
                                  Fock, Gorch

                               Seefahrt ist not!

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                                   Gorch Fock

                               Seefahrt ist not!

 Lat mich nur auf meinem Sattel gelten,
 bleibt in euern Htten, euern Zelten,
 und ich reite froh in alle Ferne -
 ber meiner Mtze nur die Sterne.
                                                                         Goethe.


                                Erster Stremel.

Insonderheit aber bitten wir dich fr die, die auf dem Wasser ihre Nahrung
suchen. Segne, segne die Fischerei auf der See und im Flu, behte Mann und
Schiff in allen Gefahren!
    Pastor Bodemann beugte den grauen Kopf tiefer als zuvor. Da hatte er laut
und warm fr seinen alten Kaiser gebetet, laut und warm, wie es ihm von Herzen
kam, nicht leise und kalt wie sein Vorgnger, ein zher Welfe, der nur der
kirchlichen Vorschrift nachgekommen war: La deine Gnade gro werden ber
deinen Knecht Wilhelm, unsern Kaiser und Herrn, und ber das ganze kaiserliche
Haus.
    Die gefurchte Stirn berhrte fast das schwarze Tuch, mit dem die Kanzel vom
Sonntag Reminiszere bis zum stillen Freitag bedeckt war. Es schien, als wenn die
Stimme ihm versagte und er aufhren mte. Und er hielt berwltigt inne und
lie die groe Stille kommen.
    Totenstill wurde es in der Kirche auf Finkenwrder. Regungslos sa die
Gemeinde. In die Augen kam eine Dunkelheit wie von aufsteigenden Trnen.
    Und die See nahm das Wort, die Nordsee, die Mordsee - mit ihren jagenden,
zerrissenen Wolken, mit ihrem pfeifenden, brausenden Sturm, mit ihren haushohen,
schumenden, brllenden Seen, mit Brand und Wetterleuchten, mit Dnung und
Gewitter, - mit geborstenen Segeln, gebrochenen Masten, blakenden Notfackeln,
verlorenen Wracken und hilferufenden Fahrensleuten.
    Und es war niemand da, der nicht ihre Stimme vernommen htte.
    Die hellhaarigen Jungen auf den Bnken neben dem Altar, die als groe
Schleefen zu den gegenbersitzenden Konfirmandinnen hinbergelacht und ihnen
zugenickt hatten, verjagten sich, legten beschmt die Hnde zusammen und sahen
vor sich hin, weil ihnen in der heiligen Stille die Vter und Brder in den Sinn
kamen, die drauen waren, und weil sie daran dachten, da sie nach Ostern selbst
in die Fischerei hineinkamen.
    Auch bei den rotbckigen Mdchen wurde es still. Alle falteten rasch die
Hnde, und manches Kinderherz bebte, - vergessen war, da sie abends am Deich
einzuhten hatten, und da die Jungen dort vor den Fenstern trommelten und
pfiffen, bis sie hineingelassen wurden und Blindekuh oder Sechsundsechzig
mitspielen durften.
    Gesine Klper, die schnste Deern der Hamburger Seite des Eilandes, um die
die Junggste einander Sonntag abends auf Musik bannig in die Wanten stiegen,
weil keiner sie dem andern gnnte und jeder sie nach Hause bringen wollte,
senkte die Wimpern und neigte den stolzen Kopf, nicht allein, weil sie wute,
da es ihr gut stand, sondern auch um die Seefischerei, um alle Freundschaft,
Bekanntschaft und Verwandtschaft, die unter Segeln war.
    Auch Hein Loop betete mit, der Rotbart vom Auedeich, den sie den Seeteufel
nannten, wenn er nicht dabei war, Hein Loop, einer der Verwegenen, der
Verwogenen, wie sie an der Wasserkante sagen, einer von denen, die nicht reffen
und nicht beidrehen mgen, die mit allen Lappen segeln und mit jedem Winde
fischen, denen es ergeht wie dem jungen Lord von Edenhall:

sie schlrfen gern in vollem Zug,
sie luten gern mit lautem Schall,

die mit dem Glck von Edenhall anstoen und es wohl auch einmal versuchen. Die
See schmecke ihm erst dann, wenn sie gar sei, und gar sei sie nach seiner
Meinung erst, wenn sie koche, hat Hein Loop einmal gesagt, und jeder, der ihn
kannte, glaubte es ihm. Aber nun betete er, denn er wollte den andern Tag mit
seinem Kutter nach See, up de Schullen dol, und konnte moi Wind und moi Fang
gebrauchen.
    Auch Jan Greun, Simon Fock und Hinnik Six, seine Macker, die nicht weit
hinter ihm saen, lieen das Kirchenwort in die unerschrockenen Seemannsherzen
hinein, wenn sie in Gedanken auch ein krftiges Sprchlein achteran hingen, das
bei Jan hie: Herr Pastur, de verdreihten Dnen ne vergeten! Bei Simon lautete
es: Amen, Herr Pastur, ober dat Is mtt ierst innen Dutt, ans kann ik ne rut!
Und bei Hinnik besagte es: De Bt, Herr Pastur, de Bt, de Bt, de hrt dor ok
mit to!
    Von den mittleren Bnken kam ein Weinen und Schluchzen. Dort saen die
Seefischerwitwen, in ihren schwarzen Kleidern und mit den dunkeln Kopftchern
wie morgenlndische Klageweiber anzusehen. Der letzte Jahrgang hatte die Stirnen
auf der harten Holzlehne liegen, als sei kein Leben mehr in ihm: so wollten es
die Sitte und der Schmerz. Zuhinterst sa die greise Geeschen Witten, tiefe
Runen im Gesicht, das einer Landkarte hnlicher sah, als einem Menschenantlitz.
Sie konnte nur noch fr Tote beten, denn alles Leben hatte sie der See gegeben:
ihren Vater, der dreiundvierzig vor der hollndischen Kste ber Bord gekommen
war, ihren Mann, der in den sechziger Jahren whrend der quinoktien
untergegangen war, ihren Bruder, den sich die See fnf Jahre spter bei Amrum
geholt hatte, ihre beiden Shne, die vor neun Jahren mit ihrem neuen Ewer
verschollen waren. Sie wohnte ganz allein in ihrem groen, leeren Dachhaus,
zwischen Netzen und Segeln, die die Gebliebenen zurckgelassen hatten, und
wunderte sich, da sie immer noch lebte, und da auf ihrem Kirchenplatz nicht
schon lange eine andere sa.
    Einer aber war da, der hatte den Kopf nicht gesenkt und die Augen nicht
zugemacht: Thees to Baben, der Segelmacher und Spkenkieker, der Blut stillen,
Krankheiten besprechen, Hexen bannen und Schweine zum Fressen bringen konnte und
die Gabe des Vorsehens und Vorhrens besa. Er beobachtete den Pastor scharf,
und als Bodemann die Augen schlo, machte Thees seine weit auf und starrte durch
das verbleite Fenster, bis er ihn kommen sah, den langen, heimlichen Zug, der
vom Deich stieg und ber die cker, Grben und Wischen wallte, ohne eines Weges
oder Steges zu bedrfen, der durch die von selbst sperrweit aufgehenden Tren
drngte und die Kirche fllte. Lautlos und gespenstisch besetzte er alle leeren
Pltze und alle Gnge. Kopf an Kopf standen sie, die gekommen waren, die
gebliebenen Fahrensleute, die alten und die jungen, die Schiffer und die
Knechte. Mit weitgeffneten, wasserleeren Augen sah der Segelmacher sie an. Wie
sie ber Bord gesplt waren, standen und gingen sie, das Wasser leckte ihnen von
den Sdwestern, glnzte auf den lrcken und quoll aus den Seestiefeln. Der
Spkenkieker sah sie und lugte, ob sie einen unter sich hatten, dessen Untergang
am Deich noch nicht bekannt geworden war. Dabei blieb er ruhig, denn er war an
Spuk gewhnt: nur, wenn einer der Toten ihn ansah, schttelte er den Kopf, als
wenn er sagen wollte: an den Segeln hat es nicht gelegen, da ihr geblieben
seid: die Segel waren gut! Wobei er allerdings voraussetzte, da er sie auch
wirklich gemacht hatte.
    Endlich - ein erlsendes Husten unten im Schiff, ein befreiendes Scharren
oben auf dem Chor, ein dreistes Sperlingsgeschrei drauen in den Erlen und
Eschen. Da vergingen Gespenster und Gedanken, die Sonnenstrahlen fingen wieder
an zu spielen, und Alt-Bodemann bekam seine Sprache zurck. Und als er dann bei
seinem Herrgott um den Hausstand anhielt und alle, die dazugehrten, um
gottesfrchtige Eheleute, Eltern und Herren, gehorsame Kinder und frommes und
getreues Gesinde, da war die groe Stille vorber: die Konfirmanden machten
wieder ihre verstohlenen Zeichen, die Mdchen kicherten und stieen einander im
geheimen an, Gesine Klper dachte an den ersten Schnellwalzer, Thees Segelmacher
sttzte die Ellbogen auf die Brstung und hrte so nipp zu, als wenn er noch
Pastor werden wollte, und die Fahrensleute rollten die Prntjer geruhig wieder
hinter die Kusen.
    Klaus Mewes, der junge Seefischer, der in der Nhe der Orgel auf dem Chor
sa, war von der Erinnerung an seinen Vater freigekommen, die ihn jh befallen
hatte, und konnte sich wieder seines guten Platzes freuen. Denn er hatte sich so
zu Anker gehen lassen, da er nicht allein recht in der Sonne sa, sondern auch
aus dem Fenster sehen konnte. Hinter den Wischen und Grben sah er den hohen
Deich aufragen, und ber den Stroh- und Pfannendchern der Huser gewahrte er
die Masten der Fischerfahrzeuge, die auf den Schallen und am Bollwerk lagen, und
die Rauchwolken der Dampfer, die im Fahrwasser, hart am holsteinischen Elbufer,
auf und ab fuhren: Dinge, die ihm Hirn und Herz mit Mut und Freude fllten!
    Wenn er dieses Mal gleichwohl nicht sonderlich darauf achtete, so konnte nur
sein Junge schuld daran sein, der unter seinen Augen unermdlich neben der
Kirche im Gras auf und ab ging. Er freute sich wie ein Stint, da er ihn nicht
mit hereingenommen hatte, wie es eigentlich seine Absicht gewesen war, als der
Junge ihm mit dem Hund nachgekommen war und gesagt hatte, sie wollten das
Gesangbuch tragen und ihn bis an die Kirchentr bringen. Denn htte der Vogel
Bunt so lange ruhig gesessen und geschwiegen? Sicherlich nicht, - er wre bald
aufgestanden und umhergelaufen und htte geguckt und gezeigt und gefragt und
getan: beim stillen Eingangsgebet in der Fensternische htte er gefragt, wie
jener Bauernjunge vom Osterende getan hatte, als er seinen Vater in den Hut
gucken sah: Du Vadder, lot mi ok mol innen Hot kieken! Den Klingelbeutel htte
er in den Hnden gewogen und ausgerufen: Junge, Junge, Vadder: dor is ober
plenni Monne in! Und Geeschen Witten htte er laut gefragt: Diern, Geeschen, wat
schreest du? Hest du dien Ontjen woll nix to freten geben? Wenn er aber zur Ruhe
ermahnt worden wre, htte er geantwortet: ik bn vrn Pastur ne bang, Vadder! -
oder eingewendet: de lebe Gott is ne bi Hus, Vadder, de kann mi nix seggen.
    Es war weder vorwrts noch rckwrts aufzuzhlen, was er alles angerichtet
htte, und es war besser, da er drauen seine Wache abreien mute.
    Der Seefischer lachte in sich hinein.
    Als sie vor der Kirche angelangt waren, hatte Jochen Rolf sich zu ihnen
gesellt und schalkhaft-ernst gemeint: wenn der Junge mit hinein wolle, mten
ihm wohl erst die Taschen durchsucht werden, damit er keine Steine bei sich
behalte und sie dem Kster an den Kopf werfe. Solle er aber drauen bleiben,
dann wre nur zu wnschen, da der Pastor es kurz und knapp mache, damit der
Junge nicht die Geduld verliere und alles in Brand stecke. Worauf der Vogel Bunt
die Kirche von oben bis unten angeguckt und dann ernsthaft erwidert hatte, die
brenne ja gar nicht, weil sie ganz aus Stein gemacht sei. - Da war dem
Seefischer ein kstlicher Einfall gekommen, er hatte den Jungen bei der Hand
genommen und neben die Kirche gelotst, ihm dort einen Apfelbaum und einen
Birnbaum gezeigt und ihm gesagt, der eine sei der Gromast und der andere der
Besansmast, und zwischen ihnen sei der Fischerewer, und rechter Hand sei
Steuerbord, und linker Hand sei Backbord. Dat brukst mi ne to vertillen, hatte
der Junge geeifert, dat weet ik jo all lang! Na, dann solle er aufpassen, war
des Seefischers Entgegnung gewesen, er wolle einmal ausfindig machen, ob der
Junge schon etwas knne, ob er schon zu etwas zu brauchen sei: darum solle er
auf dem Ewer zwischen den Bumen eine Wache nehmen, wie auf See in der
Schollenzeit, zwei Stunden hindurch. Der Kompa lge Nordwest an: er solle
darauf achten, da er nicht aus dem Kurs komme, solle aufpassen, da die Segel
immer voll Wind seien und nicht klapperten, und guten Ausguck halten, damit er
keine Haverei mit andern Fischerewern habe. Der Junge hatte wie ein Groer
genickt und war von Herzen damit einverstanden gewesen, er hatte sogleich das
Deck mit groen Schritten ausgemessen, hatte Gromast und Besan mit den
wirklichen Masten verglichen und den Kopf in den Nacken geworfen und die ste
auf ihre Eignung zu Giekbaum und Gaffel geprft.
    Van Burd dtt ik ober doch ne gohn, ne, Vadder? hatte er noch gefragt.
    Och du Dsbattel, war des Seefischers Erwiderung gewesen, kannst du ok
van Burd gohn? Bst doch up See, is doch all Woter m di rm.
    Is ok jo wohr! Wat is Seemann denn?
    Seemann? Klaus Mewes hatte den struppigen Hund ergriffen und an den
Birnbaum gesetzt. Sitten blieben, Seemann! Dat is dat witte Nachthus,
Strtebeker, un sien Nff, dat is de Kumpa. Nun wisse er wohl alles: er
brauche nicht immer am Ruder zu stehen und das Helmholz festzuhalten, sondern
knne geruhig auf Deck hin und her gehen, wie die Fischerleute es tten, hatte
der Seefischer geschlossen und war in die Kirche getreten, whrend der Junge
unter dem Gelut der Glocken und dem Gebraus der Orgel an seine erste
Schiffswache gegangen war.
    Jetzt war Bodemann schon mitten in der Predigt, und der Junge ging immer
noch ernst und wachsam zwischen Apfel- und Birnbaum auf und nieder, als ob er
wirklich an Bord sei, denn er wollte beweisen, da er schon gro genug wre und
allein die Wache gehen knne. Er wollte zeigen, da er schon mit der See klar
kommen knne, damit sein Vater ihn im Sommer mit auf den Ewer nhme, wie er ihm
versprochen hatte. Wie nach Segeln blickte er nach den Zweigen hinauf. Einen
Buchfink, der im Wipfel des Apfelbaumes sa, lie er sich als Flgel gefallen.
Er hatte die Hnde nach Fischerart tief in die Hosentaschen gesteckt und pfiff
gefhlvoll vor sich hin, spuckte auch einmal groartig in die See hinein, als
wenn er bange sei, da er kein Wasser genug habe und aufs Trockne komme.
    Es schien strmisch zu sein, denn alle Augenblicke wehte ihm das weie
Nachthaus ber Bord, sei es, weil eine Ratte ber den Graben schwamm, oder weil
sich eine Katze auf der Wurt des nahen Bauernhofes sonnte. Junge, was war das
fr ein Stck Arbeit! Was sollte der Wachhabende tun? Nachlaufen konnte er
nicht, denn ringsherum war Wasser, das keine Balken hatte: er verlegte sich
deshalb auf Rufen und Pfeifen, und wenn das nicht half, dachte er schlielich:
och wat, nu jump ik eenfach ober Burd: ik kann jo swmmen - und lief nach der
Wurt oder nach dem Graben, ergriff sein Nachthaus und schleppte es zurck, wobei
er pustete, als wenn er wirklich im Wasser sei, stellte es wieder an den
Birnbaum und sagte: Du m sitten blieben, Seemann, ans hebb ik keen Kumpa!
Dann guckte er verstohlen nach den Kirchenfenstern hinauf, denn er war sich
nicht ganz sicher, ob er ber Bord springen durfte.
    Klaus Mewes sah es wohl und hgte sich ber ihn, whrend ihm das Blut, das
die Sonnenstrahlen geweckt hatten, heftig und stark in den Schlfen klopfte. Das
war sein Junge, der kleine Mann mit den hellen Haaren, den blauen, nordischen
Augen und dem wettergebrunten Gesicht, der eine graue, wollene Matrosenmtze
aufhatte, um den Hals ein schottischbuntes Tuch trug, einen weiblauen
Buscherump und eine marineblaue Bx anhatte und auf braunen Segeltuchschuhen
ging, wie ein Janmaat, der auf Freiwache ist und sich landfein gemacht hat. Das
war sein Junge! Wer den so gehen und stehen sah, dem mochte wohl das Gedicht von
Uhland einfallen: Jung Siegfried war ein stolzer Knab, - und durch die Brust
seines Vaters brauste ein solches Lied, das die Orgel bertnte.
    Wieder nahm Klaus Mewes sich freudig und heilig vor, einen Fahrensmann aus
ihm zu machen, einen Seefischer, einen so furchtlosen und verwegenen, wie
Finkenwrder noch keinen gehabt hatte. Noch diesen Sommer wollte er ihn mit nach
See nehmen, ob auch die Mutter weinte und die Leute den Kopf schttelten.
Lachend wollte er ihnen trotzen, denn er war es nicht gewohnt, auf andere zu
hren, weder an Land noch auf See. Wie seinen Ewer, so steuerte er auch sein
Leben selbst.
    Ja, Klaus Strtebeker sollte ein Fischermann werden!
    Der Junge hie Klaus Mewes, wie er selbst, aber das ganze Eiland, mit
Ausnahme von Gesa, nannte ihn Klaus Strtebeker, einmal, weil er wirklich ein
groer Strmer und Liekedeeler war, ein Brite und Tunichtgut, dann, weil sein
grner Kahn diesen Seerubernamen an Steven und Gatt trug, schlielich auch
wegen des Grovaters, dem er noch hnlicher sehen sollte als seinem Vater, wie
die alten Leute behaupteten, - der auch Klaus Mewes geheien hatte, wegen seines
Freibeutertums aber allgemein Strtebeker genannt worden war. Was den kleinen
Klaus Mewes anbetraf, so war der mit seinem Seerubernamen so einverstanden, da
er auf seinen wirklichen nicht mehr hrte: rief einer Klaus, so sagte er: Klaus
gift een ganzen barg! - nannte ihn einer Klaus Mewes, so erwiderte er: dat is
mien Vadder, du anner! - erst bei Strtebeker lie er sich ermuntern und
antwortete.
    Klaus Mewes freute sich. Wie treu der Junge Wache ging, wie genau er das
Deck abma! Da war kein Schritt zuviel und keiner zuwenig! Wenn er sich beim
Birnbaum umdrehte, verga er niemals, nach dem Kompa zu sehen und die Segel zu
berholen; wenn er beim Apfelbaum angekommen war, sphte er luvwrts und
leewrts ber die See. Mit groem Behagen und einiger Verwunderung bemerkte der
Seefischer diese Einzelheiten, die ihm sagten, da der Junge ihm und den anderen
Fahrensleuten schon viel mehr abgeguckt hatte, als er glauben wollte. Nichts
strte den kleinen Fischer, der wute, da er auf See war und kein Land in Sicht
hatte, und sich weder um die vorbeigehenden Kinder bekmmerte, noch den
vorberrollenden Wagen nachlief.
    Da der Seefischer bei diesem Ausguck viel von der Predigt hrte, war nicht
zu verlangen: er wurde kaum gewahr, da der goldene Stern oben an der Orgel
klingend lief, einem Hochzeitspaare zur Feier, und htte sogar den Klingelbeutel
bersehen, wenn er ihm nicht pall unter die Nase gehalten worden wre. Nur der
Gesang lenkte ihn eine Zeitlang von seinem Jungen ab, denn es brauste gewaltig
durch die Kirche: Krist Kyrie, komm zu uns auf die See! Im Innersten ergriff es
ihn, denn das war kein Gesang mehr: wie ein weher Ruf, wie ein todesbanger
Schrei hrte es sich an und schlug wie Meereswogen um die kahlen Pfeiler, es
war, als wenn die Strme sich wieder erhben und die See und die Herzen
aufwhlten, die Segel und die Seelen zerrissen, als wenn Geisterlaute, die
Stimmen der Ertrunkenen, der Verschollenen sich hineinmischten. So furchtbar
drckte der Kster auf die Tasten, der an seinen gebliebenen Sohn dachte, so
bermchtig sangen die Fahrensleute.
    Klaus Strtebeker sah sich besorgt um und dachte, es komme Wind auf, weil es
mit einem Male so brauste. Aber er durfte und wollte sich nicht bange machen
lassen und ging deshalb wieder auf und ab zwischen den Bumen, deren Stmme der
Hasen und der Raupen wegen mit Kalk bestrichen waren. Unverdrossen hielt er aus,
bis der Mond aufging, der stille, milde Freund der Menschen: Peter Wittorfs
rundes, glnzendes Vollmondgesicht erschien in der Schalluke auf dem Turm. Die
Glocke mit der Aufschrift: Ut dat Fer bn ik floten | Peter Struve hett mi
goten - begann sich leise knarrend zu wiegen, schwang sich hher und hher, bis
der Klppel drhnend gegen den Mantel schlug und das helle Gelut sich erhob.
Die Tren wurden aufgestoen, die Jungen strmten heraus, als sei drinnen eine
Feuersbrunst ausgebrochen, die Mdchen drngten nach, dann kamen die
Fahrensleute und die Frauen: da ging das Nachthaus bellend in die Binsen und war
nicht wieder in Sicht zu bekommen, so laut Strtebeker auch rief und pfiff. Aber
wenn er nun auch ohne Kompa war, so hielt er dennoch getreulich aus und verlie
seinen Posten nicht, bis sein Vater lachend zu ihm trat und ihn erlste.
    Ob er auch Haverei gehabt htte? Nein, nur das Nachthaus wre siebenmal ber
Bord gekommen! Ob der Fang gut gewesen sei? Ja, bannig gut, ein feiner Streek,
hundert Stiege, groe Sdschollen!
    Deubel ok, du kannst dat ober! lobte Klaus Mewes.
    J, Vadder, dat harrs di woll ne dacht, wat? Nimm mi man mit no See, denn
schallst mol sehn, wat wi de Fisch belurt! sagte der Junge mit blitzenden Augen
und fuchsklugen Nasenlchern.
    Der Seefischer aber warf ihm das Gesangbuch hin und erwiderte, sie wollten
erst mal sehen, ob die Klten noch schmeckten. Kumm, Seemann! Und er
schechtete gro und heiter auf dem Kirchenweg entlang und berholte eine dunkle
Reihe nach der andern. Immer grer wurden seine Schritte, so da Strtebeker in
Sprngen laufen mute, um mitzukommen, und Seemann, der weite Wege gar nicht
gewohnt war, weil er sonst nur von Backbord nach Steuerbord zu wackeln brauchte,
seine rote Zunge als Notflagge aussteckte, was Klaus Mewes aber nicht bewegen
konnte, sich aus der Fahrt laufen zu lassen.
    Der Seefischer lachte und sprach laut, ohne sich an die mibilligenden
Blicke der Alten zu kehren. Was ging es ihn an, da auf dem Kirchenwege nicht
gelacht werden sollte? Er tat, was er wollte, und a, was ihm schmeckte, der
groe Klaus Mewes, der getrost seine Segel dem Winde bot, weil er keinen mrben
Kram fuhr, der wute, da er den besten Ewer unter den Fen hatte, mit dem sich
etwas beschicken lie, und der Herr und Knig seines Lebens war. Nicht umsonst
hatte er Tag und Nacht, bei jedem Wind und Wetter, seine deutsche Flagge auf der
Besan wehen: das war der Tiefe seines Wesens entsprungen und entsprach seiner
Liebe zu seinem Fahrzeug, seiner Wikingerlust an der Seefahrt. Hatte der Wind
das bunte Tuch zerfetzt, dann zog er unbekmmert eine neue Flagge auf und lie
weder Furcht noch Aberglauben in seine Seele hinein. Sonnigen Herzens pflgte
der glckliche Fischer die See, lachend strich er den reichen Segen ein, den sie
fr ihn hatte, und wenn der Fische noch so viele waren. Fremd war ihm das alte
heidnische Gefhl, das den Bauern bewog, sein Feld nicht ganz zu mhen, sondern
eine Ecke Hafers stehen zu lassen, fr die Gtter, fr Wotans Schimmel.
    Sie sagten, man solle und drfe niemand aufs Wasser weisen. Wer den Weg nach
dem Schiff nicht von selbst finde, aus dem knne doch kein Seemann werden: am
besten aber sei es immer noch gewesen, wenn einer gegen seiner Eltern und aller
Willen zur See gegangen sei. Was scherte das Klaus Mewes, den Lachenden? Er
sprach mit seinem Jungen nichts als Fischerei und Seefahrt und erfllte ihn mit
nichts anderem, als da er Fahrensmann werden msse und solle. Was fr Last
haben die Frauen am Deich, da sie die Kinder vom Graben und von der Elbe
fernhalten, da sie sie aus den Booten und Khnen herausbringen! Goh man ne bit
Woter! ist ihr zweites und drittes Wort. Was tut Klaus Mewes? Er lacht und sagt:
Goh man beten bit Woter, Strtebeker! Schipper man mol, kls man mol not
Fohrwoter raf, seil man beten, swmm man mol, dor ligt de Boot, dor is de Kohn!
    Und eines brannte er dem Jungen wie mit glhendem Eisen ins Herz und drckte
es tief und unverwischbar, unauslschlich ein: Ne bang wardn! Nicht bange
werden, sonst kommst du nicht mit nach See! Nicht bange werden, zu keiner Zeit
und Stunde, einerlei, ob es hell oder dunkel ist, ob es donnert oder blitzt oder
weht, weder auf dem Wasser noch an Land, weder in den Masten noch auf den
Bumen, weder vor Menschen noch vor Tieren, weder vor Lebendigen noch vor Toten!
Nicht bange werden, nicht bange werden!
    Und der Junge nahm es auf, wie das Segel den Wind. Bang dtt ik ne wardn,
ans komm ik ne no See, sagte er sich immer wieder, wenn ihm etwas Furcht
einjagen wollte, und wurde dreist und verwegen, wie sein Vater es wollte.
    Sie hatten die Hhe des Deiches erreicht, und Klaus Mewes blickte aufatmend
ber die Elbe. Und wenn er auch die Fischerewer noch im Wintereise sitzen sah,
das nicht von den Schallen schmelzen wollte, so fischte und segelte er doch im
Morgenlicht mit allen Segeln bei Helgoland. Und wenn Strtebeker sich auch noch
mit dem Gesangbuch abschleppte, so hatte er ihn doch schon an Bord und wies ihm
die Feuerschiffe vor der Elbe und die Lotsenschoner auf See.
    Da grte sein Ewer ber das Eis, er sah seine Flagge flattern, - und seine
Seele fate noch mehr Wind, als sie schon bereichte, denn sie setzte die letzten
und hchsten Segel.

                                Zweiter Stremel.


Klaus Strtebeker stand auf dem Deich, hatte die Hnde hohl um den Mund gelegt
und rief die Leute. Kap Horn un Hein, wat eten! Wat eten! Wat eten!
    Endlich entstiegen sie der Kombse, winkten mit der Hand, zum Zeichen, da
sie verstanden htten, und kamen ber das Eis.
    Dann setzten sie sich drinnen zu Tisch, wie es sich gehrte. Auf der Bank
mit dem Blumenkranz und dem Namen und der Jahreszahl sa zu oberst der Schiffer,
rechts von ihm der Knecht, der Bestmann, vor ihm der Junge, Strtebeker aber
neben ihm auf dem bunten Bankkissen.
    Gesa trug die vollen, dampfenden Schsseln auf. Es gab frische Suppe mit
bunten Korinthenklten. Safran, Suppenkraut und Muskatnu fehlten nicht daran,
und ein Stck Fleisch, wie ein halber Ochse gro, kam dazu auf den Tisch.
    Eine stille Pause, dann ergriff Klaus Mewes den groen, blanken Schpflffel
und fllte sein Fatt, seinen Teller. Als er genug hatte, gab er den Lffel dem
Knecht. Strtebeker bekam ihn zu allerletzt, obgleich er vielleicht am
hungrigsten war. An der alten Schiffsordnung, die am Deich galt, durfte nicht
gerttelt werden, obschon Klaus Mewes sich sonst wahrlich nicht an das alte Wort
kehrte: Fleesch frn Schipper, Klten frn Knecht, Kantffeln frn Jungen. Er
gab ein Essen, wie es selbst die groen Bauern nicht besser geben konnten.
    Bi Disch ward ne snackt: das war nichts fr Klaus Mewes, da htte ihm wohl
einer ein Pechpflaster auf den Mund backen mssen, wenn er das gesollt htte. Er
sprach und lachte, ohne sich etwas dabei zu denken, und lie sich auch durch die
verweisenden Blicke seiner Frau nicht aus dem Kurs bringen.
    Strtebeker a fnf Kle, Gotts den Donner, wat kunnt angohn! Vr de Hand
weg, Vadder, versicherte er, ohn uttoseuken; wenn ik no de ltten langt harr,
harr ik wenigstens sben upkreegen.
    Oder sbenuntwintig, gab der Knecht trocken drein, aber Strtebeker
verstand den Spott nicht.
    Ik wull, wi eten ierst lebennige Schullen, Vadder, de smeckt doch een barg
beter!
    Dat wull ik ok, rief Klaus Mewes und blickte nach seinem Ewer hinaus.
    Er htte ja die Schollen annehmen knnen, die Jan-Ohm von der Aue geschickt
htte, meinte Gesa, aber er wehrte ab und sagte, das wre ja noch schner, wenn
der Fischermann sich die ersten Schollen ins Haus bringen liee! Gott solle ihn
bewahren: die msse er selbst aus der See geholt haben, oder sie schmeckten ihm
nicht. Er sah seinen Jungen an: Ne, Strtebeker?
    Jo, Vadder!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Nachmittag standen die drei am Fenster und kntteten, Klaus, der Schiffer,
Kap Horn, der Knecht, und Klaus Strtebeker. Hein Mck der Junge hatte Urlaub
genommen: die drei aber klapperten mit den Schegern und fuhren mit den Nadeln in
der Luft herum, obgleich Gesa mit der Sabbatschndung uppen Snndagnomerdag
keineswegs einverstanden war und eine Lippe zog. Aber die Netzmacher lieen sich
nicht stren.
    Kap Horn war der Bestmann, der Steuermann, Klaus Mewes' Knecht. Er hie
eigentlich anders, aber auf Finkenwrder nannten sie ihn allgemein Kap Horn.
Viele sagten auch Korl Horn, namentlich die Gren.
    Er war ein Janmaat alten Schlages, der lange Jahre auf groen Schiffen
gefahren hatte, auf hamburgischen und englischen, der im Sd-Atlantik Albatrosse
geangelt und bei Grnland Walfische harpuniert hatte und dreiigmal unter der
Linie durchgekommen war. Warum er dann noch von der groen Fahrt abgemustert
hatte und vom Viermastvollschiff auf den Fischerewer geklettert war, wei ich
nicht: er fuhr aber schon zwlf Jahre bei Klaus Mewes und war schon fast zu
einem Finkenwrder geworden, nur in seiner Sprache war noch ein hamburgischer
Ton, und er gab noch oft ein englisches Wort drein. Und dann hielt er sich als
alt- und weitbefahrener Matrose fr etwas Besseres als die anderen
Fischerknechte, die doch hchstens einmal hollndisch oder dnisch sprechen
gehrt hatten.
    Wenn jemand mit Fahrten und Reisen prahlte, dann pflegte er einfach zu
fragen: Kap Horn? Und wute der andere dann nicht einmal, was gemeint war, so
spuckte er minnachtig aus; verneinte er, so drehte er sich um und sagte, mit
Bierfahrern verkehre er nicht, bekam er aber ein Ja als Antwort, so fragte er
schnell: Veel mol? Dree oder so. Dann lachte er und sagte: An mi kannst
nich klingeln, old boy: ik bn sotein Mol um Kap Horn seilt un nu lot dien
Prohlen man een bitten no. Bei einer solchen Gelegenheit war er auch Kap Horn
getauft worden.
    Nun stand er backbords von seinem Schiffer am Fenster und war bei einer
weien Manillakurre, Klaus Mewes arbeitete an einem Zungensteert, mit dem er nur
langsam weiter kommen konnte, und Strtebeker hatte etwas in der Mache, von dem
er steif und fest behauptete, da es eine Bunge werden sollte, ein
Reifenkorbnetz fr Hechte und Schleie, whrend Kap Horn auf ein Zwiebelnetz riet
und Klaus Mewes es fr eine Staatsgardine fr den Krhenkfig hielt. Sie hatten
es gleich wichtig. Wie Weberschiffchen flogen die Nadeln hin und her, und auf
den Schegern reihte sich Masche an Masche. Dabei aber wurde ausgiebig geklnt,
denn niemand hatte uppen Stutz zu mindern und Maschen zu zhlen, also besonders
aufmerksam zu sein. Einmal frischte Kap Horn sogar ein altes Matrosendntje von
St. Pauli auf und begann zu singen:

In England geiht dat lustig her,
dor bot se Scheepen grot un swor,
een bannig Deert von Angetm
dat sall jo de Gretj Astern sien!
Lang is dat Deert twee dtsche Mil,
hoch annerthalf von Deck to Kiel!
So Masten, hoch bit an den Moon,
acht Dog brukt een, um roptogohn ...

    Weiter kam er aber nicht, denn Gesa, die nach dem Graben gewesen war und die
Enten gefttert hatte, trat in die Dn und untersagte ihm den Hymnus mit den
Worten: Snndogs ward ne sungen, Korl!
    Gesa, die ihren Jungen stets Klaus nannte und von seinem grlichen
Seerubernamen nichts wissen wollte, gab auch Kap Horn nicht seinen Spitznamen,
sondern nannte ihn ehrbar Korl und meinte ihm wunder was fr einen Gefallen
damit zu tun. Janmaat verdeffendierte sich aber:
    Wenn ik arbein sall, mutt ik ok singen, Gesa.
    Arbein schall? Keen seggt di dat? Pack dien Kurr man getrost tohoop un mok
man Fierobend un les man mol inne Bibel, priesterte sie, und als Klaus Mewes
herzlich lachte, fuhr sie erregter fort: Ji dree sndt jo woll ne, snd woll
rein mall worden, stillt jo uppen Snndag vrt Finster hin un kntt! Weet ji ok,
keen snndogs arbeit?
    Uns Herr Pastur! sagte Klaus.
    Ne, de Bedelmann! Fr uns Ld is de Week dor!
    Klaus erwiderte gelassen, es msse aber sein, denn es sei Tauwetter, und das
Eis knne jede Tide abtreiben, so da sie fahren mten, er wolle und wolle die
beiden Kurren bis dahin aber fertig haben, denn in der Fischerei unterbliebe das
Kntten doch wieder.
    Und er msse seine Bunge auch klar haben, verteidigte Strtebeker sich, denn
sein Vater solle sie ihm noch einstellen. Was sie wohl meine, die ganzen Grben
sen voller Hechte.
    Dann sollten sie mit ihrem Kram nach der Kche oder nach dem Boden oder nach
dem Ewer gehen, fing Gesa wieder an, die sich ber sie rgerte. Sie sollten sich
doch nicht von den Leuten sehen lassen, denn am Deich sprchen sie sicherlich
wieder davon und hielten sich darber auf.
    Lot jm, Mudder, erwiderte Klaus sorglos, ik bliew doch hier, mag to
giern sehn, wenn welk uppen Diek langs goht un mi inne Finstern kiekt.
    Und er fllte die Nadel, die leer geworden war, und knttete weiter.
    Gesa aber ging kopfschttelnd aus der Stube und machte sich in der Kche zu
schaffen, von wo sie ber die Bauerndcher und Obstbume nach ihrer Heimat sehen
konnte, nach den blaugrauen Bergen der Geest. Sie konnte die Fischer nicht
verstehen! Sie war auch keine Fischerfrau geworden und fhlte wieder mit
bitterem Schmerz, da aus ihr niemals eine werden konnte. Immer noch graute ihr
vor dem Wasser, und alle Schiffahrt war ihr fremd und unverstndlich. Sie konnte
sich nicht helfen. Das eine lie sich nicht abschtteln und das andre nicht
lernen. Klaus rstete mit Gewalt zur Fahrt: sie sah ihre bse Zeit kommen, sie
hrte schon den Regen gegen die Fenster schlagen und den Wind an der Tr saugen
und wute nicht, wie sie es wieder ertragen sollte, ihren Mann auf See zu
wissen. Sie liebte ihn tief und hei und lag in seinen Armen wie im
Sonnenschein, aber seine Fahrten machten sie bange, und sie wnschte im Herzen
nichts sehnlicher, als da er kein Seefischer wre, sondern Bauer oder
Handwerker oder sonst etwas anderes an Land. Knnte er nicht etwas anderes
beschicken, knnte er nicht sein Fahrzeug verkaufen, wie andere Fischer es getan
hatten?
    Aber Klaus Mewes - und das tun? Sie mute doch lcheln ber den Gedanken.
Bis Blankenese mte es gewi zu hren sein, sein Lachen, wenn sie davon
sprche, da er an Land bleiben solle.
    Da sa sie nun in ihrem Glck, um das die ganze, arme Heide sie beneidete,
war eine groe Seefischerfrau mit Haus und Hof und Deich, der jede Reise die
Hundertmarkscheine auf den Tisch flogen, und war doch nur ein armes Weib voll
Unruhe und Bangigkeit, die immer und berall Wetter und Wolken aufsteigen sah
und ihres Lebens nicht froh werden konnte. Wie manchen Tag sehnte sie sich schon
nach der stillen, einsamen Geest zurck, wo sie nichts von Schiffen und von
Seefahrt gewut hatte, wie manchen Tag, wenn die Elbe in Gischt und Schaum
einherging! Wie manche Nacht lie der Wind sie nicht einschlafen, wie manches
Mal jagten die Blitze sie aus dem Bett, wie oft erschreckten sie die Stimmen der
gengstigten Schiffahrt im Nebel! Und immer allein zu sein! Der Mann war auf
See, der Junge auf der Elbe! Mit den Finkenwrder Frauen aber hatte sie wenig
Verkehr und Freundschaft, weil sie fhlte, da sie als Butenlnderin nicht ganz
fr voll angesehen wurde.
    Wie wichtig sie es in der Dn hatten! Als wenn sie sie gar nicht vermiten!
Wie sie lachten, Klaus Mewes am lautesten!
    Dieses Lachen hatte es ihr angetan, als er um sie geworben hatte, denn so
hatte sie noch niemals jemand lachen gehrt! Das hatte sie in seine Arme
gedrngt, hatte sie von der Geest in die Marsch gelockt, von dem Heidehof in das
Fischerhaus, und hatte sie nicht an die Not und Schwere des Seefischerlebens
denken lassen. Vergessen wares gewesen, was sie gehrt und gelesen hatte von
Sturm und Untergang: wo einer so lachen konnte, da konnte weder Unglck noch
Gefahr sein, hatte sie gemeint, als Klaus sie freite.
    Er lachte noch just so wie damals, er hatte es noch nicht verlernt, aber sie
konnte es jetzt nicht mehr ohne Schmerz hren, es schnitt ihr ins Herz, wenn sie
an das Finkenwrder Elend, an die Witwen und Waisen, an all die Trnen und
unruhigen Stunden dachte, es kam ihr wie ein Frevel, wie eine Snde vor. Da er
so verwegen war, machte ihr das Herz noch schwerer, und eine trbe Ahnung frher
Witwenschaft hing ewig wie ein dunkles Gewlk ber ihrem Leben.
    Wie laut sie erzhlten, die beiden Seefischer! Gewi von nichts anderem als
von Fahrt und See, und die durstige Seele des Jungen trank es. Der war schon der
See verfallen, war dem Deich und ihr schon verfremdet und wurde es von Tag zu
Tag mehr. Es war ja schon ausgemacht, da er den Sommer mit an Bord solle: all
ihr Bitten war bisher vergeblich gewesen.
    Es war ein Herzleid, ein hartes Leid! An sie und ihre Heide dachte kein
einziger, niemand bekmmerte sich darum. Wie lange Zeit war sie nicht mehr zu
ihren Eltern gekommen, die ihren Enkel kaum kannten! Klaus lachte, wenn sie
davon sprach, sie solle gern hingehen und alle gren, aber was er auf der Geest
beschicken solle? Er knne auch so weit nicht laufen. Den Jungen bekam sie nur
mit halber Gewalt dazu, da er mitging. Seitdem er wute, da sein Vater sich
nichts aus der Geest machte, trug auch er kein Verlangen danach. Dort sei fr
einen Seefischer nichts zu lernen, echote er, dort gbe es ja nur Heide und Sand
und Steine und weiter gar nichts.
    Schlielich aber ging Gesa doch nach der Stube zurck, weil ihr zu kalt
wurde, suchte ihr Strickzeug her und setzte sich neben den weien Kachelofen.
    Kiek mol an, Mudder kntt ok, Vadder, rief der Junge lustig. kiek mol an,
Kap Horn, un uns will se wat seggen!
    Da mute sie wider Willen doch mitlachen.
    Wat s de Pastur denn Godes, Klaus? fragte der Knecht. hett he ok beet,
dat dat Is bald doldrift un wi no See seilen knnt?
    Jo, dat segg man, sagte Klaus und ri grimmig an seiner Kurre. ik wull,
dor keum mol Westenwind achter!
    Er blickte ber die Schallen, auf denen die Fleek, das dicke Eis, schon seit
Fastelabend lag. Bis an den Nienstedter Fall, bis in die Mitte der Elbe stand es
noch, zwar schwrzlich und mrbe, aber es hing doch noch zusammen. Dagegen war
das Fahrwasser drben schon fast frei von Eis, dort trieben nur noch groe und
kleine Schollen. Dort segelten denn auch schon die Fischerfahrzeuge vom Audeich,
dem anderen Ende des Eilandes, dort kreuzten schon die Dreuchewer und Jalken,
dort fischten schon die Altenwerder Jollen nach Stinten und Sturen und die
Hamburger Smietnettfischer nach Butten, whrend das Negeschwader, das aus
dreiig Ewern, neun Kuttern, sieben Wattjollen, einigen fnfzig Elbjollen und
Booten bestand, noch im Eise festsa und nicht mitkonnte. Die Auer und
Blankeneser kamen schon mit den ersten lebendigen Schollen die Elbe herauf,
einige hatten schon groe Reisen nach der Weser gemacht: Klaus Mewes aber und
seine Nachbarn saen noch fest. Wenn der Eisbrecher binnen Wasser genug gehabt
htte, wre ihnen lngst geholfen gewesen, aber der groe Beier konnte nur eben
den Rand ein wenig glatt fressen.
    Klaus Mewes sah, da zwei groe Kutter von einem kleinen Schlepper von
Blankenese heraufbugsiert wurden, die sicherlich den Bnn voller Schollen
hatten, und kam sehr in Fahrt. Seine Gedanken zertrmmerten das Eis und brachen
sich einen Weg nach dem offenen Wasser.
    Kap Horn, wat meenst dorto, wenn wi slben Isbreker speelt? rief er.
    Wat seggst du, Klaus? Du wullt een Isbreker utgeben? fragte der alte
Janmaat, der gerade mit brausendem Monsun in den Segeln zwischen dem Kap der
guten Hoffnung und Singapur schipperte und deshalb nicht zugehrt hatte.
    Wi wt di bi Isbrekers, warf Strtebeker laut dazwischen, swarten Kaffe
schallst du hebben! Klaus aber hatte seinen Plan schon unter Segeln. Wi mt
allemann bi, rief er. Htz mitte Mtz, Lttfischers un Seefischers, Schippers
un Ld! Wi stekt uns beiden Kurrlienens ut un spannt uns alltohoop vr un denn
teht wi an! Schallst mol sehn, wo gau wi denn not Fohrwoter raf kommt!
    J!
    Wat j? Meenst, wat wi ne soveel Hlpsld uppen Hmpel kriegt? fragte der
Schiffer.
    Ik hilp ok mit, versicherte der Junge wichtig, ik kann wat tehn, Vadder!
    Du bliwst hier, Klaus, kam es aber mit Gegenwind vom Ofen her. meenst du,
wat du dor nnert Is kommen schallst!
    An Hilfsleuten wrde es wohl nicht fehlen, gab der Knecht zu, aber wer wrde
sein Fahrzeug zum Eisbrecher machen wollen? Das sei der Knoten!
    Der am weitesten im Eis stecke, erwiderte Klaus. Er selbst! Er wolle es
wagen, sein Ewer sei einer der strksten und knne es am besten ab, er wolle
gleich am andern Morgen alles klar machen, und Kap Horn solle dann den Deich
abklopfen und es aussingen, da die Eisbrecherei mit Hochwasser anfangen solle.
Denn knt wi offermorgen all up de Schullen dol, Mudder!
    Huroh, offermorgen geiht no See! rief der Junge, warf die Bunge hin und
machte, da er hinauskam. In voller Fahrt lief er den Deich entlang, da die
Enten im Graben ein lautes Gequark anstimmten und sich erst nach und nach von
dem grnkpfigen Wart beruhigen lieen: Wat, wat hebbt ji eegentlich, dat, dat
is de Jung doch, jo blo! So schnatterte der Wart.
    Du kummst ober noch ne mit, wollte Klaus gerade sagen, aber er kam gar
nicht mehr dazu. Der Junge war schon um die Huk, er hrte auch nicht mehr, da
Gesa laut ans Fenster klopfte und ihn zurckrufen wollte.
    Wat will he? All Bescheed seggen? fragte Kap Horn lachend, aber sein
Schiffer lachte noch lauter und sagte: De? Ne, de will no den Schoster hin un
sien Seestebeln holen. Wenn de klor snd, schall he jo mit an Burd, un he will
woll all gliek de ierste Reis giern mit.
    Dor hest du ok wat scheunes mokt, Klaus, sagte Gesa kopfschttelnd, dat
du em de Stebeln anmeten loten hest! He lppt elken Dag sbenmol hin und ktt
an! De Schoster seggt, he kann em all gor ne mihr hinholen.
    J - du liebe Zeit, erwiderte er, endlich will de Bur de Koh betohlt
hebben, un de Jung will toletzt ok mol sien Stebeln hebben. De Schoster kanns ok
jo man klor moken, denn hett he jo wedder sien geruhigen Nachten.
    Un denn?
    Denn nehm ik den Jungen mit no See, Mudder, dat wee du jo, dor is jo all
genog ober snackt worden, sagte er sicher.
    Sie war aufgestanden und erwiderte mit erregter, heiserer Stimme: Un ik
segg di soveel, Klaus Mees, du kriegst den Jungen ne mit no See. Wenn he noher
grot is un ut de Schol, denn nimm em in Gotts Nomen hin, denn will ik nix mihr
ober em to seggen hebben, ober so lang hrt he mi, mien Mudderrecht lot ik mi ne
nehmen! Is genog, wat ik em soveel uppe Elw loten mtt: no See schall he noch
ne!
    Geef di, Gesa, beschwichtigte Klaus gelassen, whrend Kap Horn, der zu dem
Streit nichts sagen wollte, heimlich aus der Tr ging und mal ber den
Westerdeich guckte. De Jung kummt dssen Sommer mit no See, dat is so gewi as
de Heben. He schall bitieds seefast wardn!
    Ik lied dat ne un lied dat ne! beharrte sie leidenschaftlich. Du hest een
reinen Vogel mit dien Jungen, wee dat? Keen een van de Seefischers nimmt son
ltten Boitel all mit an Burd, de kum een Bx mit Verstand drgen kann.
    Er machte geruhig seine Maschen. De hebbt ok ne son Jungen as ik, sagte
er. lot mi man, Gesa. Ik bn een rechten Fischermann un will een rechten
Fischerjungen ut em moken, un ut di will ik ok wat rechts moken, Diern! Wee,
wat dat is?
    Sie gab keine Antwort.
    Een rechte Fischerfroo, Gesa! Wee du wat, Diern? Du geihst ok mit no See,
man to, denn wardt ierst moi! Kiek di mien Fischeree mol mit eegen Ogen an!
    Sie schttelte starr den Kopf:
    Dat kann ik ne, Klaus! Wenn ik dat kunn, denn harr ik dat vullicht all lang
dohn, ober ik kannt ne!
    Dat kummt uppen Verseuk an, erwiderte er. goh man mol mit, un du schallst
mol sehn: buten ist een barg beter as binnen!
    Klaus, gluf mi dat doch to: ik kann dat ne, ik ward seekrank un starf di
all vr Angst. Mi groot to dull vrt Woter!
    Jo, du bst een grote Bangbx, schalt er, dann aber tat ihm sein herber
Ton leid, und er trstete: Ober dat schall sik woll noch all geben, mien Diern,
pa man up, du wadst noch een gode Fischerfroo, de Banghaftigkeit gift sik mit
de Johren.
    Ne, de gift sik ne, dat weet ik, sagte sie tonlos und ging aus der Stube,
weil ihr die Trnen kommen wollten.
    Da blieb der groe Seefischer allein bei seinen Kurren, aber er lie sich
den klaren Sinn auch durch die Stille nicht verwirren und ging nicht von seinem
Kurs ab. Kap Horn kam herein und nahm seine Arbeit schweigend auf.
    De Jung kummt doch mit no See, lie Klaus Mewes sich vernehmen. Dann
blickte er nach seinem Ewer und wartete auf Kap Horns Meinung, die auch bald an
den Tag kam.
    Klaus, ik will di mol wat seggen: ik kunn dien Vadder sien: as du geborn
weurst, do krz ik all bi Kap Horn rum un greep Albatrossen! De Mudder hett noch
een Recht op den Jungen!
    Och wat! fiel Klaus ihm barsch ins Wort, ik hebb dat eenmol seggt un
dorbi bliwt dat: he kummt mit an Burd! Bi de Dierns geiht dat no de Mudder, ober
bi de Jungens geiht dat no den Vadder! Sien Mudder seh jo up leewst, wenn he
Schoster oder Snieder wardn d un keen anner Woter to sehn kreeg as dat innen
Teeputt. Un wenn wi blieben schulln, Kap Horn, denn mokt se ok een Schoster oder
Snieder ut em. Ober man keen Bang, Klaus Mees kann ne blieben!
    Der alte Knecht erhob warnend die Hand.
    Dat hett dien Vadder ok vullicht dacht oder seggt, Klaus Mees, un he is
doch ne wedderkommen mit sien Eber!
    Aber Klaus Mewes, der seinen Ewer fr den besten von der Elbe hielt und sich
fr den besten Fischermann, blieb dabei, da er nicht bleiben knne. Das war
sein Wort von jeher gewesen, und seine gewisse, sturmgewohnte, sonnenfreudige
Seele hielt daran fest: Ik kann ne blieben, un ik bliew ok ne!
    Strtebeker lie sich auch wieder sehen, er nahm seine Bunge und fing wieder
an zu kntten, aber er machte ein Gesicht wie ein Fischer, der nichts gefangen
hat, und lie die Unterlippe vorstehen, als wenn ein Schock Hhner darauf sitzen
sollte. Der Knecht sah ihn belustigt von der Seite an und stichelte: Na, Klaus
Strtebeker, groer Seeruber, wat s de Schoster? Hett he de Sbenmilenstebeln
noch nich klor?
    Da brach es bei dem Jungen los wie bei einer Stintflage, und er ballerte wie
ein Groer: Ik gluf, de Knappen is verrckt oder splienig! Dat is oberhaupt
keen Schoster, gluf ik, de kan gorne schostern un gor keen Stebeln moken! Dat
is een Leisegnger, Vadder ...
    Schiffer und Knecht konnten sich nicht mehr vor Lachen helfen, aber der
Junge fuhr in seinen Schmhungen fort. Jedesmol, wenn ik komm, seggt he:
morgen; ober he kummt ne wieter as he is, de Tffel.
    Wat scht de Stebeln denn all, Strtebeker? fragte Klaus ernsthaft.
    Ik will doch mit no See, Vadder, un du hest doch seggt, wenn de Stebeln
klor wrn, denn schull ik mit, antwortete der Junge zuversichtlich.
    Bst du denn ok nich mehr bang? fragte nun Kap Horn lauernd. No See drft
blot welk, de nich bang snd.
    Ne, Kap Horn, bang bn ik ne, erwiderte der Junge treuherzig.
    Vrn dode Mus woll nich, Strtebeker, un vrn brodten Gnurrhohn ok woll
nich, ober wenn di een ltten Rottenbieter inne Meut kummt, denn neihst ut, wat
kannst, un schreest: Mudder, Mudder, Mudder!
    Lgen, Lgen, Lgen! stritt Strtebeker und peekte ihn mit der hlzernen
Knttnadel. Ik bn vr keen Hund bang un vr gor nix!
    Wenn du ober op See keen Land mehr sehn kannst, denn geiht dat Blken doch
los?
    Ne, schreen do ik gewi ne.
    Denn wardst du ober seekrank!
    Ne, Kap Horn, ik ward ne seekrank!
    Das klang gerade so, als wenn sein Vater sagte: ik bliew ne! Und Klaus Mewes
sah seinen Jungen an und dachte: was soll in dem wohl anders stecken als ein
Fahrensmann? Dann sagte er, und es klang wie ein Gelbde: Man still,
Strtebeker, du kummst to Sommer mit an Burd!
    Der Junge freilich hatte fr die Feierlichkeit keinen Sinn und lie ein
enttuschtes: Och, to Sommer ierst! fallen, das den Knecht zu der Bemerkung
veranlate, es wre jetzt noch zu kalt auf See.
    Un dien Stebeln snd ok jo noch ne klor, gab Klaus zu bedenken, und Kap
Horn kam noch einmal mit der bitterbsen Seekrankheit an den Wind.
    Sie kntteten fleiig weiter; als es aber Flut geworden war und das Eis
aufstand, die Ewer sich erhoben und das Wasser auf das Bollwerk stieg, hielt
Strtebeker es nicht mehr aus, er lie die Bunge liegen und nahm franzsischen
Abschied.
    Neem schallt no to? fragte sein Vater, aber er erwiderte hingeworfen, er
wolle fttern, - und weg war er.
    Dat keum jo bannig zaghaft rut, sagte der Knecht und sah ihm nach. wenn
de man nix anners in de Lur hett.
    Klaus dachte dasselbe, denn sonst pflegte Strtebeker die Ftterung seiner
Krhe und seiner Kaninchen mit dem von seiner Mutter gelernten Spruch
einzuleiten: Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes!
    Als eine ganze Zeit vergangen war, legte Klaus Mewes den Scheger beiseite
und ging binnendeichs. Wie er sich schon gedacht hatte, war von Strtebeker
nichts zu erblicken. Die Kaninchen machten Mnnchen, als er den Deckel des
Kobens lftete, und lieen ihre Nasen in der Luft tanzen. Klu aber, die alte
Nebelkrhe, die er selbst einmal auf See gegriffen hatte, sa unbeweglich auf
ihrer Stange und wagte nicht mehr als ein halbes Auge an seine Gegenwart. Er
rief halblaut, damit Gesa ihn nicht hren sollte, aber er bekam keine Antwort.
Dann ging er in das Schauer und guckte nach den Stichlingsnetzen, die neben dem
Hhnerwiem hingen; sie waren alle drei am Nagel: fischen gegangen war der Junge
also nicht. Er machte den Warbel vor und blickte ber Wischen, Stegel und
Binnendeich, aber da rhrte sich nichts als Hannis Holsts gelber Kater, der um
einen Musebraten verlegen war und die Stubben berholte. Tiefes Schweigen lag
ber den dunkeln Grben, und in den kahlen Wipfeln der Eschen und Erlen sa das
nchtliche Grauen, das die See nicht hat, sondern nur das Land, und das den
Seefischer darum einigermaen bedrckte, als er sich nun aufmachte, seinen
Jungen zu suchen. Er dachte aber nicht nach Weiberart an das Wasser, und da er
hineingefallen sein knnte; brigens wute er jaauch, da Strtebeker schwimmen
konnte und nicht in einen Graben fiel, ohne wieder herauszuklettern. Aber er
wollte wissen, wo er abgeblieben war.
    So ging er ber die Wurt nach dem Deich zurck und guckte mit seinen
scharfen Augen ber das Eis, er lief ber die Blschen nach dem Ewer, die Waken
und Lcher umgehend; nichts war zu sehen als im Fahrwasser die Lichter, die
gelben, grnen und roten, nichts zu hren als das raschelnde, alte Reet auf den
Kneienblicken und das Krachen der zusammenbrechenden Sickberge in der Weite.
    Sollte der Junge wieder in der Kombse sitzen, wie er es schon mehrmals
gemacht hatte, um sich an die Ewerluft zu gewhnen? Klaus Mewes turnte auf das
Deck und stieg in die stille, dunkle Kajte hinab, die ihm nun beinahe fremd
vorkommen wollte, so tot erschien sie ihm ohne das sonst stndig brennende
Licht.
    Wo mochte der Junge sein?
    Wieder an Deck, horchte er von neuem, aber er vernahm nur das Tuten eines
Dampfers, der dwars von der Nienstedter Kirche fuhr. Seine Flagge auf der Besan
regte sich leicht im Abendwind, als er hinaufsah. Da scho ihm jh der Gedanke
durch den Kopf: wenn ik di blo ne halfstock holen mtt! - aber er jagte ihn von
dannen, kletterte ber das Schwert und schritt ber das Eis nach dem Bollwerk
zurck. Im Osten glomm der Lichtschein von Hamburg auf, der dem Landfremden eine
weit entfernte, ungeheure Feuersbrunst vortuscht. Da dachte Klaus Mewes an die
alte Fischfrau Beeken Focken, die 1842 schon verheiratet gewesen war: so alt war
sie. Die hatte einmal bei ihm auf dem Deich gestanden und mit ihren braunen,
knochigen Fingern nach dem stlichen Abendrot gewiesen und gesagt: viel anders
htte sich das 1842 vom Deich aus auch nicht angesehen: nun wre Hamburg schon
so gro, da es jede Nacht einen so groen Brand htte.
    J, Beeken, dat magst du woll seggen: bi de veelen Wirtschaften, hatte er
lachend geantwortet.
    Mit einem Mal drehte er sich um und sah Seemann auf dem Bollwerk stehen.
Neem is Strtebeker, Seemann? Such! Such! rief er hastig.
    Seemann wedelte mit dem Schwanz zum Zeichen, da er verstanden hatte, und
setzte sich gemchlich in Bewegung. Er schwankte von dem langen Leben an Bord
wie ein wirklicher Seemann von einer Seite nach der andern, wenn er lief.
    Klaus wute schon Bescheid, es ging nach der Nekule, in der der Kahn lag:
der Junge schipperte gewi oder go das Wasser aus seinem Fahrzeug, das etwas
ziepte. Da lag aber der Kahn unter den krummen Wicheln und war nicht abgeleint
wie sonst, der Riemen lag dwars, und kein Junge war dabei: jach befiel ein
ungeheurer Schreck den Fahrensmann, der auf der Doggerbank den bsesten Strmen
furchtlos in die Augen blicken konnte, und er lief in Sprngen den Deich hinab.
    Klaus!
    Der Strtebeker blieb ihm dies eine Mal doch in der Kehle stecken.
    Hier bn ik, Vadder, wat schall ik? rief Strtebeker, und eine dunkle
Gestalt lste sich aus dem Schatten der Baumstmme, die den Schleusengraben wie
Gespenster umstanden. Taumelnd kam sie nher und wre umgeschossen, wenn der
Seefischer sie nicht aufgefangen htte.
    Wat is dor los, Strtebeker? Wat fehlt di? Bst du krank?
    Der Junge sah bla aus, aber er lchelte doch schon wieder verloren. Jo,
Vadder, ik bn seekrank un mtt mi jmmer speen.
    Wat kummt dat denn?
    Der Junge wies nach seinem grnen Kahn. Ik will mi seefast moken, Vadder,
wat ik mi noher up See ne mihr to speen bruk. Un Jakob Husteen hett to mi seggt,
denn m ik jmmer mitten Kohn dmpeln. rk, rk - wat bn ik nu slecht toweg,
Vadder, wat hebb ik frn bittern Gesmack innen Mund!
    Klaus wollte lachen, lachen, lachen, - er konnte es aber nicht, weil ihn die
Tapferkeit des kleinen Kerls tief rhrte, der so lange mit dem Kahn dmpelte,
bis ihm schwindelig wurde, nur um sich seefest zu machen.
    J, Strtebeker, so geiht dat buten den ganzen Dag! Nu wullt doch gewi ne
mihr mit no See, wat?
    Aber der Junge nickte herzhaft und sagte: Doch, Vadder! Morgen dmpel ik
wedder, un offermorgen un den Dag, de denn kummt, ok, bit ik ne mihr dsig ward
un mi ne mihr breken mtt! Ik will mi doch to Sommer van Kap Horn un Hein Mck
nix utlachen loten!
    Klaus Mewes vertaute den Kahn in schiffergerechter Art, nahm seinen Jungen
bei der Hand und ging mit ihm nach dem Ne zurck.
    In der Dn brannte schon die Lampe.
    Als sie sich vor der Tr die Fe abschrapten, sagte Klaus halblaut: Brukst
Mudder dor ober nix van to seggen, hrst? Segg du man nix, Vadder: ik will
woll swiegen, flsterte Strtebeker kameradschaftlich und setzte sich in der
Dn gleich neben den Ofen, mglichst weit von der Lampe, bckte sich tief und
zog umstndlich die Stiefel aus, um sein Gesicht vor der Mutter zu verbergen,
die gleich in richterlichem Ton fragte:
    Non, neem kommt ji denn her?
    Wi snd mol no de Nekul wesen, berichtete Klaus Mewes der Wahrheit gem.
    Hest du ok natte Strmp, Klaus?
    Ne, Mudder, knokendreug!
    Lot mol feuhlen! De un dreug? De leckt jo vr Nattigkeit. Gliek treckst jm
ut!
    Strtebeker machte ein saures Gesicht, aber er freute sich doch, da sie
weiter nichts merkte, und wischte heimlich die letzten Spuren des
Seefestigkeitskursus ab.
    Nach dem Abendbrot wurde das Kntten noch eine Weile wieder aufgenommen,
dann aber packten sie das Kurrengut zusammen und machten Feierabend.
    Kap Horn suchte sich die alten Zeitungen aus der Bank hervor und las den
Roman: Zehn Jahre unter der Erde oder Schuld und Shne mit aufgesttzten
Ellbogen. Wenn er dabei an Stellen kam, die ihm behagten, so nickte er anhaltend
mit dem Kopfe, wogegen er bei Kapiteln, die nicht nach seiner Klitsch waren,
ebenso ausdauernd den Kopf schttelte. Ja, man konnte noch mehr aus seinem
Gesicht erkennen, denn wenn er von Wind oder Sturm las (und in einem echten
Roman weht und strmt es ja alle drei Seiten!), so pustete er leise vor sich
hin, las er von Liebe, so strich er sich ber die Backen, gab es eine
Mordgeschichte zu kauen, so las er mit geballten Fusten und so weiter. Wenn sie
sturmeshalber achter Norderney oder Wangeroog lagen, beobachtete Klaus, in der
Koje liegend, seinen lesenden Knecht mitunter stundenlang und sagte dann
zuletzt: Nu will ik di mol vertillen, Kap Horn, wat du lest hest. Und meistens
stimmte es, was er dann erzhlte, da der Knecht zuletzt jedesmal erstaunt
sagte: Klaus Mees, ik gluf, du kannst hexen.
    Diesen Abend aber kam der Schiffer nicht dazu, denn sein Junge ritt auf
seinen Knien und treunte um eine Geschichte.
    Ik weet uppen Stutz keen.
    Och Vadder, vertill doch een! Du wee so veel.
    Ne, ik kann nu keen tohoopgrabbeln.
    Och, man to, Vadder!
    Non jo, denn ober ganz still wesen un eulich tohrn un noher ne wedder
seggen, dat wr jo gorkeen Geschichte.
    Ne, Vadder, dat segg ik ok ne, versicherte Strtebeker, und sein Vater
legte los.
    Non, denn hr to: dor wr mol een Mann, de harr keen Kamm, to kfft he sik
een, to harr he een ... Da hielt der Junge seinem Vater aber schon den Mund zu
und paukste: Dat is keen Geschichte, dat is Narrenkrom! Du schallst een euliche
Geschichte vertillen!
    Non, denn hr to: dor wr mol een Mann, de wr in de Heid verbiestert, nu
hr man god to! Dor wr mol een Mann, de wr in de Heid verbiestert ... Da
hielt Strtebeker ihm wieder den Mund zu und sagte, das wre auch Tdelei, un he
kunn een euliche Geschichte verlangt wesen.
    Non, denn hr to: to sett he sien Hot uppen Disch un seggt: non denn so
wit, ich selbst bin Klaus Strtebeker!
    O weh, - das htte Klaus Mewes doch wohl lieber nicht vorbringen sollen,
denn nun tagelte Strtebeker ihn regelrecht durch und heischte zwar etwas von
Klaus Strtebeker, aber etwas andres, nicht immer diesen einen Satz, den er
schon tausendmal gehrt habe.
    Kap Horn legte den Finger auf das letzte Wort, das er gelesen hatte, sah auf
und sagte: Klaus Strtebeker bst du jo slben, Junge, dor brukt di doch
keeneen wat von to vertellen.
    Gesa aber, die einen Flicken auf die englischlederne Hose setzte, sagte
abweisend: Lot den olen Seeruber man nnerwegens un numt den Jungen man ne
jmmer Strtebeker. Den olen, slechten Nom ward he jo sien ganz Leben ne wedder
los.
    De Nom is gor nich so slecht, Gesa, sagte Kap Horn ernsthaft, whrend
Klaus Mewes lachte und meinte, den Namen habe er einmal weg. Klaus Strtebeker
sei brigens gar kein schlechter Mensch gewesen, wohl habe er den reichen
Kaufleuten und den Knigen ihr Gold und Gut weggenommen, aber den Armen habe er
viel Gutes getan, noch jetzt wrden die armen Leute zu Verden von seinem Geld
gespeist. Und mit den Fischern habe er es auch nicht bs gemeint: er strte sie
nicht, und wenn er Fische holte, so bezahlte er sie reichlich.
    So erzhlte Klaus Mewes, was die Sage an der Wasserkante zusammengetragen
hat von den Vitalienbrdern und ihrem Hauptmann Klaus Strtebeker, - - und der
kleine Klaus Strtebeker sa mit funkelnden Augen und glhenden Backen dabei und
konnte nicht genug hren, wie sie Kopenhagen in Brand steckten, wie die
zerfetzte, gelbe Flagge im Sturme flatterte, wie sie mit den Hamburger Schiffen
umsprangen, wie sie Ritzebttel und Neuwerk wegnahmen und wie sie den
schottischen Knig gefangen hielten. Als Klaus aber weiter ging und von dem
groen, breiten Graben auf Finkenwrder erzhlte, der die kleine Elbe hie, und
da Strtebeker dort oft mit seinen Schiffen auf der Lauer gelegen habe, da
sprang der Junge auf, da Kap Horn ausrief: Neem is dat Fr? und fragte:
Vadder, neem is de Groben?
    Sein Vater beschrieb ihm diesen Graben und sagte, da es damals noch keinen
Deich gegeben habe und da die kleine Elbe ein Priel von der groen gewesen sei,
aber er konnte es dem Jungen doch nicht recht verdeutschen, der sich einen so
breiten Graben eben nicht vorstellen konnte, und es blieb schlielich nichts
andres brig, als da sie eine kleine nchtliche Expedition nach dem
Seerubergraben ausrsteten, die trotz der groen Einwendungen von Gesa sofort
ausrckte, und der sich auch Kap Horn und Seemann freiwillig anschlossen.
    Klaus, bliew hier, dor sitt de Brummkirl innen Groben un holt di!
    Der Junge lachte sie aus und sagte, whrend er sein wollenes Halsband
umband: Brummkirl gift ne, Mudder.
    So?
    Hett Vadder seggt! Dor ward blo ltte Kinner mit bang mokt, wat se ne bit
Woter gohn scht.
    Dann schlug die Haustr knallend zu, und Gesa war wieder allein. Wie die
Brechseen ber dem kleinen Ewer, so schlugen die Gedanken ber ihrem Kopfe
zusammen; sie konnte sich ihrer nicht erwehren und konnte auch die quellenden
Trnen nicht hemmen! Warum mute sie so geschaffen sein, da sie nicht getroster
Hoffnung und frhlichen Herzens an die Seefahrt denken konnte, warum konnte sie
sich der Keckheit ihres Jungen nicht freuen? Warum nichtwarum nicht? Sie war
doch jung und gesund: warum mute sie da immer wieder zusammenbrechen und klein
und verzagt werden, warum konnte sie ihn nicht los werden, den furchtbaren
Gedanken, da sie den Ewer auf See untergehen und den Jungen ertrunken im Graben
sehen solle? Warum wagte sie es nur mit heimlichem Grauen, helle Kleider zu
tragen?
    Sie begriff es nicht, da eine Seefischerfrau, wie die kleine Metta Holst,
die doch auch nicht am Deich grogeworden war, sondern wie sie von der Geest
stammte, es aushielt, da sie so frhlich lachen und singen konnte, und abends
in der Schummerei geruhig auf dem Deich unter den Linden hinter dem Spinnrad sa
und spann: denn ihr Mann und ihre beiden Shne fuhren auf einem Ewer, schwammen
auf einem Stck Holz in der See. Ein Blitzstrahl, eine Brechsee konnte ihr
ganzes Leben verschtten, ihr ganzes Haus verdunkeln, ihr alles, alles nehmen, -
und doch konnte sie singen und lachen, die Frau. Da eine so fest stehen konnte!
    Gesa schttelte den Kopf.
    Der Junge glitt ihr ganz aus den Hnden. Sie hielt viel von ihm, gewi,
ebensoviel, wie andere Frauen von ihren Kindern. Und wenn sie ihn zgelte und
ihm wehrte, wenn sie ihn dem Wasser fernzuhalten suchte, was trieb sie anders
dazu als die Liebe? Bis zu drei Jahren war der Junge ein rechtes Mutterkind
gewesen, das ihr Schrzenband kaum losgelassen hatte, und sein Vater hatte sich
wenig mit ihm abgegeben, sondern nur immer lachend erklrt, da er mit so
kleinen Gren nicht umzugehen wisse: ein Mann, der ein kleines Kind auf dem Arm
habe, komme ihm vor wie ein Hahn, der auf Eier gesetzt sei. Zwar hatte er den
Jungen zuerst wohl alle zwei Stunden geweckt und dabei gesagt, das msse er
beizeiten lernen, denn spter beim Schollenfang hiee es auch: alle zwei Stunden
raus! aber es war nur Spa gewesen, wie es auch Spa gewesen war, wenn er ihn
auf und ab schaukelte, um ihn an die Dnung zu gewhnen und ihn seefest zu
machen, wozu er sang: So dmpelt de Eber, so dmpelt de Eber, so dmpelt de Eber
up See ...
    Dann aber, als der Junge anfing zu sprechen und zu begreifen, war es anders
geworden: da kam der Ernst. Da wurde er ausgelacht, weil er ein Mutterkind war,
und von ihren Wegen abgelenkt, da wurde das Wort gesprochen: Ne bang wesen,
Junge, anners kummst du ne mit no See! Ne schreen, Klaus, anners kann ik di
noher an Burd ne bruken, denn m du Kleigrober oder Kristoffer Bullerballer
wardn! Da war der Brand in die Kinderseele hineingeworfen worden und hatte sie
verheert! Da war ihm der Kompa in die Brust gesetzt worden, der bestndig nach
der See wies und all sein Tun und Lassen lenkte.
    Dann kam der Kahn, der grne, nordische Kahn, von dem Gesa glaubte, da ihr
Mann ihn vom Teufel gekauft hatte und nicht von dem norwegischen Schuner, wie er
behauptete. Den bekam der Junge zu seinem vierten Geburtstage, und damit war er
der Elbe und dem Wasser verfallen der nun mehr war als die andern Jungen am
Deich: Reeder und Schiffer. Da bertrugen die Finkenwrder den Namen des
Fahrzeuges bald auf den Jungen, und aus dem kleinen Klaus Mewes wurde fr jung
und alt ein kleiner Klaus Strtebeker! Gesa seufzte tief, denn sie trug schwer
an diesem gottlosen Namen.
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    Die vier Getreuen aber standen an dem breiten, schwarzen Graben zwischen den
dicken krummen Wicheln und den schlanken, schiefen Erlen und suchten die Spuren
von Klaus Strtebeker. Sie bestimmten den Baum, an dem er sein Admiralsschiff
festgehabt htte, und durchforschten die hohlen Stmme nach Gold, das er
vielleicht hineingesteckt haben knnte. Das faule Holz glomm auch wirklich wie
Silber, so da der Junge alle Augenblicke ausrief: Hier sitt dat Gild, hier
sitt dat Guld! und sie von einer Wichel nach der andern lockte.
    Klaus Mewes aber guckte viel nach dem Bauernhof auf der zehn oder zwlf
Ewerlngen entfernten, deichhohen Wurt, der bei den alten Leuten noch der
Grnlandshof hie, weil in alten Zeiten die hamburgischen Walfischfnger neben
ihm geankert hatten. Dorther stammten er und die ganze, weitverbreitete Sippe
der Mewes: auf dem Grnlandshof hatte der alte Vogt hollndischen Blutes
gesessen, der aus einem Bartholomus zu einem Bartel Mewes geworden war. Seine
Jungen und Enkel dann, die hatten es herausgefunden, da es besser sei, die
grne See zu pflgen, als das braune Land, und sie waren nach dem Deich gezogen
und Schiffer und Fischer geworden. Das Bauerngeschlecht der Mewes war
ausgestorben: die seefahrenden Mewes aber waren immer noch gro am Ruder und
machten ein Drittel der Fischerflotte aus, whrend das zweite und letzte Drittel
den Focken und Klper zukam.
    Seefischerei! Klaus Mewes sehnte sich nicht nach der Bauerei zurck und
tauschte seinen lieben, groen Ewer gewi nicht gegen den ganzen Grnlandshof.

                                Dritter Stremel.


Den Montag, der als ein schner, stiller Vorfrhlingstag ber die Elbe kam, fing
Klaus Mewes mit fher Arbeit an, er schleppte Segel und Kurren, mit seinen
Leuten ber das Eis, machte die beiden Kurrleinen fertig und eiste dann das
Fahrzeug ringsum frei, damit Raum fr den notwendigen Anlauf gewonnen wrde,
denn er hatte keine Ruhe mehr: das Eis trieb nicht weg und konnte noch
wochenlang liegen bleiben: da mute er Gewalt anwenden!
    Hein Mck, der erst gegen Morgen von Musik gekommen war, konnte kaum die
Augen offen halten, aber sein Tappen half ihm nichts: er bekam die nassen
Fausthandschuhe zu schmecken und mute tchtig daran glauben.
    Halbermittag ging Kap Horn den Deich entlang, um anzusagen fr die groe
Arbeit, die gleich nach dem Essen angegriffen werden sollte. Kap Horn war der
rechte Mann fr so etwas, denn er konnte gut klnen; zwar dauerte es Stunden,
bis er die hundertfnf Huser abgeklopft hatte, aber er hatte dafr auch die
Genugtuung, acht Tassen Kaffee und zwei Kirschenschnpse eingegossen bekommen
und alle an Land befindlichen Mannsleute angeworben zu haben. Strtebeker
begleitete ihn ein Stck und lief dann nochmal nach dem Schuster und mahnte ihn
um die langen Stiefel, freilich ohne da er sie gekriegt htte.
    Dann trabte er wieder nach dem Ne und half seinem Vater, dem er in allen
Schiffsdingen der unermdlichste und aufmerksamste Helfer war. Ein so groer
Stankmacher und Ausfresser der Junge sonst war: solange er bei seinem Vater
stand, verga er alles andere und war nur noch der lerneifrige, vielfragende
Schiffsjunge.
    Nach Mittag standen sie dann im Sonnenschein auf dem Ewer, der schon in
seiner groen Wake trieb: Schiffer, Knecht, Junge, Spielvogel und Hund.
    Hein Mck pumpte noch etwas, bis die Pumpe rchelte, und Strtebeker drngte
das Ruder von Backbord nach Steuerbord und von Steuerbord nach Backbord, als
habe er wirklich zu steuern. Klaus Mewes und Kap Horn aber schleppten die beiden
schweren Trossen ber das Eis.
    Da kamen sie vom Deich herunter und ber das Eis gegangen, die Seefischer,
die Wattfischer, die Lttfischer, die Frachtschipper, es kamen der Gastwirt, der
Reepschlger, der Blockmacher, der Krmer und der Segelmacher, weit ber hundert
Mann, alle in groen Stiefeln steckend, laut lachend und sprechend, in Gruppen
und einzeln. Und die gewaltige Schar versammelte sich um den Ewer, einigte sich
ber den Weg, den sie nehmen wollte, und verteilte sich auf die beiden langen
Kurrleinen. Alles Grenzeug lief und rannte auf den Schallen umher, und oben auf
dem Deich standen die Frauen und Mdchen und guckten und warteten. Am Bollwerk
und auf den Schallen aber lag die Menge der Fahrzeuge, denen der groe Tag die
Freiheit bringen sollte. Die vergoldeten Flgel blinkten im Sonnenschein, und in
den Klsenaugen leuchtete es vor Hoffnung.
    Der groe Tag, - der grte Tag der Finkenwrder Fischerei, an dem sie die
Mchtigkeit ihrer Flotte, die Strke ihrer Mannschaft, die Brderlichkeit und
Hilfsbereitschaft ihrer Fahrensleute am besten bewies. Allen, die ihn erlebt
haben, die den groen Triumphzug vom Bollwerk bis an das weit entfernte
Fahrwasser gesehen haben, hat er sich unauslschlich in die Seele eingegrcktt.
Nicht wahr, du Finkenwrder: up den Dag kannst du di ok noch besinnen?
    Es kamen immer noch mehr Fahrensleute ber das Eis: alle, alle wollten
helfen, alle wollten dabei sein! Nun waren der Hilfsleute genug: Klaus Mewes
stand am Steven wie ein Knig und grhlte, die Leinen mten noch weiter
auseinander. Und als das getan war, da rief er ber das Eis, so laut er konnte:
All klor! Een, twee, dree: allemann inne Gangen! Huroh! Huroh! Huroh!
    Da sprang Kap Horn nach dem Ruder und warf es herum: die Fahrensleute aber
setzten sich mit Huroh und Jmmerbeterbi und Hdjihh in Bewegung und zogen die
Leinen steif: der Ewer kam in Fahrt und scho durch das offene Wasser, dann
krachte und knackte er gegen das Eis, zerbrach es, schob es zur Seite, drckte
es unter sich, bumte sich auf, senkte sich wieder, kam aber dann zum Stehen und
blieb vor einem Eisberge sitzen! Aber ein schnes Stck war schon bewltigt.
    Strtebeker sprang wie ein Wiesel, hpfte wie ein Heister, wie ein
Wippsteert auf dem Ewer umher: als aber das Brechen losging, stand er neben
seinem Vater, der unermdlich anfeuerte, und hielt sich am Vorderpoller fest.
Das war was fr ihn. Junge, Junge, Vadder, so geiht he god.
    Stoppi - stoppi -
    Nun mute ein Tau achteraus geschoren werden, und sie muten den Ewer ein
Stck rckwrts ziehen, damit sie Anlaufraum gewnnen. Klaus Mewes und seine
Leute gingen mit Haken daran, die Schollen vor dem Bug zu entfernen.
    Kord Klper aber, der spaige, der Ontjekolontje hie (er hatte aus dem
bremischen Dreimaster, der mit Stckgut nach Valparaiso wollte und auf Scharhrn
strandete, eine ganze Kiste Klnischen Wassers - Eau de Cologne - erbeutet und
bespritzte seitdem Taschentuch und Sdwester, Buscherump und lbx damit, wie
behauptet wurde, jedenfalls aber roch alles an ihm nach Ontjekolontje), Kord
Klper kam heran und rief: Klaus Strtebeker mtt no achtern gohn, anners speel
ik ne mihr mit: de drckt dat Fohrtch vr to deep dol. Deit he ok! riefen
einige Knechte zur Bekrftigung.
    Da trat Strtebeker schweigend ab, wie Wallenstein auf dem Reichstag zu
Regensburg, ging langsam nach dem Heck und stellte sich neben Kap Horn ans
Ruder, damit der Ewer den Steven hher hbe.
    Und Jan Krger, der laute, kam ber das Eis und sagte zu Klaus Mewes:
Klaus, du bst en fixen Kirl bi de Kltenpann, dat weet wi all, du weest, wat
vr un achter is annen Schipp un bst vrn doten Kiwitt ne bang: ober dat
Grhlen, weest du, dat Blken, versteihst du, dat Andrieben, hrst du, dat
Beterbi, mien Jung, dat hest du doch noch ne rut! Dat mtt ganz anners
rutflegen! Ik kann grhlen: lot mi dor mol stohn un kummandiern!
    Klaus Mewes aber lachte: Hier kummandier ik, Jan, dat wee du woll; bliew
du man anne Kurrlien! Eegenbuck! rief Jan laut und ging an seinen Trn.
    Dann erhob Klaus Mewes wieder Arm und Stimme, und alle zogen an.
    Huroh! Togliek! Hdjihh!
    So rief es auf dem Ewer, so rief es auf den Schallen, so rief es vom Deich,
und das Fahrzeug gnosterte wieder durch das Eis und brach den Weg weiter. Zwei
Ewerlngen wurden gemeistert, dafr muten aber auch drei Mann ausscheiden, die
eingebrochen waren: Jakob Walro, der eigentlich Jakob Witt hie und seinen
kelnamen von seinem herunterhngenden, borstigen Schnurrbart hatte, und Hein
Mewes, den sie Hein Lompdom nannten, weil er einmal geantwortet hatte, als ein
Altenwerder ihn fragte, wie es auf Finkenwrder ginge: Och, dat wee woll, Siem
Achner, jmmer lompdom, lompdom! Der dritte aber der eine Quappe stach, war
Strtebeker: er hatte sich den kleinen Haken hergekriegt und die Eisblschen mit
weggeschoben: dabei war er ber Bord gefallen und wre beinahe unter das Eis
gekommen, wenn Kap Horn ihn nicht noch mit dem Haken erwischt htte. Er zog ihn
wie einen Seehund an Deck, und nun war die Herrlichkeit aus: Klaus Mewes ging
mit seinem Jungen nach unten, zog ihn aus, hngte das nasse Zeug um den Ofen und
steckte den nackten Mann in seine Koje. Dann mute er wieder hinauf, denn das
Eisen war schon wieder in vollem Gange: er schickte aber Hein Mck, der Feuer
machen mute, damit es trockne. Oben rief es wieder von allen Seiten, am Bug
scheuerte und stie das Eis, dann donnerte und krachte es, als brche der Ewer
in Stcke! Hein Mck sagte: Och wat, dat Fr will woll van slben inne Gangen
kommen! und rannte die Treppe hinauf, zu sehen und zu helfen.
    Klaus Strtebeker blieb allein in der Kajte und horchte auf den Lrm. Nun
treckten sie wieder, nun mute der Ewer erst wieder ber Steuer! Bang dtt ik
ne wardn, anners komm ik ne mit no See, sagte er vor sich hin, wenn das
furchtbare Poltern wieder anfing. Mitunter stand er auf und befhlte das Zeug,
ob es noch nicht trocken wre, dann kroch er frierend wieder unter die Decke und
horchte abermals.
    Oder er guckte die goldenen Sprche an, die unter den Kojen eingeschnitzt
waren.

                                     * * *

    Was fr Sprche waren das? fragt die Seele. -
    Wer im Altonaer Museum gewesen ist und die Ausstellung des Deutschen
Seefischerei-Vereins gesehen hat (Deutscher Seefischerei-Verein: ich mchte
seinen Namen golden schreiben, weil er so viel fr unsere Fischerei getan hat
und noch tut!) - der hat auch in die puppenkchenenge Kombse des Blankeneser
Fischerewers aus den sechziger Jahren hineingeguckt und die Sprche gelesen, die
darin stehen: Unter der Schifferkoje: In Storm un Noth / Bewahr uns Gott; unter
der Knechtenkoje: Hier eben ber hin / Is beter as op den Bnn; unter der
Jungenkoje: Ht Klt un morgen Fisch / Vergngt gaht wi to Disch. Und er hat
wohl gefragt, ob auch die anderen Fischerfahrzeuge sich solcher Zier erfreuten.
    Sie taten es. Wie jedes alte Bauernhaus seinen Segen trug, so hatten auch
die Ewer ihre Sprche, kstliche Bibelverse zumeist.
    Bei Klaus Mewes stand unter der Koje des Koches sogar ein lateinisches Wort:

                          Mediis tranduillus in undis.

    Und das war so gekommen: als Klaus das Fahrzeug bauen lie, bei Jochen
Behrens an der Sderelbe, der ein gutes Stck der Flotte gezimmert hatte, dachte
er selbst viel ber einen Bordsegen nach, bltterte die Bibel und das Gesangbuch
durch und zerbrach sich den Kopf, aber er konnte nichts ketschern, das ihm gut
genug war. Da ging er denn eines Tages, als er wieder nach der Werft wollte,
beim Pastoren vor und fragte den. Bodemann, der schon manchem Fischermann
geraten hatte, mute etwas wissen.
    Nun hatte er den Tag aber gerade einen Auszug aus dem Borkumer Kirchenbuch
ber eine angeschwemmte Finkenwrder Leiche bekommen und ber den lateinischen
Spruch auf dem roten Siegel nachgedacht; er ntigte den Besuch deshalb in einen
Stuhl, der so weich war, da Klaus Mewes an Abrahams Scho erinnert wurde, und
schrieb ihm die vier Wrter auf. Shso, mien lebe Klaus Mees, sagte er und
fragte nach Schiff und Stapellauf.
    Der Fischermann bedankte sich, dann aber drehte er den Zettel berkopf, als
wenn die Worte in Spiegelschrift abgefat wren, guckte ihn nochmals scharf an
und sagte dann: Dat is woll latiensch, Herr Pastur, wat? Jawoll, Herr Mees,
latiensch! So, so! Non, Herr Pastur, weeten se, son beten latiensch kann ik
jo. an Jan Eitzen sien Kutter steiht Ora et labora, und dat heet: Bete und
arbeite. Un an Nebur sien Hus steiht Soli deo gloria, un dat heet: Gott allein
die Ehre. Ober mit dt Medis sitt ik all gliek fast!
    Mediis tranpuillus in undis: ruhig inmitten der Meereswogen heet dat,
sagte der Pastor ernst. Mit dem Spruch lett sik woll no See fohren.
    Da hatte Klaus Mewes sich bedankt und war seines Weges gegangen. Der Spruch
gleite zwei Jahre unter seiner Koje, dann ging einmal ein Schullehrer in der
Stachelbeerzeit mit ihm nach See, ein deutschgesinnter, begeisterter Junggast,
der schlug groen Lrm darum: Schiffer Mewes, was soll das Latein dort? Ist ihr
Schiff kein deutsches und mu es keinen deutschen Spruch haben, den sie
verstehen und bei dem sie sich etwas denken knnen? Was sollen berhaupt alle
die lateinischen, griechischen, hebrischen, englischen und franzsischen Namen,
die eure Schiffe haben? Wer heckt sie aus, wer hat sie bedacht, wer tauft hier
deutsche Fahrzeuge Sagitta, Poseidon, Ebenezer, Avance, Courier, Salamander,
Pescatore, Vlieboot und Cito? Die Alten machten es besser, die nannten die
Schiffe wie ihre Frauen: danach mte ihr Ewer Gesa heien und nicht Laertes.
Und statt des Lateins mte hier ein guter deutscher Spruch stehen!
    Schallst recht hebben, mien Jung, sagte Klaus Mewes, ik frei mi jmmer,
wenn een kleuker is as ik bn. An den Laertes lett sik jo nu nix mihr innern,
ober wenn du een scheunen Spruch fr de Koi wee, denn wt wi mol sehn. Da kam
das starke, ewige Lutherwort unter die Koje:

                         Ein feste Burg ist unser GOTT,

den lateinischen Spruch aber erhielt die Knechtenkoje als Schmuck. So ging es
wieder zwei Jahre gut, bis der lange Harm Riegen, der Ewersprche sammelte,
einmal in die Kajte trat und ausrief: Twee Wiltsproken stoht dor all, Klaus,
oder de drtte, de von Kap Horn bit ant Nurdkap snackt ward un de ller is as de
annern beiden tohoop, fehlt dor noch bi: plattdtsch!
    So, lachte Klaus Mewes, du kummst van wegen de Sprch: ik meen all, du
wullst mol meten, keen greuter is van uns twee beiden! Harm, plattdtsch kannen
doch blo snacken, to schrieben geiht dat doch ne!
    Klaus, dat gift hunnert grote, dicke Beuker, de plattdtsch snd!
    Kann ne angohn, Harm! Dor hebb ik noch nix van hrt!
    Wat? schrie Harm Riegen, sprang auf, rannte wie ein durchgehendes Pferd
den Deich entlang und kam nach einer Viertelstunde mit einer groen,
plattdeutschen Bibel von 1486 zurck.
    Hier, Klaus Mees!
    Wat? Dat is een Book? Ik meen, dat wr een rukerten Schinken!
    Nachdem er sich aber zu seiner Verwunderung berzeugt hatte, da sie
wirklich plattdeutsch gedruckt war, und nachdem Harm ihm ein Kapitel daraus
vorgelesen hatte, erklrte er sich damit einverstanden, auch einen
plattdeutschen Spruch zu setzen und gab zehn Bund getrockneter Scharben fr die
Worte, die nun unter seiner Koje prangten und leuchteten:

Hilpt mi, Snn und Wind,
hilpt mi bit Fischen!
Ik heet Klaus Mees
un bn van Finkwarder.

    Eegentlich harr ik di twintig Bund todacht, Harm, sagte er aber doch
dabei, ober dat riemt sik jo ne, dorm kriegst du blo tein! Den hochdeutschen
Spruch bekam die Jungenkoje.

                                     * * *

    Wiederum stand der kleine Strtebeker auf und befhlte seine Sachen, er
hngte sie um und stkerte das Feuer nach. Du liebe Zeit, wie lange dauerte das!
Er kriegte ja von dem Eisbrechen gar nichts mehr zu sehen, denn bei dem vielen
Hurra muten sie wohl bald nach dem Fahrwasser kommen!
    Einem pltzlichen Einfall folgend, schob er die Hinterwand der Koje zurck
und guckte ber die Ketten hinweg nach den fnf Totenschdeln, die ganz vorn im
Steven zwischen den Kneeen steckten. Kap Horn hatte sie ihm vorher einmal
gezeigt und gesagt, die htten sie in der Kurre gefangen. Man drfe solche
Totenkpfe nicht wieder ber Bord werfen, sondern msse sie in den Steven
stecken, dann knne der Ewer niemals umkippen. Nachdenklich starrte der Junge
sie an, als wenn er nicht recht klug daraus werden knnte, denn sein Vater hatte
auf seine Fragen geantwortet: das ist nichts zum Besprechen und Besehen, sondern
etwas zum Schweigen. Wie grsig kalt die Luft aus dem dunkeln Loch kam!
Strtebeker zitterte vor Klte, schob die Klappe zu und wrmte sich wieder auf.
Als er aber einen Augenblick gelegen hatte, litt es ihn nicht mehr unter der
Decke: er holte die Seekarten vom Bord und rollte sie auf und sah die roten
Punkte an, die Feuer bedeuteten, und die kleinen Feuertrme, und Baken, die am
Rande der Karten standen, whrend es drauen wieder lrmte und rief.
    Abermals stand er auf. Das Zeug war noch klamm und fuchtig, aber er dachte
wie sein Vater: Uppen Lief dreugt upt best! und zog sich an, so schnell es gehen
wollte. Er war noch nicht ganz fertig damit, als es drauen dreimal Hurra rief,
da hielt er es nicht mehr aus aus, halb angezogen, in Unterhosen, mit einem
Stiefel am Fu und einem in der Hand, sauste er nach oben und guckte aus der
Kapp: da drngte der Ewer gerade die letzten Eisstcke beiseite und glitt
langsam in das freie Fahrwasser hinein. Klaus Mewes und seine Macker zogen die
mitgeschleiften Kurrleinen ein, der Ewer aber benutzte die Dnung eines
vorbeigehenden Slomans zu einigen tiefen Dankesverbeugungen vor seinen Helfern:
Ok veelen Dank, dat ji mi rutholpen hebbt.
    Auch vom Deich und von den Schallen rief es jetzt Hurra.
    Die Fahrensleute gingen in froher Stimmung, ehrlich erfreut ber ihren
Erfolg, gruppenweise ber das Eis nach dem Deich zurck und sprachen und taten
von der Fahrt, denn jetzt war der Weg nach der See frei geworden: was dem
Einzelnen noch brig blieb, die kleine Rinne von seinem Ewer nach dem groen
Priel, war Sache eines Tages und lie sich leicht beschicken. Die Schollenzeit
war angebrochen fr die Schollengreifer vom Ne: Hurra, hurra, hurra!
    Auf H.F. 125 aber, dem Ewer Laertes, lieen sie den Draggen zu Wasser,
schossen die Leinen auf, reinigten das Deck, hngten die Laterne an das Fockstag
und kletterten dann in das Boot, um den Brenhunger zu vertreiben, der alle
befallen hatte.
    Strtebeker sa auf der Euschenducht und qulte sich mit drei Dingen ab: da
der verdrehte Kerl von Schuster ihm die Stiefel noch nicht gemacht hatte, da
sein Vater morgen fahren wollte und ihn nicht mitnahm, und da sein grner Kahn
noch im Negraben festsa und er noch nicht schippern konnte.
    Du hest dat een beten god, Seemann, sagte er aus diesen Gedanken heraus
und streichelte den Hund, der auch keine Kniestiefel hatte und noch viel kleiner
als er war und doch immer mit nach See durfte. Seemann aber hielt die Nase hoch,
denn vom Deich kam ein Geruch wie von gebratenen Klen mit dem Abendwind
herbergeweht.
    Klaus Mewes lachte und wriggte schneller, denn er roch hinter den Klen
schon die See und grte Helgoland.

                                Vierter Stremel.


1887 schreiben wir, und die Hochseefischerei unter Segeln steht in Sommerblte.
Finkenwrder hat seinen Gipfel erreicht und ist Baas auf See.
    300 Ewer und Kutter nennt die Elbe ihr eigen, von denen 187 zu Finkenwrder
beheimatet sind und ein H.F. auf den braunen Segeln tragen, 83 reedern mit S.B.
und griesen Segeln nach Blankenese, der Rest gehrt dem lneburgischen
Finkenwerder, dem Cranz, dem Mhlenberg und der Teufelsbrcke.
    Die das Land mit Fischen versorgen, sind die Mewes und Klper von
Finkenwrder und die Breckwoldt und von Appen von Blankenese: sie liefern
Hamburg und Bremen, Oldenburg und Glckstadt, Geestemnde und Tnning ihre
Schollen und Zungen und fangen wintertags so viele Heringe, da halb Holstein
und Hannover damit gedngt werden knnen, sie sind die Knige der Nordsee, die
man in Dnemark so gut wie in Holland und England kennt, denn es macht ihnen
nichts aus, bei Sdwind einmal nach Esbjerg zu segeln oder bei Nordwind nach
Ijmuiden oder bei Ostwind nach London.
    Wohl haben sie auf der Weser schon einen Fischdampfer, die kleine Sagitta,
aber unsere Fahrensleute lachen noch ber den Smeukewer, wenn sie ihm begegnen,
wohl sind schon die Zeiten vorbei, da nur Finkenwrder auf Finkenwrder und
Blankeneser auf Blankeneser Schiffen fahren, sie mssen sich schon mit
Butenlndern behelfen: aber dennoch steht die Sonne von Finkenwrder auf der
Mittagshhe, und seine Segel beschatten die ganze See.
    Wir gren euch, ihr hundertsiebenundachtzig Schiffe, als wenn ihr noch alle
am Leben wrt!

                                     * * *

    Klaus Strtebeker hatte es den andern Morgen ganz verteufelt hild: er mute
Brot vom Bcker holen und Proviant vom Krmer, mute einen Schinken aus der
Rauchkammer herabschleppen (denn Klaus Mewes tat die erste Ausfahrt nicht ohne
einen Schinken, obgleich man am Deich meinte, der Schinken drfe erste beim
ersten Kuckucksruf angeschnitten werden), er trug die Kruken mit Wei- und
Schwarzsauer, die Beutel mit Strmpfen und Unterhosen nach dem Bollwerk und
qulte sich mit Vaters Seestiefeln und seinem lzeug ab wie Roland mit seines
Vaters Waffen, aber es machte ihm Spa, und er verga seinen Kummer darber, da
er noch an Land bleiben sollte.
    Als alles schier war, konnte er es aber doch nicht lassen, dem saumseligen
Schuster nochmal die Wacht anzusagen. Der Hans Niedersachs von Finkenwrder, der
ein Schelm war und einen Schalk als Gesellen hatte, sah ihn schon, als er die
Treppe hinunterstieg, und sagte zu seinem Gesellen: Kiek ut vr Strtebeker!
    Wir mssen nun freilich wissen, da Klaus Mewes bei der Bestellung der
Siebenmeilenstiefel fr seinen Jungen heimlich gesagt hatte, es eile nicht und
vor Pfingsten brauchten sie nicht fertig zu sein, und da Gesa hinterher
bestimmt hatte, sie sollten erst im Herbst geliefert werden, wenn der Junge der
unruhigen Witterung wegen nicht mehr mit nach See kommen knne; der Schuster tat
deshalb nur, was ihm geheien war, wenn er ihn vertrstete. Er hatte bei den
Stiefeln brigens noch nicht einmal angefangen.
    Als Strtebeker die Tr aufklinkte, saen die beiden Pechrte tiefgebckt
da, duckten sich hinter die groen Glaskugeln wie Verschwrer und klopften fr
fnfzehn, ohne aufzugucken.
    Schoster, snd mien Stebeln klor?
    Der Schuster und sein Geselle klopften das Leder noch lauter und deftiger,
da die Fenster wie bei einem Gewitter klirrten, und taten, als knnten sie
weder hren noch sehen.
    Schoster, wat mien Stebeln klor snd?
    Strtebeker rief schon lauter, aber die beiden Pfriemenreiter stellten sich
wieder taub und hmmerten, als wollten sie Stahl aus den Kuhhuten machen, dabei
aber sahen sie einander heimlich an: wat he nu woll upstillt? sollte es heien.
    Der Junge sah sich in der Werkstatt um. Da lagen die groen, langen Stiefel
der Elbfischer, de gngen bit ant Gatt und waren grer als er selbst, da
standen die schweren, starken Seefischerstiefel, so gewaltig, da er sich
dahinter verstecken konnte, da waren Bauernschuhe, die so klotzigwaren, da er
damit htte ber die Elbe schippern knnen, - aber Kniestiefel, die ihm zu pa
waren, konnte er nicht dazwischen finden.
    Schoster, snd mien Stebeln klor? Er grhlte es, so laut er konnte, aber
die Schuster lieen sich in ihrer Klopferei nicht stren, denn sie wuten noch
nicht, was sie diesmal an den Tag geben sollten: sollten sie wieder ber seine
Seefahrt loslegen oder von seinem Kahn anfangen oder ihm ein paar linke
Mannsstiefel anpassen? Strtebeker war rgerlich geworden, er sah den Kram noch
eine Weile an, dann drehte er sich batz um und lief hinaus.
    Nanu, sagte der Meister und lie das Hmmern, nanu, sagte der Geselle
und stellte auch den Betrieb ein, - aber ehe sie sich's versahen, sauste ein
groer Mauerstein durch das Fenster, da die Splitter umherflogen, zerschlug
eine der Glaskugeln, da das Wasser ber den Tisch spritzte, und bumste schwer
gegen die Wand.
    Nu hol mi noch mol frn Buern! rief Strtebeker drauen, nahm seine
Pantoffeln in die Hand und sauste auf Strumpfsocken davon, wie ein gejagter
Hase, hast du nicht, so kannst du nicht, - bang bn ik ne, ober loopen kann ik
fix! Der Schuster wollte ihm nach, aber ehe er soweit war, war der Junge schon
lngst ber Heide und Zaun. Da lasen die beiden die Splitter auf, nagelten ein
Stck Leder vor das Fenster und gelobten groe Rache.
    Strtebeker war weit genug gelaufen und zog seine Pantoffeln wieder an.
Seine Strmpfe waren klitschenna geworden, denn er hatte auf seiner Flucht zwar
ber alle Patten springen wollen, aber es war ihm nicht immer gelungen, und dann
saen sie auch voller Schlick. Er konnte sich zu Hause nicht damit sehen lassen,
wenn er nicht eine Tracht Knppelholz riskieren wollte, das war ihm klar. Und da
kam er bei und kletterte die Stegel hinunter, setzte sich hinter eine dicke,
hohle Wichel, da er vom Deich nicht wahrgenommen werden konnte, und wusch die
Strmpfe im Graben, bis sie wieder rein waren, wrang sie aus und hngte sie zum
Trocknen auf, sah den Sperlingen zu, bis die Strmpfe einigermaen trocken
waren, und zog sie dann getrost an.
    Klor is de Ks! sagte er zu den beiden kleinen Jungen, die ihm bewundernd
zuguckten, und lief nach Hause. Jan Husteen, der Elbfischer, den sie seines
Lieblingsessens wegen allgemein Jan Sturenzupp nannten, rief ihm nach:
Strtebeker, du kummst ne mihr mit, dien Vadder is all weg! Wat schull he
woll? rief der Junge erregt und lief schneller, aber er kam doch zu spt, denn
das Haus war leer, da war kein Vater mehr und kein Kap Horn, kein Hein Mck und
kein Seemann: sie waren schon alle an Bord, und als er verstrt hinausrannte und
Utkiek hielt, da sah er den Ewer schon bei Nienstedten unter Segeln treiben.
    Er htte brllen mgen, so berkam es ihn: Is Vadder all weg? Worm hett he
mi denn ne Adjst seggt, Mudder? He wull mi doch Adjst seggen!
    Neem kummst du her, Junge? Neem bst du wesen? fragte sie dagegen, wi
hebbt di soveel ropen un allerwrts scht! Vadder wull di so giern Adjst seggen
un hett noch een ganze Tied no di teuft!
    Och wat! gnitzte Strtebeker, der traurig und zornig war, harr he denn ne
noch en betjen stoppen kunnt? Ik bn jo man blo eben langsen Diek wesen! Vadder
mtt mi doch Adjst seggen, un ik mtt em ok doch Adjst seggen! Dat geiht jo
gor ne anners, Mudder! Minschenkinners ne, wat is dat ok doch all fr Krom! Und
er stand auf dem Deich und blickte mit dunkeln Augen und finsterm Gesicht nach
dem Ewer, der mit glockenhellem Klippklanpp das Boot auf Deck tallte. Es wollte
ihm nicht in den Kopf hinein, da sein Vater fahren konnte, ohne ihm Adjst
gesagt zu haben, und er dachte: wrst du doch blo nicht nach dem Schuster
gelaufen, dann httest du deinen Vater noch gesehen!
    Wirklich hatten sie mit allemann nach dem Jungen gerufen, als es Hochwasser
werden wollte und die Zeit gekommen war, da sie an Bord muten. Strtebeker!
Strtebeker! Klaus! Klaus Mees! schallte es ber den Ne. Auch Kap Horn und
Hein Mck riefen mit, und sogar der kluge Seemann gab ein kurzes Bellen drein,
aber der Junge war nicht hier und nicht wir zu werden, auf keinem Bug lag er an
und kam nicht und kam nicht. Da muten sie endlich los, ohne ihn gesehen zu
haben, wenn sie nicht die Tide verpassen wollten. Klaus und Gesa schieden aber
mit Widerhaken im Herzen, die ihnen weh taten, denn er hatte sie im Verdacht,
da sie den Jungen weit weggeschickt habe, damit er nicht im letzten Augenblick
noch mitgenommen werden knne, sie dagegen konnte den Gedanken nicht los werden,
da er den Jungen an Bord versteckt halte, um ihn doch mit nach See zu nehmen
und dann nachher zu sagen, es habe nicht anders gemacht werden knnen.
    Das verbitterte ihnen den Abschied.
    Als Gesa nun den Jungen wiederhatte und sah, da sie ihrem Mann Unrecht
getan hatte, kam die Reue ber sie, und sie winkte vom Bodenfenster mit der
groen Dweel, der leinenen Tischdecke, bis er es sah und seine deutsche Flagge
dreimal grend dippte, denn sein Unmut war lngst verweht, seitdem er wieder
als Fahrensmann an Bord stand und seine Segel ber sich hatte. Es war eine Lust,
zu fahren! In der weiten Runde, welch ein reges Leben, welch ein freudiges
Arbeiten! Da war nicht ein Ewer, nicht ein Kutter, nicht eine Jolle, auf denen
es still war: berall eisten sie, trugen Segel und Proviant herbei, hievten die
Anker, setzten die Segel, lieen die Gaffeln knarren, und schipperten einer nach
dem andern aus der groen Rinne, die schon ihren Namen bekommen hatte und Klaus
Mees sien Lock hie. Drauen lieen sie sich mit dem Ebbstrom daltreiben, denn
es war gar keine Khlung. Der erste aber war Klaus Mewes mit seinem Laertes,
dem die deutsche Flagge von der Besan hing.
    So gngen se up de Schullen dol.

                                     * * *

    Strtebeker stand noch auf dem Deich, als wenn er dort angewachsen wre, sah
nach dem Ewer, der unter der grndachigen Nienstedter Kirche kreuzte, und
grbelte, ob es wohl darum so gekommen sei, weil er bange gewesen war. Da hatte
er ja gleich die Strafe fr seine Bangbxigkeit: er war nicht mitgekommen nach
See, und sie hatten ihm nicht einmal Adjst gesagt. Wre er langsam nach Hause
gegangen, so htte er seine Strmpfe nicht auszuwaschen brauchen, und er htte
seinen Vater noch gesehen.
    Nu will ik ober gewi ne mihr bang wardn! Ganz gewi will ik nu ne mihr bang
wardn! sagte er sich.
    Die Mutter stand in der Tr. Der kleine Boitel dauerte sie: J, Klaus, dor
lett sik nu nix mihr an dohn: herkieken kannst du em ne wedder! Nu snd wi
wedder den ganzen Sommer alleen!
    To Sommer bn ik doch all mit an Burd, sagte er mit halbem Vorwurf, ohne
sich umzudrehen.
    Kumm man rin, wt Kaffe drinken.
    Och, ik mag nix, Mudder!
    Ik will di bi magnix! Gliek anto!
    Da mute er sich geben, und als er erst in der Kche am Tisch sa, da
schmeckte es auch. Wann htte es Klaus Strtebeker brigens nicht geschmeckt?
Nach dem Kaffee wusch sie ihm das Gesicht. Er hielt ausnahmsweise still,
obgleich er sich schon selbst waschen konnte, und obgleich genau wute, da sie
es nur tat, um ihm dabei die Backen eien zu knnen. Als sie dann aber nach
seiner Bunge fragte und nach der Krhe (denn sie hatte sich fest vorgenommen,
sein Vertrauen zurckzugewinnen, wollte auch nicht mehr so streng gegen ihn
sein, sondern versuchen, seine Kameradin zu werden), da ging er bald hinaus,
denn diese Fragen schienen ihm recht verfnglich. So guckt der Spatz mitrauisch
vom Dach, wenn ihm Krumen gestreut werden.
    Da, beim Schlo von Godeffroy, der guten Frau, wie es am Deich hie, segelte
der Ewer, - viel weiter war er noch nicht gekommen, denn es war immer noch
totstill.
    Strtebeker besann sich, da er noch nicht gefttert hatte. Der Gerechte
erbarmt sich seines Viehes, auch wenn er Kummer hat. Er ging ber die Wurt nach
dem Hof und warf den Kaninchen Kartoffelschalen hinein, aber trotz seines wehen
Herzens konnte er sich nicht enthalten, der Eve den Bauch zu befhlen, denn er
wartete sehr darauf, da sie jungen sollte, hatte er doch schon fnf Junge fest
versagt: Hein Meier kriegte einen Bock und eine Eve, Peter Fock einen Bock,
Hannis Klper Jan Loop jeder eine Eve.
    Dann bekam die Nebelkrhe ihren aufgeweichten Stuten. Der struppige Klu
schlug mit den Flgeln und quarkte vergngt ber das Fressen: Strtebeker fate
es aber anders auf und sagte betrbt: J, Klu, Vadder is nu no See hin un hett
mi ne Adjst seggt!
    Da sah er am Schauer seine Kreek stehen und dachte: wenn du damit ber das
Eis peektest, ganz nach Blankenese hinunter, knntest du deinen Vater noch sehen
und ihm Adjst sagen.. Ik mtt un mtt em Adjst seggen! Er suchte die Peek
her, nahm die Kreek auf den Nacken und schlich wie ein Indianer den Binnendeich
entlang, damit die Mutter ihn nicht gewahr werden sollte. Als er weit genug war,
kletterte er ber den Deich, sprang vom Bollwerk auf das Eis und peekte sich
ber Rillen und Sickberge, an Waken und offenen Stellen vorbei nach dem
Fahrwasser.
    Vadder, ik komm!

                                     * * *

    Der Schuster war ein Schlauer. Er wartete geruhig ab, da der Polizist auf
seinem gewohnten Rundgang den Deich entlang kam, und schlo sich dann dem
ahnungslosen Beamten unter harmlosen Gesprchen an um sich ein wenig zu
verpetten, wie er meinte. So dachte erdem droken Klaus Strtebeker einen groen
Schrecken einzujagen.
    Aber er hatte seine Arbeit umsonst liegen lassen, - der Vogel war nicht da.
Die ngstliche Gesa suchte den Jungen im Keller und auf dem Boden, als sie ihn
aber nicht fand, nahm sie an, da er geflohen sei, lie sich kopfschttelnd die
schlimme Tat berichten und bezahlte die Scheibe und die Kugel. Auch versprach
sie dem Schuster, da Klaus kommen und Abbitte tun solle, gab ihm noch ein Paar
alte Stiefel zum Besohlen und Vorschuhen mit und brachte den Zwischenfall damit
auch glcklich wieder in die Reihe.

                                     * * *

    Adjst, Vadder! Adjst, Vadder!
    Klaus Mewes guckte nicht schlecht, als er seinen Jungen mit einem Mal auf
dem Eise stehen sah, dwars ab von Blankenese, hart am Rande des Fahrwassers.
Strtebeker stand neben seiner Kreek, auf die Peek gesttzt, und winkte.
    Wat kummst du hier her? Wat deist du up dat mrre Is?
    Ik wull di doch noch Adjst seggen, Vadder, rief der Junge, du bst jo so
fohrn.
    Kap Horn aber machte Weiberlrm:
    Junge, Junge, wat kannst du wat moken, wo licht harrst du inne Wok oder
innen Lock kommen kunnt!
    Aber Strtebeker sagte ruhig: Dorfr hett de Minsch doch Ogen, Kap Horn!
    Sein Vater lie den Ewer in den Wind schieen und berlegte, was er tun
sollte.
    Dat Is is so mrr as Tunner, dor gng ik gewi ne mihr rup, lie Hein Mck
sich vernehmen, aber Strtebeker rief: Dat gluf ik, du Bangbx! Non, Adjst,
Vadder!
    Kannst du ok wedder no Hus finnen, Junge?
    Jo, dat is jo nix, Vadder!
    Kap Horn aber legte sich ins Mittel und sagte: mschicken kannst du em
nich, Klaus, dat geiht nich: he kummt uns innen Lock un buddelt weg!
    Dat hebb ik ok all dacht, stimmte der Schiffer besorgt zu, denn auch er
hatte kein Vertrauen mehr zu dem mrben Eis mit den zahllosen Lchern und den
groen Wasserstellen; er konnte nicht begreifen, wie der Junge es berhaupt
fertig gebracht hatte, so weit vorzudringen, bis an die bestndig abbrkkelnde
Kante.
    Klaus, wat ik di seggen do: dat sall so sien, dat is Schicksol: de Jung
sall mit no See! Nimm em mit!
    Dat woll jst ne, lenkte Klaus ab: dat is noch to kold buten, un Gesa
weet dor ok jo nix van af: ober an Burd wt wi em man mol hieven! Wi geeft em
denn an een upkommen Fohrtch af un schickt em seker no Hus. Boot vant Deck!
Loop ne weg, Strtebeker, ik hol di!
    Junge, Junge, jo, Vadder, dat do man! frohlockte Strtebeker und dachte:
nu geiht dat mit een vullen Huroh no See!
    Die Fahrensleute nahmen das Boot in die Talje und fierten es ins Wasser.
Klaus Mewes stie eben nach dem Eis hinber, packte den Jungen samt der Kreek
zwischen die Duchten und wriggte nach dem Ewer zurck.
    Da war Strtebeker doch richtig an Bord. Wie er sich freute, wie gesprchig
er war, wie scharf er auf alles achtete! Zumeist stand er bei seinem Vater im
Rudergang und half beim Steuern, sah aufmerksam auf Segel und Kompa und hielt
tapfer das Helmholz mit fest, dabei konnte er sich aber doch nicht enthalten, an
den Streek zwischen Kirche und Apfelbaum zu erinnern: Dt mokt ober sbenmol
soveel Spo, Vadder!
    Er lie es sich sogar einfallen, beim Aufluven Ree zu rufen und Hein Mck
nach der Fock zu schicken, bis sein Vater es wie der hollndische Kapitn
machte, dem der groe Friedrich in der Ems mit Ree zwischen sein Kommando kam,
und sagte: Mynheer, dat Ree kummt mi to!
    Als er genug gesteuert hatte, setzte er sich auf die Luken, zog Seemann an
sich und lie sich von Kap Horn und von seinem Vater alles verklaren, was es zu
sehen gab, whrend sie mit der Ebbe langsam elbabwrts kreuzten, wenn dieses
Treiben noch den Namen Kreuzen verdiente. Da war Dockenhuden mit den vielen
Tannenbumen, da war Blankenese mit den vielen Ewern und dem hohen Sllberg, da
war der Schweinesand mit seinen Wicheln, da war Hahnfer mit den groen Bumen,
um die Hunderte von Krhen flogen, die dort ihre Nester hatten, da war Falkental
mit dem Taucherdampfer, mit den Wracken und mit den zu Stein gewordenen
Zementscken, da war Schulau mit dem Leuchtturm und dem Feuerschiff, dahinter
Wedel mit dem Kirchturm und den roten Dchern, da war die Lhe mit ihrem hohen
Deich - und von allem gab es Geschichten zu erzhlen.
    Als sie bis zur Lhe gekommen waren, wogte die Flut ihnen entgegen und zwang
sie, vor Anker zu gehen. Grosegel und Besan konnten die fnf Stunden geruhig
stehen bleiben, nur die Fock lieen sie fallen, und den Klver nahmen sie weg.
Klaus Mewes langte den Kieker aus dem Nachthaus und suchte den Strom nach
bekannten Fahrzeugen ab, denen er seinen Jungen mitgeben knne, aber er konnte
zunchst nur einige Dreuchewer und Lhjollen ausmachen, die nicht in Frage
kamen.
    So gingen sie erst in die Kajte hinunter und setzten sich zum Kaffee
nieder.
    Ik wull, dat geef brodte Schullen, rief Strtebeker bermtig, dor
verlangt mi eulich no! Er ging aber auch dem Groffbrot tchtig in den Topp.
    Klaus Mewes sah ihn an und freute sich seiner. Wenn Gesa Bescheid gewut
htte, es wre ihm von Herzen recht gewesen, den Jungen an Bord zu behalten:
aber so ging es nicht: sie ngstigte sich ja zu Tode und suchte mit der Leuchte
und mit der Harke, wenn er heute abend nicht Laden kam.
    Hein Mck dachte noch immer an die groe, gefhrliche Reise ber das Eis,
die Strtebeker gemacht hatte, und mit einem Mal sagte er mehr zu sich selbst
als zu den andern: Junge, dat is jst so as der Reiter und der Bodensee!
    Gotts den Donner, - Klaus Mewes verschttete den halben Kaffee, und Kap Horn
blieb der Brotknust im Halse stecken, so verwunderten sie sich schlielich
dieser Rede ihres Speisemeisters. Wat is dat? fragte der Schiffer zuletzt.
Och, nix. Nix? Ne, nix! Ik will di gliek bi nix! Hier vertillst oder du
wardst afmunstert, un Klaus Strtebeker ward uns Kock, befahl Klaus.
    Och nix: ik dach blo an een Gedicht in uns Leesbook, dat is meist as
Strtebeker sien Reis.
    Upseggen!
    Hein Mck bekam einen roten Kopf. Das war eine schne Tasse Tee! Htte er
doch nichts gesagt! Nun mute er in seine Koje steigen und sein Lesebuch aus dem
Stroh suchen.
    Kap Horn konnte sich einen kleinen, freundlichen Hieb auf Klaus nicht
verbeien: J, j, Klaus Mees, du kiekst un wunnerst di woll, dat he sien
Leesbook noch hett, wat? He hett dat nich so mokt as du. Du hest den letzten Dag
jo all dien Beuker opfluckern loten, hest dor annen Westerdiek een grote
Ostermoon von mokt!
    Jo, sagte Klaus Mewes, ik wr son groten Dskupp: man god, wat de Jungens
nu all een Deel kleuker sind. Non, denn legg los, Heinrich Mcke, setzte er
gemtlich hinzu, und der Koch las von dem Reitersmann, der ber den zugefrorenen
Bodensee geritten war, ohne es zu wissen ...

Den Reiter schauderts, er atmet schwer:
Da hinten die Ebne, die ritt ich her.
Da recket die Magd die Arm' in die Hh:
Herrgott, so rittest du ber den See!
An den Schlund, an die Tiefe bodenlos
Hat gepocht des rasenden Hufes Sto!
Und unter dir zrnten die Wasser nicht,
Nicht krachte hinunter die Rinde dicht,
Und du wardst nicht die Speise der stummen Brut,
Der hungrigen Hecht' in der kalten Flut?
Sie rufet das Dorf herbei zu der Mr;
Es stellen die Knaben sich um ihn her,
Die Mtter, die Greise, sie sammeln sich:
Glckseliger Mann, ja segne du dich!
Herein zum Ofen, zum dampfenden Tisch,
Brich mit uns das Brot und i vom Fisch!..
. .... .... .... .... .... .... .... .... .... .... .... .... .... ....

    Als der Junge fertig war, entstand eine kleine, stille Pause im Ewer,
obgleich Klaus Mewes der Schlu nicht recht gefallen wollte, denn hinterher vor
Angst sterben, war nichts fr ihn. Auch Strtebeker war still, so sehr wunderte
er sich darber, da Hein Mck laut lesen konnte.
    Dann stand sein Vater auf, klopfte dem Koch auf die Schulter und sagte
anerkennend: Du kannst god beten, Hein! Bliew man giern beten bi de Beuker:
wennt weiht, hest dor Tied genog to. Damit stand er auf und ging an Deck, um
wieder nach einer Schiffsgelegenheit fr seinen Jungen zu suchen. Und diesmal
fand sie sich, obschon Strtebeker wnschte, es mchte kein einziges Schiff
vorbeisegeln, damit er die Nacht und immer an Bord bleiben mute.
    Aber da kam Jan Klper mit seiner alten Jolle heraufgesegelt und drehte
richtig bei, als Klaus Mewes ihn anrief und ihm die Sache verklarte. Jawohl, er
nehme ihn gern mit, sagte Jan. Da kamen auch schon Kap Horn und Hein Mck an
Deck.
    Strtebeker sah, da die Herrlichkeit vorbei war, und da er von Bord
sollte. Trnen standen ihm in den Augen, als sein Vater ihn hinberwriggte und
Kreek und Peek an die Jolle bergab. Dann mute er selbst bersteigen. Adjst,
Strtebeker. Jst, Vadder! Er konnte kaum sprechen, so traurig war er
geworden, und hatte fr Jan Klper keinen guten Tag und guten Weg. Greut Mudder
man un segg man, wi kommt bald mit een Reis lebennige Schullen, hrst? Un to
Sommer kummst du ok mit no See!
    Jo, sagte Strtebeker dumpf und dachte: Lot dien Snacken doch blo no!
    Klaus Mewes wriggte zurck, und Jan Klper lie die Jolle schwoien. Adjst,
Strtebeker! riefen Kap Horn und Hein Mck, die auf den Luken standen, aber der
Junge starrte ins Wasser und gab keine Antwort mehr. Er war ganz krank und
wollte nichts hren und sehen. Er wollte auch den Ewer nicht mehr angucken. Jan
Klper hatte gedacht, einen munteren Fahrtgenossen zu bekommen, der ihm den
langen Weg verkrze, aber Strtebeker blieb ein trbseliger Maat und blickte
whrend der ganzen Fahrt bis nach Finkenwrder hinauf starr ins Wasser.
    Ward man ne seekrank, Strtebeker, sagte der Elbfischer einmal.
    Dor qul di man ne m!
    Sutje, mien Jung, anners kriegst du de Utsettung, drohte der Fischer.
    Smiet mi doch ober Burd, wenn mi ne mihr mithebben wullt, rief der Junge
patzig. Da go Jan ihm zur Strafe ein Euschfatt voll Wasser ber den Kopf.
    Mit der hereinbrechenden Dmmerung kamen sie in Finkenwrder an. Am
Khlfleet, eben hinter der Knigsbake, setzte Jan seinen mrrischen Passagier an
Land. Strtebeker nahm seine Kreek auf den Buckel, die Peek in die Hand und ging
den dunkeln Deich entlang nach dem Ne.
    Als er bei Gerd Eitzen um die Huk bog, hrte er seine Mutter schon rufen:
    Klaus! Klaus! Klaus! Und er sah, da Leute bei ihr standen. Auch sein
Groonkel, der alte Jger, den er oft wochenlang nicht sah, war auf dem Deich.
    Klaus! Klaus! Klaus! Neem schull de Jung doch woll blo wesen?
    Hier is he!
    Woneem, woneem?
    Hier uppen Diek, Mudder!
    Da lief sie ihm entgegen, laut aufschreiend, und nahm ihn bei der Hand und
fhrte ihn in die Stube und fragte, wo er gesteckt htte. Und als er seine Reise
ber das Eis und seine Fahrt mit dem Ewer die Elbe hinunter und mit der Jolle
die Elbe herauf verklart hatte, ohne jede kindliche bertreibung, denn er hielt
sich an das Wort seines Vaters: Eulich wat beleben, denn brukt 'n ok ne to
legen! - da warf die Mutter sich schluchzend auf den Tisch und sagte: Haut ji
em, Unkel, haut ji em. ik kannt ne!
    Hebben mtt he wat, erklrte der verbissene und durch das viele Rufen
gereizte Alte.
    Du kannst mi haun, Mudder, ober van Korl-Unkel lot ik mi ne haun, sagte
Strtebeker mit blitzenden Augen, auch der alte Jger, den das Schreien aus dem
Schlaf gebracht hatte, knurrte grimmig: Wat? Van mit le du di ne haun, du
Kosak? Dat wt wi doch mol wies wardn!
    Erst wollte Strtebeker sich wehren, wollte hinauslaufen, dann aber war ihm
auch das einerlei: mochte er ihn tothauen, wie Jan Klper ihn ber Bord werfen
wollte. Unbeweglich blieb er stehen und lie sich schlagen, ohne zu zucken oder
zu schreien. Nur seine Augen funkelten: dat ward ne vergeten! Diese Ruhe brachte
den Alten noch mehr auf, und er schlug ihn rger, da warf sich aber die Mutter
dazwischen und drngte die beiden auseinander, denn sie wute, da der Trotz des
Jungen nicht zu brechen war, da er sich lieber krumm und lahm prgeln lie, ehe
er einen Laut von sich gab.
    Lot em man, Unkel, lot em man! Goht man wedder uppen Bitt, ik will woll
alleen mit em klor wardn, bat sie dringend. Der Alte ging mit einem bsen Blick
hinaus und brummte noch auf der Diele.
    Ungerhrt lie Strtebeker sich die Geschichte von dem Schuster vorhalten.
Dat beten Hoveree, sagte er verchtlich, wat he dor son Larm m moken mag!
Harrst em dat Gild jo man ut mien Sporputt geben kunnt! Abbitte aber tte er
nicht: der Schuster htte ihn frn Narren gehalten und htte selbst Schuld, da
ihm das Fenster eingeworfen wre.
    Nach dem Abendessen zog er sich aus und legte sich zu Bett. Nach dem langen,
ereignisreichen Tag schlief er schnell ein. Er dachte noch: wenn ik ierst an
Burd bn, denn haut mi keeneen mihr: Vadder litt dat ne as Mudder: - dann sang
der Schlafschiffer mit ihm ab.
    Wie seelenruhig er schlief, als die Mutter an sein Bett schlich und ihm in
das stille, braune Gesicht sah! Lange Zeit sah sie ihn an und bat ihm ab, da
sie ihn hatte schlagen lassen, denn der kleine Kerl konnte ja nicht anders
flten, als sein wilder, lachender Vater es ihn gelehrt hatte. Die Mutterliebe
wallte hei in ihr auf: sie beugte sich ber ihn und kte ihm den
festgeschlossenen Mund. Bei Tage htte sie das nicht tun drfen: er htte sich
mit Hnden und Fen gestrubt gegen solchen Kinderkram, wie er es hie, und
wre lieber aus dem Fenster gesprungen, als da er ihr einen Sen gegeben
htte.
    Mien Jung bst du doch, flsterte sie zrtlich und strich ihm ber das
Haar, da regte er sich und sagte halblaut: U, Vadder, kiek mol dat grote
Schipp!
    Da schlich sie in die Kche zurck und dachte schmerzlich: er steht schon
wieder bei seinem Vater an Bord - und du, Gesa?

                                Fnfter Stremel.


Den andern Morgen war es das erste, was Strtebeker tat, da er auf den Deich
lief und nach dem Wetter guckte. Und er freute sich, als der Wind wehte, da die
Ewer im Fahrwasser schnell von der Stelle kamen, denn so kam auch sein Vater gut
vorwrts und war um so eher wieder da. Denn sein Vater, sein Vater! Danach
fragte er, das ging ihn an: ohne den war es nichts, ohne den wute er nicht, was
er anfangen sollte, ohne den und ohne den Ewer machte es ihm keinen Spa, zu
leben. Beim Kaffeetrinken ging es noch, als er in behaglicher Breite von dem
Segeln und Kreuzen sprach, wie weit sie wohl schon wren, ob das Boot wohl schon
wieder aufgetallt wre, ob sie den groen Klver wieder aufgesetzt htten und
andere fahrensmnnische Dinge: aber als er dann im Trloch stand, da war er
wieder ganz allein und wute nicht, was fr einen Weg er einschlagen solle.
Zuletzt dachte er an sein Viehzeug, und er ging hin und mistete den
Kaninchenkoben aus. Auch die Nebelkrhe bekam eine Lage frischen Strohes, die
sie sich selbst mit wichtigem Gehabe zurechtlegte. Danach ging er an dem Graben
entlang und zog die alte Bunge, die sein Vater noch mit unter den Stubben
gesetzt hatte. Es war aber weder ein Hecht noch ein Schlei darin, nur ein groer
Wasserbulle krabbelte an dem mittleren Reifen und sprang eilig ins Wasser
zurck. Der Junge stellte das Netz auf einer anderen Stelle ins Wasser und ging
nach dem Binnendeich, um sein Htfa zu berprfen; er zog den durchlcherten
Kasten, eine englische Hummerkiste, die sein Vater auf See eingezogen hatte und
die nun vor dem Deichsiel im flieenden Wasser lag, aufs Trockne und berzeugte
sich, da die beiden Karauschen, die er drinnen hatte, noch springenlebendig
waren.
    Damit waren seine Vormittagsmter eigentlich schon verwaltet. Was sollte er
nun noch tun? Wenn sein Vater da war, hatte er alle Hnde voll: nun war er
eigentlich arbeitslos.
    Weiterhin auf dem Deich, wo die Huser wieder anfingen, spielten die Kinder,
Jungens und Dierns, Ringelreihe und Tickfast. Speel doch een beten mit de
Kinner, sagte die Mutter, die auf der Wurt stand und die Hhner ftterte, da
ging er hin, um sich nicht andere Landarbeit aufladen und sah eine Weile zu. Sie
fragten ihn, ob er mitspielen wolle, aber er sagte nein: mit Mdchen spiele er
berhaupt nicht, er wre doch kein Mdchenknig! Wenn sie Suhl oder Steckpfahl
oder Hahnensehen mitspielen wollten, aber ohne die Mdchen, dann htte er Lust!
Sie wollten aber lieber bei der Ringelreihe bleiben, - deshalb wurde es ihm bald
ber, da Gevatter zu stehen, und er kehrte ihnen den Rcken.
    Der alte Jger begegnete ihm. Er hatte das Gewehr auf dem Nacken und den
Sack mit den Lockenten auf dem Rcken und wollte wilde Enten schieen. Juno, der
groe, braungefleckte Hund, lief neben ihm her.
    Strtebeker tat, als she er ihn gar nicht, denn er dachte an die Schlge
vom Abend vorher, aber der Alte hatte seine Wut verschnarcht und sagte vergngt:
Meun, Klaus Strtebeker! Strtebeker dachte aber: snack, soveel du wullt, wat
geiht mi dat an, - obgleich die Enten durcheinander schnatterten:
meunmeunmeunmeun und er gern einmal in den Sack geguckt htte, auch von Herzen
gern mit auf die Jagd gegangen wre.
    Als der Jger vorbei war, setzte er sich auf das Rickels und wartete, da
einige von seinen Mackern kommen sollten, mit denen er in die Ptten oder nach
der Wisch ziehen konnte. Niemand lie sich blicken: die Mtter hielten sie fest,
denn die Schustergeschichte hatte schon die Runde mit den Stutenfrauen gemacht,
und auch die Reise ber das Eis war schon bekannt geworden. Ihre Jungen sollten
sich nicht mehr mit dem Buschruber abgeben, riefen die Frauen einander zu.
    Hein, du bliwst hier un geihst mi ne no den Ne no den Strtebeker, hest mi
verstohn?Jo, Mudder!
    In seiner Not nahm Strtebeker schlielich die Hechtschnarre zur Hand und
lief mit dem Bambusstock grabenauf und grabenab, um einen Hecht zu erwischen,
aber er hatte auch damit kein Glck. Es war nicht sonnig genug, die Hechte
standen tief im Wasser und waren sehr scheu, sie schossen meistens schon in die
Tiefe, wenn er nher kam. Einmal gewahrte er einen groen Hecht, der gut gegen
die Sonne stand: behutsam tauchte er die goldige Drahtschlinge in das Wasser,
ohne Wellenringe zu machen, und schob sie vorsichtig an den Fisch hinan. Es ging
auch anfnglich gut: die Schnauze war schon in der Schnarre: wenn sie hinter den
Kiemen war, wollte er rasch zuziehen und den Hecht aufs Land schnellen, aber da
strich eine Krhe ber die Erlen, und wo eben noch Muschi Pundsheek gestanden
hatte, da lief nun ein Ksel im Wasser.
    Du verdreihte Jakob du! rief Strtebeker rgerlich und warf mit einem
Kluten nach ihr, dann gab er die Feekfischerei auf und zog mit seinem runden
Netz nach der Sielkule, um Stichlinge zu fangen. Das war lohnender: er
ketscherte einen halben Eimer voll, weie, dicke Weibchen und graue, dnne
Mnnchen. Den grten Teil bekam die Mutter, die sie fr die Hhner kochen
wollte, den Rest aber machte er, auf der Bank unter den Linden sitzend, mit
seinem Knief, seinem Puggenslachter, fr Klu zurecht, indem er die Kpfe und
die Stacheln abschnitt. Die alte Krhe lebte ordentlich auf, als er ihr den
Schmaus durch die Maschen des Kastens stopfte.
    Als er sich dann aber vor den Kfig auf den Haublock setzte und ihr
ununterbrochen die drei Worte vorpredigte, die sie lernen sollte: Hh, Klaus
Mees! da sprang sie auf ihre Stange, hielt den Kopf schief, als wenn sie
schwerhrig wre, und ffnete mitunter verlangend den Schnabel, als wenn sie um
weiter nichts als um neue Stichlinge verlegen wre, sie krchzte auch einmal,
aber zum Nachsprechen kam sie nicht, so eifrig der Junge sich auch um sie
bemhte, denn er wollte seinen Vater nach getaner Reise damit berraschen: der
sollte sich fix verjagen, wenn er in den Hof hineinging und es mit einem Male
rief: Hh, Klaus Mees! Eigentlich sollte die Krhe lernen: De Jung mtt no See!
- aber das sollte nun erst spter eingebt werden. Diesmal war die Geduld
freilich noch nicht gro.
    Du bst dummerhaftig, Klu! sagte Strtebeker rgerlich, wenn du ne bald
snackst, bring ik di keen Steengrimpen mihr her.
    Nach dem Mittagessen, - Plummensaus gab es, eine Gtterspeise fr ihn, -
machte er sich ans Kntten und dachte, mehr zu beschicken als zwei Tage vorher
zwischen seinem Vater und Kap Horn bei dem vielen Erzhlen und Ausgucken. Er
knttete emsig, ohne sich zu verpusten, die Nadel flog nur so, aber nach
anderthalb Stunden sah er ein, da es ohne ohne seinen Vater doch nichts
schaffte.
    Da ging er mit dem Euschfatt nach der Nekule und go den Kahn leer, der
immer noch etwas Wasser machte. Kalfatert mute der werden, das war ein Apfel,
und wenn sein Vater nicht so auf den Stutz gefahren wre, htten sie es auch
zusammen getan: nun mute er wohl allein dabei.
    Er sah auf: das Wetter war gut, der Wind moi: sie fischten wohl schon und
hatten bald die Reise! Wenn sie doch schon morgen kmen oder bermorgen!
    Der Jger kam vom hohen Ne zurck. Drei Enten baumelten an der Tasche und
machten ihn guter Laune.
    Dor achter kummt de Schoster, Klaus Strtebeker, du schallst Afbitt dohn,
stichelte er, aber der Junge lie sich nicht in die Kneife bringen. De ward fix
nattgoten, sagte er gleichmtig, dann aber besann er sich, schluckte den Rest
des Grolles seines Grolls hinunter und lief auf den Deich, um die geschossenen
Enten zu besehen und zu befhlen, Juno zu streicheln, der gnzlich mit Schlick
bespritzt war, und die Flinte zu tragen, denn er wollte nun doch gern einmal
wieder mit auf die Jagd, bis sein Vater kam.
    Wenn dat Is man ierst weg wr, Korl-Unkel, wat ik mit mien Kohn schippern
kann.
    Offermorgen kriegt wi een neen Moon, denn wardt woll anner Wetter, sagte
der Jger und sah den Heben an.
    Zu Hause warteten drei Jungen vom stlichen Norderelbdeich, die dreierlei
wissen wollten.
    Erstens: ob er noch kleine Kaninchen zu verkaufen htte, denn dann wollten
sie einen Bock und eine Eve bestellen.
    Zweitens: ob es wahr wre, da er dem Schuster alle Fenster eingeschlagen
htte, denn das wre am Deich erzhlt worden.
    Drittens: ob der Feek am Westerdeich schon trocken wre, denn dann wollten
sie gleich Ostermoonen beuten. Streichhlzer htten sie eine ganze Schachtel
voll in der Tasche.
    Strtebeker ging mit ihnen achternhus und wies ihnen die Eve. Ik weet ne,
veel ltte Munkis dat ik krieg, Jannis: fief snd verseggt, wenn dor sben van
ward, denn kriegst du noch twee. Wegen des Schusters lie er es geruhig bei der
einen Scheibe, die seine Mutter bezahlt hatte, und sagte: De Ld snotert sik
wat trecht, Hein! Der Feek sei noch mistna und fr Ostermoonen sei es
berhaupt noch viel zu frh: was sie sich wohl eigentlich einbildeten, sie
htten wohl einen Splien? Wenn es soweit wre, dann wrden sie wohl den weien
Rauch trecken sehen. De Rietsticken geef mi man, Ott, dor kannst du ltte
Boitel doch noch ne mit mgohn, de nimmt dien Mudder di doch noch wedder weg.
Damit entri er dem Jungen die Schachtel und steckte sie in die Tasche. Er wies
ihnen noch Klu und die angefangene Bunge, lie sie in das Htfa gucken und die
Karauschen gebhrend bewundern, dann aber schickte er sie um, denn er sah die
Gren vom andern Ende doch nicht ganz fr voll an, und wenn nicht die Bestellung
gewesen wre, htte er sich gar nicht weiter mit ihnen abgegeben, aber die
Kundschaft mute man sich ja gewogen halten.
    Er lief nach der Nekule, und obgleich es ihm vor drei Tagen so schlecht
bekommen war, ging er doch wieder an das scharfe Dmpeln mit dem Kahn, um sich
seefest zu machen. Diesmal wurde ihm nicht schlecht.
    In der Dmmerung mute er nochmal den Deich entlang und Graupen und Zucker
vom Krmer holen. Damit war sein Tagewerk beendigt.
    Noch s Dog, Mudder, denn kummt Vadder all wedder, sagte er
zuversichtlich, als er die Stiefel auszog.

                                     * * *

    Ungefhr so wie diesen Tag fllte Strtebeker auch die anderen Tage aus,
ohne rechte Lust und rechten Wind, und wartete auf den groen, schnen Ewer mit
den hohen, braunen Segeln, dem grnen Bug und dem rot und weien Flgel. Als es
an der Zeit war, da sein Vater aufkommen konnte, stand er stundenlang auf dem
Deich oder am Bollwerk, wenn Flut war, oder er sa im Wipfel der Linden vor der
Tr und blickte nach den vorbeisegelnden Fischerfahrzeugen aus. Er suchte einen
grnen Ewer und einen blauweien Stander, der von Godefroo bis zur Nienstedter
Kirche wehen mute, nicht lnger, wenn es der rechte sein sollte: das wute er.
Zwar wartete er auch noch auf das Trockenwerden des Feeks des angetriebenen
Schilfes, am Westerdeich, auf das Schmelzen des Eises, auf die Besserung der
Grabenfischerei, auf das Jungen des Kaninchens und auf das Fertigwerden der
Seestiefel: aber das waren doch nur Kleinigkeiten gegen das groe Warten auf
seinen Vater.
    Auer seinem Elternhaus und zwei lteren Husern stand auf der Nehuk nur
noch eine alte Kate, in der Sill wohnte, eine alte, wackelige Frau, die im
Winter Wurstprkel machte und Strmpfe anstrickte. Auch nahm sie die Schinken in
Pflege, denn die Kate hatte keinen Schornstein, und aller Torfrauch sammelte
sich auf der Diele, die die beste Rauchkammer weit und siet abgab. Im Sommer
spielte sie Fischfrau in Hamburg, auch suchte sie Regenwrmer mit der Laterne
fr die Aalfischer. Sill war ein wenig wunderlich geworden in ihrem harten Leben
und galt auf dem Eiland allgemein als eine Hexe, die einem etwas antun konnte.
Sie trauten ihr nicht, aber sie hteten sich, es merken zu lassen. Niemand
verdarb es gern mit ihr, denn manchem Fischermann, der sie schief angeguckt
hatte, war es schlecht ergangen, er hatte den Mast abgebrochen oder andere groe
Haverei bekommen, die Kurre eingebt oder nichts gefangen. Manch einen gab es
am Deich, der an Hexen und Blaufrben glaubte und nicht fuhr, ohne sein Fahrzeug
vorher gehrig ausgeruchert zu haben. Man mute Thees to Baben hren, den
Hexenmeister, dann wute man erst Genaueres ber die mannigfaltige Ttigkeit
dieses Weibes.
    Einmal hatte Peter Klper seine Kurre geloht und sie zwischen den Eschen zum
Trocknen aufgehngt. Nachts wachte er mit einem Mal auf, und es trieb ihn, aus
dem Fenster zu gucken, da sah er die alte Sill im Mondlicht zwischen den Bumen
gehen und bemerkte, da sie seine Kurre berhrte. Nu bn ik behext, dachte er.
Am Morgen besah er die Kurre genau und fand einen Pfennig, in das Steerttau
geklemmt. Er pulte ihn heraus und vergrub ihn, und das war sein Glck, denn
sonst htte er das Netz auf der ersten Reise gleich an den Steinen zerrissen.
Also sprach Thees to Baben.
    Einer der wenigen, die von solchem Hnenglauben nichts hielten, war Klaus
Mewes, der Lachende, und als er einmal darberzukam, als Gesa dem Jungen
einschrfte, doch ja nichts von der Frau anzunehmen, keinen Apfel und keine
Birne, da sagte er ernsthaft: Mudder, gluf doch ne an Hexen un sowat. De arme
Froo kann ne mihr as du. Wat schull de den Jungen woll geben? De freit sik, wenn
se slben wat to bieten hett! Und dann sagte er, um das Unrecht gutzumachen,
das Gesa ihr nach seinem sicheren Gefhl zugefgt hatte: Wi hebbt noch een poor
Schullen ober: kumm, Strtebeker, un bring Sill de hin! Der Junge tat es: Sill
war vergngt und wollte ihm einen Apfel schenken, aber sie konnte nicht gleich
einen finden und sagte ihn fr spter zu.
    Als Strtebeker einen Tag wieder von seinem Kahn kam, dachte sie daran,
klinkte die Tr auf und sagte: Mol rin, Jung, schallst wat Scheuns hebben.
    Er lie sich nicht lange ntigen, aber er guckte sich erst um, ob ihn die
Mutter auch nicht sah. Als die Luft rein war, trat er auf die dunkle Diele, denn
bange war er nicht. U, Sill, wat bitt de Rook mi inne Ogen, rief er.
    J, j, de Rook! De is slecht fr de Ogen, obersen god fr de Schinken,
sagte die Alte und kroch in das Kellerloch hinein, das unter den Wandbetten war.
    Junge, wat een barg Schinken! Hrt di de all to, Sill?
    Sill sa ganz im Stroh und musselte darin umher, wie ein Schwein im
frischbestreuten Koben. Zu sehen war gar nichts mehr von ihr, nur noch zu hren.
Ein anderes Kind wre ngstlich geworden und htte die Beine in die Hand
genommen, aber Strtebeker wute nichts davon.
    Wat seggst du, Junge?
    Ich meen, wat dat all dien Schinken snd? wiederholte er lauter.
    Jo, all mien Schinken.
    Diern, denn kannst du di woll frein!
    Die schwarze Katze erhob sich auf dem Herde und sah ihn mit glhenden Augen
an. Is dat de Katt oder de Koter, Sill?
    Die Alte tauchte gerade wieder aus der Versenkung auf.wie der Geist von
Hamlets Vater. Sie hatte Strohhalme in den Haaren und zwei pfel in der
knochigen Hand.
    Dat is de Koter, Strtebeker, de Koter is dat. De Katt hett Junge: wenn du
Lust hest, kannst jm offermorgen all versupen.
    Jo, Sill, dat mokt jo Spo߫, sagte er gemtlich, sie aber gab ihm die pfel
und bemerkte dazu, es seien die letzten, die wren fr die Fische von damals,
und er solle sie sich nur schmecken lassen. Er nahm sie ohne Danke an und
machte, da er hinaus kam, denn er konnte den beienden Rauch nicht mehr
aushalten.
    Auf dem Deich berlegte er, was er nun tun sollte, und betrachtete die
schnen, rotbckigen pfel. Wie fein die rochen! Ob sie wohl behext waren, und
ob er wohl krank davon wurde, wenn er sie a? Die Mutter hatte es gesagt, aber
sein Vater hatte darber gelacht, und sein Vater war der Oberste fr ihn: er
wollte sie getrost essen.
    Klaus, kumm hier mol her! Wat hest du dor, wat snd dat fr Appeln? - rief
die Mutter, die mit einem Mal neben ihm stand. O weh, - das htte nicht kommen
drfen. Kantappeln, Mudder! - Keen hett di de geben? Junge, da sein Vater
ihm das Lgen verboten hatte! Nun mute er mit der Wahrheit an den Tag. Sill,
fr de Schullen, de ik ehr to brcht hebb.
    Her de Appeln!
    Och, Mudder!
    Her de Appeln, de schallst du ne upeten!
    Och, Mudder, lot mi de doch, ik hebb solangen keen Appeln mihr hatt!
    Gifst du de her, Klaus?
    Er wollte flchten, aber sie kriegte ihn am Hosentrger und nahm sie ihm
weg. Hastig steckte sie sie in die groe Tasche, die sie unter der Schrze trug,
und ging ins Haus zurck. Strtebeker lief hinterher und versuchte, sie ihr
wieder abzuschnacken, aber er erreichte es nicht, sie war unerbittlich. Da legte
er sich auf die Lauer und beobachtete sie heimlich, ohne da sie es gewahr
wurde. Und als er sie spter aus der Tr kommen hrte, da versteckte er sich
schnell im Binnendeich hinter der dicken Wichel. Gesa sah sich scheu um, ob auch
einer guckte, dann lief sie in den Garten, grub ein Loch und steckte die pfel
hinein, um die Hexerei unwirksam zu machen.
    Kaum war sie aber wieder oben, als Strtebeker geschlichen kam und die pfel
wieder ausgrub. Diesmal besah er sie nicht lange, sondern wischte sie schnell an
der englischledernen Hose ab und steckte sie in die Tasche. Erst als er in
sicherem Versteck am Westerdeich sa, in seinem Storchnest, das er sich im
Wipfel einer abseits stehenden Esche gebaut hatte, betrachtete er sie wieder und
a sie dann mit groem Behagen auf, ohne bange zu sein, da er krank danach
werden knne. Dazu schmeckten sie viel zu gut.
    Als er wieder nach Hause kam, dick und satt, lag ein gelber Prinzapfel auf
dem Tische, und die Mutter sagte: Kiek, Klaus, dor hebb ik noch een van uns
eegen Appeln int Heid funnen, de smeckt beter, un dor wardst du ne krank van.
Den et man up.
    Strtebeker verachtete natrlich auch diese Kost nicht, aber er sagte doch:
Van wegen beter, Mudder, dat will ik di man seggen: ik mag Kant leber as
Prins!

                                     * * *

    Einige Tage danach brachte ein starker Westwind eine hohe Tide Wasser und
brach de Fleek, das Eis, in tausend Stcke, schob das meiste davon auf den Deich
und ebbte den Rest nach der See hinab. Dann machten Regen und Sonnenschein reine
Bahn bis auf die Sandhgel und Schlickhaufen im Gras. Nun hatte Strtebeker
freies Wasser fr seinen Seeruberkahn, er konnte wriggen und rudern, soviel er
wollte. Jede Tide stie er eben vor der Flut vom Sielgraben ab, lie sich
stromab treiben und legte sich zwischen Blankenese und dem Schweinesand auf die
Lauer, warf den Draggen aus und harrte der Schiffe, die mit der Flut
heraufkommen sollten, denn jetzt mute und mute sein Vater bald dabei sein.
Zehn Tage war er schon weg. Die Dnung der Dampfer tanzte mit seinem Fahrzeug
auf und ab, - das erfreute ihn, denn so mute er doch zuletzt seefest werden.
    Wie er sphte! Wenn groe Drei- oder Viermaster vorbeigeschleppt wurden,
warf er den Kopf in den Nacken und guckte nach den Rahen und Masten hinauf.
Dampfer sah er feindselig an, denn er wute, da sein Vater nichts von den
Stiemksten hielt, und da auch Kap Horn nicht gut auf sie zu sprechen war. Was
da sonst noch segelte und kreuzte, Dreuchewer, Jalken, Kuffen, Schaluppen und
Galjassen, fand auch wenig Gnade vor seinen Augen, das waren Dwarstreiber und
Torfschipper bei ihm.
    Aber die richtigen Ewer, die Fischerewer, das waren Schiffe fr ihn, denen
wriggte er entgegen, und die begrte er: Hebbt ji Vadder ne sehn? Hett he ne
bi jo fischt? Kummt he bald? Wuten die Fahrensleute dann mitunter nicht, wer
er war, die Auer oder die Lneburger, dann drehte er einfach seinen Kahn so, da
sie seinen Namen Klaus Strtebeker lesen konnten, - dann wuten sie gleich
Bescheidund dann hie es ja oder nein, sie htten bei ihm gefischt, er kme
bald, oder sie htten ihn nicht gesehen, er msse wohl in der Sd zugange sein,
oder er wre nach der Weser gesegelt. Es waren auch Schelme da, die riefen, sein
Vater sei nach Janmerika gefahren und kme erst Weihnachten wieder. Und
Besorgte, die ihn ermahnten, nicht so weit hinaus zu schippern, sondern am
Bollwerk zu bleiben. Nur was er am liebsten hren wollte, da einer sagte: Dor
seilt dien Vadder, dor achter: schipper em man inne Meut! - das bekam er nicht
zu hren, und den schnsten Ewer kriegte er nicht zu sehen, so weit er auch
blickte.
    Hinter ihm machten sie die Flagge klar, um dem Deich zu winken und die
Frauen zu gren: er sah es mit einem bitteren Geschmack im Munde.
    Abends wriggte er niedergeschlagen zurck. Wenn er dann noch den Deich
entlang mute, benachrichtigte er wohl die Frauen, deren Mnner aufgekommen
waren: Geschen, ik hebb mit Hannis snackt, du schullst man noch mit den
Negendampfer nokommen! Oder: Trino, Hein is upkommen, hett tweehunnert Stieg
Schullen. Und wenn auch die Frauen meistens schon Bescheid wuten, wenn sie auch
schon gewinkt hatten, so freuten sie sich doch der Besttigung und sahen den
kleinen Strtebeker freundlicher an, um so eher, als er nicht fr Geld ansagte
wie die andern Jungen, die sich gemeinsam ein Fernrohr gekauft hatten und einen
frmlichen Fischerfrauenbenachrichtigungsdienst auf Teilung unterhielten.
Strtebeker aber war zu stolz, Geld anzunehmen. Behol man, ik verdeen Gild nog
mit mien Fisch un mien Kninken, sagte er, wenn ihm eine einen Groschen geben
wollte.
    Einen Tag, als er drauen war, lief ein groer, grauer Manofwar, ein
deutsches Kriegsschiff, dicht an ihm entlang. Schon von Schulau an hatte es sich
durch langgezogenes Heulen bemerkbar gemacht, - langsam glitt es nun vorber. Er
guckte es gro an, denn auf einem solchen Manofwar war auch sein Vater gewesen,
als er gedient hatte. An der Reling standen viele Mariner und guckten ihn an,
weil er so jung war und doch schon mitten auf der Elbe wriggte. Mit einem Male
aber winkte ein Matrose und rief: Hallo, Strtebeker! Das war Jan Greun, der
auf der anderen Seite von der Stegel wohnte: wat m Hein Sa sik wunnern!
    Hh, Jan! Wat kummst du denn hier her, ik meen, du wrst in Schino!
    Lurst du up dien Vadder?
    Jo, Jan! He kummt man blo ne.
    Strtebeker rief noch, er solle man mal mit den Kanonen losballern, auch
fragte er Jan, ob er seine Braut gren solle, dann war das Kriegsschiff
vorber, und er mute machen, da er den Steven seines Kahnes gegen die
anlaufende, groe Dnung drehte.
    Bald nachher kam Hein Rolf mit seinem Kutter vorbei, und als der Junge in
gewohnter Weise fragte, da bekam er die Antwort:
    Jo, dien Vadder hett mit uns tohoop fischt! He hett ok de Reis, he is ober
no Bremerhoben gohn! Segg dien Mudder man Bescheed!
    Is dat eulich wohr, Hein?
    Jo, meenst, wat ik di wat vrleeg?
    Da schipperte Strtebeker traurig nach dem Deich zurck. Nach der Weser war
sein Vater! Das konnte ja schn werden, denn das letzte Jahr war er auch immer
dahin gewesen, so da die Mutter manchmal geklagt hatte: wenn du ierst eenmol up
de Wesser wesen bst, denn fohrst dor woll gliek sben Mol no de Ratt hin! Nun
konnte es wieder so kommen, da er immer dahin segelte.
    Mudder, wee, neem Vadder is? fragte er, als sie beim Kaffee saen. In
Bremerhoben! Ik hebb mit Hein Rolf snackt, de hett bi em fischt!
    Gott Loff un Dank, dat Vadder de Reis hett und an Land ist, sagte die
Mutter erfreut.
    He harr ober man no Hus kommen mt, sagte er darauf, wat deit he no de
Wesser hin?
    Dat mtt Vadder slben weeten, erklrte sie aber, dor is he dichter bi de
See un hett dor ok woll noch een beter Markt as boben an Altno.

                                     * * *

    Und richtig erzhlte die Stutenfrau, die lebendige Zeitung des Deiches, am
andern Morgen, da so viel Schollen oben an der Brcke wren, da kein einziger
Ewer leer geworden sei. Sie mten alle berliegen und htten morgen wohl nur
noch tote Fische im Bnn, die sie den Hkerweibern nachwerfen knnten, ohne da
diese sich auch nur umguckten. Da sah Gesa ihren Jungen an: doch man god, wat
Vadder no de Wesser is! aber Strtebeker steckte eine hochmtige Miene auf, die
heien sollte: teuft man af, in Bremerhoben is dat Markt vullicht noch slechter!
    Die Stutenfrau erzhlte weiter, da Metta Focken Zwillinge bekommen htte, -
twee ltte Jungens, ober krekel un gesund! - da Hinnik Bott seinen Ewer
kondemmen liee und da Jochen Fahjes Knecht auf See ber Bord gekommen und
ertrunken sei, nachts. Er htte sich noch lange ber Wasser gehalten, aber sie
htten ihn nicht wiederfinden knnen, weil es so dunkel gewesen wre. Jochen,
rett mi, Jochen, rett mi! htte er immer gerufen, bis er weggesunken sei, die
schweren Seestiefel htten ihn zuletzt hinuntergezogen. Is man een Butenlanner,
Gorch hett he heten, ober wat is dat bedreuft, schlo die Frau.
    Strtebeker lehnte am Deichpfahl, einem absgten Kurrbaum, der noch die
Zeichen H.F. 125 trug, und hrte zu.

                               Sechster Stremel.


Strtebeker stand binnendeichs und heilte seine Bunge aus, die zwei groe Lcher
hatte; entweder war ein Hecht hindurchgeschossen, oder der Bauer hatte sie mit
Willen entzweigestoen. Da begab es sich, da der Brieftrger den Deich entlang
kam. Als der Junge ihn sah, dachte er an einen Brief von seinem Vater, aber er
mochte noch nicht fragen. Erst, als er Jan Beier in das Schtt gehen sah, lie
er die Bunge liegen und sauste ins Haus hinein.
    Van Bremen, Gesa, sagte der Brieftrger gerade und gab seiner Mutter einen
Brief, wobei er den Herd mit den Augen streifte und lsterte, ob der Kessel ber
dem Feuer hing. Und als er das Wasser singen hrte, hellte sich seine Miene auf,
er holte den groen Beutel aus der Hosentasche, setzte ihn gewichtig auf den
Tisch und sagte: Hunnert Doler, mien Diern!
    Junge, Junge, Mudder, wat een Hmpel! rief Strtebeker aus, als er die
Goldstcke sah, dann aber wurde er nachdenklich und sagte: Wat kann dat angohn?
Wenn Vadder de Schulln uthkert, denn kriegt he doch luter Groschens un nu sndt
mit eenmol all Guldstcker?
    J, dat zaubert wi up de Post all trecht, antwortete der Postkerl
geheimnisvoll.
    Gesa holte geschwind ein Glas aus dem Teeschapp und tat Rum und Zucker
hinein, denn es war Jan Beiers herkmmliches Recht, da er einen Grog verlangen
konnte, wenn er Geld gebracht hatte. Er setzte die Mtze auf den Tisch, die
Strtebeker wie einen Maikfer betrachtete, holte das rotbunte Taschentuch
heraus und wischte sich die Stirn, obgleich ihn gar nicht schwitzte, dann lie
er eine kleine Rede ber den langen Weg und sein Alter los, um sich vor der
Kaiserlich Deutschen Reichspost zu rechtfertigen, zuletzt aber zerstie er den
Zucker und rhrte den Grog liebevoll um; er hielt das Glas gegen das Licht, er
probte, wie ein Weinkfer, mit geschlossenen Augen, und nickte, zum Zeichen, da
er gegen das Verhltnis der Zutaten nichts einzuwenden wute, schlielich aber
trank er das Glas in einem Zuge leer und sagte zu Strtebeker: Dat Glas kannst
du utlicken.
    Ik bn keen Restensuper, sagte der Junge verchtlich und schob das Glas
von sich, Jan Beier aber machte sich reisefertig, nahm seinen Gutentagstock aus
der Ecke und ging aus der Tr mit den hergebrachten Worten: So, nu geiht dat
ierst mol wedder! Adjst, mien Diern!
    Jst, Jan!
    Junge, Junge, Mudder: Vadder, de kannt ober! rief Strtebeker bewundernd,
sie aber steckte das Geld schnell in die Kommode und verbot ihm, es am Deich zu
erzhlen, wieviel sie bekommen hatte. Dann machte sie den Brief auf, auf dessen
Umschlag wie immer nur stand:

                                  Klaus Mewes,
                                                                   Finkenwrder,

ohne Herrn und ohne Elbdeich und ohne: bei Hamburg. Se findt mi ok so, pflegte
Klaus Mewes heiter zu sagen, wenn Gesa ihm das vorhielt.
    Sie las den Brief dem Jungen vor, erst hochdeutsch, wie er geschrieben, und
dann plattdeutsch, wie er gemeint war. Diese Briefe von der Fahrt waren einander
dermaen gleich, da Gesa schon manches Mal gesagt hatte, sie wolle sie ihm
vorschreiben bis auf dreierlei, das er dann nur noch auszufllen htte: den
Hafen, das Datum, die Geldsumme.

                                                      Bremen, den 29. Mrz 1887.

        Liebe Gesa!

    Wir sind hier glcklich angekommen, haben 300 Stieg gehabt und 350 Mark
gemacht. Ich schicke Dir 300. In Bremerhaven war es zu voll, deshalb sind wir
raufgesegelt und haben es ganz gut getroffen. Diese Nacht gehen wir wieder
runter. Ob wir die andre Reise nach Hause kommen, wei ich noch nicht. Das Markt
ist ja immer so schlecht auf der Elbe. Wenn Strtebeker mitgegangen wre, htte
ich ihm schn Bremen zeigen knnen. Wir sind noch gesund und munter, was ich
auch von Euch hoffe.
    Jetzt will ich schlieen.
    Mit Gru an Dich und Strtebeker
                                                          Dein Mann Klaus Mewes.

    Bei der bersetzung rief Strtebeker einmal: Och, de scheebe Weg no
Bremen! Das war eine Redensart am Deich. Und bei der Stelle Bremen zeigen,
rief er: Jo, dat keem anners ut as dat anner Bremenwiesen! Die Seefischer
fragten wohl die Kinder: Schall ik di mol Bremen wiesen? Und sagte ein Junge ja,
so faten sie ihn bei den Ohren an und hoben ihn in die Hhe und fragten so
lange, ob er Bremen nun sehen knne, bis er geqult ja sagte.
    Im ganzen war Strtebeker aber mit dem Brief nicht zufrieden, denn sein
Vater wollte ja noch lnger nach der Weser fahren. Verdrossen ging er wieder an
seine Arbeit.
    Was sein Vater wohl immer auf der Weser wollte? Nachher, wenn er erst mit an
Bord war, konnte es seinetwegen gern immer nach Bremen gehen, aber erst sollte
sein Vater kommen und ihn holen!
    Nach einiger Zeit begann es zu trpfeln, da trug er sein Netz nach dem
Schauer und heilte dort weiter, unter den groen Namensbrettern gestrandeter
Schiffe aus der alten Zeit, als noch gute Beute zu machen war, Bt wie 73, als
eine englische Bark mit Kupfererz auf Grovogelsand strandete, oder wie 80, als
ein amerikanischer Klipper mit Erdl auf Scharhrn entzweiging. Viele der
Schauer hinter dem Deich trugen diese Namenbretter als Zier, manchen
Schweinekoben schmckte eine Inschrift wie Kalliobe, Ceres, Fare well oder
Merkur.
    Das Schauer von Klaus Mewes wies fnf Namenbretter auf, davon zwei mit
Goldbuchstaben, und ber dem vorderen Eingang stand eine gekrnte Jungfrau, die
Gallionsfigur eines Vollschiffes, einst von Albatrossen umschwebt, von
fliegenden Fischen umschwirrt, - nun von Spatzen umpiept, von Hhnern umgackert.
    Von den fnf Brettern hatte Klaus Mewes aber nur eins angemacht, das mit der
goldenen Inschrift:

                               Suzanne - LE HAVRE

die andern vier stammten von seinem Vater, dem groen Beutemacher, und hieen:

 HOFFNUNG Goede Verwachting
HAABET - SKIEN MARY THOMPSON

                                     * * *

    Es war ein Trost fr Strtebeker, da seine eigene Fischerei in diesen Tagen
besser wurde, er fing beinahe jede Nacht etwas. Und weil sein Vater in den
ersten sechs oder acht Tagen ja doch nicht kommen konnte, er also nicht nach dem
Fahrwasser zu schippern brauchte, warf er sich mit groem Eifer aufs Kntten und
bekam die Bunge fertig. Der Jger stellte sie ihm ein, und dann fischte er mit
doppeltem Geschirr. Zuletzt sa das Htfa voll von Hechte, Sturbarschen,
Schleien, Rotaugen und Karauschen, und er mute daran denken, sie an den Markt
zu bringen.
    Da trat der seltene Fall ein, da er seine Mutter einmal gebrauchte, denn er
konnte nicht bitten, wie er nicht danken konnte. Gesa mute hin und Hannes
Husteen fragen, ob er die Fische mit nach Altona hinaufnehmen wolle. Erst hatte
sie sich zum Schein geweigert: Frog em man slben, bst jo grot un kannst jo
snacken, da sagte er aber kurz und bndig: Non, denn ist god, denn lot de
Fisch man all krssen, denn lots man dot blieben. Htte sie freilich gesagt, er
wre wohl bange, da er selbst nicht fragen mge, so wre er gewi zu dem
Fischer gelaufen, sie dachte aber nicht daran, sondern tat den Gang fr ihn.
    Will he jm mithebben, Mudder?
    Jo, schallst jm ober furts hinbringen, he geiht gliek rup!
    Da packte Strtebeker seine Fische in ein Netz, lief damit nach der Jolle,
die im Sielgraben lag und schon ungeduldig mit dem Segel giekte, und hngte sie
in den Bnn. Hannes Husteen machte spaeshalber einige Einwendungen: wenn blo
ne son slecht Markt is, dat ik jm los ward ... de Dinger snd ok so ltt: wenn
de de Hkerwieber man nehmt ... Als Strtebeker aber sagte: Denn schallst du
jm gor ne mithebben, du Bangbx, und den Bnn wieder aufmachen wollte, da
hielt der Elbfischer ihn zurck und gelobte, sein Bestes zu tun und die Fische
so teuer wie mglich zu verkaufen, und wenn er sie dem Brgermeister von Hamburg
selbst ins Haus bringen msse und die Tide darber versume.
    Achtundzwanzig Groschen bekam Gesa den andern Tag fr ihren Jungen
ausbezahlt. Strtebeker, der die Elbfischerfrau ankommen sah, versteckte sich
schnell, damit er nicht Dank zu sagen brauchte.

                                     * * *

    Sein Vater fuhr weiter nach der Weser, als wenn er den Weg nach der Elbe
ganz vergessen htte. Bald kam eine Kunde von Geestemnde, bald von Vegesack
oder Elsfleth oder Bremen oder Brake, einmal sogar von Oldenburg. Klaus Mewes
kroch in alle kleinen Lcher hinein und versorgte die ganze Unterweser mit
springlebendigen Klapperschollen und mit Finkenwrder Plattdeutsch. Sie kannten
den frhlichen Finken an Geeste, Hunte, Lesum und Weser gleich gut und freuten
sich, wenn er mit aufgekrempelten Armen auf den Luken stand und seine Fische
pries. Nach dem Elbdeich kamen nur Briefe und Anweisungen auf Geld.
    Strtebeker war bse auf seinen Vater, und er machte seiner Mutter gegenber
kein Hehl daraus. Zumal mittags tat er den Mund auf wie ein Kesselflicker. Nach
dem Fahrwasser ruderte er nur noch selten hinaus, denn der Ewer kam ja doch
nicht, und die Seefischer lachten ihn ja schon bald aus, wenn er fragte.
    Er htte wohl nicht gewut, was er mit seiner Zeit anfangen solle, wenn die
Eve nicht sieben Junge gekriegt htte, die ihm viel Arbeit machten, und wenn
nicht die Tage der Ostermoonen angebrochen wren.
    Die Tage der Ostermoonen, der Osterfeuer am Westerdeich!

                                     * * *

    Was steckt in den Jungen, da sie die Feuer anznden, wenn die Sonne hher
steigt? Die alte Heidenfreude ist es, die Freude an der Welt, an der Sonne und
am Licht, die sich dunkel in ihnen regt. Die Alten stehen ihr ferner und knnen
schon auf die Osterbrennerei schelten. Aber wie das junge Tier dem Urtier
hnlicher ist als das ausgewachsene, entwickelte, so steht auch das Kind dem
frheren Menschen nher als der Mann: es horcht auf Stimmen, die in uns lngst
verklungen sind. Ihr Eltern und Lehrer, habt Ihr das bedacht? Nein? So bedenkt
es jetzt und seht mit Ehrfurcht auf das Kind, - straft es nicht um seine
Osterflammen!
    Johannisfeuer bleibe unverwehrt!

                                     * * *

    Kniehoch lag der Feek am Westerdeich, ein Gemengsel aus Schilf, Reet, Binsen
und Gras, das die winterlichen Sturmfluten zusammengeworfen hatten; als die
Sonne es etwas getrocknet hatte, da wurde es hmpelweise in Brand gesetzt. Und
der Baas der Ostermoonen war Klaus Strtebeker, er fhrte die Rotte der Jungen
an, die jeden Tag, an dem es nicht mit Mulden go, den Westerdeich belebte.
Streichhlzer wurden immer einige aufgetrieben, und da in allen strammgezogenen
Hosen Feuer sa, so qualmte ein Hmpel nach dem andern. Wie Wigwams eines
Indianerdorfes sahen die Feekhmpel aus: die Jungen lagen daneben, pusteten und
husteten, machten an der Windseite Luftlcher, schleppten wieder Feek herbei und
freuten sich ber den dicken weien Rauch, der bei dem ewigen Westwind meistens
das ganze Eiland durchzog und vom Ne bis nach dem Audeich zu riechen war. Jeder
setzte seinen Ehrgeiz darein, die grte Ostermoon zu haben! Meistens hatte
Strtebeker sie.
    Die Leute auf dem Felde schalten, der Pastor wetterte in der Kirche gegen
den heidnischen Greuel, der Polizist vertrieb die Jungen, die Bauern hetzten sie
mit den Hunden, die Frauen taten alles mgliche, - aber die Jungen lieen sich
durch nichts abhalten: sie fanden sich immer wieder zusammen und steckten die
Feuer wieder an. Rauchgeschwrzt saen oder standen sie bei ihren Ostermoonen:
auf dem Deich aber ging einer von ihnen Wache, und zeigte sich etwas, ein Hund
oder ein Mensch, so zerstob die Bande und verbarg sich in dem unwegsamen
Inselgewirr der Pttensmpfe, zog die Bretter ab und sa in den Erlenbschen,
hinter dem Reet und den dicken Wicheln, bis die Gefahr vorber war. Strtebeker
war der letzte, der die Feuer im Stich lie, er war auch der erste, der wieder
aus den Ptten kroch, und verga niemals zu sagen: Ik bn obers ne bang,
Jungens! Es warf stets das nasseste Zeug auf, damit es tchtig rucherte, und
fand es ganz vergnglich, auch einmal eine alte Wichel in Brand zu setzen.
Abends wusch er sich Gesicht und Hnde im Graben und ging befriedigt nach Hause,
ohne sich um die weiterschwelenden Feuer zu qulen. Lot man brinnen, sagte er
zu seiner Mutter, wenn sie manchmal in der Dmmerung mit anderen besorgten
Frauen hinlief und die Flammen dmpfte, damit nicht alle Bume in Brand kommen
sollten.
    Ihre Strafpredigten hrte er ungerhrt an: Ostermoonen mten sein: sein
Vater htte sie als Junge auch gehabt, so verteidigte er sich und fand am andern
Morgen wieder den Weg nach dem Westerdeich.

                                     * * *

    In der Giebelstube des letzten Hauses lag ein kranker Matrose, der hie Harm
Klper und konnte von seinem Bett nach dem Westerdeich sehen.
    Als ein gesunder, starker, lauter Junggast war er vor Jahren aus der Heimat
gegangen, - als ein kranker, schwacher, stiller Mann war er vor Wochen
zurckgekommen. Er hatte alle seine Kraft zusammengenommen, um den Deich allein
entlang zu gehen, und hatte die Leute noch gegrt, die vor den Tren gesessen
hatten aber es war ihm doch nicht mglich gewesen, beim Kirchenweg sackte er um
und mute nach dem Ne getragen werden: Andrees Fink, der Starke, nahm ihn wie
ein Kind auf den Arm und brachte ihn seiner Mutter, die laut aufschrie, so wei
war sein Gesicht.
    In Manaos am Amazonenstrom hatte das Fieber ihn gepackt und niedergeworfen.
Nun lag er im Bett und wartete auf den Tod, denn er fhlte, da er nicht wieder
gesunden knne. Die groe Fahrt war aus, - ber sein Seefahrtsbuch war ein
dicker, schwarzer Strich gemacht worden, den er nicht wegwischen konnte.
    Er war in ein Trauerhaus gekommen; seine Mutter ging in schwarzen Kleidern,
und die unteren Fenster waren dicht verhngt. Sein Vater und sein ltester
Bruder waren mit ihrem Schiffe verschollen, whrend er butenlands gewesen war.
    Harm Klper sah die Osterfeuer qualmen. Mit groen Augen sah er sie an, als
wenn er noch im deutschen Hospital lge und trume. Er sprach nur noch selten:
an stillen Tagen lie er das Bett so stellen, da er die Elbe sehen konnte,
sonst grbelte er die ganzen Tage vor sich hin. Mit fnfundzwanzig Jahren den
Tod bei der Hand fassen: wie das Seemannsherz sich dagegen wehrte! Wie er immer
und immer wieder die zerrissenen Segel ansah, als knne er es nicht begreifen,
da sie nicht wieder zu machen waren.
    Nur auf eins freute er sich noch, auf den kleinen Klaus Strtebeker, der
jeden Tag vorbeikam und seine Ostermoon ansteckte. Der brachte noch ein Lcheln
in das ernste, verschlossene Gesicht, und er half ihm in Gedanken bei seinem
Osterfeuer ... hol man noch fix Feek her, Klaus, hrst? ... Kiek, hier! Dat
schall fluckern un rukern! ... Hol du ok mol wat, Harm! ... Jo, hier is een
ganzen Arm vull! ... Smiet man up! ... U, wat fluckert dat, wat sleit de Flamm
hoch! ... Dat is doch een feine Ostermoon, ne, Harm? ... Jo, dat is een scheune
Ostermoon, Klaus Strtebeker!
    Sst du wat, mien Jung? fragte die Mutter besorgt, die ihn sprechen gehrt
hatte und von unten gekommen war.
    Rop den ltten Klaus Strtebeker doch mol rup, Mudder, ik much giern mol
mit em snacken, bat er.
    Da kam Klaus Strtebeker die Treppe heraufgepoltert, wie er bei seinem Feuer
gestanden hatte, geschwrzten Gesichts, und lie sich ausfragen von dem
todkranken Matrosen. Und berichtete von seiner Fischerei und seinen Kaninchen,
von seinem Kahn und seiner Krhe, am meisten aber von seinem Vater, und da er
den Sommer mit nach See wolle und solle. Dann aber fing er an zu fragen: nach
den groen Schiffen und den Schwarzen, nach dem Fliegenden Hollnder und nach
Amerika. Ob Harm schon mal Menschenfresser gesehen htte, wollte er wissen, und
ob es wahr wre, was Kap Horn ihm von der groen Leine erzhlt htte, unter der
alle Schiffe hindurch mten.
    Harm Klper fand groes Gefallen an der Art des Jungen. Er schaute in dessen
Augen wie in einen Spiegel hinein und sah seine Kindheit wieder, die er verloren
hatte. Und er behielt Strtebeker lange bei sich, bis die Mutter ihn an das
Ruhegebot des Arztes mahnen mute. Da schenkte er ihm ein kleines, zierliches
Vollschiff, das er in den Passaten, als die Segel wochenlang stehen bleiben
konnten, geschnitzt und aufgetakelt hatte, und nahm ihm das Versprechen ab, den
andern Tag und alle Tage wieder heraufzukommen.
    Dat brukt ne ierst een Seemann to wardn: dat is all een, sagte er zu
seinem Bruder. Herrgott innen Heben, wat frn moi Leben hett de nu noch vr sik
- un mien is ut! Mien is ut! Ik bn beet! sthnte er und kehrte das Gesicht
gegen die graue Wand.
    Da ging der Bruder hinaus, weil er es nicht mit anhren konnte, die Mutter
aber setzte sich zu ihm und streichelte ihm die Backen, bis er ganz still lag.
Dann sagte sie: Harm, hr mol to: Ik will mol mit di snacken.
    Och, lot mi doch, Mudder!
    Ne, ik mtt di dat seggen, Harm, dat steiht mi so vrn Harten, dat ik ne
mihr slopen kann. Jan, dien Bruer, will ok no See, wenn he Ostern ut de Schol
is! Snack du em dat ut, Harm. Ik hol dat ne ut un goh to Woter, wenn he ne an
Land bliwt!
    Der Kranke schlo die Augen und gab keine Antwort: da glaubte sie, da er
eingeschlafen sei, und schlich auf Socken hinaus. Er hatte aber nur keine
Antwort geben wollen.
    Strtebeker lie die Ostermoon einen Tag liegen, er hatte keine Zeit fr
sie, denn er war mit seinem kleinen Schiff am Bollwerk zugange und erprobte
dessen Segel- und Manverierfhigkeit.
    Der andre Tag war ein Sonntag, ein heller, sonniger Tag. Weie Wolken kamen
im Westen aus der See gestiegen und segelten wie Lustkutter auf dem blauen
Luftmeer. Der Matrose lie sich von seinem Bruder die Kissen hinter den Rcken
stopfen, damit er besser ausgucken konnte, und wartete auf Strtebeker. Die
Mutter kam herein, mit dem Gesangbuch in der Hand, und fragte, ob er noch etwas
wolle; als er verneinte, ging sie nach der Kirche und berlie die Wache dem
Konfirmanden.
    Strtebeker kam, aber er hielt sich oben nicht lange auf, sondern stolperte
gleich wieder die Bodentreppe hinunter, um das Dankesfeuer zu entfachen. Nach
kurzer Zeit loderte eine groe Ostermoon auf dem Deiche, wie Strtebeker noch
keine gehabt hatte: das war fr das schne Vollschiff!
    Harm Klper verwandte kein Auge von ihm: da ergriff ihn mit einem Male der
Gedanke: jetzt mu ich sterben! Und der lie ihn nicht mehr los, bis er sich ihm
ergab und das Ruder loslie: treib, Schifflein, treib! Da kam eine groe,
heilige Ruhe in sein Herz, der Schmerz verging, und all das Tote, Dumpfe, das
auf ihm und in ihm gelegen hatte, wich einer wunderlichen Leichtigkeit und
Klarheit. Er erkannte, da sein Leben gro und schn und sonnig gewesen war.
Glitzernd und blinkend, atmend und lachend lag die See vor ihm, die groe weite
See, und hohe, stolze Drei-und Viermaster segelten wie Knigsschiffe vor dem
Winde! Wie leuchteten ihre goldenen Namen, wie winkten die Janmaaten! Er stand
auf der Back im Sonntagsstaat, in der Tr des Logis sa der Norweger und spielte
auf der Harmonika; ber ihm aber wlbten sich die gewaltigen Segel, von der Fock
bis zu den Royals, und die Rahen knarrten. Delphine spielten vor dem Bug, und
Albatrosse schwebten ber dem Heck! Und der Norweger spielte, bis die weien
Nocken rot wurden und die Sonne langsam ins Wasser sank ...
    Jan?
    Wat schall ik, Harm?
    Jan hatte einige Sprche zu lernen, die gar nicht sitzen wollten, und sah
verdrielich von seinem Katechismus auf.
    Jan, Mudder seggt, ik schall di van de Fohrt afroden. Du schallst ne no See
hin, seggt se. Un ik schall di bang moken, Jan. Ober ik dot ne, wenn Vadder un
Jakob ok verdrunken snd, un wenn ik ok grote Hoveree hebb un kodimmt wardn
mtt! Ik ro di to, Jan! Wenn du Lust no See hest, denn goh no See un lot di ne
meuten! Goh no See, Jan, un dink an dien Bruer, wenn du goden Wind inne Seils
hest!
    Der alte Lebensmut flammte noch einmal in der Seele des Matrosen auf.
    Buten ist doch beter as binnen, Jan, gluf mi dat! Wenn de Wieber ok seggt,
mien Leben is verkihrt wesen: ik bn krank wedderkommen un hebb keen Sack vull
Gild mitbrcht; ik segg di: mien Leben is recht wesen, un wnsch mi keen anner!
    Snack doch ne soveel, Harm, beschwichtigte ihn der Bruder, der gern
weiterlernen wollte, ik seh di dat an, du hest dor Wehdog van.
    Der Matrose aber richtete sich auf. Mit dem letzten Rest seiner Kraft ging
er gegen die Schwche an, die ihn bermannen wollte, und verlangte sein
Seefahrtsbuch.
    Wat wullt dormit, Harm?
    Mien Munsterbook, Jan! Dat ligt boben up mien Seemannskist!
    Er lie nicht nach, bis er es in den Hnden hatte. Fest umschlossen seine
knochigen Finger es, als er sagte: Dor steiht dat in, Jan, woneem ik allerwrts
wesen bn: an de Westkst un in Schino, inne Middellandssee un inne Sunda, boben
bi de Eskimos un nerden bi de Minschenfreters. Dat steiht dor all in! Mien
Munsterbook will ik nu jmmer bi mi hebben, Jan, un wennk dot bn, denn scht ji
mi dat innen Sarg leggen, wat ik mi vr Gott ok verklorn kann.
    Harm, schoon di doch, bat der Bruder, der ihm die Anstrengung ansah, aber
der Matrose hrte nicht.
    Kiek, Jan, ik bn nu so krank, dat ik ne den ltten Finger mihr krumm moken
kann, ohn mi weh to dohn: wenn ik dt Book seh, denn ward ik dor ober an dinken,
wat ik mol boben up de Royals stohn hebb, in Nacht un Strm, un ne bangen wesen
bn, un wat ik innen Atlantik mol Haifisch angelt hebb! Un dor an to dinken, dat
is god, Jan, wenn een starben mtt.
    Harm, so snackst du nu, - un to Sommer, wenn du wedder beter bst un wedder
up grote Fohrt geihst, denn lachst du dor ober.
    Der Kranke schttelte den Kopf.
    Mien Fohrt is ut, Jan, de grote un de ltte: ik seh de See ne wedder! Jan,
goh no See un ward een fixen Seemann! nner Seils ist up best!
    Ik do ok doch, wat ik will, sagte der Bruder bestimmt, meenst du, wat ik
Lust hebb, bi de Buern to sleupen?
    Befriedigt nickte der Matrose, dann aber drngte er seinen Bruder hinaus,
indem er ihm sagte, er solle mal ausgucken, ob die Mutter noch nicht kme, denn
er meine, die Kirchenglocken htten schon gelutet.
    Er fhlte aber, da der Tod in der Kammer stand, und wollte nicht, da der
Junge ihn sterben sehen sollte. Als er allein war, blickte er noch einmal ber
den Westerdeich, auf dem Klaus Strtebeker noch immer sein rauchendes Osterfeuer
bewachte. Von der Elbe herber tuteten die Dampfer, und hinter dem Ne standen
viele, braune Segel auf dem Wasser.
    Dann trat die groe Meeresstille ein: der Tod kam und grte ihn. Und Harm
Klper war tapfer bis zum letzten Augenblick.

                                     * * *

    Mit dem Seefahrtsbuch in den Hnden fanden sie ihn, und das Seefahrtsbuch
bekam er nach seinem Willen mit in den Sarg. Die gebckte Triengretj, die
Totenfrau, ging von Tr zu Tr und sagte an, da er Mittweeken Klock dree aus
dem Hause komme. Jan Kpke kam mit dem Leichenwagen den Deich entlanggewankt und
brachte den ruhelosen Weltumsegler, dem Tausende von Seemeilen nicht genug
gewesen waren, in einer kleinen halben Stunde zum Hafen und zur Ruhe.
Strtebeker ging mit hinter dem Sarge und trug einen groen Kranz, zu dem er das
halbe Geld aus seinem Spartopf zugeschossen hatte. Aus jedem Hause ging einer
mit, da es eine groe Leiche wurde. Am Grabe sangen die Lneburger
Kirchenjungen, und Bodemann sprach bewegt von einem Matrosen, der manchen Hafen
und manches Meer gesehen htte.
    Nachher aber, als die Frau auch die letzten Fenster verhngte, lief
Strtebeker mit dem Vollschiff nach seinem Kahn, wriggte vom Bollwerk ab und
lie es auf der blinkenden Elbe segeln.

                               Siebenter Stremel.


Der verhngten Fenster wegen verlegte Strtebeker seine Ostermoonen nach dem
Sdende des Westerdeiches. Dort stand eine einsame, kleine Kate, in der Bartel
Tamp mit seiner Mutter hauste, der alten Hanno Quast, von der es hie, da sie
nur einen Topf im Hause htte, der abwechselnd als Etopf, als Waschtopf und als
Pipott dienen msse. Den Tisch fege sie mit dem Besen ab. Sie htte auch nur
ein Tuch, das sie morgens als Schrze, mittags als Tischtuch und abends als
Fenstervorhang benutze. Unter dem Herd wre ihr Hhnerwiem, und die Ferkel
hausten bei ihr im Bettstroh.
    Bartel war von Amerika gekommen, sie zu besuchen. Er sollte in Minnesota
eine groe Farm haben, so gro wie ganz Finkenwrder, sagten sie: anzusehen war
ihm das aber nicht, denn er ging Sonntags und alltags gleich schlumpig. Und als
seine Mutter starb, da zimmerte er selbst einen Sarg zurecht, lud ihn auf die
Schubkarre und fuhr ihn nach dem Kirchhof: das wre so Mode in Amerika, sagte
er, und kmmerte sich nicht um die Leute. Er wollte auch die Kule selbst graben,
aber da kam ihm der Totengrber Hein Bausen in die Quere, der von solcher
Gottlosigkeit nichts wissen wollte: dem es aber mehr um die achtzehn Groschen zu
tun war, die er fr das Grab einzubekommen hatte, als um den Frevel.
    Einige Tage danach lutete die Feuerglocke, der Nachtwchter tutete, und die
Feuerleute rannten in weien Kitteln nach dem Spritzenhaus, die Gren hinterher.
Dann ging es mit Hurra durch das Land nach der Ecke des Westerdeiches, denn
Hanno Quastens Haus brannte. Als sie hinkamen, stand die Kate in hellen Flammen
und war schon beinahe gnzlich niedergebrannt: Bartel Tamp aber rannte mit dem
einzigen Topf seiner Mutter hin und her und go Wasser in das Feuer. Zu retten
war da nichts: als die Feuerwehr die Schluche angeschroben und alles in Schu
hatte, war das Haus schon zusammengestrzt, und sie konnte nur noch die
Obstbume naspritzen. Unverdrossen aber lief Bartel mit seinem Kltenpott
umher, sagte Goddam und rief, das htten die Jungens getan, die verdammten
Jungens, Klaus Strtebeker und Konsorten. Strtebeker machte, da er weg kam,
als er das hrte.
    Es gab groe Verhre vor dem Polizisten, aber Strtebeker blieb dabei, da
er es nicht getan htte, seine Ostermoon wre viel zu weit weg gewesen, als da
Funken nach dem Strohdach geflogen sein knnten. Obgleich seine Mutter ganz
verzweifelt war, gab er nichts zu. Sie drohten ihm mit der Strafschule, aber er
frchtete sich nicht. Aber es kam doch soviel dabei heraus, da kein Junge mehr
mit ihm nach dem Westerdeich gehen durfte, und er selbst bekam auch
Kellerarrest. Es wre wohl noch schlimmer geworden, wenn Bartel Tamp nicht
gutmtig gesagt htte: die Jungen sollten nicht bestraft werden! An dem alten
Haus sei nichts gelegen: er reise ja doch wieder nach Amerika!
    Und er verklopfte den Hof, lie sich das Versicherungsgeld ausbezahlen und
dampfte nach Neuyork ab.
    Da kam das Gerede auf, er htte das Haus selbst angesteckt, um das Geld zu
bekommen, und die Leute glaubten es. Aber Strtebeker war damit nicht
freigesprochen, er hie noch lange Zeit der Brandstifter und bekam kein gutes
Wort von seiner Mutter. Die ganze Geschichte war berhaupt verratzt, wie er sich
ausdrckte, denn die Bauernknechte hatten ihm auch noch die Bungen weggenommen,
und er konnte nicht mehr fischen.
    Den Tag vor Grndonnerstag aber, als er sich zum erstenmal wieder eine
Ostermoon gemacht hatte, eine ganz kleine, deren Rauch nicht weit flog, und sich
mehr als sonst umguckte, denn die Sache war jetzt gefhrlich genug, da sah er
drei groe, braune Segel hinter dem Giebel des Nehofes erscheinen, die ihm
bekannt vorkamen. Er sah scharf hin, dann lie er das Feuer im Stich und lief in
Sprngen nach dem Bollwerk, kettete lachend seinen Kahn los und wriggte schnell
vom Deich, seinem Vater entgegen.
    Denn sein Vater war es: er kannte den Ewer, er sah die Flagge! Sein Vater
war wieder da!
    Wie wriggte er, wie rief er:
    Hh, Vadder, hh!
    Da wurde er vom Ewer gesehen:
    Hh, Klaus Strtebeker!
    Non, Vadder, de Reis afmokt? ... Jo, mien Jung! ... Wat geiht di dat,
Kap Horn? ... Och, god, Strtebeker, dat wee woll, slechte Ld geiht dat
jmmer god! ... Bst ok seekrank worden, Hein Mck? ... Ne, du
Schietinnebx.
    Nun hatte er den Ewer erreicht, band seinen Kahn achter an und kletterte an
Deck, streichelte Seemann und stellte sich dann bei seinem Vater hin. Nun war
alles gut, - er war wieder an Bord bei seinem Vater!
    Hein, Hein Mck, du mt di mol rosiern loten, Minsch, hest jo all een
eulichen Snauzbort!
    Kap Horn aber sagte: Dat is keen Bort, Strtebeker. Hein Mck hett si blo
en bitten annen Kltjenputt swart mokt.
    Dor qult jo man ne m, schneuzte der Koch.
    Vom Ruder scholl es: Gohn den Draggen! Der schwere Anker fiel, rasselnd
sprang die Kette nach, straffte sich und brachte den Ewer zum Schwoien.
    Vadder, schall ik de Fock dol smieten? rief Strtebeker, der sich
wunderte, da sich niemand um die Segel kmmerte. Aber Klaus Mewes erwiderte:
De Seils blieft stohn. Wie weut Mudder holen un denn mit allemann no Stadt
rup!
    Junge, jo! Dat ward fein! sagte Strtebeker, wenngleich er nicht recht
einsehen konnte, was seine Mutter dabei sollte. Er erbot sich, sie mit dem Kahn
zu holen, aber sein Vater meinte, sie htten Zeit genug und wollten noch erst an
Land Kaffee trinken. So nahmen die Leute denn das Boot in die Talje und setzten
es ber Bord. Der Schiffer warf unterdessen die Scharben in den Reisekorb, und
dann schipperten sie an den Deich, Strtebeker in seinem Kahn, die Seefischer in
ihrem Boot. Hein Mck wriggte. Inne Wett, Hein, de up ierst ant Bullwark kummt,
hett wunnen! rief der Junge und wriggte aus Leibeskrften, - und richtig wurde
er dem schweren Boot leicht ber.
    Gesa stand schon auf dem Deich und lachte ihnen aus glcklichem Herzen
entgegen. Zu diesem Augenblick sah sie nur die Sonne, die auf der Elbe und auf
ihres Mannes Gesicht lag, und dachte nicht an die Strme, an den Nebel und an
die dunkeln Nchte.
    Mudder, du schallst di gliek klor moken, hett Vadder seggt: wi wt
alltohoopen mit no Altno rup! - rief Strtebeker schon von unten.
    Lachend gab der groe Seefischer seiner jungen Frau die Hand und hielt ihre
fest: Goden Dag!
    Goden Dag! sagte sie verhalten und wollte ihre Hand lsen, aber er hielt
sie fest und sah ihr in die Augen. Da wurde sie rot und sagte verwirrt: Lot mi
doch los, Klaus, wat scht de Ld dinken!
    Er hielt sie fester und htte sie noch lange nicht losgelassen, wenn nicht
der Junge dazwischengetreten wre und gesagt htte: To, Vadder, lot ehr los, se
schall sik klor moken!
    Wullt mit, Mudder?
    Sie nickte: Jo, dtmol goh ik mit, Vadder! Is jo scheun Wedder!
    Dann saen sie beim Kaffee und aen und tranken, die groen, braunen
Gesellen, die sich fnf Wochen auf der See herumgetrieben hatten, und konnten
alle drei kaum soviel antworten, als Strtebeker fragte. Er mute alles wissen,
wo sie gefischt und wieviel sie gefangen hatten, wo sie zu Markt gewesen waren
und wieviel sie gebrt hatten, was fr Wetter sie gehabt hatten und so weiter.
Wie eine Mhle ging ihm der Mund, wie eine Pfeffermhle.
    Gesa zog ihren Sonntagsstaat an und machte Strtebeker stadtgem, obgleich
er sich zur Wehr setzte, denn er mochte nicht glatt gehen. Das Viehwerk wurde in
die Obhut der Nachbarin gegeben, dann ging es mit Kahn und Boot nach dem Ewer
hinaus, der sich gro und schn auf dem blanken Wasser spiegelte: Klippklapp
sagte das Spill, als die Kette aufgehievt wurde.
    Die Flut nahm sie auf ihren breiten Rcken und brachte sie durch das
Nienstedter Loch nach dem Fahrwasser zwischen die vielen Segel; dort war soviel
Wind, da sie in geruhiger Fahrt bald bis Altona kamen, wo sie an der
Fischerbrcke Tamp legten. Strtebeker spielte bald mit Seemann auf den Luken,
bald nahm er Kap Horn in seemnnischen Angelegenheiten in Anspruch, bald guckte
er neugierig in den Bnn, in dem das Wasser wirbelte und ab und zu eine Scholle
auftauchte, um schnell wieder hinunterzuschwimmen, bald sa er auf der Kapp bei
Hein Mck, der Kartoffeln schlte, und a getrocknete Knurrhhne. Oder er besah
die Seepfel und Seesterne, die sie ihm mitgebracht hatten.
    Er berholte die Schieblade, in die sein Vater die Pfennige zu tun pflegte,
und grabbelte eine ganze Handvoll Kupfer heraus. Dann spielte er den Schelm und
kratzte am Mast, damit mehr Wind komme. Und wenn seine Mutter ngstlich den
ankommenden Dampfern entgegensah, die Entfernungen ma und bat: Vadder, str
doch af, wat wi keen Hoveree kriegt, dann lachte er sie aus und sagte: Mudder,
de Damper mtt dat Seilschipp ut den Weg gohn! Wi brukt uns ne to wohren.
    Worum denn nich? fragte Kap Horn lauernd.
    Vadder seggt dat, gab Strtebeker zur Antwort, un de mtt dat doch
weeten!
    Jo, mtt he ok, besttigte der Schiffer vergngt und guckte an dem groen
Reisdampfer hinauf, der sich schwer und gewaltig an ihnen vorbeischob.
Strtebeker, wat is dat frn Stiemer? Der Junge sah nach der Flagge am Heck.
Een Ingelschmann.
    Auf der Back stand eine Anzahl halbnackter Singalesen.
    U, kiek, Vadder, dor stoht Swarte boben!
    Eben vor Altona fing Gesa an, zu berichten, was der Junge in der Zeit
angerichtet hatte. Sie sa auf den Luken und knttete an ihrem Strumpf, aber sie
hatte sich keine gute Stunde fr ihre Klage ausgesucht. Denn erst sagte
Strtebeker mit mildem Vorwurf: Mudder, wi sitt hier nu so scheun up Deck un
fohrt so moi no Hamborg, un nu fangst du dorvan an! Und er stand auf und ging
nach dem Steven. Klaus Mewes nahm den Bericht noch leichter: so htte er es als
Junge auch gemacht, sagte er sorglos, sie solle ihn nur gewhren lassen. Der
Junge solle ja kein Pastor, sondern Fischermann werden.
    Ruberhauptmann ward he, Klaus, ik segg di dat.
    Gesa, mok doch keen Schop bang.
    So veel du nu ober em lachst, mt du noch mol ober em weenen!
    Ne, dat gluf ik ne, Diern!
    Unbekmmert sah er drein, als knne er sein Leben schon berschauen.
    Bestrof em, Klaus!
    Mien gode Diern, meenst du, wenn ik ut See komm, will ik up den Jungen
rmkloppen? Gott schall mi bewohren, dat ik dat do! Man still, Gesa, anner Reis
nehm ik em vullicht all mit no See, denn kann he an Land keen Undt mihr moken!
    Da gab sie es auf.

                                     * * *

    Sie nahmen die Segel herunter und setzten sich zum Abendbrot nieder.
Gebratene Schollen gab es, das beste von der See. Strtebeker stimmte eine Art
Lobgesang an und a wie ein Scheunendrescher.
    Als sie noch um die Pfanne saen, kamen bereits die ersten Reisenkufer,
Fischhndler, deren Gewerb es war, den Fischern die ganze Reise abzukaufen und
die Schollen aus dem Bnn zu verhkern. Sie boten einen guten runden Preis, aber
Klaus Mewes vergab die Reise nicht, denn es waren erst drei Ewer an der Brcke,
und er konnte auf einen guten Markt hoffen: auch war er von der Weser gewohnt,
seine Schollen selbst zu verhandeln. Die Hndler drngten.
    Dor komt ht Nacht noch mehr, Kppen Mewes!
    Lot jm kommen, Petersen, wi wt all leben, lachte Klaus Mewes.
    Dat Woter is slecht, di bliewt de Fisch bit morgen all dot, Mewes!
    Lot jm blieben, Meier, wi mt all starben, bemerkte er trocken.
    Da war nichts zu machen: er lie sich nicht einmal nach Eierkohrs einladen,
sondern sagte, wenn er durstig wre, knne er sich noch selbst einen kaufen. Und
er sog ruhig an den Grten.
    Der Ewer dmpelte auf und ab, hin und her, als wenn er in der Helgolnder
Dnungklse, denn das Wasser wurde durch die vielen Dampfer in bestndiger
Bewegung gehalten.
    Gesa wurde dsig. Sie ging an Deck. Du bst seekrank, Mudder, wee, wat dat
is? rief Strtebeker hinter ihr her.
    Pa man up, di geiht dat nix beter, steckte Kap Horn es ihm, aber er
lachte sicher und sagte: Nix zu machen, Herr, ik bn seefast!
    Wie spreekt uns to Sommer bi Hilchland wedder, warf Hein Mck dazwischen,
aber Strtebeker erwehrte sich auch dieses Angreifers, indem er spottend rief:
Wees du doch man ganz still, Hein, du hest jo fr dot inne Koi legen, ast weihn
worden is!
    Sein Vater zog sich um und machte sich landfein. Dann ging er mit Gesa die
Brcke hinan: sie wollten nach St. Pauli hinauf und mal in den Tingeltangel
gucken, sagte er, und sie ging gern mit, weil sie das ewige Dmpeln des
Fahrzeuges nicht mehr aushalten konnte. Strtebeker mute an Bord bleiben, was
er auch gern tat, denn aus solcher Musiktdelei machte er sich nichts, er blieb
am Deich nicht einmal bei den Nudelkastenmnnern stehen.
    Zudem gab es Arbeit. Knecht und Junge gingen dabei und ketscherten den Bnn
durch. Alle toten Schollen und die schon fleckig gewordenen wurden
herausgesucht. Strtebeker mute sie vorn aufs Deck legen, damit sie sich besser
hielten. Als das Deck voll war, breiteten sie den groen Klver darber, damit
ihnen nichts gestohlen werden sollte.
    Hein Mck fand auf den andern Ewern gute Gesellschaft und warf sich zum
Wohltter auf, weil er so lange auf der Weser gewesen war und einen schnen
Schilling in der Knipptasche hatte. Sie petteten sich nach der Hafenstrae
hinauf und genehmigten bei Martin Barghusen, dem Schlafbaas, einige deftige
Eisbrecher.
    Kap Horn aber sa mit Strtebeker auf der Kapp und wies ihm die Rahen der
groen Segelschiffe, die bei Blohm und Vo dockten, und nannte alle Segel und
Taue mit Namen, er erzhlte ihm von der groen Fahrt und von dem schweren Wetter
bei Kap Horn. Der Junge hrte nipp zu, wie er dem todkranken Matrosen zugehrt
hatte. Wenn der Knecht aber an gefhrlichen Stellen beilufig hinzufgte: Dor
harrst doch bang bi worden, nich, Strtebeker?, dann sagte der Junge jedesmal
ernsthaft: Ne, bang harrk ne worden!
    So saen sie in der Dmmerung und sahen die Lichter auf dem Wasser schieen.
Dem alten Janmaaten kam der kleine Junge in den Sinn, den sie auf der dnischen
Bark an Bord gehabt hatten und mit dem er sich auch viel abgegeben hatte, mehr
beinahe, als seinem Vater, dem Kapitn, lieb gewesen war, denn der Junge war
mehr vor dem Mast gewesen als auf dem Achterdeck. Den kleinen Janmaaten hatten
sie ihn geheien. Das war ein stiller Junge gewesen, dieser Strtebeker war ein
wilder Ungestm: jener war auf der Hhe von Rio gestorben und nach
Seemannsbrauch bestattet worden, - er selbst hatte ihn in Segeltuch eingenht -:
dieser lebte und drngte mit allen Krften nach der See, als wenn er an Land
nicht lebenknne.
    Als es ganz dunkel geworden war, ging er mit dem Jungen in die Kajte und
nahm ihn mit in seine Koje. Und bei dem Wiegen des Ewers und dem Glucken des
Wassers schliefen beide bald ein, der alte Janmaat und der seeschtige Junge.

                                     * * *

    Am andern Morgen war ein groes Trampeln und Scharren ber Strtebeker, als
er erwachte. Kein Mensch war mehr unten, - er hatte richtig die Zeit
verschlafen. Schnell zog er sich an und sauste an Deck.
    Du liebe Zeit, was war da fr ein Leben! Als wenn es Karkme wre! Das ganze
Deck stand voll von fremden Leuten, was fr ein Gedrngeauch doch was fr ein
Lrm! Fischfrauen, Kkschen, Brgerinnen, Arbeitsleute, Kinder mit Netzen und
Krben, mit Handtaschen und Beuteln standen um den Bnn herum, fragten nach dem
Preis, handelten und kauften schlielich. Der Knecht und der Junge standen im
Raum vor dem Bnn und ketscherten die Schollen heraus. Klaus Mewes aber ragte
wie ein Leuchtturm aus der Menschenbrandung, reichte die leeren Krbe hinunter,
langte die vollen herauf und strich das Geld ein: eine Mark fr sechzehn
Schollen. Er war in bester Stimmung, denn der Handel ging flott, obgleich in der
Nacht noch sechs Ewer dazugekommen waren: Hamburg war schollenhungrig.
    Goh man mol mit den Jungen no de Reeperbohn rup un bekiekt jo de Lodens man
mol, sagte er zu Gesa, die beim Kompahuschen stand und mit fremden Augen die
vielen Stadtmenschen guckte, verwundert ber ihn, der damit umzuspringen wute,
als sei er als Handelsmann geboren. Sie schttelte aber den Kopf und blieb, wo
sie war. Und Strtebeker? Ja, wo war Strtebeker? War er schon allein nach der
Reeperbahn gelaufen, um sich den Kasper anzusehen?
    Nein! Er stand mit aufgekrempelten Armen zwischen Kap Horn und Hein Mck und
hielt die Beutel und Netze auf, damit sie die Schollen besser hineintun konnten,
er warf die toten Fische beiseite und reichte die vollen Netze seinem Vater
hinauf. Fr twee Mark, Vadder! ... Frn Mark! ... F fftein Groschen,
Vadder! ... So rief er dabei mit einer Stimme, aus der deutlich herauszuhren
war: nun pa auf, da alle bezahlen!
    Stein frn Mark! Stein grote Schull'n! All springenlebennig! Stein
frn Mark! rief Klaus Mewes oben und Stein frn Mark! Stein grote
Schull'n! All springenlebennig! Stein frn Mark! echote Strtebeker unten.
Klaus Mewes brauchte es wahrlich nicht wie die andern Ewer zu machen und sich
einen Fischmarktlwen als Ausrufer anzunehmen. Mitunter bekam der Junge auch
Streit mit den Kkschen ... Leben dot de all! Dor snd keen dode twschen! ...
Luter grote gift ne, dat geiht vrre Hand weg! ... Ne, dat snd stein, ik hebb
mi ne vertillt! ... An Kaffeetrinken dachte er nicht, er mute ja helfen.
    De snd jo dot, Junge! Wenn du man ne dot bst: deleewt! De snd jo so
ltt, Junge! Wenn du man ne ltt bst: de snd grot! Er lie sich nicht
verblffen. Sotein forn Mark? Oppen annern Ewer gift achttein! Denn goh dor
man hin: hier gift dat blo stein! Er pate aber auch auf: Vadder, de Olsch
hett noch ne betohlt!
    Da sollte der Schollenhandel wohl in Flor kommen, bei einem so guten
Hilfsmann! Vadder, dat middelste Schott is all leddig!
    Die Mutter sah besorgt auf seinen neuen Anzug: Wat mokt he sik ok doch
utsehn! Aber Klaus Mewes lachte sie aus und sagte: Worum hest du em dat nee
Tch antohn? Harrst em jo man inne Ingelschleddern mitloten kunnt! Stein frn
Mark! Stein grote Schullen!
    Gegen zehn Uhr waren sie schon so weit, da sie die Luken zumachen konnten:
die paar Stiege, die noch im Bnn saen, brauchte Klaus Mewes selbst.
Ausverkauft!
    Knecht und Junge splten das Deck ab, das aussah, wie ein Stck vom Deich
bei Regenwetter: Klaus Mewes aber ging mit Frau und Kind in die Kajte und
entleerte seine dicken Taschen. Ein Hause von Groschen, Marken und Talern
bedeckte den Tisch: als er abgezhlt war, waren es nahe an dreihundert Mark, die
er in acht Tagen aus der See geholt hatte. Es war wieder Glck dabei gewesen,
da er einen guten Markt getroffen hatte.
    Dreihundert Mark in acht Tagen! Das kam den Bauern so gro vor, da sie
immer nur von den groen Seefischern sprachen und auf sie schalten, denn hatten
sie einmal einen ordentlichen Knecht, so lief er ihnen weg und wurde Fischer.
Dreihundert Mark in acht Tagen: wie kam das den Tagelhnern vor, die den ganzen
Tag fr sechs Groschen wie Pferde arbeiten muten: wenn sie nicht zu alt fr die
Fahrt gewesen wren, sie htten es wohl auch noch mit der Fischerei versucht!
    Wir wollen der Schollenzeit ihr Leuchten nicht trben: sie ist und bleibt
die beste, schnste Zeit fr den Fischermann. Wie sie Taler haben mit der
Aufschrift: Segen des Mansfelder Bergbaues, so knnte die hamburgische Mnze
fr Finkenwrder Taler prgen mit der Aufschrift: Segen des Schollenfanges. Wenn
auch die Seefischerfrauen sagen, da so viel davon abginge: die Kasse, die
Kurren, die Leute, die Segel, die Zinsen, der Winter, - wir wollen sie dennoch
preisen, die schne schne Schollenzeit!

                                     * * *

    Nachmittags rollte die Kette wieder vor dem Ne durch die Klsen. Dol de
Seils! Als sie zusammengebunden waren, ging es mit Boot und Kahn an Land, mit
Schollen und Scharben, mit Taschen und Seesternen. Gesa mute die Taschen
kochen, Hein Mck hngte die Scharben auf, da die Leinen den Deich wie
Girlanden berzogen. Klaus Strtebeker mute die Schollen austragen, die sein
Vater in frstlicher Weise verteilte: von der ersten Reise bekam alle
Freundschaft, Verwandtschaft und Nachbarschaft lebendige Schollen. De keen
Fisch utgeben mag, is ne wiert, wat he welk wedder fangt, hie es am Deich. Die
Bauern auf den Wurten, die Handwerker, die Tagelhner: keiner wurde vergessen.
Sogar an die alte Sill dachte er. Strtebeker lief gern mit den Schollen, es
machte ihm Freude, wenn die Leute fragten: Non, Junge, is dien Vadder her?
Jo! Mit Schullen? Jo! Dabei bekam er hier einen Groschen und da zwei, der
Bcker gab ihm einen Kringel und der Krmer einen Kakerlatje aus Zucker, Bauer
Feldmann go ihm den Eimer voll Milch, Sill aber whlte wieder ins Stroh hinein
und holte richtig noch einen schnen Apfel hervor. Er verzehrte ihn jedoch
wohlweislich unterwegs, damit er ihn nicht erst wieder aus der Erde zu graben
brauche und im Graben abwaschen msse. Es war ein fetter Tag fr ihn.
    In der Schummerei aber sa er mit seinen Makkern auf dem Deich und ging mit
dem Hammer auf die gekochten Taschen los, deren Scheren so fest waren, da sie
anders nicht geffnet werden konnten. Des Vollmondes wegen saen sie voll
Fleisch und schmeckten vorzglich. Im Binnendeich schlichen die Katzen mit
erhobenen Schwnzen heran und knurrten einander wegen der Abflle an.
    Gesa stand in der Tr: Klaus Mewes sa unter den Linden auf der Bank und
verklarte dem alten Jger, der am Staket lehnte, die Schollenfischerei bei Juist
und Borkum, whrend die Nacht anbrach und die Lichter im Fahrwasser
aufleuchteten und die Masten des Ewers gewaltiger und schwerer in den Heben
hineinwuchsen.
    Vom uern Ne kam ein Aalfischer, der alte Jakob Derner, mit seinen
Aalkrben beladen.
    Non, knt hier utholen?
    Jo, Jakob!
    Er blieb einen Augenblick stehen.
    Loopt de Ool all, Jakob?
    Ne, Klaus, is noch nix mit den Fang, is noch to kold! De Ool will Warms
hebben.
    J, Jakob, de Schull will ok Warms hebben: de hebbt wi nu doch ober all
eulich belurt, ik kann di seggen, as de Vo de Geus un as de Hund de Rotten! Wi
weet de St, Junge, Junge! Fiefmol no de Wesser, gstern an Altno: gode
ffteinhunnert Stieg hebbt wi all holt: wenn dat de Gildbtel man afkann!
    Diese Rede war aber gar nicht nach Jakobs Gemt: er dachte an die drei, vier
kleinen Aale, die er jede Tide aus den Krben schrapte, und rgerte sich ber
den groen Seefischer, der mit Tausenden von Schollen um sich warf, wie der
Bajazzo mit den Glaskugeln. So, so, knurrte er und stiefelte weiter.
    Gesa schttelte den Kopf. Wat magst du woll so dull prohlen, Klaus Mees, as
wenn du unsen Herrgott sien best Jung wrst?
    Er sah sie gro an. Wat meenst du dat? fragte er verwundert. Ik kann mien
Leben doch ne anners moken ast is: grot un klor un scheun! Dor steihst du, dor
sitt mien Jung, hier steiht mien Hus, dat snd mien Linnenbum, dor buten ligt
mien Eber, un hier bn ik slben, oder is dat all ne wohr? Lot den Dbel klogen:
ik frei mi to dat, wat ik hebb! Un ik gluf, uns Herrgott sht ok leber een
vergneugten Minschen as een trurigen!
    Wees ne se tro, Klaus Mees! Du bst ok blo een Minsch un wullt wedder no
See! mahnte sie, er aber schttelte die Worte ab, wie die Ente das Wasser.

                                Achter Stremel.


Es war Ostern auf Finkenwrder.
    An den Grben standen die Wicheln mit silbernen Katzen, und die Erlen lieen
braune Troddeln im Winde wehen. Die Pappeln leuchteten im Sonnenschein und
glommen wie Frhlingsbrute mit hellblonden Scheiteln. Die Elstern bauten ihre
Nester im Lande. ber den Wischen gaukelten die Kiebitze zu Hunderten, und ber
dem hohen Ne schwebten die grauen Reiher.
    Und die Finkenwrder Fahrensleute feierten Ostern, indem sie um ihr Eiland
gingen. Nur Ostern taten sie das, sonst nicht. Wann kme sonst auch wohl ein
Fischermann dazu, einen Gang um sein Land zu machen? Er geht sowieso nicht gern,
denn Seebeine sind nicht fr Landwege geschaffen. Wintertags, wenn er zu Hause
ist, lassen die grundlosen Wege es nicht zu, fr die sie frher Stelzen gehabt
haben, die aber abgekommen sind. Sommertags hat er zwischen Jtland und
Niederland zuviel zu beschicken. Nur Ostern ging es klar.
    Der Brauch entstammte der alten Zeit, als die Fischerei den ganzen Winter
eingestellt war und die groe, allgemeine Ausreise erst nach Ostern stattfand.
Da lag es nahe, da der Fischer noch mal seine Insel auf den Kieker nahm, bevor
er sich der See fr lange Monde anvertraute! Auch die Konfirmanden, die mit zur
See sollten, hatten ein Verlangen, den Deich noch einmal ganz unter den Fen zu
haben, bevor sie an Bord gingen. 1887 war diese uralte Sitte noch allgemein.
    Wir denken an den Ostergang im Faust, lesende Seele, an den Doktor und
seinen Famulus, an Brger und Soldaten, Scholaren und Handwerksburschen und an
all das andre bunte Gewimmel vor dem Tor der bunten, mittelalterlichen Stadt
Frankfurt, - aber das mu verblassen vor der groen Deichwanderung der Fischer
am Ostersonntag, die nachmittags anfngt und bis zum Abend whrt und voll ist
von Gre und Gewaltigkeit.
    Breit und blau grt die Elbe, - im Hintergrunde steigen die Blankeneser
Berge auf. Dampfer gehen auf und ab. Ihr Rauch weht ber den Strom. Deutsche,
englische, franzsische, nordische und hollndische Flaggen flattern im Winde,
Hunderte von braunen und griesen Segeln beleben das Fahrwasser gleich
Riesenvgel, und im Osten steigen die Hamburger Trme aus dem Hafendunst auf,
wie Propheten aus dem Volk. Vom Bollwerk aber und von den Schallen gren die
blanken Ewer und Kutter, die starken, schnen Schiffe, und ihre Flgel lachen im
Sonnenschein, als wenn sie wten, da es Ostern ist. Da liegt Schiff bei Schiff
in nachbarlicher Eintracht, und jedes spiegelt sein Gesicht geruhig in dem
stillen Wasser. Zwischen den Masten hngen die Kurren zum Trocknen, die sich
ansehen lassen wie die Panzerhemden eines Hnengeschlechtes, das groe Wsche
gehabt hat.
    Das ist die eine Seite des Deiches: auf der andern stehen die Fischerhuser
mit moosbewachsenen Stroh- oder Pfannendchern, mit grnen Tren, gerteten
Steinen und blanken Fenstern, hinter denen Blutstropfen, Schuhbume, Geranien
und andre Blumen blhen. Binnendeichs stehen die groen Hamenanker, die
ausgedienten Kurrbume, die aufgefischten Hummerksten: dahinter liegen die
braunen cker, von Grben durchzogen, die grnen Wischen, die Wurten mit den
groen Bauerhusern, mit hohen Eschen, Linden und Eichen: Inseln inmitten der
Insel.
    Da kommen sie an, die Osterleute.
    Zuerst die Gren, de mol m Finkwarder snurren wt! In Scharen kommen sie
und setzen am Westerdeich einen Feekhaufen nach dem andern in Brand, - denn
diesen Tag sind die Ostermoonen frei -, damit die Fahrensleute Leuchtfeuer
haben, nach denen sie steuern knnen. Ihnen folgen die Schlingel, die ihre
Krfte an den morschen Wicheln versuchen, die in die Eschen klettern und in die
Heisternester gucken, die ber die Grben jumpen und Enten und Gnse bange
machen, die Deerns vom Deich stoen und die Hunde reizen. Sind die vorber, dann
erscheinen die Konfirmandinnen in langer Reihe, sittsam in den langen Kleidern
gehend, mit weien Tchern um die Schultern: aber doch summt ihnen schon der
erste Schnellwalzer in den Ohren, doch gucken sie sich schon heimlich nach den
Konfirmanden um, die nun kommen, etwas schwankenden Ganges, als wenn sie ihr
Lebtag auf See gewesen wren. Sie tun, als htten sie schon das kleine
Schifferpatent in der Tasche, und gucken die Jungen gar nicht mehr an, bekmmern
sich auch nicht mehr um die Osterfeuer, sondern sprechen von Schiffen und
Mdchen. Der breitrandige, schwarze Hut, der Huler, sitzt verwegen auf dem
Kopfe, etwas mit Backbordschlagseite, wie der Fischerknecht ihn gern aufsetzt.
Jeder schmkt seine Zigarre (un noher fangt se doch all an to prntjern).
    Nach ihnen aber kommen die Seefischer, zu zweien oder dreien, in Gruppen zu
fnfen oder sieben, in Schwen zu zehn und zwanzig: die brauchen den ganzen
Deich und gehen geruhig und langsam, bleiben stehen, kehren ein, sprechen mit
andern, die ihnen entgegenkommen, und betrachten den Deich, die Huser und die
Schiffe, wie ein Bauer sein Vieh. Namentlich die Alten nehmen sie vor, die vor
den Tren stehen oder aus den Fenster schauen, Hein-Bruer und Jan-Ohm,
Thees-Unkel und Vadder Warnk, und fragen sie nach ihrer Gesundheit und ob das
Essen noch schmecken wolle. Sie sehen nach, was auf den Werften gebaut wird, und
wieviel neue Huser das Jahr hinzugekommen sind. Dazwischen gilt das Gesprch
der Fahrt und der Fischerei und dem Wetter. Neem hei fischt, und wat hei fungen:
so geht es immerzu.
    Klaus Mewes und sein Junge mten keine rechten Finkenwrder sein, wenn sie
nicht auch unterwegs wren! Auch sie machten die Runde um das Eiland, wobei sie
sich ordentlich Zeit lassen muten, denn weil das Mewesgeschlecht das grte auf
Finkenwrder war, hatten sie an allen Huken Verwandte wohnen, denen sie Guten
Tag sagen muten, und wurden alle Augenblicke zu einer Tasse Kaffee
hineingentigt. Auch mit den Fischern, die er berholte, oder denen er
begegnete, hatte Klaus Mewes manches zu beklnen. Strtebeker zog ihn schon ab
und zu an der Jacke, damit sie nur weiterkamen, denn er wollte gern ganz um
Finkenwrder herum.
    Beim Segelmacher wurde ein neues Grosegel bestellt, das bis Karkme
geliefert werden sollte. Und als Klaus den Zimmerbaas auf der Helling stehen
sah, bog er mit seinem Jungen vom Deich ab und betrat die Plaats. Zunchst
bezahlte er die beiden Kurrbume, die er noch an der Rechnung stehen hatte, dann
besah er den neuen Kutter, den Simon Wriede bauen lie. Ein hohes, stolzes
Fahrzeug war es, das wie ein Knigsschiff in den Heben ragte.
    Wat kst de nu, Jochen? fragte er, als er alles befhlt und besehen hatte.
    He lppt sowat up twlfdusend, Klaus, erwiderte der Baas.
    Dat Schipp is god, lobte der Seefischer und erfreute sich wieder an dem
scharfen Steven und dem schlanken Rumpf, de schall woll seilen, Gotts den
Dnner! Dor mol mit no buten to flimsen! Jochen, noch een poor Johr, denn sett
ik mien Eber af, un denn schallst du mi een neen Kutter bon, noch greuter un
noch scheuner as dsse hier! Un denn will ik jo mol wiesen, wat Seilen un
Fischen to bedden hett, so gewi as ik Klaus Mees heet!
    Denn gifst du mi den Ewer, ne, Vadder? rief Strtebeker eifrig, der Baas
aber strich den grauen Bart und sagte bedchtig: Dor snackt wi noch mol ober,
Klaus, wenn wi denn noch leewt un noch gesund snd!
    Hest upstnds noch mihr to bon, Jochen?
    Noch een Kutter, Klaus. Fr Jan Harm.
    Geiht vrwarts mit de Fischeree, Jochen! Wo lang schallt duern un wi hebbt
H.F. 500 up See!
    Der Baas aber sagte nur: Wi wt dat best hpen, denn er glaubte nicht
daran.
    Vater und Sohn verlieen die Werft und gingen weiter.

                                     * * *

    Abends saen sie alle in der Dn und warteten auf die Ostereier. Hein Mck
sagte, er wolle ganz gewi zehn essen, und Kap Horn erzhlte, er habe schon den
ganzen Tag nichts mehr gegessen und rechne auf drei-oder vierundzwanzig, so
hungrig sei er. Da trat Gesa mit der groen Schssel an, die gehuft voll von
den schnen, weien Eiern war, und das Ostereieressen begann, das lustige
Wettessen, bei dem der gewonnen hatte, der die meisten Eier a. Mit glnzenden
Augen lffelte Strtebeker ein Ei nach dem andern aus. Wedder een, Vadder! De
smeckt as Sucker!
    Sben, rief sein Vater.
    Kann ne angohn, sagte Strtebeker aufgebracht, du kannst heuchstens dree
Eier up hebben. Er zhlte die Schalen: Een, twee, dree, Vadder!
    Kap Horn beschftigte von da an die Augen des Jungen bald auf dem Deich und
bald bei den Bildern an der Wand und schob ihm, ohne da er's merkte, die leeren
Schalen hin, wie der brtenden Henne Enteneier untergeschmuggelt werden. Die
drei Fahrensleute rissen ein ordentliches Loch in den Eierhgel, aber
schlielich muten sie doch back brassen und sich fr beet erklren. Da
bekleidete Strtebeker sich mit der Wrde eines Preisrichters und zhlte die
Eierschalen, die jeder vor sich liegen hatte. Bei seinem Vater waren es fnf.
U, wat wenig, Vadder! Du sst sben! Dat harr ik ne van di dacht! Ik much ne
tolangen, Strtebeker, entschuldigte sein Vater sich, ik dach, anners wrds du
ne satt! Bei der Mutter kam Strtebeker zu dem niederschmetternden Ergebnis:
Twee! Mudder, dat et de ltten Kinner ok all meist. Du m gewi de Pann
wegdrgen! Hein Mck, der sechs Eier gegessen hatte, kam glimpflich davon, aber
ber Kap Horn, der nur ein Hufchen gnzlich zusammengedrckter Schalen hatte,
go er die volle Schale seines Spottes aus. Dann ging er an den eigenen Berg und
steckte die Schalen zusammen. Mit de poor Dinger is doch keen Stoot to moken,
stichelte Kap Horn.
    Van wegen poor Dinger, ereiferte der Junge sich und zhlte sie in Gedanken
schnell noch einmal durch, um sicher zu sein, da er sich nicht verzhlt hatte,
kiek hier: dree, s, sben, acht, negen. Negen Eier! Ik harr slben ne dacht,
wat soveel wrn, ober kannst jo sehn!
    Wohrraftig negen, rief Klaus Mewes, der sich kaum des Lachens erwehren
konnte, wat kannt angohn, wat een swarte Koh witte Melk gift, un wat de Jung
mihr Eier eten kann as wi groten Ld?
    Kap Horn lachte: Jo, he is de Boos un sall noher hochleben loten wardn.
    Strtebeker aber sagte: Junge, Junge! und knpfte die Hose auf, um sich
Luft zu schaffen, denn die vermeintlich gegessenen neun Eier lagen ihm nun doch
mit einem Male schwer im Magen. Vadder, nu komm ik ok doch mit no See?
    Nu noch ne, bremste die Mutter schnell, is noch veel to kold buten,
Klaus Mewes sah sie jedoch bedeutsam an und sagte, er wolle morgen zu dem
Schuster und Dampf dahinter machen: dann knne der Junge die andere Reise schon
mit an Bord.
    Och jo, Vadder! Och jo! rief Strtebeker in heller Freude und sprang in
der Dn herum, wie ein Fllen auf der Wisch.
    Er msse aber auch lzeug haben, gab Kap Horn zu bedenken: das wolle er ihm
machen, denn auf so was verstehe er sich noch von den groen Schiffen her. Er
lie sich eine Elle geben und nahm gleich Ma, was dem Jungen den grten Spa
machte. Umstndlich schrieb er Lnge und Breite in sein Notizbuch mit Kalender
von Anno Tobak ein und malte darber: lzeug fr Klaus Mewes junior.
    Spt am Abend standen sie auf dem Deich und guckten nach den drei groen
Osterfeuern, die auf dem Opferberge bei Neugraben, der altgermanischen
Tingsttte, auf dem Sande von Teufelsbrcke und auf dem Strande von Blankenese
loderten und das Sonn-und Sommerverlangen des Niedersachsengaues in die Nacht
hinausriefen.

                                     * * *

    So bald wurde es doch noch nichts mit Strtebekers Seefahrt, denn ein
starker, stetiger Ostwind, von dem die Fahrensleute sagten, da er bis Michaelis
wehen knne, lie seinen Vater nicht die Elbe herauf. Klaus Mewes machte sich
wieder auf der Weser heimisch, denn mit dem ewigen Dampferschleppen vom vierten
Feuerschiff bis Hamburg hatte er nicht viel im Sinn, und schrieb von Bremen und
Bremerhaven.
    He hett mi frn Narren, sagte Strtebeker immer wieder erbittert zur
Mutter, wenn er den Ewer nicht hergucken konnte. Lngst hatte der Schuster die
Siebenmeilenstiefel abgeliefert: aber sie hingen auf der Diele an dem Haken, an
dem wintertags das geschlachtete Schwein hing, und er sollte sie vorher nicht
tragen. Da hingen sie und rgerten ihn alle Tage.
    Strtebeker war wieder wie ein Schiff ohne Kompa, das hierhin und dorthin
trieb, wohin gerade der Wind wehte: er fischte und schipperte, bemhte sich um
das Sprechen der Nebelkrhe, verkaufte die jungen Kaninchen, er sprang mit den
Jungen ber die Grben und trocknete sein Zeug im Winde, wenn es dabei na
geworden war, er watete schon in der Elbe, wenn die Mutter es nicht sehen
konnte, und war der einzige vom Ne, der schon schwamm, - das Wasser war noch
eiskalt und benahm ihm fast den Atem! - er suchte Regenwrmer an feuchten
Abenden und pdderte Aale, er lie sein kleines Vollschiff segeln und kalfaterte
seinen Kahn mit Hilfe des Jgers, er ging mit auf die Entenjagd und sa
muschenstill in den Binsen, whrend die zahmen Lockenten nach den wilden
Schwestern riefen, und Juno zum Sprunge bereit stand, er holte sich die
getrockneten Scharben von der Leine, zog ihnen die Haut ab, schnitt sie in
Stremel und verzehrte sie, er sorgte dafr, da sie abends und vor aufkommenden
Regenflagen unter Dach und Fach kamen, er machte sich Hupuppen, Flten und
Dreibsse aus dem leicht abnehmbaren Bast der jungen Weidenzweige und ketscherte
an stillen Abenden die Maikfer, die um die grngewordenen Linden schwirrten, -
aber es war keins rechte Herzenssache, war alles Notbehelf, bis sein Vater
kommen mute und er mit nach See sollte! Alle seine Gedanken waren an Bord, und
er konnte wieder jeden Tag nach dem Fahrwasser hinausfahren und Blankeneser,
Crnzer und Finkenwrder nach H.F. 125 fragen.
    Da stand der alte Hans Benitt am Deich, der auf dem Altenteil lebte,
unbeweglich auf seine Schaufel gesttzt, und hatte die Maulwurfshgel unter den
Augen. Regungslos stand er, wie ein Hecht im Graben. Whlte aber ein Maulwurf,
so schlich er hin, stach mit der Schaufel in den Hgel, warf den Schwarzrock in
die Luft und ttete ihn durch einen Hieb auf die Nase. So reinigte er jeden Tag
den landschtzenden Deich von seinen schlimmsten Feinden, den Erdwhlern, die in
alten Zeiten so manchen Deichbruch verschuldet hatten.
    Da kam ein Schnellufer den Deich entlang, bunt gekleidet wie ein Kasper von
St. Pauli, mit Schellen behngt, eine Glocke in der Hand, und hinter ihm her
liefen Hunderte von Kindern. Die gingen nicht so sittsam hinter ihm wie die
Kinder von Hameln hinter dem Rattenfnger: die lrmten und lachten, schrien und
sangen wie rechte Gren des lauten Finkenwrders, des Eilandes, das gewohnt ist,
zwischen Strmen zu fischen und in schwarzen Kleidern zu tanzen. U - een
Snilluper! Vorbei braust die wilde Jagd: Strtebeker luft barfu neben dem
Schnellufer, er berholt ihn und springt geschickt vom Deich, als er einen mit
der Peitsche haben soll, aber dann fllt ihm ein, da er mit dem Kahn los mu,
und er kehrt batz um. Und als der bunte Mann langsam zurck kam und von Tr zu
Tr ging, um sich fr sein schnelles Laufen bezahlt zu machen, da dmpelte der
Junge schon bei Blankenese in der Dnung und riet die Ewer an.
    Jan Lanker aber gab dem Schnellufer nichts, als der seine Hand ausstreckte,
sondern fragte nur: Wat is dor los? - Ik bn de Snelleuper un heff snell
loopen! Wat geiht mi dat an! Du harrst jo man sinnig loopen kunnt, sagte Jan
patzig und machte ihm die Tr vor der Nase zu.
    Da kamen Straenmusikanten, pflzisches oder bhmisches Volk, nicht zu
vieren, wie in Hamburg, sondern zu zwlfen und zwanzigen, und spielten, da der
ganze Deich tanzte, da kam der Schornsteinfeger, und die Kinder sangen:

Schosteenfeger sitt upt Dack;
goh no Schol un lihr di wat!

    Da kamen kroatische Mausefallenkerle, Nudelkastenmnner erschienen, denen
weie Muse aus den Taschen krochen, Elias kam mit Hten und Geesch mit Wolle,
Jan Timm mit Kirschen und Betti-Betti mit wat Rukerts, da kam der
Scherenschleifer und lie die Funken springen, der Wollkmmer kam und schor die
Schafe, die Bauern kamen mit Pferd und Wagen: es gab wirklich viel zu gucken und
zu hren am garn- und fischbehngten Deich, aber Strtebekers Augen waren
westwrts gerichtet. Er lag die meiste Zeit auf dem Wasser und lie Torpedoboote
und Ochsendampfer, Jalken und Kuffen, Viermaster und Barken, Lhjollen und
Steinewer vorbeidampfen und -segeln. Jonn Meier kam auf, der glckliche
Strfischer, weithin kenntlich an den beiden Booten, die auf Deck standen, an
den roten Bojen, den Pmpeln, die an den Wanten hingen, und an dem gromaschigen
Strgarn, - - er hatte neun groe Stre gefangen, die er an Stroppen hinter sich
her schleppte, wie Etzel die Knige an Stricken mitnahm, - aber seinen Vater
konnte Strtebeker nicht in Sicht kriegen. Was gingen ihn die Stre an: sein
Vater fischte keine Stre! Was kmmerte es ihn, da Jan Mewes seine alte Jolle
abschlachtete und mit dem Boot weiterfischte, da Hein Schloo zwei Fischottern
bei der Nekule scho, da Paul Fahje sich einen neuen Gromast einsetzen lie,
weil er den alten abgesegelt hatte, da Hinnik Sa doch nach dem Bauern mute,
weil er zu seekrank geworden war, da der kleine Karsten Klln in den Graben
fiel und ertrank, da Hans Peter sich aufhngte, weil sein Sohn von einem
Dampfer in Grund gebohrt war, da Hein Husteen und Marieken Krger lustige
Hochzeit gaben? Was kmmerte es ihn, der auf seinen Vater lauerte? Wie auch die
Mutter sich bemhte, ihn an den Deich und an das Land zu gewhnen, - er sprach
von der See und guckte nach den Schiffen, als wenn es weiter nichts auf der Welt
gbe.
    Dann kam der Tag, an dem Gesa ihrem Jungen beilufig klagte, da sie keinen
Sand mehr htte und den Schweinen kaum noch streuen knnte: wenn Vater doch bald
kme, da er ein Boot voll Sand vom Nienstedter Fall holen knnte. Strtebeker
merkte sich das und beschlo, sie zu berraschen und ihr heimlich einen Kahn
voll Sand zu holen. Er nahm sich den dritten Tag, als es mit der Tide besser
pate, den kleinen Harm Rolf zu Hilfe, versah sich mit zwei Schaufeln und
schipperte mit halber Ebbe westwrts, nach den Auslufern des Nienstedter
Falles, die bei Niedrigwasser als Sandbnke aus dem Wasser tauchten. Sie sollte
nicht sagen, da er nur zu schlechten Dingen zu gebrauchen sei.
    Als sie die rechte Stelle gefunden hatten, klaren Sand ohne Schlick und
Kraut, lie er den Kahn aufs Trockne laufen, zog Stiefel und Strmpfe aus,
krempelte die Hose auf und sprang ins Wasser. Sein kleiner Macker machte es ihm
nach. Als der Fall hoch genug aus dem Wasser guckte, huften sie den Sand
zunchst neben dem Kahn zu einem Berg, damit die Feuchtigkeit abziehen konnte,
dann erst schaufelten sie den trockeneren Sand in den Kahn: so mute er ja
bedeutend mehr tragen knnen, sagte sich Strtebeker, und warf immer mehr
hinein, bis der Hmpel mit der Ducht gleich war. Aber auch dann gab er noch
nicht nach: er wollte eine ordentliche Last ans Bollwerk bringen und schaufelte
unermdlich.
    Schullt ok woll all genog wesen? fragte Harm, aber Strtebeker schttelte
den Kopf und spuckte von neuem in die Hnde. Noch lang ne, Harm, smiet man noch
in, de Sand is dreug, un de Kohn is een fixen Kohn, de drigt wat, kann ik di
flstern. Er mute sich schon den Schwei von der Stirn wischen, so ri er sich
ab. Lot em giern bit an den Dullboom to Woter liggen, Harm: dat weiht jo ne un
nix!
    Er gnnte sich und seinem Knecht erst Ruhe, als der ganze Kahn voll Sand
war. Nu wt wi utscheiden, Harm, sagte er vterlich, setzte sich auf den
Dollbaum und wartete auf die Flut, die den beladenen Kahn flottmachen sollte,
der nun hoch und trocken auf dem langen Sandrcken sa. Harm betrachtete besorgt
den groen Sandhaufen, aber er getraute sich nicht, etwas dagegen zu sagen, weil
er nicht ausgelacht werden mochte, und weil Strtebeker seiner Sache und seines
Fahrzeuges so sicher war.
    Wenn achtern Swiensand Seils in Sicht kommt, denn ist Floot, sagte
Strtebeker gleichmtig, dat durt ober noch wat, setzte er hinzu, als er Jakob
Derner und Karsten Wubb, die Aalfischer, mit ihren Khnen vorbeirudern sah, denn
die wollten ja vor der Flut noch ihre Krbe berholen und die Aale herausnehmen.
Die beiden Jungen spielten deshalb erst noch Kriegen auf dem Fall, sie bewarfen
sich mit Sand, sie sammelten die groen Elbmuscheln, die Adam und Eva heien,
sie jagten die Mwen und Krhen auf, die an der Fahrwasserkante saen, da sie
sich wie eine riesige, schwarz-weie Wolke ber dem Wasser erhoben, sie griffen
die Nesen und Weifische, die in den Prielen schwammen, und wateten in den
tiefen Lchern, mit denen der Fall bedeckt war. Zuletzt saen sie aber wieder
auf dem Bordrand und suchten nach flutkndenden Segeln.
    Nu ist Stallwoter, sagte Strtebeker, kiek, Harm! Und er wies nach den
Blasen auf dem Wasser, die stillstanden.
    Dann setzte Donar das Trinkhorn des Riesen ab (Die Ebbe wird knden von
Asenkraft, bis einmal alles vergeht! sagt die Edda), und die Flut kam, die Flut,
die Flut! Zuerst stiegen die Wasserblasen langsam stromauf, unmerklich fast, wie
vom Hauch bewegt, aber ihre Geschwindigkeit nahm allmhlich zu, wurde strker
und strker: gelassen wischte das Wasser mit leiser, zaghafter Hand ber den
Sand und stieg schchtern ber die ersten Sandrillen, besann sich noch, bevor es
eine Muschel umsplte, dann aber nahmen Kraft und Strmung unaufhaltsam zu und
wurden stark und wild, denn es war Neumond und springende Tide. Wie kletterte
das Wasser, wie sprang, wie lief, wie wallte es!
    Flot, Schipper, Flot, Flot!
    Die Mwen und Krhen erhoben sich in die Luft und flogen davon, ihnen
folgten die Strche und Reiher, als das reiende Wasser immer mehr vom Sand
fra. Im Fahrwasser lieen die elbab segelnden Schiffe die Draggen fallen, weil
sie die Flut nicht bemeistern konnten: dafr erschienen bei Schulau Dampfer ber
Dampfer und hinter dem Schweinesand Segel bei Segel.
    Geruhig sa Strtebeker auf dem Bordrand, baumelte mit den Beinen und lie
die lebendige Flut um seine Fe strmen. Gliek snd wi flott, Harm! rief er,
kiek mol, wat dat Woter kummt! Seines Genossen Besorgnis aber war angesichts
der starken Strmung zur Angst geworden, und er wagte es, wieder davon
anzufangen, da sie zu viel Sand eingeladen htten, da der Kahn es nicht tragen
knne, und da sie gut tten, etwas auszuwerfen, Strtebeker indessen verzog
geringschtzig den Mund, nannte ihn eine Bangbx und verfolgte mit Freude, wie
ein Stck des Sandes nach dem andern im Wasser verschwand.
    Nun war der ganze Sandfall unter, der Kahn schwamm inmitten der groen
Wasserflche - und schwamm doch nicht, sondern sa fest und rhrte sich nicht.
Er habe sich am Ende festgesogen, bemerkte Strtebeker, sie wollten doch mal
dmpeln, krempelte die Hosen weiter auf und ri an dem Fahrzeug, um es in Gang
zu bringen, aber das lag fest wie ein groer Stein und war nicht zu bewegen, so
sehr der Junge sich auch mhte.
    Wat hebb ik di seggt, wat hebb ik di seggt, jammerte sein Kamerad, wi
flott ne, wi flott ne, lot uns gau utsmieten! Dat wr scheun! sagte Klaus,
kumm hier, ward nix mokt! Und er bemhte sich eifriger, den Kahn zu bewegen,
er stieg auf die Ducht und nahm den Riemen zur Hand, aber es war, als wenn das
Fahrzeug angewachsen wre, jedenfalls rhrte es sich nicht. Dat is jo rein, as
wenn dat Diert behext wr, scherzte er, als er sich dann aber ber den Dollbaum
beugte und fand, da nur noch eine Handbreit nach war, da wurde auch er
bedenklich und ging hastiger mit dem Riemen zur Kehr.. Bang bn ik ober ne,
sagte er ... Der Kahn blieb fest sitzen. Der Macker begann zu weinen: Wi
buddelt af, wi versupt! klagte er und begann, um Hilfe zu rufen: Hilpt uns,
hilpt uns! Aber der Deich war weit, und die aufsegelnden Fischerjollen waren
noch in der Ferne. Wenn nicht ein Jger in den Binsen oder im Reet sa, wer
sollte sie dann retten? Die Aalfischer waren schon lngst zurckgerudert.
    Strtebeker warf Sand aus. Wie flog die Schaufel, wie blitzte sie in der
Sonne, wie flog der Sand, wie spritzte das Wasser auf!
    Hilpt uns, hilpt uns!
    Nu lot doch blo mol dien Geschricht van Murd un Dotslag no! sagte
Strtebeker barsch, smiet man mit ut, denn snd wi gliek flott!
    U, ik bn jo so bang, Klaus!
    Denn kannst du ne no See hin! Ik bn keen beten bang! Smiet doch blo mit
ut, du Knappen!
    Er hatte das Gesicht voll von Wasser und Schweitropfen, aber er warf
unverdrossen aus. Mol schuben, Harm! Sie stemmten sich, auf dem Dollbaum
stehend, mit aller Macht gegen die Riemen, und wirklich rhrte das Fahrzeug sich
jetzt.. Huroh, wi hebbt em, rief Strtebeker, noch een ltt beten, denn geiht
de Reis los! Er schaufelte emsig, denn die Reling lag jetzt mit dem Wasser
gleich, und mitunter spritzte schon eine kleine See in den Kahn. Vielleicht wre
es Strtebeker in seinem Eifer doch gelungen, ihn im allerletzten Augenblick zu
retten, aber da kam die hohe, mchtige Dnung eines groen, schwarzen
Amerikadampfers, der schon bei Teufelsbrcke qualmte, den Strtebeker bei seiner
dringlichen Arbeit aber nicht gesehen hatte, in starken Wellen ber den
Nienstedter Fall gelaufen, fegte ber den Bordrand und fllte den Kahn mit
Wasser, wischte den Sand glatt und brachte das Euschfatt zum Treiben. Da war
nichts mehr zu machen, obschon Strtebeker das Euschfatt ergriff, um das Wasser
auszugieen: es war zu spt.
    Wi versupt, wi versupt!
    Sie standen schon bis an die Enkel im Wasser, auf den Duchten. Strtebeker
meinte freilich, das wre spaig, so auf dem Wasser zu stehen. Er trstete Harm
und sagte, er solle nicht bange sein; bis das Wasser ihnen an die Knie ginge,
wren die Jollen dreimal da und knnten sie holen; schade wre es nur um den
schnen Sand. Er guckte aber doch mit Besorgnis umher, ob nicht vom Deich ein
Boot kme, denn der Wind war still geblieben, und die Segel kamen nur langsam
nher. Als das Wasser ihnen bis ber die Knie reichte, band er die Riemen an die
Fangelleine und hie Harm sich daran festhalten, damit der starke Strom ihn
nicht umrisse.
    Es war eine bse Lage. Nun begann auch Strtebeker laut zu rufen, nachdem er
versichert hatte, da er nicht bange sei. Aber sie konnten wohl am Deich vor den
Eschen und Pappeln nicht gesehen und wegen der weiten Entfernung nicht gehrt
werden, denn kein Boot lie sich sehen. Immer hher stieg das Wasser, es reichte
ihnen schon an die Hften. Strtebeker trstete seinen frierenden Macker, er
solle sich an ihm festhalten, damit er nicht ber Bord komme. Dann sagte er ihm,
sie wollten warten, bis das Wasser ihnen bis unter die Arme gehe: wenn dann noch
keine Rettung gekommen sei, wollten sie die Leine losmachen und sich mit den
Riemen treiben lassen. De drgt uns as een Beesenblt, sagte er
zuversichtlich.
    Wat is dat Woter kold, wat frst mi! Hilpt uns, hilpt uns, hilpt uns!
    Strtebeker sttzte ihn und hielt tapfer aus, denn die ersten Boote kamen
heran und konnten sie am Ende schon sehen. Mehr als an den Riemen klammerte er
sich an den Gedanken: ne bang wardn, anners kummst du ne mit no See! Er begann
zu winken! Da antwortete das erste Boot: der Fischer hob die Hand und steckte
schnell die Riemen aus, um durch Rudern schnellere Fahrt zu machen.
    Nu hol di fast, sagte Strtebeker.
    Bis an die Brust standen die beiden Gesellen im Wasser, als das Boot sie
erreichte und Jan Focks Junge, Peter Husteen, sie ber den Setzbord zog.
    Junge, du kannst wat moken, sagte er zu Strtebeker, wat meenst woll,
wenn Peter Husteen ne so bannig seilen kunn, denn harrn ji hier doch afsopen as
son poor Rotten!
    Non, denn lot di man een Medallje geben, antwortete Strtebeker und zog
die Riemen ein, nachdem er sie losgeknotet hatte.
    Nu bst doch mol bang wesen, wat?
    Dat lgst du, Peter! Ik bn ne bang wesen! Kannst Harm frogen! Wat schreest
du denn nu noch? wandte er sich an seinen Leidensgefhrten, aber der antwortete
nicht, er schluchzte nur noch mehr, denn er dachte an die Schlge, die zu Hause
seiner warteten.
    Daran dachte Strtebeker nicht, denn seine Gedanken waren bei seinem
gesunkenen Fahrzeug und den Mglichkeiten, es zu heben.
    Segg den Dker man Bescheed, sagte er am Ne zu dem Fischerjungen, als sie
gelandet wurden.
    Der Empfang, den Gesa, die schon unruhig geworden war, ihrem Jungen
bereitete, war nicht ohne, aber er dachte: Utschillers deit ne weh, un Togels
durt ne lang, und sagte schlielich, als er wieder seine Prgel hingenommen
hatte, ohne auch nur ein einziges Mal zu schreien, und sich zum Abendbrot
hinsetzte: Bang wesen bn ik ober doch keen beten, Mudder!
    Den andern Tag ging der Jger los, um den Kahn zu bergen. Strtebeker wollte
ihn mit aller Gewalt begleiten, und weil er das nicht sollte, wurde er zuletzt
in den Keller gesperrt und mute einen Tag brummen.

                                Neunter Stremel.


Der Allmchtige, der Herr der Gtter,
vor dem der Engel niederfllt,
Gott redet donnernd aus dem Wetter
und ruft voll Majestt der Welt!
Anbetend sinkt der Erdkreis nieder,
der Wald ertnt, es bebt die Flur!
Und Blitze sagen's Blitzen wieder;
Gott ist der Herrscher der Natur ...

...u, wat een harten Slag ok doch! Klaus, ik bitt di m allens inne Wilt, stoh
doch up! Kiek doch mol, wat dat lcht! De ganze Heben steiht in Fr un Flammen!
    Strtebeker aber, der im Bett lag, sagte mrrisch: Lot mi doch slopen,
Mudder, ik bn so so meud! Und er machte die Augen wieder zu. Sie las mit
bebender Stimme im Gesangbuch weiter und fuhr bei den harten Donnerschlgen
ngstlich zusammen.
    Der warme Sommertag hatte ein Gewitter gebraut, das gegen Abend in einer
dunkelblauen, schweren Wolkenwand mit den unheilvollen, weien Flecken auf der
Elbe stand. Es wetterleuchtete schon in der Dmmerung: nun es Nacht geworden
war, griff es mit Riesenhnden ber den Heben und brach mit Regen-und Windflagen
herein. Ununterbrochen blitzte es an allen Ecken, und der Donner rollte in einem
fort, bis zuzeiten ein scharfer Knall alles Grollen bertnte. berall am Deich
hatten die Frauen sich erhoben, die Kinder notdrftig angekleidet und saen nun
in Angst und Bangnis bei dicht verhngten Fenstern, laut betend. Denn die
Gewitter sind schwer auf der Elbe, sehr schwer: sie liegen wie verankert ber
dem Eiland und sitzen wie in einer Mausefalle, die von den Blankeneser und
Harburger Bergen und den Husern und Trmen von Hamburg gebildet wird. Sie
knnen weder vorwrts noch seitwrts: wie wirbeln sie da hin und her; wie
gefangene Tiere toben sie und bleiben stundenlang liegen. Sie mssen sich ber
dem Eiland austoben, das flach wie ein Teller und na wie ein Keller ist und
keinerlei Ausstrahlungspunkte hat. Der Wind vermag sie nicht zu vertreiben, sie
liegen steinfest, ja, sie ziehen mitunter trotzig gegen die Luft. Nur die Flut
hat Gewalt ber sie: die nimmt sie mit und drngt sie mit Gewalt ber Hamburg
hin: aber bis es Flut ist, oft stundenlang, wankt und weicht selten ein
Gewitter.
    Licht auf Licht fiel vom Heben, der Regen rauschte auf dem Wasser, wenn die
Donner einen Augenblick schwiegen, der Gewitterwind brauste durch die Bume, und
die Fenster klirrten bei den harten Schlgen. Oft bebte das Haus in seinen
Grundfesten.
    Gesa sa in der Kche, bei dicht zugezogenem Fenster, damit sie die grellen
Blitze nicht so scharf sehen konnte, und las laut, denn sie war bange vor
Gewittern. Sie war angekleidet und trug ihr Geld, ihre Papiere und ihr
Sparkassenbuch in der groen Tasche unter der Schrze, damit sie wenigstens
etwas rette, wenn es einschlge. Strtebeker blieb geruhig im Bett liegen, denn
Gewitterfurcht hatte sein Vater ihm ausgeredet.
    Ein furchtbarer, blauer Blitz, ein kurzer, entsetzlich knallender Schlag: es
mute in der Nhe eingeschlagen haben!
    Klaus, nu steihst du batz up! Gesa lief in die Schlafkammer und holte den
Widerstrebenden aus den Federn, suchte sein Zeug her und drngte ihn in die
Kche. Da konnte es denn nicht helfen, er mute sich unter Blitz und Donner
anziehen: er nahm aber die Gelegenheit wahr und holte seine Siebenmeilenstiefel
her, damit er drauen waten knne, wenn es einschlge, wie er sagte. Recht war
es ihm nicht, er htte lieber geschlafen. So sah es ja aus, als wenn er bange
wre, er konnte ja morgen nicht zu den Jungen sagen: Ik bn beliggen bleben!
    Hr doch mol, Klaus, wat dat innen Schosteen pultert!
    Jo, dat is meist, as wenn de Schosteenfeger dor togangen is, sagte der
Junge in schlfrigem Ton, lot mi man wedder to Koi gohn! Vadder geiht bit
Gewidder ok uppen Bitt, seggt he!
    Non, un wat dien grote Vadder deit, dat mt du ok dohn, ne?
    Jo, dat is gewi, Mudder!
    Wat een Slag!
    Junge, jo, sagte Klaus anerkennend, dat wr een eulichen! Petrus hett
alle Negen smeeten bit Kegeln!
    Junge, lot den droken Snack!
    Err, - hett Vadder ober seggt!
    Jo, neem dien Vadder woll klst bi dt Wedder.
    De, Mudder? De is up See un hett all de Seils dolsmeten un ligt inne Koi un
slppt!
    Dat gluf man ne!
    Dat gluf man jo! He hett mi dat slben seggt. Bst du denn fix bang,
Mudder?
    Och, Junge, ik zitter un beef annen ganzen Lief.
    Wat kann dat angohn: ik bn gor keen beten bang, Mudder!
    Wennt obers insleit, Klaus?
    Sleit ne in, Mudder!
    Wieder knallte der Donner. Wees still, Junge! Wat ut di un dien Vadder noch
mol wardn schall, weet de lebe Gott: ji snd beid veel to driest!
    Du un dien Vadder, - das hrte Strtebeker am liebsten ... Das Gewitter
stand nun steil ber ihnen, und die Blitze jagten einander. Nu hett dat
inslogen! Nu hett dat gewi inslogen, rief Gesa bei jedem Knall, bis
Strtebeker es zuviel wurde.
    Wennt jedesmol inslogen harr, m ganz Finkwarder woll all upfluckert
wesen, sagte er, schlug die Vorhnge zurck und guckte in die Nacht hinaus.
Gesa prallte zurck vor dem grellen Feuer, er aber sah geruhig in die Blitze: er
wute von seinem Vater, da sie ihm nichts taten. Brinnt gornix, Mudder! Kiek,
een ganzen gelen! Junge, de sht ut! Heitmann, wat is dat: inne Besen dor blitzt
dat? Junge, eben son ganzen kwatterwatschen, Mudder, ik gluf, dat wrn
Kugelblitz!
    Klaus, mok de Kolosen to, innen Blitz kieken, dor kannst blind van wardn.
Dink leber mol an dien Vadder, du!
    An Vadder dink ik jmmerto. Strtebeker wurde gesprchiger. Bi sun
Gewidder loopt de Ool fix, Mudder. Morgen sitt de Krf vull. Un de vunnacht
pddert, de kriegt gewi sben Ammers vull! Un de Buern ward all de Melk sur
vunnacht: morgen mt wi swarten Kaffe drinken!
    Unter Blitz und Donner schlichen so zwei Stunden hin, dann, als es bald hell
werden wollte und der Hahn schon einmal gekrht hatte, verstrkte sich das
Toben, der Wind schwoll an, und der Hagel prasselte gegen die Scheiben.
    Schullt woll al Floot wesen? fragte Strtebeker und holte den Hamburger
Almanach hinter dem Spiegel hervor. Die Mutter sah nach: Jo, is Floot! Gott
Loff un Dank, nu ttt dat Gewidder woll weg, nu kummt de Wind dor woll achter!
    Der Junge horchte auf, denn er wollte gern zu Bett. Pltzlich sagte er, er
wolle mal ausgucken, ob die Wolken schon zgen, stand auf und trat ungeachtet
des mtterlichen Widerspruches aus der Tr, in den nachlassenden Regen hinein.
Der Deich war aufgeweicht und bildete eine groe Pftze. Am Heben war nicht viel
zu unterscheiden, aber das Schlimmste schien berstanden zu sein, denn die
grellsten Blitze glommen jetzt im Osten und der Donner rollte verhaltener.
Strtebeker blickte nach der Elbe und sah zwei dunkle, groe Segel unweit des
Bollwerks: ein Ewer segelte vorbei. Da hrte er in einem donnerschwachen
Augenblick, wie die Kette durch die Klse rollte, scharf und deutlich!
    Da wute er, da es sein Vater war, und er rief, so laut er grhlen konnte:
Hh, Vadder! Hh, Vadder!
    Und vom Wasser antwortete es: Hh, Strtebeker!
    Er strmte ins Haus: Mudder, Mudder, Vadder is hier! He ligt hier afward!
Kiek man blo mol ut!
    Ist wohr, Klaus?
    Jo, jo, he ist! Ik hebb ober em ropen, un he hett mi eben antert, - damit
sauste er hinaus, und als sie auf der Schwelle stand, mit der Schrze ber dem
Kopf, da war er schon Gott wei wie weit, da war er schon nach dem Sielgraben
gelaufen, hatte seinen Kahn, den glcklich geborgenen, losgemacht und wriggte im
Regen nach dem Ewer hinaus, dessen rote Seitenlaterne sein Kompa war. Vadder,
ik komm all! Die Reise dauerte einige Zeit, denn er mute den reienden
Flutstrom berwinden, dann aber stand er an Deck zwischen den Seefischern, die
tief im lzeug steckten und deren Gesichter glnzten. Er stand bei ihnen, als
sie die Segel fierten, und achtete des Regens nicht, er nahm Hein Mck die
Laternen ab, trug sie nach der Diele und pustete sie aus, und er legte Hand mit
an, als sie das Boot vom Deck setzten. Was kmmerten ihn Regen und Blitz, was
ging ihn der Donner an, er war ja bei seinem Vater an Bord!
    Als die erste Arbeit getan war, wollten Knecht und Junge sich niederlegen,
aber Klaus Mewes nahm sie mit an Land, denn wenn Gesa auf war, konnten sie auch
erst noch Kaffee trinken. Als sie abstieen, Strtebeker als Lotse mit seinem
Kahn voran, standen ber Blankenese schon einige Sterne: das Gewittergewlk sa
ber Hamburg. Der Regen hatte aufgehrt. Im Reet piepten die Wasserkken, am
Nienstedter Loch lrmten die jungen Mwen, und im Fahrwasser tutete ein Dampfer.
Binnendeichs schrie eine katernde Katze in wilder Leidenschaftlichkeit.
    Die Linden tropften noch, als sie auf dem Deich angelangt waren. Gesa stand
in der Tr, warm und licht im Schein der Lampe, und wirklich, sie hatte keine
Angst mehr, nur noch Freude in den Augen. Wie lieb erschien sie Klaus Mewes, der
eine ganze Nacht nur in Blitze gesehen und nichts als Regen gehrt hatte, wie
freute er sich!
    Als die Leute und der Junge in die Kche gegangen waren, hielt er sie fest,
zog sie aus dem Licht heraus und nahm sie unter den leckenden Linden in die
Arme.
    Drinnen aber ffnete Kap Horn seinen Packen, den er mitgebracht hatte: da
war das lzeug, das er gemacht hatte, da war eine lbx, lang und weit genug, da
war ein lrock mit groen, blanken Knpfen, da war ein Sdwester mit blauen
Sturmbndern, alles hellgelb und noch klebend, aber Strtebeker probte es doch
gleich an, damit er wute, wie es pate. Er zog die Hose mit dem Strick zu, lie
sich von dem Knecht die drang gehenden Knpfe zumachen, und setzte den Sdwester
vor dem Spiegel auf. Er zupfte und ri an dem Zeug herum, endlich aber war er
fertig und ging vor dem Spiegel auf und ab wie ein Staatsminister. Knecht und
Junge lobten ihn und sagten, nun wre er ein kleiner Fischermann; ihm fehlte
aber noch das gewichtigste Urteil, das seines Vaters.
    Schipper, wat ist, knnt wi nu anmustern? rief er bermtig und guckte um
die Ecke. Sein Vater und seine Mutter lieen einander schnell los, denn sie
hatten noch nie vor dem Jungen geliebkost. Sie kamen herein und bestaunten ihn.
Sogar die Mutter mute ber ihn lachen, als er so freiherrlich dastand.
    So, Vadder, Stebeln un Eultch hebb ik: nu kannt no See gohn!
    Jo, Strtebeker, nu ist so wiet, - nu kummst du mit no See! sagte Klaus
Mewes und sah Gesa gro und gewaltig an, da sie fhlte, dagegen gbe es
ebensowenig ein Auflehnen wie gegen das Schicksal selbst.
    Sie schwieg, aber in ihrer Seele schrie es nach ihrem Mutterrecht.
    Mudder, du hest hrt? Kap Horn, du hest hrt? Hein Mck, du hest hrt? Ji
hebbt alltohoopen hrt: ik schall mit no See, ik schall mit no See, huroh! rief
der Junge, setzte den Sdwester ab, unter dem ihm reichlich warm geworden war,
und sprach im Tonfall seines Vaters, mit verstellter, grober Stimme: Non denn
so wi: ich selbst bin Klaus Strtebeker! - da alle lachten.
    Beim Kaffeetrinken kamen freilich auch seine letzten Schandtaten an den Tag,
darunter als Hauptstck die groe Haverei. Kap Horn aber erhob den grauen Kopf
und sprang ihm bei: er she kein Unrecht darin, denn der Junge habe es gut
gemeint. Und Klaus Mewes nickte und sagte, wenn die Sache vor ein Seeamt kme,
erhielte Strtebeker ein Lob wegen seiner Umsicht und Ruhe. Anderseiner wre
dabei ertrunken, meinte Hein Mck, um auch etwas zu sagen.
    Non, denn ist god, he kriegt jo mol wedder recht, sagte Gesa, in deren
Herzen die Bitterkeit wieder aufstieg, denn nimm em hin! Goht hin un verdrinkt
alltohoopen! Die Trnen kamen ihr. Ochott, wat ist een Hartleed mit mi arme
Froo! Klaus Mees, Klaus Mees, du wee ne, wat du deist, un dinkst noch mol an
mi. Uns Herr Christus is blo eenmol fr di storben: ik starf jede Nacht m di!
Un nu wullt du mi ok noch den Jungen nehmen!
    Klaus Mewes aber ging es wie dem wallensteinischen Krassier: wo sie die Not
nur sah und die Plag, schien ihm des Lebens heller Tag. Unbeirrt ging er in der
Kche auf und ab, als die Leute wieder an Bord waren und Strtebeker schon
schlief. Er begriff es nicht, da sie immer wieder umkehrte auf dem Wege zur
Sonne. Er dachte an seinen Grovater, der geblieben war, an seinen Vater, der
verschollen war, als er vierzehn Jahre alt war, an seine Strme und Unwetter -
und fand sein Leben doch gro und stark und schn, da er sich kein anders
wnschte und auch seinem Jungen kein andres verschaffen wollte: Klaus Mewes war
ein Fischername, und die ihn trugen, sollten immerdar Fischer bleiben.
    Gesa?
    Wat schall ik noch?
    Sie war mde, krperlich und seelisch.
    Wat kummst du merden inne Nacht mit son Gedanken vertch? Seefischerfroo
dtt ne bang wesen, dat wee du doch?
    Bn ik een Seefischerfroo, Klaus Mees?
    Sie schttelte trbe den Kopf, als wenn sie hinzusetzen wolle: ich bin keine
und werde niemals eine werden!
    Noch ne, Gesa, ober du wardst noch een! Wee wat, Diern? Goh mit an Burd!
Man to! Denn snd wi uppen Dutt un brukt ne uppenanner to teuben! Man to, bst
jo so jung un so stark! Goh mit! Schallst mol sehn, wo moi dat up See is!
    Er fate sie bei den Hnden an, aber sie wich seinen Blicken aus und
schttkopfte. Ik kannt ne, Klaus, gluf mi dat! Mi groot all vr de Elw, wat
schull dat ierst up See wardn? Ik bleew vr Angst dot!
    In dieser Nacht hatte Klaus Mewes zwischen seiner Frau und seinem Kinde zu
whlen, und er whlte den Jungen.

                                     * * *

    Bei ihm, dem sturen Fischer, gab es keinen langen Streek an Land: wenn er
Proviant eingenommen hatte, lag er nicht lange am Ne, sondern ging mit der
ersten Tide seewrts, um mglichst schnell wieder in die Fischerei zu kommen. So
begann er auch diesmal sofort mit der Ausrstung, als er mit seinem Ewer von
Altona gekommen war. Kap Horn, der Janmaat, war es zufrieden, da sie schon
abends fuhren, obgleich er dann eine Hochzeit versumte, bei der er auf der
Harmonika spielen sollte. Er war aber kein Passatmatrose, der nur bei gutem
Wetter etwas taugte, sondern er stand jederzeit seinen Strngen. Und
Strtebeker? Das zu sagen, erbrigt sich: ihm dauerte dieser Tag schon zu lang,
und er htte am liebsten gesehen, wenn sie schon mittags den Anker aufgehievt
htten, denn je lnger es dauerte, desto eher konnte noch etwas dazwischen
kommen und er womglich noch wieder abgemustert werden. Nur einem pate der Kram
nicht, dem guten Hein Mck, der auf einen Sonntag gehofft hatte. Ihn verlangte
nach der Musik, denn er hatte plenty money in der Tasche und wollte den
Bauernknechten mal preuische Taler unter die Nase halten, wollte mal eine Runde
fr allemann ausgeben, wollte mal mit den Mdchen linksum tanzen und sie in der
Nacht nach Hause bringen, die erdbeerseuten Deerns, und nun wurde wieder nichts
daraus. Er mochte es Klaus Mewes nur nicht antun, der einen so treuen und fixen
Jungen nicht wieder bekme: sonst htte er sich mit Trommeln und Pfeifen
aufgesagt, jawoll, Klaus Mewes!
    Gesa war ruhiger geworden: sie konnte den beiden lachenden Klaus Mewes auf
die Dauer doch nicht grollen, wenn sich ihr Herz auch zusammenzog und sie mit
Grauen an die einsame Zeit dachte, die vor ihr lag. Auch wollte sie vor ihrem
sonnensicheren Mann nicht mehr klein und verzagt stehen. So half sie eifrig bei
der Ausrstung des Fahrzeuges und suchte die Sachen fr den Jungen her, wobei
sie sogar wieder zu ihrer angeborenen Heiterkeit kam.
    Was packte sie nicht alles ein, was machte sie nicht alles zurecht, was
suchte sie nicht alles her! Es war, wie Klaus scherzend sagte: als wenn
Strtebeker auf Lebenszeit nach Amerika auswandern oder als wenn er eine
Nordpolexpedition mitmachen wolle. Strmpfe und Socken, wollene Jacken, Rmpfe
und Buscherumpen, Halstcher, Handschuhe und Taschentcher, Mtzen und Hte,
Unterhosen und Pulswrmer: ganze Beutel voll standen auf der Diele in der Reihe,
rein gefhrlich anzusehen! Gesa ging dabei nach dem Grundsatz der Fischerfrauen,
der da hie: Upt Woter ist jmmer kold - und kehrte alle Schiebladen um. Seife
und Kamm, Heftpflaster und Hamburger Tropfen, Scharpie und Verbandsleinen, alles
gehrte dazu.
    Klaus Mewes berholte unterdessen die Rucherkammer und musterte einen
Schinken, eine Seite Specks und eine erkleckliche Anzahl von Mettwrsten an,
indem er sie von der Leine schnitt.
    Strtebeker barg das Htfa und stellte die Bungen auf den Schauerboden, die
er den Bauernknechten wieder weggeholt hatte. Dann schleppte er den
Kaninchenkoben auf den Deich, denn er wollte sein Viehwerk mit an Bord haben,
auch seine Krhe, aber da kam Kap Horn und redete es ihm aus: sie htten fr die
Munkis kein Futter, und Klu knne sich ja doch nicht mit Seemann vertragen.
Strtebeker sah es ein und kantete den Stall wieder ber die Wurt, er konnte
sich aber nicht enthalten, vorwurfsvoll zu sagen: Du hest mi ober slben seggt,
wat ji up grote Scheep Swien un Kninken an Burd hatt hebbt. Jo, op grote
Scheep, sagte Kap Horn, dat is ok wat anners!
    So? Fischereber is ok een grot Schipp, rief Strtebeker patzig.
    Nach Mittag mute er mit Hein den Deich entlang, mit der Karre, und Brot und
Mehl holen, Pflaumen und Erbsen, Graupen und Bohnen, Zucker und Kaffee. Er hatte
seine Siebenmeilenstiefel an und konnte nur langsam vorwrts kommen, dennoch
erregte er Aufsehen genug am Deich und wurde von allen Seiten gefragt, ob er nun
mit an Bord komme. Und wenn er bejaht hatte, dann sagten sie, er solle blo
nicht seekrank werden, solle kein Heimweh kriegen und solle aufpassen, da er
nicht ber Bord falle. War er aber vorbei, so hie es bei den Alten: Sien
Vadder is verrckt: wat schall dat Gr all up See?
    Der Krmer, ein Schelm, schenkte ihm einen langen Bindfaden. Wat schall dat
denn? fragte Strtebeker verwundert. Och, nehm man mit! Is god fr de Fohrt!
Neem to? Kumm, dat segg ik di int Uhr, raunte der Krmer und flsterte: Dor
bindst du di de Been mit to, Strtebeker: du deist de Bx jo doch vull, wenn ji
up See snd.
    Da warf der Junge den Bindfaden auf die Toonbank und sagte, ihm knne sowas
nicht passieren.
    Sie wurden bis Hochwasser doch noch nicht ganz fertig und verschoben die
Abfahrt deshalb auf den andern Tag. Strtebeker mitraute der Sache, er
frchtete, da sein Vater ihm auskneifen wolle, und horchte in der Nacht alle
Augenblicke, ob sich in der Schlafkammer auch etwas rege. Als er schlielich die
Augen nicht mehr offen halten konnte, zog er leise seines Vaters Strmpfe vom
Stuhl und steckte sie bei sich unter die Decke mit dem Gedanken: Nu will ik 't
woll hrn, wenn du upsteihst!
    Der andere Morgen verging rasch. Strtebeker fuhr ununterbrochen zwischen
Bollwerk und Ewer hin und her und brachte alle Beutel und Packen, alle Brote und
Wrste, alle Kruken mit Weisauer und Schwarzsauer sicher an Bord. Es war zu
verwundern, da er sich nicht in Brand lief.
    Als der Flutstrom nachlie, war es soweit, da sie an Bord muten. Der
Abschied nahte. Gesa mute ihrem Jungen die Hand geben: sie tat es scheinbar
ruhig! Er sprang vor Freude, da es nun wirklich und dreihaftig losgehen sollte,
und versprach alles, was sie von ihm verlangte: sich nicht zu erklten, nicht
seekrank zu werden, nicht zu weinen, nicht ber Bord zu fallen, nicht in die
Wanten zu klettern, sich nicht von den Fischen beien zu lassen und gesund zu
bleiben. Er htte in diesem Augenblick noch viel mehr versprochen, dann aber
drngte er zur Abfahrt, stiefelte den Deich hinunter und rief seinen Vater, der
in der Stube lachenden Mundes Adjst sagte und seine schne Frau kte, bis sie
sich ihm verwirrt entzog.
    Der Kahn mute mit, Strtebeker sagte, sonst gingen die Jungens ihm damit
durch die Binsen, und Klaus Mewes war es zufrieden, denn der leichte Kahn war
eher vom Deck zu werfen als das schwere Boot und mochte ihnen in den Hfen ganz
gut zu pa kommen.
    Adjst! Adjst! Adjst!
    Sie winkten und stieen vom Bollwerk ab. Seemann stand auf der Ducht und
bellte zu Gesa hinber, die auf dem Deich stand, als wenn auch er Adjst sagen
wolle.
    Der Ewer entfaltete seine Segel, wie ein Schmetterling seine Flgel, der
Anker wurde aufgehievt, wobei Kap Horn nach Matrosenbrauch sang, dann schwoite
das Fahrzeug herum, die Lappen fielen voll, - langsam zog es davon und segelte
in einem groen Gange westwrts. Gesa winkte noch mal, Klaus Mewes und
Strtebeker winkten vom Ruder, Seemann bellte. Da holte Kap Horn schnell seine
Harmonika, die geliebte, aus der Koje und spielte: Auf, Matrosen, die Anker
gelichtet ... Hell klang es nach dem Deich hinber, aber Gesa stimmte es doch so
wehmtig, da sie, die sich bisher tapfer gehalten hatte, ins Haus gehen und
weinen mute.
    So trat Strtebeker seine Seefahrt an, mit seinem Vater am Ruder und bei
Sonnenschein auf dem Wasser, unter dem Harmonikaspiel von Kap Horn und dem
Gebell von Seemann.
    Fahr wohl, Strtebeker!

                                Zehnter Stremel.


Nun wlbt euch, groe, braune Segel, nun knarrt, ihr Gaffeln, schlagt, ihr
Schoten, tanz, Flgel! Wind mut wehen, du Sonne mut lachen, du Wasser mut
blinken, auf da die Freude in Klaus Strtebekers Herz komme und er die Fahrt
lieb gewinne, auf da er ein Fahrensmann werde! Da er sich dem Kampf mit der
See zuschwre wie der Knabe Hannibal dem Kampf mit Rom, da er auch dann zur See
gehe, wenn sein Vater etwa vorzeitig bleiben sollte und seine Mutter einen
Landmann aus ihm zu machen gedchte!
    Denn navigare necesse est - Seefahrt ist not, und bitter not ist es, da das
Lachen von Klaus Mewes nicht von der See gehe!

                                     * * *

    Sie hatten Nordwestwind und muten kreuzen. Hinter dem Schweinesand, dwars
von Wittenbergen, fllten sie das Wasserfa mit frischem Elbwasser, wobei
Strtebeker fleiig half, denn er konnte auch schon eine Ptze tragen. Bisher
hatten sie nur die drei groen Segel stehen gehabt, nun setzten sie noch den
Klver, das Toppsegel und den Nackenhut auf, um bessere Fahrt zu machen. Dann
nahmen sie das Boot aus dem Wasser und setzten es auf die Luken unter den
Giekbaum. Auch Strtebekers Kahn wurde aufgehievt: der bekam seinen Platz unter
den Luken an Backbord. Hein Mck verstaute den Proviant in die verschiedenen
Schappen. Es gab Enden aufzuschieen, sie hatten zu pumpen, das Deck zu
schrubben und zu dweilen.
    Schlielich aber war alles getan bis auf die Fahrt, bis auf das Segeln, bis
auf das Kreuzen. Kap Horn legte sich zu Koje, weil er die Nachtwache bekommen
sollte. Da stand denn Klaus Mewes am Ruder, und Hein Mck hockte vorn auf Deck,
putzte den Kessel und die Gabeln und Messer und bediente die Fock, wenn der Ewer
ber Stag ging. Strtebeker sa auf den Luken. Seemann hatte den struppigen Kopf
auf seinen Scho gelegt und schlief.
    Er guckte nach dem Grosegel hinauf, das ihm so hoch, so hoch vorkam, da er
sich immer wieder wundern mute. Dat reckt bit inne Wulken, Vadder, sagte er,
uns Karkturn is nix dorgegen.
    Ree, rief sein Vater, wenn sie die Grenze des Fahrwassers erreicht hatten,
und warf das Ruder herum, da der Ewer gewaltig aufluvte und in den Wind scho.
Dann sprang Hein Mck auf und hielt die heftig schlagende, rein wild werdende
Fock luvwrts fest. Das Grosegel schttelte sich wie unwillig und haute erregt
mit den Schotenblcken, da das Deck erzitterte, dann aber war der Ewer herum,
die Segel fielen von der andern Seite voll, und der neue Streek begann. Gohn!
scholl es ber Deck, Hein Mck lste das Tau und gab dem Block einen Futritt,
da die Fock nach Lee schlug, wo sie wieder festgebunden wurde.
    So ging es die ganze Tide.
    Hinter und vor ihnen waren viele Finkenwrder und Blankeneser unter Segeln,
aber der Laertes, der gut kreuzte, blieb doch vorn und lie sich nicht
berholen. So kreuzten sie gegen den allmhlich strker werdenden Nordwest, und
Klaus Mewes wies seinem Jungen die Schiffe und Baken, die Tonnen und Feuertrme,
die Deiche und Kirchtrme, er erklrte ihm Flaggen und Segel, er zeigte ihm
wieder die Windmhlen des alten Landes, die Berghuser von Blankenese (dat de
dor ne dolpurzelt! sagte der Junge, als er sie in der Nhe sah), den
Hahnfersand mit den Krhennestern, den Lhdeich mit den vielen Kirschbumen,
die roten Dcher von Wedel, das Schulauer Feuerschiff, das Wrack beim Hungrigen
Wolf, von dem nur noch die Masten und ein Stck vom Steven aus dem Wasser
guckten, Juels mit der weien Bake, Brunshausen mit einem lschenden Neuyorker
Dampfer und die Trme von Stade.
    Strtebeker nahm alles auf und fragte nach allem, aber das Beste war ihm
doch der groe Ewer in seiner Fahrt. Wie er dahinsauste, wie er in die Seen
scho, und wie dabei das Toppsegel unbeweglich in den Wolken stand, darber
mute er sich immer wieder wundern. Auch seinen Vater sah er mitunter von der
Seite an: obgleich der noch lachte und sprach, schien es ihm doch ein andres
Lachen und Sprechen zu sein, als am Deich und in der Dn. Und die Augen sahen
auch ganz anders aus.
    Finkenwrder war aus Sicht gekommen und scheinbar auch schon aus dem Sinn,
denn als Hein Mck einmal spttisch fragte: Hest ok all Heimweh?, da guckte
Strtebeker ihn verwundert an, als wenn er ihn gar nicht verstanden htte. Auch
als sein Vater einmal meinte: Muchst ok all wedder no Hus hin, no Mudder? - da
schttelte er nur den Kopf wie im Traum und blickte nach den Segeln hinauf.
    J, ans mt seggen, denn geeft wi di an een Jill af, denn bst morgen
wedder annen Diek! setzte Klaus Mewes lauernd hinzu. Da fragte der Junge nach
dem Feuerturm im Sden, um damit anzudeuten, da er von solchem Schnack nichts
wissen wollte.
    Bis vor den Pagensand kamen sie mit dem Ebbstrom: dort aber wogte und
schumte ihnen die Flut unwiderstehlich entgegen und zwang sie, zu Anker zu
gehen. Das war in der Dmmerung. Sie lieen die Segel fallen, steckten das
Staglicht an und aen Abendbrot in der Kajte. Als sie nachher noch mal
berguckten, Strtebeker und sein Vater, sahen sie, da sich viele Ewer zu ihnen
gesellt hatten: eine Schar von ebberwartender Fahrzeugen lag bei ihnen hinter
den niedrigen Bschen des ungedeichten Eilandes, und die Lichter liefen auf dem
Wasser spielend durcheinander. Der Heben war von bereinandergetrmten Wolken
umlagert wie von Alpen, und der kalte Nachtwind strich tauend um die Wanten.
    Dann kletterten die beiden Mewes in eine Koje und lieen sich von den
gluckenden und klopfenden Seen so lange etwas erzhlen, bis sie es nicht mehr
hren konnten.
    Bst ok all bang, Strtebeker? fragte Klaus Mewes, schon halb im Traum,
aber der Junge antwortete nicht mehr: er schlief schon.
    Bald wachte nur noch die niedrig geschrobene Lampe in der Kajte.

                                     * * *

    Mitternacht war vorber, als der Wecker surrend ablief. Da rief Klaus Mewes:
Seilen! und schwang sich aus der Koje, um die Seestiefel anzuziehen. Knecht
und Junge entstiegen den seitlichen Kojen und suchten mit kleinen Augen nach
ihren Sachen. Strtebeker sollte liegen bleiben wie Seemann, der sich auf der
Bank nur umgedreht hatte, aber er stand doch mit auf und half beim Anstecken der
Seitenlaternen, er zog die Fock mit auf und drckte beim Hieven des Draggens mit
auf die Spaken, denn es war kalt und ihn fror wie einen Schneiderlehrling. Das
Grosegel stieg auf, die Besan folgte, dann der groe Klver. Auch auf den
andern Fahrzeugen regte es sich, berall erglommen die bunten Lichter, erscholl
der Lrm der Winschen; das Rufen der Fahrensleute wehte mit dem Winde herber,
die Gaffeln knarrten, und die Schoten hauten.
    Der Wind war sdlich gelaufen, so da sie dalsegeln konnten, schier
dolseilen, und nicht mehr zu kreuzen brauchten. Die Segel fielen voll, und der
Ewer, ein groer, schwarzer Walfisch in der Nacht, schwamm nach dem Fahrwasser
zurck.
    Kap Horn ging ans Ruder und bernahm die Wache. Er hatte sich ein dickes,
wollenes Tuch um den Hals gebunden und sah aus, als wenn er es im Halse htte.
Strtebeker guckte eine Zeitlang auf den hellbeleuchteten Kompa und fragte, ob
er auch in der Nacht richtig hielte, er ermahnte den alten Knecht, keine Havarei
zu machen, und ging mit seinem Vater wieder zur Koje. Er zog aber die Decke bis
an die Nase und schmiegte sich dicht an ihn, denn er zitterte vor Klte.
    Als er am andern Morgen mit seiner Kaffeemuck und seinem Knbel Roggenbrot
aus der Kapp kam, um seinen Vater auszuschelten, da er aufgestanden war, ohne
ihn zu rufen, und um zu sehen, wie weit sie schon gekommen wren: da schumte
der Ewer mchtig durch bewegtes, graugrnes, schmutziges Wasser und lief, was er
konnte. Vadder, neem snd wi all? To Freeborg, Strtebeker, rief Klaus Mewes
und wies ihm den Turm von Freiburg an der Elbe.
    Neem is de See denn?
    Dor achter! Wi kommt dor vundog noch hin! Sultwoter hebbt wi all fot!
    Ne, dat gluf ik ne, rief Strtebeker, aber Hein Mck sprang wie ein Luchs
auf, schalt ihn einen Dummbart, schlug eine Ptze voll Wasser auf und hie ihn
kosten. Strtebeker steckte den Finger hinein: das Wasser war wirklich salzig
und bitter. Er schmeckte noch einmal, aber der Geschmack nderte sich nicht. Wie
das angehen knne, rief er kopfschttelnd aus, das knne er nicht begreifen! Da
Fische darin leben knnten, wollte ihm noch weniger in den Kopf. Nun wurde die
Fahrt noch geheimnisvoller fr ihn.
    Der Wind wurde nach und nach so stark, da Klver und Toppsegel weggenommen
werden muten. Der Ewer lag sehr schief, die Segel standen bukt voll Wind, und
die groben Seen spritzten schon einmal ber Deck, wenn der Ewer tauchte. Am
Heben standen Ziegenhaare, zerzauste Wolkenbschel, die auf strmische
Witterung deuteten.
    Solche Fahrt war Klr fr den Ewer und erst recht fr Klaus Mewes, der
vergngt steuerte und sang! Ein Vers aus der Dnenzeit war es, den er beim
Wickel hatte, vererbt vom Grovater her:

Kridderwidderwitt, den dnschen Keunig,
kridderwidderwitt, den deen ik ne!
Den sien Lohn is mi to wenig,
Pillkantffeln mag ik ne!

    Strtebeker, der das Lied kannte, stimmte mit ein und versang die
Bangigkeit, die ihn ankommen wollte. Sein Vater war ja bei ihm: was sollte ihm
da die See tun knnen?
    Scheelenkuhlen und die Bsch passierten sie gegen Mittag schon, so rasch zog
der Laertes davon. Bei Brunsbttel fllte Hein Mck das Essen aus und bernahm
das Ruder, whrend die andern sich die Klten und Plummen schmecken lieen. Als
sie wieder an Deck kamen, waren sie so weit, da Klaus Mewes seinem Jungen die
See zeigen konnte, denn im Norden trat das Ufer zurck, dort blinkte die See,
die See, nach der er sich am Deich gesehnt hatte, der kleine Strtebeker, als
wenn sein Leben damit vermacht wre.
    Nun stand er bei seinem Vater hinter dem Kompa und sagte: ja, er knne sie
sehen, aber weiter sagte er nichts, denn eigentlich war es eine groe
Enttuschung fr ihn, dies erste Schauen; er hatte auf der Zunge zu sagen: Dat
is ok jo wieder nix as Woter! - aber er verbi es, denn er dachte: Erst ganz
hin sein!
    Vadder, neem fischt wi nu?
    Och, mien Jung, dat is noch wiet weg! Ganz buten, kannst nu noch gor ne
sehn!
    Das war Strtebeker recht, denn es mute auch noch anders kommen, wenn es
mehr sein sollte als die Elbe.
    Es gab noch das Osterfeuerschiff zu sehen, das an seinen Ketten ri, die
Trme von Altenbruch; dann kam Cuxhaven in Sicht, der dicke Leuchtturm, die
Kugelbake. Da sah Strtebeker zum ersten Mal ein groes Schiff, eine Bark, unter
Rahsegeln. Sein Vater wies ihm den alten und den neuen Hafen, die groen
Seeschlepper, die mchtigen Anker, die am Deich standen, das Schlo Ritzebttel,
das klug und geborgen aus den Bumen guckte, er zeigte ihm einen Seehund, der
hinter dem Ewer auftauchte, und drei Masten, die im Norden kahl und verlassen
aus der See guckten.
    Strtebeker wurde doch stiller, als er das Land kleiner und die See grer
werden sah, als er wahrnahm, da der Ewer ungestmer auf und ab tauchte und sich
schrger als vorher warf, aber er hielt tapfer aus und lie sich nichts merken.
    Es gab kein Halten mehr fr den groen Ewer: mit dem flagigen, starken
Sdwestwind in den Segeln brauste er mchtig einher und schnitt eine breite,
schaumige Furche wie ein rechter Pflger. Noch trug er die Segel ohne Reffe,
aber die Luft schmierte zu, dunkle Wolken beschatteten die See, und auf den
Watten rucherte die Brandung. Mit breiten, langen Kmmen kam die Flut ihnen
entgegen, aber diesmal wurde der Ewer Baas ber sie, denn er hatte Wind, und
lie sich von ihr nicht mehr aufhalten. Sie segelten an der Kugelbake vorbei,
der groen Frau der Elbmndung, die immerfort nach ihrem Mann sucht, der doch
lngst geblieben ist, - und nahmen den Kurs nach dem vierten Feuerschiff, N.z.W.
    Bald verlangte den Sdwest nach Sdwestern; er brachte Regen und jagte die
Seefischer ins lzeug. Auch Strtebeker mute hinein. Als sein Vater ihm den
Rock zuknpfte, sah er ihn forschend an und bemerkte, da das Gesicht schon
etwas blasser geworden war: er tat aber, als htte er nichts bemerkte. Dem
Knecht und dem Jungen hatte er untersagt, mit der Seekrankheit zu drohen und
Strtebeker bange zu machen: so dachte er ihn am ersten davor zu bewahren.
    Heiter wies er ihm den dicken Turm von Neuwerk und erzhlte, da Strtebeker
von dort einen Gang unterm Wasser bis nach Cuxhaven gehabt htte.
    Hinter Scharhrn sichteten sie die ersten fischenden Fischerewer: da verga
der Junge das fremde Gefhl und wurde lebhafter, er holte sich den Kieker aus
dem Nachthaus und betrachtete Ewer fr Ewer: er las die Nummern und lie sich
die Schiffer dazu sagen.
    94, Vadder? Jakob Fock, dat wee du doch! 138? Jakob Mees. - 3?
Friedrichson van de Au, de Strnfischer. 107? Ornd Fock! Er lernte
erkennen, wann einer einzog: dann fiel die Fock nieder, und die Mwen flogen um
die Masten, wann er kurrte, wann er segelte, wann er aussetzte. Von da an
kmmerte er sich nicht viel mehr um Gallioten und Feuerschiffe, Lotsenschoner
und Frachtdampfer, sondern nahm sich der Fischerei an. Er drngte, da sie doch
auch schon aussetzten, und war gar nicht erbaut, als er hrte, da sie noch
einen ganzen Tag zu segeln htten.
    Wenn ein Ewer nahe kam, rief sein Vater den Schiffer an und fragte nach dem
Fang, der Schiffer aber fragte nach dem Markt. Das war immer ein nachbarliches
Gesprch wie am Deich und schlo mit einem Gedankenaustausch ber das Wetter.
    Die See wurde dniger, und der Ewer tauchte tiefer. Bei der Lotsengalliot
nahm eine hohe See den Ewer auf den Rcken und warf ihn dwars weg, da
Strtebeker das Gleichgewicht verlor und gegen das Boot flog. Er stand ruhig
wieder auf und hielt sich am Dollbaum fest, aber die Dsigkeit im Kopf nahm
immer mehr zu, und den schlechten Geschmack im Munde wurde er nicht wieder los:
er fhlte, da seine Stunde kam, da er seekrank wurde und sich brechen mute.
Er wollte es nicht, er wollte es nicht! Nur das nicht, nur das nicht!
    Er wollte seefest sein! Wie sie wohl lauerten, Kap Horn und Hein Mck, da
sie ihn auslachen konnten! Nein, er wollte es nicht! Fest bi er die Zhne
zusammen und hielt den Mund zu. Er beneidete Seemann, der ruhig und behaglich
auf den Handschuhen im Nachthaus lag und sorglos seine Pfoten ableckte, whrend
er es kaum noch aushalten konnte.
    Wie eine Mwe schluckt und wrgt, wenn sie einen groen Hering in der Kehle
stecken hat, so schluckte und wrgte Strtebeker auf dem heftig dmpelnden
Fahrzeuge und wehrte sich gegen die Seekrankheit.
    Kap Horn sagte beilufig zu Hein Mck: wer hier schon seekrank wrde, sei
ein Schietinnebx, denn sie seien ja noch in der Elbe, die See finge erst beim
ersten Feuerschiff an! Strtebeker hrte es und wehrte sich noch mehr, denn er
wollte doch nicht auf der Elbe schon seekrank werden. Sie lachten ihn aus, das
war gewi! Wenn er doch mit seinem Vater allein auf Deck wre!
    Da hatte also all das Dmpeln in seinem Kahn, all das Scheistern nichts
geholfen! Junge, Junge, Junge, was fr ein Zustand! Er wollte und wollte sich
aber vor dem uersten Feuerschiff, vor der richtigen See, nicht geben!
    Als sie daran vorbeigeschumt waren, konnte Klaus Mewes seinen Jungen mit
einem Male nicht mehr sehen und dachte schon, er wre ber Bord gefallen, aber
da nahm Kap Horn das Ruder und wies nach dem Boot. Der Seefischer ging nach
vorn, - da lag Strtebeker im Boot zusammengekrmmt unter den Duchten und
erbrach heftig. Hein Mck steckte einen Grientje auf und wollte etwas sagen,
aber Klaus Mewes sah ihn an, da er ihn schnell wieder sacken lie. Seinen
Jungen lie er gewhren - schlielich, als das Spucken nachlie, legte er ihm
die Hand auf die Schulter. Der Junge fuhr zusammen und sah auf, - kreidebleich
im Gesicht! - Dann lchelte er unter Trnen und sagte: Nu lach mi man fix wat
ut, Vadder, wat ik seekrank bn! Urch, - da ging es wieder los: Klaus Mewes,
Dollbaum, Luken und der neugierig herbeigekommene Seemann bekamen etwas ab. Da
lachte Klaus Mewes doch, und Kap Horn lachte am Ruder und sagte, das wre gerade
so wie bei einem Albatros, der auf Deck sei, und Hein Mck lachte, weil sie ihn
die ersten Reisen auch ausgelacht hatten. Strtebeker lachte auch mit, wenn auch
verzerrten Gesichts, dann aber mute er sich geben. Gliek ist all rut,
trstete er, denn wardt beter! Aber das stimmte nicht, denn es wurde immer
rger, je leerer der Magen wurde, zuletzt spuckte er die Galle aus und lag dann
regungslos auf der Ducht.
    Bang bn ik ober ne, Vadder, sagte er matt, blo seekrank!
    Schall ik di wedder an Land setten?
    Strtebeker schttelte den Kopf. Auch unter Deck wollte er nicht, denn er
sagte, es ginge bald vorber. Da deckte sein Vater ihn mit einem alten Segel zu
und lie ihn im Boot liegen, weil die Seeluft besser war als die Luft in der
Koje.
    Als Klaus Mewes wieder am Ruder stand, dachte er an seine erste Reise und an
seine Seekrankheit: er war auch nicht frei geblieben. Noch jetzt wurde er etwas
seekrank, wenn er nach dem winterlichen Aufliegen wieder nach See kam - wie
viele alte Fahrensleute.
    Der Wind krempte nach Westen um und nahm an Strke zu. Es wurde stur.
    Einzelne Ewer und Kutter fischten noch mit einem Reff im Segel, die meisten
aber hatten das Kurren aufgegeben und trieben. Die See hatte Mtzen aufgesetzt.
Klaus Mewes, der seine alte Stelle zwischen Norderney und Juist suchte, gab das
Klabatzen und Kreuzen auf, weil er die Segel nicht zerreien wollte. Er hielt
auf Helgoland zu, dessen Feuer hell im Norden blinkte.
    Bidewind! Der Ewer scho und kletterte, stampfte und rollte, whrend die
dstere Nacht hereinbrach. Viele Segel und Lichter waren bei ihnen, und der
dunkle Felsen stieg immer hher aus der See.
    Als sie um Mitternacht zwischen dem kleinen Land und dem groen Land, d.h.
zwischen der Dne und Helgoland zu Anker gingen, war der Wind nordwestlich
gelaufen und zum Sturm angewachsen, so da sie froh sein konnten, eine Reede zu
haben. Sie setzten noch den zweiten Anker aus, dann nahm Klaus Mewes den kleinen
Seekranken auf den Arm und trug ihn nach unten, - und weil er nichts essen
wollte, packte er ihn gleich in die Koje.
    Hein Mck wagte, nochmals zu lachen; dafr bekam er eine nasse Hansch in den
Nacken. Wi snd ok mol seekrank worden, sagte Klaus Mewes, dorm kann he doch
een fixen Fischermann wardn! Lot em man tofreeden.
    Die ganze Nacht aber ri der Ewer gewaltig an seinen Ketten und klste wie
nichts Gutes hinter Helgoland.

                                     * * *

    In der Morgendmmerung legte der Wind sich etwas, aber die Luft sah noch
nicht nach Aufklaren aus. Drauen stand eine hohe See, so da an Fischen nicht
zu denken war. Sie blieben deshalb noch liegen.
    Als Strtebeker aufwachte und aus der Koje lugte, war die ganze Besatzung
schon auf den Beinen: Hein Mck sa auf der Treppe und schlte Kartoffeln, Kap
Horn war mit Segelhandsch und Nadel bei dem Toppsegel auf der Diele zugange, dem
er einen Flicken aufsetzte, Klaus Mewes knttete an einem Kurrensteert. Auf dem
aufgeklappten Tisch stand noch der Morgenkaffee.
    Vadder, neem snd wi?
    Wi ligt achter Hilchland, Strtebeker; dat weiht so dull, dat wi ne fischen
knnt.
    To Anker, Vadder?
    Jo, Strtebeker!
    Der Junge dachte einen Augenblick nach, warum ihm der Kopf mit einemmal so
sauste, und warum die ganze Kajte sich um ihn drehte: da fiel ihm seine
Seekrankheit ein, und er legte sich rasch wieder hin, damit sie nicht
wiederkommen sollte.
    Bliew man giern liggen, sagte sein Vater mit verstelltem Ernst, whrend er
geruhig knttete, wenn dat noher stiller is, sett ik di an Land, denn fohrst du
mit den Damper no Hus, hrst? Up See is dat doch nix fr di, wenn du so licht
seekrank wardst bi slecht Wedder. Eten magst du ok nix, dat kann jo ne god
gohn.
    Dann ging er an Deck, um nach dem Wetter zu sehen, und sagte zu Seemann, der
ihm nachgelaufen war und auch die Nase in den Wind steckte: Nu wt wi mol sehn,
wat de Mederzin ne hilpen deit! Als er die Reihe der Fahrzeuge berblickt
hatte, die um ihn lag, und mit Jannis Six gesprochen hatte, der am dichtesten
bei ihm ankerte, ging er wieder unter Deck, nahm Scheger und Nadel auf und
knttete weiter, als wenn nichts geschehen wre. Und es war doch etwas
geschehen, das ihm das Seefahrerherz mit Stolz und Freude erfllte.
    Denn siehe, - Klaus Strtebeker war aufgestanden und hatte sich angezogen.
Noch mehr: er sa am Tisch und trank schwarzen Kaffee aus der Muck. Noch mehr:
er a Schwarzbrot dazu, obgleich ihm schon zuwider war, es nur zu riechen. Noch
mehr: er versuchte zu lachen; und wenn es noch nicht gleich gelang, so war sein
Wille doch nicht daran schuld. Tapfer a und trank er, obgleich der Fuboden und
die Kojen wieder zu kreisen und zu tanzen begannen.
    Smeckt all wedder, Strtebeker? fragte Klaus Mewes nach einer Weile.
    Dat mtt, Vadder! Ik bn nu mit de Seekrankheit dr!
    Dat segg man nich to hart, rief der Knecht von der Diele.
    Doch, Kap Horn, schallst sehn: ik ward ne mihr seekrank! Un no Hus will ik
ne, Vadder: ik will bi di blieben un mit fischen!
    Non, sagte sein Vater, denn ist god! Und erging sich mit ihm an Deck,
damit der Junge in der frischen Seeluft ganz genese, denn die Teer- und
Segelgerche der Kajte waren nicht gut fr seinen Zustand.
    Er wies ihm Helgoland und die Dne, das Unterland und das Oberland, die
groe Treppe, den Leuchtturm und die Kirche, die groen, rotgrauen Felsen, die
starken Boote der Helgolnder und das Haus des Gouverneurs, auf dem die rote
englische Flagge wehte. Strtebeker verga seines Leidens und behielt das
Gegessene bei sich. Er tat schon wieder Schiffsarbeit mit, wenn er sich auch
noch matt fhlte: sein Vater lie ihn pumpen und das Boot schrubben, damit er
immer in Fahrt blieb und sich nicht wieder hinlegte, denn nun mute die
Seekrankheit endgltig verjagt werden.
    Mittags ging Strtebeker mit zu Tisch und a tapfer, wenn auch nicht so viel
wie sonst. Seine Backen hatten schon einige Farbe zurckbekommen, und seine
Augen glnzten schon wieder. Der Kummer war vergessen.
    Klaus Mewes warf den Kahn ber Bord und sagte, er wolle an Land: wer
mitginge? Strtebeker war dabei. Hein Mck, der auch mit sollte, lehnte ab: er
wollte ein bichen voraus schlafen.
    Up Hilchland ist fein, Hein Mck.
    Scheun ist blo in Finkwarder up Musik, sagte Hein Mck aber und zog die
Stiefel aus, um einen Stremel zu vertrumen. Kap Horn, der gern mitgegangen
wre, mute zur Sicherung des Fahrzeuges zurckbleiben.
    Der kleine grne Kahn wurde bannig hin und hergeworfen, denn es stand noch
eine ziemliche See, wenn auch der Wind nachgelassen hatte und raumer gelaufen
war, aber Klaus Mewes wriggte zu geschickt, als da sie Wasser ber bekamen.
Strtebeker guckte die Wogenkpfe scharf an, aber er frchtete sich nicht und
lie auch die Seekrankheit nicht an sich heran.
    An der Brcke banden sie den Kahn zwischen den Helgolnder Booten fest und
betraten den englischen Boden. Mit dem Unterland waren sie bald schier. Klaus
Mewes eine Weile mit Kai Rickmers, den er kannte, und der Schiffer klopfte dem
Jungen die Schultern und sagte etwas, was Strtebeker aber nicht verstand,
weshalb er meinte, es wre Englisch. Dann stiegen sie die 188 Stufen zum
Oberland hinauf und blickten auf die kleinen, kleinen Ewer und Kutter.
    U, wat is uns Eber ltt! As mien ltt Schipp bi Hus! rief Strtebeker. Er
bekam den Mnch zu sehen, den gewaltigen, frei im Wasser stehenden Felsen mit
dem grnen Hut, und das Sathorn. Und blickte staunend in die schroffe Tiefe, in
der das seifige Seewasser gedmpft rauschte. Dann schlugen sie den Mittelweg
ein, den die Badegste die Kartoffelallee getauft haben, und blickten von der
Nordklippe der Eilandes weit und breit ber die graue, hohe See, die beiden
Finkenwrder. Im Westen stand ein Dreimaster mit weien Segeln auf der Kimmung,
unter ihnen aber brandete die See in dumpfem Grollen.
    Am Leuchtturm, dem schlafenden Riesen, vorbei gingen sie nach den
Vogelfelsen, auf denen die dummen Lummen, die schwarzweien islndischen
Gesellen, in groen Scharen saen. Andre flogen hin und her und krchzten.
    Auf dem Unterland kehrten sie bei Hai Deepen ein, und Klaus Mewes schrieb
einige Zeilen an Gesa. Dann schieden sie von dem englischen Heligoland und
wriggten nach dem Ewer zurck. Als Strtebeker bei der Pfanne ber die Ausfahrt
berichtete, fragte Hein Mck pltzlich nachdenklich: Worm hrt Hilchland
eegentlich den Ingelschmann to? Worum? lachte Kap Horn. Worum heurt em Malta
un Hongkong un Cypern un Gibraltar un Kapstadt un Jamaika? He hett tolangt, de
olle, ehrliche Jan Bull, as anner Ld bleud weurn.
    Klaus Mewes studierte das Wetterglas und ging nochmal mit dem Heben zu Rate,
dann aber rief er munter: Seilen! und warf seine Kurre mit einem groen
Schwung in die Netzkoje auf der Diele: die Fischerei trat wieder in ihr Recht,
und alle strzten an Deck.
    Sie brachten das Fahrzeug unter Segel, hievten den Anker und kreuzten aus
dem Helgolnder Loch. Drauen kamen sie in leege Wall und trafen eine so hohe
See und so frischen Wind an, da sie reffen muten, aber weil er einmal
unterwegs war, lie Klaus Mewes sich nicht aufhalten und dachte nicht an
Umkehren. Er hatte schon anderes erlebt, als diesen sdwestlichen Kurs nach
Norderney hinunter, und hielt wohlgemut an seinem Ruder aus.
    Strtebeker stand bei ihm und hielt sich an der Rudertalje fest, wenn der
Ewer berholte. Er kmpfte wieder mit bsem Unwohlsein, aber zum Brechen kam er
nicht mehr, und weil sein Vater ihn ermunterte und sagte, nun sei er darber
hinweg, so glaubte er es und bemeisterte die belkeit. Nachts bernahm der
Knecht die Wache, und Strtebeker ging mit seinem Vater zu Koje, hocherfreut,
da er nicht mehr seekrank geworden war. Auch Klaus Mewes war recht vergngt
darber und lobte ihn.
    Gegen Morgen muten alle an Deck, denn sie waren auf der alten Stelle
angelangt, wie Klaus Mewes durch Peilen und Loten festgestellt hatte. Dwars von
Juist klsten sie, und der Wind war wieder etwas schwcher geworden. Sie machten
das Reff aus den Segeln heraus und setzten die Kurre aus, nachdem sie den Ewer
an den Wind gebracht hatten. Kurrbaum und Kugeln, Teufelsklauen und und Sprenken
wurden zurechtgemacht, dann lieen sie das Schleppnetz, das ganze, schwere
Geschirr, zu Wasser, mitten hinein in Strtebekers Gold, in den roten Feuerweg,
den die eben aus der See gestiegene Sonne auf dem Wasser gemacht hatte.
Strtebeker war mit Leib und Seele dabei, er rief und fragte, als msse er alle
Fischerei in der ersten halben Stunde lernen, stolperte ber die Kurrleine, da
er beinahe ber Bord gekommen wre, trat Seemann auf den Schwanz, da er klagend
schrie, und steckte sich berall dazwischen.
    Als die harte Arbeit getan war, die gerade durch die ganze Kraft dreier
Mnner bewltigt werden konnte, bekam Hein Mck die Wache. Schiffer und Knecht
gingen in die Puk.
    Der Ewer zog mit seiner Kurre seitwrts davon, wie ein Ro mit dem Pflug,
und segelte langsam dem grauen Streifen entgegen, der im Sden aus der See
guckte. Die dicke Kurrleine zitterte im Wasser, als wolle sie jeden Augenblick
brechen. Strtebeker sah eine Zeitlang ber Bord und machte sich Gedanken
darber: als Hein Mck, der Wachmann, aber anfing, sich ber ihn lustig zu
machen, ging er seinem Vater nach und verschlief die beiden Kurrstunden in
dessen Armen.
    Intehn! Intehn! Der Ruf, der Tote uferwecken und Kranke zum Aufstehen
bringen kann, scholl in die Scheinkappe hinein, die Hein Mck geffnet hatte. Da
konnten sie aus dem Bett finden; Junge, Junge! Eins, zwei, drei standen sie an
Deck und hievten im Angesichte der Norderneyer Dnen die Kurre ein, nachdem sie
die Fock fallen gelassen hatten.
    Was fr eine harte Arbeit, dies mhselige, langsame Aufhieven des Netzes!
Hiev, hiev! Wie oft mute Klaus Mewes ermuntern, wie mute er sich beim
Abstoppen abreien! Allen dreien lief der Schwei von der Stirn, aber sie gaben
nicht nach, bis der Kurrbaum an den Wanten sa. Dann beugten sie sich ber Bord
und zogen die Kurre mit den Hnden ber die Reling.
    Seemann bellte die Mwen an, die schreiend um den Ewer flogen und sich zu
Hunderten angesammelt hatten, lauter aber als Hund und Mwen war Strtebeker,
der bald hier stand und bald dort und immerfort zeigte und rief: U, wat een
Fisch! Kiek dor: een Schull! Dor noch een! Dor all wedder een! Dor een Tasch,
dor een Ruch, dor een Gnurrhohn, dor een, - den kinnk ne! Junge, Junge, watten
Fisch!
    Er sollte sich aber noch mehr wundern, denn jetzt erschien der Steert, der
Beutel des Netzes, an der Oberflche. Der war so gro und schwer, da sie ihn
nicht ber den Setzbord heben konnten. Sie muten ihn deshalb in die Talje
nehmen.
    Da hing er ber dem Deck, der wirre, lebendige Klumpen von Fischen und
anderem Seegetier, und leckte wie ein Sieb. Der Schiffer machte das Steerttau
los und sprang beiseite: die Kurre ffnete sich, und quuks-quaks strzten die
Fische schlagend und spaddelnd auf Deck.
    Da kreischten die hungrigen Mwen noch lauter: Strtebeker aber kam gnzlich
aus der Tte. Mann o Mann, Junge, Junge, watten barg Fisch! Das war doch noch
etwas anders, als wenn er Stichlinge fischte, oder als wenn die Lttfischer am
Fall mit den Garnen zogen! Da klapperten und spaddelten die Schollen und
Scharben, da sprangen die Rochen, da schnappten die roten Petermnnchen nach
Wasser, da knurrten die Knurrhhne, zwischen ihnen kroch ein Hummer, da lagen
Seemuse und Seesterne, Seepfel, Muscheln und Tang, ein alter Seestiefel, ein
zerbrochener Topf und ein groer Stein.
    Die Luken wurden abgedeckt und die Schollen in den Bnn geworfen, nach der
Gre gesondert, und gezhlt. Der Streek hatte gelohnt, denn sie kamen auf 8
Stiege groer und 12 Stiege kleiner Schollen. Strtebeker mute den Hummer in
eine Kiepe setzen und sie in den Bnn hngen, die Taschen packte Hein Mck, dem
nach altem Brauch das Taschengeld gehrte, in einen Hummerkasten. Knurrhhne und
Rochen wurden fr die Pfanne bestimmt, denn weil die Eiskisten noch leer waren,
konnten sie nicht frisch erhalten werden. Die Scharben wurden zugemacht und in
Salzlake gelegt, dann schaufelten sie den Rest des Fanges schnell ber Bord und
setzten die Kurre wieder aus. Die Fock rillte in die Hhe, der Ewer fiel ab und
nahm seeseitigen Kurs.
    Die Mwen verlieen das gastliche Schiff. Spurlos wie sie erschienen waren,
verschwanden sie wieder, um andre fallende Focksegel aufzusuchen.
    Der erste Streek war getan.

                                     * * *

    Diesmal blieb Strtebeker an Deck, denn sein Vater stand am Ruder. Sie taten
kurze, zweistndige Striche in der Schollenzeit, damit die Fische, die lebendig
an den Markt gebracht werden muten, in der Kurre nicht zu sehr litten. Kap Horn
und Hein Mck gingen in voller Kleidung zu Koje und schliefen, denn wie ein
ehernes Gesetz hatte nun die Fischerei Gewalt ber die Fischer: das Tag- und
Nacht-Kurren lie sich nur dann durchfhren, wenn die Freiwache verschlafen
wurde. Bei gutem Wetter wurde ununterbrochen gefischt: Ruhe gab es erst, wenn
der Bnn voll war, oder wenn die Stille oder der Sturm dazwischen kam.
    Wie der Fischermann inmitten der vielen Fische doch kein Stckchen wegwirft,
wie er auch die letzte Grte absaugt, so lt er keinen Streek aus und fischt
tags und nachts, Sonntags und alltags.
    Was fr ein Leben! Strtebekers Backen glhten, seine blauen Augen
leuchteten wie die Elbe an Sonnentagen: sie fischten ja, sie fischten ja!
Junge, Vadder, dat is wat, dat mokt Spo߫, versicherte er immer wieder und
sprach die ganzen zwei Segelstunden von nichts anderm als von dem Streek. Die
Seekrankheit war vergessen: er holte sich ein dickes Stck Schwarzbrot aus dem
Schapp und a es, er trank Kaffee dazu und war guter Dinge. In der Weite kurrten
mehrere Finkenwrder, aber dicht bei ihnen segelte niemand: sie hatten das Feld
allein.
    Wie im Fluge verging die Zeit.
    Is so wiet, sagte Klaus Mewes, nu rop jm man! Freudig sprang
Strtebeker ber die Luken, schob die halbgeffnete Kapp zurck, kletterte die
Treppe hinab und grhlte so laut er konnte: Kap Horn un Hein, upstohn! Wt
intehn! To, gau! Vadder hett dat seggt!
    Jo, brummte Hein Mck, dem ein schner Traum von seiner Gesine durch die
Latten gegangen war, und grabbelte nach seinen Stiefeln, Kap Horn aber schwang
sich auf die Bank und schalt: Wat is dat eegentlich forn Snack von wegen
opstohn, Klaus Strtebeker? Du meenst woll, du bst hier bin Buern, wat? Wee du
nich, dat an Bord allens utsungen wardn mutt? Pa mol op: so heet dat:

Reis ut, Quarteer, is mien Verlangen,
reis ut, quarteer, in Gottes Nom!
De een von jo salt Ror verfangen,
reis ut, Quarteer, de Wacht is don,
acht Glosen snd slon!
Reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!

    Junge, dat is jo een ganzen Gesang, rief Strtebeker, den kank ne
beholen! Dann rttelte er Hein, der auf der Bank wieder eingedusselt war:
Schall ik ierst mit een Ptz Woter kommen? Hebb ik di ne seggt, du schullst
upstohn?
    Du kriegst gliek een annen Blackputt, wat van hier no Amsterdam flgst,
drohte der Junge mrrisch und erhob sich.
    Strtebeker ging nicht vom Fleck, bis sie fertig waren. Als sie alle drei an
Deck kamen, hatte sein Vater den Ewer schon in den Wind schieen lassen, die
Fock war schon gefallen, und die Mwen flogen schon wieder ber den Masten.
    Sie legten die Leine um die Winsch und hievten. Es ging noch schwerer als
vorher, da Strtebeker rief, da sen gewi hundert Stiege Schollen drin. Ihr
Seefischer, die Ihr ihn auslachtet: erwehrtet Ihr Euch der Gedanken an groe
Fnge, an reiche Schtze, wenn Ihr die Kurre einzogt? Wenn's auch vorher nur
Tang und Schlick und Steine gewesen waren, was Ihr zutage gehoben hattet: kam
nicht bei jedem Streek die Hoffnung wieder, da es auch einmal etwas andres sein
knne? Der Bauer, der Gerste gest hat, wei, da er nichts andres ernten kann,
aber der Fischer, der nicht st (Sehet die Fischer an: sie sen nicht und ernten
doch, hatte Pastor Evers gepredigt), fr den ein andrer die Saat bestellt, der
immer unbekannte, geheimnisvolle cker und Felder berakt: was kann der alles
ernten? Strtebekers Gold liegt immer noch auf dem Grunde der See: ein Fischer
wird es einmal finden, heit es. Diese Hoffnung auf Groes, Unsichtbares, die
sich bei jedem Streek erneut, ist es, die auch dem armseligsten Fischerewer vor
allen andern Schiffen etwas vorausgibt: und sie ist es, die Fischer werben wird,
solange die See nicht zugeschttet ist.
    Klaus Mewes mute Hein Mck und seinem Jungen das Abstoppen fr eine Weile
berlassen, denn ohne seine Brenkraft lie die Winsch sich diesmal nicht
drehen. Endlich konnte der Kurrbaum festgemacht werden. Diesmal ri Strtebeker
schon krftig mit an der Kurre, denn er wute jetzt, worauf es ankam, und
kmmerte sich wenig darum, da er na wurde. Sogar Seemann half: er bi sich an
den Maschen fest und zerrte unter groem Geknurr.
    Als das Steerttau losgeknotet war, donnerte ein schwerer Stein auf das Deck,
da der Ewer erdrhnte. Das war der vermeintliche reiche Segen! Zum Glck waren
aber auch noch Schollen in der Kurre. Sie wanderten in den Bnn. Der groe
Felsen blieb einstweilen an Deck liegen. Klaus Mewes wollte ihn hier nicht ber
Bord werfen, sondern gedachte ihn an einer Stelle sacken zu lassen, wo nicht
gefischt wurde, wo er also keinen Fischern mehr beschwerlich und keinen Kurren
mehr gefhrlich werden konnte. Strtebeker schrubbte ihn ab und setzte sich
darauf, als die Sonne ihn abgetrocknet hatte.
    Kap Horn bernahm die nchste Wache. Strtebeker, der noch nicht wieder
schlafen konnte, blieb bei ihm und half ihm beim Zusammenbinden und Aufhngen
der Scharben, die der Wind nun trocknen mute. Der alte Janmaat freute sich, da
der Junge so viel von ihm hielt, und erzhlte ihm Geschichten von der groen
Fahrt, die noch all seine Gedanken fllte wie der Wind die Segel, und die er
nicht vergessen konnte, Geschichten von Albatrossen und Eisbergen, von
Schiffbrchen und Piraten, von Chinesen und Negern, von Haifischen und
schneebedeckten Bergen, von dem Fliegenden Hollnder, von der Linie und dem
Sargassomeer bei Westindien, in dem kein Schiff von der Stelle kommen konnte.
Auch die berhmte Aalgeschichte von Hans Fink erzhlte er ihm. Die war so: als
Hans auf groen Schiffen fuhr, bekam seine Bark einst zwischen Kapstadt und
Singapur ein Leck in den Boden. Sie wollten es dichten und konnten es nicht,
denn das Wasser sprudelte immer strker. Da riefen sie Hans Fink, den
Zimmermann, da er es dicht mache. Als Hans aber angelaufen kam und gerade
anfangen wollte zu arbeiten, - in die Hnde hatte er schon dreimal gespuckt! -
wat meent ji woll: mit einem Mal taucht ein groer, dicker, fetter Aal vom
Grunde der See auf, steckt den Kopf durch das Loch und bleibt darin sitzen. Hans
Fink holt geruhig sein Knief aus der Tasche, das mit der knchernen Schale, das
er noch heute hat, schneidet dem Aal Kopf und Schwanz ab und lt sich vom
Smutje Hamburger Aalsuppe davon kochen. Und das Schiff ist dicht und macht nicht
einen Tropfen Wasser mehr, da sie glcklich in Singapur ankommen, blo, weil
Hans Fink so schlau gewesen war.
    Gotts den Dnner, - was fr eine Geschichte. Minsch, wat kannt angohn,
rief Strtebeker verdutzt, wo grot is dat Leck denn wesen? Och, so as mien
Arm dick is! Son dicke Ool gift ober ne! Kap Horn lie sich aber nicht aus
dem Kurs bringen: es wre eben ein Seeaal gewesen! Veel Pund schull de woll
wogen hebben? Dor mutt ik um legen, Strtebeker: Hans Fink meent ober, he kunn
em op foftein Pund taxiern! Der Junge konnte auch jetzt noch nicht ber den
sonderbaren Fall hinwegkommen und trieb den Knecht zuletzt in die Enge mit der
Frage: J, nu segg mi ober mol: wat hett he denn den Stiert afsneen kreegen? De
seet doch butenburds? Da sa Kap Horn mit seinem Aal fest und wand sich selbst
wie ein Aal, er suchte beim Kompa und bei den Segeln Rat, ohne ihn zu finden:
zuletzt aber rettete er sich durch einen Hasenseitensprung, indem er tiefsinnig
erklrte: Dor heff ik Hans noch nich no frogt! Wenn ik em annen Diek drop, will
ik ober noch mol mit em ober den Krom snacken.
    Noch viel mehr Geschichten brachte er zu Markt, whrend sie stetig fischten;
von Jan Wurts kleinem Haus, das so klein war, da viele darber fielen und viele
es fr einen Maulwurfshgel ansahen. Einmal erlebte Jan Wurt eine dreitgige
Sonnenfinsternis, weil Hannis Loop, der beim Lohen war, sein Grosegel aus
Versehen darber gebreitet hatte. Ein andermal steckte der groe Karsten Klper
es im Vorbeigehen in die Jackentasche, und als er nachher bei Madam auf Musik
war, zog er es heraus und stellte es auf den Tisch zwischen die Grogglser und
Bierseidel mit den Worten: Kiekt, Junggst, wat ik annen Feekstreek funnen
hebb! Seine Macker, die Seefischer, aber lasen das Schild an der Tr

                                   Jan Wurt,
                                  Elbfischer.

und sagten, da htte er schn was gemacht: das sei Jan Wurts Haus. Und ehe der
groe Fischermann noch recht begriff, was er angerichtet hatte, ging die Tr des
kleinen Hauses auf, und Jan guckte heraus. Die Grogglser und den Saal sehen und
einen groen Lrm machen, war eins bei ihm. Alle Tnzer kamen aus dem Gang, die
Musikanten konnten nicht weiterspielen, eine so gewaltige Lunge hatte der kleine
Mann, so konnte er grhlen und schelten! Der groe Karsten wurde immer kleiner
und wre am liebsten unter den Tisch gekrochen, es half ihm aber nichts: er
mute das Haus wieder hintragen, wo er es hergenommen hatte, und am andern,
hochhellichten Tag mute er den Deich entlang und mute Abbitte vor Jan Wurt
tun. Alle Leute lachten ihn aus ....
    Als des Erzhlens ein Ende war, machte Kap Horn dem Jungen aus umgedrehten
kleinen Rochen die sonderbaren Seeaffen zurecht und lehrte ihn den Kompa nach
der Weise:

West zum Norden, Westnordwest,
unsre Freundschaft stehet fest;
Sd zum Osten, Sdsdost,
deine Liebe ist mein Trost! ...

    Nur spielen wollte er nicht, denn er behauptete, mit der Harmonika mache er
die Fische bange, dafr aber machte er ihm eine Angel fr Makrelen und
Katzenhaie zurecht, beschwerte sie mit dem Lot und fierte sie hinteraus. Es war
nur schade, da nie etwas angebissen hatte, so oft Strtebeker auch aufzog.
    Schon strichen einzelne Mwen ber den Ewer hin, als wenn sie sagen wollten:
Man to, wi snd all hungerig!
    Da sang Strtebeker zum Einziehen, und die Arbeit begann wieder. Dieser
Streek brachte nur fnf Stiege: sie segelten deshalb westlicher, bevor sie
wieder aussetzten. Hein Mck kam an den Trn. Strtebeker aber tat auch ihm
Gesellschaft, weil er noch nicht mde war, er lie sich von ihm im Steuern
unterrichten und steuerte allein, als Hein sich als Koch bettigen, die Kle
rollen und die Kartoffeln zu Pott bringen mute. Das war etwas fr ihn: allein
an Deck zu sein und allein zu steuern. Wie pate er auf, da kein Segel an zu
klappern fing, da sie immer voll standen, da er nicht aus dem gegebenen Kurs
kam, wie suchte er die See ab, da er keine Haverei mache! Sein Vater htte ihn
sehen mssen!
    Als Hein wieder die Wache nahm, sprachen sie ber Ostermoonen und
Binsenschiffe, ber Hechtschnarren, Jimpenfischen, Kaninchenzucht und andre
Dinge vom Deich, sie einigten sich ber die fischreichsten Grben und
beschwgten Karkme, Weihnachten und Fastelabend, die drei groen Feste, die nun
bald kamen.
    Dieser Streek brachte gute zwanzig Stiege Schollen, als sie aber nach dem
Mittagessen - gekochte Rochen gab es, etwas Kstliches! - an Deck gingen, um die
Kurre wieder auszusetzen, da war der Wind schlafen gegangen und der Ewer
steuerte nicht mehr; da muten sie das Fischen aufgeben. Stundenlang dmpelte
der Ewer auf der ziemlichen Dnung hin und her wie in schweren Trumen, die
Gaffeln knarrten, und die Schoten schlugen mit den Blcken.
    Das war die schlechteste Zeit fr die Fischerleute. Selbst Klaus Mewes
machte ein verdrieliches Gesicht. Wie unsinnig schlug das herrenlose Ruder hin
und her, willen- und machtlos war der Ewer der Meeresdnung und der Seestrmung
ausgeliefert, die mit ihm spielten wie Lwen mit der Maus. Strtebeker wunderte
sich sehr ber diese unruhige See und diesen tanzenden, rollenden Ewer bei so
totenstiller Luft.
    Einer schlief einen Stremel, der andere lag auf den Luken, der Dritte lief
an Deck auf und ab: sie wuten die Zeit nicht hinzubringen, so jh waren sie aus
der schnen Fischerei gerissen worden. Wie guckten sie nach dem Heben, wie
sehnten sie Wind herbei! Klaus Mewes schttelte das Wetterglas, als wenn darin
die Brise se. Zuletzt schleppte er die angefangene Kurre an Deck, denn drinnen
war es hei, und knttete in groer Ungeduld. Und Kap Horn spielte wieder
Segelmacher, diesmal aber auf den Luken. Hein Mck kochte Strtebeker einige
Taschen, die dieser unter den Flgelschlgen und dem Gekreisch der Seemwen
aufklopfte und verzehrte.
    Kratz man mol annen Mast, denn kummt Wind, rief Kap Horn, aber Strtebeker
lachte ihn aus und sagte, das solle er seine Gromutter man tun lassen. Dagegen
hielt er scharfen Ausguck nach Windwolken an der Kimmung.
    Es kam aber kein Wind durch. Die See wurde allmhlich ruhiger. Gegen Abend
sichtete Strtebeker drei Torpedoboote auf der See, nicht weit vom Ewer; mit
einem Male erhob er groen Lrm, rief das ganze Schiffsvolk auf und sagte: eins
von den Torpedobooten, den schwarzen Schiffen, sei eben umgekippt und
untergegangen. Da wurde er aber bannig ausgelacht, denn was er fr Torpedoboote
gehalten hatte, das waren Tmmler, die trge auf dem Wasser trieben und mitunter
heisterkopf schossen und untertauchten. Von ihnen tauchten allmhlich immer mehr
auf, mitunter erschien auch der Kopf eines Seehundes. Lie sich aber einmal
einer einfallen, zu schreien, dann mute man Seemann sehen, wie er aus seinem
Handschuhberg stob und bellend und knurrend am Setzbord wtete! Strtebeker
sagte, er knnte sich tot darber lachen.
    Es blieb die ganze Nacht todstill, - erst gegen Morgen kruselte sich die
Dnung. Da konnte zur allgemeinen Freude wieder gefischt werden.
    So trieben sie den Schollenfang noch vier Tage bei wechselnden Winden, oft
von Stillen heimgesucht, und kamen immer stlicher, bis Langeoog hinauf. Dort
sprach Klaus Mewes das erlsende Wort: Utscheiden! Sie hatten 250 Stiege, der
ganze Bnn sa voll von Schollen, sie hatten die Reise!
    Nach der Elbe ging es aber nicht, des weiten Weges wegen, sondern nach der
Weser. Strtebeker sollte es bestimmen: er war natrlich fr die Weser, denn
dort gab es etwas fr ihn zu sehen, und dann: auf der Weser wohnte keine Mutter,
die ihn mglicherweise wieder von Bord holte, wohl aber auf der Elbe.
    berhaupt die Elbe und der Deich, was gingen sie ihn noch an? Er dachte kaum
noch daran, so weit weg lag das alles, seit er mit fischte: vergessen waren
Krhe und Kaninchen, und die Bungen konnten sich geruhig mit Spinnweben
bedecken: er fragte nicht mehr danach, so sehr war er in der Seefischerei und in
der Seefahrt aufgegangen.
    Mit abgefierten Schoten segelten sie nach der Weser. Da bekam Strtebeker
zum erstenmal das Wunder der Nordsee zu sehen, den zwei Jahre vorher errichteten
Rotensand-Feuerturm, den mitten im Meere stehenden rotweien Riesenpilz, dessen
Feuer ihm schon manchmal gezeigt worden war. Kap Horn meinte, der wrde wohl
ebenso spurlos im Meere verschwinden wie sein Vorgnger, weil er auf Sand gebaut
sei und nicht auf Felsen wie der Turm von Eddystone, aber Klaus Mewes sagte:
einerlei, Bremen htte da immer sein Meisterstck geschaffen. Strtebeker
wunderte sich am meisten ber das Rettungsboot, das dort haushoch ber dem
Wasser hing. Und da dort oben zwei Leute wohnten und schliefen.
    Sie kamen nachts in der Geeste an und verhkerten den andern Morgen ihre
Schollen. Sie wurden sie auch zu gngigen Preisen los, denn sie waren nur zu
fnfen, und das war fr Bremerhaven und Geestemnde nicht zu viel, zumal Klaus
Mewes, der hier an der Unterweser bekannt war, den Geestendorfer Ausrufer Konrad
mobil machte, der mit seiner Glocke und mit seiner rostigen, durchdringenden
Stimme die abgelegenen Straen abklopfen mute.
    Sie nahmen etwas Proviant ein, vor allem Schiffskeks, nach dem Strtebeker
ein groes Verlangen hatte, dann Bffelfleisch und Zucker aus dem Freilager, und
gingen am Abend schon wieder hinaus. Der Ne bekam nur eine Postanweisung auf
zweihundert Mark und einen kurzen Brief, den Klaus bei Kinau in der Achterdn
schrieb, whrend Strtebeker sich von Marta und Mieze, den Tchtern des
Fischerwirtes, denen der kleine Fischerjunge sehr gefiel, im Billardspiel
unterrichten lie.
    Der Junge sei gesund und munter, hie es in dem Brief, den der Seefischer
schrieb, er sei nur einen Tag seekrank gewesen, nun wisse er schon nichts mehr
davon, er habe groe Lust zu der Fischerei und sei immer vergngt, Heimweh kenne
er nicht. Er liee schn gren. Heute abend gingen sie wieder hinaus und kmen
bald mit Schollen nach der Elbe. Strtebeker liee ihr noch sagen, sie solle die
Krhe und die Kaninchen nicht vergessen.
    Den Gru und die Viehfrage hatte Klaus sich nach Wippchenart aus den Fingern
gesogen, denn Strtebeker hatte jetzt ganz andre Dinge im Kopf. Er wollte
Bremerhaven sehen, das groe Denkmal und die Chinesen auf den weien
Lloyddampfern, aber dazu war diesmal keine Zeit: sie muten an Bord und nach
See.
    Nach neun Tagen lagen sie wieder mit Schollen an der Kaje zu Geestemnde: da
wehte es zwei Tage, und da bekam Strtebeker alles zu sehen, was er sehen
wollte.

                                Elfter Stremel.


Roland der Ries' am Rathaus zu Bremen,
Kmpfer einst Karls in der Schlacht;
Roland der Ries' am Rathaus zu Bremen,
Jetzo wie einst noch steht er und wacht!

H.F. 125, Laertes, Unterscheidungssignal R.T.F.B., 20 Registertonnen gro,
gefhrt vom Schiffer Klaus Mewes, lag zu Bremen-Stadt an der Schlachte mit
lebendigen Schollen. Das trbe gelbe Wasser der Weser gurgelte um seinen Bug,
und die Giebel der hohen Speicher blickten berlegen auf ihn herab, denn sie
standen schon zweihundert Jahre und hatten Gter aller Zonen unter ihren
Dchern. Auf der Kaje standen die Bremer Jungen und lachten ber den kleinen
Stintmajor, wie sie Strtebeker nannten. Als sie sich aber einfallen lieen, mit
Steinen nach ihm zu werfen, da rief er: Ji verdreihten Zigarrenmokers! (das
hatte er von Kap Horn aufgeschnappt), zog seine Seestiefel aus und ging ihnen
mit der Handspake und mit Seemann zu Leibe, bis sie die Flucht ergriffen.
    Die Bremer Brgerfrauen, Fischweiber, Kkschen und Arbeitsleute waren minder
stolz als die alten Speicher und minder feindselig als die Jugend: sie kamen mit
Krben und Netzen, mit Taschen und Eimern, besahen die Fische und kauften und
kauften. Klaus Mewes, der auch die Bremer zu nehmen wute, war den Fang bald
los, zumal er ganz allein an der Schlachte lag. Der verrufene schiefe Weg nach
Bremen hielt die andern Ewer fern.
    Um die letzten Stiege stritten sie frmlich: ein Kampf um die Scholle
entbrannte, dem Klaus Mewes lachend und mit seiner vollen Tasche klirrend
zuguckte, bis er sagte: Nu is de Putt ut: Hein Mck, deck de Luken to! Dann
zhlte er mit Strtebeker die vielen Groschen, Marken und Taler: es war wieder
eine gute Reise, die die vielen Wind- und Stillentage, die dahinter lagen,
lachend vergessen lie.
    Nach Mittag machten Klaus Mewes der Groe und der Kleine und Kap Horn sich
landfein und wiesen einander Bremen. Zunchst steuerten sie wie alle Fremden
nach dem Markt und besahen den gewaltigen Dom, die graue Brse, den vergoldeten
Schtting, das grndachige, verwitterte Rathaus und das hohe, steife Standbild,
die Rolandssule. Strtebeker gefiel von all diesen Bauwerken eigentlich nur der
Dom mit den beiden hohen Trmen: das Rathaus war ihm viel zu alt und zu voll von
Grnspan; das knnten sie auch mal abschrubben, meinte er vorwurfsvoll. Der
Roland aber war ihm nicht bunt genug und machte ein zu dummes Gesicht: als wenn
er nicht bis fnf zhlen knne, lachte er.
    Er verstummte aber, als sie dann am Denkmal des Heidenbekehrers Wilhadi
vorbei in den halbdunkeln, riesengroen Dom traten, mit den leuchtenden
Glasmalereien und der reichen Pracht der Wnde, die dem nordischen Gotteshaus
etwas Sdlich-Katholisches gaben; - denn da gingen sie unhrbar auf weichen
Teppichen, und alles war so still und so feierlich, wie es den Morgen gewesen
war, als sie hinter Langeoog gelegen hatten und das Luten der Glocken zu hren
gewesen war. Hier in Bremen hett de lebe Gott dat doch beter as in Finkwarder,
flsterte er seinem Vater zu, der leise lachen mute.
    Sie besahen den Bleikeller unter dem Dom, in dem keine Leichen verwesen, und
in dem die Srge reihenweise stehen. Schwedische Grfinnen, englische Majore,
bremische Brger lagen da gelb und lederartig in offenen Steinsrgen, und die
Ecken waren mit Totenschdeln ausgefllt. Um die fortwirkende Kraft des Gewlbes
zu beweisen, hingen auch frische Ratten, Hhner und andres Getier an den
Pfeilern. Die trockne Luft des Raumes benahm den Seefischern fast den Atem,
weshalb sie sich dort nicht lange im Schnack aufhielten.
    Als sie wieder vor dem Dom standen, sagte Kap Horn, er knne den bsen
Geschmack nicht wieder aus dem Munde los werden. De mtt dolspeult wardn,
sagte Klaus, lot uns man eenen genehmigen! Kumm, de Rotskiller is jo bi de
Hand!
    Rotskeller? Bst nich klok, Klaus? Dat is blo wat for de Groten, for
Reeders un Kppens, dor gift blo Wien, Minsch! rief Janmaat, aber Klaus Mewes
nahm ihn unter den Arm und bugsierte ihn in den von Hauff und Heine besungenen
Bremer Ratskeller hinein.
    Een van de Groten bn ik ok, sagte er stolz, ik bn Reeder un Kppen, und
Wien mag ik ok, un op de scheune Reis kann sowieso een up stohn! Kumm,
Strtebeker!
    Da gingen die drei getrost nach dem Ratskeller hinunter, setzten sich mitten
zwischen die Pfeiler und besahen die Hausgelegenheit.
    Finkwarder Fischermann kann allerwrts to Anker gohn, lachte Klaus, bst
ok bang, Strtebeker?
    Ne, bang bn ik ne, Vadder.
    Mitrauisch kam einer der Kellner nher, denn die Jan vom Moor konnten wohl
nur versehentlich die Treppe heruntergefallen sein, die wollten gewi zu Heini
Holtentffel und bei dem eine kleine Lage trinken: als Klaus Mewes, der es
merkte, ihn gro und frei ansah, und mit lauter Stimme zwei Flaschen Rheinweins
zu einem Taler den Buddel und ein Glas sen Weins fr den Jungen bestellte, da
nickte er hflich und brachte das Verlangte.
    Es schien allgemein aufzufallen, entweder, da der Finkenwrder so laut oder
da und er plattdeutsch sprach, denn an allen Tischen drehten sich die
bedchtigen, geruhigen Bremer nach ihnen um, aber Klaus Mewes lie sich dadurch
in keiner Weise stren. Er rief den Kellner, und sie lieen sich durch alle
Rume fhren: sie sahen die Rose an der Decke, die ein italienischer Maler
gemalt hatte, weil er seine Zeche nicht bezahlen konnte, sie sahen Fsser, die
so gro waren, wie ein kleines Haus, sie kamen durch den Apostelkeller, in dem
zwlf nach den Jngern benannte Fsser lagen, von denen der Judas sauer war, sie
hrten von Wein, von dem jeder Tropfen dreitausend Mark kostete.
    Endlich hievten sie den Draggen und stiegen wieder ans Tageslicht. Die
Bremer Stadtmusikanten, die Strtebeker noch durchaus sehen wollte, waren nicht
auszumachen, so gingen sie durch die Langenstrae an dem schnrkelgesegneten
Essighaus vorber nach dem Ewer zurck.
    Nicht so gut lief die Fahrt ab, die Hein Mck abends unternahm, um sich
etwas vorsingen zu lassen: er konnte das Bremer Bier so wenig vertragen, da er
allerhand Havareien machte und schlielich von einem Schutzmann an Bord gebracht
werden mute. Als er da noch weisen Wind hatte und sich nicht geben wollte, go
Klaus Mewes ihm einfach eine Ptze Weserwassers ber den Kopf, um den groen
Brand zu lschen.
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    Keine Luft von keiner Seite ...
    Dwars von Spiekeroog, aber ohne Sicht von Land, steht der Ewer totenstiller
auf dem spiegelglatten Meer. Drei Tage haben sie schon keinen Wind mehr gehabt;
zwei Tage hat die Dnung geknarrt und gelrmt, nun am dritten Tag ist das Meer
glatt geworden, wie es osterselten vorkommt. Drei Tage schon ruht die Fischerei,
hngt die Kurre am Mast, ist das Ruder mittschiffs festgestroppt. Die Sonne
brennt steil auf das Deck nieder, das so hei ist, da sie Schollen darauf
braten knnten, und da das Pech in den Nhten weich ist. Von den Wanten leckt
der Teer.
    Plackentodstill ist es, wie Strtebeker, der munterste an Bord, immer wieder
versichert. Ein Brett, das er ins Wasser geworfen hat, um die Strmung zu
erkunden, bleibt stundenlang neben dem Ewer liegen. Das groe Schiff ist tot,
und tot ist die See. Nicht einmal eine Mwe lt sich sehen.
    Seemann liegt im Schatten des Bootes auf einem Stck Segeltuches und
schnappt nach Luft. Kap Horn hockt auf der Diele neben dem Wasserfa und liest
in einem Buche, das ihm der Bremerhavener Seemannspastor mitgegeben hat, bis er
dabei einschlft. Hein Mck hat das beste Teil erwhlt: er hat sich ausgezogen
und steht nun nackt im Bnn, bis an den Hals im Seewasser.
    Dem Schiffer gehen sie weit aus dem Wege, denn er ist wie ein gereizter
Lwe, und es ist nicht gut anbinden mit ihm. Er kann nicht fischen, - das sagt
alles.
    Er wei nicht mehr, was er tun soll. Lesen? - Son Schiet! - Kntten? - Son
Snarrkrom! - Fischen will er, Schollen greifen, kurren, segeln, kreuzen, denn
sie mssen nun endlich mal nach Hause. Erst war ihm der Wind dazwischen
gekommen, der sie hinter Wangeroog gejagt hatte, dann war der Fang schlecht
gewesen, drei magere Schollen im Streek! und nun kam ihm noch die Stille in die
Quere! Unruhig stand er vor dem Wetterglas und starrte es an, als wenn es an
allem schuld wre mit seiner ewigen, deutsch-englischen Predigt: Sehr schn -
verry dry. Klaus Mewes konnte es nur als Sehr schlecht - verdreiht! lesen.
    Dann ging er wieder an Deck und sphte nach dem Heben, als wolle er Lcher
hineingucken. Dabei hrte er das spalten und Pltschern im Bnn. Erst wollte er
Hein die Leviten lesen, da er die paar Schollen im Bnn noch tot trat, dann
aber dachte er: dat mokst du ok! Und er zog sich auf der Achterplicht aus,
setzte seinen alten Kameruner ab, rannte in Berserkerwut ber Deck nach dem
Steven, setzte vom Vorderpoller ab und sprang mit Hurra in die blaue See,
tauchte tief unter und kam prustend wie ein Seehund wieder an die Oberflche.
    Kiek mol ober, Kap Horn, rief Hein Mck, ik gluf, Klaus hett een
Snnenstich kreegen!
    Der Knecht klappte das Buch zu und lief an Deck: da schwamm sein Schiffer
krftig ausholend wohl zwanzig Faden vor dem Ewer und lachte und rief: So ist
moi, Kap Horn!
    Seemann aber stand mit den Vorderfen auf dem Setzbord und bellte, und
Strtebeker sagte in einem fort, er wolle auch mal schwimmen.
    Lot di man nich vonne Haifisch opfreten un krieg man keen Ramm inne Been,
warnte der Knecht, steckte eine Leine auf den Rettungsring und warf ihn ber
Bord, auch fierte er einen Riemen lngsseit, damit der Schwimmer einen Halt
htte, wenn er dessen bedrfte. Schlielich setzte er mit Heins Hilfe noch den
Kahn ins Wasser, stieg hinein und wriggte in die Nhe seines Schiffers, denn das
Schwimmen in offener See, ohne Schwimmweste und Leine, war ihm ein Greuel und
ein Frevel: wie der Bauer sich niemals auf die Erde setzen sollte, so sollte der
Fischer niemals in der See schwimmen.
    Dennoch freute er sich ber den rstigen Schwimmer.
    Mit einem Male erhob Seemann ein zorniges Geknurre und Gescharre, und als
der Knecht sich umdrehte, sah er Strtebeker nackt an Bord laufen und den
widerstrebenden Hund nach dem Setzbord schleppen. Strtebeker, wat mokst du?
rief er, Klaus, kiek mol den Jungen!
    Wenn se all swmmt, schallst du ok swmmen, un wennt mit den Dbel
togeiht, grhlte Strtebeker und warf den winselnden Seemann kopfheister in die
See, dann nahm er einen Anlauf und sprang mit Hurra nach.
    Minschenkinners noch mol: nu wllt se jo woll all versupen, rief Kap Horn,
als auch noch Hein Mck ber das Schwert kletterte.
    Nimm Seemann man wohr, fr Strtebeker will ik woll uppassen, rief Klaus
Mewes und schwamm an die Seite seines Jungen, der entrstet sagte: Du meenst
woll, ik kann ne swmmen, Kap Horn, wat? As son Woterrott, kann ik di seggen!
Kiek mol! Ik kann ok all duken: pa up!
    Und weg war er, um prustend wieder aufzutauchen. Junge, dat do ik ne
wedder: dat Woter is jo sult, dor hebb ik gor ne an dacht! I, wat bitter!
    Klaus Mewes lachte vor Freude ber seinen Jungen und hielt sich in seiner
Nhe auf, um ihm beizuspringen, wenn seine Krfte nachlassen sollten. Kap Horn
aber zog den spaddelnden Seemann in den Kahn und bewachte die drei khnen
Schwimmer und den groen, regungslosen Ewer, der wie tot auf dem Wasser lag.
    So vertraute Klaus Mewes seiner Kraft und schwamm mit seinem Jungen in der
See, als wre es am Finkenwrder Bollwerk und nicht zwischen Spiekeroog und
Helgoland auf 20 Faden Wassertiefe.
    Wenn Gesa das gesehen htte!
    Als die Sonne untergegangen war und die Hitze etwas nachlie, saen sie
allemann auf Deck. Dort aen sie auch Abendbrot, denn in der Kombse war es
nicht auszuhalten. Dann schliefen sie in alten Segeln auf den Bnken und auf der
Diele. Kap Horn ging die Wache.
    Gegen Morgen stieg unter der englischen Kste ein Gewitter aus der See und
fegte dunkel und drohend heran. Mit ungeheurer Schnelligkeit verbreitete es sich
ber den sternklaren Heben, furchtbar knallte der Donner, und die ganze Wolke
sa voll von Blitzen, aber Klaus Mewes und seine Gesellen begrten das Wetter
mit Freude, denn nun mute ja auch Wind kommen und sie erlsen.
    Als die ersten, groen Tropfen fielen, warfen sie die Segel nieder und
gingen hinunter, denn bei einem Gewitter an Deck sein, ist der gefhrlichen Nhe
der Masten wegen nicht gut. Sausend harfte der Wind auf den Wanten, prasselnd
schlug der Regen auf das Deck, die Masten erdrhnten, der Ewer zitterte, die
Lampe schwankte, die See kam allmhlich in leise Bewegung. Geruhig saen oder
lagen die Seefischer unter Deck und horchten. Als das Gewitter halb vorber war,
zogen sie die lrcke an und setzten die Segel auf. Und im blauen Schein der
letzten Blitze fierten sie die Kurre ber Bord, denn nun hatten sie wieder Wind
genug.

                                     * * *

                                                 Ships that pass in the nigt ...

    Tiefdunkel, samtschwarz ist der Nachthimmel. Die Sterne funkeln um so heller
um den Schleier der Milchstrae. Wie tanzt der Orion, wie blitzt die Wega, wie
leuchten die Zwillinge, wie strahlt der Himmelswagen, wie gleit der Aldebaran!
Die Weltwiese hat sich aufgetan, die gewaltige Wisch, die mit abertausend weien
und bunten Blumen bewachsen ist, und auf der Myriaden von Tautropfen glitzern.
    Die riesenhaften, schwarzen Segel des Fischerewers aber sind wie urgewaltige
dunkle Khe, die auf der groen Wiese in den Blumen grasen. Ruhig und bedchtig
grasen sie, wie Khe tun, und fressen sich langsam weiter.
    Klaus Strtebeker steht bei seinem Vater am Ruder. Gesprochen wird in
solchen Nchten nicht viel.
    Eine Khlung, eine leichte, westliche Brise, wandert ber die See und gibt
den Segeln die Kraft, die Kurre zu ziehen. Rot, grn und gelb spielen die
Fischerlichter auf der Dnung. Die Kielfurche leuchtet, als ginge es durch
Silber. Wo die Kurrleine ins Wasser taucht, ist sie wie ein diamantenbesetztes
Zepter. Leise knarren die Gaffeln oben am Mast, und wie im Traum reit der
Klver, der Jager, das khnste aller Segel, an seiner Schote, ber der Besan
aber weht die dunkle Flagge im Nachtwinde. Seemann schlft im Nachthaus neben
dem Kompa, und Klaus Mewes geht nach Schifferart auf dem Achterdeck hin und
her, die Hnde in den Taschen, whrend Strtebeker das Ruder mit einem Tau
regiert, denn Steuern hat er lngst gelernt.
    Bei sturem Wind und bei Regen singt Klaus Mewes, wenn er allein an Deck ist,
er singt auch bei Sonnenschein, aber in solcher Nacht singt er nicht: da fhlt
er tief das geheime Leben und Weben seines Ewers, sein Wesen, seine Atemzge, da
haben alle Segel und Wanten, alle Bume und Masten ihre eigene Sprache. Nchte,
die gewesen sind, und Nchte, die noch kommen sollen, stehen vor seiner Seele,
und dunkle Ahnungen beschleichen ihn, denn jeder Seefischer ist ein Hagen, der
ins dunkle Heunenland hinunterzieht. Gedanken ber Gedanken kommen ihm entgegen,
wie der Wind in die Segel weht, die ihn weit hinaustragen aus der Sehnsucht nach
Gesa, nach einem guten Streek und einem schnen Markt, die ihn Auge in Auge mit
der Ewigkeit stellen. In solchen Nchten mu er Verklarung ber sich selbst tun,
der lachende Seefischer, und nicht lachend, sondern ernst beantwortet er seine
eigenen Fragen, denn je hher dem Baum die Krone gewachsen ist, desto tiefer
streckt sich seine Wurzel, - und Klaus Mewes ist ein solcher gewachsener Baum.
    Rund um sie herum stehen Lichter auf der See, rote, weie, grne, denn sie
fischen zwischen Helgoland und dem Weserfeuerschiff, und auf diesen Grnden
wimmelt es von Finkenwrdern und Blankenesern. Mitunter ist das Geklapper einer
Winsch in der Weite zu hren, wenn sie irgendwo einziehen, mitunter schallen die
Rufe zweier Fischer, die einander nahe gekommen sind, abgebrochen herber.
    Dann kommen dunkle Segel an ihnen vorber, und weil der Laertes wegen seiner
Besansflagge leicht ausgemacht ist, so wird hben und drben gerufen.
    Klaus, bst du dat?
    Jo, Hinnik! Wat fangt ji?
    Ochott, is ne slimm: acht Stieg!
    So. J, wi hebbt ok ne mihr hat. Hest all bald de Reis?
    Morgen wf utscheiden!
    Uppe Wesser ist bannig slecht wesen, gor keen Schullen lostowardn, Klaus.
    So!
    Dann sind die Schiffe zu weit auseinander gekommen, als da das Seegesprch
fortgesetzt werden knnte, und Klaus Mewes geht wieder schweigend auf und ab.
Einmal steht er hart an den Wanten und blickt starr in die Weite, als she er
seines Grovaters Kuff im Norden untergehen, dann horcht er, als hre er seines
Vaters Todesschrei aus der See heraus.
    Die ganze Nacht aber grasen die Segel ruhig und bedchtig in den Sternen.

                                     * * *

    Gesa rang in dieser Nacht mit schweren Trumen. Sie sah, wie ein Schiff sich
mit haushohen Seen abri, wie es leck wurde, und wie zuletzt eine groe Woge ins
Segel schlug und es umwarf, wie zwei Menschen in schwerem Seemannszeug in der
See schwammen, sie hrte, wie sie um Hilfe riefen.
    Als sie ihnen in die Gesichter sah, schrie sie laut auf, denn es waren ihr
Mann und ihr Junge.
    Da erwachte sie und weinte bis an den Morgen.

                               Zwlfter Stremel.


Am Deich jagten die Kinder den Schmetterlingen nach, den Kohlweilingen, Fchsen
und Pfauenaugen, wobei sie sangen:

Schomoker, sett di annen greunen Diek,
Schomoker, sett di annen greunen Diek.

    U kiek, Klaus Strtebeker, de jmmer mit no See geiht! Woneem? Dor!
Kannst ne kieken? U Minsch, wat sht de mol ut! Ganz anners as to.
    Hh, Klaus Strtebeker!
    Hh, Peter! Non, wat mokst?
    Ik griep Schomokers, kumm man her, kannst noch mit ankommen!
    Wat goht mi Schomokers an? Wi wt teern un smeern, wat meenst! Uns Eber
sht ut as ik weet ne wat.
    Klaus Strtebeker, wullt mien Kninken mol sehn?
    Ik hebb keen Tied, Krischon, mtt Teer holen.
    Und Klaus Strtebeker ging mit der Teerptze in der Hand an ihnen vorber
und freute sich, als er fhlte, da sie ihm nachguckten. Er war grer und
brauner geworden: sein Gesicht war das eines Indianers, sein Gang aber war der
eines Fischermannes, und seine Hnde waren die eines Tagelhners.
    Dat is keen Kirl mihr fr Hus und Hoff, dat is een fr Schipp un See,
hatte der alte Jger zu Gesa gesagt. Strtebeker hrte es und verga es nicht
wieder. Und er verga auch nicht, was der greise Willem Fock ihm sagte, der sich
am Deich von seinen langen Fahrten ausruhte. Er unterzog den Jungen einer
Kleinschifferprfung, fragte ihn nach Wind und Wetter, Fang und Markt und freute
sich ber die fahrensmnnische Klugheit des kleinen Gesellen.
    Hest den flegen Hollanner ok sehn?
    Ne, Willem, denn stnn ik woll ne hier. De den flegen Hollander in Sicht
kriegt, de blifft!
    So, so meenst du dat? Non, denn wohr di man vorn flegen Hollanner,
Strtebeker, wenn du grot bst, un seh man to, dat du jmmer goden Wind hest, un
ward man een fixen Fischermann, hrst?
    Jo, Willem, dat will ik ok, sagte der Junge mit lachendem Munde und ging
stolz weiter.
    Da spielten die Mdchen Ringelreihe und sangen dazu: Es fuhr ein Matrose
wohl ber das Meer, nahm Abschied vom Liebchen, sie weinte so sehr ...
Strtebeker blickte sie gar nicht an, sondern ging in den Kramerladen hinein und
lie sich die Ptze voll Teer gieen. Kinderspiel war ihm fremd geworden, er war
Fischerjunge und fuhr bei seinem Vater auf dem Ewer.

                                     * * *

                                                       Sonnenwende, Sonnenwende!

    A und O von Finkenwrder, der kleine, schwarze Ewer H.F. 1, Jan Sieverts
Hoffnung, und der groe weie Kutter H.F. 190, Jakob Cohrs' Mwe, die noch die
Krnze vom Stapellauf in den Toppen flattern, lagen im Khlfleet beieinander,
und um sie herum und auf den Schallen ankerten wohl hundertfnfzig groe Ewer
und Kutter. Schwarz, grn, rot und wei spiegelten die Steven sich im Wasser,
und jede Farbe hatte ihren eigenen Sinn.
    Schwarz rhrte von den alten Fahrensleuten her, die als die ersten das Watt
hinter sich lieen und sich auf die offene See wagten, die bei Helgoland und
Terschelling die dunkeln, hollndischen Logger und die schwarzen, englischen
Smacken sichteten. Sie hatten auch weder Zeit noch Geld, das Fahrzeug anzumalen
und aufzuzieren.
    Grn brachten die Bauernjungen auf, als sie die Pflge verrosten lieen und
sich auf die Seefischerei warfen. Sie wollten auf der grauen, kahlen See an ihre
grnen Felder und Wischen, an ihre Linden und Eschen erinnert sein, wenn sie
kein Land in Sicht hatten.
    Rot erwhlten sich die glcklichsten Fischerleute, die Strfnger und
Beutemacher, die Schollenknige, die gern etwas Besonderes aufzuweisen wollten
und denen es auf den teuern Zinnober nicht ankam.
    Wei aber war die erklrte Farbe der jungen Fischer, die noch dabei waren,
ihr Marinerzeug aufzutragen, und die noch drauen klsten, wenn andre schon im
Hafen lagen. Einer von ihnen wurde gewahr, wie prchtig seinem Kutter der weie
Berg von Schaum und Gischt vor dem Steven zu Gesicht stand, und binnengekommen,
wute er nichts Besseres zu tun, als den Bug wei zu malen, damit das Schiff
bestndig im Schaum whle.
    Hochwasser!
    Eine schlanke, stliche Brise blst von Hamburg herunter, umstreicht
Heitmanns weien Leuchtturm und die mchtige Knigsbake, das alte Wahrzeichen
von Finkenwrder, rauscht durch das Reet des Pagensandes und lt die Flgel
tanzen: es ist ein Plan zum Fahren, wie er nicht besser sein kann. Und doch
bleiben alle Fahrzeuge liegen: nirgends werden die Segel aufgezogen und die
Draggen aufgehievt. Wahrlich, es mu ein groes Ding sein, das diese mchtige
Flotte, die gewaltigste der deutschen Ksten, im Hafen festhlt und die
Helgolnder Bucht vereinsamen lt!
    Es ist ein groes Ding: Karkme ist da, der Jahrmarkt, der Sonnwendtag der
Finkenwrder Fischerei, ein Tag von so groer Bedeutung und so tief eingreifend
in das Leben und Treiben des Eilandes, da es Ehren- und Notsache jedes Fischers
ist, heimzufahren und dabei zu sein. Knecht und Junge wrden schne Gesichter
machen, wenn sie Karkme nicht kriegten, und bei den Nachbarn hiee es: Den
geiht dat jo woll bannig ltt: he is jo ne mol Karkme bi Hus wesen!
    Von Finkenwrder erzhlen und Karkme vergessen, hiee nach Rom reisen und
den Papst nicht sehen, denn Karkme ist die groe Sonnenwende von Finkenwrder,
ist der Nordstrich auf seinem Kompa und Mittelpunkt der Zeitrechnung der
Seefischer. Soundsoviel Reisen vor Karkme oder soundsoviel nach Karkme, das
hrt einer am Deich auf Schritt und Tritt und sben Weeken vr Karkme߫ oder
fief Weeken no Karkme߫ sind genaue Zeitangaben, ber die kein Zweifel
aufkommen kann. Karkme teilt das Jahr: es ist die Grenze zwischen der
Schollenzeit und der Zungenzeit. Vor Karkme werden in schnellen Reisen nur
Schollen gefangen, die lebend an den Markt gebracht werden: nach Karkme geht es
auf die Zungen los, die auf Eis gepackt werden; da sind die Reisen lnger und
mhseliger, und das Geld hat nicht mehr den hellen Klang der Schollentaler.
    Die Sonne steht am hchsten: Wotan will nach Sden reiten, aber ehe er sein
weies Ro, den Sleipner, wendet, hlt er einen Augenblick in Gedanken inne, und
diesen Augenblick benutzen die Finkenwrder Fischer, um ihr Sonnwendfest zu
feiern. Ehe sie den dunkeln Nchten entgegensegeln, wollen sie sich der Sonne
und des Lebens freuen, wollen sie einen Tag lachen.
    Wer das nicht kann, wer bis Karkme nicht seinen guten Schilling verdient
hat, der holt den Rest des Sommers auch nichts mehr aus der See und mag denken,
die alten Weiber htten ihn behext.
    Die Ewer kommen nicht auf einmal wie die Hhner, wenn Tucktuck gerufen wird,
sondern nach und nach. Schon acht Tage vorher fllt sich das Fleet mit Schiffen:
Klugheit und Nachbarlichkeit verhindern, da alle an einem Tag den
Hamburg-Altonaer Markt berfallen und die Fische wertlos machen.
    Es gibt auch mancherlei zu tun.
    Nicht allein den Sonntag zuvor, an dem alle Fischerknechte und Fischerjungen
auf Musik sind und sich een Perd, ein Mdchen, fr das Fest heuern, weshalb
diese Musik am Deich auch der Pferdemarkt genannt wird, sondern die ganze Woche
hindurch. Da ist keine Zeit, den Knackwurstkerlen beim Aufschlagen der Zelte zu
helfen oder die Reitbudenpfhle mit einzurammen, denn erst mu der Ewer sein
Karkmekleid haben. Teeren und Schmeeren heit die Losung, den langen Tag wird
geteert und geschmeert, da der ganze Deich danach riecht, und da das Wasser in
allen Regenbogenfarben glnzt. Da wird geschrubbt und kalfatert, da wird gemalt
und gelabsalbt! Wie Schafe, die geschoren werden sollen, liegen die Fahrzeuge
auf dem Sand und lassen alles ber sich ergehen, denn sie wissen, da es gut fr
sie ist.
    Kein deutsches Kriegsschiff kann reiner sein als ein Finkenwrder Ewer zu
Karkme, so viel tut der Schiffer daran. Nicht umsonst hat er hollndisches Blut
in sich und eine groe Lust an Reinlichkeit und Buntheit: so schmckt er seinen
Ewer mit bunten Farben und glnzenden Streifen und wird nicht mde, ihn zu
zieren.
    Da wird der Bnn grndlich gereinigt, da werden die Eiskisten berholt,
schlechte Taue ausgeschoren, neue Kurren eingestellt und zerrissene Segel
geflickt. Da wird geloht: du liebe Zeit: wie wird geloht! Der ganze Rasen des
Deiches liegt voller ausgebreiteter Segel: Grosegel an Grosegel, Fock an Fock,
Besan an Besan, und alle werden gebrunt und geloht, damit sie haltbarer werden
sollen.
    Das Lohen haben die Finkenwrder vor den Blankenesern voraus, die keinen
Platz dafr haben (denn in den Sand knnen sie die Segel nicht legen) und
deshalb mit weien Lappen fischen und segeln mssen.
    berall am Bollwerk bruddelt es in den groen Wurstkesseln, und Fischer und
Frauen schpfen die Lohe und dweilen sie auf die Segel.
    Ist das Schiff moi, dann sieht der Fischermann seine Knipptasche an und
begleicht die groen Rechnungen, die er beim Zimmerbaas, beim Schmied, beim
Segelmacher und beim Reepschlger stehen hat, denn Karkme ist allgemeiner
Zahltag. Hat er sein Schiff noch nicht freigefahren, also das stehende Geld noch
nicht zurckbezahlt, so bekommt noch der Bauer seine Zinsen.
    In der Aueschule aber tagt die Seefischerkasse, die
Schiffsversicherungsgemeinschaft der Finkenwrder Seefischer, die 1835 gegrndet
worden ist, als schwere Strme die damalige kleine Flotte zu vernichten drohten.
Sie lt sich die Prozente, das Jahresgeld, bringen, das nach den Verlusten
berechnet wird. Das ist wahrhaftig kein grner Tisch, an dem die sechs Alten mit
dem Obervorsteher sitzen! Plattdeutsch wird gesprochen, einer nennt den andern
du, jeder wei, was er will, und niemand braucht nach Worten zu suchen! Das ist
der Senat von Finkenwrder und einen bessern hatte Venedig auch nicht.
    Ein fester Bau ist diese Seefischerkasse, ein Denkmal besten Gemeinsinnes.
Sie ist der mchtige Leuchtturm, der seine Strahlen vom Skagerrak bis zur
Themsemndung wirft. Seen wollten ihn unterwaschen, Strme wollten sein Licht
verlschen: er steht und leuchtet!
    Mittlerweile sind sie auf der Aue, von der Mggenburg bis zum Tun, auch
nicht mig gewesen, sie haben gebaut und gezimmert, geklopft und gehmmert auf
Deubel kumm rut, bis Zelt an Zelt steht. Dann steigt die Sonne blank und schn
aus dem Hamburger Daak, und der groe Freudentag ist da mit seinen Luftbllen
und Reitbuden, seinen Aalzelten und Schiestnden, seinen Eiskarren und
Lungenprfern, mit Lukas und Kaspar, mit Herkulessen und Feuerfressern, mit
Seiltnzern und Negern, mit Hn und Perdn, mit Jubel und Trubel! Die Gren sind
wie durchgedreht, und die Jungkerls und Deerns wissen vor bermut und
Lebensfreude nicht, was sie alles aufstellen wollen. Da wird gejagt und
geschossen und getanzt und getrunken und gesungen und gelacht: die ganze Aue
wirbelt durcheinander. Die Jungen tragen blaue Brillen und
Rinaldinischnurrbrte, sie essen Knackwrste und Eis, bis sie nicht mehr knnen:
die Mdchen kaufen sich Puppen und Kokosnsse und lutschen an Zuckerstangen: es
ist einfach unbeschreiblich, was auf Karkme alles los ist. Die sich erzrnt
haben, vertragen sich und trinken wieder einen zusammen, und die gut Freund
gewesen waren, erzrnen sich und kriegen das Tageln: dat is so bi Karkme mit
vermokt. Hein Mck haut den Lukas, da es knallt, und lt sich fr die
hervorragenden Leistungen eine goldene Medaille an die Heldenbrust heften. Jan
Tiemann lt sich elektrisieren, Hinnik Klper kauft seiner Braut ein groes
Zuckerherz, Peter Grhn fordert den Neger sogar zu einem Boxkampf heraus. Und
ein Getute und Geblarre, ein Flten und Knarren, ein Juchen und Schreien!
    Das beste Teil erwhlen sich die alten Fahrensleute; sie ziehen ein weies
Hemd an, holen den Stuhl aus der Dn und setzen sich geruhig auf den Deich. Sie
lassen die Karkmeleute an sich vorberziehen, necken die beladenen Kinder und
fhren ein nachbarliches Gesprch.
    Das Allerschnste sehen aber auch sie nicht vor Luftbllen und
Kinderspielzeug: die blassen, roten Rosen am Westerdeich und das wogende Korn im
Lande und den weien Flieder auf den Wurten und die Lindenblten am Elbdeich:
das groe Sommerblhen. Das geht allen verloren.

                                     * * *

    Der groe und der kleine Klaus Mewes htten nicht von hier sein mssen, wenn
sie dem Karkme fern geblieben wren. Zumal Strtebeker hatte sich den Tag
ehrlich verdient. Bis an den Bauch im Wasser stehend, hatte er geschrubbt, einen
ganzen Tag im Maststuhl zwischen Himmel und Erde hngend, hatte er die Besan
gelabsalbt, mit krummem Rcken war er in den Bnn gekrochen und hatte die toten
Schollen aus den Ecken geholt, er hatte beim Lohen geholfen wie ein Groer, er
hatte das Nachthaus grn angestrichen, er hatte das alte Bettstroh mit allen
Flhen und Wanzen auf dem Schlick verbrannt.
    Als Klaus Mewes den Sonnabend von der Aueschule zurckkam, wo er seines
Amtes gewaltet hatte, denn er sa trotz seiner Jugend schon im Vorstande der
Seefischerkasse, da hatten Kap Horn, Hein Mck, Klaus Strtebeker und Gesa
gerade die bekannte letzte Feile weggelegt. Wie ein Knigsschiff lag der groe
Ewer auf dem blinkenden Wasser und glnzte wie der Regenbogen. Seine deutsche
Flagge wehte im Winde, und grte seinen Schiffer.
    Dem aber lachte das Herz.

                                     * * *

Wennt Karkme is, wennt Karkme is,
denn goht wie langsen Diek!

    Sie gingen zu vieren: Klaus Mewes, Gesa, Kap Horn und Strtebeker. Dieser
voran, denn er hatte die Taschen voll Geld. Er nahm alles mit, die Reitbuden und
die Schaukeln. Nur Spielzeug kaufte er sich nicht mehr. Kann ik up See jo doch
ne bruken, sagte er verchtlich, und als er beim Allemalundjedesmal einen
Goldfisch gewonnen hatte, schenkte er ihn dem kleinen Paul Meier. Seiner Mutter
aber kaufte er einen bunten Blumentopf, Kap Horn eine Kokosnu, damit der an
China erinnert wrde, und seinem Vater einen dicken, gerucherten Aal. Einen
Augenblick guckten sie auch bei Trina Klpers am Auedeich ein, wo Musik war.
Klaus und Gesa tanzten durch den Saal wie Brutigam und Braut. Da bekam auch der
alte Janmaat einen Tanz von der schnen, jungen Frau seines Schiffers.

                                     * * *

    Abends gingen Klaus und Gesa nochmal nach dem Karkme.
    Kap Horn und Strtebeker blieben auf dem Ne. In der Dmmerung saen sie vor
der Tr. Der Matrose guckte nach den Lichtern auf der Elbe und erzhlte vom
Walrofang bei Grnland.
    Und ber den blhenden Lindenbumen tanzten die Mcken.
    Im Westen aber stand dunkel und drohend eine Wolkenbank.

                                     * * *

    Sommer heit der gewaltige Herr, den die Welt hat. In kniglicher Pracht
schreitet er einher, weithin ber Land und See gleit und funkelt sein
Purpurmantel. Gro und ehern sind seine Schritte. Alles wirft er nieder, alles
mu sich vor ihm beugen! Das grne Korn erbleicht und senkt die hren, die
Blumen verdorren, die Vgel verstummen, die Tiere verkriechen sich.
    Nach dem spielenden Kind, nach dem lachenden Jngling ist der Mann gekommen,
der Riese. Stckwerk ist nicht sein Handwerk: er macht ganze Arbeit. Mit
gewaltiger, furchtbarer Kraft drckt er alles Freundliche, Milde, Leichte in
Grund und Boden, zermalmt er es zu Staub, bis er allein dasteht. Dann zuckt es
in seinen Fusten, dann reckt er die Arme, dann stemmt er die Beine, dann sprht
es aus seinen Augen, dann glht und dampft sein Atem, und hart lacht es um seine
Zhne. Selbst die groen Meister die Winde, mssen, vor ihm ducken, und wollen
sie sich erheben, so fegt er sie mit Blitz und Donner von dannen. E wei, was
er zu tun hat, wei, da es um Brot und Leben geht, wei, da der Winter kommt.
Was andre nicht gekonnt haben an all den langen Tagen, in all den milden Monden,
das vollbringt er in wenigen Wochen: in unerbittlichem Ernst, in kochendem
Eifer, in glhendem Ha, in flammendem Zorn, - und all sein Ernst und Zorn ist
wilde, gewaltige Liebe!
    Schwer liegt des Sommers Hand auf der Fischerei. Auch Klaus Mewes fhlt sie.
Lange Tage treibt der Ewer mit schlaffen Segeln in der Windstille, und das Deck
ist bratenhei. Nachts steht der ganze Heben in Flammen, und das Schiff
erzittert. Wie lang ziehen sich die Reisen hin, wie oft mssen sie in Norderney
und Cuxhaven binnen laufen, weil ihnen das Eis geschmolzen ist! Sie fahren
wieder viel nach der Weser, denn die Zungen, die nicht freihndig verkauft,
sondern in der Halle versteigert werden, sind in Geestemnde ebenso teuer wie in
St. Pauli und Altona. Zweimal segeln sie bei scharfem Ostwind nach Ijmuiden in
Holland, einmal kommen sie nach Esbjerg in Dnemark. Manche Kurre zerreien sie
in den Steinen, so da bestndig einer mit dem Ausheilen zu tun hat. Lange
Wachen gibt es: der Streek dauert drei bis vier Stunden; saure Arbeit, denn die
Zungen sitzen mehr im Schlick als im Sand, und die Kurre ist oft nicht zu
hieven. Einmal verlieren sie das ganze Geschirr: die Kurre hakt hakt ja wohl an
einem auf dem Meeresgrunde liegenden Wrack fest: der Ewer trnt auf, steht einen
Augenblick fast still, dann aber reit die Kurrleine, und dreihundert Mark sind
verloren. Ein andermal treibt eine ostfriesische Jalk gegen sie und macht ihnen
eine solche Havarei, da sie nach der Oste segeln und dort zimmern mssen. Dann
wieder liegen sie vor Wind hinter Wangeroog.
    Aber Klaus Mewes verliert den Mut und verlernt das Lachen nicht! Und es
kommen ja auch schne, groe Reisen: einmal, als die Zungen auf Zweimarkzehn
stehen und die Steinbutt auf Einsachtzig, machen sie gute vierhundert Mark.
    Klaus Strtebeker ist noch immer an Bord, und wenn er auch nicht vor dem
hamburgischen Wasserschout angemustert worden ist, so gehrt er doch als
Viertsmaat zur Besatzung und bekommt seine Heuer so gut wie Hein Mck. Ihm ist
jedes Wetter recht, wenn er nur an Bord und bei seinem Vater bleiben darf.
    Sie kommen auch einige Male nach Hamburg hinauf, aber sie halten sich auf
Finkenwrder nicht lange auf. Klaus Mewes vertrstet Gesa auf den Winter, wenn
sie ihn bittet, doch einige Tage zu Hause zu bleiben: er mu fischen! Und den
Jungen soll sie vor dem Herbst nicht wieder bekommen: so lange bleibt er an
Bord! Und mit der Nachttide wird gefahren, damit sie wieder in die Fischerei
kommen und ihnen das Eis nicht wegschmelze!
    All ihr Bitten und Flehen ntzt ihr nichts: der Wind blst in die Segel, und
der Ewer zieht westwrts. Zwar winken die beiden Seefischer vom Achterdeck, aber
sie lachen doch dabei und freuen sich, da sie wieder einmal glcklich der
Gefahr entronnen sind, getrennt zu werden.

                                     * * *

    In der Krze eines Seeamtspruches knnte ich nun auch berichten, da sie
einmal im Sturm mit genauer Not ber das Watt gesegelt sind.
    Es liee sich aber auch anders schreiben, obzwar es unfinkenwrderisch wre,
denn kein Fischermann machte viel Worte um etwas, das alle Tage vorkommen kann.
    Der alte Regenwind, der Sdwest, war Baas auf der See. Graue Wolken, eine
noch grauer als die andre, trieb er ber den Heben.
    Klaus Mewes und sein Junge, die die Wache hatten, steckten unter den
Sdwestern tief im lzeug und lieen den Regen auf sich niederstrmen. Sie
fischten beim Weserfeuerschiff auf 22 Faden. Der Ewer arbeitete stark in der
schweren Dnung und schlug trotzig und gereizt mit den leckenden Segeln gegen
die Wolken. Mehr und mehr frischte der Wind auf, die Seen krnten sich mit
Schaum, und das Wetterglas fiel tiefer und tiefer.
    Klaus beschlo deshalb, den Streek den letzten zu taufen und treiben zu
lassen.
    Intehn, intehn! sang Strtebeker, und Kap Horn und Hein Mck kletterten
aus ihren Kojen und kamen an Deck. Sie zogen ein und freuten sich, als sie den
Steert an Deck hatten, denn es wurde immer windiger, und der Ewer stampfte und
rollte strker als zuvor, nun ihm der Halt des schweren Netzes mangelte.
    Schollen, Zungen und Steinbutt, meist kleines Zeug, klatschten auf das Deck.
Strtebeker und Hein Mck zogen die Fock auf und machten sich mit dem Knecht
ber die Fische her, Klaus aber nahm das Ruder und steuerte. Als keinerlei
Aussicht war, da das Wetter sich so bald ndere, dachte er hinter Wangeroog zu
flchten, dann aber besann er sich und hielt nach der Elbe hinber, um zwischen
den Baken bessere Gelegenheit zu erklsen.
    Gischt und Regen waren die Fahrtgenossen des Ewers, der vor dem mchtigen
Druck der Segel durch das hohle Wasser schumte wie ein Dampfer und manchen
Spritzer berkriegte.
    Die paar Petermnnchen, Knurrhhne, Rotzungen, Rochen, Kleie, Steinbutte,
Taschen und Zungen waren bald verarbeitet. Dann splten sie das Deck rein. Hein
ging in die Kombse, um Kle zu braten und Kaffee zu brauen, Kap Horn aber
blieb oben, sah Luken und Boot genau nach und packte alles in den Raum und die
Plicht, was drift gehen konnte, denn es wollte schon dmmern und niemand konnte
wissen, was die Nacht noch brchte.
    Die Elbe war weit weg.
    Sie konnten keine halbe Meile weit sehen, so diesig und unsichtig war die
Luft. Der Wind wehte flagiger und stoweiser als vorher und lief raumer. Sie
segelten schon platt vor dem Laken, und die hohen Wogen liefen ihnen nach wie
geifernde, hungrige Wlfe: eine groe Gefahr fr Boot und Segel. Aber der
Laertes, der khne Schwimmer, hielt kraftvoll den Kopf oben und lie sich weder
begraben, noch aus dem Kurs werfen. Strtebeker stand geruhig bei seinem Vater,
ohne Bangigkeit, und half das Neuwerker Feuer suchen. Wenn die Luft nicht so
dick gewesen wre, htten sie es lngst in Sicht haben mssen.
    Da weist Klaus Mewes nach Norden, wo urpltzlich eine blauschwarze
Wolkenwand wie ein gewaltiges Gebirge aus der See steigt. Mit unheimlicher
Schnelligkeit fhrt sie in die Hhe und verbreitet sich mit unfalicher Macht
ber den griesen Heben. Wetterleuchten, grelle Blitze und dumpfe Donnerschlge
sind das nchste.
    Nu gift wat! ruft Kap Horn.
    Gluf ik ok, antwortet Klaus Mewes, goh no binnen, Strtebeker.
    Worm, Vadder? Ik bn ne bang, lot mi man hier blieben!
    Ne, du mu dol, Klaus, du speulst uns ober Burd! Goh gau no nerden un lot
Hein de Kapp toschuben un bliewt beid inne Koi, bit wi jo wedder ropt!
    Strtebeker sieht seinen Vater an, dann sagt er: Jo, Vadder, und geht nach
unten, denn er wei, da man dem Schiffer gehorchen mu, und wenn man's auch
zehnmal besser wte.
    Bang bn ik ober keen beten, Vadder, ruft er noch vom Gromast, dann
verschwindet er und verklart Hein Mck die Sache, der aber ruhig weiter brt und
meint, es wrde jawohl nicht so schlimm werden.
    Die beiden Fahrensleute oben erwarten den Sturm. Zu sprechen brauchen sie
darber nicht, denn sie fahren lange genug zur See, um zu wissen, was die groe
Wolke zu bedeuten hat. Kap Horns Zge sind wie aus Holz geschnitten, des
Schiffers Gesicht aber ist wie aus Erz gegossen: niemand she es beiden an, da
sie so frhliche Menschen sind und so gern lachen.
    Sie wissen, was geschehen wird: dennoch haben sie ein so jhes Umlaufen, ein
so blitzschnelles Umspringen des Windes noch nicht erlebt und einen so
furchtbaren Wirrwarr des Wassers auch noch nicht. Der Sdwest hat ausgeweht: mit
einer schweren Hagelflage in den Armen fegt ein eisiger Nordwest heran, trommelt
und pfeift auf der See und wirft sich mit Ungestm auf den Ewer. Unmittelbar
darauf springt der Wind wieder um: Nord! Und noch kein Besinnen: abermals dreht
er sich: Nordost, Nordoststurm. Nun wahr dich, Ewer, nun wehr dich, Klaus Mewes!
    Die See, die See!
    Wie gischt und schumt sie! Sie kocht!
    Wie ein Amoklufer geht der Nordost die Sache an. Er fat die schweren,
langsamen Seen des Sdwestes beim Schopf und dreht sie geradezu um. Furchtbar
bearbeitet er sie mit seinen Fusten, da sie wild durcheinander laufen.
    Dat ward een beuse Nacht for mannig ltt Schipp, dat noch buten is, will Kap
Horn noch sagen, aber er kommt nicht mehr dazu, denn der Ewer ist mitten in
diesen Sturm und Aufruhr hineingeraten! Wie wild kommt der Sturm ber den
kleinen Fischerewer! Erst springt er ihn an, wie der Lwe ein Schaf, als wolle
er ihn gleich beim ersten Anlauf kopfheister werfen. Als ihm das nicht gelingt,
legt er sich so hart auf die Segel, da sie den Ewer platt aufs Wasser drcken
und, er zittert und bebt, als knne er sich nicht wieder aufrichten. Zu der
Kajte purzelt Hein gegen den Ofen und Strtebeker gegen die Dielentr, an Deck
aber klammern Schiffer und Knecht sich an die Wanten an um nicht ber Bord zu
splen. Dann geht Klaus dem Raubtier zu Leibe, das ihn berfallen hat. Fock
dol! gellt seine Stimme durch den Lrm. Kap Horn turnt nach vorn und reit sie
herunter. Seil dol! schrillt es. Der Schiffer kettet das Ruder an und strzt
nach den Fallen.
    Rumms! Rumms! Drhnend wirft der Sturm den Giekbaum gegen das Boot und
zerschlgt diesem Duchten und Dollbaum, er hebt ihn wieder und rammt
frchterlich auf das Deck. Kap Horn wre getroffen und gettet worden, wenn
Klaus ihn nicht beiseite gerissen htte. Wieder ein harter Windsto, - da ein
scharfer Knall: ber dem zweiten Reff ist ein groes Loch in da Grosegel
gerissen. Gau, gau, Klaus Mewes, oder dat ganze Seil geiht innen Dutt!
    Schon meinen sie, es geborgen zu haben, da greift das wilde Tier noch einmal
danach, zwngt sich mit aller Gewalt hinein und schwenkt es als seine Fahne,
dann aber gelingt es ihnen, es niederzuholen. Wtend heult der geprellte Sturm
durch die Wanten, an denen es nichts zu beien gibt, dann aber gewahrt er das
Achtersegel, das noch steht, er macht einen krummen Buckel, - und in Fetzen
zerrissen fliegt die dunkle Besan in die Winde. Zwar ist der Ewer wieder
aufgestanden, aber er ist jetzt ohne Segel und gehorcht nicht mehr dem Ruder. Er
ist ein Spielball der brllenden Seen.
    Vor Topp und Takel lenzend, dmpelt und scheistert er in der wilden Dnung,
und die hohen Seen rollen ber ihn hinweg.
    Dor is een Licht! ruft Kap Horn und weist ber den Steven. Klaus blickt
nach der bezeichneten Richtung und sieht ein Licht auf der See, hell und
trstend. Ein unerschrockener, unauslschlicher Weiser, reit dort das
Elbfeuerschiff an seinen Ketten. Aber in welchem Kompa? Klaus peilt, und als er
Nordost ruft, da schttelt der alte Matrose ernst den Kopf und sieht ihn an,
denn ein Ankreuzen gegen den schweren Sturm ist mit dem Loch im Grosegel und
ohne die Besan ein Ding der Unmglichkeit. Die Elbe ist nicht zu erreichen.
    Den Ewer treiben lassen, geht aber auch nicht an, denn sie haben keinen
Platz: die gefhrlichen Sandbnke der Westertill sind in bedrohlicher Nhe und
der Sturm mu sie gerade dahin werfen, wenn sie noch lange zgern.
    Es hilft nichts: sie drfen es nicht mehr mit ansehen, sie mssen handeln.
Zurck mssen sie, zurck nach der Weser!
    Wo ist dein Lachen geblieben, Klaus Mewes? Warum singst du nicht, der du
doch sonst im Sturm gesungen hast? Denkst du du deines Jungen? Der sitzt warm im
Bauch des Ewers und lacht aus der Koje: So geiht he god! - und obgleich Hein
Mck ihn stren will und sagt, es sei nichts Genaues, bleibt er frhlich und
lacht sorglos: Vadder is jo boben!
    An Deck ist das Halsen glcklich gelungen. Gezogen von der halb aufgeholten,
angebundenen Fock und dem als Sturmsegel gesetzten Klver am Gromast, geschoben
von den immer grber und ochsiger werdenden Seen, whlt der Ewer sich durch das
kappelige Wasser.
    Sdwest liegt an.
    Es ist eine bse Gelegenheit, denn Hagelschauer und Regenflagen benehmen
alle Sicht. So weit sie sehen knnen, ist kein Licht zu erblicken: sie sind
allein auf der See. Ihr Zeug ist durchnt, denn die Seen laufen ber den
Setzbord, wie sie wollen.
    Die Frau am Deich! In Klaus Mewes ist alles aufgestanden, nichts schlft
oder trumt in ihm, alles wacht. Wie der Deich bei der Sturmflut schwarz ist von
Menschen, so hat er seine Gedanken auf dem Haufen: taghell sind alle Stuben und
Kammern beleuchtet, und ber die Treppen eilen die aufgejagten Diener.
    Die Seen werden hohler und hohler, und donnerartiger klingt ihr Lrm, wie
aus der Tiefe gequollen. Klaus will ihm erst nicht glauben, bis er sich dermaen
verstrkt, da er es mu.
    Lot ut! ruft er dann jh und reit das Blei aus dem Nachthaus. Der Knecht
peilt die Tiefe.
    Fief Fohm!
    Denn snd wi uppe Grnnen!
    Fnf Faden Wasser nur. Wie weit sind sie abgetrieben! Sie sind in leeger
Wall! Bis jetzt ist alles Spiel gewesen, verglichen mit dem Ernst, der nun
kommt!
    Klaus Mewes fhlt sich von kalten, eisernen Fusten gepackt, die ihn
erdrosseln wollen. Gefahr! gurgelt das Wasser, Gefahr! braust der Sturm, Gefahr!
schreit der Ewer. Nu geiht op Leben un Dod, ruft der Knecht.
    Klaus aber verkettet das Ruder und grhlt: Seil upsetten! denn er will
sich nicht geben. Mit groer Mhe setzten sie das Sturmsegel am Besansmast,
binden das dritte Reff an und ziehen das Grosegel halb auf und geben der Fock
etwas mehr Bott. Der ringende Ewer luvt auf und legt sich dwars in die schweren
Seen. Argewaltig wird der Kampf mit Wind und Wasser, verzweifelt wehrt der
kleine Menschenewer sich gegen die beiden Groen, die ihn tot machen wollen. Mit
unbeschreiblicher Wildheit und Wut branden die Seen ununterbrochen ber den
Setzbord, da das Deck ein Wasser ist, die Segel wie Dachrinnen lecken und die
Spritzer bis zum Flgel fliegen. Wenn eine der groen Unsulten von Sturzseen
gigantisch und eisern heranwuchtet, duckt der Ewer sich wie ein Bulle und nimmt
sie von Steuerbord ber, richtet sich hoch und steil auf und schttelt sie nach
Backbord ab. Dann duckt er sich wieder, ein Wal im Kampf mit Schwertfischen, die
von allen Seiten auf ihn eindringen. Wehr dich, Ewer!
    Kap Horn, halt aus! Denk an die Strme im sdlichen Atlantik, an den dstern
Felsen, nach dem du genannt bist, und la die Kette nicht los! Steh fest auf dem
glatten Deck, la dich nicht ber Bord splen! Denk an die vielen Hochzeiten, zu
denen du noch mit deiner Harmonika aufspielen sollst!
    Klaus Mewes, du Leu von Finkenwrder, der du immer in der ersten Reihe
gestanden hast, mu ich dich aufrufen? Nein, - das braucht es nicht: da steht er
am Ruder im zerrissenen lrock, na wie ein Kater, knietief im Wasser, und wankt
und weicht nicht, er hlt den Ewer, er hlt ihn! Damit er nicht ber Bord
schle, hat er sich mit einem Tauende festgebunden. So steht er da, ein ganzer
Seemann, ernst und wachsam, und spht durch Nacht und Regen nach Land und
Feuern.
    Zeit gibt es nicht mehr, es gibt nur noch Sturm! Wer will wissen, ob es
Minuten oder Stunden sind, die sie durchleben, bis an Steuerbord ein Licht
erscheint? Rodensand! ruft der Knecht, aber der Schiffer schttelt unglubig
den Kopf. Da taucht neben dem hellen Licht ein schwcheres auf, und er mu
glauben, was er erst nicht glauben wollteweil er sich nicht denken konnte, da
sie so weit abgetrieben sein knnten: das Licht voraus ist das Feuerschiff
Bremen! Sie mssen hoch auf den Grnden sein!
    Hastig knotete er sich los und wirft das Lot! Er wirft es zum zweiten Mal,
denn es kann ja nicht sein, die Leine mu gehakt sein. Aber es bleiben drei
Faden.
    Dree Fohm! Dree Fohm! Dree Fohm! ruft er durch den Sturm. Hest hrt, Kap
Horn? grhlt er, als er keine Antwort bekommt.
    In diesem Augenblick schiebt Strtebeker, dem die Zeit zu lang wird, die
Kapp auf, um auszugucken: da schlgt ihm die See dermaen ins Gesicht, da er
das Gleichgewicht verliert und holterdipolter die Treppe hinuntersaust. Er
krabbelt sich aber gleich wieder auf, schiebt die Kapp zu und sagt zu Hein, der
ihn ungeachtet seiner Bangigkeit auslacht: Junge, dat do ik ne wedder, Hein!
Wat hebb ik een kreegen! Meist, as wenn Vadder mi een fixen Backs geef!

                                     * * *

    Kap Horn schweigt noch immer.
    Er denkt nach. Soll so nun seine letzte Reise aussehen? Soll das die letzte
Fahrt sein? Soll der Tod, der ihn auf den Weltmeeren nicht fassen konnte, ihn
nun hier im Wattenwinkel, im seichten Priel erwischen? Es kann so sein, und wenn
es so sein soll, dann ist es auch gut, denn es bleibt ja immer ein Seemannstod.
Die heilige, unerschtterliche Ruhe des Todgeweihten kommt in sein Herz. Der
alte Janmaat will und kann sich nicht klein machen. Er kann sterben, - ob Klaus
es auch kann? Er sieht ihn an.
    Dree Fohm blo noch!
    Klaus Mewes guckt in die Kirche von Finkenwrder hinein, er sieht, wie die
Kpfe sich tiefer auf die gefalteten Hnde senken, er hrt, wie Bodemann sagt,
da Frbitte zu tun sei fr drei Brder, die seit zwei Wochen vermit wrden.
Und sein schnes Haus sieht er, die bunte Haustr und die Bank unter den Linden:
die Bank aber ist leer, und die blanken Fenster, in denen sich sonst die Elbe
von Nienstedten bis Schulau spiegelte, sind dicht verhngt. Und die Tr ist zu:
der Hahn und die Hhner stehen unruhig davor und warten vergeblich auf ihr
Futter.
    Das ist ein Augenblick, dann verweht der Sturm es. Schiffsrat! Aber was ist
da zu sagen? Nichts, denn was mit ihnen los ist, wei der eine wie der andre:
vor ihnen ist der gefhrliche Brand der Tegeler Plate, sind die Brecher, die
Sturzseen. Dahinein und hindurch mssen sie, sonst bleibt ihnen nichts zu tun,
als abzudrehen und zu versuchen, den Ewer so hoch wie mglich auf das Watt zu
setzen! Kommen sie behalten durch die Brandung, so ist Schiff und Mannschaft
geborgen, raken sie Grund, ist alles verloren. Flchten sie wattenauf, so geht
der Ewer in Stcke, aber sie knnen sich wahrscheinlich im Boot retten.
Wahrscheinlich, denn eins ist so gefhrlich wie das andre.
    Kap Horn sieht starr nach Lee, wo die Feuer des Ewersandes auf den Watten
stehen mssen, als wenn er damit sagen will: stranden und landen!
    Klaus Mewes aber will seinen Ewer nicht verlassen. Er fhlt das Zittern und
Beben des treuen Fahrzeuges und ist entschlossen, sich durchzuschlagen. Nu hol
di fast, Kap Horn! ruft er gell.
    Und hinein in die Brecher geht es! Hndereibend steht der Tod neben ihm auf
dem Achterdeck und jauchzt: Nu krieg ik di, Klaus Mees, nu krieg ik di! Aber
der Schiffer hlt das Ruder fest und lt sich nicht erschttern. Vor ihm tobt
der Hexenkessel der Tegeler Plate: er hlt darauf zu. Grauenhaft schallt ihm das
Donnern und Zischen der Grundseen entgegen, die sich wild berschlagen, - er
verzieht keine Miene.
    Gott im Heben - da strzt die erste, groe See wie ein wildes Tier auf das
Deck und rollt ber den Ewer weg, zertrmmert das Backbordschwert, reit das
Boot los und wirft es quer gegen die Winsch, wo es in der Klemme sitzen bleibt.
Kap Horn strzt auf die Luken. Das Nachthaus ist weg, sie sind ohne Kompa. Ein
Glck, da sie Seemann vorher in die Kapp gestopft haben.
    Klaus Mewes steht noch. Der Knecht springt auf, und der Ewer klst weiter.
Fastholen!
    Das ist eine menschliche Stimme, so schrill sie auch klingt. Die zweite
Riesensee stt wie ein Felsen gegen den Ewer und ergiet sich ber das Deck,
sie schlgt in die Segel, da das Fahrzeug sich auf die Seite legt und umkippen
will, und die Fahrensleute bringt sie zum Schwimmen. Aber sie lassen ihren Halt
nicht los, und weil nicht gleich eine See hinterher kommt und den Rest gibt,
vermag der Ewer sich noch wieder aufzurichten.
    Abermals fegt es heran, steigt pltzlich steil auf und schlgt furchtbar auf
das Deck nieder, da die Luken verlorengehen und der Ewer sich halb mit Wasser
fllt. Da beginnen die Lohnen auf der Diele zu treiben, und Strtebeker und Hein
Mck waten aus der Kajte und klettern oben auf die Treppe, um sofort hinaus zu
knnen, wenn etwas passieren sollte. Fest klammern sie sich an, damit sie nicht
hinunterfliegen. Junge, wat snuft dat langs! ruft Strtebeker, ober bang bn
ik dorbi doch keen beten!
    An Pumpen ist nicht zu denken: sie mssen sich festhalten! Sie mssen durch!
Durch mssen sie! Sie sind mitten in der Brandung: schlimmer kann es nicht
werden! Wenn nur die Segel nicht bersten, wenn nur das Ruder hlt!
    Wieder ein Brecher ...

                                     * * *

    Auf der Reede von Blexen, dem oldenburgischen Weserdorf, das dwars von
Bremerhaven liegt, lieen sie gegen Morgen den Anker fallen, peilten die Pumpen
das Grbste heraus und krochen dann todmde in ihre Kojen.
    Es war an einem Sonntag. Die Glocken von Blexen, von Nordenham, von
Geestendorf und von Bremerhaven klangen ber die Weser, aber auf dem Fischerewer
rhrte sich nichts: alles an Bord schlief.
    Erst am Nachmittag zeigte sich wieder Leben an Deck: die Seefischer
erschienen einer nach dem andern und berholten das haverierte Schiff, das
schwer gelitten hatte. Sie pumpten es leer und freuten sich, als sie
feststellten, da es kein Wasser machte. Seemann beschnupperte den kahlen
Besansmast und suchte das Nachthaus und sein Handschuhlager. Klaus und Kap Horn
gingen gleich dabei, das Grosegel zu nhen und einen Flicken darauf zu setzen,
damit sie ohne Schlepper in die Geeste gelangen konnten.
    Von Bremerhaven lie Klaus drahten, und den andern Tag erschien der
Obervorsteher Peter Fick von Finkenwrder und schtzte den Schaden ab. Dann
kamen Zimmerbaas und Segelmacher, Reepschlger und Optiker zu gutem Verdienst, -
der Ewer aber mute ganze acht Tage unttig an der Kaje liegen.
    Endlich waren sie so weit, da sie wieder in See gehen konnten.
    Sall he wedder mit? fragte Kap Horn mit einem Male und blickte nach
Strtebeker, der mit Seemann zwischen den weien Eisschuppen tollte. Klaus Mewes
sah seinen Knecht verwundert an.
    Worm denn ne? fragte er.
    Och nix, ik meen man blo߫, lenkte der Janmaat ab; der Schiffer aber sah
ihn schief an und sagte: Up wat fr Gedanken du ok doch kommen kannst! Hett mol
een beten weiht, denn schall woll gliek allens kodimmt wardn, wat?
    Ik heff jo doch gor nix seggt, beschwichtigte der alte Jantje ihn
sanftmtig und verschwand in der Kajte.
    Klaus stand still und sah ihm nach: ein Wind ging durch seine Seele und wie
ein Bluelight, wie ein Notfeuer zuckte es vor ihm auf: hatte das Schicksal ihn
warnen wollen, als es ihn ber das Watt jagte, sollte er den Jungen abmustern
und seiner Mutter zurckschicken, die so sehnlich nach ihm verlangte?
    Ach was, - Weibergedanken! Der Junge blieb an Bord und damit gut.
    Strtebeker?
    Wat schall ik, Vadder? Seemann, nu stopp, rittst mi jo de ganze Bx twei.
    Wullt noch wedder mit no See?
    Gewi, Vadder!
    Das klang so selbstverstndlich, da Klaus Mewes nicht weiter fragte. Er
nahm ihn mit nach dem Fischerhaus hinauf, um noch etwas Proviant zu kaufen.

                                     * * *

    Im Fischerhaus zu Geestemnde hing ein schlichter Briefkasten an der Wand,
unter dem Bilde eines Lloyddampfers und neben dem Sammelschifflein der Deutschen
Gesellschaft zur Rettung Schiffbrchiger. Es war nichts Besonderes daran, und
doch konnte ich ihn nicht ohne die sonderbarsten Gedanken putzen, denn in ihm
steckten die Briefe fr die Fahrensleute, fr die Schiffer, fr die Matrosen.
Nach schweren Strmen: wie fllte er sich dann mit Briefen der Frauen, der
Mtter, der Brute! Wie mancher Seemann trat an den Kasten, schlo ihn auf und
bltterte den Haufen durch, bltterte auch wohl ein zweites Mal. Fand er einen
Brief, wie glnzten dann seine Augen! Mit verhaltener Stimme, der die Freude
anzuhren war, bestellte er einen Bittern und setzte sich mit dem Schatz in den
Winkel, um zu lesen. Oder er lief spornstreichs nach der Geeste hinunter. Fand
einer nichts, so schlo er leise den Briefkasten. Ein andrer schlug ihn knallend
zu.
    Nun stand Klaus Mewes mit seinem Jungen davor und bltterte die Briefe
durch.
    Peter Jonas? De fohrt ne no de Wesser! ... Richard Grube? De Knecht is all
lang afmunstert! ... Hein Fock? Hest all Heimweh no dien vergneugten Hein,
Geeschen? ... Willem Mees? ... - er machte eine lange Pause, denn Willem Mewes
war geblieben ... Paul Klper? De ligt jo blangen uns, den Breef bring em man
eben gau dol, Strtebeker! ... Der Junge war bereit, Brieftrger zu spielen,
und lief eilends nach der Geeste hinunter ... Jan Sa? De is no de Ilw, den
Breef harrst di sporn kunnt, Trino! ... Hinnik Loop? De kummt woll noch! ...
Kassen Husteen, Hinnik Wrie, Hein Klln, Haanrich Kinau ... Seefischer Klaus
Mewes, H.F. 125: dat bn ik slben! August, geef mi mol een lten Angostura!
    Er verschlo den Kasten und setzte sich mit seinem Brief an den Tisch. Die
Reihen waren stellenweise verkleckst, ein Zeichen, da Gesa beim Schreiben
geweint hatte.
    Sie schrieb: warum sie denn immer nach der Weser segelten und nicht einmal
nach Hause kmen? Sie komme sich vor wie eine Witfrau, so einsam und verlassen
sei sie, und habe Tag und Nacht keine Ruhe ... Klaus Mewes fhlte, wie es ihm im
Halse aufstieg, und bekam den Husten. Dor is obern barg baschen Peper twschen,
August! Den mokst du woll slben, wat? sagte er laut und hielt das Glas
mitrauisch gegen das Licht. Dann las er weiter ... Ob sie noch gesund wren, ob
den Jungen gar nicht nach Hause verlange? Er mchte doch sofort antworten! Am
Deich erzhlten sie so viel von ihnen. Was es mit der Havarei gewesen wre? Sie
sagten, da sie schon in London gewesen wren und immer mitten unter den
Englischen fischten: das mchte er doch ja lassen, denn das wren bse Briten,
die knnten einen totschlagen, htte der alte Gerd Eitzen gesagt ... Hein Mcks
Mutter sei bei ihr gewesen und habe gejammert, da der Junge gar nichts von sich
hren lasse: wenn er nur nicht ber Bord gekommen sei, habe sie gemeint.
    Dann kamen wieder Klagen ber das lange Ausbleiben. Klaus Mewes wurde es
weich ums Herz: er holte sich Black und Posensteel, das heit Tinte und Feder,
um Gesa einen langen Trostbrief zu schreiben. Als er aber die Feder eintunkte,
wute er wieder nicht die Worte zu finden, und es wurde wieder einer der
berhmten kurzen Briefe daraus, in denen eigentlich nur stand: Liebe Frau, es
grt dich dein Mann!
    Als er den Brief zugebackt und durch einen Schlag mit der Faust glattgemacht
hatte, ging er aber doch mit dem Bewutsein einer guten Tat nach dem Ewer
zurck, mit den Mehltten unter dem Arm, rief Strtebeker, der auf einem
Eiswagen sa und an einem getrockneten Petermantje kaute, und setzte die Segel
auf.
    Hein Mck bekam zwischen Grosegel und Besan seinen Segen.
    Segg mol, Hein, schriffst du denn keeneenmol no Hus? Dien gode Moder weet
gornix van di af: wat is dat eegentlich?
    Och, dat ole Schrieben, keen hett dor Lust to, sagte der Koch leichthin,
aber damit bekam er den ganzen Ewer gegen sich, sogar Seemann bellte ihn aus,
und sie ruhten nicht eher, bis er in die Kapp stieg und schnell einige Zeilen
schrieb, die Strtebeker dann noch zwischen dem Losmachen der Taue nach dem
Fischerhaus trug.

                                     * * *

    Die Weserfahrerei war aber noch nicht beendet, denn Klaus Mewes mochte sich
kein Geld von Gesa schicken lassen, um sie nicht unruhig zu machen. Er hatte
deshalb die groe Haverei noch nicht ganz bezahlen knnen. Und weil es ihm ein
Greuel war, Schulden zu haben, wie es ihm ein Greuel war, geflickte Segel am
Mast oder geflickte Hosen am Leibe zu haben, so segelte er weiter nach der Weser
und trug die Rechnungen ab. Auch war ihm bange, da Gesa den Jungen
zurckverlangte.

                                     * * *

    Einmal lagen sie im Alten Hafen zu Bremerhaven vor der Fischauktionshalle,
da machten Kap Horn und Strtebeker eine schne Reise: sie gingen zu Fu nach
dem Neuen Hafen. Dort lag hinter den weien Lloyddampfern und den englischen
Baumwollkasten ein groes Segelschiff, und das war Kap Horns alte Bark
Elisabeth, auf der er lange Jahre gefahren hatte.
    Piekfein hatte der alte Jantje sich gemacht, als er mit dem Jungen an Bord
ging, um seinen alten Kppen zu begren. Unter dem Arm trug er einen Beutel
voll Fische, mit denen er ihn erfreuen wollte, denn er hing noch immer an dem
Ollen, an sien Vadder.
    Als sie am Fallreep standen, erstaunte Strtebeker sehr ber die himmelhohen
Masten und ber die mchtigen Rahen, denn so nahe hatte er ein groes Schiff
noch nicht gesehen, am meisten aber mute er sich ber die vielen Taue wundern,
aus denen er gar nicht klug werden konnte. Dann betraten sie den hohen, grauen
Windjammer. Der Alte war an Bord und freute sich ber seinen alten Vollmatrosen.
Obgleich der eigentlich vor den Mast gehrte, nahm er ihn doch sogleich mit nach
dem geheiligten Achterdeck. Und sie kamen in ein langes Schimannsgarn von alten
und neuen Zeiten, von alten und neuen Schiffen, von alten und jungen Seeleuten.
    Strtebeker lehnte erst, etwas benommen von dem ungeheuer langen Deck, an
der Reling und hrte mit fremden Augen zu, dann aber untersuchte er das Schiff
genauer, ma und klopfte, befhlte und besah. Er lie sich von dem Koch, einem
vergngten Dicken, ins Verhr nehmen und lauerte sich einen Lffel Labskaus weg,
dann aber getraute er sich nach dem Vorderdeck und peilte das Logis. Auf der
Back saen die Matrosen, die keine Landwache genommen hatten, und klnten. Einer
spielte leise auf einer Mundharmonika und machte groe Augen. ber dem Vortopp
aber stand der gelbe Mond und spiegelte sich auf dem blanken Wasser des Hafens,
und jenseits des Weserdeiches blinkten die Leuchtfeuer. Schweigend lagen die
Dampfer in langen Reihen. Alle Arbeit schwieg. Einzelne Matrosen gingen auf der
Kaje vorbei, um die Stadt und ihre Freuden aufzusuchen.
    Strtebeker sah alles mit an und machte sich mancherlei Gedanken darber,
wenn auch das meiste noch durch seinen Kopf ging wie ein Traum. So blicken wir,
wenn wir Menschen durch unsern Garten kommen sehen, die wir noch nicht kennen:
wer sind sie, und was wollen sie von uns, bringen sie Gutes oder Schlechtes,
oder haben sie sich vielleicht nur in der Hausnummer versehen?
    Erst guckten die Janmaaten nur wenig auf, als der Junge unter der Fockrah
stand, als sie aber hrten, da er Klaus Strtebeker hie und ein kleiner
Fischermann, ein Schollengreifer war, wurden sie lebendig, nahmen ihn in ihre
Mitte und fragten ihn aus. Sie lachten ber sein Finkenwrder Fischerplatt und
versuchten, es nachzuahmen, sie zogen seine Seefestigkeit in Zweifel und
verglichen den Fischerewer spottend mit einem Backtrog, der einen alten
Kartoffelsack als Segel und einen Besenstiel als Mast htte, aber Strtebeker
lie sich nicht verblffen: mit springenden Augen verteidigte er den groen Ewer
und die groe Seefischerei und sprach so klug und seemnnisch von Fahrt und
Wind, da sie sich verwunderten und mehrmals vor Erstaunen die Hnde
zusammenschlugen. Er zeigte auch, da er von groen Schiffen etwas wute und
nannte Rahen und Masten beim richtigen Namen, er kannte Nocken und Pferde, Back
und Poop, nur mit den Tauen konnte er noch nicht fertig werden, da war er
eigentlich nur der Wanten und Pardunen und Brassen ganz sicher.
    Un wo is Backbord? fragte der Zimmermann, ein Dne.
    Dor frog dien Gromudder man no, antwortete Strtebeker, mi kannst ne
frn Buern hebben.
    Er blieb aber bei den Matrosen, bis Kap Horn ihn von achtern aussang. Der
Segelmacher, der groes Gefallen an ihm gefunden hatte, - alle alten Seeleute
sind wunderlich tiefe Kinderfreunde! - schenkte ihm einen ausgestopften,
fliegenden Fisch, und sie entlieen den kleinen Seemann mit Adjst und Good bye.
    Der Kapitn nahm ihn mit in seine Kajte und wies ihm seine kleinen Schiffe,
das groe Haifischmaul und den aus Holz geschnitzten, wunderlichen Gtzen, der
mit dem Kopf nickte, wenn man ihn ansah. Auch er freute sich ber Strtebeker,
und als der eine kleine nautische Prfung mit Auszeichnung bestanden hatte,
bekam er die Reichsprmie von dem Alten: ein weiseidenes Halstuch, das in
Tschifu gekauft war.
    Nu grt dien Vadder, du ltte Seerver. - damit wurde Strtebeker zuletzt
entlassen, und als er mit Kap Horn auf der Kaje ging, standen die Matrosen auf
der Back und guckten ihm nach, wie er hinter Eisenbahnwagen und Baumwollballen
im Dunkel der Nacht verschwand. Und sie sprachen noch lange von ihm.
    Klaus Mewes aber bewunderte das Halstuch und den fliegenden Fisch und lie
sich das groe Belebnis erzhlen, whrend der Knecht mit blanken Augen auf der
Bank sa und noch ganz von seinem alten Schiff erfllt war.
    Als der Kapitn der Elisabeth den andern Tag etwas in der
Brgermeister-Smidt-Strae zu besorgen hatte, machte er einen Umweg und ging
ber den Alten Hafen, um die beiden Seefischer wiederzusehen und dem groen
Klaus Mewes, von dem sein alter Matrose ihm so viel erzhlt hatte, einen
Godendag zu entbieten. Aber der Ewer war schon in der Morgenfrhe nach See
gesegelt, so da Kppen Vinnen kein Glck damit hatte.

                                     * * *

    Einmal hatten sie dicht beim ersten Feuerschiff eingezogen und waren dabei,
den Fang zu sichten und die Fische zu kehlen.
    Strtebeker nahm die Knurrhhne aus, die er besser halten konnte als die
glatten Schollen und die schleimigen Zungen. Da sah er unter dem Tang und den
Seesternen einen besonders groen, dicken Steinbutt spaddeln. Er zog ihn heraus
und wies ihn herum: Kiek mol, Vadder, wat frn scheunen Steenbutt, rein een
Stoot!
    Er stand dicht am Setzbord, - und der Ewer holte in diesem Augenblick
pltzlich weit ber! - da sackte er langsam nach hinten ber und fiel ber Bord
in die Seehinein.
    Mann ber Bord!
    Klaus Mewes, der wohlgefllig den Steinbutt betrachtet hatte, erhob sich jh
von dem Hummerkasten, auf dem er sa, warf Fisch und Messer hin, strzte nach
dem Achterdeck und sprang dem Jungen nach, den er unter dem Wasser spaddeln sah,
denn die See war sehr klar und man konnte beinahe Grund sehen. Zu spt dachte er
daran, da er die schweren Stiefel htte ausziehen sollen. Sie waren ihm sehr
hinderlich: er fate den Jungen nicht und hatte Mhe, wieder an die Oberflche
zu kommen. Wie Blei hing es an ihm.
    Da schwamm der Junge. Hol di, Klaus, fix roonen! Jo, Vadder! Bevor er
zum zweitenmal untertauchte, war sein Vater bei ihm und griff ihm unter die
Arme. Lot den Butt doch los, Junge! Ne, Vadder! Zum Glck sah Klaus Mewes
den Rettungsring treiben, den Kap Horn ber Bord geworfen hatte, und es gelang
ihm, ihn zu erfassen, ehe seine Krfte erlahmt waren.
    Mittlerweile hatten der Knecht und der Junge das Fahrzeug herumgekriegt und
kamen auf sie zu. Klaus Mewes erfate die Leine, die ihm zugeworfen wurde, und
nun war Holland nicht mehr in Not: sie wurden an Bord gezogen und konnten sich
verpusten.
    Strtebeker hatte den Steinbutt noch in der Hand. Son scheunen Butt schull
ik wedder swmmen loten? sagte er vorwurfsvoll zu seinem Vater, dann zog er das
nasse Zeug aus und hngte es an den Wanten auf, damit die Sonne und der Wind es
trockneten.
    Up See mtten Kummer gewinnt wardn, sagte er lachend zu Kap Horn, der ihn
kopfschttelnd betrachtete, ging in die Koje, suchte sich trocknes Zeug aus dem
Beutel und setzte sich geruhig wieder bei den Knurrhhnen hin, als wenn nichts
geschehen wre. Was war's denn auch weiter: er hatte blo einmal ber Bord
gelegen.

                              Dreizehnter Stremel.


Is de Sommer all her? - fragen die Frauen, die einander begegnen, denn ein
grieser, nebeliger Tag liegt auf der Niederelbe, die bei tauber Tide
schwerfllig ebbt. Nach starken nchtlichen Regengssen ist die Luft dick
geworden. So diesig ist es, da die Sonne kaum einen Schatten werfen kann. Wie
der Mond steht sie am Heben, eine weie Scheibe ohne Strahlen. Den Daak vermag
sie nicht zu vertreiben.
    Im Fahrwasser besinnt alle Schiffahrt sich auf die kaiserliche Verordnung
und erhebt ihre warnende und sichernde Stimme, um Zusammenste zu vermeiden.
Die vor Anker liegenden Bagger luten die Glocke, die kreuzenden Segler blasen
auf dem Ochsenhorn und die Dampfer tuten und brummen ununterbrochen auf der
ganzen Strecke von Neumhlen bis Blankenese, da man meinen knnte, mitten im
Hamburger Hafen zu sein. Der Rauch, der den Schornsteinen entquillt, hat nicht
die Kraft, sich zu erheben. Mde sackt er auf das Wasser. Alle Segel und Schiffe
haben etwas Formloses, Gespenstisches.
    Wie Herbst ist der Tag.

                                     * * *

    Stuten! W ok Stuten?
    Metta Greuns, die Stutenfrau, die von dem schriftgelehrten Jan Stihr, der
ein bichen heilig ist, nicht mit Unrecht die Finkenwrder Morgenpost genannt
wird, kommt mit ihren mchtigen Kiepen den Deich entlang, die fast grer sind
als sie, und singt vor allen Tren.
    Wullt ok Stuten, Greta? Oder Meetj oder Ilsbeeken oder Trina oder wie die
Frau gerade heit. Zu verwundern ist es, da sie bei den vierhundert Husern,
die den Elbdeich krnen und die sie abzuklopfen hat, niemals die Gesinen,
Geeschen, Sillen, Oleitjen, Trinken, Angken, Wieschen und Ginen miteinander
verwechselt.
    Nun hat sie den Ne erreicht, setzt die Krbe hin und atmet auf.
    Gesa, wullt ok Stuten hebben? ruft sie ins Haus hinein. Die Seefischerfrau
kommt heraus, bietet ihr Guten Morgen und macht sich ber die gelichteten Kiepen
her, um sich ihre Rundstcke und berschnitte auszusuchen, wobei sie deren
Frische nach Frauenart durch Bekneifen ermittelt.
    Was fr schne Blumen die Gesa auch doch vor den Fenstern hat, denkt die
Stutenfrau, die sich zum Ausruhen auf die Bank unter den Lindenbumen gesetzt
hat. Sie will doch sehen, da sie von den dunkeln Blutstropfen einmal einen
Ableger bekomme. Diesmal aber noch nicht, denn sie hat etwas andres auf dem
Herzen. Als sie mit dem lokalen Teil und den Nachbargebieten ins reine gekommen
ist, fragt sie teilnehmend:
    Diern, is dat wohr mit dien Jungen?
    Gesa schrickt zusammen, von bser Ahnung befallen. Wat schall wohr wesen?
fragt sie hastig und wird wei im Gesicht.
    Wee du dor noch nix af?
    Ne, wat schall ik weeten? stt Gesa heraus, ik weet blo, wat he gesund
un munter an Burd is!
    Non, non, non, denn ist jo man god, mien Diern! Wenn dut ne wee, denn ist
woll Snackeree vanne Ld; de snackt sik jo eendeel trecht! Non, denn ist jo man
god!
    Wat hebbt se denn doch woll blo seggt, Metta?
    Och, denn lot dat man. Harr ik dat weeten, denn harr ik di gor ne so
verjogt, mien Diern! Fftein Penn gifst du ut: denn kriegst du jo noch wat
wedder! Wat is dat ok doch dick van Dook vanmorgen!
    Aber Gesa lt sich nicht ablenken, sie will wissen, was erzhlt worden ist,
und lt der Witfrau keine Ruhe, bis sie es ihr sagt. Am Deich ist erzhlt
worden, da der kleine Klaus Strtebeker ber Bord gekommen und in der See
ertrunken sei. Klaus Mewes sei ihm noch nachgesprungen, aber er habe ihn nicht
wiederkriegen knnen. Wann es gewesen sein soll, wei sie nicht, sie kann auch
nicht sagen, welcher Seefischer es mitgebracht hat, sie wei nur, da es erzhlt
worden ist.
    Schree man ne gliek, mien Diern, trstet sie, is jo blo Snackeree.
    Aber Gesa hrt nicht mehr: weinend wankt sie in ihr Haus und bricht mit
einem lauten Aufschrei vor dem Herde zusammen. Ein starkes Schluchzen
erschttert sie, und es dauert lange, bis sie sich wieder erheben kann. Dann
sitzt sie strmenden Gesichts am Tisch.
    Es ist gewi, es ist gewi! ruft es in ihr, Klaus ist weg! Das ist mehr als
bloes Gesprch, es ist wahr! Sie hat keinen Jungen mehr, wie sie es getrumt
hat! Heftiger flieen ihre Trnen. Nun wei sie auch mit einem Male, warum ihr
Mann nicht mehr nach der Elbe finden kann: dieser grelle Blitz, der in ihre
Seele gefallen ist, hat das Dunkel erhellt, das um seine Fahrt lag: er kann ihr
ohne den Jungen nicht unter die Augen treten, er mag nicht sagen, da er ihm
ber Bord gesplt ist! Ob er nun auch noch lacht, der lachende Seefischer, der
so sehr an seinem Jungen gehangen hat? Oder ob er ernst und still geworden ist,
weil er seinen Strtebeker verloren hat?
    Gesa schluchzt wild auf. Warum hat sie es zugegeben, da er mit zur See kam?
Warum hat sie darein gewilligt? Er war doch noch so klein, und alles in ihr
schrie doch: Es geht nicht gut? Die Mutter, die ihr Kind aufgibt, gibt sich
selbst auf: das hast du getan, Gesa, klagt ihre Seele sie an. Nun hatte der
kleine Junge im bittern Salzwasser ertrinken mssen und trieb ruhelos auf dem
Meeresgrunde zwischen den Muscheln und Steinen umher! So lange Zeit, neun Wochen
fast, hatte sie ihn nicht mehr gesehen, und nun sollte sie ihn gar nicht mehr zu
sehen bekommen! Sie konnte ihm nicht einmal die Augen zudrcken und konnte ihm
keine Blumen auf sein Grab pflanzen!
    Riesengro liegt die Angst auf ihr, sie vermag sich ihrer nicht zu erwehren.
Stiller geworden, geruhiger, sagt sie sich hundertmal: nein, nein, es ist nicht
wahr, es kann nicht wahr sein, es ist Gerede des Deiches, Schnackerei der Leute!
Der Junge fllt nicht ber Bord, und Klaus lt ihn nicht ertrinken, eher
ertrinkt er selbst mit! Nein, nein: ihr kleiner Klaus lebt und lacht, wie sein
groer Vater lebt und lacht, und bei Wind und Sonnenschein fischen und segeln
sie auf See, die beiden Fahrensleute!
    Aber die Angst geht nicht aus ihrer Seele: keine Hoffnung kann sie verjagen.
Sie ffnet die Kommodenschieblade und sucht die letzten Briefe von Bremerhaven
und Geestemnde heraus. Zu jedem steht, da der Junge gesund und munter ist, -
und das sollte nicht wahr sein? Ein Mann wie Klaus Mewes sollte lgen knnen?
Gesa kann es nicht glauben und richtet sich an diesen Briefen wieder auf, aber
wie eine Schlafwandlerin geht sie die Tage ber Deich und Wurt, wartet auf den
Brieftrger und blickt ber die Elbe. Sie hat keinen Schlaf und keine Ruhe mehr,
bis sie gewi wei, da ihr Junge lebt. Sie hat so viel an ihm gutzumachen, die
arme Mutter, - da er wiederkme! Den Nachbarinnen weicht sie beharrlich aus:
sie kann deren fragende Augen nicht ertragen und will nichts hren und nichts
sehen. Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ist sie voll Hoffnung, aber nachts gibt
sie wieder alles verloren. Ihre Augen sind von dem vielen Weinen geschwollen,
und um ihren Mund hat sich eine Falte gegraben. Wre nicht das Viehzeug, das
sein Futter und seine Wartung verlangte, so htte sie sich wohl eingeschlossen
und wre tiefdenkern geworden.

                                     * * *

    Den fnften Tag hielt sie einen Brief mit dem Geestemnder Stempel in der
Hand und ri ihn jh auf, da Jan sie verwundert anguckte.
    Sie las, da Strtebeker gesund und munter wre, dann aber kamen die Zweifel
wieder ber sie, sie sthnte auf und zerknllte den Brief. Dat lgst du, Klaus
Mees, he is verdrunken! schrie ihre gemarterte Seele. In der Nacht umbrauste
der Wind das Haus, da sie wenig Schlaf finden konnte und keine klaren Gedanken
zu fassen vermochte. Ihre Seele war krank und wund, und aus dem Rauschen der
Linden und Eschen klang ihr die klagende Stimme des Jungen.
    Als der Morgen dmmerte, war sie entschlossen, mit der Eisenbahn nach der
Weser zu fahren und sich Gewiheit zu verschaffen. Sie mute Ruhe haben: sie
konnte es nicht mehr aushalten. Da zog sie ihr schwarzseidenes Kleid an und
machte sich reisefertig. Als sie alles bereit hatte, - es gehrte sehr viel
dazu, denn sie war erst wenig mit der Eisenbahn gefahren, - vertraute sie Haus
und Hof dem alten Jger an, der gar nicht wute, was los war und es auch nicht
herausbekommen konnte, denn sie sagte nur, da sie etwas in der Stadt zu
besorgen habe und erst den andern Abend zurckkomme.
    Die Frauen, die vor den Tren oder auf dem Deich standen, erwiderten ihren
Gru in etwas langgezogenem Ton, der besagt: na, was hast du denn vor, willst es
uns nicht erzhlen? Aber sie ging nicht darauf ein, sondern machte, da sie
weiterkam, denn das, was Klaus Mewes ein Quell der Freude und Erquickung war,
den Deich entlang zu gehen, jeden anzuholen und vor allen Tren stehen zu
bleiben, erschien ihr, der Ortsfremden, wie ein Spierutenlaufen mit
Hindernissen.
    Wenn sie vorbei war, steckten die Frauen die Kpfe zusammen und sahen ihr
nach.
    Se hett jo man blo den eenen Jungen, hie es dann.
    Bei der Post dachte sie daran, ob es nicht besser wre, nach Geestemnde
schlagen zu lassen und ihre Ankunft zu melden. Sie tat es aber nicht, damit
Klaus nicht nach See ginge, bevor sie da wre. Er sollte nicht wissen, da sie
unterwegs war. Wenn sie ihn nicht mehr antraf, konnte sie gewi bei den andern
Ewern die Wahrheit erfahren.
    Der Klapperkasten Courier paddelte langsam, aber sicher aus dem Fleet und
setzte sie zu St. Pauli ab. Dort stieg sie in die Pferdebahn und fuhr nach dem
Hannoverschen Bahnhof, den die Hamburger so gern den Pariser nannten.

                                     * * *

    Der Bahnfahrt ungewohnt, kam sie am spten Nachmittag mde und angegriffen
zu Geestendorf an und fragte sich nach der Geeste. Sie erreichte auch den Deich,
sah im Westen und Norden die breite Auenweser und ging nach der Kaje hinunter,
an der die Fischerewer in langer, doppelter und dreifacher Reihe lagen, denn der
Wind hatte viele von ihnen hergeweht. Obgleich sie an weiter nichts dachte, als
an ihren Jungen und weiter nichts suchte als H.F. 125, sah sie doch, da hier an
der Geeste eigentlich gar nichts Besonderes war; da waren Eisschuppen und da
Werften, hben waren Holzstapel und drben schmutzige, graue Maschinenhuser und
weiter nichts als hchstens noch Kohlenhaufen: was Klaus wohl hatte, da er
immer so gern nach der Weser segelte, wenn es weiter nichts war als diese graue
Ecke, die sich mit dem grnen Deich doch nimmermehr vergleichen konnte?
    Sie las die Nummern der Ewer und suchte den Laertes. Fragen mochte sie
nicht, obgleich einige Jungen an Deck standen. Da rief Jannis Sloo sie an, der
mit einem Norderneyer Schaluppenfischer sprach: Sh, Gesa, ok mol oberreist?
    Sie gab keine Antwort, sondern ging weiter. Klaus liggt dor wieder rup
rief er ihr noch nach. Dor eben vrre Brgg, de Flagg dor, dat is he!
    Die Flagge, - sie mute bitter und schmerzlich lcheln: so wenig
Seefischerfrau war sie, da sie nicht einmal an das allgemein bekannte Zeichen
des Ewers gedacht hatte. Ja, da wehte die deutsche Flagge auf der Besan, wehte
lustig und frhlich, wie sie immer geweht hatte: aber ihr tat sie diesmal weh,
weil Klaus sie nicht einmal halbstock gesetzt hatte.
    Es wollte schon schummerig werden, als sie vor dem Ewer stand. Tief
aufatmend, hielt sie sich einen Augenblick am Pfahl fest. In ihren Ohren sauste
es, und ihr Herz klopfte schmerzhaft: sollte sie nicht doch noch umkehren?
    In der Kajte brannte schon Licht, weil die Schienkapp aber halb von der
Fock bedeckt war, konnte man von der Kaje aus niemand erkennen.
    Wie willenlos schlich Gesa sich auf den Ewer und stieg die Treppe hinunter.
Dann stand sie auf der dunkeln Diele und blickte durch das rautenfrmige
Trfenster in die erhellte Kajte hinein.
    Da war der Tisch aufgeklappt, und die dampfende Kltenpfanne stand darauf,
auf einem Tauring, und die Seefischer saen im Kreise herum, hatten die Gabeln
in den Hnden und langten tchtig zu. Obenan sa Klaus Mewes, gro und breit, da
sa Kap Horn mit seinem Gelehrtengesicht und erzhlte von der groen Hitze im
Roten Meer, da sa Hein Mck mit einem Gesicht, das besagteheien sollte: un
wenn du teinmol Kap Horn heest un vant Rode Meer snacken kannst, dorm bst un
bliwst du doch een Butenlanner fr mi, - da sa der griese Seemann und
liebugelte mit den gebratenen Klen, zwischen Seemann und Klaus Mewes aber sa
mit lachendem Gesicht der kleine Klaus Strtebeker und fragte in einemfort
dazwischen.
    Gesa stand regunglos im Dunkeln. Es war ihr, als hrte sie eine Stimme
hinter sich, die sie lange nicht mehr vernommen hatte, die ihrer Mutter auf der
Geest: das ist ein Traum, Gesa, wenn du dich besinnst und die Augen aufmachst,
dann stehst du nicht mehr auf der Ewerdiele und siehst kein Licht mehr: dann ist
alles dunkel, und du findest dich in deinem einsamen Bett am Deich wieder. Sieh
deinen Jungen still an und halt ihn fest, den Traum.
    Da rief Strtebeker: Dat is wat to dull mit di, Hein Mck, jedesmol mokst
du de Brotklten to sult! Und er stand auf, um aus dem Wasserfa auf der Diele
zu trinken. Als er die Tr aufri, war es mit Gesas Kraft zu Ende.
    Klaus, mien Klaus! schrie sie auf und sank um.

                                     * * *

    Schiffer und Frau waren allein in der Kajte: als Klaus Mewes seine Gesa
aufgehoben und in das Licht getragen hatte, waren die andern einer nach dem
andern hinausgeschlichen, um nicht zu stren.
    Hein Mck war nach dem Tingeltangel gegangen, um sich etwas vorsingen zu
lassen, Kap Horn und Strtebeker aber standen auf Deck und guckten nach dem
englischen Dampfer im Trockendock von Wenke, an dem noch bei Licht eifrig
gearbeitet wurde. Der Junge war schweigsam geworden: er gab kaum noch Antwort,
denn er ahnte, da es unten um ihn ging, da er von Bord sollte. Der Knecht
fhlte es auch und machte sich Gedanken darber.

                                     * * *

    Es ging um Strtebeker.
    Zh und leidenschaftlich rang die Mutter um ihr Kind, mit krankhafter
Heftigkeit verlangte sie es zurck, sie drohte und warnte, bat und schmeichelte,
weinte und schluchzte. Ruhig und gelassen verteidigte Klaus Mewes seinen Jungen
und lachte ihrer Angriffe. Er gab nicht so leicht etwas auf, was er hatte, und
hielt es meistens mit dem lbischen Recht: wat wi hebbt, dat hebbt wi! Und hier
stand er auf gutem Grund und Boden, denn das Recht der Gesunden schien ihm hher
zu stehen als das der Kranken. Aber Gesa lie nicht nach: die lang unterdrckte
und gehemmte Mutterliebe gab ihr Worte und Gedanken ein, die ihn schlielich
doch aus seiner Ruhe brachten. Und als er sich hinreien lie, heftig zu werden,
da verspielte er schlielich. Er mute einwilligen, da der Junge mit nach Hause
reise. Als er sein Wort gegeben hatte, stand er auf und ging unruhig auf und ab.
Er war uneins mit sich geworden, und es rief bestndig in ihm: du steuerst
verkehrt, Klaus Mewes, du steuerst verkehrt! Gib den Jungen nicht hin, la ihn
nicht von Bord: der gehrt zu dir und zu niemand anders. Aber er hatte sein Wort
gegeben, ihn vor dem Herbst abzumustern, nicht einmal, siebenmal hatte er es
versprochen, und mute es endlich halten, denn Gesa war gekommen und hatte die
Unruhe und den Herbst in sein Herz gebracht. Sie wollte nicht ohne den Jungen
von Bord gehen und ging nicht ohne ihn von Bord.
    Ein schiefes, verkehrtes Ende der schnen Sommerfahrt war dieser Beschlu,
darber kam er nicht hinweg. Er htte den Jungen selbst nach dem Ne bringen
mssen, mit seinem Ewer: darein htte er sich vielleicht gefgt! Noch einmal
machte er den Versuch, Gesa zu bewegen, an Bord zu bleiben und die eine Reise,
die gewi nach der Elbe gehen solle, mitzumachen, aber sie ging nicht darauf
ein. Er mute Wort halten.
    Der schwerste Streek kam: er mute es seinem Jungen sagen.
    Als er rief, sagte Strtebeker hastig zu Kap Horn: Un ik goh ne mit un goh
ne mit! Dann trat er in den Lichtkreis.
    Klaus Mewes studierte das Wetterglas, als er es ihm sagte.
    Strtebeker erwiderte kein Wort. Er hatte das Gefhl, als ob sein Vater ihn
schlge, und bei Schlgen sagte er nichts. Seemann richtete sich an seinem Bein
auf, als wenn er ihn trsten wolle:er wurde es gar nicht gewahr. Htte seine
Mutter ihn in diesem Augenblick umarmt, er htte etwas Hliches getan, aber sie
war klug genug, es nicht zu tun.
    Erst als er nachher drauen auf der Diele in der Segelkoje lag (denn in
seines Vaters Koje war kein Platz mehr fr ihn, und bei Kap Horn wollte er nicht
schlafen), lste sich der Bann, und er wimmerte wie ein wundes Tier, die ganze
Nacht, weil sein Vater ihn nicht wieder mit nach See haben wollte. Er glaubte,
sie hrten ihn nicht, aber sein Vater, der auch nicht schlafen konnte, hrte ihn
wohl, und wenn er nicht gefrchtet htte, Gesa oder die Leute mchten es merken,
so wre er aufgestanden und zu seinem Jungen in die Koje gekrochen.
    In den Wanten brauste der Wind, und schwerer Regen klatschte auf das Deck.
    Den andern Morgen half Strtebeker noch getreulich beim Pumpen, whrend
seine Mutter schon seine Sachen einpackte, die er mithaben sollte. Sie hatte
gelernt, wie die beiden genommen werden muten, und handelte danach.
    Klaus Mewes ging auf dem Achterdeck auf und ab und guckte den Heben an, aber
ohne Teilnahme. Er htte lieber einen schweren Sturm auf der groen Fischerbank
ausgestanden, als da er nun seinen Jungen von Bord jagen mute wie einen
unbrauchbaren, seekranken Koch! Im Traum hatte er gesehen, da Strtebeker sich
im letzten Augenblick an den Wanten angeklammert hatte: mit Gewalt hatte er ihm
die Hnde lsen mssen: dann war er unter die Winsch gekrochen, zuletzt war er
sogar in den achtersten Mast geklettert und hatte gerufen: Holst du mi dol,
Vadder, denn riet ik dien Flagg twei! Da hatte der Wind stark aufgeheult und ihn
aufgeweckt.
    Strtebeker half beim Deckschrubben und sprach mit dem Knecht und dem
Jungen, aber mit seinem Vater sprach er nicht. Als she er ihn nicht, so tat er.
    Da guckte Gesa aus der Kapp und rief: Kumm, Klaus, du m di klor moken!
Sie war schon ganz angezogen, dunkel wie das Schicksal selbst.
    Strtebeker tat, als wenn er nichts gehrt htte. Dien Mudder hett di
ropen, Klaus, goh dol, sagte Klaus Mewes ernst.
    Da setzte der Junge die Ptze hin und sah ihn zum erstenmal wieder an.
Schall ik wrklich van Burd, Vadder? fragte er mit heiserer Stimme.
    Klaus Mewes nickte ernst.
    Da ging der Junge schweigend in die Kajte und lie die Mutter mit ihm
machen, was sie wollte. Was sie ihm dabei erzhlte, vom Deich und seinen
Spielkameraden, war ihm zuwider, und er hrte deshalb auch kaum darauf.
    Schlielich nahm er an Deck Abschied von dem Ewer und von Hein und Kap Horn.
Hol di man fuchtig, sagte Hein, ohne sich viel dabei zu denken, Kap Horn aber,
der tiefer sah und den Jammer des Jungen fhlte, gab ihm die Hand und trstete:
Nich bang wesen, Klaus Strtebeker, nich bang wesen! Wi kriegt all nich unsen
Willen! Annern Sommer kummst du wedder mit no See!
    Strtebeker wandte sich ab, als wenn er sagen wollte: das glaubst du ja doch
selbst nicht!
    Adjst, mien Seemann, sagte er und streichelte dem Hund das struppige
Fell.
    De bringt di noch langs, rief Klaus Mewes, der sich auch fertig gemacht
hatte, um sie nach dem Bahnhof zu begleiten.
    Als sie den Deich erreicht hatten, sah Strtebeker noch einmal verloren nach
der Geeste und suchte die Flagge, aber er konnte sie nicht mehr sehen, denn die
Eisschuppen hatten sich dazwischengedrngt. Nur von der meeresbreiten, grauen
Weser konnte er noch einen Streifen sehen.
    Er sagte aber nichts.

                                     * * *

    Auf dem Bahnhof drngte Gesa zum Einsteigen, obwohl noch Zeit genug
vorhanden war. Sie suchte einen guten Fensterplatz in der Mitte des Zuges aus
und blickte mit ihrem Jungen aus dem Fenster. Die Lokomotive pfiff, und die
Wagen setzten sich langsam in Bewegung.
    Adjst mien Jung!
    Adjst, Vadder, jst Seemann!
    Strtebeker blickte noch lange Zeit starr aus dem Fenster und winkte, bis
Gesa ihn wortlos an sich zog. Da lste es sich in ihm, und er legte den Kopf auf
ihren Scho und weinte bitterlich. Da beide allein in dem Abteil waren, sagte
sie nichts dagegen, sondern strich ihm nur leise und weich ber das sonnenhelle
Haar.

                                     * * *

    Klaus Mewes aber ging langsam und in Gedanken nach seinem Ewer zurck.
Seemann blieb manchmal fragend stehen, denn es ging nicht den richtigen Weg.
Erst als sie beim Petroleumhafen inmitten der hohen, weien Erdltanks waren,
merkte der Seefischer, da er sich verlaufen hatte, und ging ber die Geleise
zurck. Wie in eine Totenkammer trat er in seine Kajte und lie sich mde auf
die Kojenbank fallen, denn er hatte einen schweren Streek hinter sich.
    Was fr einen sonderbaren Traum hast du gehabt, Klaus Mewes, sprach eine
Stimme in ihm, dir trumte, da Gesa gekommen sei und den Jungen mitgenommen
htte, und du weit doch ganz gut, da der kleine Klaus Strtebeker vor der
Weser ber Bord gekommen und ertrunken ist: sie haben es ja sogar schon am Deich
laut erzhlt!
    Den Tag schmeckten ihm keine Arbeit und kein Essen, denn der Junge fehlte
ihm dabei. berall guckten ihn die klaren, lachenden, blauen Augen an. Ruhelos
ging er vom Deck in die Kajte und wieder nach oben, als ob er etwas verloren
htte, das er nicht wiederfinden knne. Er war gnzlich aus dem Kurs gekommen
und hatte einen heien Zorn auf sich, da er sich so hatte unterkriegen lassen.
    Dem alten, getreuen Knecht erging es wenig besser, auch er hatte die halben
Segel back gebrat und konnte keine Fahrt machen. Strtebeker fehlte vorn und
achtern. Wieviel er von dem Jungen hielt, fhlte er erst jetzt so recht.
    Mitunter sahen Schiffer und Knecht einander scheu an, wie Leute, die kein
gutes Gewissen hatten, denn sie hatten ihren frhlichen Maaten verraten und
verkauft, wie die Kinder Israel ihren Bruder Josef, und fhlten, da sie das
nicht wieder gutmachen knnten, und da der Junge es nicht verwinden noch
vergessen wrde.
    Als das Wetter gegen Abend aufklrte, setzten sie die Segel auf und gingen
hinaus, um auf See Trost zu suchen.

                              Vierzehnter Stremel.


Der Deich war noch nicht eingesunken, und die Elbe war noch nicht zugeschttet,
kein Graben war ausgetrocknet, und keine Esche war umgeweht, Klu sa noch
struppig und vergngt in seinem Hummerkasten, und die Kaninchen musselten noch
in ihrem Stroh herum: das ganze bunte Reich auf dem Ne war noch so, wie es
vorher gewesen war, aber der mit der Eisenbahn von der Weser zurckgekommen war,
der war anders geworden, der ging wie ein Fremder den Deich entlang und stand
wie im Traum unter den Linden. Er fand sich nicht mehr in seinem kleinen
Herzogtum zurecht, weil er es nicht wollte.
    Zu viel hatte er von der See und von der Schifffahrt gekostet! Was galten
ihm noch die schmalen, seichten Grben, der die ungeheure, tiefe See gesehen
hatte! Was galten ihm noch Blankenese und das Alteland, der auf Helgoland und in
Bremen gewesen war! Was sollte er noch mit den Gren spielen, der einen ganzen
Sommer Seefischer gewesen war und einen groen Fischerewer allein gesteuert
hatte, was sollte er mit ihnen durch den Schlick waten oder am Bollwerk
spaddeln, der vom Steven hinabgesprungen war und mit seinem Vater in der See
geschwommen hatte!
    Wohl ftterte er sein Viehwerk wieder, er fischte in den Grben und streifte
in den Ptten umher, aber er tat es nur, um sich die Zeit zu vertreiben, und
nicht, weil es ihm Spa machte. Wenn er wenigstens seine Siebenmeilenstiefel
gehabt htte, die er an Bord zurckgelassen hatte, und seinen grnen, nordischen
Kahn, der noch unter den Luken stand!
    Wie in einem Gefngnis verbrachte er seine Tage, ging seiner Mutter weit aus
dem Wege und guckte viel nach dem Ewer aus, denn wenn er seinem Vater auch gram
war, so verlangte ihn doch schon wieder sehr nach ihm: das Leben ohne seinen
Vater war berhaupt kein Leben mehr fr ihn.
    Mit den andern Jungen konnte er sich nicht mehr stellen. Nach und nach
erzrnte er sich mit allen, da zuletzt kaum noch einer mit ihm sprach und
keiner mehr nach dem Ne kam, mit ihm loszugehen, denn er sprach wie ein Groer
mit ihnen, befahl noch mehr als frher, konnte keinen Widerspruch mehr
vertragen, namentlich nicht in Fischer- und Wetterdingen (dat mtt ik as
Fohrnsmann doch woll beter weeten as du Kiekinnewilt, hie es herrisch), - und
das lieen sie sich bald nicht mehr von ihm gefallen. So war er die meiste Zeit
allein.
    Gesa lie ihn in Ruhe. Wenn sie sich auch innerlich qulte, da er ihr
selten ein gutes Wort gnnte und einen Bogen um sie machte, so lie sie sich
uerlich doch nichts anmerken, sondern wartete geduldig, da die Zeit die groe
Wunde heile. Sie vertraute fest darauf, da der Junge die See verge: so wenig
kannte sie ihn.
    Nach zwlf Tagen schwenkte Strtebeker den Kieker vor Freude und rief ins
Haus: Vadder kummt up! Gesa lchelte und dachte: ei, Klaus Mewes, ist dir die
Elbe nun mit einem Mal nicht mehr zu abgelegen? Dann ging sie hinaus und fragte,
wo der Ewer sei. Strtebeker lie sie durch das Glas gucken, und wies ihr einen
dunkeln Punkt weit hinten, zwischen Hahnfer und Schweinesand. Sie konnte kaum
erkennen, da es ein Fischerewer war, aber er blieb dabei, es wre sein Vater,
er kenne ihn ganz genau an den Segeln; sie knne getrost Essen machen.
    Und Strtebeker behielt recht: es war sein Vater, der mit der Flut und dem
Westwind herankam und grer und grer wurde. Die braunen Lappen wuchsen, und
der grne Steven hob sich hher aus dem Wasser. Nun war auch die Nummer schon zu
lesen: H.F. 125.
    Strtebeker blieb am Bollwerk stehen und sah ihm unverwandt entgegen. Htte
er seinen Kahn schon gehabt, er wre wieder hinausgewriggt und htte das
Fahrzeug jubelnd umkreist.
    Da stand sein Vater am Ruder, und Seemann lief eifrig hin und her, sprang
ber Schoten und Blcke und tat, als ob er der wichtigste Mann an Bord wre. Da
stand Kap Horn im Steven hinter dem Spill, um auf den ersten Ruf des Schiffers
den Anker in die Tiefe donnern zu lassen, und Hein Mck hatte schon Hand an das
Fockfall gelegt.
    Hh, Vadder!
    So rief es ber das Wasser und rief wieder und wieder: Hh, Vadder! Hh,
Kap Horn! Hh, Hein Mck!
    Junge, da guckten die Fahrensleute rasch auf, und als sie den Jungen
zwischen den Wicheln erkannt hatten, da freuten sie sich ber die Maen und
winkten und riefen. Klaus Mewes hatte schon damit gerechnet, da der trotzige
Junge wegliefe, wenn er wieder nach Hause kme und siech nicht um ihn bekmmere,
- und er htte es ihm gar nicht einmal so sehr verdacht. Wie freute er sich nun,
da Strtebeker gesund und frhlich am Wasser stand und Ausguck hielt!
    Gohn den Draggen! Fock dol! scholl es dann ber Deck, und das Echo am
Bollwerk wiederholte laut und bermtig, denn das Herz war ihm warm geworden:
Gohn den Draggen! Fock dol! Da gewahrte auch Seemann seinen Kameraden, den er
auf See so manches Mal vergeblich gesucht hatte, wenn sein Herr fragte: neem is
Strtebeker, Seemann? - und er stellte sich mit den Vorderpfoten auf den
Schwertkopf und bellte grend, whrend die Kette durch die Klse rollte und der
Ewer schwoite.
    Rillend fiel die Fock, dann bargen sie den groen Klver, nahmen das
Toppsegel weg, warfen das Grosegel dal und fierten die Besan herunter. Die
Freude trieb die Fischer, aber dem Jungen dauerte es dennoch viel zu lange, er
konnte schon gar nicht mehr warten und ging ungeduldig zwischen den Bumen hin
und her. Endlich, endlich waren die Segel zusammengebunden, und das Boot konnte
ber Bord gesetzt werden. Es wurde aber auch Zeit, denn Strtebeker konnte sich
nicht entsinnen, da es jemals so lange gedauert htte! War Kap Horn schon zu
alt fr die Fahrt geworden, oder woran konnte es sonst liegen? Das ging ja
bannig sinnig!
    Mien Kohn ne vergeten, Vadder! rief er. Klaus Mewes hob die Hand zum
Zeichen, da er verstanden hatte, und es dauerte nicht lange, da wiegte der
kleine grne Kahn sich neben dem Boot auf der leichten Dnung, die vom
Fahrwasser herberwallte. Dann nahm Hein die getrockneten Scharben von der Leine
und warf sie in eine Kiepe, Kap Horn ffnete die Luken und stieg nach den
Eiskisten hinunter, um einige Fische fr den Deich einzupacken, Klaus Mewes aber
kam mit seinem Reisekorb und einigen Beuteln in der rechten Hand und
Strtebekers Seestiefeln in der linken aus der Kapp und stieg ins Boot.
    Endlich kamen sie an: Hein Mck wriggte, wie es ihm als Jungen zukam,
Seemann stand auf der vordersten Ducht als Lotse, Klaus Mewes und Kap Horn saen
im Mittel auf der Mastenducht, und der Kahn schleppte an der Kette nach.
    Es wurde aber auch hohe Zeit, denn Strtebeker hatte schon mehrmals seine
Hand ins Wasser gesteckt, und wenn es noch lnger gedauert htte, htte er sich
nackt ausgezogen und wre nach dem Ewer geschwommen.
    Seemann, Seemann, biet mi doch ne de Nees af, lachte er nun und wehrte dem
Hunde, dann griff er nach seinen groen Stiefeln und trug sie im Triumph den
Deich hinan, der Herold der langsam nachkommenden Seefischer. Seemann, der auch
etwas tragen wollte, hatte sich ein Stckchen Segeltuchws aus dem Boot
geschnffelt und schleppte sich damit ab.
    Da war groe Freude auf dem Ne: erst tranken sie kstlichen Kaffee in der
Kche, und die gelben Birnen und rotbackigen pfel, die sich leicht im Winde
wiegten, lachten sie von drauen an. Und kstlich war die Fragerei von
Strtebeker nach dem Wetter und nach dem Fang: er hrte nicht eher auf, bis er
die ganze Reise von Streek zu Streek wie ein buntes Bilderbuch vor sich
ausgebreitet sah.
    Gesa wunderte sich auch sehr ber seine groe Munterkeit, und sie sah Klaus
mehrmals bedeutsam an; er wute aber nicht, was sie damit sagen wollte.
    Nach dem Kaffee hngte Strtebeker mit Hein Mck die Scharben auf, dann
versorgte er die Nachbarschaft mit Schollen vom letzten Hol und half die Fische
zumachen, die sie selbst braten wollten, denn er konnte schon Flossen und
Steerte abschneiden. Alle seine Unlust war verweht und verflogen: er lebte und
lachte wieder. Er schipperte mit seinem Vater, in dessen Augen auch ein Leuchten
stand, an Bord und ging wieder auf seinem groen, schnen Ewer umher, er pumpte
und schrubbte, er bewegte das Ruder, als wenn er steuerte, er drehte die Winsch,
um sich an das Einziehen der Kurre erinnern zu lassen, er kletterte in die
Wanten, als wenn er den dicken Neuwerker Feuerturm an der Kimmung suchen wollte,
er blickte nach dem Kompa und nach allem.
    Den Abends sa er oben im Wipfel des Lindenbaumes der Tr und piepte wie ein
Sperling, whrend sein Vater und seine Mutter, Kap Horn und der Jger in der
Dmmerung auf der Bank saen, nach den Lichtern auf der Elbe guckten und in
geruhigem Gesprch verweilten. Als der Spatz aber gar nicht ins Nest wollte,
ergriff Klaus Mewes ihn zuletzt an den nackten Beinen, zog ihn herunter und
steckte ihn in die Kapuze.

                                     * * *

    In der Nacht um zwei lief der Wecker ab. Klaus Mewes und Strtebeker standen
auf und zogen sich an, dann gingen sie im Dunkel den Deich entlang nach der
Nekule, in der der Kahn lag. Es war nebelig und nakalt. Die Bume tropften,
und in den Pappeln sa ein Flstern, wie die Seen es an sich haben, wenn sie um
den Steven glucken. Auf den Feldern braute der Fuchs.
    Strtebeker trug ein dickes, wollenes Halstuch und hatte seine groen
Stiefel an. Sie kletterten schweigend in das Fahrzeug und stieen vom Lande ab.
Der Junge wriggte. Neben ihnen rauschte das Reet und in der Schleuse murmelte
das Wasser. Auf der Wisch lagen die schwarzen Khe regungslos im Gras und
erwarteten den Morgen. Eine wilde Ente flog auf und verschwand surrend.
    Als sie die Elbe erreicht hatten, wurde es noch klter. Der fliegende Nebel
wischte seine feuchten Hnde an ihnen ab und lie sie erschauern. Klaus Mewes
sa in Gedanken auf der Ducht und hrte auf das Knarren des Riemens, als wenn es
etwas zu bedeuten htte. Eine Jolle, die kein Licht brennen hatte, ging mit
ihrem hohen, dunkeln Segel wie ein Gespenst vorbei, dann stieg der Ewer gro und
schwarz vor ihnen auf, da Klaus Mewes erbebte, denn er meinte, ein fremdes
Schiff vor sich zu haben.
    Sie kletterten an Bord und weckten die Leute, die in den Kojen schliefen.
Die Laterne wurde angesteckt; dann suchten sie Krbe und Hummerkasten her und
packten die Fische aus dem Eis. Das Boot wurde klargemacht, der Mast aufgesetzt
und das Segel gehit, sie verstauten die Krbe und Kasten zwischen den Duchten,
dann versank der Ewer wieder in Nacht und Schweigen. Klaus Mewes und sein Junge
aber segelten mit dem Boot nach dem Fahrwasser hinaus. Es war mittlerweile Flut
geworden, so da sie trotz des schwachen Windes gute Fahrt machen konnten. Sie
saen beide auf der Achterducht, und jeder hatte eine Hand auf dem Helmholz des
Ruders liegen. Groe, hohe, leere Kohlendampfer, die von oben kamen, mahlten an
ihnen vorbei und zwangen das Boot, sich tief hinter ihnen zu verneigen. Die
Schrauben hauten halb aus dem Wasser und wirbelten den Schaum hoch auf. Vor und
hinter ihnen segelten viele Jalken und Jollen, Boote und Ewer, aber obgleich
Klaus Mewes manches Fahrzeug erkannte, rief er doch keins an, denn ihm war zum
Schweigen zumute.
    Machte es der Herbst, der sich ankndigte, dachte er der Strme, die ihm
bevorstanden, oder kam es von dem Jungen her, der neben ihm sa? Er konnte es
nicht deuten.
    Als der Morgen graute, kamen sie zu St. Pauli an und legten Temp, setzten
ihre Fische in die Halle und warteten den Beginn der Versteigerung ab. Um sechs
schallte die Glocke laut durch das Gewlbe und rief die Fischhndler, die Hker
und die Weiber zusammen, der Auktionator erhob seine Stimme, und ein
Hammerschlag folgte dem andern, denn bei den Fischen gibt es kein langes
Besinnen. Der groe und der kleine Klaus standen vor ihren Kavelingen und
warteten, bis die Reihe an sie kam und Gustav Platzmann ihre Fische verklopfte,
die groen Zungen, die Mittelzungen, die kleinen, die Kleie und Steinbutte, die
Schollen und Rochen, die Petermnnchen und Knurrhhne. Strtebeker mute sich
bannig wundern, denn als er dachte, nun ginge der Handel los, da war schon alles
verkauft, und die Hndler standen bereits auf andern Kisten, aber auch Klaus
Mewes machte sich seine Gedanken darber, da alles so schnell gegangen war. Was
er in langen, mhseligen Streeken, an strmischen Tagen und in dunkeln Nchten
dem Meere abgewonnen hatte, was er Fisch fr Fisch in der Hand gehabt und
sorgsam auf Eis gebettet hatte, das wurde hier in einer Minute mit drei
Hammerschlgen abgetan. Nu goh man hin un hol man frische Fisch, Klaus Mewes -
und damit basta.
    Die Abrechnung konnte er erst spter bekommen, - sie hatten deshalb noch
viel Zeit. Als sie die Fische der andern Ewer und Kutter gesehen hatten, guckten
sie nach Altona hinber und schauten den Elbjollen in die Bnnen, dann kehrten
sie bei Eierkohrs an der Ecke der Schellfischallee ein und tranken Kaffee. Und
weil es schien, als wenn die Weiser der Uhr festgebunden wren, stiefelten sie
sogar noch nach der Reeperbahn hinauf. Aber da war noch alles tot, der Kasper
schlief noch: sie guckten denn auch nur eben bei Umlauff und Hagenbeck und beim
Panoptikum in die Fenster und gingen dann zurck nach dem Fischmarkt.
    Non, Klaus, schall de Jung nu wedder mit no See? fragte Jan Tiemann, der
Elbfischer.
    Ne, Jan, he is blo mol mit to Markt, sagte Klaus Mewes.
    J, j, Klaus, dat magst du woll seggen. Is ok all to winnig buten, is to
ruselig, Klaus! Is keen Gelegenheit mihr fr son ltte Geuten, Klaus!
    Klaus Mewes nickte halb, Strtebeker aber sah den Elbfischer feindselig an
und dachte: Wat wee du Buttpedder dorvan af?
    Als sie spter mit der Ebbe hinunterkreuzten, inmitten der vielen
Dreuchewer, die unter Segel waren, war Klaus Mewes seiner Gedanken ledig und
blickte wieder frhlich ber die Elbe. Und Strtebeker sah ihn von der Seite an
und wollte fragen, was er schon gestern am Bollwerk fragen wollte, und was ihm
seitdem schwer auf dem Herzen lag: ob er wieder mit an Bord solle, wieder mit
nach See. Sie hatten eine schne Reise gemacht, das hatte er in der Halle wohl
gehrt: konnte es da nicht sein, da sein Vater ja sagte? Aber so viele Male er
auch ansetzte, er brachte die Worte doch nicht heraus: im letzten Augenblick
stotterte er und fragte nach einem nahen Schiff oder nach etwas anderm. Klaus
Mewes fhlte wohl die Not seines Jungen, aber er tat, als sei er ganz
unbefangen.
    So segelten sie die Elbe hinunter.
    Nach dem Essen legte der Schiffer die Abrechnung von St. Pauli auf den
Tisch, da sie jeder sehen konnte, und der Knecht bekam dreizehn Prozent, der
Junge neun Prozent des Erlses. Klaus Mewes, der gute Leute hatte und ein
glcklicher Seefischer war, konnte ein Prozent mehr geben als die andern
Fischer, und er tat es gern.

                                     * * *

    Wenn ich ein Fischer wre, liee ich meine Segel nicht von Thees to Baben
machen. Ich ginge zu Jakob von Clln am stlichen Norderelbdeich oder zu Kai
Krger auf der Mggenburg, aber zu Thees to Baben ginge ich nicht. Tief im
Mittelalter mit seinen Hexen und Teufeln sitzt der Mann noch, der kleine, krumme
Segelmacher. Wie bernatrlich lodert es in seinen dunkeln Augen, wie zuckt es
um seinen Mund, wenn er spricht, wie wirr ist sein Haar! berall sieht er es
spuken, allerwrts wittert er Unglck, und ewig hat er es mit den Hexen zu tun.
wie unheimlich ist sein Tun, wenn er Segel nht: erst legt er die Karten, um den
rechten Tag und die rechte Stunde fr die Arbeit herauszuklamstern, und dann
rutscht er wie ein Magier auf dem Segeltuch umher, murmelt unverstndlich vor
sich hin, spricht mit den Reffbndern wie mit Menschen und streicht sonderbar
ber die Lieken, um die Hexen zu bannen. Er wei, welche Segel zerreien und
welche Fahrensleute bleiben: alle Schiffsuntergnge der letzten vierzig Jahre
hat er im Kopf. Mir graut vor ihm.

                                     * * *

    Jan Hinnik und Jan Harm, die beiden redseligen Wattenfischer, saen auf dem
Segelboden und erzhlten sich etwas mit ihm. Thees to Baben hockte auf einem
neuen Grosegel, wie der Schah von Persien auf seinem Teppich, und verklarte
ihnen sein Steckenpferd, das Leben von Doktor Faust, der sich dem Teufel
verschrieben hatte und dafr alles bekommen, was er haben wollte: Gold und
Silber und Edelsteine, schne Mdchen und das Feinste zu essen und zu trinken.
    Da kam Klaus Mewes mit seinem Jungen lachend ber die Deichbrcke zur Tr
herein, bot den Fahrensleuten die Tageszeit und fragte den Segelmacher, was er
fr den neuen Klver zu bezahlen htte.
    Thees lchelte eigentmlich und sagte: Du kummst ok jmmer, wenn ik di ne
bruken kann, Klaus Mees. Ik wr hier so scheun mit Doktor Faust inne Gangen, un
nu frogst du, wat de Klber lppt, un ik mtt upstohn un an to reken fangen!
    Dorm kannst du doch wieter vertillen, Thees, lachte Klaus.
    Ne, ne, di vertill ik nix, antwortete der Segelmacher, der aufgestanden
war und sein Buch suchte. di vertill ik nix, du lachst jo doch blo ober sowat;
du meenst, dat gift blo dat, wat du vr Ogen shst: aber ich sage dir: irre
dich nicht, Klaus Mewes! Schall ik di mol de Korten leggen?
    Ne, lot man, Thees, wehrte der Seefischer heiter ab, ik gluf ne an
Hexen.
    Wat he guchelt, de grote Klaus Mees! wandte der Alte sich an die beiden
Wattenlufer, wat he glst, as wenn he ne blieben kunn!
    Man keen Bangen, rief Klaus sicher, ik bliew ok ne! Und Strtebeker, der
auch einmal zu Wort kommen wollte, setzte nachdrcklich hinzu: Vadder kann ne
blieben, he kummt jmmer wedder!
    Do ik ok, mien Jung!
    Der Segelmacher aber blickte ihn ber seine Brille hinweg an und sagte mit
vernderter Stimme: Dat hett dien Vadder ok seggt, Klaus Mees! De kunn ok ne
blieben! Thees, s he tro to mi: van tein bliwt jmmer blo een: ik hr ober to
de negen, de glcklich fohrt. J, und de See is em doch ober worden, is em doch
ober worden, Klaus Mees, und de See, dat gluf man, is noch jmmer hungerig no
Ebers un Kutters!
    Dat vertill man ole Wieber, de keen Thnen mihr hebbt, erwiderte Klaus
Mewes unerschttert, wi knnt noch fix bieten un lot uns ne oberdbeln! Wat ist
mit den Klber? Kannst dien eegen Schrift ne lesen?
    Der Segelmacher schttkopfte und strich sich mit der Hand ber die Augen,
dann begann er wieder in seinem Hauptbuch zu suchen und zu blttern, aber er kam
wieder zu keinem Ergebnis und sagte zuletzt, er sei wieder behext, die Hexen
stnden hinter ihm und hielten ihm die Augen zu, damit er das Konto nicht finden
solle. Betohl anner Reis, Klaus Mees, dat lppt jo ne weg!
    Och wat, kiek man mol eulich to, Thees, mahnte der Fischer, ik kann ne
jeden Dag langsen Diek slarpen m dienenhalben.
    Unglubig wie Thomas und ungeduldig wie Maleachi, sagte Thees und
vertiefte sich von neuem in seine doppelte Buchfhrung. Das dauerte Klaus zu
lange, er trat nher und sah ihm ber die Schulter. Pltzlich rief er: Hier
steiht dat jo doch, Thees, kiek hier: Klaus Mewes, ein Klfer 98 Mark.
    Der Segelmacher erschrak und starrte die drei Reihen an. Dann sagte er wie
in Gedanken: Dat is jo all drstreeken, Klaus: keen hett dat denn dohn?
    Dat hest du woll slben mol innen vullen Galopp dohn?, lachte Klaus,
betohlt hebb ik gewi noch ne. Und er zhlte das Geld auf. Shso, Thees, till
no, wat dat ok stimmt!
    Der Segelmacher schob es aber von sich und sagte, er knne es nicht nehmen,
das Geld gehre ihm nicht.
    Kumm, Strtebeker!
    Klaus Mewes hatte das Lavieren des Alten satt, er wollte auch noch nach
Peter Fick. hin: deshalb verabschiedete er sich kurz und trat aus der Segel- und
Teerluft des Bodens in den frischen Westwind hinaus.
    Dat is jo een bannigen Quarkbdel, Vadder, sagte Strtebeker, als sie
drauen waren. Klaus Mewes gab nicht gleich Antwort, denn es ging ihm doch etwas
durch den Sinn, dann aber sagte er: Jo, de hett allerhand Grabben.
    Sie gingen westwrts. Mit einem Male griff Strtebeker nach seines Vaters
Hand, was er sonst nur selten tat.
    Vadder ...
    Non?
    Och, - nix ... Du bliwst doch gewi ne, Vadder?
    Ne, mien Jung, ik bliew ne! rief Klaus Mewes und suchte seinen Ewer auf
dem Wasser.

                                     * * *

    Thees to Baben, der griese Segelmacher, sah ihm nach, und nachher, als die
Gste ihn verlassen hatten, um Abendbrot zu essen, nahm er sein Buch nochmals
vor und besah forschend die Striche, die ber Klaus Mewes und seinen Klver
gingen. Er konnte nicht begreifen, wie sie dahin gekommen waren, denn er strich
die Reihen nur dann durch, wenn der Fischermann bezahlt hatte, oder - wenn er
geblieben war.
    Kopfschttelnd klappte er zuletzt das Buch wieder zu und steckte das Geld,
das immer noch auf der Fensterbank lag, unter scheuen Seitenblicken ein.

                                     * * *

    Klaus Mewes konnte jetzt sehr gut die Elbe finden: nach zwei Wochen lag er
wieder vor dem Ne. Strme hatten ihn einige Tage hinter List festgehalten, und
er hatte nur wenig gefangen, aber Strtebeker freute sich, ging wieder mit nach
Hamburg hinauf und half an Bord, wo er nur konnte. Sie gingen diesmal mit dem
Ewer zu Markt, weil es stark wehte. Die deutsche Flagge war gnzlich zerrissen:
Klaus kaufte deshalb auf dem Pinnasberg eine neue und setzte sie in den Knopf.
Als sie gegen Mittag die Elbe hinunterkreuzten, hatten sie zu pulen, denn der
Wind war aufgefrischt, und die Elbe ging in Hemdsmauen.
    Bei Teufelsbrcke, dwars vom Beek, gerieten sie in eine gewaltige Hagelflage
hinein, die sich mit wildem Ungestm auf die Segel warf. Aber der Ewer, von dem
besten Fischermann gesteuert, wehrte sich wie ein Stier und wies dem Wind die
Hrner.
    Pltzlich rief Kap Horn: U, kiek, und sprang nach vorn. Da trieb eine
Fischerjolle kieloben. Klaus Mewes setzte hastig das Ruder fest und strzte auch
nach dem Steven. Dor drift een! schrie Kap Horn und wies leewrts. Denn fot
man gau de Boot mit an, schrillte Klaus, Hein, inne Wind den Eber!
    So schnell es ging, warfen sie das Boot vom Deck, die Riemen nach und
sprangen ber den Setzbord. Hilpt uns, hilpt uns! rief es todesngstlich an
Backbord, aber der Hagel lie wenig Sicht zu: sie konnten niemanden erblicken.
Liek vrut mtt dat wesen, rief Klaus, roon wat du kannst, Kap Horn! Der
Sdwester war ihm in den Nacken geweht, und die scharfen Krner flogen ihm in
das Gesicht, aber er lie den Riemen nicht los. Holt jo, wi kommt! Wi kommt!
grhlte er, so laut er konnte.
    Hilpt uns!
    Dor drift een! Roon an, roon an, he buddelt weg!
    Klaus ri den Riemen ein und sprang ber die Duchten nach dem Steven, er
beugte sich blitzschnell ber den Dollbaum und ergriff den Ertrinkenden bei den
Haaren. Und als er ihn hatte, lie er ihn nicht mehr los. Kap Horn stand neben
ihm, und sie zogen den gnzlich ermatteten Fischer in das Boot. Hans Danker war
es, der Lttfischer.
    Neem is Trino? fragte Klaus dringend und sphte umher, denn er hatte die
Frau in Altona an Bord stehen sehen. Kiek mol to, Kap Horn, wat se dor drift!
    Hans Danker aber chzte dumpf: De is wegsackt! Harrn ji mi ok doch
verdrinken loten! So, un dien Kinner? fragte Klaus, er blieb aber noch eine
ganze Zeit auf der Stelle; sie ruderten hin und her und riefen und suchten, um
die Frau zu finden.
    Hein Mck zeigte sich als ein umsichtiger Fahrensmann: als die beiden
abstieen, warf er sofort Anker, lie die Fock fallen und machte das Ruder los,
so da der Ewer mit den klappernden, groen Segeln keinen Schaden nehmen konnte
und die Flage gut berstand. Strtebeker stand an den Wanten und starrte nach
dem Boot. Als es sichtiger wurde, kamen von allen Seiten Jollen und Ewer heran,
auch vom Deich segelten Boote herbei. Da berlie Klaus Mewes denen das Suchen,
nahm den gnzlich gebrochenen Fischer an Bord, richtete die gekenterte Jolle mit
der Talje auf und schleppte sie durch Gerd Eitzens Loch nach dem Bollwerk.
    Von ihm und Kap Horn gesttzt, wankte der Fischermann seinem Hause zu. Der
Deich war schwarz von Menschen, und viele Frauen weinten.
    Die vier Kinder kamen ihnen entgegen. Das lteste Mdchen fing laut an zu
weinen, als es seinen Vater so ankommen sah, und jammerte: Vadder, Vadder, neem
hest du uns Mudder loten? Da sthnte Hans Danker furchtbar auf und wollte sich
losreien, um wieder zu Wasser zu gehen, aber Klaus Mewes und Kap Horn hielten
ihn fest, redeten ihm freundlich zu und brachten ihn mit vieler Mhe ins Haus
hinein, wo sie ihn der Obhut der Nachbarn anvertrauten.
    Strtebeker stand auf dem Deich und sah alles mit an.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der andere Tag war ein Sonntag, ein trber, grauer Tag, an dem die Sonne
nicht durchkommen konnte. Der Wind war still geworden.
    Da tat sich alles zusammen, was von Fischern zu Hause war. Sie holten die
Totenangeln vom Strandvogt, machten die Leinen klar und segelten mit den Booten
nach dem Fahrwasser hinaus, um die ertrunkene Frau zu fischen. Die ganze Tide
trieben sie zwischen Teufelsbrcke und Godefroo auf und ab.
    Klaus Mewes, Kap Horn und Strtebeker waren auch mit ihrem Boot dabei. Sie
sprachen aber wenig.
    Als es Flut geworden war und das Fahrwasser sich mit Schiffen fllte,
schlichen alle Boote mit mden Segeln nach dem Deich zurck. Sie hatten die Tote
nicht gefunden. Die Elbe hielt sie fest.

                                     * * *

    Drei Tage spter lief der Wind raum, das heit auf Finkenwrder: nrdlich.
Da zog Klaus Mewes getrost seine Segel auf und hievte den Anker, um zu fahren.
Lustig flatterte die Flagge ber der Besansgaffel, und ber dem Toppsegel drehte
sich der Flgel wie ein bunter Vogel.
    Gesa stand unter den Linden und winkte mit der Hand.
    Strtebeker lag noch mit seinem Kahn lngsseits des Ewers, als wenn er der
Lotse wre, der das Schiff aus dem Hafen zu bringen htte. Als Hein seinen Tamp
loswerfen wollte, machte er Lrm und hielt darum an, da sie ihn ein Stck
schleppten. Sein Vater bewilligte es. Sie warfen ihm ein lngeres Tau zu, das er
im Stevenring befestigen mute, und zogen dann mit ihm los.
    So geiht he god, Vadder, rief er vergngt, als der Ewer recht an den Wind
kam und gute Fahrt machte, und freute sich ber den Schaum vor seinem Bug und
ber die groen Segel, die ihn beschatteten.
    Bidewind war der Laertes ein besonders schnelles Schiff. Er zog mchtig
davon und hatte den Ne bald hinter sich. Strtebeker sollte abschwenken und
umkehren, er wollte aber noch nicht, und weil das Wetter gut war, tat sein Vater
ihm den Gefallen und nahm ihn noch weiter mit.
    Junge, was fr eine Fahrt! Der Kahn lag mit dem Achterdollbaum fast mit dem
Wasser gleich, und Strtebeker mute aufmerksam mit dem Riemen steuern, damit er
sich trocken hielt.
    Im Buxtehuder Loch aber ging die Herrlichkeit zu Ende: er mute das Tau
losmachen und zurckbleiben.
    Die Fahrensleute standen auf dem Achterdeck und winkten.
    Adjst, Strtebeker!
    Jst, Vadder, kumm man bald mit een grote Reis wedder! ... Adjst,
Strtebeker! ... Jst, Kap Horn, lot di de Tied man ne lang duern! ...
Adjst, Klaus Strtebeker! ... Jst, Hein Kltenbacker, pett di man keenen
Nudelkassen innen Foot! ... Wauwauwauwau! ... Jst, Seemann, fall man ne
ober Burd!
    Dann rannte ihm der Ewer davon.
    Er blieb auf der Ducht sitzen und sah ihm nach. Wenn sie winkten, schwenkte
er seine grne Wollmtze. Erst als die braunen Segel bei Schulau um die Huk
waren, griff er zu den Riemen und guckte sich nach Finkenwrder um.
    Warum hatten sie ihn nicht mit nach See genommen?

                              Fnfzehnter Stremel.


 Sinne, ffnet eure Tore!
                                                                          Grabbe

Die quinoktien!
    Herbsttagundnachtgleiche!
    Die bsen Tage sind angebrochen: Land und See stehen in groer Angst.
Ringsum lauern die grauen Strme, die die Natur brechen und die Sonnenkraft
totmachen sollen: wie Schwerter an Zwirnsfden hngen sie an den Wolken: jeden
Tag und jede Stunde knnen sie fallen.
    Wie im Bann liegt der Deich an stillen Tagen, wie im Krampf bebt er bei
unruhigem Wetter. In vielen Husern liegt die Bibel jeden Abend aufgeschlagen
auf dem Tisch. Mehr als sonst noch achten die Frauen auf Wind und Wetter, und
die Finkenwrder Nachrichten mit der Cuxhavener Meldung ber die hinter der
Alten Liebe liegenden Ewer und Kutter reit eine der andern aus den Hnden.
Jeder Ankmmling aber wird befragt: Wee nix von Jan af oder hest Hinnik ne
sehn, oder hett Paul ne bi jo fischt? Wie beben sie, wenn abends eine schwere
Wolkenwand seewrts auf der Elbe steht, oder wenn die Winde im Schornstein
sausen!
    In dieser Zeit werden keine Hochzeiten gefeiert. Es ist eine stille, bange
Zeit.
    Glcklich preist sich die Frau, deren Mann seinen Ewer anbinden und auflegen
kann: das knnen und wollen aber nur wenige, denn die Zeiten sind schon nicht
mehr danach, da man mit dem Sommerfang auskme: es mu auch winters gefischt
und verdient werden.
    Ein furchtbarer Ernst umkrallt die Segel, die den Strmen entgegenfahren.

                                     * * *

    Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank, hundertfnzig Seemeilen hinter
Helgoland auf der Hhe von Hornsriff. Mit der abnehmenden Sonnenwrme haben die
Fische die seichten Ksten verlassen und sind nach der Mitte der Nordsee, in die
Tiefe geschwommen, wo das Wasser wrmer und der Grund stiller ist. Wer noch
einen guten Streek tun will, der mu Helgoland und Neuwerk weit hinter sich
lassen und sich schutzlos der weiten See anvertrauen. Die Schollen mssen aus
den Strmen herausgeholt werden.
    Es sind nur die grten Kutter und die strksten Ewer, die diesen Winterfang
betreiben knnen: die andern liegen scharenweise zu Cuxhaven und warten auf den
Hering.
    Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank.
    Sein Ewer ist gut, seine Segel sind stark, seine Leute sind erprobt, und fr
sich selbst kann er auch einstehen: so kurrt er getrost zwischen den Englndern
und Hollndern und lt seine deutsche Flagge im Winde wehen. Es verschlgt ihm
nichts, wenn die See einmal so grob wird, da er reffen mu, oder wenn der Wind
es so gut meint, da er das Netz einhieven und treiben lassen mu: gefischt wird
doch wieder, und wer die Wache hat, der singt in jeden Wind hinein, denn die
Frhlichkeit von Klaus Mewes erfllt das ganze Schiff. Nichts fehlt ihnen als
der kleine Klaus Strtebeker, von dem sie noch jeden Tag sprechen.
    Im Sden segeln zwei schwere Finkenwrder Austernkutter, als wenn sie binnen
wollen: aber Klaus Mewes meint, sie tun es, weil sie die Reise haben, guckt
Heben und Wetterglas an und fischt weiter. Gegen Abend kreuzt nur noch ein
hollndischer Logger bei ihm, aber er ist noch ohne Mitrauen und geht geruhig
zu Koje.
    In der Nacht ruft Kap Horn, der die Wache hat, zum Reffen. Sie verkleinern
die Segel durch teilweises Zusammenrollen und Festbinden, denn es ist stur
geworden, dann geht Klaus Mewes aber noch wieder zu Bett, um noch einen Stremel
zu schlafen, und Hein Mck tut dasselbe, denn das Wetterglas ist schon fters
gefallen, und auf Kap Horn, den Altbefahrenen, knnen sie sich verlassen wie auf
den Deich bei springender Tide.
    Nach einer Stunde ruft der Knecht abermals. Es ist zu stur geworden, und er
mu befrchten, da der jagende Ewer die Kurrleine abreie. Klaus Mewes guckt in
den Wind und ist damit einverstanden, da sie einziehen. In schwerer Arbeit
bergen sie die Kurre und die gefangenen Fische, dann schickt er die Leute zu
Koje und bernimmt selbst die Wache. Im Sturm gehrt das Ruder ihm, dem
Schiffer!

                                     * * *

    Bis gegen Morgen hielt er den Ewer allein, immer scharf am Winde, so da die
Segel eben zwischen Klappern und Vollfallen standen, und hatte keine Havarei, so
viel Wasser er auch berbekam, und so stark der Ewer auch stampfte und
schlingerte. Der Wind war Nordwest zum Westen und wehte etwa in Strke 8 nach
dem alten, englischen Admiral Beaufort.
    Da mit einem Male legte er sich gnzlich, - ganz still wurde die Luft. Mit
schlaffen, schlagenden Segeln, furchtbar knarrenden Gaffeln und donnernden
Schoten dmpelte der Ewer in der hohen Dnung.
    Klaus Mewes rief seine Leute, denn er traute dieser Stille nicht. Sie
machten sich klar zum Sturm, der kommen mute, denn das Wetterglas fiel rasend.
Kurrbaum und Kurre wurden unter Deck verstaut, das Boot wurde ausgepackt und mit
doppelten Ketten umwunden, damit es nicht ber Bord gehe, das Bugspriet wurde
eingezogen und Plichten und Luken wurden geschalkt. Auch sich selbst machten die
Seefischer sturmbereit, dann steckten sie das zweite Reff in die Segel, - und
dann kam der Sturm wieder, diesmal aber von der andern Seite und furchtbarer an
Gewalt. Es trommelte und pfiff im Sdwesten, als wenn ein Heer in der Schlacht
zum Strmen lrmte, der weie Geifer flo aus dem Maul des Untieres, das
brllend auf sie zukam und sich wtend auf sie warf, da die Masten sich bogen
und Hein Mck laut aufschrie. Einen Augenblick schien es, als wenn der Ewer dem
ersten grlichen Anprall nicht standhielte, als wenn er umkippte aber es schien
nur so, denn Klaus Mewes war auf der Hut und ri ihn auf. Wie brauste es in den
Lften, wie erhob sich die See, wie tanzte der Ewer! Wenn er mit dem Kopf
tauchte, stand er mit dem Achtersteven so hoch, da es aussah, als berschlge
er sich, und erhob er den Bug hoch aus der See, so zeigte er das
trnenberstrmte Gesicht eines Riesen: das Wasser rann ihm aus den Klsenaugen
und ber die Backen. Wenn nur die Masten nicht ber Bord gingen, wenn nur die
Luken nicht zerschlagen wurden!
    Sdweststurm -
    Noch vor Mittag muten sie das dritte und letzte Reff einstecken, denn der
Ewer konnte die Segel nicht mehr tragen. Sie standen nun allemann an Deck, mit
Tauen festgebunden: Klaus Mewes unverzagt am Ruder, das er nicht los lie. Als
die Seen immer naseweiser wurden, scherte Kap Horn einige starke Taue kreuz und
quer ber Deck, von Wanten zu Wanten und von der Winsch nach der Besan, damit
sie berall einen Halt fnden, wenn sie stolpern sollten.
    Die Flagge war in Fetzen zerrissen. Klaus Mewes sah es wohl, aber er
trstete sich, da es in Hamburg ja noch mehr Flaggen zu kaufen gbe, und lie
sich nicht unruhig machen, so wenig wie Seemann, der unbekmmert im Nachthaus
ruhte. Er hatte schon andre Strme erlebt und berstanden.
    Der Wind wurde aber immer wilder und ochsiger, die schlimmen Regenflagen
jagten einander, und die See kochte immer furchtbarer. Der Ewer wollte es auch
mit dem gerefften Grosegel nicht mehr tun: sie muten es wegnehmen und dafr
das Sturmsegel setzen. Als die Sturzseen ber den Ewer brachen und alles zu
Wasser machten, wurde Hein in die Koje geschickt, damit er nicht ber Bord
sple, und Klaus Mewes blieb mit Kap Horn allein an Deck. Noch war keine Angst
in sein Herz gekommen, so toll es es auch im Wirbel ging, noch stand er fest, so
glatt auch das Deck war, und so schwer auch die Wogen ber den Setzbord
schlugen! Noch immer lachte er des Sturmes und wnschte seinen Jungen herbei,
damit er ihm zeigen knne, was Klsen heie. Auch als die Fock knallend aus den
Lieken flog, verzog er nicht das Gesicht, denn er hatte noch eine Fock. Ohne
sich zu besinnen, sprang er die Treppe hinunter, ri das Segel aus der
Dielenkoje und holte es mit zwei Reffen auf. So ging es wieder einige Stunden
gut, bis es Abend wurde und die Nacht jhlings hereinbrach, eine sternenlose,
sargdunkle Nacht. Da ritt der Sturm mit elf bis zwlf Windstrken sein
schweibedecktes, mit weitgeffneten Nstern und fliegender Mhne
einherbrausendes Ro, die Nordsee, und selbst die Sturmsegel, die winzigen
Lappen, wollten nicht mehr halten. Wenn sie nicht alles Tuch in die Winde
fliegen sehen wollten, muten die Segel gnzlich weggenommen werden.
    Da wendeten sie das letzte Mittel an, das ihnen noch blieb, sie machten die
Sturmanker zurecht. Backbords schkelten sie einen unklaren Anker auf dreiig
Faden Kette und steckten sie an siebzig Faden Kurrleine, steuerbords taten sie
zwei von den eisernen Kurrenkugeln auf fnfzig Faden Kette. Dieses Notgewicht
sollte den Ewer mit dem Kopf am Winde halten und verhten, da er schlge und
von den Seen kopfheister geworfen wrde. Es ging auch alles klar: der Ewer lag
gut am Winde. Dicht war er auch noch, wie die Peilung der Pumpen ergab.
    So jagte der Sturm sie die ganze Nacht; er wirbelte den Ewer vor sich her
wie der Jger das Wild, das er lahmgeschossen hat. Die ganze Nacht trieben sie
auf der wilden, hungrigen See, durchnt und ermattet, aber in eiserner
Wachsamkeit. Sie waren allein auf der Doggerbank, nirgends war ein Schiff zu
sichten, und sie sahen kein anderes Licht als die Strahlen des Elmsfeuers, das
in Bscheln auf den Toppen der Masten und an den Blcken der Gaffeln geisterhaft
glomm, bis eine Hagelflage es verlschte.
    Gegen Morgen, als sie etwas gegessen hatten und der Junge wieder mit an Deck
stand, weil es schien, als flaute der Sturm ab, bekam der Ewer eine schwere
Sturzsee ber, die wie ein Felsen gegen den Steven schlug und verheerend ber
das Deck brandete und schumte. Die Fischer fhlten sich emporgehoben und
verloren den Grund unter den Fen, sie muten schwimmen und splten hin und
her, da sie glaubten, der Ewer sei schon in die Tiefe gedrckt. Es war nichts
mehr zu machen!
    Klaus Mewes hatte sich gerade wieder aufgerichtet, - da schrie er gellend
auf, denn eine schwere, kreiende, ungeheure See hing wie ein Berg, wie ein
Eisberg steil ber ihm und senkte sich ehern. Holt jo fast, holt jo fast! rief
er schrill, aber der Lrm des Wassers und des Windes drngte ihm die Worte in
den Mund zurck und erstickte sie. Dann schleuderte die See ihn wie Germpel zur
Seite und warf ihn gegen das Nachthaus, da ihm Hren und Sehen vergehen wollte.
    Als der Ewer die Sturzsee berstanden hatte und sich wieder mit den kleinen
Dwarslufern abri, hing Kap Horn mit zerrissenem lzeug und blutendem Gesicht
in Lee an den Wanten, von Hein Mck war aber nichts mehr zu sehen, und mit ihm
war auch das Boot vom Deck verschwunden: zerrissen lagen die Ketten auf den
Luken. Sie suchten die See mit den Augen ab und warfen den Rettungsring ber
Bord, aber obgleich es schon einigermaen hell geworden war, konnten sie doch
weder Hein Mck noch das Boot entdecken. Nur wilde, graue See war ringsum: der
Junge war weg ...
    Dat duert blo een Ogenblick, denn ist ut, sagte Kap Horn trstend, der
nach achtern gekommen war und sich bei seinem Schiffer hingestellt hatte.
    Klaus Mewes gab keine Antwort, er blickte immer noch ber die See und suchte
seinen Speisemeister. Was sollte er sagen, wenn die Mutter angeweint kam und ihn
fragte, wo er ihren Jungen gelassen htte?

                                     * * *

    Goh man dol, Kap Horn, hier up Deck ist nix mihr, rief Klaus, aber Kap
Horn schttelte den Kopf und blieb bei ihm. Wenn es zum Sterben gehen sollte, -
und es sah ja so aus, wollte er nicht in der verschlossenen Kajte ersticken,
sondern frei in der See ertrinken: bis es aber so weit war, wollte er bei seinem
Schiffer ausharren.
    Klaus Mewes gab noch nichts verloren, wenn er auch nicht mehr lachte,
sondern ein ernstes Gesicht machte. Wie ein Wiking trotzte er der See, wie ein
Lwe verteidigte er seinen Posten am Ruder, wie ein Hagen hielt er aus. Er
verband seinem Knecht die blutende Stirn und streichelte Seemann das nasse Fell,
er sah von Zeit zu Zeit die Pumpen nach und tat alles, was sich noch tun lie
bei solcher Gelegenheit. Er dachte an Hein Mck und dessen arme Mutter, an
Strtebeker und an Gesa, aber an Bleiben dachte er nicht.
    Ein englischer Trawler kam in Sicht, ein Huller, das erste Schiff seit zwei
Tagen. Aber der lag beigedreht und hatte genug mit sich selbst zu tun. Dennoch
htte er vielleicht geholfen, wenn Klaus Mewes die Notflagge gezeigt htte, aber
Klaus Mewes dachte nicht daran. Sich von einem Ingelschmann ins Schlepptau
nehmen lassen! Gott schall mi bewohren, dachte er und lie John Bull stiemen,
der dann auch wieder aus den Augen kam.
    Sie trieben ja gut, ins Skagerrak hinein! Nrdlich genug, um von Jtland
freizuscheren, hatten sie nur mit der norwegischen Kste zu tun, - und die war
noch weit weg.
    Ik gluf, wi kommt dorch, sagte der Knecht. Etwas verwundert sah der
Schiffer ihn an. Wat schullen wi ne drkommen! antwortete er, wi wt doch ne
blieben!
    Und er ging in die Kajte, um etwas zu essen und zu trinken. Danach mute
Kap Horn hinunter, damit er nicht flau wrde.
    Am spten Nachmittag aber wurde der Wind, der zeitweilig etwas schwcher
gewesen war, zum Orkan. Das Fahrzeug arbeitete gewaltig und steckte mehr unter
als ber dem Wasser. Von allen Seiten sauste die wilde Dnung ber Deck. Und
siehe: eine Grundsee, die der Sturm in der Tiefe aufgerttelt hatte und die mit
Sand geschwngert und mit Muscheln und Steinen beladen war, scho herauf,
richtete sich urgewaltig auf und lief dem Ewer nach, der nicht von der Stelle
konnte. Bleischwer strzte sie sich auf das Achterdeck und drckte es nieder,
da der Steven steil aus dem Wasser sprang und die Ketten rissen, dann packte
sie den Ewer mit ihren Tigerkrallen an den Seite und warf ihn dermaen auf das
Wasser, da er nicht wieder aufstehen konnte.
    Kap Horn kam nicht wieder an die Oberflche, er fhlte, da er den einen Arm
nicht bewegen konnte, und sank langsam in die Tiefe. Da gab er den Kampf und das
Leben auf, der alte Janmaat, und legte sich in seines Gottes Hnde: er htte
noch mit seinem Schiffer fischen und segeln knnen, htte bei Hochzeiten am
Deich auf seiner Harmonika spielen und den kleinen Klaus Strtebeker mit zu
einem rechten Fischermann machen knnen, aber wenn es sein mute, ging es wohl
auch ohne ihn. Er hrte nicht mehr das Sausen des Wassers: eine groe, tiefe
Stille legte sich um ihn ... ganz in der Weite klangen Glocken ...
    Klaus Mewes war es gelungen, die schweren Seestiefel loszuwerden, die ihn in
die Tiefe ziehen wollten wie seinen Knecht. So tauchte er wieder auf und
versuchte zu schwimmen. Kap Horn, neem bst du? schrie er in den Sturm hinein
und rang schwer mit der Dnung, die ihn furchtbar hin und her warf. Bestndig
liefen ihm die Seen ber den Kopf, so da er viel bittres Wasser schlucken
mute.
    Er sah, wie der Ewer versank, wie die Masten sich noch einmal aufrichteten
und dann untertauchten, da kein Topp und kein Flgel mehr zu sehen waren.
Blasen schossen steil aus dem Wasser, dann aber strich der Sturm mit unwirscher
Hand ber die Stelle hin und machte sie wieder so kraus, wie die ganze See war.
    Klaus Mewes war allein: sein Knecht und sein Junge, sein Hund und sein Ewer
waren ertrunken, er trieb in der wilden Dnung von Skagen: nirgends war ein
Schiff, nirgends ein Halt. Er dachte, eine Luke oder ein Brett des
untergegangenen Ewers zu finden und sich daran festzuhalten, aber er konnte
nichts sehen.
    Geef di, geef di, Klaus Mees! brllte die See, aber er gab sich nicht, mit
aller Kraft hielt er sich oben, denn er wollte noch nicht sterben, und er konnte
noch nicht sterben. Was sollte aus seinem Jungen werden, den keiner verstand als
er? Wie die Sturzseen ber den Ewer hergefallen waren, so wrden sie am Deich
ber ihn herfallen und alles zerstren wollen, was er in ihm erbaut hatte: die
schne Furchtlosigkeit, die Liebe zur Seefischerei, das Vertrauen auf die eigene
Kraft, die Freude am Sturm: alles wrden sie ermorden wollen! Ob Strtebeker
schon stark genug war, alles zu ertragen? Oder ob er wie ein armer Hase den
vielen Hunden erlag, ob er den Sommer auf See verga und sich zu einem Schneider
oder Schuster machen lie! Gesa, Gesa, lot mi den Jungen! rief er in den Sturm
hinein. Er sah seine Frau vor sich, jung und blhend, und dennoch keine
Fischerfrau, ewig bange und ewig unruhig: Sie hatte nicht viel von ihm gehabt,
weil sie nicht mitkonnte. Der einsame, ringende Schwimmer sah auch seine Schuld,
er wute, da er oft hart mit ihr gewesen war, als er mondelang nach der Weser
fuhr und ihr den Jungen abwendig gemacht, als er ihre Angst verlacht hatte, -
aber Reue fhlte er nicht. Sie wrde weinen, aber die Ruhe wrde in ihr Herz
kommen, und sie wrde ihren Mann erkennen lernen. Brot hatte sie: einen
Zeugladen, wie ihn die andern Witfrauen aufmachen muten, um sich zu ernhren,
brauchte sie nicht.
    Klaus Mewes fhlte, da seine Arme ermatteten, und da er es nicht mehr
lange machen konnte. Noch einmal lie er sich von einer Wogenriesin emporheben
und blickte von ihrem Gipfel wie vom Steven seines Ewers ber die See, die er so
sehr geliebt hatte, dann gab er es auf. Es pate nicht zu seinem Wesen, sich im
letzten Augenblick klein zu machen und mit den Seen um die paar Minuten zu
handeln. Er konnte doch sterben!
    Er schrie nicht auf, noch wimmerte er, er warf sein Leben auch nicht dem
Schicksal trotzig vor die Fe wie ein Junge. Gro und kniglich, wie er gelebt
hatte, starb er, als ein tapferer Held, der wei, da er zu seines Gottes Freude
gelebt hat, und da er zu den Helden kommen wird. Mit einem Lachen auf den
Lippen versank er, denn er sah einen glnzenden, neuen Kutter mit leuchtenden,
weien Segeln und bunten Krnzen in den Toppen vor sich, der stolz dahinsegelte,
und am Ruder stand ein lachender Junggast, sein Junge, sein Strtebeker ...
grend winkte er mit der Hand ... fahr glcklich, Junge, fahr glcklich, sieh
zu, da du dein frhliches Herz behltst, fahr glcklich! Guten Wind und moi
Fang, mien Jung! ...
    Dann ging die gewaltige Dnung des Skagerraks ber ihn hinweg. - - - - - - -
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    Thees, der Segelmacher, hat es nachher oft genug erzhlt, wie es an
demselben Tage unsichtbar an dem Segel gerissen htte, bei dem er gerade zu tun
hatte. Als er genau zusah, war es Klaus Mewes' Fock, an der unsichtbare Hnde
wie in hchster Not zerrten. Thees sah eine Weile zu, dann fragte er
erschttert: Brukst du dat Seil, Klaus? Is de anner Fock di woll tweireten?
und versuchte, das Tuch glatt zu ziehen, als das aber nicht gehen wollte, legte
er die Arbeit hin und ging hinaus. Der Wind blies wie nichts Gutes, und die
hochflutende Elbe ging wie eine breite See in Schaum und Gischt. In Seestiefeln
und lzeug, den Sdwester im Nacken, liefen die Seefischer hin und her und
steuerten der gemeinen Not: sie zogen die Boote und Jollen auf den Deich, damit
sie nicht voll Wasser schlgen, sie kmpften sich nach den Ewern und Kuttern
hinaus, auf denen niemand an Bord war, und steckten mehr Ketten aus, damit die
Fahrzeuge nicht vertrieben, sie schleppten Sandscke herbei und verstopften die
Lcher im Deich, damit das Land keine Havarei htte. Is Klaus Mees bihus?
fragte der Segelmacher. Ne, de is buten, erwiderte Jan Lanker, der lustige.
Denn weet ik genog, sagte Thees nickend und ging langsam nach seinem Boden
zurck. Als er das Segel wieder bers Knie legte, lag es ganz still, - das
Zerren hatte aufgehrt. Brukst du dat Seil nu ne mihr, Klaus? fragte er leise
und wollte weiternhen, aber da brach ihm die Nadel ab. Seine Augen weiteten
sich, als wenn er etwas she, dann stand er auf, rollte das Segel schweigend
zusammen, legte es in die Ecke und ging an Hinnik Klpers Besan.
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    Gesa stand in der Kche hinter der Waschbalje und rubbelte Strtebekers
Kleibxen, die voll Schlick und Schmeer saen und gar nicht rein zu kriegen
waren. Ihr Herz war voll Angst und Sorge, und sie horchte bange auf den Sturm,
der das Haus vom Deich werfen wollte, denn sie wute nicht, ob Klaus einen Hafen
htte oder ob er drauen sei. Wie wehte es!
    Pltzlich fuhr sie zusammen und drehte sich jh um, denn an der Tr hatte es
gescharrt, sie hatte es deutlich gehrt. Stand der Hund, der Seemann, drauen
und begehrte Einla? war er davongelaufen, und kam Klaus nach, lag der Ewer
schon am Bollwerk? Hastig trocknete sie die Hnde ab, um die Tr zu ffnen, da
stand ihr das Herz still, und ihre Knie bebten, denn die Tr war von selbst
aufgegangen, und auf der Schwelle stand ihr Mann, als wre er dem Wasser
entstiegen. Sein Gesicht war totenwei, sein Haar war wirr, und seine Augen
waren mde und glanzlos. Niemals hatte Gesa ihn so gesehen. In starrer Angst sah
sie ihn an. Sie wollte ihm entgegengehen und ihm die Hand geben, aber sie
vermochte nicht, die Fe voreinander zu setzen, sie wollte ihn fragen, ob etwas
passiert wre, ob er Havarei gehabt htte, aber ihre Zunge war gelhmt, und sie
konnte keinen Laut herausbringen.
    Gesa, sagte die furchtbare Gestalt leise und hob die Hand, da schrie Gesa
laut auf und sank zu Boden.
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    Strtebeker hatte es hild: er war mit den andern Jungen am Westerdeich
zugange, mit einem groen Knppel bewaffnet, und schlug die Ratten und Muse und
Maulwrfe tot, die angeschwommen kamen, als das Wasser den niedrigen Katendeich
berflutete und das weite Land des Nebauern berschwemmte, der auf seiner Wurt
wie auf einem Eiland sa und im Kuhstall Fische fangen konnte. Diese Rattenjagd
war etwas fr Strtebeker, dazu hatte er Lust. Eifrig lief er am Deich auf und
ab und befreite ihn von den Plagegeistern. Junge, Junge, dat wr wat!
    Just stand er auf dem Feekstreek und lauerte auf eine Ratte, die gleich mit
dem Stubben, auf den sie sich geflchtet hatte, zu Wasser mute, da rief es mit
einem Male hinter ihm: Hh, Strtebeker! und als er sich schnell umdrehte, sah
er seinen Vater auf dem Deich stehen und winken. Hdjihh, Vadder! rief er
freudig, sah noch einmal nach der Ratte, dann aber warf er den Staken hin, denn
das Takelzeug ging ihn nun nichts mehr an: sein Vater war gekommen!
    Wo war er geblieben? Eben stand er doch noch oben und lachte, - nun war er
weg? Strtebeker lachte und glaubte, da er sich versteckt htte, wie er es
immer machte, er sprang den Deich hinan und suchte ihn im Binnendeich hinter den
Eschen und Rosenbschen, aber er konnte ihn nicht wieder ausfindig machen.
Vadder, neem bst du? rief er, aber er bekam keine Antwort. Da nahm er an, er
wre schon nach Hause gegangen, und lief in Sprngen nach dem Ne. Er guckte
ber das Wasser, - der Ewer war nicht da, aber das hatte nichts zu sagen, denn
er konnte ja noch an St. Pauli liegen, oder sein Vater konnte von Cuxhaven oder
von der Weser mit der Eisenbahn bergereist sein.
    Mudder, is Vadder ne hier? rief er schon auf der Diele und strmte suchend
in die Kche, berholte hastig die Schlafkammer und suchte die Dn ab.
    Och, mien arme Junge, woneem schull dien Vadder woll wesen, klagte seine
Mutter und sah trnenberstrmten Gesichts von ihrem Psalmenbuch auf, in dem sie
gelesen hatte.
    Eben wr he annen Westerdiek, lachte er und stieg auf den Stuhl, um aus
dem Fenster in den Hof hinunter zu sehen. Ik will em woll gewohr wardn, den
Versteekspeeler den!
    Da wurde sie aufmerksam. Keen wr annen Westerdiek? fragte sie tonlos.
    Vadder! rief Strtebeker, he stnn boben uppen Diek un lach un wink. As
ik to rupleep, wr he batz weg.
    Da zog sie ihn jh an sich, da er sich nicht wehren konnte, und jammerte:
Vadder is bleben, Klaus, du hest keen Vadder mihr, mien Jung!
    Er schttelte den Kopf. Dat is ne wohr, Mudder, sagte er bestimmt, dat
hest du drumt. Vadder kann ne blieben und bliwt ne, dat hett he slben to mi
seggt. Vadder kummt jmmer wedder!
    Sie weinte nur noch heftiger.
    Stopp, ik will em woll finnen, rief er und lief wieder in den Wind hinaus,
um seinen Vater zu suchen, den er doch ganz gewi auf dem Westerdeich gesehen
hatte. Gesa rief ihm nach, aber er hrte nicht darauf.

                                     * * *

    Auch die Uhr war stehen geblieben. Auf halb fnf stand sie: das war die
Todesstunde von Klaus Mewes.
    Gesa hat die Uhr niemals wieder aufgedreht, niemals wieder angestoen. Wie
die unsichtbare Hand sie angehalten hat, ist sie stehen geblieben.
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    Zufall? Gaukelei der Sinne?
    Alle Seebevlkerung wei, da die Fahrensleute in der Stunde, in der sie auf
See ertrinken, mchtig sind, an Land, in ihrem Hause, zu rufen oder zu schreien,
zu klopfen oder zu scharren, auf dem Nebelhorn zu blasen, die Bilder an der Wand
zu Boden zu werfen, die Uhr anzuhalten oder in Lebensgestalt zu erscheinen.
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    H.F. 7, Jan Sloo, kam den andern Tag von der Hoof, das heit von Cuxhaven,
bergereist, wo sein Ewer mit zerrissenen Segeln und gebrochenem Gromast hinter
der Alten Liebe lag, und erzhlte, da er ein solches Wetter noch nicht erlebt
htte, auf See wenigstens noch nicht, es wre ganz furchtbar hart gewesen. Als
Gesa aber in der Dmmerung zu ihm ins Haus kam, mit einem dunkeln Tuch um den
Kopf, mit bleichen Backen und verweinten, gerteten Augen, und ihn nach ihrem
Mann fragte, sprach er anders; da war es drauen gar nicht so schlimm gewesen,
sie hatten nur etwas krauses Wasser gehabt und so was Gutes. Ihren Klaus hatte
er zwar nicht gesehen, und er hatte auch nichts von ihm gehrt, aber da war
alles in der Reihe, der fischte gewi mit einem Reff im Segel weiter, um erst
die Eiskisten zu fllen und dann gleich eine gute Reise zu machen. Da brauchte
sie sich keine Gedanken zu machen: der kam wieder, so gewi wie zwei mal zwei
vier waren, wenn nicht heute noch, dann morgen oder bermorgen. Wenn er den Wind
ausgehalten hatte, hatte Klaus mit seinem viel greren Ewer ihn siebenmal
ausgehalten. Da konne sie ganz geruhig sein. So trstete der Seefischer sie in
seiner Unbeholfenheit, bis sie kopfschttelnd hinausging, denn sie merkte, da
er nicht die Wahrheit sagen wollte. Er sah lange Zeit aus dem Fenster auf das
Wasser hinaus, dann sagte er langsam zu seiner Frau: Inne Nurd schallt noch
mihr weiht hebben, as neem wi wesen snd, - un ik gluf, Klaus Mees is inne Nurd
wesen.
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    Als ein schwarzer Tag mit Kreuzen steht der Tag im Kalender der Wasserkante,
denn er hat viel Unglck und Haverei gebracht.
    Die Eiderdeiche waren an drei Stellen gebrochen, weite Strecken der Marsch
standen tief unter Wasser, viel Vieh war in den Fluten ertrunken, Huser waren
abgedeckt, Scheunen waren umgeweht, starke Bume waren entwurzelt. Auf Scharhrn
war eine groe, englische Bark gestrandet und mit Mann und Maus spurlos
verschwunden, beim zweiten Feuerschiff war ein Lotsenschoner umgekippt, und
dwars von der Kugelbake guckte der Mast einer gesunkenen Jalk aus dem Wasser,
Cuxhaven aber lag bis an den Leuchtturm voll haverierter Schiffen.
    Von Finkenwrder wurden noch sieben vermit, fnf Kutter und zwei Ewer,
darunter Klaus Mewes. Tag fr Tag lauerten sie am Deich auf sie und sprachen von
nichts anderm als von ihnen: alles andere mute zurcktreten, bis sie Gewiheit
ber das Schicksal der sieben Fahrzeuge, der einundzwanzig Menschen hatten. Um
den sie sich am wenigsten sorgten, das war Klaus Mewes, denn ein Mann wie Klaus
Mewes, ein Fischermann wie kein zweiter, mit dem groen, seetchtigen Ewer unter
den Fen und guten, befahrenen Leuten an Bord, der blieb nicht so leicht, der
mute ja wiederkommen; der hatte schon viele, schwere Strme bestanden und sich
immer oben gehalten. Mehr bangten sie um den andern Ewer mit den geflickten
Segeln und um die Kutter mit ihren blutjungen, dreisten Schiffern und den wenig
befahrenen, butenlndischen Leuten: die mochten ihre Last gehabt haben, nicht
aber Klaus Mewes.
    Es kam aber anders, als sie dachten, denn der alte Ewer und die Kutter kamen
nach und nach alle binnen, wenn auch kein Fahrzeug ohne Haverei war. Nur der
eine Ewer, Klaus Mewes, wollte sich nicht wieder angeben, weder auf der Weser
noch auf der Elbe.
    Tag um Tag verging, und aus Tagen wurde eine Woche, wurden Wochen, und Klaus
Mewes kam nicht wieder. Drei Sonntage tat Bodemann von der Kanzel herab Frbitte
fr ihn und die beiden Leute, und er betete stark und ergreifend, da es wie ein
groes Weinen durch die Kirche ging, denn der Untergang dieses groen,
frhlichen Seefischers ging ihm sehr nahe. Wer mag noch Fischer sein, wenn
solche Mnner bleiben, dachte er.
    Dann mute die Hoffnung aufgegeben werden: Klaus Mewes war verschollen. Sie
muten es endlich glauben, da sie seine Flagge nicht mehr flattern sehen
wrden, da er nicht mehr lachenden Gesichts den Deich entlangkommen konnte, da
Kap Horn nicht mehr bei den Hochzeiten aufspielte, und da Hein Mck nicht mehr
mit den Mdchen tanzte. Was fr ein Mann Klaus Mewes gewesen war, merkten die
meisten erst jetzt! Gut und frhlich war er gewesen, jedem hatte er ein
freundliches Wort gegnnt, auf Fische war es ihm nie angekommen, wo er helfen
konnte, da hatte er geholfen, mit Rat und Tat, vielen war er in ihrer harten
Fischerei ein Trost gewesen, der junge, lustige Fischermann, der lachend
gefahren war, singend gefischt hatte und jubelnd aufgekommen war. Bei ihm an
Bord hatte die Lebensfreude das Wort gehabt; er war ein Seefischer aus Lust
gewesen, nicht aus Gewohnheit, Zwang oder Not, wie so manche es waren.
    Auf dem Ne war es nun wirklich so, wie Klaus Mewes damals auf den Watten
gesehen hatte: alle Fenster waren dicht verhngt, und vor der verschlossenen
Tr, auf den Stufen, auf der Bank und auf den Kastellen standen der Hahn und die
Hhner und warteten hungrig auf ihr Futter. Im Hause war es halb dunkel, kein
Sonnenstrahl kam mehr in die Stuben, die Klaus Mewes mit seinem Lachen erfllt
hatte. Verhngt waren der Spiegel und das groe Bild des Ewers. Gesa schlich nur
noch wie ein Gespenst durch die totenstillen Rume. Meistens sa sie in der
dmmerigen Kche und starrte vor sich hin oder sie weinte. Ihre Tr schlo sie
zu, denn sie wollte keinen Menschen sehen. Die vielen Frauen, die Tag fr Tag
kamen, nach ihr zu sehen und sie zu trsten (denn nun Gesa schwarze Kleider trug
und Witfrau geworden war, galt sie fr eine Finkenwrderin), muten gewhnlich
umkehren, ohne sie gesehen und ihren Kaffee geschmeckt zu haben. Auf dem Deich
lie sie sich selten sehen, denn sie konnte den Anblick des vielen Wassers nicht
mehr ertragen, konnte keine Ewer mehr vorbeisegeln sehen, ohne da ihr die Augen
bergingen.

                                     * * *

    Und Klaus Strtebeker? Der sa wohl bei ihr, in der dunkeln Kche, und
weinte mit?
    Nein, das tat er nicht! Er weinte nicht, denn er glaubte nicht, da sein
Vater untergegangen war, da der Ewer nicht wiederkommen konnte, da er Kap Horn
und Hein Mck und Seemann nicht wiedersehen sollte! Sein Vater war nicht weg,
der lebte und fischte noch! Der kam wieder, ganz gewi kam er wieder, die Reise
dauerte diesmal nur etwas lnger, weil sie so viel vor Wind hinter Wangeroog
liegen muten, aber wieder kam er ganz gewi, er hatte es ja selbst gesagt.
Felsenfest war das Vertrauen des Jungen auf dieses Wort seines Vaters, und
unerschtterlich war sein Glaube.
    Strtebeker, dien Vadder is bleben, sagten die andern Jungen zu ihm, aber
er schttelte ruhig den Kopf und antwortete: Wat weet ji dorvan af? - Doch,
Vadder hett dat seggt! - Denn segg dien Vadder man, dat is ne wohr. Vadder
kann ne blieben un is ne bleben, Vadder kummt wedder, sagte Strtebeker
bestimmt und ging davon. Seine Mutter trstete er jeden Morgen und jeden Abend:
Schree doch ne, Mudder, gluf doch ne, wat Vadder weg is; de is ne weg, de
kummt wedder, aber er erreichte damit nur, da sie noch heftiger weinte.
    Widerwillig trug er schwarze Strmpfe und ein dunkles Halstuch: sein Vater
wrde ihn auslachen, wenn er kam, meinte er mimutig.
    Jeden Tag, der grau aus dem Hamburger Dunst stieg und golden in die Elbe
versank, lag er mit seinem Kahn auf dem Wasser. Er wriggte weit hinaus, bis
hinter Blankenese, und wartete und wartete. Immer waren seine Augen im Westen
und suchten die Elbe ab, suchten den Ewer, suchten den Vater. Groe Dampfer
mahlten an ihm vorbei, und die Lotsen drohten ihm mit den Fusten, aus dem
Fahrwasser zu gehen, aber er dachte: ich habe hier ebensoviel Recht wie ihr, und
kmmerte sich nicht darum. Die Dnung warf den Kahn wie eine Nuschale auf und
ab: Strtebeker ging nicht vom Fleck. Wenn ein Ewer oder Kutter aufkam, wriggte
er hin und fragte nach seinem Vater.
    Hest Vadder ne sehn, Jannis?
    Hh, Blankneeser, hett H.F. 125 ne bi di fischt?
    aber immer bekam er ein Kopfschtteln und ein Nein und den guten Rat, nach
Hause zu schippern, den er aber nicht befolgte. Zuletzt kannten ihn alle. Kiek,
dor is wedder Klaus Mees sien ltten Jungen, sagten die Schiffer zu den
Knechten, wenn sie den Kahn in Sicht bekamen. Bei Wind und Wetter, bei Nebel und
Sonnenschein, bei Regen und Brise dmpelte und trieb Strtebeker vor Blankenese
und wartete auf seinen Vater. Starr blickte er nach Westen, wo immer wieder
Segel erschienen, wo immer wieder Schiffe auftauchten. Einmal mute sein Vater
doch gewi dabei sein, einmal mute er ihn doch hergucken knnen! So viele
Schiffe!
    Is keen Breef van Vadder kommen?, fragte er abends, denn sie konnten ja
auch nach der Weser gesegelt sein, wenn es gerade so gepat htte.
    Junge, glufst du noch jmmer, wat Vadder wedderkummt? fragte Gesa
bekmmert.
    Ganz gewi gluf ik dat, Mudder! Vadder kummt wedder!
    Als er wieder einmal dwars von Blankenese lauerte, kam hinter Schulau ein
grner Ewer in Sicht, der ganz so aussah wie der seines Vaters. Er dachte, er
wre es, und eine groe Freude kam ber ihn, da ihm die blanken Trnen in die
Augen traten. Hastig zog er seinen Draggen auf, den er ausgeworfen hatte, und
wriggte dem Ewer entgegen, so schnell er nur schippern konnte. Wenn die Nummer
zu lesen oder der Ewer sonst zu erkennen war, wollte er sich barfu ausziehen,
damit sein Vater die alten schwarzen Strmpfe gar nicht erst zu sehen bekam,
dann wollte er die Flagge aufsetzen, die unter der Achterducht im Dollenkasten
steckte, und so lange rufen und winken, bis sein Vater ihn gewahr wurde. Und
dann wollte er lngseit wriggen und berklettern und seinem Vater steuern
helfen, wollte Kap Horn Gutentag sagen und Hein Mck ein bichen rgern, wollte
mit Seemann spielen und nach den Segeln hinaufgucken, wie er immer getan hatte.
Ach, - er wollte noch viel mehr und stand in Gedanken schon lngst an Bord: als
er aber bis Wittenbergen gekommen war, sah er einen fremden Ewer vor sich und
kehrte traurig um.

                                     * * *

    Alle Fischerleute, Seefischer und Elbfischer haben den Jungen drauen auf
der Elbe gesehen und sind von ihm nach seinem Vater gefragt worden. Die Jollen
nahmen ihn oft ins Schlepptau und brachten ihn wieder an den Laden, wenn er sich
zu weit hinabgewagt hatte und nicht gegen den Strom oder Wind konnte. Alle
ermahnten ihn, nicht wieder so weit zu fahren, sondern am Bollwerk zu bleiben:
sein Vater knne nicht wiederkommen, nach dem brauche er nicht mehr zu fragen
oder zu suchen.
    Aber Strtebeker hrte nicht auf sie und glaubte ihnen nicht: mit der
nchsten Tide fuhr er wieder elbabwrts und suchte seinen Vater. Oft hungerte
ihn, er zitterte vor Frost, wenn der Wind wehte oder der Regen ihn bis auf die
Haut durchnt hatte, aber er wriggte immer wieder, immer wieder nach Blankenese
hinunter und guckte den Schiffen entgegen. Sein Vater kam wieder: von dieser
Hoffnung ging er nicht ab, - und er wollte der erste sein, der ihn gewahr wurde.
    Die Bunge hing zerrissen an den Wicheln, und der Aalkorb verrottete im Gras,
denn er hatte sich der Fischerei gnzlich begeben. Klu, die alte Krhe, lag
eines Morgens tot im Kasten: sie war verhungert; er grub sie im Garten ein und
stellte den Kfig in die Ecke. Die Kaninchen verschenkte seine Mutter an andere
Knaben, weil er sich nicht mehr darum bekmmerte; gleichgltig lie er es
geschehen, denn es war ihm einerlei geworden, ob er Viehwerk hatte oder nicht:
erst mute sein Vater wieder da sein, erst mute der groe Ewer wieder ber den
Deich schauen! Dann kam auch all das andere wieder an die Reihe.
    In der gewissen Zuversicht: diese Tide kommt Vater! - lief er nach seinem
nordischen Kahn und nahm den Kurs auf Blankenese.
    Gesa, die ein seltner Gast auf dem Deiche geworden war, merkte zuerst nichts
von diesen weiten Fahrten, sie dachte, er wre am Westerdeich zugange, und
achtete nicht sonderlich darauf, ob er zu frh oder zu spt oder berhaupt nicht
zum Essen kam, denn sie selbst hatte auch keine rechte Tageszeit mehr und ging
wie eine Schlafwandlerin umher, wie in tiefen, schweren Trumen.
    Bis Strtebeker eines Abends nicht nach Hause kam, weil es nebelig geworden
war und er sich auf der Elbe, zwischen Cranz und Wittenbergen verirrt hatte. Da
wachte sie auf und rief und suchte, sie klopfte den Westerdeich ab und lief
ngstlich ber die Weiden. Als sie ihn nirgends finden konnte, jammerte sie den
Deich entlang. Da hrte sie von den Fischern, wie ihr Junge seine Tage
verbrachte, da er stndig mit dem Kahn im Fahrwasser zugange war und auf seinen
Vater wartete. Sie erschrak sehr, und es fiel ihr schwer aufs Herz, da sie sich
in all den Tagen und Wochen nicht um ihn gekmmert hatte. Wenn er nun ertrunken
war!
    Gott im Heben, gib ihn mir wieder, betete sie, ich will ihn dann nicht mehr
aus den Augen lassen!
    Die Fischer machten ihre Boote klar und gingen in der Nacht zu fnfen auf
die Suche, obgleich es so dick geworden war, da sie einen Kompa mitnehmen
muten, wenn sie nicht verbiestern wollten. Sie segelten und ruderten hin und
her, bliesen auf dem Nebelhorn und riefen ber das stille, tote Wasser, aber es
war nichts zu hren, noch zu sehen. Sie wollten es schon aufgeben, da fand
Karsten Husteen den Kahn vor der Este und brachte den halberstarrten Strtebeker
gegen Mitternacht nach dem Ne. Gesa kam gelaufen und wollte ihn auf den Arm
nehmen, aber er sprang aus dem Boot, machte seinen Kahn an den Wicheln fest und
ging allein nach Hause, denn er war doch kein kleines Kind mehr, das getragen
werden mue!
    Morgen kummt Vadder gewi߫, trstete er seine Mutter, als er sich das
klamme Zeug auszog, sie, aber wute vor Schmerz und Freude und innerster
Aufregung nicht, was sie machen, ob sie ihn streicheln oder schlagen sollte:
packte ihn ins Bett, begrub ihn in Kissen und unter Decken und kochte ihm
Kamillentee, obwohl er sagte, da ihm gar nichts fehle.
    Sie lag die ganze Nacht schlaflos, horchte auf seinen Atem und erschrak,
wenn er einmal hustete. Mehr noch als die Sorge aber waren ihre Gedanken schuld
daran, da sie nicht einschlafen konnte. Sie ri sich schwer ab, dann aber
erwuchs in der Stille der Nacht etwas in ihrer Seele, das ihr als eine heilige
Pflicht, als eine Aufgabe von Gott erschien: den Jungen vom Wasser abzubringen,
zu verhten, da er mit seinem Kahn ertrnke, zu verhindern, da er ein
Seefischer wrde und zu Schaden und frhem Tode kme wie sein armer Vater, dafr
zu sorgen, da er sein Brot in Frieden und auf dem Trockenen verdienen und essen
knnte und nicht auf der wilden See umherzutreiben brauchte! Dazu war sie von
der Geest in dieses Fischerhaus gekommen, sie erkannte es jetzt: um das
Geschlecht der Mewes vor dem Untergange zu bewahren, um es wieder landfest und
lebendig zu machen! Das hatten die starren Augen ihres Mannes an jenem
schrecklichen Nachmittag von ihr gewollt: sie fhlte es und hrte es, was sie
hatten sagen wollen: ich habe verspielt, Gesa, nun tu du das deine, da der
Junge es einmal besser habe; bewahr ihn vor dem Schicksal seines Vaters, la ihn
nicht nach See! Das hatte ihr Mann sagen wollen, das war es gewesen! Jo, Klaus,
dat will ik, flsterte sie vor sich hin, du schallst dien Rauh hebben! Starr
richtete sie sich iaus den Kissen auf und gelobte es dem Toten und sich. Sie
wute, da es schwer halten wrde, da sie streng und hart sein mute, denn der
Junge sa voll von diesem Seegift, wie sie es nannte, und war ein Trotzkopf
sondergleichen, aber ihr zhes, niederschsisches Blut bernahm es. Sie wollte
sich um ihn bekmmern und mit Ernst und Geduld auf seine Schritte achten, um ihn
dem Wasser fernzuhalten und ihn vor dem Geschick seines Vaters zu bewahren. Das
war ihre Lebensaufgabe nun! Den Vater von der Schiffahrt abzuziehen, hatte sie
nicht vermocht, aber der Junge, der noch so jung war, mute noch zu biegen und
zu lenken sein, wenn ein fester Wille dahinter stand. Sie konnte keinen wieder
nach See segeln sehen, sie konnte es nicht ...
    Nun begann ein erbitterter Kampf zwischen Mutter und Kind, ein Kampf um die
See. Gleich am andern Morgen bekam Strtebeker eine groe Strafpredigt, bis er
ganz geduckt dasa und nichts mehr sagte. Als seine Mutter dann aber weiterging
und davon sprach, da sein Vater nicht wiederkommen konnte, da er auf dem
Grunde der See lag, da richtete er sich wieder auf und sagte, das sei nicht
wahr, sein Vater sei nicht weg, sie wten alle nichts davon! Sein Vater kme
wieder: dabei blieb er, und davon ging er nicht ab. Der Ewer knne nicht
umkippen, und sein Vater knne nicht ertrinken: er glaubte es nicht, und wenn
sie es auch alle zusammen sagten!
    Gesa hatte ihm streng untersagt, wieder nach dem Fahrwasser zu schippern,
aber als er nachher auf dem Deich stand und ber das Wasser blickte und so viele
Ewer und Kutter aufkommen sah, da dachte er, sein Vater mte gewi kommen, und
er mte ihm entgegenfahren. Und als seine Mutter hinterm Hause war und die
Schweine ftterte, da machte er seinen Kahn los und wriggte wieder weg, um
seinen Vater zu holen. Wenn er den Ewer mitbrchte, wrde sie sich schon freuen
und nicht mehr schelten: mit dem Gedanken trstete er sich, als er die Reihe der
Segel absuchte.
    Auf der Rckfahrt hatte er wegen des scharfen Ostwindes sehr zu pulen und
kam deshalb erst spt am Abend zurck.
    Klaus, worm bst du nu wedder wegschippert? fragte Gesa erregt, wullt du
ober Burd fallen, oder scht de Dampers di inne Grund jogen?
    Strtebeker pustete den Kaffee, der zu hei war, und bi von seinem
Brotknust ab, ohne etwas zu erwidern.
    Junge, du Eegenbuck! Wat bst du frn Jungen! Dien Mudder hett di woll gor
nix mihr to seggen? fragte sie bebend.
    Du wee doch ganz god, wat ik up Vadder teuft hebb, erwiderte er geruhig
und setzte abweisend hinzu: Nu lot mi doch tofreeden, Mudder!
    Da konnte Gesa sich nicht mehr halten, der Zorn berschrie alles andere in
ihr, und sie schlug ihn sehr. Er stand still und lie sich schlagen, weder
wehrte er sich, noch lief er weg, noch schrie er: fest bi er die Zhne
aufeinander, um keinen Laut von sich zu geben.
    Den andern Tag holte sie ihn mehr als einmal mit dem Stock vom Bollwerk
zurck, so da er nicht entkommen konnte, aber den Morgen darauf flchtete er
wieder vom Deich und blieb den ganzen Tag auf der Elbe. Wie wnschte er seinen
Vater herbei! Wenn er doch kme, der grne Ewer! Sonst gab es heute abend ja
wieder etwas mit dem Stock! Aber sein Vater kam nicht, und er mute schlielich
doch zurckwriggen. Er hatte den ganzen Tag nichts gegessen, nur aus der Elbe
getrunken hatte er, und war sehr hungrig. Triefend von Regen, stand er auf der
Schwelle und guckte seine Mutter an, die schon bei der Lampe sa, als wenn er
sagen wollte: nu hau mi man wedder!

                                     * * *

    Sie lie ihn nun nicht mehr aus den Augen und hielt ihn auch einige Tage
fest. Streng achtete sie darauf, da ihn niemand mehr Strtebeker nannte, da er
wieder Klaus Mewes gerufen wurde: sie ging selbst zu dem alten Schulmeister
Mhlmann hinunter, damit es den Kindern verboten wrde, den Jungen Strtebeker
zu nennen: aber damit erreichte sie nur das Gegenteil von dem, was sie wollte,
denn nun riefen die Jungen erst recht Strtebeker.
    Eines Tages fand sie ihn am Binnendeich sitzen. Mit geschlossenen Augen
hockte er auf einem Hummerkasten von Grimsby und stie mit den Fen gegen ein
Brett, das zwischen den Kurrbumen steckte, so da es regelmig knarrte. Sie
trat nher, und als sie sein glckliches Gesicht sah, fragte sie ihn weich: Wat
schall dat denn, Klaus? Er schttelte erst heftig den Kopf, als wenn er nicht
gestrt werden wollte, dann aber besann er sich und sagte leise: Mok de Ogen ok
mol to, Mudder! - Wat schall dat denn, Junge? - Moks doch mol to, Mudder,
och man to! - Ik hebbs jo all to, Klaus. - Ganz fast? - Jo, ganz fast! -
    Denn snd wi up See, Mudder, sagte er vertrumt, kannst hrn, wat dat
boben unsen Kupp gnarrt? Dat deit de Gaffel, wenn de Eber oberholt, Mudder ...
Twee Stnnen hebbt wi de Kurr all ut, Mudder, gliek mt wi intehn, denn schallst
mol sehn, wat denn een Leben ward, wat denn de Meben anflegen kommt! ... Kannst
Seemann dor blangen den Kumpa liggen sehn? Dor slpt he jmmer inne Fohrt,
Mudder ... Kiek, dor steiht Kap Horn! Pa up, gliek holt he sien Harmonika ut de
Koi un speelt een up, - dat hrt sik up See veel beter an as an Land, Mudder,
ne? ... Hein Mck schillt Kantffeln, gliek gift brodte Schullen, de scheut ober
smecken ... Kannst sehn, Mudder, dor achter dat Land, dat hoge, rode? Dat is
Hilchland
    So verlor Strtebeker sich weit in seine Seefahrt und erzhlte immerzu. Gesa
sa auf dem Kurrbaum, der die eingeschnitzten Zeichen H.F. 125 trug, und hrte
zu, whrend ihre Augen sich verdunkelten. Woneem is Vadder denn? fragte sie
zuletzt erschttert.
    Vadder? rief er verwundert, Vadder? De steiht hier jo bi uns ant Rur, de
hett jo de Wacht! Hr mol, wat he lachen kann!
    Da wandte sie sich ab und ging ins Haus zurck, er aber sa noch lange und
horchte auf das Rauschen der Eschen wie auf Meeresbrausen.

                                     * * *

    Manchmal wachte Gesa nachts auf und hrte ihn im Traum sprechen, immer war
er dann auf See bei seinem Vater.
    Tagsber aber lag er wieder auf dem Wasser. Ungeachtet aller Schelte und
Schlge brach er immer wieder aus; sie konnte nichts mit ihm aufstellen. Die
Elbfischer, denen sie ihre Not geklagt hatte, machten Jagd auf ihn wie auf ein
Wild und vertrieben ihn, wo sie ihn sahen, er ging ihnen aber immer wieder durch
die Maschen. Sein Trotz wuchs: was Eisen in ihm gewesen war, hatte sich zum
Stahl gehrtet, und gewisser als zuvor hoffte er auf seines Vaters Wiederkehr.
    Zuletzt, als er sich gar nicht mehr retten konnte, als die Hunde von allen
Seiten nach ihm schnappten, beschlo er, nach der See zu schippern und seinen
Vater vor der Elbe und auf der Weser zu suchen: wenn er ihn gefunden hatte,
wollte er immer bei ihm an Bord bleiben und gar nicht wieder nach Hause kommen.
Er tat nun einige Tage, als wenn er die Fahrt aufgegeben htte, so da Gesa neue
Hoffnung schpfte, heimlich aber rstete er sich fr die Flucht aus. Er suchte
sich eine groe Kruke her und fllte sie mit Wasser, damit er auf der See etwas
zu trinken htte, er packte seinen Aalkorb zurecht, damit er sich unterwegs
Fische fangen knnte, er zog ein altes Segel vom Boden und legte es
zusammengerollt unter die Ducht, damit er nachts unterkriechen und schlafen
knnte. Als er soweit fertig war, wartete er auf einen gnstigen Augenblick, und
als seine Mutter die Eier im Schauer zusammensuchte, nahm er den Kompa von der
Wand, steckte seinen Spartopf in die Tasche und jagte mit seinem Kahn die Elbe
hinunter. Zu Blankenese ging er an Land und kaufte sich beim Bcker zwei groe
Brote, damit er etwas zu leben hatte, dann wriggte er unverzagt weiter, der See
entgegen, und weil es Ebbe war und er Achterwind hatte, kam er schnell vorwrts,
bis ber die Lhe hinaus. Als es Flut wurde und der Abend kam, suchte er an der
Nordkante in einem Priel Unterschlupf, mitten im Schilf, und kroch in das Segel
hinein, denn er war frstelig. Schlafen konnte er aber nicht, und als Hochwasser
war, stand er wieder auf und schipperte emsig weiter. Bis Krautsand war er schon
gekommen: da ereilte ihn sein Verhngnis; als es Tag geworden war, entdeckte ihn
ein nachbarlicher Elbfischer, der auf seiner Jolle stand und seine Garne wusch:
er sprang ins Boot und verfolgte ihn, bis er ihn gefangen hatte. Strtebeker bat
und bi, aber es half ihm nichts, der Elbfischer band den Kahn hinter seine
Jolle und brachte ihn den andern Tag, als er den Bnn voll hatte, nach
Finkenwrder zurck. Diesmal ging es nicht so gndig ab, denn der Jger kam
dazwischen und brauchte den Stock, als wenn er einen Jagdhund oder ein Stck
Vieh vor sich htte. Strtebeker schrie doch einmal auf, dann aber schwieg er
wieder beharrlich und dachte: wenn Vadder man hier wr, de wull jo god!
    Den Tag darauf schlo Gesa ihn ein und lie den Kahn nach dem andern Ende
des Deiches bringen. Und sagte, sie htte ihn einem Fischer verkauft, der ihn
mit nach See genommen htte. Wat kannst du blo den Kohn verkupen? rief er
heftig, de hrt mi to, un dor hett nms wat ober to seggen as ik, kannst Vadder
frogen! Als er sie aber dann nach dem Fischer fragte, gab sie keine klare
Antwort, so da ihm die Sache muffig vorkam; er fragte die Jungen und suchte und
sphte so lange, bis er sein Schiff entdeckt hatte. Ohne jemand zu fragen,
machte er es los und brachte es nach dem Ne zurck.
    Und fing wieder an, seinen Vater zu suchen, denn sein Vater mute ja
wiederkommen! Felsenfest stand seine Hoffnung.
    War da niemand, den diese Treue rhrte? Wohl nicht, denn die Frauen
bestrkten Gesa in ihrer Strenge, und die Elbfischer griffen ihn, wo sie seiner
habhaft werden konnten. Es war ein Jammer, wie sie mit dem armen Jungen
umgingen, der seinen Vater nicht vergessen konnte!
    Zuletzt brachte Gesa ihn nach der Geest zu ihren Eltern, wo es kein Wasser
und kein Boot gab, und hoffte, da er dort auf der Heide seinen Vater und die
See, die Schiffahrt und die Fischerei vergessen wrde. Der alte Heidjer und die
Gromutter freuten sich, den Enkel endlich einmal bei sich zu haben, tischten
ihm auf und versprachen, gut auf ihn zu passen, als Gesa sich wieder auf den
Heimweg machte. Strtebeker lie sich das neue Leben und die neue Umgebung auch
einige Tage gefallen, er ging mit nach dem Moor, er sah die Bienenkrbe nach, er
lernte Buchweizen dreschen, er trank Ziegenmilch, er suchte sich Brombeeren, er
kletterte auf die Berge und guckte weit ber das Alte Land: dann aber fiel ihm
pltzlich ein, da sein Vater aufgekommen sei und auf dem Ne mit dem Ewer lge
und auf ihn warte; da sprang er kopflngs von dem Schimmel herab, auf dem er
sa, und lief in Sprngen weg, ohne Mtze und alles, fragte sich durch das Alte
Land nach der Fhre an der Sderelbe, lie sich von Paul Mller bersetzen,
raste den Westerdeich entlang und stand an der Huk still, denn er konnte keinen
Ewer sehen. Erst wollte er wieder nach der Geest zurcklaufen, dann aber
getraute er sich doch nach seiner Mutter Haus.
    Gesa fuhr auf, als sie ihn unter den Linden stehen und noch immer nach der
Elbe gucken sah, dann aber konnte sie nicht an sich halten, und sie schlug ihn,
da er blutete. Als nachmittags der alte Heidebauer mit seinem Wagen angefahren
kam, erbost ber die Flucht und den Trotz des Jungen, schlug auch er auf ihn
ein. Dann wollte er ihn binden und wieder mitnehmen, aber Gesa sagte, das hlfe
doch nichts: sie wolle ihn hier behalten: er solle in den Keller gesperrt
werden, und sie wolle den Kahn nun wirklich verkaufen.
    Schweigend lie Strtebeker sich nach dem Keller bringen. Da sa er im
Gefngnis, denn das Fenster war vergittert. Er versuchte, den Kopf durch die
Eisenstangen zu stecken, aber es ging nicht. Der Jger, der gerade unter dem
Fenster entlang ging, drohte ihm mit dem Flintenkolben und sagte grimmig: Wi
wt di woll mrr kriegen, du Dickkupp!
    Als er weg war, setzte der Junge sich mde und hungrig auf eine
Kartoffelkiepe und weinte bitterlich, denn er wute sich nicht mehr zu helfen.
    Hilp mi doch, Vadder! schluchzte er, hilp mi doch! Kumm doch wedder!
    Aber kein Klaus Mewes stieg aus der See, um seinem treuen Jungen
beizustehen, ihn aus der Haft zu erlsen und ihn wieder mit an Bord, auf den
Ewer und nach See zu nehmen. Kein Kap Horn trstete ihn, und kein Seemann kam,
ihm die Hnde zu lecken.
    Hilp mi doch, Vadder! ...

                                Letzter Stremel.


Jahre sind vergangen, seitdem Klaus Mewes mit seinem grnen Ewer geblieben ist.
    Wir kurren in der Gegenwart.

                                     * * *

    Herbst ist es, windstarker, wolkengewaltiger Herbst, der die Bltter von den
Bumen gerissen und die kleinen Segelschiffe von der See gefegt hat.
    Hinter der Alten Liebe zu Cuxhaven (die nichts mit Liebe zu tun hat, sondern
ihren Namen von der Olive bekommen hat, einem haverierten und abgeschlachteten
Schiff, das zuerst den Anleger bildete) liegt die Austernflotte und macht sich
zum Auslaufen klar. Da liegen die neun Kutter, die Dohrmann, der groe
Austernhndler, fr den Winterfang angenommen hat.
    Auf der Besan haben sie seine Charterflagge wehen, die hansischen Farben mit
den hamburgischen Trmen, die am Finkenwrder Deich die Todesflagge genannt
wird. Denn der Austernfang auf hoher See ist die allergefhrlichste Fischerei,
weil sie in die strmischen Monate fllt, und weil die Austernbnke so weit
drauen liegen, inmitten der Nordsee, meilenweit von Helgoland. Da ist keine
Reede und kein Hafen zu erreichen, wenn das Wetterglas fllt: alle Strme mssen
drauen ausgeklst werden.
    Nur die neuesten, grten und seetchtigsten Kutter knnen sich des
Austernkurrens unterfangen. Nur die verwegensten und mutigsten Seefischer, die
jungen und starken, knnen diese Fischerei betreiben: aber auch sie wrden sich
nicht dazu hergeben, wenn sie nicht verdienen mten, und wenn die Austern nicht
so gut lohnten. Die Zeiten sind schwer geworden, seitdem die Fischdampfer gro
geworden sind: Winter und Sommer mu der Fischermann kurren, wenn er noch
bestehen will, die Notwendigkeit, die eiserne Not steht hinter ihm und jagt ihn
in die Strme hinein.
    Ein furchtbarer Ernst webt um die Masten der Fahrzeuge. Der Tod steht
aufgerichtet an den Wanten und ist der heimliche Schiffer.
    Der erste der neun Kutter trgt den Steven am hchsten und ist der strkste
von ihnen. Noch flattern Reste des Taufkranzes am Grotopp, bunte Bnder und
grne Bltter, - so neu ist er.
    Und heien seine Kameraden Prsident Herwig, Landrat Temar, Farewell,
Senator von Melle, Sllberg, Fairplay und Providentia, so heit er Klaus
Strtebeker.
    In Goldbuchstaben leuchtet es am Heck:

                               Klaus Strtebeker
                                 Finkenwrder.

    Und lassen die andern Dohrmanns Flagge im Winde flattern, so weht ihm eine
deutsche Flagge von der Besan, denn der junge Fischer ist wie sein Vater und
zieht keine fremde Fahne auf. Dohrmann mu ihn so fahren lassen.
    Der schne, schmucke Kutter gehrt dem jungen Klaus Mewes. Dem jungen Klaus
Mewes!
    Ja, Seele dem jungen Klaus Mewes gehrt er, dem kleinen Klaus Strtebeker,
aus dem sie einen Geestbauer, einen Schuster, einen Zimmermann und was nicht
alles machen wollten, und aus dem doch nur eins werden konnte, in dem doch nur
eins steckte: ein Seefischer! Allen zum Trotz hat er den Weg nach dem Wasser
gefunden und ist ein Fahrensmann geworden wie sein Vater.
    Der Strtebeker ist schon sein zweites Schiff. Mit dem ersten Kutter ist er
bei Texel auf ein treibendes Wrack gestoen und hat ihn dabei eingebt. Nun
liegt er mit seinem neuen Fahrzeug zu Cuxhaven und will Austern fischen.
    Bewundernd bleiben sogar die Seelotsen, die doch manches Schiff unter den
Fen gehabt haben, vor dem groen, herrlichen Fischerkutter stehen, betrachten
die glnzenden Masten, das blinkende Deck, den ragenden Bug, und loben den
Baumeister, der ihn zusammengeklopft hat, und den Schiffer, dem er gehrt und
der mit ihm nach See gehen kann.

                                     * * *

    Die Kajte ist gro und hoch, denn der junge Klaus Mewes fhrt zu vieren und
ist hochgewachsen.
    Drei Sprche zieren sie.
    Unter der Schifferkoje leuchtet der schne, goldene Spruch aus dem Ewer:

Hilpt mi, Snn un Wind,
hilpt mi bit Fischen!
Ik heet Klaus Mees
un bn van Finkwarder.

    Unter der Knechtenkoje aber steht einfach und bedeutungsvoll: Kap Horn - und
die letzte Koje schmckt das trotzige Wort:

Finkwarder blifft Finkenwarder
un geiht ne van de See!

                                     * * *

    Da kommt der junge Klaus Mewes.
    Er kommt vom Kriegshafen herber, von den Torpedobooten her. Er hat seinen
Leutnannt besucht. Sie waren zusammen in Ostafrika und halten noch jetzt viel
voneinander.
    Klaus Mewes, wenn ich Sie ansehe, ist mir um die Wacht an der See nicht
bange, hat der Seeoffizier zum Abschied gesagt und ernst hinzugefgt: Mehr als
auf die Wacht am Rhein kommt es jetzt auf die Wacht an der See an! England ist
Rom, und wir sind Karthago, - goden Wind, Klaus Mewes!
    Der junge Klaus Mewes geht, wie sein Vater ging. Er sieht aus, wie der
ausgesehen hat: es ist, als wre der andre Klaus Mewes wiedergekommen.
    Anders als dieser hat auch jener nicht gelacht, und hher hat auch er nicht
den Kopf getragen: wie ein Herzog geht der junge Klaus Mewes in seinem Islnder
und auf seinen Seestiefeln.
    Und er ist doch ein rechter, wohlgemuter, unerschrockener Fischermann. Nicht
als finsterer Fliegender Hollnder geht er einher: viel hnlicher ist er dem
blonden Konradin, der tapfer lachend ber die Alpen zog, nur von seinem Schwert
begleitet, und sich sein Knigreich erobern wollte.
    Da er so lachen kann, der junge Klaus Mewes! Urgrovater, Grovater und
Vater sind geblieben, seine Mutter ist vor Gram gestorben, er hat die schweren
Winterstrme vor sich - und dennoch lacht er, wie die Sonne, wenn sie scheint.
    An Land ist er ein Kind, das gern mit Kindern spielt, auf See aber ein
verwegener Draufgnger, der sich vor keinem Wind verkriecht und lieber ein Segel
in die See gehen lt, als da er ein Reff einsteckt. Die Furcht, die schon der
Junge nicht kannte, hat auch in der Seele des Mannes keinen Raum.
    Ein sturer Fischer ist der junge Klaus Mewes, er macht die schnellsten und
besten Reisen. Das wei der ganze Deich. Und wenn ein Junggast bei ihm als Koch
gefahren hat, so nimmt ihn jeder Schiffer gern als Knecht, denn die Fahrzeit bei
dem jungen Klaus Mewes ist wie Kriegszeit und wird doppelt gezhlt.
    Und doch ist er ein Fischermann aus Lust, wie sein lachender, glcklicher
Vater, den er in Gedanken immer bei sich stehen hat, wenn er steuert. Bei ihm an
Bord ist nichts von der Not der Zeit zu spren, die die stolzen Flotten von
Finkenwrder und Blankenese bis auf neunzig Schiffe zerschlagen und zertrmmert
hat; er hat Leute genug: wie der Magnet das Eisen, so zieht er das tchtige
Jungvolk, den Nachwuchs von Finkenwrder, der noch Lust zur Seefischerei hat,
mit Gewalt an sich.
    Er brauchte nicht whrend des Winters zu fischen, denn er hat im Sommer Geld
genug verdient, da er geruhig auflegen knnte: aber er geht dennoch auf die
Austern los. Was ihn treibt, ist das, was Hagen trieb, den Zug ins Heunenland
mitzumachen: es ist ihm um die Ehre zu tun! Er mu berall der erste sein! Er
kann und will sich nicht sagen lassen, da er hinter dem Ofen gesessen htte,
whrend andre in den Austern gewesen seien!
    Er wei, da sie auf ihn sehen wie auf ihren Fhrer, und er ist stolz darauf
und freut sich dessen.
    Als der Kutter auf der Helling sa, machte der junge Klaus Mewes einige
Reisen als Fischdampferkapitn, um sein groes Steuermannspatent auch einmal
auszunutzen: er fischte im Angesichte von Island im Schein der Mitternachtssonne
und an der Kste von Marokko in der Glut des Samums, er sah sich Aberdeen und
Lissabon an: als aber sein Kutter zu Wasser gelassen war, da bedankte er sich
selbst lachend bei seinem Reeder und zog es vor, sein eigenes Schiff zu steuern
und nichts ber sich zu haben, als seine Segel und seinen Herrgott!
    Er hat sein schnes Schiff erreicht, der junge Klaus Mewes. Er springt an
Bord und ruft die Leute auf.
    Sie wollen fahren!
    Klappernd steigen die weien, leuchtenden Segel, die noch keine Lohe
geschmeckt haben, an den Masten auf, die Gaffeln knarren, und die Schoten
schlagen wie wilde Geister, denn es ist noch stur.
    Der junge Klaus Mewes zieht sein lzeug an und setzt den Sdwester auf, dann
fat er das Ruder an und lt die Stroppen losmachen. Langsam schwoit der
Kutter, - die Segel fallen voll, und das Fahrzeug setzt sich allmhlich in
Bewegung.
    Hinter der Alten Liebe erst besinnt es sich auf seine Kraft und schiet
mchtig davon, um Austern zu kurren. Mchtig taucht es in die schwere Dnung
hinein.
    Am Ruder aber steht der junge Klaus Mewes und freut sich seines Schiffes und
seiner Fahrt.

                                     * * *

    Seefahrt ist not!
    Auch deine Seefahrt, Klaus Mewes!

                                     Ende.
