 XXVII. In Posen.  [301] Heimweh, richtiges Heimweh hatte ich die ersten Wochen, ja vielleicht Monate nach Schwerin und meiner Tätigkeit dort. Zum drittenmal seit meiner Witwenzeit hieß es für mich, einen neuen Wirkungskreis suchen und neu aufbauen. Freilich zwei meiner Arbeiten begleiteten mich, für die Schutztruppe zu sorgen und die Aufgaben des Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft. Der Orlog war drüben so gut wie beendigt, dort gab es wenig zu tun, aber desto mehr für die Heimgekehrten, deren Bittgesuche um Unterstützung oder Anstellung oft sehr schwierig zu erfüllen waren. Nach Berlin mußte ich, um die Sitzungen des Frauenbundes abzuhalten, alle sechs Wochen fahren und blieb dann meist acht bis zehn Tage dort, um dann die Vormittage auf dem Bureau zu arbeiten und alles Nötige zu erledigen. Im Frühjahr 1909, nicht ganz zwei Jahre nach der Gründung, umfaßte der Bund zwischen vier- und fünftausend Mitglieder. In Keetmanshoop wurde ein Heimathaus gegründet, und nach allen Richtungen häufte sich die Arbeit. Es stellte sich daher als durchaus wünschenswert heraus, daß die Vorsitzende ihren Wohnsitz dauernd in Berlin hätte, damit alle Sachen sofort erledigt werden konnten. Da legte ich meinen Vorsitz nieder und übergab ihn Frau von Richthofen, der dann, als die verehrte Frau ein Jahr darauf starb, in die Hände von Frau Heyl überging. Ich selbst wurde Ehrenvorsitzende und begnügte mich mit meiner Arbeit in Posen, aus der mir reiche Freude erwuchs. In der Stadt Posen, sowie in etlichen Städten der Provinz gründete ich Abteilungen, faßte sie in einem Gauverband zusammen und wählte für uns eine meiner Lieblingsaufgaben des Frauenbundes, die Gründung einer Kleinkinderschule. Jetzt steht in Lüderitzbucht das Jugendheim, das eine Kleinkinderschule umfaßt und der Sammelplatz für unsere deutschen Mädchen ist, sowohl für die, welche in Lüderitzbucht wohnen, wie für jene, die mit dem Dampfer ankommen, dort nächtigen und dann weiter reisen, um in Stellung zu gehen. Nicht, daß der Gauverband Posen das Jugendheim allein gegründet hätte, nein, so reich sind wir nicht, noch ein ganz Teil andere Abteilungen halfen dabei, aber ganz besonders viel hat Posen dafür getan, denn es war und bleibt seine Aufgabe, für dies Jugendheim zu sorgen.[302] Auch in die Arbeit für die Stadt selbst kam ich schneller herein, als ich erwartet hatte. In das Lazarett ging ich hier nicht, das lag in dem Wirkungskreis meiner Tochter, die dort auch persönlich den Kursus mit ihren Helferinnen durchmachte, um in allem Bescheid zu wissen, auch um im Kriegsfall bereit zu sein, eine entsprechende Stelle annehmen zu können. Andere Gebiete taten sich mir hier auf, ich wurde zur Vorsitzenden im Verein »Volkswohl« und »Jugendhorte« gewählt. »Volkswohl«, das ist eine prächtige Einrichtung, die sich durch Mitgliedsbeiträge und Beihülfe der Stadt erhält. Sieben- bis achtmal im Winter finden an einem Sonntagnachmittag volkstümliche Aufführungen statt, die zur Erhaltung und Förderung des Deutschtums von besonderer Wichtigkeit sind. Liebenswürdige Dilettanten bieten sich für Musik und Gesang an, Vorträge und Deklamationen werden gehalten, auch Tänze vorgeführt. Am meisten beliebt ist es, wenn wir ihnen ein kleines Theaterstück bringen. Den Schluß der gesamten Aufführungen bildet im Theater, von Schauspielern gegeben, eine Oper oder ein volkstümliches Stück. Der Preis der Billetts ist zehn Pfennig zu den Aufführungen, im Theater etwas höher. Am Freitag vorher verkaufen einige unserer Vorstandsdamen die Zettel, die als Billett dienen. Im Umsehen sind dann oft alle Zettel fort, und es ist eine wahre Lust zu sehen, mit welchem Eifer die Menschen dann ankommen, sich den Eintritt zu dem Sonntagsvergnügen zu erobern, alle diese allmählich so bekannten Gesichter von Briefträgern, Waschfrauen, alten Veteranen, Laufburschen usw. Eine Stunde vor Beginn ist der große Saal oder das Theater Kopf an Kopf gedrängt voll, und traurig ziehen die ab, die uns vergebens noch um Einlaß bitten. Wir müssen hart bleiben, denn der wachthabende Schutzmann wehrt jedes »mehr« energisch ab. Nun zu den »Jugendhorten«. Zwei Mädchenhorte waren da, als ich Vorsitzende wurde. Schulkinder der ärmeren Klassen machten unter der Aufsicht einer Leiterin ihre Schularbeiten, und wenn sie damit fertig waren, wurden Handarbeiten vorgenommen, Geschichten erzählt und gesungen. Für Knaben war noch kein Hort eingerichtet, und doch tat das besonders nötig, denn die Jungen, deren Eltern auf Arbeit waren, trieben sich auf der Straße umher und verübten allerhand Unfug. Aber das Geld, das leidige Geld fehlte uns gänzlich für einen neuen Hort. Seufzend hatten wir uns das gerade in unserer Sitzung eingestanden und den ersehnten Gründungsplan aufgegeben, als tags darauf eine unserer Volksaufführungen war. »Deutsche Treue«, ein kleiner Zweiakter von mir, der in der Schlacht bei Zorndorf spielt, wurde gegeben. Wir[303] brauchten dazu einen Trommler, und ich hatte den Kommandeur des Grenadierregiments 6 gebeten, uns einen zu senden, zugleich auch Oberst Dieffenbach eingeladen, sich die Vorstellung anzusehen. Amazon.de Widgets Während des Spiels wandte er sich zu mir, »das ist ein Stück, da möchte ich mein Regiment drin haben«, sagte er. Mir kam sofort ein zündender Gedanke, der klingende Aufführungserfolg von Langfuhr und Schwerin schoß mir durch den Sinn. Flüsternd machte ich sofort meinen Vorstandsdamen den Vorschlag, in acht Tagen die Sache zu wiederholen bei erhöhten Preisen und an die Regimenter mit der Anfrage heranzugehen, ob sie Billetts haben wollten. Den Damen erschien mein Vorschlag sehr gewagt, aber trotzdem mieteten wir noch an demselben Abend den kleinen Saal des Lokals für den nächsten Sonntag. Schon nach wenig Tagen liefen bei mir von den Regimentern so viele Anmeldungen ein, daß wir statt des kleinen den großen Saal mieteten, und am Abend selbst mußten wir Hunderte abweisen, weil kein Raum mehr war. Nun hatten wir das Geld, die Stadt versprach eine jährliche Zulage, und der Knabenhort in Jersitz, wo er am notwendigsten war, wurde gegründet. Ein sehr tüchtiger Lehrer, Herr Below, nahm die Sache in die Hand, wir holten uns junge Mädchen als Helferinnen, die wie Mütter für die Jungen sorgten, und der Hort blühte auf, daß es eine Freude war. Im Winter wurden nach den Schularbeiten Handfertigkeiten gelehrt, im Sommer draußen Spiele gemacht oder auf dem Stück Land gearbeitet, das die Stadt uns gegeben und wo jeder Knabe sein eigenes Beet bestellen konnte. Die wilden Jungen wurden ganz gesittet und kamen mit wahrem Vergnügen. Vielleicht erhöhte Kaffee mit Vesperbrot, der hier wie in den Mädchenhorten verteilt wurde, noch etwas mehr für sie den Reiz der Hortzeit. Das dazumal herrschende sehr gespannte Verhältnis zwischen Polen und Deutschen spielte selbstverständlich auch in die Gründung unserer Knabenhorte hinein. Da die polnische Bevölkerung die ärmere ist, daher auch dort die meisten Familien sind, wo Vater und Mutter tagsüber auf Arbeit gehen, so sind selbstredend auch mehr polnische als deutsche Knaben in unserm Hort. Es behaupteten nun einige, die polnische Geistlichkeit würde uns die Knaben nicht lassen, da in den Horten deutsch gesprochen, patriotische Lieder gesungen und Soldatenspiele getrieben würden. Andere dagegen meinten, wir erzögen durch den Hort nur ordentliche Polen, denn die Jungen blieben doch ganz polnisch und kämen, sowie sie aus der Schule entlassen würden, aus unserm Einfluß heraus.[304] Die erste Behauptung erfüllte sich keineswegs, und um dem Zweiten entgegenzutreten, erbaten wir uns von der Stadt noch etwas Geld für die entlassenen Hortkinder und richteten für die Knaben wie für die Mädchen alle vier Wochen einen Sonntagnachmittag ein, wo sie mit uns bei Tee und Kuchen zusammenkamen. Da ging es immer sehr vergnügt zu, gesungen, erzählt und gespielt wurde, und einen Hauptspaß machte es den Jungen, wenn ich bei dem sehr beliebten Spiel »Mein rechter Platz ist leer« mit ein paar Pfändern hereinfiel, die ich dann jedesmal durch eine Geschichte auslösen mußte. »Aber aus dem Kriege muß sie sein oder von Südwestafrika«, hieß es dann immer. Gegründet war Jersitz, aber es mußte auch erhalten werden, denn die städtische Zulage allein reichte dazu nicht aus. So blieb denn nichts anderes übrig, als jedes Jahr zum Besten des Horts eine Aufführung zu machen, und um den Saal voll zu haben, mußte es etwas Militärisch-Patriotisches sein. Da bat ich denn das eine Jahr Grenadierregiment 6 Graf Kleist, das andere Jahr Infanterieregiment 46 Graf Kirchbach um ihre Regimentsgeschichte und suchte mir Passendes für eine Aufführung aus. Da hatten wir denn immer wieder einen vollen Saal und das nötige Geld. Der Hort hatte sich bewährt, fand Anerkennung, und von der Allerheiligen- und der Martinschule traten die Bitten an uns heran, auch dort Horte zu gründen. Die Stadt, der Evangelische Frauenbund und der Deutsch-Katholische Verein wurden dafür gewonnen und erklärten sich bereit, für die neuen Horte beizusteuern. Doch nun hieß es: »Warum geben die Polen nicht auch dazu? Die müßten doch zuallererst beisteuern, da so viel polnische Jungen dabei sind, aber die geben unter keinen Umständen etwas dazu.« Das letztere wollte mir nicht einleuchten. Warum sollte man es nicht versuchen, sich mit ihnen darüber auszusprechen? Ein offenes, warmes Wort reißt oft eine Scheidewand nieder. Ich sprach mit einem der polnischen Geistlichen, die ich kannte, und erklärte ihm, daß wir durch die Horte nicht nur tüchtige Menschen erziehen wollten, sondern wir hofften, daß die polnischen Knaben dadurch das Deutschtum lieben und achten lernen würden, damit die heranwachsende Generation sich einmal nicht mehr auf solchem Hetzfuß gegenüberstände, wie es jetzt der Fall sei. »Darf ich Ihnen morgen den Herrn zuführen, der an der Spitze eines polnischen Vereins steht, und wollen Sie ihm das alles selbst wiederholen?« fragte mich der Geistliche. Ich war gern dazu bereit. Am nächsten Tage kamen beide Herren. Die Unterredung war nicht lang, wir schieden in vollem Einverständnis.[305] Die Polen erklärten sich bereit, einen jährlichen Zuschuß für die deutschen Knabenhorte zu geben, und der erste Beitrag wurde mir sofort ausgehändigt. Wie glücklich war ich, als ich das melden konnte! Die Sache hatte sich so einfach abgespielt ohne jede Schwierigkeit. Mit Zagen war ich in Langfuhr an das Vereinsleben herangegangen und jetzt, wo ich hier in Posen die Vorsitzende von zwei Vereinen, von der Abteilung des Frauenbundes und vom Gauverband war, wie spielend leicht ging alles und mit welcher Freude kamen wir immer zu den Sitzungen zusammen! Dank den liebenswürdigen Vorstandsmitgliedern verlief stets alles harmonisch, ich wüßte nicht, daß sich jemals ein Mißton hineingedrängt hätte. In Posen konnte ich auch die Gefängnisarbeit wieder aufnehmen, und das persönlich an die Menschen Herantreten ist mir immer besonders lieb gewesen. Nach einem Jahr wurden mir auf Wunsch des Staatsanwalts und des Gefängnisgeistlichen auch einzelne der männlichen Gefangenen zugewiesen. Die Liebe zu ihren Kindern war da ganz besonders der Weg, auf dem man an ihre Herzen gelangte. ? 1910 war das Jahr, in dem verschiedene Regimenter ihr 50jähriges Jubiläum feierten, so auch das Infanterieregiment von der Marwitz Nr. 61, dessen erster Kommandeur mein Vater gewesen war. Der jetzige Kommandeur, Oberst Balck, der auf das sorgsamste bemüht ist, alle Traditionen des Regiments festzuhalten und neu zu beleben in den Herzen seiner Untergebenen, hatte mich gebeten, das Festspiel für den Abend zu dichten, das, in einem Stück zusammengefaßt, Bilder und Szenen aus der Chronik Thorns, aus der Geschichte der Familie v. Marwitz und der Regimentsgeschichte bringen sollte. Da mein Vater leider keinen Sohn gehabt hat, so sollte ich dessen Stelle vertreten und wurde vom Regiment zu dem Fest eingeladen. Durch diese Jubiläumsfeier wurde zugleich meinem Vater die zweite Ehrung nach seinem Tode zuteil, die ich miterlebte. Die erste war im Jahre 1903 in Flensburg gewesen, als, gestiftet von alten Kriegskameraden, dort das Denkmal von ihm enthüllt wurde. Eine lebensgroße Statue, vom Bildhauer Brütt angefertigt, und auf dem Sockel ein Relief, die Kampfszene aus Kolding darstellend, mit der Unterschrift: »Hurra, dem Trommler von Kolding!« Am Abend vor den Festtagen in Thorn war im Theater die Aufführung des Festspiels für die alten Veteranen. Rührend war es mit anzusehen, wie ergriffen die Alten bei den Kriegsszenen aus dem Regiment waren, die sie teilweise selbst miterlebt hatten.[306] Am 2. Juli war die Hauptfestvorstellung in dem feierlich geschmückten Theater, alle Darsteller gehörten zum Regiment und waren mit ganzer Seele bei dem Spiel. Trefflich war es einstudiert und wirkte dadurch doppelt lebensvoll, daß die Kulissen eigens dazu angefertigt waren, das alte Thorn, die Kiesgrube, von der aus der Sturm auf die Fabrik versucht wurde, als die Fahne verloren ging, und andere. Tags darauf Feldgottesdienst, Parade und das große Festessen. Mit welcher Liebe und Verehrung wurde dabei meines verstorbenen Vaters gedacht! Am Abend fuhren wir noch zu den verschiedenen Kompagnien und es war mir ganz beweglich, dort aus dem Munde von Dijonkämpfern die erschütternde Fahnengeschichte zu hören. Oberst Balck hatte bis in das kleinste hinein alles auf die sinnigste Weise für das Fest vorbereitet, das wohl bei uns allen einen lieben dauernden Eindruck hinterlassen hat. Als sichtbares Zeichen der Erinnerung steht noch bei mir die Statuette des Leutnants von Puttkamer, der, die zerschossene Fahne in der Hand, vorwärts stürmte. Vom Regiment war das ein Geschenk für mich, das mir eine unerwartete große Freude bereitete. Noch eine dritte Ehrung steht für meinen geliebten Vater in Aussicht, das ist im September 1912 an seinem 100jährigen Geburtstag. Die alten Leute in Sproitz haben den Gedanken gefaßt und die Sache angeregt. Von dem Leiter des Basaltsteinbruchs, Herrn Demeter, unserem ehemaligen Kutscher Häusler Gustav Fünfstück und meines Vaters altem Diener Häusler Hermann Liebig ging es aus und zog dann weitere Kreise. Auf einem Platz dicht hinter dem Gutsgarten steht das große Granitkreuz, vor dem die sterbliche Hülle meiner Eltern eingebettet ruht, durch eine grüne Wand davon abgeschlossen soll sich das Denkmal erheben, ein Obelisk aus Basaltsäulen, gekrönt von Helm und Waffen. Auf die Frontseite kommt das Reliefbild meines Vaters und darunter die Kampfszene aus Kolding. ? Amazon.de Widgets So wechselnd und so verschiedenartig auch die Arbeiten waren, die mir die Verhältnisse in dem letzten Jahrzehnt in die Hand gelegt hatten, eine Aufgabe zog sich immer hindurch, seitdem ich mir bei der Abfahrt des Truppentransports gelobt hatte, für die Schutztruppe zu sorgen. Mit dem Namen »unsere Freifrau von Afrika« hatten sie mir gewisse Rechte zuerteilt, ich hatte aber auch Pflichten damit übernommen und die will ich immer im Auge behalten. Hier in der Heimat, wo ich in einem Dutzend südwestafrikanischer Kriegervereine Ehrenmitglied bin, dichte ich für ihre Kaiser-Geburtstagsfeier, nehme teil an ihrer Fahnenweihe und bleibe durch dies und das[307] in Verbindung mit ihnen. Mit drüben ist der Briefverkehr nicht abgebrochen, wenn er auch selbstverständlich zusammengeschmolzen ist im Vergleich zu der Orlogszeit. Da kam nun vor etwa zwei Jahren aus Südwestafrika von Offizieren, Unteroffizieren und Reitern an mich die Bitte, drüben auf den einsamen Stationen einem dringenden Bedürfnis abzuhelfen und Bücher dahin zu schicken. Nach Rücksprache mit dem Kommando der Schutztruppe nahm ich auf Wunsch des Kommandeurs, Generals von Glasenapp, die Sache persönlich in die Hand. Mein Aufruf, unterschrieben und bekräftigt durch das Kommando der Schutztruppe in Berlin und aus den Kolonien, ging hinaus und ihm folgten die zahlreichen persönlichen Briefe, die ich in dieser Sache an Fürstlichkeiten, Städte, koloniale Erwerbsgesellschaften und an solche Persönlichkeiten schrieb, von denen ich annahm, daß sie sich für unsere Braven draußen erwärmen würden, die auf einem weltabgeschlossenen Posten so notwendig der Anregung, Belehrung und Unterhaltung durch gute Bücher bedürfen. Se. Majestät der Kaiser hatte die Gnade, mir eine Summe zur Verfügung zu stellen und sich für die Arbeit zu interessieren. Verhältnismäßig blieben nur wenige meiner Briefe ohne Erfolg, Geld und Bücher kamen aus allen Kreisen und die Woermannlinie sagte mir freien Transport nach den Kolonien zu. Vom Kommando holte ich mir Rat betreffs der Zusammenstellung der Büchereien und der Stationen, wo diese am nötigsten wären, legte auch zur eigenen Beruhigung meine Bücher zur Einsicht dort immer vor. Bitte um Gaben und Dank für dieselben ging außer den Briefen noch durch die Zeitung. Die große Arbeit aber, die mit dem Büchereinkauf, der Zusammenstellung im Katalog und dem Einpacken verbunden ist, übernahm mit mir aus Liebe zu seinen Kameraden ehrenamtlich der jetzige Sekretär im Reichskolonialamt Heinz Lüth, mit dem ich nach seiner Rückkehr aus Südwestafrika in ständiger Verbindung geblieben war durch die Fürsorge für Heimgekehrte. Die Bücher, die in einem dafür gemieteten Raume aufgestapelt sind, werden in Kistenschränken verpackt, die mit Blech ausgeschlagen sind. Für Ostafrika ist die Verpackung naturgemäß eine andere, da die Bücher dort durch Träger in das Innere geschafft werden müssen. Jeder Bücherei, die koloniale, geschichtliche und Marinewerke enthält, sowie Romane und Novellen, besonders patriotischen Inhalts, erbauliche und humoristische Bücher, ist ein genauer Katalog beigefügt, auf dessen erstem Blatt ich eine Widmung geschrieben habe, die auch Se. Hoheit[308] der Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg die Gnade hat zu unterschreiben. Siebzehn Büchereien sind jetzt in Südwestafrika, fünf in Kamerun und sechs in Ostafrika. Strahlend ist der Dank und die Freude über diesen Treugruß, den die Heimat ihren deutschen Söhnen über das Meer hinsendet. Die Dankesbriefe von Offizieren, Unteroffizieren und Reitern kommen zu meinem Briefschatz aus der Orlogszeit. Wir stehen noch mitten in dieser Arbeit, denn von da und dort aus den Kolonien kommt immer wieder der Sehnsuchtsruf nach einer Soldatenbücherei. Mit innigem Dank habe ich vor kurzem von Herrn Adalbert Stier eine reiche Spende für unsere Büchereien erhalten, die es mir ermöglicht, dauernd für diese Soldatenbüchereien sorgen zu können durch jährliche Ergänzung derselben. Eine Summe von 500 Mark steht mir durch ihn jedes Jahr zur Verfügung, um, je nach Wunsch der Stationen, dorthin neue Bücher zu senden oder für ein Zeitungsabonnement zu sorgen. Auch der Magistrat von Charlottenburg hat mit 50 Mark jährlich zwei Stationen übernommen für Bücherergänzungen. In letzter Zeit tritt von drüben wiederholt die Bitte an mich heran, Atlas und Unterrichtsbücher zu senden, da Unteroffiziere und Reiter nach einer Fortbildung verlangten. Auch von dieser Arbeit sage ich aus vollem Herzen, alle darauf verwandte Mühe steht gar nicht im Vergleich zu dem Dank und der Freude, die uns dadurch wird. Amazon.de Widgets Da ? völlig unerwartet ? hieß es im April 1911 noch einmal: umsatteln ? umziehen ?, mein Schwiegersohn war in Charlottenburg Präsident des Reichsmilitärgerichts geworden. In Posen hatte ich feste Wurzel gefaßt, nun hieß es sich losreißen von allen den lieben Menschen, von allem, was man mit ganzer Seele getrieben hatte. Doch diesmal kam es anders als sonst. Die Damen des Vorstandes von den Vereinen, die ich leitete, kamen zu mir und baten, daß ich unter allen Umständen den Vorsitz behalten möchte. Ich zögerte mit der Annahme, denn es war mir nicht klar, ob ich das durchführen könnte, und dann auch erschien es mir richtiger, das Amt meinen Stellvertreterinnen zu überlassen. Diese aber weigerten sich auf das entschiedenste, den Vorsitz zu übernehmen, und wiesen auf die Gefahr hin, daß die Polen, die mir persönlich die Unterstützung für die Horte versprochen hätten, das zurückziehen könnten, wenn ich die Leitung niederlegte. Meinen anderen Einwand entkräftigten sie dadurch, daß sie mir vorhielten, ich hätte auch von Posen aus 11/2 Jahre in Berlin gearbeitet und den Frauenbund dort[309] geleitet. So kam es, daß ich den Vorsitz in den Vereinen, beim Frauenbund und beim Gauverband behalten habe. Was ich an Liebe und Freundlichkeiten in Posen erfahren habe, das drängte sich noch einmal an dem unvergeßlichen Abschiedsfest zusammen, in dem sich alle Kreise und Stände vereinigten, mit denen mich meine Arbeit zusammengeführt hatte. Da traten alle Gegensätze der Nationalität, der Religion und des Standes zurück, und in vollster und ungetrübter Harmonie klang das Abschiedsgeläute aus. 
 Vorwort.  Von verschiedenen Seiten bin ich aufgefordert worden, Aufzeichnungen zu machen aus meinem Leben, das mit so vielen Erinnerungen aus großen Zeiten verwebt ist. Ich habe mich schwer dazu entschließen können, weil die eigene Person mir zu unbedeutend dünkt, um ihren Lebensweg wiederzugeben. Doch in anderer Form will ich versuchen, zusammenzufassen, was ich als teuren Schatz treu im Gedächtnis bewahrt habe. Erinnerungen sind es an stürmische Tage, sowie an Kriegs- und Siegesjahre, und dabei will ich von denen erzählen, die mir nahegestanden und die ihrem Könige und Vaterlande zu solchen Zeiten treue Dienste geleistet haben. Mein Leben soll dazu nur gewissermaßen den Rahmen bilden und nur insoweit hineingezogen werden, als es nötig ist, um das Ganze in Zusammenhang zu bringen, oder um ein Bild der Zeit und der Ereignisse zu geben, die vielleicht auch für weitere Kreise Interesse haben können. Und wenn ich dann zum Schluß ? ausgesprochenen Wünschen folgend ? von dem Wirkungskreise erzähle, in dem meine jetzigen Aufgaben liegen, so geschieht es, um auf Grund der Erfahrungen meines Lebens, das mich sowohl über sonnige Höhen führte, wie durch das dunkle Tal des Leidens, zu denen sprechen zu können, die einen unersetzlichen Verlust erlitten haben und an dem Entbehren, das ihnen dadurch wurde, krankten. Ich möchte ihnen zeigen, wie uns von allen Seiten dringend die Arbeit ruft, die unserem Leben reichen Inhalt und ein stilles, aber tiefes Glück verheißt.[3] Auch dabei soll meine eigene Person nicht sprechen, sondern ich will nur Bilder aus dem Arbeitsfelde entrollen, die in beredter Weise zum Ausdruck bringen, welch ein Segen und welche Freude auch mit geringen Mitteln geschaffen werden können. Wir Frauen haben wohl ein volles Verständnis für das Wort »Im Glücklichmachen liegt das Glücklichsein«, und wie uns dies Glücklichmachen und Glücklichsein greifbar nahe geboten wird, auch wenn wir das Liebste hingeben mußten, das sollen die letzten Blätter dieses Buches sagen. Wenn es nun hinauszieht in die Welt, so gebe ich ihm dabei den innigsten Wunsch mit, daß es Herzen erwärmen möchte für das Wirken der deutschen Männer, die ich ihnen nahebringen will, und für die Liebesarbeit, die uns Frauen glück- und segenverheißend ihr weites Arbeitsfeld öffnet. Die schlichten Aufzeichnungen dieser Blätter bitte ich den Leser, freundlich hinzunehmen. Sie kommen von Herzen, möchten sie den Weg zu den Herzen finden. Adda Freifrau von Liliencron geb. Freiin von Wrangel.[4] 
 VII. Der Feldzug in Böhmen im Jahr 1866.  [66] Potsdam war jetzt unsere Garnison. Wie eine sonnendurchstrahlte, glückselige Zeit stehen die Jahre in Potsdam in meiner Erinnerung. Auch die bangen, angsterfüllten Stunden, die dazwischen durchgekämpft werden mußten, vermögen diesen Eindruck nicht abzuschwächen.[66] Im September 1865 wurde unser geliebtes Kind, unsere Tochter geboren, das gab neuen Grund zu innigem Dank, zu erhöhter Freude. Ihre Taufe, die freilich erst spät sein konnte, da ich wochenlang sehr krank war, wurde mit ihren Großeltern im Kreise unserer Offiziere, der gelben Reiter, gefeiert, die, wie sie fröhlich und feierlich versicherten, das kleine Regimentskind gründlich verziehen wollten. Im Jahre 1866 zogen von neuem die Kriegswolken auf. Man glaubte noch nicht daran und wollte sich die Gedanken an den Bruderkrieg aus dem Sinn schlagen, aber immer drohender sah es aus, und immer weniger konnte man sich dem Ernst verschließen, den die kommenden Tage bringen sollten! Sehr deutlich taucht beim Niederschreiben vor mir das Bild des Frühlingstages auf, als ich mit meinem Manne den letzten Ritt vor der Kriegszeit machte. Es war ein sonniger Nachmittag, wir waren weit geritten und kamen jetzt nach Baumgartenbrück zurück. Abendliche Stille herrschte ringsum, wir ließen die Pferde langsam am Ufer entlang gehen. Der Krieg, der vor uns lag, das Scheiden und Meiden beschäftigte uns. Was würde die nächste Zukunft bringen? Ich verstummte, mir war das Herz schwer geworden. Glühendrot ging die Sonne unter. Mein Mann, um mich aus meinen Gedanken herauszureißen, machte mich darauf aufmerksam und zeigte auf mein Pferd. Der Schimmelhengst, den ich ritt, war wie mit einem brennendroten Schimmer übergossen. Was mich sonst entzückt hätte, verlor für mich in dem Augenblick jeden Reiz. Wie mit Blut übergossen erschien mein Mustapha, und die Schrecken des Krieges, Flammen, Wunden und Tod traten mir grell vor die Seele. Unwillkürlich schauerte ich zusammen, und es war mir wie eine Beruhigung, daß der blutigrote Widerschein der untergehenden Sonne auf meines Mannes Rappen nicht so scharf hervortrat. Er sah mich an, und ich verstand den Blick, gab ihm die Hand und versicherte: »Ich will tapfer bleiben.« Das Regiment wurde mobil gemacht, sollte aber vorläufig noch in Hennickendorf im Kantonnementsquartier bleiben. Ein Maitag war es, wir hatten an der Wiege unseres schlafenden Kindes die letzten Abschiedsworte ausgetauscht, und nun stand ich am offenen Fenster. Wie ich es so oft gesehen, so sollte auch heute das Regiment an unserm Hause vorbeireiten. Jetzt klang Musik ? frische Marschmelodie. Die Trompeter auf ihren Schimmeln kamen, und dann die gelben Reiter mit den schwarzweißen Fähnlein, die so lustig im Morgenwind flatterten. Wie im Traume sah ich das alles und dankte mechanisch, wenn die Offiziere[67] den Säbel senkten und noch einmal heraufgrüßten. Aber wie ich erst unsern Rappen mit seinem Reiter erspäht hatte und sein Winken und Grüßen sah, da lehnte ich mich weit hinaus, bis nichts ? gar nichts mehr zu entdecken war. Immer ferner klang die Musik, immer mehr verhallte das Pferdegetrappel! Die Worte unseres Kommandeurs Oberst Mirus, die er gesagt, als er, um Abschied zu nehmen, bei mir war, kamen mir in den Sinn. »Gedenken Sie nicht nur Ihres Mannes, wenn er im Felde steht«, hatte er gebeten, »denken Sie auch an das Regiment, und beten Sie auch für uns.« Ja, das wollte ich tun! Gott möge meinen geliebten Mann behüten und unsere gelben Reiter! Bis in den Juni hinein blieb das Regiment im Kantonnementsquartier. Es gab viel zu tun, denn ich hatte das ganze Haus voll Einquartierung. Da konnte ich nicht so oft, wie ich gern gewollt, nach Hennickendorf, und meinen Mann band der Dienst, der ihn nicht viel frei ließ. Aber wie es im alten Volksliede heißt: »Kein Weg zu weit, Und zu schwarz nicht die Nacht; Wenn zwei sich sehn woll'n, Es wird schon gemacht!« So machten auch wir es möglich, uns noch mehrmals zu sehen; sei es, daß mein Mann auf eine Stunde herüberkam, oder daß ich nach Hennickendorf fuhr. Da teilte ich bei seinem bäuerlichen Quartierwirt die Mahlzeit, Pellkartoffeln und Hering, mit meinem Manne und wanderte dann glückselig froh mit ihm durch den Elsenbruch. Dabei konnten wir beinah vergessen, daß vielleicht schon der nächste Tag den Kriegsruf bringen mußte. Anfang Juni erhielt das Regiment den Auftrag, nach der böhmischen Grenze zu rücken. Mein Vater, der die 26. Infanteriebrigade in Münster hatte, war für die Mainarmee bestimmt, die unter dem Befehl des Generals Vogel von Falkenstein stand. Der Schutz der westlichen Provinzen des Staates war dieser Armee zugewiesen, und die Division Goeben, zu der mein Vater gehörte, sollte nun zuerst gegen Hannover marschieren, um möglichst die Konzentrierung der feindlichen Armee zu verhindern. Sobald mein Vater ausgerückt war, kam meine Mutter zu mir, und da der Arzt für mich eine Erholung wünschte, so gingen wir mit meiner Kleinen nach Suderode.[68] Mein Mann wurde, nachdem das Regiment die Grenze überschritten hatte, Ordonnanzoffizier bei dem Generalleutnant von Plonski, Kommandeur der 2. Gardeinfanteriedivision, die zur II., zur Armee des Kronprinzen gehörte. Seine täglichen Briefe brachten mir genaue Nachricht über erfolgreiche Patrouillenritte, über das Gefecht bei Czervenahora, das unsere gelben Reiter gehabt, und über das Vorgehen der Truppen, soviel er davon erfuhr. »Wir leben hier im Stabe wie eine große Familie«, schrieb mir mein Mann, »ich bin sehr dankbar für diese angenehme Stellung, man erfährt alles, was vorgeht, und wird tüchtig herumgeschickt.« Amazon.de Widgets Dann auf einem abgerissenen Blatt mit Bleistift die Notiz: »Gefahrvoller, aber herrlicher Ritt ? konnte die Verbindung mit dem V. Korps, das eine sehr glückliche Schlacht geliefert hatte, herstellen. Ein feindliches Regiment suchte die Verbindung zu hemmen, ich kam aber ungefährdet hin und zurück. Auf meine Meldung ging das Gardekorps vor. Gelobt sei Gott, er schütze uns ferner. Dein glücklicher, aber sehr müder ...« Und nun kam Königgrätz. Mein Mann war am frühen Vormittag ausgeschickt, um Meldung zu bringen, wie die Schlacht stände. Der Kronprinz war noch nicht eingetroffen, und ? wie bekannt ? schien es in jenen Stunden mehr als bedenklich, ob die Entscheidung des Tages für unsere Truppen günstig ausfallen würde. Mein Mann hat später so oft mit mir darüber gesprochen, daß ich vollständig mit ihm fühlen und mich in die Eindrücke hineinleben konnte, die ihn damals mit elementarer Gewalt bestürmt hatten. Was er, um genaue Meldung bringen zu können, hier und da bei den einzelnen Truppenteilen zu erfahren suchte, lautete ungünstig, ja besorgniserregend; die Ankunft der Armee des Kronprinzen wurde voll unruhiger Spannung erwartet. Mein Mann verhehlte es sich nicht, die Schlacht stand auf dem Punkt, verloren zu gehen. Vorwärtsdringend sah er, wie preußische Kavallerie in aufgelöster Ordnung zurückjagte, verfolgt von einem geschlossenen Regiment österreichischer Kürassiere. Welch ein junges Soldatenherz überlegt in solchem Augenblick, ob es überhaupt möglich ist, als einzelner fliehende Kavallerie aufzuhalten, und setzt nicht ohne Besinnen seine ganze Person ein, um die Zurückweichenden zum Stehen zu bringen und ins Gefecht zu zwingen! So warf sich denn auch mein Mann den Davonjagenden entgegen, rufend, befehlend und mit aller Macht gegen den Strom drängend in der verzweifelten Anstrengung, wenigstens einige der Leute mit sich fortzureißen zur Gefechtsaufnahme. Geschah das nur erst von einzelnen, so folgten mehr, und die Panik war gebrochen.[69] Ob ihm die Reiter folgten, oder ob er allein dem Feind standhielt, das wußte er später nicht. Die Kürassiere brausten heran, und über seinen Kopf sausten ihre Säbelhiebe. Bei dem ersten, der ihn traf, schwankte er im Sattel, und ehe er sich wieder aufraffen konnte, bekam er den zweiten Säbelhieb und sank besinnungslos vom Pferde. Über ihn fort jagten die Reiter, aber kein Pferd trat ihn, nur Säbelhiebe und Stiche trafen ihn noch, während er am Boden lag, davon zeugten die Wunden am Arm und an der Hand. Sein getreuer Rappe trug dieselben Wunden davon wie sein Herr, zwei Hiebe über den Kopf und Stiche im Vorderbein. Blutend und herrenlos irrte das gute Tier umher, wurde aber aufgegriffen und kam dann wieder zum Stab der 2. Gardedivision zurück. Unseren braven Rappen haben mein Mann und ich nachher noch oft geritten. Die Säbel der Kürassiere müssen haarscharf gewesen sein, denn an der Mütze, die mein Mann trug, und die ich noch heute habe, ist der Deckel und der Schirm von den beiden Hieben wie mit einem Rasiermesser durchgeschnitten. Als mein Mann aus seiner Betäubung erwachte, war die wilde Jagd von Freund und Feind vorüber. Das Blut, das sich über sein Gesicht ergossen, war angetrocknet und hatte sich zu einer Art Maske verdichtet, die ihn am Umblicken hinderte. Die Schwäche, durch den Blutverlust verursacht, erschwerte ihm das Aufrichten, aber mit starker Willenskraft brachte er es doch zustande und suchte sich weiterzuschleppen. Es zeigte sich Hülfe. Ein Ulan, der noch sattelfest war, trotz seines Schusses im Bein, kam angeritten. Den einen Steigbügel hatte ein verwundeter Offizier erfaßt und ließ sich auf diese Art weiterschleppen. Mein Mann griff nach dem anderen, und so ging es nach Horsitz. Eine kalte, regnerische Julinacht war es. Der ganze Marktplatz, sowie die Straßen, lag voll Verwundeter, und durch ihre Reihen flackerten die Laternen der Krankenträger, schritten die Ärzte mit Verbandzeug, unermüdlich ihres Amtes wartend. Aber gegenüber dieser Masse von Verwundeten reichten die hülfreichen Hände nicht aus. Mein Mann wollte den schwerer Verwundeten den Vorrang lassen. Todmüde, klappernd vor Frost und dann wieder vom Wundfieber geschüttelt, warf er sich in einen Holzschuppen auf das Stroh und schlief ein. Beim Erwachen packte ihn ein jäher Schreck, als er in dem halbdunklen Raume Weißröcke um sich zu erblicken glaubte. War er in die Gefangenschaft der Kürassiere geraten, die ihn vom Pferde gehauen hatten? Der Gedanke war so qualvoll, daß er ihn kaum zu er tragen vermochte. Aber da drangen Töne an sein Ohr, die sich für ihn zur erlösenden, herrlichen[70] Melodie gestalteten, und es war doch nichts anderes, als das laute Geschnatter der Weißröcke, die sich als harmlose Gänse entpuppten. Erst gegen Morgen konnte mein Mann verbunden und in das Lazarett gebracht werden. Eine ihm unvergeßliche Stunde erlebte er dort; das war, als die ehrwürdige Gestalt des Königs an den Betten der Verwundeten entlang schritt, bei jedem einzelnen verweilend. Für alle diese Braven, die ihr Blut für das Vaterland hingegeben, hatte der hohe Herr einen warmen Blick, ein tröstendes oder aufmunterndes Wort! Auch mein Mann durfte tiefbewegt die teure Hand des Königs küssen und die freundlichen Worte vernehmen, mit denen der vielgeliebte Hohe Herr ihn seiner Anteilnahme und seiner Huld versicherte. Durch einen Offizier unseres Regiments bekam ich die erste Nachricht von der Verwundung meines Mannes, doch schrieb er mir beruhigend dabei, daß seine Wunden nicht lebensgefährlich wären und er bei voller Besinnung sei. Ein paar kurze Bleistiftgrüße, mit zitternder Hand geschrieben, folgten, die mir mein Mann vom Lazarett aus schrieb, und dann kam die Nachricht, daß er mit dem ersten Transport Verwundeter nach der Heimat geschickt würde und zu uns nach Suderode kommen wollte. War das ein Hoffen und Sehnen, ein Freuen und Bangen, als ich meinen geliebten Verwundeten erwarten durfte! Am 3. Juli hatte er die Kopfhiebe bekommen, und in der Nacht zum 15. stand er schon vor der Tür unseres kleinen Hauses in Suderode und pochte an. Wohl war es ein Wiedersehen, das mit tief innigem Dank empfunden wurde, aber es war kein stürmisches, jubelndes, sondern ein ernst bewegtes, in das sich bei mir die zitternde Sorge um den auf das äußerste Erschöpften mischte. Die ersten zwei Tage lag mein Mann in völliger Apathie da, und wenn er so mit geschlossenen Augen ruhte, trat die Veränderung in seinen lieben Zügen scharf hervor. Die frischen Farben waren verschwunden, die Augen lagen tief, und über den glatt rasierten Kopf, wie über die Stirn bis zur Schläfe hin lief die fingerdicke Geschwulst der Wunde, die noch eiterte. Doch mit Gottes Hilfe überwand seine durch und durch gesunde Natur bald die große Schwäche und er erwachte wieder zum Leben, zur Freude und zum Dank. Die sonnigen Tage konnten wir im Freien genießen, umjubelt von unserm Kinde und von mütterlicher Fürsorge umgeben. Der kleine Badeort hatte teilgenommen an der Sorge um den verwundeten Krieger, jetzt freuten sie sich mit mir, einen der Kämpfer von Königgrätz in ihrer Mitte zu haben. Kaum aber, daß sich mein Mann einigermaßen erstarkt fühlte, so trieb ihn sein Pflichtgefühl zurück zu der Truppe. Noch war ja der[71] Friede nicht geschlossen, da durfte er nicht einen Tag länger bei mir bleiben, als es seine Gesundheit unbedingt verlangte. So sagte er mir, und ich mußte ihm recht geben, wenn mir auch diesmal das Scheiden doppelt schwer wurde, nachdem der Tod ihm so nahe gewesen. Nach zehn Tagen ? die Wunden eiterten noch ? reiste er wieder ab. Einen Choleraanfall, der ihn packte, als er in das Böhmerland kam, überwand er schnell. Wie er meinte, dadurch, daß er die Fahrt beim Schaffner, oben auf dem Eisenbahnwagen sitzend, fortsetzte und durch den scharfen, frischen Luftzug geheilt wurde. In Sorge um seine noch nicht geheilten Wunden hatte ich ihn ziehen lassen, aber seine Briefe beruhigten mich mehr und mehr. Er schrieb, wie immer, voll Gottvertrauen und freudig, hatte wieder seinen ihm so lieben Platz bei der Gardedivision und scherzte heiter: »Im ersten Feldzug, an der polnischen Grenze, holte ich mir die Braut; im zweiten, in Holstein, den ersten Orden, und im dritten die fünf Wunden.« Der Kampf war in Böhmen zu Ende, der Waffenstillstand geschlossen, und, Gott sei Dank, nun konnte man sagen: »Die Waffen ruh'n, des Krieges Stürme schweigen.« Und nicht allein das; glorreich ging zu Ende, was wenige Kampfestage entschieden hatten. Wie aber der Großonkel jene Kriegszeit durchlebte, das will ich aus den Aufzeichnungen des Grafen Kalnein schöpfen, der darüber schreibt: »Als der Ausbruch des Krieges gegen Österreich drohte, erwachte im Feldmarschall wieder der gewohnte Tatendrang und der sehnliche Wunsch, den Feldzug mitzumachen. Als Führer der Truppe wäre er mit seinen 82 Jahren keine genügende Kraft gewesen, aber seine Soldatennatur ertrug es noch nicht, untätig daheim zu bleiben, während draußen gekämpft wurde; so bat er den König um die Erlaubnis, freiwillig mit seinem Regiment, den 3. Kürassieren, mitgehen zu dürfen. Ein paar Tage später erhielt der Feldmarschall noch die Kabinettsorder, in der es ihm gestattet wurde, sich seinem Regiment als Chef während des Feldzuges anzuschließen. Das Regiment solle Befehl erhalten, ihm alle Ehren und Rücksichten zu erweisen, die einem preußischen Feldmarschall und Regimentschef zuständen. Über den Tag der Abreise von Berlin würde ihm die Allerhöchste Order noch zugehen. Sie kam im Juli am Tage, nachdem der König sich zur Armee begeben hatte, und wir fuhren noch an demselben Abend bis Landshut und blieben dort die Nacht. Dann ging es zu Pferde bis Horsitz, wo wir den König fanden, bei dem der Feldmarschall sich meldete. Horsitz liegt nicht weit von Königgrätz, es war erst zwei Tage her, daß dort die siegreiche Schlacht geschlagen war, und wir besuchten daher auch in Horsitz die[72] überfüllten Lazarette. In einem derselben fanden wir den Leutnant Frhr. von Liliencron, der von einigen Säbelhieben österreichischer Kürassiere verschiedene Kopfwunden davongetragen hatte. Von nun an irrten wir in Österreich umher, um das 3. Kürassierregiment zu suchen. Ohne jede Bedeckung mußte ich den einzigen preußischen Feldmarschall der Armee durch Feindesland führen und zu erfahren suchen, wo das I. Armeekorps und wo das 3. Kürassierregiment aufzufinden sei. Dies war keine ganz leichte Aufgabe, zumal mit dem unruhigen und ungeduldigen Feldmarschall. Endlich, am 12. Juli, fanden wir das Regiment an der ungarischen Grenze in Mährisch-Trübau. Der Feldmarschall, der den Gedanken mit dem Freiwilligen doch noch nicht ganz los geworden war, begab sich sofort zum Kommandeur, Oberst Graf Dohna, meldete sich bei ihm als Freiwilliger und fragte ihn, welcher Eskadron er ihn zuteilte und wer diese Eskadron kommandiere. Als Graf Dohna den Feldmarschall öfters mit Exzellenz anredete, wurde er ihm sehr grob und sagte: ?Einen Freiwilligen nennt man nicht Exzellenz.? Dann begaben wir uns zum Premierleutnant v. Schmiedeseck, der die 3. Eskadron für den erkrankten Rittmeister führte. Wir trafen ihn im Schlafrock auf dem Sofa liegend und eine Käsestulle essend. Als er den Feldmarschall eintreten sah, sprang er fassungslos auf vom Sofa und warf dabei den Stuhl um, auf dem der Käseteller stand. Der Feldmarschall rief ihm zu: ?Beruhige dir, mein Sohn, zieh dir Uniform an, und dann nimm meine Meldung an und sage mir, wo ich meinen nächsten Dienst habe.? Ich stand hinter dem alten Herrn und machte Schmiedeseck, der aus alledem nicht klug werden konnte, beruhigende Zeichen. Endlich verständigten wir uns so weit, daß Schmiedeseck dem Feldmarschall sagte, das Regiment hätte den Befehl ausgegeben, daß die Eskadrons morgen früh um 7 Uhr am östlichen Ausgang des Dorfes zum Marsch bereit stehen sollten. ?Und bei welchem Abmarsch soll ich reiten?? fragte Wrangel. Wieder machte ich dem gänzlich fassungslosen Schmiedeseck Zeichen, und er stammelte dann: ?Bitte beim Standartenabmarsch zu reiten.? ? Hierauf begaben wir uns in unser sehr gutes Quartier. Am nächsten Morgen fanden wir uns pünktlich um 7 Uhr beim Regiment ein. Der Kommandeur und das ganze Offizierkorps kam uns entgegengesprengt. Der Feldmarschall ritt dann an die Standarte heran, ergriff sie, nahm seinen Helm ab und sagte: ?Dir habe ich vor 70 Jahren Treue geschworen. Ich habe die Treue gehalten. Jetzt bin ich wieder bei dir und reite mit dir auf Tod und Leben.? Dann richtete er noch einige herzliche Begrüßungsworte an das Regiment. Kein Auge blieb trocken. Unter den Klängen des Hohenfriedberger Marsches marschierte das Regiment ab.[73] Amazon.de Widgets Von nun an blieb der Feldmarschall ganz beim Regiment. ?Zum Einhauen?, was er sich so sehnsüchtig gewünscht, kam es nicht mehr, wohl aber hat der alte Herr oft außerordentlich anstrengende Märsche mitgemacht und nicht selten erbärmliche Quartiere und auch recht mangelhafte Verpflegung gehabt. Wenn auf dem Marsche das Regiment absaß, so brachte man ihm einen hölzernen Schemel, auf dem er sich ausruhte. Diesen Schemel hatten ihm die Unteroffiziere des Regiments angeschafft. Er hat denselben später nach Berlin mitgenommen, wo er ihm bis an sein Lebensende vor seinem Schreibtisch als Schreibstuhl diente. Die meisten Ortschaften, in welche die preußischen Truppen kamen, waren von den Einwohnern verlassen, was die Requisitionen und die Verpflegung sehr erschwerte. So war es auch in einem Dorf, in welchem wir eines Tages Quartier nahmen. ? Kurz ehe der Feldmarschall zu Mittag speisen wollte, saß er auf einer Bank vor dem Hause. Da öffnet sich gegenüber in einem Häuschen eine Tür, und schüchtern tritt ein uraltes Männchen heraus, geht auf den Feldmarschall zu und sagt ihm, er wäre wohl schon ein sehr alter Herr, er würde wohl Mitleid mit ihm haben und ihn schonen. Die Seinigen hätten ihn alle verlassen, und ihn, weil er alt und schwach sei, nicht mitgenommen. Er müsse nun hier verkommen. Der Feldmarschall ließ ihm das Mittagsessen, das für ihn bestimmt war, sowie einige Flaschen Wein und ein Geldgeschenk geben und begnügte sich den Tag mit trockenem Brot und etwas Schokolade. Aber bei alle den wechselnden und tiefen Eindrücken, die in jenen Tagen auf den Großonkel einstürmten, vergaß er nicht, sich daran zu erinnern, daß in dem Dörfchen Prussinowitz die kleine Gemeinde so arm war, daß sie ihrer Kirche keine Glocke hatte geben können. Nun war es für ihn eine Freude, die Glocke zu stiften, und ihnen das an dem Tage kundzutun. Als er sie dann später übersandte, wurde sie bewegten Herzens vom Pfarrer und der Gemeinde empfangen. Sie trägt die Inschrift: ?Gott sei gelobt, der uns den Frieden gegeben. Prussinowitz, 12. August 1866. Graf Wrangel, Freiwilliger im Ostpreußischen Kürassierregiment Nr. 3.? Den 15. August, den Tag, wo der Feldmarschall vor 70 Jahren in das Kürassierregiment eingetreten war, feierte er in dem Hause des österreichischen Feldmarschalls Baron von Laudon. Über den Festtag in Bystritz und den Abschied vom Regiment schreibt Graf Kalnein noch: Während des Essens in Bystritz übergab der Feldmarschall dem Baron einen Brief mit den Worten: ?Lies doch, mein Sohn, ob du das tun willst.?[74] Der Baron las, und es rollten ihm Tränen über die Backen. Er erhob sich, umarmte den Feldmarschall und küßte ihm, keiner Worte fähig, die Hand. Der Feldmarschall hatte nämlich dem Schreiben tausend Taler beigefügt, mit der Bitte, dieselben durch das österreichische Kriegsministerium den Hinterbliebenen seines Wrangel-Kürassierregiments zugehen zu lassen, welches bei Königgrätz in der Brigade mit den Prinz-Karl-von-Preußen-Kürassieren vollständig vernichtet worden war. Am 16. August begab sich der Feldmarschall, da der bereits bestehende Waffenstillstand zweifellos mit dem Friedensschluß enden würde (und auch endete), nach Berlin zurück. Tags zuvor hatte er, als er nach dem Diner das Offizierkorps mit herzlichen Abschiedsworten entließ, den Kommandeur gebeten, von seiner Abreise keinerlei Notiz zu nehmen, ein wiederholter Abschied vom Regiment würde ihn zu sehr angreifen. Als wir aber morgens 7 Uhr im offenen Wagen zur Bahnstation fuhren, sahen wir plötzlich auf einer Wiese neben dem Wege das Regiment in Parade aufgestellt. ?Ach mein Sohn?, sagte er zu mir, ?das ist zu viel! Ich kann nicht!? ?Aber Exzellenz?, erwiderte ich, ?werden doch einen Augenblick halten müssen.? Schon war der Kommandeur am Wagen und machte Meldung. ?Kalnein! Rasch mein Pferd!? rief der Feldmarschall. Da ich hinter der Front des Regiments Offizierhandpferde bemerkte, eilte ich dorthin, bestieg schnell eins derselben, nahm ein anderes an die Hand und brachte es dem Feldmarschall, der es bestieg und die Bügel, die nicht gleich passen wollten, wie er es oft zu tun pflegte, über den Sattel warf. Nun übernahm der Feldmarschall das Kommando des Regiments, ließ es rechts und links zum Karree schwenken und hielt mit weit hörbarer Stimme eine Ansprache, die allen tief zu Herzen ging und kein Auge trocken ließ. Er sagte, er sähe und kommandiere heute sein geliebtes Regiment zum letzten Male. Das Regiment brauche, wenn er stürbe, nicht zu seinem Begräbnis zu kommen, denn dies wäre heute seine Trauerparade. ? Er schloß dann seine Worte mit einem begeisterten Hoch auf S.M. den König. Hierauf zog er den Degen und führte das Regiment an dem Kommandeur vorbei. Nach beendetem Parademarsch umarmte er den Kommandeur, steckte den Degen ein und jagte im schnellsten Galopp zum Wagen, stieg ab, setzte sich in den Wagen und rief dem Kutscher zu: ?Vorwärts, was die Pferde laufen können!? Das Offizierkorps aber ließ es sich nicht nehmen, trotz fortwährenden Abwinkens des Feldmarschalls, seinem geliebten Chef bis zum Bahnhof das Geleit zu geben.[75] Als der Zug abging und die Offiziere dem Feldmarschall das letzte ?Lebewohl? und das letzte ?Hurra? zuriefen, sank er übermannt vor Rührung in meine Arme. ? So endete des Feldmarschalls Teilnahme an dem Feldzug 1866. ? Das Regiment hat er 1870, als dasselbe durch Berlin kam, noch einmal wiedergesehen und es persönlich durch Berlin geführt.« Ein Andenken aus dem Jahre 1866, das Graf Kalnein schon erwähnte, möchte ich noch näher beschreiben. Es ist das der schlichte Holzsessel, der vor dem Schreibtisch in der Arbeitsstube des Großonkels stand. Auf einer Messingplatte an der Rückseite der Lehne konnte man lesen: »Dieser Schemel wurde mir in freundlicher Aufmerksamkeit durch den Leutnant Karl zu Eulenburg am 11. Juli 1866 auf dem Halteplatz des Ostpreußischen Kürassierregiments Nr. 3 bei Mährisch-Trübau gebracht und nachher auf dem Bagagewagen mitgenommen. So bin ich, der ich Freiwilliger im Regiment war, von meinen lieben Kameraden mit sorgender Aufmerksamkeit verwöhnt worden, und in dankender Erinnerung hieran wird der Schemel mir stets wert bleiben: Berlin, 11. Juli 1867, am Jahrestag von Mährisch-Trübau. Graf Wrangel.« Und noch eines anderen Andenkens aus dem Jahre 1866 will ich gedenken. Es stammt nicht aus dem Kriege, sondern ist eine wehmütige Erinnerung, die für die Hohe Kronprinzliche Familie ihren Schatten auf die Feststimmung jener Siegestage warf. Im Arbeitszimmer des Großonkels, auf dem Fensterbrett, lag unter einer Glasglocke eine kleine Feldmütze, weiß mit blau, die Farbe der Wrangel-Kürassiere, die einem frühzeitig aus dem Leben abgeschiedenen Prinzen unseres Königlichen Hauses gehört hatte, dem Prinzen Sigismund von Preußen. Dem Feldmarschall war die hohe Ehre zuteil geworden, der am 18. Oktober 1864 stattfindenden Taufe als Pate des jungen Prinzen beizuwohnen. Der alte Herr richtete dann in tiefster Ehrfurcht die Bitte an Se. Königliche Hoheit den Kronprinzen, daß er, als Repräsentant der Armee, seinem hohen Patenkinde die Mütze der Wrangel-Kürassiere und einen Degen geben dürfe. Die Bitte wurde huldvollst genehmigt und zugleich bestimmte Se. Königliche Hoheit, die Länge des Degens so einzurichten, daß ihn der Prinz tragen könne, wenn er zum ersten Male in der Parade mit der Leibkompagnie des Garderegiments zu Fuß vorbeimarschieren müsse.[76] Nach dieser Weisung wurde der Degen angefertigt, und der Feldmarschall überreichte ihn dem Prinzen Sigismund an seinem ersten Geburtstage. Auf der einen Seite der Klinge trägt dieser Säbel die Inschrift: Amazon.de Widgets »Herr Gott, segne die Waffe, segne, die sie hebt, die Hand« Auf der anderen Seite steht: »Die Tat erwogen, dann rasch gezogen Und kühn vollbracht, so ist's gut gemacht.« Als nun der junge Prinz während der Abwesenheit des kronprinzlichen Vaters in schwerer Kriegszeit am 18. Juni 1866 starb, sandte Ihre Königliche Hoheit dem Großonkel, als dieser aus dem Kriege heimkehrte, die Mütze des kleinen verklärten Lieblings. Neben der preußischen Kokarde war ein Löckchen des jungen Prinzen angeheftet. Ihre Königliche Hoheit die Frau Kronprinzessin bestimmte zugleich, daß nach dem Tode des Feldmarschalls die Mütze wieder in Höchstihren Besitz gehen solle. Auch der Degen wurde dem Feldmarschall zurückgesandt. Beide Andenken erfüllten den alten Herrn, so oft er ihrer gedachte, mit tiefer Wehmut. Bald nachher wurde ihm noch die Freude, daß er diesen Degen an den Prinzen Wilhelm von Preußen überreichen durfte, der ihn gnädig annahm und ihm schriftlich seinen herzlichen Dank aussprach. 
 IX. Unter dem Kommando des Generals vom Manteuffel. Gefecht bei Tauberbischofsheim, bei Gerchsheim und Würzburg.  [91] Am 20. Juli traf General von Manteuffel in Frankfurt ein an Stelle des Generals von Falkenstein. An demselben Tage rückten auch die Truppen aus, um nach Dieburg zu marschieren. Mein Vater konnte erst am Abend folgen, da er zuvor die Kommandantur dem Oberst von Kortzfleisch übergeben mußte. Endlich war er so weit, daß er abfahren konnte. In seinem Kriegstagebuch schreibt er darüber: »Punkt 10 Uhr bestieg ich mit Hauptmann von dem Bussche und meinem klugen August die bestellte Extrapost und trieb den Kutscher zur Eile an. Obgleich wir eigentlich einen ganz infamen Wagen mit entsetzlich schmalen Sitzen hatten, so ging anfänglich in der schönen Nacht unsere Fahrt ganz vortrefflich, bis der Postillion anfing, sich bei jedem Hause nach dem richtigen Wege zu erkundigen. Da merkten wir, daß der Schlingel nicht Bescheid wußte, und nun mußte jeder Wegweiser studiert werden, was bei der Dunkelheit seine Schwierigkeit hatte. Ich ließ auch einmal den Arm abbrechen und mir in den Wagen reichen, um bei einem angesteckten Schwefelholz die Schrift zu entziffern. Mein schlauer August wollte bei dem nächsten Halt die Sache vereinfachen, brach an einem, auf offenem Felde stehenden Pfahl alle drei Arme ab und brachte sie mir. Das setzte der Irrfahrt die Krone auf, und wir fuhren nun noch stundenlang förmlich im Kreise herum, so daß wir erst gegen Morgen in Dieburg anlangten.[91] Tags darauf, am 22. Juli, begann der Vormarsch in den Odenwald, den wiederum Goltz mit seinem Regiment als Avantgarde deckte. Steile Gebirgswände waren zu überschreiten, was bei der drückenden Hitze oft recht beschwerlich war. Der Marsch von Frankfurt durch den Odenwald gegen die Tauber, zu dem das achte Bundeskorps sechs Tage gebraucht hatte, war von unseren Truppen in drei zurückgelegt worden. Wir mußten darauf gefaßt sein, auf den versammelten Feind noch diesseit der Tauber zu stoßen, und am 24. Juli ging General Goeben die Meldung zu, daß der Feind Bischofsheim und die benachbarten Tauberübergänge gar nicht, oder doch nur schwach besetzt habe. Goeben beschloß, sich sofort in Besitz jener wichtigen Punkte zu setzen. Die Brigade Weltzien wurde auf Hochhausen, die Brigaden Kummer und Tresckow zur näheren Unterstützung nach Eiersheim beordert, und meine Brigade, von der einige Abteilungen zur Sicherung der rechten Flanke abgezweigt waren, hielt die Richtung nach Bischofsheim ein. Den Angriff auf die Stadt eröffnete ich durch das Feuer der Batterie Coester, die auf dem Immberge, in der Nähe der oberen Kapelle, Stellung nahm. Dann rückte ich mit der Infanterie gegen Bischofsheim vor, das der Feind nach kurzem Feuergefecht räumte und sich nach dem rechten Ufer der Tauber zurückzog auf die hinter der Stadt liegenden Höhen und Weinberge. Das Regiment 55 besetzte den Marktplatz von Bischofsheim und, zur unmittelbaren Verteidigung der Brücke, die Häuser daselbst. Zur Unterstützung des Feindes waren zahlreiche Abteilungen im Anmarsch. Dieser mochte außerdem erkannt haben, wie schwach meine Brigade war, die hier einer ganzen Division gegenüberstand. Auch waren auf württembergischer Seite achtzehn Geschütze in Tätigkeit, während auf preußischer Seite nur fünf Geschütze der Batterie Coester arbeiteten. Dadurch ermutigt, unternahm der Gegner von Viertelstunde zu Viertelstunde einen erneuten Vorstoß gegen Bischofsheim und gegen die Brücke. Meine Truppe hatte eben einen weiten, äußerst beschwerlichen Marsch zurückgelegt, trotzdem hatten mir die Offiziere versichert, daß die Leute sich mit ungeschwächten Kräften in einen sofort entbrennenden Kampf stürzen würden. Ich war hocherfreut über die Kampflust meiner Brigade, die nun auch gleich darauf durch die Tat bewies, was sie leisten konnte. Amazon.de Widgets Es war etwa zwei Uhr geworden, als ich nördlich und südlich vom Kapellenberge die Spitzen von fünf bis sechs Bataillonen auftauchen sah, die, mit starken Schützenschwärmen voran, sich auf die Tauberbrücke zu bewegten. Die Batterie Coester richtete nun sofort, und zwar mit so glücklichem[92] Erfolg ihre Geschosse auf die feindlichen Kolonnen, daß einige ganz zurückwichen und die anderen Deckung suchten. Nur ein einziges Bataillon blieb auf der Chaussee in unausgesetztem Vorgehen. Seine Offiziere, namentlich zwei Herren zu Pferde, schnitten jedes Drängen der Leute nach dem schützenden Hohlwege ab und führten ihre Truppe bis hart an die Stadt. Von da aus versuchten sie wiederholt zur Brücke vorzudringen, gelangten aber immer nur bis zur Biegung in der Chaussee, wo ein Heiligenbild stand. Das Feuer der 55 er faßte sie dort zu stark. Als die beiden Offiziere vom Pferde geschossen waren, ging auch jenes Bataillon zurück. Bald darauf aber erschienen neue feindliche Kolonnen, und diesmal wurde der Hauptstoß südlich vom Kapellenberg geleitet, wo die Truppen, gegen Coesters Geschosse gedeckt, sich fast unbemerkt der Stadt nähern konnten. Als ich diese drohende Gefahr bemerkte, erteilte ich Stoltz den Befehl, sofort auch die beiden anderen Bataillone seines Regiments in die Stadt zu führen und die Verteidigung derselben gegen Südost selbständig zu übernehmen. Die braven 55 er kamen vollständig zur Zeit an. Es wurden einzelne Häuser, Gartenmauern usw. jenseits der Brücke durch Schützenschwärme besetzt, während ihr Soutien an der Brücke stand, die Hauptreserve aber ihren Platz auf dem Markte fand. Nun entbrannte dort ein erbitterter Kampf. Regiment 55 hielt sich prächtig, so daß der Feind nach einer kleinen halben Stunde abziehen mußte. Der Kommandeur hatte die in erster Linie kämpfenden Kompagnien durch frische ablösen lassen, als der Feind schon seinen dritten Angriff machte, der mit derselben Ruhe und Energie zurückgeschlagen wurde wie die ersten. Da sich aber die Vorstöße immer energischer wiederholten, brach der Kommandeur selbst ? tambour battant ? mit zwei Kompagnien über die Brücke vor, warf die feindlichen Sturmkolonnen zurück und besetzte die auf dem rechten Tauberufer liegenden Häuser und Gärten. Auch das I. Bataillon Reg. 55 hatte die Tauber durchwatet und durchschwommen, ging zur Offensive über und setzte sich in der Lorenzkapelle fest. Doch zu meinem Schreck verstummte jetzt das Feuer von Batterie Coester, denn die dreifach überlegene feindliche Artillerie hatte ihr ein Geschütz demontiert und die anderen so beschädigt, daß die ganze Batterie zurückgehen mußte, um sich wieder gefechtsfähig zu machen. Währenddessen richtete die feindliche Artillerie ihr ganzes Feuer auf die Stadt und deren Eingänge, und wurde namentlich die Tauberbrücke derartig beschossen, daß sie ganz unpassierbar war. Unter diesen mißlichen Umständen sah ich voll Besorgnis, wie der Feind zu einem erneuten Angriffe seine Kolonnen formierte, und zugleich[93] erschien auch der Adjutant von Stoltz, der mich bat, dem Oberst Unterstützung zu senden, da die Truppen schon sehr ermattet seien, es auch anfinge, an Munition zu fehlen. Demzufolge wurde das Bataillon Lippe in die Stadt geschickt, und die Kompagnie Weising machte sich dadurch verdient, daß sie, durch die Tauber watend, den jenseits eingenisteten Schützen Munition zutrug. Ich erteilte Coester den Befehl, mit seinen wieder gefechtsfähigen Geschützen den alten Platz einzunehmen, um rechtzeitig gegen die vorrückende feindliche Infanteriekolonne Feuer abgeben zu können. Stoltz hatte einige Ablösungen angeordnet und erwartete nun ruhig den Angriff des Feindes, der bald, und diesmal mit größeren Massen vordrang. Auch dieser Angriff wurde glänzend abgeschlagen. Auf allen Punkten zog sich jetzt der Gegner zurück, und schon faßte ich den Gedanken, dem Feinde auf den Fersen zu folgen, als aus den Tälern des Edelberges frische Kolonnen auftauchten und neue Batterien auffuhren. Dies war wohl der Augenblick, wo nach dem Bericht des württembergischen Generals Hardegg seine bisher im Gefecht begriffene Division von der 4. Division des VIII. Bundeskorps abgelöst wurde und sich zum erneuten Angriff formierte. Aber auch für mich hatten sich die Verhältnisse gebessert. Die Kompagnie, die bis an die Lorenzkapelle vorgerückt war, beherrschte die Schlucht, in der die feindlichen Kolonnen vorgingen. Ferner hatten sich meine detachierten Kompagnien, durch die Oldenburger abgelöst, zu mir herangezogen, und als nun gar die Oldenburger mit höchst anerkennenswerter Bravour Hochhausen und Werbach nahmen, und ihre Granaten die feindlichen Geschütze auf dem Kützberge erreichten, da zersplitterte sich das Artilleriefeuer der Gegner dermaßen, daß mein alter Coester mit seinen vier Kanonen fast ganz unbelästigt blieb und bei diesem letzten Angriffe mit ganzer Kraft wirken konnte. Auch dieser Vorstoß des Gegners blieb erfolglos, und gegen 7 Uhr abends waren alle feindlichen Infanterieabteilungen im Abzuge, nur die Artillerie behielt noch ihren Platz und setzte wohl noch eine Stunde die Beschießung der Stadt fort. Dann aber zogen auch diese Geschütze sich zurück. Erst als ich nun die Überzeugung gewonnen hatte, daß kein weiterer Angriff zu erwarten sei, verließ ich meinen Beobachtungsposten und stieg durch die Weinberge in die trostlos zerstörte Stadt hinab. Die meisten Einwohner waren geflohen oder hausten in den Kellern. Türen und Fensterladen waren fest geschlossen, und in den Straßen lagen die Trümmer. Namentlich auf dem Markte trat mir das Bild des zerstörenden[94] Krieges in seiner nackten Wahrheit schauerlich entgegen. Drei Bataillone lagen hier zusammengedrängt auf dem Steinpflaster. Der größte Teil der Leute schlief, während noch rund umher Gewehrkugeln und einzelne Granaten einschlugen und so manchen Schläfer durch herunterpolternde Dachziegel weckten. Aus allen nahliegenden Häusern wehten weiße Fahnen zum Zeichen, daß die darin liegenden Verwundeten und Sterbenden um Schonung baten. Auf dieser Stätte traf ich mit Goeben zusammen, der den Kampf bei den Oldenburgern mitgemacht hatte. Er bestimmte, daß die eben anlangende Brigade Kummer die Stadt zu passieren habe, während die fünf im Gefecht gewesenen Bataillone in der von ihnen eroberten Stadt bleiben sollten. Glücklicherweise fanden wir einige Keller mit Bier und Wein, die Goeben den verdursteten Soldaten gütigst überließ. Eine Verfolgung des Feindes gab Goeben auf, da es stark dunkelte und das Terrain sich nicht für Kavallerie eignete. Tags darauf ? am 25. Juli ? hatte Goeben bestimmt, daß Kummer als Avantgarde die große Straße nach Würzburg einschlagen, ich selbst aber mit meiner Brigade eine Seitenkolonne bilden solle, zur Deckung der rechten Flanke. Gegen 1 Uhr mittags brachen wir auf. Der Weg war abscheulich und mitunter so steil, daß ich mehrfach ganze Kompagnien vor einzelne Kanonen spannen mußte, weil die Pferde die Geschütze nicht auf den Berg hinaufbrachten. Plötzlich vernahmen wir links vorwärts Kanonendonner, der sich rasch verstärkte, so daß ich den Weitermarsch beschleunigte. Amazon.de Widgets Da traf Goebens Befehl ein, der mich nach Gerchsheim sandte, weil sich der Feind dort aufgestellt habe und ernsten Widerstand leiste, so daß die Brigade Kummer nicht aus dem Walde debouchieren könne. In beschleunigtem Marsche ging es weiter. Der fortwährende Kanonendonner verdoppelte förmlich unsere Schritte. Ich hoffte den Feind unerwartet in der Flanke fassen zu können, und als die Spitze Schönfelde durchquert hatte, ließ ich etwa zehn Minuten halten, um durch Patrouillen festzustellen, welche Richtung ich meinem Vorstoß geben sollte. Während dieser Zeit mußten die Bauern meinen Leuten Milch, Brot und dergleichen reichen. Gegen 7 Uhr abends trat die Spitze meiner bereits zum Gefecht formierten Brigade aus Schönfelde heraus und eröffnete das Gefecht durch das flankierende Feuer der Batterie Coester. Die Infanterie war so aufgestellt, daß sie gleichsam einen Schirm nach Gerchsheim zu bildete, hinter der ich meine anderen Abteilungen nach rechts schieben konnte, um, wie befohlen, des Feindes linke Flanke zu fassen. So gedeckt ging Goltz[95] mit zwei Bataillonen, gefolgt von der Schwadron Egloffstein, vor. In der Höhe von Gerlachsheim trafen sie auf den Feind, den sie in stetigem Vorgehen ununterbrochen zurücktrieben. Unterdessen blieb ich mit dem Gros meiner Brigade rechts von Coester in einer Vertiefung. Der Feind sah sich genötigt, eine andere Aufstellung zu nehmen, und als nun die Brigaden Kummer und Weltzien gegen die Höhen von Gerchsheim vorgingen, und auch Goeben in der Front den Angriff begann, hielt der Gegner nicht mehr stand, sondern zog sich in der Richtung nach Irtenberg zurück. So war nun das Dorf vom Feinde geräumt und auch einige Batterien fuhren ab, nur auf dem Scheinberge hielt noch eine starke feindliche Batterie, hinter der sich Infanterie und Kavallerie bewegte. Goltz machte hier einen Vorstoß, und bald hörte ich die schlagenden Tambours der einzelnen Kompagnien im Walde, gleich darauf auch das siegkündende Hurra. Ich sah eine Kompagnie im Laufschritt vorbrechen, um sich der Batterie auf dem Scheinberge zu bemächtigen. Allerdings protzten die Geschütze eilig auf und jagten im Galopp davon, aber hiermit war der Feind aus seiner Stellung vertrieben, und der sich immer mehr entfernende Schall des Gewehrfeuers bezeugte, daß meine Füsiliere den Feind noch weiter zurückdrängten. Es war fast dunkel geworden, und Goeben befahl, daß ich mit meiner ganzen Brigade ein Biwak beziehen sollte am Ausgange von Gerchsheim. Holz war in Masse da, das Requirieren von Lebensmitteln im Dorfe erlaubt, und so brannten bald lustige Feuer. Während ich mit meinem Adjutanten Fransecki durch das Biwak ging, hörten wir schon von allen Seiten die Todesseufzer der Enten und Hühner. Mein Quartier war in einem schmutzigen Gasthofe, wo es höchst ungemütlich war. Gegen 5 Uhr weckte mich Kanonendonner. Ich sprang auf und erwartete jeden Augenblick durch Generalmarsch gerufen zu werden. Da aber nichts erfolgte, frühstückte ich mit meinem Adjutanten, das heißt, ich würgte eine scheußliche Tasse Kaffee herunter und begab mich dann zu Goeben. Da erfuhr ich, daß für unsere Division heute Ruhetag befohlen wäre, der Kanonendonner aber von Üttingen herkäme, wo die Generale Fließ und Beyer in ein Gefecht verwickelt waren. Den Truppen war ein kurzes Ausruhen zu gönnen. Mit Zuhülfenahme von Türen und Fenstern aus dem Dorfe hatten sich unsere Leute ganz einladende Hütten im Lager erbaut. Am 27. Juli marschierten beide Brigaden auf dem direkten Wege nach Würzburg.[96] Amazon.de Widgets Vor Höchberg angekommen, wurde haltgemacht, um zu frühstücken, als der erste Kanonenschuß vom Marienberge die Avantgarde begrüßte. Das gab uns die Gewißheit, daß der Feind hier standhalten wollte. Gleich darauf langte auch Goebens Befehl ? den Niklasberg zu besetzen ? an. Auf der Spitze jener Höhe lag die noch unvollendete Schanze, von der alle Zeitungen gefabelt hatten. Ich dirigierte meine Brigade nach dem Berge, um auch von dort aus die Verbindung mit dem Bataillon Below herzustellen, das beim Pulverhause gegen den Main vorgeschoben war. Der Berg war unbesetzt, die Schanze verlassen. Von der Höhe, auf der auch ich jetzt hielt, sah ich, wie die gewünschte Verbindung durch ein Bataillon des Regiments 15 hergestellt wurde und die Besetzung der Kuppe sich entwickelte. Da lag nun zu unseren Füßen das schöne Würzburg mit seinen vielen schlanken Türmen, in einem Kranze von anmutigen Villen. Hart vor uns erhob sich der Marienberg, dessen Geschütze uns anfänglich begrüßt hatten, jetzt aber verstummt waren. Jenseits des klaren Main, der sich wie ein silbernes Band durch die üppigen grünen Fluren schlängelte, sah man an fünf verschiedenen Punkten die Lager des Feindes. Eine unheimliche Stille schien über der ganzen Landschaft zu schweben und mahnte mich an die Stille vor dem Sturm. Sobald der erste Kanonenschuß von uns gelöst war, antwortete der Feind von allen Seiten mit großer Heftigkeit. Nicht bloß die Zitadelle Marienberg eröffnete ihr Feuer, sondern auch auf den gegenüberliegenden Bergen wurden drei starke Batterien demaskiert. Während ein heftiger Geschützkampf entbrannte, der einige Stunden anhielt, wurde zwischen den gegenseitigen Oberbefehlshabern fleißig parlamentiert, was denn auch im Laufe des Nachmittags zu einer vorläufigen Waffenruhe führte. Gegen 5 Uhr ging der Befehl ein, unter Festhaltung unserer Stellung ein Biwak zu beziehen und zwar östlich von Höchberg. Erst am 29. Juli wurde eine wirkliche Waffenruhe proklamiert, und nun bezogen die Truppen enge Kantonnements, während dem Feinde gegenüber nur leichte Vorposten stehen blieben. Schon am 2. August trat der formelle Waffenstillstand in Kraft, und an demselben Tage rückte ich mit einem Bataillon des Regiments 15 und der Batterie Coester in Würzburg ein, um das Kommando der Division für den General von Goeben zu übernehmen, welcher für den General von Manteuffel, der nach Petersburg geschickt war, das Oberkommando über die Mainarmee in Frankfurt erhalten hatte. Eine anregende und interessante Zeit verlebte ich hier bis zum 7. September. Wenn es auch vielerlei zu tun gab, so war es doch nur ein angenehmes Ausruhen nach den Kriegsstrapazen.« 
 VI. Das Kriegsjahr 1864.  [51] Auf die ersten strahlend frohen Wochen der Brautzeit folgte bald der Ernst des Lebens. Meine Schwiegermutter hatte mir durch ihren Sohn an unserem Verlobungstage als ersten Gruß das herrliche Spittasche Gedicht geschickt über die Worte der Ruth: »Wo du hingehst, da will ich auch hingehen, wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Gott sei mein Gott und dein Volk sei mein Volk. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben sein. Der Tod muß mich und dich scheiden.« Wohl kannte ich das Wort und das Gedicht gut, aber, als wir es in der für uns so bedeutungsvollen Stunde unserer Verlobung lasen und[51] darüber sprachen, gewann es erst das volle Leben und wurde bei mir zum Gelübde. Sein Gott war mein Gott, sein Volk, das liebe Holstenvolk, sollte auch mein Volk werden. Nun, schon wenige Wochen darauf galt es durch die Tat zu beweisen, was ich versprochen hatte. Über Schleswig-Holstein zogen sich die Kriegswolken zusammen. Sie seufzten dort unter dem Joche der Dänen. Mein Bräutigam schrieb mir: »Wenn ich die Zeitungen lese, dann fühle ich so recht, wie ich an meinem Vaterlande hänge. Der Gedanke, hier in Untätigkeit zu bleiben, wenn der Kampf in Schleswig-Holstein beginnt, ist mir unerträglich. Gott sei Dank, daß Du es mir nachempfinden kannst und mir den gräßlichen Zustand der Untätigkeit nicht wünschest, wenn jeder brave Sohn für sein Vaterland eintritt.« Dunkler und drohender stand die Kriegswolke über dem Holstenlande, und nun trat auch meines Bräutigams entscheidende Frage an mich heran: »Begreifst du, wenn ich Schritte tun will, um zu einem der Regimenter zu kommen, die mobil gemacht und in die Herzogtümer geschickt werden sollen?« Ob ich es begriff! Ich hätte ja kein Soldatenkind, kein deutsches Mädchen sein müssen! Was für meine Person auf dem Spiel stand, daran durfte ich jetzt nicht denken, durfte meinem Verlobten keine Fesseln anlegen. In Gottes Hand stellte ich mein Liebstes und wollte ihm nur helfen, soviel in meinen Kräften stand, zur Verwirklichung seines Wunsches, den ich tief mitempfinden konnte. Das ist das Natürlichste von der Welt, wenn man sich eins weiß mit dem anderen, daß man dann auch in dessen Wollen und Streben aufgeht. Mein Vater, dem mein Bräutigam seinen brennenden Wunsch mitgeteilt hatte, antwortete ihm: Kolberg, den 26. November 1863. Mein lieber guter Sohn! Dein Brief hat mich nicht überrascht, ich habe einen ähnlichen Entschluß von Dir erwartet, er ist ganz in meinem Sinn. Höre nun die Worte eines Mannes, der zwei Jahre lang für Dein schönes Vaterland gefochten hat, dessen Blut für dieselbe Sache geflossen ist, und der mit Passion wieder hinginge ? übereile nichts. Hin willst Du, und hin sollst Du auch, aber warte noch! Die ersten, die einrücken sollen, sind Hannoveraner und Sachsen. Kommt es wirklich zum Zusammenstoß, so genügen die natürlich nicht, und die preußischen Reserven müssen vor ? ehe die nicht da sind, dürfte wohl kein Schuß fallen, und zum ersten Kampf willst Du ja doch nur hin, und nicht zu einer Kordonaufstellung.[52] Ich habe im Kriegsministerium den Wunsch und die Bitte ausgesprochen, mit meinem Regiment nach Holstein geschickt zu werden. Du siehst, daß die alte Passion in mir noch nicht erstorben ist. Mit meiner Tochter habe ich die ganze Angelegenheit besprochen, sie vertraut ihrem Gott und hält Dich nicht zurück. Gott schütze Dich, mein lieber Sohn. Dein Dich aufrichtig liebender v. Wrangel. Im Dezember wurden die Dragoner von der polnischen Grenze abgerufen und nach Swinemünde geschickt. Mehrere unserer Kriegsschiffe lagen dort, auch die Nymphe. Jetzt war auch alles entschieden, der Krieg stand vor der Tür. Mein Vater hatte mit meinem Großonkel über den Wunsch meines Bräutigams gesprochen. Der alte Herr fand das sehr begreiflich und erklärte: »Ich werde ihn in meinem Stabe mitnehmen.« Als er nun das Oberkommando über die mobil gemachten preußischen Regimenter erhielt und seinen Stab zusammensetzen sollte, verließ ihn aber das Gedächtnis. Ihm war der Name meines Bräutigams entfallen, und als er sich tags darauf daran erinnerte und nun den Freiherrn von Liliencron in seinem Stabe zu haben wünschte, hieß es, daß es zu spät sei, da die Zusammensetzung des Stabes beschlossen wäre. Aus dem Briefe des Grafen Kalnein 1864: »Am 24. Januar fuhr der Feldmarschall, der zum Oberbefehlshaber der verbündeten Armee gegen Dänemark ernannt war, abends 11 Uhr nach Hamburg. In Ludwigslust begrüßte ihn der damals regierende Großherzog Friedrich Franz von Mecklenburg-Schwerin persönlich auf dem Bahnhof (etwa 2 Uhr nachts) und bat den Feldmarschall, sich während des Feldzuges seinem Stabe anschließen zu dürfen, bei dem er dann auch einige Tage darauf eintraf. Gegen Morgen trafen wir in Hamburg ein und fanden dort schon den ganzen Stab des Oberkommandos. Abends hatte der Feldmarschall alle Herren seines Stabes beurlaubt, damit sie sich amüsieren sollten. Ich war an dem Tage Adjutant du jour und blieb daher zu Hause. Die Stube des Feldmarschalls und die meinige waren durch ein saalartiges Zimmer getrennt, aus dem eine Glastür auf einen Balkon nach der Straße zu führte. Unsere Zimmer lagen im ersten Stock. In einem der unteren Räume war eine Wache von etwa 20 Mann untergebracht. Als ich etwa um 7 Uhr abends in meinem Zimmer saß und schrieb, hörte ich lautes Sprechen und Johlen auf der Straße vor unserem Hotel (de l'Europe). Ich sah eine große Menschenmasse und dazu eine entrollte schwarze Fahne, auf der deutlich mit roter Schrift[53] die Worte standen: ?Nieder mit dem Verräter Wrangel?. Da der Lärm immer ärger wurde, ging ich zum Feldmarschall, meldete ihm, was ich beobachtet, und bat ihn um Erlaubnis, die Wache heraustreten zu lassen. ?Laß nur?, sagte er, ?das mach' ich allein.? Er trat mit offenem Waffenrock, ohne Kopfbedeckung, auf den Balkon, beugte sich über dessen Brüstung und sagte: ?Guten Abend, Hamburger, dank' euch, daß ihr mir begrüßt habt. Wir sind ja noch alte Bekannte vom letzten Krieg. Aber nun geht man nach Hause, es ist schon spät, und Eure Frauen warten mit dem Abendbrot. Grüßt sie doch sehr von mir. Und nun gute Nacht. Dank' euch nochmal!? ? Die schwarze Fahne war längst verschwunden, und der Menschenhaufen rief: ?Hurra, Vater Wrangel!?, wurde lichter und verschwand im Dunkel der Straßen. ? Es hätte dem alten Herrn aber ebensogut ein Stein an den Kopf fliegen können.« ? Für meinen Bräutigam vergingen die nächsten Wochen in Hoffen und Bangen, in Jubel und Enttäuschung. Bei unserem täglichen Briefwechsel durchlebte ich alles mit ihm. »Wenn nur mein Vaterland vom Dänenjoch befreit wird«, schrieb er mir, »das muß mir die Hauptsache sein, mein Ich ist dabei vollkommen Nebensache.« In den ersten Tagen des Februar überschritten die Truppen die Eider. »Gehen Sie mit Gott drauf!« lautete damals der Befehl des alten Feldmarschalls. Die Dänen räumten nun Missunde und das Dannewerk, und man nahm an, daß sie hinter den Düppler Schanzen Posto fassen würden. Mein Bräutigam schrieb: »Die Österreicher und Preußen werden einen Wettlauf anstellen, um die Dänen nicht auf die Inseln entkommen zu lassen. ? Vor Swinemünde griffen jetzt sechs dänische Schiffe mit 200 Kanonen unsere zwei Schiffe an, die nur 40 Kanonen hatten. Zweieinehalbe Stunde dauerte der Kampf, dann zogen sich unsere Schiffe zurück, die Nymphe hatte stark gelitten, aber nur wenig Tote und Verwundete waren zu beklagen.« Zur Untätigkeit verurteilt, hatte mein Bräutigam das Seegefecht miterlebt und dabei doppelt empfunden, wie schwer es ihm wurde, tatenlos danebenzustehen, wenn für sein geliebtes Vaterland gekämpft wurde. Amazon.de Widgets Ende des Februarmonats bekam er acht Tage Urlaub, und nun konnten wir zum ersten Male seit unserer Verlobungszeit wieder zusammensein. Jetzt war es nicht nur das sonnige Glück, das diese Tage erfüllte wie bei dem ersten Beisammensein. Nun wurde es auch das Hoffen und Bangen, das Denken und Sorgen um das meerumschlungene Land, das wir miteinander teilten, und das uns, wenn möglich, noch enger verknüpfte. Nur wenige Tage, nachdem mein Bräutigam nach Swinemünde zurückgekehrt war, kam seine Versetzung zu den 3. GardeUlanen[54] nach Potsdam heraus. Zugleich mit seinem ersten Briefe von dort, der mir von der freundlichen Aufnahme erzählte, die ihm von den Offizieren des neuen Regiments zuteil geworden war, langte bei mir seine Depesche an: »Freue Dich mit mir, ich bin Ordonnanzoffizier beim Großonkel geworden.« Dem alten Herrn war es schmerzlich gewesen, daß er sein Versprechen, meinen Bräutigam betreffend, nicht hatte einhalten können. »Ein Wrangel bricht nicht sein Wort«, habe ich ihn so manchesmal sagen hören, und nun hatte er darauf gesonnen, wie er es doch noch einlösen könnte. Er wußte, daß mein Bräutigam als Schleswig-Holsteiner auch der dänischen Sprache mächtig war, und als er nun über die jütische Grenze kam, erbat er sich einen Dolmetscher und als solchen den Freiherrn von Liliencron, der als Ordonnanzoffizier in seinen Stab eingereiht werden sollte. Kurze Notizen aus einzelnen Feldpostbriefen meines Bräutigams will ich folgen lassen, die entweder von den Begebenheiten auf dem Kriegsschauplatz oder von dem Großonkel handeln. Nach Flensburg, wo das Hauptquartier Ende März war, ging nun der glückliche, neuernannte Ordonnanzoffizier. »Der alte Herr empfing mich gleich bei meiner Ankunft sehr liebevoll«, schrieb er mir, »und gestern, bevor ich mich bei ihm als du jour gemeldet hatte, kam er zu mir ins Vorzimmer, gab mir die Hand und fragte: ?Hast du gute Nachrichten, wie geht's meiner Adda?? Ich sagte, ich hätte auch Grüße für ihn von Dir, hätte sie aber nicht bestellen können, wenn er mich nicht anredete. Damit aber war der Großonkel nicht einverstanden und meinte, es täte ihm doch sehr leid, daß ich ihm die Grüße nicht übermittelt hätte. Augenblicklich ist der alte Herr mit Stiehle und dem österreichischen Generalstabsoffizier nach Översee gefahren und will sich das Schlachtfeld ansehen. Von der Tapferkeit des Leibregiments kann man nicht Rühmens genug machen. Es soll sich heldenmütig geschlagen haben, ungeachtet der fürchterlichen Verluste, die es erlitten hat. Der alte Herr hat sich neulich wieder so recht als der edle, wohlwollende Mann gezeigt, wie er es durch und durch ist, indem er dem jetzt ausgelösten Leutnant H., den die Dänen gefangen genommen hatten, einen so freundlichen Empfang angedeihen ließ.« »29. März. Wir leben hier noch absolut friedlich in Flensburg. Wunderbar kontrastieren dabei die Nachrichten vom Kriegsschauplatz. Gestern war wieder ein größeres Gefecht bei Düppel, eine Rekognoszierung mit gleichzeitigem Vorschieben unserer Vorposten. Wir haben 200 Tote und Verwundete, darunter Offiziere, von denen 2 tot und[55] mehrere schwer verwundet sind. Einen empfindlichen Verlust haben auch die Garde-Husaren erlitten durch die Dänen, die plötzlich in der Nacht auf Jütland landeten. Wir sind den Danskes gegenüber jetzt in einer schlechten Lage, da sie über alles, was wir tun, durch ausgezeichnete Spione unterrichtet werden. Wann der Sturm auf Düppel losgeht, kann kein Mensch sagen. Der Großonkel soll im stillen die Hoffnung haben, daß er am 13. April ausgeführt wird. Du weißt, da ist sein 80. Geburtstag, und er hat ausgesprochen, daß er seinen Gott darum bäte, es möge ihm vergönnt sein, an dem Tage an der Spitze einer siegreichen Armee einen ehrenvollen Tod für König und Vaterland zu finden.« »12. April. Zum morgenden Geburtstag des Onkels war manches geplant, unter anderm hatte der Kronprinz uns alle zur Tafel eingeladen. Der alte Herr hat aber alles ausgeschlagen, er sagt, dazu hätte er keine Kräfte mehr übrig, das griffe ihn zu sehr an. Was der Onkel aber alles leistet, ist wirklich unglaublich. Gestern war er in den Parallelen. Er stützte sich leicht auf seinen Begleiter und ging etwas ermüdet an den Trancheen entlang. Oberstleutnant Stiehle suchte einen Übergang, doch der alte Herr wartete das gar nicht ab, sondern sprang über den recht breiten Graben wie ein Hirsch. Früh sechs Uhr steht er immer auf, morgen will er schon um 6 Uhr nach Eckensund fahren mit Oberstleutnant Stiehle und seinen Adjutanten. Von da aus soll es zu Pferde nach Düppel gehen.« »14. April. Gestern war der Geburtstag des Onkels. Er war richtig bei Tagesanbruch vom Hauptquartier weggefahren, hatte mit den beiden ihn begleitenden Herren in Eckensund sich zu Pferde gesetzt und war nach der Gammelmarkbatterie geritten, die die feindliche Schanze Nr. I mit ihrem Feuer bewarf. Der alte Herr empfing hier die Nachricht, daß der Sturm um einige Tage verschoben sei. Der vorderste Laufgraben ist nämlich zu einem auszuführenden Sturmangriff von den Schanzen zu weit entfernt, und es fehlt auch, zu einem sicheren Gelingen des Angriffs, noch an genügender Belagerungsartillerie. Darum muß, um diese herbeizuschaffen, erst eine neue, nähere Parallele eröffnet werden. Der Onkel ritt von da durch Broaker nach den Trancheen von Düppel. Östlich der Spitzberge angekommen, ließen die Herren die Pferde stehen und gingen zu den Demontier- und Mörserbatterien, die in voller Feuerarbeit begriffen waren. Längere Zeit hielten sie sich in den Laufgräben auf. Der Onkel wollte weiter vordringen in die vorwärts gelegenen Parallelen, aber der dort anwesende General von Colombier hielt ihn davon zurück, weil die Dänen, durch die eifrigen Erdarbeiten aufmerksam gemacht, gerade heute ihr Gewehrfeuer auf jeden einzelnen Kopf, der sich[56] zeigte, richteten. Oberstleutnant Stiehle war besorgt um den Onkel und tauschte die Mützen, seine war dunkel und daher weniger auffallend als die des Feldmarschalls. Die Herren sollen sich lange da verweilt haben, dann ritten sie nach Kirchdüppel zu den Batterien des linken Flügels, die am Alsensund in Tätigkeit sind. Der Onkel befahl einige Zielobjekte, die auch entschieden getroffen wurden, denn aus den bezeichneten Gehöften stieg Rauch auf. Als der alte Herr dem guten Zieler aber einen Dukaten geben wollte, bat Hauptmann von Rüstow, das nicht zu tun, sondern ihm zu erlauben, dem betreffenden Mann das Goldstück erst später einzuhändigen. Es waren nämlich zwei früher so belohnte Artilleristen gleich darauf von den feindlichen Geschossen getroffen worden, und die Kanoniere sollten deshalb abergläubisch sein. Als der Onkel die Batterie verließ, mußte er über einen freien Platz etwa hundert Schritt gehen. Da wurden mehrere wohlgezielte Granaten nach ihm gesandt, die Geschosse schlugen jedoch etwa aus zwanzig Schritt seitwärts ein. Leider habe ich ja diesen Ritt nicht mitgemacht, die Herren, die den Onkel begleitet, haben es mir heute erzählt. Ich war mit Deinem Vetter Wrangel, der während der Nacht den Dienst vor den Schanzen hatte, herausgeritten, um mit ihm bis zum Morgen dort zu bleiben. Mir wurde da ein Brief übergeben, den ich dem alten Herrn zustellen sollte. Ich suchte ihn draußen lange vergebens, endlich fand ich ihn und konnte ihm das Schreiben einhändigen. Er war ungemein freundlich und sagte mir, es wäre ihm so besonders lieb, daß wir uns an dem heutigen Tage noch sähen. Ich mußte ihn vom Pferde aus küssen und dann erhielt ich meinen Auftrag: ?Mein Sohn, reite nach Flensburg und bestelle, General Falkenstein soll des Königs Gesundheit ausbringen, und der Jüngste an der Tafel die meinige.?« Graf Kalnein schreibt über diesen Geburtstag: »Seinen 80. Geburtstag verlebte der Feldmarschall in Eckensund und quartierte sich dort bei einer alten Dame ein, bei der er schon im Jahre 1848 im Quartier gelegen hatte. Er nahm nur mich mit. Niemand sollte wissen, wo er an diesem Tage wäre. Ich mußte ganz im geheimen dort alles zu seinem Aufenthalt vorbereiten, und am Abend des 12. April begaben wir uns nach Eckensund. Wir nahmen des Feldmarschalls Jäger und meinen Burschen mit; ich hatte noch einen Koch, deren wir zwei beim Oberkommando hatten, nach Eckensund befördert. Wenn der Feldmarschall auch glaubte, daß niemand es wisse, wo er den 13. April zubrächte, so hatte ich dennoch, weil ich es für notwendig hielt, dem Chef des Stabes und Generalleutnant Vogel von Falkenstein des Feldmarschalls Absicht verraten, denn er vor allen Dingen mußte doch wissen, wo der Oberbefehlshaber sich[57] aufhielt. ? Zum Mittagessen hatte ich durch den Koch, dessen Anwesenheit mein alter Herr nie erfahren, eine Torte backen lassen, um die rund herum ich eine dicke Schicht Sand, vom Kuchen durch Papier getrennt, legen ließ. In diese Schicht steckte ich 80 Lichter, die anzuzünden keine kleine Arbeit war. Wein hatte ich natürlich auch mitgenommen. Um den Teller des Feldmarschalls hatte die Wirtin einen Lorbeerkranz gelegt. Diese geringen Aufmerksamkeiten erfreuten den alten Herrn sehr und hoben wieder etwas seine Stimmung, die an diesem Tage eine recht wehmütige war. Er ging den ganzen Tag gar nicht aus, und auch ich durfte immer nur kurze Zeit bei ihm sein. ? Am 14. ganz früh brachen wir nach Düppel auf, wohin er sich seinen Stab bestellt hatte. Dort ritt er die ganze Stellung der Belagerungstruppen ab. An diesem Tage, dem 14., meldete sich beim Feldmarschall der bayerische General von der Tann, der in Berlin die Thronbesteigung des später so traurig geendeten Königs Ludwig II. gemeldet, und den unser König, um ihn ganz besonders zu ehren, auf den Kriegsschauplatz geschickt hatte, auf dem der General im Jahre 1848 als Kommandeur der Freischärler schon Lorbeeren geerntet hatte. Der Feldmarschall kommandierte mich als Ehrendienst zum General, und ich verlebte mit ihm und seinem Adjutanten, Rittmeister von Kiliani, mehrere sehr interessante Tage, sowie auch den 18. April, an dem wir beim Düppeler Sturm uns der Kolonne V anschlossen und mit ihr in die Schanze V drangen, natürlich zu Fuß, da man sich im Bereich der Schanze zu Pferde nicht zeigen durfte.« Aus den Briefen meines Bräutigams: »17. April. Endlich komme ich dazu, etwas ausführlicher zu schreiben, lange Zeit habe ich nicht dazu, aber ich will sie nützen. Vorgestern war ich, wie Du weißt, nach Düppel gefahren, wo ich den Nachtdienst hatte. Wir waren mit Essen, Trinken, Decken, Mänteln usw. gut versehen, ließen alles im Wagen, der am Spitzberg auf uns warten sollte, und begaben uns in die Parallelen. Als wir gegen 8 Uhr zurückkamen und in unsern Wagen steigen wollten, war dieser fort. Da war nun nichts mehr zu machen, wir kauften Brot und ?Sanda Julia?, wie sie es nannte, von einer Marketenderin, stärkten uns daran und fuhren dann mit einem requirierten Wagen wieder zum Spitzberg. Dorthin kam Prinz Friedrich Karl und sprach einige freundliche Worte mit uns. Nun galt es, sich zur Nacht einzurichten. Wir ließen uns etwas mit Stroh zuschütten und versuchten zu schlafen. Hier konnten wir doch gleich bei der Hand sein, wenn sich ein Gefecht entspann. Es kam aber nicht dazu. Unsere dritte Parallele wurde, ohne daß wir vom Feinde das geringste zu leiden gehabt[58] hätten, ausgehoben. Das Terrain zwischen der 2. Parallele und der Büffelkoppel bedachten die Dänen mit allen möglichen Geschossen, ohne einen Mann zu verwunden. Die Kugeln sausten und zischten ihre Kriegsmelodien, hinderten mich aber nicht, bis halb vier Uhr ruhig zu schlafen. Als ich erwachte, wurden die andern auch munter, und wir machten uns auf den Weg nach der 3. Parallele, die war derartig aufgeweicht, daß man sicher stecken geblieben wäre ohne hohe Stiefel. Die dänischen Geschütze schwiegen, dagegen begrüßten uns einige Schüsse aus Gewehren und Wallbüchsen. Gegen 10 Uhr kamen wir wieder in Flensburg an, wo ich dem Feldmarschall sowie dem Kronprinzen persönliche Meldung bringen sollte. Dann wollte ich essen, schlafen, schreiben ? aber es kam anders! Ich mußte noch nach dem Observatorium und kam erst um 1 Uhr heim. Heute hielt der Feldmarschall eine herrliche Ansprache an uns, die aber Dienstgeheimnis ist, darum kein Wort darüber ....« Am Tage darauf, am 18., die Depesche: »Gegen 3000 dänische Gefangene, an 30 Offiziere. Unser Verlust 5?600 Mann, viele Offiziere. Ich wohl und gesund. Der Angriff brillant, in einer Stunde bis zum Brückenkopf. Liliencron.« Der Brief vom 18., der die Depesche ergänzte, lautete: »18. April. Wenn Du gleich schon durch mein Telegramm weißt, daß Gott mich gnädig behütet hat, mein geliebtes Mädel, so muß ich Dir doch noch Genaueres über den Tag schreiben. Wir Adjutanten und Ordonnanzoffiziere vom Stabe des Onkels hatten den Auftrag, uns nach vorn zu begeben, unter keinen Umständen mit zu stürmen, und dem Feldmarschall möglichst schnell Meldung zu bringen, wenn eine Schanze genommen wäre. Ich stand in der 3. Parallele. Du kannst Dir denken, wie uns da Geschütz- und Gewehrfeuer um die Ohren flog! Nachdem Schanze V, für die ich besonders geschickt war, genommen wurde, konnte ich als Erster dem Feldmarschall die Meldung bringen, daß Schanze VI, V, II in unserer Hand wäre. Der alte Herr war glückselig, der Kronprinz und Prinz Karl auch, und sehr freundlich. Ich war beim Hinjagen, um die Meldung zu bringen, in einem Hohlwege scharf gegen einen Prellstein geritten und hatte mir das Schienbein verletzt. Schlimm ist es nicht, Du brauchst nicht bange zu sein. Sie mußten mir nur von meinem Fuchs herunterhelfen, und dann hat ? denke Dir, wie leutselig ? Prinz Karl mir eigenhändig das Bein verbunden. Er meinte frohgelaunt, das sei nun sein erster persönlicher Johanniterdienst. Nach kurzer Ruhe konnte ich mich wieder zu Pferde setzen, besuchte mehrere Schanzen und stärkte die Verwundeten mit Wein. Das war[59] eine wunderschöne Freude zu sehen, wie dankbar die Leute waren, zumal die Dänen, mit denen ich mich radebrechend unterhalten konnte. Habe gewiß an 75 Mann erquicken können. Bin sehr glücklich, daß unser Heer sich über die kühnsten Erwartungen herrlich benommen hat. Genaues weiß ich noch nicht über die Verluste und Gefangenen. Doch für heute Gott befohlen, mein geliebtes Mädel, Gott sei innig Dank, der uns so gnädig geholfen hat. Tausend Grüße von Deinem frohen . . .« »22. April .... Mittwoch gegen 3 Uhr ritten wir ? der Feldmarschall, sein Adjutant, Graf Kalnein, Oberstleutnant Stiehle und ich, fort, nachdem der Onkel mir noch vorher eine Karte von Holstein geschenkt, was er in sehr feierlicher Weise getan hatte. Auf der Reise war der alte Herr die Liebenswürdigkeit selbst, in Kiel sollte ich entlassen werden, um nach Preetz zu fahren und dort ein paar Stunden bei meinen Eltern zu sein. In Rendsburg wurden wir ? ja, Mädel, merke Dir's ? wir von den militärischen Spitzen empfangen und wollten gerade fortfahren, als die telegraphische Nachricht kam, daß der König am anderen Morgen um 11 Uhr kommen würde. Da mußten wir heim, hatten aber bis 8 Uhr Zeit, die wir zum Besuchen der Lazarette und zum Besehen der erbeuteten Geschütze verwandten. Dann gingen wir auf den Bahnhof und stärkten uns. Das war auch von größter Wichtigkeit, um die nun kommenden Überraschungen glücklich zu überstehen. Die Türen öffneten sich und weißgekleidete Jungfrauen erschienen, die dem Feldmarschall einen Lorbeerkranz und uns drei anderen Blumensträuße überreichten. Unter dem Hurra der Damen fuhren wir um 8 Uhr zurück nach Flensburg. Am anderen Morgen vor 11 Uhr versammelten sich die Prinzen und Stäbe am Bahnhof auf dem Perron. In einem Zimmer warteten die weißgekleideten Jungfrauen, in dem anderen die Bürgerdeputation. Vom Bahnhof bis zum Palais des Kronprinzen standen Posten von den 11. Ulanen und das Leibregiment. Als der Zug kam, donnerten endlose Hoch- und Hurrarufe. Sobald der König ausgestiegen war, beugte der Kronprinz ein Knie vor ihm und küßte dem Hohen Vater die Hand. Majestät umarmte zu wiederholten Malen den Kronprinzen, der, noch einmal das Knie beugend, wieder die väterliche Hand küßte. Dann umarmte der König den Feldmarschall und die Prinzen. Majestät war so bewegt, daß dem Hohen Herrn die Stimme versagte. Es war ein so feierlicher Augenblick, wie Du es Dir kaum denken kannst.[60] Nachdem Majestät dann die Truppen besichtigt und mit allen Dekorierten einzeln gesprochen hatte, fuhr der Hohe Herr zum Kronprinzen, wo er das Frühstück einnahm. Gegen 1 Uhr erschien der König wieder, und nun begaben wir uns auf das Feld, auf dem die Truppen aufgestellt waren. Die tapferen Düppelstürmer ließen jubelnd ihren König leben, der bewegt und unendlich glücklich aussah. Es war ein erhebendes Gefühl, solche unvergeßlichen Augenblicke miterleben zu dürfen. Nach dem Vorbeimarsch ließ der König wieder alle Dekorierten vortreten und hielt ihnen eine längere Ansprache, dann ging es nach den Schanzen. Heute ist Majestät in Apenrade zur Besichtigung der Sturmkolonnen, es ist noch unbekannt, wann der Hohe Herr zurückkommt. Über die Auszeichnung des Feldmarschalls, der den Mariatheresienorden erhalten hat und das Regiment, das der hochselige König von Bayern hatte, haben wir alle uns unendlich gefreut. Muß Dir noch sagen, daß Dein Vetter Wrangel, während ich mit dem Auftrag zu Falkenstein geschickt war, sich unterdessen bei einem stattgefundenen Infanteriegefecht ausgezeichnet tapfer und unerschrocken benommen hat, das wird Dich freuen. Am 18. war er der Zweite, der die Nachricht von der Einnahme der Schanzen brachte. Daß ich der Erste war, verdanke ich hauptsächlich dem Glück, daß ich einen Herrn traf, der mir sein Pferd lieh, um darauf nach dem Spitzberg zu reiten, wo mein Fuchs mich erwartete.« ? Amazon.de Widgets Um uns ein Wiedersehen auch in der Kriegszeit zu ermöglichen, sandte der Großonkel seinen Ordonnanzoffizier »Lilienstrempel«, wie er ihn meist nannte, weil er den ihm noch neuen Namen nicht recht behalten konnte, mit einem besonderen Auftrag nach Berlin, wo er sich bei Ihrer Majestät der Königin zu melden hatte. War das eine Freude! Wenn mein Bräutigam in den zwei Tagen auch dienstlich sehr in Anspruch genommen wurde, so war es doch ein glückseliges Wiedersehen, und das dankten wir dem geliebten Großonkel. In aller Kürze will ich noch ein Wort über die Einnahme von Fridericia sagen. Graf Kalnein schreibt darüber: »Die Festung Fridericia wurde einen vollen Tag beschossen und unser Artilleriefeuer auch von dort erwidert. Der Feldmarschall war mit seinem Stabe zugegen, und zwar hielten wir uns in einem kleinen Gehöft auf. Der Feldmarschall stieg vom Pferde, ließ sich einen Stuhl bringen und beobachtete die Beschießung der Festung. Zur Nacht bezogen wir Quartier in einem Dorf weiter zurück. Tags darauf, als das Artilleriefeuer von Fridericia einige Zeit geschwiegen hatte, befahl mir der Feldmarschall, mit einem Offizier[61] unserer Artillerie und einigen Kürassieren von unserer Stabsschwadron einen Rekognoszierungsritt gegen, eventuell auch nach Fridericia hinein zu machen. Wir kamen unbehindert bis an das Tor, öffneten dasselbe mit Gewalt und ritten in die vom Feinde und auch von den meisten Einwohnern verlassene Stadt. ? Ich ritt nun eiligst zurück und meldete dem Feldmarschall, was ich gefunden. Wir zogen dann mit großem Jubel in die Stadt ein und stiegen in der leeren Kommandantur ab. Es wurde dort in aller Eile ein Mittag hergerichtet, so gut es ging. Die Tür zum nächsten Zimmer stand offen, und man sah zweifellos in das unlängst von den Insassen verlassene Kinderzimmer. Denn es standen und lagen noch Spielsachen umher, die wohl vor kurzem noch von den Kindern des Kommandanten benutzt waren. ? Ein wehmütiger Anblick! Die Truppen besetzten die Festung, das Oberkommando rückte gegen Abend ab.« ? Meines Bräutigams Brief aus Veile bringt noch etwas Weiteres über Fredericia, er erzählt: »Um 12 Uhr setzte sich das Oberkommando etwa eine drittel Meile vor Fredericia zu Pferde. Dicht vor der Stadt kam uns der Feldmarschall Leutnant von Gablenz mit dem größten Teil der höheren Offiziere und seinem Stabe entgegen. Bis 2 Uhr besahen wir die Werke. Die Dänen müssen riesig gearbeitet haben, alles war in bestem Zustande, einige Arbeiten freilich nicht ganz beendigt. Es hätte gewiß mehrere Wochen gedauert, ehe wir zum Sturm vorgehen konnten, der sicherlich unendlich viele Opfer gekostet hätte, deshalb können wir mit der Räumung sehr zufrieden sein. Den Grund, warum die Dänen Fredericia verlassen haben, kann man bis jetzt nicht finden. Es ist geschehen auf einen Befehl von Kopenhagen her, der in der Nacht vom Montag zum Dienstag anlangte, und denselben Tag haben die Dänen schon die Geschütze eingeschifft. Unbegreiflich bleibt es, warum sie sich nicht die Zeit nahmen, sämtliche Geschütze mitzunehmen, und 228 zurückließen. Um 3 Uhr war große Tafel beim Onkel, an der der Kronprinz mit seinem Gefolge, alle österreichischen Generale und viele andere Offiziere teilnahmen. Es war ein interessanter Tag. Gestern soll übrigens in Fredericia großer Tumult gewesen sein, da die Stadt sich weigerte, die Kontribution von 50000 Talern zusammenzubringen. Welche Maßregeln jetzt angewandt werden, um die Summe zu erhalten, weiß ich nicht. Leider ist diese Kontribution notwendig, um uns für die gekaperten Schiffe schadlos zu halten, was auf keine andere Weise geschehen kann. Beim Einzug in Fredericia war ein gewisses Gedränge in der Suite des Feldmarschalls nicht zu vermeiden, und dabei bekam mein Bein, das[62] seit Düppel noch nicht ganz taktfest ist, wieder einen kräftigen Stoß durch ein Zusammenreiten. Der Arzt besteht auf Schonung und Kühlen. Es hat aber nicht das geringste auf sich, ich habe ja nur Order von Dir, alles zu berichten. Graf Kalnein hat mich oft besucht, er gefällt mir sehr, je mehr ich ihn kennen lerne. Er ist ein aufgeweckter Kopf, der viel gelernt und viel Interessen hat. Höchst amüsant kann er sein. Ganz rührend gut ist der Onkel. Er wollte eben selbst nach mir sehen kommen, wie der Adjutant do jour mir sagte, aber ich meldete mich bei ihm als dienstfähig, nur noch nicht reitfähig. Es freute den alten Herrn, daß ich wieder auf den Beinen war. Ich mußte viel von meinem Aufenthalt in Berlin erzählen, von Dir und der lieben Mama. Er sagte: ?Sie hat mir auch geschrieben, die trautste Marjell, deine Adda, schreibt nur von dir, muß dir sehr lieb haben, mein Sohn, küsse mich.? Dann zeigte er mir das von Dir gearbeitete Tuch, das er täglich trägt, und läßt Dir sagen, zu Weihnachten möchtest Du ihm wieder etwas Hübsches arbeiten. Du glaubst nicht, wie interessant der alte Herr heute bei Tisch erzählte. Er sprach so viel und so lebendig von früheren Zeiten, daß man es ordentlich mitzuerleben meinte. Es ist doch prächtig und bewundernswert, was der Feldmarschall für ein gutes Gedächtnis hat, nur neue Namen werden ihm schwer zu behalten. Auf diese Weise bin auch ich im Stabe zu dem Namen ?Lilienstrempel? gekommen, und noch einen zweiten herrlichen führe ich jetzt: ?Hatdusmerter?. Das ist lustig, nicht wahr? Und weißt Du, wie ich dazu gekommen bin? Wenn der Großonkel die Lazarette besuchte, trat er auch immer an das Bett der verwundeten Dänen, nickte ihnen freundlich zu und wollte wissen, ob sie Schmerzen hätten. Das sollte ich fragen, und wenn ich mit meinem ?Hat du Smerter?? dann herausrückte, neckten mich die andern gewaltig und nannten es eine Phantasiesprache, vom Plattdeutschen hergeleitet. Du siehst, wie man zu Namen kommen kann, siehst aber auch, daß wir guter Dinge sind ....« Über ein paar heitere kleine Erlebnisse berichtet Graf Kalnein noch aus jener Zeit. In seinem Briefe heißt es: »Eines Tages meldete sich bei mir, als das Oberkommando in Apenrade lag, ein englischer Zeitungskorrespondent, der vom Prinzen Friedrich Karl, weil er von dort aus recht wenig wohlwollende Artikel in seine englische Zeitung geschickt hatte, ausgewiesen war, der aber trotzdem von unserm Kriegsminister eine Empfehlung an den Feldmarschall erhalten hatte. Er bat mich, seine Aufnahme in unser Oberkommando beim Feldmarschall zu erwirken. Obgleich mir der Unfug, den er beim Prinzen Friedrich Karl getrieben, bekannt war, konnte ich doch die warme Empfehlung des Kriegsministers[63] nicht ignorieren. Ich begab mich zum Feldmarschall und meldete ihm den ganzen Sachverhalt. ?Sag' ihm, er soll heute bei uns essen.? Das war die ganze Antwort, die mich doch stark verwunderte. Als sich nun der Stab im Eßzimmer versammelt hatte und der Korrespondent auch erschienen, ging ich zum Feldmarschall, davon Meldung zu machen. Er trat in den Saal, winkte sich den Korrespondenten heran und sagte, auf ihn weisend, zu den anwesenden Herren: ?Das ist der Mann, der die niederträchtigen Artikel über unsere Armee nach England geschrieben hat. Jetzt werden wir ihn füttern, schreibt er wieder so niederträchtig, dann kriegt er nichts. Bitte, setzen Sie sich, meine Herren.? ? Die Zeitung schlug fortan einen sehr freundlichen Ton an. In einem Vortrag wurde dem Feldmarschall gemeldet, daß der in Rendsburg stehende Befehlshaber der sächsischen Regimenter, die damals, sowie auch hannöversche Truppen, in die Herzogtümer einmarschiert waren, aber nicht am Kampf teilnehmen sollten, von einem dort befindlichen Pulverturm, den wir notwendig haben mußten, Besitz ergriffen hätte und den dazu gehörigen Schlüssel nicht herausgeben wolle. Diese Frage war nun sehr schwer zu lösen, ohne die deutsche Waffenbrüderschaft zu verletzen. Nachdem nun der Feldmarschall die Offiziere seines Stabes, wie es seine Gewohnheit war, um ihre Meinung gefragt und niemand so recht ein und aus gewußt hatte, sagte er: ?Laßt ihm, er hat recht. Er behält den Schlüssel, ich mach' ein anderes Schloß.? ? Damit war der gordische Knoten durchhauen.« Amazon.de Widgets Als der Großonkel im Mai während des vierwöchigen Waffenstillstandes nach Berlin zurückkehrte und Prinz Friedrich Karl das Oberkommando übernahm, wurde mein Bräutigam für kurze Zeit noch zum Stabe des Prinzen Friedrich Karl geschickt. Doch Ende Juni kehrte er und die anderen Offiziere, die mit ihm vom Stabe des Feldmarschalls zum Prinzen kommandiert waren, zu seinem Regiment zurück. Meine Mutter und ich hatten in diesem vergangenen Jahre eine Art Zigeunerleben führen müssen. Das Regiment war von der polnischen Grenze nach Stettin, von da nach Kolberg und dann auf ein paar Wochen nach Stolp gekommen. Gleich darauf aber nach Spandau. Wir hatten meinen Vater immer begleitet, und nun auch in Spandau in ein paar Stuben Unterkommen gefunden. Dahin kam nun mein Bräutigam täglich nach dem Dienst herübergeritten, und abends begleiteten mein Vater und ich ihn zu Pferde noch eine Strecke auf dem Heimwege. Im Gasthause hatte ich mich verlobt, im Gasthause in Berlin war Ende Juli meine Hochzeit, noch einmal als Regimentstochter im Kreise des Offizierkorps.[64] Aus dem folgenden Jahre lasse ich noch einen Auszug aus dem Briefe des Grafen Kalnein folgen, der von dem Zusammentreffen des Großonkels mit der Kaiserin Eugenie handelt. Graf Kalnein schreibt: »Im Sommer 1865 war ich mit dem Feldmarschall in Wiesbaden. In dem nahen Schwalbach hielt sich damals die Kaiserin Eugenie von Frankreich auf. Das hatte der Feldmarschall erfahren und erteilte mir den Auftrag, zu erfragen, ob er der Kaiserin seine Aufwartung machen könne. Ich fuhr daher nach Schwalbach und erkundigte mich bei dem dortigen Badekommissar, ob und wie dieser Besuch des Feldmarschalls zu ermöglichen wäre. Ich erhielt, wie es vorauszusehen war, den Bescheid, daß die Kaiserin ausnahmslos niemand empfinge. Sollte es aber dem Feldmarschall gelegen sein, die Kaiserin überhaupt nur zu sehen, so möge er sich um 12 Uhr mittags auf dem Wege von der Villa der Kaiserin zum Kurhaus aufhalten. Täglich um 12 Uhr ginge sie diesen Weg, um im Kurhaus zu baden. Sie wäre daran gewöhnt, daß sich dann auf diesem Wege sehr viel Publikum aufhalte, um sie zu sehen. Dies meldete ich dem alten Herrn, und schon tags darauf begaben wir uns nach Schwalbach und gingen von 3/4 12 Uhr auf dem bezeichneten Weg auf und ab. ? Sehr pünktlich um 12 Uhr erschien dann auch die Kaiserin, begleitet vom damals regierenden Herzog von Nassau, einer Hofdame und einem Kammerherrn. Als die Kaiserin sich uns näherte, hob der Feldmarschall seinen Hut und grüßte: ?Bonjour, Majesté.? Die Kaiserin, die sich begreiflicherweise über diesen unvermuteten und ungewöhnlich lauten Gruß erschreckte, machte einen großen Bogen um den Feldmarschall herum und setzte ihren Weg fort. Nach kurzer Zeit aber sah sie sich nach uns um, fragte augenscheinlich den Herzog, wer der merkwürdige alte Mann sei, und schickte dann einen Kammerherrn, der dem Feldmarschall sagte, die Kaiserin würde sich sehr freuen, ihn um 1 Uhr, wenn sie das Kurhaus verließe, an dessen Eingang zu sehen. ? Auf das pünktlichste fanden wir uns an dem bezeichneten Platz ein, und schon nach wenigen Minuten kam die Kaiserin mit ihrem Gefolge. Der Feldmarschall trat sofort auf sie zu und begrüßte sie mit hochgehobenem Hut und dem Ausruf: ?Majesté, vous avez commandé? und gleich darauf, auf mich deutend: ?C'est mon aide de camp, comte Kalnein.? Die Kaiserin, die damals noch eine jüngere Frau und sehr schön war, begrüßte uns mit der größten, huldvollsten Liebenswürdigkeit und forderte uns auf, sie auf ihrem Spaziergang zu begleiten. Dieser Spaziergang, den wir nur innerhalb der Kuranlagen machten, schien gar kein Ende nehmen zu wollen, und die Kaiserin empfand augenscheinlich das größte Vergnügen an der Unterhaltung mit dem Feldmarschall. Selbstverständlich[65] umgab und begleitete uns ein Schwarm Neugieriger, denn es war doch zu interessant, die Kaiserin von Frankreich in heiterer Unterhaltung mit dem alten Wrangel zu sehen. Endlich befanden wir uns an der Treppe der kaiserlichen Villa, und ich hoffte, diese immerhin ungewöhnliche Situation hätte jetzt ihr Ende erreicht. Aber nein, die Kaiserin forderte uns auf, sie in ihre Wohnung zu begleiten. Hier wurde in einem sehr einfach ausgestatteten Salon Platz genommen, und die Unterhaltung nahm ihren heiteren und gemütlichen Fortgang. Die Kaiserin erkundigte sich heimlich bei mir nach des Feldmarschalls Familien- und sonstigen Privatverhältnissen und fragte ihn dann nach seiner Frau, seinem Sohn, Enkel usw., worauf der alte Herr ganz überrascht ausrief: ?Sie weiß alles!? ? Es kam auch zum Austausch von Photographien, wobei der Feldmarschall der Kaiserin zum Dank für ihr Bild sehr lange die Hand küßte und dabei immer ausrief: ?Mein Liebchen?, was gar nichts schadete, da weder die Kaiserin noch jemand von ihrer Begleitung ein Wort Deutsch verstand. Freilich sah der Kammerherr etwas schokiert auf diese Szene. Nach einiger Zeit winkte die Kaiserin den Kammerherrn heran, flüsterte ihm etwas zu und dann kam letzterer zu mir und sagte, die Kaiserin wünsche, daß wir zur Tafel blieben, es würde gleich gegessen. Wegen der Toilette sollten wir uns keine Sorge machen, man speise hier stets im Promenadenanzug. Der Feldmarschall, der unsere geflüsterte längere Unterhaltung sah, rief: ?Was will er?? Ich erklärte ihm nun, um was es sich handle. Dann rief wieder die Kaiserin: ?Que veut-il donc?? Da mußte ich nun alles der Kaiserin erklären und schließlich allgemeines Amüsement und schallendes Gelächter. Darauf öffnete sich die Tür zum Nebenzimmer und wir schritten zur Tafel. Sehr einfach, wie im einfachsten Privathaus, Suppe, zwei Gänge, weißer Wein und sehr angeregte, heitere Unterhaltung. Bald nach Tisch zog sich die Kaiserin zurück, und wir bestiegen unseren Wagen und fuhren sehr befriedigt und beglückt nach Wiesbaden. ? Der Feldmarschall hat noch mehrere Jahre mit der Kaiserin korrespondiert und ihr auch ab und zu sinnige Geschenke geschickt.« 
 Schluß.  [310] Nun bin ich wieder in Charlottenburg, in der Heimat meiner Kinderzeit, mache meine Morgenspaziergänge in dem Charlottenburger Schloßgarten, für den ich als Kind solche schwärmerische Liebe empfand, und wandere durch Lützow an dem Hause vorbei, wo ich geboren bin. Ganz verträumt kann mir dabei zu Sinn werden, denn lebenswarm steigen unzählige große und kleine Erinnerungen aus längst entschwundenen Jahren vor mir auf. Vorn auf dem Steinbalkon mit der breiten Freitreppe saßen abends die »Erwachsenen« und schauten zu, wie wir junges Volk uns auf dem freien Platz davor unter den Bäumen herumtummelten. Dem Großvater konnte es wohl manchmal zu viel werden, dieses jauchzende Lärmen der Enkelschar, aber die Großmutter hatte ihre helle Freude daran. Noch stehen vier der alten Bäume vor dem Hause, die anderen sind hinüber. Das tiefe, höhlenartige Loch in der einen Linde, der prächtige Versteck von damals, ist auch nicht mehr vorhanden, das Loch ist mit Lehm verschmiert und vernagelt. Im Garten ist alles verändert, da habe ich mich vergebens nach dem dichten Weidengestrüpp umgesehen, meiner Burg aus der Kinderzeit. In dies grüne Nest zog ich mich zurück, wenn ich Sonntags stundenlang mit den anderen gespielt hatte, allein mußte ich dann eine Weile sein, ganz allein, erst dann konnte ich nachher wieder lustig mit den anderen tollen. Wie diese Kindheitsneigung mich doch durch mein ganzes Leben begleitet! Ebenso verträumt, ebenso von Erinnerungen umdrängt ist mir zumut, wenn ich in Potsdam bin. Eine glückselige, wonnevolle Zeit war das, Bild reiht sich an Bild, und ich habe sie alle so lieb, so lieb! Noch[310] einmal durchlebe ich das Große, das Schöne und das Schwere, wenn ich die Räume in unserem Potsdamer Hause durchschreite, in denen sich für uns so viel Bedeutungsvolles abgespielt hat! Wunderbar, wie treu man durch alle Jahre hindurch festhalten kann, was uns teuer war; da ist von keinem Verblassen die Rede, und kein Vergessen breitet seine Schleier über Vergangenes; was einst unser war, bleibt im Geist unveräußerlich unser Besitztum, lebensvoll ersteht es vor uns und winkt und grüßt! ? ? ? Ja, winkt und grüßt! Das ist die Sehnsucht nach dem, der uns das Liebste auf der Welt war. Diese Sehnsucht schwindet auch nicht, neben aller segenspendenden Arbeit, neben allem daseinsfrohem Empfinden geht sie still neben her, und ich möchte sie auch nicht missen, sie gehört zu dem engen Band, das mich mit den teuren Heimgegangenen verknüpft. Mein Heim in Charlottenburg mit dem prachtvollen Blick auf den Lietzensee, geschmückt mit allen den Afrikaerinnerungen, hat einen eigenartigen Zauber. Das »Märchenheim« nennen sie es. Nun, wenn alle die Dinge, die mein Heim umschließt, auch keine Märchen erzählen können, so hat doch fast alles seine eigene Geschichte. Meinen kolonialen Interessen bin ich jetzt näher gerückt, das erleichtert, besonders für meine Büchereien, die Arbeit. Ein anregender geistiger Verkehr hat sich auch hier rasch entwickelt, der sich in den Nachmittagsteestunden abspielt, fast immer nur im engsten Kreise. Mit meinen Stellvertreterinnen in Posen bin ich im regen Briefwechsel und viermal bin ich im Winter auf acht bis zehn Tage dort, um alle Sitzungen zu erledigen, meine Horte zu besuchen, bei den Volksaufführungen zu sein und, so viel es die Zeit erlaubt, liebe alte Bekannte aufzusuchen. So rollt das Leben weiter, und wenn ich alles zusammenfasse an Freud und Leid, was an mir vorüberzog, so kann ich nur die Hände falten und danken für den reichen Segen, den Gott mir zuteil werden ließ. Auch die bittersten und schmerzlichsten Stunden, die ich durchzukämpfen hatte, möchte ich nicht aus meiner Erinnerung streichen; aus ihnen erwuchs immer festeres Gottvertrauen, stärkere Willenskraft und ein freieres Schaffen, denn die kleinen Unannehmlichkeiten des Lebens verloren mehr und mehr ihren störenden Einfluß. Zugleich aber lernte man auch durch die trüben Zeiten das Leid anderer tiefer verstehen und konnte sie, gestützt auf eigene Erfahrungen, besser trösten und aufrichten. Sonne und Liebe hat nie in meinem Leben gefehlt, das gab den glücklichen Zeiten ihren Glanz und durchstrahlte die trüben Tage. Daher ist mein Herz auch voll Dank für die Meinen und für alle, die mir[311] nahe standen und mir treue Liebe entgegenbrachten. Gottes Segen über sie! Was ich nun noch für einen Wunsch habe, meine eigene Person betreffend? Auch das will ich sagen: Amazon.de Widgets Laß mich nicht wie die welken Blüten Langsam sterbend, müde vergehn, Gott wolle mich davor behüten, Kein mattes, stumpfes Untergehn. Laß mir den Flug zu lichten Höhen, Laß mir des Herzens heißen Schlag, Laß frisch mich in der Arbeit stehen Mit hellen Augen Tag um Tag. Laß nicht das Leben, zum Schaffen gegeben, Trübe versickern im schlammigen Sand, Laß mir das fröhliche Aufwärtsstreben, Laß mich dann sterben, den Pflug in der Hand.[312] 
 XIX. Landleben.  [195] Ein ernster Schritt blieb zu tun übrig. Mein Mann durfte nicht mehr eine schwere Kopfbedeckung tragen und mußte daher den Abschied nehmen. Wir sollten uns ankaufen, und mein Mann, der für das Landleben und dessen Aufgaben immer große Sympathie gehabt hatte, ging freudig auf den Gedanken ein. Mir graute im stillen etwas davor, denn solche Verhältnisse waren mir völlig fremd, und als geborenes Soldatenkind war mir alles Soldatische so in Fleisch und Blut übergegangen, daß mir das Loslösen aus dem Stande und der Abschied vom Regiment ganz besonders hart ankam. Aber ich hatte ja so viel zu danken, daß Gott mir meinen geliebten Mann erhalten hatte, daß ich keine Klage laut werden lassen durfte. Es galt also frisch vorwärts zu blicken auf neue Verhältnisse, auf einen neuen Lebensabschnitt. An einem sonnigen Maitage zogen wir in Sproitz ein, unserer neuen Heimat in der Oberlausitz. Wehende Fahnen, singende Schulkinder und Begrüßungsreden empfingen uns an der Grenze. Ich nahm mir redlich vor, mein Bestes zu tun, um mit Gottes Hülfe hier meine Pflichten zu erfüllen, aber ich fühlte mich unbeschreiblich klein und unwissend, als der Inspektor nachher mit mir durch die Ställe ging und meine Wünsche einholen wollte betreffs des Schweineschlachtens, Einpökelns usw. Von allen diesen Dingen hatte ich keine Ahnung und war ehrlich genug, das offen zu sagen, fügte aber gleich hinzu: »Ich denke, das werde ich alles bald lernen, wenn man ernstlich will, wird's schon gehen.« Die Erkenntnis, wie viel mir fehlte, um hier einigermaßen meinen Platz ausfüllen zu können, drückte mich doch etwas nieder. Als ich nachher oben am Fenster stand und auf den Hof blickte, wo sich grunzende Schweine und gackerndes Federvieh tummelten, überkam mich so heiße Sehnsucht nach Potsdam und unserem alten Leben, daß mir die Tränen in die Augen schossen. Mein Mann kam heran, es tat ihm so leid, daß mir die neuen Verhältnisse schwer wurden. Ich nahm mich auch rasch zusammen und versicherte, es würde alles bald prächtig gehen, denn ich wollte tüchtig lernen. Um mich zu trösten, aber auch um mich zu necken, holte mein Liebling die Wetterfahne hervor, die sich auf unserer Gartenlaube in Potsdam gedreht hatte. Es war ein gelber Ulan zu Pferde mit schwarzweißem Fähnlein, der mich seitdem überallhin begleitet hat[196] und heute noch an meinem Arbeitsplatz angebracht ist. Scherzend schlug mir damals mein Mann vor, er wollte mir auf jeden Pfeiler der Gartenmauer einen solchen Ulanen setzen lassen, damit ich meine geliebten Gelben täglich sehe, da die Lebenden doch nicht mehr alle Sommermorgen mit Musik an unserem Fenster vorbeiziehen könnten. Ja, das war nun für immer vorbei, eine abgeschlossene, aber wundervolle Zeit lag hinter uns, jetzt forderten die neuen Verhältnisse auch neue Pflichten. Immer wieder mußte ich an das Wort denken, das mir schon in meiner Mädchenzeit so lieb war, und das mich noch heute begleitet. Es lautet: »Die Umstände, die uns umgeben, gleichen den Hieroglyphen Gottes, aus denen wir lesen sollen, was unsere persönliche Pflicht ist.« Mein Mann widmete sich mit großem Interesse und voller Hingabe seiner landwirtschaftlichen Tätigkeit, und wenn auch seine Gesundheit mir im ersten Jahre noch oft Sorge machte, so schüttelte seine elastische Natur und seine Willenskraft sehr rasch wieder den vorübergehenden Schwächezustand ab. Wirklich war auch nach geraumer Zeit bei meinem Manne die völlige Frische zurückgekehrt, und so schwand auch für mich die Erinnerung an die unheimlichen Befürchtungen der Ärzte. Viel schneller, als ich gedacht, hatte auch ich mich an das Landleben und seine Aufgaben nicht nur gewöhnt, sondern es war mir zugleich von Herzen lieb geworden. Guter Kamerad wollte ich ja immer meinem Manne sein, daher wurde ich denn auch rasch in Feld und Wald, sowie in den Ställen heimisch und fand meine Freude daran, als Gutsherrin auf dem Hof und in dem Dorfe tätig zu sein. Wie beglückend war es für uns beide, daß sich sehr bald ein patriarchalisches Verhältnis zwischen unseren Leuten und uns herausbildete, und ein festes Band zwischen Dorf und Schloß, wie sie in dortiger Gegend die Landhäuser nennen, geknüpft wurde. Die Morgenandachten in unserer großen Halle, an denen Schloß- und Hofleute, sowie die Arbeiter teilnahmen, bildeten wohl zuerst den Grundstein, auf dem sich unser Zusammenleben mit dem Dorfe aufbaute. Es ist ja ein bestimmtes kleines Reich, das der Gutsherrschaft zugewiesen, in dem sie zum Wohl und zum Segen ihrer Untergebenen schalten soll; Freude ist es, wenn man in den einzelnen Familien heimisch wird, weil man mit ihnen Freud und Leid geteilt hat, wenn man in den Häusern an Kranken- und Totenbetten gestanden hatte und ebenso an der Wiege der Neugeborenen oder bei der fröhlichen Hochzeitsfeier dabei gewesen war. So wurden mit den Jahren die Fäden immer fester, die unser Leben mit dem unserer Leute verbanden. In unserer Halle spielte sich[197] vieles ab. Da hatten wir uns die Sonntagsschule und die Spinnabende eingerichtet, da tafelten an Kaisers Geburtstag die Väter des Dorfes und der Kriegerverein, und das war auch der Platz, wo ich meine Proben abhielt mit der Jugend des Dorfes, wenn ich ein Volksstück für sie gedichtet hatte, das dann zu ihrem Stolz seine Premiere in der Schenke erlebte. Strahlend gaben sie es dann zum besten bei ausverkauftem Hause, denn die Nachbarschaft strömte auch dazu, und die Einnahme wurde zur Linderung irgendeiner Not im Dorfe bestimmt. In der Schule war ich oft in der Handarbeitsstunde und las den Mädchen etwas vor oder erzählte ihnen dies oder das. Die Jungen lehrten wir Netze stricken und verschafften ihnen so einen kleinen Verdienst, denn die ganze Nachbarschaft mußte Fisch- und Obstnetze kaufen. Im Gutshause zu Sproitz hatte sich unterdessen unser Familienkreis schnell vergrößert. Es war uns Freude, der verwitweten Mutter meines Mannes in unserem Hause ein Heim anbieten zu können und ihr den Lebensabend bei ihrem vielgeliebten Sohne freundlich gestalten zu dürfen. Auch mehr junge Welt zog bei uns ein. Die kleine Gräfin Luckner, ein neunjähriges Kind, im Alter unserer Adda, hatte ihre Mutter verloren und wurde von uns als Pflegetöchterchen aufgenommen. Ein anderer junger Verwandter meines Mannes, ein Graf Bernstorff, kam als Kadett in unser Haus und eroberte sich da bald die Stelle eines Pflegesohnes. Das zog viel Jugend, viel Leben in unser Haus. »Sonnig Heim« nannten sie es, und diesem »Sonnig Heim« jubelte die Jugend entgegen, wenn Ferien oder Urlaubszeit sie nach Sproitz brachte und wir frisch und froh, in harmonischem Einklang, das Zusammensein genossen. Amazon.de Widgets Auch meine Eltern fühlten sich bei ihren Besuchen in Sproitz dort so wohl, daß sie gern auf unseren Vorschlag eingingen, später einmal dauernd zu uns zu ziehen. Das kam schneller, als wir erwartet hatten. Im August 1876 hatte mein Vater noch die Freude, von Sr. Majestät dem Kaiser als Schiedsrichter bei dem Kaisermanöver in Schlesien berufen zu werden, doch beschäftigte ihn immer ernster der Gedanke, seinen Abschied einzureichen. Im Herbst entschloß er sich endgültig dazu, und am 12. Dezember 1876 wurde ihm der erbetene Abschied in allergnädigster Form bewilligt, indem er zur Disposition und à la suite des Holsteinschen Infanterieregiments Nr. 85 gestellt wurde, mit Führung in der Rangliste. Am 21. Dezember verließen meine Eltern Posen und kamen zu uns. In Schnee und Eis gebettet lag unser Gutshof, aber alle Fenster waren erleuchtet und strahlten in die Nacht hinaus, einen lichten Gruß[198] denen entgegenwinkend, die nun, aus dem Soldatenleben scheidend, in das ländliche Reich einzogen, das auch ihnen noch etwas Neues war. Meine Eltern ließen sich nun den einen Teil des Hauses nach ihrem Geschmack mit einem Balkon ausbauen, und während der Zeit, daß diese Änderungen vorgenommen wurden, gingen wir alle nach Dresden, um erst im Frühjahr nach Sproitz zurückzukehren. Meinen Eltern wurde das Landleben mit jedem Jahre lieber. Mein Mutterchen, deren Gesundheit die letzte Zeit nicht sehr gut gewesen war, erholte sich hier sichtlich und hatte ihre innige Freude an unserem Zusammenleben. Auch mit meiner Schwiegermutter harmonierte sie prächtig. Die beiden alten Damen, die sich in der Liebe zu ihren Kindern fanden, verstanden sich auch in der Fürsorge, die sie den Alten und Kranken des Dorfes zuteil werden ließen. Noch heute danke ich es Gott innig, daß es uns vergönnt wurde, meinen treuen Eltern und meiner Schwiegermutter ihren Lebensabend in unserem Heim zu einem freundlichen zu gestalten. Einer so ausgeprägten Soldatennatur, wie sie meinem Vater eigen war, mußte nicht nur der Entschluß, des Kaisers Rock auszuziehen, sehr schwer werden, sondern es bedurfte auch einer gewissen Zeit, bis er innerlich mit seiner Laufbahn abgeschlossen und sich in die neuen Verhältnisse eingelebt hatte. Durch seine warme Freundlichkeit und seinen fröhlichen Sinn eroberte er sich bald die Herzen der ganzen Umgegend, und mit aufrichtiger Dankbarkeit empfand er das liebenswürdige Entgegenkommen der Nachbarschaft, in der er schnell heimisch wurde. In vollster geistiger und körperlicher Frische fuhr er viel umher, hatte große Freude an den nachbarlichen Besuchen, die er fleißig erwiderte, und sah es besonders gern, wenn er seine Freunde und Bekannte zum heiteren Mahle um sich versammeln konnte, das stets mit einer gemütlichen Whistpartie endigte. In den ersten Jahren ritt mein Vater noch viel, doch als sein Reitpferd alt wurde und totgeschossen werden mußte, gab er das Vergnügen auf und begnügte sich mit den Kutschpferden, seinen beiden wohlgenährten Rappen. Im Sommer war es eine Lieblingsbeschäftigung des alten Herrn, in den kleinen Waldpartien, die sich hinter unserem Hause an dem Schöpsflusse hinzogen, Wege anzulegen, blühende Sträucher zu pflanzen und hübsche Ruheplätze zu schaffen. Er war stets selbst tätig bei den Pflanzungen, kannte jeden Baum in seinen Anlagen und arbeitete unermüdet mit einer Gartenschere an seinen Sträuchern. In den Wintertagen las und schrieb mein Vater viel, bis zuletzt noch ohne Brille. Alle neuen militärischen Werke schaffte er sich an und[199] studierte sie eingehend. Nach dem Abendessen saßen wir dann gemütlich zusammen, der weibliche Teil der Familie mit Handarbeiten beschäftigt, während mein Vater und mein Mann abwechselnd vorlasen. Mit besonderer Liebe machte mein Vater sich daran, die Aufzeichnungen für die Geschichte seiner Familie zusammenzustellen. Das Leben seines alten Ahnherrn aus dem Dreißigjährigen Kriege, dessen Bild er als junger Offizier gemalt hatte, beschäftigte ihn besonders und er schrieb eingehend über diesen Feldmarschall. Doch ehe ich weitergehe, möchte ich zurückgreifend noch einmal von dem lieben Großonkel erzählen. Am 15. August 1874 feierte der Neunzigjährige sein 80jähriges Dienstjubiläum und zwar in Warmbrunn, das er in den letzten Jahren seines Lebens sich zum Sommeraufenthalt erwählt hatte. Se. Majestät der Kaiser sandte ihm einen Ehrendegen mit Brillanten, begleitet von einer huldvollen Kabinettsorder, in der dem greisen Herrn zugleich mitgeteilt wurde, daß Se. Majestät beschlossen habe, seinem Feldmarschall dereinst ein Standbild zu setzen, damit auch die späteste Nachwelt Kenntnis von seinen Verdiensten und von des Kaisers Anerkennung behielte. Dies war der letzte äußere Gnadenbeweis, den der Lebende von seinem Herrn und Kaiser empfing. Ihm und drei seiner Vorfahren hatte er in seltener Treue und mit vollster Hingebung gedient, aber er hatte auch Auszeichnungen erhalten wie kaum ein anderer preußischer Feldherr, und höher noch stand ? vor allem ihm selbst ? die herzliche und zarte Güte, mit welcher sie ihm erteilt wurden. Der greise Herr hatte diesen Ehrentag in stiller Zurückgezogenheit in Warmbrunn feiern wollen und jede Beteiligung der Stadt abgelehnt, doch der Sängerbund dort ließ es sich nicht nehmen, dem vielgeehrten Gast des Warmbrunner Tals am frühen Morgen ein Ständchen zu bringen, und Kinder trugen so viele Blumensträuße in sein Zimmer, daß er dort wie in einem Garten saß. An die Glückwünsche der Königlichen Familie schlossen sich eine Menge aus dem Kreise der Armee und der zahlreichen Freunde. Ein von der Jugend Warmbrunns veranstalteter Fackelzug endete die einfache Feier dieses einzig dastehenden Festes. Der Großonkel hatte sich in den letzten Jahren damit beschäftigt, die Ereignisse seines vielbewegten Lebens zusammenfassen zu lassen. In der Annahme, daß nach seinem Tode über kurz oder lang eine Schrift erscheinen könnte, die seine Person und seinen Anteil an den wichtigen Begebenheiten der Zeit darstellen würde, hatte er beschlossen, um jede schiefe oder unrichtige Auffassung zu verhüten, seine Biographie unter seinen Augen schreiben zu lassen.[200] Die Taten und Ereignisse seiner Jugend waren ihm besonders scharf gegenwärtig, er erzählte sie bis in alle Einzelheiten hinein und freute sich an der Erinnerung. Sein Urteil über andere war sehr milde; wo in der Erzählung seiner eigenen Taten rühmend gedacht werden mußte, strich er manches Beiwort aus und wollte nur die Tatsache schlicht erzählt wissen. Wo es sich aber um den Ruhm anderer, namentlich eines Mitgliedes des Königlichen Hauses handelte, da wünschte er die Farben so lebhaft wie möglich aufgetragen zu sehen. Im Frühjahr 1877 war der liebe Großonkel kurze Zeit krank gewesen, hatte sich aber bald erholt und war wie immer mit der Großtante nach Warmbrunn gereist. Anscheinend gekräftigt kehrte er im Herbst nach Berlin zurück, doch im Oktober nahm die Schwäche des Hochbetagten zu, und bald konnte er das Lager nicht mehr verlassen, es wurde zu seinem Sterbebett. Wenige Tage vor seinem Tode ? die Ärzte hatten dem alten Herrn schon den Empfang jeglichen Besuchs verboten ? entsandte er dennoch seinen Jäger in das Atelier des Professors Keil. Es war dies der Künstler, den der Großonkel besonders in sein Herz geschlossen hatte, und dem, auf des Feldmarschalls Wunsch, das Denkmal desselben übertragen war, das sich ? ebenfalls auf Wunsch des Großonkels ? am Leipziger Platz erheben sollte. Professor Keil hatte schon bei Lebzeiten des alten Herrn eine charakteristische Statuette desselben angefertigt, zu der ihm der Feldmarschall wiederholt gesessen, und zu deren Vollendung er dem Künstler seinen Pallasch geliehen hatte, den er in allen wichtigen Augenblicken seines Lebens an der Seite getragen hatte. Jetzt, wo der Großonkel fühlte, daß seine Tage gezählt waren, wünschte er den ihm so lieben Künstler noch einmal zu sehen. Er nahm Abschied von ihm und vermachte dem Professor die historische Waffe, und furchtlos dem Tode in die Augen sehend, sagte er ihm beim Scheiden: »Wir sehen uns zum letztenmal in diesem Leben. Wenn Sie mich wiedersehen, dann liege ich auf der Totenbahre.« Der Professor Keil hat das Schwert in getreuer Kopie auf dem Wrangeldenkmal verewigt. Auf dem Knopfe des Knaufs zeigt die Waffe die gekreuzten Feldmarschallstäbe, darunter ein W und darüber die Grafenkrone. Auf dem Stichblatt ist »von Wrangel« eingraviert und auf der unteren Fläche stehen die drei entscheidenden Daten aus dem Leben des Feldmarschalls: Schleswig, den 23. April 1848. Berlin, den 10. November 1848. Düppel, den 18. April 1864. Generalsuperintendent Büchsel, der Pastor an der St. Matthäikirche, war der Geistliche, dessen Kirche der liebe Großonkel, solange ich denken[201] konnte, in großer Treue besucht hatte; von ihm ließ er sich und der Großtante noch wenige Tage vor seinem Tode das Abendmahl reichen. Um dem Bilde des teuren Heimgegangenen, wie es in meiner Erinnerung lebt, noch die letzten Striche hinzuzufügen, die einen tiefen Blick in sein Seelenleben gestatten, möchte ich einige Sätze aus dem Briefe wiederholen, den der Großonkel an seinem 74. Geburtstag an Pastor Büchsel geschrieben hatte mit der Weisung, ihn erst nach seinem Tode zu öffnen. Die Stellen aus dem Briefe lauten: »Mein teurer Freund! Bei meinem hohen Alter sehe ich meiner Abberufung von dieser Welt ? und zwar in der Hoffnung, daß der Allmächtige mir meine vielfachen Sünden, die ich tief bereue, um Christi willen in Gnaden vergeben wolle ? mit Freudigkeit des Herzens stündlich entgegen. Wenn dieser Zeitpunkt gekommen ist, so bitte ich, haben Sie die Güte und halten an meinem Sarge eine kurze Leichenrede, aber eines jeden Lobes über mein Tun und Lassen wollen Sie sich gütigst enthalten. ? Allen meinen teuren Angehörigen und guten Freunden danke ich herzlich für ihre Liebe und Anhänglichkeit, mit der sie mich beglückt und erfreut haben. Alle die, denen ich gegen Wissen und Willen wehe getan habe, wollen mir aus Liebe Vergebung angedeihen lassen. Gott segne meine teure, schwer geprüfte Herzensfrau. Gott segne meine guten Kinder und meinen lieben Enkel. Ich bitte, ich beschwöre Euch, haltet in guten und bösen Tagen fest zusammen in Gottes Furcht, in Liebe und in Eintracht. Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der Tod ist verschlungen in den Sieg, Tod, wo ist dein Stachel ? Hölle, wo ist dein Sieg? Mit herzlichem Danke erkenne ich die trostreiche Zusprache, mit der Sie, mein bester Büchsel, meine Seele so oft zu unserm Heilande am Kreuze zu führen gewußt haben, und wie ich aus Ihren Händen das heilige Abendmahl mit gläubigem Herzen empfangen habe. Ja, ich glaube. gez. von Wrangel.« Wie der geliebte Großonkel in seinem ganzen Leben überall das volle Gewicht seiner Persönlichkeit eingesetzt hat, so wollte er auch in einer Zeit, wo viel Zweifel und Lauheit herrschte, das Bekenntnis seiner Schuld vor Gott und seines festen freudigen Glaubens vor aller Welt ablegen. Er war ein ganzer Mann, ein deutscher Mann, so urwüchsig und eigenartig, wie es früher wohl einzelne gab, die aber in unseren Tagen[202] immer seltener werden. Es vereinigten sich in ihm Gegensätze und Eigentümlichkeiten, die sich selten in einer einzelnen Persönlichkeit zusammenfinden. Von der einen Seite konnte er streng und unerbittlich sein und mit großem Ernst jede Nachlässigkeit im Dienst strafen, von der anderen Seite zeigte sich sein mildes, freundliches Herz, denn sein Ohr und seine Hand war jedem offen, der bei ihm Rat und Hülfe suchte. Er war ein treuer Diener seines Königs, ein Patriot im altpreußischen Sinne und dabei der populärste Mann von ganz Berlin. Tiefer Ernst und aufrichtige Frömmigkeit blieben der Kern seines Lebens, zugleich aber war es auch seine Eigentümlichkeit, sich oft in seltsamer drastischer Weise zu äußern, so daß zahllose Anekdoten von ihm erzählt werden. Schlagfertig war er mit dem Degen in der Hand und schlagfertig mit Worten, kurz und bündig pflegte er den Nagel auf den Kopf zu treffen, Ehrenhaftigkeit und Treue sind in ihm zur lebendigen Darstellung gekommen, vom Leutnant bis zum Feldmarschall ist sein Name unbefleckt geblieben. In gedrängter Kürze habe ich hier noch einmal die einzelnen Charakterzüge des Verewigten vorüberziehen lassen, um wahrheitsgetreu seine Persönlichkeit wiederzugeben, wie sie im Herzen derer lebt, die ihm nahe gestanden haben. Trotz der großen Alters- und Krankheitsbeschwerden, die sich in den letzten Tagen einstellten, blieb der teure Großonkel bis zuletzt gegen seine Umgebung von immer gleicher Freundlichkeit. Am 1. November abends raubte ein starker Hustenanfall seine letzten Kräfte. Sanft und schmerzlos entschlief dann der treue Diener seines Königs und Vaterlandes, der älteste General des preußischen Heeres. Mein Vater reiste nach Empfang der Todesnachricht sofort nach Berlin. Am 5. November fand die Trauerfeierlichkeit im Wohnhause des Großonkels statt. Der Kaiser und die in Berlin anwesenden Mitglieder des Königlichen Hauses umstanden den Sarg. Der Generalsuperintendent Büchsel hielt, wie der Heimgegangene es gewünscht, die Trauerrede. Ein Gebet und der Gesang: »Jesus meine Zuversicht« beschlossen die ergreifende Feier. Seine Majestät führte die Großtante nach dem Fenster des Vordersaales, von dem aus die militärische Trauerparade zu sehen war. Doch die greise Frau vermochte die tief bewegenden Eindrücke des Tages nicht lange zu ertragen und mußte sich bald zurückziehen. Wie der große Kaiser den Verstorbenen geachtet und geehrt hat, geht aus den allen Anwesenden unvergeßlichen Worten hervor, die Allerhöchstderselbe in Gegenwart der Trauerversammlung sprach. Sie lauteten: »Mein Haus und die Stadt Berlin werden es dem verstorbenen Feldmarschall[203] nie vergessen, welche Dankbarkeit wir ihm schuldig sind, denn er hat 1848 die Revolution unterdrückt ohne einen Tropfen Blut.« Dann winkte Se. Majestät meinen Vater zu sich heran, und auf den Sarg weisend, der eben auf den Leichenwagen gehoben wurde, setzte der Hohe Herr hinzu: »Ohne den Mann säße ich nicht auf dem Thron!« Unteroffiziere des Ostpreußischen Kürassierregiments 3 und des Brandenburgischen Füsilierregiments 35 hatten den Sarg die Treppe hinabgetragen, ihn unter dem Präsentieren des Gewehrs der Trauerparade auf den Königlichen Leichenwagen gehoben. Langsam setzte sich der Zug in Bewegung; zuerst die Kavallerie, dann die Artillerie und Infanterie. Gedämpfter Trommelschlag, die Klänge von »Jesus meine Zuversicht«, dazu die florumwundenen Fahnen, der gemessene Schritt, alles vereinte sich, um der zahllos versammelten Menge den Ernst der Stunde zu vergegenwärtigen. Amazon.de Widgets Dem Leichenwagen voran schritten Unteroffiziere von des Feldmarschalls Regiment mit langen Trauerfloren. Hohe Offiziere folgten, die den Feldmarschallstab und die Orden des Verewigten trugen. Des Großonkels Leibroß, der Trakehner Fuchshengst, ein Geschenk des Kaisers, wurde unmittelbar hinter dem Leichenwagen geführt. Dann in einiger Entfernung, und allein, schritt Seine Majestät der Kaiser. Er gab seinem treuen Generalfeldmarschall zu Fuß das letzte Geleite. Dem Hohen Herrn folgten der Kronprinz und der Prinz Friedrich Karl, und zwischen ihnen ging der einzige Enkel des Heimgegangenen, der Legationssekretär Graf Gustav Wrangel, und mein Vater als der nunmehrige Senior der Familie Wrangel. Der Trauerzug geleitete den Sarg bis zum Stettiner Bahnhof, wo er einige Stunden später nach Stettin übergeführt wurde. Für Berlin hatte ein reiches Stück seiner Geschichte, das mit der bedeutsamen Parade am 20. September 1848 begann, in der Trauerparade vom 5. November 1877 seinen Abschluß gefunden. Die Teilnahme der Bevölkerung an diesem Tage hat bewiesen, daß Berlin einen seiner meistgeachteten Mitbürger in dem »Alten Wrangel« zu Grabe trug. Stettin blieb sich bewußt, daß der Großonkel ein Sohn der Stadt gewesen. Auch hier, wie in Berlin, war eine allgemeine große Teilnahme, denn viele lebten noch aus der Zeit, wo der Großonkel dort Kommandierender General gewesen war und sich allgemeine Liebe und Verehrung erworben hatte. Auf sämtlichen Schiffen waren die Flaggen auf Halbmast gehißt und von dem Geburtshause des Feldmarschalls hing eine lange Trauersahne herab. Die Tertianer der beiden Stettiner Gymnasien hatten es sich nicht nehmen lassen, »dem Tertianer von Neustettin«,[204] der es nicht auf der Schulbank, aber doch im Leben so herrlich weit gebracht, Kränze zu spenden. Auf dem alten Militärkirchhof vor dem Berliner Tor wurde der Sarg des Feldmarschalls in die Gruft gesenkt, neben dem Grabe seines zweitältesten Sohnes. Militärpfarrer Wilhelmi hielt die Leichenrede und schloß mit den Worten: »Wir Überlebenden wollen treue Wächter von Wrangels Grabesfrieden sein, denn sein Andenken wird bleiben, solange noch preußische Herzen unter preußischem Waffenkleid schlagen.« Mein Vater kehrte tief ergriffen von der ernsten Feier heim und sprach viel und eingehend davon. Wenn ich lebhaft von einer Sache sprechen höre und mich darin vertiefe, so ist es mir oft, als wäre ich selbst dabei gewesen, hätte alles miterlebt, so greifbar deutlich steht mir die ganze Sache vor Augen. So geht's mir auch mit jenen letzten Tagen des geliebten Großonkels und mit seiner feierlichen Bestattung. Mein Vater erzählte noch von ein paar hübschen Zügen des Heimgegangenen, die Generalsuperintendent Büchsel ihm mitgeteilt hatte. Ich möchte auch diese nicht unerwähnt lassen. Der Pastor meinte, ihm würde der Abend unvergeßlich bleiben, wo der Großonkel nach seinem Einzug in Berlin im November 1848 im Schlosse Wohnung genommen habe. Alle Gemüter wären in großer Aufregung gewesen, er selbst aber sei ganz ruhig geblieben, und als er ihm zu dem Erfolg des Tages gratulierte, habe er geantwortet: »Nicht mir, sondern dem Herrn allein die Ehre. Ich habe nichts getan, als daß ich meines Königs Befehl ausgeführt habe.« Am meisten hätte es seinem Herzen wohlgetan, daß der Sieg errungen sei, ohne einen Tropfen Blut zu vergießen; er hätte ihn dann aufgefordert, ein Dankgebet zu halten, und wäre dabei niedergekniet, wie es seine Gewohnheit gewesen, wenn er mit seinem Gott geredet hätte. Weiter hatte Büchsel erzählt, einige Tage darauf wäre eine Tischgesellschaft um den Großonkel versammelt gewesen und man hätte dabei ziemlich lebhaft über die Geschichte der letzten Tage gesprochen. Er habe zuerst schweigend zugehört, dann aber sei er aufgestanden und habe gesagt: »Meine Herren, es ist nicht unsere Sache zu kritisieren, sondern die Pflicht des Soldaten ist, zu tun, was der König befiehlt.« Als nun dieser älteste Soldat, der treueste Untertan seines Königs, sein taten- und segensreiches Leben beschlossen hatte, war mein Vater der Senior der Familie Wrangel geworden. Nicht nur sein Alter, sondern auch sein stark ausgeprägter Familiensinn befähigten ihn ganz besonders zu dieser Stellung. Freudig und mit großer Energie widmete er sich den Angelegenheiten der Wrangels, besuchte jeden Familientag und leitete die Familienstiftung. Sein Gedanke war es auch, die vier[205] Orden pour le mérite, die Mitglieder der Wrangelschen Familie erhalten hatten, in sinniger Weise zusammenstellen zu lassen und so für die Nachkommen zu bewahren. Mein Vater ließ einen großen Talerhumpen herstellen, der auf seinen Hauptseiten die vier Orden zeigt. Mein Urgroßvater Generalmajor Ernst von Wrangel war der erste aus der Familie, der diesen höchsten preußischen Militärorden erhielt und zwar für das Gefecht bei Neustadt. Über demselben ist eine Münze mit dem Bildnis Friedrichs des Großen angebracht und unten ein Mariatheresientaler, der auf die Besiegte hinweist. Der preußische Generalleutnant Ludwig von Wrangel, der älteste Sohn des vorgenannten Ernst von Wrangel, erhielt denselben Orden auf Rußlands Gefilden bei Pultusk. Eine Münze von Friedrich Wilhelm III. ist darüber, eine von Napoleon I. darunter angebracht. Den dritten Orden hatte sich der zweite Sohn des Generals Ernst von Wrangel, der eben verstorbene Feldmarschall, als junger Leutnant in der Schlacht bei Heilsberg erworben und später für den Feldzug 1848 in Dänemark das Eichenlaub dazu erhalten. Die Münzen Friedrich Wilhelms IV. und des Königs von Dänemark stehen über und unter diesem pour le mérite. Der vierte Orden ist der meines Vaters. Er hat ihn im Mainfeldzug erhalten und das Eichenlaub daran für Orleans. Ein Siegestaler und das Münzbildnis Napoleons III. sind ihm beigefügt. Den Knopf des Deckels bildet der Ring, den Friedrich der Große dem General Ernst von Wrangel nach der Schlacht bei Torgau geschenkt hat. Er zeigt, in Brillanten gefaßt, das Miniaturbild des Königs. Wenn auch mein Vater sich so eingehend mit den Interessen seiner Familie beschäftigte, so behielt er dabei doch stets ein offenes Auge für die Menschen, in deren Mitte er lebte. Davon wissen die Sproitzer Leute zu sagen, für deren Gesangverein er eigenhändig den Theatervorhang und die Dekorationen zu ihren Aufführungen malte. Die Armen von nah und fern fanden in meinen Eltern die gütigen Geber, die allezeit eine offene Hand für sie hatten. Ganz besonders widmete sich mein Vater den Kriegervereinen. Die Soldaten waren ihm von jeher an das Herz gewachsen, und in kameradschaftlicher Weise verkehrte er mit ihnen auch weiter. Ebenso hielt er dauernd die Beziehungen mit seinen alten Regimentern und Kriegskameraden aufrecht. Eine große Freude war ihm daher das Geschenk eines Ehrendegens von seinem Regiment 61, auf dessen Damaszenerklinge die Namen der Offiziere stehen, und dessen Griff die Trommel ziert. Mein Vater, welcher der erste Kommandeur dieses Regiments war, hatte stets eine besondere Vorliebe für seine »alten[206] Einundsechziger« und warmes Interesse an der weiteren Entwicklung des Regiments. Durch seine wiederholten Besuche beim Regiment wurden die alten Beziehungen möglichst wachgehalten. Bis hinauf ins Holstenland erstreckte sich für ihn das Land mit den Kriegervereinen. Ein rührender Beweis dafür, mit welcher Liebe seine alten Soldaten noch an ihm hingen, waren die verschiedenen großen Bilder, auf denen die Leute sich für ihn hatten photographieren lassen, und eine Bowle, die sie ihrem »Trommler von Kolding« nach Sproitz gesandt hatten. Eine zum Herzen sprechende Widmung steht darauf und die Worte, die er ihnen in Kampfestagen oft zugerufen hatte: »Jungens, holt fast«. Mit warmem Stolz zeigte der alte Herr seinen Freunden und Bekannten diese Zeichen einer Anhänglichkeit, wie man sie selten findet. Amazon.de Widgets Eine gute Stunde von Sproitz entfernt liegt Crobnitz, das wundervoll gelegene Gut, das damals von dem Feldmarschall Grafen Roon und seiner Gemahlin bewohnt wurde. Da hatte sich, schon sehr bald, nachdem wir in Sproitz ansässig geworden waren, ein freundnachbarlicher Verkehr angebahnt. Wir hingen mit aufrichtiger Verehrung an den alten Herrschaften. Es war für uns ein Feiertag, sobald sie zu uns kamen oder wir hinfahren konnten. Wenn der Graf große oder kleine Erlebnisse aus dem Kriege erzählte, hörte ich immer mit einer wahren Andacht zu und freute mich daran, wie die Herren dabei ihre Ansichten austauschten und der Feldmarschall dann mit so großer Liebenswürdigkeit für meinen Mann sich eingehend mit ihm unterhielt. Ganz besonderen Eindruck hat auf mich die schlichte, tiefe Gottesfurcht gemacht, die ein Grundzug in dem Charakter des Feldmarschalls war. Als meine Eltern nach Sproitz zogen, ergab es sich als etwas Selbstverständliches, daß die beiden alten Herren sich oft sahen, bis der Tod den Feldmarschall im Jahre 1879 abrief. 
 XI. Aus dem Kriegsjahre 1870.  [103] Juli war es und gewitterschwüle Luft. Am Himmel ballten sich Wolken zusammen, dunkel und schwer, und doch wußte man noch nicht, wird das drohende Wetter vorüberziehen und die Sonne uns wieder lachen, oder soll unser Vaterland ein Sturm durchbrausen, der das gesamte Volk erfaßt und den jeder einzelne durchzuringen hat! Was sich zu Ems in jenen Tagen abspielte, weiß ein jeder, ich wiederhole es daher nicht. Die Wogen der Empörung und der Begeisterung, die bei den Nachrichten von dort in Wechselstimmung die Gemüter bewegten, hatten auch mich mit ihrer vollen Kraft erfaßt, und doch, in der Hoffnungsfreudigkeit, die meiner Natur eigen ist, hielt ich mich noch immer daran, daß die Wetterwolke vorüberziehen würde. Mir graute vor einem neuen Kriege. Die täglichen Briefe, die ich mit meinem Manne austauschte, zeigten mir, wie er unter der Spannung litt, die diese Tage mit sich brachten, und unter der Tatsache, durch das Kommando gefesselt und nicht beim Regiment zu sein für den Fall, daß der Krieg ausbräche. Gewohnt, alles mit ihm zu teilen, was uns in Freud und Leid, in der Alltäglichkeit wie in den großen Ereignissen des Lebens begegnete, wurde durch seine Briefe ein Zwiespalt in meinem Wünschen und Hoffen geweckt. In sorgendem Bangen hätte ich ihn gern vor den Gefahren des Krieges bewahrt gewußt, und doch fühlte ich mich so sehr eins mit ihm, daß ich[103] sein Hinausdrängen nicht nur völlig begriff, sondern auch gewissermaßen teilte. Meiner geliebten Mutter, die ich in dieser Zeit zur Seite hatte, konnte ich dieses Durcheinanderwogen der Gedanken anvertrauen, sie verstand ihr Kind. Im ruhigen Aussprechen und stillen Nachdenken glätteten sich die hochgehenden Wogen des Empfindens. Das eigene kleine Ich trat zurück, denn die ernsten und hohen Anforderungen jener Zeit ließen keinen Raum für selbstsüchtige Gedanken. Immer deutlicher wurde mir nun doch die Gewißheit, daß der Sturm losbrechen würde, aber auch immer fester hielt ich mich an der unerschütterlichen Überzeugung: »Es kann mir nichts geschehen, als was Gott hat ersehen und was mir heilsam ist!« Ich hatte ja schon auf dem eigenen, schweren Krankenlager, wie in den zwei Kriegeszeiten, die Wahrheit des alten Liedes, das ich so gerne sang, erfahren dürfen: »In allen Stürmen, in aller Not wird er dich beschirmen, der treue Gott.« So konnte ich denn alles persönliche Klagen und Sorgen niederkämpfen, denn ich hatte es betend in des Herrn Hand gelegt und wollte nun alle Kraft zusammennehmen, um mit seiner Hilfe den Pflichten des Augenblicks genügen zu können. Wenn ich über die Eindrücke der großen Zeit 1870 und über das eigene Empfinden dabei ausführlicher schreibe, als es vielleicht für den engen Rahmen dieses Buches angängig scheint, so geschieht es, weil ich dadurch am besten ein lebenswarmes Bild jener Zeit wiedergeben kann. In dem, was man selbst damals innerlich durchgemacht hat, spiegelt sich das Gesamtfühlen unseres deutschen Volkes zu einer Zeit, die den einzelnen über sich selbst erhob. Ich war mit meinen Eltern am 15. Juli in Flensburg gegen Abend in das Sommertheater gefahren, nicht um der Aufführungen willen, sondern nur, um im Kreise der Bekannten die spannenden Fragen des Tages besprechen und die neuesten Nachrichten austauschen zu können. Das hatten wir denn auch redlich getan, und mein Vater stand noch immer, sich eifrig unterhaltend, in einem Kreis von Offizieren, obgleich der erste Akt schon begonnen hatte. Was sich auf der Bühne abspielte, interessierte mich nicht, gedankenverloren blickte ich nur auf die Gruppe der Offiziere. Da wurde meinem Vater eine Depesche gebracht, die er hastig aufriß. Lebhafte Bewegung unter den Herren, die sich eilig zerstreuten. Alle Köpfe wandten sich ihnen zu, eine große Unruhe entstand, und ein Murmeln ging durch die Reihen. Ich weiß nicht, hatte ich das Wort gehört und sprach es unbewußt nach, oder war es nur die Ahnung des Kommenden, die mich[104] sagen ließ: »Der Krieg ist da«, während ich meiner Mutter Hand erfaßte. Die Musik schwieg, der Vorhang ging herunter, um sich gleich darauf wieder zu heben. Da stand mein Vater auf der Bühne, die Depesche in der Hand. Mit lauter, aber tief bewegter Stimme las er die Kriegserklärung Frankreichs vor und brachte ein Hoch auf Se. Majestät aus. So stürmisch waren die Hoch- und Hurrarufe, so jubelnd die Begeisterung, daß alles andere darin unterging. Stehend wurde die Nationalhymne gesungen und »Fest steht und treu die Wacht am Rhein«. Dann drängte alles nach Hause. Wer hätte auch noch Theater spielen oder im Theater bleiben mögen in dieser mächtig bewegten Stimmung. Mir war zumute wie im Traum, als ich nach Hause kam. Auf den Sturm der Begeisterung, der auch mich erfaßt hatte, folgte das Bangen der Frauennatur. Alles, was ich 1864 und besonders 1866 innerlich durchlebt hatte, trat wieder lebhaft vor meine Seele, und mir graute vor der nächsten Zukunft. Aber der Psalm, den ich noch in später Nachtstunde las, gab mir wieder mein Gleichgewicht zurück. Amazon.de Widgets »Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hülfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben«, heißt es da in dem 46. Psalm und weiter: »Darum fürchten wir uns nicht ? der Herr Zebaoth ist unser Schutz.« Noch heute, wenn ich in meiner Einsegnungsbibel den Psalm aufschlage, unter den ich das Datum des 15. Juli 1870 geschrieben habe, steht mir lebhaft jener Abend und die ganze Kriegszeit vor der Seele. In früher Morgenstunde erhielt mein Vater das Telegramm zur Mobilmachung der ganzen Armee, und von diesem Augenblick an begann nun auf allen Punkten die angestrengteste Tätigkeit. Die große Maschine des Mobilmachungsplanes war nun einmal in Bewegung gesetzt, und mit wahrhaft bewunderungswürdiger Genauigkeit arbeitete überall das weitverzweigte Getriebe. Jeder Tag zeigte die schon lange vorher aktenmäßig befohlene Tätigkeit, und so fand denn auch bald jeder seinen Platz. In den Herzogtümern sah man mit einiger Besorgnis nach Dänemark hinüber, denn man erkannte in diesem Nachbarn einen natürlichen Verbündeten des französischen Kaisers und sagte sich, daß eintretenden Falles gerade hier viele schwache Punkte vorhanden, die den Dänen genau bekannt waren und mit ihrer Hilfe zu unserem großen Nachteil hätten ausgebeutet werden können. Doch traf schon in den nächsten Tagen die Neutralitätserklärung Dänemarks ein, und die dortigen Truppen waren der Sorge enthoben, zum Schutz der Herzogtümer zurückbleiben zu müssen.[105] Die 18. Division wurde der großen Operationsarmee zugeteilt, und nur das Regiment 25 sollte zur vorläufigen Besetzung von Sonderburg zurückbleiben, das 36. Regiment von der 17. Division trat an seiner Stelle ein. Die Division setzte sich zusammen aus der 35. und 36. Brigade, den Infanterieregimentern Nr. 36, 84, 11 und 85, dem Lauenburgischen Jägerbataillon Nr. 9, dem Schleswig-Holsteinschen Husarenregiment Nr. 16, dem Magdeburgischen Dragonerregiment Nr. 6, der ersten Fußabteilung des Feldartillerieregiments Nr. 9 und dem Schleswig-Holsteinschen Pionierbataillon Nr. 9. Bald waren alle Vorbereitungen getroffen, der Tag der Abreise stand vor der Tür. Am 24. Juli, am Tage von Tauberbischofsheim, wollten wir noch alle einmal zum Abendmahl gehen. Fast das ganze Flensburger Offizierkorps fand sich an dem Sonntagmorgen in der Kirche zusammen, und es war wohl keiner unter uns, den die Weihe der Stunde nicht tief bewegte. Das Abschiednehmen schloß sich daran; die Offiziere kamen zu meinen Eltern, um meiner Mutter und mir Lebewohl zu sagen. Die feierliche Stimmung von der Kirche her klang mehr oder weniger noch bei uns allen nach. Deutlich in der Erinnerung, ich möchte sagen wie ein photographisches Bild, steht vor mir einer der jungen Offiziere, mit dem ich in den letzten Tagen oft über ernste Dinge gesprochen hatte. Während die anderen sich von meiner Mutter verabschiedeten, war er an mich herangetreten. »Heute rot, morgen tot«, sagte er, »es ist was Schönes um einen frischen Soldatentod, aber wenn es nicht gleich zu Ende ist und man blutend daliegt, dann muß es einem das Sterben leichter machen, sobald man weiß, daß ein Herz uns betend zur Seite bleibt und uns so hinübergeleitet. Wollen Sie für mich beten? mich so geleiten?« bat er. Die Augen waren mir feucht geworden, als ich ihm die Hand reichte und versicherte: »Ich verspreche es Ihnen.« Es war ein fester Handdruck, mit dem wir voneinander schieden. ? Einer der ersten, der auf Frankreichs Boden den Heldentod starb, war er. Am 26. nachmittags fuhren meine Mutter und ich von Flensburg ab, mein Vater wollte tags darauf mit der Truppe folgen. Wir hatten unbeschreiblich viel Handgepäck, denn Wertsachen sollten nicht in Flensburg zurückbleiben. Ein Diener stand nicht mehr zu unserer Verfügung und Kofferträger waren nicht aufzutreiben, man mußte alles allein tragen und allein besorgen. Etliche Pakete unter den Armen, mein Kind an der einen Hand, an der anderen die Leine, mit der ich den Hund meiner[106] Eltern nach mir zog, so versuchte ich in dem Menschengewühle durchzukommen. Aber es ging nicht, ich mußte mir anders helfen. Der Humor sollte auch zu seinem Rechte kommen. Das Paket wurde in die Hand, der Hund unter den Arm geklemmt, was Effi sehr ungnädig aufnahm. Je fester ich ihn an mich drückte, desto energischer legte er Protest ein, bellte ohrenzerreißend und schnappte nach rechts und links. Das schaffte uns Platz, und trotz meiner gewiß sehr ernsten Stimmung mußte ich doch mit meinem Kinde um die Wette lachen über das kleine schwarze Ungetüm, das uns Bahn brach. Selbstverständlich war in Altona alles überfüllt. Da ich kein Bett für das Kind bekam, legte ich mein Töchterchen in das meine und streckte mich auf dem Teppich aus. Hart und unbequem war das Lager, aber ich empfand das mit einer gewissen Genugtuung in dem Gedanken, daß unsere Soldaten gewiß oft ein viel schlechteres Lager haben würden und ich nun auch einen ganz kleinen Vorgeschmack davon zu kosten bekäme. Am Mittag des anderen Tages langte mein Vater in Altona an, wir erwarteten ihn auf dem Bahnhof, konnten aber nur einen flüchtigen Abschied nehmen, denn mein Vater hatte vollauf zu tun. Der Empfang des Festkomitees, das Verladen der Pferde auf die Dampffähre, die Begrüßung mit dem Kommandeur des 36. Regiments Oberst von Brandenstein, der die Offiziere seines Regiments vorstellte, das alles nahm ihn voll in Anspruch. Wir trennten uns daher bald und fuhren am Abend heim. Am 28. früh kamen wir in Berlin an. Es war mein Geburtstag, und es wurde mir doch etwas wehmütig zu Sinn, als wir, vergebens auf irgendein Gefährt wartend, umringt von unseren Habseligkeiten, einsam und verlassen dasaßen. Aber den Kopf durfte ich nicht hängen lassen, mein Mutterchen hatte es augenblicklich ja schwerer als ich, und ich mußte auch für meinen Mann frisch bleiben, wenn er jetzt bald nach Potsdam zur Ersatzschwadron kam, während sein Regiment vor dem Feinde stand. In Potsdam fand ich alles mit Blumen geschmückt. Mein Schwager, der jüngere Bruder meines Mannes, der auch für mich immer wie ein Bruder gewesen ist, hatte das angeordnet. Er stand ebenfalls bei dem 3. Gardeulanenregiment und hatte mich gebeten, noch vor dem Abmarsch zum letzten Lebewohl in Potsdam zu sein. Es war mir lieb, daß ich rechtzeitig hatte kommen können. Er hatte die Überzeugung, daß er verwundet würde, und nahm mir das Versprechen ab, mich in Potsdam nicht zu fest in den Lazaretten zu binden, denen ich mich zur Verfügung stellen wollte; denn er selbst wünschte die Schwester zur Pflegerin zu haben, wenn er verwundet heimkäme.[107] Als ich nun hier meinen Schwager und verschiedene Offiziere des Regiments sprach und zugleich die vorwärtsdrängenden Briefe meines Mannes erhielt, stand es bei mir fest, daß ich ihn nie mit einem Worte zurückhalten wollte, wenn er versuchen würde, zur kämpfenden Truppe zu kommen. Am Tage vor dem Ausmarsch begegnete ich unserem Kommandeur, dem Prinzen Hohenlohe. Er gratulierte mir, daß mein Mann bei der Ersatzschwadron bleiben könne; »ich wäre gewiß glücklich darüber«, meinte er. Ich schüttelte den Kopf. »Wenn ich an meinen Mann denke, kann ich mich nicht darüber freuen, denn es wird ihm natürlich sehr schwer.« Der Prinz sah mich scharf an. »Aber weder Sie noch Ihr Mann werden irgendwelche Schritte tun, daß er der Armee nachkommt«, drängte er. »Versprechen Sie mir das?« Wieder konnte ich nur den Kopf schütteln. »Durchlaucht, als Frau meines Mannes kann ich in diesem Punkt nur tun, was er wünscht, und darf ihn und mich nicht binden.« Wir schieden. Ob ich unseren Kommandeur erzürnt hatte? Ich weiß es nicht, fast schien es mir so, aber wie hätte ich ihm anders antworten können! Am Abend saßen Mutterchen und ich auf unserem Balkon. Unter den hohen Bäumen vor unserer Tür sah man die verschiedensten Uniformen mit der Herzallerliebsten nach Sanssouci herunter wandern, oder abschiednehmend unter den Bäumen stehen. In der tiefen Abendstille schallte manch zärtlich Wort bis zu uns herauf. »Behüte dich Gott, mein Herzensjunge«, hörten wir unter uns Frau von Gutstedt von ihrem Balkon aus ihrem Sohne zurufen. Der junge Ulanenoffizier stand vor dem Gitter, er winkte ihr mit beiden Händen zu. »Lebewohl, mein Mutterchen!« Mein Schwager hatte sich von den Kameraden freigemacht und kam zu uns. Nun saßen wir noch bis zu später Stunde in der weichen Sommernacht auf dem Balkon. Dann kam das Abschiednehmen vom Bruder. Sein letztes Wort war: »Denke an dein Versprechen, wenn ich verwundet werden sollte.« Tags darauf rückten die Truppen von Potsdam nach Berlin. Es war ein grauer Morgen, weiche, träumerische Luft. Wie stille Wehmut lagerte es über der Welt, milderte den Abschiedsschmerz und dämpfte die jubelnde Begeisterung, die zugleich mit dem vollen Begriff von dem Ernst der Lage jedes Herz bewegte. »Gott ist mit uns und mit der gerechten Sache, darum vorwärts mit Ihm«, das war der Gedanke, der alle Gemüter erfüllte, und der Grundstein, auf dem sich die Gefühle aufbauten.[108] In diesem, von den Franzosen so absichtlich heraufbeschworenen Krieg gelobte es sich wohl jeder einzelne der Hinausziehenden, bis auf den letzten Blutstropfen für König und Vaterland zu kämpfen. Niemand, der diese Zeit durchlebt hat, wird den überwältigenden Eindruck jener Tage vergessen. Nur ein Herzschlag schien im weiten Vaterlande zu pulsieren, ein festes Band hoch und niedrig zu verbinden, und in gleichen Gefühlen, gleichem Gebet wußte man sich eins mit sonst fremden Menschen. Auf den Straßen wogte es an jenem Morgen hin und her, man wollte den Fortziehenden noch einen Abschiedsblick zuwerfen und ein stilles »Behüt Gott« nachrufen. Amazon.de Widgets So manche heiße Träne war wohl heute geflossen, so manches begeisterte Wort von jugendlichen Lippen geströmt! Nun war der letzte Kuß, der letzte Händedruck ausgetauscht, und mit klingendem Spiel ging es fort, freudig und todesmutig dem Kampfe entgegen. Gleich nachdem das Regiment Potsdam verlassen hatte, kam mein Mann von seinem Kommando zurück, um die Ersatzschwadron zu übernehmen. Was für widersprechende Gefühle mischten sich diesmal in unsere Wiedersehensfreude, aber wir haben uns ja immer verstanden und verstanden uns auch diesmal! Und nun kamen die ersten Siegesnachrichten: Weißenburg, Spichern, Wörth! ? War das ein Jubel und zugleich ein Bangen und Sorgen um die teuren Angehörigen, die dieser und jener bei den Truppen hatte, die mit gekämpft, geblutet und gesiegt hatten. Von meinem Vater bekamen wir gute Nachrichten. Am 10. August war er auf Forbach zu marschiert und hatte dort einen großen Teil des Schlachtfeldes durchquert. Er war mit seinem Adjutanten, dem Major Lust, aus der muldenförmigen Einsenkung der Spicherer Höhen auf einem schlechten Feldwege nach dem Plateau des Schlachtfeldes geritten und hatte dort, wahrhaft erschüttert durch die Größe der Leistungen, die Abhänge gemustert, die unsere Bataillone erstürmt hatten. Überall waren die Spuren eines verzweifelten Kampfes zu sehen gewesen, und als mein Vater dort, in ernste Gedanken versunken, um ein Gebüsch bog, traf er ganz unerwartet mit dem Könige zusammen. Der Hohe Herr hatte die Gnade, meinem Vater freundlich zuzunicken, mit ihm den größten Teil des Schlachtfeldes zu bereiten und ihm an Ort und Stelle die einzelnen Gefechtsmomente zu zeigen, wie diese nach den eingereichten Berichten ihren Verlauf gehabt haben mußten. Am Abend war mein Vater in das von Truppen und von Gefangenen überfüllte Forbach gekommen. Er schrieb, daß er in dem Zimmer wohne, in dem Frossard am 6. beim[109] Frühstück gesessen, als man ihm die erste Meldung vom Angriff der Preußen gebracht habe. Er soll dazu gelacht und, ohne sich im Frühstück unterbrechen zu lassen, erklärt haben, daß diese Geschichte nur als eine Tollheit der Prussiens bezeichnet werden könne. Auf die zweite Meldung, die ihm das Vorgehen des Feindes gegen seine rechte Flanke brachte, soll er zwar das Satteln bestellt, aber vorläufig noch gemächlich seinen Sekt weiter getrunken haben. Als er nun endlich bereit gewesen sei, zu Pferde zu steigen, wäre die dritte Meldung gekommen und die hätte gelautet, das Plateau sei erstürmt. General Frossard soll dann gesagt haben: »Nun, so ist es zu spät«, hätte eiligst seinen Wagen bestellt und wäre seinen fliehenden Truppen voran gen Südwesten gefahren. Weiter schrieb mein Vater, wie sich nun unaufhaltsam die große Heeresmasse nach Westen wälzte und die vorgeschobenen Kavalleriedivisionen feste Fühlung mit dem Feinde hielten. In warmen Worten sprach mein Vater in diesen Briefen noch aus, welch eine ganz besondere Freude es ihm sei, in diesem Kriege jetzt die Söhne dem Feinde entgegenzuführen, mit deren Vätern er 1848 und 49 im Schleswig-Holsteinschen Kriege gekämpft hatte. Er rühmte, daß trotz der durch die Hitze sehr anstrengenden Märsche die Leute trefflich ausgehalten hätten und in gehobenster Stimmung gewesen wären. Auch von der opferfreudigen Bereitwilligkeit, mit der die Soldaten in den Quartieren aufgenommen würden, erzählte mein Vater viel. Das Staunen der Bewohner über die Masse der Truppen soll groß gewesen sein. In Rockenhausen hatte sein Wirtstöchterlein gemeint: »Ich glaube, wenn der König von Preußen an den Bäumen schüttelt, so fallen da Soldaten herunter, denn sonst könnte er doch nicht so viele haben.« ? In Potsdam wurden die verlassenen Kasernen in Lazarette umgewandelt. Wir Offiziersfrauen, die wir noch in der Stadt weilten, hatten uns bereitwillig für den Samariterdienst gemeldet, damit wir, je nach Kräften und Anlagen, dort verwendet werden könnten. Wie auf Verabredung hatte jede von uns fortgetan, was in ihrer Kleidung an die verwöhnten Offiziersfrauen der Garde erinnern konnte, und trug sich so schlicht und einfach wie möglich. Auch die Locken, die ich damals frei über den Nacken hängen ließ, mußten sich in Zöpfe verwandeln, die fest am Hinterkopf aufgesteckt wurden. Drei Tage in der Woche hatte sich meine Mutter für die Pflege im Lazarett gemeldet, die übrigen ich. Eine von uns wollte immer daheim sein bei unserem kleinen blonden Liebling, und diese eine mußte dann zu Hause wenigstens einen Soldatenstrumpf gestrickt oder eine überwältigende Masse Scharpie gezupft haben. Einstweilen waren aber die Lazarette noch leer, und vorläufig wäre ich[110] doch noch nicht hingegangen, denn jetzt brauchte mein Mann ganz besonders sein »Sonnenkind«, wie er mich so gern zu nennen pflegte. Lange würde es doch nicht mehr sein, sagte ich mir, denn es stand in Aussicht, daß er fortkäme. Da langte die Siegesnachricht vom 18. August in Potsdam an. Alt und jung, hoch und niedrig drängte sich auf den Straßen zusammen. Man freute sich und dankte, man hoffte und sorgte miteinander. Amazon.de Widgets Dicht umlagert waren die Anschlagsäulen, an denen die neuesten Depeschen standen, und jubelnd rief einer dem anderen die Siegesnachrichten zu. Da stand die vornehme Dame der ersten Gesellschaft neben dem alten Mütterchen aus dem Volk, der ernste Professor neben dem lustigen Schusterjungen, und ein jeder tauschte eifrig mit dem anderen, gleichgültig gegen Rang und Altersunterschied, seine Freude, seine Hoffnungen, seine Sorgen aus. »Ein Band vom Throne bis zur Hütte«, das Wort aus den Befreiungskriegen wandelte sich jetzt wieder zur Tat. Der Jubel über die Siegesnachrichten wurde gedämpft durch die schweren Verluste, welche die glänzenden, aber blutigen Siege vom 14., 16. und 18. August verzeichneten. Die Garde hatte sich hier ihre Lorbeeren gepflückt, und viele tapfere Herzen besiegelten mit ihrem Blut ihre Vaterlandsliebe. Darum ging auch zugleich mit dem Begeisterungsrausch ein Wehklagen durch die Stadt. »Gott helfe weiter«, hatte der teure König am Schluß der Depesche gesagt, und »Gott helfe weiter«, so betete jedes treue deutsche Herz, das sich eins wußte mit seinem vielgeliebten Herrscher und mit dem großen Pulsschlag des Volkes. Unser Potsdam prangte im Flaggenschmuck und leise zog der Wind durch die Fahnen. Das rauschte und wogte so geheimnisvoll, als wollten diese stummen Verkünder der Freude auch in ihrer Weise teilnehmen an dem, was heute jede Brust bewegte. Ich stand im Garten am Gittertor und wartete auf die Rückkehr meines Mannes. Die Prinzessin Karl, die in unserem Hause bei Frau von Gustedt gewesen, war eben weggefahren, als mein Mann mit der letzten großen Siegesnachricht heimgekommen war. Er hatte sich gleich auf das Pferd geworfen, um der Hohen Frau nachzujagen und ihr die frohe Botschaft zu bringen. Jetzt kam er auf dampfendem Rappen zurück. Freudig bewegt sah er aus und, den Arm um mich legend, zog er mich ins Haus. Die Prinzessin, hoch beglückt durch die Nachricht, hatte dem König telegraphisch ihre Glückwünsche gesandt und dem Telegramm zugefügt: »Die Siegesnachricht überbrachte mir der Leutnant von Liliencron von[111] den 3. Gardeulanen, den Du, als er verwundet in Horsitz lag, Deiner Huld versichertest. Er ist beim Ersatz und sehnt sich brennend danach, bei der kämpfenden Armee zu sein. Ich würde ihm diese Freude wünschen!« »Glaubst du«, fragte mich mein Mann, als er mir das erzählte, »daß dieser, von der Prinzessin ausgesprochene Wunsch für mich von Bedeutung sein kann?« »Ich weiß nicht«, antwortete ich ihm leise, denn das Sprechen wurde mir schwer, »aber zur Armee kommst du doch noch, daran habe ich eigentlich nie gezweifelt.« Fünf Tage später ? ich las die Nachricht zuerst in einem amtlichen Blatt ? war mein Mann zum Adjutanten bei der 2. Gardeinfanteriedivision ernannt. Ob infolge jenes Telegrammes, oder ob es schon vorher bestimmt gewesen war, das haben wir nie erfahren. Der Kauf eines neuen Pferdes, die Besorgung der Kriegsequipierung und die Abmeldungen, das alles drängte sich in vierundzwanzig Stunden zusammen. Es fand sich keine Zeit, um der Abschiedsstimmung Raum zu geben, es galt nur, zu denken und zu handeln. Aber in der Stille der Nacht konnten wir doch noch die letzten Wünsche und Worte austauschen. »Wenn ich verwundet oder krank werden sollte und nicht transportfähig wäre, dann versuche es möglich zu machen, zu mir zu kommen«, bat er mich. »Ich glaube, ich ertrüge es kaum, in solcher Zeit dich entbehren zu müssen.« »Mit Gottes Hülfe werde ich schon bis zu dir durchkommen, wenn du mich brauchst«, versicherte ich ihm. »Habe ich nur deine Erlaubnis, dann weiß ich ja, was ich zu tun habe.« Am frühen Morgen des anderen Tages hatte mein Mann bewegten Abschied von meiner Mutter genommen, unser schlafendes Kind geküßt und fuhr nun mit mir zur Bahn. Die Pferde waren schon den Tag vorher verladen worden und mit dem Burschen abgefahren. Was wir uns noch zu sagen gehabt, das war daheim in stiller Zwiesprache ausgetauscht worden, nun kam nur noch die letzte Umarmung, das letzte Lebewohl, das der schrille Pfiff der Lokomotive jäh unterbrach. Das schwarze Ungetüm setzte sich in Bewegung und trennte ? trennte uns! 
 XVI. Von der Loire nach Le Mans und zurück nach Orleans.  [171] An unserem weltfernen Platz, unter Schnee und Eis vergraben, gelangten die Nachrichten auch im neuen Jahre nur spärlich zu uns. Tagelang blieben oft Zeitungen und Briefe aus. Natürlich stürzte man sich dann mit einem wahren Heißhunger auf die Posttasche, wenn es dem braven Schimmel gelungen war, sich von Stolp bis zu uns durchzuarbeiten und die schmerzlich erwartete, vielgeliebte Posttasche in Sicht war. Richtig in Sicht muß ich sagen, denn der Betreffende, der sie brachte, schwenkte sie schon aus der Ferne wie eine Siegestrophäe, und das wurde dann jedesmal mit stürmischem Jubel begrüßt. Von meinem Manne hatte ich beruhigende Nachricht, er war wieder beim Stabe der 2. Gardedivision angelangt und konnte seinen Dienst ohne Anstrengung versehen. Aus der Zeitung hatten wir entnommen, daß infolge des am Neujahrstag 1871 erlassenen Befehls Sr. Majestät des Königs Prinz Friedrich Karl die erforderlichen Anordnungen für das Vorrücken der II. Armee getroffen und die 18. Division am 3. Januar den Befehl erhalten habe, nach Orleans zurückzumarschieren. Briefe meines Vaters aus den Januartagen berichten von den Kämpfen seiner Division. »Château le Loges, 10. Januar. Als ich am 4. Januar in Orleans einrückte, erfuhr ich, daß die Armee gen Westen in Bewegung sei, um im Verein mit dem heranrückenden Großherzoge von Mecklenburg dem General Chanzy mit aller Macht entgegenzutreten. Unser Korps setzte sich tags darauf in Bewegung, überschritt am 6. Januar den Loir bei Fréteval und dehnte seine Quartiere bis Bustoup aus. Tags darauf war ein entsetzlich dichter Nebel, was um so unangenehmer war, da wir auf der großen Straße nach Epuisay mit dem Feinde zusammenstoßen mußten. Kurz vor dem Ort wurden wir aus dem naheliegenden Wäldchen[171] mit drei vollen Salven begrüßt, die nicht nur in die Infanterie einschlugen, sondern auch die nachfolgende Artillerie trafen. Ein Füsilier, mit dem ich eben sprach, stürzte schwer verwundet neben meinem Pferde zusammen. Ich ließ die Höhe, auf der ich hielt, besetzen und vom 11. Regiment und den Jägern das Wäldchen umfassen, das der Feind aufgab und nun von den Truppen verfolgt wurde. Er konnte sich nicht mehr setzen und gab selbst Epuisay aus, um sich nach St. Cloud zurückzuziehen. Die nächsten Tage brachten die anstrengendsten Märsche des ganzen Krieges. Teils kämpften wir uns durch dichtes Schneegestöber hindurch, teils waren die Wege so glatt, daß die Pferde geführt werden mußten und dabei doch noch stürzten und die Wagen in die Chausseegräben rollten. Die Quartiere waren mäßig, für mich wechselte es zwischen großartigen, aber von Franktireurs geplünderten Schlössern, und kleinen Wirtshäusern. Überall, auch im ärmlichsten Quartier, fand ich den großen Kamin mit vorspringendem Sims, auf dem die unvermeidliche Pendule stand, die niemals ging. Unwillkürlich wurde es bei mir dabei zur Gewohnheit, diese sich stets vorfindende Pendule aufzuziehen und in Ordnung zu bringen. Ein Wort über mein jetziges Quartier muß ich Euch doch noch schreiben. Wir haben dies Château le Loges erst nach unendlichem Umherirren aufgefunden. Als wir von der Chaussee herunter und in einen Wald einbiegen mußten, waren die Wege nicht nur verschneit, sondern auch durch die, vom Schnee heruntergedrückten Tannenzweige völlig versperrt. Schließlich entdeckten wir auf einem freien Platz ein unförmliches Gebäude, das Château. Das ganze Ding besteht aus einer Art Treppenturm, in den man durch eine erbärmliche Holzstiege gelangt. Das Innere enthält nur einen Riesensaal mit einem Kamin, in dem man bequem einen Ochsen am Spieße hätte braten können. Daneben ist ein Kämmerlein, so breit, daß gerade ein Tisch und ein Bett darin Platz hat. Eine Leiter höher hauste meine Intendantur, während ich mit meinem Stabe unten wohnte. Aus irgendwie brauchbarem Material sind Tische und Bänke gezimmert, und im Kamin lodert das Feuer, von Baumstämmen genährt. So ist es trotz allem ganz behaglich, und wenn es auch nur auf Stroh ist, so kann man sich des Abends ruhig ausstrecken nach des Tages Lasten. Gestern früh weckte mich Kanonendonner. Vor mir, und links von mir, stand das III. und X. Korps im Gefecht, rechts von mir schlug sich der Großherzog am Huisnebach. Ich erhielt Befehl, einige Truppenteile nach Thorigné zu senden, zur eventuellen Unterstützung und zur Verbindung mit dem X. Korps. Den Rest meiner Division sollte ich bei Le Loges konzentrieren.[172] Amazon.de Widgets Gegen Abend war der Feind geworfen, und wir konnten in unsere Kantonnements zurückgehen. Ein furchtbares Unwetter mit orkanartigem Sturm und tollem Schneetreiben brach los. Es war schauerlich im Schloß. Die morschen Fenster konnten dem Druck des Sturmes nicht widerstehen, ein Fensterflügel wurde auf mein Strohlager geschleudert, und in dicken Massen folgte der Schnee darauf. Wir stopften mit Tischplatten und Pferdedecken die zertrümmerten Fenster zu, und dabei pfiff und heulte es in den riesigen Schornsteinen so toll, daß man jeden Augenblick den Einsturz des alten Gemäuers erwarten konnte. Der Kampf, dessen Kanonendonner wir besonders von Arthenay aus gehört hatten, war ein sehr heftiger gewesen, daher will der Prinz meine Division in die erste Linie ziehen. Entsprechende Befehle erwarte ich stündlich.« »Orleans, den 29. Januar. Wie wird die Heimat und wie werdet Ihr Lieben mit uns gejubelt haben bei der frohen Nachricht von der Übergabe von Paris! Die Truppen hatten sich heute morgen bereits zum Gottesdienst versammelt, als mir der Prinz Ludwig von Hessen ein Telegramm übersandte, in dem die definitive Übergabe von Paris angezeigt wurde. Wir hatten uns die letzten Tage schon mit Friedens- und Heimatsgedanken getragen, nun kam frohe Bestätigung. Das Bataillon stand noch geschlossen auf dem Platze vor der Kirche, und so konnte ich ihnen die herrliche Botschaft gleich mitteilen, was mit einem stürmischen Hurra beantwortet wurde. Aber zwischen dem glücklichen Heute und meinem letzten Bericht liegen ernste Tage, davon sollt Ihr noch hören. Am 11. Januar waren wir in der Morgenfrühe aufgebrochen und marschierten auf spiegelglatten Wegen über Arthenay nach St. Hubert des Rochers. General Chanzy war entschlossen, den Widerstand bei Le Mans auf das energischste durchzuführen, und General von Alvensleben faßte alle Kräfte des III. Korps zusammen, um den am Tage vorher begonnenen Angriff fortsetzen zu können. Gegen 12 Uhr war der Kampf vor der Front des III. Korps mit solcher Heftigkeit entbrannt, daß Prinz Friedrich Karl dem X. und IX. Korps Befehl gab, in den Kampf einzugreifen. Auf dem linken Ufer des Huisne erhebt sich eine vereinzelte Berggruppe, das Plateau d'Anvours. Der Gegner hatte dieselbe stark besetzt und die vorhandenen Örtlichkeiten zur Verteidigung eingerichtet. Vier Mitrailleusen waren vorteilhaft aufgestellt, und eine Batterie flankierte den südlichen Abhang. An die 18. Division erging der Befehl, mit der Avantgarde von Osten her das Plateau zu ersteigen und so die verschanzte Stellung des Feindes in der Flanke anzugreifen. Ich begab[173] mich zum Prinzen Friedrich Karl auf dem Wege nach Champagne, um von dort das Gefecht zu übersehen. Es wurde nur langsam Terrain gewonnen. Das Ersteigen der schneebedeckten Höhen war sehr schwer. Diese dichtbewachsenen Knicks und zugeschneiten Hohlwege, in denen die Leute bis an die Schultern versanken, waren Hindernisse, die nur mit Aufbietung aller Kraft überwunden werden konnten. Trotzdem wurde der Feind allmählich aus seiner ersten Verteidigungslinie getrieben. Schweren Schaden erlitten die Truppen durch die Mitrailleuse, und erst als es unseren beiden Batterien gelungen war, sich durch den tiefen Schnee einen Weg zu bahnen und einzugreifen, drang das 11. Regiment im Verein mit den Jägern unaufhaltsam vor. Während diese glücklich die verhängnisvolle Mitrailleuse nahmen, hatte das 85. Regiment einen verzweifelten Kampf zu bestehen. Zwei seiner Bataillone und eine Batterie waren auf der Westseite des Waldes vorgedrungen, um dort gegen die feindlichen Batterien zu wirken. Viel Blut ist dort geflossen, aber die Batterie wurde erobert. Ich war nicht Augenzeuge dieses letzten Ausgangs, denn ich mußte mich zum rechten Flügel wenden. Die Meldung war angelangt, daß jenseits des Huisnebachs der Feind sich in beträchtlicher Stärke aufbaue. Prinz Friedrich Karl befahl, den Huisnebach zu besetzen und jenseits so viel Terrain zu gewinnen, um eine gesicherte Vorpostenstellung herzustellen. General von Blumenthal erhielt den Befehl, mit dem 84. Regiment den Auftrag auszuführen, und ich ritt nach Champagne, da ich bereits Gewehrfeuer von dort hörte. Als ich anlangte, war eben ein sehr energischer Angriff des Feindes gegen die hohe, steinerne Brücke über den Huisnebach von einer Kompagnie der 11er abgeschlagen worden, die im Laufschritt vom Plateau herabgeeilt und dort angelangt war, als die Franzosen kaum hundert Schritt von der Brücke entfernt gewesen. Es mochte etwa 4 Uhr sein, als Blumenthal die Brücke passierte und gegen die einzelnen Fermen vor ging. Fast ohne einen Schuß zu tun, nur mit dem Bajonett, wurden die einzelnen Fermen genommen, wenn auch teilweise erst nach heißem Kampf. Gegen 7 Uhr hörte das Gewehrfeuer auf, und ein jeder suchte sich vor der tollen Kälte zu schützen. Auf dem siegreich eroberten Plateau stellte das 85. und 11. Regiment die Vorposten aus, die anderen Truppen wurden in Alarmquartieren untergebracht. Ein Zug deutscher Treue spielte sich in dieser Nacht ab, den ich nicht unerwähnt lassen möchte.[174] Ein Offizier des 85. Regiments war mit nur sieben Mann auf das Plateau gedrungen, um die Batterie zu nehmen, war aber durch einen Schuß in den Schenkel kampfunfähig gemacht und gefangen worden. Der Sergeant Tamkus, der mit ihm zugleich in die Batterie eingedrungen war, hatte beobachtet, wie man ihn in eine rückwärts gelegene Ferme schleppte, und schlich sich in der Nacht mit vier beherzten Kameraden dorthin durch. Er stieg vorsichtig in das Fenster, trug seinen Leutnant heraus, legte ihn auf die mitgebrachte Tragbahre und ließ ihn von zwei Mann wegschaffen, während er selbst mit den beiden anderen die Bedeckung bildete. Nur das schauderhafte Wetter machte das Gelingen des tollkühnen Wagestücks möglich. An den feindlichen Vorposten angekommen, gaben diese Feuer auf sie, und Tamkus mit seinen zwei Kameraden nahm sofort den Kampf auf, in dem er verwundet wurde, während die beiden anderen mit der Bahre weiter eilten. Den drei Braven gelang es, sich durchzuschlagen, und zu gleicher Zeit erreichten alle fünf mit dem Leutnant unsere Vorposten, die sie mit Schüssen empfingen, da sie in ihnen den Feind vermuteten. Dies Mißverständnis hatte aber keine bösen Folgen, und der blutende Tamkus konnte dienstlich melden, daß er seinen Leutnant zurückgebracht habe. Für diese schöne Tat bekam er das Eiserne Kreuz und auf mein besondere Verwendung noch den russischen Georgenorden. Ich selbst ließ ihm zum Beweise meiner besonderen Anerkennung eine Uhr mit Emblemen anfertigen und erfreute dadurch sichtlich den Braven. Ein verlassenes Haus in Champagne diente mir und meinem Stabe zum Quartier. Es sah darin recht unbehaglich aus. In meinem Zimmer waren Kugeln durch das Fenster gegangen und hatten die Holzwände des Bettes zersplittert. Tische und Stühle fehlten ganz. Glücklicherweise kam um Mitternacht ?die blaue Taube?, so nannten wir unseren Bagagewagen, und ich konnte mir Decken geben lassen, um mich vor dem Frost zu schützen. Für den 12. Januar hatte der Prinz-Feldmarschall beschlossen, mit dem III. und X. Korps die Angriffsbewegung fortzusetzen, mit dem IX. die Höhen von Auvours völlig in Besitz zu nehmen, und eine Brigade dieses Korps zur Unterstützung des XIII. Korps über den Huisnebach vorgehen zu lassen. Dem Befehl zufolge ließ ich von dem II. Bataillon des 11. Regiments und von vier Batterien den Auvours besetzen. Ich selbst rückte mit dem Jägerbataillon auf das Plateau und sandte von dort zwei Kompagnien bis an den Huisnebach. In dieser Stellung verharrte die Division[175] bis gegen Mittag. Da sank der Nebel, und man konnte deutlich jenseits des Huisnebaches das Abziehen starker Kolonnen nach Le Mans beobachten. Mit großer Anstrengung wurden vier Batterien durch den tiefen Schnee nach dem Westabhange des Plateaus geschafft, wo sie ein so wirksames Feuer auf die dichten Kolonnen eröffneten, daß diese vollständig auseinanderstoben. Blumenthal ging auf direkten Befehl des Prinzen auf dem rechten Ufer des Huisnebaches weiter vor, stellte die Verbindung mit der 17. Division her und warf, mit dieser vereint, den Feind gegen die Sarthe zurück. Das Husarenregiment hatte dabei, trotz der Verbarrikadierung des Parancebaches, denselben überschritten und meldete den vollständigen Abzug des Feindes. Als ich von den Höhen des Auvours herabstieg, um mich nach Champagne zu begeben, betrat ich mehrere Fermen, wo tags zuvor so heiß gekämpft war. Verwüstung und Tod herrschte überall, aber auch Verwundete fand ich noch, die, halb von Schnee bedeckt, in stiller Ergebenheit ihr Ende erwarteten. Sobald ich Champagne erreicht hatte, sandte ich eine Krankenträgerabteilung mit Laternen, um die Unglücklichen zu holen. Als ich spät abends noch die Lazarette in der Stadt besuchte, meldete man mir, daß eine große Zahl von Verwundeten gebracht waren. Aber wieviel mögen doch noch dort oben in den tiefen Schneelöchern elendiglich umgekommen sein! Amazon.de Widgets Recht hungrig legte ich mich endlich auf mein Strohlager und war bereits fest eingeschlafen, als ein Offizier bei mir eintrat und mir die freudige Nachricht brachte, Le Mans sei eben vom Feinde geräumt.« (Für diese Gefechte bei Le Mans hat mein Vater den Roten Adlerorden mit Stern, Eichenlaub und Schwertern und das Mecklenburgische, sowie das Großherzoglich Hessische Militärverdienstkreuz erhalten.) »Wir, d.h. das IX. Korps, rückten nun nach den siegreichen Kämpfen in Quartiere nördlich von Le Mans, während das III. und X. Korps den Ort selbst besetzten. Am 13. zogen wir in Containes ein. Da gab es ein reinliches, gut durchwärmtes Zimmer bei einem Fabrikbesitzer. Ein sauber gedeckter Tisch mit ein paar Flaschen Wein empfing uns, und das alles machte auf mich einen äußerst wohltuenden Eindruck, denn seit Orleans hatte ich mich nicht einmal aufwärmen können, und reine Wäsche gehörte überhaupt zum größten Luxus. Die kleine Wirtin, die mit der dampfenden Suppenschüssel eintrat, grüßte sehr artig und fragte nach meinen weiteren Befehlen. Sie meinte, da nun einmal die verwünschten Preußen ins Land gekommen wären, müsse man ja alles tun, was sie verlangten, aber mit heiler Haut würden sie das Land sicher nicht verlassen, das wäre ihr sehnlichster Wunsch als echte Französin.[176] Trotz dieser eigentümlichen Begrüßung wurde ich in dem Hause förmlich verzogen. Madame brachte alle Speisen eigenhändig, würzte sie aber jedesmal mit wenigstens einer Verwünschung der nordischen Barbaren. Als wir nach drei Tagen weiterrückten, fand ich meine Wirtin in Tränen, und als ich nach ihrem Kummer fragte, erhielt ich zur Antwort: ?Ich bin darüber empört, daß alle preußischen Offiziere, die ich kennen gelernt habe, gebildete und liebenswürdige Leute waren, und unsere Offiziere dagegen, ce sont des lâches et des polissons!? Unser Marsch ging über Sarthe nach Conlie. Der Pfarrer, bei dem ich dort einquartiert war, gab mir ein Stübchen, in dem viele französische Generale gewohnt haben sollen, zuletzt auch der von den Franzosen so allgemein verehrte Oberst Charette. Der Pfarrer, der allmählich Zutrauen zu mir gewann, erzählte mir, daß er gehört und gesehen habe, wie ein Unteroffizier in der unziemendsten Weise, wegen vermeintlicher Gehaltskompetenzen, jenen Obersten zur Rede gestellt habe und zuletzt in der Leidenschaft seinen Vorgesetzten in den Kinnbart gefaßt und gerauft habe. In tiefer Bewegung setzte mein ehrwürdiger Wirt hinzu: ?Sehen Sie, das ist unser Fluch. Keine Subordination! Keine Disziplin! So etwas kennt man bei uns nicht mehr! Daran geht unser herrliches Frankreich zugrunde!? Außerdem vertraute mir der alte Herr noch an, daß die Anlage und Ausstattung des großen Lagers von Conlie, neben dem wir uns befanden, 24000000 Frank gekostet habe. Tags darauf ritt ich mit meinem Adjutanten in das vielbesprochene Lager. Etwa 1500 Schritt vom Orte entfernt erhebt sich ein langgestrecktes Plateau, das von Wällen und Gräben umgeben ist. Hunderte von Zelten und Holzbaracken waren dort aufgebaut und gewährten wohl für 60000 Mann Unterkunft. Viele Geschütze krönten die Front, und Befestigungen aller Art waren an den steilen Böschungen angebracht. Große bedeckte Lagerräume mit den schönsten Nahrungsmitteln angefüllt, die meinen abgehetzten Leuten trefflich zustatten kamen, dehnten sich hier aus, während sich in den Baracken ein enormes Kriegsmaterial vorfand. Oberst von Falkenhausen war mit der Aufräumung des Lagers beschäftigt, das nachher angezündet werden sollte. Ich nahm mir zum Andenken einen Revolverkarabiner mit und will ihn später der Schützengilde zu Stolp, deren Ehrenmitglied ich bin, feierlich verehren. Am Abend vernahm ich plötzlich ein betäubendes Getöse, das mir wie ein heftiges Gefecht erschien. Ich eilte ans Fenster und hatte da einen großartigen und ganz eigentümlichen Anblick. Die Holzbaracken des hochgelegenen Lagers standen in Flammen, und die Millionen von[177] Patronen erzeugten durch ihre Explosion ein fortwährendes Geknatter, das toller war, als ich es in der heftigsten Schlacht je gehört habe. Aus diesem Flammenmeer schossen andauernd Blitze gen Himmel, und dazwischen krepierten noch einzelne dort umherliegende Granaten, so daß es einen Höllenlärm abgab. Das währte die ganze Nacht und war so großartig und weitleuchtend, daß meine sämtlichen Kantonnements alamierten und Patrouillen hersandten. Noch am nächsten Tage brannte das Lager, und bis tief in die Nacht wälzten sich sprühende Rauchmassen aus dem Feuerherde den Berg hinab. Amazon.de Widgets Die nächsten Tage führte uns der Marsch an den bekannten Kampfstätten vorüber durch Le Mans, am Huisnebach vorbei bis hin nach Orleans, wo ich mit meiner Division gestern einrückte und noch die hessische vorfand.« »Orleans, den 16. Februar. Bis zum 19. dauert die Waffenruhe. Wir haben uns hier in Orleans gut ausgeruht, bald werden wir den Rückmarsch antreten! Am Tage, als wir die Nachricht von der Übergabe von Paris erhielten, war ich abends zum Diner bei dem 36. Regiment, bekam aber da ganz plötzlich so heftige Unterleibsschmerzen, daß ich fort mußte. Der herbeigerufene Arzt nahm eine Vergiftung an, und da die Schmerzen sich bis zur Unleidlichkeit steigerten, auch große Mattigkeit eintrat, wurde noch der Geheimrat Langenbeck zugezogen. Die beiden Ärzte haben sich redlich mit mir abgemüht, meine durch und durch gesunde und widerstandsfähige Natur tat das ihrige dazu, und so konnte ich mich durch Gottes Gnade nach acht Tagen als hergestellt betrachten und herzlich froh die Morgenmusik genießen, die mir als Freudenausdruck über meine Genesung gebracht wurde. In dem Gasthause ist übrigens auf das beste für mich gesorgt worden. Ganz besonders muß ich aber meinen braven Diener Friedrich rühmen, der mich mit rührender Treue gepflegt und die Nächte auf der Erde vor meinem Bett zugebracht hat. Jetzt in dieser Zeit der Ruhe habe ich mir auch Mühe gegeben, noch Näheres über die Pucelle d'Orléans von 1871 zu erfahren, und das ist mir auch gelungen. Als ich in La Chapelle das II. Bataillon der 11er besichtigte, lud mich der dortige Maire zum Frühstück ein. Der Mann war ganz redselig und erzählte auch endlich die näheren Verhältnisse betreffs des Auftretens der neuen Pucelle d'Orléans. Im großen und ganzen stimmt das so ziemlich mit den Gerüchten überein, die mir bisher zu Ohren gekommen waren. Nach den Angaben des Maire soll diese Jungfrau ein wunderbar schönes Kuhmädchen sein aus der Ferme seines Schwagers,[178] die bei Clery liegt. Mönche und Fanatiker haben sie für die Rolle gewonnen und dazu einstudiert. Als Tann sich aus Orleans zurückziehen mußte, erschien das schöne Mädchen in einem fantastischen Putz, und man verbreitete die Nachricht, daß ihr Nahen den Feind vertrieben habe. Infolgedessen war großer Jubel in Orleans gewesen. Sämtliche Honoratioren und Bischöfe hatten ihr ein glänzendes Diner gegeben in dem jetzt von mir bewohnten Gasthause zur goldenen Kugel. Tags darauf war dann der großartige Umzug in der Stadt gewesen, dessen Glanzpunkt, wie ich schon in Orleans erfahren, darin bestanden hatte, daß die neue Jungfrau an dem Standbilde der alten mittels einer Leiter heraufgestiegen war und der ersten Pucelle d'Orléans eine gläserne Krone aufgesetzt hatte. Bis zu den Tagen unseres Angriffes auf Orleans hatte diese Person tatsächlich in der Stadt eine große Rolle gespielt, doch in dieser unsicheren Zeit ist sie spurlos verschwunden und hat, wie ich das schon in Orleans hörte, durch die Mönche verkünden lassen ? ihre Zeit sei noch nicht gekommen. Jetzt, so versichert mir der Maire, sitzt sie tatsächlich wieder in Clery und melkt Kühe. Übrigens habe ich mir in Orleans das Haus der Jungfrau Nr. 1 angesehen. Es bietet nicht viel Reiz und dient jetzt zu Privatzwecken, ebenso wie das Zimmer von Agnes Sorel, das ich ebenfalls besichtigte. Auch die Gemächer der holden Diana von Poitiers ließ ich mir zeigen und fand dort ein Museum eingerichtet, das mich wenig interessierte. Alle drei Erinnerungsräume hatten meine Neugierde erregt, die aber keine Befriedigung fand.« 
 XII. Die Kämpfe um Metz.  [112] Jetzt machte ich mich sofort heran, in meine übernommenen Pflichten einzutreten. Meine Arbeitsstätte war die Kaserne des 1. Garderegiments und die Kaserne der 3. Gardeulanen, die sich allmählich mit Verwundeten füllten, da galt es, für Freund und Feind in gleicher Weise zu sorgen.[112] Von meinem Vater langten die Briefe an, die später die Grundlage zu seinem Kriegstagebuch bildeten, und ich will durch Auszüge aus diesen über seine und seiner Division Tätigkeit in den August- und Septembertagen berichten. »Arriance, den 13. August. Gegen drei Uhr kam ich in dies Kantonnement, ein ärmliches Dorf mit mehr Düngerhaufen wie Häusern. Mein Quartier ist entsetzlich, ich werde mich meist bei den Jägern aufhalten, die ihr Biwak hart an meinem Hause beziehen. In Merlebach, wohin wir am 11. gekommen waren, stieß die 25. (hessen-darmstädtische) Division zu uns, um für den Feldzug mit uns vereint das neunte Armeekorps unter General von Manstein zu bilden. Es war dort Offizierversammlung, und ich lernte die Herren dabei zum ersten Male kennen. Der Prinz Ludwig von Hessen und sein Bruder, denen ich mich vorstellen ließ, begrüßten mich mit großer Liebenswürdigkeit. Am Nachmittag erfuhr ich, daß der König den Ort passieren würde, und als der Hohe Herr durchfuhr, hatte ich angeordnet, daß der Kapellmeister den Pariser Einzugsmarsch spielen sollte, was den geliebten König angenehm zu berühren schien. Er verstand meinen Wunsch und Gruß, das ersah ich deutlich aus der Art seines Zunickens. Den folgenden Tag setzte die Division geschlossen ihren Marsch auf St. Avold fort und bezog in der Gegend von Longeville Kantonnements. Ich lag im Schloß und war gut aufgehoben. Wir werden aller Wahrscheinlichkeit nach schon morgen in die vordere Gefechtslinie rücken, das heißt, meine Division soll die rechte Flanke der zweiten Armee decken, die links abgebogen ist, um die Mosel bei Pont à Mousson zu passieren. Somit steht auch für uns der Waffentanz vor der Tür ....« »21. August. Sonntag aus dem Biwak hart an der Straße von St. Ail nach Ste. Marie aux Chênes. Auf einem viereckigen trockenen Wiesenfleck, der mit einer Art Baumhecke umgeben ist, habe ich für mich und meinen Stab den Lagerplatz einrichten lassen. Die aus dem französischen Lager bei Amanvillers entnommenen Krankenzelte wurden sorgsam aufgeschlagen, Pferdeställe eingerichtet und jetzt werden noch Arbeitslokale für die Feldpost hergestellt. Die Truppen meiner Division lagern rings herum, längs des großen Weges, hart an St. Ail, natürlich ohne Holz und Stroh. Unsere erste Sorge hier war gewesen, die vielen Pferdeleichen aus der Nähe des Lagerplatzes zu entfernen, denn da das neunte Korps bei dieser ersten Umschließung von Metz vorerst in ein Reserveverhältnis tritt, so wollen wir versuchen, uns einigermaßen häuslich einzurichten.[113] Früh 8 Uhr hatten wir einen allgemeinen Dankgottesdienst, dem wir alle mit ganz besonderer Andacht beiwohnten. Unser Mittag war zwar schauderhaft gekocht, aber reichhaltiger als in den vorhergehenden Tagen, und das behagte dem ausgehungerten Magen. Jetzt in den Ruhestunden soll mein Bericht an Euch über die letzten erschütternden Gefechtstage niedergeschrieben werden. Offizielle Telegramme und die Zeitungen haben Euch bereits von den großen Ereignissen berichtet. Hier handelt es sich nur um Nachrichten über meine Division und über meine persönlichen Erlebnisse. Am 14. August hatte mein Auftrag gelautet, durch Vorposten gegen Metz den Abschnitt von Orny zu decken. Der linke Flügel erstreckte sich bis zur Seille, während der rechte die Verbindung mit der ersten Armee (von Manteuffel) in der Gegend von Courcelles bildete. Mein Hauptquartier verlegte ich nach Buchy in ein unwohnliches, meist ganz verlassenes Schloß. Nachmittags 5 Uhr ritt ich zu den Vorposten. Schon in der Höhe von Silly begann ein heftiger Geschützdonner in der Richtung nach Norden, der sich mehr und mehr verstärkte, so daß ich sofort zu allen Truppen Ordonnanzen sandte und alarmieren ließ. Oberst von Brandenstein, Kommandeur des 36. Regiments, hatte aus eigenem Antriebe bei den Vorposten schon alles zum sofortigen Eingreifen in den Kampf bereit gehalten. Von den Höhen bei Orny konnte man das Wogen des Kampfes in der Richtung über Mercy le Haut deutlich sehen. Da ein Vorgehen der Preußen nicht erkennbar war und nach Lage des Kampfes ein Eingreifen der Division von Süden her großen Erfolg versprach, so entschloß ich mich sofort zu einem Flankenangriffe und erteilte Befehle zum beschleunigten Vormarsche. Zugleich entsandte ich den Leutnant von Trotha von den Dragonern an den General von Manstein, um demselben meinen Entschluß zu melden, als Oberst von Alvensleben querfeldein vom Schlachtfelde angesprengt kam und mir mitteilte, daß unsere Sache in Nouilly nicht gut stände und General von der Goltz Terrain verlöre. Es war also höchste Eile geboten, und ich ließ die Truppen, die ich zur Hand hatte, gleich antreten, nachdem ich von der, in meiner Flanke haltenden, 1. Kavalleriedivision Hartmann die Zusage erhalten hatte, meine rechte Flanke zu decken. Augenblicklich zur Stelle waren die 3 Bataillone des Regiments 36, 4 Eskadrons Dragoner, 1 Batterie und Regiment 84 sah man bereits im eiligen Anmarsch. Das Kommando der Truppen übergab ich dem eben anlangenden General von Blumenthal, da beide Infanterieregimenter von seiner Brigade waren. Ich erteilte ihm den Auftrag, nach Überschreitung des Eisenbahnüberganges westlich[114] Jury, direkt auf Mercy le Haut zu rücken und es zu nehmen, während das Dragonerregiment links von der Straße meine Flanke bis zur Seille hin decken mußte und nur die Eskadron des Majors von Tresckow zur Aufklärung des Vorterrains direkt auf Metz vortraben sollte. Die feindlichen Beobachtungsposten wurden von diesen mit leichter Mühe vertrieben, und die Eskadron war bereits mit ihren Spitzen längs der Chaussee bis auf die Höhe südwestlich Mercy le Haut vorgedrungen, als meine Infanterie den Eisenbahnübergang passierte. Blumenthal ging nun mit 2 Bataillonen vom Regiment 36 direkt gegen das Schloß vor und geriet auch bald in den dortigen Weinbergen und Waldparzellen in ein lebhaftes Feuergefecht. Die Batterie Eynatten entsandte ich auf die vorliegende Höhe, gedeckt durch die abgesessene Eskadron Tresckow. Kaum daß die Batterie ihr wirksames Feuer eröffnet hatte, so antwortete das Fort Quelen mit schwerem Geschütz, und auch eine Feldbatterie, die nördlich auffuhr, traf in Tätigkeit. Doch gingen fast alle Granaten über Eynattens Batterie fort, während die Wirkung dieser sich bei dem Feinde bald bemerkbar machte. Infolgedessen sandte General von Hartmann, auf mein Ersuchen, noch eine ihm zugehörende Batterie auf die Höhe, und auch ich ließ die Batterie Kindler von der Divisionsartillerie im Galopp in diese Position einrücken. Amazon.de Widgets Diese drei Batterien beschossen nicht nur das Schloß Mercy le Haut und erleichterten dadurch Blumenthal die Einnahme desselben, sondern sie richteten hauptsächlich ihr Feuer auf die französischen Infanteriekolonnen, die im Kampfe mit der ersten Armee standen. Das Auftreten dieser 18 Geschütze in seiner Flanke schien dem Feinde bald höchst lästig zu werden, seine Kolonnen suchten Deckung und bald verschwanden sie in den Terrainfalten nach rückwärts. Während dieses Gefechts entsandte ich das Füsilierbataillon des Regiments 84, um in meiner linken Flanke Peltre und die nördlich davon gelegenen Höhen zu besetzen, was ohne ernsten Kampf bewirkt wurde. Blumenthal, der stetig weiter vorgegangen war, bis er die Verbindung mit der Brigade Woyna erreicht hatte, griff in das Gefecht derselben ein. Der Feind zog sich auf diesem Flügel weit zurück. Auch in Nouilly, wo Ladmirault eine Überflügelung versuchte, hatten die Truppen das Dorf Mey erobert. Der Hauptzweck des Gefechtes war erreicht, der Abzug der Franzosen verzögert und die Umgehung erleichtert. Mittlerweile war es dunkel geworden, und der Kampf hatte auf der ganzen Linie sein Ende erreicht. Ich ließ daher, nachdem der Feind sich hinter seine Forts von Metz zurückgezogen hatte, meine Division ihre Stellung wieder einnehmen.[115] Eins habe ich noch vergessen zu erwähnen. Als Leutnant von Trotha vom Kommandierenden General zurückkehrte, überbrachte er mir dessen Befehl, nicht in das Gefecht einzugreifen, doch Blumenthal war bereits gegen Mercy le Haut vorgegangen und somit konnte ich den Befehl nicht mehr befolgen, da ich bereits engagiert war. Oberst von Brandenstein nahm an dem Abend seine frühere Vorpostenaufstellung ein, alle anderen Truppen rückten in ihre alten Kantonnements respektive Biwaks. Ich durchritt noch einige Biwaks und langte nach Mitternacht in meinem Quartier an. Der Eifer nicht bloß meiner Offiziere, sondern auch des gemeinen Soldaten in diesem ersten Gefecht und ihre unverkennbare Lust, an den Feind zu kommen, erfüllte mich mit großer Freude und Siegeshoffnungen. Der Feind hatte an diesem Tage, so schien es, durch Metz hindurch das linke Moselufer gewinnen wollen. Er war hierbei von der Avantgarde des VII. preußischen Korps von Colombey her angefallen worden und hatte sich dadurch verleiten lassen, mit drei Armeekorps kehrtzumachen und unserer ersten Armee entgegenzutreten. Allerdings war er zum Abend in seine Verschanzungen zurückgeworfen worden, aber wir hielten es für sehr wahrscheinlich, daß am 15. August, am Napoleonstage, ein allgemeines Vorbrechen des Feindes von Metz her drüben beabsichtigt werde. Um einem solchen Vorhaben gleich energisch entgegentreten zu können, mußte die erste Armee und das XI. Korps eine entsprechende Aufstellung nehmen. Meine Division erhielt daher den Befehl, in die gestern innegehaltene Stellung bei Peltre wieder einzurücken. Um 7 Uhr früh kam ich dem Befehle nach und wartete bis 41/2 Uhr untätig und vergeblich auf den erwarteten Vorstoß. Dann erfolgte der Befehl, Kantonnements zu beziehen. Ich lag mit dem 9. Jägerbataillon in Goin und war im Schloß gut aufgehoben. Ein treffliches Souper erwartete mich und meine Offiziere, als ich abends 9 Uhr eintraf. Nachdem wir zwei Tage nichts Warmes gegessen hatten, war diese Abendmahlzeit für uns ein wahrer Genuß. Am andern Morgen, den 16., rückten wir schon früh um 5 Uhr aus, um enge Kantonnements bei Lorry zu beziehen. Auf der Chaussee begegneten wir Teilen des VIII. Korps, auch General von Goeben, der ebenfalls Quartier in Lorry nahm. Als ich beim Maire des Orts eingekehrt war und beim Frühstück saß, sandte mir Goeben seinen Generalstabsoffizier, Major Bumke, um mir die Mitteilung zu machen, daß bei Rezonville ein ernstes Gefecht stattfände, und, obgleich er die Division Barnekow als Unterstützung hinübersenden werde, so wäre damit ein[116] glücklicherer Erfolg doch noch nicht gesichert. Er ließ mich daher auffordern, ebenfalls mit disponiblen Truppen dort einzugreifen. Eile tat somit not. Das Regiment, das am nächsten kantonnierte, war das 11. Ich sandte daher Oberst von Schöning den Befehl, mit seinem Regiment die Mosel zu überschreiten und nach den Weisungen des Generals von Barnekow dann selbständig und energisch in das Gefecht einzugreifen. Gleichzeitig schickte ich eine schriftliche Meldung an den Kommandierenden General nach Sillegny. Ich selbst wollte auf die Höhen von Arry reiten, um von dort aus einen Blick auf die Schlacht werfen zu können. Noch war ich nicht fort, da kam schon die Ordonnanz vom Kommandierenden General zurück mit dem direkten Befehl, das 11. Regiment sofort zurückzurufen und mich persönlich zu ihm nach Sillegny zu begeben. So sandte ich denn meinen Ordonnanzoffizier Waldemar von Wrangel mit dem abändernden Befehl zum 11. Regiment. Daß ich ihm große Eile dabei anempfohlen hätte, will ich nicht behaupten. Ich selbst ritt zu Manstein, der mir bittere Vorwürfe über die Erteilung des selbständigen Befehls an das 11. Regiment machte und sich auf das bestimmteste dergleichen eigenmächtiges Eingreifen verbat. Die Sache verstimmte mich tief, denn ich hatte es für meine Pflicht gehalten, so zu handeln. Nach Lorry zurückgekehrt, fand ich den Befehl vor, mit der ganzen Division aufzubrechen und die Mosel auf einer Pontonbrücke oberhalb Arry zu überschreiten, um mit der Avantgarde heute noch Onville zu erreichen. Um 61/2 Uhr abends war alles in Marsch. Dem General von Blumenthal übergab ich den Befehl über die Avantgarde mit dem Auftrage, Onville, Bayonville und Wandelainville zu besetzen und seine Vorposten gegen Gorze vorzuschieben, während der Rest der Division in und bei Arnaville biwakieren sollte. Das Herabsteigen von den steilen Bergabhängen bei Arry auf erbärmlichen Wegen war namentlich für das Fuhrwerk sehr beschwerlich, und das Passieren der schwachen Brücke nahm viel Zeit fort, so daß es dunkel geworden war und ich an den Übergangspunkten Feuer anzünden lassen mußte, damit die Truppen richtig herüberkamen. Als ich nun von der Brücke nach Arnaville ritt, fand ich auf der Straße wie im Dorfe alles zu einem kaum zu entwirrenden Knäuel verfahren. Der Ort war mit Verwundeten angefüllt, und Hunderte von Wagen mit Schwerverwundeten wollten sich nach Süden durchwinden, um Pont à Mousson zu erreichen. Dazwischen fuhren die Munitionskolonnen des III. Armeekorps, Proviantkolonnen und meine Batterie, und das alles auf einer Straße, von der herab kein Ausweichen möglich war. Mit unsäglicher Mühe hatte ich die Sache endlich in Fluß gebracht und, nachdem ich auch dem zuletzt[117] ankommenden Regiment 85 einen trostlosen Biwaksplatz in den Weinbergen angewiesen hatte, begab ich mich nach 1 Uhr in mein Quartier. Todmüde warf ich mich auf mein Bett, doch schon nach einer halben Stunde erschien der Hauptmann Lignitz vom Generalstab des Korps und brachte mir den Befehl, sofort ein Bataillon auf die Berge bei Ancy sur Moselle vorzusenden, um dort, zur Täuschung des Feindes, größere Biwaksfeuer anzuzünden und alles vorzubereiten, um Punkt 4 Uhr mit meiner ganzen Division aufzubrechen und so rasch wie möglich nach Gorze zu rücken. Seine weiteren Mitteilungen waren mir sehr schmerzlich, er sagte mir, daß mein Regiment 11 furchtbare Verluste bei dem gestrigen Gefecht erlitten haben sollte. Es tat mir wahrhaft leid, meinen abgehetzten 85ern, die kaum ihr Biwak eingerichtet hatten, keine Ruhe gönnen zu können, aber es half doch nun einmal nichts. Oberst von Falkenhausen, der Kommandeur des Regiments, ging selbst mit einem seiner Bataillone auf die bezeichneten Höhen, um dort einige so mächtige Feuer zu unterhalten, daß man sie sicher von Metz aus sehen konnte. Blumenthal befahl ich, mit seinen Truppen von Onville aus direkt durch ?Les Gros Bois? auf Gorze zu rücken, während ich mit dem Rest der Division über Novéant um 4 Uhr dorthin abmarschierte. Je näher wir Gorze kamen, desto mehr häuften sich die Spuren des gestrigen blutigen Tages. In Gorze selbst traf ich den Oberstleutnant von Klein, der am Kopf verwundet und von Blut vollständig besudelt war. Von ihm erfuhr ich denn, wie vortrefflich sich die Leute geschlagen hatten und von welcher entscheidenden Wichtigkeit das rechtzeitige Erscheinen des Regiments gewesen war. Allerdings hatten wir enorme Verluste zu beklagen ? 41 Offiziere und über 1100 Mann waren kampfunfähig geworden. Mein braver Schöning und der liebenswürdige Major Ising lagen in dem Hause, vor dem wir standen, schwer verwundet und starben wenige Tage darauf, ohne daß es mir möglich gewesen wäre, diesen beiden, von mir so hoch geschätzten Offizieren noch einmal die Hand zu drücken. Klein sagte mir, daß Schöning den abändernden Befehl von Manstein, den ich ihm durch Wrangel sandte, gar nicht habe annehmen wollen. Als der erste Schuß gefallen, hätte er dann auf den Befehlszettel geschrieben: ?Zu spät.? So hat auch er, seinem Pflichtgefühl folgend, gewissermaßen aus eigner Initiative gehandelt in dem Bewußtsein meiner vollen Zustimmung. Trotz seiner Verwundung, durch die das linke Auge teilweise aus dem Kopf getreten war, wollte Oberstleutnant von Klein das Kommando[118] des 11. Regiments durchaus übernehmen und versprach mir, die Trümmer desselben möglichst zu sammeln und auf das Plateau nachzuführen. Als ich bald darauf mit der Spitze einer Kolonne an den Talhang gelangte, stieg dort der König zu Pferde, ein tiefer Ernst lagerte auf seinen Zügen. Ich hatte kurz vorher den Hohen Herrn mit Moltke, von dem er sich Vortrag halten ließ, durch Gorze fahren sehen. Unangefochten gelangte ich mit meiner Division auf die Höhe nördlich Gorze und nahm östlich des Wegs nach Vionville Stellung, während die 25. Division in gleicher Höhe mit mir links dieses Weges placiert wurde. In größter Spannung harrten wir Stunde um Stunde auf den Angriff des Feindes. Gegen 9 Uhr sah man immer deutlicher, wie dessen blinkende Heeressäulen in den Terrainfalten von Gravelotte verschwanden. Ich erhielt den Befehl, Vorposten auszusetzen in der Linie Flavigny-Bois des Ognons, Front gegen Rezonville, mit Anlehnung links an das III., rechts an das VIII. Korps. Füsilierbataillon 84, Major Trenk, übernahm die Vorposten. Dragonerpatrouillen gingen über Vionville weiter nach Norden vor. Noch einmal hatte ich an dem Tage die Freude, den König zu sehen. Der Hohe Herr durchritt unser Lager und sprach freundlich vertrauensvolle Worte mit uns. Als die Reste des 11. Regiments sich hinter der Division gesammelt hatten, ritt ich zu den Vorposten und über dieselben hinaus, um das gestrige Schlachtfeld zu besichtigen. Entsetzlich hatte hier der Tod gewütet. Namentlich auf dem Gefechtsfelde der französischen Garden fand man die Leichen komplett in gerichteten Reihen. Hier war es, wo das 11. Regiment, aus dem Walde kommend, den Flankenangriff auf die Garden gemacht hatte. Unter den Leichenhaufen richtete sich noch hier und da ein schwer verwundeter Franzose auf und bat um Hülfe. Ich ließ sogleich Ärzte und Krankenträger herbeiholen, um den Unglücklichen möglichst rasch aus ihrer traurigen Lage zu helfen. Tote Preußen fand ich sehr viele, aber keine lebende Verwundete. Hart bei Flavigny war der zweite Sammelpunkt französischer Leichen. Er bezeichnete die Stelle, wo das französische Kürassierregiment die Attacke machte und fast ganz aufgerieben wurde. Auf der Anhöhe, hart vor unserem Rendezvousplatz, mußte die Artillerie des III. Korps gestanden haben, Leichen und Pferdekadaver gaben ein Bild der Aufstellung. Von hier aus konnte man den größten Teil des welligen Schlachtfeldes von Mars-la-Tour bis Rezonville übersehen. Mit dem Glase war sogar zu erkennen, daß auf den Höhen am Horizont, in der Richtung über die ersten Häuser von Gravelotte fort, ein Zeltlager aufgeschlagen war.[119] Der Befehl kam, daß die Division die Nacht hier bleiben und das Biwak einrichten solle. Das war schwierig, da kein Wagen uns hatte folgen dürfen. Der Offizier mußte daher aus der Tasche, der Soldat aus dem Brotbeutel leben und beide auf nackter Erde schlafen. Die hellaufgehende Sonne des 18. August traf uns bereits, wie wir einen ungenießbaren Kaffee, den ein abgesandtes Kommando besorgt hatte, mit Behagen schlürften. Wir waren mit der Überzeugung aufgewacht, daß ein gewaltiges Würfelspiel heute stattfinden würde. Durch die blutigen Kämpfe am 16. war der Feind allerdings verhindert worden, den beabsichtigten Abmarsch nach Westen durchzuführen. Es blieben ihm aber noch immer zwei große Straßen offen, auf denen er Chalons oder Paris erreichen oder sich mit Mac Mahons Armee vereinigen konnte, und das mußte verhindert werden. Der Feind sollte isoliert und möglichst nach Metz hineingeworfen werden. Um 5 Uhr waren die Kommandierenden Generale nach Vionville befohlen, um dort die Dispositionen zu empfangen. Sie bestimmten die große Rechtsschwenkung, denn der König hatte am Mittag, den 17. August, beschlossen, folgenden Tags mit versammelten Kräften vorzugehen. Dementsprechend war das IX. Korps angewiesen, Kavalleriespitzen gegen Leipzig und St. Privat vorzutreiben und Verbindung mit dem Gardekorps aufzunehmen. Meine Division sollte, Rezonville hart rechts lassend, auf Villers aux Bois und Ferme Coutreu vorgehen, rechts Fühlung mit dem VIII. Korps haltend, links mit den Hessen. Um 10 Uhr langte der Befehl des Prinzen Friedrich Karl an, mit meiner Division über Verneville gegen La Folie vorzugehen und das Gefecht dann zunächst durch Entfaltung einer zahlreichen Artillerie einzuleiten bis die linken Flügelkorps ihre Schwenkung vollendet und mit eingreifen könnten. Die Division wurde alsbald in Marsch gesetzt. Ich selbst langte mit der Avantgarde vor Verneville an. Die Artillerie nahm eine Aufstellung auf den Höhen bei Amanvillers vor der Ferme Champenois, den linken Flügel derartig vorgezogen, daß ein Enfilieren von den Höhen bei Amanvillers unvermeidlich war. Zur vorläufigen Deckung dieser höchst exponierten Stellung, die die Divisionsartillerie auf besonderen Befehl des Kommandierenden Generals einnehmen mußte, ließ ich zwei Eskadrons der Dragoner unter Rittmeister von Willich mit nach dem Bois de la Cusse vortraben, gefolgt von zwei Kompagnien 36. Amazon.de Widgets Etwa um 111/2 Uhr fiel der erste Kanonenschuß. Die Franzosen wurden durch das Feuer förmlich aufgeschreckt, denn jetzt erst zeigten sich ihre Truppen und zwar in beträchtlicher Stärke.[120] Von der Höhe nördlich Verneville überblickte man das Schlachtfeld. Champenoi, l'Envie, Chantrenne waren stark besetzt, auch der Wald nach Folie zu. Auf den Höhen von Montigny la Grange standen lange Infanterielinien, untermischt mit Geschützemplacements, und auch bei Amanvillers sah man dichte Truppenmassen stehen. Die Ortschaften waren zur Verteidigung eingerichtet, und auf den Höhen erkannte man an der frisch aufgeworfenen Erde, daß man an allen geeigneten Punkten die Stellung fortifikatorisch verstärkt hatte. Es war das IV. Korps des Generals Ladmirault, gegen welches der Vormarsch unseres Korps geführt wurde. Die französische Artillerie hatte erhöhte und geschützte Stellungen gefunden und konnte unsere Batterien unter ein umfassendes Feuer nehmen. Nach dem ersten Kanonenschuß begann aus allen den genannten Orten ein tolles Feuer auf ganz unsinnige Entfernungen. Da mein Auftrag lautete, in der Richtung auf La Folie vorzugehen, dirigierte ich Blumenthal auf Chantrenne mit zwei Bataillonen 36, während zwei Kompagnien 36 l'Envie angreifen sollten. Beide Unternehmungen glückten, und wurden die Fermen sogleich zur Verteidigung eingerichtet. Ein weiteres Vorgehen wollte aber nicht gelingen, da der vorliegende Wald von La Folie mit doppelten Schützengräben versehen war und seine Lisiere von zwei starken Mitrailleusenbatterien flankiert und gedeckt wurde. Das 84. Regiment hatte ich sogleich ins Feuer genommen, dessen erstes und Füsilierbataillon warf ich zum Schutz der immer heftiger angegriffenen Batterien in das Bois de la Cusse, und das zweite Bataillon ließ ich Verneville besetzen. Als Hauptpunkt meiner ganzen Stellung mußte es zur hartnäckigen Verteidigung eingerichtet werden, was von Major von Reibnitz mit vielem Geschick ausgeführt wurde. Die Lage der Division war in den ersten Stunden eine sehr gefährdete. Ganz allein hatten wir die französische Armee angegriffen und wurden dafür mit einem Hagel von Geschossen überschüttet. Endlich gegen 1 Uhr hörten wir rechts die Kanonen des VIII. Korps, und etwa um 2 Uhr begann auch links von uns das Geschützfeuer der Hessen. Trotzdem verringerten sich uns gegenüber die feindlichen Massen keineswegs. Es schienen im Gegenteil bei Montigny mehr Batterien aufzufahren, und feindliche Infanterie versuchte Offensivstöße, die allerdings von l'Envie und Chantrenne mehrmals abgewiesen wurden. Meine Division hatte ein Terrain von 4000 bis 5000 Schritt zu verteidigen, und da ich vorläufig auf keine Unterstützung rechnen konnte, so mußte ich mir eine starke Reserve bilden, um für alle Fälle vorbereitet[121] zu sein. Ich behielt daher die Brigade des Generals von Below (die 36.) geschlossen in einer Terrainfalte westlich Verneville. Ich selbst hielt mit meinem Stabe auf der Höhe nördlich Verneville, wo ich meine kämpfenden Truppen, sowie die feindlichen Bewegungen übersehen konnte. Es mochte etwa 3 Uhr sein, als General von Manstein, der am Südrande des Bois de la Cusse bei der bedrängten Korpsartillerie war, mir den Befehl schickte, noch mehr Truppen in das Bois de la Cusse zu senden, da die Batterien ernstlich gefährdet seien. Ich bestimmte die Füsiliere des Regiments 85 dazu, und der Major Wolff von Goddenthow marschierte sofort dahin, formierte Kompagniekolonne und brach aus der Lisiere vor, um die feindlichen Tirailleurschwärme zurückzutreiben, die sich der furchtbar zusammengeschossenen Artillerielinie bedeutend genähert hatten. Wohl wich der Feind zurück, aber kaum hatten die Füsiliere die Höhe des Plateaus erreicht, als sich ein solcher Hagel von Geschossen entlud, daß das Bataillon in fünf Minuten den Major, zehn Offiziere und 485 Mann verlor. Es mußte zurück, um sich im Holze zu raillieren. Oberst von Falkenhausen, der neben mir hielt und die großen Verluste seiner Füsiliere sah, sprengte dahin und sorgte dort für zweckmäßige Besetzung der vorspringenden Waldparzellen. Mittlerweile war es 4 Uhr geworden. Man hörte deutlich in unserer linken Flanke eine heftige, sich immer mehr verstärkende Kanonade. Von da ab bekamen wir etwas mehr Luft, denn die feindlichen Batterien uns gegenüber waren entweder von den unserigen zum Schweigen gebracht oder abgefahren. Zu dieser Zeit ritt Prinz Friedrich Karl zu mir auf die Anhöhe, wo augenblicklich noch recht viele Granaten einschlugen, und nahm meine Meldung entgegen über den bisherigen Verlauf des Gefechts. Später kam auch General von Alvensleben, der Kommandierende General des III. Korps, und teilte mir mit, daß sein Korps im Anmarsch sei. Ich ersuchte ihn, mich mit einigen Batterien zu unterstützen, um einen neuen Angriff auf das Wäldchen La Folie vorbereiten zu können. Er versprach es mir bereitwillig, und so sandte ich denn die beiden Musketierbataillone 85 an Blumenthal zur Unterstützung, um welche dieser schon hatte bitten lassen, damit er einen erneuten Angriff auf La Folie machen könne. General von Alvensleben brachte mir bald darauf mehrere Batterien, von denen vier östlich von Verneville am Kirchhof und zwei auf dem rechten Flügel unserer langen Artillerielinie auffuhren und dann ein konzentrisches Feuer auf die Südwestlisiere des Wäldchens eröffneten. Nachdem diese 36 Geschütze etwa eine halbe Stunde gewirkt hatten, unternahm Blumenthal noch einen erneuten Angriff auf das Wäldchen. Dasselbe lag außerordentlich günstig für eine hartnäckige Verteidigung.[122] Seine West- und Südlisiere bildeten zwei gerade Knicks mit einem tiefen Vorgraben, so daß überall ein Etagenfeuer abgegeben werden konnte. Diese beiden Knicks wurden von Geschütz- und Mitrailleusenbatterien flankiert, die ihre vorbereitenden Aufstellungen in den rückwärtigen Verlängerungen dieser Linie hatten. Selbst auf den Höhen bei Leipzig und vor den verhängnisvollen drei Pappeln südlich Montigny standen solche Batterien, die jedem Angriff äußerst gefährlich wurden. Um nun an diese so gedeckte Lisiere heranzukommen, mußte die etwa 60?80 Schritt lange freie Anhöhe erstürmt werden, auf der das Wäldchen lag. Der Angriff glückte auch diesmal nicht, was wohl mit darin seinen Grund hatte, daß die Abteilungen, die aus dem Bois des Genivaux gegen die linke Flanke der feindlichen Stellung vorbrechen sollten, in diesem ausnehmend dichten und unwegsamen Gehölze sich nicht rechtzeitig hatten durcharbeiten können. Die Verluste waren gerade auf diesem Flügel bereits sehr erheblich. Der General von Blumenthal hatte zwei Kugeln erhalten, Major von Minkwitz, Kommandeur des Jägerbataillons, fünf, Blumenthals Adjutant und der Oberst von Brandenstein waren tödlich verwundet. Der ganze Abhang des Hügels war mit Toten übersät und die Ferme Chantrenne vollgepfropft von Verwundeten. Amazon.de Widgets Es wurde danach vorläufig von einem Angriffe abgesehen, und die Artillerie begann aufs neue diese verhängnisvolle Lisiere und auch das Innere des Gehölzes zu bewerfen. Auf dem linken Flügel im Bois de la Cusse waren ebenfalls kaum Fortschritte gemacht worden, obgleich die ganze hessische Division sich mit meinen dort kämpfenden dreieinhalb Bataillonen vereint hatte. Einzelne Vorstöße hatten unverhältnismäßige Opfer gekostet. Nach heißem Kampf war man dort bis zu dem nördlich vorbeiführenden Eisenbahndamm gekommen. Ganz brillant hielt die Artillerie in ihrer exponierten Stellung aus. Meine vier Batterien verloren sehr viel Leute, darunter auch den Major von Gayl, der gleich tot war, und drei Hauptleute, außerdem 227 Pferde. Von der Korpsartillerie verlor sogar die linke Flügelbatterie alle Pferde, und nur zwei Mann blieben übrig. Dadurch kam es, daß von dieser Batterie zwei verlassene Geschütze von den Feinden weggezogen wurden. Man fand sie später in Metz. Die Sonne war im Untergehen, als ich wieder mit dem General Alvensleben zusammentraf und von ihm erfuhr, daß nunmehr sein ganzes Korps hinter mir konzentriert wäre. Da ich somit nicht mehr für eine Reserve zu sorgen hatte, beabsichtigte ich die beiden Bataillone des Regiments 11 und das 2. Bataillon 84 aus Verneville gegen Chantrenne[123] vorzuschieben und noch einen Vorstoß gegen das Wäldchen zu unternehmen. Alvensleben war damit einverstanden und schob seine Division hart an Verneville heran. So hatte ich nun meine letzten drei Bataillone eben am Kirchhof vereinigt, als mir die Meldung gebracht wurde, daß die Bataillone des VIII. Korps, die neben meinem rechten Flügelbataillon im Bois des Genivaux fochten, im Rückgehen begriffen wären, und daß der Feind größere Massen zwischen Leipzig und Moskau konzentriere. Da somit meine rechte Flanke ernstlich bedroht war, außerdem die zunehmende Dunkelheit ein geregeltes Vorgehen durch das unwegsame Bois des Genivaux fast unmöglich machte, so gab ich den Vorstoß auf und traf Anordnungen, um dem etwa erfolgenden Vordringen des Feindes mit aller Kraft entgegentreten zu können. Es wurde deshalb Verneville gegen Südwest zu nachhaltiger Verteidigung eingerichtet, wobei Schloß und Kirchhof zwei Angelpunkte bildeten. Dazwischen warfen die Pionierkompagnien Schützengräben und Geschützemplacements auf. Dabei war es dunkel geworden, und das Feuer verstummte allmählich. Kavallerie und Artillerie zog ich hart an Verneville heran und ließ die Infanterie in ihren Gefechtsstellungen, durch Feldwachen gedeckt. Der Feind hatte das niedergebrannte Champenois geräumt, behielt aber Amanvillers, Montigny und Bois la Folie besetzt. Verneville war mit Verwundeten überfüllt, selbst auf der Straße sah man noch im Lampenschein die Ärzte bei ihrer blutigen Arbeit. Einquartierung in den Ort zu legen, war ausgeschlossen. Unter meinem Torwege hatten sich mehrere Herren meines Stabes ein Lager gesucht. Ich wollte mich dort eben auch auf ein Bund Stroh werfen, als ein Adjutant des Kommandierenden mich mit meinem Adjutanten zu ihm beschied. Spät kehrte ich zu meinem Torweg zurück, da aber der dort noch freie Platz sich in unmittelbarer Nähe einer Kuh befand, ließ ich vor dem Torweg eine Schütte Stroh bringen und warf mich darauf. Ich mußte aber einen Posten dabeistellen, um sicher zu sein, daß mir in der Dunkelheit nicht das Stroh unter dem Leibe weggezogen wurde, oder daß dieser und jener, über mich wegkletternd, mich recht unsanft stieß. Beim Grauen des Tages langten durch Dragonerpatrouillen die Meldungen an, daß La Folie, Leipzig, Moskau, Chatel St. Germain, Montigny und Amanvillers vom Feinde verlassen wären, ebenso ein Lagerplatz, der mit allen möglichen Dingen reich versehen wäre. Auf höheren Befehl konzentrierte sich meine Division östlich von Verneville mit vorgeschobenen Vorposten auf den Höhen von La Folie, während Kavalleriepatrouillen mit dem Feinde bei Plappeville und St. Quentin Fühlung suchten. Ich bezog mit meinem Stabe das Biwak in[124] einem Kohlgarten. Am Vormittag hatte Prinz Friedrich Karl sämtliche Kommandierenden Generale an den Ausgang von Verneville bestellt und erteilte dort die Befehle für die nächste Zeit. Der Hohe Herr kam nachher zu mir herangeritten, war sehr freundlich und dankte mir ganz besonders für die frühen und richtigen Meldungen, die ich ihm gesandt hätte. Als der Prinz sich entfernte, ritt ich mit einigen Offizieren auf das vor uns liegende Schlachtfeld. Furchtbar hatte auch hier der Tod gewütet. Bei Amanvillers fanden wir das verlassene Lager. Eine unglaubliche Beute wurde hier gemacht. Alles hatte der Feind zurückgelassen, und auch Dinge, deren Mitführung ins Feld ich allerdings nicht für möglich gehalten hätte. Wenn ich die verschiedenen Delikatessen, Hummersalat, eingemachte Früchte, teure Weine usw. auch nicht verdammen will, so ist es doch anderseits unbegreiflich, wie man eine Auswahl von Parfümerien, Schminke und dergleichen in den Krieg mitschleppen kann. Das ganze Lager war bedeckt mit den feinsten Militär- und Zivilanzügen, zierlichen Lackstiefeln, Pelzen und Wäsche, alles bunt durcheinander. Es war erlaubt, daß sich unsere Leute davon nehmen durften, was sie brauchen konnten. So ließ ich denn für meine Truppe so viel Zelte wie möglich einpacken, auch eine Pelzdecke, die mir gute Dienste tun soll. Der Feind hatte sich hinter seine detachierten Forts zurückgezogen, und auf Allerhöchsten Befehl begann nun die enge Zernierung der ganzen Armee des Marschalls Bazaine und der Festung Metz durch die erste und zweite Armee unter dem Prinzen Friedrich Karl von Preußen. Der Abend bricht ein, der Regen wird immer stärker, und ein jeder kriecht in sein Zelt, das meinige gleicht auffallend einer hellgrün angestrichenen Hundehütte. Schön sieht es nicht aus, aber es hält den Regen ab ....« 
 XV. Der Monat Dezember. Um und in Orleans.  [159] Anfang Dezember wurde mein Schwager nach Wiesbaden geschickt. In Berlin hatte er erfahren, daß ein französischer Offizier, mit Namen Emil Jolly, in Mainz interniert wäre, und es drängte ihn zu ergründen, ob das derselbe sei, der ihm so treuen Kameradschaftsdienst geleistet hatte. Bei seiner Durchreise dort erbat er sich vom Gouverneur die Erlaubnis, im Falle jener Emil Jolly derselbe Offizier wäre, mit dem er bei Sedan zusammengetroffen, diesen mit nach Wiesbaden nehmen zu dürfen. Nach einigen Bedenken willigte der General unter der Bedingung ein, daß Jolly sich an jedem dritten Tage wieder in Mainz melden solle. Eine Ordonnanz führte meinen Schwager dann zu dem kleinen Wirtshause, in dem der französische Offizier wohnte, und er schickte diesem den Zettel hinein, den er von ihm auf dem Schlachtfelde erhalten hatte. Die Antwort war die Visitenkarte, die mein Schwager Jolly am Tage von Sedan[159] gegeben. Gleich darauf war er selbst gekommen, und die beiden, die sich vor kurzem als Feinde gegenübergestanden hatten, umarmten einander herzlich. Auf Rat des Arztes, der absolute Ruhe für meinen Mann wünschte, verließen auch wir mit meiner Mutter und der Kleinen Potsdam und folgten der warmherzigen Einladung meines Onkels, des Rittergutsbesitzers von Braunschweig, eines Stiefbruders meiner Mutter. Sein Gut, Lübzow, lag bei Stolp in Pommern, und dort, in der Stille des Landlebens, sollte mein Mann sich erholen. Es war ein bitter kalter Winter, wir schneiten bald völlig ein, und außer den Zeitungsberichten erhielten wir nur durch die Briefe meines Vaters Nachrichten vom Kriegsschauplatz. Diese völlige Abgeschlossenheit von dem Treiben draußen bildete einen fühlbar scharfen Gegensatz zu den Tagen in Frankreich und Potsdam, wo man dem großen Pulsschlag des Lebens so nahe gewesen. Doppelt dankbar waren wir meinem Vater, daß er so ausführlich schrieb. In einem Briefe vom 7. Dezember aus Olivet bei Orleans hieß es: »Endlich ein Ruhetag in einem behaglichen Quartier, in dem man einmal gründlich ausschlafen konnte. Bewegte Tage liegen hinter mir. Nachdem am 28. November das X. Armeekorps den Sieg von Beaune la Rolande erfochten, bei dem der Feind sehr bedeutende Kräfte gezeigt hatte, lag die Vermutung nahe, daß die Franzosen unseren linken Flügel zu umgehen beabsichtigten, um so nach Paris zu gelangen. Demzufolge ordnete der Prinz eine allgemeine Konzentration nach dem linken Flügel zu an, und ich erhielt den Befehl, unter vorläufiger Belassung der 36. Brigade auf Vorposten, die 35. Brigade und alle sonst dahinter liegenden Truppen sofort bei Toury zusammenzuziehen. Da aber der Feind bis zum Dunkelwerden uns gegenüber gar keine Bewegung machte, während er sich beim III. und X. Korps sehr beweglich zeigte, rückten wir nach Pithiviers ab. Am 2. Dezember langte bei uns die Meldung vom rechten Flügel an, daß der Feind von Orleans aus vorbreche und ein Korps die Richtung auf Chaussy nehme. Ich erhielt daher den Befehl, mit meiner Division sofort aufzubrechen und in Gefechtsformation gegen Chaussy vorzugehen, um die wahrscheinlich schon vom Feinde besetzten Ortschaften in Besitz zu nehmen. Es begann bereits zu dunkeln, als ich die Truppen aus den verschiedenen Kantonnements gesammelt hatte und geschlossen den Nachtmarsch bei empfindlicher Kälte antrat. Der Feind war aber bereits gegen Süden im Abmarsch, und wir konnten unbehelligt Chaussy besetzen. Ich lag mit meinem Stabe im Schlosse, wo alles zerschlagen und verwüstet war.[160] Früh 7 Uhr verließ ich das unwirtliche Schloß, um die eintreffenden Truppen auf ihre richtigen Stellen hinführen zu lassen, denn die Division sollte um 9 Uhr auf der Chaussee Paris-Orleans, bei Chateau Gaillard, konzentriert stehen. Oberst von Falkenhausen übergab ich die Avantgarde, bestehend aus Regiment 11, zwei Eskadronen Dragoner und zwei Batterien. Das Gros unter General von Blumenthal stand einige hundert Schritt mehr nördlich. Als gegen 10 Uhr die entwickelte Avantgarde antrat, zogen sich die vorgeschobenen feindlichen Abteilungen gegen Arthenay zurück, auch Dambron räumte der Feind vor dem dagegen entsandten Regiment 85. Inzwischen fuhren meine Batterien auf, um teils die abziehende Infanterie, teils die drüben aufgefahrenen Batterien zu beschießen. Sobald diese verschwanden, ließ ich meine Artillerie staffelweise gegen Arthenay vorgehen, während das Regiment 11 von Norden und das Regiment 85 von Westen her den Ort angriffen und in Besitz nahmen. Eine große Anzahl von Gefangenen wurden aus den Häusern herausgeholt, Berge von Waffen lagen auf den Straßen umher. Der Feind hatte sich in den Abschnitt Chateau Aurvilliers, Arblay Ferme festgesetzt und wurde von starker Artillerie unterstützt. Die Wegnahme dieser Position kostete viel Blut, indes die ausgezeichnete Bravour der Leute machte dem Kampfe bald ein Ende. Namentlich war das Regiment 85 brillant bei der Eroberung des Chateau Aurvilliers, insonderheit das 2. Bataillon unter Major Ziermann, das mit bewundernswerter Entschlossenheit den entscheidenden Punkt, die brennende Waldmühle, angriff und nahm. Während dies auf dem rechten Flügel geschah, hatte General Blumenthal mit dem Regiment 36 und dem 9. Jägerbataillon Grange und Arblay Ferme genommen und richtete sich dort zur Verteidigung ein, da sich gegen ihn ein Vorstoß mit stärkeren Massen vorbereitete. Der Feind schien jetzt überhaupt alles aufzubieten, um wieder Terrain zu gewinnen, und es bedurfte der Mitwirkung unserer ganzen Korpsartillerie, um seinen Vorstoß abzuweisen. Endlich, nach fast einer Stunde, gab der Feind seinen Widerstand hier auf und verteidigte selbst das Dorf la Croix Briquet nur schwach, als meine Infanterie zum Angriff vorging. Zu unserer größten Freude entdeckten wir in den ersten Häusern ein Brotmagazin, was meinen armen Leuten vortrefflich zustatten kam, denn die hatten seit Pithiviers, außer Kaffee, fast nichts genossen. Meine beiden Brigaden waren noch im weiteren Vorgehen begriffen, als es anfing zu dunkeln und der Befehl des Prinzen einging, das Gefecht abzubrechen. Wir, das heißt die unter dem Oberbefehl des Prinzen[161] Friedrich Karl vereinigten Truppen, waren bis auf zwei starke Meilen an Orleans herangelangt. In der Annahme, daß der Gegner seine befestigte Stellung bei Gidy und Cercottes nachdrücklich verteidigen würde, befahl der Prinz dem IX. Korps am anderen Morgen, umfassend diese Orte anzugreifen. Amazon.de Widgets Es war bitter kalt an jenem Sonntag, dem 4. Dezember, und so glatt, daß die berittenen Offiziere, sowie die Kavallerie, meist von den Pferden absaßen und die erste Strecke zu Fuß zurücklegten. Das IX. Korps, meine Division an der Spitze, brach nun früh 8 Uhr von dem Versammlungspunkt la Croix Briquet auf. Der 35. Brigade hatte ich den Befehl erteilt, östlich der Eisenbahn zu bleiben und in gleicher Höhe mit der 36. Brigade zu marschieren, um gemeinschaftlich das Dorf Cercottes anzugreifen, das mit vielen Verschanzungen umgeben und durch schwere Batterien verteidigt werden sollte. Auf der großen Chaussee von Chevilly nach Orleans debouchierte nunmehr ? etwa 81/2 Uhr ? das I. und das Füsilierbataillon vom Regiment 85, während das II. Bataillon längs der Westlinie des Waldes vorging. Ihnen voraus hatte ich den Major von Treskow mit zwei Eskadronen Dragoner entsandt, in der Richtung auf Gidy, um das Terrain dort aufzuklären und Verbindung mit den Truppen des Großherzogs von Mecklenburg herzustellen. Ich hielt unterdessen auf der großen Chaussee. Kaum hatten wir auf diesem Wege die sanft ansteigende Höhe von Chevilly erreicht, als die schwere Batterie nördlich Cercottes ein so heftiges Feuer begann, daß die Infanterie im westlich gelegenen Walde Schutz suchen und in demselben ihren Vormarsch fortsetzen mußte. Ich ließ die Batterie Eynatten zur Bekämpfung des feindlichen Feuers auf der eben genannten Höhe, zwischen Chaussee und Eisenbahn auffahren, während die drei anderen Batterien meiner Divisionsartillerie unter Bedeckung in der Richtung auf Gidy vortrabten, um von da aus die Batterien von Cercottes zu flankieren. Während dieses Geschützkampfes erreichte Oberst von Falkenhausen die Südlisiere des Waldes, und Blumenthal war auf meinem linken Flügel vorgegangen. Ich hielt auf der Höhe bei der Batterie Eynatten, bis das feindliche Geschützfeuer schwächer wurde. Wenn nun auch die schweren Batterien nördlich Cercottes schwiegen, so mußten noch die zahlreichen feindlichen Geschütze bekämpft werden, die bei la Fouche hinter Erdwällen standen. Der Feind machte mehrfache Vorstöße, und bedeutende Infanteriemassen wurden sichtbar. Erst den vereinten Anstrengungen unserer Artillerie gelang es, die Vorstöße zurückzuweisen und die feindlichen Geschütze bei la Fouche zum Abfahren zu nötigen. Nun brach[162] meine Infanterie sofort aus dem Walde hervor. Regiment 85 im Verein mit dem Regiment 11 stürmte la Fouche, während Regiment 36 mit dem 9. Jägerbataillon gegen das stark besetzte Cercottes vorging. Ich eilte zu diesem Regiment, das mit ausgezeichneter Bravour den Angriff durchführte und zwar in einer Art, die ich den Truppen für dergleichen Fälle dringend anempfohlen hatte. Die Tirailleurschwärme gingen nämlich staffelweise vor, indem der eine immer ruhig feuernd liegen blieb, während der andere 100?150 Schritt vorwärts lief und sich dann niederwarf, um zu feuern. So schossen sich die Leutchen über das freie Feld bis ans Dorf heran und stürmten in einer Entfernung von 200 Schritt gemeinschaftlich in dichten Schwärmen gegen das Dorf, in das sie von allen Seiten gleichzeitig eindrangen. Es entstand ein kurzer, aber sehr energischer Häuserkampf, in dem Hauptmann von Röbe vom Regiment 36 in einem bereits von ihm eingenommenen Hause erschossen wurde und mehrere Offiziere, darunter Major Göttingen, Verwundungen erhielten. Durch diesen Sturm auf Cercottes, der völlig gelang, und das ernste Dorfgefecht daselbst waren alle Truppen durcheinandergekommen, so daß ich die nötigen Verbände erst wieder herstellen lassen mußte, bevor ich den Kampf fortsetzen konnte. Diese Zeit benutzte ich, um den Leuten französischen Zwieback austeilen zu lassen, den ich in einer feindlichen Proviantkolonne entdeckt hatte, die die Franzosen verlassen hatten. Sobald die Truppen geordnet waren, nahm General Blumenthal, wie vorhin, meinen linken Flügel und ging längs der Eisenbahn und östlich derselben gegen Orleans vor, während die 36. Brigade die Chaussee und die Strecke westlich derselben nahm. Da die Gegend dort bis zu den Höhen von Montjoie ein völlig freies Terrain bietet, so hielt ich die 36. Brigade zurück, damit die 35. im Waldterrain etwas Vorsprung gewönne, und sandte Graf Schulenburg mit seiner Schwadron voraus, um zu erfahren, wo der Feind seine Aufstellung nehmen würde. Montjoie selbst hatte der Feind nicht besetzt, doch schien er auf den westlichen Höhen mit seiner Infanterie Aufstellung nehmen zu wollen, zog aber ab, als das 11. Regiment, als Avantgarde der 36. Brigade, dagegen vorging. Meine Batterien nahmen sofort Besitz von den Höhen und es gelang ihnen, zwei Mitrailleusenbatterien zu vertreiben, die an einer hochgelegenen Mühle aufgefahren waren und die Chaussee, unsere einzige Annäherungslinie, auf das allerentschiedenste unter Feuer hielten. Die Infanterie beider Brigaden arbeitete sich unverdrossen durch die Straßen weiter vor, bis sie etwa in der Höhe von Bel-Air in das Kreuzfeuer der schweren Batterie am Bahnhof und der nordöstlich davon[163] gelegenen geriet, wodurch ein unwillkürliches Stutzen eintrat. Doch als unsere Batterien auf den Windmühlenberg bei Bel-Air auffuhren und nach lebhaftem Geschützkampf das feindliche Feuer abgeschwächt hatten, begann die Infanterie ihre Arbeit aufs neue. Die 35. Brigade war langsam auf dem Eisenbahndamm vorgedrungen, und gegen 6 Uhr gelang es ihr, die ersten Eisenbahnschuppen dem Feinde zu entreißen. Die 36. Brigade mit den 11ern an der Spitze ging durch die Vorstadt St. Jean de la Ruelle, wurde aber durch den Häuserkampf sehr aufgehalten und mußte sich in den hinterliegenden Gärten ausbreiten, um durch Umfassung Terrain zu gewinnen. Gegen 6 Uhr schien das feindliche Infanteriefeuer fast erstorben, und wollte ich deshalb versuchen, mit einem Anlauf in die Stadt zu kommen. Oberstleutnant von Klein, der bereits eine leichte Verwundung am Fuß hatte, sammelte zu dem Zweck, was an kleinen Soutiens zur Hand war, und mit dieser Kolonne, es waren etwa 300 Mann, ging ich in der geraden Straße vor. Als ich die äußersten Tirailleurs passiert hatte, ließ ich die Tambours schlagen, und mit einem Hurra stürmten wir los. Sofort wurden wir von einem solchen Hagel von Geschossen überschüttet, der mir so viele Menschen kostete, daß ich die Unmöglichkeit des Gelingens einsah und gleich den Befehl gab, rechts und links an die Häuser heranzutreten. Wohl noch eine Viertelstunde dauerte dies rasende Feuer. Erst als es sich legte, zog ich die Abteilung hinter die Häuser und befahl zu versuchen, in den Gärten, aber nicht mehr in der Straße, vorzudringen. Was sich jetzt bei der Dunkelheit nicht übersehen ließ, stellte sich am anderen Morgen heraus. Wir waren gegen ein 20?30 Fuß hohes Gitter gestürmt, hinter dem sich eine, aus Steinen erbaute, 5 Fuß hohe Barrikade erhob. Mansteins Befehl, das Gefecht abzubrechen, langte an dem Abend gerade an, als wir uns ahnungslos dicht vor diesem Gitter befanden. Mein braver Klein hatte bei dem versuchten Sturm hart neben mir zwei Kugeln erhalten, Gott sei Dank sind die Wunden aber nicht gefährlich. Das 11. Regiment stellte in der Vorstadt St. Jean Vorposten aus und schloß die Straße durch eine Barrikade. Der Rest der 36. Brigade bezog mit den Dragonern und Jägern enge Kantonnements im nördlichen Teil der Vorstadt. Die 35. Brigade behielt die Eisenbahnschuppen besetzt und bezog Fermen. Patrouillen sollten unausgesetzt Fühlung mit dem Feinde behalten. Mein Quartier war in dem Hause eines Krämers. Angezogen warf ich mich aufs Bett, konnte aber trotz großer Ermüdung nicht schlafen. Das Herumknallen meiner Patrouillen dauerte die ganze[164] Nacht und wurde ein paarmal so heftig, daß ich, einen Vorstoß des Feindes vermutend, aufsprang und daran dachte, zu alarmieren. Dann legte sich das Schießen für kurze Zeit. Gleich nach Mitternacht kam der Chef des Generalstabes Bronsardt zu mir und teilte mir mit, daß der Großherzog von Mecklenburg soeben eine Konvention abgeschlossen habe, der zufolge ihm die Stadt Orleans gleich übergeben würde. Erst nach Empfang dieser Nachricht konnte ich ruhig schlafen. In der Nacht hatte es tüchtig gefroren. Jetzt schien die Sonne freundlich, als sich meine Division früh 8 Uhr am anderen Morgen an der verhängnisvollen, jetzt aufgeräumten Barrikade formierte, um in Orleans einzurücken. Den Regimentern sah man allerdings die harten Kämpfe, die steten Entbehrungen und die schmale Kost an. Auch die Kleidung, sowie das Schuhwerk, war in trauriger Verfassung und teilweise durch erbeutete französische Uniformstücke ersetzt. Nur die Gewehre waren vortrefflich instand, stets rostfrei und schußbereit. Gegen 10 Uhr langte ich mit der Tete meiner Division auf dem Platz du Martroy an, wo, gegenüber dem Reiterstandbilde der Jungfrau, General Manstein hielt, um den Vorbeimarsch entgegenzunehmen. Als ich nach der vorgeschriebenen Volte mich an seine Seite begeben hatte und meine ersten Bataillone zu defilieren begannen, kam der Oberst, Graf Waldersee, Flügeladjutant des Königs, und flüsterte mir zu: ?Gratuliere, Prinz Friedrich Karl hat diese Nacht an den König telegraphiert, Orleans ist genommen, die Ehre des Tages gebührt der Division Wrangel.? Nach dieser Mitteilung sahen mir meine Kerlchens noch einmal so schön aus, und die Tausende von Gefangenen, die zerlumpt und in bunt pittoresker Unordnung das Standbild umlagerten, um den Einzug zu sehen, erschienen mir als die brillanteste Dekoration für dies Bild. Fast meine ganze Division kam nach Orleans, und ich erhielt ein leidliches Quartier. Gegen Abend rief mich ein Befehl des Prinzen Friedrich Karl zu dem Hohen Herrn. Wie groß war meine Freude, als er mir mitteilte, daß infolge seines günstigen Berichtes über mein gestriges Verhalten der König mir per Telegraph das Eichenlaub zum Pour le mérite verliehen habe. Der Prinz war ausnehmend herzlich und freundlich zu mir, ich mußte zum Diner bleiben, er trank da auf mein Wohl und entließ mich erst spät. Am anderen Morgen schickte ich zur Verfolgung des Feindes das 6. Dragonerregiment, 2 Batterien, und auf Wagen 2 Kompagnien vom Regiment 36 nach la Ferte. Infanterie und Pioniere mußten am Nachmittag zur 6. Kavalleriedivision stoßen, um[165] möglichst rasch den Knotenpunkt der Eisenbahn in Vierzon zu erreichen und dort die Eisenbahn zu zerstören. Bei Frost und herrlichem Sonnenschein rückte der Rest der Division um 11 Uhr mittags über die schöne Loirebrücke. Bei der Gelegenheit bekam ich auch die winzigen Kanonenboote zu sehen, die mit der Eroberung von Orleans in unsere Hände gefallen waren. Südlich der Brücke fanden wir eine zweite Statue der Jungfrau, zu Fuß und im Frauengewande, aber, dem französischen Geschmack gemäß, in höchst theatralischer Haltung. Die Division erhielt Kantonnements in den zunächst dem linken Ufer der Loire gelegenen Ortschaften, und mein Stab kam nach Olivet in ein ganz allerliebstes Schloß, dessen Besitzer, ein Graf de la Tour, geflohen war. Ich fühlte mich sehr behaglich in meinen zwei allerliebst eingerichteten Zimmern und verfüge über ein treffliches Bett. Heute früh brachten sie mir eine Morgenmusik, und die Offizierkorps kamen zu mir, um zur Ordensverleihung zu gratulieren. Jetzt habe ich eben einen herrlichen Ritt gemacht in dem großen, das Schloß umgebenden Park, und sah mir die Notbrücken über den Loiret an. Wie lange wird's dauern, dann führt uns ein Marschbefehl weiter und neuen Kämpfen entgegen ....« Kurz vor Weihnachten langte wieder ein längerer Brief meines Vaters, für das Tagebuch bestimmt, an. »Orleans, den 19. Dezember. Mein Schlößchen in Olivet mußte ich schon am 8. Dezember verlassen. In der Nacht war ein Marschbefehl für uns gekommen, die Division sollte sich am Morgen bei St. Hilaire konzentrieren. Durch die langsam vorrückenden Truppen wurde die französische Loirearmee immer mehr zurückgedrängt. Jetzt waren aber Nachrichten eingegangen, nach denen der Großherzog von Mecklenburg in der Richtung Beaugency auf starke feindliche Massen gestoßen sei, deren rechte Flanke durch ein Vorgehen des X. Korps, auf dem linken Ufer der Loire, bedroht werden sollte. Um zwei Uhr standen wir befohlenermaßen bei Lailly, gegenüber Beaugency. Das eigentlich beabsichtigte Überschreiten der Loire, um den Großherzog direkt zu unterstützen, konnte nicht ausgeführt werden, weil der Feind die Brücke bei Beaugency abgebrochen hatte, und so beschränkte sich unsere Tätigkeit darauf, daß die Korps- und Divisionsartillerie auf dem Loiredamm auffuhr und bis zum Dunkelwerden Beaugency beschoß. Während dieser ganzen Zeit stand meine Division frierend und untätig daneben. Wir konnten dabei nicht nur die Beschießung beobachten, sondern auch die Kämpfe des Großherzogs auf dem rechten Ufer der Loire.[166] Amazon.de Widgets Als die Geschütze überall schwiegen, bezogen wir enge Kantonnements in den zunächstliegenden Ortschaften. Der Divisionsstab kam in das isoliert liegende Schloß Willecante, das einen unheimlichen verödeten Eindruck machte. Da wir die ersten Feinde waren, die das Schloß betraten, so müssen Franktireurs die tolle Verwüstung angerichtet haben, die wir hier vorfanden. Unter diesem Eindruck kann ich den Einwohnern nur recht geben, wenn sie lieber Preußen ins Quartier nehmen als Franktireurs. Franzosen erzählten mir sogar, daß Ortschaften sich bewaffnet hätten, um sich die Franktireurs mit Gewalt vom Halse zu halten. Es war bitter kalt geworden, und die nächsten Märsche wirkten ziemlich ermüdend bei dem durchnässenden Regen. Wir waren bis Blois gekommen, das sich, nach einigen Unterhandlungen mit den Hessen, ergeben hatte. In der Nacht zum 16. kam Marschbefehl für die Division. Der Feind hatte stärkere Massen bei Vendome und am Loirebach gezeigt, und da es schien, als wolle er sich festsetzen, beschloß Prinz Friedrich Karl, ihn mit allen Kräften anzugreifen und möglichst zurückzutreiben. Auch das IX. Korps sollte dabei mitwirken und die Loire überschreiten. Als wir hart vor La Chapelle Vendômoise einen längeren Halt machten, kam Prinz Friedrich Karl persönlich zu mir und machte mich mit dem augenblicklichen Stand der Kriegslage bekannt. Der Hohe Herr hatte von dem General von der Tann soeben die Meldung erhalten, daß die Franzosen von Gien her seine dortigen Vortruppen zurückdrängten, und daß von der Tann sich nicht für stark genug hielte, einen Vorstoß von daher kräftig zurückweisen zu können. Aus diesem Grunde wollte der Prinz das IX. Korps den Bayern sofort zur Unterstützung schicken, falls unser Mitwirken bei Vendôme nicht mehr notwendig erschiene. Um 3 Uhr kam die Meldung, daß der Feind die Stadt geräumt hätte und diese vom X. Korps besetzt sei. Somit konnten wir abmarschieren, um Orleans, das neun Meilen entfernt war, am nächsten Tage zu erreichen. Es war ein entsetzlicher Marsch. Strömender Regen, aufgeweichte Wege und dabei völlige Dunkelheit auf unbekannter Straße. Ohne Verpflegung zogen wir dahin und konnten den Leuten nicht einmal Ruhe gönnen, da sich doch niemand in dem entsetzlichen Schmutz hätte hinsetzen können. Um Mitternacht langte ich in Mer an, wo ich rasch Anordnungen traf, daß den ankommenden Truppen wenigstens Brot und Schnaps gereicht wurde. Mit dem größten Teil der Division blieb ich im Städtchen, die Dragoner und Jäger aber rückten bis Beaugency, und das 85. Regiment wurde in den dazwischen liegenden Orten einquartiert. Entsetzlich ermüdet langten die letzten Truppen erst um 3 Uhr nachts in ihren Kantonnements an.[167] Bei undurchdringlichem Nebel ging's am anderen Tage weiter, selbst auf der Chaussee marschierten die Leute zolltief im Schlamm. Dabei hättet Ihr einmal das Schuhzeug der Leute sehen sollen! Bei vielen waren die Sohlen abgegangen und kümmerlich mit Bindfaden unter den Füßen festgebunden. Trotzdem wälzte sich nun ununterbrochen unsere Heeressäule weiter. Um 2 Uhr rückte ich an der Tete des Jägerbataillons in Orleans ein. Die Leute, die gestern erst fünfviertel Meilen südlich Blois in Kantonnements gelegen hatten, waren somit in 32 Stunden zwölf Meilen marschiert. Die letzten Abteilungen kamen erst um 7 Uhr an, aber ich war heilfroh, als ich sie alle wieder unter Dach und Fach wußte. Tags darauf wurde in der großen Kathedrale der Feldgottesdienst abgehalten. Wie ganz anders erschien mir heute dieses erhabene Gotteshaus im Vergleich mit dem Eindruck, den es mir bei meinem ersten Besuch gemacht hatte, als über 4000 französische Gefangene darin hausten. Diese edlen Formen und diese würdige Großartigkeit des Stils stimmten zur tiefsten Andacht. Ich war in den Tagen noch von so besonders innigem Dank erfüllt, denn ich hatte ja von Euch die Nachricht, daß mein geliebtes Töchterchen mit ihrem genesenden Manne wieder glücklich in der Heimat angelangt war. Am Nachmittag besuchte ich Tann und blieb lange bei ihm. Die alten Erinnerungen an die gemeinsamen Kämpfe in Schleswig-Holstein 1848/49, unsere brudermörderischen Schlachten 1866, in denen wir uns stets persönlich gegenüberstanden, sein Besuch bei mir 1868 und unsere diesjährigen Kriegszüge boten viel Stoff zur Unterhaltung. Am gestrigen Tage machte ich noch ein Diner in den schönen Räumen der Präfektur beim Prinzen Friedrich Karl mit, der äußerst gnädig war. Ich wohne hier in dem Gasthause, wo vor einigen Wochen die zweite Jungfrau von Orleans, die ihr Vaterland befreien sollte, gewohnt hat. Sie ist hier aus dem Hotel von den Würdenträgern der Stadt und der Geistlichkeit mit großem Pomp abgeholt worden. Als Schlußbild hatte sich die Jungfrau Nr. 2 mittelst einer Leiter auf das Reiterstandbild der ersten Jungfrau geschwungen und dieser eine Perlenkrone auf das Haupt gesetzt, die sie noch heute trägt. Als dann Tann in Orleans einrückte, war sie verschwunden und hatte das tröstende Abschiedswort hinterlassen: ?Meine Zeit ist noch nicht gekommen?. Es soll ein Kuhmädchen aus der Umgegend sein, dem die Geistlichkeit ihre Rolle einstudiert hatte. Unsere Tage sind hier aller Wahrscheinlichkeit nach gezählt, bald brechen wir die Zelte wieder ab. Wo werden wir Weihnachten feiern? Nun, jedenfalls bin ich in Gedanken bei Euch am heiligen Abend, schicke[168] Euch viel herzliche Grüße und male mir aus, wie das Enkeltöchterchen unter dem Weihnachtsbaum jubeln wird ....« Die Festgrüße vom geliebten Vater trafen noch zur rechten Zeit ein, und das war Freude. Ich war in jenen Tagen dafür doppelt dankbar, denn ich mußte mit aller Energie kämpfen, um nach des Arztes Wunsch meinem Manne gegenüber die heiterfrohe Stimmung zu bewahren. Es ging ihm besser, wenn auch die Nerven noch sehr zu wünschen übrig ließen. Viele schlaflose Stunden der Nacht durchwachte ich noch mit ihm, in denen ihn die Erinnerungen an die Krankheitszeit in Gonesse quälten. Dabei heulte der Sturm fast den ganzen Dezembermonat um unsere Fenster und trieb dichte Schneeflocken dagegen. Jeden Morgen mußte erst ein Weg geschaufelt werden, damit man aus dem Hause heraus konnte. Ob diese weltabgeschlossene Schneewelt wohl das Richtige war zur Erholung meines Genesenden, das fragte ich mich bangen Herzens. Aber viel darüber nachzudenken blieb mir gar keine Zeit. Je kräftiger er sich körperlich zu fühlen begann, desto mehr erschien es ihm als eine gebotene Pflicht, wieder auf seinen Posten zurückzukehren. Durfte ich ihn nun festhalten oder nicht, war die Frage, die mich quälte. Wie damals 1866, so auch jetzt kam ich zur Überzeugung, nein, ich habe nicht das Recht, ihn zurückzuhalten. Der Arzt gestattet die Rückkehr zur Truppe, so darf ich ihm nicht dreinsprechen und muß vertrauensvoll alles in Gottes Hand legen. Amazon.de Widgets Gleich nach den Weihnachtsfeiertagen schlug die Trennungsstunde, und ich gab ihm noch das Geleit bis nach Stolp zur Bahn. Es war ein Schneegestöber, daß man kaum den Weg erkennen konnte. Ich war diesen Winter schon mehr als einmal auf bahnlosen Strecken mit dem Schlitten umgekippt, mochte es nun auch jetzt kommen, ich war nur froh, daß es nicht auf der Hinfahrt geschehen. Tags darauf sollte auch mein Onkel nach Frankreich gehen, um als Johanniter dort tätig zu sein, dann wurde es noch einsamer um uns, dann hörte man noch weniger von der Welt da draußen, wo so Wichtiges sich abspielte und man seine Lieben in Kampf und Gefahren wußte. Als die hohen Schneewälle vor mir lagen, die sich um den Hof türmten, trat mir in sprechender Lebendigkeit das Dornröschenmärchen vor Augen. Hinein zum tiefen Schlaf! Keine Dornenhecke schließt sich dahinter zu, aber Berge von Schnee bilden die Mauer! Wann kommt der erlösende Prinz, um mit heißem Kuß zum pochenden Leben, zum strahlenden Glück zu wecken? Wird das je geschehen? Und wann? ? Ich schämte mich der verzagten Gedanken, der lähmenden Niedergedrücktheit, die sich meiner bemächtigen[169] wollte; mein Kind, meine Mutter und Arbeit, die sollten mir mit Gottes Hülfe darüber weghelfen. Von meinem Vater kamen Briefe, die von seiner Weihnachtsfeier erzählten. Er schrieb vom 26. Dezember aus Châteauneuf: »Heute haben wir in einem trefflichen Punsch das Wohl des lieben Onkels, des Feldmarschalls, getrunken, der ja heute die diamantene Hochzeit mit seiner Frau feiert. Nachdem wir am 20. Dezember den Auftrag erhalten hatten, die zweite Armee gegen ein Vorbrechen des Feindes von Gien her zu decken, rückten wir hart am rechten Ufer der Loire vor, aufwärts bis Châteauneuf. In dem altertümlichen Schlosse nahm ich mein Quartier. Es stammte, wie die Chronik dort nachwies, aus dem Jahre 800. Fast alle berühmten französischen Heerführer hatten hier eine Zeit zugebracht, auch Jeanne d'Arc. Von der großen Herrlichkeit der früheren Zeit ist eigentlich nur die mächtige, durch zwei Etagen gehende Bildergalerie und eine Rotunde übrig geblieben. Der eine halbe Meile große Park zeigte zwar noch Spuren einstiger Schönheit, doch war alles verwildert, wie im Schloß, wo die Türen und Fenster nicht zuzumachen gingen, die Kamine rauchten und die Betten entsetzlich hart waren. Es machte mir aber doch Vergnügen, die reichhaltige Bildergalerie zu besichtigen und das alte Schloß in allen seinen Winkeln zu durchstöbern. Da fand ich, unter allerlei Kram beiseite geworfen, einen kleinen Kupferstich unserer unvergeßlichen Königin Luise. Dieser Versuchung konnte ich nicht widerstehen, das Bildchen wurde gerollt. So kam der heilige Abend heran. Er brachte mir Briefe von euch, die gute Botschaft von der Genesung des lieben Sohnes, der ja wieder zur Armee zurückgehen will, und das allerliebste Bild des Enkeltöchterchens, über das ich mich unendlich gefreut habe. Nehmt meinen herzlichsten Dank für alle die lieben Gaben, die Ihr mir geschickt habt. Wir feierten Heiligabend auf unsere Art auch ganz hübsch. In der hohen Rotunde unseres Schlosses stellten wir einen mächtigen Weihnachtsbaum auf und behängten ihn mit allerhand Geschenken, die mein Adjutant dazu aus Orleans hatte besorgen müssen. Um auch die Freuden der Tafel zu genießen, hatte unser braver Koch sich einige Bewohner des Karpfenteichs im Park angeeignet und setzte sie uns, trefflich zubereitet, vor. Ich hatte mir einige Bekannte eingeladen, und so gelang es auch im fernen Frankreich, einen höchst gemütlichen Weihnachtsabend herzustellen. In den Festtagen ging ich noch einmal zum Abendmahl, und zu Mittag versammelten sich dann an beiden Feiertagen verschiedene Offiziere bei mir, wo es dann immer sehr heiter zuging.[170] Schon in den Biwaks bei Metz hatte ich beim Regiment 36 einen Füsilier gefunden, der trefflich zeichnete. Er heißt Braun und hat auf dem Atelier des Professors Steffeck gearbeitet. Diesen jungen Künstler habe ich meinem Stabe attachiert, wo er unter dem Namen ?Herr Professor? eine sehr beliebte und erheiternde Persönlichkeit ausmacht. Er hat mir alle hübschen Schlösser, in denen ich während des Feldzuges war, gezeichnet, und diese Blätter werde ich in ein Album zusammenfassen.« Das Album, sowie das Bild der Königin ist im Besitz unserer Familie. 
 XIII. September und Oktober 1870.  [125] Zwischen Hoffen und Bangen, Pflege in den Lazaretten und rastlosem Stricken und Scharpiezupfen gingen die Tage dahin. Ich glaube, wer nicht nur wie im Traum, sondern mit klarem, persönlichem Empfinden und offenen Augen jene große Zeit durchlebt hat, sei es als Mann oder als Frau, dem bleibt auch in der Erinnerung ein volles Verständnis für den heißen Herzschlag des Volkes und für das Erhabene, das in dem Bewußtsein liegt, sich in seinem Denken und Wollen eins zu wissen mit hoch und niedrig, arm und reich. Diese Eindrücke, wenn man sie nicht[125] gedankenlos vom Strome der Zeit verwischen läßt, wirken bis in späte Jahre hinein und drängen uns, dem idealen Gedanken nachzustreben, der schon die Zeit der Befreiungskriege so begeisternd erfüllte: ein Band vom Throne bis zur Hütte. Dicht gedrängt war an jedem Freitagabend die Friedenskirche, wo allwöchentlich ein Betgottesdienst abgehalten wurde. Das war kein Gewohnheitskommen, das die Menschen zur Kirche zog, es war der Trieb des Herzens, das sich sehnte, seinem Gott die Sorge um die geliebten Vaterlandskämpfer zu bringen, und das sich im gemeinsamen Gebet Stärkung holen wollte. Die Depeschen an den Anschlagsäulen, vor allem aber unsere Feldpostbriefe waren der Hauptinhalt unseres Denkens und unserer Gespräche. In einem Schreiben meines Vaters vom 29. August heißt es: »Heute gab mir General von Manstein das von Majestät mir verliehene Eiserne Kreuz zweiter Klasse, was mich hoch erfreute. Die an diesem Tage erfolgte erste Verteilung von Eisernen Kreuzen erweckte in allen Teilen der Division eine freudig erhobene Stimmung. Ich hatte mir die zunächstliegenden Truppen der Division nach Montois bestellt und verteilte selbst die vierzehn Kreuze, welche der Division vom Könige zuerkannt waren. Auch ritt ich in diesen Tagen zu meinem alten 61. Regiment, das südöstlich von St. Privat biwakierte. Mit sichtbarer Freude wurde ich dort vom Offizierkorps und den älteren Mannschaften aufgenommen, so daß diese unleugbare Anhänglichkeit mir sehr wohltat. Wir mußten damals schon am 23. unser Biwak bei St. Ail aufgeben und aufbrechen. Der Weg führte an den Orten vorüber, wo der furchtbarste Kampf gewütet hatte. Namentlich St. Privat, mit der Ferme Jerusalem, war von unserer Artillerie zu einem Trümmerhaufen zusammengeschossen. Kein lebendes Wesen war zu sehen, nur halb verkohlte Leichen unter schwelenden Balken. Schreckliche Bilder und Gerüche, die den Atem raubten! Als ich mir in Roncourt, einem völlig verwüsteten Dorf, in dem aufgeweichten Lehmboden einen Biwaksplatz aussuchte, langte der Befehl an, dasselbe weiter nach Montois la Montagne zu verlegen. Dort war der Platz, um das Lager aufzuschlagen, noch schlechter. Breiartiger Lehm, kein Holz und Stroh, und dabei unausgesetzter Regen. Glücklicherweise konnte ich wenigstens die Hälfte meiner Division in Kantonnements unterbringen. Mein Hauptquartier hatte ich nach Montois la Montagne gelegt. Ein niedriges, von einem Düngerhaufen umgebenes Haus, eine kleine Stube mit dem üblichen großen Bauernbett, einem wackligen Tisch und[126] drei Stühlen war mein Unterkommen. Mein Bureau richtete ich mir auf dem entleerten Heuboden ein, in den man nur durch den Pferdestall mittels einer Leiter gelangen konnte. Meine Adjutanten waren außerhalb in noch schlimmeren Löchern untergebracht. In den Tagen begruben wir die neun gefallenen Offiziere des Regiments 84 am Bois de la Cusse. In einem weiten Grabe hatten wir sie nebeneinandergelegt, ihre blutgetränkten Uniformen verdeckte das frische Grün der Eichenzweige, mit denen man sie selbst und das Grab geschmückt hatte. Es war eine ergreifende Feier. Das Gemüt ist für solche ernsten Eindrücke viel empfänglicher, als man nach den kurz vorher erlebten blutigen Dramen erwarten konnte. Man hielt sich für abgestumpft durch all die gräßlichen Bilder und merkte hier erst, an den Leichen so naher Bekannter, daß das Herz noch nicht in der Brust erstorben war, sondern im Gegenteil recht tief fühlte, wie wunderbar des Allmächtigen Hand unsere Geschicke regierte. Die nächsten Tage brach aus dem umdüsterten Himmel nur selten ein Sonnenblick. Es regnete unausgesetzt, aber trotzdem hatten wir auch am nächsten Sonntag Feldgottesdienst im Biwak. Als aber an demselben Nachmittag der Regen sich in stromartige, vom Sturm gepeitschte Güsse verwandelte, erhielt ich von General Manstein die Erlaubnis, alle Kantonnements doppelt stark zu belegen, wodurch mir die Gelegenheit gegeben wurde, fast die ganze Division unter Dach zu bringen. Allerdings lagen die Truppen so eng, daß mitunter die Leute sich nicht alle zugleich in ihre Lagerstätte hineinzwängen konnten. Diese Anordnung war aber auch nötig, da sich die Ruhr bereits anfing zu zeigen, auch die Sachen doch einmal wenigstens getrocknet werden mußten. Leider tauchen jetzt Franktireurbanden auf, es ist daher die größte Vorsicht geboten, damit wir uns vor den Kerlen schützen können. Als ein besonderer Schlupfwinkel dieser Banden zeigt sich der Ort Moyeuvre. Er liegt in einer tiefen Schlucht zwischen Waldungen, und das ist natürlich außerordentlich günstig für die Franktireurs. Ich ließ daher das Dorf zum starken Kantonnement für die Truppen einrichten. Jetzt stehen wir alle in Erwartung, was der Feind tun wird, jeder Tag kann eine Änderung bringen.« ? Diese Nachrichten vom Kriegsschauplatz hatten wir eben erhalten, da flog nach Deutschland eine Siegesnachricht, wie sie glänzender nicht dagewesen, und Tausende von Händen falteten sich in heißem Dankgebet. Der blutige Kampf am 1. September auf den Höhen von Sedan war beendigt, die Feste und die französische Armee dort hatte sich ergeben,[127] und Kaiser Napoleon den Grafen Reille zum König entsandt mit einem Briefe, der nur die wenigen Worte enthielt: »Nachdem es mir nicht vergönnt war, in der Mitte meiner Truppen zu sterben, bleibt mir nichts übrig, als meinen Degen in die Hände Ew. Majestät zu legen.« So lautete das Telegramm, das an den stürmisch umlagerten Anschlagsäulen zu lesen war. Eine tiefe Bewegung des Dankes und des Jubels ging durch unser ganzes Volk und bewegte jedes einzelne Herz. Nicht genug konnte man im Lazarett unseren Pfleglingen von der Siegesnachricht bis in alle Einzelheiten erzählen. Unwillkürlich wurde aber hier die Siegesfreude mit Wehmut und tiefem Mitleid gemischt, wenn man bei den verwundeten Franzosen den Schmerz der Besiegten sah und die verzweifelte Empörung, die das Unglaubliche nicht fassen konnte und wollte. Da galt es, den wunden Herzen von dem zu sprechen, was man von Tapferkeit und Heldensinn aus der französischen Armee zu erzählen wußte. Von den Kämpfen um Metz hörten wir, außer den Zeitungsnachrichten, aus den Briefen meines Vaters. Er schrieb, vom 8. September datiert: »Heute war der Befehl erteilt worden, daß Metz an demselben Abend von allen Seiten beschossen werden sollte. Die Batterien fuhren in ihre Stellungen, und punkt 9 Uhr begann die tolle Kanonade in die dunkle, wetterschwere Nacht hinein. Der St. Quentin machte uns die Freude, mit vier Schüssen auf unser Bellen zu antworten. Nach zwei Stunden kehrten wir in unser Lager zurück. Leider Gottes fanden wir nur wenige Hütten, denn der orkanartige Sturm, verbunden mit dem Platzregen, hatte sie größtenteils weggeschwemmt. Doch nun will ich zuerst in meinen Berichten, die für ein späteres Kriegstagebuch zu sammeln sind, fortfahren, wo ich das letzte Mal schloß. Am 31. August traf die Meldung ein, daß der Feind auf dem rechten Moselufer in beträchtlicher Stärke debouchiere. Ich ließ sofort die Truppen alarmieren und zog meine Division bei Roncourt zusammen. Da der Feind aber nicht weiter vorging, erhielten wir den Befehl, zu biwakieren. Noch war ich nicht eingeschlafen, da bekam ich Order, Alarm blasen zu lassen. Sofort begann der Abmarsch, den General Manstein selbst leiten wollte. Er setzte sich an die Spitze der Dragoner und ließ eine Ordonnanz mit einer Stallaterne voranreiten, denn die Nacht war stockfinster. Ich mußte mit der Infanterie folgen, St. Barbe sollte unser Ziel sein. Durch dichtbewaldete Talränder der Mosel, hinab in die Niederung derselben jenseits Marange führte der Weg. Endlich früh 5 Uhr kamen wir am 1. September nach Antilly, Manstein war mit den Dragonern nach St. Barbe vorausgeeilt, um das Eintreffen seines Korps[128] anzumelden. Schon am Abend des 30. hatte sich ein geräuschvolles Treiben und wiederholtes Erklingen von Militärmusik in den Stellungen der eingeschlossenen Armee bemerkbar gemacht und die Aufmerksamkeit der preußischen Beobachtungsposten erregt. Als sich diese Vorgänge am 31. frühmorgens wiederholt hatten, auch bei zunehmender Tageshelle zahlreiche Truppen beim Fort St. Julien bemerkt waren, hatte man auf preußischer Seite daraus geschlossen, daß der Feind eine ernste Unternehmung vorbereitete. Der Oberbefehlshaber der ersten Armee hatte infolgedessen seine ihm unterstellten Truppen alarmieren lassen, und Prinz Friedrich Karl das neunte Armeekorps angewiesen, sich zu sammeln und weitere Befehle abzuwarten. Sobald sich nun am 31. das Gefecht von Noisseville entwickelte, war der Prinz bei Fèves aufmerksam dem Gange des Gefechtes gefolgt. Der Angriff des weit überlegenen Feindes gegen die Stellung der ersten Division hatte die Absicht eines gewaltsamen Durchbruchs deutlich erkennen lassen, und eine Erneuerung des Kampfes war für den nächsten Tag zu erwarten gewesen. Unter diesen Umständen hatte der Prinz ein Heranführen weiterer Verstärkungen auf das rechte Moselufer für dringend geboten gehalten und Manstein telegraphisch aufgefordert, sich mit den bei Roncourt befindlichen Teilen seines Korps sogleich über Marange nach St. Barbe in Marsch zu setzen. Als General von Manteuffel am 1. September bei Anbruch des Tages erfuhr, daß Noisseville in der Hand des Feindes geblieben war, befahl er dem General von Bentheim, zum Angriff gegen Noisseville zu schreiten, und bestimmte ? nach Rücksprache mit General Manstein, daß die 18. Division in der Reservestellung nördlich Malroy und Charly einrücken solle. Um 5 Uhr früh wurde mir von einem Offizier des Stabes vom General Manstein der Befehl überbracht, längs der Chaussee vorzugehen, um dem General Kummer in seiner Stellung Malroy-Charly tätige Unterstützung zu bringen. Eine halbe Stunde später waren wir an dem Ort versammelt, als der Feind, trotz des undurchdringlichen Nebels, die Kanonade begann. Ein Adjutant des Generals von Kummer teilte mir mit, daß die Hessen von Charly nach St. Barbe abrückten, und mich der General daher dringend ersuchen ließ, seine linke Flanke zu decken durch die Besetzung von Charly und des Bois de Failly. Meine Leute hatten den Tag vorher hungernd biwakiert, waren diese Nacht marschiert und eben angelangt. Ohne sie ausruhen zu lassen, mußte ich infolgedessen dem General von Below den Befehl erteilen, sofort mit seiner Brigade (dem Regiment 85 und 11) vorzugehen und jene beiden Punkte zu besetzen. Ich selbst ritt zu Kummer und orientierte mich über seine Aufstellung in den sehr gut angelegten Schützengräben rechts und[129] links der Chaussee, welche den Höhenrücken zwischen Malroy und Charly krönten. Demzufolge dirigierte ich nun Truppen in das Bois de Failly, um auch möglichst bald eine Verbindung mit dem ersten Armeekorps nach links herzustellen. Amazon.de Widgets Gegen 7 Uhr begann der Nebel sich zu lichten, und nun erst sah man Fort St. Julien und die französischen Truppenkolonnen in der Richtung auf Failly. Vor uns lag eine Höhe, die durch Infanterie stark besetzt war, und die zu nehmen erschien mir als erste Aufgabe. Ich beschloß, den am Höhenrande zwischen den Dörfern eingenisteten Feind durch einen umfassenden Vorstoß wieder zu vertreiben. Der Gegner überschüttete den Anberg nicht nur mit Projektilen, sondern machte auch gleichzeitig einen Ausfall gegen Rupigny, von wo er meine dort postierten Kompagnien verdrängte. Die Batterie Eynatten begann nun ihr wirksames Feuer auf den vorgehenden Feind, und ich schickte nach und nach zwei Bataillone nach Charly und Rupigny, um diese beiden Hauptpunkte wiederzunehmen, während Below die vorliegende Höhe links umfassen sollte. Unterdessen ließ ich noch zwei Geschütze auffahren und beschäftigte den Feind durch das Feuer dieser 18 Geschütze in der Front. Das Regiment 11 hatte sich rasch und glücklich in Rupigny festgesetzt. Das II. Bataillon 85 mußte eine weite Umgehung machen, um unvermutet und wirksam eingreifen zu können. Below leitete die Umgehung persönlich, und Major Ziermann brach am richtigen Punkte mit seinen vier auseinandergezogenen Kompagniekolonnen plötzlich hervor, die ganze feindliche Stellung umfassend. Voll unvergleichlicher Bravour ging das Bataillon vor, mit seinen Schützen die feindlichen Tirailleurs zurückwerfend, und rollte den Feind vollständig auf. Während das geschah, ging auch die Artillerie batterieweise vorwärts. In dieser Weise gelang es, den Feind von den dominierenden Höhen herunterzutreiben und unsere Batterien dort aufzufahren, die den abgehenden französischen Truppen empfindliche Verluste zufügten. Die Franzosen schienen bereits auf allen Punkten im vollen Rückzuge, als unerwartet stärkere feindliche Kräfte auftauchten und sich nach Rupigny zu bewegten. Sofort erteilte ich nun dem General Blumenthal den Befehl, mit dem Regiment 36 diesem Vorstoß entgegenzugehen. Blumenthal erreichte rechtzeitig Rupigny und wies den Angriff glänzend ab. Im Verein mit Teilen der ebenfalls vorbrechenden Division Kummer wurde der Feind bis unter die Kanonen des Forts St. Julien verfolgt. Gegen 1 Uhr verhallten die letzten Schüsse aus diesem Fort, überall trat Ruhe ein, und nach und nach wurden die Truppen von uns[130] hinter deckende Höhen zurückgezogen. Eine Stunde später blieben wir noch in unserer Stellung, bis auch der Feind sich völlig zurückgezogen hatte, dann erst konnten wir daran denken, meiner Division die wohlverdiente Ruhe zu gönnen. Nördlich der Division Kummer bestimmte ich die Lagerplätze. Zu meiner größten Freude war auch die Proviantkolonne angelangt und brachte meinen ausgehungerten Leuten reichliche Zufuhr. Am 2. September marschierten wir wieder über die Moselbrücke in unsere Kantonnements zurück. Hart am Flusse ließ ich die Division mit klingendem Spiel an mir vorüberziehen und sprach den einzelnen Abteilungen meine besondere Zufriedenheit aus. Das II. Bataillon 85 und die Batterie Eynatten begrüßte ich mit entblößtem Haupte. Man sah den Leuten die Strapazen der letzten drei Tage deutlich an, es war ihnen zu gönnen, daß sie jetzt Ruhe haben sollten. Am 4. September war bei Montois Feldgottesdienst. Als wir dazu versammelt waren, erreichte uns die Nachricht von dem großen Siege bei Sedan, der Kapitulation der Armee Mac Mahons und der Gefangennahme des Kaisers. Man hielt diese Freudenbotschaft kaum für möglich, bis sie vom Generalkommando bestätigt war und der Prediger nun einen Dankgottesdienst abhielt. Unsere Stimmung wurde eine äußerst gehobene, dabei war das Wetter prächtig, und man ließ mit Behagen die nassen Kleider sonnen. Tags darauf erhielt ich den Befehl, in die erste Zernierungslinie zu rücken und die 15. Division abzulösen in den Stellungen zwischen Jussy und Chatel St. Germain. Ich trat meinen Marsch sogleich an, möglichst dem Auge des Feindes entzogen, nach der Talsenkung zu, und erreichte Leipzig um 5 Uhr. Die Einteilung für die verschiedenen Truppen wurde gemacht. Der Stab der 35. Brigade (Blumenthal) lag in Leipzig, Regiment 84 im Biwak bei Leipzig und hielt Chatel besetzt, Regiment 36 im Biwak bei Moskau. Stab der 36. Brigade (Below) sollte nach Point du jour, da das aber eine Ruine war, begab sich der Stab zum Regiment 85, das bei St. Hubert biwakierte. Regiment 11 lag beim Bois de Vaux, und die Jäger wurden nach der Schlucht von Chatel gesandt, um das Wäldchen gegen Plappeville zu besetzen und Verbindung nach links mit dem III. Armeekorps herzustellen1. Während nun die Truppen ihre Aufstellung nahmen, ritt ich zu den Vorposten und kam beim Dunkelwerden in das zerschossene St. Hubert an, wo das Regiment 85 im Biwak lag und meine Leute mir ein Strohlager in der[131] großen leeren Bettstelle zurechtgemacht hatten, in der auch mein Vorgänger General Weltzien, Kommandeur der 15. Division, geschlafen und sich dort den Typhus und den Tod geholt hatte. Am nächsten Tage beritt ich die Stellungen meines rechten und linken Flügels. Dort auf der Schloßruine von Chatel hatte ich als Beobachtungsposten einen Offizier mit einem sehr guten Fernglase aufgestellt. Man konnte sich von hier aus vollständig gegen St. Quentin und rechts weiterfort orientieren. Auch erkannte ich, welche Wichtigkeit das Dorf Chatel für uns haben mußte. Ich ging daher gern auf den Wunsch des Majors von Reibnitz ein, ihm diesen exponierten Posten zu übergeben. In seinen Händen war er mir sicher, und hat sich Reibnitz dort auch wirklich so trefflich verschanzt, daß ich sechs Kompagnien vorschieben und das Dorf zum Stützpunkte meines linken Flügels machen konnte. Diese Dorfumschanzung im Anschlusse an die steilen Höhen ist so interessant und lehrreich, daß ich Arbeiten darüber zusammenstellen lasse, um sie Exzellenz Moltke zu übergeben. Schwere Regentage haben mir seitdem, und bei dem heulenden Sturm merkt man erst, was für ein schlechtes Obdach wir haben. Nicht bloß, daß Türen und Fenster durchlöchert sind, auch in die Wände haben Granaten große Löcher geschlagen, und ein Teil des Daches fehlt ganz. Man wird also natürlich in den sogenannten Stuben ordentlich eingeweicht. Neulich, als wir eben unser einfaches Mahl verzehrt hatten, klopfte es an das Fenster, und wer erschien? Mein geliebter Schwiegersohn, der bis Remilly mit der Eisenbahn gefahren und dann trotz des furchtbaren Regens zu mir geritten war. Ihr könnt Euch denken, was das für eine köstliche Freude war, dies Wiedersehen! Was hatte man sich zu erzählen! Vorerst ließ ich dem lieben Sohn trockne Sachen geben, das heißt, er zog die meinen an, damit sein eigener Anzug trocknen konnte. Dann futterte ich meinen lieben Jungen, so gut ich konnte, und ritt mit ihm, ungeachtet des tollen Wetters, zu den nächsten Vorposten, um ihm Metz, den St. Quentin und einige Rothosen doch wenigstens zu zeigen, ebenso die Lagerplätze. Sie waren jetzt schon versumpft, und die aus Laub gefertigten Hütten brachen im Sturm zusammen, dabei fehlte uns Holz und Stroh gänzlich. Es war kein erfreulicher Anblick. Sturm und Regen wurden während der Nacht immer heftiger, so daß ich mit einer gewissen Besorgnis meinen lieben Sohn, der schon um 8 Uhr weg mußte, fortreiten ließ. Ich gab ihm noch bis Etain eine Dragonerpatrouille mit, da sich in dortiger Gegend vielfach Franktireurs gezeigt hatten. Bei dem tollen Wetter wurden übrigens nach und nach[132] alle Offiziere meines Stabes krank, Gott sei Dank bin ich bis jetzt noch vollständig frisch, nun helfe der Allmächtige so weiter!« ? Das Schreiben meines Vaters brachte mir deutlich zum Bewußtsein, was mein Mann in seinen Feldpostbriefen nicht erwähnt hatte, die Gefahr, die darin lag, allein, nur in Begleitung eines Burschen, mitten im Kriege quer durch Feindesland zu reiten. In der Gegend von Paris sollte er seine 2. Gardedivision finden, da war eine Strecke zu durchqueren, die den immer mehr auftauchenden Franktireurs Gelegenheit genug bot, zwei einzelne Reiter zu überfallen. Bange Sorge schlich sich in mein Herz, aber ich hatte es ja dem geliebten Manne versprochen, mit Gottes Hilfe tapfer zu bleiben und den Kopf nicht hängen zu lassen. Nun galt es, auch durch die Tat zu beweisen, was die Lippen gelobt hatten. Da wurde mir ein Telegramm gebracht: »Bin verwundet, komme mit nächstem Transport. Liliencron.« So stand darin. Mein erster Gedanke war mein Mann und ein Überfall der Franktireurs. Mein treues Mutterchen, deren Anwesenheit mir in dieser Zeit so viel war, suchte mich davon zu überzeugen, daß die Depesche nicht von meinem Manne, sondern von meinem Schwager sein müsse, der mit unseren 3. Gardeulanen die Tage von Beaumont und Sedan mitgemacht hatte. Wir richteten infolgedessen gleich bei uns ein Zimmer für ihn ein, und ich fuhr mit unserem Hausarzt auf die Bahn, denn für den Tag waren mehrere Transporte mit Verwundeten angemeldet. Äußerlich mußte man ja ruhig bleiben, aber wie stürmisch klopfte das Herz, als der Zug einlief und man angstvoll die Uniformen überflog, die blassen Gesichter durchforschte, die sich aus den Fenstern lehnten, und beobachtete, wer aus den geöffneten Türen herausstieg oder herausgetragen wurde. War es mein Mann oder mein Schwager, den ich begrüßen sollte? Und wie schwer war die Verwundung, die der Heimkehrende erlitten hatte? So wirbelten mir die Gedanken durch den Kopf, während ich mit tiefer Wehmut auf die wackeren Söhne unseres Vaterlandes blickte, die mit ihrem Blute ihre Treue besiegelt hatten. Vier Züge durchspähten wir vergeblich, dann fuhren wir heim, weil an dem Tage kein Transport mehr zu erwarten stand. Aber es lief doch noch ein Zug ein, und kaum war ich eine Stunde zu Hause, da sah ich durch das Jägertor, von einer Menschenmenge umringt, einen Rollstuhl von Gymnasiasten schieben, und erkannte die geliebte gelbe Ulanenuniform des Verwundeten, der darin saß. Aber noch konnte ich nicht unterscheiden, wer von den Brüdern es war, der heimkehrte. Wie der Wind eilte ich die Treppe hinunter und stand am Gittertor. Nun[133] wußte ich, es war mein Schwager, der mir aus seinem Rollstuhl zuwinkte. Sein erstes Wort der Begrüßung lautete: »Habe ich dir nicht gesagt, daß ich verwundet werden würde! Nun mußt du mich auch pflegen, wie du versprochen hast.« Während wir noch damit beschäftigt waren, mit Hilfe des Lazarettwärters, der mitgekommen war, meinen Schwager, der einen Schuß durch das Knie bekommen hatte, auf sein Lager zu betten, wurde ich zur Prinzessin Karl von Preußen befohlen. Die Hohe Frau hatte in unserem Hause einen Besuch bei Frau von Gustedt gemacht und war dabei Zeuge von der Ankunft des verwundeten Ulanenoffiziers gewesen. Die Prinzessin teilte mir ihren Wunsch mit, daß mein Schwager gleich in das von Ihrer Königlichen Hoheit gegründete Lazarett in der Karlstraße überführt würde. Mein Schwager jedoch, dem ich die Aufforderung der Prinzessin mitteilte, fühlte sich zu angegriffen nach der Reise und wollte entschieden lieber Privatpflege als Lazarett. Da unser Hausarzt, den meine Mutter währenddessen hatte rufen lassen, auch seinem Wunsche, vorläufig bei uns zu bleiben, zustimmte, so teilte ich Ihrer Königlichen Hoheit, zugleich mit dem Dank meines Schwagers, mit, daß seine Überführung nicht vor 14 Tagen stattfinden dürfe. Nun hatte ich, zusammen mit meiner Mutter, die Verwundetenpflege im Hause und gab selbstverständlich die Lazarettbesuche auf. Die Behandlung der Kniewunde übertrug der Hausarzt mir, persönlich die Oberaufsicht behaltend. Der Zustand unseres Verwundeten war ein wechselnder. Es traten zuerst hochgradige Fiebererscheinungen auf mit wild bewegten Phantasien, die ihn wieder in den Kampf zurückführten oder den Einzug in Paris erleben ließen. Dabei war immer die, zur quälenden Angst gesteigerte Sorge, daß die Franzosen mich fortschleppen wollten. Dann ließ er mein Kleid oder meine Hand nicht los, mit dem anderen Arm umherfuchtelnd, um mich vor dem eingebildeten Feinde zu schützen. Nur freundlich heiteres Sprechen übte dann allmählich eine Beruhigung auf ihn aus und brachte ihn wieder ins Gleichgewicht. Ich konnte in solchen Stunden keinen Augenblick sein Lager verlassen, sonst steigerten sich die Phantasien und mit ihnen die Unruhe auf das bedenklichste. Als die erste Woche vorüber war und die hohen Erregungen seltener auftraten, auch die Wunde keine bedenklichen Symptome mehr zeigte, kam mehr und mehr Ruhe und Klarheit in das Gemüt unseres Verwundeten. Mein Schwager konnte mir nun Näheres über das Gefecht bei Beaumont und die Tätigkeit des Regiments am Sedantage erzählen. Er hatte in den ersten Tagen nach seiner Verwundung, bevor er in die Heimat kam, verschiedene französische Offiziere gesprochen, und so möchte[134] ich denn, was ich von diesem Gefecht zu sagen weiß, von beiden Seiten beleuchtet, wiedergeben. »Der Tag von Beaumont ist kein Ehrentag für unsere Kriegsführung«, hatten die Franzosen selbst erklärt. General de Failly kommandierte ihre Truppen, die sich mehr und mehr in den Gedanken verrannt hatten, daß seit Beginn des Krieges das Unglück diesen General wie ein Verhängnis verfolge. Zur Erläuterung solcher Annahme sei gesagt, daß bei Fröschweiler die Armee Mac Mahons vergebens auf Failly, als einen Retter aus der Bedrängnis, harrte. Er blieb in Bitsch, einem Befehl des Kriegsministers folgend. In Busancy, wo er leicht Vorteile erringen konnte, folgte er dem Befehl, das Gefecht abzubrechen, in dem Augenblick, als er drauf und dran war, es möglicherweise zu gewinnen, und am Tage vor Beaumont, am 30. August, schickte ihm der Marschall einen Kapitän vom Generalstab mit der bestimmten Weisung, sich der drohenden Nähe der Deutschen zu entziehen. Der Kapitän aber fiel in unsere Hände, daher blieb Failly bis zum Abend ohne Befehle. Die Truppen marschierten in der Nacht nach Beaumont, kamen im Morgengrauen an und bezogen dort ihr Lager. Es war um die Mittagszeit, als, durch den Wald gedeckt, unsere Truppen anrückten. Mein Schwager erzählte mir, wie sie beobachtet hätten, daß die Leute ihre Suppe kochten und ihre Uniformen reinigten. Die Kavallerie hätte ihre Pferde teils zur Tränke geführt, teils hätten sie ungesattelt gestanden. Punkt zwölf Uhr wäre dann die erste preußische Granate in das Lager geschlagen. Zuerst, so hatten die französischen Offiziere gemeint, hätten sie an eine blinde Alarmierung geglaubt, und erst als ein verwundeter Husar auf blutendem Pferde mit dem Schreckensruf: »Die Preußen kommen!« ins Lager gestürmt wäre, hätten sie die Wahrheit erkannt. Es wäre nun im ersten Augenblick eine furchtbare Verwirrung entstanden, doch hätte sich die Infanterie schnell zu ihren Verbänden gefunden und wäre zum Angriff übergegangen. De Failly, der mit mehreren höheren Offizieren zum Frühstück in Beaumont geweilt hätte, wäre schnell auf dem Platze gewesen und hätte geschickte Anordnungen getroffen. Trotzdem sich die Truppen des französischen V. Korps vorzüglich hielten, begann doch unter dem Feuer der preußischen Geschütze ein allmählicher Rückzug, der in eine vollständige Flucht ausartete. Über dieses Gefecht bei Beaumont und über die nächsten Tage schreibt mein Schwager in seinem Kriegstagebuch: »In den letzten Tagen des August hatte unser Regiment mit dem Feinde, der in starken Kolonnen[135] auf Beaumont zu marschierte, stets Fühlung. Bei Byzanay bezog ich am 28. August Vorposten, während die feindliche Division Douay zwei Kilometer vor uns im Biwak lag, ohne Vorposten aufgestellt zu haben. Wir konnten bis dicht an das Lager heranreiten und deutlich die französische Infanterie um das Lagerfeuer gruppiert sitzen sehen. Meinen Leuten zuckte es in den Fingern, auf den Feind zu schießen, doch gab ich keine Erlaubnis dazu. Am 29. biwakierten wir bei Bar, und am anderen Morgen früh 6 Uhr wurde aufgebrochen. Doch kam der Befehl, nicht abzumarschieren, da das IV. Korps, das bis dahin noch nicht im Gefecht gewesen war, vorrücken sollte. Um Mittag hörten wir Geschützdonner und ritten auf Beaumont zu, die Kavalleriedivision in schnellem Marschtempo. Immer deutlicher wurde der Kanonendonner, man konnte sogar Mitrailleusen- und Gewehrfeuer unterscheiden, und immer mehr verschärften wir unser Marschtempo. Gegen 4 Uhr nachmittags, nachdem wir einen großen Wald durchquert hatten, kamen wir aufs Schlachtfeld. Vor uns lag das verlassene französische Lager. Die Sachsen hatten die Franzosen gerade beim Mittagsmahl überrascht, und bei dieser Gelegenheit machten die Kochtöpfe der Franzmänner mit den feindlichen Granaten Bekanntschaft. Der Feind hatte sich schleunigst nach Beaumont zurückgezogen, das Lager war unversehrt geblieben. An der Straße fanden wir viele Verwundete, unter diesen auch einen blessierten Offizier, der von einem unserer Ulanen fast umgebracht wäre. Beim Ausrücken unseres Regiments aus Potsdam hatte nämlich unser Kommandeur Prinz Hohenlohe die Ulanen darauf aufmerksam gemacht, daß die Zuaven, wenn sie attackiert würden, sich auf die Erde würfen und die Reiter über sich hinweggehen ließen, um alsdann hinterher zu schießen. Die Ulanen sollten daher in diesem Falle den Stich zur Erde machen. Mein Polack hatte nun die Sache so aufgefaßt, daß er jeden noch lebenden Franzosen, der auf der Erde läge, erstechen sollte. Eben war er im Begriff, dem Offizier den Garaus zu machen, als ich noch zur rechten Zeit kam, um ihm die Lanze aus der Hand zu schlagen. Mit den Worten: ?Is sich noch nicht ganz tot, Herr Leutnant?, entschuldigte er sich. Das Gefecht ging zu Ende, als wir kamen, und beim Dunkelwerden räumten die Franzosen den Platz. Unsere Truppen bezogen auf dem Schlachtfelde Biwak, und mein Regiment lag ganz in der Nähe des französischen Lagers. Von meinem Rittmeister erbat ich mir Urlaub, um den nötigen Proviant zu beschaffen, und in Begleitung des Leutnants Prinzen Ratibor machte ich mich auf den Weg ins französische Zeltlager.[136] Es war mittlerweile ganz dunkel geworden, und nur beim Scheine einer Kerze konnten wir in den Zelten Umschau halten. In einem derselben bot sich uns ein herzerschütternder Anblick. Ein französischer Offizier lag, durch den Kopf geschossen, vor uns. In der Hand hielt er einen Brief, der schon adressiert war, vor ihm lag ein aufgeschlagenes Gebetbuch. Den Brief habe ich an seine Adresse gesandt, die Leiche mußten wir liegen lassen. Prinz Ratibor und ich suchten nun die brauchbaren Gegenstände zusammen, unter anderem ein Zelt. Schwer beladen traten wir den Rückzug an, fielen in der Dunkelheit noch eine steile Chausseeböschung hinab, ohne uns aber irgendwie zu verletzen, und langten glücklich bei der Truppe an. Nun galt es noch, Futter für die Schwadron zu requirieren, so machte ich mich denn mit einigen Ulanen auf den Weg nach Beaumont. Hier sah es bunt aus, die Häuser waren von unseren Truppen bis unter das Dach besetzt. Von Hafer konnte ich keine Spur entdecken und war froh, gegen Morgen wenigstens ein paar gut bepackte Maulesel zu finden, die von einem französischen Generalstrain herzurühren schienen. Die Tiere waren aber so störrisch, daß man sie gar nicht von der Stelle bekam. Plötzlich wurde alarmiert und ich mußte alles im Stich lassen, um so schnell wie möglich zu meiner Truppe zu kommen. Ein Sack mit Reis, den mein Bursche erbeutet hatte, war das einzige, was wir mitbrachten. Am 31. wurde der Marsch nach der belgischen Grenze fortgesetzt. Carignan war noch von den Franzosen besetzt, und in der vorherigen Nacht hatte Napoleon hier geschlafen. Die Artillerie beschoß den Ort, den wir am Abend erreichten, und dann bezogen wir etwas weiter bei Matton, das von seinen Bewohnern verlassen war, Kantonnementsquartiere. In der Frühe des 1. September wurden wir alarmiert. Geschützdonner in der Richtung von Sedan gab die Marschrichtung an. Gegen 10 Uhr kamen wir aufs Schlachtfeld und nahmen Aufstellung hinter den Batterien der Gardeartillerie. Das Regiment saß ab, einige Offiziere ritten zu den Batterien, die ein heftiges Feuer gegen die Höhen jenseits von Givonne unterhielten, da dort größere feindliche Truppenmassen sich zeigten. Nach etwa einer Stunde wurde wieder aufgesessen, und wir gingen gegen Givonne vor. Der Ort liegt im Tale, und wir konnten, als wir es erreicht hatten, deutlich die Granaten fliegen sehen, die unsere Artillerie über unsere Köpfe hinwegschoß. Unsere Aufgabe bestand darin, den Ring, den die deutschen Truppen um die französische Armee gezogen hatten, zu[137] schließen. So gingen wir denn in der Richtung nach Illy vor, hatten bald die Fühlung mit dem XI. Korps erreicht und somit unsere Aufgabe vorläufig gelöst. Als aber die Franzosen Vorstöße gegen die belgische Grenze versuchten, und ein feindliches Jägerbataillon mit ausgeschwärmten Schützen gegen unsere Stellung vorging, rief ich: ?Mir nach!? und rückte mit meinem Zuge dem Feinde entgegen. Ich bekam ein mörderisches Feuer und fiel, nachdem mir der Tschapka vom Kopf, der Säbel aus der Hand geschossen war und ich eine Schußwunde durchs linke Knie bekommen hatte, vom Pferde. Von meinen Ulanen waren 18 teils verwundet, teils gefallen. Ich hatte zuerst die Besinnung verloren, und als ich wieder zu mir kam, sah ich nichts mehr vom Regiment. Mein Knieschuß schmerzte mich sehr, und starker Blutverlust nahm mir die Kräfte. Französische Infanteristen, die herankamen, bat ich um Wasser, doch konnten sie mir keins geben, fingen aber statt dessen an, mich auszuplündern. Sie schnitten mir die Knöpfe von der Ulanka ab, rissen an der Rettungsmedaille, die sie aber nicht abbekamen, und suchten nach Geld. Zufällig hatte ich jedoch so gut wie nichts bei mir, und schimpfend über den Mißerfolg trollten sie ab. Etwas später näherten sich mir einige Chasseurs à pied, denen ich noch heute von Herzen dankbar bin für ihre Hilfe. Sie trugen mich in ein Gehölz, das ihre Truppe, eine Kompagnie Jäger, besetzt hatte. Ihr Hauptmann, Emil Jolly, nahm sich meiner sehr kameradschaftlich an, verband mich, reichte mir zu trinken und zu essen. Ich übergab ihm meine Visitenkarte und einen Brief, den ich an meine Mutter geschrieben hatte. Amazon.de Widgets Er riß dann aus seinem Notizbuch ein Blatt, schrieb seinen Namen darauf und darunter die Worte: ?Honneur au courage malheureux!? Dies Blatt ist noch in meinem Besitz, es wird hoffentlich lange in meiner Familie bleiben und als Andenken an jene Zeit und an die edle Tat des Feindes in Ehren gehalten werden. Emil Jolly wollte mich in ein Feldlazarett tragen lassen, doch ehe das geschehen konnte, war das Lazarett durch Granaten in Brand geschossen. Nun ließ er mich in einen Brückendurchlaß legen, da das Gehölz von unserer Korpsartillerie und der des Korps XI ? 220 Geschütze ? unter Feuer genommen wurde. Den Ausgang des Brückendurchlasses ließ er durch Sättel und Kürasse verbarrikadieren. Sehr unangenehme Stunden ? die Zeit schien mir endlos ? begannen für mich. Unsere Artillerie übersäte das Gehölz förmlich mit Granaten, und Jolly verließ mit seiner Kompagnie sofort die Stellung.[138] Wie lange ich so lag, weiß ich nicht. Als endlich das Geschützfeuer verstummte, suchte ich, auf allen Vieren kriechend, mein Versteck zu verlassen. Vorsichtig schob ich die am Eingange liegenden Kürasse beiseite und steckte den Kopf heraus, um mich nach Hilfe umzusehen. Eine Zuave hatte mich entdeckt und sofort sein Gewehr auf mich angelegt. Doch auch ich hatte ihn bemerkt und zog mich schleunigst wieder in meinen Bau zurück. Jetzt sprang mein Zuave den Graben herunter, in der freundlichen Absicht, mich zur Strecke zu bringen. Aber er ließ von seinem Vorhaben ab, wohl in dem Gefühl, von seiner Truppe beobachtet zu werden. Gleich darauf erschien auch eine Patrouille Emil Jollys, der ihn gesehen hatte, und entfernte den Zuaven von meinem Aufenthalt. Etwa zwei Stunden lag ich dann noch im Graben, bis unsere Gardejäger das Holz nahmen und mich Graf Pourtalès aus dieser greulichen Lage befreite. Das Füsilierbataillon des 1. Garderegiments hatte sich inzwischen auch in unserer Stellung festgesetzt, und zwei ihrer Krankenträger legten mich auf ihre Gewehre, diese als Tragbahre benutzend, bis ich zu meiner Erleichterung bald darauf eine wirkliche Tragbahre erhielt und nach Givonne gebracht wurde. Alle Lazarette waren überfüllt, doch endlich fand ich Unterkommen in einem Hause, in dem hauptsächlich Franzosen lagen. Am 5. verließ ich mit einem Transport Verwundeter Givonne. An der belgischen Grenze wurde uns zuerst die Durchfahrt verweigert, da dem Vorpostenkommandeur noch nicht bekannt war, daß auf diplomatischem Wege der Durchmarsch von Verwundetentransporten von der deutschen Regierung bei der belgischen erwirkt war. So mußten wir lange auf der Chaussee in der Sonnenglut halten, bis es unsern Johanniterrittern gelungen war, für uns freie Fahrt nach Bouillon zu erwirken. Dort erregte unsere Ankunft großes Aufsehen. Franzosen, die beim Anbruch der Schlacht dorthin geflohen waren, beschimpften uns auf das gröblichste, als wir auf dem Marktplatz der Stadt hielten, wo ein Kloster lag. Die Schwestern, die das rohe Benehmen der Franzosen bemerkt hatten, ließen das Tor zum Klosterhof öffnen und nahmen uns auf. Nachdem sie uns gut verpflegt hatten, fuhren wir, ein paar Stunden später, weiter bis Libramon, wo ich bei freundlichen Bürgersleuten ein gutes Quartier fand. Als wir am anderen Morgen zur Bahn transportiert wurden, trafen wir dort Mac Mahon mit der Herzogin, die ihren Mann persönlich von Sedan abgeholt hatte. Um Mittag kamen wir in Lüttich an. Da sich vorher die Nachricht schon verbreitet hatte, daß ein größerer[139] Verwundetentransport ankäme, so war dort eine ungeheure Menschenmenge versammelt. Die Anwesenden rissen sich förmlich um uns Verwundete, jeder wollte uns Erfrischungen reichen. Mit dem nächsten Zuge ging es nach Aachen. An der deutschen Grenze wurden wir von einem Festkomitee empfangen, und ein Veteran von 1813 hieß uns im Vaterlande in feierlicher Ansprache willkommen. Am 8. langte ich in Potsdam an und wurde nun von den Primanern des dortigen Gymnasiums in einem Krankenwagen in die Wohnung meiner Geschwister gefahren ....« Drei Wochen später war mein Schwager so weit hergestellt, daß er nach dem Lazarett der Prinzessin übersiedeln konnte, und auf Wunsch der Hohen Frau stellte ich mich nun dort und in der Baracke zur Verfügung, um für die Pflege verwandt zu werden. Bisher war uns Offiziersfrauen, da wir nicht gelernte Krankenpflegerinnen waren, nur der leichte Dienst in den Lazaretten anvertraut worden, Binden legen, den Patienten das Essen bringen, sie eventuell füttern, Briefe für sie schreiben usw. Da aber hier in der Baracke die pflegende Schwester erkrankt war, fragte mich der Arzt, ob ich es übernehmen wollte, die Schwester während ihrer Krankheit zu vertreten und ihm die nötigen Handreichungen bei dem Verbinden und den Operationen zu leisten. Selbstverständlich sagte ich ihm ohne weiteres Besinnen zu, denn an pflegenden Kräften mangelte es, aber mir bangte davor. Wenn ich auch immer selbst die Kniewunde meines Schwagers gereinigt und verbunden hatte, so war es doch noch ganz etwas anderes und mir völlig Neues, was mir nun übergeben wurde. Doch auch hier, wie so oft im Leben, habe ich es erfahren, daß, wenn Gott uns eine Pflicht zuweist, er uns auch die Kraft gibt, sie zu erfüllen, wir müssen nur fest seiner Durchhülfe vertrauen. Weder die Operationsmesser, noch die bloßgelegten Wunden hatten ? wie ich gefürchtet ? einen Schrecken für mich. Ich war froh, daß mir nachher in der Typhusbaracke, zusammen mit einem Pfleger, die Aufsicht übergeben wurde, konnte ich doch da einem sterbenden Franzosen noch die letzten Liebesdienste erweisen und ihm in seiner Muttersprache tröstende Worte sagen. Tod, Krankheit und Wunden, die mir in diesen Wochen so greifbar nahe traten, verschärften in meinem Herzen eine unbestimmte Sorge, die mich bezüglich meines Mannes erfaßt hatte. Einige hingeworfene Äußerungen in seinen Briefen, sowie verschiedenes andere kam dazu, um dem Gedanken, daß mein Mann erkranken würde, immer mehr Wahrscheinlichkeit zu geben. Schließlich war ich fest davon überzeugt, daß mich über kurz oder lang solche Nachricht erreichen würde. Ich machte mich[140] daher auf ein paar Stunden frei und fuhr nach Berlin zum Großonkel Wrangel. Mein Mutterchen war freilich zuerst entsetzt gewesen bei dem Gedanken, daß ich möglicherweise mitten in das Kriegsleben hineinreisen wolle. Aber nicht nur die Erlaubnis, sondern auch der brennende Wunsch meines Mannes, mich im Fall einer Erkrankung oder Verwundung bei sich zu haben, stand mir zur Seite, daher hatte sie auch völlig meinen Entschluß begriffen und nur zur Bedingung gestellt, daß ich diese eventuelle Reise nicht mutterseelenallein unternehmen sollte. Ein alter Onkel meines Mannes, Baron Kaas, dessen Sohn auch bei der 2. Gardedivision stand, bot sich bereitwillig an, mich, eintretenden Falles, begleiten zu wollen. Es war mir völlig klar, welche Schwierigkeiten für eine Frau zu überwinden waren, um die Erlaubnis zu erhalten, zur Kriegszeit in Feindesland hereingelassen zu werden und weiter zu kommen. Für mich war diese Schwierigkeit dadurch erhöht, daß sich meine Bitte noch nicht auf etwas Positives stützen konnte. Nun hatte ich dem Großonkel die Sorge um meinen Mann gestanden und ihn gebeten, mir die nötigen Papiere zu verschaffen, damit ich, im Fall mein Mann mich brauchen sollte, sofort abreisen könnte. Der alte Herr wollte zuerst nichts davon wissen, stellte mir das Durchkommen als äußerst fraglich hin und redete mir dringend ab. Als er aber sah, daß ich mich nicht einschüchtern ließ, schwieg er einen Augenblick und fragte dann mit großem Ernst: »Hast ihn denn so lieb?« Mir traten die Tränen in die Augen, antworten konnte ich nicht. Da nahm er meinen Kopf in seine beiden Hände und küßte mich auf die Stirn. »Sollst zu ihm reisen, wenn er dich braucht, trautstes Marjellchen, und Gott behüte dich«, sagte er. Wir fuhren zu den Fürsten Pleß und Ujest, welche die Sachen vom Roten Kreuz bearbeiteten, und, unterstützt vom Großonkel, trug ich mein Anliegen vor. Die Herren äußerten ihr Bedenken, wollten mir die Sache als eine unnötige Sorge ausreden, aber schließlich erhielt ich doch für mich und einen Begleiter Paßkarten mit unserem Namen, als Krankenpfleger und Krankenpflegerin, geschickt in die Lazarette zu ... Name und Datum mußten fortbleiben, die konnten erst zu einer späteren Zeit hineingesetzt werden. Die weiße Armbinde mit dem roten Kreuz bekam ich aber gleich mit. Nun ließ ich mir noch einen schlichten, dunkelgrauen Anzug machen, wie ihn die freiwilligen Pflegerinnen trugen, und ging nie von zu Hause weg, ohne zurückzulassen, wo ich aufzufinden sei für den Fall, daß eine Nachricht vom Kriegsschauplatz eintreffen sollte. Jetzt war ich einigermaßen beruhigt, denn ich hatte an vorbereitenden[141] Schritten getan, was in meiner Macht stand, und konnte mich nun wieder ganz der Pflege im Karlslazarett widmen. Die täglichen Briefe meines Mannes lauteten sehr befriedigend, er war wohl und fühlte sich außerordentlich zufrieden in seiner Stellung. Die Quartiere bei der Zernierung von Paris wechselten, waren aber alle durchgehend gut, und das einzige, was mein Mann als etwas sehr Peinliches empfand, war das Requirieren, zu dem er oft genötigt war und sich dann immer bemühte, es möglichst schonend einzurichten. Zur Freude meines Schwagers meldete er auch, daß dessen Pferd bei Beaumont irrtümlicherweise von einem Offizier des 4. Garderegiments als Beutepferd aufgegriffen und ihm jetzt zugesandt sei. Es hätte damals einen Schuß über die rechte Fessel bekommen und einen Streifschuß an der Schulter, wahrscheinlich von der Kugel, die seinem Reiter die Knieverwundung beigebracht hätte. »Wie ein großartiges Manöver kommt mir vorläufig die ganze Geschichte hier vor«, erzählte mein Mann. »Man hört wohl von kleinen Scharmützeln, aber zu ernsten Gefechten ist es noch nicht gekommen.« Auch die Briefe meines Vaters waren in dieser Zeit nicht mehr von kriegerischen Ereignissen erfüllt. Er schrieb, daß das ungenießbare Essen aufgehört habe und sie zu wohlschmeckenden Mahlzeiten durch seinen neuen Koch, Fritz Mayer vom Regiment 84, gekommen seien. Bis zum Ende des Feldzugs begleitete diese treue Seele, wie mein Vater ihn nannte, das Hauptquartier der 18. Division und erfreute die Herren durch seine treffliche Kochkunst und seine unverwüstliche Laune, und bis an sein Lebensende erhielt mein Vater zu seinem Geburtstage einen Glückwunsch von Fritz Mayer. Über das Lagerleben in St. Hubert finden sich noch einige Aufzeichnungen, in denen mein Vater schreibt: »Wir haben uns an das tägliche Feuern von St. Quentin und Plappeville gewöhnt, ja wir wundern uns jetzt schon, wenn einmal dieser Morgengruß von den Forts ausbleibt. Mein braver Kapellmeister vom Regiment 85 wollte der erste sein, der mir zu meinem Geburtstage eine Aufmerksamkeit erzeigte. Am 27. September beim Dunkelwerden bemerkte ich, wie sich von dem gegenüberliegenden Lager eine Art Fackelzug auf St. Hubert zu bewegte. Die Leute hatten Lichter auf Stöcke befestigt und darüber Weinflaschen gestülpt, um sie vor dem Wind zu schützen. Das waren die 85er, die mich mit einer Serenade überraschten. Tags darauf, beim herrlichsten Wetter, brachten mir sämtliche Musikkorps ein Morgenständchen, und dazu brummte und donnerte Fort St. Quentin.[142] Auch die Offizierkorps der Truppenteile, die nicht hart vor dem Feinde lagen, kamen und sprachen mir in herzlichster Weise ihre Glückwünsche aus. Koch Mayer hatte ein brillantes Mittag zusammengestellt und imponierte uns sogar dabei mit einer brennenden Eistorte. In heiterster Laune schlürften wir nachher unseren Mokka im Garten. Jetzt ist aber wieder schauderhaftes Wetter, um so mehr freute ich mich der Liebesgaben, die reichlich anlangten und die ich an meine still darbenden Leute verteilen konnte. Bei meinen Besuchen der Vorposten tat ich tiefe Blicke in die immer mehr zunehmende Demoralisation des Feindes. Die Deserteure kamen truppweise und flehten meine Leute an, sie gefangen zu nehmen, da sie sonst verhungern müßten. Auch für uns gestaltet sich der Aufenthalt im Lager immer schlimmer, besonders flößen mir die nur oberflächlich verscharrten Leichen Besorgnis ein, und ich muß immer mehr Kranke nach Deutschland zurückschicken. Die Truppen haben, um den Verkehr einigermaßen in dem aufgeweichten Boden zu erleichtern, eine Art Steinstraße unter unsäglicher Mühe hergestellt, die sich bei dem furchtbaren Wetter als eine große Wohltat erweist. Das Lager der Regimenter 85 und 36 sieht besonders traurig aus. Die leicht gebauten Hütten sind teilweise vom Sturm niedergerissen und weggeschwemmt, auch die Dächer fehlen gänzlich diesen provisorischen Bauwerken. Auf den Trümmern ihrer armseligen Wohnstätten sitzen nun Offiziere und Mannschaften und versuchen einigermaßen ihre triefenden Kleider zu trocknen. Wann wird die ersehnte Kapitulation von Metz erfolgen, so fragt einer den andern, und ein jeder erwartet es von Tag zu Tag ....« »Longeville, den 29. Oktober. Ein bedeutungsvoller Tag! Depeschen werden die Nachricht von dem Abschlusse der Kapitulation von Metz schon in die Heimat getragen haben und ebenso den Befehl, den wir erhalten haben, daß die Truppen in die feindlichen Forts einzurücken hätten. Heute mittag 12 Uhr sollte ich mit zwei Bataillonen, zwei Geschützen und einem Pionierdetachement das Fort St. Quentin besetzen. Die beiden Bataillone vom Regiment 11 und 84, die so lange in Chatel und Rozerieulles gestanden hatten und dem Feinde unausgesetzt gegenüber gewesen waren, bestimmte ich zu diesem Ehrendienst. Ich ritt mit meinem Stabe und zahlreichen Offizieren voran. Ein gußartiger Regen schlug uns entgegen, als wir das Dorf Lessy erreichten und dort unseren Weg durch das vollzählige Armeekorps des Generals Ladmirault nahmen. Vorher hatte ich mir durch meinen Adjutanten[143] die Zusicherung des Generals einholen lassen, daß den Truppen bei ihrem Durchmarsch durch Lessy, das Ladmirault noch besetzt hielt, kein Hindernis in den Weg gelegt werden sollte. Während neun Wochen hatten sich diese selben Franzosen und Preußen gegenübergestanden und fast täglich Schüsse gewechselt. Jetzt zogen zwei preußische Bataillone unbefangen und furchtlos durch ein vollzähliges französisches Armeekorps. Teils mit offenem, teils mit verbissenem Grimme sahen die Franzosen auf den Durchmarsch. Einige fluchten, andere aber drängten sich an die Soldaten, um Schnaps oder Zigarren bettelnd, was ihnen auch von den gutmütigen Holsteinern, den 84ern, reichlich gespendet wurde. Die Schlesier dagegen vom Regiment 11 gingen weniger darauf ein. Der Weg durch Lessy und hinauf in der Schlucht zwischen Plappeville und St. Quentin war gründlich aufgeweicht und total ausgefahren. Die rechts und links liegenden Lagerplätze der Truppe zeigten sich in noch schlimmerem Zustande als bei uns, und die vorbeiziehenden französischen Soldaten flößten mir in jeder Beziehung wahrhaftes Mitleid ein. Unterdessen hörte der Regen auf, die Sonne durchbrach die Wolken und umleuchtete mit grellen Strahlen die Spitze des Mont St. Quentin. Wie Jubel ging mir's durch das Herz, war dies doch die Stätte, um die wir so heiß gekämpft und oft so schwer gedarbt hatten. Von der Einsattelung zwischen den beiden Forts wandte sich ein neu geschütteter Weg rechts herum und führte ziemlich steil hinauf in das Fort, vorbei an vielen noch unvollendeten fortifikatorischen Arbeiten. Hart vor diesem Fort bog der Weg nochmals scharf nach rechts und ging über eine kleine Place d'armes in das Tor des Forts, vermittelst einer unfertigen Brücke, die nur auf zwei Holzböcken ruhte, kein Geländer hatte und überhaupt höchst verfänglich erschien. Vor dieser Brücke machte mein Vortrupp halt und besah sich aufmerksam dieses merkwürdige Gerüst, welches sie jetzt nur noch von einem Ziele trennte, das ihnen wochenlang als der glorreiche Endpunkt dieser mühevollen Arbeit erschienen war. Auch ich betrachtete mir das wacklige Ding, und unwillkürlich mußte ich an die verfängliche Brücke von Laon denken. Um alle aufsteigenden Grübeleien abzuschneiden, ritt ich als erster hinüber und in das Fort hinein, wo mir ein französischer Offizier die Schlüssel von St. Quentin übergab. Welch ein trauriges Bild bot sich uns aber jetzt im Innern dieses Forts! Die Pferde versanken bis an die Knöchel im Schmutz, rechts, längs des Wallganges, lagen leere und volle Pulverfässer, zerschlagene Waffen und Instrumente von mehreren Musikkorps. Links an der Mauer türmten sich zwischen umgestürzten Geschützen Pferdekadaver[144] auf, und in den Kasernenräumen waren alle Plätze, die nicht mit abgelieferten Waffen gefüllt waren, derartig absichtlich beschmutzt, daß ihre Verfassung jeder Beschreibung spottete. Um die eben abziehenden Feinde nicht noch im letzten Augenblick besonders zu reizen, war es ausdrücklich untersagt, ein Hoch auf den König auszubringen. Da ich aber doch nicht die Besetzung des stolzesten aller Forts ohne eine gewisse Feierlichkeit vorübergehen lassen wollte, so mußte ich mir etwas anderes ausdenken. Ich ließ die Truppen, enggeschlossen, sich hintereinander aufstellen mit der Front gegen den Wall, auf den beide Bataillone ihre Fahnen aufpflanzten. Zwischen diesen wehenden Feldzeichen entfaltete der Oberst von Klitzing eine große weiße Fahne mit dem preußischen Adler. Sobald diese sich entrollte und der schwarze Königsvogel lustig über den Wällen flatterte, stimmten die beiden mitgenommenen Musikkorps die Nationalhymne an. Noch einmal leuchtete die Sonne auf den wehenden Fahnen und blitzte auf den Instrumenten, dann versank sie hinter einer schwarzen Wolkenwand. Von neuem strömte gleich darauf der Regen auf Fort St. Quentin und die besiegte Feste nieder. In den sehr beschränkten Unterkunftsräumen hatte nur das Bataillon vom Regiment 84 Platz gefunden, während das vom Regiment 11 nach Sey ins Kantonnement abrückte. Nachdem ich mir noch die halb eingegrabene Kanone angesehen, die mich fast täglich mit einem Morgengruß erfreut hatte, trat ich in den oberen Kasemattenturm, in dem Kittlitz, den ich zum Kommandanten des Forts ernannt, ein Frühstück besorgt hatte. Das erste Glas schäumenden Sekts weihte ich unserem Könige, dann brachte Blumenthal das Wohl des Prinzen Friedrich Karl aus. Nach diesen Feierlichkeiten ritt ich über Lessy nach Rozerieulles, wo sich das Regiment 11 sammelte, um mit mir zusammen nach Longeville zu rücken. Mein Quartier hier ist ganz gut, ich benutze die erste Ruhestunde heute, um zu schreiben. Eben will ich mich schlafen legen, da kommt der Befehl, daß wir, statt der versprochenen drei Ruhetage, morgen ganz früh abmarschieren sollen, da unsere Gegenwart bei Orleans dringend gewünscht würde.« 1 Amazon.de Widgets Im wesentlichen wurde diese Einteilung bis zur Kapitulation festgehalten. 
 VIII. Aus dem Kriegstagebuche meines Vaters. Erinnerung an den Mainfeldzug. Gefechte bei Wiesenthal, Kissingen, Winkel, Laufach und Aschaffenburg.  [77] General Falkenstein hatte am 7. Juni durch einen Gewaltmarsch Hannover erreicht, die Stadt war vom Feinde verlassen, als der General vor dem Schlosse hielt und die Truppen mit klingendem Spiel an sich vorbeimarschieren ließ. Mein Vater wurde zum Kommandanten von Hannover ernannt und hatte alle Hände voll zu tun, um Einquartierungen zu regeln, die Wachen aufzustellen, nach feindlichem Kriegsmaterial zu suchen und die Stimmung des Volkes zu überwachen. Am 20. wurde er abgelöst, um seiner weiter vorrückenden Brigade nachzukommen, und erhielt den Befehl, mit drei Bataillonen und einer Batterie nach Kassel zu rücken. Dort war er der älteste Offizier und hatte ein buntes Gemisch von allen möglichen Truppen unter sich. Kaum aber war hier einigermaßen alles geordnet, so wurde er nach Göttingen zurückgerufen und erfuhr hier, daß er noch an demselben Abend den Truppen als Reserve zu folgen habe.[77] Ermüdende Märsche folgten, bis am 1. Juli General von Falkenstein seine drei Divisionen bei Eisenach zusammengezogen hatte, um sich gegen die bayrische Armee und das VI. Bundeskorps zu wenden. Trotz der Überlegenheit seiner Gegner entschied sich der General von Falkenstein für die Offensive, indem er sich wie ein Keil zwischen die beiden noch getrennten feindlichen Armeen schob, mit dem Vorsatz, dieselben einzeln zu schlagen. Auf der großen Straße über Fulda und Hanau, zwischen dem Vogelsgebirge und dem Spessart, sollte die Mainarmee nun durch einige schwierige, leicht zu verteidigende Engpässe vorwärtsrücken1. Mein Vater schreibt über diese nun folgenden Gefechtstage: »Am 3. Juli langten wir in Öchsen an, wo ich bei einem armen, aber sehr freundlichen Pastor lag. Mit der Verpflegung sah es da knapp aus, obgleich seine Tochter sich die größte Mühe gab, uns alle satt zu bekommen. Abends hatten die Leute irgendein Instrument aufgefunden, und heiter tanzte die ganze Gesellschaft in der Tenne bis zum Dunkelwerden. In der Nacht trat in mein bescheidenes Schlafzimmer plötzlich General Goeben und eröffnete mir, daß er Befehl erhalten habe, etwa anrückende Kolonnen des Gegners durch einen kurzen Vorstoß zurückzuwerfen und noch am selben Tage nach Fulda weiter vorzugehen. Meine Brigade sollte als Avantgarde der Division auf Dermbach marschieren. Ich schickte sofort Ordonnanzen mit den erforderlichen Befehlen ab, ließ Generalmarsch schlagen, nahm die beiden, dort im Kantonnement liegenden Bataillone zur Avantgarde und marschierte gegen Oberalba vor. Von den sehr dominierenden Höhen konnte ich das Terrain bis zum Nebelberge übersehen, doch das trübe Wetter ließ nichts Bestimmtes erkennen. Tags darauf ? am 4. Juli ? entwickelte sich nun das Gefecht von Dermbach, das die Truppen unserer Division gleichzeitig, doch ohne direkte Verbindung untereinander führten, die Brigade Kummer bei Zehla gegen die Division Zoller, und meine Brigade bei Wiesenthal gegen die[78] Division Hartmann. Der Neubergsrücken trennte unsere beiden Brigaden. Als bei Zehla die ersten Kanonenschüsse fielen, hatte ich Dermbach erreicht und schickte zur Aufklärung des Terrains eine Husareneskadron voraus. Wiesenthal war von den Bayern besetzt, sie wurden von unseren anrückenden Truppen aus dem verbarrikadierten Dorf verdrängt und wichen bis zu dem vor Roßdorf liegenden bewaldeten Höhenrücken, dem Nebelberge, zurück. Ich ließ die Batterie Cöster auffahren, deren wirksamem Feuer es gelang, die Bayern von den vorderen Abhängen zu vertreiben, während die Kompagniekolonnen sich in ihrem raschen Vordringen weder durch die Steilheit der zu erklimmenden Abhänge, noch durch den aufgeweichten Boden, noch durch zahlreiche Verluste aufhalten ließen. Als eine feindliche Abteilung nach der anderen von der bewaldeten Spitze des Nebelberges oder hinter dessen Ausläufer verschwand, erhielt ich den Befehl des Generals Goeben, nicht zu weit vorzugehen. Doch da meine Kompagnien bereits auf der Hälfte des Nebelberges waren, so wollte ich erst die Kuppe nehmen lassen und dann haltmachen. In diesem Sinne schickte ich durch meine beiden Adjutanten Befehle an die kämpfenden Truppen. Währenddessen debouchierten auf der Chaussee von Roßdorf nördlich des Berges neue feindliche Bataillone, die, hart flankiert von dem Bataillon Rüstow, von diesem mit lebhaftem Schnellfeuer begrüßt wurden. Mein braver Rüstow war trotz vielfacher Vorstellungen zu Pferde geblieben, um besseren Überblick zu behalten. Eine der ersten Kugeln traf seine Säbelscheide und sein Pferd, das durchging, gleich darauf erhielt er einen Schuß in den Unterleib und sank zur Erde. Man trug ihn aus einen Heuhaufen. Aber während ihm noch der Verband angelegt wurde, erreichte ihn die dritte Kugel, das war ein Kopfschuß und der tötete ihn. Der Kampf auf dem Berge wurde nun sehr heftig, und dabei hörte man ganz deutlich hinter dem Nebelberge Kanonen und Gewehrschüsse. Goeben, der eben angekommen war, erteilte mir nun die gewünschte Erlaubnis, den ganzen Berg zu stürmen, um in das jenseitige Tal hinabzusehen und dann nach den Umständen handeln zu können. Infolgedessen zog ich meine beiden Reservebataillone in eine gedeckte Stellung, schob meine drei Husareneskadrons vor, ließ Patrouillen nach allen Richtungen abgehen und rief meinen drei Bataillonen, die in erster Linie standen, nicht mehr das gebieterische Halt zu. Bald ging dann auch die Meldung ein, daß die vordersten Schützengruppen sich hart vor Roßdorf eingenistet hätten, zugleich aber auch der[79] ganz bestimmte Befehl von Goeben, nunmehr jedenfalls das Gefecht abzubrechen. Das hatte nun allerdings seine Schwierigkeiten. Die Truppen waren im heftigen Kampf und eben im Begriff, sich ihre Siegestrophäen in Roßdorf zu holen, wo eine feindliche Batterie sich festgefahren hatte, auch mußten die Toten und Verwundeten noch weggeschafft werden, die zwischen Wiesenthal und dem Nebelberg lagen. Der Abzug der Truppen konnte daher nur langsam erfolgen und wurde dadurch erschwert, daß die Straßen durch den Transport der Verwundeten oft völlig gesperrt waren. Nach einem entschieden siegreichen Gefecht ohne weiteres wieder zurückzugehen, erzeugt unwillkürlich ein unangenehmes Gefühl, und diese Empfindung wurde dadurch noch gesteigert, daß ich selbst Wiesenthal nicht besetzt halten durfte, trotzdem die ganze Kirche mit Verwundeten angefüllt war. So kam ich denn hungernd und in keiner liebenswürdigen Laune mit meiner Infanterie in Dermbach an und erhielt daselbst von Goeben den Befehl, unverzüglich nach meinem alten Kantonnement zurückzumarschieren. Durch eine Schnitte Kommißbrot und ein Stückchen Speck gestärkt, trat ich bei ununterbrochenem Regen den Rückmarsch an. Für den nächsten Tag, den 5. Juli, war das Rendezvous der Brigade nach Öchsen bestellt, um von da aus noch einmal die Bayern anzugreifen. Doch nachdem wir dort zwei Stunden gewartet hatten, traf die Meldung ein, daß der Feind schon gestern nach Süden abmarschiert sei, und General Falkenstein, der selbst dort war, befahl nunmehr den sofortigen Abmarsch nach Geisa. Amazon.de Widgets Vorher aber konnten wir noch den versammelten Truppen die eben telegraphisch angelangte frohe Botschaft vom Siege bei Königgrätz mitteilen, die mit unerhörtem Jubel aufgenommen wurde.« »9. Juli. Da die Rekognoszierungen am Morgen des 5. ergeben hatten, daß der Feind nach dem Werratal abgezogen war, so ließ General Falkenstein den Vormarsch seiner Armee aus Fulda wieder aufnehmen. Unterwegs erhielt Göben auf der Strecke zwischen Waldfenster und Kissingen die Meldung, daß letzteres vom Feinde besetzt sei. Er dirigierte daher die an der Tete marschierende Brigade Kummer rechts über Altershausen nach Garitz und ließ meine Brigade als Gros unmittelbar folgen, hinter ihr Tresckow mit der Reserve. Kummer wurde angewiesen, vom linken Flußufer aus mit dem Feinde ein lebhaftes Feuergefecht zu unterhalten, um dessen Tätigkeit zu fesseln. Den Übergang der Saale sollte er jedoch nicht forcieren, bis meine Brigade den Fluß überschritten und von der anderen, der südlichen Seite her, in die Stadt eingedrungen sein würde.[80] Meldungen besagten, daß die steinerne Hauptbrücke verbarrikadiert sei, die Nebenbrücken abgebrochen und auf den jenseitigen Straßen Geschütze aufgefahren wären, um den Zugang der Brücke zu bestreichen.« »10. Juli. Um 7 Uhr früh vereinigte sich die Brigade bei Waldfenster, von Goeben erhielt ich den Befehl, mit meiner Brigade über Garitz vorzugehen, mich als sein rechter Flügel zu betrachten und dann ? je nach den Umständen ? energisch einzugreifen. So ließ ich denn das Gelände über Garitz hinaus aufklären, den Altenberg besetzen und die Batterie Coester am Abhang des Berges an einer gut gewählten Stelle auffahren. Ihr Feuer auf die feindlichen Batterien, die sich auf der Straße nach Nüdlingen und an den Abhängen des Sinnbergs postiert hatten, erwies sich als sehr wirksam. Ich ritt selbst mit der Avantgarde auf die Höhe des Altenberges, auch Almberg genannt, um mich besser orientieren zu können. Auf den schönen Spaziergängen in diesem Wäldchen waren aber so viel steinerne Treppen, daß ich bald absteigen mußte. Trotzdem ich nun rasch die Stufen heraufgeklettert war, konnte ich doch keinen Punkt finden, von wo ein allgemeiner Überblick zu erlangen gewesen wäre. So viel erkannte ich indes bald, daß der Abfall des Berges nach der Stadt zu steil sei, um in dieser Richtung weiter vordringen zu können. Ich gab nun die Weisung, sich mehr südlich zu wenden, um von dort einen Übergang über die Saale zu versuchen. Der Fluß war durch den Regen stark angeschwollen. Ich erreichte die Saale südlich von Kissingen, dort, wo ihre Ufer mit dichtem Buschwerk bewachsen sind, das dem Feinde unsere Bewegungen entzog. Die Breite des Flusses schloß aber einen Übergang ohne Brücke angesichts der besetzten Höhen aus. Mittlerweile aber hatte Hauptmann von dem Bussche gefunden, daß die Brücke an der Lindenmühle nicht vollständig zerstört war. Geländer und Streckbalken waren geblieben und nur der Belag entfernt. So gelang es, daß die Leute einzeln, ihren Hauptmann voran, hinüberbalanzierten, sich drüben festsetzten und nach und nach bis an die große Chaussee von Kissingen nach Schweinfurt vorliefen. Als ich dies glückliche Ereignis sah, sandte ich noch zwei andere Bataillone nach der Brücke, die ich durch Bänke und Tische aus dem nahe gelegenen Schweizerhäuschen etwas gangbarer machen ließ. Hauptmann von dem Bussche ließ nun drüben auf der erhöhten Straße seine Leute sich in Schützenlinie entwickeln. So bildete er für die nachfolgenden Truppen einen lebendigen Brückenkopf, indem er die bayerische Flanke beschäftigte.[81] Die anderen Kompagnien folgten auf diesem Flußübergang. Kissingen, wie es in meiner Aufgabe lag, umfassend anzugreifen, konnte ich nur erreichen, wenn ich mich zur Wegnahme der Bodenlaube entschloß, um mich dort zu formieren und zum Angriff gegen den südlichen Ausgang von Kissingen vorzurücken. Die große Erhebung des Stationsberges, auf dem die Schloßruine Bodenlaube liegt, erschwerte sehr den Truppen das Vorwärtsdrängen. Das weiche Erdreich, der unaufhörliche Wechsel der Böschungen und die üppigen Getreidefelder machten das Ersteigen der Höhen und das Führen des Gefechts nicht nur zu einem Bravourstück, sondern auch zu einer physischen Anstrengung. Unter dem Schutze dichter Tirailleurschwärme rückten die Truppen von hier aus zum Angriffe vor. Kissingen, das sehr vorteilhaft und kriegsgerecht besetzt war, wurde mit Hartnäckigkeit verteidigt, aber da alles vorwärts drängte, so wurde der Feind immer mehr zurückgeworfen, wodurch auch die Verteidiger der verbarrikadierten steinernen Saalbrücke genötigt wurden, ihren Posten zu verlassen. Sofort wurden nun von meinen Leuten gleichzeitig diesseits und jenseits der Saale die Barrikaden fortgeräumt und dabei Wagen, Tonnen usw. über das Geländer gestürzt. Nun ging das 53. Regiment über die Brücke vor und trieb auch von dieser Seite den Feind zum Städtchen hinaus. Etwa eine halbe Stunde hatte ich jetzt die Leute ruhen lassen und dafür gesorgt, daß ihnen bei der großen Hitze Wein und Wasser gereicht wurde, als Goeben mir den Befehl zuschickte, mit meiner Brigade vorzugehen, da der Feind sich auf den Höhen anscheinend festsetzen wollte. Ich ritt nun sofort in die Stadt voraus, um meinen dortigen zweieinhalb Bataillonen die richtige Direktion zu geben, während ich den Oberst Stolz beauftragte, mir unverzüglich zu folgen. Das I. Bataillon Reg. 55 war im stürmischen Vorwärts dem abziehenden Feinde gefolgt und stand in einzelnen Zügen noch im starken Feuer außerhalb Kissingen den Bayern gegenüber. Die Lipper waren teils mit vorn, teils in Kissingen, und das II. Bataillon Kaweczynski sammelte sich gerade vor dem Kursaal. Als ich zu ihnen heranritt und ihnen ? namentlich der 2. Kompagnie ? für ihr braves Vorgehen dankte, brach ein stürmischer Jubel unter den Leuten aus, und mit lautem Hurra folgten sie mir, als ich sie zu neuem Kampfe in der befohlenen Richtung vorführte. Das Erstaunen einer englischen Familie über die Begeisterung meiner Soldaten machte mir Spaß. Halb verängstigt, halb neugierig, jedenfalls von ihrem guten Herzen getrieben, kamen die Herrschaften[82] näher, boten der Truppe Erfrischungen an und wollten auch mir ein gefülltes Sektglas reichen. Wenn ich es auch in dem Augenblick nicht annehmen konnte, so labte ich mich doch etwas später daran. Sobald ich das Bataillon als äußerste rechte Flankendeckung gegen den Stationsberg hatte vorrücken lassen, durchritt ich noch einmal die Stadt, um der anderen Hälfte meiner Brigade die Stellungen anzuweisen. Aus einem Hause wurde dabei auf mich gefeuert, aber die Kugel traf mich nicht. Die Bataillone Rex und Gutzkow warf ich rechts auf die Berge, die Kompagnien Lippe sollten die Verbindung mit der Chaussee halten. So trieb ich denn den Feind ohne große Anstrengung vor mir her und säuberte die Berge bis jenseits Winkels. Goeben erteilte den Befehl, den Feind nicht weiter zu verfolgen, und bestimmte, daß meine Brigade am Sinn- und Schlegelsberge Stellung nehmen solle. Gegen 7 Uhr abends erhielt ich dort Meldung, daß zahlreiche bayerische Truppen von Nüdlingen im Anmarsch begriffen seien. Ich schickte sogleich dem Regiment 19, das auf Vorposten stand, Unterstützung durch Infanterie, Kavallerie und eine Batterie und ritt auch selbst hin. Als ich ankam, feuerte Batterie Eynatten bereits, und der Feind antwortete. Dem weit überlegenen Gegner war es gelungen, die vordersten Kuppen des Sinnbergs zu ersteigen, und sein aus nächste Entfernung gegebenes Feuer drängte unsere Truppen zurück. Auch meine Batterie geriet in Infanteriefeuer und mußte abfahren. Indes, als jetzt das Bataillon Rex zum Angriff vorging, sicherte sein Schnellfeuer den Abzug der Batterie. Sobald ich diese gerettet wußte, ritt ich rasch dem Bataillon Rex entgegen und ließ dasselbe auf dem Platz, wo ich es fand, seine Aufstellung nehmen. Mit wahrhaft bewundernswerter Kaltblütigkeit vollzog dieses hervorragend brave Bataillon seinen Auftrag; sein bald beginnendes Schnellfeuer brachte den Feind augenblicklich zum Stutzen. Indes, da sich an allen Waldecken feindliche Kolonnenspitzen zeigten, so mußte ich an entschiedenere Maßregeln denken. Ich ließ daher den mißlichen Stand des Gefechts nach Kissingen an Goeben melden und dabei zum Ausdruck bringen, daß ich kaum glaubte, mit meinen übermüdeten und gelichteten Truppen diesem doppelt überlegenen Feinde standhalten zu können, um so weniger, da der Gegner ganz frische Truppen ins Gefecht führte. Seine Antwort aber lautete: ?Ich verlasse mich darauf, daß Sie sich selbst helfen werden.? Unterdessen war ich ins Biwak bei Winkels zurückgeritten, wo mittlerweile auch die Batterie Eynatten angelangt war. Ich ließ diese sofort nördlich der Chaussee und die Batterie Coester südlich der Chaussee auffahren und durch Infanterie decken.[83] In dieser Stellung erwartete ich nun das allmähliche weitere Zurückweichen meiner noch vorgeschobenen Truppen. Jede anlangende Abteilung wurde sofort nach dem ihr bestimmten Punkt hingeführt und geordnet. Meine braven Füsiliere waren die letzten, die kamen. Immer ruhig kämpfend, zuletzt gegen fünffache Übermacht, hatten sie sich in vollster Ordnung zurückgezogen. Durch das Feuer meiner 12 Geschütze hielt ich mir den Feind etwas vom Leibe, so daß ich Zeit gewann, das Ganze zu einem allgemeinen Angriff zusammenzustellen. Nördlich der Chaussee standen zwei Bataillone Reg. 19 in der Angriffskolonne neben Batterie Eynatten; zwei Kompagnien Lippe wurden aufgelöst in den Sinnberg geworfen mit dem III. Bataillon Reg. 19 als Soutien. Südlich der Chaussee gingen die beiden anderen Kompagnien Lippe als äußerster rechter Flügel in die bewaldeten Höhen, das II. Bataillon Reg. 55 diente ihnen als Soutien, während das I. Bataillon Reg. 55 in der Reserve blieb. Als ich mich überzeugt hatte, daß die Truppen so geordnet waren, ließ ich ?das Ganze avancieren? blasen, und als aus den höchsten Waldspitzen in meinen beiden Flanken dieses schöne Signal mir als Rückantwort entgegentönte, mußten auch die Kolonnen im Zentrum mit schlagenden Tambours antreten. Es machte einen tiefen Eindruck auf mich, wie von diesem Augenblick an sich das Blatt wie mit einem Zauberschlage wandte. Unaufhaltsam trieben wir nun den Feind vor uns her. Als ich nach vorn ritt und eben bei den Schützen des Reg. 19 angelangt war, erhielt mein Fuchs einen Schuß in die Brust. Die brave Isabeau, das frühere Reitpferd meiner Tochter, bäumte, drehte sich rasch auf den Hinterfüßen ein paarmal herum und stürzte dann rückwärts hinunter in die tief eingeschnittene Chaussee. Glücklicherweise hatte ich noch so viel Zeit, mich vorher herunterzuwerfen, wobei ich mir allerdings die Hüfte und den Arm sehr schmerzhaft verstauchte, so daß ich nicht imstande war, das Ordonnanzpferd sogleich zu besteigen. Da das Vorwärtsrücken der Bataillone unaufhaltsam fortdauerte, so konnte ich mit gutem Gewissen das Kommando auf kurze Zeit dem Oberst Stoltz übertragen, indem ich Befehl gab, den Feind bis Nüdlingen zu treiben und dann die alten Vorpostenstellungen wieder aufnehmen zu lassen. Unterstützt von meinem Adjutanten, humpelte ich nach dem Biwaksplatz zurück, während die Ordonnanz die blutende Isabeau hinter uns herzog.[84] Es wurde versucht, dem Fuchs die Kugel herauszuschneiden, da ich mir das treue Tier gern erhalten hätte. Als das aber nicht glückte, ließ ich ihr den Gnadenschuß geben. Währenddessen war der Feind andauernd weiter zurückgetrieben worden. An dem westlichen Waldrand hatte er freilich versucht, sich nochmals festzusetzen. Da er aber auch hier geworfen wurde, war er ohne weiteres bis Nüdlingen zurückgegangen, und Regiment 19 hatte die Posten am östlichen Waldrande wieder ausgesetzt. Die Truppen meiner Brigade hatten heute in den beiden, ganz voneinander getrennten Gefechten mit außerordentlicher Tapferkeit gekämpft, dabei aber auch starke Verluste erlitten. Überall waren die Offiziere, die Mannschaften anfeuernd, den anderen voraus gewesen, und trotz aller Opfer, die der Ansturm forderte, waren die Truppen unaufhaltsam mit Hurra vorwärts gedrungen. Auf der Paßhöhe war ihnen der Hauptstoß gelungen, indem sie die bayerische Front durchbrochen und die Fühlung mit den Truppen auf dem Schlegelsberge hergestellt hatten. Eine Leistung, wie dieser Sturm auf den Sinnberg, mit bunt gemischten und aufs äußerste erschöpften Truppen, war nur durch moralische Kraft zu erreichen gewesen. So tapfer sich die Angreifer verhielten, so zäh hatten sich auch die Verteidiger gezeigt, so daß für unsere, wie für die feindlichen Truppen dieser Kampf um den Sinnberg eine der ruhmvollsten Waffentaten bleiben wird. Am 10. marschierten wir nach Kissingen und rückten dort mit klingendem Spiel ein.« »13. Juli. In glühender Hitze waren die nächsten Marschtage zurückgelegt worden, zuerst nach Gmünden und dann nach dem Spessart; dabei mußten auf diesem Marsch am 13. Juli äußerst steile Gebirgspfade überwunden werden. Die Truppen der Division hatten schon genügende Proben von Ausdauer an den Tag gelegt bei den Märschen durch den Thüringer Wald und die Rhön. Aber der eben zurückgelegte durch den Spessart überstieg alle bis dahin ertragenen Strapazen. Die völlige Luftstille und der Mangel an Wasser wirkten erschlaffend, und der sonst so gute Humor der Westfalen war verstummt. Da jagte eine Armeeordonnanz heran und brachte mir Goebens Befehl, die Waldecke gegen Hein zu eher als der anrückende Feind zu besetzen. Jetzt war jede Müdigkeit bei den Truppen geschwunden, die Aussicht auf den nahen Kampf hatte sie elektrisiert. Ich erreichte mit der Kavallerie die Waldecke zu rechter Zeit und traf dort Goeben mit seinem[85] Stabe, der mir den Befehl gab, alles selbständig anzuordnen, da meine Brigade hier allein zum Gefecht käme. Nun rückte ich in vier Kolonnen auf Laufach zu. Ich selbst führte die Abteilung, die längs des hohen Eisenbahndammes marschierte. Nach kurzem, wirkungslosem Tirailleurfeuer gaben die Hessen Laufach auf, als die Kompagnien mit Hurra vorgingen. Da der Feind jetzt seinen Abzug fortsetzte, so ließ ich ihn durch eine Abteilung verfolgen und setzte mich in Laufach fest. Zur Nacht bezogen die Truppen ein Biwak auf einer Wiese am westlichen Ausgange von Laufach. Ich legte mein Hauptquartier in eine hübsche Villa. Der gefällige Wirt verteilte seine ganzen Vorräte an Eßwaren unter meine Leute. Auch in der Küche entstand eine angenehme Lebendigkeit, und gewisse Gerüche entwickelten sich, die für einen ausgehungerten Magen etwas unendlich Verführerisches haben. Unterdessen setzte ich mich mit einer guten Flasche Rotwein in den Garten und las das Telegraphenbuch durch, das mein Adjutant auf dem Bahnhof mit Beschlag belegt hatte. Die letzten Botschaften von hier nach Aschaffenburg waren höchst merkwürdig. Eine vom heutigen Tage lautete: ?Von den geschlagenen Preußen sollen sich einige versprengte Abteilungen im Spessart umhertreiben? ? oder auch ? ?Soeben erschienen einige der versprengten Husaren? usw. Amazon.de Widgets Unterdessen hatte sich die Infanterie auf der Wiese schon ziemlich eingerichtet; als dort der Kochkessel brodelte, auch bei uns der Tisch gedeckt war und August mit der dampfenden Suppenschüssel erschien, ließen sich plötzlich nicht bloß Gewehrschüsse, sondern auch Kanonenschüsse hart vor uns bei den Vorposten hören. Es mochte etwa sechs Uhr sein. ?Lebe wohl, lockende Mahlzeit!? Ich schickte Goeben Meldung und warf mich auf das Pferd. So rasch wie möglich ging es zu den Vorposten, indem ich beim Vorbeireiten den Truppen im Biwak den Befehl zugerufen hatte, sich zum sofortigen Aufbruch bereit zu halten. Die Hessen-Darmstädter Division war bei Wendelstein plötzlich hervorgebrochen, und Oberst von der Goltz, der befohlenermaßen an diesem Knotenpunkt der Chaussee und Eisenbahn auf hohen Dämmen eine gut gedeckte Stellung eingenommen hatte, war nun, in richtiger Würdigung der Verhältnisse, sofort mit seinem ersten Bataillon nach den, nördlich der Chaussee gelegenen, Höhen geeilt und leitete dort die Verteidigung des Schlüsselpunktes unserer Stellung. So standen die Sachen, als ich dort eintraf. Etwa um sieben Uhr lag der Feind mit unserer[86] ganzen Front im Gefecht, und meine Truppen aus dem Biwak hatten ihre Stellung am Bahnhof eingenommen. Anfänglich warf sich der Gegner hauptsächlich auf Fronhofen, doch drei Füsilierkompagnien hatten sich da trefflich eingenistet und schlugen ihn mit empfindlichen Verlusten zurück. Der Feind ging nun südlich der Eisenbahn, meist im Walde, gegen meinen linken Flügel vor und beschoß gleichzeitig die von uns besetzte Waldecke heftig mit Granaten. In diesem unübersichtlichen Terrain war ein Umfassen meiner linken Flanke leicht möglich. Ich schob daher ein ganzes Bataillon in jene Berge, während ich auf der Eisenbahn an dem erwähnten Knotenpunkt zwei Geschütze der Batterie Eynatten auffahren ließ, die mit gutem Erfolg die feindlichen Soutiens beschossen. Dadurch wurde der Gegner auf diesem Punkte in seinem Vorgehen nicht nur gehemmt, sondern auch immer mehr zurückgedrängt, und meine Füsiliere nahmen die verlassenen Stellungen an der Eisenbahn und am Wärterhäuschen ein. Gegen Fronhofen und gegen meinen rechten Flügel machte der Feind noch zwei oder drei Angriffe, und zwar mit großem Schneid. Die Kolonnen gingen mit klingendem Spiel und schlagenden Tambours, ohne zu stutzen, gegen uns vor, bis unser Schnellfeuer ganze Lücken in ihre Reihen riß und fast alle ihre Offiziere verwundet waren. Während dieses wogenden Kampfes ging mir die Meldung zu, daß die Truppen in Fronhofen sich meist schon verschossen hätten und um Unterstützung bäten. Sofort ließ ich zwei Kompagnien im Laufschritt nach dem Dorfe vorgehen, da der Feind sich eben zum erneuten Angriff anschickte. Sie kamen zur rechten Zeit, um mit dem Bajonett den Gegner, der sich in den Häusern festsetzen wollte, anzugreifen, hinauszudrängen und noch etliche Schritt hinter das Dorf zu verfolgen. Die heldenmütige Verteidigung einer Kegelbahn durch Leutnant Hoffmann vom Regiment 15 möchte ich noch besonders erwähnen. Zweimal daraus durch Übermacht verdrängt, eroberte er sie mit seinem Zuge immer wieder, und als Siegestrophäen lagen am Schlusse des Gefechts die Leichen von sechs feindlichen Offizieren auf diesem beschränkten Kampfplatze. Zugleich aber hatte der Gegner seine Angriffe auch auf meinen rechten Flügel gerichtet und zeigte dort solche Kräfte, daß ich zur Unterstützung von Goltz noch das Bataillon Böcking, die Batterie Eynatten und die Schwadron Schmidt hinaussandte. Da die Truppen bisher nichts gegessen hatten und entsetzlich angestrengt waren, es auch bereits zu dunkeln begann, so wollte ich es[87] heute nur zu einer Defensivschlacht mit kurzen Offensivstößen kommen lassen. Diesem zufolge erwartete Goltz in sicherer Stellung den Angriff des Feindes und überschüttete ihn dann so mit Infanterie- und Artilleriefeuer, daß dieser stutzte. Erst dann brach Goltz vor und trieb den Feind bis gegen den Eisenhammer zurück. Die Sonne war schon untergegangen, als ich dem General Goeben das glückliche Resultat des Kampfes melden lassen konnte. Ich selbst ritt zu den sich sammelnden Truppen, um ihnen einige Worte des Dankes für ihr heutiges Verhalten zuzurufen. Der freudige Jubel, der mir antwortete, wollte gar kein Ende nehmen. Verhältnismäßig hatte die Brigade wenig Verluste gehabt, nur 60 Mann und einen Offiziersaspiranten, während der Feind seine Verluste auf etwa 800 Mann und 30 Offiziere angab. Es war ganz dunkel, als die Truppen ihren alten Biwakplatz bezogen. Als alle Truppen ins Lager eingerückt waren, ließ ich vom Musikkorps des Regiments 55 das Lied blasen: ?Nun danket alle Gott?. Das machte wohl auf den allergrößten Teil der Mannschaften einen recht erhebenden Eindruck. Jeder Laut war bei den ersten Tönen des Liedes verstummt, die todmüden Krieger erhoben sich, zogen ihre Mützen und umstanden in andächtigen Gruppen die hellflackernden Wachtfeuer. Das Ganze erhielt noch eine malerische Beleuchtung durch den eben aufgegangenen Mond.« »14. Juli. Weiterer Vormarsch der Division Goeben auf Aschaffenburg. Meine Brigade bildete den rechten Flügel, und ich hatte den Befehl, auf der Chaussee längs des rechten Talrandes vorzugehen. Hinter Goldbach, beim Übergang der Chaussee über den Aschaff, stießen wir auf den Feind, der die bebuschten Ufer des Flusses dicht besetzt hatte. Die an der Spitze marschierenden Kompagnien des Regiments 15 nahmen den Übergang und gingen dann in der Richtung nach der Aumühle weiter vor. Ich muß dabei eines recht bezeichnenden Zwischenfalles Erwähnung tun. Meine 55 er fanden an dem Ufer des Aschaffbaches das sorgsam abgelegte Gepäck eines feindlichen Bataillons, und eine Prüfung desselben ergab, daß sich in den Tornistern neue reine Wäsche vorfand. Als nun gerade einige Minuten geruht wurde, erlebte man ein eigentümliches Schauspiel. Plötzlich ? allerdings mit Erlaubnis ? entkleidete sich mein Bataillon, warf die seit 14 Tagen nicht gewechselte Wäsche weg und zog die feindliche an. Das spielte sich ab, während rings die Granaten und Gewehrkugeln einschlugen. Die sehr aufmerksame gegnerische Artillerie nahm uns stark unter Feuer. Der entscheidende[88] Punkt für die Operationen meiner Brigade war demnächst die feindliche Artillerie am Aumühlenhügel. Sie war durch eine Infanterieabteilung gedeckt, die hinter einer hohen, massiven Mühle lag, um die sich sowohl eine Mauer wie ein Damm zog. Dorthin schickte ich zwei Kompagnien des Regiments 15, die sich vorsichtig an dem bewachsenen Ufer hinschlichen, sich dann eines Gehöftes bemächtigten, das hart an der Mauer lag, und von hier aus die Mühle nahmen. Die feindliche Batterie konnte das Feuer der beiden Kompagnien nicht aushalten und mußte sich unter großen Verlusten zurückziehen. Dadurch erhielt der Oberst Stoltz, der mit zwei Bataillonen weiter nach Aschaffenburg vorgegangen war, freien Spielraum und trieb nunmehr den Feind unaufhaltsam in die Stadt hinein. Am Bahnhof fand noch ein blutiges Ringen statt, in Aschaffenburg selbst aber kein nennenswerter Kampf. Ich selbst hatte mich hauptsächlich an dem Gefecht an der Mühle beteiligt und ritt, als die Sache mit Erfolg gekrönt war, auf die steile Höhe, um von dort einen Überblick zu gewinnen. Er gab mir die frohe Überzeugung, daß alles im Siegeslauf den Feind vor sich hertrieb. In demselben Augenblick schlug eine Granate dicht neben uns ein und entzündete beim Krepieren das hohe Kornfeld, so daß wir in wenigen Minuten ein wallendes Feuermeer vor uns hatten. Ich beeilte mich, mit meinen Adjutanten von dem gefährlichen Platze wegzukommen, und ritt mit ihnen dem Bahnhof zu, wo der Kampf eben beendet war, und dann nach der Mainbrücke. Dort fand ich meine 55 er auf der Straße ruhen und wurde von ihnen mit frohem Hurra empfangen. In dem trefflichen Gasthause zum Adler kehrte ich ein. Es ist doch nicht zu verachten, wenn man sich wieder an einem anständig gedeckten Tische satt essen kann. Der nächste Tag ? ein Sonntag ? sollte zum Ausruhen benutzt werden. Vormittags war Militärgottesdienst, und nach demselben nahm ich mit Tresckow das Abendmahl. Dann besuchte ich einige Lazarette und freute mich an der Sorgfalt, mit der die barmherzigen Schwestern unsere Soldaten pflegten. Um 3 Uhr gab Falkenstein ein großes Diner im Residenzschlosse, zu dem sämtliche Generale und Stabsoffiziere mit ihren Adjutanten Einladungen erhalten hatten. Das war ein Gastmahl, wie es Wallenstein wohl gegeben haben mochte. Im Schloßhofe reiche Kriegstrophäen und viele Gefangene, und oben im Rittersaal die siegreichen Führer beim Trompetenschall und Becherklang. Tags darauf stand ich früh 4 Uhr auf der Chaussee nach Hanau zum Abmarsch bereit. Gegen Abend sollte der Einzug der Truppen in[89] dem vom Feinde verlassenen Frankfurt stattfinden. Eine vorausgeschickte Husarenschwadron mußte sämtliche Stadttore und Eisenbahnhöfe besetzen. Ihr folgte Tresckow mit den Husaren, dem Kürassierregiment und mit der reitenden Batterie. Dann kam ich an der Spitze meiner geschlossenen Brigade. Es war schon vollständiges Zwielicht, als ich das Tor erreichte und nun durch die dichten Volksmassen einzog, die zuerst ein unheimliches Schweigen beobachteten, sich dann aber in einzelnen Rufen Luft machten. Auf dem Platze vor dem Englischen Hause hielt Falkenstein zu Pferde und ließ sämtliche Truppen an sich vorbeimarschieren. Trotzdem ihm gegenüber ein Hoboistenkorps aufgestellt wurde, das fortwährend blies, war es doch den freudetrunkenen Soldaten gestattet zu singen. Sie brachen bei Falkensteins Anblick jedesmal in begeisterte Zurufe aus. Bis der Vorbeimarsch endigte, war es dunkel geworden. Falkenstein rief mich heran und ernannte mich zum Kommandanten von Frankfurt. Selbstverständlich trat ich gleich in Tätigkeit und hatte alle Hände voll mit Regelung der Einquartierung zu tun. Falkenstein hatte der Stadt neben einer Kontribution von 6 Millionen Talern noch die Gestellung von 300 Reitpferden auferlegt, und dabei erhielt ich an Stelle meiner gefallenen Isabeau eine zierliche Stute, die braune Polka. Am 19. Juli kam die Abberufung des Generals Falkenstein. Als ich von der Pferdebesichtigung in die Stadt zurückkehrte, erfuhr ich diese unerwartete Nachricht, die uns alle tief schmerzte. Falkensteins kühne Kombination, sein rasches, jugendliches Handeln und sein entschiedenes Glück bei gewagten Unternehmungen, sowie seine Fürsorge und sein Wohlwollen, das er Offizieren wie Soldaten stets entgegenbrachte, hatten ihm die Liebe und Verehrung seiner Untertanen in vollem Maße gewonnen. Niemand kann sich erklären, warum man den stets siegreichen Feldherrn im jetzigen Augenblick abberufen könne. Falkenstein sprach lange Zeit mit mir noch über sein Scheiden, das ihm sehr schwer wurde. Er war sehr bewegt beim Weggehen. Schon abends 7 Uhr fuhr er mit seinem Adjutanten nach Münster ab. Alle Offiziere, die von der Stunde seiner Abreise Kenntnis erhalten hatten, waren auf dem Bahnhof versammelt, um ihm noch ein herzliches Lebewohl zu sagen. Selbst die Soldaten drängten sich in Massen heran und riefen ihm noch einen Scheidegruß nach.« Ich möchte hier einen Brief meines Mannes folgen lassen, der einen Beweis dafür gibt, wie die Liebe und Hochachtung, die mein Vater für Falkenstein empfand, auf Gegenseitigkeit beruhte.[90] Mein Mann, der im August in Prag bei dem General Falkenstein2 war, schrieb meinem Vater: »Der alte Herr, der auch gegen mich sehr freundlich war und mich zur Tafel befehlen ließ, sprach mit solchem strahlenden Gesicht von Dir, daß ich ganz stolz auf meinen Schwiegervater war. Es ist wirklich schlimm, ich renommierte schon immer sehr mit Dir, jetzt muß ich nur auf meiner Hut sein, daß mir Falkensteins Ausspruch über Dich nicht ganz zu Kopfe steigt. Er sagte mir: ?Ihrem Schwiegervater ist es gut ? sehr gut ? ausgezeichnet ergangen. Ich meine nicht nur persönlich, sondern militärisch. Köstliche Siege hat er erfochten bei selbständiger Leitung des Gefechts. Ich habe auch darüber an den König berichtet!?« 1 Amazon.de Widgets Bevor ich Aufzeichnungen aus dem Tagebuch meines Vaters wiedergebe, möchte ich noch ein Wort über die Zusammensetzung der Brigade erwähnen. Adjutant war der Premierleutnant Clemens vom Inf.-Reg. Nr. 53. Zur Brigade gehörten: das 6. Westfälische Inf.-Reg. Nr. 55 mit Oberst Stoltz; das 2. Westfälische Inf.-Reg. Nr. 15 (Prinz Friedrich der Niederlande) mit Oberst Frhr. v.d. Goltz, später im Feldzug 1870 als Kommandeur der 25. Infanteriebrigade bekannt durch seinen selbständigen Entschluß, der am 14. August zur Schlacht von Colombey führte. Ferner der Brigade attachiert: eine gezogene 4-Pfund-Batterie des Westfälischen Feldartillerie-Regts. Nr. 7, Hauptmann Coester, und zwei glatte 12-Pfund-Batterien des Westfälischen Feldartillerie-Regts. Nr. 7, Hauptmann Baron von Eynatten. 2 Falkenstein war inzwischen Militärgouverneur von Böhmen geworden. 
 V. Die Zeit bis zum Kriege 1864.  [40] Das kameradschaftliche Band, das die Kampfgenossen in Schleswig-Holstein vereinigt hatte, währte auch über die Kriegszeit hinaus. Es belebte in den Friedenstagen die bewegten Bilder von Kampf und Gefahr, die ernste Männer Seite an Seite nun in der Erinnerung noch einmal an sich vorüberziehen ließen. Die früheren schleswig-holsteinschen Offiziere, die sich in jenen Jahren in Berlin aufhielten, verkehrten viel im Hause meiner Eltern, und wenn dann die Herren im Nebenzimmer rauchend und plaudernd saßen, waren es selbstredend die alten Kriegsgeschichten von 1848/49, um die sich das Gespräch drehte. Nebenan in meiner Spielecke, wo ich mit meinen Puppen hauste, hörte ich sie von alledem sprechen. Verstandenes, und noch viel mehr Unverstandenes, zog da an meinem Ohr vorüber. Der Gesamteindruck aber war doch der, daß sich mir seit meiner frühsten Jugend das Verständnis einprägte für Heldensinn, Opfermut und Todestreue. Oftmals schlich[40] ich mich dann auch hinein an jenen Abenden und hockte mich, meine Puppe auf dem Schoß, still auf das Fußbänkchen neben meiner Mutter, die mit ihrer Handarbeit bei den Herren saß. Wurde ich da wieder in meine Spielecke verwiesen, dann nahmen die »Holsteinschen Onkels« Partei für mich, und es hieß, die Kleine ist ein Soldatenkind, war ja mit im Holstenland, da hat sie auch ein Recht zuzuhören, wenn sie mag. »Sie ist ja des Trommlers von Kolding Töchterlein.« So durfte ich dann meist bleiben, und die Eindrücke, die ich empfing, vertieften sich noch dadurch, daß der junge Sohn eines holsteinschen Offiziers tagelang bei uns war, und wir Kinder dann versuchten, in unseren Spielen wiederzugeben, was wir von unseren Vätern gehört hatten. Ein Gedanke stand damals bei mir fest, ich wollte allen denen helfen, die es im Leben schlecht hatten, um die sich niemand kümmerte, die alle häßlich fanden. Zuerst waren es die armen, abgetriebenen Droschkenpferde, für die ich einst einen »Gnadenstall« bauen wollte, und je nachdem ich älter wurde, wechselte das Objekt. Der herrlichste Platz in meiner Jugenderinnerung war der große Garten in Lützow mit seinen Wiesen und Teichen, seinen alten Bäumen, seinem Obst und seinen Blumenbeeten. Da an Sommertagen herumzuspielen, war ein herrliches Vergnügen. Ich setzte meinen Stolz darein, von den großen Jungen nicht gefangen zu werden, und knüpfte mir die Zöpfe unter dem Kinn zusammen, damit sie beim schnellen Lauf nicht lang hinter mir herflattern sollten und ich gefangen werden konnte. Aber den ganzen Tag hielt ich das Tollen nicht aus, dazu war ich, bei allem Übermut, ein zu verträumtes Kind. Im Erlenbusch am Wasser, oder auf einem tiefhängenden Baumzweige im dichtesten Laubgewirre suchte ich mir einen Versteck aus, um in aller Stille den oft wunderlichen Gedanken nachzuhängen, die mir durch den Kopf gingen. Als dann aber die Jungen auch diese verschwiegenen Plätzchen entdeckt hatten und mich fortholen wollten, entfloh ich ihnen zu dem nahegelegenen Kirchhof, und da kamen sie mir nicht nach. Eine halbe Stunde später war ich wieder bei ihnen und konnte lustig mit ihnen spielen. Meinem Hang zum Dichten und Schreiben, der von frühster Jugend in mir steckte, schoben meine Eltern sehr früh einen festen Riegel vor. Mein Vater fürchtete, daß ich, wie er es nannte, ein Blaustrumpf werden könnte, und meine Mutter war besorgt meiner Gesundheit wegen, weil die Menschen ihr immer sagten, ich sei ein so zartes Kind, das vom Lernen zurückgehalten werden müsse. So wurden mir dann alle Versuche, zu dichten und zu schreiben, streng untersagt. Ganz konnte ich es aber[41] doch nicht lassen, und als ich 13 Jahre alt war, bekam ich auch die Erlaubnis, jeden Sonnabend eine Stunde dichten oder eine Geschichte schreiben zu dürfen. Ich weiß, wie mich das beglückte, und wie mich's froh machte, daß mir gestattet wurde, nach Herzenslust meinen jüngeren Freundinnen Geschichten erzählen zu dürfen. In meinen Kinderjahren bis zu meiner Einsegnung war ich viel im Hause des Großonkels. Oft wunderte ich mich darüber, daß er schon am frühen Morgen einen Orden um den Hals trug, und ich fragte ihn danach. »Es ist der erste Orden, den ich bekommen habe, der ?pour le mérite?«, antwortete er mir; »er ist mir der liebste, und darum trage ich ihn immer.« Dann erzählte er mir von der Schlacht bei Heilsberg. Zwölf Jahre war der Großonkel gewesen, als er nach seiner Einsegnung zu Kolberg als Junker bei dem Dragonerregiment von Werther, aus dem später das Ostpreußische (heute 3.) Kürassierregiment gebildet wurde, eintrat und am 15. August 1796 dem Könige Friedrich Wilhelm II. bei der Standarte den Eid der Treue leistete. Vierzehnjährig wurde er Sekondeleutnant und benutzte, neben seiner angestrengten Tätigkeit im praktischen Dienst, seine freien Stunden, um sich wissenschaftlich fortzubilden, namentlich studierte er Geschichte. Am 23. Dezember 1806 erhielt er als Leutnant die Feuertaufe bei Gurzno, wo er, hocherfreut an den Feind zu kommen, das Kommando über 70 Pferde gegen eine weit überlegene Schar führte, die sich sehr bald zur Flucht wandte. Der Oberst von Bülow (der spätere Feldmarschall Graf Bülow von Dennewitz), der hinter dem Gefechtsfeld gehalten und die Attacke beobachtet hatte, reichte ihm danach die Hand und erklärte: »Ich werde Ihrem Regiment mitteilen, wie kühn und entschlossen Sie die Kavallerie geführt und den überlegenen Feind angegriffen haben.« Ein Rekognoszierungsritt, zu dem ganz besonderer Mut, Vorsicht und Gewandtheit gehörte, wurde ihm dann einen Tag nach der Schlacht von Eylau aufgetragen, um den General von L'Estocq über die Stellungen der russischen wie der französischen Armee zu unterrichten. Der junge Leutnant erreichte seinen Zweck, er erhielt von den russischen Offizieren die nötige Auskunft über Stärke und Stellung der Truppen und über Benningsens Entschluß, am 8. Februar bei Pr.-Eylau abermals eine Schlacht anzunehmen. Auf schneebedeckten Wegen, die oft durch Dörfer führten, die der Feind besetzt hielt, langte er nach einem Ritt von sieben Meilen in Roßkitten an, um dem General Bericht zu erstatten. Die Rekognoszierung war mit so viel Kühnheit und Geschick ausgeführt, daß[42] sie ihm reiches Lob einbrachte. Aber der Glanzpunkt seiner kriegerischen Tätigkeit aus jener Zeit war dann am 10. Juni das Gefecht bei Heilsberg. Amazon.de Widgets Die Zietendragoner und Towarcys warfen nach mörderischem Gefecht die Kürassiere auf ihre Infanterie zurück und drangen in die feindlichen Batterien, wo sie die Bedienungsmannschaften niederhieben. Die feindliche Infanterie hatte sich gesammelt und Karrees formiert. Zweimal sprengten die Zietendragoner das Karree. Der junge Leutnant Wrangel, der bei diesen Angriffen die Schwadron geführt hatte erhielt einen Schuß in die linke Schulter, blieb aber trotzdem auf seinem Platze. Dies Gefecht brachte ihm den Orden pour le mérite, eine für seinen Rang seltene Auszeichnung. Das Regiment Zietendragoner, das sich im Kriege so bewährt hatte, wurde in zwei Regimenter geteilt. Das Ostpreußische Kürassierregiment (heute Nr. 3) und die westpreußischen Dragoner (heute 4. Kürassierregiment) gingen daraus hervor. Der Großonkel kam zu den Kürassieren, wurde 1808 Premierleutnant und 1809 Stabsrittmeister. Wie eng er in den Jahren 1813 und 14 mit seinem Regiment, insbesondere seiner Schwadron, verknüpft blieb, und welche Heldenstückchen er da ausgeführt, das habe ich schon früher erzählt. Aber nicht nur von dem will ich berichten, was er als großer Mann geleistet, und was die Geschichte aufbewahrt hat, sondern auch Züge aus seinem täglichen Leben möchte ich bringen, in denen sich seine Persönlichkeit ausprägt. Der Onkel, wie ich gewohnt war, ihn zu nennen, er freute sich gern an der Fröhlichkeit der Kinder und der Frische der Jugend. Zwei meiner Cousinen, die einen ganzen Winter mit ihrer Mutter in seinem Hause waren, wurden mir in jener Zeit unzertrennliche Gefährtinnen, und dann schloß ich Freundschaft mit des Großonkels Enkel, der in meinem Alter war. Schwere Verluste hatte der Großonkel und seine Frau erlitten, als sie zwei erwachsene Söhne hingeben mußten, und der dritte sich, nach einem sehr anstrengenden Ritt im Schleswig-Holsteinschen Kriege, eine lebenslängliche Lähmung zuzog. Von da ab wohnte dieser mit Frau und Sohn bei seinen Eltern. Onkel Fritz in seinem Rollstuhl, am ersten Fenster des Wohnzimmers am Pariser Platz, immer freundlich, immer guter Dinge und für alles interessiert, was ihm erzählt wurde, oder was im bunten Bilde auf dem Platz an ihm vorüberzog, so steht seine liebenswürdige Persönlichkeit treu in meiner Erinnerung.[43] Ein besonderes Vergnügen war es mir immer, wenn der Großonkel meine Mutter und mich in seinem Wagen mitnahm und mit uns nach Steglitz fuhr, wo in einem schönen Park eine Art Schlößchen lag, das die Familie zeitweise bewohnte. »Die Milchkutsche« wurde scherzend dieser Wagen genannt. Der Onkel fuhr meist selbst den großen Braunen, der oft gar schwer zu ziehen hatte, denn alte Mütterchen mit ihren Körben, denen wir auf der Chaussee begegneten, Schulkinder und Invaliden, die dieselbe Straße zogen, wurden mitgenommen, solange der Platz hinten, wo der Jäger saß, reichte. Ein Hauptspaß aber war es, wenn der Großonkel aus dem Korbe, der vor uns stand, Äpfel und Pfeffernüsse unter die Schuljugend warf, die den »Milchwagen« wie einen Bienenschwarm überfiel, sobald sie seiner ansichtig wurde. »He kümmt! he kümmt mit die Appels! Vatern Wrangel soll leben!« so schrie, jauchzte und lachte alles durcheinander. Das war für mich immer ein richtiges Vergnügen. Sein Haus wurde mir jetzt ebenso vertraut, wie das meiner Großeltern. In seinem prunklosen Arbeitszimmer hingen an den Fenstern, der Tür gegenüber, zwei schöne Glasgemälde, sie stellten Petrus mit dem Hahn dar und Petrus auf dem See Genezareth. Auf dem Fensterbrett selbst lag seine Bibel, ein Kreuz mit dem Christuskinde als Beschwerer darauf. Sein gläubiges Gemüt holte sich Kraft und Trost aus dem Gotteswort, und von jenen biblischen Bildern sagte er: »Sie predigen mir!« ? Auf dem einfachen Schreibtisch war die obere Platte mit einer Fülle von werten Andenken und schönen Erinnerungszeichen bedeckt. Mich fesselte besonders ein kleines Kruzifix, das neben der Gewehrpyramide stand mit der Kugel von Soissons. »Das habe ich von meinem Vater zur Erinnerung bekommen«, sagte er mir, »da bete ich täglich zu meinem Herrgott, daß er mir ein gnädiger Richter sein möge.« Deutlich stehen mir alle die Zimmer, in denen ich als Kind, als Mädchen und als Frau so oft geweilt habe, vor Augen, mit den unzähligen Dingen, von denen jedes einzelne seine Geschichte zu berichten hatte. Doch es würde ermüden, wollte ich alles aufzählen. Nur ein Wort noch über das Schlafzimmer des Großonkels, das von seinem äußerst schlichten Sinn beredtes Zeugnis gab. Ein weites, fast ödes Gemach, das in seiner Einfachheit einen eigentümlich ergreifenden Eindruck machte. Kein Schmuck, kein Spiegel, nur die nötigsten Möbel. In der Ecke war die schlichte Lagerstatt aufgeschlagen. Darüber ein Christuskopf mit der Dornenkrone, ein Kreuz darunter. Zu Häupten des[44] Bettes hingen die Bilder seiner heimgegangenen Söhne, und auf dem Bettisch lagen zwei abgegriffene Gebetbücher. Einen eisernen Willen hatte der geliebte Großonkel und dabei ein demütig gläubiges Herz. Kühnes Vorwärts- und Draufgehen beseelte ihn, und festes Gottvertrauen machte ihn unerschütterlich ruhig in allen Lebenslagen. Eine teure Erinnerung bleibt mir immer sein liebes, ernstes Gesicht, wie ich mich seiner aus der Matthäikirche erinnere, wo er selten einen Sonntag zu fehlen pflegte und in gesammelter Andacht den Predigten des Generalsuperintendenten Büchsel zuhörte. Fast meine ganze Kindheit habe ich in Berlin verlebt, nur zwei Jahre waren wir in Breslau gewesen, als mein Vater dorthin gesandt wurde als Generalstabsoffizier bei der Division. Im Jahre 1856 kehrten wir zurück. Die Schule und die verschiedenen Arbeiten schränkten naturgemäß die Zeit ein, in der ich im Hause des Großonkels sein konnte; Aber er wünschte nun den heranwachsenden Backfisch hin und wieder zu kleinen Mittagessen oder Abendgesellschaften heranzuziehen. Mein Mutterchen wehrte natürlich ab, doch er wußte sie schließlich umzustimmen, wenn sie erklärte, ich passe da nicht hinein. »Schadet nichts!« meinte er. »Bringt nur das trautste Marjellchen mit. Sie muß beizeiten lernen, sich mit Anstand zu langweilen.« Da habe ich denn schon als Vierzehnjährige so manches kleine Fest in dem Hause am Pariser Platz mitgemacht und dabei in zwanglosem Verkehr Persönlichkeiten kennen gelernt, deren Namen in den kommenden Jahren noch eine große Rolle spielten. Vor allem war es der spätere Feldmarschall Graf Moltke, dessen charakteristische Erscheinung und Eigenart schon damals einen gewissen Eindruck auf mich machte, der sich später vertiefte zur Zeit, da ich als junge Frau in seinem Hause verkehrte. Selbstverständlich war der Backfisch bei diesen Festen zum Schweigen verurteilt, bis auf ein paar freundliche Fragen, die diese oder dieser an den jugendlichen Gast richtete, und die ich artig beantworten durfte. So war es denn im Grunde genommen wirklich nur, wie der Großonkel es erzieherisch für mich gut fand, ein »Sich-mit-Anstand-langweilen-Lernen«. Aber trotz der zugegebenen Langeweile wurde doch das Zuhören interessanter Unterhaltung, wenn es nicht gerade über meinen Horizont ging, ein Vergnügen für mich. Eine kleine Episode, die sich bei einem Diner abspielte, möchte ich noch erzählen, weil sie den lieben Großonkel so gut kennzeichnet. Ein junger Offizier, der ein Glas Rotwein eingoß, verschüttete dabei einige Tropfen auf das Tischtuch.[45] Die Großtante war sehr eigen mit ihren Sachen, hielt bei der jungen Welt genau auf die Formen und tadelte streng den Verstoß dagegen, sowie jede Ungeschicklichkeit, die einer von uns sich zuschulden kommen ließ. »Die Jugend muß von dem Alter erzogen werden«, pflegte sie zu sagen, und so machte sie bei dieser Ungeschicklichkeit des jungen Offiziers auch eine scharfe Bemerkung. Der arme Missetäter wurde blutrot, denn die ganze Tischgesellschaft hatte die Worte gehört, und wie es in solchen Augenblicken immer zu gehen pflegt, es entstand eine peinliche Pause. Der Großonkel übersah die Sache sofort und wandte sich an den verlegen dreinschauenden jungen Krieger. »Sagen Sie mal, liebster N.N., kennen Sie eigentlich das Gefecht von Etoges?« erkundigte er sich. »Zu Befehl, Exzellenz«, lautete die prompte Antwort. »Na, so ganz genau wohl doch nicht«, meinte der Großonkel, »ich werde Ihnen das mal deutlich machen. Sehen Sie, hier standen wir.« Sein Finger tauchte dabei in das Rotweinglas und dann wieder auf das Tischtuch. Vier oder fünf rote Flecke hoben sich scharf von dem sauberen Gedeck ab. Noch einmal fuhr sein Finger in das Weinglas, während er fortfuhr: »Da gegenüber standen die Franzosen.« Neue Rotweinflecke bezeichneten den Feind. Der alte Herr schmunzelte, seine Hand umfaßte den Fuß des Weinglases. »Das Schlimme war nun«, sagte er, und blickte den jungen Offizier mit einem gutmütigen Blinzeln an, »daß wir nicht aneinander herankonnten, denn ? sehen Sie mal hier, junger Freund, ? uns trennte ein breiter Bach.« Der Inhalt des Rotweinglases mußte auch zu diesem letzten Bilde herhalten, er ergoß sich, den Bach darstellend, zwischen den roten Flecken, zwischen Freund und Feind. Mit dem freundlichsten Gesicht wandte sich der Großonkel dann an seine Frau. »Schadet nichts, meine Alte, es wird wieder gewaschen.« ? Im Jahre 1859 wurde mein Vater zum Kommandeur und Führer des kombinierten 21. Infanterieregiments ernannt, das später die Nummer 61 erhielt, und dessen Oberst er das Jahr darauf wurde. Meine Mutter blieb mit mir noch in Berlin, bis ich zu Ostern 1860 eingesegnet wurde. Das Geschenk des Großonkels an meinem Einsegnungstage ist mein Begleiter durchs Leben geworden, eine Bibel, deren silberner Verschluß seinen Namenszug trägt. Der Spruch, den er mir eingeschrieben hat, lautet: »Den Frommen gibt Gott Güter, die da ewig bleiben.«[46] Im Frühjahr desselben Jahres kam ich nun mit meiner Mutter nach Stolp in Pommern zu meinem Vater. Behütet von meinen Eltern, insbesondere von meiner Mutter, die in ihrer selbstlosen Hingabe und opferfreudigen Treue noch heute in mir als hehres Vorbild lebt, war meine Kindheit sorglos und froh vergangen. Nun lag das Leben vor mir hell und strahlend, und mit der ganzen Hoffnungsfreudigkeit der Jugend jubelte ich ihm entgegen. Dankbar und froh genoß ich, was mir so unverdient an Freundlichkeit entgegengebracht wurde. Ich wußte wohl, es waren nicht meine braunen Augen, denen das galt, sondern der Stellung meines Vaters. Aber gleichviel, es war doch Freude, so herzliches Entgegenkommen zu erfahren. In Ermangelung eines Sohnes machte mein Vater die Tochter zu seinem »kleinen Rekruten«, wie er mich nannte. Ich mußte die Infanteriesignale lernen und bekam Reitstunden von ihm auf dem alten braunen Sciold, seinem schleswig-holsteinschen Kriegspferd. Als das Regiment seine Fahnen erhalten hatte und mein Vater von der feierlichen Fahnenweihe aus Berlin zurückkehrte, fand in unserm Hause eine Nachfeier statt. Trotzdem ich erst eben das 16. Jahr erreicht hatte, wollte mein Vater mir die Freude gönnen, daß ich mit meiner Mutter bei diesem feierlichen Akt dabeisein sollte, den ich nie vergessen werde. Auf dem Tisch, über den die Scharlachdecke mit dem Wrangelschen Wappen gebreitet war, lag die Fahne. Im Halbkreis stand das Offizierkorps um das Kleinod des Regiments. Mein Vater zeigte auf das Wappen in der roten Decke und auf die schwarze Mauer darin mit den drei Zinnen. Tief ernst und in verhaltener Bewegung klang seine Stimme, als er sagte: »Mein Ahnherr stand einst in schwarzer Eisenrüstung vor seinem Landesherrn und schützte ihn mit seinem Schild und wuchtigen Hieben vor dem Ansturm übermächtiger Feinde. Zum Andenken daran wurde unserem Geschlecht die Mauer als Wappenzeichen gegeben. Im Namen der Offiziere unseres Regiments und im Namen unserer Mannschaft spreche ich es jetzt als ein Treugelübde aus, daß wir wie eine Mauer vor diesem Kleinod stehen wollen, Mann für Mann, wenn sie im Kugelregen vor uns flattert. Und sollte aus dieser lebendigen Mauer dabei Stein um Stein bröckeln, und von feindlichen Geschossen getroffen, die Fahnenträger fallen, so werden sich immer neue wackre Fäuste finden, die das Kleinod ergreifen. Fest wie eine Mauer soll die Soldatentreue sich zeigen.« Amazon.de Widgets Mein Vater schlug den ersten Nagel ein in die Fahne, die Offiziere folgten, dann meine Mutter und ich.[47] Während die Hammerschläge fielen und meines Vaters Worte noch in mir nachklangen, zog flüchtig an mir das Bild vorüber, wie die Knaben mir bei unseren Kinderspielen die Fahne anvertrauten, und wie ich da keinen anderen Gedanken hatte, als in fiebernder Erregung diesen Schatz zu verteidigen. Mir war nun gar feierlich zu Sinn, als ich den Nagel einschlug, es war ein ahnendes Verstehen von der großen Bedeutung des Wortes: »Sei getreu bis in den Tod«. ? Zehn Jahre später kam der Tag von Dijon, der verhängnisvolle für die teure Fahne des Regiments. Die Geschichte der Fahne des 2. Bataillons, durch Dichterwort und Künstlerhand verewigt, ist allbekannt. Im Februar 1863 erhielt das Regiment während der polnischen Insurrektion den Befehl, an die russische Grenze nach Wreschen zu marschieren. Ich entsinne mich noch sehr gut des Tages, als die Depesche eintraf. Es war einer jener Donnerstagnachmittage, wo die Musik vor unserer Tür spielte und Damen wie Offiziere des Regiments sich bei uns zusammenfanden. Ein kleiner Kreis von ihnen blieb noch zum Abend, wo wir dann weiter musizierten, Scharaden aufführten oder dergleichen harmlos fröhliche Unterhaltungen zu treiben pflegten. An jenem Abend lasen wir mit verteilten Rollen den Zriny von Körner. Mitten in der feierlichen Abschiedsszene von Juranitsch und Helene wurde meinem Vater die Depesche übergeben, die das Regiment an die polnische Grenze rief. Körner hat es in seinem Zriny gar wohl verstanden, in jungen Herzen eine flammende Begeisterung für Heldensinn und Todestreue zu wecken. Auch unsere Gemüter waren davon bewegt, und als die Depesche eintraf, steigerte sie die kriegerischen Gefühle unserer Offiziere zu dem Gedanken, daß ein richtiger Feldzug vor ihnen läge. Es war eine eigenartige Stimmung, die sich unser an dem Abend bemächtigte. Der Kampfruf im Zriny und der Abschied des Juranitsch vermischte sich mit dem Ruf zum Kampf gegen die Insurgenten und mit dem Abschied, der vor uns lag. Das gab ein wunderliches Zusammenklingen, ein leises Vorspiel von Stunden ernsterer Art, die spätere Jahre brachten. Der Aufenthalt an der polnischen Grenze verlief sehr harmlos für das Regiment, für mein Leben wurde er bedeutungsvoll. Mein Vater hatte den Wunsch, mich an meinem Geburtstage dort zu haben, und so reiste denn meine Mutter im Juli mit mir nach Wreschen. An die polnische Grenze waren auch die neumärkischen Dragoner geschickt, und ihre Offiziere verkehrten viel mit den Herren vom 61. Regiment. Die hatten dem Freiherrn von Liliencron1, einem der[48] jüngsten Leutnants der Dragoner, einem geborenen Schleswig-Holsteiner, erklärt: »Wenn die kleine Wrangel herkommt, dann fangen Sie sofort Feuer und die Kleine auch, denn wir haben nie ein paar Menschenkinder gesehen, die so zueinander passen, wie Sie beide.« Der 22jährige Offizier verbat sich aber sehr energisch diese Zumutung, erklärte, daß er noch keine Lust verspüre zu heiraten, daß einzige Kinder, noch dazu wenn sie eine Regimentstochter wären, immer verzogen seien, und er dieser und ihnen beweisen wolle, daß man sich nicht um das Kommandoröschen zu kümmern brauche. Und dann? Ja dann ? kam es ganz anders! Genau so, wie unsere Offiziere es prophezeit hatten, nur daß es noch schneller und stürmischer ging, als sie selbst es wohl geglaubt hatten. Doch von meinem Leben will ich ja nur so viel bringen, daß das Ganze im Zusammenhang bleibt, und nur da genauer erzählen, wenn es zugleich ein Bild der Zeit und der Verhältnisse gibt. Darum auch von diesen glückseligen zehn Sonnentagen nur ein kurzes Wort. Der Leutnant von Liliencron führte seinen Vorsatz so gewissenhaft durch, daß er schon en Tag darauf nach unserem ersten Zusammensein den einen seiner Burschen auf unserm Hof stationierte, der eilend seinem Herrn Meldung brachte, wenn mein Pferd gesattelt wurde, um dann ebenso geschwind den Schimmel seines Leutnants zu satteln. Da der andere Bursche Posten stand, um auszuspähen, welchen Weg mein Vater und ich eingeschlagen hatten, so trafen wir uns immer »ganz zufällig« und sahen und sprachen uns alle Tage unter dem grünen Waldesdom von Psary. So verging die Woche, und als am Sonnabendabend der Leutnant von Liliencron den Auftrag erhalten hatte, mit einer Abteilung Dragoner eine Razzia auf Insurgenten zu machen, und ich die ganze Nacht nicht schlief in Sorge um diesen jungen Dragonerleutnant, da mußte ich es mir eingestehen, daß sich, trotz der kurzen Bekanntschaft, zwischen uns ein Band geknüpft hatte, das mich fest gefangen hielt. Aber noch wehrte ich mich, hatte ich doch immer behauptet, ich würde mich nie einem Sturmangriff ergeben, würde lange Zeit zum Bedenken gebrauchen. Wie ich nun aber verängstigt und sorgenvoll ? denn mein Vater hatte noch keine Nachricht über das Ergebnis des Nachtritts erhalten ? am Sonntagmorgen in der kleinen Wreschener Kirche saß und mit etwas unsicherem Ton »Befiehl du deine Wege« anstimmte, da mischte sich plötzlich in den Gesang dicht neben mir eine andere Stimme, die ich gar gut kannte. Nur für eine kurze Sekunde trafen sich, als ich aufsah, unsere Augen, und doch wußte ein jeder von uns, was wir da dachten ? was wir fühlten. Mir aber wurde auch das noch in dem Augenblick klar, daß ich[49] mich für besiegt erklärte. Am andern Tage hielt Leutnant von Liliencron bei meinem Vater um mich an. Die Eltern, die den jugendlichen Freier von Herzen liebgewonnen, hatten nichts dagegen, aber ich sollte nicht im Sturm genommen werden, müßte Liliencron erst näher kennen lernen. Nun meinte besagter Leutnant freilich in seinem Sinn, daß wir zwei uns bereits bis in die tiefste Seele hineingeblickt hätten, und ich gebe zu, er hatte recht. Aber er wollte doch auch dieses äußere, ihm entgegengeschobene Hindernis überwinden, um rasch zum Ziel zu kommen, und erklärte sich bereit, eine Versetzung in unser Regiment zu beantragen. Da wehrte aber mein Vater ab, verwies ihn auf das Warten und nahm ihm das Versprechen ab, während der drei Tage, die ich noch in Wreschen war, mich nicht zu binden. So blieb ich denn dem Wortlaut nach ungebunden, dem Herzen nach fest gebunden, als ich mit meiner Mutter von Wreschen abreiste. Vom Exerzierplatz kamen die Dragoneroffiziere an unseren die Chaussee dahinfahrenden Wagen herangeritten. Am frühen Morgen, als die paar Dragonertrompeter zu Pferde unter meinem Fenster »Ach, wie ist's möglich dann, daß ich dich lassen kann« bliesen, und der Leutnant von Liliencron daneben hielt, hatten wir uns natürlich kein Wort sagen können. Nun hatte er es doch noch möglich gemacht, daß wir ein jubelndes »Auf Wiedersehen« austauschen konnten. Unser Regiment kam wenige Tage später im August nach Stettin und im September nach Kolberg. »Der Soldat hat auf Erden kein bleibend Quartier« ? das lernten wir in dem Jahre kennen. Im Gasthause in Kolberg wurde meine Verlobung gefeiert, so richtig als Regimentskind, im Kreise der Offiziere, die Regimentsmusik vor der Tür. Das war freilich erst der zweite Teil des Tages, der erste spielte sich in der Stille zwischen uns beiden ab. Wie oft habe ich noch später an diese weihevollen Stunden gedacht! Wie hat das, was wir damals er hofft, gewollt und erbetet haben, in unserem Leben feste Gestalt gewonnen und hat uns geleuchtet durch gute wie durch schwere Tage. Der Bräutigam sollte nun auch dem Senior der Familie Wrangel, meinem geliebten Großonkel vorgestellt werden. Wir reisten nach Berlin. Mit Bewunderung, ja mit einer gewissen Begeisterung, hatte mein Bräutigam stets zu dem Feldmarschall aufgesehen und ihn, als er das eine Jahr in Berlin studierte, immer mit tief abgezogenem Hut, halb Front machend, gegrüßt. So erzählte er mir und fragte mich: »Was meinst du, wie wird der alte Herr mich aufnehmen?« Ich war überzeugt, daß das in sehr herzlicher Weise geschehen würde.[50] In Berlin angekommen, meldete sich mein Bräutigam frühmorgens dienstlich bei dem Feldmarschall, in freudiger und zugleich gespannter Erwartung, wie er dem Verlobten seiner Großnichte begegnen würde. Ein kurzes: »Ich danke« war die Antwort auf die Meldung des jungen Dragoneroffiziers, der in dienstlich strammer Haltung vor ihm stand. Nun schlug dieser die Hacken zusammen und machte enttäuscht kurz kehrt. Die Türklinke in der Hand, will er eben hinausgehen, da hört er hinter sich den Ruf: »Mein Sohn!« Er wendet sich um und sieht den alten Herrn mit ausgebreiteten Armen ihm zunicken. Wie er nun auf ihn zu eilt, nimmt der Feldmarschall die Rechte des jungen Offiziers in seine beiden Hände. »Mein Sohn«, wiederholt er noch einmal mit bewegter Stimme, »du hast dir die Adda geholt, die Wrangel, die ich lieb habe, als wär's mein eigen Kind. Machst du sie glücklich, dann will ich dich auch lieben, wie mein eigen Fleisch und Blut, machst du sie aber unglücklich, dann soll dich der Deiwel holen! Und nun küsse mich und nenne mich du.« Eine feste Umarmung, ein herzhafter Kuß, und der Feldmarschall hatte den jungen Liliencron als seinen Großneffen aufgenommen. Bei Tisch passierte es nachher, daß, als der alte Herr meinem Bräutigam eine Frage stellte, dieser noch in dem Gefühl ? der junge Leutnant dem Feldmarschall gegenüber ? mit einem »Zu Befehl, Exzellenz« antwortete. Da wurde er aber sehr scharf verbessert. »Einmal habe ich Ihm erlaubt, mich du zu nennen und Onkel, wenn Er es aber noch einmal vergißt, dann ist's vorbei. Verstanden?« 1 Amazon.de Widgets Der Dichter Detlef Liliencron war sein entfernter Vetter, ihre Großväter waren Brüder gewesen. 
 I. Früheste Kindheitserinnerungen aus dem Jahre 1848.  An einem Sonntag bin ich geboren; frühmorgens beim Glockenläuten an einem sonnigen Julitage. Und als einem Sonntagskinde, dem die Augen für ganz besondere Dinge offen stehen, soll es mir vergönnt sein auch von Begebenheiten erzählen zu können, die sich vor meinem Leben abgespielt haben, oder zu einer Zeit, wo ich noch nicht in dem Alter war, alles um mich her in seiner richtigen Bedeutung zu erfassen. Die wiederholten Erzählungen der Ereignisse von den Persönlichkeiten, die sie selbst erlebt hatten, prägten sich tief in mein Kindergemüt ein und gestalteten sich zu einem lebenswarmen Bilde, das in späteren Jahren durch das Lesen unserer Wrangelschen Familiengeschichte, sowie durch die Erinnerungsblätter meines Vaters aus dem Schleswig-Holsteinschen Kriege 1848/49 immer frischere und lebendigere Färbung erhielten. Es war in Berlin im Februar des Jahres 1848; ich hatte mein viertes Jahr noch nicht erreicht, eine Zeit, aus der meine ersten bewußten Eindrücke stammen, und entsinne mich, daß ich spielend auf dem Fenstertritt zu Füßen meiner Mutter saß, als mein Vater, der Premierleutnant von Wrangel, hereintrat. »Frauchen! Mir ist ein Kommando angeboten, aber es ist sehr weit weg«, rief er, »rate einmal, wohin?« Ich horchte auf, ohne zu begreifen, um was es sich handelte. Die verschiedenen Namen, die meine Mutter nannte, schwirrten bedeutungslos an meinem Ohr vorüber, mir erschien es aber sehr lustig, wenn der Vater jedesmal wieder erklärte: »Es ist noch weiter, viel weiter.« Schließlich mußte er doch nachhelfen, und ich hörte etwas von Syrien ? Libanon ? Palästina ? Bethlehem ? Jerusalem. Diese Namen waren mir natürlich fremd, ? nichts anderes als leere Begriffe, und erst spätere Jahre haben sie mir eingeprägt. Nur »Bethlehem« war mir ein ganz vertrautes Wort, denn die Weihnachtsgeschichte, die mir mein Mutterchen oft erzählte, hatte sich mir[1] wie ein feststehendes, herrliches Bild tief in Kopf und Herz eingeprägt, und glückselig raunte ich es meinem Spielkameraden, dem großen Neufundländer, ins Ohr: »Effi, wir gehen nach Bethlehem!« Gar nicht begreifen konnte ich es, daß meine Mutter traurig aussah und so ernst mit meinem Vater sprach, statt sich zu freuen, so unbändig zu freuen, wie ich es tat, wenn ich auch vorläufig meine Freude nur meinem schwarzen Freunde anvertraut hatte. Später habe ich meiner Mutter Bedenken wohl begriffen. Sie war ein Fräulein von Strantz, und ihre Mutter, die in zweiter Ehe einen Herrn von Braunschweig geheiratet hatte, lebte in Lützow1 bei Charlottenburg. Jeden Sonntag waren wir bei ihr, und wenn wir so weit fortkämen, wäre die Großmutter natürlich sehr traurig gewesen. »Das Kind soll entscheiden, ob ich das Kommando annehme oder nicht«, schlug mein Vater vor, nahm mich auf den Arm und fragte: »Nun, Addachen, wollen wir nach Syrien und Palästina gehen?« »Ja, ja, morgen schon!« jubelte ich und drückte meinen Arm, so fest ich konnte, um seinen Hals. Verworrene, aber wunderschöne Dinge spukten mir im Kopf, vom Christuskinde und den Engeln und von einem herrlichen Märchenlande, von dem mir Dore, meine Kinderfrau, so prächtig zu erzählen wußte. ? Treu wie photographische Momentaufnahmen stehen mir Bilder aus meiner frühesten Kindheit in der Erinnerung. Das spätere Leben mit den Erzählungen meiner Umgebung füllte dann die Lücken aus und brachte mir zum Bewußtsein, was sich an Ernstem und Ergreifendem bedeutungsvoll um mich herum abgespielt hatte. Die Ereignisse, die ich damals noch nicht verstand, prägten sich mir später aus jener Zeit tief ein, als ich jahraus, jahrein mit denen zusammen war, die in den Märztagen 1848 in Berlin und in dem Schleswig-Holsteinschen Kriege 1848/49 eine entscheidende Stelle eingenommen hatten. Das Kommando, das damals meinem Vater angeboten wurde, umfaßte die Aufgabe, eine Vermessung des Libanon vorzunehmen. Es kam aber nicht dazu, denn Ereignisse im engen Vaterlande verhinderten es. Am 18. März 1848 war ein wundervoller, warmer Frühlingstag, Mutterchen ordnete die ersten Veilchen des Jahres, die der Vater ihr geschenkt hatte, in einer kleinen Vase, ich stand mit Effi, meinem unzertrennlichen Spielgefährten, am offenen Fenster. Sonnenschein flutete herein, es war fast wie Sommerzeit, ein Tag, um so recht von Herzen fröhlich zu sein.[2] »Mutterchen, was wollen die vielen Menschen, die da ankommen, und warum schreien sie so sehr?« erkundigte ich mich. Meine Mutter trat heran. Sie sah sehr ernst aus, lehnte sich weit hinaus und blickte die Straße hinunter, dann hieß sie mich in meine Spielecke gehen und schloß das Fenster. Draußen wurde es immer lauter, da johlten die Menschen, schrien und sangen. Mir wurde ganz ängstlich zumute. »Sage ihnen doch, daß sie ruhig sein sollen«, bat ich. Zärtlich strich mir meine Mutter über das Haar. »Auf dein Mutterchen würden sie nicht hören«, erklärte sie mir, »aber warte es nur ab, es wird schon bald einer kommen, der wieder Ruhe und Ordnung schafft.« Mir wollte es nicht recht in den Sinn, daß das nicht gleich geschehen sollte, denn dem Soldatenkinde war es ja von früh auf eingeprägt worden, daß man ohne langes Hin und Her zu gehorchen habe. Zum Spielen fehlte mir heute die Luft, ich mußte immer auf die lauten Stimmen von draußen hören, und als meine Mutter aus der Stube gegangen war, schlüpfte ich an das Fenster, um, durch die Gardine versteckt, hinunterzulugen auf die Karlstraße, in der wir wohnten. Wagen und Karren standen dicht vor unserer Haustür, und Männer schleppten Fässer und allerhand Gerümpel herbei, das sie übereinandertürmten. Der eine von ihnen schwenkte eine rote Fahne, und dabei sangen sie und machten einen so tollen Lärm, daß ich mir die Ohren zuhielt. Aber meinen versteckten Fensterplatz gab ich nicht auf. Etwas von geheimnisvollem Gruseln hielt mich fest, genau solch ein neugieriges Schaudern, das mich immer überlief, wenn Dore mir eine ihrer Räubergeschichten erzählte. Sie durfte das wohl eigentlich nicht, darum geschah es nur selten, und ich vergaß die Sachen schnell. Jetzt aber lebte alles auf, und ich dachte mir, wenn nun der Vater heimkäme, müßte er ? wie der Prinz im Märchen ? mit seinem Degen alle diese wilden Menschen wegjagen. Wie sollte er denn sonst auch in die Haustür kommen, da lagen ja Karren und Fässer davor? Auf diesen großen Augenblick, der in Dores Erzählungen immer der Glanzpunkt war, wartete ich ungeduldig. Doch statt dessen ging hinter mir die Türe auf und die Eltern kamen herein. Sie mochten mich in meinem Versteck gar nicht bemerkt haben, jedenfalls kümmerte sich keiner um mich, und ich verhielt mich mäuschenstill, teils vor Erstaunen darüber, wie der Vater hereingekommen war, teils vor Verwunderung über das, was er sagte. Er erzählte nämlich, daß es ganz wild auf der Straße zugehe. Nach seiner Droschke hätte die Bande mit[3] Steinen geworfen, als sie den Offizier in Uniform im Wagen entdeckt hätten, und nur durch die Hintertür wäre es ihm möglich gewesen, in das Haus hereinzugelangen. Amazon.de Widgets Ich war aus meinem Versteck geschlüpft und stand vor meinem Vater. »Warum hast du den ungezogenen Männern nicht verboten, mit Steinen zu schmeißen, und warum jagst du sie nicht nach Hause?« sprudelte ich heraus. »Sie müssen dir doch gehorchen.« Sein ernstes, bekümmertes Gesicht steht mir noch heute lebhaft vor Augen, als er mir antwortete: »Nein, Kleinchen, die da draußen gehorchen mir nicht mehr. Aber es heißt, daß dein Großonkel kommen soll, der General Wrangel, der weiß am besten, mit solchen Leuten umzugehen, und wird Ruhe schaffen.« Großonkel Wrangel, in dessen Hause ich später jahrelang fast täglich war, tauchte hier zum ersten Male in meinem Bewußtsein auf, und die Erklärung, daß dieser auch die Leute zur Ruhe bringen könnte, die meinem Vater nicht gehorchten, machte mir einen tiefen Eindruck. Den ganzen Tag währte der Lärm auf der Straße. Eine Barrikade nannten die Eltern die Wand, die quer über die Straße vor unserem Hause aufgebaut war. Rote Fahnen wehten darauf, und ich hätte mir das alles gern genau angesehen, aber ich durfte nicht mehr an das Fenster herangehen. Es war heute alles anders als sonst; zu Bett wurde ich gar nicht gebracht, sondern nur in ein Tuch gewickelt und auf das Sofa gelegt. Als es dunkel wurde, ich glaube, es war schon Nacht, nahm mich mein Vater auf den Arm, und wir verließen ganz leise das Haus. Die Eltern mit mir voran, Dore mit Effi hinterher, so ging es zur Hintertür hinaus in den Garten. Von da aus durch eine kleine Pforte wieder hinaus und weiter zur Großmutter nach Charlottenburg. Das Haus, es war dasselbe, in dem ich geboren war, lag in Lützow. Es war ein früheres Jagdschloß, hohe Bäume standen vor der Tür, und dahinter dehnte sich der Garten bis zur Spree aus. Hier war es stiller als in der Karlstraße, aber am anderen Tage flogen doch ab und zu Steine an das Fenster, zerbrachen klirrend die Scheiben und sausten in die Stube. Dicht herangerückt an die innerste Zimmerwand stand ein großer Tisch mit einer langen Decke, die bis auf die Erde herabreichte. Da unten hauste ich mit Effi. Das war mein mir angewiesener Platz, und ich fühlte mich stolz im Besitz meiner engen Behausung, denn ich mußte ja hier Effi behüten, damit er nicht hinaussprang und dabei vielleicht von einem Stein getroffen würde.[4] Zwei Tage hatte ich so mein kleines Reich für mich, das ich mit meinem schwarzen Spielkameraden teilte; dann holte uns mein Onkel, Rittergutsbesitzer von Waldow, der eine Schwester meiner Mutter zur Frau hatte, ab. In eine große Kutsche wurden wir alle, samt den Großeltern, nur mit Ausnahme meines Vaters, hineingepackt, um auf seinem Gute Wolgast i.d.N. in Sicherheit gebracht zu werden. Ich entsinne mich, daß ich sehr ungern mein kleines Reich unter dem Tische verließ und immer daran denken mußte, wie ich meinen Vater dieser Tage so oft hatte sagen hören: »Der Onkel würde hier gleich Ruhe schaffen«. ? Warum kam er denn nicht, dann hätten wir doch zu Hause bleiben können! Ehe ich nun weiter erzähle von dem Tage, wo ich den Großonkel zum ersten Male in meinem Leben sah, will ich zurückgreifen in Zeiten, die lange vor meiner Geburt liegen, um dadurch ein treues Bild seiner Persönlichkeit und der Grundzüge seines Wesens zu geben. Ich habe unzählige Male diese Sachen gehört und dabei voll Stolz auf den prächtigen Großonkel geblickt, den ich immer herzlicher lieben und immer mehr bewundern lernte, je häufiger ich als Kind und als Backfisch in seinem Hause war. Große Augenblicke aus dem Leben des späteren Feldmarschalls Wrangel, Erinnerungen aus 1813 und 14 will ich nun erwecken und versuchen, sie lebenswarm wiederzugeben. Ich habe mich voll jugendlicher Begeisterung für diese Episoden glühend erwärmt, daher kommt es, daß sie als abgerundetes Bild in meinem Gedächtnis stehen. Großgörschen ? Etoges ? Soissons, das sind die Namen, die sich mir in Verbindung mit dem Großonkel tief eingeprägt haben, und davon will ich erzählen. Es war am 2. Mai 1813. Dem Rittmeister Wrangel war bei Großgörschen die Aufgabe zugefallen, mit seiner Schwadron des Ostpreußischen Kürassierregiments eine russische Batterie von 16 Geschützen zu decken. Wrangel stellte seine Schwadron seitwärts in Deckung auf, während er selbst mit seinem Trompeter dicht bei der Batterie hielt, um sofort seine Reiter im gegebenen Augenblick heranziehen zu können. Ein Flügeladjutant des russischen Kaisers, der zu der Batterie kam, fand in dem Umstande, daß er die Schwadron nicht sah, einen Grund, dem Rittmeister harte Worte zu sagen und ihm zu befehlen, die Schwadron dicht am linken Flügel aufzustellen. Wrangel weigerte sich. »Ich kann meine Leute und Pferde nicht zur Zielscheibe für den Feind aufstellen«, erklärte er, »und bürge mit meinem Kopf dafür, daß die Batterie nicht in die Hände des Feindes fällt!«[5] Heftig erzürnt, schleuderte der Adjutant ihm die Worte entgegen: »Solchen Eigensinn werden Sie zu bereuen haben«, und ritt in hoher Erregung davon. Unbeirrt hielt Wrangel seine Stellung fest. Da bemerkte er, daß die gegenüberstehende Batterie ihre Stellung veränderte, und machte den Kommandeur darauf aufmerksam, daß nun der Feind von einer vorwärts liegenden Anhöhe wirksamer beschossen werden könnte. Der Kommandeur zögerte, da er annahm, daß sich in dem vorliegenden Gelände feindliche Tirailleure aufhielten. Doch Wrangel drängte: »Ich werde mit dem Trompeter allein auf die Höhe reiten. Steige ich drüben vom Pferde, so ist das ein Zeichen, daß kein Feind da ist.« Noch ehe sich der russische Offizier zu diesem Wechsel der Stellung entschlossen hatte, kehrte der Flügeladjutant des Kaisers zurück. Diesmal begleitete ihn Major von Grolmann, der Wrangel erklärte, daß der Flügeladjutant ihn beim Kaiser gemeldet habe wegen ungenügender Deckung der Batterie. »Ich bitte, sich selbst von der Stellung meiner Schwadron zu überzeugen«, schlug Wrangel vor. Grolmann tat nach seinem Wunsch, prüfte, überzeugte sich, daß der junge Rittmeister die ihm anvertraute Schwadron sicher gedeckt hatte, und sprach ihm seine volle Anerkennung aus für die richtige Benutzung des Geländes. Das war für Wrangel eine freudige Genugtuung, die noch dadurch erhöht wurde, daß auch Grolmann auf das entschiedenste riet, die von dem Rittmeister vorgeschlagene Stellung einzunehmen. Und weiter lächelte Wrangel an dem Tage das Glück, denn als die Batterie auf der vorliegenden Höhe aufgefahren war und Wrangel selbst eins der Geschütze richtete, sprengte er mit diesem ersten Schuß einen feindlichen Pulverkarren in die Luft. Bis zum Abend blieb die Batterie in ununterbrochenem, wirksamem Feuer, und erst als es dunkelte, ritt Wrangel wieder zu seinem Regiment zurück. Er hatte die Freude, melden zu können, daß er nur einen Mann und drei Pferde verloren hatte. Aber die Arbeit des Tages war noch nicht vollendet. Die feindliche rechte Front sollte von der Kavallerie überfallen werden. Drei Regimenter, darunter auch Wrangels Kürassiere, waren dazu bestimmt. Im Dunkel ging die Fühlung verloren, und die Schwadronen gerieten durcheinander. Die Verwirrung wurde dadurch noch vermehrt, daß die Spitze der Schwadronen gleich zu Anfang in einen tiefen Hohlweg geriet. Danach ging es vorwärts und sie gerieten bis auf 500 Schritt an das Biwak des Kaisers heran. Der Feind,[6] durch das Gerassel der anrückenden Reiter aufmerksam gemacht, griff zu den Waffen, schoß mit Kartätschen und zündete die äußeren Dorfränder an, um das Gelände zu erhellen. Der Angriff der Reiter wurde fortgesetzt, und die Schwadron geriet auf und zwischen feindliche Massen. Im schärfsten Galopp ritt Wrangel auf ein feindliches Karree und sprengte es. Doch er verlor dabei sein Pferd und kam beim Zusammenbrechen des Tieres unter den Gaul zu liegen. Vergeblich war sein Bemühen, sich aus der schrecklichen Lage zu befreien. Die eigene Truppe, die in der Dunkelheit seinen Sturz nicht bemerkt hatte, war zurückgegangen, und der quälende Gedanke, hier in Gefangenschaft zu geraten, wurde für Wrangel zur unerträglichen Pein. Da sah er, wie Kürassier Schweiger, der am Arm verwundet war, sich vorbeischleppte. Wrangel rief ihn an, und Schweiger gelang es, seinen Rittmeister unter dem toten Pferde hervorzuziehen. Zum Glück wurde die Postenkette, die die beiden durchschreiten mußten, in diesem Augenblick durch preußische Husaren alarmiert. Das lenkte die Aufmerksamkeit des Feindes von allem andern ab, und so gelang es Wrangel und Schweiger unangefochten durch die Postenkette zu schlüpfen. Weit aber kamen sie nicht, denn des Rittmeisters gequetschter Fuß und die Schwäche des Kürassiers, der sehr viel Blut verloren hatte, machte es ihnen unmöglich, sich lange fortzuschleppen. Etwa dreitausend Schritt von den französischen Vorposten entfernt schwanden Wrangels Kräfte gänzlich; er brach in einem Graben zusammen, legte seinen Kopf an die treue Brust des Reiters und versuchte sich in den Willen Gottes zu finden, denn er mußte sich sagen, daß mit dem Anbrechen des Tages seine Gefangenschaft unvermeidlich sei. Eine bange halbe Stunde verrann, da vernahm er Pferdegetrampel, und stürmisch pochte sein Herz bei der bangen Frage, ob es Freund oder Feind sei, den er zu erwarten habe. In atemloser Spannung lauschte er den Näherkommenden entgegen, und als er deutsche Worte hörte, rief er ein lautes, freudiges »Wer da?« »Wer ruft?« klang die Gegenfrage. Wrangel nannte seinen Namen. »Gott sei Dank, daß ich Sie lebend finde, man hatte Sie bereits tot gesagt,« wurde ihm freudig entgegengerufen. Major von Grolmann, der auf einem Erkundungsritt begriffen war, reichte ihm hocherfreut die Hand. »Hier steigen Sie auf ein Ordonnanzenpferd, der Kürassier hält sich am Bügel fest, so bringen wir Sie beide nach Pegau, und nun vorwärts!« Dankerfüllt ließ sich Wrangel auf den Gaul heben, und als der Morgen dämmerte, erreichten sie die, zum Verbandplatz eingerichtete[7] Scheune in Pegau. Stark erschöpft warf Wrangel sich aufs Stroh, Beinkleid und Stiefel mußten ihm, der starken Schwellung wegen, vom Körper heruntergeschnitten werden, aber zu seiner unaussprechlichen Freude zeigte es sich da, daß der Fuß nicht gebrochen, sondern nur stark gequetscht war. Er ließ sich in den Sattel heben, und da sein Regiment eben zum Weitermarsch rangiert wurde, übernahm er sofort die Führung seiner Schwadron. Bewundernd rief ihm Grolmann zu, der ihm begegnete, als er mit seinen Kürassieren eine Attacke auf zurückgehende Feinde machte: »Das vergesse ich Ihnen im Leben nicht.« In dem Vortragszimmer meines Großonkels in Berlin, Pariser Platz 3, wo er die militärischen Meldungen zu empfangen pflegte, hingen viele Bilder von wichtigen Ereignissen und Erinnerungen aus seinem reich bewegten Leben. Darunter waren auch zwei Gefechtsmomente, die sich bei Etoges abgespielt hatten. Dieser 14. Februar 1814 bei Etoges gehörte zu seinen Lieblingserinnerungen. Seine blauen Augen blitzten in jugendlichem Feuer, wenn er davon erzählte. Ich weiß, wie er mich dann zur Begeisterung fortreißen konnte, und ich war doch nur ein Mädchen, ein Backfisch, der noch nicht ganz die Tragweite der Sache er fassen konnte. Es war am 14. Februar 1814. Die Kolonnen des Kaisers Napoleon drängten so übermächtig vor, daß der Rückzug der schlesischen Armee angetreten werden mußte. Den äußersten linken Flügel der Rückzugslinie deckte das Ostpreußische Kürassierregiment, das an dem Tage bereits drei feindliche Angriffe zurückgeschlagen hatte. Der tapfere Führer des Regiments war dabei schwer verwundet worden, und Wrangel, der nach Großgörschen außer der Tour zum Major befördert war und das Eiserne Kreuz erhalten hatte, übernahm das Kommando. Es war am Nachmittag. Die französische Gardekavallerie versuchte von neuem zur Attacke vorzugehen, das russische 7. Jägerregiment formierte Karree und empfing sie mit einem wohlgezielten Feuer. Da wankte der Feind, und den Augenblick benutzte Wrangel. Blitzschnell ging er mit seinen Reitern um die Flügel der Russen herum und stürzte sich auf den Feind, der sofort kehrtmachte und durch die Kürassiere noch bedeutende Verluste erlitt. Dreimal wiederholte die französische Kavallerie ihren Angriff, und dreimal wurde sie durch das Feuer der russischen Jäger und die wuchtigen Hiebe der Kürassiere abgewiesen. Bis zur Begeisterung steigerte sich die Stimmung der Reiter durch diese glücklichen Erfolge. Aber die Pferde waren erschöpft, die Munition fast verschossen. Als der Abend heraufdämmerte, kam General von Zieten und sprach[8] Wrangel seine vollste Anerkennung über seine Führung und die Leistungen des Regiments aus. Dann erteilte er ihm den Befehl, vor dem Walde so lange halten zu bleiben, bis die russische Infanterie das Defilee durch den Wald passiert haben würde. Mit bedeutsamem Nachdruck setzte er dann hinzu: »Die Stellung muß gehalten werden, und sollte es mit eigener Aufopferung geschehen.« Wrangel hatte ihn verstanden, er wußte, nun galt es für ihn wie für jeden seiner Reiter, auszuhalten bis zum letzten Atemzuge. Während Zieten mit Wrangel sprach, wurde er von den feindlichen Flankeurs belästigt und wandte sich an das Regiment: »Freiwillige vor zum Vertreiben der Flankeurs«, rief er. Amazon.de Widgets Schlagfertig kam die Antwort: »Auf dem Schlachtfelde sind wir alle Freiwillige! Befehlen der Herr General nur, wieviel Mann vorreiten sollen, wir drängen uns ja alle dazu.« Da ritt Zieten vor die Front des Regiments und gab Wrangel ein Zeichen, ihm zu folgen. »Meinem Blick sind die außerordentlichen Leistungen des Regiments in der Schlacht nicht entgangen, und werde ich Seiner Majestät darüber Bericht abstatten«, rief er den Reitern zu, und zog vor ihnen den Hut. So ritt er entblößten Hauptes die Front entlang. Dann drückte er Wrangel die Hand: »Herr Major! Voller Achtung für Sie, enthalte ich mich aller Instruktionen für das große Unternehmen, dem Sie entgegenschreiten«, sagte er und jagte dann zu den Kolonnen im Walde, um diese zur Eile zu treiben. Stürmisch war die Begeisterung, die die ehrende Anerkennung des Generals von Zieten bei dem Regiment hervorgerufen hatte. Der Offizier wie der Reiter empfand es als eine heilige Pflicht, sich dieser Ehre würdig zu zeigen, und war bereit, dafür freudig den letzten Blutstropfen hinzugeben. Unterdessen war es völlig Nacht geworden. In der Front zeigte sich nichts von einem Feinde, auf der Chaussee zog sich der Lärm immer mehr nach rückwärts, und links sah man feindliche Kavalleriemassen, die den Wald umgehen zu wollen schienen. Aber die Kürassiere durften ihren Platz nicht verlassen, denn das Defilieren der Russen dauerte fort. Bald darauf wurden Infanteriemassen auf der Chaussee sichtbar, doch war nicht zu erkennen, ob es Freund oder Feind sei, und Wrangel sandte, um das festzustellen, den Grafen von Münchow dahin. Noch ehe dieser darüber Nachricht gebracht hatte, erschien ein französischer Offizier als Parlamentär mit einem Trompeter. Er erklärte Wrangel, daß er umgangen und es für sein Regiment unmöglich sei, die anderen Truppen[9] wieder zu erreichen; so bliebe ihm nicht anderes übrig, als zu kapitulieren. Der Kaiser, der die Bravour des Regiments wohl bemerkt habe, ließe ihm eine ehrenvolle Kapitulation anbieten, die er beauftragt sei, ihm vorzulegen. Wrangel hatte ihn ausreden lassen, dann aber antwortete er ihm in seiner schneidigen Weise: »Solange ich noch zu Pferde sitzen und den Pallasch halten kann, so lange kapituliere ich nicht, und meine Kürassiere denken wie ich! ? Reiten Sie zurück und melden Sie das dem Kaiser!« Ein lautes zustimmendes Murmeln lief durch die Reihen der Kürassiere, doch der Parlamentär achtete nicht darauf. Er drängte sein Pferd dicht an die Leute heran: »Das ist Wahnsinn!« rief er. »Steckt eure Pallasche ein! Sitzt ab! Ihr seid Gefangene des Kaisers. Die Mantelsäcke könnt ihr behalten!« Die verräterischen Worte des Offiziers jagten Wrangel das heiße Blut zu Kopf. »Den Schuft, der preußische Kürassiere verführen will, schieß vom Gaul«, befahl er seinem Ordonnanz-Unteroffizier.2 Der Schuß fiel, und der Parlamentär stürzte tot zu Boden, der Trompeter entfloh. Die Entschlossenheit, mit der Wrangel gegen den feindlichen Parlamentär verfahren, der seine Kürassiere versucht hatte zur Insubordination aufzureizen, machte den besten Eindruck auf die Reiter. Vertrauensvoll blickten sie auf ihn, bereit ihm zu folgen, wohin es auch sei. In diesem Augenblick kam der vorher auf Erkundungen gesandte Offizier mit der Meldung zurück, daß der Feind auf allen Seiten wäre, und daß sich sogar feindliche Infanterie tief im Walde aufhielte. Wrangel ließ die Offiziere vor die Front kommen, teilte dem Regiment mit, in welcher gefährlichen Lage es sich befände, und schloß mit der Frage: »Wollt ihr lieber für König und Vaterland den Tod erleiden, oder wollt ihr euch schmachvoll ergeben?« »Lieber den Tod«, brauste es durch die Reihen. Er hatte keine andere Antwort erwartet, aber nun reckte er sich freudig im Sattel. »Dann, los!« Es wurde mit Zügen rechts geschwenkt, die Standarte flatterte dicht hinter dem Führer. Zu jeder Seite des Kleinodes ritt ein Offizier. Die Züge dicht aufgeschlossen, die Offiziere auf den rechten Flügeln, so setzte sich das Regiment zuerst im Schritt in Bewegung, schweigend und vorsichtig, um nicht zu früh die Aufmerksamkeit des Feindes auf sich zu ziehen. Als sie aber nun der feindlichen Infanterie nahegekommen waren, scholl Wrangels Stimme wie ein Donnerruf: »In Gottes Namen drauf!«[10] Wie der Sturmwind brauste das Regiment in den Feind hinein und hieb sich eine breite, blutige Gasse. Erst jenseits des Waldes zügelte Wrangel sein zitterndes, schaumbedecktes Tier, dem das Blut aus einer tiefen Wunde am Halse tropfte. Ein helleuchtendes, von den verbündeten Truppen eben verlassenes Lager war entdeckt. Wrangel ließ die abgesessenen Kürassiere, mit der Front dem Feinde zu, in Eskadronkolonnen aufmarschieren, einen Kreis bilden und den Standartenträger in die Mitte treten. Er war tief bewegt. Es war, wie er es später oft aussprach, einer der schönsten und unvergeßlichsten Augenblicke seines Lebens. Mit festem Griff erfaßte er die Standarte, hob sie hoch empor und sprach laut und feierlich: »Gelobt sei die Allmacht Gottes, die uns aus den Händen eines mächtigen Feindes errettet hat.« Jubelnd schloß er dann: »Es lebe der König!« Ein donnernder Ruf der Tapferen zeigte, wie die Worte ihres Führers ein Echo in ihrem Herzen gefunden hatten. Wrangel wendete sich an sie: »Euch aber, brave Kameraden«, rief er, »die ihr die Ehre höher gehalten habt und eher den Tod erleiden wolltet, als Schmach auf euch laden, euch wird das Vaterland lohnen, so wie ich euch danke. So wie ich jetzt euern Standartenträger herzlich umarme, so sehe ich euch alle als meine Brüder an. Solange ich lebe, wird nie mein Herz für euch zu schlagen aufhören, und mit Freuden werde ich den letzten Groschen mit euch teilen.« Von der Größe des Augenblicks erfaßt und dem eigenen heißen Herzschlag getrieben, riß er seine Kürassiere zu stürmischer Begeisterung fort und legte den Grundstein zu der Liebe und hohen Verehrung, die ihm das Regiment allzeit bewahrt hat. Als Wrangel mit seinen Reitern jenseits des Waldes wieder zur Brigade stieß, wurde er vom General von Zieten und den Kameraden mit großem Jubel begrüßt. Sie hatten das Regiment und seinen Führer bereits verloren gegeben. Aus den Jahren, wo ich als Backfisch fast täglich in dem Hause des Großonkels aus und ein ging, entsinne ich mich, daß oft von Etoges die Rede war. Von solchem halbwüchsigen Mädchen verlangte man nichts anderes, als daß es still zuhörte, wenn die Großen sich unterhielten. Das habe ich denn auch redlich getan und mir meine Gedanken dabei gemacht. Wenn dann die Herren die ganze Schwierigkeit der Lage beim Walde von Etoges hervorhoben, pflegte der Großonkel kurz und bündig zu erklären: »Eine Reiterschar, die sich dem Tode geweiht hat, kann durch irdische Macht nicht aufgehalten werden. Der Sieg ist ihr gewiß, der Sieg oder der Tod.« Wie mich das damals packte, und wie mir das Wort nachging bis in mein spätes Leben hinein![11] Und nun noch das Dritte ? »Soissons«! In dem Arbeitszimmer des Großonkels stand ein Feuerzeug, eine Waffentrophäe, gebildet aus drei kleinen Gewehren, darunter einer Trommel und einem Geschützlauf aus Bronze, ein Gnadengeschenk des Prinzen Karl. Oben in den Bajonetten lag eine Gewehrkugel mit einem silbernen Reifen, darauf war eingraviert: »Soissons, den 28.2.1814.«3 Der Großonkel hat mir's erzählt, was für eine Bewandtnis es mit der Kugel hatte, auch hing in dem Vortragzimmer ein Bild aus dem Gefecht von Soissons, und in den Familienaufzeichnungen habe ich ebenfalls davon gelesen. Es war, als Kaiser Napoleon von Meaux her mit überlegenen Streitkräften auf die nach Soissons hin abziehenden Blücherschen Truppen drängte, die auf dem Marsche die Vereinigung mit den aus Holland herkommenden Korps von Bülow und Winzingerode suchten. Die Defileen waren von der Bagage verfahren, und Blücher befahl dem Ostpreußischen Kürassierregiment, den andringenden Feind unter allen Umständen aufzuhalten, selbst auf die Gefahr hin, daß es dabei zugrunde gehen könnte. Das hieß wieder »siegen oder sterben«, dachte ich damals, als ich vor der Kugel stand und der Großonkel es mir erzählte. Er hatte alle Anordnungen zum Angriff getroffen und saß auf seiner braunen Trakehner Stute. Lydia hieß sie, er hatte sie nach seiner Frau so genannt. In spannender Erregung, mit ganz bewußtem Herzklopfen, hörte ich dem alten Herrn zu, der alles noch einmal zu durchleben schien, was er mir schilderte. Meine lebhafte Phantasie brachte mir das Bild, das er vor mir entrollte, greifbar nahe, und ich sah im Geiste die tapfere Reiterschar, deren Blicke in lautloser Stille an ihrem jugendlichen Führer hingen, der sein forschendes Auge nach allen Seiten hin streifen ließ. »Und als nun die alten siegesgewissen Feinde vorrückten«, fuhr der Großonkel fort und legte mir die Hand dabei fest auf die Schulter, »siehst du, Marjell, da rief ich meinen braven Jungen zu: in Gottes Namen drauf, und los ging's!« Nun kam die Schilderung, wie die todesmutige Reiterschar sich in die Reihen der Feinde stürzte und das wilde Kampfgewühl begann. Die Feinde wichen vor diesem, mit elementarer Wucht geführten Anprall zurück. Doch nach einer Stunde sandte Napoleon neue Truppen vor, um sich den Durchgang zu erzwingen. Wrangel und seine Reiter aber wußten, was auf dem Spiele stand, und schlugen kampfbereit die Angreifer zurück.[12] Und zum dritten Male rückten frische, feindliche Truppen gegen die wackeren Ostpreußen an. Bei der Attacke bäumte Wrangels Pferd im hohen Satz empor und sank dann mitten in den Reihen der Feinde auf die Kniee. Ein paar kräftige Sporen brachten es wieder auf die Beine und aus dem Gewühl des Kampfes. Auch der dritte Angriff wurde zurückgeschlagen, die Defileen waren nun frei geworden, und so konnte das Regiment den Marsch nach dem Biwakplatz antreten. Dort angekommen, brach Wrangels treues Pferd zusammen. Es war weidewund geschossen. Eine Kugel war in der linken Seite eingedrungen, und auf der rechten Seite in der Haut stecken geblieben. Sie wurde herausgeschnitten, und der Großonkel bewahrte sie zur Erinnerung an Soissons und an seine treue Lydia auf. Mir waren damals die Tränen in die Augen geschossen bei seiner Erzählung. War es um den Tod der braunen Stute gewesen, oder war es, weil mich das Wort vom »Siegen oder Sterben« immer so packte? ? ? ? Einen langen Gedankenstrich muß ich hier machen, denn ich bin abgeschweift, habe zurückgegriffen und bin vorangeeilt. Das mußte ich aber tun, um aus dem Leben des Großonkels die Tage herauszugreifen, die ihn zum Helden gestempelt haben. Wenn ich das alles auch erst später teils aus seinem eigenen Munde, teils von seiner Umgebung erfahren habe, so sollen doch jene Eindrücke schon jetzt mitsprechen. Was er in seinen jungen Jahren geleistet hatte, wollte ich schildern, damit seine Gestalt schon zur lebenswarmen Persönlichkeit geworden, bevor ich ein Bild von ihm und seinem Vorgehen aus dem Jahre 1848 entrollte. Selbstverständlich konnte das nur auf Überlieferungen und Aufzeichnungen der Familie beruhen. 1 Amazon.de Widgets früher Lietzow genannt. 2 Dies eins der Bilder im Vorzimmer. 3 Irrtümlich ist wohl der 28.2. genannt. Das Gefecht kann erst Anfang März gewesen sein. 
 XX. Graf Kirchbach.  [207] Nachdem der Tod unserem Kreise einen so hoch bewährten Mann, wie den Grafen Roon, genommen hatte, wurde uns im Februar 1880 die Freude, wieder einen der großen Korpsführer aus dem Kriege 1870/71 in unserer Mitte begrüßen zu können. Der General Graf Kirchbach, Kommandierender General des V. Korps, hatte an seinem 70. Geburtstage, am 23. Mai 1879, den Abschied erbeten. Obwohl geistig und körperlich noch völlig rüstig, hatte er, im Hinblick auf sein Lebensalter und seine vierundfünfzigjährige Dienstzeit, diesen Entschluß gefaßt. Seine[207] Majestät der Kaiser hatte sich jedoch nur schwer von einem General trennen können, der ihm auf zahlreichen Schlachtfeldern und in einer langen Friedenslaufbahn so ausgezeichnete Dienste geleistet hatte. So genehmigte der Kaiser denn erst am 3. Februar nach mehrmaliger Erneuerung des Abschiedsgesuchs den Wunsch seines Feldherrn, beließ ihn aber in der Stellung als Chef seines Regiments 46 mit den aktiven Abzeichen als General der Infanterie. Um der Armee und dem Volke zu zeigen, wie hoch er seine Verdienste schätzte, hatte der Kaiser den General in den Grafenstand erhoben mit der Vererbung nach dem Rechte der Erstgeburt, und dem geschichtlichen Dokument, das ihm durch Allerhöchste Kabinettsorder zuging, das Wort zugefügt: »Indem Wir wünschen, daß hierdurch der Nachwelt noch lange in die Erinnerung gerufen werden möge, daß der erste des Namens von Kirchbach, welcher den Grafentitel führte, der brave Kommandierende General des V. Armeekorps bei Weißenburg, Wörth, Sedan und vor Paris war.« Die letzten Tage, die der Graf noch in Posen verlebte, brachten ihm von allen Seiten die Beweise der Trauer, die das gesamte V. Armeekorps über das Scheiden seines Kommandierenden empfand. Stadt und Provinz wetteiferten in gleicher Weise, um ihm in mannigfacher Art ihre Verehrung zu bezeugen. Nun in der zweiten Hälfte des Februar kam der Graf in unserer Oberlausitz auf sein neu erworbenes Gut Moholz, das kaum eine halbe Stunde zu Fuß von uns entfernt lag. Schon in den früheren Jahren ihrer militärischen Laufbahn hatten die beiden Herren, Graf Kirchbach und mein Vater, viel miteinander verkehrt, in Berlin, als beide im Großen Generalstab arbeiteten, und dann in Posen, wo der Graf Kommandierender General und mein Vater Gouverneur war. Dort bei ihren täglichen Spaziergängen auf dem Wilhelmsplatz waren dann die Kriegserinnerungen ausgetauscht worden. Jetzt kamen die beiden alten Herren nun wieder zusammen, um Jahre hindurch in alter Freundschaft immer engere Beziehungen zueinander anzuknüpfen. Mein Mann und ich hatten den Grafen schon in Posen kennen gelernt, wenn wir meine Eltern besuchten, und ich möchte hier mit kurzem Wort die äußere Erscheinung dieser machtvollen Persönlichkeit und ihre Art, sich zu geben, kennzeichnen. Seine Figur war von mittlerer Größe, er trug sich auch im Alter jederzeit aufrecht, man erkannte den wettergestählten Offizier auf den ersten Blick in ihm. Scharf markierte Züge, eine Adlernase, konnte man nur flüchtig streifen, wenn man ihn ansah, denn die großen sprechenden Braunaugen beherrschten das ganze Gesicht so völlig, daß man alles andere darüber vergaß. Es war, als ob diese klugen Augen[208] bis auf den Grund der Seele des Menschen lesen wollten, mit dem er sprach. Tiefer Ernst, der sich bis zur Strenge steigern konnte, sprach aus ihnen, und dann wieder konnten sie so warm blicken, so neckisch fröhlich, daß sie ihm die Herzen im Sturm gewannen. Das Necken verstand der alte Herr ganz prächtig, aus dem Effeff, wie wir meinten. Er konnte bei einer Neckerei so unerschütterlich ernst aussehen, daß der Betreffende, wenn er den Grafen nicht sehr genau kannte, jedesmal darauf hineinfiel, und das amüsierte den General dann höchlich. Was sich in dem edlen Charakterkopf des Grafen ausprägte, eiserner Wille und unantastbare Festigkeit, zeigte sich als zwei seiner hervorragendsten Eigenschaften. Ein klarer, besonders dem Praktischen zugewendeter Verstand, ein vortreffliches Gedächtnis und eine richtige Beurteilung der Menschen waren ihm eigen. Die gewisse Herrschaft, die er stets über sie ausgeübt, beruhte vorzugsweise in seiner Persönlichkeit, in der Macht seiner Individualität. Er war kein Freund von vielen Worten, aber sein Urteil traf immer den Nagel auf den Kopf. Ohne Unterschied des Ranges tadelte er jeden, der es seiner Ansicht nach verdient hatte. Das war oft nicht bequem, aber einem Lob aus seinem Munde legte man auch einen ganz besonderen Wert bei. Zur Charakterwiedergabe dieses von mir so hoch geschätzten Mannes möchte ich Worte eines Offiziers wiederholen, der ihm 1866 besonders nahestand. Er schrieb darüber: »So furchtlos und treu wie Kirchbach kann nur ein Mann sein, dessen ganzes Innere von Gottesfurcht durchdrungen ist. Sein Herz ist weich, aber sein Mitgefühl für das Elend des Krieges verbirgt er zunächst unter einer rauhen Schale. Während ihm das Herz blutet bei den Verlusten seiner Truppe, weiß er in den kritischen Momenten die richtigen Worte zu finden, um dieselbe zur größten Todesverachtung anzuspornen und zum zähesten Aushalten. Ebenso eisern hält er selbst auf der gefährlichsten Stelle aus. Bittet ihn seine Umgebung, sich nicht zu exponieren, so scheint er nicht zu hören, oder er weist sie, wenn sie dringend werden, kurz ab. Die Milde und Güte von Kirchbachs Charakter tritt erst hervor, wenn den militärischen Anforderungen Genüge getan ist. In wohltuendster Form kommen aber dann diese Eigenschaften zur Geltung und sichern ihm die Liebe seiner Untergebenen, wie ein grenzenloses Vertrauen zu seiner Führung. Besser kann ich seinen Charakter nicht kennzeichnen als durch die Worte: furchtlos und treu. Treu seinem Gott, seiner Pflicht, treu seinen Freunden und seinen Untergebenen. Wie er seine Kinder streng und ernst erzogen und behandelt hat, so behandelt er seine Soldaten auch wie seine Kinder mit derselben strammen Zucht wahrhaftiger Vaterliebe.«[209] Nun waren wir einander nah, sehr nahe gerückt, der Verkehr entwickelte sich rasch und gestaltete sich immer intimer. Jeden Sonntag saßen wir in unseren Kirchenstühlen nebeneinander in der kleinen Dorfkirche zu See, und am Nachmittag waren wir dann entweder in Moholz oder Sproitz zusammen. Die Superintendentenfamilie fehlte dabei nie, und verschiedene Nachbarn kamen auch dazu. Ehe am Abend der Whisttisch hervorgeholt wurde, an dem die Herren Platz nahmen, belebten dann oft alte Kriegserinnerungen das Gespräch. Von dem, was ich da gehört, und an der Hand der Aufzeichnungen des Generals möchte ich einige Bilder der Kampfeszeiten entrollen, wie sie jetzt wieder lebendig und formenscharf vor mir auftauchen. Gewissermaßen ergänzen sie die Kriegsjahre 1866 und 1870/71, wie ich sie aus den Briefen meines Vaters und meines Mannes schilderte. Vom 27. Juni, vom Tage von Nachod, will ich sprechen. Als ich Jahre später zum Jubiläumsfest des Regiments Graf Kirchbach gebeten wurde, die Schilderung dieses glorreichen Tages in einigen dichterischen Szenen wiederzugeben, um sie den Soldaten einzuprägen, da stand mir beim Studieren der Regimentsgeschichte immer der verehrte General, wie ich ihn in den Jahren des Zusammenlebens kennen lernte, greifbar deutlich vor Augen. Für den 27. Juni war dem Korps der Befehl zugegangen, auf Nachod zu marschieren. Die Vorhut stieß westlich Nachod ? es mochte etwa 9 Uhr morgens sein ? unerwartet mit dem österreichischen Korps Ramming zusammen. Ein heftiger Kampf entwickelte sich, der den Aufmarsch und das rechtzeitige Eingreifen des Gros bedrohte. Der Wenzelsberg war der erste Treffpunkt. Die feindliche Avantgarde wurde zurückgeworfen, aber sie vereinigte sich mit den von Westen anrückenden österreichischen Truppen und nötigte die Preußen zum Rückzug nach dem Walde östlich der Neustädter Chaussee. Das Wäldchen am Wenzelsberg schien für sie verloren zu sein; doch mit eiserner Zähigkeit hielten sie wenigstens den östlichen Rand besetzt und ließen so dem Gros Zeit, heranzukommen und sich wirksam zu entfalten. General Kirchbach, der sich bei dem Gros befand, als die ersten Truppen die Metaubrücke passiert hatten, war im schnellen Ritt durch Nachod auf das Gefechtsfeld vorausgeeilt. Auf dem Plateau der Neustädter Chaussee angelangt, orientierte er sich im heftigsten feindlichen Feuer über den augenblicklichen Stand des Gefechts, unbeirrt davon, daß die neben ihm haltende Stabsordonnanz von einer Kugel zu Tode getroffen wurde; ruhig und klar, wie es seine Art war, erteilte er die Befehle. Durch seine weitsichtig getroffenen Anordnungen gelang es der[210] tapferen 19. Infanteriebrigade nach hartem Kampf, das Wäldchen zu nehmen sowie die stark besetzte Wenzelskirche und das Dorf Wenzelsberg. Da nun aber inzwischen die Lage auf dem rechten Flügel eine bedrohliche Wendung genommen hatte und die Gefahr einer Umgehung vorlag, eilte General Kirchbach nach dem Südende von Wisokow, um dort selbst das Gefecht zu leiten. Mit eiserner Energie hielt er den bereits umfaßten Flügel seiner Truppen fest, bis er endlich nach Eintreffen seiner 20. Infanteriebrigade imstande war, die Umklammerung zu durchbrechen und durch Vernichtung des feindlichen linken Flügels die Schlacht zu entscheiden. Wenn ich auch von Kindheit auf mit dem Soldatenleben vertraut war und besonders später als guter Kamerad meines Mannes mich bis in alle Einzelheiten für seine Winterarbeiten interessierte, mir die Manöverbilder erklären ließ und vor allem eine eifrige Zuhörerin war, wenn die Herren ihre Kriegserlebnisse besprachen, so geht mir doch selbstverständlich das eigene sachgemäße Beurteilen der Gefechtslagen ab, und ich muß mich daher in solchen Fällen immer darauf beschränken, hier und da nur zu wiederholen, was bedeutende Persönlichkeiten über das Gefecht und den Truppenführer ausgesprochen haben. Da heißt es nun, wie es auch die Blätter der Geschichte aufbewahren werden: »Der erste Sieg bei Nachod war für die Kronprinzliche Armee entschieden, und unzweifelhaft gebührt dem General von Kirchbach die Ehre, namentlich durch das frühe Erkennen der Umgehung der Brigade Waldstätten und der Gegenmaßregel, den Kampf entschieden zu haben. In dem Augenblick, in welchem der General mit der 19. Infanteriebrigade debouchiert war, hatte er das Gefecht hergestellt, hatte die drei Stützpunkte, Wisokow, das Wäldchen und Wenzelsberg, besetzt.« Was ich aber als Frau, die sich für Heldentum begeistert und warmen Herzens sich an allen edlen Charaktereigenschaften freut, beurteilen kann, das sind Augenblicke, wo die eigenste Persönlichkeit sich in ihrer Großzügigkeit offenbart und dadurch eine fortreißende oder beherrschende Macht übt. Von solchen Augenblicken kann ich lebenswarm sprechen, es ist mir, als ob ich sie selbst miterlebt hätte. Da ich den Grafen so genau kannte, erscheint mir seine Persönlichkeit auch greifbar deutlich in dieser oder jener bedeutungsvollen Lage. Es war bei Wisokow, sein Generalstabsoffizier wurde an seiner Seite verwundet, während er längs einer liegenden Tirailleurlinie entlang ritt, so ruhig wie auf einem gewöhnlichen Spazierritt. Mit klarem Blick, unbeirrt durch die rechts und links einschlagenden Kugeln, ermahnte er die Leute zum ruhigen Zielen. Isidor, sein treuer vierbeiniger Kriegskamerad, wurde ihm unter dem Leibe erschossen.[211] Er ließ das Pferd absatteln, ließ sich Karten und Notizbuch aus den Packtaschen seines gefallenen Tieres reichen und bestieg das Pferd seines zweiten Adjutanten. Einen letzten Blick gönnte er noch seinem braven Leibroß, dann hieß er die Bügel zurechtschnallen, so unbekümmert, als wären es nicht Kugeln, sondern Sommerfliegen, die ihn umschwirrten. In Schritt setzte er dann seinen Ritt in der Schützenlinie fort, ruhig und dadurch Ruhe bringend, denn das Beispiel wirkt besser als Worte. In gleicher Weise war es auch etliche Stunden später, daß sein unerschütterlicher Gleichmut und seine freudige Zuversicht sich in wohltuendster Weise allen denen mitteilte, die in persönlicher Berührung zu ihm standen. Ich denke an einen der kritischsten Augenblicke des Tages. Das Eintreffen der 20. Brigade verzögerte sich über Erwarten, die feindliche Umgehung wurde perfekt und das Feuer der Artillerie und Jäger immer fühlbarer. Wiederholte feindliche Offensivstöße wurden gemacht, während sich das kleine Häuflein bei Wisokow immer mehr lichtete. Alles drängte sich zusammen, um die Lage immer bedenklicher zu gestalten. Aber mochten die Wogen auch noch so hoch gehen, der General behielt die Herrschaft über die anstürmenden Schwierigkeiten, klar und bestimmt traf er seine Dispositionen und blieb voll freudiger Zuversicht, war aber fest entschlossen, wenn das Äußerste eintreten sollte, mit seinen Getreuen auf diesem heiß umstrittenen Punkte bis zum letzten Atemzuge auszuharren. Zum Umsinken erschöpft waren die Truppen nach dem Gefecht von Nachod, und doch vergaßen sie alle Müdigkeit, und endloser Jubel brach aus, als um 4 Uhr der Kronprinz erschien, der ihnen den Dank des Königs brachte. Endloses Hurra begleitete seinen Ritt, während er mit General Kirchbach an seiner Seite diesen Teil des Schlachtfeldes besichtigte. Der Hohe Herr war voll Anerkennung und Herzlichkeit für den General, der von seinen Truppen, wo er allein sich zeigte, stürmisch als siegreicher Führer begrüßt wurde. Die Nacht verging ruhig, aber man sagte sich, daß die allernächsten Tage neue schwere Kämpfe bringen mußten, denn das fortwährende Pfeifen der Lokomotiven der dortigen Eisenbahnen bewies, daß große österreichische Truppentransporte zur Unterstützung herangeführt wurden. Am anderen Tage konnte es geschehen, daß das V. Korps drei österreichischen Korps gegenüberstehen würde. Umfassende Vorsichtsmaßregeln wurden daher in der Nacht getroffen. General von Steinmetz, der Kommandierende General des V. Korps, erhielt die Nachricht, daß er[212] auf die Unterstützung der 2. Gardedivision, auf die er gezählt, nicht rechnen könne, da infolge des Gefechts von Trautenau andere Dispositionen getroffen waren, nur die schwere Kavalleriebrigade Prinz Albrecht Sohn sollte ihm zur Unterstützung geschickt werden. Der General stand nun vor dem schweren Entschluß, ob er den weit überlegenen Gegner angreifen sollte. Er entschloß sich dazu, und dies war der gewagteste, aber der allein richtige und ehrenvolle Entschluß, den er faßte. General Kirchbachs Division hatte von früh 8 Uhr bei Wisokow zum Angriff bereit gestanden, ein quälendes Warten angesichts des sich entwickelnden Gefechts. Endlich um 11 Uhr traf der Befehl zum Angriff ein. Gedeckt durch einen Höhenrücken traten sie den Marsch auf Dubenow an. Die Brigaden bildeten gewissermaßen zwei Treffen, und zwischen den beiden ritt der General. Das Durchschreiten des tiefen Grundes, sowie der Aufmarsch am Fuß des Schaafberges verursachte im feindlichen Granatfeuer Aufenthalt. Im vorliegenden Walde war ein heftiger Kampf entbrannt. Der General ritt vor, um sich zu orientieren, als eine Granate fünf Schritt vor ihm zersprang und sein Pferd derartig erschrak, daß es zusammenstürzte. Weiteres Vorgehen an dieser Stelle erkannte Kirchbach als untunlich, er ließ daher das Fasaneriewäldchen umgehen und sich zum Angriff in zwei Staffeln auseinanderziehen. Das Grenadierregiment 6 mit dem General von Tiedemann an der Spitze ging unter rasselndem Trommelschlag gegen die mit österreichischen Jägern besetzten Höhen unaufhaltsam vor und rollte die feindliche Stellung auf. Inzwischen hatte der General seiner 20. Infanteriebrigade den Befehl erteilt, sich an den Nordrand der Fasanerie in gleiche Höhe mit der 19. Brigade zu setzen. Unter heftigem Granatfeuer kam die Brigade in Höhe der Försterei und durchschritt den Wald. Dann formierten sich die Bataillone und gingen, den Brigadekommandeur Wittich an der Spitze, gegen den Bahnhof von Skalitz vor, während Kirchbach inmitten seiner Truppen an der Eisenbahn verblieb. Mit vorgenommenen Schützen und schlagenden Tambours ließ er aber gleich darauf das Infanterieregiment 52 und das Grenadierregiment 6 gegen Skalitz vorgehen und setzte sich an die Spitze derselben. Den gegen die Stadt anstürmenden Truppen des Gros schlossen sich noch Teile der 9. Infanteriedivision an, und unaufhaltsam, lawinenartig wachsend, aber in musterhafter Ordnung rückte das Ganze vor, den verbarrikadierten Eingängen der Stadt und dem Bahnhofe zu. Viel Blut mußte fließen, ehe Skalitz gewonnen und die Aupahöhen von preußischer Artillerie besetzt waren. Wieder hatte die 10. Division die endliche Entscheidung herbeigeführt. Etwas Ruhe[213] war den tapferen Truppen zu gönnen, die unter der sicheren Führung ihres Generals Tüchtiges geleistet hatten. Der weitere auf Gradlitz beabsichtigte Marsch wurde daher erst am 29. Juni nachmittags 2 Uhr angetreten. Amazon.de Widgets Bei drückender Hitze rückte die Avantgarde, dieses Mal unter von Kirchbach, vom Biwak ab. Bei Westetz führte der Weg in eine enge Talschlucht, so daß die Infanterie nur in Reihen, die Kavallerie nur zu zweien marschieren konnte. Von der Straße nach Jaromirz her schallte heftiges Geschütz-, bald auch Gewehrfeuer. General Kirchbach ritt mit seinem Stabe voraus, um festzustellen, ob die 20. Infanteriebrigade dort im Kampfe wäre. Kaum aber war er aus dem Dorfe ins Freie gekommen, so erhielten die Herren eine gut abgemessene Granatlage von den Höhen von Schweinschädel her. Das zeigte dem General, daß auf diesem Wege der Vormarsch auf Gradlitz nicht fortgesetzt werden konnte, solange der Feind die beherrschenden Höhen besetzt hielt. Kurz entschlossen gedachte er auf eigene Verantwortung die feindlichen Höhen anzugreifen. Er ließ die 3. vierpfündige Batterie unweit des Dorfes auffahren und sandte die 4. Batterie zur Unterstützung derselben. Während beide den Kampf mit den feindlichen Batterien eröffneten, vermochte General von Tiedemann seine Infanterie zu entwickeln, doch konnte die Entfaltung der Brigade aus den schwierigen Defileen nur langsam geschehen. Kirchbach ritt nun in dem von Granaten überschütteten Hohlwege gegen Schweinschädel vor. Es gehörten starke Nerven dazu, um gleichmütig dies Platzen der Geschosse über sich ergehen zu lassen, aber den General rührte es nicht, er behielt unbeirrt sein Ziel im Auge. Seine Kaltblütigkeit und die rasche Sicherheit seiner Entschließungen zeigte sich im glänzendsten Lichte, als er auf den Kanonendonner hin seiner Division voraneilte. Gleichgültig dagegen, daß er mit seinem Stabe sichtlich das Ziel der feindlichen Batterien bildete, erteilte er mit derselben Präzision und Klarheit seine Befehle, wie auf dem Manöverfelde. Sein scharfer Blick durchforschte überall die Gefechtslage, und wo die größten Schwierigkeiten zu überwinden waren, eilte er hin und stand den Bedrängten ermunternd zur Seite, ohne durch dieses vielmalige Eingreifen in Einzelheiten in der Leitung des großen Ganzen beeinträchtigt zu werden. Trotz mancher Verluste setzte die 19. Infanteriebrigade ihren Marsch gegen Schweinschädel fort und drang, heftig beschossen, mit Hurra in das Dorf, sprengte die Tore der Meierei und machte 300 Gefangene. Mitten in diesen Siegeslauf kam der Befehl des Kommandierenden Generals, das Gefecht abzubrechen. In solchem Augenblick ist das für den Führer wie für die Truppen nicht leicht. Aber auch im Entsagen,[214] im Zurücktreten, wenn die Pflicht es gebietet, liegt ein Sieg. Die Aufgabe des V. Korps bestand darin, Gradlitz zu erreichen, und da die Lösung dieser Aufgabe durch den gewonnenen Sieg gesichert war, hatte ein weiteres Vordringen keinen Zweck, zumal man in den Bereich der Festung Josephstadt gelangte. Um 6 Uhr abends endigte das Gefecht und mit ihm die berühmte dreitägige Schlacht. Diese Gefechte waren es, die mich aus den Kriegserzählungen des alten Grafen, das Jahr 1866 betreffend, am meisten anzogen. Aber fast noch mehr interessierten mich die Erlebnisse der Kriegsjahre 1870/71, die sich mir tief einprägten. Was ich darüber gelesen, und was ich davon aus dem Munde des alten Herrn gehört habe, das ist zu einem fest abgerundeten Bilde verschmolzen. Es sind die Tage von Weißenburg und Wörth, von Sedan und Versailles, über die ich ein Wort sagen will. Gleich nach der Mobilmachung, am 18. Juli 1870, war der General Kirchbach Kommandierender General des V. Korps geworden und unterstand wieder dem Oberbefehl des Kronprinzen. Er gehörte sonach zur III. Armee, die am 4. August die französische Grenze überschritt und in breiter Front gegen die Lauter vorging. Dahinter standen die Franzosen in einer außerordentlich starken Verteidigungsstellung. Der König hatte durch General Moltke befohlen: »Die III. Armee soll am linken Rheinufer in südlicher Richtung vorgehen, den Feind aufsuchen und angreifen.« Durch diese Taktik sollten zunächst die Franzosen am Brückenschlagen und einem Einfalle in Süddeutschland verhindert werden. Sie wurden aus der Offensive in die Defensive gedrängt. Der Disposition des Kronprinzen entsprechend war das Korps Kirchbach morgens um 4 Uhr aufgebrochen. Eine Erkundungsabteilung, die der General vorgeschickt hatte, kam mit der Meldung zurück, daß kein Anzeichen vom Vorrücken des Gegners festzustellen sei. Douays Truppen seien beim Abkochen und mit Herbeischaffung von Biwakbedürfnissen beschäftigt. Als nun aber gegen 8 Uhr eine bayerische Batterie südlich Schweigen den feurigen Kugeltanz eröffnete und zugleich eine bayerische Division sich vor Weißenburg zum Gefecht entwickelte, befand sich die Avantgarde des Korps Kirchbach erst bei Klein-Steinfeld. Der General selbst ritt an der Spitze des Gros und entsandte, als er den Kanonendonner hörte, sofort Hauptmann Mantey vom Generalstabe, um bei dem Kommandeur der Bayern Erkundigungen einzuziehen. Die Antwort lautete, daß die Bayern in der Front stark engagiert seien und ihre rechte Flanke bedroht wäre.[215] Das Gros, das schon vorher die Weisung erhalten hatte, auf den Kanonendonner loszumarschieren, bekam nun den Befehl, auf Altenstadt zu rücken und dort die Lauter zu überschreiten, um auf die rechte französische Flanke zu drücken. Gegen 11 Uhr hatte die Spitze des Armeekorps den Bahnhof von Weißenburg erreicht, der, von einer Mauer und hohen Baulichkeiten umgeben, außerhalb der Stadt lag und die rechte, südliche Seite derselben flankierte. Mit großer Zähigkeit verteidigten die hier kämpfenden Turkos die Stellung, und ein blutiger Kampf entspann sich, in dem besonders das 3. Posensche Infanterieregiment 58 und das halbe Schlesische Jägerbataillon 5 ganz Hervorragendes leisteten. Nach anderthalbstündigem heftigen Ringen mußten die Turkos sich ergeben. Der Kommandierende, der, gleichgültig gegen Gefahr und Strapazen, eine persönliche Orientierung allen Meldungen vorzog und sich stets selbst von der Gefechtslage zu überzeugen suchte, bevor er seine Dispositionen traf, ritt auch diesmal zu dem Gros der bayerischen Division, die nur langsam gegen Weißenburg vorrückte. Er sah sofort, daß die Entscheidung des Tages nicht in Weißenburg, sondern am Geisberge liege, und faßte diesen Punkt ins Auge. Zunächst entsandte er das Infanterieregiment 47, um das südliche Ausgangstor von Weißenburg zu besetzen, während er das östliche von zwei herangezogenen Geschützen einschließen ließ. Die bayerischen Bataillone drangen nun sofort ein, stießen aber nicht mehr auf den Feind, der sich nach dem Hagenauer und Bitscher Tor gewandt hatte. Bei letzterem verlegte ihm ein bayerisches Seitendetachement den Ausgang, und beim ersteren war es das Regiment 47, das sich ihm entgegenwarf und nach kurzem Kampf die Franzosen zum Kapitulieren zwang. Schon nach der Wegnahme des Bahnhofes hatte der Generalleutnant von Kirchbach die 9. Infanteriedivision von Sandrart angewiesen, den Feind auf den Geisberger Höhen anzugreifen, wo die Spitze des XI. Armeekorps seit Stunden im Gefecht stand und bereits Gutleuthof genommen hatte. Die Erstürmung des Geisberges ist eine kriegerische Tat, wie sie zu einer der schwierigsten jenes Krieges gehörte. Sie hatte als erster Sieg der Deutschen eine weitgehende Wirkung, denn in Paris wurde die Einschiffung des für unsere Nordküste bestimmten Landungskorps vorläufig zurückgehalten. Unter großen Opfern gelang es endlich, den Geisberg zu nehmen. Die steilen Abhänge mit ihren Wein- und Hopfenplantagen, aus denen der Feind ein mörderisches Feuer auf die Anstürmenden richtete, waren schwer zu erklettern, und nur langsam konnte es vorwärts gehen. Während[216] um das Geisbergschloß, das die afrikanischen Truppen hartnäckig verteidigten, ein heißer Kampf entbrannte, zog sich das Gefecht westlich davon, im offenen Gelände weiter vorwärts gegen die Höhe der drei Pappeln. Als diese glücklich erobert und Artillerie dort aufgefahren war, konnte das Schloß unter starkes Feuer genommen werden. Trotz großer Verluste wurde mit zäher Energie jedes Hindernis überwunden und das Schloß von den Truppen des V. und XI. Armeekorps mit dem Bajonett erstürmt. Mit der Fahne des Füsilierbataillons vom Königsgrenadierregiment waren hier der Major von Kaisenberg, die Premierleutnants Simon und von Lüttwitz, sowie sämtliche Fahnenträger gefallen. Sie alle hatten ihre Fahnentreue mit dem Tode besiegelt. Und nun komme ich wieder zu einem Bilde, das mich als Frau ganz besonders anzog bei dieser Gefechtserzählung. Während des Vormarsches gegen das Schloß Geisberg traf den General Kirchbach eine Chassepotkugel und durchbohrte ihm den Hals. Er mußte schweren Herzens das Gefechtsfeld verlassen, um in Altenstadt verbunden zu werden. Offiziere sprangen herzu und wollten ihm dienstreiche Hand leisten. Er aber, der im Frieden wie im Kriege seinen Leuten darin ein Vorbild war, daß er stets die Pflicht allem anderen vorangehen ließ, wies die Herren zurück. »Der Kampf ist noch nicht zu Ende, Sie haben andere Pflichten zu erfüllen, als sich um Verwundete zu kümmern«, erklärte er. So ungern sie es taten, die Herren vom Stabe mußten ihrem Kommandierenden gehorchen. Generalleutnant von Schmidt, dessen 10. Division südlich Altenstadt eben aufmarschierte, übernahm nun die Leitung des Gefechts. Zu der Siegesfreude nach der Einnahme des Geisberges gesellte sich nun noch der Jubel, als die Herren des Generalkommandos nach Altenstadt zurückkehrten und ihren General vor seinem Quartier mit der Zigarre sitzend fanden. Tief bewegt empfing er ihre Glückwünsche zu seiner Lebensrettung und zu einem großen Siege, von dem er sich mit Recht einen bedeutsamen Teil des Erfolges zum Ruhm anrechnen konnte. Auch der Oberstkommandierende, Kronprinz Fritz, traf bei dem General ein. Der Hohe Herr hatte vorher die Walstatt besichtigt und am Schloß Geisberg sich die zerschossene Fahne des Grenadierregiments vorführen lassen. »Ein erhabener Anblick! Das wohlverdiente Kreuz soll dieser Fahne zuteil werden«, hatte er zu den ihn umgebenden Offizieren gesagt, und dann, von Rührung übermannt, den Zipfel des zerfetzten Fahnentuchs geküßt. Jetzt umarmte und küßte er den General, sprach ihm herzlichen Dank für die getroffenen Anordnungen, lebhafte[217] Anerkennung für die Leistungen der Truppe und sein Bedauern über die Verwundung aus. Der General, voll Freude über die gnädigen Äußerungen des Kronprinzen, war doch nur von dem einen brennenden Wunsch erfüllt, keinen Augenblick sein Korps zu verlassen und, ohne Rücksicht auf seine Wunde zu nehmen, das weitere Kommando zu behalten. Darum erklärte er dem Kronprinzen, daß seine Verwundung ihn nicht am Kommando hindern werde, wenn seine Königliche Hoheit nur gestatten wolle, daß er in den nächsten Tagen die Märsche zu Wagen zurücklegen dürfe, solange er durch den Blutverlust noch zu matt zum Reiten sei. Bereitwillig ging der Kronprinz auf diesen Wunsch ein, und der General folgte am 5. im Wagen den Truppen, die am Abend bei Preuschdorf im Biwak längs des östlichen Talrandes des Sauerbachs Vorposten ausgestellt hatten. Das II. bayerische Armeekorps bildete den rechten Flügel bei Lembach, und das XI. Armeekorps mit der 21. Division und der Korpsartillerie stand zu beiden Seiten der Straße Sulz-Hagenau. Es war schon während des Marsches festgestellt worden, daß ein starker Feind der verschiedensten Waffen rechts der Sauer auf den Höhen Stellung genommen habe. Der General bestimmte jedoch, daß wegen der vorgerückten Tageszeit und Ermüdung der Truppen von einem Versuch, Wörth noch an diesem Tage zu nehmen, abzusehen sei. Eine dunkle, wetterschwere Nacht zog auf, der Regen floß in Strömen und der Sturm heulte. Trotzdem entwickelten sich zwischen den beiderseitigen Patrouillen und Vorposten kleine Plänkeleien, die allmählich einen immer ernsteren Charakter annahmen und gegen Morgen so heftig wurden, daß der General seinen Stabschef hinsandte, der jedoch der Sache noch keine Wichtigkeit beilegte. Das anfängliche Rekognoszierungsgefecht wurde jedoch sehr bald von dem Gegner mit weiteren und größeren Demonstrationen erwidert. Es gestaltete sich aber noch hartnäckiger, als die Avantgarde des XI. Armeekorps eingriff und die 4. Division des II. bayerischen Korps vorging, obgleich vom V. Armeekorps das Gefecht bei Wörth abgebrochen war. Unter diesen Umständen ließ der General von Schmidt die Artillerie zum Gefecht vorziehen und nach 9 Uhr alarmieren. General von Kirchbach stimmte den Maßnahmen völlig bei und traf, trotz seiner Wunde, sogleich auf dem Gefechtsfelde ein, wo er die Leitung seiner Truppen übernahm. Die beiden Nachbarkorps wurden benachrichtigt, daß General von Kirchbach die ihm gegenüberliegende Stellung angreife. Die Antwort des Generals von Bose lautete, daß er, nach der Armeedisposition, nur bis an die Sauer vorrücken könne, und General[218] von Hartmann wies auf den eben erhaltenen Befehl, das Gefecht abzubrechen, hin. Unterdessen donnerten die Kanonen des V. Korps bei Wörth, eingeleitet von zehn Batterien, die auf dem Abhang etwa zwölfhundert Schritt östlich von Wörth aufgefahren waren und von drei Batterien auf dem linken Flügel sehr bald verstärkt wurden. Während diese gewaltige Schlachtmusik den Waffentanz eröffnete, setzten sich die übrigen Truppen des V. Korps in Gefechtsbereitschaft bei Dieffenbach. Die Artillerie des V. Korps zeigte der feindlichen gegenüber eine entschiedene Überlegenheit, dagegen hatten die Franzosen alle Geländevorteile für sich. Sie saßen eingenistet in Weinbergen, Wald und Hopfenpflanzungen, in der Front von der Sauer, deren Brücken zerstört waren, gedeckt. So stand denn die gewaltige Macht Mac Mahons in gesicherter Stellung den Kämpfenden gegenüber. Das Fernglas in der Hand, stand der General hinter einem Baum an der Chaussee nach Wörth bei seiner Artillerie und beobachtete scharfen Auges die Entwicklung des Gefechts. Ein Kampf, wie er ihn wohl nie schwerer durchgerungen, stürmte durch seine Seele. Jede Fiber seines Denkens und Wollens arbeitete in angespannter Kraft, um alle nötigen Erwägungen zu ziehen, denn er war gezwungen, einen folgenschweren Entschluß auf eigene Verantwortung zu fassen und durchzuführen. Das persönliche Ich mit den Folgen, die er möglicherweise auf sein Haupt herabziehen konnte, galt ihm ganz gleich, hier konnten nur große Gesichtspunkte entscheiden und das für und Wider mußte streng gegeneinander abgewogen werden. Der General wußte, daß das Oberkommando für heute keinen Kampf, sondern nur eine Frontveränderung beabsichtigte. Als der Kronprinz am Morgen den Kanonendonner von Wörth vernommen, hatte er seinen Major vom Generalstabe hingesandt, um sich Bericht erstatten zu lassen. Wie er nun von dem Vorrücken der Bayern, von der Alarmierung des V. Korps und der Vorbeorderung seiner Artillerie gehört, hatte der Hohe Herr, der nur mit versammelten Kräften schlagen wollte, dem General den Befehl gesandt, den Kampf nicht aufzunehmen und alles zu vermeiden, was einen neuen herbeiführen konnte. So lautete die strikte Weisung seines Oberkommandierenden, nach welcher der General zu handeln hatte. Dem gegenüber stand die kritische Gefechtslage, die zum Vorwärtsgehen drängte. Irrtümlich war der erwähnte Befehl des Kronprinzen auch an das bayerische Korps gelangt und hatte das Abbrechen des Gefechts, sowie den Rückmarsch des Korps zur Folge gehabt. Somit konnte auf eine wirksame Hilfe dieses Korps in nächster Zeit noch nicht gerechnet werden.[219] Ebenso schwierig lagen die Verhältnisse auf dem linken Flügel, wo die Avantgarde des XI. Korps in erschütterter Verfassung bis an die Sauer, zum Teil sogar hinter den Bach zurückgeworfen war. Dem V. Korps war es zwar gelungen, die feindliche Artillerie teilweise zum Schweigen zu bringen und auf dem jenseitigen Sauerufer festen Fuß zu fassen, aber einen Frontalangriff gegen die starke und gut verteidigte Stellung des Gegners auf den jenseitigen Höhen zu versuchen, erschien äußerst gewagt, und diese Schwierigkeit war im bisherigen Gefechtsverlauf immer deutlicher hervorgetreten. Aus den Aufzeichnungen, die Graf Kirchbach über den Tag von Wörth gemacht hat, möchte ich über die Augenblicke, wo er den Entschluß faßte, die Schlacht weiter aufzunehmen, wörtlich seine Niederschrift wiederholen. »Ich stieg auf der Chaussee aus und begab mich hinter die große Artilleriestellung etwa 1500 Schritt östlich Wörth und beobachtete und dirigierte die Schlacht von der Chaussee aus, hinter einem Baum stehend. Ein großartiges Schauspiel war dieser Geschützkampf! Ich muß gestehen, daß es hier einen Augenblick gab, wo ich der ganzen Energie meines Charakters bedurfte, um mit dem Bewußtsein: ?Führ du den Kampf nicht glücklich zu Ende, so steht dir eine kriegsgerichtliche Untersuchung bevor,? doch an dem Entschluß festzuhalten, weiter zu schlagen, obgleich das II. bayerische Korps mir sagen ließ, sie brächen auf Befehl des Oberkommandos das Gesecht ab und das XI. Korps dürfte nur mit der Avantgarde bis an die Sauer vorgehen. ? Trotz alledem wurde weiter vorgegangen, und dies Umfassen der feindlichen Flügel hat die glorreiche Schlacht von Wörth herbeigeführt. Das Abbrechen des Gefechts wäre für das V. Korps ein leichtes gewesen, da in bezug auf die diesseitige formidable Artillerieaufstellung ein Nachfolgen des Feindes über die Sauer wohl unmöglich war. Dagegen erschien es mir, der öffentlichen Meinung gegenüber, ebenso unmöglich, da die Franzosen jedenfalls diesen Angriff als einen abgeschlagenen und somit als großen Sieg proklamiert haben würden. Aber auch abgesehen davon, so hätte es auch auf die diesseitigen Truppen einen sehr ungünstigen Eindruck gemacht. Wenngleich ich nun im allgemeinen wußte, daß Mac Mahon uns gegenüberstand, so war uns doch herzlich wenig über seine wahre Stärke bekannt. Erst jetzt wissen wir, daß er außer seinen vier Divisionen noch die 1. Division des VII. Korps Douay bei sich hatte und am folgenden Tage noch zwei Divisionen des V. Korps (Failly) mit sich vereinigt haben konnte. Was hätten diese 88 französischen Bataillone in der vortrefflichen Stellung für Widerstand leisten können!«[220] So hatte nun General von Kirchbach seinen Entschluß gefaßt, gab den Befehl zu erneuertem Vorgehen, meldete es dem Oberkommando und forderte die Nachbarkorps zur Mitwirkung auf. Wörth wurde der Brennpunkt eines verzweifelten Kampfes. Die Franzosen setzten alles daran, den Ort wiederzunehmen, und das V. Korps, ihn zu halten. General von Bose hatte auf die Ausforderung geantwortet, daß er das V. Korps nicht im Stich lassen werde. Er ordnete das Auffahren der Korpsartillerie an und bestimmte die 22. Division zum Angriff gegen die rechte Flanke des Feindes. Das geschah mit solcher Wucht, daß die Franzosen dort in der Front zu weichen anfingen. General von Kirchbach, der die 17. und 18. Infanteriebrigade nach Wörth herangezogen hatte, ließ sie nach Elsaßhausen vorgehen. Die 18. Brigade nahm diese hartnäckig verteidigte Stellung mit großer Bravour. Um 1 Uhr waren alle Truppen des V. Korps außer der Reserve im Gefecht. Se. Königliche Hoheit der Kronprinz traf zu dieser Zeit auf den Höhen von Wörth ein und übernahm persönlich die Leitung des so glücklich eingeleiteten Kampfes. Um 14 Uhr ließ General von Kirchbach seine letzten Reserven vorgehen und gab den Befehl zum allgemeinen Angriff. Das zweite Hauptmoment des Tages, die Eroberung der ersten Bergterrassen durch das V. Armeekorps, trat ein. Um 2 Uhr hatte die Schlacht ihren Höhepunkt erreicht, Freund und Feind kämpfte in verzweifeltem Ringen, um den Gegner zum Weichen zu bringen, als der bereits verwundete General von Bose an der Spitze des XI. Korps an dem westlichen Waldsaum erschien. Gleich darauf zum zweitenmal verwundet, konnte der General nur noch seine Truppen an sich vorbei auf den Feind stürmen sehen. Gleichzeitig drang auch das V. Korps vor, der Feind wich und gab das brennende Elsaßhausen auf. Im Verein mit dem XI. Korps und der württembergischen Brigade begann nun der Sturm auf Fröschweiler, den letzten Stützpunkt der Franzosen. Eine gewaltige französische Kavalleriemasse, gefolgt von einer Zuavenbrigade, stürzte sich mit dem Mut der Verzweiflung in das vernichtende Feuer der aufgelösten Linien des V. und XI. Korps und der Württemberger, doch vermochten sie nur auf kurze Zeit den Vorstoß aufzuhalten. Er wurde wieder aufgenommen, und im Anschluß an die bayerische Infanteriedivision ging es zum Sturm. Von 3 bis 41/2 Uhr dauerte die Entscheidungsstunde, dann war auch Fröschweiler den Franzosen entrissen und ihre Niederlage eine völlige. In wilder Auflösung jagte das geschlagene Heer durch die Vogesen bis nach Châlons und[221] Paris, und mit ihm Mac Mahon, der erste Marschall Frankreichs. Erst in Sedan sollten die Gegner sich wiederfinden. Der Siegestag von Wörth mit seinen weitgreifenden Folgen ist hauptsächlich der Entschlossenheit Kirchbachs zu danken, dem zähen Willen seines opferstarken Korps und der aus freier Entschließung hervorgegangenen Unterstützung des Korps von Bose sowie dem rechtzeitigen Eingreifen der Bayern. Über den Abend des 6. August will ich wörtlich wiedergeben, was ich in den Aufzeichnungen des Grafen darüber fand: »In Fröschweiler traf ich den schwer verwundeten französischen Divisionsgeneral Raoult. Eine Kugel hatte ihm den Oberschenkel zerschmettert, er lag im Dorf auf einer ausgehobenen Tür. Ich sagte ihm einige Worte der Teilnahme und erwähnte, daß die Franzosen sich sehr tapfer geschlagen hatten. Er dankte mir und meinte, sie hätten wohl gewußt, daß sie gegen eine ausgezeichnete Armee Krieg führten, aber daß die preußische Armee so vortrefflich sei, sich so brav schlagen würde, wäre ihnen doch überraschend. Nachdem ich mit Tann die weitere Verfolgung des Feindes besprochen hatte, befahl ich das Sammeln beider Divisionen auf nebeneinander liegenden Biwaks hart an der Chaussee östlich Fröschweiler. Als ich bei der 10. Division eintraf, kam der Kronprinz mit seiner Suite, sprang vom Pferde, küßte mich und dankte mir in den herzlichsten Worten für meine und für die Leistungen des V. Korps. Unter anderem sagte der Hohe Herr, er wüßte eigentlich nicht, zu welcher Auszeichnung er mich Sr. Majestät noch vorschlagen solle. Bei dem weiteren Gespräch erzählte der Kronprinz, er habe dem Könige wörtlich telegraphiert, was ich ihm durch den Rittmeister von der Lancken hätte melden lassen. Jener Rittmeister war nämlich um 11/2 Uhr vom großen Hauptquartier gekommen, sich ? behufs Meldung an den Kronprinzen ? über den Stand der Schlacht zu orientieren. Nachdem ich dem Rittmeister die momentane gegenseitige Lage, die von meinem Standpunkt aus vortrefflich zu übersehen war, gezeigt hatte, sagte ich ihm: ?Nun melden Sie dem Kronprinzen, daß ich schon seit etwa einer halben Stunde dem Marschall Mac Mahon glückliche Reise gewünscht hätte.? Als die Truppen sich einigermaßen gesammelt und Gewißheit über die volle Flucht des Feindes gewonnen hatten, suchte ich meinen Wagen auf, der mir, ohne daß ich ihm Befehl gegeben hatte, über Wörth auf Fröschweiler gefolgt war, um in mein Quartier nach Preuschdorf zurückzukehren. Fröschweiler und die umliegenden Ortschaften waren derart mit Verwundeten überfüllt, daß mein Unterkommen in der Nähe der Biwaks nicht möglich war. Auf meiner Rückfahrt fuhr ich bei einer[222] Menge leicht Verwundeter vorbei, die nach Sulz dirigiert wurden, dann aber auch bei einem großen Transport französischer Gefangener ? wohl 4000 Mann ?, eskortiert von einer Kompagnie der 10. Division. Man hatte meine Annäherung bemerkt, ließ die Gefangenen über die Chaussee treten, worauf ich unter lautem Hurraruf der Eskorte, ein Hurra, in das auch Franzosen einstimmten, den Transport passierte, der die Kopfbedeckung abnahm. Gegen 71/2 Uhr abends traf ich in Preuschdorf ein, verhungert und verdurstet, denn erst nach der Schlacht gab mir ein Grenadier des Königsregiments einen Schluck Wein aus seiner Flasche und einen Bissen Brot. Aber ich kann versichern, daß, obgleich ich die ganze Zeit zu Fuß gewesen bin, ich bei der Aufregung des Tages erst Hunger und Durst in Fröschweiler verspürte. Am Spätabend war ich mit einem Teil des Stabes in glücklich heiterer Stimmung am gastlichen Tische des Preuschdorfer Pastors vereinigt. Ernste und heitere Worte gingen hin und her, und so wurde schon an diesem Abend dem Pastor versichert, es könne nicht fehlen, daß wir beim Frieden wohl jedenfalls den Elsaß zurückfordern würden. Noch wußte er nicht, ob er sich über diesen Gedanken freuen sollte, obgleich er voll davon war, daß das Kaisertum unablässig und mit großem Erfolg daran arbeite, das deutsche Element in Elsaß auszurotten und es französisch-katholisch zu machen. Nach dem Abendessen verband mein vortrefflicher Generalarzt Dr. Chalons meine Wunde, die infolge der Erregungen und Anstrengungen des Tages ziemlich stark geblutet hatte. Ich schlief aber vortrefflich.« Am 8. August geschah der Vormarsch ins offene feindliche Land. Am 17. erreichte das V. Armeekorps die Mosel und am 19. die Maas. In diesen Tagen war es, daß der General seine Ernennung zum General der Infanterie erhielt mit einem Schreiben folgenden Inhalts: »Ich habe den Generalleutnant von Kirchbach, Kommandierenden General des V. Korps, zum General der Infanterie mit Patent vom 4. August, dem Tage des Gefechts von Weißenburg, befördert, wovon das Oberkommando hiermit in Kenntnis gesetzt wird. gez. Wilhelm.« Seine Königliche Hoheit der Kronprinz hatte unter die Abschrift dieser Kabinettsorder höchsteigenhändig gesetzt: »Mit meinem aufrichtigen Glückwunsch zu Ihrer wohlverdienten Beförderung zum General der Infanterie verbinde ich noch die Mitteilung, daß Seine Majestät der König mir in einem heute erhaltenen Briefe ganz besonders anbefiehlt, unsern braven Truppen seinen Dank für ihre außerordentliche Tapferkeit auszusprechen.[223] Wollen Sie dafür sorgen, daß Offiziere und Mannschaften sogleich davon Kenntnis erhalten. In dankbarer Anhänglichkeit und Bewunderung H.-Qu. Saarburg, 13. August 1870. Ihr wohlgeneigter Friedrich Wilhelm Kronprinz, General der Infanterie, Oberbefelshaber der III. Armee.« Das Korps Kirchbach befand sich nun im weiteren Vormarsch nach Westen. Am 27. August jedoch ? infolge Moltkes Entschluß, den Rechtsabmarsch anzutreten ? schwenkte es in nördlicher Richtung ab. Zu dieser Zeit erschien der General zum ersten Male nach Weißenburg, also drei Wochen nachher, vor der Front zu Pferde. Ein Beweis dafür, daß seine Verwundung keine leichte gewesen. Zwei Tage darauf, als der General in Grand Pré eintraf, erfuhr er, daß der König sein Hauptquartier dort habe, und meldete sich bei Seiner Majestät. In seinen Aufzeichnungen schreibt der Graf darüber: »Seit dem Ausbruch des Krieges sah ich den König hier zum ersten Male. Er umarmte mich und küßte mich auf beide Wangen, dabei sprach er mir in den herzlichsten Worten seine Anerkennung und seinen Dank für meine und meines Korps Leistungen aus. Während meiner Meldung hörte man anrückende Musik, es war ein Bataillon Königs-Grenadierregiments Nr. 7, das zur Bewachung des Hauptquartiers nach Grand Pré kommandiert war und eben einrückte. Der König ging hinaus und ließ es vorbeimarschieren. Da mein Stab sich vor dem Hause des Königs versammelt hatte, wurde den Herren die Ehre zuteil, von mir Seiner Majestät einzeln vorgestellt zu werden. Bei dieser Gelegenheit hatte der König wieder die herzlichsten Worte der Anerkennung für das Korps, und zwar meinte er, wären diese großen Resultate des V. Korps nicht nur der vortrefflichen Führung des Kommandierenden Generals und der Tapferkeit der Truppe zu danken, sondern auch der ausgezeichneten Pflichterfüllung eines jeden. ?Daran?, so schloß der König, ?haben Sie, meine Herren, den vollsten Anteil, und das aussprechen zu können, gereicht mir zur angenehmen Befriedigung.?« Inzwischen näherten sich die Truppen mehr und mehr dem Feinde, erneute Zusammenstöße konnten jeden Tag stattfinden. An der Schlacht bei Beaumont am 30. August nahm das Korps nur im Rahmen des Ganzen teil, aber zwei Tage später in der Schlacht bei Sedan war es auf das ruhmwürdigste selbst tätig dabei. Der III. Armee war die Aufgabe zugefallen, dem Feinde den letzten Ausweg zu versperren. In früher Morgenstunde des 1. September begann der Vormarsch. General Kirchbach befand sich bei der Vorhut. Sedan wurde in weitem Bogen umschritten, und die beiden Korps V.[224] und XI. waren, dem nördlichen Bogen der Maas folgend, gegen Sedan eingeschwenkt. Beim weiteren Vorgehen stieß zuerst das XI. Korps auf den Gegner, und bald feuerten die vereinigten Artillerien beider Korps von den Höhen zwischen Floing und Illy. Besonders schwer war der Stand des XI. Korps bei Floing, daher stellte ihm General Kirchbach Teile seines Korps zur Verfügung, und als Generalleutnant von Gersdorf, der tapfere Führer des Korps fiel, übernahm er selbst das Kommando auch über das XI. Korps. Überall drangen die Truppen nun vor. Französische Kavallerie, die sich todesmutig opferte, warf sich mit wilder Entschlossenheit in immer neuen Attacken der Infanterie entgegen, konnte aber ihr zähes Vordringen nicht aufhalten. Schließlich wich der Feind auf der ganzen Linie. Erst vor den Toren von Sedan endigte der Kampf. Als General Kirchbach nach der Schlacht die Verluste seiner Truppen übersah, sprach er sich darüber aus, wie glücklich er sei, daß es ihm bei dieser Führung möglich gewesen wäre, das Blut seiner Leute mehr als sonst zu schonen. Aber während sein Herz noch voll dankbarer Freude war über den Sieg und die verhältnismäßig geringen Verluste seines Korps, traf ihn ein schwerer Schicksalsschlag. Am Abend des 1. September, als der General mit seinen Offizieren zu St. Menges bei der mageren Abendmahlzeit saß, brachte einer der Adjutanten, der zum Gardekorps geschickt war, die Nachricht mit, daß der älteste seiner beiden, beim Garde-Füsilierregiment stehenden Söhne bei Givonne gefallen sei. Erst nach der Abendmahlzeit, als der General sich in sein Zimmer zurückgezogen hatte, gewann man es über sich, ihm die Trauerbotschaft mitzuteilen. Tief erschüttert, aber in voller Fassung und christlicher Ergebenheit nahm er sie hin. Schlicht, ohne über den tiefen Schmerz viele Worte zu verlieren, lauten auch seine Aufzeichnungen über den traurigen Fall. Er schreibt: »Nach dem Abendessen trat mein Adjutant bei mir ein, um mir den Tod meines ältesten Sohnes Hugo vom Garde-Füsilierregiment mitzuteilen, und daß er am andern Morgen um 9 Uhr beerdigt werden sollte. Ich hatte meinen Adjutanten auf den äußersten linken Flügel geschickt. Bei diesem Ritte hatte er meinen zweiten Sohn, Günther, desselben Regiments gesprochen und von diesem die für mich so traurige Nachricht erhalten. Eine Kugel in den Kopf hinter dem rechten Ohr hatte dem jungen tapferen Leben ein plötzliches Ende gemacht. Am anderen Morgen ritt ich 71/2 Uhr nach Givonne, um der Beerdigung meines Sohnes beizuwohnen! Fast mein ganzer Stab begleitete mich auf diesem traurigen Ritt. Im Biwak bei Givonne fand ich meinen[225] zweiten Sohn, mit dem ich nach Givonne hinabging, um noch einmal das liebe teure Antlitz meines Sohnes zu sehen, ehe er dem Schoß der Erde übergeben würde. Wir fanden ihn in einem Zimmer neben drei anderen gebliebenen Offizieren des Regiments. Er lag in einem einfachen Sarge, lang ausgestreckt, nur der rechte Unterarm war über den Körper gelegt. Sein Aussehen war so friedlich, daß mir erst mein Freund, der Generalarzt, die Versicherung geben mußte, daß er wirklich tot sei. ? Ein Gebet an seiner Leiche ? ein Kuß auf seine Stirn ? und ich ließ den Sarg wieder schließen. Nach der sehr feierlichen Beerdigung ging ich mit meinem Sohne in sein Biwak, nahm den Koffer meines verstorbenen Sohnes in Empfang und ritt traurigen Herzens über das Schlachtfeld nach St. Menges zurück. Ich schrieb sofort nach Posen an den Generalsuperintendenten Cranz und an meine Frau, ihr den Tod unseres Ältesten mitzuteilen. Ersteren bat ich, meiner Frau ein Freund und Tröster sein zu wollen.« Amazon.de Widgets In jenen Tagen erhielt der General folgendes Handschreiben des Kronprinzen. »Mein lieber Kirchbach! Ich suche seit dem Siegestage von Sedan vergeblich eine Gelegenheit, Sie zu treffen, da die gegenwärtige Art unseres Vorrückens auf Paris mich aus Rücksicht für die nachrückenden Truppen nötigt, mich nur langsam vorwärts zu bewegen. Sie sind es indes bereits gewöhnt, von mir Glückwünsche und Ausdrücke des Dankes für Siege, die Sie unter meiner obersten Führung erfochten haben, zu vernehmen. Für Sedan, wo Sie zwei Korps zu führen hatten, könnte ich also nichts Neues hinzufügen, wenn nicht tiefe Trauer sich unzertrennlich an jenen Siegestag für Ihr Vaterherz knüpfte. Ich will Ihnen also nur sagen, daß ich mit Ihnen um den Sohn trauere, der sein junges Leben für die heiligste Sache unseres Vaterlandes opfern mußte! Sein Name bleibt unter denen der Helden des Krieges verzeichnet, sein Andenken bleibt uns unvergeßlich. Nichts aber kann dem blutenden Vaterherzen den Schmerz ersetzen, den Gott ihm auferlegte! ? Aus Erfahrung weiß ich, was das sagen will, und darum drängte es mich, Ihnen mein treuestes Mitgefühl auszudrücken! Auf Wiedersehn vor Paris. Ihr aufrichtig wohlgeneigter Friedrich Wilhelm, General der Infanterie, Oberbefehlshaber der III. Armee.« Der Brief, den ich wörtlich wiedergebe, zeigt nicht nur, in welchem hohen Ansehen der General Kirchbach bei seinem Oberbefehlshaber stand, sondern er läßt auch zugleich einen tiefen Blick in das Herz des Kronprinzen tun, einen Blick, der die Liebe und Verehrung für den uns so früh Entrissenen immer inniger vertieft.[226] Das V. Korps hatte den Auftrag erhalten, am 18. September die Seine zu überschreiten. Die Avantgarde wurde in ein Gefecht verwickelt, aber trotzdem ging der Brückenschlag bei Villeneuve ohne sonderliche Störung vor sich. Der Feind rückte schleunigst nördlich auf Paris ab, die Truppen übernahmen die Sicherung der Brücke und bezogen bei Villeneuve enge Kantonnements. Man war völlig darauf gefaßt, daß die zur Verteidigung der französischen Hauptstadt versammelten feindlichen Streitkräfte versuchen würden, die Umschließung von Paris zu hindern, und daß man daher zu gleicher Zeit marschieren und kämpfen müsse. Doch der Feind zeigte nicht die nötige Energie, und in Paris erkannte man wohl erst zu spät die Umklammerung der Hauptstadt. Das V. Armeekorps, das an der Spitze der deutschen Truppen marschierte, vermochte daher ohne besondere Verluste in die ihm befohlene Zernierungslinie einzutreten, die vom Park von Meudon bis Bougival und an der Südspitze des zweiten westlichen Seinebogens entlang ging, dadurch Versailles von Paris abschneidend. Mit klingendem Spiel hielten die Truppen ihren Einmarsch in Versailles, angestaunt von den Bewohnern, die zusammenströmten. Auf der Place d'Armes vor dem Schlosse Ludwigs XVI. ließ General Kirchbach seine Truppen an sich vorbeimarschieren, und am 21. September nahm er mit seinen Generalstabsoffizieren Quartier in der Dienstwohnung des französischen Divisionsgenerals Grafen Clerambault. An demselben Tage hielt auch der Kronprinz seinen Einzug in die Bourbonenstadt, und am 5. Oktober der König. Während vier Monate fiel nun dem General Kirchbach die Aufgabe zu, die Bedeckung des Königs und des Kronprinzen zu bilden. Es gelang dem umsichtigen Korpsführer, den Feind so fern zu halten, daß die beiden Hauptquartiere nie alarmiert wurden. Am 26. September und 17. Oktober fanden zwei militärische Festlichkeiten in Versailles statt, die Verteilung der Eisernen Kreuze an die Mannschaften des V. Korps durch des Kronprinzen eigene Hand. ? Der Mont Valerien sandte täglich seine feurigen Grüße, und seine Granaten entzündeten auch das reizende St. Cloud. General Kirchbach eilte sofort zur Brandstätte, wo er Anordnungen traf, soviel wie möglich von den Kunstschätzen zu retten. Da keinerlei Löschvorrichtungen im Schlosse waren, gelang es trotz aller Bemühungen nicht, dem Feuer Einhalt zu tun. Ein herrliches Bild der Königin Luise, das im Treppenflur hing, versuchte General Kirchbach dem Feuer zu entreißen. Aber als die Leitern eben angelegt waren, um das Kunstwerk zu retten, schlugen Rauch und Flammen den beherzt Vordringenden mit solcher Macht entgegen, daß jeder weitere Versuch, vorwärts zu kommen, aufgegeben werden mußte.[227] Dieser alte Lustsitz der französischen Könige und Napoleoniden wurde dabei dauernd von der Besatzung des Mont Valerien mit Granaten beschossen. So stand denn das prächtige Bauwerk bald in seiner ganzen Ausdehnung in Flammen, die Kunstgegenstände und derjenige Teil der Bibliothek, der gerettet werden konnte, wurden in der Mairie von Versailles aufbewahrt und teilweise vom König an einzelne Persönlichkeiten verschenkt. Das Regiment 58 hatte eine Statuette Heinrichs IV. zu Pferde im Schutt von St. Cloud gefunden und machte es sich zur Ehre, diese seinem Kommandierenden General zum Andenken zu überreichen. Als die engere Zernierung von Paris eintrat, rückte das V. Armeekorps am 11. Oktober in die Linie von der Laterne im Park von St. Cloud bis Bougival. Es hatte somit den Mont Valerien und einen Teil der Westseite von Paris unter Beobachtung. Für den 21. Oktober hatte der König den General Kirchbach mit dem Offizierkorps seines Königs-Grenadierregiments zum Diner eingeladen, als am Morgen desselben Tages Bougival außergewöhnlich stark beschossen wurde. Gegen 2 Uhr ging auch die Meldung ein, daß der Feind einen starken Vorstoß beabsichtige, und die Vorposten des Generals Sandrart angegriffen seien. Kirchbach ließ sofort die Hauptreserve der 10. Division, das Königs-Grenadierregiment und Regiment 46, alarmieren, sowie von der 10. Division die 19. Infanteriebrigade, eine Schwadron Dragoner und eine Batterie, dann sandte er dem König darüber Meldung mit dem Bemerken, daß er nicht rechtzeitig zum Diner erscheinen könne. In huldvoller Güte befahl Se. Majestät, das Essen solle so lange aufgehoben werden, bis der General und das Regiment nach Versailles zurückgekehrt sein würden. Sobald die 9. Division vorrückte, begann der Mont Valerien eine furchtbare Kanonade, und um 3 Uhr ging die französische Infanterie zum Angriff über; General Kirchbach, der sich vom Observatorium aus von den Verhältnissen überzeugte, hatte seine Stelle nördlich von dem Kiosk der Kaiserin genommen. Dieser Kiosk, der auf der Pariser Weltausstellung gewesen, war dann vom Sultan der Kaiserin geschenkt worden, sein buntfarbiger Holzbau im maurischen Stil hob sich grell aus der Parkumgebung heraus. Granaten und Gewehrkugeln machten den Platz sehr unsicher, aber da sich keine bessere Stellung bot, um das Gefecht zu beobachten, blieb der General dort, bis um 5 Uhr die rückgängigen Bewegungen der Franzosen anfingen und gleich darauf der König seinen Flügeladjutanten mit der Bestellung hinsandte, daß das Diner bei Majestät erst um 7 Uhr stattfinden würde, und daß die Herren alle in demselben Anzug erscheinen sollten, in dem sie im Gefecht gewesen seien.[228] So geschah es auch! Wörtlich will ich nun aus den Aufzeichnungen des Grafen Kirchbach wiedergeben, was er noch von diesem Tage und dem Aufenthalt in Versailles schrieb. Es heißt in den Blättern: »Als wir versammelt waren, erschien der König, und ich machte ihm Meldung über das Vorgefallene sowie über die gehabten Verluste. Ich konnte ihm auch zugleich die französischen Dispositionen zu diesem Ausfall übergeben, die bei einem gefallenen französischen Offizier gefunden waren. Dies Ausfallgefecht hatte bei den Franzosen wohl nur den Zweck, die neuformierten jungen Truppen an das Feuer zu gewöhnen. Der König war sehr gnädig, gratulierte mir zu dem siegreichen Ausgange des Gefechts und sagte, es gewähre ihm große Freude, mir gerade am heutigen Tage, dem eines siegreichen Treffens, mitteilen zu können, daß Se. Majestät der Kaiser von Rußland ihm in Anerkennung der tapferen Taten der Armee drei Kreuze dritter und fünf Kreuze vierter Klasse des Georgenordens übersandt habe, um sie den Würdigsten zu geben. ?Natürlich?, so schloß der Hohe Herr, ?erhalten Sie den Georgenorden dritter Klasse, der in Rußland für eine gewonnene Schlacht verliehen wird.? ? Wir hatten einen langen und schönen Herbst, konnten daher die Tage sehr gut benutzen, um uns in unseren Stellungen immer mehr zu befestigen. Auch die Früchte, die auf den Feldern uneingeheimst blieben, suchten wir als Wintervorrat zu bergen, vor allem aber wurden die Kartoffelfelder abgesucht. Die Mannschaft sah vortrefflich aus, wohlgenährt und blühend in ihren bartumrahmten Gesichtern, aus denen volle Zufriedenheit sprach. Dankbar froh konnten sie auch sein, denn dem V. Korps war in diesem Kriege ein beneidenswertes Los zugefallen, nur siegreiche Gefechte, glänzende Schlachten und fast 5 Monate in denselben Kantonnements bei der geregelten Verpflegung. Wir waren natürlich zu beneiden, dieses herrliche Stück Land südwestlich vom Valerien von St. Germain bis zum Park von St. Cloud in militärischer Beziehung unser eigen nennen zu dürfen. Dahinter Versailles mit dem Könige, Kronprinzen und den fürstlichen Herrschaften im Mittelpunkt des kriegerischen und politischen Lebens. Hier vereinigte sich alles Wichtige und Interessante und gab hinreichenden Stoff zu unsern Abendunterhaltungen. Versailles selbst erschien uns allen ein stiller Ort, jetzt nur durch ein reges militärisches Treiben belebt. Großartig ist das Schloß und der Park mit der davor liegenden Place d'Armes. Drei breite Alleen, von mächtigen Bäumen eingesäumt, führen von hier nach St. Cloud, Paris und Sceaux. Ein großer Hof, reich besetzt mit Statuen von Feldherren,[229] liegt vor dem Schlosse. Der Park mit seinen Wasserkünsten und Statuen, im altfranzösischen Stil gehalten, und das Schloß mit seiner Gemäldegalerie macht Versailles allein deshalb schon sehenswert. Dennoch erscheint dies Schloß, vom Park aus gesehen, nicht imposant, da es für seine Höhe eine zu große Längenausdehnung hat. Nur wenn man von der Stadt aus darauf blickt, kommt es zur vollen Wirkung, weil es ziemlich hoch liegt und die hervorspringenden Flügel sowie die Schloßkirche dadurch in ihrer Masse kompakter erscheinen. Sämtliche Gemälde und Skulpturen waren im Schlosse geblieben und bildeten das Ziel aller Besucher, von denen wohl keiner unbefriedigt fortging. Die ganze untere Etage war von meinem Korps zu einem Hauptfeldlazarett eingerichtet. Auch hier hin gen herrliche Bilder, und mit ängstlicher Sorgfalt wurde darüber gewacht, daß den Gemälden kein Schaden zugefügt werden konnte. Zur halben Höhe waren daher die Wände in den Stuben mit Leinewand verhangen. Wie oft habe ich durch diese Leidenszimmer beim Besuch der Kranken oder Verwundeten wandern müssen! Wie oft aber auch beim Anblick der Gemälde lächeln und die Eitelkeit der Franzosen erkennen müssen! Die Gefechtsbilder, meist aus den Kriegen Napoleons I. stammend, waren chronologisch geordnet. Jedes Kriegsjahr hatte sein bestimmtes Zimmer, und das Jahr selbst war mit großen goldenen Lettern über den Eingängen zu lesen. Die unbedeutendsten Gefechte hatte man zu Schlachten aufgebauscht und so dargestellt, auch mit diesem Namen unter dem Bilde bezeichnet. Der Krieg von 1806/07 war durch ein Gemälde verherrlicht, an welches ich heute noch mit Unwillen denke. Es stellte den Besuch unseres Königs Friedrich Wilhelm III. und der Königin Luise bei Napoleon I. in Tilsit dar. Naturgemäß bäumt sich schon jedes Preußenherz allein bei dem Anblick solcher Situation auf, hier aber schwillt einem förmlich die Zornesader, wenn man den zynischen Ausdruck der Gesichter des Napoleonischen Gefolges sieht. Wie gern hätte ich dieses Gemälde entfernt! Ich erfaßte die Gelegenheit, mit dem Könige über das Bild zu sprechen. Der Hohe Herr sagte, daß auch er tief ergriffen gewesen sei bei dem Anblick dieses Bildes, ich könne es ja entfernen lassen, ?aber?, fuhr der König fort, ?es ehrt uns mehr und beschämt die Franzosen, daß, obgleich wir hier sind, doch das Gemälde an seinem Platze bleibt.? Da der Sohn der Königin Luise in seiner einfachen Weise imstande war, so edel zu denken, wäre es unverantwortlich gewesen, noch länger die Idee der Beseitigung zu verfolgen.[230] Die Säle in dem oberen Teile des Schlosses enthielten Gemälde älterer Meister. Wenig gut, fast schlecht zu nennen waren darunter zwei Bildnisse Friedrichs des Großen. Meistenteils gehörten aber auch diese Räume zur Ruhmesverherrlichung der französischen Armee. Prachtvolle Gemälde von Horace Vernet aus dem afrikanischen Feldzuge füllten die Wände, während in den Ecken und ringsherum, in Marmor gemeißelt, auf Piedestalen die Statuen berühmter französischer Generale ihren Platz gefunden hatten. Stundenlang konnte man in diesen Sälen umherwandern, und wenn man sie verließ, körperlich und geistig ermüdet von dem vielen Sehen, so wurde man sich klar darüber, wie hier alles darauf hinzielte, das französische Volk zur Eitelkeit und zum Hochmut zu erziehen, oft durch Verschiebung der wahren Sachverhältnisse. Der Park mit seinen vielen Wasserflächen, seinen schattigen Wegen forderte, obgleich in seinem mittelsten Teile im steifen französischen Geschmack angelegt, zu herrlichen Spaziergängen und -ritten auf. So manchesmal wurde, anstatt in der Schloßkirche, im Park Gottesdienst gehalten bei dem grollenden Donner des Mont Valerien. Unser Verhältnis zu der Einwohnerschaft von Versailles war während der langen Monate unseres Dortseins ein ungetrübtes. Wir hielten natürlich gute Mannszucht, und sie hüteten sich, durch Ungezogenheit oder Exzesse die Ruhe zu stören. Mir wurde die Ehre zuteil, daß Majestät auch einmal bei mir zu Tische war. Madame Petit, meine Hausbesitzerin, hatte mir versichert, daß sie mit ihres Hauses Ehre dafür bürge, daß alles auf das beste sein würde. So erwies sich denn auch das Diner als vortrefflich, und die dazu gekauften Weine waren ausgezeichnet. Scherzend meinte der König bei Schluß der Tafel: ?Solche Diners kann ich nicht geben.? Ich erwiderte: ?Majestät, wenn ich alle Tage Diners geben müßte, würde ich es auch nicht können.? Der König lebte übrigens sehr einfach während des Krieges; für gewöhnlich kam auf die Tafel roter und weißer Tischwein, und nur, wenn vornehme Gäste eingeladen waren, höchstens zwei Glas Champagner. Dieser Winter soll in Frankreich ein sehr strenger gewesen sein. Am Weihnachtsabend lag Schnee und wir hatten etwa 12 Grad. Der ganze Stab war bei mir unter dem Christbaum versammelt, und die verschiedenen Geschenke, die darunter lagen, wurden verlost. Gewiß ist dieser unter so besonderen Verhältnissen verlebte Abend in unser aller Erinnerung geblieben. Recht laute Freude konnte doch nicht in unseren Herzen vorherrschen. Wenn wir wohl alle im stillen Gott gedankt, daß er uns bisher so wunderbar geleitet und beschützt hatte, so waren doch[231] die meisten von uns verheiratet und mit ihren Gedanken mehr daheim bei ihren Lieben, auch bei denen, die Gott der Herr zu sich genommen hatte in sein Reich. Am Silvesterabend war der ganze Stab versammelt und wohl in ähnlicher Stimmung, die gemildert wurde durch Besuche anderer Kameraden. Am folgenden, dem Neujahrstage 1871, nahm der König die Gratulationen des Offizierkorps in der ?salle des glaces? des Schlosses in Empfang, in demselben Saale, in dem dann am 18. Januar die Proklamierung unseres Königs zum Deutschen Kaiser stattfand. Dieser wichtige und historische Akt ist so bekannt durch Schrift und Bild, daß nicht nötig ist, darüber Weiteres zu sagen als das, was mich selbst dabei betroffen hat. Der Prediger Rogge hatte die kirchliche Feier beendigt, die in der Mitte der Langseite des Schlosses stattfand, als der König sich mit dem großen Gefolge von Fürsten und Herren nach dem hinteren Teil des Saales begab, wo die Proklamation stattfinden sollte. Amazon.de Widgets An beiden Seiten des Saales waren die Deputationen der Regimenter, an der Fensterseite und gegenüber an der Glaswand, die Offiziere so rangiert, daß auf dem rechten Flügel ? also zunächst der Empore, die der König besteigen sollte ? die ältesten Generale standen, mit ihnen auch meine Person. Als der König etwa fünf Schritt von mir entfernt war, streckte er seine rechte Hand in der Richtung nach mir hin, ohne daß ich sicher war, daß diese Handreichung mir gelten sollte. Erst auf sein Zunicken legte ich meine Rechte in die seine. Er ging weiter, während er meine Hand festhielt, so daß ich ihm, noch einige Schritt aus der Front tretend, folgen mußte. Dabei sprach der Hohe Herr kein Wort. Daß dieses Zeichen der Huld bei meiner Umgebung und bei denen, die es sahen, großen Eindruck machen mußte, war klar. Ich wurde gefragt, ob ich vielleicht in speziellen Beziehungen zu Majestät stände, und konnte nur antworten, daß ich einer der Kommandierenden Generale sei, weiter nichts, daß ich aber selbst über dieses mir zuteil gewordene Zeichen der Gnade, gerade bei diesem Akt, tief gerührt und überrascht sei, den Grund der Auszeichnung aber nicht kenne. Erst am Abend nach dem Diner beim Kaiser sollte ich ihn erfahren. Als der Hohe Herr beim Herumreichen des Kaffees an mich herantrat, sagte er mir: ?Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig über mein Handeln heute früh vor der Proklamation. Wie ich Ihrer ansichtig wurde, fuhr mir der Gedanke durch die Seele, daß gerade Sie der Mann wären, der durch Weißenburg und Wörth den Grund zu dem Werk gelegt, dessen Krönung durch meine Kaiserproklamation soeben stattfinden[232] sollte. Im Gefühl meiner Anerkennung Ihrer Leistungen und meines Dankes mußte ich Ihnen die Hand reichen.? Das ist so ungefähr in Kürze der Inhalt dieser längeren Unterredung. Der Kronprinz, der in einiger Entfernung das Gespräch mit angehört hatte, trat an mich heran, sobald der Kaiser mich verlassen, und erkundigte sich danach, was sein Vater so lange mit mir gesprochen habe. Als ich ihm die Erklärung gegeben, sagte er: ?Ja, es war heute morgen allerdings sehr auffallend! Aber Sie haben mir auch noch nie die Hand gegeben!? ?Kaiserliche Hoheit, das habe ich abzuwarten?, lautete meine Antwort. Der Kronprinz sah mich voll Herzlichkeit an. ?Nun, das können Sie schon von sich aus tun?, meinte er, ?so, und jetzt geben Sie mir gleich die Hand.? Was konnte ich anders tun als gehorchen? Der Kronprinz nahm meine Hand, drückte sie fest und ging dann weiter. Es ist wohl die Frage, ob der Kaiser und der Kronprinz sich noch dieses Falles erinnern, ich kann aber sagen, daß die Feier dieses Tages und die Auszeichnungen des Kaisers einen unauslöschlichen Eindruck auf mich gemacht haben, so hoch, daß ich glaube, nur die Verleihung des Schwarzen Adlerordens hat später in mir eine noch tiefere Bewegung hervorgerufen, so tief, daß ich die betreffende Kabinettsorder nicht zu Ende lesen konnte, weil Tränen, die mir die Augen füllten, mich am Sehen hinderten. Der 18. Januar wurde uns durch die Franzosen nicht gestört, wir konnten uns ungetrübt unserer Freude, ja unserem Stolz hingeben. Dieser weltgeschichtliche Akt war das Werk der Armee, Blut und Eisen hatten ihn geschaffen, und nicht klugsprechende Federhelden. Die Armee war es, die der Kaiserproklamation das Siegel aufdrückte, und gerade meinem braven V. Korps war es vergönnt, das zu tun durch die Schlacht vor dem Mont Valérien am 19. Januar. Hätte Paris eine Ahnung gehabt von dem, was sich in Versailles am 18. Januar vollzog, dann wäre gewiß der große und letzte Ausfall der Pariser Armee schon am 18. erfolgt und hätte sehr störend gewirkt. Am 19. war abscheulich kaltes, schneeiges Schlackenwetter. Von morgens 9 Uhr an war alles auf den Beinen, zum Teil im Kampf mit den ausfallenden Franzosen vom Valérien aus. Ich fuhr zum Observatorium und überzeugte mich von der Anhäufung der Truppen vor dem Valérien, Granaten flogen dabei rechts und links. Der Infanterieangriff gegen Malmaison und das Jägerhaus war vollständig zu übersehen. Bald darauf begab ich mich auf den Alarmplatz der 10. Division, und als das Gefecht dort zum Stehen kam, nahm ich meinen Stand bei der Hospicebatterie, die soeben der Kronprinz verlassen hatte, beobachtete[233] den Angriff gegen die Höhen von Garches und die Montretout-Schanze, und als dieser geglückt war, fuhr ich zur 10. Division zurück. Da hier mit Ausnahme des Geschützkampfes alles ruhig war, fuhr ich bis Villa Sampson vor. Hier überzeugte ich mich, daß nichts mehr zu befürchten war, und gab, da es anfing zu dunkeln, den Befehl für die Truppen der 10. Division, in die Kantonnements zu rücken. Dann kehrte ich zur 9. Division zurück. Der Angriff war hier nicht recht vorwärts gegangen und die Schanze Montretout wieder in Feindes Händen, ebenso der Park von Buzanval, und hinter den Garcher Höhen standen die Franzosen in Massen. Ich sagte dem General Sandrart, die Schanze müsse noch heute genommen werden, aber von der Wegnahme des Parks wollte ich, da die Dunkelheit dich immer mehr bemerkbar machte, absehen. Sandrart erklärte mir, daß er sich nach den Anstrengungen des Tages nicht mehr kräftig genug fühle zur Wegnahme der stark besetzten Schanze, hinter welcher die Reiterei in großer Zahl stände. So beorderte ich denn von der 10. Division sofort ein Regiment herbei, das unter seinen Befehl gestellt werden sollte. Bis zur Ankunft des Regiments blieb ich in der Batterie und konnte das interessante Schauspiel beobachten, wie die großen Granaten des Valérien über uns wegsausten und unschädlich hinter uns krepierten. Etwa um halb acht traf das 46. Regiment ein, und ich machte es dem Kommandeur zur Pflicht, unter keinen Umständen zurückzugehen, bis er nicht die Montretout-Schanze genommen hätte. Da mit Ausnahme dieser letzten Aufgabe das Gefecht verstummt war und ich nichts weiter helfen konnte, fuhr ich nach Versailles, gab aber noch vorher den Befehl, mir sofort Meldung zu senden über den Ausfall des Angriffs auf die Schanze. Der erste Teil der Schlacht war das Zurückweisen des feindlichen Angriffs gewesen, der zweite Teil der Angriff meines Korps gegen das Kleeblatt Vinoy, Bellemare, Trochu. In Versailles wimmelte es von Truppen, denn der Kronprinz hatte zu meiner etwaigen Unterstützung eine bayerische Brigade hinbeordert. Diese Anhäufung von Truppen machte die Einwohner von Versailles sehr unruhig, sie nahmen an, daß etwas Großes sich ereignen würde, ahnten aber nicht, daß eine Meile von ihnen eine entscheidende Schlacht geschlagen und der lange geplante Ausfall ausgeführt wurde. Zweckmäßig war unter allen Umständen dieses Heranziehen der bayerischen Truppen. Einer der Offiziere erklärte mir aber treuherzig beim Glase Wein, er hätte gewußt, daß sie unnütz herangezogen wären, denn das V. Korps würde seine Sache schon allein ausfechten. Es war ein spätes Diner geworden und kein heiteres, weil wir noch auf die Nachricht über Montretout warteten und sehr ermüdet[234] waren. Wie lang wurde uns die Zeit, bis endlich um 11 Uhr Major Jacobi die Meldung brachte, Montretout sei verlassen vorgefunden und wieder besetzt worden. In Erwartung, daß der Kampf am nächsten Tage von neuem beginnen würde, legten wir uns zur Ruhe; doch fand ich selbstverständlich wenig Schlaf. Trübe brach der nächste Morgen an. Ich erhielt die Meldung, daß der Feind nach Paris abzöge. Um mich zu überzeugen, fuhr ich sofort nach dem Tal Brezin und ging in die Vorposten, von wo aus ich das nach dem Feinde gelegene Terrain übersehen konnte. Welch ein Bild des Jammers hinter den Garcher Höhen! Wieviel tote und verwundete Franzosen lagen da! Noch im Laufe des Tages ging der Befehl des Kaisers ein, daß man die Franzosen im Absuchen des Schlachtfeldes nicht stören solle, selbst wenn sie dabei in unsern Schußbereich kämen. Im Gegenteil sollten wir ihnen hilfreich sein, indem wir ihnen ihre Toten über die Vorposten hinaus entgegentrügen, damit sie diese beerdigen könnten.« Daß ich mich jetzt bei diesen Kriegserinnerungen, die zu jener Zeit als lebenswarme Bilder bei den Erzählungen des Grafen an meinem Geist vorüberzogen, so oft auf seine eigenen Aufzeichnungen gestützt und sie wörtlich niedergeschrieben habe, geschah nicht nur, um die wichtigen Kriegsepisoden völlig korrekt wiederzugeben, sondern vor allem, um dadurch am besten ein wahrheitsgetreues Bild der Persönlichkeit des von mir so hoch verehrten Grafen wiederzugeben. Zugleich konnte ich dabei so manches schlichte und doch so inhaltsvolle Wort in Erwähnung bringen, das wohl geeignet ist, der begeisterten Liebe für unseren greisen Heldenkaiser und seinen Hohen Sohn neue Nahrung zu geben. Dem General Kirchbach war es vergönnt, durch den Sieg von Weißenburg den Feldzug zu beginnen und damit dem Feinde den ersten lähmenden Schlag zu versetzen. Ebenso war es ihm vergönnt, in der letzten, ebenso blutigen wie ruhmreichen Schlacht am Mont Valérien den Parisern den letzten Schimmer einer törichten Hoffnung zu nehmen. Am 30. Januar zog der Kommandierende des V. Korps an der Spitze des Infanterieregiments 46 mit klingendem Spiel in die Feste des Mont Valérien ein. Unter jauchzendem Hurra stieg die deutsche Fahne über denselben Werken auf, die vier lange Monate mit ihren Geschützen das V. Armeekorps Tag und Nacht bedroht hatten. Der Waffenstillstand erfolgte und darauf der Friede, doch der erschien zuerst noch nicht gesichert, denn das Korps Bourbaki, gegen welches die Generale von Manteuffel und von Werder fochten, war vom Waffenstillstand[235] ausgeschlossen. Das V. Korps wurde am 8. Februar dazu bestimmt, das XI. Korps, das in westlicher Richtung abrücken sollte, abzulösen. Als General Kirchbach sich zum Abmarsch bei dem Kaiser meldete, äußerte sich dieser wiederholt in huldvollen Anerkennungsworten und schloß damit, daß er sagte, er schicke das V. Korps der Armee des Prinzen Friedrich Karl zur Verstärkung, damit, falls es nicht zum Frieden käme, die Offensive energisch aufgenommen werden könne, in welcher dann das V. Armeekorps die Avantgarde der III. Armee gegen den Süden übernehmen müsse. »Ich weiß«, so schloß der Hohe Herr, »das V. Armeekorps läßt sich nicht schlagen.« General von Kirchbach nebst dem Stabe befand sich bei der Hauptkolonne des Generals von Sandrart und erreichte am 15. Februar Orleans. Auch er ließ an der Reiterstatue der Jungfrau von Orleans seine Truppen an sich vorbeidefilieren. Zwei Tage darauf ging vom Oberkommando der III. Armee die Nachricht ein, daß der Waffenstillstand bis zum 22. verlängert und auf ganz Frankreich ausgedehnt sei. Der Kronprinz traf zu dieser Zeit in Orleans ein und forderte den General auf, ihn zum Prinzen Friedrich Karl zu begleiten. Die Fahrt ging bis Blois per Bahn, dann zu Wagen nach Amboise. Zum erstenmal traf hier der General mit dem Prinzen zusammen, der ihn überaus gnädig aufnahm. Am 2. März begab er sich dann auf Grund Kaiserlichen Befehls nebst drei Offizieren nach Versailles, um der Parade auf den Longchamps und dem Einzug in Paris beizuwohnen. Als der General am 4. März nach Orleans zurückkehrte, überbrachte er zugleich den Befehl für den Abmarsch des V. Korps zur Südarmee des Generals von Manteuffel. In Dijon empfing dieser Kirchbach, der ihm jetzt unterstellt war, in liebenswürdigster Weise und sprach ihm seine Freude aus, das tapfere V. Armeekorps unter sich zu haben. Als nun Ende Mai die Marschorder einging, brachte der General von Manteuffel es wieder in seinem Armeebefehl zum Ausdruck, wie es ihm eine liebe Erinnerung bleiben würde, dieses brave Armeekorps in einer von ihm befehligten Armee gehabt zu haben und wie er von ganzem Herzen wünsche, daß es nach glorreicher Pflichterfüllung im Feldzuge jedem einzelnen wohl und glücklich in der Heimat ergehen möge. Mit großer Wärme erzählte später Graf Kirchbach oft an jenen unvergeßlichen Sonntagen, wo wir fast ständig zusammen waren, von der hinreißenden Liebenswürdigkeit, mit der er auf dem Rückmarsch in Karlsruhe von der Großherzoglichen Familie empfangen worden war. Den Abend hatte er dann im engsten Kreise der Hohen Herrschaften auf einem unweit Karlsruhe gelegenen Landsitz zugebracht. Die Großherzogin war[236] dabei in freundlichster Weise immer wieder darauf zurückgekommen, daß Baden vorzugsweise dem V. Armeekorps für die Kämpfe von Weißenburg und Wörth zu danken habe, weil es dadurch vor einer feindlichen Invasion beschützt worden sei. Freude war es dem Grafen auch, von dem Empfang in Bayern zu berichten, wo jedermann gewußt, daß das V. Korps mit dem II. bayerischen Schulter an Schulter gekämpft hatte. Aber ganz besonders ging ihm das Herz dabei auf, wenn er von seinem lieben Posen erzählte, von dem Einzuge dort, und dabei den goldenen Lorbeerkranz zeigte, den das dankbare Posen ihm verehrt hatte. Die Ernennung zum Chef des 46. Infanterieregiments, mit dem er in das Fort Valérien eingezogen war, und die gnädigen Worte seines Kaisers in der begleitenden Kabinettsorder waren dem Grafen selbstredend dauernd eine Quelle der Freude, denn diese Ernennung bedeutete für ihn nicht nur ein Zeichen lebhafter Anerkennung seiner Verdienste, die der Kaiser ihm zuteil werden ließ, sondern sie knüpfte auch das Band noch fester, das ihn mit den Truppen des V. Korps, insonderheit mit dem Regiment 46, verband. Die Dotation und später der Grafentitel, die der General erhielt, waren weitere Zeichen der Huld seines Kaiserlichen Herrn, der die Verdienste seines Kommandierenden Generals in vollster Weise anerkannt und gewürdigt wissen wollte! 
 XXI. Licht und Schatten.  [237] Wie reich und wie vielseitig gestalteten sich die Kriegserinnerungen, die die beiden alten Herren, Graf Kirchbach und mein Vater, miteinander austauschten! Dieses Gedenken und sich Vertiefen in eine gemeinsam verlebte große Zeit und die beiderseitigen neu gewonnenen ländlichen Interessen knüpften dies alte Freundschaftsband immer fester, brachten Moholz und Sproitz einander immer näher. Es sollten unsere beiden Familien aber noch viel inniger, noch viel unauflöslicher miteinander verknüpft werden. Der einzige Sohn des Gräflich Kirchbachschen Ehepaares stand in Liegnitz bei den Königsgrenadieren, er war selbstverständlich oft bei den Eltern und auch oft in unserem Hause. Da, noch ehe wir uns richtig darüber klar waren, daß aus unserm Töchterlein, das eben eingesegnet, nun ein erwachsenes Mädchen geworden war, warb Günther von Kirchbach um unsern blonden Liebling. Sie war erst vor kurzem sechzehn[237] Jahre geworden, und wir waren mit ihr und unserer Pflegetochter im Winter auf ein paar Monate nach Berlin gegangen, um dort noch durch Stunden und Vorträge die letzte Hand an die Erziehung der beiden Mädchen zu legen. Nun kam Günther uns nachgereist, es wurde die entscheidende Frage gestellt und warf mit einem Male alle Lernpläne über den Haufen. Wir wollten im Hinblick auf die große Jugend unserer Tochter noch eine Wartezeit ausmachen, aber sie wurde nicht lange innegehalten. Im Wonnemonat Mai, da alle Knospen sprangen, da war den beiden auch das Glück aufgegangen, und zum Geburtstag des Grafen 1882 hatten wir ein strahlendes Brautpaar, an dem sich Moholz und Sproitz freuen durften. Ich will es nicht leugnen, leicht wurde es uns nicht, meinem Manne und mir, unser junges Kind so früh fortzugeben, aber die feste Überzeugung, daß diese Liebe unserer Tochter einem Manne galt, dem wir in freudiger Zuversicht das Kind anvertrauen konnten, überwog jedes Bedenken. Hatten wir beide doch in unserer Ehe so tief den unermeßlichen Schatz erkannt, der in einer großen Herzensneigung liegt, um nicht auch unserer Tochter freudigen Herzens ein gleiches zu gönnen, wenn sie uns auch dadurch rasch entführt wurde. Im Jahr darauf feierten wir ihre Hochzeit an einem sonnigen köstlichen Junitage. In der Dorfkirche zu See wurden sie getraut, und über Moholz ging die Rückfahrt des langen Hochzeitszuges mit seinen bänder- und blumengeschmückten Wagen durch die Ehrenpforten hindurch, die die Dorfleute ihnen erbaut hatten. Es war zugleich ein richtig patriarchalisches Fest, denn auch die Dorfleute nahmen daran teil; Schulkinder kamen am Polterabend als Archenoahpuppen, ein Lieblingsspielzeug unserer Tochter in der Kinderzeit, und die verschiedensten Geschenke wurden dem jungen Paare von Sproitz und Moholz in feierlichem Zug der Leute übergeben. Die Räume des Hauses reichten nicht aus, daher war in einem großen Zelt die Hochzeitstafel gedeckt, umlagert von unsern Dorfleuten, die sich mitfreuten an dem Glück, dem fröhlichen Treiben, der jubelnden Musik und den Leckerbissen, die dabei auch für sie abfielen. Tags darauf, so wußten sie, war dasselbe Zelt zum Tanzplatz für das Dorf bestimmt. Die Hochzeitsglocken sollten für Sproitz nicht lange verstummen. Anderthalb Jahre später wurde in der großen Halle des Hauses die vielgeliebte Schwester meines Mannes, die verwitwete Frau von Plänkner, mit dem Freiherrn von Seckendorf getraut, dem Adjutanten Sr. Königlichen Hoheit des Prinzen Heinrich von Preußen. Wenige Monate darauf, als Wald und Heide im Herbstschmuck prangte, wie unser Pflegetöchterchen es so[238] besonders liebte, da feierte auch sie ihre Hochzeit mit dem Freiherrn von Houwald und verließ das Heim, das ihr während zehn Jahre das Elternhaus ersetzt hatte. Für mich wurde es einsamer. Einsamer um so mehr, weil ich in dem vorhergehenden Sommer innerlich einen harten Kampf hatte durchringen müssen. Der Kreis wollte meinen Mann als Kandidaten für das Abgeordnetenhaus aufstellen, da die Herren ihn am geeignetsten dafür hielten und überzeugt waren, daß sie gerade ihn, der dort große Liebe auch bei den einfachen Leuten besaß, am leichtesten bei der Wahl durchbekommen würden. Sie baten mich dringend, meinem Mann den Entschluß, auf Monate nach Berlin zu gehen, nicht zu erschweren, sondern ihm zur Annahme des Mandats zuzureden. Das war ein hartes Opfer, das von mir verlangt wurde, und betend habe ich mich erst hindurchgerungen, um willig ein gutes Teil von ihm, von unserem schönen Zusammenleben für den Dienst des Vaterlandes zu opfern. Für dieses geliebte Vaterland hatte ich ihn schon in drei Kriegszeiten hingeben müssen, und nun sollte es noch einmal in anderer Weise geschehen. Durch seine königstreuen Gesinnungen und die oft fortreißende Beredsamkeit, die ihm zu Gebote stand, sollte er im Abgeordnetenhause seinem Vaterlande dienen. Mich dünkte, daß ich aus den Verhältnissen, die mich umgaben, als meine persönliche Pflicht herauslesen mußte, daß ich nicht selbstsüchtig an mich, sondern an das große Ganze denken sollte und dem Herzenswunsch, meinen Mann ganz in Sproitz zu behalten, nicht nachgeben durfte. Eins wußte ich ja doch, mein blieb er mit seiner großen, mich so verwöhnenden Liebe, ob wir tagtäglich zusammen waren oder ob andauernde Trennungszeiten sich dazwischen schoben. Doch will ich es gestehen, so klein war ich, daß ich heimlich hoffte, mein Mann würde bei der Wahl vielleicht nicht durchkommen, und daß ich die Tränen nicht ganz zurückhalten konnte, die mir in die Augen schossen, als sie mir verkündigten, mein Mann sei mit großer Stimmenmehrheit gewählt. Nun galt es, sich darein zu finden und nicht den Kopf hängen zu lassen. Als die Novemberstürme kamen, fuhr ich als stellvertretende Herrin von Sproitz vor- oder nachmittags durch den Wald oder über die Felder, um nach der Arbeit zu sehen. Jetzt waren mir nicht nur die Zügel unserer jungen Pferde in die Hand gelegt, sondern mein Mann hatte seinem weiblichen Kameraden auch die Regierungszügel auf dem Gut für Monate übergeben. Mir hätte bang sein können, wenn ich nicht unsern erfahrenen Inspektor zur Seite gehabt und mit meinem Manne nicht bis dahin alle landwirtschaftlichen Interessen geteilt hätte. Durch diese Stütze und Vorarbeit fand ich mich[239] in der Außenwirtschaft wie in den Büchern schneller zurecht, als ich gedacht, und hatte Freude an dem Schaffen. Mir blieb dabei noch Zeit genug für meine vielgeliebten schriftstellerischen Arbeiten und für das Dorf. Da stellten sich zu der Zeit noch besondere Aufgaben heraus. Der Schullehrer war erkrankt, für verschiedene Stunden kein Ersatz zu schaffen; so war es denn für mich ein besonderes Vergnügen, einspringen zu können und als Lehrerin in der Dorfschule meines Amtes zu walten. War das ein eifriges Lehren und Lernen! Auf meine Jungens war ich aber viel stolzer wie auf meine Mädchen, denn diese angehenden Herren der Schöpfung zeigten sich viel mehr mit Leib und Seele bei dem Unterricht interessiert als das zarte Geschlecht. Geographie und Geschichte war mein Fach, und glühend heiße Backen schafften wir uns dabei an, die Jungens und ich, wenn ich ihnen meine Weisheit beizubringen suchte. Im Frühjahr versammelten sich dann die Schulräte und Honoratioren des Dorfes in der Schule und ich mußte meine Jungens und Mädels vor ihnen examinieren. Ich glaube, Lehrerin und Schüler hatten in der gemeinsamen Sorge, wie wir bestehen würden, Herzklopfen. Aber wir gingen glänzend aus der Prüfung hervor, denn die Kinder verfehlten keine Fragen. Bei den Mädels machte ich es glimpflich, auf die Jungens aber, das wußte ich, konnte ich mich verlassen, die hatten gar nicht genug des Lernens bekommen können und machten mir alle Ehre. Richtig stolz waren wir auf unser trefflich bestandenes Examen und ganz außerordentliches Vergnügen haben wir an den Stunden gehabt. Amazon.de Widgets Im Hause ging es behaglich und fröhlich zu. Meine lieben Eltern und meine Schwiegermutter waren noch da, und die mochten es besonders gern, wenn ich ihnen bei der gemütlichen Nachmittagskaffeestunde von allen kleinen Erlebnissen in Dorf und Ställen, auf den Fahrten oder Wanderungen erzählte. Nach dem Abendbrot wechselten mein Vater und ich uns im Vorlesen ab, und wenn um 10 Uhr die alten Herrschaften zur Ruhe gegangen waren, konnte ich noch ungestört eine Weile für mich arbeiten. Täglich wechselten mein Mann und ich Briefe, und meist pflegte er während der Winterkampagne im Abgeordnetenhause Sonnabend und Sonntag in Sproitz zu sein. Einmal im Winter besuchte ich ihn auch auf acht bis vierzehn Tage in Berlin. Wie haben wir da miteinander die Zeit ausgenutzt und genossen! Wir waren vergnügt wie Ferienkinder. Dabei bot uns der Aufenthalt in dem uns befreundeten Hause des Freiherrn von Lipperheide viel Interessantes. Bei diesem kunstsinnigen Ehepaar fanden sich die ersten Größen im Kunstleben zusammen. Wildenbruch, Richard Voß, Begas und noch verschiedene andere Schriftsteller und Künstler verkehrten dort viel. Das waren alles Persönlichkeiten,[240] deren nähere Bekanntschaft gemacht zu haben, mir noch heute eine liebe und interessante Erinnerung ist. Zu mancher Zeit wäre ich gern an mehreren Orten zugleich gewesen, in Sproitz, in Berlin und bei der verheirateten Tochter und Pflegetochter. Sehr stolz kam ich mir vor, als der erste Schein der Großmutter würde über mir aufging. Ein Jahr nach der Hochzeit meiner Molly, der jungen Frau von Houwald, war ich bei ihr zur Pflege, und tauften wir dort in der Dorfkirche froh und dankbar ihren ersten Sohn. Ein halbes Jahr später war ich wirklich Großmutter. Am Geburtstag meiner Schwiegermutter konnte ich glückselig nach Sproitz telegraphieren: »Ein gesunder, junger Weltbürger gratuliert der Urgroßmutter.« Vom Moholzer und Sproitzer Hause wehten die Fahnen und verkündeten schon aus der Ferne meinem Manne, der zum Geburtstag seiner Mutter aus Berlin kam, die Freudenbotschaft. Die beiden alten Waffengefährten, Großvater und Urgroßvater, standen Pate bei unserem geliebten Hans Hugo, dem jungen Täufling. In Posen, wo mein Schwiegersohn »Adjutant beim Generalkommando«, war die Taufe. Was für Erinnerungen knüpften sich für uns alle an diesen Ort! Viele Jahre seines Lebens hatte Graf Kirchbach hier zugebracht, von hier aus hatte er sein Korps zum Kriege und zum Siege geführt, hier hatte er sich dann in der folgenden Friedenszeit mit meinem Vater wieder zusammengefunden, und hier war auch unser siebenjähriges Töchterlein zum ersten Male ihrem jetzigen Mann begegnet. Wie oft haben wir später über die Begrüßung auf der Treppe des Gouvernementsgebäudes gescherzt. Ganz artig hatte sie dem fremden jungen Offizier, der sie anredete, ihren Knicks gemacht. Als der nun aber auch ihre Hand haben wollte, hatte sie schüchtern den Blondkopf geschüttelt, hatte noch einmal geknickst und war dann entschlüpft. »Dafür werde ich mich rächen«, hatte damals der junge Kirchbach lachend meinem Manne erklärt, »heute hat mir Ihre Tochter die Hand geweigert, aber nehmen werde ich sie mir doch noch einmal.« Zehn Jahre später war aus dem Scherz Ernst geworden, und heute dankte das glückliche Elternpaar Gott für das teure Pfand seiner Gnade, das er ihnen in dem Sohne anvertraut hatte. Im Sommer kamen die jungen Paare mit ihren Söhnen zu uns. Das war schöne Zeit, Großeltern und Urgroßeltern freuten sich daran. Einen Enkel seines Namens zu erleben war für den alten Grafen Kirchbach ein sehnlicher Herzenswunsch gewesen, und wie etwas unendlich Liebes und Rührendes ist mir von jenen Sommertagen das Bild in der Erinnerung geblieben, wenn ich den alten Herrn neben dem Wagen des[241] Kleinen stehen sah. Über ihn gebeugt, hielt er dem Kinde irgendein glänzendes Spielzeug hin, nach dem der kleine Mann jauchzend griff, und dann leuchtete aus den großen schönen Braunaugen des Grafen eine so tiefe und stolze Freude, daß dieser Ausdruck mehr als Worte sagte, wie ihn der Besitz des Enkels beglückte. Der Herbst rief die jungen Paare wieder in ihren Hausstand und entführte mir von neuem meinen Mann. An einem Sonntag Anfang Oktober war es, da traf den Grafen, als er aus der Kirche gekommen, ein Schlaganfall, dem Besinnungslosigkeit folgte. Sowie ich das erfahren hatte, fuhr ich hinüber, und als ich sah, wie ernst die Sachen standen, fragte ich die Exzellenz, ob ich nicht die Nachtwache mit ihr teilen und bei ihr bleiben könne, bis die Töchter und der Sohn, an die Depeschen gesandt waren, eintrafen. Solche Stunden an einem Sterbelager vergißt man nie! Ohne Bewußtsein, aber doch hin und wieder ein paar unverständliche Worte murmelnd, lag der liebe alte Herr auf seinem Lager. Still war es um mich her, ganz still, und wie ich so schweigend mit gefalteten Händen an seinem Bette saß, nur hin und wieder aufstehend, um die kleinen Krankendienste zu verrichten, drängte sich Gedanke an Gedanke, der zusammenfaßte, was diese teure Persönlichkeit im Leben gewesen und was sie geleistet hatte. Nicht an den Kriegshelden und an seine Taten dachte ich, sondern nur an den Menschen, wie er uns, die wir in seiner nächsten Umgebung lebten, nahe getreten war. »Pietate et armis« heißt der Wappenspruch der Kirchbachschen Familie, und das Wort zog mir wie der und wieder durch den Sinn. Es war gleichsam zum Leben geworden durch den, der jetzt neben mir als Sterbender ruhte. Das Wort »Durch Frömmigkeit und Waffenehre« hatte all seinem Tun und seiner Persönlichkeit das Gepräge gegeben, es hatte ihn groß gemacht. Den Blick unverwandt auf die edlen, jetzt so wachsbleichen Züge gerichtet, über denen schon die Schatten des Todes lagerten, saß ich während der langen Stunden der Nacht, bis meine Zeit um war. Wieviel, wie unendlich viel zog dabei durch die wache Seele! Als am anderen Morgen Günther kam und auch seine Schwestern, fuhr ich heim. Noch wenige Tage flackerte das ersterbende Lebenslicht, dann entschlief der liebe, alte Herr sanft am 6. Oktober 1887. Vier Tage später erfolgte die Überführung der Leiche nach Berlin, und am 11. Oktober fand das feierliche Begräbnis auf dem Matthäikirchhof statt, wo er an der Seite seines jungen, bei Sedan gefallenen Sohnes ruht.[242] Die letzte Ehrung, die noch dem Toten wurde, war die Kabinettsorder des jungen Kaisers Wilhelm II. vom 27. Januar 1889, in der es hieß: »Ich will das Andenken an den General der Infanterie, Grafen von Kirchbach, dadurch ehren, daß ich dem 1. Niederschlesischen Infanterieregiment Nr. 46 den Namen Infanterieregiment Graf Kirchbach Nr. 46 verleihe. Ich vertraue zu dem Regiment, daß es den Namen dieses hochverdienten Generals, welcher sein Chef gewesen ist, und unter dessen Führung es die Feuertaufe erhalten und bei Wörth wie bei Sedan neue Lorbeeren erkämpft hat, sich stets würdig zeigen wird.« Der Tod des Grafen Kirchbach ließ eine schmerzlich fühlbare Lücke, nicht nur in seiner Familie, sondern auch in unserem ganzen Kreise zurück. ? Im Sommer war unser Haus immer voll Logierbesuch, das war Freude, vor allen Dingen aber, wenn unsere Tochter und Pflegetochter mit Mann und Kindern da war. Ich sage Kindern, denn bei letzterer vermehrte sich die Familie noch um ein paar Mädchen. Auch die Pflegesöhne, zu denen sich bald dieser, bald jener gezählt wissen wollte, gingen viel bei uns ein und aus. Einmal im Jahr wollten mein Mann und ich uns für ein paar Wochen ganz allein haben. Da ließen wir unsere jungen, selbstgezogenen Pferde vor den offenen Wagen spannen, packten den Koffer darauf und fuhren seelenvergnügt in die herrliche Gotteswelt hinaus. Mein Mann kutschierte, ich saß neben ihm und hatte die Karten, die die Marschroute aufwiesen, zur Hand. Hinter uns, neben dem Koffer, thronte unser Kutscher, der getreue Fünfstück, der zehn Jahre hintereinander diese Fahrten, die voll von eigenartigem Zauber waren, mit uns geteilt hat. Zwischen meinem Manne und mir war ein breiter, hohler Stab eingelassen; bei schönem Wetter diente er als Blumenhalter, dann prangte darin ein frischer Waldstrauß, bei schlechtem Wetter aber wurde ein großer, weißer Schirm hineingeschraubt, ein Regendach, das uns beide schützte. »Die Mausefalle« nannte ich es und liebte es gar nicht, nur im Notfall flüchteten wir unter dies Zelt. Ganz märchenhaft herrlich erscheinen mir noch heute in der Erinnerung diese Fahrten durch das Land. Frei und ungebunden wie der Vogel in der Luft, weitab vom Gewimmel der Reisenden, glückselig, uns einmal wieder den lieben langen Tag ungestört haben zu können, das war schön, wunderschön! Vier bis sechs Wochen pflegten wir unterwegs zu sein, in die böhmischen Berge, nach Thüringen oder nach dem Harz, ja bis nach Nürnberg führte uns von der Oberlausitz her die Fahrt. Fünfstück, der Kutscher, war musikalisch begabt, er hatte auf meinen Wunsch gelernt[243] auf dem Piston zu blasen, wie ich es in Thüringen von den Postillionen gehört hatte. Da klangen nun gar oft, wenn wir durch den stillen Wald oder über die Berge fuhren, die alten lieben Volksweisen, bald heiter froh, bald tief ernst und wehmütig. Wieder muß ich es sagen: »wunder-, wunderschön war es!« Wenn die Nachbarschaft sich nach schönem Wetter sehnte, hieß es: »Liliencrons müssen ihre Hochzeitsreise machen, dann ist immer Sonnenschein.« Im Juli 1896 hatten wir bei unserer Wagentour in Böhmen verschiedene Schlachtfelder aufgesucht, und ich möchte über einen Teil dieser Reife in aller Kürze berichten. Von Münchengrätz aus fuhren wir den steilen Weg zum Dorfe Musky. Unsere selbstgezogenen Pferde mußten dabei tüchtig heran, hielten aber brav aus und verlangten nun auch das übliche Brot zur Belohnung. Cyrus, der Schimmel, mein Liebling, den ich persönlich eine Zeitlang mit der Flasche aufgezogen hatte, holte sich noch als besonderen Leckerbissen die Blumen, die ich im Haar und Gürtel trug, machte auch trotz vorangegangener Anstrengung alle die kleinen Kunststücke, die ich ihm beigebracht hatte, kurz zeigte, was er leisten konnte. Wie eine Feste mit starken Felsenmauern, so erhob sich vor uns das Plateau, das damals Clam Gallas mit 22 Bataillonen besetzt hielt. Das Jnfanterieregiment 27 unter Führung seines heldenhaften Kommandeurs Oberst von Zychlinski hat hier Großes geleistet. Die glatten, fast senkrecht stehenden Felsenmauern machten eine Umgehung des Plateaus notwendig, um hinauf zu gelangen. Wir folgten der Richtung, die die Truppen damals eingeschlagen hatten, von einer Straße kann man dabei nicht sprechen, denn es war ein ziemlich pfadloses Emporkommen, Fels auf, Fels ab, durch Schluchten und Gestrüpp. Ebenso erbarmungslos wie heute mochte die Sommersonne auch damals gebrannt haben, als die wackeren 27er, Gewehr in der Hand, keuchend hier während des stärksten Kugelregens hinaufgeklettert waren, immer vorwärts, bis der Sturm auf das Plateau gemacht werden konnte. Es gehörte nicht viel Phantasie dazu, um das alles hier an Ort und Stelle gewissermaßen durchzuleben. Das Heer des Clam Gallas, vom Muskyberg vertrieben, zog sich nach Jicin zurück, und ihm folgten die preußischen Heeressäulen; von Turnau aus schlug die Hälfte der Truppe die Straße zur Rechten, die andere den Weg zur Linken ein, um sich vor Jicin zu vereinigen. Eine Felsenwelt voll wildromantischer Schönheit trennte die marschierenden preußischen Regimenter, Burgen und Berghänge, in denen der Feind sich festgenistet hatte, erwartete sie.[244] Wir folgten der Truppenstraße über Podol nach Burg Kost. Dort wohnte der österreichische Feldmarschall Tuma von Waldkampf, der uns zu sich eingeladen hatte. Auf Schritt und Tritt begegnet man hier Erinnerungszeichen an die Kriegszeit. Je mehr wir uns Kost näherten, desto häufiger wurden die Gräber und Gedenksteine für die hier massenhaft Gefallenen. Die Felsen traten hart zusammen und gaben der Straße einen schluchtartigen Anstrich, hoch darüber auf schroffem Felsenthron ragte die Burg empor, das alte sagenumrauschte Kost. Der Feind hielt damals die Burg besetzt, und wer jetzt diesen engen Waldweg fährt und die schroffe Felswand hinaufblickt, der begreift, was dazu gehörte an Heldenmut und Zähigkeit, um den Durchmarsch zu erzwingen und dies Felsennest zu erobern. Waldumkränzt, an der einen Seite einen klaren Bergsee zu Füßen, liegt die Burg, die so eigentümlich gebaut ist, daß unsere Pferde über uns hausten, in dem obersten zinnenbekrönten Burghof. Schöne Tage verlebten wir dort, und sehr interessant war es, wie der österreichische mit dem preußischen Offizier die Kriegserlebnisse austauschte. Während im Süden bei Kost das blutige Ringen stattgefunden, hatten die nördlich marschierenden Truppen einen schweren Kampf bei den Prachower Höhen zu bestehen. Dorthin fuhren wir von Kost über Sobotka. Eine ernst geheimnisvolle, aber wunderbare Schönheit umschließt diese Prachower Felsenwände, deren graue Häupter aus dem Waldesdunkel hinausragen. Auch hier kletterten wir den steilen Pfad hinauf, den unsere Truppen genommen, als sie mit Hurraruf zum Sturm vorgingen. Von dem Kriege 1870/71 hatte ich mir aus Straßburg ein paar selbst gesammelte Kugeln mitgebracht, und auch hier fanden wir noch eine Gewehrkugel aus jenen Kampfestagen. Bei Sternenschein erreichten wir Jicin. Heldenhaft hatten die Österreicher damals dort gekämpft, jedes Haus war wie eine Festung verteidigt worden. Während wir durch das Tor und die engen Straßen fuhren, sah ich im Geist das Bild jener Nacht, wo die stürmenden Truppen mit Hurraruf Tor und Türen zerschmetterten und in die Stadt eindrangen. Furchtbar muß der verzweifelte Kampf in den schmalen, winkligen Straßen gewesen sein. Wir übernachteten in Jicin, und als mich am Morgen die helle Sonne weckte, da dachte ich aufatmend: »Wie es damals Morgen wurde, war Jicin in unseren Händen und, Gott sei Dank, der Straßenkampf vorbei.« Wunderlich erschien mir der Weg, den wir am anderen Tage fuhren, um noch einmal nach Turnau zurückzugelangen. Mitten in die Felsenwelt ging es hinein, an Burg Troisky vorbei, die nicht ausgemauert,[245] sondern nur aus den Felsen herausgehauen ist; teilweise fuhren wir über klippiges Geröll an bemoosten Steinriesen vorbei, dann wieder war der schmale Weg durch die Felsen gehauen und man mußte eine Art Tunnel passieren. Allmählich wandelte sich diese Kletterpartie, die unsere Pferde tadellos bestanden, in eine vernünftige Straße und wir kamen in das Tal der Libunka. Seitwärts stiegen zwischen hohen Buchen und tief dunklen Tannen phantastische Felsgruppen empor, und hoch oben lag das herrliche Schloß Groß-Skal. Es war zu schön, um vorüber zu fahren, wir blieben dort. Diese Zeilen sollen aber keine Reisebeschreibung bringen, sondern nur Erinnerungen an das Jahr 1866 beleben. Daher will ich erst in Horsitz den Bericht wieder aufnehmen. Hier auf dem Markt, Seite an Seite auf Stroh gebettet, hatten die Verwundeten von Königgrätz gelegen, seitwärts zu dem Schuppen hatte sich mit letzter Kraft mein Mann geschleppt, nachdem ihn die Kopfhiebe der österreichischen Kürassiere vom Pferde gehauen hatten. Ohnmächtig war er da zusammengesunken, und jäher Schreck hatte ihn beim Erwachen erfaßt, als er im Zwielicht des Morgengrauens den Schuppen mit weißen Gestalten gefüllt sah. Die Kürassiere, die ihn niedergehauen, mußten das sein, und in ihre Gefangenschaft war er geraten, so fuhr es ihm damals durch den Sinn mit dem Bewußtsein, daß dies das Schrecklichste sei, was ihm hätte begegnen können. Da ? o Freude ? löste sich das Entsetzen in ein Lachen trotz aller Schmerzen, denn die vermeinten Kürassiere fingen gewaltig an zu schnattern und entpuppten sich als eine Herde Gänse. Amazon.de Widgets Weiter herunter, Haus bei Haus, war damals das Lazarett gewesen. Unvergeßliche Augenblicke hatten sich dort abgespielt, als der greise König, der vielgeliebte, dort durch die Zimmer geschritten war. Meinen Mann konnte die Erinnerung daran immer begeistern, wenn er davon erzählte, wie der König an alle Betten getreten, für jeden ein freundliches Wort, einen Händedruck und warme Teilnahme gehabt hätte. Ein Jubeln wäre es da im ganzen Lazarett gewesen, und stürmische Huldigung unter Freudentränen hätten sie dem teuren Monarchen gebracht. Auf beschwerlichem Wege ging es von da nach Josephstadt. Das sieht aus, als ob Kinderhände ihre Spielzeughäuser zugleich mit vielen, vielen Kasernen dort aufgebaut hätten. Gleich darauf erreichten wir die Kaiserstraße und wurde der Weg immer schöner und interessanter. Denkmäler über Denkmäler, sowie einzelne Kugeln in den Mauern zeugten von dem Jahre 1866. Durch Schweinschädel, Skalitz, Wisokow mit seiner engen Schlucht, in der so viel Blut geflossen ist, fuhren wir und kamen am Abend in Nachod an.[246] Bei strahlendem Wetter stiegen wir am anderen Morgen die 200 Stufen hinauf zu dem alten, herrlich erhaltenen und wirklich großartig schönen Schloß, das jetzt dem Fürsten Lippe gehört. Einst war es Eigentum der Piccolominis, und Wallenstein ist dort geboren. Überall huschen dort Erinnerungsschatten hin und her, beleben die weiten Säle und Galerien und sprechen aus den alten Bildern und Gobelins. Am lebhaftesten aber schilderte uns der Kastellan die bedeutungsvollen Tage 1866. Wir standen dabei an einem der hohen Fenster und hatten den Blick auf den vielumkämpften Wenzelsberg. In Gedanken versunken gingen wir dann noch durch die lange Allee bis zum Friedhof, einer wundervoll gelegenen Stätte, wo die Opfer jener Tage ruhen. Im August 1890 feierte mein Vater den Tag, wo er vor 50 Jahren in das 1. Garderegiment eingetreten war, das Regiment schickte ihm an dem Tage die aufrichtigsten Glückwünsche in treuem Gedächtnis an seinen alten Kameraden. Dieses Telegramm erfreute und bewegte meinen Vater tief, denn gerade vor 50 Jahren hatte er militärisch eine zwar kurz vorübergehende, aber sehr schwere Zeit durchgemacht. In seinen Aufzeichnungen fand ich später vom August 1890 die Worte: »Täglich danke ich Gott dem Allmächtigen für die so ganz unverdienten Wohltaten, mit denen ich bis heute begnadigt worden bin. Ich denke an jene trostlose Zeit, die ich bald nach meinem Eintritt im Regiment durchmachte, und möchte heiße Dankgebete zum Himmel senden, vergleiche ich das Damals und Heute. Wie wunderbar sind Gottes Führungen! Er hat mich zu hohen Ehren erhoben, denn es ist mir durch seinen Beistand gelungen, acht Kriegsorden für persönliche Tapferkeit zu erlangen, und bis in mein Greisenalter hat er mir einen gesunden Körper verliehen. Blicke ich nun auf mein Heim, so wird der Dank noch inniger. An der Seite meiner guten Frau wohne ich zusammen mit meinen geliebten Kindern, deren liebliches Töchterlein mich durch die Geburt eines Jungen zum glücklichen Urgroßvater gemacht hat. Wie konnte ich vor 50 Jahren solches erhoffen! Wie kann ich für das alles dem Allmächtigen genug danken durch Worte und Werke!« Jeden Sommer reiste mein Vater nach Kolberg und war dort eine bekannte Persönlichkeit geworden. Die Exzellenz mit dem vollen, schneeweißen Haar, die es beim Schwimmen mit den Jüngsten aufnahm, erregte oft das Staunen der Badegesellschaft. Mit einem Kopfsprung stürzte sich der alte Herr in das Wasser, um dann, wenn er wieder auftauchte, die brennende Zigarre, die er im Munde hielt, umzudrehen und behaglich rauchend weiter zu schwimmen.[247] Sehr amüsierte ihn bei solcher Gelegenheit eine Begegnung. Während er, gemütlich auf dem Rücken liegend, sich von den Wellen treiben ließ, schwamm ein Herr auf ihn zu und bat ihn höflich um Verzeihung, wenn er die Frage stellte, wie alt er sei. Es gelte den Austrag einer Wette, den er versprochen habe zu lösen. Die eine Partei behaupte, er sei in den Sechzigern, während die andere wissen wollte, daß er das siebzigste Jahr schon überschritten habe. »Nun, dann sagen Sie den Herrschaften, daß keiner von ihnen recht hätte, denn ich bin bereits in den Achtzigern«, hat ihm da mein Vater lachend geantwortet. Auch die Jagd machte ihm noch viel Vergnügen, er hielt die Strapazen dabei trefflich aus und war nicht wenig stolz, wenn er Jagdkönig wurde. Noch in seinem achtzigsten Jahre schoß er einen Rehbock. Das waren Bilder voll warmen Sonnenscheins, die ich entworfen habe, aber nun kamen langsam die Schatten, langsam, aber schwer und immer schwerer. Im Februar 1891, als ich zum Besuch bei meiner Tochter war, traf mich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, die Todesnachricht meiner geliebten Mutter. Sie war am Tage vorher noch frisch und gesund gewesen und hatte einer Dame aus der Nachbarschaft, die sie besuchte, gesagt: »Wie köstlich ist mein Lebensabend bei meinen Kindern, ich kann Gott nicht genug dafür danken.« Am anderen Morgen war sie sanft entschlummert. Was war diese teure Dahingeschiedene in ihrer rührenden Selbstlosigkeit und aufopfernden Liebe uns allen gewesen als Frau, Mutter und Großmutter. Ihr Tod bedeutete für mich einen großen Verlust, es war ein schwerer Schmerz, den ich durchzukämpfen hatte. Ich wollte nun versuchen, wenigstens in etwas meinem Vater »seine Adele« zu ersetzen, die ihn stets durch zarte Rücksichten und Aufmerksamkeiten verwöhnt hatte. Doch gleich konnte ich diese Aufgabe nicht antreten, denn den Tag nach dem Begräbnis erkrankte ich an schwerer Kopfrose. Ich bin so selten in meinem Leben krank gewesen, wenn es aber geschah, handelte es sich immer um Leben und Tod. So auch diesmal. Wundervolle Phantasien, wie ich sie bisher immer hatte, wenn ich todkrank war, halfen mir über die bösen Stunden hinweg, daß ich die Schmerzen nicht fühlte und mir nur dankbar die Pflege meines Mannes bewußt blieb, der unentwegt die Nachtwachen bei mir hielt. Meine elastische Natur kam bald wieder in die Höhe und ich konnte meine Pflichten übernehmen. Die teure Mutter hatte so liebevoll für meinen Vater und meine Schwiegermutter gesorgt, nun fiel mir diese Aufgabe zu. Mein Mann wurde in den Jahren mehr und mehr in[248] Anspruch genommen. Die Militärvorlage sollte durchgebracht werden, und er, der des Wortes so mächtig war, mit so warmer Begeisterung sprechen konnte, wurde nun bald hier und bald dort hin als Redner geschickt. Guter Kamerad, der mit ihm durch dick und dünn ging, das hatte ich ihm immer sein wollen, und ich hatte mich nun geistig auch in diese politischen Strömungen eingelebt, alles mit ihm teilend, alles mit ihm durchringend. Ich entsinne mich des einen Tages, vor dem mir graute. Mein Mann sollte in einer großen Versammlung für die Militärvorlage sprechen. Die vielen anstrengenden Reden hatten ihn nervös angegriffen, er war nicht so freudig, so frisch wie sonst, als er dahin reiste. Zum Überfluß ging mir noch die Nachricht zu, daß die Sozialdemokraten sich zur starken Gegenwehr rüsteten, um meinen Mann bei der Rede aus dem Sattel zu heben. Wie mich da die Angst packte! Ich wußte ihn ja matt und nichts weniger als siegesfreudig! Da mußte sein guter Kamerad ihm doch zur Seite stehen, und konnte er nicht in Person da sein, so doch mit seinem Wort. Durch einen sicheren Boten schickte ich meinem Manne einen Brief, der ihm vor seiner Rede ausgehändigt werden sollte. Was ich ihm geschrieben, lautete: Amazon.de Widgets »Du hast es gelobet, Du hältst es auch fest, Ein Schwächling, der jetzt seinen Posten verläßt, Du hast es geschworen, Du hältst auch den Eid, Dem Kaiser die Treue zu jeglicher Zeit. Es branden die Wogen, es stürmt um uns her, Rings heben sich Schatten, gewaltig und schwer, Sie wollen nicht glauben an drohende Not Und trotzen hohnlachend dem ernsten Gebot. Jetzt gilt's nicht zu zögern! Zum Angriff voran! So wie Du's gehalten auf blutigem Plan, Mein schneidiger Reiter, stürm' vorwärts mit Macht, Wirf leuchtende Fackeln in dunkelnde Nacht! Du hast es erfahren, Du weißt, wie es steht, Wenn Krieges verheerender Sturm uns umweht, Wir müssen uns rüsten ? gewappnete Schar Im Osten und Westen bringt ernste Gefahr. Es sprechen die Gegner von Frieden und Ruh, Wie Wiegenlied klingt es beruh'gend dazu, Oh, laßt euch in Schlummer nicht wiegen zur Nacht, Ihr deutschen Getreuen, habt acht, habt acht![249] Mein mutiger Kämpfer, greif ein in den Strauß, Es gilt nicht zu wanken, halt aus, halt aus! Zerreiße des trüg'rischen Lieds Melodien Mit zündenden Worten, die Gott Dir verliehn. Damit sie begreifen den Ernst unsrer Zeit, Als Königsgetreue, und opferbereit Nicht zaudern und wägen. Der blinkende Stahl, Der über uns hanget, läßt nimmer uns Wahl. So rufe sie zu Dir, die Königsgetreun, In dunkler Stunde den Bund zu erneun, Vereint werd't ihr siegen, in Sturm und in Not, Die Treue bewahren, die Treu' bis zum Tod. Ihr Königsgetreuen, nun haltet auch fest, Ein Schwächling, der jetzt seinen Posten verläßt, Ihr habt es geschworen, ihr haltet den Eid, Dem Kaiser die Treue zu jeglicher Zeit. Mein schneidiger Reiter, zum Angriff voran! Es schärfen die Gegner den blinkenden Stahl Zu zündenden Worten, zur letzten Wahl, Nun stürme Du weiter, hindann, hindann! Hinaus in der Gegner gewaltige Reihn, Und hoffe auf Sieg, er muß unser sein! Mein mutiger Reiter, halt aus, halt aus! Und dränen die Gegner auch noch so sehr, Und fliegen auch Pfeile und Kugeln umher, Mit wuchtigem Schwerthieb treib aus, treib aus Die finstern Dämonen der dunkelen Macht Und bringe das Licht in die sternlose Nacht. Mein Königsgetreuer, sei stark, sei fest! Und kämpf' für Dein Volk, für sein wahres Glück, Und ruf' sie zum Kaiser, zur Pflicht zurück, Von Norden und Süden, von Ost und West! Nun vorwärts mit Gott in den stürmischen Strauß Für Kaiser und Reich ? halt aus ? halt aus!« Und er stürmte vorwärts, mein schneidiger Reiter, er hielt als Königsgetreuer aus und ging stürmisch und jubelnd als Sieger aus dem Kampfe hervor. Das meldete mir nicht nur sein Telegramm, sondern auch die beredten Glückwünsche seiner Freunde. »Die Verse haben mir Flügel gegeben und mich über alle Hindernisse fortgetragen, ich habe einige davon in meine Rede hineingebracht und sie haben zündend gewirkt«, schrieb mir mein Mann, und ich war so froh, so froh, daß der »gute Kamerad« ihm auch hier etwas nützen konnte. 
 XXV. Auszug aus Feldpostbriefen.  [281] Aus fünf Kriegen konnte ich erzählen, und immer waren es namhafte Truppenführer, die mir nahe standen, auf deren Worte und Aufzeichnungen ich mich stützte und die ich wiedergab, untermischt mit den eigenen Eindrücken der Zeit. Jetzt, bei den sechsten Kriegserinnerungen, will ich kein fortlaufendes Bild des Orlogs entwerfen, will auch keine[281] Truppenführer sprechen lassen, sondern nur Unteroffiziere und Reiter. Aus der Fülle meiner Briefe greise ich einzelnes heraus, um damit zu zeigen, wie die schlichten Söhne unseres Volkes dazumal dachten und fühlten. Aus dem Bericht des Unteroffiziers Lüth. 6. August 1904. Wir waren auf 14 Kilometer an den Waterberg herangekommen und mit Freude blickten wir auf die nächsten Tage. Dachten wir doch, die ganze Bande dort zu unterwerfen und kampfunfähig zu machen. Rund um den Waterberg lagen die Abteilungen und hielten durch Patrouillen Verbindung. Von uns war zurzeit Leutnant von Bodenhausen unterwegs, sollte aber noch gegen Abend zurückkehren. Gegen 8 Uhr, es war bereits stockfinster geworden, traf im Lager der Reiter Fischer mit dem am Fuß verwundeten Gefreiten Balz ein. Er meldete: »Unsere Patrouille ist gegen Mittag von allen Seiten zugleich überfallen und gänzlich abgeschossen. Wie wir uns umstellt sahen, befahl Leutnant von Bodenhausen den Rückzug. Da habe ich den verwundeten Gefreiten in das dichte Gebüsch geschleppt und mich dann nach seitwärts mit ihm entfernt. Von den Kameraden habe ich nichts mehr gesehen.« Das war geradezu erschütternd, als wir diese Meldung hörten. Hauptmann Fiedler befahl, uns sofort marschbereit zu machen, um den vielleicht noch Lebenden zur Hülfe zu eilen. Um Mitternacht rückten wir ab, etwa 100 Gewehre und die Halbbatterie mit zwei Geschützen. Reiter Fischer, der sich wieder aufgerafft hatte, führte uns. Es war eine dunkle, sternlose Nacht, und schweigend ritten wir alle, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. Wer hätte es ahnen können, daß für die Kameraden, mit denen wir noch vor etlichen Stunden so vergnügt zusammengewesen waren, diese Patrouille ein Todesritt werden sollte. Ja, nun kam der Ernst für uns, heute rot, morgen tot; das ist im Kriege nicht anders. Keiner von uns dachte an den Morgenkaffee, denn unwillkürlich drängte nur jeder vorwärts, um zu helfen, wenn noch etwas zu helfen war. Die Ruhepausen, die wir uns gönnten, waren auf das knappste bemessen, sie wurden nur eingeschoben, damit die Tiere sich etwas verschnauften. Endlich ging die Sonne auf, und nun konnte man um sich sehen. Wenige Minuten später bot sich uns ein schrecklicher Anblick, den wohl keiner vergessen wird, der ihn erlebte. Sechs Tote lagen nackend[282] nebeneinander auf der Pad zusammengeschleift, der Witboi als erster, dann der Leutnant und vier Reiter. Allen waren die Hände abgeschnitten, ihre Körper verstümmelt und zerschnitten. Es war grauenhaft anzusehen. Die Geschütze wurden aufgefahren, Reiter deckten die Stellung, während die anderen Kameraden die Gräber schaufelten. Nun wurden auch die übrigen Leichen gefunden, die einzeln im Gebüsch umherlagen. Sie waren sämtlich verstümmelt, und zwei sogar gänzlich ausgeweidet. Zwei Schwarze lagen dort, die wir als Christen auch beerdigten. Als nun unsere Kameraden zur letzten Ruhe gebettet und ein stilles Gebet über ihr Grab gesprochen war, verwandelte sich in unseren Herzen der tiefe Schmerz über den traurigen Verlust unserer Kameraden in heiße Empörung ob solcher Freveltat. Ich glaube, ein jeder gelobte still bei sich, für die so schmählich verstümmelten Kameraden einzutreten mit Blut und Leben in diesem mörderischen Kriege. Jeder sprach ein stilles Vaterunser an den Heldengräbern, bevor er die Stätte verließ. Traurig bewegte sich unser Zug nach den Osondjachabergen zurück. Nur wenige von uns sprachen, jeder weilte mit seinen Gedanken bei den eben zur Ruhe gebetteten Kameraden. Wer konnte ermessen, welche Qualen ihnen noch vor ihrem Tode bereitet waren! Diese Sorge quälte uns, denn die alten Afrikaner schilderten uns die Hereroweiber noch grausamer als die Männer. Nach Aussage der Gefangenen wurde später festgestellt, daß es wirklich Weiber gewesen, die die Verwundeten erst gequält, verstümmelt und dann totgeschlagen hatten. Auf dem schweigsamen Ritt stand mir immer wieder der Tag vor Augen, als Freiherr von Bodenhausen nach Omarasa zu unserer Patrouille kam und mit seinen Reitern bei uns blieb. Wie freute er sich an unserer afrikanischen Behaglichkeit, und wie stolz waren wir, unserem allgemein so beliebten Leutnant Gastfreundschaft bieten zu können. Die herzliche Leutseligkeit und der schneidige Frohmut des Leutnants hatte ihm unsere Herzen gewonnen. Wir alle wußten es hoch zu schätzen, daß Freiherr von Bodenhausen auch uns, seinen Untergebenen, eine Kameradschaft bewies, wie man sie nicht größer und schöner denken kann. Jeder einzelne von uns hätte sich aber auch keinen Augenblick besonnen, für den vielgeliebten Offizier sein Leben einzusetzen. Ganas, 10. Oktober 1904. Heute bin ich imstande, einen Brief zu schreiben, da ich von einem Kameraden einen Briefbogen erhalten habe. Ich erfreue mich noch guter Gesundheit, aber meine eiserne Kraft, um die ich in der Garnison oft[283] beneidet wurde, ist infolge der Strapazen sehr vermindert, nun, ich werde mich schon wieder erholen. Ich bin bei harter Arbeit doch ganz zufrieden. In letzter Zeit haben sich mehrere buschkriegerische Erlebnisse abgespielt in unserer Kompagnie, welche leider oft sehr traurig waren. Bei einer Expedition, um mit Rietfontein Verbindung aufzunehmen, ging es uns schlecht. Munitionswagen und 2 Geschütze blieben etwa 90 Kilometer von Otjimanamgombe im Epukirotal stehen. Mit großen Verlusten an Eseln und Pferden kam endlich der größte Teil der Truppen an eine Wasserstelle. Etwa 30 Mann, die am weitesten zurück waren, wären verdurstet, wenn nicht der liebe Gott Hülfe gesandt hätte und es regnen, uns auch schließlich noch eine spärliche Wasserstelle finden ließ. Etliche der Reiter hatten in der Verzweiflung schon den verendenden Tieren die Kehle aufgeschnitten und das Blut getrunken. An der Wasserstelle waren nur wenige noch so rüstig, um mit mir Wasser schöpfen zu können. Es kamen aber alle zu sich, nur einer starb ein paar Tage darauf. Mein Falbe, den ich einem fußkranken Unteroffizier geborgt hatte, ging kurz vor dem Ziel ein. Ich habe das Tier von Anfang des Krieges geritten, es hatte nie versagt und war mir wie ein guter Kamerad, mit dem ich so manches Mal das letzte Stück Brot und den letzten Schluck Wasser geteilt hatte. Ich mußte mich abwenden und die Zähne zusammenbeißen, als ich hörte, daß das Tier eingegangen sei. Amazon.de Widgets So herzlichen Dank für das Paket. Es hat mir so wohlgetan, denn damals war gerade der Proviant nicht durchgekommen und es ging riesig knapp zu. In Treuergebenheit Unteroffizier Lüth. Ein Zusatz für obigen Brief aus einem späteren Bericht des Unteroffiziers Lüth über die Expedition. Hauptmann Klein ritt mit vier Reitern, die noch die frischsten Pferde hatten und sich freiwillig meldeten, schneller voran, während der Oberleutnant, so rasch es die Kräfte von Mann und Pferd erlaubten, folgen sollte. Der Leistungsfähigkeit meines Falben verdankte ich es, daß ich unseren Hauptmann bis zum letzten Endpunkt begleiten durfte. Die Hitze wurde immer unerträglicher, dunstigblau war der Himmel, und die blendende, sengende Sonne zehrte förmlich an den Kräften von Roß und Reiter. Ebenso tot und einförmig wie die Gegend gestern vor uns gelegen hatte, erschien sie uns auch heute, aber wir kümmerten uns nicht darum, wir hatten nur das drängende Verlangen, vorwärts zu kommen und Rietfontein zu finden, wohin der Feind ausgewichen war.[284] Nachdem wir etwa 15 Kilometer geritten, wurden zwei Pferde schlapp. Die Reiter mußten umkehren und sollten der Abteilung den Befehl bringen, daß, wenn der Hauptmann bis 4 Uhr nachmittags nicht zurück wäre, der Oberleutnant die Leute zurückführen solle. So ging der Ritt zu dreien weiter. Nirgends war Wasser, die Fußspuren hörten auf, und totes Vieh war ebenfalls nicht mehr zu sehen. Es erschien uns als ein Zeichen, daß die Hereros hier nicht weiter vorgedrungen waren. Unterdessen war es Mittag geworden, wir hatten von der Stelle an, wo die Reiter umgekehrt waren, wieder zwischen 25 und 30 Kilometer zurückgelegt. Bisher waren wir in nordöstlicher Richtung geritten, jetzt machte das Rivier eine Biegung nach Süden. Auf der linken Flußseite lag eine Anhöhe vor uns. Wir stiegen von den Pferden und gingen hinauf. Was hing für uns davon ab, ob dort oben etwas zu erspähen war, das uns Hoffnung geben konnte! Nun standen wir oben, die Gläser an den Augen und spähten ? spähten! Nichts anderes sah man als eine starre Einförmigkeit, eine endlos öde Fläche, die durch nichts anderes als das flimmernde Sonnenlicht belebt wurde. Keine Wasserstelle war zu entdecken, und wo war Rietfontein? Es war eine beredte Sprache, als wir einander stumm ansahen und schweigend die Höhe hinabgingen. Die letzte Hoffnung, zu der wir uns aufgeschwungen hatten, war zusammengesunken, es ging tatsächlich eine Höhe hinab, ins Elend hinunter. Aber nun galt es den Kopf oben zu behalten und Gott zu vertrauen, der noch durchhelfen konnte. Unsere Pferde fingen an matt zu werden, das zwang zur Umkehr. Gegen Abend erreichten wir die Abteilung. Sie war, nachdem wir sie verlassen, noch etwa 10 Kilometer weiter vorgerückt und hatte an den hohen felsigen Rändern des Flußbettes vor der Gluthitze Schutz gesucht. Die Pferde und Esel standen auf einem schönen Grasplatz, aber sie fraßen nicht, sondern lagen todmüde hinter den Sträuchern. Die Maultiere brüllten vor Durst, und die Mannschaften, die sich mit Woilachen gegen die brennende Sonne zu schützen suchten, waren meist kraftlos zusammengesunken. Hauptmann Klein ließ drei Kanonenschüsse abfeuern, sie sollten als Signalschüsse dienen, falls Rietfontein in der Nähe läge. Dröhnend verhallte der dumpfe Schall in der Weite, aber keine Antwort kam, alles blieb still, kein menschliches Wesen war zu entdecken. Als es kühler geworden, traten wir den Rückzug an. Die Tiere waren so matt, daß sie die Geschütze nicht mehr vorwärts brachten, der[285] Munitionswagen mußte stehen bleiben, um die Bespannung noch vor die Geschütze zu legen. Langsam und mühsam ging es weiter, nach einem Marsch von etwa vier Stunden verweigerten die dem Verdursten nahen Tiere jedes Vorwärtsgehen, und notgedrungen mußten die Geschütze stehen bleiben, die Protzen wurden zum Fortschaffen marschunfähiger Leute gebraucht. Hauptmann Klein ritt voraus, um Wasser entgegenbringen zu lassen. Am 26. Oktober waren wir ausgerückt, am 1. November langten wir in Oz-Ombu an. Bei dem Ritt mit Hauptmann Klein hatten wir bei spärlichem Proviant und sengender Hitze hin und zurück in 40 Stunden etwa 160 Kilometer zurückgelegt. Aus einem Brief über das Gefecht bei Grotz-Nabas. Am Abend des 2. Januar 1905 bekamen wir auf unserem Marsch um 6 Uhr Feuer. Die Hottentotten waren so schlau, ließen die kleine Spitze durch, und das erste Geschütz ließen sie direkt in ein Hufeisen hineinfahren. Ein Blick nach rechts und links genügte. Raus aus dem Sattel ? abgeprotzt! Geschütz ward geladen, entsichert und abgezogen ? und dann mit einer Kartätsche. Das genügte und die Linie war frei. Zugleich kam die Spitze retour, die ganze Bespannung war totgeschossen. Da kommandierte Major von Nauendorf: »Aufprotzen! Batterie vor!« Der Feind zog sich zurück bis ans Auobrivier. Der Major stand am dritten Geschütz und sagte: »Wo sind die Kerls, ich sehe ja gar keine«, mit einmal langte er sich nach der Brust und fiel um. Er war getroffen, wurde gleich in den Schatten gebracht und verbunden. Herr Leutnant Semper fand seinen Tod, Herr Leutnant Zwicker wurde vor Durst wahnsinnig. Der Adjutant Oberleutnant Lautenschläger kam der Batterie zu Hülfe, den einen Arm in der Binde. Der Feind verteidigte sich hartnäckig. Die Ochsenwagen waren hinter der Schützenlinie als eine Wagenburg aufgefahren, da wurden die Verwundeten hingebracht. Abends wollte uns der Feind stürmen, denn die dachten, daß wir schlafen und nie Wache ausgestellt haben, aber die haben wir gleich empfangen. Die Nacht verging, ab und zu fiel ein Schuß, der so einsam durch die Luft hallte. Geschlafen habe ich die ganze Nacht nicht, und das wird wohl keiner getan haben, immer aufgepaßt. Ich hatte schon einen verdammten Durst, ich glaube wenigstens, daß ich darum nicht geschlafen habe, denn es waren immer welche kommandiert als Posten, und die übrigen hatten ein bißchen einduseln können. Ich dachte so bei mir, der[286] Feind zieht sich zurück in der Dunkelheit, mein Erstaunen war groß, als am nächsten Morgen lebhaftes Feuer wieder anfing. Da hieß es: Artilleriemunition sparen. Wir mit den Karabinern geschossen. Die Witbois müssen viele englische Munition gehabt haben, denn sie schossen viel mit Dum-Dum, die klatschten immer so in der Luft, es hörte sich doll an. Vom Feinde haben wir wenig gesehen, denn wie ich später sah, haben sie alle in einer tiefen Schlucht gelegen. Wir lagen alle auf einer Fläche, ein paar Klippen zusammengetragen, das war unsere Deckung. Es wurde immer heißer und es stellte sich ein unangenehmer Gast bei uns ein, der Durst. Herr Leutnant Bockelmann stürmte im Wahnsinn allein gegen den Feind, und so noch viele mehr. Die Witbois riefen ganz deutlich: »Dütschmann, Water hier stief!« (viel). Und das wiederholten sie immer. Wir baten die Herren Offiziere, wir wollen die Wasserstelle stürmen, denn so zieht sich der Feind doch nicht zurück aus seinem Versteck. Aber Major Meister meinte, das Stürmen koste so viel Leute. Abends zogen wir uns zurück, denn in unserer Stellung konnten wir es nicht aushalten, wegen der toten Tiere, denn der Geruch war bös. Erst wurden langsam die Geschütze zurückgebracht, und die Kompagnien kamen unbemerkt nach. Abends hörten wir einen Krawall bei dem Feind, wie es sich später herausstellte, hatten sich die Hereros mit den Witbois erzürnt und sind am selben Abend abgezogen. Langsam kam der dritte Tag. Am Mittag wurde uns die Sache doch zu bunt, wir noch einmal den Herren Offizieren gesagt, daß wir noch Kraft genug besitzen zum Stürmen. Herr Oberleutnant Grüner von der 7. Kompagnie und Hauptmann Richard von der 4. Kompagnie, beide ein paar Helden, waren damit einverstanden, hauptsächlich Oberleutnant Grüner, der wurde bei der ganzen Abteilung verehrt. Ich hatte schon vier Pferde vom Artilleriestab mit Erlaubnis des Oberleutnants Lautenschläger etwas in Deckung gebracht, weil unsere Bespannung tot war. Ich gehe schon zurück, spanne die Pferde ein vor der Protze, mache alles zurecht, denn eine Stimme sagte mir, heute muß noch was geschehen, wenn wir uns nicht selbst opfern wollen. Da höre ich auch schon sagen: »Alles fertig machen zum Sturm.« Mittlerweile gingen die Kompagnien im Sturm mit Hurraruf vor, ich brachte die Protze vor, aufgeprotzt und Galopp nach! Diesen Augenblick vergesse ich nie, mir war so wohl, ich glaube, es war die Freude um Wasser, daß wir den Durst stillen können. Herr[287] Oberleutnant Grüner war mit seiner Kompagnie an der Wasserstelle, und wir gaben noch einige Bohnen aus dem Geschütze nach zum Gruß. Ich habe so viel Wasser getrunken, ich hatte solche Bauchschmerzen! Die Wasserstelle war schwer erkauft, unsere 5. Batterie hatte die meisten Toten Am 6. Januar 1905 zogen wir wieder zurück nach Stamprietfontein, unsere Batterie hatte alle Leichen wieder ausgebuddelt und nach Gochas gebracht. Ehre ihrem Andenken! Danke auch vielmals für die Gratulation zum Militärehrenzeichen. Unterzeichne mich hiermit ganz ergebenst Gefreiter Bröcker. Gefecht bei Kowisekolk vom 4. April 1905. Haruchas, 15. April 1905. Eine Patrouille hatte die gesamten Witbois, an vier Vleis zwischen Nossob und Elefantenfluß sitzend, festgestellt. Hauptmann Manger machte sich mit unserer Abteilung auf den Weg dorthin, 1. und 2. Kompagnie und 7. Halbbatterie. Zu jedem Geschütz waren 16 Esel und 20 Ochsen, die abwechselnd angespannt wurden. Wir hatten eine Strecke von 70?73 Kilometern zurückzulegen, und in der Strecke waren 105 hohe Dünen zu übersteigen, von denen eine jede 40?50 Meter hoch war, dabei nirgends Wasser. Wir treckten am 4. April vom östlichen Ufer des Auob ab bis an die zwölfte Düne. Hier blieben wir, tränkten das Vieh im Auob und treckten am 5. abends weiter, wir waren 280 Gewehre, 2 Geschütze und die Ochsen- und Eselkarren mit Wasser beladen. Am 6. lagerten wir 10 Dünen hinter dem Elefantenfluß, hatten demnach 56 Dünen überschritten. Am 7. früh gelangten wir an das Vley, wo Hendrik Witboi sitzen sollte. Es war eine tiefe Mulde, die nur zur Regenzeit Wasser enthält. Jetzt war nur Schlamm darin und kleine Wasserpfützen. Wir jagten in Attacke durch und auf die 200 Pontocks los, die um das Vley lagen. Es waren nur noch wenige Bewohner darin, 10?15 fielen, einige 20 wurden gefangen. Das Vley tauften wir »Prophetenvley«. Wir lagerten am 7. fünf Dünen westlich vom Vley. Als nachmittags 3 Uhr einige Leute ohne Erlaubnis ans Wasser gegangen waren, fielen plötzlich 12?15 Schüsse und gleich darauf eine ganze Reihe von Schüssen. Im Nu war gesattelt, mein Zugführer Leutnant Wimmer, ein schneidiger Offizier, ritt sofort mit seinem Zuge zur Attacke vor. Ich verlor dabei den Woilach und stürzte mit dem Sattel über den Kopf des Pferdes. Aber im Nu hatte ich wieder gesattelt, saß drauf und kam[288] zusammen mit unserem Zug zur Attacke vor. Mein Leutnant bekam einen Schuß in den Kopf, wie er uns eben an den Feind brachte. Mit ihm fielen zwei Reiter, und sieben Pferde wurden erschossen. Es wurde gleich abgesessen und das Feuergefecht aufgenommen. Wir waren bis auf 30 Schritt an den Feind heran. Von den Reitern der gestürzten Pferde waren fünf verwundet, von denen zwei noch starben. Ich sah, wie zwei Hottentotten, die direkt auf mich eindrangen, von meinen Schüssen fielen. Ein Gefreiter, der einen Kopfschuß erhalten hatte, lag etwa drei Schritt vor der feindlichen Schützenlinie. Da sagte der Oberveterinär, der links von mir stand: »Wir müßten wohl den Verwundeten zurückholen«, und ich rief ihm gleich zu: »Ich komme mit.« Da taten wir es sofort. Ich hatte das volle Gefühl, mich kann keine Kugel treffen, es war, als ob mir eine innere Stimme das Wort zurief, das ich kürzlich gelesen: »Fürchte dich nicht, ich bin mit dir.« Am 7., gleich nach dem Gefecht, begruben wir unsere vier Toten. Mein Leutnant sah aus, als ob er noch eben Hurra jubelte. Um 8 Uhr traten wir den Rückmarsch an und kamen bis 30 Dünen östlich des Elefantenflusses. Major Meister hatte uns einige Wasserwagen entgegengeschickt. In der Nacht vom 8. zum 9. kamen wir bis hinter den Elefantenfluß. Da erwartete uns ebenfalls Wasser, Hauptmann Bech kam aus Gochas mit einer Eselskarre voll Wasser, sogar seinen eigenen Blechkoffer hatte der Hauptmann zur Verfügung gestellt. Von hier wurde alles Vieh nach dem Auob getrieben und getränkt. Am 10. kam es zurück, und am 11. ritten wir in Haruchas ein. Am selben Tage schrieb ich schon die Karte über das Gefecht. Diese Expedition, die jeder alte Afrikaner für unmöglich hielt, wurde nun doch durchgeführt. Amazon.de Widgets Jetzt habe ich auch Pakete erhalten. Ich weiß gar nicht, wie ich danken soll für alle Liebe und Güte. Getreu in Ergebenheit Unteroffizier Lüth. Grootfontein, 4. September 1905. Seit dem 4. bin ich mit einem Vizefeldwebel zusammen in Grootfontein stationiert. Wir wohnen in einem schönen Hause, das noch gut erhalten ist, und haben uns ganz behaglich eingerichtet. Zwei eiserne Bettgestelle mit Säcken ausgelegt, in denen schläft es sich ganz anders als immer auf der Erde. Einen Tisch haben wir uns gemacht, und drei eiserne Gartenstühle, von denen das Holz heruntergebrannt war, habe ich mit Draht überzogen und mit Blech belegt. An den Wänden habe ich Kleiderriegel gemacht, die ich zwischen dem Schutt der niedergebrannten[289] Farmen fand. Hier sind nämlich bis auf zwei Häuser alle niedergebrannt, nur die Mauern stehen. Einen Abreißkalender habe ich gemacht und für jeden Tag den Spruch geschrieben, der in meinem Buche steht. Am Fenster habe ich einen Blumentopf mit blühenden Kakteen, die habe ich aus dem Felsgeröll geholt, wo viele stehen. Ein paar Blumen davon lege ich ein. Damit jeder weiß, daß Sonntag ist, werden wir vor dem Morgenkaffee einen Choral singen, und zwar: In allen meinen Taten. Die besten Grüße sendet Ihr treuergebener Unteroffizier Lüth. Grootfontein, 16. September 1905. Ganz gemütlich saßen wir heute vormittag noch zusammen, als plötzlich ein Reiter eintraf. Meldung: »Sofort Station Tourloisie und Plattfontein nach Grootfontein heranziehen. Morgen marschiert der Stab mit der Kompagnie ab über Maltahöhe nach Gibeon.« Ich ritt sofort ab, überbrachte den beiden Stationen den Befehl. Wir sollen bei dem Marsch das Hudop- und Kutiprivier aufklären. Eine Klippenpartie wird es wieder werden, unsere Pferde werden daran denken. Die gefangenen Hottentotten müßten eigentlich alle Klippen auf Haufen sammeln zur Strafe für ihre Schandtaten. Der 30. August bleibt auch gewiß zeitlebens im Gedächtnis unsere Kompagnie. Da sind wir bei stockfinsterer Nacht den Schwarzrand heruntergeklettert in vier Absätzen von ungefähr je 300 Meter, nachdem die Truppe bereits zwei Tage ohne Wasser war. Früh 8 Uhr kamen wir in Kleinfontein an. Bei dem Abstieg hatte jeder mit sich allein zu tun, das Pferd mußte am langen Zügel sich selbst überlassen bleiben, aber es gelang tadellos. Major von Estorff führte uns und ging voran. Hier auf der Station haben wir uns von den Strapazen erholt. So der liebe Gott will, ist bald Schluß und wir kehren zur Heimat zurück. Oh welche Freude wird das sein. Die besten Grüße sendet Ihr treuergebener Unteroffizier Lüth. Persip, 18. Oktober 1905. Vor einiger Zeit wurde mir auf Patrouillenritt mein Pferd unter dem Leibe erschossen, alle meine kleinen Schätze mußte ich in der Satteltasche den Hottentotten überlassen, um auf einem ledigen Esel fortzukommen. Nur ein Andenken aus der Heimat, das mit mir schon ganz Afrika durchquert[290] hat, mußte mit, und wenn es gleich das Leben gekostet hätte. Jetzt mußte ich mich aber krank melden, Herzmuskelschwäche ist konstatiert. Nun kam ich nicht mal mit der Kompagnie weiter, um es den Kerlen heimzuzahlen. Vielen Dank für die Briefe, sie sind so tröstlich, wenn man sich elend fühlt. Meine Kameraden können nun weiter zum Kampf, können Gefahren bestehen, und ich liege hier und kann nicht mehr mit. Ich bin ganz traurig, aber die Worte der Briefe trösten mich und geben mir wieder Mut. Ihr treuergebener Unteroffizier Lüth. Gefecht bei Hartebeestmund vom 24. Oktober 1905. Lüderitzbucht, 3. März 1906. Leutnant von Bojanowski hatte am 24. Oktober mit seinem Zuge die Spitze und war fast auf die Höhe des von Morenga besetzten Berges, als auf uns von drei Seiten ein starker Kugelregen einsauste. Sich hinlegen und das Feuer erwidern, war das Werk eines Augenblicks, und doch fielen schon dieser und jener, der eine tot, der andere verwundet. So auch ich. Nachdem ich die ersten beiden Schuß im Stehen in beiden Beinen erhalten und zusammenbrach, lag ich vollkommen frei, den feindlichen Kugeln von allen Seiten ausgesetzt. Ich feuerte, nach vorn hin hielt ich meinen Gegner in Schach, doch von der Seite erhielt ich noch zwei Schuß durch das Gesäß. Die Kugeln schlugen in Unmenge in nächster Nähe bei mir ein und schütteten mir öfter die Brille voll Sand. So liegend sah mich unser Hauptmann Ritter, er rief seiner Gefechtsordonnanz zu und hielten die beiden durch wohlgezieltes Feuer die mich Beschießenden in Schach. Nun lag ich ziemlich sicher und konnte um mich sehen; links von mir nur Tote, rechts Verwundete. Da hörte ich in der Linie der Hottentotten rufen: »Die Lütnant tot!« Ich sah nach unserm dritten Zug, der Leutnant von Bojanowski war nur verwundet und feuerte tapfer weiter. Doch muß die Verwundung sehr stark gewesen sein, denn sein Bursche Hennkies lief zu ihm, faßte ihn, um ihn zurück in Sicherheit zu bringen. In den Armen seines Burschen erhielt dann der Leutnant, ebenso wie dieser den tödlichen Schuß in den Kopf. Beide fielen, sich fest umfaßt haltend, tot in die Klippen. So endete deutsche Treue mit deutscher Tapferkeit. Allgemein betrauert wurde der bei allen so geliebte und geachtete Offizier.[291] Doch nun will ich für heute schließen, indem ich Ihnen für Ihre lieben Briefe nochmals danke. Ihrer stets gedenkend bin ich mit den besten Grüßen der Ihre Reiter Zimmermann. Ein Abschnitt aus einem Lazarettbrief. Kub 1906. Wollen Ew. Hochwohlgeboren den herzlichsten Dank für die gesandten Blätter und Grüße für unsere Braven im Lazarett entgegennehmen. Bei der Verteilung der Blätter an die Kranken habe ich von den Leuten mit so dankbarem Herzen sprechen hören, daß ich auch nicht anders kann, als in Ihnen die Frau zu erblicken, welche die Liebe für Kaiser und Reich bei unseren Braven der Schutztruppe fördert und begeistert. Ich wünschte, Ew. Hochwohlgeboren könnten mal hören, mit welcher Begeisterung selbst von den Kranken im Bette unsere deutschen Lieder, insbesondere die »Kriegsklänge« gesungen werden. Im Gesange selbst würden Ew. Hochwohlgeboren den schönsten Dank unserer tapferen Reiter empfinden. Es ist herzergreifend und wirkt wohltuend, erfrischend auf Geist und Gemüt. Oft genug ist mir Gelegenheit geboten, an den gemeinsamen Gesängen teilzunehmen, und hierbei kann ich die Stimmung so gut beobachten. Selbst diejenigen, welche gewöhnlich das Gute in den Schmutz zu ziehen versuchen, verstummen ja bald und singen schließlich mit. Auch Tränen der Wehmut kommen dabei vor, zu schämen braucht sich aber keiner solcher Tränen, denn sie zeugen nur von großer Liebe zur deutschen Heimat. Wenn man sieht, welchen Entbehrungen und Strapazen unsere Braven hier unterworfen sind und dennoch mutig, hoffnungsvoll, tapfer und siegesbewußt darauf losgehen und aushalten, so lacht einem das Herz im Leibe. Deutschland kann stolz auf seine Söhne sein, und nicht etwa, daß nur der einfache Reiter den Entbehrungen und Strapazen unterworfen ist, nein, der Offizier noch viel mehr, da derselbe schon an und für sich eine bessere Lebensweise von Hause aus gewöhnt ist und dennoch dasselbe durchzumachen hat wie der Reiter. Von Mannschaften habe ich wiederholt gehört, daß Offiziere aus eigenen Beständen ihr Letztes mit den Reitern geteilt haben. Doch genug des Geschreibsels, es trieb mich die Dankbarkeit dazu, Ihnen, allverehrte gnädigste Frau, etwas vom Lazarett zu berichten. Ich bitte gehorsamst, die herzlichen, ehrfurchtsvollen Grüße entgegennehmen zu wollen. In treuer Dankbarkeit zeichne ich sehr ergebenst und hochachtungsvoll B.P., Zahlmeisteraspirant. Ernstes Wort. Amazon.de Widgets [292] Wir hielten Treu' in Kampf und Not, Die blut'ge Treue bis zum Tod, Davon könnt' ich wohl vieles dichten, Von großen Siegen kann ich nichts berichten, Doch dürft' ihr uns darob nicht schelten, Laßt schlechtes Reden dort nicht gelten. Glaubt mir, wir stehn hier unsern Mann, Es tut ein jeder, was er kann. Hier gilt die Tat und nicht das Wort, Kein'n Witboi jagt das Reden fort. Den Blick nach oben und das Herz, die Hand Mit Gott für König und für Vaterland. Reiter L., Signalist. Der deutschen Frau. Gib uns deine milde Hand, Von der Mutter Hand gerissen, Wandeln wir in Finsternissen, Kinder durch ein fremdes Land. Manchmal, wenn es dunkel war, Schenkte eine Heimatweise Deiner Stimme wunderbar Licht und Trost der langen Reise. Wandrer ohne Ziel und Pfad Irren wir in dunklen Weiten, Wolle Gott uns gnädig leiten, Bis der große Morgen tagt. Sergeant Bertram. Windhuk, Sonntag, 4. Februar 1906. Wie ist's gekommen? Wie ist's gekommen, daß der Dornenhang, In Purpurgold erschauernd, stumm dasteht? Wie ist's gekommen, daß ein neuer Klang Und neue Kraft mir Herz und Seel' durchweht? Wie ist's gekommen, daß mein finstres Herz Auf Hoffnung schwebet und im Kummer lacht? Es sorgte für mich ein edles Herz, Und dessen Sonnenstrahlen haben's vollbracht. Unteroffizier Lüth. 
 XIV. Meine Reise nach Frankreich.  [145] Die Briefe meines Mannes aus den letzten Oktobertagen sprachen von heftigen Kopf- und Gliederschmerzen und von großer Mattigkeit, endigten aber immer mit der Versicherung: es ist nichts von Bedeutung,[145] in ein paar Tagen werde ich wieder fuchsmunter sein. Diese Schlußsätze konnten mich aber nicht beruhigen, ich schrieb an den Vetter meines Mannes, den Baron Fritz Kaas, der bei der Gardeartillerie stand, und bat ihn, mir über das Befinden meines Mannes genaue Nachricht zu geben. Eben hatten wir uns an den guten Briefen meines Vaters erfreut, und ich wollte meinen gewohnten Gang in das Lazarett tun, da wurde mir eine Depesche eingehändigt. Vetter Fritz telegraphierte: »Dein Mann an schwerem Gehirntyphus erkrankt, wenn möglich, komme.« Jetzt war aus der wetterschweren Wolke, die ich seit Wochen mit vollem Bewußtsein über mir hängen sah, der entscheidende Schlag herabgezuckt. Gott sei Dank, daß er mich nicht unerwartet traf. Während mein Mutterchen sich mit dem Onkel Kaas wegen der Abreise, die an demselben Abend erfolgen sollte, verständigte, fuhr ich nach Berlin. Ort und Datum wurde in unsere Karten eingefügt, und zugleich erhielt ich noch Papiere eingehändigt, um mir im Notfall militärische Begleitung zu sichern. Nach der Heimkehr galt es, Abschied zu nehmen im Lazarett. Meinen Schwager, der nicht mehr bettlägerig war, fand ich in dem Versammlungszimmer mit den anderen Offizieren, die im Karllazarett in Pflege waren. Das erschwerte mir die Sache, denn als mein Schwager die Erkrankung meines Mannes und meine bevorstehende Abreise erfuhr, versuchte er mir in hoher Erregung auseinanderzusetzen, daß meine Reise ein Unding sei, weil ich trotz allem nicht bis Paris durchkommen würde. Die anderen Herren stimmten ihm bei und wußten die verschiedensten Namen von Frauen zu nennen, die diesen Versuch gemacht und ihn hatten aufgeben müssen. Ich schüttelte zu allem den Kopf. Mein Mann war todkrank, er brauchte mich, und ich kannte jetzt kein anderes Wollen als: hin zu ihm. »So werde ich selbst mit dir reisen, der alte Onkel findet sich in kriegerischen Verhältnissen nicht zurecht und ist nicht genügender Schutz für dich«, erklärte mein Schwager. »Sorge dich nicht um mich, ich stehe in Gottes Hand«, antwortete ich ihm, »mir ist nicht bange. Aber du kannst mich nicht begleiten« ? ich zeigte auf seine Krücken ?, »du brauchst Pflege!« Diesmal hatte ich nun die Offiziere auf meiner Seite, und mein Schwager sah wohl selbst ein, daß seine Begleitung mich nur am Vorwärtskommen gehindert hätte. Er gab den Gedanken auf und versuchte mich auch nicht länger zurückzuhalten. Tief bewegt gab er mir Grüße für den geliebten Bruder mit. Von meinem Mutterchen und meinem kleinen blonden Töchterchen Abschied zu nehmen, ging mir ans Herz. Würde ich ihnen den treuen[146] Sohn, den liebenden Vater heimbringen können oder ? ich wagte nicht weiter zu denken, denn ich mußte ja tapfer bleiben. »Halte dich wacker, mein Sonnenkind, und vertraue Gott«, hatte mein Liebling mir scheidend immer wieder gesagt, und ich wollte halten, was ich ihm versprochen hatte, mit Gottes Hilfe würde ich mich ja auch durchringen, das wußte ich. Die Kleine hatte ganz verweinte Augen, klammerte sich an mich und schluchzte bitterlich. Ihr geliebtes Väterchen krank, und die Mutter fort, das war für ihr Kinderherz zu viel. Wie wurde mir das Scheiden da so bitter schwer! Aber Kindertränen versiegen bald, wenn dem kleinen Gemüt verständnisvoller Trost gebracht wird, und daß das Kind bei meiner Mutter in den besten Händen war, darüber wenigstens konnte ich mich beruhigen. So fuhr ich denn mit dem alten Onkel in die Nacht hinaus. Dunkel war es um mich her, aber doch eine sterndurchfunkelte Finsternis, und dunkel lag auch die Zukunft vor mir. Aber auch dort leuchteten mir Sterne und erhellten meinen Weg, sie flammten auf an der festen Zuversicht auf Gottes Durchhilfe. Nach vierundzwanzigstündiger Eisenbahnfahrt kamen wir am nächsten Abend in Saarbrücken an. Ein Teil des Bahnhofsgebäudes war zerschossen, und rund herum biwakierten unsere Truppen. Die noch erhaltenen Räume des Gebäudes waren vollgepfropft von Soldaten, aber als wir eintraten, um uns nach einem Platz umzusehen, standen sofort ein paar Leute auf und wollten uns den ihren geben. »Frölenke«, meinte der eine, »Sie sehen nicht aus, als ob Sie jewohnt wären, uf die harte Bänke zu sitzen. Wir wollen's Ihnen aber janz bequem machen.« Und wirklich, sie machten mir einen sehr behaglichen Sitz, den sie mit ihren Mänteln ausgepolstert hatten. Eng eingekeilt zwischen unsern braven Soldaten, aber doch verhältnismäßig bequem, habe ich dort die Nacht zugebracht. Am anderen Morgen gingen wir auf die Bahn. Es war der erste Zug, der nach der Kapitulation von Metz dorthin abgehen sollte. Auf dem Bahnhof war ein großes Gewirre von Menschen. Graf Rantzau, ein junger Offizier vom 1. Garderegiment aus Potsdam, der oft in unserem Hause verkehrt hatte, trat mir entgegen. Er hatte am 18. August aus dem heißen Kampf eine Wunde davongetragen, war zur Pflege in der Heimat gewesen und wollte nun wieder zu seinem Regiment zurück, das in Sarcelles vor Paris stand. Sobald er von mir gehört, um was es sich handelte, stellte auch er mir vor, daß es für eine Frau unmöglich sei, jetzt bis Paris durchzukommen. Was konnte ich ihm[147] anderes auf seine Einwände sagen, als die eine Antwort: »Mein Mann ist todkrank, da gehöre ich zu ihm. Furcht kenne ich nicht, ich stehe überall in Gottes Hand.« »So wollen wir zusammen reisen«, erklärte er, »ich habe denselben Weg.« Die Begleitung eines Offiziers mußte für uns die Schwierigkeit der Reise bedeutend erleichtern. Ich war sehr dankbar dafür, und so stiegen wir denn zu vieren, denn Graf Rantzaus Bursche war auch dabei, in das von Soldaten überfüllte Abteil. Die Spuren des Krieges, der hier vor kurzem noch gewütet hatte, traten nun zum erstenmal an mich heran. Ich gebe gern zu, daß diese Bilder auf mich als Frau einen tieferen Eindruck machten, als auf diejenigen, die hier schon in Kämpfen gestanden hatten, aber wer das Frauengemüt kennt, wird das auch verstehen. Ich weiß, daß ich damals dachte, ich würde nie wieder so heiterfroh lachen können wie sonst, nie wieder so glückstrahlend sein, wie ich es als Mädchen gewesen und als Frau im geliebten Potsdam. Das alles fand sich aber nachher schnell wieder, nur die Eindrücke sind mir in unauslöschlicher Klarheit geblieben. Sie haben dazu beigetragen, mir für das Elend in der Welt die Augen zu öffnen, und sobald wir diesen Notschrei nur erst erfaßt haben, dann stellt man ja gern seine schwachen Kräfte zur Verfügung, wo es gilt zu helfen. Hin und wieder hielt der Zug auf freiem Felde, und war dort zufällig ein Barackenlager errichtet, dann schlichen von dort die abgemagerten Gestalten unserer Soldaten, die eben von der Ruhr erstanden waren, an den Zug. Sie wollten etwas hören von der Heimat, vom Kriege, und über die bleichen Gesichter ging ein Leuchten, wenn man mit ihnen sprach oder sie durch einen Schluck Wein oder durch Zigarren erfreute. Herrenlose Pferde, zum Skelett abgemagert, schleppten sich umher und knabberten an den Haufen verschimmelten Kommißbrots, die am Wege lagen. Lange Züge gefangener Franzosen, meist Offiziere, marschierten, von Metz kommend, an uns vorüber. Aus den eingefallenen Zügen und dem trotzigen Blick sprach ein verbissener Grimm. Das Dorf Peltre, das mein Vater in seinen Briefen öfter genannt, stand in Flammen, als wir vorbeifuhren; es sollte angezündet sein, weil Franktireurbanden sich dort festgesetzt hatten. Eine Meile vor Metz hieß es, der Zug könne nicht weiter fahren, wir müßten die letzte Strecke zu Fuß gehen. Um 10 Uhr vormittags waren wir von Saarbrücken ausgefahren, jetzt war es 6 Uhr geworden, als wir uns zu Fuß auf den Weg machten. In Metz war ein Gedränge von Menschen, Freund und Feind wogte durcheinander, und auf dem Marktplatz war das Lazarett aufgeschlagen. Da[148] stand ein Eisenbahnwagen neben dem andern, und darin lagen, Bett an Bett, die Verwundeten und Kranken. Alle Gasthäuser waren überfüllt, keins wollte uns aufnehmen. Endlich fanden wir Unterkommen, denn die rote Kreuzbinde am Arm gab uns das gleiche Recht wie dem Grafen Rantzau als Offizier, Quartier verlangen zu dürfen. Amazon.de Widgets Es war ein saalartiger Raum, in den wir eintraten, zwei lange Tafeln standen darin, an der einen speisten die preußischen, an der andern die französischen Offiziere. Plätze an dem preußischen Tische wurden von den Herren dort gleich für uns frei gemacht. Von dem andern Tische, wo lebhaft hin und her geredet wurde, schallten heftige Verwünschungen zu uns herüber, die nicht den Preußen galten, sondern ihrer eigenen Regierung und ihrer minderwertigen Kriegsvorbereitung. Um das Wort: »Nous sommes trahis«, in allen Schattierungen eines erregten Tonfalls ausgestoßen schien sich an jenem Tische die ganze Unterhaltung zu drehen. Als es 11 Uhr schlug, sollte zur Ruhe gegangen werden. Den französischen Offizieren wurde ein Zimmer zur Linken des Saales, den preußischen eines zur Rechten angewiesen und mir der Mittelraum, in dem wir gesessen hatten. Das kleine Pferdehaarsofa, das in einer Ecke stand, bekam ich als Lagerstätte, und einen alten Soldatenmantel zum Zudecken. Graf Rantzau unterzog den großen Kamin in meinem Saal und die bis zur Erde herabgehenden Fenster einer genauen Untersuchung, von der er nicht sehr befriedigt schien. Dann schloß er die Tür zu den französischen Offizieren ab und erklärte mir, daß er die Tür zu den preußischen Offizieren unverschlossen lassen würde, damit ich, bei einer etwaigen nächtlichen Störung, mich gleich unter sicheren Schutz stellen könnte. Er selbst machte sich ein Lager auf der Schwelle jener Tür zurecht als ritterlicher Schutz für die Frau seines Kameraden. Die Nacht verging ruhig. Zeitig war ich auf und räumte in dem, von dem Tage vorher etwas wüst aussehenden Saal alles zurecht für unser Frühstück. Wir verzehrten es eilig, während Gedanken und Gespräch sich nur um den einen Punkt drehte: »Wie kommen wir weiter?« Die Herren gingen zur Bahn, um sich zu erkundigen, ob und was für Züge heute abgehen würden. Ich blieb wartend an einer Brotbude stehen, umdrängt von ausgehungerten Franzosen und hungrigen preußischen Soldaten. Was ich an kleinem Gelde bei mir hatte, wanderte fort für Brot, das ich gleichmäßig an Freund und Feind austeilte. Die Herren kamen erfreut zurück. Ein Zug mit Liebesgaben sollte in einer halben Stunde abfahren, und den konnten wir bis Bar le Duc benutzen. Die Herren Delegierten waren mit großer Liebenswürdigkeit[149] darauf eingegangen, uns mitzunehmen. Es war ein kalter Novembertag und ein offener Pferdewagen, der uns zur Verfügung gestellt wurde, aber die Herren hatten dort in der Ecke von Kisten und Decken einen prächtigen thronartigen Platz für mich erbaut. Eine Bulldogge wurde mein Fußkissen, und heiße Schokolade, während der Fahrt bereitet, erwärmte innerlich, so brauchte man nicht zu frieren. In Bar le Duc mußten wir uns von unseren freundlichen Wirten trennen und stiegen in einen Militärzug, der aber noch eine halbe Stunde auf dem Bahnhof hielt. Zu meiner großen Überraschung trat hier ein Offizier der 18. Division an mich heran, in dem ich den Major von Reibnitz erkannte. Auch er kam aus der Heimat, wohin er sich begeben hatte, um eine Wunde ausheilen zu können, und suchte nun sein Regiment, das er auf dem Wege nach Orleans wußte. Ich erzählte ihm, wie wir uns in Metz vergebens nach der 18. Division erkundigt hätten und niemand imstande gewesen wäre, uns Bescheid zu geben, welche Marschroute die Truppen verfolgten. Major von Reibnitz blieb bis zum Abgang des Zuges bei uns, ich bat ihn, meinem Vater von der Krankheit meines Mannes und meiner Reise zu ihm Mitteilung zu machen und ihn viel tausendmal zu grüßen. Ehe ich hier weiter fortfahre, möchte ich einen Brief meines Vaters einschalten, der sich auf jene Tage bezieht. »Troyes, den 7. November. Wir hatten sehr anstrengende Märsche, nachdem wir am 30. Oktober von Metz abgerückt waren. Immer bergauf und bergab ging es, und dabei peitschte uns der Wind unaufhörlich den Regen in das Gesicht. In Bar le Duc wurde Ruhetag gemacht, aber ich konnte die Freude daran nicht genießen, denn ich hatte zu meinem größten Kummer einen Brief vom General von Budritzky erhalten, der mir die lebensgefährliche Erkrankung unseres geliebten Schwiegersohnes mitteilte. Als ich mein Mittag im Hotel des Bahnhofs einnahm, trat Major Reibnitz zu mir heran und meldete mir seine erfolgte Rückkehr nach vollständiger Genesung. Zugleich zeigte er auf den eben abfahrenden Zug und sagte mir: ?Ihre Frau Tochter sitzt darin und fährt zu ihrem schwerkranken Mann nach Gonesse. Sie hat in Metz vergebens versucht zu erfahren, wo Sie wären, und trug mir ihre Grüße für sie auf.? Da waren wir uns auf ein paar Schritte nahe gewesen, ohne eine Ahnung davon zu haben, und nun wußte ich mein vielgeliebtes Kind mitten im Kriegstrubel, mit allen Schwierigkeiten einer solchen Reise kämpfend, und in völliger Ungewißheit, wie sie den Gatten finden würde. Das war hart! Ich setzte mich sofort hin und schrieb meinem armen Töchterchen.[150] Ein paar Tage später habe ich von Budritzky beruhigende Nachrichten von dem lieben Jungen bekommen, doch erfuhr ich noch nicht, ob mein armes Kind glücklich in Gonesse angekommen sei. Heute ging uns die Weisung zu, in forcierten Märschen Fontainebleau zu erreichen. Wie man so ablauschen konnte, waren die eingelaufenen Nachrichten von Orleans daran schuld. Man befürchtet, daß die an Zahl übermächtige Loirearmee meinen alten Waffengenossen, den General von Tann, ganz abdrücken und dann nach Paris gehen würde. Diesem Anmarsche sollen wir uns vorlegen!« Um in meiner Reise fortzufahren, möchte ich erzählen, daß wir in dem Militärzuge nur mühsam einen Platz hatten finden können. In einem Abteil, wo die Soldaten mit ihren Gewehren schon teilweise standen, weil kein Raum war, kamen wir unter. Aber auch hier, wie überall auf der Reise bei Freund und Feind, begegnete ich der zartesten Rücksichtnahme. Die Soldaten räumten mir den besten Platz ein, polsterten ihn wieder mit ihren Mänteln aus und waren voll verständnisvollem Mitgefühl für die Frau ihres erkrankten Offiziers. Gegen Abend kamen wir in Commercy an. Unser Quartier lag in einem Kellergeschoß, und mein Zimmer ging nicht zu verschließen. Das war unangenehm, doch die Not macht erfinderisch. Das Gewehr des Burschen wurde auseinandergenommen, das Bajonett benutzte ich als Riegel vor die Tür zu schieben, und mit dem Kolben sollte ich an die Wand klopfen, für den Fall einer nächtlichen Störung. Eine Störung kam freilich, aber nicht durch den Feind, sondern durch unsere Nachbarsleute, die sich als brave Pferde entpuppten und mit den Hufen gegen die Wand schlugen. Der Schreck, den das Klopfen meinen Herren eingejagt hatte, klärte sich bald auf. Am anderen Morgen fuhren wir nach Epernay und wollten von da aus über Meaux nach Gonesse, doch wurden wir, wegen des starken Bombardements von Paris her, dort nicht durchgelassen, und die Herren schlugen uns vor, wir sollten mit dem Umwege über Reims und Villers Cotterets in das Lazarett fahren. Zugleich aber teilten sie uns auch mit, daß die Stimmung in Reims eine derartig verhetzte sei, daß die Herren sich nicht ohne geladenen Revolver in der Straße zeigen dürften. Auf der Lokomotive mußte immer einer der Herren Bürgermeister von Reims mitfahren, weil die Franktireurs mit Vorliebe die Schienen auf dieser Strecke wegrissen. Wir mußten also den Weg über Meaux aufgeben und uns zu dem großen Umweg über Reims, Soissons, Villers Cotterets entschließen.[151] Um Mitternacht kamen wir in Reims an. Totenstille herrschte in der Stadt, man hörte nur den Schall der eigenen Schritte. Vom hellsten Mondschein beleuchtet lag die wundervolle Kathedrale vor uns. Eine einsame Schildwache ging am Portal auf und ab, und hinter ihr, ohne daß der Posten es wohl gewahr wurde, glitt schattenhaft ein Franzose, der die Bewegungen des Mannes nachäffte, aber rasch hinter den hohen Pfeilern verschwand, als wir uns näherten. Die Herren gingen auf die Etappe, um Erkundigungen einzuziehen, und ich wartete im Gasthaus den Bescheid ab. Die Nachrichten lauteten schlecht, die ich erhielt. Es gingen jetzt keine Züge nach Soissons, Wagen, um dahin zu fahren, seien nicht aufzutreiben, und außerdem wäre der Wald zwischen Soissons und Villers Cotterets wegen der Franktireurs nicht geheuer. Man könnte uns nur raten, umzukehren und noch einmal ein Durchkommen über Meaux, an der Vorpostenkette entlang, zu versuchen. Den Onkel entmutigte das Hin und Her, er sprach bereits von der Heimreise, wenn uns in Epernay weitere Schwierigkeiten gemacht würden. In derselben Nacht fuhren wir von Reims zurück und langten beim Morgengrauen in Epernay an. »Unmöglich, hier weiter zu kommen, wir dürfen Sie nicht durchlassen«, wurde uns klipp und klar gesagt, »selbst die Post darf den Weg nicht mehr benutzen.« Es kostete Graf Rantzau und mir große Überredung, um den Onkel zu bewegen, mit dem nächsten Zuge nach Reims zurückzufahren und dort noch einmal zu versuchen, ob nicht ein Durchkommen möglich sei. Im Laufe des Vormittags langten wir nun zum zweiten Male in Reims an. Deutlich steht mir das schmale Zimmer auf dem Bahnhof vor Augen, in das mich einer der Herren Delegierten vom Roten Kreuz führte, damit ich dort die Antwort erwarten könne, die der Onkel und Graf Rantzau sich von der Etappe holen wollten. Der Delegierte bemühte sich in liebenswürdiger Weise, mir das peinliche Warten zu erleichtern, und ich gab mir die größte Mühe, nicht in unfreundliches Stummsein zu versinken. Aber meine Gedanken drehten sich jetzt nur um den einen Punkt: »Wie komme ich durch?« Alles andere schien mir weltenweit fern zu liegen. Da ging die Tür auf und mein Onkel, gefolgt von Graf Rantzau und mehreren fremden Offizieren, trat ein. Er war sehr erregt und rief mir schon entgegen: »Siehst du, die Reise ist ein Unsinn, wir können nicht durch und müssen umkehren. Nun bringe ich dir die Herren mit, damit sie dir das selbst auseinandersetzen.«[152] Die Herren stellten sich vor und erklärten mir, daß es keine Fahrgelegenheit nach Soissons gebe, daß ich dort kein Quartier finden würde, daß die Häuser zerschossen wären, und daß vor ein paar Tagen im Walde von Villers Cotterets die 1. Sektion der Feldeisenbahnabteilung Nr. 4 von Franktireuren angefallen wäre, es also für uns ausgeschlossen sei, durch jenen Wald zu fahren. Es war eine sehr bewegte Szene. Der Onkel durchmaß mit großen Schritten das Zimmer und warf in alle Reden der Herren und in meine Erwiderungen immer von neuem seinen Entschluß dazwischen: »Wir kehren um.« Aber ich wußte ja, was für meinen Mann auf dem Spiele stand, darum kämpfte ich mit aller Energie für meine Sache. »Hilf mir, hilf mir, mein Gott!« drängte sich das stürmische Flehen durch meine Gedanken. Ich zog meine Papiere hervor, die mir militärische Begleitung sicherten, und bat die Herren, mir diese zu geben. Sie waren gern bereit dazu, meinten aber, daß sie jetzt keine verfügbaren Truppen hätten und daß ich in Reims abwarten solle, bis sie mir militärische Begleitung mitgeben könnten. Gegen das Abwarten wehrte sich der Onkel, er wollte jetzt unter allen Umständen umkehren. Ich aber bat die Herren, mir wenigstens einen Wagen nach Soissons zu besorgen, wie ich unterkäme, wäre mir gleichgültig. Ich wäre in Soissons doch schon meinem Ziele näher und würde da sehen, wie ich von dort weiter reisen könnte. Graf Rantzau hatte stumm hinter meinem Stuhl gestanden, jetzt beugte er sich zu mir. »Ist es Ihr fester Wille, weiter zu reisen?« fragte er mich. Ich nickte: »Ja, gewiß. Mein Mann ist todkrank, er verlangt nach mir, da gibt's nur ein Vorwärts.« Der Graf hatte dafür volles Verständnis. »Ich muß zu meinem Regiment zurück, das dicht bei Gonesse liegt«, sagte er. »Wo ich durchkommen kann, kommen Sie auch durch, das habe ich in diesen Tagen gemerkt. Wollen Sie mit mir allein die Reise fortsetzen?« Nun konnte ich erleichtert aufatmen und ihm versichern: »Mit Freuden.« Er wollte mir Mut zusprechen und meinte: »Sie sind ja ein Sonntagskind, darum haben wir bisher Glück gehabt und werden es auch weiter haben.« In der offenen Tür des Zimmers hatte ein fremder Offizier gestanden, der alles gehört und nun, seinen Namen nennend, an mich herantrat.[153] »Meine gnädige Frau, ich stelle mich Ihnen zu Diensten«, sagte er. »Ich soll von Soissons Geschütze holen, um sie nach Mezieres zu bringen. In Soissons habe ich Quartier, das steht zu Ihrer Verfügung, und ebenso mein Zug.« Da war die Rettung aus der Not. Wie ich ihm das dankte! Es kam wieder so etwas über mich von dem alten strahlenden Glücksgefühl, das mich so oft ganz und gar erfüllte. »Wann können wir fahren?« Das war meine nächste Frage. »Die Lokomotive ist geheizt, es kann sofort geschehen«, lautete die Antwort. Nun gab es kein Zögern, ein paar Minuten später saß ich mit dem Onkel, Graf Rantzau und dem Retter aus der Not im Zuge und fuhr mit ihnen nach Soissons, das noch teilweise in Trümmern lag. Es war eine gute Botschaft, die wir hier empfingen, wir hörten, daß durch den gefährlichen Wald am anderen Vormittag um 11 Uhr eine Munitionskolonne mit Bedeckung gehen sollte. Ein Fuhrwerk für den nächsten Tag wurde aufgetrieben, und so konnten wir uns denn dankerfüllt sagen, daß wir dicht vor dem Ziel standen. Ein herrlicher Sonntagmorgen war es, als wir beim Geläute der Kirchglocken aus Soissons hinausfuhren. Die dort weilenden Offiziere gaben uns bis zum Weichbilde der Stadt das Geleite, denn weiter durften sie sich nicht entfernen. Von da ab wollte es mit dem Fahren nicht recht vorwärts gehen. Der französische Kutscher behauptete, das Handpferd ginge auf der verkehrten Seite, er müsse umspannen. Als wir aber auch nach diesem Plätzewechseln nicht rascher vorwärts kamen, bedeutete Graf Rantzau dem Kutscher, daß sein Bursche, der mit geladenem Gewehr neben ihm säße, die Zügel nehmen und er vom Bock herunterfliegen würde, wenn er jetzt nicht zuführe. Unsere Schimmel setzten sich nun auch wirklich in einen mäßigen Trab, aber das Ende war doch, daß wir den Wald dreiviertel Stunden zu spät erreichten. Die Kolonne war längst weg und nichts mehr von ihr zu entdecken. Amazon.de Widgets Jetzt hieß es umkehren und die nächste militärische Bedeckung abwarten oder ohne Schutz durchfahren. Der Onkel sprach sich mit großer Bestimmtheit für das erste aus, Graf Rantzau legte die Entscheidung in meine Hand, und was hätte ich anders sagen können als: vorwärts ? durch! Ich möchte hier noch ein Wort über den Onkel sagen, der mir in treuester Fürsorge während der Reise zur Seite gestanden hat. Es könnte manchmal den Anschein haben, daß er etwas zu zaghaft gewesen sei, und da möchte ich einer falschen Auffassung vorbeugen. Er fühlte sich verantwortlich[154] für meine Sicherheit und entschied daher oft anders als ich, die nur vorwärts drängte. Auch diesmal mußte der liebe Onkel nachgeben, denn wir waren ja zwei gegen eine Stimme. Das Verdeck des Wagens wurde heruntergeschlagen, damit man sich umsehen konnte, die Herren luden ihre Revolver, und mir gab der Onkel einen sogenannten Totschläger, der in seinem Besitz war, ein kurzer Gummistab mit eisernem Kopf oben und unten. Nun ging es in den Wald hinein, der zu beiden Seiten des Weges ein paar Meter abgeholzt war, damit die Überfälle der Franktireurs nicht bis zum letzten Augenblick durch das Gehölz verdeckt waren. Keiner sprach von uns ein Wort, jeder spähte nach rechts und links, ob nichts Verdächtiges zu entdecken sei. Aber der Wald blieb stumm, er belebte sich nicht, und wir kamen glücklich durch, trotzdem wir erst am Ende des Waldes die Kolonne erreichten. In Villers Cotterets erfuhren wir, daß tags darauf ein Zug nach Gonesse ginge, wenn die Franktireurs nicht wieder die Schienen aufgerissen hätten. Sie hatten diesmal keinen derartigen Versuch gemacht, und am Montag früh saßen wir in dem Zuge, der uns nach Gonesse führen sollte. Acht Tage war ich jetzt unterwegs, und während dieser ganzen Zeit hatte ich keinerlei Nachricht von meinem Manne gehabt. Jetzt, nachdem der andauernde Kampf um das Durchkommen, der alle Kraft und Gedanken in Anspruch genommen hatte, vorüber war, trat die Frage, wie ich meinen geliebten Mann finden würde, mit ihrer ganzen quälenden Sorge wieder an mich heran. Wir hatten unterwegs telegraphisch unsere Ankunft anmelden können, denn wir mußten von der Bahn abgeholt werden, da wir nicht wußten, in welchem Haus wir meinen Mann suchen sollten. Gonesse selbst liegt eine ganze Ecke vom Bahnhof entfernt, und nie vergesse ich die folternde Spannung der halben Stunde, während deren wir, auf Abholung wartend, vor dem Bahnhof hin und her gingen. Graf Rantzau war noch bei uns geblieben. »Ich gehe nicht eher zu meinem Regiment, bis ich Sie nicht sicheren Händen übergeben habe«, sagte er. Ich dankte ihm stumm, sprechen konnte ich nicht, mir war der Hals wie zugeschnürt. Aber dann jubelte ich doch laut auf, als auf der Chaussee im schnellsten Trabe ein Wagen herankam und der Offizier, der sich weit herausbog, ein weißes Tuch schwenkte. Ich erkannte nun auch meinen Vetter, sah seinen frohen Gruß und wußte, das konnte nur gute Botschaft sein.[155] Eine halbe Stunde später hielten wir vor einem kleinen Hause, frisches Grün war auf den Weg gestreut und eine Girlande hing über der Tür. Es war der Willkommen der preußischen Offiziere für die erste deutsche Frau, die sie in der Kriegszeit hier begrüßten. Als ich nun aber über die Schwelle trat und mein Mann mir schon entgegenkam, da feierten wir ein glückstrahlendes Wiedersehen! Darüber kann ich nicht viel sagen, jedes warmschlagende Herz wird es mir nachfühlen! Wir saßen beim lodernden Feuer am Kamin, der, in Ermangelung von Holz, mit Möbelstücken geheizt wurde. Von Paris her donnerten unausgesetzt die Schüsse, man hörte, wie jeder einzelne aufschlug und explodierte, und doch wirkte das alles nur wie ein Traum, die frohe Wirklichkeit des Beisammenseins drängte alles andere zurück. Nachdem die ersten bewegten Augenblicke vorüber waren und ich meinem Kranken nun von unserm kleinen Liebling daheim und ihren drolligen Einfällen erzählte, da war auf einmal wieder ? ich wußte selbst nicht wie ? das glückliche Lachen da. Mein Mann legte mir die Hand auf den Arm. »Kind, dich wieder lachen zu hören, ist für mich Lebenselixier«, sagte er. Wie oft habe ich noch an dies Wort denken müssen in späteren Tagen! Es wurde zu einer erziehenden Kraft in meinem Leben. Als ich meinen geliebten Kranken abends zur Ruhe gebracht hatte, sprach ich mit den Ärzten über seinen Zustand. Sie gestanden mir, daß sie vor einer Woche alle Hoffnung auf seine Genesung aufgegeben hätten, jetzt aber die augenblickliche Gefahr beseitigt sei. Sie machten es mir zur Pflicht, ihn nie eine Sorge merken zu lassen und ihm in gleichmäßigem Frohsinn immer zur Seite zu bleiben. Eine möglichst rasche Abreise hielten sie für nötig, um ihn aus dieser nervenaufregenden Umgebung herauszubringen. Ich sollte den Versuch machen, wie mein Mann das Fahren und das Zusammensein mit anderen Menschen vertragen könnte. Prinz Hohenlohe, General der Gardeartillerie, war so liebenswürdig, uns Pferde und Wagen zu geben, und so machten wir denn am anderen Vormittag einen Ausflug nach einem Schlößchen, das etwa eine Stunde von Gonesse lag und der Prinzessin Mathilde gehörte. Franktireurs hatten es völlig verwüstet. Ein Teil der Möbel und Bilder waren zertrümmert, Kasten mit einer großen Muschelsammlung herausgerissen, der Inhalt auf den Fußboden zerstreut, und die kostbare Ledertapete hing in Fetzen von den Wänden herunter. Ein Stück davon nahm ich mir zum Andenken mit, und mein Mann ließ damit später den Sitz meines Spinnstuhls überziehen.[156] Die Ausfahrt war meinem Kranken gut bekommen. So sollten wir denn unser Mittag mit mehreren der Offiziere, die in Gonesse waren, einnehmen. Das war ein wunderliches, mir unvergeßliches Mittagessen. Zur Freude der Herren hatte der Tisch, um die deutsche Frau zu ehren, ein Tischtuch bekommen. Das war ein Luxus, der ihnen sonst hier nicht gewährt wurde, ebensowenig wie die Milch zum Nachmittagskaffee, den die einzige Kuh, über die der Stab verfügte, dazu hatte hergeben müssen. Das Eigenartige unseres Zusammenseins hier in Feindesland gab auch der angeregten Unterhaltung das Gepräge. Kriegsbilder, voll tiefen Ernstes, und dann wieder heiterfrohe Worte mischten sich durcheinander. Mir war strahlend zumut und dabei doch voll zitternder Sorge, genau so widersprechend in den Gefühlen, wie das Bild, das uns umgab. Ein mit allem Luxus ausgestattetes Zimmer, der Tisch mit frischem Grün und Rosenknospen überschüttet, feinstes Porzellan, dazwischen aber auch gröbstes Geschirr und im lodernden Kamin wieder Möbelstücke als Brennholz, dazu andauernd die donnernden Schüsse von Paris her, die als dumpfe Kriegsmelodie unsere Gespräche begleiteten. Der nächste Tag war grau und trübe, ein dichter Nebel umschleierte die ganze Gegend und eine wunderliche Stille herrschte, denn die Kanonen von Paris schwiegen. Wir frühstückten mit den Offizieren beim Prinzen Hohenlohe, es sollte dort festgestellt werden, wie wir am besten und schnellsten heimreisen könnten. Amazon.de Widgets Der Prinz riet, den kürzesten Weg an der Vorpostenkette entlang zu fahren und zwar sofort, um den Nebeltag zu benutzen, wo die Strecke nicht beschossen wurde. »Ich gebe Ihnen einen zuverlässigen Kutscher und meine schnellsten Pferde«, sagte mir der Prinz, »es kann sein, daß ein paar versprengte Franktireurs versuchen werden, Sie zu beunruhigen, dann verlassen Sie sich auf den gewandten Kutscher und die Zuverlässigkeit der Pferde.« Eine halbe Stunde später rollte der Wagen mit uns davon, die Offiziere, die uns noch mit den Tüchern von der Rampe aus Abschiedsgrüße winkten, verschwanden bald unseren Blicken in dem dichten Nebel. Eine geraume Weile ging es im ruhigen, aber dabei doch flotten Tempo vorwärts. Alles war still um uns her, die ganze Welt schien verschlafen und verträumt zu sein, und das Gehölz uns zur Seite zeichnete sich nur in dunklen Umrissen aus dem Nebel ab. Da wurde es plötzlich lebendig, Hufschlag und Knacken von Zweigen, und gleich darauf tauchten, wie aus der Erde gewachsen, einige Blusenmänner aus dem Nebel auf. Einer[157] von ihnen war zu Pferde, schwenkte seinen Säbel und brüllte uns an: »Arrêtez! Arrêtez!« In demselben Augenblick sauste auch die Peitsche unseren Pferden um die Ohren, und in langen Sätzen jagten die Falben mit dem Wagen vorwärts. Das geschah alles so blitzschnell, daß man kaum zur Besinnung kam. Aber den Arm hatte ich doch noch meinem Mann um den Hals geworfen, um seinen Kopf herunterdrücken zu können, im Fall der Franktireur von der Schußwaffe Gebrauch machen sollte. Angstvoll spähte ich nach rückwärts und ließ den Blusenmann nicht aus den Augen. Ich sehe noch immer seinen vorwärts hastenden Braunen, dem er mit der flachen Klinge über den Schenkel hieb, um ihn anzutreiben, und sein zorniges Gesicht dabei. Immer wütender brüllte er sein Arrêtez, und immer heftiger fuchtelte er mit dem Säbel hin und her. Es war eine tolle Hetzjagd auf der Chaussee, unser Wagen schleuderte dabei hin und her, während die Falben mit voller Macht ausgriffen und wie die Vögel dahinflogen. Prachtgäule waren das, der Braune hinter uns her konnte es ihnen nicht gleichtun, seine Spannkraft erlahmte, und immer größer wurde der Raum zwischen ihm und uns. Endlich gab sein Reiter das vergebliche Rennen auf und verschwand völlig im Nebel. Nun konnten wir auch unseren dampfenden Pferden ein gemäßigtes Tempo gönnen. Gott sei Dank, auch diese Gefahr war gnädig vorübergegangen! Die Nacht brachten wir in Meaux in einer Bretterbude zu, und von da aus ging es mit dem großen Verkehrszug nach Straßburg. Im Dom und in den Häusern der zerschossenen Steinstraße saßen noch die feindlichen Kugeln, auch auf der Straße lagen sie umher. Ich sammelte mir einige davon zum Andenken und bewahre sie. Als Briefbeschwerer verarbeitet, stehen sie in meinem Zimmer, zusammen mit einer kleinen Zeichnung, die von einem der Herren gemacht wurde, ein Bild unserer Fahrt im Pferdewaggon von Metz aus. Auch der Totschläger, meine Waffe aus dem Walde von Villers Cotterets, fehlt ebensowenig wie der Spinnstuhl mit der Ledertapete in dieser Sammlung. Jetzt waren alle Hindernisse mit Gottes Hilfe überwunden. Er hatte mich geschützt, geleitet und mir durchgeholfen, nun winkte die Heimat in nächster Nähe, die wir zwei Tage später glücklich erreichten. Ich will, ehe ich weiter fortfahre, noch ein Wort über meine Reise einschalten. Sie mag vielleicht, so in der Friedenszeit erzählt, diesem oder jenem als etwas Außergewöhnliches erscheinen, und diesen Eindruck möchte ich verwischen, denn es war das Einfachste und Natürlichste von[158] der Welt. Eine jede Frau in meiner Lage, die ihren Mann liebt, hätte genau dasselbe getan. Schwierig war es auch gar nicht, ich fühlte mich ja sicher in Gottes Schutz und habe auf der Reise nur immer wieder erfahren dürfen, wie Offiziere und Soldaten, ja auch die Franzosen voll Rücksicht für die Frau eines erkrankten Offiziers waren und mir in jeder Weise weiter halfen. So war und bleibt mein Herz nur von Dank erfüllt, wenn ich an diese Reise zurückdenke. Wie strahlte unsere Kleine, als sie ihren bärtigen Vater wieder umarmen konnte, sie war ganz blaß vor Erregung, als sie ihm entgegenlief, und mein treues Mutterchen, wie glücklich war sie, uns beide nun wieder geborgen bei sich zu haben. Ein Bild, das in Gonesse über meines Mannes Bett gehangen, und das sich immer in seine Fieberphantasien gemischt ? Daniel in der Löwengrube ?, hatte mein Mutterchen für meinen Kranken besorgt. Ich hatte ihr von Gonesse aus geschrieben, wie mein Mann dies Bild liebte und wie es ihm in schweren Stunden viel gewesen, nun bewegte und erfreute ihn dies Geschenk sehr. Das Bild mußte seitdem immer in unserem Schlafzimmer hängen. Mein Schwager, der wieder zu uns gezogen war, konnte jetzt, auf einen Stock gestützt, schon ganz leidlich gehen, und ich weiß, mit welchem frohen Stolz es mich erfüllte, wenn ich nun mit meinen beiden Genesenden, den heimgekehrten Kriegern, in Potsdam spazieren gehen konnte. 
 X. Heimkehr und Friedensjahre.  [97] Auch über den Einzug in die heimatlichen Quartiere finden sich in meines Vaters Kriegstagebuch noch kurze Aufzeichnungen, die ich folgen lasse. »9. September. Um 61/2 Uhr hatte ich die ganze Garnison auf dem Schloßhof vereinigt und rückte an ihrer Spitze, vollständig kriegsmäßig, zum Tore hinaus. Eine dichte Volksmenge umwogte uns, aber dank einiger laut gegebenen, energischen Befehle fiel keine Unordnung vor und man ließ uns lautlos ziehen.« »15. September. Heute fuhr ich nach Hamm, wo ich mit dem Füsilierbataillon Reg. 55 zusammentraf, das Hauptmann von Below führte. Mit diesem lieben Kriegskameraden fuhr ich nach Herfordt und war sehr erfreut zu sehen, welch herzlicher Empfang meine braven Füsiliere hier erwartete. Die ganze Umgegend mußte zusammengeströmt sein, denn kaum ein Drittel der Menschenmasse konnte dem kleinen Städtchen angehören. Welche rührende Szenen des Wiedersehens, des Wiederfindens spielten sich da ab! Was für ein herzlicher und stürmischer Jubel machte sich da Luft! Das war alles so ungekünstelt, so lebenswarm und darum so ergreifend! Nach dem Mittagessen, das ich mit den Offizieren eingenommen hatte, ging ich nach dem Bahnhof und fuhr mit dem eben anlangenden I. Bataillon Reg. 55 in Begleitung meines alten braven Stoltz nach Minden. Es war ein erhebender, unvergeßlicher Augenblick, als wir, umdrängt von dem jubelnden Volk, überschüttet mit Blumen, Bändern und Kränzen, unter den Tönen der bekannten Schlachtmusik in die alte Feste Minden einzogen. In der Stadt ging man vollständig unter einem Laubdach, so viel Girlanden waren quer über die Straße gezogen, und Transparente mit sinnigen Sprüchen hingen daran. Sobald ich mich mit meiner Spitze des Zuges näherte, gingen in den vor uns liegenden Häusern bengalische Flammen auf, und ein Blumenregen folgte. Kränze wurden uns in die Hand gedrückt, eine solche Anzahl, daß man sie nicht fassen konnte. Die Zeit verging im Fluge. Am 16. abends fuhr ich ab und langte heute früh in Potsdam an, wo mich mein lieber Schwiegersohn schon auf dem Bahnhof erwartete. Sein Kopfhieb ist gut geheilt und kleidet den Schlingel vortrefflich. Was war das eine Freude nun in dem behaglichen[98] Heim meines geliebten Töchterchens, Frau, Kind und Kindeskind nach dieser bewegten Zeit wohlbehalten und gesund wieder umarmen zu können. Das kleine Ding hielt mir mit ausgestreckten Ärmchen einen Lorbeerkranz hin, den ich mir doch aufheben will.« »19. September. Früh fuhr ich nach Berlin, die Meinen folgten später nach. Um 11 Uhr war Meldung beim Könige, der sich gegen Kummer und mich so überaus gnädig und anerkennend aussprach, daß ich wohl wünschte, ich hätte jedes Wort behalten können. Der hohe Herr erging sich in Lobsprüchen über die Leistungen meiner Brigade. Amazon.de Widgets Wie glücklich mich das machte, wird ein jeder mir nachfühlen können.« »20. September. Früh 8 Uhr fuhr ich nach Berlin, wo mich schon der Bursche meines Schwiegersohnes mit dessen Rappen erwartete, den der liebe Sohn bei Königgrätz geritten hatte, und der, wie sein Herr, noch die Narben der erhaltenen Verwundungen aufwies. Ich ritt durch den Tiergarten nach dem Krollschen Platz, wo sich schon alle Offiziere, mit ihren neuen Dekorationen geschmückt, zusammengefunden hatten. Kurz vordem der König kam, brachte mir Graf Kalnein, der Adjutant des Feldmarschalls, den Orden pour le mérite mit der dazugehörenden Kabinettsorder, beides war fälschlich bei dem alten Herrn abgegeben worden. Unbeschreiblicher Jubel erscholl, als der König mit seiner Suite erschien. Nicht endenwollende Zurufe begleiteten den Einzug der Truppen, die durch das herrlich geschmückte Brandenburger Tor die Linden entlang marschierten. Der Weg Unter den Linden war durch die Aufstellung der eroberten Geschütze, wie durch die Tausende von flatternden Fahnen und sinnreichen Emblemen in eine Art Triumphstraße verwandelt worden. Beim Vorbeimarsch wurde jede bekränzte Fahne, jeder Verwundete mit herzerhebendem Jubel begrüßt. Ich glaube, eine ähnliche Sache werde ich wohl nicht zum zweiten Male sehen. Als der Vorbeimarsch beendigt war, meldeten sich die neu dekorierten Offiziere beim Könige. Ich war einer der letzten, der herankam. Der König gab mir die Hand. Die Worte, die der Hohe Herr zu mir sprach, prägten sich mir tief ein, er sagte: ?Den Orden haben Sie sich rechtmäßig verdient, also brauchten Sie mir eigentlich nicht dafür zu danken. Übrigens muß ich Ihnen noch sagen, daß ich Sie mir in einem Punkt doch etwas anders wünsche. Man hat mir berichtet, Sie wären zu brav. Sie exponierten sich zu sehr, das wünsche ich nicht, solche Offiziere müssen mir und meinem Sohne erhalten bleiben.?[99] ?Für solchen König kann niemand zu brav sein?, antwortete ich überglücklich und küßte mit wahrer Herzensfreude die königliche Hand, mit der er die meine fest umschlossen gehalten hatte. Das sind die schönsten Augenblicke meines Lebens und der herrlichste Lohn für das Streben nach treuer Pflichterfüllung. Bei diesen Mitteilungen, deren Erinnerung mir stets zu einem Sporn dienen soll, meine Pflicht auf das äußerste zu tun, möchte ich noch des Besuches bei dem alten Onkel Wrangel erwähnen. Sein Empfang war mir wahrhaft rührend, er konnte nicht warm genug seine Freude darüber aussprechen, daß es mir vergönnt gewesen sei, durch diesen glücklichen Feldzug unserem Familiennamen neue Lorbeerblätter zuzuführen.« Diesen Berichten aus dem Tagebuch meines Vaters möchte ich die schriftlich niedergelegten Äußerungen des Generalmajors von Bilguer folgen lassen: Äußerungen, welche Se. Majestät der König am 19. September 1866 gegen die Generale von Wrangel und von Kummer gemacht hat: »Meine Herren, was Sie getan haben, ist über alles Lob erhaben. Ich danke Ihnen für die großen Erfolge. Es ist Ihr Werk, daß wir so viel erreicht haben, ich danke Ihnen nochmals!« ... Dies sind genau die Worte, die Se. Majestät gesprochen, die von dem Großh. Meckl. Major von Klein und von mir gehört und gleich darauf niedergeschrieben sind. Schwerin, den 29. Oktober 1866. von Bilguer, Generalmajor. Desgleichen lasse ich die Abschrift eines Briefes folgen, den der Feldmarschall in jenen Tagen meinem Vater sandte. »Berlin, den 4. September 1866. Mein guter Herzenskarl! Mit Deinem gütigen Schreiben vom 27. v.M. bin ich so glücklich gewesen, die von mir zur Einsicht gewünschten Papiere über Deine ehrenvollen und eingreifenden Gefechte zu erhalten. Ich habe sie mit hohem Interesse gelesen und mit Zunahme von Karten gründlich studiert, und bin zu der wohltuenden Überzeugung gekommen, daß Du, mein guter Neffe, des Namens Deiner Väter würdig bist, woran ich den allerinnigsten Anteil nehme. Der König, unser sieggekrönter Kriegsherr, wird Dein Verdienst um das Vaterland und die Armee wohl anzuerkennen wissen, und ich bin stolz auf Deine Taten.[100] Dein guter Schwiegersohn Liliencron hat im Tatendurst sich von seiner Stellung als Ordonnanzoffizier loszumachen gewußt und hat sich mit der Reiterschar dem Feinde entgegengeworfen, und ist der Liebe so glücklich gewesen, eine ehrenvolle Verwundung zu erhalten. Ich freue mich dessen sehr und beneide ihn darum. Deine liebe Frau und Kinder grüße herzlich. Meine alte Frau ist wohl und frisch und grüßt bestens. Dein alter Freund v. Wrangel.« Den feierlichen Einzug der Truppen in Berlin und Potsdam habe ich selbstverständlich auch miterlebt, habe mit den anderen gejubelt und mit ihnen die begeisterte Stimmung des Tages geteilt. Aber tiefer, überwältigender noch war für mich der Eindruck gewesen, als unsere gelben Reiter, die Allee heraufkommend, auf das Jägertor zu ritten. Unser Haus lag dicht vor diesem Tor, und ich stand unten auf unserem Balkon. Wenn ich die wilden Weinranken, die sich zu diesem Tage brennend rot gefärbt hatten, zurückschob und mich hinauslehnte, dann konnte ich eine gute Strecke der Allee übersehen, und das Herz klopfte mir vor Jubel zum Zerspringen, wie ich Musik und Pferdegetrappel hörte und die schwarzweißen Fähnlein mir winkten. Amazon.de Widgets Ich entsinne mich sehr wohl, daß es so manche Stunden in meinem Leben gegeben hat, wo ich gemeint habe, das Herz sei viel zu klein, um das Glück in seinem ganzen Umfange zu erfassen, das Gottes Güte uns bescherte. Diese Stunde des Einzuges gehörte auch dazu, und als Oberst Mirus, unser Kommandeur, der das Regiment führte, an meinen Balkon heranritt und mir zurief: »Gnädige Frau, nun bekomme ich Dank, ich bringe Ihnen Ihren Mann gesund zurück«, da fehlten mir die Worte, aber ich glaube, er hat sie doch von meinem Gesicht gelesen. Nun waren sie alle wieder da, unsere gelben Reiter! Wie freudig sie grüßten, wenn sie die Säbel senkten, und wie herzensfroh ich den Gruß erwiderte! Meinem Liebling auf seinem Rappen, dem folgte der Blick natürlich am längsten. Aber ihn hatte ich schon vorher wiedergesehen, denn als Quartiermacher hatte er es möglich zu machen gewußt, sich ein paar Stunden für seine Frau zu erobern. Im Dämmerlicht einer späten Abendstunde war er plötzlich vor mir aufgetaucht, und ehe ich es recht erfassen konnte, was eigentlich geschah, hatte er mich an sich gezogen und in seinen großen Mantel eingewickelt. Wie waren wir glückselig gewesen! Wenn es auch nur wenige Stunden sein konnten, wir hatten uns doch mit jubelndem Herzen an jeder Minute gefreut![101] Unser schönes Heim in Potsdam, das Haus, das meinen Eltern gehörte, in dem unser Kind geboren war, mußten wir freilich nun bald verlassen, denn mein Mann wurde nach Nauen versetzt. Aber was tat's, wir drei waren doch zusammen, und unser tief innerliches Glück nahmen wir überall mit. Eine passende Wohnung war in Nauen nicht zu bekommen. Während des Oktobermonats blieb mein Mann in Potsdam, ritt jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe nach Nauen, tat dort seinen Dienst und kam dann heim. Das waren aber täglich zwischen sieben und acht Meilen, die er zurücklegen mußte, und das war auf die Dauer dienstlich und gesundheitlich nicht durchzuführen. So mieteten wir denn in Nauen, was gerade zu haben war, vier Stuben, und fühlten uns auch dort seelenvergnügt. Nun lernte ich das Leben in einer ganz kleinen Garnison kennen. Außer unserem Hause war es in Nauen nur noch das des Rittmeisters Senfft von Pilsach, in dem die Offiziere verkehrten. Da lebten wir denn zusammen wie eine große Familie in harmloser Gemütlichkeit. Gemeinsam wurden Besuche auf dem Lande unternommen zu Wagen oder zu Pferde, oder wir lasen mit verteilten Rollen, spielten Theater und durchlebten miteinander die kleinen Freuden und Leiden der engen Garnison. Mein Mann und ich hatten dabei auch viel Zeit für uns, trieben Musik, spielten entweder vierhändig oder ich sang, während mein Mann mich begleitete, und abends holte ich mein Spinnrad vor. Das fand mein Mann so besonders gemütlich, und stundenlang konnte er mir dabei vorlesen. An wieviel guten Büchern haben wir uns in jenen Winterabenden allein oder mit den Kameraden erfreut! Amazon.de Widgets Zwei Jahre später kamen wir nach Potsdam zurück und wieder in unser liebes Haus, an dem im Sommer fast jeden Morgen unsere gelben Reiter mit Musik vorbeizogen. Nun kam eine Zeit, die war so voll Freude und Glück, daß ich sie in meiner Erinnerung wie ein sonnendurchstrahltes Bild bewahrt habe. Unser Kind, der kleine blonde Liebling, wuchs frisch und fröhlich auf, wir zwei, mein Mann und ich, konnten das ungetrübte Beisammensein mit warmem Herzschlag genießen, und der harmlose Verkehr mit den Kameraden meines Mannes, wie wir ihn in Nauen gehabt hatten, setzte sich hier fort. Uneingeladen kamen die Herren von unserem Regiment und auch von anderen Regimentern abends zu uns, nahmen fürlieb mit dem, was gerade bei uns auf dem Tisch stand, und bei Musik und zwangloser Unterhaltung verflog die Zeit. Dazu kamen die herrlichen Ritte in die wundervolle Umgebung Potsdams, die Wanderungen mit unserem Kinde durch das nahe Sanssouci und die Freude an unserem kleinen Garten. Das alles zusammengenommen gab jener Zeit einen schimmernden Glanz.[102] So kam das Jahr 1870, und als wir da so recht im Wonnemonat Mai die Frühlingszeit genossen, wurde mein Mann auf Remontekommando geschickt, und wir mußten uns trennen. Mein Vater hatte am 10. August 1867 die 18. Division in Flensburg bekommen und war glücklich, wie der bei seinem lieben Holstenvolk zu sein. Die Manöverzeit pflegte ich immer bei meinen Eltern zuzubringen, und der sich daran schließende Urlaub war dann immer regelrecht geteilt worden zwischen Flensburg und Preetz bei Kiel, wo meine verwitwete Schwiegermutter lebte. Einmal aber war statt des Aufenthalts in Flensburg eine wundervolle Reise nach Norwegen eingeschoben, wo wir mit meinen Eltern bis zum Riukanfoß herauffuhren. In diesem Jahre kam ich nun mit meinem Kinde schon Anfang Juni nach Flensburg, wo uns das vielgeliebte Elternhaus, wie immer, mit offenen Armen aufnahm. 
 II. Das Kriegsjahr 1848 in Schleswig-Holstein.  [13] In meines Vaters Tagebuch steht von der Revolutionszeit 1848 die kurze Bemerkung: »Über die trüben Märztage des Jahres 1848 möchte ich so rasch wie möglich hinweggehen. Das Herz jedes Soldaten, wie jedes wahren Patrioten blutet, wenn man jener Zeit gedenkt.« Mein Vater, der damals zum trigonometrischen Bureau in Berlin kommandiert war, erhielt nun den Befehl, zu seinem Regiment nach Königsberg zurückzukehren; doch noch ehe er sich dahin begeben konnte, tat sich ein neuer Abschnitt für sein militärisches Leben auf. Das meerumschlungene Schleswig-Holstein wollte als »up ewig ungedeelt« die dänische Herrschaft abschütteln, und der Krieg brach aus.[13] In meines Vaters Tagebuch heißt es darüber: »Wenngleich das mit Meineid, Verrat und Blut vielfach befleckte Jahr 1848 zahllose böse Geister wachrief, so wird man anderseits nicht verkennen können, daß sich gerade in dieser wildbewegten Zeit ein gewisses Aufflackern der Idee eines einigen deutschen Vaterlandes bemerkbar machte. Es war ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, das einige Jahrzehnte später in hellen Flammen emporloderte und uns durch Blut und Eisen ein einiges Vaterland schuf. In diesem Sinne kann und muß man die Erhebung der Elbherzogtümer betrachten. Tausende sehnten sich danach, dem bedrückten Bruderstamme ihren Arm zu leihen und das deutsche Land im hohen Norden seinem natürlichen Vaterlande zurückzuerobern. Schleswig-Holstein brauchte Menschen, die dem anrückenden Feinde entgegengeworfen werden sollten, und Führer, die die Truppen leiteten. Bei Bau waren die nach Norden sich hinwälzenden, ganz ungeübten Heeresteile der Herzogtümer an den geschulten, feindlichen Bataillonen zerschellt. Trotz aller Tatkraft und Ausdauer, namentlich von den Studenten, war das ganze Resultat der Blutarbeit doch nur ein übereilter Rückzug bis hinter die Eider. Gott sei Dank, jetzt hat der Deutsche Bund und auch Preußen sich entschlossen, den bedrängten Herzogtümern zu Hilfe zu kommen. Mit dem Beitritt unseres königlichen Herrn ist für uns der nun beginnende Kampf geadelt, und mit Freuden stelle ich mit einigen 30 Offizieren meinen Degen diesem Unternehmen zur Verfügung. Wir wollen den Krieg kennen lernen, um uns für den späteren Dienst im Heere tüchtig auszubilden. Persönlich näher stehen mir von den Herren: Bonin, Zastrow, Tann, Treskow, Blumenthal, Hann von Weihern, Gersdorf, Grüter, Döring und Schöning.« Ehe ich im Tagebuch meines Vaters fortfahre, möchte ich in aller Kürze ein Wort über diese Persönlichkeiten sagen, die es wohl verdienen, daß man ihrer in größter Anerkennung gedenkt und dafür sorgt, daß auch kommende Generationen diese Namen hochhalten. Unter den zehn genannten Herren wurden die sechs zuerst genannten Kommandierende Generale. Im Jahre 1864, als von Zastrow Kommandierender General des VII. Armeekorps war, erhielt mein Vater die 26. Brigade in Münster. So führte das Schicksal die beiden alten Waffengefährten noch einmal zusammen und erneuerte die früheren dienstlichen Beziehungen. Der bayerische General von der Tann stand 1866 meinem Vater bei Kissingen persönlich gegenüber, 1871 aber trafen sie als Verbündete in Orleans zusammen. Beim freudigen Wiedersehen an einem Ruhetage[14] tauschten sie die Erinnerungen an die gemeinsamen Kampfesjahre 1848/49 aus und verhandelten ausführlich über Kissingen, wo sie sich gegenübergestanden hatten. Am eingehendsten aber wurde über dies Gefecht zwischen den beiden Herren im Sommer 1871 verhandelt, als beide in dem Bade Kissingen die Kur gebrauchten und an Ort und Stelle die verschiedenen Gefechtsaugenblicke besprechen konnten. Bei Vionville 1870 fielen Döring und Schöning. Letzteren, den Kommandeur des Grenadierregiments 11, habe ich so oft »einen Helden in des Wortes schönster Bedeutung« nennen hören, daß ich das nicht unerwähnt lassen möchte. Die Geschichte des Grenadierregiments 11 weiß davon zu sagen. Der selbständige Entschluß Schönings, der von meinem Vater gebilligt, von General von Manstein aber getadelt wurde, war von entscheidender Wichtigkeit an dem Tage gewesen. Denn das rechtzeitige Erscheinen des Regiments hatte in das Gefecht eine glückliche Wendung gebracht. Als der erste Schuß bei Vionville fiel und Schöning mit seinem Regiment vorrückte, schrieb er auf den von General Manstein erhaltenen Befehlszettel, der ihn zurückhalten sollte: »Zu spät«. Mit hervorragender Tapferkeit hatte sich das Regiment geschlagen, aber es waren blutige Lorbeeren, die es errungen hatte. 41 Offiziere und 1100 Mann hatten mit ihrem Blute die Treue bezahlt. Der Kommandeur lag schwer verwundet in einem Hause in Gorze und erlag in wenig Tagen seinen Wunden. Mein Vater fährt, nachdem er seinen lieben Waffengefährten aus dem Schleswig-Holsteinschen Kriege genannt hat, dann in seinem Tagebuch fort: »Wir hoffen, daß es uns gelingen wird, den preußischen Waffenruhm zu vermehren, und sind bereit, unser Herzblut auf dem Felde der Ehre hinzugeben.« Großonkel Wrangel, der Kommandierende General des II. Armeekorps, erhielt den Oberbefehl über die deutschen Truppen. Am 19. April sollte er, von Stettin kommend, in Berlin eintreffen. Mein Vater fuhr auf den Bahnhof, er wollte dem Onkel dort gleich seinen dringenden Wunsch, den Krieg mitzumachen, an das Herz legen. Flüchtig, wie ein Schattenriß, taucht bei mir das Bild auf, da ich mit meiner Mutter an dem Abend beim Großonkel Wrangel war, um meinen Vater abzuholen. Amazon.de Widgets »Der Onkel würde Ordnung schaffen«, dies Wort von meinem Vater wollte mir nicht aus dem Sinn, und ich war ein klein wenig ängstlich, wenn ich an seine Strenge dachte. Aber wie lieb war er, wie freundlich! Es mochte wohl nur ein kurzer Augenblick gewesen sein,[15] den er für uns übrig hatte, aber er genügte, um ihm mein Kinderherz zu erobern. Daß mein Vater verstimmt und schweigsam war, wie wir nach Hause gingen, den anderen Tag aber seelenvergnügt, davon weiß ich nichts mehr. Später, als ich verständiger geworden war, hat er mir davon erzählt. Als er dem Onkel auf dem Bahnhof seine dringende Bitte an das Herz gelegt hatte, ihm zu helfen, daß er den Krieg mitmachen könnte, hatte der ihm mit einer gewissen Barschheit, die er hin und wieder annehmen konnte, geantwortet: »Geht nicht! Habe schon Bummlers genug mit!« Den nächsten Tag aber war mein Vater zu ihm gerufen worden, und der Onkel hatte ihm da die Genehmigung des Königs verkündigt, daß er als Freiwilliger den Feldzug mitmachen dürfe. Schon den Morgen darauf fuhr mein Vater mit dem General Wrangel und seinem Stabe nach Rendsburg. Aus dem Kriegstagebuch meines Vaters, das er später schrieb, gegründet auf die Briefe, die meine Mutter von ihm erhalten hatte, möchte ich nun einige heitere Episoden, vor allem aber die ernsten Tage herausgreifen, die meinem Vater besonders lieb waren. Doch zuerst will ich von dem Großonkel aus dem Schleswig-Holsteinschen Kriege erzählen, was ich darüber aus den Familienaufzeichnungen weiß. Am 21. April in der Nacht langte Wrangel mit seinem Stabe in Rendsburg an. In seinem Gefolge befand sich auch Se. Königl. Hoheit, der Prinz Friedrich Karl von Preußen, Hauptmann im ersten Garderegiment zu Fuß, der ihm von Seiner Majestät und den hohen Eltern besonders anvertraut war. Am anderen Tage übernahm der General den Oberbefehl und machte dies durch einen Tagesbefehl bekannt. Unter ähnlich schwierigen Verhältnissen hat wohl selten ein General ein derartiges Kommando übernommen. Er sollte zwei Gewalten zugleich Gehorsam leisten; als preußischer General seinem König und Herrn, und als Oberbefehlshaber der deutschen Bundestruppen dem Deutschen Bunde in Frankfurt a.M., dem er durch Eid verpflichtet war. Was konnte dies Zwei-Herrendienen-Müssen für Verwicklungen geben! Ferner war nichts vorbereitet. Die preußischen Truppen, 14 Bataillone, 6 Schwadronen und 3 Batterien, die nach Holstein entsendet waren und in und bei Rendsburg standen, waren nicht wirklich mobil gemacht, keine Trainsoldaten und Pferde, keine Trainkolonnen, keine Feldlazarette waren da, und das X. deutsche Bundeskorps hatte sich überhaupt noch nicht konzentriert. Dabei waren die holsteinschen Truppen noch erschüttert und entmutigt durch die Niederlage bei Bau.[16] Dies aus allen Kontingenten bunt zusammengewürfelte Armeekorps, das nach den verschiedensten Grundsätzen ausgebildet und bewaffnet war, sollte nun plötzlich zu einer Einheit zusammengeschmiedet werden. Dazu aber blieb keine Zeit, denn es sollte und mußte energisch gehandelt werden. Einer der hervorragendsten Charakterzüge in Wrangels Persönlichkeit war, neben einer eisernen Energie, die Furchtlosigkeit, mit der er allen Schwierigkeiten entgegentrat. Sein festes Gottvertrauen und der unerschütterliche Wille, seine ganze Kraft an die ihm gestellte Aufgabe zu setzen, waren die Flügel, die ihn so oft über alle Hindernisse glücklich hinwegtrugen. So ging er denn auch hier frisch und zuversichtlich ans Werk. Er beorderte sofort die Offiziere auf den Paradeplatz und sagte ihnen, er fühle sich hochgeehrt, zum Oberbefehlshaber der Bundestruppen ernannt zu sein; allein die Stellung sei eine schwere. Ohne das Land und seine Verhältnisse, ohne die ihm untergeordneten Truppen zu kennen, selbst deren Führer nicht persönlich, würde man vielleicht schon am nächsten Tage ernsten Ereignissen entgegentreten. Wie es ihm in allen Fällen besonders treffend zu Gebote stand, so wußte General Wrangel auch hier in knappen Zügen die Sache klarzulegen und dann durch die Wärme seiner Empfindung, mit ein par zündenden Worten, seine Zuhörer fortzureißen, als er seine Anrede mit der Erklärung schloß: »Das aber macht alles nichts aus! Ich kenne Ihren Mut, Ihre erprobte Treue und Hingebung für den König, und ich weiß, daß Sie eingedenk des alten preußischen Waffenruhms für König und Vaterland bis zum letzten Blutstropfen kämpfen werden«, und den Prinzen Friedrich Karl den Offizieren vorstellend, fuhr er fort: »Se. Majestät der König hat einen Königlichen Prinzen hierher gesendet, als ein Zeichen, wie innig Allerhöchstderselbe sich mit seiner Armee verbunden fühlt.« ? Dann wandte er sich an den Prinzen: »Eure Königliche Hoheit werden zeigen, daß Hohenzollernblut in den Adern unseres Prinzen fließt. Die Armee erkennt es hoch an, ein so teures Pfand in ihrer Mitte zu haben, es wird sie um so mehr zu Taten anfeuern! Aber, mein Prinz, wir wollen keine Worte weiter machen, sondern handeln.« Schon am andern Tage, den 23. April, saß Wrangel von 6 Uhr früh im Sattel, und um 11 Uhr vormittags fiel aus einer preußischen Batterie der erste Schuß. Die Schlacht von Schleswig nahm ihren Anfang. Selbstverständlich liegt es mir fern, in diesen Blättern den Gang der Kriege schildern zu wollen, in denen mir Nahestehende eine Rolle spielten. Das ist ja eingehend von berufener Seite geschehen und würde[17] sich für meine Feder nicht eignen. Nur Einzelheiten will ich aus dieser Zeit hervorheben, die geeignet sind, noch tiefer und eingehender ein Bild der Persönlichkeiten wiederzugeben, deren Namen der Geschichte angehörten. An jenem Tage von Schleswig wollte das Gefecht bei Busdorf nicht recht vorwärtsgehen, und um sich genau von dem Stand der Dinge zu überzeugen, ritt der Oberbefehlshaber sofort dahin. Er geriet dabei mitten in den Tirailleurlinien in das heftigste Kreuzfeuer. Unbeirrt hielt er Umschau und nahm dann erst mit seinem Stabe Deckung hinter einem Bauernhause. Wie er in solchen Augenblicken keine Schonung für sich kannte, so auch nicht für seine Offiziere. Hauptmann von Massow sandte er im stärksten Kugelregen mit dem Befehl ab, ein Bataillon vom Kaiser-Franz-Grenadierregiment herbeizuholen, das den Hügel mit dem turmartigen Pavillon vom Feinde säubern sollte. Unterstützung von der Kolonne des Generals von Bonin mußt aber auch herbeigeholt werden, denn starke feindliche Massen rückten mit hochflatternden Danebrogs vor und drängten die linke Flanke der Truppen zurück. Mit diesem Befehl, ein Regiment zur Unterstützung zu schicken, sandte Wrangel den Prinzen Friedrich Karl fort, der, den nächsten Weg wählend, über Gräben und Knicks sprengte, unbekümmert um die Kugeln, die ihn umsausten. Mit militärischer Umsicht führte der Prinz das Königsregiment in die rechte Flanke des Feindes, und, obgleich heftig beschossen, gab dieses Regiment unter dem braven Major von Steinmetz den Ausschlag. Wie stolz war mein Großonkel auf dies Heldenstückchen seines jungen Prinzen. In seinem Vortragszimmer hing auch von diesem Gefecht ein Bild. Es ist der Augenblick wiedergegeben, wo Wrangel dem Prinzen Friedrich Karl den Befehl gegeben hat und dieser im Begriff ist davonzujagen. Mit wahrer Herzensfreude erzählte der Großonkel immer davon. Auch ein Kupferstich von Kolding hing in jenem Zimmer mit der Unterschrift »? 2. Mai 1848 ?«. Das war der Tag, an dem der General Wrangel in Jütland einrückte. Die Parole lautete dazumal: »Großgörschen«, das Feldgeschrei »Friedrich« und die Losung »Gott helf«. Voll freudiger Genugtuung sah der General auf die vier Wochen zurück, die er als Oberbefehlshaber der Bundestruppen in dem meerumschlungenen Lande durchlebt hatte. Rascher noch, als er selbst zu hoffen gewagt, waren die Schwierigkeiten überwunden. Er hatte seine Aufgabe lösen können; die Herzogtümer waren für Deutschland erobert, und durch die Besetzung Jütlands hatte man ein Unterpfand für alle künftigen[18] Verhandlungen gewonnen. Sein Herz war voll Dank gegen Gott, denn eine tiefe, ungekünstelte Frömmigkeit gehörte zu den Grundzügen seines Charakters. Da, am 23. Mai, erschien in Kolding ein Feldjäger aus Berlin mit Depeschen des Ministeriums des Äußern an den General von Wrangel, deren Inhalt in Kürze zusammengefaßt lautete: Die Stellung der preußischen Regierung würde den fremden Mächten, namentlich Rußland und England gegenüber täglich unhaltbarer, und dabei könne Preußen keine Unterstützung von den Mittel- und Kleinstaaten erwarten. Es sei daher Sr. Majestät des Königs dringender Wunsch und Wille, daß Wrangel sofort Jütland räume. Für Wrangels Eigenart, dem das »Frisch drauf« im Blute lag, gab es kaum etwas Schwereres als das Rückwärtsgehen. Seine ganze Natur bäumte sich dagegen auf! Aber mit eiserner Energie zwang er im Gehorsam und aus Liebe zu seinem Könige die eigenen Gefühle nieder und gab schweren Herzens den Befehl, Jütland zu räumen. Das Hauptquartier des Oberbefehlshabers wurde nach Hadersleben im nördlichen Schleswig verlegt, wo sich dann auch die diplomatischen Verhandlungen abspielten, die Mitte Juli wegen des Abschlusses eines Waffenstillstandes zwischen den kriegführenden Parteien begonnen hatten. In dieser Zeit, wo Wrangel seiner Natur nach die größte Selbstverleugnung üben mußte, traf ihn eine Nachricht, die ihn mehr noch als alles andere beunruhigte. Er erfuhr, daß die revolutionären Bewegungen in Berlin und selbst in Potsdam so überhandnahmen, daß Se. Majestät der König selbst in Potsdam nicht mehr sicher sei. Diese Tatsache wirkte auf Wrangel wieder wie das treibende »Vorwärts«, das ihn drängte, so bald als möglich zu seinem Königlichen Herrn zu eilen, und als der Waffenstillstand von Malmö abgeschlossen war, hielt Wrangel nichts mehr in den Herzogtümern zurück. Er beauftragte den Chef seines Stabes, General von Hahn, mit der vorläufigen Führung der Geschäfte des Oberkommandos und eilte nun unverzüglich nach Potsdam, wo er sich bei Sr. Majestät dem Könige meldete mit der ehrfurchtsvollen Bemerkung, daß er es unter den obwaltenden Umständen für seine erste Pflicht gehalten habe, mit sämtlichen preußischen Truppen aus den Herzogtümern herbeizueilen, um seine Kräfte lediglich den Interessen des Königlichen Hauses zu weihen. Tief bewegt umarmte ihn der König und versicherte, daß er ihm das nie vergessen werde. Bis zu seinem Lebensende hat der Hohe Herr auch meinem Großonkel uneingeschränkt seine Huld bewahrt.[19] Wenn auch mein Vater schon bei Schleswig am 23. April als Hauptmann in dem Generalstab des Prinzen Noer die Feuertaufe erhielt, so liegen die ernsten Kämpfe, die für ihn mit unvergeßlichen Erinnerungen verknüpft sind, erst im Jahre 1849. Gleich nach der Schlacht von Schleswig wurde er als Generalstabsoffizier dem damaligen schleswig-holsteinschen Obersten von Zastrow zugeteilt, der die Führung eines Seitendetachements erhalten hatte. Diese beiden Offiziere vereinigten sich in dem gleichen Fühlen, Denken und Streben. Sie machten die Sache der Schleswig-Holsteiner zu ihrer eigenen und gaben sich der Aufgabe, die an sie gestellt wurde, mit voller Begeisterung und der ganzen Kraft ihrer Persönlichkeit hin. Amazon.de Widgets Über Zastrow1 schreibt mein Vater in seinem Tagebuch: »Er war ein umsichtiger Truppenführer, dabei von hervorragender persönlicher Tapferkeit, kaltblütig im Gefecht und leutselig gegen den gemeinen Mann.« Von einer lustigen Episode erzählt mein Vater in seinem Tagebuch. »Wir hatten erfahren«, so schreibt er, »daß das Städtchen Ripen seine Widerstandsgedanken aufgegeben hätte, und ließen, um Gewisses zu erfahren, den Bürgermeister und einen Ratsherrn zu uns nach Spandet durch unsere Dragoner herauskomplimentieren. Die Herren bestätigten denn auch feierlichst, daß die Stadt sich nicht verteidigen und auch die Barrikaden forträumen würde. Gleichzeitig aber gaben sie den guten Rat, sich den Einwohnern gegenüber äußerst freundlich zu zeigen, da die Gemüter sehr erregt seien und sie für nichts einstehen könnten. Zastrow antwortete ihnen darauf in seiner originellen Art, es sei klug von ihnen, jeden Gedanken an Widerstand aufzugeben. Was aber die gefährliche Stimmung der Einwohner beträfe, so hege er darüber keinerlei Besorgnis. Um ihnen den Beweis davon zu geben, wolle er ihnen einen Offizier, ohne alle Begleitung, mitgeben, der in Ripen alle Anordnungen für Quartier und Verpflegung treffen würde, und dessen Begehren der Magistrat sich unweigerlich zu fügen hätte. Dieses eigentümliche Kommando übertrug Zastrow mir, und ich ließ nun sofort meine Sachen packen, setzte mich etwa um 11 Uhr abends mit meinen Dänen auf ihren offenen Wagen und trollte munter gen Ripen. Als wir aus dem Bereich der Vorposten unserer Freischärler waren, begann endlich eine Unterhaltung mit meinen Begleitern, die immer offenherziger wurden, je mehr Sorglosigkeit ich ihnen zeigte. Kurz vor der Stadt begegnete uns eine Dragonerpatrouille, die mir meldete, daß sich an der Königsau dänisches Fußvolk befände. Meine[20] Lage wurde dadurch etwas bedenklich. Zwei Meilen von unseren Truppen und kaum eine Meile von den dänischen Vorposten entfernt, fuhr ich eben in eine entschieden feindlich gesinnte Stadt ein. Nur Glück und kaltes Blut konnte mich aus dieser eigentümlichen Lage mit heiler Haut herausbringen. Das wurde mir klar, und ich setzte daher völlig unbefangen mein Gespräch mit den beiden Herren fort, bis wir auf dem Markt vor einem großen Gasthaus stillhielten. Der Bürgermeister klingelte, und als die Tür geöffnet wurde, schob er mich hinein und verkündigte, daß er am andern Morgen um 7 Uhr wieder erscheinen würde. Darauf verschwand er, und ich stand einem schlaftrunkenen, schmutzigen Mädchen gegenüber, das kein Wort Deutsch verstand. So mußte ich mich denn darauf beschränken, ihr durch Gebärdensprache meine Wünsche begreiflich zu machen. Endlich erriet sie, was ich wollte, und brachte mich in ein kleines, ärmliches Zimmer, dessen Tür nicht einmal zu verschließen war. Unter den obwaltenden Umständen hielt ich es für geraten, den Eingang durch einen Tisch mit daraufgesetzten Stühlen zu verrammeln. Nachdem ich dann meinen Säbel und ein paar geladene Pistolen an mein Bett gelegt hatte, warf ich mich völlig angekleidet auf das unsaubere Lager und schlief sogleich ein. Erst gegen 8 Uhr erwachte ich. Der Bürgermeister war schon zweimal dagewesen und erschien nun wieder mit einigen Ratsherren. Die Verhandlungen über die Einquartierungen begannen. Alle meine Vorschläge wurden angenommen, die Herren zeigten die größte Bereitwilligkeit und eine fast übertriebene Artigkeit. Rasch erledigten sich die Geschäfte, und ich plauderte noch mit den Vätern der Stadt harmlos auf dem Markte, als eine Dragonerordonnanz auf dampfendem Pferde anlangte, mir einen Brief übergab und mir dabei mit laut vernehmlicher Stimme die Meldung machte, daß Oberst von Zastrow den Befehl erhalten habe, direkt nach Foldingbro zu marschieren. Er käme daher nicht nach Ripen und wünschte, daß ich ihm so rasch wie möglich nach Foldingbro folgen sollte. Als ich den Brief gelesen hatte und wieder aufblickte, war die Ordonnanz fortgeritten, und die bis dahin so zuvorkommenden Väter der Stadt waren spurlos verschwunden. Ich stand allein auf dem Platze mit einem etwas unbehaglichen Gefühl. Nun galt es, die Stadt so schnell wie möglich zu verlassen. Das war aber nicht so leicht, denn ich hatte kein Pferd und mußte mir einen Wagen verschaffen. Im Städtchen hatte man jetzt andere Seiten aufgezogen. Im Gasthause, in der Post, überall, wo ich mit meinem Begehren herantrat, wurde mir aus nichtigen Gründen ein Wagen verweigert, trotzdem ich doppelte Bezahlung bot.[21] Ganz empört kehrte ich in mein Gasthaus zurück. Da erschien plötzlich wieder der Bürgermeister mit den Ratsherren, erkundigte sich unterwürfig nach meinen Befehlen und bat mich, mit ihnen zu dinieren. Ich erklärte kurz und bündig, daß ich nichts anderes wünschte, als einen Wagen, den man mir auf der Post verweigert hatte. Der Bürgermeister zerfloß in Entschuldigungen und flehte dringend, wenigstens noch ein Stündchen zu verweilen, um mit ihm ein Frühstück einzunehmen. Diesen plötzlichen Umschwung in der Stimmung der Herren konnte ich nicht begreifen. Die Sache schien mir nicht geheuer und ich erklärte rund heraus: ?Sie scheinen mich so lange festhalten zu wollen, bis eine herbeigerufene dänische Abteilung mich gefangen nehmen soll.? Da kamen die Väter der Stadt mit der Sprache heraus: ihr Beobachtungsposten hatte gemeldet, eine Freischar rücke gegen die Stadt. Das hatte sie in Angst und Schrecken versetzt, und ich sollte als Retter auftreten, um Plünderung und Ausschreitungen zu verhüten. Stolz ging ich nun als gefeierter Schutzheld mit den Herren zum Stadttore, wo Wobeser mit seinen 80 Freischärlern eben über die niedergelegte Barrikade kletterte. Als er mich sah, meldete er mir, daß er die Weisung habe, noch heute Foldingbro zu erreichen und daß er hier seine Leute ruhen lassen wollte. Das paßte mir vortrefflich, um nun den Herren von Ripen einen Denkzettel zu geben. So befahl ich denn, daß das Freikorps auf dem Markte aufmarschieren solle, und da die Einwohner die muntere Bande nicht in ihre Häuser nehmen wollten, so mußten sie Tische und Bänke herausschleppen und die Hungrigen dort durch ein kräftiges Mahl und einen herzhaften Trunk stärken. Da mir vor wenig Stunden der eine Wagen verweigert war, verlangte ich nun sofort Wagen für die 80 Mann, für mich selbst aber einen Vierspänner. Nach aufgehobener Tafel unter dem blauen Himmelszelt fuhr ich, stolz gefolgt von 15 Wagen, zum Tore hinaus, unendlich froh, aus diesem Nest mit heiler Haut herausgekommen zu sein. Im raschen Trabe durcheilten wir ein wellenförmiges Gelände, zuletzt an der Königsau hinfahrend. Gegen 3 Uhr langten wir in Foldingbro an, wo mich Zastrow herzlich lachend empfing und mir aufrichtig gratulierte, ?daß ich mich so glücklich aus dieser dummen Geschichte herausgezogen hätte?.« Als die Nachricht von den Waffenstillstands-Verhandlungen sich verbreitete, fragte mein Vater in Berlin beim General Baeyer, dem Chef der trigonometrischen Abteilung des Generalstabes, an, ob man wohl[22] jetzt daran dächte, die ihm seinerzeit eröffneten Aussichten einer Einberufung in den Generalstab in Erfüllung gehen zu lassen. Er legte ein Schreiben des Oberstleutnants von Zastrow bei, das ich hier folgen lasse: »Der Königliche Preußische Premierleutnant von Wrangel hat sich während der drei Monate, wo er in meiner Nähe tätig war, meine ungeteilte Hochachtung erworben. Sein rastloser Diensteifer, seine Geschäftsgewandtheit und Umsicht sind stets meinen Wünschen zuvorgekommen. Bei der oft sehr schwierigen Dislokation meines Detachements von dreitausend Mann hat Wrangel alle Eigenschaften eines guten Generalstabsoffiziers entwickelt und in den Gefechten von Hadersleben und Christiansfeld ebensoviel persönliche Tapferkeit, als umsichtsvolle Ausführung der von mir gegebenen Aufträge bekundet. Ich kann denselben daher als einen in jeder Beziehung ausgezeichneten Offizier empfehlen und werde stets in dankbarer Erinnerung die vortrefflichen Dienste bewahren, welche derselbe mir und der holsteinschen Sache leistete. Dieses bescheinige ich hiermit bei meiner Dienstpflicht. Hadersleben, 14. Juli 1848. von Zastrow, Major im Königl. Pr. 1. Garderegiment, Oberstleutnant in Holsteinschen Diensten.« Die Antwort aus Berlin lautete dahin, daß meinem Vater in wohlmeinender Weise der Rat erteilt wurde, sich vorerst in Holstein einen möglichst großen Wirkungskreis zu schaffen. Ende August kehrten Zastrow und mein Vater nach Schleswig zurück, wo der alte Graf Moltke meinem Vater in herzlicher Freundschaft die obere Etage seines Hauses einräumte. Als Überraschung für ihn lud die Nichte des alten Herrn, Agathe von Brockdorff, die mit ihm zusammen lebte, meine Mutter ein, den Winter mit mir in ihrem Hause zuzubringen. So kam ich denn zum ersten Male in das meerumschlungene Land, das für mein Leben noch so bedeutungsvoll werden sollte. Schon am 25. September, dem Geburtstage meiner Mutter, waren wir in dem gastlichen Hause des Grafen von Moltke, das mir noch genau in der Erinnerung ist mit seinen weißen Mauern, dem hohen Giebel und seinem großen Vorplatz, um den ich immer einmal auf dem braunen Skiold herumreiten durfte, wenn mein Vater von seinem Spazierritt nach Hause gekommen war. Am besten aber gefiel mir der große Garten, der bis an die Schlei herunterging. Das erinnerte mich da alles an den vielgeliebten Garten der Großeltern in Lützow, an mein Kindheitsparadies.[23] Mein Vater, als Zastrows erster Adjutant, hatte nun, da die Reorganisation der holsteinschen Armee sofort begann, Gelegenheit, dem einzelnen Mann in der Truppe wirklich näher zu treten. Er brachte seinen Untergebenen ein warmes Herz entgegen, und die innige Sympathie, die ihn zu diesem Lande hinzog, öffnete ihm rasch das Verständnis für den Charakter des Holstenvolkes. Das erwarb ihm das Zutrauen der alten Landwehrmänner und Rekruten und befestigte in meinem Vater immer mehr den Entschluß, mit allen seinen Gaben und Kräften, sowie mit seinem Leben für Schleswig-Holstein einzutreten. 1 Amazon.de Widgets 1870 Kommandierender General des VII. Armeekorps. 
 XXIII. In die Arbeit.  [258] Wer das Liebste verloren hat, und wem durch solches Hinscheiden alle Aufgaben genommen sind, die jahrelang sein Leben ausfüllten, der weiß, wie grenzenlos einsam die Tage vergehen, wie zwecklos uns das eigene Dasein erscheint, und wie überwältigend uns die Sehnsucht packen kann nach dem, was wir verloren haben. Das alles habe ich durchgemacht und bis in jede Faser hinein empfunden. Mitten in das tiefe Weh aber leuchtete dennoch Gottes Gnadensonne, und ich blieb mir vertrauensvoll bewußt, daß es seine Hand war, die mich durch das dunkle Tal geleitete. Mein Herz war voll Dank für die treue Sorge, mit der meine Tochter und mein Schwiegersohn mich umgaben, für die Liebe, die mein Enkel mir entgegenbrachte. Unantastbar blieb mir ja auch die Erinnerung an das reiche, tiefe Glück, das mein gewesen. So kam es, daß mir in jener Zeit oft gesagt wurde, es sei ein Strahlen unter Tränen, das mir eigen geblieben wäre aus der Sonnenzeit.[258] Das Träumen vom vergangenen Glück darf wohl, wenn die Sonne untergegangen ist, wie ein leuchtender Widerschein unser Leben verklären, aber das allein darf es nicht ausfüllen, sonst kann es geschehen, daß ein elementares Sehnsuchsgefühl so mächtig anschwillt, daß es uns entnervt und uns unfähig macht, den neuen Pflichten zu genügen, die wir aus den uns umgebenden Verhältnissen, aus der Hieroglyphenschrift unseres Gottes lesen sollen. Für einen geliebten Menschen konnte ich nun nicht mehr das ein und alles sein, nun wollte ich versuchen, für viele wenigstens etwas zu sein. Mit offenen Augen wollte ich Umschau halten, um einzutreten, wo sich ein Platz für mich fand, und zuzugreifen, wenn Arbeit sich mir bot. Gebet und Arbeit sind die Heilkräuter der Seele, und das herrliche Wort »Ich diene« kann man erst in seiner ganzen Segensfülle erfassen, wenn man sich freudig mit allen seinen Gaben und Kräften in das stolze und doch so demutsvolle Dienen vertieft. Ohne Zwang, in freudiger Liebe die Arbeit aufnehmen, das gibt nicht nur Befriedigung, es führt auch zu einem gewissen siegesfrohen Vertrauen, das vor Schwierigkeiten nicht zurückschreckt. Warum ich darüber so eingehend schreibe und nachher auch von den einzelnen Arbeiten sprechen will, das möchte ich in kurzem Wort ausdrücken. Für solche erzähle ich es, die schweres Leid erfahren haben, um ihnen zu zeigen, wie die Wunden am sichersten heilen, und wie noch immer im Glücklichmachen das Glücklichsein liegt. Und wenn ich dann in knapper Form von den Arbeiten spreche, die sich mir boten, und die gar verschiedenartig waren, je nach den wechselnden Verhältnissen, in die das Leben mich führte, so geschieht es, um dadurch einen kleinen Streifen des großen Arbeitsfeldes zu beleuchten, das sich für uns Frauen bietet. Der Aufgaben sind viele und Arbeitskräfte dringend nötig. Je nach Begabung, Neigung und je nach Kräften können wir uns das Feld erwählen und werden das Glück zu schätzen lernen, das in einer gesegneten Tätigkeit liegt. Wenige Wochen nach dem Tode meines Mannes ging ich in die Arbeit. Junge Mädchen versammelte ich um mich, wir trieben Kunstgeschichte miteinander, und nebenbei war es besondere Freude, in diesen jungen Seelen noch neben der Kunst das Streben nach allem Großen und Edlen zu stärken. Dann hatte ich meine Blinden im Asyl, denen ich vorlas, hatte meine Besuche im Gefängnis und ging in der Armenpflege still meine eigenen Wege. Das Vereinsleben trat an mich heran, es war mir etwas Fremdes und ich wehrte mich dagegen. Das In-Freiheit-sichBewegen,[259] Helfen und Zugreifen, wo es nötig schien, und das selbständige Wirken zog mich mehr an. Mir graute etwas vor dem Eingeengtsein durch Satzungen, vor dem gewissen Zwang, in den man sich fügen mußte, darum lehnte ich im ersten Jahre alle Vereinstätigkeit ab. Aber da war nun eine Lücke gekommen in dem Vorstand der kirchlichen Armenpflege und sie fanden niemand, der die Arbeit übernehmen wollte. Ein Herr, der mit meinem Manne von der Synode her gut bekannt war, kam zu mir und stellte mir vor, wie er überzeugt sei, es würde meines Mannes Wunsch gewesen sein, daß ich hilfsbereit hier einträte und den verwaisten Vorsitz übernähme. Da gab ich nach ? zwar etwas zaghaft, etwas unsicher fühlte ich mich die ersten Male, und es war mir noch nicht ganz klar, wie ich mich mit den verschiedenen Satzungen abfinden würde. Die Vorstandsmitglieder waren alle sehr lieb und freundlich, und ich fand mich schneller zurecht, als ich geahnt hatte. Bitter kalt drohte der Winter von 1902 auf 1903 zu werden. Eine Volksküche in Langfuhr zu gründen, erschien dringend geboten, und das war eine Freude in unserm Verein, solche Arbeiten ins Leben zu rufen. In der dazu nötigen Kochkunst fühlte ich mich aber durchaus nicht sehr beschlagen, und wenn auch eine andere Dame das Überwachen der Küche in die Hand nahm, so wollte doch auch ich genau darin Bescheid wissen. So mußte ich also lernen. Amazon.de Widgets Der Kommandeur des 1. Leibhusarenregiments ließ mich durch seinen Unteroffizier Heinz Lüth in die Geheimnisse der Soldatenküche einführen. Ganz schwer sind diese Dinge ja nicht zu begreifen, und die Kochschülerin des Leibhusarenregiments hatte bald bei ihrem Lehrmeister ausgelernt. Stolz über die neuerworbenen Kenntnisse, widmete ich mich nun mit Feuereifer unserer rasch aufblühenden Volksküche. Eimerweise wurde aus den Volksschulen von uns das Essen für die ärmsten Kinder geholt, und in langen Reihen umlagerten zur Mittagszeit die Leute unsere Küche. Noch ein freundliches Wort mit denen auszutauschen, die sich's in unserm primitiven Eßzimmer schmecken ließen, war mir immer ein besonderes Vergnügen. Zu Kaisers Geburtstag gab es Klöße und Backobst und dabei Freitisch. Da war das Gedränge so groß, daß Schutzleute Ordnung halten mußten, sonst wären wir erdrückt worden. Eine zweite Sache war seit Jahren in Danzig angeregt, aber noch nicht ausgeführt, ein Soldatenheim. Der Divisionspfarrer und seine Frau baten mich im Frühjahr, ob ich ihnen nicht helfen könne, ein solches zu gründen. Wir grübelten darüber, wie wir es wohl am besten zustande bekämen. Ich dachte an Sproitz, wie ich mir da meine Hausmädchen[260] und die jungen Burschen, wenn sie vom Militär kamen, zusammengenommen, ein kleines Theaterstück für sie gedichtet und es mit ihnen eingeübt hatte. In der Schenke war es dann aufgeführt worden, die Nachbarschaft hatte zugesehen, und aus der Einnahme war irgend etwas Gutes für das Dorf gestiftet worden. Konnte man das in größerem Stil nicht auch hier versuchen? Der Vorschlag fand Anklang, die Regimentskommandeure unterstützten die Sache, und General von Mackensen interessierte sich warm dafür. Den kleinen Zweiakter ? »Deutsche Treue« ? hatte ich mir für die Aufführung gedacht, und lebende Bilder mit verbindendem Text aus der Geschichte der Leibhusaren. Mein Lehrmeister in der Kochkunst, Unteroffizier Heinz Lüth, hatte verschiedenes für mich gezeichnet, er war öfter zu mir gekommen, und ich hatte ihn wiederholt gesprochen. Ihn bat ich, seine Kameraden für die Aufführungen zu erwärmen. Wohl wußte ich, daß die Sache dienstlich an die Unteroffiziere herantreten würde, aber ich mag zu solcher Arbeit niemand haben, der nur dem »Muß« folgt. Aus eigener freier Wahl und freudiger Zustimmung soll es geschehen. Der Divisionspfarrer führte mich in den Speisesaal der Kaserne. »Hier sind die für die Aufführung kommandierten Unteroffiziere«, sagte er und wies auf die Anwesenden. Aber ich schüttelte den Kopf. »Ich will keine Kommandierten! Ich sage: Freiwillige vor!« Da kamen sie alle, und ganz begeistert wurden sie, als ich ihnen erzählte von den kriegerischen Heldenstückchen, den Taten voll Treue und Opfermut, die sie nun in dem Stück und in den Bildern wiedergeben sollten. Im Eifer des Zuhörens hatten sie mich so dicht umdrängt, daß ich wie ein Gefangener eingeschlossen war, als plötzlich General von Mackensen eintrat und meine angehenden Schauspieler mit einem Ruck Front machten und stramm standen. Über diese lebendige Mauer konnte ich nicht hinüberblicken, denn meine Größe reicht nicht an das geforderte Soldatenmaß. Lachend befreite mich der General, und nun mußten seine sämtlichen anwesenden Husaren sich im Profil zeigen, denn »die beste Friedrichs des Großen-Nase« sollte festgestellt werden. Mit wahrer Freude denken wir, die wir uns damit beschäftigten, noch heute an jene Tage des Einstudierens zurück. Von einem warmen Impuls geleitet, erfaßten die Spielenden die patriotischen Szenen wie etwas Selbstgefühltes, ich möchte sagen, Selbsterlebtes. Daß sie einen nachhaltigen Eindruck hinterließen, davon gaben mir noch spätere Jahre den Beweis. Dreimal fanden die Aufführungen in Langfuhr und Danzig statt. Sie brachten die erwünschten Mittel.[261] Von da und dort wurde noch dazu getan und dann das Lokal gemietet, in dem noch heute in Danzig das Soldatenheim sich gesegnet weiterentwickelt hat. Um vor einer falschen Annahme zu bewahren, möchte ich hier und auch für weiteres noch einschalten, daß diese Dilettantendichtungen ganz schlicht, ohne literarischen Wert sind, nur dazu bestimmt, junge, warmschlagende Herzen für große Taten der Vergangenheit zu begeistern. Im Maimonat waren die Aufführungen, und zu gleicher Zeit kam mein Schwiegersohn als Divisionsgeneral nach Schwerin. Das Zusammenleben mit Tochter und Schwiegersohn und dem heranwachsenden Enkel war mir so teuer geworden, daß alles, was mich in Langfuhr hielt, zurücktrat und ich ohne weiteres Besinnen gern ihrer Aufforderung folgte, mit ihnen in die neue Garnison zu ziehen. Aber bitter schwer wurde mir der Abschied von der mich beglückenden Arbeit und den lieben Menschen dort. Wunderschön ist Schwerin mit seinen Wäldern und Seen, aber ich hatte wochenlang brennendes Heimweh nach Langfuhr. Aus dem alten Wirkungskreis herausgerissen, in neue, fremde Verhältnisse versetzt, galt es wieder von vorne anzufangen und anderes aufzubauen. In meinem stillen Langfuhrer Heim erinnerte mich alles an meinen vielgeliebten Mann, nun mußte auch diese kleine und doch so liebe Äußerlichkeit hingegeben werden. Aber ob hier oder da, ich fühle mich doch mit meinen teueren Vorangegangenen in unzerstörbarer Gemeinschaft, und glücklich macht es mich, wenn ich denke, sie hätten Freude an meiner Arbeit. Es war schwieriger, als ich gedacht hatte, hier in einen neuen Wirkungskreis hineinzukommen. Wohl fand ich bald Einlaß im Siechenhaus, Krankenverein und Kinderheim, aber wo ich so besonders gern hineinwollte, da schlossen sich für mich vorläufig die Türen. In Langfuhr war einer der Unteroffiziere, der zuerst mitspielen sollte, krank geworden und ins Lazarett gekommen. Er bat, daß ich ihn dort besuchen möchte, und als ich dann von den Leuten Abschied nahm, wiederholte er mir immer wieder, ich möchte in Schwerin die Kranken im Lazarett besuchen. Wie gern wollte ich das tun, und hoffte sicher Einlaß zu finden, denn der Divisionspfarrer aus Langfuhr hatte selbst nach Schwerin geschrieben und gebeten, mir den Besuch zu erlauben. Aber es hieß, das sei noch nie gewesen, könne nicht gestattet werden, es sei denn, daß ich durch den Kommandierenden General hereinkäme. Das wollte ich aber nicht, kein Druck von oben sollte mich hineinführen, nur wenn sich mir die Türen freiwillig und freudig öffneten, wollte ich hineingehen, sonst lieber zurückbleiben.[262] Wenige Wochen, nachdem mir der Schweriner Divisionspfarrer diesen Bescheid aus dem Lazarett übermittelt hatte, erfuhr ich zufällig, daß ein junger Soldat, der sich das Leben hatte nehmen wollen, dort ein geliefert wäre und man die Ursache seines Selbstmordversuches nicht ergründen könnte, trotz der verschiedenen Verhöre, die mit ihm vorgenommen wurden. »Wenn sein Mutti an seinem Bette säße, würde sie es schon herausbekommen«, mußte ich immer denken, und das ließ mich die Nacht nicht schlafen. »Ein klein Stückchen Mutti« den Kranken zu werden, das war es ja, was ich ersehnte, was der Antrieb zu meinem Wunsche gewesen war. Ob es sich nicht doch machen ließ, wenn ich persönlich dem Chefarzt auseinandersetzte, wie ich mir die Besuche im Lazarett gedacht hatte? Am anderen Tage ging ich zu ihm, sagte, daß er sich gewiß eine falsche Vorstellung von meinen Wünschen gemacht habe. Ich wollte mich in keiner Weise in die Pflege mischen, nirgends dreinreden und niemand brauche sich um mich zu kümmern. Nichts anderes wollte ich, als den Kranken einen freundlichen Besuch machen, ihnen etwas erzählen, sie aufheitern und ? meinen Hauptzweck konnte ich doch nicht verschweigen ? versuchen, ihnen ein Stück Mutti zu sein. Der Herr Chef hatte mir ganz aufmerksam zugehört und meinte: »Nun hört sich der Vorschlag freilich ganz anders an.« »Wollen Sie es nicht mit mir versuchen?« Ich hatte ordentlich Herzklopfen bei der Frage und fügte noch schnell hinzu: »Sie können mir ja jeden Tag wieder den Abschied geben.« Ja, er wollte es mit mir versuchen, schon tags darauf sollte ich kommen und von ihm eingeführt werden. Strahlend war ich, hütete mich aber wohl zu verraten, was den letzten Anstoß zu meinem Kommen gegeben hatte. Als ich nun am andern Morgen durch meinen gütigen Führer mit den Ärzten und Schwestern im Lazarett bekannt gemacht wurde und dann mit ihm den Rundgang durch die Stuben antrat, kamen wir auch zu dem armen Menschen, der versucht hatte, sich die Kehle durchzuschneiden. Der Selbstmordversuch wurde nicht erwähnt, es hieß nur, er habe sich etwas geschnitten. Doch ich wußte ja Bescheid und sprach gerade länger mit ihm. Wie wir wieder im Flur waren, gab mir der Chefarzt die Hand: »Gnädige Frau, gestern hatte ich nichts gegen Ihr Herkommen, heute freue ich mich darüber, denn ich glaube, es kann hier zum Segen werden.«[263] Ich war strahlend und glaube, über das beste Zeugnis aus meiner Schulzeit habe ich mich nicht so gefreut, wie über dieses Wort. Er sagte mir dann, daß der arme Kerl bei jedem Verhör in fieberhafte Aufregung gerate und nichts aus ihm herauszubekommen sei. Einer Frau gegenüber würde er vielleicht eher zum Sprechen zu bewegen sein; die Schwestern wären vollauf durch die Pflege der Kranken in Anspruch genommen, so möchte ich es denn versuchen, was ich bei ihm erreichen könne. Als ich nun am anderen Tage an seinem Bette saß, von seiner Heimat sprach, nach Muttern fragte und mir aus der Zeit erzählen ließ, ehe er zu den Soldaten kam, hatte er jede Scheu verloren, und ich wußte, nun konnte ich langsam weitergehen. Nicht drei Tage hat es gedauert, da lag das Verschleierte klar da, und die Verhöre wurden eingestellt. Für den Armen bedeutete das ein Aufatmen, und im Lazarett waren sie froh über die Klärung. Täglich, zu welcher Stunde es auch sei, durfte ich nun als ein willkommener Gast das Lazarett besuchen. Und welchen reichen Schatz an Freude hat mir das gebracht! Bei allem, was ich vorgenommen, möchte ich immer wieder betonen, es war gar nicht etwas Schwieriges, etwas Besonderes, es machte sich alles so selbstverständlich, so ohne jede Mühe, daß es gar keine Anerkennung verdient. Das Empfangen war so unendlich viel größer als das Geben. Amazon.de Widgets »Die gnädige Frau müssen doch sehr glücklich sein«, sagte mir einmal einer der Soldaten, und als ich fragte: »Warum denn?«, meinte er: »Ja, so zu wissen, ich brauche hier nur den Kopf in die Stube hereinzustecken, dann freuen sich alle, so was muß doch glücklich machen.« Das schlichte Wort freute mich innig, denn es zeigte mir, daß ich wirklich, wie ich so gern gewollt, Sonnenstrahlen in ihre Stuben und Herzen bringen konnte. Meine Rolle als ein Stücklein »Mutti« im Lazarett dehnte sich dann weiter aus, ich wurde Lehrerin. Von den Soldaten auf der Außenstation wollten mehrere diese gewisse Zeit der Muße zum Weiterarbeiten benutzen. Die ließ ich kleine Aufsätze machen und gab sie ihnen verbessert zurück. Wurden diese Leute durch ihr Gebrechen für den Militärdienst untauglich und mußten sich für etwas anderes vorbereiten, dann kamen etliche der Lernbegierigen zu mir ins Haus, um Nachhülfestunden zu bekommen. Zweimal in der Woche richtete ich mir im Lazarett auf der Außenstation ein paar Extrastunden ein. Da kamen auf eine bestimmte Stube alle die Soldaten, die umhergehen konnten und keine schweren Verletzungen[264] hatten. Aus der vaterländischen Geschichte erzählte ich ihnen, aus den Befreiungskriegen und Heldenstücken und Taten der Treue aus dem letzten Kriege. Ganz schlicht nur war der Vortrag, aber meine Zuhörer waren mit ganzer Seele dabei und ließen sich so prachtvoll für alles Große erwärmen. Habe oftmals denken müssen, wenn ich sah, wie sie in den wunderlichsten Stellungen auf den Bettkanten oder Lehnen saßen und hockten, im möglichst engen Kreise, das wäre ein Bild für Defregger, diese jungen Burschen mit dem Ausdruck gespannten Zuhörens mit der eigentümlichen Stimmung der Lazarettstube. Sonntags las ich den Kranken, die nicht zur Andacht kommen konnten, ein kurzes Gotteswort vor. Wie reich an Erfahrungen sind für mich jene Jahre geworden, wo ich in Schwerin täglich im Lazarett war! Ich habe gelernt, in den jungen Herzen unseres Volkes zu lesen, habe dort oft die ergreifendsten Geschichten erlebt und mich daran gefreut, welch prachtvoller Geist in unseren deutschen Söhnen lebt. Um dauernd eine Verbindung zu ermöglichen mit denen, die mir durch diese oder jene Sache im Lazarett näher getreten waren, hielt ich mir den Sonntagnachmittag dafür frei. Von 3?5 konnten die Soldaten kommen, von 5?7 die Unteroffiziere, die noch den Wunsch hatten, zu mir in gewisser Beziehung zu bleiben. Der Abend gehörte der Weiblichkeit. Da war ich in dem Verein »Freundinnen junger Mädchen«, oder richtiger gesagt, von dem Verein eingeladen, um den Abend in ihrem Kreise zu verleben. Ein Gotteswort mit Erklärung bildete den Anfang, geistliche und Volkslieder wechselten ab, dazwischen eine Teepause, und dann mußte ich eine volkstümliche Geschichte erzählen. Was für prächtige Mädels waren unter der Schar, und wie habe ich sie lieb gewonnen! Noch heute tausche ich Briefe mit einzelnen von ihnen aus. Ein kleines scherzhaftes Erlebnis aus jener ersten Zeit in Schwerin möchte ich erzählen. Es gibt in drastischer Form ein Bild von der gewissen Schwierigkeit, mit etwas Neuem durchzukommen, einer Schwierigkeit, die jedoch, sobald man frisch und freudig herangeht, wie von selbst schwindet. Zuerst, wenn ich dies oder das gern wollte oder die Arbeit auf meine eigene Art anfaßte, hieß es immer: »Es ist ja ganz schön, aber so eigenartig, so außergewöhnlich.« Das klang noch etwas bedenklich, gar nicht fröhlich zustimmend. Aber ich blieb frank und frei bei meiner Behauptung: »Was Besonderes ist es gar nicht, sondern das Allernatürlichste, wie man am leichtesten zum Ziel kommt, ich bin überzeugt, bald denken Sie ebenso.«[265] Wie überraschend schnell ebnete sich dann alles, wie gut verstanden sie mein Wollen in dem geliebten Schwerin, wenn ich die Arbeit vielleicht auch etwas anders als sie es kannten anfaßte, und wie halfen sie mir alle, hoch und niedrig! Wenn man wirklich etwas schaffen will, kann es nicht nach Schablone gehen, sondern muß je nach Anlage und Auffassung geschehen. Alle Liebe und Freude, die man an der Sache hat, ein Stück seiner eigensten Persönlichkeit muß man hineinlegen, dann geht es mit Gottes Hülfe vorwärts, und man kann auch andere dafür erwärmen. Nun aber zu meiner lustigen Geschichte! In einer Sitzung im Krankenverein handelte es sich um eine alte Frau, die im Armenhaus war und nach der man sich umtun sollte. Keiner wollte hingehen, es hieß, der Armenvater ließe doch niemand von uns herein, und man setze sich bei einem Versuch nur Unannehmlichkeiten, ja sogar Grobheiten aus. Das konnte ich mir nicht denken und erklärte, daß ich diesen »Kampf mit dem Drachen« auf mich nehmen wollte. Tags darauf erschien ich im Armenhause. Im Zimmer hörte ich zwei männliche Stimmen im Gespräch. Auf mein Klopfen erfolgte ein kurzes »Herein!«, und als ich eintrat, sah ich einen älteren und einen jüngeren Herrn, die mich etwas erstaunt musterten. Amazon.de Widgets Der Ältere mußte der »gefürchtete Drache« sein. An den wandte ich mich, trug ihm höflich mein Anliegen vor und nannte ihm meinen Namen. Kaum aber hatte ich den über meine Lippen gebracht, so sah ich, wie der Zorn in ihm aufstieg. Mit gerötetem Gesicht, erhobener Stimme und einer nicht mißzuverstehenden Handbewegung erklärte er mir: »Hier kommt mir keine Adlige über die Schwelle!« Und noch einmal schmetterte er mir im verstärkten Tonfall sein »Rausschmeißesignal« entgegen. Ins Bockshorn konnte mich das nun freilich nicht jagen, es war ein lustiges Scharmützel, und ich fragte daher auch ganz harmlos: »Wirklich? Ja, was wollen Sie denn eigentlich tun? Über Ihre Schwelle bin ich nun doch schon gekommen, und mich nun richtig an die Luft zu setzen, daran können Sie doch wirklich nicht denken.« Der jüngere Herr wandte sich zum Fenster, ich sah, wie er das Lachen verkniff. Den hatte ich nun wohl halb gewonnen, denn wenn man das Lachen auf seiner Seite hat, ist man schon ein Stück vorwärts gekommen. Und der Hausvater? Der schien etwas betreten, rieb sich den Kopf und gestand: »Nee, das werde ich wohl nicht tun.« Bis jetzt hatte ich noch immer drei Schritte Entfernung zwischen uns eingehalten, nun aber, da mein Dortbleiben mir ziemlich gesichert[266] erschien, kam ich näher und erkundigte mich, warum wir »Adligen« es denn so arg mit ihm verdorben hätten. Da bekam ich eine lange Geschichte von einem adligen Fräulein zu hören, die ihm bei ihren Besuchen im Armenhause viele Querelen und seine Pflegebefohlenen aufsässig gemacht hätte. Ganz in Wut hatte er sich dabei hineingeredet, und da darf man den Stürmenden ja nicht unterbrechen, sondern muß warten, bis er sich den Ärger von der Seele heruntergewälzt hat. Erst wenn er sich richtig ausgeknurrt hat, kann man vernünftig mit ihm reden. So schwieg ich denn auch ganz geduldig, bis er wirklich über diesen Fall nichts mehr zu sagen hatte, dann aber stellte ich ihm die Frage: »Und nun nehmen Sie an, daß ich genau so bin wie jenes adlige Fräulein?« Ein erstaunter und zugleich prüfender Blick traf mich. Dann schüttelte der Alte den Kopf. »Ja, so sehen Sie mir eigentlich gar nicht aus.« Nun war ich schon ein gut Stück weiter, denn der Hausvater schien Vertrauen zu gewinnen. So erzählte ich ihm denn, daß ich im Siechenhause auch erst Schwierigkeiten gehabt, wenn ich mir die Männer oder die Frauen alle zusammengeholt hätte, um ihnen gemeinsam etwas vorzutragen, daß dies aber jetzt sehr gut ginge. In das Lazarett, so berichtete ich ihm weiter, hätten sie mich zuerst überhaupt nicht hineinlassen wollen, nun aber wäre ich alle Tage da. So hätte ich gemeint, wenn er auch zuerst unwirsch über meinen Besuch sein würde, nachher ließe er mich doch ein. Sehr aufmerksam hatte er zugehört und verschiedentlich dazu genickt, jetzt meinte er: »Ich werde Sie mal was sagen. Wenn es Ihnen denn partu Vergnügen macht, zu den Ollerchens zu gehen, dann man immer zu, schaden kann es nichts, aber nützen auch nichts, denn die Olschen fahren bald ab. Das Lazarett ist was andres. Da liegt denn so ein junger Soldat, und dann kommt solch eine weiche Frauenstimme und Frauenhand, die wickelt ihn ja rein um den kleinen Finger. Ins Lazarett können Sie gar nicht genug gehen. Man immer rinn mit Ihnen, immer rinn!« Dabei kam wieder eine bezeichnende Handbewegung, diesmal jedoch bedeutete sie kein »raus«, sondern ein »rein«. Denn scheinbar mühte sich die Hand, in einen vollgepfropften Koffer noch etwas ganz tief hineinzuzwängen. Meine stumme Hülfe, der jüngere Herr, konnte das Lachen nicht mehr zurückhalten, und ich stimmte lustig mit ein. Das störte den Hausvater nicht, er fuhr ruhig fort: »Aber hier, da habe ich nur so den Abschaum, dafür sind Sie mir eigentlich zu schade.«[267] »Wenn ich selbst nun aber denke, daß ich für so etwas gar nicht zu schade bin«, warf ich ein. Er blieb bei seinem Kopfschütteln, gab aber nach: »Ich werde mir meine Gesellschaft darauf ansehen, und die nicht gar zu toll schwarz sind, können Sie ja besuchen.« »Eins müssen Sie mir noch versprechen«, drängte ich ihn, »Sie dürfen die Menschen hier drinnen nicht mit Ihren schwarzen Augen angucken, sondern mit meinen hellen, die finden nämlich immer noch was Gutes in den Menschen, wenn auch viele nur das Schwarze sehen.« ? Er versprach's. So bin ich in das Armenhaus gekommen, und so sind der Hausvater ? der gefürchtete Drache ? und ich die besten Freunde geworden. 
 XXVI. Aus der liebgewordenen Arbeit entwickelt sich Neues.  [293] Aus meinem reichen Briefschatz habe ich die Schreiben ausgewählt, die entweder von Gefechten und Patrouillenritten handeln oder die Stimmung der Truppe wiedergeben. Auch Stellen, die den warmen Dank der Leute bringen, habe ich niedergeschrieben, um zu beweisen, wie verkehrt es ist, wenn man so oft behaupten hört, es gäbe jetzt kaum noch so richtige Dankbarkeit. Was ich für die Schutztruppe getan habe, ist im Grunde genommen nicht viel, ein bischen Dichten und fleißig Briefe schreiben, das ist alles; nicht das geringste Opfer war für mich damit verknüpft, alles Tun war nur unbeschreibliche Freude. Immer bin ich mir bewußt geblieben, daß meine Arbeit gar nicht solche Anerkennung, solchen Dank verdiente, aber freudig, wie ein unverdientes Geschenk, habe ich das alles hingenommen, und damals, wie heute, beglückte mich das feste Band, das der Krieg in Südwestafrika zwischen der Schutztruppe und mir geknüpft hatte. Es ist ein prächtiger Geist, der in unserem Volke lebt, die Herzen sind leicht zu erwärmen für alles Große und Gute. Das verwischt sich auch nicht so schnell, es klingt nach, und dafür habe ich Beweise. Einer der Leibhusaren aus Langfuhr, der bei den Aufführungen mitgewirkt hatte und der dann nach Südwestafrika ging, schrieb mir von dort: »Ich muß immer daran denken, was Sie uns sagten, als Sie bei uns die Bilder stellten und uns von den Heldentaten unseres Regiments erzählten; was damals in mir wachgerufen wurde, das kann ich nun in die Tat übersetzen.« Dieser Unteroffizier ist nicht der einzige, bei dem die Worte auf empfänglichen Boden fielen. Mit mehreren von denen, die in Langfuhr und Schwerin in mein Heim kamen, stehe ich noch dauernd in Verbindung und freue mich an ihrem Streben, für die ehemaligen Kameraden zu wirken und den Geist der Vaterlandsliebe und Königstreue da fördern zu helfen, wo die Verhältnisse sie hingestellt haben. Als ich 1910 auf ein paar Tage nach Danzig kommen sollte ? sieben Jahre, nachdem ich Langfuhr verlassen hatte ? und Unteroffiziere der Leibhusaren aus jener Zeit das zufällig erfuhren, bekam ich die Bitte, einen Abend in den Saal ihrer Kaserne zu kommen, um ihnen von Südwestafrika und dem Orlog zu erzählen und ihnen meine Afrika-Lichtbilder sowie meine Andenken von drüben zu zeigen. Der Empfang und der Abend dort bewies mir, daß, wenn man bei Menschen einmal den rechten[294] Ton angeschlagen hat, der nicht so leicht verhallt, sondern ungeschwächt fortklingt und sich Weiteres daran reihen läßt. Ende September 1906 sollte ein Truppentransport von 600 Mann und einigen 30 Offizieren aus Südwestafrika zurückkehren. Ich hatte versprochen, bei der Heimkehr eines größeren Transportes dabei zu sein, so schrieb ich denn an das Kommando der Schutztruppe und fragte an, ob es den Herren recht sei, wenn ich diesmal die Heimkehrenden empfinge und jedem ? Offizier wie Reiter ? einen Lorbeerzweig ansteckte. Die Nadel, mit der ich ihn befestigen wollte, sollte ein versilberter Tropenhut sein. Ich erhielt bereitwillige Zustimmung und die Nachricht, daß Offiziere vom Kommando, die zum Empfang nach Cuxhaven führen, dort für mich sorgen würden. Am 26. September stand ich mit den Herren vom Kommando auf der »Alten Liebe« in Cuxhaven, die Ankunft des Schiffes erwartend. Es war ein Herbsttag, wie man ihn nicht schöner denken konnte, blauer Himmel und strahlender Sonnenschein. Zwei Musikkorps waren aufgestellt, und dicht gedrängt harrte eine ungeduldige Menschenmenge auf den Dampfer. Freudige Erregung belebte das bunte Bild, alle Ferngläser waren in Bewegung, laut wurden Rufe, Fragen und Vermutungen ausgetauscht. Da ? am Horizont scheint etwas aufzutauchen, ein jeder hat es erspäht, und lebhafter wird das Hin- und Hersprechen. Jetzt erkennt man den weiß und grünen Schornstein! »Das ist die Woermannlinie, das können sie sein! Sind das hellbraune Planken am Schiffsrand? Nein, das sind Kordröcke, die sich zusammendrängen!« so schwirrt es durcheinander. Und nun ein Jauchzen, ein vielstimmiger Jubel, in den sich schmetternd die Musik mit ein paar lustigen Fanfaren mischt. Das Schiff läßt den Heimatwimpel flattern, weiß glänzend zieht er wie eine Silberschlange hinter dem Dampfer her. Nun ist auch kein Zweifel mehr, das sind die Kordröcke, die Schlapphüte, die geschwenkt werden, es sind unsere deutschen Söhne, die die Heimat grüßen! Amazon.de Widgets Gesichter sind auch mit dem schärfsten Glase nicht zu erkennen, aber das tut nichts, man weiß doch, die sehnlich Erwarteten sind da! Ja, da sind sie! Aber noch läßt die »Alte Liebe« sie nicht hinein, die Flut muß erst abgewartet werden. Der Dampfer geht vor Anker so nah, wie er herankommen kann. Das ist freilich ziemlich weit und ein Erkennen nicht möglich, aber Zwiesprach wollen wir doch miteinander halten, die Heimgekehrten und die harrende Menge. Am Ufer spielt die Regimentsmusik ihre Weisen, und auf dem Schiff haben sie zusammengerafft,[295] was sie an Instrumenten auftreiben konnten, und erwidern den musikalischen Gruß der Heimat. Zwei Stunden wogten so die Töne herüber und hinüber, zwei Stunden hieß es warten ? warten. Jetzt aber brach wieder ein Jubel aus, der Dampfer bewegte sich und steuerte auf die »Alte Liebe« zu. Goldig schimmerte das Meer, von der untergehenden Sonne beleuchtet, die das Schiff mit einem rosigen Schein übergoß. Jetzt fuhr es ein, und so brausend war das nicht endenwollende Hurrarufen und das Jauchzen, daß man nicht einen Ton von der Musik vernahm, die den Truppentransport begrüßte. Wie ein Riesenkoloß lag der Dampfer vor uns, dicht aneinander gedrängt stand die Mannschaft darauf. Kurzes Kommandowort da oben und es wurde still, das Brausen verstummte, auch die Musik schwieg. Der Kommandeur der Schutztruppe, Oberstleutnant Quade, begrüßte in warmen Worten die Heimkehrenden, und dann stieg Rittmeister von Ermekeil, der Führer des Transports, die schmale Schiffsleiter hinab, dankte für den Willkommen und lud die Offiziere und mich ein, den Abend auf dem Dampfer zuzubringen. Wie ich nun auf dem Schiff war und durch die schmale Gasse der spalierbildenden Reiter schritt, rechts und links die Grüße erwidernd, kam es mir erst zum Bewußtsein, daß ich von allen diesen Heimgekehrten persönlich niemand anders kannte als Sergeant Heinz Lüth, der mir jetzt, den Schlapphut in der Hand, freudig entgegentrat und mich begrüßte. So bekam er denn als erster den Lorbeerzweig mit der Erinnerungsnadel angesteckt. Daß ich niemand von denen, die mir jetzt in dem Offizierssalon so warmherzig entgegenkamen, schon vorher je gesehen hatte, vergaß ich sofort, denn mit den verschiedensten von ihnen hatte ich Briefe ausgetauscht und sie kannten mich ja auch aus den Liedern. War das ein köstlicher Abend! Solche Stimmung, wie sie da herrschte, läßt sich nicht beschreiben, die muß nachempfunden werden. Während ich nach dem Essen Lorbeer und Nadel den Offizieren ansteckte, schrieben die Herren ihre Namen und, je nachdem, auch ein paar Worte in mein Notizbuch. Ich brach früher auf, um die Herren nicht zu stören, und Rittmeister von Ermekeil brachte mich in mein Hotel. Am anderen Morgen war ich, wie verabredet, gleich nach 9 Uhr auf der »Alten Liebe«. Ich wollte Lorbeer und Nadeln den Mannschaften anstecken, und es war bestimmt, daß Sergeant Lüth mir dabei helfen sollte. Das war mir sehr lieb, denn da ich doch mit jedem gern ein paar Worte wechseln wollte, so wurde mir das dadurch sehr erleichtert, daß mein[296] »Tagesadjutant« mich durch ein kurzes Wort orientierte über Kompagnie oder Batterie, Gefecht, Patrouillenritt oder dergleichen. Das war Freude, wie sie einen alle umdrängten, dies erzählten, das fragten, von den Briefen sprachen, die sie von mir bekommen, von den Paketen, vorzüglich aber von den Liedern. Ich mußte unzählige Bücher der Kriegsklänge sehen, die sie mir vorzeigten. Wehmütig war es, als ich zu den Verwundeten und Kranken kam, die, auf Decken gebettet, an der Erde lagen. Bei denen blieb ich am längsten, steckte ihnen den Lorbeer an und freute mich an dem Strahlen in ihrem Blick, während wir uns unterhielten. Über vier Stunden dauerte es, bis ich fertig war, und der Rest des Tages gehörte auch den Heimgekehrten. Unvergeßlich bleiben in meiner Erinnerung diese Tage der Abfahrt und Ankunft der Truppentransporte. Ich danke Gott, daß ich auch noch dieses Große und Schöne miterleben durfte. In diesem Winter waren meine Nachmittagsstunden immer besetzt. Es gab in meinem Zimmer eine sogenannte »Afrikaecke«, die vereinte alle die vielen Andenken aus Südwestafrika, die ich von Offizieren, Unteroffizieren und Reitern bekommen hatte. In dieser Ecke standen zwei Sessel und mein kleiner Teetisch. Da kamen die Heimgekehrten zu mir und erzählten von drüben, Offiziere wie Reiter ? afrikanische Kameradschaft. Wie oft hatten die Reiter, wenn sie mir von drüben Blumen, Hereroschmuck oder sonst etwas schickten, geschrieben: »Bitte das in die Afrikaecke zu hängen, und wenn wir heimkommen, dann möchten wir auch in der Afrikaecke sitzen, darauf freuen wir uns schon jetzt.« Der Sehnsuchtswunsch erfüllte sich nun. Harmonisch und ungetrübt verlief unterdessen das häusliche Leben. Hans Hugo, der fleißige Gymnasiast, machte noch vor dem vollendeten 18. Jahre sein Abiturium, wurde vom mündlichen Examen dispensiert und trat sofort in das 2. Garderegiment ein, dessen Kommandeur mein Schwiegersohn seinerzeit gewesen war. Das gute Examen war eine Freude, aber es gab doch eine empfindliche Lücke, das frische junge Blut nicht mehr in Schwerin zu haben. Viel Freude hatte ich dort immer an den Sonntagabenden im Verein der Freundinnen junger Mädchen, die es so gern hatten, wenn ich ihnen Volkserzählungen vortrug. Auch da waren so manche mir näher getreten, und ich habe sie herzlich lieb gewonnen. Doch noch andere Aufgaben entwickelten sich und Arbeit, die sich nach dem Muster dieser Abende entfaltete.[297] In Berlin im Theater hatte ich »Das Nachtasyl« gesehen, das ging mir immerzu durch den Kopf, und ich lehnte mich gegen den Gedanken auf, der durch das Stück geht, daß, was man auch täte an armen Gefallenen, um sie emporzuheben, doch alles vergebens sei. Zugleich aber faßte ich den Entschluß, in Schwerin, wo kein Gefängnis war, auf andere Weise an solche armen Menschen heranzugehen, wenn sich mir irgendeine Gelegenheit dazu bieten würde. Die fand sich bald, und wenn ich auch zuerst mit einer gewissen Scheu und Unsicherheit anfing, so merkte ich doch bald, daß es auch hier einen Weg zum Herzen gibt, und wenn man den nur erst gefunden hat, kann man auch mit Gottes Hülfe etwas erreichen. Freilich mühevoll ist die Arbeit und man darf sich nicht entmutigen lassen, wenn man da oft Enttäuschungen erlebt und lange werben muß, um allmählich Schritt für Schritt etwas weiter zu kommen. Um so größer ist aber auch die Freude, wenn es gelingt. Im Verein mit mehreren Damen richteten wir für solche Mädchen in kleinerem Maßstab Abende ein, wie sie im Jungfrauenverein gefeiert wurden. Eine von uns leitete den Abend, zu dem die Mädchen gern kamen. Ernst und ergriffen waren sie oft von den Erzählungen, und dann wieder bei den Spielen vergnügt wie die Kinder. Das waren wie mein Schwiegersohn scherzend meinte, »meine schwarzen Schäfchen«. Wenn ich so von den verschiedenen Arbeiten erzähle, die die Verhältnisse mir in die Hand gaben, bin ich immer bange, daß mein Tun nach viel mehr aussehen könnte, als es in Wirklichkeit ist. Ich muß daher immer wiederholen, daß ich in meinem Wirkungskreise nie eine Aufgabe als eine Last empfunden habe, sondern immer frisch und mühelos durchkam und stets noch Zeit fand für schriftstellerische Arbeit. Daß ich sehr viel mehr Stunden des Tages für solches Schaffen übrig hatte als die meisten anderen Frauen, war natürlich, ich führte keine Wirtschaft, denn ich hatte mich bei meiner Tochter in Pension gegeben und machte seit dem Tode meines Mannes keine Gesellschaften, außer im Hause von Kirchbachs, mit. Noch eine zweite Aufgabe entwickelte sich aus einer lieben Arbeit und gründete sich auf mein Interesse an Südwestafrika, dem sonnendurchglühten Dornenlande, und mein Vertrautsein mit den dortigen Verhältnissen. Im Mai 1907 schrieb Frau Oberleutnant Weitzenberg an mich im Namen der Damen vom Kommando der Schutztruppe und bat mich, es in die Hand zu nehmen, einen kolonialen Frauenbund zu gründen, dessen Aufgabe sein solle, geeignete weibliche Hülfskräfte hier für die junge Kolonie auszusuchen, hinüberzuschicken und dort in Stellung zu bringen,[298] um in dieser Weise dem dringenden Bedürfnis nachzukommen, daß auch deutsche Frauen und Mädchen in der jungen Kolonie heimisch würden. Das schwer erworbene Land stand in der Gefahr, vollständig zu verburen und zu verkaffern, wenn das Mutterland nicht helfend eintrat, denn ein emporwachsendes Geschlecht von Mischlingen drohte von vornherein das Deutschtum im Keime zu ersticken. Amazon.de Widgets Mit deutschem Gut und Blut war das Land erworben, und um das Deutschtum zu fördern, sollten wir unsere Arbeit beginnen, damit sich drüben auf christlicher Grundlage ein gesegnetes Volksleben entwickeln könne. Dazu aber ? darüber waren sich alle einig, die die Verhältnisse kannten, ? tat es dringend nötig, daß drüben auch deutsche weibliche Pioniere an der Seite des Mannes tätig waren. Sie sollten als Trägerinnen deutscher Bildung, deutscher Zucht und Sitte hinübergehen, damit sich dort unter ihrem Einfluß ein gesegnetes Familienleben aufbauen könne. Die Deutsche Kolonialgesellschaft sandte schon seit etlichen Jahren Frauen und Bräute der dort weilenden Deutschen hinüber. Jetzt sollte ? so war es gedacht ? der neu zu gründende Frauenbund die Arbeit auf diesem Gebiet ausdehnen, sich der Deutschen Kolonialgesellschaft zur Seite stellen und mit ihr für das Neudeutschland überm Meer arbeiten, in dem der Bund sich dort den Aufgaben widmete, die besonders der Frauenhand zur Ausführung bedurften. Kleinkinderschulen und irgendein Heim drüben, in dem wir deutschen Mädchen ein Asyl bieten könnten, das war ? freilich nur aus nebelhafter Ferne winkend ? ein Zukunftsgedanke, der sich später an die Arbeit anschließen sollte, die mit dem Aussuchen und Hinaussenden der geeigneten Mädchen anfangen mußte. Ich überlegte ? mir schien, daß ich nicht die passende Persönlichkeit sei, um einen Bund zu gründen, der so große Ziele ins Auge faßte und der sich notwendig über das ganze Reich entwickeln müsse, wenn er imstande sein sollte, etwas Tüchtiges zu leisten. Seine Hoheit der Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg, der mit seinem ganzen Herzen und seiner ganzen Kraft für die koloniale Sache wirkt, hatte mich stets in gnädiger Weise unterstützt in Angelegenheit der Schutztruppe. Dem Herzoge und seiner Hohen Gemahlin hatte ich auch eine Einladung nach Schloß Wiligrad verdankt, als Hauptmann Franke, von Südwest kommend, dort war. In völligem Verständnis dafür, wie gerade mich das Zusammensein mit Hauptmann Franke interessieren würde, führte Hoheit mir den »Helden von Südwest« nach dem Diner zu, »für ein intimes Zwiegespräch«, wie der Herzog scherzte. Nach einer halben Stunde setzte sich Hoheit dann auch zu uns. Aus dem Munde des Führers der »Frankereiter« von diesem berühmten Ritt zu Anfang des[299] Aufstandes zu hören, wird mir eine liebe und interessante Erinnerung bleiben. Unvergeßlich dabei aber auch die knappe, jedes Lob zurückweisende Art des »weißen Satan«, wie ihn, den Schimmelreiter, die Hereros, die ihn für unverwundbar hielten, betitelt hatten. Aus dem zurückhaltenden Wesen, das Franke kennzeichnet, kam er aber sofort heraus, sobald das Gespräch sich um die Leistungen seiner Reiter drehte, und wenn es sich um den Entsatz von Windhuk, Okahandja und Omaruru auf jenem Ritte handelte. Gegründet auf die vielen Beweise gütiger Unterstützung meiner kolonialen Interessen, legte ich dem Herzog, als dem Präsidenten der Deutschen Kolonialgesellschaft, das Schreiben aus Berlin vor, mit der Bitte, sich gnädigst über eine eventuelle Gründung dieses Frauenbundes zu äußern und im Falle des Einverständnisses eine Leiterin vorzuschlagen, die besser als ich es verstehen würde, eine so große Sache zu organisieren. Sr. Hoheit dem Herzoge wie der Frau Herzogin waren die Vorschläge ganz genehm, doch wünschten beide, daß ich Gründung und Leitung des Bundes übernähme. So ging ich denn an die Arbeit und war glücklich, nach den ersten Wochen 100 Mitglieder zu haben. Meine Tochter reiste im Juni auf ein paar Monat nach »Dornröschen« in Blankenburg, einer kleinen Besitzung, die Kirchbachs in Thüringen haben, und ich nach Berlin, um mich dort für einige Zeit ganz der neuen Aufgabe widmen zu können. Unserm Vorstande traten Damen vom Kommando der Schutztruppe bei und Hauptmann Volkmann, der Kämpfer aus Südwest, als Schatzmeister. Mittel hatten wir noch so gut wie gar keine, aber die mit aufrichtigem Dank von uns empfangene Zusicherung von Seiner Hoheit dem Herzog, daß die von uns entsandten Mädchen freie Überfahrt III. Klasse erhalten sollten. Aus einem bestimmten Fonds, der dem Herzog zu dem Zweck zur Verfügung gestellt wurde, schickt die Deutsche Kolonialgesellschaft Frauen und Bräute der in Südwest weilenden Deutschen dorthin, und aus denselben Mitteln sollte nun auch die Überfahrt der weiblichen Hülfskräfte erfolgen, nachdem die Papiere der Mädchen der Kolonialgesellschaft eingesandt waren. Amazon.de Widgets Schon Ende Juni machte unser neu gegründeter Bund zusammen mit der Deutschen Kolonialgesellschaft eine Dampferfahrt, und als in Wannsee beim Abendessen Exzellenz Dernburg in warmen Worten ein Hoch auf den Frauenbund ausbrachte, und Exzellenz von Schuckmann, dessen Abreise als Gouverneur von Südwest bevorstand, mir versicherte, daß er unsere Arbeit drüben in jeder Weise unterstützen würde, da hatte ich das Gefühl, daß wir festen Boden gewonnen hatten.[300] Jeden Vormittag fuhr ich nach Südende zu Frau Weitzenberg, meiner Schriftführerin, und arbeitete den ganzen Vormittag mit ihr. Es war tüchtig zu tun, und ich empfand es als eine große Freude, daß der Geheimrat Hofmann, in dessen Familie ich wohnte, uns in seinem Hause drei Zimmer für unser Bureau kostenlos zur Verfügung stellte. Das war nicht nur für mich eine große Erleichterung, sondern vor allem für unsern jungen Bund außerordentlich wichtig und dankenswert. Ihre Hoheit die Herzogin Johann Albrecht zu Mecklenburg nahm gütigst das Protektorat an, und im Juni 1908, etwa ein Jahr nach der Gründung, wurde in Bremen auf der Hauptversammlung der Deutschen Kolonialgesellschaft unser Bund der Deutschen Kolonialgesellschaft angeschlossen, unter dem Namen »Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft«. Am bezeichnendsten für unsere Stellung zu der Deutschen Kolonialgesellschaft, wie sie ins Auge gefaßt war, drückten die Worte des Herzogs es beim Festmahl aus, als Hoheit nach seinem Toast mit mir anstieß »auf das Wohl der jungen Ehe«. Für den Abend wurde die »junge Ehe« ein geflügeltes Wort, das noch oft heiter und hoffnungsfreudig beim Gläserklang und in zwangloser Unterhaltung wiederholt wurde. Noch vor jener Bremer Tagung, im September 1907 kam die Trennung von Schwerin. Mein Schwiegersohn war Kommandierender General in Posen geworden, und ich wollte im November nachgehen, so lange hatte ich noch in Berlin für den Frauenbund zu tun, zu dessen Bestem ein großes Fest mit Aufführungen stattfand. Ich hatte in Schwerin so unendlich viel Freundlichkeiten von hoch und niedrig genossen, war bei meinen Arbeiten nach jeder Richtung hin unterstützt worden, so daß mir das Scheiden sehr schwer wurde. Das Interesse, das die Großherzoglichen Herrschaften unseren Braven in Südwest entgegenbrachten und das die Königlichen Hoheiten auch in reichem Maße bei unseren alljährlichen kolonialen Aufführungen, sowie bei unseren Weihnachtssendungen nach Südwest betätigten, erleichterte mir dort in jeder Beziehung die Arbeit für die Schutztruppe. Und auf meinem anderen Gebiet ? die weißen und die schwarzen Schäfchen ? war es die Frau Großherzogin Marie, die lebhaft daran Anteil nahm und der ich oft davon berichten mußte. Viel Schönes, Liebes und Großes hatte ich während der viereinviertel Jahre in dem schönen Schwerin erlebt, mein Herz ist voll Dank dafür und riß sich nur sehr schwer davon los, besonders wehmütig war mir der Abschied vom Lazarett. 
 III. General Wrangler in Berlin im Jahre 1848.  [24] Nachdem mein Großonkel aus Schleswig zurückgekehrt war und die Truppen um Berlin konzentriert hatte, ernannte ihn Se. Majestät der König zum Oberbefehlshaber der Truppen in den Marken. In dieser Eigenschaft hatte er auch die Berechtigung, die in Berlin stehenden Truppen zu besichtigen und zu seiner Disposition zu stellen. Bis dahin war das Leben für die Truppen in Berlin seit den Märztagen kaum noch zu ertragen gewesen. Sie waren aller möglichen Unbill ausgesetzt und hatten sich in der Stadt kaum noch sehen lassen dürfen, denn die Bürgerwehr dominierte und hielt alle Wachen besetzt. Der Großonkel wollte diesem Treiben möglichst bald ein Ende machen und befahl dem damaligen Kommandanten von Berlin, die Garnison am 20. September, vormittags 10 Uhr zu einer Parade aufzustellen, und zwar die Kavallerie mit dem rechten Flügel am Brandenburger Tor längs der Chaussee nach Charlottenburg und die Infanterie innerhalb der Stadt, Unter den Linden. Am Abend vor der Parade, es war 11 Uhr nachts und der Großonkel hatte sich schon zur Ruhe begeben, sandte der damalige Ministerpräsident seinen Adjutanten zu ihm mit der dringenden Mahnung, von dem Gedanken, eine Parade in Berlin abzuhalten, zurückzustehen, denn es könne sich das größte Unglück daraus entwickeln, und sein eigenes Leben sei dabei in äußerster Gefahr. In vollster Ruhe und Bestimmtheit erklärte der Großonkel, trotz aller dieser Bedenken würde er die Parade nicht abbestellen. Und wenn das ganze Staatsministerium ihm den bestimmten Befehl zukommen ließe, keine Parade in Berlin abzuhalten, so würde er doch seinen eigenen Befehl nicht aufheben, Se. Majestät aber alleruntertänigst bitten, nach[24] Stettin zurückkehren und das Kommando des II. Armeekorps wieder übernehmen zu dürfen. Am andern Morgen sandte der Ministerpräsident seinen Adjutanten noch einmal mit demselben, nur noch dringender gefaßten Auftrag nach Charlottenburg, doch wurde auch dieser in gleicher Weise abgewiesen. Um 10 Uhr bestieg der Großonkel sein Pferd und ritt mit seinem Stabe nach Berlin. Dort hatte sich das Gerücht verbreitet, Wrangel rücke mit sämtlichen Truppen in Berlin ein, und überall im Tiergarten wurden Patrouillen der Bürgerwehr bemerkbar. In der Gegend des großen Sterns kam der sogenannte Bürgerwehrgeneral Rimpler mit zahlreichem Gefolge und einem Trupp berittener Bürgerwehr dem Großonkel entgegen. Er wollte sich wahrscheinlich überzeugen, ob jenes Gerücht wahr sei. Da er es aber unbegründet fand, begrüßte er den Großonkel feierlich, und dieser forderte ihn auf, sich seinem Gefolge anzuschließen und die Parade mitanzusehen. Die Ulanen, an deren Front er zuerst entlang ritt, brachen in stürmische Hurrarufe aus, und die anwesenden Zuschauer stimmten mit ein. Alle Fenster »Unter den Linden« bis zu den Dächern hinauf, ja selbst die Lindenbäume waren mit Zuschauern besetzt, die beständig mit Tüchern wehten und den geliebten, aber jetzt auch ebenso gefürchteten Oberbefehlshaber der Truppen jubelnd mit Kränzen bewarfen, als er langsam an ihnen vorbeiritt. An der Wilhelmstraße bemerkte der Großonkel einen General vom Kriegsministerium in Berlin. Mit seinem ruhigen, sicheren Lächeln rief er ihm im Vorbeireiten zu: »Nun, bis hierher hat mich noch keine Kugel erreicht.« Am Palais des hochseligen Königs ließ er die Truppen vorbeidefilieren, ohne daß die geringste Störung von seiten des Publikums vorkam. Im Gegenteil, die Leute zeigten das größte Interesse und Vergnügen daran, wieder einmal in Berlin eine Truppenparade zu sehen. Amazon.de Widgets Nach dem Vorbeimarsch nahm der Großonkel die Offiziere aller Grade zusammen und redete sie, die Bürgerwehrabgeordneten und die Bürger, die sich zum Zuhören herandrängten, an. In unseren Familienaufzeichnungen sind die Worte jener Rede wiedergegeben, und ich will sie auch hier wiederholen, weil sie so klar und ungeschminkt seine Empfindungen und sein Wollen in der damaligen Zeit wiedergeben. »Meine Herren«, sagte er, »es ist heute ein sehr glücklicher Tag meines Lebens. Ich bin schon vor den Toren so freundlich von der berittenen Bürgerwehr begrüßt worden, und in der Stadt war es wie ein Triumphzug. Ich weiß, das konnte ich nicht auf mich beziehen, sondern auf die Truppen, die ich die Ehre gehabt habe, in Schleswig zum Siege zu führen. Ich werde diese Truppen euch, wenn auch nicht sogleich, doch[25] sehr bald hierher führen. Meine Herren! Der König hat mir den größten Beweis der Gnade und des Vertrauens gegeben, indem er mir das Kommando über die in den Marken stehenden Truppen übergab. Ich soll die Ordnung, wo sie gestört, das Gesetz, wo es übertreten wird, wieder herstellen. Die Truppen sind gut, die Schwerter haarscharf geschliffen, die Kugel im Lauf. Aber nicht gegen euch, Berliner, sondern zu eurem Schutz, zum Schutz der Freiheit, die der König gegeben, und zur Aufrechthaltung des Gesetzes.« Allgemeiner jubelnder Zuruf unterbrach ihn, und als der Sturm sich etwas gelegt hatte, fragte er heiter: »Gefällt euch das, Berliner? Das freut mich. Für euch, und mit euch, werden wir auftreten und handeln. Keine Reaktion, aber Schutz der Ordnung, Schutz dem Gesetze, Schutz der Freiheit.« Wieder unterbrach ihn endloses Hurra, und erst nach einer Weile konnte er fortfahren. »Wie traurig sehe ich Berlin wieder! In den Straßen wächst Gras, die Häuser sind verödet, die Läden voll Waren, aber ohne Käufer. Der fleißige Bürger ohne Verdienst, der Handwerker verarmt! Das muß anders werden, und es wird anders werden, ich bringe euch das Gute mit der Ordnung. Die Anarchie muß aufhören, und sie wird es. Ich verspreche es euch, und ein Wrangel hat noch nie sein Wort gebrochen.« Wieder stürmischer, nicht enden wollender Jubel. Es dauerte eine Weile, bis der Großonkel, zu den Offizieren gewandt, weiter sprechen konnte. »Meine Herren! Es macht mich sehr glücklich, die Truppen in diesem guten Zustande zu sehen, Sie werden sie darin erhalten. Verträglichkeit mit den Bürgern muß stattfinden, sie sind mit euch verwandt, sie haben denselben Zweck, Preußens Größe und Ruhm aufrecht zu erhalten und Deutschlands Einigkeit mit zu begründen.« Sich zu den Bürgern wendend, setzte er mit starker Betonung hinzu: »Und Sie werden nicht vergessen, daß in der Armee Ihre Brüder, Ihre Söhne und Ihre Freunde stehen. Meine Herren! Es tut mir leid, daß ich an dem heutigen Tage die Truppen nicht Sr. Majestät dem Könige vorführen konnte. Er erkennt die Beschwerden, die der Dienst Ihnen macht, und dankt für die bewiesene Treue und Ausdauer. Es lebe Se. Majestät der König!« Alle stimmten in den Ruf ein, der sich mit elementarer Gewalt Bahn brach. Aber Volksgunst ist oft wandelbar, wie ein Apriltag; wem sie heute zujubeln, den können sie vielleicht morgen schon steinigen wollen. Das haben viele große Männer der Geschichte erfahren, und auch der Großonkel.[26] Als er wenige Wochen darauf, am 10. November, auf Sr. Majestät des Königs Befehl mit den Truppen zu allen Toren in Berlin einrückte, zeigte die Hauptstadt ein ganz anderes Gesicht als an jenem Septembertage. Der Empfang der Einwohner war ein kalter, als der Großonkel an der Spitze der Gardebrigade zum Halleschen Tor einritt. Nur die Grafen Redern und Benkendorf, sowie ein paar Offiziere der Lehreskadron, in Zivil, nahmen die Hüte ab und schwenkten dieselben, wurden jedoch von den Bummlern heftig bedroht. Das Gerücht hatte sich verbreitet, die Nationalversammlung würde nicht weichen, vielmehr die Freiheit des Volkes bis zum äußersten wahren, und die Bürgerwehr hatte erklärt, die Nationalversammlung bis zum letzten Blutstropfen schirmen zu wollen. So fand denn auch der Großonkel bei seiner Ankunft auf dem Gendarmenmarkt die Bürgerwehr unter Waffen, sie hatte um das Schauspielhaus, längs der Charlotten-, Jäger- und Markgrafenstraße Spalier gezogen. Die Truppen setzten auf Befehl ihres Oberbefehlshabers auf dem Gendarmenmarkt ihre Gewehre zusammen, ebenso auch in der Mohrenstraße, und die Artilleristen, deren Geschütze aufgeprotzt zu Einem standen, saßen ab. Damit wurde die Absicht, etwa feindlich einschreiten zu wollen, offenkundig widerlegt. Auch war den Truppen streng befohlen, nicht zu schießen, es sei denn, daß sie dazu Befehl erhielten. Diese Weisung wurde namentlich der Brigade Möllendorf noch vor dem Einrücken in Erinnerung gebracht, denn hier war die Erbitterung der Soldaten groß, weil Bummler am 18. März ihren Kommandeur gefangen und gemißhandelt hatten. Der Großonkel ließ sich von einem Armeegendarmen aus dem nächsten Hause einen Stuhl holen, stieg vom Pferde und setzte sich unsern vom Schauspielhause hin. Eine Masse Volk hatte sich angesammelt und umdrängte ihn, auch verschiedene freche Redensarten wurden gegen ihn laut. Er achtete nicht darauf, sondern richtete seine Aufmerksamkeit mehr auf das allgemeine Verhalten. Nachdem die Truppen alle auf dem Markt angelangt waren, erschien eine Deputation, an der Spitze der Bürgerwehrkommandeur Rimpler, der das Wort führte, und erklärte, die Nationalversammlung, die im Schauspielhause tage, habe sich für permanent erklärt, sie würde nur der rohen Gewalt weichen, und die Bürgerwehr sei entschlossen, die Vertreter des Volkes mit ihrem Blut zu schützen. Der Großonkel, der sich von seinem Stuhle erhoben hatte, zog seine Uhr, hielt sie der Deputation vor und antwortete sehr ruhig: »Wie Sie sehen, ist die Gewalt da, binnen einer[27] Viertelstunde hat die Nationalversammlung das Schauspielhaus verlassen und die Bürgerwehr diesen Platz geräumt. Widrigenfalls wird diesem Gebot mit aller Macht Folge verschafft.« Die Deputation entfernte sich, und bereits nach zehn Minuten sah man die Herren paarweise die Freitreppe des Schauspielhauses hinabschreiten und nach der Taubenstraße abziehen. Ebenso geräuschlos verschwand die Bürgerwehr. Die Truppen rückten in ihre vorher schon bestimmten Quartiere, und der Großonkel ritt nach dem Königlichen Schlosse, wo für ihn und seinen Stab Quartier bestellt war. Auch hier noch überreichte der Fabrikbesitzer B., der als Kommandant des Schlosses fungierte und dasselbe mit seinen Arbeitern besetzt hatte, einen schriftlichen Protest gegen den Einzug des Generals Wrangel und der königlichen Truppen, mit der Erklärung, nur der Gewalt würde er weichen. Die Antwort des Großonkels war, die Gewalt sei da, er möge ruhig abziehen. Dabei ritt er durch das Portal, und die Wache der Bürgerwehr präsentierte vor ihm das Gewehr. Tags darauf wurden die Truppen in größeren Gebäuden kompagnie-, auch bataillonsweise zusammengelegt, und ein Bataillon des Kaiser-Alexander-Grenadierregiments wurde im Schauspielhause einquartiert. Für den Großonkel galt das Wort: Amazon.de Widgets »Man kann im Herzen Milde tragen Und doch mit Schwertern drunterschlagen.« Er hat es in seinem Leben oft genug bewiesen, daß er das eine hatte und das andere konnte. Habe ich jetzt von seiner Unerschrockenheit und seiner eisernen Strenge erzählt, die, ohne einen Tropfen Blut zu vergießen, in dem aufrührerischen Berlin Ruhe und Ordnung zu erzwingen wußte, so möchte ich jetzt ein paar Züge wiedergeben, die von seiner treuen Fürsorge für seine Soldaten und das Volk beredtes Zeugnis geben. Er suchte sich stets persönlich zu überzeugen, wie seine Truppen untergebracht waren, und um in dem erregten Berlin alles Aufsehen zu vermeiden, wählte er dazu meist die Nachtzeit; er konnte dann gleich feststellen, ob in der Stadt Ruhe herrschte. Begleitet von seinem Adjutanten, ließ er eine Kompagnie der im Schlosse liegenden Truppen zur Begleitung beordern und machte nun die Runde. Eines Nachts im Schauspielhause angelangt, in dem früher die Nationalversammlung getagt hatte und wo noch Tribüne und Sitze vorhanden waren, ging es außerordentlich lebhaft im Saale zu. Der Großonkel trat unbemerkt in eine der Logen des erleuchteten Saals. Auf allen Plätzen der Deputierten saßen Grenadiere, und auf der Tribüne stand auch ein Grenadier, ein Berliner, der mit großem Humor eine Rede hielt und zuletzt noch anführte, wie die vielgepriesenen[28] Volksvertreter doch den Soldaten keine bessere Verpflegung schaffen könnten. »Die euch aber bewilligt wird«, rief der Großonkel mit laut hallender Stimme dazwischen. Alle Köpfe fuhren herum. »Wer sagt das?« fragte der Grenadier auf der Tribüne aufs äußerste erstaunt. »Euer Obergeneral«, lautete die Antwort. Wie vom Blitz getroffen sprangen die Grenadiere von ihren Sitzen empor, voll Erstaunen, ihren verehrten General so plötzlich und zur Nachtzeit in ihrer Mitte zu wissen. Endlose Hurras folgten ihm, als er den Saal verließ. Die Truppen erhielten sofort einen von Sr. Majestät gnädigst bewilligten Verpflegungszuschuß und in weiterer Folge auch von den wohlhabenden Einwohnern Berlins Zigarren und Viktualien reichlich zugesandt. Am 12. November war der Belagerungszustand in Berlin proklamiert und das Ministerium Brandenburg-Manteuffel ernannt. An Karikaturen und Schmähschriften in bezug auf den Großonkel fehlte es natürlich nicht, aber er erhielt auch noch mehr Dankadressen und Lobgedichte, denn auch seine größten Widersacher konnten ihm die Anerkennung nicht versagen, daß er solche Zustände, solche Anarchie, wie er sie in Berlin vorgefunden hatte, ohne Blutvergießen zur Ordnung zurückgeführt hatte. Kurz vor dem Weihnachtsfeste erschien eine Deputation der Budeninhaber, die sonst ihre Buden auf dem Jahrmarkt aufschlugen, und machte ihm Vorstellungen wegen des Schadens, den sie erlitten, weil der Polizeipräsident ihnen die Genehmigung in diesem Jahre nicht erteilen wolle, da der Belagerungszustand eine Anhäufung von Menschen nicht gestatte. Dem Großonkel taten die Budenbesitzer leid, mehr aber noch die Kinder, die dadurch um einen Teil ihres Weihnachtsvergnügens kamen. So setzte er sich denn mit dem Polizeipräsidenten ins Einvernehmen. Es wurden umfassende Vorsichtsmaßregeln getroffen, und der Christmarkt auf dem Schloßplatz fand statt. Als nun am Weihnachtsabend die Lichter an den Buden brannten, erschien der Großonkel mit seinem Leibjäger auf dem Christmarkt, ließ eine Menge Pfefferkuchen und Kleidungsstücke für arme Kinder einkaufen und fuhr damit nach einem der Armenhäuser. Von dem erfreuten Hausvater begleitet, teilte er diese Liebesgaben selbst an die armen Familien aus. Von der Zeit an wiederholte der Großonkel alljährlich diese Spenden. Amazon.de Widgets Die Herzen flogen ihm entgegen, aber auch die Fäuste ballten sich gegen ihn. So entsinne ich mich einer kleinen Geschichte, die ich oft in der Familie gehört habe, und die in den Märztagen 1849 spielte. Der Großonkel machte einen Besuch bei einer Dame, und sein Wagen mit[29] dem Kutscher und Jäger hielt vor der Tür. Vorübergehende Bummler erkannten das Gefährt, stießen Drohungen aus und ballten die Fäuste. Wenige Augenblicke später war eine schreiende, johlende Menschenmenge angesammelt, die sich bis an die Haustür drängte! »An die Laterne mit ihm«, brüllten sie und wiederholten diesen Ruf vielstimmig, als er ohne Begleitung aus der Haustür trat. Der Weg zu seinem Wagen war durch den Pöbelhaufen gleichsam verrammelt, davon überzeugte ihn ein einziger Blick, aber es brachte ihn nicht aus der Fassung. ? »Hängen wollt ihr mich?« sagte er, »gut, aber erst sollt ihr noch einen Gruß von mir mitnehmen für eure Frauen! Platz da, mein Sohn!« Damit schob er die Zunächststehenden zurück. Verdutzt machten sie ihm Platz, sie begriffen nicht, was er wollte; da er aber nicht auf seinen Wagen zuschritt, öffneten sie ihm bereitwillig eine Gasse, wenn er sie mit der Hand seitwärts schob. Dicht neben dem angedrohten Laternenpfahl, auf den der Großonkel jetzt zusteuerte, stand ein altes Hökerweib mit einem Korb voll Veilchen. Er warf ihr ein Goldstück zu, nahm den Korb und griff einen Strauß heraus. »Erzählt euren Frauen, das schickt euch der, den wir eben am Laternenpfahl aufgehangen haben«, sagte er, und drückte die Veilchen einem der neben ihm stehenden Männer in die Hand. Völlig verblüfft nahm der den Strauß und ließ, ohne den geringsten Einwand zu machen, den Großonkel an sich vorbeischreiten mit der Richtung auf seinen Wagen. Rechts und links Veilchen verteilend mit einem Gruß an die Frauen, erreichte er ungehindert seinen Wagen, und als er hineinsprang und die Pferde anzogen, jauchzten dieselben Menschen, die eben »An die Laterne mit ihm!« gebrüllt hatten, »Hurra! Hurra Wrangel!« Der Belagerungszustand in Berlin dauerte bis zum 26. Juli 1849. So lange wohnte der Großonkel im Schloß. Er hielt dort eine gastfreie Tafel und zog sämtliche Offiziere und Bekannten dazu, die zum Stabe gehörten, aber auch noch andere Offiziere aller Grade lud er ein, sowie Staatsbeamte, Gelehrte, Künstler, Zeitungsredakteure und Fremde. Auf seinen Wunsch behielten die Militärpersonen während des Essens den Degen an der Seite. »Meine Herren«, pflegte er zu sagen, »wir sind im Kriegszustande, daher stets das Schwert an der Seite.« Er selbst erschien immer bei der Tafel mit dem Degen. Als der Belagerungszustand aufgehoben wurde, bezog der Großonkel das Haus am Pariser Platz, das liebe Haus, wo ich nicht nur als Mädchen, sondern auch als junge Frau so viel ein und aus ging, und wo jedes einzelne Zimmer mir treu im Gedächtnis stehen geblieben ist. 
 XVIII. Dunkle Wolken.  [190] Ungemischte Freude pflegt keinem Sterblichen zuteil zu werden. Wenn es meinem Vater vergönnt war, während seines Lebens in reichem Maße den Kelch des Ruhms und Glücks zu leeren, so mußte er auch die Wolken kennen lernen, die nirgend ausbleiben und auch über sonnige Höhen aufsteigen. So war für meinen Vater die Ernennung zum Gouverneur in Posen im Juni 1872 ein harter Schlag, und schweren Herzens begab er sich zur Meldung seines neuen Postens zum Kaiser. Der Hohe Herr drückte meinem Vater die Hand und sagte in seiner herzgewinnenden Weise: »Ich freue mich aufrichtig, einen so wichtigen Punkt wie Posen in Ihre bewährten Hände legen zu können.« Dieses warme Wort aus dem Munde seines vielgeliebten Kaisers war für meinen Vater diesmal eine wahre Erquickung und Stärkung.[190] Das Scheiden vom lieben Holstenlande wurde meinen Eltern sehr schwer, und allgemein betrauerte man ihr Weggehen. Aufrichtige Anhänglichkeit wurde ihnen bis zuletzt gezeigt, und gegenseitig fühlten sich die Bleibenden und Scheidenden fest miteinander verbunden. Die Stadt Flensburg machte meinen Vater zum Ehrenbürger, und eine Deputation des Magistrats überbrachte ihm das Diplom dazu. Auf verschiedenen Abendessen und bei dem großen Festzuge der Einwohnerschaft vor seinem Hause am letzten Abend sprachen die getreuen Holsten in warmen Worten ihre stete Treue und Anhänglichkeit aus. In Posen empfing der Kommandierende General, Exzellenz Graf Kirchbach, meinen Vater außerordentlich herzlich. Die beiden Herren hatten schon früher in Berlin in freundschaftlichen Beziehungen gestanden, die jetzt mit Freude erneuert wurden. Das Generalkommando und das Gouvernement lagen nur wenige Schritte voneinander entfernt, und fast täglich konnte man die beiden Herren auf dem Wilhelmplatz, an dem das Generalkommando wie das Gouvernement lag, spazierengehen sehen. Am 2. September 1873 erhielt mein Vater den Charakter als General der Infanterie und gleichzeitig den Roten Adlerorden erster Klasse. Dieser Sommer hatte uns eine wehmütige, ernste Zeit gebracht. Wir hatten mit einem toten Kindchen eine frohe Hoffnung hingeben müssen, und wenn ich auch nicht, wie bei der Geburt meiner Tochter, wochenlang todkrank gewesen war, so blieb ich doch ein paar Monate an den Rollstuhl gefesselt und konnte auch im Herbst noch nicht ohne Stock gehen. Mein geliebter Mann suchte mir in rührender Weise mein Gebundensein zu erleichtern, und als Ersatz für das Reiten, das ich jetzt eine Zeit aufgeben mußte, schaffte er einen kleinen Wagen an, spannte eins seiner Reitpferde ein, und so fuhren wir täglich zusammen durch die schöne Umgegend Potsdams. Eine Erinnerung, die mir deshalb so besonders lieb ist, weil sie mich wiederholt mit einem der bedeutendsten Männer jener Zeit zusammenführte, waren unsere Besuche im Generalstabsgebäude bei dem Feldmarschall Grafen Moltke, dem »großen Schweiger«. Amazon.de Widgets Da meine Schwiegermutter in ihrer Jugend eng befreundet gewesen war mit der Mutter der Gräfin Moltke, so gestaltete sich unser Verkehr dort im Hause des Feldmarschalls völlig ungezwungen, und mit herzlicher Dankbarkeit gedenke ich der unvergeßlichen Stunden, die wir dort verlebten. Auch im engen Familienkreise beharrte der Graf bei seiner großen Schweigsamkeit, wenn er aber dann hin und wieder in knappen, aber scharf gezeichneten Zügen diese oder jene Episode aus dem Kriege beleuchtete, dann machte das um so mehr Eindruck und die Sache prägte[191] sich ganz besonders deutlich dem Gedächtnis ein. Trotz aller Wortkargheit des Feldmarschalls trat das harmonische Bild eines besonders glücklichen Ehelebens so deutlich in die Erscheinung, daß es schon allein deshalb Freude bereitete, mit dem gräflichen Paar zusammen zu sein. Die viel jüngere Frau war dem ernsten Manne im vollsten Sinne des Wortes ein guter Kamerad. Soviel es die Verhältnisse gestatteten, teilte sie alles mit ihm, und er, der Hochgefeierte, fand sein Glück nicht nur in der bedeutungsvollen Arbeit, die es ihm vergönnt war zu leisten, sondern zugleich in dem Besitz seiner klugen und liebenswürdigen Lebensgefährtin. Ich entsinne mich einer kleinen Episode, eines wunderhübschen Bildes, auf das der Graf mit einem gewissen freudigen Stolz herabblickte. Die Reitpferde des gräflichen Paares hatten sich losgerissen, waren dem Stall entschlüpft und tobten im Hofe umher. Kutscher und Reitknecht versuchten vergebens, sich den Tieren zu nähern, um sie einzufangen. Sie stiegen oder feuerten aus und wußten sich vor Übermut nicht zu lassen. Besonders machte der Hengst, der auch zeitweilig böse sein konnte, jede Annäherung unmöglich. Da erschien die Gräfin im Hofe, rief die Pferde bei Namen und ging ihnen furchtlos entgegen. Gehorsam, wie ein paar treue Hunde, kamen beide an, fraßen den Zucker aus ihrer Hand, beschnubberten sie und rieben die Köpfe an ihrer Schulter. Sie sprach mit den schönen Tieren, streichelte und klopfte sie dabei, und mit ihnen vorwärtsschreitend, lockte sie beide in den Stall zurück. Strahlend sah sie dabei hinaus nach dem Fenster, an dem der Graf stand, und nickte ihm zu. Der sagte kein Wort, aber auf seinem Gesicht stand deutlich zu lesen, wie er sich an der kleinen Szene freute. Es war an einem sonnigen Novembertag, die Herren ritten zur Parforcejagd hinaus, mein Mann aber blieb zurück, weil er mich spazieren fahren wollte und die eingespannten Reitpferde nicht einem anderen anvertraute, wenn ich im Wagen saß. Persönlich überwachte er das Anspannen, während ich mit unserem Töchterchen vor dem Hause auf und ab ging. Es währte auffallend lange, und ich schickte die Kleine hinein, um nach der Ursache der Verzögerung zu fragen. Mit ihren flinken Beinchen konnte sie schnell hin und her laufen, während mir das Gehen schwer fiel und ich auf der Straße noch immer den Stock gebrauchen mußte beim Gehen. Die Kleine kam nicht zurück, und dadurch beunruhigt, ging ich ihr nach. Im Hof sah ich unseren kleinen Wagen, doch die Pferde waren nicht angespannt. Meines Mannes Fahrpeitsche lag zerbrochen daneben, und eine breite Blutspur führte durch den Garten die Steinstufen hinauf in unsere Wohnung. Die Flügeltüren standen weit geöffnet, und während ich, so schnell ich es vermochte,[192] hindurchschritt, hörte ich ein Schluchzen. In Tränen aufgelöst fand ich unser Kind, sie hatte sich fest in den Fensterschal eingewickelt und wollte sich nicht von mir sehen lassen. »Mutti, ich darf dir nichts sagen«, schluchzte sie ganz außer sich. Ehe ich auch nur einen Gedanken fassen konnte, was überhaupt geschehen sei, war ich schon in meinem Wohnzimmer und stand vor meinem Manne. Er lag blutüberströmt auf meinem Ruhebett, der Diener, der um ihn beschäftigt war, deckte, als er mich eintreten sah, ein Tuch über sein Gesicht. In dem Augenblick war ich keines Wortes fähig. »Die braune Stute hat beim Anspannen ausgeschlagen und den Herrn Leutnant an den Kopf getroffen«, stammelte der Diener, und um mich etwas zu beruhigen, fügte der treue Mensch hinzu, »der Herr hielt gerade den Peitschenstock hoch, das hat ihn noch etwas vor dem Schlag geschützt ? und der Doktor muß auch gleich hier sein, er fuhr eben vorbei, der Bursche ist ihm nachgelaufen.« Da trat auch schon unser alter Hausarzt ein. Er hob das Tuch, beugte sich über meinen Mann und wandte sich dann zu mir. »Bleiben Sie stark, gnädige Frau, keine Träne«, sagte er, »Ihr Mann muß Sie völlig ruhig finden, wenn er wieder zum Bewußtsein kommt, es hängt Leben und Tod davon ab.« Daß ich wirklich ohne Tränen bleiben und mechanisch alles zu tun vermochte, was der Augenblick von mir forderte, war eine Gnade Gottes, für die ich nicht genug dankbar sein konnte. Unser Hausarzt fuhr davon, um einen zweiten Arzt zu holen, und als die Herren zurückkamen, mußte ich ihnen berichten, daß zugleich mit dem Blutbrechen ein Bluterguß aus dem Ohre stattgefunden habe. Der neu hinzugekommene Arzt schüttelte den Kopf. »Sie werden sich geirrt haben, gnädige Frau, denn wäre das der Fall, so hätte die Schädeldecke einen Sprung erhalten, und dann wäre der Verstand weg«, erklärte er. Kaum aber hatte er ausgesprochen, so wiederholte sich vor seinen Augen, was er mir eben hatte ausreden wollen. Nun konnte er seine Worte nicht mehr zurücknehmen, und neben allem namenlos Schweren, das vor mir lag, wenn ich auf meinen so heißgeliebten Mann sah, tauchte ein dunkles Zukunftsgespenst vor mir auf. Ein dritter Arzt wurde aus Berlin zugezogen und kam ein paar Stunden später. Auf meinen angstvoll fragenden Blick, als er meinen Mann untersucht hatte, antwortete er mir: »Bei Gott ist kein Ding unmöglich.« Ich fühlte, daß sie alle den Fall als einen hoffnungslosen ansahen.[193] Stroh wurde auf die Straße vor unser Haus gestreut, die Klingeln abgenommen, und still, ganz still wurde es. Nun kamen die Reiter von der fröhlichen Parforcejagd zurück. Wie hatte ich mich immer gefreut, wenn mein Mann so vergnügt im roten Rock nach Hause kam und mir den Bruchzweig reichte, der ihm angesteckt war. Heute traten andere Rotröcke bei mir ein, die Kameraden meines Mannes. Ernst und erschüttert von der Nachricht, wechselten sie im Flüstertone ein paar Worte mit mir an dem Lager des Bewußtlosen. Mein Schwager war einer der ersten, der kam, und unvergeßlich wird es mir bleiben, wie er mir in tiefer Bewegung die Hand drückte und sagte: »Könnte ich dir diesen Schmerz doch abnehmen, und könnte ich lieber an Stelle deines Mannes hier liegen.« Amazon.de Widgets In der Nacht trafen meine Eltern ein, und mein Mutterchen übernahm die Aufsicht über unser Kind, denn ich wollte mich ungeteilt der Pflege meines Mannes widmen. Nach zwei Tagen kehrte zum erstenmal ein Schimmer von Bewußtsein bei ihm zurück. Ich stand mit dem Arzt an seinem Bett, als er die Augen aufschlug, mich ansah und dann langsam, nur murmelnd, aber doch verständlich sagte: »Mein geliebtes Weib.« Das war in dunkler Nacht der erste Hoffnungsstrahl für mich, und der wirkte fast überwältigend. Der ernste Blick des Arztes erinnerte mich daran, was davon abhing, daß ich ruhig blieb. Ich preßte die Hände so fest aneinander, daß sie schmerzten, um Fassung zu behalten, und konnte mit leidlich klarer Stimme fragen, wie er geschlafen habe. Von dem Augenblick an erkannte er mich immer, und ich durfte nicht mehr von seiner Seite gehen. Allen anderen aber gestatteten die Ärzte nicht den Zutritt; auch meinen Eltern und meiner Schwiegermutter, die gerade in Potsdam war, als das Unglück sich ereignete, wurde es nicht mehr erlaubt, meinen Mann zu sehen. Mit unserem prächtigen, treuen Diener teilte ich mich nun in der Pflege. Tags über war ich da, und in der Nacht wachte der brave Arnsmann. Ich ruhte indessen auf einem Sofa, nur durch Vorhänge vom Krankenzimmer getrennt, damit ich alle hören und schnell hineinhuschen konnte, sobald mein Mann wach wurde, denn er nahm von niemand anders die Medizin, erregte sich auch sofort, wenn er mich nicht sah, und schlief nur ein mit meiner Hand in der seinen. Das brachte ihm die so notwendige Ruhe. Schwere Anfälle von Schüttelfrost traten wiederholt in den Nächten auf mit Begleiterscheinungen, von denen ich durch die Ärzte wußte, daß sie diese Symptome als Vorboten des Todes ansahen. Während sonst das Erkennen meiner Person das einzige Zeichen von Bewußtsein und Erinnerungsvermögen bei meinem Manne war, trat in solchen Stunden eine teilweise[194] Klarheit ein. Er fühlte die Nähe des Todes, nahm Abschied von mir, bestimmte das Lied »Befiehl du deine Wege«, das bei der Trauerfeier gesungen werden sollte, und bat, daß sein Lieblingspferd, von dem er den Schlag erhalten hatte, hinter dem Sarge geführt werden möchte. Eingedenk der Mahnung des Arztes, auf alle seine Ideen einzugehen und immer die Ruhe zu bewahren, besprach ich dann, so wie er es wollte, den bitteren Todesweg bis in alle Einzelheiten. In solchen Augenblicken Fassung zu bewahren, erschien mir das Schwerste in dieser ganzen Zeit. Aber wie auf der Reise nach Frankreich, kam es mir auch hier voll zu Bewußtsein, daß Gott seinem schwachen Kinde die geistigen und körperlichen Kräfte stärkt, wenn er von uns Opfer fordert oder uns Pflichten auferlegt, von denen wir meinen, wir wären kaum imstande, sie zu erfüllen. Nur betend vermag man sich da durchzuringen, aber dann gewinnt man auch festen Fuß, um getrost seinen Weg weiter gehen zu können. Amazon.de Widgets Abgeschlossen von der Außenwelt, von der nur, wie aus weiter Ferne, die besorgten oder teilnehmenden Stimmen zu mir drangen, hatte ich mich so völlig in den Gedankenkreis meines Mannes eingesponnen, daß ich das Gefühl hatte, den Scheidenden in die Todesnacht hinein zu begleiten, bis zur letzten Stufe, die uns Menschen möglich ist. ? Wider alles Erwarten der Ärzte trat langsam eine Wandlung in dem Zustande meines Mannes ein. Nach sechs Wochen erwachte ein Schimmer von Erinnerung, und er fragte mich: »Haben wir nicht ein Kind?« Als ich nun vorsichtig sein Gedächtnis zu wecken suchte und ihm von der Kleinen erzählte mit den blauen Augen und dem langen Blondhaar, das ihr tief über den Rücken hing, da entsann er sich des Kindes und verlangte ungestüm sie zu sehen. Ganz blaß vor Erregung und Freude, endlich zu dem kranken Vater herein zu dürfen, stand die Kleine nun an seinem Bett. Ich hatte ihr gesagt, wie sanft und leise sie mit ihrem Väterchen sein müsse, und wie sie nicht weinen und nichts tun dürfe, was ihn traurig machen könnte. Um sie durch einen leisen Druck zu warnen, wenn ein unvorsichtiges Wort unserer Achtjährigen entschlüpfen sollte, hatte ich die Hand auf ihre Schulter gelegt. Als mein Mann seinen kleinen blonden Liebling sah, tauchte die Erinnerung klar bei ihm auf und er war tief ergriffen. Unser Kind war so brav und verständig, daß sie von da ab täglich auf kurze Zeit hereinkommen durfte. Die Genesung ging nun mit raschen Schritten vorwärts, die geistigen und körperlichen Kräfte kehrten zurück, und wenn auch große Schonung nötig war, so konnten wir doch im Januar zu meinen Eltern nach Posen gehen. 
 XXII. Schwerste Zeiten.  [250] Wohl war unser Heim, das »Sonnig Heim«, wie sie es nannten, noch immer die freundliche Stätte geblieben, wo sich im Sommer als Gäste Verwandte und Freunde zusammenfanden, und wo zu unserer Herzensfreude die Tochter und Pflegetochter mit Männern und Kindern für Wochen weilten, aber immer dunkler zogen die schweren Wolken herauf, die unseren Lebenshimmel umdüsterten. Die angestrengte Tätigkeit im Abgeordnetenhause, verbunden mit den Reisen zu Wahlreden, vor allem aber die sorgenreiche Arbeit für den Steinbruch, der auf unserem Gut eröffnet war, das alles stürmte auf die Gesundheit meines Mannes ein. Seine Nerven, die schon soviel durchgemacht hatten, litten darunter immer bedenklicher. Die Folgen der Kopfhiebe 1866 und des Hufschlags vom Pferde 1873 machten sich traurig bemerkbar. Frau Sorge warf ihre grauen Schleier um manch sonniges Bild und hüllte die Zukunft in Dunkel. Greifbar deutlich aber traten für mich immer ernstere Aufgaben heran. Das Wort, das mich schon als Mädchen zum Nachdenken gebracht hatte, zog mir wieder und wieder durch den Sinn: »Die Umstände, die uns umgeben, gleichen den Hieroglyphen Gottes, aus denen wir lesen sollen, was unsere persönliche Pflicht ist.« Für mich galt es jetzt, in Gottvertrauen den Kopf oben zu behalten, frisch in der Arbeit zu bleiben und meinem Manne, wie den lieben alten Herrschaften, meinem Vater und meiner Schwiegermutter, so viel Sonnenschein zu bringen, als ich zu geben imstande war. Eine zunehmende Schwerhörigkeit machte es meinem Vater, der ein sehr treuer Kirchgänger war, unmöglich, der Predigt zu folgen. Das empfand er sehr schmerzlich, vertiefte sich dann aber zu Hause in sein Andachtsbuch. Mit welchem Nachdenken er darin las, beweisen dort die vielen angestrichenen Stellen, die zugleich einen deutlichen Beweis davon geben, wie sein Herz voll Dank erfüllt war gegen Gott, der ihn so gnädig durch das Leben geführt hatte. Auch einer kurzen Notiz, die ich unter seinen Papieren fand und die seine Seelenstimmung so recht zum Ausdruck bringt, möchte ich hier gedenken. »So kann ich denn, im Vertrauen auf des Herrn Gnade, meinem Ende mit Vertrauen entgegensehen und möchte, daß es mir vergönnt wäre, an jedem Tage wenigstens einem Menschen eine kleine Freude zu bereiten.«[251] Am 23. April, dem Tage der Kämpfe von Schleswig und Kolding, wurde ihm noch eine große Freude durch ein gnädiges Telegramm des Kaisers im Jahre 1898: »Dem unverzagten Helden und wackeren Teilnehmer an den Kämpfen in Schleswig-Holstein entbiete ich an dem heutigen 50jährigen Gedenktage der Schlacht von Schleswig, in dankbarer Erinnerung an die so oft von Ihnen bewiesene Tapferkeit, Meinen königlichen Gruß. Wilhelm R.« Ein Jahr später, an demselben Tage, langte folgende Depesche an: »Ich sende Ihnen, als dem tapferen Kämpfer von Kolding, bei der 50jährigen Wiederkehr dieses Tages Meinen königlichen Gruß. Es gereicht mir zur besonderen Freude, Ihnen gleichzeitig ein Patent Ihres Dienstgrades zu verleihen. Wilhelm R.« Diese Zeichen eines gnädigen Gedenkens seines vielgeliebten Königlichen Herrn bewegten meinen Vater tief. Er ließ die Depeschen einrahmen, um sich täglich durch einen Blick auf diesen freundlichen Königlichen Gruß zu erfreuen. Ebenso beglückte ihn das Wohlwollen, das der Prinz Friedrich Karl, der ihm seine Büste und sein Bild mit einer den alten Herrn hocherfreuenden Widmung schenkte, ihm bewiesen hatte. Auch die große Photographie des Bildes vom Schlachttag von Le Mans, auf dem der Prinz meinen Vater anscheinend als Hauptfigur hatte hinstellen lassen, verdankte er der Huld des Hohen Herrn1. Schon im Frühjahr 1897 traten bei dem sonst so rüstigen Greise als erste Zeichen einer ernsten Krankheit Schlaflosigkeit und Atembeschwerden auf. Wenn sich auch im Sommer der Zustand besserte, so daß er noch eine Reise zu seinen Verwandten nach Ostpreußen unternehmen konnte, so wurde doch im Winter das Herz- und Nierenleiden immer bedenklicher. Nur mit Hülfe des Stockes, von seinem Diener oder von mir geführt, konnte er sich mühsam fortbewegen. Seine Stimmung blieb dabei aber immer freundlich und dankbar für jeden kleinen Dienst. Von nah und fern wurde ihm die aufrichtigste Teilnahme entgegengebracht, und besonders wetteiferten darin die Familien der umliegenden Güter. Amazon.de Widgets Im Februar schien das Ende herangekommen zu sein. Freudig und getrost sah der teure Vater dem Tod in die Augen, nahm mit meinem Manne und mir das Abendmahl und gab sich in glaubensvollem Vertrauen in die Hand seines Gottes. Gegen alles menschliche Erwarten trat aber dann eine Besserung ein, so daß er noch einen leidlich guten Sommer verlebte.[252] Doch das Leiden meines geliebten Mannes wurde immer ernster. Die verschiedenen ärztlichen Autoritäten, bei denen wir waren, verschwiegen mir ? wohl um mich zu schonen ? die Wahrheit und stellten Besserung in Aussicht, wenn er alle Arbeit niederlegte und völlig ausruhte nach seiner vielbewegten Tätigkeit. So legte er denn seine Stelle als Abgeordneter und alle seine Ämter nieder, und wir beide lebten in vollster Zurückgezogenheit in Sproitz. Die erhoffte Besserung trat aber nicht ein, die Narben der Kopfwunden von 1866 übten allmählich einen Druck auf das Gehirn aus, und die schweren Folgen davon meldeten sich unabwendbar. Frau Sorges Schleier wurden nach jeder Richtung hin immer dichter und dunkler. Aber das Licht von oben durchbricht sie doch, es leuchtet nur heller, je dunkler die Nacht wird, und das gibt Kraft auch in den schwersten Tagen. Meinem Vater, obgleich er wiederholt mit Rückfällen zu kämpfen hatte, erlaubte seine Gesundheit doch noch immer, das gesellige Leben mit der ihm so lieben Nachbarschaft fortzuführen. Trotzdem täuschte er sich nicht über seinen Zustand, das beweist eine Notiz in einem seiner Bücher vom Neujahrstag 1899. Er schreibt darin: »Also habe ich nun doch die Schwelle dieses Jahres überschritten! Nach meiner schweren Krankheit konnte ich das kaum erhoffen. Nur die große Gnade des Allmächtigen hat mich wieder gesund gemacht. Allerdings betrete ich dieses Jahr als ein lebensmüder, schwacher Greis. Wie lange werde ich noch hier auf Erden wallen? Das steht dort oben geschrieben. Ich will den allgütigen Vater nur anflehen, daß er mir ein seliges Ende schenken möge!« Im April des Jahres ging es meinem Vater so gut, daß er zu seiner großen Freude die Einladung der schleswig-holsteinschen Vereine annehmen und nach dem ihm so teuren Lande reisen konnte. Körperlich und geistig wunderbar frisch, feierte »der Trommler von Kolding« unter dem begeisterten Jubel seiner treuen Kampfgenossen dort die Wiederkehr des 50jährigen Koldingtages. Es war für ihn eine unvergeßlich schöne Zeit, die er noch einmal in dem meerumschlungenen Lande verleben durfte. Eine Zeit, die einen herrlichen Schlußstein auf alle die Erinnerungen legte, die für ihn mit dem Namen Schleswig-Holstein verbunden waren. Der Mai kam, der Wonnemonat mit seinem Sonnenschein, seinen frischen Keimen und Knospen, seinem hoffnungsfrohen Erwachen zu neuem Leben, mir aber nahm er den letzten Hoffnungsschimmer, an dem ich mich noch bis dahin gehalten hatte. Nun wußte ich, es gab keine Besserung mehr für den, der mir das Liebste war auf der Welt, für meinen geliebten Mann. Was sich lange vorbereitet hatte, ließ sich jetzt nicht mehr verhehlen. Die Nacht brach an ? die dunkle Geistesnacht! ?[253] Es gibt einen Schmerz, der ist so groß und tief, daß man keinem Menschen, nur seinem Gott das unermeßliche Weh klagen kann, das auf das arme Herz einstürmt. Es war namenlos bitteres Leid, das sich für mich in jener Zeit anhäufte. Leise ? leise decke ich Schleier darüber, die Wunden sollen nicht von neuem bluten. Ich habe damals nicht geklagt, ich tue es auch heute im Rückblick auf jene Zeiten nicht. Mein Leben war so voll Sonnenschein und Glück gewesen, nun stand mir auch nicht das Recht einer Klage zu, wenn mir jetzt viel ? ja namenlos viel genommen wurde! Und was wäre ein Glauben, der nur in lichten Tagen aushielte, aber im Wettersturm zusammenbräche! Von den Sternen in jener Nachtzeit will ich reden, an die ich oft noch denke voll innigen Dankes. Das war die treusorgende Liebe meiner Kinder und der Geschwister meines Mannes, die mich aus der Ferne umgab. In der Nähe aber war die feste und treueste Stütze für meinen kranken Mann und mich der bewährte Freund unserer Familie, Herr von Martin auf Rothenburg. Der stand mir unermüdlich zur Seite und setzte es durch, daß mir die Ärzte meinen geliebten Kranken ließen und ihn nicht in eine Anstalt brachten. Rührend zeigten sich in jener Zeit unsere Leute, mit denen wir noch in einer Art von patriarchalischem Verhältnisse lebten, sie standen alle schon jahrelang in unserm Dienst, und das feste Band, das sich zwischen Gutshaus und Dorf, zwischen uns und unseren Hausleuten wie den Sproitzern geknüpft hatte, bewährte sich jetzt als dauerhaft. Als es Herbst wurde, meldeten sich bei meinem Vater die Krankheitserscheinungen in verstärktem Maße und wollten keinem Mittel weichen. Wohl fuhr der liebe Vater noch täglich spazieren, aber die Treppe mußte er von seinem Kutscher und Diener, die unermüdlich in seiner Pflege waren, heraufgetragen werden. Meine 90jährige Schwiegermutter hatte ihre Tochter, meines Mannes vielgeliebte Schwester, im Sommer abgeholt und zu sich genommen, damit ich meine Zeit uneingeschränkt meinen anderen Pflichten widmen konnte. So hatten mich meine beiden Schwerkranken jetzt ganz für sich. Den Kopf durfte ich nicht hängen lassen, denn wie hätte das mein Mann empfunden! Der bedurfte mehr als je der Sonne, die er nur bei der suchte, die ihm, wie in Bräutigamstagen, noch jetzt bei schwindender Geistesklarheit das Ein und Alles war, und die gelobt hatte, ihm in guten wie in bösen Tagen unverzagt und freudig zur Seite zu bleiben. Daß das ging, und daß auch die körperlichen Kräfte nicht versagten, war eine Gnade Gottes, der den Schwachen Kraft gibt zu den Aufgaben, die er von uns fordert.[254] Die Neigung zum Schlafen nahm bei meinem Vater immer mehr zu, und nur stundenweise kehrte die belebte Frische seines Geistes zurück. Die Predigt am Totenfeste war das Letzte, was ich ihm noch vorlesen konnte. Voll Aufmerksamkeit war er den Worten gefolgt und dankte mir warm dafür. Als er am Abend des 27. November, den Stock in der Hand, auf seinen Diener gestützt, sich anschickte, in sein Schlafzimmer zu gehen, nickte er mir zu: »Nun kommt der große Parademarsch!« In der darauffolgenden Nacht erlitt er einen leichten Schlaganfall, so daß am Morgen die Sprache kaum verständlich war, ihn auch seine beiden Leute stützen mußten, um ihn in sein Wohnzimmer zu führen. Wie ich es seit seiner Krankheit immer tat, brachte ich ihm selbst sein Frühstück und leistete ihm dabei Gesellschaft. Dann ließ ich ihn auf das Sofa legen, wo er jetzt immer ein Morgenschläfchen zu halten pflegte. Er schien einzuschlafen. Doch während ich im Nebenzimmer meinem kranken Mann die Morgenandacht vorlas und auf die röchelnden Atemzüge des geliebten Vaters lauschte, setzten diese plötzlich aus. In demselben Augenblick war ich bei ihm und kniete neben dem Sofa nieder, um ihm in das teure Antlitz zu sehen, das, umrahmt von dichtem silberweißem Haar, so unendlich lieb und friedvoll aussah. In meinen beiden Händen hielt ich seine Rechte ? noch ein paarmal ging der Atem ruhig und gleichmäßig ? dann ? ein leiser Seufzer ? und das Leben war entflohen. Ein schönes reiches Leben, das viel Liebe gegeben und viel Liebe und Verehrung empfangen hatte. In treuer Erinnerung wird der Heimgegangene bei allen denen weiterleben, die ihn hier gekannt und geliebt haben. Von allen Seiten wurden Kränze und Widmungsschleifen dem teuren Entschlafenen gesandt. Se. Majestät ließ durch den damit beauftragten Flügeladjutanten einen Lorbeerkranz am Sarge niederlegen, und so stand, unter Blumen gebettet, der Sarg in der Sproitzer Halle. »Siehe, ich habe dich gesegnet und du sollst ein Segen werden«, lautete das Textwort bei der Rede zur Totenfeier. Ein Wort, das diesem inhaltreichen Leben einen köstlichen Abschluß gab und das Gepräge aufdrückte. Eine Deputation des Infanterieregiments 85, bei dem mein Vater à la suite stand, und zahlreiche Deputationen von Kriegervereinen bildeten Spalier, als der Sarg zum Begräbnisplatz getragen wurde. Ein Abschiedsgruß, den die Kieler Zeitung meinem lieben Vater nachsandte, gibt Zeugnis davon, wie man dort seiner gedachte. Es heißt darin: »Nun hat auch ?der Trommler von Kolding? dem Rufe ins Jenseits folgen müssen! Mit dem Verstorbenen schied wieder einer der Alten aus der gewaltigen, großen Zeit, einer jener Männer, deren Gedächtnis[255] nicht erlischt mit ihrem Tode, weil unser eigenes Leben uns täglich erinnert an das, was sie uns erwarben ? das Vaterland. Ein tapferer Soldat war Karl Wrangel, ein hervorragend tüchtiger Offizier, mehr war er Schleswig-Holstein. Wer ihn in den letzten Jahren gesehen, dem mußten unwillkürlich die Worte ins Gedächtnis kommen, die einst von Blücher gesungen worden sind: ?So frisch blüht sein Alter wie greisender Wein.? So ist er, der uns so teuer war, denn auch hingeschieden, ohne Siechtum, ohne lange Krankheit. Mit Matthias Claudius darf heute Schleswig-Holstein sprechen: Amazon.de Widgets Ach, sie haben Einen guten Mann begraben, Und mir war er mehr!« Der Druck auf das Gehirn meines Mannes, den die Narben der Kopfwunden aus dem österreichischen Feldzug ausübten, wurde immer stärker, zeigte sich immer schwerwiegender. Ein stiller Winter verging, eine weltabgeschlossene Zeit, die ich mit meinem kranken Liebling allein in Sproitz verbrachte. Er sollte, so bald wie möglich, in eine andere Umgebung kommen, aber ohne mich konnte er nicht anderswo sein, und für mich war es nicht möglich, vor dem Verkauf das Gut zu verlassen. Im März kam es so weit, und sobald alles abgewickelt war, reisten wir fort. Über den Abschied nur ein kurzes Wort. Mich wunderte, daß ich so ruhig dabei blieb, denn wieviel Liebe, wieviel Arbeit hatten wir an dies Fleckchen Erde verwandt, das uns Jahre hindurch eine teure Heimat gewesen! Ich glaube, das kleine Menschenherz kann nur ein bestimmtes Maß von Schmerz in sich aufnehmen, was darüber hinausgeht, ist kaum noch zu empfinden. In dem großen Schmerz, den die letzten Zeiten über mich gebracht hatten, ging alles andere unter. In liebender Fürsorge hatte mein Schwiegersohn und meine Tochter geraten, daß wir nach Langfuhr bei Danzig, wo mein Schwiegersohn Brigadekommandeur war, ziehen sollten. Sie hatten dort für uns schon eine Wohnung in ihrem Nebenhause gemietet. Still wie der Winter gewesen, so zog der Sommer vorüber. Mit kurzen Spaziergängen wechselte stundenlanges Vorlesen. Wenn mein armer Kranker nicht mehr dem Gelesenen folgen konnte, so war es für ihn ein beruhigendes Gefühl, immer meine Stimme zu hören. Er klagte nie, und wenn ich wohl einmal seufzte: »Armer Liebling«, dann meinte er: »Warum arm? Gott hat es geschickt, darum muß es gut sein. Ich habe dich, was brauche ich mehr?«[256] Wie dankbar war ich, daß ich hier meine Tochter und meinen Schwiegersohn zur Seite hatte, die mir mit Rat und Tat halfen, für meinen Kranken zu sorgen. Rührend ist mir aus der Zeit noch die Erinnerung an die große Liebe, die unser junger Enkel dem Kranken brachte. Wenn auch die Geistesumnachtung immer tiefer wurde, war sie doch nie imstande, an seinen Glauben und seine Liebe zu rühren, die blieb unangetastet, wie durch alle Jahre unseres Zusammenlebens. Da kam die dunkelste Zeit. Einen Tag vor Heiligabend verschlimmerte sich der Zustand meines geliebten Kranken derartig, daß der Arzt erklärte, es nicht mehr verantworten zu können, wenn er ihn mir länger ließe. So mußte denn noch dieser letzte ? mir so namenlos schwere ? Schritt geschehen. Schon am andern Tage begleiteten wir ihn zu der etliche Meilen von Langfuhr gelegenen Anstalt. Die Ärzte wollten nicht gestatten, daß ich während der ersten Wochen meinen Mann besuchte. Er, der seit über zwei Jahren gewohnt war, mich Tag und Nacht jede Stunde um sich zu haben, mußte unter dieser Trennung mehr leiden, als die Ärzte ahnen konnten. Das quälte mich mehr, als ich sagen kann, und ich beschloß, mich in Neustadt, wo die Anstalt war, einzuquartieren, um immer da zu sein, wenn mir ein Besuch gestattet würde. Versuchen wollte ich zugleich, ob man mich nicht als Pflegerin dort aufnehmen würde. Noch ehe ich den Entschluß ausführen konnte, riefen mich die Ärzte selbst schon nach vierzehn Tagen. Eine Lungenentzündung war eingetreten, das Ende stand zu erwarten. »Ihr Herr Gemahl wird Sie nicht erkennen«, suchten die Ärzte mich vorzubereiten, als ich ankam. »Es ist vollständige Geistesumnachtung eingetreten.« Wie sie mich aber zu ihm führten und ich mich über sein Bett beugte, schlug er die Augen auf. Da kam auch gleich wieder das alte liebe Leuchten in den Blick. »Herzenskind, ich brauche dich«, sagte er und griff nach meinen Händen. Diese plötzliche Klarheit war den Ärzten überraschend, aber auch tief beweglich. Ich bat, mir in diesem Ausnahmefalle zu gestatten, bei meinem geliebten Kranken bleiben zu dürfen. »Ich werde nicht weinen, nicht klagen«, versprach ich ? und sie gaben nach. Nur durch eine leichte Wand von der Beobachtungsstation getrennt, allein mit meinem kranken Liebling, so verlebte ich diese letzten zwei Tage. Meine Hand in der seinen, konnte ich leise mit ihm sprechen, und jeder Blick, jedes geflüsterte Wort des Sterbenden sagte mir, daß die verheerende[257] Krankheit auch bis in die Todesstunde hinein keine Macht über seinen Glauben und seine Liebe gewinnen konnte. Abgeschlossen von allem anderen, ganz allein mit ihm, wachte ich an seinem Lager, seine Hand in der meinen. Um uns tobten rechts und links die Irren, von denen uns nur eine leichte Wand trennte. Wie eine Vision zogen dann hin und wieder an meinem Geist die Stunden vorüber, wo ich so Hand in Hand mit meinem gelben Reiter in Gonesse gesessen, während von Paris her ununterbrochen der Kanonendonner grollte und man das Ausschlagen und Zerplatzen der Granaten hörte. Lieder und Worte, die meinem Manne lieb gewesen, flüsterte ich ihm zu, und wieder und wieder mußte ich ihm das Lied sagen, das er mir so oft begleitet und so besonders geliebt. Es war das letzte gewesen, was ich in Sproitz mit seiner Begleitung gesungen hatte. »Himmlische Scharen, wollt ihn bewahren ? Himmlische Geister, führt ihn zum Meister.« »Gott segne dich, mein Lieb«, war sein Abschiedswort, und als die Stimme schon versagte, redete der Blick und der Druck der Hand noch von dem, was der Mund nicht mehr ausdrücken konnte. Am Morgen des 11. Januar kniete ich an dem Totenbette meines so heiß geliebten Mannes. Auf dem Matthäikirchhof in Berlin betteten wir ihn zum letzten Schlummer. »Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe,« habe ich auf das hohe Kreuz setzen lassen, das für uns beide bestimmt ist. 1 Amazon.de Widgets Im Besitz der Familie Wrangel. 
 IV. Das Jahr 1849 in Schleswig-Holstein.  [30] Als der Waffenstillstand von Malmö am 26. März 1849 ablief, reiste meine Mutter mit mir ab und wieder nach Charlottenburg zu den Großeltern in dem Hause am Lützowplatz. Oberst Zastrow hatte am 19. April Vonsild erreicht, als die Meldungen einliefen, daß die Dänen Kolding, Fredericia und Veile besetzt hielten. In dem Kriegstagebuch meines Vaters heißt es vom 20. April: »Vollständig angekleidet hatte ich mich in dem Gasthause zu Wonsild auf das Bett geworfen und ein paar Stunden geschlafen, als man mir um 4 Uhr den Hauptmann Delius, den Generalstabschef von Bonin meldete. Ganz überrascht eilte ich ihm entgegen und wurde von ihm mit der Frage begrüßt: ?Nun, was wissen Sie vom Feinde?? Immer in dem Glauben, er brächte uns den Befehl zum sofortigen Rückmarsch, berichtete ich ihm etwas mißvergnügt meine letzten Beobachtungen. Er schmunzelte. ?Wie wäre es?, schlug er vor, ?wenn wir einmal versuchten, ob Sie recht haben, und wirklich nur solch eine Handvoll Feinde da in dem Nest sitzt?? Der Gedanke elektrisierte mich, und ich versicherte ihm, daß ich überzeugt sei, die Avantgarde würde Kolding ohne fremde Beihilfe nehmen. ?Nun denn los!? rief er mir zu. ?Bereiten Sie alles vor, wir wollen gleich angreifen, aber vorläufig nur bis an die Brücke gehen. Laufen die Kerlchens weiter, dann kann man ja sehen, was man noch tut.? Diese unerwartete Änderung der Ideen beglückte mich so, daß ich den lächelnden Delius zuerst jubelnd umarmte, dann aber hinausstürmte, um Generalmarsch schlagen zu lassen, während Delius zu Zastrow eilte, um genauere Verabredung zu treffen. Schon gegen 6 Uhr ging Zastrow mit beiden Jägerkorps geschlossen vor, und um 11 Uhr waren wir Herren der Stadt, während die Kavallerie den Feind weiter verfolgte. Die nächsten Tage wurde fleißig an Erdaufwürfen gearbeitet, und man benutzte die Zeit, um sich mit den Truppen in der Stadt festzusetzen. In der Nacht zum 23. rasselte der Generalmarsch durch die Straßen. Feindliche Kolonnen marschierten auf Kolding zu, und die Jäger warfen sich entschlossen dem in großer Übermacht anrückenden Feinde entgegen.[31] Durch den Vorstoß der Dänen, die sich schon der Brücke über die Aue nahten, waren zwei Jägerkompagnien vollständig abgeschnitten und standen in höchster Gefahr, gefangen genommen zu werden. Da erhielt ich von Zastrow, der schon jenseits des Flusses war, den Befehl, die Stadt zu räumen. Doch so wie die Verhältnisse lagen, mußte ich nach eigenem Ermessen handeln, wollte ich die Jägerkompagnien nicht im Stich lassen. Daher entschloß ich mich, den Befehl nicht weiter zu geben. Ich war schwer besorgt um das Schicksal jener hart bedrängten Jäger und wollte aus diesem Grunde den Brennpunkt des Kampfes nicht verlassen. Sobald ich mich überzeugt hatte, daß die Jäger auf dem Rückzugwege noch nicht zu erspähen waren, eilte ich nach der Barrikade, an der sie vielleicht vorbeikommen konnten. Die Besatzmannschaft dieses wichtigen Punktes war verschwunden, doch konnte ich vom nächsten Bataillon sofort eine Sektion herbeiholen und dort aufstellen. Damit noch beschäftigt, hörte ich plötzlich in der Hauptstraße ein heftiges Feuer. So rasch wie möglich eilte ich dorthin. Doch schon wälzte sich mir an der nächsten Ecke der Straße eine zurückweichende, bunt durcheinander gewürfelte Masse entgegen, während der Feind, der in die Häuser gedrungen war, ein verheerendes Feuer in den dichten Menschenknäuel abgab. Nie wieder habe ich solchen Wirrsal, solchen Lärm und solches Schreien gehört. Wer verwundet war oder niederstürzte, wurde von den Nachrückenden unbarmherzig niedergetreten, und kein Zuruf, kein Befehl vermochte in diesem Augenblick Ordnung zu schaffen. Da alles darauf ankam, die Massen zum Halten zu bringen, damit den Jägern Zeit zum Abzuge geschaffen wurde, drängte ich mich mit möglichster Gewalt nach vorn, um dieses Ziel zu erreichen. Doch ich wurde von dem wilden Strome fortgerissen und machtlos gegen ein Haus gedrängt, an dessen Türklinke ich mich festklammerte. Da sah ich wenige Schritte von mir einen kleinen Tambour und rief ihm keuchend zu, Sturm zu schlagen. Als er nicht sofort meinem Befehle folgte, riß ich ihm den Trommelstock aus der Hand und paukte nun selbst auf dem Kalbfell frisch drauf los. Kaum hatte ich einige kräftige Schläge getan, als von der Brücke her etliche Stimmen Hurra riefen. Man fing an, sich umzusehen und stillzustehen, während ich immer munter weiter trommelte. Jetzt schlugen jenseits der Brücke die sämtlichen Tambours des Bataillons in gleicher Weise Sturmschritt, und nun ? Freude über Freude ? machten die Leute plötzlich wieder Front. Von allen Seiten erschallte ein wildes Hurra, und dieselben Menschen, die eben im besten Davonlaufen begriffen waren, gingen nun mit[32] einer solchen Entschlossenheit und Rücksichtslosigkeit auf den bestürzten Feind los, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Amazon.de Widgets Zuerst wurden die Dänen aus einem Gasthaus, das sie besetzt hielten, vertrieben, während unsere geschlossenen Kolonnen mit schlagenden Tambours auf dem Wege nach dem Markte munter vorrückten. Sobald ich die Sache hier so weit im Gange hatte, eilte ich zurück, um nach meinen Jägern zu sehen. Wie groß war meine Freude, als ich den ersten grünen Gesellen erblickte, der über die zerbröckelte Mauer sprang, die ich vorhin hatte niederreißen lassen. Es war aber auch die allerhöchste Zeit, denn während das 9. Bataillon den Angriff gegen den Markt ausführte, schlugen bereits feindliche Kanonenkugeln auf der Brücke ein und zertrümmerten einen steinernen Pfeiler dicht neben mir. Ich teilte daher den anlangenden Jägern den Befehl des Obersten mit, einzeln im Trabe die Brücke zu passieren und sich bei Bellevue zu sammeln. Die ersten Hundert mochten hinüber sein, als der Major von S. anlangte und niemand mehr über die Brücke hinüberlassen wollte, da er beabsichtigte, sein Bataillon erst zu formieren. Ich stellte ihm die Gefahr einer solchen Handlungsweise entgegen und berief mich auf Zastrows Befehl, aber alles war vergebens. Der Augenblick drängte, denn jede verlorene Minute konnte das Leben vieler Braven fordern. So griff ich denn zu einem Mittel, das in ruhigen Zeiten freilich unverantwortlich ist, hier aber die letzte Rettung blieb. Ich wandte mich an die Jäger und rief ihnen zu: ?Auf Befehl des Oberst Zastrow sollt ihr euch so rasch wie möglich bei Bellevue sammeln!? Sofort stürzten die Leute über die Brücke dem Sammelplatz zu. Erst als der letzte Jäger mir sagte, hinter ihm sei kein Kamerad mehr, zog ich den vor einer Stunde erhaltenen Befehl Zastrows aus der Tasche und teilte denselben dem Major mit, dem zufolge der Rückzug aus der Stadt ungesäumt angetreten werden sollte, was nun auch von den beiden Bataillonen in voller Ordnung ausgeführt wurde. Ich begab mich dann direkt zum Oberst, um ihm Bericht abzustatten. Von Zastrow, wie von seinem Stabe, wurde ich mit lauten Freudenbezeigungen empfangen, denn ihnen war die Nachricht zugegangen, ich seit tot oder gefangen. Der Rote Adlerorden vierter Klasse mit Schwertern ist mir später für diesen Tag zuteil geworden.« In einem holsteinschen Blatte stand damals: »Der Hauptmann von Wrangel, der zur Erhaltung von mehreren abgeschnittenen Jägerkompagnien dadurch so viel beigetragen hat, daß er die im Straßenkampf zerstreuten 9. und 10. Infanteriebataillone unter dem Kugelregen eigenhändig mit der Alarmtrommel sammelte, wird von den Truppen zum[33] Andenken an diesen Akt kaltblütiger Umsicht der Trommler von Kolding genannt.« Diesen Ehrennamen, »Trommler von Kolding«, hat mein Vater bis zu seinem Tode geführt. Unter diesem Titel war er in Schleswig-Holstein überall bekannt und geliebt. Er selbst legte großen Wert auf den Namen, und noch als Greis im Silberhaar konnte er voll jugendlicher Begeisterung des Tages von »Kolding« gedenken. Der linke Flügel der Armee hatte die Aue überschritten, und die Avantgarde von Zastrow ging nun ebenfalls bei Seest über den Fluß. Das veranlaßte die Dänen zu einem allgemeinen Rückzuge. Zastrow quartierte sich mit seinen Truppen in dem zerschossenen Kolding ein, und mein Vater wollte dort sein altes Quartier aufsuchen, doch das Gasthaus lag zur Hälfte in Trümmern. In seine ehemalige Stube war eine Granate eingeschlagen und in seinem Bette krepiert. Verschiedene Erkundungsritte nach Fredericia wurden unternommen, und hin und wieder fanden kleine Gefechte statt, so schrieb mein Vater nach Hause, auch teilte er meiner Mutter mit, daß er das Kommando über das 2. Bataillon erhalten habe, an Stelle des erkrankten Majors Wittmann. Darüber und über den Tag von Fredericia schreibt mein Vater in seinem Kriegsbericht: »Das 2. Bataillon hat sich wegen Ungehörigkeiten einen sehr strengen Korpsbefehl von dem General von Bonin zugezogen, daher war es mir höchst peinlich, als ich hörte, welches Kommando man beabsichtigte mir zu geben. General von Bonin hatte seine Anrede, als er mich am 5. Mai zum Kommandeur dieses Bataillons ernannte, mit den Worten geschlossen: ?Gerade von Ihnen erwarte ich, daß Sie mir das Bataillon feuerfest machen können?, und hatte damit jede Einwendung meinerseits abgeschnitten. Ich mußte einfach gehorchen. Unter diesen Umständen wurde mir der Abschied von Zastrow doppelt schwer, mit dem ich so lange alle Freuden und Gefahren des Feldzugs geteilt hatte, und der mir stets ein gütiger und wohlwollender Vorgesetzter gewesen war. Von nun an trat ich unter das Kommando des Obersten von St. Paul. Am andern Morgen sollte mir das Bataillon übergeben werden. Mir graute vor dem Augenblick. Der Adjutant war verwundet, zwei Hauptleute krank, und die Armee blickte mit einem gewissen Mißtrauen auf das unglückliche Bataillon. Ich hatte mir zur Unterstützung zwei tüchtige preußische Offiziere als Kompagnieführer ausgebeten, und waren mir die Herren von Radowitz und von Drigalsky versprochen worden. Am 6. übergab mir der älteste Offizier das Kommando des Bataillons. Ich stellte mich nun selbst den Leuten vor und sagte ihnen, daß allerdings[34] Sachen vorgefallen seien, von denen man dringend wünschen müßte, sie wären nicht geschehen, daß ich aber trotzdem die Überzeugung hätte, das Bataillon werde sich bei der ersten Gelegenheit den Ruf als eines der bravsten der Armee erwerben. Ein jeder von ihnen müsse mir aber mit Vertrauen entgegen kommen und mir folgen, wohin ich ihn führte, dann würden sich die Dinge schon machen. Gegen Abend besuchte mich St. Paul und teilte mir mit, daß wir tags darauf nach Fredericia vorrücken würden und er dabei beabsichtigte, mein Bataillon zuerst ins Feuer zu schicken. In aufrichtiger Freude dankte ich ihm dafür. Wir lagen nun in den Wochen bis zum 5. Juli unausgesetzt vor der Festung Fredericia, meistens auf verschiedenen Biwaksplätzen, mitunter auch in Kantonnements. Tage eines heftigen Bombardements, Ausfälle der Dänen und Ruhezeiten wechselten miteinander. Ein freudiges Wiedersehen gab es für mich in der Zeit mit dem Major von der Tann1, dem vorjährigen treuen Kampfgenossen, der nun mit seinen Truppen gegen Veile vorrückte. Das Wetter war entsetzlich. Ein wolkenbruchartiger Regen hatte auf unserm neuen Biwakplatze alle Lagereinrichtungen weggespült, so daß Offiziere wie Leute ohne Holz und Stroh während eines strömenden Regens die ganze Nacht hindurch im tiefsten Morast herumstanden. Es bedurfte einer großen moralischen Energie, um im Bataillon die nötige Gefechtsbereitschaft und den frischen Mut aufrecht zu halten. Ich sah mir in dieser Zeit die Gegend genau an, um sie gründlich kennen zu lernen. Namentlich untersuchte ich die dortige Furt durch den Ramsfjord, die schlimmstenfalls meine einzige Rückzugslinie werden konnte. Durch Stangen mit Strohwischen ließ ich die Wasserstraße bezeichnen, und wenn auch diese Pfähle von Sturm und Wellen teilweise wieder umgerissen wurden, so lernte ich doch den Gang der Furt genau kennen, was für mich von größter Wichtigkeit sein konnte. Am 5. Juli bezogen wir die Vorposten in nächster Nähe der Festung. Ich hatte Muße, mir das Gefährliche unserer Aufstellung klarzumachen. Von unserm rechten Flügel bis zur 2. Brigade blieb ein freier Raum von fast 2000 Schritt, durch den in der Nacht unbemerkt feindliche Regimenter marschieren konnten. Außerdem beobachtete ich von einem Hügel aus, wie der Feind fortwährend Infanterie ausschiffte. Ich stellte dort einen Offizier mit einem guten Fernglase auf, der jeden Mann zählte, welcher die Brücke passierte, und mir stündlich darüber berichten mußte.[35] Selbstverständlich ließ ich eine hierauf bezügliche Meldung an General Bonin gehen, der auch am Nachmittag eintraf, um sich von der Sachlage zu überzeugen. Mein Beobachtungsposten, der genau Buch führte, hatte bis dahin schon über 9000 Mann gezählt. Blumenthal, der Generalstabschef von Bonin, versprach, am andern Morgen früh 5 Uhr ein Kavallerieregiment vorzusenden, das die Kette zwischen mir und der 2. Kavalleriebrigade schließen solle. Der General sah die Dinge nicht so bedenklich an wie ich. ?Auf Sie kann ich mich verlassen?, sagte er mir beim Abschied, ?ich weiß, Sie lassen keinen Danske durch.? Das war sehr ehrenvoll, beruhigte mich aber nicht. Am andern Morgen, am 6. Juli, als die Vorpostenkompagnien sich eben ablösen wollten, stürzte plötzlich der Feind in dichten Schützenschwärmen gegen meine Stellung und umfaßte sofort den ungedeckten rechten Flügel. Es war eine unerwartete Überrumpelung, die nur dadurch so völlig gelang, daß die Dänen sich bei den vorgeschobenen Posten für die Arbeiterkompagnien ausgaben, mit denen sie gleiche Kleidung trugen. Auf diese Art gelangte der Feind, ohne einen Schuß zu tun, bis hart vor unsere Verteidigungsstellung. Jetzt aber wurden die Dänen aus den Laufgräben mit einem so heftigen Feuer empfangen, daß sie rasch zurückwichen. Sobald aber ihre Soutiens mit eingriffen, drangen sie wieder in dichten Massen vor und sprangen in die besetzten Laufgräben, in denen nun ein erbitterter Kampf mit Kolben und Bajonett stattfand. Auf meinem rechten Flügel kämpfte die erste Kompagnie mit der Rücklehnung an ein Knick heldenmütig gegen den Feind. Links von mir war eine starke dänische Kolonne durch die Schlucht gedrungen und erstieg das Plateau. An dieser Schanze arbeiteten heute nacht 2?300 Mann vom ersten und dritten Bataillon. Als die Leute sich so plötzlich im Rücken angegriffen sahen, stürzten sie kopflos davon. Der linke Flügel schien mir daher am meisten gefährdet, und ich begab mich sofort mit meinem Adjutanten dorthin. Als ich eben durch die Öffnung des Knicks auf die neue Schanze trat, wälzte sich mir jene Arbeiterkompagnie entgegen. Es gelang uns, die Leute zum Stehen zu bringen und mit ihnen ein von West nach Ost laufendes Knick zu besetzen. Doch immer mehr feindliche Scharen tauchten auf, und eine erdrückende Übermacht nötigte uns, die Stellung aufzugeben und eine neue zu suchen. Es galt für Offiziere wie Soldaten, das Äußerste zu leisten und in todesmutiger Pflichterfüllung standzuhalten. Noch war es entsetzlich dunkel, Freund und Feind waren kaum zu erkennen, und es hielt dadurch schwer, eine entstandene Unordnung rasch zu beseitigen. Jetzt[36] sah ich mich von der Seite und im Rücken gefaßt. Wir wurden von einem Knick zum anderen zurückgedrängt. Endlich erreichten wir das vorgeschobene Hüttenlager und hofften uns dort halten zu können, bis meine nach allen Richtungen ausgesandten Meldungen mir Unterstützung bringen würden. Amazon.de Widgets Eine Zeitlang gelang es, die anstürmenden Dänen aufzuhalten und ihnen empfindliche Verluste beizubringen. Doch der Feind umklammerte mich immer enger, von allen Seiten wurde ich beschossen und mußte mich wehren, mit gefälltem Bajonett ging es vorwärts. Im Laufschritt, uns dicht an das große Knick haltend, erreichten wir dies Vorwerk. Von allen Seiten hagelten die Schüsse auf uns nieder, aber es gelang mir, das dahinterliegende Hüttenlager, sowie den anstoßenden Waldrand zu besetzen und dadurch in unmittelbare Verbindung mit der ersten Brigade zu treten. Dieses tollkühne, aber notwendige Durchschlagen hatte viele Leute gekostet. So fiel auch unter anderen mein kleiner vierzehnjähriger Hornist Beust. Eine Kugel hatte ihn in die Brust getroffen, und bewußtlos stürzte er vor mir nieder. Mit wahrem Schmerz hielt ich den kleinen munteren Kerl, der mir stets zur Seite gewesen war, für verloren, als er plötzlich aufschrie und mir nachrief, ihn doch nicht liegen zu lassen. Ich kehrte sofort um und schleppte den starkblutenden Jungen mit Hülfe meines Adjutanten seitwärts, wo mein Reitknecht mich mit meinem Lieblingspferd, dem braunen Sciold, erwartete. Schon setzte ich den Fuß in den Bügel, als eine feindliche Kugel denselben abriß und mir dabei eine Verletzung des linken Fußblattes beibrachte. Das schien mir eine Warnung zu sein, und da ich bei den vielen Knicks das Pferd doch nur zeitweise gebrauchen konnte, so setzte ich noch den kleinen Beust auf Sciold und befahl dem Reitknecht, mit dem Verwundeten schnell den Kampfplatz zu verlassen. Ich selbst eilte nun, so rasch es ging, zu meinen Leuten, die den Waldsaum besetzten. Das Feuer aus dem Gehölz wurde so heftig, daß ich mich genötigt sah, auch diese Stellung zu verlassen. Mit eiserner Zähigkeit wurde jedes Knick verteidigt, bis feindliche Übermacht uns zum Rückzug zwang. So näherten wir uns kämpfend der Furt, die von drei Kanonenbooten bestrichen wurde, also nur einen höchst gefährlichen Rückzug bot. Zugleich erreichte mich der Brigadebefehl, mit meinen Leuten und dem 4. Bataillon unverzüglich nach Veile zu marschieren. Der Westausgang des Dorfes war vom Feinde besetzt, so blieb denn nur die von mir früher untersuchte Furt, wenn wir dem Befehle[37] folgen und uns aus der üblen Lage retten wollten. Mein Entschluß stand fest, ich gedachte mir mit meinen Leuten den Weg dorthin zu bahnen. Zur Überraschung der uns verfolgenden Dänen ließ ich kehrtmachen und die Leute mit gefälltem Bajonett auf den Feind losgehen. Das geschah so plötzlich und so stürmisch, daß die Dänen von dem Anprall zurückwichen und wir ohne nennenswerte Verluste die Furt erreichten. Zeit war nicht zu verlieren, denn schon nahten die feindlichen Soutiens aus dem Gehölze. Ich gab daher sofort den Befehl zum Durchschreiten der Furt. Leider hatte der Wind verschiedene Strohwische, die den Wasserweg bezeichneten, umgerissen, so daß auf dem gewundenen, etwa tausend Schritt langen Pfade doch ein paar meiner Leute ertranken. Ich selbst blieb bis zuletzt am Ufer, um abzuwarten, bis meine Unteroffiziere den schwerverwundeten Leutnant Gallus herangetragen hatten. Zum Glück entdeckte ich einen Bauernwagen, der sich im Schilfe festgefahren hatte. Für Gallus wurde auf dem Wagen ein Lager bereitet, er selbst und etliche Verwundete heraufgepackt, und dann befahl ich dem Bauer, die Unsern durch die Furt zu fahren. Von einer vorspringenden Landzunge beschossen uns die dänischen Jäger. Das war ein empfindliches Flankenfeuer und kostete etliche Leute. Am anderen Ufer angelangt, gönnte ich meiner völlig erschöpften Mannschaft eine kurze Rast, dann aber ging es in der befohlenen Richtung weiter. Außer meiner Person haben von meinem Bataillon nur zwei Offiziere und 76 Mann unverwundet das nördliche Ufer des Ramsfjord erreicht. Als unser zusammengeschmolzenes Häuflein in Piedstädt anlangte, um sich mit den Trümmern der Brigade zu vereinigen, fanden sich noch verschiedene Versprengte ein, so daß ich schließlich eine Stärke von 2 Offizieren und 152 Mann erreichte. Wir hatten einen Verlust von 10 Offizieren, 2 Ärzten und 518 Mann zu beklagen. Ausnehmend herzlich wurde ich von Bonin und Blumenthal begrüßt. Sie hatten mich mit dem ganzen Bataillon schon für verloren angesehen, und daher war das Wiedersehen mit den Kameraden ein um so freudigeres. Nach zwei Stunden der Rast trat das ganze Korps den Marsch nach Veile an. Auf Bonins besonderen Befehl mußte ich die Tete nehmen, wobei der General meinen Leuten zurief: ?Kinder, ihr habt die Scharte von Gudsoe heute prächtig ausgewetzt! Ihr sollt als mein bravstes Bataillon den Platz an der Spitze meiner Armee haben!? Vor den Toren von Veile ließ Bonin uns in Parade vorbeimarschieren, wobei meine drei übriggebliebenen Tambours, von denen nur einer über eine heile Trommel verfügte, allerdings nicht gerade[38] parademäßig aussahen. Doch ein Gleiches konnte man eigentlich von uns allen behaupten. Trotzdem durchzogen wir in bester Haltung die Stadt und schlugen dann in einer Waldlücke, an einem reizenden Talrande, unser Biwak auf. Bald schien der Soldat am dampfenden Kochkessel alle Beschwerden des Tages vergessen zu haben, und mit stürmischem Jubelrufe wurde Vater Bonin von allen Seiten empfangen, als er durch das Lager ritt. ? Ein paar Tage darauf erhielt ich an Stelle meines zusammengeschmolzenen Bataillons das 1. Bataillon, das durch Rekruten vollständig gemacht worden war. Es wurde mir schwer, mich von den braven Leuten zu trennen, mit denen ich Seite an Seite im Kugelregen gestanden hatte. Auch die Majorsepauletten, die Bonin mir mit den Worten gab: ?Die haben Sie sich unbedingt auf dem Schlachtfelde verdient?, konnten mir über die Trennung von dem mir so lieb gewordenen Bataillon nicht hinweghelfen. Der Waffenstillstand erfolgte, und die Truppen wurden hinter die Eider zurückgezogen. ? Das Kriegsbild versank, und auf die ernsten Zeiten folgten Freudentage. Jubelnde Einmärsche begannen. Flensburg und Schleswig überboten sich in Ehrenbezeugungen. Lorbeerkränze, Ansprachen, Blumen und Gedichte wurden in Hülle und Fülle gespendet. Eine ganz besondere Freude erlebte ich noch bei einem dieser Einzüge. Aus dem Menschengewühl drängte sich plötzlich frisch und gesund mein kleiner Beust an mich heran. Unter Freudentränen küßte der brave Junge meinen braunen Sciold, den er seinen Lebensretter nannte, und erzählte mir, daß seine blecherne Feldflasche am Tage von Fredericia die Kraft der Kugel, die ihn getroffen, abgeschwächt hätte. Die Mitglieder der Holsteinschen Regierung gaben meinem Offizierkorps ein glänzendes Fest in der Stampfmühle. Der Kriegsminister Johannsen ließ sich dabei in seiner Begeisterung so weit hinreißen, daß er mich in einem Toast nicht nur den ?Trommler von Kolding?, sondern auch ?den unverzagten Leonidas von Fredericia? nannte. Man mußte sich bemühen, bei diesen überschwenglichen Lobsprüchen ruhiges Blut zu behalten, und sich immer wieder daran erinnern, daß man nur Unvollständiges zuwege gebracht hatte, um durch solche Überschätzung der eigenen Leistungen nicht zu einem aufgeblasenen Narren zu werden. Bis zum April 1850, wo meine Abberufung erfolgte, blieb ich nun in Rendsburg und beschäftigte mich während dieser Zeit eingehend mit der[39] Ausbildung meines Bataillons. Frau und Kind ließ ich nach Rendsburg kommen und lebte dort in behaglicher Häuslichkeit. Als im April der Befehl zur Rückkehr nach Berlin eintraf, konnte ich ihn nur schweren Herzens entgegennehmen. Der Abschied von diesem meerumschlungenen Lande wurde mir nicht leicht. Der Gouverneur gab mir zu Ehren ein großes Diner, und die Leute meines Bataillons brachten mir einen Fackelzug. Sie entließen mich nicht eher aus ihrer Mitte, bis ich jedem einzelnen die Hand gedrückt hatte. Am Abend gab das Offizierkorps mir einen Ball, bei dem man mir einen Ehrenpokal überreichte, auf dem die Koldinger Szene mit einer Widmung eingraviert war.2 Bis 4 Uhr wurde ich festgehalten, dann brachte man mich nach der Eisenbahn, wo mein ganzes Bataillon mich erwartete und mir nicht endenwollende Abschiedsgrüße zurief, als ich abfuhr. Und solchen Leuten sollte man nicht gut sein? Schleswig-Holstein hat durch diese Jahre mein Herz erobert, die braven Holsten aus dem meerumschlungenen Lande werden es auch dauernd behalten.« 1 Amazon.de Widgets Kommandierender General des I. bayrischen Armeekorps im Kriege 1870/71. 2 Der Pokal wird als teures Andenken in unserer Familie aufbewahrt, er steht in dem Hause meines Schwiegersohns, des Grafen Kirchbach, ebenso der zweite Pokal, den mein Vater am 23. April 1899 von dem Kombattantenverein der 18. Division von 1870/71 erhielt. 
 XXIV. Aufstand in Südwestafrika.  [268] Im Januar 1904 brach der Aufstand in Südwestafrika aus. Wahrheitsgemäß, wenn auch jetzt mit einiger Beschämung, muß ich eingestehen, daß mich das damals gar nicht interessierte. Von den Kolonien wußte ich herzlich wenig, trotzdem mein liebes Mütterchen, als einzige in unserer Familie, sich für jede koloniale Neuigkeit, insbesondere für Kamerun interessiert hatte. Merkwürdigerweise war auf mich bisher noch nichts von dieser fürsorgenden Liebe übergegangen, die Brücken über das Weltenmeer schlägt. Ebensowenig wußte ich von der Schutztruppe. Der Name war für mich nur ein leerer Begriff. Alle Zeitungsspalten füllten die Nachrichten über den Krieg zwischen Rußland und Japan, der bildete das Tagesgespräch, und dabei glitten die Berichte über Truppensendungen nach Südwestafrika und über die ersten Gefechte dort ziemlich spurlos an mir vorüber. Dann aber kam ein Aufmerken. Ich las in der Zeitung von dem Gefecht bei Klein-Barmen, von dem Leutnant von Rosenberg, der den Befehl erhalten hatte, den rechten feindlichen Flügel umfassend anzugreifen. Es galt ein Vorwärtsgehen im schwierigsten Gelände. »Wer Schneid hat, sammelt sich hinter jener Kuppe bei mir«, hatte er den Leuten zugerufen und war etwa 100 Meter weiter bis zur nächsten Deckung gesprungen, die Reiter ihm nach. Kriechend war es im Flußbett einige 100 Meter weiter gegangen und dann durch das völlig deckungslose 150 Meter breite Flußbett des Swakop im heftigsten feindlichen Feuer. Nun waren sie wieder auf allen Vieren 800 Meter gekrochen bei wahnsinniger Hitze durch Dornen und Klippen. Eine Viertelstunde[268] Pause, um Atem zu schöpfen, dann hatte Leutnant von Rosenberg kommandiert: »Sprung auf, Marsch, Marsch!« und in einem Lauf von 150 Metern war es über die blendend weiße Sandfläche des Swakop gegangen, dabei ein Höllenfeuer von drei Seiten. 90 Meter vor der feindlichen Stellung war das Bajonett aufgepflanzt worden und mit Hurra hatten sie sich in die feindliche Stellung geworfen. Das war unerschrockenes Heldentum! Das packte mich und der Eindruck vertiefte sich. Ich erzählte davon im Lazarett und freute mich, wie gespannt die Leute zuhörten, wie ihre Augen leuchteten und sie immer mehr wissen wollten. Zugleich erhielt ich aus Langfuhr von Unteroffizier Lüth, der schon die Chinaexpedition mitgemacht hatte, Briefe, in denen er mir mitteilte, daß er sich als Freiwilliger gemeldet habe, um nach Südwestafrika zu gehen. Ganz begeistert schrieb er darüber und sah es wie eine heilige Pflicht an, wenn man jung, gesund und unabhängig sei, sich als Freiwilliger zu melden, um den deutschen Brüdern zu Hülfe zu eilen, die dort meuchlings von den Hererobanden überfallen wären. Das Regiment wollte ihn nicht fortlassen und er sorgte sich, ob er auch mitkommen würde. Auch von diesen Briefen sprach ich im Lazarett und in den Sonntagnachmittagsstunden. Solche Worte eines Kameraden weckten lebhaften Widerhall in den Herzen der Zuhörer, besonders meiner Sonntagsnachmittagsgäste. Im Mai war ich in Berlin, wo ich immer in der Familie des Geheimrat Hofmann, eines alten Freundes von meinem Manne, einen herzlichen Willkommen fand und ein gemütliches Absteigequartier stets meiner harrte. In der Zeit kamen die beiden Unteroffiziere vom Leibhusarenregiment, Lüth und Schreck, die ich von Langfuhr kannte, durch Berlin, um nach dem Truppenübungsplatz Munster zu reisen, dem Sammelplatz für den Truppentransport nach Südwestafrika. Aus der Depesche, in der Lüth mir seine Annahme als Freiwilliger und seine Durchreise gemeldet hatte, klang strahlende Freude. Er hatte gebeten, daß ich, wenn es mir möglich wäre, auf den Bahnhof kommen möchte. Die beiden Kriegsfreiwilligen wollten gern noch von mir Abschied nehmen. So fuhr ich denn hin, begleitet von unserm freundlichen Hausherrn. Nur knapp bemessen war dort die Zeit der beiden, sie mußten gleich auf eine andere Bahn, um weiter zu fahren. Aber Zeit genug war doch noch gewesen für die zweite Bitte, ich möchte, wenn es anginge, zu meinem Pflegesohn, dem Grafen Bernstorff, nach Hamburg fahren und dasein, wenn das Schiff mit dem Truppentransport abginge.[269] Als ich mit dem alten Herrn heimfuhr, verhielten wir uns beide sehr stumm. Endlich brach er das Schweigen. »Es ist merkwürdig, welchen Eindruck diese kurze Viertelstunde auf mich gemacht hat«, sagte er. »So klar und mit so gefaßtem Ernst und dabei so frisch und freudig geht solch ein junges, blühendes Leben in die Todesgefahren hinein.« Ich nickte: »Ja, es ist etwas Großes darum, ich muß immerzu daran denken und habe mich entschlossen, nächster Tage zu meinem Pflegesohn nach Hamburg zu reisen. Ich möchte bei der Abfahrt des Truppentransportes dabei sein.« Wenige Tage darauf war ich in dem behaglichen Heim meines Pflegesohns. Sie wollten mich natürlich nach dem Petersenkai begleiten, wo am 1. Juni der Dampfer »Aachen« mit dem Truppentransport nach Swakopmund abfahren sollte. Die lieben Beiden ? Mann und Frau ? waren voll Interesse und wollten gern noch mehr hören von den vorbereitenden Übungen für Südwestafrika auf dem Truppenübungsplatz, von denen ich Bericht erhielt. Das teilte ich Unteroffizier Lüth mit und zugleich die Einladung meines Pflegesohns, vor der Abfahrt des Dampfers noch zu ihm zu kommen. In der Nacht zum 1. Juni trafen die Reiter in Hamburg ein und wurden sofort auf das Schiff geführt. Hauptmann Klein, der Führer der 1. Kompagnie 2. Feldregiments, gab Lüth etliche Stunden Urlaub und die verbrachte er bei uns. Es war ein bewegliches Bild, das er uns vom Leben in Munster entwarf. Gedachte Überfälle der Hereros, während die Reiter abkochten, hatten sich abgespielt, und dabei war ein unfreiwilliges Davonsausen der Pferde eingetreten. Erst kürzlich der Truppe zugewiesen, hatten sich die Tiere wie toll gebärdet, als sie plötzlich das, gewiß sehr kräftig nach- oder richtiger vorgeahmte Kriegsgebrüll der anstürmenden Feinde vernahmen. Das Anlegen der Spannfesseln war geübt worden, wenn die Pferde auf der Weide waren, und die verschiedensten Dinge betrieben, die drüben notwendig sein würden. In vergangener Nacht waren sie nun, nachdem sie alle in die schmucken Reiteruniformen eingekleidet waren, von Munster aufgebrochen und bei Fackelschein, begleitet von der ganzen Einwohnerschaft, zum Bahnhof marschiert. Frische Soldatenlieder hatten sie dabei gesungen, Hurra gejubelt und Abschiedsgrüße ausgetauscht. Das war gewesen, und von dem Vergangenen wandte sich das Gespräch auf die Kämpfe, Entbehrungen und Gefahren, die in dem Dornenlande unsern deutschen Söhnen bevorstanden.[270] »Vorwärts mit Gott, frisch drauf und sieghaft durch« war das Losungswort, das ich für die Kampfzeit mitgab, und »Getreu bis zuletzt« das ernste Gelübde darauf. Um 3 Uhr fuhren wir nach dem Petersenkai. Der Dampfer »Aachen« war hinauf bis in das Takelwerk mit lustigen bunten Fähnchen geschmückt. Hauptmann Klein hieß uns willkommen und führte uns auf das Schiff, uns die Einrichtung des Dampfers zu zeigen. In enger Box, die so schmal war, daß die Tiere sich zwar nicht legen, aber dafür auch nicht umfallen konnten bei den Schwankungen des Schiffes, standen die Pferde, kleine dauerhafte Masurengäule, die an Weidefutter gewöhnt waren. Zaumzeug und Sattel hing über der Krippe, neugierig steckten sie den Kopf aus der Box und ließen sich die weichen Nüstern streicheln. Dann ging es in die Kojen, wo zu dreien übereinandergetürmt die Lagerstätten der Reiter sich aufbauten, mit dem Schwimmgürtel unter jedem Kopfkissen. Amazon.de Widgets »Antreten« scholl das Kommando durch alle Räume. Gewehr in der Hand stürzten die Reiter an uns vorbei, die Schiffstreppe hinauf nach dem Kai. Langsamer folgten wir. Hauptmann Klein schloß sich dem Kreis der Offiziere an, der sich um Oberst Deimling gebildet hatte, die Herren sprachen lebhaft hin und her. Hinter ihnen in Reih und Glied standen die Reiter, die Regimentsmusik spielte »Deutschland, Deutschland über alles«, und als sängen sie mit Herz und Lippen die Worte mit, so freudig leuchteten die Gesichter der jungen Krieger. Da hieß es »Stillgestanden«, und wie ein Ruck ging's durch die Reihen. Der Kommandierende General kam und brachte der scheidenden Truppe den Abschiedsgruß Sr. Majestät des Kaisers. In kurzen, markigen Worten legte ihnen der General als heilige Pflicht an das Herz, dem deutschen Namen drüben Ehre zu machen, und schloß mit einem dreimaligen Hoch auf unseren Allerhöchsten Kriegsherrn. Das weithallende Hoch war kaum verklungen, so sprach Hauptmann Klein. Er gelobte im Namen seiner Kompagnie, daß jeder einzelne von ihnen seine Pflicht bis aufs äußerste tun und Treue halten werde bis zuletzt. Wie Jauchzen klang das stürmische Hurra, mit dem die Reiter das Gelübde bekräftigten. Wieder ein Kommando: »Kehrt! Marsch, ohne Tritt«. Die Reiter kehrten zum Schiff zurück. Unteroffizier Lüth trat noch einmal an uns heran zum Lebewohl. Was sein Hauptmann ausgesprochen, war auch hier das Abschiedswort: »Getreu bis in den Tod.« Nun füllte sich das Schiff mit all den jungen blühenden Gestalten. Bis in die Raen kletterten die Reiter hinauf, schwenkten die Hüte, winkten[271] und nickten! Wie das durcheinander klang, Jauchzen und Schluchzen, Hurra- und Abschiedsrufe, und dabei spielte die Regimentsmusik »Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus«. Ich ließ meinen weißen Spitzenschal in die Lüfte flattern und winkte damit im Verein mit den vielen, die am Ufer standen, den Scheidenden das letzte Lebewohl zu. Erinnerungen aus den Kriegsjahren in meiner Jugendzeit tauchten vor mir auf, wie eine flüchtige Vision zogen sie am Geist vorüber. Packende Züge von Heldenmut und Todestreue, stürmendes Vorwärtsgehen mit jauchzendem Hurra, zähes Festhalten auf gefahrvollem Posten, Opfermut und Kameradschaft in ihrer schönsten Blüte und daneben Blut und Wunden und Heldentod. Dem allen ging diese kraftvolle Jugend entgegen, die so freudig-ernst, so treubereit auszog ihren deutschen Brüdern zur Hülfe. Ein Weltmeer legt sich zwischen sie und die Heimat, trennt sie von ihren Lieben, und doch hatten sie sich alle freiwillig gestellt, gingen todesmutig und freudig den Gefahren entgegen. In dieser knappen Spanne Zeit drängten alle diese Gedanken auf mich ein und wurden zu dem inbrünstigen Gebet: Gott schütze, Gott geleite sie! Die Offiziere hatten jetzt auch den Dampfer betreten, die Schiffsbrücke wurde aufgezogen, und immer lebhafter wurde das Winken, immer lauter das Rufen. Ein nebelumwallter grauer Himmel hatte dem ganzen Tage ein schwermütiges Gepräge gegeben, jetzt aber durchbrach die Sonne das Gewölk und umleuchtete das Schiff. ? Ein schriller Ton aus der Dampfpfeife, ein Sprudeln im Wasser ? und langsam setzte sich der Dampfer »Aachen« in Bewegung. »Auf Wiedersehen« klang es vielstimmig vom Dampfer, und »auf Wiedersehen« hallte es wie ein Echo vom Ufer, untermischt mit ausbrechendem Schluchzen. ? Wir folgten dem Dampfer, solange wir ihn noch mit den Augen erspähen konnten, und wie magnetisch von dem dahingleitenden Schiffe angezogen, wogte auch die ganze Menge, die auf dem Kai gestanden hatte, nach. Ich mochte nicht viel sprechen auf dem Heimwege, aber eins sagte ich meinem Pflegesohn doch noch in derselben Stunde: »Erich, ich will jetzt mit allem, was ich an Gaben und Kräften besitze, in den Dienst der Schutztruppe treten.« »Kordrock anziehen und Schlapphut aufsetzen?« wollte er necken. Ich wehrte ihm. »In die Arbeit für die drüben Kämpfenden will ich gehen, Brücken übers Meer schlagen und Herzen für unsere Reiter[272] warm machen, die über den russischen Krieg vergessen werden. Das möchte ich, und das habe ich mir gelobt, wie das Schiff fortzog.« »Dann wirst du es auch halten«, antwortete er mir und drückte mir fest die Hand. In der Nacht schlief ich wenig, und geschah es, so sah ich nur das dahingleitende Schiff und hörte verhallend das Rufen: »Auf Wiedersehen!« In den wachen Stunden aber durchgrübelte ich die Frage, wie ich wohl am besten versuchen könnte, meine Wünsche in die Tat zu übersetzen. Daß die Aufgabe, die ich mir gewählt, kein phantastischer Gedanke sei, sondern sich sehr bald zu einem wirklichen Bedürfnis herausstellen würde, war mir klar, ebenso klar wurde ich mir auch darüber, daß meine geliebten Heimgegangenen just an dieser Arbeit besondere Freude gehabt hätten, und da kam etwas wie vertrauensvolle Siegesfreudigkeit über mich. Gott würde mir helfen, davon war ich überzeugt, und darum hoffnungsfroh, daß ich zum Ziele gelangen könnte. Auch für mich nahm ich jetzt das Losungswort: »Vorwärts mit Gott, frisch drauf und sieghaft durch.« Am anderen Morgen hatte ich in großen Zügen meinen Plan fertig, und so herrlich, so lockend schien mir die Aufgabe, daß ich keinen Tag länger warten wollte, um die Arbeit zu beginnen. Was in Langfuhr durch die patriotischen Soldatenaufführungen erreicht war ? Stimmung zu machen und Geld zu gewinnen ?, warum sollte das nicht auch hier der Weg sein, auf dem ein Teil des Gewünschten erreichbar war! So fuhr ich denn nach Berlin auf das Kommando der Schutztruppe und bat, ob mir nicht jemand dort ein kleines koloniales Theaterstück schreiben könne, um dadurch Stimmung für unsere Reiter zu machen. Warmes Entgegenkommen fand ich hier freilich und bereitwillige Zusage, mir hierbei überall zu helfen, aber solch ein Theaterstück, wie ich es mir dachte, gab es nicht, und niemand konnte es mir dichten. Ich selbst aber wußte nur so bitter wenig von Südwestafrika, dem Aufstande und den Verhältnissen drüben. An Hauptmann von Erckert sollte ich schreiben, der Jahre drüben gewesen und jetzt in Braunschweig war, der, so meinten die Herren auf dem Kommando, würde mir vielleicht zu dem Gewünschten verhelfen können. Ich tat es und bekam umgehend Antwort. Herr von Erckert schrieb mir, hocherfreut über mein Interesse an unseren braven Reitern in Südwestafrika, gab auch zu, verschiedene Aufsätze über die junge Kolonie und die Zustände dort geschrieben zu haben, meinte aber, absolut nicht einen Dialog oder ein Theaterstück verfassen zu können. Nun, literarischen Wert brauchte die Arbeit ja nicht zu haben, das wußte ich von Langfuhr her, es galt nur, ein packendes Bild von dem[273] zu entwerfen, für das man die Herzen erwärmen wollte. Das schrieb ich nach Braunschweig, bat um die Skizzen und schlug Herrn von Erckert vor, ich wolle das Stück dichten, ihm senden, und er möge es dann prüfen, ob es auch ganz afrikatreu sei. So haben wir es gemacht. Mein kleiner Zweiakter »In Afrika« und der Text zu den lebenden Bildern aus der Aufstandszeit wurde als vollgültig angenommen. Nur die Sprechweise des Bambusen hatte ich nicht richtig getroffen und erhielt den Rat, in Schwerin auf den ehemaligen Burschen des Obersten von Estorff zu fahnden, der mich auf diesem Gebiet unterweisen könne. »Stolte« hieß der Gesuchte, aber mehr wußte ich nicht. Am liebsten hätte ich ihn in Schwerin, wie einen verloren gegangenen Gegenstand, ausklingeln lassen, wenn das nicht gar zu vorsündflutlich gewesen wäre, aber ich wurde auch ohnedies seiner habhaft. Wir arbeiteten die fraglichen Stellen miteinander durch, und ich erklärte ihm, er müsse nun auch den schwarzen Timotheus spielen, was er bereitwillig zusagte. Nun kam der zweite Schritt, das Werben der Schauspieler. Ich bat den Kommandeur der Artillerie, dessen Unteroffiziere ich aus den Sonntagsstunden am besten kannte, ob er gestatten würde, daß diese die Aufführung machen dürften. Etwas bedenklich sah er mich an und meinte, die Leute hätten bis 8 Uhr abends Dienst, würden zu müde sein und interessierten sich überhaupt nicht für diesen sich in der Ferne abspielenden Krieg. »Wenn die Leute nun aber selbst Lust haben zu der Sache, wie dann?« fragte ich. Für den Fall bekam ich bereitwillige Zusage, und ich war ja überzeugt, daß es so sein würde. Nun rief ich mir meine Sonntagsgäste, las ihnen das Stück vor und besprach alles mit ihnen. Sie waren Feuer und Flamme, setzten sofort eine Unteroffizierversammlung an, und schon am Tage darauf kam eine Deputation zu mir. Selbstverständlich wollten sie alle mitspielen, und wenn die Proben auch bis Mitternacht dauerten. So warm waren sie für die Sache geworden, daß sie 50 Mark aus ihrer Vergnügungskasse genommen hatten, um dafür Liebesgaben zu kaufen für ihre Kameraden in Südwest. Der Oberst war hocherfreut über das Resultat und sandte mir zwei junge Offiziere, um mir bei der Ausführung zu helfen. Da wollte sich nun ein neues Hindernis aufbauen. Die Herren machten ernste Gesichter, meinten, ich sei noch zu kurze Zeit in Schwerin, um die Verhältnisse genügend beurteilen zu können. Ich würde bei der Arbeit eine große Enttäuschung erleben, denn die[274] Schweriner Gesellschaft ginge nicht in Aufführungen von Unteroffizieren. Daß ich meine Danziger Erfahrungen dagegenhielt, nützte nichts, das Schreckgespenst einer völligen Niederlage wurde mir vorgehalten. Da erklärte ich fröhlich: »Wir haben die Rollen vertauscht, Sie sind das bedächtige Alter, und ich die vorwärtsstürmende Jugend. Trotz allem ?, ich versuch's! ? Wir wollen unser Bestes tun, frisch drauf und sieghaft durch.« Nun ging es an die Arbeit und die Proben begannen. Einen Herrn vom Theater hatte ich gebeten, die Rollen einzustudieren und die Bilder zu stellen, Mitternacht wurde es dabei freilich immer, aber es war eine Freude, dabei zu sein. Die Spielenden faßten die Rollen und auch die Bilder wie wirkliches Leben auf, und was mir einer von ihnen sagte, gibt am besten die Gesamtstimmung wieder. Er meinte: »Es wird einem dabei zumut, als ob man das alles leibhaftig mit durchmachte; es ist doch so was Schönes um solche Treue, man möchte es gleich nachtun!« Als wir drei oder vier Proben gehabt, meinten die Offiziere, die immer dabei gewesen, sie wollten mit Kameraden des Regiments die lebenden Bilder stellen, das hätten sie sich heute beim Mittagessen ausgedacht. Ich überlegte: den Unteroffizieren die Hälfte der Sache, die ich ihnen gegeben, und die sie mit so viel Freude betrieben, wieder wegnehmen, das ging nicht. So machte ich denn einen anderen Vorschlag nach dem Muster »afrikanischer Kameradschaft«. Die Herren möchten mit Damen der Gesellschaft ein kleines Stück einüben, und das müsse in unsere Aufführungen eingereiht werden. In dieser Weise führten wir die Sache durch. Se. Königliche Hoheit der Großherzog war so gnädig, das Protektorat zu übernehmen, und schon Tage vorher waren alle Billetts zu den Aufführungen verkauft. Dreimal mußten wir sie wiederholen und hatten einen herrlichen Ertrag, der, in Liebesgaben verwandelt, zu unsern braven Reitern nach Südwestafrika geschickt werden sollte. Geld war gewonnen und Stimmung gemacht. Alle Kreise in Schwerin beteiligten sich an der Arbeit des Packens wie am Geben, und das geschah nicht nur so nebenbei, sondern mit warmer Herzensfreude, kein Sporn war nötig, wo Liebe erbötig. Se. Hoheit der Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg sagte mir nach der ersten Aufführung: »Das hat mich tief bewegt. Sorgen Sie nun auch dafür, daß diese Sachen weiter verbreitet werden, denn das macht Stimmung für unsere Braven.« Auf Grund einer längeren Unterhaltung[275] mit Sr. Hoheit über diesen Punkt schrieb ich an verschiedene Kommandierende Generale und teilte den Herren die Wünsche des Herzogs mit. Da das Kommando der Schutztruppe mir 40 Tropenuniformen zur Verfügung gestellt hatte, so konnte ich zugleich die nötigen Anzüge für die Aufführungen anbieten und hatte die Freude, daß mein kleiner Zweiakter wie die lebenden Bilder in den verschiedensten Städten für unsere Reiter im sonnendurchglühten Lande die Herzen erwärmen durften. Nun zu dem zweiten Teil der erwählten Aufgabe, die ich zu gleicher Zeit in Angriff genommen. Die hatte mir zuerst viel Nachdenken gekostet, denn ich war so fremd drüben unter den Reitern. Wie sollte ich es anfangen, ihnen nahe zu kommen, ihnen, wie ich es ersehnte, in der Fremde »ein Stück Mutti« zu werden? Doch auch da fand sich bald ein Weg. Unsere Soldaten singen so gerne, aber die mir bekannten Soldatenlieber paßten nicht für die Verhältnisse drüben. Da war nun eine gewisse Lücke, die ich versuchen wollte auszufüllen und dadurch die Brücken zu schlagen übers Meer. Nach den bewährten Melodien alter Soldaten- und Volkslieder dichtete ich zehn Lieder. Das sonnendurchglühte Dornenland und das kriegerische Treiben dort kannte ich einigermaßen aus den Skizzen des Hauptmanns von Erckert und den Briefen des Unteroffiziers Lüth, der sehr eingehend darüber schrieb, und um zu wissen, wie es in einem schlichten Reiterherz aussah, war ich nicht umsonst so viel im Lazarett gewesen. So wollte ich es denn versuchen und ließ auf tausend Blätter die zehn Lieder drucken, ein Treugruß aus der Heimat, nur mit einer Chiffre bezeichnet. An die 1. Kompagnie 2. Feldregiments sandte ich sie, der ich in Hamburg das letzte Lebewohl zugewinkt hatte. Keinem Menschen sagte ich etwas davon, denn hierbei fühlte ich mich durchaus nicht siegesgewiß, sondern war recht schüchtern und eigentlich überzeugt, daß dieser Ruf nach drüben unerwidert verhallen würde. »Zieht hinaus, ihr kleinen Lieder, Ihr sollt meine Boten sein, Bringt von drüben Grüße wieder, Nistet euch ins Herz dort ein.« Und die Grüße kamen, kamen in Menge von Offizieren und Reitern. Unteroffizier Lüth, der meine Bücher kannte, hatte erraten, von wem die Lieder stammten, und hatte es den Kameraden gesagt. Nun baten sie, mehr Lieder zu schicken, ich tat es, und gleich darauf kam der erneute Wunsch nach noch mehr Liedern. Bei meinen einsamen Morgenspaziergängen an dem waldumrandeten »faulen See« in Schwerin dichtete ich Neues, faßte alles in ein Büchlein[276] zusammen, nannte es »Kriegsklänge für Südwestafrika« und schickte es nach drüben. Mit dem Dank zog nun die letzte Bitte zu mir hinüber, diesmal in schlichten Reiterversen: »Gib nun dein Bild dem Büchelein, dann wird's des Reiters Liebling sein«, endigte das kleine Gedicht. Da kam nun auch das Bild hinein, und weil mir das doch etwas anspruchsvoll erschien, setzte ich für solche, die des Reiters Bitte nicht kannten, ein kurzes Versehen dazu. Einige von den Liedern lasse ich nachstehend folgen: 3. Unsere Schutztruppe. Mel.: Es braust ein Ruf. 1. Nach Afrika ins Dornenland Sind wack're Streiter ausgesandt, Zu Schutz und Trutz, zu deutscher Ehr' Voll frischen Muts, zu tapf'rer Wehr. :,: Die Pflicht voran zu :,: jeder :,: Zeit, Fest stehn sie dort, :,: ja fest :,: und treu bereit. :,: 2. Nach Afrika in Sonnenglut, Die Stirn beschützt vom Tropenhut, Die Waffe schußgerecht zur Hand, Sind unsre Braven ausgesandt. :,: Die Pflicht voran zu :,: jeder :,: Zeit, Fest stehn sie dort, :,: ja fest :,: und treu bereit. :,: 3. In Afrika mit ihrem Blut Beweisen sie den Todesmut, Der deutschen Kriegern eigen bleibt Und sie zu Heldentaten treibt. :,: Die Pflicht voran zu :,: jeder :,: Zeit, Fest stehn sie dort, :,: ja fest :,: und treu bereit. :,: 4. In Afrika, ihr Reiter dort, Bewahrt die Treue fort und fort, Und wogt der Kampf auch noch so heiß, Nur unverzagt zu Deutschlands Preis! :,: Gott sei mit euch zu :,: jeder :,: Zeit, Fest haltet aus, :,: ja fest :,: und treu bereit. :,: 12. Kriegers Gedanken. Mel.: Morgenrot, Morgenrot. 1. Sternennacht, Sternennacht, Leuchtest mir in stiller Pracht! Bald wird uns die Stunde schlagen, Da wir unser Leben wagen Für des Vaterlandes Ehr'.[277] 2. Kampf und Not, Kampf und Not, Fern von Haus den frühen Tod Kann der nächste Tag uns bringen, Doch wir wollen jubelnd singen: »Vaterland, dir dienen wir.« 3. Junges Blut, junges Blut Mit dem frischen Reitermut, Sollst du Schmerz und Wunden tragen, Laß dir das noch einmal sagen: Gott verläßt die Seinen nicht. 4. Unverzagt, unverzagt, Immer kühn und frisch gewagt, Ob dir Ruhmeskränze blinken, Ob dir Grabzypressen winken, Treue ? Treue bis zum Tod. 14. Abendlied. Mel.: Ich bete an die Macht der Liebe. 1. Der Kampf verstummt. Die wackern Streiter, Sie strecken müde sich zur Ruh, Nach heißer Arbeit ruhn die Reiter, Es deckt die Nacht das Schlachtfeld zu. Du, Herr, woll'st gnädig uns bewahren, Bleib' unser Schutz in den Gefahren! 2. Rings still umher. Es ruhn die Glieder Auf blanker Erde hingestreckt! Auf Müde senkt sich Schlummer nieder, Bis sie der neue Morgen weckt. Du, Herr, halt' bei uns Kriegern Wache, Beschirme uns, führ' unsre Sache! 3. Zu Hause denken unsre Lieben In Treue unser im Gebet. Und was sie flehn für uns hier drüben, Als heil'ger Gruß hinüber weht: Du, Herr, woll'st gnädig sie behüten, Bei Tag, bei Nacht, in Kampfes Wüten. 18. Treu bis in den Tod. Mel.: Ich bin ein Preuße. 1. Stimmt an und singet von den deutschen Brüdern, Die Treue halten fest und unentwegt, Sie leben weiter fort in Heldenliedern Allüberall, wo deutscher Sinn sich regt.[278] Sie kennen kein Verzagen, Nur kühnes, mut'ges Wagen, In Drangsalszeit, in Kampf, Gefahr und Not, Sie hielten Treue, Treue bis zum Tod. Amazon.de Widgets 2. Stimmt an und singet von den deutschen Söhnen, In Afrika dort in der Sonne Glut, Sie kümmert nimmer Witbois Dräun und Höhnen, Sie halten aus in zähem deutschen Mut. Sie werden nimmer schwanken, In kühnem Sinn nicht wanken, Beim Sternenschein, beim blut'gen Morgenrot, Sie halten Treue, Treue bis zum Tod. 3. Stimmt an und singet von dem deutschen Reiter, Der ohne Klage Hitz' und Durst erträgt, Er kennt kein Fürchten, Gott ist sein Begleiter, Und ihm vertraut er frisch und unentwegt, In heißen Durstesqualen, Gefahren ohne Zahlen! Und wo's auch sei, sein heil'ges Pflichtgebot, Das ist die Treue, Treue bis zum Tod. 22. Antwort aus der Heimat. Mel.: Steh ich in finst'rer Mitternacht. 1. Ich denke dein wohl früh und spät, Mein Grüßen ist ein still Gebet. Mit meiner Lieb' bleib ich dir nah, Auch in dem fernen Afrika. 2. Ich denke dein, ich gehe mit, Begleite dich auf deinem Ritt, Und bete treu ? Gott dich bewahr', Er schütze dich in der Gefahr! 3. Ich denke dein im heißen Streit Und bleib auch da dir treu zur Seit', Mein wack'rer Reiter, halte aus In Kampf und Not, im blut'gen Strauß. 4. Ich denke dein, wenn dir zur Ruh Die müden Augen fallen zu. Gott sei mit dir in stiller Nacht, Sein Engel halte bei dir Wacht! 5. Ich denke dein wohl allezeit, Bleib wacker, Schatz, und treu bereit. Wir denken an das Wiedersehn, Und wollen tapfer vorwärts gehn. 26. Erinnerung an die Offiziere der Schutztruppe in Südwest. [279] Mel.: Was blasen die Trompeten. 1. Gedenkt der wackern Führer im heißen Südwest, Der kühnen Offiziere in Treue so fest, Sie stürmen so mutig den Ihren voran, Sie leuchten als Vorbild auf blutiger Bahn. Juchheirassassa! Juchheirassassa! Den Führern der Schutztrupp' ein jubelnd Hurra! 2. Wer führte unsre Reiter bei Tag und bei Nacht, Beim Ritte ohnegleichen voll siegender Macht, Zersprengte die Banden in stürmendem Lauf, Befreite die Festen mit Hurra und Drauf? Juchheirassassa! Juchheirassassa! Dem Held von Südwesten ein jubelnd Hurra! 3. Wer schulte Roß und Reiter? Wer spornte sie an, Das Höchste kühn zu leisten auf ruhmvoller Bahn? Wer teilt unser Dursten, das letzte Stück Brot, Als Kamerad und Vorbild, getreu bis zum Tod! Juchheirassassa! Juchheirassassa! Dem leuchtenden Vorbild ein jubelnd Hurra! 4. Wer spornte unsre Reiter die Klippen hinauf, Durch Steingeröll und Schluchten mit Vorwärts und Drauf? Wo kein deutscher Fuß je den Felsen berührt, Da zog unsere Truppe, von Helden geführt. Juchheirassassa! Juchheirassassa! Den wagmut'gen Führern ein jubelnd Hurra! 5. Die ersten in dem Kampfe, im Auge das Ziel, Wer nennt ihre Namen? Es sind ihrer viel. Sie stehn eingegraben in jedwedem Herz, Das deutsch mit uns fühlet in Freud' und in Schmerz. Juchheirassassa! Juchheirassassa! Den Führern der Schutztrupp' ein jubelnd Hurra! Zu derselben Zeit schickten mir auch Verleger Bilder, die sich auf den Feldzug bezogen, für Ansichtspostkarten und baten, dazu Verse zu dichten. Wie gern tat ich es und war so froh, daß mein bißchen Dilettantentalent mir im Leben so viel nützen konnte. Nun war die Brücke gebaut, die Fäden angeknüpft und die drahtlose Telegraphie eröffnet, wie die Herren vom Kommando scherzweise diesen Austausch von hüben nach drüben nannten. Jedesmal brachte mir die Feldpost 20 bis 30 Briefe von Offizieren, Unteroffizieren und Reitern aus dem Orlog, und ich hatte es mir zur Pflicht gemacht, auch nicht die[280] geringste Reiterkarte unbeantwortet zu lassen. Immer wieder machte ich die Erfahrung, wieviel unseren deutschen Söhnen, so fern von zu Hause, ein Treugruß aus der Heimat war. Wie so manche ergreifende Lebensgeschichte habe ich dabei kennen gelernt, und welchen tiefen Blick in brave Herzen getan! Zugleich wurde ich auch durch die Briefe immer vertrauter mit dem sonnendurchglühten Dornenlande und den Verhältnissen dort. Schlicht und dabei oft erschütternd gaben sie ein Bild von den furchtbaren Strapazen, die unsere Truppen dort zu ertragen hatten, den Durststrecken, die zu überwinden waren, den gefährlichen Patrouillenritten und den heißen Kämpfen im Norden und im Süden der jungen Kolonie. ? Fast ausnahmslos sind jetzt die ersten Fragen, die Fremde an mich richten: »Wie lange waren Sie drüben? Haben Sie sich jetzt wieder hier akklimatisiert?« usw. Am liebsten würde ich, statt zu bekennen, daß ich nie in Südwestafrika war, antworten: »Im Geist war ich Jahre drüben, habe den ganzen Orlog mitgemacht und weiß dort vielleicht ebenso gut Bescheid wie mancher, der persönlich in dem lieben Dornenland war.« Amazon.de Widgets Das danke ich den vielen Briefen von drüben und dem treuen Besuch der Heimgekehrten. Von Südwestafrika, aus dem Süden, habe ich neulich gehört, daß sie sich erzählen, ich sei Jahre in der Kolonie gewesen und hätte eine besondere Gabe besessen, die Eingeborenen zur Arbeit zu erziehen und die scheuen Tiere der Wildnis zu zähmen. Ein Springbock wäre mir immer wie ein Hund gefolgt, und auf meiner Schulter hätte ein zahmes Chamäleon gesessen. Wie dies Märchen entstanden ist, weiß ich nicht, vielleicht war es aus dem Namen geboren, den mir die Reiter gegeben haben und der mir bis an mein Lebensende teuer bleiben wird, »unsere Freifrau von Afrika«. Rechte und Pflichten umschließt dieser Name, und wie ich mir des einen froh bewußt bin, so halte ich auch das andere fest im Auge. 
 XVII. Friedensschluß und Heimkehr.  [179] »März war es geworden, der Schnee begann zu schmelzen und die Sonne lachte wieder. Mir war zumut, als wäre ich aus langem Winterschlaf zu neuem Leben erwacht, und im vollsten Mitempfinden jubelte ich das Graben-Hoffmannsche Lied: ?Nun fangen die Weiden zu blühen an, Schon zwitschert ein Vöglein dann und wann, Und ist's auch der holde Frühling noch nicht Mit dem schönen Grün und dem Blütenlicht, Wer weiß, über Nacht Kommt er mit Macht, Mit all seiner Lust und Pracht, Jauchze, mein Herz, Jauchze nur, jauchze, mein Herz!?[179] Der Frieden winkte und mit ihm das Wiedersehen, Frühling, Glück und Liebe! Sollte das Herz da nicht jauchzen in jubelndem Hoffen und in überströmendem Dankgefühl gegen Gott! Der Waffenstillstand war bis zum 12. März verlängert, da die Friedenspräliminarien unterzeichnet sein sollten. Nun brachen wir mit herzlichem Dank für die Gastfreundschaft unsere Zelte auf dem Lande ab und kehrten in die Heimat zurück, denn der Friede wurde ja schon am 5. März abgeschlossen.« Aus den Briefen meines Vaters, die aus jener Zeit stammen und eine genaue Beschreibung seines Rückmarsches, der Quartiere und der Gegend enthalten, möchte ich das herausnehmen und zusammenstellen, von dem ich glaube, daß es vielleicht auch für weitere Kreise Interesse bietet. Mein Vater schrieb: »Am 15. Februar brach ich mit meiner Division von Orleans auf. Wir durchschritten auf unserem Wege nach Beaugency die blutgetränkten Schlachtfelder des 8., 9. und 10. Dezember, und noch jetzt waren die Spuren jener heftigen Kämpfe genau erkennbar, namentlich bei Meung und bei Beaugency selbst. Die vielen Schützengräben und Geschützemplacements der Franzosen waren noch nicht eingeebnet, und die zerschossenen Baulichkeiten bezeichneten die Brennpunkte der einzelnen Kampftage. In einem nahe der Loire gelegenen Hause nahm ich mein Quartier. Alles war ganz gut, aber der Kamin wie der Herd rauchte entsetzlich. Die freundliche Wirtin meinte achselzuckend, daran wären nur die Herren Preußen schuld, denn die hätten ihr im Dezember vom anderen Ufer der Loire her den Schornstein vom Hause geschossen. So mußte ich selbst nun darunter leiden, daß meine eigenen Batterien hier hinübergeschossen hatten. Unser Marsch ging weiter über Blois nach Tours. Es war die erste französische Stadt, die mir wirklich schön erschien. Breite, reinliche Straßen, geschmackvolle Häuser, großartige Kathedralen, und auf den umliegenden Höhen ein wahrer Kranz von freundlichen Villen und stattlichen Schlössern. Auf den Straßen alle Läden geöffnet und zierlich gekleidete Damen, die da promenierten. Nachdem ich monatelang nur verlassene Orte, zerstörte Gebäude und oft recht verkommene Menschengestalten gesehen hatte, war es mir hier in Tours, als ob ich mit einem Schlage in eine andere Welt versetzt sei. Weiter ging es bei prächtigem Marschwetter, meine Quartiere waren immer recht gut, meist in alten Schlössern. In besonders schöner Erinnerung ist mir das reizende Château Gidonnière geblieben, eine Viertelmeile[180] nördlich von Chartres. Der Mittelbau ist sehr alt, schon König Franz I. hat da lange gewohnt, und wir hatten dort ein ausgezeichnetes Quartier. Hier erhielten wir am 5. März den Befehl zum Rückmarsch. Meiner Division war der Weg über Vendome-Pithiviers-Nemours auf Troyes zugewiesen, wo wir am 25. in Aufstellung längs des rechten Ufers der Seine einrücken sollten. Das Wetter war meistenteils schön, der Weg im Tal der Loire, wo die Felsen oft dicht an den Fluß herantreten, sehr malerisch. Eigen ist die Art, wie die Leutchen in Vendome sich ihre Wohnungen in den Felsgrotten eingerichtet haben; wie Schwalbennester kleben sie anscheinend an den Felsvorsprüngen, mitunter 2?3 Etagen übereinander. In Troyes feierten wir den Geburtstag Seiner Majestät und kamen am 24. März nach Montierender, in den Landstrich der Haute-Marne, den ich mit meiner Division bis zum 5. Mai besetzt hielt. Ich machte von diesem Quartier aus einen Abstecher über Epernay nach Reims. Die erhabene Großartigkeit der Kathedrale mit ihren schönen gotischen Formen, den schlanken Säulen und den hohen Kreuzgewölben imponierte mir sehr. Die Mittagsonne, die durch die farbigen Fenster hineinstrahlte, beleuchtete ganz eigenartig den hohen Altar, die vielen alten Gemälde und den weihevollen Raum. Das alles zusammengenommen wirkte höchst effektvoll und harmonisch. Aber noch etwas ganz anderes interessierte und erfreute mich in Reims sehr. Als wir mit Herrn Mumm, dem Champagnerfabrikanten, in seinen gewaltigen Kellerräumen umherwanderten und er uns das Werden seines edlen Getränks durch alle Stadien hindurch vorzeigte, sprach ich ihm meine Verwunderung aus, daß nach einem solchen Kriege seine Keller noch derartig gefüllt seien. Da gab mir Herr Mumm die Versicherung, daß von preußischen Truppen nicht eine Flasche Sekt requiriert wäre, ?und das verdanken wir Ihrem Könige?, fügte er hinzu, ?der hat, als er hier ankam, jede Requisition verboten.? Tief bewegt hat mich dieser Tage ein Brief von meinem alten 61. Regiment, der mir den heldenmütigen Kampf der Braven von Dijon mit allen Einzelheiten schilderte. Natürlich wußte ich schon von diesem todesmutigen Sturm auf das Fabrikgebäude, aber es tat mir wohl, daß das Regiment in alter Anhänglichkeit mir eine so genaue Schilderung des Kampfes sandte. Sie wissen, wie mein altes Herz noch an den 61ern hängt. Wer hätte solch eine erschütternde Tragödie voraussehen können, als wir die Nägel in die Fahne einschlugen, die unter Heldenleibern begraben werden sollte! Sie schickten mir das Gedicht: ?Die Fahne von[181] Dijon?, das mit den Worten endigt: ?Du hast die preußischen Siege mir ohne Wort erklärt.? Das Gedicht hebe ich auf, es soll in mein Kriegstagebuch eingereiht werden. Amazon.de Widgets Am 6. Mai ging unser Marsch weiter. Je näher wir der Meuse kamen, desto anmutiger wurde die Gegend. Neuf-Château, das wir am 10. erreichten, liegt amphitheatralisch und sehr reizvoll auf den scharfen Talrändern des Flusses ausgebaut. Von hier aus fuhr ich nach dem 14 Meilen entfernten Domremy la Pucelle. Der nach Norden führende Weg folgt dem breiten Tal der Maas, das meist von steilen, bewaldeten Höhen eingeschlossen wird, die verschiedene Schlösser krönen. In Domremy fand ich die ersten Erinnerungen an das wirkliche Dasein der Jungfrau. Da ist das Haus ihrer Eltern, in dem sie geboren, noch ganz in seiner ursprünglichen Form erhalten, und in den niedrigen Zimmern ist die erste Statue, die von ihr gemacht ist, aufgestellt. Freilich ist die Pucelle da weder schön noch künstlerisch aufgefaßt. Es ist eine kniende Figur, und über dieser tritt ein Balken aus der Decke, der anscheinend zur Befestigung eines Bettes gedient haben mag. Unendlich viel Splitter sind aus diesem Balken herausgeschnitten und als Andenken mitgenommen. Ich tat ein gleiches und schickte Euch das Stückchen Holz mit, bewahrt es auf, es soll zu meinen Erinnerungen aus Frankreich getan werden. Hinter diesem Raum liegt das Schlafzimmer der Jungfrau, eigentlich nur eine Kammer mit einem sehr kleinen Fenster. Rechts und links dieses alten Gebäudes sind jetzt zwei große Häuser erbaut, in dem einen werden arme Mädchen unentgeltlich unterrichtet, in dem anderen sind die noch vorhandenen Andenken an die Jungfrau aufbewahrt. Unter diesen fand ich auch eine Nachbildung ihrer Fahne, die allerdings anders aussieht, als Schiller sie beschreibt. Auch ein sehr schönes, ansprechendes Bild von der Pucelle sah ich dort, ein angenehmer Gegensatz zu den verschiedenen Bildern und Statuen, die von ihr existieren und die meist steif, sogar oft unsympathisch sind. Ich kaufte eins dieser hübschen Bilder, und ist dies ebenfalls für meine Sammlung bestimmt. Zwei Tage darauf rückte ich in Mericourt ein. Das Quartier war freundlich, und der Garten steckte voll Nachtigallen, deren flötender Gesang mich oft genug aus dem Schlaf weckte. Dort blieben wir bis Ende Mai, und während ich hier meine Truppen in ihren verschiedenen Quartieren aufsuchte, hatte ich viel Gelegenheit, das reizende Moseltal kennen zu lernen, auch das schöne Remiremont, wo General Manstein sein Quartier hatte. Buschige Höhen mit freundlichen Landhäusern umgeben die Stadt; fährt man weiter, so gewinnt die Gegend einen entschiedenen Gebirgscharakter, sie erinnert an eine Schweizerlandschaft[182] ohne Gletscher. Auch nach Nancy fuhr ich von hier aus, mein alter Waffenfreund, General von Zastrow, nahm mich mit meinen Begleitern hier auf das liebenswürdigste auf und zeigte mir die Sehenswürdigkeiten der Stadt. Überall trafen wir hier auf Erinnerungen an den prachtliebenden Stanislaus Leszczynski, dem Nancy sein schönes, vornehmes Äußere verdankt. Am 30. langte der Befehl an, daß unser Ausmarsch am 1. Juni erfolgen sollte. Zum allgemeinen Vergnügen ließ ich am Abend des 31 einen großen Zapfenstreich, ganz nach unseren preußischen Formen, auf Mericourts Straßen und Plätzen umherziehen. Das war wirklich ein wahrer Volksjubel. Meine Soldaten freuten sich auf den Heimmarsch, und die Einwohner freuten sich, daß sie uns los wurden ? und in dieser Jubelstimmung umarmte sich alles. Einige Tage darauf hatte ich die Freude, in Suneville noch ein paar Stunden mit meinem lieben Schwiegersohn zusammen zu sein, der nach seiner schweren Erkrankung Gott sei Dank wieder ganz frisch und heiter aussah. Er fuhr mit seinem General Budritzky durch Suneville und war auf dem Wege nach Berlin. Ich hatte drei Tage Urlaub genommen, um in Begleitung des Generals Blumenthal die Stadt selbst einmal in Ruhe zu besehen und zugleich die Stätten aufzusuchen, an die sich für mich unvergeßliche Kampfeserinnerungen knüpften. Es war mir von meinen verschiedenen Offizierkorps der Wunsch ausgesprochen worden, den Offizieren und Soldaten der 18. Division, die in Frankreich den Heldentod gestorben waren, ein gemeinsames Denkmal zu setzen, und zwar bei Verneville auf der Höhe, von wo aus ich am 18. August das Gefecht der Division geleitet hatte. Infolgedessen war in Metz mein erstes, eine Konferenz mit dem dortigen Architekten abzuhalten betreffs der Herstellung eines solchen Denkmals. (Am 23. April 1872, dem schleswig-holsteinschen Ehrentage, wurde das Denkmal enthüllt in Gegenwart einer Deputation der Division.) Einen Lieblingswunsch, die Namen sämtlicher Offiziere und Leute der Division, die in Frankreich gefallen waren, in Marmortafeln einmeißeln zu lassen, mußte ich leider aufgeben, denn es waren 73 Offiziere und 1735 Mann, da hätte das Einmeißeln allein über 2000 Taler gekostet, das überstieg unsere Kräfte. So verabredeten wir denn, in irgendeiner, noch zu bestimmenden Art auf drei Seiten des unteren Sockels das Andenken an die entschlafenen Kameraden zu ehren und auf die Frontseite eine entsprechende Widmung zu setzen. In das Fundament des Denkmals soll ein eiserner Kasten eingelassen werden, in dem[183] Pergamentrollen liegen, auf denen jeder Truppenteil den Namen, die Charge und den Todestag jedes einzelnen Offiziers und Soldaten genau aufnotiert hat. Nachdem unsere Denkmalsbesprechung zum Abschluß gekommen war, fuhr ich mit Blumenthal auf unser altes Schlachtfeld hinaus. Der Weg nach St. Hubert war in bester Ordnung, die umherliegenden Gräber sauber hergerichtet und mit Kreuzen versehen. Als wir vor meinem alten Quartier in St. Hubert hielten, trat die Tochter des Wirts heraus und fragte, ob wir die Stuben sehen wollten, in denen der preußiche General Wrangel neun Wochen gewohnt habe. Sehr überrascht und erfreut war sie nun, als sie in mir ihren früheren Hausbewohner erkannte. In den Stuben war wenig verändert, die alten zerbrochenen Möbel standen auf demselben Platze, und in dem Zimmer des Grafen Moltke, meines Ordonnanzoffiziers, fand ich noch an der Wand die aufgezeichneten Vorpostenstellungen meiner Division. Diese Wandzeichnungen wurden von den Wirten in höchsten Ehren gehalten, da sie den zahlreichen Besuchern des Schlachtfeldes stets sehr wichtig mitteilten, daß der berühmte Graf Moltke eigenhändig diese Zeichnungen angefertigt habe. Engländer hatten ihnen, im Glauben, daß es der Feldmarschall sei, eine hohe Summe dafür geboten, die Leutchen hatten die Zeichnungen aber nicht hergeben wollen. Beim Scheiden mußte ich auf Bitte meines Wirtes ihnen meine Photographie geben und meinen Namen an die Tür meines ehemaligen Zimmers schreiben. Von hier aus fuhren wir über Moscou, das man bereits angefangen hatte wieder aufzubauen, nach Leipzig. Auch hier war man an der Neugestaltung tätig. Weiter ging es um das blutgetränkte Wäldchen von La Folie nach Chantrenne, dem Brennpunkte des Kampfes meines rechten Flügels, und dann nach Verneville. Wir bestiegen dort die Höhe nördlich des Dorfes, von wo aus ich das Gefecht der Division am 18. August geleitet hatte, und überzeugten uns an Ort und Stelle, daß dies der günstigste Platz für unser Denkmal sein würde. Welche seltsamen Gefühle regten sich bei mir, als ich alle diese Orte wiedersah, auf denen der Kampf damals so wild getobt hatte und wo ich so manchem werten Freund, so manchem braven Holsten, der verblutend dalag, zum letzten Male die Hand gedrückt hatte! Nach einem frugalen Frühstück in der Dorfschenke fuhren wir durch das Bois de la Cusse, dem mit schweren Opfern verteidigten Stützpunkte meines linken Flügels, über die wellenförmigen Höhen, auf denen meine Artillerie die furchtbaren Verluste erlitt, nach Champenois, das noch in seinen verkohlten Trümmern dalag.[184] Von dort führte uns der Weg vorbei an dem noch unbewohnten L'Envie, über die Höhe mit den drei abgehauenen Pappeln, in die tief eingeschnittene Schlucht von Chatel, dem Tummelplatz des Bataillon Reibnitz. Die dortigen Barrikaden, die Schanzen und Schützengräben waren verschwunden, und statt der verängstigten Einwohner sah ich jetzt die Leute behaglich vor den Häusern ihre Pfeife rauchen. Viele von ihnen erkannten mich und begrüßten mich herzlich. Die Nacht brachten wir in Metz zu und besahen uns am anderen Tage die herrliche Kathedrale, die Esplanade mit Neys Denkmal usw. Nachher fuhren wir nach St. Quentin. Wie hat sich da alles verändert und was soll noch alles geschehen! Noch an demselben Abend kehrte ich zu meiner Division zurück, und tags darauf am 8. Juni kamen wir nach Frauenberg. Die Blies bildet hier die Grenze zwischen Frankreich und Deutschland. Mitten auf der Brücke war ein Triumphbogen errichtet, den die verschiedensten Sinnsprüche schmückten. Am jenseitigen Ufer standen dichte Menschenmassen zur Begrüßung versammelt. Nach einer kurzen Ansprache überschritt ich mit der Tete der Truppen unter freudigen Jubelrufen der Leute die Brücke. Das war beglückend, dieser herzliche Empfang, der uns hier wurde, und in ähnlicher Art ging es weiter. Alle Orte, durch die wir kamen, hatten ein Festgewand angelegt, und selbst die ärmste Hütte war geschmückt. Gesänge der Schuljugend, Böllerschüsse, Glockenläuten tönte uns von allen Seiten entgegen, und unwillkürlich dachte ich an die Worte des Max Piccolomini: O schöner Tag, wenn endlich der Soldat Ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit, Zum frohen Zug die Fahnen sich entfalten Und heimwärts schlägt der sanfte Friedensmarsch!« Ja, es war eine herrliche Zeit, als sie nun heimkehrten, unsere geliebten Krieger! In den ersten Tagen des Juni durfte ich meinen Mann wieder umarmen, und wenn ihn der Adjutantendienst auch viel in Anspruch nahm, so blieben doch noch immer etliche Stunden für uns übrig, und die genossen wir glückstrahlend und dankbar. Am 16. Juni war der Einzug in Berlin. Wer den miterlebt hat, vergißt nie die feierlichen Jubelstunden, als die lorbeergeschmückten deutschen Krieger in die Heimat zurückkehrten. Festesrauschen, flatternde schwarz-weiß-rote Fahnen, mit Waldesgrün und Blumen geschmückte Straßen, jauchzende Volksmengen, das war überall im jungen deutschen Reich das gleiche Bild beim Einzug der Truppen, das in dem überwältigenden Eindruck in der Reichshauptstadt gipfelte.[185] Zeitig in der Morgenfrühe war ich mit meiner Mutter nach Berlin gefahren, viele Stunden mußten noch bis zum Einzug vergehen, und doch wogte schon auf den Straßen eine unabsehbare Menschenmenge im Festgewande, Lorbeerkränze und Blumen in den Händen. Es war eine jauchzende Freude, die wie ein elektrischer Strom durch alle diese Tausende von Menschen flutete und frohes Strahlen in Herz und Augen weckte. Das unsichtbare Band, das sich in schwerer Kriegszeit durch die gemeinsame Sorge zwischen hoch und niedrig, arm und reich, jung und alt geknüpft hatte, wurde heute durch das gleiche Dank- und Glücksgefühl noch verstärkt. Die Menschen, die sich noch nie gesehen hatten, redeten einander an, teilten dies oder jenes mit, fragten, jubelten, und alles drehte sich doch nur um das eine Wort: Unsere Truppen! Es ist mir immer sehr unsympathisch gewesen, in ein Gedränge zu geraten und mich durchwinden zu müssen, aber heute war auch das Freude, denn das gleiche, stürmisch pulsierende Leben, das diesen Menschenknäuel in Bewegung brachte, zog auch mir alles beherrschend durch Herz und Gedanken und erhöhte die begeisterte Stimmung, in der ich schon am Morgen erwacht war. Endlich hatten wir unser Haus Unter den Linden erreicht und uns unsere Balkonplätze gesichert. Wie die Minuten langsam hinschlichen, bis sie sich zur Stunde gereiht hatten, aber endlich war der ersehnte Augenblick da, und nun hätte man gern wieder jede Sekunde festhalten mögen. Seine Majestät der Kaiser hatte die Einzugstruppen bereits auf dem Tempelhofer Felde besichtigt, und dann hatte sich der Zug in Bewegung gesetzt durch die Bellealliancestraße nach dem Askanischen Platz, wo ihnen aus zehntausend Schülerkehlen von einer Riesenbühne herunter der begeisterte Gesang der »Wacht am Rhein« entgegengetönt war. Und nun ging es durch das herrlich geschmückte Brandenburger Tor, an der Spitze der preußischen Garde und der Abordnungen des preußischen Heeres, der 42000 Mann, der oberste Kriegsherr, unser vielgeliebter Kaiser Wilhelm. Dicht vor dem Kaiser ritten die drei Paladine, Bismarck, Moltke, Roon. Das Pferd des Grafen Moltke, des ernsten Schlachtendenkers, scheute vor den wehenden Fahnen, aber er zügelte es mit der Kraft eines Jünglings. Fürst Bismarck, der große Staatsmann, gängelte gelassen seinen Braunen, freudestrahlend erwiderte er die jubelnden Zurufe der Menge. Ernst blickte Graf Roon, er hatte auf dem Felde der Ehre einen hoffnungsvollen Sohn verloren, und doch sprach eine freudig gehobene[186] Stimmung aus seinen Zügen. Der Gedanke an die glänzende Probe, die die von ihm ausgestaltete Wehrordnung bestanden hatte, verklärte den Schmerz des Vaters. Dem Kaiser folgte der Kronprinz. »Unser Fritz« hieß er in den Kriegszeiten. Alle die vielen kleinen und großen Züge, die in den ernsten Monaten des Krieges so ganz besonders die Güte und Herzlichkeit des Hohen Herrn offenbarten, waren damals im Norden und Süden des Reichs, vor allem aber in der Hauptstadt, in aller Mund. »Unserem Fritz« folgte Prinz Friedrich Karl, der »rote Prinz«, wie er nach seiner Husarenuniform genannt wurde. Durch seine Kriegskunst, seine eiserne Tatkraft und Unerschrockenheit, mit der er die Gefahren und Strapazen des Krieges ertrug, hatte er sich mit die erste Stelle unter den Heerführern erobert. Im glänzenden Zuge folgten die anderen Prinzen, die deutschen Fürsten und nun die Truppen, an ihrer Spitze die eroberten Feldzeichen, 81 Fahnen und Adler. Die Musik tönte, die Glocken läuteten und das Volk begleitete den Zug mit immer wieder hallenden tausendstimmigen Jubelrufen. Am Brandenburger Tor wurden dem Kaiser von Ehrenjungfrauen Lorbeerkränze überreicht. Der Hohe Herr nahm sie, aber behielt sie nicht. Er wandte sein Pferd zu der Tribüne, die mit verwundeten Offizieren besetzt war, und diesen Braven, die für ihren königlichen Herrn und für ihr Vaterland ihr Blut vergossen hatten, reichte er mit huldvollen Worten die Lorbeerkränze. Weiter ging nun der Zug. Unter den Linden waren in unabsehbarer Reihe die mit Eichenlaub bekränzten Kanonen und Mitrailleusen Napoleons aufgestellt worden, dazwischen erhoben sich Kandelaber mit Feuerbecken, und an den Übergängen hohe Siegessäulen und die Heldenzeit verherrlichende Riesengemälde. Nun zogen sie die Linden entlang! Kanonenschläge und Glockenläuten, Hurrarufe und schluchzende Jauchzer, Pferdegetrappel und Waffenklirren, alles klang durcheinander. Rauschend zog der Sommerwind durch die Fahnen, und die Sonne lachte herab auf blitzende Helme und Waffen, auf die lorbeergeschmückten Krieger und auf die Rosenfülle, die sich auf sie wie Regen ergoß. Wie mir das Herz klopfte in jubelnder Lust, und dabei wurden mir die Augen doch feucht in tiefer Bewegung. Mit vollen Händen streute ich dabei Blumen und Lorbeerreiser auf die Vorbeiziehenden. Den Lorbeerkranz aber bewahrte ich noch, der war für meinen gelben Reiter bestimmt. Weit beugte ich mich über die Brüstung des Balkons, als er kam, und im hohen Bogen flog mein Kranz herab, gerade auf den Kopf[187] seines Rappen, der ihn unwillig abschütteln wollte. Mein Mann griff aber noch zur rechten Zeit zu und winkte glückstrahlend, den Kranz in der Hand, zu mir hinauf. Am Opernhausplatz ließ der Kaiser die Truppen an sich vorbeiziehen, dann ordnete sich alles im weiten Kreise um das noch verhüllte Denkmal König Friedrich Wilhelms III. im Lustgarten. Die französischen Feldzeichen wurden am Fuß des Denkmals niedergelegt. Da fiel die Hülle! Kaiser Wilhelm salutierte mit gezogenem Degen, und die prinzlichen Feldmarschälle grüßten mit ihren Marschallstäben das Standbild des Hohen Großvaters. Die Truppen präsentierten, die preußischen Fahnen senkten sich, die Trommeln wirbelten, Musikkorps spielten »Heil dir im Siegerkranz«, und 101 Kanonenschüsse dröhnten durch die Luft. Diesen Schlußakt des Einzuges habe ich freilich nicht sehen können, aber erzählt ist er mir genau, und gehört habe ich auch die Musik und die Trommelwirbel, die Schüsse und die Glockentöne, die jetzt von allen Türmen klangen. Am Standbild schloß die Feier mit dem Choral »Nun danket alle Gott«. Dort stimmten sie ihn an, und das pflanzte sich fort von Menschenwoge zu Menschenwoge, wir alle sangen mit, tief bewegt, dankerfüllt. Am Abend wanderte ich mit meinem gelben Reiter glückselig stolz durch die Straßen von Berlin. Alles wetteiferte, die siegreichen Truppen zu feiern und zu bewirten. Die Reichshauptstadt erstrahlte im hellsten Lichterglanz, und auf den großen Plätzen waren Tanzböden und Erfrischungshallen für die heimgekehrten Sieger hergerichtet. Heitere und sinnige Inschriften schmückten Fenster und Türen; von Bismarcks Haus aber wehte eine mächtige Fahne mit den Worten Schillers: Amazon.de Widgets »Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, In keiner Not uns trennen und Gefahr.« Strahlende Augen, lachende Lippen und ein Winken und Grüßen hin und her, dabei das Herz so voll Dank und Jubel, daß Worte es gar nicht wiedergeben können. So feierten wir den 16. Juni 1871. Meine Mutter war meinem Vater nach Hamburg entgegengereist und fuhr mit ihm nach Rendsburg, wo mein Vater am 20. Juni an der Spitze seiner 85er unter dem Vortritt der Gewerke und Kriegervereine seinen Einzug hielt. Auf derselben Stelle, wo er 1849 den ersten Kranz empfing, fand auch diesmal die Anrede des Bürgermeisters und die Überreichung des Lorbeerkranzes statt. Mein Vater aber setzte den Kranz dem Oberst von Falkenhausen auf, dem Repräsentanten des braven Regiments. Das gab[188] einen stürmischen Jubel, und als der sich etwas gelegt hatte, trat die Tochter des Obersten von Jagemann vor, hielt meinem Vater einen zweiten Lorbeerkranz hin und behauptete fröhlich: »Die Holsten wollen aber vor allen ihren Trommler von Kolding bekränzt sehen.« Auch hier bildete heller Sonnenschein, jauchzendes Volk und ein nicht enden wollender Blumenregen das Gepräge des Tages. Mein Mann und ich waren mit unserm Töchterchen nach Flensburg gereist, um den festlichen Einzugstag dort mit zu erleben. Der war nicht nur feierlich und großartig, sondern auch herzerquickend. Von Stadtverordneten geführt, ging der Zug zuerst durch die Ehrenpforte auf den friesischen Bergen, dann durch das Rote Tor nach dem Südermarkt. Dazwischen wurde an den verschiedenen Tribünen haltgemacht, um Willkommengruß und Lorbeerkränze zu empfangen. Der silberne Lorbeerkranz, den mein Vater damals erhielt, wird in unserer Familie als wertes Andenken aufbewahrt. Die Fahne des Bataillons, dieselbe, die zuerst von den Wällen von St. Quentin herabwehte, war über und über mit Lorbeer und Blumen geschmückt. So ging es unter den Jubelrufen des Volks durch die reich beflaggten Straßen bis zum Nordertor. Abends fuhren wir durch die hell erleuchtete Stadt. Überall waren Transparente und Inschriften angebracht, die die Gefühle der Einwohner zum Ausdruck brachten. Zwei sehr charakteristische möchte ich hier wiedergeben. Auf einem Transparent stand: Was Wrangel sprach beim Ausmarsch, ist gelungen: »Mit meinen braven schleswig-holsteinschen Jungen Jag' ich den Teufel aus der Hölle fort.« Vor seinen Schlägen stürzten unsre Feinde nieder, Wir sehen jubelnd ihn als Sieger wieder, So hält der Schleswig-Holsteiner sein Wort. Und auf einem anderen las man: Seht nur das junge Regiment, das macht sich, Das ist auch Nummer vierundachtzig, Und an der Spitze unser Wrangel, Da ist an Sieg und Ruhm kein Mangel. Es war für meinen Vater ein außerordentlich wohltuendes Gefühl, in diesen Tagen der Heimkehr dem ungeheuchelten Ausdruck unbedingter Anhänglichkeit der Holsten an seine Person zu begegnen. Er meinte, das sei wohl größtenteils eine Folge der Erinnerungen von 1848/49. Aus diesem Ton klingt auch sehr bezeichnend ein Toast, der in jenen Tagen auf ihn ausgebracht wurde:[189] Wrangel, Sohn aus Heldenstamme, Schon genannt im Schwedenkrieg, Deutschen klinget gut dein Name, Doch den Dänen fürchterlich. Wrangel, der die Vorhut führte, Als Bonin die Dänen schlug, Und der selbst die Trommel rührte, Bis in Feindes Reihn sie trug. Auf sein Wohl ein Glas zu leeren, Lieben Freunde, seid zur Hand, Unsern Wrangel will ich ehren, Der so fest bei Kolding stand. Im August des Jahres ging mein Vater zur Kur nach Kissingen, um sich dort vollständig von dem Anfall auszukurieren, der ihn in Orleans niedergeworfen hatte. Dort traf er mit dem General Tann zusammen, und die beiden Herren konnten an Ort und Stelle, wo sie sich 1866 gegenübergestanden hatten, einen lebhaften Gedankenaustausch über das damalige Gefecht halten. Etliche Wochen in der Schweiz und in Oberitalien schlossen sich an diese Zeit. Wir begleiteten mit unserm Töchterchen meine Eltern auf der schönen Reise, und erfrischt kehrten wir im September zurück, die Eltern nach Flensburg und wir in unser geliebtes Potsdam. Noch einmal, wenn auch nicht auf lange Zeit, strahlte uns hier das volle, sorglose Glück, dessen Widerschein noch heute leuchtend in meiner Erinnerung lebt. 
