
                         Reventlow, Franziska Grfin zu

                           Herrn Dames Aufzeichnungen

                       www.digitale-bibliothek.de/ebooks

&nbsp;
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125: Deutsche Literatur von Luther
bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur
fr den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt.
Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der
Daten.


                         Franziska Grfin zu Reventlow

                           Herrn Dames Aufzeichnungen

                                      oder

                                        

                 Begebenheiten aus einem merkwrdigen Stadtteil

                          Verehrter Freund und Gnner!

Sie wissen ja - Sie wissen genug darber, wer Wir sind - womit wir uns
unterhalten und mit welchem Inhalt wir die uns zugemessenen Erdentage zu
erfllen suchen. Sie wissen auch, wie wir das Dasein je nachdem als ernste und
schwerwiegende Sache - als heiteren Zeitvertreib, als absoluten Stumpfsinn oder
auch als recht schlechten Scherz hinzunehmen, aufzufassen und zu gestalten
pflegen.
    Sie waren es, der von jeher das richtige Verstndnis fr unseren Plural
hatte - fr die groe Vereinfachung und anderseits die ungeheure Bereicherung
des Lebens, die wir ihm verdanken. Wie armselig, wie vereinzelt, wie prtentis
und peinlich unterstrichen steht das erzhlende oder erlebende Ich da - wie
reich und stark dagegen das Wir.
    Wir knnen in dem, was um uns ist, irgendwie aufgehen, untergehen -
harmonisch damit verschmelzen. Ich springt immer wieder heraus, schnellt wieder
empor, wie die kleinen Teufel in Holzschachteln, die man auf dem Jahrmarkt
kauft. Immer strebt es nach Zusammenhngen - und findet sie nicht. Wir brauchen
keinen Zusammenhang - wir sind selbst einer.
    Die Sendung, die wir heute unserem Briefe beifgen, oder, richtiger, der
Inhalt eben dieser Sendung ist wieder ein neuer Beweis dafr.
    Denn dies alles, teurer Freund, den wir insgesamt gleich schtzen und
verehren, gilt nur als Vorrede einer Vorrede, die jetzt beginnen und Ihnen zur
Erluterung beifolgender Dokumente dienen soll, das heit zur Erluterung des
Umstandes, da wir eben diese Dokumente in Ihre Hnde legen und von Ihnen die
Lsung manches Rtsels erhoffen. Mit den Papieren hat es nun folgende
Bewandtnis:
    Es mag etwa dreiviertel Jahr her sein, da wir gelegentlich einer Seereise
einen jungen Menschen kennenlernten. Wir fanden ihn sehr liebenswrdig und
unterhielten uns gerne mit ihm. Es dauerte allerdings einige Zeit, bis es so
weit kam, denn er war zu Anfang ungemein zurckhaltend und schien schwere
seelische Erschtterungen durchgemacht zu haben - aber davon spter. Der junge
Mann hie mit dem Nachnamen: Dame - also Herr Dame. Dieser Umstand mochte wohl
einiges zu seiner reservierten Haltung beitragen und gehrte zu den vielen
Hemmungen, ber die er sich beklagte. Wenn er sich vorstellte oder vorstellen
lie, wurde er stets etwas unsicher und fgte jedesmal hinzu: Dame, ja - ich
heie nmlich Dame.
    Wir fragten ihn einmal, weshalb er das tte - der Name sei doch nicht
auffallender als viele andere, und er mache auf diese Weise eigentlich die Leute
selbst erst aufmerksam, da sich eine Seltsamkeit, sozusagen eine Art
Naturspiel, daraus konstruieren lasse.
    Er entgegnete trbe: Ja, das wisse er wohl, aber er knne nicht anders, und
es gehre nun einmal zu seiner Biographie. (Diese Bemerkung lernten wir erst
spter bei der Lektre seiner Aufzeichnungen verstehen.) Herr Dame war seinem
ueren und seinem Wesen nach durchaus der Typus junger Mann aus guter Familie
und von sorgfltiger Erziehung mit einer Beimischung von mattem Lebemannstum -
sehr matt und sehr uerlich. Er wre nie ohne einwandfreie Bgelfalte auf die
Strae gegangen, auch wenn ihm das Herz noch so weh tat - und das Herz mu ihm
wohl oft sehr weh getan haben. Die Grundnote seines Wesens war berhaupt eine
gewisse betrbte Nachdenklichkeit oder nachdenkliche Trbsal, aber daneben
liebte er Parfms und schne Taschentcher.
    Als wir ihn kennenlernten, war er schweigsam und verstrt; allmhlich,
besonders wenn wir in den warmen Nchten an Deck saen, ging ihm immer das Herz
auf, und er erzhlte von sich selbst und von seiner Biographie - wie er lngere
Zeit unter eigentmlichen Menschen gelebt und eigentmliche Dinge mitangesehen
und auch miterlebt habe. Schon von Haus aus habe er einen dunklen Trieb in sich
gefhlt, das Leben zu begreifen, und da habe man ihn an jene Menschen gewiesen.
Leider vergeblich, denn er konnte es nun erst recht nicht begreifen, sondern sei
vllig verwirrt geworden und eben jetzt auf dem Wege, in fernen Lndern Heilung
und Genesen zu suchen.
    Den Ort, wo sich das alles begeben hat, wollte er nicht gerne nher
bezeichnen - er sagte nur, es sei nicht eigentlich eine Stadt, sondern vielmehr
ein Stadtteil gewesen, der auch in seinen Papieren oft und viel genannt wird.
Wir konnten uns das nicht recht vorstellen.
    Er erzhlte uns denn auch, da er damals allerhand niedergeschrieben habe,
in der Absicht, vielleicht spter einen Roman oder ein Memoirenwerk daraus zu
gestalten, und wir interessierten uns lebhaft dafr.
    So kam die Zeit heran, wo wir uns trennen muten, denn die Reise ging zu
Ende. An einem der letzten Tage stieg Herr Dame mden Schrittes in seine Kabine
hinab und kam mit einem ansehnlichen Paket beschriebener Hefte wieder; dann
sagte er, wenn es uns Freude mache, sei er gerne bereit, uns seine
Aufzeichnungen zu berlassen. Er wolle sie auch nicht wieder haben, denn das
alles sei fr ihn abgetan und lge hinter ihm, und er habe wenig Platz in seinen
Koffern. Was damit geschehe, sei ihm ganz gleichgltig, wir mchten es je
nachdem weitergeben, verschenken, vernichten oder verffentlichen. Er selbst
wrde schwerlich wieder nach Europa oder gar in jenen Stadtteil zurckkehren.
Dann nahmen wir recht bewegt Abschied und wnschten ihm alles Gute. Unser Wunsch
sollte leider nicht in Erfllung gehen, denn der Zug, mit dem er weiterfuhr,
fiel einer Katastrophe zum Opfer, und in der Liste der Geretteten war sein Name
nicht genannt - so ist wohl anzunehmen, da er mit verunglckte. Wir haben denn
auch nichts mehr von ihm gehrt.

Die Aufzeichnungen haben wir gelesen - es war das erste, was wir damit taten;
aber, wie schon anfangs erwhnt, vieles darin ist uns ziemlich dunkel geblieben.
Nach unserer Ansicht handelt es sich, wie ja auch Herr Dame selbst meinte, um
recht eigentmliche Menschen, Begebnisse und Anschauungen. - Unter anderem
interessiert es uns lebhaft, wo jener Stadtteil zu finden ist, in dem sich das
alles begeben. Wir leben, wie Sie wissen, schon so lange in der Fremde, da es
viel zu anstrengend wre, die Kulturstrmungen einzelner Stadtteile genauer zu
verfolgen.
    Vor allem wnschen wir Ihre Ansicht darber zu erfahren, ob die vorliegenden
Dokumente wohl die Bedeutung eines document humain haben und sich zur
Verffentlichung eignen wrden. Meinen Sie nicht auch, da es dann vielleicht
ein schner Akt der Piett wre, dem anscheinend Frhverblichenen auf diese
Weise einen Grabstein zu setzen?
    Wenn Sie es fr geboten erachten, wrden wir Sie bitten, einen Kommentar
dazu zu schreiben - uns fehlt leider die ntige Sachkenntnis, und so haben wir
uns auf einige bescheidene und mehr sachliche Anmerkungen beschrnkt - aber
vielleicht ist es auch berflssig.

Kurzum - ja, wirklich kurzum, denn wir lieben die Krze auch dann noch, wenn wir
ausfhrlich sein mssen, lieben sie um so mehr, wenn wir gerade ausfhrlich
gewesen sind - wir legen diese Papiere und alles Weitere vertrauensvoll in Ihre
Hnde.

                                       1


                                                                        Dezember

Langweilig - diese Wintertage...
    Ich habe nach Hause geschrieben und ein paar offizielle Besuche gemacht. Man
nahm mich berall liebenswrdig auf und stellte die obligaten Fragen - wo ich
wohne, wie ich mir mein Leben einzurichten gedenke und was ich studiere. Der
alte Hofrat schien es etwas bedenklich zu finden, da ich kein bestimmtes
Studium ergreifen will und so wenig fixierte Interessen habe - ich solle mich
vorsehen, nicht in schlechte Gesellschaft zu geraten. Das war sicher sehr
wohlgemeint, aber es fllt mir auf die Nerven, wenn die Leute glauben, ich sei
nur hier, um mir die Hrner abzulaufen und mich nebenbei auf irgendeinen Beruf
vorzubereiten.
    Es war eine Erholung, nachher Dr. Gerhard im Caf zu treffen. Ich erzhlte
ihm von meinen Familienbesuchen, er rusperte sich ein paarmal und sah mich
prfend an. Dann meinte er, das mit dem Hrnerablaufen sei wohl eine veraltete
studentische Schablone, aber es gbe neuerdings eine ganze Anzahl junger Leute,
die sich grenshalber hier aufhielten, und zu diesen wrde wohl auch ich zu
rechnen sein.
    Eine sonderbare Definition - grenshalber -, aber der Doktor drckt sich
gerne etwas gewunden aus... das scheint berhaupt hier blich zu sein.
    Wenn man darber nachdenkt, hat er eigentlich nicht ganz unrecht. Vielleicht
ist etwas Wahres daran - es kommt mir ganz plausibel vor, da mein Stiefvater
mich grenshalber hergeschickt hat. Nur pat es wohl gerade auf mich nicht
recht. Ich habe keine Tendenzen zum Gren und auch gar kein Verlangen danach -
berhaupt nicht viel eigne Initiative - ich werde einfach zu irgend etwas
verurteilt, und das geschieht dann mit mir. Mein Stiefvater meint es sehr gut
und hat viel Verstndnis fr meine Veranlagung; so pflege ich im groen und
ganzen auch immer das zu tun, was er ber mich verhngt.
    Verhngt - ja, das ist wohl das richtige Wort. Schon allein die ueren
Umstnde bringen es mit sich, da immer alles eine Art Verhngnis fr mich wird.
Zum Beispiel in erster Linie mein Name und meine Vter. Meinen richtigen Vater
habe ich kaum gekannt - er soll sehr unsympathisch gewesen sein - und nur den
Namen von ihm bekommen. Mein Stiefvater hat einen normalen, unaufflligen Namen
und war eigentlich die erste Liebe meiner Mutter. Sie htte ihn ebenso gut
gleich heiraten knnen, und alles wre vermieden worden. Es wurde aber nicht
vermieden, denn es war ber mich verhngt, diesen Namen zu bekommen und mein
Leben lang mit ihm herumzulaufen.
    
    Dame - Herr Dame - wie kann man Herr Dame heien? so fragen die anderen, und
so habe ich selbst gefragt, bis ich die Antwort fand: Ich bin eben dazu
verurteilt, und der Name verurteilt mich weiter zu allem mglichen - zum
Beispiel zu einer ganz bestimmten Art von Lebensfhrung - einem matten,
neutralen Auftreten, das mich irgendwie motiviert. Dissonanzen kann ich nun
einmal nicht vertragen, und das Matte, Neutrale liegt wohl auch in meiner Natur.
Ich habe es nur allmhlich noch mehr herausgearbeitet und richtig betonen
gelernt.
    ber das alles habe ich mit Dr. Gerhard ausfhrlich gesprochen, er schien es
auch zu verstehen, und es interessierte ihn. Der Verurteilte sei wohl ein Typus,
meinte er, mit derselben Berechtigung, wie der Verschwender, der Don Juan, der
Abenteurer und so weiter als feststehende Typen betrachtet wrden. Dann hat er
gesagt, jeder Mensch habe nun einmal seine Biographie, der er nachleben msse.
Es kme nur darauf an, das richtig zu verstehen - man msse selbst fhlen, was
in die Biographie hineingehrt und sich ihr anpat - alles andere solle man ja
beiseite lassen oder vermeiden.

                                                                     7. Dezember

Darber habe ich dieser Tage viel nachgedacht. Heute htte ich gerne wieder Dr.
Gerhard getroffen und das neuliche Gesprch mit ihm fortgesetzt. Aber es sa
diesmal eine ganze Gesellschaft mit am Tisch. Unangenehm, da man beim
Vorstellen nie die Namen versteht - das heit, meinen haben sie natrlich alle
verstanden - mein Verhngnis - er ist so deutlich und bleibt haften, weil man
sich ber ihn wundert. Ich habe diese junge Frau beneidet, die neben Gerhard
sa, weil man sie nur Susanna oder gndige Frau anredete.
    Du lieber Gott, ich werde ja nicht einmal heiraten knnen, wenn ich gern
wollte. Wie knnte man einem Mdchen zumuten, Frau Dame zu heien? Und dann
daneben zu sitzen, das mitanzuhren und selbst... nein, diese Reihe von
Unmglichkeiten ist nicht auszudenken.
    Ich wei nicht, wie es kam, da ich dieser Susanna oder gndigen Frau - wie
ich sie natrlich anreden mute, meine qulenden Vorstellungen anvertraute. Sie
hat nicht einmal gelacht - doch, sie hat schon etwas gelacht, aber sie begriff
auch die elende Tragik.
    Es kam spter noch ein Herr an den Tisch, den man mir als Doktor Sendt
vorstellte. Er ist Philosoph und macht einen uerst intelligenten Eindruck. Mir
schien auch, da er eine gewisse Sympathie fr mich fhlte.
    Man hat sich dann sehr lebhaft unterhalten. Ich konnte manchmal nicht recht
folgen - Doktor Sendt merkte es jedesmal, zog dann die Augenbrauen in die Hhe,
sah mich mit seinen scharfen hellblauen Augen an und erklrte mir in klarer,
pointierter Ausdrucksweise, um was es sich handle.
    Ich mchte gerne mehr mit ihm verkehren; mir ist, als knnte ich viel von
ihm lernen. Und eben das scheint mir hier eine zwingende Notwendigkeit.
    Zuletzt sprachen sie viel von einem literarischen Kreise, um den es etwas
ganz Besonderes sein mu. Dabei entspannen sich starke
Meinungsverschiedenheiten. Bei diesem Gesprch hrte ich nur zu, ich mochte
nicht immer wieder Fragen stellen, um so mehr, weil allerhand Persnliches
berhrt wurde und ich nicht gerne indiskret erscheinen wollte.
    brigens genierte ich mich auch etwas, weil der Dichter, der den Mittelpunkt
jenes Kreises bilden soll, mir ziemlich unbekannt war. Seinen Namen kannte ich
wohl, aber von seinen Werken so gut wie nichts.
    Da war ein junger Mensch mit etwas zu langen Haaren, auffallend hohem Kragen
und violetter Krawatte, die auf ungewhnliche, aber immerhin ganz geschmackvolle
Art geschlungen war. (Frau Susanna stie den Philosophen an und raunte ihm zu,
es sei wohl eine kultliche Krawatte - und der antwortete: Violett - natrlich
ist das kultlich.) Dieser junge Mensch also sprach von jenem Dichter
ausschlielich als dem Meister. Ich hatte bisher nur gehrt, da man in Bayreuth
so redet, und es befremdete mich ein wenig. berhaupt redete er mit einem
Pathos, das mir im Kaffeehaus nicht ganz angebracht schien und sicher auch jenen
Meister unangenehm berhren wrde, wenn er es zufllig einmal hrte - und war
sichtlich verstimmt ber einige Bemerkungen der anderen Herren, besonders des
Philosophen, der sich etwas ironisch ber Heldenverehrung und Personenkultus
uerte.
    Merkwrdige Dinge kamen da zur Sprache - eine ltere Dame erzhlte: man
(anscheinend Mitglieder jenes Kreises) wre bei einer Art Wahrsager - einem
sogenannten Psychometer - gewesen, und es sei unbegreiflich, wie dieser Mann
durch bloes Befhlen von Gegenstnden den Charakter und das Schicksal ihrer
Besitzer zu erkennen wisse - ja, bei Verstorbenen sogar die Todesart.
    Es ist ganz ausgeschlossen, so sagte sie, da er ber irgend etwas
Persnliches im voraus orientiert sein konnte und... -
    Aber Sie mssen doch zugeben, da er manchmal versagt, fiel der junge
Mensch mit der violetten Krawatte ihr ins Wort, in bezug auf den Meister hat er
sich schwer geirrt. Und gerade das ist sehr interessant und bedeutungsvoll, denn
es zeigt deutlich, da er die Substanz des Meisters wohl fhlte, nicht aber
beurteilen konnte...
    Wieso? fragte einer von den Herren, der nicht dabeigewesen war. Der junge
Mensch ma ihn mit einem berlegenen Blick und wandte sich wieder an die Dame,
die zuerst gesprochen hatte:
    Sie haben es ja selbst gehrt - er bezeichnete sie als unecht und
theatralisch. Und weshalb - weil er eben nicht ahnte, um wen es sich hier
handelt - weil er sich die hier verwirklichte Gre aus seinem engen
Gesichtskreis heraus nicht vorstellen konnte. So half er sich mit der These des
Theatralischen darber hinweg. Fr uns nur wieder eine neue Besttigung, wie
wenige der Erkenntnis des einzig und wahrhaft Groen wrdig sind.
    Die Dame hatte beide Ellbogen auf den Tisch gesttzt und hrte mit
leuchtendem Blick zu:
    Ja, ja, so ist's, wir fhlten es ja auch alle - aber wie klar und schn Sie
es jetzt ausgelegt haben.
    Es ist so klar, da es kaum noch einer Auslegung bedurfte - zudem hatte der
Meister den bewuten Ring erst seit einem Jahr getragen, und seine Substanz war
zweifellos noch mit fremden, frheren Substanzen gemischt - das mute die
Beurteilung bedeutend erschweren.
    Darauf entstand eine Pause, und dann sagte die Dame sehr nachdenklich:
    Hren Sie, vielleicht liegt es noch einfacher - ich habe diesen Mann schon
lange im Verdacht, da er schwarze Magie treibt, und dann lge es wohl nahe, da
er alles wirklich Groe und Schne hassen - innerlich ablehnen mu. Und wiederum
- da der Meister nach jener uerung die Gesellschaft verlie, beweist doch
strker als alles andere, da er sich mit etwas Unlauterem in Berhrung fhlte
und sich dem entziehen mute.
    Oh, ich glaube, warf Sendt spttisch ein, auch wenn man ihm von vllig
lauterer Seite derartige Dinge sagte, wrde er sich zurckziehen.
    Das soll wohl wieder eine von Ihren logischen Spitzfindigkeiten sein,
erwiderte die Dame gereizt, aber die Sache trifft es nicht. Allerdings hatte er
sich mit vollem Recht zurckgezogen - aber diese Dinge sind berhaupt nicht
wesenhaft und gehren nicht zur Mitte.
    Warum beschftigt man sich denn immer wieder mit ihnen? Ich meine, vor
kurzem noch gehrt zu haben, da die Beschrnkung auf die weie Magie nicht
gebilligt wurde?
    Gegen die schwarze sind von jeher schwere Bedenken erhoben, antwortete die
Dame etwas strafend. Besonders seit jener bse Magier die Substanz des Meisters
so verkannte, bemerkte Sendt, whrend er ihr in den Mantel half, denn sie hatte
sich inzwischen erhoben, um zu gehen.
    Allerdings, murmelte sie vor sich hin, und es klang sehr berzeugt. Dann
brach sie auf und mit ihr der grere Teil der Gesellschaft. Nur Doktor Sendt
und Susanna blieben noch.
    Der Philosoph sah sie an, lchelte und sagte: Mirobuk! Ich hatte das Wort
noch nie gehrt, und was es bedeuten sollte, war mir nicht klar, aber Susanna
lachte und sagte: Achten Sie nur darauf - Herr... Herr Dame, wenn Sendt Mirobuk
sagt, so hat es meistens eine gewisse Berechtigung.
    Ich fate Mut und fragte, was denn um Gottes willen das mit der Magie
bedeute, die Dame sprach ja wie ein erfahrener alter Hexenmeister. Schwarze und
weie Magie - was versteht man berhaupt darunter? Ich dachte, so etwas kme nur
in Mrchenbchern oder im Mittelalter vor. - O nein, sagte mir Sendt, die
Dame huldigt nur wie viele andere dem Spiritismus, und Sie mssen wissen, da
dieser von seinen Anhngern als weie Magie proklamiert wird, weil man sich nur
an die guten und sympathischen Geister wendet und mit ihnen Beziehungen
anknpft. Die schwarze Magie aber beschftigt sich gerne mit den Geistern von
Verbrechern und Bsewichtern, die sich noch nicht ganz von der Erde befreit
haben. Sie besitzen deshalb auch noch irdische Krfte und rchen sich
gelegentlich an dem, der sie beherrscht. Und der Magier, von dem hier die Rede
war, hat sich eben so schlecht benommen, da man ihm alles mgliche zutraut und
sich in Zukunft vor ihm hten wird.
    Ich war ihm recht dankbar fr diese Aufklrung, nur kam es mir befremdlich
vor - nein, befremdlich ist nicht das rechte Wort, aber jener junge Mann und die
Dame hatten eine so verwirrende Art, sich dunkel und geheimnisvoll auszudrcken
und dabei, als ob von ganz realen Dingen die Rede sei, da ich selbst etwas
unsicher geworden war. Wie sie von dem Meister als von einem ganz
bernatrlichen Wesen sprachen - von seinem Ring und seiner Substanz - am Ende
ist er auch ein Magier - ein Zauberer - ein Nekromant oder dergleichen.

Ich war Susanna im Grunde recht dankbar, da sie mich auslachte und sagte, es
sei leicht zu merken, da ich mich noch nicht lange hier aufhalte.

                                       2


                                                                     8. Dezember

Heute wollte ich nicht ins Caf, aber ich ging doch hin und fand wieder eine
ungnstige Konstellation vor; der Philosoph sa mit der lebhaften lteren Dame
von neulich zusammen. Ich mochte nicht aufdringlich erscheinen, so setzte ich
mich an den Nebentisch, den einzigen, der noch frei war, und las Zeitungen. Sie
sprachen aber so laut, besonders die Dame, da ich nicht umhinkonnte, zuzuhren,
und hinter der Zeitung mein Notizbuch vornahm, denn es schien mir wieder sehr
bemerkenswert, was sie da redeten. Die Dame erzhlte von einem Professor
Hofmann, dessen Name neulich schon verschiedentlich erwhnt wurde - er habe ihr
gesagt, sie she ausgesprochen kappadozisch aus.
    Kappadozien kommt, soviel ich wei, in der Bibel vor, aber ich begriff nicht
recht, wieso jemand kappadozisch aussehen kann, und warum sie das mit solcher
Wrme erzhlte. Woher will man denn wissen, wie die Kappadozier ausgesehen
haben? Der Philosoph lchelte auch.
    Nun kam einiges, was ich nicht recht verstand, und dann das, was ich mir
notiert habe.
    Nein, es sollten die Posaunen von Jericho sein - hren Sie nur: sie waren
alle bei mir auf dem Atelier...
    War er auch dabei? fragte der Philosoph, und die Dame warf ihm einen
vorwurfsvollen Blick zu.
    Aber ich bitte Sie, wenn Sie spotten wollen...
    Nein, nein, ich dachte nur - aber bitte, fahren Sie fort.
    Also der Professor, seine Frau und einige von den jungen Dichtern. Einer
von ihnen ging gleich an meinen Flgel, betrachtete ihn von allen Seiten und
sagte irgend etwas. Dann fragte die Frau Professor ihren Mann: Wollen wir es
jetzt sagen?, und er nickte. Dieses Nicken sehe ich noch deutlich vor mir, aber
ich kann es nicht beschreiben, es lag etwas ganz Besonderes darin. Dann war
pltzlich ein Paket da, es wurde ausgewickelt, und ein Kstchen mit einem
Schlauch daran kam zum Vorschein - es sah etwa aus wie ein photographischer
Apparat. Und Frau Hofmann sagte lebhaft, dieses Kstchen habe ein Freund ihres
Mannes aus dem Orient mitgebracht, es gbe auf der ganzen Welt nur noch ein
ebensolches, und das gehre dem Oberrabbi von Damaskus. Wenn man es an ein
Klavier anschraube, innerlich erhitze und dann hineinbliese, so gbe es genau
denselben Ton wie die Posaunen von Jericho.
    Hatten Sie nicht Angst, da auch bei Ihnen die Mauern einfallen knnten?
fragte der Philosoph.
    Nein, von den Mauern war gar nicht die Rede - ich wei nur, da ich dann
nach Spiritus suchte, um das Kstchen zu fllen, und ihn nicht finden konnte,
aber mit einemmal war er doch da, und das Kstchen war auch schon am Klavier
angebracht. Der Professor blies in den Schlauch, und es gab einen dumpfen Ton -
aber dann mu der Spiritus ausgelaufen sein, und pltzlich stand alles in
Flammen. Niemand kmmerte sich darum, und ich dachte an meinen Perserteppich,
der unter dem Flgel liegt. Sie wissen ja, ich bin etwas eigen mit meinen
Sachen. Aber der Professor sagte, es sei gar kein Perser, es sei ein
Beludschistan, und er habe keine Beziehung zum Wesen der Dinge - ist das nicht
merkwrdig? Ja, und nun kam noch etwas ganz Triviales, ich meinte, der Flgel
wrde sicher auch anbrennen, und in diesem Moment stand der Professor in seiner
ganzen Gre vor mir und sagte: Wenn Frulein H... mir ihren Verlust genau
beziffert, soll alles ersetzt werden.
    Und dann? fragte der Philosoph.
    Das wei ich selbst nicht mehr, es war ganz verschwommen. Aber sagen Sie
selbst, liebster Doktor, ist es nicht wirklich seltsam? Meinen Sie nicht, da es
kosmische Bedeutung hat?
    Damit brach das Gesprch ab, denn Gerhard kam, und die Dame ging bald darauf
fort. Ich setzte mich zu ihnen und fragte Sendt, was denn das fr eine
rtselhafte Geschichte sei, ich htte leider nicht vermeiden knnen, sie
mitanzuhren. Und jetzt zweifelte ich nicht mehr daran, da man hierzulande
Zauberei treibt.
    Haben Sie denn nicht gemerkt, da die Dame mir einen Traum erzhlte?
    Nein - darauf bin ich gar nicht gekommen.
    Lieber Dame, sagte Gerhard, und es klang beinah wehmtig - er hat
berhaupt immer etwas Schmerzliches im Ton -, Sie machen Fortschritte. Schon
knnen Sie Traum und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden. Das geht uns allen
hier wohl manchmal so - nicht wahr, cher philosophe?
    Traum oder nicht Traum, antwortete der Philosoph nervs, was sie mir da
auftischte, war wieder einmal eine Wahnmochingerei, wie sie im Buch steht.
    Wahnmochingerei - was ist das?
    Nun, was Sie da eben mitangehrt haben.
    Doktor Gerhard wollte wissen, was fr ein Traum es gewesen sei.
    Natrlich ein kosmischer, sagte der Philosoph, sie hoffte es wenigstens
und wollte von mir wissen, ob es stimmt. Sonst traut sie sich nicht, ihn bei
Hofmanns zu erzhlen.
    Ich htte gerne noch gewut, was eine Wahnmochingerei ist und kosmische
Trume. Aber der Philosoph schien mir nicht gut aufgelegt, und ich kann doch
nicht immer fragen und fragen wie ein vierjhriges Kind.

                                       3


                                                                    14. Dezember

Ein komischer Zufall, da ich Heinz Kellermann hier treffe. Wir haben uns seit
dem Gymnasium nicht mehr gesehen. Er behauptet zwar, es gebe nichts Zuflliges,
sondern was wir Zufall nennen und als solchen empfinden, sei gerade das
Gegenteil davon, nmlich ein durch innere Notwendigkeit bedingtes Geschehen. Man
sei nur im allgemeinen zu blind, um diese inneren Notwendigkeiten zu sehen.
    Trotzdem schien er ebenso verwundert wie ich und fragte mit der gedehnten
und erstaunten Betonung, die ich so gut an ihm kannte:
    Wie kommst du denn hierher?
    Ich konnte diese Frage nur zurckgeben, und dann sagte er etwas berlegen:
Oh, man knne nur hier leben, und hier lerne man wirklich verstehen, was Leben
berhaupt bedeute. Ich habe ihm erzhlt, da das auch mein sehnlichster Wunsch
sei, und wie ich mich mit meiner Biographie herumqule - na Gott ja - da ich
eben ein Verurteilter bin und nicht recht wei, was ich mit mir und dem Leben
anfangen soll.
    Daraufhin ist er gleich viel wrmer geworden und lud mich fr den Abend in
seine Wohnung ein - es kmen noch einige Freunde von ihm, auf die er mich sehr
neugierig machte.
    Ich ging hin, und es war auch wirklich der Mhe wert. Aber ich werde jetzt
wieder ein paar Tage daheim bleiben und mich sammeln. Es sind zu viel neue und
verwirrende Eindrcke von allen Seiten. Wohin ich komme und wen ich kennenlerne
- alles ist so seltsam, wie in einer ganz anderen Welt, und ich tappe noch so
unsicher darin herum. - Ob das nun Zufall ist oder innere Notwendigkeit, da ich
hierher kam und gerade diese Menschen kennenlernte? Aber es lockt mich, ich kann
dem allen nicht mehr entfliehen - ich bin wohl dazu verurteilt, und der Gedanke
gibt mir meine innere Ruhe etwas wieder.
    Doktor Gerhard rt mir ja immer wieder, ich solle etwas schreiben - jeder
Mensch habe einiges zu sagen und msse, was er erlebt, in irgendeiner Form nach
auen hin gestalten. Wenn es auch nur wre, um meinem Stiefvater Vergngen zu
machen, er hat ja schon immer gemeint, ich htte ein gewisses Talent dazu. - Und
er ist gewi aufrichtig, denn er hlt sonst nicht bermig viel von meiner
Begabung.
    Ich wei nicht recht - einstweilen mache ich mir Aufzeichnungen und Notizen,
besonders wenn ich mit dem Philosophen zusammen bin.

Da war der Abend mit Heinz Kellermann und seinen Freunden. Der eine mit dem
scharfen Gesicht sah fast wie ein Indianer aus. Als ich das sagte, wurde Heinz
ganz rgerlich und behauptete, er sei doch blond, dunkelblond wenigstens und ein
absolut germanischer Typus. Es gab eine frmliche Diskussion darber, aus der
ich entnahm, da sie die blonden Menschen mehr stimieren als die dunklen, und
da das irgendeine Bedeutung hat.
    Es war auch ein junges Mdchen dabei - eine Malerin -, das brigens
ausgesprochen schwarzes Haar hatte; aber ich wagte keine Bemerkung darber, denn
mir schien, da sie der Unterhaltung etwas deprimiert zuhrte, und ich mu
gestehen, ich freute mich zum erstenmal darber, da ich blond bin.
    Im ganzen hatte ich aber wieder das Gefhl, nicht recht mitzuknnen. Ich
wei nicht, ob man diese Ausdrucksweise eigentlich geschraubt nennen kann, aber
sie kommt einem manchmal so vor, und man mu sich erst daran gewhnen.
    Was meinen sie zum Beispiel damit: man msse einen Menschen erst erleben, um
ihn zu verstehen?
    Heinz machte manchmal ganz treffende Bemerkungen - das kann er berhaupt
sehr gut - und dann hie es:
    Heinz, Sie sind enorm.
    Nach dem Tee setzte man sich auf den Boden, das heit auf Teppiche und
Kissen. Heinz machte die Lampe aus und zndete in einer Kupferschale Spiritus an
- warum auch nicht - es gab eine schne blaugrnliche Flamme. Aber dann stand
die Malerin auf und hielt ihre Hnde darber, man sah nur die schwarze Gestalt
und die Hnde ber der Spiritusflamme, die in dieser Beleuchtung ganz grnlich
aussahen.
    Und nun waren alle ganz begeistert und sagten wieder, das sei enorm. Um auch
irgend etwas zu sagen und mich gegen das junge Mdchen hflich zu zeigen, meinte
ich, dieses offene Feuer in der Schale habe etwas von einem alt-heidnischen
Brauch. Das war nur so hingesagt, weil mir nichts anderes einfiel, aber sie
sahen mich bedeutungsvoll an, als ob ich einen groen Ausspruch getan htte, und
Heinz sagte zu dem Indianer:
    Sehen Sie - und er wei gar nicht, was er damit gesagt hat. - Das ist es
ja gerade, antwortete der, er mu das Heidnische ganz unbewut erlebt haben.
    Ich wollte fragen, was er meinte, da klingelte es, und dann kam der
Professor Hofmann - der mit dem Kreis - der aus dem Traum - ich dachte mir
gleich, da er es wre. Er war ungemein gesprchig und liebenswrdig, bewunderte
das Feuer in der Schale und nannte es fabelhaft, ebenso die grnlichen Hnde der
Malerin und sagte, es sei ganz unglaublich schn, wie sie dastnde. - Ich mute
dabei an die Geschichte neulich im Caf denken - die Wahnmochingerei, wie der
Philosoph es nannte.
    Dann ging die Flamme aus, und die Lampe wurde wieder angezndet. Da niemand
an Vorstellen zu denken schien, tat ich es selbst. Der Professor sah mich
pltzlich verwirrt und ganz entgeistert an, ich dachte, er htte mich nicht
verstanden, wiederholte meinen Namen und setzte hinzu: Ich heie nmlich Dame.
    Er schttelte mir nun mit groer Lebhaftigkeit die Hand und sagte, es freue
ihn unendlich, mich kennenzulernen.
    Dann unterhielt man sich ber dieses und jenes. Der Professor ging dabei mit
etwas strmischen Schritten auf und ab, nahm jeden Augenblick einen Gegenstand
in die Hand, betrachtete ihn ganz genau und stellte ihn wieder hin. Im Laufe des
Gesprches fragte er mich, ob ich auch in Wahnmoching wohnte. Ich fragte wieso
und hielt es fr einen Witz - ich wohne in der K... Strae. Darber brachen
sie alle in Gelchter aus und fanden es enorm, da ich nicht wte, was
Wahnmoching sei.
    Man erklrte mir, da der ganze Stadtteil von dem groen Tor an so heie.
Wie sollte ich das wissen, ich habe mich gar nicht darum gekmmert, wie der
Stadtteil heit, in dem ich wohne. In Berlin wei man es, aber hier doch nicht.
Ich begriff wirklich nicht, was daran enorm sein sollte. Ja, sagten sie, das sei
es ja eben - ich wre in allem so unbewut.
    Sonst bin ich wirklich ein geduldiger Mensch, aber ich hatte allmhlich den
Eindruck, als ob man mich mystifizieren wollte, und sagte, den Ausdruck
Wahnmochingerei htte ich schon gehrt. Der Professor wurde stutzig und fragte,
von wem denn?
    Von Doktor Sendt, dem Philosophen.
    Ah - Sie kennen Doktor Sendt? es klang beinah, als ob ihn das verstimmte.
Aber dann wurde er wieder sehr herzlich und lud mich ein, ihn zu besuchen und zu
seinem Jour zu kommen.

                                                                      den 18....

Nachts um ein Uhr den Philosophen auf der Strae getroffen - wir gehen noch
lange auf und ab, ich erzhle ihm von dem Abend bei Heinz und bitte um einige
Aufklrungen.
    Warum es enorm ist, wenn man Spiritus in Kupferschalen verbrennt und jemand
die Hnde darberhlt - ich kann immer noch nicht vergessen, wie grnlich das
ganze Mdchen aussah - warum geraten sie darber in solches Entzcken? oder wenn
man von einem heidnischen Brauch spricht?
    Junger Mann, sagte Sendt, enorm ist einfach ein Superlativ, der
Superlativ aller Superlative. Sie werden berhaupt mit der Zeit bemerken, da
man unter echten Wahnmochingern einen ganz besonderen Jargon redet, und Sie
mssen lernen, diesen Jargon zu beherrschen, sonst kommen Sie nicht mit. Man
sagt beispielsweise nicht, ein Ding, eine Sache, eine Frau sei schn, reizend,
anmutig - sondern sie ist fabelhaft, unglaublich - enorm. Das heit - enorm wird
mehr in bertragener Bedeutung angewandt und bedeutet, den hchsten Grad der
Vollendung. Speziell in dem Kreise, dem Ihr Freund Heinz angehrt.
    Schon wieder ein Kreis? frage ich.
    Ja, aber die Kreise berhren sich, dieser besteht nur aus wenigen und dreht
sich etwas anders. Man beschftigt sich dort damit, den Spuren des alten
Heidentums nachzugehen - daher die Freude ber Ihre harmlose Bemerkung. Und das
grnliche Mdchen hatte wohl irgendeine symbolische Bedeutung.
    Der Philosoph hielt pltzlich inne - hinter uns klangen rasche Schritte, und
es kamen ein paar Herren an uns vorbei. Zwei von ihnen waren indifferent
aussehende junge Leute - der dritte, der zwischen ihnen ging, ein knapp
mittelgroer Mann mit niedrigem schwarzem Hut und einem dunklen Mantel, den er
wie eine Art Toga umgeschlagen hatte - man konnte ihn auf den ersten Blick fast
fr einen Geistlichen halten. Er schien ber irgend etwas sehr erregt und sprach
eifrig auf seine Begleiter ein, in einem ganz eigentmlichen, monoton singenden
Tonfall. Gerade als sie uns berholten, hrten wir ihn sagen: Ja - bis vor drei
Jahren konnte man sie noch fr zwei Mark auf jeder Dult finden, aber jetzt haben
die Juden alle aufgekauft, und unter zehn Mark sind berhaupt keine mehr zu
haben.
    Gegen Ende des Satzes ging seine Stimme allmhlich mehr in die Hhe, und zum
Schlu kam ein kurzes, schrilles Auflachen. Als er uns sah, machte er eine halbe
Wendung seitwrts und grte den Philosophen. Deutlich sah ich in diesem Moment
sein breites, glattrasiertes Gesicht mit auffallend hellen, leuchtenden Augen,
das aber trotzdem etwas absolut Unbewegliches, beinah Starres hatte. Beim Gren
verzog er den Mund zu einem uerst konventionellen Lcheln, in der nchsten
Sekunde aber nahm er wieder einen steinernen und vllig ablehnenden Ausdruck an
und ging rasch mit kurzen, eiligen Schritten seines Weges.
    Der Philosoph schien sich an dieser Begegnung und der aufgefangenen
Bemerkung ungemein zu freuen:
    Lupus in fabula, sagte er, Sie haben wirklich Glck, Herr Dame; dieser
Herr, der mich eben grte, ist - nun man knnte ihn wohl den geistigen Vater
des Wahnmochinger Heidentums nennen - nein, nein - das ist in diesem Falle nicht
richtig - er wrde es sehr belnehmen, wenn man ihn als Vater von irgend etwas
bezeichnen wollte-denn gerade er ist der Hauptverfechter des matriarchalischen
Prinzips.
    Liebster Philosoph, bat ich, nun wird es mir schon wieder zu hoch.
    brigens dachte ich mir gleich, da jener Herr ein gewisser Delius sein
mte, von dem Heinz mir viel erzhlte.
    Ja, es stimmte, und ich fand, es sei wirklich wieder ein sonderbares Spiel
des Zufalls, da wir ihm gerade bei diesem Gesprch begegneten, aber Sendt
sagte, man trfe ihn sehr oft um diese Stunde, er liebe die Nacht und alles
Dunkle.
    Dieser Delius - nun, er ist wohl eine sonderbare Erscheinung, fuhr er dann
fort, die heutige Zeit, auf die wir alle mehr oder minder angewiesen sind, gilt
ihm nichts, er ignoriert sie oder begegnet ihr wenigstens nur rein konventionell
- etwa so, wie er mich vorhin grte. Sein eigentliches Leben spielt sich in
lngst versunkenen Daseinsformen ab, mit denen er sich und andere identifiziert.
Passen Sie einmal gut auf, Herr Dame - wissen Sie ungefhr, was man sich unter
Seelensubstanzen vorzustellen hat?
    Ich sagte, da ich es mir wohl vorstellen knnte - es war ja neulich im Caf
schon davon die Rede.
    Schn - also Delius denkt sich nun diese Seelensubstanzen von den ltesten
Zeiten her wie Gesteinschichten bereinander gelagert, etwa zuunterst die der
alten gypter, Babylonier, Perser - dann die der Griechen, Rmer, Germanen und
so weiter. Man nennt das biotische Schichten. Seit der Vlkerwanderung, meint er
nun, habe sich alles verschoben, die Substanzen sind durcheinandergemischt und
dadurch verdorben worden. Infolgedessen wirken bei den jetzigen Menschen lauter
verschiedene Elemente gegeneinander, und es kommt nichts Gutes dabei heraus. Nur
bei wenigen (und das sind natrlich die Auserlesenen) hat sich eine oder die
andere Substanz in berwiegendem Mae erhalten - zum Beispiel bei ihm selbst die
rmische - er fhlt und empfindet durchaus als antiker Rmer und wrde Sie
hchst befremdet anschauen, wenn Sie ihm sagten, er lebe doch im zwanzigsten
Jahrhundert und sei in der Pfalz geboren. Denn seine Substanz ist eben rmisch.
Bei Heinz Kellermann und dessen Freunden dagegen herrscht die altgermanische
vor, daher auch die stark betonte Vorliebe fr Blonde und Langschdel.
    Aber lieber Doktor, sagen Sie mir nur noch das eine: was hat das alles
damit zu tun, da dieser Stadtteil Wahnmoching heit?
    Herr Dame - denn Sie heien ja wirklich so, sagte der Philosoph, und ich
konnte es ihm in diesem Augenblick nicht belnehmen - Wahnmoching heit wohl
ein Stadtteil, eben dieser Stadtteil, aber das ist nur ein zuflliger Umstand.
Er knnte auch anders heien oder umgetauft werden, Wahnmoching wrde dennoch
Wahnmoching bleiben. Wahnmoching im bildlichen Sinne geht weit ber den Rahmen
eines Stadtteils hinaus. Wahnmoching ist eine geistige Bewegung, ein Niveau,
eine Richtung, ein Protest, ein neuer Kult oder vielmehr der Versuch, aus
uralten Kulten wieder neue religise Mglichkeiten zu gewinnen - Wahnmoching ist
noch vieles, vieles andere, und das werden Sie erst allmhlich begreifen lernen.
Aber fr heute sei es des Guten genug, sonst mchte noch die aufgehende Sonne
uns hier im Zwiegesprch berraschen.
    Damit trennten wir uns.

                                       4


                                                                          20....

Mir fehlte etwas der Mut, zu diesem Jour zu gehen, aber Doktor Gerhard nahm mich
mit. Ziemlich viele Leute, die sich in mehreren Rumen verteilten, die Frau des
Hauses an einem gemtlichen Eckplatz hinter der Teemaschine, um die herum eine
Anzahl junger Leute und Damen. Als wir eintraten, schwieg alles ein paar Minuten
lang - ich merkte spter, da es jedesmal so war, wenn jemand Neues kam. Gerhard
stellte mich vor und fgte statt meiner hinzu:
    Gndige Frau, mein junger Freund heit nmlich so. Frau Hofmann empfing
mich sehr liebenswrdig - ihr Mann habe ihr schon von mir erzhlt. Dann wandte
sie sich an die anderen: Denken Sie nur, Herr Dame wute bis vor kurzem nicht,
da er in Wahnmoching wohnte.
    Man betrachtete mich, wie mir schien, mit verwundertem Wohlgefallen, und ich
war durch diese Bemerkung gewissermaen eingefhrt. Ich langweilte mich etwas,
denn da ich niemand kannte, mute ich vorlufig auf meinem Platz bleiben und Tee
trinken. Gerhard machte vor einem jungen Mdchen halt - neben ihr auf einem
Tischchen stand ein grner Frosch aus Porzellan oder Majolika - und sagte etwas
wehmtig:
    Gndiges Frulein - Sie sollten eigentlich immer einen grnen Frosch neben
sich sitzen haben.
    Dann ging er weiter von einer Gruppe zur anderen und sagte wahrscheinlich
hnliche Dinge, denn wo er hinkam, wurde es gleich etwas belebter.
    Ich beneidete ihn im stillen um diese Gabe, denn ich konnte mich nicht recht
in die Konversation hineinfinden.
    Es war die Rede von Menschen im allgemeinen, von ihrem Wesen, und worauf es
dabei ankme. Der Professor sagte etwas berstrzt und definitiv:
    Auf die Geste kommt es an. Die jungen Herren, es waren zwei oder drei,
nickten bedeutungsvoll zustimmend, und die ltere Dame aus dem Caf - die
kappadozische -, die ich gleich wiedererkannt hatte, sagte lebhaft: Ich htte
gedacht - in erster Linie auf die Echtheit des Empfindens.
    Empfinden ist immer echt, bemerkte Hofmann wieder sehr definitiv, so da
man nicht anders konnte als ihm beistimmen. Aber Gerhard, der jetzt wieder neben
dem Tisch stand und ein Bild betrachtete, warf milde ein:
    Nun, das kann man doch nicht so ohne weiteres hinstellen, es gibt wohl auch
leere und bedeutungslose Gesten, die durch das Empfinden nicht gerechtfertigt
werden. Und ich meine, man darf nicht so schlechthin von der Geste sprechen.
    Worauf die Frau des Hauses frmlich triumphierend meinte: Nun, worauf es
ankommt, ist eben der Stil.
    Gewi, aber nicht jeder, korrigierte ihr Mann und sah etwas beleidigt aus.
Die Geste ist berhaupt die geistleibliche Urform alles Lebens, und der
Rhythmus der Geste ist der Stil.
    Die anderen hrten ganz begeistert zu, und die Kappadozische uerte:
    Das haben Sie wieder ganz wunderbar gesagt.
    Gerhard rusperte sich ein paarmal, als ob er nicht ganz einverstanden wre,
dann brach er auf, und ich schlo mich ihm an. Zum Herrn des Hauses sagte er
noch:
    Lieber Professor, ich hoffe, mein junger Freund wird noch fter Gelegenheit
finden, mit Ihnen zusammenzukommen.
    Der Professor schttelte mir wiederholt die Hand und sah mich ganz zerstreut
an. Als wir hinausgingen, sagte er halblaut zu Gerhard:
    Ihr Freund ist ein wundervoller Mensch.
    Warum wohl - ich hatte den ganzen Abend kaum zehn Worte gesagt und das
meiste, was sie sprachen, nicht verstanden, zudem, wie Gerhard mir nachher
sagte, einen schweren Fauxpas begangen, indem ich der Frau Professor sagte: ich
sei sehr begierig, den Meister kennenzulernen. So etwas drfe man nicht tun - es
wre eine Art Gotteslsterung. Er pflege sich im dritten Zimmer aufzuhalten, und
nur, wer wrdig befunden sei, wrde ihm vorgestellt; zum Beispiel jener
verklrte Jngling, der vorhin leise mit der Hausfrau sprach und dann pltzlich
verschwand. Das gehre eben auch zur Geste.

Geste - Geste - was soll man darunter verstehen? wie war es noch? - die
geistleibliche Urform alles Lebens. Hier wird ja berhaupt so viel vom Leben
gesprochen, und immer so, als ob es durchaus nichts Selbstverstndliches sei,
sondern gerade das Gegenteil. Aber gerade darin liegt wohl etwas, was reizt und
anzieht - ich mchte ja selbst endlich einmal dahinterkommen, was es eigentlich
mit dem Leben auf sich hat - ob es etwas ganz Selbstverstndliches oder etwas
ungeheuer Kompliziertes ist.
    Heinz zum Beispiel tut ja, als ob er hier in diesem sonderbaren Stadtteil
den Stein der Weisen gefunden htte. Und mir ist, seit ich hier bin, zumut, als
ob ich nur in Rtseln sprechen hre und mich zwischen lauter Rtseln bewege. Ich
fhle mich ziemlich unglcklich, und in meinem Kopf ist es wirr und dunkel.



                                   Anmerkung


Hier sind mehrere Seiten herausgerissen, und statt dessen findet sich eine
Anzahl fast unleserlicher Zettel mit Bleistiftnotizen. Dann folgt quer ber die
Seiten hingeschrieben ein Eintrag von Frauenhand:

- ich habe dieses Heft - Ihr Tagebuch, wie es scheint, offen auf dem Tisch
gefunden und war so indiskret, etwas darin zu lesen. - Ja, Sie sind entschieden
ein wundervoller Mensch.
    Chamotte hat mich hereingelassen - sicher hat er es auch gelesen, denn er
ist beunruhigt um Sie und beklagt sich, da Sie in der letzten Zeit so sonderbar
wren. Ich habe es auch gemerkt und fange an, es zu begreifen. Aber - du wirst
mit deinem Singen - doch nicht zum Himmel dringen.
    Gehen Sie deshalb lieber nicht wieder zum Jour, sondern kommen Sie morgen
mit mir auf die ElendenKirchweih. (Das ist ein Fest.) Tout-Wahnmoching wird
sicher auch dort sein.
    Halt - ich kann mich im Moment nicht besinnen, ob Sie einen Schnurrbart
haben - ich glaube, nein, er pat entschieden nicht zu Ihrer Biographie. Aber
wenn ja, so lassen Sie ihn vorher beseitigen - er geht nicht zum Kostm.
    Also 7 Uhr abends im Eckhaus (Chamotte wei den Weg). Dreimal klingeln.
                                                                         Susanna

Ach, diese Frau - es ist wirklich nicht ganz diskret, in meinen Sachen zu
stbern, wenn ich nicht zu Hause bin, und mir da mitten hineinzuschreiben. Ich
bin so ordentlich, da es an Pedanterie grenzt, und so etwas strt mich.
    Ich habe Chamotte zur Rede gestellt - Chamotte ist mein kleiner Diener.
Susanna hat ihn so getauft, weil sie seinen Namen nicht behalten konnte und
fand, er she aus, als ob er Chamotte hiee. Er fhlte sich dadurch geehrt, er
schwrmt fr Susanna und verteidigt sie - na, es ist eine Schande - aber er
macht mir alles nach, und wenn mir etwas nicht pat, behauptet er einfach, er
wre dazu verurteilt gewesen, es so zu machen. Aber der Bengel ist erst sechzehn
Jahre alt und wird dabei nie unverschmt. Und mir tut es manchmal wohl, so eine
Art zweites Ich zu haben, das intelligent und bescheiden auf das erste reagiert
- und das man hinausschicken kann, wenn man will.
    Chamotte spricht jetzt auch von unserer Biographie und findet, wir mssen
unbedingt zu dem Fest gehen, ich soll ihn als meinen Sklaven mitnehmen - das hat
Susanna ihm heute frh in den Kopf gesetzt.

                                       5


                                                                      10. Januar

Ich werde wohl doch anfangen einen Roman zu schreiben. Als erstes Kapitel knnte
ich gleich den gestrigen Abend nehmen.
    Der junge Mann im Pelzmantel ist Herr Dame. Etwas mde und nachdenklich geht
er durch die Straen. Chamotte, sein Diener, folgt ihm, mit Maskenkostmen
beladen. Er ist verurteilt, heute abend auf ein Fest zu gehen - eine Frau hat
ihn dazu verurteilt.
    Groe Schneeflocken fallen vom Himmel - der heimliche Traum seines Lebens
ist, nur einmal der Frau zu begegnen, die ihn - ach Gott, wie soll man das sagen
- die ihn mit Liebe und zur Liebe verurteilt - gtig und doch... Nein, das geht
nicht, das mu noch anders gesagt werden.
    Sie kommen in eine Nebenstrae, an der Ecke steht ein altes Haus mit groem
grnem Tor und einer altmodischen Glocke. Chamotte zieht die Glocke - dreimal -,
denn nur auf dieses Zeichen wird man eingelassen. Man geht durch einen
Laubengang und ber einen gepflasterten Hof - wieder eine Tr und wieder
dasselbe Glockenzeichen. Die Tr wird von innen aufgerissen. Der Herr im
Pelzmantel fhrt zurck, Chamotte schreit laut auf, vor ihnen im Schein einer
trben Laterne steht ein Henkersknecht aus dem Mittelalter - oder Gott wei
woher. Er trgt ein eisernes Schuppenhemd, eine verrostete Sturmhaube, unter der
die Augen unheimlich hervorblicken, im Ledergrtel steckt ein langes,
handbreites Dolchmesser, baumelt geraubtes Altargert. Quer ber die Stirn luft
eine blutrote Narbe.
    Die unheimliche Gestalt verbeugt sich in tiefem Ernst;
    von Orlonsky.
    Dame - Dame - ja, ich heie so.
    Freut mich sehr, Susanne wartet schon.
    Der Henker mit seiner Laterne geht voran, durch einen dunklen Flur, eine
Treppe hinauf, in einen groen hellerleuchteten Raum, eine Art Kche, wie man
sie in Bauernhusern findet. In der einen Ecke ist der Herd, in der anderen ein
gewaltiger Tisch mit ledergepolsterten Bnken und Sthlen - an den Wnden altes
Kupferzeug und Fayencegeschirr, ein ganzes Museum.
    Susanna steht am Tisch in einem weien Gewand und schminkt einen
untersetzten jungen Herrn, der mit runden schwarzen Augen gefhlvoll zu ihr
aufblickt. Ein zweiter, mit dem Zwicker auf der Nase, hlt die Lampe, spricht
und gestikuliert aufs lebhafteste. Dazwischen luft ein fnf- bis sechsjhriges
Kind herum. Begrung - Vorstellung - der Fremde, in dieser Umgebung wieder
vllig Fremde, kt ihr die Hand. Der Henker strzt an den Herd und rhrt in
einem Gericht, das anzubrennen droht - Chamotte reit Augen und Mund auf und
steht wie verzckt.
    Wir haben Eile, Eile, sagt Susanna - Haben Sie Ihr Kostm? - Chamotte,
mach das Paket auf - und Ihr Schnurrbart?
    Sie sieht mir ins Gesicht...


                                   Anmerkung

Herr Dame geht manchmal unvermittelt in die erste Person ber - aber falls er
seinen Roman wirklich jemals geschrieben htte, wrde er es sicher korrigiert
haben.

Ach Susanna, ich habe nie einen Schnurrbart getragen.
    Der Herr mit dem Zwicker fixiert erst mich und dann Susanna. Damit ist die
Frage vorlufig erledigt.
    Also rasch, ziehen Sie sich an, Herr Dame.
    Hier? Ich sehe mich hilflos um.
    Aber Susja, ruft der Henker schockiert vom Herd herber, ist zum
erstenmal hier Herr - Herr -Dame -
    (Susja - das klang so hbsch und ermahnend - ich fasse Sympathie fr den
Henker.)
    Ach, Willy, wir tun ihn in Ihr Schlafzimmer..., sagt sie zu dem mit runden
Augen und schiebt mich in einen anstoenden Raum.
    Auch dort ist Licht, und von einem Diwan fhrt erschrocken ein Mdchen mit
offenen blonden Haaren empor.
    Was machen Sie denn, Susanna? schreit Willy, und sie schiebt mich rasch
noch ein Zimmer weiter.
    Ich wute wirklich nicht, da du hier bist, Maria, sagte sie dann zu der
Blonden, Erschrockenen.
    Oh, ich war so mde, und Willy sagte, ich knne hier etwas schlafen - ich
bin schon seit fnf Uhr da.
    Kind, dann eil dich jetzt und hilf diesem jungen Mann hier, wenn er mit
seinem Kostm nicht zurechtkommt. Ach so, sie stellte uns durch die halboffene
Tr einander vor.
    Chamotte kann mir ja helfen.
    Chamotte? fragt die Blonde dazwischen, um Gottes willen, wer ist das?
    Nein, Chamotte, den mssen wir jetzt herrichten, ich wei noch gar nicht,
was wir ihm anziehen.
    Und fort war sie.
    Herr Dame bemht sich, der Situation gerecht zu werden, zu der er sich
verurteilt sieht, er unterhlt sich mit dem jungen Mdchen von nebenan, lt
sich dann auch von ihr helfen, denn er kann durchaus nicht mit seinem Kostm
zurechtkommen. Sie tut es mit groem Ernst - sie scheint noch halb verschlafen
und etwas melancholisch.
    Dann mchte er sich etwas ber die verschiedenen Persnlichkeiten
orientieren. Der Henkersknecht ist von polnischem Adel und ohne ausgesprochenen
Beruf - der mit dem Zwicker ein strebsamer Schriftsteller, namens Adrian, und
der dritte ist Willy - man nennt ihn niemals anders.
    Wir haben alle so langweilige Nachnamen, fgte sie hinzu, und es ist auch
bequemer, sie einfach zu kassieren.
    Wollte Gott, sagte Herr Dame mit einem tiefen Seufzer, wollte Gott, man
knnte seinen Nachnamen fr alle Zeiten kassieren...
    Ich habe Ihren vorhin gar nicht verstanden.
    Ich heie Dame, gndiges Frulein - hren Sie, wie das klingt.
    Dame?
    Ja, Dame - Herr Dame - stellen Sie sich vor, wenn ich nun einmal die Frau
finden wrde...
    Sie hat sich auf dem Sofa niedergelassen, von dem sie vorhin so erschrocken
emporfuhr - er setzt sich neben sie. In ihren Augen liegt so viel wirkliche
Gte; er spricht von seiner Biographie, sagt ihr, da er ein Verurteilter ist -
sie hrt zu und scheint tief nachzudenken, die blonden Haare fallen ihr ins
Gesicht. Nebenan wird es immer lauter. Dame! ruft Susanna und schaut zur Tr
herein. Herr Dame, bitte, kommen Sie. Er zuckt zusammen. Ach, Susanna...
    Sie gehen in die Kche hinber - da steht Chamotte auf einem Tisch, nur mit
einer roten Badehose bekleidet, und der Henker ist damit beschftigt, ihn von
oben bis unten schwarz anzustreichen. Nur das eine Bein ist noch wei, der arme
Junge bietet einen merkwrdigen Anblick und wird etwas verlegen, als er seinen
Gebieter sieht.
    Wenn ihm nur die Farbe nicht schadet, meint Susanna mtterlich besorgt,
wir haben ihm ein anderes Kostm vorgeschlagen, aber er wollte durchaus ein
richtiger Sklave sein.
    Das ist meine Biographie, bemerkt Chamotte bescheiden.
    O Chamotte, du bist zum Wahnmochinger geboren, sagt Susanna.
    Adrian, Sie schauen ihn so verzckt an, als ob Sie ein Gedicht machen
wollten - vielleicht das Gedicht, das Ihnen endlich den Eintritt zum Tempel
verschafft.
    Adrian, der Herr mit dem Zwicker, der sich in eine Toga hllt und trotzdem
aussieht, als ob er eigentlich in den Frack gehrte - lchelt arrogant und
beginnt sofort in feierlich getragenem Ton zu improvisieren:

Der schwarze Sklave, der den Becher trug,
Empfing die Farbe aus des Henkers Hand;
Er hie Chamotte - - -

Das Weitere habe ich nicht behalten - man erzhlte mir, da Adrian an einem
Gedichtband arbeitet und danach strebt, unter die Auserwhlten des Hofmannschen
Kreises aufgenommen zu werden. Aber bisher habe er sich seine Chancen immer
wieder durch irgendeine Unvorsichtigkeit verdorben.
    Ich fand ihn sehr liebenswrdig - munter und gesprchig. Und er hat wohl
auch Herz. Auf dem Wege zum Fest sa ich mit ihm und Maria im Fiaker. Sie dachte
noch ber meinen Namen nach, und wir sprachen darber. Ich sagte, da ich
Chamotte beneide - wie frhlich und selbstverstndlich kann einer durch die Welt
gehen, wenn er so gerufen wird; er tut sich leicht mit seiner Biographie.
Chamotte, das klingt so, als ob ihm die reifen Frchte von selbst aus den Bumen
herabfallen mten - und obendrein ist es nicht einmal sein wirklicher Name.
    Adrian nahm den Zwicker ab und sann nach, dann schlug er vor, mich Monsieur
Dame zu nennen. Er selbst wolle den Anfang machen, und es wrde sich dann gewi
rasch einbrgern. - Wir schttelten uns herzlich die Hnde.
    An dem Abend allerdings ntzte es nicht viel, denn wir gerieten unter lauter
Bekannte, und die kappadozische Dame, die sich meiner vom Jour her einnerte,
fing gleich an zu fragen. Ich machte ihr rasch einige Komplimente ber ihr
kappadozisches Aussehen, und dann lie sie mich gar nicht mehr los - ob ich das
auch fnde - und wie ich darauf kme - es sei wirklich wunderbar.
    Ach Gott, was geht mich die kappadozische Dame an - ich mchte meinen Roman
schreiben, und es ist doch nicht so einfach, wie ich dachte. Das bunte Treiben
im Eckhaus - der Kreis - die Enormen - aber mir fehlt einstweilen noch der
Faden, die durchgehende Handlung, oder wie man das nennt. Und ob es angeht,
einen ganzen Roman so zu schreiben, wie ich das erste Kapitel angefangen habe -
ich frchte, es gibt ein zu rasches Tempo. Man mte wohl fr jede Gruppe einen
besonderen Stil anwenden. Darber werde ich Doktor Gerhard oder Adrian noch zu
Rate ziehen. Und vieles wird mir der Philosoph erklren mssen.

Das Fest an sich wre wohl besonders schwierig zu schildern, denn fr mich war
es ein unbeschreibliches Durcheinander von Menschen, Kostmen, Musik, Lrm,
einzelnen Vorfllen, Gesprchen und so weiter. Ich bin auch kein Karnevalmensch,
wie man hier sagt. Ich trinke wenig, tanze nicht und bin froh, wenn man mich
mglichst in Ruhe lt.
    Durch die kappadozische Dame kam ich an den Hofmannschen Tisch. Ab und zu
erschien Susanna und setzte sich neben mich. Das war mir ein Trost - ich htte
mich sonst wieder recht ratlos gefhlt. Ich dachte, man wrde sich gemessen und
weihevoll benehmen, und es machte mich stutzig, da der Professor als Teufel
verkleidet war und in wilden Sprngen tanzte. Gott, das ist wohl begreiflich,
ich hatte noch nie einen Professor in rotem Trikot gesehen. Eine Anzahl
Jnglinge bildete einen Kreis um ihn - ich glaube, es wurde ein Walzer gespielt,
aber niemand kmmerte sich darum, sie sprangen auf ihre eigene Weise, und die
kappadozische Dame war ganz entzckt und sagte, das sei dionysisch. Adrian
teilte ihre Begeisterung und erklrte, er wrde nchstens auf seinem Atelier
eine Satansmesse veranstalten, ob ich nicht kommen wollte. Ich meinte etwas
kleinlaut, da ich noch nicht genug von Magie verstnde... Oh, ich kann Ihnen
ein Buch darber leihen... Ja - brigens wei ich doch nicht recht, ob eine
Satansmesse das Richtige wre, aber eine Orgie - eine panerotische Orgie. Was
meinen Sie dazu, gndiges Frulein?
    Susanna trat mich so energisch auf den Fu, da ich unwillkrlich sthnte -
ich hatte nur Sandalen an. Und Adrian wandte sich rasch nach mir um: Sie
scheinen das nicht recht zu billigen, Monsieur Dame - aber warum nicht? Sind wir
nicht ebeno berechtigt, Orgien zu feiern, wie die alten Rmer und Griechen? Ich
dachte, gerade Sie mit Ihrem jungen Sklaven mten Sinn dafr haben. Dabei warf
er mir einen verstndnisvollen Blick zu, ber dessen Bedeutung ich mir nicht
recht klar war. (Chamotte stand den ganzen Abend hinter mir oder Susanna und
bediente uns.)
    Wieder trat Susanna mich auf den Fu und sagte:
    Der Meister ist auch da - sehen Sie, dort geht er mit einem seiner
Adoranten; da er auf ein Fest geht, ist ein Ereignis.
    Sie hatte leise gesprochen, aber Frau Hofmann mute es doch aufgefangen
haben, denn sie sagte lchelnd:
    Liebe Susanna, Sie irren sich - er ist nicht hier. Der Herr, den Sie
meinen, hat nur seine Maske gemacht - aber wirklich tuschend, nicht wahr?
    Frau Professor, antwortete Susanna, und ich bewunderte ihren Mut, ich bin
beim Theater gewesen und gehe jede Wette ein, da es keine Maske ist...
    Ach, was ist Theater? beharrte Frau Hofmann immer noch lchelnd, aber wie
Mrtyrer unter Foltern lcheln, ich kann Sie versichern, da er es nicht ist.
    Der so Umstrittene befand sich ziemlich in unserer Nhe, und ich mute
Susanna recht geben - das konnte keine Maske sein. Und es lag etwas in seiner
Erscheinung, was mir groen Eindruck machte.
    Warum will man denn nicht zugeben, da er es ist? fragte ich nachher, als
wir eine Weile allein saen.
    Weil gewhnliche Sterbliche nicht wissen drfen, da er wirklich vorhanden
ist.
    Der Professor kam mit einer Dame, zog sie auf einen Stuhl nieder und sagte
bewundernd:
    Ist sie nicht unglaublich schn?
    Susanna flsterte ihm ins Ohr: Um Gottes willen - sie ist furchtbar. Er
erschrak, betrachtete sie von der Seite und fragte leise zurck: Wirklich?
    Das wiederholte sich noch ein paarmal im Laufe des Abends - er brachte immer
neue Wesen und wollte, da man sie schn fnde. (Manchmal waren sie auch ganz
nett.) Spter mischte ich mich in das Gewhl, ich traf Willy, der nach Maria
suchte. Schlielich sahen wir sie mit Heinz und seinen Freunden.
    Ja, dann ist es umsonst, sagte Willy betrbt. Die Enormen geben sie nicht
her - sehen Sie, der dort ist Hallwig, er ist entschieden ein ungewhnlicher
Mensch; ich mchte ihn schon lange kennenlernen, aber er hlt sich vollstndig
zurck und verkehrt nicht mit belanglosen Leuten, wie ich und Sie es sind -
nehmen Sie es nicht bel, Herr Dame...
    O gewi nicht, und Maria?
    Maria ist eben enorm - sie ist heidnisch, und Gtter wohnen in ihrer Brust.
Damit haben sie ganz recht, und wir finden es ja auch, aber man kann sich nicht
darber verstndigen. Maria liebt die Enormen, und sie liebt uns - sie liebt
berhaupt alles, aber man sieht es nicht gerne, da sie so universell ist, und
vor allem ihr Verkehr im Eckhaus - wir ziehen sie herunter, wir sind Schmarotzer
und Vampire an ihrer Seele.
    Er war ganz traurig. Ich betrachtete den genannten Hallwig genauer - ich
hatte ja auch schon gemerkt, da Heinz es vermeidet, mich mit ihm bekannt zu
machen. (Woher wissen sie denn so genau, da ich belanglos bin?) - Ein
auffallend schner Mensch, und Maria scheint ihn sehr zu lieben. Vielleicht war
sie deshalb heute abend im Eckhaus so melancholisch und verstand mich so gut.
    Und wer ist der kleine Brnette, der so zrtlich den Arm um sie legt?
    Das ist Konstantin, der Sonnenknabe, er ist auch enorm, und deshalb darf er
alles - er darf sogar Maria lieben. Bei ihm ist es eben das Enorme, da er alle
Frauen liebt, auch wenn er sie eigentlich gar nicht mag - dann lt er sich
wenigstens lieben - die Mdchen sind alle hinter ihm her. Sehen Sie, lieber
Dame, ich habe gar nichts gegen die Enormen, ich verehre sie sogar aus der
Ferne, und ziemlich hoffnungslos - denn sie schtzen meine Rasse nicht - sie
lassen nur blonde Langschdel gelten, und ich sehe so thiopisch aus - aber wenn
sie die Mdchen gegen uns beeinflussen...
    Ich sagte ihm, da ich das wieder nicht verstnde:
    berall sind mysterise Gemeinschaften, man hrt von Satansmessen, Orgien,
Magie und Heidentum sprechen wie von ganz alltglichen Dingen, dann wird wieder
getanzt und Tee getrunken, aber selbst beim Tee gibt es Geheimnisse und
verschlossene Tren, hinter denen vielleicht ein Magier sein Wesen treibt.
    Ja, so ist es wohl, seufzte Willy, und es gab eine Zeit, wo auch ich
gerne Zauberlehrling werden wollte, man hatte mich schon halb und halb
akzeptiert. - Aber schauen Sie einmal dorthin!
    Wir sahen, wie Orlonsky, der Henker, Maria mit Gewalt zum Tanzen fortzog -
den Sonnenknaben schob er einfach beiseite, und der schien es auch gar nicht
belzunehmen. Aber der Henker war sichtlich gereizt, und als dann beim Tanzen
irgendein junger Mensch aus der Menge Maria ansprach, lie er sie stehen und
warf ihn buchstblich an die Wand, fuhr dabei mit der Hand in sein eigenes
Dolchmesser, das offen am Grtel hing, und verletzte sich ziemlich erheblich.
Nun gab es erregte Auseinandersetzungen - dieser Orlonsky scheint ein rabiater
Herr zu sein. Pltzlich stand auch der Indianer daneben - Orlonsky und er maen
sich nur mit den Blicken, dann folgte Maria dem Indianer, und Susanna
beschwichtigte Orlonsky mit Zrtlichkeit. Man sah sie nachher bestndig
zusammen. Am Hofmannschen Tisch wurde noch viel ber diese Szene gesprochen. Es
lag sicher wieder eine mysterise Bedeutung darin, die ich nicht durchschauen
konnte. Adrian wollte den Henker zu seiner Orgie einladen, und die kappadozische
Dame fragte:
    Haben Sie gesehen, wie seltsam er sich benahm, sie meinte den Indianer.
    Nein - wieso?
    Er sagte kein Wort, aber er erbleichte, als er Blut flieen sah - Sie
wissen doch, Blut...
    Nun wurde es mir zuviel, ich stand auf und irrte verlassen durch die
festliche Menge. Wie eine unaussprechliche Erleichterung empfand ich es, als der
Philosoph neben mir auftauchte.
    Wie geht es Ihnen, Herr Dame? Wozu hat man Sie heute verurteilt?
    Ich frchte zum Wahnsinn, cher philosophe, ich wei nicht, was in diesem
rtselhaften Stadtteil aus mir werden soll, und doch lt es mir keine Ruhe,
dahinterzukommen.
    Mirobuk! sagte er gtig, kommen Sie doch morgen nachmittag etwas zu mir.

Ja, ich frage ganz im Ernst, ob es nicht ein bedenkliches Symptom fr meinen
inneren Zustand ist, da das bloe Wort - Mirobuk - so beruhigend auf mich wirkt
- wie eine Zauberformel, die den Bann zu lsen vermag; denn es ist wohl eine Art
Bann, der mich hier immer wieder umfngt. Ich wei nicht, was Mirobuk bedeutet,
wo er es her hat, und was es eigentlich heien soll, ich will es auch gar nicht
wissen, es ist nur die Art, wie er es anwendet - man ahnt gleichsam, da hinter
den verworrensten Widersprchen doch noch irgendwo Klarheit zu finden sein
knnte.

                                       6


                                                                      14. Januar

Heute - gestern - vorgestern - ich mu mich erst wieder besinnen, wie die Tage
sich folgten.
    Mittwoch war das Fest, und am Donnerstag nach Tisch machte ich mich noch
ziemlich schlfrig auf den Weg, um der freundlichen Einladung des Philosophen zu
folgen. Unterwegs fiel mir ein, da bei Hofmanns Jour war und ich wohl auch
dorthin gehen msse. Frau Hofmann hatte mir gesagt, es werde heute
wahrscheinlich Delius kommen, und ich sollte ja nicht versumen, ihn persnlich
kennenzulernen. Er sei eine der bedeutendsten Erscheinungen des heurigen
Deutschlands - ich glaube sogar, sie sagte Germaniens, und mir ist nicht recht
klar, wie sich das mit seiner rmischen Substanz vereinigen lt.
    So bat ich Sendt, nach einer angenehmen, friedlichen Teestunde, ob er nicht
mitgehen wolle. Er zeigte sich nicht sehr aufgelegt, entschlo sich aber endlich
doch. Als wir kamen, stand ein groer Teil der Gesellschaft im ersten Zimmer um
den Tisch versammelt. Ein Maler, der dem Kreis angehrt und dort sehr geschtzt
wird, hatte Zeichnungen mitgebracht, und man betrachtete, bewunderte und belobte
sie. Da war ein Bild des Meisters (ber dieses wurde nicht laut gesprochen, man
vernahm nur von Zeit zu Zeit ein ehrfrchtiges Murmeln oder gedmpftes: wirklich
fabelhaft! - ungeheuer!), ferner verschiedene frhere Dichter und historische
Persnlichkeiten: Schiller, Goethe, Luther und andere. Den Maler halte ich nicht
fr sehr talentvoll, die Bltter hatten alle dasselbe lngliche Format, und
smtliche Kpfe waren so gro, da sie irgendwo beinah oder ganz an den Rahmen
anstieen. Zudem kam es mir befremdlich vor, da er die verschiedenen groen
Toten so ganz einfach portrtiert, als ob sie ihm gesessen htten. Es gibt doch
genug authentische Bilder von ihnen, die mehr Wahrscheinlichkeit besitzen.
    Der Philosoph stand neben mir, sagte manchmal hm - hm, und ich wollte ihn
gerade um seine Meinung befragen, da ging die Tr auf, und Delius trat herein.
Er verneigte sich nach verschiedenen Seiten mit demselben Wechsel zwischen
konventionellem Lcheln und pltzlicher Starrheit, den ich damals auf der Strae
an ihm beobachtete, dann trat er auf den Tisch zu, warf einen Blick auf die
Zeichnungen, betrachtete scharf und flchtig das Portrt Luthers und wandte sich
in liebenswrdig anerkennendem Ton an den danebenstehenden Maler.
    Nun, Herr Bender, ich sehe hier ein beraus wohlgelungenes Bildnis -
(ringsum entstand eine erwartungsvolle Pause, und nun fuhr er pltzlich beinah
drohend fort) - von jenem infamen Mnche, der uns um die schnsten Frchte der
Renaissance betrogen hat - (Pause) - und den man im Altertum sicher auf dem
Forum gestupt htte.
    Die erwartungsvolle Pause war in allgemeine Verlegenheit bergegangen, alles
blieb totenstill.
    Ich sah den Sprecher an und fand in diesem Augenblick, da sein Kopf mit den
breiten, unbeweglichen Zgen nicht, wie ich neulich meinte, an einen
katholischen Geistlichen, sondern tatschlich an alte rmische Kaiserbsten
erinnerte. Man htte sich mit ein wenig erhitzter Phantasie wohl vorstellen
knnen, da er jetzt gleich mit derselben monoton singenden, wie aus einem Grabe
hervortnenden Stimme den Befehl erteilen wrde, eine ganze Stadt voller
Christen zu verbrennen.
    Der Maler stand ein wenig betroffen da, Frau Hofmann lchelte triumphierend
ber die Anwesenden hinweg, als fhle sie wohl, da eben etwas Bedeutendes unter
ihrem Dache geschehen sei, und dann brach die mutige kappadozische Dame das
Schweigen:
    Es wre hchst interessant, Herr Delius, wenn Sie uns noch etwas ber den
Untergang der Renaissance sagen wollten. Sind Sie wirklich der Ansicht, da der
Protestantismus...
    Nun, fuhr Delius vllig unbeirrt und unpersnlich fort - er sah dabei die
kappadozische Dame fest an, aber so, als ob sie gar nicht da wre - nun, der
Protestantismus bedeutet den Sieg - ja, leider den Sieg des jdischchristlichen
Elementes ber den Rest von Heidentum in der katholischen Kirche. Glauben Sie
nur - was berhaupt an diesem Christentum, ber das ich mich jetzt nicht nher
auslassen mchte, in jenen traurigen Zeiten des Niedergangs noch lebendig und
glhend war, das ist Rom - das ist die Blutleuchte des Altertums - die
Blutleuchte Roms. (Blutleuchte - ein wunderbares Wort - aber was mag es
bedeuten? Ich warf dem Philosophen einen flehenden Blick zu, und er winkte
beruhigend: spter, spter.) Rom und immer wieder Rom... Wissen Sie, und dabei
berschlug sich seine Stimme in einem jhen Auflachen, wissen Sie, da dieser
abtrnnige Mnch einfach ein Jude war - ja, fgte er gedehnt und geheimnisvoll
zu: Geist ohne Substanz, das ist immer der Weg zum Nichts. Seien Sie berzeugt,
da keiner ihn ungestraft beschreitet. Der sogenannte Geist und die
Selbstvernichtung der Substanz, das ist immer dasselbe. Ja, der Fluch all dieser
neuen Gestaltungen, das ist der Geist und sonst nichts. Aber das hngt mit den
biotischen Schichten zusammen, und da sind viele geheimnisvolle Dinge im Spiel,
dies letzte klang, als ob er nur zu sich selber sprche und ganz vergessen
htte, da alles ihm zuhrte.
    Frau Hofmann reichte ihm eine Tasse Tee, er nahm sie dankend entgegen, und
nun sagte sie mit heller Stimme:
    Ja, aber wenn nun Luther katholisch geblieben wre?
    Aber Lotte! fuhr ihr Gatte mit einem strafenden Blick dazwischen, und sie
hielt inne. Delius war ganz in seine Gedanken versunken, er stand da, wiegte
langsam den Kopf hin und her, nahm einen Schluck Tee und sprach noch einmal
dumpf vor sich hin:
    Ja, das sind allerdings sehr geheimnisvolle Dinge. Dann ergriff wieder die
kappadozische Dame das Wort - der Professor wanderte derweil unruhig hin und
her, und es machte den Eindruck, als ob er sie gerne daran gehindert htte.
    Ich glaube, ich verstehe jetzt, was Sie damit sagen wollen, aber meinen
Sie, da Luther wirklich ein Jude war, oder haben Sie sich nur bildlich
ausgedrckt?
    Nun, mancher ist ein Jude, ohne es zu wissen, sagte Delius monoton und
abwesend.
    Und mancher andere ist keiner, obwohl er dafr gilt, bemerkte ein
schlanker, schwarzer junger Mann, der neben mir stand.
    Gewi, gewi, ich will nicht leugnen, da auch dieses vorkommen kann,
antwortete Delius kurz.
    Die Frau des Hauses flsterte indessen mit dem Maler, er raffte seine
Bltter zusammen und verschwand in dem dritten Zimmer. Der Professor zog einige
Jnglinge hinter sich her und folgte ihm.
    Delius war immer noch apathisch und in Gedanken verloren stehengeblieben,
der Philosoph suchte nun wieder irgendeine Unterhaltung in Gang zu bringen und
sprach von seiner Sommerreise in Italien. brigens war auch Maria inzwischen
erschienen und gesellte sich zu uns, man gruppierte sich um einen kleinen Tisch,
und Sendt erzhlte, wie er an einem heien Tage auf Capri alleine auf den Hgeln
umherwanderte, wo sich die Ruinen von dem Schlo des Tiberius befinden. Die
Landschaft sei im Mittagssonnenlicht wie verzaubert dagelegen, und pltzlich
htte ein kleiner weihaariger Mann neben ihm gestanden, der aus den Ruinen
hervorgekommen sein mute - er trug einen merkwrdigen Mantel, und sein
bartloses Gesicht zeigte ein ausgesprochen rmisches Profil. Delius begann
aufzuhorchen.
    Er hatte eine Blume in der Hand, erzhlte Sendt weiter, und reichte sie
mir, wnschte mir guten Tag und verschwand, ohne ein weiteres Wort zu sagen,
wieder in dem Gemuer dicht neben mir, nachdem ich ihm noch einen Obolus in die
Hand gedrckt hatte.
    Delius erkundigte sich eifrig nach dem Schnitt des Mantels - ob es nicht
vielleicht ein rmisches Obergewand gewesen sein knnte?
    Und die Blume - war es nicht eine kleine, blaue Sternblume?
    Ja, das stimmt wirklich, antwortete der Philosoph.
    Nun, so ist es zweifellos jene Blume gewesen, welche Tiberius seinerzeit
aus Persien mitgebracht und in seinen Grten angepflanzt hat.
    Wohl mglich, sagte Sendt, und wenn Sie jetzt behaupten wollen, der Mann
sei ein altrmischer Krieger gewesen, so mu ich offen sagen, sein pltzliches
Erscheinen und die ganze Begebenheit in der glhenden Mittagssonne waren so
spukhaft, da ich es kaum bestreiten wrde.
    Sehen Sie, warf nun Frau Hofmann ein und blickte auf den Philosophen, als
ob sie ihn endlich berfhrt htte, das war doch sicher ein kosmisches
Erlebnis. Ich erwartete ein erlsendes Mirobuk, aber er sprach es nicht aus,
sondern bedeutete mir etwas nervs, da wir jetzt gehen wollten. Delius
schttelte ihm mit pltzlicher Herzlichkeit die Hand, dann ging er mit kurzen
entschlossenen Schritten auf das dritte Zimmer zu und murmelte unterwegs noch
etwas von Tiberius vor sich hin. Maria schlo sich uns an und wollte durchaus in
einer Bar soupieren.
    Maria, Maria, sagte Sendt, Sie tten besser, einmal auszuschlafen, Ihr
Freund Hallwig wrde es sicher molochitisch nennen, wie Sie auf Ihre Gesundheit
loswirtschaften. Aber wie Sie wollen.
    Machen Sie mir den armen Monsieur Dame nicht noch konfuser, gab sie zurck
- sie hatte gleich, wie wir drauen waren, meinen Arm genommen, er zuckte eben
bei dem Wort molochitisch schon wieder zusammen. Ich glaube, wir werden heute
die Biographien umkehren und Sie zu einem lngeren Vortrag verurteilen mssen,
sonst kann er sicher nicht schlafen.
    Ja, gerne, wenn es Ihnen Freude macht - nach einem guten Abendessen und
ohne kappadozische Zwischenfragen lt sich schon eher ber diese Sachen reden.
    Und ich werde viele, viele Zigaretten dazu rauchen, meinte sie sehr
zufrieden, denn die grere Hlfte verstehe ich ja doch wieder nicht.

                                       7


Mir ist, als mte ich mein Gehirn auseinandernehmen und wieder neu
zusammensetzen. Die Art, wie es bisher funktioniert hat, die mir gelufigen und
gewohnten Gedankengnge ntzen mir nichts mehr - ich mchte sie ausschalten,
ausrangieren, bis ich imstande bin, mich in all diesen neuen sicherer zu
bewegen.
    Einen halben Tag habe ich gebraucht, um das auf den Jour folgende
Nachtgesprch aus meinen Notizen wieder zusammenzustellen und noch einmal
durchzudenken. Wenn ich dann alles hier eingetragen habe, will ich den
Philosophen bitten, es noch einmal nachzulesen. Auch was dazwischen
konversationsweise gesprochen wurde, habe ich mir angemerkt, in der Absicht, das
Ganze fr meinen spteren Roman zu verwenden.
    Da liegt nun eine Schwierigkeit, ber deren Lsung ich mir noch nicht klar
bin: kann ich dem Leser, der vielleicht nur persnliche Erlebnisse und
Schicksale erwartet oder wnscht, zumuten, sich mit mir in diese seltsame und
umfangreiche Gedankenwelt zu vertiefen? - Ich denke eigentlich: ja! und wer
nicht dazu gewillt ist, der mge das Buch ruhig aus der Hand legen oder es mit
einem anderen vertauschen. Denn es wird ihm sonst, ebenso wie mir, nicht mglich
sein, die Menschen und Begebenheiten in diesem auerordentlichen Stadtteil
richtig zu verstehen.
    Ja, und einstweilen mu es wohl noch dahingestellt bleiben, ob ich selbst
dieser schweren Aufgabe gewachsen bin.


                                   Anmerkung

Wir nehmen an, da Herr Dame die einliegenden, anscheinend aus seinem Notizbuch
kopierten Bltter gemeint und nur seine Absicht, sie in das Tagebuch
einzutragen, aus irgendeinem Grunde nicht ausgefhrt hat. Verfahren Sie bei
einer eventuellen Verffentlichung damit, wie Sie es fr gut halten - vielleicht
erscheint der Inhalt Ihnen, sowie etwaigen Lesern, leichter verstndlich als
uns.


            Nachtgesprch mit dem Philosophen in der Jahreszeitenbar

                                                             Am 5. Februar 19...

Das Souper war vorzglich, der Philosoph bei guter Laune, und ich fhlte mich
allmhlich wieder frisch und aufnahmefhig. Als wir dann beim Kaffee saen,
begann Sendt mit jener wohlwollenden Heiterkeit, die ich so sehr an ihm schtze:
    Nun, lieber Dame, worber wnschen Sie jetzt belehrt zu werden - der
heutige Jour war ja einigermaen reichhaltig und stellte wohl an den Laien
ziemliche Anforderungen.
    Ich dachte nach, mir schwirrte wieder alles bunt durcheinander - wieso
Luther ein Jude sein sollte - und Blutleuchte - dieses wunderbare, suggestive
Wort wollte mich gar nicht wieder loslassen - ja, und die blaue Blume des
Tiberius - und kosmisches Erlebnis - mir fiel wieder ein, da die kappadozische
Dame damals auch ihren Traum einen kosmischen genannt hat.
    Nur Mut, und alles hbsch der Reihe nach, sagte der Philosoph. Haben Sie
etwas davon behalten, was ich Ihnen krzlich ber die Substanztheorie des Herrn
Delius gesagt habe, und erinnern Sie sich noch an die Geschichte von dem
Psychometer und dem Ring des Meisters?
    Ja, ich erinnere mich.
    Also - das drfen Sie nun vor allem nicht verwechseln. Bei dem Psychometer
handelt es sich um die Seelensubstanzen des einzelnen, die unter anderem an
seinen Gebrauchsgegenstnden haften bleiben. Zum Beispiel Adrian, den Sie auch
kennen, besitzt einen Lehnstuhl von einer Gromutter, den er als gespenstisch
empfindet, weil die Substanz der Verstorbenen ihm wahrscheinlich noch anhaftet.
Ist er abends allein in seinem Zimmer, so wird er sich nie entschlieen, in
diesem Lehnstuhl zu sitzen, obgleich er ungemein bequem ist. Aber lassen wir
Adrians Gromutter - sie ist belanglos, und die ganze Sache mit den
Einzelsubstanzen ist eigentlich unwahnmochingisch. Wahnmoching lehnt den
Individualismus ab und lehrt, da der einzelne wenig in Betracht kommt. Von
groer Wichtigkeit sind dagegen die Ursubstanzen, aus denen die Einzelseele
zusammengesetzt ist, so, wie ich Ihnen schon einmal sagte, die Rassensubstanzen:
die rmische - germanische - semitische und so weiter. Diese befinden sich im
Blut - unterstreichen Sie Blut, es ist von grter Bedeutung. Wo nun eine von
ihnen das bergewicht bekommt, so da sie allein das Erleben (Schauen, Dichten,
Handeln und vor allem auch das Trumen) beherrscht - da haben wir die
Vorbedingungen fr das Zustandekommen der Blutleuchte. Hier ist nun eine
mystische Komplikation zu merken: irgendeine heidnische Substanz hat periodisch
grere Strke, daher heidnische Blutleuchte in vielen Individuen gleichzeitig.
So war in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts groe heidnische
Blutleuchte. Delius fand seine Weltanschauung - Nietzsche schrieb den
Zarathustra - in der damaligen Jugend grte es - Knig Ludwig II. versuchte
seine phantastischen Ideen auszuleben...
    Oder heuer im Karneval, warf Maria dazwischen, Monsieur Dame lt sich zu
einem Wahnmochinger Fest verurteilen, und Chamotte empfindet sich als Sklave,
weil man ihn schwarz angestrichen hat.
    Maria, unterbrechen Sie mich nicht, sagte der Philosoph, hren Sie lieber
gut zu. Es wrde Ihnen gar nicht schaden, wenn Sie auch etwas von diesen
Geschichten begreifen lernten.
    Ach Gott, ich vergesse es ja doch gleich wieder, antwortete sie resigniert
und zndete sich eine neue Zigarette an.
    Also - eben Ihr Freund Hallwig lehrt, da nicht wir handeln, dichten,
trumen und so weiter, sondern die Ursubstanzen in uns. ber die Rangordnung der
historischen Substanzen drften er und Delius wohl etwas uneinig sein, da dieser
die rmische, jener die germanische fr sich gepachtet hat. Immerhin gelten
beide fr kosmisch, die semitischen dagegen immer fr molochitisch - Herr Dame,
sehen Sie mich nicht so verzweifelt an und brechen Sie nicht immer Ihren
Bleistift ab, mit etwas gutem Willen werden Sie schon dahinterkommen. Also
kosmisch - kosmisch ist das Prinzip, welches das wahre unmittelbare Leben
aufbaut und in jedem Wesen, das berhaupt an ihm Teil hat, das gleiche ist.
Notabene: den Begriff kosmisch braucht man gewhnlich nur im Gegensatz zum
chaotischen. Erst indem man ihn statt auf das Gebilde auf die bildende Kraft
anwandte, bekam er die Wahnmochinger Nuance.
    Kosmisch werden deshalb solche Erlebnisse genannt, die deutlich aus diesem
Prinzip stammen - auch Trume werden dazu gerechnet und spielen eine groe
Rolle. Delius oder Hallwig pflegen darber zu entscheiden, ob ein Traum oder
Erlebnis kosmische Bedeutung hat - die Damen beim Jour irren sich hufig ber
diesen Punkt und begehen dann Migriffe, welche den Professor Hofmann nervs
machen. Denn auch er erfreut sich in diesen Fragen einer gewissen Autoritt.
    Ich danke Ihnen, cher philosophe - die Nebel fangen an sich zu lichten -
aber was heit molochitisch?
    Moloch, Herr Dame, wie Sie vielleicht wissen, war ein unangenehmer Gtze,
der sich von kleinen Kindern nhrte, mithin also das Lebendige, Hoffnungsvolle
verschlang. Molochitisch bedeutet daher in gutem Wahnmochinger Jargon alles
Lebensfeindliche, Lebenvernichtende - kurz und gut, das Gegenteil von kosmisch.
Man wandte nun in unserem Stadtteil mit Vorliebe diesen Gegensatz auf die
Rassensubstanzen an und gelangte zu dem Resultat: die Arier reprsentieren das
aufbauende, kosmische Prinzip, die Semiten dagegen das zersetzende,
negativ-molochitische. Zu merken ist hierbei noch, da eben die Substanzen sich
im Laufe der Zeiten nicht rein erhalten haben und vielfach vermischt sind.
    Luther zum Beispiel, den man im allgemeinen fr einen Germanen halten
drfte, wandte sich gegen die heidnischen Reste im Katholizismus - verneinte sie
und bewirkte ihre Zersetzung, folglich war er molochitisch - folglich war er
nach Delius ein Jude.
    Sehen Sie, das finde ich einfach entzckend, meinte Maria, aber ich wei
schon, unser Philosoph schtzt solche Wahnmochingereien nicht.
    Liebes Kind, die Sache hat eben auch ihre tragische Seite - denn in
Wahnmoching wird vor allem jede Vernunft und Klarheit in den Bann getan, weil
sie ihnen fr verderblich und molochitisch gilt. Und das erlaube ich mir fr
bedenklich zu halten.
    Er ghnte, und Maria fragte teilnehmend, ob er mde sei, dann wollten wir
doch lieber von etwas anderem reden. Mir schien, sie hatte selbst genug davon
und fing an, sich zu langweilen.
    Nun ja - was meinen Sie etwa zum Hetrentum? fragte Sendt, und sie wurde
ganz bse - es schien irgendeine Anzglichkeit zu sein.
    Aber ich bitte Sie - die matriarchale Zeit ist sicher von ungemeiner
Wichtigkeit, wie Delius sagen wrde. Waren Sie dabei, Dame, wie Frau Hofmann
neulich proklamierte, wir gingen zweifellos wieder matriarchalen Zeiten
entgegen? Man sprach nmlich von einem Mdchen, das unberechtigterweise ein Baby
bekommen hatte, und irgend jemand nahm Ansto daran - ich glaube, es war an dem
Festabend.
    Ich sah zufllig Maria an und bemerkte, da sie ganz rot geworden war. Warum
nur? Nein, die erwhnte uerung hatte ich nicht gehrt oder jedenfalls nicht
verstanden.
    Aber darber mssen Sie Bescheid wissen, nahm Sendt wieder das Wort,
sonst wird man Sie niemals fr voll nehmen. Merken Sie sich berhaupt, da alle
mit der Vorsilbe Ur beginnenden Worte hierzulande einen bedeutungsvollen Klang
haben: Urzeit - Urnacht - Urkrfte - Urschauer - und so weiter. Des Ferneren:
den Unterschied zwischen kosmisch und molochitisch hat man auch auf die
matriarchale und patriarchale Weltanschauung bertragen (vergessen Sie nie, da
man stets Wahnmoching bedeutet, denn an allen anderen Orten der zivilisierten
Welt pflegt man diese Sachen nur vom wissenschaftlichen oder historischen
Standpunkt und ohne starke innere Beteiligung zu beurteilen). Notieren Sie sich
also bitte folgendes: in der matriarchalischen Urzeit folgte die Frau nur dem
kosmischen Drange, wenn sie sich - pardon - mit einem Manne einlie. Nach
Bachofen - das ist ein bekannter Gelehrter, lieber Dame, und wenn Sie sich
dauernd in unserem Stadtteil niederlassen wollen, mssen Sie ihn lesen - nach
Bachofen ist der Hetrismus die frheste Lebensform - in Wahnmoching gilt sie
natrlich fr die enormste. Dem Hetrismus entspricht die Anbetung der blind
gebrenden Erde, sie wird in seinen chthonischen Kulten verehrt - wenn Sie Ihr
Griechisch noch nicht vergessen haben, werden Sie vielleicht wissen, da Chthon
der dunkle Scho der Erde bedeutet.
    Nein, nun hren Sie auf - das ist wirklich nicht mehr zum Aushalten, rief
Maria ganz verzweifelt.
    Gemach, gemach, antwortete Sendt mit Ruhe, haben Sie mich nicht selbst
dazu verurteilt, Herrn Dame zu belehren, damit er ruhig schlafen kann? Und war
er nicht heute zum erstenmal auf einem Wahnmochinger Jour mit kosmischen
Gesprchen?
    Zum zweitenmal, bemerkte ich, aber damals sprach man nur ber die Geste,
und ich entsinne mich jetzt, da sie ebenfalls als Urform des Lebens bezeichnet
wurde.
    Der Philosoph lobte mich und sagte: brigens, wenn dort von der Geste
gesprochen wrde, so meine man immer nur die Geste des Meisters oder vielleicht
noch die seiner verehrenden Anhnger.
    Er tut sich leicht, meinte Maria, seine Geste ist einfach das dritte
Zimmer, und Sendt erklrte, sie habe ausnahmsweise etwas Richtiges gesagt. Sie
war sehr stolz darauf und versprach, sich noch ein wenig zu gedulden.
    Wo waren wir stehengeblieben? fragte der Philosoph und warf einen Blick in
mein Notizbuch - ah, richtig - Chthon, der dunkle Scho der Erde. - Das ltere
Heidentum neigte dazu, sich die schpferische Urkraft blind gebrend
vorzustellen - Wahnmoching schliet sich ihm an, der Hetrismus gilt ihm als das
Hchste, Urschauer, die noch durch keine molochitisch rationalen Hemmungen
geschwcht sind.
    Die sptere Zeit erkannte das Licht der Vernunft als gttlich an und dachte
sich das schpferische Prinzip als mnnlich und zeugend. Man nennt sie deshalb
die patriarchale, und Wahnmoching schtzt sie ziemlich gering ein. Es wird Ihnen
deshalb ohne weiteres einleuchten, da man das Dionysische stark betont, gerade
jetzt im Fasching haben Sie fters Gelegenheit, das zu beobachten.
    Ja, es war mir schon aufgefallen, da die kappadozische Dame Hofmanns
Tanzweise fr dionysisch erklrte.
    Sehr richtig, bemerkte Sendt, Apollo ist bekanntlich der Gott des
Lichtes, der Vernunft - Dionysos der des Rausches und des Blutes. Auch in
Wahnmoching hat man nicht umsonst seinen Nietzsche gelesen, aber es gengt hier,
zu wissen, da es ehrenhafter ist, mit dem Dionysos auf vertrautem Fu zu
stehen.
    Mir wurde jetzt auch klar, weshalb die Kappadozische bei der Szene zwischen
den beiden Mnnern und Maria so bedeutsam sagte: Sie wissen doch - Blut.
Damals war es mir vllig unverstndlich geblieben.
    Die beiden brachen in ein freudiges Gelchter aus, als ich es ihnen jetzt
erzhlte.
    Dann wollte ich gerne noch wissen, wie man es nun in diesen Kreisen mit der
Magie hlt. An jenem Nachmittag im Caf war ich ja noch so ganz unerfahren, und
das Thema scheint doch hier und da wieder aufzutauchen.
    Nein, dieses Gebiet liegt Wahnmoching eigentlich fern, meinte der
Philosoph, man beschftigt sich wohl gelegentlich in seinen Muestunden damit,
und die kappadozische Dame verwechselt es manchmal mit kosmischen Dingen.
Hofmann ist seit dem bedenklichen Fauxpas jenes Psychometers ganz davon
zurckgekommen, und Adrian... Er lchelte ein wenig ironisch.
    Was haben Sie nun wieder gegen Adrian? fragte Maria, ich kann ihn sehr
gut leiden.
    Oh, ich auch, erwiderte Sendt, und ich wollte ihn gerade in einer
poetischen Anwandlung mit einem Schmetterling - nein, falsch - mit einer Biene
vergleichen, die aus allen Blumen den Honig herauszufinden wei und das Gift
wohlweislich darin lt. Fr jemanden, der sich hier in und zwischen den
verschiedenen Kreisen bewegt, ist das eine sehr glckliche Eigenschaft. Was?
Immer noch eine Frage, lieber Dame? Aber es sei die letzte, die ich als
vielgeplagter Philosoph Ihnen heute noch beantworte - die Uhr ist zwei.
    Ja, sicher die letzte - was nun diese vielgenannten Kreise voneinander
unterscheidet, und was ihnen gemeinsam ist, das mchte ich gerne noch wissen.
    Leicht gefragt - und nicht so leicht zu beantworten. Sie werden es mit der
Zeit schon selbst herausfhlen. Ich kann es Ihnen zu dieser vorgerckten Stunde
nur noch flchtig andeuten. Etwa so: alle die sogenannten mystischen
Entdeckungen, die Substanzangelegenheiten, kosmischen Dinge und so weiter sind
in erster Linie Sache des Hallwig-Delius-Kreises, und der Hofmannsche
partizipiert daran - man kann es eben auch und findet es fabelhaft, tut auch
noch allerlei Beiwerk dazu, das bei den anderen nicht immer Anklang findet.
    Und die Hauptdifferenz knnte man etwa so formulieren: dort bei Hallwig und
Delius sucht man die alten Gtter und alten Kulte wiederzufinden - hier, nmlich
bei Hofmanns, braucht man keine alten Gtter, denn man hat einen neuen, der
allen Ansprchen gengt, Mirobuk! - und jetzt...
    Gehen wir nach Hause, sagte Maria, die schon ganz teilnahmslos dasa. Ob
wir wohl noch ein Auto finden?
    Und wo gedenken Sie heute zu schlafen? fragte der Philosoph besorgt, Ihre
Wohnung liegt ja wohl am Ende der Welt.
    O nein, ich gehe ins Eckhaus...
    Sendt sah sie prfend an und sagte noch einmal Mirobuk, aber in etwas
anderer Tonart.
    Nachtrag: Etwas Wichtiges habe ich vergessen - der Philosoph sagte mir, da
alle diese Dinge in Wahnmoching eigentlich als Geheimnis behandelt werden.
Deshalb wende man wohl auch die vielen merkwrdigen Ausdrcke an, die eben nicht
jeder versteht.

                                       8


                                                                      7. Februar

Am spteren Nachmittag im Eckhaus. Unten im Hof spielt das Kind, das ich hier
schon neulich gesehen habe. Susanna empfngt mich wieder in der groen Kche.
Was ich inzwischen gemacht habe?
    Nun - versucht, mir ber verschiedene Eindrcke klarzuwerden, und mich mit
dem Philosophen unterhalten.
    Jetzt im Karneval? sie schttelt den Kopf, warum sind Sie nicht lieber
mit uns zur Redoute gegangen, und heute ist drauen auf dem Lande ein Fest, man
fhrt mit Schlitten hinaus. Sie seufzt etwas - Orlonsky erscheint - schon
wieder im Henkerkostm - oder hat er es inzwischen gar nicht abgelegt - er fragt
nach Willy:
    In seinem Zimmer - er liest Maria Mrchen vor.
    Wir gehen hinber, Konstantin, der Sonnenknabe, ist auch da.
    Maria liegt matt auf dem Diwan, sie sind alle schon im Kostm fr heute
abend, alle etwas bleich und bernchtig, und Willy liest ihnen ein Gedicht aus
des Knaben Wunderhorn vor:

Maria, wo bist du zur Stunde gewesen?
Maria, mein einziges Kind? -
Ich bin bei meiner Gromutter gewesen,
Ach weh, Frau Mutter, wie weh!

Ich kannte das Gedicht - die Gromutter hat ihr Schlangen zu essen gegeben, und
sie stirbt daran.
    Pfui, warum lesen Sie ihr das vor? sagte Konstantin vorwurfsvoll.
    Weil es so auf sie pat?
    Auf mich? fragte Maria ganz abwesend, und alle lachen. Sie scheint gar
nicht zu wissen, wovon die Rede ist.
    Und das schwarzbraune Hndlein, das auch von den Schlangen frit und in
tausend Stcke zerspringt - das werden Sie wohl sein, Konstantin, meinte Willy
etwas unliebenswrdig. Konstantin lchelte nur, er ist wirklich ein hbscher
Kerl, und ich begreife, da die Mdchen hinter ihm her sind. Dann Orlonsky:
    Katerunterhaltung ist das..., er versorgt uns mit schwarzem Kaffee, und
sein eisernes Schuppenhemd klirrt, wenn er sich bewegt, bleiben Sie bei uns,
Maria, wir geben Ihnen nicht Schlangen zu essen, bis Sie kaputt sind.
    Nein, bei Euch ist es zu friedlich - ich mu wohl immer etwas haben, was
mich zugrunde richtet. Und ich kann ja doch nicht los von ihm...
    Aber er denkt nicht daran, dich zugrunde zu richten, sagt Konstantin.
    Nein, er nicht - aber ich mu immer gerade das tun, was er nicht leiden
kann, er hat den Karneval und sagt, es sei ein unechter Rausch. Aber fr mich
ist es ein wirklicher - ich bin nur glcklich, wenn jeden Abend ein Fest ist.
Und jetzt will er aufs Land gehen, weil er das nicht mehr mitansehen kann, es
wre lebensfeindlich, sich so zuzurichten wie ich! Also was soll ich tun? - was
meinen Sie dazu, Monsieur Dame?
    Was soll ich meinen? - ich tue immer nur das, wozu ich verurteilt werde.
    Sie Glcklicher - weit du, Susanna, sie denkt nach, ich will doch lieber
zu euch ziehen.
    Und Konstantin?
    Oh, Platz genug, sagte Orlonsky, und es folgte eine Art huslicher
Beratung zwischen ihm und Susanna. Ich gehre nicht zu den Neugierigen. Die
Zusammenstellung dieses Hauswesens ist mir immer noch dunkel. Wem das Eckhaus
gehrt, wer stndig darin wohnt und wer vorbergehend... und das Kind...
    Heinz hlt mich fr einen harmlosen, unbedeutenden Menschen - das hat mir
der Sonnenknabe wiedererzhlt - und fr gnzlich ungefhrlich in bezug auf
Frauen, man knne jedes junge Mdchen unbesorgt mit mir auf Reisen schicken.
    Ich wei nicht, ob man das kann. In den Kreisen, wo ich aufgewachsen bin,
ist es nicht blich, und ich hatte bisher auch noch nie das Verlangen, junge
Mdchen mit auf Reisen zu nehmen. Also, was sollen solche Bemerkungen? Die Frau,
die ich suche - die steht auf einem ganz anderen Blatt - und wenn ich sie einmal
finde... Dieser Konstantin ist wohl das indiskreteste Wesen, das man sich
vorstellen kann, er erzhlt alles wieder, was er sieht, hrt, miterlebt, und es
hat den Anschein, als ob seine Freunde ihn alles hren, sehen und miterleben
lassen.
    Susanna behauptet, sie merkten es gar nicht oder fnden es enorm, da er gar
nicht begriffe, was Diskretion sei. Man bewundere nur die Anmut und heidnische
Schamlosigkeit, mit der er seine oder andere Erlebnisse zum besten gebe.
    Nun, ich will gerne einrumen, da der Junge viel Charme hat, ich mag ihn
recht gerne. Aber trotzdem berhrt es mich nicht gerade angenehm, wenn er mir
mit strahlender Miene erzhlt, da andere Leute mich fr einen Dummkopf halten.
Ich wurde sogar etwas rgerlich und sagte, da Heinzens bse Zunge mir schon von
der Schulzeit her bekannt sei - worauf er ebenso strahlend bemerkte, ja, ihm
auch, denn Heinz sei sein Vetter, und sie stnden sich sehr nahe.
    Eigentlich kann es mir ja ziemlich gleichgltig sein - fr einen bedeutenden
Menschen halte ich mich wirklich selber nicht, aber ich verstehe und begreife
vielleicht doch mehr, als Heinz annimmt. Sonst wrde der Philosoph sich wohl
auch schwerlich so viel Mhe mit mir geben - er selbst steht den Dingen ja sehr
skeptisch gegenber, aber ich habe mehr und mehr das Gefhl, da es sich hier um
groe Ideen und tiefe Lebenserkenntnis handelt. Es sind unter diesen Menschen
zweifellos einige ungewhnliche Intelligenzen, und sie wollen das Leben auf eine
ganz neue und schnere Art gestalten. Und wenn ihnen das gelnge, wre es
immerhin etwas Groes - ich wrde mich auch, soweit es in meiner Kraft steht,
gerne daran beteiligen. Ich liebe wohl das Konventionelle in allen ueren
Dingen und mchte nicht gerne darauf verzichten, aber wer wei, ob nicht doch
ein Fond von Heidentum in mir steckt. Zum mindesten scheint mir, ich bin jetzt
doch auf dem Wege, in das geistige Leben dieses Vororts einzudringen und seinen
inneren Zusammenhngen nherzukommen.
    Die letzte Woche bin ich ganz im Eckhaus geblieben. Susanna verurteilte mich
dazu; sie meinte, ich msse etwas aufgeheitert und von meinen Grbeleien
abgelenkt werden.
    Es war wieder ein ganzes Romankapitel, aber ich wei es noch nicht
anzufgen. Man kann doch nicht jedes Kapitel mit einem Karnevalsfest beginnen
lassen - das kommt mir unknstlerisch vor. Wollte man sich genau an die
Wirklichkeit halten, so scheint allerdings bei den Eckhausleuten ein jedes nicht
nur mit einem Fest anzufangen, sondern auch damit zu enden.
    Wie sie das aushalten, ist mir ein Rtsel; ich war schon nach zwei Tagen
ganz gebrochen und kam ins Lazarett, wie sie das nennen.
    Dies alte Haus ist merkwrdig und gerumig gebaut. Oben die groe Kche ist
zugleich der gemeinsame Salon, daneben liegen Willys Zimmer, und im Seitenflgel
wohnt Susanna mit dem rtselhaften Kind - es sieht niemand von den dreien
hnlich, aber es mu doch irgendwie zu ihnen gehren. Unten im Parterre hat
Orlonsky sein Reich, und neben dem groen Flur, durch den man hereinkommt, gibt
es noch eine Reihe von halbdunklen Zimmern, wo die Gste untergebracht werden.
Orlonsky hat es dort mit vielen Diwanen, Polstern und anderen Lagersttten etwas
phantastisch, aber sehr gemtlich hergerichtet, das Ganze gleicht etwas einer
Herberge, wo die mden Freunde des Hauses sich ausruhen und erholen knnen. Mit
dem Ausruhen war es allerdings manchmal nicht weit her, aber ich bin jetzt schon
daran gewhnt, mich ber nichts mehr zu wundern.
    Als ich das erstemal dort schlief, wurde mitten in der Nacht das Fenster von
auen geffnet, und jemand rief ein paarmal leise: Maria - dann stieg er hinein.
Es war eine Mondnacht, und ich sah einen jungen Mann in Frack und Zylinder vor
mir stehen, seinen Mantel trug er ber dem Arm. Ich hielt es fr angemessen, ihm
zu sagen, Maria sei nicht hier.
    Entschuldigen Sie, mit wem habe ich das Vergngen?
    Dame - ich heie Dame.
    Darauf stellte er sich ebenfalls vor und sagte, es freue ihn ungemein, mich
kennenzulernen - er htte Maria zum bal-par abholen wollen - schade - aber
vielleicht kme ich mit? Es sei eben erst Mitternacht vorbei und immer noch Zeit
genug. Ich nahm alle meine Widerstandskraft zusammen und erklrte ihm, ich wre
wirklich zu mde.
    Mde? Oh, das geht vorbei, sowie man dort ist.
    Aber ich war die vorigen zwei Nchte aus.
    Und da wollen Sie wirklich schlafen?
    Er stand regungslos da, vor meinem Bett, wie eine schmale, schwarze
Silhouette, und schien ganz in Erstaunen versunken.
    Wissen Sie, wo Maria heute ist? fragte er dann.
    Mit Herrn Konstantin auf dem Atelierfest.
    Oh - gewi wieder so eine bacchantische Wahnmochingerei, sagte er
bedauernd, da kann ich im Frack nicht hingehen. Im Frack kann man nicht
dionysisch taumeln - sehen Sie, Herr Dame, deshalb pat das auch nicht in unsere
Zeit. Was hab' ich davon, wenn ich abends dionysisch herumrase, mir wie ein
Halbgott vorkomme und am nchsten Morgen doch wieder mit der Trambahn in mein
Bureau fahren mu - ich bin nmlich Rechtspraktikant - ich wei nicht, wie die
Leute sich damit arrangieren. Es wird deshalb auch nie etwas Rechtes daraus. -
Sie erlauben, er stellte vorsichtig seinen Zylinder auf den Tisch und rckte
sich einen Stuhl an mein Bett.
    Ich knne ihm doch nicht ganz beistimmen, sagte ich nun - im Gegenteil, was
man hier unter dem Begriff Wahnmoching zusammenfasse, habe mich wohl zuerst
befremdet, aber jetzt htte ich doch das Gefhl, da sich mir hier allmhlich
eine neue und wunderbare Welt erschliee. Und ich fhlte eine groe Bewunderung
fr diese geistig hervorragenden Menschen.
    Pardon, wen finden Sie geistig hervorragend?
    Ich kenne die Herren leider erst ziemlich flchtig - aber ich habe schon
viel von ihnen gehrt, und zum Beispiel Maria...
    Ja, da haben wir's - Maria und soundso viel andere. Da laufen die dummen
Mdel hin und lassen sich erzhlen, da das Hetrentum bei den Alten etwas
Fabelhaftes gewesen sei. Und nun wollen sie auch Hetren sein. Da war eine -
unter uns gesagt, sie stand mir eine Zeitlang sehr nahe -, aber eines schnen
Tages erklrte sie mir, sie habe eingesehen, da sie nicht einem Manne angehren
knne, sondern sie msse sich frei verschenken - an viele. Es war nichts dabei
zu machen - sie hat sich dann auch verschenkt und verschenkt und ist elend dabei
hereingefallen. Denn glauben Sie mir nur, was ein rechter Wahnmochinger ist, der
sieht nicht ein, da es fr die meisten Mdel eben doch ein Unglck bedeutet. Er
bewundert sie hchstens, da sie nun ein Schicksal haben und es irgendwie
tragen; aber was ntzt ihnen das? Er machte eine Pause und fuhr dann fort:
    Bei Maria liegt es etwas anders, sie hat von Natur keine Prinzipien. Und
deshalb wird sie dort auch so verehrt. Sie sagt, es sei so schn gewesen - sonst
habe sie immer nur Vorwrfe ber ihren Lebenswandel hren mssen, und alle
htten versucht, sie auf andere Wege zu bringen. Aber als sie dann unter diese
Leute kam, machte man ihr Gott wei was fr Elogen und fand alles herrlich. Sie
hatte damals gerade das Kind bekommen, und die Welt zog sich etwas von ihr
zurck.
    Maria hat ein Kind? fragte ich, wohl etwas ungeschickt, denn ich hatte ja
keine Ahnung davon gehabt.
    Das wissen Sie nicht - oh, sie macht brigens gar kein Geheimnis daraus,
er wurde etwas nachdenklich. Gott, ich wei ja kaum, wer Sie eigentlich sind,
aber ich nehme an, da Sie dem Hause hier nahestehen, darauf ghnte er: Hren
Sie, Herr Dame, wir sind wahrscheinlich beide ziemlich mde. Sie haben doch
nichts dagegen, wenn ich dort auf dem Diwan schlafe. Nein, natrlich hatte ich
nichts dagegen - seine frische, unbekmmerte Art war mir ganz sympathisch.
    Er zog nur seinen Frack aus und hngte ihn ber die Stuhllehne, dann warf er
sich auf den Diwan.
    Wissen Sie - ich habe schon einmal hier geschlafen, wenn ich meine
Schlssel vergessen oder mich versptet hatte. Ein oder das andere Fenster ist
immer offen, und die Eckhusler wundern sich nie, wenn sie morgens irgendeinen
Bekannten vorfinden - besonders im Karneval -, es ist wirklich ein gastfreies
Haus.
    Ich konnte noch lange nicht einschlafen, der Mond schien gerade ins Fenster,
und der schwarze Frack hing so gespenstisch ber die Stuhllehne, da ich jeden
Augenblick emporfuhr und meinte, es stnde jemand vor mir. Ich dachte noch ber
Maria nach - es ist so viel Verhngnis um sie -, da tobt sie nun heute nacht mit
dem Sonnenknaben und den Enormen, vielleicht liebt sie auch den Mann, der dort
drben schlft. Und morgen liegt sie selbst wieder hier auf dem Diwan, und wir
unterhalten uns mde ber unsere Biographien. Wir verstehen uns, wie nur zwei
Verurteilte sich verstehen knnen - eine andere Liebe ist nicht zwischen uns.
Hallwig nennt so etwas den Eros der Ferne, hat Maria mir gesagt. Frher htte
ich das berhaupt nicht verstanden und mir nichts darunter vorstellen knnen.

Als ich aufwachte, war der Frack fort und sein Besitzer verschwunden. Susanna
stand am Tisch und betrachtete sinnend ein Paar weie Glachandschuhe, die er
anscheinend vergessen hatte. Dann lchelte sie mich an:
    Lieber Dame, kommen Sie doch mit zum Frhstck hinauf, wir haben ein paar
Leute mitgebracht.
    Es ist sieben Uhr morgens. Sie sind eben erst heimgekommen - die ganze Kche
voll kostmierter Gestalten. Ich wei nicht, ob ich wache oder trume. Man sitzt
bei Lampenlicht um den Frhstckstisch, die Mdchen haben Krnze auf dem Kopf,
sehen bla und glcklich aus.
    Susanna legt die weien Handschuhe vor Maria hin:
    Gilt das mir, oder gilt es dir?
    Sie flstern zusammen, dann fragt Susanna:
    Sie - Monsieur Dame, wie hat er denn ausgesehen? Ich versuche ihn zu
beschreiben: Schlank - mittelgro - das Gesicht hab' ich nicht deutlich sehen
knnen, dazu war das Zimmer zu dunkel. Aber ich besinne mich, da er Maria
abholen wollte.
    Oh, dann war es Georg, sagt Susanna, die Handschuhe sind deine, Maria...
    Die beiden sehen sich an, lcheln - dies Lcheln, dieser Blick ist absolut
heidnisch - bei Susanna vielleicht noch mehr. Hinter ihrem Lcheln ist nie ein
Schmerz oder eine Zerrissenheit - Susanna kann selbst aus meinem Herzen alle
Nebel und alles Dunkel hinweglcheln, wenn sie mich ansieht wie an diesem
Morgen. Ich kann nicht anders, ich mu ihnen beiden die Hnde kssen. Da sitzt
ein Herr am Tisch, der ein Monokel trgt und alles aufmerksam beobachtet. Er ist
ein Jugendbekannter von Susanna, den sie heute nacht beim Fest zufllig
wiedergetroffen hat. Er steht in Berlin bei der Garde, wie sie mir nachher
erzhlte.
    Na, weit du, Susi, das ist wirklich eine originelle Bude - und da wohnst
du?
    Freilich wohne ich hier, antwortete sie gleichmtig. Ja - sag mal...
    Willy erscheint aus dem Nebenzimmer, er ist in Zivil, denn er war heute
nicht mit - sieht sich mit seinen runden Augen etwas erstaunt um, begrt alle,
setzt sich an den Tisch.
    Ach, Susanna, gibt es schon Frhstck? sagt er weich und sehnschtig. -
Ja, bitte, mahlen Sie den Kaffee, wir warten nur noch auf Onsky.
    Willy beginnt Kaffee zu mahlen, Maria zupft ihn an den Haaren und erzhlt
ihm von dem Feste. Der Jugendbekannte betrachtet ihn etwas erstaunt und wirft
einen fragenden Blick auf die Herrin des Hauses.
    Das ist Willy, erklrte sie, der wohnt da drben neben der Kche, und Orl
- Gott sei Dank, da kommt er endlich.
    Orlonsky kommt die Treppe herauf, alles an ihm ist wieder rasselndes Eisen,
und er ist bse.
    Ah - Maria - wo ist denn der Sonnenbengel? Schon untergegangen am frhen
Morgen?
    Onsky, wir verhungern, sagt Susanna, Ihr knnt Euch nachher zanken.
    Orlonsky und der Gardeleutnant stellen sich einander aufs frmlichste vor,
sie verbeugen sich und schlagen die Abstze zusammen: Sehr angenehm.
    Freut mich sehr.
    Die anderen betrachten das wie eine seltene Schaunummer.
    Dann begibt sich Orlonsky an den Herd - er ist ein sonderbarer Kauz, und ich
habe ihn sehr schtzen gelernt, ein wenig rauh und kurz angebunden, aber
Gentleman durch und durch. Er treibt alle Sportarten, die es berhaupt gibt, mit
Vollendung und kocht vorzglich - die Frauen lt er berhaupt nicht an den Herd
und behauptet, sie verstnden nichts davon. Man pflegt deshalb andchtig mit den
Mahlzeiten zu warten, bis er kommt. Er bereitete uns denn auch an diesem Morgen
ein ausgezeichnetes englisches Frhstck. Susannas Jugendfreund beobachtet ihn
stumm, dann lt er sein Monokel fallen und beugt sich zu Susanna hinber:
    Groartig, das ist ja das reinste Familienleben - dein Onkel in Berlin
erzhlte mir - ja sag mal - Susi, und was tust denn du hier eigentlich?
    Aber das siehst du doch - ich fhre ihnen den Haushalt, sagte sie lssig
und zufrieden.

Ich dachte, sie wrden alle etwas ruhebedrftig sein, aber nach dem Frhstck
wurden sie wieder sehr lebendig und berieten, was nun mit diesem angebrochenen
Tag zu beginnen sei. Orlonsky ordnete schlielich an, wir sollten alle aufs Land
fahren. Er nahm den Leutnant mit auf den Speicher, und sie frderten eine Anzahl
Rodelschlitten und Schneeschuhe zutage. Ich schickte Chamotte in meine Wohnung
und lie ihn holen, was ich an Sportgarderobe besitze - einiges fand sich auch
im Eckhaus vor. Orlonsky musterte erst die vorhandenen Kleidungsstcke, dann
jeden seiner Gste mit Kennerblicken, und unter seinem Kommando wurde eine Art
militrische Einkleidung vorgenommen. Wir fuhren aufs Land, alle in der
heitersten Stimmung, selbst im Waggon fingen sie noch wieder an, einen Konter zu
tanzen, aber der Schaffner verbot es.
    Es war ein wundervoller, weier Wintertag, wir trieben uns viele Stunden im
Schnee herum. Susanna hatte mich zum Partner genommen, und ich fhlte mich
stillglcklich, ich, der Mde, Verurteilte, unter diesen Unermdlichen. Sie
verlangen ja nicht, da ich mich persnlich stark bettige, und ich stre sie
nicht, ich lasse mich so gerne mitziehen. Maria war an dem Tag strmisch und
voller Leben, mit Willy zusammen sauste sie leidenschaftlich die Abhnge
hinunter - einmal strzen sie und der Schlitten geht entzwei. Orlonsky macht ihr
Vorwrfe, es ist immer etwas Krieg zwischen den beiden, und er hlt beim Sport
auf Ordnung. Sie lacht nur und sagt: Oh, meinetwegen soll alles zerbrechen -
alles, nicht nur der Schlitten, auf dem ich fahre.
    Und Susanna war schlfrig, ihre Bewegungen hatten etwas Mattes - sie meinte,
die Welt sei fr sie heute in lauter Schleier gewickelt. Wenn Orlonsky in ihre
Nhe kam, drckte sie ihm die Hand. Er sah sie an - seine Augen sind scharf und
graublau - wie von Stahl.
    Onsky, ich bin sehr glcklich - das Leben ist so schn, sagte sie.
    Als wir einmal aus der Bahn geraten, will sie, da wir da im Schnee sitzen
bleiben, warum soll man sich so anstrengen? Wir bleiben sitzen und sehen den
anderen zu. Ein paarmal nennt sie mich du - man ist im Karneval so gewhnt, alle
zu duzen. Wir sprechen nicht viel, sie lehnt sich ein wenig an mich und schlft
hier und da einen Moment ein.
    Dann geht die Sonne unter, und wir fahren in die Stadt zurck. Maria will
noch nicht nach Hause, und der Leutnant, den man etwas bersehen und fast
vergessen hat, ldt uns ein, in der Bar zu soupieren. Alle werden noch einmal
wieder ganz wach und sehr munter, und wir kommen erst gegen drei oder vier Uhr
ins Eckhaus zurck. Susanna berief sich mit pltzlicher Energie auf ihre
Stellung als Hausfrau und setzte fr morgen einen allgemeinen Schlaftag an. Wer
bliebe und wo er bliebe, sei ihr einerlei - jeder mge sehen, wie er unterkomme.
Chamotte solle mit dem Kinde spazierengehen und es beaufsichtigen, dazwischen
knne er hier und da leise - um Gottes willen recht leise - durch die
verschiedenen Zimmer gehen und Erfrischungen verabreichen. Am spteren Abend
wrde wohl irgendwie eine richtige Mahlzeit oben in der Kche zustande kommen -
dabei warf sie einen fragenden Blick auf Orlonsky, aber der zuckte ablehnend die
Schultern, und Susanna fgte hinzu, schlimmstenfalls wrde sie selbst fr alles
sorgen.
    Ich hatte ja die vorige Nacht, wenn auch nicht ungestrt, geschlafen und
wachte gegen Mittag von einem leichten Gerusch auf. Es war Chamotte, der auf
den Zehenspitzen herumschlich. Herr Willy liee fragen, ob er zu mir herunter
kommen knnte, er sei auch schon wach, und da er zwei Gste beherbergte, fhlte
er sich etwas beengt. Ich kleidete mich an und legte mich dann wieder aufs Bett,
Willy kam in einem gelbseidenen Kimono:
    Ich wei nicht, wem er gehrt, seufzte er, man zieht jetzt immer an, was
man gerade findet. Es ist alles so anstrengend - der Leutnant ist schon
fortgegangen, um seine Tante von der Bahn zu holen, Susanna hat ihm ihren roten
Rodelsweater und Reithosen von Onsky gegeben - denn er wollte durchaus nicht in
seinem Biedermeierfrack an die Bahn gehen. Wir drei hier im Hause kommen jetzt
manchmal in Verlegenheit, weil wir immer unsere Gste zum Fortgehen
ausstaffieren mssen. Ein junges Mdchen muten wir neulich zwei Tage
dabehalten, weil sie als Page zu uns kam und nichts vorhanden war, was ihr
pate.
    Chamotte machte derweil Ordnung im Zimmer, heizte den groen Ofen ein und
brachte uns Kaffee. Dann lagen wir da, rauchten Zigaretten, und es war sehr
gemtlich. Die Tr zu beiden Nebenzimmern stand offen, in dem einen schlief
Orlonsky, in dem anderen Maria, und wir sprachen halblaut, um sie nicht zu
stren.
    Ich fragte, ob Susanna denn schon auf sei, da sie den Leutnant kostmiert
hatte, sie war doch gestern am allermdesten und schien es mit dem Schlaftag
sehr ernst zu meinen.
    Oh, Susanna macht's wie die Sonne, sie geht in Wirklichkeit nicht unter -
sie geht nur um die Erde herum und scheint dann ber irgendwelchen anderen
Lndern. Beim Schlaftag kommt es ihr nur darauf an, da jeder in seinem Zimmer
bleibt - sie gibt dann Gastrollen, besucht eine Niederlassung nach der anderen
und schlft da, wo sie gerade ist, noch ein paar Stunden weiter.

Chamotte ist mit dem Kind ausgegangen, das ganze Haus liegt in tiefem Schweigen.
Die Trglocke hat man vorsorglich abgestellt. Maria ist inzwischen einmal
aufgewacht und hat gefragt, wer denn hier nebenan sei. Wir haben ihr Kaffee
hineingebracht und ein wenig geplaudert, dann ist sie wieder eingeschlafen - die
weien Glachandschuhe, die Susanna ihr heute morgen gegeben, liegen auf dem
Tischchen am Bett.
    Allmhlich wird es Nachmittag, und Susanna erscheint mit Tee und Brtchen.
Ihr Lcheln ist heute etwas resigniert: Onsky hat Migrne, sagte sie, und
steht nicht auf. Da werden wir wohl heute und morgen fasten mssen. Ich glaube,
es ist am besten, wenn wir nachher unsere Kostme wieder anziehen und heute
abend auf den Gauklerball gehen. Die anderen wollen wir gar nicht erst wecken,
das Weitere wird sich hier dann schon irgendwie entwickeln, sie seufzte ein
bichen, ach Gott, es ist wirklich keine Kleinigkeit, wenn die Verantwortung
fr so vieler Leute Wohlergehen auf einem ruht.

Ermattet legt sie sich auf die Polster in die Nhe des Ofens, schliet die Augen
und scheint in eine Art Halbschlaf zu versinken. Willy und ich sprechen mit
gedmpfter Stimme weiter - hier und da ermuntert Susanna sich ein wenig,
beteiligt sich am Gesprch oder langt nach ihrer Teetasse. Unvermerkt geraten
wir wieder auf die heidnischen Ideen und ihre Verwirklichung in unserer heutigen
Welt. Ich erzhle von meiner nchtlichen Unterhaltung mit dem Herrn im Frack.
    Ach, der Georg, sagt Willy, er mchte sie immer noch gerne heiraten, und
ich nenne ihn den standhaften Zinnsoldaten. Maria rgert sich darber, aber sie
hat immer einen oder den anderen Zinnsoldaten, als Gegengewicht oder zur
Erholung von ihrer heidnischen Bettigung.
    Ein Wort gab das andere, und ich erkundigte mich mit grtmglicher
Diskretion, ob es etwa Marias Kind sei, das hier im Hause wohne. Susanna hatte
gerade einen wachen Moment und richtete sich halb auf.
    Aber ich bitte Sie - das ist doch meins.
    Ihres...?
    Ja, natrlich - wuten Sie das nicht?
    Woher sollte ich das wissen, das Kind ist einfach da, und man hat niemals
davon gesprochen, wem es gehrt.
    Marias Kind - ja, Maria ist ein komplizierter Fall, erluterte Willy dann
weiter. Sie mssen wissen - in Heidenkreisen hatte man schon lange die Frage
aufgeworfen, wie es mit der Vereinigung von Mutterschaft und Hetrentum stnde -
beides natrlich in mglichster Vollendung gedacht -, aber die Beobachtung an
lebenden Objekten war immer ziemlich ungnstig ausgefallen. Die Mdchen, die als
Hetren in Betracht kamen, hatten eben keine Kinder und waren froh, da sie
keine hatten. Andere wnschten sich wohl Kinder, strebten dann aber nach Heirat
und gaben das Hetrentum auf. Nun tauchte Maria hier in aller Frhlichkeit mit
ihrem Lebenswandel und einem Baby auf. Durch ihr bloes Dasein, in dem sie
unbewut, aber mit kniglicher Selbstverstndlichkeit - so sagt man dort - ihren
heidnischen Instinkten nachgelebt hatte, stellte sie das gelste Problem: Mutter
und Hetre dar und wurde sehr gefeiert.
    Ja, hnliches hat mir der Herr von gestern nacht - der Zinnsoldat, wie Sie
ihn nannten - schon erzhlt.
    Ach der, meinte Willy wegwerfend, der versteht schon gar nichts davon und
hat keine Ahnung von Marias eigentlichem Wesen. Die Zinnsoldaten sind eine
schwache Seite von ihr - ich glaube berhaupt von den meisten Frauen, aber sie
sind ihnen nicht abzugewhnen, er warf einen wehen Blick auf Susanna, und sie
lchelte halb im Schlaf.
    Also Maria...
    Ja, Maria wurde fortan als Paradigma hingestellt, als lebendes Symbol fr
heidnische Mglichkeiten. Es haben dann noch ein oder zwei andere Mdchen Kinder
bekommen - offizielle Kinder, die nicht geheimgehalten wurden, aber sie machten
nicht mehr soviel Eindruck. Und Maria beklagt sich bitter darber, da man sie
von nichtheidnischer Seite gewissermaen dafr zur Verantwortung zieht und die
Sache so hinstellt, als mache sie Propaganda fr liederliches Leben und
illegitime Kinder.
    Susanna setzte sich auf und ghnte:
    Mein Gott, redet ihr schon wieder von illegitimen Kindern? Ich htte gar
nicht gedacht, da Herr Dame sich so dafr interessiert.
    Ich machte noch die Bemerkung, es wundere mich, da Susanna in den
Heidenkreisen nicht ebensoviel Bewunderung errege wie ihre Freundin. Sie kennen
sie ja doch alle - sie verkehrt mit ihnen - ihre ganze Art zu leben und das
Kind.
    Oh, mein Kind gilt nicht fr voll, und niemand schaut mich drum an, sagte
sie darauf beinah entschuldigend, ich hatte es doch schon, als die Hetrenfrage
aufkam - auerdem war ich einmal verheiratet, und das ist eben nicht dasselbe.

                                       9


                                                                     10. Februar

Ich habe heute wieder durchgelesen, was ich zuletzt aufgeschrieben, und ich
fhle Sehnsucht nach den Tagen im Eckhaus. Wie eine Reihe stets wechselnder
Bilder gleiten sie noch einmal an mir vorber - bunt, bewegt, geruschvoll und
dann wieder mde und vertrumt in schlfrigem Halbdunkel - wie jener
Winternachmittag, wo alle schliefen und wir drei in dem groen Zimmer um den
Ofen lagerten. Bis dann Chamotte mit dem kleinen Mdel heimkam, das ich mit ganz
neuem Interesse betrachtete - ich kann wohl sagen, da ich es zum erstenmal
erlebte. Ich habe im allgemeinen nicht viel Sinn fr Kinder und wei nicht viel
an ihnen zu erleben, aber das Gefhl, da es das Kind dieser Frau ist, die ich
so tief und stumm verehre - und da es ihr vielleicht spter einmal gleichen
wird. Und wie wir dann noch spter leise aus dem Hause schlichen, um wieder auf
einen Ball zu gehen - wie wir erst in dem Licht und Lrm mitten unter tobenden
und tanzenden Menschen wieder richtig wach wurden und uns ganz verwirrt und
erstaunt ansahen - das liegt schon alles etwas traumhaft hinter mir.
    In meiner Wohnung kam ich mir zuerst beinah wie ein Fremder vor. Chamotte
schlich trbselig herum und meinte, diesmal htte ich mich selbst verurteilt,
wir htten doch ebensogut noch lnger im Eckhaus bleiben knnen. Aber ich
brauchte zur Abwechslung einmal etwas Ruhe. uerlich vermag ich mich schon
zeitweise einem solchen Wirbel anzupassen, aber mein inneres Leben kann ich
nicht berstrzen, das will ein stilleres Tempo und konnte nicht mehr mit.
    Allerhand Briefe vorgefunden, meinem Stiefvater hatte ich noch im Eckhaus
ausfhrlich geschrieben. Er antwortete herzlich und eingehend, wie das seine Art
ist. Es freue ihn aufrichtig, da ich so viel mitmache und in ein etwas
intensiveres Fahrwasser zu geraten scheine, man sei schlielich doch nur einmal
jung.
    Das sagen die lteren Leute ja mit Vorliebe - gerade solche, die sich selbst
noch immer weiter amsieren, als ob sie zwanzig Jahre alt wren - und es kann
mich leise nervs machen. Immer wieder die alte Geschichte - es gibt Menschen,
die berhaupt jung sind, ohne Rcksicht auf die Zahl ihrer Jahre, und andere,
die es niemals sind, auch whrend der vorgeschriebenen Zeit nicht. Und wie es
sich bei mir damit verhlt, mte mein vterlicher Berater wohl am besten
wissen, aber er hofft wohl immer, es kme noch. Mit meinen literarischen
Absichten ist er sehr einverstanden und ermahnt mich, den geplanten Roman nun
auch wirklich zu schreiben. Wo sich hier von allen Seiten so viel Anregung
biete, msse es doch ein leichtes sein.
    Ich aber frchte wieder, es wird damit nicht so schnell gehen. Es gilt, vor
allem erst das Material zu sammeln und sich einen Stil zu bilden.
    Ich denke, darin wird mein Tagebuch, wie Susanna es etwas ironisch nennt,
mir gute Dienste leisten. Man gewhnt sich daran, alles Erlebte doppelt in sich
aufzunehmen und bei allem, was man schreibt, auf den Stil zu achten. Auch dazu
hat ja mein Stiefvater mich von jeher ermuntert - er wies bei solchen
Gelegenheiten gerne darauf hin, da Goethe stets Tagebcher gefhrt habe, und
uerte die Ansicht, Goethe sei und bleibe doch immer das beste Vorbild fr
jeden jungen Deutschen.
    hnliches hrt man wohl fter sagen, und ich kann mir nicht helfen - ich
sehe darin eine gewisse Arroganz der lteren Generation. Man hilft uns nicht zu
leben, sondern begngt sich damit, uns auf groe Vorbilder hinzuweisen und dann
zu hoffen, da etwas Auerordentliches aus uns wird. Was sollen mir derartige
Hinweise? Ich habe gar keine Anlage zum Grenwahn, ich bin nur ein
belangloser junger Mensch und heie Dame und kann nicht aus meiner Biographie
heraus.
    Und das Material, das ich bisher zusammengetragen habe - es macht mir
eigentlich erst fhlbar, wie sehr mir noch die Zusammenhnge fehlen. Sie mssen
ja da sein, und ich mu sie noch finden - nicht um eines etwaigen Romans, aber
um meiner selbst willen. Die ganze fremdartige und intensiv bewegte Atmosphre
dieses Stadtteils mit ihren Rtseln, Geheimnissen und, ich mchte wohl sagen,
auch Erleuchtungen umfngt mich immer noch - ja, eigentlich immer mehr - wie ein
Traum. Anfangs sehnte ich mich nur nach Klarheit, nach Verstehen und Begreifen -
jetzt wei ich, da es hier mit dem Begreifen allein nicht getan ist, sondern
da sie - die Atmosphre - innerlich erlebt werden mu. Oder getrumt - manchmal
tut es mir frmlich weh, wenn die wache Stimme des Philosophen an mein Ohr
klingt. Er wei mir alles zu erklren - man knnte sagen: er beherrscht das
Material vollkommen, aber er findet es nicht gut und nicht tauglich, um etwas
Rechtes daraus zu bilden. Er nennt diese Menschen Romantiker, die allen
Erkenntnissen der klaren Vernunft die instinktive Weisheit frherer Vlker
entgegenstellen und sich an dem Pathos dieser Dinge und an ihrem eignen Pathos
berauschen. Und logisch mu ich ihm oft recht geben, aber mein Empfinden und
meine Sehnsucht neigen sich doch immer wieder ihnen zu.

(Meine Selbstkritik macht bei nochmaligem Durchlesen die Wahrnehmung, da ich
hier wohl nahe daran war, in einen romantisch pathetischen Ton zu verfallen, und
sie warnt mich davor. Ich will in diesen Blttern nur Chronist sein, und dem
Chronisten ziemt es nicht, mit seinen eigenen Empfindungen zu stark in den
Vordergrund zu treten. Sollten sie etwa in spteren Tagen oder Jahren in
jemandes Hnde geraten, der mit Staunen Kenntnis davon nimmt, was Wahnmoching
war und bedeutete, was hier lebte, gelebt wurde und gelebt werden sollte, so
wird dieser jemand - ich stelle ihn mir etwa als versonnenen Gelehrten oder
ernsten Forscher vor - vielleicht miges Interesse an meiner Person nehmen und
nur so nebenbei in stiller Anerkennung den Hut ziehen, wenn er erfhrt, da es
blo ein junger Mann aus Berlin war, welcher Dame hie und sich verurteilt
fhlte, das Wichtigste ber diesen bemerkenswerten Stadtteil aufzuzeichnen.
    Und doch kann der Chronist wiederum nicht ganz sein Ich eliminieren, in dem
die Umwelt sich widerspiegelt. Mag der Spiegel noch so anspruchslos und schlicht
gerahmt sein - wenn man ihn verhngt oder aus dem Zimmer trgt, wirft er kein
Bild mehr zurck.)



                                   Anmerkung


Sie finden hier, verehrter Gnner und Freund, aus Herrn Dames eigenem Munde die
Besttigung unserer Wir-Theorie, auf die wir auch in unserem Begleitschreiben
Bezug nahmen. Wre dieser liebenswerte junge Mann in der Lage gewesen, im Plural
zu denken und zu erleben, so mchte vielleicht seine Biographie sich leichter
und freundlicher gestaltet und weniger auf ihm gelastet haben. Im
Unterbewutsein hat er das wohl auch dunkel gefhlt; das scheint uns wenigstens
aus seiner Beziehung zu dem Diener Chamotte hervorzugehen.

                                       10


Ein Morgenbesuch bei Adrian. Er wohnt in einem groen Atelier und ist sehr
hbsch eingerichtet. Als ich kam, sa er in einem persischen Kaftan an einem
zierlich gedeckten Tischchen und nahm ein hygienisches Frhstck ein. Er sagte,
da er nachher zwei bis drei Stunden zu arbeiten pflege, nur jetzt im Karneval
sei das natrlich nicht ganz durchzufhren. Wir rauchten Haschischzigaretten und
unterhielten uns ber Wahnmoching. Ich glaube, Adrian ist, was man einen Causeur
nennt, man kann sonst eigentlich nicht ber Wahnmoching plaudern und tut es auch
nicht, aber Adrian kann es. Trotzdem ist er auch der Ansicht, da hier groe
Dinge in der Luft liegen, und jeder, der irgendwelches Streben in sich fhle,
msse sich solchen Bewegungen unbedingt anschlieen.
    Ich bitte Sie, Monsieur Dame, wir haben wieder gelernt, dionysisch zu
empfinden - wer htte das vor zehn oder zwanzig Jahren fr mglich gehalten? Bei
dem Fest neulich - haben Sie gesehen, wie der Professor raste, wie der Taumel
ihn blendete, so da er in den scheinbar hlichsten Frauen wunderbare Schnheit
erblickte? Er hat so viel Eros, da ihm jede Lebensuerung, jede Form, in der
das Leben sich darstellt, etwas Vollendetes bedeutet. So wurde zum Beispiel
einmal von jemand gesagt, er sei sehr unschn, ja geradezu garstig. Hofmann
besann sich einen Augenblick und sagte dann: Ja, gewi, er ist wundervoll
garstig. - Von Ihnen ist er brigens ganz entzckt, er sagte mir, es wre ganz
unglaublich, wie blasiert und gelangweilt Sie manchmal aussehen knnten. (Ich
empfand das nicht gerade als Kompliment, aber es war entschieden so gemeint.)
    Und die Frauen, fuhr Adrian mit einem sffisanten Lcheln fort, unsere
Frauen wollen wieder Hetren sein - es ist gar nicht zu sagen, welche
Umgestaltung das gesellige Leben dadurch noch erfahren wird. In erster Linie
natrlich auf erotischem Gebiet, aber selbstverstndlich bezieht sich das nicht
nur auf die Frauen - die Beschrnkung der Erotik auf das eine oder andere
Geschlecht ist ja berhaupt eine unerhrte Einseitigkeit. Der vollkommene Mensch
mu alle Mglichkeiten in sich tragen und jeder Blte des Lebens ihr Aroma
abzugewinnen wissen. Ich meinesteils empfinde durchaus bisexuell.
    Dabei nahm er fr einen Augenblick seinen Zwicker ab, rieb ihn mit dem
Taschentuch blank und sah mich mit seinen kurzsichtigen Augen triumphierend an.
Apropos, Monsieur Dame, was macht denn Ihr kleiner Sklave?
    Oh - er hlt mir meine Wohnung sehr gut in Stand, antwortete ich
ablenkend, mir war dieses Thema unsympathisch, und ich fhle durchaus keinen
Ehrgeiz, fr vorurteilsfrei zu gelten, wo ich es nicht bin.
    Wir wurden unterbrochen, auf der Treppe hrte man lachen und sprechen, es
klopfte, und dann erschienen Professor Hofmann und Susanna. Sie sagte, kaum da
man sich begrt hatte: Adrian, ich bitte Sie - haben Sie nicht ein dmonisches
Briefpapier - ich mu an jemand schreiben. Damit zog sie ihn ans Fenster und
erzhlte ihm eine Geschichte, ber die beide sehr lachten. Hofmann schttelte
mir indessen lebhaft die Hand und war uerst liebenswrdig. Er war gekommen, um
Adrian zu einem Fest in seinem Hause einzuladen - die anderen traten wieder zu
uns, und es wurde allerhand darber geredet. Hofmann gefiel mir an diesem Morgen
sehr gut, besser als je zuvor; er war heiter und gesprchig und freute sich wie
ein Kind auf diese Sache. Delius hatte die Grundideen angegeben, und es sollte
ein richtiges antikes Fest werden.
    Bacchanal? fragte Adrian eifrig.
    Nun, Fest oder Bacchanal - ein Bacchanal ist ein Fest, und ein Fest kann
wohl ein Bacchanal sein, erwiderte Hofmann mit groer Zungenfertigkeit und
wandte sich galant an Susanna: ich hoffe, an Bacchantinnen wird es nicht
fehlen.
    Und an Bacchanten auch nicht, warf Adrian ein und frohlockte hinter seinem
Zwicker. Hofmann warf den Kopf etwas zurck und sah ber das ganze Zimmer hinweg
aus dem Fenster. Ich kenne diese Geste jetzt schon, wenn ihm etwas nicht recht
ist. Dann zog er Adrian beiseite, und sie begannen ein halblautes Gesprch, das
aber manchmal ziemlich vernehmlich wurde. So hrte ich, wie Adrian sagte:
    Ich sehe absolut nicht ein, warum ich das nicht verwenden soll - nur das
Wort - ganz einfach, Blutleuchte ist das und das...
    Worauf Hofmann sehr erregt antwortete: Aber wenn ich Ihnen doch sage, da
es nicht geht. Ich bitte Sie, man hat sich doch geschworen, ganz richtig
geschworen, da auf den Verrat von kosmischen Geheimnissen der Tod steht.
    Und Adrian: Ja, dann allerdings - aber das finde ich wirklich fabelhaft.
Dann sahen beide zu uns herber und flsterten ganz leise.
    Susanna achtete nicht weiter darauf, whrend mich ein unbehagliches Gefhl
beschlich: ich dachte an den Philosophen und beschlo ihn zu warnen. Er pflegt
so unbefangen ber all diese Dinge zu reden, und vielleicht knnte ihm das bel
ausgelegt werden.
    Inzwischen war es Mittag geworden, wir nahmen Abschied und gingen alle drei
zusammen fort. Adrian strzte noch rasch an den Schreibtisch und brachte Susanna
das gewnschte Briefpapier, es war kohlschwarz, ich hatte noch nie ein solches
gesehen. Wenn Sie es ganz richtig machen wollen, mssen Sie mit Blut darauf
schreiben, bemerkte er - aber sie meinte:
    Oh, rote Tinte tut's wohl auch.

Gegen Abend hoffte ich endlich einmal wieder Susanna allein zu finden -
wenigstens annhernd allein. Ich war melancholisch und dachte, sie sollte mich
etwas froher machen, vielleicht ist sie wieder so glcklich verschlafen und duzt
mich. Oder verurteilt mich zur Redoute - ich sitze tadellos in der Loge,
langweile mich und warte, bis sie nicht mehr tanzen kann. Dann kommt sie zu mir.
Aber ich finde sie nicht allein - alle sind in der Kche um den groen Tisch
versammelt. Die Hausbewohner - dazu Maria, Konstantin und Delius, den ich noch
nie im Eckhaus getroffen - er aber erinnert sich meiner und ist sehr
entgegenkommend, sehr Weltmann.
    Man hlt Kostmberatung fr das kosmische Fest - als dieser Ausdruck fllt
(ich glaube, es war Willy, der ihn brauchte), blickte Delius sich erstaunt um
und sagte mit seinem merkwrdigen Auflachen:
    Nun, ob das Fest ein kosmisches sein wird, wird man erst nachher beurteilen
knnen. Der Herr Professor denkt es sich vielleicht doch zu einfach, kosmische
Feste zu feiern, und man kann nicht alles auf einmal wollen. - Es soll brigens
auch ein Umzug des Csars stattfinden, bei dem der Dionysos selbst erscheint.
    Ja, der Professor sieht als Dionysos sehr schn aus, sagte Konstantin.
    So - wo hat er sich denn schon als solcher gezeigt? fragte Delius
mibilligend.
    Oh, er hat das Kostm gestern anprobiert und ging den ganzen Abend in
seiner Wohnung darin herum.
    Wissen Sie vielleicht, wer noch dabei war?
    Irgendein Besuch - ich glaube, ein Privatdozent aus Berlin.
    So - so, Delius schien etwas verstimmt, aber nun wurde Maria ungeduldig:
    So lat doch endlich den Professor - er macht es ja doch niemand recht, ob
er nun seine Gste im Frack oder als Dionysos empfngt. Aber unsere Kostme -
Delius? - Wir wollen nmlich als Hermaphroditen kommen - Susanna und Adrian
haben sich's ausgedacht - die beiden, Konstantin und ich...
    Delius horchte auf:
    Nun, im alten Rom hat es wohl schwerlich Umzge gegeben, an denen
Hermaphroditen teilnahmen, eher noch in Hellas und auf den Inseln - bei den
Festen der groen Mutter.
    Gott, wir leben doch in Wahnmoching, und da geht alles, suchte Susanna zu
vermitteln, aber er hrte gar nicht darauf, sondern fragte:
    Und wie haben Sie sich das Kostm gedacht?
    Maria stie Konstantin an, und er sagte zgernd:
    Ja, wir dachten, mit schwarzen Trikots. Maria behauptet, sie hat auf
etruskischen Vasen so etwas gesehen - schwarze Beine mit weien Bndern
umwunden, und das gefllt ihr so.
    Schwarze Trikots? sagte Delius ganz entsetzt und dachte dann eine Weile
mit steinernem Gesicht nach. Er mochte wohl im Geiste durch das alte Rom
wandern.
    Ja, es wurden wohl bei Triumphzgen gefangene thiopier mitgefhrt, aber
die waren ganz schwarz, und ob es Hermaphroditen waren...
    Wir sind ja auch keine wirklichen, meinte Konstantin.
    Und Susanna:
    Wir wollen nur etwas Verwirrung anrichten...
    Schweig doch! sagte Maria und warf ihr einen zornigen Blick zu. Aber
Delius berhrte sichtlich alle Nebenbemerkungen und machte nun allerhand
Vorschlge: ein kurzes weies Obergewand und Krnze auf dem Kopf - nicht Efeu,
sondern rotes Weinlaub, und durch die Krnze sei ein weies Band zu schlingen -
an dem herabfallenden Ende msse ein symbolischer Tautropfen befestigt sein -
aus Glas natrlich. Er vertiefte sich in Einzelheiten: wie weit die rmel sein
mten und so weiter, und gab die Adresse eines Schneiders an, der diese Dinge
ausgezeichnet verstehe. Nur zu den schwarzen Trikots schttelte er nach wie vor
den Kopf, aber Maria lie sie sich nicht ausreden.
    Gedenken Sie auch als Hermaphrodit zu kommen, Herr Dame? wandte er sich
dann an mich.
    Nein, ich war noch vllig unschlssig, was ich whlen sollte. Er ma mich
mit prfendem Blick und fragte, ob ich musikalisch sei.
    O ja, ich spiele Klavier...
    Das ist sehr schade - Sie wrden sich sonst wohl zum Fltenspieler eignen -
aber es mte dann schon eine phrygische Doppelflte sein. Sie werden wohl auch
wieder Ihren jungen Sklaven mitbringen, und ich glaube nicht, da die
Fltenspieler Sklaven mit sich fhrten.

Delius ging - in der Tr blieb er noch einmal stehen und fragte, ob Konstantin
ihn begleiten wollte.
    O nein, ich bleibe hier, sagte Konstantin, Sie gehen wohl zu Heinz?
    Ja, ich will Ihren Vetter abholen - wir haben einen Nachtspaziergang zu den
Hnengrbern verabredet. Es ist sehr mglich, da wir dort zur Nachtzeit
kosmische Urschauer erleben. Das alles sagte er mit dieser unbeweglichen
Sachlichkeit, die ihm eigen ist, und fgte dann ganz unerwartet mit einem jhen
Auflachen im hchsten Diskant hinzu:
    ... wenn nur um Gottes willen der Mond nicht dazwischenkommt.

Dann war er verschwunden, wir sahen uns an; ich glaube, uns war einen Moment
ganz spukhaft zumut, selbst der allzeit mokante Sonnenknabe war verstummt. Man
hatte das Gefhl: was ist das? ist er ein Mensch wie wir anderen - lebt er
wirklich zwischen uns hier auf der Welt - in einer modernen, europischen Stadt?
- oder spielt sein Dasein sich in ganz anderen, unwahrscheinlichen Regionen ab?
Und wiederum: ist er fremd und unwahrscheinlich - oder sind wir es?
    Ich suchte diese Empfindung in Worten auszudrcken.
    Susanna nahm freundlich meine Hand, als wollte sie mir den Puls fhlen, und
sagte beschwichtigend:
    Lieber Dame, Sie wissen doch, in welchem Stadtteil wir leben, und da hier
vieles unwahrscheinlich ist - aber eigentlich geht es mir ebenso wie Ihnen...
    Orlonsky, der schweigend in einer Ecke sa und ein verrostetes altes Schwert
blank rieb, fiel ihr ins Wort:
    Nun fangt ihr ja glcklich alle an, verrckt zu werden - gratuliere.
    Onsky, das verstehst du nicht - du bist ja selbst aus dem Mittelalter und
willst es blo nicht zugeben. Es ist hier schon viel dummes Zeug - aber Delius
ist echt, es gibt ihn wirklich... ich wei nicht, wie man das sagen soll.
    Seine Substanz ist echt, korrigierte Konstantin ein wenig berlegen.
    Echter als deine, sagte Maria. Bei Hallwig wurde neulich von dir
gesprochen, man zweifelt an dir - ich frchte beinah, dein Stern ist im Sinken.
    Ich wei߫, gab er pltzlich deprimiert zu, aber ich ahne nicht, was ich
eigentlich getan habe.
    Susanna achtete nicht darauf, was sie sprachen, und fuhr in ihrem
Gedankengang fort:
    Nein - Delius imponiert mir - es tut sich einem da irgend etwas auf, wenn
er so selbstverstndlich die sonderbarsten Sachen sagt. Es kommt gar nicht
darauf an, ob er von seinem Schneider spricht oder von Urschauern. Und man
meint, er spricht mit uns, aber er denkt nicht daran - er schaut einen an, aber
er ist gar nicht da, und wir auch nicht. Da wir zum Beispiel Frauen sind, merkt
er berhaupt nicht - das ist sehr sonderbar, aber er gefllt mir so.
    Susja, du hast nicht ausgeschlafen.
    Nein, das habe ich auch nicht, mir ist ganz berirdisch zumut, und er
gefllt mir wirklich.
    Aber keine Chancen, wenn du nicht rmischer Sklave bist, sagte Orlonsky
aus seiner Ecke.
    Ach schweig doch - so war es nicht gemeint.
    Ja, Delius - und Hallwig, fing nun auch Maria an, es sind doch nur die
beiden. Die anderen laufen so mit.
    Konstantin: Das sagst du nur, weil du Hallwig liebst.
    Er ist der einzige Mensch, bei dem man das Gefhl hat, er knnte fliegen.
Die anderen probieren es nur. Wenn er so ber Sachen redet, wird man ganz
glcklich und mchte...
    Du hast recht, Maria - du hast recht, sagte Susanna mit einer Stimme, als
ob sie im Traum sprche. Sie war die letzten zwei Nchte aus gewesen.
    Aber Orlonsky stie einen polnischen Fluch aus, stellte sein Schwert mit
vielem Getse in die Ecke und fing an, einen Niggertanz zu tanzen. Das ist so
seine Art, der Unterhaltung ein Ende zu machen, wenn sie ihm nicht gefllt.

Nachtrag. Kosmische Urschauer: Die Urzeit war noch dunkel - der Kultus des
Mondes entspricht der spteren Periode des geluterten Mutterrechts. Deshalb
werden unverflschte Urschauer durch den Mond beeintrchtigt. (So etwa hat es
mir der Philosoph erklrt.)

                                       11


                                                                          16....

Alles ist liegengeblieben whrend der letzten Woche - meine Aufzeichnungen,
meine literarischen Plne und wohl selbst meine Gedanken. Man lebte nur in den
Vorbereitungen fr das groe Fest, und ich lebte mit. Wir gingen zu dem von
Delius bezeichneten Schneider, fanden ihn nach langem Suchen in einer entlegenen
Strae und fanden ihn recht merkwrdig. Er kenne Delius schon seit Jahren,
erzhlte er uns, und habe fters fr ihn gearbeitet - ein sehr gelehrter Herr,
der Herr Delius. Und die Art, wie er dann die Kostmfrage eingehend errterte,
ber den Schnitt antiker Gewnder sprach und mit ernster, nachdenklicher Miene
die Mae nahm, erweckte den Eindruck, als ob auch auf ihn etwas von dem Geist
des Altertums bergegangen sei.
    Wir gingen Trikots kaufen und suchten zahllose Geschfte durch, bis wir
rotes Weinlaub fr die Krnze und symbolische Tautropfen aus Glas fanden. Ich
hatte die Idee des Fltenblsers aufgegriffen, Konstantin wute mir ein
sonderbares Instrument zu verschaffen, das zur Not eine phrygische Hirtenflte
darstellen konnte, und ich sa viele Stunden allein zu Hause, um mich darauf
einzuben. Dazwischen mute ich wieder Chamotte trsten, da ich ihn diesmal
wohl nicht gut mitnehmen knnte.
    Einen Abend waren wir bei Hofmanns und halfen ein wenig bei den Zurstungen.
Dabei ging es heiter und lebendig her, es wurden keine dunkeln Gesprche
gefhrt, und beide waren von einer wirklich herzlichen, zwanglosen
Liebenswrdigkeit, so da ich mich recht wohl fhlte. (Das dritte Zimmer stand
an diesem Tage offen, aber es war niemand darin.) Die Mdchen sprachen halb im
Scherz davon, wie ich mich mit dem Fltenblasen abmhe, man neckte mich damit
und fand es sehr anerkennenswert. Bei diesem Gesprch sah der Professor mich zum
erstenmal richtig an, und ich hatte einen Moment das Gefhl, als verstnde er
vielleicht etwas von dem, was in mir lebt, anstatt wie bisher mich einfach mit
dem Vermerk abzutun, ich sei ein wundervoller Mensch.
    Dann war schlielich der Tag herangekommen - ich sa noch bis zur Dmmerung
zu Hause am Fenster und blies auf meiner Flte. Dabei kam eine ganz vertrumte
Stimmung ber mich, ich meinte wirklich ein Hirt zu sein, der eine antike
Landschaft mit seinem Spiel erfllte, vielleicht auch ein geliebtes Mdchen
dadurch herbeizulocken suchte. Aber es kam kein Mdchen, es kam nur Chamotte, um
zum Aufbruch zu mahnen - und ich war wieder Herr Dame, der ein griechisches
Kostm trug und den man dazu verurteilte, heute abend die Syrinx zu blasen.
    Und ich blieb auch bei dem Fest Herr Dame.
    Als Anblick und Stimmung war es schon etwas Wunderbares, ja, ich kann wohl
sagen: als wir zu frher Morgenstunde das gastliche Haus verlieen, waren auch
meine Empfindungen bis zu einem Zustand inneren Taumels gesteigert, der noch
heute nicht ganz erloschen ist. Und doch - und doch - ich wollte, ich wre in
der Lage, zu behaupten, man msse seine Feder in heidnisches Blut tauchen, um
Wahnmochinger Bacchanale zu schildern, und wenn ich mein Buch schreibe, werde
ich es wohl auch so ausdrcken.
    Ich denke nach - dort drben am Sofa liegen noch mein Kostm und die
Hirtenflte - und nun will mir wiederum scheinen, als bertriebe ich nach der
anderen Seite. Es lag doch viel heidnischer Glanz und Schimmer ber dieser Nacht
- bei einigen war es vielleicht nur allgemeine frohe Feststimmung - Maria,
Susanna sind sicher bei jeder Redoute ebenso bacchantisch aufgelegt - bei
anderen wohl auch eine tiefe Entrcktheit aus der heutigen Welt. So Delius, der
als rmische Matrone in schwarzen Gewndern erschienen war; auf dem Kopf trug er
einen schwarzen Schleier und in der Hand einen metallenen Triangel, dem er mit
einem Stbchen melodische Tne entlockte. Und auch bei dem Professor, der den
indischen Dionysos darstellte, in purpurrotem Gewand mit Weinlaubkranz und einem
langen goldenen Stab. Beim Tanzen raste er wild daher, und seine Augen rollten,
mir fiel auf, da er eigentlich ein schner Mann ist mit seiner mchtigen
Gestalt und dem dunklen Bart. Er schien auch vielen Frauen gut zu gefallen, und
er sah sie alle mit verzckten Blicken an und fand sie alle namenlos schn. An
Rauschfhigkeit fehlte es ihm sicher nicht, und er lebte ganz in seiner Rolle,
wenn man es so nennen darf - auer bei einer kleinen Szene. Maria verfiel in
einem animierten Moment darauf, an seinem ungeheuren goldenen Stab
emporzuklettern - er schaute sie froh entgeistert an, hielt ihr den Stab hin,
und der Stab brach in der Mitte durch. Schade, aber in diesem Moment versagte
sein heidnisches Empfinden, und er wurde rgerlich. Nach meinem Gefhl drfte
Dionysos sich nicht rgern, wenn Bacchantinnen oder Hermaphroditen etwas
entzweibrechen. Aber auer mir hat es wohl niemand bemerkt.
    Den Meister sah ich zum erstenmal aus der Nhe, als Csar in weier Toga und
mit einem goldenen Kranz um die Stirn - er mischte sich ungezwungen unter die
Menge, und es gab ihn wirklich. Dabei behlt er doch immer eine gewisse Ferne,
und seine Geste schien mir schn und wrdig.
    Das Fest begann mit einem feierlichen Umzug: voran schritt eine Bacchantin,
die ein ehernes Becken schlug, dann kam Dionysos mit seinem goldenen Stab, ihm
folgten der Csar - er trug eine Art kugelfrmigen, durchbrochenen Krug, in dem
ein Licht brannte - und die in Schwarz gehllte Matrone, daneben und dazwischen
bekrnzte Knaben mit Weinbechern. Wer in antikem Gewande war, folgte, die
brigen blieben zur Seite stehen. Denn viele waren auch anders kostmiert -
Renaissance, alte Germanen oder orientalisch. Der arme Georg, Marias
Rechtspraktikant, der durch die Eckhusler eingeladen war, hatte den Charakter
des Festes entschieden nicht begriffen, er war als Pierrot gekommen, und es war
ihm dann sehr unbehaglich. Willy, dem er sein Leid klagte, sagte, er msse eben
versuchen, sich wie der Narr in einem Shakespearischen Drama aufzufassen. Er
empfand wohl die Bosheit nicht, die darin lag, und fhlte sich getrstet.
    Der Umzug ergab tatschlich ein ungemein wirkungsvolles Bild und durch den
eigenartigen Gesang, der dabei angestimmt wurde, eine fast beklommen weihevolle
Stimmung. Selbst Georg in seinem Pierrotanzug war ganz davon angetan und stand
wie erstarrt in einer Fensternische. Es waren nur ein paar Verse, die
liturgisch, das heit in dumpfnasalem Ton gesungen wurden, wobei man alle Silben
gleichmig betonte und ins Unendliche ausdehnte. Sie lauteten:

Wir sind gewohnt,
Wo es auch thront,
Hinzubeten, es lohnt.
Wie unser Ruhm zum Hchsten prangt
Dieses Fest anzufhren,
Die Helden des Altertums
Ermangeln des Ruhms,
Wo und wie er auch prangt,
Wenn sie das Goldene Vlies erlangt -
Wir die Kabiren...

Zwei-, dreimal wurde dieser Gesang wiederholt, whrend der Umzug sich durch
smtliche Rume bewegte. Adrian sa am Flgel und spielte eine Art dumpfe,
getragene Begleitung.
    Dann lste sich alles in bewegtes Durcheinander, Tanz und die sonst blichen
festlichen Bettigungen auf. Ich sehe in der Erinnerung ein buntes Gemisch von
einzelnen Bildern und Eindrcken, die ich wohl festhalten mchte, ehe sie sich
verwischen. Der Professor - Dionysos - in einem Kreise von Damen - er redet in
Versen, wohl eine halbe Stunde lang, man bewundert ihn, und mit Recht, denn es
war wirklich eine Leistung. Die Kappadozische schmachtet ein wenig und ist ganz
Bewunderung - sie hatte ein eigentmliches Kostm an mit groen Metallplatten an
den Ohren (vermutlich kappadozisch). Dann sehe ich Delius, die rmische Matrone,
in der Hand einen Teller mit zierlichen Butterbrtchen, die er versunken in den
Mund schiebt. Er ist heute ganz in seiner wahren Welt. Seine Mutter (er lebt mit
seiner Mutter zusammen und soll sie sehr verehren) irrt zwischen den Gsten
umher und sucht ihn: Wo ist mein Sohn - haben Sie meinen Sohn nicht gesehen?
Endlich entdeckt sie ihn, aber er wendet sich ab und will sie nicht anerkennen.
Ganz betroffen flchtet sie zur Frau des Hauses, die sie lchelnd beruhigt.
    Ich entdecke Sendt, der alleine in heiterer philosophischer Ruhe hinter
einem Glase Wein sitzt und die kleine Szene ebenfalls beobachtet hat. Halb
betubt lasse ich mich neben ihm nieder.
    Trinken Sie, junger Mann, sagt er, wie bekommt Ihnen denn das
Fltenblasen - es machte mir aufrichtiges Vergngen, Sie neben dem Dionysos
einherschreiten zu sehen. Solange die Maskerade Maskerade bleibt...
    Ach, lieber Doktor, wenn Sie nur Philosoph bleiben. - Ich bin wirklich
freudig berrascht, Sie hier zu treffen.
    Oh, warum nicht; ich amsiere mich ausgezeichnet, und es gibt wirklich
allerhand zu sehen - zum Beispiel Delius -, knnen Sie sich wohl denken, weshalb
er seine Mutter nicht erkennen wollte?
    Ich meinte, er wollte wohl nicht aus der Stimmung herausgerissen werden, und
als rmische Matrone...
    Sendt lchelte.
    Die Matrone gilt vielleicht nur fr Outsider. - Ich habe munkeln hren, da
er den Eingeweihten die groe Urmutter darstellt - obwohl diese von Rechts wegen
unsichtbar ist. Deshalb trgt er wohl auch den schwarzen Schleier auf dem Haupt.
Sie begreifen, da es nun wirklich stillos wre, sich mit seiner Mama zu
unterhalten, wenn man sich selbst als Urmutter empfindet.
    Ich versank in tiefes Staunen - Maria kam angestrzt und warf sich in einen
Sessel:
    Da sitzt ihr wieder und redet, statt zu tanzen. - Hren Sie, Sendt, der Sie
alles wissen, warum ist der Dionysos so rot? - Ich dachte immer, er wre nackt
und nur mit Weinlaub.
    Zgeln Sie Ihre schlimmen Phantasien, Maria! Der indische Dionysos, den Sie
heute in unserem Professor verkrpert sehen, wird im langen wallenden Gewande
dargestellt. Und fr Sie, lieber Dame - der Kult der groen Mutter kam aus
Asien, deshalb mag wohl auch der indische als der Ur-Dionysos gelten.
    Wie langweilig, sagte Maria, jetzt gibt's schon wieder einen Umzug, und
ich wollte gerade mit Georg tanzen.
    Wir sahen in der Tat, da man sich wieder zum Zuge ordnete; von allen Seiten
strmten die Bacchanten, Jnglinge und Hermaphroditen mit erhitzten Gesichtern
herbei. Dionysos schwang einen laubumkrnzten Stab, den seine Frau ihm statt des
zerbrochenen goldenen hergerichtet hatte. Nur Delius blieb ruhig an seinem Platz
stehen, Adrian lief an ihm vorbei und fragte, ob er sich denn nicht beteilige,
aber er antwortete gemessen: O nein, es handelt sich diesmal nur um einen
Privatumzug des Csar.
    Man fhlte, da alle in erhhter Stimmung waren, denn es ging lauter und
lebendiger zu als am Anfang, bis der Csar sich in Bewegung setzte und wieder
der eintnige dumpfe Gesang erscholl.
    Wir, die Kabiren...
    Was sind Kabiren? fragte Maria leise.
    Thrakische Urgtter, sagte Sendt und schenkte sich ein neues Glas ein.
    Die Helden des Altertums
    Ermangeln des Ruhms...
    Und nun wollte ich wieder wissen, warum. Ich dachte gerade, sie wren
enorm?
    Die Kabiren sind eben noch enormer, erwiderte der Philosoph. brigens
sind die Verse aus dem Faust. Und Maria ganz enttuscht: Aus dem Faust? - Ich
meine, von Hofmann - sie sehen ihm so hnlich.
    Nein, nun hrt auf, Kinder! sagte der Philosoph. Ihr fragt mich zu Tode?
Lieber wollen wir nchstens wieder ein theoretisches Souper veranstalten - Je me
sauve, und damit verlt er uns, um einer schnen Griechin die Cour zu machen.
    Ich tanze mit Maria, mit einer Unbekannten, dann treibe ich mich herum und
suche nach Susanna, die ich noch kaum gesehen habe. Die vier Hermaphroditen,
deren Kostm bis ins kleinste Detail bereinstimmt, sind durchaus verwirrend.
Darin hat Susanna wohl recht gehabt. Ich denke, sie ist es, die vor mir steht,
und lege sanft den Arm um sie - es ist Konstantin - er dreht sich um und schaut
mich an wie ein schnes Mdchen:
    Nein - dort in der Fensterbank sitzt sie, sagt er.
    Die Lampen blenden, ich sehe nur ein paar schlanke schwarze Beine, ein
weies Obergewand, den roten Kranz, ich trete nher heran - Schnurrbart -
Zwicker - es ist Adrian. Er unterhlt sich gerade mit einem Franzosen, klrt ihn
ber die Bedeutung des Festes auf und weist auf eine Gruppe von Knaben und
Bacchantinnen hin, unter denen es strmisch und zrtlich zugeht. Ich hre Adrian
sagen:
    Mais c'est une orgie - vraiment, c'est une orgie - un bacchanal!
    Oui, oui, oui - parfaitement, erwiderte der Franzose.
    Hoffnungslos wand ich mich weiter durch die menschenvollen Rume, aber nun
begegnete mir die wirkliche Susanna und zog mich mit:
    Ein neuer Zinnsoldat, sagt sie, er ist sehr nett, kommen Sie nur mit.
    Ja, er war wirklich recht nett - ein blonder Gutsbesitzer, der sich stilvoll
in ein groes Pantherfell gewickelt hatte. - Wir etablierten uns in einer
stillen Ecke, Susanna schmiegte sich an das Pantherfell und lie mir ihre linke
Hand. Sie wei, da ich mich dann schon etwas glcklicher fhle.
    So saen wir, schwtzten, ruhten uns aus und betrachteten das festliche
Getriebe. Willy und Orlonsky tauchten manchmal auf, grollten etwas, weil sie
nicht tanzen wollte, blieben eine Weile oder verzogen sich wieder. Heinz kam
vorbei - dann sein Freund, der Indianer; ich erfuhr jetzt endlich von Susanna,
da er Petersen heit und aus einer nordischen Heidegegend stammt - deshalb wird
er auch trotz seiner dunklen Haare als blonder Germane eingeschtzt. An diesem
Abend trug er ein orientalisches Kostm und einen langen falschen Bart. Ich rief
ihn an, da ich ihn doch kannte, aber er zuckte die Achseln und antwortete mit
einem unverstndlichen Gemurmel, was wohl bedeuten sollte, da er nicht fr mich
zu sprechen sei.
    Er ist ein orientalischer Priester, erklrte Susanna, und es gehrt dazu,
da er uns nicht kennt. - berhaupt zu seinem Stil; er gilt gerne fr
verschlossen und herrisch.
    Es war schon spt; in der Mitte des Zimmers begann jetzt ein weibliches
Wesen, anscheinend eine Mnade, die fast nur in rote Schleier gehllt war und
Hrner auf dem Kopf trug, Solo zu tanzen - alles schob sich zur Seite, um
zuzuschauen. Delius in seinem schwarzen Gewande schritt um die Tanzende herum
und lie leise seinen Triangel ertnen. Ich erkannte die schwarze Malerin, die
ich bei Heinz gesehen.
    Das ist die Murra, sagte Susanna leise, ich wei nicht, wie sie sonst
heit. Der Petersen ist Bildhauer und hat sie krzlich als erdhaftes Weib
modelliert - es ist nur ein Kopf, der nicht recht aus dem Stein heraus will. Er
sollte eigentlich die Urzeit heien, aber irgend etwas stimmte nicht, und er
taufte es dann die Murra. Der Name soll eben das Dunkle, Erdhafte wiedergeben.
Man fand es enorm, und das Mdchen ist sehr stolz darauf.
    Der Panther hrte aufmerksam zu und schien sich nicht besonders zu wundern -
er mu doch nicht ganz fremd in Wahnmoching sein.
    Die Murra tanzte und bog sich in verzckter Gelenkigkeit vorwrts -
rckwrts, man hatte manchmal Angst, sie knnte ohne weiteres durchbrechen. Alle
Zuschauer waren vllig hingerissen, nur der Mann im Pantherfell machte ziemlich
laut eine abfllige Bemerkung, und der Indianer - nein, diesmal war er ja
Priester - - warf ihm einen furchtbaren Blick zu. Die kappadozische Dame sah
interessiert zu uns herber, sie hoffte wohl, es wrde wieder Blut flieen. Aber
nun ergriff der Priester einen Gong und trat selbst in die Arena. Mit drhnenden
Schlgen und dsterer Miene schritt er auf die Tnzerin zu, um sie herum, und
feuerte sie zu immer wilderen Sprngen an. Sie erntete ungeheuren Beifall, ihre
roten Schleier flogen auf und nieder, ich fhlte mich schlielich wie
hypnotisiert, ich sah und empfand nichts mehr als rote Schleier - rote Schleier,
hrte nichts mehr als die drhnenden Gongschlge. Vielleicht war das wirklich
der dionysische Rauschzustand, den dieses Fest ja herbeifhren sollte. Der
Professor kam an den Tisch, und ich teilte ihm meine Empfindungen mit; er schien
hocherfreut und sah mich voller Sympathie an. Dann zog eine Bacchantin ihn fort;
der Panther grtete sein Fell und mischte sich ebenfalls in das Gewhl. Susanna
hatte bisher wohlig in unser beider Armen geruht; nun der andere gegangen war,
konzentrierte sie sich auf mich. Ich war sehr glcklich und auch wieder
melancholisch, denn ich wagte endlich die Frage, zu der ich mich schon lange
verurteilt fhlte:
    Ach Susanna - kann ich Ihnen denn niemals mehr sein als ein Zinnsoldat?
    Und sie antwortete nur: Das ist schwer zu wissen.
    Der Panther kam zurck und mit ihm der Philosoph; die beiden waren
anscheinend schon bekannt und unterhielten sich eifrig miteinander. Immer noch
tanzte die Murra, sie schien berhaupt nicht mehr aufhren zu knnen - dann
pltzlich schleuderte der Indianer seinen Gong weit von sich und drehte sich
rasch und immer rascher um sich selbst wie ein Derwisch. Das gab das Signal zu
einer allgemeinen Ekstase, alles begann zu tanzen, zu drehen, in einem rasenden
Tempo herumzuwirbeln - paarweise, allein oder zu mehreren, wie es gerade kam.
Eine ganze Schar von Mnaden schwang sich im Kreise um den Dionysos, der
verzckten Blickes bald eine, bald die andere ansah und einzufangen versuchte.
Auch Susanna hatte ihre Faulheit abgeschttelt und bildete mit Konstantin und
Adrian ein unentwirrbares Ensemble von schwarzen Beinen und rotumlaubten Kpfen.
    Wir hielten unterdessen an unserer Ecke fest, sie glich immer mehr einer
umbrandeten Insel. Adrian trat wieder zu uns und betrachtete das bewegte
Schauspiel durch seinen Zwicker.
    Hren Sie, Sendt, sagte er hingerissen, wenn Sie immer noch nicht zugeben
wollen, da wir in Wahnmoching noch einmal ein dionysisches Zeitalter erleben
werden...
    Meinetwegen - erleben Sie es, entgegnete der Philosoph trocken. Es ist ja
im spteren Altertum schon einmal vorgekommen, da die dionysischen Kulte eine
wohlgeordnete patriarchalische Weltanschauung wieder ber den Haufen rannten
und...
    Adrian horchte gespannt auf: Was? Das wute ich ja gar nicht.
    Nun, dann wird es Sie sicher interessieren, da auch damals die Frauen
wieder zu Mnaden und Hetren wurden, und - hren Sie nur gut zu, Adrian - auch
damals lernte ein ernchtertes Zeitalter wieder den Rausch einer tieferen und
glhenderen Lebensempfindung kennen - was, soviel ich wei, die verborgene
Hoffnung Wahnmochings ist. Eben jene nchtlichen dionysischen Feste mit rasenden
Tnzen, die Opfertiere, die von den Mnaden zerrissen und roh verschlungen
wurden.
    Pfui Teufel, sagte der Panther.
    Weil in ihrem Blut der Gott selbst enthalten war.
    Stierblut, fiel Adrian, sich pltzlich erinnernd, ein.
    Ja, Stierblut, weil der Gott in der Gestalt eines Stieres erschien und man
somit seine Substanz in sich aufnahm - aber bitte, lesen Sie es lieber in Ihrem
Bachofen nach, ich habe nicht die Absicht, hier weitere Vortrge zu halten.
    Adrian nahm einen Zettel aus seinem Gewande und notierte sich etwas. Der
Panther hatte derweil nachgedacht und sagte bedchtig: Es wre eigentlich doch
nicht so bel! Dann stand er auf und reckte sich. Adrian fate ihn am Arm.
    Kommen Sie, Panther! - Tanzen wir, rasen wir, strzen wir uns unter die
Mnaden.
    Gebt nur acht, da sie euch nicht zerreien, bemerkte der Philosoph
friedfertig.
    Und die beiden tauchten in dem tobenden Chaos unter, das noch eine Zeitlang
fortwogte und sich dann allmhlich in erhitzte und ermattete Einzelgestalten
auflste.

                                       12


                                                             Zwei Tage spter...

Nein, es liegt wohl nicht in meinem Bereich, kosmische Feste zu schildern - was
ich da mit schner, ordentlicher Schrift in meine Hefte male, mutet mich selbst
so nchtern und farblos an. Sicher war auch in dem Ganzen weit mehr Rausch und
mystischer Gehalt, als ich hier wiederzugeben wei. Vielleicht auch fehlt mir
nur die Fhigkeit, es so zu erleben, ich bleibe immer an der Schwelle stehen,
ich bin kein Enthusiast, kein Schwrmer, kein Bacchant, ich bin nur Herr Dame.
    Man hat in ganz Wahnmoching und darber hinaus tagelang nur von diesem Fest
gesprochen - Laien und Eingeweihte -, es scheinen ungeheuerliche Gerchte
darber umzugehen. So fragte mich heute der alte Hofrat, den ich an der
Trambahnhaltestelle traf, ob ich denn wirklich an diesen Orgien teilnehme, bei
denen arge und bedenkliche Dinge stattfinden sollten, zum Beispiel den Gttern
zu Ehren rauchendes Blut aus Schalen getrunken wrde. Mir ging dies
verstndnislose Geschwtz so auf die Nerven, da ich trotz meiner guten
Erziehung etwas ausfallend wurde. Ich belehrte ihn, da Hofmanns eine angesehene
Familie wren und man in ihrem Hause weder rauchendes Blut trnke noch sonst
etwas Ungehriges tte, wie berhaupt selbst die eifrigsten Vorkmpfer des
Heidentums in diesem Vorort die gesellschaftlichen Formen immer zu beobachten
wten; in Spieerkreisen aber sei fr das alles schwerlich das notwendige
Verstndnis zu finden, ja, auch gar nicht erwnscht, denn der Spieer sei von
jeher molochitisch gewesen. Der unsympathische Greis kicherte hhnisch, schwang
sein Spazierstckchen und bemerkte: Das klingt ja recht beruhigend, aber mit
der Echtheit dieses Heidentums scheint es doch nicht weit her zu sein - die
alten Heiden haben schwerlich auf korrektes Benehmen Wert gelegt.
    Wer wei߫, sagte ich erbost, weder Sie noch ich haben sie nher
kennengelernt. Auerdem stehen wir jetzt im zwanzigsten Jahrhundert, und die
Sitten haben sich seit dazumal etwas abgeschliffen - man trinkt nicht mehr
Blut...
    Das verdanken wir nur der Kultur des Christentums, gab er gereizt zurck.
    Im Gegenteil..., ich wollte ihm das noch nher auseinandersetzen; aber
wozu, er htte es doch nicht begriffen. So begleitete ich ihn schweigend an
seine Trambahn, die eben herankam, und er sagte nur noch, ich solle ihn doch
bald einmal besuchen, er interessiere sich lebhaft fr meine weitere
Entwicklung.

Aus Nervositt begab ich mich ins Caf, das ich schon lngere Zeit hindurch
vernachlssigt hatte, und diesmal tat mir selbst der Anblick der Kappadozischen
und ihres jungen Dichters wohl. Ich fhlte beinah Sympathie fr die beiden und
schilderte ihnen meine Unterredung mit dem alten Herrn, in dem stolzen Gefhl,
fr die heidnische Bewegung eine Lanze gebrochen zu haben. Aber der Dichter
mibilligte es, da ich mich darauf eingelassen. Wer an groen Dingen teilnehmen
drfe, der msse auch darber zu schweigen wissen.
    Doktor Gerhard, der ebenfalls zugegen war, verteidigte mich und meinte, man
habe doch gerade zu diesem Fest alle mglichen Fernstehenden eingeladen, von
denen keine innere Beteiligung zu erwarten wre, und die dann vielleicht
derartige Gerchte verbreiteten.
    Die Auswahl der Gste bleibt wohl stets dem Gastgeber berlassen, bemerkte
der Jngling ablehnend und zupfte an seiner kultlichen Krawatte.
    Gewi߫, gab ich zu, ich bitte mich nicht mizuverstehen - ich halte es
eben fr korrekt, bei jeder Gelegenheit fr das Haus meiner Gastgeber
einzutreten.
    Er zuckte die Achseln: Es tut mir leid, Herr Dame, aber auf studentische
Ehrenstandpunkte vermag ich leider nicht einzugehen. Diese gehren der Welt des
Fortschritts an, mit der wir jede Beziehung ablehnen.
    Ich hoffe, die Herren werden sich ber diese Frage nicht in die Haare
geraten, sagte Doktor Gerhard mit milder Ironie. Der Dichter lchelte herbe und
hllte sich dann in Schweigen. Die kappadozische Dame dagegen war sehr
liebenswrdig, sie stimiert mich anscheinend, seit ich die Panflte geblasen
habe, und fragte, wie ich darauf gekommen sei. Ich erzhlte, da Delius uns alle
beraten und wie er sich dann verabschiedet habe, um kosmische Urschauer zu
erleben. Dabei fhlte ich, wie ich immer mehr in ihrer Achtung stieg, auch der
Dichter wurde wieder zugnglicher.
    Delius hat uns neulich eine sehr bedeutungsvolle Begebenheit erzhlt,
sagte er. Er war vor einigen Jahren in Rom...
    Ich denke, Herr Delius ist immer in Rom, warf Gerhard ein. Der Dichter
ignorierte ihn, und die Kappadozische suchte zu vermitteln: Es ist hier wohl
von dem wirklichen Rom die Rede.
    Gibt es ein wirkliches und ein unwirkliches Rom? fragte der junge Mann
bitter. Ich meinte allerdings jene italienische Stadt, die heute noch Rom
genannt wird; aber gerade was Delius dort erlebte, zeigt, da immer wieder der
leere Schein fr Wirklichkeit gehalten wird und tiefstes Erleben fr
unwahrscheinlich gelten mag. - Ihm, Delius, mute das moderne Treiben an dieser
Sttte wohl vor allem verhat sein, und so beschlo er, seine Mahlzeiten nach
altrmischem Brauch einzunehmen. Er kaufte daher Wein und Frchte und begab sich
zur Mittagzeit, wo alles ruhte, in die Campagna. Dort breitete er seine Vorrte
auf dem Boden aus, flehte den Segen der Gtter auf sich und sein Mahl herab und
wollte eben damit beginnen, als dicht hinter ihm ein entsetzliches Gebrll
ertnte und ein ungeheures ziegenbockhnliches Tier mit ellenlangem, bis auf die
Erde herabhngendem Bart auf ihn zustrmte. Entsetzt ergriff er die Flucht, denn
es schien ihm wohl mglich, da ein bser Dmon sein Spiel mit ihm treiben
wolle. Und als er nach einer Weile wieder zurckkehrte, fand er nur noch das
zertrmmerte Weingef am Boden, alles andere, auch das Ungeheuer, war spurlos
verschwunden. - Ihr Lcheln ist nicht am Platz, Doktor... es wurde spter dahin
aufgeklrt, da gerade unter der Stelle, wo er verweilt hatte, sich ein altes
Grab befand.
    Sagte nicht jemand, es knne vielleicht der groe Pan selbst gewesen sein?
fragte die kappadozische Dame eifrig, aber der Dichter warf ihr einen strafenden
Blick zu und sagte mit groer Bestimmtheit: Darber ist mir nichts bekannt.
    Sollte unser gemeinsamer Freund Delius sich in diesem Falle nicht doch
etwas getuscht haben, uerte Gerhard nach einer Pause, und der Dichter
entgegnete:
    Ich wei nicht, wie Sie das meinen - aber es mge sich jeder die Welt der
Erscheinungen deuten, wie er will. Das sind fr uns nur Symptome seines Wesens.
    Die Kappadozische sah ihn nachdenklich an: Und sicher gehen wir jetzt einer
Zeit entgegen, die es wieder lernen wird, sie im Sinne des Lebens zu deuten.
    Gerhard seufzte ein wenig:
    Ja - ja - das wre allerdings sehr zu begren, gndiges Frulein.
    Wir sind dann zusammen fortgegangen.

Wie oft schon habe ich hier sagen hren: wir gehen Zeiten oder einer Zeit
entgegen, die...
    Es ist nicht lange her, da klang es mir fremd und unverstndlich in die
Ohren - mich dnkt, ich habe rasch und viel gelernt. Vor einem Monat noch htte
ich wohl ratlos den Philosophen aufgesucht und ihn gefragt: was fr Zeiten denn
- und wieso? Jetzt wei ich, um was es sich handelt, wei und begreife, da man
von der Wahnmochinger Bewegung eine groe Erneuerung des Lebens erhofft und
erwartet. Dem Laien mag es fast wie eine Redensart klingen, mit der schon
unzhlige Bewegungen ihr Programm erffnet haben, aber fr den Wissenden besteht
kein Zweifel, da eben diese Bewegung von Grund aus anders geartet ist. Sie
lehnt die ganze Welt des seelenmordenden Fortschritts ohne weiteres ab, will
nichts mit ihr zu schaffen haben - sie weist nicht nach vorwrts, sondern zurck
auf die mchtigen, urewigen Wurzeln alles wahren Lebens - nein, das stimmt nicht
ganz - sondern auf den Urgrund, in dem allein solches Leben zu wurzeln vermag,
denn alles Heutige ist ohne Wurzeln.
    Wie sagte Hofmann neulich: Es gibt eine Welt, fr die es gleichgltig ist,
ob ein Schiff liegt oder ob ein Tisch fliegt. Ich schme mich vor mir selbst, zu
gestehen, da ich diesen Ausspruch im ersten Moment fr einen Witz hielt und
seine tiefe Bedeutung mir erst spter aufging.
    Die Welt, in der Schiffe fliegen, ist eben die moderne, instinktlose, vllig
maschinell gewordene, die jeden Erfinder eines neuen Mechanismus als Helden und
Menschheitserlser preist. Und die Welt, in der Tische fliegen oder wenigstens
fliegen wrden, wenn man Wert darauf legte - diese Welt ist unser Stadtteil, ist
Wahnmoching. Nur ein Stadtteil; aber wer wei, ob er nicht dereinst das tote
Heute mit neuem Lebensgehalt durchdringen wird.
    Das mit den Tischen, die fliegen, hat noch eine besondere Bewandtnis, die
einstweilen als tiefes Geheimnis behandelt wird. brigens gehrt auch das zu der
eigentmlichen Atmosphre unseres Vororts: vieles ist Geheimnis, und noch viel
mehr wird als solches angesehen, obwohl alle darum wissen. Die Geheimnisse
schwirren gleichsam in der Luft herum, aber sie offenbaren sich nur dem, der sie
zu erkennen versteht.
    Ich glaubte immer, ein diskreter Mensch zu sein, aber jetzt erst habe ich
begriffen, da es noch eine Hohe Schule der Diskretion gibt - eine wunderbare
Technik, Dinge, die vielleicht schon in aller Leute Mund sind, durch pltzliches
Verstummen in undurchdringliche Schleier zu hllen und dadurch als Geheimnis zu
kennzeichnen. Wie irrig ist die bliche Anschauung, nur das absolut
Verschwiegene sei Geheimnis. Was niemand wei, ist ein Nichts, ist berhaupt
nicht vorhanden; und nur die Art, wie man ein Gewutes je nachdem offenbart oder
wieder verhllt, macht es zum wahren Geheimnis.
    So wei auch ich, der noch keine Weihen empfangen hat (so nennt man es hier
- es sind damit keine ueren Zeremonien gemeint, sondern ein bestimmter Grad
von innerer Beschaffenheit), so wei auch ich zwei Dinge, die dem Bereich der
Wahnmochinger Geheimnisse angehren.
    Das eine ist, da man damit umgeht, eine heidnische Kolonie zu grnden. Ich
verstehe sehr gut, warum man diesen Plan geheimhlt, vor allem wohl, um nicht
mit manchen scheinbar hnlichen Unternehmungen verwechselt oder auch nur
verglichen zu werden. Ich verstehe auch, welche Tragik darin lge, einfach fr
Weltverbesserer, Religionsstifter oder dergleichen zu gelten, wo es sich doch um
viel Tieferes handelt. Man wnscht deshalb auch nicht, da sich viele dazu
herandrngen, und die Auslese wird aufs strengste gehandhabt. Meine
verschwiegene Hoffnung geht dahin, da unter den Wenigen auch ich fr wrdig
befunden werde.
    Und das andere, worauf auch des Professors Wort ber die fliegenden Tische
hindeutete - dieses andere mag wohl dem gemeinen Menschenverstand unfalich
klingen. Die geistigen Fhrer Wahnmochings - Hofmann, Delius und Hallwig - oder
sind es in diesem Falle nur Hofmann und Hallwig? - das knnte ich verwechselt
haben, kurzum, es verlautet, da sie Geheimnisse von unabsehbarer Tragweite
entdeckt haben und dadurch in der Beherrschung gewisser innerer Krfte so weit
vordringen, da sie ber kurz oder lang in der Lage sein werden, zu zaubern,
wirklich und wahrhaftig zu zaubern. Nicht etwa im landlufigen Sinne Magie zu
treiben, die sich doch eben nur mit Einzelgeistern beschftigt - und das ist ein
groer Unterschied.
    Man erklrte es mir etwa so: gelingt es einem, sich durch ein mystisches
Verfahren - ich glaube durch absolute Selbstversenkung in das kosmische
Urprinzip - dergestalt zu lutern, da auch die geringsten Bestandteile von
Molochitischem gebannt werden, gelingt es ihm, die kosmische Ursubstanz in sich
allmchtig zu machen, so da sie sein Wesen vollkommen durchdringt - nun, so
wird eben er selbst allmchtig, und wer allmchtig ist, kann zaubern. Es gehrt
noch dazu, da in seiner Umgebung starke kosmische Substanzen vorhanden sind -
und ja keine molochitischen, die eben doch irgendwie auf ihn einwirken und jenes
Verfahren beeintrchtigen knnten. - Daher Hallwigs groe Zurckhaltung im
Verkehr - er will nicht mit Belanglosen in Berhrung kommen. Denn der Belanglose
hat keine oder nur geringe kosmische Substanz und ist dem Molochitischen leicht
zugnglich.


                                   Anmerkung

Wir sind hier an einem der Punkte angelangt, verehrter Freund, die vielleicht
eines Kommentars bedrfen - ob nmlich die Zauberhoffnungen Wahnmochings,
beziehungsweise deren Erfllung, wirklich im Bereich des Mglichen lagen. Sicher
wird das Publikum die berechtigte Anforderung erheben, darber aufgeklrt zu
werden. Uns selbst schien es anfangs sehr zweifelhaft, aber als wir zu Ende
gelesen hatten, fhlten wir uns doch geneigt, die Frage mit: Ja, oder:
Hchstwahrscheinlich - zu beantworten. Sie werden ja auch sehen, da die
bedeutendsten Kpfe jenes Stadtteils einmtig daran glaubten.
    Trotzdem ziehen wir es vor, unsere Ansicht darber von der Ihrigen abhngig
zu machen.

Ja - da wird es wohl begreiflich, da so oft von Zeiten gesprochen wird, denen
wir entgegengehen. - Zeiten, in welchen es gleichgltig sein wird, ob Schiffe
fliegen oder ob Tische fliegen - begreiflich, da die Atmosphre unseres
Vorortes mit gewaltigen Spannungen geladen ist. Man feiert Feste - man rast und
taumelt, man lacht und plaudert, kost mit schnen Frauen, und dazwischen wieder
kreisen gewitterschwere Geheimnisse, wehen mystische Erleuchtungen ber letzte,
uerste, ungeheure Dinge. (So sagt man hier.)

Seit dem Hofmannschen Abend hat sich rein persnlich alles mehr
zusammengeschlossen, als wolle man dem Rest dieses Karnevals - der noch eine
Woche dauert - durch strkere Gemeinsamkeit eine bedeutsame Note aufprgen. Und
ich hrte sagen, der Kreis sei bestrebt, mglichst viele kosmische Elemente um
sich zu sammeln - ja, im Zentrum von Wahnmoching hoffe man auf das
Zustandekommen einer neuen heidnischen Blutleuchte, die natrlich fr die
Zauberhoffnungen sehr wesentlich ist und alles ungemein erleichtern wrde. (Die
letzte ist gewesen, als Hofmann, Delius und Hallwig sich kennenlernten und der
Meister sein erstes Buch schrieb - in demselben Jahr hat Maria ihr Baby
bekommen, deshalb legt man auch so viel Wert auf die Erhaltung ihrer heidnischen
Substanz.) So trifft sich abends alles bei den letzten Festen oder Redouten, und
Wahnmochings bacchantisches Toben reit manchmal auch die Menge mit fort. Und in
den mden Tagesstunden findet man sich im Caf oder bei Hofmanns und im Eckhaus
zusammen.
    Der Professor entdeckt unermdlich wundervolle Menschen und fabelhafte
Frauen, die sich zu Mnaden eignen und, wenn er es ihnen sagt, auch sofort zu
rasen beginnen. Maria beunruhigt sich um Hallwig, der all dieses Treiben meidet,
aber ihre Zinnsoldaten haben gute Tage. Susanna liebt den Mann im Pantherfell -
und ich selbst folge ihr nur noch als verurteilter Schatten, der erst viel Blut
trinken mte, um zum Leben zu erwachen. In dieser wilden Zeit gibt man mir ja
auch manchmal Blut zu trinken und dann - schweig still, mein Herz.

                                       13


                                                 Aschermittwoch, den 24. Februar

Nur das Datum habe ich hier aufgeschrieben, und seitdem sind schon wieder
mehrere Tage vergangen. Aschermittwoch - ein trbseliges Datum, aber wohl nur
fr den, der seine Besinnung schon wiedergefunden hat.
    Uns allen war sie vllig abhanden gekommen, es herrschte nur eine still
glckselige Aufgelstheit, und immer noch tnten uns Nachklnge der verbrausten
Feste in die Ohren.
    Wir kamen die letzten drei Tage nur flchtig und besuchsweise heim - ins
Eckhaus, denn in dieser Zeit war das Eckhaus unser aller Heimat. Wir wuten
lngst nicht mehr, wer eigentlich zu uns gehrte und wer ein Fremder war - ob
man sich als Freund gegenberstand oder als Todfeind - und wer sich liebte,
hate oder vllig gleichgltig war.
    Und wenn es wirklich das Ziel dieses Stadtteils ist, da alle Individualitt
aufhrt, jedes Einzelleben sich an eine Allgemeinheit verliert - so konnte es
wohl fr erreicht gelten.
    Als ich Sendt diese Wahrnehmung mitteilte, lchelte er ein wenig und sagte:
    Lassen Sie nur alle erst einmal ausschlafen, dann wollen wir weiter darber
reden.
    Das war in der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch, als die letzten Lokale
geschlossen wurden und es hie, der Karneval sei nun zu Ende.
    Die meisten gingen denn auch nach Hause - wir nicht, wir standen im Schnee
auf der Strae und wollten glcklich bleiben. Dann lud uns jemand, den wir nicht
kannten, zum Frhstck ein, das Frhstck ging in ein Souper, das Souper in ein
Gelage mit Tanz ber, dann wurde alles undeutlich, immer undeutlicher. Man war
nicht mehr im Kostm, war wieder in seiner gewhnlichen Kleidung und fand sich
eines Nachmittags um den Teetisch im Eckhaus versammelt. Die verschiedenen
fremden Gesichter waren verschwunden, und der engere vertraute Kreis war wieder
unter sich. Nur Susanna fehlte noch - aber man spricht nicht darber. Orlonsky
prft seine Bergstiefel, jongliert mit den Tellern und tanzt einen scharrenden
Niggertanz - lauter Anzeichen, da er mit irgend etwas nicht einverstanden ist.

                                                                     28. Februar

Ein paar leere, verschlafene Tage - es ist, als wre ganz Wahnmoching aus dem
bacchantischen Taumel in einen tiefen, todhnlichen Schlaf versunken und das
Leben selbst in Stillstand geraten.
    So bin ich viel zu Hause geblieben, nur hier und da ein wenig
spazierengegangen - dann wieder habe ich in meinen Papieren geblttert und
versucht, an meinen Roman zu denken - wann werde ich endlich die innere Sammlung
finden, um ernstlich ans Werk zu gehen? - Einmal suchte ich auch den Philosophen
auf, aber er war nicht da - dann ging ich am Eckhaus vorbei - smtliche Lden
geschlossen und die Glocken abgestellt, wo sind sie alle?

                                                                         3. Mrz

Gestern, als ich mittags nach Hause kam, fand ich einen Zettel von Susanna auf
meinem Schreibtisch:
    Es gibt mich wieder - kommen Sie bald - S.
    Chamotte sitzt in seiner Kammer am Fenster und blst die Hirtenflte.
    Ich hab' sie ihm geschenkt, weil er so viel Freude daran hatte.
    Auch Chamotte ist melancholisch - er macht immer meine Stimmungen mit.
    Nachmittags gehe ich hinber und finde Susanna und Maria allein, unten in
dem groen Zimmer am Ofen. Sie scheinen beide ein wenig gedrckt, drauen ist
ein trbes, graues Wetter.
    Wie gut, da Sie kommen, sagt Maria, es ist heute so unheimlich - wir
sind eben erst aufgestanden - und das ganze Haus ist leer - wir haben keine
Ahnung, wo die anderen alle sind.
    Chamotte wird fortgeschickt, um Sekt zu holen, und sie ermunterten sich ein
wenig.
    Warum sind Sie denn heute so deprimiert?
    Ich wei nicht, es hat eigentlich gar keinen Sinn..., sagt Susanna.
    Doch, fllt Maria ihr ins Wort, alle sind bse auf uns - ach, bitte noch
ein Glas, es ist wirklich ein Trost, da Sie gekommen sind.
    Wenn ich Ihnen nur etwas helfen knnte!
    Das knnen Sie nicht - er sagt, meine Seele sei am Erlschen - Hallwig
natrlich - was wollen Sie dabei machen? Und nur wegen dem Karneval.
    Wie falsch, sagt Susanna, nie hat man so viel Seele wie im Karneval.
    Verschwendet sie aber an unwrdige Subjekte und unechte Rusche, belehrte
Maria.
    Ja, was nennt man denn eigentlich echt?
    Ach, ich glaube, nur was einem selber Spa macht - und ihm liegt es nun
einmal nicht, sich zu amsieren - aber wir knnen es nicht lassen.
    Nein, das knnen wir nicht.

                             Pause. - Es klingelt.

Das wird Georg sein, ach, Susanna, schick ihn fort, ich kann ihn heute nicht
sehen.
    Als Susanna zurckkommt, frage ich nach dem Panther - es war eine
Ideenverbindung, die sich mir unwillkrlich aufdrngte.
    Du lieber Gott, das ist es ja gerade - denken Sie nur, er ist nun auch
unter die Enormen gegangen, und sie haben ihn als zugehrig akzeptiert, das ist
eine Vorstufe, es klingt wirklich tiefer Schmerz aus ihrer Stimme, ich hoffte
ja so, er wre belanglos. Aber sie haben entdeckt, es sei irgendeine Substanz
ungewhnlich stark in ihm; wie heit es doch, Maria?
    Wikingersubstanz - das solltest du doch eigentlich wissen...
    Ach, wozu? Aber es gefllt ihnen - und nun geht's natrlich auch ber mich
her. Und Onsky ist aus Zorn ber den Panther ins Gebirge - Willy ist wieder
bse, weil er fort ist, und hat deshalb den Panther mit, er kann es nicht
ausstehen, wenn unser huslicher Friede wegen anderer Mnner gestrt wird. - Sie
sehen, es geht uns wirklich schlecht.
    Ja, das sah ich wohl ein.
    Maria warf neues Holz in den Ofen, und nun saen wir alle drei und starrten
betrbt in die Flammen.
    Dann klingelte es wieder, und sie fuhren nervs zusammen. Chamotte steckte
den Kopf in die Tr und fragte, ob Herr Konstantin empfangen wrde.
    Ja, er soll nur kommen, sagte Maria, der arme Junge wird wohl auch nicht
in rosiger Laune sein - zwischen ihm und dem Indianer hat es einen Krach
gegeben, von allen Seiten ziehen sich Unwetter zusammen. Und gerade jetzt, wo
man noch so mde ist.
    Konstantin kam und mit ihm Willy, der Susanna die Hand kte und sich
vershnlich zeigte. Ja, und Konstantin schien wirklich nicht bei rosiger Laune,
er war ganz verstrt und warf sich, ohne zu sprechen, auf eines der Polster
nieder.
    Hast du Hallwig gesprochen? fragte Maria nach einer Weile.
    Nein, nur Petersen - er kam heute in meine Wohnung und kndigte mir die
Freundschaft.
    Warum hast du auch mit der Murra gebuhlt?
    Gott, nur so - ich mag sie ja eigentlich gar nicht, und das hab' ich ihm
auch gesagt. Aber es schien ihn nur noch mehr zu reizen. Er hat ein frmliches
Protokoll aufgenommen und wird es wohl Hallwig unterbreiten.
    Und glaubst du, da er deshalb...
    Ach, ich wei nichts, seufzte der Sonnenknabe, manchmal mag ich berhaupt
nicht mehr. - Frher konnte ich tun, was ich wollte - wenn ich log oder
klatschte und ihre Mdchen in mich verliebt waren, fanden sie es nur enorm, und
jetzt wird mir alles das pltzlich vorgeworfen.
    Ist Eifersucht nicht eigentlich unheidnisch? fragte Susanna nachdenklich.
    Ja, gewi, nur bei Petersen nicht - bei ihm gehrt sie zur Geste, und seine
Gesten werden immer respektiert. Aber ich habe diesmal wirklich nicht daran
gedacht.
    Und vor allem, da es gerade die Murra war, sagte Maria, sein Modell - du
httest dich gerade so gut an der Urzeit selbst vergreifen knnen.
    So wird es mir wohl auch ausgelegt werden - du sollst sehen, sie werden
mich jetzt fr molochitisch erklren.
    Und meine Seele ist am Erlschen, murmelte Maria vor sich hin wie eine
Lektion.
    Ach, Maria, sagt Willy sentimental, aber sie hrt nicht darauf, sie sieht
nur wie erstarrt in die Flammen.
    Aber gerade jetzt - und gerade uns beiden...

Ich vermute, da sie dabei an die Zauberhoffnungen dachte, von denen wohl ganz
Wahnmoching erfllt ist, und die, wie man wei, eine strenge Scheidung der
Substanzen erfordern. Da es ihr ungerecht und bitter erscheint, wenn man eben
jetzt den Sonnenknaben verwirft und an ihrem Wert zweifelt... Es will mir ja
auch nicht recht in den Kopf, da da persnliche Konflikte eine solche Rolle
spielen knnen. Aber ich sehe wohl nicht tief genug, um zu verstehen, warum die
Zinnsoldaten ihre Seele auslschen und warum es molochitisch war, da Konstantin
mit des Indianers Weib buhlte.
    Tags darauf sprach ich auch noch mit Willy darber. Immer von neuem versuche
ich, mir ein Bild von diesem Hallwig zu machen, und stets zerrinnt es wieder an
Unbegreiflichkeiten. Wie ein zrnender Gott scheint er ber Wahnmoching zu
walten, aber immer aus der Ferne, immer in Nebel gehllt.
    Und ich, der Belanglose, bin vielleicht verurteilt, ihn niemals
kennenzulernen - wenn nicht der Zufall oder eine innere Notwendigkeit es so
fgt. Aus eigener Initiative werde ich wohl niemals den ersten Schritt wagen -
gerade jetzt, wo selbst die Nchsten sich nicht trauen, seine Zauberkreise zu
stren, und ganz Wahnmoching in ahnungsvollem Abwarten verharrt, wer auserwhlt
und wer verworfen wird.
    Ich fhle heimliche Eifersucht auf den Panther, er ist so gro, blond und
gewaltig - das ist wohl die Wikingersubstanz, durch die er Susannas Herz
gewonnen und sich bei den Enormen die Zugehrigkeit erworben hat.
    Heut morgen war er da, sie sprachen lange zusammen in Susannas Zimmer - in
der Kche saen derweil Konstantin und Maria mit Hofmann, sie klagten ihm ihr
Leid, und er schien sehr nachdenklich.
    Ich flchtete mich zu Willy, denn ich war berall im Wege. Auch unsere
Unterhaltung drehte sich um Hallwig und die Zauberei. Es ist, wo zwei oder drei
Wahnmochinger beisammen sind, von nichts anderem mehr die Rede.
    Willy gehrt zu den Unglubigen, er bezweifelt, da etwas dabei zustande
kommt, und hlt die ganze Hoffnung fr ziemlich illusorisch.
    Ja, wenn Delius sich daran beteiligte, meinte er, dann knnten vielleicht
wunderbare Dinge geschehen, aber der hlt nichts vom Zaubern.
    Warum denn nicht?
    Ich wei nicht - vielleicht findet er es berflssig -, und ob Hallwig und
der Professor allein damit ressieren...?'' Ich genierte mich, schon wieder zu
fragen: warum nicht?, aber ich tat es doch.
    Ja, das ist nicht so einfach zu erklren - Hallwig hat ja gewi einige
Anlagen zum Zaubern. Sie sehen selbst, was fr eine starke Suggestion er auf
andere ausbt. Aber es scheitert immer wieder daran, da er sich mit seiner
Umgebung brouilliert. Er sucht mglichst viele kosmische Substanzen um sich zu
sammeln - kreiert Sonnenknaben, Hetren und Priesterinnen - dann wirft er wieder
alles um, wie bei einem Schachbrett die Figuren, und sagt, es sei doch nichts
gewesen. Schlielich wird nur noch er selbst brigbleiben.
    Und der Professor?
    Der macht es gerade umgekehrt und bejaht, was nur zu bejahen ist. Er wird
vielleicht in einem Atem bejahen, da Maria und Konstantin doch enorm sind und
da Hallwig in allem, was er tut, recht hat. Wir alle lieben ihn ja gerade
deshalb - es ist eine wirklich liebenswrdige Eigenschaft, aber in diesem Falle
kann sie ihm verhngnisvoll werden. - Wieso? - Ach, Sie fragen so viel, und
ich hab' noch nicht einmal gefrhstckt. Seit Orlonsky fort ist und die
Wahnmochingerei auch unser friedliches Eckhaus verheert, ist es wirklich recht
zum Verzweifeln.
    Wir riefen mit vereinten Krften nach Chamotte.
    Am Ende sitzt er auch irgendwo und spricht ber Hallwig, meinte Willy,
oder er sucht sich ber seine Substanz klarzuwerden.
    Nein, er sa unten im Flur und spielte die Flte. Susanna hatte ihn als
Trhter angestellt, um etwaige lstige Besuche fernzuhalten.
    Er brachte uns dann Kaffee, und es wurde gemtlicher.
    Wissen Sie, lieber Freund und Dame, sagte Willy, Sie sind etwas zu spt
gekommen. Die groe Wahnmochinger Bewegung hat sich schon berlebt - noch ehe
sie eigentlich das Licht der Welt erblickt hat.
    Und ich dachte, es sollte gerade erst anfangen, entgegnete ich trbe.
    Ja, Sie haben, wie mancher andere, das Ende mit dem Anfang verwechselt. Wir
alten Eingeborenen knnen uns darber nicht tuschen - wir haben auch alle
gefhlt, da dieser berauschte Karneval nur ein Versuch war, wieder
zusammenzufgen, was sich innerlich zu zerspalten droht. Sie haben ja selbst
gesehen, da Hallwig nicht daran teilnahm. Das ist ein schlimmes Symptom. Und
auch Delius soll gemurrt haben, da man dem Csar Ehren erwies, die nur Gttern
zukommen. Aber noch hofft man auf Zeichen und Wunder, und alles wird davon
abhngen...
    Whrend der letzten Worte war Susanna ins Zimmer getreten; unten fiel die
Haustr drhnend ins Schlo, der Panther schien sich entfernt zu haben.
    Hrt auf, hrt um Gottes willen auf, sagte sie, wir werden ja allmhlich
noch alle verrckt. Hofmann ist ganz aufgeregt fortgegangen, Konstantin hat sich
aus Verzweiflung schlafen gelegt, Chamotte blst unentwegt die Flte, und Maria
sitzt in der Kche und weint.
    Auerdem ist es bald zwei Uhr nachmittags, und wir sitzen hier beim ersten
Frhstck, bemerkte Willy strafend, wenn Maria in der Kche weint, werden wir
wohl schwerlich zu einem Mittagessen kommen.
    Ich schlug vor, wir knnten in die Stadt gehen und nachher den Philosophen
besuchen.
    Und an Orlonsky telegraphieren, da er wiederkommt, sagte Willy energisch,
es ist Zeit, da wir wieder eine geordnete Existenz anfangen.
    Und Susanna erklrte sich einverstanden.

                                       14


                                                    Eine Woche spter im Eckhaus

Wenn Willy recht htte - wenn ich zu spt gekommen bin - ich komme ja immer zu
spt oder zur unrechten Zeit, bei den Frauen, bei allem mglichen.
    Es ist kein besonders freundlicher Stern, der ber meiner Biographie waltet,
das wei ich lngst, und doch erscheint es mir unfalich, da die Gtter
Wahnmochings Untergang beschlossen haben, nur damit sich meine Biographie
vollendet - nur damit ich auch dieses Mal zu spt komme, gerade da, wo mein
grtes Erleben - Miterleben - sich erfllen sollte. Aber auch Willy sagt ja,
da man noch auf Zeichen und Wunder hofft.
    Das Zeichen und Wunder eben steht bei Hallwig - ach, ich wiederhole mich
bestndig und verwirre mich immer mehr, obwohl all mein Streben nur nach
Klarheit geht. Ich bin hier geblieben, ich bleibe vielleicht noch lange hier,
denn Susanna und Maria haben mich darum gebeten. So hause ich hier unten in dem
groen Gastzimmer, und meine Biographie verwchst immer inniger mit der des
Eckhauses.
    Meine Gegenwart sei ihnen so trstlich, sagten die Mdchen. Gerade die
matte, neutrale Note, die mir eigen ist, und da mir trotzdem immer das Herz weh
tut.
    Das haben sie gern, und ich selbst wei mir wohl nichts Besseres, als um
diese Frauen zu sein, die mich milde zu meinem eigentlichen Wesen verurteilen.

Orlonsky ist zurckgekommen, das Interieur wiederhergestellt, nur geht das Leben
etwas stiller als vorher - Besuche kommen und gehen - wir selbst kommen und
gehen, aber die laute Freude und sorglose Unruhe scheint etwas gedmpft. Und
drauen weht Frhlingswind.

                                                                        10. Mrz

Mit Maria bei Hofmann. Es war kein Jour, und wir trafen nur zwei Gste dort.
Aber diese zwei sind in unserem Stadtteil eine seltene und auffallende
Erscheinung - eine junge Polin mit flammend rotem Haar und bleichem, fanatischem
Gesicht, sie nennt sich Jadwiga, und ihr Begleiter ist ein Rabbi von der
deutschen Ostgrenze. Wir haben sie im Karneval kennengelernt, ich glaube, es war
die Kappadozische, die sie entdeckt und in Wahnmoching lanciert hat. Wieso und
warum die beiden in das Faschingstreiben gerieten, ist bisher unklar geblieben,
denn eigentlich sind sie nur unterwegs, um fr den Zionismus Propaganda zu
machen. Darber wurde auch an diesem Nachmittag viel gesprochen, und es war
nicht uninteressant, wie Jadwiga von dem Elend der israelitischen Bevlkerung in
ihrer Heimat erzhlte.
    Sie sa auf einem Schemel zu Fen der Hausfrau und sprach immer weiter von
ihrer Kindheit; was sie erzhlte, waren zum Teil seltsame, phantastische
Erlebnisse, und unleugbar ging ein gewisser Charme von ihr aus, der die Zuhrer
mehr oder minder gefangennahm (der Rabbi lehnte derweil finster und schweigend
an der Wand). So schilderte sie einen alten, moosbewachsenen Ziehbrunnen und wie
sie als Kind immer in diese runde, grne Tiefe hineingesehen und dabei frmliche
Visionen gehabt habe. Und noch vieles andere - aber bei der Geschichte vom
Ziehbrunnen sprang der Professor auf, durchma das Zimmer mit groen Schritten
und fragte ganz erregt:
    Wissen Sie, da Brunnen kosmische, dionysische Erlebnisse sind?
    Ich wute es nicht, antwortete sie, und ihr blasses Gesicht strahlte vor
Freude. Aber nun kam Delius aus dem Nebenzimmer, er hatte dort schweigend
gesessen und in einem Buch geblttert - wir wuten gar nicht, da er da war.
    Gewi߫, sagte er, gewi, Herr Professor, aber es kommt vor allem darauf
an, wer sie erlebt. Gleich darauf verabschiedete er sich, warf noch einen
kalten Blick auf den Rabbi und ging.
    Es war keine Szene, nicht einmal ein Wortwechsel; es war gar nichts, und
doch hatte man das Gefhl, es sei etwas vorgefallen, und gab sich alle Mhe, das
peinliche Gefhl wieder zu verwischen.
    Ach, Barmherzigkeit, sagte Willy, als wir ihm davon erzhlten, ist der
Rabbi immer noch da? Bei mir ist er auch schon einmal gewesen, um mich fr Zion
zu gewinnen, aber es lockt mich nicht - das Eckhaus ist viel sympathischer. Und
die Jadwiga ist mir ein Schrecken - sie sieht zum Beispiel immer einen schwarzen
Hund, wenn jemand irgendwie abtrnnig wird, solche Leute sind ungemtlich.

                                                                        16. Mrz

Ein aufregendes Erlebnis...
    Ich sitze mit Susanna allein in der Kche, vor uns eine Flasche Cherry
Brandy, den sie besonders liebt. Es ist sehr spt, die andern schlafen schon.
Wir nehmen hier und da ein Glschen, wir sind etwas sentimental und sprechen von
unserem Leben, ich von der Frau, die ich so gerne finden mchte, sie von dem
Panther, den sie gefunden hat und der ihr viel Herzeleid bereitet. - Die anderen
sind immer noch unzufrieden und eiferschtig, und er selbst, der Panther, hat
eben seine Wikingersubstanz vllig in Hallwigs Dienste gestellt. So hngt nun
auch ihr Liebesglck von diesem Beherrscher aller geheimnisvollen Dinge ab. Sie
kommt auch hier und da mit den Enormen zusammen, aber ihre Substanz ist noch
nicht festgestellt. Und wenn ich nun als minderwertig befunden werde, sagte
sie, dann ist es vorbei, dann darf er mich nicht mehr, und wehmtig erinnern
wir uns an den Abend, wo neben seinem bunten Fell sich unsere Hnde fanden.
    Aber man soll wohl auch kein buntes Fell an die Wand malen, denn whrend wir
noch so sprachen, ertnte unten ein rasendes Klingeln - dreimal - sechsmal -
neunmal - wir hrten Chamottes Stimme an der Haustr, gleich darauf wurde
aufgemacht, und Konstantin kam die Treppe herauf, in uerst derangiertem
Zustand, ohne Hut, ohne Rock und Weste, ja selbst ohne Kragen. Es dauerte eine
Weile, bis er wieder zu Atem kam und uns Aufklrung geben konnte. Er hatte nach
Hause gehen wollen, und zwar wie gewhnlich ber die kosmische Wiese (so nennt
man eine ausgedehnte Grasflche an der Grenze von Wahnmoching). Aber kaum da er
die Wiese betreten hatte, rief ihn jemand beim Namen, er erkannte den Panther
und blieb stehen, da er nichts Bses ahnte. Der Panther aber sprach kein Wort
weiter, sondern suchte sich seiner zu bemchtigen, und gleichzeitig glaubte er
Petersen, die Murra und sogar Hallwig zu bemerken, die sich abwartend in einiger
Entfernung hielten. Der arme Junge, es fehlte ihm sicher nicht an Mut, aber er
sagte, es habe ihn pltzlich ein Grauen erfat, da irgend etwas Entsetzliches
mit ihm vorgenommen werden sollte, und so versuchte er statt aller Gegenwehr
sich loszuwinden, wobei er ein Kleidungsstck nach dem anderen einbte, denn
der Panther packte stets von neuem wieder zu. Schlielich gelang es aber doch,
und er war so gerannt, da der andere ihn nicht einzuholen vermochte, sondern
grollend umkehrte.
    Wir gaben ihm Cherry Brandy zu trinken, und er erholte sich allmhlich. Die
anderen waren durch seine geruschvolle Ankunft aufgeweckt worden und kamen
frierend in ihren Nachtgewndern herbei. Die allgemeine Aufregung war gro, und
man wute sich das Vorgefallene nicht recht zu erklren. Konstantin erzhlte,
Petersen htte ihm bei ihrer letzten Unterredung befohlen, sich aus dem
Weichbild Wahnmochings zu entfernen, aber er habe sich geweigert, und vielleicht
wollte man ihn jetzt mit Gewalt dazu zwingen - warum aber dann die Gegenwart der
anderen - der Murra?
    Maria war vllig konsterniert und dachte angestrengt nach, der sonst so
skeptische Willy meinte mit einem leichten Schauder, es gbe wohl auch
heidnische Ritualmorde, vielleicht sollte Konstantin angesichts der Murra
geschlachtet werden, um sie, die sich im Karneval mit ihm vergangen, zu
entshnen - oder man brauche Blut von Sonnenknaben zu Zauberzwecken.
    
    Die spte Nachtstunde trug dazu bei, da uns sehr unheimlich zumut war. Es
fror uns, Orlonsky machte ein groes Feuer im Herd an und strkte uns mit
Kaffee. Dann legte er einen geladenen Revolver auf den Tisch und erklrte, gegen
etwaige berflle sei man gewappnet - im brigen halte er jene Leute nur fr
verrckt.
    Mir fiel der Morgen bei Adrian ein - und da der Professor damals sagte, auf
den Verrat kosmischer Geheimnisse stehe der Tod.
    Die anderen wollten es nicht glauben, aber Susanna besttigte, da sie es
ebenfalls gehrt htte. Konstantin wurde bla: Habe ich denn kosmische
Geheimnisse verraten? sagte er und sah Maria fragend an. Die zuckte die
Achseln: Das wei man ja nie.

Wir saen um den Tisch, tranken unseren Kaffee, zwischen den Tassen lag der
Revolver, und niemand dachte mehr an Schlafengehen.
    Als es dann wirklich noch einmal drauen lutete, griff Orlonsky nach der
Waffe, aber Susanna hielt ihn zurck. Sie ging selbst ins Nebenzimmer und
verhandelte vom Fenster aus mit dem Panther, der drauen stand und Konstantins
Herausgabe verlangte.
    Er sei nicht hier - was er denn von ihm wolle.
    Das ist meine Sache, antwortete der Panther lakonisch und drohend. Dann
verlangte er ihr Wort darauf, da Konstantin wirklich nicht im Hause wre.
    Wir horchten gespannt und bewunderten im stillen, wie standhaft sie log und
ihn auch schlielich zum Fortgehen zu bewegen wute.
    Er glaubt mir alles, sagte sie nachher, nur nicht, da ich lgen kann.
    Willy suchte sie zu beruhigen, da das Ehrenwort einer Frau immer
illusorisch wre, aber Susanna sa stumm und bleich in einer Ecke und sprach
keine Silbe mehr.

                                       15


                                                                        19. Mrz

Maria hat Petersen und Hallwig aufgesucht. ber den Vorgang auf der kosmischen
Wiese bewahren sie hartnckiges Schweigen. Nur hat man ihr nahegelegt, da sie
jeden ferneren Verkehr mit dem Sonnenknaben zu meiden habe, sonst wrde sie
demselben Schicksal verfallen, denn unter den Trgern kosmischer Substanzen, die
allein an allem Kommenden teilnehmen wrden, msse unbedingte Solidaritt
herrschen.
    Maria ist ein Bild der inneren Zerrissenheit.
    Ich pfeife auf die Substanzen, sagt sie geqult (und das ist die
furchtbarste Lsterung, die man hier aussprechen kann), aber einen Bruch mit
Hallwig berlebe ich nicht.
    Dann brich mit mir, schlgt Konstantin wehmtig vor, und statt der Antwort
fllt sie ihm um den Hals:
    Ach Unsinn, wie sollten wir das wohl machen? Aber was soll jetzt aus dir
werden?
    Vorlufig knnen wir ihn hier noch verstecken, meint Susanna, nur auf die
Lnge wird es schwerlich gehen.
    Marias Zorn wendet sich jetzt gegen die Freundin; sie wirft ihr vor, da sie
nur ihren Panther behalten wollte, auch wenn er seinen Blutdurst an ihren besten
Freunden zu stillen suchte. Susanna gibt das zu, hlt es aber fr berechtigt,
weil sie ihn liebte - Maria wollte doch auch weder von Konstantin noch von
Hallwig lassen. Kurz, es ist kein Ausweg zu finden, wer wen aufgeben soll und
was berhaupt dadurch erreicht wrde.

Obwohl wir alle geschwiegen haben, ist der Sturz des Sonnenknaben und der
nchtliche berfall schon in ganz Wahnmoching bekannt und hat allgemeine
Beunruhigung hervorgerufen. Unwillkrlich drngt sich wohl allen die Frage auf,
ob nicht noch weitere unvorhergesehene Geschehnisse eintreten, weitere Opfer
gefordert werden knnen - und ob es dann immer so glcklich abluft wie in
diesem Fall.

                                                                        23. Mrz

War es Vorahnung, da ich diese Worte hier niederschrieb, oder beginnt schon
unsere erregte Phantasie ihr Spiel mit uns zu treiben? Schon eine ganze Weile
hat keiner von uns den Philosophen gesehen, obgleich ich ihn in seiner Wohnung
und im Caf verschiedentlich aufzufinden suchte. Er pflegt sich auch sonst hier
und da im Eckhaus sehen zu lassen.
    Ich machte mir schon allerhand Gedanken darber - - sollte er mich meiden,
weil ich zuviel frage? Aber das war kaum anzunehmen, denn seine Langmut ist
gro, und er hatte uns ja aus freiem Antrieb noch ein theoretisches Souper in
Aussicht gestellt.
    Da kam nun gestern Adrian ins Eckhaus und berichtete, der Philosoph sei
allem Anschein nach wirklich verschwunden.
    Er htte ihn vor zirka zehn Tagen - in ein langes Cape gehllt, das er sonst
niemals trgt - in der Richtung auf die Stadt zu gehen sehen, und Sendt ging
ganz gegen seine Gewohnheit so rasch, da man ihn unmglich einholen konnte.
Aber seitdem habe ihn niemand mehr erblickt.
    Wer wei߫, sagte Adrian achselzuckend, wer wei, ob da nicht schon
magische Einwirkungen im Spiel sind; das lange Cape war gar zu auffallend, und
der Philosoph ist ihnen immer etwas unbequem gewesen. Wir wissen ja doch alle
nicht, wann es anfangen soll. Der Professor tut in letzter Zeit ganz besonders
geheimnisvoll und will selbst die harmlosesten Fragen nicht mehr beantworten. Er
ist fters mit Hallwig zusammen - vielleicht knnen sie es schon..., er brach
ab und rusperte sich bedeutungsvoll, brigens, Monsieur Dame - es hat mich
sehr gefreut Sie kennenzulernen, und ich hoffte, wir wrden noch hufig
zusammenkommen, aber so, wie die Sache liegt, wieder machte er eine Pause und
fuhr dann sehr lebhaft fort, nein - ich habe eingesehen, da Wahnmoching doch
nicht der rechte Boden fr mich ist - wahrscheinlich auch fr Sie nicht und fr
niemanden, der noch irgendwelchen Wert auf seine Individualitt legt. Sie wissen
doch, da ich einen Band Gedichte herausgeben wollte - ja? Nun, eben in diesem
Gedichtband behandle ich verschiedene Dinge, von denen hier in unserem Vorort
viel die Rede ist; jeder wei von ihnen, alle sprechen darber. Ich lese also
neulich dem Professor daraus vor, zufllig ist auch jener Herr mit der
Wikingersubstanz zugegen - wie heit er doch gleich? - der den armen
Sonnenjungen...
    Ich wei es auch nicht - Sie meinen wohl den Panther?
    Ja, richtig, eben, dieser Panther war dabei, sagte kein Wort und schien
sogar Gefallen daran zu finden. Aber ein paar Tage spter erfahre ich, da man
mich beschuldigt, schwerwiegende Geheimnisse profaniert zu haben. Was sagen Sie
dazu? Ich fand es sehr bedauerlich. Bedauerlich? - ja, das ist das rechte
Wort. Glauben Sie mir nur, Monsieur Dame, es haben wohl wenige so schne, ja
verwegene Hoffnungen auf die Bewegung unseres Stadtteils gesetzt wie gerade ich.
Mit Freuden wre ich bereit gewesen, meine Persnlichkeit und mein Talent in
ihren Dienst zu stellen, aber in meinem Schaffen, in meiner knstlerischen
Individualitt will ich unbehelligt bleiben und sie nicht derartigen
Verdchtigungen preisgegeben sehen. Zudem fhle ich gar keine Neigung, mich
ebenfalls einem Renkontre auf der kosmischen Wiese auszusetzen.
    Er wollte dann noch Susanna adieu sagen, und wir lieen sie rufen. Sie war
sehr betroffen und uerte ihr Bedauern.
    Ja, teure Susanna, wenn Sie es nicht besser verstehen, Ihre Raubtiere zu
zhmen.
    Glauben Sie, da auch Sendts Verschwinden mit ihm zusammenhngt? fragte
sie schuldbewut; es bedrckte sie sichtlich, da hier schon wieder der Panther
im Spiel war.
    Gott wei, vielleicht war es nur sein abgeschiedener Geist, der, in ein
Cape gehllt, davoneilte, und seine Gebeine bleichen auf der kosmischen Wiese.
    Susanne lchelte unglubig und sagte mit einem Seufzer: Ach, ich mag bald
berhaupt nichts mehr davon hren, hoffentlich gibt es nun endlich wieder Ruhe.
    Glauben Sie nur das nicht, erwiderte Adrian leicht mysteris, es sollen
selbst im inneren Kreise Mihelligkeiten herrschen. Delius ist seit dem Fest
sehr verstimmt - wegen der Lampengeschichte -
    Lampengeschichte?
    Aber ich bitte Sie - Sie waren doch selbst dabei, als der erste Umzug
beginnen sollte. Delius hatte eine kleine antike Lampe in der Hand.
    Richtig, ja, und Frau Hofmann beschwor ihn, sie wegzustellen, weil sie
tropfte.
    Das war eben nur ein Vorwand, der Csar sollte der einzige sein, der ein
Licht trug. Jedenfalls fate Delius es so auf; ich hrte selbst, wie er
leidenschaftlich ausrief: Nein - nein, ich lasse sie mir nicht fortnehmen, und
auch nachher noch ganz emprt zu einer Bacchantin uerte: Denken Sie nur, die
Lampe haben sie mir nehmen wollen - es scheint, da in diesem Hause niemand
auer dem Csar ein Licht tragen darf. Wie ich Delius kenne, wird er das nicht
so bald wieder vergessen - aber, Gott sei Dank, mich berhrt das alles jetzt
nicht weiter, ich gehe nach Berlin. Hoffentlich sehen wir uns dort bei
Gelegenheit einmal wieder.
    Damit verabschiedete er sich und eilte froh einer neuen Zukunft entgegen.
Wir aber blieben deprimiert zurck.

                                                                        28. Mrz

Wir fhlen uns ungemtlich...
    Kein Philosoph mehr, kein Adrian, kein Sonnenknabe - denn auch der hat es
vorgezogen, Wahnmoching vorlufig zu verlassen.
    Und wir haben mancherlei peinliche Situationen zu berstehen. Der Panther
hat eine frmliche Haussuchung abgehalten, da er Konstantin hier vermutete.
Maria gab sich keine Mhe, ihren Unwillen zu verbergen, und hetzte die beiden
mnnlichen Hausbewohner gegen ihn auf, so da es vorher, nachher und whrenddem
zu sehr unangenehmen Errterungen kam und Susanna einen schweren Stand hatte.
    Am gleichen Tage besuchte uns Hofmann mit der Jadwiga, und eine halbe Stunde
darauf stellte sich auch Delius ein. Dies Zusammentreffen war beiden Teilen
anscheinend nicht willkommen. Die Polin ist sehr gesprchig, sie erzhlte wieder
viel aus ihrem frheren Leben, und Delius verfolgte alles, was sie sagte, mit
der Aufmerksamkeit eines Detektivs. Wenigstens kam es uns so vor, und der
Professor war uerst nervs.
    Willy versuchte manchmal eine scherzhafte Ablenkung und fragte unter
anderem, ob sie wieder den schwarzen Hund im Traum gesehen habe.
    Ja, sehr oft, antwortete sie ernsthaft, worauf Delius sich erkundigte, was
es denn mit dem schwarzen Hund auf sich habe. Jadwiga erklrte ihm, sein
Erscheinen bedeute Abtrnnigkeit, Unheil und Verwirrung - auch wenn jemand von
ihren nheren Bekannten sich selbst untreu werde, pflege er sich einzustellen.
    Oh, das ist ja sehr interessant, uerte Delius, wissen Sie denn auch
jedesmal, auf wen der Traum sich beziehen soll, Frulein Jadwiga? Er sah sie
dabei hflich, aber mit steinernem Blick an, sie wandte ihm ihr bleiches Gesicht
mit den brennenden Augen zu und erwiderte langsam:
    Nein, Herr Delius, das stellt sich meistens erst spter heraus.
    Hofmann sah, whrend diese Worte fielen, ber alle Anwesenden hinweg zum
Fenster hinaus, und Susanna meinte vershnlich: Ach, das ist doch einfach ein
Aberglaube.
    Aberglaube - was ist das? fuhr nun der Professor auf.
    Ich denke, Herr Professor, im allgemeinen bedeutet es wohl einen Gegensatz
zum wahren Glauben - aber manchmal hat auch der Aberglaube seine Berechtigung.
    Hofmann entgegnete gereizt, da ihm darber nichts bekannt sei, und die
Stimmung wurde so frostig, da wir alle froh waren, als sie aufbrachen.
    Delius blieb noch etwas lnger und fragte, ob wir bemerkt htten, da der
Professor neuerdings eine gelbe Krawatte trage. Das habe er frher nie getan,
und es ist eine sehr bedenkliche Farbe. Maria war an diesem Tage ungewhnlich
reizbar. Was gehen mich seine Krawatten an, sagte sie, meinetwegen soll er
sie Jadwigas schwarzem Hund umbinden. Delius sah sie erstaunt an und uerte in
tiefem Ernst: Damit haben Sie wohl das Richtige getroffen - aber es bleibt noch
abzuwarten, ob es ihm gelingen wrde, den schwarzen Hund auch zu erdrosseln.
    Ich habe keine Ahnung, was er damit meinte. Und der Philosoph ist nicht da.

                                                                           April

Ich ging im Stadtgarten spazieren und begegnete der kappadozischen Dame. Sie war
allein, und ich konnte nicht umhin, mich ihr anzuschlieen. Anfangs war es mir
nicht ganz recht, denn ich wollte ungestrt meinen Gedanken nachhngen, aber
dann tat es mir ganz wohl, aus meinen Grbeleien herausgerissen zu werden, und
sie war sehr gesprchig, war voller Mut und Zuversicht.
    Warum ich mich nicht fter bei Hofmanns sehen lasse, ob ich denn gar nicht
wisse, was dort vorgehe? Die Jadwiga - ja, dieses wunderbare Wesen wre ohne
Zweifel dazu bestimmt, auerordentliche Dinge zu vollbringen.
    Und freudestrahlend erzhlte sie mir, die Zeit, der man so lange schon
entgegengehe, wre nunmehr nahe herangekommen - ganz nahe; und zwar sei es
Hofmann, der die Mglichkeit zu einer neuen Blutleuchte entdeckt habe - eine
Mglichkeit, an die bisher niemand gedacht.
    Im Karneval? fragte ich.
    Nein, im Zionismus - aber, Herr Dame, setzte sie fast erschrocken hinzu,
ich bitte Sie, hierber strengstes Stillschweigen zu bewahren.
    Des weiteren erfuhr ich, da selbst Hallwig noch nicht darum wisse. Er ist
zur Zeit verreist, um mit einem Kapitalisten ber die Grndung der Heidenkolonie
zu unterhandeln, der Panther begleitet ihn. (Sollte Susanna deshalb gestern so
verweint ausgesehen haben?) Erst bei seiner Rckkehr gedenke man ihn damit zu
berraschen, und dann stehe nichts mehr im Wege, da alles, selbst das
Unerhrteste, sich erflle.
    Sie dachte wohl, da mich auch ihr persnliches Leben interessiere, denn sie
vertraute mir an, auch fr sich selbst erhoffe sie neue geheimnisvolle Krfte
und mache zu diesem Behuf eine innere Luterung durch. Mit Magie - ja, frher
habe sie sich wohl mit Magie beschftigt, aber sie habe lngst erkannt, da es
ein Irrweg sei, vor dem man nicht genug warnen knne.
    Ja, das wre es wohl, meinte ich, da ich nichts anderes zu sagen wute, und
nun sah sie mich prfend an: Wissen Sie, Herr Dame, da Sie eigentlich ein sehr
interessanter Mensch sind und da man hier viel von Ihnen spricht? Man vermutet
auch allerhand Wesenseigentmlichkeiten bei Ihnen, die wohl zu Ihrer Aufnahme in
den internen Kreis fhren knnen, und soweit es in meinen Krften steht, will
ich mich gerne fr Sie verwenden.
    Und schlielich gab sie mir noch den Rat, meinen Verkehr im Eckhaus etwas
mehr einzuschrnken. Die Mdchen dort nhmen es ja doch nicht ernst mit dem
Heidentum, sondern es diene ihnen nur als Vorwand, sich in schrankenloser Weise
zu vergngen. Maria - und sie schttelte bedenklich den Kopf - Maria, die einem
Hallwig htte nahe sein drfen, die sich aber trotzdem immer mit zweifelhaften
Elementen umgebe und dadurch seine Kreise stre...
    Ach, was sollen mir alle diese Ratschlge? Adrian empfahl mir dringend, so
bald wie mglich Wahnmoching zu verlassen; und nun wieder die Kappadozische mit
ihrer Warnung vor dem Eckhaus. - Was man guten Rat nennt, geht wohl immer nur
darauf hinaus, zu lassen, was man durchaus nicht lassen kann, oder zu tun, wozu
man nicht imstande ist, berhaupt den eigentlichen Sinn aus dem Leben
wegzunehmen und seinen besten Inhalt zu streichen.

                                                                        8. April

Die Jadwiga hat Maria ganz besonders in ihr Herz geschlossen. Heute schickte sie
ihr einen Blumenstrau, und dabei stand geschrieben:
    Die Heimatlose einer Heimatlosen! - aber Maria wurde darber so zornig, wie
ich sie noch nie gesehen hatte: Was geht mich ihre Heimatlosigkeit an - und sie
meine? Ich soll sie nur bei Hallwig lancieren, aber so fngt man mich nicht!
    Gleich darauf wird sie wieder weich gestimmt, sieht uns der Reihe nach an:
    Wie kommt sie berhaupt darauf? Bin ich etwa heimatlos? Ich habe doch euch
alle und kann immer hier schlafen, wenn ich will.
    Ja, bleib bei uns, Maria, bittet Willy.
    Darauf sie:
    Oh, schweig nur, du bist ein Vampir, sagt Hallwig.
    Willy zieht sich gekrnkt zurck, und die anderen berhufen sie mit
Vorwrfen. Das arme Mdchen - sie ist in einem bestndigen Aufruhr, und man
sollte nicht hart gegen sie sein.
    Die Mitteilungen der kappadozischen Dame lasten schwer auf mir; ich htte so
gerne mit ihnen davon gesprochen, aber ich habe ihre Diskretion gelobt, und es
widerstrebt mir, sie zu brechen. Bald genug werden sie es ja auch so erfahren.

                                                                       24. April

Ich war vierzehn Tage verreist, um mit meinem Stiefvater zusammenzutreffen.
    Nun gehe ich wieder durch die wohlbekannten Straen, und mir ist zumut wie
in einem schweren Traum. Die Bume fangen an grn zu werden, aber es kommt mir
so zwecklos - beinah mchte ich sagen, taktlos - vor, da drauen in der Natur
sich alles auf ein neues Leben vorbereitet, whrend wir Menschen, insbesondere
wir Wahnmochinger, durch sinnlose Verhngnisse darum gebracht werden.
    Zwischen Hallwig und dem Professor ist es zum Bruch gekommen - zu einem
endgltigen und furchtbaren Bruch. Was fr eine Welt ist dadurch in Trmmer
gegangen, noch ehe sie erstanden war! Und wie widersinnig das klingt; aber nicht
widersinniger, als es tatschlich ist. Wer vermchte auch jetzt noch in unserem
Stadtteil Sinn und Widersinn voneinander zu unterscheiden? Man wei auch nicht
mehr, was Tatsache, was Vermutung ist, denn alles ist Geheimnis, und alle
sprechen darber.
    Es heit, Hofmann sei durch jene beiden - den Rabbi und die Jadwiga - so
verblendet worden, da er ungemein starke kosmische Substanzen in ihnen zu
entdecken glaubte und (wie mir ja damals schon die Kappadozische sagte) im
Zionismus die Mglichkeit einer groen Blutleuchte, die ja so sehr herbeigesehnt
wurde. Der Rabbi hat nun, nachdem er sich eine Zeitlang in Wahnmoching
aufgehalten, gemeint, das sei ebensowohl mglich, als da Luther ein Jude wre.
War Luther ein Jude, so mute er eben vorwiegend jahwistisch-molochitische
Substanzen in sich beherbergen. (Jahwistisch ist wohl noch eine strkere Nuance
fr semitisch - ich habe diesen Ausdruck zum erstenmal gehrt.) Und nun hat er
eine Theorie aufgestellt, nach welcher die Juden unbedingt auch kosmische Krfte
besitzen mssen, und behauptet, da sie zu retten wren, wenn man ihnen zur
Blutleuchte verhelfe. Dazu aber sei die Konzentrierung und Ansiedlung des ganzen
Volkes in Palstina, als an seinem Ausgangspunkt, notwendig.
    Als nun Hallwig bei seiner Rckkehr von alledem erfuhr, war er durchaus
nicht einverstanden, sondern beschuldigte Hofmann, da er durch Anwendung der
kosmischen Geheimnisse die Sache der Juden und des Zionismus untersttzen wolle
und somit das Heidentum Wahnmochings an den jahwistischen Moloch in eigner
Person verraten und ausgeliefert habe. Ja, er knne gar nichts anderes damit
beabsichtigen, als auf eigene Hand gewissermaen eine Filiale des angestrebten
kosmischen Reiches zu grnden - nein, keine Filiale, sondern ein direktes
Gegenreich - und sich zum Oberpriester desselben zu machen.
    Ob wenigstens hierin Hallwig nicht doch zu weit gegangen ist? Es ist wohl
kaum anzunehmen, da Hofmann das wirklich wnscht, wo er doch eine angesehene
und auskmmliche Stelle an der hiesigen Universitt innehat - eher noch, da der
schlaue Rabbi ihm seine eigenen ehrgeizigen Plne untergeschoben hat.
    Wie dem auch sei, Tatsache, unumstliche Tatsache ist, da der Professor
schuldig befunden wird, an jenen letzten, uersten, ungeheuren Dingen Verrat
gebt zu haben, da jede Brcke zwischen beiden Kreisen abgebrochen wurde und
Hallwig erklrt hat, die Konsequenzen daraus wrden sich schon von selber
ergeben.

                                       16


Furchtbare Worte, Briefe und Blicke sollen zwischen den beiden gewechselt worden
sein. Aber darber sind natrlich keine Einzelheiten bekannt, sondern es dringen
nur vage Gerchte an die ffentlichkeit, auch ber Delius' letzten Besuch im
Hause Hofmann - kurz darauf habe er in einem zeremoniellen Handschreiben jede
weitere Beziehung fr gelst erklrt. Das Schreiben war in altrmischen Lettern
auf Pergament gemalt und mit einer purpurnen Schnur umwunden, an welcher ein
umfangreiches Wachssiegel hing. berreicht wurde es durch einen Soldaten, den
Delius sich in Ermangelung eines rmischen Sldners aus der stdtischen Kaserne
geholt hatte. Es heit auch, der Vorfall mit der Lampe sei noch einmal zur
Sprache gekommen, die Frau Professor sei zwar bei ihrer Behauptung geblieben,
da sie nur die lflecken gefrchtet habe, Delius aber fasse die Sache nach wie
vor von kosmischen Gesichtspunkten aus auf.
    Ich hrte denn auch sagen, abgesehen von allem anderen wre die Art, wie
dort der Meister geehrt wird, schon lange ein Punkt gewesen, ber den man sich
nicht einigen konnte. Hallwig und Delius wollten nur Gtter und Mysterien so
geehrt wissen, nicht aber einen sterblichen Dichter, selbst wenn er noch so
wrdig sei, bei Festen oder kultischen Handlungen voranzuschreiten - es drfe
sich dennoch keiner vermessen, in Wahnmoching der Erste sein zu wollen. Und auch
das soll Hofmann heimlich angestrebt haben, wenn auch nicht fr sich, sondern
eben fr den Meister.
    Wer recht, wer unrecht hat, was in diesem Labyrinth von Konflikten billig
oder unbillig ist - wer wollte das ergrnden? Man hat ja auch, wie mir der
Philosoph einmal sagte, in Wahnmoching von jeher das Licht der Vernunft
verschmht und ein mystisches Dunkel vorgezogen.

Die Beunruhigung der Gemter ist aufs hchste gestiegen. Bleich und verstrt
sieht man den Professor umhergehen, verngstigt, aber immer noch mit dem
fanatischen Blick die Jadwiga, finster den Rabbi und wehklagend die
Kappadozierin. Hallwig selbst bleibt wie immer unsichtbar, aber ich begegnete
verschiedentlich Delius auf dem Wege nach seiner Wohnung, die jenseits der
kosmischen Wiese liegt. Er hllte sich dicht in seinen Mantel, der immer mehr
einer Toga gleicht, und ging verschlossen seiner Wege, als ob er zu einer
Verschwrung eilte. Man sagt, da die beiden jetzt eine letzte und endgltige
Auslese trfen, denn das Kapital fr die heidnische Kolonie stehe ihnen
tatschlich zur Verfgung. Delius habe eine Liste der in Betracht kommenden
Teilnehmer aufgesetzt, aber Hallwig fast alle Namen wieder gestrichen. Denn seit
der Zionismus hereingespielt hat, ist er sehr mitrauisch und hlt fast alle fr
Juden - selbst Heinz, weil dieser sich gegen die Behandlung des Sonnenknaben,
als seines Vetters, aufgelehnt hat.

Und auch Maria ist nun gerichtet. Man stellte sie noch einmal vor die Wahl, mit
allen zu brechen, die ihre einst gepriesene heidnische Seele gefhrden - seien
es gewesene Sonnenknaben, Verrter mit zionistischen Tendenzen oder nur
friedfertige Vampire (der Vampir steht noch eine Stufe tiefer als der
Molochitische, denn ihm fehlt die zersetzende Kraft, dafr nhrt er sich von den
enormen Substanzen anderer. So gilt zum Beispiel Willy fr einen Vampir, warum
wei niemand, und er selbst spricht nicht gern darber. Deshalb ist auch das
ganze Eckhaus mit einbezogen).
    Wir waren alle beisammen, als das Schreiben, welches diese Bedingungen
enthielt, abgegeben wurde; wir saen dabei, whrend Maria es las und Susanna
ber ihre Schulter mit hineinsah, denn der Panther hatte es abgefat. Man hat
ihm das Ressort der Katastrophen und Brche bertragen. Aber Maria hatte ihren
groen Moment, sie sagte: nein, das knne sie nicht.
    Dann hatten wir ihretwegen noch schwere Stunden zu berstehen. Sie entschlo
sich am Abend, noch einmal zu Hallwig zu gehen und ihn zur Rede zu stellen. So
kalt und offiziell durch einen Brief von fremder Hand wollte sie nicht mit
diesem Teil ihres Lebens abschlieen. uerlich war sie sehr ruhig, trotzdem
fhlte man, da eine furchtbare Spannung in ihr war, und Chamotte erzhlte uns
spter, sie habe vor dem Fortgehen einen von Orlonskys spanischen Dolchen von
der Wand genommen und zu sich gesteckt.
    Gegen Mitternacht kam sie zurck, warf den Dolch auf den Tisch und sagte:
Nein - es ist nichts daraus geworden, es war die ganze Zeit jemand im
Nebenzimmer. Und berhaupt - man stellt sich das doch anders vor.
    Mehr erfuhren wir nicht ber diese letzte Unterredung. Da wir das alles so
selbstverstndlich und ohne besondere Verwendung hinnahmen - bei den
unheimlichen Gerchten, die seit der Affre Konstantin und seit den letzten
Ereignissen umgehen, haben selbst die nchternsten Kpfe sich gewhnt, nichts
mehr fr unmglich oder untunlich zu halten.
    So kam dieser Tage Hofmann zu mir, wir machten einen lngeren Spaziergang,
und er sprach auch ber dieses Thema. Ich wunderte mich erst darber, aber er
sagte, man halte mich fr durchaus vertrauenswrdig - er selbst habe von Anfang
an dieses Gefhl gehabt.
    Und seine Mitteilungen - nun, er vermutet, und mit ihm seine nchsten
Freunde, da von Hallwigs Seite Entsetzliches gegen ihn geplant war: man werde
ihn vielleicht auf mysterise Weise verschwinden lassen, seinen Geist verwirren
oder ihn ums Leben bringen.
    Aber lieber Professor, das ist doch nicht so einfach, wandte ich ein. Er
sah mich von der Seite an:
    Einfacher vielleicht, als Sie glauben, Herr Dame - wissen Sie, da jener
Petersen krzlich geuert haben soll, er wisse siebenundzwanzig Arten, wie man
einen Menschen unbemerkt aus der Welt schaffen knne? Und denken Sie nur an den
Fall Konstantin; sicher wurde auch dabei hnliches beabsichtigt. Es gibt
heidnische Ritualmorde, die vor allem an Verrtern vollzogen werden - und man
hlt mich ja dort fr einen Verrter - mich, lachte er bitter auf, mich, der
fr unsere Sache freudig sein rotestes Herzblut hingegeben htte!
    Davon sind wir alle berzeugt, sagte ich trstend. Wer - wir?
    Nun, ich, die Mdchen im Eckhaus und...
    Hofmann sah mich warm an: Ich danke Ihnen - es sind wundervolle Frauen, die
beiden.
    Dann zeigte er mir seinen Spazierstock - einen schnen Stock mit silbernem
Griff und eingelegten Topasen. Sehen Sie, lieber Dame, ich kann Ihnen nicht
sagen, warum, aber ein erfahrener Freund hat mir dringend angeraten, mich dieses
Stockes zu entledigen - - es spielt da eine symbolische Bedeutung mit. Ich habe
ihn eigens deshalb heute mitgenommen, raten Sie mir nun, wie ich ihn beseitigen
soll, aber so, da er nicht wieder aufgefunden wird.
    Wir gingen gerade hinter dem Stadtgarten an einem schmalen Flchen entlang,
und ich schlug vor, ihn ins Wasser zu werfen. Das leuchtete ihm auch ein, wir
blieben stehen, Hofmann schwang den Stock ein paarmal um sich selbst,
schleuderte ihn dann aber, wie uns beiden schien, zu weit, denn wir sahen ihn
nicht fallen und muten annehmen, da er jenseits des schmalen Flusses in einem
der drben gelegenen Privatgrten gelandet sei.
    Bestrzt sahen wir uns an: Das ist ein bses Omen, stammelte Hofmann; er
war einen Moment ganz auer Fassung.
    Ich erbot mich, in der Villa drben anzufragen, aber er sagte, nein, auf
keinen Fall, er wolle ihn nicht noch einmal in Hnden haben. Noch schlimmer sei
es allerdings, wenn er in den Besitz von jemandem gelange, der ihm belwolle.
Dieser Gedanke schien ihm sehr viel Sorge zu machen. - In beklommener Stimmung
traten wir den Heimweg an, und ein diesmal wirklich rtselhafter Zufall wollte
es, da wir dicht bei Hofmanns Wohnung Petersen begegneten. Er ging auf der
anderen Seite der Strae, warf einen scharfen Blick herber und ging ohne zu
gren weiter. Hofmann hatte ihn glcklicherweise nicht gesehen, aber ich kann
nicht leugnen, da ich mir meine Gedanken darber machte, und diese Gedanken
waren dsterer Natur.
    Es liegt nicht in meiner Art, irgend etwas leicht zu nehmen, aber jetzt habe
ich manchmal ein Gefhl, als ob alle diese Dinge doch noch viel ernster und
furchtbarer seien, als ich bisher ahnte. Ich bin auch nicht feige, aber
Petersens Blick ging mir durch Mark und Bein. Er wird jetzt wohl denken, da ich
ganz auf Hofmanns Seite stehe. Und wenn ich es tte, wenn ich ihm wie an diesem
Morgen mit Rat und Tat beistehe - wird man dann nicht auch mich mit in sein
Schicksal verwickeln?
    Und noch andere bange Fragen bestrmen mich - ich habe viel persnliche
Sympathie fr ihn. Ob er wirklich Verrat gebt hat, wei ich nicht zu
beurteilen, und dennoch mchte ich nicht zu denen gehren, die in dieser
vielleicht noch fr sptere Jahrhunderte bedeutsamen Angelegenheit eine
zweifelhafte Rolle spielen.
    Selbst wenn meine eigenen Hoffnungen bei diesen letzten Katastrophen wohl
mit untergegangen sind...
    Ja - das Kapital fr die Heidenkolonie soll jetzt da sein. Aber wo sind die
Heiden? Allgemein wird die Vermutung laut, da zuletzt nur Hallwig und Delius
brigbleiben und den Rest ihres Lebens an einsamen Altren vertrauern werden.

                                                                       Im Mai...

Mein Roman - ich frchte, er wird nie geschrieben werden. Es bedrfte wohl einer
gebteren Hand als der meinen, um aus dem, was ich hier erlebte und erleben sah,
eine nur halbwegs zusammenhngende Handlung zu gestalten. Und selbst, wenn ich
es knnte - es kommt mir vor, als ob der Leser sich um den Hhepunkt der
Handlung, den er doch dazu mit gutem Recht erwartet, betrogen fhlen wrde. Denn
ebendieser Hhepunkt ist nie gekommen - es war alles schon vorher zu Ende.
    Der Hhepunkt wrde fehlen, und die letzten Kapitel wrden ihn schmerzlich
anmuten. Ich wei ja selbst noch nicht, wie ich sie berstehen soll.

Alle gehen fort - auch die Eckhausbewohner gedenken Wahnmoching auf unbestimmte
Zeit zu verlassen. Sie luden mich aufs herzlichste ein, mitzukommen, aber ich
fhle nicht mehr die Kraft dazu.
    Ich wei jetzt auch, da Susanna mich niemals lieben wird - ihr Herz wird
immer irgendeinem anderen gehren. Jetzt blutet es noch um den Panther, der sie
schnde verlassen hat; aber als ich seiner neulich Erwhnung tat, fand sie ihr
altes frohes Lcheln wieder, das ich so sehr an ihr liebte, und sagte
zuversichtlich: Oh, der kommt schon wieder.
    Sendt ist wieder da, unversehrt, wohlbehalten und mit dem heiteren Lcheln
des Weisen stand er pltzlich vor uns.
    Wir saen gerade im Garten des Eckhauses um die Maibowle, die Orlonsky mit
kundiger Hand bereitet. Wir feiern alle Tage Abschied, denn keiner wei, wann er
wirklich abreisen wird, und jeder Tag kann der letzte sein.
    Orlonsky stellte wie jeden Abend die Bedingung, da von den Wahnmochinger
Ereignissen nicht mehr geredet wrde, aber kaum hatten wir die ersten Glser
getrunken, so sprachen wir von nichts anderem.
    Maria sah leidend aus, ihre Augen lagen tief in den Hhlen.
    Und doch, sagte sie, und doch - ich werde mich niemals damit abfinden,
da alles das vorbei ist.
    Susanna fate schwesterlich ihre Hand: Wenn wir wieder hier sind, wohnst du
ganz bei uns.
    Ja - und dann?
    Oh - einfach vergessen, sagt Susanna, man hat uns bel mitgespielt, und
es wird besser sein, wir halten uns in Zukunft nur noch an Zinnsoldaten.
    In diesem Moment wurde die Glocke gezogen. Wir fuhren in die Hhe - sollte
der Panther - sollte unser letzter Abend - sollte...
    Aber es war der Philosoph, und er begriff nicht gleich, weshalb man ihn
umringte, begrte und mit Fragen berhufte wie einen Totgeglaubten. Es stellte
sich dann heraus, da er nur eine Frhlingsreise gemacht und nicht mehr die Zeit
gefunden hatte, sich zu verabschieden.

                                                                         10. Mai

Ich habe mich entschlossen, eine weite Auslandsfahrt anzutreten. Was sollte mich
hier jetzt noch zurckhalten? Im Gegenteil - manchmal beschleicht mich eine
Ahnung, als ob auch meiner irgendein grauenvolles Schicksal harrt, wenn ich
bleibe. Ich war noch oft mit Hofmann zusammen, und wenn ich an den Blick denke,
den Petersen mir damals zuwarf... Es heit wohl, da niemand seinem Geschick zu
entrinnen vermag, aber man kann es doch wenigstens versuchen. Chamotte schicke
ich in seine Heimat zurck - ich will ganz allein sein und nichts aus der
Vergangenheit mit hinbernehmen. Er weinte bittere Trnen, als ich ihm das
mitteilte.
    Sei ein Mann, Chamotte, und denke an deine Zukunft, sagte ich, und mir war
elend zumut. Knnte ich auch mir dasselbe zurufen, oder tte es ein anderer -
aber in beiden Fllen wre es ja doch nur grotesk und berflssig. Und meine
Zukunft? - Ich habe keine Zukunft, ich habe nur eine Biographie, und verurteilt,
wie ich kam, gehe ich von dannen; wozu? - das wissen nur die Gtter.

In wenigen Tagen ist alles bereit. Susanna und ihre beiden Gefhrten sind schon
fort. Auch Maria wird nicht lange mehr bleiben.
    Sie hat in den letzten Tagen ein Faible fr mich gefat, aber wir wissen
beide, da es jetzt zu spt ist.
    Manchmal kommt sie zu mir herauf, dann sitzt sie auf einer von den
halbvollen Bcherkisten und erzhlt von alledem, was sie nicht vergessen kann.
Und wir sprechen von den vielen frohen und unfrohen Stunden, die uns gemeinsam
beschieden waren.
    Heute abend denke ich abzufahren.
    Und gestern...
    Sendt kam noch, um mir Lebewohl zu sagen. Er war sehr in Eile und wollte
sich nicht erst niederlassen. Wir schttelten uns herzlich die Hand, und er
wnschte mir alles Gute. An der Tr wandte er sich noch einmal um und sagte:
brigens, wissen Sie, was ich eben im Caf hrte - man hat Hofmann heute
vormittag ins Krankenhaus gebracht, er soll auf der Treppe ausgeglitten sein und
sich mit einem scharfen spanischen Dolch, den er in der Tasche trug, ziemlich
schwer verletzt haben. - Aber, liebe Maria, deshalb brauchen Sie doch nicht so
zu erschrecken, es ist, soviel ich wei, nicht lebensgefhrlich.
    Maria hatte sich von ihrer Bcherkiste erhoben und sah ihn ganz entsetzt an.
    Der Dolch, sagte sie dann mit stockender Stimme, den Dolch hab' ich ihm
doch zum Abschied geschenkt - es war derselbe, den ich damals mitnahm, um
Hallwig...
    Ich verstand wohl, was sie meinte, und Sendt schien es auch zu ahnen, denn
er zog die Augenbrauen in die Hhe und sah nachdenklich drein. Ein leises
Grausen fate mich, und unwillkrlich sprach ich aus, was mir - und vielleicht
auch den anderen - in diesem Augenblick durch den Sinn fuhr:
    Um Gottes willen - sollte Hallwig am Ende doch schon der Zauberei mchtig
sein...
    Mirobuk! sagte der Philosoph und lchelte eigentmlich. Und ehe wir uns
noch recht besonnen hatten, war er gegangen.
