die Form Deines
Turmes, lieber Lesabndio, ist ja wohl eine Kristallform. Aber die Kristall
substanz fehlt. Und die ist mir doch die Hauptsache. Du kannst nicht verlangen,
da ich mich fr Deinen Plan begeistere, wenn ich einsehen mu, da ich dabei
berflssig bin. Die Sulen und Balken wirst Du nicht kompakt machen knnen. Und
ich bin doch immer in erster Linie fr das Kompakte gewesen.
    Sie sprachen beide sehr lebhaft weiter, kamen aber zu keinem befriedigenden
Schlu.
    Nun war aber in ein paar Sprngen das groe Atelier des Labu zu erreichen,
der nebenan mit seinen Gehilfen wohnte und nur mit unregelmigen Formen den
Stern Pallas verschnern wollte. Labu hatte nicht das geringste Verstndnis fr
das Regelmige; ihm erschien alles Unregelmige tausendmal interessanter. Aber
obwohl nun der Labu den schrfsten Gegensatz zu dem Peka bildete, so wohnten sie
doch nachbarlich dicht nebeneinander - gleichsam Wand gegen Wand. Labus Atelier
war nur drei Meilen hoch, dafr aber in der Grundflche sehr umfangreich.
    Lesabndio und Peka sahen nun gleichsam von der Decke aus in Labus
unregelmiges Atelier hinunter, in dem unzhlige Grotten und Blasengesteine und
ganz unregelmige Stangengesteine und viele seltsame Emailberzge und bucklige
Perlmutterwnde neben buntschillernden Wurzelphantasieen zu sehen waren.
    Hatte aber Peka immer wieder das Pech, da die Pallasianer seine Plne fr
zu schwer durchfhrbar erklrten, so sagten die Pallasianer dem Labu gewhnlich,
da seine Plne zu leicht durchfhrbar seien, da sie ja mit allzu groer
Leichtigkeit dem Lokalcharakter der einzelnen Gegenden angepat werden konnten.
    Labu kam zu den beiden Freunden nach oben, und Lesabndio wiederholte, was
er dem Peka erklrt hatte.
    Da sagte der Labu:
    Mir fllt was ein: wir sollten zum Sofanti fahren.
    Zu Sofanti aber gings durch Labus sehr unregelmig gebildete Decke durch.
    Als die Drei oben durch waren und von der Bandbahn absprangen, erblickten
sie den Sofanti gerade vor einer groen transparenten Haut, hinter der
probeweise Lichtarrangements gestellt wurden, um die lampionartige Wirksamkeit
der transparenten Haut zu erproben. Dem Sofanti aber sagte der Labu:
    Du mut Lesabndios Nordtrichterturm mit Riesenhuten umspannen, dann wird
das groe Skelett kompakt, und wir bekommen im Nordtrichter dadurch einen neuen
Himmel. Die Hute knnen auf der Auenseite erleuchtet werden.
    Da lachte der Lesabndio und freute sich sehr. Und der Sofanti sagte
lachend:
    Dazu wr ich schon bereit. Aber - wird auch der Stoff reichen? Soviel Haut
gibt es vielleicht doch nicht. Augenblicklich ist noch nicht so viel da.
    Nun war aber die Haut, die der Sofanti wie Leder verarbeitete, nur auf
glatten Steinflchen zu finden und von diesen leicht abzulsen. Solche glatten
Steinflchen gabs natrlich auf und im Pallas nur in sehr geringer Anzahl.
    Peka hatte daher Recht, als er sagte:
    Htten wir seit vielen Jahren mehr Felsenabhnge poliert und zu glatten
Flchen gemacht, so htte Sofanti heute mehr Haut loszulsen. Aber der ganze
Plan ist ja so groartig, da wir seine Ausfhrbarkeit garnicht in Erwgung
ziehen drften. Ist das nicht eigentlich nur Zeitverschwendung? 
    Da sagte Lesabndio:
    Ihr seid alle so mde - und zwar nur deshalb, weil Ihr nicht alle Eure
Gedanken um einen einzigen ganz einfachen, aber ganz groartigen Plan
konzentriert. Solche Konzentration macht ganz allein wieder frisch, wenn auch
die Ausfhrbarkeit noch in weiter Ferne liegt. Ihr verzettelt Euch.
    Lesabndio hatte kein Atelier, aber er war dafr bekannt, da er immer nur
einen so einfachen Plan mit sich herumfhrte, da fr den ein Atelier garnicht
ntig wurde.
    Mit der Mdigkeit der Pallasianer hatte der Lesabndio auch Recht; es kam so
oft vor, da Pallasianer mde wurden und sterben wollten.
    Der Pallasianer stirbt, wenn erst sein Krper ganz trocken geworden ist,
soda man beinahe durchsehen kann. Dann aber hat der Sterbende den Wunsch, von
einem Lebenden aufgesogen zu werden; der Lebende saugt den Sterbenden durch die
Poren in sich auf. Dieser Proze geht aber nicht so einfach vor sich.
    Es ist zunchst ntig, da der Aufsaugende auch damit vollkommen
einverstanden ist, da er aufsaugt. Wenn nun Jemand aufgesogen werden will, so
fragt er zunchst bei dem, der ihn aufsaugen soll, hflich an. Sagt der Ja -
so geschieht das Gewnschte gemeinhin sofort.
    So wurde der Peka, whrend er mit seinen drei Freunden vor den transparenten
Huten sa, von einem alten Pallasianer, der schon ganz durchsichtig aussah,
gefragt, ob er wohl geneigt sei, dem Sterbenden einen Dienst zu leisten. Der
Krper des Sterbenden war ganz hellbraun; die gelben Flecken waren fort. Peka
willigte sofort ein; ein Pallasianer willigte nur dann nicht ein, wenn er an
demselben Tage bereits einen andern Sterbenden in sich aufgenommen hatte!
    Nachdem Peka eingewilligt, reckte er sich sofort zu seiner ganzen Hhe auf -
fnfzig Meter hoch - Pekas Poren ffneten sich dabei ganz weit - und im Krper
des Sterbenden, der - zehn Meter von Peka entfernt - hchstens fnf Meter hoch
sich aufrecken konnte, entstanden pltzlich fluoreszierende Lichterscheinungen -
dann gingen alle Teile des Krpers zerbrckelnd auseinander und wurden von Peka
angezogen, in dessen Poren der Krper des Sterbenden nach ein paar Augenblicken
verschwand.

                                Fnftes Kapitel


Es werden zunchst die Vernderungen geschildert, die ein Pallasianer in sich
empfindet, wenn er einen Gestorbenen in sich aufgenommen hat. Peka kommt in
diesem Zustande zum Biba, der auf der Auenseite des Pallas wohnt. Dort
beobachten die Beiden viele andere Asteroden, und Biba spricht mit Begeisterung
von Lesabndio, der im Sdtrichter von Manesi abgelehnt wird, im Nordtrichter
aber im Dex den ersten tatkrftigen Freund findet. Dex schildert, was er alles
entdeckt hat. Zum Schlusse wird von der Geburt der Pallasianer gesprochen und
eine solche geschildert.

Sobald ein Pallasianer einen Sterbenden in sich aufgenommen hatte, pflegte eine
Vernderung seines Wesens bemerkbar zu werden; Eigentmlichkeiten des
Gestorbenen bertrugen sich auf den, der den Gestorbenen aufnahm, und auch eine
krperliche Vergrerung und Strkung aller Organe wurde dem Aufnehmer zuteil,
soda diejenigen, die viele Sterbende in sich aufnahmen, eine immer grere
Lebenskraft erhielten. Diese zeigte sich zunchst darin, da der durch den
Gestorbenen Gekrftigte mindestens eine ganze Nacht nicht zu schlafen brauchte
und ohne Ermdung weiter arbeiten konnte. Auerdem zeigte sich eine grere
Unternehmungslust in dem Aufnehmer.
    So kam es, da Peka gleich nach erfolgter Bereicherung seiner Natur zu Biba
fuhr.
    Biba wohnte immer auf der Auenseite des Tonnensterns - da, wo nur sehr
wenige Pallasianer wohnten; wer dort am Tage zu finden war, pflegte sich mehr
mit den anderen Sternen des Himmels zu beschftigen; man pflegte bei den auf der
Auenseite des Pallas Lebenden immer sehr viele Anregungen zu finden - besonders
solche, die auch fr die weitere Ausbildung des Sterns Pallas verwertet werden
konnten.
    Um auf die Auenseite zu gelangen, konnte man nur ein paar schmale enge
Tunnels benutzen, die sich nur mit Magnetschlitten befahren lieen - wenn man
nicht ber den Nord- oder Sdtrichterrand springend und fliegend ans Ziel kommen
wollte.
    Peka benutzte einen Magnetschlitten, der nicht sehr schnell durch einen
sprlich beleuchteten, engen und niedrigen Tunnel fuhr; die Magnetsteine der
Endstation wurden elektrisch auf der Anfangsstation gestellt - und umgekehrt -
und die Schlitten, die sich auf spiegelglatter gradliniger Bahn ganz leicht
bewegten, standen auf allen Stationen in groer Anzahl da.
    Auf der Endstation breitete Peka seine Flgel aus und stie dabei mit dem
Saugfu auf den Boden mehrmals auf und kam so in die offene Grotte des Biba, der
mit seinen Teleskopaugen die grnen Sterne im violetten Himmel betrachtete.
    Biba freute sich, als ihn der Peka begrte. Und die Beiden sprachen gleich
ber Lesabndios Nordtrichterturm.
    Lesabndio, sagte der Biba, hat mich noch gestern auf einen Asterod
aufmerksam gemacht, der ein Doppelstern ist. Sieh ihn Dir da drben an; er ist
heute schon ziemlich nahe der Pallasbahn - oben ist ein innerlich leuchtender
Trichter und unten ein Kugelstern, dessen Pole rechts und links sind; der
Kugelstern dreht sich mit erheblicher Geschwindigkeit. Mglich ist es nun, da
auf der Auenseite des Trichters Wesen leben, die von der Existenz der Kugel
unten gar keine Ahnung haben, denn die Trichterffnung ist viel grer als die
Kugel unten. Da das Innere des Trichters glht, whrend das uere ganz dunkel
und runzelig ist, so ist es mehr als wahrscheinlich, da kein Bewohner durch die
Trichterwand durchkommt. Und der untere Trichterrand ist nach oben aufgeklappt,
soda da keiner rberkommen wird. Kurzum: etwas hnliches kann bei uns auf dem
Pallas auch vorhanden sein, denn unsre Spinngewebewolke ist doch etwas allzu
merkwrdig.
    Du meinst also, versetzte Peka, der seine Teleskopaugen sehr anstrengte,
der Pallas htte auch noch oben einen Kugelstern?
    Warum, fuhr da der Biba fort, sollen wir grade einen Kugelstern ber uns
haben? Wie viele komplizierte Sternsysteme haben wir schon beobachtet! Stell Dir
doch nur vor, lieber Peka, da wir ber zehntausend Asteroden entdeckt haben,
die mit dem Pallas zusammen unsre Centralsonne umkreisen. Und mehr als die
Hlfte von allen diesen Asteroden bestehen immer aus mehreren Sternen. Da
drben links von der groen Sonne, die auch unsre Centralsonne umkreist und mit
gradezu unheimlicher Fixigkeit sich um sich selbst dreht - siehst Du einen
kleinen Asterod, der aus sieben Sternen besteht, die sich um einen Kreisring
drehen, der in der Mitte sich auch dreht. Dieser achtteilige Asterod ist vor
vierzehn Tagen ein Mond jener groen Drehsonne geworden. Wir knnen vielleicht
ebenfalls mal ein Mond jener Sonne, die die Erdbewohner Jupiter nennen, werden;
sie zog schon mehrere Asteroden in ihre Bahn hinein. Es ist berhaupt zu
befrchten, da die meisten Asteroden in die Bahnen der anderen Sonnentrabanten
hineingezogen werden. Selbst die Erde zieht uns zuweilen an.
    Was knnte denn, fragte nun der Peka neugierig, ber unserem Nordtrichter
sein? Hast Du nicht eine Vermutung?
    Es knnen, sagte Biba, ein paar hundert Meteoriten hoch ber unsrem
Nordtrichter herumkreisen - vielleicht in Bahnen, die nicht einmal einen
Durchmesser von fnfzig Meilen haben. Wir wissen ja, da die Meteoriten berall
im Raume zu finden sind; Hunderte von Asteroden sind scheinbar ganz unlslich
mit sehr vielen Meteoriten verbunden. Die Anzahl dieser Meteoriten knnen wir
fast niemals feststellen; so gut sind unsre guten Augen denn doch nicht - denn
es gibt Meteoriten von fnf Meter Durchmesser - das wissen wir. Ob es nicht noch
kleinere Meteoriten gibt, wissen wir nicht. Aber - wie gesagt - ber unsrer
Spinngewebewolke ist schlechterdings Alles mglich. Und deshalb ist Lesabndios
Plan, mit einem Turm von hundert Meilen Hhe ...
    Verzeih mal, rief nun der Peka heftig, vom Rande unsres Nordtrichters bis
zum Rande unsres Sdtrichters sind vierzig Meilen. Wenn wir nun hundert Meilen
hoch bauen, so kann doch unser ganzer Stern ...
    Was dann kommt, versetzte lachend der Biba, wenn der Turm gebaut ist, das
wissen wir nicht - das werden wir aber wissen, wenn wir ihn gebaut haben.
brigens: sollte uns die Sache schdlich sein, so werden wir schon durch die
Verhltnisse gezwungen werden, den Bau unvollendet zu lassen. Jedenfalls wre
aber doch eine solche Kappe, selbst wenn sie nur drei Meilen hoch gebracht
wrde, eine kstliche Bereicherung und Krnung unsres Sterns. Ich verstehe
nicht, warum wir nicht auf Lesabndios Plan eingehen sollen.
    Dann mten doch, erwiderte Peka, whrend er seinen Kopf traurig nach vorn
berfallen lie, alle anderen, rein knstlerischen Plne in die Ecke geworfen
werden.
    Nein, sagte Biba, es wre doch mglich, da sich der groe Turm sehr
schnell aufbauen liee. Man kann noch nicht wissen, wie viel Kaddimohnstahl der
Dex in den nchsten Tagen entdeckt. Und dann: Lesabndio ist eine
Persnlichkeit, die niemals mde wird, weil sie allen Nebenausschweifungen aus
dem Wege gehen kann. Lesabndio ist keine Vergngungs- und Genunatur, und er
kann sich ganz um einen groen Plan konzentrieren.
    Knstlerisch, sagte nun der Peka mde, ist er aber auch nicht sehr
bedeutend - daher gehts mit der Konzentration.
    Das wei er aber, versetzte der Biba, er wei, da er nur als Charakter
gro ist. Ich aber frage Dich: ist das nicht auch etwas Groes?
    Whrenddem sa Lesabndio im Sdtrichter neben Manesi und sprach mit diesem
von seinem Stahlturm.
    Wir kommen auf der Auenseite unsres Sterns, sagte Lesabndio, sehr wohl
in das Spinngewebe hinein, aber das verbrennt uns ja die Haut. Schtzen wir aber
die Haut durch groe Ballons oder hnliches, so tut uns das Spinngewebe
garnichts. Wir mssen also oben auf der Spitze unsres Turmes ganz, bequem so
durch das Spinngewebe durchkommen, da wir das entdecken knnen, was darber ist
- das was ber uns ist und aller Wahrscheinlichkeit nach unsern ganzen Stern
regiert.
    Dein Turm, versetzte da der Manesi, ist also eigentlich nur zu
Entdeckungszwecken da und nicht zu knstlerischen Verschnerungszwecken. Da tu
ich nicht mit. Ich sags Dir ganz deutlich. So gern ich auch jedem Pallasianer
einen Gefallen tue - allen kann man nicht zugleich dienen. Meine
Rankenvegetation braucht den Turm nicht. Ich kann hier im Sdtrichter
Rankengewchse in groer Zahl anpflanzen - das weit Du.
    Lesabndio verabschiedete sich nach diesen heftig gesprochenen Worten von
dem Ranken-Manesi.
    Aber Lesabndio sagte beim Abschiede:
    Deine Rankengewchse werden aber oben in freier Luft einfach kstlich
aussehen - auch knstlerisch - und so meilenlang hngend - na - auf
Wiedersehen!
    Danach fuhr der Turm-Pallasianer mit den schnellsten Seilbahnen auf
Kneifzangen hoch hinauf zum Nordtrichterrande, wo der Dex den Kaddimohnstahl aus
dem Pallas herauszog. Aufgeregt mit weit ausgebreiteten Rckenflgeln flog der
Dex auf den Lesabndio zu und rief gleich, als er diesen noch garnicht erreicht
hatte: Eine Entdeckung! Eine Entdeckung!
    Und als sie nun zusammensaen, sagte der Dex:
    Was ich vermutete, ist zur Tatsache geworden. Wir haben, wie Du wohl weit,
jetzt drei Stellen, an denen wir den Kaddimohnstahl aus dem Pallaskrper
rausziehen knnen. Diese drei Stellen befinden sich oben auf dem Rande unsres
Nordtrichters. Nun denke Dir: ich habe heimlich an verschiedenen Stellen - auch
auf dem Rande des Nordtrichters - Experimente mit starken Magnetsteinen gemacht,
die dort, wo Kaddimohnstahl gefunden ist, eine eigentmliche Kraftsteigerung
erfahren und auch noch andere Eigenschaften zeigen. Nun ist mir durch einen
Zufall gelungen, an vier weiteren Stellen Kaddimohnstahl auf Grund meiner
Magnetsteinexperimente zu finden. Selbstverstndlich habe ich sofort meine
smtlichen Freunde veranlat, den ganzen Nordtrichterrand mit Magnetsteinen
abzusuchen. Ich habe die Hoffnung, da wir noch an fnfzig Stellen
Kaddimohnstahl finden. Dann wrden wir das Material zum Nordtrichterturm gleich
zur Stelle haben, und der Bau knnte in den nchsten Tagen in Angriff genommen
werden.
    Halt ein! rief da der Lesabndio, das bertrifft ja meine khnsten
Erwartungen.
    Oh, fuhr der Dex fort, noch mehr habe ich Dir zu sagen: ich habe Grund
anzunehmen, da der groartige Stahl ganz regelmig verteilt ist; wir htten
demnach gar - nicht ntig, den Stahl mhsam weiterzuschleppen; wir knnten
vielleicht gleich dort die ersten fnfzig Stangen errichten, wo der Stahl
gefunden wird.
    Auf Lesabndios Gesicht zuckten tausend Hautfalten und glitzerten, und das
Glitzern zeigte sich auch auf den gelben Flecken des ganzen Krpers - selbst die
braunen Stellen des Krpers kamen in Bewegung - so sehr freute sich der
Lesabndio.
    Das bertrifft, sagte er leise, tatschlich alle meine Erwartungen.
    Ich, sagte nun Dex, trete daher selbstverstndlich fr den Bau Deines
Turmes mit allen meinen Freunden ein. Aber wir sind ja nur wenige. Wen hast Du
noch auer mir?
    Eigentlich, erwiderte Lesabndio, noch gar keinen - oder nur Zusagen, die
nicht viel auf sich haben. Da ist der Sofanti heute morgen ja wohl fr meinen
Plan interessiert worden. Aber - Du weit ja, wie langsam sich das alles
entwickelt.
    Wir mten, erwiderte nun der Dex zgernd, noch etwas Anderes entdecken.
Weit Du - was?
    Nein! gab der Lesabndio still zur Antwort und sah dabei die braune Haut
des Dex mit den gelben Flecken aufmerksam an und sah rechts und links neben der
braunen Haut mit den gelben Flecken den violetten Himmel mit den grnen Sternen
- und ringsum auf dem oberen Rande des Nordtrichters die vielen weien Berge und
darunter auch die blauen und die grauen.
    Dann sahen die Beiden zur wei leuchtenden Nordwolke empor, die, wie sie
wuten, aus sogenannten Spinngeweben bestand. Und die Beiden seufzten.
    Es ist doch eigentmlich, sagte Dex, da wir die Gewebe noch immer nicht
nher untersuchen knnen, in der Nhe sind sie nicht zu ertragen - sie brennen
schon auf unsrer gefleckten Haut, wenn man sich fnfzig Meter von dem Gewebe
entfernt hlt. Wenn wir durch Ballonhllen geschtzt sind, brennt das Gewebe
nicht - aber - es weicht zurck. Und wir brauchen nur den Arm aus der
Ballonhlle rauszustrecken, so brennt gleich wieder unsre gefleckte Haut. Und so
kommen wir nie an das Gewebe ran, und wir wissen nicht, wer es gesponnen hat -
und wozu es gesponnen wurde.
    Warum, fragte nun Lesabndio, erzhlst Du mir das? Ich wei es doch. Und
Du weit, da ich es wei. Du weit, da das jeder Pallasianer wei. Wo willst
Du hinaus?
    Hm! sagte der Dex, ich will nur sagen: das Gewebe ist nur ein einziges
Geheimnis auf unsrem Stern. Aber es gibt deren noch mehr. Die groen Nsse, die
sich in den Bleiadern unsres Sterns finden, haben doch noch mehr Geheimnisse in
sich.
    Ach so! rief da der Lesabndio, Du meinst - wir mten noch mehr solche
groen Nsse finden - nicht wahr?
    Ja, sagte der Dex, dann htten wir so viele Arbeiter, wie wir brauchen.
    Mit den Nssen hatte es nun eine ganz besondere Bewandtnis: da staken
nmlich die zuknftigen Pallasianer drin.
    Das Geschlecht der Pallasianer zu vergrern oder zu verkleinern - das hing
ganz allein von den bereits lebenden Pallasianern ab; wollte man mehr
Pallasianer haben, so brauchte man nur die in den Bleiadern gefundenen Nsse
aufzuknacken - dann sprang aus jeder Nu ein neuer Pallasianer heraus.
    Der Labu beschftigte sich viel mit der Aufsuchung der groen Nsse; zu ihm
begaben sich nun die beiden Turmfreunde; sie wollten von ihm gerne wissen, ob
man nicht eine grere Anzahl von Nssen irgendwo entdecken knnte.
    Fr die Ernhrung der frischgeknackten neuen Pallasianer mute der Manesi
sorgen; der wute mit allen Vegetationsangelegenheiten wohl Bescheid.
    In einer freien weien Grotte oben am Rande des Nordtrichters fanden die
Turmfreunde den Labu; er stand grade mit sechs Freunden zusammen; jeder von
diesen sieben Pallasianern hatte einen schweren Bleihammer mit langem Stiel in
der Hand.
    Mit diesen Hammern schlugen die Sieben mit voller Kraft auf die Nu los -
und da gabs pltzlich einen lauten Knall - und die Sieben sprangen zurck.
    Und dann platzte die Nu pltzlich - die Stcke der Schale flogen zur Seite
- und heraus scho wie eine Rakete - ein junger Pallasianer, der sich gleich
ganz heftig mit allen seinen Fingern das ganze Gesicht und besonders die Augen
rieb.

                                Sechstes Kapitel


Es wird erst geschildert, was der frisch geknackte Pallasianer von dem Leben
erzhlt, das er vor seiner Knackung gelebt hat. Dann fahren Dex und Lesabndio
mit dem Labu in dessen kleinstes Atelier und lassen sich dort erklren, mit
welchen Mitteln fr die Folge die berhmten Knacknsse aufgefunden werden
knnen. Nachdem die beiden Turmfreunde in zwei Tagen dem Labu neue Arbeiter
besorgt haben, fahren sie zum Manesi, der erklren soll, ob fr die neu
geknackten Pallasianer auch die gengende Anzahl von neuen Schwamm- und
Pilzwiesen hergestellt werden kann. Manesi gibt befriedigende Aufklrung, ist
anfnglich traurig, doch zum Schlu sehr vergngt und zeigt seine neuen
knstlichen Sonnen.

Nachdem sich der kleine Pallasianer, der erst nach einigen Tagen die ganze Gre
der alten Pallasianer bekam, lngere Zeit die Augen gerieben hatte, versuchte er
zu sprechen, und er sagte mhsam:
    Bom-bim-ba-ri-zapa-zulli-as-as!
    Danach sprachen nun die alten Pallasianer zu dem Kleinen und setzten ihm
auseinander, da er auf dem Stern Pallas sei - und da er doch Pallasianisch
sprechen knnte und nicht in einer Sprache, die kein Pallasianer verstnde - er
kenne doch die pallasianische Sprache - er solle sich doch nicht verstellen.
    Der Kleine hrte das eine Weile aufmerksam an, spannte die Kopfhaut wie
einen Regenschirm auf und sagte langsam:
    Ich verstehe schon, was Ihr sagt. Aber Ihr mt mir Zeit lassen. Ich war in
andern Welten. Wenn ich Euch die beschreiben knnte! Eure Sprache versteh ich.
    Danach rieb sich der Kleine wieder die Augen, machte sie lang zu Fernrohren
und blickte ganz erstaunt umher.
    So ungefhr benahmen sich alle kleinen, frisch geknackten Pallasianer, und
sie konnten wunderbarerweise alle gleich in den ersten Stunden die
pallasianische Sprache verstehen und sprechen - es ging anfnglich nur ein
bichen langsam, und manche Ausdrcke fielen ihnen nicht sofort ein, soda man
ihnen helfen mute.
    Der Kleine, dem jetzt Lesabndio, Dex und Labu und viele andre Pallasianer
zuhrten, wurde nach seinen ersten Worten Bombimba genannt; nach ihren ersten
Worten wurden alle Pallasianer genannt.
    Bombimba sprach langsam das Folgende:
    Es war mir so in letzter Zeit, als flgen viele Millionen flockenartige
Gebilde, die so gro wie meine Kopfhaut sind, mit mir zusammen durch eine warme
Luft. Diese flockenartigen Gebilde sprachen zu mir - so wie Ihr sprecht - so wie
ich jetzt auch spreche. Sie sprachen sehr lange mit mir, aber ich konnte nicht
sehen, wie sie aussahen - ich hrte sie nur und fhlte sie nur. Wir sahen aber
sehr groe Sterne, die unzhlige Arme nach allen Seiten ausreckten - Arme mit
vielen langen feinen Fingern. Wir haben auch solche Finger - ich auch.
    Und der Kleine sah sich seine feinen Finger an - dann sah er sich auch seine
groben starken Finger an und sagte lchelnd:
    Solche groben Finger hatten die Sterne nicht. Aber jene Kopfhautwesen haben
mir unsglich viel von den groen und von den kleinen Sternen erzhlt. Ich habe
auch viel vom Pallas gehrt, und die Sprache, die man auf dem Pallas spricht,
die hat man mir beigebracht. Doch ich lernte auch Dinge kennen, fr die man mir
keine Worte gesagt hat - das waren groe Gluten und Dinge darin, die so
flatterten. Da flog vieles mit furchtbarem Krachen auseinander - und danach zog
sich wieder alles so zusammen wie eine weiche bewegliche Haut - und da gabs auch
Dinge, die Farbe hatten - aber die Farbe war ganz anders, als alle die Farben
sind, die wir hier sehen. Es klangen auch Tne an mein Ohr, die ganz anders
klangen als Eure Worte und meine Worte. Und ich schwebte dabei so auf der Seite
und hrte durch alle Dinge durch - das, was in weiter Ferne lag. Aber ich kann
nicht beschreiben, wies klang. Die Worte fehlen mir dafr. Die Kopfhautwesen
waren auch bald fort, und ich konnte sie nicht mehr hren. Und dann kam immer
wieder das furchtbare Krachen, und so viele Dinge gingen auseinander -
blitzschnell; die Teile sausten nur so durch den Raum. Und dann fhlte ich einen
Stich in meinem Krper, und ich flog hoch empor. Und dann sah ich Euch.
    Da erzhlten die alten Pallasianer dem jungen, wie sie ihn geknackt htten.
Und darber lachte der junge, machte sich ganz klein und schnellte sich dann
hoch empor in die violette Himmelsluft.
    Die ersten Erzhlungen der frisch geknackten Pallasianer wurden immer
aufgeschrieben; jeder der kleinen Pallasianer hatte immer etwas ganz Neues zu
erzhlen, was sich mit dem der andern kleinen nicht vergleichen lie.
    Viele Pallasianer beschftigten sich nur mit diesen ersten Erzhlungen, die
sehr viel zur Kenntnis der wesentlichen Natur der Pallasianer beitrugen - aber
auch unzhlige neue Rtsel aufgaben; keiner der Frischgeknackten hatte so die
Sprache der Pallasianer kennen gelernt wie der andre - und Alle faten das
Krachen der Hammerschlge als etwas Andres auf.
    Und dann schilderten die Kleinen die Welten, in denen sie gelebt hatten,
immer so, da die alten Zuhrer die Empfindung bekamen jeder von diesen Kleinen
wre ganz wo anders gewesen als der nchste. Der eine hatte unendlich lange
Zeiten in langen Rhren gelebt und sprach immerzu von den weiten Perspektiven in
diesen Rhren - der nchste kannte nur Wolken, die sich feucht anfhlten - dann
sprach wieder ein andrer von flackernden Flammen, die man auf dem Pallas
garnicht kannte, wohl aber auf anderen Sternen sah. Auch behaupteten viele
Kleine, sie htten in Wassermassen gelebt, die man auch nicht auf dem Pallas
sehen konnte - die Vorstellung von Flssigkeiten in greren Massen erhielten
die Pallasianer nur durch die Betrachtung einiger in der Nhe befindlichen
Asteroden, auf denen Alles anders war als auf dem Pallas.
    Labu wurde nun von Dex und Lesabndio gebeten, Nheres ber die
Auffindbarkeit der berhmten Knacknsse mitzuteilen.
    Und der Labu fhrte die Beiden in sein kleinstes Atelier; er hatte zehn
Ateliers - fnf in den Wnden des Nordtrichters und fnf in den Wnden des
Sdtrichters.
    Das kleinste Atelier befand sich im Nordtrichter und war nur eine
Viertelmeile hoch und ebenso breit - und nur eine einzige Meile lang.
    Hier war die wichtigste Arbeitskammer des Labu; hier stellte er
hauptschlich neue Flssigkeitsmischungen her.
    Aber der Stern Pallas war ein sehr fester, harter - trockner Stern, auf dem
es garnicht so leicht war, die Stoffe in die Flssigkeitsform hinberzufhren.
Und so befanden sich die Flssigkeitsquantitten im schreiendsten Gegensatz zu
der kolossalen Gre der Apparate, mit denen die Flssigkeiten hergestellt
wurden.
    In diesen Apparaten spielten nur elektrische und magnetische Krfte und
diejenigen Krfte, die mit diesen beiden eng verwandt waren, eine Rolle; das
flackernde Feuer, das auf andern Sternen so vielfach in die Entwicklung
eingriff, konnte auf dem Pallas nicht erzeugt werden; das lag an der
eigentmlichen Komposition der Atmosphre.
    Als nun der Labu gefragt wurde, mit welchen neuen Mitteln er eine Entdeckung
der berhmten Knacknsse herbeifhren knnte, uerte er sich folgendermaen:
    Unser Stern Pallas ist sehr hart, und wir knnen seinen harten Gliedmaen
nur sehr schwer beikommen. Auf andern Asteroden ist es dem Rindenbewohner
zuweilen viel leichter, ins Innere der Sterngliedmaen zu gelangen - besonders
dann, wenn es mglich ist, das freie, hell flackernde Feuer zu erzeugen, das wir
nicht erzeugen knnen auf unserm Stern, da ja die Komposition unsrer Atmosphre
dieses ganz unmglich macht. Und das Schlimmste in unsrer Feuerlosigkeit ist,
da wir durch diese auch verhindert werden, Sprengstoffe herzustellen. Wir
knnen wohl alles Mgliche zum Glhen und Leuchten bringen - aber die helle
Flamme ist uns nicht gegeben. Und so knnen wir nichts in einfacher Art
vernichten, um hinter dem Vernichteten in andre Sphren zu dringen.
    Da߫, meinte nun Dex, wir nichts vernichten knnen, ist auch ein Vorzug
unsres Sterns; wir mssen unsern Stern sehr hochschtzen, da er uns nicht
gestattet, etwas in seinen Gliedern zu vernichten. Knnten wir das, so mten
wir annehmen, da diese Glieder noch keine abgeschlossene, vollendete Form
erhalten haben.
    Lesabndio schttelte erregt die Finger eines seiner rechten Arme in der
Luft herum und sagte ungeduldig:
    Wir wollen aber nicht vom Thema abkommen; Labu will uns doch nur sagen, ob
es ihm gelungen ist, mehr Knacknsse zu entdecken als bisher.
    Der Labu wies mit allen Armen seiner rechten Krperseite auf seine vielen
groen Maschinen und Apparate und sagte langsam:
    Wenn Ihr wtet, wieviel ich in den letzten Tagen gearbeitet habe, so
wrdet Ihr nicht so ungeduldig sein. Jawohl, es ist mir gelungen, fnfundachtzig
verschiedene Flssigkeiten herzustellen, und von diesen ist eine einzige so
beschaffen, da sie auf Pallasblei reagiert. Wenn ich nun mehr von dieser
Flssigkeit herstelle - und das wird mir gelingen, so' knnen wir an allen
Wnden gleich feststellen, ob wir da auf eine Bleiader stoen werden. Das ist
ja groartig! rief Lesabndio.
    Aber der Labu sagte lchelnd:
    Und auerdem wei ich jetzt, da meine Flssigkeit, die sonst immer rot
aussieht, bluliche Flocken erhlt, wenn -
    Nun sprich doch! rief der Lesabndio.
    Das tu ich, erwiderte Labu lchelnd, erst dann, wenn Du Dir die Ungeduld
abgewhnt hast.
    Da lchelten alle Drei, und sie schwiegen ein paar Augenblicke. Und dann
sagte der Labu:
    Wenn die blulichen Flocken kommen, dann sind auch Nsse im Blei; das wei
ich jetzt ganz genau; dreimal hats gestimmt; es wird auch fter stimmen - immer
stimmen.
    Da reckten Lesabndio und Dex ihre Krper hoch auf - und dann
beglckwnschten sie den Labu - und erzhlten ihm nun, wie ntig es wre, mehr
Nsse zu finden, um Arbeiter fr den groen Nordtrichterturm herbeizuschaffen.
    Da rief aber der Labu in all die Begeisterung hinein:
    Langsam mssen wir fahren; ich habe erst anderthalb Liter von meiner neuen
Flssigkeit hergestellt. Besorgt mir Arbeiter, da ich mehr herstellen kann -
denn mit anderthalb Litern ist nicht viel zu machen.
    Und darauf erklrte er die Arbeiten an seinen neuen Apparaten, und Dex und
Lesabndio hatten danach zwei Tage und zwei Nchte zu tun, um eine grere
Anzahl von Pallasianern zu veranlassen, das Laboratorium des Labu aufzusuchen
und dort an dessen neuen Apparaten zu arbeiten.
    Nachdem das die beiden Turmfreunde getan hatten, begaben sie sich zum
Manesi.
    Der Manesi war ganz allein auf dem Pallas imstande, darber zu entscheiden,
ob die neuen Knacknsse, die man in grerer Anzahl zu finden hoffte, geknackt
werden durften - oder nicht.
    Wars dem Manesi mglich, die Pilz- und Schwammwiesen zu verzehnfachen, so
konnten auch zehnmal soviel Pallasianer als bisher sich auf dem Pallas ernhren.
Konnten die nahrhaften Wiesen nur verfnffacht werden, so konnten nur fnfmal
soviel Pallasianer als bisher auf dem Stern Pallas leben.
    Manesi empfing den Dex und Lesabndio mit ganz traurigen Worten.
    Ja, sagte er, ich wei schon, warum Ihr zu mir kommt. Ich soll Euch
helfen. Und ich will Euch natrlich auch helfen. Wir helfen ja immer einander;
alle Pallasianer tun das; und ich wre kein echter Pallasianer, wenn ich nicht
auch Euch helfen wollte. Aber wenn ich Euch helfe, zerstre ich meine
Lieblingsgedanken. Und das werdet Ihr nicht so ohne Weiteres wollen. Ihr werdet
Rcksicht nehmen auf das, was mir das Teuerste ist.
    Dex und Lesabndio beteuerten natrlich, da sie keineswegs die
Lieblingsgedanken des Manesi zerstren mchten. Das klang aber nicht so, da der
Manesi dadurch beruhigt wurde.
    Die Drei saen in Manesis grtem Atelier; Manesi hatte zwanzig Ateliers;
das grte lag tief unten in den Wnden des Sdkraters. In dem Atelier waren
sehr viele neue Pflanzen zu sehen. Die Pflanzen hatten nicht alle rundliche
Ballons an Stelle der Blten - es gab auch Pflanzen mit ganz dnnen
scheibenfrmigen Ballons, und diese hatten an den Rndern der Scheiben lange
spitze Stacheln.
    Alle diese Ballons konnte der Manesi durch ein knstliches Mittel jederzeit
aufblasen und im Innern phosphoreszierend machen, da es im Innern flackerte und
flirrte in unzhligen Farben.
    Das knstliche Mittel, mit dem das hergestellt wurde, was drauen im
Trichter nur whrend der Nacht mglich wurde - bestand in einer besonders
gedmpften Beleuchtung von allen Seiten.
    Pilze und Schwmme, sagte der Manesi, kann ich in andrer Weise zum
intensivsten Leben knstlich reizen: durch eine kolossale Lichtflle! Und so ist
es mir mglich, die Ballonblumen, die sonst nur nachts wachsen, auch am Tage
wachsen zu lassen - durch ein besonders gedmpftes Licht. Und andrerseits kann
ich die Pilze und Schwmme auch in der Nacht wachsen lassen - durch ein
auerordentlich helles Licht.
    Das ist ja groartig, rief der Lesabndio, dann knnen wir ja Pilze und
Schwmme in allen Hhlen und Ateliers wachsen lassen - dann knnen wir ja die
Zahl der Pallasianer verzwanzigfachen.
    Ich wei, wie Ihr seid, sagte der Manesi, Ihr bedenkt aber nicht, da
unser Stern wahrhaftig nicht interessanter wird, wenn wir berall nur Pilz- und
Schwammwiesen anlegen. Ihr zerdrckt mit Eurem groen Turm alle knstlerischen
Errungenschaften der Pallasianer. Wo soll ich denn meine neuesten Ballonpflanzen
hinbringen?
    In die Gerippe unseres Turms! rief da der Lesabndio strmisch und reckte
sich hoch auf.
    Da sah der Manesi pltzlich ganz lustig ins Weite und rief lachend:
    Das geht allerdings; es sind alles Rankengewchse.
    Und dann fhrte Manesi die beiden Turmfreunde in seine Lichthhle und lie
dort alle seine neuen Sonnen auf einmal aufleuchten.
    Dex und Lesabndio schlugen schnell die Kopfhaut vorn zusammen; so blendete
das Licht der neuen Sonnen.

                               Siebentes Kapitel


Lesabndio begibt sich zum Biba, der sehr viel von der Konzentration und von der
Ergiebigkeit erzhlt. Biba veranstaltet danach eine Buchausgabe, um ber die
Natur der Doppelasteroden aufzuklren. Es werden nun viele neue Knacknsse
gefunden, und Manesi pflanzt viele neue Pilz- und Schwammwiesen. Der Bau des
Nordtrichterturms wird aber dadurch keineswegs gefrdert, da die Pallasianer das
ganze Unternehmen fr zu waghalsig halten; besonders wird die Gre der
Atmosphre bezweifelt. Lesabndio lt sich danach mit Biba vom Sdtrichter aus
in die Sdatmosphre hineinschnellen, um die Dicke dieser Atmosphre kennen zu
lernen.

Als nun Lesabndio einsah, da Manesi schon fr die Ernhrung der neuen
Pallasianer sorgen wrde - da atmete er erleichtert auf.
    Alles wird besser gehen, als wir dachten! sagte der Dex.
    Und Lesabndio sagte, da er allein sein mchte. Er sprang drauen im
Sdkrater in den einen Ring der nchsten Magnetbahn und fuhr davon.
    Aber lange hielt ers nicht allein aus.
    Und da besuchte er wieder den Biba, der ihn sehr freudig in seiner Hhle
drauen auf der Auenseite des Sterns begrte.
    Biba sprach gleich sehr heftig Folgendes:
    Das freut mich, da Du kommst. Mir kommt es so vor, als htte ich die
Hauptlinie in unserm Sternsystem entdeckt. Es erscheint mir nicht zufllig, da
sich so viele Sterne um einen greren Stern - um unsre Sonne - drehen und
bewegen. Diese Verehrung, die alle Planeten dem Greren, unsrer Sonne,
entgegenbringen, hat fr mich etwas Vorbildliches - fr alle unsre Verhltnisse;
auch die Pallasianer sollen so ein Greres immer verehren - sich ebenso wie die
Planeten an ein Greres anschmiegen. Wo wir dieses Grere zu suchen haben -
das ist eine zweite Frage, die Du, glaube ich, sehr schnell beantworten wirst.
    Biba schwieg und rauchte sein Blasenkraut und lie dabei unzhlige kleine
Blasen zwischen seinen gespitzten Lippen durchfliegen, da sie, bald sich
vergrernd, leuchtend in der Hhle herumwirbelten.
    Lesabndio sagte darauf:
    Natrlich haben wir dieses Grere hoch ber unserm Nordtrichter hinter der
Spinngewebewolke zu suchen.
    Diese Antwort, versetzte der Biba, habe ich natrlich erwartet. Und
deswegen freute ich mich, als Du kamst. An diese Erkenntnis von der Bedeutung
des Greren knpft sich aber noch viel mehr. Was wir sonst als Konzentration zu
bezeichnen pflegen, das luft auch immer nur auf eine Verehrung des Greren
hinaus; wir mssen uns an das Grere anschmiegen, wir mssen uns ganz dem
Greren ergeben, wenn wir in unserm Innern beruhigt werden wollen. Und als ein
Letztes erscheint mir immer das endgltige Aufgehen in diesem Greren. Ich
glaube, da diese Zuneigung zum Greren durch alle unsre Planeten geht. Nur so
bringen wir einen Sinn in das stndige Umkreisen unsrer groen Sonne. Nun
versteht es sich ja von selbst, da wir das Grere an verschiedenen Stellen
finden knnen; Du findest es ber unsrer Nordtrichterwolke, ich finds in unsrer
groen Sonne, und diese findets in einer greren Sonne. Die Asteroden sind in
vielen Fllen so gebaut, da sie ein Doppelsystem bilden, in dem immer der eine
Teil das Grere ist; man kann dieses Grere auch als eine Art Kopfsystem
auffassen. Jedenfalls sehe ich berall ein Sichunterordnen dem Greren
gegenber, und in diesem Sichunterordnen sollten wir alle unser Heil suchen,
denn es macht uns wirklich innerlich ruhig; nehmen wir uns selbst als
Gipfelpunkt, so sind wir immer an einem Ende angelangt, das wir in unsrer
unendlichen Welt nicht als etwas Herrliches begreifen werden. Um immer weiter zu
kommen, mu man sich immer wieder unterordnen - ja, man mu seine besten
Gedanken auch immer wieder einem greren, noch nicht gleich verstndlichen
Gedanken unterordnen; tut man das nicht, so ermdet man, wird schlfrig und
schlaff. So ergehts ja vielen Pallasianern, die nur daran denken, in ihrer Art
ihren Stern Pallas weiter auszubauen, ohne ihre Ausbaugedanken einem hheren
Sterngedanken unterzuordnen. Und deswegen finde ich, da es uns allen prchtig
bekommen wird, wenn sich die Pallasianer von jetzt ab um Deinen groen
Nordtrichterrand konzentrieren. Bist Du zufrieden mit dieser Erklrung?
    Lesabndio war selig.
    Wie, sagte er leise, sollte ich etwas hren, das meinem Ohrsystem
angenehmer klingen knnte! Alle Sofanti-Musik im Centrum ist einfach garnichts
dagegen. Jawohl, ich glaube schon, da dieses Sichunterordnen einem Greren
gegenber das allertiefste Geheimnis unsres Sternsystems umfat. Mir ist es auch
immer so gegangen, da ich mich recht unselig empfand, solange ich nur mit mir
selber zusammenhing - da ich aber ganz ruhig innerlich wurde, sobald ich mich
in Gedanken an den groen Unbekannten anschmiegte, der mehr von unserm Geschick
wei als wir - und der uns lenkt, wenn wir ihn auch nicht erkennen knnen,
dorthin, wohin wir hingelangen sollen. Es ist dieses Sichanschmiegen an den
Greren so ganz mir zur zweiten Natur geworden, da ich garnicht mehr anders
kann. Mir ist so, als wenn der Groe immer unsichtbar neben mir ist. Und ich
glaube, da ich ihn noch mehr erkennen werde, wenn wir oben durch die
Spinngewebewolken durchgekommen sind. Konzentration ist zweifellos nur
Unterordnung unter einen greren Plan oder Gedanken. Und deshalb denke ich
jetzt an nichts Anderes als an meinen groen Turm; Dex, Labu und Manesi sind auf
meiner Seite, und nun sind wir mit Dir zusammen fnf.
    Es haben, erwiderte nun der Biba, unzhlige Weise auch auf andern Sternen
immer wieder nur den einen Gedanken gehabt, da grade nur die Ergebenheit uns
mit unserm ganzen Leben vershnen kann. Auf einzelnen Sternen sterben Millionen
von Lebewesen in jeder Sekunde - dieses groe Sterben ist nur dazu da, damit die
berlebenden die groartigen Schauer der Ergebenheit kennen lernen. Man nennt
das zuweilen auf andern Sternen auch Religion. Und es ist ja auch so klar, da
wir eigentlich stets etwas vor uns haben mssen, das grer ist als wir; nur so
bekommen wir immer wieder einen Begriff von der kolossalen Groartigkeit der
Welt. Wrde es uns so leicht sein, hher zu steigen, so wrden wir die Welt
nicht so als Greres und Ganzgroes empfinden; wir mssen immer wieder
zurckgedrckt und ein wenig erdrckt werden, damit wir merken, wie gro das
Groe der groen Welt ist - wie wir diese Gre niemals ganz ausmessen knnten.
Ja - jawohl - ich glaube, ein Leben auf der Sonne knnten wir doch garnicht
ertragen; wir sind ja noch garnicht soweit. Wir drfen das Grere ganz bestimmt
nicht in unsrer eigenen Sphre unter denen suchen, die uns gleichen - aber
andrerseits drfen wir auch das Grere nicht zu weit ab von uns suchen - und
die Sonne ist wohl noch zu weit ab von uns.
    Darum, versetzte der Lesabndio, bleiben wir bei unserm Turm und bei dem,
was ber dem Pallas ist. Knnten wir nicht vom Kopfsystem des Pallas, das da
oben ber uns ist, sprechen? Gibt es nicht analoge Systeme unter den Asteroden?
Knnten wir nicht alle Pallasianer auf diese analogen Systeme energisch
aufmerksam machen, damit man allmhlich eine allgemeine Begeisterung dem
Nordtrichterturm entgegenbringt?
    Biba sagte nichts dazu; er bat nur den Lesabndio mitzukommen. Und sie
begaben sich darauf zur nchsten Schlittenbahn, fuhren auf einem Schlitten zum
Mittelpunkt des Sterns, eilten dort auf einer Bandbahn zur andern Seite und
kamen dann durch einen Tunnel, in dem sich rasche Drahtseile horizontal
bewegten, zur anderen Auenseite des Pallas, wo der Biba ganz riesige
photographische Apparate aufgestellt hatte, mit denen unter groen Glaslinsen
das ganze Himmelsbild photographiert wurde. Hier zeigte der Biba dem Lesabndio
die Photographieen, auf denen alle diejenigen Asteroden zu sehen waren, die ein
Doppelsystem darstellten. Da gabs sogar Kopfsysteme, die aus hundert kleinen,
sehr kompliziert gearbeiteten Sternen bestanden. Bei andern Kopfsystemen
spielten feine Lichtstrahlen und atmosphrenartige Wolkengebilde eine groe
Rolle.
    Biba sah sich in drei Tagen nicht weniger als dreitausend Photographieen von
Doppelsystemen ganz genau an, und dann beschlo der Biba, einige kleine Bcher
ber diese Doppelsysteme herauszugeben und dabei den Stern Pallas als
Doppelstern zu behandeln und zu erklren, da die Spinngewebewolke selbst nicht
das Kopfsystem zum Trichterstern Pallas darstellen knnte, da ein analoges
Wolkensystem in dreitausend Doppelasteroden bislang noch nicht gefunden sei; es
msse sich demnach das Kopfsystem des Pallas ber der Spinngewebewolke befinden.
    Und aus den kleinen Bchern des Biba, die in winzig kleiner Form auf
photographischem Wege hergestellt wurden und bald am Halsband aller Pallasianer
baumelten, ging allen Pallasianern klar hervor, da eigentlich der Bau des
Lesabndio-Turmes nicht mehr aufzuschieben sei.
    Labu fand indessen die berhmten Knacknsse in groer Anzahl vor, und Manesi
stellte zweihundert neue Schwamm- und Pilzwiesen zumeist im Innern der
Pallashhlen her, soda fr die vielen neuen Pallasianer, wenn sie auch in
groer Anzahl geknackt wurden, vollauf gesorgt war.
    Gleichzeitig zeigte auch der Dex, da der Kaddimohnstahl in ungeheuren
Mengen vorhanden sei.
    Und so htte man glauben knnen, da der Lesabndio-Turm gleich gebaut
werden wrde.
    Dem aber war nicht so.
    Sehr viele Pallasianer kamen oft auf dem oberen Rande des Nordtrichters
zusammen und sprachen ber den Turm - und erklrten bald die ganze Idee fr
unausfhrbar.
    Vergeblich sprach Lesabndio ber den Wert der Konzentration; die meisten
Pallasianer erklrten eine derartige Turmkonzentration fr den Tod aller
knstlerischen Entwicklung; es wurde auch geltend gemacht, da eine derartige
mechanische Ttigkeit den Geist der Pallasianer verblden msse - und da man
bei der ganzen Sache nicht vorsichtig genug vorgehen knne; man behauptete, da
das obere Stahlgestell den ganzen Pallas in eine andere Lage bringen knnte -
und auerdem bezweifelte man, da ber dem Nordtrichter die Atmosphre viel ber
drei Meilen hoch sei; der eine Nuse-Turm war eine Meile hoch - und man beschlo,
zunchst von der Spitze des Nuse-Turms aus die Atmosphre, die hher lag, zu
untersuchen. Das hatte jedoch keinen Erfolg; man kam eben oben nicht so leicht
hher hinauf.
    Die Pallasianer waren alle sehr gefllig und immer bereit, einem Andern zu
helfen; aber man war auch vorsichtig und sehr bedenklich; berrumpeln lieen
sich die Pallasianer in keinem Falle.
    Als daher Lesabndio nach achtzehn Tagen (also nach anderthalb Erdjahren)
den Biba wieder aufsuchte, waren beide anfnglich sehr traurig.
    Schlimm ist, bemerkte der Biba, der Zweifel an der Dicke der Atmosphre;
ich glaube selber nicht, da die Atmosphre berm Sdtrichter und berm
Nordtrichter viel mehr als zehn Meilen betragen wird. Wrden wir auf einem
anderen Stern leben, so knnten wir die Gre der Pallas-Atmosphre ohne
Weiteres angeben, da wir ja von einem anderen Stern aus nur die Atmosphre
unseres Sterns und nicht diesen selber sehen knnten. Wie wrs, wenn wir uns mit
Hilfe der Magnetbahn unterm Sdtrichter abschieen lieen?
    Du meinst, antwortete Lesabndio, wir sollen das uerste Seil in der
Mitte zurckziehen lassen und dann, wenns losgelassen wird, mit der ganz
erheblichen Anfangsgeschwindigkeit in den Raum hinausfliegen, der sich sdlich
vom Sdtrichter befindet. Ich bin damit einverstanden.
    Und ein paar Stunden spter befanden sich die Beiden bereits fnf Meilen
tief in der freien Atmosphre unterm Sdtrichter. Die Beiden schwebten mit fest
am Rcken haftenden Flgeln zusammen durch die Luft; sie hatten sich mit einem
nicht sehr langen Seile aneinander gebunden, soda sie sich bequem whrend der
ganzen Luftexpedition unterhalten konnten.
    Der violette Himmel war sehr dunkelviolett, und die grnen Sterne
leuchteten, auch die grne Sonne leuchtete, und ein grner Komet schwebte nicht
weitab mit einem vierzig Millionen Meilen langen Schweife, der scheinbar durch
die Hlfte des ganzen Himmelsraumes ging, der groen grnen Sonne zu.
    Weit Du auch, sagte nun der Biba, da neulich der groe Planet, den die
Erdrindenbewohner Jupiter nennen, wieder einen kleinen Stern aus seinem Innern
rausgestoen hat?
    Lesabndio wute noch nichts davon und lie sich Nheres ber diesen
Aussto߫ erzhlen.
    Whrenddem rauchten die Beiden gemtlich ihr Blasenkraut, das ihnen wie
allen Pallasianern an einem ihrer rechten Arme angewachsen war.
    Die langen molchartigen Krper der Beiden glitzerten; sie hatten den Krper
so weit wie mglich ausgedehnt - fnfzig Meter lang - und an keiner Stelle
gekrmmt, soda sie wie zwei lange Stcke aussahen.
    Biba sagte, whrend er vom neuesten Jupiter-Aussto erzhlte, noch
Folgendes:
    Es ist zweifellos sehr wahrscheinlich, da der Pallas vor Millionen Jahren
aus seinem Sdtrichter auch sehr viele Sterne ausgestoen hat, sonst wre die
Trichterform unseres Sterns nicht erklrlich. Zweifelhaft erscheint mir aber, ob
aus dem Nordtrichter auch Krper ausgestoen sind; die Existenz der
Spinngewebewolke ist doch zu seltsam. Aber man soll ber die Vergangenheit der
Sterne nicht zuviel nachdenken; zu sicheren Resultaten kommt man ja doch nicht.
Indessen - ich merke, da die Luft dnner wird.
    Sie waren nach ihren Meinstrumenten, die sie an ihr Halsband vor dem
Abgeschnelltwerden befestigt hatten, erst acht Meilen vom Sdtrichter entfernt.

                                 Achtes Kapitel


Biba und Lesabndio werden auf ihrer Luftuntersuchungsexpedition von einem
andern Weltkrper angezogen, sie landen auf diesem ohne Gefahr und machen die
Bekanntschaft mit ganz kleinen Lebewesen. Und diese zeigen ihnen mit Hilfe
besonderer Vergrerungsinstrumente das Kopfsystem des Pallas. Es gelingt den
beiden Pallasianern, zehn der ganz kleinen Lebewesen dazu zu bewegen, mit zum
Pallas zu fahren. Die Abschleuderung mit Rckfahrt zum Pallas geht nach lngerer
Zeit glcklich vonstatten; nur der Biba zieht sich eine Krperverletzung zu.

Nach einer kleinen Weile sagte der Biba:
    Da die Luft dnner wird, scheint mir nicht so wichtig. Ich merke
gleichzeitig an meinem Meinstrumente, da wir uns mit grerer Geschwindigkeit
von unserm Stern Pallas entfernen; unsre Fluggeschwindigkeit mte sich, wenn
alles mit richtigen Dingen zuginge, verringern. Das heit: wir werden von einem
Weltkrper, den ich noch nicht sehe, angezogen.
    Das wre ja furchtbar, rief der Lesabndio, dem mssen wir
entgegenarbeiten.
    Ich frchte, erwiderte der Biba, da uns das nichts ntzen wird.
    Sie drehten blitzschnell ihren Kopf zum Pallas, machten ihren Krper
anderthalb Meter kurz, breiteten den Saugfu tellerfrmig aus und stieen nun,
mit dem Kopf voran, den ganzen Krper fnfzig Meter dem Pallas zu. Dann
breiteten sie die Flgel auseinander und zogen den Krper wieder zusammen. Und
das taten sie einige Stunden durch mit grtem Eifer, ohne ein Wort zu sagen.
Auf dem Pallas brannten schon alle Nachtflammen, soda der ganze Stern wie ein
Glhwurm aussah.
    Aber sie kamen dem Glhwurm nicht nher; die Anziehungskraft des unbekannten
Weltkrpers war grer als die des Pallas; alle Anstrengungen waren vergeblich;
Lesabndio zitterte vor Erregung.
    Wo bleibt mein Turm? fragte er klglich.
    Fragen wir lieber, versetzte Biba, wo wir selber bleiben.
    Beide sahen immer noch nicht den Weltkrper, der sie anzog. Biba sagte
lchelnd:
    Mir scheint beinahe, da wir von einem Krper angezogen werden, den wir
nicht sehen knnen.
    Lesabndio sagte aber:
    Mir scheint, da wir unsre Augen berschtzt haben; wir htten schon lngst
fr mehr Vergrerungsglser sorgen knnen. Wir haben die vergrernden
Glaslinsen nur bei den photographischen Apparaten verwendet. Das ist eigentlich
unbegreiflich. Unsre Lage ist zum Verzweifeln.
    Zum Verzweifeln, rief Biba rasch, haben wir jetzt keine Zeit. brigens:
es ist wirklich unbegreiflich, da wir mit Vergrerungsglsern nur bei den
photographischen Apparaten operiert haben. Wir berschtzten unsre
Teleskopaugen.
    Danach schwiegen die Beiden ein paar Stunden hindurch, und dann sagte der
Lesabndio:
    Wir sind jetzt nach meinem Meinstrument bereits zwlf Meilen vom Pallas
entfernt, die Atmosphre ist aber nicht dnner geworden - im Gegenteil. Wir
drfen deshalb annehmen, da wir uns in der Atmosphre eines andern Weltkrpers
befinden.
    Und, sagte nun der Biba leise, von dem andern Weltkrper sehe ich bereits
etwas - da drben.
    Lesabndio sah nun auch dorthin, wohin der Biba mit einem Finger hinwies,
und da sahen denn die Beiden im violetten Himmel zarte hellere Konturen, die zu
einem geisterhaften Sterne zu gehren schienen.
    Und diesem geisterhaften Sterne kamen sie immer nher; sie machten gar keine
Anstrengung mehr, sich von ihm zu entfernen.
    Es war ein Stern, der aus quallenhaft durchsichtigen Massen bestand. Aber in
allen Teilen war er nicht durchsichtig; in seinem Kerne zeigten sich jetzt sogar
ganz deutlich karminrote und orangefarbige Stellen, die man vorhin nicht hatte
entdecken knnen.
    Der durchsichtige Stern hatte einen Durchmesser von ungefhr tausend Metern,
die farbigen Stellen befanden sich in der Mitte und schienen nicht sehr
umfangreich zu sein.
    Und ganz in der Nhe sahen die Beiden, da die quallenhafte durchsichtige
Hlle aus vielen reichgegliederten flgelartigen Gebilden bestand, zwischen
denen sich orangefarbige Wiesenstrecken zeigten, und ganz im Innern glhten
karminrote Flecke wie Glutaugen auf.
    Die beiden Pallasianer schwebten neben den durchsichtigen Flgeln vorbei und
berhrten mit ihren Saugfen vorsichtig den orangefarbigen Wiesengrund.
    Biba konstatierte gleich, da da Schwmme wchsen, von denen sich
Pallasianer sehr wohl ernhren knnten.
    Legen wir uns auf die orangefarbigen Schwmme, sagte er ganz heiter, und
schlafen wir zunchst; unser Krper bedarf sowohl des Schlafes wie der Nahrung.
    Lesabndio zitterte und murmelte immerzu:
    Mein Turm! Mein Turm!
    Aber der Biba sagte trstend:
    Vom Pallas sehen wir nichts mehr, denn auf dem Pallas ist Nacht; die
Spinngewebewolke hat unsern ganzen Stern wieder umsponnen. Wenn die aber wieder
oben berm Nordtrichter ist, dann knnten wir unsern ganzen Stern sehen und auch
das, was ber unsrer Spinngewebewolke ist.
    Meinst Du? fragte Lesabndio.
    Ja, versetzte der Biba ungeduldig, das meine ich: aber nur dann, wenn Du
jetzt nicht mehr zitterst und ruhig einschlfst.
    Da nahm jeder der beiden Pallasianer einen Stengel seines Blasenkrautes in
den Mund, lie bunte Blasen in die Luft hinaufwirbeln und sah zu, wie sich die
Ballonhaut auf den Seiten des Krpers aufreckte und sich oben schlo.
    Und dann schliefen die Beiden sehr bald ein.
    Kaum lagen sie nun in ihren dunkelbraunen Ballonschluchen ganz ruhig da auf
der orangefarbigen Wiese, so wurde es in ihrer Umgebung lebendig; Tausende von
kleinen faustgroen Kugeln rollten heran, und aus den Kugeln, die auch
quallenfrmig durchsichtig waren, kamen opalisierende Kpfchen heraus, die
Kpfchen hatten lange fhlerartige Augen mit roten Spitzen, die leicht
zurckgezogen werden konnten wie die Teleskopaugen der Pallasianer. Nase und
Mund bildeten bei diesen kleinen Kugelwesen zusammen einen komplizierten kleinen
Rssel, der auch Schnabelform annehmen konnte. Und mit diesem Schnabel konnten
die Kleinen eine sehr laut klingende Sprache sprechen.
    Die Kleinen waren durchaus nicht ungebildet; sie benutzten knochenartige
Teile der groen Quallenflgel ihres Sterns als Teleskope und konnten auch durch
regenschirmartiges Aufspannen der quallenartigen Flgelhute eine
auerordentliche optische Vergrerung der nchstgelegenen Raumteile
hervorbringen.
    Und daher hatten sie die Pallasianer lngst entdeckt, als diese garnichts
von dem zum grten Teile undurchsichtigen Sterne ahnten. Zunchst untersuchten
die Kleinen die Ballonhaut der Schlfer, schlitzten kleine Lcher hinein und
besahen durch diese die neuen Ankmmlinge, bewunderten die dunkelbraune
porenreiche Kautschukhaut mit den gelben Flecken, bewunderten auch die dicken
Augenlider und die messerscharfe gebogene Nase und den feinen Mund und die
vielen Falten im Gesicht und auch die groe wulstige Kopfhaut - und am Halse die
kleinen Bcher und die Meinstrumente; die letzteren erklrten sie sofort fr
das, was sie waren, aber ber die Bcher konnten sie sich nicht einigen; manche
der Kleinen hielten die Bcher fr Nahrungsmittel, andre fr
Luftvernderungsprparate und so weiter.
    Als nun die Pallasianer erwachten, schnitten sie, wie sies auf dem Pallas
gewhnt waren, wieder ihre Ballonhaut dicht am Krper mit ihren Ngeln ab und
glaubten nun, die Haut wrde, getragen von den Blasenkrautblasen, wieder in die
Morgenlfte emporsteigen. Das geschah aber nicht, da unzhlige kleine Kugelleute
auf der Blasenhaut saen und sie runterdrckten.
    Biba verstand gleich das neue Wunder und erklrte es dem Lesabndio. Und als
nun die Kleinen die beiden Riesen sprechen hrten, sprachen sie pltzlich alle
auch, da es den Pallasianern so vorkam, als hrten sie pltzlich zwitschernde,
sehr helle Morgenmusik.
    Und dann zogen die Kleinen die Ballonhute zur Seite und zeigten sich den
Riesen.
    Diese sahen nun gleich, da sie sich im Kreise sehr kluger kleiner Geschpfe
befanden, reckten sich vorsichtig auf, um den Kleinen nicht wehe zu tun und
versuchten, sich verstndlich zu machen.
    Das ging natrlich nicht so schnell, aber in einigen Stunden gings doch -
besonders mit Hilfe der kleinen Bcher, die am Halsbande der Pallasianer
baumelten.
    Die kleinen Kugelwesen konnten brigens ihren Krper in alle mglichen
Formen bringen und gaben sich nun zunchst Mhe, ihren Krper so
zusammenzurecken, da er wie ein pallasianischer Molchkrper aussah - selbst die
Flgel, die die Pallasianer zeigten, konnten die Kleinen nachmachen - aber ohne
damit fliegen zu knnen.
    Lesabndio machte seine Augen zu groen Teleskopaugen und blickte zum Pallas
hinber, der jetzt in seiner vollen Atmosphrengre zu sehen war.
    Biba blickte auch zum Stern Pallas hinber - rief aber gleich ganz erregt:
    Das ist garnicht der Stern Pallas, auf dem wir bisher gelebt haben.
    Da schrie der Lesabndio laut auf.
    Als nun die Kleinen sahen, da die Beiden ganz verzweifelt taten, da
forschten sie nach der Ursache der Verzweiflung.
    Kaum hrten sie von der, so spannten sie gleich ihre regenschirmartigen
Hautlinsen ber den Pallasianern auf und sagten lachend:
    Da drben ist immer noch der Pallas, aber fr einfache Augen ist nur die
Atmosphre des Pallas sichtbar, die kugelfrmig ist und sechzig Meilen im
Durchmesser zeigt.
    Jetzt erst erkannten die beiden Pallasianer durch die Atmosphre hindurch
ihren Stern wieder, und Lesabndio war selig.
    Und die Beiden wollten jetzt wieder zu ihrem Stern hinbergeschleudert
werden.
    Biba aber zeigte zunchst mit allen seinen Armen zu dem, was ber dem
Nordtrichter des Sterns zu sehen war - dort befand sich zehn Meilen ber dem
Nordtrichter, ber dem die Spinngewebewolke sehr deutlich und hellleuchtend,
aber noch in der Atmosphre befindlich, sichtbar wurde, noch ein andres Gebilde,
das zehn Meilen hoch ber der leuchtenden Spinngewebewolke ganz schwach
leuchtete wie ein spitzer Kegel, dessen Spitze unten ist. Doch dieser Kegel
bestand aus drei Teilen, die sich voneinander in Farbe und Helligkeit stark
unterschieden.
    Die Kleinen zogen ihre Vergrerungshute bald zurck, und da sahen die
Pallasianer nichts mehr von dem dreiteiligen Kegelgebilde, das zehn Meilen ber
der Pallas-Atmosphre zu sehen gewesen.
    Lesabndio erklrte abermals:
    Siehst Du, Biba! Wir haben unsre Augen berschtzt! Mit unsern
Teleskopaugen allein htten wir niemals das Kopfsystem des Pallas entdeckt!
    Biba schrie darauf heftig:
    Aber wir haben jetzt doch das Kopfsystem entdeckt. Merkst Du nun, da es
richtig ist, was ich Dir von der Ergebenheit erzhlte? Wenn wir uns nicht ruhig
unserm Schicksal - unserm unsichtbaren Fhrer - berlassen htten, so wrden wir
niemals dieses Kopfsystem entdeckt haben - auch nicht mit Hilfe Deines groen
Turms.
    Lesabndio war ganz auer sich.
    Danach erklrte er dem Biba feierlich:
    Wir brauchen also nur zehn Meilen hoch unsern Turm zu bauen - und dann
knnen wir ganz genau sehen, was da oben ist. Dazu brauchen wir aber kolossale
Vergrerungsglser, fr die der Nuse sorgen mu.
    Jetzt mssen wir aber erst zurckkommen! meinte dazu der Biba.
    Nun - das ging natrlich nicht so schnell.
    Auf dem Pallas ward es whrenddem achtzehnmal Nacht und ebenso oft wieder
Tag.
    Und die Pallasianer glaubten schon nicht mehr an eine Rckkunft von
Lesabndio und Biba.
    Doch diese hatten den kleinen, zumeist kugelrunden Bewohnern des
Quallenflgelsterns alles, was auf dem Pallas vorging, erzhlt, und die Kleinen
hatten erklrt, da ihr Stern periodisch die Schnelligkeit seiner Umdrehung um
sich selbst verstrkte. Und beim Maximum der Schnelligkeitsstrke sollten die
Pallasianer, nachdem sie an einem Flgelende fest angebunden waren, im richtigen
Momente abgeschnitten werden und so, in den Raum hinausgeschleudert, der
Atmosphre ihres Sterns zufliegen.
    Die Kleinen beschlossen, die Kpfe der Pallasianer mit groen Ballonhllen
zu umgeben, damit sie den Mangel an Atmosphre nicht so bemerkten. Von der Klte
brauchten sie nichts zu befrchten, da selbst der Raum, der in dem Ringe, den
die Asteroden bildeten, scheinbar frei von jeder Atmosphre war, doch durch
besondere Stoffverbindung - eine vollkommen unsichtbare und nicht zu
untersuchende - so warm blieb, da er den Asterodenbewohnern nicht
lebensgefhrlich wurde.
    Nun erklrte der Lesabndio den Kleinen Folgendes:
    Seht mal, Ihr Kleinen, man wird uns auf dem Pallas nicht glauben, da ber
unserm Nordtrichter noch ein Lichttrichter sich befindet, den man nur mit
Vergrerungsglsern entdecken kann. Ihr aber habt diesen Lichttrichter mit
Euren Vergrerungsglsern entdeckt. Knnten da nicht einige von Euch mitkommen,
um uns zu bezeugen, da ber unserm Stern noch ein groes dreiteiliges
Kopfsystem zu finden ist? Wrde das nicht mglich sein?
    Da kugelten sich die Kleinen ber die quallenartigen Flgel ihres Sterns und
rollten berall lebhaft und aufgeregt herum.
    Und dazu machten sie mit ihrer lauten Sprache eine so groe zwitschernde
Musik, da es den Pallasianern unter der Kopfhaut gellte.
    Schlielich erklrten sich zehn der kleinen Leute bereit - angehngt am
Halsbande der Riesen neben deren Bchern - mitzukommen. Danach wurden die
verirrten Riesen wieder im richtigen Moment zu ihrem Stern hingeschleudert, in
dessen Atmosphre sie nach zweitgiger Raumfahrt anlangten.
    Biba hatte sich an einem vorbeifliegenden Meteor im unteren Teile seines
Leibes eine so starke Verletzung zugezogen, da er sich sofort nach seiner
Ankunft verbinden lassen mute.

                                Neuntes Kapitel


Es wird zunchst erzhlt, was whrend der Abwesenheit des Lesabndio und des
Biba auf dem Pallas geschah. Da sind zunchst vierhunderttausend der berhmten
Knacknsse gefunden und geknackt, und Dex hat mit Hilfe der Frischgeknackten
einen Modellturm berm Centralloch gebaut, um die Idee des Lesabndio-Turms
populr zu machen. Er erreicht jedoch damit das Gegenteil und erzeugt eine
starke Reaktion, die unter Pekas Fhrung sehr bedeutend wird. Zu Dexens Glck
kommen Lesabndio und Biba mit den zehn Quallensternbewohnern (Quikkoanern) auf
den Pallas zurck. Und die Turmidee wird jetzt, da der Turm nur zehn Meilen hoch
werden soll, auch von den ltesten Pallasianern viel sympathischer begrt als
bisher.

In der langen Zeit, in der Lesabndio und Biba nicht auf dem Pallas lebten,
hatte sich auf diesem vieles verndert.
    Anfnglich wirkten die Biba-Bcher mchtig nach, und man sprach nur von den
astralen Doppelsystemen, und es lie sich nicht leugnen: die Pallasianer wurden
dadurch immer mehr und mehr gereizt, auch die Art der Doppelnatur ihres Sterns
kennen zu lernen.
    
    Doch man trat noch keineswegs der Idee des Nordtrichterturms nher; man
hielt diesen Plan im allgemeinen fr viel zu abenteuerlich, fr viel zu zeit-
und kraftraubend, um seine Ausfhrbarkeit ernstlich in Erwgung zu ziehen. Man
gab sich auch jetzt nicht einmal die Mhe, die Entfernung der Lichtwolke genauer
zu messen - und auch der Dex dachte garnicht daran.
    Das Verschwinden der beiden Pallasianer erklrte man sich einfach so, wie es
den Tatsachen so ziemlich entsprach; man nahm eben als selbstverstndlich an,
da ein vorberziehendes Meteor oder ein kleinerer Stern die Beiden angezogen
htte. So waren schon fters Pallasianer verschwunden. Es waren aber auch ein
paar Verschwundene spter wiedergekommen; doch das hatte sich schon sehr lange
nicht mehr ereignet. Demnach behandelte man Lesabndio und Biba eigentlich nicht
mehr als Lebende; Niemand hoffte mehr, sie wiederzusehen - auch der Dex tat das
nicht.
    Weil man aber die Beiden nicht mehr als lebend betrachtete, deswegen
erlangte das, was sie gesagt und erstrebt hatten, immer grere Bedeutung; man
sprach immer heftiger ber die Konzentration und ber die Unterordnung der
eigenen Ideen unter die greren Ideen.
    Was man jedoch als grere Idee anzusehen habe, darber konnte man nicht
einig werden; Dex redete wohl noch unentwegt vom Lesabndio-Turm, aber er fand
nur Anklang bei seinen nchsten Freunden, die mit ihm zusammen den
Kaddimohnstahl in ungeheuren Massen und Lngen aus dem Pallas-Innern herauszogen
und bearbeiteten.
    Nun gelang es whrenddem dem Labu und seinen Freunden, riesige Mengen von
den berhmten Knacknssen zu entdecken und auszubuddeln.
    Und Manesis neue Pilz- und Schwammwiesen entwickelten sich berall, auch in
den Hhlen des Pallas, mit fabelhafter Geschwindigkeit, soda dem Aufknacken der
neu gefundenen Nsse bald nichts mehr im Wege stand.
    Dex trieb zum Aufknacken der Nsse mit all der Energie, die ihm zu Gebote
stand.
    Und so gabs pltzlich fnfmal soviel Pallasianer wie bisher; es lebten so
lange gewhnlich nur hunderttausend Pallasianer auf dem Trichtertonnenstern -
und danach lebten pltzlich fnfmalhunderttausend Pallasianer ebenda. Dex mit
seinen Freunden unterrichtete die frisch geknackten Pallasianer sofort ber die
Bedeutung des Lesbndio-Turms, und die Frischgeknackten nahmen die Turmidee mit
groer Begeisterung auf, soda dadurch sehr bald alle bisherigen Verhltnisse in
andre Bahnen gelenkt wurden; das ganze Bild des pallasianischen Lebens verschob
sich; die Begeisterung der Kleinen lie sich garnicht dmpfen.
    
    Und der Dex verstand es, diese Begeisterung der vierhunderttausend
Frischgeknackten sofort fr die Turmidee fruchtbar zu machen; er erklrte ihnen,
da er mit ihnen zusammen ein groes Turmmodell herstellen msse; und die
meisten erklrten sich zur Mitarbeit sofort bereit.
    Nun hatte der Dex, wie bekannt, im Nordtrichter ber dem Mittelloch bereits
ein Gestell aus Kaddimohnstahl hergestellt, das - weiter ausgebaut - ohne
Weiteres als Modell fr den groen Nordtrichterturm gelten konnte.
    Und an der Herstellung dieses Modells in sehr vielen Etagen arbeitete nun
der Dex mit den frisch geknackten Pallasianern in einer so heftigen, alle andern
Interessen zurckschiebenden Weise, da die alten Pallasianer ganz erschrocken
aufblickten und nicht wuten, was sie zu dieser Energie sagen sollten.
    Die Reaktion blieb natrlich nicht aus.
    Peka stellte sich an die Spitze dieser Reaktion.
    Peka sagte weich und milde:
    Es ist ja nicht zu leugnen, da der Dex fr die Umgestaltung unsres Sterns
in sehr energischer Art ttig sein mchte. Und wir knnen natrlich auch nicht
die frisch geknackten Pallasianer veranlassen, seinem Modellturm, der ja dem
Pallas als solcher sehr wohl zur Zierde gereicht, fernzubleiben. Die alten
Pallasianer knnen aber in ihrer Freundlichkeit nicht so weit gehen, da sie
sich von Dex und seinen neuen Freunden ganz einfach an die Seite schieben
lassen. Die alten Pallasianer stehen in der Mehrzahl nach wie vor auf dem
Standpunkte, da die Ausfhrung des groen, viele Meilen hohen Lesabndio-Turms
eine ernste Gefahr fr uns alle bedeutet. Zunchst ist nicht abzusehen, wie die
Schwerkraftverhltnisse durch den hohen, viele Meilen hohen Turm auf den Pallas
beeinflut werden knnten; uns fehlt in dieser Hinsicht jeder Anhalt, und von
wissenschaftlicher Berechnung des Ganzen kann gar keine Rede sein. Andrerseits
wrden durch eine derartige jahrelange Arbeit, an der doch alle Pallasianer
Anteil nehmen mten, die knstlerischen Plne und Arbeiten jedes einzelnen
Pallasianers vernichtet. Dem mssen wir aber doch vorbeugen. Wir knnen es doch
nicht dahin kommen lassen, da schlielich alle alten Pallasianer blo Maschinen
werden; wenn wir durchaus dem Willen eines Hheren gehorchen sollen, so mssen
wir diesen Hheren zunchst als solchen in ungefhren Umrissen erkennen. Alle
Kunstfreunde mssen so lange Turmfeinde sein, solange dieser Hhere uns als
solcher noch nicht deutlicher geworden ist.
    Der Wirkung dieser milden sachgemen Rede konnten sich die alten
Pallasianer nicht entziehen, und Dex hatte Mhe, die jungen Pallasianer zum
Bleiben bei seiner Turmmodellarbeit zu bewegen. Diese Arbeit war keine kleine,
da es galt, all das viele Kaddimohneisen von der Hhe des Trichterrandes zwanzig
Meilen hinunter zum Centralloch zu bringen, wozu natrlich groe komplizierte
Zug- und Hemmmaschinen und kolossale Schleifbahnen ntig waren; der Modellturm
sollte sehr viele Etagen zeigen - in knstlerisch durchbrochener und vielfach
ausgebauchter Form - aber ber die Zahl der Etagen hatte man sich noch nicht
geeinigt; Dex htte am liebsten hundert gehabt; unter sechzig wollte ers in
keinem Falle machen.
    Die Zahl der Etagen blieb aber natrlich am Anfange des Baues ganz
gleichgltig. Jedenfalls wollte Dex drei Meilen hoch in die Hhe gehen.

Wie eine Erlsung kams da dem Dex, dessen Lage stndlich schwieriger wurde, an
einem Morgen vor, als er hrte, da Lesabndio mit Biba - zurckgekehrt sei.
    Als ers hrte, rief er zunchst: Trume ich auch nicht? Ist es auch
wirklich wahr?
    Und er lie sich dreimal erzhlen, da die beiden Verlorengeglaubten oben
auf dem Nordtrichterrande seien.
    Und dann sprang er - er befand sich nicht weitab vom Centralloch - auf die
nchste Bandbahn und strmte auf dreiig Bandbahnen nach oben - den Ankommenden
entgegen.
    Er war so hingerissen von der neuen Nachricht, da er garnicht daran dachte,
eine Seilbahn zu benutzen, mit der er zehnmal so schnell nach oben gekommen
wre.
    Das war aber ein Wiedersehen!
    Kaum wurden die kleinen Quallensternbewohner von dem Dex beachtet; mit
fliegendem Atem erzhlte er von seinem Modellturm und von seinen immer grer
werdenden Verlegenheiten.
    Lesabndio konnte am Anfange infolge der langen Raumreise garnicht sprechen,
und Biba mute erst sein Bein verbinden lassen, das von einem Eisenmeteoriten
oberhalb des Saugfues sehr gefhrlich verletzt war; ein groes Stck des
kautschukartigen Beinkrpers fehlte, doch hing dieser immer noch mit dem Saugfu
zusammen.
    Nur die ltesten Pallasianer konnten sich an derartige Krperverletzungen
erinnern; sie wuten aber auch, wie diesen zu begegnen war und machten den
Schaden mit Pflastern und Bandagen bald wieder gut.
    Der Biba vermochte am Anfange deshalb auch nicht gleich so zu sprechen wie
sonst.
    Somit sprachen anfangs nur die kleinen Quallensternbewohner, die sich nach
ihrem Stern, der Quikko heit, als Quikkoaner vorstellten und durch ihre
unzusammenhngenden Reden recht unverstndlich blieben, was die Aufregung und
Verwirrung der Pallasianer nur noch erhhte.
    Indessen - wie jubelte der Dex, als er allmhlich vernahm, da die beiden
verloren geglaubten Pallasianer das Kopfsystem ber dem Pallas mit Augen gesehen
hatten!
    Wie jubelte der Dex, als die zehn kleinen Quikkoaner die Aussagen jener
besttigten und ergnzten!
    Und als der Dex nun gar erfuhr, da die Atmosphre sowohl ber wie unter dem
Pallas nur zehn Meilen stark - und da die Spinngewebewolke nur zehn Meilen vom
Nordtrichterrande entfernt war - was die ungenauen Messungen niemals ergeben
hatten - - - da kannte Dexens Jubel einfach keine Grenzen; er war einfach auer
sich und sprang mehrmals hoch in die Luft hinauf und kehrte immer wieder gleich
kopfunter zum Pallas zurck, soda sich aller Pallasianer eine ungeheure
Heiterkeit bemchtigte, als sie diesen Jubel sahen.
    Und sie empfanden alle diesen Jubel sehr bald mit, und sie beglckwnschten
alle den Lesabndio und den Biba zu ihrer glcklichen Raumfahrt.
    Man fing gleich an, nochmals die Entfernung der Lichtwolke mit Sorgfalt zu
messen, und entdeckte, da die Entfernung tatschlich nur zehn Meilen betrug.
Und man wunderte sich sehr ber die fahrlssigen Rechnungen einer frheren Zeit.
Peka bemerkte nun gleich das Folgende:
    Das ist ja ein riesig groes Glck, da wir endlich dahintergekommen sind,
was hinter der Spinngewebewolke verborgen ist. Da brauchen wir ja den
Lesabndio-Turm nicht mehr zu bauen; jetzt kommt der Bau nicht mehr in Frage.
    Das hrte der Dex und stand ganz still und sagte dann milde und weich:
    Aber Peka! Was redest Du? Jetzt mssen wir doch grade den Turm bauen, denn
jetzt wissen wir doch, da er ganz bestimmt einen Zweck hat. Jetzt wissen wir
doch, da ein Kopfsystem da oben zu finden ist. Jetzt mssen wir dieses
Kopfsystem doch kennen lernen. Und um das zu knnen, dazu brauchen wir doch den
Turm. Und weil wir ihn brauchen, deswegen mssen wir ihn doch bauen.
    Peka strich sich sein Kinn mit einer seiner linken Hnde und wute nicht
gleich, was er sagen sollte.
    Er meinte nur kleinlaut:
    Der Plan ist aber doch zu gro. Wir riskieren, aus dem Gleichgewicht zu
kommen.
    Keineswegs! versetzte nun der Dex, und er reckte sich fnfzig Meter hoch
auf und machte sich ganz schnell wieder klein und wiederholte dieses Spiel
immerzu.
    Was willst Du denn? rief da der Peka ein wenig rgerlich.
    Da stand der Dex zehn Meter hoch ganz still und sagte sehr feierlich mit
weit ausgebreiteten Armen:
    Peka! Peka! Hast Du nicht gehrt, da die geheimnisvolle Pallas-Wolke nur
zehn Meilen ber unserm Nordtrichterrande ist? Wir brauchen darum doch den
groen Turm nur zehn Meilen hoch zu bauen. Es ist nicht ntig, da wir ihn
sechzig bis hundert Meilen hoch bauen. Unsre Meinstrumente haben uns eben,
solange wir nur auf unserm Stern lebten, der Spinngewebewolke gegenber im Stich
gelassen; wir haben sie zu hoch eingeschtzt. Aber jetzt schadet das ja nicht
mehr. Wir haben uns bei unsern Messungen viel mehr mit dem Fernabgelegenen
beschftigt als mit dem Nchstliegenden - der Lichtwolke. Es ist unbegreiflich -
aber bei unserm Interesse fr das Ferne doch so natrlich. Denken wir nicht mehr
darber nach.

Und nun erzhlte der Dex abermals dem Lesabndio und Biba von seinem Modellturm.
    Ich habe den Modellturm unten ber dem Centralloch, sagte er lachend und
mit den Hnden herumfuchtelnd, so konstruiert, da er hundert Meilen hoch
gebaut werden konnte - hundert Etagen hoch. Ich habe aber erst die ersten zehn
Etagen fertig gemacht. Und jetzt hre ich, da ich garnicht ntig habe, hher zu
bauen. Ja - soll ich das nicht einfach kstlich und entzckend finden? Jetzt
kann Peka doch der Turmidee nicht lnger feindlich gegenberstehen; es handelt
sich doch nur um einen Bau, der zehn Meilen hoch werden soll.
    Die alten Pallasianer lachten dazu, und der eine sagte schmunzelnd:
    Lieber Dex, wir haben vor drei Jahren den groen Nuse-Turm gebaut und
wissen, da er nur eine Meile hoch ist. Das war aber ein schnes Stck Arbeit.
Zehn Meilen hoch ist zehnmal hher. So einfach ist das alles nicht.
    Doch es flog die Nachricht, da der groe Turm nur zehn Meilen hoch gebaut
werden sollte, rasch von Mund zu Mund - und alle alten Pallasianer nickten bald
zustimmend mit den Kpfen und alle sagten bald:
    Darber liee sich reden; jetzt ist die Turmidee reif. Als das dem
Lesabndio und dem kranken Biba hinterbracht wurde, freuten sie sich sehr.
    Und als sie nun von dem Bau des Modellturms Weiteres gehrt hatten und
einsahen, was der Dex alles fr die Idee getan, da empfand der Lesabndio eine
so strmische Dankbarkeit dem Dex gegenber, da er garnicht wute, wie er
dieser einen Ausdruck verleihen sollte.
    Und als der Dex herangesprungen kam, schrie ihm der Lesabndio lachend
entgegen:
    Dex, ich schenk Dir meine fnf Quikkoaner, damit Du weit, wie dankbar ich
Dir bin.
    Und der kranke Biba rief auch:
    Dex, ich schenk Dir auch meine kleinen Quikkoaner.
    Da freute sich der Dex mchtig.
    Aber die kleinen Quikkoaner machten einen frchterlichen Lrm und riefen
mit gellenden Stimmen durcheinander:
    Pallasianer! Was fllt Euch ein? Ist das Euer Dank gegen uns, da Ihr uns
wie Spielzeug verschenken wollt? Sind wir dazu mit Euch mitgekommen? Wir wollten
Eurem groen Turmplan auf die Beine helfen. Und jetzt wollte Ihr uns wie
Spielzeug verschenken?
    Sie fingen jmmerlich an zu weinen.
    Da kam die Spinngewebewolke herab.
    Und es ward Nacht auf dem Pallas.

                                Zehntes Kapitel


Die Quikkoaner zeigen, da sie auerordentlich lustige kleine Leute sind und
fr die Turmidee in sehr energischer Weise eintreten knnen. Lesabndio spricht
zu den Quikkoanern von der Bedeutung des Kopfsystems.

Und dann fhrt Dex den Lesabndio auf den groen Nuse-Turm, wo Nuse und Sofanti
auch voll Begeisterung fr die groe Turmidee sind und sofortige Abstimmung
verlangen. Alle Pallasianer - mit Ausnahme Lesabndios - stimmen hierauf, auf
dem Modellturm sitzend, fr den Bau des groen Turms; Lesabndio kommt zu spt.

Und es ward berall Licht gemacht - buntes Licht.
    Die Quikkoaner sahen das Licht, und sie machten ihre Augen zu langen
Fhlhrnern und blickten umher; dabei bemerkten sie, da die Pallasianer
garnicht wuten, was sie vor Verlegenheit sagen sollten.
    Da lachten pltzlich alle zehn Quikkoaner hell auf, und der Nax, der
gewhnlich fr die neun andern sprach, sagte lachend:
    Ist es denn wirklich mglich, Euch so furchtbar viel weiszumachen? Seid Ihr
so leichtglubig, da man Euch auch den allerdicksten Spa aufreden kann? Glaubt
Ihr wirklich, da Euch Jemand bse sein kann? Glaubt Ihr wirklich, wir knnten
Euch bse sein? Glaubt Ihr, es wre berhaupt mglich, uns als Spielzeug zu
behandeln? Glaubt Ihr, Trnen seien immer ein Zeichen des Schmerzes?
    Da muten auch die Pallasianer lachen.
    Aber der Nax sagte gleich:
    Wir lassen uns aber das Verschenktwerden gern gefallen und gehren nun fr
alle Zeit dem tatenfreudigen Dex. Der gefllt uns ber alle Maen; warum sollen
wir ihm nicht angehren? Und das ist ja auch nicht schmerzhaft. Dex, sag uns
schnell, wer sich der Turmbauidee widersetzt, damit wir uns an seinen Hals
hngen und ihn berreden.
    Dex war vergngt fr sechs und sagte, whrend alle seine vielen
Gesichtsfalten mchtig glitzerten:
    Besonders mt Ihr den Peka mit seinen Freunden berreden. Und dann ist
auch der Labu sehr lau, und der Manesi mchte sich auch gerne drcken - der
redet in letzter Zeit immer mehr davon, da die meisten Rankenpflanzen die
dnnere Luft der hheren Atmosphre nicht vertragen.
    Na - die Quikkoaner taten das ihrige.
    Lesabndio setzte ihnen noch die Ergebenheitsgeschichte auseinander.
    Es ist ja die grte Torheit, sagte er, da jeder der Pallasianer in ganz
besonderer Art den Stern Pallas ausbauen will. Das ist schon unendlich lange
Zeiten so gegangen, und dabei ist nichts rausgekommen. Dabei konnte doch
garnichts rauskommen. Wir knnen den Stern doch nur dann ausbauen, wenn wir uns
in einem Plane vereinigen. Anders gehts doch nicht. Bleibt Jeder immer
eigensinnig bei seinem eigenen Einfall, ohne den Einfall des Nachbarn zu
bercksichtigen, so kann doch an die Ausfhrung eines Planes nie gedacht werden.
Wir mssen eben unsre Gedanken einem greren Gedanken - oder dem Gedanken eines
Greren unterordnen. Dadurch, da wir das tun, brauchen wir unsre eigenen
Gedanken noch nicht fallen zu lassen; bei dem groen Nordtrichterturm knnen ja
noch unzhlige Stein-, Haut-, Licht- und andere Plne zur Ausfhrung gelangen.
Aber das Wichtigste bleibt doch immer, da Alles einem greren Plane
untergeordnet wird. Da wir nun wissen, da der Stern Pallas ein Kopfsystem hoch
ber seiner Atmosphre besitzt, so ist es doch der natrlichste Gedanke, dieses
Kopfsystem mit dem Trichtertonnensysteme zu verbinden. Eine derartige Verbindung
ist aber doch nur denkbar durch Erbauung eines Turmes; wir mssen erst durch den
Turm zur Nhe des Kopfsystems hingelangen. Wie wir dann spter den Turm mit dem
Kopfsystem in Wirklichkeit verbinden - das knnen wir natrlich erst dann
wissen, wenn wir dieses oben nher kennen gelernt haben. Kennen lernen mssen
wir aber dieses Kopfsystem; erst wenn wir es kennen gelernt haben, knnen wir
einen einheitlichen Faden in unsre Sternumbaugedanken hineinbringen. Der Turm
mu gebaut werden; ohne den Turm haben wir gar keine nhere Vorstellung von dem
Kopfsystem. In diesem sitzt unser Fhrer, der uns hher hinaufbringt. Durch ihn
sollen wir hher hinaufwachsen in eine noch feinere geistigere kompliziertere
Weltsphre. Da nach oben hinaufzukommen - das mu unser nchstes Ziel sein. Und
daher mssen wir uns alle um den groen Turmbau konzentrieren - ihm uns ergeben
- dadurch ergeben wir uns gleich unsrem groen Fhrer - dem Greren, der mehr
kann als wir. Und wir mssen selig sein, da wir jetzt alle wissen, wo wir den
Greren finden knnen. Dort oben ber uns - da ist der Grere.
    Lesabndio reckte sich fnfzig Meter hoch auf und hob alle seine Arme empor
und auch seine Rckenflgel. Und sein ganzer Oberkrper begann mchtig zu
leuchten, soda alle, die es sahen, still wurden und sich danach vom Nchsten
erzhlen lieen, was der groe Lesabndio gesagt hatte.
    Und die Quikkoaner lieen sich zu Manesi und Labu und zu Peka und seinen
Freunden bringen, denen sie eifrig erzhlten, was sie gehrt hatten - und auch
das, was sie vom Kopfsystem des Pallas - vom Stern Quikko aus gesehen hatten.
    Dex aber fhrte den Lesabndio zum Nuse-Turm, auf dem sich auch der Sofanti
aufhielt.
    Nuse empfing die Drei hoch oben auf seinem eine Meile hohen Lichtturm.
    Und er sagte gleich zum Lesabndio:
    Sofanti und ich sind durch Dex vollkommen fr die Turmidee gewonnen worden.
Das ist dem Dex nicht schwer gefallen, uns zu berreden, denn es ist ja
selbstverstndlich, da die fnfzig schiefen Stahltrme, auf denen der erste
Ring ruhen soll, auch gleichzeitig Lichttrme werden mssen. Und die brigen
hheren Stahltrme werden auch gleichzeitig Lichttrme sein. Ich also bin mit
ganzer Seele dabei. Und dem Sofanti geht es nicht anders, denn er wird die
Stahltrme oben mit Huten zuschlieen mssen, damit sie lampionartig zu
Lichttrmen werden knnen. Auerdem wird der Sofanti auch im oberen Teile des
ganzen Turmes womglich diesen auf allen Seiten mit Huten schlieen mssen, da
ja anders ein Schutz gegen die Spinngewebewolke nicht denkbar ist. Nun scheint
mir aber der Moment gekommen zu sein, die Entscheidung herbeizufhren. Wir
mssen noch in dieser Nacht alle Pallasianer im Nordtrichter zusammenrufen, und
sie mssen sich dann erklren, ob sie den Turm bauen wollen oder nicht. Fast
smtliche der Frischgeknackten sind auf unsrer Seite - und das sind fast
vierhunderttausend Pallasianer - und von den alten Pallasianern sind die Hlfte
auch auf unsrer Seite. Wir htten danach hchstens fnfzigtausend gegen uns, und
die knnten jetzt durch die Ankunft und Anwesenheit der zehn Quikkoaner im
Handumdrehen umgestimmt werden.
    Lesabndio freute sich so sehr, da er zitterte.
    Er sah ganz berauscht nach unten in den zwanzig Meilen tiefen Trichter, in
dem die unzhligen Scheinwerfer sich bewegten und die Zeit anzeigten. Und dann
sah er auf den Trichterwnden das Flimmern, das von den vielen Pallasianern
herrhrte, die leuchtend auf den Bandbahnen herumfuhren, um die neuesten
Nachrichten vom Stern Quikko und vom Kopfsystem des Pallas zu vernehmen und
weiter zu verbreiten.
    Und dann bat der Dex, doch die Versammlung aller Pallasianer unten auf dem
Modellturm zu veranlassen. Lesabndio wollte oben bleiben und erst nachher
kommen.
    Da fuhren denn die Drei auf Kneifzangen mit den Seilbahnen zum Centralloch
und lieen dort alle Pallasianer bitten, auf dem Modellturm zusammenzukommen.
Dieser war zehn Etagen bereits hoch und konnte smtliche Pallasianer tragen.
    Und da setzten sich denn alle Pallasianer sehr bald, nachdem die
Centralmusik in den Sofanti-Huten verklungen war, auf die zehn mchtigen
Eisenringe, soda sie mit dem Kopfe ins Innere des Turmmodells schauten, whrend
sie sich mit ihrem Krper um den Ring geschlungen hatten.
    Und nun wurden zunchst von einigen jngeren Pallasianern die zehn
Quikkoaner im Innern des Modellturms herumgezeigt; in jedem Ringe wurde einer
der Quikkoaner gezeigt.
    Und diese kleinen Kerle redeten mit ihrer hellen lauten Stimme ungefhr so:
    Pallasianer, wenn Ihr jetzt Euch nicht entschliet, den Turm zu bauen, so
seid Ihr schn dumm. Wir haben das Kopfsystem Eures Sterns gesehen. Ihr mt das
auch sehen. Wenn Ihr Euch jetzt nicht alle zusammentut und den Turm baut, so
werdet Ihr nie dazu kommen, das Wesentlichste auf Eurem Stern kennen zu lernen.
Glaubt doch ja nicht, da es auf allen Sternen so leicht ist, sich dem Kopfe des
Ganzen zu nhern. Auf unserm Stern Quikko befand sich das Kopfsystem mitten im
Innersten des Quallenflgelsterns. Und in dieses Innere konnten wir nie
hineingelangen, es leuchtete uns immer nur mit karminroter Glut entgegen - aber
wir muten ihm fernbleiben. Wir konnten uns dem Kopfsystem unsres Sterns nicht
nhern. Ihr aber knnt Euch dem Kopfsystem Eures Sterns nhern, wenn Ihr den
groen Turm baut. Wie Ihr da noch eine Stunde zgern knnt, ist uns
unbegreiflich.
    
    So sprachen alle Zehn immerzu und immer weiter, soda dem Dex ganz komisch
zumute wurde, da er garnicht zu Worte kam - auch garnicht ntig hatte, zu Worte
zu kommen.
    Er dankte im Innern dem Lesabndio fr die Turmfreunde vom Stern Quikko
unzhlige Male und war schon ganz ungeduldig.
    Lesabndio stand whrenddem hoch oben auf dem Nuse-Turm immer noch ganz
allein, und er bemerkte pltzlich, da das Flimmern in den Wnden des
Nordtrichters gnzlich verschwunden war.
    Ach so, flsterte er, die Pallasianer sind schon unten versammelt. Da mu
ich ja auch hin.
    Und er sprang von der Turmspitze wieder hoch empor in die dunkle Nachtluft
hinauf und scho dann im groen Bogen hinunter; wieder warf er den
rausgestreckten Krper hinten rum und befestigte wieder den Saugfu am
Hinterkopfe, soda seine ganze Gestalt wie ein Ring aussah. Und dann lie er
wieder bald den einen Flgel und bald den andern Flgel aufgespannt zur Seite
herausragen, da sein Krper in groen, fein gewundenen, nach unten
runtergezogenen Spiralkurven ganz langsam dem Trichtergrunde zuschwebte, auf dem
der Modellturm erbaut war, der jetzt alle Pallasianer mit Ausnahme des
Lesabndio in seinen zehn Ringen vereinigte; selbst der kranke Biba hatte sich
auf dem untersten Ringe niedergelassen; man hatte den Biba festgebunden, da sein
Bein noch nicht zugeheilt war; die Pflaster lagen ja erst ein paar Stunden auf
der groen Wunde.
    Lesabndio schwebte in Spiralkurven langsam zur Tiefe und dachte nur an
seine Ergebenheitstheorie. -
    Und wenn man, sagte er leise zu sich, auch keine Einigung erzielt, so
wirds ja wohl auch so gut werden. Wenn der groe Geist, der uns fhrt - und den
ich ganz bestimmt hoch ber unserm Nordtrichter als ein groes Wesen fhle -
wenn dieser groe Geist nicht will, da wir uns ihm nhern - wenn er nicht will,
da wir uns ihm nhern - dann wird es ja wohl auch so gut sein. Wir haben ja
getan, was wir konnten. Mehr knnen wir nicht tun. Wenn jetzt Peka und seine
Freunde sich abwenden von dem Turmplan, wenn sie uns weiterhin widerstreben, so
knnen wir ja vielleicht auch ohne sie den groen Bau beginnen. Aber der Peka
hat sehr viele Freunde und sehr viele Maschinen, die wir alle gebrauchen werden.
Und - es ist nicht gut, wenn die Pallasianer solch ein groes Werk beginnen,
ohne sich vorher geeinigt zu haben. Aber das wird ja alles so kommen, wie es
kommen mu. Wir haben getan, was wir tun konnten. Mehr knnen wir nicht tun. Und
wir wollen uns in der Ergebenheit ben. Und wir wollen mit allem zufrieden sein
- wies auch kommt.
    Da hrte der Lesabndio in der Tiefe ein groes Geschrei - und dann einen
ungeheuren, glockenhellen, lang gezogenen Ton.
    Ist das, fragte Lesabndio, Sofanti-Musik? Nein! so hats noch nie
geklungen. Es mte denn grade der Ton durch eine neue Erfindung des Sofanti
hervorgerufen sein. Aber das glaub ich nicht. Ich glaube, das waren alle
Pallasianerstimmen zusammen. Nun werden sie vielleicht alle ihre Stimmen fr und
wider den Turm abgeben, nur ich allein werde fehlen. Schlielich baut man noch
den Turm ohne meine Einwilligung. Das wre sehr seltsam und sehr lustig. Es ist
nur gut, da alle aufgeregten Augenblicke des Lebens auch immer ein drolliges
Element in sich haben. Aber ich bin jetzt sehr neugierig, wie die Geschichte
abgelaufen ist. Ich mu schneller fliegen.
    Er lste vorsichtig seinen Saugfu von seiner Kopfhaut los und scho jetzt
fnfzig Meter ausgestreckt mit eingezogenen Flgeln und grade wie ein Stock den
Kopf nach unten zur Tiefe.
    Und er hrte nochmals das Geschrei und dann wieder den lang gezogenen,
dumpfen Glockenton.
    Und danach hrte er den lang gezogenen, dumpfen Glockenton zum dritten Male.
    Und dann sah er die zehn Etagen des Modellturms mit seinen Teleskopaugen
ganz deutlich - und er sah auch alle Pallasianer.
    Und dann kam er nach unten und scho von oben mitten ins Innere des
Modellturms hinein.
    Und da riefen alle:
    Lesabndio!
    Und dann lachten alle.
    Und dann sagte der Dex:
    Nun haben alle Pallasianer einstimmig - einstimmig - einstimmig - dreimal
einstimmig beschlossen, Deinen Turm zu bauen. Du aber, Lesabndio, hast Deine
Stimme nicht abgegeben.

                                 Elftes Kapitel


Der Quikkoaner Nax hat eine groe Idee, die aber nicht zu verwerten ist. Dex
setzt darauf in einer Volksversammlung auseinander, da zunchst vierundvierzig
eine Meile hohe Trme oben gebaut werden mssen. Man macht dem Peka, Labu und
Manesi Versprechungen, die aber whrend des Baus nicht gehalten werden. Peka ist
ganz besonders unglcklich, da seine Ideen nicht zur Ausfhrung gelangen. Als
das erste Stockwerk nach sehr langer Arbeit fertig ist und wie ein Gerst
aussieht, ist dem Labu die Heilsalbe ausgegangen. Peka bekommt einen
Krampfanfall, der schlielich dem Labu das gibt, was ihm fehlt.

Der kleine Nax vom Stern Quikko hing am Halsband des groen Lesabndio und sagte
mit seiner schrillen Vogelstimme:
    Groer Le, ich verstehe nur nicht, warum Ihr nicht ein groes Seil ber den
Nordtrichter spannt und Euch dann in die Hhe schieen lat vom Seil aus. Was im
Sden bei Euch geht, mu doch auch im Norden gehen.
    Geht aber doch nicht! sagte Lesabndio, die Spinngewebewolke oben mu
wohl einen groen Druck ausben. Wir kommen oben nicht sehr weit - kaum eine
Meile. Mit dem Seile ist es schon versucht worden.
    Ja! versetzte der Nax, da mt Ihr schon den Turm bauen. Schade, da Euch
die Quikkoaner nicht helfen knnen. Aber wir sind doch zu klein.
    Whrenddem hatte der Dex schon oben die Stellen untersucht, an denen die
Trme gebaut werden sollten.
    Die festliche Stimmung war sehr bald verwischt. Eine rcksichtslose,
tatgierige Hast packte die meisten Pallasianer - besonders die jngsten.
    Biba sah diese Hast und sagte zu Lesabndio:
    Mir ist diese Heftigkeit der Pallasianer garnicht angenehm. Wir stehen vor
sehr langwierigen Arbeiten und sollten daher etwas weniger beweglich vorgehen.
Wer Groes erreichen will, mu zunchst bemht sein, geduldig zu werden. Man mu
es lernen, auch das Peinliche zu ertragen. Mein Fu heilt nur ganz langsam. Und
ich frchte, da bei den groen Turmbauten Verletzungen unsrer Gliedmaen fters
vorkommen knnten. Damit mssen wir rechnen. Und darum sollten wir den Labu
zunchst veranlassen, mehr von den berhmten Alten Salben herzustellen. Die kann
er denn in hbsch glasierten Kruken auf dem Rande des Nordtrichters aufstellen,
damit die Salben immer gleich zur Hand sind, wenn mal was passiert.
    Und nun fuhren die Beiden zum Labu und setzten ihm das auseinander; Biba sa
auf Lesabndios Rcken whrend dieser Fahrt.
    Labu war natrlich gleich bereit, das Gewnschte herzustellen. Doch er
brauchte dazu drei Tage und drei Nchte hindurch die Mitarbeit von
hunderttausend Pallasianern; die Salben herzustellen, machte sehr viel Mhe.
    Dex war whrenddem mit der Untersuchung des Nordtrichterrandes fertig und
erklrte feierlich in einer groen Volkssitzung im Modellturm der Mitte, da
berall oben gengende Mengen von Kaddimohnstahl vorhanden seien; die
Magnetsteine lieen sogar die Anzahl der Stahlstangen erkennen.
    Nun bin ich aber der Meinung, fuhr Dex fort, da wir Nuses ersten graden
Turm sehr wohl mitbenutzen knnten. Wollen wir das aber, so sind wir wohl
gentigt, noch drei andre grade Trme zu errichten, damit das erste Stockwerk
des groen Turms ein regelmiges wird. Wir bauen die graden Trme wohl am
besten an den Ecken eines Quadrats, dessen Seiten nicht viel mehr als zehn
Meilen lang werden drften. Zwischen den graden Trmen denke ich mir dann je
zehn schiefe, soda wir das ganze Gerst auf vierundvierzig Grundtrmen
errichten.
    Dieser Vorschlag wurde nach lngeren Reden angenommen. Peka sagte aber zum
Schlu:
    Das Wort Gerst ist gefallen. Das scheint mir sehr bezeichnend zu sein. Ich
glaube, da das Ganze wie ein groes Gerippe aussehen wird, dem das Fleisch
fehlt. Ich frchte, der Lesabndio-Turm wird zur Verschnerung unsres Sterns
nicht viel beitragen.
    Groes Halloh entstand, und der Biba sprach danach:
    Nicht so heftig! das mchte ich immer wieder allen Pallasianern zurufen.
Wir drfen ein so groes Werk nicht so strmisch anpacken, sonst geht uns zu
schnell unsre Kraft aus. Peka kann doch die Fundamente fr die Grundtrme in
groen Kristallformen fest verankern. Labu kann die Knotenpunkte im Gerst ganz
nach seinem Geschmack gliedern und umschalen. Und Manesi kann berall, wo leere
Flchen entstehen, seine Rankenpflanzen anbringen. Dadurch wird doch der
Gerstcharakter des Ganzen aufgelst.
    Das sind zunchst Versprechungen! sagte der Manesi, ich frchte, da uns
die groe weie Wolke oben manchen Strich durch die Rechnung machen wird.
    Daran wollten nun die Meisten nicht glauben. Lesabndio, Dex und Biba
versicherten immer wieder, da die knstlerische Ausgestaltung des groen, zehn
Meilen hohen Turms, der Kopf- und Rumpfsystem des Pallas miteinander verbinden
sollte, nicht vernachlssigt werden wrde.
    Peka bekam gleich den Auftrag, die Fundamentformen in Zeichnungen
herzustellen. Und so gingen denn alle Pallasianer an die groe Arbeit - manche
mit sehr gemischten Gefhlen - besonders die Anhnger von Peka, Labu und Manesi.
    Und nun entstanden zunchst die drei graden Trme, die dem ersten des Nuse
entsprachen. Peka stattete bei dem einen das Fundament mit mchtigen
Kristallblcken aus, die sehr hell funkelten. Aber drei Trme blieben ohne die
Kristallfundamente. Als die graden Trme so weit fertig waren, da sie fest
zusammenhielten und die ntige Tragkraft versprachen, wurden alle Arbeiter
wieder von so nervser Hast und Unruhe gepackt, da man sofort die Herstellung
der vierzig schiefen Trme in Angriff nehmen mute. Man wollte baldigst
Resultate sehen. An den vier graden Trmen hatte man zwanzig Tage und zwanzig
Nchte fast ohne Unterbrechung gearbeitet.
    Biba mahnte wieder zur Ruhe, er erklrte, da der Pallasianer auch schlafen
msse, sonst knne sein Krper nicht die ntige Nahrung aufnehmen.
    Widerwillig bequemte man sich zu lngerer Nachtruhe. Aber dann gings wieder
los, als sen unruhige Hetzgeister den Pallasianern im Nacken. Und man dachte
garnicht mehr an knstlerische Ausgestaltung. Man wollte nur alles so fest wie
mglich machen, befestigte verankerte Stangen noch weiter dem ueren
Trichterrande zu in den Stein und brachte da auch starke Drahtseile an, mit
denen die schiefen Trme festgehalten wurden.
    Jetzt waren bald nur noch Stangen und Seile zu sehen. Und nach hundert Tagen
und hundert Nchten reckten sich vierzig schiefe Stcke in die Luft - jeder war
eine Meile hoch, und er hatte neben sich viele Stangen und Seile, mit denen er
von hinten festgehalten wurde.
    Das sah keineswegs entzckend aus.
    Wie ichs befrchtet habe, sagte Peka, so ist es gekommen. Das hab ich
alles vorausgesehen. Jetzt haben wir eine herrliche Krone fr unsern Stern
zurecht gezimmert. Und uns tun alle unsre Glieder weh, und viele Pallasianer
haben Verletzungen erlitten, soda von Labus vielen Salben nicht viel brig
geblieben ist.
    Biba, dessen Bein wieder ganz geheilt war, sprach in der Volksversammlung
und bat alle flehentlich, doch ja Geduld zu haben. Und dann sprach er mit Peka
allein.
    Doch Peka sagte heftig: Die Versprechungen sind mir noch nicht gehalten.
Ich habe erst ein einziges Fundament mit riesigen Kristallen umgeben -
dreiundvierzig sind noch ohne Kristall.
    Nun wollte der Biba dafr sorgen, da zuerst die Fundamente hergestellt
wrden. Da jedoch stie er berall auf Widerstand.
    Dex sagte:
    Wenn das geschieht, so werden wir niemals mit dem groen Turm fertig.
    Die Fundamente wrden mindestens zweihundert Tage und zweihundert Nchte
beanspruchen. Jetzt mssen zunchst alle Trme oben miteinander verbunden
werden, damit das ganze Gerst feststeht und nicht mehr fallen kann.
    Und man tat in weiteren fnfzig Tagen und fnfzig Nchten, wie der Dex
verlangt hatte.
    Das war aber eine ungeheuerliche Arbeit, nach der alle ganz erschpft
dalagen und kaum die Glieder bewegen konnten. Eine mehrtgige Pause mute
eintreten.
    Und da besuchte Lesabndio den Labu in dessen groem Atelier, das neben dem
des Peka lag.
    Labu lag ganz traurig auf einer groen hellblauen Trkisschale und sagte:
    Lieber Lesabndio! Wir sind hier ganz dicht neben Pekas Atelier, und ich
habe den Peka schon zweimal sehr laut zu sich selber sprechen hren. Ich wei
nicht, was ihm fehlt. Verletzt beim Turmbau hat er sich nicht. Ich war bei ihm.
Aber das ist es nicht, was mich so traurig macht. Etwas Andres macht mich
traurig. Ich habs noch keinem bisher gesagt. Ich wollte zuerst mit Dir darber
sprechen.
    Lesabndios Augen glhten wie zwei kleine Scheinwerfer, und er sagte ruhig:
    Ich bin auf das Schlimmste gefat. Sage nur, was Du mir zu sagen hast. Wir
werden schon einen Ausweg finden.
    Ich frchte, erwiderte Labu, das wird nicht so schnell gehen. Du weit:
die Kaddimohnstangen sind sehr lang. Die meisten sind ber dreitausend Meter
lang, viele sind eine ganze Meile lang. Mit solchen Stangen da oben in der Luft
zu hantieren, war sehr schwierig.
    Das wei ich doch, rief heftig der Lesabndio dazwischen, halte Dich doch
nicht so lange mit der Einleitung auf. Ich bin doch auch allmhlich sehr
ungeduldig geworden.
    Du solltest, versetzte Labu, aber nicht so ungeduldig sein - Du am
allerwenigsten. Aber ich will mich kurz fassen: sehr viele Verletzungen haben
die Pallasianer beim Turmbau davongetragen - namentlich an den Saugfen. - Und
- und - meine Salbe ist dabei aufgebraucht worden. Und ich wei nicht, wie ich
neue herstellen soll. Es ist mir ganz unmglich, Flssigkeiten zu bereiten.
    Oh! rief Lesabndio, das ist schlimm!
    Ja, fuhr Labu fort, Tropfen wrde ich mit Jubel begren. Der Stern
Pallas ist zu trocken. Zwanzig Quetschungen habe ich bei zwanzig Pallasianern
bereits mit einer Masse eingerieben, die garnicht feucht ist und deshalb
garnicht wirken kann. Die rmsten dauern mich. Ich wei mir nicht mehr zu
helfen. Wenn wir auf dem Stern Quikko Flssigkeit entdecken knnten ...
    Das nimmt ja, sagte Lesabndio, zu viel Zeit in Anspruch. Das geht ja
garnicht. Dann mten wir ja mindestens zwanzig Tage und zwanzig Nchte
pausieren.
    Nach diesen Worten hrten die Beiden in Pekas Atelier pltzlich einen
furchtbaren Schrei, der in ganz unartikulierte Laute berging. Die Beiden
sprangen auf und flogen zum Peka und sahen, wie er sich auf dem Fuboden wand
wie eine Schlange - sein Krper zuckte. Und dann schrie der Peka noch lauter und
rief pltzlich:
    Du hast mich zerstrt! Du hast mir Alles genommen. Du hast mich vernichtet.
Dein verfluchter Turm hat meinen Knstlertrumen ein erbrmliches Ende bereitet.
Das kann ich nicht berleben. Du hast mich zerstrt.
    Still! still! sagte Lesabndio, Du brauchst ja oben nicht mehr
mitzuarbeiten. Du kannst ja hier in Deinem Atelier bleiben. Sei doch nicht so
aufgeregt. Ich konnte doch nicht anders. Ich mute doch auf meinem Wege bleiben.
Zrne mir nicht! Vergib mir!
    Aber Peka schrie wieder wie ein Rasender, und groe Tropfen strzten aus
seinen Augen. Und er sagte mit heiserer Stimme:
    Dein Trost ntzt mir nichts. Ich habe die Hoffnung verloren. Jetzt habe ich
nicht mehr die Hoffnung, da meine Ideen jemals ausgefhrt werden. Daran ist
nicht mehr zu denken. Alles hat Dein Turm verschlungen. Du hast mir Alles
zerschlagen - alle meine Brillanten - alle meine harten Granitblcke. Du hast
mich selbst zerschlagen. Fr die Wunden gibt es keine Salben. Ich gehre nicht
mehr auf den Pallas. Was soll ich hier? Ich bin berflssig. Und ich kann es
nicht ertragen, berflssig zu sein. Alle meine Trume von der glatt polierten
Zukunft des Pallas sind zerflattert. Und ich kann das nicht ertragen. Ich mchte
Deinen Turm zerreien. Ja, das mchte ich, Lesabndio!
    Und abermals traten dicke Tropfen aus Pekas Augen und rieselten ber seine
Wangen.
    Labu aber sprang hoch auf und schrie pltzlich auch. Sein Schrei klang aber
wie der Schrei der hchsten Seligkeit.
    Wie ein Toller sprang Labu in Pekas hohem Atelier herum. Und dann ri er
eine kleine Flasche von seinem Halsbande los, bckte sich zu Peka und rief:
    Ich habs! Ich habs! Peka, gib mir mehr Tropfen aus Deinen Augen! Dann kann
ich wieder Salbe machen!
    Und er fing alle Tropfen, die aus Pekas Augen kamen, in seinem Flschchen
auf und lachte wie ein Toller.
    Peka sah den Labu ganz verwundert an und sagte leise:
    Was ist denn das? Ich verstehe Dich nicht.
    Oh! rief da der Lesabndio, ich verstehe, was es ist.
    Das sind sogenannte Trnen - kostbare Flssigkeiten. Vor langer Zeit sind
schon bei einem alten Pallasianer, der verschwunden ist, solche Trnen entdeckt
worden. Man sagte damals, er habe geweint. Weine mehr, lieber Peka! Den Labu
wirst Du glcklich machen. Und die verwundeten Pallasianer wirst Du auch
glcklich machen. Dein Schmerzensausbruch ist fr uns ein groes Glck.
    Da sah der Peka die Beiden gro an. Und als ihm Labu von seiner Verlegenheit
erzhlt hatte, traten dem Peka noch mehr Trnen in die Augen.
    Und da muten pltzlich alle Drei furchtbar lachen - auch der Peka.

                                Zwlftes Kapitel


Die kleinen Quikkoaner zeigen, was sie knnen. Der Nax tut sich ganz besonders
hervor. Die weiche Natur der Quikkoaner steht zur harten der Pallasianer in
schroffem Gegensatz. Das zweite und das dritte Stockwerk des Turms werden
gebaut. Peka ist sehr unglcklich, da er bei einer Arbeit bleiben mu, die fr
seine Ideen wertlos ist. Nax will ihn trsten - das gelingt ihm aber nicht. Nax
hat Mitleid mit dem Peka und will den Sofanti verhindern, seine Hute
auszuspannen, die gegen die Spinngewebewolke, von der die Arbeit oben behindert
wird, einen Schutz bilden sollen. Es gelingt aber dem Nax, den Sofanti vom
groen Plan abzubringen, ebenfalls nicht. Dagegen gelingt dem Sofanti, die Hute
so stark zu machen, da sie von der Spinngewebewolke nicht mehr zerrissen werden
knnen.

Und alles lachte ber Labus Trnenspa, und der Peka mute immer mitlachen, was
ihm schlielich etwas schwerfiel.
    Aber den kleinen faustgroen Quikkoanern machte es den allergrten Spa,
da die Trnen der grten Wut und des grten Schmerzes zur Heilung kranker
Gliedmaen benutzt werden konnten.
    Peka und Labu hatten daher immer einen der Quikkoaner am Halsbande. Deren
lustige ziel- und sorgenlose Gemtsart erheiterte die Pallasianer. Der kleine
Nax war ganz besonders ausgelassen; er arrangierte immer wieder etwas Neues.
    Wir sind an Eure groe Schwerflligkeit, sagte er zwitschernd, noch nicht
gewhnt. Auf dem Quikko haben wir uns niemals Mhe gegeben, etwas zu verbessern
oder auszubauen. Daran dachten wir nie. Der Pallas ist ein ganz besondrer Stern.
Der verndert sich nicht so leicht; er ist sehr hart und trocken und
undurchsichtig. Der Quikko dagegen ist sehr weich, gallertartig und
durchsichtig. Letzteres allerdings nur, wenn er will. Aber wir sind ebenso wie
unser Stern - auch so leicht vernderlich wie er.
    Und dann gab er seinem kleinen Krper die Tonnengestalt des Sterns Pallas
und wurde undurchsichtig und bekam blaue Flecke und ein Loch in der Mitte und
oben und unten zwei kleine Trichter. Von dem Kopf des Quikkoaners war dabei
nichts zu sehen.
    Die Pallasianer starrten das Wunder mit Mikroskopaugen an. Der Nax drehte
sich und schwebte frei in der Luft. Das machte natrlich auf dem ganzen Pallas
groes Aufsehen. Und der Peka interessierte sich so sehr dafr, da man zwei
Tage und zwei Nchte den groen Turmbau auf dem Nordtrichter gnzlich verga.
    Es htte nun nicht viel gefehlt - und die Gedankenrichtung der
Pallasbewohner wre durch die kleinen Gste bald in eine ganz andre Richtung
gekommen.
    Lesabndio erkannte die Gefahr und sprach darber mit dem Biba, und der
sagte:
    In diesem Nax steckt zweifellos ein kleiner Sptter. Aber er kann nicht
alles, was er will. Er hatte mir schon lngst von dieser Umwandlung seines
Krpers erzhlt. Er wollte auch ber sich ein kleines Kometensystem erzeugen, um
ganz dem Pallas hnlich zu sehen. Aber das ist ihm glcklicherweise nicht
gelungen. Die Kleinen kriegen es immer fertig, sich lustig zu machen - ber
alles Mgliche. Aber es hat seine Grenzen. Eine Gefahr fr unsern Turm besteht
aber in diesen Verwandlungsknstlern, die uns eigentlich sehr scharf
verspotten.
    Darin hatte nun der gute Biba Recht, denn die Quikkoaner gaben immer wieder
andre Umwandlungen ihres Krpers zum Besten. Sie bten sich darin, wenn sie
unter sich waren - hauptschlich dann, wenn die Pallasianer schliefen; die
Kleinen vom Quikko brauchten sehr wenig Schlaf - konnten auerdem immer
schlafen, wenn sie wollten - sie wurden dabei zur runden undurchsichtigen Kugel.
    Wir, sagte Lesabndio, qulen uns, um eine Umwandlung unsres Sterns
hervorzubringen, ganze Jahrhunderte hindurch. Und diese Kleinen wandeln sich
alle Tage um - bald sehen sie aus wie ein kleiner Pallasianer - dann hneln sie
wieder unsern Glhwrmern - dann werden sie zu Ballonpflanzen - dann zu
Kreisringen, die sich um unsre Stirn und um unsern Leib schnallen knnen wie ein
Gurt. Man knnte die Kleinen beneiden. Was wir mit schmerzlichstem
Selbstberwinden kaum erreichen - das machen die zum Spa - aus Laune. Wir
mten die Kleinen beschftigen, damit sie die Unsrigen nicht ablenken.
    Biba sagte dazu:
    Nax mte dem Peka am Halse bleiben, um ihn zu erheitern, Manesi und Labu
mssen auch ihre Leib-Quikkoaner bekommen. Ich werde versuchen, die Kleinen zu
berreden. Peka wird uns ganz bestimmt bald sehr gefhrlich werden. Auf uns
hren ja die Kleinen. Ich bin brigens sehr sehr ungeduldig und mchte, da wir
den Bau des nchsten Stockwerks noch heute in Angriff nehmen. Bist Du nicht auch
der Meinung?
    Sofort mten wir, versetzte Lesabndio lebhaft, mit dem Weiterbau
beginnen. Ich kanns kaum noch erwarten. Aber Du mut erst die Kleinen fr unsre
Arbeit wieder mehr zu interessieren suchen. Sie haben uns ja schon so viel dabei
geholfen. Das wollen wir nicht vergessen. Die einmtige Abstimmung auf dem
Modellturm wre ohne die Kleinen nicht mglich gewesen.
    Nun tat Biba, wie Lesabndio wollte. Und dann begann man am nchsten Tage
mit dem zweiten Stockwerk.
    Dex war der Meinung, da man das zweite Stockwerk so schrg wie mglich
ansetzen msse, um an Kaddimohnstahl in den hheren Stockwerken zu sparen.
    Der Turmbauer Nuse fhrte eine Verbesserung der Maschinen ein, mit denen der
Stahl aus dem Innern des Sterns herausgezogen werden mute. Und auch die
Maschinen, die den Stahl zu den Hhen emporbrachten, wurden verbessert.
    Und so ging dieses Mal die Arbeit viel schneller, und Verletzungen beim
Halten und Befestigen der Stahlschienen kamen garnicht mehr vor.
    Nach dreiundfnfzig Tagen und Nchten war auch das zweite Stockwerk fertig -
wie ein schrges Dachgestell ragte es ber dem Nordtrichter zur Mitte zu.
    Die Pallasianer waren wieder alle sehr ermdet und wollten eine grere
Pause haben.
    Aber Lesabndio und Biba waren unruhiger und ungeduldiger als bisher. Auch
Dex und Nuse waren sehr ungeduldig und wollten nichts von einer Pause wissen.
Sofanti war der ungeduldigste von allen, er sagte:
    Jetzt mssen wir aber endlich wissen, ob uns die groe Spinngewebewolke
gefhrlich werden kann. Wenn das wre, mte ich fr riesige Hautmassen sorgen,
damit wir so dem Spinngewebe gegenber geschtzt sind. Ob das mit den Huten,
die ich herstellen kann, mglich ist, das wei ich natrlich noch nicht. Aber
wir werden es wissen, wenn wir nochmals ganz schrge das dritte Stockwerk
ansetzen. Darber mssen wir endlich ins Klare kommen. Wir haben keine Zeit zu
verlieren.
    Und es gelang dem Sofanti und seinen Freunden, die Andern zu berreden. Und
man setzte das dritte Stockwerk auf die beiden andern - so schrge wie mglich.
    Und als die ersten vier Trme fest saen, kletterten einige Pallasianer beim
Nachtanbruch hinauf - und da muten sie der groen Spinngewebewolke weichen -
ganz oben konnten sie nicht bleiben. Nun kam wieder eine neue Bewegung in die
Bauleute. Sofanti hatte Recht gehabt.
    Jetzt handelte es sich zunchst darum, auszuprfen, ob die Sofanti-Hute vor
der Wolke schtzten. Um das auszuprfen, mute man noch mehr Trme bauen. Und
man baute schlielich mit der grten Heftigkeit alle vierundvierzig. An den
oberen Teilen konnte nur am Tage gebaut werden. Nun waren die Spitzen der
obersten Trme miteinander zu verbinden. Und das beanspruchte sehr lange Zeit,
da beim Herannahen der Wolke alle Bauleute wieder runterkommen muten.
    Nach hundert Tagen und Nchten wute man immer noch nicht, ob die
Sofanti-Hute gengenden Schutz zum Weiterbauen gewhren wrden.
    Und der Peka wurde immer ungeduldiger. Aber seine Ungeduld war von andrer
Art als die von Lesabndio, Biba, Dex, Nuse und Sofanti. Diese konnten beim
Turmbau ihre knstlerischen Ideen einigermaen zur Geltung bringen, Peka aber
sah, da er ganz kaltgestellt war. Und Labu und Manesi sahen, da es ihnen
ebenso ging wie dem Peka.
    Der kleine Nax gab sich die grte Mhe, den Peka zu trsten. Aber Naxens
Verwandlungsscherze erzielten bald nicht mehr die Wirkung wie bisher. Peka wurde
immer trauriger.
    Die Quikkoaner hatten mittlerweile gelernt, ihrem Krper kleine Flgel zu
geben, mit denen sie sich ganz frei in der Luft halten und somit vor dem Gesicht
des Pallasianers sprechen konnten, wenn dieser oben mit dem Lenken und
Befestigen der Kaddimohnstahlstangen beschftigt war.
    In einer solchen Situation sagte der Nax zum Peka hoch oben drei Meilen ber
dem Nordtrichter, als hell die Spinngewebewolke herunterglnzte, whrend die
Sterne ringsum smaragdgrn im dunkelvioletten Himmel funkelten:
    Lieber Peka! Ich verstehe den Eigensinn nicht. Wenn man sich auch Hunderte
von Jahren damit befreundet hat, die Zukunft seiner Umgebung nur in einer
harten, kantigen Brillantenarchitektur zu erblicken, so kann man doch, wenn man
einsieht, da die Ausfhrung dieser Idee nicht gut mglich ist, ganz gemtlich
darauf verfallen, sich die Sache in der Phantasie auszumalen und die
Wirklichkeit zu lassen, wie sie grade ist. Ich verstehe nicht, warum man
eigensinnig grade die Ausfhrung im groen Mastabe will, wenn man sie im
kleinen Mastabe haben kann. Der ist doch auch etwas. Unsre Phantasie ist doch
auch was Reales. Wie kann man nur so eigensinnig sein wie Du und wie Labu und
Manesi, die auch immer jammern. Auf dem Quikko jammerte man nie. Da wollte keine
Seele das, was sie nicht konnte. Man wollte nur das, was man konnte.
    Jawohl, versetzte Peka, aber das hat Euch auch grade so weit gebracht,
da Ihr gar keine hheren Ziele kennen lerntet. Ihr habt auch niemals gewut,
was es heit, nach unsglichen Mhseligkeiten endlich sein Ziel zu erreichen.
Ihr seid immer sehr zufrieden. Aber dafr habt Ihr auch niemals strkere
gewaltigere krpervernichtende Seligkeiten kennen gelernt. Ihr lebt hier immer
nur als Zuschauer und als Spamacher und seid dabei ganz zufrieden. Was wir aber
bei dieser nervenzerstrenden Arbeit empfinden, davon habt Ihr gar keine Ahnung.
Du weit nicht, was ich leide. Und Du wirst meinen Schmerz niemals verstehen.
    Der kleine Nax wute nicht recht, was er sagen sollte. Schlielich meinte er
ganz treuherzig:
    Du, ich werde dem Lesabndio und dem Biba auseinandersetzen, da sie doch
die ganze Turmgeschichte aufgeben mten. Wenn hher hinaufgebaut werden sollte,
so wrde doch alles durch die Spinngewebewolke zerstrt werden. Die
Sofanti-Hute wrden nichts ntzen. Das werde ich sagen. Und dann kannst Du
unten Brillantenarchitektur machen. Du hast dem Lesabndio und Biba geholfen,
solange es ging. Sie mssen Dir dafr auch helfen, solange es geht. Und dann
wirst Du Deinen Schmerz los und wirst wieder so lustig wie ich. Ich kanns
garnicht ansehen, wenn Einer so traurig ist wie Du. Ich gebe ja gerne zu, da
ich nicht die strksten Seligkeiten kenne - aber wenn ich die mit so viel Qualen
erkaufen soll wie Du - dann will ich sie lieber niemals kennen lernen. Das
kannst Du mir glauben.
    Du bist eben, erwiderte Peka, ein kleiner Flachkopp und hast keine
Knochen im Leibe wie die harten Pallasianer. Ich mchte wieder nicht so leicht
vernderlich und so wenig fest wie Du sein - das kannst Du mir auch glauben.
    Sie sprachen noch lange so weiter, und der kleine Nax flog zum Sofanti und
setzte ihm auseinander, da seine Hute wohl nicht gengenden Schutz den Wolken
gegenber gewhren wrden.
    Da kam aber der Kleine schn an.
    Dann machen wir, sagte Sofanti lachend, die Hute immer dicker, bis sie
gut sind. Die Hute werden ja trotzdem durchsichtig bleiben. Du willst wohl die
Pallasianer verleiten, von ihrem Plan abzukommen; der Peka scheint Dir mit
seinen Trnen ein wenig imponiert zu haben. Aber glaube nur: wir schtzen jeden
Pallasianer, aber deswegen schtzen wir doch unsre Ideen noch viel mehr als
alles andre. Da gibt es keine Rcksichten. Wenn wir was wollen, setzen wir das
auch durch - mag kommen, was da will. Auch vor den Trnen der Andern haben wir
keine Angst. Das, was von uns einmal als richtig erkannt worden ist, das mu zum
Durchbruch kommen. Wir verndern unsre Ideen nicht. Wir haben keinen
vernderlichen Leib wie Ihr. Und wir haben auch keinen vernderlichen Kopf wie
Ihr. Wir knnen nicht heute dieses und morgen jenes wollen. Wir bleiben immer in
derselben Richtung, wenn auch die ganze Welt untergeht.
    Seid Ihr aber hart! rief da der kleine Nax aus, und er flog zum Lesabndio
und wollte ihn berreden, die Turmgeschichte aufzugeben - doch er fand die
richtigen Worte nicht und wagte es schlielich garnicht, den Mund aufzutun.
    Und beim Biba ging es ihm ebenso.
    Und dann wurden die Sofanti-Hute oben drei Meilen ber dem Nordtrichter
ausgespannt. Und - sie rissen entzwei.
    Aber Sofanti lie strkere Hute hinaufbringen - und die rissen abermals
entzwei.
    Der kleine Nax lachte und rief, whrend er sich in ein zwanzig Quadratmeter
groes Hautstck umwandelte - ein ganz neuer Scherz, auf den er sehr stolz war:
    Lieber Sofanti, vielleicht verwendest Du die Quikkoaner als Schutzhllen.
Wir opfern uns gerne, wenn wir auch die grten Seligkeiten der Tatkreaturen
nicht kennen.
    Sofanti lachte und lie sich nicht stren.
    Und nach zehn Tagen und zehn Nchten hatte er neue Hute oben, die dem
Drucke der Spinngewebewolke - Stand hielten.
    Da gabs aber keinen groen Jubel auf dem Pallas; die Bewohner dieses Sterns
waren durch die lange Arbeit so erschpft, da Keiner mehr was von Neuigkeiten
hren wollte.
    Auch die Quikkoaner fanden keine Zuhrer, und sie bltterten daher am
Halsbande der Pallasianer in den kleinen Bchern und lasen darin.

                              Dreizehntes Kapitel


Lesabndio, Peka und Biba werden in ihren Schlafscken kurz vor dem Einschlafen
mit ihren Monologen vorgefhrt. Peka bekommt, um Haut zu schaffen, den Auftrag,
die Fundamente der vierundvierzig Randtrme architektonisch auszubauen. Er tut
das bei drei Trmen und erklrt, da er aus dem ganzen Pallas einen
Kristallstern machen mchte. Dem widersprechen sogar seine Freunde Labu und
Manesi. Sofanti aber merkt, da Peka in einem Jahrhundert nicht das notwendige
Hautmaterial fr die oberen Stockwerke des Lesabndio-Turms herstellen kann.
Alles verzweifelt. Nax aber hat eine erlsende Idee.

Als es auf dem Pallas dann wieder mal Nacht wurde durch die Spinngewebewolke, da
lag Lesabndio oben im Nordtrichter auf einer Pilzwiese in einer tiefen
Talschlucht und fhlte, wie sich seine Nachthaut vom Rcken aus aufspannte und
sich dann anderthalb Meter ber ihm oben zusammenschlo. Lesa steckte sich einen
Zweig seines Blasenkrautes in den Mund, lie seinen linken Arm elektrisch
leuchten und rauchte, da groe schimmernde Blasen zur Decke seines Schlafsackes
aufstiegen - die Blasen vernderten, wenn sie aus dem Munde mit den kleinen
weien Kautschukzhnen herauskamen, immer wieder ihre Farben und sahen oft wie
Perlmutter und wie Seifenblasen aus, wenn sie langsam sich drehend emporstiegen;
und oben an der Decke des Schlafsackes bewegten sich die Farbenspiele noch lange
Zeit in den Blasen, ohne da diese zerplatzten.
    Nun sind wir, sprach Lesa unhrbar zu sich selbst, wieder eine ganze
Strecke hher gekommen, schon drei Meilen hoch. Und ich habe beinahe vergessen,
warum wir diese schwere Arbeit bernahmen - und die Andern vergaen wohl auch,
wozu das alles sein soll. Wir handeln eben garnicht in erster Linie nach unserm
Willen. Der groe Geist unsres Sterns herrscht in uns, und wir sind nur
scheinbar selbstndige Wesen. Was unbewut in uns ttig ist, das ist das
Mchtigste in uns. Und ich glaube, da das Fhrende hoch ber uns im Kopfsystem
des Pallas lebt, - in der groen Wolke, die uns Tag und Nacht gibt - und ber
der groen Wolke - in den gefesselten Kometen - zu denen wir hinstreben.
Ihretwegen bauen wir immerzu an dem groen Turm. Das ist gar keine knstlerische
Geschichte mehr - das ist ein Andres - ein Unbegreifliches. Wir fhlen uns auch
nur wohl, wenn wir uns mit dem Gewaltigen ganz eins wissen. Ich mchte mal ganz
und gar mit ihm zusammen ein Wesen sein. Vielleicht sterbe ich mal anders als
die andern Pallasianer - vielleicht nimmt Er da oben - der Gewaltige - - mich
auf, wenn ich schwach und durchscheinend werde. Wir werden transparent, wenn wir
dem Tode nahe sind. Aber ich glaube ...
    Lesabndio schlief ein, und er trumte von einem groen Sonnensystem - und
das wirkte auf ihn wie ein System von Millionen Gummistrippen, die sich immer
wieder auseinanderzogen und sich dann wieder nherten - und er wute nicht, ob
sie sich lieber zusammenziehen oder auseinanderziehen wollten - aber die
Millionen arbeiteten immerzu-bald so und bald so-und es entstand dabei eine
feine schwingende Saitenmusik - und dann rissen ein paar Saiten entzwei, und es
drhnte ganz dumpf durch den groen Raum. Und an den Enden der Strippen saen
pltzlich grne spinnenartige Wesen mit ganz langen Beinen, die auch zu
Gummistrippen wurden und bald lnger und dann wieder krzer wurden.
    Und whrend Lesa so trumte, lag der Peka nicht weitab von ihm - auch
rauchend - in seinem Schlafsack und sprach laut zu sich selbst - ungefhr so:
    Jetzt braucht man Haut. Und da die Haut nur auf den polierten Steinen bei
uns wchst, so wird man mir Gelegenheit geben, mit meinen polierten Steinen
groe Fundamentalbauten herzustellen. Etwas werde ich machen knnen in meiner
Art. Aber viel wirds nicht werden - das wei ich schon. Einiges kann ich machen,
weil man mich braucht. Aber dadurch kommt das kristallinische Prinzip - die
Kunst der Raum- und Flchenrhythmik - das Architektonische - nicht zur vollen
Entfaltung auf dem Pallas. Der ganze Turm ist doch keine Kunstangelegenheit -
der Turm da oben ist ein simples Nutzwerk - wie eine Brcke oder eine Bandbahn.
Architektur sah niemals so gerippartig aus - die will stets das Kompakte. Die
Ingenieure, die unsre Bandbahnen bauten, waren keine Knstler - keine
Architekten - und die Ingenieure wie Dex und Nuse, die heute den groen
Nordtrichterturm bauen, sind auch keine Knstler - keine Architekten. Hier sind
zwei einander widerstrebende Richtungen, und ich vermag nicht einzusehen, wie da
jemals eine Einigung mglich wre. Das eine wird vom andern erstickt. Was ich
wollte, wird auch durch diese Ingenieure erstickt. Und da mu man ganz ruhig
sein. Und ich kanns nicht sein. Meine Welt wird mir zerschlagen. Man gibt mir
Jetzt ein paar kleine Aufgaben, um mich zu zerstreuen und ein wenig zu
beruhigen. Ich aber kann von der Phantasie allein nicht leben. Ob das eine
Schwche ist? Dann wre ich schwach - ich kann nicht dafr. Aber mein Beharren
im einmal Erkannten ist doch wieder eine Strke. Oh - wer Alles vereinen knnte
- so vieles widerstrebt dem andern ...
    Und Peka schlief auch ein und trumte von Brillantensonnen - die glhten
mchtige Strahlenbndel ins weite All hinaus.
    Und whrenddem lag der Biba gleichfalls in seinem Schlafsack auf dem
Nordtrichterrande nicht weit von der ueren Kruste, an die sich vorsichtig die
geheimnisvolle Spinngewebewolke anschmiegte. Biba sagte laut: Wieviel
Unbegreifliches haben wir in unserm Leben zu ertragen! Mich zieht die
Centralsonne immer wieder an, den Lesa zieht das Kopfsystem des Pallas an. Aber
- was ist dieses Anzieben? Warum zieht in unserm Sonnensystem eins das andre mit
unsichtbaren Fden zu sich? Und warum gibt es so viele Dinge, die wieder
zurckdrngen und nicht an das herankommen lassen, was doch eigentlich
unaufhrlich das Nherkommen des Angezogenen mchte? Wie unbegreiflich das alles
ist. Lesabndio glaubt jetzt wohl schon, da er mit dem Kopfsystem des Pallas
eins werden knnte - in Blde. Ich glaube nicht daran, da ich bald mit unsrer
Centralsonne eins werden knnte. In zehn Millionen Jahren vielleicht! Ja
vielleicht dann noch nicht einmal. Aber die Pallasianer sollten den Turm doch
weiterbauen - schon der Spinngewebewolke wegen - die sonst nichts an sich
herankommen lt - die mehr abstt als anzieht - die mu durch den Turm
entfaltet werden - vielleicht wollen wir nur darum unsern Stern knstlerisch
ausbauen - vielleicht kommt es garnicht auf das Knstlerische an - vielleicht
will der groe Stern nur, da wir oben den Turm bauen - damit sich oben einiges
verndert.
    Biba schlief nun auch ein und trumte von einer groen blauen Kiste, die von
oben herunterkam und pltzlich auseinanderging, wobei groe und kleine Tiere und
viele bunte Steine herausfielen.
    Am nchsten Morgen kam Sofanti zum Peka und setzte diesem auseinander, da
er jetzt groe Fundamentalbauten mit groen kristallinisch geschliffenen Steinen
herstellen msse. Peka tat nicht sehr erfreut, aber doch so, wie man wollte; von
den vierundvierzig Grundtrmen gab er drei Trmen ein imposantes Fundament.
    Das ist, sagte er, eigentlich nur eine dekorative Arbeit. Rein
knstlerische Ideen sind hier nicht leitender Teil, das Ganze wird gemacht, um
Haut zu bekommen. Utilittsprinzipien sind hier nur herrschend. Die rhythmische
Gliederung der Raum- und Flchenteile kann dabei nicht so durchgefhrt werden -
wie bei ganz reiner, absichtsloser Baukunst.
    Nun waren anfangs alle Pallasianer sehr gern bereit, Pekas Ideen gerecht zu
werden, doch Peka zeigte sehr bald, da er mehr haben wollte, als er
beanspruchen konnte. Pekas Hauptidee war: dem ganzen Stern Pallas eine
vielseitig geschliffene, kristallinische Form zu geben. Peka konnte die
unregelmigen Formen nicht vertragen, und er sagte das; er sagte das immer
wieder noch mal, soda schlielich seine besten Freunde ungeduldig wurden.
    Ordnungsfanatiker, sagte Manesi, mgen ja knstlerisch sehr berechtigt
sein. Aber die Natur unsres Sonnensystems zeigt eine Ordnung, die dem
Symmetrischen oft entgegenarbeitet. Wir mssen es fr einseitig erklren, wenn
Peka die Rhythmisierung der Raum- und Flchenteile nur durch
kristallinisch-symmetrische Formen durchfhren mchte. Eine Guirlandenkunst, wie
ich sie haben mchte, ist mit der gerstartigen Trockenheit des groen
Turmsystems viel eher vereinbar als mit der starren Schwerflligkeit eckiger
Kanten- und Seitenkunst. Die Bogen haben doch mindestens dieselbe Berechtigung
wie die Winkel.
    Dem stimmte natrlich auch Labu sehr lebhaft bei, da Labu ebenfalls die
komplizierten Bogenkurven in allen seinen Entwrfen bevorzugte und grade Linien
sowie alle Winkel, Kanten und Ecken zu berwinden bestrebt war.
    Und so stand der arme Peka bald ganz allein mit seinem kantigen
Ordnungsfanatismus da, obschon man zugab, da seine Fundamentkompositionen an
den drei Trmen ganz herrlich wirkten. Da gab es dreihundert Meter hohe, ganz
waagrecht aufsteigende Spiegelwnde und dann viele rechtwinklige Schluchten und
kstliche berkragungen und tausendkantige Sulen dazwischen. Alles funkelte.
Und die Haut gedieh auf den glatten Flchen ganz vortrefflich. Und die Terrassen
glnzten.
    Dex, Nuse und Sofanti rechneten whrenddem ganz genau aus, wieviel Haut sie
oben gebrauchen wrden. Und sie sahen sehr bald ein, da sie sehr viel Haut
gebrauchen wrden.
    Die zwanzig Fundamentbekleidungen, sagte Sofanti, werden uns nicht so
viel Haut liefern, wie wir brauchen. Wenn wir den Turm in der angefangenen Weise
weitere sieben Meilen hoch bauen wollen, so brauchen wir so viel Haut, da Peka
tatschlich den ganzen Nordtrichter kristallinisch gliedern mte. Das wrde
aber so lange Zeit beanspruchen, da wir das alles kaum berleben drften.
    Das sahen alle Pallasianer ein. Und man war nicht mehr gerne bereit, den
Peka in seinen Arbeiten zu untersttzen.
    Und der Weiterbau des Turms ohne das notwendige Hautmaterial erschien Allen
als unmglich, da die Spinngewebewolke alle Arbeit oben unmglich machte. Wenn
nur so lange oben gearbeitet werden konnte, wie die Wolke oben leuchtete, so zog
sich die ganze Geschichte allzu lange hin.
    Somit waren die Pallasianer der Meinung, da man das begonnene Werk liegen
lassen msse; Unmgliches liee sich doch nicht durchsetzen, sagten sie mit
mitleidigen Mienen.
    Und man bedauerte den Lesabndio.
    Der aber sa eines Tages ganz ruhig oben auf dem Turmgerst drei Meilen ber
dem Rande des Nordkraters und lchelte, und der kleine Nax umschwebte den Kopf
des Lesa in zierlichen Kurven und sah, da Lesa lchelte.
    Ei! Ei! lieber Lesa, rief der kleine Nax, ich sehe, da Du lchelst,
whrend man Dich unten berall bemitleidet. Du siehst so glcklich und garnicht
bemitleidenswert aus. Was denkst Du? Glaubst Du, da Dir und Deinem Turm noch zu
helfen ist?
    Das, versetzte Lesa, wei ich nicht. Aber ich habe die Empfindung, da
wir einen Ausweg finden mten.
    Ich lchle darber, da wir so schwerfllig sind und uns garnicht zu helfen
wissen. Ich habe die Empfindung, da ein Unbefangener dieses Turmproblem im
Handumdrehen lsen kann. Ich glaube, da mir gleich das Richtige einfllt. Und
ich mute lcheln, da mir das Richtige noch nicht eingefallen ist.
    Die grnen Sterne im violetten Himmel funkelten recht lebhaft, und die Wolke
oben leuchtete wei wie ein Geisterauge.
    Nax setzte sich in beweglicher Kugelform auf Lesas Schulter, klemmte seinen
Krper wie einen kleinen Saugfu fest an, lie seine kleinen Augen sehen,
brachte seinen Rssel vor und sprach zwitschernd:
    Baut doch quer, soda Ihr erst zur Mitte des Nordtrichters hinkommt. Dann
knnt Ihr da einen ganz dnnen Turm errichten. Und fr den braucht Ihr nicht so
viel Haut. Die Geschichte erscheint mir sehr einfach.
    Da lchelte der Lesa und sagte so, als wenn garnichts Besondres passiert
sei:
    Siehst Du! Da hast Du das Richtige getroffen. Es war so einfach. Und ich
mu abermals lcheln, da wir alle nicht darauf gekommen sind. Natrlich gehts
so. Und Du, kleiner Nax, sollst jetzt unten gefeiert werden. Deine Idee ist sehr
einfach. Aber sie kam zur rechten Zeit. Wie oft knnen wir nicht zu der ganz
einfachen Lsung kommen, weil wir zu sehr befangen sind von allen mglichen
andern Dingen, die uns von der Lsung eines Problems zurckdrngen. Es geht uns
mit den Problemen so wie mit unsrer mysterisen Wolke - wir knnen nicht
rankommen - und es erscheint uns alles so einfach, wenn wir uns doch dem Ziel
nhern. Wir nhern uns dem Ziel! Komm, Nax, an mein Halsband! Wir wollen
hinunter und den mden Seelen neuen Mut einflen. Neuen Mut hast Du uns
gegeben. Der Gewaltige oben gab ihn uns durch Dich, kleiner Nax! Sei nicht zu
stolz auf das, was Du sagtest.
    Der kleine Nax lachte, und dann stie sich Lesabndio zur Mitte zu ab. Und
er flog dahin wie ein Pfeil und sauste langsam in groartiger Parabelkurve ganz
lang gestreckt zur Tiefe.
    Und als Lesa unten das sagte, was der Nax gesagt hatte, da erscholl ein
groartiges Gelchter im Nordtrichter des Pallas. Diese Lsung des schwierigen
Problems erschien Allen so einfach und selbstverstndlich, da man sich garnicht
beruhigen konnte.
    Sofanti sagte ganz erbittert:
    Ich glaube, da uns die kolossale Arbeit ein wenig den Verstand verwirrt
hat. Wir sind zweifellos etwas dumm geworden und sollten uns vor den edlen
Quikkoanern schmen. Die haben jetzt alle Veranlassung, sich ber uns lustig zu
machen. Ich finde das eigentlich beklagenswert.
    Aber der Nax rief da ganz laut:
    Das finde ich garnicht beklagenswert. Wir haben uns ein wenig ntzlich
gemacht. Und deswegen wollt Ihr uns ausschelten? Das ist nicht freundlich von
den Pallasianern.
    Und der Kleine tat so, als wenn er wieder weinen mte. Sein Schluchzen
klang ganz frchterlich.
    Und viele Pallasianer kamen herbei und wollten den Kleinen beruhigen. Er
aber schluchzte nur noch heftiger.
    Da sagte der Lesa:
    Nax! Lach mal wieder!
    Da war der Kleine pltzlich still und sagte dann ganz leise:
    Ich weinte ja garnicht. Ich tat blo so. Ich mu doch immer Unsinn machen.
Ich kann doch garnicht anders.
    Die Pallasianer waren entzckt ber diese Worte des kleinen faustgroen
Quikkoaners.

                              Vierzehntes Kapitel


Es wird zunchst die Verstndigung durch drahtlose Telegraphie errtert. Dann
erzhlt Nax vom Schlsselstern und dessen Attraktionscentrum. Danach wird die
Anziehungskraft drei Meilen ber dem Pallas untersucht; und man bemerkt, da
sich die Centren verschoben haben - nach oben zu. Und so kann man drei Meilen
lange Stahlstangengerste ganz leicht durch Kranvorrichtung nach oben drehen,
soda das nchste drei Meilen lange Stockwerk in kurzer Zeit fertig wird. Biba
unterhlt sich danach mit Lesabndio ber das Verhltnis des Saturnrings und
hnlicher Ringe zu dem Asterodenring. Biba bringt die Lichtwolke ber dem
Pallas mit diesen Ringsystemen in Zusammenhang, und man beschliet, oben die
Wolke des Nachts durch Sofanti-Hute nher zu betrachten. Das geht aber
vorlufig nicht.

Whrend des Turmbaus hatte man bald eingesehen, da eine rasche Verstndigung
oft sehr ntig wurde. Und es gengten die verabredeten Signale nicht mehr. Man
fhrte daher eine Art drahtloser Telegraphie ein, die aber nur bei den Bewohnern
des Pallas mglich ist, die ihren Krper seiner elektrischen Eigenschaften wegen
auch in eine Art Empfnger umbilden konnten; sie gaben dabei ihrer Kopfhaut eine
Form, die aufgespannten Regenschirmen glich. Und mit der so gestellten Kopfhaut
konnten sie die elektrischen Wellen auffangen. Dem Pallasianer fiel das garnicht
schwer, da er ja von verschiedenen Stellen seines Krpers elektrisches Licht
aufleuchten lassen konnte.
    Naxens Idee war den Pallasianern natrlich auch auf dem eben beschriebenen
Wege mitgeteilt worden. Drei kurz aufeinanderfolgende Explosionstne machten die
Pallasbewohner darauf aufmerksam, da eine Neuigkeit, die alle interessieren
mute, mitzuteilen sei. Und wer dann wollte, konnte gleich darauf das Neue
hren. Gedruckte Zeitungen oder photographierte Zeitungen gabs deshalb nicht.
Auf dem Nordtrichter hatte man zehn Stationen errichtet, von denen aus
elektrische Wellen ausgesandt werden konnten. Der Lautwert der einzelnen Zeichen
war allen bekannt.
    Oben auf dem Turm war whrend des Baus nur ein Explosionston das
Alarmsignal.
    Als sich nun Alle einverstanden damit erklrten, da man das nchste
Stockwerk nicht nach oben, sondern nach der Mitte richten mute, da dachten
natrlich alle Pallasianer sehr energisch ber die Art nach, in der das am
besten ausgefhrt werden konnte. Die drei Explosionstne waren immer wieder zu
hren. Und alle saen stundenlang oben im Nordtrichter mit aufgespannter
Kopfhaut da und lauschten auf das, was den Andern einfiel. Und dabei kamen
schlielich sehr viele zum Wort.
    Und man beschlo ziemlich einstimmig, gleich drei Meilen lange Trme
herzustellen. Diese sollten von den vierundvierzig errichteten einfach
herunterhngend zusammengeschmiedet und, wenn sie fertig, durch Kranvorrichtung
nach oben in die waagrechte Stellung hinaufgedreht werden.
    Nun handelte sichs nur darum, darber einig zu werden, wie man zum Schlu
die Spitzen der neuen Trme miteinander verband.
    Bombimba, einer von den jngeren Pallasianern, war immer an Dexens Seite und
half diesem in allen seinen Kaddimohnstahlarbeiten. Bombimba meinte Folgendes:
    Das Allerunbequemste ist bisher zweifellos die Schmiedearbeit hoch oben auf
dem Turmgerst gewesen. Wenn wir nun die vierundvierzig drei Meilen langen
Turmstangen herstellen, whrend die Stangen runterhngen, so haben wir uns ein
gut Teil unsrer Arbeit erleichtert. Jetzt fehlt uns nur noch, da wir den Ring
mit den vierundvierzig Ecken auch unten anfertigen knnen. Ich glaube aber, da
wir das knnen. Sind die vierundvierzig herunterhngenden Turmstangen von je
drei Meilen Lnge durch unsre Kranvorrichtungen hinaufzuwinden, so lt sich der
Ring mit den vierundvierzig Ecken ebenfalls mit Drahtseilen hinaufwinden.
    Dex fand die Idee sehr gut, wollte aber noch weiter darber nachdenken.
Whrenddem kamen Lesa und Biba hinzu mit dem kleinen Nax, und die Fnf
unterhielten sich hoch oben auf einem Nuse-Turm ber das, was sie ber den
Turmbau gedacht hatten. Und whrend Dex umstndlich seine Gewichtsberechnungen
vorfhrte und erklrte, rief pltzlich der kleine Nax:
    Mir fllt etwas Wichtiges ein! Auf unserm Stern Quikko konnten wir mit
unsern Quallenhautlinsen einmal auch einen kleinen Schsselstern beobachten, auf
dem wir eine ganz seltsame Geschichte sahen. Der Stern sah wie eine Schssel
aus. Im Innern der Schssel lebten die kleinen Bewohner des Sterns. Da sahen
wir, da einige der kleinen Leute auf dem Rande der Schssel herumkrochen, und
pltzlich fielen sie nach auen alle hinunter in den Weltenraum. Wir bedauerten
natrlich die kleinen Leute, konnten uns aber den Fall eigentlich nicht
erklren. Da sahen wir denn, da alle Gefallenen tief unter der Schssel in der
Atmosphre pltzlich nicht tiefer sanken; sie schwebten wie Pendel immer nach
verschiedenen Seiten hin und zurck. Und dann wurden vom Rande Taue ausgeworfen,
die ganz grade zu den Gefallenen hinstrebten. Diese ergriffen die Tauenden und
wurden an diesen wieder hinauf an den Rand gezogen.
    Nax schwieg und wackelte mit seinem kleinen Rssel in der Luft herum,
breitete zwei Flgel aus Pallassteinhaut in die Luft und schwebte um die Kpfe
der vier Pallasianer herum. Biba lachte und sagte: Da hat der Kleine wieder mal
eine erlsende Idee gehabt. Er wollte mit seiner Erzhlung nur sagen, da man
niemals so recht wei, von welcher Gegend man angezogen wird. Es wre deshalb
doch das Wichtigste, da wir zunchst untersuchen, ob sich die Anziehungscentren
auf dem Pallas durch unsern, jetzt schon drei Meilen hohen Turmbau nicht
wesentlich verschoben haben. Vielleicht lassen sich die Trme viel leichter
heben, als wir denken.
    Lesa reckte sich fnfzig Meter hoch empor und rief:
    Das mssen wir sofort untersuchen.
    Und so eilten die Fnf zur nchsten Funkenstation, lieen drei mchtige
Schsse ertnen und teilten den Pallasianern mit, da zunchst oben die
Attraktionsttigkeit des Pallas untersucht werden mte.
    Und ein paar Minuten spter waren fast alle Pallasianer mit den flinken
Seilbahnen auf den obersten Ring des Turmes gefahren. Da saen sie nun und
warteten, was Biba sagen wrde. Und der sagte, da sie zur Mitte hinspringen
mten. Und das geschah! Jeder sprang mit seiner ganzen Kraft. Und siehe da:
alle schossen drei Meilen gradaus der Mitte zu, ohne zu sinken. Dann ging es
erst langsam im langgestreckten Parabelbogen nach unten zu. Und der Flug der
Pallasianer wurde immer langsamer, und Biba sah, da sich das Attraktionscentrum
tatschlich verschoben hatte. Es lie sich allerdings nicht feststellen, wo es
eigentlich lag. Vor der Mitte bogen die ganz steif wie Stcke durch die Luft
Fahrenden langsam zur Seite und schwebten dann rckwrts und kamen so in den
oberen Regionen des Kraters wieder zu ihrem Stern, ohne die Flgel zu
gebrauchen.
    Ein allgemeiner Jubel brach nun los. Denn jetzt war es klar, da sich die
drei Meilen langen Stahltrme ganz leicht hinaufwinden lieen.
    Es wurde gleich ein solcher Turm gebaut, und das Hinaufwinden ging ganz
leicht.
    Lesabndio weinte vor Freude.
    Dex aber erklrte, da er jetzt gleich unten an jedem Turm nach beiden
Seiten rechtwinklig zwei starke Stangen anbringen mchte, soda man den Ring mit
den vierundvierzig Ecken nicht extra zusammenzuschmieden brauchte.
    Und in Jahresfrist war der drei Meilen lange schiefe Turm fertig. Man fhrte
ihn nicht ganz horizontal - doch etwas schrg emporgehend, soda jetzt der ganze
Turm fast vier Meilen hoch emporragte.
    Eine allzu groe Erschpfung machte sich nach dieser verhltnismig
leichten Arbeit nicht bemerkbar. Aber alle waren doch der Meinung, da jetzt
abermals eine groe Pause eintreten mte. Und dem konnte man nichts
entgegenhalten. Und so kehrten viele Pallasianer in ihre alten Ateliers zurck
und dachten darber nach, wie sich nun das Weitere entwickeln wrde.
    Die jngeren Pallasianer fuhren in groen Scharen zur Turmhhe hinauf und
machten dort Flugversuche. Leider muten diese in der Nacht, wenn die Wolke
alles finster machte, unterbleiben, da die Wolke nach wie vor unnahbar blieb und
den oberen Teil des Turmgerstes immer wieder knisternd und zuweilen auch Funken
sprhend umspann.
    Eines Tages sa Lesabndio mit Biba ganz hoch oben auf dem zuletzt
geschmiedeten Ring auf einer der vierundvierzig Verbindungsstangen. Beide
blickten in die grne Sternenwelt hinein und freuten sich ber den
dunkelvioletten Himmel und ber die geheimnisvolle Lichtwolke hoch ber ihnen.
    Grade hier in diesem Asterodenring, in dem wir leben, sagte Biba, ist
von einer Gesetzmigkeit so wenig zu bemerken; wir sehen immer wieder neue
seltsame Anziehungsverhltnisse in den einzelnen Asteroden, und diese tun so,
als nhmen sie garnicht weiter Notiz voneinander. Hier ein Gemeinsames entdecken
- das wre eine groe Aufgabe.
    Lesabndio sagte hastig: Du denkst immer wieder an die greren
Verhltnisse. Du hast immer gleich das ganze Sonnensystem mit allen Planeten im
Auge. Wir haben aber doch Rtsel, die uns nher liegen.
    Halt! sagte da der Biba, wir knnen den Pallas nicht so einfach loslsen,
er gehrt einem System an. Und in diesem System gehren wieder die Asteroden
zweifellos zusammen. Du darfst nicht das Ganze so leichthin aus dem Auge lassen,
sonst wird Dir auch das Nherliegende immer rtselhafter werden. Findest Du
nicht, da wir viel zuwenig ber die Attraktionskrfte auf unserm Stern
nachdenken? Wir gewhnen uns in dieser Beziehung zu leicht an die allergrten
Wunder. Frher fiel ein Stein, den wir durch unser Centralloch in der Mitte
unsres Sternrumpfes warfen, fast immer durch und suchte erst im Sdtrichter die
Trichterwnde zu erreichen. Wenn wir heute, wie ich es neulich mehrfach
versuchte, einen Stein durchwerfen wollen, so fliegt er immer schon im Loch
selber an die Wand, geht durch das Loch nicht mehr durch. Das ist doch seltsam.
    Was hat das aber, fragte Lesa, mit den anderen Asteroden zu tun? Ich
denke, da das mit dem Kaddimohnstahl hier auf unserm groen Turm
zusammenhngt.
    Oder mit der Wolke! versetzte Biba.
    Beide schwiegen eine Weile.
    Dann fuhr Biba also fort:
    Wenn wir fr dieses Rtsel eine Erklrung haben wollen, so mten wir doch
zusehen, ob sich nicht auf anderen Asteroden hnliches ereignet. Wir bemerken,
da sich im Pallas ein Zusammenziehen von Rumpf- und Kopfsystem anbahnt. Der
Kopf will zum Rumpf oder umgekehrt. Und so verndert sich das Centrum des ganzen
Systems. Nun meine ich aber, da sich zwischen den einzelnen Asteroden etwas
hnliches vorzubereiten beginnen knnte. Ich ahne so was. Du kennst den groen
Planeten, den auch wir mit so vielen andern Planetenbewohnern Saturn nennen. Der
Saturn hat ein ganz regelmiges und ganz intensiv zusammenhngendes Ringsystem,
in dem Millionen kleiner Sterne zusammen dahinkreisen. Knnte der Asterodenring
nicht auch das Bestreben haben, mal so innig zusammenzukommen? Kopf und Rumpf
des Pallas wollen schon zusammenkommen. Ist das nicht ein Zeichen dafr, da
eigentlich alle Asteroden zusammenkommen wollen? Sie ziehen momentan noch zu
fern voneinander ihre Bahn. Der Stern Erde hat doch auch einen Ring von kleinen
Sternen um sich - und an der Sonne sehen wir doch etwas hnliches. Wenn diese
Sterne auch sehr klein sind - Pendants zum Saturnring bilden sie trotzdem. Nur
wrde der Asterodenring tausendmal grer werden als die andern Ringe. Diese
sind aber zweifellos durch den willkrlichen Eigenwillen der greren Planeten
entstanden; Saturn und Erde und die meisten andern Planeten sind doch als
ebensolche Sonnen zu betrachten wie unsre Centralsonne eine ist. Diese hat die
andern Sonnen nur dadurch in ihre Nhe gebracht, da sie ein bergroes Ma von
Lebensenergie entwickelte. Die zieht immer an - natrlich nicht so wie ein Stein
von unsrer Trichterwand angezogen wird. Die Centralsonne hlt auch gleichzeitig
die andern Sonnen, die Planeten wurden, in respektvoller Entfernung, damit kein
Zusammensto stattfindet. Das finden wir auch wieder bei den kleinen Planeten,
die sich um die groen drehen und die wir Monde nennen. Der Grere hlt immer
die kleineren zurck. Aber diese kleineren knnen untereinander enger aneinander
kommen, wie das die Saturn-, Erde- und Sonnen-Ringsysteme zeigen. Ein hnliches
Ringsystem mssen auch die Asteroden bilden - sie knnen es wenigstens. Darum -
werde nicht ungeduldig! - mssen wir den Zusammenhang mit unserm Kopfsystem
frdern - das heit: wir mssen die Spinngewebewolke nher untersuchen.
    Das war aber umstndlich! rief da der Lesa.
    Biba aber fuhr fort:
    Unterschtze meine umstndliche Rede nicht. Denke darber nach. Wenn Du
Dich einst mit dem Kopfsystem des Pallas als eines fhlen willst, so mut Du
auch wissen, was dieses Kopfsystem in erster Linie im Auge hat. Nicht nur mit
dem Rumpfsystem will sich dieser seltsame Kopf inniger verbinden - auch mit den
andern Asteroden. Das ist meine Meinung.
    Ich werde, versetzte Lesa rasch, sehr energisch darber nachdenken. Ich
danke Dir. Dein Blick ist weit - sehr weit - weiter als der meine. Ich sehe
immer nur das Nchstliegende. Aber ich hoffe, da ich bald anders werde.
Jedenfalls wre das Erste jetzt, da wir durch Haut verdeckte Bandbahnen hier
oben vier Meilen ber unserm Sternrumpf herstellen.
    Selbstverstndlich, versetzte Biba, wre das das Erste. Vergi aber das
Weitere nicht. Nun wollen wir zum Sofanti fahren, damit er uns die Bandbahnen
hier oben mit Haut umhllt. Durch diese Haut wollen wir dann das Spinngewebe
beobachten.
    Beide fuhren zum Sofanti und die Bandbahnen wurden so hergestellt, da die
Pallasianer sich auch oben aufhalten konnten, wenn die Wolke von oben
herunterkam und Nacht auf dem Pallas machte.
    Aber als vier solcher Bahnen oben fertig waren, zeigte es sich, da die Haut
nicht durchsichtig genug war; man sah wohl die sehr beweglichen Spinngewebefden
- konnte aber die einzelnen Teile des Gewebes nicht deutlich erkennen. Man
versuchte, das Gewebe durch Scheinwerfer zu durchleuchten. Aber das hatte gar
keinen Zweck, da sich das Gewebe dem Licht gegenber pltzlich ganz starr
verhielt - als wenn es zusammenfror. Das Gewebe machte gar keinen interessanten
Eindruck im elektrischen Licht; das Gewebe wurde leblos - whrend es
unbeleuchtet an Bewegung nichts zu wnschen brig lie.
    Nun verlangten alle von Sofanti, da er ganz durchsichtige Hute herstellte.
Das nahm aber sehr viel Zeit in Anspruch - so viel Zeit, da Dex den Vorschlag
machte, doch zunchst mal weiterzubauen. Sofanti sollte in seinen Experimenten
nicht gestrt werden.
    Biba sagte:
    Da das Gewebe nichts Lebloses ist, scheint mir ganz klar zu sein. Aber
gespannt bin ich, wie es eigentlich lebt. Vielleicht - haben wir in diesem
Gewebe lebendige Lebewesen des Pallaskopfes vor uns.
    Selbst Peka mute zugeben, da der Turm nicht umsonst gebaut wre, wenn es
mglich wurde, durch diesen Bau hinter das groe Geheimnis der groen Lichtwolke
zu gelangen.

                              Fnfzehntes Kapitel


Peka, Labu und Manesi sind in melancholischer Resignationsstimmung; sie klagen,
da ein Nutzbau, alle knstlerischen Interessen verdrngt habe. Aber der Turm
bekommt abermals ein neues Stockwerk, das ganze Werk ist jetzt fnf Meilen hoch,
und der oberste Ring hat nur noch einen Durchmesser von sechs Meilen. Und nun
entdeckt man, da die Lichtwolke aus unzhligen Lebewesen mit kleinen Kpfen
besteht. Man will sich diesen mit Hilfe der Quikkoaner verstndlich machen.
Aber das milingt. Dex will darum nicht mehr weiterbauen. Aber Sofanti erklrt,
da er das gengende Hautmaterial hergestellt habe, und da wird Dex so weit
umgestimmt, da er sich Bedenkzeit ausbittet.

Eines Tages saen nun Peka, Labu und Manesi auf dem obersten Rande des kleinen
Modellturms nicht weit ab vom Centralpunkt des Pallasrumpfes. Die Drei saen da
und rauchten ihr Blasenkraut und blickten nach oben. Sie hatten ihren
Unterkrper mehrmals schraubenfrmig um den Kaddimohnstahl gewickelt und lehnten
den Oberkrper gegen den Unterkrper; ihre braune Molluskenhaut mit den gelben
Flecken glnzte im Lichte der Spinngewebewolke. So saen sie da, rauchten und
schwiegen und sahen nach oben in das groe neue Turmgerst hinein.
    Sehr heiter sind wir nicht! meinte Labu nach einiger Zeit.
    Und dazu sagte nach einer guten Weile der Peka:
    Dazu haben wir auch wahrhaftig nicht die geringste Veranlassung.
    Alle Drei rauchten heftig, da viele tausend Blasen - auch ziemlich groe -
langsam emporstiegen und in vielen Farben opalisierten wie Seifenblasen auf dem
Erdstern.
    Manesi sagte dann:
    Ich htte eigentlich keinen rechten Grund zur Klage. Das Gerst da oben
knstlerisch zu beleben, wre ja eine natrliche Aufgabe fr mich. Da lassen
sich berall an groen Drahtseilen Guirlanden anbringen; die Stoffe fr das
Wurzelwerk der Pflanzen lieen sich wohl in hngenden Schalen einpflanzen. Alles
wrde wohl mglich sein. Das Gerst knnte da oben mal zu einem prchtigen
Blumenstck gemacht werden. Aber - wann soll das geschehen? Vorlufig ist doch
noch lange nicht daran zu denken. Zunchst hat da oben immer nur der liebe Dex
das beherrschende Wort, und er will immer die grere Hhe erreichen, um da das
Rtsel unsres Lebens zu lsen. Und wenn der Stahlturm fertig ist, so hat Sofanti
mit seinen Steinhuten alle Hnde voll zu tun. Und an mich wird man noch lange
nicht denken. Vor mir kommt auch noch der Nuse mit seinen Laternenknsten, die
auch so viel Zeit in Anspruch nehmen drften, da das, was ich durchsetzen
knnte, garnicht bemerkt werden kann. Sollen da oben tausend Schlinggewchse
durcheinander wachsen, so ist dazu so viel Arbeit ntig, da ich nicht mehr zu
glauben vermag, ich knnte das jemals erleben.
    Ich aber, rief Peka heftig, bin fast ganz und gar berflssig. Aus den
Drahttrmen kann ich keine kompakten Steingebilde machen.
    Das wrde, versetzte Labu, uns auch die Aussicht nehmen. Ich bin sogar
der Meinung, da Schlinggewchse da oben garnicht mglich sind; sie wrden uns
doch das Licht der Wolke oben verdecken - wir htten dann keinen ordentlichen
Tag mehr auf dem Pallas.
    Was aus der Wolke oben wird, sagte Manesi mde, wissen wir auch nicht.
Ich glaube nicht, da der Turm so einfach durch die Wolke durchzustechen ist.
    Die rein knstlerischen Dinge, sagte Labu, werden auf dem Pallas nicht
mehr geschtzt. Was ich in runden und unregelmig gebogenen Formen an dem
Gerst anbringen mchte, das will der Dex nicht haben. Er behauptet, da er die
Tragkraft des Gerstes nicht so gro machen knnte, um die plastische
Ausgestaltung der Stangenverbindungen zu gestatten - so gro sei die Menge des
Kaddimohnstahls nicht, hat er mir oft genug gesagt. Ich glaube sogar, da der
Dex die Belastung durch Schlingpflanzen auch nicht fr mglich hlt.
    Wir sind, sagte Peka traurig, auf dem Pallas sehr berflssig. Wir knnen
unsre knstlerischen Plne nicht wirkungsvoll zur Ausfhrung bringen. Was wir in
den Wnden des Nordtrichters anbringen knnten, wrde immer verschwindend und
wirkungslos bleiben. Der Nutzbau hat den Kunstbau verdrngt. Die
wissenschaftliche Neugier ist mchtiger gewesen als die knstlerische
Schpferkraft. Ich glaube nicht, da ich das lange berleben werde. Meine Plne
kommen ins Museum fr veraltete Kunstphantasie. Meine Gedankenwelt lst sich
langsam auf, da ich nicht mehr daran glauben kann, da ich jemals nennenswerte
Formnderung im Pallas durchsetzen knnte.
    Wieder schwiegen die Drei, und ihre Rauchblasen stiegen langsam zum hohen
Turmgerst empor und funkelten oben im blendenden Licht der Spinngewebewolke.
    Und von vier Trmen aus rollten nun hoch oben drei Meilen lange Stangen zur
Mitte zu; Dex fhrte die nchste Etage zur Wolke empor.
    Die Arbeit nahm dieses Mal lange nicht soviel Zeit in Anspruch, wie man
geglaubt hatte. Und bald stand auch das fnfte Stockwerk hoch oben unter einem
Winkel von fnfundvierzig Grad. Jede der vierundvierzig Stangen hatte ganz unten
rechts und links wieder im rechten Winkel zwei krzere Stangen gehabt, die sich
oben, nachdem alle Stangen hinausgedreht waren, aneinanderschlossen und so
abermals einen Ring mit vierundvierzig Ecken bildeten. Dieser Ring war garnicht
mehr gro zu nennen; er hatte einen Durchmesser von sechs Meilen, soda man
leicht von einer Seite zur andern fliegen konnte. Das lie sich natrlich nur am
Tage durchsetzen. Nachts ging die Spinngewebewolke ganz tief hinunter bis in die
Mitte des dritten Stockwerks.
    Im Ganzen hatte man jetzt eine Hhe von fnf Meilen erreicht. Die Hlfte des
Turms war vollendet. Alle glaubten, da jetzt die Hauptarbeit getan sei. Und es
entstand eine sehr freudige Stimmung, die nur von Peka, Labu, Manesi und ihren
Anhngern nicht geteilt wurde; die waren trauriger als je, und das bedrckte die
Andern.
    Whrenddem aber hatte es Sofanti glcklich fertig gebracht, ganz
durchsichtige Hautstcke herzustellen. Doch viel von diesen ganz durchsichtigen
Hautstcken existierte noch nicht. Immerhin - das Wenige gengte ja zu
Beobachtungszwecken. Und so wurden durchsichtige Hautstcke in den
Bandbahnbedachungen des obersten Ringes untergebracht - und die Beobachtung der
Spinngewebewolke konnte beginnen.
    Es hatten an den Beobachtungsstellen nur zwanzig Pallasianer Platz. Und die
sahen nun bei Anbruch der nchsten Nacht mit teleskopisch vergrerten Augen
durch die kleinen Hautfenster in die dunkle Spinngewebewolke hinein und lieen
Scheinwerfer durch die Wolke durchgehen. Das Gewebe wurde wieder leblos und
starr wie bei der ersten Beobachtung. Man zog daher die Scheinwerfer zurck und
versuchte, im Dunkeln etwas zu erkennen. Da sah man aber garnichts. Danach
machte man in der Beobachtungsstation ganz vorsichtig etwas Licht und verstrkte
das Licht allmhlich.
    Und da sah man pltzlich ganz kleine, winzig kleine Kpfchen in der Wolke -
Kpfchen mit ganz spitzen, dunkelvioletten Stielaugen.
    Jetzt wissen wir genug! rief der Biba. Und man sah auf allen vier
Stationen, von denen aus beobachtet wurde, die winzig kleinen Kpfchen mit den
dunkelvioletten Stielaugen.
    Die Beobachter verstndigten sich rasch drahtlos, da sie unten
zusammenkommen wollten. Und auf den Bandbahnen fuhren sie hinunter zum ersten
Stockwerk. Auf der Spitze jenes Turms, den Nuse zuerst eine Meile hoch erbaute,
versammelten sich die Zwanzig, um die groe Entdeckung zu besprechen.
    Wir haben also, sagte Biba, endlich entdeckt, da unsre groe Wolke keine
leblose Masse ist. Es ist von uns endlich festgestellt, da wir hier ganz feine
Lebewesen vor uns haben, von denen wir vielleicht sehr viel lernen knnen.
Indessen - da diese Wolke zur Tageszeit leuchtet, das ist nach meiner Meinung
nicht abhngig von diesen zarten Wesen; dieses Leuchten wird wohl nur durch die
Nhe des kometarischen Lichtes im Kopfsystem unsres Sterns erzeugt. Wie das
allerdings erzeugt wird, das wissen wir nicht - wissen wir nicht - wie so viele
andre Dinge. Wir leben in einer sehr rtselvollen Welt. Aber wir brauchen nicht
ungeduldig zu werden, da uns diese Welt so viele Rtsel aufgibt. Wrden wir zu
viele dieser Rtsel auf einmal lsen, so knnten wir ganz bestimmt diese Flle
der neuen Erscheinungen nicht ertragen. Wir haben schon an dem, was wir erleben,
reichlich genug. Wenn wir nicht so trockene Naturen wren, knnten wir das
Erlebte ganz bestimmt nicht berleben. Die Vernderung der Lage des
Attraktionscentrums ist schon wunderbar genug. Die feinen Spinngewebefden mit
den winzig kleinen Kpfen und deren dunkelviolette Stielaugen sind noch
wunderbarer als alles Bisherige. Wir haben jedenfalls den Bau unsres Turms nicht
zu bedauern. Er hat uns in eine neue hhere Atmosphre gebracht. Jetzt wollen
wir zusehen, was wir von den kleinen Kpfen mit den dunkelvioletten Stielaugen
erfahren knnen; vielleicht sind sie klger als wir alle zusammen. Wundern wrde
ich mich auch darber nicht.
    Das Gewaltigste, rief da der Lesabndio, mu aber jedenfalls das
Kometensystem hoch oben ber uns sein. Von dem knnen wir bestimmt noch mehr
erfahren als von den kleinen Kpfchen mit den Stielaugen.
    Das geht aber nicht, sagte da der Dex, der Lesa hat keine Ruhe mehr. Er
will immer nur, da wir weiterbauen. Und wir haben doch zunchst einmal ein
Resultat erzielt. Damit mssen wir uns doch erst abfinden. Lesa hat eine Unruhe
in sich, die uns ganz heftig machen knnte.
    Verzeiht! Verzeiht! rief da der Lesa.
    Und nun wurden zuerst die Stationen fr die Fernschalter in Bewegung
gesetzt. Dumpf knallten die Explosionstne durch die Nacht, und alle Pallasianer
richteten ihre Kopfhaut den Stationen zu und hrten nun, was man entdeckt hatte.
    Und darauf flogen alle Pallasianer wild durch den Nordtrichter - und dann
zum Turm hinauf. Alle wollten die Kleinen sehen. Und - man sprach sehr eifrig
darber, wie man sich wohl mit den Kleinen verstndigen knnte. Und man dachte
natrlich gleich daran, den Quikkoanern den Auftrag zu geben, ein paar
Verstndigungsmanver einzuleiten. Nax mit den Seinen war selbstverstndlich
gern bereit, erklrte aber gleich, da er die Ahnung habe, hier vor unmglich
lsbare Aufgaben gestellt zu sein.

Doch man begann: Nax lie sich in einer Hautblase tief in die Wolke
hineinstecken; die Hautblase war durchsichtig und durch einen langen, durch
Draht versteiften Schlauch mit der durch Hute geschtzten Beobachtungsstation
verbunden - Nax konnte durch den Schlauch leicht zurckkommen, wenn die
durchsichtige Hautblase, die ziemlich gro fr Naxens faustgroen Krper war,
verletzt werden sollte.
    Die Hautblase, in der sich Nax befand, war ebenfalls durch feinen Draht
versteift.
    Nax vernderte nun seinen Krper, machte ihn fadenfrmig, gab sich einen
ganz kleinen Kopf und zwei lange Stielaugen, und diese lie er elektrisch
aufleuchten. Auf der Beobachtungsstation war alles dunkel. Und dort sah man
jetzt erst den kleinen Nax im Lichte seiner Stielaugen, die blarot leuchteten.
Die kleinen Kpfe aus der Wolke kamen jetzt zu Hunderten nher, und die kleinen
dunkelvioletten Stielaugen der Wolkenwesen legten sich vorsichtig an die Wnde
der Hautblase. Und nun vernderte der kleine Nax seinen Krper, machte ihn
spiralfrmig, er drehte sogar das eine Auge, da es spiralfrmig aussah. Die
kleinen Kpfe auerhalb der Blase flogen hin und her und schienen sich lebhaft
zu unterhalten. Aber es whrte nicht lange - dann verschwanden sie pltzlich
allesamt und lieen sich nicht mehr sehen.
    Nax konnte nun in seiner Blase hinkommen, wohin er wollte - die kleinen
Kpfe blieben unsichtbar - nur das Spinngewebe schien in ngstlicher Bewegung,
wenn der Quikkoaner nher kam. Und dann zog sich auch das Spinngewebe zurck.
Und man sah garnichts.
    Die Experimente wurden fnf Nchte hindurch immer wieder mit neuen Blasen
fortgesetzt - und immer wieder erfolglos.
    Da sagten die Pallasianer allesamt:
    Wir mssen es aufgeben! die Kleinen sind viel zu scheu.
    Und man gab es auf.
    Lesabndio sagte zum Dex:
    Du nennst mich so unruhig. Und ich glaube doch, da es das Beste ist, wenn
wir mit dem Bau des Turms fortfahren. Das Wichtigste erfahren wir doch erst da
oben. Und wenn wir schon die Hlfte des Turms gebaut haben, so knnen wir doch
jetzt nicht mehr aufhren. Da wir uns der Spinngewebewolke nicht weiter nhern
knnen, zeigt doch, da wir weiterbauen sollen.
    Das sagst Du alles so ruhig! rief der Dex, aber ich habe die grte
Arbeit zu leisten. Und ich mu gestehen, da ich beinahe mde werde.
    So warten wir, bis Du wieder frisch bist! sagte der Lesa.
    Und dann kam der Biba und trstete den Dex.
    Dex aber sagte schlielich:
    Es kommt mir doch beinahe seltsam vor, da wir uns eine riesige Arbeit
aufladen, ohne eigentlich zu wissen, warum wir das tun. Anfnglich wollten wir
unsern Stern knstlerisch ausbilden - Rhythmik in Flchen und Rume
hineinbringen. Und dann kam pltzlich der Lesa vom Stern Quikko und erzhlte
uns, da wir ber unsrer Lichtwolke ganz sicher ein Kopfsystem unsres Sterns
htten. Die Quikkoaner besttigten Lesas Erzhlung. Und wir waren pltzlich
alle so fr dieses kometarische Kopfsystem begeistert, da wir den Turm bauten.
Aber zufrieden sind wir jetzt trotzdem alle nicht mehr mit dem Bau. Wir wissen
ja jetzt, da unsre Lichtwolke aus lebendigen Wesen besteht. Die fliehen uns
aber. Was haben wir also von unsrer neuen Erkenntnis? Wird es uns nicht ebenso
gehen, wenn wir oben das Kopfsystem von Angesicht zu Angesicht sehen? Wir wissen
noch nicht einmal, ob in diesem kometarischen Kopfsystem irgendetwas enthalten
ist, was unsrer Kopfform entspricht. Knnen wir hoffen, da wir da oben
weiterkommen, wenn wir bis da hinaufgelangen? Man bestrmt mich von allen
Seiten, da ich doch mit dem Turmbau aufhren mchte. Man will wieder
knstlerische Plne versuchen. Peka, Labu und Manesi tun mir leid. Man will im
Allgemeinen nicht mehr mit. Und ich kann doch allein die Widerstrebenden nicht
mitreien - zumal ich garnicht mehr wei, warum wir weiterbauen wollen.
    Nun kam auch Sofanti zu den Dreien und erzhlte, da er jetzt endlich so
viel Haut habe, um einen vier Meilen hohen Turm zu umhllen, wenn er im
Durchmesser nicht strker als eine halbe Meile sei.
    Dex schwieg.
    Doch als die drei Andern immer dringlicher wurden, bat er einfach um
Bedenkzeit.
    Biba meinte:
    Wir wollen nicht verzagen; Dex wird sich schon klarmachen, da jetzt ein
Zurcktreten von unserm groen Plane, nachdem wir so weit gekommen sind,
eigentlich ganz widersinnig ist.
    Lesa und Sofanti waren bald derselben Meinung.

                              Sechzehntes Kapitel


Biba spricht wieder mit Lesa ber die Lichtwolke. Als diese runterkommt,
entsteht auf allen Bergspitzen des Nordtrichterrandes ein groes
Phosphoreszieren, wodurch die Pallasianer fast smtlich nach oben gelockt
werden. Manesi und Labu wollen dann eine riesige Blumenampel ins
Attraktionscentrum hngen, ohne den Turm zu belasten. Das geschieht. Und der
Turm wird zu einem Lichtfestturm. Ein Komet kommt vorbei und erhellt die
Spinngewebewolke in der Nacht - so wie die Wolke am Tage vom Kopfsystem des
Pallas erleuchtet wird. Dieser wunderbare Zusammenhang fhrt den Dex zum
Weiterbau des Turms. Nax bekommt Heimweh und mchte auch zur Erde. Biba erzhlt
ihm etwas Wichtiges vom Jupiter.

Drei Tage spter saen Biba und Lesa am Fue eines Nuse-Turms oben am
Nordtrichterrande auf einem der glatt polierten rechteckigen Felsblcke, die
Peka dort hingebracht hatte, um Haut darauf - wachsen zu lassen.
    Die Saugfe der beiden Pallasianer saen fest auf dem glatten Stein, soda
sich ihre Krper leicht nach vorn und rckwrts biegen konnten; taten sie das
Erstere, so blickten sie hinab in das gigantische Schluchtenreich des
Nordtrichters, bogen sie den Kopf zurck und nach oben, so konnten sie zum
groen Turm hinaufblicken. Die Lichtwolke wurde oben fleckig; sie mute bald
hinunterkommen.
    Und Biba sagte langsam:
    Man kann dem Dex das Zgern nicht belnehmen. Eigentlich ist ja der Turm
nur ein groes Sprungbrett fr Lesabndio. Fr Dich, lieber Lesa, wird der ganze
Turm gebaut. Du willst oben in das Kopfsystem des Pallas - mit ihm eins werden.
Du willst nicht in einem anderen Pallasianer mal aufgehen. Du willst oben in dem
groen Kometensystem aufgehen - willst selbst ein Komet werden.
    Will ich das? fragte Lesa leise.
    Biba nickte und tausend Falten zuckten glitzernd ber sein Gesicht.
    Und da kam die Lichtwolke herunter und wurde dunkel, gleichzeitig aber
bekamen alle Bergspitzen des Nordtrichterrandes einen phosphoreszierenden Glanz
- und Funken spritzten von den hchsten Bergspitzen ab. Und das whrte eine gute
Weile, soda es alle Pallasianer sahen und in Scharen hinaufkamen zum groen
Turm.
    Das neue Wunder wurde eifrigst besprochen. Und man dachte lange nicht an den
Schlaf auf den Pilzwiesen.
    Natrlich brachte man die seltsame Erscheinung mit den kleinen Kpfchen in
der Lichtwolke zusammen. Zu diesen gehrten zweifellos sehr lange, ganz feine
Fadenkrper, deren Struktur allerdings nicht weiter erforscht werden konnte.
Aber dieses Aufleuchten der Bergspitzen hielt man doch fr eine Antwort der
scheuen Wolkenwesen; diese Antwort konnte allerdings Niemand entrtseln.
    Doch die Folge dieser Antwort war, da jetzt alle Pallasianer nur noch auf
dem groen Turm leben wollten. Im Sdtrichter sah man schon seit langer Zeit
sehr selten einen Pallasbewohner, auch im unteren Teile des Nordtrichters lie
sich selten einer sehen. Nur wenn alle schlafen wollten, kamen die Pallasianer
zu den Pilzwiesen hinunter, die unten im Nordtrichter und im Sdtrichter lagen.
Selbst die Sofanti-Musik im Centralloch wurde vernachlssigt. Man mute sogar
oben auf den Nuse-Trmen neue Scheinwerferuhren anbringen, da die tiefer
gelegenen von oben aus nicht ordentlich gesehen werden konnten.
    Das Interesse fr den Lesa-Turm wird wieder grer werden! sagte der Biba.
    Und der Lesa nickte dazu und wurde sehr ernst, er sagte traurig: Ob ich
nicht zuviel will? Du hattest vorhin meine innersten Gedanken erraten. Ja - ich
will so, wie Du sagtest. Ich will ein Komet werden. Aber - so darf man wohl
nicht sagen. Eins mit ihm werden - mit dem groen Lenker unsres Lebens! Aber -
ist das nicht zuviel? Ich wei nicht, ob es mglich ist.
    Fr mich, sagte Biba rasch, wrs zuviel. Doch ich mchte, da Du das
ausfhren knntest - was ich nicht kann. Der Khnste empfindet doch immer das
grte Glck. Das vergi nicht. Der Klgste ist nicht so leicht zum grten
Glcksempfinden hinzuleiten; er ist kleinlich und bedenklich. Du aber sollst
keine Bedenken in Dir aufkommen lassen.
    Du schickst den Dummen voran! sagte Lesa leise.
    Den Khnen, lieber Lesa, will ich voranschicken. Ich habe nicht gesagt, da
der Khne dumm sein mu. Da er nicht der Klgste zu sein braucht, das wollte
ich allerdings feststellen. Das darf Dich also nicht krnken.
    Tuts auch nicht, erwiderte der Lesa, sehr klug erscheine ich mir selber
nicht. Ich werde getrieben - von unbekannten Mchten - immerzu gradaus - zur
Hhe empor. Und deswegen mut Du Alles daransetzen, da die Pallasianer das
Leben oben auf dem Turm immer mehr schtzen lernen. Dex wird umgestimmt, wenn er
sieht, da alle sich oben sehr wohl fhlen - und wohl auch hher mchten.
    Gut! gut! erwiderte Biba, ich habe schon das Meinige getan. Ich habe ein
Bchlein ber den Flgelwert der Pallasianer photographieren lassen. Auerdem
lie ich auch etwas ber die grandiosen knstlerischen Perspektiven, die sich
vom Turm aus erffnen, photographieren. Der kleine Nax macht ein Flugblttchen
ber die kometarische Geschwindigkeit unsrer Seilbahnen oben auf dem Gerst.
Jeder Turm ist ja jetzt neun Meilen lang im Ganzen. Die Schiefe der Trme gibt
auch einen famosen Blick nach oben und nach unten und in den Sternhimmel hinein.
Die langsameren Bandbahnen zu benutzen, ist oben am Tage doch ein Genu
knstlerischer Art. Die Pallasianer werden schon wieder Vertrauen zum Turmbau
bekommen.
    Ich danke Dir! sagte Lesa weich.
    Biba jedoch fuhr eifrig fort:
    Ich habe den Dex auch darauf aufmerksam gemacht, da die langen Stangen fr
das nchste Stockwerk am besten auf Rdern weitergefhrt werden, die oben auf
den schon festgemachten Turmstangen laufen. Radsysteme haben wir eigentlich nur
in den Rollen der Bandbahnen. Die Rder sollten wir beim Bau noch fters
verwenden. Ich wundre mich sehr, da wir das noch nicht getan haben. Immer
wieder sehe ich, da die Klgsten so hufig das Nchstliegende nicht sehen und
sich alles schwieriger machen, als ntig ist. Ich fange an, die Klugen zu
bemitleiden.
    Das dachte ich auch schon sehr oft! sagte der Lesa.
    Und dann fuhren die Beiden rasch nach oben, allwo so viele Pallasianer in
der Luft herumflogen, da Biba lcheln mute.
    Wie schnell bei uns ein kleines Bchlein wirkt! rief er laut aus. Die
Lichtwolke schien ganz hell, und Manesi mit Labu hatten Bibas Ausruf gehrt, sie
kamen herbei und fchelten lebhaft mit ihrer Kopfhaut.
    Ist es nicht seltsam, rief der Manesi, da wir noch nichts im
Attraktionscentrum angebracht haben?
    Was sollen wir denn da anbringen? fragte pltzlich lachend der Lesa.
    Da hngt doch, sagte Labu, eine ganz schwere Last - so gut wie von
selbst. Der Pallasianer sinkt nicht, wenn er in der Mitte fliegt. Folglich sinkt
auch eine schwere Last nicht, die an Seilen hngt.
    Ich merke was! rief Biba, Ihr wollt wohl Manesi-Pflanzen in die Mitte
hngen, nicht wahr?
    Wir wollen, sagte Manesi, das Gerst nicht belasten und trotzdem da in
die Mitte was hineinhngen. Labu und ich - wir haben doch noch nichts am Turm
anbringen knnen. Wir mchten eine Blumenampel in die Mitte hngen. Labu will
die Ampel machen in groen knolligen und in bogenartig aufgebauschten Formen -
mit Kugeln und Henkeln - Trauben und Schalen. Ihr wit ja - so wie es Labu gern
mchte. Wie gro die Ampel werden soll - mssen wir natrlich vorher
ausprobieren. Wir nehmen die Seile aus dem Sdtrichter. Und die Magnete knnen
wir wohl auch in der Ampel anbringen. Das kann eine halb schwebende Insel
werden. Die Blumen in Guirlandenform und die Stoffe fr die Wurzelnahrung
besorge ich. Seid Ihr einverstanden?
    Selbstverstndlich! rief der Biba, und der Lesa sagte das auch. Und kurze
Zeit darauf waren alle Pallasianer mit der Manesi-Labu-Ampel einverstanden.
    Und man konnte ihr einen Durchmesser von dreihundert Metern geben. Soviel
blieb im Attraktionscentrum schwebend, ohne den Turm erheblich zu belasten. Dex
sagte zu Biba, nachdem er alles berechnet hatte:
    Eigentlich knnte die Ampel noch dreimal so schwer sein. Aber ich will
sicher gehen. Jetzt knnen wenigstens die Guirlanden ruhig weiter wachsen an den
Seilen.
    An acht Seilen wurde die Ampel befestigt. Und die Pallasianer umschwebten
alle diese schwebende Insel. Und viele Pallasianer saen auf dem Rande der Ampel
und unter dem Rande in den trefflichen plastischen Arbeiten des Labu. In der
Mitte der Ampel oben wurde eine kleine Pilzwiese angelegt, auf der immer nachts
ein paar hundert Pallasianer schlafen konnten. Sie priesen dann immer die
Morgenstimmung mit so groer Begeisterung, da die Ampel schlielich ein
Mittelpunkt fr das ganze gesellige Leben auf dem Pallas wurde - Scheinwerfer
brachte man ebenfalls am Ampelrande an. Und die Magnetsteine wurden fr ein paar
Seilbahnen verwertet, die direkt zum obersten Stockwerk hinauffhrten.
    Ringsum im ganzen Turm brachte man Lampions an, die aus durchsichtigen
bunten Sofanti-Huten hergestellt waren; Glas verwendete man nicht - seiner
Schwere wegen.
    Und so wurde der ganze Turm mit all den leuchtenden Nuse-Trmen zusammen ein
einziger groer Lichtturm.
    Und der Nachtbeginn, wenn die Bergspitzen unten phosphoreszierend
aufglnzten, wirkte immer berauschender.
    Nun gabs allabendlich stets ein groes Lichtfest, und man kam vom Turm nur
noch herunter, wenn mans ntig hatte, unten auf den Pilzwiesen zu schlafen.
    Auf der Ampelwiese schliefen in jeder Nacht andere Pallasianer, soda bald
alle mal da oben geschlafen hatten.
    Es hatte somit den Anschein, da ein Weiterbau des groen Turms jetzt weiter
keine Schwierigkeiten haben knnte. Und Dex wurde besonders von Sofanti und Nuse
bestrmt, doch nicht weiter zu zgern.
    Dex aber hielt sich trotz allem zurck und wollte nicht mit der Sprache
heraus.
    Da trat ein Ereignis ein, das der Gedankenrichtung der Pallasianer pltzlich
eine ganz andere Wendung gab: ein groer Komet erschien und schwebte ganz dicht
neben dem Pallas vorber. Und dabei geschah etwas Ungeheuerliches: als die
Lichtwolke eines Nachts herunterkam - wurde sie nicht dunkel wie sonst; das
Kometenlicht machte die Wolke auf der einen Seite fast genauso hell wie am Tage,
wenn die Wolke oben hing.
    Hieraus ging fr alle Pallasianer deutlich hervor, da oben ber der Wolke
nur ein Komet das groe Licht spenden knnte - ein gefesselter Komet.
    Da wurde der Dex von so vielen Pallasianern zum Weiterbau des Turms
aufgefordert, da er sich beim besten Willen nicht weiter weigern konnte.
    Und so beschlo der Dex, das nchste Stockwerk - und zwar nochmals gleich
drei Meilen lang - unter einem Winkel von fnfundfnfzig Grad herzustellen.
    Lesa war sehr glcklich; er war immer mit Biba zusammen, und die Beiden
sprachen nur von dem groen Kometen hoch ber ihnen, und von dem, der am Pallas
vorbeizog zur Sonne hin.
    Biba sprach immer wieder von der Sonne und von dem groen Ring, den die
Asteroden zusammen bilden mten - entsprechend dem Saturn-Ring.
    Es ist Deine Aufgabe, sagte er zum Lesa, die Asteroden
zusammenzubringen; sie mssen zusammen wie eine einzige Masse wirken -
mindestens mssen sie so einig untereinander sein wie die Pallasianer auf dem
Pallas.
    Du vergit den Peka, versetzte Lesa, wir sind doch eigentlich noch nicht
so einig. Und auerdem sollten wir nicht so bergroe Plne haben.
    Irrtmlich scheint mir das, fuhr Biba fort, bist Du einmal so khn
gewesen, da Du Dich mit dem Kopfkometen des Pallas verbunden hast, so kannst Du
auch dieses Kopfsystem gedanklich beeinflussen. Mglich ist es ja, da Du oben
ganz untergehst in dem Groen. Dann wrdest Du Dein Persnlichkeitsbewutsein
vollkommen verlieren. Dann wre vielleicht fr Dich alles aus. Aber es ist doch
auch mglich, da Du da oben selbstndig bleibst. Und dann kannst Du doch das
ganze Asterodenheer zusammenbringen wollen. Ein derartiges Zusammenleben mit
einem gefesselten Kometensystem mu doch in Dir eine riesig groe Kaft
entfalten.
    Zu gro߫, sagte Lesa, erscheint mir das noch. An solche Gedankengnge bin
ich noch nicht gewhnt. Du weit, was ich stets von der Ergebenheit dem groen
Unbekannten gegenber gesagt habe. Ich mu bei dem, was ich darber sagte,
bleiben. Ich kann davon nicht abkommen - so schnell wenigstens nicht. Drnge
mich nicht.
    Biba lchelte und schwieg.

Da uerte Nax zu Biba und Lesa, da er Heimweh htte.
    Du darfst nicht fort, sagte Biba, wir werden Dich oben beim Bau noch
fters gebrauchen.
    Da sagte der kleine Nax lustig:
    Meinetwegen bleib ich auch noch hier. Aber Ihr mt mir versprechen, mich
spter mit einem Pallasianer zum Stern Erde zu senden. Ich habe neulich ein Buch
gefunden, in dem wird erzhlt, die Erdianer knnten garnicht von der tollen Idee
abkommen, da sich die Sterne gegenseitig so anziehen, wie die Sterne ihre
Oberflchenstcke anziehen. Das finde ich so schnurrig. Und deshalb mchte ich
die Erdianer, die ja die drolligsten Lebewesen unsres Sonnensystem zu sein
scheinen, doch mal kennen lernen. Dann kann ich doch wieder mal tchtig lachen.
Ihr seid mir zu ernst.
    Lieber Nax, sagte da der Biba, wenn einer von uns mal zur Erde hinwollte,
sollst Du mitkommen. Aber so kstlich erscheint mir das Lcherliche dort nicht
zu sein. Andrerseits finde ich, da die Idee der Erdianer, wenn sie auch falsch
ist, so unnatrlich garnicht genannt werden kann. Der Einflu des Sterns, den
die Erdianer Jupiter nennen, auf die Sonnenfleckenperiode der Sonne ist doch
nicht zu leugnen. Fast zwlf Erdjahre ist diese Periode lang - in derselben Zeit
umwandelt der Jupiter die Sonne. Beziehungen zwischen den Sternen sind also da.
    Nax rieb sich seinen kleinen Rssel und sagte:
    Bei Euch mu man also auch das Lcherliche sehr ernst nehmen.

                              Siebzehntes Kapitel


Dex wird mit den Pallasianern bei der Turmarbeit vorgefhrt, die nur noch eine
gedankliche Arbeit, keine handliche ist. Peka wird mde, sein Krper wird
stellenweise durchsichtig, und er will sich in Lesabndio auflsen, sagt das dem
Bombimba, der den Lesa holt. Peka sieht, da er nicht so tatkrftig wie der Lesa
war und somit diesem weichen mute. Sie nhern sich geistig einander, obschon
sie im Leben immer einander widerstrebten. Pekas Auflsung in Lesa verndert
diesen sehr, gibt ihm mehr Ruhe, worber sich Biba sehr freut. Dex vollendet das
nchste Stockwerk, und der Turm ragt jetzt fast sieben Meilen hoch zum
Kopfsystem empor.

Nun war der Dex wieder mitten in seiner Arbeit. Und die meisten Pallasianer
halfen ihm, wo sie konnten. Die Maschinen, die den Kaddimohnstahl aus dem
Pallasrumpf herauszogen, stampften wieder und chzten. Und die groen
Schmiedehammer drhnten wie alte Metallglocken. Alles ging durch elektrische
Kraft, kein Dampf war zu sehen - die Stoffe auf dem Pallas lassen sich nur sehr
schwer in die Dampfform umsetzen; es ist sogar so schwer, da es die Pallasianer
gnzlich aufgegeben, da ein unmittelbarer Nutzen aus der Dampfform nicht zu
ziehen ist. Auch das Flssigmachen der Stoffe ist, wie schon fters erwhnt,
auerordentlich schwer. Flssigkeiten werden nur zu Heilzwecken verwandt, mssen
also gelegentlich hergestellt werden. Das geschieht aber nur in Labus Atelier
mit Hilfe der kompliziertesten Maschinen. Die Struktur der Pallasstoffe
unterscheidet sich von der auf anderen Sternen so vielfach, da ein Vergleich
garnicht statthaft ist. Die Quikkoaner, die auf einem gallertartigen Stern
lebten, wunderten sich immer wieder ber die verblffende Trockenheit des Sterns
Pallas.
    Die Arbeiten am Turm hatten nur am Anfange die Krperkrfte der
Pallasianer in Anspruch genommen. Gleich danach hatten sich ein paar hundert
Freunde des Dex bemht, neue maschinelle Erfindungen einzufhren. Und dann galt
es nur, die vielen Maschinen richtig zu bedienen und sie rechtzeitig zu
reparieren. Und schlielich bemhten sich Alle nur darum, immer bessere
Maschinen zu erfinden. Die Arbeiten bekamen somit sehr bald ein ganz anderes
Geprge - es wurde viel gerechnet und immer wieder etwas Neues ausprobiert. Eine
gedankliche Ttigkeit trat allmhlich berall an die Stelle der handlichen. Und
alles wurde so praktisch und bequem wie mglich eingerichtet, soda Unflle
schlielich nicht mehr vorkamen.
    Besonders wurde die Anlage der Bandbahnen immer wieder verbessert, soda
oben am Turm bald kein Band mehr vergeblich dahinrollte - die Bnder wurden so
geschickt von einer Rolle zur andern bergefhrt, da jedes Stck mehrfach zu
gebrauchen war. Fr den Stahlstangentransport hatte man ein paar Zahnradbahnen
versuchsweise eingefhrt - doch sie bewhrten sich nicht - durch Stahl
versteifte, langsam rollende Bandbahnen bewhrten sich fr die berfhrung der
langen Stangen doch am besten.
    Und Peka wurde sehr mde, sein Krper begann schon, an einigen Stellen
durchsichtig zu werden. Tief unten an einem Nuse-Turm im oberen Teile des
Nordtrichters lag er eines Tages auf einem glatt polierten groen Steinwrfel,
und Bombimba sa neben ihm.
    Sie hren nicht mehr auf, sagte der mde Peka, ihre ganze
Gedankenrichtung ist eine technische geworden. Die groe Kunst der
Rhythmisierung in den Flchen- und Raumpartieen gilt ihnen garnichts mehr; sie
wird ihnen nie mehr etwas gelten. Und so ist es mir nicht mehr mglich, lnger
unter ihnen zu weilen. Ich werde bald fort sein. Das Klagen hat natrlich gar
keinen Zweck. Ich wollte unserm Stern Bewohner geben, die in beschaulicher Ruhe
dahinleben knnen. Das war aber wohl nicht die Absicht des groen Unbekannten,
der uns fhrt. Ich habe ihn nicht verstanden. Und darum mu ich fort. Ich bin
berflssig geworden. Man hat in den letzten Jahren so viele Maschinen erfunden,
um den groen Stahlturm da oben zu bauen. Htte man nicht in derselben Zeit so
viele Maschinen erfinden knnen, um mein Steinpolieren zu, erleichtern? Dann
wre Alles anders gekommen. Man htte den Nordtrichter in derselben Zeit
kstlich mit funkelnden Kanten und Brillanten durchsetzen knnen - mit ganz
steilen glatten Wnden! Und in den Wnden htten rechtwinklige Lcher sein
knnen, in denen man jetzt sitzen knnte und hinausstarren und hinunterblicken.
Man htte die Rhythmen des Nordtrichters so oft wieder von einem andern Punkte
aus sehen knnen - von unten sowohl wie von oben. Man htte in einem Bauwerk
gelebt. Und die Ateliers der Pallasianer htten Aussichten gehabt - in den
Nordtrichter hinein. In dem htte jeder Stein glatte Flchen zeigen knnen -
glatte Flchen, die doch allein den Rhythmus in den Raum- und Flchenpartieen
knstlerisch wohltuend markieren knnen. Das ist nun alles unmglich. Das
Drahtnetz oben zerstrte den Rhythmus im Raum - es kann vielleicht mal eine
Kuppel werden - aber das Kompakte - das Bleibende und Feste - das fehlt. Und da
es fehlt - das gibt der ganzen Gedankenrichtung der Pallasianer eine andere
Richtung. Ich bin mit meinen schwerflligen Steinen eine veraltete Erscheinung,
nur noch gut genug, dem Sofanti Turmhute zu liefern. Das gengt mir aber nicht.
Mir gengt es auch nicht, wenn ich im Nordtrichter hier und da ein paar glatte
Wnde und scharfe Kanten anbringen kann. Ich wollte auch mal eine knstlerische
Aussicht haben. Die htte ich aber nur, wenn ich den ganzen Nordtrichter nach
rhythmischen Prinzipien durchgearbeitet htte. Eine Kleinigkeit gengte mir
nicht.
    Httest Du da nicht, fragte Bombimba, auf der Auenseite des Pallas so
viel umwandeln knnen, da die Aussicht berall Deinen Prinzipien gengt htte?
    Peka lchelte schmerzlich und sagte nach einer langen Weile:
    Wir haften mit unsern Gedanken nicht immer da, wo wir wollen. Ich habe
zumeist im Nordtrichter gelebt, nicht auf der Auenseite des Pallas. Die ist
auch garnicht so leicht nach allen Seiten durchzubilden. Man kommt da immer
wieder an eine Grenze, wo das Ungeordnete herrscht. Und grade das Ungeordnete in
unserm Stern wollte ich ja ganz und gar vergessen. Htte ich alle Berge auf dem
Nordtrichterrande rhythmisch mit graden Linien und glatten Flchen in tausend
Winkel gegliedert, dann wre ich nie darauf gekommen, ber den oberen Rand
hinwegzublicken - oder unten durch das Loch in den Sdtrichter zu fahren. Ja -
ich bin eben nicht in der Lage, aus meiner Gedankenrichtung hinauszukommen. Und
da ich sie nicht in erquickende Wirklichkeiten hineinzusetzen vermag, so ist
meine Gedankenrichtung nicht mehr lebensfhig. Kannst Du alles, was ich Dir
sagte, dem Lesabndio sagen? Ich wre Dir dankbar. Ich mchte mich in Lesa, der
mich vernichtete, auflsen. Vielleicht bleibt dann Etwas von dem, was ich
dachte, auf dem Pallas zurck. Willst Du ihm das alles sagen?
    Bombimba nickte und flog davon, um den Lesa zu suchen und zu
benachrichtigen.
    Immer, fuhr Peka, als er allein war, fort, glaubt man, das Beste zu tun.
Und schlielich wird doch Alles ganz anders. Wer kann den unbegreiflichen Fhrer
begreifen? Wer begreift unser ganzes Leben? Einst, als wir Nsse waren, da ging
Alles so wirr durcheinander. Und im Traume gehts auch so wirr durcheinander. Und
im andern Pallasianer? Gehts da auch so wirr durcheinander?
    Wir wissen das alles nicht. Vielleicht habe ich Unrecht gehabt - und Unrecht
getan. Vielleicht war ich schon zu mde - vor vielen vielen Jahren. Lesa ist
jedenfalls krftiger. Das ist auch etwas wert. Ja! Ja!
    Bombimba fand den Lesa nicht gleich und mute dreiig Bandbahnen benutzen,
ohne ihn zu finden. Oben im Turm sagte man berall, Lesa sei unten. Und unten
auf den Bergen bei den Maschinen war es berall so laut, da Bombimba sich
schwer verstndlich machen konnte. Die groen Maschinen zogen den Kaddimohnstahl
aus dem harten trockenen Boden heraus, da der furchtbar knirschte. Dazu kamen
die Hammermaschinen, die den Stahl bearbeiteten. Es war garnicht leicht, einen
Pallasianer zu finden, wenn er allein sein wollte. Und Lesa wollte jetzt immer
wieder allein sein. Schlielich wurde er in dem Aussichtszimmer eines kleinen
Lichtturms gefunden, der ganz einsam drei Meilen hher als der Modellturm schon
vor sehr langer Zeit gebaut wurde. Lesa hrte, was er sollte, und begab sich
gleich mit Bombimba zum mden Peka.
    Lesabndio sagte zum Peka milde:
    Ich danke Dir, da Du mich grade gerufen hast. Ich habe alles, was Du zu
Bombimba sagtest, von diesem gehrt. Und ich wei nicht, was ich Dir zum Troste
mitteilen soll. Ich wei: Du brauchst keinen Trost. Aber es ist doch immer ein
seltsamer Augenblick, wenn man fhlt, da der Krper durchsichtig wird. Wir
werden alle von unbekannten Mchten fortgetrieben. Und das Ziel, das uns
vorschwebt, scheint uns immer wieder undeutlich zu werden. Was wissen wir von
unserm Leben? Vielleicht hast Du mit Deinen knstlerischen Bestrebungen ein
Wertvolleres im Auge gehabt als ich. Du wolltest die ruhige Stille. Ich habe die
nie gekannt. Und das empfinde ich doch zuweilen als einen Mangel in mir. Ich
kmmere mich viel mehr um das, was auer mir ist. Aber - glaube mirs! - auch das
mu wohl ein Wertvolles sein. Es kam mir das Leben unsres ganzen Sonnensystems
und besonders das Leben unsres Doppelsterns immer viel wichtiger vor als mein
eigenes Leben. Wissen wir denn, ob wir jemals ein eigenes Leben erfassen knnen?
Deine Freude am Rhythmischen gab Dir ja mehr die Empfindung, da Du ein eigenes
Leben hattest. Ob das aber nicht auch nur eine Tuschung war? Ich habe viel von
dem, was Du wolltest, wohl unmglich gemacht. Doch ich war nicht Herr meiner
selbst.
    Ich bin ganz ruhig, erwiderte Peka, und ich habe jetzt nur noch den einen
Wunsch, da Du recht viel von meiner Ruhe und Beschaulichkeit in Dich aufnimmst.
Du bist der Tatkrftige. Das Tatkrftige war mir aber meiner Anlage entsprechend
nicht naheliegend. Es entwand sich mir immer. Nun sehen wir beide ein, da wir
nicht leicht, solange wir nebeneinander lebten, zusammenkommen konnten. Da ist
es doch ein Trost, da wir uns zum Schlu noch so nhern knnen. Das Ende der
Pallasianer ist doch ein beneidenswertes. Ich glaube nicht, da es hnliches
fters in unserm Sonnensystem gibt. Ich werde in Dir weiterleben als Dein guter
Freund, obschon ich im Leben niemals Dein guter Freund war und immer in andern
Sphren meine khlen ruhigen rhythmischen Ziele erblickte. Zur Wehmut haben wir
also keinen Grund. So wie es gekommen ist, wirds wohl das Richtige sein. Das
Krftigere siegt immer. Aber wir mssen auch ein Vergngen darin erblicken, mal
vom Krftigeren besiegt zu werden. Gib mir Deine Hand, Lesa! Wenn Du bereit
bist, so werde ich Dir dankbar sein. Bombimba kann in unsrer Nhe bleiben.
    Die Beiden reichten sich die feinen Hnde und drckten sie, Bombimba sah
starr zu; er hatte noch niemals einer Auflsung beigewohnt.
    Und dann reckte sich pltzlich der Lesabndio dreiig Meter hoch empor, und
die Poren seines Krpers weiteten sich mchtig wie groe Rachen auf. Und Peka
wurde mit einem Ruck von Lesas Krper angezogen - und war gleich danach
verschwunden.
    Langsam schlossen sich Lesas Krperporen, und dann wurde er langsam wieder
kleiner und blickte langsam im Nordtrichter herum, als she er alles mit ganz
neuen Augen.
    Es ist mir doch, sagte er bedchtig zum Bombimba, als wren wir immer auf
einem Irrwege. Wir haben eigentlich niemals das Gefhl, als wre das, was wir
tun, das Richtige. Es gibt immer noch eine andere Bandbahn, die in scheinbar
besserer Gegend zum Ziele fhrt. Ich sehe den Peka, der mir so heftig Zeit
seines Lebens widerstrebte, jetzt so deutlich vor mir, wie ich ihn nie in seinem
Leben sah. Sein Geist wird in mir immer lebendiger werden. Und ich bekomme
dadurch eine neue Seite. Unsre Persnlichkeit schliet sich niemals ganz ab.
Auch Peka empfand zuletzt, da sein Weg wohl nicht der einzige Weg zum guten
Ziele sei. Auch sein gutes Ziel wurde ihm undeutlich.
    Bombimba sagte rasch:
    Welch ein geheimnisvolles Leben fhren wir auf dem Pallas! Mir ist so, als
htte ich Euch beide jetzt erst verstanden. Aber ich verstehe auch, da Ihr nie
zusammenkommen konntet, solange Ihr lebtet. Die Auflsung Pekas in Dir hat aber
das Unmgliche ganz einfach mglich gemacht. Ob es mglich ist, Lesa, da sich
der Pallasianer auch in einem andern hhern Wesen auflsen knnte? Weit Du
das?
    Ich wei das nicht, versetzte Lesa, aber vielleicht erfahren wirs, wenn
wir oben sind. Wir erleben ja auf dem Pallas so groe Wunder, da wir wohl
hoffen drfen, da wir immer grere erleben werden.
    Die Lichtwolke kam herunter, und es wurde Nacht im Nordtrichter. Alle
elektrischen Lampen flammten mit einem Ruck bunt und funkelnd auf. Die
Scheinwerfer drehten sich. Bombimba legte sich auf die nchste Pilzwiese, die
Haut seines Rckens spannte sich hoch ber ihm zusammen. Er lie seinen linken
Arm leuchten und rauchte sein Blasenkraut und dachte ber Leben und Sterben auf
dem Pallas nach.
    Lesabndio aber fuhr auf zehn Bandbahnen und zwei Seilbahnen zum Biba und
erzhlte ihm, was vorgefallen war.
    Biba lchelte und sagte hastig:
    Das hab ich immer gewnscht. Grere Ruhe ist fr Dich ein Bedrfnis. Peka
wird sie Dir geben. Jetzt kannst Du auch erfahren, wie der Peka in Dir wirkt -
ob er persnlich in Dir lebendig bleibt. Ist das der Fall, so knntest Du auch
persnlich oben im Kopfsystem Dich erhalten.
    Wenn wir nur erst genauer wten, was das Persnliche eigentlich ist!
erwiderte Lesa.
    Sie sprachen noch lange darber.

Am nchsten Tage aber hatte Dex das nchste Stockwerk fertig gebaut - abermals
drei Meilen schrg nach oben, der Ring oben hatte nur noch einen Durchmesser von
einer guten halben Meile. Sofanti lie viele Hute hinaufschaffen.
    Der Turm reckte sich jetzt fast sieben Meilen hoch zum Kopfsystem des Pallas
hinauf.

                              Achtzehntes Kapitel


Biba hlt dem Lesa einen groen Vortrag ber die Annherungsmotive astraler
Lebewesen, und Lesa hlt das Gesagte fr einen Beitrag zur Lsung des
Persnlichkeitsproblems. Man entdeckt in Pekas Atelier ein groes Modell des
Nordtrichterturms mit architektonischer Durchbildung. Viele Pallasianer
bedauern, da der Turm die Ausfhrung des Peka-Modells verhinderte. Die Ampel
oben steigt aber hher, und man baut das nchste Stockwerk eine Meile hoch,
Sofanti umschliet das Ganze mit Haut, soda der Turm seine Laterne hat. Labu
ist verschwunden. Manesi geht in seinem Sonnenatelier ebenfalls wie Peka in
Lesabndio auf.

Biba wurde jetzt sehr lebhaft; er lie den Lesabndio fast garnicht mehr aus den
Augen. Fast in jeder Stunde hatte er ihm neue Gedankengnge zu bermitteln. Und
Lesa hrte immer aufmerksam zu.
    Oben auf dem Rande der groen Manesi-Ampel sagte Biba eines Tages zwischen
groen karminroten Blumen, die wie schlaffe kleine Luftballons unter dem
violetten Himmel hingen, whrend die grnen Sterne heftig funkelten und die
Lichtwolke oben strahlte:
    Lieber Lesa, wir denken wohl hufig, es knnte wohl verwunderlich sein, da
sich die Sterne einander nhern und so lange einander nahe sind. Ein bloes
Mitteilungsbedrfnis kann sie doch nicht zusammenfhren. Um sich Gedanken
mitzuteilen, dazu bedarf es keiner krperlichen Annherung. Die
Gedankenmitteilung ist durch Bcher und andere Schriftzeichen viel leichter
herzustellen. Wenn wir Oberflchenwesen schon die fixierte Gedankenbermittlung
kennen, so drfte den Sternen noch eine ganz andere Art von verstndlichen
Schriftzeichen gelufig sein. Darum bin ich der Meinung, da den groen astralen
Lebewesen das Fixieren von Gedanken nicht so wichtig ist - wie das Formulieren
von neuen Eigenschaften. Dieser wegen kommen sie zusammen. Und so luft alles
Zusammenkommen auf groe lange Zeit hindurch vorzubereitende Umwandlungsprozesse
hinaus. Die Sterne kommen eben zu andern Sternen, um ihr ganzes Wesen ein wenig
oder recht energisch - umzuwandeln. Wie verwandeln sich nur die Kometen in der
Nhe der Sonne! Bedenke das nur! Das ist das Deutlichste. Dieses
Umwandlungsprinzip ist darum auch in den Oberflchenwesen der Sterne zu
konstatieren. Denke an die sterbenden Pallasianer! Vielleicht ist alles Sterben
in unserm Sonnensystem nur auf dieses groe, berall bemerkliche
Umwandlungsprinzip zurckzufhren. Da htten wir einen Gedankengang, der wohl
viele Rtsel einer Lsung etwas nhert. Andrerseits wird doch auch die Sonne
durch ihre Planeten umgewandelt; der Einflu des Jupiters auf die
Sonnenfleckenperiode ist doch ebenfalls so auerordentlich deutlich. Vielleicht
ist sogar der Pallas in der Lage, einen kleinen Eindruck auf das Leben der Sonne
auszuben. Wir knnens ja nicht bemerken. Aber vielleicht wei das Kopfsystem
oben Nheres davon. Vielleicht stehen wir der Sonne nher, als wir denken.
Natrlich werden sich manche Sterne zu Zeiten auch gegen den allzu kolossalen
Einflu der Sonne auflehnen und sich dann eine Kruste zulegen, durch die sie ein
wenig geschtzt sind gegen die allzu heftigen Temperaturbeeinflussungen unsres
groen Centralgestirns. So mags bei der Erde sein. Vielleicht kommt daher auch
die etwas zurckgebliebene Geistesverfassung der Erdoberflchenbewohner. Der
Pallas ist ja auch sehr hartkrustig. Aber er hat einen beweglichen Kometenkopf.
Vielleicht stammt dieser doch aus dem Nordtrichter. Man mte allerdings
annehmen, da dann dem Sdtrichter auch ein Kometenkopf entstiegen sei.
    Aber ber die Entstehung der Sternsysteme darf man ja nicht nachdenken. Was
ist in diesen Kopf- und was ist Rumpfsystem? Das ist doch alles nur
Bildersprache von uns. Mglich ist doch auch, da das Kopfsystem oben
ursprnglich garnicht an unsern Trichterstern gebunden war. Was ist nicht alles
mglich! Wir sollen nicht darber nachdenken. Das fhrt zu weit. Und wir wrden
wohl garnicht klger, wenn wir Nheres von der Sternentstehung wten - oder wir
wrden vielleicht zu klug - was uns doch ebenfalls sehr schdlich sein knnte.
    Lesa sagte lchelnd:
    Das war eine famose Randbemerkung zum Thema:
    Persnlichkeit!
    Sie sprachen weiter ber dieses groe Thema. -
    Whrenddem waren die Freunde Pekas mit Labu in Pekas Atelier gefahren und
durchstberten da alle Ecken und Winkel der riesenhaft groen Rume. Und dabei
entdeckten sie pltzlich eine Tre, die durch Druck nachgab.
    Und sie sahen einen groen von der Decke aus hell erleuchteten Raum vor
sich. Und im Fuboden dieses groen Raumes befand sich eine ganz genaue
Nachbildung des Nordtrichters - aber mit unsglich vielen kristallinisch
gebildeten Felsmassen durchsetzt - mit glatten Wnden und mit groen
berkragungen - mit Terrassen und Trmen, Brcken und Gelndern; auch viele
Bandbahnen waren da, die sich so bewegten, wie die groen Bandbahnen drauen.
    Das Modell hatte einen Durchmesser von ungefhr fnfzig Metern und drehte
sich langsam automatisch um sich selbst. Von diesem Modell hatte bisher kein
Pallasianer eine Ahnung gehabt; Peka hatte es heimlich ganz eigenhndig
hergestellt. Es bewegte sich immer noch, und die nachgebildete Lichtwolke oben
leuchtete auch noch immer. Das Ganze war an eine Elektrizittsquelle
angeschlossen und htte sich noch Jahre hindurch bewegt, wenn man den Modellraum
auch nicht entdeckt htte.
    Welche Arbeit! sagte Labu.
    Man sah noch von oben mehrere Stricke herunterhngen; an denen hatte sich
Peka angeschlossen, wenn er in seinem Modellturm die kleinen Modellfelsen
anbrachte. Es sah wie eine Spielerei aus. Aber Pekas Freunde wurden doch sehr
traurig, als sie das alles sahen.
    Bei der stndigen Drehung des Ganzen lie sich der rhythmische Wechsel in
allen Raumteilen sehr gut beobachten. Und auch der Rhythmus in den Flchen wurde
deutlich; er war durch farbige Linien und Bnder markiert.
    In der Tiefe war das Loch des Planeten, und durch das sah man in den
Sdtrichter. Man versuchte nun zu diesem auch durchzudringen; es war aber zu
eng, um einen Pallasianer durchzulassen. Nach langem Suchen fand man endlich
eine Falltre, durch die man in den unten gelegenen Raum gelangte. Dort aber lag
noch alles ganz roh durcheinander; an den Sdtrichter hatte Peka niemals
ernstlich gedacht - allerdings schien ers wohl nicht fr unmglich gehalten zu
haben, da auch dort mal seine rhythmisierende Ttigkeit beginnen knnte.
    Schnell wurden alle Pallasianer von der Existenz dieses Modells in Kenntnis
gesetzt. Und Alle kamen, um sich die groe langwierige feine Arbeit anzusehn.
    Viele bedauerten beim Anblick dieses Modells, da so wenig davon zur
Ausfhrung gelangte; nur die Fundamente von drei Nuse-Trmen waren nach diesem
Modell oben ausgefhrt. Und diese drei - allerdings umfangreichen - Fundamente
hatten dem Sofanti gengt, um ein berreiches Hautmaterial zu erzeugen.

Bald darauf entdeckten die Pallasianer ein neues Wunder: die Ampel, die oben im
Turm so lange an den langen Drahtseilen hing, begann, sich unabhngig von den
Drahtseilen zu machen; die Ampel fing an, zu steigen, soda die Drahtseile
schlaff und eigentlich ganz zwecklos dahingen.
    Nun hatten sich jedoch die Rankenpflanzen des Manesi weit auf den
Drahtseilen fortgepflanzt; abschneiden konnte man also die Drahtseile nicht.
    Die Ampel stieg immer hher; das Attraktionscentrum mute demnach abermals
ebenfalls hher gestiegen sein.
    Und dann wurden die Drahtseile allmhlich wieder straff - aber sie wurden
jetzt aufwrts strebend straff, zogen also die Ampel runter und nicht mehr empor
wie frher.
    Alles drngt nach oben! sagte der Dex.
    Demnach mten wir, meinte der Sofanti, doch wieder an die Arbeit gehen.
    Und dem stimmten die meisten Pallasianer bei. Und das nchste Stockwerk
wurde hergestellt.
    Dex wollte nur eine Meile hoch gehen.
    Und da der Durchmesser des obersten Ringes mit den vierundvierzig Ecken nur
eine gute halbe Meile lang war, so konnte man dieses Mal fast senkrecht die
neuen Stangen ansetzen.
    Das ging schneller, als man dachte.
    Sofanti brachte hiernach seine Hute hinauf und umkleidete das neue
Stockwerk ganz und gar.
    Und da hatte die Turmspitze pltzlich einen Lampioncharakter; im Innern des
neuen Stockwerks wurden Tausende von elektrischen Lampen angebracht.
    Der Turm hatte nun oben seine Laterne.
    Nuse, der die meisten Lichttrme im Nordtrichter gebaut hatte, war ganz
besonders davon entzckt, da jetzt der groe Turm endlich zum vollendeten
Lichtturm geworden war.
    Aber Nuse sah jetzt mit Sorge der Lichtwolke entgegen und behauptete, da
sie sich wohl in das Innere des neuen Stockwerks hinunterlassen knnte. Und
darum, meinte er, sei eine berspannung oben durch Hute wohl angebracht.
    Ich wundre mich, sagte er, da uns die Lichtwolke bislang so wenig
hinderlich gewesen ist. Wenn sie kommt, fahren wir ja alle in die Tiefe. Aber
nachdem wir sie elektrisch durchleuchtet haben, scheint sie sich immer weiter
zurckzuhalten. Die kleinen Wesen mit den fadendnnen langen Krpern scheinen
Furcht vor uns zu haben.
    Man war der Lichtwolke bereits sehr nahe gekommen. Am Tage war der
Aufenthalt ganz oben im Turm nicht grade angenehm: die Lichtwolke leuchtete so
heftig, da die Pallasianer stets ihre Augen durch ihre groe regenschirmartige
Kopfhaut schtzen muten. Nachts, wenn die Wolke heruntergekommen war, konnte
mans nur ganz kurze Zeit im Innern der Laterne aushalten; man konnte sich das
nicht erklren, da die Wolke nicht durch das obere Loch durchkam.
    Sofanti wurde demnach gebeten, doch oben das Loch mit Huten zuzumachen. Er
sthnte ob des vielen Materials, tat aber schlielich sehr gern, was man von ihm
verlangte.
    Und als die Laterne oben zu war, konnte man die ganze Nacht im Innern der
Laterne verweilen. Und das taten denn auch sehr viele Pallasianer.
    Man wurde allmhlich aufgeregt: man glaubte, da jetzt die Lsung von
unzhligen Lebensrtseln bald da sein wrde.
    Und fast Niemand dachte an knstlerische Ausgestaltung des Turms: man dachte
nur an das, was hinter der Wolke lebte - an das groe Kopfsystem des Pallas. -
    Zu denen, die nicht von der allgemeinen Stimmung mitgerissen wurden,
gehrten besonders Manesi und Labu.
    Labu war nicht aufzufinden. Er hielt sich verborgen. Bombimba war
gleichzeitig mit ihm verschwunden.
    Wo die Beiden lebten, wute Niemand.
    Man suchte auch nicht nach ihnen, da Alle ganz von der Wolke gefangen
genommen wurden und nur ber diese sprachen.
    Lesabndio wurde so ehrfrchtig verehrt - als wte er ganz allein, was da
oben sein knnte.
    Und Lesabndio wurde immer schweigsamer. Er gab Allen, die ihn ausforschen
wollten, nur ganz kurze Antworten, sagte, da er nicht mehr wisse als die
Andern.
    Dex zgerte mit dem Weiterbauen.
    Aber er lie unten von den Maschinen den letzten Stahl aus den Tiefen
herausziehen und bereitete alles zum Weiterbau vor.
    Biba blieb immer in Lesas Nhe, lie ihn aber stets allein.
    Ich will Dich nicht stren! sagte er fters, aber ich glaube, da der
Mutigste doch das grte Glck zu packen vermag.

Manesi umschwebte immerzu seine groe Blumenampel. Und dabei wurde sein Krper
an einzelnen Stellen durchsichtig.
    Und Manesi bat den Lesa eines Tages, ihm doch in sein groes Atelier zu
folgen, das im Sdtrichter lag.
    Sie fuhren beide hin, und Manesi sagte mde und abgespannt:
    Ich glaube auch nicht mehr daran, da jemals wieder knstlerische Neigungen
auf dem Pallas die Oberhand gewinnen werden. Es geht alles ganz anders, als ich
gedacht habe. Als Ihr damals zuerst mit der Turmidee kamt, sagte ich mir ja
gleich, da dadurch alles Knstlerische zurckgedrngt werden wrde. Doch da
das so vollkommen geschehen wrde - das htte ich nicht gedacht. Fhlst Du
nicht, lieber Lesa, etwas vom Peka in Dir?
    Das schon, versetzte Lesa, aber das da oben ist mchtiger. Wir sind nicht
die Herren unsres Schicksals.
    Danach sagte Manesi:
    Was Du dem Peka tatest, das tu mir auch. Ich werde Dir dankbar sein.
    Und Lesa war damit einverstanden.
    Manesi lie in seinem Atelier alle seine knstlichen Sonnen, durch die das
Wachstum der Pilz- und Schwammwiesen so heftig gefrdert wurde, pltzlich hell
aufflammen und reckte sich ganz hoch auf. Und Lesa reckte sich auch hoch auf,
und die Poren seines Krpers ffneten sich wie Rachen.
    Ein paar Glhwrmer umschwebten Manesis Kopf.
    Ringsum die vielen Ballonblten der herrlichsten Manesi-Pflanzen schwankten
trumerisch hin und her. Und in den grten Ballonblten begann ein mchtiges
Phosphoreszieren und ein groes Farbengezucke. Manesi sahs, lchelte, sah dem
Lesa fest ins Auge - und verschwand in Lesas Krper.
    Viele Ballonblten fielen mde und schlaff zusammen.
    Das Licht der knstlichen Sonnen wurde immer schwcher.
    Es wurde bald ganz dunkel in Manesis Atelier.

                              Neunzehntes Kapitel


Nuse gibt den Rat, die Stangen fr das nchste Stockwerk auf der Auenseite der
Laterne hinaufzufhren. Manesi und Labu werden vermit. Manesis Auflsung
verbreitet Mistimmung. Labu stellt mit Bombimba ein Pallas-Modell her, das mit
Hilfe von hundert andern Pallasianern auf die Ampel hinaufbefrdert wird. Als
das nchste Stockwerk aufgerichtet und der ganze Turm jetzt neun Meilen hoch
aufragt, verbreitert sich die Lichtwolke und kommt in einer Nacht, obschon sie
dunkel wird, nicht hinunter, bleibt tellerartig oben. Und die Sterne sind des
Nachts zu sehen. Ein Spiegelstern zieht vorber am Pallas. Lesabndio wird mde
und will, da das letzte Stockwerk schnell aufgefhrt wird.

Oben in der Laterne wurde nun die Aufregung immer grer. Die Lichtwolke war am
Tage nicht mehr volle zwei Meilen von der Turmspitze entfernt; htten sich die
Pallasianer nicht durch ihre Kopfhaut schtzen knnen, so wre der Glanz der
Lichtwolke unertrglich gewesen.
    Die Haut, die oben die horizontale Seite der Laterne von der freien Luft
abschlo, hatte an vielen Stellen durchsichtige Hautplatten, die teilweise
verdunkelt einen freien Blick auf die Wolke auch am Tage gestatteten. An vielen
Seilen hingen viele Pallasianer unter der oberen Laternenhaut, blickten nach
oben und berechneten die Entfernung, die bald ganz genau bestimmt war.
    Der Durchmesser der Laterne betrug jetzt oben nur noch dreitausend Meter.
    Man wollte weiterbauen - abermals eine Meile hoch hher steigen.
    Das war nicht so einfach, da die Nhe der Lichtwolke jetzt viel gefhrlicher
erschien als in den unteren Stockwerken; obschon sich die Wolke in respektvoller
Entfernung hielt, hatte sie doch eine abstoende Kraft, der man sich jedenfalls
nicht mit den Gliedern des Krpers aussetzen durfte.
    Da machte Nuse, der sich fr den groen Lichtturm mit seiner riesenhaften
Laterne am meisten begeisterte, folgenden Vorschlag.
    Wir haben, sagte er, bei den letzten Etagen unsre Stangen nur mit Mhe
nach oben bringen knnen, da wir die Stangen, die eine Meile lang sind, nur im
Innern der Laterne hinauffhrten. Das Umkippen der Stangen lie sich nicht
durchfhren, da ja die Laterne im Querschnitt einen Durchmesser hat, der nicht
eine halbe Meile betrgt. Darum schlage ich vor, das nchste Stockwerk anders zu
bauen. Wir knnen doch die Stangen von auen hinauffhren - und zwar gleich mit
der Haut zusammen; die kann gleich unten rechts und links von den Stangen in der
ntigen Breite angebracht werden. Dann haben wir schlielich nur das oben
abschlieende, horizontal gelagerte Hautstck eine Meile hoch hinaufzuschieben -
und das nchste Stockwerk ist fertig und oben gleich wieder abgeschlossen. Das
Anbringen der Rder und Rollen auf der Auenseite der Laterne wird nicht groe
Schwierigkeiten bereiten, da wir ja nicht zu frchten brauchen,
hinunterzufallen; unsre Krper bleiben ja fast mhelos durch ein paar
Flgelschlge lange in derselben Hhe.
    Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall. Dex und Sofanti gingen sofort an die
Arbeit. Und viele Pallasianer meldeten sich, die die Rder und Rollen an der
Auenseite der Laterne befestigen wollten. Die neuen Turmstangen wurden unten
gleich mit weiteren Rdern und Rollen an der Auenseite versehen, soda auch die
Auffhrung des letzten Stockwerks ganz mechanisch ohne weitere Handarbeit
arrangiert werden konnte.
    Als nun die Arbeiten ruhig und sicher oben zur Ausfhrung gelangten, fiel es
pltzlich auf, da Manesi und Labu nicht mehr sich sehen lieen. Und man
vermutete, da sie Beide dem Beispiele des Peka gefolgt seien, zumal Lesabndio
ebenfalls nicht sichtbar wurde. Als dieser schlielich kam und nur vom Manesi
erzhlte, waren Viele migestimmt. Man konnte sich aber nicht erklren, wo sich
der Labu versteckt hielt - mit ihm war auch Bombimba verschwunden. Und man
suchte sie.
    Die beiden Verschwundenen befanden sich aber in einem der grten Ateliers
des Labu im Sdtrichter. Dort hatte der Labu eine kolossale Steinkugel von
dreiig Metern Durchmesser aufbewahrt. Von dieser Kugel schnitten die Beiden
oben und unten eine Kappe ab und machten dann oben und unten zwei Trichter,
soda das Ganze ein Modell des Pallasrumpfes darstellte. An diesem Modell wollte
Labu alle seine knstlerischen Absichten zeigen. Die Beiden zeigten an
verschiedenen Stellen, wie die Trichterwnde durch kugelartige und auch durch
unregelmige hgelige Formen am besten belebt werden knnten, wenn man nicht
verschmhen wrde, stark wirkende Farben aufzutragen.
    Labu sagte fters:
    Ich verstehe nicht, warum der Peka immer sagte, da rhythmische Gliederung
nur durch Ecken und Kanten und besonders durch rechteckige Formen herzustellen
sei. Warum soll Rhythmus nicht auch mit komplizierten, gewundenen Kurven
deutlich zu machen sein? Wir sind wohl alle etwas einseitig. Ich will ja das
Rechteckige garnicht ausschlieen, bevorzuge allerdings auch immer nur die
gekrmmte Linie. Doch so halsstarrig wie Peka bin ich nicht. Und deshalb fllt
es mir garnicht ein, an der knstlerischen Zukunft der Pallasianer so zu
verzweifeln wie der Peka.
    Die suchenden Pallasianer fanden nun schlielich die Verschwundenen, als sie
grade eifrig an ihrem Modell arbeiteten.
    Als Labu von Manesis Auflsung hrte, wurde er fast zornig und sagte:
    Das ist doch wahrhaftig nicht vernnftig. Ich denke wahrlich nicht daran,
zu verzagen. Und um das den Pallasianern zu beweisen, mchte ich mein Modell
oben auf der Ampel anbringen - ber der Mitte - frei schwebend - nur von
Stricken gehalten. Da soll man sehen, da ich nicht wie Peka und Manesi bin. Ich
verzage nicht so leicht. Wenn der Turm fertig ist, kommen auch andre Zeiten. Und
da wird man abermals der Kunst, wenn man sie jetzt auch noch immer in die Ecke
stellt, ein neues Rckgrat verschaffen. Nun handelt sichs nur darum, das etwas
schwere Modell hinaufzutragen.
    Die Pallasianer freuten sich ber diese Rede des lebensfrohen Labu
auerordentlich und wollten gleich ein paar hundert andre Pallasianer
veranlassen, das Hinauftragen des Modells nach Krften zu frdern.
    Und es kamen auch achtzig hilfsbereite Freunde des Labu unten in seinem
groen Atelier an.
    Man brachte das Modell mit Rdern auf Eisenschienen hinaus, lste ein paar
Magnetbahnen auf, knpfte das Modell an die dadurch frei gewordenen Seile und
zog an diesen den kleinen Trichterstern durch das Centralloch durch - so, da er
nicht an die Wnde des groen Pallas herankommen konnte. Und dann stieg die
schwere Steinmasse - von mehreren Seiten an den Seilen in der Mitte gehalten -
nach oben empor, ohne da man weitere Mhe hatte.
    Oben auf der Ampel wurde das Modell frei schwebend angebracht - nur durch
ein paar Seile gehalten, da es nicht hher steigen konnte.
    Das Attraktionscentrum rckte zeitweise immer hher hinauf. Doch dann sank
es auch wieder mehr hinunter, soda man die Ampel zuweilen wieder hngend sah
wie am Anfange, als sie angehngt wurde - in diesem Falle mute das Modell durch
Stangen gesttzt werden.
    Labus Modell machte aber wenig Eindruck auf die oben befindlichen
Pallasianer - die dachten fast alle nur an die groe Lichtwolke.
    Die groe Lichtwolke vernderte sich, als das nchste Stockwerk der Laterne
fertig in die Hhe gerichtet dastand. Jetzt ragte der Turm schon neun Meilen
hoch auf. Seine Spitze war von der Wolke nur noch sechstausendundfnfundfnfzig
Meter entfernt. Es schien so, als wrde die Wolke ganz unruhig, am Tage zeigte
sie oft schwarze Flecke, und des Nachts wurde sie immer breiter. Und eines
Abends kam sie nicht mehr hinunter wie sonst. Die Wolke wurde dunkel, breitete
sich aber pltzlich nach allen Seiten aus - wie ein flacher Teller.
    Man erschrak.
    Alle glaubten, jetzt wrde gleich etwas Frchterliches geschehen. Eine Nacht
gabs auf dem Pallas, in der alle Sterne zu sehen blieben - grn funkelten sie am
violetten Himmel.
    Die Sonne leuchtete so hell, da eine Dmmerungsstimmung entstand, in der
die vielen elektrischen Lampen und die Lichttrme des Pallas - besonders der
groe - sehr seltsam und geheimnisvoll wirkten.
    Eine derartige Zwielichtbeleuchtung war den Pallasianern ganz neu.
    Um Labus Modell kmmerte sich nun Niemand mehr - selbst Labu selber nicht.
    Als sich die Wolke dann gegen Morgen wieder zusammenzog, wurde sie
allmhlich wieder hell und leuchtete wie sonst.
    Alle Pallasianer hatten in dieser seltsamen Dmmerungsnacht nicht
geschlafen.
    Jetzt aber wurden sie mde und suchten die Pilzwiesen auf - besonders die in
den dunkeln Hhlen, wo das Tageslicht nicht hinkonnte.

In der nchsten Nacht schwebte neben dem Pallas - ganz in dessen Nhe - ein
seltsamer Asterod vorber.
    Der hatte an der Seite, die er dem Pallas zukehrte, einen zwei Meilen
langen, ganz glatten Metallspiegel.
    In diesem Metallspiegel spiegelte sich der ganze Pallas - und da sah man
erst, wie magisch und geheimnisvoll der groe Lichtturm mit seiner hohen Laterne
wirkte.
    Alle Pallasianer waren entzckt und gaben dem Spiegelstern Zeichen mit
Scheinwerfern.
    Auf dem Spiegelstern sah man danach pltzlich ebenfalls eine Menge
Scheinwerfer hervorbrechen. Und der Spiegel wurde dabei karminrot.
    Da vernderten die Pallasianer alle Farben in ihren Lichttrmen durch anders
gefrbte Hautstreifen.
    Und gleichzeitig geschah das auch auf dem Spiegelstern.
    Biba wollte eine Zeichensprache durch Scheinwerfer deutlich machen. Es
gelang aber nicht. Der Spiegelstern entfernte sich und zeigte dabei eine andere
Seite seines Sternkrpers, die so aussah wie ein Gewirre von unzhligen bunten
glitzernden Schlangen.

Nun dachte man daran, das nchste Stockwerk anzusetzen.
    Doch Dex und Nuse wurden ngstlich.
    Sofanti sagte:
    Was dann geschieht, wenn die Stangen mit den Huten die Wolke oben direkt
berhren - das knnen wir nicht wissen. Ich glaube, die Wolke wird sich dann
ganz und gar auseinandertun. Wir stehen jedenfalls von dem grten Ereignis
unsres Lebens.
    Es wre, fuhr er dann spter fort, doch wichtig, da wir jetzt hrten,
was Lesabndio zu dem Ganzen sagt.
    Lesabndio aber schwieg.

Biba kam nun in Lesabndios Nhe und sagte leise:
    Lesa, Du beunruhigst mich. Warum sprichst Du nicht? Sollen wir weiterbauen?
Oder sollen wirs vorlufig lassen? Du mut Dich doch jetzt uern. Deinetwegen
ist doch der ganze Turm gebaut. Ich verstehe Dein Schweigen nicht. Sprich doch.
Was fehlt Dir?
    Da sagte Lesa mde:
    Qult mich doch nicht mit Fragen. Baut doch weiter. Es eilt.
    Da baute man weiter.

                              Zwanzigstes Kapitel


Das letzte Stockwerk wird nach oben gebracht. Die letzten Vorbereitungen zu
Lesabndios Aufstieg werden getroffen. Lesa gibt dem Biba auf dem hchsten
Balkon noch besondere Anweisungen. Als Lesa allein ist, beugt er sich noch
einmal ber den Balkonrand und sieht zum letzten Male lange Zeit hindurch in den
Nordtrichter, in dem viele Gesteine sehr heftig funkeln, was am Tage noch
niemals beobachtet wurde. Dann spricht Biba mit Lesa ber eine sptere
Verstndigung und ber die Zukunft des Asterodenrings und ber die
Vergangenheit des Pallas. Lesa wird wieder mutig und bleibt oben allein. Alle
Pallasianer schlafen in dieser Nacht unten. Am nchsten Morgen soll das letzte
Stockwerk aufgerichtet werden.

Die letzten vierundvierzig Kaddimohnstahlstangen mit dem dazu gehrigen
Hautmaterial wurden dann langsam von Stockwerk zu Stockwerk hinaufgezogen. Und
man achtete darauf, da das gleichmig geschah.
    Whrend aber die Arbeit der Maschinen ganz ruhig vor sich ging, entstand
oben in der Laterne eine immer grere Aufregung; das Durchstoen der Wolke oben
mute in allernchster Zeit Klarheit schaffen. Alle Pallasianer glaubten, jetzt
wrde sehr bald das letzte Rtsel ihres Lebens gelst werden. Ein Gesprch ber
knstlerische Angelegenheiten kam nicht mehr auf. Selbst Labu sprach nur noch
von der Wirkung der letzten Stahlstangen, wenn sie einfach gleichzeitig oben in
die leuchtende Wolke hineinstieen. Man wollte am frhen Morgen die groe Tat
zur Ausfhrung bringen.
    Da Lesabndio sehr bald nach Aufrichtung des letzten Stockwerkes den
Versuch machen wollte, sich oben mit dem Kopfsystem des Pallas zu vereinigen -
das war Allen bekannt. Und die meisten Pallasianer hielten diese letzte Tat
Lesabndios fr den wrdigen Abschlu des Turmbaus und fr das Allerwichtigste
bei diesem Turmbau.
    Wenn dem Lesa das gelingt, sagte Dex, so ist die Zukunft unsres Lebens
mehr oben im Kopf zu suchen als unten im Rumpf.
    Wenn es, sagte Nuse, dem Lesa gelingt, ist es aber noch nicht
feststehend, da es einem zweiten Pallasianer ebenfalls gelingt.
    Darber brauchen wir noch nicht nachzudenken, meinte dazu der Sofanti,
zunchst mssen wir wissen, wie wir den Lesa so hoch hinauffhren, da er das,
was er will, auch zur Tat machen kann. Ich habe deswegen an der Innenseite des
letzten Stockwerks an allen vierundvierzig Stangen Rderwerke angebracht, die
uns gestatten, das ganz oben befindliche, horizontal angebrachte, schtzende
Hautstck in ein paar Sekunden zur allerhchsten Spitze des Turms
hinaufzuschieben. Es ist alles vorbereitet. Aber es scheint mir vorsichtig zu
sein, wenn wir noch ein oder zwei solche Hautstcke dem ersten nachsenden, wenn
das erste zerreien sollte. Hiermit mssen wir rechnen.
    Und nach kurzer Beratung beschlo man, noch drei weitere, horizontal
abdachende Hautstcke hinter dem ersten aufzuspannen.
    Ich habe noch soviel Haut! sagte Sofanti.
    Und die drei Hautstcke wurden bald hinaufgeschafft und hintereinander in
einer Entfernung von je dreihundert Metern unter dem obersten aufgespannt.
Leicht auflsbare Klapplcher befanden sich in jedem dieser Dachhautstcke.

Als nun die letzten Hautstcke langsam eines Morgens oben an der Laterne hher
stiegen, sa Lesabndio mit Biba zusammen auen am untern Rande des vorletzten
Stockwerks auf einem der breiten, weit vorspringenden Balkons. Und die Beiden
blickten nachdenklich in den violetten Himmel und in die grnen Sterne. Die
Kopfhaut schtzte die Beiden wie ein aufgespannter Schirm vor den blendenden
Strahlen der Lichtwolke, die oben jetzt immer sehr heftig leuchtete, obschon sie
fters groe schwarze Flecke zeigte, als wollte sie demnchst auseinandergehn.
    Lesa sagte langsam:
    Ich traue meinen Krften nicht so recht. Knntest Du nicht den Sofanti
fragen, ob er das vorletzte Dachstck nicht so behandeln knnte, da es, in der
Mitte heruntergezogen und dann nachher losgeschnellt, so wie ein Sprungtuch fr
mich wirkt? Ich mchte zwischen den obersten beiden Dachhuten allein sein und
schlielich das oberste in der Mitte aufreien, rasch auf dem vorletzten ganz
hinaufkommen, pltzlich zurckgezogen und dann hinaufgeschnellt werden. Ich
denke, da ich so hoch genug komme.
    Biba versprach, den Sofanti zu verstndigen, und eilte auf der nchsten
Bandbahn davon.
    Lesa sa allein und sah traurig in die Sternenwelt hinein.
    Pltzlich durchzuckte ihn ein Gedanke: er wollte noch ein Mal den
Nordtrichter sehen.
    Und er sprang mit einem Satz zum uersten Rande des Balkons, hielt sich mit
dem Saugfu fest und beugte sich hinber und blickte hinab in die Tiefe.
    Er sah, wie die letzten Stangen an der Laterne langsam gleichmig
hinaufstiegen. Und unten in der Tiefe des Nordtrichters sah er ein Funkeln in
den Steinen, das er noch niemals dort gesehen.
    Aber die Berge des Trichterrandes waren so fern, da er seine Teleskopaugen
ganz weit ausstrecken mute, um noch ein Mal alles ganz deutlich zu sehen -
Pekas Steinfundamente besonders - und auch die Nuse-Trme.
    Es war da unten alles ganz hell und ganz still; kein Pallasianer schwebte da
unten herum. Fast dreiig Meilen gings bis zum Centrum hinunter.
    Die Manesi-Ampel konnte Lesa nicht sehen - und er bedauerte das. Und dabei
mute er sehr lebhaft an den Manesi denken, und er sah einige Ranken der
Manesi-Ampel langsam unten an den Stricken, die zum Turm fhrten, hin und her
schwanken.
    Es wre wunderbar, sagte er leise, wenn an allen Turmstangen solche
Manesi-Ranken hin und her schwanken knnten. Vielleicht sind wir doch zu hastig
gewesen. Doch wir konnten ja nicht anders. Wir muten doch erst hinaufkommen.
    Da sah der Lesa, da sich das Funkeln in den Tiefen des Nordtrichters weiter
hinaufzog. Und pltzlich funkelte es an so vielen Stellen im ganzen
Nordtrichter, da Lesa seine Teleskopaugen zurckziehen mute; er konnte den
neuen Glanz nicht ertragen.
    Als Lesa wieder die Augen langsam vergrerte, sah er das Funkeln nicht
mehr.
    Alles lag unten in der schauerlichen Tiefe still und feierlich da. Die
weien und blauen Felsen im oberen Teile des Trichters leuchteten ganz hell.
    Wie ruhig da unten Alles leuchtet! sagte Lesa leise.

Als Biba zurckkam, blickte Lesa immer noch weit vorgebeugt am Balkonrande
hinunter - in den groen Nordtrichter des Pallasrumpfes hinein.
    Lesa merkte, da Biba wieder da war; Biba lchelte und sagte sanft:
    Du nahmst Abschied!
    Lesa kam wieder zur Laternenwand. Und dann saen die Beiden stumm
nebeneinander.
    Biba sagte:
    Sofanti macht alles so, wie Du es wolltest. Die Stangen werden noch vor
Einbruch der Dunkelheit oben sein. Und morgen frh knnen die Stangen mit den
Huten aufgerichtet werden. Die Hute sind jetzt derartig an den Stangen
befestigt, da sie sich oben sofort zusammenschlieen, ohne da weitere Arbeit
notwendig ist.
    Ich danke Dir! sagte Lesa, ich fhle mich ganz wohl, obschon so viele
Teile meines Krpers durchsichtig werden. Nur sehr krftig fhlt sich mein
Krper nicht.
    Biba richtete sich dreiig Meter hoch auf und rief:
    Ich glaube: ich fhle, was Du bald fhlen wirst.
    Dann wurde er wieder so klein wie Lesa, und dieser sagte langsam:
    Wenn ich nun dort oben weiterlebe, so will ich Dir ein Zeichen geben. Sei
immer mitten auf der Ampel, wenn der Abend naht. Doch nein! Es ist ja garnicht
wahrscheinlich, da Nacht und Tag auch weiter auf dem Pallas wechselt wie
bisher. Sei in Deinem Atelier - am Auenrande des Pallas - so oft Du kannst. Und
ich werde versuchen, Dir meine Nhe anzuzeigen durch leise zitternde Tne.
    Biba nickte.
    Es ist vielleicht, fuhr Lesa fort, alles, was wir von dem Groen da oben
gesprochen haben, ganz und gar falsch. Ich habe das Gefhl, da alles ganz
anders aussieht, wenn ich es oben - selbst vollstndig verndert - durchschauen
kann. Vielleicht ist es mir auch dort noch garnicht mglich, mehr von unserm
Planetensystem zu durchschauen als hier. Ich glaube doch, da die Welt so
groartig ist, da auch die Sterne ihre Groartigkeit noch garnicht erfassen
knnen. Wir kommen wohl immer weiter - und sie, die Greren, kommen auch immer
weiter. Aber auch in der Erkenntnis kommen wir nicht an ein Ende. Die Welt, in
der wir leben, ist in allen Beziehungen so, da alles ins Unendliche fhrt und
nicht zu einem Schlu. Das darf uns ja nicht traurig machen. Im Gegenteil! Gbe
es eine endgltige Lsung aller Rtsel, so knnten wir ja nicht mehr weiter.
    Ja, erwiderte Biba, glaubst Du nun aber, da ein Zusammenschlu der
vielen Asteroden mglich ist? Sie sind ja alle so verschieden voneinander, da
man daran wohl zweifeln kann.
    Das, erwiderte der Lesa, habe ich mir auch schon fters gesagt. Aber
warum sollen denn nicht die Verschiedenartigsten zusammenkommen? Wenn ich
bedenke, da ich mit einem groen Kometensystem zusammenkommen kann - so knnen
doch auch die vielen Asteroden sehr wohl zusammenkommen, denn sie sind
voneinander lange nicht so verschieden - wie ich von dem groen Kometensystem
oben verschieden bin. Ich mu Dir allerdings gestehen, da diese kolossale
Verschiedenartigkeit zwischen mir und dem Groen da oben mich doch immer wieder
mutlos macht. Ich wage beinahe nicht mehr, das zu tun, was ich wollte - und was
Ihr jetzt alle auch von mir wollt.
    Was ist khn? versetzte Biba hart, ich mchte mich mit der Sonne
vereinigen. Ist das nicht noch khner als das, was Du vorhast? Allerdings -
heute und morgen will ich das noch nicht. Ich denke nur, da ich allmhlich
immer reifer werden knnte. Ich habe Dich bisher Deines Mutes wegen so viele
Male bewundert. Ich glaube, da der Mutigste das grte Glck haben wird. Bleibe
Dir treu, damit ich Dir auch treu bleiben kann.
    Aber, sagte nun Lesa, ich will garnicht mehr das grte Glck. Es gibt ja
doch noch immer ein greres. Ich denke garnicht mehr daran, da ich selbst
etwas will. Ich werde von einem starken Luftzuge weitergetragen. Ich kann
garnicht mehr so, wie ich selber will. Ich mu so tun, wie der Luftzug es will.
Aber ich frage mich, ob ich auch wrdig bin, so von dem groen Luftzuge mit
fortgerissen zu werden. Ich komme mir nicht so gro vor. Das ist es. Und ich bin
traurig, da ich nicht mehr so strmisch weiterkann wie einst. Und ich frchte,
da ich meine Schwche verschuldet haben knnte durch nicht gengende
Konzentration meines ganzen Wesens. Wie oft schweiften meine Gedanken ab und
nahmen einen ganz gewhnlichen Flug - dachten an Kleinigkeiten und unbedeutende
Verhltnisse. Das macht mich traurig. Ich war nicht immer so ganz von Ehrfurcht
vor dem Groen angefllt - wie ichs stets htte sein sollen.
    Es soll, sagte Biba, doch wohl auch Ruhepausen geben. Wir drfen uns
nicht zu heftig anstrengen. Wir mssen doch auch mit unsern Krften Ma halten.
    Vielleicht, versetzte Lesa rasch, ging es dem Stern, den wir Pallasrumpf
nennen, mal auch so. Und vielleicht kam dann das kometarische Kopfsystem und
erweckte langsam wieder den sogenannten Sternenrumpf. Und darum muten wir den
Turm bauen.
    Ich glaube, versetzte Biba rasch, da es wirklich so ist. Und deshalb
kannst Du ruhig wieder Mut fassen.
    Ich wills versuchen, sagte Lesa.
    Und dann saen die Beiden still da, und Biba legte seine rechte Hand in
Lesas Linke und drckte die Hand.

Als es Nacht wurde, waren die letzten vierundvierzig Stangen allesamt ganz hoch
oben.
    Und die groe Laterne leuchtete in die Nacht hinein.
    Und Lesa bat den Biba, dafr zu sorgen, da alle Pallasianer unten in dieser
Nacht schliefen - damit sie frisch sein knnten am groen Morgen.
    Und man tat, wie Lesa wollte.
    Nur Sofanti blieb bei dem Lesa und ffnete ihm die Klapptren, soda er in
die oberste Kammer kommen konnte.
    Darf ich nicht bei Dir bleiben? fragte der Sofanti darauf.
    Aber Lesa sagte still:
    La mich jetzt allein. Und morgen frh leiste mir den letzten Dienst. Ich
mu mich sammeln. Ihr werdet hren von mir - durch Biba - wenn ich mich hrbar
machen kann. Das wei ich ja noch nicht.
    Da strich Sofanti sanft ber Lesas Kopfhaut und lie ihn allein und begab
sich auch nach unten auf die groe Ampel, wo er bald einschlief - denn er hatte
in der letzten Zeit mehr gearbeitet als alle andern Pallasianer.

                           Einundzwanzigstes Kapitel


Lesabndio ist oben in seiner einsamen Kammer und bereitet sich auf das Kommende
vor. Er verliert schlielich alle Furcht und findet alles, wies auch kommen mag,
nicht mehr furchtbar - auch die gnzliche Vernichtung nicht.

Dann wird das letzte Stockwerk am nchsten Morgen aufgerichtet, whrend alle
Pallasianer lautlos zusehen. Mit der Lichtwolke gehen die kolossalsten
Vernderungen vor. Sie zerreit schlielich in der Mitte, und gelbe
Lichtschlangen werden sichtbar, in denen Lesabndio verschwindet.

In einer seltsamen Kammer war der Lesa. Hundert Meter war sie hoch. Von
vierundvierzig Wnden war sie fast kreisfrmig umschlossen - ganz regelmig.
Boden und Decke waren ganz glatt. Und alles bestand aus bunten Huten. Vor den
vierundvierzig Wnden sah man Tausende von elektrischen Lichtern in die Nacht
hinausstrahlen. Auch nach innen waren sie von bunten Huten verdeckt, soda auch
innen alles ganz bunt leuchtete.
    Aber ganz kahl sah der groe bunte Raum aus.
    Und es war einsam hier.
    Lesa sa auf dem Boden in der Mitte - vornber gebeugt und ganz klein. Er
blickte scheu umher und empfand das Kahle und Einsame des Raumes und wollte sich
zerstreuen; er wollte lesen und tastete nervs mit den Fingern seiner feinen
rechten Hand an seinem Halse herum - und er fand sein Halsband nicht.
    Ach so! sagte er leise nach einer guten Weile, das Halsband hab ich ja
nicht mehr, das hab ich ja dem Biba geschenkt. Es ist das Einzige, was ich unten
auf dem sogenannten Pallas-Rumpf zurcklasse. Peka lie mehr zurck - groe
Ateliers und groe Fundamente und ein groes Modell.
    Und nun war dem Lesa pltzlich, als wre er nicht mehr allein; es ging ein
so feines Surren durch den Raum.
    Bist Du es, Peka? fragte er laut.
    Und ihm war dabei so, als wrde er etwas hher gehoben; er fhlte an seinem
Saugfu den Boden nicht mehr.
    Und an seiner Kopfhaut fhlte er prickelnde Zweige, und er rief pltzlich:
    Bist Du auch da, Manesi?
    Doch da ward es ganz still. Die vielen elektrischen Lampen leuchteten wie
vordem, und er fhlte wieder die Bodenhaut unter seinem Saugfu.
    Die Rtsel des Lebens, sagte er mit harter Stimme und nach oben
gerichtetem Gesicht, kann man wohl sehr ernst nehmen. Es ist aber wohl nicht
ntig, wenn man sie immerzu sehr ernst nimmt. Man kann sie auch mal sehr lustig
nehmen. Dadurch werden sie ganz bestimmt nicht unbedeutender. Es ist wohl nicht
ntig, immer sehr ernst zu sein. Und grade, wenn man Abschied nimmt von alten
Zustnden, dann knnte man wohl ganz besonders lustig sein. Jedenfalls wird die
Vernderung der Lebensform doch einige Rtsel lsen. Und das kann uns doch ganz
heiter stimmen. Man knnte sogar lachen, da man so voll Bangen ist - da man
nicht wei, wie es kommen wird - ob es enden wird oder nicht. Da man das nicht
wei - das ist doch nicht traurig. Man knnte darber auch lachen.
    Er lachte aber nicht. Er befhlte seine durchsichtigen Hnde.
    Er dachte an die groe Sonne und an das gewaltige Planetensystem und an den
Asterodenring.
    Wenn ich das knnte! rief er pltzlich begeistert, die vielen Asteroden,
die so verschieden voneinander sind, einander zu nhern! Wenn ich das knnte!
Oben! Aber - wei ich, ob ich oben noch wei, da ich jemals etwas wollte? Wenn
nun oben Alles zu Ende geht mit mir - dann lebe ich nicht mehr - empfinde nichts
mehr von der Sonne und ihren Bewunderern. Dann ist Alles aus. Ist das traurig?
Ist das zu beklagen, wenns mit mir kleinem Wurm fr immer zu Ende ist? Mu ich
nicht froh sein, da es mir mal vergnnt war, hineinzublicken in ein groes
Weltgetriebe, das viel grer ist als alles Andere, das mir nahe kam? Und -
kanns mir nicht gleich sein, wies kommt? Wenn in ein paar Stunden alles aus ist
- so kann doch ich nicht dafr. Warum bin ich traurig, wenn ich denke, da alles
aus sein knnte - da oben?
    Er breitete beide Arme weit aus und reckte sich hoch auf - so hoch er konnte
- vierzig Meter hoch. Und er blickte hinauf zur Decke und schrie:
    Ich wei nicht, ob ich noch etwas erleben werde. Aber darum bin ich nicht
traurig. Ich will lachen.
    Er lachte aber abermals nicht.
    Langsam wurde Lesa wieder kleiner.
    Und als er ganz klein geworden, lchelte er und sagte:
    Da ich wieder klein wurde, finde ich so lustig. Vielleicht werde ich so
klein oben wie ein Quikkoaner. Und die sind immer lustig. Sie freuen sich,
solange sie sich freuen knnen. Warum soll ich mich nicht auch freuen? Und wenn
ich noch viel kleiner wrde, - ich wrde mich auch freuen. Wenn nur das Groe
gro bleibt. Und das bleibt doch gro. Der unendliche Raum kann nicht so klein
werden wie ein Punkt. Ich aber kanns. Und da ich das kann, ist auch etwas
Groes. Jetzt mu ich doch lachen.
    Und er lachte ganz leise ein wenig. Und dann lachte er immer mehr und immer
lauter. Und er lachte so laut, da die vierundvierzig Wnde zitterten. Und er
bemerkte das. Und er lachte noch einmal laut auf und war dann ganz still.
    Da wars ihm so, als hrte er an allen Ecken und Enden immerzu leise lachen
und kichern, und er rief: Warum lacht Ihr auch? Lacht Ihr ber mich?
    Er horchte.
    Doch jetzt hrte er nichts mehr.

Schon lange vor Anbruch des groen Morgens waren alle Pallasianer wieder hoch
oben in der Turmlaterne. Und alle hatten dunkle durchsichtige Hautlappen oben an
der Kopfhaut befestigt, soda sie die Teleskopaugen vor dem Glanz der Lichtwolke
schtzen konnten; whrend die Kopfhaut die Augen seitlich schtzte, verdunkelten
vorn angeheftete dunkle durchsichtige Hautstcke das grelle Licht der Wolke.
    Als nun die Wolke sich nach oben zog und oben wieder zu blenden begann,
begaben sich alle auf die obersten Balkons des Turms, und die Stangen des
letzten Stockwerks drehten sich langsam mit ihren Hautstcken ganz gleichfrmig
nach oben, soda die Stangenspitzen einen Halbkreis beschrieben.
    Nur Sofanti befand sich mit einigen Freunden im Innern der Laterne, um die
Haut, auf der Lesabndio sa, in der Mitte rechtzeitig zurckziehen zu knnen.
Das ganze oberste Stockwerk mute auch im Innern nach oben befrdert werden.
Sobald es oben angekommen war, ri durch einen einfachen Mechanismus die Decke
in dem Raume, in dem der Lesa sa, auseinander, soda dieser von seiner
Bodenhaut aus wie von einem Sprungtuch aus in die Hhe geschnellt werden konnte.
    Alles war sorgfltig vorbereitet. Das Funktionieren der mechanisch
arbeitenden Wandrollen hatte man schon in den unteren Stockwerken ausgeprft,
soda alles im richtigen Momente klappen mute.
    Keiner sprach oben ein Wort.
    Drauen sah man lautlos zu, wie sich die Stangen langsam und bedchtig
gleichmig nach oben drehten.
    Auch Sofanti mit seinen Leuten im Innern schwieg.
    Und von Lesa war nichts zu hren.
    Als nun die Stangen immer hher kamen, sah man, da die Wolke immer
unruhiger wurde; groe schwarze und graue Flecke bildeten sich in der
leuchtenden Masse, und sie wurde am Rande, der sonst kreisfrmig wirkte,
unregelmig.
    Dann bildeten sich elektrische Wirbel in den schwarzen und grauen Flecken.
Die Wirbel rollten sich spiralfrmig zusammen und sandten zuckende Wirbelblitze
herum.
    Danach erschienen am Rande groe blaue, rote und grne Kugeln, die sich
fabelhaft schnell drehten und sich oben abplatteten, soda viele fast zu
Scheiben wurden.
    Die Erregung der Pallasianer stieg von Sekunde zu Sekunde.
    Und die Stangen kamen immer hher.
    Die schwarzen Flecke in der Lichtscheibe wurden pltzlich dunkelviolett, und
die grauen Flecke wurden hellbraun.
    Und nun wurden die Flecke immer grer, soda die Wolke schlielich nur noch
ein seltsames Licht ausstrmte, das sich aus Hellbraun und Dunkelviolett
zusammenmischte.
    Violette zitternde Scheinwerfer - wie Kometenschweife - schlugen nach unten
und umzitterten die Spitzen der Stangen, die immer hher kamen.
    Lesabndio sah von alledem nichts. Er sa ganz still.
    Und es wurde ganz finster in seiner Kammer.
    Er versuchte mehrmals, sich aufzurecken.
    Aber er fiel immer wieder kraftlos zurck.
    Er blickte jetzt nach oben und sah, da die Decke seiner Kammer
dunkelviolett leuchtete - bald heller und bald dunkler.

Dann entstand drauen ein furchtbares Geschrei.
    Die Spitzen der Stangen berhrten die Wolke, und die Wolke begann zu
zittern.
    Ein furchtbarer Donner wurde hrbar.
    Und die ganze Wolke begann, an den Rndern zu blitzen.
    Danach gab es einen Knall.
    Und die Mitte der Wolke, die ganz dunkelviolett leuchtete, bekam pltzlich
einen Ri, der gelb aussah und unregelmig wurde.
    Gleichzeitig berhrten die Spitzen der Stangen den violetten Teil der Wolke,
und diese fing an, sich zu heben und zu senken - und dann immerzu auf und ab zu
flattern.

Lesa fhlte pltzlich, da neue Krfte in ihm wuchsen - er konnte sich aufrecken
- immer wieder noch ein Mal - und schlielich ganz hoch - fast fnfzig Meter
hoch. Und er wollte springen.

Dann entstanden in der Mitte der Wolke immer mehr Risse.
    Das Gelbe sandte mchtig glnzende Strahlen aus.
    Und die Stangen gingen in das Gelbe hinein.
    Und die Hute umschlossen das letzte Stockwerk - mit einem Ruck - alle Teile
der Maschinen funktionierten so, wie man es gedacht hatte.
    Danach ri das Mittelstck der Wolke ganz und gar auseinander. Und die
violetten ueren Teile traten weit zurck, und die ganze dunkelviolette Wolke
trat immer weiter zurck und bildete einen dunkelviolett leuchtenden,
unregelmig gebildeten Ring.
    Und wo frher die Wolke war, sah man jetzt nur ein wogendes Lichtmeer von
gelben Schlangenleibern, die auch leuchteten.

Und die Pallasianer, die an den uersten Rndern der obersten Balkons saen,
sahen, da Lesabndio ganz lang wie eine lange braune Stange hineinscho - in
das wogende Meer der gelben leuchtenden Schlangenleiber.
    Und die Schlangenleiber zitterten.
    Und Lesabndio verschwand.
    Und ein karminroter Fleck bildete sich im Gelben und ward immer grer.
    Sofanti sah zuerst diesen roten Fleck.

                          Zweiundzwanzigstes Kapitel.


Es wird geschildert, was Lesabndio im Kopfsystem des Pallas empfindet. Er kann
anfangs nichts hren und nichts sehen, bemerkt dann aber, da er ganz neue
Sehorgane bekommt, mit denen er das ganze Planetensystem und besonders die Sonne
ganz anders sieht als bisher. Lesa empfindet den grten Rauschzustand und hrt
schlielich, was die Sonne fr die grte Weisheit hlt - und warum die Planeten
die Sonne umkreisen. Dazwischen wird berichtet, was sich unten auf dem
Pallas-Rumpf ereignet.

Aus Gasen bestanden die gelben Lichtschlangen oben. Und Lesabndio wurde
geblendet von den gelben Lichtschlangen. Er sah nichts mehr. Er fhlte nur, da
sein ganzer Krper zerging und - sich ausbreitete - weithin nach allen Seiten.
    Er wollte schreien, aber brachte keinen Ton hervor. Er sah nichts und hrte
nichts. Ihm war so, als ginge ein feines Kribbeln durch sein ganzes Wesen - doch
das ging so weit nach allen Seiten fort.
    Ich lebe noch! wollte er rufen.
    Doch es blieb alles still, und er fhlte nur, da er bemerkte, wie Fernes
herankommen wollte.

Ihm war so, als gingen berall auf allen Seiten von ihm feine Fhlfden aus -
ganz feine. Und die wurden immer lnger, immer lnger. Und die fernen Spitzen
seiner Fhlfden wurden empfindlich, und sie umfhlten, wie er glaubte - groe
feine zitternde Glasschalen. Und die Spitzen der Fden verbanden sich mit den
Glasschalen und wurden zusammen zu groen, sich ausbreitenden Glaskugeln, durch
die er pltzlich alles im Sonnensystem viel viel grer sah als bisher.
    Nun sah er wieder durch die groen Glaskugeln, und er konnte die Kugeln
beliebig vergrern und verkleinern. Und er konnte ihnen auch andre Formen
geben, konnte sie heranziehen und weit vorstoen. Und er fhlte nirgendwo ein
Hemmnis.
    Da sah er nun die anderen vielen Asteroden ganz nahe, und dann - auch die
Sonne - ganz nahe.
    Wenn das der Biba knnte! wollte er wieder rufen -
    Aber alles blieb still in seiner Nhe. Er fhlte nur, da er sich langsam
drehte.
    Von meiner nchsten Umgebung, sagte er langsam in Gedanken, kann ich
leider nichts erkennen. Doch - ich will nicht wissen, warum ich das nicht kann.
Das Ferne bemerke ich - das ist mir genug.
    Und da wars ihm so, als wrde er von leichten Wolken umschwebt - und die
Wolken drckten sich leicht in ihn hinein - bald heftiger und bald leiser.
    Er fhlte hin und glaubte pltzlich eine Drucksprache zu verstehen.
    Und die sagte:
    Lesa, bist Du bescheiden! Du bist ja immer mit dem zufrieden, was Dir
geboten wird. Ich, der Drckende, will mehr als das, was augenblicklich mglich
ist. Ich will kristallinische Formen in Gasform - kantige Sulen in Gasform -
und Oktader und Prismen und noch mehr Kantiges - alles in Gasform.
    Lesa wollte lcheln, und er wollte sagen:
    Peka, ich erkenne Dich schon.
    Aber er konnte nicht lcheln, und durch Wolken konnte er sich nicht
verstndlich machen.
    Er fhlte, da auch Manesi nicht weitab war - auch mit unmglichen Dingen.
Manesi redete durch dicke Gasfden, die bald langsam, bald schneller in der Nhe
des Lesa hin- und hergezogen wurden.
    Gasblumen! verstand er.
    Und dann verstand er noch:
    Gasschlangen sind leicht vorstellbar - aber Gasranken mit Gaszweigen, die
hin und her schwanken - von magnetischen Winden bewegt - das ist mehr - mehr..
    Dann wurde dem Lesa diese seltsame Sprache ganz unverstndlich.
    Und er fhlte wieder in den Enden der langen Fhlfden ein Zucken und
Ziehen.
    Und er sah wieder durch die Glaslinsen in den Spitzen seiner Fhlfden die
groe Welt in der Ferne.

Auf den oberen Stockwerken des Nordtrichterturms flog whrenddem alles wie
durcheinander - Alle sprachen - und Keiner hrte auf den Andern.
    Jedenfalls, sagte Biba, ist er oben geblieben. Er ist also vom groen
Kometensystem aufgenommen, wie er von uns htte aufgenommen werden knnen.
    Und nun fragten sechs Andre:
    Lebt er aber noch?
    Das wissen wir, sagte Biba ernst, heute noch nicht. Wir wissen auch noch
nicht, ob Peka und Manesi und alle die Andern, die nicht mehr unter uns sind,
heute noch leben. Aber - wir haben das Kometensystem oben gesehen. Wir knnens
jetzt noch sehen. Ein rotes Auge blickt unheimlich in unsre Turmlaterne hinein.
Das ist das grte Ereignis unsres Lebens. Jetzt wird sich vieles verndern.
Mich verlt die Ruhe.
    Den andern Pallasianern kam auch die Ruhe abhanden, denn die dunkle Nacht
blieb zunchst aus; die Spinngewebewolke kam abermals am Abend nicht wieder
runter; sie zog sich immer weiter nach allen Seiten auseinander und bildete oben
einen groen grauen unregelmigen Kranz.
    Darum blieb die Nacht hell.
    Allerdings: die Helligkeit des gelben sichtbaren Kopfsystems wurde immer
schwcher und erreichte bald nicht mehr den zehnten Teil der von der Lichtwolke
ausgestrmten Helligkeit.
    Und so war auch der Tag viel dunkler als bisher.
    Der rote Fleck blieb und sendete wie ein feiner Scheinwerfer einen
karminroten Lichtkegel senkrecht in die Laterne hinein. Die Spitze des
Lichtkegels traf die Mitte der Manesi-Ampel.
    Dmmerung herrschte auf dem Nordtrichter des Pallas auch am Tage. Der
Sdtrichter blieb am Tage so dunkel, da man kaum dreihundert Meter weit sehen
konnte.
    Und so lie man auch am Tage alle elektrischen Lichter brennen.
    Die Dmmerung wirkte unheimlich.
    Niemand wute, was daraus werden konnte.
    Wer schlafen wollte, begab sich auf die Pilzwiesen, die Manesi in den groen
Hhlen des Pallas angelegt hatte.

Whrenddem fhlte Lesa oben keine Spur von Unruhe. Da er nichts hren konnte,
fhlte er in seinem Innern eine groe Stille. Das Naheliegende verga er, er
verga auch den ganzen Stern Pallas. Dagegen wurden die neuen Kugelaugen, die er
an seinen feinen Fhlfden entdeckt hatte, immer empfindlicher. Aber diese
Empfindlichkeit machte garnicht unruhig.
    Mit seinen neuen Augen sah der Lesa ringsum die vielen Asteroden ganz
deutlich.
    Und er wunderte sich.
    So verschiedenartig, sagte er in Gedanken zu sich selbst, habe ich die
Asteroden garnicht fr mglich gehalten.
    Und viele Asteroden sah er dicht neben den greren Planeten - auch am
Jupiter und hinter dem Saturnringe - und auch neben den Planeten, die der Sonne
nher waren als der Pallas.
    Und welche groe Zahl, sagte er weiter in Gedanken, umkreist die Sonne!
Das sind ja Millionen. Die alle zusammen in einem Ringe vereinen - das geht ja
garnicht. Und der eine luft rasend schnell - und der andre ganz langsam.
    Er bewunderte besonders diejenigen Asteroden, die den nchsten Planeten,
der der Sonne nher war als er, umkreisten. Diese Kleinen rasten so schnell
dahin, da er nicht wute, wie sie so schnell sein konnten und warum.
    Und der Lesa fhlte, da er sich drehte, ohne es zu wollen.
    Es kam ihm dann so vor, als wre er dicht vor dem Einschlafen. Und es
berkam ihn ein wohliges seliges Gefhl, wie er es niemals empfunden hatte.
    Ein ganz neuer stetiger, nicht vernderlicher Rausch schien ihn zu umhllen.
Es war kein Traum, es war auch kein Wachen.
    Vielleicht ist das doch ein Zustand ewiger Seligkeit! dachte er.
    Und dann, fuhr er in Gedanken fort, beinahe verstehe ich jetzt, warum
sich die meisten Sterne immerzu drehen. Es liegt etwas Berauschendes in der
steten Drehung eines runden Dinges - eine runde Kugel wirkt am schnellsten
berauschend. Deswegen haben wohl auch so viele Sterne Kugelform. Sich drehende
Rder wirken auch so berauschend - schon in den Gedanken. Wenn man immerzu an
sich drehende Rder denkt, so setzt uns das in einen Rauschzustand, wie er
grer garnicht gedacht werden kann. In den drehenden Rdern steckt das grte
Geheimnis unsres Planetensystems.
    Und er dachte an alle die Kreise, die von den Planeten um die Sonne gezogen
wurden. Die Kreise wurden zu Rdern, und Lesas Gedanken verwirrten sich. -
    Biba sa nun in seiner einsamen Klause am ueren Rande des Pallasrumpfes.
    Biba starrte mit ganz weit vorgestreckten Augen in die ferne grne Sonne.
    Ob jetzt der Lesa, sagte er still, schon mehr wei von der Sonne als wir?
Der grte Mut fhrt doch immer am weitesten. Wie kommt es nur, da ich den
groen Mut, den der Lesa hatte, nicht besa - und auch nicht besitzen werde -
wie kommt das nur?
    Er dachte so lange nach darber, bis er fhlte, da er mde wurde.

Lesa sah ganz groe sich drehende Schlangenleiber in der Ferne - und die waren
alle in einer durchsichtigen Kugel. Und die Kugel drehte sich langsam um sich
selbst.
    Ist das das Innere eines Sterns?
    Also wollte er fragen.
    Aber er sagte sich gleich:
    Warum soll ich fragen? Ich bekomme ja doch keine Antwort. Bekme ich nur
mal eine Antwort! Aber man fragt so oft, whrend man sich sehr leicht selber
eine Antwort geben kann. Ob ich trume oder wache - das ist doch auch ganz
gleichgltig. Ich wills garnicht wissen. In meinem Zustande ist zwischen Trumen
und Wachen ganz bestimmt kein groer Unterschied.
    Und ihm war so, als she er in das Innere vieler Sterne - und er staunte.
    Wenn das der Biba knnte! dachte er, wie wrde der sich freuen! Doch es
ist zu viel zu sehen. Besonders in der Sonne! Daraus wird man nicht so schnell
klug. Es ist da Alles so kompliziert, da ich wohl begreife, warum die vielen
Planeten immerzu um die Sonne kreisen; sie wollen das sehen, was sie noch
niemals gesehen haben - das Neue - das Kolossale - das berwltigende. Das
berwltigende erzeugt immer so wie die Kugeln und Rder - diese Symbole des
Unendlichen - den allergrten Rausch. Das Erkennen erzeugt nicht den grten
Rausch. Wenn das doch alle Wesen erkennen knnten - dieses Erkennen dessen, das
nicht erkannt werden will und garnicht erkannt werden soll.
    Wieder verwirrten sich Lesas Gedanken.
    Er fhlte nur, da er sich immerzu drehte, und empfand einen seligen
Rauschzustand. Und er freute sich darber.

Dann - kams ihm so vor - als sprche was neben ihm - in einer geheimnisvollen
Zeichensprache. Und ihm war so, als verstnde er die Zeichensprache.
    Du willst wissen, glaubte er zu vernehmen, warum die Planeten die groe
Sonne umkreisen. Oh - sie ist nicht nur gro - sie ist auch so gtig! Das ist
das Wichtigste. Sie gibt Licht und Wrme in Hlle und Flle. Sie ist ttig fr
alle, die sie umkreisen. Ihre Ttigkeit fr die Andern - das ist ihre Gte. Sie
belebt alles - auch das Kopfsystem des Pallas - und Dich, Lesa, ebenfalls.
Fhlst Du nicht, was die groe Sonne denkt?
    Lesa sammelte sich und schaute mit seinen neuen Sehorganen ganz heftig in
die Sonne hinein, und da wars ihm so, als sprche die groe Sonne zu ihm. Er
horchte - Und er hrte, da sie sprach. Aber er verstand nicht, was sie sprach.
Da wurde er traurig.

Dann vernahm er deutlich abermals Worte in seiner Nhe - sie sagten:
    Eine der grten Weisheiten unsrer groen, eigentlich nicht so ganz gtigen
Sonne ist die, da nur Schmerz und Qual als die grten Glckserzeuger
bezeichnet werden drfen. Wir haben kein Recht, uns vor dem Entsetzlichen zu
frchten. Das Entsetzliche fhrt uns doch immer weiter. Es wandelt uns um. Und
wir sind nicht imstande, uns umzuwandeln, wenn wir Schmerz und Qual fliehen.
Hre nur, was die Sonne Dir jetzt sagen wird!
    Und Lesa hrte nach einer Weile klare Tne und dann diese Worte:
    Frchtet nicht den Schmerz - und frchtet auch nicht den Tod.

                           Dreiundzwanzigstes Kapitel


Die Sofanti-Musik verstummt. Und oben auf dem obersten Stockwerk verbinden sich
die Lichtstrahlen des Kopfsystems mit der Turmlaterne. Lesa sieht immer mehr von
dem Innern der Sterne und von dem, was sie wollen. Der karminrote Lichtkegel
geht durch den ganzen Stern Pallas hindurch. Und dann wird der Stern Quikko Mond
des Pallas. Lesa kann sich dem Biba verstndlich machen. Die Pallasianer wohnen
nur noch auf der Auenseite des Pallas-Rumpfes und bauen mit Hilfe der
Quikkoaner groe Teleskope. Das Kopfsystem strahlt groe Kometenbschel aus,
und die Spinngewebewolke leuchtet so hell wie einst.

Da die Lichtwolke nicht mehr des Nachts herunterkam, war auch die Sofanti-Musik
in den Huten des Centrums nicht mehr zu hren. Anfnglich wurde das nicht
beachtet. Als Sofanti darauf aufmerksam machte, schttelte man mit dem Kopf,
hielt das aber fr ganz natrlich.
    Wir werden noch, sagte der Nuse, das Ungeheuerlichste fr ganz natrlich
halten. Alle meine Lichttrme sind fr die dunkle Nacht berechnet gewesen -
jetzt leuchten sie am Tage, der allerdings mehr ein Abend genannt werden mu.
Die grnen Sterne bleiben immer fr uns sichtbar. Ein Zwielicht wird durch die
Lichttrme in der Dmmerung erzeugt. Das ist so kstlich, da ich behaupten
mchte: wir haben etwas Kstlicheres noch nie erlebt.
    Die Sterne, sagte Dex, sind uns jetzt, wie mir deucht, viel nher als
bisher. Wir sollen uns wohl mehr um sie kmmern.
    Sofanti aber sagte dazu:
    Wenn soviel wie jetzt auf unserm Pallas sich ereignet, so knnen wir uns
vorlufig noch nicht um die Sterne bekmmern. Kommt rasch hinauf in die Laterne.
Ich habe da wieder etwas Neues entdeckt.
    Und die beiden Andern folgten dem Sofanti auf den flinken Band- und
Seilbahnen des Turms hinauf in die Laterne. In der leuchtete der karminrote
Lichtkegel. Und sie bemerkten, da der Lichtkegel viel breiter war.
    Nun fhrte Sofanti den Dex und den Nuse in dem letzten Stockwerk durch die
Seitenklappen hinaus auf einen Balkon, und da sahen die Drei, da sich die
gelben leuchtenden Schlangenleiber, die man oben im Kopfsystem entdeckt hatte,
in ganz merkwrdigen Knoten um den oberen Teil des obersten Stockwerks
herumgeschlossen hatten.
    Jetzt hat sich, sagte der Dex rasch, das Kopfsystem unlslich mit dem
Rumpfsystem des Pallas verbunden. Jetzt wird Niemand mehr sagen, da wir den
Turm zwecklos gebaut haben. Dazu also haben wir soviel Kaddimohnstahl
verarbeiten drfen. Wir haben getan, was Rumpf und Kopf unsres Sterns zusammen
wollten.
    Als das bekannt wurde, kamen Alle hinauf und staunten das neue Wunder an.

Lesa empfand nun oben immerfort ganz neue Dinge im Planetensystem. Er konnte
garnicht alles erfassen. Er sah in das Innere der Planeten hinein und sah, wie
heftig sie lebten - wie sie immerzu bemht waren, den Bewegungen des
Sonneninnern zu folgen. Und dieses glhte so heftig, da Lesa nicht wute, was
er zuerst sehen sollte. Er fhlte sich einsam und wollte einen Fhrer.
    Kaum hatte er das gewollt, so vernahm er ganz fremde Tne - und er verstand
sie - sie sagten:
    Nur ganz allmhlich wirst Du mehr von unserm groen Sonnenleben begreifen.
Die Asteroden kamen hierher in groen Scharen, als sie sahen, da groe
Planeten die Sonne umkreisten. Wir verstehen selber noch recht wenig von den
innern Zusammenhngen. Jedenfalls wissen wir jetzt, da hier nicht Rcksicht auf
die kleinsten Dinge genommen wird. Wir mssen uns daran gewhnen, da Vieles an
die Seite geschoben wird, damit Wichtigeres Platz bekommt. Das fhrt zu manchen
Brutalitten. Darber wird immerzu zwischen der groen Sonne und ihren kleineren
Trabanten verhandelt. Was die greren Planeten, die nach uns kamen, mit der
Sonne zusammen berlegen, das wissen wir nicht. Vom Jupiter wissen wir wenig.
Einzelne Asteroden umkreisen deshalb den Jupiter.
    Lesa fhlte einen stechenden Schmerz in dem einen seiner glaskugelartigen
Sehorgane - und er sah damit nichts mehr. Er wollte auch nichts mehr sehen.

In der Laterne des Lichtturms gabs bald noch eine grere Neuigkeit: whrend das
gelbe Licht der Schlangenleiber schwcher wurde und diese fast vollstndig zur
Ruhe kamen, verbreiterte sich der rote Lichtkegel zusehends, soda er unten bald
breiter als die Ampel war und nun nach unten ging durch das Centralloch durch.
    Und dabei wurden die Kaddimohnstahlstangen des kleinen Modellturms unten
blendend wei.
    Dex befrchtete, da der Stahl durch das Licht angegriffen werden knnte, er
untersuchte den Stahl, fand aber nichts, was ihn beunruhigte. Dagegen merkte er,
als er sich lngere Zeit dem karminroten Lichte ausgesetzt hatte, da sein
Krper in eine ihm ganz neu erscheinende Erregung versetzt wurde; er sprach
danach so lebhaft, da sich die meisten Pallasianer sehr bald aus seiner Nhe
zurckgezogen - nur Biba hielt es aus. Und er flog auch in das rote Licht, und
er fhlte dieselbe Erregung.
    Nun sagten aber Beide, da die neue Erregung keineswegs unangenehm wirke -
das Licht sei vielmehr belebend. Und so begaben sich bald alle Pallasianer in
den roten Lichtkegel, und der durchleuchtete nun auch den Sdtrichter des Sterns
und leuchtete unten ganz weit ber den sdlichen Trichterrand hinaus. Und man
sah, da der Strahl einen kleinen Stern traf.
    Durch Spiegel versuchte man das rote Licht abzulenken. Und - wo das
abgelenkte Licht den Stein der Trichterwnde traf, da leuchtete der Stein
dunkelviolett und in wundervollem Glnze.
    Nuse bemerkte, da dagegen seine Lichttrme fast verblaten. Und man
beschlo, die Spiegel nicht zu oft so zu stellen, da das rote Licht seitwrts
abgelenkt wurde. Schlielich lenkte mans nur im Sdtrichter ab, wo die
Lichttrme nicht mehr erleuchtet wurden. -
    Lesa aber erinnerte sich pltzlich, da er ja dem Biba versprochen habe, ihm
ein Zeichen zu geben. Und der Biba sa in seiner stillen Klause und dachte
fortwhrend an seinen verschwundenen Lesa. Und pltzlich sieht der Biba, da
seine Hhle hell aufleuchtet - in ganz zartem blaugrnlichem Licht; einer von
Lesas Fhlfden ist dorthingelangt - mitten durch den Felsen durch. Lesa sieht
den Biba; der Kopf seines Fhlfadens ist nicht aus gewhnlichem Glas geformt -
nicht zerbrechlich - der Kopf ist ein ganz besonderes Glas, das fr die Augen
der Pallasianer nur als blaugrnlicher Lichtschimmer bemerkbar ist.
    Lesa will dem Biba etwas sagen, und es gelingt dem groen
Kometenkopfbewohner, seine Gedanken auf den Biba ohne weiteres zu bertragen.
    Lebt, sagte der Lesa, auf der Auenrinde des Pallas-Rumpfes, der lebt
jetzt mit dem Kopfsystem zusammen - und wieder mit den anderen Asteroden
zusammen - mit dem ganzen Planetensystem und auch mit dem Sonnensystem zusammen.
Das sollt Ihr auch. Lebt drauen, macht Euch groe Teleskope. Die Quikkoaner
werden Euch helfen. Ihr werdet immer mehr entdecken. Ich entdecke auch immer
mehr. Es geht nicht sprungweise. Ihr knnt Euch nur allmhlich entwickeln. Auch
die Sterne entwickeln sich nur allmhlich. Ich bin noch kein Stern. Ich komme
aber immer weiter. Schon ahne ich etwas von dem, was im Innern der Sterne
vorgeht. Die Sonne ist fr mich noch viel zu gro. Aber auch die andern Planeten
sind noch immerzu zu gro fr mich. Das verget nicht. Wir mssen alle zusammen
dasselbe groe Ziel im Auge behalten. Vergi den Lesa nicht.
    Danach wars dunkel. Und Biba schrie:
    Ich danke Dir, Lesa!
    Und dann strmte er hinaus und erzhlte Allen, was er erlebt hatte.
    Und da legten die Pallasianer auf der Auenseite des Pallas-Rumpfes
Pilzwiesen an, und sie schliefen auf diesen Pilzwiesen. Und wenn sie erwachten,
starrten sie mit lang ausgestreckten Augen in die grnen Sterne.
    Die Quikkoaner aber dachten darber nach, wie sie groe Teleskope bauen
knnten.

Und Lesa freute sich oben, da es ihm gelungen war, sich den Pallasianern
verstndlich zu machen - und da sie wieder taten, wie er gebeten hatte.
    Und dann gingen Lesas groe Weltaugen wieder zur Sonne hin und zu den
Planeten, die der Sonne nher waren als der Asterodenring.
    Lesa bemerkte, da alle rcksichtslos immer tiefer eindringen wollten in
groe Geheimnisse, die fr ihn noch unverstndlich waren. Aber Lesa wurde
mitgerissen von dem strmischen Vorwrtsstreben der Sterne. Und ihn packte eine
groe Wildheit.
    Ich will auch weiter, rief er in seinen Gedanken, wenn ich auch nicht
wei, wohin es fhrt. Aber es geht ein Trotz durch die Planeten. Sie wollen
nicht mehr am Kleinlichen haften bleiben; sie wollen alle nur das Groe,
Gewaltige. Und das hat nicht trge Ruhe in sich. Da lst sich die schlaffe
Seligkeit auf. Und man wird Vulkan -Welterschtterung - tosender Sturm - und
berauschender Lichttrubel. Was kommt es darauf an, ob ich lebe oder nicht lebe.
Wenn nur der Stern mit mir, in mir lebt - ein Weltenleben. Schwer ist es. Aber
durch das Schwere kommt man zu den grten Seligkeiten. Die schlaffen Pausen
mssen berwunden werden. Schneller mu sich alles drehen, damit man mehr
aufnimmt. Wieder kommt der Rausch, den die ewige Drehung erzeugt - die sich
drehenden Kugeln und Rder ersticken das Kleinliche. Vorwrts! Nicht den Schmerz
frchten! Nicht den Tod frchten! Die Kugeln! Die Unendlichen! Die Rder! Die
Kreise! Die Kreise!
    Und Lesas Gedanken verwirrten sich wieder, und er empfand nur noch eine
strmische Seligkeit.

Da sahen die Pallasianer pltzlich den Stern Quikko nher kommen.
    Nax und die Seinen jauchzten.
    Er wird, rief der kleine Nax, Mond des Pallas.
    Und so geschah es.
    Und die Pallasianer nahmen die zehn kleinen Quikkoaner und lieen sich
hinschnellen durch Seile - zum Stern Quikko - auch Biba flog hin.
    Und da gab es ein groes Wiedersehen. Und die Quikkoaner lsten vorsichtig
einige Quallenstcke von ihrem Stern los. Und mit diesen Quallenstcken flog man
zurck und baute auf der Auenseite des Pallasrumpfes viele Teleskope.
    Und whrend der Stern Quikko neugierig den Pallas, auf dem jetzt Kopf und
Rumpf immer intensiver zusammenwuchsen, umkreiste - flogen die Pallasianer oft
hinber zum Quikko.
    Und die Quikkoaner flogen zum Pallas oft hinber.
    Und es entstand auf dem Pallas ein ganz neues Leben - und auf dem Quikko
ebenfalls.

Lesa empfand immer mehr, da er nicht mehr so empfand und dachte wie einst. Es
ging das Streben des Kometensystems allmhlich immer heftiger in ihn hinein.
    Wir wollten ja, vernahm er da, auch mal zur Sonne. Aber wir blieben am
Pallas hngen. In dem war noch so viel Kraft. Aber der groe Asterod schlief.
Und jetzt haben wir ihn wieder erweckt.

Lesa teilte dem Biba gleich mit, was er vernahm und sagte ihm:
    Wenn wir nur wten, was die Kometen jetzt wollen.

Da sahen die Pallasianer und die Quikkoaner, da das Kopfsystem sehr unruhig
wurde. Mchtige Kometenbschel strahlten nach allen Seiten aus dem Kopfsystem
heraus.
    Und die Spinngewebewolke wurde wieder glnzend wie einst. Und der Kranz
leuchtete mchtig. Und Funken sprhten in dem Kranz herum, da er noch heftiger
leuchtete.

Ganz allmhlich wurde das Leuchten und das Funkensprhen schwcher.
    Lesa blickte mit allen seinen neuen Augen hinab.
    Und man sah auf dem Pallas an vielen Stellen einen blaugrnlichen
Lichtschein.

                           Vierundzwanzigstes Kapitel


Biba lt fr die Sonnenbeobachtung eine neue Bandbahn bauen, die den ueren
Teil des Pallas-Rumpfes in der Mitte umspannt. Lesa sagt dem Biba das Wichtigste
ber die Sonne. Bombimba will wie Lesa in das Kopfsystem, es gelingt ihm aber
nicht; er wird von Labu aufgenommen. Die Quikkoaner wollen wieder das
Knstlerische auf dem Pallas frdern. Dort ist aber alles mit Sternbeobachtung
beschftigt. Zwei Meteorgeister kommen in die Nhe des Pallas und umkreisen
Turm- und Kopfsystem, sind aber unnahbar, da sie zurckdrngende Atmosphre
haben. Das Kopfsystem kommt tiefer herunter und verbindet sich ganz fest mit dem
Rumpf. Lesas blaugrnliches Licht ist jetzt fters unten zu sehen - zuweilen an
vielen Stellen zu gleicher Zeit.

Biba wollte gleich anfangs, als der Quikko den Pallas noch nicht als Mond
umkreiste, eine neue sehr breite Bandbahn anlegen, die nur fr die
Sonnenbeobachtung die Mitte des Pallas-Rumpfes von auen umgeben sollte. Und die
Bahn sollte ganz langsam fahren und von links nach rechts geleitet werden,
whrend der Pallas von rechts nach links sich drehte. Diese Drehung sollte durch
die Bahn aufgehoben werden, damit man ungestrt auf der Bahn sitzend die Sterne
beobachten konnte - und besonders die Sonne und die Asteroden.
    Diese Bahn wurde denn auch bald gebaut. Und Biba beschftigte sich danach so
eifrig mit der Sonne, da er zeitweise alles andre darber verga. Auch ein
groes Sonnenteleskop befand sich auf dieser langsamen Bandbahn.
    Als der Biba mal auergewhnlich lange an seinem Sonnenteleskop ttig
gewesen war und nun sehr mde in seine Hhle zurckkehrte, um auf seiner kleinen
Pilzwiese zu schlafen - da sah er pltzlich wieder das blaugrnliche Licht. Und
er wute gleich, da Lesa wieder da war. Er horchte hin und hrte, wie Lesa
hastig Folgendes sprach:
    Grte Qual und grte Seligkeit treten nicht nur sehr oft - nein - in
unserm Sonnensystem - fast immer zusammen auf. Daran mu man sich gewhnen. Die
Sonne sagte mir schon, da wir den Schmerz nicht frchten drfen - der
Todesschmerz ist vielleicht der grte Schmerz. Er enthlt aber auch die grte
Seligkeit - diese Auflsung im Greren und Strkeren ist eine ganz
auerordentlich groartige Empfindung. Viele Lebewesen knnen den Tod garnicht
auskosten, da sie den Moment des Sterbens nicht festzuhalten vermgen. Es geht
ihnen so wie uns, wenn wir einschlafen. Wir knnen auch den Moment, in dem wir
einschlafen, nicht festhalten. Aber uns auflsen, wenn unsre Glieder
durchsichtig werden, das knnen wir bei vollem Bewutsein. Wir frchten ja
deshalb auch nicht den Tod. Aber viele andre Lebewesen in unserm Sonnensystem
tun das. Lieber Biba, dieses wei ich schon lange. Doch jetzt habe ich auch
erfahren, was das Wichtigste der groen Sonnenphilosophie ist: wir sollen alle
die grte Selbstndigkeit erstreben und erlangen und gleichzeitig dabei stets
darauf bedacht sein, uns dem Greren unterzuordnen. Diese beiden Dinge kommen
in Millionen Variationen immer wieder in und auf allen greren und kleineren
Sternen vor, die unsre groe Sonne umkreisen. Auch die Kometen ordnen sich
unter. Das Sichunterordnen ist das Grte. Sterben ist eigentlich auch nur ein
Sichunterordnen. Das ist oft sehr schwer zu verstehen, da es ja der grten
Selbstndigkeit scheinbar widerstrebt. Indessen - es handelt sich ja immer um
ein Sichunterordnen dem Greren gegenber. Darum ist Deine Idee vom
Asterodenring ganz richtig. Der Saturnring kann vorbildlich fr uns sein. Wenn
wir einen groen Ring bilden - ist der gemeinsame Geist desselben zweifellos
grer als der Geist der einzelnen Teile. Darum mssen wir alle darauf
hinwirken, da wir uns zusammenfinden. Wir kmen zusammen weiter. Dann wird es
uns schlielich vielleicht auch mal mglich, uns dem ganzen groen Sonnensystem
unterzuordnen - vielleicht sterben wir mal in ihm - in dem ganzen groen System,
in dem alle Planeten, Kometen und Meteorgeister leben. Lieber Biba! Denk an das
Sterben des Asterodenrings. Es mu sehr qualvoll sein - aber doch eine
ungeheure Seligkeit. Es ist ja das Sterben nur ein Sichauflsen in dem Greren.
Oh - das sage nur Allen - auch den lustigen Quikkoanern. Der sich selber
Qulende kommt immer weiter. Lebe wohl!
    Biba lag ganz still auf seiner Pilzwiese.
    Das blaugrnliche Licht verschwand wieder.

Biba verbreitete das, was ihm Lesa gesagt.
    Und es machte auf Alle einen groen Eindruck - besonders der letzte Satz von
dem sich selber Qulenden.
    Es starben mehr Pallasianer in der bekannten Art als bisher.
    Bombimba wollte sich wie Lesa im Kopfsystem des Pallas auflsen, es gelang
ihm aber nicht. Er strzte zurck - und drei weitere Versuche milangen auch. Da
klagte er ber furchtbare Schmerzen. Und da nahm ihn Labu auf.
    Bombimbas Schmerzen wurden viel besprochen, sonst hatten die Pallasianer vor
der Auflsung noch niemals ber Schmerzen geklagt. Jedenfalls unternahm es
Niemand wieder, wie Lesa ins Kopfsystem zu springen; die Lehre von der Bedeutung
der Schmerzen fand unter den Pallasianern keine Anhnger - selbst Biba meinte,
da diese Lehre mit Lesas neuem Zustande zusammenhngen msse - in dem er von
andern Sternen viele Dinge erfahre, die fr den Pallasianer nicht so ohne
weiteres verwertet werden knnten.
    Lesa jedoch empfand immer deutlicher die Wichtigkeit der Schmerzen. Er
bemerkte auch, da auf vielen Sternen besondere unbequeme Einrichtungen aufrecht
erhalten wurden, die nur dazu dienen sollten, den Lebewesen eine Lektion ber
die Bedeutung des Qualvollen zu geben.
    Lesa hrte dabei mal neben sich ganz deutlich eine drhnende Stimme, die da
sagte:
    Empfindungen lassen sich doch nicht steigern, wenn man das Schmerzhafte
peinlich vermeidet. Eine Steigerung der Empfindungen mu doch das Schmerzhafte
mindestens streifen. Schmerz ist doch nur eine zu heftige Empfindung.
    Lesa wute nicht, wer ihm das sagte - aber er behielt die Worte und wollte
sie den Pallasianern mitteilen, merkte aber, da sie die Geschichte vorlufig
noch nicht verstehen konnten; ihr Leben flo immer noch allzu ruhig dahin.
    Die Quikkoaner wunderten sich sehr, da die Bewohner des Pallasrumpfes nach
Herstellung ihres Turms garnicht mehr an neue Unternehmungen dachten.
    Und so kam man bald wieder auf knstlerische Plne. Der kleine Nax suchte
Dex, Sofanti und Nuse anzufeuern - auch wollte er den alten Labu aufrtteln.
Aber die Vier sagten nach einiger Zeit, da sie vorlufig von allen
knstlerischen Arbeiten absehen mchten, da die Pallasianer viel zuviel mit der
Beobachtung der andern Sterne beschftigt seien.
    Daran haben, sagte der Sofanti lachend, die Quikkoaner Schuld. Htten
die uns nicht auf der Auenseite des Rumpfes und am Turm so viele Sternwarten
hergestellt - so wrs anders.
    Die Sternwarten kamen erst ordentlich zur Geltung, als mehrere sehr groe
Kometen am Pallas vorberrasten - der Sonne zu. Man sah, da jeder Kometenkopf
aus ganz anderen Stoffen bestand. Der eine Komet hatte sogar weit vorragende
Terrassen, die wie Flgel wirkten. Und Biba wollte auf eine dieser Terrassen
hinaufgeschnellt werden. Der Komet raste aber zu schnell dahin, soda die
Sprungseiltuchvorrichtung zu spt fertig wurde.
    Die Folge davon war, da man jetzt berall groe Sprungseil- und
Sprungtuchvorrichtungen anbrachte, die zunchst zum bequemen Hinberkommen auf
den Quikko dienten.

Auf dem Quikko lieen sich die grten Fernrohre durch Hautaufblasen herstellen.
Grere Hautstcke lieen sich da nicht loslsen, soda auf dem Pallas nur
Fernrohre mit kleinen Hautstcken hergestellt wurden, die knstlich aufgeblasen
wurden, whrend sie sich auf dem Quikko ganz natrlich bildeten.
    Hier sah nun der Biba nicht nur die Sonne viel grer als bisher; er sah
auch die unzhligen Asteroden und bemerkte, da kaum einer dem andern hnte.
Diese ganz verschiedenartigen Lebewesen zusammenzubringen, erschien darum dem
Biba als sehr schwer zu lsende Aufgabe.
    Auf dem Quikko gelang es auch, die Meteore zu beobachten. Und da sah man,
da auch sie astrale Lebewesen waren.
    Und damit das den Pallasianern ganz deutlich wurde, geschah wieder etwas
noch nicht Dagewesenes: zwei Meteorgeister kamen dem Pallas ganz nahe und -
umkreisten den Pallasturm in groen Ellipsenbahnen - wie kleine Monde.
    Man beschlo, zu den Meteorgeistern hinberzufliegen. Dex und Nuse lieen
sich hinberschnellen. Sie kamen bis auf eintausend Meter an die Meteore heran -
kamen dann aber nicht weiter; sie bemerkten, da die Meteorgeister von einer
ganz besonderen, sehr frisch wirkenden Atmosphre umgeben waren, die
zurckdrngend wirkte.
    Die Meteore hatten viele lange zappelnde Gliedmaen, die in allen Farben
schimmerten. Auf den Krpern, die kaum hundert Meter lang waren, lieen sich
kleine Lebewesen nicht entdecken. Die Teleskope auf dem Quikko zeigten dies ganz
deutlich.
    Der Kopf der Lebewesen lie sich aber auch nicht entdecken. Eine
Verstndigung mit diesen astralen Riesen war ganz unmglich, obschon man sich
auf dem Quikko und Pallas die grte Mhe gab, die Aufmerksamkeit der
Meteorgeister zu erregen. Trotzdem umkreisten diese den Turm und das Kopfsystem
des Pallas mit dem grten Eifer, als fnden sie es sehr interessant.
    Lange Zeit hindurch lie man diese kleinen Monde nicht aus den Augen. Die
Beweglichkeit der Gliedmaen an diesen Geistern steigerte sich immer, wenn sie
dem Kopfsystem des Pallas nher kamen.

Von den neuen Monden wurde man aber bald wieder abgelenkt. Der rote Lichtkegel,
der von oben durch die Mitte des Pallas durchleuchtete, wurde eines Tages
merklich kleiner, zog sich immer mehr hinauf und verschwand oben, ohne eine Spur
zu hinterlassen.
    Das Kopfsystem aber breitete sich im obersten Teile des Turms so heftig aus,
da ein Luftstrom nach unten entstand und die vergessene Sofanti-Musik im
Centrum wieder zu ertnen begann.
    Darauf wuchs das ganze Kopfsystem heftig weiter nach unten zu - umklammerte
den ganzen Turm mit feinen Lichtarmen und mit groen, wolkig wirkenden
Gasgebilden.
    Und man sah nun ganz deutlich, wie sich immer wieder berall groe
Kometenschweife bildeten.
    Und die groen Kometenschweife erleuchteten den ganzen Nordtrichter.

    Das neue Wunder nahm natrlich die ganze Aufmerksamkeit der Pallasianer in
Anspruch.
    Man machte wieder mit Spiegeln den Versuch, das Licht der Kometenschweife
abzulenken, und lernte dabei die Wirkung dieser Kometenschweife kennen - sie
wirkten - einschlfernd.
    Wer einmal von einem Kometenschweif getroffen wurde, begann sofort zu
schlafen und sank auf den nchsten Hgel oder Turm und blieb da Stunden lang
liegen. Der Getroffene konnte nicht einmal eine Pilzwiese aufsuchen. Natrlich
brachten die andern Pallasianer den Eingeschlafenen sehr bald auf eine
Pilzwiese.
    Aber diese Kometenschweifwirkung erschien unerklrlicher als alles Andre;
vom Verstehen einer Naturkraft konnte hier schlechterdings nicht mehr die Rede
sein.

Und Lesa fhlte, da das Kopfsystem mehr nach unten ging und sich mit dem Turm
und dem Rumpf ganz fest verband. Und das brachte auch den Lesa wieder den
Pallasianern nher; sie sahen jetzt Lesas blaugrnliches Licht sehr oft
aufleuchten - zuweilen an mehreren Stellen zu gleicher Zeit.

                           Fnfundzwanzigstes Kapitel


Die Spinngewebewolke ordnet sich zu einem gleichmigen Ringsystem, was Biba fr
vorbildlich erklrt. Lesa erinnert den Biba an die Qualen, die die Pallasianer
beim Turmbau ausgestanden haben, und kndigt ihnen groe Schmerzenszustnde an.
Die kommen, als sich Kopf- und Rumpfsystem des Pallas endgltig
zusammenschlieen. Lesa hat dabei die grten Schmerzen auszustehen. Der ganze
Pallas wird so gewaltig erschttert, da selbst einige Bandbahnen zerreien und
der groe Turm zu klirren beginnt. Danach fhlt Lesa, da er mit dem Doppelstern
ein einziges Wesen geworden ist, und es beginnt ein neues Leben fr ihn - und
alles nhert sich einander - auch die Sterne des Asterodenringes nhern sich
einander.

Die Spinngewebewolke hatte sich nun auch verndert. Sie war immer weiter vom
Kopfsystem abgerckt und hatte allmhlich eine ganz regelmige Kranzform
angenommen. Der Kranz wurde immer flacher. Und man sah schlielich vom Pallas
und vom Quikko aus, da sich auch die roten kleinen Kpfe regelmig berall
verteilten. Nun sah man auch, da die feinen Fden tatschlich lange Gliedmaen
bildeten. Sie schlangen sich so durcheinander, da zwischen ihnen immer mehr
Raum frei blieb. Der Wolkencharakter des Ganzen verging somit. Eine Annherung
an dieses Miniaturringsystem blieb auch jetzt unmglich - eine Verstndigung mit
den feinen Fadenwesen ebenfalls. Das Ganze besa nach wie vor eine starke
zurckdrckende Kraft, die schon in einer Entfernung von tausend Metern
einsetzte.
    Das ist beinahe vorbildlich, sagte Biba, sowohl fr uns - wie fr den
groen Asterodenring.
    Whrend Biba das neue Ringsystem von einem Balkon der Turmlaterne aus
beobachtete, bemerkte er vor sich in der Luft wieder das blaugrnliche Licht,
durch das der Lesa seine Nhe anzeigte.
    Und Lesa sagte durch einfache bertragung der Gedanken:
    Wie schnell doch die Pallasianer alles Mgliche vergessen! Ihr wollt nichts
von der Bedeutung des Schmerzes wissen - so als httet Ihr stets in weichlicher
Unttigkeit gelebt. Und das ist doch garnicht der Fall. Ihr habt doch mit so
ungeheurer Kraftanstrengung den groen Turm gebaut. Habt Ihr dabei nicht genug
Schmerzen empfunden? War das nicht fr uns alle zusammen eine groe Qual? Und
als alles fertig war, da kams Euch doch wie eine Erlsung vor. Allerdings dann
kam gleich so viel Neues, da Ihr Eure Arbeit schnell vergaet. Lieber Biba,
sage doch Allen, da sie den Schmerz nicht unterschtzen drfen. Vielleicht habt
Ihr in allernchster Zeit Furchtbares zu ertragen. Bereitet Euch vor. Ich fhle,
da ich mich Euch nicht mehr lange verstndlich machen kann. Vergi nicht, was
die Sonne sagt. Lebe wohl!
    Biba hrte, wie das Licht mit einem leisen Knall erlosch. Und er eilte auf
den nchsten Bandbahnen zu einer groen Signalstation und machte von dort aus
alle Pallasianer aufmerksam, da er Neues mitzuteilen habe.
    Und es berhrte dieses Neue alle Zuhrenden wie etwas Grausiges - noch nie
Geahntes.

Und gleich danach wars dem Lesa so, als htte er noch einen Krper wie einst -
aber einen viel lngeren und breiteren - und es ging ein Schauer durch seinen
Krper - und er fhlte, da alles in ihm zitterte. Und einen stechenden Schmerz
empfand er bald da und bald dort.
    Und dann fhlte er einen Starrkrampf in seinen neuen Sehorganen - und sie
gingen alle nach unten - und verbanden sich mit dem groen Pallas-Rumpf - wurden
mit diesem eins. Das aber griff alle seine Sehnen und Muskeln furchtbar an, da
er htte schreien mgen.
    Ganz finster wurde es. Lesa sah nichts mehr. Er fhlte nur noch reiende
zerrende Schmerzen, die immer strker wurden.

Und die Pallasianer empfanden pltzlich hnliche Schmerzen - wie der Lesabndio.
Die Schmerzen waren nicht so stark wie die, die oben der Lesa empfand. Aber die
Pallasianer schrieen doch laut auf.
    Und das schmerzliche Geschrei hallte unheimlich im Nordtrichter. Dazu
brauste die Sofanti-Musik mit tiefen sthnenden Tnen.
    Die kometarischen Ausstrmungen des Kopfsystems umflackerten grell mit
Tausenden von zuckenden Scheinwerfern den groen Turm und kamen hinunter und
blitzten durch den Nordtrichter - und auch durch den Sdtrichter. Der ganze
Pallas-Rumpf schien in elektrischen Flammen zu brennen. Und der Pallas zitterte.
    Und dieses Zittern brachte den groen Turm zum heftigen Schwanken.
    Das Schreien der Pallasianer wurde so furchtbar, da Alle glaubten, der
Stern wrde gleich entzwei bersten.
    Die Sofanti-Hute drhnten und brausten so heftig, da einzelne Hute mit
lautem Knall entzwei rissen.
    Die Quikkoaner, die auf dem Pallas waren, fielen smtlich in Ohnmacht und
lagen bewutlos da. Und Niemand kmmerte sich um sie.

Biba und Labu, die den Schmerzen am krftigsten Widerstand leisteten und nur
sthnten - nicht schrieen - blickten durch Teleskope auen nach den brigen
Asteroden hinber und sahen, da dort auf vielen der kleinen Sterne elektrische
Ausstrahlungen entstanden.
    Es geht etwas Furchtbares vor! rief Biba dem Labu zu.
    Labu antwortete nicht.
    Biba sah danach zur Sonne - und entdeckte auch dort heftige Sturmfackeln auf
der Oberflche - viel mehr als sonst.
    Ich glaube, sagte er sthnend, da wir vielleicht nur nher
aneinandergebracht werden sollen. Und das ist so schmerzhaft. Wenn jetzt der
Lesa was sagen wrde!
    Aber Lesa sagte nichts.

Allmhlich lieen die Schmerzen der Pallasianer nach. Und man kam wieder
zusammen und besprach dieses allerneueste Wunder, das Allen die Bedeutung des
Schmerzes klargemacht hatte. Und Biba sagte, was er fr den Grund des
Ereignisses hielt.
    Das Kopfsystem des Pallas, meinte er, verbindet sich mit dem Rumpfsystem.
Der alte Stern Pallas erwacht zu ganz neuem Leben. Das ist eine furchtbare
Empfindung - so zu neuem Leben zu erwachen. Der groe Zusammenschlu von oben
und unten hat stattgefunden. Das ist auch vorbildlich fr die anderen
Asteroden; sie haben auf den Pallas-Schmerz reagiert - ich habs gesehen - die
Sonne zeigte sich auch dadurch bewegter. Wir sollen uns deshalb auch mehr
zusammenschlieen. Knstlerische Gegenstze drfen uns nicht mehr einander
entfremden.
    Ich glaube, sagte Labu darauf, da alles Knstlerische auf dem Pallas
vielleicht doch nur Mittel zum Zweck war.
    Dem stimmten sehr viele Pallasianer zu.
    Dann suchte man die Quikkoaner und brachte sie allmhlich wieder zum
Bewutsein. Sie waren ber das neue Ereignis sehr erstaunt und wollten alle zum
Quikko hinber.
    Die Pallasianer, die whrend der Erschtterung des Pallas auf dem Quikko
sich aufhielten, hatten nur ein leichtes Zucken in ihren Gliedern versprt.
    Das hatte zur Folge, da sich jetzt sehr viele Pallasianer zum Quikko
hinberschnellen lieen, um dem nchsten Sturm zu entgehen. Alle Quikkoaner
verlieen den Pallas.
    Aber auch auf dem Quikko war vieles anders geworden. Der kleine Stern drehte
sich nicht mehr um sich selbst.
    Auch die Glieder der beiden Meteorgeister, die oben den Pallaskopf
umkreisten, waren ganz steif geworden.
    
    
Lesas Schmerzen waren aber whrenddem noch nicht zu Ende. Sein Starrkrampf wurde
pltzlich noch viel mehr gesteigert. Er hielt es nicht mehr aus. Er wollte mit
Gliedmaen, die er garnicht hatte, ausgreifen, wollte sich fortwinden und konnte
doch nicht. Er fhlte, da er gefesselt war - unten an den Rumpf.
    Und da fhlte er zugleich mit dem Pallas-Kopf und mit dem Pallas-Rumpf
zusammen - da er mit Beiden ein einziges Wesen sei - und da jetzt ein neues
Leben fr ihn begann - ein Pallas-Leben.

Dieser zweite Starrkrampf, der den ganzen Doppelstern gepackt hatte, wirkte noch
viel furchtbarer als der erste.
    Der Turm klirrte.
    Die Sofanti-Musik zerri pltzlich, da alle Hute mit einem Ruck zerrissen.
    Der ganze Pallas-Rumpf bebte noch einmal so heftig, da auch mehrere
Bandbahnen zerrissen.
    Doch danach wurde pltzlich Alles ruhig.
    Die kometarischen Ausstrahlungen am Turm und in den Trichtern wurden mit
einem Male ganz ruhig und leuchteten - die Turmlaterne leuchtete am hellsten -
aber auch ganz ruhig.
    Die Pallasianer konnten dieses Mal den Schmerz berwinden. Es schrie Keiner.
    Biba sagte still:
    Ich glaube, da sich jetzt alles zusammengeordnet hat. Es wird nicht mehr
Erschtterndes kommen. Wir wollen jetzt auch zusammenbleiben und zu unsern
Teleskopen fahren. Die zerstrten Bandbahnen mssen wir auch gleich ausbessern.
    Und man besserte die zerstrten Bandbahnen wieder aus und begab sich dann zu
den Teleskopen, um die Asteroden zu beobachten.

Lesabndio aber fhlte ganz anders als einst; er fhlte, da er allmhlich ganz
zum Stern wurde. Die Interessen der Pallasianer berhrten ihn nicht mehr. Er
bemerkte auch, da er abermals neue Organe bekam - mit der Atmosphre seines
Sterns konnte er allmhlich sehen - die Atmosphre wirkte auf allen Seiten fr
ihn wie ein kolossales Teleskop.

Und dann sprach Lesa mit dem Quikko und mit den Meteorgeistern und auch mit den
feinen Wesen, die einst als Spinngewebewolke dem Pallas so helles Licht
spendeten.
    Darauf fhlte Lesa, da er mit seinem Doppelstern auch hinberreichen konnte
zu den andern Asteroden.
    Und dort sprach man berall von der Notwendigkeit der gegenseitigen
Annherung.
    Der Asterodenring mu ein Einheitliches werden! sagten Alle, wir kommen
weiter, wenn wir zusammen sind - wie die Geister der Saturnringe. Es wird
natrlich noch viele Schmerzen erzeugen.
    Lesa fhlte, wies ihm noch immer in allen Gliedern zuckte.
    Aber das ging vorber.
    Und er fhlte nur, wie er sich langsam drehte. Und er fhlte, da er allen
Sternen immer nher kam.
    Wir wollen einander, sagte er in seinen Gedanken zu sich selbst, immer
nher kommen, wenn auch furchtbare Qualen zu berwinden sind. Es ist doch eine
Seligkeit - wenn man sie berwunden hat. Ich fhls. Auch das Sichunterordnen ist
sehr schmerzhaft. Aber notwendig ist es doch. Und ich ordne mich so gerne den
greren Sternen unter - besonders der Sonne.
    Und da reckte er kraftvoll seinen ganzen Leib - und er fhlte, da sein Leib
der ganze Pallas-Rumpf war.
    Und der Doppelstern drehte sich weiter.
    Und die Asteroden begrten den zu neuem Leben erwachten Doppelstern mit
glnzenden elektrischen Lichtern.
    Lesa trumte, er sei jetzt ganz frei und knne hinkommen, wohin er wolle -
er htte jetzt Sternkrfte.
    Und es war ihm dann, als sprche er mit den Saturnringen und mit den Monden
des Saturn - und da kam der Quikko und sagte:
    Bleibe bei uns.
    Und da kehrte Lesa zurck.
    Und er sah den ganzen Stern Quikko - auch sein Inneres - das war so milde -
als wrs aus lauter streichelnden Hnden zusammengesetzt.
    Wir kommen immer weiter! hrte Lesa leise aus dem Quikko heraustnen.
    Doch donnernd rief die Sonne dazwischen:
    Wenn wir Schmerz und Tod nicht frchten!
    Lesa hrte Beides.
    Und er drehte sich ruhig weiter und empfand eine groe Ruhe. Und es kam ihm
so vor, als ginge er leicht hinber in ein neues Reich, in dem alles ganz sanft
hin und her schwankte - wie flsternde Manesi-Ranken - unten am groen Turm.
    Mit Allen zusammen! sagte Lesa ganz still.
    Und die grne Sonne strahlte so hell auf - als wre auch auf ihr ein neues
Leben erwacht.
