
Geschichte meiner lieben Familie1
[3] Unser Großvater schrieb seinen Namen: »Löw«.
Onkel Alban2 und seine Töchter schrieben desgleichen: »Löw«.
Unser Vater schrieb: »Loew«. –
Wir Kinder!! malten mit deutschen Buchstaben ihm nach: »Loew«.
Komischerweise ist die letzte Schreibart stereotyp geworden.
Die Heidelberger schrieben jedoch immer: »Löw«. –
Unsere vier Urgroßväter hießen:

Nikolaus Loew,
von Traiteur,
Pfister,
de la Condamine.
1 Niedergeschrieben um das Jahr 1860 von Frau Ober-Appellgerichtspräsident Amanda von Dall'Armi.
2 Vater von Marie Löw.















 Nikolaus Loew.
[3]  Ist der Mensch auch allerwärts
 Abgestumpft in Kriegeszeiten,
 Weil er sieht so viele leiden
 Täglich Hunger, Pein und Tod –
 Bleibt ihm doch ein warmes Herz
 Für eines armen Kindes Not. –











Ich kann die Annalen dieser Geschichte nur bis auf unsere Urgroßväter zurückführen. Von diesen aufwärts zu Adam ist mir nichts bekannt. Demungeachtet unterliegt es keinem Zweifel, daß unsere Vorväter lauter ausgezeichnete Menschen gewesen sind, – wo sollten sonst die herrlichen Enkel herkommen? Aber ihre Verdienste blieben im stillen. – Meine Erzählung beginnt in dem Zeitraum zwischen 1690–1710, und mein erster Blick, obgleich nicht in dieser Stadt meine Geschichte beginnt, fällt auf unsere Vaterstadt Speyer. Wie jammervoll hatten unsere raubgierigen Nachbarn, die Franzosen, die unglückliche, früher so blühende Freireichsstadt zugrunde gerichtet! Nur ein einziges Haus war in dem ganzen Weichbilde unter Dach und Fach geblieben. Es war das Gasthaus zum »Riesen«. Es steht mit seinem Erker in der Maximilianstraße wie ein Denkmal vergangener Zeiten. Alle öffentlichen und alle Wohngebäude waren ein Raub der Flammen geworden, darunter auch die bischöfliche Pfalz. Es war in keinem Falle schön, daß dieses Haus an die Domkirche angebaut war. Man sieht noch jetzt, oder sah wenigstens noch vor 30 Jahren, auf der Westseite des Domes zwei Tore, die noch von der Pfalz herrührten, an der Kirche wie in freier Luft hängen, und ich machte mir als Kind oft Gedanken darüber, zu was denn diese Tore eigentlich da seien, und ob durch sie des Nachts Gespenster zögen. Der Palast selbst soll wunderschön gewesen sein, ein wahres Prachtgebäude. Der Bischof von Speyer hatte jedoch infolge seiner häufigen Streitigkeiten mit der Bürgerschaft seine Pfalz schon in früherer Zeit verlassen und war über den Rhein nach Bruchsal gezogen, woselbst er ein zweites Residenzschloß besaß. In seinem höchsten Glanze war Bruchsal nichts weiter als eben eine kleine bischöfliche Residenzstadt. Das Schloß ist noch erhalten, aber ganz verödet. Der Schloßhof gleicht, oder glich wenigstens als ich ihn sah, einer schlecht gepflegten Wiese, und es lebt und regt sich nichts[4]  darin, als eine steife badische Schildwache und die unzähligen Goldfische in den beiden Bassins. Sie erinnern an die Liebhabereien der Rokoko-Zeit.
Im Jahre 1600 und so und so viel, oder 1700 und so und so viel, wo unsere Geschichte zu tagen beginnt, und zwar in der Stadt Bruchsal, sah es in diesem Hofe besser aus. Ist auch die Hofhaltung eines geistlichen Herrn, oder besser gesagt, war auch die Hofhaltung eines geistlichen Herrn nicht das bewegte heitere Bild wie die Umgebung eines weltlichen Herrschers, so war doch damals im Bruchsaler Schloßhof etwas anderes zu sehen als Grasboden und schlammige Fischbehälter. Wohlgenährte Canonici gingen ab und zu, und Bediente in reich gallonierten Livreen folgten ihnen. Es waren die Domherrn von Speyer, welche nach Bruchsal gekommen waren, dem Oberhaupt die Aufwartung zu machen. Diese Herrn gehörten einst dem hohen Adel an und trieben viel Luxus. Sie kamen auch selten zu Fuß von ihrem Absteigquartiere nach dem Schloß. Equipagen wie jetzt gab es freilich damals wenige, allein die nun aus der Mode gekommenen Sänften, in denen es sich recht sanft geschaukelt haben mag, waren zu jener Zeit stark im Gebrauch, besonders bei der hohen Geistlichkeit. Der Bischof selber hatte einen Wagen, eine Staatskarosse. Ich bekam als Kind von einer Deidesheimer Frau Base eine Puppenchaise zum Geschenk, welche in vergangenen Zeiten das Modell des bischöflichen Staatswagens gewesen sein soll. Es war das Fuhrwerk sehr schwerfällig gebaut und hatte eine ähnliche Form wie jetzt ein Omnibus. Das Dach reichte jedoch weit über den Unterbau hinaus, wie an einem Schweizerhause. Auf den vier Ecken des Daches waren schwere, vergoldete Schnitzwerke aufgepflanzt. Der ganze Wagen strotzte von Gold und hatte etwas Unbehagliches. Kutscher und Bediente hatten ungeheuere Perücken auf dem Kopfe und noch größere die beiden Herren, welche in dem Wagen saßen. In jener Zeit war ein Perückenmacher eine wichtige Person, denn, wenn die Herren ihre Köpfe auch noch so hoch getragen, sie trugen die Perücken doch noch höher. Der Bischof hatte viele Hausbeamte und Hofbedienstete, die teils im Schlosse wohnten, teils in der Stadt. So kam es, daß es niemals ganz stille war, weder in noch vor dem Schlosse. Am lebhaftesten aber ging es zu,[5]  wenn »Se. bischöflichen Gnaden« ausfuhren. Da blieb ein jeder stehen und sah mit Lust die Laufer an, welche zuerst aus dem Tore kamen, und hernach den reichen Wagen und die Haiducken. Das alles war recht stattlich anzusehen und gar bunt und prächtig.

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Bruchsal hatte nicht so viel gelitten wie die Städte in Kurpfalz. Am meisten wurden die Einwohner mit den Truppendurchmärschen gequält. Auch an dem Tag, an welchem mein Bericht beginnt, wurde wieder Einquartierung angesagt. Es waren Österreicher, welche nach der Festung Philippsburg marschierten. Es war im Januar, und die Kälte war grimmig.
Also in Bruchsal in der »Kaffeegaß« ist, wenn man von der Hauptstraße hineingeht, auf der linken Seite ein hübsches Haus. Nah an diesem Hause befindet sich ein Brunnen, geziert durch eine mythologische oder allegorische Figur, soviel ich weiß, ist es ein Knabe mit einem Schwan. Die Bruchsaler nannten diesen Brunnen »Das Schwane-Werthel« oder nannten ihn wenigstens so in den alten Zeiten. In diesem Hause wohnte dazumal ein gutes, altes Ehepaar. Es war der Hofperückenmacher Loew und seine Hausfrau. Hier in diesem Hause also wurde an einem grimmig kalten Januartage Einquartierung angesagt, und sie traf auch ein. Unwillkommene Gäste bleiben selten aus. Man hatte mit dem Abendessen hinlängliche Vorbereitung getroffen, und die Stube war durch und durch erwärmt. Eines hatten die sogenannten guten alten Zeiten vor den unsrigen wirklich voraus: man brauchte nicht an Holz zu sparen. Es war Abend und der Tisch war gedeckt; eine dünne Unschlittkerze machte die Beleuchtung aus, und eine Unschlittkerze war damals schon ein Luxus. Die Hofbediensteten bekamen diese Lichter als Besoldung. Es waren acht Gedecke auf dem Tische; zwei für den Herrn und die Frau, zwei für die Gehilfen, eines für die Magd und dann noch drei für die drei Mann Kaiserlichen. Es schlug 6 Uhr, das war die Nachtessenszeit, und an die Haustür tat es drei grobe Schläge; das war die Einquartierung. Der Meister, der Herr Perückenmacher, gab dem jüngeren der Gehilfen den Hausschlüssel – in jener Zeit schloß man die Türe früh – die Frau Hofperückenmacher gab der Magd das Licht mit der Weisung, es nicht schief zu halten. Herr und Frau und Gehilfe Nr. 1 saßen in der dunkeln Stube und hörten[6]  zu, wie der Schlüssel die Haustüre aufschloß und rasche Männertritte auf die Stubentüre zukamen. Die Türe tat sich auf und herein trat, fast geschoben von zwei folgenden Soldaten, die Magd mit etwas ängstlichem Gesicht, in ihrer Hand das bischöflich speyerische Besoldungslicht. Die Soldaten hatten es entsetzlich eilig, stürzten in die Stube nach, und statt des gewohnten Grußes riefen beide halb bittend, halb befehlend: »Supp', Supp', Supp'!« Man war an dergleichen Artigkeiten bereits gewöhnt und deshalb nicht überrascht. Allein die Überraschung kam nach, als der dritte Kaiserliche in das Zimmer trat. Nebst seiner gewöhnlichen Armatur hatte er noch einen Bündel bei sich, oder einen steifen Klumpen, den er in den Armen trug. Er setzte sich rasch damit an den Ofen und rief dabei wie die anderen: »Supp', Supp', Supp'!«. Man beeilte sich, den ungestümen Gästen zu willfahren, und in wenigen Sekunden stand die große Suppenschüssel dampfend auf dem Tisch. Die Soldaten sprangen auf. Die beiden, die zuerst eingetreten waren, wollten ihrem Kameraden seinen Bündel abnehmen, allein er gab ihn nicht aus den Armen. Die ganze Gesellschaft stellte sich um die Tafel, und der Hausherr sprach das Tischgebet. Der Soldat mit dem Bündel aber nahm keinen Anteil an der Andacht, sondern schöpfte sofort einen großen Löffel Suppe auf seinen Teller. Der Hausherr fiel aus dem andächtigen Ton in einen ärgerlichen, aber nur ein wenig. Es fürchtete sich in jener Zeit jedermann vor der Soldateska, auch vor der befreundeten. Die andern schielten etwas neugierig auf des Soldaten Bündel, besonders die Magd. Die Frau Hofperückenmacherin warf ihrer Americhe einen strafenden Blick zu, allein unwillkürlich spähte auch sie ein wenig auf den Bündel hin, und mit dem letzten Worte des Gebetes rief sie laut aus: »E Kind! e Kind! e Kind!« und alle fielen wie im Chor mit ein: »E Kind! e Kind! e Kind!«. Der gutmütige Österreicher fütterte das Kind mit warmer Suppe und hatte wahrscheinlich gedacht, daß dieser Liebesdienst auch ein Gebet sei. Dieses Kind war ein Knabe von ungefähr zwei Jahren und war unser Urgroßvater. Und unser Urgroßvater ließ sich die Suppe recht gut schmecken. Das Kind war halb erstarrt vor Kälte, und die Suppe war warm. Nach der Suppe kam eine große Portion Blutwürste und ein pikant duftender Krautsalat. Wenn es dazumal[7]  in Bruchsal schon Kartoffeln gegeben hätte, so wären auch Kartoffeln gekommen, aber es gab noch keine. Unser Urgroßvater hatte guten Appetit, wie seine Enkel. Er ließ sich auch die Wurst und den Krautsalat schmecken, und die Frau Hofperückenmacherin hatte darob eine große Freude und sprach: »Wenn ich gewußt hätte, daß ein Kind mitkommt, so hätte ich ihm Brei gekocht mit einer guten Schorr!« An diese wohlwollende Bemerkung knüpfte sich ein Gespräch an, durch welches die Leute des Hauses erfuhren, wie die Soldaten zu dem Kinde gekommen waren. Unser Urgroßvater war von den Kaiserlichen auf der Landstraße gefunden worden, wo er halb erfroren auf einem Steinhaufen gesessen war. Die Soldaten hatten aus Mitleid das Kind aufgepackt, obgleich sie gar nicht wußten, was sie jetzt damit beginnen sollten. In die Garnison nach Philippsburg durften sie den Knaben nicht bringen. Man stellte nun Fragen an das Kind, wie es heiße, und wo es her sei. Der Knabe wußte nichts und konnte nur wenige Worte sprechen. Nur die eine Auskunft wußte er zu geben, er heiße Nikolaus.


Über Eltern und Heimat wußte das Kind nichts zu sagen. Der Nikolaus muß übrigens ein liebes Kind gewesen sein und erschien wohl noch mehr so in seiner hilflosen Lage. Nicht nur die rohen Herzen der Soldaten waren weich geworden bei seinem Anblick, sondern auch der Hofperückenmacher, seine Gattin, die beiden Gehilfen und die Americhe. Frau Loewin erbat sich von dem Soldaten, daß er ihr für die Nacht den Knaben überlassen möge. Herr Loew war auch damit einverstanden. Wie die Kaiserlichen auf ihrem Lager waren und schon lange schliefen, da besprach sich das Ehepaar noch gar lange über das Kind. Als am Morgen wieder eine große Schüssel voll Suppe auf dem Tische stand, zum Frühstück – Kaffee wurde damals nur von den Vornehmen getrunken –, da machte der gute Hofperückenmacher seinen Gästen die Eröffnung, daß er mit seinem Weibe übereingekommen sei, daß sie, weil sie keine eigenen Kinder hätten, den Nikolaus behalten und ihn annehmen wollen an Kindesstatt. Die Soldaten waren hocherfreut und weinten alle drei vor Rührung, und die Loewischen weinten mit. Frau Loewin brachte einen großen Krug von ihrem selbstgebauten Wein zum Abschiedstrunk. Die Kaiserlichen[8]  taten große Züge und spülten sich die Rührung hinunter und marschierten hierauf gegen Philippsburg. Ich weiß nicht, ob unser Urgroßvater die guten Österreicher jemals wiedergesehen hat, man kam damals so wenig über seine Ortsgemarkung hinaus. Er hat übrigens eine Philippsburgerin zur Frau gehabt, was der Vermutung Raum gibt, daß die benachbarte Festung von ihm besucht worden sei. Da nun unser Urgroßvater bei seinen guten Pflegeeltern den Schauplatz seiner Geschichte betreten hat, so wäre der Anfang gemacht, um recht viel von ihm zu erzählen. Allein es geht mit dieser Biographie, wie es mit dem bischöflich speyerischen Besoldungslicht ergangen sein wird: sie brennt nicht lang. Ich weiß fast gar nichts weiter. Nikolaus erlernte das Gewerbe seines Pflegevaters und wurde ein braver Mann. Nach dem Tode seiner Pflegeeltern erbte Nikolaus deren Haus in der Kaffeegaß und einen schönen Weinberg und wurde auch der Hofperückenmacher. – Wann unsere Urgroßeltern gestorben sind, weiß ich nicht. Sie hinterließen einen einzigen Sohn, welcher Jakob hieß. Dieser Jakob war der Vater unseres Vaters.



von Traiteur oder Freiherr von Traiteur










[9] war der Vater unserer Großmutter väterlicherseits. Ich habe, solange ich in der Pfalz war, so wenig über den Adel und seine Rangordnung gewußt, daß ich nicht einmal angeben kann, welcher Klasse unser Urgroßvater angehörte. Es ist mir gesagt worden, die Familie Traiteur sei vor wenigen Jahren in den Grafenstand erhoben worden. In Deidesheim war eine bischöflich speyerische Hofkellerei. Ich habe das Haus noch gesehen, mein Vater hat es mir gezeigt. Hier war, wie ich vermute, unser Urgroßvater angestellt. Ich glaube, sein Titel war: »Hof-Keller«. Es klingt mir noch so etwas in den Ohren. Der Bruder des Urgroßvaters war, soviel ich weiß, am kurpfälzischen Hofe und hatte das Amt des Oberst-Jägermeisters. Meine Erinnerung sieht aber alle diese Verhältnisse nur wie in einem Nebelschleier.



 Pfister.










[9] Von dem Vater unseres Großvaters mütterlicherseits weiß ich auch nichts, als daß er fürstlich St. Gallischer Erzieher war. Unsere Vorfahren haben gar viel mit der Geistlichkeit zu tun gehabt – wir hätten dürfen frömmer werden.



de la Condamine.
[10]  Suchet ja nicht stets das Beste
 In den Sälen der Paläste.
 Denn das Beste ist hinieden
 Süße Eintracht, stiller Frieden.
 Und die wohnen selten da,
 Wo man Glanz und Reichtum sah.











Wir müssen nun die Rhein-Ebene verlassen und müssen tüchtig Berg steigen, und zwar nicht jetzt, sondern im Jahre 1699. Unsere Reise geht nach Chamberg, an den Hof des Herzogs Victor Amadeus von Savoyen. Hier suchen wir einen Ururgroßvater. Diesmal ist er aber nicht Hofperückenmacher, sondern Hofkavalier. Es ist eine eigentümliche Erscheinung in unserer Familie, daß durch alle Generationen die höchsten und die niedersten Stände darin vertreten waren. Es mag dies vielleicht die Ursache sein, daß wir alle ein mixtum compositum von schlichtem Bürgertum und exaltierter Romantik geworden sind. Alles ist bei uns schon dagewesen – nur kein Geldprotz. – Doch – ich muß ja meinen Urgroßvater suchen. Er hieß de la Condamine. Wer seine Frau war, weiß ich nicht. Sie starb früh und hinterließ ihm einen Sohn. Ich glaube, er hieß Carlo Justino.
Unser Urgroßvater war sehr in Gunst bei dem Herzog und, wahrscheinlich aus diesem Grunde, sehr in Mißgunst bei den Hofleuten. Ein kleiner Herr soll unserem Urgroßvater besonders abgeneigt gewesen sein. Über diesen Herrn spottete einst Condamine, daß er bei seiner kleinen Statur einen so großen Degen trage. Dies führte zu einem Duell. Unser Urgroßvater erstach den Kleinen und mußte Chamberg verlassen. Er ging nach Paris, vermählte sich noch einmal – ich weiß wieder nicht mit wem – und bekam 1701 (1699 war er geflohen) einen zweiten Sohn, den nachherigen berühmten Naturforscher, Chemiker und Reisenden in Südamerika,[10]  Charles Marie de la Condamine. Er war der erste, welcher den Chimborasso erstiegen hat. So erzählte mir wenigstens seine Nichte, unsere Großmutter. Dieser Condamine befaßte sich mit allen möglichen Künsten und Wissenschaften. Er erfand auch eine Säemaschine. Die Originalität dieses Mannes scheint seinerzeit viel Aufsehen gemacht zu haben. Da sich nicht jedes die Mühe geben wird, seinen Namen im Konversationslexikon aufzusuchen, will ich die Anekdote, welche dieses Buch von ihm enthält, hier abschreiben: »Von Condamines Wißbegierde erzählt man folgende Anekdote:
Bei der Hinrichtung Domins mischte er sich, um keinen Umstand dieser Todesart unbeachtet zu lassen, unter die dabei beschäftigten Henker. Man wollte ihn zurückweisen, aber der oberste derselben, welcher Condamine kannte, verhinderte es mit den Worten: »Laissez Monsieur, c'est un amateur«.«
Er starb an den Folgen einer chirurgischen Operation, die er als neu vorgeschlagen und an sich verrichtet haben wollte, um der Akademie darüber Bericht erstatten zu können. So erzählte mir unsere Mutter, und das Konversationslexikon sagt dasselbe. Er ist übrigens doch 73 Jahre alt geworden.
»Seine Hauptwerke sind seine Reisebeschreibungen und seine Schrift über die Gestalt der Erde und über die Vermessung dreier Grade des Meridianes in den Äquatorialgegenden. Außerdem hat er Abhandlungen über die Pockenimpfung geschrieben.« (Konversationslexikon.)

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Unser Urgroßvater war viel älter als sein Stiefbruder und wird nicht viel später geheiratet haben, als sein Vater sich mit der zweiten Frau vermählt hat. Unser Urgroßvater wohnte im Marktflecken Gossau im Kanton St. Gallen in der Schweiz. Er baute sich in Gossau ein hübsches Haus mit einem Erker, und an diesem Erker befand sich ein Stein, das Condaminesche Wappen. Ich weiß nicht, warum ich mir früher eingebildet habe, unser Urgroßvater sei Kaufmann gewesen; ich finde jetzt keine Anhaltspunkte mehr für diese Vermutung. Es kann übrigens doch so gewesen sein. Es scheint öfters vorzukommen, daß italienische Adelige sich dem Handelsstande widmen. In der Familie Dall' Armi gibt es ja auch Kaufleute; mein Schwiegervater selbst gehörte diesem Stande an.[11]
Unser Urgroßvater wurde Witwer und schloß, wie sein Vater, eine zweite Ehe. Diese zweite Frau war keine Italienerin, sondern eine Schweizerin.
Unser Urgroßvater hatte aus erster Ehe zwei Töchter, und seine zweite Frau war jünger als diese Töchter erster Ehe.
Unterdessen war Charles Marie de la Condamine, nach Bericht des Konversationslexikons, mit Godin und Bourgner gewählt worden, durch eine in Peru vorzunehmende Vermessung die Gestalt der Erde zu bestimmen. Unser origineller Urgroßvater hatte sich bei dieser Sendung ruhmvoll ausgezeichnet. Als er nach acht Jahren nach Paris zurückgekommen war, hatten seine Eltern das Zeitliche gesegnet, und er sehnte sich darnach, seinen einzigen Bruder wiederzusehen. Er reiste nach der Schweiz, wurde in Gossau bestens aufgenommen und verliebte sich in seine Nichte, eine Tochter aus der ersten Ehe unseres Urgroßvaters. Die Nichte war nicht unempfindlich. Der Onkel reiste nach Rom und holte Dispens, Fazit: der Onkel heiratete die Nichte.
Unser Urgroßvater hatte aus der zweiten Ehe mit der jungen Frau fünf Kinder. Diese Kinder waren von ihren Stiefschwestern im Alter sehr verschieden, und es haben sich dadurch die Verwandtschaftsgrade der späteren Generationen scheinbar verschoben. Unsere Großmutter, Maria Magdalena de la Condamine, war das älteste Kind zweiter Ehe. Hierauf folgten drei Söhne. Der älteste von diesen Söhnen, welcher, wie ich glaube, Sebastian hieß und Ökonom war, heiratete eine ältliche Frau und hatte keine Kinder. Der zweite Sohn hieß Karl Justin und studierte Jus. Der jüngste, welcher Medizin studiert hatte und häufig in Gossau »das Dökterli« hieß, hieß mit seinem Taufnamen auch wieder Karl. Als ich mich verheiratete, lebten die beiden jüngeren Brüder noch. Ob in Gossau jetzt von der Familie Condamine überhaupt noch jemand am Leben ist, ist mir unbekannt. Das fünfte Kind aus der zweiten Ehe unseres Urgroßvaters war ein Mädchen. Als unsere Großmutter heiratete, war diese Schwester noch ein Kind.


Wie lange unser Urgroßvater lebte, weiß ich nicht. Seine junge Frau wurde eine sehr alte Frau; sie starb erst mit 96 Jahren. Die Urgroßmutter kam selbst nach Speyer, um mich aus der Taufe zu heben. Sie muß sehr kräftig gewesen sein, denn was war damals[12]  eine Reise von St. Gallen nach Speyer, und noch dazu für eine Frau von 92 Jahren! – In ihren letzten Jahren wurde die arme Frau kindisch. Als unsere Großmutter, ihre Tochter, sie anno 1812 besuchen wollte, erkannte sie dieselbe nicht mehr und versteckte sich vor ihr. – Ich glaube, daß ich hauptsächlich aus diesem Grunde den Namen der Urgroßmutter nicht mehr weiß, weil die Großmutter und Mutter sie in ihren Gesprächen »das Großmütterli« nannten. Ihr jüngster Sohn, »das Dökterli«, ist meines Wissens ein Hagestolz geblieben und war ein großer Löwe in Gossau.
Von dem jüngsten Kinde, dem kleinen Töchterchen, werde ich später mehr erzählen. –
Hiermit schließt der Bericht über unsere Urgroßeltern. –

Unsere Großeltern hießen:

Jakob Loew,
Maria Theresia von Traiteur.
Placidus Joseph Anton Pfister,
Maria Magdalena de la Condamine.

Jakob Loew, geb. in Bruchsal, starb daselbst anno 1783.
Maria Theresia von Traiteur, geb. in Deidesheim, starb in Bruchsal am 30. November 1791.
Placidus Joseph Anton Pfister, geb. in St. Fiden am 22. Oktober 1756, starb in Speyer 1840.
Maria Magdalena de la Condamine, geb. in Gossau anno 1753, starb in Speyer am 2. Februar 1816.

Ich habe von zwei unserer Urgroßväter mehr gesprochen als von den beiden anderen, weil ich von diesen anderen nichts gewußt und mich im Laufe des Lebens überzeugt habe, daß es besser ist, man spricht von dem, was man weiß, als von dem, was man nicht weiß.
Ich will nun meine staubigen, eingerosteten Gedanken mit dem Pinsel der Erinnerung aufzufrischen suchen. Käme die Klarheit meines Kopfes der Innigkeit der Liebe gleich, die ich für die lange heimgegangenen Großeltern noch jetzt im Herzen trage, so müßte meine Erzählung in der herrlichsten Farbenpracht erscheinen.



 Jakob Loew und Maria Theresia von Traiteur.
[13]  Ich habe immerdar gefunden,
 Daß den Arzt vergessen die Gesunden;
 Hat er zur Gesundheit sie geführet,
 Wird ihm kaum der Dank, der ihm gebühret –
 Und doch gibt's kein edler' Selbstvergessen,
 Als sein Beruf dem Arzte zugemessen.











Unser Großvater, Jakob Loew, war der Sohn des Hofperückenmachers Nikolaus Loew. Wir haben uns also wieder nach Bruchsal zu begeben.
Soviel ich weiß, war Jakob das einzige Kind seiner Eltern. Als er geboren wurde, war in der Kaffeegaß alles noch beim alten. Es gab da große und kleine Perücken, welche dressiert, Zöpfe, welche geflochten, Locken, welche gebrannt wurden, und es lag nicht nur auf diesem Haarwerk, sondern auf der ganzen Werkstätte stets ein feiner Schleier von Puder, wie ein dünner Nebel auf der Landschaft liegt. Am Samstag Abend trugen die Gehilfen die Allongeperücken und die anderen in die Residenz, und wie der kleine Jakob größer wurde, durfte er die Gehilfen auf diesem Gange begleiten. Der kleine Jakob ging für sein Leben gern »nach Hof«. Er nahm die Bezeichnung »nach Hof« jedoch in seinem Sinne auf. Er ging nämlich nicht in das Schloß hinein, sondern er blieb im Hof zurück und betrachtete die Goldfischchen. Wie manches Stückchen Brot mag er seiner Mutter abgebettelt haben, um die Fischchen damit zu füttern.
Ich meine, ich sehe ihn an dem Bassin stehen in braunen Pumphöschen, scharlachrotem Jäckchen, blauer Weste und weißer Halskrause. Auch sein Köpfchen ist gepudert, und auf den gestäubten Löckchen sitzt ein kleiner dreieckiger Hut, mit goldenen Borden eingefaßt. Er lehnt sich über die Brüstung des Bassins und wirft den Fischlein kleine Bröckchen Brot hinunter. Das schöne Gesichtchen strahlt von Vergnügen, wenn die Fische herbeischwimmen und nach dem Brote schnappen. Auch die Fischlein sind vergnügt und schlagen mit den glänzenden Schwänzen; sie haben den freundlichen Knaben vielleicht gekannt. Der Großvater soll sehr schön gewesen[14]  sein, und das Bild mit dem Tressenrock, welches wir noch besitzen, widerspricht dieser Behauptung nicht.
Es waren aber die Fischbehälter nicht allein, welche des Kindes Interesse erregten. Die Schildwachen an den Schloßtüren und die stattlichen Herren, die da aus- und eingingen, gefielen ihm auch sehr wohl, und dann, wenn ausgefahren wurde! Der große, goldene Wagen, die Laufer, die Bedienten, die Haiducken! Und nun gar die sechs Pferde! ein halbes Dutzend Pferde an einem einzigen Wagen! Der Bischof von Speyer hatte zwar als solcher nur die Befugnis vierspännig zu fahren. Der jetzige Bischof aber war ein Fürst Styrum, und als Fürst war ihm ein Sechsgespann gestattet. Und wieviel hielt man in jener Zeit auf solche Dinge! Der kleine Jakob wird nicht der einzige Bruchsaler gewesen sein, der vor Ehrfurcht und Bewunderung den Atem anhielt, wenn der Hof ausfuhr. Es scheint jedoch, daß Jakobs Entzücken besonders groß war. Das Kind fiel wenigstens dem Fürsten auf, und er ließ sich öfters in ein Gespräch mit ihm ein. Eines Tages fragte der Bischof: »Gefällt es dir bei Hof, Jakob?« In jenen Tagen war man in Titulaturen viel besser bewandert als zu unserer Zeit. Selbst die Kinder wußten in den vielen Residenzstädtchen, welche »Ehre« man einem jeden zu geben hatte. Auch verließ Jakob Loew niemals das väterliche Haus, um »nach Hof« zu gehen, ohne vorher über seine Conduite in Tun und Reden gute Lehren zu bekommen. So antwortete dem Fürsten auf seine Frage der kleine
Jakob: »Ja, Euer Durchlaucht.«
Bischof: »Hättest du Lust, immer bei Hof zu bleiben?«
Jakob: »Ja, wenn Durchlaucht gnädigst gestatten.«
Bischof: »Ich möchte dich behalten, aber du müßtest tüchtig lernen. Willst du lernen, Jakob?«
Jakob: »Ich will Doktor lernen, Durchlaucht.«
Bischof: »Es bleibt dabei, du wirst Doktor.« –
Der Bischof sprach mit den Eltern, und die Eltern waren hocherfreut. Der kleine Jakob wurde Student und studierte Medizin. Als aber der Student Loew auf einer deutschen Universität den Doktorhut errungen hatte, da schickte ihn sein Gönner und Herr, der Fürst Styrum, noch auf ein Jahr nach Paris; gleichsam um seiner Erziehung noch die Krone aufzusetzen. Von seines Vaters[15]  Aufenthalt in Paris erzählte unser guter Vater eine Anekdote, welche ganz unwahrscheinlich klingt, von unserem Vater jedoch als verbürgte Tatsache geglaubt wurde.
Der junge Doktor, Jakob Loew, schlenderte eines Tages durch die Straßen von Paris. Es schlenderten noch viele Menschen mit ihm und hinter ihm; dies war nicht auffallend.
Auf einmal bückte sich ein elegant gekleideter Herr, der vor ihm hergeht, und hebt etwas Glänzendes vom Boden auf. Zu gleicher Zeit springt von rückwärts ein anderer Herr vor und ruft: »Halbpart!«
Unwillkürlich bleibt unser Großvater stehen, und der erste Herr wendet sich mit der Frage an ihn: »Sie werden mir bezeugen, mein Herr, daß ich allein dieses Brillantkreuz gefunden habe?«
Loew: »Allerdings.«
Zweiter Herr: »Nicht doch, ich habe das Kreuz im nämlichen Augenblick entdeckt, und Sie müssen mit mir teilen, und nicht nur mit mir, sondern auch mit diesem (er deutete auf unseren Großvater) jungen Herrn da; auch er hat dieses Kreuz ebensowohl gefunden als Sie und ich.«
Unser Großvater fand es sehr freundlich von dem fremden Herrn, daß er es so gut mit ihm meinte. Er blieb ruhig stehen und hörte zu, wie der erste Herr sich noch einige Zeit wehrte, aber am Ende nachgab und den Vorschlag machte, zu einem Juwelier zu gehen und das Kreuz schätzen zu lassen.
Unserem Großvater schien es zu behagen, daß er einige tausend Franken bekommen sollte, wie vom Himmel gefallen. Der erste Herr ging voraus, der junge deutsche Doktor in der Mitte und der zweite Herr hinter ihm drein. Die Herren führten ihn durch allerlei Gassen und Gäßchen, in ein Stadtviertel, in welchem er völlig unbekannt war. Sie traten in ein Haus und stiegen treppauf, treppab, durch allerlei Winkel und Gänge. Endlich hielten sie still und befanden sich in einem eleganten Zimmer. Der eine Herr ging fort, um den Juwelier zu holen, und der andere lud unseren Großvater ein, sich auf einer Ottomane niederzulassen. Sie hatten nicht nötig, lange zu warten. Der erste Herr kam wieder und brachte den Juwelier mit sich; man gab ihm das Kreuz zum Beschauen. Er schätzte es auf 8000 Frks. Die Herren fragten, ob er es um[16]  diesen Preis ankaufen wolle. Er erklärte sich dazu bereit, verlangte aber eine Bescheinigung, damit er sich ausweisen könne, im Fall der Eigentümer des Kreuzes sich wiederfinden sollte. Die drei Herren erklärten sich ihrerseits bereit, die Quittung auszustellen. Der Juwelier verschwand auf einige Minuten, kam wieder und zählte die 8000 Frks. auf den Tisch. Ein Herr verteilte das Geld in drei gleiche Teile, und ein jeder strich seinen Anteil ein, unser Großvater auch. Der Juwelier legte einige Bogen Papier auf den Tisch. Auf dem obersten Bogen war der Kopf zu einer Quittung aufgesetzt, und er forderte die Herren auf, zu unterschreiben. Die beiden fremden Herren schrieben ihre Namen rasch hin und gaben unserem Großvater die Feder in die Hand, welcher im guten Glauben ebenfalls unterzeichnete: Iakob Loew, Dr. med. – Das Papier war jedoch Blendwerk der Hölle. Der oberste Bogen ward weggezogen, und der Juwelier eröffnete ihm: »Mein Herr, Sie sind im Dienste der Marine Sr. Majestät des Königs von Großbritannien. Das Handgeld haben Sie bereits eingestrichen.« Als unser Großvater bemerkte, daß er unter Seelenverkäufer geraten war, was geschah ihm da? Ich höre Eure Antwort: Der Verstand stand ihm still. – Aber im Gegenteil! Sein Verstand bewegte sich sehr lebhaft. Er warf ihnen das Geld hin und fing an, ganz fürchterlich zu schimpfen. Die Werber aber lachten ihn aus. Wie unser Großvater sah, daß das Schimpfen nicht helfen würde, griff er die Sache anders an; er drohte, und er drohte nicht ungeschickt. Er sagte: »Glauben Sie ja nicht, daß ich ohne Bekanntschaft bin in Paris. Man wird mich vermissen, man wird mich suchen; ich stehe unter dem Schutze der österreichischen Gesandtschaft.«
Das wirkte. Obgleich die Fremden Lügner waren, sahen sie doch ein, daß unser Großvater die Wahrheit sprach. Sie ließen ihn gehen, nachdem er feierlich versprochen hatte, sie nicht verfolgen zu wollen. – Also hat der Vater den Hergang uns oft erzählt, und der Großvater wird ihn noch öfter erzählt haben, als er in Paris fertig studiert hatte und wieder daheim in Bruchsal war. Ich denke, später war er nicht mehr so schnell bereit, »Halbpart« zu machen.
Seine Durchlaucht, der Fürst Styrum, waren höchlichst zufrieden mit Deren Schützling und stellte ihn an als Hochdero Leibarzt.[17]  Unser Großvater soll ein guter Arzt gewesen sein, aber auch ein heiterer, angenehmer Gesellschafter. Der Bischof liebte seinen Umgang über alles, und der Großvater mußte täglich mit ihm speisen. Ob die Urgroßeltern die Freude erlebt haben, ihren Sohn in so hohen Ehren zu sehen, ist mir nicht bekannt. Der Bischof machte jedes Jahr ein Rundreise durch sein Ländchen, um die Firmung vorzunehmen. Auf dieser Reise mußte der Leibarzt natürlich dabei sein. In dem verödeten Speyer hielten sie sich nie lange auf, aber desto länger in Deidesheim; auch hier war ein bischöfliches Schloß. Die Vermutung spricht dafür, daß dieser Zug in der Regel in der Herbstzeit nach Deidesheim gekommen sei, um die Einlieferung des Zehnten zu überwachen. Bei dieser Gelegenheit lernte der Herr Geheimderat – dies war der Titel unseres Großvaters – einen jungen Förster kennen namens Brandner. Dieser Brandner gefiel dem Großvater sehr, und sie scheinen sich gegenseitig gefallen zu haben, denn sie schlossen ein Freundschaftsbündnis; immerhin auffallend zwischen einem Löwen und einem Jäger. Eines Tages kam der Jägermeister Brandner zu Hof zu Sr. bischöflichen Gnaden, und der Geheimderat Loew war hocherfreut, seinen Freund in Bruchsal zu sehen. Er zeigte ihm in dieser Stadt alle Sehenswürdigkeiten. Ob es welche gegeben hat, weiß ich nicht, aber die Vermutung spricht dafür, daß man sie ihm zeigte. Jedenfalls waren die Goldfische da. Bei diesen Gängen durch die Stadt gab Brandner seinem Freunde zu verstehen, daß er einen Stein auf dem Herzen habe. »Ein Stein auf dem Herzen« war für einen Mediziner ein interessanter Fall. Geheimderat Loew versuchte es, diesen Stein chemisch zu untersuchen, und da zeigte es sich, daß der Stein zusammengesetzt war aus Liebe und Ängstlichkeit. Unser Großvater hielt hierauf ein vollständiges Examen mit dem Freunde, und es ergab sich, daß er bis über die Ohren verliebt, der ganze Mensch also nicht in normalem Zustand war. Der Gegenstand von Brandners Brand hieß, wie ich vermute, Klara, es ist wenigstens gewiß, daß sie im klaren waren, und daß es nur an des Vaters Einwilligung fehlte. Der Vater war der bischöfliche Oberamts-Keller von Traiteur in Deidesheim und ein sehr adelsstolzer Mann. Das von der Liebe gejagte Jägerpaar fürchtete also, der hochmütige Vater – wenn es erlaubt ist, also von unserem Urgroßvater zu[18]  sprechen – werde seine Einwilligung zu einer Heirat mit einem Bürgerlichen nicht geben.

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Dieser Fall machte unserem Großvater, dem Herrn Geheimderat, gar viele Gedanken. Er studierte alle Autoren, um zu ergründen, wie der Forstbrand zu löschen sei, und endlich fand er in der Tat die richtige Arznei für seinen Freund und Patienten. Der Herr Geheimderat verfügten sich zu seinem Freund und Gönner, dem Bischof. Er schilderte des Freundes Liebespein und bat um gütige Verwendung bei dem Vater, dem Tyrannen. Durchlaucht, welche selbst nicht ganz unempfindlich waren gegen das schöne Geschlecht, nahmen sich ihres Försters an. Er schrieb dem Vater einen schönen Brief, wahrscheinlich des Inhalts, daß die Liebe des Mannes für das Weib noch edler sei als selbst die Liebe des Mannes für den Adel; oder auch, daß die Töchter kein Lagerobst wären, und durch langes Aufheben nicht gewännen. Vielleicht ließ der Landesherr auch ein Wort fallen über ein kleines Nadelgeld aus der Kabinettskasse für die Frau und Erhöhung der Holz- und Wildbezüge für den Förster usw.
Unser Urgroßvater wurde weich, und seine Antwort auf das gnädige Handbillet des Landesfürsten war eine Einladung zur Hochzeit seiner Tochter, Klara von Traiteur, mit dem bischöflichen Jägermeister, Friedrich Brandner. Und nicht nur seine bischöfliche Gnaden und Durchlaucht waren eingeladen, sondern auch der ganze Hofstaat, demzufolge auch der Herr Geheimderat, unser Großvater. Der Tag der Trauung war natürlich ganz dem Ermessen des Herrn Bischofs anheimgestellt, und dieser wählte, auch natürlich, die schöne Herbstzeit. Der jugendliche Herr Geheimderat freuten sich gar sehr auf diese Hochzeit; es gab zwar in Bruchsal bei Hof auch allerlei Feste, allein sie waren nicht immer nach dem Geschmack des jungen Herrn. Überdies war unser Großvater dem Waldmenschen Brandner mit großer Zuneigung zugetan und dachte mit Stolz an den Anteil, welchen er hatte an dem Aufbau seines Glückes. Wie alle Tage kommen, die ersehnten und nicht ersehnten, so kam auch dieser Hochzeitstag. Der Bischof machte bei Gelegenheit dieser Reise seine Runde durch den Sprengel und hielt überall einen feierlichen Einzug. Junge Bürger zu Pferde, geschmückt mit Schärpen von des Bischofs Farben, holten ihn an[19]  der Ortschaften Gemarkung ab. Die Schulkinder hatten weiße Kleider an, wo die Franzosen eine Glocke gelassen hatten, wurde geläutet, und wo noch so viel Geld geblieben war, um Pulver zu kaufen, wurde geschossen. Die Menschen haben zu allen Zeiten gerne Feste gefeiert. – So kam der Zug nach Deidesheim. Dieses Städtchen hatte sich durch seinen Weinbau von den Drangsalen des Krieges etwas erholt und bot alles auf, die Anwesenheit des Landesherrn und die Hochzeit von des Herrn Oberamtskellers Tochter mit Glanz zu verherrlichen. Alle Häuser waren mit Laubgewinden und Fahnen geschmückt, und der Wein ist nur so geflossen. Alle jungen Damen des Städtchens – damals Fleckens – waren Brautjungfern bei dieser Hochzeit, und sie fanden alle nicht einen einzigen Flecken an der Liebenswürdigkeit des schönen, jungen Geheimderates Dr. Jakob Loew. Wäre es unter solchen Verhältnissen nicht undankbar gewesen von unserem Großvater, wenn er von seiner Seite kalt geblieben wäre? Er tat dies aber auch nicht; er handelte unserer Familie würdig und verliebte sich. In wen? – (Siehe weiter unten.)
Der Amtskeller von Traiteur hatte noch eine zweite Tochter, welche Maria Theresia hieß. In jener Zeit war die Kaiserin Maria Theresia das Entzücken von ganz Deutschland und wird es bleiben in ewige Zeiten. Darum nannte auch der kaiserlich gesinnte Amtskeller seine Tochter Maria Theresia. Ich weiß nicht, ob der gute Urgroßvater gehofft hat, er könne seiner Tochter mit dem Namen auch den großen Verstand, das große Herz und die große Schönheit der Kaiserin verleihen, er probierte es eben, und zum Teil glückte der Versuch. Zwar schön war, glaube ich, unsere Großmutter nicht, allein geistreich und liebenswürdig, und wenn unser Vater von seiner Mutter sprach, kam er jedesmal in Begeisterung.
Seitdem unser Großvater unter die Seelenverkäufer geraten war, hielt er seine Augen sperrangelweit offen, und so erkannte er sehr bald, daß hier ein Schatz für ihn erglänze, und daß Maria Theresia von Traiteur sein Demantkreuz geworden sei. Also in wen verliebte sich unser Großvater? In Maria Theresia von Traiteur, bischöflich speyerische Oberamtskellerstochter in Deidesheim. Unser Großvater hatte es bereits in der Übung, seinem Landesherrn Liebesgeschichten anzuvertrauen, und so vertraute er[20]  ihm auch die seinige. Der Bischof seinerseits hatte es in der Übung, den Freiwerber zu machen, und so machte er ihn wieder; und unser Urgroßvater hatte es in der Übung, nachzugeben, und so gab er wieder nach, obgleich auch dieser zweite Schwiegersohn ein »Bürgerlicher« war, und

»als der Großvater die Großmutter nahm,
da war der Großvater Bräutigam.«

In welchem Jahr und an welchem Tag die Hochzeit unserer Großeltern gefeiert wurde, ist mir unbekannt; die Vermutung spricht für die Zeit um 1765 herum, also bald nach dem Ende des siebenjährigen Krieges.
Es ist mir leid, daß ich nicht weiß, was Fürst Styrum zur Aussteuer geschenkt hat; soviel betrachte ich als Tatsache, daß er das Brautpaar, dessen Wohltäter er war, eigenhändig einsegnete und ungefähr folgende Rede hielt:
»Geehrte Versammlung, tugendhaftes Brautpaar! Ich vereinige Ihre Hände mit besonderem Vergnügen, denn Sie sind nicht nur meine Landeskinder, sondern auch meine erklärten Lieblinge. Wir haben vor nicht langer Zeit einen Frieden abschließen sehen; möge sich dieser Friede auch durch Ihr ganzes Leben erstrecken, und dieses recht lange sein. Mein Wohlwollen für Sie wird unverbrüchlich sein und nur mit dem Leben enden!«
Also sprechen kurzsichtige Menschen. Es ist anzunehmen, daß der Bischof seine Rede mit dem besten Herzen gehalten und mit dem besten Wein begossen habe, welchen unser Urgroßvater, der Amtskeller, auftreiben konnte. Aber es ging doch nicht alles so am Friedensschnürchen, wie der Bischof und die ganze Versammlung es an diesem Tage gewünscht und folglich auch gehofft hatten. Im wesentlichen war es sehr gut, unsere Großeltern liebten sich und wären ohne äußere Störungen sehr glücklich gewesen, aber wo bleiben solche Störungen aus?
Bei ihren vielen guten Eigenschaften hatte unsere Großmutter auch eine schlimme: sie war eifersüchtig. Eine eifersüchtige Frau darf aber keinen Arzt heiraten, und am allerwenigsten einen schönen, jungen. Die arme Großmutter war entsetzlich viel allein und hatte dadurch Zeit und Muße, ihrer unglückseligen Leidenschaft nachzuhängen. Das härteste war ihr, daß ihr Mann bei Hofe[21]  speisen mußte, besonders da die Frau Bas Goldschmiedin sie oft besuchte und ihr anvertraute, bei Hofe gehe es ziemlich locker her, und bei der Tafel mache man oft ganz unpassende Späße. Der Fürst hatte nämlich verlangt, daß sein Leibarzt auch nach dessen Verehelichung sein täglicher Gast sei; allerdings nicht angenehm für die junge Frau.
Eines Tages war auch die Frau Bas Goldschmiedin – ich habe keine Idee mehr, wie diese Frau mit unseren Großeltern verwandt war, ob sie »Goldschmied« hieß, oder an einen Goldschmied verheiratet war – wieder bei unserer Großmutter. Sie hatten lange die Köpfe zusammengesteckt und fort und fort von dem Bischof gesprochen und seinem leichtfertigen Lebenswandel, da rief plötzlich eine Stimme neben ihnen: »Bei Hof! bei Hof!« Die Frauen fuhren auseinander, und erst als sie ruhig geworden waren, bemerkten sie, daß der Papagei, welchen der Fürst der jungen Frau geschickt hatte, um sie zu divertieren, die oft wiederholte Rede: »bei Hof« aufgefangen und nachgeschwätzt hatte.
Unsere Großeltern wohnten natürlich in dem Hause in der Kaffeegaß. Das Haus und der Weinberg waren von Nikolaus Loew auf Jakob Loew übergegangen. Die Bruchsaler hielten von jeher viel auf ihre Weinberge, obgleich die Trauben darin entsetzlich sauer sind. Die Großmutter, welche die Deidesheimer Trauben gewöhnt war, wird sie ganz besonders so gefunden haben. Allein die Traubensäure wirkte weniger ätzend auf das Herz unserer Großmutter als die Eifersucht. Sie lag dem Großvater gar oft in den Ohren, er solle die fürstliche Tafel aufgeben und sich zuhaus bei ihr mit Hausmannskost begnügen; der Großvater aber versicherte ihr, es wäre undankbar, dem Bischof seine ihm unentbehrlich gewordene Gesellschaft zu entziehen, und es gehe eben einmal nicht. Und es ging auch nicht. Ich glaube, unsere Großmutter war auch ungehalten darüber, daß sie ihre Kochkunst nicht benützen konnte. In jener Zeit hielt man noch viel mehr darauf als heutzutage, daß jede Frau eine Köchin sei. Der Vater sagte, seine Mutter sei obendrein eine besonders geschickte Köchin gewesen und habe hauptsächlich die Bereitung der Käsnudeln sehr gut verstanden.


Obgleich die Frau Bas Goldschmiedin eher dazu beitrug, das Herz der Großmutter zu beunruhigen, als zu beruhigen, so war[22]  sie eben doch immer wieder auf die Gesellschaft dieser Frau angewiesen, welche übrigens, wenn auch eine geschwätzige, doch auch wieder eine recht amüsante Frau war, wie aus folgender Anekdote hervorgeht, über welche wir als Kinder so entsetzlich lachen mußten.
Die Großmutter ließ bei einer Unteroffiziersfrau in Philippsburg spinnen, hatte aber mit ihr nicht genau ausgemacht, wieviel für das Pfund Garn bezahlt werden sollte; als das Garn fertig war, brachte es nicht die Frau, sondern ihr Mann, ein Böhme, welcher kein Wort Deutsch verstand. Die Großmutter gab sich alle Mühe, von dem Manne zu erfahren, was sie zu zahlen habe, allein vergeblich. Da sagte die Frau Bas Goldschmiedin: »Lassen Sie nur mich machen, Frau Geheimderätin, ich bring's schon 'raus«. Hierauf stellte sie sich vor den österreichischen Unteroffizier hin und schrie: »Was goschd der Bund zu schbinne?« Der Böhme gab zur Antwort: »Jo, Frau!« Dann schrie die Frau Bas noch ärger: »Was goschd der Bund zu schbinne?« worauf der Böhme erwiderte: »Jo, Frau! jo, Frau!« Unsere Großmutter bekam fast Krämpfe vor lachen, und diese Gewandtheit der Frau Bas Goldschmiedin in fremden Idiomen hat noch Kinder und Kindeskinder in der Loewschen Familie zum Lachen gereizt. Die Großmutter und die Frau Bas Goldschmiedin waren, wie gesagt, kein passendes Paar, denn die Frau Bas Goldschmiedin war eine »Frau Bas« im ganzen Sinne des Wortes, und die Großmutter war eine geistreiche, fein gebildete Dame; allein sie hatte das Bedürfnis einer Ansprache. Später, als vier junge Loewen in der Kaffeegaß eingekehrt waren, wird der Verkehr mit der Frau Bas Goldschmiedin nicht mehr so häufig gewesen sein.
Nun hatte die Großmutter auch Gelegenheit, ihre Kochkunst zu üben und sich mit ihren Kindern zu amüsieren. Der Vater hat mir erzählt, wie die vier Buben ihre Mutter immer gequält hätten, sie solle Käsnudeln backen. Diese Käsnudeln brauchen viel Schmalz, und da die Butter damals noch so billig war, so sollte man nicht denken, daß man so gar sparsam damit umgegangen sei; allein eine wackere Hausfrau war allezeit ökonomisch. Um aber das Drängen ihrer Buben los zu werden, gab ihnen unsere Großmutter die ausweichende Antwort: »Ihr bekommt Käsnudel, sobald der Schwanewerthel Schmalz laufen läßt.« Die Buben hatten nun[23]  nichts Eiligeres zu tun als fort und fort an den Brunnen zu laufen und nachzusehen, ob nicht Schmalz statt Wasser komme, und dann getäuscht nach Hause zu gehen, wenn der Schwanewerthel immer wieder Wasser und Wasser schenkte. Als die Buben größer wurden, fehlte es der Großmutter nicht mehr an Gesellschaft, aber es fehlte den Knaben an der väterlichen Aufsicht, und sie machten allerlei lose Streiche. Von einem derselben erinnere ich mich der Erzählung des Vaters: An einem Sonntag nachmittag im Winter erlaubte die Frau Geheimderätin ihren Buben, sich einige Freunde herbeizuholen. Die Kinder spielten eine Komödie aus dem Stegreif, zu der sie sich als Thema die Geschichte der Königin Esther wählten. Unser Vater hatte die Rolle der Esther zu spielen, und sein älterer Bruder, mit dem Beinamen, »Der Schwarz«, gab den Haman. Zum Schluß hängten die Buben den Haman mit einem Handtuch an das Zapfenbrett. Wie der Gehängte so zappelte und die Zunge herausstreckte, mußten die Buben sehr lachen, wie er aber ganz blau im Gesicht wurde, bekamen sie sehr Angst und liefen alle davon. Zum Glück rief ihr Geschrei die Großmutter herbei, welche ihn hinunternahm; es dauerte aber lange, bis er wieder zur Besinnung kam.
Es mochte wohl nach einem solchen Vorfall gewesen sein, daß unsere Großmutter den Großvater aufs neue mit der Bitte bedrängte, die Tafel beim Fürsten aufzugeben, um wenigstens bei Tische die Knaben überwachen zu können. Der Großvater fand die Vorstellungen seiner Frau nur zu sehr begründet und entschloß sich, die Lage der Dinge dem Fürsten vorzustellen und ihm für die Tafel zu danken, an welcher er nur aus Rücksicht für diesen so lange erschienen war. Unser Großvater war ein solider Mann, und die Freuden der Tafel ihm gleichgiltig, so daß er schon seit Jahren viel lieber mit seiner Familie gespeist hätte. Da er aber wußte, daß der Bischof seine Gesellschaft sehr liebte und der Fürst sein Wohltäter war, so fiel es ihm sehr schwer, wegzubleiben, d.h. dem Fürsten diesen Wunsch zu äußern. Unser Großvater ging auf das Schloß zu, und je näher er dem Tore kam, desto höher schlug ihm das Herz, und als er gar vor des Bischofs Kabinettstüre stand, da hatte er fast keinen Atem mehr; doch er bedachte, wie nötig die väterliche Aufsicht seinen Knaben sei, und blieb fest bei seinem[24]  Entschluß; auch hegte er die Hoffnung, der Fürst werde ein Einsehen haben – allein der Fürst hatte kein Einsehen. Er nahm seines Leibarztes Eröffnung nicht nur sehr ungnädig auf, sondern es ist auch nie mehr das alte liebreiche Verhältnis eingetreten.
Es ist eine auffallende Erscheinung des menschlichen Herzens, daß nach jahrelanger Liebe und Güte bei den gutmütigsten Menschen manchmal plötzlich ein Umschlag eintritt, und sie für den Gegenstand ihrer bisherigen Zuneigung von kalter Gleichgiltigkeit ergriffen werden. Es geschieht dies gewöhnlich durch einen wirklichen oder eingebildeten Mißbrauch der bis dahin von ihnen bewiesenen Güte.
Von dieser Zeit an war unseres Großvaters Stellung bei Hofe eine sehr peinliche, und die Großmutter hätte es wahrscheinlich wieder recht gerne selbst übernommen, ihre Buben zu beohrfeigen, wenn das Mißverhältnis dadurch wieder ausgeglichen worden wäre, – aber es wurde noch schlimmer.
Der Fürst hatte ein langwieriges Leiden, und der Großvater schlug öfters eine Operation vor, welche sich aber der Fürst verbat. Die Krankheit nahm zu, der Fürst wurde bewußtlos, und unser Großvater kam mit mehreren Ärzten, welche zu einer Konsultation zusammentraten, überein, daß jene Operation vorgenommen werden müsse. Der Großvater vollzog die Operation; der Fürst genas, haßte aber von da an seinen früheren Liebling und trug diesen Haß später sogar auf dessen Söhne über. Unser Großvater starb jung, unerwartet, und nahm seiner Frau vor seinem Ende das Versprechen ab, keinen seiner Söhne Arzt werden zu lassen.
Unsere Großmutter war furchtbar ergriffen von dem Tod ihres Mannes. Es war ihr so schmerzlich, daß sie selbst mit die Ursache gewesen war, ihres Mannes letzte Lebenszeit weniger angenehm gemacht zu haben, und doch war ja wirklich der Beistand des Vaters bei der Erziehung der Knaben so nötig gewesen. Doch die Großmutter war eine verständige und starke Frau. Sie wußte, daß sie ihren Kindern schuldig sei, sich zu fassen, und daß sie das Andenken ihres Mannes am würdigsten ehre, wenn sie seine Söhne zu braven Männern erziehe. Allein, dies war keine kleine Aufgabe, besonders da Fürst Styrum seine Hand von ihnen abgezogen hatte. Sie brachte es jedoch auch ohne fremden Beistand so weit, daß[25]  sie ihren Söhnen eine anständige Erziehung gab, so daß jeder von ihnen ein gebildeter Mann war und sich sein Brod verdienen konnte, wenn auch nicht verschwiegen werden kann, daß der älteste ihr viel Kummer machte.
Die vier Knaben hießen: Joseph Adam – genannt »Der Schwarz«; Hans, Alban und Jakob.
Bei des Vaters Tod war der älteste 15, der jüngste erst 4 Jahre alt.
Man könnte nicht sagen, daß »Joseph Adam« ein romantischer Name gewesen; der Träger dieses Namens aber hatte eine große Neigung zur Romantik. Er machte auch gerne Verse, aber gut waren sie, scheint es, nicht; denn als aufgeschossener Jüngling – was man in Bamberg einen Geier nennt – als eine Schauspielergesellschaft nach Bruchsal kam, vergaffte er sich in die Heldin, welche eine kleine Blondine war und Sachs hieß. Dieser überschickte er folgendes Epigramm:

Die Mamsell Sachs
Hat Häärle wie Flachs
Und Händle wie Wachs
Und Füßle wie e Dachs.

Ob er seinen schönen Namen »Joseph Adam« dar untergeschrieben hat, weiß ich nicht; ebenso weiß ich nicht, warum er in der Familie nur »Der Schwarz« hieß. Vielleicht hat er auch solche schwarze Löckchen gehabt wie unser Vater. Sie sind noch auf dem Bilde zu sehen, welches unser Bruder Jakob von ihm besitzt. Von einem anderen poetischen Ergusse unseres Onkels erinnere ich mich, daß er bei dem Tode der Kaiserin Maria Theresia, welcher ihn besonders schmerzlich berührt zu haben scheint, seinen Gefühlen in einem Carmen folgende Worte lieh, dessen Schlußstrophen den gleichen Refrain hatten: »Wien, Wien, Wien! – Es fehlt die Heldin.«

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Diesen Sohn bestimmte die Großmutter, oder auch vielleicht noch sein Vater, dem Handelsstande. Sie mochten Gelegenheit haben, ihn in Deidesheim bei einem Weingeschäfte unterzubringen, wenigstens hatte er in einer Weinhandlung seine Studien gemacht. Leider hat sich diese Wahl nicht als eine glückliche bewährt; »Der Schwarz« hatte mehr Lust, den Wein zu trinken, als ihn zu verkaufen, was seiner Mutter schwere Sorgen machte.[26]
Desto mehr Freude erlebte sie an ihrem zweiten Sohne Hans. Unser lieber, lieber unvergeßlicher Vater war der Stolz und das höchste Glück seiner Mutter. Den 10. Oktober 1771 geboren, war er zwölf Jahre alt, als sein Vater starb. Er war ein Kind voll der herrlichsten Geistesanlagen, und hatte ein Gemüt, so weich und lieb, daß ihn seine eigene Mutter ihre »Freundin« nannte. Mit der Poesie befaßte sich unser Vater nicht sehr viel, aber desto mehr mit ernsten Wissenschaften. Er machte große Fortschritte, und seine Mutter entschloß sich, ihn die Rechte studieren zu lassen. Unser Vater soll auch sehr hübsch gewesen sein, was man ihm freilich in späteren Jahren nicht mehr ansah, besonders wegen seiner geringen Sorgfalt für eine gewählte Toilette. Sein Gesicht hatte jedoch für das ganze Leben den Ausdruck hohen Verstandes und unendlicher Güte und Freundlichkeit. Jedermann, der mit ihm verkehrte, schätzte und liebte ihn. Nachdem er das Gymnasium absolviert hatte, bezog er in Gesellschaft von drei Freunden die Universität Erlangen. Einer von diesen Freunden hieß auch Loew und war von Bruchsal, war aber nicht mit ihm verwandt; der zweite war Joseph Brandner, der Sohn des Jägermeisters, und Will aus Philippsburg war der dritte. Wenn diese vier Männer später zusammentrafen, was manchmal bei uns in Speyer zu geschehen pflegte, und von ihren Universitätsstreichen erzählten, wie dieses alte Herren so gerne tun, da kamen sie auch auf eine Partie zu sprechen, welche sie nach einer katholischen Stadt gemacht hatten, um daselbst die Frohnleichnamsprozession anzusehen. Wie junge Leute leicht zum Lachen gereizt werden, mußten auch diese lachen, weil eine heilige Veronika ein Schweißtuch hatte so groß wie ein Tischtuch. Sie zogen sich aber durch dieses Lachen eine Tracht Prügel zu, ich meine, sie sagten von Gärtnern. Ich habe schon daran gedacht, ob ihnen die Prügelsuppe vielleicht in Bamberg serviert worden sei, allein die heilige Veronika spielt hier keine Rolle, und es ist eher anzunehmen, daß es in dem Erlangen näher gelegenen Forchheim gewesen sei. Unserem Vater muß es bei Prügeleien schlimm ergangen sein, denn er war groß und dabei etwas ungelenk, wahrscheinlich daher auch sein Spitzname, »Der Bock«. Ebenso scheint er ein schlechter Reiter gewesen zu sein, denn er mußte einmal eine Masse Töpferwaren bezahlen, in welche[27]  sein Pferd auf dem Markte gegen des Reiters Willen hineingeraten war. In jener Zeit war der Spitzname »Nürnberger Sandhaase« im Schwunge, und da man damals noch beim Einreiten in jede Stadt nach seinem Namen gefragt wurde, so hatten sich die Freunde bei einem Ritte nach Nürnberg dahin verabredet, daß der erste sich als »Nürn«, der zweite als »Berger«, der dritte als »Sand« und der vierte als »Haase« nannte, was dem Torwächter einen solchen Zorn machte, daß er den Schlagbaum niederließ, um sie zu fangen; sie wollen aber alle glücklich entwischt, ja sogar über den Schlagbaum gesetzt sein, was doch schon eine Art reiterliche Bravour voraussetzt.
Unser Vater war auch auf der Universität sehr beliebt, und namentlich hatte ihn auch ein Professor sehr in Affektion genommen, an welchem auch der Vater seinerseits mit großer Verehrung hing. Leider habe ich seinen Namen vergessen, er griff später noch einmal in des Vaters Leben ein.
Als unser lieber Vater in den Ferien 1789 zu seiner Mutter nach Bruchsal kam, um daselbst die Ferien zu verbringen, waren in den rheinischen Landen alle Köpfe in Gärung. In Paris war die Revolution losgebrochen, die Bastille erstürmt worden, und man fühlte schon bis über den Rhein Schwingungen dieser Bewegung.

Der dritte Sohn ist ebenfalls Kaufmann geworden; er hieß Alban. »Alban« ist ein hübscher Name, und ich wundere mich, daß er nie in der Familie wiederholt worden ist. Alban war auch ein hübscher Bursche und sehr liebenswürdig, aber wieder ganz anderer Weise als unser Vater. Er hatte nicht dessen hervorragenden Scharfsinn, allein er war doch ein geweckter Kopf, von der Natur mit einer Menge kleiner Talente ausgestattet, welche ihn zu einem äußerst liebenswürdigen Gesellschafter machten. Er hatte viel Anlage für Musik, besonders eine schöne Stimme, und hätte wohl am besten zum Künstler getaugt; allein die Wahl eines solchen Lebensberufes würde damals als unverzeihlicher Leichtsinn betrachtet worden sein. Er wurde, wie gesagt, ebenfalls Kaufmann. Onkel[28]  Alban hatte eine sehr humoristische Art, etwas zu erzählen. Ich erinnere mich mit Vergnügen an eine Schilderung, welche er uns gemacht von dem Anzug, mit dem er ausstaffiert worden war, als er in Bruchsal zur ersten Kommunion ging. Er bekam, weil er ein großer breiter Junge war, einen scharlachroten Frack von seinem verstorbenen Vater, und seine Mutter behauptete, er sitze ihm vortrefflich, obgleich er ihm überall zu »völlig« war. Jakob, der vierte Sohn, war als echter Benjamin der Liebling der ganzen Familie. Unser Vater hing mit der innigsten Liebe an diesem jüngsten Bruder. Bei Nennung seines Namens traten ihm noch in späteren Jahren die Tränen in die Augen; er vermied es deshalb gern, von ihm zu sprechen. Jakob wäre gern Mediziner geworden, allein seine Mutter gab es nicht zu, weil ihr Mann es verboten hatte; er sollte Jurist werden wie sein Bruder Hans. Auch Jakob soll hübsch gewesen sein; es scheint, daß in unserer Familie die Schönheit mit jeder Generation heruntergekommen ist.
Wenn unser Vater nach Bruchsal kam, ergötzte er sich an den Kapuzinerpredigten. Noch nach langen Jahren erinnerte er sich daran und teilte uns Bruchstücke aus denselben mit. Z.B.: »Verschließet euer Ohr dem unsinnigen Ruf nach Freiheit und Gleichheit. Was würdet ihr sagen, in Christo dem Herrn Geliebte, wenn euer Rindvieh, euere Hunde, euere Schweine behaupten wollten, sie seien gleich euch?!!«
Ein andermal: »Wer sich diesen gottlosen Neuerungen hingibt, ist dasjenige Tier, welches wir Deutsche mit dem lateinischen Worte »asinus« zu bezeichnen pflegen.«
Es muß eine ganz eigentümliche Zeit gewesen sein. Unser Vater erzählte, es sei ihm damals so zumute gewesen, als hätte er Sprungfedern unter den Füßen. Die erste Begeisterung für Freiheit und Gleichheit muß etwas Berauschendes gehabt haben, und es mag gar mancher Kopf aus dem Geleise gekommen sein. In Anbetracht dieser Verhältnisse war es fast noch ein Glück zu nennen, daß nur einer von den vier Söhnen der Großmutter die Haltung verloren hat.
Unser Vater und sein Bruder Jakob, welcher damals in Bruchsal auf dem Gymnasium war, waren Muster von solidem Lebenswandel. Alban war zwar ein wenig romantisch und unüberlegt,[29]  aber doch ein sehr wohlgeratener, braver junger Mensch. Hans wurde, obgleich nicht der älteste, von den drei anderen Brüdern wie ein Vater betrachtet. Die Großmutter tat nichts, ohne sich vorher mit ihrem Sohne Hans zu beraten, sie korrespondierte mit ihm über alles, und der Vater sagte oft, sie habe ganz wunderschöne Briefe geschrieben. Als nach Schluß der Ferien anno 1791 der Vater Abschied nahm, um das letzte Semester auf der Universität Mainz zuzubringen, da war die Großmutter durch die schlimmen Zeitläufte sehr ängstlich geworden. Sie warnte ihren Sohn vor jeder Teilnahme an Klubs und anderen Demonstrationen und weinte bitterlich. Der Vater versprach seiner Mutter unbedingte Erfüllung dieser Wünsche, und in Mainz angelangt, schrieb er gleich an sie und wiederholte seine Versprechungen.
Jetzt kam die Belagerung von Mainz; es durften keine Briefe in die Stadt, und so kam es, daß unser Vater monatelang keine Nachricht von Bruchsal bekam, und als im Frühling 1792 die Tore der Stadt geöffnet wurden, welche Botschaft wurde da unserem armen Vater zuteil? – Seine Mutter war tot, sie war schon am 30. November 1791 gestorben. Unser Vater machte sich sofort auf den Weg, um sich nach seinen Brüdern umzusehen – allein er sah sie noch lange nicht. Infolge der Aufregungen bekam er ein Nervenfieber und blieb in diesem Zustande bei seiner Tante Brandner in Deidesheim, welche als Witwe daselbst wohnte. Die Tante rief mehrere Ärzte, welche sich über den Zustand ihres Neffen berieten. Der eine dieser Herren war der später durch seine Zerstreutheit berühmte Dr. Lederle. Dieser sagte in des Kranken Gegenwart: »Febrim hecticum habet«, über welche Bemerkung zu lachen der Patient Humor genug hatte. Es scheint, daß der Vater damals durch einen fabelhaften Appetit gerettet wurde, denn er erzählte uns, daß er 14 (!) Milchbrötchen zum Frühstück verzehrte – etwas kostspielig für die Tante Brandner. Bis der Vater gesund war, war es Herbst geworden, und er brachte dann selbst seinen Bruder Jakob auf die Universität nach Erlangen und rekommandierte ihn dem Professor, seinem Gönner, von welchem schon früher die Rede war. Unser Vater ging hierauf nach Bruchsal zurück, erbat sich Audienz beim Fürsten Styrum und bot ihm seine Dienste an. Der Vater sagte, er wünsche sich dem Fürsten dankbar zu bezeigen und[30]  seiner Vaterstadt zu nützen, aber der Fürst wies ihn schnöde ab. Er ging hierauf nach Paris, arbeitete bei einem Advokaten, und mit dem Gelde, welches er verdiente, unterstützte er seinen Bruder Jakob. Später, vielleicht nach des Fürsten Tod, war er Stadtschreiber in Deidesheim.
Ich muß nun noch einmal auf Jakob zurückkommen. Dieser hatte natürlich in Bruchsal Bekannte; unter diesen war ein junges Mädchen, welches sich sehr lebhaft für ihn interessierte, und welchem er zum Abschied einen Vogel schenkte. Es scheint, das Interesse war gegenseitig. Was ich nun erzählen will, hörte ich aus dem Munde eben dieses Mädchens, und zwar im Jahre 1833, wo es bereits eine alte Frau und die Gattin des oben genannten zerstreuten Dr. Lederle in Neustadt war. Als sie es mir erzählte, war auch ich bereits verheiratet. Ich will Frau Lederle selber reden lassen; sie sprach zu mir: »Ihr Herr Vater war nach Bruchsal gekommen, um seiner Mutter einen Grabstein setzen zu lassen, und besuchte uns; ich zeigte ihm den Vogel, welchen sein Bruder mir geschenkt hatte, und er neckte mich. Dies war abends; gegen Morgen höre ich im Käfig ein Flattern – ich springe auf – es flattert nicht mehr, mein Vogel liegt tot im Käfig. Ein furchtbarer Schmerz kommt über mich. Sobald es angeht, lasse ich Ihren Herrn Vater rufen und erkläre ihm, der Vogel ist tot, und ich fühle es an meiner Aufregung, daß sein Bruder auch tot sei. Ihr Vater lachte über meine Verzweiflung. Nach einigen Tagen kommt ein Brief von seinem Professor mit der Nachricht, Jakob Loew sei ganz schnell am Nervenfieber gestorben, und zwar zur selben Stunde, wie auch mein Vögelchen gestorben war.«
Frau Lederle weinte bitterlich, als sie mir unseres Vaters Schmerz und den ihrigen schilderte. Ich fragte sie, ob sie denn nicht wisse, wie es denn bei dem Tode meines Onkels eigentlich zugegangen sei, und erzählte ihr nun meinerseits auf ihre Verneinung: »Mein Vater glaubte, wie Sie, sein Bruder sei an Nervenfieber gestorben; als er aber mit meinem Bruder Titus i.J. 1830 nach Nürnberg gegangen war, um denselben daselbst auf die polytechnische Schule zu bringen, erfuhr er, daß es anders war. Der Vater traf im Gasthaus einen Universitätsbekannten, erfuhr von diesem, daß sein Freund, der alte Professor, noch lebe, und wollte nach Erlangen gehen, um[31]  ihn und das Grab seines Bruders zu besuchen. Unser Vater freute sich sehr, den alten Freund wiederzusehen und sagte es seinem Bekannten. »Ach ja, gehen Sie hin,« sagte ihm dieser. »Es hat dem Professor so leid getan, wie damals Ihr Bruder erstochen wurde.« Erst jetzt, nach 30 Jahren, erfuhr mein Vater, daß sein Bruder im Duell geblieben war, und diese Mitteilung erschütterte ihn so sehr, daß er sich nicht entschließen konnte, nach Erlangen zu gehen. Um sie zu zerstreuen, teilte ich der Frau Lederle noch mit, was damals auch der Vater in Nürnberg erfahren hatte, daß nämlich in der Nacht, während welcher mehrere Studenten bei der Leiche Wache hielten, eine verschleierte Dame in das Zimmer eingetreten sei, den Toten geküßt und ihm einen Blumenstrauß in die Hand gegeben habe. Die Dame habe sich wieder entfernt ohne zu sprechen und sei so tief verschleiert gewesen, daß keiner der Anwesenden sie erkannt habe. – Ich hatte aber mein Zerstreuungsmittel schlecht gewählt, denn Frau Lederle ward sofort von heftiger Eifersucht ergriffen und apostrophierte die verschleierte Dame nicht eben mit schmeichelhafter Benennung.
Nun ruht auch sie längst im Grabe und wird es ihrer Nebenbuhlerin verziehen haben, daß auch sie einst den Studenten Jakob Loew aus Bruchsal liebenswürdig gefunden hat.

NB. Der Vater war von 1789–92 auf den Universitäten Erlangen und Mainz. Am 1. Oktober 1797 wurde er Aktuar des Amtes Eichtersheim, welches dem unmittelbaren Adel

Greffier d'un baillage de la Noblesse
Immédiate de l'empire germanique


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gehörte. 1798 im April quittierte er diesen Platz und wurde Syndikus der Gemeinde Deidesheim, welches Amt durch die bald darauf erfolgte französische Organisation überflüssig wurde. Bis zu seiner Ernennung zum Advokaten, 1803 /: 23. germinal XI:/ war der Vater ohne Amt. Dies ist authentisch. Zwischen 1798 bis 1803 arbeitete unser Vater, 6–10 Monate, bei einem Advokaten in Paris.



 Placidus Pfister und Magdalena de la Condamine.
[32]  Wer unter dem Schutze der Alpen geboren,
 Hat nie in der Fremde das Heimweh verloren;
 Und doch ziehen Söhne der Alpen so gern,
 Als Soldaten und Krämer in weiteste Fern'! –











Unsere Großmutter mütterlicherseits war um drei Jahre älter als ihr Mann, es ist daher nach dem Altervorzugsrecht schicklich, daß ich von ihr zuerst erzähle.
Magdalena Condamine war ein wunderschönes Mädchen und voll Leben und Feuer. Es fanden sich für sie viele Bewerber, allein sie wies alle ab, weil sie eine heimliche Neigung hatte. Schon mit 15 Jahren hatte sie ihr Herz an einen Mann verschenkt, welcher zwar ein Mann von Herz und Verstand war, aber nicht die Mittel besaß, eine Familie zu ernähren. Mit 15 Jahren findet man solche Hindernisse geringfügig, und sie ging mit Künzle ein Liebesbündnis ein, beständig hoffend, es werde sich etwas finden. Das Verhältnis hatte aber bereits sieben Jahre bestanden, und es hatte sich noch immer nichts gefunden. Eltern und Brüder machten der jungen Magdalena Vorstellungen und drangen in sie, ihren geliebten Künzle aufzugeben; aber sie ließ nicht von ihm, und es muß auch ein prächtiger Mann gewesen sein – ich werde später zu seiner Charakteristik noch einiges mitteilen.
Sieben lange Jahre also hatten die beiden Liebenden gehofft und geharrt, als eine unerwartete Krisis eintrat. Es war das Kirchweihfest in Gossau, und ein großes Tanzvergnügen wurde auf dem Zollhaus gefeiert. An diesem Tanzvergnügen nahmen auch die Beamten des gefürsteten Abtes von St. Gallen mit ihren Familien teil, und unter diesen war auch der blondgelockte, blauäugige, 19jährige Sohn des fürstlichen Erziehers Pfister. Dieser junge Mann war ganz bezaubert von der Großmutter; diese aber hatte kein Auge für ihn, weil sie sich in größter Aufregung befand. Es kam ihr nämlich so vor, als fände Künzle an einem[33]  anwesenden Mädchen zu viel Wohlgefallen, worüber sie die peinlichste Eifersucht empfand. Des anderen Tags stellte sie Künzle deshalb zur Rede, und er verteidigt sich nicht so, wie sie es gewünscht hatte, so daß das Liebespaar schmollend auseinander geht. In diesem Augenblick erhält Magdalena einen Brief; es ist ein Heiratsantrag des jungen Pfister, welcher ein Beamter des Abtes von St. Gallen und keine üble Partie ist. Magdalena weiß, daß dieser Mann ihren Verwandten sehr erwünscht wäre; sie betrachtet sich als eine von ihrem Geliebten Verlassene, Betrogene – setzt sich sofort nieder und schreibt eine bejahende Antwort an Placidus Pfister. Als Künzle davon hörte, war er trostlos, und selbst die alten Condamines erschraken. Am trostlosesten mag die Großmutter selbst gewesen sein. Geändert aber wurde nichts mehr, und Magdalena heiratete den Placidus Pfister im Jahre 1775. Das junge Paar zog nach St. Jörgen, ganz nahe bei St. Gallen, woselbst der Großvater seine Anstellung hatte. Von einer Ehe, welche unter so schlimmen Auspizien geschlossen worden, hätte man die schlimmsten Erfolge erwarten können; allein es kam doch, Gott sei Dank, so gar arg nicht. Das Schlimmste war des Großvaters Jugend.
Künzle entfernte sich aus der Gegend, was sehr zweckmäßig war. In St. Jörgen war es sehr hübsch, und die Großmutter mit ihrem Lose ziemlich ausgesöhnt, besonders als sie nach einigen Jahren einen Sohn und eine Tochter hatte. Der Knabe hieß Pepi und war ein paar Jahre älter als unsere Mutter, welche am 2. Juli 1782 geboren war. Man trug das Kind den steilen Berg herunter in die Klosterkirche, woselbst sie Maria Klementina getauft wurde. Gerufen wurde sie »Klämens«. Ihre Taufpaten waren: der Bruder ihrer Mutter, Sebastian Condamine, und dessen Gattin Rosa.
Großvater Pfister war ebenfalls verpflichtet, bei seinem geistlichen Herrn zu speisen, wie unser Großvater Loew, hatte aber überhaupt keine Freude an seinem Posten und wäre für sein Leben gern Soldat gewesen; er war so unvorsichtig, diesen Wunsch auch in Gegenwart des Abtes auszusprechen. Der Abt, Beda Ahngern hieß er, war ein sehr braver Mann und in seinem Territorium sehr beliebt; allein er wurde ärgerlich über unsern Großvater, was[34]  man ihm nicht verdenken kann. Ein Dritter, der gern des Großvaters Stelle gehabt hätte, schürte an dem Abte, und unglücklicherweise wurde damals gerade für spanische Dienste ein Regiment in der Schweiz angeworben. Eines Tages kommt unser Großvater zur Tafel, und wie er die Serviette vom Teller nimmt, erblickt er ein Papier – es ist ein Leutnantspatent für Placidus Pfister, in dem Regimente, welches nach Spanien marschiert; seine nächste Garnison ist Barcelona. Man gratuliert unserem verblüfften Großvater höhnisch lachend, und in jugendlichem Vergnügen lacht er zuletzt selbst mit. Die Großmutter aber lachte nicht, sondern weinte recht sehr über ihres Mannes Unverstand, zum Glück hatte sie sich bereits gewöhnt, in Unvermeidliches zu fügen. Sie richtete daher in Andacht ihr Gemüt auf, packte ihre sieben Sachen zusammen, sagte ihrer Heimat Lebewohl und folgte ihrem Manne mit dem Pepi und der Klemens nach Barcelona. Ein Umstand mochte der Großmutter den Abschied erleichtert haben; Künzle war nämlich wieder heimgekommen. Seine Verhältnisse hatten sich zum Vorteile verändert, er war jetzt ein Mann von Vermögen und Ansehen, er war Landammann von Appenzell. Künzle wollte jetzt auch heiraten und heiratete, wen? das kleine Schwesterchen der Großmutter, welches unterdessen eine Schwester geworden war. Unsere Großmutter aber zog gegen Barcelona und wurde spanisch. Diese Reise muß entsetzlich beschwerlich gewesen sein; unsere Mutter, die damals freilich erst sechs Jahre alt war, wußte nichts mehr davon zu erzählen, ebensowenig von der späteren Rückreise nach Gossau. Sie kannte bei ihrer Rückkehr kein deutsches Wort mehr, allein später war ihr auch jedes spanische entfallen. Es war überhaupt nicht viel Spanisches an ihr hängen geblieben, als daß sie sich gerne Öl auf das Brot strich und eine rohe Zwiebel dazu aß. Diese Delikatesse blieb jedoch ihr Leibgericht bis an das Ende ihres Lebens, und wenn wir sahen, daß die Mutter sich diesen Leckerbissen herrichtete, so wußten wir, daß sie besonders guter Laune war. Einmal hatte sich die Klemens in Barcelona verirrt und war austrompetet worden; Nonnen hatten die Pforten des Klosters geöffnet und das Kind, welches von einem Gewitter überrascht worden war, hereingeholt, um es vor dem herabströmenden Regen zu schützen.[35]
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Unsere Großeltern waren nicht sehr lange in Barcelona. Der Großvater wurde Hauptmann und Kommandant der kleinen Festung Mahon auf der Insel Minorka. Es soll diese die fruchtbarste der balearischen Inseln sein, und der Aufenthalt in Mahon war vielleicht romantisch, aber in jener Zeit sehr unsicher. Die afrikanischen Raubstaaten waren noch nicht gedemütigt, und ihre Korsarenschiffe trieben ein freches Unwesen auf dem Mittelmeere. Zu landen und schnell an Vieh und selbst Kindern und Erwachsenen wegzufangen, was sie erwischen konnten, das waren ihre Hauptstreiche, die sie zudem meistens zu Nacht auszuführen suchten und dadurch jedesmal die Besatzung alarmierten. Zum Glück hatten sie Boote, welche durch ihre besondere Bauart schon von weitem in die Augen fielen; sobald man eines solchen Bootes ansichtig wurde, zog man die Sturmglocke und traf Vorbereitungen. Dadurch wurde Mahon ein recht ungemütlicher Aufenthalt. Unterdessen waren wieder drei Schwesterchen unserer Mutter auf die Welt gekommen; nämlich: Amanda, Margeritta Antonitta und Romana Sydra. Es gefiel unseren Großeltern nicht in Mahon, und nachdem das eine Kind, die Margeritta Antonitta gestorben war, befiel die Großmutter ein arges Heimweh nach Gossau. Der Großvater entschloß sich, sie ziehen zu lassen, und so schied sie mit ihren drei Töchtern: Klemens, Amanda und Sydra; den Pepi ließ sie als Kadetten beim Großvater zurück.
Diese beiden hatten nun keine Unterhaltung mehr als einen kleinen Garten, in welchem sie Obst an Spalieren zogen. Der Großvater erzählte uns oft von Mahon, von den großen Mauerkröten, welche die Spaliere hinaufkrabbelten, und von den nächtlichen Überfällen der »Mohren«, und ich weiß nicht, ob ich mich mehr vor den Seeräubern oder mehr vor den Kröten fürchtete, welche fast tellergroß sein sollen.
Bis Barcelona machte die Großmutter die Reise zu Schiff, von dort trat sie die mühselige Landreise an. Es war eine schwere Aufgabe, in jener Zeit mit drei kleinen Kindern zu reisen, und in dem weglosen Spanien zu reisen. Es kam ihr aber jedermann freundlich entgegen, woran wohl hauptsächlich die Teilnahme für die Kinder und vielleicht auch der Großmutter Schönheit schuld gewesen sein mag. Allein noch ehe sie die spanische Grenze überschritten hatte,[36]  traf sie ein harter Schlag. In einem Städtchen in den Pyrenäen starb plötzlich ihre kleinste Tochter Sydra. Es fehlte ihr jedoch nicht an Teilnahme bei diesem Verlust; nicht nur die Wirtsleute, bei denen sie eingekehrt war, sondern das ganze Städtchen bezeigte Anteil daran – freilich mitunter auf wenig heimische Art. Sie zwangen die Großmutter, die kleine Leiche der Sitte gemäß drei Tage und drei Nächte lang auf der Straße auszustellen; wer vorbei ging, tanzte um den Sarg, kniete dann nieder, um sich von dem Geistlichen, welcher bei der kleinen Sydra Wache hielt, den Segen geben zu lassen. Jede herbeigekommene Person bestreute die Leiche mit Blumen und besuchte hierauf die Mutter, um ihr zu gratulieren, daß sie nun dem Himmel einen Engel geschenkt habe; auch legte jeder Besuch für die Leidtragende ein Geldstück auf den Tisch, welches sie, ohne Verletzung dortigen Herkommens, nicht hätte zurückweisen dürfen. Sie ließen der Großmutter nicht einen Augenblick Ruhe, so daß diese tief betrübt und zum Tode ermüdet endlich ihres Weges zog, nachdem das Kind mit großem Pomp begraben worden war. Von dem Leichenzug ihres Schwesterchens erinnerte sich die Mutter noch dunkel.
Endlich, nach 5 jähriger Abwesenheit, kamen sie in Gossau wieder an. Es scheint, daß damals unser Urgroßvater noch am Leben war, und daß die Großmutter mit ihren Kindern zu ihren Eltern gezogen ist. Künzle und ihre Schwester waren schon ein gesetztes Ehepaar und hatten eine Tochter, Anna Maria. Ihre beiden jüngeren Brüder waren auf der Universität, und der ältere Bruder lebte noch immer in kinderloser Ehe. Wahrscheinlich geschah es aus diesem Grunde, und weil vielleicht der Großmutter Einkommen nicht glänzend gewesen ist, daß unsere Mutter zu diesem Onkel als Pflegekind kam. Sie blieb bei ihnen von ihrem 7. bis zu ihrem 17. Jahre, und sowohl der Onkel als auch die Tante Ros' haben wie die liebevollsten Eltern an ihr gehandelt. Die kleine Amanda Pfister soll eine herzige Spaniolin gewesen sein, das Entzücken von ganz Gossau. Von ihr stammt auch der in unserer Familie öfter wiederholte Name Amanda. Leider starb das Kind mit sechs Jahren.
Die Großmutter wollte ihrem Bruder die Klemens nicht wieder nehmen, weil er und seine Frau mit der innigsten Liebe an dem[37]  Kinde hingen. Da sie aber diese Einsamkeit nicht ertragen konnte, so schnürte sie ihr Bündel und suchte Mann und Sohn in Spanien wieder auf. Der Sohn war unterdessen Offizier geworden. Ehe jedoch unsere Großmutter nach Spanien zurückging, führte sie in Gossau noch eine Heldentat aus. Der Abt von St. Gallen hatte eine Verordnung erlassen, welche seinen Untertanen nicht gefiel, und diese, im Zusammenhange mit den inzwischen durch die französische Revolution in Schwung gekommenen Ansichten, sehr aufregte. Die Männer von Gossau und der Umgegend wiegelten sich auf, die Großmutter bildete ein Bataillon und stellte sich an die Spitze; ihre Mittel erlaubten ihr das, denn sie war ja die Frau eines Kapitäns. Man rückte bis an eine Brücke vor, worauf der Abt, ohne es auf weiteres ankommen zu lassen, nachgab. Unter derselben Brücke hatte sich Klemens mit einem Laib Brot versteckt. Ich denke, es war der Großmutter ganz leid, daß es nicht zum Kampf gekommen ist, denn sie hatte den Abt noch von früher her auf der Muck.
Die Reise von Mahon nach Gossau hatte die Großmutter mit ihren drei Töchterchen angetreten; ich denke es mir daher als sehr betrübend, wie sie so ganz allein nach Spanien zurückkehrte. Zum Glück befand sich der Großvater dann nicht mehr auf der Insel Minorka, sondern in dem herrlichen Sevilla. Seine und Onkel Pepis Briefe waren überströmend von dem Lobe Andalusiens, und der Großvater kam noch in seinen alten Tagen in Aufregung, wenn er sich der Herrlichkeit von Sevilla, Cordova oder Granada erinnerte oder die wunderbar schöne Alhambra schilderte. Ich dummes, gedankenloses Ding merkte aber nicht auf seine Schilderungen, mich interessierten nur die Granatäpfel; ich hätte recht viel lernen können, wie ich jung war, wenn ich nicht so zerstreut gewesen wäre. Der Großvater hatte eine unbeschreibliche Freude, als seine Frau wieder zu ihm kam, dennn er hatte sie außerordentlich gern; daß sie ohne die drei Töchterchen kam, wird wohl auch das Wiedersehen getrübt haben; aber die Großmutter hatte jetzt doch auch wieder ihren Sohn, und so hatte ihr Herz auch wieder einen Stützpunkt gefunden. Wie mag der lebhaften Frau mit ihrem empfänglichen Gemüt und ihrer reichen Phantasie der Aufenthalt in dem herrlichen Sevilla erquickend gewesen sein; die andalusische[38]  Luft muß ihr neues Leben eingehaucht haben. Wahrscheinlich wohnten unsere Großeltern nicht

»In Sevilla, in Sevilla,
Wo die großen Prachtgebäude
An den breiten Straßen steh'n,
Aus den Fenstern reicher Leute
Schön geputzte Damen seh'n« –



sondern:

»In Sevilla, in Sevilla,
Wo die letzten Häuser steh'n,
Sich die Nachbarn freundlich grüßen,
Mädchen aus den Fenstern seh'n,
Ihre Blumen zu begießen« usw.

Ich denke mir aber das Leben hier fast noch schöner als dort. Obgleich ich erst sechs Jahre alt war, als die Großmutter starb, so weiß ich doch noch, daß sie mir von Granada und der Alhambra erzählte und dabei so schöne, glänzende, schmelzende Augen gemacht hat; ich weiß auch noch, daß sie und der Großvater, wenn sie von den Mauren sprachen, sagten: »die Mohren«. Dies wurde mir aber erst später klar; denn damals hatte ich nur einen verwirrten Begriff von Gold und Juwelen, Perlen, Mohren und Granatäpfeln. Über letztere hatte ich in noch späterer Zeit die Anschauung, die Kerne dieser Äpfel seien die Granatsteine, welche man als Schmuck trägt, und als der Großvater von Mosaikböden erzählte, so fragte ich, ob die der Moses gemacht habe.
Wenn ich an dieser Geschichte schreibe, ist es mir aber wahrhaftig selbst so, als verfertige ich ein Stück Mosaik. Aus allen möglichen kleinen Strichen suche ich ein Bild zusammenzustellen, und es will mir gar so oft nicht gelingen, die richtige Farbe zu finden.
Ich weiß nicht wie lange unser Großvater in spanischen Diensten, gewesen ist; ich denke von 1783–1798. Wahrscheinlich wurden die Schweizer Truppen entlassen, denn er kam um diese Zeit in die Schweiz zurück und lebte mit Frau und Sohn in St. Fiden. Der Großvater und Onkel Pepi hatten in Spanien mehrere Feldzüge (2) mitgemacht; einmal waren sie in Gibraltar, und einmal in dem gegenüberliegenden Teil von Marokko; ich bitte aber, mir[39]  alles Detail aus Gründen zu erlassen. Was die geschichtlichen Momente betrifft, da hapert es am allermeisten mit meiner Mosaik. So viel ich weiß, sind beide Feldzüge mißlungen, woran aber unser Großvater gewiß nicht schuld war, denn er war ein tapferer Soldat, obwohl er uns oft mit großem Lachen erzählt hat, daß er bei dem ersten feindlichen Schuß, den er gehört habe, in einen Graben gesprungen sei. Der Großvater und Onkel Pepi beschäftigten sich in St. Fiden damit, schweizerische Rekruten einzuüben; aber entweder hat ihnen dieses Geschäft nicht lange gefallen, oder sie hatten kein gehöriges Einkommen, kurz, sie ließen sich wieder anwerben, und zwar in französische Dienste; der Großvater wieder als Hauptmann, und der Onkel als Leutnant. Während all dieser Zeit war die Klemens bei Onkel und Tante gesessen, wie der Vogel im Hanfsamen. Wenn unsere Mutter von der Bescherung bei der Tante Ros' erzählte, da gingen uns Kindern vom Zuhören die Augen über. Es bescherte aber in Gossau nicht das Christkind, sondern der Nikolaus, doch machte auch dieser würdige Mann seine Sache recht gut. An seinem Namenstage – 6. Dezember – kam er in Person und fragte, ob die »Chlämens Condamine und die Marie Chünzle bravi Kinder seient?« Auffallenderweise sprach der alte Bischof, welcher im Himmel doch der feinsten Bildung hätte teilhaftig werden sollen, ein ganz gutes Stockschweizerisch. Marie Künzle und Klementine Pfister, die Geschwisterkinder, waren sehr dicke Freundinnen, und der heilige Nikolaus bescherte ihnen gemeinschaftlich. Es war auch ein kleiner Herr Künzle da, welcher vielleicht jetzt noch als Kaufmann in Heidelberg lebt; er muß aber viel jünger gewesen sein als seine Schwester. Wenn der heilige Nikolaus an seinem Namenstage seine Aufwartung machte, die Tante Ros' die Kinder nach Verdienst bei dem heiligen Mann gelobt und getadelt hatte, was dieselben mit gefalteten Händen anhören mußten, dann verteilte er die Geschenke und fragte: »Wollt ihr auch meine Chnächte sehen?« Auf das erfolgte »Ja« der Kinder verschwand der Bischof, und mit Schnauben und Kettengerassel drangen die Knechte ins Zimmer. Es waren diese Knechte Männer mit rußigen Gesichtern, in große Mäntel gehüllt und entsetzlich anzusehen. Sie hatten große Säcke mit Äpfeln und Nüssen, welche sie auf den Stubenboden hinleerten.[40]  Wenn nun die Kinder sich auf diese Beute losstürzen wollten, schlugen sie die Knechte mit Ruten auf die Finger; diese Ruten, welche mit Bändern verziert waren, taten natürlich nicht sehr weh, was die Furcht der Kinder ins Abnehmen brachte, bis sie zuletzt so keck wurden, daß sie die Ruten zu erhaschen suchten, um damit die Knechte zur Tür hinauszujagen; der heilige Nikolaus hatte sich, wie gesagt, schon vorher französisch empfohlen. Es war in Gossau freilich nicht alle Tage Nikolaustag, aber es erging der Klemens an jedem Tage gut; es war daher hart für Onkel und Tante, daß die Eltern, als sie von Spanien zurückgekehrt waren und sich in St. Fiden niedergelassen hatten, ihr Kind zurückverlangten. Es war aber auch hart für die Eltern, daß die einzige Tochter ihnen ganz entfremdet war. Es scheint allerlei aufgeregte Szenen gegeben zu haben, bis es dahin entschieden wurde, daß Klemens zu ihren Eltern komme. Für unsere Mutter selbst war es wohl am peinlichsten, daß sie zwischen Eltern und Wohltätern stand. Als die Familie Pfister in St. Fiden vereinigt war, scheint keine rechte Eintracht in ihr geherrscht zu haben; man kann sich zwar auf der Mutter Schilderungen – und ich kenne sie nur durch diese – nicht so ganz verlassen, weil die Mutter die ganze Welt durch eine schwarze Brille betrachtete; aber sie erzählte unter anderem, daß der Großvater sehr heftig gegen ihren Bruder gewesen sei, und dieser seinen Vater auch mal gefragt habe: »Sprechen Sie als Hauptmann oder als Vater mit mir?« Vielleicht war dies von beiden Seiten gar nicht so bös gemeint; der Sohn liebte die Eltern offenbar weit mehr, als dies bei der Tochter der Fall war. Wie wäre dies aber auch anders möglich gewesen, die Tochter kannte ja die Eltern kaum. Als die Großmutter die Bekanntschaft mit ihrer Tochter erneuert hatte, fand sie, daß es ihr an geselligem Schliff fehle, und daß sie noch französisch lernen solle. Die Gelegenheit zu dieser höheren Ausbildung fand sich, als der Großvater wieder Dienste genommen hatte und nach Landau in Garnison kam. Er hatte da viel Gutes gehört von dem Pensionat der Mademoiselle Carry, später Madame Graf, und er schrieb an die Großmutter, sie solle ihm die Klemens schicken.

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Die gute Tante Ros' besorgte die Ausstattung ihres Pflegekindes und ließ ihr Kleider und Wäsche nagelneu machen, damit,[41]  wie sie meinte, die »Chlämens in dem fremden Lande sich könne sehen lassen«. Die Mutter wußte noch jedes Kleid und jedes Stück Wäsche zu beschreiben, als sie schon alt war, was deshalb zu verwundern, weil ... wie du gleich erfahren wirst.
Es war im Sommer 1799. Es ging mit dem Reisen damals nicht so leicht wie heutzutage, besonders für ein junges Mädchen. Man mußte warten, bis sich eine Gelegenheit fand – endlich fand sich diese. Zwei anständige Kaufleute, welche die Messe in Frankfurt bezogen, nahmen sie mit bis in diese Stadt, und dorthin kam ihr Vater von Landau und holte sie ab. Die schönen neuen Sachen wurden in einen Koffer gepackt und auf den größeren, welcher den beiden Herren gehörte, auf die Kutsche hinten aufgebunden. Der Abschied war schwer, die Großmutter abermals ganz allein, die Reisenden fuhren von dannen.
An einem Regentage im November, in einer einsamen Gegend des Schwarzwaldes, hörten sie auf einmal verdächtiges Pfeifen. Der Kutscher blickte angstvoll in den Wagen und meinte, es müßten Räuber sein, im Schwarzwald gebe es davon immer. Die Herren spannten ihre Pistolen und befahlen dem Kutscher, zu fahren, was das Zeug hielt, was sich der Schwager nicht zweimal sagen ließ und dermaßen seine Pferde antrieb, als ob diese die Räuber wären, und so erreichten sie glücklich den nächsten Ort, d.h. glücklich insofern, als den Reisenden nichts an Leib und Leben geschehen war, aber! der Koffer unserer Mutter, welcher deren ganze Ausstattung enthielt, war abgeschnitten worden und kam »niemals nicht mehr« zum Vorschein. Man mache sich einen Begriff von dem Jammer eines 18jährigen Mädchens, welches seine ganze Garderobe verloren hat! Aber was half der Jammer? Der Koffer war fort mit allen neuen Kleidern, und die Mutter kam in Landau an, wie sie ging und stand. Einen Vorteil hatte zwar dieser herbe Verlust für unsere Mutter, ja sogar deren zwei; erstens war sie wegen ihres Mißgeschickes gleich mit erhöhter Teilnahme in Landau aufgenommen, und zweitens bekam die neue Garderobe Nr. 2 einen moderneren Zuschnitt als die frühere. Sie meinte wenigstens, daß die Kleider, welche in Gossau gemacht worden waren, ein wenig altfränkisch gewesen seien. In Landau aber hatte man von jeher viel auf die Kleider und den Anzug gehalten.[42]  Nur ein Stück der verlorenen Garderobe konnte die Mutter niemals ganz verschmerzen, es war eine schwarzseidene Schürze mit Spitzenbretellen.
Unsere Mutter war ein schönes Mädchen, doch nicht so hervorragend wie ihre Mutter; von ihren Nachkommen hat ihre Namensschwester, die Klemi von Hans, am meisten Ahnlichkeit mit unserer Mutter; der Charakter in seinen Hauptzügen ist ganz und gar in unserer Schwester Rosa wiederholt. Den französischen Offizieren in Landau scheint die Mutter sehr gut gefallen zu haben; sie nannten sie nur: »la belle Suisse« Unsere Mutter lernte nun französisch und hieß nicht mehr Klemens, sondern Clementine. Neben ihren Studien besuchte sie auch die Landauer Bälle und fand dort einen Verehrer, welcher sehr schlecht tanzte, und den sie nicht leiden konnte. Eines Tages ließ sie bei einer Bekannten die Bemerkung über ihn fallen: »On dirait qu'il a apprit à danser dans la fossée de Berne«. Dem plumpen Tänzer wurde dieses hinterbracht, und auf dem nächsten Maskenballe kam er als Bär maskiert und überreichte der Mutter ein Gedicht des Inhaltes: er hoffe, ihr nun besser zu gefallen, als Landsmann. In späteren Jahren hatte diese Spottrede der Mutter nicht mehr ähnlich gesehen, sie befaßte sich gar nicht mit Witzeleien; im Übermut der Jugend mußte dies anders gewesen sein. Die Mutter hatte sich in Landau mehrere Freundinnen erworben; obenan stand Mademoiselle Heiligenthal, welche sich später an den bekannten französischen Finanzminister Humann – einen Elsässer – verheiratete, und zwar einigermaßen auf Zureden unserer Mutter, welcher sie ihn durch eine Glastür mit den Worten zeigte: »Schweizer'n, soll ich ihn nehmen?« – »Ja« war die Antwort. – Unser Großvater hatte die Freude nicht, seine Tochter als gefeierte Tänzerin in Landau zu sehen; denn Klemens war kaum bei Mademoiselle Carry untergebracht, als des Großvaters Regiment nach Bordeaux marschieren mußte. Trotz dieser Entfernung ihres Vaters dachte unsere Mutter an kein Heimweh; ich glaube, im Gegenteil, daß es der belle Suisse sehr leid war, als sie nach zwei Jahren in die belle Suisse zurückkehren mußte. Sie kam, 20 Jahre alt, wieder zu ihrer Mutter nach St. Fiden und langweilte sich daselbst von Herzen – so vermute ich wenigstens. Die[43]  Großmutter war zwar nichts weniger als langweilig, im Gegenteil, sehr unterhaltend, aber weil sich Mutter und Tochter so fremd gewesen sind, war das Verhältnis nicht innig genug, um die heiteren Bilder von Landau durch die Freude des Wiedersehens zu verwischen. Vielleicht war auch das Verhältnis zu den Pflegeeltern ein etwas gespanntes und drückte auf der Mutter Gemüt. Sie hat mir dieses zwar niemals gesagt, allein sie sprach stets mit Unbehagen von dieser Zeitperiode, und so ist mir der eben geschilderte Eindruck geblieben. Wie aber doch jede Zeit ihre Freuden hat, so war auch dieser Episode im Leben unserer Mutter ein hoher Reiz verliehen durch die Besuche ihrer Kusine, Marie Künzle. Diese war ein eigentümliches, interessantes Mädchen; Idas Erscheinung erinnerte mich an sie. Sie war ein wenig phantastisch und kleidete sich nicht nach der Mode, sondern nach persönlichem Geschmack, und unsere Mutter, welche gar nicht phantastisch war, ließ sich manchmal auch zu romantischen Streichen von ihr verleiten; so ließ sie sich auch in einem von M. Künzles Kostümen malen; es ist ein Aquarellbild in Medaillonform, welches Rosa besitzt. Marie Künzle hatte auch eine poetische Ader und hinterließ ganze Bände von Gedichten. Sie litt etwas am Gehör und ward deshalb in das Bad nach Lenk geschickt. Das Kurhaus war sehr besetzt, und so mußte Marie in einem kleinen Stübchen nach rückwärts wohnen, was ihr sehr langweilig war. Es war damals noch Mode, seinen Namen an die Wand zu schreiben, und so schrieb sie zu vielen anderen auch den ihren hin: Anna Maria Künzle aus Gossau und schrieb noch ein Gedicht dazu.



 Hans Loew und Klementine Pfister.
[44]  Nun schlafen sie in süßer Ruh',
 Und Gottes Liebe deckt sie zu.
 Er führte sie zu diesem Leben,
 Wird ihnen dort ein andres geben;
 Dahin zu diesen lieben beiden,
 Wird er auch uns dereinst bescheiden.











»Komm Männel, jetzt gehen wir miteinander nach Deidesheim und sehen, was unser lieber Vater dort macht.« – Was wird er treiben? Er kauert auf dem Boden, hat eine lange, irdene, sogenannte Köllnerpfeife in der Hand und stopft sie voll Tabak aus einem großen steinernen Hafen. Unser Vater war ein unbeschreiblich gemütlicher Mann. Sein Vater, der Geheimrat, war ein arger Schnupfer gewesen und hatte seine Söhne oft gewarnt, sich dieser Untugend ja nicht hinzugeben. Diesem Rate war unser Vater pünktlich nachgekommen, allein er war dafür ein leidenschaftlicher Raucher geworden. Später hielt unser Vater wieder seinen Söhnen seinerseits Ermahnungen, daß sie sich der Untugend des Tabakrauchens nicht hingeben sollten, und siehe da, meine lieben Brüder rauchen und schnupfen fast gar nicht, teils außerordentlich selten. Die Pfeife paßte aber auch so gut zu unserem Vater und seinem beschaulichen Leben, daß es gar nicht anders möglich war, als daß er auf das stille Akkompagnement seiner Gedanken hingeführt wurde; wäre er eine Frau gewesen, so hätte er ganz gewiß viel gestrickt.
Es gab in Deidesheim auch Maskenbälle, und der zerstreute Dr. Lederle erzählte mir einmal davon, erwähnend, eine Maske habe sich 17 mal metamorphisiert, immer wieder in die nämliche Gestalt. (Mir hat er einmal 15 Tropfen (?) verordnet, und dem Max erzählte er von Zwillingsbrüdern, wovon der eine 40 und der andere 44 Jahre alt war.) An diesen Deidesheimer Maskenbällen wird unser Vater wohl keinen Anteil genommen haben, er war wenigstens ganz gewiß nicht maskiert. Schöne Mädchen hat er übrigens recht gerne gesehen, nur durften sie nicht mager sein; er schätzte die Schönheit hauptsächlich nach der Korpulenz. Gar viel hat sich aber der Vater um die Frauenwelt nicht gekümmert;[45]  ich glaube, er war nie vorher verliebt gewesen, ehe er unsere Mutter kennen lernte; er hat wenigstens nie davon gesprochen, und er war nicht verschlossen, im Gegenteil, sehr mitteilsam, wenn niemand Fremder um den Weg war.
Die Zeit, von welcher ich jetzt rede, sind die Jahre zwischen 1798 und 1805. Der Vater war also noch Stadtschreiber in Deidesheim, aber schon damals ein gelehrter Mann. (In späterer Zeit sagte Max zu mir: »Wenn man bei Deinem Vater ist, braucht man kein Lexikon, er weiß alles!«)
Wahrscheinlich, weil er das Geld zum Doktorexamen nicht hatte, wurde er Lizentiat. Das linke Rheinufer war ja jetzt französisch geworden, und es fügte sich alles dem französischen Zuschnitt. Es kam jetzt die Zeit, wo Napoleon mit seinen Feldzügen innehielt und allerlei Verordnungen erließ, die innere Lage des Reiches zu verbessern. Unter anderem wurden auch Preisfragen aufgestellt; darunter auch eine aus der Jurisprudenz. Unser Vater machte sich daran, diese Frage zu bearbeiten – im großen Frankreich hatte er gewiß manchen tüchtigen Mitbewerber – er schickte seine Arbeit ein, und sie wurde als die beste erkannt. Er erhielt den versprochenen Preis, aber nicht in klingender Münze, sondern in Assignaten, lautend auf 3000 Franks.

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Mit dem Überschicken des Geldes ward ihm eine Advokatenstelle angeboten. Die Ernennung zum Advokaten in Speier ist datiert am 23. Germinal XI. 1803 und unterzeichnet von Napoleon und Regnier.
Unser Vater griff nicht gleich zu, sein Herz war voll Pietät; er erinnerte sich, daß der greise Fürst Styrum noch lebe, welcher vor Zeiten seines Vaters Wohltäter gewesen war, und daß ihm zuerst seine Dienste gebührten. Auch zog es ihn mächtig nach dem Teile seines spezifischen Vaterländchens, welches deutsch geblieben war; denn auf dem rechten Rheinufer blieb nach dem Frieden von Campo Formio alles beim alten. So kam er nach langer Zeit wieder nach Bruchsal; er hatte noch entfernte Verwandte dort: »Bäschen«. Wer aber diese Bäschen waren, weiß ich nicht. Er machte seine Aufwartung bei dem Fürsten, sagte ihm, daß er sich Kenntnisse erworben habe, und zeigte ihm die Belege hierüber. Er bot dem Fürsten Styrum seine Dienste an, aber dieser lehnte sie ab, indem er erklärte, er werde nie ein Kind[46]  von Jakob Loew in seiner Nähe dulden. Styrum hatte sich in den Eigensinn hineingelebt, welcher hohen Alter ebenso eigen zu sein pflegt wie den Kinderjahren. Unser Vater ging mit einem Seufzer an den Goldfischen vorüber und drehte für immer Bruchsal den Rücken. So kam es, daß Hans Loew Advokat am Bezirksgericht in Speyer und französischer Untertan geworden ist. Er mietete sich ein Zimmer bei Kaufmann Hetzel auf der Domstraße und einen Garten vor dem Wormser Tore. Das »Gärteln« gewährte ihm stets großes Vergnügen. Aber in welchem Aufzuge ging er in diesen Garten? Antwort: Mit der Gießkanne in der Hand ging er jeden Abend von seiner Wohnung bei Hetzels durch die Straßen bis vor das Tor in seinen Garten und also auch wieder zurück. Freilich war die Stadt Speyer so ganz still und ausgestorben, daß er auf seinem Wege nicht sehr vielen Leuten begegnete, aber immerhin sah man ihn auch von den Fenstern aus. Mir ist im Leben nie mehr jemand vorgekommen, dem alles was Form des Anzuges anbelangt – auf seine Leibwäsche und täglich frische weiße Halsbinde hielt er – so ganz gleichgiltig war wie unserem Vater; daß er dadurch auffallen könne, fiel ihm gar nicht ein. Wir Töchter hatten deshalb später oft unsere Not mit ihm; aber ich glaube, es geht meinen Töchtern mit mir auch nicht besser; denn ich habe Zeiten, wo mich der kleinste gesellschaftliche Zwang anwidert, und doch weiß ich recht gut, daß es von einer Frau ein großer Fehler ist, sich der Konvenienz nicht fügen zu wollen; ein Mann darf sich eher etwas der Art erlauben. Unser Vater war ein Philosoph, und unser Bruder Titus hat außerordentlich viel Ähnlichkeit mit ihm, sowie auch in der anspruchslosen Zufriedenheit, welche durch unseres Vaters ganzes Wesen ging. Ich will hier zwei Anekdoten einfließen lassen, wie sie der Vater öfter durch seine vernachlässigte Erscheinung hervorgerufen hat.


1. Der Vater war als Regierungsrat in Geschäften in Zweibrücken und wollte seinen Bekannten, den Appellrat Siegel besuchen, fand ihn aber nicht zuhause und hinterließ, daß er im »Hirsch« logiere. Herr Siegel kommt nach Hause und verfügt sich in den »Hirsch«. Er frägt nach Regierungsrat Loew und erhält die Antwort, daß niemand solcher da sei, worauf er aber behauptete, derselbe müsse da sein. Da sagte eines von den Wirtsleuten:[47]  »Ach das is am End' der alt Handwerksborschd; wir haben ihn im dritten Stock eing'schlosse', damit er nit fortgeht, ohne die Zech' zu bezahle!«
2. Der Vater kam auf einer Visitationsreise auch nach Kirchheim-Bolanden, um das dortige Landkommissariat zu visitieren. In dem Wirtshause, in welchem er abgestiegen war, aßen auch zwei Schreiber vom Landkommissariat zu Mittag, hielten ihn für einen Schneider, äußerten dahin zielende Anzüglichkeiten und meckerten: »Mäh, mäh, mäh!« Zu ihrem großen Erstaunen sahen sie nachmittags den angemeckerten Schneider als visitierenden Regierungsrat eintreten, und der Vater verhehlte ihnen nicht, wie ihr Betragen unter allen Umständen ein ungezogenes war.
Wenn unser Vater in seinen Garten hinausspazierte, kam er an einem Haus vorbei, welches ihm sehr wohl gefiel, und da er nun schon mehrere Jahre Advokat war und eine gute Praxis hatte, so kaufte er dieses Haus am Weidenberg, weiß angestrichen und mit grünen Läden. Es war sehr hübsch und heimlich in diesem Hause, ich kann es gar nicht sagen, wie sehr; besonders später, als das Haus und ich Bekanntschaft miteinander machten, da war schon das schöne Plätzl angelegt. Sechs Stufen führten aus dem Hof in den Garten, welcher um so viel höher am Weinberg lag. Im Garten gab es sehr viele Trauben und anderes Obst und auch eine Masse Spargel. Im Hof waren zwei Ställe, ein Holzschuppen, ein Brunnen mit großem Trog und ein Maulbeerbaum; aus dem Hof ging ein großes Tor auf die Straße. Das schönste war aber ein Plätzl an der Seite des Hauses, welches der Vater einebnen, mit einem grünen Geländer umgeben und mit einigen Bäumen und Sträuchern bepflanzen ließ. Nachdem das Haus hergerichtet und möbliert war, zog der Vater 1805 hinein, hatte viele Freude an seiner neuen Besitzung und war immer guter Dinge. Da bekam er einen Brief von seinem Bruder Alban aus Heidelberg, welcher ihn zur Taufe seiner Erstgeborenen, einlud, die am 25. April 1805 geboren war. Unser Vater, von jedermann als Hagestolz angesehen, obwohl erst 34 Jahre alt, fuhr nach Heidelberg, nm der Taufe seiner erstgeborenen Nichte, Emilie Loew, beizuwohnen.



I. Buch
Familienchronik
1690–1860











Aus unserer alten Familienchronik, die unsere ebenso liebenswürdige als geistreiche Tante, Frau Amanda von Dall'Armi niederschrieb, ersehe ich, daß unser Stammbaum mütterlicherseits ungefähr bis um das Jahr 1690 zurück zu verfolgen ist. Obwohl ich nur wenige Personen der darin zuletzt genannten Generation kannte, sind mir dieselben doch fast alle aus den Erzählungen meiner lieben Mutter so innig vertraut, als hätte ich mit ihnen gelebt. Erzählungen, die mit so warmem Herzen, Gemüt und Humor die Menschen und deren Schicksale schilderten, mußten sich mir tief einprägen. Alles darin ist meinem Herzen teuer.
 So erscheint es mir auch wertvoll, einiges daraus meinem eigenen Lebenslauf vorauszuschicken, da ich mit all den Lieben aufs innigste zusammenhänge. Komme ich mir doch vor wie ein auf einen Fruchtbaum gepfropftes Reis, das ohne solchen Urstamm niemals hätte solche Früchte tragen können.
 Und nun lasse ich die liebe Tante Amande uns erzählen:
Lilli Lehmann.




Geschichte meiner lieben Familie


Nikolaus Loew


Von Traiteur oder Freiherr von Traiteur


Pfister


De la Condamine


Jakob Loew und Maria Theresia von Traiteur


Placidus Pfister und Magdalena de la Condamine


Hans Loew und Klementine Pfister


Nun kommt ein Rückblick






Marie Loew.
Frankfurt a.M. Kassel.
[71] Auszug aus dem Kasseler Theaterarchiv:

Marie Loew, geb. zu Heidelberg 1807, erhielt eine musikalische Erziehung und machte besonders auf der Harfe so schnelle Fortschritte, daß sie schon mit 13 Jahren sich öffentlich mit Auszeichnung hören ließ. Da sie auch mit einer schönen Stimme begabt war, bildeten Schleyder von Wartensen und Schelble dieselbe sorgfältig aus; sie betrat 1829 die Bühne zu Frankfurt a.M. als Agathe im »Freischütz«. Ihre gute Schule und wahrhaft schöne Stimme erwarben ihr bald Ruf und Engagements zu Magdeburg, Braunschweig, Bremen, Aachen und Leipzig; sie gastierte in Mannheim, Darmstadt und Kassel; in letzter Stadt ist sie seit 1837[71]  als Hofsängerin angestellt. Zu ihren gelungensten Partien gehören: Die Norma, Jessonda, Valentine in den »Hugenotten«, Romeo und Rebecca im »Templer und Jüdin«. Durch regen Eifer, beharrlichen Fleiß, richtige Auffassung und vorzugsweise reine Intonation, bei bescheidenen Ansprüchen, vermag sie sich den ungeteilten Beifall des Kasseler Publikums, welches auch ihr Harfenspiel stets mit großem Beifall aufnimmt, zu erhalten. Ihre Mitwirkung in der Kirche findet um so größere Anerkennung, als ihre schöne, weiche und dabei kräftige Stimme und ihr einfacher Vortrag sich für Kirchengesang besonders eignet.
Folgen Daten des Auftretens usw.

Marie Loew.










Mit 13 Jahren also schon war sie als Konzertvirtuosin und Lehrerin der Harfe in Frankfurt a.M. beim Cäcilienverein engagiert. Ihre beiden Schwestern, Emilie, die ältere, und Lilli, die jüngere, begleiteten sie nach dort, wo sie im Schutze einer befreundeten Familie ihr Leben einrichteten. Emilie war »die Polizei« im Hause des anmutigen schwesterlichen Kleeblattes, wie sie in jeder Familie fast in irgendeiner Person zu finden ist. Ich selbst wurde später so genannt, als man die Ähnlichkeit unserer beiden Charaktere erkannte.
Alle drei Mädchen lernten dort, was zu lernen nötig befunden ward, und übten sich auch im praktischen Hauswesen. Marie zeichnete sehr gut und machte prachtvolle Stickereien, wie sie eben Talent, Fleiß und Ausdauer zu allem besaß. Das weitere sagte uns schon der Kasseler Bericht.
In Leipzig lernte sie Richard Wagner, seine Familie, Brockhaus und Avenarius, dessen Verwandte, kennen. Er war täglich bei den Geschwistern Loew zu Gaste und brachte Marien all seine schweren, unsanglichen Jugendkompositionen. Emilie, »die Polizei«, schickte ihn fort, wenn er es zu toll trieb und Marien den Hof machte; doch ließ er sich durch die Hinauswürfe nicht schrecken und kam tagtäglich wieder. Er selbst nannte Marie Loew in späteren Jahren noch seine »erste Flamme« und erinnerte sich vieler Szenen, die ihr selbst schon längst entfallen waren. Jedenfalls ging's heiter zu, wenn er bei ihnen war. Beide begegneten sich 1836 in der Magdeburger Zeit wieder, wo M. Loew unter seiner Direktion und[72]  auch mit Wilh. Schröder-Devrient »Norma« und »Romeo und Julia« sang, und wo sich eine kleine komische Episode ereignete.
M. Loew, die sich als Desdemona in Rossinis »Othello« das Weidenlied im letzten Akt selbst auf eigener Harfe begleitete, sprach von der Bühne herab mit Richard Wagner, der die Oper dirigierte. Im Orchester ging's nämlich einmal kunterbunt drunter und drüber. Desdemona sah, daß Wagner zurückblätterte, während das Orchester schon weit voraus war, und rief ihm von oben zu: »weiter, weiter«. Das Publikum verstand »Feuer, Feuer« und floh von seinen Plätzen. Eine Panik entstand, doch wurde das Publikum alsbald beruhigt, und die Oper konnte weitergespielt werden. In Königsberg wieder zusammen engagiert, verkehrten sie freundschaftlich mit ihm und seiner Gattin, Minna Planer, von der sie viel Gutes zu erzählen wußte. Gleich darauf ging sie nach Bremen, wo sie nicht nur eine ausgezeichnete Fachstellung innehatte, sondern auch in den ersten Patrizierfamilien verehrt und geliebt wurde. Dann kam sie nach Kassel, unter Spohrs Direktion. Spohr, der sie hoch schätzte, komponierte ihr viel für die Harfe und eine Arie in seinem Klingemannschen »Faust« – die ich später selbst oft in Konzerten gesungen habe. – Eine ganz besondere Auszeichnung für sie bestand darin, daß Spohr ihr das Adagio der 1. Arie der »Jessonda« des schöneren Klanges halber um einen halben Ton in die Höhe transponierte, was er für niemand sonst getan hätte.

Einen Brief L. Spohrs lasse ich hier folgen:

V.H., den 10. März 1843.

Hochgeehrtes Fräulein.

In Anerkennung Ihres schönen und in Deutschland so seltenen Talentes der Virtuosität auf der Harfe, bitte ich, die beifolgenden Duette für Harfe und Violine als ein Andenken an den Komponisten freundlichst annehmen zu wollen. Möchten dieselben Ihnen eine Veranlassung sein, mich und andere recht bald einmal wieder Ihr schönes Talent bewundern zu lassen!
Mit vorzüglicher Hochachtung
Ihr ergebenster
Louis Spohr.[73]
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Später stellte er ihr noch folgendes Zeugnis aus:
Daß Fräulein Marie Loew, die eine Reihe von Jahren als Sängerin bei unserm Hoftheater angestellt war, daß sie ferner als Virtuosin auf der Pedalharfe in unsern Konzerten häufig mit allgemeinem Beifall aufgetreten ist, wird der Wahrheit gemäß attestiert.
Dr. Louis Spohr.
Kassel, den 12. April 1847.

Alle diese Musikalien sind gleich den Wagner-Kompositionen ein Raub der Umzüge und Zeit geworden.
Außer sämtlichen dramatischen Partien sang M. Loew aber auch die Königin der Nacht und Konstanze in der Entführung, wie damals üblich war, und alles untransponiert. Egoismus und Arroganz, die so vielen Nichtskönnern zu eigen, fehlten ihr leider gänzlich. So stellte sie ihr Licht stets unter den Scheffel, und es wurde nur dort von ihr gesprochen, wo sie eben singen und siegen konnte. Da ihr feines Wesen jedwede Reklame sorglich mied, ist's auch nicht zu verwundern, daß sie außerhalb Kassel nur wenig bekannt gewesen, um so mehr als sie nur selten an anderen Theatern gastierte, was »von oben herab« ohnehin nicht gern gesehen wurde.
An Goethe hatte sie von Frankfurt aus Empfehlungen, doch machte sie in ihrer Bescheidenheit keinen Gebrauch davon, was sie natürlich zeitlebens bereute. Sie sang unter Weber, Spohr, Marschner, Richard Wagner, Heinrich Dorn; Spontini kannte sie ebenfalls, der ihr noch in späteren Jahren ein ausgezeichnetes Zeugnis als Gesanglehrerin schrieb. Zu Kollegen hatte sie die Schröder-Devrient, Malibran, Pistor und Sonntag. Ihre Stimme war ein schöner, satter Sopran, dem keine Fehler anhafteten. Trotz aller Anstrengungen, Gemütsbewegungen und Schicksalsschlägen behielt noch ihre Stimme bis zum 77. Jahr, kurz vor ihrem Tode, den ungetrübten Klang, die Fülle, den Glanz der Jugend. Atemtechnik, Triller und Koloraturen waren das Vollkommenste, was man hören konnte, und letztere wurden nicht nur mit Verve,sondern oft mit geradezu klassischer Grandezza gesungen. Ein Beweis, wie durch richtige Behandlung, Organe jedem Alter zu spotten vermögen.
Ende des Jahres 1847 lernte Marie Loew den Heldentenor, Carl August Lehmann, kennen. Ihre Schwester Lilli war an den Kasseler Hofschauspieler Pauli verheiratet gewesen und nach kurzer Ehe gestorben. Den Kindern die Mutter zu ersetzen, ging Emilie zu ihrem Schwager Pauli. – M. Loew reichte Carl August Lehmann die Hand zum Bunde, verließ das Kasseler Hoftheater und beendete hiermit – leider nur zu vorzeitig – ihre Karriere als Sängerin.
Mit diesem Bunde setzte sie sich anstatt der Myrthen-, eine Dornenkrone aufs Haupt, die ihr erst sehr viel später wieder abgenommen werden sollte. Die Wunden, die sie ihr drückte, spielen in mein Leben hinein; von ihnen kann ich mehr erzählen als von dem verhältnismäßig kurzen Glück ihrer Künstlerlaufbahn.






II. Buch
Meine Großeltern











Tante Amanda hatte recht. Mein Großvater, Alban Loew, hatte so gar nichts »Kaufmännisches« an sich, alles in ihm war Liebe zu Kunst und Natur. Eigenschaften, die fürs Geschäft nicht taugten, wohl aber einen sehr soliden Boden schufen, auf dem seine zweite Tochter, Marie (unsere liebe Mutter), und später ihre Töchter Lilli und Marie (unsere Wenigkeiten) ihre großen Karrieren zu gründen vermochten. Er ließ seine sehr begabten Kinder alles lernen, was ihm wert schien, schenkte meiner Mutter an ihrem sechsten Geburtstage eine große prachtvolle Pedalharfe (Doppelpedalharfen gab es zu der Zeit noch nicht), die er direkt aus Paris von Erard kommen ließ und die heute noch in meinem Salon steht. Möglicherweise war die alte Markgräfin von Baden, welche damals in Heidelberg lebte und mit den Großeltern in Verbindung stand, die Urheberin gerade dieses Gedankens, denn meine Mutter erhielt von ihr persönlich lange Jahre den Unterricht auf dem so schwierigen Instrument, das sie später so ausgezeichnet spielte. Es war damit der Grundstein zu ihrer feinmusikalischen Bildung gelegt, wozu sie Talent, Fleiß und Ernst prädestinierten.
War die Familie in der Schweiz zu Besuch, so bestieg Großvater Loew mit seinen Töchtern den Säntis und die umliegenden Berge, um tagelang mit ihnen zu botanisieren, dessen sich meine Mutter stets mit Entzücken erinnerte. Dort besonders, in erhabener Natur, legte er in der Kinder Herzen den Grund zu allem Guten, die unbegrenzte Liebe zu Tier und Pflanze. Er trieb Weltphilosophie mit ihnen, so jung und zart sie waren, und weckte all die schlummernden Keime, die sich später besonders in meiner Mutter so edel entfalteten.
Da nun aber auch meine Großmutter mehr Poetin als Geschäftsfrau war – sie hinterließ nach ihrem so früh erfolgten Tode ganze Bände von Gedichten und eine in französischer Sprache abgefaßte Geschichte Napoleons I. – so wird man nicht fehl raten,[69]  daß diesen beiden Loews ihr großes Leinen- und Kattungeschäft, das sie in Heidelberg führten, ihren Säckel nicht mit Goldbatzen füllte, trotzdem das Geschäft noch im Jahre 1875 ein bestrenomiertes war. Erst viel später kam es aus dem Besitze der Familie.
Das Heimweh, an dem die Großmutter litt, wurde manchmal durch kurze Aufenthalte in Gossau zum Schweigen gebracht, wohin sie selbst in Winterszeiten mit den Kindern reiste. Acht Tage lang dauerte die Fahrt im Schlitten von Heidelberg dorthin. Meine Mutter erinnerte sich genau dieser Fahrten und schreibt mir 1881 darüber, als ich in der Schweiz war:
»... Die Reise nach St. Gallen und Gossau hätte ich gerne mitgemacht. Ich kann Dir nicht sagen, wie wehmütig es mich gestimmt hat zu hören, daß Du den Ort meiner ersten Kindheit besuchst, in dem ich so viele freudige, aber auch schmerzliche Erinnerungen habe. Wenngleich schon im Alter von sieben Jahren dort weggekommen, so weiß ich doch noch jedes Haus, wo es steht, und könnte viele Menschen nennen, die darin gewohnt haben. Wenn Du darauf geachtet hast, so wirst Du über dem Bache drüben, ungefähr in der Mitte des Dorfes, schräg dem Kirchhof gegenüber, ein ziemlich großes zweistöckiges Haus gesehen haben, das war das unsere. Von dort aus habe ich als Kind vom Fenster aus oft die Appenzeller Alpen bewundert. Obgleich ich damals noch recht unwissend war, so habe ich doch schon die Empfindung für so viel Schönes gehabt, auch ohne daß mich darauf jemand erst hätte aufmerksam machen müssen. Ich will nur aufhören von den Kindererinnerungen, sie stimmen mich zu weich, und das tut mir jetzt nicht gut. Wenn Ihr nach Appenzell geht, so könnt Ihr auch daran denken, wenn Ihr den ersten Berg auf dem Fahrweg passiert, daß wir mit einem scheu gewordenen Pferd fuhren, vor dem Berg, der von der einen Seite einen tiefen Abgrund hatte, glücklicherweise in einen Graben geworfen wurden. Meine Mutter hatte meine jüngste Schwester in einen großen Muff gesteckt und das Kind wegen der großen Gefahr schon aus dem Wagen geworfen. Solche Eindrücke bleiben einem fürs Leben, nimm es nicht übel, wenn ich Dich damit belästige.«

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Auch des alten 96 jährigen »Großmütterli«, dem sie oft auf dem Schoß gesessen, erinnerte sie sich genau, meinte aber, sie sei sogar 99 geworden.[70]
Kaum 34 Jahre alt, starb unsere Großmutter, wie so viele Alpenbewohner, am Heimweh, zu Heidelberg im Jahre 1817.
Nach ihrem Tode nahm Großvater ein Fräulein Charlotte von Arnstädt als Erzieherin seiner vier Töchter ins Haus, die er, ungefähr zehn Jahre später, heiratete, die ihn noch mit einem Sohne beschenkte.
Auf kürzeren Geschäftsreisen durfte ihn manchmal eine oder die andere der Töchter begleiten. Da geschah es, daß bei solch einer Fahrt im offenen Wagen die älteste, Emilie, von einer Biene in den Arm gestochen wurde. Man kehrte in einem Bauernhause ein, um nach Hilfe zu sehen, doch war ein Arzt nicht zur Stelle. Die Bäuerin aber, die gerade gebuttert hatte, schlug als geeignetstes Gegenmittel vor, des Kindes Arm in das Butterfaß zu stecken. Und so ritten zwar Vater und Kind nicht wie der Erlkönig schnell durch Nacht und Wind, sondern der Vater fuhr langsam mit Kind und Butterfaß ins nächste Städtchen, wo sie – nach langen Kreuz- und Querfragen am Stadttore – um Mitternacht beim Arzte ankamen. Das Faß mußte zerschlagen werden, da des Kindes Arm – bereits so angeschwollen – nicht anders mehr herauszubringen war. Als die drei ältesten Töchter später nach Frankfurt a.M. zogen, übersiedelte der Großvater mit der übrigen Familie nach Breslau, wo er um 1829 an der Cholera starb und Julchen ihm im Tode vorangegangen war.




Marie Loew


Meine Eltern






1.










[83] Unser Kinderhimmelreich lag in den »Drei Kronen« am Eiermarkt in Prag. Das alte Vorderhaus, in welchem unser Hausherr Lederer residierte, hatte Lauben nach dem Markte zu, worin sich Läden befanden. Ein großer, langer Hof wurde von zwei neuen Seitenflügeln gebildet. Im linksseitigen Flügel hatten wir eine kleine Wohnung inne, die aus einem großen Zimmer und einer Küche bestand. Ein altes Hinterhaus – alles soll einmal Kloster gewesen sein – schloß den Hof ab und war durch eine neue Stiege mit dem unseren verbunden. Sämtliche Gebäude waren zweistöckig. In allen Parterreräumen waren Geschäfte, im Hinterhause, von beiden Seiten der Müllgrube, zwei große Gewölbe. Im ersten Stock des alten Hinterhauses eine große Wohnung, durch eine Diele verbunden, die im zweiten Stock eine Galerie bildete, auf welche wieder eine Menge kleiner Wohnungen liefen, deren Fenster teilweise wieder auf einen zweiten, schmalen, gartenartigen Hof – den Klosterkirchhof – gingen. Meine angenehmsten Erinnerungen haften an dem einen großen Gewölbe des Hinterhauses, in dem die Kolonialvorräte des Kaufmanns Klein aufgespeichert lagen, der uns Kinder oft einlud, in diese oder jene Tonne zu fassen, um Rosinen, Mandeln und Nüsse zu langen, oder auch an einem rinnenden Syrupfaß zu lecken. Als ich aber einmal – »ungeladen« – nach einem scheinbar[83]  mit Syrup gefüllten Glase langte, das überlief und mir Hand und Arm verbrannte, weil der Syrup Vitriol war, wurde mir das Schlaraffenland für immer verschlossen.
Im zweiten Stock hielt Fräulein Blowsky einen Kindergarten, den nur Kinder erster Familien besuchten. Kaum hatte sich Mamachen eingerichtet, meine Schwester ihren zweiten Geburtstag gefeiert, so wurden wir beide morgens um 9 Uhr hingeführt und um 12 Uhr wieder abgeholt. Mama bezahlte nicht mit Geld, sondern gab den kleinen, alle nicht über sechs Jahre alten Wesen, dafür täglich eine Singstunde. »Komm lieber Mai« von Mozart, »Kommt ein Vogerl geflogen«, »Weißt du wieviel Sternlein stehen« und wie sie alle heißen, die reizenden Kinderlieder, zwitscherten wir Kinderchen mit Lust und Liebe, wozu Mamachen – wenn's recht gut ging – die zweite Stimme sang. Bei Fräulein Blowsky lernten wir deutsche und französische Gedichte, Gespräche, Buckerln machen, d.h. uns verbeugen, uns gerade halten; Perlen an Schnüren aufziehen und zählen; Ampeln aus Glasperlen anfertigen, mit denen Freunde und Verwandte beschenkt wurden und die gar nicht so billig waren, wie sie aussahen; kurz, alles, was zu einer guten Erziehung gehört und so kleine Kinder eben leisten können. Mit großer Liebe, unendlicher Geduld und einer gewissen Strenge behandelt – denn Fräulein Blowsky stellte uns in den Winkel oder ließ auch mal auf Erbsen knien – lernten wir so manches spielend. Glückliche Erinnerungen knüpfen sich an diese Lehrzeit und an alle die lieben Kinderchen, die mit uns groß wurden. Später studierte uns Mama sogar kleine Stücke ein, die wir entweder in der Schule selbst oder auch im Ursulinerinnenkloster spielten. Bis zu meinem zwölften Jahre blieb ich, mit fast allen meinen Mitschülerinnen vereint, bei Fräulein Blowsky, deren Kindergarten sich nach und nach zu einer höheren Töchterschule umgestaltete. Dann besuchte ich zwei Jahre lang das Institut von Monsieur und Madame Clottu, wo nur in französischer Sprache gelehrt und gesprochen wurde, und anderthalb Jahre die Ursulinerinnenschule. Die große, robuste Mater Präfekt, welche die Rechenstunde gab, hatte mich besonders ins Herz geschlossen und gab sich ehrliche Mühe mit mir, die ich schlecht lohnte. Über Regel de tri und Kettensatz brachte ich es nicht und stehe heute sogar tief unter dem Niveau dieser Rechenkünste, von denen[84]  mir einzig das Küchenrechnen noch gelingen will. Am liebsten besuchte ich die Zeichenstunden, die uns die schöne, junge Schwester Bernhardine erteilte; da aber mein Talent dafür zu unbedeutend war oder auch die Stunden nicht hinreichten, eine solche Kunst in mir zur Entfaltung zu bringen, brachte ich es auch hierin nicht weit. Von da an hatte ich nur noch einzelne Privatstunden. Französisch bei Monsieur Chaussieur, der das große Los gewann, und Schönschreibunterricht bei Herrn Nickel, einem armseligen, hageren alten Manne, dem der Hunger aus den Augen und all seinen Kleidern sah. Mama bezahlte ihm fünfzig Kreuzer pro Stunde und setzte ihm auch gut geschmierte und belegte Semmeln vor, die vielleicht seine einzige Mahlzeit im Tage bildeten. Meiner Schwester Handschrift sieht nicht nach Schönschreibstunden aus, und auch ich bin keine Kalligraphin geworden. Aber der arme alte Herr, den wir so gerne gleich Zeitworten konjugierten: »je nicle, tu nicles, il nicle, nous niclons, vous niclez, ils niclent« ist wirklich unschuldig daran; denn damals vermochten wir noch nicht das Unrecht einer schlechten Handschrift anderen gegenüber zu beurteilen und zu verdammen. Kann er von oben herab mich Buchstaben malen sehen, um ihm und seinen Lehren gerecht zu werden, und ahnt er, in wie herzlicher Reue ich seiner dabei gedenke, dann darf ich seiner Verzeihung sicher sein.

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Ehe ich Fräulein Blowskys höhere Töchterschule verließ, hatte sie eine neue Pensionärin bei sich aufgenommen. Betty Wurm, ein hübsches, lustiges, zu tollen Streichen aufgelegtes Mädel, die sie einfädelte und wir ihr auszuführen halfen. Nach irgendeinem solchen »neckischen Streich« – es muß nichts Schlimmes gewesen sein, sonst würde ich's behalten haben – wurde das ganze Institut eines Morgens in ein Zimmer befohlen. Da niemand die Angeberin spielen wollte, sollte ein »Gottesgericht« die Schuldige demaskieren. Ein großer Marktkorb stand auf einem Escabeau, und wir wurden beordert, eine nach der anderen unsere rechte Hand unter den Deckel zu führen und damit den inneliegenden Gegenstand zu berühren. So geheimnisvoll wie dieses Gericht aussah, konnte es einen wirklich ängstigen; wußte man doch nicht einmal, was in dem Korbe war! Die meisten Mädels waren so dumm, den inliegenden Gegenstand wirklich zu berühren; nur ich,[85]  die Lunte roch, hütete mich davor. Während nun sämtliche Mitschülerinnen mit schwarzgefärbten Händen, durch das Gottesgericht gebrandmarkt, herauskamen, ging ich als weißgewaschene Unschuld aus der höchst verfänglichen Inquisitionsprobe hervor. Im Korbe saß nämlich eine große, lebendige, mit Ruß angeschwärzte Henne!!!



2.










[86] Vom zweiten Stock in den ersten zu gelangen, ist nicht schwierig, wenn man, wie wir Kinder, mehrere Stufen auf einmal zu nehmen gewohnt war. Am liebsten hätte ich den ganzen ersten Stock übersprungen. Dort hauste der Barbar, Cölestin Müller, in seinem Klavierinstitut, das er im Verein mit seiner Schwester mir zu einer wahren Hölle gestaltete. Kaum war ich sechs Jahre alt geworden, als sich meine Mutter um einen Freiplatz in dieser Anstalt bewarb, den ich nach einer Prüfung auf sechs Jahre erhielt. Mama ging unbarmherzig in ihrer Erziehungsmethode vor, die ihr allerdings mehr Unannehmlichkeiten einbrachte als uns, was wir Kinder aber gar nicht estimierten. Mama hatte, obwohl den größten Orchestermitgliedsgehalt, doch nur sechshundert Gulden jährlich. Neunzig Gulden kostete die Wohnung, und weniger als ein Zimmer und eine Küche konnte man doch nicht haben. Auch mußte Mama ihre Harfensaiten, die eine kleine Summe verschlangen, selbst stellen. Große, übersponnene Baßsaiten kosteten je zwei Gulden. Zum Glück sprangen diese nicht gar so oft, kam es aber vor, so gab es uns jedesmal einen Riß in Herz und Geldbeutel. Obwohl das Theater eine Harfe stellte, zog Mama es doch vor, ihr eigenes Instrument zu benützen, mit dessen wundervollem Klang sich das andere nicht messen konnte. Nur durch enharmonische Verwechslung, die Mama viel Umschreiberei und Studium kostete, machte sie es möglich, die schwierigen Orchesterparts auf der einfachen Pedalharfe zu bewältigen, die nur um einen halben Ton die diatonische Tonleiter und nicht, wie die spätere Doppelpedalharfe um zwei halbe Töne modulieren konnte. Um das wertvolle Instrument nicht täglichen Transporten in Wind und Wetter auszusetzen, ließ sich Mama im Theater ein Zimmer einrichten, wohin sie täglich zum Üben ging, also doppelte Wege machen mußte. Nie ließ sie[86]  einen Tag vorübergehen, ohne nicht mindestens 1–11/2 Stunde geübt zu haben. Diese Unbequemlichkeit war hauptsächlich schuld, daß ich so spät anfing Harfe zu lernen, um es schon nach Jahresfrist aus demselben Grunde wieder aufzugeben.
Bei unserer Übersiedlung nach Prag brachten wir wohl Betten, Leib- und Hauswäsche, Silber und Garderobe mit – Luxusgegenstände, Nippes usw. waren bei Onkel Pauli in Kassel einstweilen untergebracht worden –, aber keine Möbel, die nun auch angeschafft werden mußten. Da Mama über große Barmittel nicht verfügte, mußte sparsam und vorsichtig vorgegangen werden. Unter solchen Umständen war an die Anschaffung eines Flügels, den uns C. Müller für 250 Gulden überlassen wollte, nicht zu denken. Üben mußte ich aber. Müller offerierte Mama in dieser Verlegenheit ein Klassenzimmer, worin ich jeden Morgen von 7–8 Uhr üben durfte. Im Winter ging Mama schon um 6 Uhr hinunter, um mit unserem Brennmaterial zu heizen, damit Lillichen warm saß. Die Rute lag auf dem Klavier, dessen erinnere ich mich sehr wohl, doch wurde sie nie ernstlich gebraucht.

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Die Freiplätze, wie sie in allen Musikinstituten Prags eingerichtet waren, bezahlten Prager Aristokraten. Herr Müller ließ uns reichlich entgelten, was wir ihm – seiner Meinung nach – nicht einbrachten. Er ließ an Grobheiten nichts zu wünschen übrig. In von ihm erfundenen Fingernetzen mußten wir an stummen Klavieren Fingerübungen machen, die mich viele Tränen kosteten. Müllers spinöse Schwester war aber fast noch schlimmer. Hatten wir uns mal ein paar Minuten »schmu« gemacht, gleich hatte sie es ausgewittert und brachte uns zu den stummen Fingerübungen zurück. Ich mag ja wohl zeitweise faul gewesen sein, gewiß ist aber, daß ich nie einen Funken Liebe von dieser Seite empfing, also auch nie damit vergelten konnte. Mama aber zeigte sich der ganzen Familie weit über ihre Verhältnisse erkenntlich.
Viele Schüler, die sich Müllers Grobheiten nicht gefallen lassen wollten, traten aus; unter ihnen auch die sehr fleißige Tochter Römers. Als ich nach sechsjährigem Studium dem Institut den Rücken wenden durfte, war dies ein Freudenfest für mich. In dem Schülerkonzert, das auf der Sofieninsel öffentlich stattfand, spielte ich Chopin und gefiel – wohl meines netten Aussehens[87]  halber. Ein weißes Musselinkleidchen mit rosa Seidenschärpe und kleinem schwarzem Sammetmieder kleidete mich sehr gut.
Ich will mich nicht besser machen als ich bin, und muß der Wahrheit die Ehre geben, daß ich viel mehr hätte lernen und in den sechs Jahren viel fleißiger hätte sein können; denn ich konnte fleißig sein und war es manchmal auch.
Nach mehrjährigem Unterricht bei Müller hatte Onkel Künzle in Heidelberg Mama die Summe für das Klavier vorgestreckt, die sie nach Bequemlichkeit abzahlen konnte; und nun brauchte ich nicht mehr unten zu üben. Dafür kam nun Berta Römer, die auch kein Klavier hatte, Sommers und Winters schon um sieben Uhr morgens zum Üben zu uns, wenn wir Lehmanns-Kinder noch im Bette lagen oder eben erst aufstanden.



3.










[88] In Prag fanden wir die Familie Römer vor, die Mama in Lemberg kennen gelernt hatte. Herr Römer war jugendlicher Liebhaber, seine Frau, des ausgezeichneten Prager Baritonisten Steinecke Schwester. Ihre Tochter Berta, zwei und ein halbes Jahr älter als ich, ein braves, fleißiges Kind, wie auch beide Eltern selten anständige, ordentliche Menschen waren. Da beide Familien fast immer dasselbe Haus bewohnten und wir Mädels dieselben Schulen besuchten, wurde ich Bertas intimste Freundin, die ich ihr auch geblieben bin. Daß sie nie die meine gewesen, erfuhr ich oft von anderen, doch glaubte ich nicht daran; Mißtrauen war mir fremd, und vieles zu entschuldigen hatte mich meine Mutter gelehrt. Eines Tages war ich aber doch gezwungen, die Wahrheit einzusehen, und es zerriß das alte Freundschaftsband, welches mich so lange an sie gefesselt hatte, für immer.
Nach und nach stellten sich auch andere alte Freunde meiner Mutter ein. Zuerst kam Schauspieler Hassel mit seiner Gattin Theodore, einem Patenkinde von Charlotte Buff. Man denke nur, ein Patenkind von Werthers und Goethes Lotte, deren Silhouette sie mitbrachte, und die wir darum als etwas ganz Besonderes betrachteten. Dann folgte die ganze Familie Birnbaum aus Kassel, deren Tochter Auguste mit dem Prinzen Friedrich von Hanau –[88]  des Kurfürsten Sohn – verheiratet war und trotz aller Versuche des Kurfürsten nicht geschieden werden konnte, weil die Trauung des Paares in London rechtsgültig stattgefunden hatte. Im Interesse der Wahrheit lasse ich hier die Tatsachen – einer rheinischen Zeitung entnommen – folgen, die Adolf Oppenheim in Bühne und Welt vor einigen Jahren besprach und mir hoffentlich den Nachdruck nicht übelnimmt.

Die Ehe des Fürsten Friedrich Wilhelm von Hanau mit Auguste Birnbaum.
Fürst Friedrich Wilhelm von Hanau, Sohn des letzten Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Hessen-Kassel, geboren 1842, heiratete gegen den Willen des Kurfürsten in London Auguste Birnbaum, Schauspielerin am Hoftheater in Kassel, wo auch ihr Vater, der bekannte Komiker und Regisseur Birnbaum, engagiert war. Über diese Ehe sind so viele irrige Mitteilungen in die Öffentlichkeit gekommen, daß eine wahrheitsgetreue Darstellung dieser interessanten Affäre willkommen sein dürfte. Wir geben diese authentische Darstellung des Sachverhaltes nach den Aufzeichnungen Birnbaums, die seine Gönnerin Amalie Stubenrauch übernommen, ebenso nach den ergänzenden Mitteilungen, die Birnbaum, der sonst gegen Fremde nicht sehr mitteilsam war, der Künstlerin machte. Birnbaum hatte nicht die geringste Ahnung, daß Fürst Friedrich von Hanau, Sohn des Kurfürsten von Kassel, seiner Tochter Gunstbezeugungen erweise, da der Fürst hinter seinem Rücken mit Auguste Birnbaum bei einer Freundin derselben zusammenkam. Eines Tages wurde Birnbaum ins Schloß zum Kurfürsten befohlen. Dort empfing ihn der Landesvater mit den Worten: »Birnbaum, er Kanaille – Tochter lasse festnehmen – einsperren, mein Sohn Filou. Auch einsperren, verstanden?«

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Birnbaum, welcher, wie erwähnt, keine Ahnung von der Liebelei seines Kindes mit dem Fürsten von Hanau hatte, antwortete ruhig auf die Frage, ob er die Rede des Kurfürsten verstanden, mit: Nein! Den Kurfürst, eine aufbrausende Natur, machte zuerst die Antwort Birnbaums stutzig, dann stürzte er, die Hand zum Schlage ausholend, mit den Worten auf Birnbaum los: »Hündischer Komödiant!« In diesem Augenblick trat zum Glück der[89]  Adjutant mit einer Meldung ein. Als er den Kurfürsten mit erhobener Hand, zum Schlage gegen Birnbaum ausholend, sah, stürzte er zwischen diesen und Birnbaum, der, keuchend vor innerer Erregung mit funkelnden Augen dastand, und wie der Adjutant erzählt, hätte der Schauspieler nach seiner Meinung, wenn er einen Schlag vom Kurfürsten empfangen, sich energisch zur Wehr gesetzt. Es entstand eine peinliche Pause, dann deutete der Kurfürst mit einer energischen Bewegung nach der Tür. Birnbaum entfernte sich ohne Gruß, aufrecht gehend, und der Kurfürst schleuderte ihm wieder die Worte »Hund und Kanaille« nach. Die Fürstin von Hanau hatte von dem Auftritt gehört und ersuchte den Adjutanten, Birnbaum nachzueilen und demselben das Wort abzunehmen, niemand von dem Vorfall zu erzählen. Birnbaum weigerte sich, das Wort zu geben, sprach aber, außer später mit Fräulein Stubenrauch, mit niemand über den Vorfall, sondern eilte nach Hause und stellte seine Tochter zur Rede. Was er in dieser Unterredung mit seiner Tochter erfuhr, war derart, daß er sofort den Prinzen Friedrich in dessen Palais aufsuchte, und was er von diesem forderte, war nichts mehr und nichts weniger, als seinem Kinde die Ehre wiederzugeben, die er unter dem heiligsten Versprechen der Ehe ihr geraubt. Prinz Friedrich, erst verwirrt, sammelte sich bald und schwor, daß er Auguste liebe, und versprach Birnbaum, das Wort, das er seiner Tochter gegeben, unter allen Umständen zu halten. Nur gab er ihm zu bedenken, daß sein Vater, nachdem er von dem Verhältnis mit Auguste erfahren, den ersteren erst recht beaufsichtigen werde und daß an eine Verheiratung unter diesen Umständen nicht zu denken sei. »Dann«, erklärte Birnbaum kurz entschlossen, »haben Sie zwei Menschenleben auf dem Gewissen, denn wenn vorher die Schande ruchbar wird, in die Sie meine Tochter gestürzt, und Sie nicht zu dem Kind Vater sein wollen, töte ich meine Tochter und mich selbst vor Ihrer Tür, und ich halte mein Wort, darauf können sich Hoheit verlassen!« Der Prinz beruhigte Birnbaum und bat ihn, jedes Aufsehen zu vermeiden. Er werde sein Wort halten und mit Auguste aus Kassel fliehen, jedenfalls sie sofort gegen die Verfolgung seines Vaters sicher stellen. Am selben Nachmittag noch erhielt Birnbaum durch einen Vertrauten die Mitteilung, daß der Prinz entschlossen sei,[90]  mit Auguste nach England zu entfliehen, um sich dort mit ihr trauen zu lassen. Der Kurfürst aber ließ seinen Sohn streng beaufsichtigen, und es gelang diesem nur durch eine List, in derselben Nacht aus Kassel mit Auguste Birnbaum zu entfliehen. Als am nächsten Tage die Flucht des Prinzen Friedrich dem Kurfürsten bekannt wurde, ließ er das Paar durch Militär und Gendarmerie verfolgen, Birnbaum verhaften, ins Schloß bringen und ihn dort festhalten. Mindestens zehnmal während des Tages stellte sich der Kurfürst vor Birnbaum, den er zu diesem Zweck in seinem Gefängnisse aufsuchte, und schrie ihn an: »Hündischer Komödiant! Ah Kanaille! Soll mir büßen!« Auf das Flehen der Fürstin von Hanau sowie der Umgebung des Kurfürsten wurde der arme Schauspieler endlich freigelassen, erhielt jedoch den Befehl, mit seiner Familie innerhalb zwölf Stunden das Land des Kurfürsten zu verlassen. Mobiliar, ja selbst die Kleider und Wäsche Birnbaums ließ der Kurfürst zurückbehalten. Diesen Gewaltakt begründete der Kurfürst damit, daß Birnbaum dem Fürsten von Hanau Geld und Geldeswert zu seiner Flucht gegeben. Damit die Flüchtigen weiter keine Unterstützung erlangen, behält der Landesvater Birnbaums Eigentum zurück. Es blieb unaufgeklärt, wie der Kurfürst die Mitteilung erhalten, daß Birnbaum, da er wußte, daß der Fürst bei seiner Flucht nicht über viel Geld zu gebieten hatte, ihm nicht nur sein erspartes Geld, sondern alles gab, was er im Notfall zu Geld machen konnte. So stand Birnbaum, als er die Ausweisung erhielt, mittellos da. Einige Kollegen erbarmten sich seiner und streckten ihm heimlich so viel vor, um mit seiner Familie nach Wiesbaden reisen zu können. Er glaubte in Wiesbaden ein Unterkommen zu erhalten oder wenigstens dort so lange verweilen zu können, bis er ein anderes Engagement gefunden; allein auf Betreiben des Kurfürsten von Hessen wies ihn die nassauische Regierung als »mittel- und engagementslosen Komödianten« aus. – Birnbaum wandte sich mit seiner Familie nach Prag. Auch hier folgte ihm die Rache des Kurfürsten, denn nach sechstägigem Aufenthalt wies ihn auf Betreiben aus Kassel die k.k. Statthalterei in Prag wegen »Mittel- und Erwerbslosigkeit« aus dem Kronlande Böhmen aus. Ein gleiches Geschick widerfuhr dem schwergeprüften Manne in Wien, wohin er sich mit[91]  Hilfe der Schauspieler, die für ihn in Prag Geld sammelten, wandte. In seiner Not erinnerte er sich einer früheren Kollegin – Fräulein Amalie Stubenrauch. Er wußte, daß sie beim König von Württemberg viel galt. Der alten Freundin und Kollegin klagte er brieflich sein Leid, und er hoffte durch eine Empfehlung der damals allmächtigen Stubenrauch in Stuttgart eine Unterkunft zu erreichen. Amalie Stubenrauch war eine große Künstlerin und ein mildtätiges, warmfühlendes Geschöpf. Sie nahm sich Birnbaums an, vermittelte nicht nur das Engagement, sondern gab ihm auch das nötige Geld, um sich in der schwäbischen Residenz häuslich einrichten zu können. Statt sich jedoch einzurichten, nahm Birnbaum das Geld und sandte es dem Fürsten Friedrich, welcher inzwischen Auguste Birnbaum in England geehelicht hatte, damit es dem jungen Paare ja an nichts fehle, – indes der alte Mann mit seiner Familie in der vollsten Bedeutung des Wortes darbte. Der Kurfürst veranlaßte die englische Regierung, dem jungen Paare Schwierigkeiten betreffs des Aufenthaltes in den Weg zu legen. Es flüchtete nach der Schweiz. Birnbaum machte Schulden und sandte dem Fürsten das Geld zum Lebensunterhalt nach der Schweiz. Inzwischen war der Kurfürst von Kassel nicht untätig; er wandte sich nach der Schweiz und verlangte die Ausweisung seines Sohnes. Der Bundesrat lehnte das Ansinnen ab. Nachdem dieses Manöver fehl schlug, sandte er einen Vertrauten an seinen Sohn und brachte es bei dem charakterschwachen Fürsten von Hanau dahin, daß er seine bürgerliche Frau, welche kurz vorher vorzeitig geboren und krank lag, in einem Hotel in Solothurn zurückließ und heimlich nach Kassel dampfte. Ein Telegramm der Tochter setzte den alten Birnbaum von dem schmählichen Verrat ihres Mannes in Kenntnis. Wieder half die Stubenrauch aus, und er sandte seiner Tochter Geld. Diese kehrte krank und gebrochen ins Vaterhaus nach Stuttgart zurück. Herr von Gall, der damalige Intendant des Königlichen Hoftheaters in Stuttgart, übernahm widerwillig, aber auf Betreiben von höherer Seite die Mission, Auguste, Fürstin von Hanau, sowie Vater Birnbaum zu bewegen, gegen eine Abfindungssumme den Fürsten frei zu geben. – Natürlich lehnten Vater und Tochter indigniert diese Zumutung ab. Die Briefe, die Auguste an ihren Mann, den Fürsten Friedrich von[92]  Hanau, schrieb, blieben bis auf einen unbeantwortet. Nur ein Schreiben erhielt Auguste von ihrem Manne. Es bestand in wenigen, offenbar diktierten Zeilen. Der Brief lautete: »Ich kam zur Erkenntnis, daß ich nur unter dem Drucke Ihres Vaters handelte, als ich mit Ihnen aus dem Hause meines allzeit gütigen, erlauchten Vaters floh. Ich wollte dadurch ein Eklat vermeiden, mit dem Ihr Vater mich bedrohte. Gewiß erkennen Sie mit mir, daß eine im Wahn und unter dem Druck herbeigeführte Verbindung unmöglich als recht bestehen kann. Ich hoffe, daß Sie ohne Zürnen meiner später gedenken, auch wenn ich nicht, dem Gesetz unseres Hauses folgend, gestatten werde, daß Sie künftig sich meine Gattin nennen, nachdem unsere Ehe, die wir im irrigen Wahn geschlossen, nach den Ansichten meines Vaters und aller Juristen ungiltig ist.« – Von diesem Augenblick siechte die Fürstin von Hanau vollends dahin. Der Tod erlöste sie endlich. Auf dem Friedhof zu Cannstatt, an der Ostseite der Umfassungsmauer, liegt sie begraben. Der Grabstein trägt die Inschrift:

Auguste,
Gemahlin seiner Durchlaucht des Fürsten
Friedrich Wilhelm von Hanau
geborene Birnbaum, geb. am 9. November 1837,
gest. am 29. Juni 1862.

Dies ist der richtige Tatbestand der Ehe der Schauspielerin mit dem Fürsten. Karl Birnbaum, den das Unglück seiner Familie gebrochen, starb bekanntlich bald darauf während der Vorstellung »Die Karlsschüler« im Hoftheater zu Stuttgart, in welchem Stück er die Rolle des Sergeanten Bleistift spielte, am Schlagfluß. In seiner Tasche fand man ein kleines Zettelchen folgenden Inhalts: »Morgen, am Tage nach der ersten Aufführung der ›Karlsschüler‹, wird man meinen hoffentlich rasch und tödlich zerrissenen Leichnam auf den Eisenbahnschienen zwischen Feuerbach und Kornwestheim finden; ich bitte um ein freundliches Angedenken und um ein stilles, einfaches Grab an der Seite meines geliebten Kindes. Es bedarf keiner Inschrift.« Der arme, schwer geprüfte Vater wurde an der Seite seines Kindes gebettet.[93]
Lange bevor Vater Birnbaum so plötzlich in seinem Beruf das Leben endete, starb in Prag, bei ihrer jüngsten Tochter, – der nachmaligen Frau von Ledebur – seine Gattin, nach langem schweren Leiden. Vier Wochen nach dem Tode ihrer Mutter sollte Auguste nach Cannstatt, um sich dort zu erholen. Mama, die sie unendlich lieb hatte, war ihr beim Packen ihrer Koffer behilflich, denn Auguste selbst konnte nichts mehr tun. Ein Lungenhusten hatte die blühende Frau zum Schatten gewandelt. Wie sie Mama bat, ihr dies und jenes noch mit »in den Sarg«, anstatt »in den Koffer« zu legen, meine ich noch immer zu hören. Nach wenigen Wochen hatte auch sie der Tod erlöst. Welch entsetzliche Zeiten hatten diese armen Menschen durchgemacht, und es waren nicht die letzten! Eine treue, langjährige Freundschaft verband unsere Eltern, und wir Kinder hatten viel Freundliches von ihnen erfahren. Wie glücklich schätzten wir uns, es ihnen durch treue Anhänglichkeit vergelten zu können.
Mama vergalt ja ohnehin alles tausendfach, was uns Kindern je Liebes von anderen widerfuhr! Dankbarkeit war eine Tugend, die sie uns täglich predigte und die sie selbst so gerne übte. Aber ich meine, daß sie stets die Gebende war und uns jedes geschenkte Bonbon durch das Vergrößerungsglas ansehen lehrte. Nur einmal, als uns eine Bekannte zu Faschingskrapfen einlud, und jedes von uns Kindern nur einen einzigen davon erhielt, da hatte sie nicht das Herz, uns von Dankbarkeit zu sprechen. Aber sie lud ihre Bekannten ein und buk prachtvolle Faschingskrapfen selber, daß wir Kinder uns nach Belieben satt essen konnten an dem leckeren Gericht.
Ehe die ganze Familie Birnbaum nach Prag übersiedelte und all das Elend über sie hereinbrach, waren Auguste und Josefine allein gekommen und verkehrten täglich bei uns. Auguste lernte bei Mama – die beide jungen Damen bemutterte – (umsonst) singen. Wenn sie mit den Frauen Hassel, Römer, Steinecke, der geistvollen Schauspielerin Burggraf und zwei bis drei anderen Prager Bekannten bei uns zusammenkamen, fand die Heiterkeit kein Ende. In unserer beschränkten Wohnung herrschte Mama mit Güte und Milde, bereitete den berühmten »Lehmannkaffee«, und die Damen Hassel und Steinecke brachten ihren[94]  unverwüstlichen Humor mit. Waren nicht Kaffeelöffel genug da, nahm Auguste von Schaumburg die »Rührgabel«, die noch lange sprichwörtlich bei allen Bekannten im Andenken blieb. Es kam sogar vor, daß die Heitersten des Kreises lebende Bilder stellten, wobei furchtbar viel gelacht wurde; doch kann ich mich auf Einzelheiten nicht mehr besinnen.



4.










[95] Nun der Flügel angeschafft war, stellten sich auch Gesangsschülerinnen ein. Interessant war's, daß später mehrere jüdische Vorbeter, – unter denen Leopold Landau, nachmals am Stadttheater zu Hamburg als lyrischer Tenor eine bedeutende Stellung einnahm, – zum Studium kamen, alle arm, mit schönen Stimmen, die sich dann auch wirklich ganz gut durchbrachten. Sehr komisch war auch, daß mehrere davon und andere jüdische junge Leute, am »langen Tag« oder der »langen Nacht«, wie sie es auch nennen, sich bei uns sattaßen, weil sie, wie sie sich ausdrückten, das lange Fasten nicht vertrügen. Hoffentlich sind sie darum doch selig geworden!
Mamachen, die im Orchester sowohl als Dame wie als Künstlerin eine Sonderstellung einnahm, durfte es schließlich wagen, eines von uns Kindern einmal mit ins Orchester zu nehmen. Jedermann verehrte sie und war bestrebt, ihr Aufmerksamkeiten und kollegiale Artigkeiten zu erweisen. Unter den jüngeren Mitgliedern des Prager Orchesters, die mit ihr dort zusammenwirkten, sind Kapellmeister Rebiček und Professor Halir zu nennen. Trotz aller Bescheidenheit konnte Mama aber auch sehr energisch sein, wenn es galt, sich gegen Unarten zu wehren.
Als einst ein jüngerer Kapellmeister sich solch eine Ungehörigkeit zuschulden kommen ließ, weil etwas nicht sofort stimmte, sagte sie ihm ebenso ruhig als entschieden: »Das verstehen Sie nicht.« Worauf keine Antwort mehr erfolgte, da er tatsächlich nichts von dem Instrument und dessen Behandlung verstand.
Als wir die »Drei Kronen« bezogen, nahm Mutter ein besseres Mädchen in ihren Dienst, das viel Bildungseifer besaß und zwei[95]  Gulden monatlichen Lohn erhielt. Emilie Drahota machte, gleich uns, alle Schularbeiten und lernte dabei was wir lernten, ohne dafür vorbereitet zu sein. Sie hatte aber einen »Spahn«, wie man zu sagen pflegt, der in späteren Jahren vollständig in Verrücktheit ausartete. Wie damals üblich, schlief sie in der Küche. Kam sie abends herein, um nochmals nach uns zu sehen, war sie weiß angetüncht wie ein Gespenst. Wir erschraken nicht, aber wir spürten nach und fanden endlich in ihrem Bette unsere zinnerne Puppensuppenterrine, in der eine kalkartige Pappe klebte. Sagen durften wir nichts, doch war ich besonders von nun an sehr aufmerksam auf alles, was sie trieb. Eines Abends, als wir Kinder längst im Bette lagen, hörte ich sie leise ins Zimmer treten. Sie ging an den dicht neben meinem Bett stehenden Schrank, in welchem Mama ihr Silber, sowie Kaffee und Zuckervorräte aufbewahrte, krabbelte in den Düten herum und sagte – vorsichtshalber – halblaut: »Na, kann ich denn die Löffel nicht finden?« und ging leise wieder hinaus. Ich wußte nun, daß sie Zucker genommen hatte. Andern Tags sah Mama des Mädchens Kleider nach, die in unserem großen Kleiderschrank hingen, und fand alle Taschen voll Kaffee und Zucker. Da alles immer offen stand, war zum Stehlen eigentlich kein Grund vorhanden; sie mußte denn die Vorräte anderweitig unterbringen. Nun wurde, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, alles verschlossen. Wenn Emmy sich abends aber im Bette herumdrehte, über schlechte Lage oder Schlaflosigkeit klagte, konnte ich mich nicht enthalten, mich zu rächen. Ich rief ihr zu: »Wie man sich bettet, so liegt man«, oder »ein gutes Gewissen ist das beste Ruhekissen«, das ich ihr mit einem gewissen dramatischen Ausdruck und großem Sarkasmus hinschleuderte. Sprichwörter machten auf mich selbst einen großen Eindruck, und drum hoffte ich auch, auf Emmy einen solchen damit hervorzubringen.

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F. Kliemke sagt: »Ein Sinnspruch ist die Pforte zu einem Gedankenpalast. Die meisten Menschen betrachten nur die Pforte, treten aber nicht ein.« Ich aber bin in manchen dieser Paläste eingetreten. Es half mir mehr als alle Ermahnungen; vielleicht nur darum, weil ich mir einbildete, die Weisheit allein gefunden zu haben. Z.B. »Ein Nadelstich erspart hundert andere«; nie[96]  mehr ließ ich etwas ungeflickt. »Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht und wenn er auch die Wahrheit spricht.« Nie mehr log ich! Und so erzog ich mich selbst, auf Grund aller guten Lehren meiner Mutter und meiner ausgezeichneten Lehrer, ohne die, und meine eigene Natur, ich in solche Paläste nie die Lust einzutreten verspürt hätte. Ich handelte nach ihrem Sinn und brauchte einen Rückfall niemals zu befürchten. Nur eines der Sprichwörter begriff ich nie: daß einmal keinmal sein sollte! –
Von einem Advokaten Linhardt, der in unserem Hause wohnte, wurde Emmy zu einem Prozeß gegen ihren Bruder aufgestachelt, den sie samt ihrem kleinen Vermögen verlor. Die »Bildung« war ihr auch schon in den Kopf gestiegen. Sie wollte in »gräfliche« Dienste treten, lernte schneidern und frisieren, um nach Rußland zu gehen. Doch ehe sie so weit war, setzte Mama sie eines Tages vor die Türe, da sie gerade dazu kam, wie sie uns Kinder mißhandelte. Vielleicht waren wir sehr unartig gewesen? – Erst nach fünfzehn Jahren sollten wir sie in Berlin als altes Mütterchen wiedersehen. Sie hatte sich in Rußland einer religiösen Sekte angeschlossen, deren Führer ihr befahl: »allen irdischen Tand von sich zu werfen.« Gesagt, getan. Sie kam, um mir ihren in Prag einst mühsam gestickten Unterrock zu bringen, und um Ruhe zu erlangen, war ich gezwungen, ihn »gerührt« von ihr anzunehmen. Da wir mit der bereits Verrückten nichts anfangen konnten, setzte ich sie in den Zug nach Prag, gab ihr ein paar Taler mit auf den Weg und schickte sie so zu ihrem Bruder. Es dauerte aber kaum acht Tage, da stand sie schon wieder in unserer Stube. Obwohl sie meinte, »daß der Herr sie kleiden würde, wie die Lilien auf dem Felde«, redeten wir ihr doch zu, eine Arbeit zu ergreifen. Davon wollte sie aber nichts wissen. Mit einer zweiten Wegzehrung schickten wir sie fort. In Pirna hatte sie dann Unterkunft und Arbeit in einer Dynamitfabrik gefunden, wie sie bald darauf schrieb. Ein reicher Graf Luckner bewürbe sich um sie, es seien zwar noch Verwandte gegen die Heirat, doch habe der Graf ihr bereits eine Million Mark vermacht. Ob sie Gräfin geworden, hörten wir nicht mehr. Wahrscheinlich hatten die Arbeiter der Fabrik sich den Scherz mit der verrückten alten Schraube[97]  erlaubt, und hoffentlich ist sie gleich den Lilien auf dem Felde selig entschlafen.
Nachdem wir in Prag von diesem »Alp«, wie Mutter sie nannte, befreit waren, hielten wir noch eine Bedienung; eine Frau, die Wasser trug und alle groben Hausarbeiten verrichtete. Das andere besorgte Mama nun auch noch, und wir halfen so gut wir konnten. Dabei lernten wir die Hauswirtschaft führen und vieles kennen, das uns im Leben zu außerordentlichem Nutzen gereichte.



5.










[98] Sehr wohltätig empfand Mama die Hilfe ihrer Kusine Amalie, Fürstin Karl Theodor Wrede, die uns des öfteren mit herrlicher Garderobe überraschte. Mama konnte dadurch sorglos, ihrer Gewohnheit gemäß, elegant erscheinen, ohne zu tief in ihren eigenen Säckel greifen zu müssen, und auch wir Kinder waren, besonders in jüngeren Jahren, immer gut und kleidsam angezogen, da Mama alles so sehr geschickt und geschmackvoll zu arrangieren wußte. Später haperte es an allen Ecken und Enden. Wir waren so schnell aufgeschossen, so groß, so wild!
Wie oft fiel mir unsere Backfischzeit ein, als man mir in Berlin die nette Geschichte einer königlichen Ballettänzerin erzählte, die ihrem Jungen, der so gar schnell wuchs, eines Tages zugerufen haben soll: »Junge, wenn de wieder so schnell wächst, wees Jott, ick setze dir Plissé an die Hosen!« – die damals gerade Mode waren. Auch wir wuchsen alles aus; überall kamen die langen Füße, Arme und Beine zum Vorschein. Waren sie morgens bedeckt gewesen, am Abend hatten wir sie wieder nackt gewachsen.
Nicht nur für unsern Unterhalt, für unsere Erziehung sorgte, schuf, kochte und schneiderte Mamachen, auch alle unsere Freunde und Bekannten nahmen ihre Güte und Gefälligkeit in Anspruch, und viele mißbrauchten ihre Kräfte auf das schändlichste. Niemals kam sie zur Ruhe, nicht einmal nachts, wo sie, von Sorgen gequält, sich nicht zu erholen vermochte. Andere teilten unsere Mahlzeiten und sie selbst hatte, – wenn sie abends aus der Vorstellung kam, sehr oft nichts weiter als ein trocken Stück Brot[98]  und ein Glas Wasser. Dann arbeitete sie oft noch die halbe Nacht, um etwas dazu zu verdienen; denn es langte eben nicht für alle die notwendigen Dinge unserer Erziehung und unseres Unterhalts. Wie es in jener Zeit um Mamas physische, wie seelische Empfindungen stand, davon gibt uns nachstehender Brief ein Bild, die Antwort auf die Anfrage einer ihrer Freundinnen, die uns zu besuchen, bei uns zu wohnen wünschte.

»Die Hauptsache aus Deinem Brief zu beantworten, betrifft Dein Hierherkommen. Ich brauche Dir erst nicht zu sagen, welche Freude es uns machen würde, Dich wiederzusehen, allein in meiner kleinen Wohnung ist es in dieser furchtbaren Hitze eine Unmöglicheit, daß wir alle existieren. Sieh, ich rede ganz offen gegen Dich und Du wirst mir deshalb nicht zürnen. Zuerst würde mich die erhöhte Unruhe, die durch unser Zusammenwohnen unvermeidlich herbeigeführt werden müßte, ganz entsetzlich angreifen, denn ich bin nicht mehr die rüstige Frau, wie Du mich im vorigen Jahre verlassen hast. Durch so viele Erlebnisse bin ich so furchtbar nervös und elend, daß mich ein ungewöhnlich lautes Wort zum Tod erschrecken kann. Im Theater, wenn ich spiele, strenge ich meine Nerven so an, um mich oben zu erhalten, daß ich förmlich dann zu Hause phantasiere. Ich weiß, daß ich es tue, und kann es nicht ändern. Ruhe ist mein Flehen immer zu den Kindern, denn nur Ruhe ist es, was ich noch beanspruche. Ferner würden die Kinder in ihren täglichen Arbeiten, in ihren Klavierübungen, die keine Unterbrechungen erleiden dürfen, durch die Neuerungen zu sehr gestört. Ich halte streng auf die Arbeiten zu Hause, ich denke immer, ich werde ihnen nicht mehr lange behilflich sein können, und dann sollen sie mein Andenken doch ehren können.«


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Die Ausbeutung ihrer Kräfte von vielen ihrer Bekannten machte mich sehr bald mißtrauisch gegen die Menschen im allgemeinen, und manchmal zeigte ich schon meine Zähne, wenn es gar zu toll wurde, was auch eine Weile nützte. Oft überfiel mich eine grenzenlose Sehnsucht nach Einsamkeit, daß ich mich zum Sprechen und unter Menschen zu gehen, förmlich zwingen mußte. Vielleicht hätte ich wieder stumm werden mögen wie als kleines[99]  Kind. Es kostete mich nur eine einzige Antwort unausgesprochen hinunterzuschlucken, dann stellte sich das Schweigen ganz von selbst wieder ein.
Vater hatte versprochen, soviel in seiner Macht läge, für uns alle zu sorgen. Sicher war es seine Absicht. Hie und da kamen auch Geldsendungen, aber sie wurden immer geringer. Von Zeit zu Zeit kam er selbst, wohnte sogar bei uns, bis es eben nicht mehr ging. Er liebte uns, das wußten wir; er brachte prachtvolle Spielsachen und sonstige Geschenke mit; glücklich aber machte uns sein Kommen nicht, meine Mutter sogar direkt unglücklich. Abgesehen davon, daß unser so regelmäßig eingeteiltes Leben ganz in Unordnung geriet, lebte Mama dann immer in geheimer Angst, er könne ihr auch noch diese Zufluchtsstätte, auf welcher unsere Zukunft gegründet werden sollte, durch unleidliches Hineinmischen verderben. Er ging viel mit uns spazieren und war nicht wenig stolz auf seine Familie. Wäre es uns auch vonnöten gewesen, die Strenge eines liebenden Vaters manchmal zu fühlen, so war das – wie die Verhältnisse nun einmal lagen – ganz ausgeschlossen. Wenn ich heute an all die Sorgen meiner armen Mutter denke, die diese Besuche mit sich brachten, so fühle ich tief mit ihr und verstehe meinen allzu sorglosen Vater immer weniger, der sie so unglücklich machte. Und doch erinnere ich mich eines Spazierganges mit ihm, aufs Prager Belvedere, wo ich zum ersten Male »Steinröschen« auf den Festungswällen brach, deren Gräben die Spaziergänge des Belvederes begrenzten oder noch begrenzen. (Die Festung wurde zum Teil geschleift.) Das Belvedere war mittelst Fähre unterhalb der prachtvollen alten, steinernen Brücke zu erreichen. Auf dem jenseitigen Ufer der Moldau lehnt es sich an die Anhöhen der Kleinseite, führt bis zum Hirschgraben am Hradschin und erstreckt sich bis nach dem »Baumgarten«, in dem des »faulen Wenzels« Schloß liegt. Wir kamen nicht oft dorthin, weil es umständlicher zu erreichen war als die Gärten und Felder hinter dem Roßtore, die uns Kindern auch besseren Spielraum boten. Seit diesem Spaziergang mahnt mich jedes »Steinröschen«, meines unglücklichen Vaters in liebem, wenn auch traurigem Erinnern zu gedenken.



 6.










[100] Im Jahre 1856 führte Mama die Verhandlungen zwischen Richard Wagner und der Prager Theaterdirektion »Stoeger« bezüglich der Oper Lohengrin, wie sie sie auch vorher schon um den Tannhäuser geführt hatte. Wagner hatte endlich eingewilligt, den Lohengrin, gleich dem Tannhäuser, für fünfundzwanzig Luisdor herzugeben. Soviel mir erinnerlich sprach meine Mutter davon, daß dieser Preis bereits bei der Tannhäuserannahme ausbedingt gewesen sei. Sie erstattete ihm Bericht über die Aufführung. Die ganze damalige Korrespondenz mit Wagner scheint aber verloren gegangen zu sein, da sich Bekannte die Briefe liehen, ohne sie je wieder zurückzuerstatten. Nur einer blieb in den Händen des damaligen Prager Polizeileutnants Päumann und kam nach seinem Tode, zum ersten Mal nach meiner Mutter Ableben, zum zweiten Male in der N. fr. Presse zum Abdruck. Alle Versuche, des Originalbriefes wieder habhaft zu werden, mißlangen. Der Brief lautet:

»Liebste Freundin! Haben Sie tausend Dank für Ihren freundlichen Brief mit dem schönen Inhalte. Daß ich meht eher antworten konnte, war ein Leidwesen. Ich war von dieser abscheulichen Krankheit schon den ganzen Winter an der schließlichen Vollendung einer großen Arbeit – der Partitur meiner Walküre – verhindert worden, so daß ich nun, als ich nur kaum wieder daran denken konnte, mit leidenschaftlicher Obstination zu nichts eher die Feder in die Hand nahm, als eben zur Beendigung dieser Arbeit. Dies ist denn nun glücklich zustande gebracht, und mein erstes, was ich tue, ist nach Prag zu schreiben. Was nun die Aufführung des Lohengrin betrifft, so muß ich – besonders aus Ihren Nachrichten – wohl glauben, daß einmal wieder ein Wunder geschehen ist, denn wenn ich diese Oper an ein Theater verkaufe, so geschieht es jedesmal mit einer wahren Verzweiflung, da ich, um der infamen paar Taler wegen, mich mit diesem Werke, das ich selbst noch nicht einmal aufführen oder hören konnte, zu Markte bringen muß und, wie ich jedesmal fürchte, mich den größten Mißverständnissen preisgeben soll. Soviel steht fest, daß ich nach Berlin und München den Lohengrin nicht gebe, es sei denn, daß ich ihn selbst dort aufführen[101]  könnte. Wenn nun bei Euch manches nicht war, wie es sollte (namentlich scheint mir der Lohengrin-Reichel selbst sehr uninteressant geblieben zu sein, was eigentlich denn doch die Hauptsache nicht zur Wirkung kommen läßt), so sehe ich denn doch, daß soviel und wahrscheinlich das meiste mit ungewöhnlichem Gelingen gekrönt wurde, sonst wäre dieser Erfolg nicht möglich. Daß die Elsa1 so gut ist, war die Rettung für das Ganze: sie ist die tragische Hauptperson, und wenn das Interesse für sie nicht durchgehends rege wird, so ist jede Hoffnung des Gelingens verloren. (In Breslau hatte man den Fehler gemacht, neben der vortrefflichen Nimbs als Ortrud, eine Anfängerin zur Elsa zu nehmen, und da nun noch der Lohengrin schlecht war, mußte natürlich alles verloren gehen. Partien, wie die Ortrud, so schwer sie erschien, machen sich oft von selbst, während eine matte Dame als Elsa leicht gleichgiltig lassen kann.) Lohengrin mußte, um schließlich als die tragische Hauptperson zu erscheinen, idealisch erhaben und anziehend dargestellt werden, in der Weise, daß er, als er Elsa schließlich anklagt und nach seiner Entdeckung im vollen Schmerze losbricht, so erschüttert und fast schreckt, daß plötzlich Er als der Vernichtete erscheint. Doch hierzu gehört unendlich viel, wenngleich die Wirkung eigentlich doch nicht so schwer wäre, wenn unsere unglücklichen Tenoristen, durch Martha und dergleichen, nicht gar zu gräßlich heruntergekommen wären, so daß jetzt gar nichts mehr mit ihnen anzufangen ist. Nun, begnügen wir uns diesmal und wahrlich, ich bin froh, daß es so ging. Seien Sie versichert, daß Ihre Nachrichten und jede Ihrer Nachrichten und Mitteilungen mich sehr erwärmt und erfreut hat. Der Wunsch, mir endlich Deutschland wieder zu öffnen, ist mir bei dieser Gelegenheit lebhafter erweckt worden als je. Wirklich dachte ich bereits daran, ob es bereits möglich wäre, von der österreichischen Regierung einen Paß zu erhalten, daß ich von hier aus zur Not so reisen könnte, daß ich kein anderes deutsches Land außer Osterreich berühre, doch denke ich daran, dieser dummen Lage ein Ende zu machen. Mit großer Freude würde ich Sie gerade in Prag wiedersehen. Ihr etc.

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Zürich, März 1856.
Richard Wagner.«

[102]  Auszüge aus den Briefen meiner Mutter an Freunde.

Prag, 1856.

»Wie gerne hätte ich längst geschrieben, wenn es nur in meinen Kräften gestanden hätte. Seit mehreren Wochen fühle ich mich schon elend; dazu kamen noch die anstrengenden Proben von der Oper Lohengrin, die oft von morgens acht bis Nachmittag um drei Uhr dauerten und ich immer der Übung wegen eine Stunde früher schon im Theater war. Dazu kam noch, daß ich einige Silberstickereien für die Oper übernahm, die mich regelmäßig bis zwölf und ein Uhr Nachts an der Arbeit festhielten. Ich hatte meinem Körper zuviel zugetraut und mich damit recht elend gemacht, da ich ohnehin alle Besorgungen für Kinder und Haushalt zu versehen hatte. Was tut man nicht alles um der Kinder willen! Sie glauben nicht, wie schrecklich mutlos und herabgestimmt ich bin, wie ich mich zusammennehmen muß, um nicht in eine vollständige Lethargie zu verfallen, denn ist man erst auf dem Punkt angelangt, so ist man verloren ... Ich war so angegriffen, daß ich während der Proben von Lohengrin öfters aus dem Orchester hinausgehen mußte, um mich auszuweinen. Die herrliche, hinreißende Musik von Wagner hat mich schrecklich aufgeregt, ich könnte immer weinen, dann erst wird mir wohler ...
In den nächsten Tagen erwarten wir S.M. den Kaiser, der zur silbernen Hochzeit des alten, hier lebenden Kaiserpaares herkommt. Es soll während seiner Anwesenheit zweimal Lohengrin und Tannhäuser gegeben werden. Es wird für mich eine schlimme Woche, da ich mich so wenig wohl fühle. Bald mehr und ausführlicher. Ich will noch ein paar Worte an den Wagner schreiben und ihm den Erfolg der Oper melden. Lebt noch einmal wohl ...
Marie.«

Aus Wagners »mein Leben«. (Seite 836.)
»Rührend war es für mich, die aus meiner frühesten Jugend her mir bekannte Marie Löwe, (im Buch irrtümlich mit e geschrieben, anstatt Loew) welche vom Gesang jetzt ganz zur Harfe übergegangen war, für dieses letztere Instrument im Orchester angestellt und bei meinen Konzerten mitwirkend, nach so langen Jahren wieder anzutreffen.«

Mit der Stickerei für Lohengrin kam es folgendermaßen. Mama hatte, zu irgendeinem besonderen Anlasse, ihrem alten Freund und[103]  Kollegen Hassel eine Rokokoweste gestickt, die im Theater allgemein bewundert ward. Darauf aufmerksam gemacht, frug sie Direktor Stoeger, ob sie gewillt wäre, die Flitterstickerei des Lohengrinkostümes zu übernehmen, was denn auch geschah. Wie viele Opfer es sie gekostet, ersieht man aus ihrem Briefe. Wir Kinder ahnten nichts davon, waren aber überglücklich, wenn wir tagsüber helfen durften, ihr die Flitter zurechtzulegen. Fast zwanzig Jahre später saßen wir alle drei in Bayreuth und bestickten die weißen Beinlinge mit blauer Wolle für Siegmund, den Wälsung; freilich mit anderen Gefühlen!
1

 Elsa war Frl. Louise Meyer (nachmals Fr. Dustmann-Meyer.)




7.










[104] Endlich ist es an der Zeit, meine Schwester Marie vorzustellen, die ich zuerst nur »Hitzi« rief, woraus der Name »Riezl« wurde, der ihr in der Familie sowohl als bei Freunden zeitlebens verblieb. In Prag wurde sie zwei Jahre alt und war so dick, daß sie bei jedem Schritt hinfiel. Briefen meiner Mutter entnehme ich, daß Riezl viel kräftiger, sich auch viel schneller entwickelte als ich, die ich 21/2 Jahre älter, eigentlich in allem sehr viel später daran war. Mit zwei Jahren sprach ich noch kein Wort, zeigte aber alles, so daß mich meine Eltern für stumm hielten. Daß ich auch später noch den Hang zum Schweigen hatte, sagte ich bereits. Wir waren sehr verschieden geartet. Ich hatte braunes Haar und braune Augen, Riezl war blond und blauäugig. War ich hoch aufgeschossen und schwächlich, so war sie auch sehr groß, aber körperlich für ihr Alter viel weiter vorgeschritten und von furchtbarem Temperament. Wild und unbändig, kam sie nie ohne Verwundung an Arm und Beinen, oder ein Loch im Kopf aus der Schule oder vom Spielen heim. Die Hälfte ihrer Kleider hing gewöhnlich an den Sträuchern. Hüte flogen in Abgründe, von denen man in anständiger Gesellschaft nicht sprechen mag. Wie oft wurden Schulen und Lehrer gewechselt! Nie war Riezl zu finden und hatte man sie endlich erwischt und glücklich ins Zimmer gebracht, war sie auch schon wieder verschwunden, als hätte sie der Erdboden verschlungen; Mama nannte sie nur: »Die Versenkung«; sie war einfach nicht zu halten. Die Güte und Gefälligkeit selbst, opferte sie sich für jeden, ganz ohne Ursache und Verlangen; Eigenschaften,[104]  die sie nie verlor, sie viel Lehrgeld kosteten, aber nicht klüger machten. Ihr Gedächtnis für Musik war geradezu phänomenal; was sie einmal hörte, sang und sprach sie auswendig, als hätte sie es Jahre lang studiert. Und wie ihr Körper, war auch die Stimme stark und volltönend gegen die meine. Wenn sie mit sieben oder acht Jahren sich am Klavier ganze Szenen auswendig begleitete, bis ins viergestrichene c sang und darauf trillerte, lachte und weinte, glaubten wir nicht anders, als daß das Kind verrückt geworden sei. Ihr starkes Talent offenbarte sich allenthalben, was Mama wohl berechtigte, eine große Zukunft für sie zu erhoffen. Mein Talent verbarg sich scheinbar und kam wohl mehr im Ernst des Lernens und Strebens, oder auch in stärkerer Konzentration der geistigen Kräfte zur Geltung. Wenn auch oft recht träge und übellaunisch, setzte ich doch nicht selten meine ganze Kraft ein, um die Erste in der Schule, im Verstehen und Begreifen zu sein; dann lernte ich wie toll und holte nach, was ich hier oder dort versäumt hatte. Mein Ehrgeiz rüttelte mich auf.
Wie furchtbar wild und unartig wir aber als kleine Kinder sein konnten, besonders wenn es darauf ankam, artig zu sein, davon muß ich ein Beispiel erzählen. Mama erwartete wichtigen Besuch und bat uns inständigst, uns am Nachmittag nur eine halbe Stunde recht ruhig zu verhalten. Oh, wir versprachen es auch und wollten ganz brav sein. Unsere Küche, die eigentlich ein zweites Zimmer war, in dem wir Kinder diese halbe Stunde interniert bleiben sollten, war vom Wohnzimmer durch eine große Glasflügeltür getrennt, deren untere Scheiben schon längst durch Holzfüllungen ersetzt waren. Die Dame kam und wir hielten uns fünf Minuten wirklich exemplarisch ruhig. Dann aber wurde es – da wir durch die Holzfüllungen nichts sehen konnten – langweilig; wir ließen uns hören. Ehe wir uns dessen versahen, waren die Holzfüllungen ausgestoßen und wir saßen beide laut jubelnd, rittlings in den Türlöchern.

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Als Mama, die ihren hochnasigen Besuch mit Entschuldigungen hinauskomplimentiert hatte, wieder hereinkam, kündigte sie uns an, daß sie uns jetzt nicht strafen würde, weil sie am Abend ihre Hände zum Spielen in der Oper gebrauche und sie darum schonen müsse; nach der Vorstellung aber sollten wir unserer Strafe nicht entgehen.[105]  Wir lagen längst im Bette, schlafen konnten wir nicht, aus Angst, was geschehen würde, lebten aber gleichwohl der Hoffnung, daß Mama auch diesmal Gnade für Recht ergehen lassen würde. Wir täuschten uns. Unsere gute, sanfte Mutter, die uns noch nie geschlagen, nur immer gedroht hatte, wenn sie sich gar nicht mehr anders zu helfen gewußt, walkte uns – nach der Oper – nicht nur mit der gefürchteten Rute, sondern mit einem großen Kochlöffel durch und machte – einmal im Leben vielleicht – ihrem gerechten Zorne Luft. Ich, als Älteste, bekam's zuerst, und da ich schrie, schrie Riezl auch schon: »Schlage mich, Mama, ich kann's nicht sehen, wenn du die Lilli schlägst.« »Du bekommst auch dein Teil!« hallte es zurück, und Mama hielt ihr Versprechen.



8.










[106] Schule und Musikinstitut hatten ihre Domizile gewechselt. Unten zog ein Tanzlehrer, oben eine jüdische Familie, namens Zappert, ein. Sie bestand aus einer alten, großen, siebzigjährigen Frau, einem noch älteren Gatten, einem alten Sohn, der nur zu Besuch kam, aber nicht da wohnte, und einer alten Jungfer-Tochter, die, wie uns schien, nicht ganz normal war. Wir sahen sie nämlich wohl zwanzigmal im Tage ihren kleinen Waschnapf – an den ich im Goethezimmer zu Weimar erinnert wurde – der drei Schneppen hatte, am Ausguß ausgießen und mit jeder Schneppe extra hinausgehen, um sie zu reinigen. Der halbe Tag ging damit hin. Wie man erzählte, waren es sehr reiche, wohltätige Leute, die aber selber keine Bedürfnisse hatten, sondern unendlich einfach lebten. Im Hause wurde jeder Faden Wäsche gehalten, solange es nur ging, und ich erinnere mich, die Tochter einen wollenen Unterrock stopfen gesehen zu haben, der keinen ursprünglichen Webefaden mehr aufzuweisen hatte. Ich hielt mich immer gerne zu alten Leuten; die alte Dame liebte mich und ich sie, – fast allabendlich saß ich zu ihren Füßen.
Sie ließ mich lesen, lehrte mich Kunststopferei, oder überwachte meine Handarbeiten, während sie mit mir französisch sprach. Sie bezeigte mir unendlich viel Liebe, die gleich einem Denkmal in meinem Leben steht.[106]
Mit den Töchtern des Tanzlehrers Feigert hatten wir uns ebenfalls befreundet, bei deren Vater, – einem einst berühmten Balletmeister, – wir alle alten Menuette, Gavotten, Quadrillen: à la Reine, à la cour, usw. lernten und sonstige Tänze, die man kaum dem Namen nach mehr kannte. Er hielt viel auf äußerste Eleganz und distinguiertes Benehmen beim Tanz und brachte uns soviel Grazie bei, soviel Kenntnisse dieser schönen Kunst, daß wir ihm nicht wenig zu verdanken haben. Doch hatte ich schon als sechsjähriges Kind mit meinen kleinen Mitschülerinnen bei Ručičzka Stunden, wo wir sogar die große Mazurka tanzten, und da wir nur Mädchen waren, mußten die Geschicktesten die Herren markieren, wozu man mich, als lange Stange, immer ganz besonders ausersah.
Mama wünschte uns in allem ausbilden zu lassen, was unserem Körper Grazie verlieh. An Kenntnissen, meinte sie, trage man nicht schwer, und sie seien das einzige, was sie uns hinterlassen könne. Wie gut uns alle errungenen Kenntnisse zu statten kamen, erfuhr ich schon im ersten Engagement, wo man mich bei Gastspielen ausländischer Künstler stets als Dolmetsch gebrauchte, weil außer mir niemand ordentlich französisch sprach. Wie sie bemüht war, uns Sprachkenntnisse erwerben zu lassen, ohne die eine Künstlerin nicht existieren könne, so war sie eifrigst besorgt um unser körperliches Wohl. Schon als ganz kleine Kinder wurden wir allabendlich kalt abgerubbelt und badeten zweimal täglich in der Moldau sobald es nur die Witterung erlaubte und bis in den Herbst hinein, oft noch mit elf Grad Wasserwärme. Wir mußten sehr viel spazieren gehen, hatten sogar auch Exerzierstunden; und um unsere Zähne – für die Mama, wie sie sagte, ihr letztes Hemd gegeben hätte – zu erhalten, wurden wir nur zum allerersten Zahnarzt, Professor Ebermann, geschickt. So sorgte sie für alles und wachte für unsere Zukunft, wenn sie einst nicht mehr wäre!

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Als auch der Tanzlehrer der großen Wohnung Valet sagte, bezog sie eine zahlreiche Judenfamilie, Bunzl. Herr Bunzl war Besitzer eines großen Weißwarengeschäftes am Graben, das aber, im Niedergang begriffen, ihm viel Sorge bereitete. Sehr viel später erfuhren wir, daß sich Vater Bunzls Geschäftsreisen meist nur in den Schuldarrest erstreckten. Drei schöne Töchter, – die vierte war Gouvernante außer dem Hause – frisierten ihr köstliches[107]  Haar und zogen sich sehr gut an. Daß man aber seinen Körper täglich mindestens einmal waschen mußte, lernten sie erst von uns und gewöhnten sich nur sehr ungern daran. Es erinnert mich an eine mir bekannte Sängerin, die in Österreich auf dem Lande daheim, in den Ferien dorthin reist, und der ihre Schwester, die morgens gerade dazu kommt, wie sie mit Seife und Luffa unterm Arm hantiert, zuruft: »Pfui, du Schwein!«
Mit Vater Bunzl unterhielt ich mich gerne. Die vielen jüdischen Gebräuche, die ich hier kennen lernte, stachelten meine Neugier, und stets beantwortete der ältere Mann voll Ernst und mit erklärenden Gründen, die vielen Fragen des jungen Mädchens. Die Gründe erschienen mir so schön, daß ich mich von nun an für die jüdische Religion aufrichtig interessierte. Herr Bunzl war seinen sechs Kindern ein ausgezeichneter Vater – seine erste Frau war früh gestorben – seiner zweiten Ehehälfte aber ein schlechter Gatte. Man sah sie nie. Sie wohnte in einem schmalen Hinterzimmer, wohin ihr Pauline das Essen brachte; dort saß sie jahraus, jahrein allein und strickte. Wir Lehmannskinder besuchten sie manchmal; mit mir besonders sprach sie gerne. Auf ihrem Tische stand ein Seidel Wasser, das nur erneuert wurde, wenn sie es ausgetrunken hatte – nach zwei bis vier Tagen also. Da sie an einem Freitag abend plötzlich starb, am Sabbath aber keines der Familie einen Dienst tun durfte, bat man Mama herunter, eine Kiste aufzuschließen, in der man nicht nur das Totenhemd, sondern auch noch große Schätze vermutete. In der Kiste fanden sich indessen nur Lumpen, nichts als Lumpen, vor, geschweige denn ein Kreuzer Geld – nicht einmal das Totenhemd. Die alte Frau, die ihr ganzes Vermögen dem Manne zugebracht hatte, um die sich im Leben keine Katze kümmerte, wurde nun mit jüdischen Zeremonien bestattet und betrauert. Da ekelte mich die religiöse Lüge zum ersten Male an.
Am Roßmarkt, der breitesten Straße Prags, die zum Roßtore hinauf und durch das Tor – damals noch in die Felder und den Canalschen Garten führte, stand mitten drin die steinerne Statue des heiligen Wenzel, dessen Namenstag dort alljährlich festlich begangen wurde. Um ihn herum bauten sie eine hölzerne, große Halbkuppel, in deren Inneres alle Mitwirkenden, wie Geistliche[108]  und Musiker, durch eine Hintertüre gelangten. Vor ihm war ein Altar errichtet, um ihn herum hingen kleine bunte Öllämpchen. Zu bestimmten Stunden, und besonders abends, fanden dort heilige Handlungen statt, oder es wurden von einem Geistlichen oder katholischen Vorbeter Gebete laut vorgesprochen, welche die fromme Menge, die, auf dem steinernen Pfannkuchenpflaster kniend, Röcke und Hosen kaput rutschte, laut nachsprach. Aus dem hölzernen Hinterstübchen des heiligen Wenzel begleiteten Pauken und Trompeten die frommen Gesänge der Gläubigen, an denen der Heilige stets neue Wunder zu verrichten angestellt war. Die Prager Heiligen hatten viel Arbeit und waren fleißige Leute. Dafür wurden sie – und besonders der heilige Johann von Nepomuk und der heilige Wenzel, – auch wochenlang gefeiert und angesungen, mit Trompetenfanfaren, die gen Himmel schmetterten, und mit Kesselpaukengepolter, gelobet und gebenedeiet. Wir Kinder standen neugierig davor, ergötzten uns an der unsichtbaren Musik, die uns ein Mysterium schien, sowie an den vielen Öllämpchen, die feierlich schon in der Dämmerung – und, irre ich nicht, – auch bei Tage leuchteten; oder wenn es windig war, gen Himmel rauchten und den guten, alten Heiligen da oben anschwärzten. Öllämpchen, die zur damaligen Zeit der Unschlittkerzen, denen noch mit Lichtscheeren die »Nasen« geputzt werden mußten, und die man darum auch »Rotznasen« nannte, uns Kindern ein Wunder dünkten.



9.










[109] Hinter dem Roßtor, im Pstroszschen Garten, lag die Arena, Prags gemütliches Sommertheater. Ein ungedeckter, runder Holzbau mit Parkettsitzen und zwei Galerien, deren oberste mit Sonnensegeln abschloß. Vor den Gluten der Sonnenstrahlen war man dadurch geschützt; regnete es aber, so mußten Regenschirme herhalten, und wurde es gar zu arg, die Vorstellungen unterbrochen oder sogar ganz abgesagt werden. Von beiden Seiten des offenen Orchesterraumes trennte ein schmaler Gang den Zuschauerraum von der Bühne, zu der sich hier die Eingänge für die Mitglieder befanden. Quer gegen das Publikum zu standen große Arrangements von Topfgewächsen, die als grüne Kulisse die Gänge sowohl als[109]  die Treppen zum Orchesterraum verkleideten, und hinter diesen durchsichtigen Pflanzenschirmen standen wir Lehmannskinder und Berta Römer, so oft es Zeit und Umstände gestatteten, d.h. so oft es ausverkauft war und für die Mitglieder bzw. deren Angehörige keine Billetts gab. War dies nicht der Fall, saßen wir mit Mama im ersten Rang. Die Vorstellungen begannen kurz nach vier Uhr und endeten vor halb sechs, da allabendlich im Landestheater gespielt wurde. Man gab hauptsächlich Lokalpossen, mit großartigen Kräften. Skutta mit seinem großen, roten, so gutmütigen Gesicht, in dem zwei veilchenblaue Augen mehr sagten als alle Worte; der nur die Nase herauszustecken brauchte, um das Publikum in heiterste Laune zu versetzen. Dann die Perle aller Lokalsängerinnen, Therese Müller, die mir unter den Dutzenden, die ich nach ihr sah, keine vergessen machen konnte. Frau Rohrbeck, die erste »Rosl« Raimunds, in seinem »Verschwender«, von der ich in demselben Stück noch oft »das alte Weib« sah. Hassel, Markwordt, Dolt, Sekira, Feistmantel, Preißinger und wie sie alle hießen, die in den reizenden alten Possen: »Therese Krones«, »Alpenkönig und Menschenfeind«, »Bauer als Millionär«, »Verschwender«, »der Mord in der Kohlmessergasse«, und – nicht zu vergessen – »der Zauberschleier« spielten und gefeiert wurden; Stücke und Possen der guten alten Zeit, in denen man nicht nur lachen, sondern auch weinen konnte. Der »Zauberschleier« bot uns noch einen besonderen Reiz, weil Herr Römer den Maler darin spielte, die einzige und letzte jugendliche Liebhaberrolle, die man ihm anvertraute. Als 1859 das große Neustädter Theater eröffnet wurde, fiel die liebe Arena, in der uns und so vielen anderen so glückliche Stunden beschieden waren.
Direktor Thomé hatte Herrn Römer nach kurzer Zeit schon auf fünfunddreißig Gulden monatliche Gage heruntergedrückt. Wahrscheinlich glaubte er, daß ein Schauspieler, der nur kleine Rollen spiele, weniger zu essen brauche und seine Famllie betteln gehen dürfe. Viel besser war's auch nicht. Römers waren bescheidener in ihren Ansprüchen, als man sich denken kann, und nur die Aussicht auf die einst so viel höhere Pension ließ Herrn Römer in den so kleinen Verhältnissen ausharren. Seine Frau hielt musterhafte Ordnung, machte nie einen Pfennig Schulden, schickte ihre Kinder aber nachmittags zu meiner Mutter und ging selbst, sobald ihre[110]  kleine Wirtschaft besorgt war, nachmittags zum Kaffee und Abendessen aus, während die Kinder jahrelang von Mama ernährt wurden. Auch unterrichtete sie Berta später umsonst im Gesang, so daß deren Ausbildung zur Sängerin Römers keinen Heller kostete.

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Nun wurde im Neustädter Theater, in welchem nur Sommers gespielt wurde, die Hausinspektorstelle frei, um die sich Römer bewarb. Außer Wohnung, Licht und Holz gab es keinen Gehalt für die zu tuende Arbeit, aber es war das schon ein großer Gewinn. Römers, als brave, zuverlässige Menschen bekannt, erhielten denn auch die Stellung, die ihnen das Leben besserte.
Das Theater stand in einem großen Garten; Plätze und Dekorationsräume, zu denen man nur durch die Inspektorswohnung gelangte, lagen hinter dem Theater. Nun wurde der Schauplatz unseres Himmelreiches hierher verlegt, in die Dekorationshäuser und auf den großen freien Platz, wo Versatzstücke aller Arten lagerten. Jeder freie Nachmittag wurde dort verbracht. Herr Römer schlief, Frau Römer war zum Kaffee ausgeflitzt, und wir drei Mädels tummelten uns in alten Kleidern herum. Versteckten uns in zwanzigfach übereinander gelegten Flügeltüren, kletterten in Regionen, wohin wir nur mit Leitern gelangen, oft aber nicht herunter kommen konnten. Hier lagerte der große Dinorah-Wasserfallkasten, aus dessen umgestülpten Fluten Hoël-Steinecke seine verrückte Braut, die dicke Jenny Brenner-Dinorah, retten mußte, die so lange Triller machte, daß Jahn dabei den Taktstock hinlegte und auf die Uhr sah. Bei schlechtem Wetter machten wir Schularbeiten darin oder häkelten, strickten und lernten auswendig. Dort stand auf kleiner Anhöhe die Stradellagondel, in der Nachbauer-Stradella angerudert kam und in der wir uns bergab, bergauf schaukelten, bis die alten Planken krachten. Wie manchmal stand ich in Proben neben Mama, wenn sie Nachbauer das Ständchen in den lustigen Weibern auf der Bühne begleitete, wobei ihm abends gewöhnlich das hohe gis umschlug und sie ihn tröstete, wenn er ausgelacht wurde. Aber er versicherte immer wieder: »Frau Lehmann, Sie werden sehen, ich werde doch noch was; ich bin fleißig und habe den besten Willen, etwas zu erringen.« Er hat es zu einer schönen Stellung in München gebracht; ist nie ein großer Künstler gewesen, wohl aber ein sehr lieber, anständiger Mensch.



 10.










[111] Wir waren Protestanten. Prags protestantische Gemeinde zählte nicht viele Mitglieder; es gab nur eine Kirche, keine protestantischen Schulen. Wir nahmen den ganzen katholischen Religionsunterricht mit, auf Mutters Wunsch, die da meinte: es würde uns nichts schaden. Besondere Freude gewährte uns das Singen in den katholischen Kirchen, und wir ließen keine Gelegenheit dazu unbenützt vorübergehen. Wir sangen alle Messen vom Blatt, waren kolossal musikalisch und darum natürlich sehr gesucht. Damals sang man noch in Sopran-, Tenor- und Altschlüsseln, in denen zu lesen wir schon in der Theorie und Kompositionslehre bei Müller unterrichtet wurden.
Als Berta Römer, fast drei Jahre älter als ich, konfirmiert werden sollte, ging meine Mutter Pastor Martius darum an, mich ebenfalls zu konfirmieren. Der alte Herr wollte aber durchaus nichts davon wissen, weil er mich mit elf Jahren und vier Monaten nicht für reif genug erachtete. Mama suchte ihn indessen zu überreden, und ihre Gründe schienen ihm so einleuchtend, daß er der Bitte nicht länger widerstand. Ein würdiger, schöner alter Mann mit Silberlocken, der unserem Konfirmandenunterricht Weihe gab, uns aber nicht das geringste menschliche Interesse für den göttlichen Begriff abzugewinnen wußte. Mama war keine Kirchenläuferin und gestattete uns nicht, in den damals noch ungeheizten Kirchen unsere Gesundheit einzubüßen. Dafür streiften wir an Sonntagen durch Feld und Wald mit offenen Augen für die Natur und lernten Gottes Wunder anbeten.
War es die zum Himmel strebende Architektur einer gotisch-katholischen Kirche, die mich begeisterte, seit ich sehen gelernt, ein Gotteshaus, in dem man jederzeit sein Herz auszuschütten vermag, so kann ich beim besten Willen nicht zu einer, mir von der protestantischen Kirche angegebenen Zeit mit hundert anderen Menschen zusammensitzen, auf Befehl beten, wenn ich absolut kein Bedürfnis danach empfinde, oder die oft uninteressanten, langweiligen Predigten anhören, die mir weder etwas sagen noch geben. Unsere kleine protestantische Gemeinde hatte für mich damals nur den Reiz des Aparten, ich kam mir als etwas »Besonderes, Aufgeklärteres« vor.[112]  Immer interessierte mich der Religionsbegriff; das war aber auch alles, was ich vorläufig in meinem Inneren dafür übrig hatte. Die Menschen waren so kleinlich, die katholischen Priester, die ich von der Schule her kannte, so – naiv, unser lieber Pastor Martius so bodenlos langstielig – wahrhaftig, ich konnte mir beim besten Willen nicht einbilden, es mache Eindruck auf mich. Durch meine Mutter wußte ich viel, viel mehr von Gott – sie führte ihn mir durch ihr wundervolles Beispiel näher, als je ein Geistlicher es vermochte. Wie vielen ist der Begriff denn klar, daß Gott das Gute, Jesus die Liebe und Barmherzigkeit zum Nächsten bedeutet? Und nicht nur zum nächsten Menschen – für mich und die Meinen auch zum Tier, das uns gleich lieb ist und in der Schöpfung gleich hoch zu stehen scheint. Seit ich mir über das wirklich Gute klar bin, weiß ich auch, daß die Begriffe dafür: wie Gott und Jesus, so hohe sind, daß die Menge sie gar nicht mit sich selbst in Einklang bringen kann. Würde das »Gewissen« zum Gottesbegriff ausgebildet, wir hätten größere, bessere Erziehungsresultate im Volke zu verzeichnen. Mit unserem Gewissen sind wir gezwungen, immer beisammen zu sein. Unser Gewissen zu veredeln, würden wir als Kinder sehr gut schon verstehen, während wir den so fernen und unverstandenen Gott höchstens fürchten lernen. Goethe faßt das alles in die wenigen Worte zusammen: »Edel sei der Mensch, hilfreich und gut«. – »Pflanzt einem Kinde die Gewohnheit ein, die Wahrheit heilig zu halten, das Eigentum anderer sorgfältig zu achten, sich gewissenhaft aller unbedachtsamen Handlungen zu enthalten, die es ins Verderben stürzen können, und es wird ebensowenig an das Lügen, Stehlen und Schuldenmachen denken, als daran, sich in ein Element zu stürzen, in dem es nicht atmen kann.« Lord Henry Brougham.



11.










[113] Mama spielte nicht gerne Klavier, weil sie ihre Fingerspitzen damit für den weichen Anschlag der Harfe unempfindlich machte. So mußte ich, von meinem neunten Jahre an, sobald es meine freie Zeit erlaubte, leichtere Klavierbegleitungen beim Stundengeben übernehmen. Dabei lernte ich die fehlenden Stimmen mitsingen,[113]  alle Partien und Opern auswendig, was uns Kindern dann so außerordentlich zustatten kam. Mit fünfzehn Jahren vertrat ich Mama schon manchmal in den Stunden, weil ich kennen gelernt, worauf es ankam, und mein Gehör bereits vollständig für Gutes gebildet und gegen Schlechtes empfindlich war. Nur war ich weniger nachsichtig gegen Faulheit, Dummheit und Arroganz als meine Mutter, die ihre Haupterfolge – wie ich mir heute eingestehen muß – unendlicher Geduld und Sanftmut zu verdanken hatte.
Seit langem schon durfte ich Besorgungen und Aufträge erledigen, lernte dabei richtige Wege einschlagen, kennen, was unseren Verhältnissen nottat, und wie man das Leben praktisch anzufassen hatte. Seit Emilie Drahota aus unserm Dienst gegangen, mußte Mama ja fast alles allein machen, bis auf die grobe Arbeit, die unsere ausgezeichnete Aufwartefrau übernahm, der man für ihre Reinlichkeit, Ehrlichkeit und treue Anhänglichkeit wirklich ein Denkmal setzen sollte und der ich diese seltenen Eigenschaften bis zu ihrem Tode – Gott sei Dank – noch reichlich vergelten konnte. So wurde ich als Älteste tüchtig zur Wirtschaft herangezogen, in der es genügend zu tun gab. Ich holte alles ein und kochte lange Zeit ganz selbständig. Obgleich gut wirtschaftlich veranlagt und erzogen, muß ich aber doch gestehen, daß mir das Kochen selbst, die Hitze am Herde, niemals große Freude bereitete, während Riezl, als Kochkünstlerin geboren, auch hierin viel talentvoller war als ich. Freilich aß sie auch lieber vielerlei Gutes als ich und war auch immer sehr ungehalten, wenn sie meine Kleider abtragen mußte, weil sie sich gerne putzte und elegant angezogen ging. Hingegen war ich sehr bescheiden in allen meinen Wünschen, flickte, stopfte, strickte für uns alle und war nicht wenig stolz auf meine Hausfrauenwürde. Heute sieht es sich auf dem Papier recht leicht an, wie eine Spielerei beinahe; was es aber, uns dahin zu bringen, unserer lieben Mutter für sorgenvolle Jahre kostete, das vermag niemand zwischen den Zeilen zu lesen; und heute, nachdem ich Briefe, aus jenen Zeiten stammend, durchgelesen habe, die mir aus einer Erbschaft zurückkamen, weiß ich selbst erst, was sie um uns gelitten hat. Wir kannten unsere gute Mutter gar nicht anders als gesund, das heißt, wir glaubten sie stets gesund, weil sie nie[114]  klagte; und doch fühlte sie sich oft so elend, so krank. Zwei Jahre hintereinander z.B. hatte sie die Gesichtsrose, beide Male im Monat März. Sie lag in schwerem Fieber und hatte weder Ruhe noch rechte Pflege, so daß wir uns später oft wunderten, wie die Arme durchkommen konnte. So weich sie andern gegenüber war, so hart war sie gegen sich selbst. Sie dürfe nicht krank sein, pflegte sie oft zu sagen; hielt sich einzig dadurch aufrecht, verleugnete ihre Schwäche, fühlte sich stark im Gefühle ihrer Mutterpflichten und im Bewußtsein ihres hohen Amtes, uns Kinder für eine Zukunft vorzubereiten.

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Zwei Briefe meiner Mutter, aus dem Jahre 1858 stammend, die mir nicht uninteressant für die damaligen Prager Verhältnisse scheinen, möchte ich hier einschalten.

Über den Kometen.

An Herrn Hofrat B ... in Kassel.

Prag, 9. Juni 1858.

»... Die Menschen hier sind verrückt mit dem Kometen, der am Samstag erscheinen soll. Bei Nußle werden auf dem Felde Zelte aufgeschlagen, wohin die Menschen auswandern wollen, um sich vor dem Erdbeben zu schützen; das gemeine Volk spricht kein anderes Wort mehr; sie sind wie die Tollen. Alle Arbeiten sind am Samstag eingestellt, alle Schulen, alle Läden geschlossen, man muß sich schon jetzt mit Lebensmitteln versehen. Sonst war in allen Zeitschriften die Rede von dem Kometen, daß sich die Menschen beruhigen sollten, daß man nichts davon zu fürchten hätte; und jetzt, wo sein Erscheinen nahe ist, sind sie alle still. – In den Kirchen wird von der Kanzel herab den Leuten angst gemacht, da ist es kein Wunder, wenn sie verrückt werden2. Ich glaube wohl, daß dieser Umstand benützt wird von gewissen Leuten, um das Volk noch mehr in Angst und Unterwürfigkeit zu jagen. Man fürchtet, daß Unruhen entstehen, was mir auch einleuchtet. Das gemeine Volk will gegen die Juden rücken, weil sie sich in Prag zuviel Gewalt und[115]  Herrschaft aneignen. Alle Militärs sind schon beordert, in allen Gemütern herrscht eine sonderbare Stimmung. Mir macht die Geschichte nicht einen Augenblick Angst; ich bin von den Verhältnissen, die mich in meinem näheren Kreise treffen, so eingenommen, daß mich die Außenwelt wenig kümmert ...«

An denselben:

Prag, 5. Juli 1861.

»... Gewiß haben Sie von den Unruhen, die hier seit acht Tagen herrschen, die hauptsächlich den Juden gelten, auch gelesen. Es ist wirklich recht arg gewesen, und selbst in unserem Hause sind vom Pöbel oft Versuche gemacht worden, einzudringen. In allen Häusern aller Straßen sind sämtliche Fenster eingeschlagen; viele Straßen sind noch jetzt gesperrt, und überall lagern Scharen von Militär. Dem ohngeachtet ist jeden Abend Auflauf von Menschen, daß man kaum durchkommen kann; es ist doch noch keine Ruhe –«

Die Judenhetzen, deren wir mehrere in Prag erlebten, beschränkten sich übrigens lediglich aufs Fenstereinwerfen. Schlimmeres ist, meines Wissens, nicht vorgekommen.
Der Komet von 1858 war allerdings die schönste einzelne Himmelserscheinung, die ich je gesehen. Er stand viele Monate lang am Abendhimmel im vollsten Glanze und überstrahlte alle anderen Himmelskörper.


Nur ein Bild kann ich diesem an die Seite stellen. Es war am 18. Oktober 1911 in Scharfling am Mondsee (Salzkammergut), als mein Mann um vier Uhr morgens mein Schlafzimmer betrat, um mich auf folgende Himmelserscheinung aufmerksam zu machen. Bei klarstem Wetter stand nordöstlich ein prächtiger, ziemlich lang- und hellbeschweifter Komet, der eben über dem Hollerberg aufgegangen war und sich im See spiegelte. Acht bis zehn Meter – mit meinem Auge gemessen – davon, nur wenige Linien höher und weiter südlich – gerade über Kienbergwand und Schafberg –, der Mond im letzten Viertel, der den Erdschatten hell durchleuchtete; und dicht dabei, in nächster Nähe, als wäre sie eben durchgegangen, die Venus, fast in Mondesgröße,[116]  wie ich sie niemals noch geschaut. Diese drei Sternbilder, ost-südwestlich stehend, zu einem einzigen vereint, waren überwältigend, und wie mein Mann sehr richtig bemerkte, würden wir wohl nie wieder desgleichen sehen. Meine Leute hatte ich alle geweckt, die gleich uns in Bewunderung und stummer Anbetung davor standen. Die größte Konjunktion der Venus war mit dem Morgen vorüber, und tatsächlich sahen wir nur ein oder das andere Sternbild noch in den nächsten Morgendämmerungen, die Herbstnebel uns neidisch nur auf Augenblicke enthüllten.
Ende des Jahres 1862 bezogen wir eine andere Wohnung, nahe dem Landestheater in einem neuen Hause: Gallygasse 497. Wir verbesserten uns insofern, als diese aus zwei Zimmern, einer Küche und zwei Kammern bestand, aber auch um siebzig Gulden teurer war als die alte, in der wir zehn Jahre gelebt hatten. Eine neue Sorge zu vielen alten; aber es mußte sein. Die alte Wohnung war nicht zu erheizen, und zweimal schon waren uns sämtliche Wintersachen vom Boden gestohlen worden, weil uns kein anderer Platz zu Gebote stand. Trotz aller Anzeigen, Laufereien – sie wurden im Leihhause aufgefunden – erhielten wir nicht ein Stück zurück, trotzdem Mama sie selber auslösen wollte.
Schüler genug waren da, viele davon aber so arm, daß Mutter ihnen noch das Essen dazu geben mußte; meist arme Musiker. Unter den reichen Privatschülerinnen bezahlten nur wenige das Stundengeld zur rechten Zeit, ja, sie blieben sogar oft viele Wochen lang vor der letzten Stunde aus, während Mama, die mit jedem Gulden genau rechnen mußte, um ihren Verpflichtungen pünktlich nachzukommen, oft schier verzweifelte. Sie aber half allen! Der Wiener Hofopernsänger Horwitz, ihr einstiger Schüler, sagte mir noch um 1904, daß er ohne ihre Fürsorge einfach verhungert wäre. Und Frau von L..., deren Vater in Prag Oberst war, wie gut ihr jede Tasse Kaffee getan, die Mama ihr vor oder nach der Stunde vorgesetzt habe, weil es bei ihren Eltern gar so knapp herging. Wie gut waren dagegen wir daran; Mama kochte so ausgezeichnet kräftig, nahm immer nur vom Allerbesten und pflegte uns damit mehr, als man ahnen konnte.
So waren es viele, viele, die ihr nicht nur ein paar Tassen Kaffee, wohl aber ein ganzes Leben, Karriere, Kenntnisse und[117]  Stellungen verdankten. Aber nur wenige haben es dankbar anerkannt. Die meisten nehmen soviel Güte, Liebe, Geduld und Treue für selbstverständlich an, als müsse es so sein.
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 Er wurde erst nach Erscheinen für ungefährlich erklärt.




12.










[118] Ehe ich von den drei Kronen Abschied nehme, muß ich noch einer lieben, treuen Hausgenossin gedenken, unserer alten Katze, die wir natürlich mit uns nahmen. Sie war großgefleckt, dreifärbig, eine »Glückskatze«, wie man im abergläubischen Böhmen sagte. Schöner als ihr Äußeres war ihre Sanftmut und rührende Anhänglichkeit. Sie begleitete Mama stets bis ans Haustor und erwartete sie abends im Hofe, wenn sie aus der Oper zurückkehrte. Außer dieser, unserer »Tschitschi« hatten wir aber noch viele andere Katzenkostgänger. Schleppten wir Kinder doch alles heim, was wir von verlassenen Tieren fanden, und Mama selbst auch, wo immer sie einem unglücklichen Tiere begegnete. Sie kamen wohl auch allein, denn unser Boden mündete direkt auf unseren Treppenflur, und in die Türe hatten wir ein viereckig Loch sägen lassen, damit Tschitschi nach Belieben auf dem Boden spazieren gehen konnte. Waren die verhungerten oder verwundeten Kostgänger ausgefüttert und auskuriert, so verschwanden sie auch wieder. Tschitschi war berühmt, ihrer Schönheit halber, im ganzen Kreise unserer Bekannten, und jeder abonnierte sich lange vorher auf eines ihrer schönen Kinder. Im Bewußtsein ihrer hohen Sendung, beschenkte uns die Gute denn auch nach besten Kräften, zwei bis dreimal jährlich, mit je sieben bis neun Jungen, was ungefähr einundzwanzig bis achtundzwanzig Katzen im Jahre gleich kam. Man kann nicht sagen, daß sie es sich leicht machte. Ihr Wochenbett war stets ein sehr schmerzensreiches, obwohl törichte Menschen behaupten, es verursache den Katzen ein besonderes Vergnügen. Sieben bis neun solcher Tierchen zu gebären, zu reinigen und zu erziehen, ist aber keine Kleinigkeit und sicherlich auch kein Vergnügen. Jeden Abend brachte sie uns sämtliche Kinderchen ins Bett, bis wir sie ihr alle wieder in ihren molligen Korb legten; sie beruhigte sich erst dann, wenn sie sah, daß wir sie durchaus nicht behielten, behalten durften, weil Mama fürchtete, wir Kinder würden sie im[118]  Schlafe erdrücken. Nach einigen Jahren, als alle unsere Freunde mit Glückskatzen versehen waren, ließen wir die Jungen von einer vertrauenswürdigen Person in der Moldau ertränken, denn wie die Alte sich auch bemühte, angesichts der Tatsache, anstatt sieben nur fünf Junge und anstatt dreimal nur zweimal im Jahre zu werfen, so konnten wir ihr doch nicht helfen. Es war uns lieber, die Tierchen tot als in schlechten Händen zu wissen, und heute würde ich überhaupt nie mehr ein Tier verschenken, weil man nie sicher sein kann, ob sie zu verständigen Herren kommen, die sie pflegen und ihrer achten, wie man ihrer achten muß.
Natürlich übersiedelte sie mit uns und lebte sich gut ein. Einmal aber fehlte sie uns vier Wochen lang. Wir durchsuchten alle Böden und Häuser der Nachbarschaft, alle Keller – alles umsonst; unsere Katze schien verloren. Wir hatten eine ihrer Töchter aufgezogen, ein kleines, graues Persönchen mit übermäßig großen Augen, mit denen sie ganz »betroffen« in die Welt schaute. War ste zu Zeiten »verliebt«, dann schnurrte sie in weichsten Melodien: »Frau Grau!« Wir nannten sie also: Frau Grau! Als wir aber eines Abends aus dem Theater kamen, fühlten wir einen beweglichen Gegenstand vor der Türe an unseren Füßen. Es war unsere gute, liebe Tschitschi, die statt weiß-gelb-schwarz schwarz-schwarz-schwarz, ein Bild des Jammers und Elends bot; ein Knochengerüste. Wir weinten vor Schmerz und Freude um das arme Tier, gaben ihr gleich ordentlich zu essen und besahen sie dann von allen Seiten, wobei wir entdeckten, daß eine Hinterpfote gebrochen war. Arme Miez! Sie mußte in einem Kohlenkeller eingesperrt gewesen sein. Andern morgens lief ich gleich auf die Universität, um einen rührend lieben Tierarzt zu holen, der schon oft geholfen hatte. Mit Gewalt hatten wir sie ans Zimmer gefesselt; ihr Reinlichkeitsgefühl litt sie nicht mehr darin. Sobald der Arzt klingelte und die Tür öffnete, witschte sie hinaus, um abermals zu verschwinden. Erst nach vierzehn Tagen kam sie mit geheiltem Bein zurück, um uns nun nicht mehr zu verlassen.

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Heute kommt mir der Gedanke, ob das arme Tier, eingesperrt, Junge geworfen, sich schließlich aus Hunger mit Gewalt befreite, dabei das Bein brach und, nachdem sie sich bei uns gestärkt hatte, wieder zu ihren Kindern zurücklief? Ich glaube es mit Bestimmtheit[119]  annehmen zu dürfen. Vielleicht waren diese bei der kargen Nahrung der Mutter verhungert!
Von der Zeit an bekam sie nur mehr einmal im Jahre Junge, und die meisten kamen als Mißgeburten zur Welt. Gleich Vogelflügeln waren die Vorderbeine am Rücken angewachsen und zeigten nur zwei Krallen, während eine dritte, wie eine Wolfskralle, hoch oben darüber saß. Die Hinterfüße normal, nur vier statt fünf Krallen, gar keinen Schwanz oder nur eine Art Stumpf. Obwohl groß und stark, also lebensfähig, ging sie von ihnen und nährte sie nicht – sie, die treueste Katzenmutter! Sie ließ sie einfach verhungern. Natürlich wurden sie schnell und schmerzlos getötet. Professor Maschka bat sich mehrere Exemplare aus, um sie aufzubewahren. Übrigens muß diese Spezies von Mißgeburten öfters vorkommen, da ich in Paris, im jardin d'acclimatation, ganz ähnliche Katzen in Sprit gesehen habe. Tschitschi war nun sechzehn Jahre alt und hatte das »Jungen« ganz an den Nagel gehängt, es machte ihr keine Freude mehr. Sie liebte es, des Morgens auf dem Dache in einer Lucke zu liegen, wohin die ersten Sonnenstrahlen fielen, und eines Morgens stürzte sie von dort herunter in den Hof, auf Blumentöpfe. Wir hörten die Leute schreien, liefen hinunter, da kam sie uns entgegen, und wir glaubten schon, daß sie glücklich davongekommen sei. Bald aber stellten sich furchtbare Krämpfe ein, sie lief laut schreiend im Zimmer herum und fiel plötzlich tot zu Boden. Sie mußte wohl innerlich schwer verletzt sein und beendete auf so tragische Weise ihr viel bewegtes Leben, das sie nun in Ruhe hätte genießen können. – In unsern Herzen lebt sie weiter. – Die kleine »Frau Grau« erbte nun unsere ganze Zuneigung. Sie war in der Tat ein »kleines Persönchen«, hatte einen streitbaren Charakter, und vor ihren übermäßig großen Augen fürchteten sich alle Menschen. Sie ließ sich von anderen auch nicht gerne anfassen, machte aber, was Katzen so selten tun, Kunststücke. Sie konnte »schön machen«, sprang über den Stock, wenn sie wollte; aber sie wollte nicht immer. Sie war nervös veranlagt, litt an Muskelrheumatismus, obwohl sie sehr gut gehalten wurde und unsere Wohnung nie verließ, liebte die Vogeljagd, was wir ihr mit der Rute sehr schnell abgewöhnten; später hielt sie ihre Siesta sogar auf dem Käfig des Dompfaffen,[120]  ohne je wieder in Jagdgelüste zu verfallen. Sie trank am liebsten aus dem Goldfischglase, dessen Bewohner über den Besuch so erfreut war, daß er jedesmal an die Oberfläche kam, um mit der kleinen Grauen zu kokettieren. Der arme rote Goldjunge schwamm nun schon seit acht Jahren in dem runden, kleinen Behälter herum! Wenn ich heute daran denke, könnte ich mich über die Qual des armen Fisches und unsere Eselei geradezu prügeln. – Muskelrheumatismus hatte sie einmal für lange Zeit unbeweglich gemacht; auf Anraten des Arztes rieb ich ihr täglich dreimal mit wollenen Lappen und aromatischem Geist den ganzen Körper ein und hatte die Freude, sie bald wieder ganz hergestellt zu sehen. Daher aber stammte wohl ihre Aversion vor allem Anfassen; wer das nicht wußte, tat ihr weh, und dann rächte sie sich sofort mit ihren scharfen Krallen. Sie war so zierlich, daß sie, während wir schrieben, Stunden gaben oder arbeiteten, auf unseren Schultern oder gar auf unseren Köpfen zufammengeringelt lag. Aber auch sie nahm in Berlin ein trauriges Ende, als sie einem – solcher Scherze ungewohnten – Dienstmädchen auf den Kopf sprang, die sie im Schreck abschüttelte, wobei sie unglücklich fiel und das Kreuz brach. In meinem Schoße mußte ich »die kleine Graue« vergiften lassen. – Nun kam uns lange kein liebes Tierchen mehr entgegen, bis wir unsere Liebe auf Hunde verpflanzten, deren wir immer mindestens ein Exemplar besaßen. Schön waren sie nicht immer; vom Mitleid uns zugeführt, das gar nichts nach dem Äußeren frug, wohl aber die Plätze genau kannte, wo warme Herzen zu hilfreicher Aufnahme bereit waren.



13.










[121] Weit den Ereignissen vorausgeeilt, muß ich nun wieder zurück in die alte Gallygasse und unsere neue Wohnung, in der wir uns wie Fürsten vorkamen. Gegend und Luft waren zwar schlechter als auf dem Eiermarkt, aber wir halfen uns. Das Küchenfenster wurde ganz mit Bohnen, Reseda, Tomaten, allen möglichen Häng- und Schlingpflanzen besät, die bis in den dritten Stock hinauf und in den ersten Stock hinunterrankten; meine ganze Freude, mein ganzer Stolz; es sah prächtig aus. Da die äußeren breiten[121]  Doppelfenster den ganzen Sommer über offen blieben, erzielte ich einen vollständigen Garten, um den man uns von allen Seiten beneidete. Im ersten Stock wohnte die Schwester unseres früheren Hausherrn, – der uns übrigens nie gesteigert hatte, – die an einen Violinspieler verheiratet war. Über uns Römers, die ein Zimmer – immer unglücklich vermieteten. Auf der anderen Seite die Bassisten Siehr (später in München) und Brandstöttner. Ebener Erde war eine Kaffeewirtschaft, welche die Mutter des Komponisten Rückauf führte; und im Hofe allerlei Bandel- und Eisenkrämergeschäfte, weder ein feiner, noch ein angenehmer Anblick. Aber das »Gartenhaus«, wie man es heute nennen würde, war neu und die kleinen hübschen Wohnungen von einem Theaterarzt extra für Künstler erbaut. Im alten Vorderhaus, auf das einer unserer Eingänge lief, hielt ein zweites Orchestermitglied, Cellist Wiedemann, ein großes Musikinstitut. Zwei Stock höher wohnte die arme alte Hausmeisterin, die zwanzigmal bei Tag und Nacht die vier Treppen auf und niedertrippelte, alle Sätze mit »Öbs« anfing und darum nur »die Öbs« hieß.
Schon um acht Uhr fingen bei uns die Gesangsstunden an und mit ihnen auch alle anderen im Hause. Als aber noch Römers Sohn die Posaune blasen lernte, revoltierten sämtliche Mieter, und er wurde in jene Kammer damit verwiesen, die Goethe so wundervoll: »die Kanzlei der Liebenden« nennt. Dort hörte ihn niemand, er mochte blasen so viel er wollte. – Zu uns kam als erster der lange Bassist Brandstöttner, der grenzenlos faul und energielos weder etwas profitierte, noch etwas erreichte. Dann kam des Obersten älteste Tochter, mit einer Götterstimme, die aber auch lieber heiraten, als was werden wollte. Dann eine andere, reiche Dame, – die ihre Stunden nie bezahlte. Am Nachmittag kam Karl Čech, – später erster Baß an der böhmischen Oper (der außerdem Medizin studierte), der mir aber erst beim Geschirr abtrocknen helfen mußte, ehe die Stunde, in der ich begleitete, beginnen konnte, weil mir die Küchenpflichten oblagen.
Die letzte Stunde hatte an opernfreien Abenden, ein jüdischer, sehr fleißiger, aber ebenso unmusikalischer Buchhändler, der einzige, der seine Stunden wirklich regelmäßig beglich. Zuletzt war keine Stunde des Tages mehr frei; und als ich auch noch üben wollte,[122]  mußte ich schon um sieben Uhr beginnen. Wie Mama alle anderen Arbeiten dabei noch fertig brachte, ist mir ein Rätsel. Nicht umsonst hieß sie »die Biene«, nur war's kein Honig, in dem sie schuf. Was hat sie doch viele Jahre für ein hartes Leben gehabt, ohne je darüber zu klagen! Da spricht man immer von den Frauen als dem schwachen Geschlecht! Was aber würde aus Männern und Kindern werden, wenn dieses schwache Geschlecht nicht die grenzenlose Energie besäße, sich selbst und seine Kinder zu erhalten und zu erziehen? Und wie viele Tausende von Familien gibt es, wo der Mann sich keinen Augenblick seiner Pflichten gegen Frau und Kinder erinnert und diese dennoch etwas werden! Was es aber die armen Frauen kostet, welche Sorgen, Kränkungen, welchen Gram und welches Lebenselend sie durchmachen, davon spricht kein Mensch; das alles versteht sich von selbst. Täglich, stündlich müßte es in die Welt posaunt werden, damit es endlich anders würde, daß sie nicht nur leiden und büßen müßten für der Männer Leichtsinn oder gar für ihr Verbrechen. Obwohl ich keine Kinder mein eigen nenne, hat mich diese Frage oft verrrückt machen wollen, weil ich eine erbärmliche Ungerechtigkeit der Welt- und der Menschengesetze darin erblicke, an denen ich mit aller Kraft zu rütteln bestrebt bin, im Interesse des Weibes.



14.










[123] Schon in unserer frühesten Jugend brachten wir Bekannten und Freunden bei Geburtstagen oder anderen festlichen Anlässen Ständchen, in Form von Duetten oder Terzetten. Ich denke, es muß die Leute gefreut haben; denn unsere Kinderstimmchen klangen mit Mamas weicher Unterstimme gar niedlich zusammen. Daß wir in allen Sprachen sangen, erzählte ich wohl schon. Diese Ständchen waren besonders bei einem früheren Schauspieler, namens Dietrich, stereotyp geworden, der von allen Freunden »der Pascha« genannt, – jetzt als Agent in indischen Genüssen tätig, – eine Menge Frauen in seinem Hause hatte, die sich samt und sonders seinem Wohle opferten. Er wurde achtundneunzig Jahre alt und überlebte mindestens vier seiner Ehehälften. Sein Geburtstag, Weihnacht und Sylvester wurden in größerer Gesellschaft[123]  gefeiert, wozu meist Künstler geladen waren; unter ihnen meine Mutter, Frau Römer und die feine, soeben pensionierte Schauspielerin, Frau Binder, meine nachmalige, dramatische Lehrerin, die trotz ihrer siebzig Jahre von Eleganz und Jugendreiz in Benehmen und Sprache umflossen war. Was sie mich in dieser Beziehung lehrte, blieb mir unvergessen im Gehör, und immer noch meine ich, bei bestimmten Stellen ihre jugendliche Stimme zu vernehmen. Als ich größer war, durfte ich – als die artigere – manchmal mitkommen, später waren wir beiden Kinder stete Gäste dieses gastfreien Hauses. In einer der ersten Gesellschaften, die Mama dort besuchte, war's, wo Frau Binder Hebels Alemannische Gedichte vorlas, die meine Mutter in- und auswendig kannte. Frau Binder erzählte, daß sie das Buch von einem Heidelberger Freunde in Breslau, – von Herrn Alban Loew (Mamas Vater) erhalten habe. Das war eine Freude und gewiß auch ein seltsamer Zufall, daß sie die einzige traf, die noch Erinnerungen an ihren Vater hatte. Bei Dietrichs sang Mama oft noch große Arien aus »Norma«, »Fidelio«, »Jessonda« und mit Frau Römer, die früher Opernsängerin gewesen und eine große, schöne Stimme hatte, die Normaduetten. Wenn Mama auch in den Stunden alles tausendmal vorsang, so war es dort, als etwas Ganzes, doch noch anders und prägte sich unauslöschlich meinem Ohre und Herzen ein.
Die Einförmigkeit des Prager Musiklebens wurde im Jahre 1863 von Ereignissen unterbrochen, die ich den Vorbereitungen zu meiner bevorstehenden Karriere, besser mit Auszügen aus meiner Mutter Briefen vorausschicke.
An Herrn F... B... Bremen.

Prag, 12. März 1863.

»... Richard Wagner, mein alter Freund, war hier und hat ein großartiges Konzert gegeben. Er hat mich sehr ausgezeichnet; Lilli und ich waren einige Male bei ihm eingeladen. Er hat seine besten Freunde nicht besucht, zu mir ist er aber doch gekommen. Jetzt ist er wieder in Wien und in vierzehn Tagen in Petersburg. So gefeiert er auch ist, so hat der Arme doch nicht so viel, daß er leben kann. Besonders hat es mich gefreut,[124]  daß er sich noch so an alles erinnert hat, woran ich selbst nicht mehr dachte. Er hat in seinem Konzert ungeheuere Triumphe gefeiert, und ich bin sehr beneidet worden um seine Freundschaft ...«


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An denselben.

Prag, November 1863.

»... Der Komponist Wagner ist wieder hier; ich und mein Harfenschüler Stanek haben in seinem Konzert mitgewirkt. Die vielen Proben haben mich recht mitgenommen. Wir waren oft bei Wagner, er ist sehr lieb gegen uns und hätte Lilli gerne als Tochter adoptiert. Dafür hätte sich Lilli bedankt; auch ist er nicht alt genug, um den Vater zu spielen, von einer so großen Tochter ...«

Wir waren täglich bei ihm, im »goldnen Engel«, beide Freunde hatten sich viel zu erzählen; doch war ich zu jung, um mich ihrer Gespräche genau zu erinnern. Ich weiß nur, daß mich Wagner stürmisch umarmte und so abküßte, daß mir angst und bang wurde und ich zu Hause weinend erklärte, nicht mehr hingehen zu wollen. Mama beruhigte mich, und schließlich ging ich doch wieder hin.
Als er im Herbst darauf wiederkam, wohnte er im »schwarzen Roß«. Er zeigte uns den großen silbernen Lorbeerkranz, den er soeben erhalten hatte und auf dessen Blättern seine sämtlichen Werke eingraviert waren; aber ich glaube mich recht zu erinnern, daß er den Kranz verhöhnte. (Wir haben's später nicht besser gemacht.) Diesmal bestand er darauf, daß ich ihm etwas vorsänge, was zur Folge hatte, daß er mich adoptieren wollte, weil ich ihm alle seine Werke vorsingen müsse. Mutter aber sagte, sein Feuer beschwichtigend: »Lassen Sie's gut sein, Richard, vielleicht singt sie später alle Ihre Werke. Jetzt ist Lilli zu jung, und Sie ein viel zu junger Vater!«
Daß Wagner mir damals einen sehr merkwürdigen Eindruck machte, ist nicht zu verwundern. Gelbdamastner Schlafrock, rote, oder rosa Kravatte, ein großer schwarzer Radmantel von Samt, mit rosa Atlas gefüttert (damit kam er auch auf die Proben) – so ging man nicht in Prag; ich starrte und staunte. Wie er mir aber damals als Mensch erschien, so blieb er mir immer. Seine Augen, sein Sprechorgan kannte ich von da an und vergaß sie[125]  nicht wieder. Was er mir schon damals mit seiner Musik, seinen Worten gab, machte einen tief ergreifenden, unauslöschlichen Eindruck auf mich; alles was ich davon gehört, blieb mir haften, so tief hatte sich alles meinem jungen Gedächtnis und Gemüt eingeprägt. Und heute noch stehe ich beim Anhören derjenigen Tonstücke, die ich damals in Prag vernahm, unter dem Banne des ersten jungen Eindruckes. Das war eine Offenbarung, wie sie Kindern wohl selten zuteil wird. Natürlich war ich auf alle Proben mitgenommen worden; darum klingt mir noch heute jede Note, jeder Rhythmus, jedes Tempo im Ohr wie damals. Meine Erinnerungen sind frisch, als wäre es gestern gewesen. Die letzte, orgelartige Fuge in der Faustouvertüre hat nie wieder so verklärend auf mich gewirkt; nie wieder habe ich den Walkürenritt so rhythmisch gehört wie damals, als Wagner selber jedes Instrument einzeln einstudierte; er nahm das Tempo gar nicht so hastig, wie es allgemein genommen wird, aber es wirkte bei weitem rhythmischer. Das Liebes- und Sehnsuchtsmotiv im Vorspiel zu Tristan, wie hat es nur mein junges Herz so mächtig ergreifen können? Denn ich wußte ja damals noch nichts von Tristan und Isolde; aber ich fühlte, daß es etwas Großes, Tiefernstes sein mußte, was da auf mich eindrang. Dieser erste Eindruck bestimmte vieles in meinem Leben, denn er weckte mein Verlangen nach mächtiger Kunst und tiefem Ausdruck. Leider erfuhr ich sehr viel später erst, daß ein ganzes Leben für das Studium der Technik dieser Kunst, des Ausdrucks seelischer Empfindungen, nicht hinreicht.



15.










[126] Im Fluge bin ich schon bei Tristan und Isolde, auf der höchsten Zinne unserer modernen Musik und Opernideale angelangt und muß zurück zur Erde, um Staffel für Staffel, die Himmelsleiter der Kunst zu ersteigen, auf jeder Sprosse vorsichtig meine Kräfte wägend, vorbereitend für die nächste, um mein Ziel sicher, wenn auch langsam zu erreichen.
So führe ich den nachsichtigen Leser nochmals zurück ins Ursulinerkloster, zu einem kleinen, alten Nönnchen: Mater Angela, der Triebfeder unserer jüngsten Kinderkomödien. Sie war der[126]  weibliche maître de plaisir des Klosters, das durch seine ausgezeichnete Schule mit allen anderen Kindergärten und Töchterschulen in Verbindung stand. Mater Angela klimperte auch ein bißchen Harfe, und so oft Mama sich frei machen konnte, mußte sie ihr eine Stunde geben. Das Kloster besaß ein Pariser Instrument, das von Marie Antoinette dorthin geschenkt und selbst gespielt worden war. Mater Angela schien sehr lustig und weltkundig. Obwohl es den Nonnen streng verboten war, aus dem Fenster zu sehen, so beobachtete sie gerade dort alle Leute, – wie sie selbst erzählte, – und wußte in deren Schicksalen besser Bescheid als viele, die mitten im Leben standen. Über Theater und die Mitglieder desselben erfrug sie sich alles bei meiner gar nicht zum Schwätzen aufgelegten Mutter, denn dafür ließ sie ihr Leben. Darum auch arrangierte sie Komödien und Tanzereien, so oft es nur anging. Sie hingegen erzählte Mama von allen Skandalen und Streitigkeiten des Klosters, und wie sie selbst den Nonnen fortwährend Schnippchen schlug. Sehr oft mußte ich mitkommen und ihr sogar die »Madrilena« und »El Ole« vortanzen, welche Pepita di Oliva, – eine spanische Tänzerin, die eben in Prag gastierte und das Publikum enthusiasmierte, – aufgebracht hatte und die ich ihr – nicht ungeschickt – nachhopste. Dafür beschenkte sie mich mit Kuchen, Zuckerln und Heiligenbildern.
Auf das allererste Stück, welches wir dort aufführten, weiß ich mich noch zu besinnen; es wurde nur von zwei Personen gespielt. Die kleine, siebenjährige Satori saß als »Hausherr«, mit Schlafrock, Mütze und Pantoffeln, einer großen Brille auf der kleinen Nase und der langen Pfeife im Munde, in einem kleinen Lehnstuhl, sagte allerlei Verse her, deren Refrain lautete:

»Nein, sitzen bleibt die Frau und strickt!«

worauf ich, als Hausfrau, passend dazu angetan, mit einem großen Strickstrumpf hantierend, ebenfalls Verse sprach und mit dem Refrain antwortete:

»Nein, sitzen bleibt der Mann und raucht!«

(Was auch heute noch passen würde.)
Was wir später noch dort aufführten, ist mir entfallen. Als ich aber im Jahre 1903 nach Prag kam und alle Plätze unserer Kindheit aufsuchte, ging ich auch ins Ursulinerkloster und frug[127]  nach meinen alten Lehrerinnen, von denen nur noch Schwester – jetzt Mater – Bernhardine lebte. Ich ließ sie bitten herunterzukommen, und ohne nach meinem Namen zu fragen, ging man sie zu holen. Ich wartete in einem kleinen gewölbten Raume, der, von hereinbrechender Dämmerung nur schwach beleuchtet, mich in einen großen Saal blicken ließ, wo an langen Tischen eine Menge Pensionärinnen, von Nonnen stumm bedient, nachtmahlten. Auch drinnen war es dunkel. Manchesmal glitt ein schwarzer, lautloser Schatten an mir vorüber. Da ich schon lange harrte, fürchtete ich, man möchte mich vergessen haben und frug zwei der schwarzen, vorüberhuschenden Gestalten nach Mater Bernhardine und ob ich gemeldet sei. Wie Blödsinnige sahen sie mich an und verschwanden schweigend. Draußen und drinnen wurde es immer dunkler und unheimlicher. Endlich ein leiser Schritt von der Tür her; ich werde mich um und erblicke, oder ahne vielmehr, ein kleines schwaches Wesen, und vor mir steht eine gänzlich fremde »Mater Bernhardine«. So dunkel war's im Raum geworden, daß ich sie nicht erkannte, sie mich gar nicht sehen konnte. Nach der ersten Begrüßung zwischen zwei fremden Frauen riet sie lange hin und her, wer ich sein könne, – die Stimme käme ihr bekannt vor! Es lagen ja auch fast vierzig Jahre dazwischen! Schließlich nannte ich ihr meinen Namen, den sie leise, wie verklärt, nachsprach. »Die Lilli Lehmann!« Sie bekreuzigte mich, küßte mich auf die Stirne und fing nun an, sich an alles zu erinnern. Meine Stellung in der Welt kannte sie wohl; bei dem Erinnern an meine Kindheit aber, mochte sie vielleicht auch ihrer – verlorenen – Jugend gedenken. Sie, die einst so Schöne, Gesunde, war kaum noch ihr Schatten, nie hätte ich sie wieder erkannt. Sie paßte in diese immer dunkler werdende Dämmerung, als sei es ihr verlöschendes Lebenslicht. Schwere Tropfen fielen uns beiden aus den, fast nichts mehr unterscheidenden, Augen, und wehmütig sagten wir uns Lebewohl. Da ich sie noch gebeten hatte, in ihrer Klasse für Tierschutzlehren Sorge zu tragen, schrieb sie mir noch einige Zeilen, um sich für diesbezügliche Bücher, Schriften und mein Bild zu bedanken. Als ich aber zwei Jahre später wiederkehrte und sie zu sehen verlangte, hatte sich ihr lieber Schatten bereits verflüchtigt. –[128]
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Durch meine Lieder weht manchmal ein Erinnern, der Duft eines so poetischen Fleckchens, wie ich wenige kennen lernte. Der alte Judenkirchhof Prags, mitten im Ghetto gelegen, angelehnt an die älteste Synagoge, die »Alt Schul« genannt. In diese Gegend kamen wir allerdings selten; nur wenn Freunde oder Bekannte die Stadt besuchten, führten wir sie auch in diesen abgelegenen Teil des hunderttürmigen Prag. Im Frühling aber fanden wir Mädchen doch den Weg dahin. Dann war der kleine Friedhof übersät mit Veilchen, die unter den großen Grabsteinen, die kunterbunt übereinander gefallen waren, aus ihren grünen Blättern hervorleuchteten. Ein Bild voll Poesie, Duft und Frieden. Die alten, längst vermoderten Juden, die darunter geschlafen, hatten keinen Teil mehr am Gedanken des Todes; sie waren längst übergegangen in friedlich duftendes Leben der blauen Veilchen und der alten Holundersträucher. Als sie einst hier eingescharrt wurden, lagen sie hart aneinander, wie sie auch im Leben auf die engsten Plätze angewiesen waren, in ihren engen Ghettoräumen, wo drei bis vier Familien oft in einem einzigen Zimmer, nur durch Kreidestriche voneinander getrennt, hausten. Als ich dieses Viertel vor einigen Jahren, aller kindlichen Naivität entblößt, wiedersah, standen nur noch ein paar kleine, elende Wahrzeichen zum Abbruch bereit. Das andere war verschwunden, dem Boden gleich gemacht, der, wie überall der unteren Moldaustadt entlang, um mehrere Meter erhöht werden sollte. Sie sagten aber noch genug von all dem, in Geduld und mit fanatischem Glauben getragenen Elend eines menschenunwürdigen Lebens, und mit Schauder wandte ich mich ab von dieser, einst so lebendigen Einfassung des kleinen, toten Friedhofsplätzchens, das erhalten bleibt und mit seinen blauen Veilchenaugen der Poesie freundlicher Herzen nach wie vor weitere Nahrung zuführen wird.



16.
[129] Das Schwestkatheater.











Wer berühmt werden wollte, mußte seine Karriere im St. Niklastheater begonnen haben. Wieder ein Kloster, in dem das »Komödiespielen«[129]  gepflegt wurde. Allerdings war das Kloster schon von Josef II. aufgehoben worden und nur in der alten Kirche wurde noch kurze Zeit zelebriert. Doch scheint es, daß die Familien alle, an welche das entmönchte Kloster durch Kauf oder Erbschaft gefallen war, diese Kunst stets weiter pflegten. Einem »on dit« zufolge soll Schikaneder dort aufgetreten sein, und möglicherweise hat auch Mozarts Fuß die kleine Stätte geweiht. Doch konnte Bestimmtes darüber nicht ermittelt werden.
Als ich mich an diesem Liebhabertheater zum Engagement meldete, war das zum Wohnhaus hergerichtete Kloster in Händen einer Familie »Schwestka«, nach der nun auch das Theaterchen »Schwestkatheater« hieß. Der alte »Herr Direktor« war in zweiter Ehe mit einer sehr dicken, recht hübschen Frau verheiratet, die es fertig brachte, die bekanntesten Worte, – ich erinnere mich hauptsächlich der viel von ihr gebrauchten Ausdrücke: »äth e risch« und »Phänom e n« in »ä therisch« und »Phä no men« umzuwandeln, so daß man oft eine fremde Sprache zu hören vermeinte. Da aber die Rollenbesetzung beim »Herrn Direktor« durch das Herz der »Frau Direktorin« ging, mußte man sich dieses und auch dasjenige der kleinen, hübschen, dicken Tochter Pepi zu gewinnen trachten; ja selbst die alte, dicke Köchin Baby, die einen anmeldete, mußte man zu kirren wissen, wenn alles nach Wunsch klappen sollte.
»Herr und Frau Direktor« spielten nicht mit, obwohl sie kontraktlich nichts daran hinderte. Dafür aber spielte der nicht mehr junge Sohn Karl – aus erster Ehe – ohne Talent, aber mit einem schrecklichen Zungenfehler, die Intrigants. Er war nebenbei noch Inspizient, Kulissenschieber, Dekorationsmaler, Maschinenmeister und auch Lampenputzer, – Berufe, die wir uns dort später auch alle aneigneten. Er hatte also alle Hände voll zu tun, wenn er am Abend seinen Mephisto oder sonst eine große Rolle »hinlegte«. Kein Wunder, daß er seine Rollen nicht immer genau konnte und Sätze dazwischen sprach, die seinem Partner gehörten, was manchmal zu den komischesten Szenen in den größten Tragödien führte. – Dramaturg, Souffleur und Regisseur war ein kleiner, verwachsener Beamter, Namens Wasserreich, der nur spät abends am Samstag und Sonntag ganz frei war. Es wurde nur Sonntags gespielt. Um dieses Direktorium gruppierten sich nun[130]  scharenweise die Talente, und in dem kleinen Miniaturtheaterchen spielten sich größere Intrigen ab als am Landestheater. Uns aber tat es großartige Dienste. Als ich mich mit vierzehn Jahren zur Aufnahme meldete, mußte ich natürlich eine Probe meines Talentes ablegen. Frau Binder, bei der ich alle dort zu spielenden Rollen nun einstudieren sollte, riet mir zu einer Szene der Franziska, aus »Minna von Barnhelm«, die ich mit Enthusiasmus »anging«. Frau Binder nahm sie mehrere Male mit mir durch, hatte sie mir reizend einstudiert, doch als ich eines Tages zur Probe kam, zum ersten Male auf der kleinen Bühne stand und loslegen sollte, da wußte ich kein Wort, keine Silbe von meiner Rolle! Und ich hatte doch so fleißig gelernt! Das war die erste Enttäuschung, – die erste Bittere Erfahrung; daß man nämlich zu Hause alles zu können meint, im fremden Raume aber, vor fremden Menschen, in fremder Akustik so benommen wird, daß einem kein Wort einfällt von dem, was man so gut zu können glaubte, und heulend davon laufen möchte, um den Versuch nie wieder zu wagen. Auch ich mußte mich heulend bei der Direktion entschuldigen, und erst nach mehreren Anläufen sagte ich meine Szene voller Fehler und ohne den geringsten Ausdruck her. Wäre es nicht um Mamas willen gewesen, – ich bin fest überzeugt, man hätte mich selbst in dem Liebhabertheater als »unbrauchbar« abgewiesen. Zu meiner größten Überraschung wurde ich aber dennoch tauglich befunden. Vorderhand gab's nur ganz kleine Anmelderollen, die zu lernen man von einem Sonntag auf den anderen Zeit hatte. Alte Ritterstücke oder klassische Tragödien, in denen Karl Schwestka brillieren wollte, wurden bevorzugt, Kotzebue viel gegeben, »Vom Juristentag«, in dem ich das österreichische Dienstmädel spielte, »Die beiden Helden« und viele andere. Um jede Rolle war ein Geriß, denn der Talente waren gar viele und der Ungerechtigkeiten noch mehr.

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Als ich ein bißchen eingespielt war und bei Frau Binder manche Rolle schon ordentlich studiert hatte, auch einige Schüler meiner Mutter so weit waren, daß sie sich auf den »weltbedeutenden Brettern« des Schwestkatheaters versuchen konnten, ging's an Possen und kleine Opernszenen. Unter diesen Schülern befand sich eine »Jugendliche«, Marie Walther, der Geschirr abtrocknende Baß, Karl[131]  Cech, Bruder des böhmischen Kapellmeisters Adolf Cech, dessen Eltern (Lehrer) ich vom Lande kannte; der Bariton Horwitz, – später an der Wiener Hofoper, – der junge Tenor Cassowitz, – den wir gleich italienisch in Cassio umtauften; Berta Römer, Koloratursängerin; ich für alles und später meine Schwester. Schüler anderer Lehrer drängten sich wohl auch noch dazu; so war alles doppelt vertreten, um Vorstellungen zu ermöglichen. Die jungen Leute waren alle sehr musikalisch, die meisten bettelarm. Cassio, ein ganz junger Jude, dessen Vater im Ghetto mit Hasenbälgen handelte, wöchentlich zirka vier Gulden verdiente, wurde Mama, seiner schönen Stimme halber, gebracht und hatte wirklich ein starkes Talent. Mama mußte ihm zum unentgeltlichen Unterricht aber noch das Essen geben und Kleider für ihn zusammenbetteln. Merkwürdig fein war, trotz aller Ghettoarmut, seine alte Mutter. Er war in Prag und später viele Jahre in Frankfurt am Main engagiert; doch kam ihm die Liebe zu oft entgegen, er ging daran zugrunde. Als er zum ersten Male im Prager Landestheater auftrat, gingen seine Eltern auf die Galerie, um ihn zu hören, – die Mutter in ihrem besten, schwarzseidenen Schabbesstaat. Als sie aus dem Theater kam, hatte sie aber nur noch die Taille an, der Rock war ihr buchstäblich rund herum abgerissen. Mit glücklichstem Humor schilderte die alte Frau den Augenblick der Überraschung, in dem sie sich im Theater, ihres schönsten Schabbesrockes entblößt, vor dem Publikum im Unterrocke stehen sah!
Auch der Sohn des böhmischen Kapellmeisters Meyer sang manchmal bei uns. Karl Meyer hatte eine recht schöne Stimme, war sehr musikalisch, wußte aber gar nichts mit seinen Mitteln anzufangen, übte und lernte nichts dazu. Sein Vater wollte auch nichts von einer Bühnenlaufbahn für ihn wissen und ließ ihn Chemie studieren. Am stärksten war seine komische Ader; er schnitt furchtbar auf, log mit der größten Unverschämtheit und dem heiligsten Ernst das Blaue vom Himmel herunter und erheiterte uns manche Stunde mit diesem »Talent«, so daß selbst meine stille Mutter oft laut auflachen mußte. Mit gar zu musikalischen Menschen hat es aber immer die traurige Bewandtnis, daß sie Notenlesen mit Kunst verwechseln. Wie oft habe ich Mama darüber klagen[132]  hören, wie gerade stark talentierte Musiker viel schwerer zu etwas zu bringen seien, und so war es auch hier. Oft bat er mich, ihm den Lohengrin zu begleiten. Dann ging er, Mamas Schere in der hocherhobenen Hand, im Zimmer umher und klappte sie erst zu, wenn ihm das hohe a, in der Stelle: »Hoch über alle Frau'n«, unüberschnappt gelungen war. Alles andere interessierte ihn nicht mehr. Alle unsere Bitten, die Töne weich und vorsichtig anzusetzen, blieben ungehört. Eben wollten wir Gounods »Faust« aufführen, – denn was man im Landestheater konnte, das konnten wir bei Schwestkas auch, – da bat er Mama, ihm den Faust anzuvertrauen, mit dem er seinem Vater den Beweis seiner Stimmmittel und seines Talentes zu geben hoffte. Er versprach alles, schwor fleißig und folgsam zu sein, wenn Mama sich seiner annähme – und manchmal ging es auch ganz gut. Es wurde bei uns und im Schwestkatheater probiert; der Soldatenchor vom Theater gestellt, der Frauenchor von unbeschäftigten Mitgliedern gesungen. Kapellmeister Slansky vom deutschen Landestheater begleitete die Oper am Klavier, und da wir nur einen Klavierauszug geborgt bekamen, soufflierte ich die ganze Oper auswendig. Tänze und Walpurgisnacht schenkten wir uns und dem Publikum. Am Abend ging alles ganz reizend. Karl Meyer hatte versprochen, das hohe c am Schluß der Arie mit Falset zu nehmen, das, stark von Natur, gegen die Bruststimme kaum abstach. Vater Meyer, der zu kommen ebenfalls versprochen hatte, war bis zur Mitte der Arie nicht erschienen. Wenige Takte noch trennten Meyer-Faust vom hohen c und dem Schlusse der Arie. Da tritt der alte Meyer ins Parkett. »Bums« schlägt dem jungen Meyer das natürlich doch mit Bruststimme genommene hohe c um und »bums« klappt im selben Moment Kapellmeister Meyer die Parkettüre zu und ist verschwunden. Heil dem einsichtsvollen Vater, der die Kunst selbst von seinem Sohne nicht profanieren ließ und diesen lieber in eine Zuckerfabrik steckte. –


Derselbe Abend brachte noch eine besondere Überraschung, – meiner dreizehnjährigen Schwester Riezl Debüt. Sie sang vor und nach dem Tode Valentins den Sopran im Chor. Die schöne Stimme und sie selbst zitterten wie Espenlaub, und das kleine Quartett: »Herr, gönne seiner Seele Frieden« klang wie das ArmSündergebet[133]  eines uralten, zittrigen Weibleins. Diesem ersten Auftreten folgten langsam viele andere. Wirklich reizend und ausgezeichnet sang sie die schöne Galathee, eine prächtige Vorstellung, zu der Mama die ganze Partitur, alle Rollen und Orchesterstimmen abschrieb, die wir für so lange Zeit nicht geborgt bekamen. Possen und kleinere, ältere Opern gaben wir mit Orchester, das ungefähr zwölf Mann faßte; große Opern wurden mit Klavier gemacht. Den »Freischütz« gaben wir öfters, und Frau Binder hatte mir das Ännchen so reizend einstudiert, daß ich heute noch daran zehre.
Für die letzten beiden Abende, deren ich mich entsinne, waren folgende Opernszenen gewählt worden:

Entree und Duett ausAdalgisa – Berta Römer.
 »Norma«Sever – Herr Cassio.
Arie und Duett: »DerRosine–Lilli Lehmann.
 Barbier von Seviglia«Figaro – Herr Horwitz.
Duett aus: »DieValentine – Marie Lehmann.
 Hugenotten«Marcell – Karl Cech.
Duett aus: »Der Prophet«Berta – Marie Lehmann.
Fides – Lilli Lehmann.
Duett aus: »Maurer undHenriette – Marie Walther.
 Schlosser«Mad. Bertrand –
 Lilli Lehmann.

Als Fides und Madame Bertrand war ich mittags für die erkrankte Altistin eingesprungen. Meine Schwester noch nicht fünfzehn Jahre, ich siebzehn Jahre alt, sangen die großen Szenen! Und ich hatte mich auch noch um Szenerie, Regie und Kostüme zu kümmern, da Mama wenig freie Zeit für Abendproben übrig blieb. Wir waren aber sicher in allen Rollen und bekamen auf dem kleinen Theater eine große Routine in allen notwendigen Berufskenntnissen, die sich andere entweder nie, oder nur durch jahrelange Engagements anzueignen vermögen. Mama lehrte uns sowohl wie alle ihre Schüler: an alles zu denken, auf alles acht zu haben, alle anderen Rollen mitzulernen, Stichworte und Zwischenspiele in Gedanken mitzusingen, auf alles vorbereitet zu sein und niemals fassungslos dem Zufall gegenüberzustehen. Riezl legte in dem Hugenottenduett gleich ein Zeugnis davon ab, indem sie die Stelle der Bläser, die am Abend nicht einsetzten, ganz selbstverständlich[134]  von der Bühne herabsang, als gehörte es zu ihrem Part. In der letzten Vorstellung, einer Wiederholung des voraufgegangenen Programmes, war auch Gräfin Kaunitz, – die sich für mich interessierte, – samt ihrer Familie, die Hühnersteigentreppe ins Theater hinaufgeklettert, was wir viele Jahre später, als ich in Wien gastierte, noch herzlich mit ihr belachten.

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Zu den Theatervorstellungen sowie zu den Turnertanzstunden, die ich mit Berta Römer besuchte, brauchten wir natürlich vielerlei Kostüme und Kleider. Wie oft fiel mir beim Lesen der reizenden Erzählung »Little women« von Alcott unsere eigene Jugend ein, wo es genau so zuging wie in dem Buche. Der Verlegenheiten gab es Hunderte, und eine gebar die andere. Wir hatten so wenig überflüssige Garderobe, – fast gar nichts. Zwei Kostüme meiner Mutter, die damals zum Glück nicht mit gestohlen worden waren, also verwendet werden konnten, spielten fast immer und noch lange Jahre in Prag, Danzig und Leipzig mit. Ausgegeben sollte nichts, Schulden nicht gemacht werden; da wir aber spielen mußten, so liehen uns Bekannte, denen Mama selbst tausendfach Gefälligkeiten erwiesen hatte, dies oder jenes. Mama stoppelte alles so geschickt zusammen, daß Frau Burggraf, die erste Salondame, sie oft förmlich bat, ihr etwas für uns leihen zu dürfen, weil sie alles so schön arrangiert zurückbekäme. Wie sehr aber Mamas Kräfte dabei in Anspruch genommen wurden, davon machte nur derjenige sich einen Begriff, der einen Einblick in die Arbeit gewann, die mit diesen, teils notwendigen, teils etwas Vergnügen verbindenden Unternehmungen verknüpft waren. Sie lieh nicht gerne und ich auch nicht. Riezl, – um hübsch auszusehen, scheute sich dessen aber nicht, und Mama schreibt darüber an Frau R... in Kassel:
Prag, 14. November 1866.

»... Garderobe fürs Liebhabertheater kann ich Riezl nicht schaffen, sie borgt sich alles zusammen, worüber ich oft sehr böse bin, da es mich besorgt macht, daß sie alles ordentlich wieder zurückgibt. Lilli hat wenig und was sie hat, hält sie sehr in Ordnung; sie borgt von niemand, aber sie borgt auch niemand, und Riezl gibt sie gar nichts, weil sie fürchtet, es könne ihr auf dem kleinen Theater verdorben werden. Oft schon[135]  habe ich, – wenn Lilli im Theater beschäftigt war, heimlich von ihren Sachen genommen, habe sie Riezl in ihr Theater geschickt und sie heimlich wieder hingehängt, damit Lilli es nicht merken sollte ...« Aber Lilli hat es doch gemerkt! –



17.










[136] Füglich könnte ich nun den Vorhang über unser Kinderhimmelreich fallen lassen. Noch aber muß ich einer kleinen Herzensangelegenheit Erwähnung tun, die doch auch in das Leben eines jungen Mädchens gehört und ihre Rechte fordert, sobald man in die Welt tritt.
Im Schwestkatheater traf ich unter den Mitgliedern einen jungen Studenten wieder, mit dem und dessen Freund wir in den »drei Kronen« auf Grußfuß standen, da sie im alten Hinterhause wohnten und wir uns oft auf der einzig dahinführenden und mit unserem Hause verbundenen Treppe begegneten. Er wollte nun auch Schauspieler werden. Wir wußten, daß er ein ruhiger, gebildeter Mensch war, und freuten uns herzlich, ihm dort wieder zu begegnen. Obwohl ich nie von ihm erfuhr, daß er sich wirklich für mich interessierte – denn bald schien es so, bald wieder nicht – feuerte es mich mächtig an; nun wünschte ich etwas zu leisten! Nur wurde ich nicht klug aus seinem Benehmen und hatte manchmal meinen kleinen Kummer. Er klagte viel über ein Herzleiden, das wir ihm ausredeten und an welches auch niemand glaubte. Doch war er eines Tages verschwunden, es hieß: er sei nach Hause gereist. Nicht lange darauf bekam ich aus Reichenberg, woher er war, eine kleine Schachtel, die einen Brief, einen gepreßten Strauß und ein Heiligenbildchen enthielt, das mir als Lesezeichen gedient hatte. In dem Briefe stand, »er habe nie das Herz gehabt, mir von seiner Liebe zu sprechen, weil er mich nicht an einen Menschen ketten wollte, der krank und gebrechlich nicht mehr lange leben könne. Er sende mir die Reliquien seiner Liebe zurück, sage mir Dank für alle Freundlichkeit und hiermit Lebewohl.« – Der Brief erschreckte mich, besonders da ich sah, daß er mich wirklich liebte und nun so grundlos – wie es mir damals schien – Lebewohl sagte. Aber es kam doch alles so, wie er gesagt. Wenige Monate später überbrachte[136]  uns sein treuer Freund die Nachricht von seinem Tode. Es war die erste Neigung, die ich jemand entgegenbrachte, die nur Poesie war, nichts Reales an sich hatte. Ich wünschte, ich hätte mich nie wieder für jemand interessiert, es wäre mir viel Kummer und weit größerer erspart geblieben. –
Schon vorher hatte meine Mutter zwei Heiratsanträge für mich erhalten. Über den ersten lachte sie, und ich heulte vor Wut. Der Bruder meiner Freundin Bunzl hatte sich unglückseligerweise in mich verliebt, hielt um mich an, blitzte aber furchtbar ab und lag dann liebeskrank danieder. Da es den Ärzten nicht gelang, ihn wiederherzustellen, ersuchte die Familie mich, nur einen Augenblick die Ärztin zu spielen und ihn mit ein paar freundlichen Worten zu heilen – was ich schließlich sehr widerwillig zu tun gezwungen ward. Von da ab wurde er gesund, und ich ging ihm aus dem Wege. – Ein zweiter, sehr ernster Antrag, wurde ebenfalls abgelehnt. Ein junger Professor wollte so lange auf mich warten, bis Mama mich ihm zuführen würde; dann wollte er mich zeitlebens unter Glas setzen, mich wie ein Kleinod hüten, wofür ich denn herzlich danken mußte. Beim dritten Antrage eines mir völlig Fremden, der meine Mutter glänzend zu versorgen versprach, hätte ich aus falscher Fürsorge für diese, die doch nicht glücklich geworden wäre, beinahe Ja gesagt. Ihr Alter, die Sorgen und meine eigene Schwäche ließen mich ja so oft – gleich anderen, daran zweifeln, ob ich mit meinem kraftlosen Körper und der kleinen Stimme jemals eine Stellung würde ausfüllen können. Ein gütiges Geschick bewahrte mich aber vor dieser Übereilung.



18.










[137] Endlich sollte es Ernst werden. Schon lange hatte Mama nach einem passenden Engagement für mich Umschau gehalten, doch fand sich trotz ihrer guten Verbindungen nichts Annehmbares. Am Prager Landestheater durfte statutengemäß kein Anfänger debütieren. Indessen mußte doch wohl von mir gesprochen worden sein, denn Direktor Wirsing ließ mich, mit Orchester, die Arie der Königin aus den Hugenotten Probe singen, worauf ich, trotz der Debütgesetze, am 20. Oktober 1865, als erster Knabe in der »Zauberflöte«[137]  auftrat. Aus Angst vor einem Durchfall nannte ich mich auf dem Zettel »Loew«, ein Name, unter dem mich niemand kannte, von dem ich hoffte, mein Unglück unerkannt tragen zu können. Falls ich gefiel, war mein Engagement nur für kleine Rollen vorgesehen, und das gerade suchte meine Mutter für mich. Dann war ich keinen zu großen Anstrengungen ausgesetzt, konnte bei ihr bleiben, mich langsam in ein größeres Fach hineinsingen oder mich doch dafür vorbereiten. Da ich gefiel, so gut man in der Rolle gefallen kann, ließ man mich dieselbe Rolle am 4. November wiederholen. Die dramatische Sängerin, Therese Schneider, die seit lange schon mit dem Direktor in heftigem Streite lag, sang die Pamina. Nach dem Duett mit Papageno sagte er ihr wieder einmal, indem er seinen Schnurrbart hinaufdrehte: »Wenn Sie so schreien, schreien Sie mir das ganze Publikum aus dem Theater.« Das war sehr rücksichtslos. Mühsam sang sie den ersten Akt zu Ende, bekam dann Krämpfe und mußte nach Hause gebracht werden. Ich erbot mich, die Rolle weiterzusingen, obwohl ich sie nie gelernt und nur vom Einstudieren der Schülerinnen her kannte. Wirsing sowohl als Regisseur Hassel nahmen es dankbarst an. Hassel annoncierte. Meine liebe Mutter saß in der Loge, und als sie hörte: »Dafür hat Fräulein Loew sich bereit erklärt, die Rolle der Pamina zu übernehmen« traf sie beinahe der Schlag. Sie kam gleich zu mir gestürzt und meinte, daß ich die Partie ja nie gelernt und unmöglich singen könne. Fräulein Brenner aber, unsere Königin der Nacht, sagte gleich im höchsten Diskant: »O, lassen Sie sie nur singen, Frau Lehmann, sie wird's schon können!« Und ich konnte es! Das Quartett mußte leider ausbleiben, weil sich kein erster Knabe auftreiben ließ, alles andere aber blieb, und ich gefiel sehr. Keinen Augenblick hatte ich mich geängstigt, denn ich war meiner Sache sicher. Waren wir doch mit Mozart so vertraut, als hätte er mit uns gelebt. Und nicht nur Mozart, auch Beethoven, Weber, Marschner, Wagner in seinen ersten Opern, Verdi, Bellini, Donizetti und Meyerbeer waren uns so geläufig wie dieser. Nicht um sonst hörten wir in unseren Engagements immer wieder sagen: »Die Lehmann singt auch den Sarastro, wenn es sein muß!« Ja, dank unserer Erziehung und unserm Talent, daß wir ihn hätten singen können! Wie wurde aber auch bei uns studiert? Während[138]  andere Gesanglehrer ihren Schülern höchstens die Arien, und diese meist sehr mangelhaft einstudierten, wurden bei uns Ensembles ebenso peinlich ausgearbeitet wie diese und tausendfach wiederholt, oder: bis alles ging, wie es gehen mußte, gleichviel, ob es dieser Meister war oder jener. Darum wurden wir allen Stilarten gerecht, als wäre es unser Nationaleigentum. Darum, und aus noch manch anderen Gründen, sind wir musikalische Autoritäten geworden in unserer Sängerlaufbahn wie wenig andere.

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Ehe ich aber von meiner eigenen Karriere zu erzählen beginne, muß ich noch von den Eindrücken sprechen, die wir Kinder von dort engagierten oder gastierenden Künstlern empfingen, die unser späteres künstlerisches Fühlen und Denken beeinflußten.



19.










[139] Es war nicht mein Verdienst, wenn ich schon in früher Kindheit eine Schar auserlesener Künstler bewundern durfte, deren Eigenarten sich mir einprägten. Es gereichte mir dies nicht nur zum Vorteil, sondern machte mir das Leben wertvoll. Jeder gab etwas Besonderes, keiner ging spurlos an mir vorüber. Die einen hatten herrliche Stimmen, andere spielten oder sangen ausgezeichnet, wieder andere waren unvergeßliche Persönlichkeiten, die das in mir schlummernde Talent und mein Verständnis anregten. Es gab deren gar viele, die während meines fast sechzehnjährigen Aufenthaltes in Prag an uns vorbeizogen, deren Kunst mein Urteil reiften, das meiner Mutter feiner Kunstsinn leitete. So ist's auch nicht meine Schuld allein, wenn ich durch Aufnahme all des Gehörten, Gesehenen, Gelehrten und Gelernten, von anderen viel und von mir selbst noch mehr verlangte, daß ich stets Zielen nachging, die zu erreichen ein Menschenleben vielleicht gar nicht ausreicht, mich aber doch zu manch einem hinanführte.
Unter den Gästen, die ich in Prag gehört und gesehen, waren: die Marlow und Sonntheim in ihrer Blüte, Schnorr von Carolsfeld, die Dustmann-Meyer als Jessonda und Margarethe; Desirée Arlôt, entzückend als Adalgisa; Trebelli mit ihrer Glockenstimme, hervorragend als Romeo und Tancred; Patti in ihre Anfängen; Bignio; Joseph N. Beck als Don Juan; Ilma di Murska; Dr.[139]  Schmidt; Rokitansky; Marie Seebach, Sonnenthal, Devrient, Löwe, Hendrichs, Dessoir, Döring, Goßmann; Lewinsky, Baumeister; Hedwig Rabe, Friederike Bognar; Krastel; die Janauschek als Medea und Orsina. Viele italienische Opernensembles. In der Posse: Treumann, Jauner, Knaak, Josefine Gallmeyer, Marie Geistinger, Albin Swoboda, Ascher, Grobecker. Von Tänzerinnen die berühmte Spanierin Pepita de Oliva und die reizende Friedberg, – nachmalige Gräfin Westphalen.
Und welche Kräfte standen dem Theater selbst zur Verfügung! Sowohl Schauspiel als Opernensemble waren allerersten Ranges. Viele der Obengenannten, die noch immer als Gäste kamen, waren früher daselbst engagiert.
Unter den vielen Tenoristen nahm, nach dem berühmten Steger, Eduard Bachmann viele Jahre die erste Stelle ein. Ein großer, schöner, sehr geschickter und liebenswürdiger Mann. Er fing als Oboëbläser im Orchester an, konzertierte außerhalb viel auf seinem Instrument und ließ später seine göttliche Stimme ausbilden. Diese Stimme überstrahlte an Glanz und Schönheit alles, was ich je gehört; das waren nicht nur musikalische Töne, sondern Ströme tiefsten Gefühles. Wie oft sprach ich mit Direktor Jahn in Wien von diesem Gesang, und er war ganz meiner Meinung, daß wir solch einer Stimme, solchem Stimmausdruck nie wieder begegnet sind. Sein Atem war schier endlos, und die Behandlung seines Instrumentes hatte ihn musikalisch gemacht; alles sang er im Original, nie etwas transponiert. Sein Arnold im Tell erschüttert mich noch heute im Erinnern. Sein Raoul! Im Septett des dritten Aktes ging er mit Brust aufs hohe cis und wiederholte die Nummer jedesmal. Das Duett mit Valentine, – es war einzig herrlich, nie wieder dagewesen. Dabei war Bachmann ein ausgezeichneter Schauspieler und von unverwüstlichem Humor auf und außer der Bühne. Wenn er zum Beispiel in Stradella, mit Steinecke-Malvoglio, den Barbarino sang, konnte man sich gesund lachen. Und dennoch waren es keine »Fatzkereien«, die er trieb, alles gesunder, natürlicher Humor, den die heutige Regie totgeschlagen hat. Wie sang er aber die Gesangsstellen darin, – das Herz ging einem auf vor Glück und Freude. Ebenso sein Corentin in Dinorah und sein Georg im Waffenschmied. Man denke nur:[140]  ein erster Heldentenor, mit einer Götterstimme und großen, schauspielerischen Qualitäten, der auch noch Tenorbufforollen sang! Von der Wirkung solcher Besetzung kann sich heute gar niemand mehr einen Begriff machen. Begnügt sich doch das Publikum an den meisten Theatern schon mit der schlimmsten Sorte von Mittelmäßigkeiten, weil es etwas Besseres gar nicht kennen lernt, weil die sogenannten Künstler, und mit ihnen die Direktionen, Publikum und Kunst alles schuldig bleiben. Uns aber, die wir Gutes kennen lernten, hat es den Genuß am Elenden, Häßlichen und Unwürdigen total verbittert. Wo sind noch natürliche Liebenswürdigkeit, Humor, Stimmen und Talent zu finden? Nur wenn einer gar nichts kann, eine verkrüppelte, schlechte Figur hat, wird er Tenorbuffo, anstatt, daß gerade von diesem der gesunde Humor, die natürliche Lebensfreude ausstrahlt, die beide dazu da sind, Kunst und Publikum zu erquicken. Wie sang Bachmann dann wieder Prophet und Ernani, wie spielte er alle diese Rollen! Wenn im Ernani Bachmann, Adolf Robinson und Frau Kainz-Prause in ihrer Blüte zusammen sangen, erbebte das Prager Theater von Beifallsstürmen. Leider sang Bachmann nicht lange. Meine Mutter hatte ihn oft gewarnt; aber er glaubte, seiner Stimme alle Anstrengungen bieten zu können, hielt sie für unverwüstlich und tat nichts dafür, sich dieses kostbare Gut zu erhalten. Nach kaum sieben Jahren sang er oft indisponiert, oder wurde mitten in der Oper heiser. Im Frühjahr 1864 trat er einen längeren Urlaub an, kam ungeheilt zurück und verabschiedete sich 1865 von Prag. Im Jahre 1867 ging er vollständig genesen nach Dresden, 1868 sang er unter beispiellosem Beifall in München, wo sich der König, Wagner und Bülow für ihn aufs lebhafteste begeisterten und Wagner ihn als seinen Siegfried proklamierte. Ferner schrieb er ihm den Walter Stolzing zu. Nachdem er aber dreimal von schwerer Diphtheritis befallen, erklärten die Ärzte das Münchner Klima für ihn gefährlich, und Bachmann ließ sich 1871 in der Vollkraft seines Alters pensionieren. Er wurde Theaterdirektor in Karlsbad und starb sehr bald darauf, von allen, die ihn kannten, tief betrauert. – Hier aber darf ich noch einer Episode Erwähnung tun, die teils traurig, teils heiter, Bachmann und seiner Kollegen Humor kennzeichnet. Am 16. Juni 1859 starb die dramatische Sängerin Meller. Alles betrauerte[141]  die junge Frau und drängte sich, ihr die letzte Ehre zu erweisen. Das ganze Theaterpersonal war zugegen, die ersten Sänger sangen an ihrem Grabe. Wir Kinder sollten daheim bleiben; doch gab Mama meinem Drängen nach und nahm mich mit. Es war siedend heiß, die Luft in der Nähe des Grabes verpestet. Mir grauste. Berta Römer und ich hatten uns während der Feier ferngehalten, schlossen uns den Müttern erst nach derselben an. Vom Friedhof »Wolschan« nach der Stadt liegt auf halbem Wege ein Vergnügungsplatz, die Fliedermühle; ein kleines Wirtshaus am Mühlenteich, auf dem Kähne ankern. Hier wurde bei der Heimkehr Rast gemacht. Die Heiterkeit überwand dann schließlich auch die Trauer, das die Feier begleitende Orchester spielte fröhliche Weisen. Wilhelm Jahn, Eduard Bachmann, der großartige Baßbuffo Hovemann und Eilers, des ersten Bayreuths Riese »Fasolt«, lauter Hünen, machten mit einem noch jungen Tenor Kopetzky alle zusammen in einem Kahn eine Spazierfahrt auf dem Teich. Bald wurden im Boote die Plätze gewechselt und geschaukelt. Zum Entsetzen der Zuschauer kenterte der Kahn, und alle fünf Insassen fielen ins Wasser. Mit den Verunglückten schrie auch das ganze Publikum um Hilfe. Als alles halbtot vor Angst war, schwammen die fünf mit lautem Gelächter ans Land und freuten sich der geglückten Komödie, die sie, verabredetermaßen, allen vorgespielt hatten.

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Pauline Lucca kam 1860 nach Prag und stellte das ganze Theater auf den Kopf. Als Genie durfte sie sich viel erlauben, wovon sie damals schon ehrlich Gebrauch machte. Wenn man bedenkt, daß diese zwanzigjährige kleine Person Valentine, Norma, Donna Anna, Lucrezia, Vestalin und Iphigenie auf Tauris, – unter anderen Rollen sang und die meisten dieser Rollen mit ungeheuerem Temperament, wenn auch nicht mit künstlerischer Gereiftheit, durchführte, faßt einen immer neues Staunen über die Möglichkeit des Unternehmens sowohl als des Gelingens. Die Stimme war voll, heißblütig und schön, wie das Mädchen, dessen ausdrucksvolle, wasserblaue Augen, gleich denen Niemanns, durch ihre effektvolle Umrahmung, gleich Rädern, über die Wangen herunter und über die Stirne hinauf zu reichen schienen und ihrem Wesen Ernst und Ausdruck verliehen. Schön war ihre seelische Hingebung,[142]  ihr Feuer, das alles verschlang und entzündete. Was lag daran, wenn eine Note, eine Bewegung nicht waren, wie sie sein sollten, – sie machte auf Künstler und Publikum einen mächtigen Eindruck, der sich nicht verwischen ließ. Einzelne Stellen höre ich heute noch, nach zweiundfünfzig Jahren, im Ohre klingen, wie damals, als sie Beifallsstürme des Publikums begeistert lohnten. Durch Mama, die ihren Platz in der Damenloge hatte, sandte Pauline Lucca uns Kindern fast allabendlich große Düten Konfekt, die sie im Theater erhielt; denn es war dort Sitte, daß Theaterhabitués den Damen des Theaters jeden Abend Eis und Konfekte in die Loge sandten. Sie war sehr ungeniert; und komisch klang es, wenn sie im echten Wienerisch sagte: »Gengens, Frau von Lehmann, borgens mir Ihr Schneuztüchel, ich hab' meins vergessen!« Sie trug sich meist ihre Garderobe selbst ins Theater, und wenn Mama ihr in der Nähe unseres Hauses begegnete und ihr ihre Hilfe anbot, schlug sie diese, mit den Worten: »Wer mich mit dem Paket nicht anschau'n will, braucht mich überhaupt nicht anzuschau'n«, immer wieder aus. Als sie die Iphigenie singen sollte, frug Frau Burggraf sie: »Kennen Sie denn die Mythe?« worauf sie prompt antwortete: »Um die Mieten kümmer' ich mich 's ganze Jahr net, die zahlt der Vatter!« – Nach ihrem Berliner Gastspiel wurde sie das enfant gatée der Berliner, und Prag verlor sie. Oft aber begegneten wir uns noch im Leben, und oft bewunderte ich sie. In Berlin zuerst, wo wir noch zwei Jahre zusammen wirkten. Sie war unterdessen Frau von Rhaden geworden. Als sie mir hier zum ersten Male wieder begegnete, zeigte sie auf die in Elfenbein geschnitzte Krone ihres Sonnenschirmes und sagte: »Sehens, Lehmann, so weit müssen Sie's auch bringen wie ich.« Nicht lange darauf vertauschte sie ihr »von« mit dem Wappen einer Baronin von Wallhofen. Sie war sehr stolz darauf und verfehlte nie, sich in ihren Briefen als »Baronin« zu unterschreiben, was mir so gar nicht in den Kopf wollte. In Kopenhagen sah ich sie; in Wien, wo sie noch viel sang und mir stets die alte Bewunderung aufzwang. Aber auch sie hatte uns Anhänglichkeit bewahrt, kam immer mich zu hören, so oft ich in Wien sang, voll des Lobes über meine Leistungen, und besuchte mich jedesmal. Auch einmal wieder, als Kron- und Balkanländer gährten. Da teilte sie – im[143]  Gespräch – das ganze Land an aller Herren Länder aus, so daß Österreich gar nicht mehr als solches existierte, und schloß ihren politischen Vortrag mit den Worten: »Dann würde es Frieden geben!« – Es gab nur eine »Carmen« für mich, das war die Lucca. Einfach und groß war sie; und einfach blieb sie, trotz aller Unarten, die sie in heiteren Rollen auskramte. Sie überlegte sich diese nicht, so wenig wie die tragisch ernsten Momente; sie kamen ihr, sie waren da. Am liebsten sah ich sie in ernsten Rollen, weil sie in heiteren das Musikalische gar zu »schlampig« behandelte. Die Berliner Musiker hatten einen noch schlimmeren Namen dafür. Als sie mich, kurz vor ihrem Tode in Wien, im Hotel Imperial aufsuchte, klagte sie schon über starke Schmerzen, hatte sich aber trotz ihrer achtundsechzig Jahre ihren vollen Reiz bewahrt. Pauline Lucca war und blieb ein Genie, ohne sich zur »bewußten« Künstlerin auszuleben. Ein Genie, dessen herrliche Naturgaben ihr bis zum letzten Atemzuge treu blieben, wie auch ihre treuen Bewunderer, zu denen ich mich in erster Linie zählen darf. –


Auch von den herrlichen Eigenschaften des Baritonisten Adolf Robinson läßt sich ein Blatt füllen, denn auch er gehörte zu jenen Talenten, die berufen waren, die Zuhörer zu beglücken, mit seiner reizenden Persönlichkeit, seiner Wärme, seiner wundervollen Stimme und seinem herzerquickenden, schönen Gesang. Er trat als Jäger im Nachtlager auf, sang Tell, Heiling, Zampa, Wolfram, Telramund, Luna, Carlos, Nelusco und Don Juan, mit einem Feuer, einer Hingebung, Noblesse in Spiel und Sang, die wahrlich zu den innigsten Eindrücken gehören, deren ich teilhaftig geworden, für die ihm alle diejenigen dankbar sein müssen, denen er Leistungen bot, wie niemand außer ihm sie wieder bieten konnte.
Als junger, unbekannter Kapellmeister kam Wilhelm Jahn 1859 nach Prag, von wo ihn Wien schon nach einem Jahre zu gewinnen suchte; doch war er glücklicherweise noch auf lange gebunden. Schon damals dirigierte Jahn alle Wagneropern auswendig und war sehr bald nicht mehr unbekannt. Jahn hatte an kleinen Bühnen und mit Italienern eine gute Schule durchgemacht; hatte eines der angenehmsten Sprechorgane und ein starkes Gesangstalent. Kein Wunder, daß er die Sänger zu begleiten verstand wie wenige der jungen Kapellmeister, die da meinen, sie[144]  brauchten außer Wagner nichts zu lernen; denen alte Meister Luft sind. Mit welcher Respektlosigkeit die Jüngsten dieser »kleinen Größenwahnsinnigen« die größten Meister, längst oder eben vergangener Zeiten aburteilen, sie zu verändern sich unterstehen, ihren Werken die Individualität ausziehen und ihnen von ihrem höchst eigenen Nichts, etwas anheften, das übersteigt die Begriffe jedes Kenners, jedes pietätvollen Beurteilers.
In München machte ein sehr bekannter Regisseur vor einer Tristanprobe die treffende Bemerkung, als der Dirigent, der uns lange hatte warten lassen, von weitem sichtbar wurde: »Die Tristanpartitur hat er unterm Arm, den Troubadour aber kann er nicht begleiten!«
Mit wahrer Vorliebe geißeln moderne Kapellmeister und »Neumusiker« die »Tradition«. Es gibt aber keine Kunst ohne Tradition im edelsten Sinne. Geistige Größe mit künstlerischer Technik zur Vollkommenheit vereint, sehen wir in alten Bildern, Bildhauerwerken und Kompositionen, die Jahrhunderten trotzten. Für den Ungebildeten, den Hypermodernen mögen sie vielleicht aus der Mode kommen können, gleich einem Hut oder einer Krinoline. Rein und nur von Gottbegnadeten geschaffen, überdauern sie alle Zeiten und werden stets der Maßstab sein und bleiben für vollendet Schönes – (ja, vor allem anderen für die Forderungen der Kunst an die Künstler) – mit dem man messen muß. Sie werden schon dadurch zur Tradition, weil jeder bewußt oder unbewußt von ihnen borgt, – weil das Leben zu kurz ist, um als einzelner Mensch eine vollendete Kunst, die sich durch Jahrhunderte erst bilden kann, zu schaffen; oder ohne traditionelle Führung ein Künstler zu werden. Junge Kunst gleicht jungem Wein, der berauscht, aber nicht erquickt.
Nicht besser wie den herrlichsten Werken der Alten geht es den besten jener wirklichen Theaterkapellmeister, zu denen Wilhelm Jahn, Karl Eckert gehörten und Ernst von Schuch noch gehört, die durch den »Neumusiker« ihres Lebens, – oder falls sie tot sind, ihrer Grabesruhe, – nicht mehr froh werden; nur weil sie dem Sänger, wie es sich gehört, mehr Rechte gönnen als dem Blech. Und all ihr besseres Wissen schützte sie nicht vor der gewissenlosen Ungerechtigkeit, daß man sie zum alten Eisen warf, nach[145]  einem künstlerischen, tatenreichen Leben. Sie allerdings, waren nicht als Meister vom Himmel gefallen, sondern lernten Meister werden!
Keiner der Obengenannten – und ich könnte noch viele dazu nennen – hätte sich zum Beispiel die Freiheit genommen, die Begleitung der Rezitative in Mozartschen Opern, während der Vorstellung, mit eigenen Fantasien zu versehen, wie das heutzutage geschieht. – Gegen alle Regel, Schönheit und Notwendigkeit des sprachlichen Akzents verbieten sie – aus welchen Gründen, frage ich? – den Sängern sämtliche Vorhalte und schlagen damit nicht nur der Tradition ins Gesicht, sondern schlagen auch die Musik, deren Text sie geradezu energisch fordert, tot. Kommt es mir doch manchmal vor, als hörte ich lebendig Begrabenes klingen anstatt so liebem Lebendigen, um das ich nicht selten habe weinen und trauern müssen.

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Will man etwa die Vorhaltlosigkeit von Wagner herleiten? Hat Wagner etwa keine Vorhalte? und hält man ihn, der doch ein herrlicher Sprachkünstler war, für so geschmacklos, oder des sprachlichen Ausdruckes fremd, daß er keine schreiben würde? Allüberall wo es der Akzent der Silben am Ende einer sprachlich und musikalischen Phrase verlangt, haben Spohr, Marschner, Weber, Wagner Vorhalte ausgeschrieben, Mozart und Beethoven sie in der Form ihrer Zeit durch zwei gleichlautende Noten gekennzeichnet und dadurch vorgeschrieben. Was würden diese beiden Meister empfinden müssen, wenn sie ihre herrlichen Rezitative vor den Arien und die Dialog-Rezitative mit totaler Vorhaltlosigkeit, das heißt, totaler Ausdruckslosigkeit, jetzt hörten? Sie würden dieselbe traurige Empfindung haben wie wir.
Man sehe doch nur Wagner daraufhin an in allen seinen Opern. Wir brauchen nur die Arie der Elisabeth zum Beispiel herauszugreifen oder die Anfangsszene zwischen Tannhäuser und Venus, in jedem Satze finden wir sie wieder: »Dich, teure Halle, grüß' ich wieder.« – »Ja, Dir erwachen seine Lieder.« – »Da er aus Dir geschieden« oder »O, daß ich nun erwachte!«
Jeder in klassischer Schule – und dazu gehört die italienische Gesangskunst – gebildete Sänger, weiß und muß wissen, daß der Akzent auf der vor letzten Silbe eines Endwortes liegt und[146]  daß dieser Akzent nicht nur sprachlich im Wort, sondern auch in der Musik ausgedrückt werden muß. Zwei gleichklingende Noten, auf einer lang und einer kurz zu sprechenden Silbe kämen einer Vernachlässigung des Wortakzentes und damit des musikalischen Ausdruckes gleich, und das hat sich weder Mozart noch Beethoven zuschulden kommen lassen.
Noch zu meiner Zeit hätte sich kein Künstler ein solches Verbot gefallen lassen, und niemals ist es von einem oder dem anderen der neuesten Kapellmeister an mich herangetreten, weil die Autorität meiner Kenntnisse mich davor schützte. Gibt es denn aber noch eine künstlerische Autorität unter den heutigen Sängern, die sich gegen Willkür zur Wehr setzen würde? Ich muß es leider bezweifeln, – denn ihre Kenntnisse sind nicht derart, daß sie damit imponieren könnten. Was ich unter künstlerischer Autorität verstehe, werde ich späterhin ausführlich besprechen.
Wie traurig, daß ich Schnorr von Carolsfeld nur zweimal im Leben habe hören können. So jung ich auch war, ich war gebannt von seiner Künstlerschaft. Als er in Prag im »Troubadour« nach seinem Ständchen die Bühne betrat, war man versucht, über die große, ungeheuer beleibte Figur zu lachen. Sobald er aber die erste Handbewegung machte, verstummte diese Versuchung. Man wußte, wer der war, der da stand, man fühlte, was er bedeutete. Zu ihm hätte man wallen sollen, wenn es die damaligen Verhältnisse gestattet hätten. Ein unvergänglicher Eindruck! –



20.










[147] Nach Wilhelm Jahn kam Richard Genée aus Dirigentenpult; unter seiner Leitung begann ich meine Karriere. Genée war ein feingebildeter Mann, eine durchaus noble Natur, ein ausgezeichneter Musiker und ein vorzüglicher Operndirigent. Er hatte aber weder Jahns Jugendkraft noch Energie; war von zarter Statur, sprach näselnd, als litte er unter asthmatischen Einflüssen. Als ich ihm einst in Berlin begegnete, glaubte er mir etwas abbitten zu müssen, das ihn schon lange bedrückte. Er hatte Direktor Emil Fischer aus Danzig, als dieser sich bei ihm nach mir erkundigte, folgende Auskunft erteilt: »Die Lehmann ist sehr musikalisch und fleißig;[147]  hat aber eine so schwache Stimme, daß Sie sie für große Rollen nicht gebrauchen können.« –
»Nehmen Sie sich's nicht zu Herzen, lieber Genée,« sagte ich ihm, »Sie hatten ganz recht; ich war sehr schwach und wunderte mich selbst, daß es mir in Danzig gelang, alle die großen Rollen durchzuführen.«
Nach meinem zweiten Debüt, das so merkwürdig günstig verlief, hatte die Direktion große Dinge mit mir vor: man wollte mich fürs jugendliche Fach engagieren. Dazu wählte man die »Perdita« in der gleichnamigen, nach Shakesspeares Wintermärchen, von Barbieri komponierten Oper, die ich als Antrittsrolle studieren und im Frühling singen sollte.
Die Rolle war reizend, gesanglich wie schauspielerisch gleich dankbar und ich lernte schon jetzt sehr fleißig daran, obwohl unser arbeitsreiches Leben seinen gewohnten Gang weiter ging. Damit schloß das Jahr 1865 und das ereignisreiche 1866 begann, das uns allen viel Leid und manche Enttäuschung bringen sollte.
Ende Februar wurde mir plötzlich von einem Tag zum anderen, die Arrangierprobe von »Perdita« angesagt. Für den Vorabend hatte ich eine Einladung angenommen, worauf ich mich sehr freute und was selten vorkam. Da ich mit Frau Binder die Rolle schauspielerisch sehr hübsch ausgearbeitet hatte, meiner Sache ganz sicher war und Arrangierproben nicht mit Orchester und nicht mit voller Stimme gesungen werden, ließ ich mich von meinem Wunsche verleiten, hinzugehen. Ich kam später, als ich gewöhnt war, zu Bett, – etwas, das ich auch heute noch nicht vertrage, – und war andern Tages wirklich müde. Der erste Akt ging sehr gut, ich gab mir alle Mühe; im zweiten sang ich eine Stelle zu hoch, und aus war's mit der »Jugendlichen«, zumindest für die nächsten zweieinviertel Jahre. Sicher zu meinem Besten. Ich hätte weit eher das Koloraturfach als das der »Jugendlichen« bewältigen können. Hochaufgeschossen, schwach und mager, wie ich war, warf mich jedes böse Wort, jeder Windstoß um. Wenn ich abends auf meinem Bette sitzend, mir stundenlang die Augen aus dem Kopf weinte, ohne anderen Grund als den der furchtbaren Müdigkeit, mag es meine liebe Mutter wohl mit Angst erfüllt haben. Sie tat mehr, als in ihren Kräften stand, mich zu stärken,[148]  und Professor Maschka, der von seiner eigenen Tochter solche Zustände kannte, wachte wie ein Vater über mir. Nur sehr langsam konnte ich meiner Schwäche Herr werden, die große Müdigkeit bin ich in meinem ganzen Leben nicht losgeworden. Wie sehr ich noch Kind war, beweist, daß ich als Sechzehnjährige mir kleine Puppen selber machte und meine freie Zeit damit zubrachte, allein mit ihnen zu spielen. Geduldspiele, die heutigen »Puzzles«, konnten mich stundenlang fesseln, und selbst verwirrtes Garn zu ordnen reizte mich zu Geduldsproben.

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Direktor Wirsing engagierte mich aber doch vom 1. April 1866 ab, für kleine Rollen, mit monatlich vierzig Gulden. Dafür mußte ich mir außer Männerkleidern alle Kostüme selber stellen. So wenig es war, war's doch ein langersehnter Anfang; und wenn ich allein auch nicht hätte damit auskommen können, mit Mamachen zusammen ging es doch. Ich konnte nun für mein Zimmer und Essen zwanzig Gulden an sie abgeben und behielt noch zwanzig Gulden übrig, mir Kostüme zu schaffen und einen Notgroschen zu sparen, denn ich hatte so gut wie gar nichts.
Nun sang ich sämtliche Begleiterinnen, Ehren- und Hofdamen, den ersten Knaben in der Zauberflöte und gleich darauf die erste Dame, die mir verblieb; den Hirten im Tannhäuser, die Brautjungfer im Freischütz; sang in allen Operetten und spielte in sehr vielen Schauspielen, zum Beispiel den Fischerknaben im Tell, einen Sohn des Kollatin, eine Pensionärin im Aschenbrödel, womit ich besonders Furore machte, weil meine hochgeschossene Magerkeit und Müdigkeit – hier nur geheuchelt – so gut dazu paßte, mußte aber auch für die entzückende Seitler (Aschenbrödl) das Lied darin singen, da sie's nicht selber konnte. Kurz, ich stand fast allabendlich auf der Bühne und konnte mich trotz aller Müh und allem Fleiß nicht höher schwingen. Direktor Wirsing war natürlich froh, für so billiges Geld eine so musikalisch sichere Sängerin, gerade für diese Rollen, in mir zu besitzen, und hütete sich, mich zu verlieren.



21.










[149] Kurz nach Beginn meines ersten Engagements brach der Krieg mit Preußen aus, und größere Interessen verschlangen die kleinen.[149]  Er brachte in Prag mächtige Umwälzungen hervor. Die Böhmen hatten erst das große Maul und wollten die Preußen »mit nassen Fetzen« aus dem Lande jagen; als aber die Unwahrheiten der österreichischen Siegesmeldungen ans Licht kamen, die Preußen immer weiter vordrangen, da wurden die Böhmen ganz klein, und feige suchten die jungen, starken Männer sich Verstecke, um dem Schanzengraben im feindlichen Dienste zu entrinnen. Selbst bei uns erkundigten sie sich nach Verstecken, frugen, ob die Preußen Menschen wären, die sie nicht töten würden, wohin sie ihre Kostbarkeiten vergraben sollten und was des Blödsinns mehr war. Welche Schande! Eines Tages sahen wir große Leiterwagen mit Möbeln und Gepäck beladen, auf denen junge Männer saßen, die über die Kleinseite hin entflohen, und Tags darauf war Prag völlig ausgestorben. Nun mußten die Preußen ja bald kommen. Nach einem Morgenspaziergang, den ich mit Frau Römer im Kanalschen Garten unternahm, sahen wir bei unserer Rückkehr durch die Felder Tausende von preußischen Soldaten vor dem Roßtore lagern, während vorher noch nichts zu sehen gewesen. Wie aus der Erde waren sie gestampft. Um vier Uhr nachmittag zogen sie über den Graben ein – die Garde du Corps an der Spitze – wo wir natürlich auch standen und mit weißen Tüchern wehten. Es sah großartig aus! Keine Stunde war nach dem Einzuge vergangen, so guckte aus jedem Fenster der Stadt mindestens ein preußischer Soldatenkopf heraus. Ohne auch nur mit einem Worte danach zu fragen, war jeder in sein Quartier gegangen. Nach und nach kamen auch die »tapferen« jungen Böhmen wieder zum Vorschein, und da sie von den Preußen weder »gefressen«, noch zum »Schanzengraben« verwendet wurden, meinten sie kleinlaut: »Wenn uns die Preußen nur nehmen möchten, uns wärs ganz recht!« Uns wärs auch recht gewesen, dann hätten vielleicht die ewigen Reibereien zwischen Deutschen und Böhmen ein Ende gehabt, die jedem feinfühlenden Menschen den Aufenthalt in Prag verleiden.
Ich lasse hier wieder zwei Briefe meiner Mutter folgen, die den damaligen Gefühlen besser Ausdruck leihen, als ich es vermöchte.

[150]  Aus dem Kriege 1866.

Prag, 8. Juli 1866.

»... Unmöglich kann ich denken, daß Du meinen letzten Brief erhalten hast, sonst könntest Du uns doch nicht so lange ohne Nachricht lassen. In dieser entsetzlichen, bedrängten Zeit, wo wir die Folgen des nächsten Tages nicht berechnen können. – Die Preußen sind seit mehreren Tagen in unserer Stadt eingezogen und benehmen sich gut, ruhig und gemessen, hauptsächlich Landwehr, meist ältere, verheiratete Männer, die es auch schmerzlich empfinden, von ihren Familien getrennt zu sein. Die Hälfte der Einwohnerschaft Prags ist geflüchtet, wer nur etwas zuzusetzen hatte, ist weg, ganze Häuser stehen verlassen, nur die Einquartierung ist darinnen. Aller Adel ist fort, alles österreichische Militär, sowie die Polizei, die zum Militär gehörig ist. Die Preußen haben alle Wachen bezogen, geben alle Verordnungen, denen sich die Bewohner Prags fügen müssen. Täglich sind eine Menge Zettel angeschlagen, was sie alles verlangen und wie man sich zu benehmen hat. Die ganze Sache ist schrecklich beängstigend, Du hast keinen Begriff, wie man unter diesen Zuständen leidet. Alle Schulen sind zu Kasernen umgewandelt, sowie das Konservatorium, die Universitätsgebäude, alles ist aus seiner gewohnten Ordnung und hauptsächlich aus seinem Verdienst gerissen. Unser Theater wäre längst geschlossen, wenn nicht der Intendant es noch hielte; aber das wird vielleicht nicht mehr lange dauern; was wird dann aus uns allen? Nicht eine einzige Stunde! Es ist für uns Musiker besonders schlimm, alles ist aufgelöst ....

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Es wimmelt hier von Preußen, und wie ich höre, werden noch immer mehr hereingezogen. Die Einquartierung ist furchtbar, die Hausherrn übel daran, aber vielen wird es gegönnt, die andern nichts gönnten. Wenn man nur ein glückliches Ende sähe, jeder der Monarchen zufriedengestellt wäre. Die armen Menschen, die ihre Kinder, Eltern und Geschwister verloren haben, müssen sich trösten, wenn ihnen auch das Herz darüber bricht ....
Wir kommen uns verlassen und allein vor. Die schrecklichen Verhältnisse haben mich in einen sonderbaren Zustand gebracht;[151]  mein Kopf ist zuzeiten so eingenommen, daß ich den ganzen Tag schlafen könnte, meine Augen fürchterlich angegriffen. Am stärksten hält sich noch Riezl; Lilli hat öfters Anfälle von Ohnmachten, zum Beispiel neulich, als wir Verwundete fahren sahen, mit blutigen Verbänden, sie ist an solche Aufregungen natürlich auch nicht gewöhnt ... Die Menschen liegen den ganzen Tag auf den Straßen, es ist gar kein Verkehr in nichts, alle Fabriken sind geschlossen, die Not der niederen Klassen ist fürchterlich, und von diesen werden Aufstände befürchtet. Überall sind preußische Kanonen aufgepflanzt, es darf sich keiner rühren. Wie lange wird dieser Zustand noch dauern? ....«

Krieg, einige Wochen später.

 ... »So viele Briefe habe ich schon an Euch geschickt, die aber gewiß nicht in Eure Hände gekommen, denn die Posten gehen gar nicht, und jede Verbindung ist gestört. Was wir während der letzten traurigen Zeit gelitten, kann ich Euch nicht beschreiben und kann mich auch in diesem Briefe, der durch die Feldpost besorgt wird, nicht genau aussprechen. Wir alle sind krank und elend. Lilli gleicht mehr einem Schatten, sie hat kein Lot Fleisch mehr auf sich, und Riezl ist seit vier Wochen nicht mehr zu kennen; die Jammerszenen, die wir erlebt, und das eigene Leiden, was wir erduldet, haben uns sehr heruntergebracht. Gott gebe, daß es bald anders wird, sonst erliegen wir. Auf unsere kleinen Verhältnisse wirkt der Kriegszustand sehr grausam, die wir doch gar nichts verschuldet haben ... Sobald die Posten gehen, werden wir ausführlich schreiben ... Heute wird der König von Preußen erwartet, er wird in der Burg wohnen ....
Ihr könnt leicht denken, in welchem Zustand unser Theater und alles andere ist. Der Direktor muß täglich einige hundert Freikarten an das Militär geben, aber er hat keine Einnahme dabei. Die Logen der Aristokratie dienen den jungen Offizieren und müssen gratis abgegeben werden. Im übrigen benehmen sich die Preußen sehr anständig, und die Böhmen kommen zur Einsicht, daß sie viel gebildetere Menschen sind als sie selbst. Auch wir haben im Hause sechs Mann Landwehr. Selbst einzelnstehende[152]  Frauen haben Einquartierung, die sie verköstigen müssen; wo es herkommt, wird nicht gefragt. Über vieles später, wenn ich ruhiger geworden bin. Lebt wohl, meine Lieben.

Marie.«



Unter den in unserem Hause einquartierten sechs Landwehrmännern war auch ein Tischlermeister Lehmann, der uns erzählte, wie er ohnmächtig auf einen Wagen mit vielen Toten zusammengeworfen worden war, und nur dem Umstand sein Leben verdankte, daß er, vom Wagen fallend, einen Schmerzenslaut ausstieß. Ohne diesen glücklichen Fall würde er mit den Toten in die Grube gekommen sein. Alle erzählten von ihren furchtbaren Leiden und wie sie eher auswandern, als je wieder einen Krieg mitmachen wollten.
Noch ehe die Preußen Prag belagerten, war die Cholera ausgebrochen, von der viele unserer Bekannten betroffen wurden. Unter dem furchtbar heißen, trockenen Sommer hatte also nicht nur das kriegführende Militär allein zu leiden. Eines der ersten Opfer war mein einst liebeskranker Verehrer, Carl B., der früh im Kaffeehause, nach österreichischer Gewohnheit, zuerst ein Glas Wasser heruntertrank und fünf Minuten später, von Krämpfen befallen, nach Hause transportiert werden mußte. Dem Arzt gelang es nicht, den, vom Fieberfrost bereits Erstarrten, zu erwärmen. Schließlich blieb ihm kein anderes Mittel übrig, als den Befehl zu geben, es müsse sich jemand von der Familie zu ihm legen und ihn zu erwärmen trachten, sonst wäre er verloren. Dazu entschloß sich seine älteste Schwester Emilie, die so lange bei ihm blieb, bis er wieder Lebenszeichen von sich gab. Er wurde dann später fortwährend in eisgekühlte Leintücher gewickelt und erhielt teelöffelweise eiskaltes Pilsner Bier eingeflößt. Keines der vielen Geschwister bekam auch nur das Geringste, und nur der Vater hatte einen leichten Anfall, dessen Ursache wohl auch im Kaffeehaus zu suchen war. Wir besuchten sie täglich und fürchteten uns keinen Augenblick. Beide Herren genasen vollständig.
Alle diese Schrecknisse, die zuerst in beängstigter Phantasie bestanden, dann aber freilich die alltäglichen Verhältnisse aller derer schwer betrafen, die von täglichen oder monatlichen Einnahmen[153]  leben mußten – also auch uns schweren Schaden zufügten –, gingen vorüber. Der Krieg war beendet, bald brauste das alltägliche Leben wieder um uns, und wir selber gingen den alten, gewohnten Gang.
Aber nicht nur kleine Leute waren von dem Kriege betroffen worden, auch große! Der Kurfürst von Hessen-Kassel war entthront, seines Landes verlustig gegangen, weil er sich den Preußen nicht anschließen wollte. Nun war er mit seiner ganzen Familie nach Prag gezogen, wohnte bald hier, bald auf seinem in Böhmen gelegenen Gute Hořowitz und frug jeden Morgen beim Erwachen: »Bin ich noch nicht zu Hause?« – Er sollte auch nicht mehr nach Hause kommen, denn man gab ihm sein Land nicht wieder. Seine Gattin, die zur Fürstin von Hanau erhobene, einstige Frau Lehmann – nicht mit uns verwandt –, war eine bildschöne und liebenswürdige Frau, die des Kurfürsten Launen – und er hatte deren genug – mit vielem Humor zu begegnen wußte. Zum Beispiel, wenn er ihr die schönsten Roben, die sie anhatte, vor Wut mit der Schere von oben bis unten aufschnitt, lachte sie aus vollem Herzen über den mißlaunigen Scherz.

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Als die Fürstin von meiner Mutter Aufenthalt in Prag erfuhr, ließ sie diese durch ihre erste Kammerfrau, das feine, liebe Fräulein Spindler, welche fortwährend die Vermittlerin zwischen Eltern und Kindern spielen mußte, und die selbst dem Kurfürsten imponierte, bitten, zu ihr zu kommen. Mama mußte ihr nun erzählen, was sie seit ihrem Abgang von Kassel alles erlebt hatte. Meiner erinnerte sie sich von Kassel aus, wo ich gelegentlich eines Besuches bei Onkel Pauli ein Jahr vorher mit Berta Römer war, die dort gastierte und engagiert wurde. Kurfürstens, die vom Fenster ihres Palais alles beobachteten, ließen uns damals durch den Intendanten sagen, wie sehr sie sich über unser gesittetes Benehmen gefreut hätten! Damals stolzierten wir in Krinolinen mit karrierten Beduinen in Kassel herum. – Die Fürstin erbat sich noch oft meiner Mutter Besuch, und auch ich mußte mitkommen. Sie nahm ein so großes Interesse an uns, daß sie später sogar meine, durchaus nicht für fürstliche Häupter bestimmten Briefe las. Jede Woche sandte sie uns einen großen Buckelkorb voll kostbarer Eßwaren, und selbst in Hořowitz vergaß sie es nicht. Es war sehr lieb gemeint,[154]  aber all die herrlichen Leckerbissen konnten Mamas einfaches, aber ausgezeichnetes Essen nicht verdrängen. Sie kamen meist unseren vielen Abnehmern zugute, denn Mama aß sehr wenig und freute sich, anderen etwas Gutes zu tun. Sie war so mäßig, so bescheiden in allen ihren Ansprüchen, daß wir sie oft fragten, wie sie mit dem wenigen Essen, das sie zu sich nahm, bestehen könne? Sie sagte aber immer: »Wenn es mir am besten schmeckt, höre ich auf!« Wie weise! Auch wir, ihre Kinder, haben übrigens ihre einfache Lebensweise beibehalten und uns immer am wohlsten dabei befunden.



 III. Buch
Prag
1853–1868











Wie man, von langer Wanderschaft wiederkehrend, im Abendsonnenglanze seine Heimat liegen sieht, so sehen wir zurück auf unsere Kindheit, von langem Lebenswege. Alles strahlt vergoldet. In allem spiegelt sich der Glanz des Glücks, der Erkenntnis, daß wir eine liebe Mutter hatten, die, um uns in bitterer Sorge lebend, unsere Kindheit so unendlich glücklich gestaltete, daß selbst der Ruhm, zu dem sie uns geführt, sie zu verdunkeln nicht vermochte. –




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Danzig
Herbst 1868 bis Frühling 1869











Gestärkt durch frische Natureindrücke, die mich beruhigten und hoben, reiste ich, da meine liebe Mutter zu angegriffen war, nur von Fr. Römer zur Bahn geleitet, über Berlin nach Danzig. Unterwegs fanden wir ein kleines Hufeisen, das, wie Fr. Römer meinte, Glück bedeuten sollte. Der erste Schritt in die Zukunft war getan, über deren Pläne ich mir vollständig klar gewesen, noch ehe ich Wirsing meinen Kontrakt gekündigt hatte. Sie waren einfach folgende: einen Winter wollte ich an einem Saisontheater mich einsingen, ein ganzes Jahr mich an einem großen Stadttheater im Repertoire und Können befestigen und dann sofort an ein großes Hoftheater zu kommen suchen. Während ich aber vorläufig dritter Klasse Berlin entgegenfuhr, fiel es mir schon schwer aufs Herz, wie ich in Danzig zehn große Rollen im Monat bewältigen sollte? Die bange Frage entschwand erst wieder, als ich in Berlin einfuhr, wo sich all mein Denken auf die Gegenwart konzentrierte, die mir alsbald freundlich entgegentrat.
Wohnung nahm ich für diesmal in der Chausseestraße bei einer Familie Beck, die uns empfohlen war und die mich sehr gut versorgte. Nach gesundem Schlaf zog ich mich andern Morgens nett an und ging zum berühmten Theateragenten Ferd. Röder, der meinen Eltern als Schauspieler schon bekannt gewesen und dem ich, auf Mamachens Wunsch, etwas vorsingen sollte. Ehe ich vorgelassen wurde hörte ich im Nebenzimmer ein von zwei Männerstimmen geführtes Gespräch:
»Wieviel willst du ihm denn monatlich geben?«
»Vierzig Taler.«
»Schweinehund! Davon kann der Mensch nicht leben; du mußt ihm mindest sechzig Taler geben.«
Wozu sich der andre – der mit »Schw ....« angesprochene Herr, auch verstand. Wie ich später erfuhr, handelte es sich um die Gage eines jungen Schauspielers; der »Schw ....« war Herr[161]  Direktor Engel von Kroll. Als sich die Türe des Nebenzimmers öffnete, sah ich den Kroll'schen Engel oder den »Geforbenen«, wie der Berliner sagt, hier zum erstenmal. Ein kleiner dicker echt jüdischer Zigeuner, mit schwarz gefärbten Locken, über dessen brillanten jüdischen, unbeabsichtigten Witz ich später oft habe lachen müssen. Man muß sagen, daß Ferd. Röder – der andre, auch er war berüchtigt, – doch der einzige war, der als Theateragent auf Seite der Künstler stand, die Gagen nie herunter-, wie es heute aus Konkurrenzrücksichten geschieht, sondern möglichst hinaufschraubte und dadurch wertvoll war. Röder ließ mich gleich singen und brachte mich persönlich zu Herrn von Hülsen, der mich einen Tag länger zu verweilen bat, weil er mich andern Morgens im Theater zu hören wünschte. Am Abend war ich in der Stummen von Portici, eine Vorstellung, die mir gar keinen Eindruck hinterließ, von der ich nur konstatieren konnte, daß Frl. Börner die Elvira bürgerlich gut sang. Herr von Hülsen wollte mich nach meinem Probesingen sofort für Berlin fesseln und würde am liebsten gesehen haben, wenn ich Danzig abtelegraphiert hätte um sofort ein Engagement in Berlin anzutreten. Wahrscheinlich sah Herr von Hülsen keinerlei Schwierigkeiten darin, daß ich mich für Danzig gebunden hatte, und ebenso wahrscheinlich wäre es Röder gelungen, mich »für das Hoftheater« frei zu machen. Ich aber bestand darauf, nach Danzig zu gehen. Ich dankte Herrn v. Hülsen und behielt mir vor, sobald ich Tüchtiges gelernt, wiederzukommen. Er nahm mein energisches Ablehnen für den Augenblick sehr freundlich auf und sagte herzlich: »Kommen Sie, wann Sie wollen, Sie werden mir immer willkommen sein. Sobald Sie es wünschen, können Sie hier gastieren.«
Das war nun schon der zweite wichtige Schritt, mit dem mir die Vorsehung auf halbem Wege entgegenkam, und beruhigt fuhr ich noch am selben Abend um 9 Uhr III. Klasse nach Danzig, wo ich erst am andern Nachmittag um 4 Uhr totmüde und zerschlagen ankam. Einer Verabredung gemäß, sollte ich hier bei einer Cousine des Prager Schauspielers Simon wohnen, der meine Ankunft zu melden übernommen hatte. Als ich aber in der Hundegasse 26 vorfuhr, fand ich Frl. Hoppe gar nicht daheim, sie war in einem gemieteten Gärtchen vor der Stadt. Nachbarn, die mir dies mitteilten, sahen[162]  meine Verlegenheit und erboten sich, jemand hinzuschicken, während ich bei ihnen wartete. Nach einer Stunde kam die Dame ganz erstaunt nach Hause. Sie war weder von meinem Kommen benachrichtigt worden, noch hatte sie je von ihrem Cousin Nachricht erhalten und könne in ihren beschränkten Räumen nicht daran denken, jemand aufzunehmen. Mir war das Weinen so nah, daß man mir's wohl anmerken mußte. In meiner Niedergeschlagenheit wollte ich eben mit Sack und Pack wieder aufbrechen, als sie sich eines Besseren besann, mich eintreten hieß, um mir ihre Wohnung zu zeigen, die allerdings nicht groß, dennoch geräumig genug für zwei Damen war. Sie mußte wohl gesehen haben, daß ich »Jemand« war, und versuchte nun den ersten, sehr unangenehmen Eindruck zu verwischen, indem sie mich einlud, bei ihr zu bleiben. Vielleicht hätte ich es nun gar nicht mehr angenommen, wäre ich nicht so bodenlos müde, fremd und durch die Durchkreuzung des bestimmten Planes aus dem Geleise geworfen gewesen. Ich blieb also und muß dankbar anerkennen, daß Frl. Hoppe alles tat, was in ihren Kräften stand, mir's bequem zu machen. Nachdem ich mich noch tüchtig ausgeweint und an Mama geschrieben hatte, schlummerte ich auf einem Sopha in eine neue Phase meiner kommenden Existenz hinüber. Ich schlief gut; mir träumte, ich äße süße Weintrauben. Der Geschmack war noch vollständig in meinem Munde, als ich erwachte und in das lachende Gesicht von Frl. Hoppe sah, die, über mich gebeugt, mir einen Tropfen Honig auf die Lippen geschmiert und damit meinen Traum und die geträumten Weintrauben versüßt hatte. Nun fanden wir uns gut ineinander. Gleich andern Tags brachte sie mich zu ihrer Freundin Frau Ulrich, die mich nebst Mann und Schwiegervater wie ein eigen Kind aufnahm und mich ehrlich verhätschelte. Nach einigen Tagen hatten mir die beiden Damen ein schönes großes Zimmer in der »Pfefferstadt 50« bei Bekannten ausgesucht, das mit voller Pension monatlich 25 Taler kostete. 8 Tage später war ich eingezogen, sehr zufrieden und bei der alten Mama Heinrich und ihren beiden Töchtern in besten Händen. Nun hatte ich schon Freunde, ehe ich noch aufgetreten war.
Der erste Besuch bei Herrn und Frau Direktor Emil Fischer verlief ganz nach Wunsch. Frau Direktor, geb. Götz, verwitwete[163]  Dibbern, saß im Schlafrock an der Nähmaschine und nähte an einem Kinderkleid. Der Herr Direktor ebenfalls im Schlafrock – es war 11 Uhr – mit der Zigarre im Munde und der Tabaksdose in der Hand, sehr viel jünger als seine Gattin, sah mich mit seinen schönen Gazellenaugen, mit einem lachenden Gesicht an, frug nach meinen Wünschen betreffs der Antrittsrolle, worauf die Königin in den Hugenotten dazu ausersehen wurde. Trotzdem Frau Direktor stumm und ernst an dem Kinderkleide weiternähte, keine Silbe gesprochen hatte, auch gar keine Notiz von mir nahm, wußte ich doch gleich, wer von beiden die Hosen anhatte. Man erzählte mir, daß noch zwei weitere Koloratursängerinnen engagiert seien, was mir zu hören nicht angenehm war, aber ich ging mutig in die Schlacht und gewann sie auf dem ersten Hieb. Eine der Rivalinnen kam gar nicht zum Auftreten, die andre blieb als zweite Soubrette. »Ich hätte nie geglaubt,« schrieb ich an Mama, »daß es eine kleinere Stimme gäbe als die meine, und doch sind hier noch sechs Sängerinnen mit viel schwächeren Stimmen engagiert.«
Der Winter war nicht leicht für mich. Es hatten sich Kräfte zusammengefunden, die besser zu Spielopern als großen Werken taugten, wodurch ich gezwungen ward, jede Woche mindest eine neue Rolle in Opern zu lernen, die sonst nur wenig oder gar nicht gegeben wurden; z.B. Krondiamanten, Schwarze Domino, Johann von Paris, Undine, die beiden Schützen, Doktor und Apotheker, Carlo Broschi usw. Die großen Variationen in den Krondiamanten konnte ich nicht einmal ganz auswendig lernen, so wenig Zeit hatte man mir gelassen; da sie am Abend aber – scheinbar – vom Blatt gesungen werden sollten, so durfte ich's wagen. Auch sonst hatte ich alle Hände voll zu tun, denn ich mußte, was hinter den Kulissen gesungen wurde, nicht nur singen, sondern auch noch begleiten, da unser zweiter Kapellmeister gar zu elend Klavier spielte. Besser als meine Erinnerungen werden meine Briefe, die meine liebe Mutter alle sorgsam aufbewahrte, die Danziger Zustände beleuchten.

Danzig, 17. Oktober 1868.

Meine liebe, liebe Mama!

Da ich Dir von allem Bericht erstatten soll, so muß ich Dir auch schon wieder schreiben. Gestern sang ich die Hugenotten-Königin[164]  und habe wie das erstemal wieder ungeheuer gefallen. Das Publikum hat mich wirklich sehr lieb, und ich bin sehr zufrieden. Denke Dir, ich muß die Marie im Waffenschmied auch die im Zar und Zimmermann singen, wozu mir die Direktorin Anzüge leihen will. Du kannst Dir denken, wie es um unsere Soubretten steht. Da mich die Rollen nicht anstrengen, singe ich sie auch sehr gern. Gestern erhielt ich wieder ganz prachtvolle Bouquets; und heute früh habe ich mir einen Fuchsiabaum gekauft, nicht groß, aber mit tausend Blüten: inwendig weiß und außen rot. Ich habe eine kolossale Freude daran und wünschte nur, Du und Herr Römer könntet Euch an dem herrlichen Anblick weiden.
Am Montag ist der Don Juan mit mir als Elvira. Ich habe noch so viel zu lernen, tu' es auch gern, denn es würde mir ganz komisch vorkommen, wenn ich einige Tage Ruhe hätte, so sehr bin ich ans Lernen gewöhnt. – An Frau Römer hätte ich gern geschrieben, aber es ist mir jetzt wenigstens gar nicht möglich; grüße sie aber herzlich und sage ihr, daß ich's ihr tausendmal dankte und nicht vergessen würde, daß sie sich Deiner wie bisher annimmt. An Bertas Triumphen nehme ich herzlichen Anteil.
Eine Teuerung ist hier, davon macht man sich keinen Begriff. Ich bezahle 5 Taler für das Frühstück! Was meinst Du dazu? Mein Gasthausessen habe ich gekündigt, weil meine Wirtin mir selber kochen will, was mir jedenfalls angenehm ist. – Anbei sende ich Dir eine Rezension vom Heiling, ich hoffe, daß Du zufrieden sein wirst. Wie lange ist es her, Mamachen, daß, wenn ich am Klavier saß und eine von den Partien sang, die ich hier doch schon alle gesungen habe, Ihr mich auslachtet, und Du in Deinem Innern gedacht haben magst: »das Kind bildet sich am Ende ein, jemals eine solche Partie singen zu können!« Ist es nicht so? Ich hoffe aber, daß ich's im Leben auf eine recht hohe Stufe bringen werde, um Dir nur einen ganz kleinen Teil meiner Schuld an Dich abzutragen. Denn jetzt erst weiß ich, was ich alles von Dir gelernt habe und wie mich der liebe Gott mit so vielem bevorzugt hat. An meinem Willen und Fleiß soll es gewiß nicht fehlen.[165]
Tausend Dank für Deine lieben Briefe; schreibe nur recht viel und oft und sei 100000 mal geküßt von Deiner
Lilli.

Danzig, 12. November 1868.

Meine liebe, liebe Mama!

Gestern war ich eben im Begriffe, an Dich zu schreiben, als ich durch unberufenen Besuch gestört wurde. Mein guter Wille mußte in einem Winkel des günstigen Momentes harren, und heute erst kann ich Dir tausend Grüße aus meinem Bette senden, in dem ich liege, um mich zu schonen und zu pflegen. Es schneit heut zum erstenmal, aber gleich so, als ob es dafür bezahlt würde. Es ist mir ordentlich wohl, die beschneiten Dächer und weißen Menschen vor meinem Fenster vorbeilaufen zu sehen, dabei in der warmen Stube sitzen zu können, um – zu studieren. Kaum hat man eine Oper zu Grabe getragen, wird die andre schon geboren, und man hat so viel und so lange damit zu tun, bis dieselbe Geschichte von vorne wieder angeht. Ich habe die Plage, Du darfst dafür meine Triumphe lesen, die Dich gewiß mehr freuen als mich, weil Du sie mit mehr Ruhe verdauen kannst. Wenn Du mit der Carlo Broschi-Rezension so weit fertig bist, sende ich Dir eine neue Ladung.

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Als Prinzessin in der Jüdin hat mich das Publikum mitten im Gesang der Jüdin – als ich im I. Akt im Zug auf die Bühne kam – empfangen. Meine Bekannten sagen: ich hätte sehr gut gesungen, sei sehr gut bei Stimme gewesen und hätte sehr hübsch ausgesehen. Ob Marcull, unser erster Kritiker, zufrieden sein wird, werde ich erst heute Abend lesen. Jetzt stehen – weil der Carlo Broschi so eingeschlagen hat auch noch der schwarze Domino, die Krondiamanten, Johann von Paris und der Maskenball auf dem Repertoire.
Gestern benutzte ich einen Moment schönen Wetters und lief spazieren. Ich mochte ungefähr 3/4 Stunden im fürchterlichsten Sturm gegangen sein, als mich der Regen auch noch erwischte und ich in einem auf dem Berg gelegenen Kaffeehaus, von wo man die See sieht, Unterschlupf suchen mußte. 5 Minuten vorher war das Wetter klar und nun der ganze Himmel rot-braun[166]  schwarz ordentlich fürchterlich anzusehen. Auf einmal sandte die Sonne senkrechte Strahlen auf die See, die dann und wann matt aufleuchtete, um gleich darauf als schwarzes Ungeheuer wieder hin und her zu wogen. Welch prachtvoller Anblick! Grade in solchen Momenten fühle ich mich der Natur viel näher gerückt als in freundlichen; wie kommt das? Gib das Rätsel dem Kohler auf und grüße ihn von Deiner Dich innigst küssenden
Lilli.

Danzig, 20. November 1868.

Meine liebe, liebe Mama!

Der Verdruß über das zweimalige Nichterhalten meiner Briefe wird sich hoffentlich doch schon gelegt haben und Du wirst mir wieder ein so liebes gutes Gesicht machen wie früher. Es ist jetzt bei uns so wunderbar schön, alles fest gefroren. Dabei scheint die Sonne, der Himmel ist so hell und schön, und gute Menschen sind guten Mutes. Ich vor allen Dingen; denn ich habe gestern als Frau Fluth wieder sehr gefallen und mir zu meiner eigenen Befriedigung sagen müssen, daß ich bedeutend besser war als das erstemal. Auch klang meine Stimme wieder sehr gut. Ich muß Dir offen gestehen, daß, wenn ich auch nicht grade auf der Brust angegriffen war, meine Stimme von der fortwährenden Singerei viel schwächer klang. Nun ist, Gott sei Dank, alles wieder in schönster Ordnung. Mit Fischers war ich wieder an der See, und das tut mir immer sehr gut. – Am Sonntag ist statt Dinorah Fra Diavolo, wozu mir Frau Direktor ihren Anzug – blauer Wollüberwurf und gelber Wollunterrock leiht. – Wenn der Tannhäuser am 24. nicht ist, so werde ich mir zu meinem 20. Geburtstag die 3 Ulrichs, Frl. Hoppe und Herrn Cabisius, unsern zweiten Bariton, einladen, der ein sehr netter, solider Mensch ist. Wie schade, daß wir so unendlich weit voneinander entfernt sind, daß wir an dem Tage, an dem wir immer so vergnügt beisammen saßen, nicht fröhlich zusammen sein können. Ich hoffe, daß es im nächsten Jahr anders sein wird.
Bis zum Sommer müssen wir alle unsre Wünsche vergraben, sie nützen uns vorher gar nichts. Ist doch schon jetzt so viel[167]  von unsern Hoffnungen und Wünschen in Erfüllung gegangen, daß wir vorläufig damit zufrieden sein müssen, und ich bin's auch. Ich wollte, ich wäre mein ganzes Leben so vergnügt wie jetzt. Es wird mir zwar nicht alles gleich so gelingen, aber ich werde gewiß nicht verzagen und alle meine Kräfte dazu verwenden, das Ziel, das mir vor Augen steht, zu erringen; und Du wirst mir dabei treu und gut zur Seite stehn und Deinen Lohn davontragen wenn es erreicht ist. Ich wollte, ich könnte Dich schon jetzt recht glücklich machen; glaube mir, daß es der einzige Wunsch ist, den ich nie hintansetzen werde, und eine Pflicht, die mir die erste und seligste ist. Ich wollte, ich könnte dir alles das ein klein wenig vergelten, was Du an mir allein verdient hast. Wie oft bereute ich schon, Dir ein herbes Wort gesagt oder Dich geärgert zu haben, glaube nur, daß ich es Dir schon millionenmal abgebeten und ich es wahrhaftig in tiefster Seele bereut habe. Aber ich weiß, daß eine Mutter wie Du mir das längst vergeben hat.
Kommen Römers noch alle Tage zu Dir? Was machen deine Rechnungen? führst Du ebensogut Buch wie dein gewesener Buchhalter? Ich setze das meinige fort und schreibe mir alles auf. Heute habe ich mir Shirting zu drei kleinen Unterröcken gekauft. Unsre Bühne ist sehr abschüssig, und die vielen kurzen, Rollen, die ich jetzt singe, machten es notwendig. Vergiß nicht, liebe Mama, mir mit den Noten auch die Instrumentation zur Paccini- Arie und meinen Ahasver von Hamerling zu senden.
Schreibe mir recht bald wieder, grüße alle unsere Freunde und nimm tausend Küsse von Deiner

Lilli.

Kaum zwei Monate in Danzig, erhielt ich auch schon Kontrakte für Riga, Königsberg, Köln und Kroll-Berlin an die Sommeroper. Meinem Vorsatz gemäß schlug ich alles aus. Da kam auch schon Dr. Laube mit einem Antrag für Leipzig, den anzunehmen ich keinen Augenblick zögerte. Freilich war es ein dreijähriger Kontrakt, der mir gerade darum nicht paßte, da man sich aber auf ein Jahr nicht verstehen wollte, so mußte ich in den sauren Apfel beißen. Am 15. Dezember 1868 schon gastierte ich[168]  als Königin in den Hugenotten, am 18. als Carlo Broschi und war vom 1. Juni 1869 an fest engagiert.
Auf der Carlo-Probe ereignete sich ein sehr unangenehmer Zwischenfall. Im II. Akt hat Carlo, eingefügt in ein Ensemble, eine kleine Ariette mit lauter Parlando-Stellen zu singen, durch die er den tiefsinnigen König seinen falschen Ministern und ihren Ränken abwendig zu machen sucht. Den König zu erheitern, ihn in seiner Energie zu erhalten, singt er die sich öfter wiederholenden Stellen immer schneller, immer launiger, ausgelassener triumphierend über seine Widersacher, wobei er ihnen schließlich – im schnellsten Tempo – seine scherzhaften, doppelsinnigen Worte an den Kopf wirst. Die Szene kann nur so gesungen und, lustig gespielt, wirken. Kapellmeister Gustav Schmidt, der besonders Anfänger seine Autorität gerne empfinden ließ, aber auch alten Mitgliedern gegenüber sehr eklig sein konnte, verschleppte nun die Stelle ohne Rücksicht auf Wort und Situation. In einer kurzen Atempause rief ich: »schneller!« hinunter, was ihn so erzürnte, daß er den Taktstock hinlegte und erst nach langer Debatte mit dem Regisseur die Probe wieder aufnahm. So was war ihm noch nicht vorgekommen! Ich hatte wirklich während meines Gesanges keine Zeit, ihn flehentlich darum zu bitten; aber ich entschuldigte mich, und schließlich lief die Probe weiter. Jedenfalls fand ich das Verschleppen des Tempos mindest ebenso rücksichtslos wie er meine Bemerkung. Als ich am Nachmittag mit Heinr. Laube im Rosental spazieren ging, meinte er, daß der Vorfall sehr unangenehm sei und er, um die Stimmung nicht noch mehr zu reizen, eben alle Opern, in denen ich sänge, Herrn Kapellmeister Mühldorfer überweisen würde; was mir sehr angenehm war.
Später lernte ich G. Schmidt sehr schätzen und er mich auch, denn es gelang mir im Engagement sehr bald, ihn so zufriedenzustellen, daß er in Mozartopern wie Figaro, Don Juan, Entführung, in denen ich Page, Susanne, Zerline, Elvira und Blondchen sang, den Taktstock während meiner Arien hinlegte und das Orchester mich allein begleiten ließ; eine Auszeichnung, die nur wenigen unter seiner Leitung zuteil wurde und die da hieß: »da kann nichts passieren!« – Er war wahnsinnig streng, litt keine Nachlässigkeit und schnitt den Künstlern nach einem verfehlten[169]  Sechzehnteil Gesichter, vor denen man sich fürchten konnte. Noch nach 14 Tagen, wenn die weniger fleißigen Herren ein solches Verbrechen begangen hatten und seinen Anblick mieden, bekamen sie in einem sorglosen Augenblick die Fratze geschnitten, und dann erst war die Untat gesühnt. Er machte uns Sänger nervös, man hatte es unter ihm nicht leicht. Dennoch bin ich ihm dankbar für seine Strenge, die mich auf dem Pfad aller musikalischen Tugenden weiterführte und festhielt.
An meine Mutter schrieb ich nach meiner Rückkehr von Leipzig:

Danzig d. 26. Dez. 1868.

Meine liebe, liebe Mama!

Verzeihe, wenn Du Dich etwa im geringsten um mich bekümmertest, daß ich gestern nicht an Dich geschrieben. Ich war vom Carlo, den ich am Freitag sang, sehr müde; er ging aber wieder sehr gut. Gestern erhielt ich die Rollen der Caroline in den beiden Schützen, die Prinzessin im Johann von Paris, die Venus im Tannhäuser und die Undine zugeschickt. Die Venus soll ich am Donnerstag singen, und dabei ist morgen der Don Juan. Wie mir Fischer heute sagt, kommt die Orgény nicht zum Gastspiel. Er meinte: »ist sie besser als Sie, macht Sie Ihnen Schaden, ist sie schlechter, mir; und dann sind Sie so beliebt, daß es mir gar nicht einfällt, jemand andern gastieren zu lassen.« Das ist doch sehr, sehr rücksichtsvoll von ihm? Überhaupt sind Fischers seelengute Menschen, die so gar nicht zu Direktoren passen; sie tun mir in der Seele leid. Heute machte ich ihr nach der Probe – die im selben Hause stattfindet – einen Besuch; sie ließ mich nicht wieder fort, und ich mußte gleich zum Essen dableiben. Man ist bei ihnen wie in der eignen Familie. Sie borgt mir zur Venus einen weißen Anzug mit Rosen, was mir sehr lieb ist, da die Oper nur einmal sein dürfte. Die Geschäfte gehen sehr schlecht, (sehr viel später erkannte ich manche Ursache) nur die Oper zieht und auch nur dann, wenn ich singe. Das ist keine Arroganz, es ist wirklich wahr. – Dein lieber Brief traf mich noch im Bett, um so vergnügter bin ich heut, da ich durch ihn schon vor dem Aufstehn erfreut wurde. Laubes Brief ist sehr liebenswürdig, und[170]  ich werde sehr froh sein, nach Leipzig zu kommen, denn dann geht Dir ja ein großer Lieblingswunsch in Erfüllung: bei Deiner Riezl zu sein; dann darfst Du Dich keinen Augenblick mehr plagen.
Siehst Du, Mama, was Du vor Jahren als Scherz behandelt hast, ist oder wird vielmehr bald in Erfüllung gehn. Dieser Gedanke macht mich glücklich und fröhlich, und ich fühle mich gar nicht allein, sondern als wäre ich jetzt schon bei Dir, als lebten wir jetzt schon ein schönes Leben zusammen. Mag sein, daß ich es so fühle, weil wir uns so oft schreiben. Ich hätte nie geglaubt, daß ich so viel Stoff dazu haben würde und siehe da, wenn ich Dir einen Tag nicht schreibe, ist es mir, als hätte ich Dir eine lange, lange Geschichte zu erzählen. – Auch Schmidts Brief ist sehr lieb; obwohl ich den Mann gar nicht besonders mag, so glaube ich doch, daß er ein Ehrenmann ist und als Kapellmeister etwas versteht. Ich hatte wohl nicht gelogen, wie ich von Leipzig kam und Dir über Riezls Stimme und Gesang so viel Lobendes sagte? Ich freue mich wahrhaftig, unter eine Regie und Direktion zu kommen wie die in Leipzig, denn ich habe zu sehr den Trieb in mir, etwas Tüchtiges zu werden, was ich hier keinesfalls zustande bringe. Alles was ich schaffe, kommt aus mir selbst, und wenn auch manches gut ist, so ist es doch gewiß nicht so, daß es nicht noch besser sein könnte. Das geht nun aber bei dem furchtbar schnellen Lernen nicht alles von selbst; ich müßte eine tüchtige Anleitung haben wie die Hassels oder Oberländers. (Prager Schauspieler und Regisseure von Oper und Schauspiel.) Bei Gott, ich bin beiden für das, was ich in Prag gelernt und gesehen habe, sehr dankbar und wünschte mir schon hundertmal Hassel mitsamt seiner Grobheit hierher. Heute hab' ich das alles bei Fischers angebracht; er sowohl wie sie wissen's selbst recht gut; nur tun ihnen die jetzigen Regisseure leid, und somit bleibt's, solange es dauert, beim alten.


Anbei auch die Rezension von der Jüdin, die zwar nicht so besonders, aber ganz gerecht ist. In dem Terzett war ich wirklich ganz verwirrt und mußte mich zusammennehmen, um nur Noten und Text ordentlich zur Geltung zu bringen. Ich will[171]  Dir auch sagen warum. Den Abend statierten die Damen und Herren vom Schauspiel, die sich furchtbar ärgerten. Einig benahmen sich so dumm, daß Frau Fischer nach dem Zuge aus ihrer Loge herunter kam und in unsrer ohnehin »wunzigen« Garderobe einen fürchterlichen Spektakel machte; so fürchterlich, daß mir der Kopf wie ein altes Kasserole brummte. Dann ließ sie sich schnell ein Kleid von zu Hause holen, zog meine Schuhe und meinen Schleier an und statierte in den folgenden Akten mit, was sie nur aus dem Grunde aufgegeben hatte, weil sie den ganzen Tag krank zu Bette lag. Ist es zu verwundern, wenn man dabei ganz duselig wird? Es ist schon sehr spät, und da ich hoffe, daß der Brief heut noch abgeht oder abgehen soll, so muß ich schließen und kann Dir nur noch für heute 1000 herzliche Küsse senden.

Deine
Lilli.

Nun war ich schon wieder einen großen Schritt vorwärts gekommen und konnte mit neuem Mut meinen einmal eingeschlagenen Weg verfolgen. – Große Freude bereitete mir Adolf Robinsons Gastspiel, der mich aufs neue entzückte, den ich hier erst näher kennen lernte. Wir sangen: Barbier, Heiling und Tell zusammen. Frau Fischer nahm ihn noch tüchtig vor, weil er die Prosa im Heiling ihr nicht zu Dank sprach. Nun wurde es prachtvoll. Am Abend weinte ich mir vor Mitleid mit Heiling die Augen aus dem Kopfe und wäre lieber mit ihm als mit meinem »Jäger« gegangen. Aber nur als Künstler und sehr lieben bescheidenen Menschen verehrte ich ihn; ein tieferes Interesse hätte er mir als Mensch merkwürdigerweise, nie einflößen können. In Prag liebte ihn ja alles; man war dort so für ihn begeistert, daß eine schöne Aristokratin einmal in den Ausruf ausbrach: »Kein Nachtlager ohne Robinson!« Solange die schöne Gräfin lebte, wurde sie mit dem Ausspruch geneckt. –
Auch Zottmeyer war, abgesehen von seinen menschlichen Verrücktheiten, ein großer Künstler, der aber auch ruhelos umherirrte und nirgends festen Fuß fassen mochte; dieser interessierte mich hauptsächlich durch sein schauspielerisches Talent. Es kursierten[172]  die unglaublichsten Gerüchte über ihn, die alle dazu angetan waren, einem jungen scheuen Mädchen Angst einzujagen. Ich mochte gar nicht in seine Nähe kommen, es hätte mir selbst eine Bühnenberührung wehe getan; ich scheute mich vor ihm wie vor etwas Unreinem und war froh, daß mich das Repertoire davon fernhielt. Dennoch blieb mir sein »Templer« unvergessen, der künstlerisch groß, würdig – und wahr auf mich wirkte. Bei Fischers sah ich ihn, wenn er nach dem »richtigen Ansatz« suchte, ein Studium, dem er ununterbrochen oblag, für dessen bewußte Richtigstellung er sein Leben gegeben hätte.
Einst saßen Zottmeyer, Robinson, Fischer und Cabisius, drei Baritone und ein Baß nach einem Mittagessen bei Fischers und stritten stundenlang um die Gesangskunst, ohne auch nur zum geringsten Resultat zu gelangen. Es konnte einem tatsächlich schlimm werden. Endlich begaben sich die Herren auf das Gebiet der Philosophie und Religion. Als von deren letzteren Vertretern »Christus« genannt wurde, nahm Zottmeyer das Wort: »No, was hat er denn g'macht Euer ›Christus‹? Umi g'laufen is er und Reden hat er g'halten. Arbeiten hätt er sollen; Skalen hätt er singen sollen!« Sein Gesangsstudium ging ihm über alles. – Direktor Fischer wußte 1000 Anekdoten von ihm zu erzählen. Der Riesenmensch soll 25 harte Eier am Abend gegessen und – vertragen haben. Er war sehr belesen und philosophierte nicht selten. Als die Cholera in Hamburg wütete, soll Zottmeyer mit verschränkten Armen am Tor, durch das alle Choleraleichen gefahren wurden, gestanden und gesagt haben: »Das ist noch alles nicht genug; alle müssen sie sterben, alle müssen sie hinaus!«
Er endete über 70 Jahre alt im Marie-Seebachstift zu Weimar. Während seines dortigen Aufenthalts beklagte sich eine ebenfalls 70jährige »Naive«, daß Herr Zottmeyer sie, ohne anzuklopfen, besucht habe. Man fand darin nichts Unsittliches. Aber als die jugendliche Naive errötend mit der Sprache herauskam, daß er in einem »entsetzlichen Aufzug, in Unterhosen« gekommen sei, da empörte sich das ganze Stift, und Herrn Zottmeyer wurde ein Verweis erteilt. Er holte sich auch noch einen zweiten, den er aber nicht lange überlebte, denn eines Morgens fand man ihn im Garten aufgehängt. –[173]
Direktor Emil Fischer war der Sohn des berühmten Sängerpaares »Fischer-Achten«. Er war einer der seltenen Künstler, die bis in ihr höchstes Alter ihre Stimme erhielten; sang wundervoll und konnte alles singen. Gut, aber uninteressant, sang das Ehepaar Arnurius: er erste Tenorpartien, sie, die einst eine sehr gute Koloratursängerin gewesen sein soll und auch bei uns zweimal die Norma und einmal die Königin der Nacht sang, Altpartien und Alte. Sonst konnte man mit der Oper keinen großen Staat machen, und nur den Gastspielen Adolf Robinsons und Zottmeyers hatten wir einige wirklich vortreffliche Aufführungen zu danken. Andere waren aber desto schlechter, wovon ein Brief an meine Mutter am besten zeugt:

Danzig, 3. März 1869.

Meine liebe, liebe Mama!

Der nicht zu lesende Name der Oper war »Undine«, die ich in drei Tagen studiert hatte. Denke Dir, die schwere, große Rolle und noch dazu mit einem Forunkel auf der Stirn, die ganz dick verschwollen ist. Trotzdem war ich sehr gut bei Stimme und konnte meine Rolle ausgezeichnet, denn ich hatte sie kolossal gelernt; mein Mund sprach die Worte, ohne daß ich nur Zeit hatte, daran zu denken, denn es geht ja alles so schnell. Die Rolle ist sehr schön und hat mir viel Freude bereitet. Dafür sang oder verpatzte Frl. Chüden unsere Dramatische, die Berthalda im II. Akt, daß wir alle dachten, der Vorhang müsse fallen. Sie, die immer unsicher und sehr unmusikalisch ist, sang statt der ersten Stelle: »Beliebt Euch junge Frau« gleich die zweite Stelle: »Ha, zittre!« Nichts in der Welt hätte sie ihrem falschen Einsatz entreißen können, und mit einer an ihr nie dagewesenen Sicherheit sang sie die ganze Geschichte fest und siegesgewiß zu Ende. Es war fürchterlich. Nur unserm bodenlos phlegmatischen Kapellmeister Dehneke, der ruhig den Taktstock hingelegt hatte und das Orchester schweigen ließ, haben wir zu danken, daß der II. Akt zu Ende gesungen wurde.
Ich hoffe, Du wirst Dich über meine Stimme, die so viel stärker geworden ist, recht freuen, was ich gestern auch tat. Ein Beweis, daß ich etwas gelernt und zu singen verstehe, ist wohl[174]  dadurch erbracht, daß ich so furchtbar viel zusammengelernt und gesungen habe, ohne ein einziges Mal heiser zu werden. Und das alles dank' ich Dir, liebe Mama, das sehe ich leider jetzt erst ein, wie sich's gehört, und kann Dir es nicht einmal, so wie ich möchte, danken. – Daß Du viel zu Frl. Spindler gehst, freut mich für beide Teile; grüße mir die liebe Seele recht herzlich. Ich spreche viel von ihnen, um so mehr als der Kurfürst noch immer keine Ruhe hat und beinah alle Tage irgendeine Schändlichkeit von ihm in den Zeitungen berichtet wird. Den Intendanten und Wirsing grüße, bitte. Morgen habe ich Rigoletto und am Samstag soll die Lucretia sein, in der ich den Orsino singen soll. – Viel Glück!

Von ganzem Herzen Deine
Lilli.
(Die Lucretia war aber nicht.)

Frau Dir. Rosa Fischer spielte tragische Rollen und war und sprach im Leben so tragisch wie auf der Bühne. Sie war eigentlich immer tragisch. Tragisch, wenn sie Kinderkleider nähte, wenn sie aß, wenn sie zankte oder lachte, wenn sie ihren Jungen herzte oder wusch, wenn sie weinte oder scherzte. Sie war tragisch und dabei seelensgut. Man hatte, wenn sie sprach, immer den Eindruck, als seien alle Worte mit r geschrieben. Wenn sie »Berrrlin« sagte, hörte man sie auch schon »Porrrtsdam« sprechen. Als ihr einmal eine Dame auf der Straße etwas erzählte, was sie von andern gehört hatte, und Frau F. frug: »Werrr hat Ihnen das erzählt?« die Dame ihr ruhig antwortete: »Ihr Herr Gemahl hat's erzählt!« da hörte man die ganze Langgasse hinunter hallen: »Mein Herr Gemahl ist ein Errsel!« Die im höchsten Pathos gesprochenen Worte und die r im Esel flogen nur so um uns herum. Wir konnten uns nicht helfen, lachten aus vollem Herzen, und ihr blieb nichts übrig, als vom Kothurn zu steigen und herzlich mitzulachen. Sie sang – wenn es galt, elegante Gestalten zu schaffen – auch in der Oper, z.B. die Pamela im Fra Diavolo, Königin im Carlo Broschi usw., was dem Ensemble zugute kam. Beide Fischers waren herzensgut gegen mich. Dafür sang ich fast allabendlich ihnen zuliebe, lernte unaufhörlich Tag und Nacht, spielte schließlich[175]  auch noch in Benefizen im Schauspiel mit. Als Karl Grobecker in den zärtlichen Verwandten gastierte und keine Ottilie zu schaffen war, lernte ich die Rolle von einem Tag auf den andern. Obwohl Grobecker mir viel Elogen machte, bat ich im stillen doch Rod. Benedix um Verzeihung für alles, was ich der Rolle und ihm schuldig bleiben mußte, was er mir in Leipzig, wo ich ihn kennen lernte und viele vergnügte Abende mit ihm verbrachte, auch großmütig verzieh.
Bei den nächtlichen Lernereien war mir meine Wirtstochter Johanna außerordentlich behülflich, die mir den Text unaufhörlich vorsprach oder soufflierte, den ich so lange nachsprach, bis ich ihn fehlerlos auswendig wußte. Dabei nähte oder änderte ich meine Kostüme, die, in andere Fassons gebracht, immer wieder herhalten mußten. Die von Frau Fischer geliehenen wurden passend arrangiert. Zu Zar und Zimmermann schenkte sie mir ein entzückendes Kostüm von rosa Seide mit echten Valenciennes, das sie extra für mich anfertigen ließ.
Gegen Schluß der Saison gab Komiker Schirmer zu seinem Benefiz die Lokalposse: »Spillecke in Paris«, in der auch ich durchaus mitwirken sollte, und da keine Rolle für mich darin enthalten, schrieb man extra eine, und zwar einen »Debardeur«. Es hätte mir nichts Schlimmeres passieren können, denn ich haßte schon den Namen, der mir nichts Anständiges zu bedeuten schien. Mit Händen und Füßen wehrte ich mich dagegen, aber man drang so lange in mich, bis das kollegiale Mitleid siegte und ich zusagte. Frau Fischer hatte sich vorgenommen, mich zu der eingelegten Szene, in der ich mit einem Sektglase in der Hand einen italienischen Walzer singen sollte, recht schön zu machen. Als ich abends ins Theater komme, hängt zu meiner Überraschung: eine silberne Debardeurhose mit grünen Schleifen garniert und ein Spitzenchemisette auf meinem Platze. Allmächtiger! auch das noch! Ich hatte gehofft, so unscheinbar als möglich zu bleiben und nun schien es mir, als strahle ich in meiner Schande! Hoffte ich nach dem Benefiz von der Rolle erlöst zu sein, so irrte ich mich gründlich, denn nun wünschte ganz Danzig »unsre Lilli« in der »silbernen Hose« zu bewundern. So war die Posse viel öfter, als wir ahnen konnten.[176]
Scheinbar hatte ich drei Benefize, so stand es auf dem Zettel, in Wirklichkeit nur eins. Die Direktion war aber stets in Geldnot, so mußte mein Name als »Benefiziantin« helfen, und wenn die Not am größten, ging ich sogar als junger hübscher »Fürsprech«, um verschiedentlich Hilfe zu schaffen, was die reichen Leute der Stadt mir zuliebe auch gern gewährten. Zu Fischers Ehre muß ich sagen, daß sie in ihrer Gutmütigkeit oft den letzten Heller mit armen Künstlern, Orchester- oder Chormitgliedern teilten, was sie nicht abhielt, abends mit mehreren Gästen, im Rathaus oder sonstwo, Austern zu essen und Champagner zu trinken, und jeden Nachmittag harrte der gutmütige »Rosselenker Prillwitz« vor dem Hause, um die tragische Rosa und den lustigen Emil, nebst dem verwöhnten »Gockel«-Sohn ein paar Stunden spazieren zu fahren. E. Fischer war die Lebenslust selber. Die hellen Tränen liefen ihm über die Backen vor Lust und Heiterkeit, und ich zweifle, ob ihm jemals im Leben ein ernster Gedanke überhaupt gekommen ist. Zwei ungleichartigere Menschen wie dieses Ehepaar konnte man nicht leicht finden, und nur in einem waren sie sich gleich: das Sparen hatten beide nicht gelernt.

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Viel liebe Freunde habe ich mir in Danzig erworben. Dr. Piwkos reizendes Haus, dessen alte Schwiegermutter mir den ersten Lorbeerkranz spendete. Ulrichs, die mich hegten und pflegten, denn jeden Morgen vor der Probe stand dort mein zweites Frühstück bereit; alles was man mir an den Augen absehen konnte, geschah; man verwöhnte mich gründlich. Nur fehlte mir das Talent, ein verwöhnter Mensch zu werden. Ich erkannte nur Beweise lieber Freundschaft darin, niemals kam mir der Gedanke, als müsse das so sein. Züge rührenden Interesses für mich wurden bald von diesem oder jenem ausgefunden. So wünschte mich Rosa Fischer zu den Krondiamanten mit ihrem – eben wieder versetzten – Schmuck zu behängen, da sie die andern »vor Neid wollte bersten lassen«. Woher aber das Geld nehmen? Die Kasse war wie immer leer. Da erbot sich Dr. Piwko, den Schmuck auszulösen; ich konnte abends in echtem Schmucke glänzen, und Frau Fischer saß strahlend in ihrer Loge und sah die andern vor Neid platzen.
Allenthalben war man bemüht, mich zu erfreuen, in den alten Danziger Familien zu fetieren, wozu auch Geheimrat Spittel mit[177]  Frau und Kindern im reichsten Maße beitrugen. Die jungen, zwölf- bis achtzehnjährigen Burschen, Söhne dieser Freunde, machten mir in allen möglichen Uniformen täglich Fensterpromenaden, stellten sich in Reih und Glied auf, präsentierten's Gewehr und schrieen Hurrah! Es wahr wirklich sehr lieb; die Verehrung für mich fing bei den Großeltern an und setzte sich fort bis zu den Enkelkindern, ohne ein Glied der Familie zu überspringen.
Gleich anfangs nach den ersten Vorstellungen erhielt ich kostbare Blumen, deren Spender mir lange unbekannt blieb. Dann freilich, als ein Graf D. mir schriftlich mit dem Wunsche nahte, sich mir vorstellen zu dürfen, brauchte ich nicht weiter zu raten. Ich frug meine Freunde, ob der Besuch anzunehmen sei oder nicht, und man glaubte es mit Ja beantworten zu können. Graf D. kam. In ihm lernte ich einen ruhigen ernsten Menschen kennen. Trotzdem bat ich ihn, seinen Besuch nicht zu wiederholen, da man es in Danzig falsch auffassen dürfte, und er schied mit dem Versprechen, mich nicht mehr aufsuchen zu wollen. Die Blumen konnte ich ihm aber nicht abgewöhnen, auch nicht, daß mir sein Pferd und Füllen, vom Burschen geführt, täglich Fensterpromenaden machten. Für die treue Verehrung und sein mannhaftes Betragen durfte ich ihn aber doch insofern belohnen, als ich acht Tage, bevor ich Danzig verließ, noch zu Fräulein Hoppe zog, die selbst an Graf D. schrieb, er möchte kommen, mir Adieu zu sagen. Dann hörte ich erst wieder nach dem Kriege von ihm, wo er mit zerschossenem Bein als Rekonvaleszent bei seiner Familie in D. lebte. Da ich seine Liebe nicht erwidern konnte, waren es nur Beileidsworte, die er von mir erhielt, die ihm weh taten. Wie leid tat mir aber auch der junge feine Mann, von dessen Ernst und ausgezeichnetem Charakter ich überzeugt war. Ein Grafentitel übte keine Anziehungskraft auf mich, mein Beruf war mir alles, ich wollte vorwärts, wollte etwas erreichen, selbständig sein und bleiben. Nur zu bald hörte ich durch seine eigene Familie von seinem Hinscheiden. Man dankte mir mit warmen Worten für den Takt, mit welchem ich das große Interesse, das Graf D. bis zum Tode für mich gehegt, behandelt hatte.
Von allen Seiten war ich zu meinen Benefizen tatsächlich mit Blumen überschüttet worden; und lieb hat man mich gehabt. Und[178]  auch ich bin den Danziger Freunden treu und dankbar geblieben für all die Liebe und Nachsicht; ich hab' sie nicht vergessen und sie nicht mich. Noch heute stehe ich mit allen Überlebenden im engsten Kontakt und in Gedanken auch mit allen denen, die nicht mehr sind.

Zu meiner Mutter Geburtstag.

Danzig, 27. März 1869.

Liebes Mamachen!

Den ganzen Tag denk' ich an Dich und bin im Geiste bei Euch. Riezl wird Deinen Geburtstag doch abgewartet haben und nicht schon am Freitag gereist sein? Das wäre unverzeihlich. Ich saß heute den ganzen Tag in der Probe von den beiden Schützen und bin fürchterlich müde; aber Du sollst wenigstens den guten Willen sehen, wenn ich heute abend noch schreibe. Ich hoffe, Du hast den Tag schön zugebracht, wie ich den gestrigen. Wir hatten ein Wetter wie noch nie; warm, hell, windstill, als wenn der Frühling erst gestern hätte einziehen wollen. Ich hätte den Karfreitag nicht besser verleben können als in Gottes freier Natur. Fräulein Eichhorn, unsere zweite hübsche Soubrette, nahm mich mit ihren Bekannten hinauf auf die äußersten Wälle. Mama, ich war starr vor Entzücken! Welch ein unendlicher Eindruck von der Welt! Die See dunkelblau, in ihrer schönsten Pracht, Weichsel und Motlau, – die beiden Flüsse, die sich in großen Bogen um Danzig herumziehen – wie hellblaue Streifen. Viele Schiffe waren ausgelaufen, deren Segel man in der Sonne leuchten sah. Der Himmel blau, still und feierlich, die Stadt ruhig, friedlich die Wälder. Bäume und Sträucher fangen schon an auszuschlagen, und der Erdboden wird grün. »Das war der Tag des Herrn!« in seinem vollsten Glanze.
Am Nachmittag fuhr ich mit Auguste Baison (die seit acht Tagen hier im Schauspiel gastiert) – der Tochter Deiner alten Bekannten und Schwester von Riezls Pate – an die See, wo wir von Brösen aus erst durch den Wald, dann am Strande entlang bis nach Fahrwasser gingen, uns übersetzen ließen und längs den Molen, bis zur Arcona kamen, wo ich schon neulich[179]  war, wie ich Dir schrieb. Wir wurden bemerkt und gleich abgeholt. Als wir an Bord waren, mußten wir erst etwas zu uns nehmen, wurden dann in große Seemannsröcke gewickelt – ein Boot stand bereit – und durch zwei Offiziere und vier Kadetten eineinhalb Stunde in See gerudert. Da bot sich uns ein herrlicher Anblick; der Mond ging auf, beleuchtete die See und unser Boot dazu. Es war berauschend schön und gar nicht kalt. Erst um 8 Uhr kamen wir wieder an Bord, mußten da zu Nacht essen und wurden um 10 Uhr von zwei »Seeungeheuern« an die Bahn gebracht. Auguste Baison wurde wirklich ein bißchen seekrank auf der Seefahrt, während ich mich sehr tapfer hielt.
Je länger ich hier bin, je näher die Zeit der Reise anrückt, desto weher tut mir der Gedanke, daß ich von der schönen Natur Abschied nehmen soll. Das wird mir Leipzig nicht bieten, wenn ich auch von allem andern absehe; die schöne Natur geht mir sicher verloren, die ich entsetzlich entbehren werde. Ich bitte Dich, liebes Mamachen, sieh, daß Du in drei Wochen frei wirst, dann verspreche ich Dir, Dich zu holen. Willst Du? Ich schließe, denn es wird Abend, und da kommen mir allerhand trübe Gedanken. Schlaf recht wohl in Dein 64. Jahr hinüber, ich küsse Dich viel tausendmal.

Deine
Lilli.

NB. Ich vergaß Dir zu schreiben, daß ich neulich wieder bei der Prinzessin Marie von Hohenzollern war. Sie wohnt doch vis à vis Fischers, grüßt mich oft sechsmal am Tage und ist rührend lieb, wenn ich sie aufsuche. Sie hat auch Marie Seebach ausbilden lassen, – oder sich doch sehr für ihre Ausbildung interessiert.

Als mir auf einem Spaziergang mit Ulrichs einst eine graue Linie am fernen Horizont als »die See, das Meer« bezeichnet wurde, konnte ich mich in dem Gedanken nicht zurechtfinden, denn es stimmte nicht mit meinen Erwartungen. Dann aber sah ich's einmal ganz in der Nähe und ging an seinem Strande, und verliebte mich in dieses Meer, und meine ganze Sehnsucht hing an ihm. Und als die Saison zu Ende war, ich noch acht Tage[180]  länger blieb, um Frau Fischer, die ein Baby erwartete, behilflich zu sein, – da – muß ich noch eine schreckliche Dummheit machen!
»Ins Wasser gefallen« steht in meinem Tagebuche am 11. Mai 1869 verzeichnet! O, ich kann mich noch ganz genau dieser denkwürdigen Begebenheit mit allen Einzelheiten erinnern, die mehr komisch als tragisch gewesen, aber sehr traurig hätte enden können.
Bekannte meiner Wirtin, Herr und Frau Schwabe, hatten mich eingeladen »die Grille« (ein kleines Kriegsschiff, das Herr Schwabe zu verproviantieren hatte) zu besehen, was für mich von großem Interesse war. Nachdem uns die Offiziere mit größter Liebenswürdigkeit alles Sehenswerte des Schiffes gezeigt hatten, empfahlen wir uns und wurden vom Zahlmeister des Schiffes, Herrn Meding, bis gegen die Molen begleitet, wo Schwabes ein Boot zu mieten gedachten, das mich nochmals in See fahren sollte. Ein Boot war am Bollwerk, aber der Fährmann hatte keine Befugnis, mit dem kleinen Fahrzeug hinauszugehen. Er erbot sich also, uns an die Lotsenstation zu fahren, von wo aus wir hinausgebracht würden. Der junge, sehr starke Herr Schwabe sprang zuerst ins Boot, um uns Damen behilflich zu sein. Ich als erste war so unvorsichtig, mich mit der Hand gegen das Bollwerk zu stemmen, wodurch der Kahn abgetrieben wurde. Herr Schwabe, der mich noch an einer Hand hielt, merkte, daß etwas geschah, und klammerte sich um meinen Arm, während ich ganz ruhig der Gefahr ins Auge sah – aber im selben Augenblick Hand in Hand mit meinem Ritter in den Fluten rücklings versank. Gleich Frau Fluth frug ich mich: »wie werd' ich mich benehmen müssen?« Denn schwimmen konnte ich leider nicht. (Mama, die durchaus gewünscht hatte, daß wir in Prag es lernen sollten, hatte nicht die zehn Gulden dafür übrig, und ein Verwandter, der es mir versprochen, hatte das Geld niemals geschickt.) Mein Leidensgefährte, der ebensowenig schwimmen konnte wie ich, hielt mich wacker fest. Waren wir einmal glücklich oben, zog er mich schleunigst wieder mit hinunter. Ich schluckte, was ich schlucken konnte, denn wie gesagt, ich wußte nicht, wie man sich beim Ertrinken zu verhalten hätte. Aber ich war noch immer ganz ohne Erregung. Plötzlich war ich wieder ober Wasser, sah ein Boot[181]  mit mehreren Männern auf uns zukommen und wußte, daß wir gerettet würden. An einer mir dargereichten Stange konnte ich mich nun so lange festhalten, bis ich nah genug ans Boot gezogen war, um mich mit dem rechten Ellenbogen über dessen Seitenwand einzuklammern. Nun hörte ich die Rufe der jungen, armen Frau, die händeringend am Bollwerk stand und jammernd schrie: »Rettet meinen Mann, nur meinen Mann!« Diesen Egoismus durfte man der Armen wohl verzeihen, als aber mein dicker Ritter wirklich mehr als ungalant ganz laut: »Nur mich, nur mich!« rief, mußte ich laut lachen und war's zufrieden, daß man ihn zuerst ins Boot bugsierte. Einstweilen fischte ich meine schwarze Seidenmantille und meinen Hut im Wasser auf. Und endlich sollte auch ich herausgezogen werden; aber das war leichter gedacht als getan. Mein langes Sommerkleid hatte sich gleich einer Schlange um meine Beine gewickelt; die sechs Lotsen bemühten sich alle vergebens, mich herauszuheben, bis es endlich doch mit übermenschlicher Anstrengung gelang. Da stand ich nun im Boot und wand meine Kleider aus! Frau Schwabe, die ihren Mann gerettet sah, rief mir nun zu: »Um Gotteswillen Fräulein Lehmann, wenn Sie Ihre Stimme verloren haben, steinigen mich die Danziger!«
Ein kräftiger Jodler gab ihr die Gewißheit, daß sie ungesteinigt nach Danzig zurückkehren dürfe. Nun wurden wir an Land gebracht, in einem kleinen Kochhause ausgeschält, mit trockner Wäsche versehen und in große Betten verpackt. Jetzt erst gewahrte ich Herrn Zahlmeister Meding, dem das Wasser in Strömen von den Kleidern floß. Er stand mitten im Zimmer, man war eben dabei, ihm die langen Wasserstiefeln von den Füßen zu schneiden, da sie anders nicht zu entfernen waren. Immer rätselhafter wurde mir die Situation, bis man mich darüber aufklärte, daß Meding unter eigener Lebensgefahr nachgesprungen war, um uns beide zu retten. Natürlich ahnte ich nichts davon, als ich unterm Wasser lag, und als ich am Boote hängend wieder klar sah, war Meding längst schon ans Land geschwommen. Die Rettungsmedaille lohnte ihm zwar die edle Tat, was aber wäre eine solche zu lohnen überhaupt imstande? Auch mir war es nicht vergönnt, ihm meine tiefste Dankbarkeit für das zu zeigen, was er an mir, einer ihm gänzlich Fremden, getan hatte; denn mir kam erst viel[182]  später zum Bewußtsein, wie es für uns alle drei hätte enden können! –

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Nachdem wir mit Kaffee erwärmt und die beiden Herren nach Danzig gefahren waren, um mir Kleider zu schaffen, blieben wir Frauen in Neufahrwasser und gingen, nachdem wir uns ein wenig erholt hatten, sogar noch am Strande spazieren. Die Nachricht von dem Unfall und unsrer glücklichen Rettung hatte sich schnell im Ort verbreitet. Eben als wir kreuzfidel in die Hotelbetten steigen wollten, wurden wir durch ein reizendes Ständchen überrascht, das uns der Männerchor des Ortes brachte. Schlafen konnte ich nicht; erstens hatte ich starke Halsschmerzen, und zweitens konnte ich das Bild des Ertrinkens nicht wieder los werden. Da erst kam mir der Gedanke, wie schlimm es hätte ausfallen können – nicht für mich, ich war gefaßt und tapfer gewesen, aber für meine liebe arme Mutter, die nicht leicht eines ihrer Kinder auf solche Weise verloren hätte. Jetzt dankte ich Gott und meinem Lebensretter so recht von Herzen. Nach einem Vierteljahr fiel es meiner Taschenuhr ein, plötzlich stehen zu bleiben. Beim Aufmachen des Mantels fiel ein kleiner Wassertropfen heraus, und alles war innen rostig geworden. Darnach kann man sich einen Begriff machen, wie lange ich im Wasser gelegen und am Boot gehangen hatte!
Gelegentlich meines ersten Besuchs auf der Arcona lernte ich den damaligen Kapitänleutnant zur See Adolf Mensing kennen, mit welchem mich eine treue große Freundschaft verbindet, die uns heute noch nach 45 Jahren, wo ich dieses schreibe, mit Glück und Freude erfüllt. Mit Stolz dürfen wir auf die Treue zurückblicken, die wir uns und unsern beiderseitigen Lieben gehalten haben, in Freud und Leid. – Dabei fällt mir noch einmal unser Besuch ein, den wir mit Auguste Baison unvorbereitet dem Schiffe abstatteten und wie man uns ins Meer hinausruderte, im Mondenschein. Die jüngsten Kriegshelden, die uns ruderten, beschenkte ich damals mit kleinen Münzen, das einzige, was ich in dem Augenblick zu vergeben hatte, Pfennige, oder »Düttchen«, wie man dort die Groschenstücke nennt. Noch nach 30 Jahren traf mich von da oder dort ein Gruß der also Beschenkten und einmal sogar eines dieser kleinen Geldstücke als Zeichen, daß es lange aufbewahrt gewesen.[183]
Danzig war mir sehr lieb geworden. Nicht nur der vielen lieben Menschen halber. Die alte Architektur interessierte mich. Es sah so geheimnisvoll darinnen aus und war so anheimelnd. Die hohen Giebelhäuser mit ihren Beischlägen und Vorplätzen, von alten Bäumen beschattet, die alten stillen Straßen, Kirchen und Plätze, Rathaus und Artushof; das Leben im Hafen, in welchem man den Atem andrer Welten spürte; die entzückende Umgebung und endlich die See, die mir damals unendlich dünkte. Wie lange sehnte ich mich darnach! In das nüchterne Leipzig konnte ich mich mit meinen Gefühlen niemals hineinfinden. Und Berlin? Als es bei meinem Einzug um 1870 noch »ein kleines Fischerdorf« war, wie es die Berliner nannten, wo einer den andern kannte, ganz Berlin sozusagen eine Familie bildete, da gefiel es mir weit besser als heute. Heute ist der Berliner fremd in Berlin, wo nur der Fremde heimisch ist. Wohl bin ich eng verwachsen mit Berlin und den Berlinern, und alle meine Interessen wurzeln in seiner geistigen Höhe; aber mein Herz hängt immer noch an Prag mit seinen Kirchen, Palästen, Brücken, dem historisch schönen Prag, obwohl auch dieses anders geworden ist, als es damals war, wie eben alles sich verändert im Lauf der Zeiten. Auch Städte haben »Gewesenes« ernstlich zu beklagen, sie mögen heißen, wie sie wollen.
Noch traf mich in Danzig die betrübende Nachricht, daß meine Schwester sich in Leipzig überangestrengt, zur Erholung aufs Land sei, sich aber wieder besser fühle. Daß Mama und Riezl sehr unglücklich darüber waren, entnahm ich ihren Briefen. Am 12. Mai abends sagte ich Danzig Lebewohl, um in Prag meine liebe Mutter in die Arme zu schließen. Wir hatten uns zwar täglich geschrieben, sie hatte Kenntnis von jedem meiner Schritte, ich von den ihren; blieb einmal ein Brief länger als gewöhnlich aus, war das Unglück groß auf beiden Seiten. Alle unsre Briefe sind erhalten. – Das war ein glückliches Wiedersehen, alle Sorgen hatten nun für Mama ein Ende, und schon während des ganzen Winters konnte ich meiner lieben Mutter hilfreiche Hand bieten, sich's bequem zu machen, sich zu pflegen. Ich war sehr sparsam gewesen, hatte mir trotz aller Anschaffungen sogar eine kleine Summe zurückgelegt, die, als ich nach Leipzig kam, in 100 Talern baar bestand und den Grundstock zu meinem Vermögen bildete. Ich[184]  hatte mir eine gute Art zu sparen zurechtgelegt, indem ich nie das, was übrig blieb, sondern gleich nach Erhalt jeder Monatsgage ein bestimmtes Teil als Sparpfennig fortlegte und mich nun mit dem übrigen einrichten mußte. Das habe ich auch andere gelehrt und habe Dank geerntet von denen, die dem guten Rat gefolgt sind.
Mama sollte nun gleich mit mir nach Leipzig. Wir hatten aber ohne Direktor Wirsing gerechnet, der sie nicht eher frei gab, bis ein Ersatz für sie gefunden war. Das dauerte länger, als wir ahnten. Der Gehalt war in den sechzehn Jahren nicht erhöht worden, und Dir. Wirsing dachte nicht daran ihn für die Stellung zu erhöhen. Dadurch verhinderte er noch fast ein ganzes Jahr unsere Vereinigung. Erst in Mamas Schüler Stañek, fand sich der Ersatz, als dieser vom böhmischen Theater ans deutsche übersiedelte.
Mama war den Winter über nicht einsam geblieben, sondern hatte in dem jungen Journalisten Karl Felix Kohler, dem Sohne einer Freundin, einen aufmerksamen Freund gefunden, der auch mich schon seit Jahren verehrte. Auch bei ihm mußte ich einmal den Arzt wider Willen spielen. Kohler war außerordentlich gebildet, geistreich, redegewandt, schrieb ausgezeichnet und versorgte mich stets mit bester Literatur. Durch ihn lernte ich Scheffels Aventiure kennen, ein Buch, das mir ganz besonders ans Herz gewachsen war, das meinem Verständnis so nahe lag. Die ersten selbstverdienten Gulden hatte ich daran gewandt, mir Goethe, Shakespeare und Schiller zu kaufen, in denen ich genügend Stoff fürs ganze Leben gefunden habe, auch wenn ich tausend Jahre alt würde.
Kohler, der früher nur selten gekommen war, kam nun täglich, um meiner Mutter alle Zeitungen über mich zu bringen, sie zu trösten, ihr Aufmerksamkeiten zu erweisen. Er kam sogar einmal nach Leipzig, mich in den Hugenotten zu hören, und oft noch begegneten wir uns in Berlin und Wien, wo er als verantwortlicher Redakteur der »N. fr. Presse« über dreißig Jahre politische Leitartikel schrieb. Als Shakespeareforscher hat er sich Verdienste errungen, doch war er ein übermäßig Bescheidener, der sein Licht stets unter den Scheffel stellte. Er prophezeite meiner Mutter eine große Zukunft für mich, wohl mehr aus meinem Charakter[185]  als meiner Stimme oder meinem Talent, denn was er bisher von mir gesehen hatte, war nicht überwältigend. Es drängt mich, einen Brief des Freundes hier einzuschalten, der seine edle Art der Gesinnung kennzeichnet, sein tiefes Gemüt und die große Empfänglichkeit für die hohe Kunst.

Verehrte Freundin!

»Ich wollte mir nachmittags erlauben, Ihnen persönlich meinen Dank auszusprechen, war aber leider um vier Uhr eingespannt. Gestatten Sie also, daß ich Ihnen auf diesem Wege für den gestrigen Abend danke. Sie werden mich richtig verstehen, wenn ich es nicht wage, auch nur ein Wort der Bewunderung beizufügen, denn ich fühle zu sehr, wie wenig das, was ich sagen könnte, an die Höhe Ihrer Künstlerschaft hinzureichen vermöchte. Nur das eine muß ich sagen: Sie wissen, welche hohe Meinung ich seit jeher von Ihnen hatte, – gestern habe ich erkannt, wie wenig ich früher auch nur eine Ahnung hatte, was Sie sind! Es war eine Offenbarung für mich. Ich war aufs tiefste ergriffen und erschüttert und habe einen unauslöschlichen Eindruck für den Rest meines Lebens erhalten. Es war gerade mein sechzigster Geburtstag! Dabei müssen Sie bedenken, daß ich Tristan und Isolde gestern zum ersten Male gehört habe. Man kann das nicht zum zweiten Male erleben. Mit dem ganzen und vollen Anteil, den ich ja an Ihrem Geschick genommen, freue ich mich, daß es Ihnen beschieden war, die Hoffnungen und Erwartungen Ihrer Jugend so schön und reich erfüllt zu sehen. Sie persönlich gekannt zu haben, ist die wertvollste Erinnerung meines Lebens und wird es bleiben. Daß Sie auf der Höhe Ihres Ruhmes meiner nicht vergessen haben, sondern freundschaftlich gedenken, – das weiß ich zu schätzen und danke Ihnen dafür. Ich schreibe Ihnen dies, weil ich doch nicht imstande wäre, es Ihnen mündlich zu sagen, ohne von meiner inneren Bewegung übermannt zu werden, – und ich weiß, das lieben Sie nicht. Wenn Sie es aber erlauben, so komme ich doch noch an einem Ihrer freien Tage, um Sie vor Ihrer Abreise zu sehen. In unwandelbarer Ergebenheit
Wien, 23. Mai 1898.
K.F. Kohler.«[186]
In Wien besuchte ich ihn und er mich stets, ganz förmlich, wie es seine Art immer gewesen, denn Karl Felix Kohler war der geborene Kavalier. Seine liebe Gattin schrieb mir nach seinem Tode:

»Von Ihnen, hochverehrte Frau, sprach er stets nur wie von einer Erscheinung! Sie waren etwas Gewaltiges in seinem Leben. Noch in allerletzter Zeit sagt er von Ihnen: ›Sie war das Höchste und Schönste, das ich kannte!‹«

Die letzten Grüße alter Freundschaft legte eine liebe Freundin in einem Strauße duftender Rosen auf seinem Grabe nieder. Meine erinnernden Gedanken entbehren ihn mehr, als ich sagen kann, um so mehr, als ich seinen großen inneren Wert nicht früh genug erkannte.



1.










[191] Die Sonne! Ihre zackigen, in Blech geschnitzten, altgoldglänzenden Strahlen zierten den Giebel eines uralten, viereckigen, gänzlich freistehenden Hauses, an dessen einer Seite die Pleiße lustig eine Mühle trieb. Einstöckig, mit Mansardenräumen darüber, stand es am Ranstädter Steinweg in Klein-Paris, das seine Leute bildet. Eben dazu war auch ich hingegangen; ich wollte lernen. In der Mansardenwohnung hielt eine in Künstlerkreisen berühmte Familie Berl, halb aus künstlerischen, halb aus ökonomischen Interessen, eine Pension für Künstler, die sich bei den viellieben Menschen ungemein wohl fühlten. Merkwürdigerweise hatte meine Mutter ihrerzeit im selben Hause gewohnt, wenn auch nicht bei Berls; Richard Kahle und Mutter wohnten dort, und nun kam auch ich dahin und hätte es nicht besser treten können. Die älteste Tochter, Toni, war Heroine in Darmstadt; die zweite, Anna, lebte bei ihr, und die dritte, Angeli, war die gute Fee des Hauses. Sie konnte alles: vor allen Dingen mit Menschen umgehen. Mutter Berl, eine noch hübsche, wenn auch schon ein bißchen wacklige Dame, hielt in ihren Speiseschränken Fläschchen, aus denen sie zuweilen selber gerne naschte, mit der scherzhaften Etikette: »Gift für Kinder!« Vater Berl war nicht von Asbest und war nicht reinlich, aber gleich seiner Gattin eine gemütliche alte Seele, der Vater vom Ganzen. Man hatte mir zwei Puppenzimmer, d.h. Wohn- und Schlafstübchen, eingeräumt mit tafelförmigem Klavier und altmodischen Möbeln, was ich sehr gemütlich fand. Puppenfenster und Gardinen vervollständigten die Behaglichkeit, und ein eiserner schmaler Ofen heizte beide Räume gleichzeitig. Sobald er glühte – was er immer tat, sobald man heizte –, wurde es unerträglich warm; sobald das Feuer aus war, fror das Wasser auf dem Waschtisch. Dafür hatte die Wohnung noch den Vorteil, daß man im Sommer die Wirkung der Bleidächer unentgeltlich kennen lernte, ohne nach[191]  Venedig reisen zu müssen, was nicht leichter zu ertragen war als die Rheumatismus erzeugende Kälte des Winters, wo es in den Dachräumen unbändig zog. Mit prächtigen Blumen und Pflanzen war alles ausgeschmückt worden durch meiner Schwester Verlobten, Herrn Fritz Helbig, den ich jetzt kennen lernte, und war nun vorbereitet auf alles, was da kommen konnte.
Schnell hatte ich mich – von allen Seiten aufs freudigste begrüßt – in die Leipziger Theaterverhältnisse hineingelebt. Schon den Wechsel des uralten, unheizbaren Danziger Theaters mit dem prachtvollen bequemen großen Opernhaus empfand ich als unendliche Wohltat. Eine »große Zeit« war es aber – wenn ich darauf zurückblicke – nicht zu nennen. Zwar wurde viel Ausgezeichnetes mit Umsicht und Verständnis vorbereitet und ausgeführt, aber nichts von all den Einzelleistungen ist mir als etwas besonders Wertvolles in der Erinnerung haften geblieben, was ich mir daraus erkläre, daß keiner der Sangeskünstler eine interessante oder künstlerische Persönlichkeit gewesen sein kann. Nur die als Mignon gastierende Frau Bertha Ehnn von der Wiener Hofoper blieb mir unvergeßlich.

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Frau Peschka-Leutner, eine ausgezeichnete Koloratursängerin, wenig hervorragend als Schauspielerin, wurde mit Recht von Publikum und Presse auf den Händen getragen; für sie war ich engagiert worden, weil sie nach Dresden wollte, sich dann aber eines besseren besann. Eine ganze Weile waren wir einander unbequem, da sie alle Koloraturpartien innehatte, und ich als junge Kraft auch wieder Eigenschaften ins Ensemble brachte, die ihr mangelten. Die Spannung löste sich aber später in Hochachtung und herzlichster Kollegialität glücklich auf. Das Ensemble war immer gut, Chor und Orchester ausgezeichnet. Kapellmeister Schmidt, wie bereits berichtet, erst sehr eklig, dann äußerst liebenswürdig. Er hielt täglich von 9 Uhr ab Klavierproben, zu denen er regelmäßig eine halbe Stunde zu spät kam. Von den abgespieltesten Opern hielt er sie, übersprang keinen Takt, und nachträglich hörte ich, daß er sich selbst vor jeder Oper geängstigt hätte. Vorbilder fand ich in Leipzig nicht, wohl aber Zucht und Ordnung und außer Gustav Schmidt in Heinrich Seidl einen ganz ausgezeichneten Regisseur, der sich in feinster Weise meines Talents annahm und dem ich viel verdanke.[192]  Ging er doch alle Rollen mit mir durch, die ihm nicht ausgearbeitet genug schienen, was mir einen weiten Blick auf das Arbeitsfeld meines Berufes gewährte.
Als ich in Leipzig festem Fuß gefaßt hatte, wurde ich auch zu vielen Gewandhauskonzerten herangezogen, was damals zu den höchsten musikalischen Ehren rechnete. Meister David, der als erster Geiger die Konzerte spielte, schenkte mir nach Aufführung der Athalia von Mendelssohn den Klavierauszug mit Widmung. Dr. Carl Reinecke leitete die Konzerte. Ich stand mich gut mit ihm, und er kam mir wirklich lieb und gütig entgegen; auch später noch, wenn ich von Berlin aus zu Gewandhauskonzerten geladen war. Nur einmal hatte er, als ich Robert Franz-Lieder sang – dem er nicht grün war und die er begleiten sollte –, »einen schlimmen Finger«, und Professor Reinhold Hermann, mein steter Begleiter, mußte darum von Berlin geholt werden. Um so besser, da mir nichts fataler sein konnte als das einmalige Herunterleiern von Gesängen. War ich doch gewöhnt, durch langes Vorstudium eins zu sein mit dem Begleiter, um dem Publikum ein Ganzes zu geben; und das wäre bei aller Kunst Reineckes mit einer Probe unmöglich gewesen.
Schon in Prag sangen wir Robert Franzsche Lieder, die uns Riezl aus Leipzig gesandt. Ihr Verlobter, Fritz Helbig, war mit R. Franz intim befreundet, trug viel dazu bei, dem Ehrenfonds, der R. Franz 1873 überreicht wurde, weit möglichste Ausdehnung zu verschaffen, und verwaltete sein Vermögen bis zu seinem Tode oder auch noch darüber hinaus für dessen Kinder. Helbig hinterließ mehrere Kisten voll R. Franzscher Briefe, die freilich meist geschäftlichen Charakters sind, wohl aber auch manches Interessante enthalten, das hoffentlich einmal das Licht der Welt erblickt. Fritz Helbig war sehr musikalisch, sang ausgezeichnet und war sowohl mit dem bekannten Konzertsänger Robert Wiedemann – der heute im 84. Lebensjahr steht – als auch mit allen andern Leipziger Künstlern eng befreundet. Kein Wunder, daß in Helbigs Haus unaufhörlich Propaganda für R. Franzsche Musik gemacht wurde, und so kamen auch wir dazu, mehr als sonst jemand, seine Lieder zu singen. Daß ich mich heute noch, nach 43 Jahren, für seine Lieder so mit voller Seele einzusetzen vermag, daran ist das innige[193]  Gefühl wohl schuld, das ich seinen kostbaren Liederperlen, nachdem ich sie zu meinem Eigentum gemacht habe, unverändert entgegenbringe; und die ich so gerne in eine neue Generation für Künstler hinüberretten möchte aus dem Bombast von Unnatur und unmusikalischem Durcheinander, das ich, ohne mich zu empören, gar nicht anzuhören vermag.


Leider kannte ich Robert Franz nicht persönlich. Was ich von seinen englischen Liedern sage, daß sie mit Originaltext gesungen fast noch besser mit der Musik zusammenpassen als mit den deutschen Worten, das hat er, wie ich später las, selber ausgesprochen. Ihrem Schöpfer konnte ich meine Dankbarkeit nicht mehr in Tönen darbringen; nur meinen Zuhörern und seinen Kindern darin auszusprechen, was ich für seine Werke empfinde, ist mir zu meiner größten Freude noch vergönnt.
Etwas sehr Merkwürdiges leistete sich David im »Fidelio«, den er ebenfalls in der Oper mitspielte, indem er zu den Violinpassagen der großen Leonorenouverture – die, wie immer gegen mein besseres Gefühl, auch hier im Zwischenakt gemacht wurde – aufstand, um die Violinen anzuführen, worauf das ganze Publikum seine Aufmerksamkeit vom Tonstück ab- und auf Herrn David lenkte. Es war unerhört und scheint mir heute fast unglaublich, daß es in Klein-Paris geduldet wurde.
Weniger lehrreich waren meine Konzertausflüge, nach Pegau z.B., wo ich fürs Konzert nur 25 Taler erhielt und mir davon auch noch den Wagen, der mich dorthin fuhr, bezahlen mußte, der 5 Taler alleine kostete. Besser und viel einträglicher dagegen diejenigen nach Cöthen, Zwickau, Plauen Reichenbach usw., wo ich aber im Winter, in großer Toilette sehr oft im offenen Schlitten zum Konzert und aus demselben zu fahren gezwungen war, wenn der Schnee so hoch lag, daß Wagen unmöglich bergab und -auf verkehren konnten. – In dem Verein Euterpe wurden Werke von Nils-Gade, Schumanns Mignon, Requiem und Faust mit mir und Max Stägemann gemacht, der damals in schönster Blüte Konzert- und Theaterpublikum entzückte. Leider sang Stägemann nicht lang. Als ich ihn um die Ursache frug, meinte er: er habe über die ewigen Katarrhe nicht hinwegkommen können und darum dem Sängerberuf Valet gesagt. Hier haben wir einen jener vielen[194]  traurigen Fälle, wie ein als Sänger und Schauspieler gleich bedeutend großer Künstler durch Unkenntnis der technischen Mittel, Störungen der Organtätigkeit zu beheben, gezwungen wird, seiner Kunst zu entsagen. Wie schädigen solche Künstler diese weihevolle Kunst dadurch, die doch einzig auf große Talente angewiesen ist, und deren höchstes Bestreben gerade darin gipfeln müßte, sich ihr so lange als möglich zu erhalten, um andere zu lehren und dem Publikum sowohl als der Kritik einen Maßstab für Kunstleistungen zu bieten, der ja leider nicht anders erhalten werden kann. Katarrhalischen Perioden sind alle Menschen, und Sänger besonders, ausgesetzt, weil sie ihre Sprech- und Atmungsorgane, die durch vielen Gebrauch subtiler, empfindsamer sind, mehr erhitzen als andere Menschen und darum auch leichter zu Erkältungen geneigt sind. Man kann aber die Kunst, ihrer Herr zu werden, Gott sei Dank durch bewußte Technik erlernen, wenn man sich die Mühe nicht verdrießen läßt und genügend Geduld zum unermüdlichen Studium mitbringt.

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Mit Heinrich Laube stand ich mich vorzüglich, wie ich mich denn von je mit allen ernst arbeitenden Geistern stand, sie mochten noch so rauhe Schalen haben. In ihrer Rauheit sah ich nichts weiter als die richtige Erkenntnis der unumgänglich notwendigen allerersten Bedingung der Kunst gegenüber, die sie von jedem, der mit oder unter ihnen schaffen wollte oder sollte, verlangen mußten: den heiligsten Ernst und vollständige Hingabe aller ihrer Kräfte. Alles andere ist Zeit- und unnütze Kraftverschwendung, deren sich so viele schuldig machen. Laube nahm großes Interesse an meinem Talent, belobte mich gar oft in neuen oder alten Rollen und war von meiner schauspielerischen Arbeit besonders befriedigt, in der ich mich ernstlich zu vervollkommnen trachtete und worin mir Operndirektor Heinrich Behr und Regisseur Seidl hilfreich zur Seite standen. Ich darf hierbei Frau Günther-Bachmann nicht vergessen, die einst zu Mamachens Leipziger Zeiten eine berühmte Soubrette gewesen und nun als komische Alte wahre Kabinettstücke feinster Charakteristik lieferte. Reizend war auch, daß eine alte Garderobiere, die meine Mutter schon angekleidet hatte, nun auch noch mir ihre Hilfe angedeihen ließ. Frau Bärwinkel, so hieß die Alte, zeichnete sich gelegentlich eines Gastspiels von Frau Artôt ganz besonders[195]  aus. Für den schnellen Umzug der Angela im letzten Akt vom »schwarzen Domino« war eine Art Garderoberaum auf der Bühne gebaut, worin alles bereit lag. Frau Bärwinkel sah aber voll Entsetzen, wie Frau Artôt auf der falschen Seite abging. Sie stürzte hinüber und sagte atemlos zu Frau Artôt, die, wie sie hörte, nur französisch sprach: »Madame, schankschemant vis-à-vis!« – Frau Günther-Bachmann, die wenig sprach und sich von allen sehr retirée hielt, war es, die mich gleich anfangs meiner Karriere vom dummen Aberglauben befreite. Sie war in meiner Garderobe, als mir die Garderobiere Schuhe auf den Tisch stellte. »Das gibt ein Unglück«, hörte sie mich sagen – was ich so oft von andern gehört hatte. »Mein liebes Kind,« sagte sie freundlich, »Sie sind jetzt 20 Jahre alt, was wollen Sie dann mit 50 machen, wenn Sie all die Torheiten annehmen?« – Von dem Augenblick an emanzipierte ich mich vom Aberglauben jeder Art, denn ich sah ein, wie lächerlich es war, das Gelingen einer Rolle auf ein Paar Schuhe anstatt auf sein Können zu stellen.



2.










[196] Das Schauspiel war vorzüglich. Laube hatte ausgezeichnete Kräfte vorgefunden, und Kräfte aller Arten boten sich dem Meister an. Es ist fast unglaublich, wieviel starke Talente sich hier zusammendrängten. Friedrich Mitterwurzer, mit dem Laube viel experimentierte, der im Fache hin- und herschwankend bald dies, bald jenes spielte, während seine Gattin, die von Laube an die rechte Stelle gesetzt und das muntere Fach innehatte, damals schon viel versprach. Mitell, der vorzügliche Bonvivant; Richard Kahle, Rhetoriker par excellence und Liebling der Studenten, als Intrigant; Herr von Leman, ein besonders feiner Chargenspieler; Engelhardt, ein ebenso ausgezeichneter Komiker; Herzfeld – Held; Frau Herzfeld-Link, jugendliche Heldin; Georg Link, Naturbursche; Emil Claar; Josef Nesper, kleinere Rollen, der aber nichts zu spielen bekam und bald fortging. Clara Ziegler, Heroine, wurde dann durch Frau Straßmann-Damböck ersetzt; Hermine Delia, Salondame; Frau von Moser-Sperner, Sentimentale. Wahrlich ein stolzes Ensemble, das sich nach Laubes Rücktritt an alle ersten Hoftheater zerstreute.[196]
Einer Clavigovorstellung erinnere ich mich ganz besonders, über der Laubes Geist schwebte. Es wurde wunderbar gespielt. So erschütternd wirkte die letzte Szene im dritten Akt, daß viele Ungebildete lachten, dann aber das ganze Publikum in Beifallstürme ausbrach. Eine ähnliche Wirkung erlebte ich später in Paris, in Molières: »l'Avare« im Théâtre-français, als Coquelin den Geizigen gab. Während ich tief ergriffen unter dem tragischen Eindruck menschlicher Leidenschaft fast erschauerte, lachten viele andere, bis auch hier der Beifall sich in Stürmen Luft machte. »Du sublime au ridicule il n'y a qu'un pas.«
Laube, der noch eine Menge junger Talente auf Lager hatte, konnte natürlich nicht einem jeden seine Rolle vorkauen, denn manche begriffen nicht, andere wieder waren nachlässig. Er verfiel auf den unglückseligen Gedanken, sich einen Vortragsmeister in Alexander Strakosch zu engagieren, der selbst ungarisch-deutsch sprach, bei dem nun alle lernen sollten, mußten, aber nicht wollten. Ich weiß nicht mehr genau, wieso auch Emil Claar in das Verhältnis Laube-Strakosch trat, doch waren die Folgen für alle drei äußerst verhängnisvolle, von denen ich später berichten werde.
Kaum war ich vierzehn Tage in Leipzig gewesen, als man mich von Berlin aus benachrichtigte, daß Herr von Hülsen selbst nach Leipzig käme, um mich zu sprechen. Um was es sich handelte, konnte ich mir denken, und um voreiligem Gerede vorzubeugen, er suchte ich ihn, mich ihn im Hotel aufsuchen zu lassen. Aus Briefen an meine Mutter entnehme ich das Weitere.

Leipzig, 13. Juni 1869.


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Meine liebe, liebe Mama!

Als ich gestern zu Herrn von Hülsen kam, wurde ich mit den Worten: »ah, wir sind ja alte Bekannte« empfangen. »Nicht wahr, Sie haben mir schon etwas vorgesungen und mir sehr gefallen. Warum haben wir uns denn damals nicht geeinigt?« – »Weil ich nicht wollte.« – »Richtig, Sie wollten nicht.« – »Ist es nicht besser, Herr General-Intendant, daß Sie mich jetzt, wo ich was gelernt habe, selber holen, als wenn ich damals als Anfängerin in Berlin geblieben wäre?« – Er war vollkommen meiner Ansicht, möchte mich nun am liebsten gleich mitnehmen,[197]  will, wenn es nötig ist, die Konventionalstrafe bezahlen, will mit Laube offen und ehrlich reden und alles versuchen, mich loszumachen. – – – – – –
Laube ging aber nicht darauf ein. Erst als mir Regisseur Seidl den Rat gab, auf dem Berliner Gastspiel wenigstens zu bestehen und Laube zu bitten, mich das Geld verdienen zu lassen, sagte Laube unter der Bedingung zu, daß von meinem Abgang nie mehr die Rede sein dürfe. Das versprach ich und hielt es auch. Doch halfen mir weitere unvorgesehene Ereignisse mich meines Kontraktes zu entbinden.

Leipzig, 24. Sept. 1869.

Mein liebes, liebes Mamachen!

Meine alltägliche Beschäftigung hat seit zwei Tagen einen Stillstand erfahren, indem ich an einer ziemlich argen Halsentzündung darniederliege, mich aber auf dem Wege der Besserung befinde. Mein Gekritzel sagt Dir, daß ich liegend schreibe. Sonst aber bin ich ganz wohl, bei gutem Appetit und hoffe, die ganze Geschichte bald los zu sein. Gestern mittag schickte ich mein Attest zu Laube, der sich sogleich selbst auf den Weg machte, um es Direktor Behr zu zeigen. Die ganze Familie Behr wohnt in zwei kleinen Stübchen am Rosental, weil sie die große Wohnung erst im Oktober beziehen können, essen aus dem Gasthaus und sitzen sehr ungeniert gemütlich (wie wir manchmal) bei Tische, als

herein mit gemessenem Schritt
Heinrich Laube tritt!

Mein Attest in der Hand hält er es mit weitaufgerissenen Augen Behr mit den Worten: »da haben wir die Pastete, jetzt sind wir erschossen!« entgegen.
Es war so komisch, daß ich trotz meiner Heiserkeit furchtbar habe lachen müssen, als Behr es mir heute erzählte, der sich über die Töne wunderte, die ich dabei zu Gehör brachte. Bald sprach ich im höchsten Diskant, bald im tiefsten Baß. Die ganze Regie hat mich heute schon besucht, es wundert mich nur, daß »Heinrich« (Laube) noch nicht da war.[198]


Ich bezweifle, daß Du mein Geschreibsel lesen kannst, außer Du setzest Dir 99 Vergrößerungsbrillen auf, auch dann lieferst Du noch ein Kunststück. – In diesem Monat habe ich schon 15mal gesungen. Die Gerolstein macht mir jetzt viel Spaß. Frau Krebs-Michalesi und Deine alte Kollegin Günther-Bachmann haben mir große Elogen gesagt, und letztere ist sehr kritisch. Wenn ich im letzten Akte entsetzt sage: »Sie haben eine Frau und vier kleine Kin – – –? her mit dem Federbusch!« bekomme ich jedesmal einen Applaus, und das letztemal habe ich so mitgelacht, daß ich aufhören mußte zu sprechen.
Im ersten Akt macht unser Komiker Engelhardt schon einen Witz, der – wie ich glaube – Berliner Ursprungs ist. Wenn ich ihn als Großherzogin freundlich frage: »Wie heißen Sie?« er verschämt die Frage unbeantwortet läßt, und erst auf meine zweite Frage: »Wie heißen Sie?« mit: »och Lehmann« antwortet, so kannst Du Dir das Gelächter denken. – Übrigens fühle ich mich sehr wohl in meinem Schlafwinkel. Die liebe Sonne scheint den ganzen Tag in mein Bett; meine lieben Berls besuchen mich, und zu meiner Liegerei fehlt mir nichts als unsre graue Mietzekatze. – – –
Laube hat schon seit einiger Zeit Händel mit Kritik, Bürgermeister und Theatervorständen. Laube ist ein schwacher Mensch, denn er läßt sich von dem »Vortragsmeister Strakosch« auf der Nase herumtanzen. Er und Claar rühren für Laube unaufhörlich die Reklametrommel, was Laube doch nicht nötig hat. Es fangen schon an, sich Parteien für und gegen Laube zu bilden, und überall werden Stimmen laut gegen die Unsauberkeit der andern, die Laube wahrscheinlich einmal wird schwer büßen müssen. – –
– – – Ich bin oft bei Laubes; Frau Iduna hat mich fest in ihr Herz geschlossen und busselt mich immer ab, wenn ich komme. Sie ist eine gar liebe gescheite Frau, und ich bin gern in ihrer Gesellschaft. Auch wird es Dich interessieren, zu hören, daß mir der alte, aber immer noch schöne und elegante Emil Devrient sehr den Hof macht. Er sagte mir neulich nach den Hugenotten, er habe noch keine so noble, hoheitsvolle Königin gesehen, und nannte mich »Künstlerin!« Nun, das bin ich noch[199]  lange nicht, aber ich strebe darnach, es zu werden. Trotz seiner 70 ist er ein recht koketter und verliebter alter Herr! – – –
Tausend Grüße für Dich, liebes Mamachen und alle unsre Freunde von Deiner

Lilli.

Es war eine recht starke Angina, an der ich litt, also schlimmer, als ich meiner lieben Mutter schrieb. Ich hatte im Rienzi den Friedensboten – eine Lieblingsrolle von mir – zu singen und mit den Friedensboten aus der Versenkung aufzutreten. Als ich den Chor beginne, um mich einzusingen, fühle ich starke Schmerzen und eine plötzliche Heiserkeit. Mit schnellem Entschluß flüstre ich dem nächststehenden Knaben – einer sehr musikalischen kleinen Anfängerin, die schon auf Proben für mich gesungen hatte – zu, sie möge vortreten und singen, und schiebe sie bei dem Vorspiel einfach vor. Kapellmeister Schmidts Gesicht festzuhalten, wäre der Mühe wert gewesen! Als er aber die Situation begriff und die kleine »Mühle« sich ihrer heiklen Aufgabe mit großem Geschick entledigte, klärte es sich dankbar lächelnd wieder auf. Ferdinand Groß, unser ausgezeichneter Rienzi, sang die Riesenrolle während der Messe elfmal in einem Monat.



3.










[200] Nach einem Wohltätigkeitskonzert für arme Studenten brachten mir die Arionen einen Fackelzug; ich war tödlich erschrocken über die auffallende Ovation. Nach einem zweiten derartigen Konzert waren wir: Herm. Delia, Marie Wieck (Schwester Clara Schumanns), ich, 3–4 alte Professoren und Schulräte, ferner ein paar junge Studenten des Komitees zu einem regelrechten Kommers zusammen. Es war wundervoll. Die alten Herren in hellster Extase, die Studenten nicht minder, und wir jungen Künstlerinnen heiter und glücklich. Der jüngste der Studenten brachte mir mit einem Glase Champagner einen Gruß Mozarts. Nach kaum einem Jahre erhielt ich durch die Feldpost anonym eine gepreßte Rose mit folgenden Zeilen: »Des Sommers letzte Rose gepflückt vor der Schlacht bei Sedan für die unvergeßliche Rose Leipzigs.« Der junge Mann war – wie mir Prof. Möbius schrieb – in der[200]  Schlacht geblieben; es mögen seine letzten Worte gewesen sein. Rose und Brief habe ich sorgsam verwahrt zu liebem Angedenken.
Meiner Schwester äußerst gesellige Natur hatte sich viele Freunde erworben, die natürlich auch die meinen wurden. Reizende Stunden verlebten wir bei Edelmanns, denen die »Modenzeitung« gehörte, wo wir ganz zur Familie zählten. Ferner Rechtsanwalt Hagemann mit Frau und Schwägerin. In diesem Hause wohnte der Humor; man sah nur fröhliche Gesichter, unaufhörliche, natürlichste Heiterkeit würzte das Zusammensein. Man brauchte die drei Menschen nur anzusehen, so überkam einem schon das Gefühl ihrer Fröhlichkeit. Kaum eingetreten – man mochte noch so griesgrämig sein – stand man mitten drin und lachte sich gesund. Hagemann wurde noch in seinen alten Tagen von Kaiser Wilhelm II. zu Jagden, Skatpartien und Gesellschaften geladen. Er war ein ebenso guter Jäger wie Skatspieler und Gesellschafter und nahm sich auch vor dem Kaiser kein Blatt vor den Mund. Er war einmal zu großer Gesellschaft ins Schloß geladen, ein Glas Rotwein stand unberührt vor ihm beim Souper. Plötzlich steht der Kaiser hinter ihm: »Nun Hagemann, Sie trinken ja nicht?« »Ne Majestät,« erwidert dieser, »der Doktor hat mir kleene Rotweine verboten!« Der Kaiser lachte und befahl sofort »vom Besten«, der von nun an immer vor seinem Gaste stand, und von dem der Kaiser ihm öfter nach Leipzig sandte.
Als ich eines Mittags aus der Probe kommend, Hagemann begegnete und einen Hut aufhatte, der ihm nicht gefiel, zwang er mich, mit ihm in einen sehr teuren Laden zu treten, wo ich mir einen sehr schönen aussuchen mußte; dann mußte ich mit ihm nach Hause zum Essen. Und wie ich Frau Hagemann die Hutgeschichte erzähle, sagte sie lachend: »Na hören Se, Sie sind scheene dumm, ich hätte mir zwei ausgesucht, denn so 'ne Gelegenheit kommt nich gleich wieder.« Bequem in seinem Lehnstuhl zur Siesta eingenickt, schlief Alfons Hagemann, ahnungslos, schmerz- und lautlos ins Jenseits hinüber, gesund, heiter und glücklich wie er gelebt hatte. Seine liebe Frau, die ihn um mehr als 10 Jahre überlebte, stickte in ihrem 81. noch ein Reisekissen für mich, mit dem sie, wie sie mir sagte, sich beeilen müsse, um es noch fertig abliefern zu können.[201]
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War es nur unsre Jugend, oder war es wirklich so, man bekam in Leipzig nicht viel Trauriges zu sehen, die Menschen waren meist froh und lebenslustig. Auch bei Prof. Reclam waren wir öfter zu heitern Stunden mit Freunden vereint, und dort passierte uns etwas sehr Komisches. Einmal war außer mir und meiner Schwester nur noch Kapellmeister Mühldorfer anwesend, der am selben Abend nach einem Schauspiel noch eine kleine Oper zu dirigieren hatte und darum eine Stunde früher fortging als wir. Mühldorfer hatte im neuen Theater zu tun, unsre Wohnung lag dicht beim alten Theater, auf ganz entgegengesetzten Seiten. Draußen herrschte furchtbarer Nebel, dessen wir aber erst beim Fortgehen gewahr wurden. Als wir endlich zu Hause angekommen zu sein wähnten, standen wir vor dem neuen Theater, das seine Pforten längst geschlossen hatte; und unter großen Schwierigkeiten erreichten wir mitten in der Nacht unser Quartier. Als ich andern Morgens in der Probe Mühldorfer sprach, sagte er: »Wissen Sie, was mir gestern passiert ist, Frl. Lehmann? Ich bin gerade verkehrt gegangen, bin am alten Theater angekommen, und als ich ans neue kam, war's Theater längst aus. Es hatte jemand anderer für mich dirigiert.« –



4.
[202] Berlin, 12. Okt. 1869.











»Heute hast Du in mir einen rechten Triumph gefeiert, meine liebe, süße Mama! Heute habe ich die Königin in den ›Hugenotten‹ gesungen, ungeheuer gefallen und somit ein Ziel erreicht, das ich noch in weiter Ferne glaubte. Wieviel ich an Dich dachte, kann ich Dir gar nicht sagen; als ich so gefiel, war mein einziger Gedanke: wie wird meine Mama sich freuen! Das alles habe ich Dir zu danken. Jeder hörte, wie gut ich sang, und alle frugen mich: wo ich gelernt hätte? Alle machten mir Komplimente für Dich, als meine einzige Lehrerin. Ich wollte, Du wärest dabei gewesen; doch nein, Du wärest umgekommen vor Angst, und so ists besser, Du warst nicht dabei.« ....

Mit unterlegtem Kontrakt, der mich auf drei Jahre an Berlin band, hatte ich also gesungen und sollte am 14. Oktober als zweite[202]  Rolle die Rosine im Barbier singen. Die Probe hatte ich mitgemacht, wurde aber am Nachmittag telegraphisch nach Leipzig zurückberufen. Mein Engagement war perfekt, und es handelte sich nur noch um die günstige Gelegenheit, es sobald als möglich anzutreten.
Hatte ich auf der Durchreise nach Danzig eine wenig erfreuliche Vorstellung von der Stummen gehört, so sah ich diesmal bei meinem Gastspiel das Ballet »Fantasca«, das mein Erstaunen herausforderte. Von allen Ballets aber, die ich in Berlin gesehen, blieb mir »Flick und Flock« immer das liebste, das auch, wie ich glaube, der Kaiser am meisten liebte. Anders war's, wenn Adele Grantzow tanzte, dann war alles gleichmäßig gut. Diese große Schauspielerin und Tänzerin konnte man gar nicht genug bewundern; sie war klassisch in Gebärde und Ausdruck trotz der damals modernen kurzen Röckchen und schön, man wurde nicht müde, sie anzusehen. Ähnliches hat mir nur die russische Tänzerin Pawlowna wiedergeben können. Die Künstlerlogen waren schon um 4 Uhr besetzt. Wir hatten uns Handarbeiten mitgenommen und warteten geduldig von 4–7, um einen Vorderplatz als Erstgekommene zu gewinnen. Adele Grantzow war es uns wert; von ihrer Weichheit und Grazie ließ es sich lernen wie von keiner andern. Daß diese große Künstlerin durch Unvorsichtigkeit eines Charlatans, der ihr mit einem schmutzigen Messer bei Behandlung eines Ekzem zu nahe kam, so früh schon sterben mußte, ist wohl das Grausamste, was man sich denken kann. Niemand konnte sie ersetzen. Alle waren sie nur Tänzerinnen, keine auch nur annähernd eine Schauspielerin wie sie. Auch die Pawlowna nicht, obwohl diese wieder Eigenschaften besitzt, die rhythmische Vollendung für mich bedeuten.
Das einzig nennenswerte Opernwerk war Franz v. Holsteins melodienreicher »Heideschacht«, in dem Frau Krebs-Michalesi aus Dresden die Altpartie und ich einen flotten Burschen sang. Die Oper gefiel und wurde oft gegeben, da der feine, bescheidene Musiker viele Freunde besaß.

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Toni Berl war nun aus Darmstadt zum Besuch gekommen. Ihr nachgesandt sollte das non plus ultra reinster Rassenschönheit von einem Hunde kommen, das ihr Freunde zum Geschenk ausgesucht[203]  hatten. Zu unser aller Entsetzen kam eine Riesenkiste, die auf einen Bernhardiner schließen ließ. Heraus kroch aber ein kleiner weiß und schwarz gefleckter Dorfköter mit reizendem Ringelschwänzchen! Zum Glück für ihn waren wir alle Tiernarren und verwöhnten ihn, was er uns durch Liebe und Anhänglichkeit lohnte. Als Tonis Urlaub zu Ende ging, zerbrachen wir uns den Kopf ihn bequem zurückzuschaffen, da man Hunde im Kupee damals nicht duldete.
Der Schmuggel in einem geeigneten Körbchen gefiel uns am besten. Täglich wurde der Hund, der sich daran gewöhnen sollte, einige Stunden in sein »Reisekörbchen« geschlossen, worin er nicht muckste. Am Tag der Abreise kochte ihm Angeli noch ein feines »Reiseknöchelchen«, das wir ihm mit in sein Körbchen legten. Und nun geleiteten wir alle zusammen die interessanten Reisenden nach dem Bahnhof. Das Körbchen lag bereits oben im Netz, und niemand im vollgepfropften Kupee II. Klasse hatte eine Ahnung vom blinden Passagier. Da kommt der Schaffner: »Bitte die Billets.« »rrrrruu«. – »Was ist das?« – »Ich weiß es nicht, aber es scheint ein Hund zu sein?« – »uff, uff, wau, wau!« – »Da ist ein Hund drin«, schreit der Cerberus, »wem gehört der?« Und nun muß sich unter stetem Gekläff des Lieblings die Besitzerin melden. Der Schaffner nimmt den Hund, für den er nicht nur ein Billet sondern auch den Hundekasten prätendiert, heraus, wir entreißen ihm das Streitobjekt, die Tür wird zugeschlagen, und das Reiseknöchelchen fährt im Reisekörbchen mit Toni ganz allein nach Darmstadt.
Eines Tages begegnete mir Kollege Nesper, der, wie ich wußte, sein Engagement in Halle bereits angetreten hatte. Erstaunt, ihn hier zu sehen, vertraute er mir an, daß er eben durchzugehen im Begriffe sei, weil Halle so gar keine Amüsements böte. Ich wusch meinem lieben Kollegen ganz gehörig den Kopf, veranlaßte ihn, sofort nach Halle zurückzukehren, trotzdem sein Gepäck bereits auf dem Wiener Bahnhof lag, und schwieg gegen jedermann. Wir sollten uns bald wiedersehen, denn eines Tages fuhr fast unser ganzes Personal nach Halle zu einer Wohltätigkeitsvorstellung, von der ich nur noch soviel in meinem Gedächtnis rettete, daß ich mit Friedr. Mitterwurzer zusammen die Briefszene der Metella aus[204]  dem Pariser Leben spielte resp. sang und daß die damals sehr liebe und schöne Hermine Delia mit mir in einer Stube Siesta hielt und wir beide unsere Sonnenschirme im Bette aufgespannt hatten, weil uns die Sonne aufs Gehirn schien. Daß es lustig war, das weiß ich ganz bestimmt.


Riezlchen war anfangs 1870 zu mir nach Leipzig gekommen, nachdem sie tüchtig wieder mit Mama studiert und ihre Stimme in Ordnung gebracht hatte. Aber die Nerven hatten gelitten, was sich, wenn es einen Tag weniger gut ging als den andern, in schrecklichem Kleinmut ausdrückte. Sie wollte wieder auftreten, und wir animierten sie ernstlich dazu. Die Hauptsache war nun, daß wir wieder beisammen, Freud und Leid teilen konnten.
Merkwürdig, daß jetzt fast alle Söhne des Kurfürsten in Leipzig lebten. Mit allen ersten Künstlern befreundet, trafen wir sie oft bei festlichen Gelegenheiten oder waren bei ihnen mit unsern Kollegen eingeladen. Auch darüber schrieb ich an meine Mutter.
Leipzig, 29. März 1870.

Mein liebes, liebes Mamachen!

»... Du wirst Dich freuen zu hören, daß wir gestern ein entzückendes Souper beim Prinzen Heinrich von Hanau mitgemacht haben. Sein Bruder Karl, der ein sehr ruhiger, ernster Mann scheint, hat mir, trotzdem er gar nicht hübsch ist, den besten Eindruck gemacht. Straßmann mit Frau, Riezl und ich und fast alle unsre Kollegen trafen wir dort. Prinz Heinrich war der liebenswürdigste Wirt, den man sich denken kann, und so heiter, wie ich nie geglaubt habe, daß er sein könne. Er scheint ein großer Verschwender. Beim Souper brachte Prinz Friedrich – der nun wieder mit der Schauspielerin, Frl. von Alten, längst verheiratet ist – Dein Wohl aus, liebes Mamachen, was ich Dir mit vielen ehrfurchtsvollen Grüßen bestellen soll. Wir haben uns dann – ich bitte Dich, falle nicht um – bis 3/45 früh unterhalten. – – –«
Vier Wochen später schrieb ich an Mama über ein weniger glücklich verlaufenes Souper:
»... Als wir vorgestern zum Souper bei Prinz Karl von Hanau sind, wo Angeli Berl auch geladen, Riezl aber, die sich[205]  nicht wohl fühlte, zu Hause geblieben war, wurde ich herausgebeten und finde Riezl weinend, ich solle gleich nach Hause kommen. Sie erzählt mir schnell, wie Vater Berl ganz heiter von Hause fortgegangen sei, um seine Frau aus dem Theater zu holen, sich plötzlich unwohl gefühlt, in eine Droschke gesetzt und seine Wohnung angegeben habe. Als der Kutscher den Schlag aufmachte, konnte Vater Berl nur noch lallen. Der Kutscher meinte einen Betrunkenen vor sich zu haben, fuhr mit ihm zur Polizei, wo er nach wenigen Minuten starb. Riezl und ich brachten Angeli, die gar nicht an des Vaters Unwohlsein glauben mochte, heim, fanden aber nicht einmal seine Leiche vor, die von der Polizei bereits ins Hospital geschafft worden war. – Wie entsetzlich für die arme Familie, die wir zu trösten auf das beste bemüht sind.« – – –



5.










[206] Waren wir durch Mamas feinen Geschmack und feinste musikalische Bildung in klassischer Musik wie: Händel, Gluck, Mozart, Haydn, Beethoven, Weber, Schumann und Schubert aufgezogen worden, so konnten wir unsern musikalischen Horizont in Leipzig noch bedeutend erweitern, wo soviel gute Musik gemacht wurde. Im alten Gewandhaus besonders war klassische Musik eine Reliquie, einer Hostie vergleichbar, die nur von Geweihten gefaßt, nur von denen genossen wurde, die in dieser höchsten, von Herzen kommenden, zu Herzen sprechenden unmittelbaren Kunst aufgingen. Was ich von dieser Heiligkeit jemals empfing, sprach und sang weiter in meinem Leben, in meiner Kunst. Die dortigen Lehren waren also sehr wichtig für meine Zukunft; jede dieser Lehren ein Gewinn für mein Seelenleben auf dem Wege zu einem bessern Menschen und zur läuternden Beurteilung des natürlichen Gefühls. An den Stätten wo Goethe, Schiller, Sebastian Bach gewandelt waren, fühlte man sich gehoben von Ehrfurcht, erfüllt von tiefer Rührung.
Unsre Theaterverhältnisse hatten sich immer mehr zugespitzt. Unmäßige Artikel gegen Laube machten böses Blut und reizten die Studentenschaft zu Skandalsucht. In den Vorstellungen[206]  wurden Rufe laut; man verlangte, daß Strakosch und Claar entlassen würden. Alles wartete auf den Ausbruch der Katastrophe. Dazu schien die im alten Theater angesetzte Vorstellung: »Bürgerlich und Romantisch«, worin auch Claar beschäftigt war, wie geschaffen. Und kaum war Claar aufgetreten als der Ausbruch erfolgte. Es wurde gezischt, gepfiffen, gejohlt. Immer wieder versuchte Claar seine Rolle anzugehen, doch die energischen Rufe: »Claar hinaus, Claar abtreten, entlassen«, ja sogar: »Laube Direktion niederlegen« erschollen so hartnäckig, daß Claar nichts andres übrig blieb, als abzugehen, worauf wieder – diesmal aus Vergnügen – gejohlt und applaudiert wurde. Hermine Delia, Claars Verlobte, fiel auf der Szene in Ohnmacht, der Vorhang mußte fallen. Nach einer Zeit erschien der Regisseur und annoncierte, daß jemand anderer Claars Rolle übernommen habe, worauf sich die Gemüter beruhigten und das Stück zu Ende gespielt wurde. Da weder Claar noch Strakosch entlassen wurden, wiederholten sich auch im neuen Theater derartige Szenen. Laube riß dann aber die Geduld, er kündigte die Direktion für den 1. Juni 1870. Man hoffte bis dahin einen geeigneten Vertreter zu finden, bot Laube die Direktion verschiedentlich wieder an, doch blieb dieser fest in seinem Entschluß und ging – von uns Künstlern und vielen aus dem gebildeten Publikum aufs tiefste betrauert. Welcher Jammer um das von ihm so prächtig zusammengeführte und studierte Ensemble, das auf dem besten Wege war, das erste Schauspiel Deutschlands zu werden!



Leipzig
1869–1870













1.


2.


3.


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5.


6.






1.










[215] Am 4. August 1870 war Berlin in furchtbarer Aufregung. Nicht eben weil wir just angekommen waren. Man erwartete Nachricht vom Kriegsschauplatz. Die Heere waren bei Weißenburg gegeneinander gerückt, die Schlacht war im Gange. Auch uns hatte das Fieber der Erwartung schon im Zuge gepackt. Wir fuhren vom Bahnhof direkt in die Markgrafenstraße 77, wo unsere mir noch unbekannte Wohnung lag, und wurden vom Hausmädchen freundlich in Empfang genommen. Wir fanden zwei Vorder- und zwei Hinterzimmer nebst Küche vor, ohne weiteren Zubehör (Berlin war damals noch nicht einmal kanalisiert), nicht unelegant aber bescheiden meubliert. Nur vor einem Riesenbett, das im sogenannten »Berliner Zimmer« stand, erschrak ich, in dem Mama und ich vorläufig zusammen schlafen mußten, das erst nach acht Tagen abgeholt wurde, um meinen eigenen Betten Platz zu machen.
Es war wohl 7 Uhr abends, als wir ein wenig umgekleidet, auf die Straße, den Linden zustürzten, wohin, wie wir sahen, alles drängte. Man rief Extrablätter aus; alles lief und schrie durcheinander. Gruppen hatten sich gebildet, in deren Mitte die Depeschen, d.h. der Sieg unsrer deutschen Truppen, laut vorgelesen wurden. Hier wurde »hurrah« geschrien, dort weinte man laut vor Freude; und wir beiden eben »Hereingeschneiten« weinten mit den uns gänzlich fremden Menschen. – Man zog mit Hurrahgeschrei vor des Königs Palais. Enthusiasmus und Menschengewühl nahmen immer größere Dimensionen an. Ungewohnt solcher Szenen suchten wir voller Angst einen Ausweg nach irgendeiner Nebenstraße zu gewinnen, wo wir einem Leipziger Bekannten in die Arme rannten, der sich sofort zu unserm Führer und Beschützer aufwarf. Ich weiß heute nicht einmal mehr, wer es gewesen, weiß nur, daß wir zusammen aßen und um 10 Uhr vor verschlossenen Türen standen. Unser Haustor hatte keine Klingel; alles Rufen,[215]  Fragen, Suchen war umsonst, wir waren einfach ausgesperrt. Wohl oder übel mußten wir uns zu einem Nachtquartier im Hotel entschließen und fuhren nach Schmelzer, wo wir ein gutes Zimmer und erhoffte Ruhe fanden nach dem so ereignisreichen Tage.
Am frühen Morgen wurden wir sehr unliebsam aus unsern Träumen durch Gesang geweckt, der ganz in unserer Nähe erscholl und uns geradezu empörte. Als wir beim Fortgehen den Korridor überschritten, mußten wir am Zimmer des betreffenden Sängers, dessen Tür halb offen stand, vorüber. Über drei Stühlen ausgestreckt, lag ein Riesenmensch im Nachtgewand, der Atem- und Tonstudien machte. Ein einziger Blick genügte, mich den verrückten Zottmeyer erkennen zu lassen. Vorsichtig, lautlos, schlichen wir ungesehen vorbei. Zu Hause angekommen, belehrte uns das Mädchen, daß man in Berlin nicht ohne Hausschlüssel ausgehen dürfe, da ein Portier nicht vorhanden und man höchstens auf die Gnade des Nachtwächters angewiesen sei, der, wenn man sich legitimieren könne, einem das Haustor öffne.



2.










[216] Generalintendant von Hülsen hatte mich – gleichviel ob ich meines Kontraktes in Leipzig enthoben würde oder nicht – für die Partie der Vielka in Meyerbeers Oper »Ein Feldlager in Schlesien« fest engagiert, die am 4. August zur Enthüllungsfeier des Reiterstandbildes Friedrich Wilhelms III. im Lustgarten stattfinden sollte. Die Oper ist für Berlin direkt komponiert, während sie unter dem Titel »Der Nordstern«, mit Veränderung von Personen und einzelner Musikstücke, viel über andere Bühnen gegangen war. Mir war sie unbekannt. Man hatte mir seinerzeit nur eine geschriebene, mit Baß unterlegte Partie der Vielka nach Leipzig geschickt, woraus ich – unbekannt alles anderen – die Oper lernen mußte. Eine merkwürdige Zumutung. Wirklich schwierig war die große Arie im letzten Akt, die mit abwechselnder Begleitung zweier Flöten eine einzige große Kadenz bildet, und sehr oft als Bravourstück von Koloratursängerinnen in Konzerten gesungen wurde. Der Ausbruch des Krieges hatte dem Plan der Enthüllungsfeier natürlich ein Ende gemacht.[216]
Noch ehe die Spielzeit an der Kgl. Oper begann, bereitete ich alles zum Antritt meiner neuen Stellung vor. In Leipzig war ich bei keinem Kritiker gewesen, konnte mich nicht dazu entschließen, weil ich selbst diesen Akt der Courtoisie als eine Art von Bettelei ansah, welche ich unter der Würde der Kunst und des Kunstkritikers hielt. Zu meinem eigenen Schaden, wie ich gleich hinzufügen will, denn andere sehen es von einer andern Seite an. An Prof. Gust. Engel, der Danziger war, hatte ich von Danzig aus Empfehlungen, die ich abgeben mußte. Prof. Heinrich Dorn war ein uralter Bekannter meiner Mutter aus Königsberg und Riga, zu dem mußte ich gehen. Blieb noch Prof. Würst, den ich erst gelegentlich der Proben zu seiner Oper »A-ing-fo-hi« kennen lernte, in welcher Betz und ich sehr reizende Rollen sangen. Als ich einmal mit ihm über eine Sängerin plauderte, die er stets in den Himmel hob, die aber einen furchtbaren »Knödel« hatte, über den sich jeder mokierte, und ich ihn frug, warum er solche Unart niemals rüge, antwortete er mir: »Das höre ich gar nicht.« Keiner der drei Herren, denen ich vor meinem Gastspiel Besuche abstattete, interessierte sich auch nur im allergeringsten für mich.
Für Ausbeutung von Vorteilen im Interesse des »Gelobtwerdens«, wie es so vielen Künstlern eigen, hatte ich weder Talent noch Verlogenheit. Wer mein Streben und Können verstand, sollte mich gerecht beurteilen, das war alles, was ich als Künstlerin von der Kritik beanspruchte. Mich mit Nichtskönnern zusammen gelobt zu finden, ekelte mich an.
Nein! Gebettelt habe ich nie, bin nie gekrochen vor Kritik und Protektion. Stolz bin ich meinen eigenen Weg gegangen, den Weg des Wollens, Wissens und Könnens im Einklang mit meinem Streben und meinen Kräften. Dank meiner Erziehung, meinem Talent und Fleiß konnte ich ihn mit wachsender Autorität beschreiten. Schnell erfaßte ich, was der Kunst frommte, lernte gern von allen mit dem festen Vorsatz, die größtmöglichste Vollkommenheit der Künstlerschaft zu erreichen.

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Hier, vielleicht nur an dieser Stelle darf ich das spätere Urteil eines uns teueren Mannes setzen, das erst gegen das Ende meiner Barriere von ihm gefällt ward. – Mag es hier zur Rechtfertigung meiner frühesten Empfindungen dienen und zur Bekräftigung des[217]  Urteils aller derjenigen beitragen, die mich lieb haben, mein künstlerisches Wachstum freudig, ja oft mit Genugtuung begrüßten. Eitel wird es nur solchen erscheinen, die mich nicht kennen, nicht lieben; und diesen werde ich ohnehin nichts zu sagen haben.

Dr. Ernst von Wildenbruch.
Berlin W. 10. 17. März 1905
Hohenzollernstraße 14 (abends).

Herrliche Frau

aus dem Carmen Sylva-Abend nach Haus zurückgekehrt, empfinde ich es als Bedürfnis und Pflicht, Ihnen, hohe Künstlerin, die ich Jahre und Jahre nicht mehr gehört hatte (ich gehe nur selten noch des Abends aus) zu sagen, wie groß, wie ganz wundervoll Ihr Gesang, Ihr Vortrag, Ihre ganze Persönlichkeit, Ihr alles auf mich gewirkt hat! »Da kommt endlich mal wieder Eine,« sagte ich mir, als Sie an den Flügel traten, »die nicht beim Publikum bettelt, sondern ihm gebietet! Da kommt Eine,« sagte ich mir, als Sie zu singen anhuben, »die mit ihrer letzten Seelenfaser mit ihrer Aufgabe verwachsen ist.« »Da habe ich endlich wieder mal,« sagte ich mir, als Sie geendigt hatten, »den aus einer Rasse-Persönlichkeit heraustönenden großen Stil genossen.«
Immer, so lange Sie singen, haben Sie uns viel gegeben – jetzt, da Sie wie die marmorne Verkörperung der klassischen Tradition unter den kleinen Gestalten der modernen Zeit stehen, geben Sie uns noch mehr, geben Sie uns Ihr Höchstes.
Daß ich Ihnen danke für das, was Sie mir heute gegeben haben, das erlauben Sie, herrliche Frau, Ihrem
Ernst von Wildenbruch.



3.










[218] Unaufhörlich folgte Sieg auf Sieg, und diesem wieder Siegeslieder und Spiele im Kgl. Opernhause. Am 17. August, dem Eröffnungsabend der Saison, sangen sämtliche Mitglieder der Kgl. Theater – zu denen ich nun auch zählte – feierlich von der Bühne herab die Volkshymne und den »Borussiachor«. Die Damen[218]  in weißen Kleidern mit schwarzen Schärpen, die Herren im Frack mit weißer Halsbinde. Wir sangen begeistert im Vollgefühl des geretteten Vaterlandes zur Ehre unserer braven Krieger. Diese Veranstaltungen wiederholten sich nur gar zu oft, um dauerndes Interesse einflößen zu können.
Am Morgen dieses meines ersten Auftretens hatte ich auch die erste und letzte Probe vom »Feldlager«, das am nächsten Abend schon in Szene ging und zu meinem größten Leide während der Kriegszeit und später auch bei jeder patriotischen Gelegenheit viel gegeben wurde. Die nichtssagende Partie der Vielka, die durch schlechte Nebenbesetzung nicht interessanter wurde, verlor bald ganz meine Sympathie und wurde mir auf die Dauer unerträglich. Wenige Tage später sagte in einer patriotischen Vorstellung Frau von Voggenhuber ab, welche ein eigens zu diesem Zwecke komponiertes Lied singen sollte. Es war 1/27 Uhr abends, als Kapellmeister Radecke, der Komponist des Liedes, zu mir kam, um mich im Auftrage der Intendanz um die Gefälligkeit zu bitten, das Lied zu singen. Wenn ich mich auch lange weigerte, fuhr ich doch schließlich mit ihm ins Theater, wurde schnell angekleidet und sang es prima vista ohne Fehler von den Noten herunter. Tags darauf sagte sie auch die Agathe im Freischütz ab, und ohne die Rolle je gesungen zu haben, sprang ich abermals ein. Von der Zeit an sprang ich gar oft bald für sie, Frau Mallinger oder Frau Lucca ein, die beide miteinander im Hader lagen. Auf diese Art war ich in Berlin sehr bald eine utilité ersten Ranges; für meine autoritative Stellung war dies aber nicht vorteilhaft, und bald empfand ich – die Zurücksetzung. Man hatte sich daran gewöhnt, jederzeit auf mich bauen zu können, und verfuhr demgemäß oft sehr rücksichtslos gegen mich, indem man alle diejenigen berücksichtigte, die rücksichtslos gegen die Intendanz verfuhren. Doch muß ich Herrn von Hülsen die Gerechtigkeit widerfahren lassen und sagen, daß er meine Gefälligkeit extra honorierte und mir bereitwilligst alle erbetenen Urlaube gewährte, deren ich sehr viele beanspruchte, da ich außerhalb in vielen Konzerten sang, viel unterwegs war. Auch gegen Minderhochgestellte war er voller Fürsorge und half, so oft er nur konnte. Man durfte ihn allenthalben als väterlichen Freund betrachten.[219]
An Beschäftigung fehlte es mir wahrlich nicht, denn zu den oft gesungenen alten Rollen kamen in den ersten zehn Monaten meines Engagements noch folgende neue hinzu: Vielka–Feldlager, Josepha–Zietenhusaren, Elvira–Stumme, Amazilli–Jessonda, Fridjof–Sigurd, Friede–Heimkehr.



4.










[220] Als Mitglieder der Kgl. Oper fand ich folgende Künstler vor: Pauline Lucca, verwöhnt, schön und interessant. Schon bei meinem Antrittsbesuche sagte sie uns, daß sie 1872 bestimmt nach Amerika ginge, und wenn sie keinen Urlaub erhielte, durchzugehen beabsichtige.
Mathilde Mallinger, ein sehr starkes Bühnentalent, am Prager Konservatorium ausgebildet. Sie war eben von München gekommen, hatte stimmlich aber nach nur zweijähriger Tätigkeit schon schwer gelitten.
Wilma von Voggenhuber, eine sehr temperamentvolle dramatische Sängerin mit wunderschönem Mezzosopran, die nur leider – wie mir ein Musiker sagte – heute die Rolle spielte, die sie gestern gesungen hatte.
Marianne Brandt, Altistin, eine selten begabte, ernste Künstlerin.
Frau Harries-Wippern, die jungfräulichste Stimme, die ich je gehört habe. Sie war einst sehr gefeiert, und nur ungern sahen wir sie bald aus unserer Mitte scheiden, da sie krankheitshalber sich sehr früh schon pensionieren ließ.
Charlotte Grossi, eine hübsche, junge Wienerin mit recht hübscher Stimme und leidlich guter Koloratur. Protektionskind der Lucca, blutjunge Anfängerin, die aber seit einem Jahre schon engagiert, sich in manche Rolle und viel Arroganz hineingewachsen hatte, da das Fach der Koloratursängerin verwaist gewesen. Die Königin der Nacht z.B. wurde viele Jahre hindurch von einer Schauspielerin gesprochen!
Louise Horina, Sängerin für alles.
Marie Gey, Opernalte.
Unser führender Geist, nach dem sich alles richtete, war Albert Niemann. Wenn ich auch sagen muß, daß ich mich an seine[220]  Stimme gewöhnen mußte, weil er sich immer erst im Laufe einer Oper freisang, so imponierte seine künstlerische Autorität sofort der Lernenden. Die geistige Auffassung, sein einzig überzeugender Ausdruck, gaben ihm immer größeren Wert in meinen Augen, je mehr ich die Hohlheit und Unzulänglichkeit anderer Sänger dagegen erkennen lernte. Hier waren Genie, Kraft und vollendete Künstlerschaft mit Autorität verbunden. Man wurde nicht geblendet, sondern überzeugt. Von da an wurde Niemann mein Maßstab für den singenden Künstler, das – wenn auch nicht alleinige – Vorbild meines Strebens.
Neben ihm stand der männliche, etwas steife, sich eben zum Meistersinger entfaltende
Franz Betz und
August Fricke, unser nobler Baß, der nebst allen ernsten, auch köstlich humoristische Rollen schuf.
Anton Woworsky, unser feinster Kollege, der seiner frühen Pensionierung entgegen harrte.

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Otto Schelper, dem es in Berlin nicht behagte, und den man leider ziehen ließ.
Heinrich Salomon, Baßbuffo, sehr feiner Schauspieler, von dem sein zukünftiger Schwiegervater – als er ihn im Don Juan sah – behauptete, daß er nie ein Don Juan gewesen sei, und ihm blindlings seine Tochter anvertraute.
Mehrere Herren für kleinere Rollen, und daß ichs nicht vergesse:
Krüger (Pseudonym), der »Schmalzamor« genannte Tenorbuffo.
Ferner die drei Kapellmeister:
W. Taubert, dirigierte fast ausschließlich Hofkonzerte oder seine sehr schönen Opern »Macbeth« und »Cesario«.
Carl Eckert, alle großen Werke.
Robert Radecke, alle Spielopern.
Mit dem hier genannten Personal, das bei Abgang eines Mitgliedes durch ein anderes komplettiert wurde, gab man – bis auf 2–4 Ballette monatlich – tagtäglich Opern, und nur sehr selten kam es vor, daß eine Oper abgesetzt und eine andere dafür gegeben wurde. Heute ist das Personal zehnmal so groß und der Absagen[221]  zehnmal so viele als damals. Für Woworsky trat nach ungefähr zwei Jahren der liebenswürdige Heinrich Ernst in das Fach des lyrischen Tenors und William Müller, der neben Niemann, oder wenn dieser beurlaubt war, Heldenrollen sang. Für Schelper kam Theodor Schmidt, und alle drei kamen – gleich den Schauspielern Richard Kahle und Georg Krause – von Leipzig. Nur wenige Mitglieder von bleibendem Wert traten im Laufe der nächsten 15 Jahre hinzu, unter denen Franz Krolop, Baß, hervorzuheben wäre.
Wenn ich bei manch einem Künstler ein wenig verweile, dessen sich, wie ich bestimmt annehmen darf, nur wenige auch nur dem Namen nach zu erinnern vermögen, so meine ich damit einer angenehmen Pflicht zu genügen, indem ich deren besonders guten Eigenschaften hervorhebe, die sie berechtigten, als Künstler bekannt und beliebt zu werden. Eigenschaften von besonderem Wert, die außer ihnen kein anderer Künstler besaß, die als schöne Erinnerung in mir weiterleben und meines Dankes darum nicht entbehren dürfen.
Als Gäste durften wir alljährlich in der Oper sowohl als im Schauspiel viele künstlerische Größen bewundern, die dem Repertoire Abwechslung und frisches Interesse zuführten, was mir anregende Arbeit bot, an der es mir freilich nie und nirgends fehlte.



5.










[222] Eines Tages teilte mir Hülsen mit, daß mein Kontrakt im Hauptquartier Ferrières vom König unterzeichnet sei, worauf ich – gewiß ganz törichterweise – nicht wenig stolz war. Nach dem Einzug der Truppen, dem wir mit Freunden aus einem Hause unter den Linden beiwohnten, lernte ich auch unsern herrlichen Kaiser Wilhelm I. persönlich kennen. Er unterhielt sich oft mit mir in Hofkonzerten sowohl als in der Oper, die er fast allabendlich besuchte. Damals gab es für die am Abend beschäftigten Solomitglieder eine kleine Bühnenloge im ersten Stock, wo sie, ungesehen vom Publikum, der Vorstellung folgen konnten. Parallel mit der dahin führenden Treppe lief eine ebensolche von der Bühne in die kaiserliche Proszeniumsloge, nur durch eine Bretterwand[222]  von der andern getrennt, die Se. Majestät auf die Bühne führte. Auf 3/4 Höhe befand sich ein kleines Schiebefenster, das der Kaiser und andere Mitglieder der Kaiserlichen Familie benutzten, um in den Zwischenakten mit den Künstlern zu sprechen. Hier sprach ich ihn fast allabendlich in den Opern, in denen ich beschäftigt war, und hier hat er mir manches Interessante erzählt. Warum habe ich nicht damals schon alles so genau aufgeschrieben, wie jetzt? Manch ein liebes Wort ist dadurch dem Gedächtnis verloren gegangen, das von seiner unendlichen Güte, Liebenswürdigkeit, Einfachheit und Würde ein Zeugnis gäbe. Doch bleibt genug noch übrig, um mich stets aufs Neue zu mahnen, wie dankbar ich ihm sein muß für alle mir erwiesene Güte.
Nach dem schrecklichen Attentat, wobei er verwundet ward, an dessen Folgen er lange zu leiden hatte, kam er einmal wieder an das Fensterchen auf der Bühne und reichte mir gütig, wie immer, die Hand. Als ich mich gerührt nach seinem Befinden erkundigte und ihm mein tiefinnerliches Beileid aussprach, sagte er: »Es geht noch immer nicht, wie es sein sollte, denn ich bin noch nicht imstande, mir die Stiefel allein anzuziehen.« Nun mußte ich lachen und meinte: »Das brauchen aber Ew. Majestät auch nicht!« »Ach ja«, erwiderte der Kaiser, »ich bin gewöhnt, alles alleine zu tun, es macht mich unglücklich, daran gehindert zu sein. Auf Reisen packe ich meine Sachen selbst, damit nichts von dem mir Notwendigen fehle, und in alle dem bin ich jetzt geniert.« Als wir einst von einer Kunstausstellung sprachen und ich frug, welches seiner Bilder der Kaiser für am gelungensten hielt, antwortete er mir: »das von Lenbach, da es Ihre Majestät am schönsten findet.« Immer galant, der erste Kavalier. Rührend war's, wie einst in einem Hofkonzert im runden Saale, wo wir Künstlerinnen mitten im Saale saßen, Frau Artôt ihr Taschentuch beim Aufstehen fallen ließ. Ich bückte mich sofort, um es aufzuheben, aber auch der Kaiser war schon aufgesprungen und herbeigeeilt um dasselbe zu tun.

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Noch kurz ehe ich Berlin verließ, erzählte er mir, wie er sich sehr wohl meines ersten Auftretens erinnere und wie ihm in den Hugenotten beim Auf- und Absteigen vom Pferde mein »schöner schlanker Fuß« aufgefallen sei. Hier durfte ich Sr. Majestät gleich erzählen, daß ich bei meinem Gastspiel noch gar nicht reiten konnte,[223]  sondern nach der Probe in den Kgl. Marstall geschickt worden war, um mir dort die Kunst des Auf- und Absteigens vom Pferde, das Halten der Zügel usw. anzueignen – da die Königin im III. Akt in Berlin zu Pferde kommt, auf der Bühne absteigen und nochmals um die Bühne herumreiten mußte. Daß ich in Leipzig es aber ordentlich gelernt hätte und dort sowohl als in Berlin öfter ausgeritten sei.
Ein kleines Abenteuer, das ich Sr. Majestät zum besten gab, machte ihm Spaß. Aus den Meistersingern war ich einmal allein nach Hause gegangen und unterwegs von einem Herrn angesprochen worden, den weder meine stolzen Blicke, noch mein beharrliches Schweigen abschrecken konnten. Kaum noch 200 Schritte vom Hause entfernt, entschloß ich mich, irgendeinen des Weges kommenden Herrn anzusprechen, der mich beschützen sollte. Der erste beste schien ein Bahnbeamter, auf den ich zueilte. Als ich ihn bat mir die wenigen Schritte bis zu meinem Hause das Geleit zu geben, was er zu tun sofort bereit war, stellte er sich mir als Leutnant der Artillerie v.S. vor, in dessen Schutz ich nun vor weiterer Verfolgung sicher war. Wie ich dem Kaiser die Galanterie seiner Offiziere lobte, erwiderte er mir rührend: »Das hätte ich auch getan, schade, daß ich es nicht gewesen bin.«
Manches Mal erzählte ich auch hübsche Anekdoten, die über ihn im Umlauf waren. Bei Geheimrat Henry traf ich sehr oft den Leibarzt des Kaisers, Dr. Lauer. Man erzählte sich, daß S.M. eines Abends Hummersalat aß und Lauer, der es ihm streng verboten hatte, ihn dabei überraschte. Lauer machte dem Kaiser ein vorwurfsvolles Gesicht, worauf dieser ihm heiter zugerufen hätte: »Lieber Lauer, seit ich versprochen habe, Sie zur Exzellenz zu machen, wenn ich 80 Jahre alt werde, gönnen Sie mir keinen guten Bissen mehr.« Der Kaiser lachte herzlich dazu und meinte: se non é vero e ben trovato. Exzellenz ist Dr. Lauer aber dann doch geworden.
Nicht selten sah man den Kaiser in den Zwischenakten im Vorzimmer seiner Loge arbeiten, wenn zufällig die Türe aufgemacht wurde. Er sagte mir, daß er sonst nicht fertig würde mit der Arbeit. In der kleinen Proszeniumsloge saß er immer ungesehen auf dem Rücksitz; nur wenn die Kaiserin oder die Frau Großherzogin[224]  von Baden, seine Tochter, mit ihm im Theater waren, saß er bei den Damen auf dem Vordersitz zunächst der Bühne. Aber ich zweifle, daß er sich dann so behaglich fühlte. In späteren Jahren schlief er oft während der Musik – wenigstens glaubten wir es von unserer Theaterloge vis-à-vis zu bemerken.


Seine Lieblingsopern waren: »Die weiße Frau«, »Das goldene Kreuz«, »Der Barbier von Sevilla« und sonstige Spielopern und Ballets, in denen er nur aus besonders wichtigen Gründen fehlte. Wie oft traten mir Tränen tiefster Rührung in die Augen, wenn ich mit ihm sprach. Wie schön wußte er das Interesse für jeden so auszudrücken, daß man glauben mußte, es interessiere ihn wirklich, was man mache und denke, und stets wartete er die Antwort ab, was so wenig Große zu tun verstehen.
Wie merkwürdig verschieden war er darin von der Kaiserin. Eine der pflichttreusten und fleißigsten Frauen auf dem Throne, die es sicher nicht leicht hatte und es sich nicht leicht machte. Fast immer wurde ihre beste Absicht mißverstanden von denen, die sie ansprach, denen sie sich näherte. Man kannte sie nicht so genau wie den Kaiser, der die Offenheit selber war, der durch das Gefühl schönster Herzlichkeit erquickte und beglückte, was der Kaiserin in diesem Maße zu fehlen schien. Aber ich weiß, wie streng sie es mit ihren Pflichten, als Mutter des Volkes, nahm, wie treu sie die Ziele für dessen Wohlfahrt verfolgte, und wie weder Krankheit noch Alter sie daran verhinderten, sich ihnen ganz zu widmen.



6.










[225] Während der Jahre 1871–1872 wurden unendlich viel Wohltätigkeitskonzerte von Berufenen und Unberufenen – die sich »oben« lieb Kind machen wollten – arrangiert, die daraufhin oft genug auch dekoriert wurden. Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn ich sage, daß Marianne Brandt, die ewig Wohltätige und Gutmütige, und ich, in mindestens 25 Konzerten zum Besten der Krieger und ihrer Hinterbliebenen sangen. Nach einem dieser Konzerte, dessen Protektorin die Kaiserin war, erhielt ich ein Dankschreiben mit eigener Unterschrift, das ich als Andenken an die hohe Frau bewahre.[225]
Mir ist der Gedanke stets unerträglich gewesen, mich für eine Wohltat, die ich so gern erwies, belohnen zu lassen; man kennt mich auch genug, um mir zu glauben, daß ich nicht daran dachte, mir eine Dekoration dafür zu erringen. Da aber so viele »Charpiezupfende« und »Leibbindennähende« – die auch noch in so feinfühlender Weise »auf Wiedersehen« hineingestickt hatten – hohe Dekorationen erhielten, so frage ich wohl nicht unberechtigt: wie es kam, daß Künstler, die in so reichem Maße selbstlos und aufopfernd wohltätig waren, sind und immer sein werden, nicht gleich den »Charpiezupfenden« und »Leibbindennä henden« Wohltätigkeitskollegium auch einmal dekoriert wurden? Meinetwegen Eine für Alle! Und Marianne Brandt hätte ich diese Auszeichnung von Herzen gegönnt. Wie tief unter dem Niveau der obengenannten Tätigkeiten die göttliche Kunst in den Augen so Vieler steht, die zu erlernen, Talent, Geist, ja das Opfer eines ganzen Lebens erfordert, das lernt man bei solchen Anlässen leider nur zu gut kennen, und tiefe Trauer beschleicht mich bei der Erkenntnis, wie weit die allgemeine Bildung noch davon entfernt ist: Kunst und Künstler einzuschätzen.



7.










[226] Bald schon hatte ich mich eingelebt in den Künstlerkreis, deren manche hoch über mir standen, mit denen künstlerisch zu arbeiten mir als langersehnte Notwendigkeit und Anregung erschien. Den Besten nachzueifern – was aus eigner Kraft noch nicht gelingen wollte –, sie endlich zu erreichen oder gar zu überholen, der Sphäre wenig Begabter, Unstrebsamer zu entfliehen mich auf geistig-eigene Füße zu schwingen, mich den Größten durch Können und Wissen beizustellen, war mein Ziel. Ein Ziel, das einen beständigen Kampf meiner geistigen Kräfte mit meiner physischen Unzulänglichkeit bedeutete. Und dieser Kampf war ein nie endender. Galt es doch den Ursachen dieser Unzulänglichkeiten auf die Spur zu kommen, sie zu meistern, wozu ich eines langen Lebens bedurfte.
Wenn auch anfangs von den »Größten« über die Achsel angesehen, war man mir nicht unfreundlich entgegengekommen.[226]  Dennoch zog ich mir einmal eine böse Szene zu, als ich drei meiner Kollegen in aller Bescheidenheit gegen den »Größten« in Schutz nahm, die ihm seine große Szene im Rienzi verdorben hatten. Ein sehr alter Künstler und ein jüngerer Tenor, beide ohne Augengläser fast blind, die zwei Verschworene im Rienzi darstellten, und Marianne Brandt als Adriano sollten im 4. Akt an dem hinteren Pfeiler der Kirchentür stehen und unauffallend hinter der Kirche verschwinden, sobald Rienzi – vom Priester verflucht, auf den Stufen der Kirche festgebannt – auch von Irene, seiner Schwester, die – etwas entfernt von ihm – ohnmächtig zusammengebrochen ist – scheinbar ganz verlassen dasteht. Alles Volk ist entflohen; niemand mehr auf der Bühne außer Rienzi und Irene. Adriano stürzt endlich auf die Bühne auf Irene zu, um sie mit sich zu führen. Irene erwacht, stößt Adriano in wahnsinniger Erregung von sich, sieht Rienzi und wirft sich ihm – dem Erstarrten – an die Brust. Rienzi, von plötzlichem Leben durchströmt, entwindet sich seiner Starrheit, nimmt Irenes Kopf in seine noch zitternden Hände, küßt sie inbrünstig mit Tränen in Stimme und Herzen, frägt tiefergriffen: »Irene, du?«, ermannt sich zu seiner ganzem Größe und ruft begeistert, indem er die geliebte Schwester an sich drückt: »Noch gibt's ein Rom!«
Ja, noch gab's einen Rienzi, noch ein Rom, als dieser Meister ihn uns darstellte mit seinem Geist, seiner Autorität und seinen Tränen. Aber auch ihn wird niemand mehr sehen, niemand mehr einen echten Rienzi kennen lernen. Wohl uns, die wir ihn noch schauen, ihm noch nachempfinden und zujauchzen durften!
Wir müssen aber wieder zurück zu den Verschworenen, die sich anstatt hinter Rienzi vor Rienzi aufgestellt hatten. Niemann winkte ihnen zu, als er es gewahrte, sie sollten dahintertreten. Alle drei glaubten darin eine Aufforderung Niemanns zu erkennen, sich auffallender ins Spiel zu mischen, und fingen nun an, sich da vorne bemerkbar zu machen und »verschworen« zu spielen wie nie zuvor. Niemann wird immer wütender, denn sie sehen und hören nicht, und auch meinen Rufen und Augenzwinkern bleiben alle drei taub und blind. Ich frug mich in Todesangst nur: wie das enden würde? Die drei hatten ihm wirklich die Szene verdorben, denn auch Adriano mußte nun, um zu Irene zu gelangen, [227]  vor Rienzi vorbei. Es war nicht auszudenken! Das Publikum jubelte indessen nach Schluß des Aktes wie sonst, hatte es wohl gar nicht bemerkt und rief Niemann ein dutzendmal vor den Vorhang. Und ich armes junges Ding mußte mit hinaus, obwohl ich nichts dazu beigetragen hatte außer meinem Besten, das damals noch recht wenig Äußeres hermachte sondern tief im Innern saß, weil die Pranke des Löwen mich fest packte und nicht losließ. Ich selbst war nach der Szene aufgelöst von der Macht dieses Titanen, von der Szene, die, von »ihm« so dargestellt, jeden erschüttern mußte.

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Als wir von der Bühne gingen, war's aber um die drei – die allerdings nicht mehr da waren – geschehen. Nun brach seine Erbitterung los, der Löwe wollte Blut sehen. Ich sah, wie der Mann sich erregte nach der furchtbar ergreifenden Szene, und hatte die unglückliche Idee, ihn ganz bescheiden zu bitten, sich doch zu beruhigen; die drei Schuldigen hätten ihn mißverstanden, unabsichtlich die Szene gestört. Nun mußte er einen Blitzableiter haben, und sein Zorn traf mich Unglückswurm – indem er mich anschrie, daß mich die Sache nichts anginge – so bitter, daß ich laut schluchzend in meine Garderobe lief und kaum imstande war, den letzten Akt zu Ende zu singen.
Andern Tags verlangte ich meine Entlassung – resultatlos –, wofür man mir aber Genugtuung zu geben versprach. Lange Zeit wartete ich vergebens auf diesen Ausgleich. Der »Große« oder »Lange«, wie die Herren ihn nannten, existierte nun nicht mehr für mich. Ich hörte sein Bravorufen nicht, all seine Lobesworte gingen ungehört an mir vorbei, und obgleich ich nichts auf der Szene versäumte, wenn ich mit ihm beschäftigt war, hielt ich mich wohl drei Jahre fern von jeder Gemeinschaft, bis eines Tages sich die Spannung in idealen Sphären, denen sich kein Künstlerherz verschließen konnte, glücklich löste.
Es war und blieb der einzige Mißklang in den 15 Jahren meiner Zugehörigkeit an der Berliner Oper. Doch hatte mich mein Benehmen bei den anderen in Respekt gesetzt, denn der nicht sehr gesprächige Betz sagte mir eines Tages: »Aber Charakter haben Sie!«
Ein exemplarisch guter Ton herrschte unter den Berliner Künstlern, der niemals durch die geringste Nachlässigkeit oder Unfeinheit[228]  gestört wurde. Wohl konnte ich von Glück sagen, diesen anständigen Ton auch in Prag, Danzig und Leipzig getroffen zu haben, woran natürlich nicht nur die Direktoren, Regisseure und Kapellmeister schuld sind, zu dem man eben selber ein gut Teil, ja fast alles beitragen kann, indem man sich weniger Feinfühlenden gegenüber unnahbar macht. Das trauliche »Du«, das in Österreich zwischen allen Künstlern und, wie ich höre, auch unter Offizieren gebräuchlich ist, kommt in Deutschland wenig vor, oder auch nur bei solchen, die langjährige Kollegialität und Freundschaft verbindet. Allerdings gibt die österreichische Art sorgloser Herzlichkeit – so lange sie in ihren Grenzen bleibt – dem leicht empfänglichen Künstler viel Behaglichkeit, die norddeutschen Künstlerkreisen vollständig abgeht. Nur zu gerne gebe ich mich vorübergehend dieser Liebenswürdigkeit gefangen, und dennoch ziehe ich den Ernst des deutschen Künstlers vor. Die allzugroße Sorglosigkeit österreichischer Künstler ist in längerem Umgang auf die Dauer nicht leicht erträglich. In Deutschland wird ernster gearbeitet. Dafür hat Osterreich stärkere Talente, die durch unmittelbare Herzlichkeit anderen so warm entgegenströmen, deren wirksamer Ursprünglichkeit zuzujubeln uns Deutsche innere Erkenntnis und freudigste Sehnsucht treibt.



8.










[229] Für den 27. Januar 1872 war eine Vorstellung vom »Figaro« mit Frau Mallinger als Susanne und Frau Lucca als Page angesetzt. Am 26. abends wollte ich nach Danzig zum Gastspiel, doch ließ mich Hülsen bitten, meine Reise auf den 28. früh zu verschieben. Er bat mich, am 27. abends in der Figarovorstellung zugegen zu sein, da ich möglicherweise die eine oder die andere Rolle im Laufe des Abends weitersingen müsse. Zwischen den Damen Mallinger und Lucca war es schon öfter zu unliebsamen Szenen gekommen. Letzthin hatte man der Lucca nach einer Faustaufführung so was wie »Straßengretl« in den Wagen hineingerufen, und als sich Frau Lucca beklagte, fuhr sie nunmehr in und aus der Vorstellung an der kaiserlichen Einfahrt vor: der Kaiser hatte es befohlen! Nun harrte ich am 27. Januar in der Künstlerloge der Dinge, die sich ereignen sollten. Die Vorstellung war[229]  an- und aufregend genug. Als Frau Lucca-Page auftrat, johlte, pfiff und zischte man von der Galerie herunter. Kaum wurde der Versuch gemacht, ein Wort zu sprechen, als der Lärm von neuem begann. Auch Eckerts Intention, mit dem Orchester die Pagenarie zu beginnen, mißlang vollständig. Endlich machte Frau Lucca Zeichen, daß sie sprechen wolle, worauf sich Gezisch und Applaus legten und sie echt luccaisch folgendes sprach: »Ich weiß nicht, was man von mir will, ich bin mir keiner Schuld bewußt und frage: ob ich fingen soll, ob nicht?« Neuer Lärm, bis schließlich der Applaus und die Zurufe: »Singen!« Gezisch und Gejohle niederkämpften die Vorstellung ihren Fortgang nehmen konnte.
Beide Damen hatten mich oben in der Loge sitzen sehen, sonst wäre unfehlbar die eine oder die andere in Ohnmacht gefallen, die Vorstellung gestört gewesen. Die Sache war aber noch nicht zu Ende. Im II. Akt soll Susanne, wie üblich, am Schluß der kleinen Arie dem Pagen einen Kuß geben. Frau Mallinger, die stets – und nicht nur an diesem Abend – nach neuen Nuancen suchte, darin oft zu weit ging, gab Frau Lucca anstatt des Kusses einen kleinen »Backenstreich«. Frau Lucca beklagte sich über die »Ohrfeige« und der Skandal spielte weiter bis ans Ende der Oper. Eine Schande für die Kgl. Oper und für beide Damen. Wer im Recht war, ließ sich im Augenblick nicht entscheiden und nun – hab ichs vergessen.
Frau Lucca war fast 12 Jahre in Berlin, hatte nur 8000 Taler Gage, wollte nach Amerika und kam nochmals um einen Urlaub ein, den man ihr weigerte. Als bald darauf der Figaro wieder angesetzt war, kam das Publikum vor verschlossene Türen: Frau Lucca war nach Amerika »abgereist«! Von da an sang ich viele ihrer Rollen.



9.










[230] Auf dem Tempelhoferfelde nahmen wir im September selben Jahres die Dreikaiserparade mit Freund Kohler in Augenschein, der von seinem Blatte extra nach Berlin dazu gesandt war. Unter vielen Festlichkeiten fand auch ein großes Hofkonzert im Weißen Saale statt, in dem ich sang und zum erstenmal alle Pracht der[230]  großen Zeremonien, die drei Kaiser: Wilhelm I., Franz Josef I. und Alexander II., Bismarck und Moltke sah. Es war das letzte Hofkonzert, dem Bismarck beiwohnte. Der Anblick war großartig. Im Weißen Saale des Berliner Schlosses spielen alle großen Zeremonien und Festlichkeiten.
Quer der Längsseite, am oberen Ende des Saales, ist eine Estrade für Orchester und Sänger aufgestellt. Ein großer breiter Mittelgang bleibt längs des Saales frei. Rechts vom Orchester sitzen in der Mitte auf Thronsesseln: der Kaiser – damals die drei Kaiser – und die Kaiserin; etwas niedriger von beiden Seiten der Majestäten: der Kronprinz, die Kronprinzessin und alle anderen Prinzen und Prinzessinnen des Kaiserlichen Hauses. Hinter dem Kaiser direkt, damals: Bismarck und Moltke. Den Majestäten vis-à-vis, vom Orchester links, sitzen die Botschafter mit ihren Gemahlinnen, hinter diesen das ganze diplomatische Korps mit seinen Damen, alle Minister und sonstigen hohen Würdenträger, sowie hochgestellte Offiziere. Dem Orchester entgegengesetzt jüngere Offiziere mit ihren Frauen und andere Gäste, die sich bis in die angrenzenden Galerien und Gemächer verteilen, welche der Hof bei seinem Kommen passiert. Obwohl das Konzert erst um 10 Uhr beginnt, muß alles im Saale schon um halb neun auf seinen Plätzen sein, und nur wir Sänger hatten den Vorzug, des aparten Eingangs wegen später kommen zu dürfen. Da alles stehen muß, waren die Damen oft schon totmüde, ehe es anging, und wirkliches Erbarmen faßte mich immer, wenn ich die kleine chinesische Botschafterin stehen sah und ihrer kleinen Stümpfe von Füßen gedachte, die sich auch nicht setzen durfte, aber gewiß grenzenlose Qualen ausgestanden haben mag.
Pagen in Rokokouniform tragen die Courschleppe der Kaiserin und kgl. Prinzessinnen. Alle anderen Damen tragen ihre Courschleppen über den Arm geschlagen, selber. Die Pagen legen, nachdem die Majestäten Platz genommen, die Schleppen über die Thronstufen und nehmen dicht vor dem Orchester Stellung. Das Konzert beginnt, sobald vom Oberzeremonienmeister das Zeichen zum Anfang gegeben.
Während der Pause sprechen Ihre Majestäten zuerst mit den Botschaftern und ihren Frauen – auch das ist nach Zeit und[231]  Politik eingeteilt – dann mit allen denjenigen Persönlichkeiten, die besonders ausgezeichnet werden sollen. Der Kaiser ging, wenn dieser Pflicht genügt war, linksseitig in die hinteren Reihen zu den Damen der Diplomatie, um diese oder jene aufzusuchen, und kam dicht am Orchester zurück, wo er uns Künstler stets gütig begrüßte, nachdem er Hofkapellmeister Taubert zuerst die Hand gereicht hatte. Wenn alles wieder plaziert war, kam der zweite Teil des Konzertes. Nach Schluß desselben blieb alles stehen, bis sich der Hof durch Begrüßung sämtlicher Gäste in corpore wieder entfernt hatte und alles auseinanderstob.

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Die Kaiserin war schon immer in den Proben anwesend, die am selben Vormittage im Schlosse stattfanden, um sich über alle Arrangements genau zu unterrichten. Hier begrüßte uns die hohe Frau und erkundigte sich nach allem und jedem. Hofkapellmeister Taubert reichte die Programme ein, und die Kaiserin wählte, was ihr am besten für ihre Gäste zu passen schien.
In diesen Konzerten wurden nur große Stücke gemacht. Anders war's in den kleinen Donnerstagskonzerten, die im Palais der Majestäten, Unter den Linden, stattfanden. Dort ging's sehr gemütlich zu. Die Gesellschaft saß zu 6–8 Personen an kleinen runden, mit köstlichen Blumen geschmückten Tischen. Dicht vor der Kaiserin stand das Klavier, so dicht, daß man kaum Platz zu einer würdigen Verbeugung hatte. An einem Tische präsidierte also Kaiserin Augusta, am nächsten der Kaiser, am dritten der Kronprinz, am nächsten die Kronprinzessin. Dort Prinz und Prinzessin Karl, Bruder und Schwester Ihrer Majestäten, und überall die Damen und Herren des Hofstaates verteilt nach Rang und Sitte.
Prinzessin Karl war eine der liebenswürdigsten Frauen unseres Kaiserhauses und zeichnete mich immer ganz besonders aus. Sie war die einzige, die immer frische Blumen in Händen hielt, die geschmackvollste und eleganteste Toilette des ganzes Hofes trug; sie liebte Tiere und ging stets in Begleitung dreier großer, weiß und schwarzer russischer Windhunde spazieren. Auf der Straße oder in Wiesbaden, wo ich ihr oft begegnete, sprach sie mich besonders gerne an. Dann nahm sie immer ihren Schleier ab, ein Feingefühl, das ich ihr besonders hoch anrechnete, weil ich es[232]  gelehrt bekam und mich nun doppelt freute, die zarte Rücksicht hier in die Tat umgesetzt zu sehen. Sie wußte mir stets Angenehmes und Liebes zu sagen, und ihr bewahre ich ein dankbares Andenken für die Güte zu mir und ihre Tierliebe insbesondere.



10.










[233] Als ich das erstemal zu diesen Donnerstagskonzerten zugezogen wurde – wir Künstler waren im Nebenzimmer des Saales, dessen große Flügeltüren offenstanden, wo wir von jedermann gesehen werden konnten – trat nach einem Musikstück Prinz Karl auf mich zu, den ich bereits vom Theater her kannte, und gleich darauf eine junge sehr einfach frisierte Frau mit wundervollen blauen Augen. Sie sprach mich sehr liebenswürdig an, so einfach, natürlich, wie sie aussah, wendete sich dann zum Prinzen und bat ihn, sie zu entschuldigen, wenn sie ginge, sie hätte furchtbare Kopfschmerzen. Hülsen belehrte mich, daß es die Kronprinzessin gewesen, die mit mir gesprochen. Ihre herrlichen blauen Augen hat Angeli so wundervoll wiedergegeben und uns erhalten. Doch kann sich nur derjenige einen annähernden Begriff von ihrem Ausdruck machen, der sie wirklich kannte. Dreimal sprach ich sie bei besonderen Gelegenheiten. Einmal im kronprinzlichen Palais, gleich nach Bayreuth, wo wir die Rheintöchterszene mit Siegfried – Ernst – sangen; ein zweitesmal bei Lord und Lady Russell-Amphtill, dem englischen Botschafter, und zuletzt als Kaiserin-Witwe im Grunewald, wo sie auf mich zukam, mir die Hand reichte und mir denkwürdige Worte sagte: »Sie machen sich von meinem Martyrium keinen Begriff!«
Ach ja, ich konnte mir wohl einen Begriff davon machen. So wenig ich auch von den innern Kämpfen dieser unglücklichen Frau wußte, brachte ich ihrem Martyrium doch mein volles Herz entgegen. Ohne zu ahnen, wie weit ihr Leiden vorgeschritten, versuchte ich kurz vor ihrem Tode ihr meine Dienste als Künstlerin anzubieten, um ihr vielleicht eine Freude zu bereiten, doch wurde mir von lieber Seite ihr ablehnender Dank mitgeteilt. Leider war sie nicht mehr imstande, jemand zu sehen, und bald darauf erlöste sie der Tod von ihrem seelischen und körperlichen Martyrium.[233]
Schönheit, Männlichkeit und strahlende Heiterkeit waren des Kronprinzen Attribute. Eines jeden Antlitz erhellte sich und strahlte wieder vom Glanze dieser Persönlichkeit, die einem so entsetzlichen Schicksale verfallen sollte. Noch höre ich die Menge jubeln, wenn er daherschritt, und höre, wie beim 50jährigen Jubiläum der Königin Viktoria in London ihm ganz England zujauchzte, als sei er der Britten König, und sehe ihn in seiner ganzen großen Schönheit, in der im Sonnenglanz blendenden Uniform der Königin-Kürassiere dahersprengen, ahnungslos vom unerbittlichen Schicksal bereits im Innersten gezeichnet!



11.










[234] Auf ganz besonderem Fuße standen wir mit der Frau Prinzessin Friedrich Karl, geb. Prinzeß von Anhalt, Abkömmling der schönen Anna-Liese. Künstlerisch gebildet, verwöhnt durch ein ausgezeichnetes Theater, das der Anhalter Hof stets unterhielt, interessierte sie sich für Kunst und Künstler, war allabendlich im Opernhause und machte sich durch Blicke in unsere Loge verständlich, wenn ihr etwas gefiel oder mißfiel. Sie beobachtete sehr scharf und traf mit ihrem Urteil stets das Rechte. Hätte sie bei Hof oder nur in Berlin eine freiere Rolle spielen dürfen, würde sie sicher alle Künstler in ihrem Hause vereinigt haben. Da dies nicht sein durfte, mußte man sich begnügen, sie zu sehen, zu verstehen und zu lieben. In Wiesbaden stellte mir Prinz Karl ihre lieblichen Töchter, seine Enkelkinder, vor. Prinz Friedrich Karl blieb nach dem Dreikaiserfest – gleich Bismarck – für alle Zeiten allen Hofkonzerten und Theatern fern. Er beschäftigte sich mit Forstwirtschaft und Gärtnerei, die er leidenschaftlich betrieb und selber Hand mitanlegte, was ihm mehr Befriedigung gab als aller zeremonielle Pomp.
Außer den noch sehr jugendlichen Töchtern des Kronprinzenpaares gehörte noch die sehr elegante Prinzessin Alexandrine von Mecklenburg-Schwerin zu diesem auserlesenen Kreise.
Die verehrungswürdige Großherzogin-Mutter von Mecklenburg-Schwerin – von der Heinrich Heine uns so viel aus ihren Mädchentagen zu erzählen weiß – des Kaisers hochbetagte Schwester, und Großherzogin Luise von Baden, seine Tochter, kamen nur[234]  bei besonderen Veranlassungen nach Berlin, mit vielen anderen gekrönten Häuptern und Fürstlichkeiten, die das illustre Ensemble vervollständigten.
Zu Kaisers Geburtstag am 22. März wurde Theater gespielt in der Bildergalerie. Kleine Bruchteile aus Opern oder extra gedichtete, komponierte oder kombinierte Spielereien, die amüsieren sollten, meiner unmaßgeblichen Meinung nach aber nie das geringste Ergötzliche boten. Ich denke mir, man muß sich tödlich gelangweilt haben. Hofkapellmeister Taubert, der mit Geschmack, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten sowie tausend andern Dingen zu rechnen hatte, mußte mit Desirée Artôt de Padilla, der einzig lieben Frau und Künstlerin, Kaiserin Augustas Liebling, fortwährend Opern und Szenen erfinden, Texte machen, Hokuspokus komponieren, um nur einigermaßen allen gerecht zu werden. Jeder wollte mitmachen und war gekränkt, wenn er übergangen ward. Aber Frau Artôt arrangierte, kombinierte, verschob Stimmen, Personen und Szenen zu allem, was sie nötig glaubte, machte alles möglich und selbst aus dem Savoyardenknaben Pierotto in der Linda von Chamonix – aus der man einmal eine Szene gab – eine Pierotta, weil sie zu stark war, um als Knabe erscheinen zu können. Aus Chören machte sie Quartette, aus Arien Duette usw.; kurz alles, was man brauchte, um alle und alles zu befriedigen. Desirée Artôt de Padilla war die feinste Frau, die ich auf der Bühne kennen gelernt. Nicht nur als Künstlerin von bezaubernder Liebenswürdigkeit, sondern auch vollendet in Umgangsformen und gutmütig aus tiefstem Herzen. Ihr und ihrem lieben Wesen, ihrer großen feinen Künstlerschaft danke ich mehr, als ich ausdrücken kann.

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Bei den Geburtstagsfesten gab es große kalte Buffets für sämtliche Bühnenmitglieder, dicht neben dem Weißen Saal in einer anstoßenden Galerie. Es muß für Viele sehr verlockend gewesen sein, denn als ich einmal vor der Schloßvorstellung im Theater noch zu singen hatte, sagte Frl. Trepplin zu mir: »Ach, ich beneide Sie, Frl. Lehmann, Sie gehen heute noch hinauf, wo es so schön bibbert.« Mit dem »Bibber« meinte sie Aspic, Gelee und Gelatine, in denen die kalten Delikatessen zitterten.
Das Essen war aber auch wundervoll, und in Strömen flossen Wein und Champagner. Zu Fastnacht gab es einen herrlichen,[235]  lauen, weißen Punsch, der so wundervoll war, daß ich mir das Herz faßte, den Kaiser nach dem Rezept zu fragen. Der Kaiser sagte mir, daß es seine Mutter, die Königin Luise, aus einem Kloster in Königsberg mitgebracht habe, geheimgehalten werde und auch er dessen genaue Zubereitung nicht kenne.
Diener legten uns weiße Seidenpapiere unters Kuvert, um vom Konfekt mitzunehmen. Offiziere sah man mit gefüllten Paradehelmen die Treppen hinabgehen. Für ein junges Kind in unserem Hause hatte ich immer 2–3 Stückchen mitgenommen und ihm jedesmal gesagt: »Das schickt dir der Kaiser.« Das Kind war immer selig, und erst nach vielen Jahren zerstörte ich die kleine Lüge – die sie so selig machte – durch die Wahrheit.
Am gemütlichsten war's aber nach den kleinen Donnerstagskonzerten im Palais. Da aßen wir ebenfalls an kleinen Tischen im Nebensaal mit den jüngeren Offizieren und Diplomaten. Gewöhnlich saß Hofmarschall Graf Perponcher und Herr von Hülsen mit uns zusammen, denn es waren immer nur wenig Auserlesene dabei beschäftigt. Man aß hier ebenso ausgezeichnet, nur leider zu schnell. Wer Teller und Gläser nicht festhielt, kam nicht auf seine Kosten; fort waren sie, ehe man am Glase genippt oder einen Bissen gegessen hatte. Bedurfte es doch kaum eines Wortes zum freundlichen Nachbar: »adieu le saumon, le vin.« Nur einmal passierte mir das, dann hielt ich, was ich hatte. Jeder erhält ein Glas roten, ein Glas weißen Weines, ein Glas Wasser und ein Glas Champagner angeboten. Wer schnell trinkt, kommt wohl zu einem zweiten Glase, wer langsam dabei verfährt, kriegt gar nichts, denn im Umsehen ist alles abgeräumt. Nach Rücksprache mit dem Grafen Perponcher brachte ich es aber doch dahin, daß auf dem Künstlertisch stets eine ganze Karaffe Rotwein stand, aus der wir nach Belieben einschenken konnten, ohne ihr zu schnelles Verschwinden befürchten zu müssen.
Diejenigen, die nach dem Diner direkt zum Hofkonzert kamen, hatten's gut. Ich aber aß um 1 Uhr Mittag, trank um 4 Uhr eine Tasse Tee und sang gewöhnlich vor dem Hofkonzert noch eine große Partie im Theater, die man mit vollem Magen eben nicht singen kann. Nach der Vorstellung war kaum Zeit zum Abschminken, Umfrisieren und Umziehen, dann ging's in vollster Hetze zum oft[236]  recht verantwortungsvollen Konzert. Daß ich dann gegen Mitternacht nach einem Bissen schmachtete und gern ein Glas Wein trank, wird jeder verstehen, der sich einen Begriff von der geistigen und körperlichen Anstrengung solcher Jagden zu machen imstande ist.
Es war wirklich keine Kleinigkeit, 4–6 kleine Piecen für die Donnerstagskonzerte vom Morgen bis zum Abend zu lernen. Frau Artôt sang eine Menge Duette mit mir in allen Sprachen und Dialekten: französisch, spanisch, russisch, schwedisch, mit Koloraturen und Kadenzen, die oft erst Mittags in der Probe arrangiert und abends oft mitten im Singen geändert wurden. Da ich doch halbwegs wenigstens alles auswendig wissen mußte, war es eine große Anstrengung und bedurfte starker Konzentration. Außer mir hätte es wohl niemand fertig gebracht. Frau Artôt sang, meiner musikalischen Sicherheit halber, auch am liebsten mit mir, und daß ich dabei viel profitierte, ist selbstverständlich.


Am Abend merkte ich, ohne daß man mir nur ein Wort zu sagen brauchte, was und wie wir etwas machen oder nicht machen, d.h. ändern würden ohne ein Wort der Verständigung; ich war auf alles gefaßt. Gewiß wurde es mir leicht, aber es mußte doch gelernt sein, und blamieren durfte man sich im Kreise dieser internationalen Sprachkünstler auch nicht. Wieviel Elogen trugen mir diese Abende ein, wie stolz machten sie mich, wie glücklich meine liebe Mutter. –
Wurden wir schon während der Pause von beiden Majestäten mit Ansprachen ausgezeichnet, so sparte sich Kaiser Wilhelm immer noch eine ganz aparte Überraschung für den Schluß des Abends, nach dem flüchtigen Souper auf, indem er an unsern Tisch trat und sich in entzückendster Weise, heiter scherzend, noch eine Weile mit uns und anderen jungen Menschenkindern unterhielt. Immer wußte er glückliche Herzen und Gesichter hervorzuzaubern.
In diesen Donnerstagskreisen lernte ich auch den Erbgroßherzog von Mecklenburg-Schwerin, den Vater unserer heutigen bezaubernden Kronprinzessin, Cecilie, kennen. Der junge Fürst war von außergewöhnlicher Bescheidenheit und Einfachheit in seinem Wesen und immer gleichmäßig liebenswürdig die vielen Jahre hindurch, da ich ihm dort begegnete. Vielleicht hauptsächlich darum, weil man ihn krank nannte, brachte ich ihm ein großes menschliches[237]  Interesse entgegen, und ehrliche Freude bereitete es mir, als er eines Abends mir seine schöne Braut: Großfürstin Anastasia zeigte, mit der er sich soeben verlobt hatte. In Kronprinzessin Cecilie fand ich alle schönen Eigenschaften wieder, die Herz und Wesen ihres lieben Vaters auszeichneten. Außer ihm sah ich noch viele andere, deren ich später noch gedenken will.
Bald nach dem Tode der Königin-Witwe Elisabeth, Gemahlin Friedrich Wilhelms IV., geb. Prinzessin von Bayern, fand in den Elisabeth-Kammern des königl. Schlosses eine Art Trauerfeier, in Form eines religiösen Konzertes statt. Es wurden nur wenige klassische Nummern gemacht; Frau Mallinger, ich, Niemann und Betz sangen aus Mozarts Requiem das Benedictus. Alles war in schwarz gekleidet und besonders früh erschienen. Unser aller Liebling, Frau Prinzessin Friedrich Karl, trat zu uns beiden Damen heran und erzählte uns manchen Scherz und manche Bekümmernisse.
Von andrer Seite hatte ich bereits gehört, wie streng man gegen die jungen Prinzessinnen war, die sich nicht einmal nach Gefallen frisieren durften; niemand empfangen, ja, selbst ein freundlicher Gruß wurde zuweilen beanstandet. So war man auch der Kronprinzessin begegnet. Ihre herzige Art, ihr offenes Wesen und freundlich einfaches »sich geben« wurden unaufhörlich gerügt, bis sie verbittert sich in sich selbst verschloß.
Nach dem Konzert – wir saßen bereits beim Souper – trat Moltke mit einem Glase Sekt an mich heran, um Mozart mit mir zu feiern, ihm und mir für meine Mozartrollen zu danken. Es war nur das eine Mal, daß ich den großen »Schweiger« sprach, da er andern Festlichkeiten nicht mehr beiwohnte. Doch sah ich ihn und Bismarck fast täglich zur Parlamentszeit in der Leipzigerstraße zu Fuße gehen; eine Gelegenheit, die wir immer aufsuchten, weil man sich an den beiden Gestalten nicht satt sehen konnte.
Auch den alten 88jährigen »Papa Wrangel« sah ich täglich im Tiergarten auf meinen Spaziergängen, umgeben von einer Schar von Kindern, denen er Dreier und Bonbons austeilte, den alten General, dem man 1848 drohte, seine Frau zu hängen, falls er sich einfallen ließe, mit seinen Soldaten in Berlin einzuziehen. Aber er zog doch ein, und als er drin war, soll er im schönsten Berlinerisch geschmunzelt haben: »Soll mir nur wundern, ob se ihr hängen[238]  werden!« Auch wenn es nur Anekdote wäre, kennzeichnet sie »Papa Wrangel« vorzüglich.

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Im Februar 1873 kam Richard Wagner nach Berlin, um hier ein Konzert zu dirigieren, das seine Freunde zum Besten des Bayreuther Fonds arrangiert hatten, und das im alten Konzerthause in der Leipzigerstraße stattfand. Wagner begrüßte Mama und mich aufs herzlichste und schrieb uns gleich eine Billetanweisung auf seiner Visitenkarte, die ich noch besitze. Als wir in der Probe mit Wagner plaudernd neben Maler Hertel standen, der blond, groß und schön gewachsen war, klopfte Wagner ihm vertraulich mit folgenden Worten auf die Schulter: »Sie müssen mir den Siegfried singen!« Hertel, der Wagner eben erst kennen lernte, mußte, ob schon geschmeichelt, bedauernd ablehnen, was bei den Umstehenden große Heiterkeit hervorrief. Der Enthusiasmus des Elitepublikums war grenzenlos. Schon damals war es Gräfin Schleinitz, geb. Freiin von Buch – deren Mutter in zweiter Ehe, mit dem Fürsten Hatzfeldt verheiratet, eine treue Freundin Liszt's und Wagner's war – die all ihren Einfluß durch Stellung und Namen aufbot, um Wagners Werke in der deutschen Kaiserstadt durchzusetzen. Sie wurde allerdings von Gleichgesinnten dabei energisch unterstützt; aber ohne ihre ideale Führung, ihren unermüdlichen Eifer wäre gewiß noch lange zurückgehalten worden, was sich schon jetzt unaufhaltsam vordrängend Bahn brach, um wenige Jahre später alles um so gewaltiger zu überfluten.
Im gräflich Schleinitz'schen Hause trafen alle führenden Geister der Kunst, Wissenschaft und Literatur zusammen. Einzelne kunstliebende und kunstverständige Familien der Aristokratie vervollständigten den oft nur kleinen Kreis, der sich um Liszt, Hans v. Bülow, Helmholtz, Adolf Menzel, Gustav Richter, Taussig, Rubinstein, Karl Klindworth, C. Eckert, Albert Niemann usw. bildete, dem auch Scholz und Dohm, die beiden Männer vom Kladderadatsch, angehörten. (David Kalisch, des Blattes Gründer, war eben dahingegangen.) Fürstin Hatzfeldt, Fürstin Carolath, die Schwester der Wirtin, Fürst und Fürstin Franz und Hedwig Liechtenstein, Graf und Gräfin Usedom mit Tochter Hildegard, die ihrer walkürenhaften Gestalt halber »Usekathedrale« genannt wurde, sowie Graf Wolkenstein-Trostburg gehörten zu den ständigen Gästen dieses friedlich[239]  vornehmen Hauses, wo philosophiert, musiziert (die Gräfin war eine ausgezeichnete Klaviervirtuosin) und gelacht wurde, wo niemand sich zu langweilen befürchten mußte.
Nur einer besonderen Frau, der ich so gern im Leben begegnet wäre, begegnete ich dort nicht mehr, da sie bereits, bevor ich noch im gräflichen Hause verkehrte, um 1872 starb. Frau von Muchanoff! Welch eine Persönlichkeit muß sie gewesen sein, welch ideale Freundin vieler großer Künstler, welch ideale Förderin der Kunst! Vielleicht war Gräfin Schleinitz ihre gelehrige Schülerin, welche bis zu ihrem vor kurzem erfolgten Tode die Fahne des Idealismus hochhielt, wie sie mir selber sagte, was sie so ewig jung erhielt. Vielleicht nahm sie das Zepter nur aus Frau von Muchanoffs müden Händen, um es für Wagner, der Frau von Muchanoff schon so sehr viel zu verdanken hatte, weiterzuführen! Im Salon der Gräfin stand ein wundervolles Bild der merkwürdigen Frau, von Lenbach gemalt, vergeistigt, durchsichtig, fast körperlos möchte ich sagen, von ihm festgehalten. Das Bild ging mit Gräfin Schleinitz 76 sogar mit nach Bayreuth, als sollte es den Triumph Wagners miterleben! Die Verehrung, mit welcher man dieser Frau von allen Seiten begegnete und heute noch gedenkt, grenzt an Anbetung. Ich kenne sie nur aus dem Bilde und ihren Briefen an ihre Tochter Coudenhoven; aber ich meine, man könnte nichts Schöneres von ihr wissen als diese Briefe, die das wundervolle Wesen dieser Frau mit dem Bilde Lenbachs in schönsten Einklang bringen, die eine Niegekannte unvergessen machen.

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Hausminister Graf Schleimtz, der wohl um mehr denn 30 Jahre älter sein mochte als seine Gattin, war ein äußerst angenehmer Wirt. Wagnerianer war er nicht au fond du cœur, seiner Gattin zuliebe heuchelte er leise es zu sein. Wenn wir dort beratschlagten, wie Wagner am besten zu helfen wäre, oder Pläne zu Konzerten oder Veranstaltungen entwarfen, frug er wohl: was er dabei zu tun, wie dazu beitragen könne? wobei ihm das Amt des Veilchenverkäufers zufiel. Gerne bereit, die Mission zu übernehmen, zweifelte er gleichwohl bei seinem Alter, auf gute Geschäfte rechnen zu können, doch bedeutete ich ihm, daß ein so liebenswürdiger Hausminister und Graf auch für junge Mädchen immer noch Anziehungskraft genug besitze. Indessen kam alles anders, als es geplant war.[240]
Viel anregende Abende brachte ich bei Paul Meyerheim zu, in dessen gemütlichem Heim eine kleine Schar auserlesener Künstler ganz unter sich, ihrem Urteil, Geschmack und Humor die Zügel schießen lassen durften. Hier wurden Mozart, Beethoven, Bach und Haydn angebetet. Meyerheim spielte Cello, Stockhausen und ich sangen, und andre gaben von dem Ihren reichlich hinzu. Als Stockhausen, nachdem er gesungen, einst Angeli, der auch sehr gut sang, aufforderte uns etwas zum besten zu geben, erwiderte ihm Angeli: »Nein, nicht nach Ihnen; denken Sie nur, wenn Sie nach mir malen sollten!« Angeli hatte die Lacher auf seiner Seite. Einmal aber, als ich Angeli in seinem Atelier aufsuchte, wo ich ein Bild besichtigen sollte, malte er gerade an einem Porträt der Frau Prinzessin Friedrich Karl, und da erlaubte er mir, an einer Perle ihres Kolliers einen Pinselstrich zu machen.



12.










[241] Nach und nach war ich durch Frau Artôt und die vielen Hofkonzerte in allen Hofkreisen eingeführt, sang allüberall, war bei Fürst und Fürstin Anton Radziwill, sowie bei Lord und Lady Amphtill, dem englischen Botschafter, zu allen Jours geladen. Lord Amphtill, den wir schon als Lord Russell kannten, war ein außergewöhnlich einfacher lieber Mann, mit dem ich mich gerne allein unterhielt, wobei er mir von den Anfängen seiner Studienzeit erzählte, wie er als zweiter Sohn eines Lords sich in die allerbescheidensten Verhältnisse finden mußte. Wie alle Menschen, von starkem Innenleben, war er zeitlebens einfach, ernst geblieben und machte auf mich einen selten gediegenen Eindruck. Seine bildschöne, liebe Frau flog heiter sorglos und glücklich durchs Leben, bis sein Tod sie den furchtbaren Ernst kennen lehrte.
Bei Fürst und Fürstin Anton Radziwill fand alljährlich am Vorabend von Kaisers Geburtstag eine große Soiree mit musikalischen Genüssen statt, zu der die Majestäten und der Kronprinz stets erschienen, wo es außerordentlich lebhaft und sehr gemütlich zuging. Als ich einmal neben der Obersthofmeisterin, Gräfin Perponcher sitze, tritt eine auffallend schöne, etwas zugerecht gemachte Dame am Arme ihres Gatten ein. Mir entschlüpft ein[241]  leises »ah« der Bewunderung. »Kennen Sie die Dame?« frägt mich Gräfin Perponcher. »Nicht persönlich«, erwidere ich, doch erkannte ich in ihr sofort die einst berühmte entzückende Tänzerin Friedberg, jetzt Gräfin Westphalen, die ich seit 15 Jahren nicht mehr gesehen hatte, die noch immer selten schön war.
Auch Bill Bismarck traf ich später dort, mit dem ich mich schon damals sehr lebhaft über Tierschutz unterhielt. Ich bat ihn, den Fürsten dafür zu interessieren. Er schrieb mir darüber, daß der Fürst, sein Vater, wenn er Zeit genug hätte, sich gern der Sache annähme; da er aber alles nur ganz und nicht halb mache, müsse er davon absehen, da seine Geschäfte es jetzt nicht erlaubten.
Hier traf ich mit Etelka Gerster zusammen, die mit vielen Empfehlungen gekommen sich in Berlin und wohl überhaupt zum erstenmal hören ließ, wobei sie sich Taubert und mir gegenüber durchaus nicht als Anfängerin benahm. Die Gräfinnen Perponcher, Danckelmann und Frau von Prillwitz, drei Geschwister, die in Hofkreisen eine große Rolle spielten, nahmen sich der jungen Sängerin herzlich an. Als sie bald darauf bei Kroll als Nachtwandlerin auftrat, überschütteten die Damen sie mit Blumen, wozu sie alle ihre jungen Freunde beisteuern ließen, und Etelka Gerster war »gemacht«. Sie hatte eine sehr liebe Stimme, viel Charme und sang sehr gut.
Ich kann dies Kapitel nicht schließen, ohne einer der liebenswürdigsten Erscheinungen am Hofe, der Hofdame Ihrer Königl. Hoheit der Frau Prinzessin Karl, Gräfin Josephine Seydewitz, nachmaliger Gräfin Carl Dönhoff, zu gedenken. Schönheit, Witz und Heiterkeit schufen ihr unendliche Feindinnen, die sie am liebsten vernichtet hätten, was ihnen aber zum Glück nicht gelang. Sie lud mich oft ein, und außerdem begegnete man sich fast täglich in allen Gesellschaften, bei denen sie allerdings mit ihrem Witz auch niemand verschonte. Noch immer schön, starb sie nach schwerem Leiden in einem Sanatorium bei Dresden, und wie mir ihre Wärterin erzählte: »wie ein Engel«.



 13.










[242] In diesem Kreise stand mir die Herzogin von Sagan mit ihrer reizenden Tochter Dolly – die ich im Gesang unterrichtete – am nächsten. Der Herzog hatte mich persönlich darum gebeten, und die Herzogin verwöhnte mich gründlich. Dolly war eine sehr begabte, fleißige Schülerin, bis sie sich – fast ein Kind noch – mit dem Fürsten Carl Egon von Fürstenberg vermählte, der ihr nach kurzer Ehe durch den Tod entrissen wurde. Wenn ich um 9 Uhr früh zur Stunde kam – anders konnte ich nicht der Proben halber – steckte die Herzogin ihren lieben Kopf aus ihrem Zimmer, reichte mir die Hand, und mit einem herzlichen: »bon jour« Mademoiselle Lehmann, »vous allez bien?« verschwand sie wieder bis nach der Stunde. Oft mußte ich zum Frühstück bleiben, wenn meine Zeit es erlaubte, und wenn wir manchmal allein saßen, schüttete sie mir wohl auch ihr tiefbekümmertes Herz aus, und Tränen fielen aus den so klaren blauen Augen. Aber sie konnte auch sehr witzig und heiter sein, und viele mit Geist und Humor gewürzte Stunden verdanke ich diesen drei so feinen, liebvollen Menschen.
Viel unvergessene Momente bergen meine Erinnerungen an die höchsten und hohen Persönlichkeiten des deutschen Kaiserhauses, der Aristokratie und so vieler berühmter Menschen. Man kannte sich gut, denn man begegnete einander fast allabendlich im Laufe des Winters. Wie wenigen aber trat man wirklich näher. Ohne Stillstand flutete das Leben an ihnen vorüber. Im ewigen Banne der Repräsentationspflichten lernten viele möglicherweise ein persönliches Innenleben gar nicht kennen. Zu manch einem Wesen zog es mich, von dem ein Hauch der Seele oder des Herzens ausging, mit mir sympathisierte, schnell aber oder scheu sich wieder verschließend, als solle oder dürfe es nicht sein. Im Taumel der Freude, des Glanzes ihrer Stellungen streifen sie die Träger der Kunst ohne ihrer hohen Sendung, ihrer Seele inne zu werden. Die Kunst reizt sie im Künstler. Beides gewährt ihnen eine Unterhaltung auf Augenblicke oder Stunden und ist das einzige, meist lockere Band, das beide miteinander bindet. Ich aber habe vielen aus diesem Kreise ein treues Andenken bewahrt. Für das junge[243]  Mädchen war es eine glänzende Zeit; für die junge Künstlerin hätte sie es ebenfalls sein können, wenn die Musik, die man dort zu machen gezwungen war, nicht allzu minderwertig gewesen wäre. Nicht selten kam ich fast weinend aus diesen Konzerten und klagte meiner Mutter: »Mamachen, ich schäme mich vor den Leuten, solch elendes Zeug zu singen, sie werden denken, daß ich gar nichts Besseres kann.«



14.










[244] Der Gegenwart meiner Erzählung hastig vorauseilend, muß ich mich wieder in die Vergangenheit zurückfinden, da es in Wirklichkeit nicht gar so schnell ging, wie ich erzählen möchte, ja, mir manche Zeit sogar wie eine lange Geduldsprobe erschien.
Im Winter gastierte, wie alljährlich, Pollini mit seiner italienischen Gesellschaft, die aus Frau Artôt, ihrem Gatten, Mariano de Padilla, Tenor Vidal und anderen bestand. Man hatte Verdis Maskenball als Debüt annonciert, die Gattin des Kapellmeisters Goula, der man große Schönheit nachrühmte, sollte den Pagen singen. Drei Tage vor der ersten Vorstellung traf die Nachricht von deren schwerer Erkrankung aus Barcelona ein. Pollini wandte sich sofort an mich, ob ich den Pagen in kaum drei Tagen mehr lernen könne? Ich sagte zu. Obwohl ich nicht fließend italienisch sprach, wenn auch gewöhnt war, in der Sprache zu singen, und in Berlin wieder bei Maestro Pirani und dessen Gattin Stunden nahm, war's doch nicht leicht, da ich den Pagen in Aubers Maskenball gesungen hatte, der mir die alten Melodien gegen die neuen immer wieder aufzwang. Am dritten Abend sang ich aber die Rolle mit bestem Gelingen. Die Oper wurde wiederholt, und auch nach Hamburg gingen wir damit. In Goula lernte ich einen eminenten Kapellmeister kennen, der mich gar oft nach Spanien lud, und dem ich – weil ich die Einladungen abschlagen mußte – leider nie wieder begegnete. Die Rolle in italienischer Sprache in drei Tagen zu lernen war ein Kunststück. Es war aber nicht das letzte, das ich ausführte; und eines der vielen darf ich hier noch erwähnen.
Im Jahre 1875 schickte die Intendanz mittags um 12 Uhr zu mir, ob ich am Abend die Irma in »Maurer und Schlosser« singen und die Vorstellung retten wolle. Die Oper kannte ich gut,[244]  hatte auch die Henriette in Danzig darin gesungen, die Partie der Irma aber nie angesehen. Unter der Bedingung, nur das Allernotwendigste für den Abend lernen zu wollen, sagte ich zu. Um 4 Uhr war ich mit dem mir ziemlich unbekannten Duett und Finale, die beide recht schwierig sind, der ersten Arie und dem Dialog zu Ende gekommen; die zweite Arie wollte ich fortlassen. Als ich mich zum Fortfahren ins Theater vorbereitete, sagte meine liebe Mutter: »Lilli, es ist schade, daß du die zweite Arie fortläßt, sie ist viel dankbarer als die erste, ich habe sie immer viel lieber gesungen. Wenn du willst, so singe ich sie dir noch recht oft vor, dann lernst du sie noch schnell?« Gesagt, getan. Mamachen singt sie mir vor, ich singe sie nach und kann um 5 Uhr auch die zweite Arie. Im Theater wartete schon der Kapellmeister auf mich, mit dem ich die Rolle durchflog, ihm meine Tempi anzugeben, und fort ging's in die Schlacht! – Die Aufregung, die sich meiner bemächtigt hatte, war furchtbar, fast ohnmächtig fiel ich nach der ersten Szene in den Kulissen zusammen. Welche Sünde es ist, jemand so etwas zuzumuten, das sehe ich erst heute so recht ein. Ein Nervenschlag hätte mein Lohn sein können für die Gefälligkeit. Wer hätte mir meine Gesundheit und ein vernichtetes Leben vergütet? Viele Tage und Nächte lag mir die Erregung in den Gliedern, von der ich mich kaum wieder erholen konnte. Man wird mir sagen, daß es doch mein freier Wille und kein Zwang gewesen. Zugegeben; aber die Verlockung, eine Vorstellung zu retten, ist einem Künstler so angeboren, möchte ich sagen daß es nur der Versuchung bedarf, um ihr bestimmt zu unterliegen.

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Zu einer künstlerischen Ausarbeitung aller meiner Rollen, wie ich sie mir erträumt hatte, kam ich in Berlin vorderhand nicht. Die meisten Repertoireopern – auch wenn ich eine Rolle darin zum erstenmal sang – wurden ganz ohne Proben gegeben, und nur bei Einstudierung gänzlich unbekannter Werke wurde einem mehr Zeit gelassen. Freilich hatten wir ehrliche Künstler, die ihre Rollen für sich zu Hause studierten, damit fertig auf die Probe kamen und sich ineinander schickten, der Kleinere dem Größeren sich anpassend. – Denen tat ich's gleich vor allen andern, immer und überall. Für zweite oder dritte Kräfte aber, die weniger Künstler und meist gar nicht gewissenhaft waren, hatte man auch[245]  keine Zeit. Die sangen nun und spielten so schlecht oder gut, wie sie wollten und konnten. Wie vieles ließen Kapellmeister und Regisseure durchgehen, das oft haarsträubend, der Kunst unwürdig war.
Unter Regisseur Hein ging's noch, weil er den Sängern etwas zeigen konnte, aber er war oberflächlich, und auf den Proben ging's drunter und drüber. Dekorationen bekam man in den Proben überhaupt nicht zu sehen. Der ganze Chor ob beschäftigt oder nicht stand laut schwätzend auf der Szene. Manchmal war's zum verzweifeln. Nach einer Regimentstochter-Probe, die ich zum erstenmal singen sollte, wo es zuging, wie ich eben beschrieb, lehnte ich mich ernstlich dagegen auf. Aber es half mir nichts. – Unter Moritz Ernst wurde es nicht viel besser, vor allem andern wußte er viel weniger als sein Vorgänger. Dann kam Ferdinand von Strantz, der Nachfolger Laubes und Kompagnon Friedrich Haases in Leipzig. Da war's noch schlimmer. Strantz war ursprünglich Offizier, dann Sänger, dann Schauspieler gewesen, und nun Opernregisseur, bzw. Direktor der königl. Oper. Leider hatte er auch noch viele Nebenberufe; er spekulierte in Häusern, interessierte sich für Pferde und verkaufte beides. Kurz, er war von seinen eigenen Geschäften oft sehr in Anspruch genommen, daß er nur ein geringes Interesse seinem Hauptberufe entgegenbrachte, weil ihm die Häusergeschäfte nicht selten den Kopf recht warm machten. Die Proben wurden immer kürzer und unzulänglicher. Der Spielopern, in denen ich beschäftigt war, die auf den letzten Proben oft noch gar nicht zusammengingen, nahm ich mich an, indem ich meine Kollegen bat, nach den Proben auf der Bühne zu bleiben, damit wir Dialog und Stellungen noch besser fixieren konnten. Der Souffleur gesellte sich gern dazu, denn auch ihm lag daran, daß alles glatt ging. War doch manch einer dabei, der zu Hause gar nichts tun und alles von den Proben verlangen wollte, die eben nicht stattfanden. Die Nachsicht mit Anfängerinnen ging oft so weit, daß sie noch auf den letzten Proben die Rollen aus den Partien sangen. So etwas wäre an keinem Theater möglich gewesen und hätte von Rechts und von der Kunst wegen mit sofortiger Entlassung bestraft werden müssen. Ich frug mich nur immer, was man in Prag oder in Leipzig in solchen Fällen getan, was die Regisseure Hassel und Seidl gesagt hätten? In Berlin[246]  war es möglich und mit Frechheit von nichtskönnenden Anfängerinnen oft genug durchgeführt. Dann und wann spielte ich ganz energisch die Polizei, d.h., wenn ich beschäftigt war. Anderes ging mich nichts an. Daß ich von dieser Sorte als »neidisch auf junge Talente« erschien und bestens gehaßt war, läßt sich denken. Die Genugtuung ist mir aber geworden, daß manch ein Erfolg unserer hübschen Spielopern auf meine Rechnung zu setzen ist, nicht sowohl meiner Person wegen, sondern meines unermüdlichen Interesses halber für das Ganze, für das Kunstwerk, die Kunst und des Künstlers Ehre. Einmal auch begegnete es mir sogar, daß eine dieser »Künstlerinnen« sich nach ihrer Verheiratung herzlichst bei mir für die Zurechtweisungen bedankte und sich ihres unwürdigen Benehmens aufrichtig schämte. – Diese Art von unkünstlerischer Arbeit, von Gewissenlosigkeit und Leichtsinn, mit dem man so oft zu rechnen und zu wirken hatte, taten mir für die Kunst weher, als ich aussprechen kann.


Entschädigen mußten einen dafür alle diejenigen Aufführungen, in denen hauptsächlich alle ersten Kräfte beschäftigt waren, und eben solche, in denen ich autoritativ wirken konnte, indem ich auf eigne Faust mit den Nachlässigen probierte, mir einzelne sogar ins Haus bestellte und nicht eher locker ließ, bis sie einigermaßen Herren ihrer Rollen waren, zu dem ihnen allein Lust, Fleiß und Streben absolut fehlte. –
Hatte man nur mit sich allein zu tun, sich als passender Wert in Größeres einzufügen, dann war's ein Leichtes und eine Seligkeit. Nie hätte ich anders arbeiten mögen, nur immer mit höheren Geistern und größeren Talenten und nicht, um mich auf sie zu verlassen, sondern um mit ihnen zu kämpfen und zu ringen für das Ideal unsrer Kunst.



15.










[247] In Obhut ihrer zukünftigen Familie hatten wir meine Schwester zurückgelassen, die plötzlich alle Heiratspläne wieder aufgab; die Liebe zur Kunst war ihr zurückgekehrt. Wohl mochte sie sich die Verhältnisse anders erträumt haben, als sie in Wirklichkeit waren, und kurz entschlossen ging sie – nach manchem Ringen und[247]  Zagen – im Herbst 1871 nach Hamburg ins Engagement. Bald darauf holte sie unser alter lieber Freund, Direktor Behr, für fünf Jahre nach Köln. Einen Winter sang sie in Breslau, drei weitere Jahre in unserer alten Heimat Prag, und schließlich ging sie nach Wien, wo sie als k.u.k. Kammersängerin als Liebling des musikalischen Publikums vierzehn Jahre lang ununterbrochen tätig, noch heute unvergessen ist.
Als ihre Nerven aber wieder einmal und stärker als je vorher revoltierten, sagte sie – impulsiv wie immer – der Bühne Lebewohl. Viel zu früh beschloß sie eine reiche Karriere, viel zu jung und im Vollbesitz ihrer Stimmittel. Mahler wollte sie Wien durchaus wiedergewinnen, doch konnte sie sich nicht mehr entschließen, die Bühne wieder zu betreten, trotzdem ihr das Leben ohne ihre Kunst, leer und zwecklos vorkam.
Auch hier muß ich zurückgreifen. Im Jahre 1872 forderte mich Richard Wagner auf, die Sopranpartie in der 9. Sinfonie zur Grundsteinlegung des Bayreuther Wagnertheaters zu singen, doch wurde mir der Urlaub verweigert. Ich schlug Wagner vor, meine musikalische Schwester dafür zu engagieren, die sich ihrer Aufgabe zu seiner Zufriedenheit entledigte.
Wie leid tut es mir noch heute, daß ich die erhebende Feier der Grundsteinlegung nicht habe mitmachen können. Ich begriff aber auch, daß ich gerade zu der Zeit in Berlin unabkömmlich war, ich durfte nicht murren. Es gehörte zu den größten Enttäuschungen meiner lieben Mutter, daß Riezl die wiederholten Engagementsanträge Hülsens aus ganz haltlosen Gründen ablehnte, denn sie hätte es für die größte Freude ihres Lebens erachtet, uns beide an einer so großen Bühne vereint zu sehen. Später machte es sie freilich auch sehr glücklich, Riezlchen in Wien so außerordentlich anerkannt zu wissen. Sicher bin ich, daß meine Schwester besser nach Wien paßte als ins ernste Deutschland, dort, wo ihrer Heiterkeit und sorglosen Kollegialität ein angenehmerer Boden vorbereitet lag.
Im Laufe der fünfzehn Jahre meines Berliner Engagements sang meine Schwester sehr oft für mich an der königlichen Oper, so oft sie bei uns zu Besuch, ich zu Gastspielen fort war, was nach Abschluß meines zweiten Berliner Kontraktes gar oft der Fall gewesen. Leider konnte sie nicht überall für mich singen.[248]
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Anfangs der 70ger Jahre erhielt ich folgendes Telegramm: »Können Sie morgen hier Rosine singen? Schloß.« Natürlich konnte ich. Ich besann mich nie lange, wenn es sich darum handelte, am Platz zu sein; hatte nichts Eiligeres zu tun, als mir von Hülsen den Urlaub zu erbitten, den er sofort bewilligte, besorgte mir mein Kostüm, telegraphierte an Schloß-Dresden, daß ich käme, und fuhr am andern Morgen um 8 Uhr selbst nach dort. Sehr erstaunt, keine Probe angezeigt vorzufinden, gehe ich ins Theater und erfahre zu meinem größten Schrecken, daß Schloß seit einem Jahre schon nicht mehr in Dresden, sondern in Hamburg sei und mich wahrscheinlich dort erwartete. Von Schloß Rücktritt hatte ich kein Wort gehört, ich kannte Schloß nur in Dresden und war hauptsächlich darüber entsetzt, daß dieser nun in Hamburg umsonst auf mich wartete. Sofort telegraphierte ich: »Irrtümlich Dresden gereist,« und mußte mich schließlich dabei beruhigen, da ich's nicht ändern konnte. Dafür ging ich in die Galerie und sah zum erstenmal die »Sixtina«, ich möchte lieber sagen: zum erstenmal ein Bild! Bei seinem Anblick schwand mir jeder Irrtum, es war mir gleich, ob sie in Hamburg eine Rosine hatten oder nicht, ich sah nur dieses Bild, das mir zur lebendigen Erlösung wurde, mich in eine Kunst einweihte, die ich bis dahin noch nicht verstanden hatte. Der Eindruck war so nachhaltig wie Wagners Tristanvorspiel, obwohl beides so Grundverschiedenes gibt. Nur daß beides vom Genius empfunden und geschaffen war. Mir scheint, es gäbe kein größeres Glück, als ihn empfinden und verstehen zu dürfen!



16.










[249] Falls ich mich verbessern wollte, war es jetzt an der Zeit, meinen Kontrakt, der nach dem dritten Jahre – von beiden Seiten ungekündigt – stillschweigend unter den alten Bedingungen weiter laufen sollte, zu kündigen. Ich kündigte ihn also der Generalintendanz. Hülsen nahm die Verhandlungen auf, indem er mir zwei Vorschläge machte: Einen mehrjährigen Kontrakt mit erhöhter Gage oder einen lebenslänglichen Kontrakt mit 13500 Mark Gehalt, ungarantiertes Spielgeld (45 Mark pro Abend) mit Pensionsberechtigung[249]  nach den Gesetzen für königliche Beamte. Ich war für die höhere Gage und kurze Kontraktzeit, Mamachen plädierte für den lebenslänglichen Kontrakt, der ihr das Bewußtsein meiner gesicherten Zukunft gab, dessen Bedingungen mir aber – selbst für die damaligen Verhältnisse, und vor allem für das, was ich in mir fühlte – zu gering erschienen, und den ich später immer noch zu erhalten meinte. Da Hülsen auf erhöhte Forderungen nicht einging, brachen wir die Verhandlungen ab. Nun folgte, was immer zwischen zwei Kontrahenten folgt, die nicht zusammenkommen können, eine Spannung. Man sah sich nicht gern, ging einander aus dem Wege. Aus der »Perle«, wie mich Hülsen in Briefen ansprach, wenn ich gefällig gewesen, für andere eingesprungen war oder über Nacht gelernt hatte, wurde wieder »Sehr geehrtes Fräulein«. Ich ärgerte mich, Hülsen ärgerte sich. Schon bevor ich nach Berlin ging, hatte ich Anträge von Dresden und Wien, Oberregisseur Schloß war schon in Leipzig wegen Kontraktes für Dresden bei mir gewesen, aber ich wäre ungern fort von Berlin, wo ich doch festen Fuß gefaßt und so glänzende Vorbilder hatte. Meiner lieben Mutter war's traurig zumute, ich konnte sie durch nichts heiter stimmen. Eines Tages tat Hülsen den ersten Schritt. Er redete mir nochmals eifrig zu, den lebenslänglichen Kontrakt zu unterschreiben, und obwohl es noch eine ganze Weile dauerte, bis er meiner Forderung: einen dritten Monat Urlaub – den man mir eventuell für doppelte Gage und doppeltes Spielgeld abkaufen sollte – nachgab, unterschrieb ich endlich. Tatsächlich nur, um meine liebe Mutter über meine Zukunft zu beruhigen; ich selbst konnte mich über die Folgen dieses Kontraktes keinen Augenblick täuschen. Ich wußte nur zu gut, daß ich mit dieser Unterschrift das Los einer königlichen Beamtin besiegelt hatte, daß ich in meiner Karriere niemals auf die Höhe, die ich zielbewußt in mir trug, gelangen, daß ich von Hülsen weiterhin als Utilité betrachtet werden, und er mich nie in meinen künstlerischen Zielen unterstützen würde. Die Zukunft bestätigte meine Befürchtungen.



 17.










[250] Nun mein Bleiben gesichert war, dachte ich zuerst daran, mir einen guten Flügel anzuschaffen. Um meine kleinen Ersparnisse nicht anzurühren, erbat ich mir dafür einen Vorschuß, den man mir weigerte, es sei denn, daß ich ein »Armutszeugnis« einbrächte. Ich dankte und kaufte den Bechstein-Flügel dennoch, der aber nicht über unsere enge Haustreppe ging; und da es auch durchs Fenster unmöglich war, mußte er wieder ins Lager zurück. Nun litt es mich nicht mehr in der unbequemen Wohnung, wir gingen, eine bessere zu suchen.
Unterdessen war Frau Römer aus Prag mit Kopf- und Gliedschmerzen angekommen, und nach drei Tagen konstatierte unser alter Theaterarzt, Sanitätsrat Haugh, »die Pocken«. Er ordnete sofort alles zu ihrer Überführung ins Pockenlazarett an, und während ich zur Probe ging, zog Mama ihre arme Freundin – deren Nägel und Kopfhaut bereits blau waren – selber an, um sie an den bereitstehenden Krankenwagen zu führen. Weder Mama noch ich fürchteten uns vor irgendeiner Ansteckung, aber es war uns Herrn Römers wegen sehr fatal, der sich auf die Nachricht hin ganz verzweifelt und äußerst ungerecht gegen uns benahm. Meinte er doch, sie habe sich in Berlin angesteckt, während sie die Krankheit tatsächlich von der Reise mitbrachte. Sanitätsrat Haugh bestand darauf, uns andern Tags zu impfen. Aber schon am Abend vorher stellten sich bei mir plötzlicher Schüttelfrost und starkes Fieber ein, das nach einigen Stunden ebenso plötzlich wieder verschwand und keine weiteren Folgen hinterließ. Die Impfung hatte bei mir auch nicht den geringsten Erfolg, während Mamas rechter Arm sehr stark anschwoll.
Bei der armen Frau Römer hatten sich die schwarzen Pocken entwickelt, deren Gefahr wir uns keinen Augenblick verhehlten. Als sie wieder genesen war, erzählte sie uns, wie sie eines Nachts gelähmt dagelegen, den Arzt sagen hörte, daß sie tot sei. Erst nachdem er mit der Wärterin den Saal verlassen, sei ihr eine überirdische Kraft gekommen. Sie erhob sich, stürzte aus dem Bett, rannte in rasender Eile über die drei Treppen in den Hof[251]  hinunter, wo sie, von starken Händen umfaßt, ohnmächtig zusammenbrach. Von dem Augenblick besserte sich ihr Zustand.
Schon nach wenigen Wochen gingen wir täglich ans Hospital am Moritzplatz, brachten ihr stärkendes Essen und Getränke und sahen die Arme aus der Entfernung aus den schwarzbehängten Fenstern uns zunicken, bis unser Arzt sie uns eines Tages – sehr verändert – wieder zuführte. Ein trauriges und doch auch frohes Wiedersehen! Sie war munter und freute sich ihres wiedergewonnenen Lebens. Am selben Abend fuhr sie auf Wunsch des Arztes, von uns beiden zur Bahn gebracht, nach Prag zurück in die Arme ihres Gatten. Es dauerte sehr lange, bis dieser sich beruhigte und uns von aller Schuld frei sprach. Wie Hohn des Schicksals klang es, als uns zwei Jahre später Frau Römer davon benachrichtigte, daß ihr Gatte an den schwarzen Pocken gestorben sei. Sechs Monate vor seiner vollständigen Pensionierung, die ihm das Vierfache seiner jetzigen Einnahmen in Aussicht stellte, nach 30jähriger Berufszeit, um die er mehr als 20 Jahre allen Demütigungen als Künstler, allen pekuniären Abzügen getrotzt und mit seiner Familie geradezu kümmerlich eingeschränkt lebte, um die so sauer erworbenen Früchte der traurigen Zeiten in seinen alten Tagen zu genießen, um die ihn der Tod nun auch noch betrog!



18.










[252] Mama war zur Kur nach Marienbad abgereist, meine Schwester zu mir gekommen. Die Wohnungsfrage mußte nun endlich erledigt werden. Meine Mutter hatte sich eine passende Wohnung auf dem Leipziger Platz Nr. 19 angesehen und mir empfohlen; als ich aber die Mansardenfenster von unten sah, die nach dem Potsdamer Platz liefen, weigerte ich mich, hinaufzugehen, und sagte stolz: »In die Fenster bringen mich keine zehn Pferde«. Wir hatten eines Tages in der Charlottenstraße eine Wohnung angesehen, die ich bestimmt zu mieten gedachte, als uns der Zufall am Leipziger Platz vorbeiführte und mir die Wohnung Nr. 19 ins Gedächtnis zurückrief. Der Zettel hing noch am Hause, und besser gelaunt entschloß ich mich zum Aufstieg in den dritten Stock. Da flutete mir so viel Sonne, Licht und Wärme aus den kleinen neu[252]  hergerichteten Mansardenzimmern entgegen, denen ein einziges großes »Turmzimmer« als Aushängeschild diente, daß ich unbekümmert um alle Nebenumstände und den hohen Preis die Wohnung nahm und siebzehn Jahre lang behielt.

»Die goldene Sonne« in Leipzig, in der es so eisig ziehen konnte, hatte mir ein sehr unangenehmes Andenken hinterlassen. Es zwickte, zwackte und riß mich schon seit lange an Händen, Füßen, Armen, Beinen, Kopf und Schultern, der Schmerz flog unaufhörlich hin und her und steigerte sich bis zur Unerträglichkeit. Ich wurde gezwungen, in Wiesbaden Heilung vom fliegenden Rheumatismus und meinen Schmerzen zu suchen, wo Mama und ich während meiner Urlaubszeit im »Hotel Adler« stille Wohnung und ausgezeichnete Verpflegung fanden. Meist lagen wir um 1/29 schon in den Federn, nur selten gingen wir ins Theater, das übrigens ausgezeichnet war, und wo wir Wilhelm Jahn und Gabriele Szégal, die dramatische Sängerin meiner Prager Epoche, wiederfanden. Gabriele Szégal hatte die größte und wärmste dramatische Stimme, deren ich mich erinnere. Sie war nebst Marie Wilt auch die letzte jener Sängerinnen, die außer hochdramatischen Rollen noch die Konstanze in der Entführung großartig sang und auch die Königin der Nacht singen konnte. Groß und stark, schien sie dennoch knochenlos in den oberen Extremitäten. So oft sie Hände und Arme aufhob, sanken sie haltlos sofort wieder herunter; nie kam eine ruhige Bewegung, nie der geringste Ausdruck dadurch zustande, und mit den Gesichtsmuskeln war's nicht viel besser. Sehr befreundet, übersprachen wir die Tatsache, doch gelang es der unendlich fleißig-strebsamen Künstlerin nicht, ihre Energie auf das Festhalten von Hand- und Armstellungen zu konzentrieren. Ich erwähne es, weil mir nie vorher oder nachher im Leben ähnliches Unvermögen vorgekommen ist.
An der Table d'hote unseres Hotels, deren Präsident General von Schlichting war, lernten wir Kaufherrn Schwabe aus Manchester kennen, der bald darauf nach Berlin übersiedelte, in dessen Familie ich viel verkehrte; außerordentlich feinfühlende, gebildete Menschen. Bei ihnen traf ich im fröhlichen Kreise Rubinstein, Adolf Menzel, Ernst von Wildenbruch und Karl Maria von Webers[253]  Sohn, dessen Tochter Maria sich Ernst von Wildenbruch zur starken Lebensgefährtin erkor.

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Auch Bodenstedt lernte ich in Wiesbaden kennen, der auf Spaziergängen öfter unser Begleiter wurde, mir aber trotz seines entzückenden Mirza Schaffy keine Sympathie abgewinnen konnte; ein Resultat, das sich bei seinen Berliner Besuchen nur erneuerte.
Die Kur bekam uns glänzend. Nie noch hatten Mutter und ich uns die unbedingte Ruhe gegönnt, die uns beiden seit langem schon not tat. Das regelmäßige Leben, der schöne Aufenthalt, frühes Zubettgehen ruhten meine Nerven und den angestrengten Körper aus. Die rheumatischen Schmerzen freilich nahmen wie nach jeder Heißwasserkur mehr überhand, aber nach Jahresfrist war ich vollständig davon befreit, sie meldeten sich nie wieder.
Ehe ich Wiesbaden verließ, sang ich in einem Konzert und zwei Tage darauf in Jahns Benefiz die Königin in den Hugenotten. Wie freute ich mich, Jahn gefällig sein zu dürfen, der uns als Kinder kannte und gegen Mama stets liebenswürdig gewesen war. Fräulein Szégal lieh mir ihre Kleider, aus deren Taillen alle Seitenteile genommen wurden, denn ich war noch immer übermäßig schlank, was dem Erfolg des Abends keinen Eintrag tat und mich, wie jeder Erfolg, ein wenig stolz machte.



19.










[254] Wie sonnig war's in unserer neuen Wohnung! Nicht viel größer, nicht eleganter als die alte, aber überall sah man auf Gärten und blühende Bäume. Die alten herrlichen Linden am Leipziger Platz, von denen die eine den ersten Sonnenstrahl des Ostens empfing und darum allen andern um mindestens acht Tage voraus war. Wenn sie dann alle ihre zarten durchsichtigen Blattgewebe eben ausgeschossen hatten, die schwarzen Äste und Zweige aber noch durchschimmerten, sahen sie aus wie hellgrüne Schleier körperloser Elfen aus alten Märchen. Mit jedem Frühling wurde das alte Wunder ein neues, herrlicheres, stimmungsvolleres. Unseren Fenstern gegenüber, die nach dem Potsdamer Platz liefen, stand das kleine Tiergarten-Hotel mit seiner blühenden[254]  Zauberecke, in der es monatelang täglich etwas Neues, Blühendes zu betrachten gab. Man hatte dabei das Gefühl des Eigentums, oder eines lieben Andenkens, das man keinem andern gönnen mochte, aus Angst, es könne weniger heilig gehalten, weniger geliebt werden. Und die alten Kastanienbäume der friedlichen Bellevue- und Potsdamerstraße! Mußte es nicht hell sein, wo so viele Kerzen leuchteten? Und fast mitten auf dem Platz stand die kleine brüchige »Comode«, die Ringapotheke, oder ihrer schlechten Medikamente halber vom Berliner die »Giftapotheke« getauft, von deren kleinem Balkon des ersten Stockes bei jeder patriotischen Gelegenheit zwei elende, kleinste schwarzweiße Fähnchen wehten. Und durch die ganze Königgrätzerstraße lief ein Bahngleis, auf dem Frachtzüge von einem Pol der großen Stadt zum andern mit Glockengeläute geschoben, d.h. gefahren wurden. Und was fuhr, zog und ritt nicht alles an uns vorbei! Der ganze Hof von und nach Potsdam und alle Einholungen fanden dort statt. Als ersten sahen wir den Schah von Persien einziehen. Und Regimenter zogen mit klingendem Spiel zu Paraden oder Übungen aufs Tempelhofer Feld, von deren Uniformen Mamachen immer per »Maskerade« sprach. Und der Tiergarten, in welchem man damals noch allein, sorglos spazieren gehen konnte, ohne Furcht vor Raub und Mord. Und der zoologische Garten, worin uns jedes Tier kannte und seine Freude ausdrückte bei unserem Kommen! Damals war Berlin noch eine kleine große Stadt, und urgemütlich waren die Berliner, die, nur noch in wenigen Originalen vorhanden, längst im Aussterben begriffen sind. Ach ja, Erinnerung ist ein Paradies, worin Glück, Dankbarkeit und Zufriedenheit ihre Lieblingsplätze zeitlebens besetzt halten.
Und wenn nach Bayreuth 76 die Ulanen am Potsdamer Platz gar so schön bliesen, so wußten wir, daß es unser damals noch junger Major – heute unser lieber, treuer, alter Freund, General Oscar v. Rabe, Exzellenz, war, der, seinem Regiment vorausreitend, so schön aufspielen ließ, dem wir huldvollen Dank vom hohen Balkon herunternickten. Das heißt, einen Balkon hatten wir nicht, wohl aber einen Dachgarten, auf dem wir uns wie Freiinnen dünkten; oder wir lächelten aus hohen Fenstern hernieder dem treuen Ritter zu.[255]
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Anfangs der siebziger Jahre war Oscar v. Rabe Adjutant des alten Wrangel gewesen, ihm und seiner Gattin bis in den Tod ergeben, was die Berliner nicht hinderte, den jungen Adjutanten »das Kindermädchen« zu nennen. Papa Wrangel war schon sehr kindisch! Oscar v. Rabe sang selbst recht gut, war Theaterenthusiast wie wenige. In Bayreuth erklomm er trotz seiner Anbetung für Mozart doch auch die Staffel des Wagnertums, wie er gleich allen Musikenthusiasten überall zu finden war, wo Kunst und Künstler Großes darzubieten versprachen.
Unser Haus, auf dessen Stätte sich heute das große Palast-Hotel erhebt, war vom Obertribunalsrat Heffter erbaut, der den ersten Stock bewohnte, das Haus aber bereits an Herrn Alwin Ball, im zweiten Stock, verkauft hatte. Den dritten Stock teilten wir vorläufig mit einer Witwe und deren drei Kindern, bis ich später die ganze Etage nahm, die nun aus acht Zimmern usw. bestand und auf den Potsdamer und Leipziger Platz die Aussicht hatte. Von Heffters, mit denen ich freundschaftlich eng verbunden war, brauche ich nur eine kleine Episode zu erzählen, um sie zu kennzeichnen. Als der liebe alte, 83jährige Obertribunalsrat starb, unterließ ich alles Singen, mußte aber am dritten Tage notwendig üben, nachdem ich zuvor herzlich hatte um Entschuldigung bitten lassen. Die einzigliebe Frau ließ mir sagen, das solle ich ja tun, denn ihr lieber Alter würde sich noch im Sarge freuen, mich zu hören. Glücklicher, gesunder Humor würzte der ganzen großen Familie das Leben, die doch auch manches Schwere zu ertragen hatte. Und wie ich die Großeltern liebte und verehrte, so hängen noch heute Enkel und Enkelkinder an mir in treuer Liebe und Freundschaft.



20.










[256] Ehe wir im Sommer 1874 in Selisberg Aufenthalt nahmen, hatte ich nach einer ziemlich anstrengenden Saison noch die »Genofeva« von Schumann für Hülsen gelernt, der die Oper gerne geben, sie aber erst sehen wollte, um sich ein Urteil darüber zu bilden. Wiesbaden, wohin er nach der Saison meistens ging, schien ihm der geeignetste Ort dafür. Dort also sang ich erst die[256]  Susanne im Figaro und gleich darauf, mit einer einzigen Probe, die Genofeva, mit der ich mir sehr viel Mühe gegeben hatte – die dann aber in Berlin, zum Dank, Frau Mallinger sang. Zu einer Wiederholung konnte ich mich nicht entschließen, da ich mich nach Ruhe und Freiheit sehnte.
Wir trafen Ende Juni in Selisberg ein. Zum erstenmal sah ich die Schweiz und ihre schönste Perle: den Vierwaldstätter See! Wir waren mit Gewitter über den See und oben am Hotel angekommen. Als wir aber gleich darauf heraustraten, stand über dem Axenstein – uns gegenüber – ein Regenbogen, wie es in Schillers Tell beschrieben, wenn die Männer am Rütli – eigentlich Grütli – unterhalb Selisberg, schwören. Wie ein Wunder stand die Szene vor unseren Blicken, obwohl es sich im Tell bekanntlich um einen Mondregenbogen handelt, den ich erst fünfzehn Jahre später, ebenfalls in der Schweiz kennen lernen sollte.
In Selisberg trafen wir Freiherrn von Rommel aus Kassel, der sich meiner Mutter lebhaft erinnerte, dessen Tochter ausgezeichnet Harfe spielte, und mit dem sie oft alte Erinnerungen tauschte. Es fand sich auch sonst für uns sehr angenehme Gesellschaft zusammen. Eines Tages kamen zwei junge Männer angereist. In demjenigen der einen Violinkasten trug, erkannte ich unseren alten Leipziger Freund, Wilhelm Schwendemann – später Professor am Würzburger Konservatorium; in dem anderen Dr. S. aus Berlin, später berühmter Halsarzt in London, die beide auf einem Bummel begriffen, uns zu überraschen gedachten. Die wenigen Tage, die sie sich oben aufhielten, benützten wir zum Musizieren. Dr. S. spielte glänzend Klavier, Schwendemann war ein ausgezeichneter Geiger. Nun wurde alles hervorgesucht, was mit Begleitung der beiden Instrumente zu singen war, ganz Selisberg stand auf dem Kopf. Natürlich fehlte es nicht an der Ursache zu einem Wohltätigkeitskonzert, das unter unserer »gütigen Mitwirkung« vom Morgen auf den Abend veranstaltet und 1000 Frs. für einen armen schwindsüchtigen Kapellmeister eintrug. Die eigentlichen Veranstalter des Konzertes waren: Herr und Frau General von Voigts-Rhetz, die erst selber spielen sollte, dann aber absagte, und die berühmt schöne Frau von Mutzenbecher aus Wiesbaden, die Kaiser Wilhelm gerne sah. Als die beiden fahrenden[257]  »Musikanten« talabwärts gezogen waren, wurde es wieder still und beschaulich in unserem Hotel und auf dem Berge.

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Das Ereignis dieses herrlichen Aufenthaltes bildete ein Brief Richard Wagners an meine Mutter, worin er anfrug, ob wir beiden: Riezl und ich, in den Bayreuther Festspielen mitwirken könnten; er brauche frische, junge Kinder. Um alles Nähere zu besprechen, würde er sich freuen, uns bald in Bayreuth zu sehen. Mit freudigstem »Ja« sagten wir Wagner zu und versprachen unser Eintreffen in Bayreuth für Anfang August einzurichten.
Wir sollten noch Zeugen eines furchtbar traurigen Ereignisses sein, ehe wir Selisberg verließen. Föhn brach herein und hielt alle Gäste tagelang im Hause gefangen. Nur die Beherztesten, zu denen ich mich rechnen darf, trotzten Sturm und Regen und liefen durch Wälder über Berge. Hiobsposten drangen durch Boten zu uns herauf, Gäste konnten weder herauf noch hinunter, bis endlich nach acht Tagen das Wetter sich zu ändern anschickte. Kaum hatte ich ein Fleckchen blauen Himmels erspäht, das der Nebel sofort wieder neidisch verhüllte, als ich mich in Begleitung des alten Herrn von Rommel aufmachte, nach Weggis hinunter zu marschieren, teils um mich auszulaufen, teils um die Schäden zu besehen. Schon unterwegs boten sich uns schreckliche Bilder; die schönen Wege waren unpassierbar. Hier lagen herrliche Bäume darüber, dort waren große Flächen Äcker und Wiesen in die Tiefe abgerutscht, nur kahle Felsen sichtbar, auf denen sonst üppige Wiesen lagerten; vieler Jahre Mühen total vernichtet.
Beim Anblick der traurigen Bilder wüster Zerstörung ergriff mich ein wahrer Kummer, den ich heute noch tausendfach stärker empfinde, seitdem ich weiß, was alles in Stunden vereinter lebendig gewordener Elementarkräfte der Vernichtung preisgegeben ist. Da hegt und pflegt man an jedem Blümchen, jedem Tierchen, pflückt keinen Halm, zertritt kein Insekt, um sie dem Haushalt der Natur zu erhalten, und in einer einzigen Minute machen wütende Elemente Myriaden von Lebewesen, Blumen und Bäumen zu nichte.
Sämtliche Ortschaften am See standen tief unter Wasser, mit Kähnen hielt man den Verkehr aufrecht; ein ungeheurer Schaden war angerichtet. Traurig erstiegen wir die nun fast weglose Anhöhe.[258]  Ich wollte nicht mehr hineinsehen in das – wie mir schien nie wieder gut zu machende Unglück. Solcher Naturereignisse gewohnt, vielleicht auch stärker, weniger fein besaitet als wir, hatten die Schweizer nur weniger Tage bedurft, alles zu säubern; und sobald sich das Wasser verlaufen hatte, waren auch schnell die letzten Merkzeichen des Unglücks verschwunden. Mir aber tat's noch lange weh, nachdem wir Selisberg den Rücken kehrten, mit Alpenveilchensträußen überschüttet, die uns viel dankbare Menschenkinder mit auf den Weg gaben, die gut gemeint, mir in dieser Überfülle aber schon damals ein Vandalismus schienen, ein Raub an der Natur. –



Brichst Du Blumen, sei bescheiden
Nimm nicht gar zu viele fort! –
Nimm ein paar und laß die andern
In dem Grase, an dem Strauch!
Andre, die vorüberwandern
Freu'n sich an den Blumen auch.

(Joh. Trojan.)



21.










[259] Die liebe Sonne hatte es sich angelegen sein lassen, mir allüberall ein freundliches Plätzchen anzuweisen. Wie bescheiden, gut und billig wohnte man damals in der lieben Bayreuther Sonne! Außer dem Stammgast, Hauptmann von Schrenck, einem Freunde Wagners, der sich uns sogleich vorstellte, waren Mama und ich die einzigen Hotelgäste. Wirt und Wirtin nahmen teil an dem vortrefflichen Mahl, das aus Suppe, Rindfleisch mit Kren (Meerrettich) und einer Mehlspeise bestand und pro Person 60 Pfennige kostete.
Am Nachmittag gingen wir zu Wagner. Da standen wir nun vor »Wahnfried« und lasen die vielbewitzelte Inschrift des Hauses:

»Hier, wo mein Wähnen Frieden fand
Wahnfried sei dies Haus von mir genannt.«

ein Fremdes, in das man hineinzuwachsen hatte!
Wagner empfing uns wie alte, liebe Freunde, die er tatsächlich, in meiner Mutter wenigstens, vor sich hatte. Nachdem wir auch[259]  Frau Cosima – von ihr aufs liebenswürdigste begrüßt – kennen gelernt, Wagner uns über seine Absichten etwas unterrichtet hatte, schlug er die Partitur von Rheingold auf, aus dem er uns die erste Szene spielte und sang. Kaum hatten wir einige Takte vernommen, als ich entzückt von dem melodischen Wohlklang der Harmonien, Woglindes Stimme vom Blatte zu singen mich hingerissen fühlte. Die ganze Heiterkeit, den Übermut der drei Mädchen erfassend, sah ich die Szene vor mir. Wie langersehntes Glück kam es über mich, wohl fühlend, daß ich Wagner etwas geben würde können, auf das er mit Recht hoffen durfte: Lust, Liebe und Verständnis zu seinem großen Werke. Gleich nach den ersten Takten hatte ich die Rollen im Kopfe besetzt und sagte zu Wagner, als wir die Szene geendet hatten: »Woglinde singe ich, Wellgunde meine Schwester, Floßhilde Fräulein Lammert; Sie brauchen sich um die Drei nun nicht mehr zu kümmern, lieber Herr Wagner.« Daß Hülsen uns den notwendigen Urlaub für die Proben 1875 und die Vorstellungen 1876 nicht weigern würde, setzte ich voraus.
Das große Bibliothek-, Empfang- und Schreibzimmer Wagners, in das man durch eine Halle – in welcher Büsten aufgestellt – gelangte, nahm mein regstes Interesse in Anspruch. Ein breites Viereck, von dessen rundausgebauter Breitwand gegenüber dem Eingang – eine Freitreppe in den schönen Garten führte, der, an den königlichen Garten stoßend, noch größer schien, als er eigentlich war, und zu dem Wagner Zutritt hatte. Rings an den Wänden Regale voll kostbarer Bücher in kostbaren Einbänden. Darüber Ölgemälde von König Ludwig und Gräfin d'Agoult, Frau Cosimas Mutter, unter dem Pseudonym »Daniel Stern« als Schriftstellerin bekannt. Links – vom Eingang gesehen – stand Schopenhauers Bild vor Wagners großem Schreibtisch, rechts der Flügel und Wilhelmine Schröder-Devrients Büste, die Wagner so hoch verehrte. Zwischen Bücherregalen und langen Tischen, auf denen viele Denkwürdigsten auf prächtigen Stoffen lagen, standen, wie im ganzen Raume, bequeme Stühle und Fauteuils aller Arten und Zeiten. Von der Freitreppe aus sah man über Rasen hinweg auf eine von Sträuchern beschattete Marmorplatte, der einstigen Ruhestätte Richard Wagners.[260]
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Wir sahen auch die vier Töchter und den kleinen stillen, kaum vier Jahre alten Siegfried, der in seinem Gärtchen grub und pflanzte. Jedes der Kinder hatte sein Plätzchen, wo es der Gärtnerei obliegen durfte. Zwei große Bernhardinerhunde, Marke und Brangäne, und mehrere Teckel liefen im Hofe herum; Wagner war ein großer Tierfreund. Wir aßen noch bei Wagners, wobei er viel über Vegetarismus sprach, den er so gerne ganz und gar angenommen hätte, dem sein Arzt aber entgegen war. Nach dem, was ich heute davon aus eigener Erfahrung kenne, bin ich sicher, daß Wagner – ohne in extremen Vegetarismus umzuschlagen – dem Leben dadurch länger erhalten geblieben wäre.
Andern Tags fuhren wir nach Berlin zurück, die Ferien waren zu Ende.
Nun galt es, meine Schwester sowohl als unsere jüngste Altistin, Minna Lammert, für die Rheintöchter zu gewinnen, die beide, überglücklich, annahmen. Minna Lammert war, gleich meiner Schwester, urmusikalisch, hatte eine sammetweiche Stimme, die einen schönen Hintergrund für unser beider hellen Sopranstimmen zu geben versprach – und ein außerordentlich heiteres Temperament, dem sie zeitweilig übermütig die Zügel schießen ließ. Das war's, was ich für die Rheintöchter brauchte. An Ordnung gewöhnt, alle Eventualitäten bedenkend, erwirkte ich uns für die Proben 1875 sowohl als für Proben und Vorstellung 1876 den Urlaub bei Hülsen, den er bereitwilligst zusagte, obwohl er damals noch durchaus nicht »Wagnerianer« war. Sehr bald darauf kamen unsere Rheingoldstimmen aus der »Nibelungenkanzlei«, wie man die Arbeits- und Wohnräume der Kapellmeisterjünger Anton Seidl, Felix Mottl und Franz Fischer usw. in Bayreuth nannte. Und da meine Schwester sich eben für längere Zeit bei mir aufhielt, konnten wir mit dem Studium sofort beginnen.
Das Rheingold hatten wir uns schnell zu eigen gemacht, es klang schon prächtig und löste in uns allen ein Glücksgefühl aus, dessen wir uns gar bald bewußt wurden. Anders war's mit der Götterdämmerung, deren Stimmen viel später erst in meine Hände gelangten, sehr klein geschrieben, schwer zu entziffern waren und mir viel Kopfzerbrechen verursachten. Wenn ich noch bedenke, wie ich darüber brütete und immer wieder zu dem Schlusse kam: es müsse[261]  falsch abgeschrieben sein! Als mir dann aber die gedruckten Stimmen die Harmonien deutlich machten und bewiesen, daß es so klingen müsse, da mußte es eben klingen und klang auch. Mit der Klarheit kamen Freude und Genuß an den Schönheiten des Werkes, die sich uns täglich, stündlich gewaltiger offenbarten und uns langsam zu den Gestalten emporwachsen ließen, die wir sein mußten.
Zu Rheingold und Götterdämmerung kam noch die Walküre, in der ich die Helmwiege, meine Schwester die Ortlinde, Minna Lammert die Roßweiße singen sollten, und für mich der Waldvogel im Siegfried. Alles, so wollte ich's, sollte bis zum Frühling 1875 fix und fertig studiert sein. – Trotz Wagners lebhaftem Wunsch gelang es mir leider nicht, seine Nichte, Frau Johanna Jachmann-Wagner, unserem Walküren-Studium anzugliedern. Sie war oft leidend oder auch anderweitig in Anspruch genommen, wir mußten das Studium eben auf uns drei beschränken. Was aber waren alle Schwierigkeiten dieser Rollen gegen die einzige Stelle in der Götterdämmerung:

»so weise und stark verwähnt sich der Held
als gebunden und blind er doch ist!«



Unüberwindlich schien damals, was überwunden werden mußte und überwunden ward. –



Berlin
1870–1875













1.


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1.
[269] Bayreuth, 7. Februar 1875.











Allerbestes Kind!

Marie hat mir ebenso schön aus Köln, wie Sie aus Berlin geschrieben. –
Fräulein Lammert hat aber noch geschwiegen. Wollten Sie sie wohl zu einer guten Antwort veranlassen – und zwar unter allen Umständen? Ich muß Ordnung halten.
Schönsten Gruß an Mama, aber auch an Marie! Gott weiß, was Ihr mir alle noch machen müßt, denn Ihr seid sehr gut!
Herzlich der Ihrige
Onkel Richard Wagner.



2.
[269] Bayreuth, 11. Mai 1875.











Allerliebstes Lehmännerchen!

Schönen Dank für die Ermahnung in betreff des Frl. Grossi; leider habe ich ihr soeben erst schreiben können; ich war ja wieder in Wien! Übrigens bin ich doch neuerdings auf den Gedanken gekommen, der Grossi auch die Gutrune zu übergeben; sie hat fast gar nichts zu »singen«, braucht nur lieblich zu sein, ein bescheidenes Gebärdenspiel zu haben, so daß ihre Aufgabe, mit der einen der Rheintöchter – nur im 3. Akte der Götterdämmerung – zusammengehalten, völlig verschwindet.
Ihre Partien sind Ihnen nun heute alle gehörig zugeschickt worden. Pardon! Frln. Lammert wohnt immer noch so weit? und Sie so nah? –
Oh, welche Konfusion! –[269]
Schönste Grüße der Mama, meiner alten, guten Löwin. –
Auf baldiges Wiedersehen!
Herzlichst
Euer ergebener
Richard Wagner.



3.
[270] Datum unbestimmt.











Liebste Lilli!

Jetzt nur noch kurz die Berichtigung der Abänderung, welche infolge Ihres etwas verspäteten Eintreffens nötig ward. An dem ganzen Probenplan darf ich nicht rütteln, weil sonst alles auseinanderfallen könnte. Sie sind also (mit Frln. Lammert) erst am 2. Juni frei; somit verlegen wir notgedrungen den Beginn der Proben auf den 3. Juni Nachmittag, fahren aber nun (für das Rheingold) täglich fort, lassen demnach die zwei folgenden Frei-Sonntage für die abgegangenen zwei Wochentage mittätig eintreten. Demnach:

Rheingold 1. Szene – 3., 4., 5. Juni
2., 3. Szene – 6., 7., 8. Juni
 4. Szene – 9., 10., 11. Juni
Walküre – 12. Juni

und so (hoffe ich!) ungestört weiter.
Ich bitte Sie nun, mir in der Einhaltung dieser Anordnung getreulich beizustehen! Das Musikfest werden Sie zu meinem großen Bedauern wohl aufgeben müssen. Auch Vogl ist in diesem Falle! –
Im übrigen seid Ihr schl-, ich wollte sagen gute Menschen! Über die Sieglinde werde ich mich dieser Tage zu entscheiden haben.
Zum Hülsen-Jubiläum werde ich jedenfalls meinen Beitrag senden. Ich habe diesen vortrefflichen Mann wirklich sehr schätzen gelernt!
Hier noch etwas »Herrliches«! Herzliche Grüße an Rhein-Töchter und Mutter!
Ihr sehr getreuer
Richard Wagner.



 4.
[270] Bayreuth, 1. Juni 1875.











Geehrtes, liebes Kind!

An Fräulein Grossi hatte ich zur rechten Zeit nach Prag geschrieben; seitdem, da ich keine Antwort von ihr erhielt, habe ich mich, wegen Übernahme der »Gutrune« durch sie, an Sie, Freundin, gewendet.
Da ich noch einen Sopran für eine der »Walküren« – Gerhilde – gebrauchte, und ich nicht gern erst noch eine fremde Sängerin hierfür aufsuchen möchte, weil doch eben Frln. Grossi für Freia und Gutrune schon am Anfang und Ende dableiben muß, so habe ich auch diese Parte an Sie für Frln. Grossi abgehen lassen. Nun gebe Gott, daß diese meine Annahmen in betreff der Leistungsfähigkeit der Dame nicht allzusehr auf Sand gebaut seien? Ich weiß von ihr und ihrem guten Willen noch nichts als durch Sie, liebes Kind. Lassen Sie sich nur doch nun einmal hierüber vernehmen!
Vielleicht haben Sie dieselbe durch Ihr freundschaftlich großartiges Vorbild, in betreff der Abweisung jeder finanziellen Schadloshaltung, etwas abgeschreckt? Das können enthusiastische Seelen wie die Ihrigen zustande bringen; die mir so fern stehende junge Dame dürfte aber am Ende darüber mißmutig werden, wenn ihr ihre Mitwirkung auch noch besondere Ausgaben verursachte. In diesem Fall, liebstes Kind, bitte ich Sie doch recht sehr, zur rechten Zeit etwa einzuschreiten und durch Zusicherungen in meinem Namen die junge Dame vor dem möglichen Schwanken zu bewahren.
Was macht Marie? Ist sie endlich einmal bei Ihnen? Empfehlen Sie mich Fräulein Lammert bestens und embrassieren Sie (wie ich es tat) diesmal für mich Ihre Mama!
Auf gutes Wiedersehen am Werke!
Ihr
Richard Wagner.



5.
[271] Bayreuth, 3. Juni 1875.











Es bleibt dabei, Sie sind ein ausgezeichnetes Kind, an dem ich großes Wohlgefallen habe! Da Sie Marien so nahe wie nur irgend möglich verwandt, gilt ihr eigentlich ganz dasselbe! –[271]
Glauben Sie mir, solcher tüchtiger Freundschaft bedarf ich. Ich schicke Euch auch meine Medaille!
Herzlich grüßt
Ihr
Richard Wagner.



6.
[272] Bayreuth, 26. September 1875.











Liebe Freundin!

Hier ein Brief Reichenbergs, der mir eine Walküre empfiehlt. Sie wissen, daß Sie von mir auch zur Walkürenmeisterin gemacht worden sind, und bitte Sie daher, Reichenbergs Anerbieten in Betracht zu ziehen sowie demgemäß mit ihm (in meinem »Auftrage«) zu verkehren. Was hören Sie von der Wild in Köln?
Ich hab' viel Ärger gehabt seit der großen Freude unserer Proben. Nun, es war ja in allen Zeitungen zu lesen, und ich hätte wohl erwartet, daß von seiten der Gäste unseres Hauses etwas gegen jene Unflätereien geschehen wäre. Indes das scheint man nicht so ernst zu nehmen! Gut! –
Grüßen Sie Mama und Schwesterchen! Ihr waret und bleibet die Besten! – Sagen Sie aber noch Fräulein Lammert, wie sehr ich unseren voreiligen Abschied bedauere. Meine Frau grüßt Sie alle herzlichst!
Ihr guter, kleiner
Richard Wagner.



7.
[272] Wien, 26. November 1875,
Hotel Imperial.











Liebe Freundin!

Tausend Dank voran!
Frl. Amman läßt sich nicht sehen, und kein Mensch hier kennt sie. Hätte ich nur die Partie der Sigrune zurück, da ich – unter der Ungewißheit – Frl. Siegstädt (ganz vortrefflich) hier dafür gewonnen habe.
Grimmgerde fällt mir noch schwer, da Jauner seine einzige Altistin (Frl. Treusel – sehr gut) mir bis Ende August nicht ablassen zu dürfen glaubt. Ja – könnte sich unsere Lammert Gottes verdoppeln! –[272]  So steht es! Damit Sie nur etwas von mir wissen! 15. Dezember hoffe ich nach Bayreuth zurückzugehen. – Weib und Kinder habe ich mit hier! –
Schönste Grüße gegenseitig!
Bei elender Laune
Ihr stets neu verpflichteter
Richard Wagner.



8.
[273] Bayreuth, 4. Januar 1876.











Ach, liebes, gutes Kind!

Sie sind wirklich die einzige, die ich »da draußen« als Menschen kenne! Auf keinen ist Verlaß. Wären Sie nur überall! – So schreibe ich vor zwei Wochen an Eckert, in mehreren Angelegenheiten, auch was unser Orchester betrifft. Gut! Was das eine betrifft, läßt er mir durch Wieprecht antworten. Das war ganz gescheidt! Nun aber vermeidet er mir zu schreiben, warum? Weil er mir eine Notiz über die Tristan-Angelegenheit geben müßte, welche – natürlich allen Not und Scham macht. Ich hab' von Anfang herein – und zwar ohne allen Ärger! – auf den Tristan in Berlin nicht gerechnet. Es ist zu sonderbar zu glauben, daß man für dieses Werk, auch nur in betreff der Anfangsgründe, ohne mich sich behelfen zu können glauben kann! Nun aber kommen immer Gerüchte zu mir. Das neueste, ich würde im Januar in Berlin erwartet, »um mit Hülsen, Niemann, Betz, Fricke und Voggenhuber über die ›Besetzung‹ des Tristan zu konferieren«. Da ich gar nichts sonst erfahre, wäre mir dies alles gleichgültig. Nun kommt aber der Fall, daß ich in einer Prozeßsache gegen den Musikhändler Fürstner, welche ich nicht leicht nehme, sehr wahrscheinlich bald einmal nach Berlin kommen muß. Ist nun irgend etwas mit dem »Tristan« vor, so wünschte ich natürlich gern, die beiden Angelegenheiten kombinieren zu können. Somit würde mir eine ganz klare und aufrichtige Darlegung des Standes dieser letzteren Angelegenheit sehr willkommen sein. Ich bitte nun Sie darum!
Was ist's mit der »Bayreuther Soiree oder Matinee«? Ich möchte das nicht wehren, wiewohl ich jede Einladung für Bayreuth,[273]  d.h. für das Zustandekommen von Bayreuth ein Konzert u. dergl. zu geben, abgewiesen habe, da ich, wenn ich die Aufführungen mit Bestimmtheit ankündige, nicht noch für die »Ermöglichung« derselben agitieren kann. Es haben sich große Widerwärtigkeiten und Erschwerungen eingestellt, und wir leiden sehr darunter. Doch an der Sache selbst lasse ich keinen Zweifel mehr aufkommen. – Gelegentlich melde ich Ihnen zur weiteren Verbreitung, daß Scaria nicht (wie er unverschämterweise in den Wiener Blättern hat angeben lassen) für 3 Monate 2000 fl., sondern für Monat August allein 7500 Mark und sonst für jeden Tag im Juli 250 Mark verlangt hat; worauf ich natürlich um unserer übrigen Kollegen willen, auf seine Mitwirkung verzichtet habe. (Dies so eine kleine Verdrießlichkeit nebenbei! –)
Wie dumm ist es mir auch in Wien mit der Amman gegangen. Bis in die letzten Tage meines dortigen Aufenthaltes, während welchem ich endlich die Siegstädt geworben hatte, läßt sie nichts von sich hören; am Tage vor meiner Abreise meldet sie sich mit ihrer Adresse. Ich hatte keine Zeit mehr und habe nun auch ihren Brief – mit Adresse! – verloren.

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Seitdem schreibt mir nun aber die Siegstädt wieder ab, die Partie scheint ihr nicht recht gewesen zu sein. Nun bereue ich wieder die Amman. Wo mag diese stecken?
Eine Altistin für die Fr. v. Müller habe ich auch noch nicht; aber Fr. v. Müller schreibt und gratuliert mir fortgesetzt als »Walküre«.
Solcher Unsinn kommt immerfort vor! So! nun habe ich Ihnen, meiner Regisseurin und Komplottistin, alles gemeldet. Bleiben Sie mir gut! Geben Sie Marie und der guten Lammert von mir einen herzhaften Kuß und gedenken Sie in treuer Liebe
Ihres geplagten aber guten
Richard Wagner.



9.
[274] Bayreuth, 11. Februar 1876.











Allervortrefflichstes Kind!

Ich hab' zwar kürzlich schon einmal mit einem Schweden zu tun gehabt, der war aber einäugig und Jude. Nun versuchen[274]  wir es einmal mit einem echten »alten Schweden«! (Stockhausen??) – gefällt mir nicht ganz! –
War er noch gar nicht auf dem Theater, so ist's allerdings mit dem »Hagen« etwas viel gewagt. Nun möge er sich die Sache nur etwas ansehen. Die letzte Woche im Februar bringe ich in Berlin zu, da wollen wir denn sehen, was die kleine Salome ausgebrütet hat! – Übrigens bin ich mit Scaria noch nicht ganz auseinander: eine gerichtliche Aufforderung, hier seine »Honorare« mit Beschlag zu belegen, hat mir die sonderbare Erklärung seines Benehmens gegeben, welches weniger von Roheit und Unverschämtheit, als von – Not herrührte. Dazu empfiehlt man mir noch einen Kögel in Köln, welcher sich auf Ihre Schwester Marie beruft. Ich habe ihn auch nach Berlin zitiert. –
Mit Fräulein Amman ist's in Ordnung. Richter ist sehr für sie eingenommen. An einer Altistin für Frl. v. Fischer fehlt es noch! –
Nun, Kind, jetzt sehe ich Sie bald wieder. Ich habe soeben auch an Hülsen geschrieben. Jetzt muß ich alles abmachen, um mir die Monate vor unseren Proben frei zu erhalten.
Schönsten Gruß an Mama, – auch an Onkel Betz!
Es lebe der Leipziger Platz!
Von Herzen Ihr
Richard Wagner.
(nebst Frau!)

(Auf der gedruckten Einladung an die Sänger vom 9. April 1876.)



10.










[275] Liebste Freundin!

Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das Folgende nicht schon einmal geschickt habe. Tut nichts! Falls mit dem Zöglinge der Liebe noch etwas wird, benützen Sie für ihn das beigefügte Exemplar!



 11.
[275] Bayreuth, 16. April 1876.











Liebste Lilli!

(Folgt die gedruckte Aufforderung vom 9. April 1876.)
Ganz gehorsamster
R.W.

Nachdem Sie diese schönen Sachen gelesen haben, die Sie eigentlich gar nichts angehen, und die ich Ihnen nur der Kuriosität willen mitteile, – habe ich Ihnen noch einen Brief von Frau Klara Stockhausen, den ich gestern abend erhielt, vorzulegen, um Sie ersehen zu lassen, in welche Konfusionen ich immer gerate. Gott, ich ersehe, daß alle Frauenzimmer in den himmlischen jungen Schweden verliebt sind, aber seine problematische Aquisition (ich konnte noch gar nicht dahinterkommen, ob er den Donner ordentlich herausbringt) scheint sich durch allerhand Schwierigkeiten noch bedenklicher zu machen. Ich hab' wirklich keine Zeit, mit der von Frau Stockhausen gewünschten Umständlichkeit mich um Euren Sangino zu bemühen. Frau Stockhausen fand ich es geraten, gar nicht zu antworten; es ist so einfach! Dagegen, machen Sie es möglich, so bringen Sie den himmlischen Elmblad mit, und macht er's schön, so singt er den Donner, – wenn nicht, so muß ich mir zu helfen wissen.
Also viele schöne, ja wenn man will – zärtliche Grüße an Sie und Mama von
Ihrem stets dankbaren
Richard Wagner
Komponist.



12.
[276] Bayreuth, 26. April 1876.











Liebe Lilli!

Ihr macht mir da schließlich noch eine hübsche Not! An Herrn v. Hülsen habe ich mich so eindringlich gewendet, daß ich wohl annehme, er werde mir helfen; denn das mußte ich[276]  ihm erklären, daß wenn mein Probeplan – namentlich im Betreff des Rheingoldes – nicht eingehalten werden könne, ich die diesjährigen Aufführungen geradeswegs abmelden müßte. Im Betreff des Frln. Brandt hätte ich auch von Euch allen etwas mehr Billigkeit gewünscht. Daß sie in ihrer künstlerischen Leistung über jeder anderen stehen würde, ist mir denn doch im Vergleich mit den mir bekannt gewordenen anderen aufgegangen. Das Unempfehlende ihrer Gesichtsbildung kommt doch nur außer der Bühne und für die in nächster Nähe mit ihr Beschäftigten in Betracht: auf der Bühne und namentlich in meinem Theater verschwindet es gänzlich, und ihre schlanke Gestalt würde da einzig, und zwar vorteilhaft wirken. Einem Künstler wie Niemann kann man aber wohl zumuten, daß in der dramatischen Erregung sich ihm die ganze Umgebung verkläre und das Gemeine, Reale ihm nicht zum Bewußtsein komme: ihm muß es darauf ankommen, wie das Ganze, er selbst mit, erscheine, nicht wie es, vom Zauber der dramatischen Szene entkleidet, wirklich ist. Garrick und Kean nahmen statt eines Kindes einen Bierkrug in den Arm und rissen den nächststehenden Zuschauer zum Entsetzen hin, als der Vater das Kind in den Fluß werfen zu wollen schien. –
Kurz, über diese unbedingte Abwehr des Frln. Brandt bin ich nicht eben erbaut und wird mir dies meine Not sehr erschweren. –
Es ist schön, daß Sie im Mai wieder Ensembleproben bei sich halten wollen; ich bitte Sie, zu Euch 3 Walküren dann jedenfalls auch meine Nichte Johanna Jachmann mit »hinzuzuziehen«; sie hat definitiv die »Schwertleite« übernommen und werden ihr die Übungen mit Ihnen Dreien sehr nützlich sein. –
Einen Kummer muß ich Ihnen denn doch nun auch machen. Es fällt mir schwer aufs Herz, daß Sie nicht darauf geraten, daß ich Herrn Herrlich doch unmöglich als Froh behalten kann. Muß ich Ihnen das nun sagen, daß unser armer Freund doch wohl lächerlich sein würde? Es tut mir wehe! Vermitteln Sie das aber nun doch, so gut Sie können, und sehr wert wäre es mir, wenn Herrlich, wie es ja ursprünglich auch nur gemeint war, mir als Mannenführer sich wahrhaft nützlich erwiese.[277]
Donner ist gänzlich Ihre Sache! Und nun gebe Gott seinen Segen zu Herrn von Hülfens Entschluß!
Herzliche Grüße aus sehr bedrücktem Herzen von
Ihrem
R. Wagner.

Haben Sie eine Idee, wo sich die Weckerlin aufhält und ob sie für – oder unter uns noch möglich ist?

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Sehr hübsch auch, daß ich Ihre Mitwirkung beim Rheinischen Musikfest Anfang Juni höre!!! Ei! Ei!



13.
[278] Bayreuth, 11. Mai 1876.











Beste Freundin!

Unser Herrlich macht es mir schwer: er hätte zu der Brücke, welche ich ihm aus reinem Wohlwollen und um keine Kränkungen zu hinterlassen, baute, eine bessere, vielleicht sogar bescheidenere Miene machen sollen! Im Grunde habe ich mit meiner letzten, sehr ausführlichen Explikation an ihn, nichts erfunden, obwohl er mich verhöhnt, als hätte ich das getan. Die Sache verhielt sich wirklich genau so, wie ich sie ihm auseinandergesetzt habe; nur ist es wahr, daß ich eine Zeitlang die Wichtigkeit des Froh aus den Augen verlor und mir meine alte Intention erst wieder selbst aufging, als ich erkennen mußte, daß es Unger die ungemeine Schwierigkeit mit dem ersten Akte des Siegfried (bei der hier so großen Befangenheit) für sich zu gewinnen, außerordentlich erleichtert, wenn er gerade als »Froh«, mit den wenigen, aber glänzenden Stellen, sogleich die Aufmerksamkeit auf seine, jetzt so stattliche Stimme lenkt. An Sie, liebste Lilli, schrieb ich in der Eile hierüber ein wenig kurz, und Sie haben es wahrscheinlich scharf aus gerichtet. –
Freund Herrlich, den ich, weil er mir von Ihnen und Ihrer Mutter zugeführt war, nicht gekränkt lassen wollte, und um den ich jetzt längere Briefe geschrieben habe, als ich sie jetzt oft in den wichtigsten Fällen zustande bringe, möge mir nun die Sache etwas leicht machen! Er möge nicht kommen, oder er möge[278]  kommen; im letzteren Falle steht ihm eine Aufenthaltsentschädigung natürlich zur Verfügung. Entbehren kann ich ihn, – soviel sage ich Ihnen im Vertrauen! –
Nun aber auf Seele und Gewissen: Wie steht es mit Elmblad Donner? Elmblad müßte jedenfalls auch einen Mannen übernehmen. – Kann ich sicher auf ihn rechnen, so habe ich Lust, Niering auch für den Hunding fahren zu lassen, welchen ich hierfür nur beibehalte, weil ich nicht weiß, ob ich durch den Schweden für den Donner gesichert bin.
Also!!!
Schönste Grüße! Bei uns versteht sich alles leicht, und nur gewisse Pimpler machen oft schrecklich viel Geschreibe nötig!
Allemal Ihr ergebener
Richard Wagner.

1.
Von einem Glorienschein umgeben, steht die erste große Zeit Bayreuths, die die Jahre 1875–1876 umspannt, vor meinem geistigen Auge. Nichts davon konnte in den langen Jahren verblassen; allen neueren Errungenschaften auf dem Operngebiet entgegen hielt die Wirkung Stand, und damit allein wäre schon der Beweis ihrer außergewöhnlichen Kraft erbracht, wenn sie dessen noch bedürfte. Obwohl das Unternehmen allein Richard Wagners Idee gewesen, er die Tat allein anregte, das Werk allein leitete, so waren doch gar viele verschieden geartete Kräfte notwendig, es zur Gesamtaufführung zu bringen, und nur den vereinten Kräfte- ist das großartige Gelingen zuzuschreiben, das ein einzelner nie und nimmer zur Vollendung gebracht haben würde. Vereint waren geistige Kräfte in Ausführenden und sonstig Beteiligten. Das Band der Zusammengehörigkeit machte sie stark, stachelte sie zur Entfaltung ihrer höchsten künstlerischen Potenz und ließ ihre Wünsche darin gipfeln, die damals musikalisch und geistig gleich schwierigen, fast unerhörten Aufgaben ihrem Meister zu Dank, sich selbst zur Freude zu gestalten. Wagner galt der individuelle Geist der einzelnen Künstler, ohne deren mehr oder minder hohen Genius er[279]  niemals mächtige Wirkungen erreichen konnte, ja – es sei ihm zur höchsten Ehre seines klaren, künstlerischen Verständnisses angerechnet – auch nicht erreichen wollte, alles. Er wußte, was er der Bühnenkunst in ihrem vollsten Umfang schuldig war, was er von seinen Künstlern verlangen, von denjenigen erhalten mußte, die geistig Anteil an seinem Werke nahmen, ihm gerade dadurch ein besonderes individuelles Leben einhauchten, das nun erst vollständig alle diejenigen Gefühle im Zuhörer auszulösen vermochte, die man doch mit einer noch so herrlichen Partitur, Drahtpuppen oder einigen Dekorationen allein wahrhaftig nicht auszulösen vermag.
So wurde und blieb vieles einzig in seiner Art im Jahre 1876 und konnte nicht wieder erstehen. Wagner in seiner vollen Schaffenskraft; der herrliche Rahmen, der uns gleichmäßig fesselte und befreite; die einzelnen künstlerischen Leistungen, wie man sie nie wieder hören und sehen wird, die geradezu elektrisierend wirkten; der Klang dieses, nur aus großen Künstlern zusammengestellten Orchesters; das Kunstwerk; die eigenen Empfindungen, die uns beseelten, uns hinrissen zu dem großen Genie. Alles vereinigte sich zu einem unermeßlichen Ganzen, das uns bis zur Frenesie ausfüllte. Es war ein einziger großer Zauber, der noch heute im Erinnern seine bestrickende Kraft ausübt, ja, der aller kleinlichen, menschlichen Schlacken entblößt, in geradezu klassischer Verklärtheit auf mich wirkt.
Wagner war für alle seine Künstler die Güte und Nachsicht selber. Für mich war er es ganz besonders. Sein durchgeistigtes Auge ruhte oft liebreich auf mir und forschend, als wolle es mein Inneres durchdringen. Man quälte ihn aber unaufhörlich mit kleinlichen Dingen, und brauste er dann einmal tüchtig auf, so durfte man sich nicht verwundern. Nur wenige erkannten die immense Arbeit dieses Mannes! Selbst wenn er über Leichen gegangen wäre, um sein Ziel zu erreichen, wer hätte es ihm verdenken sollen? Aber auch das tat Wagner nicht. Er bemühte sich redlich und oft mit unendlicher Geduld, einem jeden sein Recht zu verschaffen und alles, selbst das Unangenehmste, mit großem Geschick zum guten Ende zu führen. Nichts habe ich von seinem »Undank« je erfahren und niemals andern gegenüber etwas davon wahrgenommen. Er mußte doch an sich selber glauben,[280]  um Bayreuth zu schaffen, mußte Opfer verlangen von denen, die Opfer bringen konnten. Es gingen Sorgen genug an seiner Seite, von denen wir nichts ahnten. Seinen weiten Sinn in enge Verhältnisse zu sperren, gelang ihm nicht. Wohl wußten wir schon damals, daß die Gelder für die enormen Kosten erst durch Einnahmen aufgebracht werden sollten, die aber versagten. Wie schlimm es im Hause selbst aussah zu der damaligen Zeit, erfuhr ich erst 20 Jahre später durch Frau Cosima.
Aus den Briefen an seine Künstler werden die unendlichen Vorarbeiten klar, deren es bedurfte, die Aufgabe ins Rollen zu bringen. Nur wer jemals dem Werden eines derartigen Unternehmens in der Nähe zugesehen oder selbst daran beteiligt gewesen, kann sich einen Begriff von den nie endenden Sorgen und Arbeiten machen, die es bis zum letzten Augenblicke mit sich führt. Ja, wer da pünktlich zu arbeiten versteht, zu ordnen gewöhnt ist und den praktischen Blick besitzt, alles sofort am rechten Ende anzufassen, der könnte in kürzester Zeit Wunder vollbringen, wenn er nur Gleichgesinnten, zu Pflichten Gleicherzogenen begegnete. Mit den Unpraktischen und Pflichtlosen aber zu arbeiten, vertausendfacht die Mühen, denen nicht selten ideale Unternehmen gänzlich zum Opfer fallen. Daß Wagner nicht oft völlig den Mut verlor, war zu bewundern; es stellte sich ihm genug entgegen, dessen sein guter Humor und seine Tatkraft aber gottlob immer wieder Herr wurden. So gut ich konnte, half ich und erledigte umgehend alles, was er mir zu erledigen auftrug. Sobald aber Dritte in Frage kamen, blieb trotz aller Mahnbriefe das meiste unerledigt. Es war oft zum Verzweifeln.
Da saßen wir Ende Juni 1875 wieder in der »Sonne« in Bayreuth. Diesmal nicht allein. Alsbald füllten sich Gasthäuser sowohl als Stadt mit Künstlern, und im toten Städtchen begann ein ungewohntes Leben. Bis auf Niemann und Betz, die oben am Theater in einer Privatvilla Unterkunft und Ruhe gesucht, wohnten Amalie Friedrich-Materna, Scaria mit Familie, Hill, v. Reichenberg, fast alle Walküren und wir in der lieben »Sonne«; nur wenige waren im »Reichsadler« oder in Privathäusern untergebracht.
Mama und ich bewohnten ein großes Vorderzimmer, meine Schwester und Frl. Lammert ein nach dem Garten gelegenes. Wir[281]  waren die ersten, die zu den Proben kamen, und nicht lange dauerte es, so sangen wir in Wahnfried Wagner unsere Rheintöchter-Terzetten auswendig, fehlerlos – wie es sich gehörte – mit unendlicher Lust und Liebe vor.
Die edelste Erinnerung möchte ich den Augenblick nennen, als wir Wagner während unseres Gesanges die dicken Tränen übers Gesicht rollen sahen und Frau Cosima laut schluchzen hörten. Auch meine Mutter weinte still vor sich hin; was mag sie in dem Augenblick alles bewegt haben!
Und wir drei, obwohl nicht wenig stolz, waren tief ergriffen. Von nun an mußten wir allmorgen- und abendlich den Sang ertönen lassen. Unser größter Triumph lag darin, daß wir die einzigen waren, die ihre Rollen fix und fertig konnten; durch unsere große Sicherheit imponierten wir Wagner und allen übrigen. Als wir sie Liszt zum ersten Male vorsangen und wir an die so schwierigen Passagen in der Götterdämmerung gelangten, lachte Liszt und schüttelte den Kopf. Er traute seinen Ohren nicht, daß das getroffen werden konnte! Wie oft mußten wir's ihm wiederholen; und jeden Abend auch das Rheingold, zu dem sich nun auch Hill-Alberich gesellte.
Die meisten lernten in Bayreuth erst ihre Rollen. Anton Seidl, Felix Mottl, Franz Fischer, Zumpe, Zimmer, lauter kapellmeisternde Anfänger, probierten mit den Künstlern an allen Ecken und Enden. Niemann und Betz hatten sich Franz Mannstaedt von Berlin mitgebracht. Josef Rubinstein begleitete uns bei Wagner, kurz jeder studierte mit einem andern. Aus jedem Hotelzimmer tönten Nibelungenklänge, auf allen Straßen Zurufe und Pfiffe, Nibelungen-Signale, wo man ging und stand, die auch unsre Hunde kannten und laut bellend beantworteten.
Bei Wagner kamen wir täglich und allabendlich zusammen; Abende, die nichts Fremdes störte; hier gehörte der Meister den Künstlern allein, und nur Liszt nebst den nächsten Bayreuther Freunden waren diesem Kreise zugesellt. Gura sang viel Löwe'sche Balladen, die Wagner ganz besonders liebte. Hier war es auch, wo er mir Löwes Ballade »Walpurgisnacht« vorsang, deren Bedeutung er besonders hervorhob und Jos. Rubinstein aufstehen hieß, um sie selbst zu begleiten, weil dieser den Geist des Gedichtes resp.[282]  der Komposition nicht richtig erfaßte. Wagner sprach mir seine Verwunderung aus, daß die Ballade nie gesungen würde, die doch mächtig sei, und legte sie mir besonders ans Herz. Jahrelang trug ich mich mit dem Gedanken daran herum, vergaß aber den Titel und suchte, ohne zu finden. Da erhielt ich eines Tages Löwe'sche Balladen von Herrn Grunow aus Stettin zugeschickt, unter denen mir die »Walpurgisnacht« gleich einer Erlösung entgegenblitzte. Gott sei Dank, rief ich aus! Seitdem habe ich sie so viel gesungen mit dem Gedanken an Wagner, dem ich sie leider nicht mehr habe vorführen dürfen!
Wagner liebte und verehrte Mozart. Wie oft mußte ich ihm Arien aus dem Figaro vorsingen, die er stets mit Bewunderung für Mozart besprach. Für Frau Cosima sang ich dafür einigemale Liszts Mignon, noch ehe dieser in Bayreuth erschien. Als ich eines Tages wieder »auf Begehren« dabei war, sah ich Wagner eintreten, der bis zu Ende hörte. Dann schritt er, den Kopf nach hinten geworfen – eine Haltung, die ihm das Ansehen von sehr starkem Selbstbewußtsein gab – ziemlich steif, einen Pack Noten unterm Arm, durch den Salon und wandte sich, ehe er ihn wieder verließ, an Frau Cosima: »Sieh mal an,« sagte er, »ich wußte gar nicht, daß Dein Vater so hübsche Lieder geschrieben hat; ich dachte, er hätte sich nur um den Fingersatz beim Klavierspiel verdient gemacht! Übrigens erinnert mich das Gedicht mit den blühenden Zitronen immer an einen Leichenbitter!« Und dabei imitierte er die Geste des Zitronen tragenden Leichenbitters. Frau Cosima mußte lächelnd hinnehmen, das weder ihr noch uns zu hören angenehm war. Aber man mußte ihn entschuldigen, denn auch ihm wurde es nicht immer leicht gemacht, wenn man ihn, den 62jährigen, zu »erziehen« versuchte, wenn er z.B. das Messer nicht englisch genug beim Essen führte, wobei manches Diner ein schnelles, unerwartetes Ende nahm. Meist aber war er sehr gemütlich und scherzte viel mit den Kindern, von denen die ältesten Töchter eben aus der Pension gekommen waren. Sobald eine oder die andere auf der Bildfläche erschien, frug er sie ein bißchen sarkastisch, wie die Lampe, die Tasse, das Buch usw. auf französisch hieße, und neckte sie, weil ihm das Französisch-parlieren im eigenen Hause absolut unangenehm war. Die Antipathie dafür ging so weit, daß[283]  er 76 im eigenen Hause ein förmliches Verbot darüber erließ und seinen Gästen gegenüber den Wunsch aussprach, es möge nur deutsch in Wahnfried gesprochen werden. Im ersten Probejahr ließ es sich auch noch umgehen, obwohl Frau Cosima das Französische als Muttersprache, Liszt als Umgangssprache, zu sprechen gewöhnt waren und sich nicht gerne deutsch unterhielten.
Es ist merkwürdig, wie verhältnismäßig fremd mir Liszt geblieben ist. Wir waren doch nun allabendlich beisammen, im Jahre 76 fast noch mehr; immer war er lieb und gütig, belobte uns so viel, und dennoch bin ich ihm niemals näher getreten. Es mag wohl daher kommen, daß er in Wahnfried entweder von der eigenen Familie in Anspruch genommen ward, oder auch, 76 besonders, sich fast ausschließlich mit denjenigen Besuchern Wahnfrieds abgeben mußte, die als Patrone dem Unternehmen Gelder zuführten, ihn bestürmten, ihm keinen freien Augenblick mehr gönnten. Vielleicht lag es auch an den vielen schönen jungen und alten Frauen, die sich an seine Fersen hefteten, ihn in die Kirche brachten und aus der Kirche holten, die sich gleich Schönheitspflästerchen neben ihm ausnahmen, und die dem großen Manne so notwendig schienen wie Luft und Sonne! Er wars gewöhnt! Wars gewöhnt von seinen Schülern, von den tausend Hilfsbedürftigen, die seinen Beistand erbaten, und denen er mit seinem gütigen Herzen wissentlich half und wohl auch unwissentlich, indem sie seinen Namen als Lehrer mißbrauchten. Diesen vielgequälten Mann nun auch noch zu belästigen, ihn auf der Straße oder im Theater anzufallen, wie so viele andere es taten, versagte ich meinem Wunsche und beschränkte mich darauf, ihn bei gegebenen Gelegenheiten zu sprechen, die sich mir täglich in Wahnfried boten, wo wir uns beim allabendlichen Stelldichein oder bei intimeren Künstlerdiners zusammenfanden.

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Mit welchen Gefühlen Wagner seiner Dankesschuld Liszt gegenüber gedachte, erfuhren wir nach den ersten Aufführungen, als wir im engsten Künstlerkreise zum Diner in Wahnfried versammelt waren und Wagner auf Liszt einen Toast ausbrachte. Unendlich warm und herzlich sprach er und beleuchtete die unermüdlichen Opfer, die ihm Liszt gebracht, und wie er ihm von ganzem Herzen dankbar sein müsse für all die Freundschaft, die er ihm unbeirrt[284]  und treu gehalten habe. Wagners Worte und Liszts Antwort rührten uns gleichmäßig. Es war der erste Einblick, den ich von Wagners Seite in die große gütige Menschenseele Liszts tat und dieser sagte mir genug, um allen törichten Redensarten von Wagners Undank ein für allemal die Spitze abzubrechen. Die Wirkung auf die Anwesenden war so stark, daß wir selbst eine Kollegin umarmten, die es weder um die Sache noch um uns verdient hatte, die wir nun in Gnaden wieder aufnahmen und alles Vorgefallene vergessen sein ließen.

Nicht immer gings so rührend zu; wir hatten allen Grund lustig zu sein. Bayreuth gehörte 75 noch den Künstlern allein, und diese stellten es einfach auf den Kopf. Doch nein! Sie machten es eigentlich zu ihrer Spielstube, und die kleinbürgerlichen Bayreuther standen auf dem Kopf. Betz und Niemann, die oben in der Villa wohnten, bekam man wenig zu sehen. Nur wenn wir bei Betz Kaffee tranken, sah man Niemann-Siegmund auf dem Parterrefenster mit den Beinen baumelnd, seine Rolle lernend, sitzen. Mannstaedt begleitete ihn am Klavier, Niemann schlug sich den Takt, wiederholte tausendmal jede Phrase und schimpfte sich selber, wenn er fehlte. Nach getaner Arbeit wurde es in der »Sonne« lebhaft. Scaria, dessen Äffchen immer am Fenstergesims herumlief, der seine kleine Frau, wenn sie ihn ärgerte, auf den Ofen setzte, von wo sie allein nicht mehr herunter konnte; Eilers-Fasolt, Gura und andere Herren führten, in Leintücher gewickelt, vor dem Hotel wilde Kriegstänze auf. Amalie Materna setzte sich in den leeren Hotel-Omnibus, der immer abgespannt vor dem Hause hielt; ich und meine Schwester schwangen uns auf den Bock, die Peitsche in der Hand, Friedrich und Scaria zogen ihn durch die Straßen; und das alles am hellen Mittag. Jeden Abend brachten wir uns Ständchen; alle Morgen waren sämtliche Stiefel und Schuhe vor den Türen verwechselt, und so ging's fort und fort. Partien und Picknicke nach dem »Rollwenzel, den Jean Paul berühmt gemacht, oder nach Phantaisie, oder auch ins neue Theater hinauf, in dem man eben auf Wasser gestoßen war und wo darum die ganze Bühneneinrichtung geändert werden mußte; kurz es war ideal toll, wie wohl nie etwas wieder sein wird.[285]
Eines Abends führten wir Künstler sogar Schillers »Handschuh« auf. Proben und Vorbereitungen hatten uns tagelang in Anspruch genommen. Gura las das Gedicht. Scaria war König Franz. Er hatte fleischfarbene Trikots, kurze weiße Tarlatanröckchen an und war dekoletiert; wie eine Ballettänzerin sah er aus. Darüber fielen gleich einem Skapulier hinten und vorne je ein buntbemaltes Bauernrouleau, und eine schwarze Papierkrone, mit Gold und gelben Rüben besteckt, zierten den Kopf. Fräulein »Kunigunde« mimte ein junger langer Tenor, dem Mama aus einem Kaffeesack ein ganz enges Schleppkleid genäht und mit Gold besetzt hatte. Friedrich war »das Tigertier«, von Reichenberg »der Löwe«. »Das doppelt geöffnete Tor« spie zwar keine »zwei Leoparden hervor«, sondern Balletmeister Fricke setzte ganz behutsam zwei kleine, sechs Wochen alte Mietzekatzen auf die Bühne, und in großen Lettern stand an der Rampe angeschrieben: »die Tiere dürfen nicht gefüttert werden.« Für König Franz war ein winziges Kinderleibstühlchen entlehnt worden, in das der dicke Scaria absolut nicht hineinkommen konnte. Wir drei Rheintöchter »die Damen im schönsten Kranz« waren so häßlich wie möglich zurecht gemacht. Es wurde furchtbar gelacht und zuletzt getanzt. Wagner war natürlich auch »geladen« und so vergnügt, so übermütig, daß er trotz Cosimas Anwesenheit direkt auf dem Kopfe stand und mit seiner lieben alten Freundin Marie, meiner Mutter, immer aufs neue anstieß und sein Glas leerte. So reihten sich Scherz auf Scherz aneinander, wenn wir des Ernstes und der Proben ledig waren.
Auch unbeschäftigt machten wir alle Proben mit, sahen, hörten und lernten. Außer in München, wo bereits Rheingold und Walküre aufgeführt waren, hatte man ja doch nur Bruchstücke kennen gelernt. Der Neugier, des Staunens, Kritisierens war kein Ende, aber auch keines der Aufregungen. Musik und Stoff setzten uns gleichmäßig in Ertase, erfüllten uns mit Ehrfurcht einerseits und muteten uns anderseits wieder fremd und unverständlich an, bis man sich endlich des ganzen Gewebes klar geworden war. Man verstand sofort, wenn Wagner eine Szene vorspielte. Was viele der Sänger nicht begriffen, nicht singen noch spielen konnten, lernten sie schnell durch Wagners persönliche Korrektur richtig begreifen.[286]
Zwei Szenen sind mir darum besonders unverwischbar eingegraben. Die damalige Sieglinde war Frl. Scheffsky aus München, die, wie man meinte, dem König angenehm wäre. Sie war groß, kräftig und hatte eine starke Stimme, besaß aber weder Poesie noch Geist, um auch nur das geringste auszudrücken, was sie übrigens nicht einmal empfand, geschweige denn technisch hätte wiedergeben können. In der 1. Szene, wo Sieglinde, von Schmerz und Abscheu gegen ihr seelisch häusliches Elend überwältigt, Siegmund zurückzurufen hat, versagte sie ganz. Diese Sieglinde hatte weder von der Größe des Schmerzes, noch von der inneren Gewalt ihrer Sehnsucht und ihres Schicksals auch nur die geringste Ahnung. Wagner war sehr unzufrieden und spielte ihr die Szene vor. Sieglinde steht vor dem breiten Steintisch wie festgebannt, Siegmund wendet sich mit den Worten: »fort wend' ich Fuß und Schritt« vom Herd, um hinauszustürmen. Da kämpft etwas unbezwinglich in Sieglindens Brust; ihr Gesicht malt den furchtbaren Schmerz; die Angst, daß dieser, den sie nicht kennt, von dem sie aber fühlt, daß er zu ihr gehört, sie wieder allein lassen wird in ihrem Elend, bringt sie zu dem Aufschrei: »So bleibe hier!« dabei hat sie Gesicht und Körper nur eine kleine Wendung gegeben, ihm scheinbar nachzueilen, da nimmt sie auch schon wieder die vorige Stellung ein, und mit den Worten: »wo Unheil im Hause wohnt!« stützt sie sich nach hinten mit beiden Händen fest von beiden Seiten des Körpers auf den Tisch, wo sie im Schmerz fast zusammengebrochen, den Kopf nach hinten geworfen, die Augen geschlossen, stehen bleibt, bis sie Hundings Schritt aufschreckt, den sie erst mit Aug und Ohr allein, dann mit ängstlicher Belebung des Körpers verfolgt, bis sie ihm die Tür zu öffnen geht. Das spielte Wagner mit seiner schlechten Figur so unendlich ergreifend im Ausdruck! Noch niemals hat eine Sieglinde ihn auch nur annähernd zu erreichen gewußt.
Die zweite Szene betrifft abermals Sieglinde im dritten Akt der Walküre, wenn Brünhild ihr verkündet: »Ein Wälsung wächst Dir im Schoß.« Sieglinde, die soeben noch kniend vor Brünhild diese heftig angefleht hat, ihr den Tod zu geben, springt in namenlosem Schreck empor und bleibt fast erstarrt einen Augenblick nur stehen. Plötzlich fängt ihr Gesicht an, sich zu verklären, indem[287]  ihren Körper ein höchstes Glücksgefühl durchströmt, und nun fleht sie ebenso energisch um die eigene Rettung sowie die ihres Kindes, wie vorher um den Tod. Wagner drückte diese Wandlung für den Zuschauer sowohl als für die Sängerin mit meisterhafter Klarheit aus. Wer nicht ganz talentlos war, mußte – falls er es nicht fühlte oder von selbst so machen konnte – es nach einigem Studium doch wenigstens nachzumachen versuchen. Aber es gab noch viel Ärger, und Wagner war zuletzt ganz außer sich. Noch in den letzten Proben ging er mich an, ob es nicht besser wäre, wenn ich die Sieglinde sänge? Wer aber hätte schnell die Helmwiege gelernt? Es war zu spät, und ich bat Wagner, es dabei bewenden zu lassen. Als der König am 6. August zu den Generalproben kam, mußte er wohl merken, wie schlecht es um die Sieglinde stand, denn er frug Wagner, warum man Fräulein S. mit der Sieglinde betraut habe? Wagner antwortete: »Weil wir meinten, Ew. Majestät interessierten sich besonders für die Dame.« »O nein,« gab der König zur Antwort, »gar nicht. Ich lasse sie manchmal in meinem Wintergarten hinter Bäumen und Blumen Lieder singen, das ist aber alles!« Da mir Wagner das selbst erzählte, ist es authentisch. Anekdote vielleicht, daß Fräulein S. sich in eben diesem Wintergarten in die Fluten des kleinen Sees stürzte, um Hilfe schrie, und als der König erschien, sich an ihn zu klammern wünschte. Der König soll ihr zugerufen haben: »Rühren Sie mich nicht an!«; habe darauf dem Bedienten geklingelt und diesem befohlen, der Dame behilflich zu sein. – Ursprünglich war Frau Vogel, dann Frau von Voggenhuber für die Sieglinde ausersehen, die aber beide, gleichzeitig leidend, absagen mußten.
Je mehr wir begriffen, um so größer war die Anziehungskraft; man lebte nur noch in Exaltation, löste sich auf in Enthusiasmus für das Werk. Und wie wir im Werk, so ging Wagner auf in seiner Arbeit. Und jeder Abend versammelte nach des Tages Mühen die Künstler in seinem Hause, wozu auch das ganze Orchester, Kapellmeister und Chor ein- für allemal geladen waren. In dem noch jungen schönen Garten erging man sich Arm in Arm mit Wagner selbst; wie oft stürmte ich mit ihm darin herum, wobei er mir von seinen Bayreuther Plänen sprach, daß er nicht[288]  nur den Ring, sondern auch Werke andrer großer Meister zu geben beabsichtige; insbesondere Fidelio und Don Juan. – Große Büffetts mit kalten Speisen und Bier waren im Garten aufgeschlagen, die, wie mir von bestunterrichteter Seite gesagt wurde, 25000 Mark allein verschlangen. Hier geschah's einmal, daß Frau Jaide, unsere großartige Wahltraute und sagenhafte Wala, mit einem Teller voll Brödchen neben Niemann stand, der Frau Jaide sehr gut kannte und mit ihr von einem Teller aß. Das wurde von Frau Cosima übel vermerkt, die sich Niemann gegenüber darüber aufhielt, worauf dieser Wahnfried den Rücken kehrte oder sogar abreiste. Er mußte zurückgeholt werden, und seitdem noch mancher andere, der sich der Tyrannei Wahnfrieds nicht zu fügen gewillt war.
Sobald es dunkel wurde oder regnete, zog man sich in die Salons zurück, wo viel und göttlich musiziert wurde. Wilhelmy spielte oft allein, von Levi begleitet, oder auch Quartette mit Mahr, Toms und Grützmacher ganz herrlich. Einmal sang das Ehepaar Vogl das Liebesduett aus Tristan. Gegen die Bücherregale gewendet lauschte ich atemlos. Beide Sänger begannen leise, kaum vernehmbar; steigerten ihr Geflüster zur tönenden Woge, um dann wieder langsam zurückzuebben. Ich hörte es zum ersten Male und konnte mich, als es geendet, in die Wirklichkeit nicht mehr zurückfinden.
Eines Abends, im ganz kleinen Kreise, las uns Wagner aus dem Buch: »Mein Leben« vor, das damals, erst in 100 Exemplaren gedruckt, nur in die Hände solcher Freunde kam, die ihr Ehrenwort verpfändeten, nichts daraus verlauten zu lassen. Es sollte das Erbe Siegfrieds sein. Seitdem sind fast 40 Jahre verflossen. Das Buch hat nun das Licht der Welt in hunderttausend Exemplaren erblickt, aber auch mit manchen Auslassungen. Nur meiner Mutter zulieb las er an jenem Abend uns die Stelle vor vom »Othello« in Magdeburg, wo er dirigiert und die Panik entstanden war, weil das Publikum anstatt »weiter« »Feuer« verstanden hatte. Dann eine Szene aus Königsberg – oder war es Riga? – wo Wagners Gläubiger ihn eines Abends spät noch sehr bedrängten, seine Wohnung umzingelten, dann eindrangen, und er selber auf irgendeine Art daraus entfliehen oder sich durchs Nachbarhaus[289]  retten mußte. Diese beiden Szenen, auf die wir uns sehr wohl besinnen, fehlen nunmehr in dem soeben erschienenen Buche ganz, was um so lebhafter zu bedauern ist, als für Mina Planer gerade in dieser Erzählung sich wohl eine Entschuldigung finden ließe für ihre Flucht aus den so traurigen pekuniären Verhältnissen, die für die arme, vielleicht zu bürgerlich denkende, ordnungsliebende Frau erdrückend gewesen sein müssen.
Im kleinsten Kreise hatten wir natürlich am meisten von Wagner. Als Bayreuth im Jahre 76 seine Tore nicht nur den Künstlern, sondern auch den Kunstliebhabern, d.h. dem Publikum öffnete, verteilte Wagner seine Kräfte, die Intimität ging verloren. Ganz gegen seinen Willen war sein Haus der Sammelort der Aristokratie, der Patronatsherren geworden. Nach den ermüdenden Proben fühlten wir Künstler uns geniert, formvolle Konversation zu machen mit Leuten, die uns fremd waren, oder auf künstlerisch verständnislose Fragen zu antworten. Es war nichts Ganzes mehr, nichts Intimes, es regierte nicht mehr das Innere, nur noch das Äußere: die Neugier hauptsächlich. Wahnfried konnte natürlich nicht verschlossen bleiben; die Klugheit erforderte, auf alle diejenigen Rücksicht zu nehmen, die das Unternehmen fördern halfen, und Frau Cosima unterzog sich diesen Verpflichtungen in aufopfernder Weise. Auch war es ihre Welt, in der sie sich heimisch fühlte. Wagner war mehr Künstler als irgendeiner und fühlte sich ebensowenig wohlgelaunt wie wir in dem fast ausschließlich aristokratischen Kreise, in der seinem und unserem Denken und Empfinden so grundverschiedenen Atmosphäre. Auf die Dauer war der Zwang, zu dem diese Abende sich allmählich gestalteten, höchst unbehaglich. Obwohl ich den ganzen eleganten Kreis gut kannte und manch eine mir liebe Persönlichkeit denselben zierte, waren wir doch zu abgespannt, um auf die Dauer Vergnügen daran zu finden, und blieben schließlich fort. Es war uns lieber, in Phantaisie oder Eremitage allein herumzulaufen und zu denken, was wir zu denken für wichtiger hielten. Manchmal stand ich unten an den Wasserkünsten, meine Schwester oben versteckt oder auch umgekehrt; eine sang unten, die andere markierte das Echo oben, ohne daß jemand ahnte, daß das Echo »auch Lehmann« hieß. Professor Doepler d.Ä., hielt uns Vorträge über die kokette[290]  Natur oder auch über seine Kunst, kurz, wir fanden es herrlicher da draußen als im Zwange der Gesellschaft, wo wir entbehrlich zu sein glaubten.


Wir waren aber kaum drei Abende fortgeblieben, als das jüngste Gericht in Gestalt von Wagner über uns hereinbrach. Auf seine inquisitorisch Frage, warum wir fortgeblieben? mußte ich ihm sagen, daß wir uns für überflüssig gehalten, wie das fünfte Rad am Wagen vorkämen. Wagner geriet außer sich, ich glaubte, er würde wahnsinnig. Er beschwor mich, nur das nicht zu denken; er müsse seine Künstler um sich haben, er wolle schon sorgen, daß wir uns die Ersten und nicht die Letzten fühlen sollten. Hatte ich geglaubt, Wagner würde unser Fortbleiben gar nicht gewahr werden, so hatte ich mich also gründlich geirrt. Es tat mir furchtbar leid, ihm und wahrscheinlich auch Frau Cosima eine ärgerliche Szene bereitet zu haben, denn obwohl leidend, kam sie am Nachmittag sich zu entschuldigen: sie habe sich bei den schweren Pflichten, die ihr oblagen, nicht um uns kümmern können. Das wußte ich und hatte nicht daran gedacht, daß sie uns unterhalten sollte. Ich mußte ihr das feste Versprechen geben, immer zu kommen, und nichts trübte mehr die wahnfriedliche Harmonie.
Liszt entzückte uns viele Abende, er spielte wundervoll. Ein Wunder ging mit ihm vor, sobald er sich ans Klavier setzte. Wie ein Schleier zog's fort von seinem Gesicht, um dem Zuschauer ein ganz anderes Bild zu enthüllen, das geistige innere Bild des Künstlers, des großen Menschen. So spielte er seine Rhapsodien und schuf Tongemälde, worin sich seine Heimat, sein Herz und sein elegantes Wesen spiegelten. Um ihn standen alle schönen Frauen, die er umspann, die ihn fesselten, denen er Kußhände, Lächeln, Nachsicht und Liebe in Tönen zuwarf, mit denen er spielte wie mit Kindern, die ihn doch nicht verstanden. Der damals bildschönen jungen Gräfin Dönhoff, geb. Camporeale, nachmaligen Fürstin Bülow, apostrophierte er – wenn diese am untersten Ende des Flügels seiner Cis-Moll-Rhapsodie lauschte – im Fis-Dur-Satz, mit den viergestrichenen Dis- und Cis-Pointen, unnachahmlich seine huldigende Bewunderung. Alle kokettierten mit ihm und – soll ich's sagen? – auch er mit allen; aber es war lieb und gütig von dem alten Manne, es hatte nichts Unangenehmes an sich. Sein[291]  Spiel verklärte sein Äußeres, in welchem sich nun sein Innerstes wiederspiegelte.
Manchmal saß ich mit Friedrich Nietzsche in irgendeiner stillen Ecke, wo er mir von dem großen Wissen Wagners erzählte, mir die Quellen nannte, aus denen er geschöpft, sich begeistert in der Verherrlichung Wagners erging, trotzdem er ruhig und leise zu mir sprach. Damals wußte er noch nichts vom »bösen, alten Zauberer«: Wagner. Aber auch ich wußte leider damals noch nicht viel von Nietzsche, und das bedauere ich heute mehr, als ich sagen kann.
Als wir am 3. Juni 1876 in Bayreuth angekommen waren, sahen wir zum erstenmal unsre Schwimmaschinen. Allmächtiger! Eine schwere dreieckige Maschine, eine gewiß 20 Fuß hohe Eisenstange, an deren Ende ein schräges Gittergestell saß; und da hinein sollten wir und darin singen! Eben hatte ich mir durch zu langes, anstrengendes Posieren für ein Ölbild arge Schwindelanfälle zugezogen, war gar nicht wohl und weigerte mich ernstlich, den Apparat zu erklimmen. Auf Zureden des alten Maschinendirektors Carl Brandt und des Ballettmeisters Fricke, stieg Riezl todesmutig auf einer Leiter hinauf, ließ sich am Gürtel anschnallen und fing nun an – von unten dirigiert – herumzufahren. Ich durfte mich doch nicht so beschämen lassen, stieg also ebenfalls auf. Es gefiel mir bald sehr gut, ich bewegte mich zunächst mit den Armen –der ganze Oberkörper war frei, anhalten konnte man sich an nichts – dann auch mit dem Körper; endlich entschloß sich auch Minna Lammert zu der Schwimmprobe, und nun schwammen und sangen wir darauf los, daß es eine Freude war. Wagner knutschte uns dann unter Freudentränen gehörig ab, und auch Brandt war des Dankes voll für unsere Tapferkeit. Mein Wagen wurde von Anton Seidl, Riezl ihrer von Fischer und der Lammert ihrer von Mottl dirigiert; jeder Wagen hatte noch einen Theaterarbeiter, der schob, und einen Extramaschinisten, wurde also von drei Männern bedient. Und doch war es gefährlich genug. Die erste große Szene der Rheintöchter spielte sehr hoch; die Wagen liefen auf einem gewiß 20 Fuß hohen Praktikabel, das auf Holzstützen ruhend immer hin- und herwackelte. Sobald die Szene ihr Ende erreichte, wurden die drei Wagen sehr schnell in verschiedenen Kulissen auf äußerst kleine Holzpodeste geschoben, die nur eben groß[292]  genug waren, die Maschine aufzunehmen. Dann wurde das große Praktikabel abgetragen, die Stützen darunter entfernt – von denen einige, schon bevor wir abgeschoben, abgenommen wurden –, und erst als die ganze Verwandlung fertig, Fricka und Wotan schon sangen, hatte man Zeit, an uns arme »Angeschnallte« zu denken. Eine Leiter wurde befestigt, und wir mußten nun, über dem Abgrund schwebend, uns langsam aus dem Gerüst heraushelfen, hinter uns die Leiter heruntersteigen. Erst vom Podest an führte eine gangbare Treppe auf die Bühne und erlöste uns aus aller Gefahr. Eines Abends, als man mich eben auf das Podest abschob, sah ich, wie der junge Brandt von meinem Wagen über das schwindende, sinkende Praktikabel zu Riezls Wagen hinüberrast, weil, wie er uns dann erzählte, der Wagen bei einem Haar, ohne seine Hilfe, in den Abgrund gestürzt wäre. Gut, daß wir die Gefahren nicht alle kannten, wir wären keinen Augenblick mehr ruhig gewesen.
Ich hatte mir allerlei kecke, gut aussehende Bewegungen auf der Maschine ersonnen, fühlte mich frei, alles zu tun, was ich mit meinem Körper zu tun vorhatte, und konnte meinen Geschwistern, Wellgunde und Floßhilde, eine Menge hübscher Stellungen mit angeben. Wir waren so sicher, daß wir wirklich in unserem Element zu sein glaubten. Da hatte man den schrecklichen Einfall, uns erst in der letzten Probe am Fußgestell einen über Drahtgitter kaschierten Schwanz anzuheften, dessen dauernd zitternde Bewegung sich nicht nur der Maschine, sondern auch uns mitteilte und uns nicht mehr zur Ruhe kommen ließ. Noch immer höre ich Floßhildens Ruf: »Mottl, ich spucke Ihnen auf den Kopf, wenn Sie mich nicht ruhig halten!« Ich war außerstande, meinen Körper so zu wenden und zu drehen, wie ich es mir im Gefühl der Sicherheit ausgearbeitet hatte, und viele der besten kühnsten Wendungen fielen damit ins Wasser. Meine Ruh war hin, ich fand sie nimmermehr, und meinem holden Geschwisterpaar ging's ganz ebenso.
Mit überschlagenen Beinen saß Wagner auf der Bühne, die Partitur auf dem Schoß, wenn ein Orchesterstück gemacht wurde oder das Orchester allein probierte. Er dirigierte vor sich hin, während Hans Richter das Orchester unten leitete. Sie fingen zwar zusammen an, aber Wagner war in seine Partitur so verloren,[293]  daß er dem Orchester gar nicht folgte, das oft weit voraus und längst in andere Tempi übergegangen war. Wenn er denn endlich zufällig einmal aufsah, merkte er erst, daß die etwas ganz anderes spielten, als er mit seinem geistigen Ohre hörte. Sehr bemerkenswert bleibt sein Ausspruch entgegen aller metronomischen Taktschlagerei, den er gelegentlich aller melodischen Phrasen einzelner Instrumente den Künstlern öfter wiederholte: »Das gehört Ihnen, machen Sie damit, was Sie wollen.«
Vom Dirigenten sahen die Sänger fast gar nichts. Hinter ihn nagelte man also gegen die Schallwand ein schwarzes Tuch, damit man Hans Richter und seine weißen Hemdärmel fand; denn in Hemdärmeln dirigierte er und fuhr, wenn sich die Gelegenheit gerade bot, auf einem Ochsengespann hinten aufsitzend, bei glühender Hitze zu den Proben ins Theater hinauf. Alles war neu. Die ungeheuere Entfernung des Kapellmeisters von der Bühne und das Fehlen des Souffleurs. Wir Rheintöchter brauchten ihn nicht, aber viele andere brauchten ihn um so mehr. So entstanden hinter jedem Versatzstück, in jeder Kulisse, Souffleure aller Arten. Ich selbst soufflierte Siegmund-Niemann in der Walküre hinterm Herd, wenn er sehr aufgeregt war, und das war er in Bayreuth immer.
Während der Zwischenakte in Nachmittagsproben saßen wir Damen – wie wir Lehmanns vor zwanzig Jahren in Prag einst saßen – und stickten an den Kostümen oder machten Blumen.
Frau Cosima hatte manchen Einfluß auf die Kostüme und manches andere; Wagner und sie waren sehr oft ganz entgegengesetzter Meinung, wie denn Wahnfried nicht selten in zwei Parteien gespalten operierte, was sich besonders dadurch charakterisierte, daß Frau Wagner gerade diejenigen Künstler ostentativ protegierte, die Wagner für das Werk als »nicht wertvoll« bezeichnete. Aber Wagner gab schließlich in Kleinigkeiten nach, um Ruhe zu gewinnen.
Frau Wagner hatte viel Dankbarkeit für Amalie Materna. Sie arrangierte für den 9. Juli 1876, am Vortage von deren Geburtstag, eine reizende Gartenfeier. Jeder der Mitwirkenden mußte der »Mali« eine Rose bringen, die Mali, auf einem Rosensitz thronend, entgegennahm. Zuerst kamen sämtliche Kinder, dann die Künstler und schließlich Wagner mit dem ganzen Orchester.[294]  Illumination im Garten, Mondschein von oben, Angermannsches Faßbier, Büfetts und Feuerwerk. Gesänge der Rheintöchter beendeten das heitere Fest. Diesem folgte am 10. Juli abends die eigentliche Geburtstagsfeier in der »Sonne«, zu der kolossale Vorbereitungen getroffen waren. Im Garten hatte man eine kleine Bude als Bühne hergerichtet, mit nuttigen Öllämpchen beleuchtet und mit sämtlichen Leintüchern des Gasthofs und Malis Nachtjacken und Frisiermänteln als Draperie behangen. Das Programm war reichhaltig genug. Aus einem Pianino und der großen Trommel bestand das Orchester, auf denen Mottl und Herm. Levi, je nach Bedarf, die Vortragenden begleiteten. Riezl sang Mansfelder »Schnadahüpfeln« mit Mottls Begleitung. Friedrich, Malis Gatte, deklamierte »Der Radi und die gelbe Ruabn« (von Grünbaum), und ich tanzte mit Ballettmeister Fricke aus Dessau ein »Pas de Bouquet«, das großartig wirkte, uns aber auf den vielen Proben noch tausendmal mehr Spaß verursachte, da die Erregung vor dem Publikum meine Ballettkünste doch einigermaßen beeinträchtigte. Malis Jungfer hatte prachtvolles Goulasch mit Knödeln gekocht, Friedrich ein großes Faß Pilsner direkt kommen lassen. Mehr als 40 Personen nahmen teil daran, außer Wagner, der von den furchtbaren Proben ganz aufgebraucht war. Aber er hatte recht wenn er sagte: »Wir Künstler sind eine explodierende Bande; ein solcher Abend, ein solches Zusammensein ist für andere vollkommen unverständlich und wird von Unbeteiligten falsch beurteilt. Darum bleiben wir auch am liebsten unter uns.«
Traurig-drollig und heiter zugleich wirkte das Aufkommen der Hundesteuer. Traurig, weil eine Unmenge von Tieren in die Hände gemeiner Abdecker fielen – man begegnete ganzen Karawanen dieser treuesten Menschenfreunde, von denen nur wenige gerettet wurden. Der liebe große Mensch und Tierfreund Wilhelmi hatte den Abdeckern unzählige Hunde teils abgekauft, teils abgejagt, sie unter die Sänger, Chor- und Orchestermitglieder verteilt und alle gezwungen, mindest ein Exemplar aufzunehmen, deren er jeden Tag, zu allen Stunden zu finden wußte. Für Abgekaufte hatte er drei Mark bezahlt; abgerechnet der »abgejagten« muß er ein Vermögen dafür ausgegeben haben. Während der Orchesterprobe waren oft 30–40 Hunde außerhalb dem Theater angebunden, und man kann[295]  sich einen Begriff von dem Freudenlärm machen, wenn die Probe zu Ende und jeder seinen Hund wieder abhand. Auch ich hatte zu unserem »Petze Lehmann«, der bei jedem Hojotohoruf laut in Ekstase geriet, noch einen »Mime« für drei Mark Wilhelmy erstanden, den ich aber an Tenor Richter in Nürnberg bald wieder los wurde, obwohl ich mich ungern von ihm trennte, weil das Tier von der ersten Sekunde an mit rührender Liebe an mir hing. Ebenso hatte Mali einen Pintsch, den sie jahrelang auf allen Reisen mit herumschleppte. Als wir einmal mit »Petz« eine Landpartie an den Roten Main machten, schickte Riezl den Hund die ziemlich steilen Ufer hinunter ins Wasser, wo er plötzlich verschwand. Wir gerieten außer uns. Riezl flehte Mottl um Rettung an. Mottl besann sich nicht, stürzte ihm nach ins Wasser und entdeckte Petz endlich nach langem, vergeblichem Suchen an einer Weide hängend, festgebissen. Er brachte den armen Kerl glücklich ans Land, eine Tat, die wir Mottl nie genug danken konnten. Dann verletzte sich Petz beim Sprung aus dem ersten Stock, als er mich auf der Straße Hojotoho rufen hörte, die Pfote; verlor am Mondsee in Scharfling im Kampf um einen Knochen ein Auge und starb, 14jährig, am Fußtritt eines gemeinen Menschen, als ihn das Mädchen unachtsam auf der Straße allein gehen ließ. Sein Temperament bedrohte fortwährend sein Leben und unsere Ruhe, bis sein Tod diesem unerfreulichen Zustand ein Ende bereitete.
Im Jahre 1876 wohnten wir drei Lehmänner bei Apotheker Wiedemann, wo wir ganz ausgezeichnet untergebracht waren; glückliche Menschen, die mehrere Jahre später so unglücklich endeten. Im Jahre 1883 besuchten wir die arme Frau im Irrenhause, sie schien uns nicht zu erkennen, obwohl die Oberwärterin das Gegenteil behauptete; schwieg konsequent und machte ohne Nadel und Faden unermüdlich die Bewegung des Nähens. Ihre Kinder hielt sie für Puppen. Es war gräßlich. Als wir im Begriff waren, das große, schöne Zimmer mit der Oberwärterin zu verlassen, schlängelte sich lächelnd eine zweite »Närrin« bis zur Eingangstür mit uns, um beim Aufsperren sofort hinauszuwischen. Unsre Führerin hatte das Manöver längst bemerkt, die Frau am Arm gepackt und rief ihr ziemlich streng zu: »Nein, Frau Kathi, Sie bleiben da, Sie kommen nicht hinaus!« schob sie zurück und schloß[296]  die Türe. Mir tat das Herz noch lange weh; solange ich lebe, werde ich den furchtbaren Eindruck nicht vergessen, den die stille, stumme, einst so glückliche Frau Wiedemann auf mich hervorbrachte.

In der Nacht zum 6. August war der König angekommen; im geschlossenen Wagen fuhr er nach Eremitage. Am 6. abends wohnte er mit Wagner allein in der Fürstenloge der Generalprobe von Rheingold bei und fuhr dann durch die illuminierte Stadt im geschlossenen Wagen, ich glaube sogar mit heruntergelassenen Gardinen, nach Eremitage wieder zurück. Wagner begleitete ihn. Am andern Morgen hatte der König Wagner bereits brieflich gedankt, und abends nach der Walkürenprobe schien er ganz besonders aufgeräumt und enthusiasmiert. Niemann-Siegmund hatte ihn gepackt, und Wagner war nach dem ersten Akt schon auf die Bühne gekommen, um sich am Halse Niemanns auszuweinen. Niemann hatte mit dem Siegmund den Siegmund geschaffen, erschütternd, großartig, wie ihn Wagner gedichtet hat und komponiert. Nie wieder habe ich einen Siegmund, gleich ihn, gehört, gesehen, sie können sich alle – sie mögens mir übel nehmen oder nicht –, alle begraben lassen. Seines Geistes Kraft, die körperliche Macht, sein unerhörter Ausdruck, Gott, war das herrlich! Sein erster Schritt schon weissagte das Verhängnis; die Erzählung! die Todesverkündigung! Unglück, Liebe, Schmerz, Größe, alles stand auf höchster künstlerischer Höhe im Ausdruck; Gesang und Spiel, Aussehen und Beherrschung aller künstlerischer Technik, die sich in seinem Mienenspiel konzentrierten, das alles zusammen gab uns Niemann und nahm alles, alles gefangen. Aus vollstem Herzen, vor aller Welt müssen wir ihm diese Gabe, diesen Siegmund, danken, der einzig war und niemals wiederkommen wird, so wenig wie ein Wagner.
Auch Vogls Loge ist nie wieder erreicht worden; er war der geborene Loge. Schärfe, Hohn Witz, Neid, seine – übrigens nur für diese eine Rolle passende – outrierte Aussprache, die, scharf und bissig zugleich, nicht nur scharf klang, und seine unglaublich musikalische Sicherheit gaben vereint das Bild des vollendeten Original-Loge. Er erntete den ersten Applaus.[297]
Auch der so charakteristische Alberich Hills, der im Fluch das Höchste an Bitterkeit auszusprechen vermochte, ist mir nur annähernd in Schelper und Haydter-Wien einmal begegnet, obgleich der letzte den höchsten Grad nicht ganz erreichte. Frau Jaides Waltraute, Erda und sagenhafte Wala fanden nie wieder ihresgleichen in den vielen Vorstellungen, die ich je gesehen. Ach, sind mir ihre Ausdrücke, die mächtigen, tief ins Gedächtnis eingegraben! Die Walaszene im Siegfried, von dem damaligen Orchester gespielt, von Betz und Jaide gesungen, gehörte für mich überhaupt zu den größten, nachhaltigsten Eindrücken des 1876 Bayreuths!
Außer Hans Richter, der eine schier unglaubliche Arbeit leistete, mit gleicher Hingabe für Wagner, seine Werke, seine Erfolge, seine Familie, mit immer neuer Lust und Liebe sich an Arbeit nie genugtun konnte, war es wohl Amalie Materna, welche der größten Anstrengung ausgesetzt war. Wenn sie auch die mächtige, für die drei Brünhilden notwendige Stimmkraft besaß, waren ihr doch Worte, Sprache, Stil, die Art des Spiels ganz fremd und stellten fast noch höhere Anforderungen an die Künstlerin als die Musik selbst. Es war nicht ungefährlich, sich monatelang solch geistigen wie physischen Anstrengungen auszusetzen, und als Wunder muß es angesehen werden, daß sie unter der Last der damit verbundenen Aufregungen nicht zusammenbrach. Heute sind sie in Fleisch und Blut übergegangen, diese Brünhilden, durch Gewohnheit und Kenntnisse ein Kinderspiel gegen damals.
Auch wir Rheintöchter taten das Unsere. Wie waren wir übermütig, lachten und scherzten, um dann bei der Weissagung an Siegfried in der Götterdämmerung um so ernster zu sein. Übrigens kann ich nicht umhin, nochmals zu wiederholen, daß ich im Rheingold nach meiner Partie stets sang: »Nur wer der Minne Macht  entsagt« und niemals »versagt«, wie ich später immer hören mußte. Darauf machte ich Kapellmeister Levi auch aufmerksam, als er 1884 in München wünschte, ich solle versagt statt entsagt singen. Wagner, vor dem ich's doch einige hundert Male gesungen habe, hätte mir es ganz gewiß verbessert, wenn er es anders hätte haben wollen. Auch spricht die Komposition schon dagegen, weil es nicht heißt: »Nur wer der Minne  Macht versagt«, sondern: »Nur wer der Minne Macht  entsagt.« Die Achtelpause[298]  steht vor »entsagt« und nicht vor »Macht«, wie es sonst heißen müßte. Und noch auf einen zweiten Irrtum mache ich hier aufmerksam, daß wir unter Wagner in der Götterdämmerung: »Sag' es Siegfried, sag' es uns« niemals unisono sangen. Ich möchte wohl wissen, von wem die Änderung stammt. Jedenfalls habe ich auch die Rheintöchter nie wieder so sehr in ihrem Element, so glücklich, heiter, lachend und ernst gehört noch gesehen. Mit welchen Gefühlen waren wir am Werk! Wir taten Wagner zuliebe, was wir konnten, setzten all unsere Kräfte, unser Können ein und brachten vollstes Verständnis mit für sein ungeheueres Schaffen. Unser Herz legten wir in jedes Wort und Ton, die unsre Hingabe bekundeten.
Nehmen wir noch Gura als wirklich prachtvollen Gunther hinzu, der an Noblesse, schauspielerischem Wert und stimmlicher Schönheit künstlerisch Unübertreffliches leistete, und Schlossers ausgezeichneten Mime, das geradezu göttliche Orchester, aus dem heraus wir heute noch Wilhelmys zauberhafte Rheingoldklänge zu hören meinen, den ausgezeichneten Chor, so sind wir fertig mit dem Hervorragendsten der damaligen Aufführungen des 1876 Bayreuths. Welch unendliche Liebe für Wagner machte damals möglich, was von den Künstlern kein anderer hätte fordern dürfen.
Als Wagner am 1. August 1875 das Theater betrat – wir hatten lange schon auf ihn gewartet – ertönte, von dem mächtigen Orchester gespielt, das Walhallmotiv, und Betz-Wotan sang mit seiner herrlichen Stimme, seiner großen Gesangskunst:

»Vollendet das ewige Werk:
auf Berges Gipfel
die Götter Burg.
Prunkvoll prahlt
der prangende Bau!
Wie im Traum ich ihn trug,
wie mein Wille ihn wies,
stark und schön
steht er zur Schau;
hehrer, herrlicher Bau!«


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Welch ein ergreifender Augenblick! Wagner hatte übrigens keine Zeit, ergriffen zu sein; er trat ans Orchester vom Parkett aus[299]  heran und rief begeistert: »Ich habe meinen Prozeß gewonnen, die Akustik ist ausgezeichnet.« – Allen dankte er, die ihm die Freude zuteil werden ließen, an dem schwierigen Werke mitzuschaffen, und betonte, daß es sich hier um ein Kunstwerk von großer Bedeutung und nicht etwa um banale Schwindeleien handle.
Daß Wagner Scaria aufgeben mußte als Hagen, war wohl für das Unternehmen von großem Schaden, denn er wäre wie kein anderer gewesen. Scarias enormer Ansprüche halber mußte es unterbleiben; es waren ohnehin genug der Kosten. Niemann, Betz, meine Schwester und ich sangen umsonst, und wie gerne hätten wir noch mehr für ihn getan, wenn man damals in der Lage gewesen wäre oder in die Zukunft hätte schauen können. Aber wir vier waren die einzigen Idealisten, alle anderen ließen sich bezahlen.
Unsere Walkürenszenen gingen vortrefflich. Frau Jachmann-Wagner, Wagners berühmte Nichte, die ich von Berlin kannte, wo sie anfangs der 70er Jahre noch als Schauspielerin wirkte, darin aber weniger leistete wie als Sängerin, führte uns an. Wir arbeiteten mit ihr eine Menge Stellungen aus und gestalteten sie so kühn, als es nur eben möglich war. Wir hatten viel gearbeitet, alle wie wir dort waren, und Wagner, der für alle andern mitarbeitete, leistete Ungeheueres; er war oft sehr herunter, sehr leidend. Das physische Leiden verschwand aber in den tausendfachen Nöten, welche das kolossale Unternehmen mit sich brachte, bis endlich die Höhe erklommen war und die Vorstellungen begannen.
Nach der ersten Walküre hatte Wagner uns alle auf der Bühne versammelt. Draußen schrie und tobte das Publikum, wir aber standen im kleinen Kreise um den großen Meister, der nun in glühenden Worten uns mit seinem Dank überschüttete für alle Mühen und fürs Gelingen; er war aufs tiefste ergriffen. Wagner küßte uns, es war uns feierlich zumute. Niemann, der zufällig neben mir stand, überkam auch die Rührung, etwas, was ich nur dies eine Mal an ihm wahrgenommen, und trotzdem wir noch immer – vom Rienzi her – sehr gespannt waren, umarmte er mich ganz impulsiv und küßte mich. Er hätte wohl auch jemand andern in diesem großen Augenblick geküßt, der zufällig neben ihm[300]  gestanden hätte. Da, in demselben Moment, öffnet sich die Bühnentür, und Frau Hedwig Niemann-Raabe schreit laut auf: »Aber Albert«, wirft die Türe wieder zu und fort war sie. Die kleine Frau und große Künstlerin war immer schon eifersüchtig auf mich gewesen; auch dann noch, als wir später intim befreundet, uns duzten, sie mir, ich ihr Beweise höchster Freundschaft gegeben hatte. Natürlich lachte ich sie aus, aber sie behauptete nach wie vor: »sie sei trotzdem noch immer eifersüchtig auf mich.« –
Obwohl in der »Sonne« bereits eine Halle angebaut war für die erwarteten Besucher, hatten wir Künstler doch immer noch den kleinen Saal für uns, in dem wir uns zum Mittagessen zusammenfanden, und zu dem nur wenig Auserlesene – wie Graf und Gräfin Danckelmann z.B. – Zutritt hatten. Hier ging's noch immer heiter zu, und jedes Diner schloß damit, daß Mottl als Dame verkleidet, in Malis Roben, Hut und Schleier über die Straße ging, um Mohrenköpfe zu holen, die täglich ein anderer zum besten gab. Einige der Walküren machten hie und da Besuche in der Nibelungenkanzlei, und auch ich hatte mich einmal so weit in das hinterste Bayreuth verstiegen. Auf diesen Besuch folgte ein an mich gerichteter Brief Anton Seidls, der von dem damals in Bayreuth herrschenden Ton am besten Zeugnis gibt:

Bayreuth, 20. Juli 1876.

Geehrtes Fräulein!

Sie verzeihen, daß ich Ihre künstlerische Tätigkeit mit etwas Profanem störe, nämlich mit einem Damen-Regenschirm, der bei mir stehen blieb. Im Kaffee-Salon unseres Nibelungenkanzlei-Palais hängt er und starrt uns mit seiner güldenen Kette am Griff und seinem lila-seidenen Futter im Leibe an. Erst kürzlich hörten wir die Mähr von seiner Existenz, da uns berichtet wurde, daß im Tann unseres Kaffee-Salons die blaue Stute der Hengst (mein Regenschirm!) stößt. Wer ist die Walküre, die das vermochte? Oder wäre es Woglinde, Welgunde, Floßhilde, die den zottigen Gesellen verschmähte? Kunde gewänne sich gern Ihr
achtungsvoll ergebener
Anton Seidl.[301]
In der kleinen Restauration, linksseitig vom Wagnertheater, nahmen wir nach langen Abendproben unsere Mahlzeit ein. Sobald wir uns ein bißchen gestärkt und erholt hatten, traten wir auf die Veranda, schoben das Pianino heraus, löschten die »Gas-Zünde«, und nun spielte und sang uns der damals 20jährige Mottl mit seinem großen Talent, seiner reizenden Stimme den ganzen Tristan auswendig vor. In Dunkel gehüllt, ungestört, lauschten wir und verloren uns in Hochgenuß dieser weihevoll berückenden Stunden, von aller Welt – selbst von dem »Ringe« – losgelöst. Der Tristanzauber wirkte übermenschlich.
Im Frühling 76 war der Tristan in Berlin herausgekommen, Wagner studierte ihn dort ein, inmitten seiner Riesenarbeit und den Vorbereitungen zum Ring. Es wurde ihm nicht gedankt. Der Erfolg blieb weit hinter unseren Erwartungen zurück, das Berliner Publikum war noch lange nicht reif dafür, d.h. viel zu wenig vorbereitet, um auch nur annähernd die Größe und Erhabenheit dieser einzigen Musiksprache würdigen zu können. Die Aufführung war teilweise unübertreffbar. Niemann als Tristan wohl das Erhabenste, was je auf dem Gebiet des Musikdramas geleistet wurde. Auch Frau von Voggenhuber leistete Außergewöhnliches für die damalige Zeit. War ihr ja doch alles, was das Tristanwerk betraf, vollständig fremd. Marianne Brandt als Brangäne, Betz als Marke prachtvoll, das Orchester unter Eckert, der das wundervolle Werk großzügig leitete, ausgezeichnet. Nichts fehlte als das volle Verständnis der Zuhörer.
Als der Tristan in Weimar zuerst gegeben wurde, war Richard Wagners Art, Musik und Sprache noch ziemlich neu, den meisten Sängern fremd. Undeutschen wird sie es wohl auch bis zu einem gewissen Grade zeitlebens bleiben. Kein Wunder, daß die damaligen Künstler beim Studium ihrer Rollen fast verrückt wurden. Kein Wunder, daß Schnorr von Carolsfeld, der erste Tristan, darunter – wie behauptet wird – schwer zu leiden hatte, obwohl er selbst nichts davon erzählt, und Ander in Wien sie überhaupt nicht singen konnte. Die Fremdartigkeit der Sprache, der niemals vorher angewandte Wortschwall, der über alles je dagewesene Umfang der Rollen, die übermäßige Anspannung des Gedächtnisses, alles das mußte einen schlimmen Einfluß auf diejenigen Künstler ausüben,[302]  die ihren Aufgaben unvorbereitet gegenüberstanden. Kein Wunder, daß auch das Publikum nicht verstand, was ihm erst nach Wagners Tod verständlich wurde. Frau von Voggenhuber hatte sich noch ausgemacht, acht Tage vor und acht Tage nach jeder Tristanaufführung unbeschäftigt zu bleiben, während Vogl und ich 1890 die beiden Rollen in sechs Tagen dreimal in Newyork sangen. Man hatte, ohne uns zu fragen, das Repertoire gemacht, und keiner von uns hatte das Herz, die ausverkauften Vorstellungen abzusagen. So ändern sich Zeiten, Ansichten und Fähigkeiten.
In Berlin fehlte ich in keiner Probe und versäumte keine Vorstellung. Von einer der ersten Orchesterproben erzählte mir ein Musiker, wie man sich über »des Hirten Weise« lustig gemacht habe; er nannte es: »ein nie endendes, langweiliges Englisch-Horn-Solo, das zum einschlafen sei.« Und wie tief packte mich gerade diese »Weise« und griff mir ins Herz, als ich sie zum ersten Male hörte. Mit geschlossenen Augen lauschte ich den zauberhaften Harmonien des 2. Aktes, und erst als Niemann-Tristan den 3. Akt begann, sah ich auch. Es war eine Offenbarung des Gedichtes, des Musikdramas.
Damals in Berlin und auch noch in Bayreuth 1875–76 schien mir die Isolde je zu singen verschlossen. Aber meine inneren Flügel hatten sich bereits gereckt nach ihr; Worte und Musik hatte ich schon in mir verarbeitet, ich stand der großen Aufgabe nicht unvorbereitet gegenüber, als ich sie mir ganz zu eigen machte, mit allen Erinnerungen mächtiger Eindrücke und Vorbilder sie dann endlich wiedergeben durfte. Wieviel lag aber dazwischen! Liebe, Kummer, Enttäuschungen, Krankheit, Tod meiner Lieben, unendliches Leid und wie die Dinge alle heißen, die aus einem einfachen Mädchenherzen eine volle Künstlerseele zu schmieden vermögen. Wenn dieses »werden« dem armen Herzen nur nicht gar so weh täte. Es wird zermartert und zertreten, und wenn es nicht dabei zugrunde geht, nach all dem Leid doch noch etwas zu leisten vermag, so muß es schon etwas Großes sein, das ihm als Entschädigung für das, was es gelitten hat, zuteil werden muß.

Bayreuth beherbergte nun alles, was mit Musik zu tun hatte, was sich dafür interessierte, und was so tat, als verstände es etwas[303]  davon, oder als protegiere es die Kunst. Viel liebe und viel unliebe Menschen aller Arten, wie das so üblich ist. Unsere Vormittagsübungen in der »Sonne«, die eigentlich nur Dönhoffs, Graf und Gräfin Danckelmann, Cuno Moltke und Major v. Rabe – einer der wenigen echten Musikverehrer und unser treuer Freund – zuliebe noch stattfanden, mußten wir aufgeben. Man vermied nach Kräften allzu häufige Begegnungen und fand sich im Theater bei Wagner oder allgemeinen Versammlungen ohnehin zusammen. Sogar Hülsen war zum Ring gekommen und sollte Abends vorher mit Wagner in Wahnfried beim Empfang zusammentreffen. Beide Männer waren ein wenig verlegen, über die erste Begegnung fortzukommen, weshalb Hülsen mich bat, ihm behilflich zu sein was Wagner, wie ich merkte, ebenfalls sehr gelegen kam. Es ging denn auch viel besser, als man fürchtete. Hülsen wollte allerdings vom ganzen Ring nichts wissen, er gedachte nur die Walküre aufzuführen, was ihm, wie allen andern, abgeschlagen wurde. Ob das zu Wagners Besten war, kann ich nicht ermessen; aber ich meine, man hätte dann alsbald auch die andern zum Ring gehörigen Werke gegeben.
Ein strahlender Kreis war vereinigt, das Werk in sich aufzunehmen oder zu bekritteln. Geistig große bedeutende Menschen, Musiker, Maler, Architekten, gekrönte Häupter, Fürsten, Grafen, Lords und Ladies fanden sich allabendlich in Wahnfried zusammen. Wagner ging diese Art von »Hofhalten« gegen sein künstlerisches Gefühl, ihn machte mürbe und unfroh, was Frau Cosima Gelegenheit bot, ihre glänzenden geistigen und gesellschaftlichen Eigenschaften zu entfalten und leuchten zu lassen. Sicher ist es ihr zu danken, daß es ohne allzu große Differenzen bei diesen »Meetings« zwischen Wagner und »le monde« abging. Interessant war's aber schon am meisten für den gänzlich unbeteiligten Zuschauer.
Graf und Gräfin Schleinitz gaben in ihrer Privatwohnung ebenso gemütliche Tees wie in Berlin im Hausministerium, wo man in eleganter Behaglichkeit, von auserlesenen Menschen umgeben, sich stets wohl befand. Nebst dem König von Bayern und den Künstlern war es wohl die Gräfin hauptsächlich, die sich um das Zustandekommen Bayreuths das größte Verdienst erwarb.
Gerade als die große Hungersnot in Bayreuth ausbrach – es war während dem 2. Zyklus – lud uns das Großherzogliche[304]  Paar von Mecklenburg-Schwerin zu einer Soiree. Der Großherzog, der mich führte, versicherte mir, daß es in Bayreuth tatsächlich nichts mehr zu essen gäbe, er aber Sorge getroffen habe, daß wir nicht zu hungern brauchten. Außer der Frau Großherzogin Marie war auch ihre Tochter anwesend, die von Schönheit und Liebreiz umflossene Großfürstin Paulowna, sowie mehrere andere zur Familie gehörige Damen und Herren. Das Großherzogliche Paar war erquickend liebenswürdig, wir lachten, scherzten, unterhielten uns prächtig, und als wir schließlich noch »ungebeten« unsere Rheintöchterterzette »losließen«, die uns der allverehrte Alois Schmidt begleitete, war der Dankbarkeit kein Ende. Sehr spät erst empfahlen wir uns nach dem so heiter und glücklich verbrachten Abend, den wir in so auserlesener Gesellschaft genossen, und der uns noch lange in frischem Erinnern verblieb.
Gleich anfangs der schönen Bayreuther Zeit hatten Hill, Betz, Eilers, Mottl und wir drei Rheintöchter gemischte Quartette von Mendelssohn nebst melodisch schönen von Spohr einstudiert, die wir zu unserer persönlichen Freude sangen, sobald wir unter uns waren. Eines Tages war ein Riesenpicknick von Scaria und Friedrich nach Berneck für die Solisten arrangiert, wohin wir mit allem Essen und Trinken, Spielen – ja sogar Eis wurde mitgenommen – in 6 bis 8 Kremsern fuhren. Schon unterwegs wirkte die Heiterkeit der »Impresarii« ansteckend; mich wundert heute noch, daß wir überhaupt in Berneck ankamen. Sobald wir auf dem Lagerplatz ausgepackt hatten, fing es an in Strömen zu gießen, tat aber unserem Frohsinn keinen Eintrag, die Lustigkeit ließ sich durch nichts vermindern. Arm in Arm mit Wotan-Betz, der schützend einen Regenschirm über mich breitete, Mottl und Lammert – die keine Schirme mithatten – hockten unter einer großen Holzbank, Riezl mit mehreren anderen unter dem Tisch, sangen wir mit den Vögeln des Waldes um die Wette unsere Quartette zum Lobe Gottes wie seiner Herrlichkeit. Für des Wetters Unbill entschädigte uns ein wunderbarer Abend, der neue Heiterkeit erweckte, alles Ungemach vergessen ließ.

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Bald sollte sich uns eine günstige Gelegenheit bieten, die schön studierten Quartette noch anders zu verwerten. Als König Ludwig während der Generalprobe in Bayreuth weilte, faßten wir den[305]  Entschluß, ihm in Gestalt eines Ständchens Verehrung und Dankbarkeit erkennen zu geben. Auf unsere Anfrage beim Hofmarschallamt kam der Bescheid, daß S.M. die Huldigung gerne entgegennehmen würde. Nach der Generalprobe vom Siegfried fuhren Betz, Hill, Mottl und wir drei Rheintöchter – noch bevor der König das Theater verlassen hatte – nach Eremitage, d.h. vorläufig bis Rollwenzel, der auf halbem Wege liegt, stiegen dort aus und begaben uns in ein dunkles Zimmer, wo wir bei einem im dunkel gehaltenen Lichtstümpfchen noch schnell mehrere Piecen probierten. Licht durfte von außen nicht gesehen werden, wenn der König vorbeifuhr, und vorbei mußten wir ihn lassen, ehe wir ihm folgen durften. Alles mußte geheimnisvoll, ohne daß der König das Geringste wahrnahm, vor sich gehen. Es mochte wohl 11 Uhr Nachts geworden sein, als wir in Eremitage ankamen; wir warteten auf jemand, der uns in ein Bosquet führte, wo wir von einer spanischen Wand verdeckt, bei kleinen Blendlaternen, zu singen anhuben. Der König ging nicht weit von uns entfernt auf und ab; in seiner Nähe stand ein Tisch mit einer Lampe, an dem er vielleicht seine Abendmahlzeit eingenommen; sonst aber herrschte Totenstille in dem wundervollen Garten, den der Mond hell bestrahlte. Geräuschlos, wie wir gekommen, schlichen wir nun wieder fort. Uns hatte das Herz nicht schlecht geklopft, als ging's zum Schafott. Ich erinnere mich, daß Riezl vor Erregung halb ohnmächtig war. Der König ließ uns aber doch noch herzlich danken und sagen, wie sehr wir ihn erfreut hätten mit unserem schönen Sang. Wie mir Wagner erzählte, hatte der König vor, mich mit einem Orden auszuzeichnen. Da er aber feinfühlig, keine der anderen Künstler kränken mochte, unterblieb die Auszeichnung, und er entschloß sich, meinem Gefühl nach, für eine viel größere: er sandte uns sein großes Bild mit seiner Unterschrift. Nun sehe ich den schönen, merkwürdigen Mann und König immer vor mir und denke dabei der vielen Dinge, die mir Wagner von ihm erzählte, wie er der Welt und den Menschen erst so vertrauensvoll entgegentrat, und wie eben diese Menschen seine Güte, sein Vertrauen auf das schändlichste mißbrauchten. So ward er zu dem menschenscheuen Manne und König, wie wir ihn damals, 1876 in Bayreuth, sahen oder eigentlich mehr ahnten. Denn wenn er[306]  im geschlossenen, mit Gardinen versehenen Wagen vorbeiraste oder in der dunklen Fürstenloge des dunklen Theaters saß, konnte man trotz aller Gläser doch nicht von »ihn gesehen haben« sprechen. Nie wieder ward mir das Glück, ihm zu begegnen.
Wie damals in der Generalprobe mir vor König Ludwig das Herz bebte, ebenso bebte es bei den ersten Tönen des Rheingold in der ersten Aufführung. Als es da unten zu klingen und rauschen anfing, und ich plötzlich meine Stimme erschallen lassen sollte, die ersten Töne einer menschlichen Stimme im Zauberreiche des Rheins. Ein glorreicher Augenblick, der mich viel Aufregung und Angst kostete. Über die Aufführungen haben andere geschrieben, die sie vom Standpunkt des Publikums, des Zuschauers oder Hörers beurteilten. Was ich hier von Bayreuth erzählte, ist Intimes, das in mein Leben oder an mein Herz griff.
Mit den ersten Aufführungen war auch der Höhepunkt überschritten; es konnte nichts mehr kommen, das unsere Extase, man konnte dreist sagen: den Paroxismus unserer Nerven mehr noch zu steigern vermocht hätte. Es bedurfte keines einzigen Tones mehr, um uns fühlen zu lassen, daß der Mensch nicht ungestraft unter Palmen wandeln dürfe, der Kunst ungemischte Freude keinem Sterblichen zuteil wird. Letzteres erfuhren wir schon bei dem großen Bankett im Theaterrestaurant, das Wagner nur seinen Künstlern zu Ehren gab, wozu sich Unberufene und Elemente schlimmster Sorte Plätze erschlichen hatten. Es hinterließ keinen guten Eindruck. Toaste waren ausgebracht worden, die Mißstimmungen hinterließen. Die letzten Tage waren nicht mehr schön. Es war zuviel an uns vorübergegangen, zuviel des Großartigen, um allzu Menschlich-Nüchternes ertragen zu können. Man sehnte sich nach Ruhe für das so lange überangespannte Gefühl, und im Genusse der Erinnerung wurde einem erst klar, was man erlebt, genossen hatte. Das, was über unser aller Kräfte ging, lag nun, gleich einem Traume, hinter uns. Wie es Wagner, dem Schöpfer alles dessen, zumute war – ich fühlte tief mit ihm – sagt uns ein lieber Brief, den er mir nach Schluß der Aufführungen schrieb, den ich hier als Schlußstein einfüge zu seinem Andenken, in welchem sich sein großes Herz voll Dankbarkeit offenbart, dem das meine voll herzlichster Dankbarkeit und Liebe entgegenschlug.



 14.
[307] (Ohne Datum, nach den Festspielen 1876.)











Oh! Lilli! Lilli! –

Ihr waret das Schönste, und – Du gutes Kind hattest recht – das kommt nie wieder!
Das war der Zauber des Ganzen, meine Rheintöchter! Fidi singt immer ihre Melodien!
»Gebt uns das Reine zurück!« –
Grüß Marie! Sie ist so gut! Gott, waret Ihr Beide gut! – –
Ach, wie schön, wie gut waret Ihr! – Und nun! Nicht einmal das Nachspiel war mir gegönnt! Oh, hätte ich die Lilli dabei gehabt!
Und nun gar Braut! Gratuliere! Adieu, liebes, gutes Kind! Lilli!!
Richard Wagner.



 Bayreuth
Juni – Juli – August 1876













1.


2.


3.


4.


5.


6.


7.


8.


9.


10.


11.


12.


13.


14.


15.






Nach Bayreuth
1876–1878

 Nicht Gut, nicht Gold
 Noch göttliche Pracht;
 Nicht Haus, nicht Hof
 Noch herrischer Prunk;
 Nicht trüber Verträge
 Trügender Bund
 Noch heuchelnder Sitte
 Hartes Gesetz,
 Selig in Lust und Leid
 Läßt die Liebe nur sein.
R. Wagner.
(Götterdämmerung.)











Der Abschied von Richard Wagner wurde uns durch den festen Glauben an nächstjährige Festspiele einigermaßen erleichtert. Festspiele, die wir erhofften, wünschten, und die ich von Wagner beharrlich begehrte. Daß er sie wünschte, war sicher; daß er aber schon damals diesem Wunsche pessimistisch gegenüberstand, wurde mir erst klar, als ich von dem ungeheueren Defizit des ersten Unternehmens Kenntnis erhielt. Zum Glück ahnten wir das beim Abschiednehmen nicht und zogen mit fester Zuversicht auf erneute Vereinigung und erneutes Gelingen fröhlich aus Bayreuth.
Schon auf dem Bahnhof war man dem Alltagsleben wiedergegeben. War das einst markgräfliche Nest schon schwer zu erreichen, weil ihm jedwede gute Eisenbahnverbindung fehlte, so wurde die Abfahrt geradezu lebensgefährlich. Einige Stunden vor Abgang des Berliner Zuges hatten sich mehrere hundert Menschen auf dem Bahnhof angesammelt. Billetts wurden auch genügend ausgegeben. Beim Queumachen am Billettschalter erwischte mich Franz Abt, der mir einige Lieder zu widmen wünschte, sich aber ganz bescheiden dahin äußerte: daß ich sie mir alleine wohl besser machen könne! – Das konnte ich nun nicht, da mir nie der Sinn nach komponieren stand, und ich nur einmal aus ganz besonderem Grunde ein Lied »verbrach«, das man gegen meinen Willen – wie es mir auch manchmal schon mit meinen Schreibereien ging – fortnahm und einfach drucken ließ, ohne mich zu fragen. Aber ich kann wohl sagen, daß ich mich dafür selber zum Strang verurteilte,[3]  auch wenn es nur einem Leser unterkam, und ich »den Räuber und Drucker gegen meinen Willen« ganz unsanft in die Hölle fluchte.
Die Billetts also hatten wir; als aber das Zügelchen mit den wenigen Wagen – auf die alles losstürmte – langsam angeschoben kam, fand niemand Platz. Noch sehe ich Niemanns sechsjährige Tochter auf einem großen Haufen Plaids, Schachteln und Koffern geduldig stundenlang sitzen; sehe ein kunterbuntes Treiben, höre schreien und fluchen. Die wenigen Kupees I. Klasse waren alle »bestellt«. Nach langem Umherirren hatten wir das Glück, von Graf Wilhelm Pourtalès – der in seinem bestellten Kupee unserer Not gewahr wurde – aufgenommen zu werden, und konnten, als wir endlich saßen, mit der Pompadour ausrufen: »Après nous le déluge!« Was aus den andern wurde, kümmerte mich tatsächlich nicht mehr. Graf Pourtalès, der uns manchmal durch seinen Besuch erfreute und meine Mutter ganz besonders hoch schätzte, rechnete zwar nicht zu unseren intimen Bekannten, wohl aber zu unseren ritterlichsten. Abgeschlossen von der lauten Menge durften wir unsere noch nachzitternden Empfindungen mit dem so feinfühlenden Manne austauschen, diese Rückreise einen würdigen Abschluß des uns beglückenden Ereignisses nennen, sowie der Hoffnung auf die weitere Entwicklung Bayreuths Ausdruck geben.
Kaum in Berlin angekommen, fing die alte Repertoiretretmühle wieder an, die mir lange Zeit wie Hohn auf alles, was wir gehört und gesehen hatten, erschien. Meine Mutter, in dieser Beziehung noch unduldsamer als ich, die ich doch wenigstens das Interesse an der eigenen Arbeit hatte, behauptete von einigen neueren Werken, sie könne den »Dreck« gar nicht hören und konnte sich lange zu einem Theaterbesuch nicht entschließen. Ach ja, ein Festspiel, wie es Wagner vorgeführt, war freilich etwas anderes als eine Opernfabrik, aber es war selbst für ihn so unendlich schwierig, daß es ein zweitesmal lange nicht gelingen wollte.
Für mich jedoch entwickelte sich aus diesem Bayreuther Festspiel ein Ereignis, das mir schweren Kummer brachte und mich viele Jahre unfähig machte, ein glückliches Menschenkind zu sein.
Während der Proben 75 stellte uns Wagner in Wahnfried den jungen Sohn Carl Brandt's vor, der plaudernd uns den Rücken[4]  wandte. Sich schnell uns zukehrend, empfanden wir beide einen elektrischen Schlag, der, wie es schien, von einem auf den andern wirkte. War Wagner vielleicht die Kraft, die in uns ausströmte, und wir nur günstige Objekte? Ich weiß es nicht und finde auch heute noch keine Antwort auf die mir selbst so oft vorgelegte Frage. Wie konnten wir uns gegenseitig – so plötzlich, ohne uns je zuvor gesehen oder gesprochen zu haben – lieben? Nicht einmal von einem Eindruck konnte die Rede sein, so schnell war es über uns gekommen, das große Gefühl der Zusammengehörigkeit.

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Nicht Sänger noch Schauspieler, nicht Maler noch Instrumentalist und dennoch alles in allem Künstler vom Kopf bis zu den Füßen, war Fritz Brandt ein Theaterkind im besten Sinne, dessen innerstes Leben die Bühnenkunst ausfüllte. Wagner liebte ihn, seine ideale enthusiastische Natur, die ihm dienstbar war und ihm treu blieb, solange er lebte.
Wir sprachen nicht; keiner verriet dem andern, wie es in seinem Innern stand; es brauchte auch nicht der Worte. Die Aufgabe, die wir für Wagner zu lösen hatten, sagte genug und band uns fest aneinander, bis nach dem Bayreuther Festspiel das Schweigen gebrochen, der Herzensbund geschlossen wurde.
Für mich, die ich zum ersten Male liebte, so rein, so ideal von der Liebe des Mädchens zum Manne dachte, war es ein Weg zur Vervollkommnung meines Ichs und Daseins, wie ich es mir höher, reiner nicht vorstellen konnte. Ich weiß, daß auch er nicht anders dachte und fühlte. Mein Vertrauen war unerschütterlich, denn Streben, Fleiß, Energie und Festigkeit seines Charakters, Liebe und Hochachtung, mit der Fr. meinem innersten Menschen sowohl als der Künstlerin begegnete, schienen mich vor jeder Enttäuschung sicherzustellen. Unsere Briefe – wir waren fast immer getrennt – wurden von Tag zu Tag inhaltsvoller durch den Stoffreichtum neuer Musik und Bühnenkunst, die Wagner eben ausgesät hatte, uns bis ans Lebensende auszufüllen versprach. Was hatten wir auch in Bayreuth erlebt, was alles in uns aufgenommen, das verarbeitet werden mußte, um die Früchte, die Wagner von der Saat erwartete, zur Reife zu bringen!
Da trübte eine furchtbare Leidenschaft den glücklichsten aller menschlichen Seelenzustände und untergrub langsam, aber sicher[5]  unser beider Glück. Eifersucht, grundlos blinde Eifersucht, zernagte F. das Hirn. Eifersüchtig, auf wen? auf was? auf alles, auf das Unmöglichste!
F. lebte für gewöhnlich bei seinen Eltern in Darmstadt, arbeitete mit seinem Vater, reiste sehr viel, kam aber nur nach Berlin, wenn ihn seine Arbeit dorthin rief, und so sahen wir uns äußerst selten. Für Ed. Devrient, der im Viktoriatheater beide Faustteile zu geben beabsichtigte, sollte F. die Mysterienbühne und Dekorationen einrichten. Mit größtem Interesse folgte ich der reizvollen Arbeit, deren sämtliche Skizzen bereits fertig waren, als sich die Sache für Devrient und somit auch für ihn zerschlug. – War er bei mir, so konnte ich seiner grundlosen Eifersucht einigermaßen Herr werden, waren wir aber getrennt, stand ich ihr machtlos gegenüber. Dabei wußte F. mich von meiner Schuld so beredt zu überzeugen, daß ich schließlich daran glauben und vor mir selber strafbar erscheinen mußte. In meiner Redlichkeit zermarterte ich mir Herz und Sinn, die mir unsichtbaren Gründe aufzufinden, grämte mich und wurde immer trauriger, immer unglücklicher.
Zu diesem unbehaglichen Zustand, aus dem ich Stolze in meiner Herzensreinheit keinen Ausweg fand, trat noch etwas weit Schlimmeres. Meine Mutter wurde mir fremd. Sie grämte sich um mich, mit mir, ohne den Grund meiner Trauer – die entsetzliche Eifersucht F.'s – zu kennen, da ich ihr meine Tränen verheimlichte, die ihr indessen nicht verborgen blieben. Sie konnte sich nicht mehr freundlich zu F. stellen, haßte ihn endlich meinetwegen und häufte damit nur noch größeres Leid auf meine Schultern. Sie schien nur Unglück in dem Bund für mich zu sehen, war trostlos und ungerecht gegen ihn und mich. In welch bedauerlichem Zustand befand sich damals mein sonst so tapferes Herz! Von blinder Eifersucht seelisch mißhandelt, von den schmerzlichsten kindlichen Gefühlen gefoltert, glich ich mir bald selbst nicht mehr; und je schärfer sich die Verhältnisse zuspitzten, je trauriger wurden wir alle drei, die wir doch gleichmäßig darunter litten, weil eins das andre leiden sah.
Durch öffentliche Verlobung hoffte ich der Eifersucht einen Riegel vorzuschieben, die ganze Lage zu bessern. Aber ich irrte, es wurde nicht besser auf der einen und schlimmer nur noch auf der andern Seite.[6]


Da faßte ich eines Tages Mut, sprach lange mit meiner lieben guten Mutter, schüttete ihr mein Herz aus, beschwor sie, sich in das Unvermeidliche zu fügen, sagte ihr, wie wir nicht voneinander lassen würden, unschuldig seien an dem großen Gefühl, das man sich doch nicht selber geben oder nehmen könne. Die vollkommene Versöhnung, um die sich F. auch redlich bemühte, erreichten wir nicht. Die Stimmung aber wurde milder, denn ich hatte meine liebe, liebe Mutter für mich wenigstens wiedergewonnen. Bitten und Abbitten waren nie meine Sache gewesen; in dieser Stunde hatte ich's gelernt. In dieser Stunde lernte ich meinen Stolz besiegen, lernte die Demut, das Bewußtsein seelischer Vollendung kennen, die wie kein andres Gefühl mich die Größe menschlicher Liebe verstehen lehrte.
Sein Leben und das meine bedrohte bald darauf ein schwerer Unfall. Riezl und ich waren in Ems zur Kur, von wo meine Schwester nach Cöln zur Hochzeit ihrer Freundin eilte, und ich die beiden Tage benützte, um meinen zukünftigen Schwiegereltern in Darmstadt einen Besuch abzustatten, wozu mich F. abholte. Wir reisten mittags mit dem Expreßzug, der nur 3 Wagen erster Klasse und nicht mehr als 5–6 Passagiere führte. Ungefähr 20 Minuten vor Darmstadt fing unser Zug an zu stockern und zu springen. Etwas war geschehen, aber wir wußten nicht was, nicht was noch kommen würde. Die Ungewißheit, die Hilflosigkeit im engen abgesperrten Raum war unbeschreiblich; und keinem Verbrecher wünsche ich die kurze Minute, die sie gedauert hat. Ich sah, wie das alte französische Ehepaar, das unser Kupee teilte, die Beine hochzog, eine Vorsichtsmaßregel, deren ich im Augenblick nicht achtete; sah, wie plötzlich hinter F., der mir vis-à-vis stand, die Wand des Waggons sich abtrennte, fühlte wie F. meine Arme, die ich eben durchs Fenster strecken wollte, an sich riß und mich eisern umklammert hielt, damit ich keine Torheit beging; fühlte, wie sich etwas in meinen Rücken bohrte, und merkte, wie endlich nach qualvollen Sekunden der Zug stille stand. Wir waren gerettet, wir lebten! Nur langsam kamen wir zur Besinnung, als wir von der Station Stimmen herüberschallen hörten, die uns unserer Starrheit entrissen. F. küßte mich unter Tränen, und nun konnten wir daran denken, uns zu befreien. Die Eisenstange des Netzes[7]  war mir in den Rücken gedrungen, hatte mich aber nur leicht verletzt, und auch mein Gesicht war geritzt. Das Fenster, das während der Fahrt offen gewesen, hatte sich zugeschoben, die Kupeetür war während des Springens der Lokomotive auf- und wieder zugeschlagen und hatte F.'s Rock fest eingeklemmt; Hilfebringenden gelang es nur mühsam, sie wieder aufzustemmen. Das Kupee war ganz demoliert, ohne uns vier Passagiere zu zerquetschen! Dennoch hatte unser Leidensgefährte einen Stoß gegen die Füße bekommen und mußte herausgetragen werden; ein anderer war schwer verletzt worden und starb daran. Endlich befreit, sahen wir erst, was geschehen. Das Unglück war durch Schienenbruch erfolgt. Metertief stak die Lokomotive in der Erde, der Gepäckwagen lag direkt umgekehrt mit den Rädern nach oben. Der erste Wagen hatte sich auf den zweiten, in dem wir saßen – ein Stück weit hinaufgeschoben und würde uns einen Augenblick später unfehlbar getötet haben. In dem am wenigsten beschädigten dritten Wagen wurde der einzige Passagier zu Tode verletzt. In haarnadelgroßen Stücken lagen die Schienensplitter weithin fortgeschleudert, das Ganze ein Bild gräulichster Verwüstung, und nur ein Glück mußte man noch dabei preisen, daß der Zug so wenig besetzt gewesen. Nach einstündigem unliebsamen Aufenthalt wurden wir von einem Zuge, der von Darmstadt beordert wurde, langsam nach dort hinein geschoben, wo man noch nichts von dem Unfall wußte, und wo auch wir erst zur Erkenntnis des Unglücks sowohl als zum Dank- und Glücksgefühl über unsere Rettung kamen. Herzlichste Aufnahme seitens der Eltern und F.'s liebevolle Fürsorge für mich machten mir den kurzen Aufenthalt wertvoll. In der Nacht erst empfand ich die starke Nervenerschütterung, fand auch noch viele Tage keine Ruhe, bis ich in meiner Mutter Armen lag, die erst viel später von dem Unfalle unterrichtet ward. In Darmstadt konnte ich mich leider der Einsicht nicht verschließen, daß man daselbst F.'s eifersüchtigen Regungen und der gelobten Besserung sehr skeptisch gegenüberstand. Der Vater sagte mir gerade heraus, daß er mich bemitleide.

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Als ich im Laufe der nächsten Zeit von einem Konzert zurückkam, fand ich meine arme Mutter schwer krank darniederliegend, die vielen Aufregungen hatten einen Herzkrampf verursacht. Obwohl[8]  die Gefahr bereits geschwunden war, wirkte die Angst geradezu niederschmetternd auf mich, da es mich zum ersten Male in meinem Leben an den möglichen Verlust meiner Mutter mahnte. Zum erstenmal wurde ich daran gemahnt und vergaß es nur zu schnell, als ich sie wieder gesund sah! Bis dahin aber war's eine traurige Zeit, die nichts Erhebendes unterbrach. Und als sie sich nur eben erholt hatte, warf mich ein Schicksalsschlag nieder, unter dessen Last ich fast zusammenbrach. Noch immer glaubte ich an mein künftiges Glück, als mich F. davon unterrichtete, daß er mit Jul. v. Werther für Mannheim kontraktlich abgeschlossen und unter seiner Leitung große Ideale zu verwirklichen hoffe. Von diesen Idealen wußte ich aber, daß mindestens ein König Ludwig II. dazu gehörte, und daß sie sich nicht gar so leicht würden verwirklichen lassen, und daß Mannheim und Jul. von Werther nicht Bayreuth und nicht Wagner waren. F. betonte, daß unserer Vereinigung nun nichts mehr im Wege stände, er die Trennung von mir nicht länger ertrüge, und bat mich flehentlich, alles zu ordnen, um ihm augenblicklich zu folgen. Ich sprach mit Hülsen, welcher der Heirat nichts entgegensetzen, mich aber meines Kontraktes keinenfalls entbinden wollte. Ich war also gezwungen, F. mitzuteilen, daß an ein schnelles Fortkommen von Berlin nicht zu denken sei, und bat ihn, sich im Engagement – das er noch nicht einmal angetreten – erst zurecht zu finden, zu erproben, ob es sich mit J.v.W. so arbeiten ließe, wie er erhoffe, dann würden wir weiter sehen. Meine Bitten blieben erfolglos. Trotzdem er kein Vermögen besaß und das meine nicht ausreichte, bestand er auf seiner Forderung und stellte mich allen Ernstes vor die Alternative: entweder, oder!
Wohl fühlte ich, daß mein »nein« mein Glück zertrümmerte, und doch blieb mir Vernunft genug, es auszusprechen. Was es mich gekostet, wußte nur ich. Mein Leben schien für lange Zeit vernichtet.
Wenn mich die Gedanken daran quälten, frug ich mich immer wieder, ob ich mit Lachen und Scherzen nicht besser gefahren wäre als mit meinem tiefen Ernst, meiner Wahrheitsliebe und dem guten Glauben an andere? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Mir freilich wäre viel erspart geblieben![9]
Im Jahre 1884 zeigte mir F. seine Verlobung mit einer jungen Dame meiner Bekanntschaft, Frl. v.B., an. Ich sollte die Erste sein, der die Freudenbotschaft zukäme, weil er der Billigung seiner Wahl von meiner Seite gewiß sei. Gewiß billigte ich sie von Herzen. Daß es ein keinesfalls schön zu nennendes, aber sehr ernstes und gebildetes Mädchen war, freute mich doppelt, denn es zeugte von der Bevorzugung inneren Wertes. Auch wußte ich F. im Schoße ihrer Familie für Zukunft und Beruf geborgen. Aber auch hier war Eifersucht die Zerstörerin der sonst so schönen Harmonie. Als sie eines Abends in großer Gesellschaft ihrem alten Großvater am Klavier die Noten umblätterte und sich auch hieraus eine Eifersuchtsszene entwickelte, löste sie ohne weiteres das Verhältnis, das auch sie nicht mehr zu ertragen vermochte.
F.B. starb bald darauf, während er in Weimar als Oberregisseur mit dem Titel Professor engagiert war, an den Folgen einer Operation in Jena.
Frage ich mich, was diese schwerwiegende Episode, die so glücklich begann, in mein Leben brachte, was hinterließ, so muß ich ehrlich bekennen, daß der Schmerz die Härte meines Charakters milderte, meine noch unentwickelten Gefühle weckte, mich veredelte, da ich gleichzeitig lieben und leiden lernte. Sie hinterließ trotz der Erkenntnis nur Mitleid mit einem Unglücklichen, der es nicht verstand, sich und andere mit seinen sonst so glänzenden Eigenschaften glücklich zu machen, dessen blinder Eifersucht alles, was er liebte, zum Opfer fallen mußte. Meine Kunst gewann durch das, was mich als Mensch so schmerzlich, aber auch so herrlich berührt hatte, und solchem Gewinn darf man nicht hart, nicht lieblos sich verschließen. Nur, daß auch meine liebe Mutter so schwer darunter litt, ist dasjenige Gefühl, das am längsten schmerzte, das mir immer unvergessen, ihm unverziehen bleiben wird. Wie tief griff es doch noch in mein weiteres Leben ein!


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Wen einmal du geliebt, der sei für alle Zeit,
In jedem Lebensdrang dir heilig und geweiht.

Ob er der Liebe, die du einst für ihn getragen,
Auch wert gewesen sei? das hast du nicht zu fragen.[10]
Steht doch das Eine fest: du hast ihn einst geliebt!
Das ist's, was ihm ein Recht, ein ew'ges auf dich gibt.

Wär' er der Schonung auch ganz unwert zu erklären,
Du müßtest das Gefühl, das du ihm weihtest, ehren.

Und ehren kannst du's nur durch immer gleiche Huld
Für jenen, dem es galt, wie groß auch seine Schuld.

Nicht lieben sollst du ihn, ist falsch und schlecht sein Wesen;
Doch auch vergessen nicht, daß er dir lieb gewesen.

Wenn eine ird'sche Kron' so große Macht schon hegt,
Daß unverletzlich wird, wer sie auch immer trägt!

Wie möchtest du ein Haupt wohl zu verletzen wagen,
Das einst das Diadem der Liebe hat getragen!

(Betty Paoli.)



Stockholm
1878–1879











Wenn ich auch keinen Augenblick meinen Beruf versäumte, erschien's mir doch eine Ewigkeit, bis ich wieder Freude fand an ihm, mich ihm mit vollem Herzen wieder hingeben konnte. Ich war die ganze Zeit über enorm beschäftigt, sang oft 15 mal im Monat und viele neue, wenn auch nicht gerade sehr wichtige Rollen.
Im Dezember 75 brachten wir Ignaz Brülls, des so feinen Musikers und viel zu bescheidenen Menschen, entzückende Oper: »Das goldene Kreuz«, in dem ich die Christine kreierte, mit ausgezeichnetem Gelingen und größtem Erfolge heraus, die in den nächsten zehn Jahren unzählige Male über die Berliner Hofbühne ging. Zwei Jahre später folgte sein »Landfriede«, der zwar nicht weniger sympathisch und ebensogut studiert, doch weit hinter dem Erfolg des goldenen Kreuzes zurückblieb.
Der 15. April 1876 brachte ein Ereignis für mich: Verdis Requiem, das wir im königl. Opernhaus dreimal aufführten; Heinrich Ernst, Franz Betz, Marianne Brandt und ich. Trotz Wagners Flagge, unter der wir Bayreuth schon entgegensegelten, griff mir Verdis wundervolle Musik tief ins Herz. Ich war's ja gewöhnt, katholische Musik zu singen, kannte die Zeremonien, die mystische Dämmerung der katholischen Kirche, die tiefe Gläubigkeit des katholischen Volkes, die Macht der Musik im geweihten, weihrauchdurchschwängerten Raume und wußte mit Würde wiederzugeben, was dabei in meinem eigenen und dem Innern anderer vorging. So oft ich auch katholische Kirchenmusik – wo und was immer – in meinem Leben sang, stets fühlte ich mit Bestimmtheit, daß ich die einzige Mitwirkende war, welche der tief religiösen Empfindung, der Heiligkeit der Handlung im Ausdruck gerecht wurde. Vielleicht lag es an meiner mir wohlbewußten italienischen Stilkenntnis. Etwas mußte schon an diesem Gefühle richtig sein,[15]  denn als wir: Heinrich Ernst, Georg Hentschel, Marianne Brandt und ich beim Kölner Musikfest 77 das Requiem unter Verdis eigener Leitung sangen, war ich die einzige, der Verdi nicht das geringste ausbesserte. Verdi war kein Mann von vielem Reden; es verstand sich bei ihm – wie bei allen »Könnern« – von selbst, daß man die Technik der künstlerischen Aufgaben, die man übernommen, meisterte. Und ohne daß er es mir sagte, wußte ich, daß er es gut fand. Als außergewöhnlicher Mensch wird Verdi von allen denen geschildert, die das Glück hatten, ihm näher treten zu dürfen. Ich weiß nur, daß er für mich um so größer wurde, je länger ich lebte, und daß ich ihn heute zu den Größten, Höchsten rechne und ihn gleich ihnen verehre und liebe. Verdi war mit seiner Gattin gekommen, und mit beiden so lieben, ruhigen Menschen erlebten wir, unter Führung des geistreichen, witzigen Ferdinand Hiller – der sich stets nur »Fasi« unterschrieb und mir als Künstler sehr befreundet war – ein wundervolles Fest, das Johannes Brahms als Dritter im Bunde verschönte, der damals noch glückstrahlend und heiter die ganze junge schöne Frauenwelt zu seinen Füßen liegen sah. Als ich am dritten Abend aufs Podium stieg, um eine Faustarie von Spohr zu singen und Brahms meinen Strauß zu halten gab, sah ich, wie er ihn zerpflückte, jedem jungen Mädchen des Chors eine Blume daraus verabreichte und sich dabei vor Lachen schüttelte.
Kurz vor diesem Kölner Musikfest hatten wir in Berlin »Le roi l'a dit« von Delibes gegeben, worin Minnie Hauk, der zuliebe man die Oper einstudierte, die Gervaise sang. Ich würde des Werkes vielleicht nicht Erwähnung tun, wenn sich für mich daran nicht eine Beobachtung knüpfte, die ich nicht verschweigen möchte. Minnie Hauk war eine Zeitlang sehr beliebt bei Presse und Publikum, zu dieser Zeit allerdings schon weniger und am allerwenigsten bei den Mitgliedern. Gegen alle Kollegen, weiblich oder männlich, war sie gleichmäßig unliebenswürdig. Als Niemann sie z.B. auf einer Aïdaprobe am Schluß der Oper umfaßte, um sie sterbend niedergleiten zu lassen, forderte sie energisch, nicht angefaßt zu werden. Niemann sagte: »Dann fallen Sie ja um!« worauf sie antwortete: »Das schadet nichts!« und »bums« da lag sie. – Sie hatte der Intendanz zehn ausverkaufte Häuser für die Oper[16]  garantiert. Diese war nicht sonderlich studiert, Minnie Hauk machte nichts aus ihrer Rolle, und nur ein Duett, das Frau Hofmeister und ich – zwei junge Marquis – zu singen hatten, gefiel und mußte da capo gemacht werden. Nach fünfmaliger Wiederholung verschwand die Oper vom Spielplan.
Nun heißt's aber Gerechtigkeit üben. So wenig M. Hauk in Gesang oder Spiel mir bisher etwas Besonderes zu geben vermochte, um so viel besser gefiel sie mir an diesem Abend. Was das Publikum heute kalt ließ, war künstlerisch ungleich feiner ausgearbeitet als Früheres. Das Gutturale der Tiefe kam nicht wie sonst zu unangenehmer Geltung, Gesang und Spiel waren einfacher und vornehmer. Da kam mir zum Bewußtsein, daß es durchaus nicht nötig sei, zu brüllen; daß man auch mit wenig Stimme, wenn sie nur edel klänge, gut singen könne; daß man töricht sei, sich von großen Räumen und starken Nebenstimmen – einzig um der Kraftkonkurrenz willen – verleiten zu lassen, seine physischen Kräfte zu überspannen; und daß »schön« unter allen Umständen »schön« bliebe, auch wenn es nur vom einzelnen anerkannt würde. Die Mahnung vergaß ich niemals wieder. So hatte auch Minnie Hauk eine Saite am Schlusse ihres Engagements erklingen lassen, die mir zum besten taugte.
Wenn ich noch einer sehr talentvollen Arbeit, des Stuttgarter Hofkapellmeisters Abert romantischer Oper »Ekkehard«, gedenke, in der ich die liebliche Praxedis so gerne sang, so darf ich gleichzeitig seiner besten, in Prag einst viel gegebenen Oper »Astorga« gedenken, in der die Damen Huttary und Szégal, Bariton Ekhard und Tenor Vecko wahre Triumphe feierten, deren Melodien, von Vecko so herrlich gesungen, mir heute noch das Ohr umschmeichelt. Um so mehr, als das Hauptmotiv Astorgas Stabat mater entnommen, das wir als junge Mädchen alljährlich an Astorgas Gedenktag in der St. Josephs-Klosterkirche sangen, wo Astorga einstens gelebt.
Tenor Vecko war ein armer böhmischer Schullehrer, als seine Stimme entdeckt, er zuerst ohne Gehalt ans böhmische und dann als I. Tenor ans deutsche Theater mit 600 fl. jährlichem Einkommen engagiert wurde. Auf mehr als 8000 fl. hat er es sicher nicht gebracht. Heutzutage würde er mit dieser Stimme Millionen verdienen,[17]  mag sich aber damals schon mit 600 fl. als Millionär gefühlt haben. Leider trank Vecko Bier, viel Bier, und ging elend, noch ziemlich jung, daran zugrunde. Noch erinnere ich mich des einfachen guten Menschen, wie er mir – als ich zum Gastspiel in Prag war – guten Rat erteilte: »Bier, gnä' Fräulein, is gut für Stimme, trink ich immer Bier. Müssens immer haben Krügel Bier. Nachts, wann ich Durscht hab', geh' ich ans Fenster und hab' Krügel Bier hinter Fenster. Glaubens mir, Bier is immer gut für Stimme!« Man sollte nicht glauben, daß dieses Menschen Stimme einen zu Tränen rühren konnte.
Am 20. Februar 1878 wurde die Doppelhochzeit unserer schönen, heiteren Kronprinzen-Tochter, Charlotte, mit dem Erbherzog von Meiningen und der reizenden Friedrich-Carl-Tochter, Elisabeth, mit dem Erbgroßherzog von Oldenburg gefeiert. Als Festoper wurde »Titus« gegeben, zu der Ballettmeister Taglioni ein prachtvolles Ballett komponierte, in welchem die Damen vom Ballett zum erstenmal in langen Röcken erschienen; d.h. die Musik war von Mozart, denn zu damaliger Zeit hätte sich noch keiner unterstanden, den Klassikern was am Zeuge zu flicken, sie waren noch nicht »ausbesserungsbedürftig« wie heutzutage. Frau von Voggenhuber, Marianne Brandt und ich erhielten bei dieser Gelegenheit die große Medaille für Kunst und Wissenschaft am Bande vom Herzog von Meiningen, meine erste Auszeichnung; und wo was ist, kommt was hinzu.
Seit fünf Jahren war es der Intendanz so zur Gewohnheit geworden, mir meinen dritten Urlaubsmonat abzukaufen, daß ich schier daran verzweifelte, diesen jemals zu meinen eigenen Zwecken künstlerisch ausnützen zu dürfen. Da trat unser Bassist Conrad Behrens zu rechter Zeit als Deus ex machina mit der Frage an mich heran, ob ich mit ihm, Franz Betz und Kammervirtuos Franz Pönitz – der schon als Wunderknabe in Schweden bekannt – nicht auch einmal nach Stockholm zum Gastspiel wolle. Behrens hatte dort schon öfter den Impresario gespielt und war viel schuldig geblieben; aber ich nahm den Vorschlag mit möglichster Sicherheit an, falls er mir auch den Urlaub, der mir bisher stets abgeschlagen worden war, erwirken wolle. Was der Künstlerin nie gelang, gelang dem biederen Filou. Wenn auch nicht viel bei dem[18]  Gastspiel heraussah, galt mir doch die erstmalige Befreiung vom Zwange alles und zahlte sich in der Folge glänzend aus durch Erfolg, Bekanntwerden im Auslande und künstlerisches Emporblühen. Ende April traten wir mit einer Schülerin meiner Mutter, einer jungen lustigen Pastorstochter, Adele S., die mich chaperonnierte, die Reise über Stralsund-Malmö nach Stockholm an. Aus vollster Obstblüte der märk'schen Lande kamen wir bald ins noch winterlich tote Schweden. Eine lange öde Fahrt, die mir aber, die ich mich seltsamerweise stets nach dem Norden sehnte, als sollte mir am Nordkap mein Heil erblühn, sehr interessant und sympathisch war. Immer durch ödes totes Heideland, an Seen, Mooren, großen und kleinen mit Moos bewachsenen Felsstücken vorbei, an Wäldern und Sümpfen, stundenweit kein Mensch, kein Tier. Nach einer prächtig verschlafenen Nacht bogen wir morgens durch einen langen Tunnel, und vor uns lag eine der herrlichsten Städte: »Stockholm!«
Im Grand Hôtel, dicht am Mälarstrom, waren wir köstlich einquartiert. Welche Aussicht! Große Schiffe ankerten am jenseitigen Ufer, dicht unter dem königl. Schlosse; und mit rasender Schnelligkeit schossen Strom und Schiffe, kleine Dampferchen unter Brücken an Inseln vorbei oder solche, die den Verkehr von einem Ufer ans andere vermittelten. »Karl IX.«, der diesem Geschäfte oblag, sandte von seinem Anlegeplatz oft dicke Rauchsalven auf unseren Balkon, weshalb wir ihn, Fritz Reuter zu Ehren, kurzweg in »Korl Stänker« umtauften. Der 1. Mai war freilich noch kein Sommertag in Schweden; es war bitter kalt. Regengüsse wechselten mit Schneestürmen, denen wir alle unseren Tribut mit heftigen Katarrhen zahlten. Aber merkwürdig hell waren schon die Nächte, die uns um 10 Uhr abends im Freien zu lesen gestatteten, uns dafür wieder trotz dunkler Vorhänge die Nacht nicht schlafen ließen, da überall das Licht des Nordens hereinströmte und uns wachhielt.

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Die Sitte erforderte, dem Landesherrn sich alsbald vorzustellen. Graf Perponcher hatte mir Empfehlungen an Hofmarschall Holtermann und andere bedeutende Persönlichkeiten mitgegeben, die jedenfalls nicht schadeten, wenn ich ihrer auch nicht bedurft hätte. Die Königin war außerhalb zur Kur und nur der Kronprinz bei seinem Vater und seinen Studien geblieben.[19]
Der König ließ mich bitten, ihn an einem der ersten Tage um 11 Uhr morgens aufzusuchen. Der Hofmarschall und Graf Rosen empfingen mich vorher, zeigten mir die Gemächer, und Punkt 11 Uhr wurde ich zum König gerufen.
»König Oscar,« so schrieb ich damals meiner Mutter, »ist ein schöner, großer, eleganter Mann mit schönen Augen, voll ungezwungener Liebenswürdigkeit, und ich glaube, wir gefielen uns gegenseitig.«
Das königl. Theater war ein alter prächtiger, äußerst akustischer Bau. Historisch war der Saal, in dem König Gustav III. ermordet wurde, und das schöne Zimmer, in dem er seinen letzten Atem aushauchte, das mir nun als Garderobe diente. Diese Erinnerungen berührten mich seltsam genug, denn wie oft hatte ich die Historie als Page in Aubers und Verdis »Maskenball« selbst miterlebt.
Mit einem Konzert fingen wir im Theater unser Gastspiel an. Dann sangen wir Tell. Der König kam am Schluß des ersten Aktes, blieb bis zur letzten Note und dem letzten Beifallsklatschen und applaudierte mit erhobenen Händen. Während des Balletts, das nicht besonders war, ging er hinaus und kam erst wieder, nachdem es beendet. Adele meinte, da kämen unsere Könige eigentlich erst herein; freilich hielten sie sich ein besseres. Beim Eintritt ins Theater grüßte der König nach allen Seiten, eine Formalität, die er beim Verlassen desselben wiederholte. Schön und gespenstig sah es aus, wenn der Vorreiter mit brennender Fackel, dem königl. Wagen voranreitend, dahinflog.
Hier, in Stockholm, sang ich zum ersten Male die Elsa im Lohengrin. Man schrieb: jetzt erst habe man mich in meinem eigentlichen Fahrwasser gesehen, und allerseits verlangte man Donna Anna und Norma Rollen, denen ich meinem Gefühl nach noch immer nicht gewachsen war. In den Kapellmeistern Normann und Dente fand ich ausgezeichnete Künstler, mit denen ich gern alles ohne Probe riskiert hätte. Auch Orchester und Chor waren ausgezeichnet und mehrere Sänger und Sängerinnen, letztere jedoch ohne Energie und Temperament. So sang ich Traviata mit einem ausgezeichneten Alfredo-Ödmann, der nur weder an schnelles Lernen noch Singen gewöhnt, mich im letzten Duett immer himmelhoch bat:[20]  »N'allez pas si vite, Mademoiselle Lehmann, je vous en prie il faut mettre des galoches pour vous suivre.« Mit ihm als José hörte ich Carmen zum erstenmal, die in Deutschland noch nicht gewesen war, und war entzückt von der Oper, der ich in begeisterter Anerkennung treu geblieben, die mich immer wieder aufs neue elektrisiert. Don Juan, in dem ich die Elvira sang, Barbier und Margarethe folgten.
Am 12. Mai erschütterte mich die Nachricht vom Attentat auf unseren geliebten Kaiser, die mir ein Herr der deutschen Botschaft überbrachte, aufs heftigste; ich telegraphierte sofort an Se. Majestät die Glückwünsche zur Errettung, die uns aus tiefstem Herzen kamen. Wünschte ich doch, das Volk würde den Verbrecher zerrissen haben.
Eines Morgens fuhren wir zum Konzert nach Upsala; Betz, Pönitz, Kapellmeister Deute, Adele und ich in schwarzen Konzertkleidern. Das Konzert sollte um 1 Uhr im Bibliotheksaal beginnen, um 4 Uhr wurden wir in Stockholm zurückerwartet. Das Konzert fand aber nicht statt, weil irgendjemand, mit dem Arrangement von Behrens betraut, das Konzert ohne Programme erst abends vorher angezeigt hatte und nur 150 Billetts verkauft waren. Behrens war wütend, wir lachten und baten, das Konzert ausfallen zu lassen. Upsala war trotz seiner 12000 Einwohner eine tote Stadt, in der nur die Studenten »lebten« und einzig der alte herrliche Dom als Sehenswürdigkeit galt. Nachdem wir ihn bewundert, ich meinem Liebling, Gustav Wasa, einen stillen Gruß in seine Gruft hinabgesandt, wir die Wämser der ermordeten Sturen mit Grauen betrachtet hatten, zogen wir, laut singend, im Gänsemarsch am hellen, lichten Mittag durch die toten Straßen Upsalas dem Bahnhof zu und waren um 4 Uhr in Stockholm zurück. – Wenn Franz Pönitz, der Harfenvirtuose, dabei war, amüsierten wir uns immer königlich. Seine kindliche Heiterkeit wirkte selbst auf den steifen Kollegen Betz ansteckend, der dann gern mitlachte und scherzte und in Adele und mir stets Widerhall weckte. Leider schickte ihn Behrens mit einer »schwedischen Nachtigall«, die wir »Tunte Hebbe« tauften – so langstielig war sie –, zu Konzerten nach dem fernen Norden, um die nordischen Schweden mit Harfenklängen und die schwedischen Fische mit Angelhaken zu ködern, was Pönitz zu tun nie unterließ. Als er wiederkam, stürzte er mit[21]  den Worten: »Guten Morgen, meine Damen« in unser Zimmer und frug: »Wie heißt ›Verzweiflung‹ auf Französisch? Ich bin in Desesperation über das Wetter.« Da wir es auch waren, ließ ich Whistkarten kommen, und wir versuchten zu spielen. Ich spielte mit dem Strohmann, Adele, die es nie gespielt, mit Pönitz, was ihn wieder zur Desesperation brachte, weil sie ihn immer überstach und er mit der hübschen Berliner Redensart: »Ja, wenn Sie mit dem Gänseschmalz so aasen« auf Französisch nicht zurecht kommen konnte, und ich ihm mit »französischem Gänseschmalz« nicht unter die Arme greifen konnte. – Sobald das Wetter nur einigermaßen, liefen wir zwei Damen im herrlichen Djurgarden stundenlang spazieren, wo endlich Schlüsselblumen und Veilchen Wiesen und Wälder überfluteten, Moos in allen Farben die grauen Felsblöcke belebte. Seen und Wälder leuchteten plötzlich in sommerlichen Gluten.
Der König hatte mir wenige Tage nach meinem ersten Auftreten ein wundervolles Armband gesandt. Zwanzig Jahre lang hatte in Stockholm kein Hofkonzert mehr stattgefunden, nun hatte König Oscar für den 21. Mai eines angesetzt. Für den Abend vorher hatte er uns alle seine Räume zum Probieren zur Verfügung gestellt, doch lehnten wir dankend ab, da wir im Theater die Probe hielten.
Entgegen der Berliner Hofetikette, wo man nur »befohlen« war, wurden wir hier direkt als Gäste »eingeladen« wie der ganze Hof. Eigentümlich berührte mich die Sitte, alle Damen in schwarzdekolletierten Roben, kleinen weißen Mullärmelchen, mit schwarzem, schmalem Samtband gitterförmig garniert, zu sehen. Nur junge Mädchen gehen bei Ballfestlichkeiten in Weiß. Natürlich hatte auch ich eine schwarze Atlastoilette für den Abend angelegt.
Um 1/29 Uhr war geladen, um 8 Uhr 15 Minuten fuhren wir hinauf. Graf Rosen führte mich am Arm der ganz alten Oberhofmeisterin zu, die mich reizend willkommen hieß und die Vorstellung bei Damen und Herren übernahm. Auch unser deutscher Botschafter kam gleich auf mich zu, um mich aufs herzlichste zu begrüßen, und alle Anwesenden zeichneten mich in liebenswürdigster Weise aus. Die Schweden haben etwas ungemein Bescheidenes, Vornehmes in ihrem Wesen, viel Herzlichkeit mit französischer[22]  Courtoisie gemischt. Um 3/49 Uhr erschien der König mit dem Kronprinzen Gustav, sprach seine Umgebung und Gäste mit dem so traulichen »Du« an und machte mir unglaubliche Elogen über meine Margarethe und Elsa. Auch bei Behrens bedankte er sich für die Einführung so ausgezeichneter Künstler. In der Zwischenpause kam der Kronprinz auf mich zu, mit dem ich mich lange unterhielt und der mir über seine vielen Studien klagte. Ich mußte ihm aber sagen, daß er als Kronprinz und einstiger König allen anderen mit gutem Beispiel vorangehen, sich das größte Wissen aneignen müßte, um solch einer großen Aufgabe gerecht zu werden. König Oscar beendete sein Gespräch mit folgenden Worten: »Das ist also abgemacht, Sie kommen im nächsten Jahre wieder. Ihre Margarethe hat mich entzückt – ich wäre gerne Faust gewesen –, Sie haben so viel Noblesse in Ihrem Wesen, Ihrer Erscheinung und geben künstlerisch so viel Schönes, ich habe nie Besseres gehört.« »Was willst Du mehr, liebes Mamachen, von einem König von Schweden«, so schrieb ich an meine liebe Mutter, die ja nicht dabei sein konnte, zu triumphieren, wie ihr Kind ausgezeichnet und verwöhnt wurde. Der König war ein feiner Musiker, sang, wie mir Frau Bäckström – die, selber eine Künstlerin, oft mit dem König musizierte – erzählte; sprach sieben lebende Sprachen und soll Shakespeare ganz vorzüglich ins Schwedische übersetzt haben. Dabei war er der liebenswürdigste Wirt, der mir beim Essen immer wieder noch bessere Sachen vorlegte. Seine Gäste fühlten sich demnach alle so behaglich, daß Betz die Bemerkung machte: »Intimer dürfe es gar nicht sein, sonst vergäße man, daß man bei ›Königs‹ wäre.« Der König war sehr heiter, so enthusiastisch, daß er mehrere seiner Gäste umarmte. Als er mir Adieu sagte, frug er noch, ob ich mit dem Publikum zufrieden sei? Und als ich erwidern mußte, daß es viel zu gütig gegen mich, meinte er: »O nein, das ist noch alles nicht genug; Sie verdienen viel, viel mehr.«
Ende Mai verabschiedete ich mich in langer Audienz beim König. Vom 3.–29. Mai hatte ich 14 mal gesungen. Nun sollten wir nach Gothenburg zum Konzert. Aber schon ehe wir abreisten, stimmten die Zahlungen bei unserem biederen Impresario nicht. Pönitz hatte noch 800, ich 1600 Kronen zu fordern, nur Betz war[23]  vorsichtig genug gewesen, seinen Beruf erst nach erfolgter Zahlung des Honorars auszuüben. In Gothenburg sollte die Rechnung glatt gemacht werden. Behrens übergab mir drei Brillantknöpfe, die er soeben vom König erhalten, als Pfand, die ich auch nahm, da es mir sicherer schien, etwas als gar nichts zu haben. In Gothenburg angekommen, wurden wir schon mit der Nachricht überrascht, daß Behrens nicht kommen würde, und so entschlossen auch wir uns kurzerhand, dies Konzert nicht zu singen, sondern an die sagenvollen Trollhättafälle zu reisen und uns dann sofort nach Berlin zurückzubegeben. Welche Fülle schwedischer Poesie stieg vor meinen Augen herauf, als ich lange ganz allein auf den Felsblöcken des größten der Fälle lag, die nicht gigantisch, wohl aber voll süßem, poetischem Zauber den Beschauer umrauschen.
Über Hamburg ging's heim, wo trotz allen Schreibens und Erkundigens von unserem biederen Impresario nichts mehr zu hören noch zu sehen war. Der Hauptgewinn dieses Gastspiels, das mir außer großen Auszeichnungen herzlichste Freude und künstlerische Anregung gebracht, lag in der Errungenschaft: über meinen dritten Urlaubsmonat von nun an bestimmt verfügen und denselben zu guten Gastspielen, d.h. höheren Zielen verwenden zu können.
Niemann als Florestan, dem wir alle zujauchzten, war das winterliche Ereignis Berlins. Endlich sah man Beethovens Idealgestalt verkörpert, wie es vor ihm vielleicht nur Schnorr von Carolsfeld gelang und nach Niemann keinem andern nochmals wieder gelingen wird. Seine unvergleichliche Meisterleistung stempelte das Werk, das bisher nur als Lückenbüßer mit Ballettanhang gedient hatte (den sich Niemann, solange er in Berlin sang, verbat) zur Zugoper.
Wagners alter Freund, Musikschriftsteller Richard Pohl, den ich in Bayreuth kennen lernte, lud mich nun alljährlich ein, am Geburtstag der Kaiserin, den diese in Baden-Baden feierte, in einem Konzert mitzuwirken, dem die hohe Frau stets beiwohnte. Dann sang ich in Bonn, wo ich zum erstenmal unserem damaligen Prinzen Wilhelm, dem jetzigen Kaiser, begegnete, der dort seinen Studien oblag.
Je öfter ich fern von Berlin gefeiert wurde, um so trauriger machten mich meine »Prinzessinnenrollen«, wenn ich, wie[24]  dies zeitweise geschah, allein auf diese angewiesen war. Da sang ich wieder einmal die greulichste aller Theaterprinzessinnen: die Elvira in der »Stummen von Portici!« Diesmal war ich sogar vorher schon auf dem Theaterzettel des Vorabendes angezeigt, was man bis dato in dieser Oper unterlassen hatte. Man mag mit der Rolle machen, was man will, alle Mühe ist vergebens, sie wird nicht besser! Das einzig erreichbare Ziel blieb: sich mit ruhiger Eleganz aus der Affäre zu ziehen. In der ersten Arie wiederholen sich die Verse:

»An diesem Wonnetag
Kündet des Herzens Schlag
Mehr als mein Mund vermag
Mein Hochentzücken.«



wohl 10mal mit Fiorituren und Trillern, daß einem übel wird. Mich ekelte vor der Rolle, und mehr noch vor meinem Prinz-Gemahl, eine der unglücklichsten Tenor-Prinzen-Rollen dritten Ranges, die sich moderne Phantasie kaum mehr auszudenken vermag. Als wir einstens, glücklich oder unglücklich getraut, aus der Kirchentür schritten, sang mich mein Prinz-Gemahl mit einer faden Phrase an, und »bums« klakst ein großes Bukett auf meine Schleppe, gerade zwischen mich und ihn, der noch die unglückliche Idee hatte, es aufzuheben und mir zu überreichen. »Bums«, da kam schon wieder eines aus der II. Rang-Proszeniumsloge angeflogen und noch ein drittes und viertes, bis das halbe Dutzend voll, das Publikum in die heiterste Laune versetzte. Auf der Bühne aber behielten alle ihre würdevolle Haltung, und erst als der Vorhang gefallen war, rannte ich heulend in die Garderobe, wo bereits die Objekte des schrecklichen Attentates abgegeben waren. Hier entpuppte sich der Verbrecher wider Willen. Ich war tags vorher in Gesellschaft mit Professor Noiré bekannt geworden, der mir, samt den liebenswürdigen Gastgebern, die schönen Blumen zugedacht, und statt ausdrücklich sie in meine Garderobe zu senden, es dem Blumenhändler überlassen hatte, der so ungeschickt gewesen, sie zu werfen. Heute lache ich darüber, damals aber heulte ich über die tragikomische Szene, deren ich Gottlob keine zweite mehr erlebte.[25]
Goldmarks Königin von Saba war in Wien mit großem Erfolge in Szene gegangen; Materna-Königin, Wilt-Sulamith hatten von sich reden machen, und nun sollte auch Berlin die dekorativen Wüstenwunder erleben. Die Rollen waren verteilt; Königin: Frau von Voggenhuber. Anstatt mir, die doch einzig in Betracht kam, die Sulamith zu geben, gab man die Rolle an Frau Mallinger, die vernünftig genug war, sie sofort zurückzusenden. Aber auch jetzt sollte ich sie noch nicht erhalten, sondern man betraute eine elende Anfängerin damit, die weder persönlich noch stimmlich, geschweige denn als Künstlerin dazu taugte. Und erst als sich die Unmöglichkeit herausstellte, auch Eckert, der die Oper dirigierte, Front gegen sie machte, war ich gut genug, die Rolle kreieren zu dürfen. Nicht einmal das Selbstverständliche tat man für mein Talent, wieviel weniger das Fördernde! – Die Rolle lag hoch, verlangte schauspielerisch wie gesanglich Affekte, die Kraft und Technik bedingten, die selbst ich mir bei aller Praxis und künstlerischen Kenntnissen durch besondere Übungen aneignen mußte, weil jede neue Komposition neue Lagen, neue Schwierigkeiten für den Sänger mit neuen Stimmwirkungen ins Treffen führt.
Als ich eines Tages mit Eckert allein in der Zimmerprobe zur Saba saß, klagte er über seine Augen, die heute ganz besonders trüb seien. Mit meinen Handschuhen putzte ich ihm die Brille klar, doch behauptete er, daß es noch immer vor seinen Augen hin- und herflimmere. Als wir alle beisammen, begann die Probe. Wie wir zum zweiten Finale kamen, das, zum ersten Male im Ensemble probiert, nicht leicht zu singen war, wurden wir immer lauter, eifriger und falscher; einer überschrie den anderen, bis wir auf einem Höhepunkt angelangt, der nun in seinem musikalischen Durcheinander einer echten Judenschule glich, plötzlich laut lachend abbrachen und uns vor Heiterkeit schüttelten. Erst als wir uns ausgelacht und wieder beruhigt hatten, klappte Eckert die Partitur zu und sagte in seiner göttlich ruhigen Art: »Ich dächte, wir hätten für heute genug getan!« worauf Betz-Salomon ihn unterm Arm nahm, um bei Lutter und Wegner eine gute Flasche »Rotspohn« mit ihm zu leeren. Herzlich lachend gingen wir auseinander. Wie aber entsetzten wir uns, als wir am andern Morgen vom Tode Eckerts Kenntnis erhielten, der am selben Abend, als[26]  er nach langer Stundengeberei seine schöne Frau vom Diner abholen sollte, in der Droschke verstarb. Seine Persönlichkeit konnte auf der Polizei nur durch den Zufall festgestellt werden, daß man einen Brief von Fräulein Horina in seiner Tasche fand. Die schöne Frau Kathi, die vergeblich auf ihren seelensguten Mann gewartet hatte, wurde schnell vom »Unwohlbefinden« ihres Gatten benachrichtigt, den sie nur als Leiche wiederfand.
Wir hatten in Carl Eckert »Einen« zu beklagen, der nicht ersetzt werden, dem man des Guten nicht genug nachrühmen konnte. 1820 in Potsdam geboren, erhielt er schon als Wunderkind Unterricht von Zelter und Rungenhagen, auf der Violine von Ries, hatte Unterricht in Leipzig bei Mendelssohn-Bartholdy, war in Paris Kapellmeister der italienischen Oper, mit Henriette Sonntag in Amerika; 53–61 Hofkapellmeister und artistischer Direktor der Wiener Hofoper; 61–67 Hofkapellmeister in Stuttgart, und schließlich von 69–79 Hofkapellmeister in Berlin und allüberall gleichhoch verehrt. Eckert wußte noch etwas von Stimmbildung und Gesang; er hörte beim ersten Ton des Sängers, wie dieser disponiert, wo er ihm helfen, wo sich ausbreiten könnte, über was hinübergleiten müßte. Er hatte Kenntnisse außer seinem großen Talent und eine ungeheuere Praxis. Er wußte genau, was er dem Sänger schuldig war, wo sein Reich anfing oder aufhörte. Sein ebenso energischer als elastischer Arm führte den Sänger oder ließ sich führen, je nach des Künstlers richtigem Empfinden; und wenn Eckert da unten saß, fühlte man, daß musikalischer Schwung die Aufführung durchströmte. Was unmittelbar nach ihm kam, war traurig für die Oper und trauriger noch für die Kunst.

Meinem Versprechen getreu reiste ich Ende April 79 wieder nach Stockholm zum Gastspiel. Vom König aufs huldvollste, vom Publikum aufs freudigste begrüßt, war es wiederum eine herrliche, diesmal auch vom wundervollsten Wetter begünstigte Zeit für mich. Gleich bei meiner ersten Audienz verlieh mir der König seinen Orden Litteris et artibus. Außer Margarethe, Traviata und Elsa, und Ernani auf italienisch, sang ich diesmal auch noch die Elisabeth im »Tannhäuser« zum erstenmal, und Isaura in einer schwedischen Oper »die Wickinger« von Hallström, dem[27]  Lieblingskomponisten des Königs, der ihn auch stets zum Gesang begleitete. Die Rolle hatte ich mit deutschem Text studiert, doch wollte ich sie schnell noch schwedisch lernen, um mich dem König und auch dem Publikum dankbar zu erweisen. Zwei Akte konnte ich bereits auswendig, als mich der König abermals zu kommen bat, um sich erstens bei mir zu bedanken, mich gleichzeitig aber zu bitten, die Rolle deutsch, und zwar sofort zu singen, da er vor Ungeduld stürbe, und außerdem an einem bestimmten Tag zur Jagd müsse. König Oscar hatte noch die besondere Güte, mir am oben genannten Tage etwas vorzusingen. Er sang die Faustarie, verschiedene Kompositionen Hallströms und das Duett aus Faust mit mir. Hallström begleitete. Der König sang nicht wie ein Dilettant, sondern wie ein Künstler ersten Ranges. Nun begriff ich sein Verständnis, und welche unendliche Freude er aus der Musik schöpfte, die ihm zur zweiten Natur geworden. Als wir geendet, nahm er mich in sein Arbeitszimmer und ging wohl 1/2 Stunde, über Kunst plaudernd, mit mir darin herum, schrieb mir auch einige Zeilen an den Schloßverwalter in Gripsholm, wo König Erich so lange gefangen saß, und wünschte, daß ich das Schloß besuchte. Als mir der König aber bedauernd sagte: ich würde in Schweden nicht so viele Soldaten sehen wie in Berlin, da mußte ich lachend, aus vollstem Herzen, rufen: »Gott sei Dank, Majestät, man atmet hier erleichtert auf!« Da lachte auch er herzlich mit. Beim Verlassen der Gemächer war ich einen falschen Weg gegangen. Noch ehe ich jemand fand, der mich zurecht gewiesen hätte, begegnete mir der König wieder, der mir galant zurief: »voilà les beaux qui se rencontrent!«
Nochmals wieder zu kommen hatte ich versprochen und war auch fest gewillt dazu. Es machte sich aber nicht mehr, trotzdem mir oft Anträge von dort kamen. Und die Hoffnung, das schöne Stockholm mit seinem so gütigen Landesherrn wieder zu sehen, wurde durch seinen unvermuteten Tod vereitelt. Kurz zuvor hatte er mir durch Geraldine Farrar noch sagen lassen, daß ich kommen möchte, weil er mich so gern noch einmal hören würde, bevor er stürbe. Wer aber konnte an seinen so frühen Heimgang glauben? Immer noch sehe ich ihn im Tannhäuser in seiner Loge bei der Stelle: »daß auch für ihn einst der Erlöser litt« fast inbrünstig[28]  die Hände falten, begeistert lauschen. Es war erhebend, ihn mitfühlen, mitdenken zu wissen. Sein so künstlerisches Empfinden, sein Enthusiasmus begeisterte den Künstler für seine Aufgabe und ließ ihn sein Bestes geben.
Da mich meine liebe Mutter anfangs Juni in Christiania erwartete, sandte ich meine Begleiterin heim und nahm eine Einladung Frau Bäckströms an, die in der Nähe Stockholms einen herrlichen Landsitz besaß, deren Gatte alles aufbot, es seiner Familie angenehm zu gestalten. Vier prächtige Söhne im Alter von 10 bis 16 Jahren belebten Garten und Haus. Auf eigener Yacht segelten wir abends um 10 Uhr bis Sonnenuntergang und Sonnenaufgang, d.h. die Sonne spielte nur ein wenig Verstecken, denn wenn wir meinten, sie sei eben untergegangen, kam sie auf der andern Seite auch schon wieder hervor. Wir sahen dem göttlichen Schauspiel oft bis 2 Uhr morgens zu. – Ein entzückendes Bild bot die Familie, wenn Frau Lilly das Ave Maria von Gounod sang, und drei ihrer Söhne sie am Klavier, auf Violine und Cello begleiteten. Von ihrem edlen Manne erzählte sie mir, daß er um sie gefreit, als sie ein reiches Mädchen, geb. von Löwenklau, war. Daß ihre Eltern ihm wenige Tage vor der Hochzeit ihren vollständigen Ruin entdeckten; daß er sämtliche Schulden bezahlt und seine Lilly, so arm sie war, heimführte, und nie ein Mensch erfuhr, was er für sie getan. Auf einer Ausfahrt besuchte sie, ohne daß ich es vorher wußte, das Grab ihrer Eltern, wo sie ein kurzes Gebet verrichtete. Ich war hinter ihr hergegangen; einen kleinen Strauß Maiglöckchen, den mir einer ihrer lieben Söhne zur Ausfahrt angesteckt, nahm ich von meiner Brust und legte ihn aufs Grab. Ich dachte nicht, daß sie es bemerken würde; sie umarmte mich jedoch ganz ergriffen mit den Worten: »Sie haben ein Herz.«

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Frau Bäckström erzählte mir oft vom König Oscar und auch von seinem Bruder, dem verstorbenen König Karl XV., der in größter Einfachheit gelebt, gleich einem schlichten Bürger, in den meisten Bürgerfamilien ein- und ausging, da oder dort unangesagt zum Mittagessen oder Abendbrot blieb. Vom Volke wurde er vergöttert, niemand glaubte an den Tod des Königs; man wollte wissen, daß er nur krank sei oder sich zurückgezogen habe, um endlich wieder zu erscheinen.[29]
Weite Spaziergänge, die uns durch üppige Fichtenwälder führten, machte ich in guter Kameradschaft mit den lieben Buben, die mich auch an die große Ökonomie Herrn Cadiers, des Besitzers des Grand Hotel, führten. Bewunderswert waren die Einrichtungen, interessant die prachtvollen Stallungen, insbesondere die enormen Schweineställe, die samt ihren Bewohnern von Sauberkeit blitzten. Neben den Winterräumen lagen große, freie Sommerplätze und führten direkt an einen schönen See, in welchem alle großen Schweine und alle kleinen Schweinchen täglich gebadet wurden. Die Tiere waren appetitlich, das mußte man gestehen. Herr Cadier legte mir zum Andenken an meinen Besuch ein kleines schwarz und weiß geflecktes Ferkelchen auf den Arm, das er mich mitzunehmen bat, und das ich wirklich bis nach Hause trug. Das Baby ließ ich dann als Pfand bei Lilly Bäckström. Als sie mir aber nach einem Jahr einen großen Schinken von dem niedlichen Baby sandte, war ich nicht imstande, auch nur einen Bissen davon zu essen. Ich hatte das Tierchen auf dem Arm getragen, und das genügte, um mir allen Appetit nach seinem Fleische zu nehmen.
Christiania! Überall ist's die Natur, die mich zu bewundern am meisten lockt. So bestieg ich allein den Frognesäter, genoß erst dort, und dann auf Oscar Hall, in stiller Betrachtung die Aussicht übers Land, über die Stadt, den Hafen, wo Hunderte von weißen großen und kleinen Segeln zwischen großen Schiffen über die blaue Meeresfläche, in orange-gold-farbiger Abendbeleuchtung dahinflogen. Andern Tags schloß ich Mama in meine Arme, die über Kopenhagen zu mir gekommen. Am Abend wanderten wir durch die Stadt. Kinder spielten in den Straßen, Leute gingen ihren Geschäften nach, als wäre es früh morgens, alles lebte und webte, und dennoch war's 1/211 Uhr nachts; eben fing die Sonne an, sich blutrot gegen den westlichen Horizont zu neigen.
Einen geradezu unermeßlichen Eindruck machte auf mich der erste Fjord, den ich sah, in Ringericke. Im Wagen fuhren wir auf guter Chaussee von Christiania durch tropische Vegetation an kleinen Hügeln, vielen Mühlen und schönen Sommersitzen 2 bis 3 Stunden vorüber. Dann wurde es öde, Haus- und menschenleer. Ein großer Felsen schien den Weg zu sperren. Doch führte ein Tunnel, den man hier nicht vermutete, hindurch und öffnete[30]  plötzlich den Anblick auf den ganz einsamen, von hohen, kahlen, grauen, oft wieder in bunten Farben schillernden Felsen umgebenen Fjord. Blauer Himmel, blaues Wasser, kein lebendes Wesen zu sehen, nichts als erhabene Einsamkeit, ein nie zu vergessendes Bild tiefsten Friedens, unendlicher Ruhe; das Ziel meiner nordischen Sehnsucht, an dem ich ewig hätte weilen mögen.
Von Christiania ging's nach Lillehammer, von wo man entweder per Dampfer über den großen Mjösee oder mit der eben eröffneten Bahn nach Drontheim fahren konnte. Wir entschieden uns für letzteres. Auf dem kleinen Bahnhof, den Zug erwartend, hörte ich zwei ältere Damen, die einzigen Passagiere außer uns, pfälzerisch-deutsch sprechen. Voll Freude berichtete ich es Mama und mußte wohl so laut gesprochen haben, daß beide Damen es gehört, denn gleich darauf standen sie vor uns und sprachen uns an: »Ja, wir sein Pfälzerinnen und kennen Sie sehr gut; Sie sein die Lilli Lehmann und das is die Frau Lehmann, Ihre Mutter!« Wir waren sprachlos. Das Rätsel löste sich indessen schnell. Beide Damen waren intime Freundinnen von Tante Dall' Armi's Tochter, Hanauer. Von dieser waren sie über unsere norwegische Reise unterrichtet, kannten uns genau aus Bildern und hatten somit leichtes Spiel, uns zu erkennen. Sie lernten alljährlich im Winter eine Sprache und bereisten im Sommer das Land, hatten nur ganz wenig Gepäck und waren trotz ihrer 50 Jahre ausgezeichnete frische, praktische Reisende. Bis Drontheim blieben wir beisammen, machten noch Ausflüge an verschiedene Wasserfälle und trennten uns erst, als sie ans Nordkap, wir nach Molde gingen. In Molde blühten eben Flieder und Goldregen am kleinen, einfachen Hotel, ein lieblich Scheerenbild. Sogar ein Seehund lag am Ufer, der aber verschwand, sobald wir uns ihm näherten. Um das offene Meer zu sehen, versuchte ich am Abend einen Berg hinter dem Hotel zu besteigen; durch Wälder über Felsen, Moorwiesen, immer höher und höher, ohne die Spitze zu erreichen. Denn je höher ich stieg, je höher türmten sich neue Berge hinter dem eben erstiegenen auf, bis ich schließlich nachgab und stehen blieb. Da bot sich mir ein Bild, wie es Hildebrandt gemalt, wie ich es nie für wahr hielt. Weithin lag das Meer in goldenen Fluten vor mir, Hunderte von kleinen Felsenriffen dazwischen,[31]  in Gold getaucht; kaum, daß das Auge den Glanz ertrug, so war ich geblendet. Schutz suchend vor diesem Glanz wandte ich mich nach links, wo ich Hügel und Berge rot und violett erblickte, deren Farbenpracht ich mir erst erklärte, als ich selbst in leichten Nebelwölkchen eingehüllt stand, die rosa, rot und violett an mir vorbeihuschten. Als die Berge blasser und dunkler wurden, mußte ich daran denken, den Rückweg anzutreten, denn es war spät und ich allein auf dem mir unbekannten, sumpfigen, weglosen Berge.
Von Molde ging's per Dampfer nach Veblingsnäs, den Eingang ins Romsdalen, wo wir um 8 Uhr abends ankamen, um nach einigen Stunden mit einem kleinen zweirädrigen, einspännigen Wagen, Skies genannt, bis zur ersten Nachtstation zu fahren. Als wir gegen 11 Uhr in die Talenge einbogen, wehte uns ein heißer Scirocco entgegen. Die Fahrt wurde immer glühender, bis wir an einem Blockhause hielten. Kein lebend Wesen war zu erblicken. Der Kutscher holte aus irgendeinem Versteck den Hausschlüssel, schloß auf, führte uns in ein Zimmer mit zwei Betten, stellte eine große Bütte dicker, süßer Sahne auf den Tisch, legte Knickebrö dazu, sagte uns »gute Nacht« und verschwand. Mir schmeckte es großartig; meine arme alte Mutter aber, der das Brod zu beißen unmöglich war, ging hungrig zu Bett. An ein Fortkommen war andern Tags nicht zu denken. Der Scirocco wütete, wir mußten uns aneinander klammern, wenn wir nur über den Hof gehen wollten. 36 Stunden blieben wir in der Felseinöde, von hohen, kahlen dolomitenartigen Bergen umgeben. Da man uns keine Aussicht auf irgendwelches anderes Essen im ganzen Tale machen konnte, das zu durchwandern noch 4–5 Tage dauern sollte, änderten wir die Route und gingen nach Gudbransdalen über einen herrlichen, großen Fluß, der von Gletschern herunterstürzte, gingen an Björnsons Besitzung vorbei, die ziemlich hoch über der Straße auf grünem Wiesenhügel liegt, und kamen nach vierstündigem Lauf (meine Mutter war 71 Jahre alt) an ein Blockhaus mit Wirtschaft, wo wir ganz ausgezeichnete Verpflegung fanden. Gegen Abend setzten furchtbare Regengüsse ein, die uns bald in die hohen Bauernbetten trieben, worin wir, totmüde, sofort einschliefen. Nach kaum drei Stunden wurden wir durch lautes Sprechen und Rufen[32]  sehr unsanft geweckt, und mit Schrecken hörten wir, wie unser Vorzimmer, in welches unser einziger Ein- und Ausgang mündete, von Männern besetzt wurde. Sobald es ruhig geworden, schliefen auch wir wieder ein. Da ich mich morgens mit dem Wirt wegen unserer Weiterreise verständigen mußte, klopfte ich um 7 Uhr am Vorzimmer an, aus dem mir eine sehr kräftige junge Männerstimme: »Come in!« zurief. Ich trat also ein und sah zwei junge Studenten, aus langen Pfeifen rauchend, im Bette liegen. Bei meiner Rückkehr dasselbe Manöver, doch mußte ich lachen, als ich die beiden passierte. Als Mama und ich reisefertig, wiederum durchgehen mußten, waren auch die Studenten schon angezogen und halfen mir – da sie ein wenig Deutsch sprachen – mich mit dem Wirt über alles zu verständigen. Immer noch in strömendem Regen fuhren wir erst im Wagen zur Dampferstation, dann weiter per Dampfer nach Bergen.
Der Aufenthalt in Bergen wird leider durch den immensen Fischhandel beeinträchtigt. 40 Millionen Zentner Stockfische in getrocknetem Zustande werden jährlich allein nach Spanien geliefert. Man kann sich also einen Begriff von der dort aufgestapelten Fischmasse machen, und daß die von Fischgeruch geschwängerte Luft für Vergnügungsreisende nicht angenehm ist. Ich besah die Festung, hatte aber nicht Muße, mehr noch von der Umgebung zu sehen, denn meine liebe Mutter begann sich sehr unwohl zu fühlen. Der fremde Arzt riet uns die Heimreise an, und nach drei Tagen schon saßen wir auf dem Dampfer, der uns der Heimat zuführte. Man begegnete fast ausschließlich Engländern, die auf eigenen Yachten von der britischen Insel herüberkamen, dem Lachsfang in den großen Strömen oder Wasserfällen weit ins Land hinein oblagen, und die auf ihren, mit jedem Komfort ausgestatteten schwimmenden Hotels leicht reisen hatten. Darum kam man auch mit Englisch ganz gut weiter, obwohl es nicht allgemein verstanden wurde, während in Schweden – besonders in Stockholm – die französische Sprache vorherrschte. Ich sah in Norwegen oft, wie Briten beim Bezahlen in die Tasche langten, eine Handvoll Münzen herauszogen und sie offen dem Wirt oder Kellner reichten, der sich daraus seine Rechnung bezahlt machte. Heute, nach 33 Jahren, dürfte es anders sein.[33]
In Stavanger, wo wir den Dampfer wechselten, war eine prachtvolle Basilika zu sehen, in deren Chornische Thorwaldsens Christus stand, der, als einziger Schmuck der ganzen Kirche, durch seine Einfachheit den reinsten Eindruck hervorrief. Selten hatte mich der Anblick einer Kirche so tief bewegt.

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Ich kletterte denn auch noch auf den Chor, wo ein Harmonium stand, präludierte und sang ein Lied, dem nur meine Mutter und der Schließer zuhörten.
In Berlin angelangt, erholte sich Mama bald vollständig. Meine Ferien mußte ich zwar drangeben, aber wir machten es uns gemütlich im leeren Berlin. Trotz dem schlimmen Ende war die Reise doch schön gewesen. Für Mamachen allerdings zu strapaziös. Ich aber kehrte reicher an großen Eindrücken zurück, ohne zu ahnen, daß der größte Schmerz meines Lebens mir nicht mehr lange vorbehalten bleiben sollte.

Die Macht des Eindrucks, wie ihn große Künstler auf junge Talente ausüben, die Offenbarung des Ausdrucks dessen, was sich in eigener Seele junger Menschen noch scheu verbirgt, in kunstvollender Form vor sich zu sehen und zu hören, ist für das Wesen der Kunst mit keinem andern Gewinn vergleichbar. Scharf ausgedrückt zu sehen, was andre bewegt, was sie stürmen, lieben, entsagen und leiden läßt, das mit individueller Künstlerschaft verbunden, ist, was den Zuschauer und Hörer sieghaft mit fortreißt und entzückt. Die große Technik der Schauspielkunst sollte ich endlich in zwei großen Italienern zu erkennen Gelegenheit haben. Ich meine nicht die Technik die man allgemein mit »routine« bezeichnet, aus der weder Kunst noch Selbsterlebtes spricht, die vielen Komödianten auf und außer der Bühne anhaftet: Nein; diejenige, weniger auserlesener Künstler, die außer den vielseitigen Kenntnissen, ihr eigenes Innere preisgeben, also im eigentlichen Sinne »Menschen« darstellen, weltgeschichtliche oder psychisch interessante Charaktere, und somit tatsächlich individuell in ihrer Aufgabe aufgehen.
Gegen Ende der 70er Jahre gastierte mit einer italienischen Gesellschaft Adelaide Ristori am Nationaltheater in Berlin als: Elisabetta, Maria Antonietta, Lady Macbeth, Maria Stuart etc.[34]  Mit ihrer kolossalen Kunst öffnete sie mir die Augen für die Schauspielkunst im allgemeinen sowohl, als für die italienische insbesondre. Was konnte diese Frau, und wie wenig wurde man ihres Alters gewahr, das man über ihre große Kunst vollständig vergaß. Z.B. wenn sie als 16jährige Königin Maria Antonietta ihren schwachen Gatten, Ludwig XVI., mit ein paar liebenswürdigen Worten und einem losen Fingerspiel der so lebendigen Hände überredete, mit ihr nach Trianon zu gehen. Von ihr und Rossi lernte ich: Rollen ausarbeiten, und einsehen, daß alles, was ich bisher darin getan, so ganz und gar nichts war gegen die unermeßlichen Kunstschätze und Kenntnisse der technischen Mittel, welche diesen beiden großen Künstlern zu Gebote standen, die sie sich, gleich andern großen Meistern, durch unendliches Studium auch erst hatten aneignen müssen.
Rossi lernte ich bei Gelegenheit seines zweiten Gastspiels, das am königl. Theater stattfand, kennen. Er ließ sich mir vorstellen, besuchte mich und sagte mir, daß er am Hamlet allein 8 Jahre studiert habe, ehe er mit der Rolle herausgegangen, und daß er zu jeder Rolle viele Jahre eifrigsten Studiums bedürfe, bis er der Fassung sicher sei. Er begeisterte uns als Othello und Lear. Als er sein erstes Gastspiel mit dem Lear beschlossen hatte, trat wenige Tage später Edwin Booth darin auf, und merkwürdig genug war's zu sehen, wie gänzlich heterogen im Temperament die beiden großen Schauspieler den Lear auffaßten. Rossi als wolkenstürmender Hitzkopf, Booth als resignierter, ruhebedürftiger Greis, und daß beide Monarchen der Bühne in meinen Augen, in meinem Gefühl, durch ihre Künstlerschaft Shakespeare dennoch nichts schuldig blieben.
Mir haben diese Gastspiele den Blick geweitet. Kein Wunder, wenn einige Jahre später eine mir fremde Dame in Amerika, die mich als Brünnhild in der Götterdämmerung sah, zu der ihr fremden Nachbarin, meiner Bekannten, sagte: »She remembers me Adelaide Ristori.« Man möge mich nicht mißverstehen. Nur den Beweis wollte ich dafür aufbringen, wie nachhaltig die Impression auf mich wirkte. Niemand wird mich schelten dürfen, daß ich mir ein Beispiel nahm an ihrem »Können«. Bedauern muß ich diejenigen aber, die große Vorbilder unbenützt an sich vorbeigehen lassen, ihnen nicht alles absehen und abhören, was[35]  ihnen abzusehen und abzuhören ist, um es als edles Reis zum Wohle der Kunst auf die eigene Individualität zu verpflanzen.
Leider ist man heutzutage erhaben über die Kunst damaliger großer Tragöden, die es vermochten, uns mit ihrer »Individualität« und ihrem enormen »Können« in Ekstase zu versetzen, indem sie die schon vom Dichter als besonders hervorragend geschaffenen Figuren aus dem gegebenen Ganzen individuell herauswachsen ließen. Dafür bildet man sich nicht wenig auf die Natürlichkeit der heutigen Schauspielkunst ein, die der Künstler Individualität von der Regie zu nüchternen gleichgiltigen Menschen drillen und drücken läßt, denen man nur gar zu gern den Rücken kehrt. Um seinem besten Willen gerecht zu werden, versucht man immer wieder sein Interesse auf dies »Neue, Nichtssagende« – denn das »Ekelhafte und Gemeine« streiche ich gleich von vornherein – zu konzentrieren. Vergebens! Schon nach fünf Minuten ist man von der unindividuellen, unkünstlerischen, d.h. natürlich seinsollenden Art des heutigen Theaters uninteressiert oder gelangweilt und kann nach dem I. Akt getrost mit dem Bewußtsein das Theater verlassen, daß man beim Fortbleiben nichts verliert.
Es ist nur zu natürlich, daß genaue Kenntnis großer technischer Mittel eine gewisse Manier bei denjenigen erzeugt, die außerhalb der Repertoire-Fabrik stehen, sich nur mit wenigen ihrer Lieblingsrollen zeitlebens beschäftigen. In Stellungen und Bewegungen nicht gar zu typisch zu bleiben, ist dann die höchste Aufgabe des Künstlers, die ich folgendermaßen ausdrücken möchte: die Erlernung künstlerischer Technik, und diese selbst ist immer mit Übertreibung verbunden. Gilt es doch, sein eigenes feinstes Gefühl für irgend etwas, das gerade je feiner je komplizierter ist, andern in großen Räumen sichtbar, hörbar, d.h. begreiflich zu machen. Künstlerische Technik muß durch die Ästhetik der Seele zum Ebenmaß der Schönheitsform gelangen und kann nur dadurch wieder – scheinbar – zur Natur werden.
Goethe sagt das in kürzerer Form:

»Natur und Kunst sie scheinen sich zu fliehen
Und haben sich, eh' man es denkt, gefunden.«



1.










[39] Nun ich bei Hülsen unter die Zugvögel rechnete, nahm ich diesmal meinen Flug nach London, um beim alten Impresario Colonel Mapleson ein Gastspiel zu absolvieren, das mich beim Publikum in Respekt setzen sollte. Mapleson unterhielt seit Jahrzehnten eine berühmte italienische Opernstagione, erst in Covent Garden, dann im neuen Her Majesty's Theatre, in Haymarket. Er versammelte alljährlich die größten Stars, verstand viel von Kunst, wirtschaftete meist mit Unterbilanz, und obwohl immer in Geldnöten, wußte er sich doch stets mit Geschick aus der Affaire zu ziehen. Er genoß Vertrauen bei Publikum und Künstlern, wenn auch viele so vorsichtig waren, sich ihre Honorare voraus bezahlen zu lassen. Gewöhnlich holte ich mir die meinen am Tage einer Patti-Vorstellung, wartete im Bureau geduldig, bis das Geld an der Tageskasse eingegangen war, und erhielt sie dann prompt ausbezahlt. An geordnete Verhältnisse gewöhnt, schien mir diese Stagionenwirtschaft der englischen Hauptstadt recht unwürdig. Mit ehrlichem Erfolge hatte ich 2mal Traviata und 2mal Philine in Mignon gesungen. Die Mignon war zu damaliger Zeit Christine Nilsons beste Rolle; als Margarethe war sie unweiblich, als Elsa benahm sie sich wie ein verkleideter Student. Im zweiten Duett mit Ortrud irrte sie sich, kam ganz heraus, und anstatt sich unauffällig wieder hineinzufinden, lachte sie laut, kehrte dem Publikum den Rücken und sang bis zum Auftritt Lohengrins keinen Ton mehr. Ich konnte Christine Nilson nie mehr sehen, ohne mich ihres unwürdigen Benehmens zu erinnern. – Die einst so herrliche sammetweiche Altstimme der Trebelli war zum reinsten Baß heruntergegangen. Sie sang nur noch kleinere Rollen, wie z.B. den Friedrich in »Mignon«, der bei uns immer vom Tenor gegeben wird. Campanini war nicht nur ausgezeichnet als Lohengrin, Alfredo und Wilhelm Meister, er sang und spielte alles prachtvoll. Galassi, ein guter[39]  Bariton, Arditi, ein gewissenhafter, vorzüglicher Dirigent. Diese drei letzten Künstler waren ernst zu nehmen, alles andere nicht immer, obwohl natürlich auch ganz ausgezeichnete Totalvorstellungen vorkamen, über denen ein besonders günstiger Stern waltete. Wenn mein Gastspiel auch nach außen hin strahlte, mir machte es nicht die erwartete Freude. Mapleson, der mir eine große Zukunft prophezeite, bat mich dringend, auszuharren, alljährlich wiederzukommen, weil der Engländer, sobald er sich an einen Künstler erst gewöhnt habe, diesem zeitlebens dankbar bliebe. Wer erst zehn Jahre hintereinander in London gesungen habe, brauche weder Stimme noch sonst etwas, der sei geborgen für alle Zeit. Er hielt mich für die einzig Prädestinierte, in die Fußtapfen der von England und ihm vergötterten Tietjens zu treten, und beschwor mich schon jetzt, Fidelio, Norma, Donna Anna und Valentine zu singen. Da ich aber fühlte, daß ich solchen Aufgaben noch nicht gewachsen, mußten wir beide die Zeit meiner Vervollkommnung abwarten.

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Prinzessin Friedrich Karl hatte mir persönlich ein Handschreiben an ihre Tochter, die Herzogin von Connaught mitgegeben, Lord Ampthill und Graf Perponcher, wohl ein Dutzend an einflußreiche Persönlichkeiten. Die Herzogin empfing mich voller Liebenswürdigkeit im Buckinghampalast; Graf Münster, unser damaliger Botschafter, reagierte jedoch gar nicht, und alle andern Schreiben gab ich überhaupt nicht ab, weil Mapleson es für London – wo nur Gewohnheit regiert – für unnütz erklärte. »Gut singen« sei die beste Empfehlung.
Mama und ich wohnten in St. James Street, in einem kleinen französischen Hotel: Dieudonné. Wir hatten einen schönen Salon mit Balkon und ein Schlafzimmer im 1. Stock, schliefen in einem echt englischen Riesenbett zusammen, das uns beiden unbehaglich war. Lagen wir abends nebeneinander und falteten unsere Hände, so glichen wir auf ein Haar steinernen Ehegatten auf einem Sarkophage. Erst als wir uns einzelne Decken geben ließen, klärte sich die Situation. Vor uns hatte Anton Rubinstein das Appartement bewohnt, seine Zigaretten lagen noch darin. Saint-Saëns wohnte neben, ein spanischer Chansonettensänger Pagans, über uns. Fast die ganze Comédie française aus Paris, die seit mehreren Wochen schon Vorstellungen gab, war im Hause[40]  einlogiert, und weiter einige französische Maler, darunter Mr. Poilpot, der sich aller verkommenen Hunde annahm und damit unser Herz gewann.
Madame Dieudonné, eine sehr heitere Witwe, wußte im Verein mit ihren Geschwistern ihren Gästen das Haus angenehm zu machen, das für uns nur manchmal zu lärmend war. Wie man sich denken kann, wurde viel Musik und oft auf Treppen und Gängen bis 2 Uhr nachts Konversation gemacht, obwohl laut polizeilicher Vorschrift das Haus punkt 11 Uhr geschlossen, die Eßräume verdunkelt werden mußten. Kamen wir nach Mitternacht aus der Oper, und die Schauspieler aus der Comédie, so aßen wir alle zusammen bei sorgfältig verschlossenen Läden, und nicht ein lautes Wort durfte gesprochen werden. An Tagen aber, wo kein Theater war, blieben wir nach dem Diner im winzigen Parlour beisammen, wo es dann laut und sehr lustig herging. Der übermütigste von allen war Saint-Saëns, der mich lebhaft an Hans von Bülow erinnerte, der ebenso ausgelassen sein konnte. Saint-Saëns fistelte die Arie der Rosine mit den verrücktesten Fiorituren und Trillern, daß man sich kugeln mochte. Er ahmte sie großartig nach, die »Rosinen« und ihre »Strakochonerien«, wie Rossini einst der jungen Patti bemerkt haben soll, als sie ihm seine Arie mit tausend Änderungen von ihrem Schwager Strakosch vorsang. – Pagans hatte eine ausgeleierte Stimme, doch interessierte mich die Art und Weise, wie dieser Spanier sang, aufs lebhafteste; die melancholischen Weisen erwärmten mich, in denen das in 1/4 Tönen gezogene Glissando dem Ohre eigentümlich reizvoll sich einschmeichelte, das wohl einzig den Spaniern eigen ist. – Die Franzosen trugen Szenen vor, und auch ich beteiligte mich mit deutschen Liedern, die mir Saint-Saëns begleitete.


London war mir nicht fremd. Shakespeare hatte mich jeden Stein und Fleck, jedes Haus, jede Straße darin kennen gelehrt von Jugend auf. Shakespeare! Durch ihn kannte ich London, begrüßte es wie einen Freund, wie altes Erinnern. Mit Zärtlichkeit hing ich daran – nein, an Shakespeare hing ich und an allem, was er uns je gegeben. In Museen und Galerien bereicherte ich mein Wissen; tagelang bewunderte ich einzelnes, prägte anderes meinen Gedanken ein. Dann wieder liefen wir viele Stunden lang[41]  durch Richmond, Windsor, Virginia-Water usw. durch köstliche Gärten und herrliche Parks. London ist schön bei gutem Wetter und ernst. Was die Sechsmillionenstadt an Schrecklichem hervorbringt, widerte mich hier niemals in dem Maße an wie das, was ich in Paris sah. Die Gleichgiltigkeit des Engländers beruhigt und ermöglicht es, in der enormen Stadt »zu leben«. Dazu gehört persönlicher Wert und Mut, wenngleich der einzelne dort vielleicht noch weniger gilt als an anderen Orten. – Aber die Nebel, die Nebel! die legen sich um Kopf und Herz, sie ersticken jede Freude. Selbst jetzt, im Juni, wälzten sich mittags manchmal dunkle oder gelbe schwefelmassige Wolken ins Zimmer, in dem man selbst bei Licht nichts zu arbeiten vermochte. Die Saison war darum auf die Sommermonate verlegt, weil die Nebel im März und April noch viel intensiver sind. Zu der Zeit kann ein Gastgeber gewärtig sein, 50–100 Gäste nachts in seinem Hause behalten zu müssen, weil sich keiner – weder zu Fuß noch zu Wagen – auf den Straßen zurecht zu finden weiß. Man steht vor seinem Hause und findet den Eingang nicht! – Die furchtbaren Nebel trieben uns denn auch fort, wir sehnten uns nach blauem Himmel, deutschem Boden, deutschen Verhältnissen.
Dennoch kam ich Maplesons Einladung im Mai 1881 wieder nach und sollte nach den bereits gesungenen Rollen auch noch die Aïda singen. Um Mamas Erkältung zu kurieren, zogen wir auf acht Tage nach Brighton, wo ihr Husten nur noch schlechter wurde. Nun ließ ich zum Entsetzen Maplesons London und Aïda laufen, um Mama nach Marienbad zu bringen, wonach sie sich sehnte. Vorher mußte ich aber noch in einem Monstre-Künstlerkonzert in Albert Hall mitsingen zum Benefize Maplesons, das ihm alljährlich eine Riesensumme einbrachte, bei dem alle Künstler unentgeltlich mitwirkten. Diesmal sangen: Patti, Nilson, Gerster, Trebelli, meine Wenigkeit und Frl. Tremelli, recte Tremel, eine Wienerin, die mich frug, ob ich die Halle kenne? Wenn nicht, so sollte ich vor meiner Piece einmal hineinschauen, sonst fiele ich um! – Ich wußte, daß 8000 Menschen drinnen waren, sah nicht vorher hinein und fiel auch nicht um, sang aber meinen Walzer, so gut ich konnte. – Vor unserer Abreise hatten wir auch noch die Freude, meinen alten Onkel Pauli aus Kassel in London zu[42]  begrüßen, der zum Besuch seines verheirateten Sohnes dort weilte, und dem wir in der Riesenstadt ganz zufällig beim Tower begegneten, trotzdem er in Canonbury und wir am andern Ende der Welt wohnten.

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Riezl, die mich während meines Urlaubs vertreten hatte, war jetzt auch nach London gekommen, und nun brachten wir Mama nach Marienbad. Mir war der Aufenthalt in Bädern immer schrecklich gewesen; so folgten Riezl und ich einer plötzlichen Eingebung und fuhren direkt auf acht Tage nach Rom. Dort genossen wir, was Rom einzig zu bieten vermag. Was aber sind acht Tage für Rom? Wir waren nicht planmäßig vorbereitet und auch nicht reif genug dafür. Heute, wo ich es wäre, diesen unerschöpflichen Genuß in Ruhe durchzuleben, fürchte ich mich vor dem Tierelend Italiens, was jeden Sehnsuchtsgedanken dorthin in mir zuschanden macht. Dies Paradies bleibt mir verschlossen; im Erinnern aber wirken damals Erschautes und Erlebtes vielleicht noch mächtiger auf mich als die moderne römische Wirklichkeit von heute.
Riezls Urlaub war zu Ende, wir mußten uns losreißen von Rom. Ein kleiner Betteljunge mit großen schwarzen Augen stand auf dem Perron, der uns stumm die Hand ans Kupeefenster ausstreckte, während er mit der andern frische Mandeln in den Mund steckte. Eine kleine Münze, die ich ihm hinwarf, verschwand in dem mit Flicken besäten und wieder durchlöcherten Jäckchen und blieb unauffindbar darin versunken. Immer noch sehe ich die schönen Augen, die stumm graziöse Bewegung des kleinen römischen Bettlers, den letzten römischen Eindruck.
Wolkenbrüche hielten uns in Franzensfeste gefangen. Niemand konnte oder wollte den Reisenden Auskunft geben, wie lange der unfreiwillige Aufenthalt dauern würde. Es spielten sich die komischsten Szenen ab. Ein Sachse z.B. wollte sich »ä bißchen die Gägend besähen«, ein anderer partout einen Zug ausfindig gemacht haben, der uns auf einer andern Strecke heimführen sollte, während allenthalben die Schienen unterspült in der Luft hingen. Wir suchten, um nicht im Wartezimmer unter den vielen Menschen zu nächtigen, durch die Gunst eines jungen Beamten ein I. Klasse-Kupee zu gewinnen, worin wir nachts, von Ungeziefer gepeinigt, fast verrückt wurden. In Franzensfeste war alles ratzekahl aufgegessen,[43]  da eine Menge Züge eingelaufen waren und alles hier zusammengepfercht blieb. Als wir nach fast 36 Stunden mit Umgehen der zerstörten Strecke weiter befördert wurden, machten die hungrigen Reisenden einen Ausfall auf Stertzing und stürmten das Buffet. Irgendein Mitleidiger gab uns ein Stück von seinem erbeuteten Braten und Brot ab; den schönen Durst stillten wir erst in München mit bestem Eberlbräu.



[44] Der Winter 1880 brachte mir eine ersehnte Aufgabe: die Venus im Tannhäuser. Wie lange hatte man mich darauf warten lassen. Lange Jahre war sie in unmöglichen, dann in unzulänglichen Händen. Wußte man denn gar nicht, was man dieser Rolle schuldig war? Wo blieb die geistige Kraft? wo das göttliche Schwelgen in Schönheit, Liebesreichtum und üppigem, verschwenderischem »Sichhingeben«? Man merkte nichts von Triumph, Glück, Verzweiflung oder Zorn. Nichts hörte man als eine Handvoll Noten und sah im besten Falle – eine geschminkte Puppe! Das war doch anders, als Albert Niemann und ich die Szene spielten und sangen! –
Nur wenige Tage später ging Rubinsteins »Nero« mit Niemann, Betz, Mallinger und mir als Poppäa in Szene, eine schwierige aber dankbare Aufgabe für mich, die auch anerkannt wurde, doch sich leider nicht lohnte, weil die Oper nur sechsmal gegeben wurde. – Februar 81 brachte die Neueinstudierung von Mozarts »Idomeneo« mit Niemann, Betz, Brandt, Voggenhuber und mir; eine großartige Vorstellung von seiten meiner Kollegen. »Der Widerspenstigen Zähmung« von Götz kam am 18. März zur Erstaufführung, in der ich Katharina war, und besonders Fricke als Baptista eine mit Humor gewürzte, feinste Leistung bot. Die Oper verblieb auf dem Spielplan. – Man sollte meinen, daß ich mich weder über zu geringe Beschäftigung, noch über schlechte Rollen zu beklagen gehabt hätte. Dennoch hatte ich Ursache dazu, denn man spielte mit mir wie mit einer zweiten Kraft. Die meisten guten Rollen erhielt ich doch nur dann erst, wenn sie andere nicht singen konnten oder aus andern Gründen ablehnten; und plötzlich kam es zwischen Hülsen und mir zu einem offenen Bruch.
Betz hätte gerne schon lange den Hoëel in Meyerbeers »Dinorah gesungen und bat mich, Hülsen die Oper mit mir, als[45] Dinorah, vorzuschlagen. Das hatte ich auch getan, Hülsen mir aber geantwortet, daß er den D... nicht geben würde. Es war nicht mehr die Rede davon gewesen, als ich eines Tages las, daß die königl. Oper Meyerbeers »Dinorah« einzustudieren gedächte. Sobald ich Hülsen besuchte, sprach ich ihm meine Freude darüber aus, worauf er bemerkte, daß nicht ich, sondern Frl. Em. T. die Rolle singen würde. Mich erhebend, sagte ich kurz: »Dann Exzellenz, erlauben Sie wohl, daß ich meine Entlassung fordere«, worauf er: »Tun Sie, was Sie glauben tun zu müssen«, antwortete. Em. T. war ein schönes junges Mädchen, italienischer Herkunft, für Minni Hauck engagiert, uns von Wien überkommen, wo man sie als Sängerin nicht gebrauchen konnte. Die dortigen Kapellmeister hatten verschiedentlich auf den Proben gesagt: »Jetzt kommt der Triller, den Frl. T. erst lernen wird« und anderes mehr. Ich muß vorausschicken, daß sie nicht nur schön, sondern auch ein liebes Mädchen war, was aber nicht verhinderte, daß die kleine Stimme wie zerbrochenes Glas klang, und daß sie weder gesanglich noch schauspielerisch den geringsten Anspruch auf Künstlerschaft machen konnte, vielleicht gar nicht selber machte, denn sie war bescheiden. Schon bevor sie ihr Engagement antrat, hatte man mir Blondchen, Despina usw. genommen, ohne eine Ahnung zu haben, ob E.T. sie überhaupt würde singen können. Und sie, die mir künstlerisch so untergeordnet, sollte nun die Dinorah singen, die Oper, die man eben noch als D... bezeichnet hatte! Sofort erbat ich bei Sr. Majestät dem Kaiser meine Entlassung, indem ich ihm die Gründe auseinandersetzte, bat Hülsen, durch dessen Hände mein Brief zu gehen hatte, mein Gesuch zu überreichen und mir das Resultat so schnell als möglich bekanntzugeben. Indessen vergingen viele Wochen, ohne daß mir eine Antwort in einer oder der andern Form zuteil geworden wäre. Da mir das Schweigen endlich peinlich ward, ich mich gern mit jemand ruhig und objektiv besprechen wollte, bat ich unsern alten Kollegen Fricke, ob er mich in einer für mich dringenden Angelegenheit besuchen möchte. Andern Tags trug ich ihm alles vor und bat ihn um seinen Rat. Fricke antwortete mir mit den sehr merkwürdigen Worten: »Ja, wissen Sie denn nicht, was über Sie in der Zeitung steht?« – »In welcher Zeitung« – »Nun, im ...« und nannte den[46] Namen. »Was« frug ich. »Ja, das kann ich Ihnen nicht gut sagen; besorgen Sie sich das Blatt von dem und dem Tag ungefähr.« – Fricke ging und ich stürzte – obwohl es Sonntag war – ins Bureau des Blattes am Gensdarmenmarkt. Den Besitzer kannte ich aus Gesellschaften. Im Bureau war nur ein Diener anwesend, der mir auf meinen Wunsch einen ganzen Stoß Zeitungen vorlegte. Ich griff aufs ungefähr hinein, und schon hatte ich die Notiz in Händen. Sie lautete: »Betreffs des Entlassungsgesuchs des Fräulein Lilli Lehmann ist vom Kaiser noch keine Entscheidung gefällt. Wir glauben übrigens erwähnen zu sollen, daß es allem Anscheine nach hauptsächlich Personalverhältnisse sind, welche diesem Entlassungsgesuch zugrunde liegen, und welchem die Frage einer Rollenbesetzung der Hauptsache nach nur zum Vorwande diente; Fräulein Lehmann fühlt sich recht leidend und sieht sich gezwungen, der Bühne eine Reihe von Monaten hindurch fernzubleiben; sie wird dann ohne Frage wieder in der Lage sein, zur Bühne zurückzukehren. Sie hat vielleicht unrecht getan, das Entlassungsgesuch einzureichen, da man ihr den notwendigen Urlaub, wie die Dinge liegen, ja doch nicht verweigern konnte. Daß das Entlassungsgesuch abschläglich beschieden werden wird, haben wir schon erwähnt.« – Am ganzen Körper zitternd, lief ich sofort damit zu Justizrat Laué, ihn um Rat zu fragen. Laué antwortete mir, nachdem er gelesen: »Da können Sie gar nichts tun; es steht absolut nichts darin, wobei man ihn fassen könnte; zwischen den Zeilen kann man natürlich lesen, was man will.« – »Was soll ich dann tun? ihn hauen?« – »O, das werden Sie nicht!« – »Gewiß werde ich das, Herr Justizrat, denn wie soll ich mir Gerechtigkeit verschaffen, wenn ich den Verleumder nicht verklagen kann?« – Der Justizrat lächelte, konnte mir aber nicht helfen. So ging ich schweren Herzens nach Hause und teilte meiner Mutter alles mit, die natürlich außer sich war.
Andern Tags ging ich wieder auf die Redaktion, der Chefredakteur und Besitzer war nicht anwesend; am nächsten Tage ebensowenig. Auch am dritten Tage wurde mir derselbe Bescheid, worauf ich ganz empört fragte: »Der Herr ist wohl nie zu treffen?« Man zuckte die Achsel, und ich mußte wiederum unverrichteter Sache heimgehen. Am vierten Tage wollte ich eben nochmals[47] mein Glück versuchen, als mir beim Fortgehen ein junger Hofschauspieler, Stockhausen, gemeldet wird, den ich abweisen ließ. Herr Stockhausen bat nochmals dringend, vorgelassen zu werden. Ich ließ ihn also eintreten und bitten, sich kurz zu fassen, da ich fortmüsse. Herr Stockhausen, den ich nur von der Theaterloge kannte, machte mir im Begriff, Berlin zu verlassen,–ich weiß eigentlich nicht warum–einen Abschiedsbesuch. Die Zeit drängte, ich ging mit Stockhausen die Treppe hinunter, und er begleitete mich ein paar Schritte. Dabei sagte ich ihm schließlich von meinen mißglückten Versuchen, den Herrn des Blattes zu treffen, und wie ich eben wieder im Begriffe sei, ihn von neuem aufzusuchen. Herr Stockhausen bittet, mich begleiten zu dürfen, ich lehne dankend ab. Wie er aber in mich dringt und meint, daß es doch besser wäre, unter männlichem Schutz den Weg zu unternehmen, gebe ich endlich nach und nehme seine Begleitung an. Diesmal hatte ich mehr Glück. Als ich an der Ecke des Gensdarmenmarkt die Gegend überblicke, sehe ich den Herrn Chefredakteur vor mir un Bürohause verschwinden. Ich laufe ihm nach, erwische ihn auf der Treppe, stelle ihn und sage: »Ich habe mit Ihnen zu reden!« Da er an eine Flucht nicht mehr denken konnte, bat er mich, hinaufzukommen, nachdem ich Herrn Stockhausen ihm vorgestellt. Die Herren im Büro machten lange Gesichter und mochten wohl ahnen, daß sie sich auf etwas Besonderes gefaßt machen durften. Als wir in der Stube des Chefredakteurs und Besitzers Platz genommen, begann ich die Inquisition:
»Hier, diese Notiz ist in Ihrem Blatte erschienen!«
»Ja, es tut mir furchtbar leid, daß dieselbe Aufnahme gefunden hat.«
»Von wem ist sie geschrieben?«
»Das weiß ich nicht.«
»Wer ist der verantwortliche Redakteur?«
»Ich.«
»Wie kommt die Notiz ohne Ihr Wissen in das Blatt?«
»Das weiß ich nicht.«
»Da Sie der verantwortliche Redakteur sind, mußten Sie sie doch gelesen haben?«
»Jawohl.«[48]
»Wollen Sie die Sache widerrufen?«
»Gewiß, aber–«
»Wollen Sie die Notiz widerrufen, frage ich, und auch in allen anderen Zeitungen, in welche sie übergegangen ist?«
»Erlauben Sie, dieser Ton –«
»Sie haben gar nichts zu sagen, als ob Sie widerrufen wollen oder nicht; der Ton ist, wie er auf Ihre Notiz gehört. Wollen Sie also?«
»Aber –«
und da konnte ich nicht mehr an mich halten und ohrfeigte den Elenden für die bodenlose Gemeinheit, die er mir und meinem Stande angetan, glaubte antun zu dürfen, ohne sich verantworten zu müssen. Mich umdrehend, fühle ich – nur einen Augenblick – eine Hand an meinem Halse, gleich darauf höre ich etwas krachen. Ohne mich umzusehen, schritt ich hocherhobenen Hauptes, ohne Wort, ohne Gruß durch das Nebenzimmer. Auf der Straße angelangt, brach ich in einem Weinkrampf zusammen. Herr Stockhausen führte mich an eine Droschke, erzählte mir noch, daß der Unwürdige Hand an mich legen wollte, er ihn aber von hinten gepackt, auf ein Sofa niedergeschleudert habe. So war es doch gut, daß ich männlichen Schutz bei mir hatte, und pries den Zufall, der es so günstig gefügt.
Weinend kam ich zu Hause an und konnte nur schluchzend meiner Mutter zurufen: »Er hat sie!« »Um Gottes willen, Lilli, der wird sich an Dir rächen,« rief Mama. »Das wird er bleiben lassen,« erwiderte ich ihr und atmete erleichtert auf im Vollgefühl, eine gute Tat vollbracht zu haben.
Als ich mich abends von dem Schlage erholt hatte, ging ich ins Theater und erzählte es Niemann und Betz, die mich gleich umarmten. Auch in die Redaktion eines anständigen Blattes ging ich, um genauen Bericht aufnehmen zu lassen, damit keine Entstellungen in den Zeitungen erschienen. Bei Siechens wurde es zuerst bekannt, und wie ein Lauffeuer verbreitete sich das Gerücht durch die ganze Stadt. Andern Abends wurden im Büro des »interessanten« Blattes alle Fenster eingeschlagen und dem Chefredakteur eine Katzenmusik gebracht. Ganz Berlin war in Aufruhr. Hülfen ließ mich um meinen Besuch bitten, um mir im[49] Auftrage des Kaisers zu sagen, wie sehr sich derselbe – ohne die Ohrfeige geradezu sanktionieren zu können – über meinen Mut gefreut habe. Hülfen bat mich dringend, mein Entlassungsgesuch zurückzunehmen, er wolle allen meinen Wünschen gerecht werden, ich solle nur bleiben. Ich überlegte mir's zu Hause und stellte meine Bedingungen dahin, daß mir wirklich ein dreimonatlicher Ertra-Urlaub bewilligt wurde, den ich zu einem langen Gastspiel in Wien gebrauchte, den man mir nebst andern kleineren Nebenbedingungen gewährte. Das Entlassungsgesuch zog ich zurück, doch war der diesbezügliche Brief nicht aufzufinden und keinesfalls in die Hände des Kaisers gelangt.
Nun regnete es Briefe und Blumen in den nächsten Tagen. Aus allen Gauen Deutschlands erhielt ich Telegramme. Vereine, Studentenverbindungen bedankten sich für die »Heldentat«. Der Herr Chefredakteur hatte viel auf dem Kerbholz. Seit Jahren schon hatte er sich erfrecht, nicht mißzuverstehende Notizen und »interessante« Andeutungen in seinem Blatte zu bringen. Keine, selbst noch so hochstehende, der Offentlichkeit angehörende Dame, kein junges Mädchen der Aristokratie, Gesellschaft, des Theaters war vor seinen Verleumdungen sicher, und nicht selten war er dafür bedroht worden, aber leider nur bedroht; darum trieb er sein Unwesen ganz gewissenlos weiter, bis er in mir seinen Richter fand. Man war tatsächlich von einem Alp befreit, das merkte ich an den Tausenden von Dankesbriefen und Aufmerksamkeiten, die mir von allen Seiten zuteil wurden.
Wenige Tage darauf war in der Oper: »Der Widerspenstigen Zähmung« das Theater ausverkauft, ich in der Zwischenzeit nicht aufgetreten; das Publikum hatte sich alles aufgespart zu diesem Abend. Frl. Driese, die beim Aufziehen des Vorhangs als Bianca auf der Bühne saß, wurde statt meiner schon empfangen, ein Irrtum, dessen man bald inneward, als ich die Bühne als Katharina betrat. Nun brach er los, der Sturm! Applaus, Geschrei, nicht endenwollendes Blumen- und Kränzewerfen, bis ich vor Rührung und Erregung laut schluchzte und nur mit furchtbarer Energie meiner Aufregung Herr zu werden vermochte. Das Publikum nahm natürlich jede Gelegenheit wahr, Beziehungen zwischen der Affaire und dem Operntext zu entdecken. So brach ein förmlicher[50] Jubel los, als ich Petrucchio anstatt des verlangten Kusses eine kleine Ohrfeige verabreichte. Am Ende des Aktes erhielt ich ein wagenradgroßes Bukett weißer Rosen vom Sportklub mit einer Gerte daran – was nicht nach meinem Geschmack war – das mir den Dank übermitteln sollte für die bis dato ungerächt gebliebenen Angriffe auf aristokratische Kreise. Nach der Oper wünschten Studenten mir die Pferde auszuspannen, doch legte sich die Polizei dagegen ins Mittel. Bei meiner Heimkehr aus der Oper fand ich ein bekränztes Faß Kulmbacher Bier, das mir aus einer Studentenkneipe gesandt ward, deren Besitzer mich um den Handschuh bat, den ich ihm auch sandte, und den er lange unter Glas und Rahmen dort verwahrte.
Wie man sich leicht denken kann, hatte die Sache noch manches Nachspiel; langsam nur beruhigten sich die Gemüter, umso langsamer als alle antisemitischen Blätter gegen meine energischsten Wünsche, die Affäre so recht von Herzen ausnützten. Der Chefredakteur war tot für mich und ganz Berlin. Sein Grab grub er sich selbst.

»Und wenn er nicht gestorben ist
so lebt er heute noch.«




 London
1880–1881













1.


2.






Dresden, Prag, Wien
1881–1882











Neben mehr als genügender Beschäftigung in Berlin brachte mir der Winter 1881–82 viele Konzerte und nebst London noch Gastspiele in Danzig, Prag, Dresden und Wien. Dresden, an das ich nie geglaubt haben würde, da man bei einem Gastspiel auf Engagement meine Schwester dort recht schlecht behandelte, wo es bei jeder Rolle hieß: »Die singt Frau Schuch, jene ist eine zu gute Partie von ihr«, so daß Riezl nur die wenigst dankbaren übrig blieben und das Engagement dadurch ins Wasser fiel. Nun sollte ich für Frau Schuch – die »on family way« – singen, so oft es meine Zeit erlaubte. Da Hülsen mir den Urlaub bewilligte, sobald es ohne Störung für Berlin zu ermöglichen war, hatte ich mit Intendant, Graf Platen, abgemacht, daß ich jeden Sonnabend, nach Feststellung des Repertoires, meine freien Tage nach Dresden telegraphierte, und mir von dort die zu singende Rolle zurücktelegraphiert wurde. Zuletzt überließ man mir auch diese Wahl, und es bedurfte keiner weiteren Antwort. Nun sang ich dort alles, was ich zu singen wünschte, pendelte vorerst fünf Monate lang zwischen Dresden und Berlin hin und her, worüber Hülsen mich eines Abends interpellierte: »Aber, liebe Lehmann, Sie singen ja fortwährend in Dresden, davon weiß ich ja gar nichts?« Er hatte unsre Abmachung vergessen, und ich pendelte ruhig weiter. Das Dresdner Gastspiel machte mich direkt glücklich und das Theater ein brillantes Geschäft. Kein Wunder, daß wir es beide nach Kräften ausnützten, und ich dort unter anderen Rollen die Carmen achtmal sang, die ich für mich fein ausgearbeitet und bereits in Danzig als Gast mit großem Glück gesungen hatte. Alles freute sich auf die animierten Vorstellungen, wie sie es mit beliebten Gästen immer sind, in denen Schuch und ich manchmal Tempi anschlugen, die nicht von schlechten Eltern waren. Als ich eines[55]  Abends wieder als Carmen auftrete, durchfährt mich aber ein furchtbarer Schreck, denn ich sehe anstatt Schuch Hofkapellmeister Wüllner am Dirigentenpult stehen, den ich als Musiker und Mensch gleich hoch verehrte, mit dem ich die Oper aber nie gemacht hatte. Was war denn um Gottes willen geschehen? Die Oper war, entgegen aller Gewohnheit, den Abend eine halbe Stunde früher angegangen, weil der König sie sehen wollte und für denselben Abend noch Einladungen hatte ergehen lassen. Schuch hatte darauf vergessen, war, als es anfangen sollte, nicht da, auch nicht zu finden, und Wüllner als rettender Engel eingesprungen. Das erfuhr ich aber erst, als ich meinen Schreck weg hatte und mitten in der Habanera Schuch wie Bankos Geist aus der Versenkung neben Wüllner auf- und Wüllner neben Schuch untertauchen sah. Wo eins gefällt, da wird ihm auch der Hof gemacht, und ich kann wohl sagen, daß ich vom Intendanten, seiner Gattin, Schuch, Wüllner, dem ganzen Personal und last not least vom Publikum auf den Händen getragen wurde, das mir bis auf den heutigen Tag treu blieb. Wie aber ging man auch auf in seinem Beruf, seinen Aufgaben unter der Leitung eines so glänzenden Gesang-Kapellmeisters, wie Ernst Schuch, der zu heben verstand, mit dem man fliegen konnte; der mit seinen Armen nicht zentnerschwer am Dirigentenpult klebte, sondern mit dem Sänger fühlte und atmete, ihm nach dem Munde sah, anstatt in seine Partitur. Den Geist der Kunst ließ Schuch über den Kunstwerken schweben und unterband dem Künstler nicht mit Blei die Schwingen, die ihn trugen. Wie lustig konnte es aber auch neben allem Ernste zugehen, z.B. in den lustigen Weibern, wo Degele, der beste aller Beckmesser, als Fluth in komischer Raserei seiner Eifersucht nicht Herr zu werden vermochte, oder ich – Buls und Erl im »Wildschütz« vor dem capo-Sang des Quartetts: »Unschuldig sind wir alle« – meine großen Lorbeerkränze, die mir eben zugeworfen waren, um den Hals hing. Auch erinnere ich mich, wie Heldentenor Riese als Manrico, während Luna-Buls seinen Rachegelüsten im I Akt Ausdruck lieh, zu mir herantrat und mir ziemlich laut, so, daß man es in den ersten Parquetreihen hören konnte, zurief: »Fürchte Dich nicht, Lilli, er darf Dir gar nichts tun!« Da ich Riese damals kaum kannte, war ich ob der Komik in der ernsten Szene ganz paff. Riese war ein ausgezeichneter[56]  Sänger, aber so klein, daß ich mich als Leonore nur auf zwei Meter Entfernung an ihn schmiegen konnte.

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Da am 1. April mein Extraurlaub begann, reisten Mama und ich nach Wien über Prag, wo ich als Carmen ein Gastspiel eröffnete. Seit Beginn meiner theatralischen Laufbahn war ich nicht wieder in Prag gewesen und wurde mit offenen Armen empfangen. Am 17. April 1882 begann ich in Wien ein – ich darf wohl sagen – lebenslängliches Gastspiel, denn wenn ich auch nicht immer dem verlockenden Rufe Folge leisten konnte, man rief mich immer, und ich kam, so oft ich konnte. Wien stand einem so hoch; sofern man wußte, was dort verlangt wurde, wie schwer Publikum und Kritik zu befriedigen waren. Ich siegte aber als Königin in den Hugenotten und hatte von dem Tage an in Wien eine zweite musikalische Heimat gefunden. Es folgten: die Widerspenstige, Frau Fluth, Isabella, Philine, Donna Elvira, Adalgisa, Blondchen, Königin der Nacht, Venus und Marzelline, die, verschiedentlich wiederholt, sich auf 15 Gastspielabende in zwei Monaten beliefen. Es waren gar viele Rollen der Lucca darunter, also keine Kleinigkeit, darin zu gefallen, und wenn mich auch ihr Genie vorderhand noch in den Schatten stellte, durfte ich gleichwohl zufrieden sein mit dem sich immer steigernden Erfolge. Im Don Juan sang Frau Marie Wilt die Donna Anna; ich hörte diese außerordentliche Sängerin hier zum ersten Male, war überrascht von der jugend-frischen Stimme und gleichzeitig erschrocken über den Mangel jedweden körperlichen Reizes. Nicht selten lachte das ihr so herzlich gewogene Wiener Publikum bei ihrem Auftreten, verstummte aber vor dem seltenen Stimmzauber und der außergewöhnlichen Gesangstechnik dieser Frau. Sie leistete sich manchmal das Experiment, die Prinzessin und Alice im Robert, die nie gleichzeitig beschäftigt, oder auch die Valentine und Königin in den Hugenotten an einem Abend zusammen zu singen, was ihrer Kraft und Künstlerschaft als Sängerin nur eine Spielerei bedeutete. Welch merkwürdige Frau! Zur Klavierspielerin ausgebildet, ward ihre Stimme spät entdeckt, und erst mit 30 Jahren, glaube ich, betrat sie die Bühne. Obwohl sie viel verdiente, arbeitete sie im Hause alles allein und war nicht wenig stolz darauf, früh die »Schaffel« zu reiben und abends die Königin der Nacht zu singen. Als ich einmal die[57]  Prinzessin im Robert und sie die Alice sang, kam sie auf mich zu, um mir zu sagen: »Schau, jetzt kann ich sie nimmer singen nach Dir.« Sie duzte mich, ohne mich je gesehen zu haben, und auf ihren Ausspruch durfte ich mir was einbilden, da sie jungen Sängerinnen sonst gern am Zeuge flickte und sich kein Blatt vor den Mund nahm. Ihre prachtvolle Höhe, ihre gesangliche Kunstfertigkeit gestatteten ihr die Kleinigkeit einer dramatischen und Koloratur-Sängerin gleichzeitig. Schauspielerisch strengte sie sich freilich niemals an, aber was sie als Sängerin bot, steht wohl einzig in der Geschichte der Gesangskunst. Daß sie unschön war, wußte sie besser als andere, denn als ich ihr später einmal vor dem Maskenterzett – sie Anna, ich Elvira, Walter Octavio – sagte, sie solle doch bei der wahnsinnigen Hitze die Maske abnehmen, da noch so viel Zeit wäre, antwortete sie mir einfach: »die Leut' san froh, wenn's mich nicht sehen brauchen.« Sie war auch sonst sehr ungeniert, denn als wir Drei auf den bekannten historischen drei Maskenstühlen saßen und Walter über die Hitze klagte, meinte sie, daß ihr das Wasser nur so herunterliefe, griff gleichzeitig in ihren Busen, reicht Walter etwas, was sie darin bewahrte und frug ihn: »Magst' a Zuckerl?« – Unsere Stimmen paßten, als sie die Norma, ich Adalgisa sang, prächtig zusammen; es war schon ein Genuß, mit ihr zu singen, die Freude wurde mir Gottlob recht oft zu teil. – Auch Mar. Brandt kam noch zum Gastspiel, dann war Wilt – Anna, Brandt – Elvira, ich – Zerline. Meist dirigierte Jahn oder auch Hans Richter; dazu das Prachtorchester, der herrliche Chor, das warme impulsive Publikum, das wundervoll akustische Haus! Glück, Freude und Ehren bedeuteten die Wiener Gastspiele stets für mich. Als ich mich hier und allerorten so aufgenommen sah, unterlag es für mich keinem Zweifel mehr, daß ich künstlerisch auch in Berlin berechtigte Ansprüche machen dürfe.


Mein Wiener Gastspiel erfuhr eine achttägige Unterbrechung, indem mich meine Verpflichtung zum Niederrheinischen Musikfest nach Aachen rief, das Franz Wüllner leitete. Nicht nur die herrliche Reise von Wien über Salzburg an den Rhein, den ich in aller Frühe sich entschleiern, die Berge und Burgen im Morgenglanze baden sah, war's, was mir das Herz höher schlagen machte. Am ersten Abend sang ich Josua, am zweiten die große Szene der[58]  Armida mit der Furie des Hasses, und am dritten Isoldens Liebestod, den wir wiederholen mußten. Mit diesen beiden letzten Szenen verwirklichte sich der jungen Künstlerin ein oft ersehnter Traum, gewährte ihrem Streben Befriedigung und stärkte ihr den Mut, dem höchsten Ziele entgegenzureifen. –
Noch eine reizende Erinnerung knüpft sich an jenes Künstlerkonzert. Hans von Bülow, der meine Schwester schon begleitet hatte, sie sehr verehrte, so daß er nicht ohne sie in Leipzig konzertieren wollte, kam mit seiner Tochter Daniela in einer Probe mit den Worten an mich heran: »Guten Tag, Fräulein Lehmann, Ihre Schwester kenne und verehre ich sehr; Sie kenne ich noch nicht und weiß nicht, ob ich Sie auch so verehren werde!« Damit ging er, um sich in die Reihen der Zuhörer zu mischen. Am andern Tag, im Künstlerkonzert – ich hatte schon die zweite Arie aus der Schöpfung gesungen – saß ich zwischen Pulten versteckt auf dem Podium, um meine zweite Piece abzuwarten. Inzwischen hatte Bülow ein Klavierkonzert zu spielen. Ich saß am untersten Ende des Flügels, hörte Bülow zum erstenmal, konnte ihn auf diese Weise scharf beobachten, ja gerade ins Gesicht sehen. Das tat ich denn auch unaufhörlich und zwang Bülow dadurch, mich ebenfalls zu beachten. Je wärmer er spielte, je heißer wurde es ihm in dem ohnehin schon heißen Raume. Ich hörte ihm sein Spiel mit verhaltenen Wut- oder Kraftauslassungen begleiten und lächelte ihn ruhig überlegen an, sobald sein Blick den meinen traf. Als er geendet – er hatte wundervoll gespielt – ging er, sich die Stirne trocknend, dicht an mir vorbei und sagte laut: »Donnerwetter, in der Fräulein Lehmann ihrem Schatten ist's aber furchtbar heiß!« Von dieser Stunde an war er die Liebenswürdigkeit selber. Bei Karl Klindworth und dessen Engelsgattin traf ich mit ihm beim Diner zusammen, wo er geradezu ausgelassen übermütig, sich an echten Berliner Redensarten gar nicht genugtun konnte, und mir zum Andenken eine ganze Sammlung davon in Buchform schickte. Was waren wir doch lustig mit dem oft sonderbaren Manne! Eine ganze Weile vor diesem Zusammentreffen erhielt ich öfter prächtige Blumen von komischen Versen begleitet, die mit »Caligula Seidenschwanz« unterzeichnet waren. Mir fehlte jeder Anhalt, das Rätsel zu lösen, bis mir Daniela ihren Vater verriet. Bülow hatte über[59]  eine Prophetenvorstellung im königl. Opernhause die Worte: »Zirkus Hülsen« in einem seiner Symphoniekonzerte gebraucht und war bei seinem nächsten Besuch dafür aus der Oper gewiesen worden. Daraufhin veröffentlichte Bülow einen bösen Artikel in einer Berliner Zeitung, den er mit »Caligula Seidenschwanz« unterzeichnete.
Von Aachen eilte ich nochmals nach Wien, wohin Niemann nun auch zum Gastspiel gekommen war, das er mit dem Tannhäuser begann, worin ich Venus sang. Dann sollte Fidelio sein mit ihm als Florestan, Marianne Brandt – Leonore, Frau Dillner – Marzelline. An diesem Tage war ich frei und ging mit dem einst Geschirr abtrocknenden Baß, Carl Čech, der aus Prag gekommen war, Beethovens Grab aufzusuchen. Als wir eben nach Besichtigung der teueren Stätte ergriffen unsere Schritte heimwärts lenkten, begegnete uns Frau Dillners Gatte, Herr Schütz, ein Prager, der uns erzählte, daß seine Frau krank, am Abend nicht singen könnte. Gegen 2 Uhr war ich zu Hause, wo mir Mamachen mitteilte, daß Jahn schon mehrere Male nach mir gesandt habe, ich möge sofort aufs Bureau kommen. Jahn bestürmte mich, für Frau Dillner am Abend die Marzelline zu singen, die er niemand anvertrauen möge außer mir. Obwohl ich ihm zu bedenken gab, daß es doch keine Gastspielrolle sei, bearbeitete er mich doch so lange, bis ich ja sagte. Das Publikum zeichnete mich denn auch bei der kleinsten Gelegenheit aus, und Hanslick schrieb, daß der erste und schönste Lorbeerkranz der Marzelline, Fräulein Lehmann, gebühre. Es war ein würdiger Abschluß zu meinem Besuch an Beethovens Grab.

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Einhundertundvierzigmal hatte ich nun in zehn Monaten gesungen. Rechnet man noch Reisen, Proben und Neugelerntes hinzu, alle Aufregungen, die diese begleiteten, darf man mich nicht faul schelten. Nachdem ich noch fünfmal in Prag gesungen und meine Schwester Prag verließ, um im August ihr Engagement an der Wiener Hofoper anzutreten, machten wir kurzen Prozeß, nahmen den Ranzen auf den Rücken und eilten ins Gebirge, um uns tüchtig auszulaufen. Zuerst durchs herrliche Gesäuse, wo wir am liebsten auf jeder Station tagelang sitzen geblieben wären, dann nach Klagenfurt über den Wörthersee nach Lienz aufs Glocknerhaus. Damals ein kleines Gebäude mit einem großen Schlafraum,[60]  worin 6–8 Betten standen, und einem kleinen Zimmer, in welchem wir schliefen. Es war eisig; da niemand weiter oben nächtigte, holten wir uns nachts eine Decke um die andere aus dem Nebenraum, bis wir warm genug lagen. Sehr früh ging's über die damals noch stark vereiste Pasterze, die heute nur noch Moräne ist, übers Kalser Thörl nach Kals hinunter, weil der Führer des Nebels wegen die Tour über das Kapruner Thörl fürchtete. In Kals sollten wir nach dieser und der langen Wanderung am Tage vorher einen Wagen finden. Als wir den Ort aber betraten, schwand bereits die luxuriöse Idee des alten Führers. Nach langem Suchen stellte man uns einen Pony, mit Damensattel, und einen hohen Ackergaul, mit Herrensattel, zur Verfügung. Diesen sollte meine Schwester reiten, deren Beine man dorthin warf, wohin sie gehörten. Das paßte ihr nun nicht, und wir entschlossen uns, zu Fuß weiter zu gehen, nahmen einen jungen Bauern als Träger, der mit mir voraus ging und mir viel Spaß machte. Er hatte nämlich ein Auge auf meine, hinter uns gehende, Schwester geworfen und wenn er mich etwas frug, z.B. ob ich französisch spräche, fügte er immer sofort hinzu: »Kann die da hinten dös a?« Kurz, »die da hinten« hatte es ihm angetan und spielte auf dem ganzen Wege für ihn eine große Rolle.
Von Lienz ging es weiter nach Bozen und Meran, wo wir nächtigten, über Eyers aufs Stilfser Joch nach Bormio. Spät und sehr ermüdet waren wir hier angekommen. Vom Korridor aus hörten wir einen Tenor sehr hübsch altitalienische Lieder singen, denen wir trotz aller Müdigkeit gerne bis zu Ende lauschten. Nun stürmte ein junger blonder eleganter Mann an uns vorbei, sah uns groß an und grüßte. An seiner Art, das Gebirgsgewand zu tragen, erkannte man, daß er »was Besseres«, obwohl er keck genug dreinschaute.
Am andern Morgen regnete es in Strömen. Alles saß bereits im Postwagen, wir im Mittelgehäuse, als uns zu Häupten, im Banquette, ein furchtbares Getrampel und Gestoße gegen unsre Wagenwände losging. Man machte einen Mordsspektakel: warum die alte Karrete sich nicht in Trab setze? Tief erbittert über die Ungezogenheit, die wir uns gar nicht erklären konnten, wollten wir eben Klage führen, als wir uns endlich in Bewegung setzten[61]  und die Beschwerden hinunterschluckten. Man schrie da oben lustig weiter, bis wir Mittagstation machten. Vergebens hatten wir die Köpfe unterwegs herausgesteckt, es war nichts zu sehen, zuerst vor Regen, dann vor Schnee. Unterdessen hatten wir aber Bekanntschaft gemacht mit unserem vis-á-vis, einem jungen, reizenden schottischen Landpastor-Ehepaar. Als wir in Le Prese ins Wirtshaus gingen, sahen wir denn auch den Spektakelmacher, der niemand anders als der blonde Tenor war, dessen Gesellschafter ein brünetter Herr und später von unsern braven Schotten als Halbbruder König Umbertos von Italien, d.h. natürlicher Sohn Victor Emanuels, bezeichnet wurde. Tatsächlich sah der junge Mann dem Bilde seines königl. Bruders, das im Wirtszimmer hing, zum Verwechseln ähnlich, nur daß eines seiner Augen unregelmäßig von dem andern abstach. Graf Mirafiore, wie er nach seiner Mutter hieß, machte einen sehr eleganten, ruhigen Eindruck, während der blonde Tenor sich wie aus Rand und Band gebärdete. Als wir nun sahen, daß die Scherze nur der Unterhaltung der Mitreisenden galten, lachten wir alle mit. Die beiden Herren schienen sehr bekannt zu sein; Wirt und Dienerschaft ließen sich alles gefallen. Niemand war vor ihren Einfällen sicher. In der Suppe lagen Blumen, im Bier eine silberne Zuckerdose, blaue Brillen im Compott; alles ward mit ansteckender Lustigkeit, der niemand widerstehen konnte, auf den Kopf gestellt. Das Wetter hatte sich aufgeklärt, der Tag wurde immer wärmer und schöner. Die beiden Herren gingen den Berg hinauf hinter unserem Wagen her. Weder Blumen noch Bäume wurden verschont, alles abgebrochen und mitgenommen; aber während eines kurzen Aufenthaltes, den wir alle zu machen gezwungen waren, näherte sich »der schwarze Prinz« mit einer Handvoll Alpenblümchen, die er gepflückt, unserm Wagen und überreichte sie mir galant, indem er sich uns als Graf Mirafiore vorstellte. Er sprach französisch. Ich hatte mir vorgenommen, weder meinen Namen noch Stand auf der Reise zu verraten, doch konnte ich dem einfachen, liebenswürdigen Manne gegenüber nicht anders, mußte mich also bequemen, mich zu nennen. Der blonde Tenor entpuppte sich als Baron E. aus Wien. Die Herren kamen aus Florenz, wollten auf die Bernina, und von hier über die Gletscher nach St. Moritz, wo Graf Mirafiore in seiner Villa den[62]  ganzen Sommer zubrachte. Von da an verließen die beiden Herren unsern Wagen nur, wenn es sehr schnell vorwärts ging. Sie hatten ihn bekränzt und ausgestattet wie zu einem Blumenkorso, und all mein Bitten, Blum' und Baum zu schonen, half mir nicht. Um 7 Uhr abends erreichten wir Poschiavo. Es gab nur ein Hotel, und schlecht genug war man für die Nacht untergebracht. Il conte Mirafiore hatte für alles Erdenkliche gesorgt; ihm standen zwei Führer, sein Kammerdiener und Koch zur Verfügung, und aufs liebenswürdigste wurden wir beide und unser schottisches Pastorenpaar von ihm eingeladen, sein Diner zu teilen. Am andern Morgen ging's um 5 Uhr weiter; Baron E. hatte seine glänzendste Laune wieder aufgesetzt und weckte das ganze Dorf, indem er laut durch die Straßen rief: »Poschiavi svegliatevi!« An jeder Türe wurde geklingelt, in jeden Garten gestiegen, für uns die schönsten Blumen zu stehlen. Unterwegs warf eine Frau dem Postillion drei Bund Lavendel aus dem Fenster, die er jemand mitnehmen sollte. Baron E. bemächtigte sich ihrer, über gab uns den einen, der Schottin den zweiten, und behielt den dritten für sich, weil, wie er sagte, »die alte häßliche Eigentümerin ihn nicht nötig hätte.« Die Herren hatten uns ihr Kupee eingeräumt, sie selbst saßen hinten auf, die Beiwagen waren zurückgeblieben. Je höher wir kamen, je kälter es wurde, desto mehr sangen beide und jauchzten; sie waren nicht tot zu kriegen. Der Graf sang den Aïdamarsch und Baron E. blies die Posaunen dazu; dann gab's alle italienischen und französischen Lieder und Arien, die man kannte, oder auch nicht kannte. Erst bei der vierten Cantoniera machte das Schneetreiben der Lustbarkeit ein Ende, und auf der Bernina kamen wir halberfroren an. Hier trennten sich unsre Wege. Wir sollten versprechen, die Diavolezzapartie mit ihnen zu machen, wozu ich mich nicht verstehen konnte, da ich ruhebedürftig war und wir die Herrlichkeiten des damaligen Pontresinas allein genießen wollten. Graf Mirafiore starb um 1891, ich bin ihm leider nie wieder begegnet.



16.
[67] Bayreuth, 21. Jan. 77.











Liebe Lilli!

Du schweigst mir so lange? und doch warst Du die erste, die mir liebevoll-enthusiastisch schrieb. Ich höre von Ihrem längeren Unwohlsein? Hat wirklich die Rheintochter zu leiden gehabt? Ich wünsche Ihren Zuspruch, da ich selbst tief mißmutig bin. Soll ich darangehen an die Aufführungen dieses Jahr? Machst Du mir Mut, so tu' ich's!
Adieu, liebes Kind!
Richard Wagner!



17.
[67] Bayreuth, 10. Febr. 77.











Liebe Lilli!

Eine kleine Belästigung! –
Dem Berliner Chor habe ich vorm Jahr versprochen, wenn dies ihm nützen könnte, zu seinem Benefize etwas zu dirigieren. Ich höre, daß das Konzert für Ende dieses Monates bestimmt ist; das wäre mir etwas zu früh, namentlich für mein Befinden, welches sich vor jeder Anstrengung noch scheut. Dagegen hoffe ich, Mitte März wieder so weit zu sein, und wünsche daher das Benefiz bis ungefähr dahin verschoben zu sehen. Unter den Nummern, die etwa von mir darankommen sollten, möchte ich (damit auch der Chor selbst etwas dabei zu tun hat) den Schluß der Meistersinger mit Betz geben, d.h. ganz ohne Strich; von da an: »Ehrt eure deutschen Meister!« Ich hoffe, Betz tut mir den Gefallen?
Von Woglindes Krankheit habe ich mit rechter Trauer vernommen: wahrscheinlich treffen wir uns diesen Sommer in Ems,[67]  wohin auch ich geschickt werden soll. Was fehlt Floßhilden? Im übrigen teile ich mich über nichts weiter mit: wir sehen uns bald am Leipziger Platz, trotzdem ich mein gutes Kind dort noch nie antraf.
Die Verlegung des Benefizes versorgen wir wohl an gebührender Stelle? Für mich würde ich (in) Deutschland den Arm nicht mehr aufheben; gern tue ich dies aber für unsere armen Choristen.
Tausend Grüße!
Richard Wagner.



18.










[68] Liebe alte Freundin!

Ich erfahre nichts mehr von Ihnen und Ihren Töchtern, was mich traurig macht. Ich habe sie so lieb, und wenn ich an die herrliche Hingebung, ihr Feuer, ihre allerliebenswürdigsten Leistungen denke, so stimmt es mich wehmütig, zu glauben, daß das alles nun vorbei sein soll. Ist Lilli noch bei Ihnen? Von Marie hörte ich, daß sie in Berlin gastiere. – Grüßen Sie alle doch auf das herzlichste von mir.
Wir bleiben – hoffentlich – die Alten, wie wir durch lange Jahre hindurch treulich im Auge behielten.
Ihr innigst grüßender
Richard Wagner.



19.
[68] Bayreuth, 21. Mai 1879.











O, meine beste aller Lillis!

Das war schön und gut, daß »man« auch in Stockholm mich noch nicht ganz an den Nagel gehängt hat!
Gratuliere auch zur Elisabeth! Es gibt Leute, denen man alles zutraut, weil man ihnen alles vertraut.
Die Darangebung des »Parsifal« kostet mich noch einige Überlegung. Die Komposition ist fertig, und wer zu mir nach Bayreuth kommt, kann sie von Anfang bis zum Ende von[68]  Rubinstein vorgespielt bekommen. Aber –: wie gesagt – erst noch etwas Überlegung!
Nun aber soll meine Kapellmeisterin Lilli erst einmal sehen, was sie hier zu tun haben wird: Teufelszeug, was mir nur einfallen konnte, weil mir ihr Genie immer gegenwärtig war. Ohne Lilli ist Klingsors Zauberwerk nicht zu verrichten.
O! und da gibt's zu singen! – Wenn sie einmal käme, könnte sie's sehen und die ganze Sache in Akkord nehmen: denn – sie müsse mir für alles stehen! –
Aber – fortschicken – aus meinem Hause, kann ich jetzt die Sache unmöglich schon. Welcher Unstern könnte über einem solchen Manuskript walten! –
Also – wir agieren doch wieder zusammen! –
Herzlichste Grüße an Mama und Schwester, aber auch an Lilli von
Ihrem alten guten
Richard Wagner.



20.
[69] Bayreuth, 22. Jan. 1881.











Mein liebstes Kind Lilli!

Seid Ihr mir dort denn noch ein bißchen gut?
– Das wollen wir sehen! –
Hier folgt in einer Art von Klavierauszug – die Szene der Blumen-Zaubermädchen aus dem zweiten Akt des »Parsifal«. Sehen Sie sich diese Geschichte genau an: sie ist kein Spaß, und aus dieser einzigen Szene könnt Ihr ermessen, daß ich mit meiner neuesten Arbeit nicht an die Theater da und dort denken mochte. Ich verlange nicht weniger als sechs Sängerinnen ersten Ranges von gleicher Stimme und Stimmlage, und dazu hübsche, schlank gewachsene Frauenzimmer. Dann aber noch (mindestens) 12 oder 16 junge, hübsche Chorsängerinnen von erster Qualität.
Sehen Sie es sich an! – Wollen Sie mir diese Bande rekrutieren? Ich kann mich an niemand, als an meine Rheintöchter-Kapellmeisterin halten; an wen sonst mich wenden? Es gehört zu der Sache Ihr ganzer Geist, Ihr Enthusiasmus und – etwas auch Ihre Bekanntschaft mit unsren Personalien. –[69]
Geben Sie mir eine gute Antwort! – Juli 1882 sind die Proben, August die Aufführungen. Ohne Lilli aber wird's gar nichts? –
Wie geht's der Mutter? Wie der Schwester?
– Tausend herzliche Grüße und –
von Ihrem mit der wärmsten Rührung
stets Ihrer gedenkenden
Richard Wagner.

Kind! Nicht wahr, Sie gehen mir mit dem Manuskript vorsichtig um, daß es nicht etwa ein Unglück (per Indiskretion!) erlebe.
RW.



21.
[70] Bayreuth, 22. Jan. 81.











Liebstes Kind!

Schnell ein paar Worte, um Sie zu ärgern! Die Sache mit Hülsen ist anders!
Bereits hier (in Bayreuth) hatte er die Unver(frorenheit), die Oper »Walküre« von mir zu verlangen; worauf ich ihm diente. Seit 41/2 Jahren agitiert er für die Ansicht, daß nur die »Walküre« »zugkräftig« sei und alle Theater mit den Nibelungenstücken sich ruinierten. Bronsart in Hannover verbot er den Nibelungenring und erließ für alle preußischen Hoftheater ein Gesetz, daß dort nichts gegeben werden dürfte, was nicht für Berlin angenommen wäre; – was mir insofern leid tat, als ich den Nibelungenring z.B. gern Hannover, nie aber Berlin unter Hülsen und seinen Kapellmeistern und Regisseuren überlassen haben würde. –
Die Sache mit Neumann ist aber so: – ich erklärte diesem sehr rührigen und fleißigen Direktor, daß ich ihm die Aufführung im Viktoriatheater, nicht aber im Hoftheater gestatte; seine Konferenz mit Hülsen am 5. Dezember war ein Spiel: bei der Eröffnung derselben teilte ihm Hülsen mit, er habe mir soeben – mit bezahlter Antwort – telegraphiert, ob, wenn er mit Neumann zusammen den ganzen Zyklus aufführe, er dann das Recht hätte, die Walküre allein zu geben. Neumann bot ihm die[70]  Wette an, daß ich gar nicht antworten würde. So geschah es in der Tat: Hülsen hatte mir jene Anfrage telegraphiert und blieb bis heute ohne Antwort von mir. –
Was Ihr getan habt, zeigt viel esprit de corps! Doch allen Respekt davor, glaube ich – daß – hätte ich Hülsen günstig geantwortet – er Euch schon zu beruhigen gewußt haben würde. – So ist's, mein Kind! Und zur Steuer der ewigen Wahrheit teile ich es Ihnen mit, während es sonst mich unterhält, das Gefasel und Gelüge in den Zeitungen unbeachtet zu lassen!
Gebe Gott, daß Sie von Hülsen nicht für Parsifal geniert werden! –
Und – tausend Dank und herzliche Freude über Ihren soeben gelesenen Brief.
Ihr
R. Wagner.



22.
[71] Bayreuth, 30. Okt. 1881.











Liebstes Kind und Kollegin!

Ich will nicht nach dem Süden fortgehen, ohne Ihnen noch meinen freundschaftlichsten Dank für Ihre neuen Bemühungen an meiner Seite auszudrücken. Es scheint ja, als ob ich – zu meiner großen und sehr nötigen Beruhigung – mich um nichts mehr zu bekümmern hätte. Levi – als Kapellmeister meines erlauchten Chor- und Orchester-Spenders1 – ist von mir zum Generalbevollmächtigten für musikalische Angelegenheiten ernannt: machen Sie – bitte! – einverständlich alles rein, und wo es von uns zu übernehmenden Verpflichtungen gilt, so besorgt dies A. Groß (dahier). Ich verhalte mich diesmal noch denkbar schweigend gegenüber den einigen Verzichtungen auf Entschädigung, da wir eben erst doch noch experimentieren; kommt es aber zu Wiederholungen in den folgenden Jahren, so gedenke ich jedoch keine realen Opfer mehr anzunehmen. (Wie stolz!??)[71]
Jetzt, gutes Kind, nun noch eine Sorge: die Solistinnen müssen alle das  leicht und anmutig nehmen können: ein einziges schrilles Organ verdürbe mir alles. Gelingt es, so glaube ich aber auch, daß man etwas Ähnliches wie das As-Dur – usw. noch nicht gehört haben wird: es ist hier auf einen ungemeinen Stimmzauber durch Fülle des zartestens Wohlklangs gerechnet! Nun genug! –
Wünsche herzlich, daß Sie gutes Kind für die Zukunft aller Nötigung zu neuen Heldentaten enthoben sein mögen, grüße Mama aus altem verliebten Herzen und bin
Ihr ganz guter
Rich. Wagner.

Ich gehe direkt mit Weib, Kind und Kegel nach Palermo (Hôtel des Palmes). (Soll ich Robert le diable von Ihnen grüßen?)

Nachdem man Wagners Briefe an mich von 77–81 gelesen, wäre man wohl berechtigt, die Frage an mich zu stellen, wie es kam, daß ich, die Wagners Herzen wirklich nahestand, der er so viel vertraute, die ihn liebte und verehrte, ihn 1882 dennoch im Stiche lassen mußte. Mußte! Ohne mich eines Unrechts gegen Wagner schuldig zu machen, kam ich es aussprechen, dieses »mußte«, denn der Grund dazu lag tief in meinem Innern und hieß: Selbsterhaltung!
Daß mich der Gedanke an ein erneutes Arbeiten mit ihm beglückte, brauche ich nicht zu versichern; wie gerne wollte ich ihm und seinem Genius dienen. Ich hatte die nicht leichte Aufgabe übernommen, 24 schöne, äußerst musikalische Sängerinnen für die Blumenmädchen zu gewinnen und einstudieren. Mit Hilfe Levis, der mir Damen nannte, brachte ich sie mit vielen Schreibereien, Mühen und Versichreungen endlich zusammen. Mit denen, die sich in Berlin und mich gruppierten, fing ich sogar schon zu studieren an und hatte meine Partie bereits auswendig gelernt. Selbst von der Szenerie – welche ich später besprechen werde –[72]  hatte ich mir ein ideales Bild gemacht, war ganz hineingewachsen in die üppige Szene. Da hörte ich, daß Wagner die Bühneneinrichtung für den Parsifal Fritz Brandt übergeben hatte. Wenn dieser Auftrag Wagners für F.B. meinem Herzen auch eine große Genugtuung bedeutete, so erschreckte er mich gleichzeitig, da ich die Wunden, die ich geheilt glaubte, aufs neue schmerzen und bluten fühlte. Unaufhörlich peinigte mich jetzt schon der Gedanke an ein fortwährendes Zusammensein in Bayreuth. Das kaum vergessene Martyrium begann aufs neue mich zu quälen, bis sich mir schließlich die Gewißheit aufdrängte, daß ich diesmal daran zugrunde gehen würde. Daß es so hätte kommen müssen, empfand ich 1883 in Bayreuth noch nachträglich, wo freilich unerwartet Schweres schon an uns vorbeigegangen, die tieffsten Empfindungen zu unerträglichen Selbstquälereien aufreizten. So schwer mir der Entschluß auch fiel, ich mußte Wagner abschreiben, ihm den wahren Grund nicht verkehlend, hoffend, keine allzu große Störung zu verursachen, da ich nun alles geordnet glaubte. Die schlimmen Folgen konnte ich nicht voraussehen, aber sie waren beschämend. Denn nun wollte keine der Sängerinnen unter einem anderen ersten Blumenmädchen als zweite fungieren, und alle versagten mit der Begründung: daß sie es nur unter meiner Führung angenommen hätten. Levi war außer sich und beschuldigte mich in ziemlich groben Briefen, gar nichts für die Sache getan zu haben, nun wüßte man gar nicht, was anzufangen. Daß ich aber ein Jahr lang Hunderte von Briefen geschrieben, die Damen wirklich alle zusammengebracht hatte, die ohne mich nun plötzlich nicht dabei sein wollten, das bedachte er nicht. Es mag für Wagner eine arge Enttäuschung gewesen sein, aber vielleicht konnte er doch nachempfinden, was mich bewegte, denn er machte keinen Versuch mehr, mich umzustimmen. Er mußte wissen, was es mich kostete, ihm diesen Schmerz zu bereiten und mich von einem Werke selbst zu verbannen, das mir schon jetzt ans Herz gewachsen war; mich fernzuhalten von einer Arbeit, der ich mit Wagner zusammen, wenigstens in der großen Blumenszene meinen Stempel aufzudrücken mir vorgenommen hatte. Nun war alles dahin.

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Wagner war nach 77 öfter bei uns gewesen, hatte mich aber nur einmal angetroffen. Als er uns das letzte Mal besuchte, sprach[73]  er nur meine Mutter, da ich im hohen Fieber krank darniederlag. Ich sah ihn nicht mehr.
Wenige Monate nach seinem Tode rief uns der Parsifal gebieterisch nach Bayreuth: Mama, Riezl und mich. Keines der Meinen ahnte, wie mir zumute war. Da saß ich nun, wie mit eisernen Ketten an die Stätte gebannt, die ein Stück Leben und Tod für mich bedeutete. Als ich die ersten Töne des Vorspiels vernahm, war mir's, als hörte ich Fittiche rauschen, Stimmen aus höheren Sphären ertönen. Der Stich ins Herz, die nach Heilung sich sehnende Wunde, alles traf mich tausendfach schmerzlicher als Amfortas. Was dort um Erlösung jammerte, schrie auch in mir laut auf, um sich endlich in Tränen zu lösen. Ich weinte um den Genius, der nun nicht mehr war, uns nie mehr wiederkommen konnte. Mit schwerem Leid gekommen, war mir's, als stände ich allein in einem Dom, und wie man einzig nur mit sich selber sprechen kann, sprach Wagner, der Hohepriester, mit herzergreifender Musik zu mir. Die Harmonien wühlten mein Inneres auf, das sich – doch keiner Schuld bewußt – im Schmerz um ihn, um anderes noch zusammenkrampfte. Dennoch durfte ich mich begnadet nennen, so in tiefster Seele zu empfinden, wenn auch der Schmerz des Ringens und Erlebens blieb. Ich war gekommen, ihn auszulösen, war in das Heiligtum eines Großen eingetreten und kam hier zum Bewußtsein des reinen, wenn auch schwachen Menschen. Mich diesem Schwächezustand zu entwinden, kostete es neue Kämpfe. Ich mußte retten, was das Beste in mir war, mußte stark werden, um andern dienstbar sein zu können, die schwächer als ich.
Damals sangen Amalie Materna und Therese Malten: Kundry. Erstere natürlicher, letztere künstlerischer, leider aber auch affektiert. Von beiden Darstellerinnen nahm ich den Eindruck mit, als sei der Rolle, geistig und seelisch, noch ganz anders beizukommen; ich vermißte hier innere Vertiefung, dort geistige Überlegenheit und Wahrheit. Winkelmann paßte mit seiner tränenreichen Gesangsmanier sehr gut zum Parsifal, Fuchs ausgezeichnet zum Klingsor mit seiner gemütlosen Kälte. Theodor Reichmann schien mir der geborene König-Amfortas, und Scaria wird als Gurnemanz allen ewig unvergessen bleiben, die das Glück hatten, ihn noch zu hören[74]  und zu sehen. Einzig trug Fräulein Cramer den Gralsbecher; Orchester und Chor standen unter Hans Richter auf höchster Höhe. Mein tiefstes Gefühl für Wagner ließ für nichts anderes Raum, ich sah nur ihn, hörte nur sein Werk, spürte nur seinen Hauch. Einer Enttäuschung konnte ich indessen nicht Herr werden: die Blumenmädchenszene berührte mich aufs peinlichste, die ich mir ganz und gar ideal vorgestellt, nun mit so viel Realismus wiedergegeben sah.
Nach meiner Idee – wie sie mir vorschwebte, als Wagner mir 1881 die Stimmen dazu sandte – sollten die singenden Blumen – deren ganzer unterer Körper von Laub kachiert – gleich gewachsenen Blumen sich in verschiedenen Höhen vom Boden aufrichten, von allen Seiten hoch und niedrig Parsifal ihr Gesicht zuwenden, sich ihm zuneigen und – ideal gedacht – durch ihren Duft bedrängen. Blühende Schlinggewächse, von oben herabhängend, sich leise wiegend, hätten die Täuschung zu vervollkommnen geholfen. Es störte mich das fortwährende sich an Parsifals Halswerfen der Mädchen, die 48 braunen Beine, die nicht im entferntesten Blumen glichen, und Kundry – als Menschengestalt – dadurch zu Schaden brachten. Nein, das war meine Szene nicht, nicht meine ideale Vorstellung davon, und mehr denn je bedauerte ich, Wagner meine Gedanken nicht mitgeteilt zu haben, weil ich seines Einverständnisses sicher gewesen wäre.

Hier drängt es mich, einer Frau zu gedenken, die im Leben Wagners eine große Rolle gespielt, und der ich noch zu begegnen oft das Glück hatte.
Bald nach Bayreuth 1876 ließ sich eines Abends Frau Mathilde Wesendonk bei mir melden, eine in Wesen und Aussehen außerordentlich feine Frau. Nie war ich ihr vorher begegnet, auch nicht in Bayreuth, wo sie dem Ring beiwohnte. Von nun an kam ich oft zu ihr, doch erinnere ich mich nicht, sie je in anderen Gesellschaften getroffen zu haben. Ihr Gatte war eifriger Bildersammler, und alles, was man um die beiden in ihrem reich ausgestatteten Hause erblickte, atmete feinen Kunstsinn und stille Zufriedenheit. Daß auf der ruhigen, ernsten Frau ein Kummer lastete, der sich in tiefer Resignation ausprägte, wurde man gewahr. Ich weiß nicht, ob ich mich meiner Unkenntnis sehr zu[75]  schämen brauche, aber ich wußte damals nichts von den intimen Beziehungen »Wagner-Wesendonk«, wußte nur, daß beide Gatten Wagner sehr befreundet waren und viel für ihn getan hatten. In ihrem Hause hörte man oft Wagner interpretieren, und einmal sogar sang ich nebst dem großen Siegfriedduett auch noch die Walaszene, die Klindworth begleitete. Mathilde Wesendonk kam öfter zu mir und lauschte voller Interesse meinen Bayreuther Erzählungen. Voller Stolz erzählte sie mir in ihrer zurückhaltenden Art von dem Tristan-Manuskript, das sie besäße, und von der kostbaren Widmung. Manchmal sogar schien es mir – was sich erst in der Erinnerung auf das bestimmteste in mir hervorhob –, als habe sie mir seelisch näher treten, sich vielleicht vertraulich mit mir aussprechen wollen über manches, was ihr Interesse an Wagners Leben ersehnte. Törichte Scheu hielt mich davon ab, ein Thema zu berühren, das mir erst eigentlich aus »Wagners Briefen an Mathilde Wesendonk« deutlich zum Bewußtsein kam. Noch kurz vor ihrem Tode besuchte ich die nun einsame Frau. Sie hatte ihre Tochter, Frau von Bissing, und ihren Gatten verloren, lebte nur noch ihrem Sohn und ihren Enkelkindern, war sehr gealtert und gänzlich resigniert, wie jemand, der mit Sehnsucht auf Erlösung harrt. Wie schade, daß ich früher nicht verstand, ihr so nahe zu treten, daß ich ihr hätte eine Freundin werden können, wie unendlich glücklich würde es mich gemacht haben! Nur wenige Tage nach ihrem Tode sang ich ihre fünf Gedichte als Requiem für eine Frau, von der mehr zu wissen uns vielleicht eine Wohltat gewesen wäre.


Nachdem unsre Schweizer Reise 1882 beendet und ich nach Berlin zurück mußte, blieb Mamachen bei Riezl in Wien, die ihr das Leben angenehmer zu gestalten wußte als ich. Dennoch sehnte sie sich in ihre altgewohnten Räume nach Berlin und mir zurück. Entgegen unsern Plänen sahen wir uns erst im März wieder. Einstweilen hatte ich für Fräulein E.T. oft die Carmen gesungen, und ich kann eben darum nicht einmal sagen, daß es mich befriedigte. Wirkliche Freude aber bereitete mir die Neueinstudierung von Lortzings Wildschütz, eine Oper, die ich nie vorher gehört, in der[76]  ich – Baronin Freimann, Frau Lammert – Gräfin, Fräulein Driese – Gretchen, Fräulein Horina – Kammermädchen; Betz – Graf, Ernst – Baron, Krolop – Schulmeister, Salomon – Diener waren. Allerdings war ich mit der Baronin auch zuerst übergangen worden und erhielt sie nur, weil Frau Mallinger ablehnte; daran war ich gewöhnt! Die Oper wurde unter uns selbst gut studiert und am 31. Dezember 82 als Sylvestervorstellung bei der ausgezeichneten Besetzung mit größtem Heiterkeitserfolg gegeben; denn jeder brachte Lust und Liebe und frohen Humor zur Sache mit. Betz mußte regelmäßig seine Polonaise, wir unser Quartett wiederholen und konnten in der Billardszene vor Lachen oft nicht weitersingen. Als ich in der ersten Vorstellung als elegant, modern gekleideter junger Mann in der Kulisse meinen Auftritt abwartete, erkannte mich niemand, und erst als ich zu singen anfing, wußte man, wer heut in der Kulisse der Herr gewesen ist! – Daß Mamachen Carmen und die Sylvestervorstellung nicht mitmachen konnte, war mir schrecklich. Doch sah sie mich noch oft genug darin, da der Wildschütz unaufhörlich glänzende Einnahmen machte, Publikum und Künstler in heiterster Laune erhielt.
Wagners Tod warf einen schwarzen Schatten auf alles, was uns beschäftigte. Mama, der sein Tod sehr nahe ging, schrieb mir aus Wien die ominösen Worte: »Jetzt komme ich daran.« So etwas wird oft gesagt, nie geglaubt, und wir dachten gar nicht an die Möglichkeit, unsere teuere Mutter je zu verlieren. Allerdings hätte ihre sonst so schöne, gleichmäßige Schrift, die sich nun in Unregelmäßigkeiten erging, mich an die Bedeutung ihrer Worte mahnen sollen; damals aber fiel es mir nicht einmal auf. – Die ahnungsvolle Stimmung verlor sich auch bald wieder, als wir in Gmunden die herrliche Natur, den See genießen, bergauf, bergab laufen, auf dem See rudern konnten, und wo uns der alte kleine Baron Klesheim abends im Mondenschein seine kleinen, rührenden Gedichte vorsprach, von denen mir besonders das: »Die alt'n Leut« noch lange im Gedächtnis blieb!
Merkwürdig gut überstand Mama die Reise von Gmunden nach Bayreuth, die wir andern als Martyrium empfanden. Denn als wir nach 24 stündigem Unterwegssein mittags in Bayreuth ankamen, Wagners Grab besuchten und uns zur Parsifal-Vorstellung rüsteten, die um 4 Uhr begann, war sie mit ihren 76 Jahren frischer[77]  als ihre Kinder. Welche Anstrengung! Und was mag sich in ihr abgespielt haben, wenn sie in Wirklichkeit sich mit dem Gedanken trug, uns bald verlassen zu müssen! Wir wußten nichts – wenn es mich auch hie und da überkommen wollte –, hatten mit uns selbst zu tun und gingen ahnungslos dem furchtbarsten Schmerze unseres Lebens entgegen, der durch traurige Nebenbedingungen uns nur noch fühlbarer gemacht werden sollte.
Eine schwere Erkältung, die ich mir beim Schwimmenlernen im Askanischen Bad zugezogen hatte, die sich vorerst in einem furchtbaren Schnupfen äußerte, lehrte mich bald viel Unangenehmes kennen. Vergebens hatte ich zwei Ärzte auf die außergewöhnlich heftige Art meiner Erkältung aufmerksam gemacht, aber auf meine Frage, ob ich mich nicht lieber ein paar Tage ins Bett legen und schonen sollte, die Antwort erhalten, daß es nicht nötig sei. Plötzlich hatte sich trotz aller Vorsicht eine Mittelohrentzündung gebildet, die mir sehr starke Schmerzen verursachte, und nun mußte natürlich ein Ohrenspezialist, Professor Traubmann, zur Hilfe herangezogen werden. Dieser stellte die Diagnose, daß ich vier Wochen früher hätte kommen und er nun alles würde aufbieten müssen, mich vor einer Ohrenoperation zu bewahren. – Das ging mir freilich auf die Nerven. Zehnmal wurde mir das Trommelfell im rechten Ohre aufgeschnitten, das gleich andern Tags immer wieder zugewachsen war; und endlich sollten diese zehnmal genügen. Vom 9. September bis 11. Oktober lag ich fortwährend in Eis gepackt, sobald ich vom Arzt heimkam; ich sollte niemand sehen, mich mit gar nichts beschäftigen, außerordentlich diät leben. Als mir der Arzt endlich wieder aufzutreten erlaubte, bekam ich einen Rückfall und hatte Mühe, mich unter erneuten heftigen Schmerzen zu erholen.

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Am Vorabend meines Geburtstags besuchte uns Kapitän Mensing, um mir zu gratulieren. Er war Mamachen auf dem Leipziger Platz begegnet und machte mich – allerdings sehr vorsichtig – auf ihr verändertes Aussehen aufmerksam. Sie hatte nicht geklagt und mir, die ich stets um sie, war keine Veränderung aufgefallen. Ich schalt Mensing »Unke« und war ihm wirklich böse, als er fortging. Zum Geburtstagsabend hatten sich unsere alten lieben Freunde, Wirkl. Geheim. Kriegsrat Henry mit seiner lieben Frau, angesagt. Wir warteten über eine Stunde vergebens, weil[78]  die zarte, kränkliche Frau, unterwegs von einem gemeinen Menschen angerempelt, sich erst von einer Ohnmacht erholen mußte, ehe sie zu uns fahren konnte. Es war ein trauriger Abend, denn auch Mamachen legte sich um 9 Uhr, mit starkem Herzklopfen, und hatte eine sehr schlechte Nacht. Es blieb auch Frau Henrys letzter Ausgang. – Von da an stellten sich bei Mamachen von Zeit zu Zeit Brustkrämpfe ein. Erst selten, dann in kürzeren Perioden, bis es oft drei in jeder Nacht wurden und mich, die ich selbst noch krank war, geradezu niederschmetterten. Wir versuchten die Nächte aufzubleiben und glaubten damit die Zeit der Krämpfe zu umgehen, aber es half nichts. Unsere Ärzte wußten die Krankheit nicht zu nennen, sondern erklärten sie für eine starke Erkältung, wozu ihr Husten vielleicht Veranlassung gab. Professor Schweninger, auf den ich meine ganze Hoffnung setzte, war abwesend. Auf Gnade und Ungnade mußte ich Mamachen der Wissenschaft dreier anderer Ärzte überlassen, zu denen ich nicht das geringste Vertrauen hatte. – Noch ehe ihr Zustand den schlimmsten Grad erreichte, wünschte sie, daß ich nicht ganz feiern solle, und obwohl mir selber gar nicht darum zu tun, sang ich einige Male; am 15. Dezember sogar noch die Brangäne im Tristan zum erstenmal, zu der ich mich selbst erboten hatte, weil seit Abgang von Marianne Brandt die Oper gar nicht mehr gegeben werden konnte, was mich für das herrliche Werk schmerzte. Vor Angst und Aufregung war ich am Schluß der Oper ganz heiser geworden. Von da an blieb ich bei Mamachen und ging nicht mehr von ihrer Seite. Welch trauriger Weihnachtsabend, an dem sie, in einem Krankenstuhle ruhend, der kleinen, stillen Bescherung aus dem Nebenzimmer zusah! Wie weh mag ihr zumute gewesen sein, wie furchtbar war es mir, wie wenig Hoffnung blieb noch, sie uns zu erhalten. Wie trostlos ist der hilflose Zustand, in dem sich der Gesunde einem so geliebten Kranken gegenüber befindet! Man möchte den lieben Gott herunterholen, möchte sich selber rückhaltlos opfern, und alle Liebe, alle Opfer helfen nicht über das Sterben, das schreckliche Sterben eines geliebten Menschen hinweg. Der Kelch des Leidens muß beiderseitig bis zum letzten Tropfen ausgekostet werden! Heimlich ließ ich Riezel unter dem Vorwand der Feiertage kommen und nahm eine Wärterin, da ich seelisch und körperlich schon schwer gelitten hatte.[79]  Seit Tagen lagerten graue Nebel über Berlin, und nur am Abend traten herrliche Dämmererscheinungen, von japanischen Vulkanausbrüchen veranlaßt, bedeutungsvoll am Firmament hervor. Wie sehnte ich mich für die teure Kranke nach Sonne, die sich weder herbeisehnen noch erbitten ließ; und Tag und Nacht sandten wir Gebete um Erlösung zum Himmel, da jede Rettung ausgeschlossen schien. Gleichwohl schöpfte man in jedem schmerzensfreien Augenblick neue trügerische Hoffnung. Am 29. abends war sie fest eingeschlafen und ruhte einige Stunden. Eben kam der Arzt, den die scheinbare Wendung zum Besseren ganz glücklich machte, als ich sie rufen hörte. Sie hatte geträumt, sie läge im Grabe, und war glücklich, als ich ihr heiter alle Bekümmernisse ausreden durfte, denn der Arzt hatte mir beim Fortgehen gesagt: »Heute können Sie getrost schlafen, denn Ihre liebe Mutter ist gerettet!« Ich weiß nicht mehr, ob ich wirklich so vertrauensvoll war wie er, ich glaube nicht. Nur ungern verabreichte ich das neue Medikament, auf das sie die Nacht ziemlich ruhig verbrachte. Auch wir konnten ein paar Stunden angekleidet, wie seit vierzehn Tagen, der Ruhe pflegen, ich fiel buchstäblich um. Gegen Morgen höre ich Mamachen unruhig werden, ich eile hinzu, ihr die Füße zu wärmen, über deren Kaltwerden sie klagt, und sende Riezl zum Arzt, ihn herzubitten. Die Wärterin endlich, auch behilflich, ruft plötzlich laut: »Sehen Sie nur, wie blaß sie wird!« Ich bedeute der Frau, stille zu sein, nicht zu sprechen; denn wenn der Todesengel über der geliebten Mutter bereits schwebte, sollte sie von niemand daran gemahnt werden. Ein leises Röcheln, und alles war vorüber. Wie still es plötzlich ward, als ich, ihre Hände haltend, betend bei ihr kniete, Gott dankend, daß sie ausgelitten. Wie furchtbar still! Und doch hatte nur ein einziges unhörbares Mutterherz zu schlagen aufgehört! Die majestätische Größe des Todes gab mir übermenschliche Kraft, meiner Schwester entgegenzugehen, ihr tröstend zur Seite zu stehen, als sie bei der Nachricht laut aufschreiend vornüberstürzte. Den ganzen Tag noch hielt ich unsere treue geliebte Mutter fest, konnte ihr noch alles sagen, sie um Vergebung bitten für alles Leid, das sie durch mich erfahren hatte, und als sie uns die Geliebte am Abend nahmen, versank für lange Jahre die Welt vor meinen Augen, der ich nur halb noch angehörte.
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 König Ludwig von Bayern.




Parsifal.
1881–1883
30. Dezember 1883













16.


17.


18.


19.


20.


21.


22.






 Berlin
1884–1885











Im tiefsten Schmerze wallfahrtete ich täglich zu meiner Mutter Grab; dabei vollzog sich, was ich nie mehr für möglich gehalten.
Unmerklich kehrte Leben in mich zurück, indem ich mein Innerstes nach meiner Mutter Wünschen und Vorbild gestaltete. Ihrem Andenken lebte ich, ihr zu Liebe und Ehren sang und arbeitete ich, in ihrem Geiste versuchte ich milder zu werden gegen andere, tat und dachte, was ich glaubte, das sie in diesem oder jenem Falle getan, gedacht haben würde, und gewann ein neues Lebensziel, für das ich mir nun nicht mehr genugtun konnte. Das mußte meine Mutter freuen, mußte sie gutheißen, segnen. So erfuhr ich auch an dem Andenken meiner Mutter, was es heißt: unsterblich sein. Durch alles, was sie je für uns getan, gewünscht, gelitten, hatte sie sich Unsterblichkeit errungen bei ihren Kindern. Ihre Liebe und Treue schwebte über uns, verließen uns nicht; sie werden uns auch den Tod einst leicht machen, weil wir ihrer noch dabei gedenken dürfen.
Meine Krankheit hatte mich nicht verhindert, fleißig zu sein. Durfte ich als Rekonvaleszentin auch wochenlang nicht ausgehen, vom Üben hielt mich niemand zurück; und hier war's, wo ich anfing, mich ernstlich fürs dramatische Fach vorzubereiten. Mit der Fidelio- und Donna Anna-Arie hatte ich mich in Konzerten längst eingesungen. Eben hatte ich unter meiner Mutter Meisterschaft die Norma-Arie gelernt, wie sie sie selbst gesungen und von den Größten ihrer Zeit gehört, und gestand ihr schließlich, wie sich alles in mir nach diesen großen Rollen dränge. »Kind,« warnte sie, »singe die Norma nicht, sie ist eine der anstrengendsten Partien, zu der du, wie ich fürchte, nicht die Kraft besitzest.« Die will ich mir schon aneignen, dachte ich, und mußte, hoffend, die Zeit an mich herankommen lassen. Durch Frl. Grossis Abgang war die Konstanze in der Entführung endlich auf mich übergegangen, und ich bestand darauf,[83]  die große C-dur-Arie ungestrichen zu singen, die niemals vorher strichlos in Berlin gemacht worden war. Auch sie ist sehr anstrengend, aber ich war es Mozart schuldig, die Aufgabe zu lösen, wagte und gewann. Am 17. Januar sang ich die Rolle zum erstenmal. Kollege Fricke-Osmin sandte mir am andern Morgen einen herrlichen Kranz »für die Mutter«; ein Anerkennungszeichen, das mich wie kein anderes erfreute, das ich mit unsagbarem Dank und Stolz der Teueren zu Füßen legte.
Noch nicht im mindesten beruhigt über den furchtbaren Verlust sollte ich durch einen langen, lieben Brief von Fritz Brandt an einen alten tiefen Schmerz gemahnt, von ihm beunruhigt werden. Er war in Indien gewesen, hatte prachtvolle Reisen gemacht, mit der Unzufriedenheit im Herzen und dem sehnlichsten Wunsche, ich möge ihm wieder werden, was ich ihm gewesen. Mein Gefühl für ihn war noch lange nicht erstorben. Was ich aber so sehnlichst gewünscht, als meine Mutter lebte, war, wie ich mir nach langen Kämpfen eingestehen mußte, durch die liebe Tote, die mächtiger zwischen uns stand als die Lebendige, zur Unmöglichkeit geworden.
Hülsen feierte im Jahre 1881 sein 30 jähriges Jubiläum als Intendant der königl. Schauspiele, zu dem wir Damen ihm einen großen Teppich stickten. Morgens wurde Hülsen im Saale des königl. Schauspielhauses mit unendlichen Ansprachen gefeiert, vom Kaiser zur Exzellenz gemacht, und am Nachmittag vereinte uns im Kaiserhof ein Monstre-Diner. Hülsen und ich, die eben wieder einmal auf quarante-sept standen, nahmen die gute Gelegenheit wahr, uns zu versöhnen, und ich, mich mit ihm auszusprechen. Ich unterrichtete ihn von meinen Plänen, bat ihn dringend, falls eine dramatische Partie frei würde, mich nicht zu übergehen, mein künstlerisches Streben zu unterstützen, mein Talent zu fördern, mir die Hand zur Erlangung meines Ziels zu bieten, das ich ja sonst zu erreichen nicht imstande sei. Es lagen doch Beweise genug vor für dieses Talent, da er mich seit Jahren schon an allen ersten Bühnen so anerkannt sah, und keine einzige unserer Berliner Sängerinnen zu einem Gastspiel an die großen Hofbühnen oder London jemals eingeladen worden waren. Hülsen, dem ich zu größerer Bequemlichkeit alle 2–3 Monate mein Repertoire sandte mit den von[84]  mir außerhalb gesungenen oder fest studierten Rollen, in denen einzuspringen ich jede Stunde bereit war, versprach nun ernstlich, mich nicht wieder zu vergessen. Doch entgegen allen seinen Versprechungen mußte ich mir jede Rolle wieder erkämpfen und kam und kam nicht vorwärts, nicht ans Ziel, zu dem sich alles drängte und in mir vereinte.
Nun war für April die Walküre vorgesehen, ein Ereignis, das wir alle mit größter Spannung erwarteten, und nach langem Hin- und Herparlamentieren wurde mir endlich, alternierend mit Frau Sachse-Hofmeister, die Sieglinde zugestanden; nur sollte ich in den ersten Vorstellungen die Fricka übernehmen, wozu man mich von ganzem Herzen bereit fand.
Niemann – Siegmund, Fricke – Hunding, Betz – Wotan, Voggenhuber – Brünnhild, Sachse-Hofmeister – Sieglinde, ich – Fricka. Beim Studium hatte ich mit größtem Ernst herausgeholt, was Fricka kennzeichnet; kein bissiges, wohl aber für Ehre und Recht schwer kämpfendes Weib daraus geschaffen und freute mich, der, wenn auch nicht gerade dankbaren, doch künstlerisch schwierigen Aufgabe gerecht zu werden. Kapellmeister K., der lange Jahre Chordirektor, dann als Dirigent kleinerer Opern fungierte, sollte nun plötzlich die Walküre einstudieren und leiten. Obgleich wir die Köpfe über die uns allen ganz unberechtigt scheinende Wahl schüttelten, standen dem Werk doch lauter allererste Künstler, ein glänzendes Orchester und Zeit genug zu Gebot, so daß man hoffen durfte, den unbedeutenden Dirigenten mit durchzuschleppen. – Der Mensch denkt, der Künstler hofft und ein guter Frühschoppen macht Denken und Hoffen zuschanden. K. vergaß am Abend, alle Zeichen zu geben; schon das erste Schwertmotiv kam gar nicht, andere zu früh oder zu spät. Angstvoll entfloh ich der kleinen Bühnenloge, um Weiteres nicht hören zu müssen, und erfuhr nun, daß man K. um 6 Uhr direkt vom Frühschoppen in die Vorstellung geholt habe. Der ganze Hof und all unser Elitepublikum hatte sich eingefunden, dem künstlerischen Ereignisse beizuwohnen, das nun so kläglich an einem Frühschoppen scheiterte. In der so schwierigen Wotan-Frickaszene des zweiten Aktes gings drunter und drüber. Betz und ich hatten Not, unsre musikalischen Kräfte zusammenzuhalten, um oben auf der Bühne dem fürchterlichen Durcheinander[85]  im Orchester zu steuern. Daß wir es durchführten, ist mir noch heut ein Rätsel. So etwas hatte ich noch nicht erlebt und nicht für möglich gehalten. Meine Verzweiflung löste sich, hinter den Kulissen angekommen, in Strömen von Tränen, und von Hülsen hörte ich, daß er im Vorzimmer seiner Loge alles vor Zorn kurz und klein geschlagen habe. Und darum hatten wir monatelang Mühe, Fleiß und Streben an das Werk, die Aufführung gewandt, die auf der Generalprobe geradezu glänzend verlaufen, das Beste versprach! Ich weiß nicht ob das Publikum die Wahrheit erfuhr, jedenfalls ließ es die Künstler nicht entgelten, was der Dirigent verbrach, und überbrückte mit tosendem Beifall die Schande des Abends. K. dirigierte weiter in Berlin; ich schämte mich für die Kunst, die mir so unendlich hoch stand, und konnte ihm meine Indignation nicht vorenthalten. Wahrscheinlich war und blieb ich – trotz allem Schimpfens der andern hinter seinem Rücken – die einzige die sich den so unwürdigen Fall ernstlich zu Herzen nahm. Erst drei Wochen später durfte ich die Sieglinde zum erstenmal singen, was wieder meiner wirklich liebenswürdigen Kollegin, Frau Sachse-Hofmeister, Schmerzen bereitete, weil man sie vom Alternieren mit mir, trotz meiner vorsorgenden Bitte, nicht rechtzeitig unterrichtet hatte.

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Der berühmte Tenor Ladislaus Mierzwinsky gastierte im Dezember. Glänzend »gemanaged«, zog er volle Häuser, hatte eine schöne Stimme, sang auch sehr gut, war aber sehr unmusikalisch, so daß das Tellduett mit ihm zu singen, mir als Kunststück angerechnet werden darf. Er gefiel auch nicht sonderlich, wenigstens zeichnete das Publikum gerade an diesen Abenden Betz und mich immer ganz besonders aus. Respekt konnte man ihm aber nicht versagen, denn wie er mir erzählte, hatte er sich mit eisernem Fleiß zu seiner Stellung emporgerungen, sein Lehrer ihm jedwedes Talent und selbst die Stimme abgesprochen. Daraus wäre die Lehre zu ziehen, daß man wahrhaft Fleißigen und Strebsamen, wenn auch weniger Begabten, den Erfolg ebensowenig absprechen, als Begabten, Unstrebsamen ihn vorher garantieren darf. Von seiner Auffassung hatte ich aber schon auf der ersten Probe genug. Arnold, im Tell, tritt mit der Frage: wie er zwischen Vaterlandsliebe, Sohnespflicht und seiner Liebe zu Mathilde entscheiden solle, an diese heran. Ich[86]  streckte Arnold mit den entscheidenden Worten Mathildens: »Sei mein« die rechte Hand entgegen, in die Arnold einschlagen, sie mit Inbrunst küssen sollte. Mierzwinsky aber nahm sie nicht, obwohl ich ihn darum bat, und begründete es folgendermaßen: »Ne me donnez pas la main, s´il vous plait, Mademoiselle Lehmann, vous êtes Princesse n´est ce pas? Eh bien, je n´ose pas l´accepter.« Und gleich darauf hatte er ein Liebesduett mit mir zu singen, und diesen Mann, der noch dazu wie ein Seiltänzer angezogen war, der meine Hand nicht zu fassen wagte, sollte ich am Schlusse der Oper heiraten!
Die 500. Vorstellung des Freischütz im Berliner Opernhause brachte mit Niemann-Mar, Betz-Eremit, Sachse-Hofmeister-Agathe, Lehmann-Ännchen am 18. Dezember eine entzückende Feier, bei der unsere Künstlerherzen laut aufjubelten und tausend alte, liebe Erinnerungen bis zu meinen frühesten Kinderjahren mein Herz freudig durchzogen.
Wie traurig mutete mich dagegen einige Jahre später eine Freischützvorstellung an derselben Stelle an, aus welcher Freud und Lust verbannt schien und nur – wie der echte Berliner oder Paul Lindau sagt –»alttuntenhafte« Stimmung sprach, aus der sich ermessen ließ, wie schlecht es um gesunde Natürlichkeit, Humor und heitere Laune oder individuelle künstlerische Interpretation stand, die mir weder der große Kachelofen im 3. Akt, noch die übernatürliche neue Wolfsschlucht im 2. Akt ersetzen konnten. Wahrhaftig mir waren die alte Eule, die alte Wildsau und was sonst noch damals dahin vorkam, bedeutend sympathischer als all der neue Kram.
Wichtiges hatte sich auch außerhalb Berlin für mich ereignet. Impresario Franke berief mich für Juli nach London, wo er in Covent-Garden unter Schuchs und Hans Richters Leitung sämtliche Wagneropern – außer dem Ring – aufzuführen gedachte. Zur Eva und Elsa kam ich leider zu spät, ich sang nur noch Isolde und Venus. Nur Isolde! Wie leicht schreibe ich heute, was damals das höchste Ziel meiner künstlerischen Wünsche bedeutete. Monatelang hatte ich daran studiert; hatte mir die Kraft dazu eingerichtet und damit angeeignet, indem ich jede Phrase hundertmal, und jeden Akt schließlich 3–4 mal hintereinander mit voller Stimme und Spiel zu singen aushielt. Einige Wochen während des[87]  Studiums war ich ganz irre vor lauter Alliterationen und wunderte mich nicht mehr, daß es hieß: Schnorr von Carolsfeld sei am Tristan zugrunde gegangen. Gudehus war Tristan, Scheidemantel, der mir besonders auffiel, Kurwenal; Wiegand als Marke ausgezeichnet, und Frau Luger, unsere prächtige Berliner Altistin, Brangäne, ich-Isolde. Hans Richter, der Tag und Nacht mit dem Orchester arbeitete, war wie immer unermüdlich, wenn es galt, für Wagner eine Lanze zu brechen. Nur im philosophischen Tag- und Nachtgespräch sollte der große Strich gemacht werden, da man dem englischen Publikum damals den gänzlich ungestrichenen Tristan noch nicht zumuten durfte. Auf der ersten Orchesterprobe stellte sich aber heraus, daß auch im 1. Akt Isoldens große Erzählung mehr als zur Hälfte – nach Wiener Stimmen und Einrichtung – und auch andere Stellen noch gestrichen und, wie Richter meinte, gar nicht ausgeschrieben waren. Daraufhin weigerte ich mich, die Rolle überhaupt zu singen; und andern Tags wurden die Noten, die vielleicht doch ausgeschrieben und nur verklebt gewesen, beschafft und der 1. Akt strichlos gemacht. Die vorzügliche Aufführung rechtfertigte den glänzenden Erfolg, um den sich Richter ein großes Verdienst erworben. In acht Tagen wurde der Tristan zweimal gegeben, und dazwischen sang ich noch die Venus im Tannhäuser. Schon vor meiner Ankunft in London hörte ich von unliebsamen pekuniären Differenzen der Künstler mit dem Impresario, der sich bei jeder Gelegenheit hinter einem Garantiefonds verschanzte. Den ersten Kräften war man bisher nichts schuldig geblieben, wohl aber hatten Chor und Orchester schon verschiedentlich sehr ernste Mahnrufe ergehen lassen, streikten auf der ersten Tristanprobe und spielten erst weiter, als man sie bezahlte. Eine fernere schöne Überraschung harrte meiner im Tristan, als mir Gudehus nach dem Liebesduett zuflüsterte, daß er nicht weitersänge, weil er sein Honorar nach dem 1. Akt nicht erhalten. Ich bat ihn dringend, die Vorstellung nicht zu stören, es Wagner und unsre Liebe für das Werk nicht entgelten zu lassen; doch dauerte die Zwischenpause vom 2. auf den 3. Akt unendlich, weil Gudehus wirklich erst nach Erhalt seines Honorars weitersang. Und eigentlich hatte er recht; denn warum sollen die Künstler das Mißlingen schlecht fundierter Unternehmungen mit Verlusten büßen?[88]
Noch immer sehe ich den Braunschweiger Baß, Herrn Nöldechen, mit einem dicken Spazierstock einherstolzieren und diesen zärtlich seinen »Garantiefonds« nennen. Unter Leitung dieses sonoren garantiefondssicheren Kollegen forderten Frau Luger und ich energisch unsere Honorare vom Impresario, der zwar eben »einer wichtigen Konferenz beiwohnte«, nach einigem Warten aber uns die Schecks persönlich einhändigte. Geängstigt von Kollegen, daß diese wertlos und gar kein Geld auf der Bank sei, stürmten wir dorthin und erhielten die Summen in schönen Goldstücken ausbezahlt, die mit kleinen Schaufeln auf einer Wage gewogen wurden. Natürlich hofften wir, daheim einige Pfunde mehr zu finden; aber es stimmte; keines mehr, keines weniger.


In London hatten wir viele bekannte Künstler getroffen, ich und meine Nichte, die nun meine stete Begleiterin wurde. Sogar ein reizendes Picknick hatten wir mitgemacht, das Mr. Bambridge, der musikalische Sekretär des sehr musikalischen Herzogs von Edinburgh, arrangierte. In kleinen Booten waren wir die Themse an vielen herrlichen Punkten vorbei hinaufgerudert, hatten gerastet, geluncht und waren in herrlicher Dämmerung wieder die Themse hinabgefahren. London kann wirklich sehr schön sein, wie alles, was man zu genießen versteht. – Was in Covent-Garden nun weiter geschah, entzog sich meiner Kenntnis, da mich mein Wort nach München rief, wohin wir uns über die Schweiz langsam schlängelten, immer mit Amerika rechnend, englische Vokabeln lernend, also stets ruhelos, aber zu Fuße wandernd in göttlichster Natur.

General-Intendant von Perfall fand ein bequemes Mittel, den Ring als Festvorstellung anziehungsfähig für München zu gestalten, indem er alle Künstler, die 76 unter Wagner den Ring gesungen, für Billiges mitzuwirken einlud, um die Vorstellungen gleichzeitig zu einer Erinnerungsfeier für Wagner zu stempeln. Da Perfall nicht locker ließ, hatten auch Niemann und wir drei Rheintöchter nach langem Sträuben die Einladung angenommen, ich mir aber für die 1. Walkürenvorstellung die Sieglinde zu singen ausbedungen. Angenehme Erinnerungen knüpfen sich nicht an dieses Gastspiel. Acht Jahre waren seit 76 über uns hinweggegangen;[89]  Frau Lammert verheiratet, meine Schwester sehr nervös, und auch mir behagte manches nicht mehr, was ich so gern für Wagner getan. Die Schwimmaschinen, die hier auf ebener Bühne und nicht wie in Bayreuth auf hohem Praktikabel liefen, dafür aber die Rheintöchter auf doppelt so hohen Stangen schweben ließen, waren der erste Stein des Anstoßes, und nicht der letzte. Ich war die einzige, die es wagte, mich darin herumfahren zu lassen und zu singen; meine Schwester brach sofort in einen Weinkrampf aus, und Minna Lammert-Tamm begnügte sich, daran hinaufzusehen und ruhig zu sagen: »Ne, in die Maschine gehe ich nicht, ich habe zwei kleine Kinder und setze mein Leben nicht aufs Spiel.« Nun war guter Rat teuer, und das Beste schien mir, Herrn von Perfall zu bitten, uns unseres gegebenen Wortes zu entbinden. Perfall ging zu Levi, und unfreiwillig hörte ich diesen sagen: »Ich denke, wir haben keine Verbindlichkeiten gegen sie, brauchen keine Rücksicht zu nehmen, da sie das nicht können.« Perfall war indessen anderer Ansicht, meinte, er habe dem Publikum nur den Gesang, nicht auch das Schwimmen versprochen, und bestände darauf, die Originalrheintöchter zu behalten. Es müsse eben möglich gemacht werden, daß wir unten sängen und andere das Schwimmen oben markierten. Es war gewiß sehr liebenswürdig, aber sicher nicht klug, und contre coeur nur ging ich auf diesen Vermittlungsweg ein, war aber geradezu verzweifelt, als ich am Abend zu unserm Gesang die Schwimmerinnen da oben die unpassendsten Bewegungen machen, sie traurige oder gleichgültige Gesichter schneiden sah zu dem, was uns stürmisch bewegte.
In der Walküre wurden Niemann und ich vom Publikum sehr gefeiert. Viele Maler, wie Lenbach u.a., besprachen unsere Mitwirkung und Niemanns großartige Leistung voll freudigster Anerkennung, und nur die Presse war geteilter Meinung. Sie mochte glauben, ihre einheimischen Kräfte zu schädigen, wenn sie fremde zu sehr lobte, und hatte vielleicht recht damit. Gäste waren in München damals immer zwischen zwei Parteien eingekeilt. Hie Vogl, hie Weckerlin, die sonst Sieglinde sang. Von letzterer Partei wurden wir verrissen, von den andern in den Himmel gehoben. »Das sei endlich das Wälsungenpaar; Leidenschaft, Glut in Spiel und Gesang unvergleichlich gewesen.« Wir hatten gezeigt, was wir[90]  konnten! Aber ohne Ärgernis mit der Regie war es auch hier nicht abgegangen. Im ersten Akt brannte nämlich außer dem Herdfeuer – noch ganz unnötig und entgegen Wagners Vorschrift – ein Scheit, das auf einem eisernen Ständer ruhte, und das Sieglinde mitnehmen sollte. Siegmund frägt nach dem Abgang Sieglindens, sobald der Schwertgriff erglüht: »Ist es der Blick der blühenden Frau, den sie haftend dort hinter sich ließ?« Anstatt, daß nun Sieglinde mit dem Nachttrunk in der linken Hand, einzig im Dämmerschein des verlöschenden Herdfeuers, mit einer bedeutungsvollen Kopfwendung gegen den Baum, das Auge plötzlich auf den Schwertgriff haftet, dann auf Hundings Drängen hinter dem Türvorhang, den sie sich selbst öffnen muß, verschwindet, sollte sie, der dortigen Regie gemäß, mit dem Nachttrunk in der einen, dem brennenden Scheit in der andern Hand, abgehen. Welch ein entzückendes Bild! Heiliger Wagner! Da ich mich mit Händen und Füßen dagegen wehrte, blieb es endlich fort. – (Im 2. Zyklus sang ein anderes Wälsungenpaar, bei dem ich lebhaft an die Philemon und Bauzisszene im Faust erinnert wurde.) Am Morgen nach der Walküre brachten wir Niemann, der am Starnberger See wohnte, zum Bahnhof. Mit der Reisetasche in der Hand hätte er leise an König Menelaus mahnen können, wäre er nicht Faust gewesen. Mit dem tragikomischen Ausruf: »Na, Kinder, nun wäre das glorreiche Gastspiel auch vorüber«, dampfte er, von Lachsalven begleitet, seiner kleinen und doch so großen Hedwig-Helena zu. Ich wußte, daß er nur Wagner und mir zuliebe den Siegmund gesungen, sich darum seiner wohlverdienten Ruhe mehrere Tage entzogen, daß er sogar den Florestan abgesagt hatte, um den es Perfall so sehr zu tun gewesen. – Uns Rheintöchtern stand noch ein großer Schreck bevor, als wir in der Götterdämmerung, auf niedrigen Maschinen festgeschnallt, den Anfang des dritten Aktes erwartend, von einem furchtbaren Schrei im Publikum in Angst und Sorge gestürzt wurden. Jeder glaubte an Feuer, und wir, die wir uns nicht rühren konnten, sahen uns schon rettungslos verloren. Zum Glück handelte es sich nur um einen Taschendieb, der auf der Galerie ertappt und verhaftet worden war; den Schreck aber hatten wir weg. – Dann zogen auch wir heim vom glorreichen Gastspiel, zu dem viele der Bayreuther Künstler nicht gekommen waren.[91]
Noch zu Lebzeiten meiner Mutter hatte mir Dr. Leop. Damrosch einen Antrag auf zwei Monate für große Wagnerkonzerte und Opern in Amerika gemacht, die dann Materna und Winkelmann sangen, weil Hülsen mir einen so langen Winterurlaub 84–85 nicht gab. Dafür war er gewillt, mir einen kürzeren für Wien und im Winter 85–86 einen viermonatlichen für Amerika zu erteilen, für den er sich dann einzurichten versprach, und der mir für meine Vorbereitungsarbeit viel wichtiger schien.

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Mein Plan war fertig. Es paßte mir ausgezeichnet, den Winter über tüchtig vorzustudieren, um vorerst in Wien und Dresden, wohin mich wieder lange Gastspiele riefen, auszuprobieren, ob ich wirklich kräftig genug wäre, mir eine dramatische Karriere zuzumuten. Mit tollem Mut stürzte ich mich nun aufs Studium von Fidelio, Donna Anna und Norma, die mir bald gesanglich und schauspielerisch vollständig zu Gebote standen; und ein merkwürdiger Zufall sollte mich die Probe davon schon in Berlin ablegen lassen. Um meiner geistigen Anstrengung ein Paroli zu bieten, malte ich autodidaktisch Blumenstücke, an denen ich herumpusselte und dadurch an anderes zu denken gezwungen wurde. Eines Morgens sitze ich an der Staffelei, als unser guter alter Theaterdiener Carus hereintrat. Ich glaubte schon, er wolle mir wieder einmal den »Troubandour«, wie er die Oper konsequent nannte, ansagen; aber diesmal sollte es ganz anders kommen. Er frug mich, ob ich abends den Fidelio singen könne. Frau von Voggenhuber sei erkrankt, Frau Sachse wolle nicht einspringen; wenn ja, so würde Herr Kapellmeister Radecke in einer Stunde bei mir sein, um die Oper durchzugehen. Carus verschwand mit meinem Jawort, während ich, meiner Sinne nicht mehr mächtig, zitternd, an dem Platze, wo ich gerade stand, laut aufschluchzend in die Knie sank und heiße Freudentränen in meine gefalteten Hände weinte, ihr dankend, der ich so viel zu danken hatte! Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich erholen und fragen konnte, ob es denn wirklich wahr sei. Ich Fidelio in Berlin?! Großer Gott, ich Fidelio! Gleichviel, daß ich ihn zehn Tage später in Wien singen sollte. Wien war nicht Berlin! In Wien war ich viel mehr anerkannt als in Berlin, wo ich doch viel mehr hätte anerkannt sein sollen! Der liebe Ehrgeiz, der mich aufgestachelt,[92]  fühlte sich befriedigt. Als Radecke eine Stunde später kam, fand er mich als Herrin der Situation. Am Abend ging's – wenn auch nicht so kräftig, wie ich gewünscht – ganz ausgezeichnet; Betz und Niemann drückten mir stumm die Hand, und ich wußte, was das zu bedeuten hatte. Ich dankte Gott für das Gelingen, und – Ironie des Schicksals! – wem hatte ich's zu danken? Unserem Theaterschneider! Jawohl, dem kgl. preuß. Herrenschneider Schröder. Er hatte mir für Wien ein Fideliokostüm angefertigt; er hörte zufällig von der Absage der beiden Dramatischen; er sagte: »Hören Sie, die Lehmann singt den Fidelio auch, ich habe ihr neulich Hosen dazu gemacht«; kurz, er rettete die Vorstellung. Er verhalf mir zu meinem Siege, um den ich so lange gebettelt und von Hülsen immer mit den Worten: »Das können Sie nicht« abgewiesen worden war. Und nun sagt ein Schneider, daß ich's kann, und ich kann es wirklich. Gelobt sei dieser Schneider, dessen ich bedurfte, um in Berlin zum Fidelio zu gelangen! Und dennoch hatte ich kurz vorher Hülsen mein Repertoire, worauf die Rolle verzeichnet war, persönlich überreicht. Hülsen gestand, daß er mir das nie zugetraut hätte. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß ich doch auch die Norma sänge. »Ja, die Norma; der Fidelio ist aber doch noch ganz etwas anderes«, worauf ich ihn wieder belehren mußte, daß die Norma zehnmal so anstrengend sei als der Fidelio.
Zehn Tage später sang ich in Wien schon Isolde, Fidelio, Donna Anna, denen Konstanze und Norma folgten. Donna Anna sang ich zum erstenmal; H. Richter dirigierte den Don Juan, wobei ich stark auf eine gute Bühnenprobe hoffte, von der aber nichts verlautete. Man erzählte mir auf meine Erkundigung, Hans Richter habe keine Probe angesetzt mit der Begründung: »I bitt Sie, lächerlich, i wer nit wissen wie die Fräul'n Lehmann die Donna Anna singt!« Das war gewiß sehr schmeichelhaft für mich, daß er mir die Rolle ohne jedwede Probe so auf den Kopf zutraute, aber ich mußte doch wenigstens die Szenarien kennen, mußte wissen, wo ich selbst und meine Partner auftraten oder abgingen, und bestellte mir Tags vorher den Inspizienten auf die Bühne, der mich darüber unterrichten sollte. Als ich nach dem Abgang Don Juans vor der Rachearie frug, was mir am wichtigsten schien, erteilte er[93]  mir folgende Auskunft: »Wenn der Herr von Reichmann singt, so geht er rechts ab, singt aber der Herr von Beck, so geht er links ab, weil er dort viel näher zu seiner Garderobe hat.« – »Und wer singt morgen den Don Juan?« – »Das wissen wir noch nicht.« Ich studierte also für beide Seiten, und das Schicksal entschied für Herrn von Reichmann, was ich aber erst am Abend der Vorstellung erfuhr.
Mit künstlerisch feinstem Verständnis nahm sich Direktor Jahn der Norma an. Ihm war große italienische Tradition nicht fremd, er wußte, wie die Oper in Italien aufgeführt, wie von den großen Italienern und Deutschen gesungen worden war, und widmete sich mit Lust und Liebe dem Werk, dem auch Richard Wagner stets wärmstes Interesse entgegengebracht hatte. Wenn ich an jene schöne Zeit zurückdenke und mir dann vergegenwärtige, mit welcher Unkenntnis und Lieblosigkeit man später dieser herrlichen Oper begegnete, muß ich die Künstler, die sich so große, dankbare Aufgaben entgehen lassen, ebensosehr bedauern wie das Publikum, das dadurch um den hohen Genuß eines so melodienreichen Werkes gebracht wird, dessen leidenschaftliche Handlung, menschlicher Größe weniger entbehrt als manches moderne Machwerk, dem zugejubelt wird. Die Oper aber, die so viel Liebe in sich trägt, darf nicht lieblos oder als abgetan behandelt werden. Sie muß mit fanatisch-gläubiger Weihe gesungen, dargestellt, von Chor und Orchester besonders mit künstlerischer Hochachtung behandelt, vom Dirigenten mit Autorität geleitet und jeder einzelnen Achtelnote der künstlerische Tribut gezollt werden, der ihr gebührt.
Scaria-Orovist, Wilt oder ich Norma, Winkelmann-Sever, dazu das Wiener Orchester, von Jahn, später von Hans Richter geleitet! Jahn sagte uns Schwestern gar oft: »Wenn Ihr beiden auf die Norma reisen wolltet, könntet Ihr Euch eine Million verdienen.« Dazu war meine Schwester, die immer nur das Nächste, niemals die Ferne in Erwägung zog, leider nicht geschaffen. Endlich war aber wenigstens ein Zusammenwirken durch meine Wiener Gastspiele erreicht, das uns in Norma, Don Juan, Entführung innige Freude bereitete. Wie sehr verstanden wir uns musikalisch! Dicht vor Ausführung der größten Kadenzen, in denen meine Schwester nicht immer gleichmäßig gern die zweite Stimme sang, wechselten[94]  wir noch die Stimmen, indem ich ihr schnell zuflüsterte: »Sing Du die erste«; denn mir war es ganz gleich. Noch sehe ich Scaria-Orovist in der letzten Szene, als ich um der Kinder Leben ihn, den Vater, anflehte, Tränen vergießen. Er wollte nicht glauben, daß ich die Rolle zum erstenmal sang. Wie rührend liebe- und würdevoll spielte er die letzte Szene, wie herrlich sang er die ganze Rolle. Das blieb in meinem Gefühl haften, das allein schon macht ihn mir unvergessen. – Von ganzem Herzen wünschte ich, es erständen dem prachtvollen Werke wieder Gesangskünstler und Darsteller, die es mit all der Herzlichkeit und all dem Können innerlich ausstatteten, wie wir es einst getan haben. Das Publikum dafür wird stets vorhanden sein.

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Dieselbe Liebe für Norma fand ich in Dresden vor, wo Schuch sie meisterte und ich sie – immer zwischen der preußischen und sächsischen Hauptstadt hin- und herpendelnd – noch oft sang. Endlich entschloß man sich auch in Berlin dazu, aber nicht mit halb so viel Sorgfalt und Liebe, und einer elenden Adalgisa, die mir die ganze Freude am Werke verbitterte. Das Andenken an Desirée Artôt verdarb mir den Geschmack an andern Adalgisen, und selten nur konnte eine davor bestehen. Von dem verführerischen Römer, Sever, der mit den einschmeichelndsten Melodien Frauen gefangen nimmt, hat ja gesanglich sowohl als darstellerisch keiner der heutigen Sänger mehr eine Ahnung, und darum wird die Rolle als schlecht befunden, die doch sonst nur vom ersten Heldentenor gesungen wurde. Wenn es den Zeitgenossen gelänge, die Koloraturen gut zu machen, die herrlichen Melodien schön italienisch zu phrasieren, diese Kunst mit der des Schauspielers richtig zu verbinden, dann würde die Rolle noch heute nicht weniger wirken als damals. Aber –: die Rolle steht ihnen nicht dafür. So verpatzte einst ein Wiener Sever, weil er zu spät auftrat, seinen sehr wichtigen Einsatz im ersten Finale, wofür ihm Hans Richter wütend zurief: »Ja, Schmarrn, Sie haben nicht einmal die Achtung vor der Kunst, vor Ihrer Pflicht, die Rolle zu können und auf dem Platze zu sein.«
An Emil Götze vorbeizugehen, ohne in herzlichster Erinnerung seiner Sangesfreudigkeit zu gedenken, seiner herrlichen Stimme, die einem frischsprudelnden Quell glich, scheint mir unmöglich. Noch[95]  heute klingt mir sein Walter Stolzing wie Jubelruf im Ohr, genau wie damals, als ich ihn zum erstenmal das Finale in den Meistersingern schmettern hörte, als sei's ihm wirklich »im Wald dort auf der Vogelweid« von einem Höheren eingegeben. Sein natürlicher Sangesjubel machte unsere Sängerherzen aufjauchzen und lachen. Glücklicher Mensch, glücklicher Sänger, dem es gegeben war, andere so reich zu beglücken!
Sein Gastspiel brachte mir eine neue Rolle: die Lucia, die ich nie zuvor gesungen. Nach allem, was ich in diesem Jahr geleistet, war es fast zu viel. An dem furchtbaren Herzklopfen spürte ich's besonders am ersten Abend, das mich beängstigend fast des Atems beraubte und das ich damals für hochgradige Aufregung hielt. Die eigentliche Ursache dieses höchst unangenehmen Zustandes erfuhr ich erst durch Professor Schweninger, und ausführlicher noch durch Dr. Wernecke, meinen nunmehrigen Arzt. Viel zu spät zu meinem größten Bedauern, da ich bei sofortiger Erkenntnis Maßnahmen treffen und mich vorzeitig vor vielen Anfällen bewahren, mir manch unangenehme Zeiten hätte sparen können.



 Amerika
November 1885 bis Juli 1886











Meine erste Amerikareise war einstweilen zur beschlossenen Tatsache geworden, der Kontrakt, der mich über drei Monate an die Metropolitan Opera in New York band, unterschrieben, und auf der »Eider« (Bremer Lloyd), die am 4. November abging, für mich und meine Begleitung bereits Plätze belegt.
Seit einigen Jahren schon merkte man, daß Hülsen nicht mehr der Alte, sein Interesse am Beruf vermindert, sein Zepter nach und nach in die Hände des Direktors der Oper geglitten war, der es Hülsen zwar bequem machte, aber nicht zum Wohle der Kunst auf seine Art waltete. Dieser war weder mein Freund noch der unserer autoritativen Kollegen, die ihm leicht in die Karten zu sehen verstanden. Einige junge unbedeutende Kräfte wurden protegiert, ältere zurückgesetzt; am liebsten wäre man diese ganz los geworden. Viel zu vernünftig, fand ich es selbstverständlich, daß eine oder die andere meiner alten Rollen an jüngere Sängerinnen abgegeben wurden, die doch auch vorwärts kommen wollten. Dafür aber sollte man mich durch andere Rollen entschädigen, was man zu tun vergaß. Auch war ich seit längerer Zeit schon bedeutend weniger beschäftigt als sonst, was bei meiner geringen Gage von 13500 Mark und 45 Mark ungarantiertem Spielgeld, das mir der Kaiser auf 90 Mark erhöht hatte, bei so reduzierter Beschäftigung einen großen Ausfall bedeutete. Wäre mir nicht auch hier ein glücklicher Zufall zu Hilfe gekommen, würde man mich wahrscheinlich vor meiner Abreise nur noch im Feldlager – das mir zum Leide wieder einstudiert wurde – die Vielka haben singen lassen. Frau von Voggenhuber erkrankte plötzlich schwer. Da Frau Sachse die großen dramatischen Rollen eigentlich gar nicht sang, sah man sich plötzlich der unangenehmen Tatsache gegenüber, weder die eben neueinstudierte Lucrezia Borgia noch die große Zugoper Walküre geben zu können. Vier Wochen trennten[99]  mich noch von meiner Abreise in die neue Welt, in denen ich meine Dienste »dem Vaterlande« hätte widmen können. In der ersten Verlegenheit griff man auch dazu und ließ mich wirklich Brünnhild und Lucrezia singen, mit denen ich mich längst vertraut gemacht. Letztere mahnt mich an eine wirklich komische Episode. Man hatte der Oper Lucrezia Borgia das reizende Ballet: Wiener Walzer angehängt, dessen Schlußbild im Wurstelprater spielte. Mehrere unserer Kollegen beteiligten sich daran, und Betz und mir fiel es nach der Oper ein, den Scherz ebenfalls mitzumachen. Im Hausanzug, von einem roten Sonnenschirm beschützt, mischten sich Arm in Arm Betz-Alfonso und seine giftmischerische Gattin Lehmann-Lucrezia unter die heitere Volksmenge des Wurstelpraters. Plötzlich sahen wir, wie mein von mir eben erst unversehens vergifteter, mausetoter Sohn Genaro (Paul Kalisch, der neuengagierte Tenor) einer daherwandelnden Amme das Kind vom Arme nimmt, es in einen Korbwagen legt und nun damit – immer hinter dem herzoglichen Paare – herfährt. Des Lachens war kein Ende, in das selbst Hülsen, der gute Miene zum lustigen Spiel machte, einstimmte.
Vom 4.–19. Oktober sang ich beide Rollen je zweimal und hätte sie bei ihrer Zugkraft bis zum 4. November noch öfter singen und damit dem Theater nützen können. Hülsen war von beiden Rollen außerordentlich befriedigt, eine Anerkennung, die mir wieder ehrliche Freude bereitete. Um so mehr wunderte ich mich, sie nach dem 19. Okt. nicht mehr angesetzt zu sehen. Während der letzten Vorstellungen lud mich die Firma Steinway in London ein, ihre neue Konzerthalle am 22. Oktober mit dem Pianisten Franz Rummel einzuweihen. Da ich unbeschäftigt, sandte ich Hülsen das Telegramm mit der Frage, ob ich für zwei Tage entbehrlich sei? Am 24. stünde ich wieder zur Disposition, doch läge mir, so bald vor meiner großen Reise, gar nichts daran, wenn er es abschlüge. Hülsen ließ mir nach einigen Stunden sagen, daß er den Urlaub bewillige, da ich vor Amerika nicht mehr auftreten würde. Merkwürdig! Frau von Voggenhuber krank; Niemann mußte, unbeschäftigt, ausbezahlt werden; große Opern konnten ohne mich jetzt nicht gegeben werden, und dabei saß ich unbeschäftigt und von Rechts wegen unbeurlaubt noch elf Tage in Berlin! Das hieß doch mindestens die kgl. Kasse schädigen! Und nicht einmal der[100]  Mühe wert hatte man gefunden, mir mein letztes Auftreten vorher anzuzeigen oder das Publikum davon zu verständigen.
Im Londoner Konzert wurde mir ein prachtvoller Kranz von »Bayreuther Verehrern« überreicht, und durch Mr. Bambridge ließ mich der Herzog von Edinburgh zu einem Kirchenkonzerte bitten, das ich aber meiner bevorstehenden Reise nach den Vereinigten Staaten halber leider absagen mußte. Ich war ehrlich müde nach all der Arbeit, sehr nervös, mochte nicht lange in dem traurigen Oktobernebel sitzen, mich nicht von England sondern lieber von Bremen einschiffen.
Nach Berlin zurückgekehrt, frug ich Strantz nach der mir noch immer unbekannten Ursache der merkwürdigen Behandlung, worauf er mir entgegnete: »Wissen Sie, liebe Lehmann, es ist uns lieber, Sie gehen vierzehn Tage früher und kommen vierzehn Tage früher wieder.« Nun wußte ich, woher der Wind wehte, noch ehe ich Seefahrerin geworden, und konnte mich des Mißtrauens nicht erwehren, daß ich den so überaus bereitwillig erhaltenen Urlaub für Amerika, London usw. bereits der Regie zu danken haben mochte, die mich wahrscheinlich je ferner, je lieber sah. Daß mein Argwohn nur zu begründet, bewiesen die kommenden Ereignisse. Herrn von Strantz sagte ich gründlich, was ich dachte, ehe ich dem Hofoperntheater Lebewohl sagte.
Der Abschied von der Heimat, die erste Reise über den weiten Ozean in eine andere Welt, wo mich nur Unbekanntes erwartete, machten mir das Herz schwer. Tat ich auch mutig, meinen Tränen konnte ich nicht gebieten, als ich auf dem kleinen Dampfer »Willkommen« der großen »Eider«, mit meiner kleinen lieben Begleiterin, Hedwig H., entgegenfuhr, um Europa für Kurze Zeit – wie ich damals glaubte – den Rücken zu kehren, was mich nicht hinderte, mich oft noch nach ihm umzublicken.[101]

Als ich der ehernen Gestalt unseres Kapitän Hellmers ansichtig ward, der am Schiffszugang seine Passagiere begrüßte, reichte ich ihm vertrauensvoll mit der festen Überzeugung die Hand: dieser Mann wird über uns wachen! Das Schiff, das uns von weitem so klein erschien, wuchs zusehends vor unsern Augen, in welchem jede einzelne Passagierklasse während der 10–12 Tage Überfahrt eine einzige Familie bildete. Schnell waren wir in einer Mittschiffskabine eingerichtet, und wohl verhüllt eilte ich wieder hinauf, Luft und Meer zu genießen. Vorbei ging's am roten Sandleuchtturm die Weser hinunter in die Nordsee; an Feuerschiffen der holländischen Küste vorüber, und tapfer hielt ich den Wellenbewegungen stand. Schon hier nahm ich mich mit schwerem Essen und Trinken in acht und blieb in frischer Luft, bis mich die Nacht zu Bette zwang. Am Morgen jagten uns Trompetensignale, unter denen Siegfried- und Schwertmotive nicht fehlten, aus dem »Sarg«, wie ich mein Kojenbett – das viel Ähnlichkeit mit ihm hatte – zu nennen liebte, und nur an Sonntagen waren es fromme Choräle, die zum Frühstück Gesunde und Kranke luden, denen bei dem bloßen Gedanken nur noch übler wurde. Noch war die Schiffsbewegung gering, Waschen und Anziehen vollzog sich ohne Störung, und schnell ging's vor dem Frühstück noch auf Deck. Um 10 Uhr passierten wir Dover und fuhren nun an der mir wohlbekannten, prachtvollen »Isle of Wight« entlang, von deren Felsen ich schon manch einen überseeischen Dampfer mit der leisen Frage hatte vorbeifahren sehen: ob auch ich einst auf einem solchen hinübergleiten würde in die neue Welt? Nun bogen wir auch schon in die kleine Wasserstraße nach Southampton ein, die schlechteste Ein- und Ausfahrt für große Dampfer, wo wir Passagiere, die über England kamen, und Post einnahmen. 900 vollgefüllte leinen Briefbeutel, unter denen eine lederne, festverschlossene Posttasche »der[102]  Bismarck« genannt, mir auffiel; ferner 17 Millionen in Gold, in kleine Kisten verpackt, an denen je zwei Mann schwer trugen, und die der Schatzmeister in Empfang nahm. Dann sagten wir dem letzten europäischen Anlegepunkt Lebewohl und fort gings bei prächtigem Wetter in mir noch unbekannte Weiten. Noch blieb Wight dicht neben uns; aber mit dem Passieren der entzückenden »Needles«, wo ich meiner jungen Nichte Hedwig Helbig einen herzlichen Kuß für die zu verlassende Heimat gab und sie in ihr umschlang, verlor der Blick auch diesen letzten Halt, wir waren dem Festlande entrückt und dem Ozean preisgegeben. Der ganze Anprall desselben machte sich uns in weiten Wogen vom Fuß bis in die Kopfnerven hinauf bereits fühlbar, und schleunigst suchten wir unsere »Särge« wieder auf, um vorderhand einmal 36 Stunden darin zuzubringen und eine günstige Gelegenheit abzuwarten, die es erlauben würde, uns wenigstens sukzessive zu reinigen und anzuziehen. Immer noch recht wacklig, schlich ich mich am zweiten Tag auf Deck, wo ich gleich von dem ersten Offizier – einem ollen tüchtigen Seebär – mit den Worten empfangen wurde: »Na, nu hatten Sie sich in der Nordsee so tapfer gehalten und lassen sich nun doch noch unterkriegen!« Na ja, ich schämte mich ja auch vor ihm, vor allen andern, denen es einst doch auch nicht besser ging. Ist's denn aber eine so große Schande, wenn man als Erdkloß, der sich nur auf stillstehender Erde – was man von unserer Erde so stillstehen heißt – zu bewegen gewöhnt, sich nicht sofort den ewig wechselnden Bewegungen eines vom Ozean herumgeschleuderten Schiffes anzupassen vermag? Wir ließen uns, gleich allen Damen, von fremden Herren bemuttern oder bevatern, uns auf Liegestühlen in warme Decken wickeln, von Stewards, die uns Früchte brachten (ein Labsal für arme Seekranke), wie neugeborene Kinder verhätscheln, denen man nach der scheußlichen Krankheit verteufelt ähnlich sieht. Sehr stolz bin ich aber darauf, daß ich, auch bei schlimmstem Wetter, nie wieder rückfällig wurde.
Kapitän Hellmers, der sich ganz besonders um uns mühte, hatte mir schon bei der Ausfahrt die Kommandobrücke als besten Aufenthalt angewiesen, eine Auszeichnung, die ich nicht zauderte, mir nutzbar zu machen. Dabei lernte ich Hellmers als Prachtmenschen, seine Offiziere, den ganzen Ton des Schiffes kennen.[103]
Hellmers nahm es heilig ernst mit seinem so verantwortungsvollen Amte, sah nach allem und jedem, hielt peinlich auf Ordnung und Sauberkeit; er war ein Mann, in dessen Hut man sich geborgen fühlte. In der Weser und im Kanal kommt der Kapitän nicht zur Ruhe; beide Wasserstraßen verlangen seine ganze Aufmerksamkeit und Vorsicht; allüberall muß er die Augen haben, denn selbst wenn die Lotsen an Bord sind und das Kommando übernehmen, bleibt der Kapitän der verantwortliche Mann. Auf einer andern Fahrt mit Hellmers war ich Augenzeuge einer recht unangenehmen Szene. Wir fuhren gegen Abend bei herrlichem Wetter in den Newyorker Hafen ein, der Lotse kommandierte. Um nicht zu stören, saß ich abseits, während das Schiff durch beleuchtete Bojen hindurchfuhr. Auf einmal sah ich Hellmers an mir vorbei nach dem Achterdeck stürmen und hörte ihn mir zurufen: »Wie die Kinder sind sie, man darf ihnen keinen Augenblick trauen.« Und dann fühlte ich unsern Riesenkasten – es war die »Lahn« – sich rückwärts bewegen, um aus dem falschen Fahrwasser zu kommen, in das sie der Herr Lotse hineinkommandiert hatte. Erst im Atlantischen Ozean, wenn alle Küsten außer Sicht sind, darf der Kapitän sich Ruhe gönnen, das Schiff mit den 2000 und mehr Passagieren und allen seinen Schätzen auf Stunden seinen Offizieren anvertrauen.
Der Ozean ist öde. Man sieht sieben Meilen vor-, rückwärts, links und rechts, und weiter noch, wenn ein Mast am Horizont auftaucht, oder auch die Rauchlinie eines vorüberfahrenden Dampfers. Seitdem die Schiffsrouten geregelt sind, begegnet man oft tagelang keinem einzigen. Manchmal sieht man Schweinsfische zu Hunderten um das Schiff herum ihre Kapriolen ausführen, sich hoch aus dem Wasser schnellen und schleunigst wieder untertauchen; sieht man sie zufällig vor seiner Kabinluke rauf- und runterhopsen, muß man laut auflachen, so lustig sind die Kerle. Äußerst selten gewahrt man den Kopf eines Walfisches oder sieht sie weit entfernt ihre Fontänen aufspritzen; sieht ein bißchen Tang oder Holz im Golf treiben, Tausende von kleinen grauen Enten in der Nähe Neufundlands oft in schwerer nördlicher Dünung am Schiffe auf- und untertauchen, und das ist eigentlich so ziemlich alles, was der Ozean Reizvolles im Winter bietet. Immer aber reinste salzige[104]  Meeresluft, von der man gar nicht genug einatmen kann. An den berüchtigten Banks vor Neufundland stürmt und wettert es immer kalt und unfreundlich. Das genierte uns aber nicht mehr. Die Nähe der amerikanischen Küste, wo um diese Zeit noch immer Prachtwetter herrscht, machte ihren Einfluß bald darauf geltend. Damit war auch der Tag des Schiffskonzerts zum Besten der Seemannskasse gekommen, bei dem mitzuwirken kein »fahrender Künstler« sich ausschließt und aller »fahrenden Dilettanten« Ambition ist. Diesmal spielte Herr Leo Lorenz (Kompagnon von Wesendonks Bruder in Newyork) mit dem Schiffsarzt ein Violinduett, ich sang, andere spielten und deklamierten; am Schluß wurde Haydns Kindersymphonie von lauter Dilettanten aufgeführt mit einer »Wachtel«, die – wie sich der »geschätzte Dilettant« ausdrückte – von meinem Taktstock mehr geschlagen wurde, als sie selber schlug. Hedwig H. akkompagnierte das ganze Konzert. Gleich nach dem dinner – das Konzert fing eine Stunde später an – wurde es in den Kabinen lebendig. An den Türen sah man Notenhefte mit Stecknadeln befestigt, hörte Skalen singen, geigen, pfeifen, flöten, klappern; Stirnlöckchen wurden wieder riskiert und Schnurrbärte gewichst; ein jeder machte sich extrafein. Heute durfte auch gegen Entree die II. Klasse in den Salon, und nun ging's los.

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Nach jeder Pièce wurde dem betreffenden Künstler ein Bukett im Namen des Kapitäns überreicht, das fein künstlerisch aus Hobelspänen und frisch gedrechselten Gemüseblumen bestand und mit bunter Maschinenputzwolle geschmückt war.
Diese Unterhaltungen wiederholen sich auf allen Fahrten; das Konzert, die Wetten auf die Lotsennummer, ein paar Spiele bringen etwas Abwechslung in das ewige Einerlei, das hauptsächlich aus kolossalen Fressereien besteht – denn anders kann man die ellenlangen Menus, die schon mit dem ersten Frühstück beginnen – nicht nennen. Der Römer sagt, daß der Mensch nicht stirbt, sondern sich zu Tode ißt; von den Ozeanfahrern hat er sicherlich recht. Ein Gutes aber hatte diese Fahrt für mich; ich schief, soviel ich nur schlafen konnte, und stärkte mich auf diese Weise für vergangene und künftige, anstrengende Arbeit; immer schlief ich bei offenem Fenster, sobald der Seegang es erlaubte, und rieb mich allabendlich mit Ozeanwasser ab; denn damals konnte man die[105]  Bäder noch nicht, wie in den 90er Jahren, alltäglich und allstündlich haben.
Viele Menschen lernt man kennen auf einer Ozeanreise; viele, denen man, Gott sei Dank, nie wieder begegnet, manche, die sich einem fürs Leben anschließen. Als ich auf späteren Fahrten nicht mehr alles für bare Münze nahm, was sich elegant aufspielte, mußte ich manchmal im stillen denken: na, wer weiß, was der oder jener angestellt hat, und hielt bald jeden dem Kapitän Unbekannten für einen Verbrecher. Der Kapitän hat scharfe Augen und sieht mehr, als er zu sehen zugibt.
Als mir am 14. November früh ein weißer schmaler Streifen rechts am Horizont auffiel, frug ich einen Offizier, ob das wohl Land sein könnte? Hurrah! Es war die amerikanische Küste, und bald sollten wir Fire Island haben! »Wie merkwürdig,« sagte ich zu mir selbst, »daß man doch wieder ankommt?« »Ja,« meinte der erste Offizier, »wir wundern uns auch manchmal, daß wir wieder ankommen!« Was dies heißen sollte, wurde mir erst auf späteren Reisen klar, wo uns schwere Stürme lange Zeit zurückhielten oder auch 40–50 Meilen außer Kurs drängten.
Schon mittags fuhren wir von Sandy Hook in den herrlichen Hafen von Newyork ein. Welche Pracht! Die reizenden, noch mit herbstlich buntblättrigen Bäumen und Sträuchern bestandenen Ufer, aus denen freundliche Häuser hervorlugten; das Meer, das der klare Sonnenhimmel überblaute; Governors Island, von wo allabendlich ein Böllerschuß den Sonnenuntergang verkündet; die Liberty-Statue vor Staaten-Island; und rechts ein phantastisches Gewebe, das sich über Fluß und Städte schwingt: die wundervolle Brooklynbridge! Ein überwältigender Triumph deutschen Genies, der nur immer gewaltiger wirkt, je öfter man in seinem Anblick versinkt. Und hier große und kleine Ferryböte, die Tausende von Menschen, Fuhrwerke und ganze Eisenbahnzüge den Fluß hinüber-, herauf- oder herunterführen. Welch ein Anblick, welch ein Leben! Und über alle dem ein südlich blauer Himmel! Kein Rauch aus Schornsteinen oder Schloten über der Stadt, nur leichte weiße Dämpfe, alles klar und rein. Nun wurde unsere Eider auch wieder majestätisch in der Nähe menschlicher Wohnungen und Werke. Nur die Brooklynbridge ist überirdisch und bleibt's! Unter ihr fahren[106]  große Segelschiffe mit hohen Masten und Dampfer aller Arten. Ja dieser Hafen von New York! Wie oft fuhr ich mitten im Winter stundenlang auf einem Ferryboot in Sturm und Regen, Gewitter und Kälte darin umher, oft krachte und barst das Eis nach allen Seiten hin. Und staunend sog ich überglücklich ein, was sich mir da aufdrängte. Wie hab' ich diesen Hafen in mein Herz geschlossen, wie genossen! Keiner von all den Künstlern kann ihm soviel Anhänglichkeit bewahrt haben, keiner ihn mit so dankbaren Gefühlen gegen ein gütiges Geschick und alles Liebe, was mir Amerika gegeben, immer wieder gesehen und bewundert haben.
Wenn in früheren Jahren ein Impresario berühmte Künstler hinüberbrachte zur »Show«, wie man im Westen noch heute Konzerte und Theateraufführungen nennt, ein Wort, das den Leuten von früher her den Begriff von Menagerie und Zirkus verbindet, so wurden sie mit Extra-Reklameboot und Musik im Hafen empfangen. Zu meiner Zeit hatte man eben damit aufgeräumt, die Metropolitan-Opera bedurfte solcher Reklamemittel nicht mehr; nicht einmal Blumen durften auf der Szene mehr gereicht werden; eine Unsitte, an deren Abschaffung ich eifrig mitarbeitete, wie überhaupt an allen die Kunst fördernden Reformen, worauf ich stolz zu sein ein gutes Recht besitze. Diesmal waren nur einige Interviewer der Presse erschienen, die gleich mit der Frage an mich herantraten: »how do you like Amerika?« Mein Gott, wie kann man Amerika beurteilen, ohne noch den Fuß auf seinen Boden gesetzt zu haben? Aber es schupste mich wer, ich solle sagen: großartig, und ich sagte: »very much.« Was durch diese Interviews den Zeitungslesern für Zeug aufgetischt wird, ist haarsträubend, und oftmals wandelt einen die Lust an, ihre unglaublichen Fragen mit noch unglaublicheren Antworten zu übertrumpfen. Aber in Amerika ist man höflich, muß sich und andern Aufregung und Ärger sparen; ein jeder ist sein eigener Herr, und man gewinnt dabei mehr als man verliert. – Regisseur Habelmann bewillkommnete mich im Namen der Direktion.
Die Steuerformalitäten spielen sich noch auf dem Schiffe ab, was aber nicht verhindert, daß man stundenlang auf dem zugigen Pier der Gepäckrevision zu harren gezwungen wird. Man frug[107]  mich, ob ich Geschenke mitbrächte? »O nein«, sagte ich, »aber ich hoffe, hier welche zu erhalten!« (Es war nicht mein Ernst.) –
Nun hieß es Abschied nehmen vom Kapitän, den ich mit wahrer Dankesschuld verließ für alle Vorsicht und Pflichttreue, mit der er unsere Fahrt geleitet, und dem ich noch heute eng befreundet bin. Als ich ihn nach zwanzig Jahren frug, warum er nicht mehr »fahren« wolle, sagte er mir: »Ich denke, ich habe genug gefahren. Einundzwanzig Fahrten im Jahre, die ungeheuere Verantwortung für so vieler Menschen Leben, glauben Sie mir, es ist genug.« – Dann sagten wir den Offizieren und Mannschaften Lebewohl, und allen, die in unserer Arche mit eingesperrt gewesen, um nun in alle Winde auseinanderzustieben. Kaum saßen wir im Wagen, der uns durch ein paar schmutzige, holprige, durch tiefe Löcher gefährdete Straßen in Hoboken führte, in denen die kleinen blau- oder rotbemalten Häuserchen doch sehr lustig wirkten, so standen wir auch schon auf einer großen Ferry, die uns ans andere Ufer des herrlich belebten Hudson führte. Auch hier waren Schmutz und Pflaster nicht viel besser; erst von der fünften Avenue und dem Brodway an präsentierte sich Newyork, und schon standen wir an der 38. Straße am Hotel Normandie still, das uns für die nächsten drei Monate beherbergen sollte. Das Komitee hatte drei Zimmer mit Bad im 1. Stock für mich genommen und glaubte damit die Primadonna besonders zu ehren. Aber schon nach einer Stunde zogen wir aus dem Straßenlärm in den 7. Stock hinauf, mit herrlichster Aussicht über die Stadt und auf die über dem Hudson gelegenen Pallisaden (Felsen), die Berge von Jersey, die Liberty und ein Stück Hafen. Von der Klarheit des amerikanischen Himmels macht man sich überhaupt keinen Begriff; auch nicht von der mit Elektrizität geschwängerten Luft, die dem Fremden manch lustig Stückchen spielt1. Welch herrliche Sonnenuntergänge verschönten allabendlich die Aussicht; wie prachtvoll wirkte die anhaltende Dämmerung, die sich in orangefarbenem Ton über dem ganzen westlichen Himmel breitete, wie ich es nie und nirgend[108]  noch gesehen. Wenn dann noch der Abendstern sich darin abhob, der hier viel größer erschien als in Europa, stand man wieder vor einem Wunder! Dann wird es plötzlich dunkel, und am Morgen, der spät hereinbricht, ist es in umgekehrter Reihenfolge eben wieder so.

Eine Straße nur trennte das Normandiehotel vom Metropolitan-Operahouse, das nicht nur ein Riesentheater, auch große Säle, Gesellschaftsräume, ein Appartementhotel mit Restaurant einschloß und einen ganzen Straßenblock einnahm. Der in drei Ränge eingeteilte Zuschauerraum enthielt bequeme Fauteuils und Logen mit gelben Damastvorhängen und -Sitzen, machte einen einfachen und gerade darum so vornehmen Eindruck. Wenn an Abendvorstellungen das Theater gefüllt von den elegantesten und schönsten Frauen, die ich je gesehen, im Glanze ihrer Schönheit und der Lichter widerstrahlte, dann wirkte es künstlerisch harmonisch. Ein klassisch einfacher Peluchevorhang, in Farben und Zeichnungen kunstvollendet, trennte den Zuschauerraum von der Bühne, und elegante, bequeme Garderoben machten den Künstlern den Aufenthalt darin äußerst angenehm. Große Foyers, aus welchen breite Türen fast direkt auf die Straßen führten, sicherten dem Publikum ein schnelles Fortkommen bei Feuersgefahr, was erst dann besonders wichtig erscheint, sobald man die Bekanntschaft mit dem amerikanischen Leichtsinn, d.h. dem Fortwerfen brennender Zigaretten oder Zigarren, und den ewigen »Zünseleien« der lieben Jugend gemacht hat.
An ein Märchen aus tausend und einer Nacht mochte die Entstehung dieser üppigen Kunststätte erinnern. Üppig, weil die italienische Opernstagione mit den Stars: Patti, Nilson, Albany usw. sie zwei Jahre vorher eingeweiht hatte, namenlose Summen verschlang (wohl auch teilweise einbrachte), weil, abgesehen von den kolossalen Honoraren, jedes Kostüm, jeder Schuh und Strumpf von Worth aus Paris dazu geliefert wurde.
Bis vor dieser Zeit hatte die Oper ihre Heimstätte in der Academy of Music, einem eleganten, sehr akustischen Opernhaus in der 14. Straße gehabt. Als aber eine der schönen Milliardärinnen an einem besonderen Abend nicht die Loge erhielt, in der sie zu glänzen beabsichtigte, sondern eine andere schöne Frau ihr[109]  zuvorgekommen war, machte der Gatte kurzen Prozeß und ließ das Metropolitan-Operahouse erstehen, worin nun seine teuere Ehehälfte strahlen konnte, wohin nun alles strömte und die alte Academy of Music schnell vergessen machte.
Montag, Mittwoch und Freitag abend gab man Opernvorstellungen, die um 8 Uhr begannen und beinahe bis Mitternacht währten. Sonnabend nachmittag und später auch noch Mittwochs fanden Matinees von 2–1/26 Uhr, hauptsächlich für auswärts wohnende Abonnenten statt, die, meist nur von Damen besucht, jeden Putz und Toilettenzwang ausschlossen. Das Publikum war ernst wie die Kleider, die es trug, und man kann nicht sagen, daß es festlich ausgesehen hätte. Diese Matinees waren und blieben mein Kummer, solange ich drüben sang. Nie konnte ich meine Stimmungen an die nüchterne Nachmittagszeit gewöhnen, die jedem Zauber der Abendvorstellungen entgegenwirkte, die mir weder in Konzerten noch in Opernvorstellungen jemals die geringste Befriedigung gewährte.
Oft auch mußte ich einer kleinen Erzählung gedenken, in der es ungefähr hieß, daß deutschen Besuchern auf der Insel Java sich ein scheinbar Eingeborener (Stiefelwichser) als ehrlicher braungeschminkter Sachse mit den Worten: »Ei Herr Jässes, sein sie och aus Dräsden?« zu erkennen gibt, als überall alte Bekannte auftauchten. Für New York bedeutete das nichts Wunderbares; aber auch im entfernten Westen fanden sich Verbindungen mit Heimat, Kindheit, Jugend, Eltern, und überall klingelte der elektrische Heimats- und Herzensapparat der großen, kleinen Welt. Als Kollegen fand ich auch den lustigen Emil Fischer aus Dresden und Adolf Robinson hier wieder, die sich in Abwesenheit der lieben dramatischen Rosa damit zu trösten suchten, daß sie sich im Pokerspiel die schönen amerikanischen Honorare gegenseitig abnahmen; außer ihnen noch meine liebe Kollegin Marianne Brandt, die schon in vorhergehender Saison hier engagiert gewesen.
Mit Carmen begann ich am 25. November und wiederholte sie am 28. als Matinee; und da Sonntags das Orchester extra bezahlt werden mußte, so fand am Sonnabend nach der Carmen-Matinee die Walküren-Probe statt, die von 8–1 Uhr Nachts dauerte. Das passierte mir aber niemals wieder. Die Walküre hatte einen[110]  unglaublichen Erfolg, und schon beim Anfang des II. Aktes begrüßte uns ein Sturm der Begeisterung, der den ganzen Abend anhielt. Dann kam die Saba heraus mit einer Prachtausstattung für 80000 Dollars. Eine Riesencomparserie stand dem Theater zu Gebote von echten braunen und schwarzen Sklaven, Sklavinnen und Kindern, die ich um ihre Hautfarbe beneidete, weil ich mir als Aïda gerne eine solche angeschminkt hätte. Scherzend frug ich einen der braunen Bengels, woher er die Farbe zum Schminken nähme? worauf er mir ganz entrüstet antwortete: »oh no, I am not colored!« Als die Kinder nun vor König Salomon mit ihren Geschenken knieten und standen, entwand der braunen Kindergruppe sich ein Bächlein, das munter und sicher dem Souffleurkasten zurieselte, dort unauffallend verschwand, seine Spur zur Freude des ganzen Theaters aber zurückließ. Ländlich sittlich!
Entsetzlich waren die Zwischenaktspausen der ohnehin so langen Opern, die lebhaft an Bayreuth erinnerten. Das Theater war den neuesten maschinellen Anforderungen gar nicht gewachsen, kein Mensch an schnelle Arbeit gewöhnt, und so verwandelte sich jeder Umbau zur Geduldsprobe für deutsche Regie und Künstler, die mich oft zur Verzweiflung brachte. Da hieß es sich aufs Bitten verlegen: »Bitte, bringen Sie noch eine Latte. Bitte, noch einen Nagel hierher; bitte, befestigen Sie diese Stiege, die Barrière, die Bank, den Teppich etc. etc.« Dann wurde alles schneckenhaft besorgt. Ich gab einmal den Rat, man solle, wie Direktor Löwe in Breslau, den Arbeitern einen Extralohn versprechen, wenn sie eine Stunde früher fertig würden, ihnen dann aber das nächste Mal ebensoviel abziehen, falls sie nicht fertig würden. Das Mittel wurde gut befunden, war aber nicht anwendbar. Es wurde also ruhig weiter getrödelt und blieb ein nie endender Kampf meiner Geduld und der überseeischen Gewohnheiten. Überall legte ich selbst Hand an, um nicht dem Fallen, Erschlagen- oder Zerrissenwerden ausgesetzt zu sein. Schließlich aber hatte ich es doch so weit gebracht, daß Mr. Stanton, unser sehr eleganter, junger Direktor, der sich später »Intendant« nannte, eigentlich aber Sekretär des großen Hausunternehmens war, mit weißen Glacéhandschuhen alle Kulissen schüttelte oder treppauf und -ab rannte, um die Befestigung zu probieren, ehe der Vorhang aufging, und endlich wurde ich auch[111]  Herrin der unglaublichen Unruhe hinter den Kulissen, wo alles trampelte, pfiff, laut sprach, Türen zuschlug etc. Ich erklärte, nicht mehr singen zu wollen, und das half. Nun wurde es mäuschenstill; die Arbeiter erhielten weiche Schuhe, und Mr. Stanton fing nun auch an zu hören und zu sehen. Manchmal fluchte ich echt deutsch – ich weiß, es war nicht ladylike – aber ich fluchte doch um mir Luft zu machen, und hatte es schließlich erreicht.


Am 19. Dezember sang ich nach der Saba-Matinée den Messias in englischer Sprache und sang ihn als Requiem für unsere alte Freundin, Frau Römer, deren Tod uns eben angezeigt, mich aufrichtig bewegte. – Dann ging's gleich nach Weihnacht, auf zwei Wochen, zu den Quäkern nach Philadelphia, und am 7. März endigte in New York die Saison, da in der Fastenzeit, im lent, niemand mehr ins Theater ging. Die Zeiten haben sich geändert. Was man damals für Sünde hielt, betrachtet man heut als fashion ohne sich der Sünde noch zu erinnern. – Ein Konzert für Bayreuth, ein zweites für den Chor, ein drittes für die deutsche Klinik schaffte auch unserem Wohltätigkeitsdrang Genugtuung.

Richard Wagners Lieblingsschüler, Anton Seidl, der Talentierteste und Ernsteste der 76er Bayreuther Gilde, der auch mir der liebste aller Wagnerdirigenten war und blieb, der unter Angelo Neumann begonnen, ohne nach sensationellen Dirigentenkünsten zu suchen, unauffallend und elastisch den Taktstock führte, war erster Kapellmeister. Ich darf wohl sagen, daß wir uns glücklich fühlten unter seiner vollendeten Führung, und muß es andernteils auch ihm zum Glücke anrechnen, daß er so vielen künstlerischen Autoritäten, im geistigen Sinne, nur zu folgen brauchte, was beiden Teilen Ausgezeichnetes zu leisten ermöglichte. Wir verstanden uns, und nie erhob sich zwischen den Künstlern da oben und dem Kapellmeister da unten, der sein prachtvolles Orchester herrlich leitete, die geringste Differenz. Die deutsche Oper hatte Anton Seidl viel zu danken. Hier konnte man wieder einmal sehen, wie sich recht viele »Autoritäten« glänzend ineinander zu fügen wußten, und wieviel besser es um ein Theater mit vielen, in guter Schule erzogenen Künstlern bestellt ist, als um eines, an dem die Regie anstatt mit[112]  der Künstler Talent, mit an Schnüren gezogenen Puppen Kunst zu machen sich unterfängt.
Als zweiter Kapellmeister war der noch blutjunge Walter Damrosch angestellt, der Talent, viel Keckheit, aber damals noch nicht die geringste Reife hatte, sie nicht haben konnte. Mit Walter Damrosch lag ich oft im Streit. Wenn er sich in Klavierproben z.B. nicht an das hielt, was im Klavierauszug stand, sondern sich in Varianten erging, weil ihm drei egale Achtelnoten zu langweilig erschienen, was sich weder Halévy noch Bellini gefallen zu lassen brauchten; und in diesem Falle vertrat ich den Komponisten, den er mißhandelte; oder auch wenn ich ihm sonst etwas am Zeuge zu flicken hatte. Wir wurden aber ganz gute Freunde, als ich sah, daß er gute Lehren mit Humor zu nehmen verstand, denn Walter Damrosch war klug und wußte, was er tat.
Das Opernhaus wurde an freien Tagen anderweitig vermietet, und auch die philharmonischen Konzertproben hielt Theodor Thomas darin ab. Einer Konzertprobe beiwohnend, fiel mir etwas am Klang des Orchesters auf, was mir noch an keinem andern aufgefallen war. Was mochte es wohl sein? Immer wieder ließ ich mich davon berauschen, bis ich mir endlich nach langem Hin- und Herraten das Wunder zu erklären vermochte. Die Violinen strichen gleichmäßig die Bogen, Aug' und Ohr fanden Ruhe; die Holzbläser, die ihre Einsätze genau den vorhergehenden Instrumenten in Ton und Klangfarbe anpaßten, klangen nicht schrill oder gar unharmonisch, wie man es zu hören gewöhnt ist, sondern mischten sich unauffällig weich, melodisch in das Tongefüge, ohne daß man ihrer oder der andern Instrumente Ein- und Absätze gewahr wurde. Das war des Rätsels Lösung, der Zauber, der mich entzückte! Warum lassen sich diese Wirkung fast alle Instrumentalisten entgehen? Warum die Dirigenten?
Als Thomas nach einer Pause die Probe fortsetzte, klopfte er sofort wieder ab, indem er sich ans Orchester wandte: »Aber Kinder, stimmt doch Eure Instrumente, es ist ja nicht auszuhalten!« Ich muß gestehen, daß ich trotz meines feinen Ohrs nichts besonders Unreines vernommen hatte; heute freilich, wo mein Tonsinn sich durch meine Studien so enorm verfeinert hat, heute würde ich hören, was Thomas schon damals hörte. Thomas war ein Mann,[113]  nehmt alles nur in allem, dem ich ein Monument setzen möchte. Ein Prachtkern in rauher Schale, dem die Musik, d.h. seine ideale Kunst, so unendlich hoch stand wie mir die meine. Ich kann nicht sagen, daß er schön dirigierte, aber sein Orchester verstand ihn, und er gab nicht nach, dem amerikanischen Publikum, wenn er es belehren wollte, zuzusetzen mit dem, was er durchzusetzen vorhatte. So brachte er den Mephisto-Walzer von Liszt zum ersten Male in New York. Das Publikum, nur an italienische oder klassische Musik gewöhnt, pfiff und zischte das Orchester nieder und zwang Thomas, aufzuhören. Mehrere Versuche der Wiederaufnahme mißglückten vollständig. Da nahm Thomas seine Taschenuhr zur Hand, erzwang sich Ruhe und wandte sich mit folgenden Worten ans Publikum: »Ich gebe Ihnen fünf Minuten, den Saal zu verlassen; dann werden wir den Walzer von Anfang bis zu Ende spielen. Wer ohne zu demonstrieren zuhören will, mag bleiben; die andern bitte ich, sich zu entfernen. Ich werde es durchsetzen, auch wenn ich bis 2 Uhr nachts hier stehen bleiben sollte; ich habe Zeit.« –
Das Publikum blieb, hörte den Walzer bis zu Ende, und Thomas hatte gesiegt. – So machte er es noch oft und zeigte den Meister. Nach einer großartig gespielten Fuge von Bach in Robert Franzscher Bearbeitung, die nicht stürmisch anerkannt wurde – wo würde sie das? – sagte er ganz wegwerfend vom Publikum: »if they don't like it, I like it.« »So do I«, konnte ich ihm darauf erwidern, denn ich schwelgte einmal wieder und war ganz seiner Ansicht.

Gleich nach den ersten Vorstellungen flogen mir Anträge von der Oper und andern Seiten zu; ich sollte wiederkommen, ja, ganz in Amerika bleiben. Letzteres lehnte ich entschieden ab. Da trat das Haus Steinway mit dem Antrag an mich heran, nach Schluß der Saison noch weitere vier Wochen in den Staaten zu bleiben, und bot mir für dreißig Konzerte eine Summe, für die ich in Berlin drei Jahre hätte singen müssen. Dieses Geld von Ort und Stelle noch mitzunehmen, war allerdings sehr verlockend, und gerne fand man mich geneigt, eine diesbezügliche Anfrage an unfern General-Intendanten zu richten, von dessen mir bekanntem Verständnis für derartige Situationen ich hoffen durfte, meinen Wunsch[114]  erfüllt zu sehen. Ehe dies aber geschah, drang auch schon wieder das Theaterkomitee in mich, meinen Berliner Kontrakt zu lösen und mich auf mehrere Jahre für New York zu verpflichten. Eben so offen wie ich sage, daß mir der große Antrag äußerst verlockend schien, ebenso offen sage ich, daß ich absolut nicht gewillt war, zuzugreifen, sondern mich sehr lange mit mir selbst, dann mit einem Kreise alter, gewiegter Geschäftsmänner, wie William Steinway, Ottendorfer (New Yorker Staatszeitung), Carl Schurz und anderen beriet, die ich zu einer Konferenz bei Ottendorfer zusammenbat, ehe ich nach vielem für und wider zu folgender Resolution kam: Da ich die mir für die Konzerte garantierte Summe wenn irgend möglich mitzunehmen gedachte, wollte ich Hülsen um Verlängerung des Urlaubs bitten und mein Gesuch dadurch unterstützen, daß ich ihn auf die etwaigen Folgen einer abschlägigen Antwort vorbereitete, indem ich dann vielleicht die Anträge der Metropolitan-Opera anzunehmen mich genötigt sähe. Dann allerdings würde ich meinen Berliner Kontrakt lösen und würde, falls man mich für kontraktbrüchig zu erklären gedächte, die im Kontrakte vorgesehene Konventionalstrafe von 13500 Mark sofort nach meiner Rückkehr persönlich in die Hände des General-Intendanten legen. Dieses Schreiben ging in doppelten Exemplaren mit verschiedenen Schiffen an Hülsen ab. Meiner Bitte um verlängerten Urlaub wurde – entgegen meinen Erwartungen – nicht entsprochen, und vom Tage meines Nichteintreffens an stand ich als »kontraktbrüchig« allabendlich auf dem Theaterzettel. Niemann hatte das im nächsten Jahre klüger angefangen und indirekt durch Hülsen sein Gesuch an den Kaiser selbst gerichtet, der es sofort bewilligte. Wie wenig meine Ahnung mich in betreff des Herrn von Strantz trog, bewies mir sein Ausspruch bei Erörterung meines Kontraktbruchs, den mein alter Freund Mensing in einer Gesellschaft zufällig mit anhörte: »Wir sind froh, daß wir die Lehmann los sind, sie ist 40 Jahre alt und wäre der Pensionskasse sehr bald zur Last gefallen.« So geschehen im April 1886!
Gelegentlich Paul Lindaus 70. Geburtstags, dem zu Ehren ich die »Allmacht« im Kreise aller ihn umringenden Künstler sang, sah ich auch Strantz zum ersten Male wieder. Da konnte ich nicht umhin, meinem mir unschuldig zulächelnden, einstigen Direktor[115]  freundlich zu sagen: »Sehen Sie, lieber Strantz, ich bin noch immer nicht pensioniert, und es sind doch schon 25 Jahre, seit ich von Berlin schied und Sie mich als reif dafür erachteten!«
Nicht ganz so leicht, wie ich's heut' niederschreibe, war mir der Entschluß geworden. Es gehörte viel Mut, starkes Selbstvertrauen, klares Abwägen des zu Verlierenden und zu Gewinnenden dazu. Nicht Geldes wegen allein wäre ich imstande gewesen, mich von der Kunststätte zu trennen, die mir nebst vielen anderem teuer war und auch noch heute ist. Ich habe nie vergessen, was ich dort geworden bin. Gefühl, Talent und Streben schrien aber nach stärkerer Anerkennung; aus vollster Kraft und tiefstem Gefühl heraus verlangte ich nach einem dramatischen Arbeitsfeld, nach dem ich mich so lange schon sehnte, wozu mir – wie ich wohl wußte – in Berlin niemals, oder doch nur im Verlegenheitsfalle, vorübergehend Gelegenheit geboten worden wäre. Von nun an konnte ich mich ungehindert auf die künstlerische Stufe stellen, die mir zukam, die mir als Ziel meines Ringens so lange schon vorschwebte, die sich mir nun – zum ersten- und vielleicht zum letztenmal – in der ganzen Fülle aller Zugeständnisse darbot. Zugreifen, wenn es gilt, ist Glück, und ich hatte es niemals zu bereuen gehabt, solchergestalt in mein Geschick eingegriffen zu haben. Mein Selbstvertrauen konnte mich nicht mehr trügen, es war erprobt; und meine Devise: »Immer weiter, immer höher hinauf« trug mich ans Ziel.
Was ich zurückließ, war nicht wenig, was ich zu erringen trachtete, unendlich viel; und eines ohne das andere nicht zu erreichen. Dicht stand ich vor dem langersehnten Ziel, durfte nicht kleinmütig rasten, nicht zurückblicken. Manch einem, vielen vielleicht, mochte damals mein Tun undankbar und unrecht erscheinen, und doch war ich es mir selber schuldig. Und während ich heute ohne Groll und dankbaren Herzens zurückblicke auf Erlebtes, würde ich – ohne mein Ziel erreicht zu haben – verbittert, als königliche Beamtin von der Gnade eines Intendanten, Direktors oder Regisseurs abhängig, nach und nach zu dritten Rollen verdammt worden, oder wie Strantz meinte: schon seit 25 Jahren der königlichen Pensionskasse zur Last gefallen sein!
Nein, Künstler sind Gottbegnadete, nicht zu Beamten geschaffen. Sie mögen sich beizeiten selbst regieren lernen, sich selbst die strengsten[116]  Richter sein. Einsperren läßt sich nicht ihr Streben, ihr Talent nicht in Schraubstöcke zwängen. Sie sollen nicht betteln müssen um ihre Lebensaufgaben, sollen sie mit Lust und Liebe der Menschheit zur Freude und Erhebung ausführen dürfen. Denn der freie dramatische Bühnenkünstler, der sein Ideal annähernd erreicht, ist vielleicht der einzige Mensch, der sich in seinem hohen Beruf ausgeben, sich in den ihm und seinem Genius zusagenden individuellen Aufgaben unserer großen und allergrößten Meister ausleben darf.

Wie herrlich war's am Hudson, der in seinen oberen Partien am Catskillgebirge vorüberrauschend, mich lebhaft an den Rhein erinnerte, wenn wir, im Zuge an seinen Ufern vorüberjagend, ihn still und friedlich schlummernd noch in blaue Schleier gehüllt erblickten. Burgen und Schlösser mit ihren Sagen und Erinnerungen fehlen ihm freilich, d.h. letztere fehlen uns, weil wir sie nicht in zerbröckelten Steinmauern, alten Türmen, verwitterten Festungsmauern erhalten sehen. Gewiß sind sie ihm zu eigen von den Indianern her und vielen andern, die ihn gewandert kamen seit Jahrhunderten, dort gelebt haben und verschollen sind. Die armen Rothäute sind vertrieben, auf fernere Plätze angewiesen, wo sie, scheu sich vor jedem Fremden verbergend, dem englischen Branntwein ganz zu erliegen drohen. Wie schade! Sie gehören zur Landschaft in diese Natur, die ohne sie eine andere geworden. Man sollte Amerika wenigstens einige Stämme zu erhalten versuchen, anstatt sie systematisch auszurotten. Eines Sonntags besuchten wir am Ontariosee eine kleine Kirche, in der ein Engländer ungefähr vierzig Indianern predigte, und ein Indianer das Gehörte in seine Sprache übersetzte. Ob die Leute durch Jesus Christus glücklicher geworden, lasse ich dahingestellt sein. Mir taten diese Menschen, deren Land ich nun kennen lernte, und deren Art und Weise ich durch Sealsfield schon lieben gelernt hatte, unendlich leid.
Vorbei ging's auf unserem Zuge nach Westen, an – vor 27 Jahren schon – elektrisch erleuchteten, aufblühenden Städten und Ansiedlungen; über den breiten Susquehannariver nach den blauen Erie- und Ontarioseen, die der herrliche Niagarafluß und -fall verbindet, weiter an den Michigan, den größten der drei Seen, nach Chicago und Milwaukee. An den Detroitriver bis an den St. Lorenzstrom[117]  und wieder zurück nach New York, um abermals in einem Atem nach Minneapolis und der Schwesterstadt St. Paul, also bis an die Mississippifälle hinauf, um zwei Tage darauf den ganzen Mississippi entlang, auf der Plattform des Waggons sitzend, in 46 Stunden bis St. Louis und Louisville an den Ohio und Missouri herunterzufahren. – Da ich vom Innenlande bisher noch nichts gesehen hatte, interessierte mich jedes Fleckchen Erde, jedes Häuschen, jeder Vogel, ja alles, alles, dessen meine Augen habhaftig werden konnten. Schmerzlich berührte mich die barbarische Ausrottung der Urwälder. Wenn ich an Plätzen vorübersauste, wo die verbrannten, schwarzverkohlten Baumriesen noch da und dort als Wahrzeichen menschlicher Vernichtungswut standen, dann erfaßte mich ein wahrer Jammer, und ich hatte mehrere Stunden lang keine Lust mehr, hinauszusehen. Wie reizend hingegen war's, wenn an Schilfrohren die Robins und eine Art Stare, mit rotem Stich auf der Brust, ähnlich wie die Dolchstichtauben, hingen; amerikanische Wachteln mit ihrer reizenden schwarzen Nickfeder am Kopfe in den Büschen nach Nahrung suchten, oder Tausende von Schildkröten in allen Größen in den Sumpfgegenden vor St. Louis auf alten Holzstücken, Stämmen, dicken Ästen, Gestein usw. sich unbeweglich sonnten und aussahen, als wären sie selbst alte Stücke schwarzen Holzes. Und furchtbar komisch sahen die Kühe auf einsamen Farmen aus, im Winter zum Schutz vor Kälte mit buntkarrierten alten Steppdecken überhangen, wenn sie in den nun von Fruchtkolben entblößten Maisfeldern standen, um, was noch übrig, abzufressen. Pferde und Esel stehen frei in Boxen und gucken aus großem Lugaus frei heraus, sind nie mit dem Gesicht zur Wand gesteht, das Unvernünftigste, das man einem Tier, das »wittert«, antun kann.

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Bin ich schon bei den Pferden angelangt, dann mag man mich auch gleich aussprechen lassen, wie glücklich ich mich in New York gefühlt habe, aus dem alle Pferdeschinderei verbannt, die Peitsche kaum mehr dem Namen nach bekannt ist, dem Pferde niemals mehr zugemutet wird, als es bequem zu ziehen vermag, und das mehr zu den Menschen rechnet als bei uns ein Hund. Wer oft auf dem Brodway in einer Car gefahren ist, wo sich Hunderttausende von Lastwagen zwischen Tausenden von Cars durchzuwinden[118]  gezwungen sind, und dann sieht, wie sich das alles ohne Schimpferei, ohne Schutzmann, von selbst entwirrt, muß den Amerikanern recht geben, wenn sie sagen, was ich so oft zu hören bekam: »Die Pferde sind klüger als die Menschen.« Jahrelang beobachteten wir, wie Pferde, auf dem Brodway einfach ausgespannt, straßenweit ihrer Stallung allein zugingen; wie Lastkarren, undirigiert vom Kutscher, vom Pferde dorthin gebracht wurden, wohin es seine Last zu bringen gewöhnt war. Ein Milchwagenpferd gab mir »die Pfote«, so oft ich's von ihm verlangte. Lastwagen wurden oft vom Trottoir aus durch ein freundliches Wort dirigiert, nie aber habe ich ein Pferd schlagen sehen. Das hat Dr. Bergh, der große Tierschützer, dem die Polizei freie Hand gab, der, wenn Pferde schlecht geschirrt, sie mitten in der Straße von jedem Lastwagen und jeder Equipage abzuspannen das Recht hatte, eingeführt. Tausendfach sei der Mann und sein Andenken dafür gesegnet! Einem Mann, einem einzigen gelang, was in Berlin einer ganzen Schar mildtätiger, geistig bedeutender Menschen bis heute noch nicht gelungen ist. Dafür kann man den Amerikaner hier oft fragen hören, wie es möglich ist, daß solche Roheiten gegen Tiere, wie man sie hier zu sehen bekommt, in einem gesitteten Staate noch geduldet werden?! Nun, ich kann etwas davon erzählen! –
Beim Vorüberrasen scheinen sich die meisten Städte wenig voneinander zu unterscheiden. Reizvoll war mir die Umgebung eines jeden Städtchens, und immer nahm ich mir die Zeit, diese Freude auszukosten. Auch Anknüpfungspunkte fanden sich genug, allüberall traf man auf deutsche Freunde. In Boston, der schönsten, geistig sehr hochangesehenen und europaähnlichsten Stadt, trafen wir Kapellmeister Wilhelm Gerike von der Wiener Hofoper, der die großen Sinfoniekonzerte leitete, die Mr. Higginson, ein sehr reicher, ernster Mann, den Bostonern zum Geschenk gemacht, die er ein Jahrzehnt schon künstlerisch gefördert und pekuniär fundiert hatte, denen später auch Arthur Nikisch und Dr. Carl Muck vorstanden, und welche heute in höchster Blüte, ein sicheres Geschäft, eine Quelle geistiger Erhebung bilden. Wie viele herrliche Abende genossen wir so musizierend in damaliger Zeit zusammen, welch wundervolle Erinnerungen entsprossen dieser und anderen künstlerischen Vereinigungen (mit den großartigsten Orchestern Boston – Gerike, New[119]  York – Thomas und Seidl), die ich Amerika zu danken habe und, ich darf's wohl sagen, andererseits auch Amerika uns zu danken hat.
Rochester und New York gab uns das Wiedersehen mit zwei verheirateten Schülerinnen meiner Mutter; St. Louis eine ganze Familie unserer Verwandten Künzles; Milwaukee die einstige königliche Schauspielerin Math. Kühle, nun an Kapellmeister Catenhusen verheiratet, die uns während des Musikfestes im Juli 1886 gastfrei ihr Haus zur Verfügung stellten, wo Marianne Brandt, Herr von Witt und Staudigl mitsangen. Dort trat schon nach meinem Winterkonzert ein alter kleiner Herr an mich heran, indem er mich mit den Worten des Mendelssohnschen Frühlingsliedes: »Es weckt mich ein alter, süßer Traum« ansprach, mit welchen ich soeben geschlossen hatte, und sagte: »Ich habe Ihre Mutter oft gehört und hätte Sie an Ihrer Stimme als ihre Tochter erkannt!«
Die inneren Geschäftsgegenden der Städte sind sich verteufelt ähnlich und nur interessant für den, der sich einmal das Treiben und Leben darin anzusehen vorgenommen hat, dann aber hat man genug for ever. Da, wo Kohlen- und Eisenindustrie wie in Cincinnati und Pittsburg die Hauptrolle spielen, oder in Chicago, wo unzählige Eisenbahnlinien münden und Fabriken nie stille stehen, sind die Städte schwarz, mit Kohlenstaub geschwängert, man sieht nicht Himmel noch Gestirne, ja selbst den See, an dem unsere Hotels in Chicago lagen, sahen wir bei längeren Frühlingsgastspielen oft wochenlang nicht.
Aber die Villenkolonien außerhalb derselben, die meilenweiten Parks, die old english fashion Landhäuser oder auch die neuen im Queen-Anne-Stil erbauten Villen, von alten Baumgruppen, Parks, Rasenflächen umgeben, die nicht einmal durch Zäune, weder vom Nachbargarten noch von der Straße getrennt sind, weil man dort gegenseitig das Eigentum respektiert, sind reizvoll und lieblich und entschädigen für allen Schmutz, Ruß und Staub. Eine Meile außerhalb Chicago und den andern Kohlennestern scheint die undurchdringliche Nebelwand wie mit einem Schwerte abgeschnitten, die Sonne – deren Existenz man bereits bezweifelte – lacht am blauen Himmel, und aufatmend fühlt man sich wieder Mensch.
Als ich in den neunziger Jahren in Pittsburg mit der Oper gastierte und die Brünnhild in der Götterdämmerung sang, war[120]  ich in angenehmer Garderobe, in die man durch einen Salon gelangte, untergebracht. Fast fertig angezogen und geschminkt, kam's mir vor, als legte sich plötzlich ein grauer Schleier vor meine Augen. Wie ich um mich sah, fand ich den ganzen Raum und auch den Salon in dunkelgrauen stickigen Dunst gehüllt, sah meine weißen Kleider, Arme, Gesicht, Haare voll schwarzen Rußes. Ich lief auf die Bühne, man riß Tür und Fenster auf, ich schickte zu Damrosch, er möchte augenblicklich kommen. Man hatte die Heizung unter meiner Garderobe mit nassem Kohlenstaub gespeist, der ganze Kohlenqualm und Ruß war durch den Fußboden gedrungen. Ich hustete, spuckte, schneuzte, weinte kohlschwarze Tränen, war schwarz von oben bis unten. Nun hieß es – wenn ich überhaupt nach all der Aufregung singen konnte – mich von oben bis unten zu reinigen und umzuziehen; dann konnte mit einer Stunde Verspätung die Oper angehen. Ich will nur noch erwähnen, daß nach sechs Bädern mit Bürsten, Seifen und allen kosmetischen Mitteln meine Schwester zu mir sagte: »Lilli, du bist noch immer schwarz!«

Der Luxus hatte schon damals eine beträchtlich hohe Stufe erreicht, von der man in deutschen Landen noch nichts wußte; förmlich beängstigend war's für mich, die so wenige Bedürfnisse dafür mit auf die Welt gebracht, und immer drängte sich das »böse Beispiel« mir vor Augen. Protzenhaft und geschmacklos fanden wir nur einige deutsche Parvenus eingerichtet, die im geschäftlichen Amerika immerhin eine große Rolle spielten; um so geschmackvoller und eleganter dafür, was zu den Patrizierfamilien holländischen Ursprungs zählte. Cornelius Roosevelt z.B., Mensings Schwager und Schwägerin, die trotz ihres Reichtums ihre feine Herzensbildung und vornehm wohltuende Ruhe in einer beinah kindlichen Art und Weise sich bewahrt hatten und Freunden gegenüber zum Ausdruck brachten. Nur um ein kleines Bild des Reichtums und Geschmacks zu geben, erlaube man mir, das Interieur einiger mir befreundeten Häuser ein wenig näher zu beschreiben. Viele davon waren so halb und halb Museen und trotzdem praktisch und wohnlich eingerichtet. Für Marquauts Musikzimmer z.B. hatte Alma Tadema sämtliche Möbel gezeichnet und mehrere feine Bilder gemalt; Meissoniers Meisterhand den Klaviaturdeckel eines kostbaren[121]  Steinwayflügels mit Apoll und den Musen geschmückt. Eine Sappho von Marmor nahm eine Fensternische ein, die, von feinen grünen Schlingpflanzen umrahmt, die Figur durchsichtig erscheinen ließen. Das Zimmer allein repräsentierte ein Vermögen und war ein künstlerisches Heiligtum. – James Havemeyer hatte sich wieder aus allen Weltgegenden Kunstschätze mitgebracht, die zu beschreiben man nicht zu Ende kommen würde. Als man mich bei meinem ersten Besuch in die Bibliothek führte, befand ich mich ein paar Minuten allein in dem großen, lichten, viereckigen Raum, dessen Wände, nur durch einen großen Kamin unterbrochen, Bücherregale umgaben. In der Mitte stand ein einfacher großer Tisch, Lederfauteuils und Stühle, an denen Streichinstrumente lehnten, denn Mr. Havemeyer machte viel Kammermusik. Das alles übersah ich im Augenblick, sah es aber bald nicht mehr, da mein Blick auf vier, über den Regalen hängende, echte Rembrandts fiel, bei deren Ansicht ich vor Vergnügen laut aufjauchzte. Erschrocken sah ich mich um und gewahrte die liebenswürdige Gattin des glücklichen Besitzers, die mir freudestrahlend die Hände reichte. Diese Frau ist darum noch besonders bemerkenswert, weil sie ihre Kinder bei allem Reichtum aufs einfachste erzog. Sie ließ sie ihre Zimmer selbst reinigen, ihre Betten machen und sie nebst allen gesellschaftlich notwendigen Kenntnissen auch alles Praktische lernen. Wenn sie doch alle so vernünftig sein wollten, anstatt unzufriedene Nichtstuer, Verschwender oder noch Schlimmeres zu erziehen! – Bei Theodor von Havemeyer, dem Bruder des vorigen, der, wie ich glaube, den Zuckertrust eingeführt hatte, ein Geschäft, das im ersten Jahre 56 Millionen Dollar einbrachte, ging's noch viel großartiger zu. Prachtvolle Gobelins zierten die Wände des großen, sehr eleganten Hauses; man aß bei besonderen Gelegenheiten dort auf Gold und trank Wein zu 60 Dollar die Flasche. Das ganze Haus war dann mit frischen Orchideen von oben bis unten geschmückt, die Tausende kosteten, aber dem Hause und ihren eleganten, liebenswürdigen Besitzern vollständig entsprachen. Frau Theodor von Havemeyer war Österreicherin, geborne von Lössell, ebenso schön als elegant, hatte viel Kinder und in späteren Jahren unendlichen Kummer durch sie erfahren. Damals, als ich sie kennen lernte, war sie noch glücklich in dem lebenswarmen Hause, das Kind und Kindeskinder ihr verschönten.[122]
Am behaglichsten fühlten wir uns in der lieben Familie von Sachs, an die ich Empfehlungen genugsam hatte, wo alle Künstler zusammentrafen. »Zu Hause« fühlten wir uns hier und auch noch in einer zweiten Familie, wo man sich geistig einmal »en robe de chambre« sehen lassen durfte. Ein Bedürfnis, das nur derjenige zu verstehen vermöchte, der eine Ahnung von dem so viel maltraitierten Gedächtnis der Bühnenkünstler hätte, das, in geistige Schraubstöcke gespannt, Stunden, Tage, Nächte, ja ein ganzes Leben lang nicht zur Ruhe, geschweige denn zum Ausruhen gelangt.
Lebensfreundschaften erstanden mir in Amerika, denen mich ehrliche Herzenssympathie und Dankbarkeit verbindet. Was mir an Liebe und Güte von so vielen Seiten erwiesen wurde, wie sehr man mich verwöhnte, wie könnte ich's mit wenig Worten aussprechen? Die mir ans Herz wuchsen, die lieben Menschen, sie alle müssen es fühlen, wie sehr ich sie liebe, sie nie vergessen könnte, ihnen fern und nah unwandelbare Treue halten und nie genugsam werde danken können für das große Verständnis, das mir fast ausnahmslos dort zuteil wurde. Ja, das Verständnis! Sie sprachen nicht deutsch und verstanden mich doch; ich gab ihnen mein Gefühl in meiner Kunst, und sie fühlten mit mir! Die höchste Befriedigung hob mich himmelhoch über alle irdischen Interessen hinauf, wenn ich die Empfindung gewann, ihnen ein Werk unserer größten Meister nahe gebracht zu haben, was in Verbindung mit so vielen ausgezeichneten Kollegen zu vollbringen mir nicht schwer wurde. Ihr Begriff vom Verstehen eines Werkes, einer Figur daraus, drückte sich oft fabelhaft fein aus, wovon ich gern ein kleines Beispiel hierher stellen möchte. Nach der Premiere der Götterdämmerung sagte mir eine Dame vom Lande, die große Rosengärtnereien selber leitete und ein kostbares Verständnis für die Feinheiten der Natur besaß: »Lilli, ich war so froh, daß Sie Siegfried auf der Bahre nicht berührten!« Ganz erstaunt antwortete ich, was sich doch von selbst verstand, »daß ich das ja nicht dürfe!« »well,« sagte sie, »ich empfand es so und mußte es Ihnen sagen!«
Und oftmals, wenn ich im fernen Westen Lieder sang und fürchtete, daß dies oder jenes unverstanden bliebe, mußte ich's wiederholen, oder es wurde mir in bescheidenster Weise gerade dafür besonderer Dank ausgesprochen. Durch das Entgegenkommen so[123]  tiefen Verständnisses fühlte ich gerade hier meine Kunst zu einer Mission erhoben, die zu erfüllen mich beseligte, mir Kräfte und Flügel wachsen ließ, sie zu vollbringen.
Man möge mich bei diesen Worten nicht der Eitelkeit zeihen. Nie bin ich es gewesen, nicht auf mein Talent, nicht auf meine Persönlichkeit; vielleicht war ich es zu wenig. Die Kunst galt mir alles, und nur das Bestreben, ihrem Ideal möglichst nahe zu kommen, hieß mich ihr dienen. Nicht meine Person wollte ich aufs Piedestal heben; mit meinen schwachen Kräften aber versuchte ich jeder mir anvertrauten Rolle eine ideale Seite abzugewinnen, und niemals war mir eine zu schlecht, daß ich nicht versucht hätte, die Figur zu einer menschlichen und gleichzeitig künstlerischen zu gestalten. Was in mir nach Befreiung lechzte, zeichnete ich in allen Darstellungen meiner Künstlerlaufbahn, die meine Lebensaufgabe hieß, vom Anfang bis zu Ende. Eine stolze Aufgabe, für die schon mancher Künstler eine sichere Existenz hinwarf, den Hunger vorzog, wenn er – zum Ziele zu gelangen – unpraktisch, einen falschen Weg eingeschlagen hatte.

Nach Ablauf der 30 Steinwaykonzerte waren noch 6 Musikfeste mit rund 23 Konzerten dazu gekommen, die mich allerdings bis zum 25. Juli in Amerika festhielten und mich die Sehnsucht nach der Heimat zu unterdrücken zwangen. Unter allen amerikanischen Musikfesten nahmen die großartigen, Cincinnati-Festivals, die sich unter Th. Thomas' Leitung alle zwei Jahre wiederholten, die erste Stelle ein. Ein Sängerchor von 1000 Menschen, das Orchester nur von allerersten Instrumentalisten der amerikanischen Symphonieorchester, die schöne würdige Halle, ein Elitepublikum, die ganze New Yorker und Bostoner Presse, die herrlichen Programme von Bach aufsteigend bis zu Wagner, das alles war ganz wundervoll und unvergeßlich. – Dagegen gestaltete sich ein weniger großartiges Fest in Toronto- Canada äußerst komisch, wo ein alter städtischer Kapellmeister so wenig von Mozartschen Partituren kannte, daß ich ihn nach meiner Entführungsarie, vor dem Komitee – allerdings auf Englisch – einen veritablen »Esel« nannte, den er mir nicht einmal übel nahm, sondern sich noch entschuldigte. Auch das[124]  war meinerseits nicht ladylike, ich weiß es, aber ich hatte das Gefühl, als müsse ich es aussprechen.
Hier darf ich gleich im Jahre 1888 Erlebtes mit einschalten, das bei weitem schlimmer ausfiel. Paul Kalisch (mein Mann) und ich waren eben wieder von einem erhebenden Cincinnati-Festival über ein anderes in Buffalo und einem herrlichen achttägigen Aufenthalt am Niagarafall im Juni bei tropischer Hitze nach St. Louis gereist, totmüde abends um zehn dort angekommen, und da am andern Morgen bereits die Proben zum Feste begannen, suchten wir schleunigst zur Ruhe zu gelangen.
Introduktion: Kaum aber lagen wir in den glühenden Betten, so klopften fünf Finger eines Schwarzen an unsere Türen. Ich sage fünf Finger, weil die dienstbaren Schwarzen sich's angelegen sein lassen, die flache Hand an die Tür zu stemmen, um dann der Reihenfolge nach die fünf Finger in trommelnde Bewegung zu setzen. Auf meine Frage wurde mir der Bescheid, daß das Komitee mich unten zum Feste erwarte. Ich bitte, mich zu entschuldigen, da ich, totmüde, bereits zur Ruhe gegangen sei. Nach 20 Minuten abermaliges Trommeln; ich schweige. Der Fingertrommler aber läßt nicht nach und zwingt mich endlich doch aufzustehen. Nun waren's die Damen, die mir Blumen und Geschenke zu überreichen wünschten. Neuerliche Entschuldigung meinerseits und dringende Bitte um Ruhe. Endlich schlafe ich ein. Da wecken mich paukenartige Schläge und zehn trommelnde Finger aus dem Schlaf; ich zittere am ganzen Körper, und diesmal sind's die Blumen und Geschenke ohne Damen, die ich mit einem furchtbaren – inneren – Fluche zu nehmen gezwungen bin, da mich der Schwarze von der Abnahme derselben zu entbinden nicht geneigt ist.
I. Konzert. Exposition: unbedeutend durch schlechten Kapellmeister.
II. Konzert. Entgleisung. Siegfriedduett, ich mit Mar Alvary. Der Kapellmeister glaubt keine Probe nötig zu haben, er kennt alles auswendig. Am Abend gelingt es uns Sängern, mehrere Klippen zu umschiffen, bis wir endlich vor Schiffbruch nicht mehr zu retten sind. Der Kapellmeister dirigiert die große Fuge am Schlusse des Duetts anstatt alla breve im 4/4 Takt, also gerade noch'mal so langsam, als es vorgeschrieben. Unser New Yorker Orchester geht[125]  mit uns Sängern, die anderen folgen dem Taktstock; es ist zuletzt nicht mehr möglich, in dem Kuddelmuddel durchzufinden oder weiter zu singen. Endlich gebe ich es vollends auf und setze mich resigniert auf meinen Platz. Alvary laviert mit Todesverachtung, obwohl ohne jede Hoffnung auf Erfolg, und bittet mich, sobald auch er schweigen muß, weiter zu singen. Ich schüttle in ohnmächtiger Wut mit dem Kopfe. Endlich hatte sich ein Orchestermitglied Wagners erbarmt, fing an zu dirigieren, das Orchester fand sich zusammen, und nun konnten auch wir mit einstimmen, das Duett zu Ende zu führen. Großer Jubel im Publikum, furchtbare Empörung oben. Indessen schien das Publikum von der Störung gar nichts gemerkt zu haben oder nahm gar keine Notiz davon, weil es glaubte, daß es so klingen müsse. Ich dachte die Schande nicht zu überleben.
III. Konzert. Ländlich sittlich. Andern Mittags in der Sonntagsmatinée singt Paul Kalisch Eleazars große Arie aus der Jüdin. Vor ihm in erster Reihe sitzt eine junge Negerin mit einem Wickelkind im Arm. Das Kind mochte sich während des Rezitativs erschrocken haben, fing an zu schreien und schrie während des ganzen prachtvollen Vorspiels zur Arie: »Recha, als Gott Dich einst zur Tochter mir gegeben.« Mein Mann verzweifelt, deutet der Frau bei den Worten »und zitternd diese Hand dem Kinde Nahrung bot« an, sie möge dem Kinde zu trinken geben. Sie versteht aber erst, nachdem es ihr jemand von hinten auf Englisch zuflüstert; dann knöpft sie ihr Kleid ruhig auf, legt ihr kleines schwarzes Wesen an die Brust, das nun gleichzeitig mit der Milch der frommen Denkungsart und dem verzweifelten Eleazar Ruhe findet.
IV. Konzert. Die Katastrophe. Zwar saß ich angezogen im Künstlerzimmer, aber ich weigerte mich energisch, unter diesem Leiter weiter zu singen, und Frau Emma Juch sang für mich sowohl das Fidelioquartett als die Venusszene alten Ursprungs. Ich wollte sofort abreisen, aber erst nach Schluß des Konzerts erhielt ich mein Honorar und konnte fort. Es war das letztemal, daß man mich mit einem mir unbekannten Kapellmeister zu singen bereit fand.
Nach dieser Abschwenkung muß ich zurück nach Indianapolis, einer Stadt, die ich ihrer Ruhe willen liebte, wo man mich mit Blumen überschüttete und wir in einem »old fashion Hôtel«[126]  Amerikas alte goldene Zeiten ein wenig kennen lernten. – Nun aber winkte uns die wohlverdiente Ruhe am Niagarafall in Kaltenbachs kleinem deutschen Hotel, das ein reizendes »Zuhause« war. Fünf Wochen lang umlagerten wir die Stromschnellen des oberen Flusses, die mir noch gewaltiger schienen als der Fall selbst; durchliefen die wasserdurchronnenen Cedar Islands, die die beiden Fälle miteinander verbinden, wo uns Kolibris gleich wilden Schmetterlingen den Kopf umschwirrten. Oder wir standen auf kanadischer Seite über dem Whirl-Pools und sahen dem Fallen des Wassers zu, oder fuhren mit dem »Spreemädchen«, d.h. dem kleinen Dampfer »Maid of mist« (ich nannte es Mistmädchen) in die fallenden, tosenden Wassermassen, deren ungeheurer Luftdruck das Schiffchen, lange ehe sie es berührten, in den Strudel zurückwarf. An beiden Seiten der hohen Ufer gingen wir stundenweit dem himmelblauen Bande des Flusses entlang, dem Eriesee zu, oder saßen auf unserem Balkon unter uralten Ulmen, an denen Oriols (Bülows) ihre hängenden Nester webten und ihre Flötenstimmen erschallen ließen beim fernen Donner der tosenden Fälle. Auch bei Kaltenbachs klingelte es heimatlich, denn neben uns wohnte Dr. Salomon, der einstige Gouverneur von Minnesota, ein schöner, älterer Mann, der mich lebhaft an meinen Vater mahnte, dessen Gattin eine Bewunderin und Bekannte von Theodor Wachtel war, und so oft sie mich sah, mit mir von ihm zu sprechen wünschte. Beide lieben Menschen beschlossen in Frankfurt ihr Leben, wo ich sie noch oft zu sehen die Freude hatte. – Die Höhe der Niagarafälle enttäuscht wohl im ersten Augenblick; die 15 Millionen Kubikmeter Wasser aber, die jede Minute über die Felsplatten abstürzen, kommen einem, gleich den oberen Stromschnellen, erst zum vollen Bewußtsein, wenn man entfernt ihre Großartigkeit und Schönheit im Erinnern zu genießen versteht.
Der Aufenthalt in Milwaukee, einer fast durchwegs deutschen Stadt am Michigan, war nur eine angenehme Fortsetzung unseres Landlebens am Niagara, wo unsere liebenswürdigen Wirte Catenhusens mir die Arbeit zu einem wahrhaftigen Feste durch ihre entzückende Häuslichkeit gestalteten. Die vier Festkonzerte hatte Catenhusen, als vorzüglicher Praktiker, mit weiser Umsicht zu größtem Erfolge geführt und die Solisten gebeten, im letzten Konzert die[127]  amerikanische Nationalhymne, das »starspangled banner« am Schlusse mitzusingen, das wir alle nicht kannten, ich nie gehört hatte; wir sollten wenigstens »dabei« sein, meinte er, auch wenn wir nicht sängen. Man hatte uns Stimmen gereicht und wir sangen tapfer mit. Auf einmal starrt mir das Wort Solo entgegen, der Chor schweigt, und noch ehe ich mich vom ersten Schreck zu erholen und einzusetzen vermag, höre ich Marianne Brandt todesmutig neben mir die zweite Stimme dieses Solos brummen, was mir die Situation so komisch gestaltete, daß ich, des Lachreizes nicht Herr, Marianne Brandt ansteckte, und auch diese nicht mehr ernst bleiben konnte, so daß wir beide das Soloduett zu Ende kicherten. Alles das dauerte nur wenige Sekunden. Der Chor rettete schließlich durch seinen Einsatz uns und das »starspangled banner« vor weiteren Unfällen, und so schloß dies schöne Fest mit dem Siegesjubel des patriotisch elektrisierten Publikums, dem sich ein Festessen anschloß. Die deutschen Künstler aber feierten am andern Morgen von 11 bis 5 Uhr nachmittags bei unseren lieben Wirten das Fest der Zusammengehörigkeit mit deutscher Herzlichkeit, mit deutschen Toasten auf das schöne Amerika und die liebe schöne deutsche Heimat, wohin es uns nun mächtig zog nach all den Erlebnissen, wohin auch Catenhusens sich seit langem sehnten und wohin sie ein gütiges Geschick – wenn auch sehr viel später – doch noch leitete.

Amen.
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 Wenn man auf den dicken Zimmerteppichen die Füße wetzt, knipfen elektrische Funken aus Nase, Händen und Armen sobald man an eine Blume riecht, ein Bad bereitet, Türklinken berührt, jemand beim Anziehen hilft oder umarmt. Selbst das Gas kann man auf solche Art mit dem bloßen Finger anzünden und unzählige Male erschrickt man täglich über die unerwarteten elektrischen Schläge.




 Amerika
1886–1887











Die Anker waren gelichtet, hinaus ging's auf der »Eider« aus dem herrlichen Hafen über den weiten Ozean in die geliebte Heimat. Während der ganzen neun Monate meines Aufenthalts in Amerika hatte mich die schaukelnde Schiffsbewegung kaum einen Tag ganz verlassen, was mir nun zugute kam, mich die neue Reise gar nicht empfinden ließ. Merkwürdig ist's überdies, daß sämtliche Rückfahrten von Amerika nach Europa leichter und besser zu überstehen sind als die Hinfahrten. Das Wetter war göttlich, der Ozean spiegelglatt, und sorglose Heiterkeit ließ uns die Reise nur zu schnell vorübergehen. Gesund, freudig von den Unsern begrüßt, kamen wir in Bremen und bald auch in Berlin an. Auf dieser kleinen Eisenbahnstrecke fiel uns der Kontrast zwischen dem amerikanischen und deutschen Verkehrsbetrieb recht unliebsam durch die Umstandskrämerei auf, die sich vom Hafen bis Berlin abspielte, gegen die die ganze Ozeanfahrt nicht in Betracht kam. – Woher kommt nun das eigentümliche Freiheitsgefühl, das einen jeden da drüben sofort anweht? Ich war doch auch in Berlin keine Gefangene? In der natürlichen Lebensweise des amerikanischen Volkes lag etwas Gesittetes; selbst der Ärmste fühlte sich als Gentleman, wollte als solcher behandelt sein und legte dadurch Wert darauf auch andere so zu behandeln. Man schrie und tobte nicht, wenn auch hier und da die merkwürdigsten Reklameaufzüge die Straßen passierten. Kein Polizist brauchte dabei einzuschreiten, man machte von selbst Spalier, ohne dazu gezwungen zu sein. Man erzog sich selbst. Der Zwang ist's ja auch, der die Gemüter erregt, den Trotz herausfordert. Jedes weibliche Wesen war jedem Manne ehrwürdig, sie waren im besten Sinne Ladies und benahmen sich auch so. Kein noch so eleganter Mann blieb in der Car sitzen, wenn eine Frau stand; sie mochte noch so arm sein, stets wurde sie behandelt, wie es der Anstand von Rechts wegen erfordert. Kein[131]  Herr rauchte, keiner behielt den Hut auf dem Kopfe, selbst nicht im zugigen Lift, wenn eine Dame zugegen war. – So konnte auch jede elegante Dame einen Arbeiter, ja einen Bettler, um die Gefälligkeit bitten, sie bei Sturm oder Glatteis – was dort gar oft und plötzlich eintritt – ans Haus oder an einen Wagen zu bringen. Ich selbst war öfter in solcher Verlegenheit darauf angewiesen, und stets begegnete man mir mit Ehrfurcht und Freundlichkeit. So fand ich's auch wundervoll, daß schon kleine Knaben sich um Beschützer des weiblichen Geschlechtes aufwerfen, als sei es ihnen angeboren. Sich als Gentleman zu benehmen, ist ihr Adelsbrief. Davon weiß man in Europa nicht viel, denn Knaben und Männer, ob jung ob alt, aus jedem Stande sind eifrig bemüht, sich Damen gegenüber so flegelhaft als möglich zu benehmen, und leider muß man zugeben, daß viele Frauen nicht schuldlos daran sind. Schon die kleinsten Kinder erziehen sich in Amerika zur Selbständigkeit; sie lernen Gefahren kennen und nicht fürchten, weil sie vom frühesten Alter an, sich selbst überlassen, zusehen müssen, wie sie mit dem praktischen Leben fertig werden. Oft genug fuhr ich durch ganze Stadtteile, wo sich kleine Kinder von 5–7 Jahren vorne auf das Rettungsnetz der Lokomotive setzten, um ein Stück weit mitzufahren; sah auch 2–3jährige Kinder in den großen Städten allein die Trottoire entlang laufen, auf denen offene Keller- und Kohlenlöcher eine immerwährende Lebensgefahr für Alt und Jung bilden, der später auch die arme alte Rosa Fischer zum Opfer fiel. Jeder Erwachsene ist der natürliche Beschützer anderer schwächerer Geschöpfe, ob Mensch, ob Tier. Die Eltern können also unbesorgt sein um ihre Kinder, soweit die Möglichkeit des Schutzes überhaupt in Betracht kommt, und wie wohltuend dem weitdenkenden, wohlwollenden Menschen dieses Bewußtsein ist, brauche ich dem freundlichen Leser nicht erst mitzuteilen. – Vielleicht ist's auch die Arbeit, welche die Menschen erzog in einem Staate, den Tätigkeit und nicht Kastengeist gründete und noch verwaltet; dort, wo der Straßenkehrer, der Stiefelputzer im elendesten Anzuge sich ein Gentleman zu nennen und als solcher zu betragen das Recht hat. Wolle er sich das wahren! Warum schämt man sich bei uns der Arbeit, warum gibt unser Vaterland so gar keine Chance, einen begangenen Fehler auszuwetzen, und einem Offizier[132]  am allerwenigsten? Müssen sie sich das Leben nehmen, anstatt die Schuld wieder gut zu machen? Die ungeheure Einwanderung schlechter, ausgestoßener Elemente anderer Nationalitäten wird nicht säumen, manchen Stein aus der Krone amerikanischer Gesittung zu brechen, und vielleicht sieht es heute drüben nicht mehr ganz so ideal aus, wie ich es damals kennen und lieben lernte. Immer aber, so hoffe ich, wird es in seiner menschlichen Entwicklung gesünder bleiben als das alte Europa.

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Jedes zehnte Haus ist eine Kirche oder ein Kirchlein, und Hunderte von Sekten glauben verschieden. Niemand wehrt ihnen, und nie habe ich gehört, daß sie streiten müßten um ihr gutes Menschenrecht, zu glauben, was ihnen zu glauben nottut. Der Amerikaner ist frei in diesen und vielen anderen Dingen, denen ich hier leider nicht näher treten kann, weil es zu weit führen würde. Die oberen Zehntausend mögen es überall, auch in Europa, sein, viele Hunderttausende aber schleppen mit Rücksicht auf Verhältnisse, Fortkommen, Kinder und Verwandte die lebenslängliche Lüge mit sich herum, die ihnen gleich Fesseln anhaftet. Sie können, dürfen sich niemals von ihr befreien und binden schon in der Wiege ihre Kinder an die Sklavenkette, die sie zu unfreien Menschen macht, wie es die Väter waren.

Meine erste Sorge war, Hülsen zu sehen, mich mit ihm auszusprechen und meine Schuld zu tilgen. Mit aufrichtiger Teilnahme sah ich, wie leidend er war, wie er sich verändert hatte. Daß er sich herzlich freute, mich wiederzusehen, weiß ich bestimmt, aber auch, daß er wenig Interesse mehr hatte für seine Tätigkeit, die ihm schon seit längerer Zeit durch andere erleichtert oder ganz abgenommen worden war. Ich mußte ihm viel erzählen, und es schien, als habe sich in unserem Verkehr nichts geändert. Zum Schluß sagte ich ihm, daß ich meine Konventionalstrafe von 13500 Mark nur unter der Bedingung vollständiger Freiheit zu hinterlegen gedächte. Hülsen antwortete mir wörtlich: »Sie können sie ruhig bezahlen, liebe Lilli, Sie werden vollständig frei. Und was die da in dem Kartellverband ausgemacht haben, berührt uns nicht und hat[133]  gar nichts auf sich. Aber für den Fall, daß Sie nicht frei würden, gäbe ich Ihnen das Geld wieder zurück.« »Na, na,« sagte ich, »das glaube ich nicht, denn was die königliche Kasse geschluckt hat, gibt sie nicht wieder; das kennt man schon!« Hülsen lachte noch herzlich und wiederholte, daß ich nach Zahlung der Konventionalstrafe vollständig und bestimmt frei sei. So ging ich denn im guten Glauben daran – ich hatte keine Ursache, Hülsens Worte zu bezweifeln – und erlegte an der Kasse im königlichen Schauspielhause die große Summe, das Gehalt eines ganzen Jahres, wofür ich z.B. im letzten einundachtzig mal gesungen hatte.
Um weiteren Schädigungen der Bühnen durch Kontraktbrüche vorzubeugen, waren Intendanten und Direktoren im Frühjahr zusammengekommen, ein Kartell zu bilden, um Kontraktbrüchige zu boykottieren. Hülsen war als Vorsitzender dabei beteiligt und hatte mich trotzdem meiner vollständigen Freiheit versichert, ich weiß auch bestimmt, daß er diese Versicherung gehalten hätte, wenn er am Leben geblieben wäre. Aber er starb nicht lange darauf, und die Unterlassungssünde, daß Hülsen es mir nicht schriftlich gab – ich sein Wort nicht schriftlich verlangte – machte sich leider bald bemerkbar. Als ich zum Besuch meiner Schwester nach Wien fuhr und Jahn mich sah, lud er, der ebenfalls in den Kartellverband getreten war, mich sofort zu einem Gastspiel ein, das ich, obwohl es mir nicht um singen zu tun war, auf sein vieles Bitten schließlich annahm. Aber schon nach wenigen Tagen sagte er mir, daß er auf Erkundigungen hin mich nicht singen lassen dürfe, es aber durchzusetzen hoffe, widrigenfalls er aus dem Verbande zu treten gedächte. Das ging natürlich nicht, das Gastspiel mußte unterbleiben. Sobald ich in Berlin zurück war, eilte ich zum Rechtsanwalt, trug ihm die Sache vor, weil ich zu klagen wünschte, und was glaubt man, das er mir antwortete? »Daß die Klage von niemand angenommen und ich den Prozeß – von dem er abriete – nicht gewinnen würde; auch selbst dann nicht, wenn ich Hülsens Worte von der versprochenen Freiheit beschwören könnte. Es sei mit Bestimmtheit anzunehmen, daß man mich von Galgen schneiden würde, sobald man meiner bedürfe, und bis dahin müsse[134]  ich mich gedulden; die Zeit des Grolls würde vorübergehen und alles sich schließlich in Wohlgefallen auflösen«. Ich verstand sehr gut, daß man ein gerade meinetwegen ins Leben gerufenes Kartellgesetz nicht meinetwegen sofort wieder umstoßen würde, obwohl ich fest auf Hülsens Freiheitszusicherung gebaut hatte. So mußte ich es dabei bewenden lassen und einer stärkeren Macht entgegenharren, der das erlösende Wort zu sprechen gelang, was keiner Justiz im Deutschen Reiche nach Ausspruch des Rechtsanwalts gelingen sollte.



Schwere Stürme beunruhigten unsere zweite Reise nach New York, wohin uns die »Eider« wieder trug, und auf der sich diesmal auch Albert Niemann befand, den man auf meinen Rat hin gekapert hatte, und der für ein so empfängliches Publikum, wie das New Yorks, gerade gut genug war. Als Siegmund trat er auf und wurde gefeiert wie wohl kaum je in Deutschland. Als er Wagners tiefstes Werk, den Tristan, gleich einem Propheten, Amerika verkündete, Marianne Brandt und ich teilnehmen durften an der Verkündigung, da blähte sich mein Herz vor Stolz. Und nichts gab es auf der ganzen Welt für mich, was größere Empfindungen in mir hätte auslösen können, wie diese Tristanvorstellungen mit Niemann in New York, wo das Publikum wie trunken, entrückt, ohne sich des Endes bewußt zu werden, trotz allem Enthusiasmus und Beifalls noch minutenlang stumm und regungslos auf seinen Plätzen blieb. – Seidl fühlte mit uns, trug sein Orchester auf Flügeln der Anbetung für seinen Meister und ließ jedes Instrument aussprechen, was er an Lehren und Kenntnissen vom Schöpfer ererbt hatte. Emil Fischer, Adolf Robinson – Marke und Kurvenal, Alvary – Steuermann, waren die Unsern, vereint, in liebendem Verständnis und glühender Verehrung der Majestät des Meisters zu huldigen. Mir wurde jeder Tristanabend mit Niemann zum neuen Erlebnis.
Obwohl mir der Fidelio gleich allen dramatischen Rollen allein zustand, überließ ich den ersten Fidelioabend doch Marianne Brandt, meiner langjährigen Kollegin, und nahm erst die zweite Fideliovorstellung für mich in Anspruch. Als Brandt, Niemann und ich[135]  im Prophet wieder nebeneinander standen (als Fides, Johann und Berta), war uns, als seien wir in Berlin und ich keine Stunde von dem Schauplatz meiner langjährigen Tätigkeit getrennt gewesen. –

Der 20. April traf mich schon wieder in Kopenhagen zu drei Konzerten, denen König Christian und Königin Luise beiwohnten, die mich für den 2. Mai zu einem Hofkonzert einluden. Ein Hofkonzert en famille, sozusagen, da außer dem liebenswürdigen Kronprinzenpaar (die Kronprinzessin war eine Tochter des unvergessenen König Karls XV. von Schweden, der meine Sympathie mit meinen Erinnerungen gleich entgegenflog), Prinz Karl mit Gemahlin, des Königs Enkel Prinz Georg von Griechenland (mir alle vom König vorgestellt), als einzige Fremde außer mir nur noch ein auf der Hochzeitsreise befindliches japanisches Prinzenpaar anwesend war. Die himmelblauen Augen der Königin mahnten mich sofort an die Lobhymne, mit der ein mir bekannter Diplomat die wundervollen Augen ihrer Tochter, der Kaiserin Maria (Dagmar) von Rußland, besang. Sie war ausnehmend liebenswürdig und gab sich so natürlich, wie ich es nie vorher an einer Königin wahrgenommen hatte. Der König überreichte mir im Laufe des Abends die Medaille für Kunst und Wissenschaft, am Danebrogbande zu tragen, und rief die Königin herzu, mir sie gleich anzustecken, was sie auch sofort in Angriff nahm. Der König schien seinen Verlust Schleswig-Holsteins nicht vergessen zu haben, er war sehr ernst in diesem Punkt. Aber er erzählte mir viel Interessantes aus dem Leben seiner Tochter Dagmar, die heldenhaft tapfer an der Seite des Zaren sein Leben zu beschützen wußte. Überall ging sie zuerst hin, trank aus jedem Glase und aß von jeder Schüssel zuerst, die man dem Kaiser anbot. Sie lebte in unaufhörlicher Angst um ihres Gatten, des Kaisers Leben, ein verzweifeltes Dasein, dem ihre Liebe und Tapferkeit wunderbarerweise so lange standhielt. Auch noch um eine andere Tochter hatte Frau Sorge ihnen Schweres auferlegt, die aber von ihrer Krankheit bald wiederhergestellt war. Die Königin, die sich ihren – wie sie mir sagte – »sehr intelligenten« Gästen nach Tische eine Weile gewidmet hatte, trat auf[136]  den König zu, den sie bat, sie ihres Amtes ein wenig zu entheben, da sie sich nun auch einmal mit Frl. Lehmann unterhalten wolle. Sie suchte nach Gefallen alle Lieder aus, die ich ihr auch wiederholen mußte, und spät schied ich, vom Kronprinzen geleitet, aus dem entzückenden Kreise mit dem Versprechen, bald wiederzukehren.


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Wie denn alles an die Reihe kam, so konnte endlich Colonel Mapleson seinen lang gehegten Wunsch, mich in dramatischen Rollen zu hören, in Erfüllung gehen sehen. Sobald er mich in Europa wußte, lud er mich Ende Juni nach London zum Gastspiel ein, dem ich auf die Versprechung einer großartigen Stagione hin auch Folge leistete. Ehe ich als Fidelio auftrat, war Mad. Patti als Traviata angezeigt, der Alfredo aber hatte abgesagt. Mapleson wandte sich an mich, ob Berlin nicht einen Alfredo aufwiese, und ich konnte ihm mit gutem Gewissen Paul Kalisch empfehlen, um so mehr, als ich wußte, daß er die Rolle während seiner italienischen Karriere mit Mad. Patti bereits gesungen hatte. Paul Kalisch kam; wer aber nicht einmal zur Probe erschien, war Frau Patti; es mußte also auch ohne Probe gehen.
Am Abend des ersten Fidelio stellte es sich heraus, daß mein italienischer Florestan ganz unmöglich war, und da Paul Kalisch firm italienisch sprach, bat man ihn, den Florestan schnell zu übernehmen, eine schwere, aber herrliche Aufgabe, deren er sich mit großem Geschick und Fleiß entledigte. Und hier, nach der dritten Fidelio-Vorstellung war's, wo wir uns verlobten; wir hätten keine würdigere Gelegenheit zu finden vermocht.
Noch sollten Norma, Donna Anna und andere Rollen folgen, aber schon während der Proben begann das alte pekuniäre Leiden Maplesons, und täglich verließen Mitglieder die Gesellschaft, für die andere eingestellt und ausprobiert werden mußten. Obwohl mich Mapleson dringend bat auszuharren, riß mir doch endlich die Geduld; ich machte kurzen Prozeß und ging meiner Wege. Leid tat mir nur der alte Meister Arditi, der sich so herzlich gefreut hatte, die Norma noch einmal mit mir zu dirigieren.
Mapleson mußte wohl für seine »großartige Stagione« mit dem Jubiläum der Königin Victoria gerechnet haben. So großartig[137]  sich aber auch der Festzug und die sich drängenden Hoffestlichkeiten gestalteten, fürs Theater, welches der Hof nicht besucht, zeigte demzufolge auch das schaulustige Publikum so gut wie gar kein Interesse, und so ließ Colonel Maplesons große Hoffnung ihn gerade hier am meisten im Stich.
Der Boykott drängte mich nun mit aller Macht aufs italienische Gebiet, insofern, als ich nicht nur in London sang, sondern auch an der Nationaloper in Budapest, wo deutsch nicht nur verpönt, sondern überhaupt unmöglich war und noch ist, unter Intendant Graf Keglevich und Kapellmeister Erkel September-Oktober acht Gastspiele absolvierte. Außer Fidelio, der hier wie in London mit Rezitativen gemacht wurde, gaben wir auch Norma, Lucretia Borgia und Merlin, zu dem Goldmark selbst erschienen war. Auf der Probe machte ich den lieben Freund darauf aufmerksam, daß ich einige unbedeutende Tonänderungen mir zu machen erlaubt hätte, und bat ihn, nachdem ihm dies sehr unangenehm zu sein schien, es sich erst anzuhören. Nach der Probe kam er aber, mir zu sagen: »Sie dürfen ferner alle beliebigen Änderungen treffen in meinen Opern; wer es so ausgezeichnet versteht, dem darf man freie Hand lassen.« Wie glücklich machte es mich für ihn, daß wir auch hier einen so großen Erfolg seiner Oper verzeichnen durften.



 Amerika
1887–1889











Die New Yorker Saison 87 begann am 2. November, und vor mir lag ein anstrengender Winter mit Euryanthe und dem ganzen »Ring«, wovon Siegfried und Götterdämmerung neu für mich waren. Niemann war wieder zum Tristan mitgekommen, kreierte den Siegfried in der Götterdämmerung und starb, wie wir Siegfried noch nie hatten sterben sehen. Alvary, der mehrere Jahre sich drüben recht elend fühlte, sang zum erstenmal eine Wagnerrolle und hatte als junger Siegfried einen großen, ehrlichen Erfolg, der ihn schnell in die ersten Reihen der Künstler emporhob. Es war tragisch, daß er wenige Jahre später in Mannheim während des Drachenkampfs unglücklich stürzte und dieser Sturz den Keim zu seinem schweren Leiden und frühen Tode legte.
Gelang es mir beim Komitee, trotz der großen Honorare auch kleine Rollen mit ersten Kräften zu besetzen und dadurch Mustervorstellugen zu erzielen, eines gelang mir nie: eine große Fichte für den Walkürentann durchzusetzen. Brünnhilde mußte sich ein paar kleine Buchenstämme genügen lassen, und so oft ich auch die »Fichte« wieder in Angriff nahm, immer wieder wurde sie mir außerordentlich liebevoll aber gepanzert abgeschlagen, weil die Dekorationen einer ganzen Oper nebst Transport in Deutschland billiger kamen, als ein einziger Baum in New York zu malen gekostet hätte. Wie sehr erstaunte ich, als man zur Norma – meinem Benefize – eine mächtige Eiche malen ließ, ohne die wir uns sehr gut hätten behelfen können. Der Normabaum aber stand in des Malers Kontrakt, die Fichte nicht. Leider erfuhr ich das zu spät, sonst hätte ich die Eiche zu einer Fichte leicht umzaubern können und mir dafür als Norma zum Mistelbrechen von Wotan die Weltesche geborgt.
Paul Kalisch hatte in Berlin nicht mehr kontrahiert und war auf meine Vorstellungen hin am Ende der Saison herübergekommen.[141]
Hier fehlte es nicht an künstlerischer Arbeit; und noch ehe er New York erreichte, waren schon Konzertengagements für ihn genug in meinen Händen. Zu unsrer Verbindung war alles vorbereitet. Am Tage seiner Ankunft, am 24. Februar 1888, gingen wir gleich zu meinem lieben Freunde, dem immer lustigen General-Konsul Feigl, bei dem wir so viele heitere Stunden, allein, oder in interessanter Gesellschaft z.B. mit Baron und Baronin Heyking (Verfasserin der »Briefe, die ihn nicht erreichten«), verbrachten. – Die standesamtliche Zeremonie war schnell beendet, und nicht viel mehr Zeit nahm die kirchliche Trauung in Anspruch, die Pastor Krüsi in der kleinen protestantischen Kirche vornahm, wobei nur meine Nichte Hedwig, des Pastors Gattin und Töchter als Zeugen anwesend waren. Man hatte die Kirche mit Blumen geschmückt, und Krüsis Damen weihten die kleine ernste Feier durch einen Choral, der uns tief bewegte. Mehrere Tage später erst erfuhr New York das Ereignis, als wir längst wieder an der Arbeit für die nächsten Konzerte saßen. Es sollte kein Leben des Nichtstuns oder Vergnügens allein sein, das ich meinem Manne, der nun mein Lebensgefährte geworden, zu bereiten gedachte, sondern starkes Zusammenschaffen an uns selbst, an unserer Kunst sollte unser Zusammenleben zu einem einzigen großen Ziele führen, zum Glück der Befriedigung, das Höchste in unserer Kunst erstrebt und errungen zu haben, zu dem uns unsere Naturen befähigten.
Seidl gab gleich drei Konzerte, von denen zwei Mozart und eines Wagner gewidmet waren. Hier sangen wir beide die große Pariser Venus-Szene zum erstenmal. Schwer nur läßt sich das Interesse beschreiben, das mir diese großartige Szene vom ersten Augenblick an einflößte. Im Original nur zürnende oder vorübergehend verführerische Liebesgöttin, ist Venus in der Pariser Fassung ganz zur vergeistigten Weiblichkeit geworden; Worte und Musik sind auf das edelste Ebenmaß zurückgestimmt von dem teuflisch wirkenden orchestralen Bachanal, das der Szene vorangeht. Dachte ich mir das Umstudieren der alten Worte in neue Rhythmen unendlich schwer, so irrte ich mich; es flog mir an, als hätte ich die Szene nie anders gesungen, als sei sie die Urkomposition. Wie oft sang ich sie in Konzerten und in der Oper selbst; immer aber schien sie mir mehr für den Konzertsaal geeignet und die[142]  erste kurze Fassung tauglicher für die Oper als die zweite, soviel schönere. Vielleicht nur darum, weil sie zu edel, Elisabeths Charakter nicht mehr genügend entgegenwirkt. So sehr hatte ich sie meinem Gefühl zu eigen gemacht vom ersten Augenblicke an, daß ich mir einreden konnte, Wagner habe sie nur für mich geschrieben.

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Meines Mannes Debut am ersten Mozartabend fand lebhaften Anklang, es wurde im Laufe des Abends für uns beide zur enthusiastischen Ovation. Einige Tage später versammelten sich die elegantesten Frauen der stockholder unseres Metropolitan-Operahouses, um mir ein herrliches Schmuckstück zu überreichen, das, extra für mich gezeichnet, aus einem Füllhorn und Ring aus Brillanten, von einer Brillantkrone überstrahlt, bestand und eines der geschmackvollsten Meisterwerke amerikanischer Juwelierkunst darstellt. Mehrere Jahre später erhielt ich ein zweites Angebinde: Hufeisen und Herz in Brillanten, zu dem nicht nur sehr reiche, sondern auch sehr arme Frauen beitrugen, z.B. eine arme Stickerin, die ihren Dollar mit den Worten brachte: »sie habe sich lange besonnen, ob sie dazu beitragen, oder mich lieber noch einmal dafür hören solle; das ›Andenken‹ habe gesiegt.«
Diesen drei ersten folgten andere 32 Konzerte, die aber durch ein schreckliches Elementar-Ereignis eine Weile Aufschub erlitten. Nach dem letzten Konzert in Boston sollten wir mit dem dortigen Symphonie-Orchester zwei Tage später in Philadelphia zusammentreffen. Während das Orchester erst am Abend mit Extrazug reiste, fuhren wir, um in New York zu ruhen, schon mittags fort. Vor New York fing's an zu schneien, und am Bahnhof hatten wir Mühe, einen Wagen zu finden, der uns ans Hotel brachte. Am andern Morgen war an Abreise nicht zu denken; der Schnee lag 1/2 Meter hoch, die Straßen-car verkehrte nicht mehr; vom Fenster aus sah man überall steckengebliebene Wagen ohne Pferde, und immer noch schneite es unbarmherzig weiter. Meine liebe Nichte Hedwig war bei Rosa Fischer, wir hörten nichts von ihr, nichts von dem Orchester, alle Zeitungen blieben aus, und weiter schneite es acht Tage lange. Es war entsetzlich. Carl Schurz sah von seinem Fenster einen Menschen im Schnee versinken, ohne ihm Hilfe leisten zu können. Und wie viele mögen dabei ihr Leben[143]  gelassen haben. Als es endlich aufhörte, lag der Schnee acht Meter hoch; man fing an, die Straßen mit Gasröhren zu durchziehen und mit unzähligen Flammen den Schnee aufzutauen. An einer besonders verwehten Straße, die der Schnee vollständig zugelegt hatte, war von Arbeitern ein Plakat befestigt: »Hier war die 23. Straße!«
Vom Orchester bekamen wir endlich Nachricht, daß die Musiker im Extrazug zwischen Boston und New York stecken geblieben und 90 Stunden hilflos darin verbracht hatten. Dieser Blizzard war der einzige, den ich in dieser furchtbaren Gewalt kennen lernte. Aber im Innern des Landes kommt er sehr oft vor, wo er besonders Schulkindern, die weite Wege machen müssen, außerordentlich gefährlich werden kann. In den scharfen Schneeverwehungen wird das Gehen schließlich zur Unmöglichkeit; todmüde fallen die Menschen hin, um, wie man sagt, einen herrlichen Tod zu sterben. In den Nebenstraßen New Yorks staken noch lange Zeit die Wagen unbeweglich im Schnee, bis man schließlich mehrere Elefanten von Barnum lieh, welche die Verkehrshindernisse mit Leichtigkeit entfernten; Amerika ist praktisch.
In Troy sahen wir den armen, halbgelähmten Röbling, den Erbauer der Brooklynbridge, der, vor der Hoteltüre liegend, jeden Sonnenstrahl auffing, seinen kranken Körper zu wärmen. Den Mann, der seine Gesundheit an die Vollendung dieses Riesenwerkes gesetzt, anzusprechen, fand ich nicht den Mut.

Da ich mich auch einmal auszuruhen gedachte, gingen wir 89 erst Anfang Januar hinüber und freuten uns kindisch, den liebenswürdigen Theodor Reichmann hier zu finden. Alvary, der zum erstenmal den Tannhäuser singen sollte, benahm sich schon auf der Probe recht merkwürdig. Der Regisseur mußte ihn darauf aufmerksam machen, daß die Rolle nicht gar so leicht zu nehmen und mit Scherzen nicht abzumachen sei. Er schien sie nicht einmal zu können. Am nächsten Mittag 2 Uhr kam der Regisseur bei uns angestürmt, Herrn Kalisch zu bitten, für den erkrankten Alvary am Abend den Tannhäuser zu singen. Mein Mann, der kein sogenannter »Einspringer«, wehrte sich mit aller Macht gegen die Zumutung, willigte aber, als des Zuredens und Bittens kein Ende[144]  war, schließlich doch ein, die Vorstellung zu retten, für den »erkrankten« Alvary einzuspringen, der – entgegen allen Theatergesetzen und seiner Angabe – sich am Abend unter den Zuschauern befand.


Tenor Perotti, der einstige Anfänger aus Prag, für italienische Musik engagiert, und Alvary, der nach dem Siegfriederfolg seine Forderungen kolossal hinaufschraubte, sollten nicht wieder engagiert werden. Und ohne daß wir ein Wort darüber verloren oder einen Schritt dafür getan hätten, trat Stanton plötzlich mit einem ausgezeichneten Antrag an Kalisch heran, den dieser erst, als Stanton ihm versicherte, daß ein Engagement Alvarys keinenfalls mehr in Frage käme, annahm. Es erschienen häßliche Artikel gegen mich in den Blättern, denen ich die Spitze sofort abbrach, indem ich erklärte, nicht mehr auftreten zu wollen, wenn die Direktion nicht öffentlich der Wahrheit gemäß den Angriffen entgegenträte. Dies geschah auch, indem man Alvarys Forderungen öffentlich als unmäßig bezeichnete und man darum von einem Wiederengagement abzusehen genötigt gewesen sei. Alvary kehrte uns den Rücken. Lange zögerte ich, die Möglichkeit eines unlautern Gedankens gegen mich als die Ursache darin zu erkennen, ich hielt Alvary für krank. Dem war aber nicht so; er hielt mich, uns beide, einer Perfidie fähig und zerstörte damit ein schönes kollegiales Verhältnis, was mir für ihn so leid tat als für mich.
Nach Schluß der Saison reisten wir acht Wochen mit dem »Ring«, in welchem ich jede Woche drei Brünnhilden hintereinander, und Sonnabends meist noch eine vierte Rolle sang. Da wir Dekorationen, Requisiten, Kostüme, Orchester Chor, Garderobièren usw. aus New York mitschleppten, wars nicht zu anstrengend, wenn auch eine starke Arbeit. Nur daß sich oft sehr komische Szenen abspielten. So hatte ich allüberall einem andern »Grane«. Hier ein Pony, dort ein Riesentier; oder es zerknabberten Ratten die Federn an den ausgepackten Walkürenhelmen; oder wie es Kalisch am Schluß der Götterdämmerung erging, wie er einmal als Siegfried auf der Bahre lag, Gutrune vor ihm, und es ihn am ganzen Körper derartig zu jucken anfing, daß er Gutrune bitten mußte, ihn zu kratzen, weil er's nicht länger ertrug. Als er aufstand, war er am ganzen Körper mit Blasen übersät von[145]  Ungeziefer, das unterwegs in die Pelzdecken gekommen war. – Aus früheren Zeiten erzählten Kollegen, wie sie einmal kurz vor Anfang der Oper »Margarethe« in einer fremden Stadt angekommen, sich sofort ins Theater begaben, aber weder Kostüme, noch Dekorationen, die noch nicht angekommen waren, vorfanden. Faust hatte zufällig sein Troubadour-Kostüm mitgebracht, Margarethe aber und die andern nichts als ihr Reisegewand, worin schließlich die Oper gesungen wurde, und nur Faust im Manrico-Kostüm paradierte, was übrigens der Illusion und dem Beifall nicht den geringsten Eintrag getan haben soll. – Mir hatten sie einmal in der Norma – auf einer Neben-Exkursion in Albany – einen kleinen, vergoldeten Topfdeckel als »Schild Irmensuls« hingehängt und in der II. Akt-Dekoration, in der ich die Kinder morden sollte, die mir im ersten Akt mit »oh, Mama!« entgegengeeilt waren, eine kleine gemütliche Stube mit Butzenscheiben aufgestellt, neben denen das Kniestück eines modern angezogenen Mannes hing (wahrscheinlich der reiche Onkel aus Amerika). Ich hatte Mühe, all die schönen Dinge mit grünem Fries und Strohdecken und allem, was wir fanden, zu verdecken, ehe ich zum Morde schritt, und war ganz abgehetzt, als der Akt begann. Wie kindisch! Die Leute hätten die Butzenscheiben gar nicht bemerkt; sie wollten die Norma hören und sehen, das war ihnen die Hauptsache, alles andere gleichgiltig, und das hätte es mir auch sein sollen. –
Meinem New Yorker Grane ein Loblied zu singen, kann ich nicht unterlassen. Sobald meine Garderobentür aufging, kam er von der andern Seite, sich ein Stück Zucker zu holen, über die ganze Bühne; er kannte mich, mein weißes Kleid. In der Götterdämmerung stand er neben mir, beleckte mir Arm und Gesicht, schmiegte sich an mich und war artig wie kein anderer. Eine ganz dünne Schnur, die um meinen Arm hing, genügte, ihn überall hinzuführen, er wäre mir auch ohne sie gefolgt. Das liebe Tier machte die erste Szene zu einer geradezu traulichen, und am liebsten hätte ich's ganz und gar mit mir genommen.

Bisher war alles glatt gegangen; selbst die furchtbare Influenza-Seuche, die so entsetzlich viel Menschen hinwegraffte, hatte mich nur am Ellenbogen gestreift, meinen Mann allerdings tüchtig[146]  »geschüttelt«, dennoch durften wir nicht klagen. Die Trauerkondukte waren endlos, man mochte nicht mehr ans Fenster gehen; und in allen Straßen hingen von gar vielen Haustüren Trauerschleifen zum Zeichen, daß hier der Tod Einlaß gefunden. – Der arme Heinrich Vogl, den man für die Winterkampagne 89–90 auserlesen hatte, unser Wagnerheld zu sein, reiste mit einem Furunkel im Genick von München ab, war in Bremen vor der Weiterreise gewarnt, auf dem Schiff geschnitten und in New York sofort ins Hospital gebracht worden, wo er viele Wochen lang mit dem Tode kämpfte, bis seine starke Natur die Oberhand gewann. Als wir ihn endlich im Hotel aufsuchen durften, sahen wir die Wunde, die der Arzt ihm eben aufs neue verband. Wie konnte man damit weiter leben? Wie der Arzt behauptete, verdankte es Vogl nur seiner besonders weiten, lockeren Kopfhaut, daß sich die so entsetzliche Wunde überhaupt wieder schloß. Noch war es nicht so weit, als er längst wieder sang – mit einer Art Tarnhelm auf dem wunden Kopf – und erst gegen Schluß der Saison fühlte er sich kräftig genug, seine vollen Stimmittel und seine Künstlerschaft ganz zu entfalten. Das Publikum ließ es ihn nicht entgelten; es zeichnete Vogl bei jeder Gelegenheit aus, um seine Sympathie zu zeigen; und wie das Publikum so auch die Kritik, die Vogl größte Anerkennung zollte. Vieles hat Vogl unvergleichlich schön und künstlerisch gegeben, und niemals habe ich die Stelle in der Götterdämmerung: »Vergäß ich alles, was du mir gabst«, rührender spielen sehen und singen hören als von ihm.

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Der amerikanischen Kritik ein ganzes Kapitel zu weihen, wäre nicht zu viel für alles das, was sie an der deutschen Oper, an den deutschen Künstlern in unegoistischer, unparteiischer Weise getan hat. Amerika hatte das Beste gehört, das je italienische Oper und italienisches Schauspiel hervorgebracht. Amerika war in künstlerischer Beziehung verwöhnter als wir. Hinüber kamen fast durchgängig nur Stars, und zu meiner Zeit reisten nur sehr wenige elegante Familien nach Europa; ja, es verschworen sich viele dagegen, den Ozean jemals zu kreuzen. Jetzt ist es anders geworden. Damals aber konnte man nur das hören, was hinüberkam, und das war immer das Beste. Daß man nach Wagner lechzte, war natürlich. Lohengrin, Holländer und Tannhäuser kannte man[147]  wohl; Mozart und Beethoven fast besser als bei uns; Wagner aber mit dem Ring, den Meistersingern, dem Tristan, darnach sehnte man sich. Nun kam die deutsche Oper in anderer Gestalt als früher, ihnen das alles zu geben, zu geben mit Künstlern, so gut, wie sie Deutschland nur zu bieten vermochte. Kein Wunder, daß man im Herzen froh war auf beiden Seiten. Unaufhörlich beteiligte sich die Kritik mit Besprechungen, von denen manche selbst uns Künstlern imponierten, am Vorbereitungswerk, das Verständnis für Wagners Texte und Musik zu schärfen, was ihr glänzend gelang, wofür jedes Wort der Anerkennung zu gering wäre. Vielleicht gelingt es mir, die Art zu zeichnen, wie sich die Kritik gegen die Künstler selbst benahm, indem ich die Worte herausgreife, die Henry Krehbiel (Tribune) Albert Niemann nach dem letzten Tristan seiner ersten Amerikafahrt zurief: »Nicht Niemann hat uns zu danken für die Aufnahme, die er bei uns gefunden, nein, wir find's, die er belehrte, die ihm, dem großen unvergleichlichen Künstler alle Erkenntnis zu danken haben mit dem, was er uns gab, das weiterleben wird in uns mit seinem Namen.« Wenn die versprochene Dankbarkeit Amerikas für alle und alles, was wir dort gaben, auch weiterleben wird, der Dank, den wir deutsche Künstler dem Lande und seinen Prachtmenschen schulden, wird und muß ihn überdauern und sollte in der Geschichte des Theaters, der Musik, der deutschen Kunst mit goldenen Lettern eingezeichnet sein.

Man hatte mir am Metropolitan-Operahouse in New York eine Vertrauensstellung eingeräumt, indem man bei besonderen Engagementsanlässen, Opernaufführungen oder -besetzungen meinen künstlerischen Rat einholte. Es mochte im Winter 1887 sein, als Mr. Stanton mit der Frage an mich herantrat: ob wir den Parsifal geben könnten? – Daß wir ihn geben konnten, unterlag keinem Zweifel; es standen uns genug große Künstler, ein wundervolles Orchester und Anton Seidl, wohl der beste Wagnerdirigent, zur Disposition. Die Frage hatte mich indessen doch sehr überrascht. Nachdem Mr. Stanton mir auseinandergesetzt, daß keinerlei Aufführungsverbot oder Gesetz für Amerika dabei in Betracht käme, auch für sonstige Wagnerwerke Tantièmen nie bezahlt würden,[148]  ging mein Rat dahin: den Parsifal nicht zu geben; ihn Bayreuth zu lassen, wohin er einzig gehöre, da er, wie kein anderes Werk Wagners, der weihevollen Stimmung des Bayreuther Rahmens bedürfe, den kein anderes Theater der Welt ihm verleihen könne; daß man sich der Profanation von Wagners Schwanensang nicht schuldig machen dürfe und dem Ideal seiner Kunst, seines Genies das Opfer bringen müsse, dem verzeihlichen Wunsche zu entsagen. Auch bat ich Mr. Stanton dringend, falls es die Einnahmen erlaubten, dem Hause Wagner die Tantièmen nicht vorzuenthalten, sondern auch hierin zu handeln, wie es Kunst und Kunstwerken gegenüber gezieme.
Der Parsifal wurde nicht gegeben! Mir wurde auch noch die weitere Genugtuung, daß Mr. Stanton nach einiger Zeit eine große Summe Tantièmen, von der ich nicht mehr genau weiß, ob sie sich auf sechzehn oder zwanzigtausend Mark oder Dollars bezifferte, persönlich Frau Cosima überbrachte, wofür Mr. Stanton mit einer bayrischen Auszeichnung später belohnt wurde.
Der Parsifal sollte uns indessen nicht ganz verloren gehen. In Brooklyn, der nur durch den Northriver getrennten und mit der großen Brooklynbridge verbundenen Vorstadt New Yorks, hatte sich eine »Anton Seidl-Society« gebildet, die mit ihren Fonds symphonische, von Kapellmeister Seidl geleitete Konzertaufführungen unterstützte.

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Von Parsifal war nicht mehr die Rede gewesen, als plötzlich im Winter von 89 auf 90 die Idee in Brooklyn auftauchte, den Parsifal fragmentarisch im Konzert aufzuführen. Die Seidl-Society hatte alle Arrangements in Händen; wir Künstler sangen unentgeltlich, da schon für das große, sehr teure Orchester, Theatermiete und Proben usw. große Summen aufzubringen nötig waren. Wir machten uns sofort ans Studium. Der unvergeßlich tiefe Eindruck, den ich 1883 in Bayreuth von dem Werke empfangen hatte, wirkte in der Erinnerung so nachhaltig, als sei es heute gewesen, und jedes Tones, jeder inneren Bewegung erinnerte ich mich so lebhaft, als hätte ich die Kundry gesungen und keine andere.
Am 31. März 1890 war die Brooklyner Academy of Music, d.h. das große Theater zum Konzertsaal umgewandelt. Der Platz kostete 20 Dollars und wurde nur an Mitglieder der Seidl-Society[149]  abgegeben. Mit weißem und hellblauem Stoff war der Zuschauerraum umkleidet, an dem sich allüberall grüne, duftige Pflanzen rankten. Außen und innen alles mit üppigen Palmen dekoriert. Auf der Bühne, wo das Orchester aufgestellt, vor dem Chor und Künstler saßen, waren alle Pulte von frischen, großen Palmenwedeln verdeckt, und Hunderte von weißen lebendigen Lilien schmückten Bühne und Zuschauerraum. Charfreitagsstimmung! Zu einem Tempel umgewandelt war der Raum. Töne und Stimmen vereinten sich zu Gralsboten, die Kunde von Leid und Erlösung in die Seelen der Zuhörer zu tragen. Daß die Aufführung der Weihe und Würde nicht entbehrte, dafür bürge ich mit meinem Herzen.



 Grunewald
1889











Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion«, so hieß das schöne Lied, das man in Berlin auf allen Straßen hörte, dessen tiefe Bedeutung mir erst klar werden sollte, als uns Regierungs-Baumeister Golf einlud, ein soeben für Friedrich Dernburg von ihm vollendetes Landhaus im Grunewald zu besichtigen. Ohne daß wir ahnten, was sich hier in aller Stille entwickelt hatte, sahen wir staunend den Grunewald, den ich früher so oft zu Fuß durchwanderte, plötzlich für Koloniezwecke nutzbar gemacht, in Bauparzellen und Straßen eingeteilt. Hier also spielte sich die Grunewalder Holzauktion ab! So schnell fanden wir Gefallen an dem noch ganz idyllischen Platz, dem hohen Waldbestand, daß es nur der Frage: ob noch Bauplätze unverkauft, und der bejahenden Antwort Solfs bedurfte, um mir zwei Parzellen zu sichern, die ich am nächsten Mittag bereits mein Eigen nannte. Und ebenso schnell, als der Kauf abgeschlossen ward, zeichnete Golf die Pläne zu unserem Landhaus, die er uns ein paar Tage später in den Zug warf, der uns nach Bremen entführte zu erneuter Ozeanfahrt. Noch war nichts abgesprochen, und schon sollten wir 1890 im Oktober einziehen – wie Golf versicherte. Davon war natürlich keine Rede, denn welcher Eigentümer wäre jemals rechtzeitig in sein Haus gezogen?
Ein furchtbarer Sturm im Kanal hielt uns bis Southampton 9 Stunden zurück, ein Sturm, der uns, wie der Kapitän meinte, draußen noch viel schlimmer zugesetzt haben würde. Die Ruhe vor Southampton tat uns wohl, man erholte sich ein wenig und hoffte, das Schlimmste überstanden zu haben. Aber kaum waren wir vor den Needles, als der Sturm mit doppelter Gewalt aufs neue losbrach und bis an die amerikanische Küste standhielt. Der englische Lotse, der an den Needles das Schiff wieder verlassen sollte, konnte nicht abgesetzt werden; er mußte mit nach New York,[153]  weinte wie ein Kind und benahm sich wie ein elender Schwächling. Diese Fahrt dauerte volle zehn Tage. Ein Bekannter meines Mannes, H.v. St., der zur Botschaft nach Washington ging, gesellte sich zu uns. (In Washington, der schönen weiten Gartenstadt mit ihrem milden Klima, hatte mich unser liebenswürdiger Botschafter, Freiherr von Thielmann, und seine liebe Gattin, dem allgemein verehrten Präsidenten Cleveland im Weißen Hause zugeführt, einem Mann, dem ich noch oft begegnete.) H.v. St., mein Mann und ich lagerten fast während der ganzen Reise im kleinen Rauchzimmer auf Deck und nährten uns vegetarisch von Früchten und Hafersuppe. Dort hatten wir Luft, auch wenn ich die ewigen weißgekrönten Wellenberge gar nicht mehr zu sehen verlangte. Diesmal waren wir zufällig Augenzeugen als man nachts eine arme Verstorbene ins Meer versenkte. Sturm und hoher Seegang begleiteten das schreckliche Schauspiel, das traurige Finale eines Menschenlebens.
Das Gefühl der Benommenheit, des Unbehagens, wird man, auch ohne seekrank zu sein, auf den schlechten Überfahrten nicht los, die wahrlich nichts vom Vergnügen, das sich viele darunter vorstellen mögen, an sich haben und auch der Gesundheit nicht zuträglich sein können. Am schlechtesten vertrug ich das lange Nichtstun; ich flickte »Flaggen«, eine Beschäftigung, die ich den Steuermännern gerne abnahm, sonst fand sich wenig Tätigkeit für mich; die überschüssige Kraft durfte ich in Southampton, auf meine dringende Bitte hin, als Briefträger in den Dienst des Schiffes stellen, indem ich die Postbeutel heraustragen half. – Auf dieser Lahnfahrt gab es nicht einmal ein Konzert, auf einer anderen wieder ein recht wackliges. Unter den Mitwirkenden, die sich beim starken Rollen des Schiffes ans Klavier oder einen festgeschraubten Stuhl anklammern mußten, befanden sich Teresa Carreño, mein ausgezeichneter Freund, Prof. Reinhold Hermann, mein langjähriger Begleiter der Liederabende und Konzerttournéen hüben und drüben, meine Schwester und ich. Die liebe Teresa Carreño lag neben uns in der Kabine immer seekrank, immer seelenvergnügt. Wenn wir abends an ihrem Lager saßen, lachten wir uns krank über die drolligsten Geschichten aus ihrer Opern-, Kapellmeister- und Impresariokarriere, die sie zum besten gab. Ein junger riesengroßer[154]  Kanadier, den wir nur unter dem Namen »Boy« kannten, war das Schreckgespenst des ganzen Schiffes. Er fiel die Treppen ebensogut hinauf als hinunter; ging außerhalb der Schiffsgeländer spazieren, rutschte die Geländer entlang, verschwand – man hätte darauf schwören können – im Ozean und kam auf der anderen Schiffsseite plötzlich wieder; man erschrak, wo man ging, stand und hinsah über den so reizend angenehmen »Boy«! – Trotz des elenden Wetters, auf das der Kapitän, wie er uns versicherte, »abonniert« habe, wurden alle Vorkehrungen zum Konzert getrogen und das Programm von Prof. Hermann ungefähr folgendermaßen notiert: 1. Schiffskapelle – she must, 2. Mad. Carreño – if she holds out, 3. Mad. Lehmann – if she will be able, 4. Reinhold Hermann – if sea permitting, 5. Marie Lehmann – if she can usw. Als wir zwei Tage vor dem Konzert bei ruhiger See im Salon abends zum Skat zusammensaßen, fielen Riezl, Hermann und ich plötzlich mit einem furchtbaren Krach von den Stühlen, und alles, was nicht niet- und nagelfest, zerbrach in tausend Scherben. Kreidebleich lagen wir eine Weile am Boden, immer einen neuen Stoß erwartend, befürchtend. Wir rollten nun noch ganze 24 Stunden furchtbar, aber der Stoß wiederholte sich nicht. Der Kapitän meinte, wir könnten zwischen zwei Grundwellen geraten sein, das käme vor, aber das beruhigte weder uns noch das Schiff. Vor dem Konzert steckten wir den unnützen Boy in Teresas Reformkleider. Als »Mädchen aus der Fremde« wurde er jungfräulich ausgestopft und angemalt, wogegen er sich männlich wehrte, und mußte dann mit dem Teller für die Seemannskasse absammeln gehen. – Schon vorher hatten wir uns einen ähnlichen Scherz erlaubt. Der Heldentenor unserer Kompagnie war mit auf dem Schiff und machte einer schönen Amerikanerin stark den Hof. Der Sänger war eines Abends nicht zu sehen, lag krank – wie man hörte – in der Kabine. Der Kanadierboy wurde kostümiert von uns allen an die Kabinentür geleitet. Die schöne Angebetete mußte Einlaß begehren, indem sie frug, ob sie »den Kranken« besuchen dürfe? Auf sein freundliches »herein« wurde das verkleidete Subjekt hineingedrängt in die dunkle Kabine, die sich sofort wieder schloß. Wir lauschten atemlos. Nach wenigen Sekunden erscholl ein Schrei, fürchterliches[155]  Gelächter, und die verkleidete Angebetete flog aus der Tür des kühnen Sängers, den wir ob des gelungenen Scherzes gründlich auslachten.


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Große Gastspiele hielten uns bis Mitte Mai in Boston und Chicago in dem wundervollen Auditoriumtheater, dessen Bühne immer einem eingerahmten Bilde glich, keine Proszeniumlogen, sondern nur breite mattgoldene Seitenwände aufwies, die immer zu der prachtvollen Akustik mit beitrugen.
Entgegen allem Bitten und Drängen wollte ich im nächsten Winter gründlich ausruhen und nicht hinübergehen, kam aber erst los, als ich fest versprach, die Saison 91–92 wieder mitsingen zu wollen. Noch ehe ich abreiste, hatte ich mit Stanton und Seidl eine lange Konferenz über unser Repertoire, das meines Erachtens zu viel – ja fast ausschließlich – Wagner brachte, das den Stockholdern sowohl als dem Publikum auf die Dauer über werden mußte. Ich riet, auch italienische Opern zu geben, was freilich seinen Haken hatte, da man von unseren deutschen Sängern darin keine Vollkommenheit erwarten durfte und Amerika in dieser Beziehung das Höchste kennen gelernt. Man hielt mir die großen Wagneropern als am zugkräftigsten vor, und ich mußte meinen Warnungsruf als gescheitert betrachten; nur daß die Zukunft sie schließlich eines Besseren belehrte.
Unerträgliches Herzklopfen, viele durchgewachte Nächte mahnten mich um so dringender an den ersten Lucia-Abend in Berlin, als ich, in Boston nach der Götterdämmerung, einen Arzt kommen lassen mußte, der mir gegen Kältegefühl im Kopf und Schlaflosigkeit ein Pulver mitbrachte, auf das ich einschlief und mich auch bald wieder erholte. Der Arzt sagte nur das eine Wort: overworked! – Sobald ich in Europa über 5000 Fuß hoch lebte, war ich nicht imstande, mich zu erwärmen, und brauchte viele Wochen, mich an die Höhenluft zu gewöhnen. Auf sehr hohen Gipfeln befiel mich meist ein Gefühl der vollständigen Auflösung, ein Gefühl von Nirwana im Anblick der großen Naturwunder. Zustände, die mich peinigten, andern peinlich waren und mir unerklärlich blieben, weil sie sich ja auch wieder verloren.[156]
An die geträumte Ruhe war übrigens nicht zu denken; unser Haus, das im Rohbau fertig, machte uns viel Laufereien, und sobald man mich in Europa wußte, regnete es allenthalben Gastspiel- und Konzertanträge.
In meiner Kontraktbruchsangelegenheit wandte ich mich an Seine Majestät Kaiser Wilhelm II., unterbreitete ihm den Sachverhalt, schrieb, daß wenn Hülsen damals nicht so krank gewesen und bald darauf gestorben wäre, es niemals zu einem derartigen Boykott gekommen wäre, und bat Seine Majestät, sich gnädigst meiner Sache annehmen zu wollen. Der Brief mußte durch Graf Hochberg begutachtet und an Seine Majestät den Kaiser abgegeben werden, und zu diesem Zwecke brachte ich ihn selber aufs Bureau. Ich hörte nichts mehr davon.
Nun war mein erstes Wiederauftreten in Berlin mit dem philharmonischen Orchester und Hans von Bülow für den Oktober 1890 vereinbart worden. Daß es Meister Bülow war, machte mir ehrliche Freude, und wie es schien, auch ihm. Wie peinlich korrekt, wie ernst er es mit der Kunst nahm, mag man daraus ersehen, daß er noch am Morgen des Konzertes, nach zwei Proben, zu mir gestürmt kam, um mich zu fragen: ob ich diesen oder jenen Akkord im Rezitativ der Rachearie auf das Wort oder nach demselben gebracht wünschte; allerdings sehr wichtige Fragen für zwei Musiker unseres Schlages. Noch wiederholten wir dasselbe Programm in Hamburg, und dann verschwand Hans von Bülow bald für immer unsern Blicken; nicht meinem Gedenken, nicht meiner Verehrung.
Gleich darauf trat Gustav Mahler als Direktor der Nationaloper in Budapest in mein Künstlerleben. Ein Neuer mit starkem Willen und Verständnis. Er hatte mir brieflich mitgeteilt, daß meine Honoraransprüche zwar über sein Budget gingen, daß er mein Gastspiel aber als durchaus notwendig erachte, um seinen Mitgliedern ein künstlerisches Vorbild zu geben, nach dem sie ringen sollten. Es war eine reizende Zeit, die wir dort im kleinen Kreise Auserlesener verlebten. Mahler, in seiner ganzen gläubigen Frische, seinem Ziele zusteuernd; die großartige ungarische Tragödin, Marie Jassay, eine Art Ristori, und doch die geborene Einfachheit und Natürlichkeit, die immer studierte, studierte, studierte, Graf Albert[157]  Apponyi, Professor Michalowich, unsere lieben Bayreuther Kunstfreunde und meine kleine Nichte. Überall fanden wir uns zusammen. Alle Rollen sang ich italienisch, und nur die Recha (Jüdin) – da man mir die Wahl gelassen – französisch, ohne eine Ahnung zu haben, daß Perotti den Juden italienisch singen würde. Alles andere sang ungarisch dazu, und man kann sich nun einen Begriff machen von dem kosmopolitischen Sprachenwirrwarr dieser Opernaufführungen, in der jeder Fremde, der ohne Souffleur sang, Not hatte, seiner Sprache treu zu bleiben. Im Don Juan nahm der damals noch feurige, junge Mahler das kleine Männerterzett des ersten Aktes im schnellsten Allegro weil alla breve vorgeschrieben steht, das hier ja kein beschleunigtes, sondern nur ein beruhigtes Tempo anzeigt. Denselben Fehler machte Mahler im Maskenterzett ohne a la breve-Vorzeichnung, doch legte ich hier sofort mein Veto ein, und nie mehr – glaube ich – fiel er in seinen Allegrowahn darin zurück. Als ich es mit Bülow besprach, war er entsetzt und sagte genau über das a la breve, was ich bereits niederschrieb.
Noch sehe ich Mahler vor unserem Ofen knien und ein Medikament für Hedwig H. nach einem großmütterlichen Rezept in einem Blechlöffel brauen, wozu er alles mitbrachte. Bei Frau Jassay wurden ihm gewöhnlich die fehlenden Rockknöpfe angenäht, die er – weiß der Himmel wo – losgeworden war. Spazieren rasten und sprangen wir oft über Stock und Stein mit ihm in der herrlichen Umgebung Budapests und amüsierten uns köstlich. Ich war Mahler eine Freundin, habe ihn lieb behalten, habe sein großes Talent, seine ungeheuere Arbeitskraft und seine Rechtlichkeit der Kunst gegenüber geehrt und ihm in allen Lebenssituationen die Stange gehalten, seiner großen oft mißverstandenen und verkannten Eigenschaften halber. Selbst seine nervösen Zustände, die manchmal unberechtigt solche trafen, die nicht Schritt halten konnten mit seinem Talent, seinem eisernen Streben und Fleiß habe ich Verständnis entgegengebracht, weil auch ich früher glaubte, daß es nur des starken Willens bedürfe, um zu vollbringen, was man selbst zu vollbringen imstande gewesen, d.h. über seine Kraft zu streben. Daß dem nicht so ist, ich weiß es längst. Wir waren gute Freunde, selbst dann, wenn wir entgegengesetzter Meinung[158]  waren, was bei seinen neuesten Dekorations-Schöpfungen sehr oft der Fall war. Ich war wohl die erste, die von ihm selber erfuhr, daß er seine Stellung aufzugeben gezwungen würde; und das gerade an dem Tage, als ich seinem langgehegten Wunsch nachzukommen vorhatte, mich einige Monate der Wiener Hofoper einzureihen, um dort die Armida und beide Iphigenien zu geben. (Auch ein alter Wunsch von Wilhelm Jahn!) Unser schöner Traum sollte sich nicht erfüllen. –


Was ihn von Wien forttrieb, ist komplizierter Natur. Mahler hatte weder Dispositions- noch Rechentalent. Jedes Jahr mußte ich ihm mein Gastspiel versprechen, nie aber konnte er eine bestimmte Zeit angeben, und was z.B. für den März verabredet, wurde oft auf April oder Mai verschoben, um dann wieder im Februar stattzufinden. Immer war er Idealist, kannte keine Zeit und keine Ruhe, nicht für sich und nicht für andere. Daß er allen privaten Nebeninteressen eines Hoftheaters schroff abweisend gegenüberstand und sich hohe Feinde damit schuf, ist natürlich. Daß er in seiner impulsiven Art, nur immer Schönes suchend, es oft auch durch Mittel zu finden glaubte, die andere ihm aufoktroyierten, die er später als verfehlt anerkennen mußte, und dabei nicht an Sparen dachte, wer könnte es ihm verargen? Es war nicht sein Säckel, den er füllte, und nie dachte er an sich. Über manches mußte man ihn als praktischer Freund belehren und allen Ernstes auf sein Recht und seine Zukunft hinweisen. Mahler war ein nervöser Fanatiker der Kunst, sah aus wie ein Teufel, war liebenswürdig wie ein Kind, seinen Schwestern, Frau und Kindern ein rührender Beschützer und Vater; eine immense Kraft – und – sicher seit langen Jahren schon ein innerlich kranker Mann. Mit ungeheurer Energie packte er an, was er zu vollenden sich vornahm, Energie, die bei Begegnung einer kongenialen Kraft zu schönstem harmonischem Zusammenwirken verschmolz, ja, sich nicht selten unterordnete. Immer war es eine Feier, mit ihm zusammen am Werk zu sein. Für ihn tat es mir weh, daß er über den Ozean mußte, um – da er nicht bleiben konnte – drüben zu erreichen, was so viele erreichen wollen, seine Unabhängigkeit vom Müssen für seine alten Tage, seine Familie und nicht zum letzten für sein eigenes Schaffen. – Er hatte Wien sehr viel gegeben, wenn es hier und[159]  da auch in häßlicher Hülle geschah, wie z.B. im Don Juan, den er selbst, mir gegenüber, als total verfehlt bezeichnete, und auch im Figaro, der eine Prachtvorstellung hätte seine können, wenn der dekorative Teil, und auch manche Kostüme, nicht gegen alle Natürlichkeit und Grazie Front gemacht hätten. Die Krone aller seiner Einstudierungen war die Iphigenie in Aulis, die in jeder Beziehung abgeklärt und im Geiste harmonisch das Schönste bot, was ich mir von klassischer Kunst zu denken vermag. Hier war das Höchste erreicht und wahrscheinlich nur darum, weil ein einfaches Zelttuch den Schauplatz der großen Tragödie umschloß, nichts Störendes in die Kunst des Künstlers Mahler und der Künstler-Sänger griff, die unter jedem unnötigen oder ungeschickten Dekorationskram nur leiden und nicht mehr zu wirken vermögen, weil der äußerliche Bombast jedes feine Gefühl erstickt und abwürgt.
In Mahlers sinfonischen Kompositionen fiel mir sofort die Einfachheit der Melodien als die Wirkung auf, die er allerdings mit einem immensen Apparat in Szene zu setzen wußte. Es schoß mir damals gleichsam durch den Kopf, ob nicht gerade er es sein könnte, der auch bezüglich des Apparates einfache Wege wieder einzuschlagen gewillt wäre, und stellte ihm die Frage, die er höhnisch lachend beantwortete: »Wo denken Sie hin? Meine Sinfonien wird man in 100 Jahren in Riesenhallen aufführen, die 20000 bis 30000 Menschen fassen und zu großen Volksfesten werden.« Dazu schwieg ich; mußte aber unwillkürlich denken, daß, je mehr Intimität man der Musik nimmt, je mehr sie des wahren Genius wird entbehren können. Wie auch das Theater, dessen Bühne und Zuschauerraum über ein gewisses Maß hinaus geht, nicht mehr Kunst für den Künstler noch Kunstfreudigen sein kann; daß dann der Zirkus beginnt, worin die Schauspieler in toten Masken spielen, weil man individuelles Mienenspiel, Augen und Physiognomien nicht mehr zu unterscheiden, kein Wort mehr zu verstehen vermag. Und so geht im großen Orchester jedes individuelle Instrumentale verloren, wie die Individualität des einzelnen Bildes in einer Riesenausstellung von tausend und abertausend Bildern sich verliert und eins das andere tötet. Es ist die heutige Zeit, die im Automobil den Spaziergänger, der sich an jedem Grashalm, jeder Blüte,[160]  jedem Lebewesen freut und stunden- ja sein Lebelang dabei verweilen möchte, über die Achsel ansieht, weil dieser seinem Körper die gesunde Lebensbewegung zuführt, in Wald und Feldern seinen Gott anbetet. In unserer Zeit der Automobile und Luftschiffe entschwinden alle Feinheiten der Musik dem Ohre, alle einzelnen Herrlichkeiten der Natur dem Auge, dem Herzen, und fremd steht darum die alte Zeit der neuen gegenüber, die eben ihres individuellen Wertes halber eine so viel schönere war, ist und ewig sein wird.
Wieder und zum letztenmal sah ich Mahler 1910 in München, als er seine VIII. Sinfonie dirigierte; Riezl und ich waren extra dazu hingefahren. Mahler war sehr gealtert, ich erschrak förmlich. Sein Werk, das mit 1000 Mitwirkenden besetzt war, klang wie aus einem Instrument, aus einer Kehle. Der zweite Teil der Sinfonie, der vom zweiten Faustteil gebildet, berührte mich schmerzlich. War er's, seine Musik, sein Anblick, eine Todesahnung, Goethes Worte, Erinnerungen an Schumann, meine Jugend, ich weiß es nicht; weiß nur, daß ich während des ganzen zweiten Teiles, in Rührung zerfließend, mich nicht zu fassen vermochte. Als ich am andern Morgen zu ihm ging, ihn zu begrüßen, ihn umringt von so vielen Menschen traf, war er die Liebenswürdigkeit selbst, holte Riezl, die mich unten erwartete, persönlich herauf und wollte uns nicht wieder fortlassen. Und dann sein furchtbares Geschick, seine entsetzliche Krankheit – der Tod! So schmerzlich ergreifend, trostlos.


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Gar viele Lichtbilder ziehen beim Aufschlagen meines Tagebuches an mir vorüber, bei denen ich gerne länger verweile. Dennoch heißt es weiterblättern, wenn ich zum Ziel gelangen will, das auch diesem Buche gesteckt ist. Paris, von engeren Erinnerungen umrahmt, kann ich nicht vorbeiziehen lassen, ohne Charles Lamoureux zu erwähnen. Kein großer, wohl aber ein ernst zu nehmender Musiker, besonders ernst für Paris, das ihm viel zu danken hat, wo sich so viele aufspielen und aufblähen, die keine Berechtigung dazu haben. Dem stand Lamoureux fern; er machte Musik aus dem Grunde seines Gefühls heraus und verachtete Publikum, Presse und Nichtskönnerei gründlich. Er berief mich zu drei Sonntagskonzerten im Februar 1891, welche im Cirque[161]  d'été stattfanden, weil Paris keinen Saal für Orchesterkonzerte besaß, auch heute nicht besitzt. Im Cirque d'été roch es wie im Cirque d'hiver und jedem andern Zirkus, und nur Lamoureux' Reinlichkeitsgefühl und Fürsorge allein ermöglichten den Aufenthalt.
Amalie Materna hatte kurz vor mir Wagner deutsch gesungen, mußte aber noch »undeutlich aussprechen« Ich sang, bis auf eine Arie, alles deutsch, sprach sehr deutlich aus und war überzeugt, daß es niemand eingefallen wäre, irgend etwas dagegen einzuwenden, da die Konzerte nur vom Pariser Elitepublikum besucht wurden. Immerhin gestattete Lamoureux nicht, daß ich die »Träume« Wagners wiederholte: »Ne faites pas des concessions à ce public,« sagte er aus Vorsicht, es könne irgendein Ungezogener sich gegen Wagner auflehnen. Er belehrte mich, daß es allein die Pariser Verleger nationaler Werke seien, die den Einzug Wagners bisher vereitelt, den Chauvinismus der Franzosen geschürt hatten, um sich vor Verlusten zu sichern. Vom Repertoire der großen Oper und deren Vorstellungen sagte er nur: »c'est honteux!« – Eines Abends war ich bei ihm mit seinem Schwiegersohn Chevillard, Chabriard und mehreren anderen Musikern zusammen, und sang ihnen den ersten Akt Tristan. Ich höre Lamoureux noch schreien: »Ah, c'est du fer, du fer!« solche Kraftleistungen durften sich die französischen Sängerinnen allerdings nicht zutrauen. Nachdem sie sich wie wahnsinnig gebärdeten, frug Lamoureux, der mein Erstaunen sah: »Qu' en dites vous, madame Lehmann?« worauf ich nur mit »Dalldorf« erwidern konnte, ihnen Dalldorf als Berliner Irrenanstalt und sie alle dafür reif erklärte. Aber selbst das »Narrenhaus« bändigte nicht den wundervollen Enthusiasmus der so temperamentvollen Musiker dieser Rasse, denn jetzt ging's erst recht los. In den beiden nächsten Konzerten sang ich jedesmal eine klassische deutsche Arie und mit Paul Kalisch das ungestrichene Tristan-Duett, das 3/4 Stunden währt, aber trotzdem mit ungeheuerem Beifall aufgenommen wurde. Damals konnte nur Lamoureux sich so etwas erlauben, der die Pariser pünktlich zu sein zwang, die Türen schließen und während der Vorträge niemand herein ließ, was damals unerhört gefunden wurde. Er hatte sich ein prachtvolles Orchester zusammengestellt, das er mit unnachsichtlicher Strenge meisterte, und von keinem Orchester habe ich je[162]  die Zauberflötenouverture so märchenhaft schön gehört als von diesem. Ebenso unnachsichtig kämpfte er mit den schlechten Gewohnheiten und der Oberflächlichkeit des französischen Publikums sowohl als der Künstler. Kämpfe, die er dahin zusammenfaßte: »Je vous assure, madame Lehmann! il faut être fou comme moi de la musique, por faire des concerts à Paris!« Aber seine Kämpfe kommen uns heute noch zugute, denn man hat auch in Paris den Respekt vor deutscher Musik und deutschem Ernst kennen gelernt. Oft noch sang ich in Lamoureux-Konzerten, die mein Urteil über seinen Wert nur bekräftigen und ihm mein dankbares Erinnern sicherten.
Außer Sarah Bernhardt, die ich persönlich aus Amerika kannte, und die mir immer erneute Bewunderung abrang, konnte mir nur noch die Umgebung im reichsten Maße ersetzen, was der Stadt an Ruhe und Ernst verlustig ging. Schminke und raffinierter Putz, der up to date an Wahnsinn immer zunahm, das späte Nachtleben, alles das verdarb mir den Geschmack an dem so wundervollen Paris, und heute begreife ich, daß Wagner nur hier sein Pariser Bachanal schreiben konnte, das ein getreues Abbild allen Sinneskitzels gibt, in welchem die Pariser Lebewelt aufgeht.

In Berlin war ich zufällig dem den Königlichen Theatern beigestellten Rechtsanwalt, Dr. Bischof, begegnet, der mir gratulierte. »Wozu?« – »Sie find frei!« – »Wieso?« – »Ja wissen Sie's denn nicht? Der Kaiser hat auf ihren Brief geschrieben: die Strafe finde er zu hart. Ich wundere mich, daß man es Ihnen nicht mitgeteilt?« – Nein; man ließ mich auch noch lange warten, bis ich endlich – um mich von der Wahrheit zu überzeugen – persönlich bei Graf Hochberg anfragte. Ich war wirklich frei! – Was mußte der Kaiser denken, daß mein Dank ausblieb, wenn die Verfügung schon so lange erfolgt war? Wie es sich damit verhielt, erfuhr ich nie und glaube auch nicht, daß man es mir je offiziell anzeigte.
Jahn holte mich sofort zu siebenmaligem Gastspiel nach Wien, und dann zogen wir Ende März in unser Grunewald-Heim, dem ich trotz Niemanns Prophezeihung, ich würde es nicht vier Wochen[163]  darin aushalten, seit 22 Jahren treu geblieben bin und wo ich mich in meiner Umgebung sehr glücklich fühlte.

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Der geforbene – nunmehr selige – Engel-Kroll suchte mich gleich nach meinem Kontraktbruch auf, um mich für seine Sommeroper zu gewinnen, und redete mir zu wie einem kranken Schimmel; er wollte, falls ich verspräche bei ihm zu singen, mich frei machen. Ich erwiderte ihm nur, er möge es erst versuchen, dann wollten wir das Weitere sehen. »Ich weiß schon,« antwortete er darauf, »ich werd' Sie frei machen, und Sie werden nischt singen bei mir!« Widersprechen wollte ich dem nicht; und so fiel die Sache ins Wasser, und der alte Engel starb ohne seinen Wunsch erfüllt zu sehen. »Bei mir machen's die grienen Bäume«, pflegte er zu sagen, wenn ihm jemand über die schlechte Bezahlung klagte. »Bei mir kann singen de Patti, wenn's Wetter schlecht is, geht keine Katz hinein; und wenn's Wetter schön is, kann singen de Frl. Quitsch-Quatsch aus Posemuchel, die auf der Terz trillert, und es is ausverkauft. Glauben Se mir, bei mir machen's die grienen Bäume!«
Nun hatte sein Sohn das Erbe übernommen, Patti und viele andere waren dort als Gäste gefeiert, und da das junge Engelpaar mich versicherte, daß sie auf ihrem »Nudelbrett« alles geben könnten, kam wirklich ein neunmaliges Gastspiel zustande, an dem Paul Kalisch, meine Schwester und d'Andrade teilnahmen. Das von dem alten Landpartienbrauch in der Berliner Umgegend herrührende: »Hier können Familien Kaffee kochen«, verwandelte mein Mann in »hier können Familien Opern singen.« Paul Kalischs Witz florierte denn auch während des Gastspiels, denn es boten sich neben allem Ernst der oft ausgezeichneten Vorstellungen von Fidelio, Norma, Jüdin, Don Juan und Lucrezia auch manche komische Szenen, wenn man hinter die Kulissen sah. Aber auch vor dem Theater gab's zu lachen, selbst wenn einem das Weinen näher lag.
Der junge Engel, Krollscher Erbe, frug nicht nach nationaler Trauer in seinem Geschäft, die uns wahrlich nahe genug ging. Denn heute handelte es sich um keinen Geringeren als den großen Schweiger Moltke, den man zur letzten Ruhe brachte. An diesem Tage fuhren wir in Hausanzügen nach Kroll, die Oper Norma[164]  zu singen, wurden aber des Trauerzuges halber, der um den Königsplatz ging, in dem gesperrten Tiergarten von keiner Seite mit dem Wagen durchgelassen. Paul Kalisch stieg schließlich aus, um mit dem berittenen Schutzmann zu verhandeln, der aber nicht mit sich handeln ließ und unserer Weiterfahrt sich aufs bestimmteste widersetzte. Wir sollten aussteigen und zu Fuß gehen. Kalisch bedeutete dem »Berittenen«, daß das unmöglich sei: »Die Damen sind geschminkt, meine Frau hat ein kurzes weiß und rotes Federkleid an, denn sie singt die Papagena, und wenn sie so durchs Militär durch muß, gibt's einen Heidenskandal.« Das sah der geprellte Berittene auch ein, und seinem Kommando öffneten sich sowohl die Soldatenreihen als die Pforten des Musentempels von »Krolls Etablissement«. –



Amerika
1891–1892
Extract from Live musical Topics.










It would not to do dismiss the company from this preliminary consideration without mention of her whose name is and ever will be dear to the music lovers of New York. To Lilli Lehmann every admirer of true lyric art can lift his brimming cup with Siegfrieds words:

»Vergäß ich alles,
Was Du mir gabst,
Von einer Lehre
Ließ ich doch nie:
Den ersten Trunk
Zu treuer Minne,
Brünnhilde, bring ich Dir.«
The New York Times,
Sunday, December 13. 1891.

Vorstehender Ausschnitt, der mir nicht zu geringer Freude gereichte, wurde mir in künstlerischer Fassung von Amerika um Weihnacht 1890 zugesandt.
Was ich vorausgesehen, sollte sich erfüllen. Man war der ewigen Wagner-Opern überdrüssig, verlangte Abwechslung im Repertoire, übergab im Frühjahr 1891 dem mir fremden, aber berühmten Impresario Maurice Grau die Direktion für die kommende Season, der mir ausgezeichnete Kontrakte bot, die ich und Paul Kalisch auch annahmen.
Grau begann am 26. November in Chicago – wo wir sonst gewöhnlich schlossen – mit Norma, Mignon, Don Juan, Troubadour, Aïda und brachte als Mitglieder Jean und Edouard de Reszke, Lasalle, Mesd. Ravogli, Scalchi, mich und Paul Kalisch mit, der alle lyrischen Rollen sang. Erst am 16. Dezember eröffneten wir[169]  mit ungeheuerem Erfolg die Season in New York. Jean und Edouard – wie man sie kurzweg nannte – in ihrer höchsten Blüte, waren beide Künstler, wie sie heute nicht mehr zu finden sind, und bald die Lieblinge des amerikanischen Publikums. Was Reinheit des Tons und Noblesse anbelangt, war Jean ein musikalisches Unikum, wie ich es nie vor ihm, noch nach ihm wieder gehört. Die Stimme war nicht gewaltig, aber sehr schön, sein Gesang voll künstlerischem Ebenmaß, dennoch reichte er weder im Ausdruck noch als Schauspieler an die ersten Deutschen heran; immer aber war es ein vollendeter Genuß, ihn zu hören. – Der liebenswürdige Prachtmensch Edouard brachte es mit seiner herrlichen Baßstimme zum Da capo der Wiedertäuferarie (Zacharias) im III. Akt des Prophet. Und da soll man noch etwas von undankbaren Rollen sagen! Lasalle war als exzellenter Pariser Bariton anerkannt, Frau Ravogli eine sehr gute Altistin. Kein Wunder, daß das Publikum an all dem Neuen Interesse fand, die italienische Opernpartei die deutsche schlug, wie die deutsche vor nicht zu langer Zeit die italienische geschlagen hatte; aber immer wieder verfiel man in denselben alten Fehler, indem man zu viel vom einen oder vom anderen gab.
Dafür, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen, ward auch gesorgt. Mitte Februar sollte eine deutsche Aufführung der Walküre stattfinden mit Anton Seidl und Emil Fischer, die beide nicht zur Kompanie gehörten. Wie freute sich alles darauf, der deutschen Kunst einen neuen Triumph zuzuführen! Nur das furchtbare Stürmen meines Herzens fing an, mir ernstliche Sorge zu bereiten. Ich sprach nicht davon, schlief aber seit Wochen schon nicht mehr, ging ganze Nächte ruhelos im Zimmer auf und ab. Die Augen fielen mir zu, wo ich ging und stand, ich weinte krampfartig bei der geringsten Ursache und schleppte mich mit Aufbietung größter Energie mühsam dahin.

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Mit Jean und mir war die Afrikanerin (italienisch) noch vor der Walküre für 15. Februar 1892 angesetzt. Ich sang die Selica zum erstenmal, hatte sie eifrig ausgearbeitet, bedurfte nur einer Klavierprobe auf der Bühne, zu der Jean und Lasalle erschienen. Während der Probe wurde ich plötzlich so bleich, daß Jean mich das Theater zu verlassen beschwor, mich ans Hotel brachte, wo ich[170]  bald darauf weinend zusammenbrach. In meiner Nähe hörte ich, wie jemand »Komödie« sagte. – Am anderen Abend sang ich mit Aufopferung all meiner Kräfte die Afrikanerin, deren Todesopfer nicht viel größer als das meine war.
Achtundvierzig Stunden später wurde in der Nacht ein Arzt geholt. Wieder – wie auf hohen Bergen – hatte ich das Gefühl des Auflösens im Weltenraum. Mich im Bette zu bewegen war ich nicht mehr imstande. Nitroglyzerin und Kampher ließen mich aber zu der Auflösung, die mir ohne Weh und Klage so herrlich dünkte, für diesmal nicht gelangen. – Nach einigen Tagen strebte mein Körper selbständig nach Kräftegewinn, was sich in nervösem, unstillbarem Hunger kundgab. Es ist der Mühe wert, genaue Betrachtungen darüber anzustellen, was ein durch Nervenarbeit verausgabter Körper zur Wiedererlangung seiner normalen Kräfte gebraucht oder, vielleicht besser gesagt, verlangt. Täglich wurden mir zwei Beefsteaks, vier bis sechs Eier, Früchte und Kompott zu essen gegeben, täglich eine Flasche Beeftea, je drei Löffel Champagner und Kognak gereicht; und das alles verschlang ich heißgierig monatelang, ehe ich wieder einmal von »satt sein« reden konnte. Meine Krankheit nannte ich später die »Freßsucht«. Man überschüttete mich mit Leckerbissen aller Arten, den herrlichsten Blumen und Früchten. Ich lag über drei Wochen, fast ohne mich zu rühren. Der Arzt meinte, ich hätte etwas Fett am Herzen, solle mich sehr in Acht nehmen, und sobald ich es vermöchte, nach Europa zurückkehren; mir schien's, als wollte er mich los sein. Weder sehen noch hören konnte ich Menschen, schon der Arzt, der keine bleiche Ahnung von dem Zustand meines Kopfes hatte, machte mich ganz nervös durch seine Redensarten. Daß ich herzleidend sein sollte, beängstigte mich, und lange Zeit traute ich mir nicht zu, auch nur das Geringste zu unternehmen. Schließlich bestellten wir unsere Plätze für den 12. März auf der »Elbe« mit dem stillen Gedanken, daß ich zu reisen sicherlich unfähig sein würde. Von Fischers hörte ich nur, daß die arme Rosa verunglückt, krank darniederläge; sie war in ein Kohlenloch gefallen und hatte sich innerlich schwer verletzt. Wenn ich auch keinen Menschen gesehen hatte, fortzureisen, ohne ihr Adieu gesagt zu haben, brachte ich nicht übers Herz. Tags vor unserer Abreise fahren wir also hin, mein erster Ausflug vom[171]  Krankenbett. Bei all ihrem Leid war sie so tragikomisch wie immer; sie erzählte uns ihren »Fall« und wie ihr »Murrrfl« (ihr Mann), anstatt sie zu schützen, ihrrr den Todesstoß verrrsetzt habe. Emil lachte wieder dicke Tränen, und wir lachten mit einem Auge mit ihm und weinten mit dem anderen mit ihr. Arme Rosl! Wir sahen sie nicht wieder. – Am anderen Morgen schifften wir uns ein und hatten eine herrliche Reise, auf der ich mich so wohl befand, daß ich mich immer wieder fragen mußte: ob ich denn wirklich herzleidend sei?


Zu Hause angekommen, blieb es aber nicht ganz so. Sobald ich Bekannte sah oder selbst von den Meinen jemand zu uns kam, kam auch das alte Elend wieder über mich. So blieb ich am liebsten ganz allein und raffte mühselig meine Kräfte langsam wieder zusammen. In solcher Einsamkeit mich oft mit Todesgedanken tragend, schrieb ich mit Windeseile mein ganzes Leben nieder.
Wie konzentriert doch mein Gedächtnis auch damals arbeitete! Als ich nach 20 Jahren mit der Niederschrift dieses Buches aus dem Gedächtnis aufs neue begann, bemerkte ich, daß ich fast alles mit denselben Worten wie damals gesagt und mich des geringsten Umstandes, der in unser Leben spielte, erinnert hatte.
Von meinem hochverehrten Freunde, Geheimrat Dr. Schweninger, und meinem heutigen ausgezeichneten Hausarzt, Dr. Wilhelm Wernecke, ist mir mein damaliger Zustand erst erklärt worden; beide fanden mein Herz vollkommen gesund, und beiden bin ich für die einfache, naturgemäße Behandlung zu unendlichem Dank verpflichtet. Es war nichts weiter als eine durch lebenslange Kopfanstrengung hervorgerufene Gehirnanämie, die, beizeiten erkannt, wohl hätte vermieden oder doch vorsichtig beseitigt werden können. Die kolossale Konzentration der Gehirnnerven, ihre unaufhörlich angestrengte Arbeit, wie sie unser Beruf mit sich bringt, der in jeder vorgeschriebenen Minute unsere ganzen geistigen und körperlichen Kräfte vor die Schranken ruft, drängt auch alles Blut nach dem Kopfe. Hier staut es sich, solange die Konzentration anhält, wenn – wie in meinem Falle – das Herz nicht stark genug ist, es durch den ganzen Körper zu treiben. Sobald die Abspannung des Nervensystems erfolgt, entleeren sich plötzlich auch die Blutgefäße, worauf[172]  Schwindelanfälle und Herzschwäche in Erscheinung treten. Das stürmische Herzklopfen war also nur ein Folgezustand der geistigen Überanstrengung, der dadurch hervorgerufenen mangelhaften Blutzirkulation, und keine Krankheit. Derartigen Zuständen vorzubeugen, heißt es, die Herztätigkeit zu unterstützen, dem Herzen die Arbeit zu erleichtern, aber beileibe nicht durch Digitalis, Alkohol oder sonstige Gifte, sondern durch weise Massage, Gymnastik, Spaziergänge in guter Luft, gute und mäßige Ernährung und wie die Dinge alle heißen, die einen angestrengten Körper zur Erholung, gesunde Anregung führen. Sarah Bernhardt läßt sich nach jeder Vorstellung vorsichtig massieren, und jeder Künstler, der vorwiegend große Rollen spielt oder singt, sollte es nicht versäumen.
Was mir so oft von Professor Karl Klindworth und Eugen d'Albert empfohlen wurde, zum Vegetarismus überzugehen, auch das brachte ich zwei Jahre darauf von einem auf den anderen Tag noch fertig und konnte schon nach 14 Tagen eine erstaunliche Beruhigung meiner Nerven konstatieren. Dem gemäßigten Vegetarismus verdanke ich die vollständige Beseitigung meiner Aufregung vor den Aufführungen und auch sonst im Leben; ich wurde wieder kräftig und gesund und konnte in meinem Beruf noch Anstrengungen ertragen, die sich die Jüngsten und Kräftigsten nicht hätten zutrauen dürfen. Dank dem Vegetarismus ist Klindworth, der lange Jahre von einem schweren Leiden heimgesucht war, heute in vollkommener körperlicher und geistiger Frische 83 Jahre alt geworden.



Schloß Segenhaus – Carmen Sylva
1893–1896











August Bungert! Reiche Erinnerungen knüpfen sich an den bedeutenden Menschen, den glücklichen Tondichter, den treuen Freund, an die heiteren, geistreichen Stunden, in denen er – homerischen Geistes voll – uns in andere Welten versetzte, uns trunken machte mit klassischem Idealismus, phantasievollen, hellenischen Heldensagen, denen er immer neue »unerhörte«, wie er sich ausdrückte, hinzuzufinden wußte. Schon seine Lieder weckten mein lebhaftes Interesse, und Odysseus' Worte am Schluß der Nausikaa:

»Scheidend von hier, erkenn' ich,
Daß des Menschen Wille eins sei
Mit dem Willen der Gottheit! Entsagend
Erfüll' ich des Lebens tiefen Sinn!«

griffen einst, als er sie mir sang, tief an mein Herz. Wer kennt nicht das Wort Entsagung, das auch in mein Leben so unsanft hineinspielte?
Einsam und vereinsamt erinnerte ich mich seiner Lieder. Sollte ich wirklich nie mehr singen dürfen? Der Drang nach innerer Auslösung war wieder stark und siegte über alle ärztlichen Warnungen. Da lernte ich schon wieder, übte erst leise, dann immer lauter, bis ich mir die Gewißheit gewann, daß mein Herz sich solcher Arbeit niemals widersetzen würde, wenn meine Kopfnerven oft auch noch anderer Meinung waren. Ich hatte mir im Herbst schon ein stattliches Programm aus Bungert-Liedern zurecht geschaffen, die ich am 3. Dezember 1892 in Dresden in einem Bungert-Abend singen wollte, als Bungert an meinem Geburtstag zu mir kam, mir eine kleine Marmorplatte von der Königin Elisabeth von Rumänien zu überbringen, die sie persönlich mit für mich gedichteten Versen beschrieben hatte.[177]
Gebt mir ein Lied, ein tönend Lied
Mit leuchtenden Gedanken,
Die vom Olymp kein Trotzen schied,
Die Götterodem tranken.

Gebt mir ein Lied aus tiefem Quell,
Jungfräulich rein, kristallen,
Das soll mit lauterm Flutgewell
Das Waldtalland durchhallen.

Gebt mir ein Lied aus tiefem Leid,
Das soll so selig klingen
Von allem Erdenleid befreit,
Daß mir's die Engel singen.
Den 24. Nov. 1892.
Carmen Sylva.

Ohne daß ich es ahnte, hatte Bungert die Königin davon unterrichtet, daß ich seine Lieder in die Welt zu tragen vorhatte. Die Lieder einer Königin! Unter welch unvergleichlichen Umständen sie entstanden, hatte er uns oft erzählt. Als Freund der Fürstin-Mutter Marie zu Wied, ihrer Kinder – des Fürsten Wilhelm Adolph und seiner Gattin, Prinzessin Marie der Niederlande, Königliche Hoheit, sowie deren Kinder –, lebte Bungert wochen-, ja monatelang auf Schloß Segenhaus und Monrepos, wo oft auch Königin Elisabeth als Gast ihrer Mutter weilte. Dort lebte und webte alles in Kunst und Wissenschaft und lachte in echt rheinischem Frohsinn, wie man ihn eben nur im Rheinlande kennt. Auf Spaziergängen oder-fahrten, im Familienkreise, überall, wo man ging und stand, entsprangen dem gottbegnadeten Herzen der königlichen Dichterin Poesien und Lieder, die, kaum niedergeschrieben, in Bungert – wenn er der Königin über die Schulter sah – schon musikalische Gestalt annahmen, und die, von ihm kaum niedergeschrieben, von den lieben jungen Kindern auch schon gesungen wurden. So reichten sich Talent, Gefühl und glückliches Ineinanderfinden die Hände zu selten treuer Freundschaft, die allen Beteiligten, in Freud und Schmerz, gleichzeitig zustatten kam. Und Schmerz und Leid sollten auch hier nicht ausbleiben.[178]
Für Mitte Januar 1893 erging an mich die Einladung der Fürstin-Mutter, einige Tage auf Schloß Segenhaus ihr Gast sein zu wollen; und diesen Umstand nahm Bungert wahr, mich für ein Konzert in Neuwied zu begeistern, wo ihm außer der fürstlichen Familie noch viele andere Freunde lebten.
In furchtbarer Kälte kam ich am 19. früh dort an und erfuhr hier, daß König Karol wenige Minuten vor mir mit zwei Ministern zum Besuch bei der Fürstin eingetroffen war. Das Unvorhergesehene traf sich herrlich für mich. Ich nahm für wenige Stunden Wohnung bei der liebwerten Familie Winz, die mich auch für den Tag des Konzerts gastfrei beherbergte, da ich weder vor noch nach demselben den weiten Weg vom Schloß herunter und hinauf hätte zurücklegen können.
Schloß Segenhaus, der Fürstin-Mutter Witwensitz, liegt hoch über dem Städtchen Neuwied in den Bergen, wohl eine gute Stunde zu Wagen. Ein von Reben, Rosen und Schlingpflanzen umflochtenes älteres Haus. Von Schloß und Garten sieht man weit hinein ins Tal, das der Rhein als »Silberband« durchschlängelt. Eine Viertelstunde auf abfallendem Wege ein großer Platz, von herrlichen uralten Bäumen umstanden, der Lieblingsplatz der Königin Elisabeth: »die Gräber«, wie sie ihn nannte, wo ihr Vater, den sie so überaus geliebt hat, ruht, und jüngere Geschwister neben ihm. – 15 Minuten über Segenhaus, Schloß Monrepos, einst ihren Eltern gehörig, jetzt von ihrem Bruder, dem regierenden Fürsten Wilhelm Adolph bewohnt. Dort verlebte Elisabeth ihre Kindheit, dort barg jedes Plätzchen Jugenderinnerungen intimsten Kinderglücks.

»Ob in kleinen Stübchens Laubgewind
Alle die Gedanken wohl noch sind?«


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frägt Elisabeth in ihrem Rheinlied »Monrepos«. Sicher! Sie hätte sie als Carmen Sylva sonst nicht wiederzufinden vermocht.
Am frühesten Nachmittag wurde ich vierspännig hinaufgefahren durch die herrliche Winterlandschaft zu ihr, zu ihr! Daß ich mich nach der Dichterin sehnte, deren Stimmungen und Gefühle mir hier erst so recht aufgingen, wen könnte es wundern? Bungert war mir oben entgegengekommen und führte mich durch eine[179]  runde Musikhalle ins Haus, wo ich ablegte. Hier empfing mich der einst berühmte, sehr feine und kluge badische Finanzminister, Baron von Roggenbach, der intime Freund des Hauses, und gleich darauf trat die Fürstin mir selber im Salon entgegen, indem sie mich zärtlich in die Arme schloß und herzlich küßte. Die Fürstin, eine Siebzigerin mit schneeweißem Haar, groß und schlank, der Teint Milch und Blut, war schwarz gekleidet; Kopf und Gesicht umrahmte turbanartig leichtes weißes Gewebe, das ihr ein phantastisches Aussehen gab. In der Fürstin fand ich sofort eine mütterliche Freundin, die sie mir bis zu ihrem Tode noch in ihren wundervollen Briefen blieb. Sie stellte mich dem König vor, den ich allein mit ihr im Salon fand, und der mir mit seinem ernsten, äußerst klugen, schönen Gesicht und seinen Adleraugen, denen nichts zu entgehen schien, einen sehr tiefen Eindruck machte. Dieser Mann wußte, was er wollte; er war sich klar über seine Pflichten als Mensch und König, der ganze Mann der personifizierte Ernst. Er war nur für vier Tage heraufgekommen, war sehr lieb gegen mich, wie mir denn hier oben alles voll familiärer Güte entgegenkam. Wir waren eben in interessanten Gesprächen vertieft, als die Türen aufgingen und die Königin, von Komtesse S. gemeldet, im Rollstuhl hereingefahren wurde. Mir schlug das Herz bei dem aufregenden Moment einer ersten Begegnung mit dieser seltenen Frau. Aber da sprach sie mich schon an; ich beugte mich zu ihrem Sitz und küßte ihre lieben Hände. Wir blieben beide eine ganze Weile stumm. Dann sprach sie liebe Worte zu mir, und ein Strahl ging von ihren Augen, ihrem schönen Lächeln aus, das alles um sie herum erhellte. Es ist auch etwas Schwebendes in ihrem Gange, wie ich später sah, etwas »Durchsichtiges« im Wesen dieser Königin, die sich vor aller Welt so wenig zu verstellen gelernt hat und sich am liebsten gab, wie sie ist. Sämtliche Rheinlieder tanzten vor meinen Augen. »Hurra, der Rhein!« Jedes Wort darin, jedes Bild, wie es ihre Augen gesehen hatten – wie ich es jetzt sah an diesem Ort, in dieser Umgebung verstehen lernte – war sie selbst, wie es aus ihrem Herzen quoll: sie und der Rhein!
Waren auch die Zeiten nicht mehr ganz so heiter wie einst, wo Übermut und Frohsinn die Zügel führten, der herrlichsten Anregungen gab es bei diesen bedeutenden Menschen fast zu viele. Die Königin[180]  war leidend, bedurfte der Ruhe und Zerstreuung im wohltuenden Sinne, und alles drehte sich in diesem Hauswesen um die Gesundheit und das Wohlbefinden der allen so teuren Frau. Sie hatte viel Enttäuschungen ertragen, denen ihr edles Vertrauen, das sie allen Menschen, die ihr gefielen, entgegenbrachte, nicht entgehen konnte, unter denen gerade sie so viel tiefer leiden mußte als jeder andere. Oft war sie so verstimmt, daß sie nicht einmal mehr den Willen zum Leben hatte. Dann überließ sie sich vollständig der Apathie ihres Zustandes, und man hatte Mühe, sie aufzuheitern. Wenn das aber gelang, konnte sie recht gut gehen, heiter und sonnig sein und alles um sich herum beglücken, wie das so ihre Art war. Was hatte diese Frau schon alles geschaffen! Das Dichten war ihr zu eigen wie dem Vogel der Flug. Eben hatte sie herrliche Kunstblätter in byzantinischen Mustern und Farben für Kirchenbücher gemalt und ihre entzückenden Jugendgedichte auf feinste Elfenbeinblättchen geschrieben. Aphorismen flossen ihr aus der Feder wie mir die Töne aus der Kehle. Prachtvolle Handarbeiten machte sie; ruhelos waren Kopf und Hände, wie eben ein Talent das andere bei ihr förmlich überwucherte. Mußte da nicht auch einmal eine Reaktion eintreten? Alles, was Liebe aufbieten konnte, sie wieder gesund und glücklich zu machen, geschah von der Fürstin-Mutter, vom König, der sie liebte, der hierher geeilt war, sie zu sehen. Und sicher war sie schon auf dem Wege der Besserung. Fing sie doch schon wieder an, sich für ihre Toilette zu interessieren, und hatte sich extra zum Konzert ein Kleid bestellt, das gar nicht schön und prächtig genug dafür ausfallen konnte.
Nachdem mich die Fürstin in meinen beiden gemütlichen Zimmerchen installiert und ich ein wenig geruht, versammelte sich die Familie gegen Abend in der runden Musikhalle, wo ich, von Bungert begleitet, einige unserer Lieder vorsingen wollte. König Karol, der kein Musikkenner im eigentlichen Sinne, auch nie eine Poesie der Königin, geschweige denn ein Lied gehört hatte, war mit einer Einladung zur kleinen Soiree gar nicht belästigt worden. Um so mehr erstaunten wir, als er bitten ließ, einen Augenblick zu warten und mit dem Konzert nicht anzufangen, bis er da sei. Und nun er erschienen, begannen wir: »Hurra!« (auf der Mainzer Brücke). Die Königin lachte und weinte und schluchzte dann, an mich gelehnt,[181]  als ich geendet hatte und in tiefer Rührung neben ihr kniete. Sie flüsterte mir leise zu: »Mir ist's, als wäre ich tot gewesen und stünde wieder auf!« Nun, etwas Besseres wollten wir gar nicht. Nachdem ich acht Lieder gesungen, die der König alle mitangehört, war er begeistert und lud mich und Bungert wiederholt ein, nach Bukarest zu kommen und im Palais zu musizieren. Um 7 Uhr vereinigte uns das sehr gemütliche Diner, wobei selbst der sonst so ernste König heiter war und sich über vieles, was ich aus Amerika erzählte, amüsierte. Die beiden Minister, die das Diner noch mitmachten, reisten am Abend ab, und auch die Königin zog sich noch vor Schluß des Diners zurück, da sie tatsächlich sehr angegriffen war. Und ich war's auch, trotz der übermütigen Laune, die ich damals noch so selten zu finden wußte. Ich verstehe gar nicht, daß ich diese Nacht – von der lieben Fürstin auf mein Zimmer geleitet – wirklich schlafen konnte.


Der Fürstin Tag begann früher als der unsere. Schon um 6 Uhr hielt sie mit der bei ihr versammelten Dienerschaft eine kurze Andacht und gab ihre Befehle für den Tag. Um 8 Uhr war gemeinschaftliches Frühstück, woran aber die Majestäten nicht teilnahmen, da die Königin bis um 11 Uhr zu Bett bleiben sollte, wobei ich ihr eine volle Stunde Gesellschaft lösten durfte. Über Nacht war drei Fuß hoher Schnee gefallen; trotzdem wollte die Königin mit uns zu den Gräbern. Sie wurde auf einen Schlitten gesetzt, Bungert ging neben ihr, König Karol und ich wateten durch tiefen Schnee hinterher. Immer mehr bewunderte ich die ruhige Autorität des Mannes. Er hatte schwere Arbeit vorgefunden beim Antritt seiner Regierung und war nicht müßig gewesen. In drei grausamen Kriegen hatte er genug Menschenunwürdiges kennen gelernt und meinte: »Man solle alle Könige wie gemeine Soldaten Kriege mitmachen lassen, dann würden keine mehr geführt werden.«
Als er um Elisabeth freite, hatte er sie gefragt, »ob sie mit ihm arbeiten wolle?« worauf sie glückselig einschlug. Wie arm sie ihre Regentschaft anfingen, das heißt in welch kleinlichen Verhältnissen, hat mir die Königin oft erzählt. Was lag daran? Arbeit, Menschen bilden, Künste pflegen, sich aufopfernd ihren Pflichten leben, war beider Ziel und Wille. Was je die Königin in ihrem[182]  idealen Streben begann, z.B. die Blindenstadt, die Seidenraupenzucht und anderes, nahm nach kurzen Anfangsstadien der König liebevoll in seine Obhut, indem er sämtliche von ihr ins Leben gerufene Institutionen verstaatlichte und beide sich auf diese Weise unvergängliche Monumente im Herzen des Volkes setzten.
Der König kennt übrigens ganz Berlin und kannte Vater Kalisch sehr gut. Wie schade, daß Paul Kalisch der auch an ihn ergangenen Einladung nicht hatte Folge leisten können.
Am Ökonomiegebäude standen Rehe an den Stalltüren und bettelten um Futter. Ach wie gerne wäre ich hingerannt, ihnen ein Bündel Heu hinauszuwerfen. Den Augenblick benutzte ich aber, König Karol recht herzlich zu bitten, sich auch in Rumänien der armen Tiere anzunehmen und gelegentlich einmal mit unserem Kaiser davon und dafür zu sprechen. König Karol versprach es mir; ich denke, er hat Wort gehalten.
Das Konzert fand in der Wagenremise des Fürsten statt. Fünfzig Equipagen waren entfernt, fünf große Gasöfen gesetzt, alles mit dicken Teppichen belegt und so ein der königlichen Besucher und unserer Künstlerschaft würdiger Konzertraum geschaffen. Nur der Schöpfer dieses üppigen Arrangements, Fürst Wilhelm, der, jüngst schwer erkrankt, jetzt Heilung in Italien suchte, mußte dem Feste fernbleiben. Dafür war seine Gemahlin schon zu unserer Probe gekommen und drückte mir mit einem einzigen Worte aus, was sie empfand: »Monumental!« Gern hätte ich ihr das Wort zurückgegeben, dieser großen, schlanken Frau, die wenig sprach, deren Gesicht nichts von Schönheit anhaftete, aber unendliche Güte ausdrückte; »Königliche Hoheit« in ihrem Innern und Äußern. Wie glücklich empfanden wir ein Zusammentreffen in Paris um 1900 beim deutschen Botschafter, Fürst Münster, der mich hier unaufgefordert aufsuchte und uns einander zum Diner »aufbaute«, wie er sich ausdrückte, die fürstliche Familie mir und mich ihr. Und dann fiel so schnell so tiefer Gram auf sie herab; und dennoch lächelte sie verklärt ihre Umgebung, ihre lieben Kinder an, als wir in Wiesbaden uns wiederfanden und wie die Kinder bei ihr tollten. Und dann war sie so bleich, ihr Haar so weiß geworden, als ich ihr zum letztenmal begegnete, wo mich ihr feines Wesen und Gefühl an meine Mutter erinnerte. Ich[183]  denke, sie wußte, wie ich sie verehrte, und daß ich sie nie vergessen würde.
Strahlende Gesichter, glückliche Herzen schuf der Abend, und immer neue Lorbeeren hatte Königin Elisabeth für mich übrig, die ihr und Bungert aber gleichmäßig zukamen, wie der Enthusiasmus des Publikums. Der König, der seinen Arm über Elisabeths Stuhllehne gelegt, hörte andächtig zu; an zwei der schwersten Lieder fand er den größten Gefallen.
Der nächste Morgen vereinigte uns schon wieder. Nach dem Frühstück wurde für die hungernden Vögelchen Brot geschnitten, denen man große Näpfe voll vors Fenster setzte. Um 5 Uhr verabschiedete sich König Karol von der Königin und bat sie dringend, bald zu kommen. Für mich und Bungert erneute Einladung, und fort eilte er, von der Fürstin-Mutter zur Bahn geleitet, nach Bukarest. – Diese Nacht schlief ich gar nicht; es war zuviel für mich, und gänzlich unfähig, aufzustehen, traf mich der Morgen. Da ich dem Frühstückzeichen nicht Folge leistete, schickte man Komtesse S., mich zu holen; ich mußte sie bitten, mich zu entschuldigen. Fünf Minuten später kniete die Fürstin-Mutter vor meinem Bett, hielt meine Hände wohl zwanzig Minuten fest in den ihren und versuchte durch »Sympathie« mich meinem elenden Zustande zu entreißen. Es gelang ihr schlecht, da ich kein Medium, mich aber endlich zum Aufstehen zwang, weil ich nachmittags nach Cöln mußte, wo für den nächsten Tag unser Konzert angesetzt war. Bis zur Abreise wurde ich gepflegt und verhätschelt wie ein krankes Kind und schied mit Eindrücken beladen, wie sie nur selten in solcher Fülle jemand geboten werden.

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Schon der Oktobermond führte Bungert und mich zu einem zweiten Konzert nach Neuwied als Gäste auf Schloß Segenhaus. Da sah es doch schon anders aus. Die Königin war bereits eine ganz andere geworden, der wieder Lebenslust aus den Augen sprühte, und die uns in Gemeinschaft der teueren Fürstin-Mutter herrliche Tage bereitete. Da sich meine Ankunft um eine Stunde verspätete, versäumte ich, dem jungvermählten rumänischen Thronfolgerpaar hier zu begegnen, das der Königin soeben einen Besuch abgestattet. Die schöne, sechzehnjährige Thronfolgerin war schon überzeugt, »daß man die Männer, um sie vor Torheiten zu bewahren, beschäftigen müsse«.[184]
Januar 1896 konnte endlich auch Paul Kalisch der so oft wiederholten Einladung nach Schloß Segenhaus Folge leisten, wo wir zwei berauschend schöne Tage verlebten. Die Königin, nun vollständig genesen, las uns wundervolle französische Novellen und heitere deutsche Sachen vor; mir schrieb sie eigenhändig aus ihren Essays »Künstlers Beruf« ab, den sie mit Carmen Sylva Zum Erinnern an die dreifache Hexendarstellung! unterschrieb. Damit war ihr Lied »Die Loreley« gemeint, das sie gedichtet, Bungert vertont und ich gesungen hatte.
Sie wurde nicht müde, uns singen zu hören. Nur daß wir den Tristan nicht mitgebracht, ihn also nicht singen konnten, machte sie unlustig. »O ich weiß,« sagte sie gereizt, »ich soll auch gar nichts mehr genießen, alles wird mir vorenthalten!« Die Ursache dieses Ausbruchs galt der Fürsorge der Fürstin-Mutter, die sich noch immer ängstigte, die Königin könne sich zu sehr erregen. Mein Mann sang also Cornelius und Jensen, während ich einige Mozart-Arien vornahm, die nun wieder die arme Fürstin-Mutter so angriffen, daß sie laut weinte. Wie gern hätten wir dem Wunsche der Königin entsprochen, die Tristan und Isolde genossen hätte wie keine andere.

Lebenslust und Schaffensfreude waren mir nun wieder zurückgekehrt; und kaum hatte ich in Deutschland dem lebendigen Liederkomponisten August Bungert die Wege geebnet, als ich eine zweite wichtige Aufgabe ins Auge faßte: dem toten Meister Robert Franz denselben Dienst zu leisten. Einst hatten ihn begeisterte Anhänger, wie Senfft von Pilsach und Andre, vortreffliche Sänger, gesungen und verbreitet; jetzt war er so gut wie vergessen; nur die gangbarsten Gesänge noch hörte man hie und da erklingen. Indem ich Bekanntes und Unbekanntes, Niegesungenes von ihm bot, erinnerte ich Deutschland an ihn, eroberte ihm Österreich, Amerika und endlich auch Paris, wo man nicht selten einzelne Liederperlen mich dreimal zu wiederholen bat. Sein Sohn, Dr. Richard Franz, schrieb mir nach den ersten Anfängen dieses Triumphzuges, mit welchen Intrigen sein Vater früher zu kämpfen gehabt, und wie er besonders unter Carl Reineckes Feindschaft gelitten hatte. Durch mich erst sei der Bann gebrochen, seinem Vater der Sieg zuteil geworden. Offen gestanden glaubte ich die Ursache dieses[185]  Vergessens mehr darin zu erkennen, daß die meisten Sänger Franz-Lieder für undankbar hielten. Sie bedürfen allerdings eines ganzen Menschen Seele und eines ganzen Künstlers Technik, um ihnen in ihrer Anspruchslosigkeit und Einfachheit Geltung zu schaffen. Das war aber von jeher mein Stolz, gerade für das, was anderen undankbar erschien, mein Selbst einzusetzen, um es zur gewünschten Wirkung zu bringen. – Musikverleger Hermann Erler sandte mir nach dem zweiten Robert-Franz-Abend das Manuskript von »Dies und Das«, (»This and that«) von Robert Burns, das ich gewöhnlich englisch singe, und das im Originaltext zur Franzschen Musik gar entzückend paßt.
So sind bis heute über zwanzig Jahre dahingegangen, in denen ich, ununterbrochen mich weiter bildend, meine Kunst in den Dienst manch eines halbvergessenen oder noch unbekannten Komponisten stellte, mein Bestes dafür tat, soweit ein unvollkommener Mensch Bestes zu geben vermag.
Dann sang ich 1895 in Wien alle meine großen Rollen – in Wien, wo man mich stets mit offenen Armen empfing; und endlich öffnete sich mir auch die Pforte des Berliner Opernhauses wieder, wenn auch vorläufig nur bei einer Wohlfahrtsmatinee. Dafür sang ich 1896 in den Wiesbadener Maifestspielen die Ortrud zum erstenmal und die Walküre. – Mit der Ortrud, auf die ich schon lange spitzte, hatte ich mich monatelang befaßt und war ganz hineingewachsen in die Prachtrolle, bei der ich besonders die heidnische Fanatikerin herauszukehren gedachte; nicht das böse Weib, für das sie gemeinhin genommen wird, und sie dadurch so unsympathisch erscheinen läßt. Mit einem der ausgezeichnetsten Künstler, mit Julius Müller-Telramund, den mein Mann und ich als Mensch und Künstler gleich hoch verehrten, war ein herrliches Einverständnis leicht zu erzielen und damit auch die künstlerische Freude am Werk gesichert. – Die Walküre hätte schlimm endigen können. Müller-Wotan, der wieder ausgezeichnet gewesen, hatte mich bereits im Schlaf geküßt und rief eben nach Loge, der ihm den Berg umglühen sollte, als mich Schreckensrufe meine Augen aufzuschlagen zwangen und ich jemand mit brennendem Kopfe über die Bühne stürzen, gleichzeitig aber auch schon einen Feuerwehrmann anstürmen, dem brennenden Wotan, dem ein Funken in das Haar[186]  gepflogen – die Perücke abreißen sah. »Wer meines Speeres Spitze fürchtet, durchschreitet das Feuer nie!« sang Wotan – ohne Perücke – weiter, vom Publikum bejubelt und beglückwünscht. –

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Wer sie einmal mitgemacht, diese Wiesbadener Maifestspiele, dem dürften sie nicht leicht aus dem Gedächtnis schwinden. Die festlich geschmückte Stadt in üppigster Frühlingsblütenpracht; viele auserlesene Künstler unter dem liebenswürdigsten Zepter Georg von Hülsens vereinigt, Hans Richter und Ernst von Schuch als Dirigenten; Herolde, die mit Fanfaren den Kaiser im Theater ankündigten; der Kaiser selbst in heiterster Stimmung, alles um sich her beglückend und bezaubernd, gab zusammen ein Bild wohltuendster Freude. Wer nun noch die jungen Buchenwälder stundenweit durchwallte, gleich mir, der kam zu einem Hochgenuß, den man dankbaren Herzens verzeichnet im Buche seines Lebens.



Bayreuth 1896
Victor Tilgner und sein Mozart-Denkmal











Mit Bayreuth war ich, als der Tristan dort zum erstenmal in Szene gehen sollte, in merkwürdige Berührung gekommen. Ich glaubte mich nicht zu irren, daß ich mit Paul Kalisch im Opernhause saß, Hans v. Bülow mit Hermann Wolf vor uns. Man gab das Ballet »Silvia« von Delibes und vorher »Der betrogene Kadi« von Gluck, für den sich Bülow ganz besonders interessierte. Ein junger Kapellmeister dirigierte, über den sich Bülow fast die Haare ausraufte. Im Zwischenakt trat Heinrich Ernst auf mich zu, mir zu gratulieren, daß ich zur Isolde in Bayreuth ausersehen, und gleich darauf bestätigte mir Hans Richter, der aus der Bayreuther Konferenz kam, »die Mär«. Auch andere noch wußten aus den Zeitungen, was mir bis dahin ein Geheimnis war. Nachdem ich mehrere Wochen vergebens auf direkte Benachrichtigung geharrt, frug ich bei Herrn v. Groß in Bayreuth an, ob sich bewahrheite, was mir Richter mitgeteilt? Da ich mich eben für Amerika zu rüsten begönne, bäte ich ihn um baldige Nachricht, da ich meine Dispositionen für den Sommer treffen müsse. Groß antwortete, daß mir Frau Wagner direkt schreiben würde. Das Schreiben kam denn auch und mit ihm die Enttäuschung. In der Konferenz sei ich zur Isolde allerdings ausersehen gewesen, nun aber sähe man mich lieber als Brangräne, die mir sicher wundervoll gelingen würde. Dies mußte ich ablehnen, indem ich Frau Wagner schrieb, daß ich wohl empfände, was ich als Isolde zu leisten vermöchte, mich aber keinesfalls zur Brangräne für Bayreuth hergäbe, die ich nur – um das Werk in Berlin zu ermöglichen – aus Gefälligkeit zweimal gesungen hätte. Ich wüßte auch, daß, wenn Richard Wagner lebte, ich nicht die Letzte, sondern die Erste in seinen Augen und seinen Werken wäre, und zöge darum vor, die Sache für mich als erledigt zu betrachten, wie es denn auch tatsächlich blieb.[191]
Im Lauf der Zeit wandten sich manche Sänger und sonstige Interessenten an mich, sie an Haus Wahnfried zu empfehlen, was ich – wenn ich's verantworten konnte – auch tat, und was von dort stets freundlich beantwortet und nach Möglichkeit berücksichtigt wurde. Darauf blieb mein Kontakt mit Wahnfried beschränkt, bis Frau Wagner mich 1895 einmal in besonderer Angelegenheit aufsuchte und, ohne daß ein Wort darüber gewechselt wurde, mich eines Tages fragen ließ, ob ich 1896 in Bayreuth die Brünnhilden im Ring zu singen gewillt wäre? Herr v. Groß verhandelte alles Nähere persönlich mit mir. Ich sollte fünfmal – also allein – den Zyklus singen, die einzige Brünnhilde sein. Obwohl ich keinen Augenblick an meiner Kraft, es durchzuführen, zweifelte, machte ich Herrn v. Groß doch auf die Gefahr aufmerksam, die in der Annahme lag: daß ich unmöglich krank werden könne. Er war denn auch entschlossen, noch jemand für »etwaige Fälle« dazu zu verpflichten. Man bot mir eine Summe (die ich Herrn v. Groß um etwas zu erhöhen bat), außerdem freie Wohnung, in einer Villa zunächst dem Theater, wo ich selbst Haushalt führen könne, und damit war alles geordnet. Für mich. Nicht so ganz für Frau Wagner, die nicht gerne sah, daß ich Geld nahm – und wie sie umschreibend sich ausdrückte – mir mehr Idealismus für Bayreuth zugetraut hätte. Wenn's »Wagner« gewesen wäre, würde es bei mir nicht daran gefehlt haben, so aber hielt ich allzu großen Idealismus nicht am Platze, hier, wo man ihn oft so wenig empfand. Frau Cosima bemerkte noch, wie sehr man sich über die Bayreuther Einnahmen täusche, die bis jetzt kaum die Kosten deckten, und dieser Umstand sie sogar Wagners heißem Wunsche, armen Studierenden und Künstlern Freibillets zur Verfügung zu stellen, nachzukommen verhindert habe. Für mich wollte ich auch das Geld gar nicht, man wird später sehen, wie ich es verwendete.

»'s gibt nur a Kaiserstadt, 's gibt nur a Wien!« Und d' Weaner san lusti, und wo's lustig zugeht, dahin geht auch ein ernster Mensch gar gern, um sich mal was besonders Gutes anzutun. Welcher deutsche Künstler wäre nicht gern einmal recht lustig im Kreise sorglos heiterer Menschen und Künstler, wie sie uns Wien allein zu bieten vermag? Und da war einer, der es auch war und nun[192]  nicht mehr sein konnte, sondern seine Freunde weinen machte, weil er am 16. April 1897 auf dem Totenbette lag: Victor Tilgner! Fünf Tage später sollte sein Mozartdenkmal enthüllt werden, das ihm viele Jahre freudigen Schaffens gab. Oft waren wir während dieser Zeit in seinem Atelier im Schwarzenberggarten, wo er uns »seinen Mozart« zeigte, an dem mir »das Schwebende« so sehr gefiel und mich rührte, daß Tilgner auch Mozarts Vater und sein Spinett darauf gebracht hatte. Der Vater hatte es wohl verdient um diesen Sohn!
»Ja,« erzählte er, »erst hab' ich mich an der Konkurrenz gar nicht beteiligen wollen, dann aber, wie ich die Entwürfe gesehen habe« – er nannte einen ganz besonders – »da hat mich die Ausgabe gekitzelt. Dem einen da hab' ich gesagt: daß sein Mozart ein k.k. Beamter aber kein Genius ist, keine Lichtgestalt, die er doch sein müsse. Als Künstler darf man die Leute nicht darstellen, wie sie im gewöhnlichen Leben zu sehen sind. Z.B. habe seinerzeit, als das Schubertdenkmal in Wien enthüllt wurde, nur noch ein einziger gelebt, der Schubert persönlich gekannt. Der Mann wurde vom Bildhauer im Atelier um sein Urteil angegangen: »Jessas! den kenn' i goar net; der Schubert hat immer a kleine rote Mütz'n 'trag'n, anders hab' i ihn gar nicht g'seh'n« – »Aber mit einer Schlafhauben kann man doch so an Künstler nicht aushau'n«, meinte Tilgner und erzählte weiter: »und so hab' ich halt nachgedacht und nachgedacht, und 's is' so schwer worden. Ich hab den Mozart halt gar nicht hinaufkriegen können, wo er doch hing'hört, immer is' er mir am Boden picken blieben, bis ich's endlich, endlich herausg'habt hab, an was es liegt: schweben muß er!« – Wie mich das interessierte! Kannte ich doch die Sehnsucht und die Arbeit, eine Figur »hinauf zu kriegen«, damit sie außer dem Bereich des Irdischen als leuchtendes Idealbild stände und damit ihrer Sendung Genüge geschähe. Ich mußte wohl in künstlerischen Eifer geraten sein, denn Tilgner sah mich fortwährend an. »Nicht war, Meister, das wäre so was für Sie?« frug meine Schwester, die Tilgners Interesse wahrnahm. »Ja, wenn die Frau Schwester möcht', ich möcht' schon.« Aber ich war damals noch nicht wohl genug, um die langen Sitzungen des »Aushauens« zu vertragen, und versprach es für später. Zur Enthüllung sollte ich[193]  die Donna Anna singen – das wäre denn so die richtige, eindrucksvolle Zeit gewesen – mußte es aber absagen, weil ich furchtbar erkältet war, und kränkte mich schwer, seinen lieben Mozart nicht mit enthüllen zu können. Nun war auch er nicht mehr dabei. Freilich trug man ihn im Sarge noch um sein Werk herum und stellte dadurch wenigstens noch eine gewisse Verbindung zwischen dem toten Schöpfer und seiner so lebendigen Idealgestalt her.
Riezl schrieb mir dann, daß Mozart am 21. April mit dem Isis-Chor enthüllt wurde, wie großartig der Augenblick gewirkt, als die Hülle fiel und Mozart in schwebender Jugendlichkeit hervortrat. Sie habe für uns beide geweint. Und ich weinte beim Lesen ihres Briefes heiße Tränen. Wir beide haben für Mozart manches tun können, weil wir so unendlich viel von ihm gesungen haben, mit so großer Pietät wie wohl kaum andere Sängerinnen. War doch Mozart unsere musikalische Heimat, sind wir doch in heiliger Scheu vor seinem Genius, seinen Werken aufgezogen; jede Note von ihm war uns ein Heiligtum. Und dies zu fühlen ist auch eine Belohnung, wie sie Künstlern durch nichts anderes zuteil werden kann. Einen Kranz mit Goethes Worten:

»Es kann die Spur von meinen Erdetagen
Nicht in Äonen untergehn.«

legten wir Schwestern Mozart zu Füßen.

Wenn je etwas meine Liebe, Freude und Herzlichkeit herausforderte, so war's die Wiedergeburt des Nibelungenrings in Bayreuth, die ich mir als eine Auferstehungsfeier nach einer langen Zeit inneren Ringens, schwerer Lebensverluste und darum tausendfacher innigster Hingebung und idealsten Fühlens ausmalte. Alles wollte ich meine Brünnhilde sagen lassen, was ich empfand; wollte die anderen mitreißen zum Fluge auf meine Höhen, sie sehen, empfinden, lachen und weinen machen, wie ich's vor 20 Jahren schon in mir fühlte, an dieser Stelle es auszusprechen mich sehnte. Dem Andenken derer, die nicht mehr waren, wollte ich singen, untergehen in meiner Aufgabe, wollte nichts als künstlerische Loslösung von der Materie.
Schon beim Eintritt in die Villa Gerber, von Herrn von Groß geleitet, drängten sich mir Erinnerungen auf; denn hier hatten[194]  Niemann-Siegmund und Betz-Wotan einst gehaust. Vom ersten Stock sah man über das Städtchen und konnte die Blicke weit darüber hinweg bis ins Fichtelgebirge schweifen lassen. Bald eilte ich in das kaum 100 Schritt von mir entfernte Theater, wo Frau Cosima, ganz in Schwarz gehüllt, mit dem Stellen der Dekorationen zum III. Akt Walküre beschäftigt, auf der Bühne saß. Siegfried flog, wie einst sein Vater, hin und her, in allen äußeren Bewegungen dessen Ebenbild. Nachdem ich Riezl mittags von der Bahn geholt, ging ich um 4 Uhr noch einmal ins Festspielhaus, wo man den I. Akt mit den Sängern probierte. Mir fiel ein Stein aufs Herz! Abgesehen von Frau Sucher (Sieglinde), deren Bewegungen gar schön waren, sah und hörte ich seelenlose Holzpuppen und gedachte mit Wehmut des Jahres 1876, als Niemann mit einem einzigen Blick und Atemzug dem ganzen I. Akt das Gepräge gab. – Erst am Abend sprach ich Cosima und die Kinder, die mich alle mit großer Herzlichkeit begrüßten. Cosima war heiter wie nie zuvor; heiter, voller Lebens- und Arbeitskraft, die sie von morgens 9 Uhr bis abends 9 Uhr im Theater betätigte. Sie nahm ihr Mittags- und Abendmal am Theater ein, und immer waren einzelne Künstler zu ihrer Tafel, die jene gar bezeichnend »Hoftafel« nannten, geladen, wo es übrigens sehr ungezwungen und heiter herging. Cosima war nicht nur sehr unterrichtet und klug, sie hatte auch die der Aristokratie so eigene Autorität des Urteils angenommen, das, was sie aussprach, als anerkannt richtig hinzustellen. Dabei ergaben sich merkwürdige Urteile. Z.B. als wir eines Mittags die Schlußszene der Götterdämmerung besprachen, erwähnte ich Frau Vogls kühnen Todesritt als Brünnhilde. Frau Vogl war perfekte Reiterin und führte bei Gastspielen meist ihren eigenen »Grane« mit sich. Sie entzäumte am Schluß ihr ungesattelt Roß, schwang sich darauf und sprengte damit in den brennenden Scheiterhaufen. Cosima nannte das ein »Zirkuskunststück«, das nicht auf die Bühne gehöre; wozu ich wieder bemerken mußte, daß es Wagner doch vorgeschrieben habe, und wenn es Brünnhilde ausführen könne, sehr schön aussähe. Das aber wollte sie nicht wahr haben; kam ja auch nicht weiter in Betracht, da ich wohl die »kühne Maid«, nicht aber die perfekte Reiterin in den Dienst der Sache zu stellen versprochen hatte.[195]
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Bei solchen Aussprachen tauchte mir die überraschende Erkenntnis auf, daß man der Künstler von 1875/76 mit wenig oder gar keiner Liebe gedachte, ja den besten für »ganz unzulässig« erklärte. Meine Schroffheit besänftigte ich so lange, bis ich die Beschränktheit des derzeitigen Bayreuther Urteils in seinem vollsten Umfange kennen lernte und mir damit auch die Gewißheit wurde, wie sehr man der Tradition von 1875/76 und damit Wagner selbst ins Gesicht schlug. Mottl sagte mir schon, daß Cosima im Jahre 1883 den ganzen Parsifal geändert habe; kein Wunder also, wenn sie für 1876 nicht mehr Pietät erübrigte und nur dem eigenen Wunsche und Geschmack nachhing. Frau Reuß-Belee erzählte mir, wie Cosima sie fleißig zu sein ermahnte, um mit ihr die Gutrune zu studieren, in der Frau Weckerlin im Jahre 1876 geglänzt habe. Frau Weckerlins Wesen und Stimme lag aber die Gutrune gänzlich fern, und niemand, auch nicht Wagner, fand den geringsten Gefallen an ihrer Gestaltung oder ihrem schwerfälligen Gesang. In noch stärkeren Lobeshymnen erging sich Cosima über Fräulein Scheffskys notorisch elende Leistung als Sieglinde, die ich in meinem ersten Bayreuther Artikel bereits besprach. Was sollte man zu solchem Urteil sagen, was konnte man davon erwarten?
In den ersten Tagen wohnte ich einer sehr komischen Spielprobe bei, in welcher der gutmütigste aller Wiener Patsche, Bassist Grengg mit einer Götterstimme, von Cosima auf den Hagen dressiert wurde. Was aber kümmerte Grengg Hagens Herkunft, die Cosima ihm so schön und folgerichtig auseinandersetzte. Grengg nahm die Lehren schließlich übel, man stand vor der Katastrophe. Ich bat Cosima, nicht zuviel von ihm zu verlangen, der er uns sonst fortliefe und Elmblads heisere Ofenröhre doch schon für den Riesen unmöglich sei. Grengg sagte mir: »No ja, mir fehlt halt ›das Dämonische‹« und war andern Tags abgereist. Man bat ihn, zurückzukehren, worauf er telegraphisch »I mag net!« geantwortet haben soll. Dann sang er aber doch. – Grengg hatte sich zu Jahn einmal geäußert: »Wissens, Herr Direktor, Sie brauchen mi goar net zu beschäftigen, wanns mir nur die Gage zahlen; i bin goar net ehrgeizig.« Später wurde er es aber doch seinem Papagei gegenüber, der ihn, wenn Grengg des Morgens um 5 Uhr oder später noch im berauschten Zustand heimkam, den[196]  ganzen Tag keines Wortes würdigte. Das vertrug Grengg durchaus nicht.
Der Rheintöchter Schwimmwagen, in prachtvolle Flugwerkzeuge verwandelt, machten sich großartig, und darum war es doppelt zu beklagen, daß die drei Stimmen so gar nicht zusammenklangen, woran die zweite Rheintochter die Hauptschuld trug, die, furchtbar unmusikalisch, sämtliche Terzette verdarb. Das Rheingold war schön inszeniert, viel lebhafter als um 1876, nur daß das Leben oft in Unruhe ausartete und nicht selten um den Genuß des Hörens und Schauens brachte. Geradezu komisch wirkten die Verbeugungen sämtlicher Götter gegen Wotan, auf das Nachspiel von Loges Erzählung, welche die nachhallenden Klagen der Rheintöchter um Wiedergabe des Goldes ausdrücken sollten. Wie konnte Frau Wagner sich so vergreifen? Und wie fern lag das alles Wagners Anordnungen! – Fafner schlug seinen Bruder Fasolt mit einem einzigen Schlage tot, während das Orchester deren vier markiert, und Wagner gerade dies ganz genau befolgt wissen wollte.
Seit den. 20. Juni anwesend, kam es für mich erst am 27. Juli zu einer Götterdämmerungsprobe, die morgens mit der Waltrautenszene begann und am Abend endete. Cosima sagte mir nichts, setzte aber allen anderen alles aus. Das ewige »im Profil stehen« war schon zur Manie ausgeartet; die Zuschauer sahen vom Schauspieler gar nichts mehr, da gegen eine oder die andere Hälfte des Publikums die Künstler stets mit dem Rücken gewandt standen. Cosima schien sehr befriedigt von meiner Leistung, küßte mich mit Tränen in den Augen, sagte mir am Schluß, es sei »großartig«, und wenn sie eins oder das andere etwas mehr rechts oder links haben möchte, so käme das hier gar nicht in Betracht und könne so bleiben. Ich freute mich herzlich ihrer Zustimmung und hoffte auf weiteres zielbewußtes Zusammenschaffen. Für mich schienen die Proben hiermit beendet, es wurde mir keine mehr angesetzt, und nur einmal sprang ich in einer Siegfriedsprobe für Frau Gulbranson ein, die – nun auch mitengagiert nicht rechtzeitig erschien.
Unbeschäftigt, hörte, sah und beobachtete ich auf den Proben. Nicht viele lockten mich; mein Festhalten an Wagners persönlicher Inszenierung, an dem mir bekannten künstlerisch Großen, das sich[197]  uns allen so tief eingeprägt, litt es nicht. Das heißt, ich litt darunter, wenn ich zusehen mußte, wie die Physiognomie des Ringes von 1876, die man so lange mit dem Gedanken an des Werkes Schöpfer liebevoll in sich und weitergetragen hatte, sich hier, an seiner heimatlichen Stätte, nicht selten ganz verschob.
Und nicht nur im Rheingold, auch in der Walküre waren Veränderungen genug getroffen. Im Liebesduett saßen Siegmund und Sieglinde gerade verkehrt. Entgegen 1876 nahm Sieglinde hier die Ecke zur Kulisse ein. Und Siegmund mußte, um sie anzublicken, in die Kulisse hineinsingen. – Der II. Akt wich in Dekorationen und Stellungen vom Jahre 1876 total ab. Während 1876 der Kampf der Männer auf dem breiten Wege, der über die ganze Bühne oberhalb der Felsen führte, stattfand, spielte er sich 1896 linksseitig ab. Hier waren die Felsen mitten durch eine Straße getrennt. Brünnhilde stand diesmal in der I. Szene auf dem rechten Felsen und ging rechts ab, während sie 1876 linker Hand stand, nach der I. Szene oben über den breiten Weg nach rechts abging. Diesmal ging sie nach der Todesverkündigung in die unter dem rechtsseitigen Felsen befindliche Höhle – die ursprünglich in der Mitte lag – und erschien, ganz unvermittelt, linksseitig beim Kampfe der Männer auf einem kleinsten Praktikabel, auf dem sie, Siegmund zu schützen, als unfreie Puppe weder Lanze noch Schild bewegen, geschweige denn in Aktion setzen konnte.
So prachtvoll auch die Dekoration an und für sich wirkte, bei reiflicher Überlegung mußte man sich eingestehen, daß sie dem glänzenden Bilde, das es beim Publikum nach dem düsteren ersten und vor dem ebenso düsteren letzten Akt erwecken soll, nicht entsprach. Man mache sich den Geist des Bildes klar:
Der Vorhang teilt sich nach einem glänzend kühnen Vorspiel, und vor uns stehen Wotan und Brünnhild, das lichte, glückliche, gemeinsam schaffende Paar. Noch ist Wotan der »freie Gott«. Ihm Siegmund im Kampfe zu schützen und einen elenden Knecht zu fällen, diesen Befehl ist er im Begriff seinem Lieblingskinde, das gerüstet vor ihm steht, zu erteilen. »Auf wolkigen Höhen wohnen die Götter«, singt Wotan. Solch schwarze Felsen finden sich nicht auf lichten Höhen, sie geben kein freundliches Bild; glänzend, sonnig und hell muß der Eindruck sein. So war's unter Wagner, und[198]  so war's schön. Lachendes Glück und kühnen Mut soll es malen; erst nach und nach sollen Sorge und Tod gleich grauen Nebelschleiern den Schauplatz traurigsten Schicksals verdunkeln.
Mit Höckern bedeckt war 96 der Boden des zweiten Bildes, der dem Sänger keinen Fuß breit fester Stellung bot – eine höchst unbequeme Neuerung. Und ebenso entgegen 1876 wie dieser Höckerboden war der total flache Boden im III. Akt, der nicht die geringste Unterbrechung aufwies, um 14 Menschen zu gruppieren. Damals erlaubten mehrere kleine Felsenvorsatzstücke vor Brünnhildens Lager – die sie selbst nicht genierten – uns Walküren bei den Auftritten darüber hinwegzustürmen oder erhöhte Stellungen einzunehmen, die einige Abwechslung in die Gruppen brachten. Davon war 1896 nicht mehr die Rede, wo die Walküren oftmals, gleich Soldaten, in einer Reihe standen oder sich in zappelnder Unruhe verloren.
Von allen Seiten hörte man über die ewigen Wechsel und Stellungen und Dekorationen Klage führen, die heute als festgestellt bezeichnet, morgen als falsch wieder verworfen wurden. Maschinendirektor Kranich bat Cosima aus solchem Anlaß eines Tages, ihm die Feststellung zu bescheinigen, damit nicht morgen alles wieder für unrichtig erklärt würde. Wirft man nun diese Unsicherheit der leitenden Persönlichkeiten des jetzigen Bayreuth in die Wagschale gegen jene Künstler, die seit 1876 gemeinsam nach des wahren Meisters Regie und Vorbild seine Werke verbreiteten, so muß sich für das Gedächtnis jener Künstler ein Plus ergeben.
Man dürfte mich noch besser verstehen, wenn ich sage, daß Cosima während der ersten Proben vom Ring sogar ihrem Sohn Siegfried – der um 1876 nur sechs Jahre zählte und selten mit in den Proben war – die wichtige Frage vorlegte: »Nicht wahr, Siegfried, du erinnerst dich, daß es 1876 so war?« Worauf Siegfried stets »Ich glaube, du hast recht, Mama« erwiderte. Ich mußte sehr oft bemerken, daß dem nicht so war, daß sich Cosima in der Annahme irrte. Sobald man ihr aber bedeutete, daß dies oder jenes 1876 anders gewesen, erhielt man immer dieselbe Antwort: »Jawohl, aber es wurde später so festgestellt!« Da man für diese »später« sicher auch Auslegungen gefunden haben würde, lohnte es sich nicht, ihm weiter nachzuforschen. Es wäre ja keine[199]  Schande für diejenigen, die niemals selbst ausübend waren, wenn sich im Laufe von 20 Jahren so manches aus dem Gedächtnis verloren hätte; daß sich dessen aber ein Junge von damals sechs Jahren noch erinnern sollte, ein Kind, das dabei gänzlich unbeteiligt gewesen, das anderen glauben zu machen, schien mir – sehr gewagt. – Kurz vor Anfang der Proben frug Hans Richter bei mir an, ob 1876 im Rheingold beim erstmaligen Schwertmotiv und Wotans Worten »So grüß' ich die Burg!« Wotan das Schwert – das der Riese Fafner zu diesem Zwecke nachlässig aus dem Hort geworfen – mit dem Gedanken an Siegmund auf und gen Walhall emporgehoben habe oder nicht? – Ich erinnerte mich wohl der mehrfachen Rücksprachen, jedoch des Endresultats nicht mehr genau, da wir Rheintöchter, gerade bei dieser Szene hinter den Kulissen beschäftigt, nicht sehen konnten, was auf der Bühne vorging. Ich wandte mich darum an Betz, der mir sagte, daß es anfangs 1876 nicht gemacht, später aber aufgenommen worden sei.


Wie oft trieb mich ein künstlerisches Interesse, den Rheintöchtern zuzurufen: So müßt ihr es machen! So singen! Euch so bewegen zur Unterstützung des Ausdrucks. Jedoch ich wurde nicht gefragt, man wünschte nichts von meinem Können und Wissen. Erinnerungen an uns 1876er schien man nicht zu haben, und so ging vieles, mit dessen Schönheit ich so fest verwachsen war, spur- und interesselos an mir vorbei, ohne mich zu erwärmen; fehlten doch Liebe, Seele und Herz und jedwede Technik, die innere Schönheit dem Zuhörer nahezubringen. Gänzlich eindruckslos klang auch die letzte Klage an Wotan. Man schrie, aber man klagte nicht; und niemand im jetzigen Bayreuth erinnerte sich daran, daß 1876 hilfesuchende Klagetöne der Rheintöchter Kehlen sich entrangen, die nebenbei auch noch den Glanz des Rheingoldes, um das sie klagten, charakterisierten.
Außer Vogl, Hans Richter, Mottl, meiner Schwester, die ganz plötzlich zu der III. Norne kam, sie wußte selbst nicht wie, und meiner Wenigkeit war keiner von den damals im Ringe Beschäftigten mehr zugegen. Mottl tauschte – oft reihenweit von uns entfernt – sehnsüchtige, verständnisinnige Blicke mit uns Schwestern, sobald irgendein Anklang an hervorragende Ausführungen von 1876[200]  erinnerte, und deren gab's in Hülle und Fülle. Hans Richter, die personifizierte Selbstlosigkeit, tat für den jungen Sohn seines alten Meisters, was sonst wohl keiner getan haben würde. 46 Orchesterproben hatte er bereits gehalten, denen Siegfried fleißig beigewohnt, um Richter abzulauschen, wie's zu machen wäre. Dann dirigierte Richter die erste Bühnenprobe, Siegfried die zweite und Mottl die Generalprobe; Richter den I. und V., Mottl den III., Siegfried den II. und Zyklus.
Kaum acht Tage nach meiner Ankunft in Bayreuth war hinter meinem linken Ohr eine kleine Anschwellung zum Vorschein getreten, die erst wie ein Stecknadelkopf, dann wie eine Erbse wurde und nach drei Wochen schon die Größe eines kleinen Hühnereies erreicht hatte. Ohne Schmerzen war sie gewachsen, genierte mich jedoch zuletzt, da mein steifes Genick mir die geringste Kopfbewegung auszuführen verbot. Der Arzt wußte nicht, was daraus zu machen, hielt es für eine Infektion, von der ich wieder nicht begriff, woher sie stammen sollte. Der erste Zyklus rückte immer näher, und da weder kalte noch heiße Umschläge der Schwellung abhalfen, bestand ich darauf, geschnitten zu werden; dem widersetzte sich der Arzt, weil sich äußerlich noch kein Anhaltspunkt für eine Operation ergab. Nochmals sollten heiße Umschläge von Leinsamen versucht werden, den der Apothekerlehrling, wie wir später hörten, in einer Senfmühle gemahlen, und dem ich verdankte, daß nach der dritten Nacht sich endlich das ersehnte Anzeichen wirklich gebildet hatte und nun Dr. Landgraf um 1/28 Uhr morgens operativ eingreifen konnte. Welche Wunde, welche Narbe! Die drei letzten Tage und Nächte waren entsetzlich; furchtbares Fieber schüttelte mich unbarmherzig, wahnsinnige Schmerzen ließen mich fast die Wände hochgehen und brachten mich um alle sorgsam gesparten Kräfte für meine Aufgabe. Die Generalproben mitzumachen war natürlich unmöglich. Die Operation erlöste mich jedoch von der furchtbaren Spannung, und die nächsten zwei Tage fühlte ich mich sogar leidlich wohl, um dann am dritten Tage total zusammenzubrechen. Cosima erkundigte sich oft nach mir und bat mich schon vor den Generalproben, nicht zu singen, sondern mich zu schonen. Mit welchen Schmerzen hatte ich aber in meiner Karriere schon gesungen! Hier galt es mir ganz besonders auf[201]  dem Posten zu sein, wo so viele Freunde extra meinetwegen nach Bayreuth gekommen waren. Aber viele andere Gründe noch machten es mir wünschenswert. So schwach ich war, so elend ich mich fühlte, probierte ich in Abwesenheit meiner Schwester – die mich wie eine Mutter gepflegt, mir beigestanden hatte, das ich ihr vielleicht nie werde vergelten können – am Abend vorher, ob ich auf der Bühne würde knien, hinfallen und aufstehen können, ja, ich versuchte sogar den Ruf zu singen. Cosima hatte mich ersucht, meine Kostüme auf alle Fälle mitzubringen, da sie fürchtete, daß die von ihr bestellten am Ende zu spät kommen würden. Und richtig; erst am Mittag der Walkürenvorstellung schickte man mir eine »Rüstung«, die ich für einen Irrtum nahm, und ließ ins Theater sagen, daß ich meinen eigenen Ringpanzer anzuziehen gedächte. Aber ich irrte mich, es war kein Irrtum. Denn Burgstaller trat mir als Siegfried in der Götterdämmerung damit entgegen: »Schauens nur, gnä Frau, was sie mir für eine ›Jeanne d'Arc‹-Rüstung angezogen haben!« Erst als der arme junge Mann sich an der Rüstung im III. Akt fast erwürgte, sollte sie dem altgewohnten Ringpanzer weichen.
Noch elend genug, aber fest zum Singen entschlossen, schleppte ich mich nachmittags ins Theater. Mit der Theaterluft kam nach und nach die alte Spannkraft wieder, und wenn mir das 11/2 Meter hohe, schwere Schild zu heben auch nicht leicht wurde, so führte ich's doch durch und war am Schluß der Vorstellung wenn auch ein müder, doch wieder ein anderer Mensch und auf dem besten Wege zur Besserung. Im Siegfried andern Tags und in der Götterdämmerung am dritten Abend war ich schon wieder kräftiger und brauchte mich meiner Mitwirkung nicht zu schämen. Meister Carl Perron-Dresden, unser diesmaliger Wotan, behütete mich wie ein Vater, und auch ihm habe ich für seine damalige Vorsicht und kollegiale Unterstützung, die ich ihm nie vergessen werde, herzlichst Dank zu sagen.
Cosima schrieb ihrer schwachen Augen halber schon lange nicht mehr selber, sandte mir aber nach dem ersten Zyklus einen diktierten Brief voller liebenswürdiger Anerkennung meiner gesanglichen Leistung, die vom »Hojotoho« an bis zu »Selig grüßt dich dein Weib« sie entzückt habe; hingegen habe sie an meinen Stellungen vielerlei[202]  auszusetzen. Und doch hatte sie mir auf der einzigen, ersten Götterdämmerungsprobe gesagt, daß es ihr auf etwas mehr rechts oder links nicht ankäme und so bleiben könne. Ich muß vorausschicken, daß, so oft ich auch mit Niemann, Betz, Frau Sucher, Anton Seidl in Berlin, Wien nach Frau Materna, und Amerika die Brünnhild sang, ich sie ein wie allemal nach den 1876er Bayreuther Feststellungen durchführte und nur dann zu Änderungen gezwungen wurde, wenn fremde Mitwirkende die Stellungen außer acht ließen, was natürlich vorkam.
Jeder, der mich kennt, muß mir bezeugen, wie fest ich an den einmal ausgearbeiteten Stellungen halte. Plötzlich wurden hier eine Menge als unrichtig oder unpassend befunden, die vorher alle genügten. Es mag hier in Betracht kommen, daß Frau Wagner täglich »feststellte« und täglich änderte; daß andere den »Merker« spielten oder sehen wollten, was von meiner Seite nicht gesündigt worden war. Mag sein, daß ich am ersten Abend einmal über den schwarzen Strich irrtümlich trat, da ich ihn in meinem Zustande gar nicht sah; an der Rampe zu singen oder zu spielen ist keinesfalls meine Gewohnheit.
Als ich mich 1876 mit Professor Doepler über mein Walkürenkostüm besprach und dafür einen weißen Mantel im Auge hatte, sagte er mir, daß Brünnhild einen solchen trüge und keine zweite Walküre ebenso erscheinen dürfe. Materna-Brünnhild erhielt dann aber einen roten, und Doepler bot mir den freigewordenen weißen an, den ich – weil mir die Farbenzusammenstellung meines Kostüms so sehr gefiel – nicht annahm. Des blonden Gottes Lieblingskind sollte gleich ihren Schwestern blond resp. rotblond von Haarfarbe sein, weil blond allein auf der Bühne nicht genügend wirkt. Frau Wagner gefiel Materna besser in ihrem eigenen schönen schwarzen Haar, demzufolge auch alle anderen Walküren ihre natürliche Haarfarbe trugen. Der rote Mantel paßte diesmal gar schlecht in die Umgebung, da Wotan, der 1876 einen blauen trug, 1896 ebenfalls einen roten, anders nuancierten, anhatte. Daraufhin schrieb mir eine sehr berühmte Tragödin nach der Walküre in einem Zornesausbruch: »Gott lob, daß Ihnen Grane den Mantel zertrat, da werden wir hoffentlich das Scheusal los.«
Brünnhild soll Siegfried alles geben. Gut; aber 1876 behielt[203]  sie wohlweislich den roten Mantel bis zum Schlusse des II. Aktes und trat erst in der allerletzten Szene mit einem grauen Mantel an Siegfrieds Leiche. Frau Vogl, Klaffsky, Voggenhuber und ich trugen nach Wagners Wunsch und Einsicht weiße Mäntel und rotblonde Perücken, weil Brünnhild eine Lichtgestalt war, was Doepler senior ursprünglich schon richtig empfand. Siegfried hatte einen anderen Mantel um, als er mit Brünnhild zusammen aus der Felsenhöhle trat. Warum auch nicht? In Götter- und Heldensagen fragt doch keiner, woher ein Kleidungsstück stammt. Richard Wagner fühlte sicher, daß, wenn Brünnhilde sich ihres sie umfließenden Gewandes teilweise beraubte, sie als Figur auf der großen Bühne nichts mehr ähnlich sähe und in den Augen des Publikums des Charaktereindrucks verlustig ginge. Man muß Heldensagen nicht logisch, sondern wie Märchen behandeln. Und heute, wo die Schauspielkunst zu einem Nichts heruntergedrückt ist, wo Raum, Beleuchtung, Dekorationsmalerei und Phantasie der Regisseure ihr Wesen treiben, darf man des Geberdenspiels zur Unterstützung des Ausdrucks nicht gänzlich entraten, wie Cosima anzunehmen sich gedrungen fühlte. Victor Tilgner hatte recht, als er damals von Schubert sagte: »Man dürfe Künstler nicht wie gewöhnliche Leute aushauen«, d.h. aussehen machen; so kann man auch Bühnenhelden und -heldinnen – und auf dem Theater ist es fast jeder in einem oder dem anderen Sinne – nicht wie Zivilpersonen handeln oder sich ausdrücken lassen und darf sie ihrer charakteristischen Umrahmung nicht entkleiden. Der Mantel ist das einzige, das noch an Brünnhildens Kühnheit und Wildheit gemahnt, gemahnen darf und muß.

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Weit entfernt, dem großen, starken und besten Willen Frau Wagners einen Vorwurf daraus zu machen, daß sie hier vielleicht zu logisch und nicht bühnengewandt genug denkt, schreibe ich dies. Es geschieht nur, um einen künstlerischen Standpunkt zu vertreten, der sich mit demjenigen Richard Wagners deckt und den nur ausübende Künstler, nicht »Theaterführende« oder »Direktorspielende« verstehen.
Bei dieser Gründlichkeit mußte es doppelt auffallen, daß Waltraute sich zur Götterdämmerung völlig umgezogen und dadurch als eine ganz andere erschien, die ich nicht wiedererkannte. Wie man mir in Wahnfried bedeutete, waren dies Kostüm und dasjenige[204]  Frickas, mit langen, über die Hände fallenden, sechsmal abgebundenen Puffärmeln, nach Botticellis Madonnenbildern angefertigt. Vergebens frug ich mich, was Botticellis Madonnenbilder mit den heidnischen Göttern gemein hätten? – 1876 gingen die Walküren in langen wallenden Gewändern, 1896 dagegen ganz kurz angezogen. Nur Waltraute hatte 1896 für die Götterdämmerung eine Metamorphose durchzumachen, die sie total verunstaltete. Auch diese Dinge setze ich nicht ganz auf Cosimas Rechnung allein.
Noch eines wurde mir zum schweren Vorwurf gemacht: daß ich bei Waltrautes Erzählung nicht ganz mit dem Rücken gegen das Publikum stand. Warum ich das nicht tat? Weil ich mit meinem Gesicht etwas ausdrücken wollte, was man mit dem Rücken nicht ausdrücken kann. Geht denn während Waltrautes Erzählung in Brünnhild gar nichts vor? Soll das Publikum durchaus nicht sehen, was Brünnhild dabei bewegt? Daß man es der Erzählerin bequem macht, ist selbstredend, und wer nichts auszudrücken vermag, für den ist die »Rückenstellung« ganz angebracht. Ich aber hatte bei der Erzählung dem Publikum, wenn auch stumm, mit Augen, Herz und Seele etwas zu sagen und habe gezeigt, was es war. Brünnhild hat während der Erzählung ihre rechte Hand gegen die Brust gelegt und hört fast teilnahmslos, stumm vor sich hinblickend, der Erzählung zu, die so lange traumartig an ihr vorbeizieht, bis sie sich in der Vergangenheit zurechtgefunden, sich wehmütig Wotans erinnert.

»Da brach sich sein Blick,
Er gedachte, Brünnhilde, dein.«

Jetzt blickt Brünnhild auf, ihre Hand preßt sich in tiefem Mitgefühl gegen das Herz. Nichts weiter braucht sie zu tun. Mir entrang die göttliche Stelle in dieser wundervollen Situation stets Tränen wehmütigster Rührung, die ich zu zeigen mich als Brünnhild nicht schämte. Dann versinkt sie wieder in vollständiges Träumen, bis sie Waltrauts Bitte, Siegfrieds Ring den Rheintöchtern wieder zurückzugeben, daraus emporrüttelt. Was gilt ihr Wotan, was Walhall gegen Siegfrieds Liebe und Liebespfand: den Ring! Selig harrt sie seines Kommens; das Horn ertönt. Aber mit Siegfried – Gunthers Erscheinen – bricht alles Elend jählings über sie[205]  herein und stürzt sie in Verzweiflung. Die inneren Seelenkämpfe, die sie vom höchsten Gipfel des Glücks zu tiefstem Leid herunterschleudern, und die sich symbolisch an den Ring knüpfen, zum Ausdruck zu bringen, sind unendlich schwierig. Die Wiedergabe kann nur dann gelingen und Eindruck hervorrufen, wenn Siegfried künstlerisch Herr seiner Aufgabe sowohl als der schwierigen Situation ist und damit Brünnhildens Empfinden ursächlich vorbereiten hilft.
Materna stand 1876 hinten, rechts vor einem Felsen, der sie im Rücken schützte, und bedrohte von hier aus Siegfried – Gunther mit dem Ringe, den sie an der rechten Hand trug. Sobald sie nichts mehr zu sagen hatte, floh Brünnhild nach links vor ihm her, um sich von hier aus zu verteidigen, und fiel nach dem dritten Ringen überwunden in seine Arme. Cosima wünschte – vielleicht nur, um eine Rückenstellung zu ermöglichen – Brünnhilde links; und hier mußte ich ihr sagen, daß ich ihrem Wunsche nicht Folge leisten würde. Ich wußte, wie es 1876 gewesen, und wenn Brünnhilde mit dem Rücken gegen das ganze Publikum die bedeutungsvollsten Stellen singen sollte, müßte die Wirkung der starken Szene, die lediglich in ihrem Ausdruck zu finden ist, verloren gehen. Cosima versicherte mir, daß Materna anders gestanden habe und später ihren eigenen Intentionen gefolgt sei, was ich nicht beurteilen konnte, weil ich Materna später nicht mehr sah.
Auf diesen in sehr verbindlichem Ton gehaltenen Brief, ein Ton, den Cosima nie außer acht ließ, antwortete ich erst brieflich in leicht begreiflicher Erregung, ging dann aber selbst nach Wahnfried, um mich dort mit ihr auszusprechen. Nachdem ich ihr offen gesagt, was mich bewegte, bat ich sie dringend, mich – nicht aus gekränkter Eitelkeit, sondern weil ich mich mit meinen konservativen Gefühlen so wenig hier am Platze wähnte – meiner Verpflichtungen zu entheben, wozu der Welt gegenüber mein schweres Unwohlbefinden genügenden Grund bot. Cosima ging aber nicht darauf ein, sondern bat mich dringend, zu bleiben; und so klang unsere tiefe Verstimmung, die ernste Fehde, in scheinbar harmonischen Akkorden aus, die uns beide angenehm beeinflußten.
Trotz allem, was mir damals gegen den Sinn von 1876 ging, hat meine Erinnerung an Cosima und meinen Bayreuther Aufenthalt nichts hinterlassen, was meine Verehrung, außerhalb meines[206]  künstlerischen Gefühls, für eine so bedeutende, willensstarke Frau, die sicher nicht kampflos ihr Leben gelebt und manches, das nicht vor den Augen der Welt sich abgespielt, getragen haben mag, verringert hätte. Im Gegenteil; ich glaube sogar, daß wir uns näher traten in mancher Beziehung und man von unserem Verhältnis beinahe sagen könnte: les extrêmes se touchent. Cosima ganz Weltdame, ich ganz Künstlerin, verstehen – ohne unsere Berufsgegensätze zu verkennen – einander zeitweise sehr gut und lassen uns sicherlich alle Gerechtigkeit widerfahren, wie es das Verständnis einer starken Natur der anderen gegenüber mit sich bringt. Dies wäre der Punkt der Berührung. Weltdame und Künstlerin gehen zuzeiten gut zusammen, soweit beide auf Vollkommenheit Anspruch erheben. Nur daß natürliche Anlage und Erziehung der Persönlichkeit, die das Wesen in seinen Grundzügen und Wirkungen ausmachen, sich nach einer oder der anderen Richtung stärker ausspricht. In diesem Sinne ist Cosima keine Künstlerin, und ich bin keine Weltdame geworden; und dies wäre der Punkt der Gegensätze.
Viele Wege führen nach Rom – nach dem heutigen Bayreuth nur mehr ein einziger: sklavische Unterwerfung! Man ist sich auch heute dort noch nicht klar darüber, wie hoch individuelle Künstlerschaft einzuschätzen ist. Ohne sie wird nichts Großes geschaffen; das Publikum – aus welchen Landen es immer herkommen mag – wird nicht hingerissen, nicht gerührt werden. Und das muß und will hingerissen sein; ich z.B. will es, wenn ich ins Theater gehe, und ich rechne mich zum dankbarsten Theaterpublikum. –
Die Individualität, die 1876 eine so große Rolle spielte, die uns die damaligen Aufführungen unvergessen machten, Richard Wagner, »der Meister«, ließ sie dem Künstler, ließ jedem das Seine; er griff nur dort ein, wo er auf Unverständnis oder Dilettantismus stieß; immer blieb die Harmonie zwischen ihm und seinen Künstlern, den Künstlern und seinem Werk gewahrt. Das ist und bleibt Tatsache; diese ideale Individualität wich einem Despotismus, der in erster Linie Unterwerfung fordert. Wenn das despotische Zepter auch mit noch so viel Liebenswürdigkeit geführt erscheint, so bleibt es doch, was es ist. Sicherlich hat man nur Gutes gewollt und viel Schönes erreicht; nur das Herz ist darüber verloren gegangen, und nichts vermißt man in Bayreuth so sehr wie gerade dieses.[207]
Kämen doch alle anderen Veränderungen gar nicht in Betracht gegen »das Gefühl«, das bei der Kunst so schwer in die Wagschale fällt. Wenn man sich dort nur etwas mehr erinnern wollte! Dies psychologische Rätsel – dessen Lösung ich vielleicht nicht mit Unrecht in Frau Cosimas Unnatur finde – zu ergründen, wäre eine große Aufgabe.
Noch etwas sehr Merkwürdiges erlebte ich in Bayreuth. Wie ich erzählte, hatte mich Cosima schon vor der Generalprobe des öfteren versichert, ich brauche den ersten Zyklus nicht zu singen. Warum nicht? Ich konnte mir darüber niemals Klarheit verschaffen, wurde jedoch durch die Hamburger Nachrichten, die man mir zusandte, auf Unglaubliches aufmerksam gemacht. Der dortige Kritiker, den ich nicht kenne, schrieb, daß ihn die Art und Weise, wie man in Wahnfried, noch ehe ich gesungen, Stimmung gegen mich zu machen suchte, verletzt habe. Ist das wohl zu glauben? Welcher Künstler aber hätte in dieser Beziehung nicht Schlimmes in Bayreuth erfahren, und wie viele drehten ihm den Rücken auf Nimmerwiedersehen!
In Wahnfried finden sich gar viele ein, Berufene und Unberufene, darunter solche, die von Kunst und Künstlers Empfindung keine Ahnung haben. Sie lassen sich dort mancherlei erzählen, schreiben über Werk und Künstler, wie es ihnen suggeriert wird, und geben ihren Geist auf für Haus Wahnfried! Damit meinen sie, dem »Meister« treu zu sein! – nicht ihm!

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Vom II. Zyklus hörte ich das Rheingold, um mir ein Urteil zu bilden. Die Vorstellung trug den Stempel der Herzlosigkeit. Sie machte uns den Eindruck eines Marionettenspiels; man gewahrte nachgeäffte Bewegungen ohne Kraft, ohne Ausdruck, ohne Gefühl. Mich überkam ein grenzenloses Weh um alles, was mir 1876 teuer gewesen. Vogl – Loges Worte »Ihrem Ende eilen sie zu« schienen mir prophetischen Sinns. – Dagegen war mir der III. Zyklus ein wahres Labsal, wo ich mit dem nun künstlerisch gereiften Mottl von der Bühne herab in herzlich-erinnerndem Kontakt stand. In die Gefilde der Seligen hob es uns, zu demjenigen, dessen Meisterschaft wir doch allein nur zu huldigen imstande sind.
Am 6. August fand bei Bankier von Groß und seiner lieben Gattin, den Getreuesten aller Getreuen, auf ihrem Landsitz Riedelsberg ein entzückendes Gartenfest statt, wo sich alle Beteiligten zu[208]  einem fröhlichen Ensemble mischten. Es war mein erster Ausgang nach dem schmerzreichen Intermezzo, wobei ich meinen Lebensmut zurückgewann. Zwei Tage später vereinte man in Wahnfried die ganze Gesellschaft, wozu mich Cosima dringend geladen, und wo man endlich liebe alte Freunde begrüßen durfte. Unter anderen wurde mir eine schöne Freundin des Hauses vorgestellt, die es gewagt hatte, Cosima für Jung-Siegfried ein kleines Theaterengagement zu empfehlen, wo ihm Gelegenheit gegeben wäre, sich Routine anzueignen. Da kam sie aber bös an; ganz Wahnfried stand Kopf über die »Narrheit« der schönen Freundin. Ein merkwürdiger Zufall machte mich zur Mitwisserin des verunglückten Attentats. Geschadet hätte es Jung-Siegfried sicherlich nicht, wenn er im praktischen Kunstleben eine Zeitlang vieles Notwendige gelernt hätte, das – wenn man auch manches davon wieder vergessen muß – dem Künstler fürs ganze Leben zustatten kommt. Siegfried benahm sich damals aber sehr gut und hätte den wohlgemeinten Rat wahrscheinlich am wenigsten übelgenommen.
An Gesellschaftsabenden wurde in Wahnfried viel musiziert. Frau Prinzessin Friedrich Leopold von Preußen, die Schwester der Kaiserin, Prinz und Prinzessin Hermann von Weimar, Landgraf Philipp von Hessen, Graf und Gräfin Wolkenstein (Schleinitz), Prinz von Anhalt, Botschafter von Radowitz, Graf und Gräfin Melitta Dönhoff, Fürstin Liechtenstein zierten den auserlesenen Kreis aller Nationalitäten und Elemente. Im Salon hatte sich seit 20 Jahren manches verändert, und nicht weniger als 5 bis 7 große Bilder von Frau Cosima hingen und standen darin, die teilweise ganz ausgezeichnet nicht nur die Ähnlichkeit, sondern auch ihr Wesen wiedergaben. Am 8. August sang Frl. von Artner aus dem Figaro, Frau Schumann-Heink die Allmacht, Edouard Risler spielte die Meistersinger-Ouverture, und ich sang auf Verlangen den Erlkönig, nach welchem mir Cosima das Kompliment machte, daß sie mein Vortrag lebhaft an denjenigen ihres Vaters, Franz Liszt, erinnert habe. Das erste- und einzigemal, wo von Erinnerung die Rede war. – Das nächstemal ward ich um die Fidelio-Arie gebeten, und auf Wunsch der so unendlich liebenswürdigen und heiteren Frau Prinzessin Friedrich Leopold wiederholte ich den Erlkönig. Cosima sandte mir andern Tags herrliche Blumen.[209]
Das Festspiel ging mit dem V. Zyklus, den ich wieder sang und unser lieber Hans Richter großartig leitete, zu Ende. Von Cosima und Daniela von Bülow-Thode schied ich mit großer Herzlichkeit. Auch Bayreuth 1896 nimmt in meinem Denken einen Platz ein. Es schärfte meine Erinnerungen an 1876; es zeigte mir der Zeiten Wechsel »wie alles war und sein wird«.
Nach meiner Rückkehr beeilte ich mich zu tun, was mir schon lange am Herzen lag. Ich zog Erkundigungen ein nach den Bedingungen eines Freibettes im Augustahospital. Auf mein Bayreuther Honorar legte ich noch weitere 10000 Mark und telegraphierte an Frau Cosima:

Liebe Frau Wagner! Da es Ihnen bisher unmöglich war, dem Wunsche des Meisters zu entsprechen, habe ich heute mit Ihrer Hilfe ein Freibett für arme kranke Musiker gestiftet, das vielen zum Segen gereichen möge. In herzlicher Verehrung
Ihre Lilli.



 Scharfling











In der Nacht vor der letzten Götterdämmerung hatte es gefroren, war tagsüber bitter kalt, und zum Überfluß waren die unheizbaren Garderoben im Festspielhause frisch gescheuert. Man wußte während der Vorstellung nicht, wie man sich vor Nässe und Kälte schützen sollte, und die Folgen ließen nicht auf sich warten. Mit einer tüchtigen Erkältung im Leibe kam ich in München abends an. Die Tristan-Probe andern Morgens, zu der Richard Strauß sehr spät, andere gar nicht kamen, ließ ich ausfallen und versuchte im Bette meine Erkältung los zu werden, was aber bis zum nächsten Mittag nicht gelang. Sechzig Choleratropfen hatte ich in 24 Stunden ohne den geringsten Erfolg genommen und mußte mir schließlich den Theaterarzt kommen lassen. »Sie können heute Abend nicht die Isolde singen«, sagte er. »Ob ich singen kann, ob nicht, kann nur ich beurteilen, Herr Doktor«, lautete meine Antwort, »aber ich wünschte, Sie gäben mir ein Mittel, das meinen Zustand bessert.« Da er keines wußte, empfahl er sich; und ich sang abends die Isolde auch ohne seine Hilfe. Nur hatte ich nicht mit den Choleratropfen gerechnet, von denen ich nicht wußte, daß sie Opium enthielten, das ich selbst in allerkleinsten Dosen nicht vertrug. Im II. Akt wurde mir totenübel, und wie ich einst Gudehus in London weiter zu singen bat, als er sein Honorar nicht erhielt, so bat diesmal Gudehus mich darum, weil ich die Befürchtung aussprach, es müsse mitten im Akt der Vorhang fallen. Ich sang auch sehr gut, obwohl im III. Akt mehrere Personen hinter den Kulissen darauf warteten, mich eventuell von der Bühne tragen zu müssen. Andern Tags gelang es mir eine Flasche englischen Porter-Stout aufzutreiben, das mich sofort von meinem Zustande befreite. Dr. Wernecke sagte mir, daß englischer Porter aus überreifem Weizen gebraut wird, viel Mutterkorn[213]  enthält und darum gegen innere Erkältungszufälle außerordentlich zusammenziehend, also heilend, wirkt.
Mit München ging's mir eigentümlich; aus meinen Büchern ersehe ich, wie oft ich Gastspiele gegen Wunsch und Willen dort absagen oder ablehnen mußte, weil immer etwas dazwischen kam, das stärker war als ich; stärker jedenfalls als ein Cholerineanfall, der, wie man sieht, mich nicht einmal abhielt, die Isolde zu singen.
Von hier ging's über Salzburg an den lieben Mondsee nach Scharfling. Ein wahres Füllhorn glücklicher Empfindungen schüttet dieser Name eines fast unbekannten Fleckchens Erde über mich. Schon im Jahre 1878 kamen Mama, Riezl und ich durch Zufall dahin. Fünf Wagenstunden von Salzburg entfernt, fanden wir am Mondsee ein altes, kleines Bauernwirtshaus, damals für sein gutes Essen berühmt, wo nur zwei Wiener Familien schon seit vielen Jahren alleine hausten, und weitere zwei Zimmerchen für Passanten freigehalten wurden, die von hier aus den Schafberg bestiegen, an dessen Fuß Scharfling (Dampferstation) liegt. Zwar wurden wir nicht mit allzu freudigen Gesichtern empfangen, da die seit Jahren ansässigen Wiener den Mondsee als ihr Eigentum betrachteten; doch änderte sich ihr Benehmen, als sie merkten, daß wir den See nicht ausbadeten, das Bier nicht austranken, und auch der Berge Höhe und Schönheit nichts verlor, weil wir darauf herumkletterten. Die Unterkunft war elend genug – sie hat sich seitdem nicht gebessert – aber der Ort gefiel uns, paßte sich unseren Hauptwünschen an, und wir hatten, was wir brauchten: Ruhe.
Zu unserer größten Überraschung fand Mamachen ihre Cousine Amalie, die Witwe des Fürsten C. Th. Wrede, ganz in der Nähe auf Schloß Hüttenstein, ein ebenso unverhofftes als freudiges Wiedersehen. Ach, wie oft saßen wir zusammen auf der Bank am »Guck ins Land« und sahen auf den prächtigen Wolfgangsee hinunter über das reizende St. Gilgen hinweg, wo ich später die edle Altmeisterin Marie Ebner v. Eschenbach in ihrer weisen Güte und Nachsicht kennen und lieben lernte.
In Scharfling traf ich auch Erzherzog Rudolf, Österreichs Thronerben, der in großer Gesellschaft mit dem Dampfer ankam, um den Schafberg zu besteigen, von dem man einen herrlichen[214]  Überblick auf die österreichischen Alpen genießt. In Schleier gehüllt, stand ich in der Nähe des Stegs und war sehr überrascht, den Kronprinzen direkt auf mich zukommen zu sehen, der mich mit den Worten; »Ah, die Berliner Nachtigall!« ansprach. Ich war ganz starr über Gedächtnis und Liebenswürdigkeit, denn so viel ich wußte, hatte mich der Kronprinz nur einmal bei seinem Berliner Besuch, in einem Donnerstag-Hofkonzert, von weitem gesehen. Allerdings bemerkte ich damals seine Absicht, ins weitgeöffnete Künstlerzimmer zu treten, um mich zu sprechen; doch wurde dies durch die Kaiserin vereitelt, die eben bei uns gewesen, die Cercle-Pause schnell beendete, womit auch die Gelegenheit zur Aussprache vorbei war. – Einige Jahre später wünschte der Kronprinz mich und meine Schwester auf dem Concordia-Ball in Wien zu sehen, wobei auch Johanna Buska, meine liebe Kollegin aus Berlin, ihm vorgestellt wurde und Pauline Lucca zugegen war.
Meint man doch an einen so wohlgefälligen Ort immer wiederkehren zu müssen, und dennoch geht oft ein ganzes Leben darüber hin, bis es geschehen kann. Siebzehn Jahre verflossen nach diesem ersten Scharflinger Aufenthalt, ehe ich es wiedersah. Ebenso ruhebedürftig wie damals suchten mein Mann und ich auch 1896 nach einem stillen Fleckchen Erde. Was uns 1878 ein Bekannter in München sagte, als er uns Scharfling empfahl, ich konnte es Wort für Wort meinem Manne wiederholen: »Ich kenne einen Platz, der dir gefallen würde, vorausgesetzt, daß er noch ist, wie er vor siebzehn Jahren war.« Als wir angekommen, kämpfte mein Mann gerade mit Todesgedanken, weil uns das Wetter echt »salzkammergutisch« empfing; als aber gegen Abend sich die ganze Herrlichkeit der Gegend entschleierte, hatte sie auch ihn im Fluge gewonnen. Und dann blieben wir hängen an dem Plätzchen, das uns, je länger wir es kennen, je mehr erfreut und beglückt; in dessen Umgebung uns so viele liebe Freunde wohnen, in dessen großartiger und zugleich lieblicher Natur, die nicht erdrückend, aber doch erhebend wirkt, man Erholung findet von allzu städtischem Groß-Leben, das uns seit langem anekelt, weil, man älter geworden, tief hineinsah in seine Schattenseiten und darum nicht mehr alles herrlich findet. –[215]  Um 1898 baute ich hinterrücks meines Mannes ein kleines Haus ihm zur Überraschung, das uns nun besseren Komfort gewährt und uns bis in den Winter hinein zu bleiben gestattet.
Da, wo sich der Attersee zum Binnenmeer weitet, in Weißenbach, bewohnte unsere berühmteste Nachbarin, Charlotte Wolter, zwei Bauernhäuschen, die ihr Gatte, der kunstsinnige Graf O'Sullivan, adaptiert und stilvoll ausgestattet hatte. Die noch immer sehr schöne Frau war im »Dearndlgewand«, wie man im Salzkammergut zu gehen pflegt, und damals schon recht leidend. Sie erzählte uns folgendes von ihrem Papagei: Als sie einmal abends ins dunkle Zimmer trat, wurde sie von einem entsetzlichen Schrei empfangen, bei dem sie glaubte, es würde jemand gemordet. Nachdem sie sich wieder gefaßt, fiel ihr der Papagei ein, in dessen Beisein sie die Lady Macbeth studiert hatte, wobei ihr der Vogel den Entsetzensschrei abgelauscht, und ohne ihn je vorher probiert zu haben, an diesem Abend – vielleicht selbst vor Schreck – zum ersten Male zum besten gab.

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Außer Charlotte Wolter saß damals und sitzt heute noch in Unterach am Attersee Franz Tewele, dessen goldiger Humor – Gott erhalt' ihn ihm und uns – nicht totzuschlagen ist, mit seiner lachenden Maria, beide unsere treuen Freunde. Und auf dem Wege nach Unterach, auf dem Berghof, lebte damals noch Ignaz Brüll, der viel zu früh dahingeschieden, auch mit seiner lieben Marie und seinen beiden Moosröserln von Töchterchen. Freund Goldmark ist jeden Herbst dort zu Besuch, und das ganze Burgtheater von einst und jetzt wimmelt an den herrlichen Seen in eigenen Villen. Über die Berge, nach Salzburg hinein, lebt uns Tante Amaliens Tochter; Freunde kommen dann und wann uns zu besuchen. Und dicht dabei grüßt mich Mozart von Salzburg herüber, dessen Paladinen ich mich angeschlossen habe als Führer, seinen Namen und seine Werke heilig zu halten, ihn laut auszurufen gegen Wahnsinn und Heuchelei.

Noch aber durften wir uns nicht allzulange Ruhe gönnen, denn unsere Losung hieß: Amerika, wohin wir in Begleitung meiner Schwester am 21. Dezember zu einer Wagnertournée für 30 Vorstellungen reisten, die ich, inklusive einer Extra[216]  Fidelio-Aufführung, alle 30 in der Zeit von drei Monaten absolvierte, und bei der auch Paul Kalisch nicht weniger angestrengt war als ich. Trotzdem waren wir Ende Mai schon wieder nach Wiesbaden zum Tristan gekommen, den wir – drei große Proben und zwei Vorstellungen eingerechnet – in sechs Tagen fünfmal sangen!
Und nun endlich zog ich im Herbst 1897 auch wieder ein im Berliner Opernhause mit dem Ringe, wobei ich van Rooy als ausgezeichneten Wotan kennen lernte, Ernst Kraus und Burgstaller, und Rosa Sucher als Sieglinde beschäftigt waren; Weingartner dirigierte. Diesen damals so jungen Idealisten im Orchester zu sehen, war eine Herzensfreude. Aus seinem Gesicht strahlte das Glück des selbsterwählten Berufs, die Lust am Werk und am Zusammenwirken gleicher Elemente, Eigenschaften, mit denen er uns Künstler ermutigte und beseelte. Ruhig, sicher und ebenso ausgezeichnet dirigierte Muck den III. Zyklus und den Don Juan, der in italienischer Sprache dreimal mit d'Andrade und mir als Anna stattfand.
Zwei lange Gastspiele in Wien mit vierzehn Vorstellungen und unzählige Liederabende und Konzerte reihten sich 1898 aneinander, bis ich am 28. Dezember wieder in Amerika unter Maurice Grau's Management, die größte unserer Saisons mit der Walküre begann.
Jean und Edouard de Reszke, Viktor Maurel, Salesi und Salignac, van Dyck, Dippel, Plançon; Emma Eames, Brema, Sembrich, Nordica, Schumann-Heink, Meißlinger und ich waren von der Kompagnie. Und nun denke man sich Vorstellungen wie Don Juan z.B. mit Viktor Maurel, Edouard, Salignac, Sembrich, Nordica und mir als Anna; oder: die Hugenotten in französischer Sprache mit: Jean, Edouard, Plançon, Maurel und den Damen Sembrich, Mantelli und meiner Wenigkeit als Valentine; oder auch: Tristan mit Jean, mir, Edouard und van Rooy. Vorstellungen, die allabendlich, ohne Orchester und Chor dazu zu rechnen, 35000 Frs. Honorare kosteten und sämtlich auf der höchsten Stufe künstlerischen Wertes standen.
Viktor Maurel hatte ich kurz vorher in Berlin als Don Juan gesehen und bewundert, als ich mit ihm die Anna im königlichen Opernhause sang. Von seiner Schauspielkunst begeistert waren die[217]  Künstler, während ihn die Kritik kurzerhand abtat. Mir schien seine Kunst so hervorragend, daß ich sogar öffentlich eine Lanze für ihn zu brechen mich veranlaßt fühle. Maurel war auch der erste Sänger und Künstler, mit dem sich über Gesang und Kunst sprechen ließ; und als wir in Amerika öfter Gelegenheit dazu fanden, versäumten wir keine Minute, uns gegenseitig darüber zu unterrichten. Als er mich einmal in einer Rolle sah und ihm etwas nicht daran gefiel, das er mir zu sagen wünschte, fing er gleich folgendermaßen an: »Écoutez Madame Lehmann, nous sommes de trop grands artistes pour nous faire des compliments; tâchons de nous corriger!« Er hatte recht, denn Komplimente kann einem jeder Esel sagen; korrigieren aber sicherlich nicht, und das Leben ist kurz. – Stimmlich nicht mehr ganz auf der ehemaligen Höhe, als er noch weit über alle ersten Tenoristen der Welt bezahlt wurde, waren seine Darstellungen selbst in kleineren Rollen überwältigend. Nie werde ich die Vorstellung »Margarethe« vergessen, mit Jean Edouard und Emma Eames, nie das Quartett, das an stimmlicher Schönheit und gesanglicher Vollendung vielleicht nie wieder gehört werden wird. Maurels Sterbeszene als Valentin erschütterte uns dermaßen, daß wir stundenlang sprachlos dem überwältigenden, inneren Eindrucke nachhingen, den Maurel mit nichts, was man hätte sehen oder fassen können, also einzig durch seelischen Ausdruck hervorbrachte. Den Genuß solcher Vorstellungen würde ich nicht um alles in der Welt hergeben, obwohl mir die Erinnerung den Geschmack fast an allem, was man heute noch zu sehen und zu hören bekommt, gründlich verdirbt.
Für den 27. Januar war das Rheingold als Zyklus-Anfang festgesetzt. Um 4 Uhr nachmittags fuhr Grau bei uns vor, um meine Schwester zu bitten, die Fricka für den Abend zu übernehmen, die Frau Brema abgesagt. Wie gerne hätte Riezl die Vorstellung gerettet, mußte es aber abschlagen, da sie bereits in Pension und fürchten mußte, diese zu verlieren. Nun wußte man nicht mehr, was zu tun. Da entschloß ich mich, mir die Rolle anzusehen, und, wenn es möglich wäre, sie noch zu lernen. Ein Klavierauszug war nicht zur Hand, mußte erst von van Dyck, der in der Nähe wohnte, geliehen, ein Kapellmeister geholt werden, und nun ging's los. Natürlich kannte man viel vom Text und[218]  hatte auch die Musik im Ohr; sobald man sie aber richtig und auswendig singen sollte, war alles, was man wußte, falsch, und das Richtige einem fremd. Mir standen die Haare zu Berge! Um 8 Uhr sollte die Vorstellung angehen, um 1/25 Uhr hatte ich angefangen; und die Zeit lief, als bekäme sie's bezahlt. Mein Glück war wieder Riezl, die mir alles vorsang, wenn ich einen Augenblick ruhte. Dabei richtete ich mir die Rolle auch schauspielerisch gleich ein und wußte sie um 6 Uhr bis auf den Schluß, den ich im Theater während der Verwandlung lernen konnte, auswendig. Nun hieß es, mich ein wenig ausruhen, bevor ich in den Kampf ging. Kaum aber lag ich, so spielte mir ein Nachbar, offenbar ein Künstler, Übungen, Kadenzen und einzelne Takte hundertmal hintereinander vor. Ich war verzweifelt! Wir schickten eilends hinunter zu fragen, wer der Kammervirtuose sei? Moritz Rosenthal! Na warte, denke ich, du wirst gleich aufhören; schreibe ihm ein zärtliches Billet, worin ich ihn um Schonung meiner Gehörnerven bitte, da ich eine wichtige Rolle zu singen hätte und ihm die Stätte um 3/47 Uhr zu überlassen versprach. Das Spiel verstummte. – Als ich spät aus dem Theater kam, fand ich unter meine Tür geschoben folgendes Billetdoux:

Hochverehrte Gönnerin! Ich wage es, Ihnen mit einer Bitte zu nahen. Sie selbst haben heute die hohe Bedeutung und Wichtigkeit des ungestörten Schlafes hervorgehoben, und ich habe meine störende Wirksamkeit auf ein Minimum reduziert. – Ich habe morgen ein recht kompliziertes Rezital, meine Schlafkemenate ist durch unmittelbare Nachbarschaft der Ihrigen ausgezeichnet. Sie kommen heute recht spät nach Hause – – – ich brauche gewiß nicht die Worte aus Macbeth zu zitieren: Morde nicht den heiligen Schlaf! Als unerreichte Meisterin der Nuance werden Sie die Modulation von Orpheus zu Morpheus gewiß pianissimo und con dolcezza vollziehen (noch heute, nach vielen Jahren, klingt mir jeder Ton der Chopinschen Mazurka im Ohr und Herzen wieder, wie Sie sie im großen Musikvereins-Saale in Wien sangen); und ich werde Ihnen morgen gerührt, und vor allem gut ausgeschlafen, nach so vielen durchreisten Nächten Dank sagen können.[219]
In aufrichtiger Verehrung für Sie und Ihr Fräulein Schwester
herzlich ergeben
Moritz Rosenthal.

Er hätte mich nicht darum zu bitten brauchen; wir waren's gewohnt, unsere Nachbarn mit Rücksicht zu behandeln und verhielten uns so wie so mäuschenstill.
Im Theater war's mir ausgezeichnet gegangen. Nur ein einziger Fehler kam vor; ich setzte im Rezitativ einmal eine Terz zu hoch ein, besann mich aber sofort. Riezl saß hinter der Kulisse, um mich vorzeitig an die nächste Stelle zu erinnern, die ich gleich rekapitulierte und nun nicht mehr auf den Souffleur angewiesen war, der wahrscheinlich vergessen hätte, sie mir frühzeitig genug anzuschlagen. Den Schluß lernte ich, während Wotan mit Loge nach Nibelheim fuhr, und war den ganzen Abend hindurch so ruhig, so sicher, daß mir niemand glauben wollte, ich hätte die 400 Worte und Noten von 1/25–8 Uhr gelernt.

»Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
Den schickt er in die weite Welt«



und führt ihn wohl auch glücklich wieder heim. Ein Sprüchlein, das so recht zum Künstler paßt, ihn oft so froh, so glücklich macht. Etwas freilich muß man schon drangeben von seiner häuslichen Bequemlichkeit, seinen altfränkischen Gewohnheiten, denn alles kann man nicht zusammen haben; doch wechselt man viel Schönes dafür ein in dieser großen weiten Welt, die doch herrlich ist in jedem Grashalm, jeder Wiese, jedem Tier, auf Bergen und Meeren.
Unvergleichlich war diesmal unsere Rückreise auf dem neuen Lloyddampfer »Kaiser Friedrich«. Es beeinträchtigte unsern Humor absolut nicht, daß er langsamer fuhr als mit der Baugesellschaft ausgemacht war, denn wir amüsierten uns göttlich. Hatten Kapitän Engelbart und seine liebreizende Gattin uns die Hinfahrt auf dem »Kaiser Wilhelm« entzückend gestaltet, so ermutigte uns Kapitän Störmer zu den tollsten Schnacken auf der Rückfahrt. Wetter, Schiff, Essen, Gesellschaft und Kapitän waren first class,[220]  die Laune der Künstler so brillant, daß alles davon hingerissen wurde. Ein jeder versicherte, so etwas noch nicht erlebt zu haben, und wir waren der Ansicht, so etwas würde nie wiederkommen.
Die Seemannskasse der Schiffsmannschaft verdient wohl auf jede Weise berücksichtigt und beschenkt zu werden, denn auf guten oder schlechten Reisen ist man der Tüchtigkeit der Leute anvertraut. Sie bedürfen fortwährend aller ihrer Kräfte und Vorsicht, sind unaufhörlich Gefahren ausgesetzt, die ihnen Gesundheit und Leben nicht selten schädigen. Nicht immer geht es so gefahrlos, wie der Passagier oberflächlich beobachtet. Wie oft z.B. brennt es im Lagerraum, ohne daß auch nur einer der Reisenden es ahnt; und wenn man des Feuers auch fast ausnahmslos bald Herr wird, ist doch die ernste schwere Arbeit der Mannschaft dazu stets erforderlich.
Wie ein Schiff zugerichtet werden kann, zeigt mir ein Bild von der »Eider«, das ich besitze, die an der amerikanischen Küste erst in heftige Regengüsse, dann in eisige Stürme geriet. Masten und Taue waren damals mit fußdicken Eismassen bedeckt, die sie dermaßen belasteten, daß das Schiff mehrere Tage in dauernder Gefahr schwebte, beim geringsten Windstoß umgeworfen zu werden. Fünfzig Stunden lang war Kapitän Helmers in diesem Wetter auf der Brücke. Von seinen Leuten trugen viele erfrorene Hände, Füße und Ohren davon, und was es sonst noch im Gefolge hatte, davon wissen Unbeteiligte nichts zu erzählen.
Man muß so viele Stürme auf dem Ozean mitgemacht haben wie ich, um nur annähernd die Gefahren zu ermessen, denen diese Leute in Nässe, Kälte, Sturm und Hitze ausgesetzt sind. Und auch die Sorglosigkeit der Passagiere wird hie und da durch ernste Szenen unterbrochen.
Auf der »Saale«, dem Schiff mit der »schönen Mannschaft«, saßen wir mittags 12 Uhr im Navigationszimmer mit Kapitän Richter in lustiger Gesellschaft, als dem Kapitän: »Schiff in Not« gemeldet wurde. Richter gab seine Befehle, wir stürzten aufs Promenadendeck und sahen dicht vor uns einen Dreimaster mit hängenden Segeln, die das Signal der Not bedeuten. Wir hatten bereits beigelegt, ein Boot war eben heruntergelassen, alles ein Werk des Augenblicks. Ich sah nur noch, wie der erste Offizier[221]  dem dabei beschäftigten Schiffsjungen, der nicht schnell genug verstand, eine furchtbare Ohrfeige verabreichte und dachte, daß auf der Stelle kein Gras mehr wachsen würde. »Die einzige Sprache, die diese Faulpelze verstehen«, erklärte mir der Offizier. – Unsere Leute trafen schon auf halbem Wege zum Dreimaster das von dort abkommende kleine Boot mit 13 Insassen, der ganzen Bemannung des Seglers, die sich wenige Minuten später auf unserem Schiff befanden. Schon während wir unsere Reise fortsetzten, wurde unser Rettungsboot wieder hochgezogen und das kleine fremde Boot den Wellen preisgegeben, das noch lang sichtbar auf den hohen blauen Wogen tanzte. – Acht Tage hatte der Segler, der Holz führte, bereits steuerlos auf dem Ozean umhergetrieben, mehrere englische Dampfer waren an ihm vorbeigezogen, ohne seiner Signale zu achten, und wie gewöhnlich war's dem »deutschen« vorbehalten, seine Mannschaft zu retten. Die kleine Szene, wobei kein Menschenleben verloren ging, die Leute, die schweren Gefahren ausgesetzt gewesen, doch glücklich davonkamen, hatte einen erschütternden Eindruck auf mich gemacht, meinem Frohsinn für Tage einen Riegel vorgeschoben.
Bei meiner Rückfahrt mit der »Aller« und unserm einzig lieben Kapitän Christoffers wurde vor Abfahrt von Eisbergen gesprochen. Ich hatte nie einen gesehen und bat Christoffers mich's wissen zu lassen, falls wir einem begegnen sollten. »In 3 Tagen zwischen 3–4 Uhr nachmittags«, sagte er, »können wir einen haben, er ist gemeldet, aber mir wär's lieber, wir begegneten ihm nicht.« – Am dritten Tage saßen Konsul Dorenberg mit Gattin, mein Mann und ich nachmittags 3 Uhr beim Skat hinter einem Sonnensegel, als ich plötzlich merke, wie unser Dampfer wendet. Im selben Augenblicke kommt auch schon ein Schiffsjunge, der mich gesucht hatte, mit der Ordre vom Kapitän, mich hinauf zu bitten: ein Eisberg sei in Sicht! Aber ich kam keine fünf Schritte weit, als wir plötzlich – bei herrlich klarstem Wetter – im dicksten Nebel staken und keinen Meter weit mehr seitlich sehen konnten. Von oben vernahm ich eine Stimme, der ich folgte, und sah unklar am vordersten Mast auf höchster Spitze, unsern vierten Offizier angeklammert, der dem Kapitän Beobachtungen über den Nebel hinweg von oben herunterrief. Es war recht ungemütlich für[222]  10 Minuten ungefähr. Aber ebenso plötzlich, wie er gekommen, verschwand der Nebel wieder, und links vom Schiff, auf eine Seemeile Entfernung, kam ein herrlicher Eisberg in Sicht, so groß und hoch wie Helgoland, an dessen weißen Eisklippen die blauen Ozeanwogen zerschellten. Ein prachtvoller Anblick, der leider sehr schnell verschwand.
Wie oft aber habe ich bei dem furchtbaren Unglück der »Titanic« daran denken müssen, und wie oft an die Worte des lieben vorsichtigen Kapitän Christoffers: »Mir wäre es lieber, wir begegneten ihm nicht.« –
Als beim ersten Diner die Schiffskapelle ein Traviata-Potpourri einsetzte, brummte ich das Trinklied leise mit. Kapitän Störmer, der neben mir saß, schielte nach mir:« Raus damit«, sagte er, »schade um jeden Ton, der verloren geht.« »Na, da würden sich die Passagiere aber bedanken«, anwortete ich. »Ach was, das ist mein Schiff, hier dürfen Sie singen, so laut Sie wollen!« Da erhob ich denn mein Glas und sang aus voller Kehle das Trinklied, in dessen Refrain die Damen Meißlinger, Pewny, meine Schwester und Herr Dippel einfielen. Der Erfolg war verblüffend, man verlangte es da capo. Von nun an wurde täglich etwas anderes ausgeheckt. Mit Blumen und Bändern geschmückt erschienen wir zum Essen. Einmal war sogar ein Kostüm-Diner daraus geworden, da Frl. Meißlinger als weiblicher Mikado, mit einer großen Rübe auf dem Kopfe, Frl. Pewny als Germania erschien, mit einer aus frischen Ananasschalen geschnitzten Kaiserkrone; Dippel, mit hellblauem Stirnband, auf das der Konditor rosa und weiße Zuckerröschen geklebt hatte; ich mit einem Kranze Riesenmohn usw., und jeder wurde vom entzückten Publikum ganz besonders empfangen. Beim Galadiner war bereits alles versammelt und harrte nur des Kapitäns. Dieser hatte mich um die Ehre bitten lassen, mich die Freitreppe herunterführen zu dürfen, zu welcher Gelegenheit wir uns beide fein gemacht und alle Dekorationen angelegt hatten! Ein andermal wagte ich sogar mitten im Diner eine Polonaise zu arrangieren, der sich eine Menge der elegantesten Passagiere anschlossen. Unser guter Kapitän fiel aus einer Überraschung in die andere – Für das Wohltätigkeitskonzert hatten wir eine ganz besondere pièce de résistance gewählt, eine Ensemblenummer, die noch nie zuvor gehört worden und niemals wieder gehört werden[223]  wird! Mit der Schiffskapelle, die über dem Eß-Saal postiert war, sang Dippel das Miserere aus dem Troubadour mit vier, sage vier Leonoren! Der Beifall war endlos, und für 50 Dollars, die jemand der schönen Frau Dippel dafür zeichnete, wiederholten wir das nie dagewesene Stück. Anderen Tages verfaßte ich eine Adresse an Maëstro Verdi, worin ich ihm die Korrektur seines alten Meisterwerkes mitteilte, die ihn – ich wette drauf – in ungeheucheltes Erstaunen versetzt haben mag. Ein Wunderkind sollte das Konzert mit einer Klavierpièce eröffnen. Das Kind war aber zu Bett gegangen, und unser liebenswürdiger Impresario: der geistreiche Eisenbahnkönig Carnegie brachte den Umstand in so urkomischer Weise zum Ausdruck, daß alles in Lachen ausbrach und damit dem Animo der Weg gewiesen war. 3000 Mark betrug die Einnahme, die wir dem lustigen Kapitän für die oft schwergeprüfte Schiffsmannschaft überreichten!


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Auf der Rückreise lernte ich die Irmentraut im Waffenschmied, und das kam so: Je mehr ich das Fach der Opernalten vernachlässigt fand, je stärker mahnte mich die Erinnerung an Frau Günther-Bachmanns vorzügliche Gestalten in Leipzig. Seit langem trug ich mich mit der Idee, bei einer günstigen Gelegenheit zu zeigen, daß es in jugendlichem Alter auch schon lohnen würde, sich mit derartigen Rollen zu beschäftigen. Mit meines einstigen, hochverehrten Chefs jüngstem liebem Sohn, Georg von Hülsen, besprach ich die Idee, die er mir bei den nächsten Maifestspielen 1899, bei denen ich auch den Ring sang, als Irmentraut im Waffenschmied auszuführen anbot. Wie es gelang – ich kann es nicht beurteilen; mir aber hat es Freude gemacht. Ob es den eigentlichen Zweck erfüllte, meine Kolleginnen zur Nachahmung zu reizen, bezweifle ich. Künstlerinnen wollen lieber jünger und schöner erscheinen, als sie sind, nicht älter oder weniger schön; mir galt das gleich. So dürfte mein gutes Beispiel, das man wahrscheinlich eine »Schrulle« nannte, wie so vieles andere, das ich aus künstlerischem Interesse unternahm, das andere nicht begriffen, nutzlos im Sande verlaufen sein. Wie schade für die Kunst, der ich so viel und andere so wenig zuliebe tun![224]
Ende April bei herrlichstem Wetter den Ozean kreuzen, Mitte Mai im blühenden Wiesbaden Kaiserfestspiele genießen, den selten schönen Juni im entferntesten Westen Londons, im Kensington-Palace-Hotel die Aussicht auf den Park, in vollständiger Ruhe seinem Beruf zu obliegen, ist wohl beneidenswert, selbst dann noch, wenn die künstlerische Arbeit keine Minute stockt. Vielleicht macht's gerade diese, nur dem Künstler beschiedene glückliche Verbindung, die ihn so beseligt, auch dann noch, wenn schwer zu Tragendes in seiner Seele gärt, das nicht schmerzlos nach Abklärung ringt. –
Die Metropolitan-Opera-Company unter Graus Management hatte sich nach vier Wochen hier fast vollzählig wieder eingefunden und ausgezeichnete Aufführungen gebracht. Fidelio, Walküre, Lohengrin, Norma, Don Juan, Tristan sang ich unter Muck und Mancinelli. Ich lebte dabei streng vegetarisch, aß äußerst wenig und fühlte mich sehr wohl trotz aller Anstrengung im Theater und schriftstellerischer Arbeiten im Hause, da »meine Gesangskunst« fertiggestellt zu werden verlangte. Kaum daß ich Dippels, die meine Zimmernachbarn, manchmal sah. Fast allabendlich begann um 10 Uhr oder auch später noch unter meinem Fenster eine Straßensängerin italienische Arien und englische Lieder zu singen, denen ich mit größtem Interesse lauschte. Ein Mann begleitete sie auf einem Stück Klapperkasten, den er am Arme trug; die Stimme tremolierte in den unteren Tönen, klang aber wohlig in den oberen Lagen, und da es immer gute Melodien waren, die sie sang, freute ich mich in meiner Einsamkeit von einem unbeschäftigten Abend auf den anderen, sie zu hören. Einmal ließ ich sie sogar zu mir heraufkommen; eine Frau von vielleicht 45 Jahren, nicht unfein. Sie war Sängerin gewesen und verdiente sich nun auf diese Weise ihr Brot. Wie unendlich glücklich ist doch auch noch ein armer Mensch, wenn er eine Stimme sein eigen nennt, in die er seine Seele zu legen, sich andern mitzuteilen, sie zu erfreuen, ja zu beglücken vermag.
Kaum im Grunewald angekommen, rief mich ein Telegramm zum Konzert nach Ostende. Man muß seine herrliche Brandung, die Luftspiegelungen gleich mir genossen haben, um es nur annähernd zu würdigen. Stundenlang ging ich am Meer entlang, das ewig dasselbe und immer ein anderes ist, das zu bestaunen[225]  man nicht müde wird. Nirwana bemächtigt sich des Gedankenkreises beim Hineinstarren in das ewig brandende Meer, und mit dem Ausruhen kommt das Bewußtsein der Kräftigung wieder, das uns zu neuer Anstrengung befähigt. Losgelöst von jedem Kontrast mit Menschen machte ich stundenlang Tonstudien und fixierte meine Gedanken auf diejenigen Tonempfindungen, deren Entstehung und Erzeugung ich in »meiner Gesangskunst« endlich zum Ausdruck brachte.
Die Sehnsucht nach dem Parsifal führte mich vom Meeresstrand direkt nach Bayreuth, wo ich mit Riezl zusammentraf und auch die Meistersinger hörte, die mich ganz unbefriedigt ließen, da ihnen Natürlichkeit, Wärme und Gefühl fehlten, nach denen ich mich sehnte. Wie stark der unnatürliche, herzlose Eindruck mich erkältete, kann man vielleicht ermessen, wenn ich sage, daß mich beim »Wachauf«-Chor im letzten Bilde eine Choristin durch eine einzige, aus dem Herzen kommende Bewegung, die sie gegen Hans Sachs machte, endlich von dem Kältedruck, man könnte ihn zeitgemäß »Ensembledruck« nennen, erlöste und mich von einer unglaublich interesselosen Stimmung aufatmen ließ. Im Parsifal stand Milka Ternina auf der Höhe, Chöre der Blumenmädchen und Gralsritter wirkten ergreifend.

Mit Amfortas durfte ich sprechen, daß mich die Bäder im klaren, grünblauflutigen Mondsee »frischten«. Ich Undankbare, die ihn schöner fand als den heimatlichen Halensee, der mir das Schwimmenlernen und Freischwimmen noch mit fünfzig Jahren erlaubte, dessen braunem Moorwasser ich fleißig zusprach, wenn mir Ozean, Meer oder Gebirgsseen nicht zur Disposition standen. Aber auch der Mondsee hatte seine Mucken. Regen setzte ein, und mit dem schnell wachsenden See stieg unsere Angst vor Gefahr.
Im Wirtshaus bekamen wir schon vor zwei Jahren einen Vorgeschmack von Überschwemmung, von der man sagte, daß sie seit dreißig Jahren nicht mehr vorgekommen sei. Diesmal sollte es schlimmer werden. Am zwölften Regentage waren wir vom Wasser total eingeschlossen, immer noch strömte es vom Himmel, und Sturm peitschte die Wogen an unser kleines Haus, in das wir eben eingezogen waren und welches bereits einen Meter tief[226]  im Wasser stand. Die Ischler Bahn sowohl als die Dampfer hatten ihre Fahrten eingestellt, wir waren von allem Verkehr abgeschnitten. Unser Boot, der einzige Rettungsanker, war voll Wasser gelaufen, einige Ruder fort- und Hunderte von Baumstämmen angeschwemmt, die nachts an unser Haus schlugen; der See fast drei Meter gestiegen. Da endlich, um 3 Uhr nachts, hörte der Regen auf, der erste Stern wurde sichtbar und mit ihm gewannen wir die Hoffnung, daß die Gefahr vorüber. »Eene dolle Jejend« meinte eines unserer Berliner Mädchen, als sie morgens Neuschnee »im Sommer« auf den Bergen gewahrte. – Feldmäuse, Maulwürfe und anderes Getier hatte sich auf unsere kleine Terrasse geflüchtet, wo wir sie mit altem Brot und Fleischresten nährten. Sie schwammen dann wieder fort, ihre alten Wohnungen und Familien aufzusuchen, bis sie, gleich den Schwalben, dem eiskalten Wasser zum Opfer fielen. Wie sehr hätte ich gewünscht, sie unser Häuschen als Arche Noah betrachten zu lehren; doch ließen sie nicht mit sich handeln und zwangen mich, sie ihrem Willen und Schicksal zu überlassen. Sie lassen sich nichts aufzwingen und sind darin nicht anders wie die Menschen. –

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Von nun an gastierte ich nur mehr in meinen großen Rollen in Berlin, Wien, Wiesbaden, Dresden und gab in Deutschland und Frankreich Liederabende. Der Winter 1900 auf 1901 führte mich noch einmal auf vier Monate nach den Staaten zu einer Konzerttournee. Wie ich's mir vorgenommen, blieb es trotz aller Anträge und Versprechungen die letzte Fahrt über den Ozean, den ich nun achtzehnmal gekreuzt hatte.
Kalifornien zu sehen, hatte ich versäumt; von einem Jahr zum andern verschob ich's, und Henry Villard bot mir vergebens seinen Salonwagen zur Reise an. Während der Season erlaubte es meine Arbeit nicht, und nach derselben war die Sehnsucht nach der Heimat weit größer als die nach Kalifornien. –



Salzburg











Auf allen Gebieten treten starke Geister gleich schweren Gewitterwolken denen ungreifbare Kräfte innewohnen, in die Erscheinung, die, sobald sie günstigen Widerstand für ihren Prozeß vorfinden, gleich dem Blitzschlag sich selbst und alle diejenigen befreien, die ihren »Messias« vorausgefühlt, gehofft, geahnt. So scheint mir Beethoven; ein Gewitter, das beim Entladen, je nach individuellem Gefüge des Hörers, diesen ängstigt oder ihn mit blendender Kraft erleuchtet. – Eine Gewitterwolke möchte ich auch Richard Wagner nennen, der nicht nur zerstörte, wie man vielfach auszusprechen geneigt ist, sondern auch in manchem Sinne wohltätig war, den kein noch so vernichtendes Urteil aus der Geschichte großer Zeiten der Musik verschwinden machen wird. Seine Kraftentladung wirkte elektrisierend auf die Zeitgenossen, und ob gewollt, ob nicht, abklärend auf das Urteil der Besten seiner Zeit, indem er die einfache Größe, das gesunde göttliche Genie Mozarts, nur um so erkennbarer hervortreten, nur um so anbetungswürdiger erscheinen läßt.
Gesund, das ist's! Mozarts Genie ist gesund, und unverdorben, was er uns gegeben. Mozart beglückt, beruhigt, ohne auf Schmerz und Tränen zu verzichten, die er in seiner Größe so einfach, so erhaben gezeichnet hat.
Wie oft hab' ich gefühlt und ausgesprochen, wie sehr Richard Wagners Musik mein Inneres aufgewühlt, mich krank gemacht hat, weil seine sinnberückende Tonmalerei ihre Aufgabe nur darin zu finden scheint, die Nerven des Hörers zu größtmöglichster Spannung aufzureizen, der auch der Stärkste zum Opfer fallen muß, wenn er dem Einfluß eines so mächtigen Genius, wie Richard Wagner, sich zu entziehen nicht imstande ist. Und daß er mächtig war, ist und noch lange bleiben wird, werden seine Epigonen gewiß nicht ändern.[231]
Alles dessen bedurfte es nicht, um mir Mozarts als Schutzengel gegen Unwahres, Übermäßiges oder Ungesundes bewußt zu bleiben. Nie hatte ich bei allem Enthusiasmus, aller Liebe zu Großem, Neuem vergessen, ihn als der Sänger und Musiker größtem Wohltäter anzuerkennen. Und dieser Überzeugung konnte sich auch Wagner nicht verschließen, wie wäre er sonst wohl immer und immer wieder in seinen Gesprächen auf Mozart zurückgekommen?
Der Wegweiser, dem mich die Mutter folgen lehrte von Kindheit auf, er führte mich auch bei anderem Großen und Starken vorüber, bei dem ich gerne verweilte, das mich anzog durch seine Kraft und seinen Ausdruck, das mich mein eigenes Seelenleben gerade durch sein Übermaß entdecken lehrte. Aber es konnte mich Mozart nie entfremden, und soll – wenn meine Wünsche, die tief in meinem Inneren wurzeln – sich erfüllen, ihm tausendfach zustatten kommen, indem ich, was ich dabei lernte, in seinem Geiste weiter zu lehren entschlossen bin. Aufgaben höchster Hingabe dürfte ich noch an mich stellen, die fern von Egoismus und Parteienhader seiner reinen Kunst allein gelten werden.
So wäre ich am Schlusse dieses Buches bei Mozart, meiner musikalischen Heimat angelangt, und wende mich zu ihm zurück. Nach Salzburg, wo seine Wiege stand, wo man ihm huldigt. Wo begeisterte Künstler seine lebendigen Werke in Reinheit, Liebe und Verehrung der Mozartgemeinde darbringen. Was bis jetzt dort geschehen, ich will's beleuchten; will zeigen, was es war, was wir Künstler hofften, wollten, zu schaffen vermochten.
Den ersten Ruf nach Salzburg mußte ich unbefolgt verhallen lassen. Wenn ich mich recht erinnere, handelte es sich damals um die Gräfin im Figaro, die ich noch nie zuvor gesungen. Lag sie auch längst in meinen Wünschen, so wollte ich sie gerade dort nicht zum ersten Male singen, sondern reif, in die Rolle hineingewachsen sein, bevor ich sie Mozart darzubringen gedachte. – Von meiner Schwester weiß ich, daß sie um jene Zeit im Don Juan mit Marie Wilt – Donna Anna die Elvira sang, Vogl Don Octavio war, und Hans Richter die Oper dirigierte. Erst um 1901 vereinigte sich wiederum eine Künstlerschar zum Feste, der ich mich als Donna Anna im Don Juan zugesellte. Don Juan – Josef Ritter, Leporello – Heš, Elvira – Edith Walker, sämtlich von der Wiener[232]  Hofoper; Zerline – Erika Wedekind, Dresden, Comtur – Klöpfer, München, ein selten begabter junger Künstler, der bald darauf plötzlich starb. Mozarteumsdirektor Hummel leitete das Fest. Wir waren nur zu zwei Proben dort zusammengekommen, und dennoch war's eine Vorstellung, die in manchen Punkten unvergessen blieb. Damals betätigte ich mich nur als Sängerin am Werk, wohl aber wurde meine Aufmerksamkeit auf vieles gelenkt, von dem ich bisher keine Ahnung hatte. Ich sah, wieviel es gerade hier in der Mozartstadt zu tun gab, wie nötig es wäre, daß sich praktische Künstler Mozartscher Interessen annähmen, die in Beiträgen mancherlei Arten: in Fonds für die Mozartschule, Festspielen und Konzertaufführungen, Ankauf von Mozarts Geburtshaus usw. gipfelten, die ideale Aufgaben in sich schließen. Mangelt es doch bei aller Liebe und freudigen Aufopferung des ausgezeichneten künstlerisch-feinfühligen Komitees in Salzburg an Geld für alles, um ein unvergängliches, ewig sich erneuendes Denkmal für Mozarts Größe zu schaffen, d.h. so zu fundieren, daß Schule, Festspiele usw. gesichert wären für alle Zeiten. Denn Mozart muß der Maßstab bleiben für vollendete Musik, die den Menschen erhebt und beglückt. Wer wäre dessen würdiger als er und seine Werke? Müßten nicht in allen Gauen der Welt und besonders in Österreich und Deutschland Verbände, von praktischen Menschen geleitet, sich's angelegen sein lassen, für ihn zu wirken? Wie elend ist es doch noch immer um ideale Beteiligung an Kunstaufgaben bei uns bestellt, wenn es nicht einmal gelingen will, Salzburg seine größte Aufgabe zu erleichtern; es wäre doch eine Spielerei, wenn ein paar hundert Menschen einmal in ihren Säckel greifen wollten, etwas von dem zu geben, was sie übrighaben! – Wahrhaftig, da ist der Künstler, selbst wenn er Bettler wäre, noch verschwenderisch dagegen, denn er gibt aus vollem Herzen und zum mindesten: seine Kunst. –
Bis zum 150. Geburtstage Mozarts, der auf 1906 fiel, sollten große Festspiele nicht mehr stattfinden, doch erreichte ich, daß man um 1902 sein Requiem in der Domkirche aufführte, wobei sogar der Weihbischof die Totenmesse zelebrierte. Es war eine unsagbar ergreifende Feier, die wenigstens mich ganz gefangen nahm. Mein Wunsch, das Requiem möchte alljährlich dort in einer Kirche, an[233]  irgendeinem bestimmten Tage während der Fremdensaison aufgeführt werden, hat sich bis jetzt noch nicht erfüllt. Und gerade dieses Werk, das uns an Mozarts tiefsten Schmerz erinnert, müßte dem Salzburg Mozarts als Wahrzeichen dienen für alle Zeiten, auf daß man seiner nicht vergäße. Hoffen wir, daß man sich der Einsicht dieser Notwendigkeit nicht verschließen wird, selbst auf die Gefahr hin, daß Salzburg Kosten dadurch erständen. Stets wird man Künstler bereit finden, unentgeltlich mitzuwirken. Was in dieser Beziehung geschehen konnte, habe ich bisher mit Glück versucht. Sicher werden uns Helfer erstehen von allen Seiten, wenn Salzburgs Feste einmal bestimmt organisiert sein werden, und man sich der Sicherheit sowohl als der Notwendigkeit in allen gebildeten Schichten des Mozartkultus bewußt geworden sein wird.
Um 1903 war es mir vergönnt, dem Mozartfonds in Gestalt eines Liederabends etwas zufließen zu lassen, und 1904 gab man in der herrlichen Aula ein kleines Musikfest mit 4 Konzerten, die Mottl und Hummel dirigierten. Die Wiener Philharmoniker und das Fitzner-Quartett spielten, ich und Hedwig Helbig sangen Arien und Duette. In der ergreifenden Cmoll-Messe, die hier zum erstenmal in Alois Schmitts Bearbeitung aufgeführt ward, sangen Frau Hilgermann, ich, die Herren Dippel und Sieglitz die Solis. Die Cmoll-Messe, die meiner Ansicht nach etwas modern instrumentiert scheint, ergriff mich zu tiefst; immer mußte ich mir Zwang antun, mich von meinem Gefühl nicht überwältigen zu lassen. Wie sehr das erste Sopran-Solo, das sich mit anderem Text am Schlusse wiederholt, zu packen vermag, davon nahm ich auch in Paris Kenntnis, als wir unter Reynaldo Hahn einige Piècen aus der Messe machten, und dieses Solo geradezu bejubelt wurde. – Man wiederholte die Aufführung der Messe 1907 in Salzburg, gelegentlich des 60jährigen Bestehens der Liedertafel, wo sie mir denselben großen Eindruck hinterließ.
Das erstemal war sogar mit Erzherzog Eugen, dem hohen Protektor des Mozartkultus, der Fürst-Erzbischof anwesend, der sich enthusiastisch über die Aufführung aussprach. Direktor Hummel, den ich Salzburg und Mozarts Musik immer zu erhalten wünschte, kann man für die großartige Einstudierung seiner Chöre und der ganzen Kirchenmusik gar nicht dankbar genug sein. Möchte er noch[234]  viele Junge im Rechten unterrichten, es würde der Nachwelt nicht zum Schaden gereichen.
Das große Fest für 1906, das man nicht am Geburtstage selbst, sondern im Hochsommer zu begehen beabsichtigte, sollte sich aus Aufführungen verschiedener Mozartopern von Hoftheatern wie: Wien, Berlin, München, Dresden zusammensetzen, und jedes mit seinen eigenen Kräften das Beste ins Treffen führen, dessen es gewiß war. Ein großartiger Plan, der naturgemäß an seiner Großartigkeit scheiterte. Keines der Hoftheater ging darauf ein, nur Wien stellte zwei Mozartopern in Aussicht, und an vier Tagen waren große Konzerte geplant, die berühmte Kapellmeister zu leiten »versprachen«. Josef Joachim und ich sollten über die Konzertprogramme wachen; hier und dort helfend einzugreifen hatte ich zugesagt, Joachim lehnte ab.
Se. Majestät Kaiser Franz Josef hatte, echt kaiserlich, das ganze Wiener Hofopernpersonal mit Dekorationen und Kostümen und den ganzen technischen Apparat kostenlos zur Verfügung gestellt. Mahler sollte sich Januar für die Wahl der Opern entscheiden, verschob sie aber auf April, weil noch nicht alle Neueinstudierungen Mozartscher Opern in Wien herausgebracht waren, doch glaubte er die Wahl zwischen Don Juan, Cosi fan tutte und Figaro in Aussicht zu nehmen. Salzburg trat nun mit der Frage an mich heran, ob ich es unternehmen wolle, eine Mozartoper zusammenzustellen; ich hatte dabei in erster Linie an die Zauberflöte gedacht. Mir war der Gedanke sehr sympathisch. Eine Zauberflöten-Vorstellung, wie sie mir vorschwebte, mit dem naiven Text, der entzückenden Musik, die so viel Erinnerungen an meine früheste Jugend umschloß! Das reife Erkennen von Mozarts Größe, der Inbegriff so vieler seelischer Empfindungen und künstlerischer Erinnerungen, das wäre eine Aufgabe für mich gewesen. Die Aufgabe wollte indessen erwogen sein. Konnte ich auch die Künstler für die Besetzung schaffen, die Dekorationen – die ich mir ganz primitiv, naiv dafür dachte – waren nicht vorhanden, die dafür notwendigen Proben vielleicht unmöglich. Den Mozartfonds mit Schulden zu belasten, anstatt ihn zu kräftigen, hielt ich für ausgeschlossen. Und schon liefen Absagen verschiedener Künstler ein, auf deren Mitwirkung ich gehofft hatte, falls der Plan sich verwirklichen sollte.[235]  April war unterdessen ins Land gekommen, die höchste Zeit zu einer Entscheidung vor der Tür. Mahler, der auch jetzt noch unschlüssig, war sich nur des einen bewußt, daß Don Juan außer Frage stände. Da machte ich kurzen Prozeß. Vom Jahre 1901 besaßen wir ganz neue Don Juan-Dekorationen, die seit dem damaligen Feste nicht wieder gebraucht waren. Die Besetzung war nicht ganz so schwierig wie die der Zauberflöte, die konnte ich beschaffen. Man griff in Salzburg mit beiden Händen zu, und die Aufführung des Don Juan war beschlossene Tatsache.
Mir war viel daran gelegen, die betreffenden Mitwirkenden in meiner Nähe zu suchen um die Rollen mit ihnen zu probieren, eventuell zu studieren, und ließ meine Einladungen demgemäß ergehen.
Auf diese Weise konnte ich am leichtesten fix und fertig mit dem Ensemble nach Salzburg kommen, wo ich jede Vorstellung mit mehreren Chor- und Dekorationsproben, die ich ohne die Solisten vorzunehmen rechnete, mit 2–3 Theaterproben gut herauszubekommen hoffte. Die Liebe für Mozart und die Freude, sich vor einem verständnisinnigen Publikum hören zu lassen, mußte die Hauptschwierigkeiten beseitigen helfen, die darin lagen, daß das Fest in die Ferienzeit aller Künstler fiel und darum ein Opfer bedeutete, das nur ich als Künstlerin vollständig zu bewerten wußte.
Die vielfachen deutschen Neuübersetzungen des Don Juan-Textes fielen mir darum schwer aufs Herz, weil man an jedem Theater eine andere singt; sei es Levi, Grandauer, Kahlbeck. Man hat zu öfteren die Unklugheit begangen, den italienischen Text recht wörtlich zu übersetzen, worauf kein Mozartscher Originalakzent mehr paßt; denn wenn ich italienisch crudele sänge und im Deutschen Grausamer singen müßte, so wäre das einfach unmöglich. Und unmöglich ist auch der neue Text allenthalben. Man hat sich durchaus nicht gescheut, eine Menge Noten zu verändern, neue dazu zu komponieren, die Akzente zu verschieben, und aus Rücksicht für den einen und den andern ist es niemand eingefallen, dagegen zu protestieren. Da mag doch lieber ein »althergebrachtes« weniger korrekt übersetztes, mit dem Originalton sich deckendes Wort herhalten, von dem man weiß, was man dabei seit Lebzeiten zu denken gewohnt gewesen, als ein allzu korrekt übersetztes, der[236]  Originalkomposition aufgepfropftes, unpassendes, das uns fremd und darum nur um so schlechter klingt. Führt doch auch ein und dasselbe Wort in jeder anderen Sprache andere Begriffe und andere Werte mit sich und kann darum von ganz korrekten Begriffsübersetzungen doch überhaupt nicht die Rede sein. Reichman und ich sangen im Don Juan den alten Text, und als ich Mahler frug, warum er nicht allenthalben den alten Text singen lasse wenn ihm an dem neuen doch nichts gelegen wäre, sagte er: »Sie sollen meinetwegen den alten Text singen, nach und nach wird er sich wieder einfinden, direkt verlangen mag ich's nicht.« – Mahler forderte mich auf, die Gräfin in dem neueinstudierten Figaro zu singen, und ihm zuliebe hätte ich die Rezitative mit dem mir fremden Text auch gelernt; für die Ensemblenummern bestand er nicht auf dem neuen Texte. Es kam aber nicht dazu, weil ich erst zu viel beschäftigt und dann keinenfalls in dem Kostüm der damaligen Gräfin gegangen wäre, das demjenigen einer alten Urgroßmutter glich, und nicht der lebenslustigen Rosine Gräfin Almaviva.
Wäre es da nicht am allerbesten, den alten Rochlitzschen Text beizubehalten, da und dort Worte, die einen gewöhnlichen Klang angenommen haben, nach und nach – wie dies ja immer schon geschehen – durch bessere zu ersetzen und mit einigen schlecht klingenden Sätzen in den Rezitativen aufzuräumen? Wollten doch die Übersetzer selbst so klug sein, einzusehen, wie wenig es ihnen gelang, den altgewohnten, beliebten Text durch neuen, ungewohnten, zu ersetzen; die Übersetzungen sollten sie tapfer zurückziehen; es würde ihnen von allen Seiten nur Dank zuteil werden. Sie mögen sagen, was sie wollen, mögen noch so klug sein wollen oder wirklich sein: 's ist halt unser alter Mozart nicht mehr; den haben sie uns glücklich ausgewechselt und modern verschandelt.
Dem Textübelstande zu entgehen, beschloß ich, den Don Juan italienisch singen zu lassen. Schuch hatte mir schon einigemal Salzburgfeste zu dirigieren abgeschlagen, weil sie stets in seine knappe Urlaubszeit fielen; Mottl konnte sich diesmal nur für ein Konzert verpflichten; Muck war in Bayreuth gebunden, so war es am geratensten, mich Reynaldo Hahns zu versichern, mit dem wir den ganzen Don Juan concertando soeben dreimal in Paris gemacht, der ihn auswendig einstudiert und dirigiert hatte, und der[237]  die Einladung annahm. Nach vielen Absagen aus hunderterlei Gründen war mein Personenstand folgender:

Don Juan – Francesco d'Andrade, Berlin.
Komtur – Gerhard Stehmann, Wien.
Octavio – Georg Maikl, Wien.
Leporello – Hermann Brag, Berlin.
Masetto – Anton Moser, Wien.
Donna Anna – Lilli Lehmann, Berlin.
Donna Elvira – Johanna Gadsky-Tauscher, New York.
Zerline – Geraldine Farrar, New York.


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Endlich hatte sich auch Mahler definitiv für Figaros Hochzeit entschieden, aber seine Bedingungen kosteten Kopfzerbrechen in Salzburg. Er hatte es leicht. Die Oper war in Wien mit 40–46 Proben neu einstudiert in Szene gegangen und ebenso oft schon gegeben worden. Der Kaiser bezahlte die Riesenkosten, Mahler brauchte nur auf den elektrischen Knopf zu drücken, um seine Befehle zu erteilen. Seine Beamten in Wien sowohl als das Komitee in Salzburg hatten für alle Vorbereitungen zu sorgen; die Vorstellung des Figaro ging »auf Befehl« – diejenige des Don Juan auf Rechnung der Liebe für Mozart und Gefälligkeit für mich in Szene. Das kleine entzückende Salzburger Theater – ich möchte nie ein größeres für Mozarts Opern – stand in Pachtbesitz eines Direktors, mußte ihm also vom Komitee für 5000 Kronen für die Festspielzeit abgekauft werden. Vier ganze Tage verlangte Mahler für die szenischen Einrichtungen zum Figaro, indem alles Vorhandene aus dem Theater heraus- und die Figaro-Einrichtung hineingebracht werden mußte. Für mich blieb nur der 12. und 13. August zu Don Juan-Proben übrig. Es mußte eben auch so gehen, und ich war ja auch vorbereitet. Vom Tage der Entscheidung, vom 4. Mai also, bis zum 20. Juli sang und spielte ich täglich viele Stunden lang mit einem oder dem andern Künstler. Fast alle kamen zu mir, und manchmal hatte ich 4–5 derselben zusammengebracht. Einem jeden zeichnete ich ein Szenarium nach den vorhandenen Dekorationen; alle waren mit aufopfernder Liebe und unermüdlichem Fleiß bei der Sache. Mein Salon war unsere Bühne, worauf wir täglich mit allen Requisiten probierten.[238]
Wieviel Zeit und Kräfte blieben dem Künstlerpersonal erspart, wenn man, anstatt die ganzen Werke immer und täglich hintereinander durchzuprobieren, die Proben in Szenen einteilte, so daß man bis zu den letzten Ensemble- und Bühnenproben alles im einzelnen vorbereitete. Die Künstler würden frischer und mutiger an die Arbeit gehen und ungleich mehr lernen, als wenn sie stundenlang müßig auf den Proben herumzustehen genötigt find, oder eines Statisten halber, der eine Lanze schief hält, die schwierigsten Gesangsstücke zehnmal zu wiederholen gezwungen werden, weil der Statist dem Bühnenleiter »das Ensemble« zu gefährden scheint. Wie wirkungsvoll wäre hier eine rationelle Selbsthilfe der Künstler, die sich gegen unnötige Ermüdung und Kraftverschwendung energisch wehren müßten. Niemals hat sich während der 31/2 monatlichen Probezeit, den endlosen Wiederholungen Müdigkeit oder Überdruß bei mir oder den Künstlern geltend gemacht, im Gegenteil; je öfter ich die Oper hörte, je mehr steigerte sich auch mein Interesse; und als die Vorstellungen vorbei waren, hätte ich am liebsten von neuem wieder angefangen.
Trotz allen Studiums blieben natürlich bei jeder Einzelleistung der Wünsche genug noch übrig. In meinem Gedächtnis lag ein kolossales Material für jede Rolle aufgespeichert. Hatte ich nicht durch beinah fünfzig Jahre alle Don Juan-Vorstellungen allerorten mit den bedeutendsten italienischen und deutschen Darstellern gesehen? Alles Prägnante, Subtile war haften geblieben. Meine eigene Individualität schuf aus dem vielen Vorzüglichen, das ich gesehen, ideale Gestalten, denen heutzutage wenige Künstler nur gewachsen sein dürften. Mein Durst nach Vollendung für mich und andere war aber stets so groß, daß mir keine Mühe zu viel erschien, im Verein mit meinen Kollegen das Mögliche wenigstens zu erreichen. Damit rechnete ich, und die Rechnung stimmte. – Perfekt sind ja auch die berühmtesten Ensembles nicht. Ensemble! Ein bequemes Wort, monotone, langweilige Aufführungen zu bezeichnen, aus denen jeder Funke individueller Auffassung der Künstler glücklich hinaus gegrault ist um Decorationen und Comparserie leuchten zu lassen.
Mahler brachte doppelte Besetzung für den Figaro, ich mußte mit einer einzigen rechnen, bei der mir die sommerliche Jahreszeit[239]  zustatten kam. Gleichwohl brachte unser Leporello einen Typhusanfall mit, den er sich von schlechter Krebssuppe geholt, und mußte nun singen, ob er wollte oder nicht. Der Salzburger Singverein, Dilettanten aus bürgerlichen Ständen, stellte uns den Chor. Damen und Herren trafen ganz ausgezeichnet, was sie vorstellten, waren uneingeengt und ununiformiert in ihren Bewegungen, und paßten mit ihrer ungeordneten Heiterkeit und gewissen bühnenungewohnten Manieren ganz köstlich in das bäuerliche Milieu Zerlinens und Masettos, und damit in den Rahmen meiner Idee, für die Don Juan-Aufführung eines so zierlichen Theaters.
Auch vom 20. Juli bis zum 14. August blieb keine Minute unbenutzt, wir probierten unaufhörlich bald hier, bald dort. Professor Roller bot uns hilfreiche Hand bei den Dekorationsproben und lieh uns sogar verschiedene Beleuchtungskörper, von denen ebenfalls nichts vorhanden war. d'Andrade-Don Juan kam erst zur letzten Probe, und da er bei aller chevaleresken Liebenswürdigkeit auch in allen Ensembles »seine Tempi« unbekümmert um die anderen sang, ergaben sich leider Mißverhältnisse, die keinem von uns zu beseitigen gelang. Z.B. konnte ich meinen lieben Kollegen nicht überzeugen, daß die althergebrachte Tempowechselbezeichnung »Allegro« im Duett mit Zerline falsch sei. Es tritt nur ein Taktwechsel ein, nichts anderes; und das wußten die Franzosen früher als wir, da die Originalpartitur des Don Juan, die Frau Viardot Garcia gehörte, nunmehr als Erbschaft an das Konservatorium in Paris übergegangen ist. Auch noch ein weiterer Umstand wirkte störend auf Reynaldo Hahns Empfindung. Mahler hatte auf der letzten Figaroprobe die Musiker, besserer Akustik halber, anders gesetzt. Man hatte Hahn, der am selben Abend den Don Juan dirigierte, nicht davon unterrichtet. Als er die Ouvertüre begann und die Musiker, denen er die Zeichen geben wollte, nicht auf den Plätzen fand, war er einen Augenblick wie vor den Kopf geschlagen. Für einen weniger großen Routinier und Könner hätte diese Unterlassungssünde schlimme Folgen nach sich ziehen können.
Ich versichere, daß das in Frankreich nicht möglich gewesen wäre! Ein jeder gab, was sein künstlerisches Leben bis dahin ausfüllte, für Mozart dahin, und dieses wurde mit Enthusiasmus vom Publikum aufgenommen.[240]
Extravagantes in Ausstattung oder Szenerie zu schaffen, lag nicht in meinem Sinn, auch nicht, die Oper mit neuen Ideen zu verunstalten. Mir genügte, im Verein mit ausgezeichneten Künstlern die besten künstlerischen Leistungen zu bieten. Wir wollten singen und darstellen, was zu unsern Rollen gehörte, wollten unser Können nicht unter den Scheffel stellen, nicht moderne Duckmäuser oder Hampelmänner, sondern selbstschaffende Individualitäten sein; als solche Mozart huldigen, ihn ehren. Altgewohntes, Liebgewordenes wollte ich dem Publikum bringen, nicht Ungewohntes, Unverständliches. War der Don Juan über hundert Jahre in derselben Fassung gegeben, und hatte er sich seit hundert Jahren erhalten, warum ihm eine Maske aufsetzen, in der ihn niemand mehr, vielleicht er sich selber nicht erkennen würde?
Ob ein Hut zu groß, ein Stuhl nicht im Stil, ein Blitz zu stark, ein Donner zu schwach war, sie sind nicht die Hauptsache an Don Juan, der, wie mir jemand ganz richtig bemerkte, gar kein eigentliches Milieu verträgt. Mozart war und ist hier alles und wird hier immer alles bleiben. Das freie Zusammenwirken so vieler ausgezeichneter Künstler, die in Hingabe wetteiferten, von keinem andern Bann gehalten als dem freundlichen Wort einer zuverlässigen Kollegin, nötigt mir das Bekenntnis ab, ein selten großes Glück genossen zu haben, für das ich ihnen gar nicht genug danken kann. Die Begeisterung der Künstler für Mozart ging Hand in Hand mit dem Enthusiasmus des Publikums, und das ist wohl das Schönste, was man von einer Don Juan-Vorstellung sagen kann.
Als zweite Oper folgte der Figaro, der mit keinem geringeren Recht bejubelt wurde und ein Ensemble umschloß, wie es wohl wenige Theater ihr eigen nennen.

Graf Almaviva – Weidemann.
Figaro – Richard Mayr.
Bartolo – Haydter.
Basilio – Breuer.
Antonio – Felix.
Richter – Preuß.
Gräfin Almaviva – Hilgermann.
Susanne – Gutheil-Schoder.
Page – Kiurina.
Marzelline – Petru.
Bärbel – Michalek.[241]
Es wird den Leser interessieren, zu hören, daß Mahler im II. Akt eine ganze Gerichtsszene nach Beaumarchais »Les noces de Figaro« – allerdings sehr geschickt – hineinkomponiert hatte, die auch beim Mozartfestspiel nicht ausblieb, obwohl sie meines Erachtens nicht hineingehörte.
Diese beiden Vorstellungen gab man in vier Tagen zweimal hintereinander. Mahler, welcher der ersten Don Juan-Vorstellung beigewohnt, fällte, trotzdem viele der Seinen mitwirkten, ein so ungünstiges Urteil im Theater selbst, daß alle diejenigen, die über den ausgezeichneten Verlauf der Vorstellung erstaunten, sich nicht mehr trauten, ihre vorher gefaßte, ehrliche Meinung öffentlich zu bekennen. Es war das einzige Mal, daß ich etwas Unfreundliches und vor allen Dingen etwas höchst Ungerechtes von Mahler erfuhr. Doch ließ ich es ihm nicht entgelten, denn ich kannte seine exzentrische Art und Weise anderen gegenüber. Und doch hatte er mir selbst gesagt, wie sehr er und Roller sich in der Neuinszenierung des Wiener Don Juan »vergriffen« hätten, was ja jedem passieren könne. Ein mir vollständig unbekannter Kunstkritiker nahm sich aber der gerechten Sache öffentlich an und geißelte die merkwürdige Art der Gegenströmung auf das schärfste.
Für den Mozartfonds fand um 1908 wiederum ein Künstlerkonzert als Matinee im Theater statt, und tags darauf, am 18. August, zu Ehren des Geburtstags Sr. Majestät Kaiser Franz Josefs wurde im Dom die Krönungsmesse aufgeführt, die wieder der Weihbischof zelebrierte. Hatten Demut-Wien und ich mich in den Dienst der guten Sache im Künstlerkonzert gestellt, so wünschte man von mir außer dem Sopran-Solo in der Messe auch noch eine Einlage. Da mir etwas Passendes just dafür nicht bekannt, bat ich Herrn Mozarteumsdirektor Josef Reiter (Nachfolger Hummels), mir aus dem ungeheueren Mozartschen Kirchenmaterial etwas aussuchen zu wollen.
Die Sendung enthielt verschiedene Motetten, unter denen sich das ebenso entzückende als schwierige Alleluja befand, das großartig in den Rahmen der Krönungsmesse und der Geburtstagsfeier paßte. Äußerst erstaunt waren wir, als Schlußsatz des Allelujas die Melodie von Haydns österreichische Volkshymne zu finden, die Haydn doch vierzig Jahre später, nach Mozart, erst komponiert[242]  haben soll. Seitdem hat es Hugo Bock-Berlin, mit Klavierbegleitung von Fritz Lindemann, herausgegeben, wofür 100 Mark in die Mozartkasse flossen, was sich der arme Mozart sicher nicht hat träumen lassen. Es bekannt gemacht zu haben, muß ich mir zuschreiben und bin Mozart ganz besonders dankbar für das liebe Stück, das ich ihm jedesmal ganz allein vorsinge, auch wenn noch so viel Leute im Konzertsaal sitzen und zuhören.

Jetzt möchte ich den Leser bitten, mir auf kurze Zeit nochmals in die schöne Kaiserstadt an die blaue Donau zu folgen, wo ich ohne es zu ahnen, zum letzten Male, unter Mahler im Mai gastierte. Mehrere Monate vorher erhielt ich von der österreichisch-ungarischen Botschaft die Nachricht, daß Se. Majestät Kaiser Franz Josef mich mit dem goldenen Verdienstkreuz ausgezeichnet habe. Ich war einfach sprachlos; denn nie wäre mir der Gedanke an eine derartige Auszeichnung auch nur im Traume eingefallen, um so weniger, als mich Se. Majestät der Kaiser bereits wenige Jahre vorher zur k.u.k. Kammersängerin ernannt hatte. Meiner augenblicklichen Freude Ausdruck zu geben, depeschierte ich meinen innigsten Dank an Se. Majestät und durfte im Mai damit rechnen, mich ihm persönlich vorzustellen und ihm zu danken, wonach es mich schon längst verlangte.
Den immer hilfsbereiten, liebenswürdigen Fürsten, Obersthofmeister Montenuovo bat ich, mich zur kaiserlichen Audienz am 13. Mai anmelden zu wollen. An diesem Abend war der Fidelio angesetzt, und ich hatte mal wieder einen meiner besten Luftröhrenkatarrhe. Aber ich war auf 3/41 Uhr bestellt, und pünktlich wie ich bin, erschien ich um 1/21 Uhr bereits im großen Saal der Hofburg, wo ich schon viele hohe griechisch-katholische Geistliche, sehr viele magyarische Offiziere nebst anderen Würdenträgern vorfand. Na, das konnte hübsch lange dauern, wenn die alle vor mir an die Reihe kamen. Doch hoffte ich, daß man Damen berücksichtigen würde, und da außer mir nur noch eine antike Stiftsdame anwesend, ward ich wieder frohen Mutes. Der diensttuende Kammerherr hatte mich sofort eingetragen. Es war schon nach 1/23 Uhr, als auch Dr. Karl Lueger erschien, der einzige mir bekannte Audienzler – damals schon ein Todeskandidat – dessen[243]  guter Humor sich aber nicht unterkriegen ließ. Wir hatten längst Bekanntschaft gemacht, ich ihn, er mich besucht, und uns auch öfters geschrieben, da ich ihn dem Tierschutz geneigt fand. So trat ich auf ihn zu, gratulierte ihm zu seinem letzten Jubiläum und sagte, daß ich, schon ziemlich lange anwesend, abends noch den Fidelio sänge. »Ja,« sagte Dr. Lueger, »wir sind halt nicht so hoch im Range wie die da; sehen Sie, gnädige Frau, die da mit den roten Hosen, die kommen noch alle vor uns dran,« und zeigte auf die magyarischen Offiziere. »Ja,« sagte ich, »wenn ich das gewußt hätte, hätte ich auch rote Hosen angezogen!« Er ermunterte mich aber dazu, dem Kammerherrn meine Fideliolage vorzubringen, und dieser konnte es denn auch so einrichten, daß ich viel früher daran kam, als ursprünglich vorausgesehen war. Und plötzlich stand ich vor dem ehrfurchtgebietenden Kaiser Österreichs, Franz Josef! Wie ich mich gar so befangen fühlte, mußte ich unwillkürlich an eine Künstlerin denken, von der man erzählt, was ihr bei der ersten Audienz passierte, als sie der Kaiser ansprach. »Jessas Maria und Josef,« soll sie geantwortet haben, »jetzt hab' ich auf alles vergessen, was ich hab' sagen wollen.« – Mir ging's wirklich nicht viel besser; aber ich schaute mir ihn an, den lieben Kaiser Franz Josef, der mir nicht erlaubt hatte, ihm die Hand zu küssen. Ich sah seine schlanke, hohe Gestalt, seine schönen, himmelblauen Augen und hörte seine liebe Stimme so entzückend fein wienerisch reden, daß mir das Herz aufging, wie mich gleichzeitig sein Wesen gefangen nahm. Er hatte die Güte, mir allein den Erfolg in Salzburg zuzusprechen, wofür er mir zu danken habe, und wollte nicht glauben, als ich beteuerte, wie alle unsere Künstler ganz dasselbe für Salzburg und Mozart getan hätten wie ich. Der Kaiser stand, als ich hereintrat, an einem hohen Schreibpult und notierte gerade etwas. Wie unendlich fleißig er ist, ist sprichwörtlich. Leider war die Audienz schneller beendet, als man denken kann, wenn ich auch gewünscht hätte, ihn noch lange sprechen zu hören.


Unterwegs bekam ich einen furchtbaren Hustenanfall, und als ich ins Hotel kam, war ich so rauh beim Sprechen, daß ich mir Mahler, der seines kranken Kindes halber im Hotel wohnte, herunterbitten ließ, ihm zu sagen, daß er eine der Damen, die den Fidelio[244]  sänge, bitten möge, sich für den Abend eventuell vorzubereiten. Frl. von Mildenburg hatte die große Liebenswürdigkeit, während des ersten Aktes im Theater meine Disposition abzuwarten. Dank meiner vorsichtigen Atmung überkam mich nicht der geringste Hustenreiz, und Frl. von Mildenburg war ihrer Retterdienste somit enthoben. Ihr diesen echt kollegialen Liebesdienst mit Zinsen zurückzuzahlen, war mir ganz unerwarteterweise bald vergönnt.
Im Begriffe, eines abends nach meinem Gastspiel abzureisen, hielt mich's wie mit höherer Macht zurück, noch einen Tag zuzugeben, um am Abend den Tristan mit Mildenburg und Mahler, sowie Rollers Dekorationen in aller Ruhe zu genießen. Den ganzen Tag über hatte ich Menschen gesprochen und war abends so abgespannt, daß ich nicht mehr hören noch sehen konnte und mich nur mit Anspannung aller Kräfte in die Oper schleppte, wo mir Mahlers Loge zur Verfügung stand, in der ich seine Gattin und Schwester anwesend fand. Beide Damen beeilten sich, nach dem II. Akt Mahler aufzusuchen, und forderten mich auf, sie zu begleiten. Da meine Abspannung aber aufs höchste gestiegen und ich außerdem fürchtete, Mahler nach seiner Riesenarbeit und der ihm noch bevorstehenden, lästig zu fallen, bat ich die Damen dringend, mich meinem Schicksal allein in der Loge zu überlassen. All meine Bitten schienen vergebens, sie ruhten nicht eher, bis ich mich ihnen anschloß und nun in einem großen Zimmer mit Mahler und mindestens dreißig anderen Menschen zusammensaß, wo er etwas Thee nahm und sich aufs heiterste unterhielt. Ich hörte stille zu, wunderte mich nur, wie er es möglich machte, in einem solchen Wust von Geschwätz seinen Kopf frei zu halten für seine so schwierige Aufgabe, als plötzlich der Inspizient in die Versammlung stürzte, um anzuzeigen, daß Herr Schmedes-Tristan heiser geworden und nicht weiter singen wolle. Hier bewunderte ich Mahlers Fassung, der sich die Partitur kommen ließ, um alles Erdenklich-mögliche zu streichen, und Schmedes sagen ließ, daß er die Oper zu Ende bringen müsse. Wie lange dehnte sich doch die Debatte hin und her und war noch lange nicht geregelt, als der Inspizient zum zweitenmal mit der Hiobsbotschaft erschien, daß Frl. von Mildenburg ebenfalls heiser, auch nicht weiter zu singen wünschte. Das gab den Effekt einer brennenden Fackel ins Pulverfaß[245]  geschleudert, denn nun explodierte Mahler aus seiner Ruhe, wie ein Springteufel aus seiner Schachtel, hopste wie besessen im Zimmer herum und wußte sich vor Wut und Aufregung nicht zu lassen. Es war unterdessen weit über eine Stunde vergangen, und nachdem Schmedes weiter zu singen erklärt hatte, schrie Mahler: »Die Mildenburg soll gar nicht singen, soll schweigen; die Klage werde ich streichen und den Liebestod allein vom Orchester spielen lassen!« worauf sich die ganze Gesellschaft auf die Bühne verfügte, um im Orchester der Verabredung gemäß die Striche einzurichten.
Frau Mahler und ich waren allein im Theezimmer zurückgeblieben; ich schüttelte stumm den Kopf, denn so etwas hatte ich noch nicht erlebt. Als wir auch im Begriffe waren, hinunter zu gehen, sagte ich zu Alma, die ich schon als jüngste Schindlertochter und Stieftochter Carl Molls kannte: »Wenn ich geahnt, daß das solche Wirtschaft macht, hätte ich die paar Takte der Isolde auch gesungen.« »Ja, Lilli, möchtest du das wirklich tun?« »Ja, wenn du meinst, daß Mahler ein Gefallen damit geschieht?« Fort war sie und brachte Mahler strahlend zurück, der mich frug, ob ich wirklich singen wolle? »Holen Sie mich aus dem Grabe, wenn Sie mich brauchen, Lilli, ich dirigiere alles, wo und was Sie wollen.« Nun ging's schleunigst auf die Bühne hinunter, die ich mir erst ansehen mußte, und die zu erklettern ein Kunststück für sich allein bedeutete. Als wenn der Erfolg des Tristan an den Buckeln des Bühnenbodens hinge, so hatte man ihn zugerichtet! Rücksichtslos gegen die Sänger, welche bei den schwierigsten Rollen, die es überhaupt gibt, für den Fuß nicht eine gerade Stelle zu finden vermögen. Ach ja, die Herren Maler sollten mal in ihren eigenen Dekorationen große Rollen singen müssen, sie ließen ihre Tüfteleien wirklich sein. Eine kleine Besprechung mit Schmedes – der Lage wegen – dann in die Garderobe, wo man mich aus- und anzog, Frl. von Mildenburg mir die Perücke aufstülpte, und dann mit dem Korrepetitor ins Probezimmer, da ich die Rolle – abgesehen vom Liebestod – vier Jahre nicht mehr gesungen hatte. Ich bat nichts zu annoncieren, man würde es vielleicht gar nicht bemerken. Durch die Riesenstriche für Schmedes dauerte es nicht allzu lange, bis ich dran kam, und auch meine Aufgabe ging so[246]  schnell vorüber, daß ich – als es vorbei war – nicht wußte, ob es Wirklichkeit oder Traum gewesen. Auch ohne Annonce und trotzdem ich mich fast unkenntlich gemacht durch das Hereinfallen des Haares ins Gesicht, erkannten mich die treuen Wiener und dankten mir die Gefälligkeit, die ich der ausgezeichneten Künstlerin Mildenburg (und auch Mahler) erweisen durfte, mit ihren vielleicht einzig dastehenden Beifallssalven, die mich um so mehr rührten, als ich gar nicht wußte, daß ich erkannt worden war. Mahler war glücklich, Frl. von Mildenburg beruhigt, daß sie nicht stören mußte, und ich von Herzen froh, daß ich's gekonnt.
Sehr merkwürdig war, daß ein lieber Freund, Wagnerianer par excellence, nach dem II. Akt fortgegangen war, weil er die Indispositionen der beiden Sänger empfunden. Irgend etwas zog ihn aber doch wieder hinein, um den Schluß zu hören, und er kam gerade zu meinem Auftritt zurecht. Beim ersten Ton wurde er schwankend, erkannte meine Stimme, konnte sich aber nicht erklären, wie das mit rechten Dingen zugehen solle, da er mich unterwegs nach Berlin wähnte. Auch andere durchreisende Bekannte waren zufällig in der Vorstellung und erkannten mich am ersten Ton. So kommt man zur Liebesklage und Isoldens Liebestod man weiß nicht wie; könnt' aber nicht sagen, daß mir's unangenehm gewesen!
Ging auch das Jahr 1909 leer aus für den Mozartfonds, der Vorarbeiten für 1910 gab's genug, denn man hatte mir endgültig das Fest zu künstlerischer Gestaltung überantwortet. Wir waren uns darüber einig geworden, drei Don Juan- und drei Zauberflöten-Vorstellungen und im Anschluß daran fünf Konzerte in der so weihevollen Aula mit Orchester und Solisten, ferner ein Kirchenkonzert zu geben. Dr. Muck hatte mir zugesagt, den Don Juan und ein Konzert zu übernehmen; Schuch, die Zauberflöte zu dirigieren, die er sich selber als Lieblingsoper ausgesucht; Mottl, der nicht frei war, versprach, wenn eventuell möglich, eines der Konzerte zu leiten, und Weingartner hatte das letzte Sinfonie-Konzert – dessen Programm er selbst entwarf– bestimmt zu dirigieren versprochen. Die Wiener Philharmoniker waren selbstredend als Orchester gesichert. Das waren nicht nur zugkräftige Namen, sondern verhießen ganz außerordentliche Aufführungen, um so mehr[247]  als auch von allen Hoftheatern erste Kräfte bereits von mir dazu gewonnen waren.
Angesichts der kleinen Salzburger Bühne, die weder Versenkungen, Nebenräume, noch große Tiefe besitzt, eingedenk der unendlichen Verwandlungen, welche die Handlung der Zauberflöte aufhalten, war ich entschlossen alles so einfach und natürlich als möglich zu gestalten und dekorativ Märchenhaftes nach besten Kräften zu vermeiden. In Wien hatte ich öfter mit Roller und Brioschi, denen die Salzburger Bühnenverhältnisse nicht fremd waren, Rücksprache genommen, angegeben, was ich für möglich und vorteilhaft vorzuschlagen hatte, worauf Roller die Zeichnungen anzudeuten so freundlich war, und Brioschi dieselben malte. Ich mußte darauf bedacht sein, die drei ersten Bühnengassen so zu bauen, daß sie den ganzen Abend unverwandelt in jedes Bild paßten, während ein durchgehendes Praktikabel in der hintersten Gasse, auf dem die dort notwendigen Dekorationen standen, es wiederum ermöglichte, die vielen Prospekte hintereinander zu hängen und die Sänger darauf agieren zu lassen, was einer kolossalen Zeit- und Müheersparnis gleich kam. Selbst die nur architektonisch gemalte Feuer- und Wasserprobe mußte genügen, weil etwas anderes in den engen Räumen ausgeschlossen war. Schön hatte ich mir für die Zauberflöte die Bühneneinfassung als ägyptische Pylonen ausgedacht, die sämtlichen Bildern einen entzückenden Rahmen verliehen hätten. Da sie aber nicht angebracht werden durften, mußte ich den schönen Gedanken dran geben, wie noch so manches andere im Laufe des Festspieljahres! –
Drei kleine Änderungen in der Verwandlungsfolge, die in alten Büchern schon vorgesehen, besprach ich mit Schuch, Muck und Weingartner, die es gleichmäßig für ratsam und gut erachteten. Somit konnte ich Juli 1909 dem Komitee in Salzburg den vollständigen Erfolg meiner Vorarbeiten verkünden, wohingegen man mir die freudige Mitteilung nicht vorenthielt: daß die Gemeinde zu Festspielen noch gar nicht entschlossen sei. Diese kalte Douche war nicht die letzte.
Am guten Gelingen der Zauberflöte hing meine Seele. Mit Herzlichkeit wollte ich diese göttliche Mozartoper ausschmücken bis aufs I-Tüpfelchen. So viel sie in meinem Erinnern feststand aus[248]  Zeiten, die Mozart so viel näher lagen als die heutigen. In der ganzen theatralischen Naivität jener Zeit, in der sie unter den damaligen Umständen und Verhältnissen entstanden war. Wollte man sie anders geben, oder gar zur Ausstattungsfeerie heruntersetzen, wahrlich man würde ihr die Existenz nehmen, nicht nur ihr Recht. Gleichviel ob Mozart sie vielleicht anders komponiert hätte bei einem besseren Buch – besser hätte sie nicht werden können. Man darf und soll gar nicht abrechnen, was Schikaneder für sich dazu getan hat. Die damalige Zeit gestattete dergleichen und hat sich doch bis auf unsere Tage in gewissen Rollen erhalten. Die Intimität des Publikums zum Künstler verlangte und gestattete Dinge, die in unserer heutigen Zeit nicht mehr zu passen scheinen. Aber man soll nicht glauben, daß es nicht verstanden würde; es muß nur von echten Künstlern gemacht werden. Eben darum muß die Oper ganz im Sinn der damaligen Zeit gegeben werden, mit Künstlern, die der darin enthaltenen Herzlichkeit und freudigen Heiterkeit des österreichischen Gemütes künstlerisch gerecht werden. Wenn mir einer sagen wollte, daß sich das überlebt hätte, so sage ich ihm »mitnichten!« Die Kunst der Herzlichkeit von der Bühne herunter – eigentlich in jeder Kunst – kann sich niemals überleben, aber sie ist verloren gegangen, man wird ihrer nur selten, sehr selten gewahr. Und das ist das allertraurigste in der Kunst. Man spielt jetzt »Menschen«, wie sie sagen, in gemeinen Milieus; hat keinen Sinn mehr für Wärme und Herzlichkeit. Natürlich empfinden die Künstler nicht mehr, und wenn sie so empfänden, fehlt ihnen nur zu oft die Technik resp. das Talent, es auszudrücken.
Welch eine Fülle von Heiterkeit, Lebenslust und Menschlichkeit liegt in den Figuren der Zauberflöte! Tamino und Pamina sind frische junge Menschen, die mit Papageno verkehren wie mit einem großen Kinde. Pamina und Tamino fallen einander um den Hals, sobald sie sich sehen; sie folgen den natürlichen Trieben ihres Herzens vor aller Welt.
Wie lieblich heiter sind die drei Knaben, die überall dabei sind, überallhin Frohsinn bringen, Hilfe und Rettung.
Geschwätzig, neidisch, zänkisch, verliebt die drei Damen. Lebhaft bemüht, die beiden jungen Männer Sarastro abspenstig zu machen[249]  und Tamino am Ende für sich selbst zu ködern. Alles muß Leben sprudeln in Geberden und lebhaftem Geschwätz ihrer Überredungskünste. Und was sieht man statt alledem jetzt an den meisten Bühnen? Tödliche Langweile, verschleierte schwarze Gestalten, bewegungs- und regungslose Laternenpfähle, anstatt urdeutscher, heiterer Gemütlichkeit. So verkehrt werden die Figuren in der Zauberflöte aufgefaßt von so vielen Regisseuren und Direktoren.
Und nun Papageno, der Urmensch, der gemütreiche Wiener Urmensch, der sich in seiner Unwissenheit, seinem Naturzustand so wohl fühlt; der nicht gebildet, nicht weise, nichts sein will als Papageno, der Vogelfänger; der seinen Mund spazieren führt, nichts anderes kann, nichts anderes will. Alles, was ihn vom natürlichen Lebenswege ablenkt, macht ihn unglücklich. Was will er denn mehr? Ein Weibchen, das, wie er selbst, unbeleckt von aller Kultur, nur mit Liebe für ihn ausgerüstet und höchstens, gleich ihm, mit Federn bekleidet ist.
Papagena, das liebenswürdige Evakind, ist trotz aller Natürlichkeit eine kleine Kokette. Sie gibt sich wie ein Vögelchen im Hochzeitsschmuck. Wenn sich die beiden Menschenkinder endlich gefunden haben, vergessen sie ganz, sich zu umarmen oder anzupatschen; sie brauchen weder Arme noch Hände; sie schnäbeln und küssen sich wie Tauben oder andere Vögelchen, spielen mit ihren Namen, mit ihren zukünftigen Kinderchen, bis Papageno plötzlich im vollsten, höchsten Entzücken sein Weibchen auf den Arm nimmt und davonträgt.
Wenn alle diese Figuren keine Meisterfiguren sind an Natürlichkeit, Anmut, Herzlichkeit, Freude und Glückseligkeit, dann weiß ich's nicht. So alt das Werk auch ist, ein jedes Wort darin hat noch Interesse für jeden, der es kennt und kennen lernt. Vorausgesetzt, daß er selber Herz und Gemüt hat für ein Meisterwerk, worin Leben, Liebe, Gemüt und Natürlichkeit das Zepter führen.

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Selbst die Königin der Nacht ist menschlich aufzufassen und durchzuführen. Nicht allein als Beherrscherin des Aberglaubens und finsterer Macht. »Sie ist ein Weib, hat Weibersinn.« Sie spielt im herrlichen Adagio ihrer ersten Arie Tamino eine Rührszene vor. Der Schmerz um ihre Tochter mag ihr ernst sein. Tiefer aber noch kränkt es sie, daß Sarastro sie einer Macht beraubt hat, welche[250]  sie nach ihres Gatten Tode zu erben gehofft hatte, die aber nur auf einen Mann wie Sarastro übertragbar war. Um einen Sinn in die Handlung zu bringen, d.h. die Ursachen ihrer Intrigen zu verstehen, muß sie im Dialog die betreffenden, sonst meist gestrichenen Stellen unbedingt sagen. Sie heuchelt, denn sie will Tamino für ihre Rache gewinnen, Tamino soll Sarastro bezwingen. Um ihn noch mehr in ihre Netze zu ziehen, verwandelt sich gleich nach Schluß des Adagios mit dem neuen Tempo in B-Dur ihr Gesicht in entzückende Herablassung. Sie will Tamino bezaubern, mehr noch durch ihre Liebenswürdigkeit als durch ihren Schmerz. Ihre Koloraturen sind der Ausdruck weiblicher Zärtlichkeit und Überredungskunst. So gewinnt sie Tamino für ihr Werk, und so, nur so hat Mozart die erste Arie der Königin mit ihren Koloraturen sich gedacht.
Was aber machen die meisten Vertreterinnen dieser Rolle? Sie fahren bei der Tempowendung mit den Armen in die Luft, mit Schleppe und Schleier auf die andere Seite der Bühne und glauben damit einen dramatischen Effekt gefunden zu haben, wofür eine einzige herablassende Handbewegung und ein verführerisches Lächeln vollständig genügen würde. Dabei können die Koloraturen weich und zart, also natürlich gebracht werden. Auch in der zweiten Arie lassen sich dieselben zu natürlichem Ausdruck gestalten. Pamina, die erst vor ihrer Mutter flehend hingesunken, wirft sich bei den Worten »wenn nicht durch dich Sarastro wird erblassen« in tiefster Verzweiflung auf das Lager. Die Königin folgt ihr, beugt sich über sie und zischelt, gleich einer Schlange, Pamina die Staccati in die Ohren, als wolle sie ihr eindringlich machen, daß keine Wahl mehr bliebe, Pamina Sarastro töten müsse.
Wenn Sarastro bei seiner Weisheit, Männlichkeit und Würde mit Pamina belehrend verkehrt wie mit seinem eigenen jungen Kinde, dann ist alles getan, was für diese Rolle getan werden kann, die sich von selber spielt.
Über Monostatos braucht man wohl nichts weiter zu sagen; er muß geschmeidig, verliebt, neidisch, gehässig und falsch sein.
Die Prosa muß durchweg natürlich gesprochen werden, ganz im Charakter des oben Gesagten und der damaligen Zeit. Herzlich, heiter und liebenswürdig von seiten der verliebten Paare, würdig[251]  von den Priestern, mit feinen Nuancen abschattiert, wo Papageno mit im Spiel ist. Die ganze Oper ist menschlich liebenswürdig, freudig, heiter und natürlich zu geben, mit seinem Humor gewürzt oder zu tiefem Ernste geneigt, wenn es sich um das Heiligtum der Liebe oder des Glaubens handelt.
Und zu alledem muß sie gesungen werden. Gesungen, wie es heute so wenige mehr können. Diese Auffassung muß für mein bestes Gewissen zeugen, wie ich die Zauberflöte zu geben wünschte, wie sie in meinen reichen Erinnerungen an so viele große, bedeutende Künstler feststand.
Und nun noch etwas vom Humor! Was heute aus Unverständnis der meisten Bühnenleiter für die Künstler oder aus Unfertigkeit der Künstler für die Kunst, vielleicht auch aus falschen Anschauungen heraus, so ganz in den Hintergrund aller Opern getrieben wird, ist der Humor. Der Humor, das belebendste Element aller Theaterspielerei, des Lebensspiegels, wie ihn uns Shakespeare so unübertrefflich vorhält. Der Humor ist das Unentbehrlichste aller Theater- und Lebenswürze. Sind nicht Mozarts Don Juan, bei aller Größe, Figaro, Zauberflöte, die Entführung, Cosi fan tutte mit Humor durchtränkt in Wort und Musik? Fehlt nicht das Schmackhafteste, wenn ihnen der Humor genommen wird? Welch gesunde Arznei für Publikum, Künstler, Kunst und Menschlichkeit! Und nun muß man ruhig zusehen, wie verständnislos so viele Werke ihrer besten Lebenskraft beraubt werden, oft nur um einem sogenannten stilvollen Ensemble Platz zu machen, das seinen Höhepunkt in allzu edler Harmonie, d.h. beinahe in Langstieligkeit, sucht und findet. Mit geducktem Künstlermaterial eine große Idee zu verwirklichen, scheint mir unmöglich. Dazu braucht man selbstschaffende, mutige Künstler, die sich getrauen, ihre Auffassung, ihre Seele, ihr Können sprechen zu lassen. Wir hörten gerade von dem großen Bühnenkünstler Laube gelegentlich seines 100. Geburtstages, wie er bei allen Künstlern das Individuelle gelten ließ, und ich weiß es aus eigener Erfahrung, da ich ein Jahr lang bei ihm engagiert gewesen und dieselbe köstliche Erfahrung auch an Richard Wagner 1876 machte.
Für die drei »Knäbchen« schwebte mir ein besonders reizvoller Gedanke vor. Schuchs älteste Tochter sollte als erster Knabe unter[252]  ihres Vaters Leitung ihr Debüt machen; als zweiter Knabe Alvarys Töchterchen und als dritter noch ein anderes Künstlerkind. Den jungen Kindern wäre ihr Debüt zur unvergeßlichen Erinnerung geworden für ihr ganzes Leben. Aber der schöne Gedanke zerrann, und nichts davon blieb übrig als Käte von Schuchs Debüt ohne den Vater!
Der Tod unseres lieben Anton Moser-Wien, Krankheiten, Urlaubsverweigerungen und sonstige zahllose menschliche Schwächen bedrängten die fertigen Pläne bis kurz vor den Aufführungen. Der empfindlichste Schlag traf uns mit der Absage Schuchs am 6. Juli. Man hatte mich vorher gewarnt, dennoch traute ich dem Wort des Unzuverlässigen und war verlassen. Man möge bedenken, daß wir bereits mitten in den Theaterferien standen und sämtliche Künstler, in der weiten Welt zerstreut, gar nicht auffindbar waren. Telegramme und Briefe waren oft 2 bis 3 Wochen unbestellbar unterwegs. Ich depeschierte an Muck, er möchte die Zauberflöte mitübernehmen; die Depesche erreichte ihn nicht. – Ich bat Weingartner, sie zu dem Konzerte noch mitzudirigieren; er sagte auch noch das Konzert ab. Endlich mußte ich Schuchs Vorschlag, Franz Mikorey-Dessau für ihn dirigieren zu lassen, dankbar annehmen, obwohl ich nicht einmal wußte, ob die Philharmoniker der Wahl zustimmen würden. Zwei Tage vor der ersten Zauberflöte depeschierte auch noch Slezak ab, den ich mir durch ein ganz grobes Telegramm zurückeroberte, so daß nun endlich alles in Ordnung war und blieb.

Zauberflöte.

Sarastro – Richard Mayr, Wien.
Königin der Nacht – Frieda Hempel, Berlin.
Pamina – Johanna Gadsky-Tauscher, New York
Erste Dame – Lilli Lehmann, Berlin.
Zweite Dame – Melanie Kurt, Berlin.
Dritte Dame – Hermine Kittel, Wien.
Tamino – Leo Slezak, Wien.
Papageno – Karl Groß, Kassel.
Papagena – Gertrude Förstel, Wien.
Sprecher – Alexander Haydter, Wien.
Monostatos – Julius Liebau, Berlin.[253]
Priester – Gerhard Stehmann, Wien.
Erster Knabe – Käte von Schuch, Dresden.
Zweiter Knabe – Heta Heber, Berlin.
Dritter Knabe – Olga Tremelli, Berlin.

Dirigent Franz Mikorey, Dessau.

Don Giovanni.

Don Giovanni – Antonio Scotti, New York.
Il Commendatore – Gerhard Stehmann, Wien.
Don Ottavio – Georg Maikl, Wien.
Leporello – Andrea de Segurola, New York.
Masetto – Willy Paul, Hannover.
Donna Anna – Lilli Lehmann, Berlin.
Donna Elvira – Johanna Gadsky-Tauscher, New York
Zerlina – Geraldine Farrar, New York.

Dirigent Dr. Karl Muck, Berlin.

Da wir den ersten Akt Don Giovanni in zwei Bildern gaben, um allzuviel unnötige Verwandlungen zu sparen, ließ ich nach der Rache-Arie den Zwischenvorhang fallen und ihn nach drei Minuten wieder öffnen. Inzwischen ist in demselben Bilde Dämmerung eingetreten. Ottavio tritt mit seinem Diener auf, übergibt ihm einen Brief, den dieser auf seinen Befehl Elviren in die Posada, wo sie Quartier genommen, überbringt. Man denke sich den Brief als Verabredung zu einem Rendezvous mit Donna Anna und Ottavio. Letzterer ist auf der Straße stehengeblieben, überlegt (Rezitativ vor der G-Dur-Arie), daß er Annas Worten, die Don Giovanni als den Mörder ihres Vaters bezeichnete, kaum Glauben schenken kann, woran sich seine Arie schließt. Danach kehrt der Diener aus der Posada zurück, um Ottavio die Nachricht zu bringen, daß Elvira sich zur geplanten Stunde einfinden würde, wobei beide abgehen. – Folgt Champagner-Arie usw. – Vor dem Masken-Terzett treten Ottavio und Anna hinter der Posada auf, Elvira öffnet die Tür, begrüßt die beiden mit den Worten: »Hier nehmt die Hand zum Bunde« usw. –
Den zweiten Akt spielte ich (nach dem Sextett also) bis zum Kirchhof ebenfalls nur in einer Dekoration. Um das zu ermöglichen,[254]  hatte ich, so gut und schlecht es mit alten vorrätigen Versatzstücken zu bewerkstelligen war, rechts vom Zuschauer, Elvirens Balkon gegenüber, der die Rückfassade der Posada vorstellte, einen Vorgarten des Friedhofs – von durchsichtigen, teils hohen, teils niederen Gittern umgeben – stellen lassen, dessen altes, mit Moos und Sträuchern bewachsenes Steintor mit Gittertüren versehen war. Vom Tor nach der hinteren Bühnenmitte führte eine alte Mauer mit Nische, die die im Vorgarten spielenden Personen nach innen deckte. Die Nische mit beleuchtetem Heiligenbild bot Don Giovanni während des Terzetts ein Versteck. Sobald Elvira und Leporello, von Don Giovanni erschreckt, zu entfliehen suchen, huschen sie, laut aufschreiend, durch die offenstehende Gittertür des Vorgartens, wo sie verschwinden, während Don Giovanni lachend von außen die Tür verriegelt.
Nach dem Ständchen, seiner Arie und der Zerlinens wagen sich Leporello und Elvira wieder in den Vorgarten, wo Elvira unter einer Weide auf einen Stein sinkt, um Leporello zu erwarten. Dieser sucht auf Umwegen nach einem Ausgang und gelangt gerade zum Tor – das er vergeblich zu öffnen sucht –, als Ottavios Diener mit Licht und Blumen auf der Bühne erscheint, um das Tor für seine Herrschaft zu öffnen, die ihm auf dem Fuße folgt, um des Comturs Grab zu besuchen. Leporello prallt zurück und erwartet lauschend den günstigen Moment seiner Flucht. Indessen singen Anna und Ottavio ihre beiden Sätze, nach deren Beendigung sich der Diener zu Anna verfügt, ihr die Blumen zu überreichen. Diesen Moment benützt Leporello, sich langsam durch das Tor außerhalb an der Mauer entlang zu schleichen, wo er Zerlinen und Masetton in die Arme läuft und sich das Sextett entwickelt.
Diese Anordnung schien mir eine glückliche Lösung für das sonst so herausgerissene Sextett zu sein, das doch mit dem Vorhergegangenen in engster Verbindung steht. Solange zwischen der vorhergehenden Szene und dem Sextett verwandelt wird, dürfte sich nie eine Verbindung für das Verständnis des Publikums – und auch selbst für die Künstler resp. Kenner der Oper – zwischen den beiden Szenen finden lassen. Wie vorgeschrieben, soll das Sextett im Vorhof des Comturpalastes spielen, wie die erste Szene der Oper, wohin Elvira und Leporello auf ihrer Flucht durch die[255]  Straßen zufällig geraten sind. Heimkehrend finden Anna und Ottavio dann Don Giovanni und sind entsetzt, weil sie ein neues Attentat befürchten. So ist's gemeint. Niemand aber wird und kann das natürlich finden, der nicht genau weiß, um was es sich handelt. Jeder wird es für dumm oder unmöglich halten, daß die beiden ausgerechnet in Annas Haus laufen. Man muß sehen, wohin die beiden auf ihrer Flucht geraten, und Anna kann ebenso entsetzt sein, wenn sie Don Giovanni vor dem Friedhofe begegnet, wo er ein neues Attentat auf sie vorbereiten kann, da sie um diese Zeit auch oft allein des Vaters Grab besuchen kommt. – Wenn die Szene sehr eng gestellt ist, wie z.B. in Salzburg, so macht diese Verbindung einen schönen einheitlichen Eindruck, daß selbst die Don Giovanni-Kundigsten das so angegliederte Sextett als eine Wohltat an Zugehörigkeit und Wirkung empfanden.
Die sogenannte »Brief-Arie« Donna Annas in einer Friedhofs- oder Hauskapelle oder gar auf dem Friedhofe selbst spielen zu lassen, wie ich das an verschiedenen Orten erlebt habe, ist geradezu jämmerlich. Jämmerlich, weil auf solche Art der einzige Moment, der uns mit Ottavios Geschick versöhnen könnte, zunichte gemacht wird. Darum ist es falsch. Das Rezitativ vor Annas Arie, in welchem Ottavio mit ungestümen Worten auf baldige Verbindung dringt, paßt weder auf einen Kirchhof noch in eine Kapelle, und Donna Annas Antwort ebensowenig. Obwohl sie immer noch um den teuern Vater trauert, sträubt sie sich doch nur mehr noch schwach, mit zärtlichen Worten, gegen ihr eigenes Gefühl, das sie dem Geliebten, ihrem zukünftigen Gatten, entgegenbringt. Ich meines Teils habe immer versucht, soviel Liebe und Verehrung, als nur möglich war, in diese Situation zu legen, um Ottavio einigermaßen vor dem Publikum für seinen schlechtgezeichneten Charakter zu entschädigen. Text und Komposition wollen nichts anderes. Donna Anna beschwichtigt des Geliebten Groll wegen ihres langen Zögerns mit ihrem herrlichen Rezitativ. Im Rondo beteuert sie ihm, daß sie ihn »über alles« liebt. Und wenn das Allegro über beide Verlobte die sich umschlungen halten, ein wenig Glück breitet, eine Stimmung die Donna Anna am Schluß der Arie durch einen Kuß erhöhen darf, so wird dies auf das Publikum einen sehr befriedigenden Eindruck ausüben, der durchaus notwendig ist, der[256]  nur durch die liebevolle Intimität des Paares in dem dazu passenden Raum hervorgerufen werden kann. Und darum muß die Szene unter allen Umständen in einem Zimmer, in Donna Annas Haus, sich abspielen.

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Den Namen »Brief-Arie« erhielt sie, weil Don Ottavio lange Zeit und mit ihm das ganze vorhergehende Zwiegespräch, d.h. das Rezitativ, fortblieben. Ein Brief Ottavios an Anna, der Vorwürfe der Grausamkeit ihres Benehmens enthielt, mußte ersetzen, was sie in der Arie zu beantworten hat. Wahrscheinlich beachtete man nicht, wie wichtig die Szene für Ottavio sowohl als für Donna Anna ist, die das bis dahin mißliche Verhältnis der beiden Charaktere endlich zu befriedigendem Abschluß bringt.
Das Endresultat dieser künstlerischen Vereinigung zu Ehren Mozarts war allerdings äußerst befriedigend, denn viele aus dem kunstsinnigen Publikum sprachen den Wunsch aus, weitere vierzehn Tage den beiden Vorstellungen, die sie nun sechs Tage gehört hatten, beiwohnen zu können. Wenn Theaterdirektoren solche Erfolge erzielt hätten, sie dürften wahrlich mehr Reklame damit gemacht haben als wir in Salzburg, die wir uns an stiller Befriedigung, unser Bestes gegeben zu haben, genügen ließen. Verbietet mir auch der Raum, jeder Einzelleistung gerecht zu werden, gebietet mir doch die Pflicht, einer ganz besonders zu gedenken, die uns eine Überraschung sondergleichen bot.
Auf der Suche nach einem guten italienischen Leporello kam mir Antonio Scotti zu Hilfe, der mir seinen Kollegen Andrea de Segurola, Spanier und Marchese von Geburt, dringend empfahl. Er hatte die Empfehlung, ich mein schnelles Zugreifen nicht zu bereuen, denn der junge, sehr elegante Mann entpuppte sich als ein Charakterdarsteller allerersten Ranges. Er brachte es fertig, Leporello als ernsten Menschen darzustellen, hatte den stolzen Spanier in ihm aufs feinste herausgearbeitet und nichts vergessen, was den »spanischen« Bedienten Don Giovannis kennzeichnet. Allerdings nicht in althergebrachter Gewohnheit, denn alles, was an den Bajazzo in unseren deutschen und italienischen Theatern in dieser Rolle erinnert, war hier ausgeschaltet. Schwerfällig im Denken sowohl als im Handeln, vegetiert dieser Leporello unter dem Druck einer dämonischen Gewalt, der ihn im Bann seines[257]  Amtes hält, gegen das er sich vergebens auflehnt, weil seine geistigen Kräfte nicht ausreichen, ihm zu entfliehen, und in welche Don Juan ihn immer wieder niederzwingt, um sich ihn als gefügigen Sklaven seines Dämons zu erhalten.
Von jeder einzigen Bewegung hätte ich kinematographische Aufnahmen gewünscht, um festzuhalten, was sich da an feiner Beobachtung menschlichen Charakters abspielte. Mag es manchen Zuschauer im ersten Augenblick befremdet haben, das ganze Publikum bekehrte sich gar bald zu der eminenten Auffassung, deren Wirkung eine ungeheuere war; und niemals möchte ich Leporello anders wiedersehen. Mir war's eine Erleuchtung. Das Schwerfällige dieses Menschen, der gegen seinen Willen gezwungen wird, so viele gemeine Streiche mitzumachen, machte sich auch in der ganz ungewohnten Maske (nach Velasquez) geltend. Ein rothaariger Mann, anständig, bürgerlich, braun in braun gekleidet, der eine mit roten Haaren besetzte Warze unter der rechtsseitigen Lippe trägt, die, wie ein Henriquatre aussehend, sich zu sträuben scheint und dabei auf die Seite gerutscht ist. Jede Szene war ein Meisterstück feinster Schauspielkunst. Wenn dieser Leporello von Don Giovanni zum Nachäffen seiner Gesten unter Elvirens Balkon gezwungen wurde, so war's ein mißglückter Versuch, der so verzagt ausfiel, daß Leporello wohl komisch, nie aber possenhaft wirkte. Man empfand und sah den wehrlosen Kampf des Nichtwollens und Nichtkönnens gegen die geistige Macht des Gebieters. Das Unbehagen, das dieser in Don Giovannis Bann stehende arme Mensch durch die ganze Oper hindurch zur Schau trägt, wird durch einzelne Nebenzüge des Wunsches nach Wohlleben noch erhöht. Es schmeckt ihm, von einem schönen heißblütigen Weibe umarmt zu werden; aber die Angst vor Entdeckung verdirbt ihm jede Freude an dem Abenteuer. Auch das Stückchen Fasan ißt er gern und trinkt gern guten Wein, gibt auch Bauernmädeln gelegentlich Beweise seiner Gnade. Seine scheinbare Unverschämtheit ist hier Ungeschicklichkeit. Wäre er wirklich frech, so erniedrigte er Don Giovanni, seinen Herrn, und beleidigte Elviren aufs tiefste, und das darf nicht sein. Dieser Leporello benahm mir zum erstenmal das unangenehme Gefühl, das ich stets bei dem gemeinen Betragen aller anderen Leporellos Elviren gegenüber empfinden mußte. Die ersten Szenen beim Duell auf dem[258]  Friedhof und beim letzten Erscheinen der Statue waren großartig. Ich gebe zu, daß man diesen Leporello allabendlich bewundern konnte.
Heinrich Heines köstlicher Ausspruch über Sancho Pansa, Don Quichotes treuen Diener, paßt auch auf de Segurolas Leporello:
»Denn die große Volksmasse mitsamt den Philosophen ist, ohne es zu wissen, nichts anderes als ein kolossaler Sancho Pansa, der trotz all seiner nüchternen Prügelscheu und hausbackenen Verständigkeit dem wahnsinnigen Ritter in all seinen gefährlichen Abenteuern folgt, gelockt von der versprochenen Belohnung, an die er glaubt, weil er sie wünscht, mehr aber noch getrieben von der mystischen Gewalt, die der Enthusiasmus ausübt auf den großen Haufen, wie wir es in allen politischen und religiösen Revolutionen und vielleicht täglich in kleinsten Ereignissen sehen können.«
Wiederum vereinigte ein Rout, wie sie nur Erzherzog Eugen, Mozarts würdigster Protektor, dessen besonders feiner künstlerischer Sinn und glücklichstes Erfassen menschlicher Verdienste oder Schwächen diese Feste zu den heitersten und wunschlosesten Stunden zu machen versteht, alles zum künstlerischen Teile Gehörende im Hotel de l'Europe und wiegte uns in neue Dankesschuld ein für alles, was dieser seelengroße Mann ohnehin schon für die große Sache Mozarts getan hat.
Der letzte Tag des Festes brachte große Anstrengungen, aber auch freudige Erregungen, die man gerne ertrug. Nach dem Frühkonzert im Dom, zu dem man die Credo-Messe gewählt, in die ich das liebe Alleluja hineinflocht, eilten wir auf den Platz, wo sich die zukünftige »Mozartschule« erheben sollte, zu der man heute den Grundstein zu legen gedachte. Erzherzog Eugen, Se. Eminenz Fürsterzbischof Katschthaler, Graf Gandolf Kuenburg, unser hochverehrter Präses und lieber Freund, der es so gut verstand, die Geister geschickt unter einen Hut zusammenzubringen, Künstler, Komitee und Behörden, hohe Gäste, alles nahm teil an dem so lang ersehnten feierlichen Akt in dem entzückenden Garten, der an die Mirabell-Bastei lehnt und so vornehm wirkte wie die illustren Menschen, die er barg. Nur wenige, aber würdige Worte wurden gesprochen vom Erzherzog-Protektor und von Sr. Eminenz, der Mozart hier förmlich den Hof machte, als wolle er ihm abbitten, was man an ihm hier einst verbrochen hatte. Eine schwungvolle[259]  Festrede hielt Dr. Hirschfeld-Wien, und jeder dazu Auserlesene legte Worte tiefen Sinns mit dem Stein in den Grund, aus dem dem Salzburgschen Lande einst Großes erwachsen soll. Gesegnet sei das zu beginnende Werk! Weihen möge es tiefster Ernst und höchstes Streben! Lasset »Wollen und Können« seine Losung heißen!
Mit der Jupiter-Sinfonie im Abendkonzert, in welchem Frau von Leschetizky ein Klavierkonzert spielte, ich die Arie der Fiordiligi aus Cosi fan tutte sang, schloß das offizielle Fest, das nach dem Konzert in einem Künstlerabend im Kurhause in vollster Heiterkeit ausrauschte und neuen Plänen, neuem Mute den Boden ebnete. Alles schien so selbstverständlich, nichts geschraubt, nichts überspannt, natürlich unsere Freude und unser Empfinden, wie Mozart es allein nur geben kann.
Es drängt mich einen wundervollen Ausspruch Gounods, den mir einst der Herzog von Sagan ins Album schrieb, hierher zu setzen:

»Beethoven est le plus grand,
Mozart est le plus haut –
Beethoven a plus de puissance, et
Mozart plus de sérénité!
Mozart est dans le ciel et
Beethoven y monte;
et pourtant ils sont égaux!«
Charles Gounod.



 Schluß.










[260] Mit Wehmut muß ich am Schlusse dieses Buches noch eines Mannes gedenken, der uns viel zu früh verstarb, dem ich nur einmal zu begegnen brauchte, um ihn einen teuern Freund zu nennen. Als ich eines Tages in Scharfling, mit Tierschutzgedanken beladen, im Garten stand und einen Geistlichen im Reiseanzug daherkommen sah, winkte ich ihm, in plötzlicher Eingebung, grüßend zu und sprach ihn folgendermaßen an: »Geistlicher Herr, Sie gefallen mir, Sie haben ein so sympathisches Gesicht, treten Sie, bitte, näher, ich möchte Ihnen was sagen.« – Der sehr stattliche geistliche Herr, dessen Antlitz mich an Goethe mahnte, lächelte, trat näher und stellte sich mir als Dr. Johannes Baier, Professor am I. königl. Seminar zu Würzburg vor. Na, da hatte doch mal wieder der elektrisch-sympathetische Draht mit Recht laut geklingelt, und lachend hatten wir auch schon unsere beiderseitigen Freunde, die Professoren Kiepert und Schwendemann in meiner Geburtsstadt Würzburg, am Wickel. Tierschutz wurde von Dr. Baier längst gelehrt in seinem Seminar, wie alles, was zur Natur gehörte, die ihm ein offenes Buch wie seine eigene Seele erschien. Nun saßen wir auch schon beim Essen zusammen, denn mein Mann hatte ebenso schnell Freundschaft mit ihm geschlossen, die wir, solange wir lebten, nicht wieder zu verlieren wünschten. Briefe gingen hin und her, Bücher wurden getauscht, und fröhlich waren wir beim seltenen Zusammentreffen in Scharfling, denn Dr. Baier war ein außergewöhnlicher Mensch und ein vielwissender dazu, der nie mit seinem Wissen prahlte, aber gerne dazu lernte.
Von einem Spaziergange im nächsten Sommer heimkehrend, finde ich unser ganzes Haus wie ausgestorben; alle Türen weit offen, niemand gegenwärtig. Da, wie ich die Türe zu meiner[261]  Stube öffne, gewahre ich in künstlichem Dämmerlicht in einer Ecke eine männliche Gestalt, phantastisch halb aus-, halb angezogen. Ein weißes Fell über die rechte Schulter, die linke bloß; Schilf, Muscheln und Bänder um Kopf und Arme geschlungen, vor sich ein Tischchen mit blau- und weißer Decke, auf diesem ein ebensolches Kissen, und in der Hand schwingt die Gestalt eine blau-weiße bayrische Flagge. Sie fängt an, ein Gedicht herzusagen und überreicht mir am Schlusse auf dem Kissen die große Photographie meines Geburtshauses mit dem Zettel meines Taufaktes aus dem Kirchenbuch.
Der bayrische Meergott war mein Gatte, der Überraschungen zu inszenieren große Talente besitzt, und Dr. Baier der Spender und Finder des Bildes, das er heimlich gesandt, um mich zu erfreuen. Das Eckhaus in der Sandgasse existiert lange nicht mehr; Dr. Baier aber hatte es sich angelegen sein lassen, nach dem Besitzer zu forschen, der den glücklichen Einfall gehabt hatte, das Haus vor dem Abriß photographieren zu lassen. So kam ich in den Besitz des Bildes meiner Geburtsstätte.

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Die Stätte, für die niemand Interesse aufzubringen hat, setze ich hierher, weil sie durch meine Mutter geweiht ist. Hat auch kein Stern geleuchtet, Königen aus dem Morgenlande den Weg zu meiner Wiege zu weisen, Ochs, Esel und sonstiges Getier müssen dabei gewesen sein; wenigstens ist die Liebe zu ihnen durch meiner Mutter Herzensgefühl auf mich übergegangen. Und wenn ich sonst nichts geleistet hätte, als den Versuch gemacht zu haben, vielen dieser Unverstandenen, Armen ihr oft so trauriges Los »als Anwalt der Tiere«, wie ich mich gerne nenne, zu erleichtern, so glaube ich im Sinne unserer Mutter nicht umsonst gelebt zu haben.

Grunewald, 27. März 1913.



 Register.










[262] [Die Seitenzahlen beziehen sich auf die Druckvorlage.]
A.
Aachen 71.
Abert, Opernkomponist II 17.
Abt, Franz II 3.
Afrikanerin II 170.
Agathe (Freischütz) 219.
Agoult 260.
Ahngern, Beda (Abt) 34.
Aida II 42. 169.
A-ing-fo-hi (Oper) 217. 263.
Alban: Onkel A. 3. 48ff. 53f.
Albany II 109. 146.
Albert s. d'Albert.
Albert-Hall II 42.
Alexander, Zar 231.
Alexandrine von Mecklenburg-Schwerin 234.
Alfutt 63.
Allmacht (von Schubert) II 209.
Alma Tadema II 121.
Alpenkönig und Menschenfeind 110.
Alten, Schauspielerin; Gemahlin des Prinzen von Hanau 205.
Alvary, Max II 125f. 135. 141. 144f. 253.
Amalienbad bei Braunschweig 78.
Amazilli (Jessonda) 220.
Amerika II 97ff. 129ff. 139ff. 167ff. 182. 216ff. 227.
Amerikanische Kritik II 147.
Amerikanische Sitten II 131ff.
Amfortas II 74. 226.
Amman, Sängerin 272. 274ff.
Ampthill 241. II 40.
Anastasia, Großfürstin 238.
Andrade s. d'Andrade.
Angela mater 126f.
Angeli, Heinr. von, Maler 233. 241.
Angermanns Bierhaus in Bayreuth 295.
Anhalt 234.
Appenzell 35. 49. 70.
Apponyi, Albert, Graf II 158.
Arditi, Dirigent II 40. 137.
Arena in Prag 109f.
Armi s. dall' Armi.
Armida II 59. 159.
Arnstädt, Charlotte 71.
Arnurius (Ehepaar, Sänger) 174.
Artner, von (Sängerin) II 209.
Artôt, Desirée 139. 195f. 223. 235. 237. 241. 244. II 95.
Aschenbrödel 149.
Ascher (Komiker) 140.
Astorga (Oper) II 17.
Athalia 193.
Attersee II 216.
Auber 75. 162. 244. II 20.
Augusta, Deutsche Kaiserin 235. II 24.
Ave Maria von Gounod II 29.
Avenarius 72.

B.
Bach, Sebastian 206. 241. II 114. 124.
Bachmann, Eduard (Tenorist) 140.
Bäckström, Lilly II 23. 29.
Baden-Baden 59. II 24.
Baier, Johannes, Dr. II 260.
Baison, Auguste (Schauspielerin) 179ff.
Ball, Alwin 256.
Bamberg 27. 51.
Bambridge II 89. 101.
Barbiere di Seviglia 134. 172. 203. 225. II 21.
Barbieri (Opernkomponist) 148.
Barcelona 35f. 244.[263]
Bärwinkel, Garderobiere 195f.
Bauer als Millionär 110.
Bauernfeld (Lustspieldichter) 207.
Baumeister (Schauspieler) 140.
Bäwel, die Amme 64.
Bayreuth 104. 233. 239f. 248. 255f. 258ff. 265. 267ff. 273ff. II 3ff. 15. 67ff. 101. 111f. 149. 158. 189ff. 226. 237.
Beaumarchais II 242.
Beck, Johann Nep. (Sänger) 139. II 94.
Beckmesser II. 56.
Beethoven 138. 146f. 206. 231. 241. II 60. 148.
Behr, Heinrich (Operndirektor) 195. 198.
Behrens, Konrad (Bassist) II 18. 21. 23.
Beiden Helden 131.
Beiden Schützen 164. 170. 179.
Bellini 75. 138. II 113. Vgl.: Norma.
Benedix, Roderich 176.
Bergen II 33.
Bergh, Dr., Tierfreund II 119.
Berghausen bei Speyer 51. 60ff.
Berl (Pension in Leipzig) 191. 205.
–, Anna 191.
–, Angeli 191. 206.
–, Toni 191. 199. 203f.
Berlin 121. 143. 147. 161f. 168. 184f. 193. 197ff. 208f. 213ff. 231. 235. 239. 242. 246. 248. 250. 255. 257. 261. 269. 273. 275. 303f. II 4. 6. 9. 24. 26f. 34ff. 55. 67. 70. 76ff. 81ff. 95. 101. 115f. 119. 131. 134. 157. 163. 183. 227f. 243.
Berneck bei Bayreuth 305.
Bernhardine (Nonne) 85. 128.
Bernhardt, Sarah II 163. 173.
Betrogene Kadi von Gluck II 191.
Betz, Franz 217. 221. 228. 263. 273. 281. 285. 298ff. 302. 305f. 308. II 15. 18. 21. 23. 26. 45. 49. 67. 77. 85ff. 93. 100. 195. 199. 203.
Bignio (Sänger) 139.
Binder (Schauspielerin) 124. 131. 134. 148. 263.
Birnbaum, Auguste (Prinzessin von Hanau) 88f.
Bischof, Dr. (Rechtsanwalt) II 163.
Bismarck, Fürst 231. 234. 238.
–, Wilhelm (Bill) 242.
Bissing, geb. Wesendonk II 76.
Bizet s. Carmen.
Björnson II 32.
Blowsky 84.
Bock, Hugo II 243.
Bodenstedt 254.
Bognar, Friederike (Schauspielerin) 140.
Boll (Gerichtschreiber) 50.
Bonn II 24.
Booth, Edwin (Schauspieler) II 35.
Bordeaux 50.
Bormio II 61.
Börner (Sängerin) 162.
Borussia-Chor 218.
Boston II 119. 124. 143f. 156.
Bourgner 12.
Boyé 63.
Bozen II 61.
Brag, Herm. II 238.
Brahms II 16.
Brandner, Friedrich (Jägermeister) 18. 19. 27.
Brandstöttner (Bassist) 122.
Brandt, Fritz II. 5ff. 73. 84.
–, Karl 292ff. II 4ff.
Brandt, Marianne 220. 225ff. 263. 277. 302. II 15f. 18. 45. 58. 60. 79. 110. 120. 128. 135f.
Brangäne II 79.
Braunschweig 71. 78.
Brema (Sängerin) II 217f.
Bremen 71. 73. II 101. 131. 147. 153.
Brenner, Jenny (Sängerin) 111. 138.
Breslau 71. 102. 248. II 111.
Breuer (Sänger) II 241.
Brighton II 42.
Brioschi II 248.
Brockhaus 72.
Bronsart II 70.
Brooklyn II 149.
Brougham, Henry 113.
Bruchsal 4ff. 13ff. 17ff. 26. 29f. 46f.
Brüll, Ignaz II 15. 216.
Brünnhilde II 85. 100. 120. 141. 145. 192ff.
Buch, Freiin von s. Schleinitz.[264]
Budapest II 138. 157.
Buff, Charlotte 88.
Buffalo II 125.
Bukarest II 182.
Buliowsky 64.
Bülow, Hans von 141. 239. II 41. 59f. 157f. 192.
–, Daniela II 59f.
–, vgl. Thode.
–, Fürstin s. Dönhoff.
Buls (Sänger) II 56.
Bungert, August II 177ff.
Bunzl 107f. 137.
Bürgerlich und Romantisch 207.
Burggraf (Schauspielerin) 94. 135.
Burgstaller, Alois (Sänger) II 202. 217.
Burns, Robert II 186.
Buska, Johanna (Schauspielerin) II 215.

C.
Cabisius, Bariton 167. 173.
Cadier II 30.
Campanini (Sänger) II 39.
Campo Formio, Friede 46.
Camporeale s. Dönhoff.
Cannstatt 93f.
Carlo Broschi (Oper) 164. 166. 169. 175.
Carmen 144. II 21. 55ff. 76. 110.
Carmen Sylva 218. II 175ff. Vgl. Elisabeth, Königin von Rumänien.
Carnegie II 224.
Carolath, Fürstin 239.
Carreño, Therese II 154f.
Carry, verehel. Graf 41. 43.
Carus (Theaterdiener) II 92.
Cassowitz, gen. Cassio (Tenor) 132. 134.
Catenhusen (Dirigent) II 120f. 127.
Čech, Karl (Bassist) 122. 132. 134. II 60.
–, Adolf 132.
Cecilie, Deutsche Kronprinzessin 237f.
Cesario, Oper von Taubert 221. 262f.
Chabriard (Musiker) II 162.
Chamberg 10.
Charendon 60.
Charlotte, Prinzessin II 18.
Chaussieur 85.
Chevillard (Musiker) II 162.
Chicago II 117. 120. 156. 169.
Chimborasso 11.
Chopin 87.
Christiania II 29ff.
Christoffers (Kapitän) II 223f.
Christus von Rubinstein 265.
Chüden (Sängerin) 174.
Cincinnati II 120. 124.
Claar, Emil (Schauspieler) 196f. 207.
Clavigo 197.
Cleveland, Präsident II 154.
Clottü, Institut 84.
Cöln s. Köln.
Condamine 3. 10. Vgl. Künzle.
–, Carlo Justino 10. 12.
–, Charles Marie 11. 12.
–, Maria Magdalena 12.
–, Magdalena 33. 34.
–, Rosa 34.
–, Sebastian 12. 34.
Connaught, Herzogin II 40.
Coquelin 197.
Cordova 38.
Cornelius II 185.
Così fan tutte (Despina) II 46. 235. 260.
Cöthen 194.
Covent Garden II 39. 87. 89.
Cramer (Gralsträgerin) II 75.
Czernitzki 157.

D.
Dabry 63.
Dagmar, Kaiserin von Rußland II 136.
d'Agoult 260.
d'Albert II 173.
dall' Armi 3. 11. 51. II 31.
Damrosch, Leopold II 92.
–, Walter II 113. 121.
Danckelmann, Graf und Gräfin 242. 301. 304.
d'Andrade II 164. 217. 238. 240.
Danzig 135. 147f. 157. 159ff. 203. 209. 217. 229. 245. II 55.
Darmstadt 71. 203f. II 7f.
David (Geiger) 193f.[265]
Degele als Beckmesser II 56.
Dehnecke (Kapellmeister) 174.
Deidesheim 5. 9. 13. 18. 30ff. 45f.
Delia, Hermine 196. 200. 205. 207.
Delibes II 191.
Demuth (Sänger) II 242.
Dente (Kapellmeister) II 20.
de Reszke s. Reszke.
Dernburg, Friedrich II 153.
Dessoir (Schauspieler) 140.
Devrient 140. 199. II 6.
Dick (Bezirksgerichtspräsident) 50.
Dietrich (Schauspieler) 123.
Dieudonné (Hotel-Besitzerin) II 40.
Dillner (Sängerin) II 60.
Dinorah 111. 140. 167. II 45f.
Dippel (Tenorist) II 217. 223f. 225. 234.
Doepler, Prof. 290. II 203f.
Dohm vom Kladderadatsch 239.
Doktor und Apotheker 164.
Dolly, Prinzessin von Talleyrand Périgord 243.
Dolt (Schauspieler) 110.
Domins Hinrichtung 11.
Don Giovanni s. Don Juan.
Dönhoff 242. 291. 304. II 209. Vgl.: Seydewitz.
Donizetti 138.
Don Juan 76. 139. 144. 164. 169f. 221. 289. II 158. 160. 164. 194. 217. 225. 232. 235f. 247. 254f.
Donna Anna II 20f. 40. 57f. 92ff. 93. 137. 194. 217. 232.

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Don Quixote II 259.
Dorenberg, Konsul II 222.
Döring 140.
Dorn, Heinr. 74. 217.
Dover II 102.
Drahota, Emilie 96. 114.
Dresden 141. 249f. II 53ff. 92. 95. 177. 227. 233f.
Driese (Sängerin) II 50. 77.
Drontheim II 31.
Dukar, Dr. (Arzt) 61.
Dupont (General) 57.
Dustmann, Louise 102. 139.
Dyk II 217f.

E.
Eames, Emma (Sängerin) II 217. 218.
Ebner-Eschenbach II 214.
Eckert, Karl (Dirigent) 145. 221. 230. 239. 264. 273. 302. II 26f.
Edelmann (Zeitungsherausgeber) 201.
Edinburgh, Herzog v. II 89. 101.
Ehnn, Bertha 192.
Eichhorn (Soubrette) 179.
Eilers als Fasolt 142. 285. 305.
Ekkard (Bariton) II 17.
Ekkehard (Oper) II 17.
Elisabeth, Königin von Preußen 238. II 143.
–, – – Rumänien II 175ff. Vgl.: Carmen Sylva.
–, Prinzessin II 18.
Elmblad (Sänger) 276. 279. II 196.
Elsa s. Lohengrin.
Elster, Bad 209.
Elvira im Don Juan II 232.
– in den Stummen 220.
Emilia Galotti 140.
Ems II 7.
Engel (Theaterdirektor) 162. II 164.
Engel, Gustav (Kritiker) 217.
Engelbart (Kapitän) II 220.
Engelhardt (Komiker) 196. 199.
Entführung aus dem Serail 169. II 46. 57. 83. 252.
Erard 69.
Erie-See II 127.
Erkel (Dirigent) II 138.
Erl (Sänger) II 56.
Erlangen 27. 31f.
Erler, Hermann (Verleger) II 186.
Erlkönig von Schubert II 209.
Ernani 141. II 27.
Ernst, Heinrich (Sänger) 222. 233. 264. II 15f. 77. 191.
–, Moritz, (Direktor) 263. 246.
Eugen, Erzherzog II 234. 259.
Euryanthe 75. II 141.

F.
Fafner II 197.
Fantaska 203.[266]
Farrar, Geraldine II 28. 238. 254.
Fasolt II 197.
Faust von Goethe II 6. 91. 161.
– – Gounod 133. 229. II 27. 39. 146. 218.
– – Spohr II 16.
Faust-Ouvertüre von R. Wagner 126.
Feigert (Tanzlehrer) 107.
Feigl (Generalkonsul) II 142.
Feistmantel (Schauspieler) 110.
Feldlager in Schlesien 216. 219. II 99. Vgl.: Nordstern.
Felix (Sänger) II 241.
Ferrières 222.
Feuerbach bei Stuttgart 93.
Fidelio 124. 194. 289. II 24. 40. 83. 92f. 135. 137f. 164. 209. 217. 225. 243.
Figaros Hochzeit 76. 156. 169. 229f. 257. 283. II 160. 209. 232. 235. 238ff.
Fischer, Emil 147. 163. 167. 170ff. 209ff. II 110. 135. 170ff.
–, Franz 261. 282. 292.
–, Rosa 175. 181. 210f. II 132. 143. 171f.
Fitzner II 234.
Flick und Flock 203.
Fliesen 63.
Florenz II 62.
Floßhilde 260.
Förstel, Gertrud (Sängerin) II 253.
Fra Diavolo 79. 175.
Franke (Impresario) II 87.
Frankfurt 42. 60. 71. II 127.
Franz, Richard, Dr. II 185.
– Robert 193f. II 186.
Franz Joseph I., Kaiser von Österreich 231. II 235. 238. 242ff.
Franzensfeste II 43.
Frau Fluth 167.
– Grau 119ff.
Freia 271.
Freischütz 71. 134. 149. 219. II 87.
Fricka II 85. 218.
Fricke (Ballettmeister) 286. 292. 295.
–, August (Bassist) 221. 273. II 45ff. 84f.
Fridjof 220.
Friedberg (Tänzerin) 140. 242.
Friede 220.
Friedrich, Amalia s. Materna.
– Karl, Prinzessin 238. II 40.
– Leopold, Prinzessin II 209.
– Wilhelm III. 216.
– Wilhelm IV. 238.
– Wilhelm, Kronprinz 234.
Fuchs als Klingsor II 74.
Fürstenberg, Karl Egon 243.
Fürstner (Berleger) 273.

G.
Gade Nils 194.
Gadsky-Tauscher, Johanna II 238. 253f.
Galassi (Sänger) II 39.
Gall (Intendant) 92.
Gallmeyer, Josephine 140.
Garrik 277.
Geistinger, Marie 140.
Genée, Richard (Dirigent) 147f.
Genoveva 256.
Georg, griech. Kronprinz II 136.
Gericke, Wilhelm (Dirigent) II 119.
Gerster, Etelka 242. II 42.
Gey, Marie (Sängerin) 220.
Gibraltar 39.
Gluck 206. II 191.
Glückskatzen 118ff.
Gmunden II 77.
Godin 12.
Goldenes Kreuz 225. II 15.
Goldmark II 26. 138. 216.
Gossau (St. Gallen) 11ff. 33. 36ff. 40ff. 44. 49. 53f. 60. 70.
Goßmann, Friederike 140.
Goethe 88. 113. 122. 185. 206. II 161.
Goethe-Zimmer in Weimar 106.
Gothenburg II 23f.
Götterdämmerung 233. 261f. 269. 282. 298. II 35. 91. 120. 123. 141. 147. 156. 195. 197. 213.
Götz (Komponist) II 45.
Götze, Emil (Sänger) II 95.
Goula (Kapellmeister) 244.
Gounod 133. II 29. 260.[267]
Graf, geb. Carry 41. 43.
Granada 38f.
Grandauer II 236.
Grane in der Götterdämmerung II 195.
Grantzow, Adele 203.
Grau, Maurice (Impresario) II 169. 217f. 225.
Grengg (Sänger) II 196f.
Gripsholm II 28.
Grobeker, Karl 176.
Grobeker (Soubrette) 140.
Groß, Ferdinand (Tenorist) 200.
– Adolf (Bayreuth) II 71. 191ff. 208.
–, Karl II 253.
Großherzogin von Gerolstein (Operette) 199.
Grossi, Charlotte (Sängerin) 220. 264. 269. 271. II 83.
Grunewald bei Berlin 233. II 151ff. 225.
Grunow 283.
Grützmacher (Musiker) 289.
Gudbrandsdalen II 32.
Gudehus (Sänger) II 88. 213.
Gulbranson, Ellen II 197.
Günther-Bachmann (Sängerin) 195f. 199. II 224.
Gura, Eugen 282. 285f. 299.
Gurnemanz II 74.
Gustav III. II 20.
Gustav, Kronprinz von Schweden II 23.
Gutheil-Schoder II 241.
Gutrune 269. 271. II 145.

H.
Haase, Friedrich 209. 246.
Habelmann (Regisseur) II 107.
Hagemann, Alfons (Rechtsanwalt) 201.
Hagen II 196.
Hahn, Reynaldo II 234. 237. 240.
Halévy 75. II 113.
Halir 95.
Halle 204.
Hallström II 27f.
Hamburg 78. 95. 173. 244. 148f. II 24. 157.
Hamerling, Robert 168.
Hanau, Heinr. Prinz 205.
–, Friedr. Prinz 88.
Hanau, Fürstin 154.
Händel 206.
Hannover 155. II 70.
Hans Heiling (Oper) 144. 165. 172.
Hanslick II 60.
Hans Sachs II 226.
Harries-Wippern (Sängerin) 220.
Hassel (Regisseur u. Schauspieler) 104. 110. 138. 171. 246.
–, Theodora 88. 94.
Hatzfeldt 239.
Haugh, Sanitätsrat 251.
Hauk, Minnie II 16f. 46.
Havemeyer, James u. Theodor II 122.
Haydn, Joseph 241. II 105. 242.
Haydter, Alexander (Sänger) 298. II 241. 253.
Haymarket II 39.
Hebel, Joh. Peter 124.
Heber, Heta II 254.
Heddäus (Advokat) 50.
Heffter (Obertribunalsrat) 256.
Heidelberg 48ff. 53f. 65. 69ff.
Heideschacht (Oper) 203.
Heilige Nepomuk 109.
Heilige Wenzel 108.
Heiligenstein 64.
Heiligenthal, verehel. Humann 43.
Heimkehr 220.
Hein (Regisseur) 246.
Heine, Heinrich 234. II 259.
Heinrich, Prinz von Hanau 205.
–, Hauswirtin in Danzig 163.
Helbig, Fritz 192f.
–, Hedwig II 101. 103. 105. 142f. 158. 234.
Hellmers (Kapitän) II 102ff. 108. 221.
Helmholtz 239.
Helmwiege 262. 288.
Hempel, Friederike (Sängerin) II 253.
Hendrichs 140.
Henry (Geheimer Rat) 224.
– (Kriegsrat) II 78.
Hentschel, Georg II 16.
Hermann, Reinhold (Pianist) II 154.
– von Weimar, Prinz und Prinzessin II 209.
Herrlich (Sänger) 277f.[268]
Hertel (Maler) 239.
Herzfeld (Schauspieler) 196.
Herzfeld-Link (Schauspielerin) 196.
Hesch (Bassist) II 232.
Hessen-Kassel, Kurfürst 154.
Hetzel (Kaufmann) 47.
Heyking II 142.
Higginson II 119.
Hildebrandt (Maler) II 31.
Hilgermann (Sängerin) II 234. 241.
Hill als Alberich 281f. 298. 305f.
Hiller, Ferd. II 16.
Hirschfeld, Robert II 260.
Hoboken II 108.
Hochberg, Graf II 157. 163.
Hoch-Chlumetz 157.
Hofmeister (Sängerin) II 17.
Hohenzollern, Prinzessin Marie 180.
Holländer II 147.
Holstein, Franz von 203.
Holtermann (Hofmarschall) II 19.
Hoppe 162f. 167.
Horina, Louise (Sängerin) 220. II 27. 77.
Horwitz (Sänger) 117. 132. 134.
Hovemann (Baß-Buffo) 142.
Hugenotten 72. 134. 137. 164f. 169. 185. 199. 202. 223. 254. II 57.
Hülsen, Botho v. (Intendant) 162. 197. 216. 219. 222. 229. 233. 236. 249f. 260ff. 270. 273. 276. 278. 304. II 9. 39. 45ff. 49. 55. 70. 84. 86. 92. 99. 100. 115. 133f. 157.
–, Georg v. II 187. 224.
Humann, geb. Heiligenthal 43.
Hummel (Dirigent) II 233f. 234.
Humor auf der Bühne II 252.
Huttary (Sängerin) II 17.
Hüttenstein bei Scharfling II 214.

I.
Ilgen (Schreiber) 50. 55f. 61. 63f.
Indianopolis II 126.
Iphigenie 142f. II 159f.
Irmentraut II 224.

J.
Jachmann-Wagner, Johanna 262. 277. 300.
Jahn, Wilhelm (Dirigent) 140. 142. 144f. 147. 253f. II 58. 60. 94. 134. 159. 163. 196.
Jaide (Sängerin) 289. 298.


Janauschek, Marie 140.
Jassay, Marie (Tragödin) II 157f.
Jauner, Franz 140.
Jean Paul 285.
Jensen II 185.
Jessonda (Oper) 72f. 76. 124. 139. 220.
Joachim, Amalia 79.
–, Joseph II 235.
Johann von Paris 164. 166. 170.
Joseph II 130.
Josepha (Zietenhusaren) 220.
Josua II 58.
Juch, Emma II 126.
Judenhetzen 116f.
Judenkirchhof 129.
Jüdin (Oper) 70. 166. 171. II 126. 158. 164.
Jupiter-Symphonie II 260.
Jüterbog 79.

K.
Kahle, Richard (Schauspieler) 191. 196. 222.
Kainz-Prause (Sängerin) 141.
Kalbeck II 236.
Kalifornien II 227.
Kalisch, David 239.
–, Paul II 100, 125f. 137. 141ff. 145. 164f. 169f. 183. 185. 191. 215ff. 261.
Kals II 61.
Kaltenbachs Hôtel am Niagara II 127.
Karl XV. II 29. 136.
Karl, König von Rumänien II 179f.
–, Prinz von Hanau 205.
Karlsbad 141.
Kassel 71. 73f. 80. 87. 91f. 115. 154. 257. II 42.
Katschthaler, Fürsterzbischof II 259.
Kaunitz, Gräfin 135.
Kean 277.
Keglevich, Intendant II 138.
Ketsch 49.
Kiepert II 261.
Kirchheim-Bolanden 48.[269]
Kittel, Hermine II 253.
Kiurina (Sängerin) II 241.
Klaffsky (Sängerin) II 204.
Klagenfurt II 60.
Klein (Kaufmann in Prag) 83.
Klesheim (Dialektdichter) II 77.
Kliemke, F. 96.
Klindworth, Karl 239. II 59. 76. 173.
Klöpfer (Sänger) II 233.
Knaak (Schauspieler) 140.
Knoblaucheck 63.
Kögel (Sänger) 275.
Kohler, Karl Felix 185ff 230.
Koller (Rittmeister) 60.
Köln 248. 269. 272. II 7. 184.
Kölner Musikfest II 16.
Konfirmation 112.
Königin der Nacht II 250f.
– von Saba II 26. 111.
Königsberg 73. 168. 217. 236. 289.
Kopenhagen 143. II 30. 136.
Kopetzky (Tenor) 142.
Kornwestheim 93.
Kotzebue 131.
Kranich (Maschinendirektor) II 199.
Krastel, Fritz 140.
Kraus, Ernst II 217.
Krause, Georg 222.
Krebs-Michalesi (Sängerin) 199. 203.
Krehbiel, Henry (Rezensent) II 148.
Kreuznach 63.
Kreuzritter (Oper von Meyerbeer) 76.
Kroll-Theater 162. 242. II 164.
Krolop, Franz (Bassist) 222. II 77.
Krondiamanten (Oper) 164. 166. 177.
Krones, Therese 110.
Kronprinzessin, Deutsche 233.
Krüger (Tenorbuffo) 221.
Krüsi, Pastor II 142.
Kuenburg, Gandolf Graf von II 259.
Kühle, Mathilde (Schauspielerin) II 120.
Kundry II 74. 149.
Künzle 33f. 37. 40. 44. 49. 65. 88. II 120.
Kurt II 253.
Kurz 63.

L.
Lammert, Minna (Sängerin) 260f. 269f. 274. 281. 292. 305. II 77. 90.
Lamoureux, Charles II 161f.
Landau, Leopold 42. 44. 95.
Landfriede (Oper) II 15.
Landgraf, Dr. (Arzt) II 201.
Landvogt (Agent) 157.
Langer, Anton s. Vom Juristentag.
Lasalle (Baritonist) II 169f.
Laube, Heinrich 168. 170. 195ff. 206ff. 246.
–, Iduna 199.
Laué (Justizrat) II 47.
Lauer, kais. Leibarzt 224.
Lear II 35.
Ledebur 94.
Lederer (Hauswirt in Prag) 83.
Lederle, Dr. 30f. 45.
Lehmann, Karl August (Vater) 77ff. 155.
–, Marie, geb. Löw (Mutter) 78. 148ff. 198ff. 205. 258. 263. 269ff. 282ff. 289. II 30. 68f. 76ff. 83. 89f. 214. 261.
–, Marie (Schwester Riezl) 104ff. 114. 133ff. 152. 155f. 171. 179. 184. 201. 205f. 209f. 247f. 258. 260ff. 269f. 274f. 290. 292f. 295f. 300. 305f. 308. II 7. 43. 59. 68f. 76f. 79f. 94. 121. 134. 154f. 161. 164. 193f. 200. 214ff. 218f. 223. 226. 232.
– s. Hanau.
Leipzig 71f. 135. 156. 168. 171. 176. 180. 184f. 189ff. 193ff. 200ff. 217. 222. 229. 246. 250. 253. II 224.
Leman, v. (Schauspieler) 196.
Lemberg 78f. 88.
Lenbach, Franz 223. 265. II 90.
Lenk (Bad) 49.
Leporello II 257ff.
Le Prese II 62.
Le roi l'a dit II 16.
Leschetitzky II 260.
Lestocq (Oper) 75.
Levi, Hermann (Dirigent) 289. 295. II 71ff. 90. 236.
Lewinsky 140.[270]
Lieban, Julius II 253.
Liechtenstein 239. II 209.
Lienz II 60.
Lillehammer II 31.
Linda von Chamounix 235.
Lindau, Paul II 87. 115.
Lindemann, Fritz (Pianist) II 243.
Linhardt (Advokat) 97.
Link, Georg (Schauspieler) 196.
– s. auch Herzfeld.
Liszt, Franz 239. 264. 282ff. 291. II 114. 209.
Lobkowitz 157.
Loge II 220.
Lohengrin 101ff. 133. II 20. 27. 39. 147. 186. 225.
London 89. 257. II 37ff. 55. 87f. 100f. 137f. 225.
Lorenz, Leo II 105.
Lortzing II 76.
Louise, Königin von Preußen 236.
–, – – Dänemark II 136.
–, Großherzogin von Baden 234.
Louisville II 118.
Löw (Loew) Familie 3. 6. 23. 51ff.
–, Alban 26. 28f. 48f. 54. 69. 124.
–, Amalia 55.
–, Amanda 3ff. 55. 77.
–, Emilie 48. 53f. 72ff.
–, Gustel 54.
–,Hans 26f. 30. 45ff.
–, Hänsel 56.
–, Jakob 9. 14ff. 26. 29. 31.
–, Joseph Adam 26.
–, Julchen 65. 71.
–, Kamill 52. 54.
–, Lilli 54ff. 124f.
–, Loew Marie 54. 69. 71ff vgl. Lehmann.
–, Nikolaus 3. 4f. 8f. 22.
–, Rosa 49.
–, Titus 31. 47. 62.
Löw'sche Kinder (chronologisch) 51.
Löwe, Ludwig (Hofschauspieler) 140.
– (Theaterdirektor) II 111.
– Joh., Carl, Gottfr. (Komponist) 282.
Löwenklau s. Bäckström, Lilly.
Lucca, Pauline 79. 142ff. 219f. 229f. II 57. 215.
Lucia von Lammermoor II 96. 156.
Luckner (Graf) 97.
Lucrezia Borgia 175. II 99f. 138. 164.
Ludwig II., König Bayern 260. 288. 297. 304ff. II 9. 71.
Lueger, Karl Dr. II 243f.
Luger (Sängerin) II 88f.
Lustige Weiber (Oper) 111.

M.
Macbeth (Drama) II 34. 216. 219.
– (Oper) 221. 262.
Maccabäer (Oper) 263.
Magdeburg 58f. 71f. 289.
Mahler, Gustav 248. II 157ff. 235ff. 238ff.
Mahlinger, Mathilde 219f. 229f. 238. 257. II 26. 77.
Mahon auf Minorka 36. 38.
Mahr (Musiker) 289.
Maikl, Georg (Sänger) II 238. 254.
Mainz 30. 32. 78.
Malmö II 19.
Malten, Therese II 74.
Manchester 253.
Mancinelli II 225.
Mannheim 71. II 9. 141.
Mannstädt, Franz (Kapellmeister) 282. 285.
Mantelli II 217.
Mapleson (Impresario) II 39ff. 137f.
Marcull (Rezensent) 166.
Margarethe s. Faust.
Marie Antoinette 127.
Maria Stuart II 34.
Marie, der Niederlande Prinzessin II 178.
Marienbad 252. II 42f.
Markwordt (Schauspieler) 110.
Marlow (Sängerin) 139.
Marokko 39.
Marschner 74. 138. 146.
Martha (Oper) 209.
Martius (Pfarrer) 112.
Maschka (Professor) 120. 149.
Maskenball (Oper von Auber) 166. 244. II 20.[271]
Maskenball (Oper von Verdi) 244. II 20.
Mater Angela 126f.
Mater Bernhardina 85. 128.
Materna Amalia 281. 285. 294ff. 298. 301. II 26. 74. 92. 162. 203. 206.
Maurel, Viktor (Sänger) II 217f.
Maurer und Schlosser 134. 244.
Mayr, Richard (Bassist) II 241. 253.
Mecklenburg-Schwerin, Großherzog 237. 305.
– –, Großherzogin Mutter 234.
– –, Prinzessin Alexandrine 234.
Medea 140.
Meding (Schiffszahlmeister) 182f.
Meiningen (Erbherzog) II 18.
Meißlinger (Sängerin) II 217. 223.
Meissonier II 121.
Meistersinger 224. II 67. 96. 148. 209. 226.
Meller (Sängerin) 141.
Mendelssohn, Felix 193. 305. II 120.
Mensing, Adolf (Kapitän) 183. II 78. 115. 121.
Menzel, Adolf 239. 253. 265.
Mephistowalzer II 114.
Meran II 61.
Merlin (Oper) II 138.
Messias (Händel) II 112.
Metropolitan Operahouse II 109.
Meyer, Louise s. Dustmann.
Meyerbeer, Giacomo 75f. 216. II 45f.
–, Cornelia 264.
Meyerheim, Paul 241.
Michalek (Sängerin) II 241.
Michalowich (Professor) II 158.
Mierzwinsky, Ladislaus (Tenorist) II 86.
Mignon (Oper von Thomas) 192. II 39. 57. 169.
– (Lied von Liszt) 283.
– (Requiem von Schumann) 194.
Mikorey, Franz (Dirigent) II 253.
Mildenburg (Sängerin) II 245f.
Milwaukee II 117. 127. 201.
Minna von Barnhelm 131.
Minneapolis II 118.
Minnesota II 127.
Minorka 36. 38.
Mirafiore, Graf II 62.
Mirza Schaffy 254.
Mitlle (Schauspieler) 196.
Mitterwurzer, Friedrich 196. 204.
Möbius (Professor) 200.
Molde II 31f.
Molière 197.
Moll, Karl II 246.
Moltke, Hellmuth Graf 231. 238. II 164.
–, Cuno 304.
Mondsee 116.
Monrepos II 149.
Montenuovo (Obersthofmeister) II 243.
Mord in der Kohlmessergasse 110.
Moser, Anton II 238. 253.
Moser-Sperner (Schauspielerin) 196.
Mottl, Felix 261. 282. 292ff. 301f. 305f. II 196f. 234. 237. 247.

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Mozart 75f. 84. 130. 138. 146. 169. 200. 206. 238. 241. 256. 283. II 45. 124. 142f. 148. 185. 189. 193f. 216. 231ff.
Muchanoff 240.
Muck, Karl Dr. (Dirigent) II 119. 217. 225. 237. 247f. 253f.
Mühldorfer (Dirigent) 169. 202.
Müller (Sängerin) 274.
–, Cölestin 86ff.
–, Julius II 186.
–, Therese 110.
–, William 222.
München 64. 122. 141. 145. 220. 286f. II 44. 89ff. 147. 161. 213ff. 233f.
Münster, Graf, Botschafter II 40. 183.
Murska (Sängerin) 139.
Mutzenbecher 257.

N.
Nachbauer (Sänger) 111.
Nachtlager (Oper) 144.
Nachtwandlerin (Oper) 242.
Napoleon 46. 55.
Nausikaa II 177.
Nero (Oper) II 45.
Nesper (Schauspieler) 196. 204.
Neue Freie Presse 185.
Neumann, Angelo II 70. 112.
Neunte Symphonie 248.[272]
Neustädter Theater in Prag 110f.
Neuwied II 179.
New York 303. II 99. 104ff. 135ff. 141ff. 153. 168ff. 253f.
Niagarafall II 127.
Nibelungenkanzlei 301.
Nibelungenring s. Ring der Nibelungen.
Nickel (Kalligraph) 85.
Niederrheinisches Musikfest 278. II 58.
Niemann, Albert 78f. 142. 220f. 227f. 238f. 273. 277. 281. 285. 289. 294. 297. 300. 302f. II 4. 16. 24. 45. 49. 60. 85. 87. 89ff. 93. 100. 115. 135f. 141. 148. 163. 195. 203.
Niemann-Raabe, Hedwig 140. 301.
Niering als Hunding 279.
Nietzsche 292.
Nikisch, Arthur II 119.
Nilson, Christine II 39. 42. 109.
Nimbs (Sängerin) 102.
Noëmi (Maccabäer) 263ff.
Noiré (Professor) II 25.
Nöldechen (Bassist) II 89.
Nordica (Sängerin) II 217.
Nordstern (Oper) 216. Vgl. Feldlager.
Norma 72f. 75. 124. 134. 142. 174. II 20. 40. 58. 83. 92ff. 137f. 141. 146. 164. 169. 225.
Normann (Dirigent) II 20.
Nürnberg 28. 31. 296.

O.
Oberländer (Schauspieler) 171.
Oedmann (Sänger) II 20.
Oldenburg, Erbgroßherzog II 18.
Oliva s. Pepita.
Ontario-See II 117.
Oppenheim, Adolf 89.
Orgény 170.
Ortlinde 262.
Ortrud II 186.
Oscar, König von Schweden II 20. 22f. 27ff.
Ostende II 225.
O'Sullivan II 216. vgl. Wolter, Charlotte.
Othello (Oper) 73. 80. 289.
Ottendorfer (Redakteur) II 115.

P.
Padilla, Mariane 244.
Pagans (Chansonettensänger) II 40f.
Palermo II 72.
Pamina und Tamino II 249f.
Papagena und Papageno II 164. 250ff.
Paris 10. 12. 16. 28. 31f. 69. 120. 197. II 27. 161f. 183. 234.
Pariser Leben 205.
Parsifal 65ff. 148f. 196. 226.
Patti, Adelina 139. II 39. 41f. 109. 137. 164.
Paul, Willy II 254.
Pauli 87. 154. II 42.
–, vgl. Loew, Lilli.
Paulowna, Großfürstin 305.
Päumann 101.
Pawlowna (Tänzerin) 203.
Pegau 194.
Pepi 57. 58.
Pepita di Oliva (Tänzerin) 127. 140.
Perfall (General-Intendant) II 89f.
Perotti (Tenorist) II 145. 158.
Perponcher, Graf und Gräfin 236. 241f. II 19. 40.
Perron, Karl (Sänger) II 202.
Peschka-Leutner (Sängerin) 192.
Petersburg 124.
Petru (Sängerin) II 241.
Pewny (Sängerin) II 223.
Pfister 3. 10.
–, Amanda 36.
–, Klementine 40.
–, Maria Klementine (Klämens) 34. 45ff.
–, Margaritta Antonia 36.
–, Pepi 34. 38.
–, Plazidus 33. 35.
–, Romana Sydra 36.
Philadelphia II 112. 143.
Philharmoniker II 247.
Philippsburg (Festung) 6. 8f. 23. 27.
Pirani 244.
Pirna 97.
Pistor 74.
Pittsburg II 120.
Piwko, Dr. 177.
Plançon (Sänger) II 217.[273]
Planer, Minna 73. 290. Vgl. Wagner, R.
Platen, Graf (Intendant) II 55.
Pohl, Richard II 24.
Poilpot (Maler) II 41.
Pollini 244.
Pönitz, Franz (Harfen-Virtuose) II 18. 21f.
Pontresina II 63.
Poschiavo II 63.
Potsdam 255. II 27.
Pourtalès, Wilhelm, Graf II 4.
Prag 79f. 83. 87. 91. 94. 150ff. 184. 208. 220. 229. 246. 248. 251f. II 17. 53ff. 145.
Preißinger (Schauspieler) 110.
Preuß (Sänger) II 241.
Prillwitz 242.
Prinz Karl 233f.
Prinzessin Karl 232.
Prinzessin Friedrich Karl 234. 238. 241.
Prophet (Oper) 78. 134. 141. II 136. 170.

R.
Raabe, Hedwig, s. Niemann-Raabe.
Rabe, Oskar von (Major, General, Exc.) 255f. 304.
Radecke, Robert (Dirigent) 219. 221. II 92f.
Radowitz v. (Botschafter) II 209.
Radziwill, Anton, Fürst von 241.
Raimund, Ferdinand 110.
Ravogli (Sängerin) II 169f.
Rebiček 95.
Reclam (Professor) 202.
Regimentstochter 246.
Regnier 46.
Rehhütte bei Speyer 63.
Reichel (Sänger) 102.
Reichenbach 194.
Reichenberg (Bassist) 272. 281. 286.
Reichmann, Theodor II 74. 94. 144.
Reineke, Karl 193. II 185.
Reinhardsbrunn in Thüringen 210.
Reinhold, Hermann (Pianist) 193.
Reiter, Joseph II 242.
Religiöses Leben 112ff.
Requiem von Mozart 238. II 233ff.
– von Verdi II 15f.
Reszke, Eduard II 169f. 217f.
–, Jean II 169f. 217f.
Reuß-Belce II 196.
Reuter, Fritz II 19.
Rheingold 260ff. 269ff. 277. 282. 286. 292. 297. 299. 307. II 198. 208. 218.
Rheintöchter 269. 282. 292. 294f. 298. 305ff. II 67. 89ff. 197.
Richter, Cornelia 264.
–, Gustav 239. 264.
–, Hans 293f. 298. II 58. 75. 87. 93ff. 187. 191. 200f. 232.
– (Kapitän) II 221.
– (Tenorist) 296.
Rienzi 200. 227.
Ries (Violin-Virtuose) II 27.
Riese (Tenor) II 56.
Riesler, Edouard (Pianist) II 209.
Riga 168. 217. 289.
Rigoletto 175.
Ring der Nibelungen II 89. 141. 145. 148. 192ff. 217. 224.
Ringericke II 30.
Ristori, Adelaide II 34f. 157.
Ritter, Joseph (Sänger) II 232.
Robert der Teufel 74. II 57f.
Robinson, Adolf (Sänger) 141. 144. 172. 174. II 110. 135.
Röbling II 144.
Rochester II 120.
Rochlitz II 237.
Röder, Ferd. (Theater-Agent) 161f.
Roggenbach, Baron v. (Finanzminister) II 180.
Rohrbeck (Schauspielerin) 110.
Roller (Maler) II 240. 245. 248.
Rom 12. II 43.
Romeo und Julie 72f.
Römer (Frau Bertha R. und Familie) 80. 87f. 94. 110ff. 122. 124. 132. 134f. 142. 150. 154. 161. 165. 251f. II 112.
Rommel, Frh v. 257f.
Roosevelt II 121.
Rooy (Sänger) II 217.
Rosen, Graf II 20. 22.[274]
Rosenthal, Moriz (Pianist) II 219f.
Rosine (Barbier) 203.
Rossi, Ernesto II 35.
Rossini 80. II 41.
Roßweiße 262.
Rotterdamm 78.
Rubinstein, Anton 239. 253. 263ff. II 40. 45.
–, Joseph 282.
–, Wera 264ff.
Rückauf (Komponist) 122.
Rudolf, Kronprinz v. Österreich II 214f.
Rummel, Franz (Pianist) II 100.
Rungenhagen (Musiker) II 27.
Russel-Amphtill 233. 241.
Ružiczka (Tanzlehrer) 107.

S.
Sachs, v. 26. II 123.
Sachse-Hofmeister (Sängerin) II 85. 87. 92. 99.
Sagan, Herzogin 243.
Saint-Saëns II 40f.
Salesi II 217.
Salignac II 127.
Salomon, Heinrich (Baß-Buffo) 77. 221. II 77.
–, Dr. (Gouverneur) II 127.
Salzburg II 58. 214. 216. 229ff.
Sancho Pansa II 259.
Sankt s. St.
Säntis 69.
Sarastro II 250ff.
Satori 127.
Savoyen 10.
Scalchi (Sänger) II 169.
Scaria 274f. 281. 285f. 300. 305. II 74. 94f.
Schafberg II 214.
Schah von Persien 255.
Scharfling am Mondsee 116. 296. II 211. 260.
Scheffel, Joseph Viktor v. 185. 210.
Scheffzky als Sieglinde 287f. II 196.
Scheidemantel (Sänger) II 88.
Schelble 71.
Schelper, Otto (Sänger) 221f. 298.
Schikaneder 130. II 249.
Schiller 185. 206. 257. 286.
Schinderhannes 63.
Schindler, Alma II 246.
Schirmer (Komiker) 176.
Schleinitz, Graf und Gräfin 239f. 265. 304. II 209.
Schleswig-Holstein II 136.
Schleyder von Wartensen 71.
Schlichting, General 253.
Schloß (Oberregisseur) 249f.
Schlosser als Mime 299.
Schmedes II 245.
Schmidt, Alois 305. II 234.
–, Gustav 169. 171. 192.
–, Theodor 222.
–, Dr. (Sänger) 140.
– (Dirigent) 200.
Schneider, Therese 138.
Schnorr von Carolsfeld 139. 147. II 88.
Scholz, Illustrateur des Kladderadatsch 239.
Schöne Galathea 134.
Schopenhauer 260.
Schrenck (Hauptmann) 259.
Schröder (Theaterschneider) II 93.
Schröder-Devrient, Wilhelmine 73f. 260.
Schubert, Franz 206. II 193. 204. 209.
Schuch, Ernst v. (Dirigent) 145. II 55f. 87. 95. 187. 237. 247. 252f.
Schuch-Proska (Sängerin) II 55.
Schuch, Käthe II 254.
Schumann, Robert 194. 206. 256. II 161.
–, Klara 200.
Schumann-Heink (Sängerin) II 209. 217.
Schurz, Karl II 115. 143.
Schütz II 60.
Schwabe (Manchester) 253.

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Schwarz 54. 59. Vgl. Loew, Joseph Adam.
Schwarzer Domino. 164. 166. 196.
Schwendemann, Wilhelm 257. II 261.
Schweninger, Ernst II 79. 96. 172.
Schwestka, Karl 129f.
Schwetzingen 49.[275]
Scotti II 254. 257.
Sedan 200.
Seebach, Marie 140. 180.
Segenhaus II 175ff.
Segurola, Andrea II 254. 257.
Seidl, Anton (Dirigent) 261. 282. 292. 301. II 112. 120. 135. 142. 148f. 156. 170. 203.
–, Heinrich (Regisseur) 192. 195. 198. 246.
Seidl-Society II 149.
Sekira 110.
Selica (Afrikanerin) II 170.
Selisberg 256ff.
Sembrich (Sängerin) II 217.
Sevilla 38f.
Seydewitz, Josephine, Gräfin 242.
Shakespeare 148. 185. 262. II 35. 41. 252.
Siegel (Appellationsrat) 47. 63.
Siegfried 239. 262. 278. 298. 306. II 76. 102. 123. 125. 141. 145. 204ff.
Sieglinde II 85. 89ff. 195. 217.
Sieglitz II 234.
Siegmund II 85.
Siegrune 272.
Siegstädt (Sängerin) 272. 274.
Siehr (Bassist) 122.
Sigurd 220.
Silvia II 191.
Simon (Schauspieler) 162.
Sixtinische Madonna 249.
Skutta (Komiker) 110.
Slansky (Kapellmeister) 133.
Slezak, Leo (Tenorist) II 253.
Solf (Regimentsbaumeister) II 153.
Solothurn 92.
Sonnenthal, Adolf 140.
Sonntag, Henriette 74. II 27.
Sontheim (Sängerin) 139.
Southampton II 102. 153f.
Speyer 4f. 13. 27. 46f. 49ff. 56. 58. 60. 63ff.
Spilleke in Paris (Posse) 176.
Spindler (Kammerfrau) 154. 175.
Spittel (Geheimrat) 177.
Spohr 73f. 76. 146. 305. II 16.
Spontini 74.
Stägemann, Max 194.
Stanek (Harfenspieler) 125. 185.
Stanton (Direktor) II 111f. 145. 148f. 156.
Staudipl (Sänger) II 120.
Stavanger II 34.
Steger (Tenorist) 140.
Stehmann, Gerhard II 238. 254.
Steinecke (Sänger) 9. 111. 140.
Steinway II 100. 114f.
Stern, Daniel 260.
Sterzing II 44.
Stilfser Joch II 61.
Stockhausen (Sänger) 241. 275.
– (Schauspieler) II 48.
–, Klara 276.
Stockholm II 13ff. 27f. 68.
Stoeger (Theaterdirektor) 80. 101. 104.
Stolzing, Walther (Meistersinger) II 96.
Störmer (Kapitän) II 220. 223.
Stradella (Oper) 111. 140. 156.
Strakosch, Alexander 197. 199. 207.
Stralsund II 19.
Strantz, Ferdinand v. 209f. 246. II 101. 115.
Straßmann 205.
Straßmann-Damböck 196.
Strauß, Richard II 213.
St. Fiden 13. 39. 41. 43.
St. Gallen 13. 34. 70.
St Gilgen II 214.
St. Jörgen 34.
St. Louis II 118. 120. 125.
St. Moritz II 62f.
St. Niklastheater 129.
St. Paul II 118.
Stubenrauch, Amalia 89. 92.
Stumme von Portici 162. 203. 220. II 25.
Stuttgart 92f. II 27.
Styrum (Fürst) 15. 17. 21. 24f. 30. 46. 47.
Sucher, Rosa II 195. 203. 217.
Susanne (Figaro) 257.
Swoboda, Albin 140.
Szégal, Gabriele (Sängerin) 253f. II 17.[276]
T.
Taglioni II 18.
Tamino und Pamina II 250f.
Tancred 139.
Tannhäuser 101. 103. 146. 149. 170. II 27f. 45. 57. 60. 143f. 147.
Taubert, W. (Kapellmeister) 221. 232. 235. 262.
Tausig, Karl (Klaviervirtuose) 239.
Tell von Schiller 149. 257.
– von Rossini 140. 144. 172. II 20. 86.
Templer und Jüdin 72.
Ternina, Milka II 226.
Tewele, Franz und Maria II 216.
Therese Krones (Volksstück) 110.
Thielemann, Frh. v. (Botschafter) II 154.
Thode, Daniela II 210.
Thomas, Theodor (Dirigent) II 113f. 120. 124.
Thomé (Theaterdirektor) 110.
Tierschutz 242. II 118ff. 244. 260f.
Tietjens II 40.
Tilgner, Viktor II 189. 193f. 204.
Titus (Oper) II 18.
Toms (Musiker) 289.
Toronto II 124.
Tradition 145.
Traiteur (Familie) 3. 9. 14. 20.
Traubmann, Prof. d. Medizin II 78.
Träume (M. Wesendonk – R. Wagner) II 162.
Traviata (Oper) II 20. 27. 39. 223.
Trebelli (Sängerin) 139. II 39.
Tremelli, Olga (Sängerin) II 42. 254.
Trepplin 235.
Treumann (Schauspieler) 140.
Treusel (Sängerin) 272.
Tristan und Isolde 126. 145. 186. 249. 273. 289. 302f. II 59. 76. 79. 87f. 93. 135. 148. 162. 191. 213. 217. 225. 245ff.
Trojan, Johannes 259.
Troubadour (Oper) 145f. II 92. 146. 169. 224.
Troy II 144.

U.
Ulrich 163. 167.
Ullrich 177. 180.
Umberto (König von Italien) II 62.
Undine (Oper) 164. 170. 174.
Unger (als Siegfried) 278.
Upsala II 21.
Usedom 239.

V.
Valentine (Hugenotten) II 40. 217.
van Dyk II 217f.
van Rooy II 217.
Veblingsnäs II 32.
Vecko (Tenorist) II 17f.
Vegetarismus 261. II 173.
Velasquez II 258.
Venus II 88. 142f.
Verdi 138. 244. II 15f. 20. 224.
Verschwender (von Raimund) 110.
Vestalin 142.
Viardot-Garcia II 240.
Victor Amadeus von Savoyen 10.
Victor Emanuel I., König von Italien II 62.
Victoria, Deutsche Kaiserin 233.
Victoria, Königin von England 234. II 137.
Vidal (Tenorist) 244.
Vielka, s. Feldlager.
Vierwaldstättersee 257.
Villard, Henri II 227.
Voggenhuber (Sängerin) 219f. 273. 288. 302f. II 18. 26. 45. 85. 92. 99f. 204.
Vogl, Heinrich und Therese 270. 297. 303. II 90. 147. 195. 200. 204. 232.
Voigts-Rhetz 257.
Vom Juristentag (Einakter) 131.

W.
Wachtel, Theodor II 127.
Waffenschmied (Oper) 140. 165. II 224.
Wagner, Cosima 260. 281ff. II 149. 191f. 209f.
–, Minna, s. Planer.[277]
Wagner, Richard 72ff. 101ff. 124ff. 138. 141. 145f. 210. 239f. 248f. 258ff. 269ff. 273ff. II 3ff. 12. 24. 67ff. 89f. 92. 112. 124f. 135. 142f. 147f. 156. 162f. 169. 191ff. 231f. 252.
–, Siegfried 261. 289. 308. II 195. 199ff. 209.
Wahnfried 259f.
Waldvogel (Siegfried) 262.
Walker, Edith II 232.
Walküre 126. 262. 272. 277. 286f. 297. 300. 309. II 70. 85. 90. 99f. 110f. 170. 186. 198. 217. 225.
Walter, Gustav II 58.
Walther, Marie 131. 134.
Waltraute II 197. 204f.
Wartburg 210.
Wartensen 71.
Washington II 154.
Was Ihr wollt 262.
Wasserreich (Souffleur) 130.
Weber, Karl Maria von 74f. 138. 146. 206. II 141.
–, Max Maria von 253.
Weckerlin (Sängerin) II 90. 196.
Wedekind, Erika II 233.
Weggis 258.
Weidemann II 241.
Weidenberg, Katharina 51.
Weimar 173. 302.
Weingartner II 217. 248. 253.
Weiße Frau (Oper) 225.
Weißenbach am Attersee II 216.
Weißenburg 215.
Wellgunde 260.
Wernecke, Dr. Wilhelm II 96. 172. 213.
Werther, Julius v. II 9.
Wesendonk, Mathilde II 75f. 105.
Westphalen, Gräfin, s. Friedberg.
Wickinger (Oper) II 27.
Widerspenstige (Oper) II 45. 50. 57.
Wied, Fürstin Marie zu II 178.
Wiedemann (Apotheker) 296.
– (Violoncellist) 122.
–, Robert (Sänger) 193.
Wiegand (Sänger) II 88.
Wiek, Klara, s. Schumann.
Wiek, Marie 200.
Wien 91. 124. 143. 185. 248. 250. 265. 269. 272. 274. 298. II 26f. 46. 50. 53ff. 92f. 119. 134. 159. 163. 186. 217. 227. 235. 243. 248. 260.
Wiener Walzer (Ballett) II 100.
Wieprecht 273.
Wiesbaden 91. 234. 253. 256f. II 183. 186f. 217. 224f. 227.
Wight II 102f.
Wild (Sängerin) 272.
Wildenbruch, Ernst v. 218. 253f.
Wildschütz II 56. 76f.
Wilhelm Adolf, Fürst II 178.
Wilhelm I., Deutscher Kaiser 203. 222ff. 231. 237. 257. II 21. 46f. 50. 84. 115.
Wilhelm II., Deutscher Kaiser 201. II 157. 163. 187.
Wilhelmy (Violin-Virtuose) 289. 295f 299.
Will aus Philippsburg 27.
Wilt, Marie 253. II 26. 57f. 94.
Winkelmann, Hermann II 92. 94.
Wintermärchen (Barbieri) 148.
Wirsing (Theaterdirektor) 137f. 149. 156. 161. 175. 185.
Wirz (Familie in Neuwied) II 179.
Woglinde 260. II 67.
Wolf, Hermann II 191.
Wolkenstein-Trostburg 239.
Wolter, Charlotte II 216.
Worms 51. 63ff.
Wotan II 85. 217. 220.
Woworsky, Anton (Sänger) 221f.
Wrangel 238f. 256.
Wrede, Amalia, Fürstin 98. II 214.
–, Karl Theodor, Fürst 51.
Wüllner (Dirigent) II 56. 58.
Wurm, Betty 85.
Würst, Professor 217. 263.
Würzburg 77f. 257. II 260f.

Z.
Zampa (Oper) 144.
Zappert 106.
Zar und Zimmermann (Oper) 165. 176.[278]
Zärtlichen Verwandten (Lustspiel von Roderich Benedix) 176.
Zauberflöte 75. 137. 149. 174. II 57. 163. 235. 247ff.
Zauberschleier 110.
Zelter (Musiker) II 27.
Ziegenhain (Friedensrichter) 64.
Ziegler, Clara 196.
Zietenhusaren (Oper) 220.
Zimmer (Dirigent) 282.
Zottmeyer (Sänger) 172f. 216.
Zumpe (Dirigent) 282.
Zum treuen Schäfer 76.
Zweibrücken 47.
Zwickau 194.



Bildteil
Opern-Repertoire von Lilli Lehmann
Frau Landamann Künzle.
Landmann Künzle.
Amanda von Dall'Armi mit ihrer Tochter.
Marie Theresia Löw als Rebekka in Templer und Jüdin.
Carl August Lehmann.
Marie Löw.
Lilli Lehmann fünfzehn Jahre alt.
Marie Lehmann als Leonore im Troubadour. Prinzessin von Trapezunt.
Lilli Lehmann als Theophila in Krondiamanten. Rosine in Barbier von Sevilla. Danzig 1869.
Lilli Lehmann als Carlo Broschi in Des Teufels Anteil. Marie in Zar und Zimmermann.
Lilli Lehmann.
Marie Lehmann
Richard Wagner
Lilli Lehmann als Noëmi in Maccabäer.
Minna Lammert Flassilde Lilli Lehmann Woglinde in Rheingold. Marie Lehmann Wellgunde.
Marie Lehmann, Lilli Lehmann Ortlinde, Helmwiege in Walküre.
Lilli Lehmann als Fidelio.
Lilli Lehmann als Baronin Freimann im Wildschütz
Lilli Lehmann als Baronin Freimann (Student) im Wilschütz.
Lilli Lehmann als Fricka in Walküre.
Lilli Lehmann als Isolde in Tristan und Isolde.
Lilli Lehmann als Norma.
Lilli Lehmann.
Lilli Lehmann als Brünnhild in Walküre.
Lilli Lehmann als Isolde in Tristan und Isolde
Lilli Lehmann, Paul Kalisch
Lilli Lehmann als Viviane in Goldmarks Merlin
Lilli Lehmann als Venus in Tannhäuser
Lilli Lehmann als Ortrud in Lohengrin
Marie Lehmann
Marie Lehmann, Hedwig Helbig, Lilli Lehmann in Scharfling am Mondsee.
Lilli Lehmann in Scharfling am Mondsee.
Lilli Lehmann in Scharfling am Mondsee.
Nach dem im Mozarteum befindlichen Gemälde von Hans Volkmer, München. Lilli Lehmann als Donna Anna.
Hofkapellmeister Mikorey Dr. Karl Muck Lilli Lehmann Exc. Graf Kuenburg Fürst Erzbischof Katschthaler Erzherzog Eugen Exc. Gräfin Dubsky Gräfin Hartenau
Nach einem Gemälde von Kunstmaler Hans Volkmer, München. Lilli Lehmann und Dackel Baby
Lilli Lehmann's Geburtshaus in Würzburg.














Mein Weg
Von Lilli Lehmann
Mit 41 Abbildungen
Meiner treuen Schwester Marie

in Liebe und Dankbarkeit

gewidmet











Der Künstler, der als solcher seine Mission zu erfüllen bestrebt ist, darf nicht vergessen, daß er auch als Mensch eine gleich ernste Sendung zu erfüllen hat. Er muß Anbeter der Natur sein, deren ewig neue Wunder sich ihm nur erschließen, um ihn zu tiefinnerlichster Religion zu führen: zu Milde, Güte, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit gegen alles, was da lebt und webt, d.h. gegen Mensch, Tier und Pflanze. Er muß das Allgemeinwohl fördern helfen, sich bemühen Bedürftigen seine Hilfe angedeihen zu lassen. – Als Gast nur darf er walten auf dieser Erde, deren Wohltaten er dankbar, bewußt und darum bescheiden genießen soll.
Er nimmt als Künstler die Verpflichtung auf sich, nach dem Höchsten in der Kunst zu streben, sich ihrer durch vollständige Hingabe wert zu machen, wie er die Aufgabe auf sich nimmt das Edelste im Menschtum zu erreichen.
Sein Können, Wissen, Wollen muß ein beredtes Zeugnis für seine Würde ablegen vor allen denjenigen, die ihm nahestehen oder bewundernd zu ihm aufblicken.
Erst dadurch trägt er einen kleinen Teil der großen Schuld ab für alles, was ihm die Natur als Künstler und Mensch zu erreichen vergönnte, und den Dank an alle diejenigen, die ihm dabei treu zur Seite standen oder auf seine künstlerische sowie menschliche Entwicklung Einfluß ausübten.

Grunewald, im März 1913.

Lilli Lehmann.



I. Teil

Familienchronik. 1690-1860
Meine Großeltern
Prag. 1853-1868
Danzig. Herbst 1868 bis Frühling 1869
Leipzig. 1869-1870
Berlin. 1870-1875
Bayreuth. Juni - Juli - August 1875 und 1876



II.Teil

Nach Bayreuth. 1876-1878
Stockholm. 1878-1879
London. 1880-1881
Dresden, Prag, Wien. 1881-1882
Parsifal. 1881-1883
Berlin. 1884-1885
Amerika. November 1885 bis Juli 1886
Amerika. 1886-1887
Amerika. 1887-1889
Grunewald. 1889
Amerika. 1891-1892
Schloß Segenhaus - Carmen Sylva 1893-1896
Bayreuth 1896
Scharfling
Salzburg
Schluß
Register
Bildteil
