
Widmungsschreiben










Hochverehrter Herr Gefängnisdirektor!

Als Ihnen vor beinahe sechs Monaten der p.p. Franz Bergg als schuldig des öffentlichen Skandals und grober Beleidigung der luxemburgischen Polizeigewalt eingeliefert ward, gaben Sie ihm eine Arbeit auf, durch die er sich die lange Einsamkeit der Untersuchungshaft nutzbringend verkürzen könnte, weil sie den ganzen Menschen in Anspruch nehme. Sie rieten, oder vielmehr befahlen mir, meinen Lebenslauf zu Papier zu bringen.
Dieser Auftrag, der mich so ganz unvorbereitet traf, ehrt Sie.
Er bezeugt, daß Sie dem fremden, verdächtigen Mitbruder ein menschenwürdiges Vertrauen entgegenbringen. Zugleich spricht sich darin aus der Glaube an das bessere Streben, das auf dem Grunde meiner Seele stets lebendig blieb und dessen, wenn auch nur schwacher, Atem bei unserer ersten kurzen Unterredung von dem feinen Ohr Ihrer nachsichtigen Liebe verspürt ward. Und also ehrt Ihr Auftrag auch mich.
Aber Sie muten mir Schweres zu. Ich soll mich vor Ihnen ausziehen. Als ich bei meiner Einlieferung im Messungszimmer die Kleider ablegen mußte, um meinen Körper mit allem Einzigartigen, was allein mir gehört als ein Teil meiner Persönlichkeit, den Augen, den Griffen, den Zollstäben polizeilicher Neugier preiszugeben, fühlte ich mich entwürdigt und empört.
Sie, edler Menschenfreund, hießen mich, was härter ist: Von meinem Leben soll ich die Hüllen reißen! Meine Seele[5]  soll ich vor fremde Blicke stellen, nackt und bloß! Mein Stolz bäumte.
Mein Stolz? Unter dem Stolze hervor zischelte die falsche Scham. Da fand ich den Mut, die Natter in die Erde zu treten. Ich erklärte mich bereit, Ihrem Wunsch als einem willkommenen Befehl zu entsprechen.
»Du nahst,« so redete ich in meinem Zwiespalt auf mich ein, »du nahst dem Gipfel deiner Erdenbahn. Vieles hast du erfahren, Schlimmes und Gutes; vielleicht mehr Schlimmes als Gutes, vielleicht auch nicht. Manches hast du schlecht getan, durch fremde, mehr durch eigene Schuld. Die weltliche Gerechtigkeit zwang dich öfters zur Buße. Einmal brannte sie deiner Stirne einen Makel ein, den du damals so nicht verdientest; du trägst diesen Makel vor dir her als das Verhängnis deines Manneslebens.
Wieder hat ihr Machtwort deiner Freiheit Grenzen gesteckt. Wie kommt es, daß du diesmal unter der Einschränkung weniger leidest? Daß deine Brust tiefer atmet, Arme und Beine sich wohlig dir strecken? Merk' es doch, mein Freund! Du bist müde, müde vom Irren und Schweifen, müde vom Hadern mit den Menschen und vor allem mit dir selbst. Dir tut Ruhe not und Friede, Friede!

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Ruhe und Friede können dir werden an diesem Orte. Diese Wochen ohnmächtiger Haft können sich dir wandeln in Tage der Stärke auf dem Wege zur Befreiung. Verstehst du nun die glückliche Fügung? Empfindest du die höhere Weisheit, die aus dem Auftrag des edeln Anstaltsleiters auf dich einredet? Im Schweigen der Zelle halte Einkehr bei dir selbst. Durchforsche die Tiefen deiner Jahre, nestle auf die Knoten deines Geschicks. Ihr entwirrter Knäuel gleitet dir zwischen den Fingern fort als fehlerloses Leitseil, an dem sich deine Zukunft der Höhe zuhebt, an Abgründen hin, durch Schlünde empor. Finde den Mut, mein Freund, und erkenne dich selbst.«
So redete ich auf meine Zagheit ein. Ich gab Ihnen mein Wort. Sie ermöglichten mir die Ausführung. Ich[6]  setzte mich hin und schrieb meine Erinnerungen, die Bekenntnisse eines Staatsgefangenen, das Leben eines Proletariers.
Inzwischen ist aus dem Untersuchungsgefangenen ein Strafgefangener geworden. Ihrer Nachsicht, Herr Direktor, tat diese Wandlung keinen Eintrag, und keinen Abbruch meiner Beichte, die ich jetzt nur noch in den Augenblicken der Muße fortsetzen durfte.
Ich fühlte mich all die Tage über kaum noch als Häftling. Meine Fesseln drückten mich nicht. Die gerichtlichen Verhandlungen, wo über meine Freiheit befunden ward, begleitete ich mit geteilten Wünschen. Meine Einsamkeit ward mir teuer. Meine Schreibtätigkeit zum qualvollen Genuß. Die vier engen Wände meines Stübchens wichen für mich ins Grenzenlose auseinander. Flügel trugen mich hoch über die Felsenmauern, die in mein Fenstergitter herüberstarren, durch Raum und Zeit. Jeden Abend kehrte meine Erinnerung von ihrem Ausflug heim, wie die müde, seimbeladene Biene, um am nächsten Morgen wieder hinauszuschwärmen in Sonne und Duft.
Über dem Mute zum Bekenntnis, kam dann auch die Erkenntnis. Der Niederstieg in meine Vergangenheit offenbart mir mein Leben als ein Stück Erdenschicksal, wie es vielen meinesgleichen beschieden wird. Armut, Sehnsucht, Sünde, Zerknirschung, Hoffnung, Verzweiflung, Not des Leibes und der Seele: warum sollte ich all das Menschliche einem Menschen nicht gestehen dürfen? Ich werde damit sein eigenes Wissen vom Menschen bestätigen, vielleicht bereichern, und es kann mehr als einem Stiefsohn des Glückes daraus Heil erblühen.
Ich selbst durfte von dieser Wunderblume die erste Knospe brechen. Meine schuldbestaubte Seele nahm die heimlich langersehnte Gelegenheit wahr, sich so recht nach Lust auszubaden.
Ganz rein bin ich der wohligen Flut nicht entstiegen. Erinnerungen lassen sich nicht abbürsten; Beulen und Narben[7]  halten dem Ansturz der Brause stand. Aber es rieselte mir von Schultern und Lenden das Gefühl der Unsauberkeit. Ich fühle mich gründlich gewaschen und auch geistig erfrischt.


Mein Leben verdarb doch nicht ganz im Zeichen böser Gestirne. Seine Pfade verkreuzen sich nur scheinbar im labyrinthischen Gewirr. Vor meinen Augen laufen sichere Gleise, die – ich schreibe es mit aufrichtigem Selbstgefühl – in festen Linien einem ehrenvollen Ziel entgegenführen. Ich habe mich leider allzu lang in den Niederungen verloren. Ich spreche mir selbst, ich allein, das Urteil; ich lege mir selbst die Buße auf. Ich habe vieles gut zu machen an mir, an den Menschen, an der Menschheit.
Sobald ich dieses Haus verlassen muß, stelle ich mich der neuen Pflicht. Der letzte Aufenthalt, den ich in meiner Gefangenenzelle bei mir selbst genommen habe, in der Geschichte meines Lebens bleibt er verzeichnet als die Zeit meiner geistigen und sittlichen Wiedergeburt.
Diese Begnadung, hochverehrter Herr Direktor, ist Ihr Werk.
Die Blätter, die ich Ihnen mit diesen Zeilen überreiche, künden es mit Flammenzungen. Sie zeugen zu gleich für die Lauterkeit meiner Gesinnung.
Ich habe mich nicht geschont. Nur über die Umstände, die meinen Abfall von jeder geoffenbarten Religion herbeiführten, schweige ich mich absichtlich fast ganz aus. Ich bin überzeugter Sozialdemokrat. Sozialismus und Unglaube haben nichts miteinander gemein. Das beweisen die wirtschaftlichen Kämpfe und gesellschaftlichen Aufstände aller Zeiten. Ich bin wie zufällig zur Sozialdemokratie und zum Unglauben zugleich geführt worden. Je tiefer ich mich in die Forderungen der ersteren versenke, um so weniger fühle ich mich bewogen, mit meinem Unglauben zu prahlen. Einem Menschen den Glauben an Gott oder das religiöse Gefühl zu morden, erscheint mir als das größte Verbrechen. Einmal ungläubig, kehrt man zum Glauben nie mehr zurück. Nur die Naturbetrachtung durchbebt dann die Brust noch[8]  mit der unbestimmten, und doch schon beseligenden Kraft gestaltlosen, religiösen Empfindens.
Unendliche Dankbarkeit schulde ich dem Herrn Unterdirektor und dem Herrn Anstaltspfarrer für die bereitwilligst überlassenen Bücher, die mich das Christentum in mir bis dahin unbekannter Größe bewundern lehrten.
Ich hielt darauf, auch diese Erklärung herzusetzen.
Nun, wo ich das Buch meiner Bekenntnisse von mir geben soll, verspüre ich einen wirklich körperlichen Schmerz. Der Band ist mir mehr geworden als ein Vertrauter. Ich scheide von ihm als von einem andern Ich, als von der ersten, wahrscheinlich längern Hälfte meiner Erdendauer, die auf seinen Blättern feste Gestalt angenommen hat, und nun sichtbar, fühlbar von mir fort ins Unbekannte strebt.
Aber ich scheide von dem Zwillingsbruder still und getrost. Ich darf diese Blätter einem edlen Menschenfreund widmen als aufrichtigen Ausdruck meiner Dankbarkeit, die den Tod überdauern möchte1.
Ihr ergebenster
gez. Franz Bergg.[9]
1
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 Die folgenden Erinnerungen bringen keine getreue Wiedergabe der ursprünglichen Niederschrift. Vieles an dieser ward gestrichen oder gekürzt, manches geändert; alles sprachlich überarbeitet. Die Abschnitte über Elternhaus, Lehr- und Wanderjahre, Kasernenerlebnisse, Familienschicksale, Parteitätigkeit, gesellschaftlichen Zusammenbruch bieten Tatsächliches; doch wurden aus naheliegenden Gründen die Namen der Personen geändert. Mich bestimmt zur Hinausgabe dieses Lebensschicksals der Wunsch, einen kleinen Beitrag zu liefern zur langen Leidensgeschichte der Armut auf Erden und einen bescheidenen Baustein zu tragen zum sozialen und politischen Friedenswerke der Zukunft. Luxemburg, im Juni 1913. N.W.




1.










[10] Ein Nachhall der Schlachtendonner des unseligen Bruderkrieges von 1866 zitterte durch die Stunde, der ich das Leben verdanke.
Die Provinz Preußen konnte in dem Jahre ihre Bewohner nicht ernähren. Der Kriegszwang lähmte Handwerk und Gewerbe und vernichtete den bedeutenden Zwischenhandel mit Rußland und England. Die der stärksten Arme beraubte Landwirtschaft ward durch Mißernten vollständig in die Erde gedrückt. Es kam eine große Hungersnot. Der folgte die Cholera. Öffentliche Geldsammlungen und Staatshilfe waren machtlos gegen das Elend.
In dieser Not verließ mein Vater Königsberg und verzog mit seiner Familie nach Gut Mosberg an der Alle. Er hatte dort eine Stelle als gräflicher Kutscher gefunden. Als Entgelt für seine entäußerte Arbeitskraft durfte er beanspruchen: Freiwohnung, etwas Land, Saatgut, zwei Schweine, Hühner, Wolle, Flachs, Ackergerätschaften und Freiholz. Seine Frau folgte ihm mit drei Kindern von 1 bis 6 Jahren; mich trug sie unter dem Herzen.
Der erste Winter ward der Familie recht hart; Geldlöhnung gab's überhaupt nicht, und das zum Verkauf bestimmte zweite Schwein fiel.
Im nächsten Frühjahr war's, am 3. Mai. Meine Mutter half beim Kartoffelhacken. Da überkamen sie die Wehen. Sie strebte besorgt nach Haus. Einige Stunden[10]  später war ich geboren. Wie es scheint, hatte ich es ziemlich eilig, dies Jammertal zu begrüßen. Ich wußte eben noch nicht, was alles draußen auf mich wartete.
Der Gutsinspektor und Frau Mattes Bergg standen auf keinem guten Fuß miteinander. Aus welchem Grund, ist mir nie gesagt worden. Auch hatte der Mann meinen Eltern nicht eigentlich zu befehlen.
Eines Tages trat die Mutter in den Schuppen, um Holz klein zu machen. Der Inspektor kam darüber, bestritt ihr grob das vertragsmäßig zugestandene Recht auf freie Holzlieferung und befahl ihr, den Bedarf zukünftig im nahen Forst zu decken. Der nahe Forst war königlich preußischer Wald; die Gutswaldungen lagen mehrere Meilen vom Hof entfernt. Die Mutter wehrte sich entschieden gegen diese befremdliche Zumutung und ging in Tränen hinaus.
An dem Tage hatte der Vater seinen Herrn im Schlitten nach der nächsten Kreisstadt gefahren. Wie er, am Abend heimkehrend, die Stube betrat, fand er seine Frau nicht so wie sonst. Sie empfing ihn stumm und gedrückt. Mit verweinten Augen trug sie ihm das Abendessen auf.
Der müde Mann rührte die Kartoffeln nicht an. Er wollte erfahren, wer und was ihm sein Weib verstimmt habe. Endlich bekannte sie unter Schluchzen, aber in abschwächender Klugheit. Der Vater sprang in wildem Jähzorn auf und hinaus. Vor der Türe lehnte an der Scheunenmauer eine schwere Schaufel. Die riß der Tobende an sich, und fort, den Inspektor zu suchen. Er fand ihn nicht. Da stürmte er die herrschaftliche Wohnung empor, ins Zimmer des Grafen, erzählte grimmig und heischte Genugtuung. Der Herr, den der alle Schranken übersteigende Ungestüm seines Knechtes verletzte, nahm den Inspektor in Schutz und verwies den Zornmütigen ebenfalls auf das Holz im nahen Forst.

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Nun ward aus dem Zornmütigen ein Hirnwütiger. »Zum Diebe soll ich werden!« schrie er. »Und mein Vertrag! Mein Vertrag!« Die grobe Knechtesfaust fiel auf[11]  den Schreibtisch, daß die Bronzeringe in den eichengeschnitzten Löwenmäulern klirrend schwankten und das schwere Kupfertintenfaß erschreckt aufsprang.
Der Edelmann wandte sich vor solchem Ausbruch empört ab, schellte, zog sich in das Fenster zurück und befahl seinen eintretenden Dienern mit gelangweilter Miene, den Menschen hinauszuschaffen.
Das war leichter gesagt, als getan. Die Furcht vor dem einen gereizten Manne hielt ein halb Dutzend Sklaven im Schach.
Schließlich wagte es, auf einen zornigen Zuruf des Herrn, der starkknochige, blaurasierte Kammerdiener, die Hand nach ihm hinzuwerfen. Aber wie eine gesprungene Uhrfeder schnellte die Hand in die Höhe und der ganze Kammerdiener flog in einen gläsernen Eckschrank. Die Türe des Eckschrankes ging in Scherben, und meines Vaters Dienstverhältnis auch.
Wir zogen nach Königsberg zurück.
Der Vater fand Arbeit an der Eisenbahn. Die Mutter richtete einen kleinen Kramladen ein.
Das bisher Erzählte kenne ich natürlich nur vom Hörensagen. Meine eigene Erinnerung knüpft an beim Krieg von 1870–1871. Da sitzt eines schönen Septembertages mein Vater vor dem Bild seines Bruders Johann und weint. Mein Onkel war bei Sedan getötet worden. Er hinterließ eine Witwe und sechs unmündige Kinder. Seit dem Tage habe ich meinen Vater nie mehr weinen sehen.
Nach diesem Krieg entwickelte sich eine fieberhafte Tätigkeit auf allen Gebieten gewerblichen Fleißes. In Königsberg ward viel gebaut. Zahlreiche Schiffe liefen im Hafen ein. Mit unserer kleinen Krämerei ging es trotzdem nicht recht. Sie lag in einer zu armen Gegend. Es mußte viel geborgt werden und das ausstehende Geld kam nicht ein. Da gaben wir das Geschäft auf. Der Vater nahm Arbeit im Hafen als Sackträger. Das Schleppen der bis zu dritthalb Zentner schweren Säcke setzte dem starken[12]  Mann arg zu; aber der Verdienst war groß. Mancher Tag brachte 12 bis 16 Mark. Leider mußten die Sackträger im Winter, wo der Pregel zufriert, fast beständig feiern. Und auch im Sommer fanden sie nur Gelegenheitsarbeit.
Wir waren jetzt fünf Kinder. Die Mutter hatte für 100 Taler eine Mangel gekauft, hinter der sie bei Tage hart schuftete. Zu arbeitsloser Zeit half der Vater; im gewöhnlichen hielt sich die Mutter eine Stundenfrau.
Unsere Wohnung lag anderthalb Meter tiefer als die Straße. Sie war feucht; sie umfaßte zwei Zimmer und einen Stall. Im Vorderzimmer standen Mangel und Wäschetisch; zugleich diente dieser Raum als Küche. Im Hinterzimmer schliefen wir alle, die Eltern in einem Himmelbett mit Vorhängen, wir Kinder zu zwei und drei in zwei Betten. Für diese ungesunde Wohnung zahlten wir jährlich siebzig Taler und hielten sie elf Jahre bei. Meine Mutter ward brustkrank; auch litt sie fast fortwährend an den Augen, bis sie schließlich auf einem Auge erblindete.


Das berüchtigte Gründerfieber hatte sich bald über- und ausgetobt. Ihm folgte im Erwerbsleben eine unerhörte Mattigkeit. Der Milliardenregen war versickert. Dem Volke war von dem Blutgeld so gut wie nichts zugeflossen. Die Staatsfinanzen kamen aus dem Gleichgewicht. Schutzzölle sollten Rettung bringen.
Vor den Getreidezöllen flüchtete der Handel aus den Häfen Ost- und Westpreußens nach den neu ausgebauten russischen Häfen Libau, Riga und Reval; Königsberg besonders ward hart betroffen. Die reichen Kaufherren und Fuhrenhalter übersiedelten nach Livland, wo sie auch billigere Arbeitskräfte fanden als in Preußen. Die einheimischen Arbeiter ließen sie zurück; nicht einmal die alten Kutscher wurden mitgenommen.
Da kamen schlimme Zeiten. Und es kam der böse Winter von 1879 mit seiner furchtbaren Kälte. Die Vögel fielen starr aus der Luft. Die Menschen liefen nur noch[13]  durch die Straßen; viele, besonders die Armen, hatten Nase und Hände mit Talg eingefettet. Ich wollte einmal vom Haus zum Stall hinüberlaufen; ein Schutztuch hatte ich nicht vor den Mund gebunden; da warf es mich jählings zu Boden; fast wäre ich erstickt.
Der Vater brachte eines Tages ein Tuch voll erfrorener Spatzen nach Haus. Sie hatten in den Hafenschuppen Obdach gesucht und den Tod gefunden. Wir verspeisten sie mit Genuß. Diesen Winter aber ging es uns gewöhnlich recht schlimm.
Arme Mutter, heute verstehe ich deine stillen Tränen und deinen wunderlich starren Blick! Und du, Vater, warum so finster? Warum sprichst du nicht mehr zu uns, murmelst nur mit dir und für dich? War es sonst nicht dein Stolz, vier Raummeter schönes Kienholz einzukaufen und einige Scheffel dicke Kartoffeln, darunter einen Sack besonders weicher zu Kartoffelpuffern am Sonntag?
Und auch ein großes Faß Sauerkraut stand eingemacht in einer Ecke des Stalles. Aber in diesem Jahre des Unglücks! Wie der Nordwind heult! Wie der feine Schnee durch die Gasse fegt, sich vor den Schwellen häuft, durch die Ritzen der Fenster staubt! »Mutter, die Fenster wollen heute nicht lostauen! Warum macht Vater kein Feuer an? Ist das Sauerkrautfaß schon verbrannt? Der Schlitten auch? Wo ist unsere Uhr hingekommen? – Nein, Mutter, ich gehe nicht zum Bäcker. Er wollte mir schon gestern nichts mehr geben. Schick die Auguste.«
»Hier ist noch ein Stück Bett, Kinder. Weint nicht so.«
»Wird Vater was dafür kriegen?«
»Sei still, Kind.«
»Mutter, mir wird so weich.«
»Kinder, kommt. Wir singen das schöne Lied: Jesus, meine Zuversicht! Du, Gustchen, stimme an. Aber, was treibst du dort?«
»Sieh' doch, Mutter, wie das Stroh brennt! Das Stroh aus unserm Bettsack! Hei, wie es flackert! Ach Gott,[14]  der Ofen bleibt kalt. Das ist ein schlechter Ofen. Mutter, mich friert.«

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»Zieh' dem Vater seinen alten Pelz an.«
»Kommt der Vater bald, Mutter? Bringt er Brot mit? Du weinst, Mutter? Aber so weine doch nicht, Mutter, liebe Mutter!«
»Meine armen, armen Kinder!« ...
Ja, es waren schwere Tage. Ich fühlte ihre Not um so bitterer, als ich damals bereits zwölf Jahre zählte und die Schulzeit fast ganz hinter mir hatte.



2.










[15] Den ersten Schulgang hatte ich sechsjährig an der Hand meines ältesten Bruders gewagt.
Unsere Volksschule umfaßte 8 Klassen. Die einzelnen Klassen waren überfüllt; manche zählten 80, ja 100 Schüler. Da konnten die Lehrer ihre Zöglinge unmöglich ganz in der Hand haben. Meiner Lehrer denke ich noch heute in dankbarer Verehrung, mit Ausnahme eines Trunkenboldes, der uns Kinder der Armen »Vagabunden« schimpfte und sinnlos verprügelte.
Unterrichtsmittel und Lehrverfahren konnten den Umständen nach als gut betrachtet werden. Aber die Erziehung war ein Hohn auf den Geist des Jahrhunderts. Mit Stock, Rohr, Peitsche, mit Hand, Faust und Fuß ward auf allen Teilen des Schülerleibes herumgearbeitet. Sogar eine richtige Prügelmaschine stand im Gebrauch.
Wo bleibt da die Rücksicht auf des Kindes Zart- und Ehrgefühl? Wird nicht durch das öffentliche Herunterreißen und Züchtigen das Ehrgefühl aus dem Kinde herausgetrieben? Mutter, ich bin dir heute noch dankbar, daß du mich züchtigtest allein im Zimmer, wo es niemand sah; denselben Tag aber noch mich lobtest, als Tante Pauline zum Besuche kam und nach meinem Betragen fragte. Anfangs schwanktest du, ich sah es wohl; dann aber traf dich mein[15]  ängstlich flehender Blick und du antwortetest: »O, der Franz schickt sich sehr gut.«
Diese Schultyrannei zeugte eine heillose Furcht. Manche Kinder mußten zur Schule geschleppt werden, mit Stricken gebunden, andere rissen aus, streiften tage-, ja wochenlang in der Freiheit umher, schliefen Sommer über bei Mutter Grün, während des Winters in Schuppen, mausten Obst und Feldfrüchte oder bettelten.
Eines meiner peinlichsten Schulabenteuer ist folgendes: Als ich in der fünften Klasse saß, waren wir eines Abends mit Hausarbeit überladen, und ich bat meine ältere Schwester Sophie, mir bei der Schreibaufgabe zu helfen. Das Heft wurde vom Lehrer nachgesehen. Er merkte die fremde Schrift, stutzte, rief mich aus der Bank und fragte, wer das geschrieben habe.
»Ich habe es geschrieben.«
Er wiederholte die Frage. Ich blieb bei meiner Behauptung. Nun durfte ich meinen Platz wieder einnehmen; ein Schüler aber mußte meine Schwester aus dem anstoßenden Flügel herbeiholen. Sophie kam, gefolgt von ihrem Lehrer. Sie gab sofort ihre Mithilfe zu. Sie erhielt dafür eine Ohrfeige und ward vor der Knabenklasse ausgeschimpft. Das erlaubte sich ihr Lehrer, derselbe, dessen Trunksucht öffentliches Ärgernis gab.
Ich selber wurde, wie rechtens, von meinem Lehrer mit dem Rohr gestraft. Damit schien die Sache erledigt. Aber am Schluß des Halbjahrs ward ich nicht versetzt, trotzdem minder begabte und minder fleißige Schüler steigen durften.

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Ein Lehrer sollte keinem Kinde was nachtragen. Vollends nicht für solchen Vorfall. Hätte er mich, statt vor der ganzen Klasse, unter vier Augen zur Rede gestellt, gewiß würde ich ihm die Wahrheit bekannt haben. So trieb er mich zum Leugnen, denn ein Knabe will ja nicht als Feigling vor der Klasse stehen; er glaubt vielmehr als Held zu tun, wenn er bei seiner Lüge verharrt.[16]
Wohl ist der Schulzwang eine bedeutende Kulturtat. Aber die Schule bringt durch solche erzieherischen Pferdekuren die Kinder oft in große Verwirrung mit sich selbst, wobei sie an Aufrichtigkeit, Selbstvertrauen, Selbstachtung sehr vieles einbüßen. Mit Recht ehren wir die bedeutenden Erfinder. Eine neue Maschine, ein verfeinerter Maschinenteil, ein vereinfachtes Verfahren schafft Wunder, ist häufig Millionen wert, verbessert die Lebensbedingungen ins Unglaubliche. Aber für die Veredlung, für die Verbesserung des Menschenherzens kommt dabei nichts heraus. Neue Bedürfnisse wachsen, neue Wünsche werden laut, neue Gier ruft nach Befriedigung, und schließlich faucht die Katze, grunzt das Schwein im Menschen frecher und heißer als sonst.
Auf Mord- und Zerstörungsmaschinen werden jahraus jahrein Milliarden verschwendet. So will es die Größe des Vaterlandes! So fordert es der Dämon Militarismus! Der preußische Leutnant, ein kleiner Gott; der preußische Unteroffizier, ein großer Vizehalbgott, die Schulkinder, Versuchskarnickel; die Schullehrer, Knechte ... Nun, wir werden auch darin einmal gründlichen Wandel schaffen.
Meine Lieblingsfächer in der Volksschule waren Erdkunde, Natur- und Weltgeschichte; meine Lieblingsübung der freie deutsche Aufsatz.
Die Landkarte verehrte ich wie ein Heiliges; noch heute übt ein Erdglobus eine magische Gewalt auf mein Auge und auf meinen Geist. Fast berauscht ward ich vor Glück, als der Lehrer uns zum erstenmal die Sonnenbewegung der Erde und zugleich die Erdumkreisung des Mondes vorführte. Seither wünschte ich sehnlichst, eine Darstellung des ganzen Planetensystems zu sehen. Vor zwei Jahren ist mir dieser Wunsch in Erfüllung gegangen. Die zwei Planetarien des Pariser Louvre fesselten mich oft stundenlang.
Der Religionsunterricht war nicht ganz nach meinem Geschmack. Meine Mutter war fromm. Sie las gerne laut aus der Bibel vor. Wir Kinder nahmen, wie das nicht[17]  anders möglich ist, die Anschauungen der Eltern ohne weiteres hin. In der Schule aber ward uns des Guten etwas viel zugemutet. Vor allem das wörtliche Auswendiglernen ganzer Bibelkapitel und einer Unmasse Gesangbuchslieder langweilte! Himmel, was hagelte da nicht alles an Schlägen in unsere Reihen hinein! Ich schlüpfte im ganzen noch ziemlich glatt durch. Dafür plagte ich mir aber oft noch während des Schulganges den Kopf, betrat die Klasse mit fiebriger Stirn und saß wie erlöst, wenn ich das im Augenblick für den Augenblick Gelernte zur rechten Zeit herunterleiern konnte.


Im Frühjahr 1881 verließ ich die Volksschule. Mein Zeugnis vermerkte u.a.: Führung: gut. Schulbesuch: regelmäßig. Die Noten der einzelnen Fächer schwankten von mittelmäßig bis sehr gut.
Außerhalb der Schule hatte ich in jenen Jahren, trotz der manchmal recht gedrückten Stimmung im Elternhause, ein richtiges Kinderglück genossen. Ich brauchte nach der Schulzeit nicht zu arbeiten, wie viele meiner Altersgenossen; ich konnte in Freiheit durch Flur und Wald streifen. Da suchte ich Blumen und Kräuter, haschte Käfer und Schmetterlinge; besonders gerne fing ich, auf der Wiese und im Kornfeld, große Heuschrecken, setzte sie in einen Käfig, fütterte sie mit Kirschen und geschabten Möhren und freute mich, wenn sie zum Gesang die Flügel strichen.
Früh lernte ich schwimmen. Den breiten Pregel außerhalb des Stadttores durchkreuzte ich sonder Mühe. Im Herbst kamen Ball und Reif und Drache zu ihrem Recht. An den längeren Abenden spielten wir zu Hause Dame oder Karten; es wurden auch wohl Pfänderspiele abgehalten; dann machten aber die Großen lieber mit als wir Kleinen, aus Gründen, die mir damals noch nicht bewußt waren.
Die Fülle der Wonne brachte der Winter mit Schnee und Eis. Zur Eisbahn zog mich's mit Leidenschaft. Meine Mutter sah mich nie ohne heimliches Bangen mit den Stahlschuhen[18]  verschwinden. Sobald ich die glatte Fläche unter mir knistern hörte, war ich in einer andern Welt. Immer weiter trieb es mich flußabwärts auf schneefreier, vom Nord- oder Oststurm reingefegter Bahn. O die selige Lust, wenn der Wind in den Rücken blies und wir hinschwebten wie der Erde enthoben, durch immer wechselnde Winterlandschaften, dem Meere zu, vom Meere zurück im Mondschein, unter den Sternen mit den Sternen! Denn es ward gewöhnlich Nacht, bevor ich mich losreißen konnte. Und unter meinen Füßen die Sterne im Eise liefen mit.



3.










[19] Meine Eltern pflegten, trotz unserer Armut, Milde und Gastfreundschaft. Kein Bettler oder Handwerksbursche sprach vergebens vor. Wir Kinder drängten uns, sobald wir sahen, daß die Mutter sich zum Geben anschickte, um das Geldstück zu überreichen. Zwei alte Frauen wurden wöchentlich mit Kaffee und Brot erquickt. Ein italienischer Orgelmann hielt mit Vorliebe vor unserem Hause und spielte seine lustigen und ernsten Weisen. Er fand dankbare Zuhörer. Ich vor allem lauschte mit Wonne seiner Musik, der ersten, die auf mich einwirkte.
In unserer so beschränkten Wohnung lebten wir selten allein. Bald war es ein Bekannter oder Verwandter, bald ein junges Mädchen ohne Stellung, manchmal ganze Familien, mit denen wir unser einziges Schlafzimmer teilen mußten. Diese Wohnungsnot barg eine schwere sittliche Gefahr. Um so mehr, als unsere Familie an sich schon schwer genug belastet war.
Ein Bruder meiner Mutter war ein richtiger Säufer. Seine Frau und drei Töchter flüchteten in ihrer Bedrängnis oft zu uns. Von seiner Leidenschaft erzählte man die gelungensten Stückchen, die ganz heiter wirken würden, wenn sich dahinter nicht soviel Betrübnis versteckte.
Der Oheim Karl stand eine Zeitlang als Buchhalter in einträglicher Stellung bei einem Jugendfreund, der es zum[19]  reichen Bierhändler gebracht hatte. Dieser sah ihm seine Schwäche lange nach, denn Karl war im übrigen ein tüchtiger Mensch. Eines Tages, nach einem besonders wüsten Rausch, nahm er ihn freundlich auf die Seite und sagte: »Hör' mal, Karl! Wir wollen eine Wette eingehen. Dabei gibt es für dich diesen Hundertmarkschein zu verdienen. Willst du?« Und er ließ den blauen Lappen vor den flackernden Augen des Verkaterten spielen.
»Ein Hundertmarkschein ... Natürlich! Natürlich! Nur heraus mit der Kiste!«
Der Freund führte ihn in ein Zimmer seiner Wohnung. Hier standen auf einem Tische zwölf volle Flaschen mit Aufschriften, wie: Kognak, Arrak, Hamburger Tropfen, Nordhäuser (echt), Wermut, Benediktiner, und wie die anderen noblen Schnäpse sonst noch heißen.
»Siehst du die Flaschen dort?«
»Natürlich sehe ich die Flaschen.« Des Säufers gedunsene Wangen schimmerten, seine Nüstern blähten sich und sogen.
»Gut also, ich sperre dich bei diesen Flaschen ein.«
»O Konrad, das wäre dein Ernst?«
»Sechzehn Stunden lang. Rührst du all die Zeit über keine der Flaschen an, so sind die hundert Mark dein.«
Er legte den Schein auf die andere Tischkante und fuhr fort: »Dein Essen lasse ich dir hierhertragen. Ein Glas Wein zugleich mit. Willst du rauchen? Für den Fall findest du das Nötige in dieser Kiste. Bist du einverstanden?«

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»Einverstanden? Natürlich bin ich einverstanden.«
»Schön. So halt' dich brav. Sei ein Held, Karl.«
»Du tust mir leid, Konrad. Hundert Mark! Sieh dir den Lappen noch einmal an. Du schaust ihn nimmermehr. Fast mache ich mir Skrupeln daraus, ihn dir so schnöde abzunehmen.«
»Keine Ursach', Karl. Es bleibt dabei.«
Herr Konrad ging und schloß die Türe.[20]
Der Oheim blickt sich um, ob er nicht träume. Vor ihm auf dem Tisch liegt der Schein. Makellos, funkelnagelneu, als sei er eigens für ihn gedruckt worden. Daneben stehen die Flaschen. Ein volles Dutzend, in Reih' und Glied, stramm und voll, mit ausgezogenen, festgesteckten Korken. Eine nette Gesellschaft! Sechzehn ganze Stunden sollte er es mit der Bande aushalten!
Karl begann im Zimmer hin und her zu schreiten. Von Zeit zu Zeit besah er sich den Geldschein, betrachtete die Flaschen, studierte die Aufschriften. Kog – nak! Ar – rak! Wer – mut! Tadellos, alles prima Ware! So 'ne Gemeinheit!
Er nimmt seinen Spaziergang wieder auf. Er beginnt zu grübeln. Er zieht einen Vergleich zwischen dem augenblicklichen Genuß und dem zukünftigen Gewinn. Herrgottsakra, wie ihm der Gaumen brennt! Und da die Stirn und hier die Gurgel! Ist denn kein Wasser ...? Sieh' da, auf dem Ecktischchen ... Milch! Brr! Der Schlaufuchs Konrad hat an alles gedacht. Mit dem Nachfüllen ist es also nichts.
Neben dem Milchglas liegt ein Buch, »Fritz Reuters Werke«. Der! Na ja, das war auch so einer von denjenigen, welchen ... Herrgott, der kannte das Spinnen noch besser als der arme Karl. Und ist doch ein berühmter Dichter geworden. Aber Milch! Dann lieber noch Salzsäure!
Der verdammte Durst! Karl tritt an die Kognakflasche, zieht den Kork hoch und schnuppert. Himmel, der Duft! Seine Glieder zittern, daß der Tisch schüttert. Der Geldschein flattert an einem Ende leicht auf. Soll das eine Mahnung sein? Karl schließt vorsichtig die Flasche und tritt zurück.
Wieder wandelt er hin und her, so auf und ab, mit vorgeneigtem Kopf, mit auf dem Rücken verschränkten Händen, wieder so auf und ab.
Da springt ein heller Ton durchs Zimmer. Der Grübler sieht auf. Dort in der Ecke hängt ein großer[21]  Käfig; in dem Käfig sitzt ein Pirol und flötet, als ob er den einsamen Märtyrer riefe. Karl tritt nahe. Das Federvieh ist mit allem wohl versorgt. Das Federvieh hat auch – Wasser. Einen breiten Napf voll mitten im Käfig, daß sich das Vöglein nach Lust baden und puddeln kann.


Wasser! Das ist das Zeichen vom Himmel! Kluger Konrad, du bist zweimal verloren.
Der Dürstende weiß sich Rat. So muß es gehen. So geht es. Vorsichtig nimmt er den Napf heraus, entkorkt die erste Flasche, nimmt ein Schlückchen und füllt mit dem noch klaren Wasser nach. Fein! Wer soll das merken? Die zweite Flasche wird herangezogen, zu einem herzhaften Schluck. Das Wasser füllt auch eine größere Lücke aus. Die dritte, die vierte, die fünfte Flasche ... Den Hundertmarkschein schenkt er dem Baron Bierbrauer trotzdem nicht ... Die achte ... Karl, mein Sohn, du bist ein Genie ... Die elfte, die zwölfte ... Ah! Oh! Fertig: Alle durchprobiert!
Und doch stehen sie immer noch in Reih und Glied, stramm und voll. Eine saubere Bande! Die Vetteln glauben sich schon aus aller Gefahr. Ihr kennt den Karl nicht. Karl ist ein Löwe. Der Löwe hat Blut geschmeckt. Der Löwe brüllt nach mehr. Heran mit euch, ihr Racker! Diesmal laß ich euch nicht so wohlfeil aus den Griffen. Noch reicht das Wasser ... Aber, zum Donner, das stete Nachfüllen schwemmt den Göttertrank ganz dünn und schal ... Wasser, was Wasser! Die Kühe saufen Wasser und die Frösche ... Karl ist weder Frosch noch Kuh. O nein, noch lange nicht ... Hundert Mark ... Wo, wo? Haha: Der Wisch da? Der armselige Fetzen ... Fort mit dir, fort! Da, flieg ... Aber hier, hier! Wie die Aufschriften leuchten! Wie die Buchstaben rufen ... Jetzt fangen sie an zu winken, zu hüpfen ... Nun tanzen, wirbeln die Flaschen mit. O ihr Hexen! Wartet, ihr Luderchen, ihr ... Ich lehre euch hopsen! Ihr sollt mir springen! Her mit euch! ...[22]
Eine Stunde später betrat der freundliche Wirt das Zimmer. Ihm folgte der Diener mit dem dampfenden Speisebrett.
Welches Schauspiel bot sich ihm? Auf dem Tische stand eine Reihe leerer Flaschen. Unter dem Tische lag der schnarchende Sünder, den Hals der zerschellten Benediktinerflasche mit den blutigen Fingern der Rechten krampfhaft umklammernd; an den Scherben hatte er sich die Nase jämmerlich zerschunden. Der Hundertmarkschein war unter den Käfig geflattert; in dem Käfig hüpfte der Pirol, hackte zornig mit dem Schnabel in die Luft und äugte boshaft in die Greuel der Verwüstung nieder.
Karl und Freund Konrad sind nie mehr eine Wette miteinander eingegangen.
Der Onkel aber ist einige Jahre später in unserem Zimmer am Säuferwahn gestorben. Ich mußte das Treiben des Tollwütigen stundenlang mit ansehen. Ich würde noch heute, ich weiß nicht was, drum geben, wenn ich die Erinnerung an dieses Sterben aus dem Gedächtnis löschen könnte.
Auch mein Vater trank gern ein Glas. Im Sommer weniger als im Winter. Im Winter kam er, wenn die Arbeit fehlte, nicht selten trunken heim. Dann tobte er, und es war schwer, Vertrag zu halten. Uns Kinder verschonte seine Wut. Um so mehr mußte die arme Mutter dulden: Schimpfworte, Vorwürfe, Drohungen prasselten nur so auf sie ein; manchmal vergaß sich sogar der Rasende und schlug sie. Dann weinten wir Kinder und jammerten und flehten für die Mutter. Es waren das schreckliche Auftritte.

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Selbst unsere Mutter enthielt sich des Alkohols nicht ganz. Um halb zehn morgens trat beim Mangeln eine kurze Pause ein zum zweiten Frühstück. Der Frau, die die Mangel bediente, mußte ein Humpen gebracht werden. Die Mutter stärkte sich an einem Gläschen Schnaps. Wir Kinder durften unser Brot auch wohl mit Schnaps benetzen.
Im übrigen war unsere Nahrung kräftig und reichlich.[23]  Wir aßen viel Milch- und Mehlspeisen mit Hülsenfrüchten. Für die Schulpausen gab es ein Stück trockenes Brot. Von tausend Schulkindern hatten kaum zehn ihr Brot »geschmiert« oder gar belegt. Wir teilten gerne mit armen Kindern, die zu schüchtern waren, um bei uns zu betteln.
Die Mehrzahl der Kinder ging den Winter über in Holzschuhen. Kam der Frühling, so warf ich die Latschen voll froher Ungeduld in die Ecke und lief barfuß. Nur am Sonntag wandelte ich in Schuhen zum Morgendienst und zur Nachmittagspredigt.
Der Nachmittagsprediger, Pfarrer Hamm, war der Liebling unserer Gemeinde, und ganz besonders meiner Mutter. Da starb der ältere Pfarrvorsteher. Seine Nachfolge gebührte eigentlich Herrn Hamm. Aber diesem ward ein jüngerer Amtsbruder, Pfarrer Griffer, vorgezogen.
Der neue Pfarrer verstand es vortrefflich, die Jugend vor allem zu gewinnen. Er gründete für den Nachmittagsdienst einen Kinderchor, zeigte den Kindern seine Briefmarkensammlungen und machte kleine Geschenke. Diese Liebenswürdigkeiten trugen Frucht. Im nächsten Jahre hatte Pfarrer Hamm nur wenig Konfirmanden und mußte in seiner schönen, mit Glasmalereien geschmückten Kirche vor leeren Stühlen reden. Vergebens suchte der verlassene Hirte seinerseits durch Stiftung eines Gesangvereins die flüchtigen Schäflein zurückzugewinnen. Die besten Sängerinnen und Sänger waren dem Gegner bereits verpflichtet. Griffer blieb der Abgott des Volkes.
Die Weiber schnalzten mit den Zungen, wenn nur sein Name genannt wurde. Noch heute sehe ich die verliebten Augen, womit einige Nachbarinnen den baumlangen Pfaffen angeilten, wenn er durch die Straße kam, den Hut im weiten Bogen fast bis zur Erde schwang und süßlich lächelnd den breiten Mund quer durch das breite Gesicht bis zu den mächtigen Ohren verzog. Der eitelkeitduftende Kunde! Unser Haus blieb dem von ihm Verdrängten treu. Der brave Hamm hatte meine drei älteren Geschwister konfirmiert;[24]  er sollte auch mich dem Weiberliebling zum Trotz auf die heilige Einsegnung vorbereiten.
Die Gefühle, die mich beim Kirchgang und im Gottesdienst bewegten, waren sehr geteilter Art. Der dumpfe Glockenhall erschütterte mich; die tiefen Töne der Orgel durchströmten mich mit Furcht und Schrecken; die gar nicht unangenehme Stimme des Predigers aber ward mir in den höheren Lagen unerträglich; der Inhalt ihrer Worte ließ mich gleichgültig. Ganz Inbrunst war ich nur beim Chorgesang. Leider wurde mir diese Seligkeit nur an hohen Festtagen gegönnt.



4.










[25] Ich war kein eigentlich frommer Knabe. Mit elf Jahren ward ich plötzlich zum eifrigen Kirchengänger. Da erblickte ich auf Pfingsten im Nachmittagsdienst ein kleines Mädchen, und dieses Mädchen tat es mir in der Sekunde an. Was mich zu ihr hinzog, wußte ich nicht; bei ihrem Anblick durchrieselte mich süße Schauer und ich drängte mich beklommenen Atems in ihre Nähe.
Seit dieser Zeit ging ich regelmäßig zur Kirche. Mein Auge suchte gleich beim Eintritt. War die Ersehnte zugegen, so fühlte ich mich im Herzen zufrieden und wählte einen Platz dicht hinter ihr. Auf die Andacht hörte ich nicht hin. Ich sah nur meine liebliche Freundin. Beim Verlassen der Kirche stellte ich mich so, daß sie an mir vorüber mußte, in der Hoffnung, wenigstens einen Blick unter ihren langen Wimpern aufzufangen. Aber ihre Augen blickten immer geradeaus, wie in lockende Ferne, oder suchten den Boden, wie in weltverlorener Andacht. Ich lief beglückt hinter ihr fort nach Haus und wartete auf die Freude des folgenden Sonntags.
Wie ich dieses Erlebnis verrate, kommt mir die Erinnerung an die erste Aufregung, die das Ewig-Weibliche in meinem Gemüte hervorgerufen hat. Ich zählte kaum sechs Jahre. In unserm Hause wohnte für einige Tage ein[25]  etwa achtzehnjähriges Mädchen. Eines abends, als ich bereits im Bette lag, aber noch nicht schlief, kam sie an meinem Kissen vorbei, blickte mich freundlich an, neigte sich, fuhr mit der Hand liebkosend über meine Wange und sagte voll Herzlichkeit: »Welch ein hübsches Kind!« Dann schritt sie vorbei und sollte mich später nie mehr berühren. Aber sie ließ meine Knabenseele in jähem Aufruhr zurück. Beim Schmeicheln ihrer Hand durchrieselte mich ein magnetischer Schauer; mich durchzitterte, wie ich heute weiß, zum erstenmal geschlechtliche Lust. Allzu schnell erlosch für mich dieser Blick aus dem erotischen Unbewußtsein. Aber ich schwelgte im Geiste an dieser Erschütterung, ich hütete die Erinnerung als persönliches Geheimnis und suchte, aus unklaren Vorstellungen heraus, mir selbst Ersatz dafür zu schaffen.
Ich war schon damals nicht mehr rein. Schon damals war mir das Kinderlaster vertraut. Eine eigentliche Verführung hatte nicht stattgefunden. Die Natur hatte meinen ahnungslosen Fürwitz darauf gebracht. Wie erstaunte ich daher, als ich zur Schule kam und merkte, daß dieses Spiel von den meisten Kindern geübt ward. Je höher ich in den Klassen stieg, um so mehr konnte ich mich davon überzeugen, daß das »unschuldige Kindervergnügen«, wie ein Arzt das Treiben im unbedachten Leichtsinn genannt hat, allgemein verbreitet war.
Glücklicher Säugling! Die Natur hebt dich in das Reich des Lichts. Die Mutter wiegt deinen traumlosen Schlaf. Schlägst du das ratlose Auge auf, so bricht daraus ein Abglanz höherer Sterne. Deinen hungrig fordernden Lippen wölbt sich entgegen die mütterliche Nährkraft. Müde von Sättigung und Behagen, sinkst du in die Seligkeit des Schlummers zurück. Durch deinen zarten Körper ergießt die Natur ein kostbares Geschenk. Deine Glieder wachsen. Du lösest dich von der Mutter, deine Brust dehnt sich in Breite und Höhe. Du reifest allmählich dem Geheimnis zu, dessen Erfüllung deinen Lebensfrühling heraufführt und[26]  dich zum Herrn macht über die Tage der Gegenwart wie der Zukunft, dem Geheimnis der Liebe! O hüte deinen Schatz, du sprossender Knabe! Hüte ihn ehrfurchtsvoller, du geschmeidiger Jüngling! Daß du nicht erröten mußt vor dir und vor denen, die in deinem Samen schlummern! Daß du nicht schuldig wirst gegen dein Leben und die zukünftigen Geschlechter! Aber ach! Nur wenigen bleibt es gegönnt, die himmlische Flamme im ungetrübten Goldglanz der hehren Stunde entgegenzutragen! Wer hat die Schuld an der Sünde? Das Kind? Die Eltern? Die Gesellschaft? Sie alle zusammen. An letzter Stelle und ganz vor allem die Natur. Daher: Wachet und betet, daß ihr nicht in Versuchung fallt! Wenn ihr aber fallt, so verzweifelt nicht. Und seht ihr, daß andere fallen, so richtet nicht.

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Gerade der Bibel- und Religionsunterricht bringt dem Kindergemüte sittliche Gefährdung. Unserm Lehrer merkten wir mehr als einmal die Verlegenheit an, wenn er uns aus der Bibel vorlas und zu gewissen Stellen kam. Wir machten uns schon vorher auf die Kapitel aufmerksam, die die Einbildung reizten und bestimmte Vorstellungen weckten. Es gibt auch Lehrer, die gerne und ausführlich, besonders vor höheren Mädchenklassen, bei solchen Abschnitten verweilen. Manche aus ihres Herzens Bosheit hervor, andere unter dem Wunsch, die Wirkung zu beobachten, die solche Zeilen auf die kleinen Zuhörerinnen machen. Und die Folgen dieser Versuche? Das sittlich wurmstichige Kind hört aus dem vielen Neuen gerade das Schlüpfrige heraus und verweilt dabei mit Behagen. Das Unschuldsgemüt horcht in argloser Aufmerksamkeit hin, merkt plötzlich, wie einige Nachbarn bei gewissen Ausdrücken kichern, zischeln oder wichtig lächeln, sitzt auf einmal betroffen und verwirrt, forscht dem Unbekannten nach, und schließlich gehen auch ihm die Augen auf, und zwar wie Bohnenschoten weit und unter Herzbeben.
Was kann z.B. die berühmte Flucht des keuschen Joseph vor der Potipharin dem kindlichen Gemüte sagen und bieten? Und das Abenteuer des heiligen Königs David mit[27]  der schönen Betsabe? Und so viele andere? Im Katechismusunterricht ist die Gefahr noch größer. Nicht zu reden von den Verlegenheiten der katholischen Ohrenbeichte, wo, wie ich in späteren Jahren erfuhr, Kinder von 7–9 Jahren sich grundlos der gröbsten Verirrungen anklagen, bis sie durch die eindringlichen Fragen eines Übereifrigen zu Wissenden gemacht werden. Das Schlimmste aber ist, daß sich dadurch zwischen Eltern und Kindern eine dritte Macht drängt, die das größere Vertrauen beansprucht, um das natürlich die Eltern betrogen werden.
Im übrigen habe man vor dem Kinde den Mut der Wahrheit, auch wenn es sich um den Ursprung des Lebens handelt. Die Märchen vom Storch, Kohlkopf und Rosenstrauch sollten endgültig verstummen. Die Wahrheit kann, ohne Entweihung, ohne Eintrag, dem Kinde gereicht werden, allmählich, löffelweise, und es braucht dadurch weder die Liebe noch die Ehrfurcht Schaden zu leiden. Den Mutterschoß, der dem Kind als dunkler, aber rührend traulicher Vorhof zum Tempel des Lebens verraten wird, umschmeicheln Blicke der Verwunderung, Gedanken der Andacht. Die Mutter, als die leid- und todverachtende Mitstreiterin Gottes im Dienste des Lebens, wird zum Mittelpunkte inbrünstiger Dankbarkeit und Verehrung.
Die Wirklichkeit findet ja tausend Gelegenheiten, die Kinder mit rauhem Griff zu mahnen. Ich selbst bin als Kind zweimal dicht an das Geheimnis des Wochenbettes herangestoßen worden. Während meines ersten Schuljahres ward mir eines Tages der Eintritt zur Stube verwehrt. Ich hörte durch die Türe klägliche Notrufe einer bekannten Mädchenstimme. Meiner erschreckten Frage ward irgendeine glaubhafte Ausflucht zuteil. Als ich aber einige Stunden später das Zimmer betrat, entdeckte ich im Bette neben dem blassen Mädchen einen kleinen Fremdling. Der Storch hatte ihn durch den Kamin gebracht. Seine Mutter war darüber so entsetzt, daß sie laut aufschrie und in der Aufregung mit Händen und Füßen um sich geschlagen hatte.[28]


Einige Jahre später bereitete mir eine junge, bei uns wohnende Frau dieselbe Überraschung. Damals aber war ich schon wissend. Die ziemlich gleichlautende Erklärung nahm ich mit einem pfiffigen Lächeln hin und rannte, das Lied vom Adebar summend, auf die Straße, wo ich mich vor Lachen fast wälzte.
Solcherlei waren, in den großen Zügen, meine inneren und äußeren Erlebnisse, als ich, ein zwölfjähriger Junge, mit meinem Schulentlassungszeugnis auf die Straße trat und einem neuen Abschnitt meines Lebens, dem Ausgang meiner Kindheit, entgegenschritt.



5.










[29] Die Zustände in unserm Hause hatten sich inzwischen verschlimmert Früher waren die guten Tage nicht so selten gewesen. Wir liebten Vater und Mutter aufrichtig. Die kleinen Geldgeschenke, die es gab, verwandten wir dazu, die Eltern mit einer kleinen Aufmerksamkeit zu überraschen. Dem Vater, der gerne spannende Geschichten hörte, lasen wir an den langen Winterabenden aus Büchern unserer Schulbibliothek vor. Er zeigte auch Wohlgefallen an schönen Volksliedern; recht oft wiederholten wir sein Lieblingslied: »Üb' immer Treu' und Redlichkeit«.
Sonntags in der Frühe stahlen wir uns aus den Betten und warteten der Mutter, die noch nicht aufstehen durfte, mit Kaffee und Kuchen auf. Dann ging es an die gründliche Säuberung unseres leiblichen Menschen, und erst dann trat der Sonntag in sein Recht. Mittags wurde, wenn möglich, besonders gut gespeist. Ein Tischgebet ward nie gesprochen.
Seit dem strengen Winter ging es mit diesen Freuden langsam bergab. Der Vater brach unter der stets gesteigerten Sorgenlast beinahe zusammen. Stets häufiger suchte er Trost im Trunk. Er litt heimlich vor Wut und Scham, daß er seiner Familie nicht helfen konnte. Trotz verzweifelten[29]  Suchens fand er keine dauernde Beschäftigung. Damit wir nicht hungerten, wurde das Notwendige verkauft oder versetzt. Auslösen aber konnten wir die Gegenstände, die uns allen lieb und teuer geworden waren, nicht. Wir mußten sie, trotz mancher zinshohen Fristung, verfallen lassen.
Unsere Mutter konnte nicht mehr zur Kirche gehen. Es blieb ihr nur ein altes, schäbiges Hauskleid, um den abgehärmten Leib zu decken. Die graue Not harrte in allen Winkeln unserer leeren Wohnung und hauchte uns eisig an. Ein Tier, das seine Jungen leiden sieht, wird voll Unruhe und äußert einen Schmerz, der dem menschlichen nahe verwandt ist. Hier fühlten sich gerade die Jungen von dieser Besorgnis gepeinigt, von dem Leid um das Wohl derer, denen sie das Tageslicht und einen häufig heiteren Himmel verdankten. Doch suchten wir auf unsere kindliche Weise zu helfen, oder wenigstens zu trösten.
An einem grauen Märztage war es, wo ich aus der Volksschule entlassen wurde. Vor dem Schultor saßen arme Frauen, die, wie alljährlich an dem Tage, Kuchen, Schokolade und sonstige Leckereien feilboten. Mir waren an dem Morgen von unsern Nachbarn einige Festtagsgroschen geschenkt worden. Aber ich ging an den Süßigkeiten tapfer vorbei. Unterwegs beschlich mich ein unbestimmtes, bezeichnendes Gefühl, das mich in eine Schenke eintreten hieß. Ich erstand ein halbes Liter guten Ingwerschnaps, nahm ihn uneingewickelt an mich und lief nach Haus. Im gewöhnlichen trank Mutter süßen Schnaps, Vater dagegen scharfen Branntwein; bei bessern Veranlassungen ließen sie sich beide den Ingwer gut munden. Vor unserer Schwelle barg ich die Flasche unterm Rock und trat ein.
Feuchtgrau wie der Brodem des Märztages in der Straße lagerte dumpfe Mutlosigkeit durch die Stube. Mein Eintritt ward mit erzwungener Freude begrüßt. »Na, Fränzchen, wie hat's gegangen?« riefen mir die Eltern zu. Ich reichte der Mutter mein Entlassungszeugnis. Sie las es dem Vater vor. Dann zog sie mich in Leidenschaft an[30]  die Brust und küßte mich unter Tränen. Der Vater drückte mir die Hand, mit wärmerem Ernst als sonst. Das Küssen hatte er seit vielen Jahren verlernt. Nur als ganz kleiner Junge war ich von ihm geküßt worden, und zwar an besseren Tagen. Aber er schien aufrichtig gerührt.

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Wie änderte sich plötzlich seine Miene, als ich die Flasche hervorholte und mit den Worten: »Hier, Vater, mein Festgeschenk!« zu ihm hinaufreichte. Er trat zurück und wechselte mit der Mutter einen bedeutungsvollen Blick. Beide schienen betroffen. Die Flasche ließen sie mir zwischen den Fingern. Ich ward verlegen, fühlte mich aus bester Absicht schuldig und verzog den Mund zum Weinen. Da erbarmte sich Vater meiner hilflosen Verlegenheit und sprach das befreiende Wort: »Gib der Mutter die Flasche.« Damit siegte bei dem abgehetzten Manne, der an dem Morgen noch keinen Sorgenbrecher im Magen hatte, die Sitte, und es blieb das Ansehen des Familienhauptes gewahrt. Ich aber empfand es als strenge Verurteilung meines gut gemeinten Unverstandes, daß mir der Vater die Flasche nicht selbst abnehmen wollte.
Meine Konfirmation ward nicht mehr in der alten Wohnung gefeiert. Das kam so. Ein Stück des Haushalts nach dem andern mußte zu Geld gemacht werden. Endlich drängte sich sogar der Verkauf der Wäschemangel, unserer Erwerbsquelle, auf. Außer der bedeutenden Wohnungsmiete waren noch andere Schulden zu begleichen. Gerichtliche Einklagen von seiten der Gläubiger blieben fruchtlos, denn unser Hausstand war bereits auf das Unentbehrlichste eingeschränkt. Die Mangel durfte als »Erwerbsmittel« nicht angesiegelt werden. Nur der Hauswirt konnte sie, im Kündigungsfalle oder bei heimlichem Auszug, mit Beschlag belegen. Auf eine Kündigung mußten sich die Eltern schon gefaßt halten, denn der Wirt hatte, in Anerkennung der Regelmäßigkeit, womit wir an die elf Jahre die Miete entrichteten, wiederholt Nachsicht geübt. Dauernd durfte man diese Nachsicht nicht beanspruchen. Es hieß sich[31]  also vorsehen. Wir beschlossen, das Haus heimlich zu räumen.
Zur Nachtzeit kamen einige Freunde des Vaters. Die Mangel ward geräuschlos auseinander genommen. Der Wagen fuhr vor und hielt auf der anderen Seite der Straße. Mit fieberhaftem Eifer wurden die einzelnen Teile der Maschine hinausgetragen und aufgeladen. Die Mangelsteine wanderten bis auf den letzten mit. Schließlich wurden auch die wenigen Überreste des Hausstandes hinzugepackt. Einmal außer dem Hause und auf dem Wagen, waren unsere »Schätze« vor Polizei und Vermieter sicher. Ich hatte schweißtriefend bei dem Rettungswerke mitgeholfen. Nun freute ich mich mit den übrigen, daß alles so gut gegangen war.
Die Mutter hatte sich schon am Tage, unter herzbrechendem Schluchzen, zu einer bekannten Familie geflüchtet. Diese Familie erstand die Mangel und gewährte uns für einige Nächte Unterkunft. Nach Abzug der Unkosten und nach Tilgung kleiner Schulden blieben von der Verkaufssumme noch dreißig Taler. Das war der ganze Besitz, den wir auf der nächtlichen Flucht aus dem altgewohnten Heime mit uns von dannen trugen. Es ergriff mich seltsam genug, wenn ich später an dem Hause, das meine Kindheit so lange Jahre beherbergt hatte, vorüberging. In diesem Gefühle mischten sich Schmerz, Ingrimm und Haß. Wie viel tiefer mußte es meine Eltern durchschüttern, wenn sie ein Zufall hier vorüberführte! Der ganze Jammer ihres Lebens starrte sie aus den niedern Fenstern der Kellerwohnung an mit den versteinten Zügen der leiblichen Not, und verfolgte sie mit den abgrundhohlen Hungeraugen tausend zerstörter Hoffnungen.


Nach ein paar Tagen bezogen wir in Aftermiete eine kleine Kammer in einem andern Stadtteil, aber in derselben Pfarre. Wie erschrak ich, als ich in diesem Haus auch das kleine Mädchen wiederfand, das ich so kindlich in der Kirche umworben hatte! Ich schämte mich unserer Armut und verbarg[32]  mich vor ihren Blicken. Um so mehr dachte ich an sie. Sie hieß Josefa. In jenen Tagen hatte mir ein Deutsch-Russe Schiller in die Hände gespielt. So versuchte ich mich auch im Reimen und vertraute dem Verse, was ich an Leid und Liebe keinem verraten wollte.
Da sagte eines Abends meine jüngere Schwester Auguste, ich solle vors Haus treten, es warte jemand auf mich. »Wer ist es?« »Ein junges Mädchen.« Mit Herzklopfen schritt ich vor die Türe. Sie war es. Ich stand verwirrt. Josefa kam auf mich zu, blickte mich in ihrer Unschuld liebevoll an und legte mir, da sie meine Schüchternheit bemerkte, beide Hände auf die Schultern. Da wich von mir die Starre. Ich preßte das Kind mit Ungestüm in meine Arme. Wir küßten uns. Sie bekannte mir mit schelmischem Lächeln, sie hätte schon damals gewußt, daß ich ihr gut sei, und mich durch verstellte Gleichgültigkeit necken wollen. Ich lachte glücklich und ließ die Finger der linken Hand schmeichelnd über ihren schlank abfallenden Rücken gleiten. Ich liebte sie um so inniger, weil sie an unserer Armut keinen Anstoß genommen hatte.
Wir blieben in dem jetzt so traulichen Hause nur einen Monat. Die Kammer war allzu klein. Vater meinte, er könne nicht einmal die Beine richtig darin ausstrecken, ohne mit Kopf und Zehen anzustoßen. Er hatte wieder Beschäftigung gefunden. Ich half tagsüber in einem Biergeschäft beim Flaschenspülen. Abends setzte ich Kegel auf. So brachte ich manchen Groschen heim. Mein ältester Bruder arbeitete in Hamburg. Der zweitälteste Bruder war in der Schlächterlehre; er bekam Trinkgeld und durfte auch das Knochengeld einstecken. Nun konnten alle Schulden abgetragen werden.
Wir wechselten von neuem. Der Abschied von der kleinen Josefa fiel mir ungemein schwer. Ihr, wie es schien, nicht minder. Wir hielten uns fest umschlungen, küßten uns wieder und wieder und schwuren uns ewige Treue. Über dieser rührenden Gruppe kam mein Bruder.[33]  Der lachte sich fast krumm und rief die übrigen zu dem possierlichen Anblick. Da flogen wir bestürzt auseinander. Ich habe die liebliche Freundin meiner Kindheit nicht wiedergesehen.
Unsere neue Wohnung, eine bessere Stube lag am äußersten Umkreis der Stadt. Die Nachbarschaft bildeten Festungswälle, Kasernen, Übungsplätze; Exerzieren, Parademarsch, Militärmusik ward unsere tagtägliche Augenweide und Ohrenwonne. Die armen Soldaten! Wenn Zuschauer ihrer Empörung über die Leuteschinderei Luft machten, wurde ihnen von dem ersten besten Kommißlümmel grob das Maul verboten und mit Verhaftung gedroht.
Ganz anders als diese rohe Nachbarschaft entzückte mich von unserm Fenster die Fernsicht über die Wälle hinaus auf Wiesen, Felder und Wälder. Da lag das schrankenlose Versuchsfeld meiner steigenden Knabenkraft, das Paradies meiner Kindheit, über dessen Schwelle ich mit Worten göttlichen Segens hinausgestoßen wurde; denn es nahte die Stunde meiner Konfirmation.

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Der Morgen dieses hohen Tages fand mich für die heilige Handlung immerhin leidlich ausgestattet. Die Verwandten hatten, auf Verabredung, einiges Unentbehrliche geschenkt: Hut, Handschuhe, Stiefel, Weißwäsche, Gesangbuch mit Namenszug. Den Festrock erstand die Mutter um billiges Geld bei einem alten Bekannten, dem Pfandleiher. Diese merkwürdig mannigfache Zusammensetzung meines Feiertagsmenschen stimmte meine persönliche Einschätzung etwas herunter. Aber die andern brauchten ja gar nicht zu wissen, woher mir die schönen neuen Sachen kamen. Ich durfte mich also sehen lassen, und das war die Hauptsache.
In der Kirche drängten sich Eltern, Verwandte und Neugierige. Wir Konfirmanden, Knaben und Mädchen, wurden in der Nähe des Altars im Halbkreis geordnet.[34]  Mit bewegter Stimme, in einfacher Rede, stellte Pastor Hamm seine kleine Herde dem Antlitz Gottes vor.
»Wenn ich dieses Jahr auch nur eine beschränkte Schar dem Weinberg des Herrn zuleite,« so führte er aus, »die Angehörigen dieser Kinder dürfen beruhigt sein. Um so tiefer hat ja das Wort Gottes Wurzel schlagen können in den zarten Herzen; um so tüchtiger wurden sie gewappnet mit der Rüstung des Glaubens zum Kampf gegen die Anfechtungen der Welt.«
Die von Überzeugung durchzitterte Rede machte großen Eindruck. Viele Zuhörer schluchzten. Wir Konfirmanden knieten auf den mit rotem Tuch belegten Altarstufen: die Knaben rechts, links die Mädchen. Die meisten Mädchen, auch einige Knaben, weinten. Ich war ruhig. Mein ganzes Empfinden war zusammengeronnen um das Gebot: »Glaube!« Denn nur, so hatte uns Pfarrer Hamm eindringlich ermahnt, wenn er gläubig sei beim Einnehmen des Brotes und des Weines, das den Leib und das Blut des Herrn bedeute, könne der Mensch Vergebung der Sünden und die himmlische Seligkeit erlangen. Das aber wollte ich mit schmerzlicher Inbrunst, bis zur Zermarterung meines schwachen Gehirns, das sich von dem wahren Glauben und von der übernatürlichen Gnade der Gläubigkeit keinen Begriff bilden konnte. Ich kniete mit geschlossenen Augen, meiner Umgebung, der Kirche, der Welt entrückt, in der innersten Seele nur das eine Verlangen: Glaube!, auf den unwillkürlich bebenden Lippen nur das eine Wort: Glaube!
In diese übersinnliche, fast verklärte Stimmung trug unvermittelt der Anblick des Pastors eine schmerzliche Störung. Sein Rock, seine Hand, der Kelch, das Gefühl des Brotes und Weines entrissen mich dem Himmel der Verzückung und hinterließen auf dem Grunde meiner Augen, an der Wölbung meines Gaumens die Nachempfindung der Erde. Ich genoß ohne weitere Erschütterung. Ich betrat die Straße mit dem ernüchternden Bewußtsein, daß nichts in mir geändert sei.[35]
Vor der Kirchtüre erwarteten mich Mutter, Geschwister und Verwandte. Die heißen Tränen der Rührung, unter denen mich die Mutter an die Brust schloß, verstand ich; weniger konnte ich die Tränen der Verwandten begreifen und den Ungestüm ihrer Umarmung, wobei Mundwinkel und Lippen, wie stummes Wetterleuchten, von dem bekannten Zucken umspielt wurden. Die heftige Zärtlichkeit berührte mich geradezu unangenehm.
Warum, um wen weintet ihr denn damals, teure Anverwandten? Um mich vielleicht? Ach, ich wußte ja, daß Hut, Stiefel, Handschuhe, Gesangbuch mit den verschlungenen Zeichen F.B. von euch kamen. Oder vergosset ihr Tränen um euch, Tränen der Rührung über eure Großmut? Allerdings, meine teuern Tanten, weintet ihr um euch, aber doch aus einem edlern Grunde. Das Paradies der Kindheit schloß sich eben hinter mir ab. Der Cherub Zeit stand an der Pforte und wehrte mir die Rückkehr. Dieses Paradies war euch schon lange verloren gegangen. Ihr kanntet die Welt, die auf mich wartete. Euch war schon zum Bewußtsein gekommen, welch köstlichstes Gut ihr mit der Kindheit verloren hattet. Mein Anblick mahnte euch an diesen Verlust mit grausamer Tatsächlichkeit. Aber ihr weintet auch über mich, den Neuausgewiesenen, der seinem Unglück ahnungslos gegenüberstand. Ihr hattet ihn bis zur Neige ausgetrunken, den Fluch des zürnenden Gottes: »Die Erde sei verwünscht um deinetwillen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen. – Unstet und flüchtig sollst du sein.« Daher konntet ihr nicht mit frommer Heiterkeit, sondern nur mit menschlich warmem Bedauern meinen Austritt aus friedvoller Unwissenheit unter das eherne Arbeitsgesetz des Lebens ansehen. Ihr weintet auch meinem Verluste aufrichtige Tränen nach. Ihr edeln Frauen, ich danke euch.

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Es war Brauch, daß die Konfirmierten ihren Schein im Pfarrhaus abholten und dem Seelsorger mit einem entsprechenden Geldgeschenke dankten. Am Tage nach der Einsegnung[36]  machte auch ich mich auf den Weg. Schweren Herzens, denn die Mutter gab mir statt eines Geldgeschenkes nur einen Zettel mit. Der Pastor empfing mich in seinem Arbeitszimmer. Ich stotterte einige Worte und drückte ihm mit flammendem Gesicht den Zettel in die Hand. Er hielt das Papier in der herunterhängenden Linken und zerknitterte es zwischen den Fingern, ohne es gelesen zu haben; die Rechte legte er mir auf die Schulter, blickte mich liebevoll und wehmütig an, sprach: »Bleibe ein gläubiges Kind, werde ein braver, fleißiger Mensch!« und andere recht herzliche Mahnungen, gab mir den Schein zurück, küßte mich, geleitete mich zur Türe und verabschiedete mich mit den Worten: »Lebe wohl, mein lieber Franz Bergg. Und vergiß auch deinen alten Pfarrer nicht, hörst du!«
Ich fand mich von der väterlichen Güte dieses edeln Mannes mehr erschüttert, als durch das göttliche Erlebnis des vorhergehenden Tages.
Als ich nach Hause kam, rieten mir Vater und Mutter, mich überall bei den Verwandten, auch bei den sonst als »stolz« geschimpften, vorzustellen. Sie hatten dabei ihre besondern Gedanken. Ich erriet diese Gedanken und ging trotzdem.
Mein Erscheinen ward überall richtig gedeutet. Ich brachte abends zehn Taler nach Haus.



1.










[38] An mich trat heran der Zwang der Berufswahl. Eine besondere Vorliebe kannte ich nicht. Die häuslichen Verhältnisse forderten schnellen Verdienst. In Königsberg fand sich nichts, was mir dauernd paßte. Schließlich meldete ich mich für eine durch die Zeitung ausgeschriebene Kellnerlehrlingsstelle nach E. Ich wurde angenommen. Mit dem Notwendigsten ausgerüstet, fuhr ich meiner Bestimmung zu.
Der Abschied von den Geschwistern und vom Vater war kurz; den Vater sollte ich niemals wiedersehen. Die Mutter begleitete mich zur Bahn. Eben wollte mein Zug abfahren. Ich mußte so rasch in das Abteil, daß mir kaum Zeit blieb, die Mutter zu umarmen. Die gute Frau weinte; lange winkte ihr Taschentuch mir nach. Dann entzog uns eine Biegung unsern Blicken.
Ich fuhr dem Unbekannten ohne eigentlichen Schmerz entgegen. Ich war noch nicht ganz 15 Jahre alt.
Im Vergleich zu Königsberg kam mir E. recht klein vor. Mein Ziel war das Kasino. Dort stellte ich mich dem Oberkellner vor. Gleich beim Eintritt fühlte ich mich durch den Anblick der großen Prachträume eingeschüchtert. Eine neue Welt tat sich vor mir auf. Das Kasino war das Stelldichein der sogenannten feinen Welt. Hier fanden sich Adel der Stadt und Umgebung, Gutsbesitzer, Offiziere, Richter, Rechtsanwälte und höhere Verwaltungsbeamte zusammen. Fremde bedurften einer besonderen Einführung.
Die Einrichtung des Hauses entsprach der Bestimmung. Riesenspiegel, Marmorpfeiler, geschnitzte Balkone mit Geländern[38]  aus Goldbronze, Stuckzieraten an Wand und Decke trugen für meine Augen einen feenhaften Prunk. Jeder Saal: Billard-, Rauch-, Karten-, Lesezimmer, war in einem andern Farbenton gehalten. Riesige Deckenkronleuchter und anmutige Wandlampen strömten einen Zauberglanz aus. An das Gebäude schloß sich auf der Innenseite ein geräumiger Garten mit Terrassen, Veranden, Lauben, Springbrunnen und Grotten.
Während der schönen Jahreszeit gab es Sonntags Frühkonzert. Die Familien strömten herzu, um sich an Frühschoppen und Musik zu ergötzen. Wir hatten alle Hände voll zu tun. Dann und wann ein kräftiges: »Wird's bald? Äh! Äh! Zum Donnerwetter, Kellner! usw.« war unsere Musik. Ich hatte aber auch nicht die geringste Lust, nach einer andern hinzuhorchen. Ich beneidete nicht die Glücklichen, die in der Fülle der Melodien schwelgen konnten; ich beneidete unsern Wiener Kellner, der, mit 30 Glas Bier auf dem Brette, bald im Galopp, bald mit mädchenhaft zierlichem Trippelgang, wie nach dem Takte der Musik, zwischen den Stühlen und Tischen hindurchschwänzelte.
Nach dem Konzert leerte sich der Garten. Doch blieben gewöhnlich einige Familien, manchmal auch ganze Gesellschaften, zur Mittagstafel zurück. Es gab Arbeit genug. Fremde waren selten. Fast alle Gäste gehörten der Kasinogesellschaft an und fühlten sich zu Haus. Jüngere Herren, vor allem die Herren Leutnants, glaubten, ihr Jahresbeitrag berechtige sie, sich der Dienerschaft gegenüber als Gebieter aufzuspielen. Wir hatten oft durch ihre Rücksichtslosigkeit zu leiden. Die Oberleitung des Betriebes lag in den Händen eines Verwalters. Die Seele von »det Janze« aber war und blieb der Herr Oberkellner. Sein Verdienst stieg und fiel mit dem Konsum von Bier und Schnaps. Die Kellner bezogen monatlich – sechs Mark Wäschegeld; fürs übrige waren sie aufs Trinkgeld angewiesen. Mein Verdienst beruhte ausschließlich auf dem Trinkgeld.
Für den Eingeweihten, dessen Blick sich nicht durch[39]  den Anblick eines tadellosen Fracks und blendender Wäsche täuschen läßt, bleibt der Kellner ein bedauernswertes Geschöpf. An ihm kann man deutlich sehen, was die menschliche Gesellschaft durch ihre Einrichtungen, Sitten und Gebräuche, durch Kastengeist und Standesvorurteile, ganz besonders durch dummstolze Beschränktheit aus manchen ihrer Mitglieder machen kann. Die Dirne ist weniger Charaktersklave als der Kellner. Die Dirne gibt nur ihren Leib preis; der Kellner wird zum moralischen Eunuchen entwürdigt, der unter gesellschaftlichen Ausnahmegesetzen steht.
Unser eigentliches Kellnerschicksal verkörperte sich in der Gestalt des Oberkellners. Die Allgewalt seiner Erscheinung verbreitete Zittern. Sein Zorn regierte uns mit einer Peitsche aus Ochsenleder, die mir am 3. Mai, meinem Geburtsabend, das Begrüßungslied pfiff. Was hatte ich mich damals auch in der Laube zu verstecken, um mit meinen Kollegen ein Glas, das ich zum besten gab, auf das Wohl des Geburtstagskindes zu leeren! Die büßenden Schläge erinnerten mich daran, daß der Welt die Tatsache meiner Geburt vollauf genügte, das wo? wie? und wann? kümmerte sie nicht im mindesten.
Stete Bewegung war für uns oberste Pflicht. So erheischt es das Gesetz. Es macht einen übeln Eindruck, es schädigt den Ruf des Hauses, wenn sich die Kellner auf Stühlen breit machen oder gar eine Zeitung zur Hand nehmen. Wäre es nicht schrecklich, wenn der Herr Graf und die Frau Gräfin samt der gnädigsten Komtesse, ihrer Tochter, gleich nachher auf diesen so unerhört entweihten Sitzen Platz nehmen müßten! Schon der Gedanke, daß diese Stühle vor einem Augenblick erst einem ganz gewöhnlichen Plebejischen zum Stützpunkt dienten, müßte herzbrechende Wirkungen auslösen. Haben doch schon Gräfinnen mit ihren Töchtern Ohnmachtsanfälle erlebt, wenn sie bei dem Neubau an ihrem Schlosse bemerkten, daß sich die Maurer auf dem Gerüste in die Hände schneuzten und mit den ungewaschenen Fäusten die Bausteine anfaßten, die zur Wohnung[40]  hochdero Gräflicher Gnaden gefügt zu werden die Ehre hatten.
Ich ward anfangs zu diesen großen Aufwartungen nicht herangezogen. Ich bediente die Gäste, die nach der Karte speisten. Mit dem Trinkgeld war ich zufrieden. Ich konnte bald fünfzehn Mark nach Hause senden. Dafür schickte mir die Mutter Wäsche und selbstgestrickte Strümpfe. Einen neuen Kellneranzug hatte ich mir auf Anraten meiner Genossen sofort bauen lassen. Ein bestimmter Schneider arbeitete für das gesamte Dienstpersonal des Hauses. Auch der Anzug war in einem Monat bezahlt. Ich sparte nämlich mein Geld. Die Gäste gewannen mich meines frischfreien Wesens wegen bald lieb. Sie riefen mich – ein Eunuch hat ja kein Recht mehr auf seinen ehrlichen Mannesnamen – bei meinem Kellnernamen »Schorsch«. Die mir anvertraute Kundschaft setzte sich zusammen aus einigen älteren Herren vom Gericht und einer Anzahl jüngerer Offiziere und Referendare. Sie spielten mit Vorliebe Billard. Ich hatte dabei die Zeit anzumerken und für die Getränke zu sorgen. Oft wurde bis in die Nacht hinein gekugelt. Manchmal schlief ich auf einem Stuhl in der Ecke neben dem Billard ein. Dann weckten mich flegelhafte Leutnants mit dem Billardstock. Kam ich an solchen Abenden erst um vier Uhr zu Bett, so konnte von Schlaf kaum die Rede sein, denn um sieben Uhr mußten wir wieder auf den Füßen stehen.

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Wir hatten schlechte Betten; die Schlafzimmer lagen unter dem Dach. Sie sahen zerfallen aus. Ordnung ward nicht gehalten. Kaum wurde die Woche über einmal gekehrt. Die Betten blieben morgens einfach liegen und wurden abends in demselben Zustand wieder benutzt. Für die Morgenarbeit warfen wir uns in die schlechtesten Kleider. Ich bürstete die Billards, wischte Staub, harkte den Sand in den Gartenpfaden, fegte Gartentische und -stühle sauber, half beim Messer- und Gabelputzen, übte mich im Serviettenkneifen, im Anrichten der Tischgestelle usw.
Trotz unserer anstrengenden Arbeit wurden wir mit[41]  einer ganz ungenügenden Nahrung abgefunden. Oft kauften wir aus eigenem Geld auf dem nahen Markte Brot und frische Landbutter und verschlangen sie mit Gier. Der berüchtigte »Kellnerhunger« wurzelte bei uns in einem nur zu natürlichen Boden.
Die Gespräche der Kellner unter sich bewegten sich fast ausschließlich um die niedrigste Sinnlichkeit. Mit der Magd erlaubten sie sich alle Ausgelassenheiten; das stumpfe Frauenzimmer ließ sie gewähren. Den Oberkellner überraschte ich eines Tages im Keller über einer nicht mißzuverstehenden Unterhaltung mit Mamsell, unserer Küchenobersten. Im ersten Augenblick der Überraschung hätte er mich gerne geprügelt; Mamsell aber hielt ihn zurück. Seit der Stunde hatte er einen Groll auf mich.
Einige Kellner wußten über bestimmte Herren, mit welchen sie »interessante Liebesabenteuer« hatten, nicht genügend zu spotten. Fälle dieser unnatürlichen Sinnlichkeit waren nicht selten, auch nicht bei Männern, die im Leben draußen wichtige Ämter inne hatten und als Stützen von Glauben und Sittlichkeit galten.
Beim Anrichten der Tische mußte auf jede Kleinigkeit geachtet werden. Wie der Teller und welcher Teller zuerst auf den Tisch gestellt wird; ob die Gabel links und das Messer rechts und wo der Löffel seinen Platz hat; daß Teller, Gabel oder Messer nicht über den Tischrand hinausreichen darf: das alles waren Fragen von aufregender Wichtigkeit, mit denen ich mich vertraut machen mußte.
Von dem »Wie man essen soll« hatte ich auch noch keine Ahnung. Ob mit vollen Backen oder mit schmalen Lippen gekaut wird; wie und in welcher Hand man Messer und Gabel führt; ob man den Löffel voll Suppe am Rande des Tellers abstreift oder die niederleckenden Tropfen in den Teller zurückfallen läßt, oder, um beidem zu entgehen, das Kinn dicht über die Suppe halten darf: in all diese Einzelheiten ward ich eingeweiht.
Die Kellner legten Gewicht auf das strenge Einhalten[42]  dieser Regeln – bei andern. Sie beobachteten die Herrschaften über dem Essen mit scharfen Augen, verfolgten jede ihrer Bewegungen und fanden an allen auszusetzen. Unser Wiener Kellner meinte sogar mit bedeutend emporgehobenen Brauen, es sei überhaupt kein Mensch imstande, die feinen Tischregeln alle zu beobachten. Mich ließ diese Wissenschaft unendlich kalt.
Einen besonderen Reiz für mich hatten die bessern Feiertagsabende. Da stellte sich eine starke ungarische Kapelle im Nationalkostüm auf der Empore des großen Speisesaals auf und spielte ihre wilden, feurigen, aber doch so schmelzenden Weisen.
Dann ward allein der Anblick der Speisetafel schon zum Genuß. Das blendendweiße Tischtuch, die geschmackvoll und mannigfach gefalteten Servietten, die großen Silberschüsseln und schimmernden Metallplatten, die kunstvollen, reich gegliederten Aufsätze, die fein geschliffenen, edel geformten Trinkgläser, die sinnig geordneten Blumensträuße: all diese Fülle bietet dem Auge einen stets wechselnden Reiz. Und dann die Damen in der Pracht der knisternden Seide, im Gefunkel der Kleinodien, im weichen Schimmer der blühenden Arme, Nacken und Schultern, in der Anmut der Bewegungen; die im Kristall spielenden Weine, das Klingen und Läuten der Gläser und Pokale, die stets gesteigerte Heiterkeit; die Musik, die Festreden, der voller losbrechende Jubel: ja, das alles schien mir der Gipfel irdischer Vornehmheit und Kultur. Das an sich so häßliche Essen, das tierische Kauen, die mahlenden Kiefer, die schnalzenden Lippen fallen in dem Überschwall von Glanz und Schönheit nicht mehr auf; sie gehören als ein notwendiger Bestandteil in diese selige Bejahung des Lebenstriebes hinein.
Auch der Kellner kann sich dem Zauber dieser Stunden wirklich überlassen, denn der Dienst an gemeinsamer Tafel, mit vorher bestimmter Folge der Gerichte, strengt viel weniger an als beim Nach-der-Karte-Speisen. Alles geht[43]  wie am Schnürchen. Des Kellners Nerven bleiben ruhig; er braucht nicht die Preise der einzelnen Gerichte, nicht die Speisenfolge für die einzelnen Gäste im Kopfe zu behalten; er fühlt sich beim Dienst an der sogenannten Table d'hote wirklich ausgespannt.
Beim Abtragen der Speisen wird der Kellner scharf überwacht, damit er sich unterwegs bis zur Küche nichts in das stets hungrige Maul stopfe. Jeder Kellner hat nun aber eine bestimmte Tasche, die stets in Fett getränkt ist. Er heißt sie seine Vorratskammer. In ihre Tiefen hinein befördert er über dem Laufen blitzschnell bald ein Rippchen, bald ein Stück Geflügel. Vertilgen kann er seine Schätze erst nach dem Kaffee. Und wo? ... Na, ihr dürft's erraten.
Diese Selbstentwürdigung lag in der Natur der Dinge. Man gab uns schlecht und ungenügend zu essen, wie den Jagdhunden. So zum Vieh entwürdigt, betrug man sich als Vieh.
Nach dem Abendtische luden die lauen Frühlings- und Sommerabende die etwas überarbeiteten Gäste zur Erholung in den Park. Dann wandelten durch den goldenen Lampenschein die Damen in den rauschenden Röcken mit spielendem Farbenglanz wie märchenhafte Blumen der Nacht. Neben und hinter ihnen tänzelten die eifrigen Anbeter im schwarzen Rock oder in bunter Uniform.
Als Kind bildete ich mir ein, preußische Offiziere könnten, im Vollbewußtsein ihrer erhabenen Stellung, nur Außerordentliches sprechen. Dieser kindische Glaube ward mir, wie so mancher andere, gründlich geraubt. Ich konnte dem Gespräche der bunten Herren nichts anders entnehmen als Glossen und Geschichten über Hunde, Pferde, Weiber und Gelage. Von Pferden und Weibern verstand ich damals noch nicht viel.
Etwas hoher stand die Gesprächskunst der Damen. Bei Tische merkte man den jungen Schönheiten an, daß es ihnen auf die Dauer zur Qual ward, die leckeren Happen[44]  mit geröteten oder schweißtriefenden Wangen runterzuwürgen. Das ehrt die zarten Geschöpfe. Im Garten draußen, wo der Salonzwang aufhörte, konnten sie sich natürlicher geben. Diese Freiheit genossen sie in fröhlicher Bequemlichkeit; manchmal verstiegen sie sich wohl auch zur lachenden Ungebunden-, ja Ausgelassenheit, die dem verborgenen Beobachter wohltat. Daß Gott Amor dabei seine ewige Rolle spielte, versteht sich von selbst. Aus ihren Gesprächen hörte man dann und wann wenigstens ein Wort von Kunst und Literatur; jedenfalls gerieten die Damen dabei nicht so ausschließlich auf den Hund oder bis aufs – Roß, wie die Herren Offiziere.


Wenn Herrschaften nach der Karte schwelgen, hat die Dienerschaft um so mehr zu tun. Besonders beklagenswert sind die Küchensklaven. Den Gästen bleibt nur die Qual, aus der endlosen Länge der Speisekarte, unter den Dutzenden von Suppen, Braten, Fischen, Geflügelarten, unter den Ladungen von Gemüse, Früchten, Käse zu wählen. Jeder läßt sich dabei von seinem eigenen Geschmack leiten und verlangt dementsprechend Befriedigung. Da wird z. B. nicht einfach ein Ei bestellt. Nein, da ruft man nach: Rührei, Spiegelei, Solei, in allen Stufen des Gesotten- und Gekochtseins; fast hart, hart, sehr hart; weich, recht weich, pflaumenweich; mit geronnenem Eiweiß, aber weichem Eigelb; mit bald zur Hälfte weichem Eigelb; mit etwas am Rande gehärtetem Eigelb, und wie alle die dehnbaren Begriffe heißen, die eine Köchin zur Verzweiflung bringen können. Jedes dieser so wechselreich zubereiteten Eichen muß aber nicht nur dem Geschmack des Genießers entsprechen, es muß auch vor seiner Augenblickslaune Gnade finden. Sonst läuft der Ausbruch dieser Laune, vom Oberkellner über den Kellner, wie der Blitz an der Stange, hinunter in die Tiefen der Küche und entlädt sich hier über den Köpfen der Sklaven, die in widriger Luft, bei kaum erträglicher Schwüle, eine richtige Hatz über sich ergehen lassen müssen.[45]
O ihr lieben Köche, Köchinnen, Aufwaschfrauen Kessel-, Messer- und Gabelputzer, was haben die Glücklichen droben eine Ahnung von den Zumutungen, die an euch gestellt werden! Von den Bestellungen, die Schlag auf Schlag, in kurzem Befehlston, hart und laut auf euch niederprasseln! Da kann schon ein Schaf der Tobsucht verfallen, und die sogenannte Küchenwut ist eine leider nur zu begreifliche Tatsache, wenn auch ihr Erreger von den gelehrten Doktoren nicht aufgestöbert werden kann.
Zur richtigen Hölle wird die Küche, wenn die Herrin dieses stickigen Reiches, die »Mamsell«, nicht über die erforderliche Gemüts- und Seelenruhe verfügt. Sie ist auch nicht auf Rosen gebettet. Sie bildet gleichsam die Zentralstelle des Telephonnetzes, das die Verbindung nach allen Seiten herstellt und jede Sekunde angeklingelt wird. Irrtümer sind bei der Eile und in dem Chaos nicht zu vermeiden. Was bleibt diesen armen Menschen von der Herrlichkeit der Oberwelt, von dem sonnigsten Sonnenschein des sonnigsten Sonntags? Wie die Heizer und Schaufler im Bauche des Schiffkiels bei Kesseln und Kohlen, so bleiben sie an den Herden und Töpfen abgesperrt, in Brodem und Hitze, ausgeliefert den Nervenschwankungen der Gäste, die nicht an sie denken, der Kellner, die auf sie niederschreien, der Genossinnen, die einander hindern und reizen, so daß es nicht selten zu Zank und Schimpfen und Handgreiflichkeiten kommt.
Die Kellner sind allerdings kaum besser daran. Die habe unmittelbar durch die Gäste zu leiden. Hier ist das Ei zu hart, dort sollte das Beefsteak geröstet und nicht in der Pfanne mit Butter gebraten werden. Ein dritter wollte sein Rippchen mit »Grün« garniert haben. Das Wiener Schnitzel ist diesem zuviel über Feuer gelassen, jener liebt es mit Ei- und Zitronenscheiben. Ein und dieselbe Suppe wird an demselben Tisch als gut gelobt und als ungenießbar zurückgewiesen. Der Schinken ist zu geräuchert, das Fett ist zu fettig, das Salz zu salzig, der Pfeffer zu pfeffrig.[46]
Es gibt Gäste und Familien, die von den Kellnern in großem Bogen umgangen werden, weil sie aus reinem Unverstand, manchmal aus richtiger Niedertracht, bestellte Speisen zurückschicken. Verweigert auch die Küche die Zurücknahme, wie es ja vorkommt, so steht der Kellner im Kreuzfeuer und muß als Sündenbock herhalten. Er ist eben rechtlos nach allen Seiten. Jeder Gast ist Herr. Der wirkliche Herr, dessen Vorteil sich nicht immer mit dem des Gastes deckt, rückt nicht diesem zu Leib, sondern dem Kellner. Hat der wirkliche Herr, wie in unserm Fall der Verwalter, die Macht in die Hand des Oberkellners gelegt, so ist es diesem erlaubt, den Wüterich zu spielen.
Unser Verwalter war, zu seiner Ehre sei es gesagt, ein im Grunde ruhiger Mann, voll würdiger Zurückhaltung. Einmal nur sah ich, daß ein Lehrling von ihm geohrfeigt wurde, und zwar irrtümlicherweise.
Dem Herrn war das Frühstück um 9 Uhr, wie gewöhnlich, vorgesetzt worden; bevor er damit zu Ende kommen konnte, ward er gerufen. Ein Kellner, der den Raum durchschritt, sah einen Rest von Brot, Butter und Schinken auf dem Tisch. Er wähnte, der Herr habe zu Ende gegessen, und führte sich die Überbleibsel zu Gemüte. Nach einigen Minuten kehrte der Herr zurück und fand den Teller leer. Er geriet in eine begreifliche Entrüstung und ließ den Kellner, der das Frühstück aufgetragen hatte, vor sich kommen. In der Meinung, niemand anders könne der Schuldige sein, nahm er, ohne ein Wort zu sagen, den Unglücksmenschen am Ohr, zog ihn vor den leeren Teller heran und verabreichte dem Verblüfften einige grobe Ohrfeigen. Der arme Schelm verteidigte sich vergebens. Der wirkliche Täter, der mit vollen Backen kauend gesehen worden war, hütete sich wohl, den Zorn auf sich abzuleiten. Und so blieb denn die Sache dabei.
Waren wir Kellner unter uns und sahen einander an, so kam uns die ganze Erbärmlichkeit unseres Standes recht kraß zum Bewußtsein. Wir hatten uns ja regelrecht verkauft,[47]  verkauft gegen Trinkgeld! O diese Sitte! Dieser klingende Zwang zur Demütigung und Unterwerfung, der ein freies Geschlecht nicht aufkommen läßt! Den Geber verleitet sie zum Hochmut und zur Menschenverachtung; dem Nehmer raubt sie das letzte Gefühl der Menschenwürde.
Das Trinkgeld ist nämlich nicht der Lohn für geleistete Arbeit, es ist die Vergütung eines besonderen Verdienstes. Man muß sich dieses Hundesoldes erst würdig weisen. Das versuchten wir denn auch durch Laufen, Bücken und Scharwenzeln, durch tausend Aufmerksamkeiten in Blick, Miene und Gebärde. Wir scheuerten jedes Stühlchen, wie ein kleines Mädchen seinen Puppenkopf, vom Staube, der gar nicht darauf lag, bevor wir den Herrschaften erlaubten, Platz zu nehmen. Wir trippelten und tänzelten und drehten uns nach allen Windrichtungen zugleich. Ließ die Hand der »Gnädigen« oder des »Gestrengen« etwas fallen, so stürzten wir, wie Sternschnuppen, zu deren Füßen, wobei nicht selten volle Gläser im Übereifer umkippten.
Aber das Trinkgeld muß nicht nur eigens verdient werden; es wird von dem Kellner erwartet; es wird erlistet, ergattert, erschwindelt, erpreßt. Handlungen, die dem Strafgesetzbuch unterliegen, galten dem Kellnervolk um mich herum als erlaubt, ja als geboten. Wie die Besitzer derartiger Häuser, vom feinsten Gasthof bis zum gewöhnlichsten Fuselbudiker herunter, ihre eigenen Gesetze haben, so bildet sich auch unter ihren Angestellten eine eigene Ehrlichkeit aus. Vom Trinkgeld allein konnte sich keiner dieser Kellner das große Speisehaus oder den nobeln Gasthof ersparen, als deren Besitzer sie sich nach 10–20 Fronjahren breit zu machen hofften. Da mußten besondere Kunststücke mit helfen. Wie z.B. folgender Kniff. Ein Gast bestellt nach der Weinkarte eine Flasche von fünf oder neun Mark, und es wird ihm eine Flasche von drei oder sechs Mark vorgesetzt. Wie das möglich sei? Nun, es braucht dafür nur etwas Fingerfertigkeit und viel Frechheit. Der Kellner löst bei allen besseren Weinen die[48]  Marken von den geleerten Flaschen und hebt auch die gestempelten Korke auf. Verlangt nun jemand einen Sechsmarkwein, so zieht der Kellner eine Dreimarkflasche, die er mit der richtigen Marke versehen hat, aus »zarter Rücksicht« am Schanktisch auf und trägt sie mit dem bereitgehaltenen Kork dem Besteller dar. Dieses Verfahren ist bei allen Weinen möglich, mit Ausnahme des Champagners, der immer verkorkt aufgetragen wird und einen vorherigen Wechsel des Korkes nicht verträgt.

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Ja, sogar wenn der Gast die Flasche zugekorkt verlangte, konnte er betrogen werden. Staniolverschluß um den Kork begünstigt den Betrug. Siegellackverschluß in immer andern Farben, je nach der Preislage, erschwert ihn, ohne ihn zu beseitigen; denn man braucht nicht gerade ein Hexenmeister zu sein, um den richtigen Siegellack für den betreffenden Fall zur Verfügung zu halten.
In dem Biergeschäft, wo ich als Konfirmand Flaschen spülte, wurden auf Pilsener, Grätzer usw. lautende Marken, die das Haus drucken ließ, Nachahmungen, die in Fässern geliefert und auf Flaschen gezogen wurden, aufgeklebt, und diese als echte Biere in den Handel gebracht.
Ähnliche Schwindelgriffe und -kniffe könnte ich dutzendweise anführen und an ihnen nachweisen, wie auch das arme Volk betrogen wird.
Ich hielt es in meiner Vertrauensstellung über vier Monate aus. Dann ward mir die Sklaverei zum Ekel, und ich sann auf Flucht. Nach Hause wollte ich um keinen Preis zurück; ich hätte es als Schande empfunden, unausgelernt vor meine Eltern und Verwandten hinzutreten. In dieser Verlegenheit gedachte ich meines ältesten Bruders, der seit einigen Jahren als Zigarrenarbeiter in Hamburg tätig war.
Ich schrieb an den hamburgischen Senat und bat um die Adresse meines Bruders. Nach einem Monat brachte der Postbote einen großen Brief, der den Stempel der hamburgischen Polizei trug. Ich war eben nicht anwesend.[49]  Der Brief erregte Neugier und erweckte Verdacht. Der Verwalter ließ mich rufen, zeigte mir den Brief und fragte, ob ich daran denke, nach Amerika durchzubrennen. Ich antwortete, der Brief melde mir die Adresse meines Bruders, der mir noch nicht aus Hamburg geschrieben habe. Damit war die Sache erledigt. Ich war glücklich wie ein Schneekönig. Von nun an schweiften meine Gedanken immer nach Hamburg, und vor mir lag ein Weg, der mich den Händen des brutalen Oberkellners für immer entführen konnte.
Ich hatte von dem Trinkgeld, d.h. von dem Schandsold, an die achtzig Mark erspart. Mit Kleidern war ich genügend versehen. Sogar mein Konfirmationszeug war noch recht anständig. Ich erlauerte eine günstige Gelegenheit zur Flucht. Sie kam gegen Mitte August. Der Oberkellner hatte mich, ich weiß nicht unter welchem Vorwand, wieder einmal geohrfeigt. Ich wartete die ruhigeren Nachmittagsstunden ab, ging auf mein Zimmer und bat einen Kollegen, mir beim Herunterschaffen meines Koffers zu helfen. Er wagte es nur bis auf den untersten Stock. Da lud ich den Koffer auf den Rücken, ging leise die letzte Treppe hinab, riß die in unmittelbarer Nähe hängende Haustür auf und stolperte ins Freie. Vor Aufregung wäre ich fast zusammengebrochen. Zum Glück kam ein Arbeiter die Straße her; ich bat ihn, meinen Korb zu tragen. Wir durchquerten den vor dem Kasino gelegenen Platz und schritten dem Friedhof zu. An der Straßenbiegung warf ich einen Blick zurück. Da sah ich, wie unsere Küchenmamsell im Fenster lag und meinen Auszug mit ratlosem Erstaunen verfolgte.
Die Frau des Friedhofwärters war unsere Waschfrau und mir wohl gesinnt. Ich durfte die Nacht in ihrem Hause verbleiben und schlief und träumte selig, ohne von den Toten geängstigt zu werden.
Die Polizei hatte ich noch an demselben Abend von meinem Fortgange in Kenntnis gesetzt und zugleich meinen[50]  Abgangsschein gefordert. Man wollte mich durch Zureden und Drohungen zum Bleiben bewegen. Ich blieb standhaft. Da weigerte man mir rundweg die Einhändigung des Abzugsscheines. Ich ging trotzdem. Am anderen Tage brachte mich eine Droschke zum Bahnhof. Der Kutscher verließ mich mit zufriedener Miene. Ich gedachte, meinen Bruder in Hamburg unangemeldet zu überraschen. Vorerst löste ich eine Karte IV. Klasse nach Berlin.
Der Wagen war voll bis zum Ersticken. Auswanderer mit Kindern und Säuglingen, Landleute, Hausierer, polnische Juden hockten und standen bunt durcheinander. Mütter kauerten am Boden und reichten hungrigen Mäulchen die Brust. Aus Rücksicht auf die Kleinen, die zum Teil schon kränklich aussahen, mußten die Fenster geschlossen bleiben. Mein Schloßkorb lud ein junges Mädchen verführerisch zum Sitzen ein. Sie ließ sich auf der einen Hälfte nieder, lehnte sich an die Wagenwand und schlummerte bald ein. Ich stand am Fenster und sah die unbekannten Landschaften im raschen Wechsel an mir vorüberfliegen. Aber mein Auge ermüdete und meine Beine sehnten sich nach Ruhe. So ging ich denn in die Kniebeuge, setzte mich auf die andere Hälfte meines Koffers, aber so sachte, daß das hübsche Mädchen nicht gestört ward, und suchte ebenfalls einzuschlafen. Bei dem eintönigen Gerassel des Zuges und dem rhythmischen Wagengerüttel hielt das nicht schwer. Bald war ich hinüber.
Die Arme hatte ich über dem Einnicken um Hals und Brust des schlafenden Mädchens gelegt. Beim Erwachen, oder vielmehr im Zustand des innern Aufwachens, wie es dem Öffnen der Augen vorhergeht, fühlte ich unter meinen Händen den jungen, vollen Körper meiner Nachbarin und war alsbald darauf bedacht, diese recht angenehme Dämmerlage möglichst hinauszuschieben. Das Mädchen mochte schon längst wieder munter sein, aber sie rührte sich nicht aus zarter Furcht, mich, bei dem sie willkommene Schlafgelegenheit[51]  gefunden hatte, zu stören. Sie duldete in reizender Rücksicht meine Hände auf ihrer Brust.
Meine Hände hätten noch lange so ruhen mögen. Aber ich mußte mich doch zum Erwachen entschließen, öffnete die Augen, spielte den Schlaftrunkenen, ließ meine Finger bei ihrem lieblichen Gefühl und sah mich nach der Nachbarin um. Da blickte ich in zwei große Blauaugen, die voll unsagbarer Zärtlichkeit und voll jungfräulicher Verlegenheit in meinen Blick herniedertauchten. Ich zog nun meine Hände rasch zurück, richtete mich auf, tat verwirrt und entschuldigte mich. Sie dankte mir in rührender Einfalt. Wir kamen ins Gespräch und unterhielten uns sehr gut. In Bromberg mußte das schöne Kind aussteigen. Ich blickte ihr mit Bedauern nach.
Am andern Morgen gegen sechs Uhr lief mein Zug in Berlin ein.
Ich erkundigte mich bei einem Schutzmann über die Fahrgelegenheiten nach Hamburg. Der Gewaltige musterte mich von oben bis unten und erklärte, der erste Zug, ein Schnellzug, fahre um 9 Uhr und koste 23 Mark; der zweite, ein Personenzug mit IV. Klasse, fahre um 2,30 nachmittags und koste nur 6,20 Mark. »Ich danke,« erwiderte ich. »So will ich mit dem Schnellzug fahren!«
Ich trat an den Schalter und forderte eine Karte nach – – Weiter kam ich nicht, denn ein schwerer Griff drückte meine Schulter und zwang mich zum Wenden. Es war die Hand des eben befragten Schutzmanns. Er führte mich, trotz aller Versicherungen, als verdächtig in die Wachstube. Hier gab ich alle verlangten Auskünfte und verschwieg auch nicht, unter welchen Umständen ich E. verlassen hatte. Telegraphisch eingezogene Erkundigungen bestätigten meine Aussagen. Aber der Polizei blieb es noch immer verdächtig, daß ich blutjunger Mensch, der nicht nach einem Rentner aussah, im Schnellzug nach Hamburg wollte. Ich erklärte, mit dem Personenzug käme ich erst nachts in Hamburg an; da ich meinen Bruder nicht benachrichtigen wollte, hätte[52]  ich bei Tage eintreffen müssen, was mir mit dem Schnellzug möglich gewesen wäre. Dann ward mein Koffer gründlich durchstöbert und ich durfte gehen. Der Schnellzug aber war inzwischen abgedampft. Ein höherer Polizeibeamter tröstete mich und meinte, ich möchte doch mein sauer verdientes Geld nicht so leichtsinnig aus geben, und ich käme auch im Bummelzug nach Hamburg.

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Ich begab mich in einen Gasthof. Nachher wollte ich mich in Berlin umsehen. In der Gaststube wendete sich ein feingekleideter Herr an mich: »Wohin ich fahre? und wann? Er fahre mit demselben Zug.« Zugleich überreichte er mir seine Karte. »Hermann de l'Or« stand darauf zu lesen.
Der vornehme Mann machte mächtigen Eindruck. Solch ein Herr und so leutselig! Der edle Menschenfreund versicherte, er kenne Berlin, und stellte sich mir für die drei Stunden zur Verfügung. Ich war entzückt. Wir tranken ein Glas und begaben uns auf den Weg.
Durch das Brandenburger Tor wandelten wir Unter den Linden hinauf. Ich freute mich an dem großartigen Verkehr und bewunderte die prächtigen Häuser; besonders gefiel mir das Panoptikum. Plötzlich stellte sich bei meinem Begleiter Durst ein. Er kenne ein Lokal, wo es gutes Bier gebe. Wir traten ein.
Es waren ziemlich viele Gäste anwesend. Einige spielten Karten. Mein Führer fand Gefallen an dem Spiel, setzte und gewann, und zwar ziemlich viel in kurzer Zeit. Die Mark-, Fünfmark- und Zehnmarkstücke wurden nur so hin und wieder geschoben. Ich verspürte Lust, meinerseits das Glück zu versuchen. Ich setzte und war im Augenblick um acht Mark ärmer. Mir wurde schwül. Mein Kleingeld war alle. Ich hätte in die hintere, die sogenannte »Spitzbubentasche«, langen müssen, um neue Moneten herauszuholen. Das wagte ich nicht vor all den fremden Leuten. Auch kam mir plötzlich ein Verdacht. Die Gesellschaft sah sich so merkwürdig an. In manchem Auge lauerte heimliche Gier[53]  und Erwartung. Ich drängte zum Fortgehen. Mein Bekannter blieb sitzen wie ein Stock. Mir schwindelte. Ich rang nach Luft, sprang zur Türe; riß auf, stürzte hinaus. Und zum Bahnhof, zum Bahnhof!
Niemand folgte mir. Monsieur Hermann de l'Or war ein Gauner. Sein Name heißt, wie ich mir später erklären ließ, auf gut Deutsch: »Man her mit dem Gold!« Das Spiel aber, das mich von meinen Ersparnissen erlösen sollte, war das verruchte Kümmelblättchen.
Diese Erfahrung steckte mir ein Licht auf. Von Wittenberg aus telegraphierte ich meinem Bruder, ich würde um 11,10 nachts in Hamburg aussteigen. »Weißer Schloßkorb und Schirm Erkennungszeichen!« ward in der Anzeige mit vermerkt. Denn als mein Bruder in die Welt ging, war ich erst 9 Jahre alt, so daß wir uns nicht so ohne weiteres wiedererkennen konnten.
Der Bahnhof war hell erleuchtet. Ich überließ mich dem Menschenstrom und stellte mich voll zitternder Erwartung beim Ausgang auf. Da trat ein gut gekleideter, junger Mann auf mich zu. Der fragte: »Verzeihung, wie kommt man nach Sankt Pauli?«
Ich erwiderte, ich wollte auch hin, und wisse ebensowenig, wo der Stadtteil liege.
Er sah mich scharf an und fuhr fort: »Ich suche die Kampstraße.«
»Nach der Straße will ich auch.«
»Nach Nummer 24?«
»Allerdings, diese Nummer suche ich.«
»Dritter Stock, Schuhmacher Herwart?«
Da war kein Zweifel mehr möglich.
»Ja,« rief ich froh, »zu Rudolf Bergg – und der bist du.«
Da fielen wir uns in die Arme und küßten uns. Ich empfand in dem Kuß die ganze Seligkeit der brüderlichen Liebe.



 2.










[54] Mein Bruder, der als Zigarrenarbeiter in einem kleinen Ladengeschäft angestellt war, ließ die Arbeit drei Tage ruhen und führte mich durch Hamburg herum. Wir besahen die Stadt und den gewaltigen Hafen. Abends gingen wir ins Konzert und ins Theater. Es war zum erstenmal im Leben, daß ich vor den weltbedeutenden Brettern saß. Man gab »Wilhelm Tell« von Schiller. Ein ganzer Himmel ungeahnter Empfindungen erschloß sich mir.

»Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
wenn unerträglich wird die Last, greift er
hinauf getrosten Mutes in den Himmel
und holt herunter seine ewigen Rechte ....
Der Güter Höchstes dürfen wir verteidigen
gegen Gewalt .....«

Wenn ich auch nicht alles an der Dichtung verstand, diese ehernen und ewigen Sturmglockenverse griffen mir ans Herz und läuteten meine Begeisterung mächtig wach.
Nach einer Woche ungewohnten, freien Glückes begann ich meine Lehrzeit bei demselben Zigarrenfabrikanten, bei dem auch mein Bruder gelernt hatte. Das Zigarrenmachen ist eher ein freies Gewerbe; es wurden recht gute Lehrbedingungen gewährt. Die Lehrzeit sollte 2 Jahre dauern. Der Meister beköstigte und beherbergte mich.
Meine Ersparnisse vertraute ich meinem Bruder an. Er zahlte mir wöchentlich ein kleines Taschengeld, von dem ich mir das Notwendigste kaufte. Im Laufe der Lehrzeit gab er mir die fünfzig Mark wohl doppelt wieder. Aber noch mehr, er erzog mich zu einem selbständigen Menschen. Dank einer guten Lehrweise machte ich rasche Fortschritte. Schimpfworte oder gar Schläge waren ganz unbekannt. Ich wurde wie ein Kind vom Hause behandelt. Um 71/2 Uhr begann der Feierabend, ein Wort, das in E. für mich überhaupt nicht im Wörterbuch stand.[55]
Die Zeitung ward über der Arbeit laut vorgelesen. Die Arbeiter lösten sich hinter dem Vorlesestuhl ab. Daneben kamen auch Bücher wissenschaftlichen Inhalts zu ihrem Recht. An das Lesen knüpften sich Besprechungen und ein Meinungsaustausch, der mich ungemein fesselte. Ich bereicherte dabei mühelos meine Einsicht in die mannigfachsten Verhältnisse des Lebens. Diese Männer, die so klar und warm zum Herzen sprachen und mich so rücksichtsvoll behandelten, waren Sozialdemokraten.
Ich ward trotz meiner Jugend wie ein junger Mann geachtet. Drei Wochen nach meinem Eintritt führte mich mein Meister, Metzler hieß er, in eine große Versammlung von Zigarrenarbeitern in Tütjes Salon. An die 2000 waren zugegen. Zum ersten Male war, seit dem Jahre 1878 mit seinen Verhetzungen gegen die Sozialdemokratie, eine unpolitische, reine Gewerkschaftsversammlung von dem hamburgischen Senate freigegeben worden. Mein Bruder sollte als Hauptredner über die Lage der Tabakarbeiter und über die Abschaffung der Heimarbeit sprechen. Er war mit einem scharfen Verstand und einer natürlichen Rednergabe ausgerüstet und entledigte sich, trotz seiner 21 Jahre, seiner Aufgabe in einem zweistündigen Vortrag, der eine große Wirkung erzielte.

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Mein Lehrherr bewog mich, dem Hamburger Bildungsverein beizutreten; er selbst bezahlte den Monatsbeitrag. Der Bildungsverein war eine Art Volksschule. Außer den freien Wahlfächern hörte man jeden Donnerstag bei gediegenen Fachmännern Vorträge über alle wichtigen Fragen der wirtschaftlichen Gegenwart, über Entwicklungslehre, Geschichte, Länder- und Völkerkunde, Himmels- und Wetterkunde, Wind- und Meeresströmungen; die Darbietung war gewöhnlich klar, gemeinverständlich und gründlich. Die meisten Hörer und Mitglieder gehörten zur Sozialdemokratie. Trotzdem hatte der Verein seinen unpolitischen Charakter stets zu wahren gewußt und war auch nicht dem Ausnahmegesetz von 1878 verfallen.[56]
Zu Hause besaß Metzler eine kleine gewählte Bibliothek, in der auch nicht eine sozialistische Zeile aufzutreiben war. Ich las in meiner freien Zeit fleißig die Klassiker, studierte Beckers Weltgeschichte und nahm das Konversationslexikon emsig zu Hilfe. Meinen Bedarf an Humor deckte ich bei Fritz Reuter und Daniel Barthels. Mein geistiger Gesichtskreis erweiterte sich rasch. Mein Gehirn war aufnahmefähig wie ein trockener Schwamm. Ich schwelgte in seelischer Wollust.
An den Erörterungen in der Werkstatt nahm ich nur als Zuhörer teil. Manchmal stellte ich Fragen, die bewiesen, daß ich von Natur nicht beschränkt, sondern mit einem recht guten Aufnahme- und Verständnisvermögen ausgerüstet war. Auch zeugten meine Fragen für die Selbständigkeit der Denkkraft und für den Umfang, womit ich mir das Gelesene oder Gehörte zu eigen gemacht hatte.
Im Theater suchte ich lieber das Schauspiel und die Tragödie, als das Lustspiel und die Posse. Der Besuch der Museen und der Kunsthalle, in Begleitung kunstverständiger Personen, das Lesen der Besprechungen über Kunst und Theater in Zeitungen, der Verkehr mit meinem Bruder, das alles gab meinem Leben eine innere Wendung und führte mich allmählich einer festen Weltanschauung entgegen.
Ein Buch über die altgriechisch-römische Götterlehre machte mich vertraut mit den Sitten und dem Geiste ferner Zeiten, wie sie ihren Ausdruck fanden in den Staatsverfassungen von Lykurg, Solon, Servius Tullius, Perikles. Meine Kenntnis der antiken Welt erweiterte sich am Studium der antiken Plastik in der Kunsthalle, an den Übersetzungen von Homer und Sophokles, an Schillers und Goethes Dichtungen, an Shakespeares »Antonius und Kleopatra«. Ich durchkostete in der Vergangenheit Stunden des stärksten Lebensgefühls. Eine unbeschreibliche Sehnsucht erfaßte mich, die Länder zu sehen, wo Prometheus geboren ward, der größte Wohltäter und Befreier der Menschen,[57]  der sich diesen zulieb an den Kaukasus schmieden ließ; wo Herkules am Scheideweg die Tugend als Führerin wählte; wo Aphrodite den Wogen entstieg und im Schönheitsstreite über Pallas und Here siegte; wo Achilles kämpfte und Odysseus wachte und Iphigenie im Dienste der Götter reine Opfer darbrachte.


Es ging von dieser versunkenen Welt ein solcher Glanz aus, daß er meine Seele blendete, daß ich die wirkliche Welt um mich her fast ganz vergaß, daß ich mir erdfern in den Wolken Inseln und Burgen der Seligen erbaute.
Dieser Zustand setzte sich ungefähr ein Jahr lang fort. Da entdeckte ich unvermutet und ganz von selbst eine andere Welt, die mir erst die rechte Heimat werden sollte.
Die Tabaksrippen, die seit Jahr und Tag auf dem Boden aufgestapelt wurden, schwollen zu bedrohlicher Masse an. Deshalb ließ sie der Meister eines Tages ausräumen. Über der Arbeit stieß ich in einem Winkel des Speichers auf Kisten voll Bücher. Ich griff zu und las die Aufschriften: es waren Schriften von Karl Marx, Friedrich Engels, Lassalle, Liebknecht, Bebel, Dietz und anderen sozialistischen Schriftstellern. Augenscheinlich hatte mit dem Inkrafttreten des Sozialistengesetzes von 1878, das die gesamte sozialistische Literatur verbot, Meister Metzler seinen ganzen gefährlichen Bücherbestand auf den Boden geflüchtet, was mir die so zahme Zusammensetzung seiner Hausbücherei verständlich machte. Jetzt hatte ich nach vier Jahren den geheimen Schatz aufgestöbert und machte mich gierig darüber her.
Vorerst nahm ich Lassalle vor. Ich verschlang den »Franz von Sickingen« und einige Broschüren, wie: »An die Arbeiter Berlins«, »Julian Schmidt« usw. Mich ergriff eine richtige Lesewut, die sich auch die Nächte dienstbar machte. Ich las oft bis morgens durch, ohne geschlafen zu haben, und begab mich frisch und munter an die Arbeit. Natürlich hüllte ich mich dem Meister gegenüber in Schweigen. Die Kiste auf dem Speicher ward zur unerschöpflichen[58]  Leihbibliothek, wo ich meinem stets wachsenden Hunger Nahrung suchte.
Lassalle folgten die übrigen, alle die »berüchtigten Feinde« der Gesellschaft und ihrer heiligen Einrichtungen, eine stolze Verschwörerschar. Ich widmete mich ihrem Dienste mit einem Eifer, daß ich gegen Ende meiner Lehrzeit mit der sozialistischen Literatur so ziemlich vertraut war. Endlich hatte sich mir die reale Welt entschleiert, die Welt der Wirklichkeit, die dem Volke stets verborgen gehalten ward. Der Sozialismus ging meiner Seele auf als das Morgenrot der Zukunft. Von seinem warmen Glanze angelächelt, erfüllte mich die edle Begeisterung, meinerseits mitzukämpfen für die Aufrichtung der geistig und körperlich unterdrückten Menschheit, mitzuhelfen an ihrer politischen Befreiung, und damit dem armen Proletarier seine Ideale wiederzugeben.
Unter den Verhältnissen ging meine Lehrzeit vorüber wie ein angenehmer Traum, der mir die schönsten Überraschungen bereitete. Es wuchsen mir Flügel. Einmal vom Atem der Freiheit angehaucht, wollte ich diese Flügel zu stets höherem Aufstieg einüben, um so der Freiheit des Ganzen, der Wahrheit im Ganzen von Tag zu Tag näher zu kommen.

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Alle Quellen und Bäche der Erkenntnis auf allen übrigen Gebieten der Wissenschaft, der Geschichte, der Literatur und Kunst, der Philosophie mündeten mir nun wie von selbst, fortgerissen durch ihre eigene Schwerkraft, in den allumfassenden Hauptstrom des Sozialismus. Von diesem Strome mußten sich dann tausend Kanäle abzweigen, um mit Millionen von Adern der unter allen Himmelsstrichen dürstenden Menschheit die erquickende Frucht zu spenden.
Um jene Zeit, im Jahre 1883, ward bei einer Reichstagsnachwahl Bebel an Stelle eines Fortschrittlers im ersten hamburgischen Wahlkreis gewählt. In der Volksmasse war der Jubel ungeheuer. Der wichtige Sieg tat kund, daß auch ein bedeutender Teil des Bürgertums zu den Bestrebungen[59]  der Sozialdemokratie hinneigte. Ein paarmal war ich Augenzeuge, wie die unter dem Ausnahmegesetz Ausgewiesenen sich nach Amerika einschifften. Es kam dabei zu herzzerreißenden Abschiedsszenen. Tausende standen auf den Landungsbrücken, um den scheidenden Märtyrern, vom Vaterland ausgestoßenen Heimatlosen, ein wunschstarkes Lebewohl zuzurufen.
Überdem ging meine Lehrzeit zu Ende. Mit ihr die »Sturm- und Drangperiode«, in die ich mich hineingelesen und hineingewühlt hatte. Ich verließ Metzler und trat als Arbeiter in dasselbe Geschäft, wo mein Bruder tätig war. Es war dies eine kleine Zigarrenfabrik, die zehn Arbeiter nebst einigen Frauen und Mädchen beschäftigte. Auch hier wurde über der Arbeit vorgelesen und der Vorleser entschädigt. Dem Unterstützungsverein deutscher Tabakarbeiter war ich ebenfalls beigetreten. Bei Besprechungen über Gelesenes und Gehörtes übte ich mich im Denken und im Ausdruck; in öffentlichen Versammlungen das Wort zu ergreifen, wagte ich noch nicht.
Aber an den im November 1884 stattgefundenen Reichstagswahlen half ich mit lebhafter Werbearbeit aus. Ich verbreitete im II. Wahlkreis Flugblätter und Stimmzettel für den Arbeiterkandidaten Dietz. Am Wahltag trug ich stolz eine Standarte durch die Straßen des Bezirks, worauf in großen Buchstaben zu lesen stand: »Wähler, wählt den Arbeiterkandidaten J.H.W. Dietz, Buchdrucker – Stuttgart.« Das Auszählen der Stimmen am Abend ergab in meinem Bezirk ein Mehr von einigen hundert Stimmen über den Gegner. Nach etwa einer Stunde waren sämtliche Wahlergebnisse aus dem Kreis bekannt und zusammengestellt. Dietz war gewählt mit 2000 Stimmen Mehrheit. Der Jubel der Arbeiter war unbeschreiblich. Man fiel sich in die Arme und küßte sich. Das Parteihaus ward illuminiert. Die rote Fahne flatterte für eine Sekunde in den Nebel der Nacht hinaus und warf im grellen Schein der Beleuchtung wirkungsvolle Falten. Nach ein paar Stunden[60]  liefen Nachrichten aus den übrigen Wahlkreisen ein. Am andern Tage wurden die Meldungen aus allen Teilen Deutschlands mit leidenschaftlicher Spannung empfangen. Die Sozialdemokratie war mit 24 Namen aus den Schicksalsurnen hervorgegangen. Wir durften zufrieden sein.

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Nun litt es mich noch über ein halbes Jahr in Hamburg. Dann stürmte mir der Wanderwind in den Nacken. Die Sehnsucht nach den Ländern der alten Dichter ward wach. Ich wollte mich in den unbekannten Weiten umsehen und hinauswachsen über mich, Hamburg und Preußen. Ich wollte geistig erstarken durch eigene Kraft, dank zweier offenen Augen und eines wagefrohen Sinns. Genossen, die von der Wanderschaft kamen, standen in besonderer Achtung bei mir. Heimlich beneidete ich sie. Auch nahm ich wahr, wie andere Leute ihnen vor nicht gereisten Kameraden den Vorzug gaben.
Schließlich konnte ich das Drängen des Blutes nicht mehr zügeln. Ich gab meinem Bruder Bücherei und Schloßkorb in Verwahr, steckte einige Taler und mein Reiseunterstützungsbuch in die Tasche, griff zum Stab und machte mich anfangs Sommer, gegen Mitte Juni 1885, auf die Sohlen zum Weg in die weite Welt.



1.










[62] Von Hamburg trug mich das Dampfschiff durch die herrliche Elbelandschaft nach Harburg. Hier stellte ich mich auf eigene Füße und strebte in der Richtung nach Braunschweig fort.
In der Nähe von Ülzem kehrte ich auf einem Bauerngut ein und verlangte Milch. Der Hof sah recht verwahrlost aus, ebenso die Kinder, die mich gaffend umstanden. Die Bäuerin brachte die Schüssel dicke Milch und blieb in meiner Nähe. Ich bemerkte, daß die vielen Kinder ihr schwere Arbeit machen müßten. »Ach Gott, ja,« klagte sie, »und dabei ist ihr Vater für vier Jahre ins Gefängnis gesetzt.« Und Tränen rieselten der armen Frau übers Gesicht. Da erfuhr ich folgendes: Ihr Mann, ein überzeugter Hannoveraner, hing mit Leib und Seele am entthronten Welfenhaus. Bei den letzten Wahlen hatte er sich zu einer groben Majestätsbeleidigung hinreißen lassen. Dafür mußte er und seine unschuldige Familie so schwer büßen. Ich gab dem jüngsten Kind ein kleines Geschenk und ging betrübt von dannen. Dabei kam mir in die Erinnerung, wie seit Gründung des Reiches an die zweitausend Jahre Gefängnisstrafe für Majestätsverbrechen sollen verhängt worden sein!
Die Lüneburger Gegend brachte wenig Abwechslung und Anregung. Ich kam durch Dörfer, wo nicht einmal aus dem Schmiedeschornstein Rauch aufstieg, wo kein Geräusch, nicht einmal das freudige Hammerlied des Ambosses,[62]  an mein Ohr schlug. Nur schwer vermag diesem sandigen Boden der Bauer sein Leben abzuringen; dabei leistet ihm die Biene, das Sinnbild des unverdrossenen Fleißes, willkommene Hilfe. Die ganze Sehnsucht des Honigbauers zielt auf ein nasses Jahr, damit ihm die Kartoffel, der magere Buchweizen, das spärliche Korn nicht verdorre und er, neben dem Heidekraut und Ginster, auch richtiges Stroh für seine Tiere heimfahren könne.
Je weiter ich die Lüneburger Heide hinter mir ließ, um so fröhlicher wurden Natur und Menschen. In der Altmark herrschte reges Treiben. Auf den Wiesen lag eben die Heumahd hingestreckt. Frauen und prächtige Mädchen in altmärkischer Tracht rechten das weithin duftende Heu. Meinen Gruß erwiderten Stimmen voll heller Lebenslust und Zuversicht.
Fallersleben, der Geburtsort des Dichters Hoffmann, zog mich an. Ich hatte damals erst einige Gedichte von ihm auf der Schulbank gelesen. Trotzdem begrüßte ich sein Geburtshaus, das eine Denkschrift trägt, mit Ehrfurcht. Später erfuhr ich, daß dieser Hoffmann auch ein tapferer achtundvierziger Demokrat war, der seine Staatsstelle als Professor verlor und sich voll stolzer Würde als freier Schriftsteller recht und schlecht durchschlug.
Die Herbergen und Gasthöfe, die ich bis Braunschweig antraf, hatten mehr oder weniger unsaubere Räume, schlechte, mit schmutziger Wäsche bezogene Betten, in die man sich nackend hineinlegte, und zwar gewöhnlich zu zweien. Mir begegnende Handwerksburschen pflegten zu fragen, ob ich den Gendarm gesehen habe. Da ich noch ein »Äffchen« war und mich um solche Schutzengel nicht kümmern wollte, konnte ich immer nur halbe Auskunft geben.
In Braunschweig litt es mich nur eine Woche. Die Fabrik, in der ich arbeitete, lieferte schlechten Tabak und schädigte damit den Akkordarbeiter. Auch beschied mich die Polizei aufs Amt, weil ich in meinem Anmeldeschein hinter die Rubrik: Religion »Keine« geschrieben hatte.[63]
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In Magdeburg blieb ich einen Monat. Diese Stadt hatte sozialdemokratisch gewählt. Die Politik bildete den gewöhnlichen Gesprächsstoff der Arbeiter. Aber es fiel mir schon hier auf, daß sich die Arbeiter und Arbeiterinnen im Reden und Politisieren lange nicht so frei gaben. Je südlicher ich kam, um so unfreier wurden sie.
Die Aufsicht ward in Magdeburg beleidigend gehandhabt. Die Frauen wurden geradezu durchsucht Die Männer hatten sich erst unlängst durch einen Streik das Antasten verboten. Um so mißtrauischer wurden sie über der Arbeit verfolgt, und beim Verlassen der Fabrik mußten wir unter den forschenden Blicken der Bureaubeamten Spießruten laufen. In Hamburg war so was unbekannt. Dort durfte der einzelne Arbeiter täglich drei bis fünf, Sonntags ein Dutzend Zigarren für seinen Bedarf mitnehmen. Hier gestattete man uns ein halbes, höchstens ein Dutzend für die Woche. Dafür ward, trotz der Aufsicht, fleißig gestohlen, so daß der Arbeitgeber schließlich noch einen größeren Verlust erlitt. In einer Versammlung redete ich gegen diese Übelstände. Es war das erstemal, daß ich öffentlich auftrat. Ich wußte nicht, wie ich sprach, und war über den Beifall, der mir gespendet wurde, recht erstaunt.
Über Halle und Leipzig kam ich nach Hof. Ich hatte mich einer Gesellschaft junger Handwerksburschen angeschlossen, die nach Nürnberg wollten. Wir marschierten lustig drauf los und sangen Freiheits-, Wander- und Soldatenlieder. Am 25. August feierte Bayern den Geburtstag seines unglücklichen Königs Ludwig II., den letzten, den er erleben sollte. Das Städtchen Müncheberg lag im Festschmuck und strahlte von Licht. Der König war von seinem Volke geliebt, und die Bürger spendeten an dem Abend ein gutes Maß Bier.
Des andern Tages blieben wir zu den Volksfestlichkeiten in einem Dorf. Da wir anständig gekleidet waren, nahm man uns freudig auf, und wir durften abends auf[64]  dem Festball erscheinen. Gesellschaftszwang war hier unbekannt. Alt und jung tanzte und war guter Dinge. Trat man sich beim Tanz auf die Füße, so brauchte nicht lange mit »Pardon! Entschuldigen Sie! Verzeihen Sie!« um sich geworfen zu werden; höchstens trank man ein »Maßerl« zusammen und hopste munter weiter.
Die Augustnacht war herrlich. Wir beschlossen, im Mondschein weiter zu marschieren. Unser Weg führte durch die sogenannte fränkische Schweiz. Senkrecht emporragende Felsen hockten in der Dunkelheit wie Riesengespenster. Wie große Seen lagen die Wiesen, von niedrigem Nebel überschleiert. Darüber geisterte der bleiche Schimmer der Sommernacht.
Auf die Länge ward mir die Begleitung zur Last. Ich reise überhaupt nicht gern in Gesellschaft; man wird dadurch in seiner Bewegung gehemmt. Ich liebe es unterwegs zu verweilen; ich erkundige mich nach Burgen und Ruinen, nach Sagen und sonstigen Erinnerungen; ich frage nach den Lebens- und Arbeitsbedingungen von Bauer und Knecht, von Pflasterer und Wegewärter.
In Nürnberg geriet ich mit einem rohen Werkmeister zusammen. Der Kerl behandelte seine Arbeiter, besonders die Frauen, äußerst gemein. Mir gegenüber schuftete eine Witwe, die fünf Kinder zu ernähren hatte. Eines Morgens kam sie eine halbe Stunde zu spät und setzte sich außer Atem an ihren Platz. Der Werkmeister stürzte heran, überschüttete die arme Verhetzte mit einem Sturzguß von Unflätigkeiten und drohte mit Entlassung. Die Frau konnte nur weinen und schluchzen. Mich regte das auf. Ich sagte dem Rohling meine Meinung, und zwar recht frank. Es kam zum Handgemenge; ich rang meinen Gegner zu Boden. Darüber erschien der Herr. Alle Anwesenden standen starr und sprachlos. Keiner rührte eine Hand für oder wider mich. Ich schrie auch dem Herrn meine Empörung ins Gesicht, verließ die Fabrik und wanderte fürbaß, auf Regensburg zu.[65]


Bei einem Hopfenbauer blieb ich acht Tage in Arbeit, nicht aus Not, sondern von dem Wunsch geleitet, mich mit den Verhältnissen der Landwirtschaft vertraut zu machen. Um den Hopfenhandel stand es damals himmelschlecht. Der Markt war überfüllt, Spekulanten drückten den Preis. Viele Bauern waren verschuldet, und also kreuzunglücklich, fuchswild. So fand ich sie in der richtigen Stimmung und ich streute den sozialdemokratischen Samen recht kräftig unter ihnen aus. Ob er aufgegangen, weiß ich nicht; es würde mich aber noch in der Todesstunde freuen, wenn ich bayrischen Kirchenvätern für den nächsten Wahlkampf einige Streiter hätte abtrünnig machen können.
Über Eichstadt, Ingolstadt kam ich nach Donauwörth, an der Hand – eines Gendarmen. Als ich in einem Dorfe bettelte, ward ich gefaßt und erhielt drei Tage Arrest. Es war meine erste Strafe. Die Behandlung war im ganzen menschlich. Die Kost allerdings knapp genug. Bei Brot und Kartoffeln und Wasser nimmt der äußere Mensch kaum zu. Und langweilig war es auch in dem vergitterten Loch.
Das »Fechten« an sich ward mir dadurch nicht verächtlich gemacht. Wohl kostet es Überwindung, aber es gehört einmal zum Wandern. Damals wenigstens dachte ich so. Aber das Gefühl, im Gefängnis gewesen zu sein, verursachte mir Schmerz, wenn ich auch die Sicherheit hatte, nichts Entehrendes begangen zu haben. Ich hatte schon vordem dann und wann gebettelt, bei Bauern und Wirten, auch in Klöstern. Nie flehentlich, fast heiter, als ob das Handhinhalten etwas Selbstverständliches sei. Ein junger Mensch ist an sich schon überall willkommen und erweckt in der Bedrängnis, sogar auf der Walze, größeres Mitgefühl als der alte Bettler, der dem Mitleid eine zitternde Hand entgegenstreckt. Ich konnte später, wenn ich in Gesellschaft von meinen Reisen erzählte, ohne jede Verlegenheit erwähnen, daß ich mir »fechtend« durchgeholfen. Aber das Geständnis, daß ich diesetwegen im Gefängnis gesessen,[66]  hätte mir die Kehle zugeschnürt; ich hatte auch das bestimmte Vorgefühl, daß diese Tatsache einen häßlichen Eindruck gemacht hätte.
Ich verließ das Kittchen in gedrückter Stimmung. Ich war von Geldmitteln vollständig entblößt. Außer Nürnberg und München gab es in Bayern damals keine Stadt, wo ich hätte Kilometergeld erheben können. Zigarrenfabriken fanden sich auch nur in drei oder vier Städten. So sah ich mich gezwungen, mich überhaupt bettelnd durchzuschlagen. Jetzt fragte ich auch: »Habt ihr nicht den Gendarm gesehen?« und bekam gewaltigen Respekt vor der bepickelten Vorsehung. Noch einmal ward ich wegen Bettelei bestraft, in Ulm, wo ich länger saß, weil ich dem Gendarm durchbrennen wollte. Als ich entlassen wurde, war es Winter geworden. Es lag Schnee. Ich ging in Holzschuhen, die man mir im Gefängnis gegeben hatte. Ich stieg ins Oberland, kam am Starnberger See vorbei über Partenkirchen und Mittenwald nach Tirol.
Zwei Tage vorher schon war mir von der Hochebene aus aufgefallen, daß sich das Gewölke am Himmel nicht zu verändern schien. Ich äußerte mein Erstaunen vor einem mir begegnenden Landmann. Der lachte breit, senkte die groben Fäuste bis auf den Grund der Hosentaschen und gröhlte: »Dös is hoalt spoaßig! Gloabt so a Bua, dös sei dö Woalk'n. Dös sein hoalt d'Oalp'n, un sei hoalt nit soa saudumma, dös is d'Zugspitzen.« Da wußte ich Bescheid. Aber großartig blieb das Schauspiel trotzdem: Die Alpen, die sich durch die Wolken hinauftürmten und mit weißen Spitzen in den Himmel bohrten!

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Mein Weg ward immer verlorener. Nur noch der Postwagen bahnte sich sein Gleis durch die Schluchten und brachte Leben in die erstarrte Natur. In einer halb verschneiten Postschenke bat ich ums Mittagsbrot. Ich wurde bewirtet wie ein Prinz. Meine Holzschuhe tauten ab vom Schnee. Als ich wieder aufbrechen wollte, brachte mir die gute Wirtin ein Paar sehr gute Gebirgsschuhe. Nun tanzte[67]  ich durch den Schnee und war in einer halben Stunde von Mittenwald an der österreichischen Grenze.
Die Dämmerung brach herein. Ich war ohne Paß und ohne Geld. Sollten mich die Zollwächter vorbeilassen? Im Schutze der Nacht konnte ich mich wohl hinüberschleichen. Aber ich zog vor, noch ein Weilchen zu warten. Da nahte die Straße herauf ein Zug von acht Personen mit vier Handschlitten. Ohne ein Wort zu sagen, schloß ich mich an, faßte ein Seil und schleppte kräftig mit. Keiner der Männer sprach ein Wort. Man ließ mich gewähren. Langsam bewegte sich die Gesellschaft der Grenze zu. Plötzlich bogen wir vom Wege ab und vertrauten uns einem schmalen Pfad durchs Hochgebirge. Immer höher und steiler ging es hinan; die warenbeladenen Schlitten zogen wir keuchend nach. Bald im Zickzack, bald in Schneckenwindungen. Kaum ließ die Enge des Pfades die Schlitten durch. Dann und wann dunkelten zur Seite jähschüssige Abgründe. Nach einer letzten Biegung machten wir halt. Unter den Wämsen zogen die nächtlichen Wanderer Stutzerl hervor und machten sich schußfertig. Ein Imbiß wurde eingenommen; auch ich erhielt meinen Anteil. Dann ging es weiter, durch den Hochwald. Ich wechselte die Seite und schritt links. Die Gebirgslandschaft ward vom aufgehenden Vollmond erhellt. Sein Silberlicht brach tiefschräg durch die Bäume und prallte flimmernd vom gefrorenen Schnee zurück. Ich schritt sicher. Mein Gefährte hatte den Abgrund neben sich, schien aber die Gefahr nicht zu merken. So trabten wir noch vier Stunden lang auf und ab. Mein Herz klopfte stark. Endlich, gegen Mitternacht, kamen wir in ein Dorf. Alles schlief. Nur an einem einzigen Hause brach durch die Ladenritzen ein schwacher Schimmer. Die Türe ging auf, noch ehe wir gepocht hatten. Die Schlitten wurden eingefahren, Reden im Flüsterton gewechselt. Dann riefen sich die Männer ein leises »Grüß Gott« zu und schlichen fort. Ich blieb in der warmen Stube, wo mir eine Pritsche bereitet worden war. Ich schlief bald ein. Trotzdem kein[68]  Schuß gefallen war, träumte ich von knallenden Stutzerln, von Grenzwächtern, die den im fahlen Mondschein glitzernden Schnee mit ihrem Blute tränkten, und von einem Doppeladler, der um ihre Leichen kreiste. Am späten Morgen erwachte ich. Ich war in Seefeld, auf österreichischem Gebiet.
Ich strebte weiter, an der Martinswand vorbei, nach Innsbruck. Von dort fegte mich ein Schneesturm aus Norden über den Brenner. Den Paß säumen ein paar Gasthäuser. »Wolfgang von Goethe, Dichterfürst, übernachtete hier auf seiner Reise nach Italien«, steht auf einer in eine Gasthofmauer eingelassenen Marmortafel zu lesen. Einen Monat später war ich über Matrei, Sterzing, Franzensfeste zum Hohen Jaufen gelangt.
Welch ein gastfreundliches Land! Ohne einen Kreuzer in der Tasche ward ich beherbergt und bewirtet. Der Jaufenwirt, der seit zwei Monaten von der Welt wie abgeschnitten war, hielt mich drei Tage. Ich half ihm täglich sein Haus vom Schnee freischaufeln und den Weg zu der etwa 50 Meter entfernt liegenden Kapelle bahnen.

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Zu dem Jaufenwirt aber hatte ich mich folgendermaßen gefunden.
Im Tale redete mir alles zu, den Hohen Jaufen doch nicht zu besteigen. Weg und Steg sei verschneit. Ich wollte aber nach dem ewigen Frühlingsort Meran und den fünftägigen Umweg über Brixen vermeiden. Da gab mir der Ortsschulze einen mit scharfer Eisenpike beschlagenen langen Bergsteiger und ein versiegeltes Schreiben an den Jaufenwirt. Gesättigt, in der Tasche Lebensmittel für mehrere Tage, machte ich mich morgens fröhlich auf den Weg und hoffte, in fünf Stunden am Ziel zu sein.
In den unteren und mittleren Waldregionen bezeichneten kleine Leidenstationen, sogenannte Marterl, den Weg. Drüber hinaus hörte jeder Wegweiser auf, und mich umgab die Schneewüste des Hochgebirges. Welch friedevolle Einsamkeit! Kein Hauch um mich her. Das[69]  Ohr, das nur an das Geräusch meines Marsches gewöhnt war, empfand es auf einmal seltsam, als ich mich in den Schnee setzte und die Stille plötzlich aufknirschte. O dieses Meer der Ruhe, das sich mit schweigenden Wellen und Wogen hinauszieht! Könnte ich in dieser unbeweglichen Stille doch ewig verharren! Könnte ich aufgehen in dieser gefrorenen Unermeßlichkeit, mich bis zur Auflösung in diese reine Leere hinausatmen!
War es ein Schneesturm oder Lawinengetöse, das mich plötzlich aus den Tiefen meiner grübelnden Sehnsucht emporschreckte? Ich sprang auf und blickte empor. Ein großer Vogel durchsteuerte den Himmel mit breiten Schwingen; ihr majestätischer Schlag erschütterte den Raum.
Der Anblick riß mich aus meiner Trägheit empor und trieb mich höher hinauf. Spät am Nachmittag sah ich aus der Schneedecke etwas Schwarzes emporragen, das einem Schornstein glich. Richtig! Die Wärme hatte den Schnee ringsherum fortgeschmolzen, und so grüßte mich das Jaufenwirtshaus, gleich einem im Eis gefangenen Schiff mit stumpfem Mast, an dem ein durchsichtig blaues Fähnchen in die Luft emporflatterte. Damit erreichte ich für den Tag meine letzte »Station«; eine Leidensstation war sie nicht.
Die einigen Tage, die ich mit dem Wirt und seiner Familie verlebte, brachten mich ihrem Herzen näher, und wir schieden voneinander mit aufrichtiger Rührung.



2.










[70] Vom hohen Jaufen stieg ich nieder nach Meran. Hier bedeckten sich meine Alpenschuhe, die erst durch Eis und Schnee getreten waren, mit – Sommerstaub, denn Meran bleibt des Sommers ewige Braut.
Das Etschtal ist steinig und arm; die Armut steigern jährliche Überschwemmungen, deren Höhe mit wagerechten Strichen in den Gebirgsfelsen angedeutet wird.[70]
Von Trient bog ich durch einen östlichen Seitenpaß ab in eine Gebirgslandschaft voll schauerlich-hehrer Majestät. Stundenlang führt der vom Tageslicht nur spärlich erhellte Pfad durch tausend Meter hohe Felsschluchten, deren Wände sich hoch oben zu berühren scheinen und nur noch einen Faden des Himmels erkennen lassen. Dann und wann weichen die Mauern auseinander und ein tiefgrüner See lächelt aus seiner dunkeln Wiege herauf. Die Wirkung, die von der Natur ausgeht, setzt sich bei mir in musikalische Empfindung um. Hier war es gewöhnlich eine wie im Zwiespalt zerrissene Musik, die mein Auge hörte. Die lieblich süßen Klänge waren selten, sie schwebten wie aus weiter Ferne über schimmernde Wasserspiegel zu mir her. Häufig läuteten und rauschten mich ernste, erhabene Weisen an aus dem Falle der glatten Felsflanken, aus den Tiefen der dunkeln Höhlen. Gewöhnlich aber stürmte es mit ungebändigtem Brausen aus zackigen Schluchten, von aufeinander geschleuderten Felstürmen gegen mich ein, wie eine gewaltige Symphonie, deren Klanggewitter sogar die höchsten Leidenschaften in mir aufpeitschten. Entschlossenheit, Ausdauer, Kampfesmut, Verwegenheit, Trotz, Ingrimm, Haß: das waren die Höhengesänge, die mir aus den Gebirgswänden von Trient nach Primolano in die Augen klangen.
Als ich bei Primolano die italienische Grenze überschreiten wollte, gab es vorher ein kleines Scharmützel mit italienischen Karabinieri. Ohne Geld und ohne Paß wollte es mir nicht gelingen, mich bei den Verbündeten durchzusetzen. Glücklicherweise gesellte sich mir ein österreichischer Handelsjude, der den Dolmetsch machte, hilfreich zur Seite, und so trat der Dreibund zu einer feierlichen Besprechung zusammen.
Die Tagesordnung umfaßte nur den einen Punkt: Soll die Allianz an dem Tag gekündigt oder aufrecht erhalten bleiben? Italien stellte die Vertrauensfrage: »Hat Deutschland Geld?« Österreich erwiderte: »O ja, gewiß.[71]  Zwei Kreuzer.« Italien wurde nachdenklich. Schließlich meinte sein Bevollmächtigter mit Bedauern, zwei Kreuzer sei eigentlich wenig. Zudem trage Deutschland geflickte Hosen; unter den Umständen könne Italien unmöglich ... Hier fiel Österreich dem Verbündeten in die Rede und führte aus, die Bundespflicht gebiete, daß Italien und Österreich dem armen Genossen mit ein paar Kreuzern unter die Arme und mit einem besseren Paar Hosen auf die Beine helfe. Italien wies nach, daß es sich durch den Dreibund nicht weiter belasten dürfe; wenn aber Österreich sich Deutschlands annehmen wolle, so ... Damit war jedes Bedenken gehoben. Der erschütterte Dreibund war aufs neue besiegelt.
Vorher aber hatte Deutschland noch folgende Schlußfolgerung zur Annahme stellen lassen: »In Anbetracht der heimlichen Annektionsgelüste, die das verbündete Italien verrät, indem es alljährlich seine Armeekorps von Bahn- und Tunnelpionieren, Minierern und Sappeuren über Deutschlands Grenzen hinüberwirft, unter der elektrisierenden Führung seiner Orgeldreherkapellen, darf es nicht als unbillig erscheinen, daß Italien seine Grenzen dem einen friedliebenden Manne aus Deutschland frei gebe.« Was denn auch endlich geschah.
Ohne Sang und Klang, mit zusammengerollten Fahnen, betrat Deutschland italienisches Gebiet und marschierte seiner vielhundertjährigen, romantischen Sehnsucht nach.
Venedig mußte ich links liegen lassen. Ich verfügte nicht über den halben Lire Einfahrtsgeld. Und ich schämte mich auf einmal, in dem fremden Lande zu betteln. Es war nämlich ein Sonntag. Die Menschen gingen so heiter und so festlich geschmückt. Der Tag lag so sonnighell. Ein Bettler durfte seine Feierstimmung nicht entweihen. Ich begnügte mich also schweren Herzens, die berühmte Lagunenstadt aus der Ferne zu grüßen und zu bewundern.

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Durch die lombardische Tiefebene wandte ich mich nach Genua. Der März war lieblichmild. Üppig blühten Felder[72]  und Wiesen. Bei Piacenza kam ich an den Po. Eine Schiffsbrücke führte hinüber. Aber der Wächter forderte den Zoll: Zehn Centesimi.
Kurz entschlossen ging ich ans Wasser, kleidete mich aus, band die Kleider zusammen, knüpfte sie an meinem Kopfe fest und warf mich in den Strom. Die Strömung riß mich schräge fort. Die beim Schwimmen gebotene zurückgeworfene Kopfstellung hatte ich nicht berechnet, als ich mir die Kleider um den Hinterkopf band. Ich ermüdete daher schnell. Die Last ward zu groß. Ans Umkehren war nicht zu denken; ich befand mich schon in der Mitte des Stromes. Meine Kräfte schwanden. Ich fühlte, daß ich ertrinken müsse. Verzweiflungsvoll maß mein Auge die Entfernung bis zum Ufer. Ich schwamm nicht mehr mit langen, gleichmäßigen Stößen, sondern mit ungleichen Bewegungen, wie instinktmäßig; von der Brücke her klang ein dumpfes Geräusch in mein Ohr; die Wasserstrudel dröhnten wie Kanonenschüsse. Plötzlich spürte ich Erleichterung. Das Kleiderbündel war vom Kopfe ins Wasser gerutscht und schwamm. Ich brauchte es nur noch zu lenken. Ich raffte meine letzten Kräfte zusammen. Einige kräftige Stöße ... Da spürte ich Grund ... das Wasser reichte bis an die Brust. Ich war gerettet. Am Ufer brach ich zu Tode erschöpft nieder und verlor das Bewußtsein. Aber ich kam rasch wieder zu mir, trocknete meine Kleider in der Sonne und hatte schon die Gefahr vergessen.
Ein Gutsbesitzer, der meiner Schwimmprobe zugesehen hatte, lud mich zu sich ein. Ich verweilte bei ihm acht Tage und ward behandelt wie ein Wundermann. Ich wette, noch heute erzählen die Leute dieser Gegend von dem jungen »Tedesco«, der den Po durchschwamm.
Mit etwas Geld und neuer Wäsche nahm ich Abschied. Genua fesselte mich drei Wochen. Ich arbeitete im Hafen auf deutschen Kauffahrteischiffen und stärkte mich wieder an deutscher Kost. Dann brach ich nach Süden auf.
Pisa verwirrte mich von weitem mit seinem schiefen[73]  Turm. War die Welt schräg geworden oder ich? Der Anblick war mir anfangs wirklich peinlich.
Zwischen Pisa und Livorno traf ich einen Wald. Italien hat keine Forste. Seine schönen Landstraßen laufen schattenlos.
Ein Gewaltmarsch von 16 Stunden brachte mich an die Tore Roms. Vor Grossetto übernachtete ich auf einem großen Gut. Tausende von Ochsen und Kühe gehörten dazu. Die Arbeiter erhielten 1 bis 11/2 Lire den Tag, ohne Kost und Kleidung. Ich fragte, wie es ihnen möglich sei, von dem Hungerlohne zu leben. »Evviva la malaria,« riefen mir einige zu und erklärten mir: Alle Jahre in den Monaten Juli und August herrscht hier die Malaria. Ganze Strecken Land liegen tiefer als der Meeresspiegel. Das Wasser dringt ein, bleibt stehen und entwickelt giftige Gase, die manchmal Tausende von Menschen niederlegen. Dann ist gerade Erntezeit und Arbeitskräfte sind sehr gesucht. Der Lohn steigt bis auf 7 und 8 Lire. Wer gesund bleibt, verdient; wer krank wird, muß es eben dulden. Aber da niemand vorher weiß, wer krank wird, freut sich alles auf die Zeit des Sumpffiebers. Daher »Evviva la malaria.«
Gleich beim Eintritt in die »ewige Stadt« ward ich wundersam ergriffen. Die Menschen kamen mir doppelt anziehend vor. Der Bauer, der gerade ein Fuder Stroh einführte, schien mir mit einem unbekannten Adel bekleidet. Um Dinge und Menschen wob sich für meine Augen ein Gespinst von Schimmer und Weichheit. Das tat die geschichtliche Erinnerung, die so ungeheuer über dieser Erde lagert. Mich durchdrang es als Hochgefühl: Löse die Schuhe von deinen Füßen. Hier wandelst du auf weltgeschichtlichem Grund.
Ich mietete mich in einem bürgerlichen Hause ein. Mein Geld konnte ich sparen. Rom hat mancherlei Hilfsquellen. Konsulat und Vereine nehmen sich der Deutschen an; auch reiche Landsleute geben den Bittstellern gerne. Die Klöster spenden Kleider und gutes Essen. Ich verlebte[74]  in Roms Mauern einen Monat frei von Sorgen und Ungeduld.
Merkwürdiger als durch seine bedeutende Vergangenheit ward mir Italiens Hauptstadt schließlich durch die Gegensätze, die sich zwischen ihren Mauern in der Arena der Weltanschauungen schroff herausfordern.
In einem päpstlichen Palaste hat sich ein weltlicher Herrscher, der Eroberer, niedergelassen, wie früher das Christentum seine Heiligen in heidnische Tempel einführte. Die Hauptstadt der katholischen Christenheit wird durch einen freidenkerischen Stadtrat verwaltet. Auf dem Platze, wo vor dreihundert Jahren Giordano Bruno als lebendige Fackel loderte, erhebt sich heute sein Denkmal, von dem modernen Gedanken dem mittelalterlichen Glauben kecktrotzig vor die Stirne gesetzt. Und wer nach fünfzig Jahren diese Straßen durchwandelt, den grüßen gewiß die Denkmäler Imbrianis, Cavalottis und mancher anderen, die den heutigen Machthabern noch ein Greuel sind und ihre Liebe zum Volke mit Kerker und Verbannung büßen müssen.
Durch die pontinischen Sümpfe suchte ich meinen Weg über Gaeta, Capua, Caserta nach Neapel. Hier blieb ich fünf Wochen und könnte allein über diese Stadt ein dickes Buch schreiben. Welch ein himmlisches Rundbild erschließt sich von der Höhe des Vesuvs dem schwelgenden Auge! Aber welche Armut drunten in dem Gassengewirr! Welche Orgien des Lasters! Welch unerhörte Ausbeutung des Kindes und des Weibes, die sogar nicht vor dem Leib des zehnjährigen Mädchens halt macht!



In Marmorpalästen jauchzen hier Lieder
und »Tränen Christi« schenkt man ein;
doch wieviel Tränen rieseln hernieder
im Weinberg und auf Marmorgestein.

Auch Pompeji besuchte ich. Ich hatte das Glück, dort einen Professor aus Luxemburg, Dr. Reh, anzutreffen, dem ich mich anschließen durfte. Unter seiner Leitung besuchte[75]  ich die tote Stadt. Alte Einrichtungen und Sitten, Gesellschafts- und Kulturzustände wurden mir lebendig. Was ist doch Bildung und Gelehrsamkeit für ein göttliches Geschenk!
Mein liebenswürdiger Führer äußerte den Wunsch, mit mir Unteritalien zu Fuß zu durchstreben; er liebte es auch, abseits der vielbefahrenen Straßen seine Reiseentdeckungen zu machen. So brachen wir denn selbander von Neapel auf, um über Tarent nach Brindisi zu gelangen und von dort nach Griechenland überzusetzen.
Süditalien ist so ganz verschieden von dem Rest der Halbinsel. Ein richtiges Eisenbahnnetz gibt es noch nicht. Die Landstraßen sind schmal und wenig befahren, überwuchert von hohem Gras und Unkraut. Die Postwagen, denen je zwei Carabinieri als Spitzenreiter vorauffliegen, muten an wie ein letztes Stück fahrenden Mittelalters und beschwören die ganze Brigantenromantik herauf.
Es war gegen Ende August. Eben wurden die Stoppelfelder abgebrannt, um dem Boden den gehörigen Aschegehalt zuzuführen. Während der Nacht boten die flimmernden und schwelenden Felder ein seltsames Bild.
Manches Gewitter ging über uns nieder. Einmal mußten wir uns vor den Wolkenstürzen in einen Kanal flüchten, durch dessen Höhlung die Gebirgswasser einem nahen Flüßchen zurauschten. Wir hockten auf dicken übereinander gewälzten Steinen und drückten den Katzenbuckel gegen das Gewölbe. Die Wasser gurgelten unter uns mit zornigem Aufschäumen fort. Die Blitze schienen Leuchtkugeln durch den Kanal zu schießen. Endlich hörte der Aufruhr auf. Wir waren erlöst und krochen ins Freie. Draußen der Boden war aufgeweicht. Jeden Schritt glitschten wir um die halbe Länge zurück. Ein rasches Vorwärtsschreiten gab es an dem Abend nicht mehr. Die nasse Erde war auch nicht einladend zum Nachtlager. Wir stapften schweigsam dahin. Mein Begleiter seufzte dann und wann, wenn sein Schuh sich unter besonders fettem[76]  Gelatsch von dem Lehm löste; ich empfand das alles als ein göttliches Elend.
Plötzlich tauchten am Wege die Umrisse eines Hauses auf. Wir hielten darauf zu und pochten an die Haustüre. Eine junge Frau öffnete. Beim Anblick der Fremden trat sie erschreckt zurück und wollte die Türe zuwerfen. Unsere Bitten beruhigten sie. Wir durften ihr ins Innere folgen und setzten uns ans Herdfeuer. Die Italienerin blieb bei uns. Unsere Aufklärungen verscheuchten ihre letzte Furcht. Ja, es tat ihr auf einmal wohl, nach dem Gewitter, das sie beängstigt hatte, den Abend in Gesellschaft zu verbringen, denn sie war allein im Haus. Es ward allmählich ganz gemütlich. Ich stopfte meine Pfeife und rauchte. In der Meinung, mein Gefährte wolle auch rauchen, holte sie ihm einige Pfeifen zur Auswahl. Der Professor fragte, ob das die Pfeifen ihres Mannes seien. Dieses unschuldige Wort ließ die junge Frau auf einmal laut aufklagen. Dann erklärte sie unter häufigem Tränentrocknen, daß ihr Mann erst vor einigen Tagen gestorben sei; nun führe sie mit ihrem Bruder die kleine Wirtschaft, der sei eben nach Tarent zum Markte gefahren; vom Gewitter überrascht, werde er wohl die Nacht in der Stadt verbringen. Sie bereitete uns eine Abendsuppe und Polenta. Es schmeckte uns vortrefflich; wir saßen noch lange plaudernd zusammen und gingen dann zu Bett. Seit geraumer Zeit hatte ich nicht mehr den Vorzug reinen Linnens genossen. Ich schlief herrlich.
Als wir herunter kamen, trat uns die Wirtin entgegen. Ihre Schönheit spiegelte sich in der neuen Sonne. Wehmut beschattete ihr dunkelbewimpertes Auge, als wir, mit gerührter Seele dankend, Abschied nahmen.
Wir waren ungefähr zwei Meilen in der Richtung nach Tarent marschiert, da begegnete uns ein junger Bauer mit einem Eselsgefährt. Gewiß war das der Bruder der freundlichen Witwe. Er erwiderte unseren besonders herzlichen Gruß mit verwunderter Freundlichkeit.[77]
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Dann kamen schwüle Tage. Der Durst quälte mich oft und ich trank das Wasser aus den sumpfigen Lachen. Häufig feuchtete ich auch meine Kopfbedeckung an zur Abwehr der brennenden Pfeile. In Ancona ward ich vom Fieber erfaßt. Dr. Reh holte einen Arzt. Der verbot mir die Weiterreise und brachte mich ins Krankenhaus. Hier nahm der Professor Abschied von mir.
Er fuhr nach Korfu, um von dort nach Griechenland überzusetzen. Ich mußte meine schönen Träume, die Erde des Sophokles und des Perikles zu betreten, aufgeben und meines leiblichen Menschen warten. Es ging langsam besser. Schließlich konnte ich meine Reise fortsetzen, aber mit durchaus verändertem Kurs. Ich erhielt vom deutschen Konsul freie Fahrt nach Norden und etwas Taschengeld. Viel lieber wäre ich in Ancona geblieben. Ich mußte mich aber der Heimat zuschieben lassen, wo andere Pflichten auf mich warteten, denn ich hatte noch nicht gedient und das Soldatspielen ging mir schwer gegen das Gemüt.
In Lugano half mir der italienische Konsul, dem ich empfohlen worden war, freundlichst weiter. Meine Lungen waren inzwischen in der reineren Luft des Nordens gekräftigt und auch die Schwermut wich von meiner Seele.
Der Bahnhof von Lugano liegt auf steiler Höhe. Von seiner Terrasse genießt man einen reizvollen Anblick auf die Stadt und den segelüberwimpelten See. Der Steig stand an dem Tage voll fremden Volks. Den Deutschen merkte man von weitem. Er gibt sich nämlich so, als wenn er allein auf der Welt wäre, und hält darauf, gehört zu werden. Vielleicht schwatzt er auch nur so laut, weil sein Ohr sich am Klang der eigenen Stimme ergötzt, und glaubt in seiner »Deutschen Michel«-Gutmütigkeit oder in seiner persönlichen Gotendummheit, daß derselbe angenehme Kitzel sich auf den Nebenmenschen weiterpflanzen müsse. Sind eine ganze Anzahl dieser unheimlich Gutmütigen zusammengetroffen, so folgen sich die Ausrufe laut, als wäre die Gesellschaft nur aus Tauben oder Schwerhörigen zusammengesetzt.[78]  Hocken diese Biedermänner wieder daheim und sollen von ihren Reiseerlebnissen erzählen, so können sie nichts wiedergeben als das, was ihre Ohren selbstergötzend gekitzelt hat. Sie sind da und dort gewesen, gesehen haben sie nichts; denn die überlaute Inanspruchnahme des Ohres lenkte ihre geistige Tätigkeit ab, genau in dem Augenblicke, wo das Auge das Sehenswürdige ungestört auffangen sollte.
Berauscht von ihrer eigenen Rede, betäubt von dem Wortmischmasch verwandter Seelen müssen sie ihr armes Gehirn, statt an die Eindrücke der Netzhaut, auf das Ohr verweisen und bei diesem erst fragen, was der Mund am Vierwaldstättersee oder auf dem Rigi Großes geschwatzt hat. Das Ohr schnarrt dann seine Erinnerungen ab wie eine Phonographenwalze und im Gehirnkasten klingt, summt, gellt, schreit, dröhnt es bald einzeln, bald schrill durcheinander: »Schön! Reizend! Lieblich! Köstlich! Herrlich! Entzückend! Wunderbar! Großartig! Erhaben! Himmlisch! Kolossal! Pyramidal! Göttlich!« Zusammensetzungen wie: »Überaus schön! Großartig schön! Merkwürdig, wunderbar!« machen es dem angestrengt lauschenden Gehirn doppelt schwierig in dem Gezirpe, Geflöte, Getute, die einzelnen Klänge klar zu unterscheiden und mit ihrer Hilfe das oberflächlich geschaute Bild wiederzugeben.
Was soll z.B. die Berliner Schlächtersfrau (für einen solchen Wurstkessel hielt ich den Fettklumpen im Weiberrock vor mir) von Lugano anders erzählen können! Ihre Blut- und Leber »wurscht« mag ja ganz gut und ihre »Wurscht«-suppe köstlich sein, aber beim Mischen und Stopfen, beim Einwickeln und Aushändigen ihrer klebrigen, schmierigen Portionen pflegt sie jeden Griff mit Ausrufen zu begleiten wie: »Jeschmackvoll! Brachtvoll! Wunnervoll scheen!« und wird dadurch ganz bequem an Lugano erinnert, wo sie zur Zeit in diese unerhörten Offenbarungen ihrer schönheit-hungernden Seele ausgebrochen war.
Ein kleiner Italiener schlüpfte durch die Gruppen der[79]  Reisenden und bot Wachsstreichhölzer feil. »Niente bisogno, signore?« fragte er, auch an mich herantretend. »Mio ragazzo! Anche io sono un povero diavolo senza danaro,« antwortete ich dem Knaben, dessen kindliches Gesicht bereits männlichen Ernst zeigte. Der Junge dankte mir mit aufrichtigem Blick, trotzdem ich nichts gekauft hatte, und ging weiter.

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Ein feingekleideter Herr im grünen Gemsbarthut hielt ihn an, nahm ihm eine Schachtel ab, zog die Börse und reichte dem Knaben einen – Sou. Das Kind blickt enttäuscht das Kupferstück an und fordert schüchtern 10 Centesimi, denn es hatte beim Ausbieten laut genug geschrien: »Fiammiferi fulminanti della Venezia, dieci centesimi!«
Bei der Bemerkung des Kindes rief die neben dem Herrn stehende Dame im feinen Staubmantel entrüstet: »Alfred, du gibst die Schachtel wieder zurück, sie ist zu teuer. Bei uns zu Hause bekommt man drei Schachteln für zehn Pfennig.«
Alfred, der Fügsame, tat nach dem höheren Befehl. Er reichte die Wachsstäbchen, die in Italien 20 Cent., also das Doppelte kosten, zurück, nahm dem Kleinen den Sou wieder ab, barg ihn in seiner Börse, klemmte seinen Kneifer zurecht und wandte sich mit der Gnädigen dem Landschaftsbilde zu. Hier bewaffnete die Dame ihre Augen mit einem Feldstecher und suchte die Gegend ab. Dabei entschlüpften ihr Hochseufzer des Genusses wie: »Ach, Alfred, wie herrlich! Welch eine wunderbare Aussicht! Sieh doch, Alfred!« Und Alfred, der Fügsame, stimmte begeistert zu: »Janz verflucht scheen! Verdeibelt jroßartig! Janz niederträchtig wunderbar!«
Die Schweiz ließ ich in raschem Fluge hinter mir. Zu Konstanz nahm ich meine Fußwanderung wieder auf, berührte Säckingen, bereiste den Schwarzwald und kam nach Stuttgart. Hier harrte meiner eine niegehoffte Überraschung.[80]
Ich hatte nach Haus gemeldet, ich sei wieder auf deutschem Boden und werde in Stuttgart Arbeit suchen. Da erschien eines Tages auf meinem Zimmer eine feine junge Dame, die mich mit lauter Freude begrüßte. Es war meine älteste Schwester Sophie. Sie hatte sich, mit einer schönen Stimme begabt, der Brettlbühne zugewandt und war vor einigen Monaten als Konzertsängerin nach Stuttgart verpflichtet worden. Sie war glücklich, als sie sah, daß ich mit heiler Haut »vom Ende der Welt« zurückgekehrt sei. Sie schenkte mir siebzig Mark zu einem neuen Anzug und richtete mir ein Zimmer auf dem von ihr bewohnten Stockwerk ein. Die übrigen Zimmer teilte sie mit ihrer Freundin Sannchen, die ebenfalls Sängerin war, und zwar hatten die Damen einen gemeinschaftlichen Salon und jede ihr eigenes Schlafzimmer.
Anderthalb Jahre war ich auf der Wanderschaft gewesen. Über sechs Monate hatte ich in Italien zugebracht. Der Aufenthalt meiner Schwester in Stuttgart sollte noch drei Wochen dauern.



3.










[81] Nicht früher noch später habe ich so stark den Wandel des Schicksals erfahren als in diesen Tagen. Unstet und obdachlos, ein bettelnder Wanderbursche, war ich durch die Welt geirrt. Alle Demütigungen der Armut hatte ich durchgekostet. Müde und fremd war ich nach Deutschland heimgekehrt. Jeder folgende Tag blieb ungewiß. Mit einem Male fand ich mich aus öder Entbehrung in geregelte Verhältnisse, in eine trauliche Stube hineinversetzt, in die dichteste Nähe zweier junger Mädchen, deren Leben mir Überraschung auf Überraschung brachte.
Ich brauchte anfangs nur ihr Zimmer zu betreten und wähnte mich im Märchen. Der Fuß versank in türkischen Teppichen; ein breiter Diwan lehnte, kissenüberschwellt, an der Wand und bildete die heimlichste Ecke.[81]  Reichbestickte Vorhänge verschleierten die Fenster; auf einem etwas erhöhten Platze stand ein kostbarer Flügel, den eine Büste Mozarts krönte; von der Decke hing ein goldglänzender Kronleuchter.
Und erst die Schlafzimmereinrichtung mit den Betthimmeln, den Toilettetischchen! Und die Kleiderschränke mit all der Seide, den Spitzen, den durchbrochenen Strümpfen, den zierlichen Hemden und dem Duft! Hier zum ersten Male fand ich Anmut und Vornehmheit, die mein Auge entzückte und mein Herz in süße Verwirrung setzte.
Der tägliche Verkehr mit den jungen Damen brachte mir die Schwerfälligkeit meiner Bewegungen und meiner rohen Gewohnheiten zur Empfindung. Ich fing an, auf mich zu achten, ward reinlicher in Wäsche und Schuhwerk, besorgte Nägel und Schnurrbart und war vor allem noch emsiger als sonst bedacht auf die Bildung des Geistes, auf die Verfeinerung meines Geschmacks.
Fräulein Sannchen übte natürlich den stärkeren Reiz auf mich aus. Meine Schwester war hübsch. Sie sang auf der Bühne einen prächtigen Sopran, stellte aber zugleich selbstgefällig die Fülle ihrer Büste zur Schau und litt häufig an Launenhaftigkeit. Ihre Freundin war zarter und sinniger, sie gab sich aufrichtig und natürlich und hielt sich auch auf den Brettern von aller schauspielerischen Übertriebenheit frei. Sie erwies mir kleine Aufmerksamkeiten von Anfang an. Das rührte mich um so mehr, als ich ihr doch damals nur wie ein abenteuernder Landstreicher erscheinen mußte. Sie plauderte gern mit mir, suchte mich in den freien Stunden auf, brachte Geschenke: hübsche Ansichtskarten, besseres Obst, Heines »Buch der Lieder«. Den kleinen Gaben folgten wertvollere: ein Stock mit Silbergriff, eine goldene Vorstecknadel und, die liebste von allen, ihr Bild in versilbertem Rahmen. Diese Aufmerksamkeiten erfreuten mich nicht allein: sie machten mich stolz. Es war also doch noch etwas an mir, das sogar die Augen eines schönen Mädchens auf sich zog! Dieses Bewußtsein[82]  gab mir eine ungekannte Sicherheit. Ich schätzte mich höher ein, vor allem in meiner Wirkung auf das andere Geschlecht.
Ich hatte den Frauen seit meinem Kindheitserlebnis mit der kleinen Josefa ziemlich fern gestanden. Im ersten Jahre meiner Hamburger Lehrzeit suchte ich mich im Theater einem neben mir sitzenden jungen Mädchen zu nähern. Da die Fremde meinem Entgegenkommen nicht auf der Stelle entsprach, wurde ich entmutigt und unterließ jeden ferneren Versuch. Von einem unmittelbaren Verkehr mit Weibern hielt mich eine Schüchternheit fern, die mich eigentlich nur in der Nähe von Frauen ankam; sonst flößte mir sogar ein preußischer Gendarm nicht sonderlich Furcht ein.
Um so heißer beschäftigte ich mich mit ihnen in der Einsamkeit. Ich träumte von Mädchen mit bekannten Gesichtern: ich hatte im Traum allerlei Abenteuer; ich durchkostete sämtliche Tiefen der Lust. Die Aufregung endete natürlich, wie sie halt enden mußte. Stand ich dann morgens auf, so hatte ich Kopfweh und fühlte mich über der Arbeit geschwächt.

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Das unregelmäßige, aber ermüdende Wanderleben hatte meinem Körper Stetigkeit und meinem Gemüte Ruhe gebracht. Jetzt trat mir das Engelskind Sannchen entgegen und ließ mich erkennen, daß auch der arme linkische Arbeiter bei einem hübschen Mädchen Aufmerksamkeit, Achtung, ja Liebe hoffen darf.
Sannchen saß besonders an den Abenden nach dem Theater häufig bei mir und ließ mich von meinen Reisen erzählen. Meine Erlebnisse fesselten sie. Ich verschwieg alles, was mich in ihren Augen hätte heruntersetzen können. Im übrigen übertrieb ich kaum und erfand nichts.
Einen besonderen Beweis des Vertrauens gab sie mir eines Morgens, da sie noch zu Bette lag. Sie liebte es überhaupt, mit Behagen im Morgenbette zu verzögern. An dem Morgen, meine Schwester übte im gemeinsamen[83]  Gesellschaftszimmer, bat sie mich zu sich. Sie habe sehr unruhig geschlafen, erklärte sie mir, und fühle sich abgespannt, ich möchte mich neben sie setzen und erzählen.
Ich zog meinen Stuhl an ihr Lager, das erstemal, wo ich einem jungen Weibe so nahe kam, und nun war es gar so eine Feine. Anfangs saß ich verlegen und wagte kaum, die Augen auf sie zu lenken. Allmählich, durch die Unbefangenheit ihres Wesens sicher gemacht, meine Schwester hätte sich nicht einfacher geben können, ließ ich die Blicke behaglich über sie wandern. Welch entzückendes Bild! Das zarte Gesicht, von der glattgescheitelten Nachtfrisur umrahmt, ruhte rosig überhaucht in dem Spitzenkissen. Das blauseidene Nachthemd zog sich über die Brust empor und endete in einem breiten Spitzenbesatz, durch dessen bläuliche Maschen die Haut durchschimmerte. Unter den Spitzen arbeitete, ruhig auf und ab schwellend, die junge Brust. Sannchen sah mich klar und voll an, als ob sie die Richtung meiner Augen nicht merkte.
Nachdem ich eine kleine Viertelstunde mit ihr geplaudert hatte, meinte sie lächelnd: »Nun muß ich Sie fortschicken, Herr Franz, ich will aufstehen. Ich fühle mich wohler. Das ist die Wirkung Ihrer Erzählerkunst. Besten Dank.« Damit hob sich ihr Oberkörper aus den Kissen und sie reichte mir die Hand. Nun kam die Anmut ihrer Bildung erst recht zur Geltung. Das braune Haar fiel in einem dicken Zopf den Rücken hinab und ringelte sich in der Hüftgegend nach vorne. Unter den Spitzen zeichneten sich geschmeidige, volle Formen in festen Umrissen ab. Mir schwindelte plötzlich. Ich wagte kaum die dargereichte weiße Hand zu berühren, warf noch einen letzten Blick auf das weiche Weib und eilte schweratmend von dannen.
Der Tag verging mir ungemein langsam. Die Arbeit bereitete mir Widerwillen. Ich war zu nichts aufgelegt. Am Abend sah ich Sannchen nicht. Ich verbrachte eine schlimme Nacht.[84]
Seither trat ich dem Mädchen nicht mehr so ruhig gegenüber. Sannchen wich um keines Haares Breite von der Linie ihrer unbefangenen Liebenswürdigkeit ab. An ihr Lager rief sie mich allerdings nicht mehr. Ich aber umfing, wo sie mir begegnete, ihre schlanke Gestalt mit immer kühneren Wunschaugen. Dabei ward mir manchmal so weich zumut, als brächen die Füße unter mir fort.
Nun kam der Tag, wo das selige Zusammenleben aufhören sollte. Fräulein Sannchen hatte sich nach Dresden verpflichtet. Meine Schwester wollte einige Wochen in Königsberg verbringen. Sie lud mich ein, die Heimat zu besuchen. Ich lehnte schroff ab. Ich hielt es auf einmal für demütigend, auf Kosten meiner Schwester zu reisen und mich mit leerem Beutel, gewissermaßen als verlorener Sohn, der Familie vorzustellen.


Sophie reiste vorerst allein. Sie hatte in Frankfurt eine kleine Gastrolle zu geben. Inzwischen sollte Sannchen die Auflösung des gemeinsamen Haushaltes zu Ende führen und sie in Frankfurt treffen.
Wir geleiteten die Schwester zur Bahn. Den letzten Abend widmeten wir uns. Wir gingen ins Theater. Man gab den ersten Faust. Die wundersame Dichtung, die ich sonst mit allen Sinnen in mich aufgenommen hätte und heute wortwörtlich auswendig weiß, glitt an dem Abend fast ganz an mir vorbei. Ich dachte nur an mein Gretchen, ich glühte an der Seite meiner Helena. Sannchen folgte dem Dichter mit scheinbar ungeteilter Aufmerksamkeit; ich merkte es an dem Spiel ihrer Hände, an dem so unregelmäßigen Atmen ihrer Brust. Einmal, während der unvergleichlichen Liebesorakelszene, wandte sie mir ihr Antlitz zu: ich blickte in wunderbar flammende Augensterne. Ihre Hand suchte zu mir herüber, sie streifte mein Knie und faßte meine Hand. Ihre leise Berührung brannte mir bis in die Knochen hinein.
Wir schritten nach der Vorstellung geradewegs nach Haus. »Den letzten Abend,« sagte Sannchen, »dürfen wir[85]  uns gehören und unserer Freundschaft. Sie sollen mein Gast sein. Ich mache die Wirtin.«
Es regnete stark. Ich hatte keinen Schirm. Sannchen gab nicht nach; ich mußte unter ihrem Schirm zugleich Platz suchen. Ich hakte mich in ihren linken Arm. Ihre rechte Hand trug uns das schützende Dach vorauf. Wir schritten eng aneinander gedrückt. Ich preßte ihren runden Arm fest an mich. Ein sanfter Gegendruck gab Antwort.
Durch den auftrommelnden Regen, durch das Plätschern des in der Straße hochspringenden Wassers hindurch, sang mir ins Herz die Musik ihres Seidenunterrockes. Dann und wann streifte mich ihr in dem engen Kleide stark vorwärtsstrebendes Knie. Das gab mir jedesmal einen Ruck durch die Wirbelsäule, und wonniges Prickeln lief mir am Hinterkopf hoch und hinunter bis in die Fingerspitzen.
Mit schwimmenden Augen blickte ich zu ihr hinüber. Sie wandte mir regelmäßig ihr Antlitz zu, ihre Veilchensterne lächelten feucht. Dann flogen vor meiner fast erstickenden Seele die Tore der Erfüllung weit auf.
Wir betraten die so liebgewonnenen Räume. Bald glühte die trauliche Gasflamme auf, liebkoste unter dem Schirm hervor die gemütlichen Möbel, die mir nun bald entfremdet werden sollten, und spann bis in die heimlichsten Winkel ihr feines Goldnetz hinein. Sannchen legte ab. »Machen Sie sich's bequem, Franz!« Wie mir diese Anrede zu Herzen ging. »Haben Sie auch Hunger?« »Nicht eigentlich viel, Fräulein Sannchen.« Sie lachte und strich sich einige störrige Löckchen hinters Ohr. »Na, wir werden ja sehen. Der Appetit kommt über dem Essen.« Damit schwebte sie voll Anmut zur Küche. Ich hörte klirren und klingen.
Nach einigen Minuten kehrte sie zurück und setzte eine breite Silberplatte auf den Tisch. »Natürlich nachtmahlen wir kalt. Mehr als diesen Aufschnitt habe ich nicht zusammenbringen können. Erst aber erlauben Sie, daß ich[86]  mich umkleide. Vor Nässe klebt mir der Rock an.« Sie schwebte hinaus.
Mehr als diesen Aufschnitt? Es war ein Herrengericht! Sogar die Negerköpfe, Kibitzeier mit Kaviar, fehlten nicht. Na, das brauchte nur so weiter zu laufen.
Als Sannchen wieder erschien, erschrak ich bei ihrem Anblick vor Seligkeit. Das graue Straßenkleid hatte sie gegen einen himmelblauen Kimono vertauscht. Die Japanseide fiel in breiten Falten an den Ellenbogen hinunter und kreuzte sich in weitem Ausschnitt über der Brust.

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Die Erscheinung war im ersten Augenblick ganz Hoheit. Dann aber löste sie sich in unendliche Weichheit aus und der zitternden Sehnsucht kam das Gefühl, daß diese Hülle nur die eine Bestimmung habe, leichter zu geben und rascher zu fallen.
Ich schlug bewundernd die Hände zusammen. Sannchen sank mit selbstbewußtem Lächeln in einen tiefen Menuettknix hinein und zupfte zugleich den Rock mit den Fingerspitzen hoch; da sah ich, sie hatte sich bis in die verborgensten Heimlichkeiten festlich gewandelt.
Und schon wieder war die holde Fee in der Küche und brachte in einem Eimerchen – zwei Flaschen Sekt. Welch liebliches Bild! Die weiß entblößten Arme trugen das Gefäß vor sich her mit der feierlichen Anmut der Priesterin, die eine heilige Schüssel zum Tempel bringt. Dahinter die tiefwallenden Ärmel wie duftige Schleier. Und darüber, schimmernd wie eine rotüberhauchte Traumesblume, das fröhliche Antlitz im Funkeltau der Augen.
Sie setzte die Flaschen auf ein Tischchen neben die Tafel. Es war kein gewöhnlicher deutscher Kaisersekt, es war wirklicher und wahrhaftiger Champus aus Frankreich: echter Moët mit dem weißen Stern.
»Aber, Fräulein Sannchen!«
Ich rief mit geheuchelter Entrüstung, denn mein ganzes Wesen jauchzte innerlich in allen Tönen.[87]
Sie lachte, voll Zufriedenheit über die gelungene Überraschung. »I natürlich, Herr Franz. Unsere Freundschaft muß doch in Fröhlichkeit sterben.«
Ich fuhr zusammen.
»Sterben! O, wer denkt denn an Sterben! Kann unsere Freundschaft diesen Abend wirklich nicht überleben?«
»Allerdings doch, aber ... Darf ich bitten, mein Herr?«
Und schon stand sie vor mir, reichte mir unter zierlichem Knix, bei dem sich ihre Brust so augenfüllend vorwärts drängte, den weißen Arm und führte mich zum Tisch. »So, und nun, mein Herr Ritter von der traurigen Gestalt. Frisch zu und tüchtig drein!«
Sie legte mir selbst den Teller voll und entkorkte die erste Flasche. Der Pfropfen knallte gegen die Decke, das perlende Gold sang in dem Pokal. Sie hob das Glas. »Auf unsere Freundschaft, Franz!« Mich drängte das Herz. »Auf unsere Liebe, Sannchen!« Und ich pflanzte meine Augen keck mitten in ihre Sterne hinein wie Siegesfahnen.
Sie blickte verwundert, errötete und lachte. »Natürlich, Herr Franz! auf unsere Liebe!«
Die Gläser läuteten hell gegeneinander. Wir leerten sie mit einem Zug.
Dann speisten und schlürften wir nach Lust. Wir neckten uns wie übermütige Kinder. Wir suchten uns gegenseitig um besonders erwünschte Leckerbissen zu betrügen, und niemand ruhte, bis er sie dem andern zugeschmeichelt hatte.
Dabei wurden mir, gleichsam als Zwischengerichte, Freiheiten gestattet, gegen die alle Leckerbissen des Gaumens schal erschienen.
Wir saßen uns gegenüber. Unter dem Tisch berührten sich unsere Füße. Sannchens kleiner Pantoffel begann zuerst sein launiges Spiel und glitt an meinem Stiefel hoch. Da legte ich keck meine Füße um den behenden Wildfang und hielt ihn wie im Schraubstock gefangen.[88]
Dann bückte ich mich rasch unter den Tisch, um mir meinen Gefangenen näher anzusehen, aber vor meinem heißen Blicke schlüpfte der weiße Schelm, flink wie ein Silberfischlein, hinter die Spitzen des Rockes zurück. Hier, aus sicherem Versteck hervor, schabte er, an der Nasenspitze des Bruderschuhes, Rübchen mir zum Verdruß.

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Bog mein zierlicher Tischgenosse die runden Arme her, um irgendein köstliches Stück unter mein Messer zu schieben, so vertiefte sich das Drosselgrübchen am Halse und wies meinem Auge einen bläulich geäderten Pfad zur Tiefe. Einmal löste sich bei Sannchens Liebesbemühungen die blaue Schleife über der Brust. Ich war eifrig bereit, sie wieder zu knüpfen. Schon berührten meine Fingerspitzen die schöne Stelle, da wehrte ein entrüsteter Schlag mich ab; aber darüber die lachenden Augen kündeten verständnisvolle Nachsicht.
Mir aber rollte es allemal wie aufgelöste spanische Fliegen durchs Blut. Die Blicke gingen mir über. Ich ward, wie ich es deutlich spürte, bleich vor innerer Glut.
Schon aber flog auch der zweite Pfropfen gegen die Decke. Den hatte meine Hand abgefeuert. Ich war die Kunst nicht gewohnt und nestelte lange an dem feinen Draht herum. Sannchen kam meiner Ungeschicklichkeit zu Hilfe. Sie erhob sich von ihrem Platz, trat an meine Seite und bog sich zur Flasche nieder. Unsere Hände verschlangen sich. Ihre Stirnlöckchen streiften meine Wangen. Ihre Brust drückte meinen linken Arm und hauchte ihren vollen Duft wie eine eben aufgeblühte Rose. Ich mußte ihr das Gesicht zuwenden. So begegnete sich unser Atem, unsere Augen tranken in einander. Da knallte der Kork auf. Die Flasche quirlte zischend über. Ich ließ sie schäumen und sprudeln. Meine Hand hatte Besseres zu tun. Sie schwang sich um ein blondes Haupt, das mit glühenden Wangen an meinem lehnte. Ich küßte Sannchen, heiß, ungestüm. Sie erwiderte meine Keckheit. Da wirbelten meine Augensterne in trunkenem Tanz, das Zimmer flammte in einer ungeheuern[89]  purpurnen Lohe um mich auf, wildes Jubeln röhrte aus meinem Mund; ich riß das Mädchen an mich und vergaß, daß ich ein rechtloser Sklave war.
Als ich zu mir kam, brauchte ich Zeit, mich zurechtzufinden. Dies Zimmer, das weiße breite Bett. Vor den Vorhängen draußen die Morgenhelle. Da begriff ich. Ich langte lachend neben mich. Der Platz war leer. Von der andern Seite aber neigte es sich über mich; meine Augen wurden überschattet, meine Lippen preßte ein duftender Mund: Sannchen lachte mich an.
Sie stand im Reisekleide, lieblicher als je. Ich warf die Arme nach ihr aus. Sie blieb fest. Sie fragte: »Bist du glücklich, Franz?« »Wie im Himmel, Sannchen!« »Dann bin ich zufrieden, Liebling, du wirst meiner gern gedenken.« All mein Werben und Bitten war vergebens. Um Mittag reiste sie meiner Schwester nach.
Ich saß an dem Abend wie betäubt. War es möglich? Das Glück und dies Leid – sie waren beide zu groß.
Aber in der einen Nacht war der Knabe zum Mann geworden. Den ganzen Segen dieses inneren Wandels sollte ich erst später ganz schätzen lernen. Daher danke ich noch heute dem Weibe, dem schöne Mädchen, das mich damals mit seiner Schönheit begnadete.
Nach Sannchens Abreise litt es mich nicht mehr in Stuttgart. Ich wollte nicht mehr frieren und darben, wo ich die Fülle des Glücks mein nennen durfte. Ich warf die Erinnerung in den Rücken und setzte meinen Stab weiter.



4.










[90] Zu Heidelberg fand ich Arbeit in einer Zigarrenfabrik. Bei fieberhaftester Tätigkeit konnte ich im Stücklohn 1,50 Mark täglich verdienen. Dabei mußte ich alle Nebenarbeiten machen: die Einlagen strippen und trocknen, Umblatt und Deckblatt bereiten, Wickel machen und einrollen,[90]  alles für 5,50 Mark das Tausend. Das Material taugte nichts. Dabei herrschte eine Arbeitstyrannei, gegen die Gefängniszucht Erlösung bedeutet hätte. Wir durften nicht sprechen, geschweige singen. Den Kopf fortdauernd gebeugt bis zur Erstarrung, die Brust eingedrückt, den Leib mit angespannten Bauchmuskeln eingezogen, die Beine zur Erde gestreckt, den Fuß gekrümmt, die Zehen eingebogen, so hockten wir und fronten täglich elf bis zwölf Stunden in einer verpesteten Luft. Die Ausdünstungen der Tabake, die Schweißabsonderung der Menschen benahmen den Atem. Nach einigen Stunden pochte es mir in den Schläfen, ich spürte, wie meine Nerven blitzartig auf der Stirne spielten. Luft, Luft! Hinaus auf die Landstraße!
Siebzig Sklaven, davon vier Fünftel Frauen, richteten sich in dieser Hölle zugrunde. O ihr bedauernswerten Opfer der Akkordarbeit, Proletarier, ihr meine Brüder und Schwestern! Denk' ich euer, durchschwemmt meine Seele ein Meer leidenschaftlicher Liebe und Erbarmung zu euch und euern Kindern. Aber durch seine Tiefen rast auch ein Golfstrom siedenden Hasses gegen eure christlichen und jüdischen, eure kapitalistischen Quäler und Mörder!
Von Heidelberg dampfte ich über Darmstadt nach Frankfurt. In meinem Abteil saßen zwei deutsche Jungfrauen, eine hübscher als die andere. Sie sahen beide müde und übernächtig aus. Wie überrascht war ich, als sie plötzlich auf italienisch miteinander plauderten. Sie kamen, wie ich ihrem Gespräche entnahm, vom Lago Maggiore, und begaben sich, ihren Herrschaften vorauf, nach Breslau. Ich lehnte teilnahmslos in der Ecke und suchte möglichst gleichgültig vor mich hinzublicken. Ich hatte auf meiner Wanderfahrt italienisch genug gelernt, um die gewöhnliche Unterhaltungssprache zu verstehen.
Auf den Zwischenstationen stiegen Leute ein und aus. Die Mädchen hatten offenbar Spaß daran, durch die fremde Sprache die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Es reizte mich, sie zu überraschen.[91]
Auf der nächsten Station wollten die Damen, wie ich hörte, ein Glas Bier trinken. Ich legte mir einen kleinen Kriegsplan und eine Ansprache zurecht. Der Umgang mit Fräulein Sannchen wirkte in mir nach. Eben stoppte der Zug und die Kellner liefen mit den Bierbrettchen die Wagenreihe entlang.
Die Mädchen standen hinter mir. Ich nahm drei Glas Bier, bezahlte, kehrte mich um und drückte jeder ein Glas in die Hand. Sie standen wie versteinert, hielten das Glas krampfhaft fest, staunten erst sich und dann mich an. Ich lachte und sagte. »Bevano, Signorine, alla loro fortuna! Io sono stato in Italia. Vivano le belle signorine! viva l'amore!« Und ich stieß mit ihnen an. Eine jähe Röte überflog die hübschen Gesichter. Aber dann taten sie mir Bescheid, was mich recht freute. Das deutsche Bier löste ihre deutschen Zungen und unter lustigem Plaudern liefen wir in Frankfurt ein. Ich half den allerliebsten Schäkerinnen die Koffer lösen und weiterschicken und begleitete sie zu ihrem Abteil. Schon sollte der Zug abgehen, da sprang ich schnell aufs Trittbrett und nahm meinen Lohn in Empfang, der mir gern gereicht wurde. Sie küßten beide gut und warm. Besonders die eine, Minna, die Blonde. Dem abfahrenden Zug schwenkte ich den Hut nach. Es war Mitternacht.

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Über Mainz und Bingen schlug ich mich über den Hunsrück nach Trier und von dort nach Luxemburg.
Spät abends kam ich in der kleinen Stadt an. Ich fand ein gutes Bett, morgens gutes Brot und Kaffee. Die Preise schienen mir teuerer als irgendwo in Deutschland. Ich fragte nach dem Herrn Professor Reh, den ich jedenfalls aufgesucht hätte. Zu meinem Schrecken hörte ich von der Wirtin, der Professor sei im September zu Ancona gestorben. Er war, wie ich berichtet habe, nach Griechenland übergesetzt, an der Ruhr erkrankt, auf der Heimfahrt in Ancona ausgeschifft worden und trotz bester Pflege dort verschieden. In Ancona hat man ihn auch begraben, in[92]  Ancona, wo ich selber krank gelegen war und so gerne geblieben wäre. Diese Kunde griff mich sehr an. Ich hatte meinen gelehrten Reisebegleiter aufrichtig verehrt. Er ward auch von seinen Landsleuten allgemein geschätzt und betrauert.
Ich besah die Stadt. Die Straßen lagen still, aber nicht gerade sauber. Die letzten Überreste der Festungswerke, Tore und Türme und Bastionenwinkel und Kasernen, ermöglichten noch eine Ahnung von dem »Gibraltar des Nordens«, dessen Mauern dem Naturfels für die Ewigkeit aufgesetzt zu sein schienen.
Sie erinnerten mich an die Zeit, wo preußische Truppen diese Stadt besetzt hielten, die einem von Deutschland politisch unabhängigen Lande zugehörte. Zu jener Zeit konnten die Bauern der umliegenden Dörfer ihre Gartenschätze gewiß leicht an den Mann bringen, denn die Preußen haben was weggefüttert. Dafür mußten aber auch Bürger und Bauern gegen den »innern« Feind bei Tag und Nacht scharf ausspähen und den Knüppel nicht aus der Hand lassen, denn diese Kriegshelden litten schwer an Mondsucht. Gewiß haben die Mütter erleichtert aufgeatmet, als die letzte preußische Hose um die Ecke verschwunden war.
Seither ward der enge Festungsgürtel gesprengt; die losgeschnürte Stadt reckt die Glieder und dehnt die Brust in jugendlicher Kraft. Aus einem Bollwerk des Völkerhasses und der Zerstörung wird sie zu einer Heimstatt des Friedens, zu einem Herde des Fortschritts, der im Sattel der Lokomotiven über die riesigen Höhen und zielverknüpfenden Brücken rollt.
So liegst du nun vor mir im Glanze der Oktobersonne, kleines Luxemburger Land! Um die Felsen deiner Hauptstadt ist das Blut aller kriegerischen Nationen Europas emporgedampft. Aber die Eifersucht der Großmächte ward dein Heil; sie gab dich dir selbst zurück und damit dem Glück im Winkel. Wohl bleibst auch du nicht behütet vor den Kämpfen der Zeit. Auch innerhalb deiner[93]  Grenzen wird gefroren, geduldet und gehungert. Doch der Moloch Militarismus frißt dir noch nicht die besten Kräfte weg. Dir bleiben Mittel und Arme zu den Werken der Erziehung, der Menschenliebe, der Kunst.


Dies eben ist der große Vorzug kleiner neutraler Staaten. Sie denken friedlich und urteilen gerecht. Sie empfinden international, also menschlich im höchsten Sinn. Sie predigen nicht den Haß aus Vaterlandsliebe. Zwischen den eisenstarrenden Riesen liegen diese Kleinen eingeklemmt, hilflos wie Kinder, aber doch Lieblinge des guten Geistes, denn in ihrem Gefühl verdichtet sich das Gewissen der Menschheit. In ihren Ansichten über Geschichte und Entwicklung sind sie den sogenannten Großmächten um Jahrzehnte vorauf. An dem Tage, wo der letzte dieser Kleinen der Kriegslist und Eroberungsgier eines Großen zum Opfer fällt, traure die Menschheit, denn sie ist in ihrer Seele ärmer geworden.
In den Luxemburger Zigarrenfabriken fand ich nicht die erhoffte Beschäftigung. Da wollte ich es mit Belgien versuchen.
Noch am Abend brach ich auf und verließ die liebgewonnene Stadt, die heute als ein Markstein an meinem Schicksalswege steht.
Eine prächtige Eschenallee leitete mich hinaus. Die Luft war kühl, die Straße breit und gut. Das Dunkel brach herein. Rechts von meinem Wege hob eine Windmühle ihre Riesenflügel wie ein riesiges Kreuz über die Erde empor. Ein langes Dorf verfolgte mich mit Hundegebell. Dann umfing mich die weite Leere der Spätherbstflur. Dicht am Wege lag eine einsame Hütte. Aus dem kleinen Fenster fiel ein Lichtschein auf die Straße. Der goldige Schlagbaum hemmte meinen Schritt. Ich schlich behutsam zum Fenster hin und äugte hinein. Um den Tisch saß eine zahlreiche Familie. Die Mutter trug eben Suppe und Kartoffeln auf. Eltern und Kinder schienen schweigsam und ernst; aber hinter dem Fenster lag mir doch im[94]  Verklärungsschimmer die Poesie des eigenen Herdes, der Zauber der Familie.
Erinnerungen aus der Kindheit suchten mich heim, aus Tagen, wo der Abend auch mir ein ähnliches Zusammensitzen brachte bei Eltern und Geschwistern. Seither fand mein Fuß keine Stütze mehr, wo er weilen, meine Seele keinen Grund mehr, wo sie dauernd wurzeln konnte. Mein Herz ward voll Schwermut und Sehnsucht. Der arme Bauer drinnen schien mir der Glücklichste aller Sterblichen.
Ein unwiderstehlich plötzlicher Drang ließ mich gegen die Scheiben pochen.
Das Elternpaar und die jungen Schwalben wurden aufgeschreckt, sie blickten nach meiner Richtung. Ich starrte bewegungslos hinein. Da sprangen die Kinder von den Stühlen, redeten erregt auf den Vater ein und wiesen mit den Löffeln nach meiner Richtung. Nun kam auch Leben in den Mann. Schwerfällig erhob er sich, als hätte er Blei in den Gliedern, trat langsam und schwankend in den Flur und öffnete die Haustüre. »Wer ist da? Was wollt Ihr?« Seine Stimme klang rauh und etwas unsicher. Ich grüßte und sagte, meine Absicht sei gewesen, die Nacht bis Arlon durchzumarschieren, aber es werde kalt, daher wäre ich so frei und bitte um eine Streu im Stall oder auf dem Schuppen.

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Der Mann hieß mich mit einigem Zögern, doch freundlichen Tons, eintreten. Neugierige Äuglein umkreisten mich beim Eintritt in die Stube wie kleine Nachtschmetterlinge. Die Frau fragte, ob ich gegessen habe. Mein Magen zog stark, aber ich sagte, ich sei satt, denn aus allen Winkeln der Stube sah die Dürftigkeit hervor und ich schämte mich, den blassen Kindern die Kartoffeln so mir nichts dir nichts vor den hungrigen Mäulern wegzufressen. Die Frau wies mir einen Platz an der Tischkante beim Ofen an, denn ich sei gewiß kalt. Nun aß die Familie weiter; dabei streifte mancher Kinderblick über den hin und her wandernden Löffel zu mir herüber. Aber der Ton und die Miene,[95]  womit ich meine Ablehnung vorgebracht hatte, schien nicht überzeugt zu haben. Nach einigen Augenblicken stand die Frau auf, holte eine Schüssel, löffelte ein Häuflein Kartoffeln hinein und schob mir sie zu mit der bestimmten Aufforderung »mitzumachen«, denn der Hunger sehe mir ja aus den Augen. Da griff ich zu und kaute tüchtig. Nun wich auch die peinliche Stille, die bis dahin in der Stube gelastet hatte, und die Gemütlichkeit erhob ihre laute Stimme.
Nach dem Essen beteten die armen Leute ein schlichtes Vaterunser; die größeren Kinder setzten sich an ihre Schularbeiten, die jüngeren wurden zu Bett gebracht. Auch zu mir kamen sie, sagten: »Gute Nacht!« und reichten mir die zarten Händchen, was den armen Vagabunden mit seliger Weichheit ergriff.
Aus den Schularbeiten ersah ich, daß diese Kinder nach einem besseren Lehrverfahren unterrichtet wurden und mehr wußten, als ich im gleichen Alter. Sollte eine luxemburgische Landschule wirklich höher entwickelt sein als die Volksschule in Preußen, dem Lande der Erziehungslehre, als in Königsberg, der Stadt der reinen Vernunft? Das wäre wieder ein Beweis für den kulturfeindlichen Einfluß des Militarismus.
Des andern Tages, in der Morgenfrühe, erreichte ich Arlon. Auch hier keine Arbeit.
Da machte ich kehrt, überschritt wieder die luxemburgische Grenze, kam über Diekirch, durchs Ösling nach St. Vith, durch die Eifel über Eupen nach Aachen.
In Aachen verkaufte ich Fräulein Sannchens Bild, um für einen Tag und eine Nacht unterzukommen. Alle sonstigen Geschenke hatte ich schon früher zu Geld gemacht. Mit dem Bilde war die letzte sichtbare Erinnerung an das schönste Abenteuer meines Lebens von mir gegangen. An mich aber trat gebieterisch heran die Pflicht, dem haltlosen Burschenleben ein Ende zu machen.



 Im Schiffbruch.










[96] In Rheydt bei M.-Gladbach fand ich Arbeit. Ich beschäftigte mich daneben angelegentlichst mit sozialer Werbetätigkeit und half den Tabakarbeiterverein ins Leben rufen.
Sonntags war es mir eine Freude, die Mitglieder aufzusuchen, neue heranzuziehen, das Vereinsblatt zu verteilen. Um jene Zeit ward der Reichstag aufgelöst und auf Fasching 1887 Neuwahlen angesetzt. Die Wahlparole der Regierung lautete: »42000 Mann Heeresverstärkung auf sieben Jahre.« »Keinen Mann und keinen Groschen« war die Gegenparole der Sozialdemokratie. Sechs Wochen blieben vor der Wahl auf Grund der Verfassung für die Wahlarbeit gewährleistet. Ich ergriff zum erstenmal in einer großen politischen Volksversammlung das Wort.
Es war eine bewegte Zeit. Der in Frankreich spukende Boulangismus war der Regierung als Vorwand willkommen und kam dem deutschen Volk teuer genug zu stehen. Jeder Gendarm war Wahlagent und mußte in den Bauernhäusern farbige Bilder verteilen, worauf zu sehen war, wie die Franzosen in Deutschland einfielen, die Frauen vergewaltigten und die Kinder aufspießten. Das Kriegsgespenst wurde aus der Kiste hervorgeholt und sollte Wunder wirken. Trotz dem ging die Sozialdemokratie mit einem Zuwachs von ein paar hunderttausend Stimmen aus dem Wahlkampf hervor.
Ich stellte mich zur Frühjahrsmusterung und ward zu den Jägern ausgehoben. Die Herbst- oder Generalmusterung versäumte ich halb absichtlich, desgleichen die nächste Frühjahrsmusterung.[97]
In Verden blieb ich ebenfalls einige Monate. Unter den dortigen Zigarrenarbeitern fanden sich manche hochgebildete Männer. Sie hatten sich der Fabrikleitung gegenüber einige Freiheiten zu retten gewußt. Dazu gehörte das Recht des freien Vorlesens auf der Fabrik. Jeder Arbeiter bezahlte die Woche über ein Geringes, um den Vorleser zu entschädigen. Ich übte dieses Amt drei Monate lang. Ich las durchgehends zwei Stunden den Tag. Parlamentsberichte, Tagespolitik, Bücher und Broschüren wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Inhalts hatten den Vorzug. Dichtungen, Dramen, Romane der neuesten und älteren Literatur brachten Abwechslung. Es herrschte also ein reger geistiger Verkehr. Für Festlichkeiten hatte ich keine Zeit. Die Abende verbrachte ich mit Lesen.
Im Theater machte ich die Bekanntschaft eines Seminaristen. Wir waren viel zusammen. Er beschäftigte sich mit Literatur und hob durch seine Erklärungen mein Verständnis für die fröhliche Wissenschaft. Unter seiner Leitung las ich Dantes »Göttliche Komödie«, Goethes »Werther« und »Wahlverwandtschaften«, Shelleys »Königin Mab« und »Familie Cenci«, Lenaus Werke, vor allem »Die Albigenser« und »Savonarola«. Der »Don Quichotte« sorgte für den Humor und schützte vor Überspanntheit.
Welch eine Fülle von Eindrücken und Empfindungen speicherte ich in jenen Wochen in mir auf! Wahrlich, das Leben mißt sich nicht nach der Summe der gelebten Jahre, sondern nach der Summe des Durchlebten. Mehr als eine Stunde kann dann größere Dauer bewahren als ein ganzes Jahrzehnt.
Mein Freund, der Seminarist, führte mich auch in die Geheimnisse der Stenographie ein. Ich übte diese Kunst anfangs mehr als Spielerei; sie sollte mir bald viel mehr werden.
Ich wohnte bei einer geschiedenen Frau, die eine sehr hübsche Tochter von 18 Jahren besaß. Ich führte ein geregeltes Leben, kleidete mich verhältnismäßig gut und war[98]  in freier Zeit viel zu Haus. Meine Gesellschaft ward den beiden Frauen recht angenehm; und die Tochter schien sogar meine heimliche Zuneigung zu erwidern.

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Verschiedentlich aber war mir aufgefallen, daß spät nachts gegen die Haustüre geklopft wurde; doch kümmerte ich mich nicht weiter darum. Eines Nachts kam ich, gegen meine Gewohnheit, spät zurück. Von weitem sah ich, wie ein Mann vor unserer Haustüre stand und mit jemand zu sprechen schien. Wie ich näher kam, ging er rasch fort. Ich glaubte in ihm einen jungen Offizier zu erkennen, der am Tage häufig unter dem Fenster des Hauses vorüberging. Die Entdeckung packte mich. Ich fand die Türe verschlossen. Auf mein Pochen öffnete die Frau. Wir wechselten einige Worte. Das Weib gab sich ganz natürlich. Ich konnte nichts Verdächtiges merken, ging auf mein Zimmer und legte mich zu Bett. Einschlafen konnte ich nicht. Eifersüchtige Qual ließ mich nicht los. Endlich fiel ich in einen schwülen Halbschlummer.
Plötzlich schrecke ich auf. Schon dämmert der Morgen. Von der Treppe her knarrt verdächtiges Geräusch. Ich im Nu aus dem Bett, klinke sacht die Türe etwas auf und sehe, wie der Offizier durch die Haustüre ins Freie schlüpft.
Meine angebetete Resi schloß die Türe hinter ihm und schlich wieder die Treppe hinauf. Sie war im Nachtkleid. Das Haar hing verwirrt um die Achseln, die weißen Brüste glänzten matt.
Ich hatte Gewißheit. Noch an demselben Tage kündigte ich mein Zimmer, zur namenlosen Verwunderung der Frau, die meine plötzliche Abreise nicht reimen konnte. Es stand mir auch nicht an, zu sagen, ich müsse fort, weil ihr feines Kind eine Offiziersdirne sei. Ich reiste nach Hamburg.
Kurze Zeit nach meiner Rückkehr aus dreijähriger Abwesenheit wurde der Zollanschluß Hamburgs an Deutschland durch die feierliche Einweihung des neuen Freihafens vollzogen. Der junge Kaiser, des zu früh verstorbenen Friedrichs Sohn, war eigens zu der Feier hereingekommen.[99]
Die Bevölkerung ward von dem Zollanschluß wenig erbaut. Das Salz stieg mit einem Schlag von 3 auf 10 Pf., Petroleum auf das doppelte, Kaffee um 25 bis 30 Pf. das Pfund, Tabak um 85 Pf. das Kilo, Tee um mehr als das doppelte. Die Zigarren wurden kleiner und schlechter. Mehl und Gemüse, überseeische Früchte, amerikanisches Büchsenfleisch, sogar der unschuldige Hering wurden höher geschätzt.
Die Wohnungsnot wuchs zur Volksplage. Hausmieter und Grundbesitzer schlossen sich zu einem Verein zusammen, der die Mietpreise bestimmte. Die Vereinskasse entschädigte die Mitglieder auch für die Häuser, die des teuren Mietspreises wegen leer stehen blieben. Die Schamlosigkeit dieses Wohnungsringes ging so weit, daß sie für sich das Kahlpfändungsrecht beanspruchten, das es ihnen gestattete, die Familien auf die Straße zu setzen, ohne ihnen ein Bett zu lassen; die Wiege des Säuglings sogar blieb den Blutsaugern verfallen.
Diese Hausbesitzerverschwörung hatte bei der Ausschaltung jedes Wettbewerbes den Erfolg, daß unter 250 Mark auch kein Loch zu mieten war.
Durch den Zollanschluß ward das Hamburger Tabak- und Zigarrengewerbe ganz besonders geschädigt. Viele Fabriken schickten sich an, ihre Räume in Hamburg und Umgegend zu schließen, um den Betrieb in Westfalen, in Schlesien mit billigeren Arbeitskräften weiterzuführen.
Als diese Gerüchte bestimmter auftauchten, ward eine Lohn- und Streikkommission gebildet. Sie beschloß den allgemeinen Streik. Ich trat in der öffentlichen Versammlung diesem Antrag mit Kraft und Überzeugung entgegen. »Kein Streik,« so forderte ich, »sondern Organisation! Ein Zusammenschluß der hunderttausend deutschen Tabakarbeiter wäre an sich die wirksamste und ehrlichste Waffe und würde das, in jedem Fall, zweischneidige Schwert des Streiks entbehrlich machen.«


Die Versammlung begrüßte meine Ausführungen mit ungeteiltem Beifall. Die Lohnkommission widersprach mir[100]  und die Streikfrage blieb in der Schwebe. Ein neuer Ausschuß ward gewählt, dem auch ich angehörte. Ich stürzte mich in den Kampf mit Feuereifer. Vereinssitzungen, Versammlungen, die Presse stellte ich in den Dienst meiner Überzeugung.
Unsere Gegner blieben nicht untätig. Die Fabrikanten suchten den Zusammenschluß sämtlicher Arbeiter schon in der ersten Stunde zu hintertreiben durch einen Keil, den sie zwischen die bisher verbundenen Hausarbeiter und Hilfsarbeiter zu treiben suchten. Die Hausarbeiter liehen den Einflüsterungen und Versprechungen des Kapitals Gehör. Sie beriefen eine Versammlung, um zu den bundesrätlichen Erlassen über die Hausindustrie Stellung zu nehmen; die Hilfsarbeiter wurden nicht zu der Versammlung eingeladen. Diese kündigten nun eine Gegenversammlung an, aber die Behörde versagte die Genehmigung. Da kam es zwischen den durch mehr als ein Band zusammengehörigen Arbeitergruppen zu einem heftigen Kampf. In einem scharfen Artikel brandmarkte ich das Vorgehen der Verräter und veröffentlichte im »Echo« einen geharnischten, von 300 Hilfsarbeitern gezeichneten Protest.
Diese Tätigkeit zog mir den Haß des Hausarbeiters zu, der mich als Hilfsarbeiter beschäftigte. Der Mann wollte sich bei dem Fabrikanten lieb Kind machen und entließ mich.
Ich stand auf der Straße ohne Mittel und ohne Aussicht auf eine baldige Neueinstellung. In dieser Not verausgabte ich 12 Mark 30 Pf., die mir nicht gehörten.
Ich führte als Kassenwart eine Sammelliste für einen Streik- und Kampffonds und sollte nach drei Wochen, um Neujahr, bei der Lohnkommission abrechnen.
Da ward eines Morgens auf Grund des Sozialistengesetzes bei mir eine Hausdurchsuchung vorgenommen. Außer der Sammelliste fand sich nichts Verdächtiges. »Sie wissen, daß das Geldsammeln zu Streikzwecken der behördlichen Genehmigung unterliegt,« sagte der Kommissar. »Übrigens[101]  sind Sie unsicherer Heerespflichtiger.« Trotz allen Sträubens ward ich in Haft geführt.
Ich hatte die kleine Summe nur verwandt, weil es mir bis Neujahr jedenfalls möglich war, sie zu ersetzen. An eine Unterschlagung hatte ich dabei nicht im geringsten gedacht; es ist in Arbeitskreisen eben gang und gäbe, kleinere Summen im Augenblick der Not zu persönlichen Bedürfnissen zu verwenden. Die Möglichkeit, das Geld zur richtigen Zeit zu ersetzen, ward mir durch meine Verhaftung geraubt.
Im Verhör hatte ich mich vorerst wegen der versäumten Militärdienstpflicht zu verantworten. Meine Erklärung, ich hätte mich doch in Verden bei der Polizei gemeldet, wurde als hinfällig betrachtet, denn die Meldung müßte bei der Militärbehörde geschehen. Dann kam das Geldsammeln ohne polizeiliche Ermächtigung zur Sprache.
Die von mir vorgelegte, mit dem Stempel der Kommission versehene Sammelliste belief sich, wie gesagt, auf 12 Mark 30 Pf. Man fragte, wo das Geld sei. Bei dieser Frage gähnte mir jählings der Abgrund entgegen, an dessen Rand ich getrieben worden. In meiner Angst verlor ich die Überlegung und erklärte, ich hätte das Geld an die Lohnkommission bereits abgeliefert.

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Diese Behauptung mußte von vornherein als unglaublich erscheinen, denn von einem Ablieferungszeugnis konnte ich keine Spur aufweisen. Nun sollte ich, ohne vorherigen Strafantrag von seiten der Geschädigten, als der Unterschlagung verdächtig ins Gefängnis zurückgeführt werden.
Ich war wie vernichtet. In Blitzeshelle lag vor mir ausgebreitet die ganze Fülle der Schande, der ich entgegenging. Wie werden meine Gegner jubeln! Wie wird mit teuflischer Wollust die feindliche Presse über mich herfallen! Wie wird die Partei bloßgestellt, gehöhnt und geschädigt werden!
Gestern noch stolz auf der Tribüne, ein Vorkämpfer für das Recht, und heute für Veruntreuung von Geldern,[102]  die durch den Opfersinn meiner Genossen zusammengebracht wurden, im Zuchthaus! Hätte sich doch die Erde geöffnet und mich mit meiner Schande verschlungen! Nur fort! Fort! Fort!
Ein verzweifelt wilder Blick nach der Türe des Verhörzimmers. Sie steht auf. Ich in wildem Satz drauf zu und hinaus auf die Straße. Einige Haken um rettende Straßenecken und durch Seitengassen entzogen mich meinen Verfolgern, die bei meinem Verschwinden anfangs wie betäubt dastanden, die leere Stelle, die ich eben erst ausgefüllt, mit blöden Augen anstarrten und erst dann zum Bewußtsein der Lage kamen.
Diese Tat der Verzweiflung hatte mich nur der allernächsten Gefahr enthoben; gerettet war ich nicht.
In Hamburg war ich nicht sicher; die 12,30 M. konnte ich vor einer neuen Verhaftung nicht aufbringen. Ich stahl mich aus der Stadt heraus und folgte aufs Geratewohl der Landstraße in nördlicher Richtung.
Am andern Tage kam mir die »Hamburger Reform« zu Händen. Schon waren die Reporter hinter mir her. Ich hatte nicht 12,30 M., sondern 300 M. an Streikgeldern unterschlagen und war aus einem ostpreußischen Regimente desertiert.
Zum Selbstmord fehlte mir der Mut. Ich wollte leben und betteln. Da ward ich verhaftet und geschlossen nach Altona gebracht. Ich fügte mich ins Unvermeidliche und tröstete mich an dem Gedanken, daß ich in den Augen meiner Genossen unmöglich als Schuft dastehen könnte, da ich seinerzeit mehr als fünffach höhere Summen richtig an die Zentralkasse abgegeben hatte. Ich ahnte nicht, daß ich dem Verhängnis meines Lebens, der Vernichtung meines gesellschaftlichen und öffentlichen Zustandes entgegenging.
In der ziemlich langen Untersuchungshaft ward ich als Zigarrenwickler beschäftigt. Es gelang mir, einige Freunde von meiner Not zu benachrichtigen. Sie schickten mir nach ein paar Tagen die Summe, die zur Tilgung meiner Schuld[103]  und zu meiner Rettung genügte. Dadurch glaubte ich mich auf festem Boden. Aber die Gefängnisverwaltung weigerte sich, den Betrag an die Lohnkommission abzusenden. »Wir vermitteln keine sozialdemokratischen Gelder,« so lautete der Bescheid auf meine Bitte. Ein schriftliches Gesuch an den Untersuchungsrichter blieb ohne Beachtung. Ich wurde fast verrückt.
Vor Gericht machte ich geltend, ich sei doch im Besitz des Geldes, nur sei es mir nicht gestattet worden, es einzuschicken. Auch habe die Lohnkommission als die geschädigte Partei keinen Strafantrag gestellt.

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»Die Behörde,« so ward mir entgegnet, »verfolgt mit Recht, sobald sie Kenntnis eines derartigen Vergehens erhält. Übrigens haben Sie, kurz vor Ihrem Fluchtausbruch, erklärt, Sie hätten das Geld abgeliefert. Warum wollen Sie das nun ein zweites Mal tun? Aber, wir wollen den Zeugen vernehmen.«
Der Zeuge, ein Mitglied der Lohnkommission, sagte der Wahrheit gemäß aus, daß das Geld weder durch die Post, noch durch sonst jemand abgegeben worden sei. Übrigens habe der Angeklagte bis Neujahr Zeit gehabt zur Ablieferung, und die Lohnkommission beantrage keine Strafe.
Der Staatsanwalt geißelte in seiner Anklage das verworfene Gebaren der sozialdemokratischen Wühler, die den Arbeiter um die sauer verdienten Groschen betrügen; auch sei ich bereits wegen Bettelns vorbestraft; seiner Ansicht nach liege böswillige Absicht vor, was eine exemplarische Strafe erheische. Er beantragte denn auch sechs Monate Gefängnis.
Der Gerichtshof erkannte auf drei Wochen, mit der Begründung, die Arbeiter müßten gegen ähnliche Veruntreuungen geschützt werden.
Bei dieser Bemerkung des Vorsitzenden entfuhren mir die Worte: »Sie sind ein sehr arbeiterfreundlicher Mann!« Diese Glosse brachte mir weitere neun Tage ein.[104]
Ich verzichtete auf Berufung. Mein Geschick war mir nach diesem Schlag gleichgültig geworden. Zudem, was hätte es helfen können? In den Augen des Gerichts, in den Augen der Welt hatte ich das Geld unterschlagen.
Seltsamerweise ward mir nach meiner Verurteilung gestattet, die 12,30 M. einzuschicken. Vor der gerichtlichen Verhandlung hätte mich diese Ermächtigung der Schande entzogen. Jetzt, wo ich mein Urteil schriftlich hingenommen hatte, kam die Erlaubnis zu spät. Warum gab man mir diese Erlaubnis erst nach meiner Verurteilung? Waren es jetzt, wo ich verurteilt war, vielleicht keine sozialdemokratischen Gelder mehr? O ja, doch. Aber inzwischen war ein verhaßter sozialdemokratischer Kämpfer vernichtet worden.
Ich verbüßte meine Strafe in Altona. Über die drei Wochen will ich kein Wort verlieren. Ich fügte mich und meine Schergen waren nicht unmenschlich. Zudem erwartete mich beim Austritt aus dem Gefängnistore eine schwerere Heimsuchung. Dem Kerker fast gegenüber lag die Kaserne des 55. Infanterie-Regiments. Hier sollte ich gleich nach verbüßter Strafe Soldat spielen.
Der Weg vom Gefängnis zur Kaserne schien mir ein Abstieg durch Dantes Fegefeuer zur Hölle, über deren Schwelle auch die Hoffnung nicht mitkam.



1.










[106] Als unsicherer Heerespflichtiger ward ich mit geschlossenen Händen zwischen zwei Polizisten zur Kaserne übergeführt. Auf der Wache am Haupttor löste man mir die Handfesseln. Der Wachthabende unterfertigte den Ablieferungsschein und die Schutzleute zogen sich zurück. Ich unterstand nunmehr dem Kriegsgesetz.
Gleich beim Durchschreiten des Tores fühlte ich, daß ich einer fremden Gewalt ausgeliefert sei. Zwei kettenumzogene Kanonenrohre lagen wie gekauerte Doggen links und rechts der Schwelle. Das Innere des Hauptportals war mit Trophäen aus Ritterrüstungen und Kriegswaffen behangen. Das Gefühl, aus dem Gefängnis zu kommen, verschüchterte und bedrückte mich; mir war, als müsse mir jedes Auge meine Schmach ansehen.
Von der Hauptwache führte mich ein Soldat mit geschultertem Gewehr auf das Regimentsbureau. Wir querten den breiten Hof. Eben durchhallte ihn Trommelschlag und Horngeschmetter. Diese Töne drangen aus der fernen Kindheit erinnerungsstark herauf. Damals zerrissen sie die klare, milde Frühlingsluft, wenn ich durch die Wiesen dahinschlich und durch den geheimnisvoll flüsternden Wald. Dieselben Klänge sind es, aber der arme Mensch, dem sie das Innerste emporwühlen, ist nicht mehr der sorglos unschuldige Knabe von damals; über einen Abgrund rufen sie mich an, über einen Abgrund, den nichts ausfüllt und der mich vielleicht bald verschlungen hat.
Auf dem Regimentsbureau hieß mich der Schreiber warten. Dann brüllte er auf einmal: »Stillgestanden! Der[106]  Herr Adjutant kommt!« Nach Erledigung einiger Förmlichkeiten ward ich dem III. Bataillon überwiesen und von hier aus der 12. Kompagnie, 6. Korporalschaft, zugeteilt. Der Regimentsschreiber, ein Sergeant, führte mich aufs Kompaniebureau. Unterwegs raunte er mir mit eigentümlichem Lächeln zu: »Na, warten Sie nur! Sie kommen in eine gute Kompanie!« Ich antwortete bestürzt: »Es ist doch keine Strafkompanie?« Worauf er hart auflachte und entgegnete: »Nein, nein, das gibt's hier nicht. Aber warten Sie nur!«
Diese unheimlich-dunkle Bemerkung, dazu die verdächtige Miene des Sergeanten entzogen meinen Sohlen auf einmal den festen Estrich, auf dem sie hallend schritten. Eine unbewußte Angst schnürte mir plötzlich die Kehle zu.
Der Empfang beim Feldwebel war nicht dazu geeignet, mich zu beruhigen. Der Schnauzbärtige musterte mich von oben bis unten mit einem stechenden Blick, wechselte mit dem Sergeanten einige leise Worte, musterte mich wieder, lachte kurz und höhnisch auf und wandte sich hinter seinen Tisch. Ich mußte diesem Hüter der Ordnung verdächtig vorkommen. Ich war ein unsicherer Kantonist, ein arbeitsscheuer Landstreicher, ein wegen Unterschlagung bestrafter Gauner, ein vaterlandsloser Sozialdemokrat; mit andern Worten: durchaus ein gemeingefährliches Subjekt!

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Bevor ich auf meine Einführung als unsicherer Heerespflichtiger zu reden komme, will ich schildern, wie sich der Einzug und das Einleben in die Kaserne unter »normalen Verhältnissen« vollzieht.
Aus den entlegensten Weilern und Dörfern, von den Ebenen des Hochgebirges, aus den Fischerhütten am Seestrand strömen die Ausgehobenen zum nächsten Sammelplatz. Soldaten mit geschultertem Gewehr nehmen sie in Empfang und führen sie den Regimentern zu. Die Städte stoßen ihre Söhne säulenweise aus, denn die Staatsklugheit verlangt, daß die Rekruten fern der Heimat dienen.[107]
Mein Regiment bezog seine jungen Mannschaften aus Posen und Schleswig-Holstein. Die meisten Polen verstanden kein Wort Deutsch.
Schon auf dem Transport geht den Rekruten die Lust gründlich verloren, in deren Rausch sie am Tage der Aushebung, bekränzt, mit Blumensträußen geschmückt wie Festochsen, die Regimentsnummer an der Kopfbedeckung, durch die Dorfstraßen torkelten und johlten. Die Ausgelassenheit würde den ahnungslosen Helden übrigens teuer zu stehen kommen. Der begleitende Unteroffizier studiert schon jetzt den Charakter seiner zukünftigen Leute und macht sich im Geiste Notizen, die er bei erster Gelegenheit dem Feldwebel zuflüstern wird, nicht zur Freude des betreffenden Opfers.
Auf der Montierungskammer bereits werdet ihr, begnadete Verteidiger Deutschlands und seines Kaisers, mit dem neuen Geist bekannt gemacht. Noch habt ihr Helm und Feldmütze nicht fest in den Händen, so fliegen euch schon die Maulschellen an den Kopf, wie dicke Hummeln, und ihr nehmt sie entgegen mit dem Gesicht des Verliebten, der seiner Angebeteten zu Füßen liegt, einen heißen Kuß erwartet und plötzlich einen Kübel Eiswasser über den Kopf erhält. Wer euch vor einigen Stunden nur scheel angesehen hätte, dem wärt ihr unsanft ans Nasenbein gefahren; hier aber rutscht den größten Raufbolden und den rabiatesten Messerstechern das Herz in die Hosen, und sie schlucken die Ohrfeigen wie reife Pflaumen, denn schon haben sie es gemerkt: In diesen Mauern heißt es »schweigen und dulden«; in diesem Reiche herrscht die Dienstmütze.
Mancher Rekrut hatte sich vielleicht schon einen Helm aufgesetzt und sich im Spiegel betrachtet, voll Bewunderung für die kriegerische Wandlung seines äußeren Menschen. Schwirren aber diese ersten Kasernenspatzen klatschend durch den Raum, so betrachtet er das Stück gepreßtes Ochsenleder schon mit anderen Empfindungen. Die Erlebnisse des früheren Trägers beginnen ihn aus dem Schweißleder anzuduften. Zudem braucht er diesen kriegerischen Schmuck[108]  noch nicht. Achtsam setzt er den Helm in seinen Spind, vorschriftsmäßig den Raubvogel mit Adlerkrallen und Krummschnabel nach außen gewandt, und deckt seinen Schädel mit der Feldmütze.


Die Feldmütze ist unbezahlbar. Jahrhunderte haben an ihr herumgelogen, herumgebogen und gezogen, bis sie in der heutigen Form ihr Ideal erreichte: die Form der Null, zu der sie ihren Träger macht.
O ihr Edeln vom Mützengeschlecht: Nachtmützen, Zipfelmützen, Feldmützen, ihr Philister und Sklaven, was könntet ihr nicht alles erzählen von Faulheit, von Kriechertum und Niedertracht! Aber du sei mir gegrüßt und verehrt, phrygische Mütze, blutroter Lockenschmuck der Freiheit, im Aufstieg versponnene und umgebogene Flamme, vor der Königskronen und Marschallshüte in den Staub gekollert sind! Du, vor der sich der freie Mann verbeugen darf, Herrliche, sei mir nochmals gegrüßt!
Die Feldmütze zu tragen ist eine Kunst. Der Rekrut muß sie, bis auf die Augenbrauen niedergezogen, steif und gerade rücken. Erst im letzten Dienstjahr darf er das erhabene Sinnbild außer Dienst ein wenig freier, sogar mit kecker Lässigkeit zur Seite schieben.
Inzwischen haben sich die Neulinge in Reih und Glied gestellt. Mancher müht sich redlich, eine forsche Haltung anzunehmen. Er meint es gut und wirft den Bauch ganz stramm heraus; aber schon belehrt ihn ein Fauststoß des Korporals, daß er dasteht wie eine »schwangere Leiche«.
Er weiß auch nicht, warum die Korporale lachen und mit welchem Recht sie seine Augen, Ohren, Mund, Nase und Nüstern so behaglich studieren. Manchmal ruft ein Korporal seinen Kollegen und zeigt ihm seine Kerls. Beide befühlen und betasten den Rekruten, treiben Späßchen und Witzchen und grinsen dazu. Sie entdecken manches Anziehende, aber nichts Schmeichelhaftes: Bärennase, Hottentottenaugen, ein Negermaul, eine Zulukaffervisage. Über dieser Zergliederung bei lebendigem Leibe merkt der Rekrut,[109]  daß er nicht länger sich selbst angehören darf, sogar nicht in seinem Eigensten; daß er nicht mehr Herr ist über Haare und Bart, über Nase, Mund und Zähne. Der Mund muß auf Befehl auf- und zuklappen, damit der Herr Vorgesetzte seine Zunge studieren und seine hohlen Zähne zählen kann. Mit welchem Recht muß er das über sich ergehen lassen? Mit dem Recht, das die Feldmütze vergibt.
Die Feldmütze, mein lieber Rekrut, leiht dem Korporal die Freiheit, womit er seine Klauen an dir herumtasten läßt und den Eindruck seiner Neugier auf deine Gefühle studiert. Nicht allein für den Krieg will er dich erziehen, gegen den Erbfeind und die Russen; er will dich vor allem für den Frieden erziehen, daß der Staat an dir einen ruhigen Bürger und der Kapitalismus einen zufriedenen Arbeiter gewinne. Daher muß jetzt schon deine Gefügigkeit erprobt, dein Wille gebrochen, jede Selbständigkeit bis in die Wurzel bei dir ausgerottet werden; denn nur der allein seligmachende Kasernengehorsam ist des Rekruten erste Pflicht.

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Könnte man dich im Schlafe mustern, man würde dir vorschreiben, wie du schlafen sollst; nach Tempo Augen zu, Beine gestreckt, Knie durchgedrückt, Hacken aneinander, Hände an den Hemdnähten, die innern Flächen nach außen, die Daumen geschlossen angelegt, Ellenbogen leicht gewölbt und nach vorn gepreßt, Bauch rein, Brust raus, Kopf hoch, Kinn angezogen, Atmung und Pulsschlag im regelmäßigen Rhythmus eines biedern Gewissens, Träume keine oder nur vom Hurratod für Kaiser und Vaterland.
Das Kichern und Grinsen der niedern Vorgesetzten wird durch ein plötzliches Kommando unterbrochen:
»Stillgestanden! Der Herr Hauptmann ist da!«
»Guten Tag, Rekruten!«
Ist das nicht überaus freundlich und vertrauensvoll?
Langsam schreitet der Gefürchtete die Front ab und verweilt vor jedem Mann zu einer kurzen Prüfung.
Ein friedlicher Augenblick! Er entscheidet häufig über das Schicksal des Rekruten. Schon jetzt steht häufig für den[110]  Hauptmann und den Feldwebel fest, wer von den neuen Leuten zum Gefreiten befördert, zum Offiziersburschen oder zu andern bevorzugten Stellen begnadet wird.
Der Hauptmann ist inzwischen beim letzten Mann angekommen. Da heißt es plötzlich: »Die mit Gefängnis Vorbestraften vortreten!« Das Wort schlägt ein wie der Blitz. Das Gesicht manches Rekruten flammt auf. Der Arme glaubte, er könne im Schutz der Kasernenmauer ein neues Leben beginnen; er wähnte das unselige Geheimnis seiner Vergangenheit gehütet. Und jetzt! O die Schande!
»Nur vortreten! Vortreten! In acht Tagen kommen eure Akten. Und dann wehe.«
Da schiebt die Furcht einen Sünder nach dem andern vor.
»Weshalb sind Sie vorbestraft?«
Im Flüsterton antwortet es: »Wegen Diebstahls.«
»Laut! Laut! Hier wird laut gesprochen. Verstanden?«
Noch krampft sich mir das Herz, wenn ich an einen dieser Auftritte denke. Es war ein halbes Jahr nach meinem Eintritt. Ein Dolmetsch mußte den Polen die Aufforderung des Hauptmanns verpolnischen. Da trat ein Mann vor und antwortete auf die Frage des Hauptmannes: »Vorbestraft wegen Gänsedieberei und Hasenverdacht.«
Der Hauptmann und seine Trabanten lachten im Chor. Der Dolmetsch erklärte schließlich, Mareck sei als des Gänse- und Hasendiebstahls verdächtig in Untersuchungshaft gewesen, aber freigesprochen worden.
Nach der Musterung werden die Kriegsartikel vorgelesen und die Rekruten auf die Stuben entlassen.
Hier entwickelt sich ein reges Leben. Das Putzzeug wird gekauft. Es stellt sich durchschnittlich auf zehn Mark für den Mann. Für die Armen zahlt die Kompagnie und zieht die Auslagen von der Löhnung ab.

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Dann werden dem Rekruten die Herrlichkeiten anvertraut, die es ihm erlauben sollen, das erstandene Putzzeug[111]  nützlich anzuwenden, nämlich: Gewehr mit Mündungsdeckel und Visierbinde in Leder, Seitengewehr mit Lederscheide, Koppel und Koppelschloß, zwei Troddeln, eine zum Wachdienst, eine zur Parade, zwei Tuchröcke, zwei Tuchhosen, zwei Drilchanzüge, zwei Unterhosen, drei Hemden, zwei Paar Stiefel, eine weiße Paradehose, ein Helm, zwei Feldmützen, ein Tornister mit Traggerüst, ein Feldkessel mit Riemen, eine Mantelatrappe, zwei vordere, eine hintere Patronentasche, Schanzzeug, Zelttuch, Stricke usw. zum Aufrichten des Zeltes im Manöver, ein Paar Segeltuchschuhe und Patronen.
Feldmarschmäßig zum Manöver ausgerüstet, mit gepacktem Tornister und Kessel, wiegt der Soldat siebzig Pfund schwerer als nackt. Dabei liegen Sandsäcke und Ziegelsteine bereit, um zu erzieherischen Zwecken die Last der Vaterlandsliebe noch drückender auf des Trägers Schultern zu legen.



2.










[112] Des Rekruten Tag entwickelt sich in den Hauptfäden wie folgt:
Morgens in der Frühe stürmt wie ein Wilder der Unteroffizier vom Dienst den Korridor entlang, reißt die Türen auf und brüllt ein gräßliches »Aufstehen!« in die Stuben hinein. Denn der Soldat muß dem Schlafe mit Schrecken entrissen werden.
Rasch geht's in die Kleider, nach ein paar Minuten heißt es: »Raustreten! Raus!«
Einige Schwerfällige sind noch nicht so weit.
»Raus! Raus! Raus!«
Fluchen, Schimpfworte, Knüffe, Tritte treiben die Säumigen auf den Gang. Die Korporale haben Zeit genug, noch schnell mit Ohrfeigen um sich zu werfen. »Ich werde euch die Betten machen!« »So tritt das Schwein heraus!«
Dann heißt es: »Korporalschaften melden!«[112]
»Stillgestanden!«
Die Korporale begeben sich vor den Feldwebel zum Frühbericht.
»Korporalschaften runterrücken!«
Überdem mustert der Feldwebel die Stuben. Zwei, drei Strohsäcke liegen auf dem Boden. Die Namen der Bettkasten werden vermerkt. Einige Betten sind schlecht gemacht: Eingerissen und vermerkt. Ein oder zwei Spinde sind nicht verschlossen: alle Sachen im Durcheinander heraus auf den Boden und vermerkt.
Nun steigt der Feldwebel in den Hof, wo es wie in einem Ameisenhaufen wimmelt. Der Rekrutendrill ist in voller Tätigkeit. Es erscheint auch der Rekrutenleutnant.
Die Kommandorufe gellen wie verrückt und kreuzen sich im schrillen Gewirr. Jeder Korporal hat einen Gefreiten und einige alte Leute zur Aushilfe. Diese »Hetzhunde« laufen hinter den geschlossenen Reihen hin und »korrigieren« die Rekruten, mit Fäusten und Füßen, ohne ein Wort zu sagen.
Die Kompanien eifern untereinander. Leutnant und Feldwebel werfen manchen forschenden Blick zu den übrigen Rekrutenabteilungen hin, um deren Fortschritte zu merken. In derselben Kompanie überwachen sich die Korporale mit eifersüchtiger Beängstigung. In ein paar Wochen ist Rekrutenvorstellung vor dem Obersten. Da will keine Kompanie, weder Leutnant noch Korporal, vor einem Kollegen zurückstehen.
Diese Morgenübungen dauern zwei Stunden. Eine Pause von zehn Minuten gibt den Rekruten Zeit, sich für die folgenden Prüfungen zu sammeln.
Der Feldwebel läßt die vermerkten Übeltäter vortreten. Aber merkwürdig! Er zeigt sich gnädiger gegen diese als gegen den Korporal. Der Rekrut lacht natürlich im dankbaren Herzen und denkt: »Du hast da aber einen guten Feldwebel.« In Wirklichkeit wird an ihm ein Kunstgriff geübt, der in der Armee vom obersten General bis zum[113]  Gefreiten in Mode ist. Jeder Vorgesetzte rüffelt den ihm unmittelbar Unterstellten; gleich einer Lawine schwillt dann das auf dem Gipfel gesprochene Wort der Rüge im jähen Absturz an, bis es über den Gefreiten hinweg mit wütiger Gewalt zwischen die Rekruten hineinbricht. Bei sämtlichen Obliegenheiten des innern und äußern Dienstes wird der Korporalschaftsführer derb mit gerüffelt. Jeder Mangel in der Kompanieführung bleibt an ihm kleben.

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Der Korporal müßte ein Gott sein, um dem allgemeinen Anprall Widerstand zu leisten. Er ist oder war zu meiner Zeit leider allzuhäufig ein roher Mensch, dessen Instinkte sich auf den Kasernenhöfen mit Genuß austoben wollen. Kein Wunder, daß sich sein Zorn über die oft ungerechten Stoße mit Schimpfgetöse und Ohrfeigenschall entlädt.
Und die lautdonnernden Gewaltigen sind noch nicht die schlimmsten.
Viel gefährlicher ist jener gefrorene Unhold, der mit einer eigentümlich veränderten Kasernenstimme, die Augen von den Gesichtsmuskeln wie von einem erstarrenden Lächeln umspielt, einen gedämpften Befehl erteilt, dann mit einer scharfen Änderung des Gesichtsausdrucks zum Natürlichen, einige Fußtritte und Maulschellen austeilt und sich rasch wieder hinter die Maske eines unheimlichen Grinsens flüchtet, vor dem ein Pferd zitternd zurückbäumen würde.
Mit sägekrächzendem Tonfall, der dem Rekruten durch alle Knochen schneidet, befiehlt er, die unordentlichen Betten, Spinde und Stuben zu ordnen oder zu reinigen. Aber diese Arbeit darf der »Schuldige« nicht selbst besorgen, dazu werden andere kommandiert. Die Hetzhunde und einige ältere Leute leisten dem Rekruten auf einmal Burschendienste; sie wenden den Strohsack, führen den Besen, ordnen den Spind. Der Rekrut sieht ihrem Treiben zu mit erschlafften Gliedern, vor den Augen einen bodenlosen Abgrund. Er weiß, was seiner harrt.
Im gegebenen Augenblick verläßt der Korporal des Zimmer. Kaum hat sich hinter ihm die Türe geschlossen,[114]  so tritt, wie auf ein Zeichen, augenblickliche Stille ein. Dann aber stürzt es über den armen Jungen her wie ein Rudel wilder Tiere. Der verdammte Kerl soll es büßen, daß sie sich seinetwegen abmühen mußten! Mit Faust und Stiefel, mit Besen und Bürste haut und stößt es auf den Armen ein. Er ist seinen Peinigern hilflos ausgeliefert. Aber der Korporal hat seine Genugtuung. Die Schande der Korporalschaft ist getilgt.
Welch ein Vorwurf bietet sich da dem dramatischen Dichter, einem Dichter, der den Mut hätte, die wirkliche Kaserne auf den Brettern seiner Bühne aufzubauen!
Fort, ihr elenden Soldatenpossen mit Gesang! Ihr verlogenen Kasernenschwänke und Militärhumoresken! Niedrige Soldschreiber, wertlose Stümper verraten und verkaufen mit ihren Sudeleien das zertretene Volk ein zweites Mal. Wann erscheint der geniale Dichter und edle Menschenfreund, der es wagt, Recht zu schaffen den Tausend und Tausend Märtyrern, deren Leib geschändet, deren Seele mit Flammenruten gepeitscht wird, die im fürchterlichsten Sinne dazu verdammt sind, zu leiden, ohne zu klagen?
So mancher zertretene Menschenwurm würde sich an der edlen Entrüstung jenes begnadeten Wortführers aufrichten. So mancher Selbstmord würde durch des Dichters Richterschwert eine – wenn auch zu späte – Sühne finden.


Dieser Dichterheiland der Kasernensklaven läßt vielleicht immer auf sich warten.
Ich aber wende mich nach dieser kurzen Abschweifung wieder dem Tagewerk der Unerlösten zu, wie es mir in meinen Jahren damals als Regel erschien.
Die junge »Remonte«, wie die Rekruten genannt sind, hat sich sobald wie möglich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß der Rekrut einstweilen noch minderwertiges Menschenmaterial ist, das »geknetet werden muß«. Sogar die alten Mannschaften, die zwei- und dreijährigen Soldaten, tragen zur Verschlimmerung seines Schicksals das ihrige bei. Sie haben dazu eine Art überliefertes Recht.[115]
Betritt der Rekrut während der ersten Zeit die Stube der alten Mannschaften, so muß er die Erlaubnis zum Eintritt erbitten. Häufig behagt es den »Blausäcken« und »Reservisten«, ihn in der Türe stehen zu lassen, oder man befiehlt ihm gar Kniebeuge und Gewehrstrecken, zu gegenseitiger Erheiterung.
Wird der Rekrut, nach der Rekrutenvorstellung vor dem Obersten, den alten Mannschaften auf den Stuben zugeteilt und der Kompanie zum Exerzieren einverleibt, so geht die Hölle erst recht los.
Für den geringfügigsten Fehler des einzelnen muß die ganze Kompanie durch anstrengende Wiederholungen mitbüßen. Da setzt es denn für den im Dienst unsichern Rekruten Stöße und Tritte, aus den hintern Gliedern, so daß er seine Peiniger gar nicht sieht. Er darf sich im vollen Exerzieren nicht umsehen und taumelt unter den Mißhandlungen wie ein Trunkener weiter. Der Hauptmann verfügt sogar über ein eigenes Mittel, die sich »Verlaufenden zurecht zu stoßen«. Er gibt das Kommando: »Der mittelste Mann (mit Namen genannt) kehrt! Richt euch! Marsch! Marsch!« Bei diesem Befehl, fünf- bis zehnmal rasch wiederholt, ohne abzuwarten, daß die Flügel in Richtung sind, dreht sich die Kompanie wie ein in wilder Wut losgelassener Kreisel um den immer Kehrt machenden mittelsten Soldaten als ihren natürlichen Mittelpunkt, und es werden diesem in der beabsichtigten Verwirrung ungezählte Hiebe, Stöße, Tritte zugemessen. Ein gräßliches Bild!
Diesem verruchten »Teufelstanz« schließen sich würdig an die Quälereien wie: »Laufschritt, marsch, marsch! Auf! Nieder! Auf! Nieder! Hinlegen! Auf! Rechts und links aufmarschieren, marsch, marsch! Abbrechen! Aufmarschieren usw.«. Wer nennt alle Qualen, die dem Soldaten als »Pflicht« auferlegt werden, als z.B. »Die Fersen gehoben, die Knie gebeugt!«, unter fortgesetztem Gewehrstrecken! Damit der Korporal vom Kommandieren: »Das Gewehr vorwärts streckt! Beugt! Streckt! Beugt!« usw. nicht ermüdet,[116]  erfand man das Kommando: »Fortgesetzt!« So bleibt dem Kommandierenden nur noch die Mühe, die stets schwächer zuckenden Krämpfe einer Art Todeskampf zu überwachen.

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»Ha, der Kerl will nicht mehr,« heißt es, wenn die Kraft versagen will. »Was der Kerl da für Gesichter schneidet! Was das Vieh dort nach Luft schnappt!«
Ist der Soldat tatsächlich mit seiner Kraft zu Ende, können die Hände nicht weiter strecken, zittern ihm Knie und Beine, hängt das Gewehr nur noch in gefühlsberaubten, gelähmten Händen, so gibt wohl auch das Seitengewehr einen Sporn ab. »Wird er strecken! Wird er strecken!« heißt es dann. Endlich schnarrt es: »Der Kerl ist faul,« und er wird dem Hauptmann gemeldet.
Jetzt gibt's Nachexerzieren, 1–2 Stunden länger als die übrigen Mannschaften. Läßt der Unglücksmensch über dem »Nachbimsen« das Gewehr fallen, so setzt es beim erstenmal drei Tage Arrest; klappt er zusammen, so muß er mit Sandsäcken und Ziegelsteinen im Tornister nachtreten.
Unter all den Mißhandlungen geht dem Soldaten jedes selbstbewußte Mannesgefühl zuschanden, wenigstens für die Dauer seiner Dienstzeit. Es gehörte damals eben zum anständigen Kasernenton, »geohrfeigt« und »gefußtrittet« zu werden.
Ein Geohrfeigter braucht vor den andern nicht zu erröten. So kommt also nur der körperliche Schmerz in Betracht.
Ist die Dienstzeit vorbei, so tritt das gewöhnliche, gutbürgerliche Ehrgefühl wieder in sein Recht, und es schämt sich der Reservemann der unwürdigen Behandlung unter den Fäusten und Füßen des Korporals. Ja, die patriotische Pflicht zwingt ihn sogar, von all der Menschenschinderei vor der Gesellschaft zu schweigen.
Nach dem Mittagessen, das ihm mehr als einmal durch »Schemelstrecken« gewürzt wird, tritt der Rekrut an zum Appell.[117]
Dieser Appell ist gefürchteter als die schwerste Dienstübung. Nicht nur die zum Appell befohlenen Sachen müssen in tadellosestem Zustand sein. Der Mann selbst wird bis auf die Sohlennägel peinlichst untersucht. Die Korporale machen sich ein Vergnügen daraus, alle Knöpfe von Röcken, Jacken und Hosen herunterzuschneiden, wenn nach ihrer Meinung ein Knopf nicht fest sitzt.
»Ganzes Bataillon kehrt! Rechten Fuß hoch! Linken Fuß hoch!« Wie Pferden und Ochsen die Hufe, so werden den Soldaten die Sohlen nachgesehen.
Nachmittags gibt's Turnen, Klettern, Bajonettfechten, zwei Stunden lang und drüber. Wehe dem, der jetzt erst das Turnen lernen muß und beim Klettern plump und schwerfällig ist!
Gewehrstrecken in der Kniebeuge, oft mit zwei Gewehren zugleich, die Knie an der Leiter durchpressen, mit alten Bajonettiergewehren von hinten her den Mindergewandten über die Bretterzäune und sonstige drei bis vier Meter hohe Hindernisse hinweghelfen, ist Pflicht und Lust. Die Hetzhunde bewähren sich hierbei vortrefflich und unterhalten, als stärksten Sporn, für die erlahmenden Kräfte, ein unendliches Geheul, das an ein Tollhaus oder an eine Wolfsgrube gemahnt.
Nach dem Abendessen bricht auf den Wachtstuben ein unerhörter Hexensabbat los. Die Korporale haben nicht Hände und Füße genug, um ihre Befehle nachdrücklich einzuprägen. Manchmal hilft die Kohlenschaufel aus, besonders auf dem Schädel der Polen, bis diese den Befehlsempfang auf Deutsch nachsprechen können.
Plötzlich heißt es in wildem Chaos: »Über die Tische! An die Spinde! An die Betten! Unter die Betten! Auf die Spinde! usw.«
Die bedauernswerten Soldaten zittern, dampfen, schäumen wie überhetzte Hengste. Auch die Korporale schwitzen, aber sie kosten ihre Wollust ganz aus. Oft muß der Rekrut auf Befehl einen andern ohrfeigen. Dann heißt es wieder:[118]  »Griffe kloppen!« oder »Schemel strecken!« Im Winter geschieht das mit Vorliebe in dichtester Nähe des glühendheißen Ofens, daß die bedauernswerten Sündenböcke vor Erschöpfung umfallen.
Die Schlafenszeit endigt den wilden Tanz. Der Schlaf soll einige Stunden Ruhe bringen. Für mehr als einen Rastlosen trifft es nicht zu. Viele Rekruten werden bis in die Träume hinein von den Befehlen der entfesselten Korporalsmeute verfolgt, fangen im Bette zu exerzieren an, versuchen Kletterübungen, stoßen dabei ein tierisches Brüllen aus und purzeln schließlich auf den Fußboden.
In der Morgenfrühe hob die Hetzjagd von neuem an. Wie ein Wilder stürmte der Unteroffizier vom Dienst den Korridor entlang, riß die Türen auf und brüllte sein gräßliches »Aufstehen!« in die Stuben hinein, denn der Soldat mußte ja dem Schlaf mit Schrecken entrissen werden. War er wie ein Automat auf den Fußboden gesprungen, so durfte er mit Goethe zum Morgengebet seufzen:


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Nur mit Entsetzen wach' ich morgens auf,
ich möchte bittre Tränen weinen,
den Tag zu sehn, der mir in seinem Lauf
nicht einen Wunsch erfüllen wird, nicht einen.



3.










[119] In dieses Reich der Feldmütze trat ich an dem Tage ein, wo ich dem Feldwebel der 12. Kompanie als unsicherer Heerespflichtiger ausgeliefert ward.
Nach meiner Einkleidung mußte ich dem Vorgesetzten meine sämtlichen Papiere und Briefschaften unterbreiten. Ich wurde sofort, bei Androhung von Schemelstrecken, gezwungen, die Adressen meiner Freunde, Arbeitgeber, Verwandten und Hauswirte anzugeben. Da ich befürchtete, den Leuten Unannehmlichkeiten zu verursachen, beschränkte ich mich auf die Namen meines Hauswirtes, zweier Gastwirte und des letzten Arbeitgebers.[119]
Ein Gefreiter ward zu den Leuten geschickt, um Erkundigungen einzuziehen. Etwas Besonderes wird dabei kaum herausgekommen sein, denn man ließ mich über den Punkt ruhig. Einige Tage nachher lief ein Brief für mich ein; er wurde ohne weiteres von dem Feldwebel erbrochen und gelesen. Spätere Briefe mußte ich in seiner Gegenwart öffnen und ihm zur Durchsicht aushändigen.
Das mir angewiesene Spind hatte bis dahin der Kompanie als Petroleumschrank gedient. Bei der ersten Kasernen- und Spindrevision durch den Hauptmann bezeichnete mich dieser als einen liederlich verkommenen Menschen; sogar mein Spind stinke. Auf diese Bemerkung fand ich den Mut, zu erwidern, das Stinken sei nicht meine Schuld und der Petroleumdunst mache sogar mein Brot ungenießbar. Da fuhr er mich an: »Halten Sie den Mund. Sie haben hier gar nichts zu sagen. Ich werde Sie bis in die Erde beugen. Sie sollen mir aus der Hand fressen lernen.«
Diese Worte des Hauptmanns verursachten mir tiefes Weh. Ich hatte mein Spind am ersten Sonntagnachmittag mit Seife und Sand verzweifelt gescheuert. Vergebens. Die ungerechten Drohungen nagelten mich an den Unglücksschrank fest; ich wagte mich kaum zu rühren, als bereits der Hauptmann mit seinem Gefolge das Zimmer verlassen hatte.
Mein Stubenältester machte mir keinen Vorwurf; aber ein Mensch, der nicht das Glück hat, bei seinem Hauptmann in Gunst zu stehen, wird besser gemieden.
Nach einer Woche ward ich auf den Degen des Adjutanten vereidigt. Ich mußte dabei eine lange Formel mit mehreren Kriegsartikeln fließend hersprechen. Ein solcher Treueid war unter solchen Umständen kaum etwas anderes als eine Vergewaltigung. Auch hat er heute bei der durch Gesetz geregelten allgemeinen Wehrpflicht seinen ursprünglichen Charakter eingebüßt und legt einen unnützen Gewissenszwang auf. Daneben wird er zur Quelle vieler ungerechten, manchmal schweren Strafen und ein gefährliches Werkzeug in den Händen der Bosheit.[120]
Meine Vereidigung machte mich regelrecht zum preußischen Rekruten. Für drei Jahre mindestens ward ich damit meinen Vorgesetzten ausgeliefert, die bereits die ersten Tage dazu benutzt hatten, mir anzudeuten, was ich von ihnen zu erwarten hätte. Mit diesen für mein Schicksal so gewichtigen Persönlichkeiten will ich nun bekannt machen und dabei die Erfahrungen nutzen, die ich während meiner ganzen Dienstzeit an ihnen gewann.
Ehre, wem Ehre gebührt! Guten Morgen, Herr Hauptmann!
Hauptmann Syher, ein bürgerlicher Offizier, hatte den Krieg von 1870–1871 als Fähnrich mitgemacht und zählte mit seinen 40 Jahren zu den ältesten Offizieren des Regiments, seinem Strebeeifer war die Befähigung bei weitem nicht gewachsen. Im Dienst gab er sich unnahbar, launisch, ungerecht, ja tyrannisch; dabei hatte er Anwandlungen von Empfindsamkeit, die unnatürlich und widerlich anmuteten. Er lag fast immer in der Kaserne und legte trotzdem einen großen Teil der Gewalt ausschließlich in die Hände des Feldwebels. Was ihm gemeldet wurde, ward ohne jede weitere Untersuchung blindlings bestraft. Ein schön gewachsener Soldat mit entsprechendem Gesicht blieb leichter verschont. Die »Krummen« wurden dafür doppelt mißhandelt und mußten sich besonders an der Leiter einem nachdrücklichen Strafverfahren unterwerfen.
Über dem Exerzieren in größeren Verbänden, bei Paraden und Truppenvorstellungen, verlor Syher leicht die Ruhe und verrannte sich in den verschiedenen Teilen der »Evolutionen«. Dabei machte er die Soldaten von Anfang an durch Strafandrohungen unsicher, statt sie durch Inaussichtstellung kleiner Vergünstigungen mit Schneid zu rüsten.
Ein schlechter Reiter, fiel er oft vom Pferd; er konnte mit seinen Zwergbeinen den Gaul eben nicht recht umklammern.
Auf sein Äußeres achtete er nicht allzu sehr. Er kam oft mit zerzaustem, zerzotteltem Backenbart zur Kaserne geritten.[121]  Sein Gruß: »Guten Morgen, 12. Kompanie« ward als schlimmes Vorzeichen entgegengenommen. Höchstens die Hälfte erwiderte den Gruß. Um sich einen volleren Gegengruß zu erzwingen, grüßte er dann wohl zum zweitenmal und sah auf die Mäuler. Die Mäuler klappten, wie auf Kommando, weit auf, die entsprechenden Muskelbewegungen wurden ausgeführt, aber kein Laut ward hörbar. Wütend über solche Schindluderei, sprang er vom Pferd, lief, um die »miserablen Heuchler« zu fassen, die Front entlang und schrie wenigstens ein dutzendmal rasch hintereinander sein »Guten Morgen, 12. Kompanie!«, ohne aber erst die Wirkung des einzelnen Grußes abzuwarten.
Er verspürte sogar höhere Anwandlungen. Zu Hause spazierte er gerne, nach den Aussagen seines Burschen, vor dem Spiegel in Majors uniform und liebäugelte sich an. Auch ein Gedicht hatte er gemacht. So schön wie der Sang an Ägir war es freilich nicht, aber es sollte in unserer Kompanie als Soldatenlied eingeübt werden, um dann seinen Siegeszug durch sämtliche Kasernen des Reiches anzutreten. In seinem Feldwebel Reiber fand der Dichterhauptmann den kongenialen Vertoner. Beide schwelgten schon in Unsterblichkeitsvorgefühlen, als das Lied, wenn auch noch nicht in den Musikalienhandlungen erhältlich, im bescheidenen Kreis von den Sängern der Kompanie geprobt ward. Über zwölf Jahre verfolgte mich der Duft dieser Sangesblüte, und ich will wenigstens die Anfangsverse hierher setzen, damit ein beseligendes Ahnen auch das Herz meines Lesers durchzittere.
Herr Syher, Hauptmann und Dichter, singt:


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»Nach Beaumont hin marschierten wir,
und mußten tüchtig laufen;
zu fressen hatten wir gar nichts mehr,
noch weniger zu saufen.
Der Dreck war bis an die Kniee hoch,
die Franzosen waren beim Kochen;
wir Preußen kamen an ein Loch
und schossen auf ihre Knochen.«[122]
Komponist Feldwebel Reiber hatte Pech. Sein Tongedicht gefiel dem Hauptmann nicht auf die Dauer. Beide suchten nun eine bekannte Melodie ausfindig zu machen als passende Unterlage. Endlich gelang es ihnen, den hauptmännischen Musenbankert in ein Stück Windel von »Lott ist tot« und in einen zweiten Fetzen aus »Du bist verrückt mein Kind« fein sorgsam einzuwickeln.
Diesem dichtenden Gemütsmenschen machte es großen Spaß, wenn sich seine Soldaten im Takte die Augen bleuten und rhythmisch die Nasen zerschlugen. In seiner Kompanie vor allem tagten die verruchten Femgerichte. Da wurde häufig die ganze Korporalschaft gestraft, mit dem Hinweis, sie hätten es dem und dem Soldaten zu verdanken. Nachts überfielen dann die Unmenschen den ihrer Wut Ausgelieferten und hieben auf ihn ein, daß er mehr als einmal unter den Schlägen zusammenbrach. Ich habe gesehen, wie so ein zerprügeltes Opfer halbnackt durch den Korridor hinunter durch das Haupttor auf die Straße lief, wo der Mann vor Erschöpfung aufs Pflaster stürzte.
Natürlich war auch keine Kompanie schäbiger gekleidet und schlechter genährt als die 12. Wir machten Reime auf diese Schweinerei und sangen sie nach der Weise: »Unser Hauptmann, der ist gut!« dem Syher ins Ohr, wenn er auf Märschen neben uns her ritt. Vor Wut lief dann das Gesicht blau an, und er spornte sein Pferd, daß er nur das fatale Lied nicht immer in den Ohren hätte.
Während eines Manövers stürzte er vom Gaul und blieb besinnungslos liegen. Er hatte eben den Mund aufgerissen, um so und soviel Tage Arrest zu diktieren. Noch hatte er das letzte Wort nicht ausgesprochen, plumps, lag er da und war stumm. Die Kompanie begrüßte seinen Fall mit Befriedigung. Ich hörte Worte wie: »Dem geschieht sein Recht! So einer soll krepieren!«
Da ist unser Oberleutnant, Graf Ostorf, ein anderer Mann gewesen. In ihm einte sich Geist mit Umsicht und[123]  Ruhe, Würde mit Gerechtigkeit und Menschenliebe. Er lehrte den Dienst lieb gewinnen.
Des Grafen Erscheinung allein schon war für die Soldaten eine ermutigende Wohltat. Es blieb uns ein Bedürfnis, diesem Offizier im Dienst die ganze Kraft, das volle Können entgegenzubringen.
Ihm waren Schimpfwörter unbekannt. Milder Tadel genügte. Mußte er rügen, so merkte man an der flüchtigen Röte in seinem Antlitz, wie es seinem Gefühl widerstrebte, daß sich seine Milde zum Tadel zwingen mußte. Mit Vorliebe gab er dem Tadel sogar eine allgemeine, unpersönliche Form, so daß sich die Rüge wie eine Belehrung, vom höheren Gesichtspunkte aus, anhörte. Er hielt gar nichts von Titel und Würden, verbat sich das »Herr Graf« und hätte am liebsten auch auf das »Herr Leutnant« verzichtet.
In seiner Hand war die Kompanie wie eine Zaubermaschine, die von selbst ging. Kam es einmal auf eine außergewöhnliche Leistung an, so genügte des Grafen: »Na, Kinder, zeigt, was ihr könnt!«, um Wunder zu verrichten.
Als der Hauptmann vom Pferde gestürzt war, führte der Oberleutnant mehrere Monate lang die Kompanie. Wo er konnte, erleichterte er das Los der Kompanie sowohl wie das des einzelnen.
Auch für mich fand er wohlwollende Blicke. Als er mich näher kennen gelernt hatte, beklagte er mein Geschick und bedauerte, nicht mehr für mich tun zu können. Er flößte mir unter vier Augen Mut ein und Standhaftigkeit in den Verfolgungen.
Meine Antworten während der Instruktionsstunden gefielen ihm. Ich gab sie mehr selbständig, ohne wörtliches Herplappern des Buches. Besonders freute ihn die Antwort, die ich in der Prüfungsinstruktion vor dem Brigadegeneral gefunden hatte. Die Frage lautete: »Sobald die Kugel den Lauf verlassen, welche Kräfte wirken auf dieselbe ein?« Nach dem Instruktionsbuch sind es die sich entwickelnden Pulvergase, die dem Geschosse Bewegung und[124]  Richtung anweisen. Graf Ostorf hatte das gelegentlich für falsch erklärt und ausgeführt, für das Geschoß kämen, nach Verlassen des Laufes, nicht mehr die Pulvergase, sondern das Beharrungsvermögen als wirkende Kraft in Betracht; dieses Gesetz erreiche, daß ein einmal in Bewegung gesetzter Gegenstand in der ihm angewiesenen Richtung verharrte, so lange er darin nicht durch andere Einflüsse behindert werde; das treffe auch bei der Flugkraft des Geschosses zu.
Ich hatte mir diese Erklärung gemerkt und beantwortete die Frage im Sinne des Leutnants.
Das machte dem Grafen wirklichen Spaß. Einige Tage später war große Felddienstübung. Auf das Kommando: Halt! sank die Mannschaft erschöpft zur Erde. Da rief er mich zu sich, schenkte mir von seinem Wein in meinen Becher und nötigte mich, mir es neben ihm bequem zu machen. Das befremdete Erstaunen der Offiziere und Mannschaften kümmerte ihn nicht. Er wollte mich auf diese Weise belohnen für die Freude, die ihm meine aufmerksame Antwort gemacht hatte.
Leider kam Graf Ostorf schon nach anderthalb Jahren als Hauptmann nach Königsberg. Sein Fortgang wurde allgemein aufs schmerzlichste bedauert. Und kurz nachher traf die Schreckenskunde ein, der edle Mann sei vom Pferde gestürzt und zur Stelle tot geblieben.
Ich saß wieder im Arrest, als mir diese Nachricht zu Ohren kam. Ich war anfangs erstarrt. Dann kam das Grübeln: Ein Hauptmann Syher schlägt sich den Schädel ein, wird wieder heil und munter und stümpert weiter am Ebenbild Gottes herum! Und ich Unglückswurm, ich Brennessel im Menschengarten, wuchere ebenfalls fort! Er aber, der Edelmann im lautersten Sinne des Wortes, die Edelpalme geknickt! ausgelöscht! vernichtet!
Endlich löste sich mein Schmerz in Tränen und in Versen. Mit dem Dorn meiner losgelösten Hosenschnalle ritzte ich in den Kalk der schmutzigen Arrestwand folgende Trauerklage:[125]


»O laß mich weinen, edler Graf!
Das Herz, es stürzt in Tränen.
Welch grausam Schicksal, das dich traf!
Darf ich den Schmerz erwähnen?

Du warst ein Licht in meiner Nacht,
Ein Mensch, ein edler Ritter!
Mein elend Sein – ich hätt's gebracht
Für dich im Schlachtgewitter.

Was fragtest du nach deinem Graf?
Der Mensch in dir war gräflich.
Der Mensch in mir war für dich brav
Und Menschlichkeit unsträflich.

Du Edler fielst! Brutaler Tod,
Grausam, wie mir das Leben,
Wie ungerecht dein Machtgebot!
Die Schlechten bleiben leben.

Du mähst mit deiner Sense wild
Die beste Frucht darnieder.
O Graf, mein Herzblut drängt und quillt,
Ich weine Trauerlieder .....

Doch bleibst du mir ein Heiligtum:
Im Herzen ich dich hehle –
O Graf, verachtend Grafenruhm,
Schlaf sanft, du Menschenseele!«

Es kostet mich Überwindung, aus diesen heiligsten Empfindungen meiner Seele heraus an einen Jämmerling zu erinnern, wie er sich darstellt in der Gestalt unseres zweiten Leutnants, Hugo von Zangenfeld.
Er war im Grunde seiner Seele nicht schlecht, aber ohne sittlichen Halt. Schimpfworte teilte er nicht aus, um so mehr Ohrfeigen. Erschien er zur Instruktion, so schlug er, gleich beim Eintritt, drei, vier Mann nur so an den Kopf, ohne zu wissen warum, oder vielmehr, um sich Ruhe zu verschaffen, denn nun herrschte natürlich lautloseste Stille. Dann lehrte er unter Schrecken.[126]
Ich glaube, ich ward schon am ersten Tage geohrfeigt. Auf der Stelle verbat ich mir die Ungebühr und berief mich auf den Erlaß Seiner Majestät. Er stutzte, sah mich verwirrt an und schlug mich nie wieder.
Achtung flößte er keinem ein; er war von einer unglaublichen Unwissenheit, die durch seinen Hang zum Großtun und zum Gigerltum nur um so komischer wirkte. Er war tatsächlich so dumm, wie er lang war. Er verstand es nicht, mit einer einfachen Feldwache zu »operieren«, fand sich im Gelände nie zurecht und verlief sich im Manöver mit seinem Zug. Liederlich und verkommen, erschien er oft halbtrunken zum Dienst. Jeden Augenblick kam ein anderes Frauenzimmer nach ihm fragen.
Er wurde von den übrigen Offizieren als Schimpf und Last betrachtet. Beim Bataillonsexerzieren in Kompaniekolonnen rief ihn der Major einmal vor die Front und sagte wörtlich: »Ich suche nach einem Ausdruck und finde kein Wort, um ein Benehmen zu kennzeichnen, das eines Offiziers unwürdig ist.«
Und jetzt zur »verehrten« Mutter der Kompanie, Feldwebel Reiber!
Feldwebel Reiber ließ seine Roheit tagtäglich an einem Soldaten namens Reisen aus. »Keinen Funken Ehrgefühl hat der Kerl im Leibe! Wir werden ihn dahin bringen, wohin er gehört.« Mit solchen und ähnlichen Trostsprüchen verfolgte er den Armen minutenlang. Reisen mußte auf dem Flügel stets mit mehreren Schritten Abstand stehen. Auf der Stube ward er auf Anstiften Reibers unmenschlich durchgeprügelt. Klopfpeitschen, Feuerhaken, Besenstiele sausten auf ihn nieder. Ein Besenstiel zerbrach einmal auf seinem Rücken. Das geschah in meiner Gegenwart. Ich trat dazwischen. Da wurde mir bedeutet, ich möge das Maul halten oder die Reihe käme nächstens an mich.
Wie sehr diese Schandszenen an der Tagesordnung waren, verrät der Umstand, daß während dieser Mißhandlung andere Soldaten ruhig ihr Brot weiter aßen oder an[127]  ihren Gewehren fortputzten; ja, in der einen Ecke zog damals ein Soldat in aller Gemütsheiterkeit die Harmonika weiter. Die Töne des Instrumentes mischten sich mit dem Wehklagen des armen Reisen.
Ein anderes Opfer Reibers war der Soldat Schink. Schink litt an Blasenschwäche. Die Mannschaften prügelten ihn deswegen oft durch. Der Feldwebel verbot ihm, am gemeinsamen Tisch zu essen und hieß ihn in einem Winkel stehen.
Ich hatte ein um so größeres Mitleid mit ihm, weil ich selbst bis in mein 8. Jahr an diesem Übel krankte, zu meiner heimlichen Qual und großen Beschämung. Aber meine Eltern waren vernünftig und ertrugen meine Schwäche in Geduld.
Ein Knecht, der bei meiner Tante in Dienst stand, litt an derselben Schwäche. Er war brav und arbeitete für drei. Meine Tante versprach ihm einst einen neuen Anzug, wenn er sich eine Woche bezwinge. Fünf Nächte lang schien ihm das zu gelingen. Der sechste Morgen zeigte wieder den alten Jammer. Die Tante fragte, wie er sich doch fünf Nächte habe halten können. Nun erklärte der Bursche, er habe, um ja nur den Anzug zu erhalten, die fünf Nächte auf dem Stuhl zugebracht; die sechste Nacht habe er aber dem Bette nicht widerstehen können. Dabei liefen ihm die Tränen die Wangen herunter.

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Meine Tante stand gerührt und schenkte dem Peter doch den Anzug. Kein Knecht aber hat gearbeitet wie der.
Und kein Soldat versah den Dienst gewissenhafter als Schink. Das hinderte den Reiber nicht, ihn auf alle erdenkliche Weise zu beschimpfen und zu martern. Endlich strafte ihn der Hauptmann mit Arrest wegen »Verunreinigung königlicher Utensilien«.
Sprang Reiber mit den gemeinen Soldaten um wie mit Stallvieh, so machte er sich lieb Kind mit den Einjährig-Freiwilligen, vor allem, wenn sie zahlten.
Am Tage, wo auch den Kompaniefeldwebeln der Offizierssäbel[128]  verliehen wurde, konnte er sich nicht genug im Pfeilerspiegel bewundern. Gewiß hat er sich in dieser Weihestunde selbst mit »Sie, Herr Feldwebel« angeredet. Wo er ging: auf den Korridoren, in der Treppe, im Hof, auf der Straße, überall ließ er den Säbel nachschleppen. Erst nach einem Monat trug er ihn aufgehakt. Ich glaube, die ersten Nächte hat er sogar mit der langen Stahlrippe geschlafen.
Sergeant Roth schimpfte und schlug ebenfalls. Da neben war er ein großer Schürzenjäger. Er benutzte mich nicht selten als Liebesboten. Mir war es ganz angenehm, einige Bummelnachmittage recht auszunutzen. Jedesmal aber schickte er mich zu einer andern Geliebten. Mich betraute er zu diesen Vertrauensgängen, weil ich in Hamburg gut Bescheid wußte und nicht dumm schien. Ich entledigte mich meines Vertrauensamtes denn auch auf »intelligente Weise«. Ich wußte, daß der gewissenlose Kerl manches anständige Mädchen betrogen hatte, und suchte ihm mehr als ein Opfer zu entreißen.
Einmal stellte er einem Mädchen nach, das ihn floh und seinetwegen die Stellung wechselte. Er gab mir einen Brief an des Mädchens Mutter, daß ich die Adresse der Tochter erlisten könnte. Die Mutter empfing mich mit dem Angstruf: »Sie kommen vom Sergeanten Roth! Welches Unglück bringt dieser Mann über meine Tochter und unser Haus!« »Über mich auch,« entgegnete ich. »Er ist ein infamer Schuft. Hüten Sie sich vor dem Menschen!« Ich nannte der Frau darauf die Geliebten des Sergeanten und gab ihr die Adressen, daß sie sämtliche Mädchen vor dem Scheusal warne. Natürlich verriet ich dem Sergeanten nichts von meiner »Tücke«.
Kurz nachher schickte er mich zu einer Verkaufsmamsell in einem Fischräuchereigeschäft. Ich sollte auf Antwort warten. Mamsell wickelte zwei Päckchen ein. Das eine kleinere mit geräuchertem Lachs, Stör und Aal für den Sergeanten, das zweite, größere mit Heringen, Bücklingen, Sprotten, Flunder für mich, denn es war einige Tage vor[129]  Weihnachten. Ich händigte dem Sergeanten das größere Paket aus, das kleinere barg ich in meinem Spind und aß den Inhalt in zwei Tagen ganz auf.
Wie wird Roth gestaunt haben, als beim nächsten Stelldichein Mamsell sich teilnehmend nach dem Geschmack von Lachs und Stör erkundigte und sein Gaumen sich nur an Heringe und Flunder erinnerte! Am zweiten Weihnachtsfeiertag wurde ich zu ihm befohlen. Ich ging ohne weiteres Bangen hin. Erst stand er eine Weile sprachlos vor mir; sein Schnurrbart zuckte, seine Augen funkelten. Dann verzerrte sich sein Gesicht. »Kanaille!« zischte er und hob die Hand. Ich trat zurück und fragte unschuldig, womit ich den Zorn des Herrn Sergeanten auf mich gelenkt hätte. Da brach er los und kramte aus. Ich erklärte, meiner Ansicht nach habe dem Herrn Sergeanten doch das größere Paket von Rechts wegen gebührt, und so hätte ich das kleinere behalten Er ließ damit die Sache auf sich beruhen. Zum Liebesboten aber hat er mich nicht mehr mißbraucht.
Sergeant Heinrichs war ein pfiffiger Unteroffizier mit klarem Verstand, halber Gerechtigkeit und gutem Kommando. Seine Sittlichkeit war äußerst wurmstichig. Er war beständig krank und salbte, unter den Augen seiner Soldaten, an sich herum. Schließlich mußte er ins Lazarett, weil er kaum noch stehen konnte.
Eine Bestie in Menschengestalt war der Unteroffizier Hubarth. Wie wahnsinnig schlug der auf die Leute ein. Gab er Maulschellen, so streckte sich seine Zunge ein klein wenig zwischen den Lippen vor. Er hatte wirklich seine Lust am mutwilligen Zerstören von Menschen und Menschenglück. Dabei war der Kerl auch häufig krank und stets mit Einspritzungen oder Verbänden beschäftigt.
Die Schwächsten und Wehrlosen, also vor allem die Polacken, waren die Zielscheibe seiner Wut. Um sicherzugehen, beschied er seine Opfer auf die Unteroffiziersstube. Hier mußte sich der Soldat selbst auf den Schemel legen, wo er dann verhauen wurde.[130]
Hubarth ließ manchen Mann niederknien und, die Hände faltend, beten: »O Gott, ich bin ein Dusseltier, mach' du einen gescheiten Mensch aus mir.« Es schmeichelte seinem Größenwahn, daß Soldaten wie kleine Kinder ihn anflehten, sie doch nicht zu melden, wenn er irgend etwas gegen sie unternehmen konnte.
Ihm schloß sich würdig an der Unteroffizier Krumm. Welche Verworfenheit! Der Pole Pogatschek ward minutenlang von ihm mißhandelt. Er mußte stramm stehen. Krumm schlug ihn überdem in gemessenen Zwischenpausen mit den Faustknöcheln aufs Kinn. Einmal sah ich, wie er ihm befahl, den Mund zu öffnen. Pogatschek riß die Lippen klaffend auseinander; Krumm spuckte ihm dazwischen.

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Tierische Brutalität grinste aus der Fratze des Unteroffizieranwärters Hercke. Er wurde schon in der Unteroffiziersschule in Bieberich wegen Ausschreitungen bestraft. Als ich zur Kompanie kam, war er gerade wegen eines schweren Disziplinarvergehens aus 28tägigem strengem Arrest entlassen worden, und zwar mit Verlust der Gefreitenknöpfe.
Zu seiner natürlichen Roheit gesellte sich nun die Verbitterung. Hercke hatte den Winter über die Rekruten mit ausbilden helfen. Die Leute zitterten, sobald er vor sie trat. In ihrer Furcht redeten sie ihn, den gemeinen Soldaten, mit »Herr Hercke« an, er aber duzte sie. Ich duzte ihn auch von Anfang an. Das kränkte ihn. Aber schließlich sagte er »Sie« zu mir und ich erwiderte mit gleicher Höflichkeit.
Trotz allem war der Schurke ein Soldat von hervorragenden Fähigkeiten. Es war ein Vergnügen, ihn marschieren oder turnen zu sehen. Er war auf allen Gebieten gewandt.
Ich könnte diese erhebende Gemäldegalerie noch um weitere Bilder bereichern, aber der stete Anblick der Bosheit und Unmenschlichkeit ermüdet. So will ich denn, unter all den Fratzen von Affen, Hunden und Schweinen, noch[131]  ein letztes Bild mit wirklichen Menschenzügen aufhängen, dem Adelskopf des Grafen Ostorf gegenüber.
Denn was Graf Ostorf unter den Offizieren, das war unter den Sergeanten Unteroffizier Ockert: ein goldener Mensch.
Er war in jungen Jahren auf Wanderschaft gewesen und trat, aus idealen Gründen, vielleicht auch durch die Not gezwungen, in die Unteroffiziersschule ein. Vor der nüchternen Wirklichkeit zerstoben die idealen Träume bald. Seinem natürlich heiteren Gesicht grub sich seither ein Zug enttäuschter Wehmut ein.
Ockert litt lieber selbst, als die Leiden der Soldaten zu vermehren. Allerdings mußte auch er der allgemeinen Gefühlsverrohung in Unteroffizierskreisen seinen kleinen Zoll entrichten. Aber er beschränkte sich auf einige derbe Worte, die in ihrer eigenartigen Zusammensetzung mehr komisch als verletzend wirkten, weil ja auch jede Absicht, zu verletzen, fern lag. Seine Lieblingsrüge lautete: »Sie stehen ja da wie ein vollge .... flöteter Strumpf.« Äußerst befähigt, setzte er keinen übertriebenen Stolz darein, zu den Vorgesetzten zu zählen. Dafür konnte ihn der Hauptmann nicht recht leiden. Er schnauzte ihn oft an, bestrafte ihn sogar mit Arrest.



4.










[132] Diesem Unteroffizier Ockert ward ich zur Ausbildung überwiesen. Er hatte mich in einem Monat so weit gedrillt, daß ich den Kompaniedienst mitmachen konnte.
War Ockert verhindert, so vertrat ihn bei meiner Einzelausbildung der Gefreite Bähr.
Bähr gehörte wieder zu den Gesellen, denen ein Befehlen ohne Stoß und Schlag undenkbar ist. Er mißhandelte mich fortgesetzt. Zwei Wochen nach meinem Eintritt rückte ich mit dem Regiment nach dem Bockstedter Lager, um hier auf der Heide ausgebimst zu werden.[132]
Eines Tages, wo mich Bähr besonders roh vornahm, vergaß ich mich und versetzte ihm einen Fußtritt. Wir waren allein auf dem weiten Feld und er wagte nicht, mich weiter zu schlagen. »Wissen Sie, was Sie getan haben?« zischte er mich mit teuflischem Lächeln an. »Jetzt fliegen Sie auf Festung. Kommen Sie mit.«
Der Hauptmann war zum Glück eine halbe Stunde weit entfernt. Als wir einige Minuten marschiert waren, hielt Bähr auf einmal inne, machte kehrt und drillte an mir weiter. Er meldete nichts und schlug mich längere Zeit nicht mehr.
Am schlimmsten behandelte mich Unteroffizier Krumm, dieser Greuel von Mensch, dem jedes Mittel gut war, einen armen Soldaten ins Unglück zu stürzen!
Eines Tages trat er an mein Spind und kramte zwischen den Sachen. Dann ging er hinaus, um nach zwanzig Minuten wiederzukehren. Wieder durchsuchte er das Spind, sah sich einiges flüchtig an, griff nach dem obersten Fach und zog eine Visierkappe und einige Riemen, die von der Kammer verschwunden waren, heraus. »Ha, da haben wir endlich den Spitzbuben!« triumphierte er.
Ich stand erstaunt und zerschmettert. Um mich zu vernichten, hatte der Unhold die Sachen selbst in mein Spind gelegt. Das stand für mich zweifellos fest.
»Kommen Sie mit!«
Er führte mich zu Sergeant Groth und meldete mich des Diebstahls.
Ich wehrte mich und erklärte: »Herr Sergeant, ein Lump will mich durch Niedertracht zugrunde richten. Ich habe eine Ahnung, wer dieser Lump ist, aber noch kann ich ihn nicht nennen.«
»Ich werde Sie nicht weitermelden, aber ein paar Ohrfeigen haben Sie verdient.«
Mit diesen Worten schlug mich Groth mehrmals ins Gesicht.[133]
Obwohl ich mit der beste Turner war, ließ mich Krumm an Leiter, Querbalken oder Klettertau bis zum Umfallen arbeiten. Konnte ich nicht mehr, so hieß es: »Er ist faul, er will nicht!« Dann mußte ich Laufschritt machen, während die andern ruhen konnten.
Oder er ließ mich im Anschlag stehen, bis das Gewehr sich in meinen Händen senkte.
Einmal befahl er mir, den Mund zu öffnen. Ich hatte gesehen, wie er dem Polen in den Mund gespuckt hatte und rührte mich nicht. Da spie er mir ins Gesicht.
Empörung zuckte mir in allen Fingerspitzen. Aber ich bezwang mich glücklicherweise und schwieg.
Die beständigen Verfolgungen machten mich gemütskrank und rieben mich auch körperlich auf.
Als wir zu einer Felddienstübung ausrückten, stieß mich der Hintermann dermaßen mit dem Fuß in den Rücken, daß es mir blau und rot vor den Augen wurde. Ich wende um, wütend vor Schmerz und Empörung, und pflanze dem Kerl den Gewehrkolben in die Magengegend, daß er zusammenbricht und in den Straßengraben gelegt werden muß, wo er die Dienste eines Lazarettgehilfen entgegennimmt.
Ein Unteroffizier holt mich vor und droht.
Ich erkläre, ohne mich einschüchtern zu lassen, ich wolle dem Hauptmann unverzüglich selbst von dem Geschehenen Meldung machen. Er verbietet es mir und heißt mich wieder ins Glied treten.
Der von mir in den Graben Beförderte war der abgesetzte Gefreite Hercke. Er erholte sich rasch und hatte uns eine Stunde später wieder eingeholt. Seither waren aber die ihm befreundeten Unteroffiziere nur noch toller hinter mir her.
Es bemächtigte sich meiner allmählich eine Art Verfolgungswahn.
Ich sehnte mich nach dem Gefängnis zurück. Eine fünfjährige Haft bedeutete Erlösung gegen die dreijährige[134]  Dienstzeit, die sich durch Festungsstrafe vielleicht verewigen konnte. Ich fühlte mich vollständig rechtlos und brach eines Abends unter der Last der seelischen Qualen auf meiner Stube zusammen.
Die Kühle des Fußbodens belebte mich bald. Da griff ich zu einem äußersten Mittel.

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Ich setzte mich am Sonntagnachmittag hin und schrieb einen Aufsatz über das Kasernenleben und meine eigenen Leiden. Ob ich die Schrift einer Zeitung oder dem kommandierenden General unterbreiten sollte, stand noch nicht fest. Ich barg die Handschrift in meinem Brotbeutel. Des andern Tages ward bei der Spinderevision gerade der Brotbeutel zuerst untersucht. Natürlich fand sich die Schrift.
Ich wurde verhaftet und auf der Stube von zwei Kameraden mit aufgepflanztem Seitengewehr bewacht. Das Arresthaus, das für mehr als 40 Mann nicht Raum hatte, war überfüllt.
So verging die Nacht. Die beiden Posten mußten an meinem Bett wachen. Ich schlief ruhig und fühlte mich morgens erquickt, wie schon seit langem nicht mehr.
Die Kompanie rückte zum Dienst aus; ich ward auf die Handwerkerstube gebracht, wo ich mittags dem Obersten vorgeführt werden sollte.
Der Hauptmann stellte mich vor. Der Oberst hörte meine Erklärungen ruhig an. Ich erzählte meinen Lebenslauf und mein Schicksal in der Kaserne. Auch meinen Hauptmann schonte ich nicht.
Er habe mir, so sagte ich, vor der Front das Recht bestritten, mich zu beklagen, wenn ich geschimpft und geschlagen werde. Der Hauptmann wurde bei diesen Worten feuerrot.
Als ich geendet hatte, fragte der Oberst: »Sie sind Sozialdemokrat?«
»Jawohl, Herr Oberst.«
»Wie verträgt sich das mit Ihren Pflichten als Soldat?«[135]
»Wenn das Vaterland bedroht ist, muß jeder die Grenze verteidigen.«
»Was wollten Sie mit diesem Schreiben?«
»So recht weiß ich es selbst nicht. Es war mir wie ein Bedürfnis, meinem gequälten Herzen einmal Luft zu machen, wenn auch nur schriftlich.«
Der Oberst fand in der Schrift nichts Verbrecherisches. Ich ward entlassen, mit der Ermächtigung, in Zukunft ihm persönlich zu melden, wenn ich geschlagen oder mißhandelt würde.
Mit meinem Hauptmann unterhielt sich der Oberst recht lebhaft unter vier Augen.
Wie rasend, mit flammendem Gesicht, kam Syher ins Quartier gestürzt. Es erging der Befehl, niemand dürfe mit mir sprechen, außer wenn es der Dienst erfordere. In meinen freien Stunden mußte ich immer am Spinde stehen. Die Unteroffiziere hatten strenge Weisung, mich zu überwachen. Die widersprechendsten Befehle wurden mir rasch aufeinander erteilt. Man achtete auf ihre pünktlichste Durchführung.
»Sehen Sie, Bergg,« sagte der Hauptmann, »das geschieht nicht, um Sie zu strafen, sondern zu Ihrem Wohl und Ihrer perfekten Ausbildung.«
Geschimpft und geschlagen wurde ich nicht mehr, aber vom Morgen bis Abend in atemloser Bewegung gehalten.
Morgens mußte ich zwei Stunden vor den andern aus dem Bett; während der Nacht rief mich mehr als einmal der Unteroffizier vom Dienst auf die Beine und hieß mich Gewehrgriffe kloppen. Dadurch wurden meine Stubengenossen ebenfalls in ihrer Nachtruhe gestört. Statt mich zu bemitleiden, mißhandelten sie mich und hetzten mich im Teufelstanz.
Das dauerte so drei Wochen. Ich konnte nicht mehr. Ich verlor den Kopf, lief aus der Kaserne und flüchtete zu einem Bekannten in Ottensee. Von hier wollte ich nach England.[136]
Meine Freunde dachten vernünftiger; sie redeten mir zu und ich ließ mich wie ein willenloses Tier zur Kaserne zurückführen.
Eben ging man zu Bett. Niemand redete ein Wörtchen mit mir. Ich legte mich mit meinem Seitengewehr nieder. Ich fürchtete das »Femgericht«.
Nach einer halben Stunde kam der Hauptmann. Im Hemd mußte ich antreten.
»Warum sind Sie fortgegangen?«
»Der unerträglichen Qualen wegen.«
»Ich werde Ihnen helfen.«
Des andern Tages erhielt ich sieben Tage strengen Arrest. Der Oberst befahl mich vor sich und fragte, ob ich geschlagen worden sei.
Ich mußte das verneinen.
Da war es mit seiner Freundlichkeit aus. Was konnte der Mann auch von den weit schlimmeren Spießruten wissen, die man mich laufen ließ? Über den Dienst hätte ich mich zudem nicht beschweren dürfen.
So mußte ich meine Strafe antreten.
Der Arrestaufseher, Feldwebel Bleibeck, war meistens halbbetrunken. Er pflegte jedem Neuling ein paar Maulschellen oder einige Knüffe mit dem Schlüsselbund als Willkommgruß zu entbieten.
Der Arrestant mußte in Einzelhaft Tag und Nacht meldefähig sein, das heißt nach Vorschrift: »Stiefel an, Halsbinde um, jeden Knopf zu!«


Jeden vierten Tag durfte er entkleidet schlafen; dann erhielt er auch warme Kost.
Decken gab's selbst im Winter nicht.
Diese Strafe konnte bis auf vier Wochen verhängt werden. Wie aus dem Grab entstanden, bleich, vom Licht geblendet, taumelten dann die Arrestanten zur Kompanie zurück.
Als ich aus dem Arrest kam, stand mein erstes Manöver vor der Tür. Graf Ostorf führte die Kompagnie.[137]  Welch eine Freude! Ich ertrug alle Strapazen mit Leichtigkeit und wähnte mich im Schutze dieses Edelmannes geborgen. Aber der Niedertracht gelang es doch, mich zu verderben. Ihr Werkzeug war diesmal der Sergeant Kohl, den ich in meiner kleinen Bildergalerie noch nicht ausgehängt habe.
Kohl darf mit Recht einen Sonderplatz beanspruchen. Würde man sein Konterfei in einem Verbrecheralbum erblicken, man hielte es für unbegreiflich, daß sich so ein schöner Mann in diese Gesellschaft verirren könnte. Was, dieser Jüngling mit dem sanften, fast edeln Gesichtsausdruck, dem treuen Auge, der wohlgefügten Stirne, den feingeschnittenen Lippen, dem ganzen liebenswürdigen Anstand, sollte ein Verbrecher sein? Und doch war er ein Halunke, und von einer ganz besonders giftigen Art.
Seht ihn dastehen, wie er in hoheitsvoller Ruhe mit dem Schnurrbart spielt, die Handschuhe anzieht, sich im obersten Knopf des Waffenrocks bespiegelt, wenn er sich mit seinesgleichen zu unterhalten geruht. Kein Offizier tut es ihm dann an Anmut und Vornehmheit gleich.
Seine Stimme ist voller Wohlklang. Sie gewinnt das Vertrauen. Sie bleibt immer gleich einladend und getragen. Eben ruft er einen Soldaten und befiehlt ihm, voll Feierlichkeit, ohne einen Anflug von Ironie, mit unnachahmlicher Handbewegung: »Sie, mein Freund, holen Sie mir, bitte, einen Irr ...wisch.«
Dieser Mann befahl mir an einem Sonntagmorgen, wo wir auf einem Bauerngut in Quartier lagen, mein Gewehr in alle Teile zu zerlegen. Das Gewehr war rein. Ich hatte einem alten Soldaten fünfzig Pfennig gegeben, und der hatte mir den Schießprügel in zwei Stunden appellfähig gemacht.
Ich fragte, was an meinem Gewehr zu tadeln sei. Mit beleidigter Miene bemerkte Kohl: »Das fragen Sie noch?«[138]
Er zeigte mein Gewehr einigen Unteroffizieren; sie guckten durch den Lauf, schüttelten den Kopf und sahen einander mit grinsender Verwunderung an.
»Es ist Rost,« sagte der eine.
»Pulverschleim,« meinte der zweite.
»Der Lauf ist ein Schornstein,« rief der dritte; »da müssen die Schornsteinfeger mit ihren Kratzen rein.«
Der Soldat, der das Gewehr geputzt hat, tritt vor.
»Ich lasse mir den Kopf abschneiden, das Gewehr ist sauber. Ich habe es gereinigt und will beweisen, daß der Lauf frei ist von Rost und Pulverschleim.«
Kohl steht verdutzt, läßt aber sein Opfer nicht so leicht aus den Krallen.
Der alte Soldat will sich auch nicht nachsagen lassen, als hätte er fünfzig Pfennig in Empfang genommen und nichts dafür geleistet. Er nimmt das Gewehr aus der Hand des Sergeanten und holt ein ganz reines Flanellläppchen.
Ich halte mein Gewehr beim Kolben fest. Freund und Feind umstehen mich. Ohlers, so hieß der alte Soldat, zieht den gepreßten Flanell langsam durch den Lauf. Der Stoff bleibt rein. Ohlers hält ihn triumphierend hoch und zeigt ihn herum.
»Ich will nichts sehen,« knirscht Kohl in heimlicher Wut und wendet sich ab.
In dem Augenblick erhalte ich einen wuchtigen Streich an die rechte Stirnseite. Ich blicke erschreckt auf. Der degradierte Hercke hat mich, Gott weiß, aus welcher Ursache, mit der geballten Faust angefallen. Ich reiße das Gewehr hoch, wirble es in der Hand herum und auf den Tückebold nieder.
Der Elende wirft den Kopf nach hinten zurück. So trifft der Kolben seine vorgedrängte Brust mit doppelter Wucht. Hercke taumelt mit aufgerissenem Waffenrock zurück und knickt zusammen.
Atemlose Stille.[139]
Eine Stimme ruft: »Schleppt ihn nach der Scheune!«
Wem gilt der Befehl? dem Gestürzten? mir?
Die Mannschaften stehen unentschlossen. Ich werfe das Gewehr fort, laufe in die Scheune, auf der andern Seite heraus, über Felder und Wiesen dem Walde zu. Im schützenden Dickicht falle ich vor Erschöpfung ins Moos.
Nach einer Stunde schleiche ich zum Waldrand und überblicke die Gegend. Kein Verfolger ist sichtbar. Sonntagsfriede segnet die ganze Natur. Ein alter Schäfer sitzt neben seiner ruhig weidenden Herde. Aus weiter Ferne tönen mich Glocken an.

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Ich aber bin zum Flüchtling geworden.
Der Hirte wies mir die Richtung nach Schwerin. Am Schwerinersee kroch ich abends in das Grummet und schlief. Am andern Tage wollte ich weiter nach Rostock. Da griff mich ein Gendarm auf und brachte mich nach Schwerin zurück.
Das Vorverhör fand ohne Aufschub statt. Ich erzählte ausführlich, was mich zur Verzweiflung und zur Fahnenflucht getrieben hatte. Der Auditor war mir freundlich gesinnt. Als er meine Aussagen im Protokoll vorlas, fiel mir die ganze Wucht des erlittenen Unrechts schwer aufs Herz, und ich mußte weinen.
Der Auditor tröstete: »Wenn es sich wirklich so verhält, werden Sie kaum eine Strafe zu fürchten haben.«
Ich stellte Strafantrag gegen Kohl und Hercke und bat um Versetzung, denn es sei gewiß mein Tod, wenn ich länger in der 12. Kompanie dienen müsse.
Meine Strafe lautete auf vierzehn Tage strengen Arrest. An sich war die Buße nicht zu hart.
Aber ich wechselte nicht die Kompanie, sondern nur die Korporalschaft. Wen traf ich dort als meinen Vorgesetzten? Gerade den Hercke, der inzwischen die Gefreitenknöpfe wieder erhalten hatte.
Der Feldwebel hatte mich in bewußter Grausamkeit diesem Raubtier wieder ausgeliefert.[140]
Nach dem Austritt aus dem Arrest mußte ich mich bei Hercke melden: »Zur Korporalschaft zugeteilt.«
Zehnmal ließ er mich diese Worte wiederholen und schuhriegelte mich gleich in der ersten Minute.
»Stehen Sie stramm und Knochen zusammen!« Nun trat er mir brutal auf die Füße.
Die Seelenschinderei nahm ihren Fortgang.
Den neuen Rekruten stellte mich Syher vor als einen Mann, den jeder kennen müsse und mit dem niemand sprechen dürfe.
Mein einziger Halt blieb Oberstleutnant Graf Ostorf. Als ich in Untersuchungshaft saß, war der edle Mann die erst Nacht zu mir auf meine Zelle gekommen, hatte sich berichten lassen, mir die Hand gereicht und mich getröstet.
Als »alter Mann« stand ich mehr als früher unter seiner Leitung. Rückten wir mit ihm zur Übung aus, so atmete alles auf. Lieder klangen und Lachen scholl. Mit dem Anblick der Kaserne bei der Heimkehr fiel die kurze Lust in sich zusammen.
Sogar die heiligen Weihnachtsgedanken konnten den Hauptmann Syher nicht einer besseren Menschlichkeit zurückgeben. Am heiligen Abend versammelte sich die Kompanie um die Lichtertanne. Kleine Geschenke wie Kämme, Bürsten, Zigarrenspitzen, Hosenträger lagen, mit Nummern versehen, auf den in Hufeisenform aneinandergerückten Tischen. Drei Geschenke im Werte von ein bis drei Mark waren für noch unbekannte Glückspilze bestimmt. Jeder zog eine Nummer aus der Zigarrenkiste und suchte sich dann sein Geschenk. Musketier Schink war auf Posten. So loste ein anderer Soldat für ihn. Er gewann die große Pfeife im Werte von drei Mark.
»Wer steht auf Posten?« fragte der Hauptmann.
»Musketier Schink.«
»Der! Es geht nicht, daß dieser unsaubere Mensch das Glückslos erhält.«[141]
Er erklärte die Ziehung für ungültig. Es wird ein zweites Mal gezogen, und Schink bekommt eine Zigarrenspitze.
Nach diesem edlen Betrug stimmt der Hauptmann mit der ganzen Kompanie ein in das herrliche Lied: »O du fröhliche, o du selige Weihnachtszeit!«
Ist das nicht erhebend und christlich im höchsten Sinn? Erhebend und christlich wie die Literatur, die den Soldaten auf den Stuben zur Verfügung steht.
Der »Soldatenfreund« ist Gift für junge Seelen. Solche Bücher und Schriften sind Ablagerungsgruben unbewußter Schamlosigkeit. In ihnen begeistern sogenannte Schriftsteller durch Erzählung ihrer Kriegserlebnisse zu Handlungen, die am Galgen gesühnt werden müßten.
Einer dieser Vaterlandshelden berichtet z.B. mit allem Behagen, wie sie auf französischer Erde einst bei einem Bauern einquartiert waren, dessen Frau in dem einzigen Bett ihrer schweren Stunde entgegensah. Die deutschen Eroberer wußten sich Rat. Sie packten das Weib bei Kopf und Füßen, legten sie auf den Boden und sich selbst ins warme Bett.
In jenen Tagen brachte mir ein Trauerbrief die Nachricht vom Tode meines Vaters. Ich hatte den armen lieben Mann seit meinem Weggang aus Königsberg nicht wiedergesehen.
In meinem Leid bat ich, einen Tag vom Dienst entbunden zu werden. Da fragte mich der Feldwebel Reiber hönisch: »Haben Sie denn einen Vater?« und zwang mich, meinen Dienst zu versehen wie jeder andere.
Meine Stimme war den Tag über so matt, daß meine Antworten nicht laut genug klangen. Ich wurde also zehnmal über den Kasernenhof gejagt und mußte jedesmal von der 300 bis 400 Meter entfernten Mauer aus laut brüllen.
Es kam so weit mit mir, daß mir die Arrestzelle zum Himmelreich ward. Dort hatte ich wenigstens Ruhe.[142]  Vom Hofe her drang das Kommandieren, Fluchen und Schimpfen gedämpft in meine Einsamkeit, kam aber an mich nicht heran. Auch fehlte es mir nicht an Gesellschaft. Ich hatte bemerkt, daß der Arrestaufseher bei der Einlieferung niemals meine Mütze nachsah. Da schmuggelte ich eines Tages Goethes »Faust« samt dem Kommentar von Boyesen in meine Zelle. Auf der Pritsche stehend, reichte ich bis zur verriegelten Fensterklappe. In dieser waren durch Austrocknen des Holzes zwei schmale Ritzen entstanden, durch die eine dünne Lichtlinie wagrecht ins Zimmer drang. Hob ich das Buch in ihren Strahl hinauf, so konnte ich lesen. Allerdings wurden immer nur drei Druckzeilen zugleich erhellt, aber je weiter ich kam, um so höher hielt ich das Buch und fühlte mich beseligt.
Ich durchlebte so sämtliche Entwicklungen des Kampfes zwischen Licht und Finsternis, wie es die Verse dieser ewigen Dichtung durchwogt. Ich genoß alle Schauer menschlicher Wonne und Qual, die aus Gretchens Liebesglück und -schuld hervorstürmen. Die Lemuren, die dem Faust das Grab schaufeln, sah ich, mit Pickelhauben behelmt, als Totengräber der edeln Kräfte in Geist, Seele, Körper, Gemüt, allem Guten die Grube bereiten. – Schließlich aber fühlte ich mich von fröhlicher Zuversicht erfüllt bei dem endlichen Siege des Lichtes und der Liebe, denn:


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»Wer immer strebend sich bemüht,
den können wir erlösen.«

Über dieser Faustlektüre vergingen mir die zehn schweren Tage wie im Traume. Allerdings verspürte ich am Schluß ein Nervenspielen von den Fußspitzen bis zum Kopf.
Gedrängt durch die tagtägliche Not, schlug ich endlich eine Taktik der Verzweiflung ein. Unter Wölfen gebärdete ich mich schließlich auch als Wolf. Ich ging auf einmal selbst zum Angriff über, statt immer nur das Dulderlamm zu mimen, und teilte Hiebe aus, die recht empfindlich[143]  waren, deren Urheber aber nur dunkel geahnt ward. Im »Hamburger Echo« veröffentlichte ich einige Artikel über Soldatenschindereien in drei Kompanien und erörterte ausführlich zwei Selbstmorde, die im Regimente vorgekommen waren. Ich gab alle Einzelheiten und nannte Namen.
Die Artikel machten Aufsehen und rüttelten manchen Zaghaften empor. Von allen Seiten regnete es jetzt Beschwerden über Beschimpfungen und Mißhandlungen von Soldaten.
Noch mehr, ich rechnete mit meinen Peinigern persönlich ab. Sergeant Krumm wollte seine neuen Stiefel zum zweitenmal anziehen. Er fand sie nicht. Er suchte wie verrückt. Vergebens. Ich hatte sie in die Müllgrube befördert.
Als Posten meldete ich unnachsichtlich jeden Vorgesetzten, der nach dem Zapfenstreich über die Mauer kletterte.
Die Sozialdemokraten in der Kompanie schlossen sich zu einer Art Bund zusammen und hielten jetzt ihrerseits Femgericht über die Halunken.
Dem Bähr spie ich unter vier Augen auf die Füße und nannte ihn einen »erbärmlichen Schuft«. Der Feigling steckte die Beleidigung ein. Ohne Zeugen konnte er mich nicht auf Festung bringen, und den Arrest, das wußte er, fürchtete ich nicht mehr.
Wo mir etwas von den Sachen der Korporäle und Unteroffiziere in die Hände kam, ward es vernichtet, verdorben oder versteckt.
Jetzt mußten auch die Krumm, Kohl und Hercke wie wahnsinnig nach ihren Handschuhen oder wie besessen nach ihren Paradehosen laufen. Ich war manchmal so niederträchtig frech, in solchen Augenblicken den Gehetzten zu fragen: »Was suchen der Herr Unteroffizier? Kann ich Ihnen behilflich sein?« Sie kannten den Täter, merkten den Hohn, warfen mir unzweideutige Blicke zu, aber sie durften mir nicht zu Leibe. So lernte ich meinerseits Schrecken erwecken; ich ward gefürchtet, und das half immerhin etwas.



 5.










[144] Von jeher ward Geist und Bildung von der herrschenden Welt verfolgt, Einfältigkeit und Dummheit bevorzugt.
Bildung macht ihren Träger verdächtig, schon im gewöhnlichen Arbeitsverhältnis.
»Ihr neuer Arbeiter ist ein gebildeter Kerl,« bemerkt ein Gast, und Arbeitgeber und Frau lassen erschreckt den Löffel fallen, wenn sie gerade an der Suppe sitzen. Wenn der Spaßvogel aber auflacht und sagt: »Ne, ich habe ja nur einen Witz machen wollen, er ist nämlich ein kreuzdummer Hans,« so blicken sie ihn dankbar an und nehmen den Löffel wieder zur Hand; heimlich aber zittert der Schrecken nach.
Nirgends wird die Bildung mehr für die gefährlichste Schmuggelware angesehen als beim Militär. Wer seine Bildung nicht vollständig verleugnen kann, geht als gemeiner Soldat einem Martyrium entgegen.
Unter den Umständen mußte auch mich das Schicksal erreichen.
Ich war, durch die Verzweiflung stark gemacht, meinen Vorgesetzten über den Kopf gewachsen. Sie hatten Wind gesät, nun ernteten sie Sturm. Allerdings suchten sie jetzt durch Milde wieder gutzumachen; aber ich konnte nicht vergessen.
Mir war ein Buch über das Verhalten der Vorgesetzten gegen die Soldaten in und außer dem Dienst in die Hände gekommen. Mit Empörung konnte ich da feststellen, was alles an mir verbrochen ward und welche Überschreitungen an andern verübt wurden.
Von dem Tage an erhob ich Einspruch, wenn mir der Korporal die Feldmütze oder den Helm mit grobem Griffe gerade setzen wollte. Ich verlangte, befohlen zu werden, es selbst zu tun.[145]
Gab mir ein Unteroffizier einen Befehl, ohne dabei selbst die vorschriftsmäßige Haltung einzunehmen, so brachte ich es vor dem Major zur Anzeige.
Diese Freiheiten mußten allerdings die militärische Zucht untergraben. Das Kräutlein Rühr-mich-nicht-an Militarismus wird ja schon im Innersten erschüttert, wenn ein Soldat sein Recht verlangt und die Vorgesetzten dann und wann an ihre Pflichten erinnert.
Meine Führung wurde jetzt auf einmal in den Führungsbüchern als gut vermerkt. Ich bekam Sonntags Urlaub. Ich durfte auf eine billige Zeitung, den parteilosen »Generalanzeiger«, abonnieren.
Eine Zeitlang ging es leidlich. Da wurde ich eines Abends vom Hauptmann beim Lesen überrascht.
»Achtung!«
Alles stürzt in strammer Haltung an die Spinde; ich auch. Mein Buch bleibt auf dem Tische liegen.
Er beugt sich darüber, liest den Titel und befiehlt, mich in Untersuchung abzuführen.
Ich hatte in dem Protokoll des ersten sozialistischen Parteitags nach Aufhebung des Sozialistengesetzes gelesen. Da es nicht laut geschehen war, wurde ich schließlich mit 14 Tagen streng bestraft und auf Antrag des Hauptmanns der Arbeiterabteilung Ehrenbreitstein bei Koblenz zugewiesen.

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Eine solche Versetzung ist keine Strafe, nur eine Maßregel. Wie Rußland die politisch Unzuverlässigen nach Sibirien verschickt, so werden, gemäß Kabinettsbefehl vom Jahre 1887, in der Gesinnung unzuverlässige Soldaten den Arbeiterabteilungen zugewiesen.
Die sogenannten zweitklassigen Soldaten, die bis 1887 nach Verbüßung ihrer Festungshaft diesen Arbeiterabteilungen allein zugewiesen werden durften, tragen keine Kokarde und einen Waffenrock mit abgeschnittenen Rockschößen.
Den »Unzuverlässigen« durften Kokarde und Schöße[146]  nicht genommen werden; sie bildeten in diesen Arbeitsanstalten die Erstklassigen.
Am Tage vor meiner Überführung nach Ehrenbreitstein trat unerwartet der Hauptmann mit dem Feldwebel in meine Arrestzelle, gab mir die Hand und sagte mir Adieu. Geschah es aus Freude, den verdammten Kerl loszuwerden? oder tat er so aus rein menschlichem Mitgefühl heraus, unter dem Eindruck der Erinnerung an all das viele Unrecht, das ich durch ihn und unter ihm hatte leiden müssen? Ich ward durch seine Weichheit aufs höchste überrascht und besaß nicht Geistesgegenwart genug, meine Hand zu verweigern, worüber ich mich heute noch ohrfeigen könnte. Vor der Türe meiner Zelle hörte ich ihn sagen: »Schade! Schade! aber sorgen Sie, Feldwebel, daß Bergg auf dem Transport nicht notleidet.«
Der Militärarzt, der mich vorschriftsmäßig vor der Abreise zu untersuchen hatte, wollte mir mitleidsvoll die Lazarettüre öffnen und fragte mich immer wieder, ob mir gar nichts fehle. Seine Frage klang fast wie eine Aufforderung, mich doch krank zu fühlen. Ich blieb aber bei meiner Antwort: »Nein, mir fehlt nichts.«
Unter Bewachung dampfte ich eines frühen Februartages nach Ehrenbreitstein ab. Um Mitternacht hatten wir den 200 Meter hohen Felsen erklommen.
Ruhig und dunkel lag tief unter uns in den Schleiern der Nacht das Rheintal.
Ich war glücklich, wenigstens der Kompanie entronnen zu sein, wenn auch der Wechsel dunkle Schicksale genug in sich tragen durfte.
Ich traf unter meinen Leidensgefährten viel Sozialdemokraten. Einige mußten ihre ganzen drei Jahre hier abdienen, ohne eine Kaserne gesehen zu haben. Andere kamen hierher, weil sie wegen Majestätsbeleidigung vor bestraft waren; unter ihnen ein Redakteur der Breslauer »Morgenstimme«, ein Dr. phil., der sein Recht als Einjähriger[147]  eingebüßt hatte. Überhaupt ward damals jeder Mann, der wegen »sozialer Umtriebe« vorbestraft war, in diese Anstalt gebracht, um ihn so für andere ruhige Bürger unschädlich zu machen.
Weiter fanden sich dort einige Mennoniten, denen ihr Glaube verbietet, ein Gewehr auch nur anzufassen; Selbstverstümmler, die sich während ihrer Dienstzeit hatten dienstuntauglich machen wollen; Lothringer, Elsässer und Polen, die ihrer »Preußenfreundlichkeit« zu laut und überzeugend Ausdruck verliehen hatten: der eine hatte die Marseillaise gesungen; ein zweiter trug auf der Brust eine Tätowierung, wo man sehen konnte, wie ein Preuße von einem Franzosen mit dem Bajonett durchbohrt wird; ein dritter hatte sich auf der Brust den Wahlspruch eingestichelt: Vive la revanche!


Alles in allem zählten wir im Durchschnitt an die 160 Mann »Pensionäre«.
Jeder Soldat wird, bei einem längeren Aufenthalt in diesen dumpfdröhnenden, niedrigen, durch vergitterte Schießscharten kläglich erhellten Kasematten von dem sogenannten Kasemattenfieber befallen. Bei den meisten tritt diese Erscheinung nur vorrübergehend auf; manchen jedoch trübt sie allmählich das Gemüt und steigert sich zum Tiefsinn, ja zur völligen Geistesumnachtung.
Zwei Mann stürzten sich von der Moselbrücke ins Wasser und ertranken. Zwei andere gossen Petroleum in die Strohsäcke und zündeten sie an, daß sie doch mit Zuchthaus bestraft würden und der Ehre, noch länger Soldat zu sein, verlustig gingen.
Die Kasematten, die in Kriegszeiten zur Auffahrt der Kanonen dienen, sind alle durch ein Durchkreuzungsgewölbe verbunden. Jedes Loch ist für sechs Mann bestimmt. Nur ein Ausgang leitet in das längliche Viereck des Lichthofs, von wo man einen Ausschnitt des Himmelsgewölbes erblickt.
Beim Durchschreiten der Räume bemerkte ich häufig, wie sich Soldaten ohne Scheu schmeichelten, auf einem[148]  und demselben Schemel saßen, sich wie verliebte Mädchen küßten. Niemand nahm Anstoß an dem faden Treiben.
Warum auch den sittlich Entrüsteten spielen, wenn die militaristische Gesellschaft selbst an den widernatürlichen, zur Unsittlichkeit drängenden Zuständen schuld ist!
Über den Übungen, während der Arbeit fiel kein Schimpfwort, kein Schlag. Aber das geringste Versehen ward schwer bestraft.
Einer erhielt zehn Tage strengen Arrest wegen zu »dicken« Kartoffelschälens. Ein anderer sieben Tage, weil er unter seinem Bett, in einer abgebrochenen Flaschenhöhlung, einen Grashalm zur Zerstreuung pflegte.
Ein Lothringer ward wahnsinnig. Er bildete sich ein, die Katze wäre seine Mutter.
Ein Pole ward tobsüchtig und schlug mit einem Schemelbein auf die Unteroffiziere los. Als er sich ausgetobt hatte und verhaftet wurde, sagte er ganz kalt: »Es ist mein Tod, aber einen nehme ich noch mit.« Man brachte ihn bis zu seiner Entlassung ins Lazarett.
Das Briefgeheimnis war aufgehoben.
In der Instruktionsstunde hieß es immer: »Ihr seid freie Soldaten.« Ausgehen aber durften wir nicht.
Die vierte Kompanie der Festungsartillerie und eine Infanteriekompanie waren abwechselnd in Alarmzustand, mit scharfen Patronen und der strengsten Weisung, auf das erste Signal in die Abteilung zu dringen und jeden Ausbruch von Empörung im Keim zu ersticken.
Diese Empörung ward gewünscht. Sie blieb aus und sollte hervorgehetzt werden.
Acht Tage hindurch bekamen wir fast nichts zu essen. Das Wenige war kaum genießbar. Der Reis z.B. war schwarz von Ratten- und Mäusekot. Einige schütteten den Fraß durch die Schießscharten in den Lichthof.

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Die Leute erhoben entrüstet Beschwerde. Sie erreichten das Gegenteil. Die Unzufriedenheit wuchs und das Schlimmste stand zu befürchten. »Wenn es am Sonntag[149]  nicht besser wird, so hieß es, wird man was erleben.« Da kam am Sonntagmorgen Sergeant Schwarz, ein recht braver Mann, in unsere Stube und warnte voll Aufregung: »Lasse sich niemand zu Ausschreitungen hinreißen! Heute bekommt ihr nämlich gar nichts zu essen. Sollte die vierte Kompanie in eure Abteilung dringen, so legt euch in die Betten, verkriecht euch! Nur um Gottes willen keine Dummheiten! Mehr kann ich euch nicht sagen!«
Die Hungerkur am Sonntag sollte nämlich die Empörung auf den Gipfel und zum Ausbruch treiben.
Sergeant Schwarz hatte diese Hoffnung heimlich vereitelt. Wir verhielten uns still, und der Hungersonntag ging vorbei wie die früheren Fastentage.
Warum eine Meuterei gewünscht ward, sollte sich bald zeigen.
Am folgenden Montag klagten wir bei den Offizieren des Artilleriedepots. Ein Leutnant meldete alsbald entrüstet auf der Stadtkommandantur, die Leute könnten nicht arbeiten, weil sie nichts zu essen bekämen und vollständig erschlafft seien. Jetzt ward schnell Wandel geschaffen. Der Leutnant selber brachte uns Brot herauf.
Der Hauptmann und die Offiziere, die in der unteren Stadt wohnten, hatten sich wenig um den inneren Dienst gekümmert. Der lag fast ganz in den Händen des Feldwebels Balg, der als unumschränkter Meister schaltete. Aber die Vergeltung nahte auch für ihn.
Von allen Seiten regnete es Beschwerden; sogar die Ärzte klagten. Eine Untersuchung ward eingeleitet. Sie deckte einen fortgesetzten schimpflichen Betrug auf.
Balg steckte mit gewissenlosen Krämern im Einverständnis. Sie lieferten schlecht und teuer. Statt Fleisch schickte der Schlachter Kuheuter. Makkaroni, Reis, Bohnen, Kartoffeln und dergleichen wurden halb verdorben eingebracht. Kohlen und Holz bekam kein Mensch im Winter zu spüren; ein Soldat hatte sogar seinen Schemel verbrannt und dafür sechs Monate Zusatzstrafe eingeheimst. Auf[150]  der Rechnung an die Intendantur aber standen Kohlen und Holz vermerkt, und zwar zu den teuersten Preisen.
Nun wußten wir auch, wozu das Scheusal eine Revolte nötig hatte. Es wäre das die beste Ableitung von seinen eigenen Schurkereien gewesen.
Ihm wurde der Prozeß gemacht. Und Herr Balg schwamm den Rhein hinunter, auf Festung Köln, sechs Monate lang.
Um dem Elend dieser Zeit zu entgehen, vertiefte ich mich, während der freien Stunden, in die Arbeit. Landkarten, die mir von Freunden geschickt worden, wandelten sich zu Büchern, die ich nicht auslesen konnte. Daneben trieb ich fleißig Stenographie.
Fünfzehn lange Monate hielt ich es in dieser Kasemattenhölle aus. Dann versagten meine Kräfte. Ich meldete mich krank. Der Arzt wies mich dreimal ab. Wegen unbegründeten Krankmeldens wurden mir sogar fünf Tage streng diktiert. Ich verlangte vorher von einem Stabsarzt untersucht zu werden. Da ward ich nach dem Lazarett in die Unterstadt geleitet. Das Kommisbrot für die Tage des Arrestes mußte ich unter dem Arm mittragen, so sicher war man eines ablehnenden Bescheids.

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Als ich vor dem Stabsarzt stand, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und bemerkte ruhig: »Herr Stabsarzt, hier weigert man mir ärztliche Hilfe. Geschieht mir mein Recht nicht, so werde ich bei der ersten Gelegenheit Fahnenflucht begehen, nicht um mich dem Regiment zu entziehen, sondern um anderseitig ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.«
Der Stabsarzt stand starr vor Staunen. Aber meine Worte wirkten. Er untersuchte mich genau und schickte mich ins Lazarett. Da blieb ich vier Monate. Ich ward gut gepflegt und fühlte mich wohl.
Der Assistent des Oberstabsarztes meinte es besonders gut mit mir. Durch Zufall war ihm mein Tagebuch zur Hand gekommen, in dem einige Gedichte verzeichnet[151]  standen. Er knüpfte eine Unterhaltung mit mir an und fand, daß ich mich wissenschaftlich und schöngeistig beschäftigt hatte. Ich gewann seine Achtung und das Wohlwollen der übrigen Ärzte. Sie öffneten mir den Garten, und so wurden mir die letzten Monate, die ich dem Vaterland als treuer Sohn schuldete, zu einer wirklichen Erholung.
Am 30. Oktober meldete mir der Feldwebel, meine Dienstzeit sei um, ich dürfe gehen. Zugleich sollte ich in der Stammrolle meine volle Zufriedenheit mit der erfahrenen Behandlung anerkennend bescheinigen.
Ich weigerte meine Unterschrift.
Am 15. November ward ich aus dem Lazarett entlassen. Noch aber war ich nicht frei. Man führte mich wieder auf den Kasemattenfelsen hinauf, daß ich meinen Paß abhole.
In Wirklichkeit wollte man mir meine Unterschrift erpressen, denn die Verweigerung konnte besonders dem kommandierenden Major unbequem werden.
Ich beharrte anfangs in meiner Ablehnung. Der Major geriet in eine blaue Raserei. »Unterschreiben Sie,« brüllte er, »oder ich steche Sie nieder wie einen Hund.«
Da unterschrieb ich. Und war frei.



1.










[153] Ich kehrte nach Hamburg zurück, das ich als meine wahre Vaterstadt hatte lieben lernen. Ich nahm wieder Arbeit als Zigarrenarbeiter.
Ich enthielt mich aller geistigen Getränke und führte ein sehr ordentliches Leben.
In meiner freien Zeit bildete ich mich in der Stenographie aus und machte unter einem tüchtigen Lehrer einen regelrechten Unterricht durch.
Innerhalb eines Jahres brachte ich es bei einer Prüfung auf 180 Silben in der Minute.
Inzwischen war ich noch in anderer Hinsicht auf dem besten Wege, mich mit meinem harten Geschick zu versöhnen.
An dem Stenographieunterricht nahm auch ein junges Mädchen teil, dem der Zufall an meiner Seite seinen Platz anwies. Sie war mittelgroß, voll und frisch; ihre Augen blickten Frohsinn; ihr ganzes Wesen atmete Lebhaftigkeit und Mut. Wir kamen ins Gespräch. Sie wollte sich als Stenographin auf eine Buchhalterstelle vorbereiten.
Sie wohnte bei ihren Eltern, die einen kleinen Kramladen in der Nähe des Spielbudenplatzes führten. Sie hieß Marie und war neunzehn Jahre alt. Das alles erfuhr ich am ersten Abend.
Wir trafen uns regelmäßig im Unterricht. Ich begleitete sie nach Haus. Ich erzählte auch viel von mir. Es machte besonderen Eindruck, daß ich ein so weit gereister Mensch sei. Daß ich im Gefängnis gesessen, verschwieg ich[153]  natürlich. Maries Fortschritte in der Stenographie waren nicht die besten. Ihre Aufmerksamkeit während des Unterrichts verzettelte sich. Vielleicht war daran auch meine Nähe schuld. Ich faßte es aber als Nachlässigkeit auf und fühlte mich verpflichtet, ihr ernste Vorstellungen zu machen. Das kränkte sie nicht; im Gegenteil. Wenn meine Vorstellungen zum Vorwurf und zur Rüge wurden, lächelte sie mich schelmisch an und meinte mehr als einmal: »Sie zwingen sich, böse zu sein, Franz! Aber es gelingt Ihnen nicht. Sie meinen es brav, und der Ärger steht Ihnen gut.«
Was konnte ich da viel predigen und schulmeistern! Sie blieb eben ein herziges Ding.
Und es kam, wie es kommen mußte und sollte.
Wir wurden Kameraden. Wir fanden uns an den Sonntagnachmittagen zu längeren Spaziergängen. Wir wandelten abends, statt in den Unterricht zu gehen, Arm in Arm durch entlegene Straßen, freuten uns der erleuchteten Schaufenster, lachten, daß wir so unbekannt durch die vielen Leute schlüpfen konnten, von denen nicht einer wußte, wie uns heimlich zumute war, verloren uns in eine Konditorei, in einen Konzertsaal. Ich machte den artigen Kavalier; ich kaufte ihr Blumen und Süßigkeiten; Schokoladeknusperchen naschte Marie für ihr Leben gern.
Eines Abends, wo ich sie wieder nach Hause führte, hielt ich beim Abschied ihre Händchen fest, zog das ganze Mädchen an mich und küßte sie. Sie lachte und küßte mich wieder.
Den nächsten Abend bot sie mir gleich das Mäulchen zum Gruße. Wir duzten uns.
Und wieder eines Abends ging sie mit auf mein Zimmer. Ich hatte die kleine Kammer ordentlich herausgeschmückt. Ein Kuchen stand auf dem Tisch. Daneben Blumen und die Teemaschine.
Wir machten Tee. Wir aßen Kuchen. Ich zog sie in die Arme. Und als sie an dem Abend von mir ging, war Marie mein geworden.[154]
Sie weinte nicht, als sie sich von ihrer ersten Verlegenheit erholte. Sie sagte, über und über rot, indem sie sich die Haare über den Schläfen zurechttupfte: »Ich wußte ja, daß es so kommen würde. Du hast mich heute gehabt als Mädchen! So halte mich als dein Weib!«
War das nicht tapfer! Nicht himmlisch schlicht und groß! Ich war wieder einmal ein richtiger Mensch geworden. Ich besaß ein Glück, das bei mir einkehrte, wenn ich wollte, das meine Armut vergoldete und meine Zukunft verklärte.
Zukunft? Ich dachte kaum daran, zwang mich, so wenig als möglich daran zu denken. Die Gegenwart war mein alles. Die Gegenwart war zu schön!
Was aber sollte und durfte aus unserem Liebesspiel werden? Marie war arm und ich war arm.
Konnte unsere Liebe überhaupt dauern? Ich war nur ein Zigarrenarbeiter, dazu noch keiner der besten. Was ist das überhaupt, ein Arbeiter? Um eines jungen feurigen Weibes Liebe zu erhalten, bedarf es der Eigenschaften mehr, bedarf es vor allem der Mittel, ihre weiblichen Wünsche zu befriedigen.
Ich suchte meine Einkünfte zu steigern. Ich richtete in Arbeiterkreisen billige Abendkurse für Stenographie ein. Ich hatte Erfolg. Viele Lernbegierige fanden sich. Ich bildete kleine Vereine, die sich nach einem Jahr zusammenschlossen und eine eigene Fachschrift, »Der Arbeiterstenograph« benannt, herausgaben; ich ward, als Vorsteher des Verbandes, Mitleiter der Redaktion.
So mehrten sich meine kleinen Einnahmen. Den Reichtum brachten sie allerdings nicht. Aber ich konnte meiner Braut einige Spitzen mehr kaufen. Ich konnte daran denken, sie zu heiraten.
Inzwischen hatten ihre Eltern von unserem Verhältnis erfahren. Mutter und Schwester waren von dem zukünftigen Schwiegersohn und Schwager nicht entzückt. Ein Zigarrenarbeiter! Pah, da hätte sich Marie aber etwas Feineres zulegen[155]  können. Und heiraten? Um Gottes willen! Ob sie denn nach der ersten Woche hungern und nach dem ersten Monat auf der Straße sitzen wolle? Nun, das seien schließlich ihre Sachen. Aber wenn sie es nicht anders wolle, jedenfalls in das elterliche Haus brauche sie nicht zurückzukommen; sie habe mit ihrem Zigarrenarbeiter draußen zu bleiben.
Marie verteidigte mich. Sie lobte meine Eigenschaften. Sagte, daß wir uns liebten, und das sei doch die Hauptsache. Man lachte sie aus.
Sie brach mit der Familie und suchte sich eine Wohnung in der Stadt. In einem großen Warenhause fand sie eine Stelle als Verkäuferin. So verdienten wir beide.
Noch aber wollten wir unseren Verdienst weiter steigern, bevor wir uns vor dem Standesamt stellten.
Ich machte mich selbständig, kaufte Rohtabak und arbeitete auf meinem Zimmer. Ich kannte einige Wirte; die nahmen mir meine Zigarren ab. Ich stellte bald fest, daß ich bei geringerer Arbeitszeit mehr verdiente.
Wir waren nun öfters zusammen. Sogar die Nächte gehörten uns. Ich suchte die Geliebte auch an meinen geistigen Freuden teilnehmen zu lassen; ich wollte ihre Erziehung, meinem Ideal entsprechend, vervollständigen.
Wir besuchten das Theater. Ich führte sie in das Schauspielhaus. Wir sahen: »Romeo und Julia«, »Hamlet«, »Maria Stuart« und andere Meisterwerke des klassischen Geistes.
Aber ich merkte bald, daß Maries Aufmerksamkeit nicht lange mitging; sie gewann dem erschütternden Spiele des Schicksals kein dauerndes Verständnis ab; sie langweilte sich.
Sie verlangte nach leichterer Kost. Ich tat ihr den Gefallen und führte sie in die Possenbuden: »Doktor Klaus«, »Krieg im Frieden« usw.; das war nach ihrem Geschmack. Da konnte man wenigstens lachen und es ging nicht gerade so feierlich, so furchtbar anständig zu.[156]
Mich schmerzte die Entdeckung. Der Charakter des Mädchens litt in meinen Augen. Ich hätte mir meine Lebensgefährtin anders gewünscht. Aber schließlich, es waren doch nur Kleinigkeiten. Über Geschmacksachen ist einmal nicht zu streiten, und wenn man sich kennt, so richtet man sich eben aufeinander ein.
Unserer Liebe taten diese Erfahrungen keinen Eintrag. Marie entfaltete sich immer blühender. Ich durfte mich mit meiner Braut sehen und beneiden lassen.
Der köstliche Frühling! der herrliche Sommer, die nun folgten! Und die hundert Ausflüge, die wir unternahmen, wir zwei allein, zu Fuß und im Kahn. Unser Hauptspaß war, an einem Sommersonntagnachmittag im gemieteten Nachen die Elbe zu befahren, über Blankenese hinunter oder nach Harburg hinaus!
Marie saß am Steuer. Ich ruderte ... Wie beflügelt glitten wir über die Spiegelfläche. Hinter uns versank die große Stadt. Uns umfing die Frische des Wassers und der Inseln. Von den befahrenen Flußstraßen, wo besonders an Feiertagen Tausende seliger Menschen in Schiff und Kahn vorüberglitten und winkten, bogen wir in schmale Seitenarme ab und verloren uns in grüner Einsamkeit. Vor einem Dörfchen legten wir gerne den Nachen an, ließen uns in einem Bauernhause Milch und Brot und Schinken auftischen und freuten uns des prächtigen Hungers.
Oder aber wir wandten uns umbuschten Einbuchtungen zu, die sich wie friedevolle Teiche schwangen und wo uns niemand sah, als der Wind, der uns Kühlung fächelte, als die Sonne, die über dem Wolkengekräusel spielte, als das Wasser, das sein lockendes Lied sang, als die Fische, die mit runden Augen und breiten Mäulern zu uns herstarrten oder im Übermut den Sprung in die Sonne versuchten. Dann konnte ich der Versuchung nicht immer widerstehen. Ich warf die Kleider ab und versank in der Flut. Marie hütete meine Kleider und kühlte ihre weißen Füße.[157]
Und einmal – an einem besonders schwülen Mittwochnachmittag im Juli war's – das Wasser lockte und ich lockte mit. Alles ringsum frei von Menschen, weit und breit. Marie hatte Schuhe und Strümpfe abgelegt und wühlte mit den Füßen das Wasser auf. Wie weiße Blumendolden, so hingen die kleinen Zehen in der Flut. Da schwamm ich heran. Ich sang das Lied der Nixe aus Goethes Fischer:


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O wüßtest du, wie's Fischlein ist,
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter wie du bist,
Und würdest erst gesund.

Sie sträubte sich, über und über ängstlich. Ich schmeichelte. Furchtsame Scham wollte sich bergen und fliehen. Ich hielt fest. Ich flüsterte und bat. Da glitt auch der letzte Schleier. Ich kniete im Grase. Vor mir blühte schimmernd auf eine schlanke Menschenlilie! Die Nymphe des Stroms, die Göttin des Sommers, die verkörperte Einsamkeit der Marsch! O Blüte, o Weib, o Schönheit! Sie entglitt meinen Händen und rutschte in das Wasser. Ein leichter Schrei, ein rasches Untertauchen, das ganze Wasser war davon durchschimmert. Der feuchte Leib lächelte mit allen seinen Gliedern. Ich wollte sie haschen. Aber schon hüpfte sie wieder zum Rand empor, raffte ihre Kleider auf und entsprang ins Gebüsch. Ihren weißen Füßen folgte eine Spur wie von niederperlenden Sternen.
Als wir am Abend auf rotübergossener Flut langsam, seligmüde in die große Stadt zurückschwammen, waren Arkadiens Wonnen uns kein Geheimnis mehr. Und keinem Gendarm war es eingefallen, uns dabei zu stören.
Einige Monate später tat das Leben mir die Möglichkeit zu neuem Wissen und neuen Freuden auf. Marie fühlte sich Mutter. Ich jubelte vor Stolz und Glück. Nun war die Zukunft mein.
Marie ließ die Mutter ihre Hoffnungen wissen. Bis[158]  dahin hatte die kaltberechnende Matrone immer noch erwartet, ihre Tochter könne meiner müde werden und zu ihr zurückkehren.
Diese unerwartete Entwicklung schien sie milder zu stimmen. Sie gab ihren Widerstand auf und erklärte sich mit einer Heirat einverstanden. Wir vereinbarten die Bedingungen. Das zum Haushalt Nötigste sollte Marie mitgegeben werden; ich hatte gar nichts verlangt, aber Marie bestand auf einer Mitgift als ihrem Recht. Die beiden Schwestern zeigten wenig Gefühl. Sie hätten die Familienschande am liebsten übersehen. Schließlich einigte sich die Familie auf das Unentbehrlichste; auch der neue Schwager durfte seine Aufwartung machen. Ich hätte im Zylinderhut und Frack und weißen Handschuhen den herzlosen Weibern vielleicht imponiert. Ich brachte ihnen aber ins Haus nur den Zigarrenarbeiter in anständigem Gewand; das schien gewöhnlich. Ich brachte ihnen mit den durchdringenden Geruch des Tabaks; da rümpften sie die Nasen. Ich duldete und schwieg. Ich hatte neue Pflichten.
Maries Zustand machte eine Lebensänderung notwendig. Ich bestand darauf, daß sie sich schone. Sie gab ihre Stelle als Verkäuferin, die ihr sechzig Mark monatlich eingebracht hatte, auf und kehrte in das Haus der Mutter zurück. Hier sollte sie bis zum Tage unserer Heirat wohnen; so allein sei es anständig, wie mir die Mutter erklärte. Ich willigte ein. Ich war sogar im stillen froh, daß sich ein erträgliches Verhältnis zu den nächsten Verwandten anzubahnen schien.
Ich ahnungsloser Tor, nie hätte ich dies gestatten dürfen!
Bevor ich an die näheren Vorbereitungen zur Einrichtung des Haushalts denken konnte, mußte ich meiner Pflicht gegen das deutsche Vaterland wieder einmal genügen. Im Bockstedter Lager machte ich eine vierzehntägige Übung als Arbeitssoldat mit. Ich führte den Besen in den Baracken und Pferdeställen und hatte bei der Beförderung der Roßäpfel[159]  Gelegenheit genug, über die Unbeständigkeiten des Lebens und über den Urgrund der Liebe nachzudenken.
Am Vorabend meiner Entlassung kam mir der Befehl, mich bei dem Untersuchungsrichter in Altona zu stellen. Ich war angeklagt, einen Gendarm in Ausübung seines Amtes beleidigt und gestoßen zu haben.
Vor drei Wochen hatte nämlich eine sehr rege besuchte Arbeiterversammlung stattgefunden. Die Verhandlungen gingen einen ruhigen Gang; nach Schluß entleerte sich der Saal ebenfalls in aller Ordnung. Plötzlich entstand ein Gedränge und ein Tumult. Was geschehen war, wußte ich nicht. Aber Gendarm Lenke, der als Hetzhund der Ordnung berüchtigt war, zog blank und schwang den Säbel. Ich hin und falle ihm in den Arm. Er läßt die Waffe sinken und wendet sich verblüfft dem kecken Störer zu. An dem Abend wußte er mich nicht zu stellen. Die Menschenflut warf uns auseinander.
Einige Tage später war es ihm gelungen, seinen Mann ausfindig zu machen, und ich sollte mich verantworten. Ich leugnete jede böse Absicht und erzählte den Hergang. Die Aussagen des Gendarmen widersprachen und waren sehr belastend. Ich blieb in Haft.
Meine Braut benachrichtigte ich schriftlich. Sie kam mich besuchen, lieb und vertrauend wie früher. Aber in ihrer Familie ging der Krakeel um so lauter los: ein Arbeiter und dazu noch ein Verbrecher!
Ich tröstete und erstattete Bericht. Sie glaubte mir und hoffte.
Wir täuschten uns beide.
Die gerichtliche Verhandlung kam heran. Der Gendarm brachte einen Kollegen als Zeugen. Der Staatsanwalt verlas die Liste meiner Vorstrafen. Das Gespenst meiner Schande reckte sich riesengroß zur Decke des Gerichtssaales empor und ließ seine Knochenfäuste auf mich niederfallen. Ich ward zu Wochen Gefängnis verurteilt und mußte die Strafe auf der Stelle antreten.[160]
Ich brachte diese Hiobspost meiner geliebten Marie in einem Briefe schonend zur Kenntnis. Sie antwortete nicht und besuchte mich nicht. Was war geschehen? War sie krank? War sie vielleicht schon ...? Ihr ewigen Mächte, erbarmt euch!
Ich schrieb ein andermal und bettelte um Aufklärung. Dasselbe furchtbare Schweigen.
Ich bat einen Freund, bei meiner Braut vorzusprechen. Auch er ließ mich ohne Antwort! Endlich, nach langen Wochen, kam der Freund. Er war verreist gewesen; mein Brief hatte ihn eben erst getroffen. Da war er gleich zur Mutter meiner Braut gegangen.
Marie hatte sich vor einigen Tagen, auf eigenen Wunsch, in eine Entbindungsanstalt begeben und harrte dort ihrer schweren Stunde.
Zwei Tage später hatte ich meine Strafe verbüßt. Mein erster Gang war nach der Entbindungsanstalt.
Die Oberhebamme empfing mich mit der Nachricht, daß meine Braut vor zwei Tagen von einem Mädchen entbunden worden war; doch sei das Kind schon gestern von einer fremden Frau fortgetragen worden, und zwar im Auftrag von Maries Familie; die junge Mutter habe sehr geweint, als man ihr den Säugling genommen.
Ich war Vater.
Doch ich stand bestürzt und unglücklich.
Ich zweifelte keinen Augenblick, daß Marie an diesem Gewaltstreich unschuldig sei; dahinter, so sagte ich mir, müsse ihre Mutter stecken.
Es ward mir erlaubt, meine Braut zu sehen. Ich hielt mit meiner Aufregung zurück, denn ihr Zustand erforderte Schonung. Ich küßte sie liebevoll und brachte mit aller Vorsicht die Rede auf den überraschenden Vorfall. Sie klagte: »Ich bin nicht schuld, Franz. Sei mir nicht böse. Man hat mir das Kind genommen!«


»Willst du das Kind wieder haben?«
»O ja! Wie gern!«[161]
Das sagte sie mit der ganzen Inbrunst ihres Mutterherzens.
Die Hebamme nannte mir die Wohnung der Frau, die das Kind abgeholt hatte. Ich lief spornstreichs hin, fand die Frau aber nicht.
Verzweifelnd kehrte ich zur Anstalt zurück.
»Es wird wohl,« erklärte die Oberhebamme, »ein Irrtum vorliegen; vielleicht ist die Nummer oder der Straßenname verwechselt worden. Aber, seien Sie morgen um 2 Uhr hier. Die Frau kommt dann mit dem Kind zur Taufe.«
Ich fand mich ein. Die Fremde war nicht wenig überrascht, wie ich mich als Vater des Kindes vorstellte, ihr die Kleine aus den Armen nahm und selbst über die Taufe hielt. Ich gab ihr die Namen Franziska Maria. Die Frau entlohnte ich mit einem Doppelmarkstück und brachte mein Töchterchen zur Mutter zurück.
Maries Freude war aufrichtig groß. Sie bedeckte das kleine rote Gesichtchen mit Küssen. Dann legte sie es an die Brust.
Ich saß da still und getrost. Nun erst hatte ich Augen und Gefühl für die Weihe des Ortes, wo ich mich befand.
In dem Saale waren acht Mütter untergebracht, die von Schwestern gepflegt wurden. Alles in dem Zimmer schimmerte von Sauberkeit und verbreitete heitern Frieden.
An jedem Bett stand eine Wiege.
Um Mütter und Säuglinge lag ein eigener Hauch ausgebreitet, aus dem der Atem der reinen Natur zu spüren war, der reinen Natur, deren Heiligtum ich hier betreten durfte.
Männern ist in der Regel der Besuch in diesen Räumen nicht gestattet. Aber meine gemessene Haltung, meine Sorge um Mutter und Kind machten so guten Eindruck, daß mir gestattet wurde, an dieser hehren Stätte zu verweilen.
Ich saß in Ehrfurcht und Andacht.[162]
In jeder dieser jungen Frauen ehrte ich die Heldin, die mit Einsetzung des eigenen Lebens einem neuen Leben zum Siege verhalf. Das sind die wahren Krieger, die wirklichen Mehrer des Vaterlandes, die opfermutigen Hohepriesterinnen der Menschheit.
Hier waltet Ruhe und Reinheit. Die Stimme der Sinnlichkeit schweigt. Jeder Brust, die sich einem schmatzenden Mündchen entgegendrängt, möchte man einen Kuß aufdrücken, wie er sich nur auf die Füße des Gekreuzigten senkt. Mutterschaft! Des Lebens erhabenstes Wort heißt Mutterschaft!
Franziska Maria schien ein gesundes Kindchen zu sein. Mein Auge ruhte selig auf den arbeitenden Säuglingswangen. Dann wandte sich mein Blick dem gesenkten Antlitz der Mutter zu. Welch neues Wesen lag in den geliebten, wohlbekannten Zügen ausgeprägt! Das Mädchenhafte war gewichen, frauenhafte Würde verklärte die Stirne. Den Mund umspielte der ganze Zauber mütterlichen Stolzes.
Als ich fortging, wagte ich nicht, Mariens Mund zu küssen. Ich neigte mich über ihre Stirne und berührte sie mit unsichtbar bebenden Lippen der Inbrunst und der Dankbarkeit.
Ich kam öfters. Mein Erscheinen ward auch von den übrigen Müttern mit Wohlgefallen begrüßt. Die Vaterwürde adelte mich in ihren Augen und flößte ihnen alles Vertrauen ein. Die zärtliche Zuneigung, die mich mit meinem Weibe verband, ward von ihnen als eine jeder Mutter dargebrachte Huldigung mitempfunden.
Aber vielleicht täuschte ich mich. Vielleicht zitterte auf dem Bilde unserer Zärtlichkeit mehr als ein Blick schmerzvoller Entsagung oder wehmütiger Eifersucht. Auch diese Frauen hatten jungfräulich geliebt, sich im bräutlichen Kusse hingegeben! Bald aber ward ihr schöner Glückstraum zerstört, ihre Mädchensehnsucht erdrosselt. Nun liegen sie hier, verlassen, vielleicht in doppelter Furcht vor der Zukunft, und werden durch meine Anwesenheit an die Öde ihrer[163]  Einsamkeit, an all den Reichtum grausam erinnert, den sie sich in Unschuld gewünscht und in Wirklichkeit niemals besessen haben!
Inzwischen hatte ich für Mutter und Kind ein passendes Zimmer gemietet. Und zwar bei einer jungen Frau, deren Mann als Matrose auf See war und die meine kleine Familie mit um so größerer Bereitwilligkeit bei sich aufnahm, als dadurch ihr eigenes Leben von jedem Verdacht behütet blieb.
Sobald es der Arzt gestattete, holte ich Mutter und Kind ab und führte sie in das neue Heim. Ich ließ es mir nicht nehmen, die kleine Franziska selbst in ein großes türkisches Tuch zu wickeln und in den Wagen zu tragen.
Die neue Wohnung gefiel. Marie richtete sich ein und fühlte sich heimisch. Wir besprachen unsere baldige Heirat. Und doch, so ganz behaglich war mir nicht zumute. In Maries Wesen kam etwas zum Durchbruch, das mir in der Anstalt drüben nicht aufgefallen war. Überströmende Zärtlichkeit hatte sie nicht geäußert; mich selbst hatte die Weihe des Ortes daran gehindert. Nun mochte ihr die Mütterlichkeit immer noch eine Zurückhaltung auferlegen, die unter dem Anhauch neu erwachender Liebessehnsucht wieder verwehen dürfte.
Aber es war nicht Zurückhaltung. Es war eher bewußtes Sichzurückziehen, das sich nicht zu plötzlich und zu schroff äußern wollte. Manchmal, wenn wir abends um die Lampe saßen und ich mich mit dem Kinde beschäftigte, spürte ich ganz deutlich ihren Blick, der mich forschend maß, der mich in den Falten meines Gesichts studierte. Dann und wann war es, als ob auf ihren Lippen eine Frage stocke, die sich nicht herauswagte. Fragte ich dann meinerseits, so gab sie eine ausweichende Antwort und wandte das Gesicht blutüberlaufen zur Seite. Zog ich in jäher Aufwallung des Gemüts ihren Kopf in meine Arme, so bog er sich unwillkürlich zurück, und selten konnten meine Lippen ihren Mund berühren.[164]
Von meiner Verurteilung sprach sie niemals. Nach meinen Erlebnissen im Gefängnis fragte sie ebenso wenig. Sollte sie sich meiner doch heimlich schämen? Sollte sie das Schlimmste annehmen und mich für schuldig, für schuldiger halten, als es die Anklage selbst hinstellte?
Und das beunruhigende Schweigen auf meine bettelnden Briefe aus dem Gefängnis! Ihr unerklärlich plötzliches Fernbleiben! Dieser Abbruch jeder Beziehungen! Gewiß, da war etwas nicht richtig. Mir droht ein Unglück. Ich muß Klarheit haben. Wir müssen uns aussprechen, dann soll sie bekennen. Ich bin ihr mit Vertrauen begegnet, ich darf Vertrauen beanspruchen! So sprach ich zu mir, so rüstete ich mich. Und setzte die Stunde der Aussprache im stillen fest.
Am Nachmittag des nächsten Sonntags wünschte Marie, ihrer Familie einen Besuch abzustatten. Unsere Wohnung lag nur zehn Minuten vom Hause ihrer Mutter entfernt. Ich fand nichts dagegen einzuwenden. Im Gegenteil, ihre Abwesenheit war mir erwünscht; ich konnte mich und unsere Kammer vorbereiten auf die Stunde des Bekenntnisses und auf die Feststunde des neuerstandenen Vertrauens.
Auf den Tisch stellte ich, wie an unsern früheren Liebesabenden, Obst, Kuchen und eine Flasche Rheinwein; eine Tüte Schokoladeknusperchen fehlte auch nicht.

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Dann setzte ich mich an die Wiege des schlafenden Fränzchens, studierte die Züge der Kleinen, spann Zukunftsträume und wartete.
Eine Stunde verging. Das Kind rührte sich und schrie. Draußen setzte ein heftiger Regen ein. Ich rief das Stubenmädchen unserer Hauswirtin, gab ihr einen Schirm und einen Zettel, worauf ich die Worte schrieb: »Franziska weint, sie übersendet Dir diesen Schirm, damit sie des Regens wegen nicht länger warten muß. Dein Dich liebender Franz.« Das Mädchen trug Schirm und Zettel zu ihr hinaus.[165]
Das Kind schrie heftiger. Ich nahm es auf. Es beruhigte sich nicht. Unsere freundliche Wirtin kam und löste mich ab. Das Mädchen kehrte zurück. Brief und Schirm hatte es übergeben, Bescheid brachte es keinen.
Wieder verging eine Stunde. Die Wirtin mußte an ihre Arbeit zurück. Ich blieb allein mit dem Kinde, das sich inzwischen hatte beschwichtigen lassen, allein mit meiner Unruhe, die stets größer ward und sich mit der Dämmerung im Zimmer ins Ungeheuerliche auszog.
Endlich, nach vier Stunden, hörte ich Mariens Schritt. Ich blieb unbeweglich auf dem Stuhle sitzen und hielt die Türe im Auge.
Die Türe öffnete sich. Mein Weib trat ein. Ohne Gruß. Mir klopfte das Herz jäh zum Hals empor. Sie schritt mitten ins Zimmer, zog mit schroffem Ruck ihren Mantel aus und hing ihn an den Haken. Hierauf streifte sie den Tisch mit flüchtigem Blick und wollte zur Küche. Nun zwang ich mich nicht länger.
»Aber, Marie,« rief ich halb flehend, halb vorwurfsvoll, »du siehst dein Kind nicht einmal an und bist vier Stunden fortgewesen.«
Mein Wort trieb sie in die Höhe wie ein Geißelhieb. »Mach mir keine Vorwürfe, du,« zischte sie mir zu, »oder ich kehre auf der Stelle zu meiner Mutter zurück.«
Mir war, als rührte mich der Schlag. Ein Abgrund tat sich vor mir auf. Aber ich erholte mich rasch. Was ich solange gefürchtet hatte, ward Tatsache. Nun, ich wollte dem Unbekannten ins Auge sehen, so oder so. Ich trat ruhig an die Lampe und zündete sie an. Jetzt ward mir die ganze Veränderung ihres Wesens sichtbar. Ihre Gesichtszüge kündeten Verachtung und Trotz.
»Wie soll ich deine Worte verstehen?« fragte ich, indem ich Flasche und Süßigkeiten, die unsere Abendstunde verschönern sollten, aufs Fensterbrett räumte.
»Wie du willst.«
Messerscharf klang es zurück.[166]
Der Ton ging mir an den Stolz. »Wie redest du zu mir?« Und trat hart auf sie zu. »Was soll das alles bedeuten?«
Da brach es los, in allen Tonlagen, im lang zurückgedämmten Überschwall.
»So einer wie du! Lügner! Betrüger! Du hast im Zuchthaus gesessen. Ich bin einem Verbrecher zum Opfer gefallen! Welche Schande! Ich unglückliches Weib! Ich verratenes Mädchen!«
Ich stand erstarrt. Auf diesen Sturm war ich nicht vorbereitet. Die Gewalt der Wahrheiten, die auf mich niederprasselten, schlug mir alle Kraft aus dem Willen.
Durch meine Schuld! Durch meine größte Schuld! Ich hatte geschwiegen, wo ich reden sollte! Hatte verheimlicht, wo ich vertrauen mußte! Meine Schande stand wider mich auf und meine Heimlichkeit fiel auf mein schuldiges Haupt zurück.
Jetzt also war es heraus! Und ich begriff. Die letzten Gerichtsverhandlungen hatten von meinem ängstlich versteckten Geheimnis die Hülle gelüftet. Ich war wegen Unterschlagung zu Gefängnis verurteilt worden. Ich war ein Ehrloser!
O leichte Schuld! O bittre Strafe! O blutige Schande in ihren Augen, die mir blindlings geglaubt, die ich in der Angst meiner Liebe so feige betrogen hatte.
Nun verstand ich, o ja!
Wie mußten Mutter und Schwestern auf sie einreden, in ihrer verletzten Ehre herumbohren, an ihrem Willen zerren, ihren Stolz aufpeitschen!
Aus, aus, alles aus! O diese zürnende Richterin! Aber ich muß sie entschuldigen, muß ihr recht geben!
Vielleicht, wenn ich um Verzeihung bitte, ihr bedeute, erkläre! Mit den bluttränenden Augen meiner gemarterten Liebe flehe! Vielleicht, vielleicht! Doch nein! Diese Frau ist auch Mutter. Das kleine Wesen, das unser beider Fleisch ist, kann nicht für die Sünden seines Vaters. Warum[167]  läßt sie das hilflose Würmchen entgelten, was ich, der erwachsene Mann, verbrochen habe?
In dem Augenblick hebt die kleine Franziska wieder mit krähender Klage an. Ihre Mutter steht ungerührt. Keine Miene zuckt. Die Augen stechen kalt. Das Gesicht bleibt marmorne Verachtung.
Mich treibt eine unbekannte Macht, zu tun, was ich für unmöglich hielt, was mir heute noch unerklärlich ist, was ich nie hätte tun dürfen.
Angesichts dieser Herzlosigkeit – so deutete ich es damals – gehe ich zur Türe, öffne sie langsam und ganz und weise mit ausgestrecktem Arm auf die schwarze Höhlung, die mir entgegengähnt wie das Grab meines Glücks.
Die Gestalt der Frau erbebt bei diesem stummen Befehl. Aber sie weicht nicht von der Stelle.
»Geh!«
Da löst sich ihre Starrheit. Sie tritt mit einigen großen Schritten an die Wiege heran, beugt sich nieder – ich erwarte, daß sie das Kind heraus nimmt, in ihre Arme, an ihre Brust – beugt sich nieder und – will es küssen.
Ich springe hin und reiße sie zurück.
»Laß die Komödie! Eine Mutter, die ihr Kindlein hungern läßt und verlassen kann, hat keinen Anteil mehr an ihm.«
Ich dränge sie zur Türe, hänge ihr den Mantel über den Arm, stoße sie hinaus und werfe die Türe ins Schloß.
Dann falle ich auf einen Stuhl und weine laut auf. Einen Augenblick später öffnet sich die Türe und Marie steht im Rahmen.
»Franz, verzeih' mir!«
Sie fleht weich, sie schlingt mir die Arme um die Schultern, küßt mich, kniet vor mir.
»Verzeih'. Halte mich bei dir, Franz. Um unserer Liebe willen.«
Ich lache hart auf.
»Um unseres Fränzchens willen!«[168]
Ich knirsche vor Jammer und schüttle den Kopf. »Nein, nein, nein! Geh!«
Sie stöhnt wie ein wundes Tier, richtet sich auf, umfaßt das Zimmer mit irrem Blick, tritt noch einmal zur Wiege hin, läßt die Arme mutlos sinken und wimmert hilflos hinaus.
In mir dröhnt es und warnt: »Rufe sie zurück! Halte sie hier!«
Ich rühre nicht die Lippen und keinen Fuß. Und nun jammert noch heute meine wunde Seele: »Hätte ich's getan! Hätte ich's getan!«
In jener Stunde habe ich mein Leben verspielt. Mit unheimlicher Ruhe, mit verbissenem Trotz. Aus falschem Stolz, aus grimmiger Scham, daß ich nicht als aufrichtig von ihr befunden ward. Verspielt, als ich Marie nicht zurückrief, als sie ein andermal nicht wiederkam.

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Nach ihrem Fortgang klagte ich unserer freundlichen Wirtin meine Not. Sie stillte das Kind, so gut es eben ging.
Ich verbrachte eine schlaflose Nacht.
Des andern Tages suchte ich eine Pflegefrau. Ich brachte ihr mein Kind, mit dem ausdrücklichen Verbot, keinen Menschen, auch keine Frau, an die Kleine heranzulassen. Fast täglich besuchte ich mein Töchterchen.
Aber ich hatte eine unglückliche Wahl getroffen. Die Frau war gewissenlos in jeder Hinsicht.
Eines Tages traf ich Marie in ihrem Hause. Sie hatte mir also doch aufgelauert. Ihr Mutterherz trieb sie zu der Frucht ihres Leibes. Ich zog mich unauffällig zurück. Zu einem Auftritt wollte ich es nicht kommen lassen.
Am nächsten Morgen in der Frühe war ich wieder da. Die Frau erschrak fast, als sie mich sah.
Ich trat an die Wiege und wollte die Kleine herausnehmen. Ein eigentümlich saurer Geruch schlug mir entgegen. Ich ließ das Kindchen bloß legen. Die Haut an Rücken und Unterleib zeigte eine verdächtige Röte.[169]
Es war klar: das pflichtvergessene Weib ließ es an der elementarsten Sauberkeit fehlen.
Ich zahlte ihr entrüstet das Monatsgeld, 25 M., nahm das Kind mit mir, ging zu einem Arzt und ließ es untersuchen.
»Mangel an Reinlichkeit,« lautete sein Spruch. »Suchen Sie der Kleinen eine andere Pflegemutter.«
Ich tat es um so lieber, als ich meine Tochter vor den Besuchen ihrer Mutter sicherstellen konnte. Meine Wirtin half mir treulich. Diesmal trafen wir es richtig. Die neue Pflegerin ließ in nichts zu wünschen. Bald war die Röte verschwunden. Fränzchen blieb immer frisch und rein. Sie gedieh zusehends unter der vorzüglichen Wartung. Ich arbeitete mit nie empfundenem Schwung. In dem Kinde war mir ein hoher und süßer Lebenszweck geworden, der sich mein ganzes Sein dienstbar machte. In diesem Kinde würde mir der Mensch erwachsen, bei dem ich für alles Verzeihung und Liebe finden dürfte.
Ganze fünf Wochen dauert mein Vaterglück. Da wird die Kleine unwohl. Ich rufe den Arzt. Er untersucht und macht ein ernstes Gesicht. Auf meine bange Frage zuckt er die Achsel. Am dritten Tage heißt es: Diphtheritis!
Ich will schreien, finde aber keinen Ton; fast erstickt mich die Angst. Ich greife mit den Händen in die Luft, um mich an den Sonnenstrahlen zu halten, die schräg durchs niedrige Fenster fallen.
Sterben! Mein Fränzchen darf nicht sterben! Mein Kind! Mein einziger Trost!
Umsonst! Der Vernichter ließ sich keinen Stillstand gebieten!
Unter meinen Augen durchlief das arme Wesen sämtliche Schauer des Werdens und Vergehens.
Wie es im Mutterschoße neun Monde alle Entwicklungsdurchgänge erlebte, von den frühesten Anfängen organischer Bildung auf bis zur menschlichen Gestalt, so wechselte auf seinem todgezeichneten Antlitz der Widerschein[170]  sämtlicher Sonnen, die den verschiedenen Menschenaltern leuchten, und das innerhalb einer Stunde.
Eben noch blühte es wie eine Knospe, die sich zum Aufbrechen rüstet; nun breitet sich darüber schwermütiger Ernst; jetzt zieht sich das Unschuldsgesichtchen runzlich zusammen, fahl und grau erschlafft es, greisenhaft und hilflos starrt es zur Decke.
Und stets und immer ein heiseres Röcheln, ein lallendes Wimmern, ein Aufbäumen der Nerven und Muskeln. Seine dünnen Fingerchen umkrampfen meinen Daumen. Plötzlich lost sich ihr Druck, der kleine Körper streckt sich – Röcheln und Klagen verstummen.
Ich bin wieder allein.
Ich benachrichtige die Mutter von Fränzchens Tode. Als Marie zur Leiche kam, ging ich aus dem Zimmer.
Vor ihrem Grabe standen wir Seite an Seite. Marie schluchzte zum Steinerbarmen. Ich hatte keine Tränen mehr.
Wir schritten beide zum Kirchhof hinaus. Vor der Pforte wandte ich mich ihr zu und reichte ihr beide Hände.
»Lebe wohl, Marie. Verzeih' mir und sei bedankt. Werde glücklich, wenn du kannst.«
Sie klagte von neuem und packte meine Hände, als ob sie mich nicht lassen wollte.
Ich riß mich los und ging.



2.










[171] Ich blieb eine Zeitlang wie vor den Kopf geschlagen. Alles ward mir gleichgültig. Meine Arbeit machte ich lässig. Die Kunden klagten über die ihnen gelieferte Ware. »Aber, Bergg,« sagte mir ein bekannter Wirt, »was sind das für Zigarren, die Sie in letzter Zeit liefern! Sehen Sie sich doch bloß die Spitzen an. Aalköpfe und Karpfenschnauzen mögen es sein, aber keine Zigarrenspitzen. So kann das nicht weitergehen.«[171]
Der Mann hatte recht: So konnte es nicht weitergehen. Ich suchte mein zerfahrenes Sein allmählich wieder in die Hand zu bekommen. Hatte ich auch viel verloren, es blieb noch genug übrig, um ein Leben lebenswert zu machen. Trotz allem!
Die Familie war mir genommen worden. Draußen erwartete mich die größere Familie. Tausende und Abertausende, die ich als Brüder und Schwestern empfand und liebte, deren Not ich über meinem Herdglück fast vergessen hatte.
Der Erde habe ich mein Kind zurückgegeben, die Liebe hinter mir auf den Weg gestreut. Ich komme als Geschlagener, aber als ein Freier. Nun gehöre ich dir ganz, Partei!
Die Sozialdemokratie entfaltete damals eine ungemein fröhliche Tätigkeit. Die Teufelsfurcht vor dem Sozialistengesetz lastete nicht mehr auf ihr. Die lang zurückgehaltenen Kräfte brachen ans Licht, die unterbundenen Triebe fluteten frei und stark.
Ich übte mich im öffentlichen Vortrag und trat in kleinen Versammlungen als Redner auf. Ich brachte es zu einer großen Fertigkeit des freien Wortes. Gute Redner sind besonders in Deutschland selten, auch in den Reihen der Sozialdemokratie. Ich galt in Bekanntenkreisen bald als einer der besten Sprecher unsers Bezirks.
Im folgenden Jahre griff ich persönlich in die Wahlbewegung ein. Ich gehörte zu den Werbemännern, die die ländlichen Kreise warm zu machen hatten. Mit welcher Lust ich in dieses lebensstarke Treiben sprang! Bei jedem Wetter ging es hinaus auf die Dörfer, zu Fuß, auf Leiterwagen, in Schlitten. Ich redete mit stets gesteigertem Selbstgefühl. Endlich durfte ich mit meinem bescheidenen Können mithelfen am großen Werk der Aufklärung, ein bescheidener Sendbote des menschenerlösenden Evangeliums.
Es war zugleich das erstemal, daß ich selbst zur Wahlurne schritt und meinen Willen mit in die Wagschale häufte. Wäre doch das Schwert des Brennus mein gewesen, wie[172]  hätte ich es mit einem: »Wehe den Götzen!« zu den sozialdemokratischen Stimmzetteln geworfen!
Aber es ging auch so. Hamburg mit Land ward vollständig erobert. Und im übrigen Deutschland reihte sich Sieg an Sieg.
Die Zahl der Abgeordneten stieg von 36 auf 48; die Zahl der abgegebenen Stimmen auf 1800000.
Vorwärts, Proletarier! Laßt die rote Fahne fliegen!
Mit ganzer Leidenschaftlichkeit zog ich gegen den Militarismus zu Felde. Sogar in Frauenversammlungen führte ich aus, was der Militarismus dem weiblichen Geschlechte Schlimmes und Schmachvolles bringe.

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Damals lernte ich Klara Zetkin bewundern, wohl die bedeutendste Frau aller Zeiten.
Mit einer fast übermenschlichen Kraft überwindet sie spielend die größten Anstrengungen, tritt mit durchdringender Gedankenschärfe an die schwierigsten Fragen heran, löst diese von den höchsten Gesichtspunkten aus mit einer Würde und Einfachheit, die man auch bei Männern vergebens sucht.
Gerade an der Stellung der Frau im öffentlichen und gesellschaftlichen Leben, so wies sie nach, lasse sich messen, wie wenig unsere Zeit über die erbarmungslose Barbarei der Urzeiten hinausgekommen sei, denn noch bleibe das Weib der Sklave, nicht nur der Natur, auch des Staates, der Kirche, des Mannes.
Unter den Vorkämpfern für die Rechte und die Würde des Weibes steht Klara Zetkin in erster Reihe. Das Weib als Geschlechtswesen und als Proletarierin findet keinen beredtern Verteidiger als sie.
Auch Bebel und Liebknecht durfte ich hören, die Dioskuren der Partei. Der Akademiker Liebknecht führte dabei die volkstümlichere Sprache. Bebel, der sich selbst der Lehrer war, redete wie ein Gebildeter. Aber ein Genuß war es, ihnen beiden zu lauschen, sich in der Wärme ihrer Begeisterung, unter der Brause ihrer Sprachgewalt zu baden.[173]
Mein Herz flog dabei besonders dem Volksmann Bebel entgegen. Einen Hohenzollernthron tauschte ich um den Ruhm dieses Mannes ein. Dieser Arbeiter wird noch der ungekrönte Kaiser Deutschlands.
Durch gewissenhaftes Lesen und eifriges Studium wollte ich mich auf die Rolle, die ich im stillen zu spielen hoffte, würdig vorbereiten.
Der Tag genügte meinem Wissensdrang nicht. Ich nahm wieder die Nacht zu Hilfe. So bildete sich in mir ein krankhafter Hang zum Spätlesen aus, der mir aber keine vollen Früchte bringen konnte. Das im Bette Lesen mag als Reiz oder als Einschläferungsmittel seinen Zweck haben; als Bildungsmittel bewährt es sich kaum, denn es fällt schwer, des andern Tages das Gelesene im Gedächtnis wieder emporzuheben.
Ein Geschichtskursus bei einem wegen seiner sozialistischen Gesinnung gemaßregelten Oberlehrer brachte mir großen Nutzen. Religionswissenschaft, Philosophie, Naturwissenschaft: in allem wollte ich Bescheid wissen. Das Schwierigste und Trockenste stieß mich nicht ab. Ich las mich durch die Werke Kants, Fichtes, Schopenhauers; Iherings »Kampf ums Recht«, Spenzers »Prinzipien der Psychologie« wurden mir vertraut. Die Christusbücher von Lommel, Dr. Albert Dulk, David Friedrich Strauß, Domela Nuivenhuis reizten mich. Die Chemie führte mich in die Welt der Moleküle ein und tat mir die Wandlungen alles organischen Lebens kund. Dabei bereicherte ich meine literarischen Kenntnisse und bildete meinen künstlerischen Geschmack über Lessings »Dramaturgie«, dem fleißigen Besuch des modernen Dramas, der regelmäßigen Lektüre literarischer und wissenschaftlicher Zeitschriften.
Kurzum, meine innere Welt weitete sich. Ich legte mir bei meinem glänzenden Gedächtnis eine Schatzkammer des Wissens an, aus der ich über meinen Reden und Vorträgen mit vollen Händen schöpfen konnte, auch unter dem[174]  Einfluß des Augenblicks, beim Hineinlangen auf gutes Ungefähr.


Schon sah ich mich in nicht allzu ferner Zukunft als Bewerber um das höchste Ehren- und Vertrauensamt, das eine politische Partei zu vergeben hat, um den Abgeordneten sitz im Reichstag. Da ward meinen Plänen plötzlich Halt geboten, mein Ehrgeiz gewaltsam zurückgebannt.
Derselbe Prozeß, der mein häusliches Glück zerstörte, leitete zugleich die Vernichtung meiner politischen Hoffnungen ein. Die Tatsache meiner Vorbestrafung wegen Unterschlagung, und zwar von Vereinsgeldern, brach mir im öffentlichen Leben den Hals.
Mochten auch die eigenen Parteigenossen mich für unschuldig und meine Verurteilung für ungerecht halten, diese selbst ließ sich nicht aus der Welt reden. Die Verurteilung bildete nach den Anschauungen der bürgerlichen Sitte einen sittlichen Makel. Wohl stellt sich die Sozialdemokratie mir ihren Grundsätzen und Idealen in bewußten Gegensatz zu den bürgerlichen Anschauungen; aber so lange die bürgerliche Moral zu Macht besteht, muß auch die sie verneinende Moral der Zukunft mit ihren Forderungen rechnen.
Die Sozialdemokratie kann sich in ihren Angriffen gegen die bürgerlichen Zwingschlösser unmöglich durch die Rücksicht auf eines ihrer Mitglieder hemmen lassen. Sie darf sich, diesen zuliebe, nicht der noch heute zu Recht bestehenden und als Macht empfundenen Verachtung aussetzen. Der Proletarier, der einen Sitz im Reichstag erobern will, muß mit blankem Schild in die Wahlschlacht einrücken und darf seine Partei nicht in die furchtbare Verlegenheit bringen, daß sie in ihm eine moralische Schlappe erleidet.
Das erkannte ich selbst, wenn auch knirschenden Ingrimmes, und bettete meinen kecksten Traum neben mein Kind zu den Toten.
Niemand aber sollte mir verbieten können, im Innern der Partei für deren Wohl und Entfaltung zu wirken. Und[175]  doch, auch hier gab es Schranken, über die ich mich nicht hinauswagen durfte.
Als ich für eine große Versammlung zum Hauptredner bezeichnet ward und die Parteiblätter davon Meldung gaben, druckte ein gegnerisches Blatt die Anzeige nach mit dem heimtückischen Kommentar: »Herr Franz Bergg hat sich schon vor Jahren durch seinen Unterschlagungsprozeß einen Namen gemacht. Der große Redner konnte sich damals am Gefängnis nicht vorbeireden. Wir gönnen der Partei diesen berufenen Wahrer ihrer – Interessen.«
Das war brutal, aber deutlich. Auch in der Front der Partei gab es für mich keinen Platz. Ich mußte ins Hintertreffen weichen.
So blieb mir nichts übrig, als im stillen Kreise zu wirken.
Ich liebte die heilige Sache, für die ich kämpfte, so aufrichtig, daß ich meinem Ehrgeiz anfangs zu gebieten vermochte. Nicht jeder kann an der Deichsel stehen; auch wer hinten am Wagen kräftig nachschiebt, füllt seinen Platz aus. Die untergeordnetste, dankbarste Parteitätigkeit muß auch geleistet werden.
Aber die Tätigkeit in den Ausschüssen, die unsichtbare Einwirkung von Mann zu Mann, das Hin- und Herlaufen eines Werbeboten befriedigte mich nicht auf die Dauer. Ich stand einmal nicht am richtigen Platz. Meine Eigenart drängte nach trotziger Männerfehde: die blieb mir durch die Nötigung zur steten Rücksichtnahme verwehrt.

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Ich mußte meine Verurteilung auslöschen oder für immer untertauchen.
Zu einer bürgerlichen Ehrenrettung gehört Einfluß, wie ihn der Reichtum oder die Macht verleiht, denn einem armen Teufel zuliebe gibt sich die hohe Dame Gerechtigkeit nicht eigenhändig einen Nasenstüber.
Die einzige Tätigkeit, die mich zu dieser Machtstellung emporheben könnte, wäre schließlich die freie Schriftstellerei. Ein freier Schriftsteller steht allein und gefährdet[176]  keinen Genossen. Er trägt nur die eigene Haut zu Markte und kann sich mit Hinz und Kunz herumhauen nach Herzenslust, ohne einem hohen Areopag von Parteirichtern Rechenschaft zu schulden.
Den Beruf für diese Mannestätigkeit trug ich vielleicht von Kindheit auf in der Seele. Gedanken fehlten mir nicht, und auch nicht die Kraft, sie auszudrücken. Aber die Form, die Form! Ich armer Halbgebildeter konnte damals noch keinen einzigen Satz richtig schreiben.
Meine Lebensgeschichte, wie ich sie in diesen Wochen zu Papier bringe, hätte mir in jenen Tagen vielleicht die unentbehrliche Rechtfertigung gebracht. Sie hätte mir den Zutritt zu einer Redaktion erschlossen. Ich hätte, gestützt auf diese beredten Zeugen meiner Unschuld, meinen Namen nicht ferner wie ein Abenteurer, wie ein Verbrecher, zu verbergen brauchen.
Was ich damals nicht gekonnt, vielleicht versuche ich's heute, sobald mir die freie Selbstbestimmung zurückgegeben ist. Daß ich es tun kann, verdanke ich dem Entschluß, den mir die Selbsterhaltung in meiner damaligen Notlage abpreßte.
Ich durfte mich nicht geistig verkommen lassen. Es wäre schlimmer als Selbstmord gewesen.
In Hamburg, das erkannte ich, war für mich keine Hoffnung mehr. Wohl aber würde sich die Doppeltüre zur Befreiung in aller Angelbreite vor mir öffnen in der einzigen Millionenstadt des Reiches, in der Stadt der breitesten Möglichkeiten auf deutscher Erde – in Berlin.
Einen lebenden Beleg für den weiten Umfang dieser Möglichkeiten schickte mir die Spreekönigin entgegen in der Gestalt einer Base, die mich unverhofft in Hamburg heimsuchte. Sie kam aus Berlin, wohin meine Mutter, nach des Vaters Tode, ebenfalls verzogen war, um meiner Schwester Sophie, der Sängerin, den Haushalt zu führen.
Cousine Fanny war auf der Durchreise nach Bad Norderney. Sie stellte sich mir vor als die Braut eines[177]  reichen Kaufmanns, der für einige Tage im Alsterhotel abgestiegen war. Ich merkte aber bald an untrügerischen Zeichen, daß sie es nur zu der Würde einer »Geliebten« gebracht hatte und kaum jemals höher steigen dürfte. Ihr »Bräutigam«, mein verehrter Vetter zur linken Hand, war ein flotter Lebemann, dem es um einen braunen Lappen nicht leid zu tun brauchte. Er begegnete dem bescheidenen Zigarrenarbeiter mit leutseliger Sicherheit und lud mich ins Alsterhotel zum Nachtmahl. Natürlich wichste ich mich heraus, soweit es mir meine Mittel erlaubten. Ich stand in keinem zu krassen Widerspruch mit all dem Prunk des Speisesaales und der blumengeschmückten Tische.

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Die schwarzgeschwänzten Kellner ahnten gewiß nicht, daß der dünne, blasse Gentleman, dem sie die Silberschüsseln mit demütig gekrümmtem Rücken hinhielten, in den Tiefen ihrer Sklavenseelen wohl Bescheid wußte.
Es schmeckte »himmelschön«! Ich speiste französische Küche mit deutschem Appetit.
Mein gewöhnliches Leibgericht war in den letzten Wochen Schwarzbrot mit geräuchertem Hering gewesen. Für das Mittagsmahl in der Volksküche zahlte ich dreißig Pfennig.
Mein reicher »Vetter« zahlte für jeden von uns zwanzig Mark.
Diese Ausgabe wurde ihm natürlich wieder eingebracht von seinen Blumen- und Federkünstlerinnen in Berlin. Deren schlecht bezahlte Erzeugnisse gestatteten es dem jungen Übermenschen, dann und wann einer Favoritin aus ihrer Mitte das Schnupftuch zuzuwerfen, sie nach Norderney zu entführen und unterwegs mit ihrem hungrigen Vetter im Alsterhotel huldvoll zur Tafel zu ziehen.
Aber auch ein Proletarier weiß, was sich schickt. In Erwiderung seiner Liebenswürdigkeit lud ich den Kaufmann und meine Base für den nächsten Abend ins Theater.
Wenn ich allein hinging, erstieg ich die Höhe des[178]  Olymps. Für diese feierliche Gelegenheit belegte ich, als nobler Gastgeber, bessere Plätze.
Mein Herr Vetter entschuldigte sich. Doch vertraute er mir seine Fanny an.
Sudermanns »Ehre« ward an dem Abend gegeben. Welch tückischer Zufall! Fanny sah ihr eigenes Schicksal auf den Brettern verkörpert vor sich. Auch sie mußte sich als ein Opfer des Vorderhauses fühlen.
Sie folgte der Aufführung mit stets stärkerer Aufregung. Ihre Brust flog; sie brachte ihr Tüchlein nicht vom Auge. Gegen den Schluß des Stücks ergriff sie meine Hand und streifte von ihrer Linken einen goldenen Ring an den kleinen Finger meiner Rechten.
Als wir das Theater verließen, wollte ich ihr den Ring wiedergeben. Sie wehrte lebhaft: »Nein, Franz, nein! Behalte den Ring zum Andenken an die heutige Vorstellung.«
Am andern Tage reiste sie mit ihrem Pascha nach Norderney. Zwei Tage später fuhr ich nach Berlin.
Über uns beide hatte wieder einmal gesiegt das alte Weib – die Sitte.



3.










[179] Die Familienverhältnisse, die ich in Berlin traf, waren nicht die besten.
Meine Mutter allerdings begrüßte mich mit besonderer Rührung. Die gute Frau war in den dreizehn Jahren, seitdem ich sie nicht gesehen, viel gealtert. Mich drängte an ihr Herz das Schuldbewußtsein, als Sohn meine Pflicht doch nicht so getan zu haben, wie ich hätte sollen. Die Kinder, vor allem die Söhne, sind in der Hinsicht eben sehr leichtsinnig. Wir denken wohl an die Mutter; damit aber halten wir uns für alle übrigen Versäumnisse entschuldigt. Inzwischen sitzt die gute Frau zu Haus, einsam, mit den Gedanken an die Vergangenheit, mit den Sorgen um den fernen Sohn, von dem sie jedes kleinste Zeichen der Liebe beglücken würde und der ihr mit keiner Gebärde verrät, daß sein Herz[179]  aus der Fremde dann und wann zu der herüber fühlt, die ihm alles gegeben hat.
Dieses Vergessen wird auch von einer Mutter als Undank empfunden und schmerzt um so bitterer. In jedem Fall bedeutet dieses Schweigen eine schwere Schuld.
Heute, wo die gute Frau nicht mehr unter uns weilt, wo es mir nicht mehr möglich ist, ihr zu sagen, daß ich sie mein Lebenlang aufrichtig geliebt habe, wo ich sie nicht mehr um gütige Nachsicht und Verzeihung flehen darf, heute weine ich in der Einsamkeit meiner Zelle ihrem Andenken bittere Tränen nach, und das Lieblose meiner einstigen Unterlassungssünde fällt mir doppelt schwer aufs Herz.
Ihr Kinder, seid gut gegen eure Eltern! Erbarmt euch in Liebe eurer guten Mutter!

Ich trieb, ein Kind, hinaus aufs Meer,
Kein Stern und kein Geleit.
Doch lag in Träumen weit umher
Die goldne Jugendzeit.
Wie glänzte mir der Sonnenschein!
Gespannt die Hoffnungssegel,
Ließ ich, o liebes Mütterlein,
Das Vaterhaus am Pregel.

Getrennt von euch so manches Jahr,
Verschlagen in die Welt,
Doch oft auf fernen Pfaden war
Mein Herz euch zugesellt.
Manch hohes Lied vom Vaterhaus
In Sehnsucht tränenbitter
Sang ich in Sturm und Meeresbraus,
Bei Nacht und Mastgesplitter.

Nun kehrt zurück als armes Blut
Der weltverlorne Sohn,
Doch reich die Brust an edelm Mut,
Sein Herz der Liebe Thron.
Vom Schmerz geläutert, rein wie Gold,
Erklingen seine Lieder,
Durch alle, wundertraut und hold,
Tönt ja dein Name wieder.[180]
O birg mein Haupt in deinen Schoß
Und streichle sanft mein Haar!
Wie bin ich glücklich! Arm und bloß,
Bringst du mir Liebe dar.
O Mutterherz, so engellind,
Ich will die Welt verneinen;
An deiner Brust, ein schwaches Kind,
Will ich mich selig weinen.

Wenn dann das Abendrot verfacht,
Der letzte Tag verbleicht,
Dann, Mutter, ewig gute Nacht!
Ruh sanft und schlummre leicht.
Ich küsse dir den blassen Mund,
Ich weine still und hole
Den weichsten Klang aus Herzensgrund
Zum letzten Lebewohle!

Meine Mutter wohnte bei Schwester Sophie. Die arme Sophie! Ihr hatten die letzten Jahre noch härter zugesetzt als mir. Sie hatte ein Verhältnis mit einem reichen Kaufmann. Kaufleute und Offiziere haben besonders viel Zeit zur nichtswürdigen Spielerei. Sie glaubte den Ehrenmann ledig, er versprach ihr die Ehe und gewann sie. Ein kleines Mädchen war die Frucht des Umgangs. Als sie den Vater kurz vor der Geburt des Kindes mahnte, seine Pflicht an ihr und dem erwarteten Wesen zu tun, stellte es sich heraus, daß der edle Mann bereits verheiratet war.
Betäubt von der furchtbaren Erkenntnis, willenlos und lebensmüde, ließ sie sich bestimmen, die Abfindungssumme, die ihr der Elende bot, anzunehmen.
Nun saß sie in der von dem Verführer bezahlten Einrichtung in der Elsässerstraße und sorgte um ihr Kind. Ihre Stimme hatte durch die Geburt gelitten. Aber die Schmerzenssumme war nicht ausreichend, und so mußte sie wieder singen. Ich trat also in die Verhältnisse eines Sudermannschen Gesellschaftsstücks mitten hinein. Nur ging dieser blutige Scherz mich selbst des Nähern an.
Die Lage meiner Mutter war nicht beneidenswert. Sie[181]  trug die Enttäuschung ihrer Tochter mit heimlicher Scham. Sie war sich all des Zweideutigen in dem Schicksal Sophiens nur zu sehr bewußt und verglich damit ihre eigene, recht dürftige, aber durchaus tapfere Vergangenheit. Sie hatte viel unter den Launen der Tochter zu leiden. Die bösen Erfahrungen waren nicht spurlos an der Schwester vorübergegangen Ihre Nerven waren recht angegriffen. Ihr Hang zur Vornehmtuerei hatte sich ins Lächerliche gesteigert.
Wir grüßten uns so herzlich, wie es unter den Umständen nur möglich war. Ich war jedenfalls verlegener als sie. Aber ich brauchte es nicht lange zu bleiben.
»Hast du auch deine Stiefel gut abgerieben?« Das war Sophiens zweites Wort des Willkommens.
Sie fürchtete für ihre Teppiche und hatte kein Gefühl für den seltsamen Empfang, den sie mir bereitete. Noch mehr: in dem Zimmer, wohin sie mich führte, arbeiteten zwei Schneiderinnen an der Maschine; als ich eintrat, blickten die jungen Damen auf. Meine Schwester raunzte sie darauf mit einer Heftigkeit an, die mich im Innersten empörte.
Ich bat später die Damen um Entschuldigung, daß ich die unschuldige Veranlassung zu diesem peinlichen Zwischenfall gegeben hatte. »O«, meinten sie gelassen, »Ihre Frau Schwester ist krank und im Grunde nicht so schlimm.«
Ich suchte mich vorerst in Berlin selbständig einzurichten. Auf einer Zigarrenfabrik fand ich Arbeit gegen 15 M. wöchentlich.
Meine freie Zeit verbrachte ich meistens bei Mutter und Schwester.
Ich klagte der Mutter meine Erlebnisse, vor allem das Unglück mit Marie und dem geliebten Kinde.
Sie bedauerte mich aufrichtig. Aber es beruhigte sie, daß die kleine Franziska tot war.
Meine Schwester brachte mir bald aufrichtige Hochachtung entgegen. Mir wurden die seltsamen Gegensätze in ihrem Wesen täglich klarer.[182]
Sie wunderte sich über die Sicherheit, die ich in Haltung und Rede gewonnen hatte. Ich dachte nicht daran, mehr aus mir zu machen, als ich war, gab mich natürlich und geradehin. Aber meine Unterhaltung verriet doch den Mann, der viel beobachtet, viel gelesen und viel behalten hat. Mehr als einmal rief Sophie bewundernd aus: »Nein Franz, was bist du gebildet!«
Sie wollte nämlich auch den Vorzug der Belesenheit und Bildung um sich her verbreiten. Auch spürte man aus den schauspielerisch gesetzten, mit berechneter Wohlbetonung gesprochenen Worten recht bald den Wunsch heraus, über den innern Mangel an Gehalt eine blendende, vielsagende Tünche zu ergießen.
Sie hatte sich eine Zeitlang sogar mit Pinsel und Palette versucht, um ganz die große Dame spielen zu können. Einige Versuche ihrer Künstlertätigkeit schmückten die Wände des Wohnzimmers. Gerade so übel waren sie nicht. Leider hatte man auch hier den Eindruck des Unfertigen, der Halbheit, die mehr erstrebte, als ihr die Natur oder die Verhältnisse erlaubten. Wie es ja auch ganz mein Fall war und zum Teil noch ist.
Meine Gegenwart übte auf Sophie einen wohltuenden Einfluß aus. Sie gestand mir ihre Schwäche zur Eitelkeit und bestrebte sich, wahrer und einfacher zu werden.
Auch der Mutter begegnete sie mit größerer Kindlichkeit. Es fiel mir auf, daß die Mutter, wenn Gesellschaft da war, den Saal nicht betreten durfte. Die Schwester hatte es so gewünscht, um nicht zu sagen – befohlen. In meiner Entrüstung wusch ich dieser brüderlich den Kopf. Die Mutter hatte gebeten, ich sollte doch beileibe nichts sagen. Ich tat es trotzdem. Und ich tat noch mehr.

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An dem nächsten Besuchsabend führte ich die Mutter an meinem Arme in den Saal. Die Schwester errötete. Die anwesenden Damen waren voll Liebenswürdigkeit. Die liebe, alte Frau gab sich mit natürlichem Anstand und alles ging tadellos.[183]
Seither durfte sie nach Wunsch dabei sein. Sie zog es aber, bis auf wenige Ausnahmen, vor, auf ihrem Zimmer zu bleiben.
Sophiens Gesellschaftsabende brachten mir viele angenehme Stunden. Vor allem fanden sich dazu ihre Kolleginnen ein: Ein munteres Völkchen, in dessen Mitte Zwanglosigkeit den Ton abgab.
Sie plauderten viel und sangen noch mehr. Ich war natürlich wieder der vielgereiste Mann und mußte erzählen. Manchmal nahm ich auch die Gelegenheit wahr, mich von einer mehr künstlerischen Seite zu zeigen, und trug Gedichte vor, fremde Verse; meine eigenen hielt ich eifersüchtig geheim.
Meine Vorträge fanden viel Anklang. Die hübschen Zuhörerinnen versicherten mir, ich hätte entschieden Talent, ich dürfe mich auch in der Öffentlichkeit vor einem größern Kreise hören lassen.
Vorerst versuchte ich auf einem andern Felde mein Glück.
Es hatten sich in meinem Koffer allmählich eine Anzahl Verse zum Bändchen zusammengefunden. Ich dachte nicht schlecht von ihnen; die meisten waren mir, als Niederschlag besonders gehobener Stimmungen, oder als Bekenntnis erschütternder Stunden, ans Herz gewachsen. Und die Liebe sieht bekanntlich falsch.
Ich trug mich mit dem Plan, sie als Buch herauszugeben, und suchte mir den einflußreichen Fürsprech, der sie einem Verleger empfehlen könnte.
Ich dachte an Sudermann. Ich wußte, auch er hatte sich unter schwierigen Verhältnissen in die Höhe gerungen; er hatte erfahren, wie es armen, aufstrebenden Kämpferseelen zumute ist. Vielleicht ließ er sich, in Erinnerung an die eigene Kindheit und in Dankbarkeit gegen das Glück, bereit finden, einem unbekannten Landsmann den Weg ins Leben zu ebnen.
Ich wählte einige Gedichte aus und übersandte sie[184]  ihm mit der ergebensten Bitte um Prüfung und Empfehlung. Ich verschwieg ihm nicht, daß ich Zigarrenarbeiter war und daran dachte, mich als freier Schriftsteller hochzubringen.
Mit Herzklopfen erwartete ich seine Entscheidung. Sie lief nach einigen Tagen ein. Sie war knapp, bündig und nicht unfreundlich.
Meine Verse, so schrieb der Dichter, verrieten ernste Empfindung, leider seien sie allzu formlos, eine Formlosigkeit, die sich sogar bis auf die Verwechslung von mir und mich erstreckte. (Es war damals nur zu wahr.) Er rate mir aufrichtig, bei meinem Handwerk zu bleiben; das Umsatteln könne mir nur Enttäuschung bringen.
Damit waren meine eigenen Zweifel bestätigt und mein Urteil gesprochen.
Die Formlosigkeit bleibt mein Verhängnis, in allem und überall. Sie klebt den wenigen Versen auch noch in der gründlich überarbeiteten Gestalt an, in der ich sie dieser Beichte einverleibe.
Eine bessere Schulbildung von Haus aus, und ich wäre ein anderer Mensch geworden! Ich hätte zum mindesten meine Muttersprache meistern lernen.
Ich bilde mir heute nicht mehr ein, daß mich diese Festigkeit zum Dichter gemacht hätte. Ein paar Verse, ein paar Gedichte, die man in günstiger Stunde von sich gibt, machen noch nicht den Dichter. Jeder Mensch, der stark und wahr empfindet, kann auf solche Weise Dichter sein. Aber fremdes Leid und fremde Freude wie die eigenen empfinden und gestalten, diese Kraft, die den Dichter macht, erkenne ich mir auch heute nicht zu.
Bis zu der Höhe bleibt noch ein breiter Zwischenraum, wo sich Tausende ein bescheidenes Heim gründen könnten.
Mehr als einem Schafskopf ist das gelungen, weil er in der Wahl seiner Eltern klüger gewesen ist, weil ihm deshalb von der Gesellschaft sämtliche Mittel zur Verfügung[185]  gestellt wurden, die bei etwas Glück auch den Dümmling in die Höhe bringen.
O ihr Emporkömmlinge des satten Mittelstandes, ihr Auserwählten der Hochschulbildung, blickt nicht so hochnäsig auf den Proletarier nieder! Verlacht ihn nicht, weil er mir und mich verwechselt, wie das eines Tages dem Genossen Reimers im Reichstag von den kulturgesalbten Konservativen widerfahren ist.
Wir tragen in uns doch wenigstens den Hunger nach Wissen, den Drang nach den Gipfeln der Erkenntnis, die unselige, weil unbefriedigte Sehnsucht nach dem Ideal des Guten und Schönen, und fühlen uns in unsrer Unfertigkeit stolz und über euch erhaben. Ihr an unsrer Stelle hättet zufrieden grunzend an den Trögen gehockt oder wäret mit wiederkäuendem Behagen Ochsen geblieben! Daher, nicht so überlegen die Schnurrbartspitzen gen Himmel gestrichen, ihr Herren Spießer, und etwas mehr Respekt vor den Märtyrern des mir und mich!
Freilich, dem Sudermann trage ich nichts nach. Der Mann meinte es gut und zahlte mir mit Offenheit. Aber krank möchte ich noch heute werden vor Wut und vor Neid, wenn ich an die Ungerechtigkeit des Lebens denke!
Da saß ich, ein Mensch, der die Dichter seines Landes kannte und verstand, der selber etwas zu sagen hatte, sich zur Freude und den andern zur Befreiung, der unwiderlegliche Proben seines geistigen Könnens gegeben hatte, da saß ich, ein deutscher Mann, und konnte nicht deutsch schreiben.
Ja, nicht einmal richtig deutsch sprechen.
Ich konnte den Königsberger Tagelöhnersohn auch in meiner Rede und bei meinem Vortrag nicht verleugnen. Darauf machten mich Zuhörer, die es gut mit mir meinten, beizeiten aufmerksam. Wollte ich als Vortragender öffentlichen Erfolg haben, so mußte ich vor allem richtig sprechen lernen.
Die Volksschule legt auf eine fehlerlose Aussprache[186]  nicht genügend Gewicht. Das wäre um so notwendiger, als von Kreis zu Kreis durch die Mundart die Aussprache eigentümlich beeinflußt wird und damit besondere Sprechgrenzen gezogen werden. Das Fehlerhafte, was einem in der Schule nicht abgewöhnt wird, schleppt man sein Lebenlang mit sich. Mehr als eine schöne Handschrift empfiehlt aber das richtige Sprechen, der wohlklingende Tonfall.
Die Weiber machen sich von den sprachlichen Unarten viel leichter frei als die Männer. Meiner Schwester hörte niemand die Königsbergerin ab. Warum sollte mir nicht gelingen, was ihr möglich gewesen? Soll mein eiserner Wille nicht erreichen, was ihrer weiblichen Geschmeidigkeit leicht gefallen ist?
Ich begab mich mit um so größerm Nachdruck an die Arbeit, weil ich als Vortragender einzuholen suchte, was mir als Schriftsteller nicht möglich wäre: Erfolg, Unabhängigkeit und öffentliche Achtung.
Ich nahm deutschen Sprach- und Sprechunterricht. Die Anfänge waren hart, denn die Grundlage fehlte. Aber es ging. Ich durfte es wagen, mich zu öffentlichen Vorträgen zu melden.
Dabei machte ich folgende Erfahrung: Wahrhaft gebildete Personen der bessern Stände nehmen kaum Anstoß an der fehlerhaften Sprechweise eines Menschen, der in minder begünstigter Umgebung aufgewachsen ist, und das um so weniger, wenn dieser Mensch etwas zu sagen hat; höchstens sind sie darauf bedacht, über der Unterhaltung ihre Antworten so zu fassen, daß der aufmerksame Zuhörer daraus seine Fehler selbst verbessern kann.
Daneben gibt es aber Menschen, die das Schwergewicht ihrer Aufmerksamkeit vom Inhalt des gesprochenen Satzes auf die Aussprache verlegen und bei dem geringsten Verstoß in Nervenzuckungen fallen oder ein Lachen verbeißen. Das sind die Armen im Geiste, die Oberflächler und Phrasenpräger, die Bildungsflegel und das Salongassengevögel. Ihre Zahl ist Legion.[187]
Ich fühlte mich im Verkehr mit den sogenannten höhern Ständen klein und beklommen. Je näher ich aber mit ihnen in Verbindung kam, um so höher schätzte ich meine Fähigkeiten und mein Können ein, um so freier und selbstbewußter gab ich mich.
Meine Vortragsfertigkeit ward besonders von Vereinen in Anspruch genommen. Sie brachte mir auch klingenden Erfolg. Allerdings flossen diese Einnahmen unregelmäßig, aber sie fielen, an meinem Arbeitslohn gemessen, reichlich aus. Sie setzten mich in den Stand, den höhern Ansprüchen der Hauptstadt, den kostspieligen Verpflichtungen, denen ein Vortragskünstler in Kleidung und Umgang nachkommen muß, zu genügen.
Ich konnte es wagen, meine Stellung in der Fabrik zu kündigen. Der durchdringende Arbeitsgeruch schwand damit aus meiner Kleidung. Ich stellte mich allein auf meine Kunst.
Schon hatte sich auch die Kritik belobigend geäußert. Die Aufträge mehrten sich. Ich mußte mich an der Schwelle wähnen, die zur Erfüllung meines berechtigten Ehrgeizes führte.
Wie sehr ich es durfte, beweist das folgende Erlebnis. Der literarische Verein »Lese« hatte einen großen Vortragsabend veranstaltet. Auch ich war um meine Mitwirkung gebeten worden.


Ich sprach den Prolog zu »Faust«. Die Natur hat meiner Stimme einen Umfang gegeben, der um eine halbe Oktave über die gewöhnlichen Stimmen hinausreicht. Dieser Vorteil erlaubte mir, die Tonleiter Goethischer Empfindungen von den tiefsten bis zu den höchsten Sprossen zu durchlaufen. Ich hatte mir dies Meisterwerk von Rhythmus und Melodie nach eigener Auffassung zurechtgelegt. Ich brachte zu dem Vortrag eine begeisterte Liebe mit und den Wunsch, an dem Abend mein Bestes zu leisten und so den ersten siegreichen Vorstoß in die weiteste Öffentlichkeit zu tun.
Ich durfte mit dem Erfolge zufrieden sein. Ein allgemeiner,[188]  lang andauernder Beifall verriet, daß die Zuhörerschaft ergriffen war.
Als ich vom Pult heruntertrat, stellte sich mir ein vornehmer, junger Herr vor, Architekt von B., beglückwünschte mich mit Herzlichkeit und führte mich an seinen Tisch. Eine ihm befreundete Dame, die Baronesse von W., wünschte ebenfalls, dem vortrefflichen Dolmetsch Goethischer Gedanken ihre Anerkennung auszusprechen.
Fräulein von W. empfing mich mit liebenswürdiger Schmeichelei. Ich mußte neben ihr Platz nehmen. Sie war nicht eben schön, aber schlank und vornehm, und ihre Augen strahlten schwärmerische Schwermut. Sie erwies mir viele Artigkeiten an dem Abend, rühmte meine Auffassung von der Dichtung und konnte mit bewunderndem Augenaufschlag nicht genug Worte des Lobes finden für den sinnlichen Glanz meiner Stimme.
Diese feine Bemerkung bestätigte eine Vermutung, die ich mehr als einmal vor mir selber geäußert hatte über die Wirkung, die das gesungene oder das gesprochene Wort auf das zarte Geschlecht ausübt. Die Musik des Wortes löst sich bei den Weibern in einem Sinnenreiz aus, der sogar die tiefsten Tiefen ihres physischen Wesens aufrütteln, aufpeitschen kann und sie für alles übrige Empfinden unempfänglich macht. Wie ließe sich sonst die Begeisterung, um nicht zu sagen Mannstollheit, verstehen, womit manche Operntenöre oder jugendliche Heldenliebhaber von Frauen und Mädchen, auch der höchsten Aristokratie, angehimmelt, angegeilt werden! Die Musik des Wortes bleibt die gefährlichste Kupplerin! Sie wirkt, wie keine andere Sinneseinwirkung, auf das Geschlecht.
Einige Tage später schrieb mir Herr von B., Fräulein von W. wäre erfreut, wenn ich zu ihrer kleinen Abendgesellschaft mit hinausfahren wollte. Ich tat einen Luftsprung und takelte mich besonders fein heraus. Meine Schwester, der ich mich vorstellte, empfand an diesem Abend für ihren Bruder aufrichtige Bewunderung.[189]
»Franz, ich sage dir, das ist der Anfang zu deinem Glück!« Mit dieser Prophezeiung entließ sie mich.
Ein Wagen brachte uns nach Pankow. Dort bewohnte Fräulein von W. eine Sommervilla.
Der Juliabend war köstlich, die Gesellschaft klein, aber erlesen. Unsere Wirtin strahlte in Freundlichkeit und Weiß.
»Lassen wir allen Flitter beiseite. Wir sind nicht bei Hof.«
Diese Worte des Fräuleins verbreiteten gleich eine gemütliche Stimmung.
»Sie, Herr Bergg, vergessen die Baronesse und sagen einfach Fräulein Wanda, denn ich bin Polin von Geburt.«
Die Erlaubnis, die laut erteilt wurde, war um so feinfühliger, als noch zwei junge Damen bürgerlichen Standes zugegen waren. Damit wurde jeder Unterschied der Geburt und des Standes ausgelöscht.
Der Mensch in mir empfand diese Ausgleichung mit Dankbarkeit und Genugtuung. Ich fühlte mich gehoben, denn die Anerkennung galt einzig und allein dem, was an Tüchtigem in mir lebte und strebte.
Natürlich mußte ich einige Gedichte sprechen: Schillers »Ideale«, Goethes »Braut von Korinth«, Heines »Muttergottes von Kevelaer«, Kinkels Kerkerlied vom »Vöglein«.
Über dem Vortrag des letzten Liedes tupfte sich Fräulein Wanda heimlich die Wangen.
Der Musikprofessor, Herr Kleib, ein Ideal von einem Menschen, feierte mich mit wirklich überschwenglichen Worten.
Er fühlte sich durch meinen Vortrag angeregt und ließ seine Phantasien auf dem Klavier mit göttlicher Kunst schweifen, klagen, jubeln und stürmen.
Ich löste ihn wieder ab, und so schlang sich hin und her die reizendste Wechselwirkung von Wort und Klang.
Die Gesellschaft lauschte mit sichtlichem Entzücken. Für die Aufrichtigkeit ihrer stets wiederholten Nachforderungen[190]  zeugte beredt die Stille, die nach Schluß eines Vortrags im Zimmer waltete, die süße Empfindungslähmung, die selige Gefühlsbannung, die man durch ein Wort, ja durch eine Bewegung aufzuheben, aufzuschrecken fürchtet.
Diese weihevolle Stille, die sinnigste Huldigung, die einem Künstler dargebracht werden kann, wird unübertrefflich schön gekennzeichnet durch das volkstümliche Wort: »Ein Engel schwebt durchs Zimmer.«
Die Baronesse vor allem schien glücklich. Die Schwermut war aus ihren Augen gewichen, Freude durchschimmerte ihre Wangen. Ihr Blick ruhte, wie ich mir einbildete, mit besonderm Wohlgefallen auf mir. Ich fragte mich manchmal: »Bist du es wirklich? Oder hast du dich ins Märchen verirrt? Sitzt nicht dort eine verzauberte Prinzessin, die dich zu ihrem Ritter will?«
Mich durchrieselte ein Hoffnungsschauer, unter dem mir fast die Füße schwanden, und dann wieder eine Angst, als wollte das Herz mir stille stehen.
Zum Gipfel verirrte sich diese verrückte Einbildung, als Fräulein Wanda heranschwebte und mit dem lieblichsten Lächeln zu mir sagte: »Musik und Wort, diese unvergleichlichen Mächte, ergänzen sich. Das ist mir ein neuer Beweis, wie der Mensch des Menschen bedarf.«
»Ja,« meinte der Architekt, der auf uns zugetreten war, »Töne und Worte vereint umschließen die höchste Welt. Sie bilden die vollendete Ehe, in der das Wort das männliche, die Töne das weibliche Prinzip darstellen.«
Ein innerlich dankbarer Blick der Baronin lohnte dem Sprecher dies liebe Wort.
»Ich erkenne gerne an,« fuhr der Musikprofessor fort, indem er das lange Haar von der hohen Stirne zurückstrich, »daß die Art unseres hochgeschätzten Rezitators das Wesen beider Geschlechter glücklich vereinigt. Sein gesprochenes Wort ist Musik.«
Die allgemeine Anerkennung verwirrte mich leicht. Meine Seele, die den Feuertrank des Lobes kaum noch hatte[191]  schlürfen können, die bis dahin still und einsam an den eigenen Kräften gezehrt hatte, die jahrelang wie mit einem Reibeisen geschunden ward, tauchte mit Wonne in diesem Bade der Lobpreisung unter. Die armen Menschen besonders bedürfen eines Maßes gerechter Anerkennung als der notwendigen Nahrung. Nur der Schwächling verlangt der süßen Speise mehr, als er vertragen kann. Aber so verächtlich auch dieser Schwächling bleibt, so wenig vergibt der gerechte Mann seiner Würde, wenn er im richtigen Augenblick zu loben versteht.
Nach den letzten Schmeicheleien, die mir gespendet wurden, fühlte ich, daß auch ich ein Wort sagen müsse. Die auf mich gerichteten Blicke verrieten Erwartung. In dieser gehobenen Stimmung brauchte ich die Schreckgespenster »mir« und »mich« nicht zu fürchten. Ich wußte ihnen gewandt auszuweichen; wenn sie unheildrohend an mich heranschlichen, verstand ich es, auf dem kleinen Umweg durch eine Umschreibung schadlos an ihnen vorbeizuschlüpfen.
»Sie werden überrascht sein, meine Damen und Herren,« so begann ich, in der überlegenen Haltung Napoleons, »überrascht sein, zu sehen, mit welcher Unverschämtheit ich Ihren Beifall in die Tasche stecke, als wenn er mir zehnmal gebührte und Sie mir damit eine fast verjährte Schuld entrichtet hätten. Aber Sie werden in dieser Aufgeblasenheit kein verbannungswürdiges Verbrechen erblicken. Die Unverschämtheit ist ja kein fremdländisches Gewächs. Sie ist eine heimatliche Pflanze und seit dem Aussterben der Markgrafen besonders in Brandenburg-Preußen üppig ins Kraut geschossen.«
Ich machte eine kleine Kunstpause, um den Erfolg dieser Einleitung festzustellen. Ein verhaltenes Kichern ging durch die Reihen der Gesellschaft. Der Architekt rief mir ein leises »Bravo« zu. Die Augen der polnischen Baronin kündeten aufrichtige Schadenfreude.
»Der Wucherkraft dieser Nationalpflanze, die fast unser ganzes Land überrankt, kann sich der einzelne schwer entziehen.[192]  Aber ich glaube, daß wir uns selber ehren, wenn wir in Stunden geistiger Genüsse derer gedenken, die uns die Meisterwerke der Kunst und Poesie vererbten. Diesen hohen Vollendeten gebührt die Palme des Dankes und der Anerkennung an erster Stelle.«
Ich machte nach diesem lebensgefährlichen Gedankensprung eine neue Pause. »Weiter! Weiter!« schienen mir die Blicke der gespannt Lauschenden entgegenzuglühen.
»Da wir aber unsere Denker und Dichter nicht besser ehren können als mit ihren eigenen Gedanken und durch ihre eigenen Werke, so gestatten Sie mir, hochgeehrte Herrschaften, Ihnen ein neues Gedicht vorzutragen, das Ihnen kaum bekannt sein möchte und dessen Inhalt einen grellen Mißklang in unsern so stilvoll verlaufenen Abend hineinwerfen könnte, wenn ich nicht die Gewißheit hätte, daß Sie, meine verehrten Zuhörer, sämtliche Widersprüche des Lebens im großen Zauber der Kunst überwinden und versöhnen. Die Überschrift des Gedichtes lautet: ›Im Irrenhause‹.«

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Eine Bewegung ging bei dem unerwarteten Titel durch die Gesellschaft. Verwunderte und ängstliche Blicke kreuzten sich. Aber bald spürte ich, wie erwartungsvolle Spannung ihre Fühlkörper auf mich richtete.
Ich nahm alle Kraft zusammen und sprach die ergreifenden Verse, in denen Robert Kuntze einen Gang durch die Stätten des Wahns und des Jammers geschildert hat.
Tief ergriffen lauschte die Gesellschaft. Der Gang durch diese Hölle der bei lebendigem Leibe dem Geiste Abgestorbenen durchschauerte sie. Die Baronin führte das Spitzentüchlein mit fieberhaft zitternder Hand an die Augen.
Plötzlich sprang Professor Kleib, wie von elektrischer Kraft gerührt, von seinem Stuhl und rief mit ergriffener Stimme: »Ich fühle mich gezwungen, diesen Gang durchs Irrenhaus zu wiederholen im Geleite der Musik. Herr Bergg, sagen Sie mir, ob Sie in meinen Tönen nicht die unglücklichen Helden Ihrer Dichtung wiedererkennen.«
Und er setzte sich ans Klavier.[193]
»Das Irrenhaus auf dem Klavier!« sagte Fräulein Wanda und schlug die Händchen zusammen. »Das widerstrebt meinem Gefühl.«
»Ich,« entgegnete der Architekt, »habe in das Können unseres verehrten Professors volles Vertrauen. Ich nenne das wirklich eine persönliche Idee.«
Mit unvergleichlicher Gewandtheit schlug Kleib die ersten Töne. Das Klavier hub unter seiner Hand mit lebendigen Zungen zu singen an. Sämtliche in den Versen angedeuteten Stimmungen wurden ausgeschöpft. Dabei warf der Künstler, mit seitwärts gewandtem Kopfe, einzelne, kurz hervorgestoßene Worte in den Fluß seines Spiels, um den flüchtig vorbeiklingenden Wellen dauernde Lichter aufzusetzen.
Mit einem schrillen Mißklang brach das Spiel unerwartet ab. Kleib blieb wie vergeistigt vor den wunderbaren Tasten gebannt. Alle Anwesenden waren erschüttert. Die Baronin sprang unter dem Drang der Gefühle auf, trat in die Türe zum Balkon und rief mit zitternder Stimme, in den Garten hinausdeutend: »O sterbende Schönheit im letzten Schimmer des Abendrots!«
Ich drückte dem Pianisten in stummer Ergriffenheit die Hand.
Herr von B. erklärte voll Überzeugung: »Ein Ton, Herr Professor, enthält mehr Wahrheit als die ganze Mathematik.«
Die übrigen stimmten zu.
Herr Kleib wehrte bescheiden ab. »Und doch glaube ich kaum,« sagte er, und machte die artigste Handbewegung nach mir hin, »daß ohne den Vortrag des Herrn Bergg die Wirkung meines Spiels so tief gegangen wäre.«
»Sie haben recht,« bekräftigte Fräulein Wanda, die inzwischen herangetreten war, »Herr Bergg hat in uns den Samen gepflanzt, den Sie zum Keimen brachten. Ich aber,« fügte sie hinzu und griff damit auf ihre Lieblingsvorstellung zurück, »erkenne nun klarer als sonst, wie sich die[194]  Menschen ergänzen müssen, um die höchste Vollkommenheit zu erreichen.«
»Und doch,« so wagte ich bescheiden einzuwerfen, »scheint mir die Ehe zwischen Wort und Ton am glücklichsten, wenn sie auf Gütertrennung, nicht auf Gütergemeinschaft geschlossen ward. Letzteres ist bei der Oper der Fall, mit der ich mich daher nicht recht befreunden kann. Ein Ton genießt sich am reinsten ohne das Wort, denn dieses lenkt ab und stört das unmittelbare Gefühl des Klangs.«
Eine der jungen Damen, die eben das Abtsche Lied: »All Abend, bevor ich zur Ruhe geh'« ganz allerliebst mit Klavierbegleitung zu Gehör gebracht hatte, fühlte sich durch meine Bemerkung getroffen. Da kam mir zum Glück der Professor zu Hilfe. »In der Tat,« hub er an, »scheint das zarte Geschlecht der Töne von einer gewissen Grenze ab unter einer solchen ehelichen Gemeinschaft zu leiden. Aber bei einem rein lyrischen Gedicht, bei einem Volkslied, so wie es uns von Fräulein Achim eben ganz entzückend geboten worden, ist die Gütergemeinschaft beiden Teilen vorteilhaft. Der Ton gewinnt an Bestimmtheit, das Wort gewinnt an Tiefe. Beide üben in dieser Verbindung erst ihre volle Wirkung. Ich begreife daher, daß einfache, musikalisch nicht ausgebildete Gemüter in dem Volkslied überhaupt die Krone der Tonkunst begrüßen.
Die Oper dagegen bringt sämtliche Zwischenfälle einer unglücklichen Ehe, wo die beiden Gatten sich gegenseitig unerträglich geworden sind und doch nicht auseinander kommen. Der weibliche Teil wird in der reinsten Entfaltung durch die Härte des Wortes behindert und gedrückt; der Mann büßt unter der unruhig auf und ab flackernden Beweglichkeit des Tones an Tiefe ein, und wird in besonders ergreifenden Augenblicken mit dem Mantel der Lächerlichkeit behängt. Man denke nur an die gesungenen Sterbeszenen.«
»Ja, ja,« lachte der Architekt, »da haucht ein sterbender Held der Liebsten oder dem Leben seine letzten Grüße oder[195]  Schwüre zu und holt dafür mit lächelndem Gesicht die schmetterndsten Töne aus dem Bändergefüge seines Kehlkopfs heraus.«
»Herr Bergg,« so schloß der Professor, »war also auf der richtigen Spur, als er von ›Ehe mit Gütertrennung‹ sprach. Ich persönlich allerdings will von keiner Ehe was wissen. Poesie und Tonkunst mögen sich als Braut und Bräutigam gegenseitig anglühen, umwerben, küssen und schließlich zum lyrischen Liede vorübergehend verlieben; eigentlich glücklich werden sie nur eine jede auf eigene Weise, wie ja auch das schöne Geschlecht zu seiner höchsten Vollendung gar nicht der Ehe bedarf. Unsere gütige Wirtin wird mich verstehen.«
Und damit beugte er sich über die Hand der schönen Frau und führte sie andächtig an die Lippen.
Seine so artige Schmeichelei fand allseitig freudige Zustimmung.
Unter dieser anregenden Unterhaltung, wo sich alle Künste die Hände reichten – auch die vollen Schultern der Damen blühten mir stets verführerischer durch die leichten Spitzenblusen in die Sinne –, verging der Abend nur zu rasch.
Nach Mitternacht setzte der Wagen des Herrn von B. den Professor und mich vor dem Café Bauer ab, wo wir uns bei einem Karthäuser gute Nacht sagten.
Ich schritt wie auf Flügeln meiner öden Kammer auf der Hofseite eines vierten Stockes in der Karlstraße zu.
Als ich am Morgen erwachte und die schönen Stunden noch einmal für mich erlebte, geriet mein Herz auf einmal in eigentümliche Not.
War es nicht schimpflich von mir, mich in eine Gesellschaft hineinzuschmuggeln, wohin ich nicht gehörte? War es kein Vertrauensmißbrauch, diese Gesellschaft über meine Vergangenheit zu täuschen oder auch nur im unklaren zu lassen? Würden die edeln Menschen, deren Achtung und[196]  Auszeichnung ich genoß, auch dem Vorbestraften ihre Türe geöffnet haben?
Wenn nicht, wer gab mir dann das Recht, mich in ihre Mitte zu drängen? War ich nicht verpflichtet, sie aufzuklären, damit sie sich als Wissende in voller Freiheit entscheiden dürften?
Hatte ich nicht schon einmal meine Hinterhältigkeit mit arger Demütigung und unersetzlichem Verluste büßen müssen?
Gebot mir nicht der Stolz, mir das Leben zu erobern mit offener Stirn, im Arbeitsgesicht, ohne Larve und Maskenkleid? Unter jeder Bedingung?
Ich war bald entschieden. Ich schrieb zwei Briefe an Fräulein von W. und an Herrn von B. Ich deutete ihnen ohne Rückhalt meinen Lebenslauf an; ich unterstrich, daß der Liebling des Abends drei Wochen Gefängnis wegen Veruntreuung hatte absitzen müssen.
Hätte ich doch diese Blätter zur Verfügung gehabt, um den Lesern ein Urteil in voller Sachkenntnis zu ermöglichen! So mußte ich mich fast nur mit der Angabe nackter und brutaler Tatsachen begnügen. Wie leicht aber schlagen die nackten und brutalen Tatsachen einen Menschen tot!
Für die nächste Woche war ein Ausflug nach den Havelseen vereinbart worden. Ich gab am Schluß meiner Briefe zu verstehen, es sei mir unmöglich, die Fahrt mitzumachen, wenn mir bis dahin die Stellung der Herrschaften zu der veränderten Sachlage nicht bekannt sei.
Durch dieses Geständnis fühlte ich mein Herz entlastet. Als ich die Briefe zur Post gebracht hatte, kam über mich ein Hochgefühl der Freiheit.
Ich wollte mein Schicksal mit Mannesmut abwarten. Aber schon am zweiten Tage ließ die Ruhe nach. Am dritten Tage stieg die Ungewißheit. Sie schlug in Zweifel um und mischte sich mit einer wilden Angst. Wie schlichen die Stunden so träge! Warum kommt der Briefbote immer so spät? Wenn meine Briefe verloren gegangen wären? Wenn die[197]  Antwortschreiben nicht an die richtige Adresse kämen? Alles ist möglich, auch im Musterstaate Preußen.
Soll ich nicht noch einmal schreiben? Meine Antwort mündlich holen? War es denn nicht möglich, den Architekten in den bekannten Lokalen, um die bewußte Stunde, zu treffen?
Ich wurde nervös, ich wurde halb verrückt. Die Menschen langweilten mich. Meine Mutter ward traurig. Meine Schwester, die selber genug zu tragen hatte, schimpfte.
Noch zwei Tage bis zum Ausflug.
Da lagen abends zwei Briefe auf dem Tisch. Einer im weißen, einer im rosafarbenen Umschlag.

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Ich erbrach zuerst den kleineren. Eine Visitenkarte. Darauf stand: »Architektonische Studien rufen mich nach England. v.B.«
Ich erbreche den größeren in Rosa und lese: »Wie der Blitz traf mich Ihre unglückselige Nachricht. Mein Zustand erfordert Ruhe und Erholung Leben Sie wohl. Sie Unglücklicher! Gezeichnet: ›Eine vom Schicksal Geschlagene‹.«
Ich lachte schrill auf, riß die Briefe in hundert Fetzchen und warf mich aufs Bett.
Am Rande der Gesellschaft, der Partei, der Familie! Nirgends ein Platz für mich!
Nun, wenn ihr mich um jeden Preis als Lumpen haben wollt, so gebe ich euch den Lumpen!
Die Wochen, die nun folgten, möchte ich mit Tränenbächen aus meiner Lebensgeschichte fortschwemmen. Die Unwürdigkeit ist einmal zu groß.
Die nächsten Tage hockte ich zu Hause. In stumpfer Tatlosigkeit. Vom Stuhl ins Bett. Aus dem Bett zum Stuhl. Ich kümmerte mich um nichts an mir und neben mir. Dann schlenderte ich durch die Straßen, ohne Zweck noch Ziel, die Hände in den Hosentaschen, mit starrem Blick.
Was lag mir an all dem Possenspiel! Ich vernachlässigte mich. Morgens wusch ich mich kaum noch, ging aus ohne Kragen und Halstuch.[198]
»Franz, Franz!« rief mir eines Tages eine Stimme, als ich wieder wie geistesabwesend durch die Straßen bummelte. Es war Cousine Fanny, aufgedonnert, herausfordernder als je.
Ich blieb stehen und erwartete sie, wie ein in seiner Ruhe gestörter verbissener Köter. Ich witterte in ihr ein Opfer für meine Wut.
»Aber Franz, wie siehst du aus! Du gehst mit bloßem Hals! Trägst nicht einmal einen Kragen! Mensch, was ist denn los bei dir?«
»Was los ist?« bellte ich sie an, daß sie erschrocken zurückfuhr. »Mein bloßer Hals kleidet mich besser, als dich dein Dirnenmantel mit Gold- und Silberstickerei. Hier hast du deinen Ring zurück. Nimm ihn oder ich schmeiß' ihn in den Dreck, du, du ...!«
Das Mädchen stand wie versteinert. Dann wandte sie sich und lief davon.
Ein paar Tage später hielt ein Wagen vor meiner Haustüre. Die Mutter kam zu mir herauf. Schwester Sophie sei auch mitgekommen, aber sie habe gefürchtet, zu stören; deshalb warte sie unten.
Ich war in all den Tagen nicht bei der Familie gewesen. Nun hatte Fanny ihnen gemeldet, ich werde wohl krank sein.
Die gute Frau brach beim Anblick der Veränderung, die mit mir vorgegangen war, in Tränen aus.
Ich konnte ihr nicht klagen und konnte sie auch nicht trösten.
Ich fühlte ihre unaussprechliche Liebe zu mir und ihr unaussprechliches Leid. Aber von mir zu ihr gähnte eine unüberbrückbare Kluft. Ich war ihrem und der Familie Gesichtskreis entwachsen. Meine Empfindungen waren andere, andere meine Bedürfnisse. Was begriff sie von dem Zwiespalt, in dem meine Seele damals auseinanderbrach? Was von dem Verdammungsfluche, den die Welt mit dreimaligem Hohngelächter über mich hingeschleudert hatte?[199]
Ich war ein Ehrloser, ein Stümper, ein Entmannter. Wie sollte ich der alten Frau, die so hilflos zu mir herüberschluchzte, dieses ganze Elend klar machen? Nein, nein, wir konnten uns nicht helfen.
Ich konnte ihr nicht klagen und konnte sie auch nicht trösten.
Sie blieb nicht lange. Ich begleitete sie bis zur Haustüre. Meine Schwester mochte ich nicht sehen. Ich drückte der Mutter einen unsagbar schmerzlichen Kuß auf die Lippen; mir war, als wäre es ein Abschied für immer.
Die gute alte Frau ging schluchzend davon. Ihr gekrümmter Rücken bebte vor Leid.
Ich sank tiefer und tiefer. Der Geist meines Onkels Karl kam über mich. Ich suchte Vergessenheit im Trunk und hatte manchen wüsten Rausch. Der »Stramme Hund« und ähnliche Keller wurden meine Stammlokale: je gemeiner die Gesellschaft war, je schlammiger der Unrat floß, ein um so grausameres Vergnügen machte es mir, meinem hochmütigen Sinn auch das Wüsteste zuzumuten.
Mit meinen Hauswirten kam ich rasch in Unfrieden. Ich wechselte die Wohnung von Woche zu Woche. Manchmal hatte ich überhaupt keine Bude, sondern schlief unter Brücken oder in einem Asyl.
Um mein ehrloses Leben zu fristen, trug ich in den Wirtschaften und Kneipen Gedichte vor und sammelte, wobei stets ein paar Groschen zusammenkamen.
Allerdings lernte ich so auch das Elend kennen, das unter der prunkenden Oberfläche einer Weltstadt seine Abwässer breit und schwerfällig fortwälzt.
Neben dem Verbrechen schleicht das Unglück. Menschen aus fürstlichen, akademischen und plebejischen Kreisen macht es zu Genossen und Schlafgesellen.
Im Winter zählen die Arbeitslosen Berlins nach Hunderttausenden.
Wer eine Ahnung haben will von dem, was da alles[200]  an Armut aufgespeichert liegt, muß die Asyle, Herbergen und Schandhäuser beobachten.
Ich habe gesehen, wie junge Mütter in leichten Sommerblusen zur Winterszeit die Wäsche ihres Säuglings versetzten, um ihm für einige Pfennige Nahrung kaufen zu können.
Ich habe gesehen, wie zitternde Greise vor Hunger zusammenbrachen.
Ich habe gesehen, wie junge Leute sich in einem Prozeß allmählichen Verhungerns auflösten.
Ich habe Unsägliches gesehen, was ganze Bände füllen könnte. Aber ich habe, bei all meiner Verlotterung, doch auch Gelegenheit gehabt – ich sage es mit einem Gefühl besonderer Befriedigung –, manches Gute zu tun an Kindern und Greisen, an Müttern und Dirnen.
Im übrigen kümmerte ich mich um nichts. Ich erhoffte mein Heil von einer allgemeinen Weltumwälzung, die ich mit verbitterter Seele herbeirief. Voll krankhafter Sucht verschlang ich die Zeitungsnachrichten und -neuigkeiten, im Wahne, endlich einmal den Ausbruch des allgemeinen Brandes zu erfahren.
Deutsche Zustände vor allem ließen mich kalt. Sogar der sozialistische Wahlsieg von 1898 mit rund 2200000 Stimmen taute meine Gleichgültigkeit nicht auf. Doch war ich mit zur Urne geschritten.
In meiner Langeweile wandte ich meine Aufmerksamkeit den Vorgängen in Frankreich zu. Die Dreyfusaffäre hielt die Gemüter wieder in Spannung. Auch bereitete man sich auf die große Weltausstellung von 1900 vor.
Meine müde, eingerostete Seele horchte plötzlich auf.
Berlin ekelte mich an.
Paris war mir noch unbekannt.
Wanderwind ließ mir die Haare um die Schläfen tanzen. Die Hoffnung sang ihr keckes Drossellied. Paris sollte mich von Berlin und von mir selbst erlösen. Nach Paris! Nach Paris![201]
Ich nahm Abschied von Mutter und Schwester. Meine kluge Sophie sah mich pfiffig an und meinte augenspielend: »Wenn ich nicht irre, ist auch Sannchen nach Paris verzogen. Erinnerst du dich der Dame noch?«
Wie aus einer tiefen Röhre tönte dieser Name in meiner Erinnerung auf.
»Sannchen! Gewiß erinnere ich mich noch! Wo war sie denn bisher geblieben?«
»In Dresden.«
»Richtig, damals war sie nach Dresden gereist. Und jetzt ist sie in Paris? Du hast bis jetzt gar nicht von ihr gesprochen. Wie kommst du just heute auf sie zu sprechen?«
Sophie lachte höhnisch. »Sie ist eine falsche Katze. Sie hat sich inzwischen auf den Meisenfang im großen verlegt. Die Dummen in Dresden und Deutschland werden allmählich gescheit geworden sein. Da will sie in Paris neue Geschäftskniffe lernen. Dich hatte sie ja auch hineingelegt.«
»Mich? Wieso?«
»Du bist doch in Stuttgart mit ihr gegangen.«
Ich leugnete.
Sie hob die Schultern. »Als ob ich es nicht gemerkt hätte! Als ob ihr nicht deswegen den letzten Abend zusammengeblieben wäret!«
Ich log mit entrüsteter Überzeugung und schloß mit den Worten: »Und sogar wenn dem so wäre, hätte es doch gar keinen Zweck, so alte Geschichten wieder aufzuwärmen. Zu allerletzt aber hätte ich das von dir erwartet.«
»Das laß meine Sorge sein. Ich weiß, was ich mir gestatten darf. Mich aber freut es, daß auch mein feiner Bruder nicht immer ein Tugendbold gewesen ist. Viel Glück an der Seine! Und wenn du dein Schätzchen wiederfindest, sie von mir zu grüßen brauchst du nicht.«
Das war der Segen, den mir meine launische Schwester mit auf die Reise gab.



 Auf hoher See.










[202] Im Sommer 1898 brach ich auf nach Westen. Ich rückte streckenweise vor, mit dem Gang der Sonne.
Durch Westfalen über Holland nach Belgien ging der Marsch.
In Brüssel übte ich mich fleißig im Gebrauch des Französischen.
Ende Februar 1899 traf ich, von Lille kommend, in Paris ein.
Ich trug ganze 2 Franken in der Tasche. Aber schon von Lille aus hatte ich nach Haus geschrieben: »Lieber in Frankreich hungern, als mich in Preußen satt essen.«
Am Tage nach meiner Ankunft ward der Präsident Felix Faure begraben. Unter gewaltigem Prunk und Menschenandrang. Bänke, Tische, Trittleitern wurden an den Straßen als Stand vermietet. An den Bäumen hingen und klebten die Menschen wie Bienenklumpen, die sich nach dem Ausflug niederließen.
Ich stand vor der großen Fontäne auf der Place de la Concorde und ließ den Zug vorüberwallen. Mir war zumute, als geleite sich die bürgerliche Gesellschaft in dem prunkvollen Gepränge zu Ehren eines ihrer glänzendsten Vertreter selber zu Grabe. Faure war ja im Grunde nur ein oberflächlicher Blender, der die Eitelkeit der Menschen zu nutzen wußte und dem das läufische Glück nachbuhlte.
Es hieß, der noble Felix sei vergiftet worden. Andre schworen, er sei in den Armen seiner Geliebten, eines ganz gefährlichen Weibes, verschieden.[203]
Er hätte sich damit einen würdigen Ausgang erstorben. Emporkömmling und Dirne haben sich von jeher gut vertragen. Aber die Dirne überdauert den Hirnschlag des ausgebrannten Lebemanns und macht nicht an der Leiche des einen halt.
Paris! Wie der Name klingt! Die Erinnerung an den schönsten Mann und die schönste Frau des Altertums lebt in ihm fort. Wenn jemals bei einem Namen von Vorherbestimmung geredet werden darf, so trifft das zu für den Namen dieser Stadt des Geschmacks und der Lebenslust.
Paris! Auch der Asphalt seines Pflasters klingt! Der Fuß setzt sich fester auf, die Schritte scheinen beflügelt, der Körper reckt sich unwillkürlich geschmeidig hoch. Magnetische Kraft entzittert diesem Pflaster. Unter seinen Schichten empor bebt und singt noch immer der Pulsschlag größter Weltgeschicke.
Berlin ist die Stadt der Hohenzollern, Bismarcks, des Deutschen Reiches.
Paris bleibt die Hauptstadt der Welt, die Geburtsstadt des demokratischen Europas; Paris gehört der Menschheit.
Berlin drängt sein Königsschloß an die stummen Wasser der Spree; grau, freudlos spiegelt es sich in der trüben Flut.
Der Pariser Louvre öffnet seine Arme breit der Sonne und allen Wogenschlägen des Tages; seine Säulengänge und Fenster sind Triumphpforten des Lichts; seine Säle Festräume der Kunst. Majestätisch rollen der Seine Fluten, und über sie hinweg schwingen sich die schönsten Brücken der Welt.
Berlin stellt mächtige Häuserkasten an breite, schnurgerade Straßen. Eine saubere Stadt, so rühmen Einheimische und Fremde, und mit Recht. Aber auch eine kalte Stadt, eine nüchterne Stadt, eine nach allen Regeln der modernen Baukunst angelegte und der modernen Hygiene ausgebaute Großstadt.
Paris ist eine Heimstätte. In schützenden Falten breitet es den weiten Steinmantel der neuen Viertel um die inmitten[204]  der Seine ruhende »Cité«. Trauliche Winkel dämmern, stille Gänge laufen fort, weite Zimmer schimmern im Raum. Kostbare Schmuckstücke, uralter Väter Hausrat, glänzen auf Simsen und in Nischen. Auch der Fremde begrüßt diesen Reichtum als ihm vertraut und zugehörig. Denn die Cité bleibt das Vaterhaus der Völker, wo die Wiege stand der neuen Zeit, wo stets das Herdfeuer flammt, an dem sich entzünden die Fackeln des Lebens.
So ist mir Paris in meiner Liebe aufgegangen, als ich es durfte kennen lernen; so lebt es fort in meinem dankbaren Gedächtnis. Freilich, alle Hoffnungen hat es mir nicht erfüllt. Die ersehnte Umwälzung hat es nicht gebracht, erobern ließ es sich nicht von mir. Als armer Flüchtling mußte ich auch über seine Schwelle zurückweichen.
Aber es hat mir die Achtung vor dem geschlagenen Helden in mir zurückgegeben; es hat mich mit großen Gefühlen gerüstet und ich habe es nicht auf Nimmerwiedersehen verlassen.
»Fluctuat, nec mergitur.« »Wogenauf und unter, doch es geht nicht unter.« Dieser stolze Wappenspruch, den ich mir habe verdeutschen lassen, soll auch an der Stirnseite meines Lebens prangen dürfen.

Paris.
Das ist Paris! das ist Paris!
Heisa, wie schwillt mir Herz und Sinn,
Als hätte fiebernd ich geleert
Den Gluttrank einer Zauberin!

Da rollt und tönt, das klatscht und dröhnt,
Die Plätze durch, die Hügel auf!
Die Jagd zum Glück, die wilde Jagd!
Millionen mit im Dauerlauf!

Menschendasein zu ergründen,
Brauch' ich einsam nur zu gehn,
Wo am Wege der Geschichte
Stumme Rätselbilder stehn.[205]
Denn was je mit Schicksalsgröße
In der Menschheit Leben trat,

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Hebt sich hier im Fluß des Tages,
Eine steingewordne Tat.

Obelisk und Römertherme,
Notre-Dame und Pantheon,
Sacré-Coeur und Siegessäule:
Alle zeugen sie davon.

Schreit' ich pilgernd hin und wieder,
Daß ich still vergleichen kann,
Starrt mich, scheinbar wechselnd, immer
Nur ein graues Antlitz an.

Rast' ich sinnend in den Hallen,
Leg' das Ohr ich an das Erz,
Tönt dieselbe wilde Klage
Tausendstimmig mir ins Herz.

In die Wunderwelt des Louvre
Trat ich hohen Herzens ein
Und ich sah und stand und staunte:
Kann das alles wirklich sein!

Denn verdämmert ist die Erde
Und ich steh mit einem Mal
Auf dem Gipfel des Olympos
In dem goldenen Göttersaal.

Lächelnd wandeln alle Hohen
Durch ihr ewig heitres Reich,
In dem Schimmerglanz der Leiber
Einem Chor von Sternen gleich.

Doch nicht weil' ich bei den Sternen,
Nach der Sonne sehn' ich mich:
Schaumgeborne, Aphrodite,
Wunder von Melos, zeige dich!

Sie erscheint! Nun juble, Seele!
Reichres sah mein Auge nie!
Bräutliche Gattin, Mutter der Liebe,
Göttin der Schönheit – Alles ist Sie![206]
Ich fand eine Wohnung in einer Mansarde der Rue du Temple, im Faubourg Saint-Antoine, in dessen Straßen seit Jahrhunderten die Garderegimenter der Revolutionen lagern. Fast täglich kreuzte ich den Bastilleplatz und grüßte mit stillem Jubel die fackelschwingende Göttin der Freiheit. Durfte ich mich ergehen, so führte mein Weg mit Vorliebe über den Republikplatz, den belebtesten Platz der Stadt, mit dem herrlichen Standbild der löwengehüteten Republik. So lagert das Faubourg Saint-Antoine auch heute noch, ein freiwillig gebundener Löwe, schützend vor dem Tempel der Volksfreiheiten.
Durch ein Empfehlungsschreiben führte ich mich bei den deutschen Sozialisten ein. Arbeit fand ich anfangs keine. Die drei staatlichen Tabakmanufakturen in Paris durften keinen Ausländer, der nicht französischer Bürger geworden war, in Arbeit nehmen. Geldunterstützung ward mir anfangs durch den internationalen Tabakarbeiterverband, dessen langjähriges Mitglied ich bin, gewährt. Die Hilfe französischer Genossen öffnete mir die Maison du Peuple. Ich verdiente dort meinen Unterhalt durch Handreichungen am abendlichen Schanktisch. Tagsüber hatte ich wenig zu tun. Ich nutzte die Zeit, sah mir die Stadt an, trieb Sprachstudien, übte mich im Lesen und Schreiben.
Ich kam durch Vermittlung eines freisinnigen deutschen Buchdruckers, der einen aus meinem Deutsch ins Französische übertragenen Aufsatz bei der »Aurore« untergebracht hatte, in Verbindung mit französischen Journalisten, die Deutsch verstanden. Sie empfahlen mich an Bekannte, die unsere Sprache lernen wollten.
Unter ihnen befand sich ein Oberarzt, der sich für den zur Zeit der Weltausstellung angesetzten internationalen Ärztekongreß mit dem Deutschen vertraut machen wollte. Ich ging fast ein Jahr lang jede Woche zu ihm. Trotz seiner 55 Jahre lernte er mit dem Eifer eines strebsamen Jünglings. Er zahlte mir fünf Franken die Stunde; seiner Unterstützung[207]  habe ich es zu verdanken, daß ich mich das erste schlimmste Jahr über Wasser halten konnte.
Paris und die öffentliche Meinung standen damals im Zeichen des Dreyfusskandals. Die Republik machte überhaupt eine schwere Krisis durch. Die nationalistischen Verschwörer fanden einen unheimlichen Rückhalt an den Generälen und dem katholischen Klerus.
Dieselben unheilvollen Mächte, die in andern Ländern Fortschritt und Vernunft zur Strecke bringen, hier hatten sie keinen Erfolg. Militarismus und Klerikalismus wurden von der bürgerlichen Hand entlarvt und an den Pranger gestellt. In Frankreich senken sich nicht umsonst Regimentsfahnen und Offizierssäbel vor dem bürgerlichen Rock, und über dem Kreuz der Kirchen breitet seine Flügel der Wächter der Freiheit, der gallische Hahn.
Zola, Picquart, Scheuer-Kestner, Anatole France, so hießen in jenen Tagen die Wortführer des menschlichen Gewissens. Ihr edler Kreuzzug galt der Rettung eines Juden. Ich mochte den Antisemitenrummel nie mitmachen. In der jüdischen Synagoge ehre ich den ältesten Tempel der gottgläubigen Menschheit. In der jüdischen Nation bewundere ich die zäheste Stammesgemeinschaft, die ihre Eigenart, ihre Tüchtigkeit durch Jahrtausende siegreich gehütet hat. Die Juden sind das Märtyrervolk Jehovas und der Geschichte; sie bleiben eine unentbehrliche Kraft am Kulturhebel der Gegenwart.


Die Ausstellung brachte den erwarteten ungeheuern Menschenzulauf. Ich suchte meine inzwischen gesammelten Sprachkenntnisse nutzbar zu machen und bot mich als Fremdenführer aus.
Meistens führte ich Gruppen bis zu zehn Personen, was mir manches Geldstück einbrachte. Aus allen Gesellschaftsklassen setzten sie sich zusammen. Schneidergesellen, Buchdruckergehilfen, Berliner Markt-, Fisch und Schlachterweiber, Staatsanwälte, Künstler, Schriftsteller, Kongreßmitglieder[208]  vertrauten sich meiner Leitung an. Ich gab mich ohne eitle Lobesanpreisung, aber mit bescheidenem Stolz.
»Was verlangen Sie?« So lautete stets die erste Frage.
»Nichts,« antwortete ich.
»Aber Sie können uns doch nicht umsonst führen.«
»Sehen Sie, meine Herrschaften, wenn Sie am Abend Grund haben, mit meiner Führung unzufrieden zu sein, so schulden Sie mir nichts. Habe ich aber Ihren Erwartungen entsprochen, so ersuche ich Sie um ein anständiges Honorar.«
So schaffte ich mir Achtung und Vertrauen. Und ich darf behaupten: meine Schützlinge haben durch mich was gesehen und gelernt. Ich kannte Paris in allen Höhen und Tiefen; ich wußte auch Bescheid in den Hallen der Kunst und auf den Stationswegen der Weltgeschichte.
Einmal nur hat mir ein Kunde den Vorwurf gemacht, ich sei ein schlechter Führer, ich wüßte ja nicht einmal, wo nackte Damen Champagner für siebzig Franken die Flasche kredenzen.
Natürlich war dies noble Früchtchen ein Landsmann, ein gesinnungstüchtiger Deutscher, ein windiger Preuße aus Potsdam.
Während des Sozialistenkongresses durfte ich die berühmtesten Vorkämpfer der internationalen Sozialdemokratie in einem Raume vereint sehen.
Feuer- und Strudelköpfe aus Frankreich, Belgien, Italien. Jaurès, van der Velde, Ferri warfen das Gold ihrer Beredsamkeit wie einen Regen der Schönheit aus. Auch einer deutschen Sozialistin durfte ich die Hand drücken, Lily Braun. Die hoffähige Tochter des Generals von Kretschmann hatte sich dem Genossen Braun angetraut und stand ihm zur Seite als kampffreudiger Kamerad. Ich bewundere diese aristokratische Rassefrau aufrichtig; aber meine Bewunderung gilt nicht nur der redebegnadeten Sozialistin, sie flammt zugleich dem Prachtweibe, das sie ist.
Noch eine andere Begegnung machte ich, auf die ich nicht gefaßt war. Die Weltausstellung brachte auch den[209]  Priesterinnen der Venus reiche Ernte. Aus aller Herren Städte waren die girrenden Damen herangestrichen.
Eines Abends begleitete ich einen Fremden durch die Freudentempel des Montmartre und der großen Boulevards. Wir betraten auch den Moulin Rouge. Es war ein besserer Abend; der Cancan tanzte seine kühnsten, spitzenraschelnden Verrenkungen. Wir durchschritten die Tischreihen auf der Suche nach einem Stuhle. Plötzlich merke ich, wie von einem besetzten Tischchen aus zwei Augen mich merkwürdig anstarren. Ich blicke hin. Ich sehe ein bleiches Frauenantlitz, das sich mir erwartungsvoll entgegenwendet. Ich suche in meiner Erinnerung. Nun lächelt die Unbekannte, ein etwas müdes, gütiges Lächeln. Und da traf's mich in jäher Erkenntnis! Die Abschiedsworte meiner Schwester fielen mir ein. Sie mußte es sein. Sie hob sich von ihrem Stuhle. Es war Sannchen.
»Du in Paris, Franz?«
»Na, du vielleicht nicht?«
Wir lachten über den Witz und schüttelten uns herzlich die Hände.
»Das nenne ich eine Überraschung. Ich freue mich aufrichtig, dich zu sehen, Franz!«
»Und ich erst, nach all den langen Jahren der Trennung!«
»Du hast mich also nicht ganz vergessen?«
»Dafür hattest du mir eine allzu liebe Erinnerung gelassen, Sannchen.«
Sie errötete leicht und lachte kurz und schrill.
»Ach so, du denkst noch daran!«
Sie stand plötzlich verlegen und bohrte die Spitze ihres Sonnenschirms in den Boden.
»Bist du heute abend frei?«
Sie erwiderte hastig: »Heute abend nicht und morgen auch nicht. Aber übermorgen abend.«
»Du gehst mit dem blonden Herrn da?« Ich fügte[210]  boshaft hinzu: »Etwas schlanker hättest du ihn schon wählen können!«
»Es ist ein Bierbrauer aus Dessau. So reich wie schwer.«
»Ach so! Ja, ja! Der goldene Ochse!«
»Man muß leben. Kommst du übermorgen? Meine Adresse lautet, – schreib' sie dir auf.« Sie flüsterte mir Straße und Nummer zu.
Ich betrachtete das Mädchen genauer. Sie war wirklich gealtert. Die stark geschminkten Wangen schienen schlaff. Die Augen flackerten unstet. Zwar die Schultern glänzten noch voll. Aber die Frische fehlte, der jugendliche Duft, an dem ich mich einmal berauschen durfte. Und jetzt, wie sie die überroten Lippen zu einem breiteren Lachen verzog, klaffte in der oberen Zahnreihe eine kleine Lücke: ein Augenzahn war halb abgebrochen.
Der Anblick dieser Wunde beleidigte mein Auge und entnüchterte mich. Nichts ist mir peinlicher, als zwischen Frauenlippen eine auch nur leicht verstümmelte Zahnreihe.
»Du kommst übermorgen?«
Sie flüsterte es verlangend.
»Dein Herr wird ungeduldig. Wir lenken die Aufmerksamkeit auf uns.« Ich sagte es kühl und besorgt.
Ein trauriges Lächeln spielte um ihre Mundwinkel und zog tiefe Falten zum Kinn herunter.
»Ich verstehe, Franz, Adieu! Es würde mir aber so großes Vergnügen machen. Und du würdest nichts dabei verlieren. Damals war ich noch ein dummes deutsches Gänschen. Aber jetzt ...«
Ich ließ ihre Hand aus meinen Fingern fallen. »Adieu!«
Noch einmal drängte sie sich an mich heran. Die geschminkten Lippen zischelten: »Der Dickwanst und die andern sind meine – Freunde. Doch du, du bliebest auch jetzt mein Geliebter!«[211]
Ich wandte mich um und ließ sie stehen.
Als wir endlich einen Stuhl ausfindig gemacht hatten, sah ich verstohlen nach ihrem Tischchen hin. Ihr Nachbar redete verdrossen auf sie ein. Sie starrte mit verzagtem Ausdruck vor sich hin. Jetzt sah sie noch älter aus. Plötzlich erhoben sich beide. Sannchens Augen schweiften zu mir herüber. Ich hielt ihren Blick aus und der darin flackernden Frage ruhig stand.
Da neigte sie mit trübem Lächeln den Kopf und schritt hinter ihrem Sultan hinaus.
Ich habe sie nicht aufgesucht und sah sie nicht wieder.
Ich hatte in Paris überhaupt wenig mit Weibern zu tun. Mir fehlte es dazu an Zeit und an Lust. Die gewöhnlichen Strichvögel waren mir zu ordinär. Ein kleines Techtelmechtel hatte ich angezettelt und in dem lebhaften Ladenmädel eine kundige Sprachlehrerin gewonnen. Das Verhältnis ließ sich ganz artig an. Aber der leichtblütigen Hexe ward es an der Seite des steifen »Prussien« nicht recht warm. Sie blieb im Herzen eben zu gut französisch und brach dem Erbfeinde durch.
Ich habe einen ähnlichen Versuch nicht wieder angestellt.
An den gepriesenen Pariserinnen fiel mir unter anderem auf, daß so viele Schnurrbärtchen tragen und kokett herausfordernd mit diesem Zug der Männlichkeit großtun.
Wollte ich mich für einige Zeit von allen Anfechtungen des sündigen Fleisches schützen, so spazierte ich durch die großen Markthallen.
Da hockte so manches Schlächter- und Karpfenweib mit derartig schnauz- und knebelbärtigem Pudelgesicht, daß mir die Sage von dem schönen Geschlechte in einem Schauer des Abscheus unterging.
Und doch tollen durch die Geschichte Neu-Frankreichs Dirnen und Damen der Hallen, Hüfte an Hüfte, als Amazonen der Freiheit.

 Zwei Lieder.
[212] 1.


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Das ist ein munter Gekose
Beim Abendlampenschein:
Hinschwebt der lose Franzose
Am Arm sein Mägdelein.

Er faßt sie keck um die Taille,
Er raubt ihr Kichern und Kuß,
Derweile, derweile, derweile
Ich einsam wandern muß.

Wohl feurige Augen mich locken,
Ich schreite stramm dahin;
Ich fühle, süß erschrocken,
Daß ich ein Preuße bin.

2.

Im Wäldchen von Vincennes
Weiß ich manch grünen Platz;
Dort bin ich oft gesessen
Mit meinem welschen Schatz.

Im Wäldchen von Vincennes
In grüner Mittagsstund
Lernt' ich den welschen Wortschatz
Von hellem Mädchenmund.

Im Wäldchen von Vincennes
Probt' ich, ins Grün geheckt,
Wie süß auf welschen Lippen
Ein deutsches Küßchen schmeckt.

Im Wäldchen von Vincennes
Verging der deutsche Petz
Sich mit der welschen Katze
Im Grünen am Gesetz.

Im Wäldchen von Vincennes
Erkannt' ich, grün gerührt,
Daß mich die welsche Unschuld
Französisch nasgeführt.

O Wäldchen von Vincennes
Mit manchem grünen Platz,
Wie ward in dir bereichert
Mein welscher Wörterschatz.

Nach der Ausstellung wandte ich mich mit gesteigertem Eifer meiner Weiterbildung zu.
Die volle Herrschaft über die französische Schriftsprache konnte ich mir nicht aneignen. Auch spreche ich sie nicht mit einer solchen Fertigkeit, daß ich sie in Frankreich lehren könnte. Aber ich lernte doch so viel, daß ich die verschiedenen Stilgattungen verstehen, die literarischen Erzeugnisse verschiedener Perioden aneinander messen und einschätzen konnte. Ich durfte mit Recht die Hoffnung hegen, daß ich mich bei eifrigem und ernstem Streben genügend vervollkommnen würde, um in Deutschland als französischer Privatlehrer ein anständiges Leben zu führen. Im Lande der Blinden ist bekanntlich der Einäugige König.[213]
Die fortgesetzte Übung im Französischen kam auch meinem Deutsch zu gut. Ich lernte mich klarer und bestimmter ausdrücken, wenigstens mit der Feder. Ich übersetzte an den Abenden, wo ich regelmäßig eine Volksbibliothek oder die Bibliothèque Sainte-Geneviève besuchte, aus dem Französischen ins Deutsche und bildete so mein Deutsch an gallischer Feinheit und Leichtigkeit. Ich denke doch noch ein deutscher Schriftsteller zu werden.
In jenem Winter traf ich mich sehr oft mit einem jungen Deutschrussen, der mich sogar in seine Familie einführte. Er brachte mich mit den äußersten Flügelmännern der Sozialdemokratie zusammen, die sich eher Anarchisten oder Nihilisten nennen dürften.
Meinen Haß gegen den Militarismus fand ich bei diesen Männern in gesteigerter Form. Sie predigten die Vaterlandslosigkeit schlechthin. Die dreimal heilige Regimentsfahne, die Trikolore, bei deren Anblick alle Franzosenherzen höher schlagen, sollte auf den Mist gepflanzt werden, und um sie herum die Landesfahnen sämtlicher Großmächte. Das wäre die richtige Fahnenweihe. Erst wenn die eine rote Fahne siegreich über den verwischten Grenzen flattere, könne von »Menschenliebe« die Rede gehen; in der Vaterlandsliebe finde die Menschenliebe bis heute ihre Henkerin.
Diese so maßlos zu Worte gebrachten Forderungen machten mich anfangs wirbelig; wie ich aber kühlen Kopfes darüber nachdachte, fand ich sie so ungeheuerlich nicht.
Was ist das Ziel der Sozialdemokratie anders? Was bezweckt die Internationale weiter als die Verbrüderung der Völker über die Vaterlandsschranken hinweg? Und wenn der Vaterlandsgedanke dieser letzten glanzvollsten Entwicklung des Menschheitideals wirklich seine Kanonen und Bajonette entgegenpflanzt, sollte, müßte da nicht ...? Aber nein, noch wage ich es nicht, diesen Traum bewußt zu Ende zu träumen ...[214]
Meine Fähigkeiten, mein Wissen fanden bei den Genossen immer freundlichere Anerkennung. Im internationalen Leseklub hielt ich Vorträge in deutscher Sprache. Für die Parteitagung der französischen Sozialisten in Lyon arbeitete ich eine kritische Denkschrift aus, in der ich die Begriffe »Revolution« und »Evolution« beleuchtete. Ich reichte diese Schrift dem Kongreßbureau ein und fand schmeichelhafte Beachtung.
Langsam nahte ich dem Ziel meines Ehrgeizes. Die erste freie Stelle an der Redaktion der »Petite République« sollte mir zufallen. Hier fragte niemand nach meiner Vergangenheit. Ich brauchte weder Taufschein noch Militärzeugnis vorzuzeigen. Ich schien ein Mensch, der das Herz auf dem rechten Fleck hat. Ich konnte meinen Mann stehen. Das internationale Paris verlangt nicht mehr.

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Da kam der Sommer 1901 und brachte den Besuch des Zaren Nikolaus II.
Die Sozialisten veranstalteten Riesenkundgebungen gegen die Ehrungen, womit die große Republik den Selbstherrscher des rückständigsten Landes, den blutbesprengten Felsen aller Reaktionen empfing. Die Pariser Polizei übte eine strenge Aufsicht. Jeder verdächtige Ruf ward verfolgt.
Nach einer dieser Versammlung geschah das Plötzliche. Jaurès hatte alle Flammen seiner Beredsamkeit lohen, sämtliche Stürme seiner Entrüstung brausen lassen.
»Was sollten die sechzig Millionen unglücklicher Russen denken,« so ungefähr führte er aus, »wenn sie die Kunde erhielten, wir französischen Sozialisten hätten ihre Leiden und ihre Hoffnungen im Taumel sogenannter patriotischer Begeisterung vergessen? Wir sind es den geschichtlichen Überlieferungen unseres Landes, den großen Gedanken der Revolution, der Befreierrolle des sozialistischen Evangeliums schuldig, den Unterdrücker an seine Opfer, den Selbstherrscher aller Moskowiten an die Gleichheit in der Freiheit zu erinnern. Wir stehen nicht auf seiten der Götter und Götzen, unsere Liebe gehört den Besiegten, den Märtyrern[215]  des Daseins und der Überzeugung. Über die Panzertürme des kaiserlichen Kriegsschiffes hinweg, an den Stahlflanken des kaiserlichen Salonzuges vorbei, senden wir, im Namen des französischen Proletariats, unseren Treuschwur dem russischen Volke.
Die französische Bourgeoisie donnert, läutet und jubelt dem Zaren. Die französische Sozialdemokratie bemitleidet, tröstet und grüßt den Muschik.«
Die Zuhörer glühten, brandeten, tobten. »A bas le Czar!« Aus hundert, tausend Kehlen brachs hervor. Über den Köpfen, über den geschwungenen Hüten und Mützen, flatterten rote Fähnchen gleich blutigen Zungen.
Durch die Türe im wilden Schwall wälzte es sich hinaus. »A bas le Czar!« im Wirbelsturm weiter durch den Lärm und das Poltern der Straßen.
Aber da brach es auch schon in unsere Masse, ein schwarzer Keil, ein tollwütiges Rudel, die Sergeants de ville, im brutalen Ansturm, mit Fäusten und Stiefeln.
»A bas le Czar!« Ich brüllte es mit aller Lungenkraft. Es war mir ein Hochgenuß, so zu brüllen. Ich legte meine lauteste Überzeugung in dieses Brüllen, meine ganze kochende Seele.
»A bas l'Assass ...!« Weiter kam ich nicht. Ein Eisengriff schnürt mir die Kehle zusammen. Ich starre in ein graß verzerrtes bärtiges Männergesicht mit stier vorquellenden Augen. Ich fühle mich zurückgestoßen, hinausgeschleudert, gepackt. – Ich bin verhaftet.
Der Selbstherrscher aller Reußen rächte sich unerbittlich. Ich hatte aufrührerische Rufe ausgestoßen, mich schwer gegen einen Frankreich verbündeten Fürsten vergangen. Ich ward als lästiger Ausländer ausgewiesen.
Man schob mich, auf meinen Wunsch, über die luxemburgische Grenze.



 Im Hafen.










[216] Einige Tage später bin ich wieder in Luxemburg. Ich habe die Stadt vor fünfzehn Jahren zum erstenmal betreten. Sie hat sich inzwischen mit jugendlicher Gelenkigkeit ausgedehnt. Ein neuer Beweis dafür, daß der Friede die kräftigste Förderung menschlichen Gedeihens bleibt.
Auf meinem Schlendergang durch die Oberstadt komme ich über einen breiten, mit einem Reiterstandbild geschmückten Platz vor einen alten Palast in reicher Renaissancezier. Daran lehnt sich ein in demselben Baustil gehaltenes Haus, das an Treppe und Balkon als selbständiges Ganzes kenntlich ist. Zu einer Seitentüre dieses kleineren Palastes traten eben viele Leute geschäftigen Ganges ein.
Ich erkundigte mich bei einem vorübergehenden Herrn.
Der große Palast mit dem Schilderhäuschen davor, so bedeutete er mir, sei das großherzogliche Schloß. Der kleinere Anbau die Abgeordnetenkammer. Ich mußte lachen und entgegnete: »Fürstenschloß und Kammer, ei ei! Die Luxemburger scheinen wirklich ein monarchentreues Geschlecht zu sein, daß sie das Haus der Volksvertretung so vertrauensvoll als bescheidenes Anhängsel in den Schatten des Herrscherpalastes gedrängt haben.«
Mein schlanker Gewährsmann sandte mir durch seine Brillengläser einen forschenden Blick zu und meinte mit ironischem Lächeln: »Das scheint Ihrem gut preußischen Herzen Spaß zu machen? Aber Sie könnten sich ja durch den Augenschein belehren lassen. Eben ist Sitzung. Kommen Sie mit hinauf, und Sie werden sich persönlich[217]  davon überzeugen, daß in dem kleinen Neutralien doch ein anderer Geist weht, als in den Landtagen zu Reuß-Greiz, Mecklenburg-Strelitz, und meinetwegen auch in Preußen.«
Ich fragte, ob die luxemburgische Kammer auch im Sommer arbeite. Das verrate einen beneidenswerten Fleiß.
»Unsere Landesväter,« erklärte der Herr, »sind in außerordentlicher Tagung einberufen worden zur Erledigung eines wichtigen Gesetzes über soziale Fürsorge. Es geht in diesen Sitzungen hoch her. Klerikale und Sozialisten liegen sich beständig in den Haaren, und das mit genußreichem Ungestüm.«
Ich horchte auf. Die Sozialdemokratie hat also auch in diesem friedlichen Erdenwinkel Wurzel geschlagen? Die Partei, so erfuhr ich, sei noch ziemlich jung und habe es vor kurzem von zwei auf fünf Mann gebracht. Was die Fünfmänner an Zahl nicht vermöchten, das ersetzten sie durch ein frisch-fröhliches Draufgängertum, das sich nicht so leicht unterkriegen lasse. Schon sei ein heilsamer Umschwung in dem innerpolitischen Haushalt Neutraliens wahrzunehmen. Und es sei wirklich an der Zeit gewesen, daß endlich ein paar Hechte in den gemütlichen Karpfenteich hineingeraten seien.
Ich witterte in dem freundlichen Mann mit den gescheiten Augen einen Gesinnungsgenossen und schloß mich ihm dankbar an.
Wir traten durch die Seitentüre ein. Ein paar ziemlich scharfe Stiegen führten hinauf. Die Tribünen waren stark besetzt. Mein Führer eroberte sich einen Platz in einer Nebentribüne. Mir hatte er hinter der letzten Bankreihe einen Stehplatz zu sichern gewußt.
Im Vorüberhusch sah ich einen Gendarm, einen strammen Burschen, der als Hüter der Ordnung unter der Türe Wache stand.
Als ich mich zwischen meine Nachbarn, die etwas murrend zur Seite wichen, festgekeilt hatte, hielt ich Umschau.[218]
Der Sitzungssaal ist nicht eigentlich groß; er macht den Eindruck eines einfach, aber solid ausgestatteten Klubzimmers, das sich im Handumdrehen zu einem gemütlichen Speisesaal umwandeln ließe; hier in den öffentlichen Tribünen würde sich die Kapelle zur Tafelmusik aufstellen können.
Die Redner scheinen von ihrem Platz aus zu sprechen. Eben ist jemand in einer lebhaften Auseinandersetzung begriffen. Ich lausche. Das ist ja französisch, und zwar fließen die Worte leicht genug. Ich muß, trotz meiner Sprachkenntnis, sorgsam aufmerken, um zu verstehen. Die Aussprache klingt nicht gerade pariserisch, aber von dem preußischen Französisch merkt man ihr auch nichts an.
Ich horche genauer hin. Der Redner verfügt über ein kräftiges Organ, doch ohne gefällige Wirkung; es klingt eine Schärfe heraus, die auf den Hörnerven aufreizend herumkratzt. Dabei überstürzen sich die Worte häufig, schroff abgebrochen, polternd wie auf gespannte Felle hingeworfene Bleikugeln. Oder die letzten Silben, vor allem das »e« und »oe«, werden eintönig lang hinausgeschleppt, als wolle sich der Sprecher Zeit zum Nachdenken und Ordnen schaffen.
Ich habe es wirklich gut getroffen. Ausdrücke wie: »Sozialismus, Propaganda, organisierte Arbeiterbewegung« berühren mein Ohr. Sollte es einer der fünf Genossen sein?
Aber nein.
Allmählich greife ich den Faden der Rede auf und kann folgen. Das ist ja eine leidenschaftliche Programmrede gegen die Sozialdemokratie. Eine Abrechnung mit den fünf bösen Jungen, die sich so keck in die friedliche Gesetzesschule eingezwängt haben.
»Verbrecher! Volksaufhetzer, die in den Herzen eine Revolution hervorrufen wollen« und ähnliche Schmeicheleien lösen sich ab im sprudelnden Überschwall.
Man hört es der Stimme an: der rasselnde Kehlkopf gehört einem Rechthaber von einer Verbissenheit, die den[219]  geringsten Widerstand als Beleidigung findet und vor nichts zurückschreckt, um sich durchzusetzen.
Ich kann den Mann nicht sehen; er steht unter der Vorderwand der Tribüne. Ein leidenschaftlicher Parteigänger muß er sein, der seinen Dickkopf als Widder benutzt, der Gegner stärkste Mauern umzurennen. Dabei kann es ihm aber geschehen, daß die vermeintliche Steinwand nur ein ausgespannter Papierstreifen ist, den er wild durchbricht, worauf seine rotunterlaufenen Augen voll komischen Entsetzens in schadenfroh grinsende Gesichter starren.
»Die wirtschaftliche Lehre des Marx ist abgetan. Der Marxismus ist tot.«
Solche und ähnliche Behauptungen fallen als unumstößliche Dogmen mit der Rücksichtslosigkeit des Beils, das die Köpfe glatt abschlägt.
Seinen Zuhörern scheint der Sozialistentöter das Unglaubliche zumuten zu dürfen. Soviel ich von meinem Platz aus wahrnehmen kann, nicken ihm drunten einige fröhlich Beifall. Andere richten ihre Blicke mit unbefangener Heiterkeit auf ihn und hören halb neugierig, halb belustigt zu.
Unter der Versammlung, soweit sie für mich sichtbar ist, fallen mir besonders drei Männer auf.
Der eine sitzt, mit drei anderen, hinter einem langen, grünverhängten Tisch, an der gegenüberliegenden Wand, unter einer runden Wanduhr. Mein Nachbar zur Rechten verrät mir, das sei der Regierungstisch.
Wirklich, auch die Minister des Großherzogtums machen einen gemütlichen und würdigen Eindruck.
Dieser mittlere Herr lenkt das Auge des Beschauers auf sich durch den Glanz einer Sokratesglatze, die aber als die natürliche Verstärkung einer intelligenten Stirn empfunden wird.
Die überhängenden weißen Brauen, der stark hinausgezogene graue Schnurrbart prägen dem Gesicht etwas[220]  Entschlossenes, fast Hartes auf; um die Lippen schmiegt sich ein weicher, ja schwermütiger und müder Zug.
Die Augen blicken verschleiert, doch scharf und lachen manchmal im heimlichen Spott.

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Die Haltung des Mannes verrät menschensichere Überlegenheit. Lässig in den Stuhl zurückgebogen, die linke Hand auf dem Tisch, den rechten Daumen in den Westenausschnitt verhakt, so lehnt er bequem, ohne Feierlichkeit, aber doch ganz der Weltmann, der im Augenblick seine Würde absetzt, weil er weiß, daß er sie in der Sekunde wieder haben kann.
An einem Tische rechts von ihm fesselt meine Aufmerksamkeit eine Gestalt, die äußerlich einen schroffen Gegensatz zu dem geschmeidigen Minister bildet. Über einer Brille eine Grüblerstirne, hinter der Brille aus dunkeln Tiefen heraus brennende Lichter, unter der Brille ein wie von Feuer durchflammtes Gesicht, zwischen struppigem Bart zwei starke Lippen um einen sinnlichen Mund. Mit tiefgebeugtem Kopf, stark vorgezogenen Schultern, mit auf dem Tisch verschlungenen Händen, hockt er in seltsam unbequemer Haltung und scheinbar eherner Gleichgültigkeit. Aber die Mundwinkel und die Augen sprechen, daß es eine Lust ist, ihr Spiel zu beobachten.
Der merkwürdige Mann mutet mich in seiner etwas plumpen Gutmütigkeit an wie ein friedlicher Bernhardiner, der am Boden kauert, den mächtigen Kopf zwischen den gekreuzten Vorderpfoten, und einer sich wütig gebärdenden Dogge mit unendlicher Geduld zuschaut, in dem sicheren Gefühl daß es ihn nur einen Sprung und einen Hieb kostet, um den Kläffer kleinzubringen.
Wie anders gibt sich da der dritte, der mein Auge besonders reizt! Er sitzt dem Redner gegenüber. Ein volkstümlicher Kopf, mit regellos durcheinander und auseinander wirrender Haupt- und Bartwolle, ein unstilisierter Prophetenkopf, ein zahmer Revoluzzerkopf. Aber die Augen reden Güte und das Gesicht strahlt Offenheit.[221]
An dem Mann ist alles in Bewegung. Er lauscht mit Augen und Mund; er entrüstet sich über die Ungeheuerlichkeiten, die er hören muß, mit Händen und Füßen. Das ist keine bloße Quecksilbernatur, der Mann hat Pulver im Blut.
Es ist ganz gewiß einer der Fünfe. Ich habe meine Lust an dem »Genossen«.
Wie ein übermütiger Junge den Hofhund mit Schimpfworten, Rutenstichen und Steinwürfen aufbringt, so fährt er dem Redner keck zwischen seine Ausbrüche hinein, ohne sich durch die Keulenschläge des Präsidenten stören zu lassen.
»Wie kann man so was nur sagen! Unerhört! So ein Blödsinn! Nein, nein, nein, nein!« Solche und ähnliche Rufe schwirren zu mir herauf.
Der würdige Herr Minister sieht dem temperamentvollen Gebaren des Roten zu mit der nachsichtigen Neugier eines Onkels, der sich an den Sprüngen seines Neffen erfreut, auch auf die Gefahr hin, daß der lebhafte Bursche ihm selbst einmal in den Bart und an die Weste gerät.
Nach jedem Steinwurf und Hetzruf aber setzt der Kläffer unter mir rauher und polternder ein.
Der mir so »sympathische« Redner klagt eben, daß sich die sozialistische Presse Luxemburgs an Volksverhetzung geradezu Entsetzliches leiste.
Der Genosse lacht schrillen Hohn und hämmert entrüstet mit den Fäusten vor sich hin.
Zum Beweis erbittet der Redner die Erlaubnis, einige Stellen aus der letzten Nummer des sozialdemokratischen Parteiblattes vorlesen zu dürfen; denn in diesem Blatte stehe nicht ein Satz, nicht ein Wort, nicht eine Silbe, die nicht darauf berechnet wäre, den wütendsten Haß zwischen Arbeitgebern und Besitzlosen zu säen.
Darauf verliest er, nach einer wirkungsvollen Pause, ich höre dabei einen Laut wie von heftigem Schlürfen an einem Glas, ein in dem Parteiblatt veröffentlichtes deutsches Gedicht: »Der Streik«. Er liest es mit dem Nachdruck[222]  der sittlichen Entrüstung, die dem persönlichen Wunsch noch eigens nachhilft.
Ich lausche entzückt: Streikende Schmiede klagen ihre Not, heulen ihren Haß, läuten ihre Hoffnung in Versen, aus denen es dröhnt wie der Taktschlag fallender Hämmer und das Stürmen treibender Glocken.
Ich sage mir über dem Vortrag: »Ein Bravo! der Luxemburger Kammer. Von der könnte auch der deutsche Reichstag lernen. Hier wird die Liebe zur Kunst unmittelbar in die Tat umgesetzt. Sogar die neue soziale Lyrik kommt in ihrer Mitte zum Wort! Ich werde das Gedicht ›Der Streik‹ in meine Vortragsliste einschreiben.«
Über dem Niederrauschen der klangvollen Verse wird es in den Reihen der Herren Abgeordneten lebendig. Die Sturmflügel der Kunst brausen durch den Saal. Auch die Gleichgültigsten blicken gespannt auf.
Der Redner liest mit stets leidenschaftlicherem Nachdruck. Seine Hand fährt manchmal zwischen den Stäben der Galeriebrüstung empor. Sie schwingt ein zerknittertes Zeitungsblatt in die Höhe, daß es flattert wie eine von Gendarmenfaust erbeutete Fahne des Aufruhrs; in meinen Augen aber wirft es sich hoch wie eine schwarz gesprenkelte weiße Taube, die von Mörderfingern erdrosselt wird.
Dann ist die Dichtung zu Ende. Den Saal füllt eindringliches Schweigen.
Der Genosse ruft: »Das ist ja herrlich!« und klatscht Beifall.
Ich, in meiner Freude, klatsche mit.
Darob Aufregung um mich herum. Gesichter wenden sich mir zu, in Verwunderung, in Entrüstung.
Ich merke es: Die meisten Tribünenbesucher stehen auf seiten des Redners. Ach, und da sitzen ja auch einige katholische Pfaffen. Eben dolcht mich einer mit blitzenden Augen an aus einem Gesicht, grünlich, steinern, messerscharf. Hu, diese Inquisitorenfratze!
Ich denke in plötzlich aufloderndem Trotz: »Ei, ei![223]  Ihr Luxemburger, ihr kleinen Luxemburger! Meines Vaters Sohn wollt ihr bange machen! Der sich bereits mit den Polizeigewalten dreier Großmächte herumgeschlagen hat, von Belgien nicht einmal zu reden! Eure geschnürten Jungen sehen aber nicht halb so wild aus. Na, ihr sollt mir einen preußischen Sozialdemokraten kennen lernen! Ihr Luxemburger Finsterlinge!«
Drunten ergießt sich der Redeschwall weiter. Wieder schlägt die gewürgte Taube mit den Flügeln hoch.
»So, meine Herren, so vergiftet man die Herzen des armen Volkes! So schürt man den sozialen Weltbrand. Solche Gedichte, meine Herren, sind ein Verbrechen!«
Ein doppeltes Hohngelächter durchschüttert den Saal. Ich bin der andere Lacher.
Um mich herum erneute, stärkere Aufregung. Ein Murren und Zischen. Einzelne Blicke suchen den Gendarm.
Ich denke: »Ihr könnt mir den Buckel runter! Ihr lieben Bürger und Kleinstädter!«
»In keinem Lande der Welt,« so geht die Predigt unten ihren Gang, »in keinem Lande der Welt hat die Sozialdemokratie auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge einen namhaften Fortschritt erzielt.«
Das ist stark. Ich fluche: »So ein unverschämter Schwefelfritz!« und recke mich hoch, um mir den Männeke einmal anzusehen.
Meine Augen umfassen einen eckigen Schädel mit flammenden Ohren über einem rot aufgequollenen Specknacken. Aber da bin ich schon auf meinen früheren Stand zurückgerissen.
»Ruhig bleiben! Maul halten! Schmeißt ihn hinaus!« so knurrt es drohend. Das geistliche Messergesicht scheint nach mir zu hacken.
Der Gendarm schiebt sich näher an mich heran.
Ich denke: »Immer kalt Blut und warm angezogen. Ich bin ein Preuße.«
Seltsam, daß das Vaterlandsgefühl, mit dem ich sonst[224]  aber auch nie geprotzt habe, mir in diesem kleinen Land auf einmal solche Sicherheit gibt. Andere würden es »Preußische Frechheit« nennen.


Der »Arbeiterfreund« donnert fort. Plötzlich schlägt seine Stimme um. Sie macht sich butterweich, sie schmeichelt wie Baumöl, sie bebt vor Liebe.
»In diesen Irregeleiteten aber, meine Herren, achten wir die Kinder des einen Gottes, der auch für sie in den Tod gegangen ist. Wir nahen ihnen mit alles verzeihender Nachsicht, beugen uns über ihre Gebresten, hauchen sie an mit Worten des Lichts, salben ihre Wunden mit dem Balsam christlicher Charitas. In unsern Augen sind sie keine Stiefkinder des Schicksals, keine Opfer des ehernen Lohngesetzes, keine Parias; für uns, meine Herren, sind diese Ärmsten der Erde unsere Brüder in Christo, und wir wollen sie erlösen in der Liebe zu dem Gekreuzigten.«
Diese Phrase weckt einen lauten Widerhall des Beifalls, der besonders von der durch die Tribünenwand verdeckten Seite des Hauses ausgeht.
Auch der Genosse schlägt wütig die Hände zusammen, aber seine Zähne blinken Spott.
Ich kann mich nicht halten; so was geht mir über die Ohrzipfel. Ich schreie: »O du heiliger Strohsack!« und pfeife.
Ein unbeschreiblicher Sturm bricht los.
»Werft ihn hinaus! Schlagt ihn aufs Maul! 's ist ein Preuß!«
Drunten hämmert der Präsident auf sein Pult wie verrückt.
Von allen Seiten drängt es an mich heran. Fäuste ballen sich mir unter den Augen. Ein Ruck von links wirft mich nach rechts. Ein Stoß trifft mich in den Rücken. Ich, nicht faul, hole meinerseits aus, schlage, ohne mich umzusehen, und treffe den – Gendarm, der eben die Hand nach mir ausstreckt.
Nun ist es um mich geschehen.[225]
»Der Preuß vergreift sich an unsrer Polizei. Packt ihn. Hinaus mit ihm.«
Die Gendarmen – auf einmal sind sie zu zwei schleppen mich vor die Tür. Hinter mir lasse ich ein fürchterliches Chaos zurück.
»Wer sind Sie?« schnauzt mich ein Gendarm auf dem Treppenflur an.
»Ein deutscher Sozialdemokrat,« entgegne ich frech.
Die beiden Hüter der Ordnung blicken sich triumphierend an.
»Et aß ä Ro'uden! Än aus Preisen!« rufen sie den Umstehenden zu.
»Sie haben sich an mir vergriffen!« fährt mich der zweite an. »Das kommt Sie teuer zu stehen.«
Ich will mich entschuldigen. Man lacht mich aus. In jähem Niedersturz finde ich mich unten an der Treppe wieder, im Eingangsflur.
»Ich bin Zeuge! Er hat den Gendarm geschlagen,« kräht voll giftiger Bosheit ein kleiner Humpelbein.
»De knaschtege Preiß! An de Grond mat em!« tobt es von allen Seiten.
Der Inquisitor im flatternden Talar kommt auch die Treppe heruntergesprungen, das Jesuiterhütlein schief auf dem linken Ohr.
»Er hat den Herrn Schwartz geschimpft!« schrillt er. »Heiliger Strohsack! hat er ihm zugerufen.«
Ich platze fast vor Wut.
»Heiliger Strohsack Sie selber!« brülle ich ihm zurück.
Da bricht der Hexensabbat aufs neue los.
Man schleppt mich vor die Türe. Dort werde ich gefesselt. Man wartet auf einen Wagen.
Viel Volk umsteht uns, gafft, reißt Witze und geht. Auf einmal legt sich mir eine Hand sacht auf die Schulter.
Ich schau mich um. Mein freundlicher Führer hält vor mir. Seine Brille blickt mich halb spöttisch, halb mitleidig an.[226]
»Nun,« meint er halblaut, »haben Sie jetzt des luxemburgischen Geistes einen Hauch verspürt? Aber trösten Sie sich. Drunten im Grund söhnen Sie sich mit uns aus.«
Er lüftet den Hut und geht.
Ich frage, wer der liebenswürdige Herr sei.
Der eine Gendarm antwortet ohne allen Groll: »Der Herr da! Das ist der junge Advokat Marisch, der Verfasser des droben verlesenen revolutionären Gedichts: Der Streik.«
Das also ist er! Hätte ich die Hände frei, ich würde ihm meinen Hut nachschwenken, bis zur Erde tief.
Eine Viertelstunde später sitze ich hinter Schloß und Riegel. Im Grund, als Luxemburger Untersuchungsgefangener, auf Zelle fünfzehn.
Mein Fall lag klar, zum mindesten für die Polizei und die Richter.
Ich hatte eine öffentliche Kammersitzung durch Beleidigung eines Abgeordneten und sonstige Ungebühr mutwillig gestört. Ich hatte mich an der öffentlichen Gewalt in der Person eines Gendarmen tätlich vergriffen. Ich war in Deutschland mehrfach mit dem Strafgesetz zusammengestoßen; ich war wegen Beleidigung eines europäischen Monarchen ausgewiesen worden; kurzum, ich war ein gemeingefährliches Subjekt.
Als Verteidiger erbat ich mir den Dichter Marisch. Er sagte mir großmütig seine Unterstützung zu. Ich durfte mich mehrmals mit ihm unterhalten, nicht nur über meine gegenwärtige Notlage, auch von meinem Leben und meinen Hoffnungen mußte ich ihm viel erzählen.
Er tröstete und ermutigte mich. Dabei legte er sein reiches Herz vor mir auseinander. Gedichte hat er bis jetzt nicht im Bande veröffentlicht, sondern nur vereinzelt auf Flugblättern und in Zeitungen. Aber seine Verse zeugen von einer aufrichtigen Liebe zum armen Manne. Diesen Advokaten hat das Mitleid zum Dichter gemacht.
Er nahm sich meiner Sache mit Feuereifer an. Er bot vor Gericht die ganze Beredsamkeit seiner Dichterseele[227]  auf; er suchte zu widerlegen oder abzuschwächen mit Nachdruck und Geschick, er zeichnete ein Bild meines Lebens und meines Wesens, das mich in der eignen Achtung hob. Er stellte mich schließlich hin als den Vertreter des vom Glücke stiefväterlich behandelten Proletariats, mit seiner Sehnsucht zum Licht, mit seinem Streben nach der Höhe, mit seinen schweren Niederlagen und kleinen Siegen, mit der unverwüstlichen Kraft der Hoffnung, die doch endlich die Summe der Erfüllung zu sich niederzwingen wird.
Er erwirkte mit diesen herrlichen Worten nicht ein mal mildernde Umstände. Die beantragten sechs Monate Gefängnis wurden mir zudiktiert.
Ich mußte mich in die Tatsache hineinfinden. Das rote Gespenst pochte eben an die Haustüre der Luxemburger Gesellschaft. Ich hatte mich zur roten Fahne bekannt mit einem Freimut und Stolz, der ein leichtes Gruseln hervorrief. Da durfte ich auf Nachsicht kaum Anspruch machen.
Vielleicht zahlte der preußische Störenfried auch für die wilde Energie, womit die Fünfmänner in der Kammer die Forderungen des armen Mannes vertraten und durch ihre »Berg« predigten die Besitzenden aus längst verjährter Unantastbarkeit emporschreckten.
Und schließlich ist auch diese neue Prüfung mir zum Heile ausgeschlagen.
Das unfreiwillige Semester im luxemburgischen Staatsgefängnis hat mich zum gebildeten Manne und zum reifen Menschen gemacht.
Ich habe in den beiden Anstaltsleitern Männer schätzen lernen, denen der Ehrenname »Mensch« im edelsten Sinne gebührt.
Ich bin in dem Anstaltsgeistlichen einem seelenvollen Priester begegnet, der dem Anders- und Ungläubigen mit gütiger Nachsicht Aussprache gestattete und Verständnis schenkte.
Er und der Unterdirektor liehen mir Bücher auf Wunsch.[228]
So las ich z.B. Chateaubriands Werke. Ich schwelgte in der königlichen Prosa dieses Franzosen, der im Leben als langweiliger Aristokrat seinen gelangweilten Hochmut friedlos von Stadt zu Stadt, von Diwan zu Diwan trug und auch in seinem Grabe noch Zeugnis ablegen wollte für sich als den Einzigen und Einen.
Besonders gefiel mir »Le Génie du Christianisme«. In diesem Buche weiß der literarische Grandseigneur erhabenen Frieden und weihevolle Würde um sich zu verbreiten.
Eine ähnliche Stille und Vornehmheit lagert auch über der Straße, die Paris, mit glücklichem Verständnis für seine schriftstellerische Eigenart, nach Chateaubriand benannt hat. Nach dem lärmvollen Gewühl des Großstadtlebens empfängt den Spaziergänger diese Straße mit wohltuender Ruhe. Dieselbe Feier erfüllte ganz mein Inneres, wenn ich, ermüdet von dem Wirrwarr des Tages und dem seichten Geschwätz der Gesellschaft, zu diesem Buche der Ehrfurcht und der großen Gedanken flüchten durfte.
Der Geist des Christentums, der seine Blätter durchdringt, ist auch heute noch lebendig.
Durch fast zwei Jahrtausende hat die Kraft dieses Geistes an der europäischen Seele herumgeformt und gestimmt und in sie hineingesenkt alle guten Empfindungen und Triebe.
Aber er mußte, um zu bestehen und zu wachsen, sich lösen aus der eifersüchtigen Umarmung der Kirche. Wie das erstarkende Kind der Mutterbrust, so hat er sich ihrer entwöhnen lernen und wandelt nun unter der Sonne, ein ewiger Jüngling, ein Ritter sonder Furcht und Tadel, zum Höchsten bereit und dem Schwersten gewappnet.
Gerechtigkeit krönt seine Stirne, sein Auge strahlt Frieden, Kraft zuckt in seinen Armen; sein Hauch ist bald wie das Atmen der Blumen, bald wie das Brausen des Weltmeers; sein ganzes Wesen durchleuchtet und umschimmert Liebe, Liebe, Liebe![229]
Liebe zum Wurm und zum Stern, zum Leib und zum Geist, zum Jenseits und zum Diesseits, ohne Rückhalt, ohne Hoffnung, ohne Anspruch, Liebe aus Liebe!
Er heißt nicht ausschließlich mehr Christentum, er nennt sich auch Menschenliebe.
Und wahrlich, ihr Kleingläubigen, ich sage euch: In diesem Geiste wird selbst die Kirche ihre Verjüngung und Befreiung finden.
Freilich, zum überlieferten Gottesglauben hat mich die aufrichtige Bewunderung für den Geist des Christentums nicht zurückgeführt.
Mein Unglaube wurzelt nicht im Verstand, er wurzelt im Herzen, im Gefühl.
Mein Herz sträubt sich, von einem Gott zu glauben, was an den Menschen gehaßt und verachtet wird. Der dogmatische Gott, der Gott der Bibel, ist ungerecht, grausam, unversöhnlich. Um ihn zu glauben, müßte ich in mir ertöten, was mir als des Lebens Blüte süß und heilig ist: Mitleid und Erbarmen!
Das Ringen mit dem Geiste Gottes hat mich manch schweren Kampf gekostet. Hier will ich nicht in die Entwicklung dieser Nöte eingehen. Nur mit einigen Versen, die ich in den Wochen der innern Einkehr zusammengestellt habe, deute ich die bittern Pfade an, auf denen sich mein Zweifel vorwärts schleppte, und die unheimlichen Abgründe, aus denen mein Unglaube wieder zum heitern Lebensmute empordrang. Ihr dichterischer Wert ist wahrscheinlich gering, aber als seelische Urkunde mögen sie bestehen können.


Schlußwort des Herausgebers.



[235] Es ist Franz Bergg nicht gegönnt worden, die erneuerten Kräfte für die Verwirklichung seiner Hoffnungen voll einzusetzen.
Einige Monate nach seiner Ausweisung aus Luxemburg warf ihn eine tückische Krankheit nieder.
Er stand wirklich auf der Leiter des Erfolgs: Seine Vorträge über die wirtschaftlichen Ziele der französischen Sozialdemokratie, seine Vorlesungen aus »Faust« und aus den Werken neuerer Dichter hatten in Köln, Elberfeld, Düsseldorf und andern Städten des Westens Aufsehen erregt.
Er fühlte sich frei und froh. Einem Bekannten schrieb er in launiger Stunde, es sei wohl das erstemal, daß ein heimatflüchtiger Preuße in Luxemburg seinem Lande auch innerlich zurückgegeben worden sei; gewöhnlich gefielen sich die Landsleute Bismarcks und Treitschkes im luxemburgischen Gefängnis so wohl, daß sie die Wege der Heimat nur mit gemischten Gefühlen wieder beträten.
Mehrere seiner neuesten Gedichte fanden Eingang bei bekannten Tagesblättern und wurden gerne gelesen.
Sie lassen erkennen, daß Franz Bergg auf dem besten Wege war, ein sozialer deutscher Dichter zu werden.

Osterlied.

Fröhliche Geister weben und schaffen
In der Erde freudloser Nacht;
Friedliche Geister schmieden die Waffen
Für die Stürme der Osterschlacht;
Heimlich springen die schwellenden Särge
In der brüchigen Schollengruft;
Durch die Täler, über die Berge
Zittert's wie dämmernder Morgenduft.
[236]
Sieh, von den Feldern kommt es gezogen,
Sieh, aus den Wiesen strebt es empor!
Schimmernde Wellen, blühende Wogen
Schlagen zum Herde des Lichtes empor.
Gegen die Hügel, die niederen Warten,
Steigt es zum Sturm, ein blitzender Hauf,
Und bald pflanzt es die grünen Standarten
Keck auf den Zinnen der Berge auf.

Wie sich Frost und Dunkel auch wehren,
Jung wird doch alles und alles erhellt,

Denn die Sonne auf flammenden Speeren
Trägt den Sieg durch die staunende Welt.
Hütten der Armen, Schlösser der Reichen
Liegen umlagert vom buschigen Wall;
Selbst der Kirchen geheiligte Zeichen
Müssen versinken im Blütenschwall.

Wie sich Gewalt und Dunkel auch wehren,
Jung wird doch alles und alles erhellt,
Denn die Liebe auf flammenden Speeren
Trägt den Sieg durch die staunende Welt.
Arme und Ärmste werden beschieden,
Fröhlich im Purpur der Freude zu gehn,
Und es feiern in Freiheit und Frieden
Alle die Völker ein Auferstehn.

Neujahr.

Wieder einmal, dudeldum!
Wieder ist ein Jahr herum.

Schweren Tag und lange Nacht
Hat's die Fülle uns gebracht.

Seine heisre Stundenuhr
Schnarrte diese Weise nur:

Ticktack, ticktack! Spät und früh,
Ticktack, ticktack! Not und Müh!

Ticktack, ticktack! Müh und Not,
Ticktack, ticktack! Leid und Tod!

Ticktack, ticktack! Immerzu,
Ticktack, ticktack! Dulde du!

Ticktack, ticktack! – Sapperment,
Kommt die Leier nicht zu End'? –
[237]
Tritt heran, du neues Jahr,
Stell' auf zwölf das Zeigerpaar!

So! Nun stoß den Pendel an;
Lauschend steht der arme Mann.

Lauschend blickt er, stumm und bang,
Auf des Pendels Schicksalsgang:

Ticktack, ticktack! Spät und früh,

Ticktack, ticktack! Not und Müh!

Ticktack, ticktack! Müh und Not –
Kreuzmillionen Sapperlot!

Wieder schnarrt das Einerlei
Dieser Jammerlitanei!

Armer Mann, weh Spiel und Spott!
Hilf dir selbst, dir hilft kein Gott!

Gericht.

Am Strand der Newa liegt hoch der Schnee;
Am Strand der Newa ist groß das Weh.

Das Volk drängt sich zum Väterchen vor;
Der Herrscher schließt ihm Herz und Tor.

Die Armen betteln, von Hunger gequält;
Der Mächtige höhnt: »Ich weiß, was euch fehlt.

Gen Trotz und Hunger die beste Arznei
Bleibt Knut' und Säbel, bleibt Pulver und Blei.«

Der Schnee an der Newa färbt sich rot;
Drauf stürzen Hunderte wund und tot.

Es knirschen die Herren: »Nun halten sie Ruh!«
Der Pope murmelt den Segen dazu.

Und siehe! Wo blutig der Schnee noch raucht,
Naht schwarz ein Unbekannter und taucht

Ins Blut den Daumen und schreitet ins Schloß
Und zeichnet den Herrscher und zeichnet den Troß

Und zeichnet die Großen in Kirche und Saal
Mit einem blutigen Flammenmal

Und schickt der Stimme donnernden Braus
Viermal in die vier Winde hinaus,
[238]
Und schwindet. Da geht das Grauen um.
Die Mörder blicken bleich und stumm.

Der Dunst des Bluts schwebt überm Land
Wie eine finstre Riesenhand.

Drin blinkt, umsprüht von rotem Blitz,
Das Rächerbeil der Volksjustiz.

Berthold Auerbach. "… Berthold Auerbach: B… Der arme Spielmann: … Erläuterungen und Do… Franz Grillparzer Franz Grillparzer Franz Grillparzer un… Franz Grillparzer un… Franz Grillparzer: E… Franz Grillparzers R… Jeremias Gotthelf: D… Medea: Trauerspiel i… Tagebücher (Biblioth…
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Der Dichter sollte sich von seinem Siechtum nicht mehr erholen. Die – Knochentuberkulose verzeiht nicht.
Lange Monate zog sich seine Auflösung im Düsseldorfer Bürgerspitale hin.
Hände und Füße fielen ihm bei lebendigem Leibe fort. Aber die Hoffnung blieb und der Geist wahrte die Spannkraft bis zuletzt.
Als sich der Kranke endlich der furchtbaren Gewißheit nicht mehr verschließen konnte, kehrte er sein abgezehrtes Dulderantlitz zur Wand und weinte bitterlich.
Den Freunden in Luxemburg, vor allem dem herablassenden Direktor und dem freundlichen Unterdirektor der Strafanstalten, die ihn auch nach seiner Entlassung mit Briefen und Büchern bedacht hatten, schickte er Grüße des Dankes und der Erinnerung.
Sterbend klagte er, daß er die Geschichte seines Daseins den Menschen nicht bekannt geben könne als die Rechtfertigung seines Lebens und seines Strebens, als die nachgelassene Kraftprobe seines Talents.
Seinen Glauben nahm er mit sich ins Grab.
Dem letzten Wunsche des armen Ruhelosen wird mit der Veröffentlichung dieser Blätter Erfüllung zuteil.
»In Sehnsucht und Schiffbruch«. So lautet der Titel, den Franz Bergg seinen gesammelten Dichtungen hatte vorsetzen wollen.
In diesem Zeichen verlief wirklich sein Leben. Sei dem müden Kämpfer dieses Bündel Erinnerungen wie eine blühende Schlehengarbe auf dem namenlosen Dichtergrab![239]



Judas Ischarioth.

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Wie man verdammen dich kann,
Beklagenswerter Mann,
Judas, ich denk' es vergebens;
Wohl übtest du Verrat,
Doch deine Schächertat
Ward allen Lichtquell des Lebens.[230]
Als er die Menschen verstieß,
Doch den Erlöser verhieß,
Da wollte Gott dein Verderben.
Damals schon stand das Gebot:
Durch Judas Ischarioth
Soll Jesus Christus sterben.

Du kamst auf unsern Stern,
Du wirktest als Werkzeug des Herrn,
Wozu du wardst erkoren;
Du küßtest den Gottessohn,
Da ward der Strick dein Lohn,
Ging dir der Himmel verloren.

Der Heilsgedanken Knecht,
Hast du das Menschengeschlecht
Mitsamt der Gottheit verpflichtet.
Doch wie dein Werk getan,
Beklagenswerter Mann,
Da wardst du gerichtet, vernichtet.

Ungläubig.
Der du allwissend bist,
Du weit, wie ich zu jeder Frist
Nach rechts, nach links mich entscheide;
Du weißt, noch eh sie geboren,
Ob die Milliarden erkoren
Zum ewigen Glück, zum ewigen Leide.
Doch schufest du Eva, du schufest mich,
Du schufest die Milliarden alle,
Zum Elend, weil zum Sündenfalle –
O das zu denken ist fürchterlich.

Hätt' ich, der Mensch, als mir zur Lust
Ein Kind geboren ward, gewußt,
Es werde geboren zur Sündenschand',
Es sei erkoren zum Höllenbrand,
Wenn auch durch seine Schuld,
Doch auch durch meine Schuld,
Wie sehr es mich in blutender Brust
Geschaudert,
Nicht hätt' ich gezaudert,
Erdrosselt hätt' ich's mit eigner Hand.[231]
Du aber stößt uns in diese Welt,
Du weißt beim Kern, wie die Krone fällt,
Verdammst uns zu Qualen ohn' Ende
Und wäschst dir in Unschuld die Hände.
Wie unsre Seufzer dampfen, wie unser Jammer schreit
In Ewigkeit, in Ewigkeit,
Du lächelst in deiner heitern Seligkeit.
So tust du Milliarden, so tust du mir!

Himmlischer Vater, Allerbarmer,
Du Armer,
Welchen Schimpf erweisen sie dir!

Aber dieser Winter gezwungener Muße ist mir noch in anderer Weise von unschätzbarem Segen gewesen. Zum erstenmal im Leben habe ich in diesen Monaten mir ganz allein gehören dürfen. Endlich fand ich so die Zeit, deren ich bedurfte, um die Erfahrungen alles dessen zu ziehen, was ich während der langen Wanderjahre gelernt hatte.
Zum erstenmal im Leben spannte mich der vertrauensvolle Auftrag des Gefängnisleiters hinter eine Arbeit, die, literarisch im höchsten Sinne, meine ganze Kraft mit Beschlag belegte. Zum erstenmal im Leben konnte ich an einer Tat beweisen, ob ich wirklich auf dem Wege sei, wie ich in Paris wähnte, ein Schreiber zu werden, der sich seines Deutsch nicht weiter zu schämen brauche.
Ich wage zu hoffen, daß dies Probestück nicht zu kläglich ausgefallen ist.
Jetzt meistere ich, das Gefühl sagt es mir, das Werkzeug, das mich befähigt, vom Tage meiner Entlassung an, ein neues Leben aufzubauen und alte Lieblingsträume zu verwirklichen.
Wohl darf ich also diese aufgezwungene Ruhe preisen als die vorbereitende Keimzeit meines Mannesfrühlings.
Inzwischen ist draußen der Mai wieder eingezogen. Die grauen Felsen, die im Winter nur vom düstern Pelz des Efeus umhängt waren, haken bunte Bänder, stecken bunte Sträuße vor. Über die schwarzen Bretterverschläge und hohen Mauern herüber weht es wie Fliederduft.[232]
Bald naht der Sommer, die Erde zu umarmen mit bräutlicher Liebesglut. Im Kusse seiner Manneskraft sprudeln Springbrunnen des Lebens.
Auch mir sind dann die Tore zur Freiheit bereits geöffnet worden.
Freiheit! Die Sehnsucht singt mir aus diesem Wort ihr altes Zauberlied, die Sehnsucht nach der Weite.
Aber nicht mehr als Landstreicher will ich die sonnenbestaubten Straßen ziehen. Und nicht mehr will ich hadernd das Vaterland meiden.
Auf dem nächsten Wege wird der Ausgewiesene des Reiches Marken zustreben, jenseits der Wasserbilliger Brücke, wo die schwarz-weißen Steine den Straßenrand säumen.
Unser Schuldbuch sei vernichtet!
Mit diesem Gelöbnis will ich die Heimat wiedergrüßen und ihr Treue halten, solange nicht mein Dämon mich wieder draus verstößt.
Aber nicht nur als Preuße oder Deutscher kehre ich heim: Ein Mensch bin ich, der zu Menschen will.
Ich werde mich meines Deutschlands nicht mehr schämen.
Ich werde den reichen deutschen Sprachhort hegen und pflegen: Ich werde aus seinen Edelmetallen Gebilde formen, die mir Verzeihen und Vergessen kaufen für den Leichtsinn meiner Jugend.
Vor allem aber werde ich meine neugeborenen Kräfte einsetzen für die Verwirklichung meines erdumspannenden Zukunftstraumes.
Denn fester als je wächst in mir der Glaube an den Sieg des Guten, auf der ganzen Linie, jenseits von Kirchen und Kapellen, an den Sieg der reinen Menschenliebe.

Gestern ruhten in den Werkstätten Rad und Hammer unter dem Feierruf des ersten Mai. Ich beteiligte mich vom Gefängnishof aus an diesem Jahresfest der Arbeiterwelt.[233]
Drüben, hoch über der Alzette, aus einer Felsenspalte, drängt ein Schlehenstrauch seine krause Blütengarbe vor. Weich und weiß wie Baumwolle quillt sie über den Rand. Und da liegt vor meinen Augen die Maienflur. Quer durch die Ackerbreiten hin, die Feldwege entlang, buschen sich blendend weiße Hügel. Und viele Menschen mit Arbeiterrücken, in Arbeiterröcken, wandeln vorbei, schwerfälligen Ganges, Männer und Frauen, und sie greifen in die weiße Fülle hinein und holen sich eine weiße Flocke heraus und heften sie an Hut und Brust.
Und sie schreiten weiter, lachend und blütengeschmückt.
Und nun schaue ich sie, sie selber, als Schlehensträuche in der weiten Menschenflur, bescheiden, genügsam, düster, rauh und dornig, wie ihre Brüder im Pflanzenreich, und doch auch wie diese durchpulst von aller Sehnsucht, aller Keimkraft, die, beim Kusse der Sonne, in weißen Wundern an den Tag emporbrechen und zu Blumenhecken schwellen, in denen die Frühlingsstrahlen tändeln und die Vögel des Himmels nisten. Und da steht in Flur und Garten kein Baum und kein Strauch, der herrlicher wäre als sie.
Und bei dieser Erkenntnis jubelt mein Herz auf und stimmt in einem Lied mit ein in die Millionenfeierchöre des ersten Maitags.
Als letztes Bekenntnis meines fröhlichen Menschenglaubens setze ich das Lied an den Schluß dieser Lebensbeichte.
Aus der Enge meiner Gefangenenzelle heraus widme ich diesen Brudergruß allen Armen und Unfreien, allen Sehnsüchtigen des Lebens.

Schlehenblüte.

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Dies ist die Zeit der Schlehenblüte.
Nun ström' hinaus in Feld und Hag,
Wem schwer auf Schultern und Gemüte
Die Winterhaft des Lebens lag!
Dies ist die Zeit der Schlehenblüte,
Dies sei der Sorgen Feiertag![234]
Frischauf, zum wohligen Genießen,
Am Sonntagshut den Schlehenstrauß!
Die jungen Maienstrahlen gießen
Den goldnen Tau der Freuden aus!
Frischauf, zum wohligen Genießen
Ins farbenbunte Erdenhaus!

Weit strahlt der Lichtpalast der Sonne,
Kein Herrenwort gebietet hier.
O badet euch in Frühlingswonne,
Berauscht euch an der Blütenzier.
Weit strahlt der Lichtpalast der Sonne
Und Sonnenkinder sind auch wir!

Müßt ihr dann wieder Knechte werden
In dunkler Haft, in dumpfer Pflicht,
Ein Schönheitswiderglanz der Erden
Füllt eurer Kerker Dunst mit Licht.
Und müßt ihr wieder Knechte werden,
Ihr duldet stark und zweifelt nicht.

Einst kommt die Zeit der Schlehenblüte,
Die Maienzeit in Menschenhag;
Dann steht mit singendem Gemüte,
Was früher stumm in Nöten lag.
O Wonnezeit des Schlehenblüte!
Maifeiertag! Weltfeiertag!



Franz Bergg
Ein Proletarierleben













Widmungsschreiben


Daheim

1.
2.
3.
4.
5.



Lehrjahre

1.
2.



In Sehnsucht

1.
2.
3.
4.



Im Schiffbruch


Im Reiche der Feldmütze

1.
2.
3.
4.
5.



Im Banne der Sitte

1.
2.
3.



Auf hoher See


Im Hafen


Schlußwort des Herausgebers
