
                               Meisel-Hess, Grete

                              Die Intellektuellen

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                               Grete Meisel-Hess

                              Die Intellektuellen

                                     Roman

                                 Erstes Kapitel

                                 Die Verwandten

 Gute Gesellschaft hab' ich gesehen, man nennt sie die gute
 Wenn sie zum kleinsten Gedicht keine Gelegenheit gibt.
                                                                         Goethe.

Frau Professor Diamant sa in ihrem groen Ankleidezimmer, vor einem hohen,
dreiteiligen Spiegel. Sie hatte soeben die Friseurin entlassen. In breiten
Wellen war das stumpfblonde Haar um den Kopf gelegt, von einem mit Wachsperlen
bestickten, schwarzen Sammetband durchschlungen. Der Teint, der im vollen
Tageslicht einen grauen Ton hatte, war jetzt, in der Zimmerwrme des feuchten
Septemberabends, leicht gertet. Die Augen, vom reinen, tiefen Blau der
Kornblumen, glnzten. Sie erhob sich, reckte die hohe Gestalt, warf den
Frisiermantel ab. Die volle Bste lastete auf den weichen Fischbeinstben des
niedrigen Korsetts, das die Hften schlank und fest zueinanderzog. Frau Edda
warf einen Blick auf die Uhr und griff eilig nach dem Kleid, das auf einer
Stuhllehne bereit lag, einem Gewand von weicher chinesischer Seide, mit gewagt
durchbrochenen Spitzenornamenten. Sie liebte es nicht, in den letzten Stadien
des Ankleidens Bedienung um sich zu haben und vollendete ohne Hilfe die
Toilette.
    Ihr Gatte rief aus dem Nebenzimmer: Sie werden gleich da sein.
    Frau Edda hatte die letzten Haken geschlossen und hing den Frisiermantel an
seinen Platz in den Schrank. Sie steckte noch vorsichtig, ohne die weie Seide
ihres Kleides zu gefhrden, ein Paar Leisten in die Straenschuhe, die sie
abgelegt hatte. Dann splte sie nochmals rasch beim Waschtisch, mit
vorgestreckten Armen und zurckweichender Gestalt, die Hnde ab, berrieb flink
mit einem Rehleder die Fingerngel, - der Teint war fertig, - und nahm eine
Stahlschatulle aus dem Wscheschrank. Sie ffnete sie langsam und begann ihre
Ringe anzulegen. Ringe von verschiedenen bizarren Formen. Ringe in spitzer
Marquisenform, andere wieder, in denen sich die Edelsteine als Blten hoch ber
den Finger rankten, fremdartige, orientalische Ringe mit groen, dunklen Steinen
und solche mit klaren Solitren. Unbedenklich gestattete ihr ihr sicherer
Geschmack diese Brde an ihren schlanken Fingern. Sie wute, da ihre Hnde
davon nicht beschwert erschienen. Sie trat noch einmal vor den groen
Ankleidespiegel und betrachtete sich einen langen Augenblick, warf dann, mit
einer bei ihr hufigen Bewegung des mit ballmiger Eleganz bekleideten Fues,
die Schleppe zurck und verlie das Zimmer. Knisternd in ihrer weien Seide,
eilte sie an die Tr der Kche, ffnete sie behutsam, lugte hinein, und zog sich
eilig wieder zurck. Weiter raschelte die Schleppe ber den langen Korridor und
verschwand hinter der Portiere des Speisezimmers.
    Professor Gustav Diamant hatte in Wien einen guten Namen. Als Student war er
aus der mhrischen Provinzstadt, in der sein Vater das Amt eines Sekretrs der
Kultusgemeinde bekleidete, nach Wien gekommen, hatte hier mit dem ansehnlichen
Rest seines mtterlichen Erbes seine Studien vollendet, sich zum Spezialarzt
ausgebildet, eine gute Praxis errungen, die Dozentur frh erworben und sich mit
Frulein Edda Reisenleitner verheiratet. Frulein Reisenleitner entstammte einer
Familie, deren Schicksale sich am Fue des Kahlenberges abspielten, solange man
sich ihres Bestehens erinnerte. Ein einfacher Tpfer war noch der Urgrovater
gewesen, und in seinem kleinen Kontor, drauen in der Vorstadt, hatte eine schn
bemalte Tafel mit der folgenden Inschrift gehangen:




                                  Tpferlied!


Was fr schne, bunte Sachen
Kann ich mir aus Tone machen,
Wenn ich meine Scheibe dreh',
Meiner Hnde Werke seh.

Kachel, Flaschen, Krge, Kannen,
Tiegel, Tassen, Bratenpfannen,
Kuchenformen, Blumentpfe,
Schssel, Teller, Suppennpfe,
Sauber ausgemalt, glasiert,
Und mit Blmelein geziert.

Meine Ware, sagt der Bauer,
Ist von keiner rechten Dauer,
Ja, der arme Mensch hauptschlich
Ist vergnglich und gebrechlich,
Darum wundere dich nicht,
Wenn einmal ein Topf zerbricht.

Arm- und Beinbruch ist viel schlimmer,
Darum denk ich, ist doch immer,
Besser mancher Topf zerbrochen
Als auch nur ein einziger Knochen.
Und darum auch bleibt's dabei:
Werft und brecht recht viel entzwei!

Sein Sohn war Knstler. Wohl bediente er Tpferscheibe und Brennofen noch
persnlich, aber nur, um neuartige Formen und Glasuren zu erfinden. Er achtete
die uralte Tradition des Handwerkes und wute, da die Kunst die Meisterschaft
darin als Boden brauchte. Er wollte hinter die Geheimnisse der historischen
Keramik kommen, versuchte es, grere, glasierte Flchen zu beleben und erfand
dabei neue, geschmackvolle Farben; besonders bevorzugte er die krftigen und
doch zarten Tnungen der Perser. Whrend er so zwischen alteuropischer
Handwerkskunst und morgenlndischer Farbenkraft eine Einigung suchte, schuf er
einen neuen, keramischen Stil, auf dessen Grundlage spter die Moderne weiter
arbeitete. Sein Talent vererbte sich nicht. Sein Sohn, Eddas Vater, war weder
Tpfer noch Knstler, sondern Kaufmann. Er brachte die Firma auf die Hhe der
modernen Ofenfabrikation. Diese Reisenleitnersche Ofenfabrik hatte Eddas Bruder
bernommen.
    Dr. Diamant, damals noch Dozent, war dem Mdchen als ein interessanterer
Freier erschienen als irgendeiner der Fabrikantenshne oder Leutnants, mit denen
sie auf Bllen tanzte. Ihre Schnheit hatte ihn zu einer Werbung verfhrt, die
sich jeder Erwgung entzog. Jetzt waren sie seit mehr als fnf Jahren in
kinderloser Ehe zusammen, hatten einander gemessen und begrenzt. Er war vor
kurzem Professor geworden und hastete von morgens frh bis zum spten Nachmittag
einer groen Praxis nach. Seine brige Zeit verbrachte er zumeist in seinem
Laboratorium, an das sich ein ausgedehnter Stall schlo, in dem er die Tiere
hielt, an denen er fortgesetzt experimentierte. Bis spt nachts sa er dann zu
Hause noch an seinem Schreibtisch.
    Frau Edda hatte es nicht leicht, ihr Leben in bewegtem Gange zu halten, wie
sie so sehr gewnscht htte. Sie kmpfte mit ihrem Laster, wie sie es selbst
nannte, - mit ihrer Trgheit, - die vielleicht nichts anderes war als groe
Erschpfbarkeit, wie sie in alten Familien zu spuken pflegt. Frau Edda, die so
gern auf das Waffengeklirre horchte, das drauen die Geister aneinander
geraten lie, die mit Neugier alle Nachrichten verfolgte, die von berwundenen
Widerstnden berichteten, - Frau Edda konnte sich aus der Gefangenschaft ihrer
Zimmer nicht frei machen. Der Tag zerrinnt mir unter den Fingern, klagte sie,
wenn man ihr vorhielt, da sie ihr Talent nicht pflege. Denn Frau Edda hatte ein
Talent, vielleicht war es der Grovater, der ihr das seine, in vernderter Form,
vererbt hatte. Auf der Marmorplatte und in der Lade ihres breiten
Toilettetisches lagen zwischen Elfenbeinbrsten, Kristallflacons, feinen
Stahlscheren, Ngelfeilen, silbernen Schalen - verstreute, einzelne Bltter. Da
sah man mit wenigen, kecken Strichen Motive der weiblichen Kleidung zu neuen
Kombinationen vereint. Fast immer, wenn Edda ihre Entwrfe Modejournalen zur
Verfgung stellte, hatten die Redaktionen darnach gegriffen, ja man hatte
regelmige Beitrge von ihr erbeten. Aber Frau Edda mute ablehnen, denn sie
konnte, wie sie es nannte, nur unfreiwillig arbeiten. Ihre Inspirationen kamen
in Anfllen. Pltzlich, wo immer es war, zumeist whrend einer Stadtfahrt im
Wagen, oder bei der Lektre eines anregenden Buches, geschah es, da, wie sie es
nannte, eine Klappe im Gehirn sich ffnete, - und dann fiel prompt ein neues
Trachtenmotiv heraus.
    Whrend der Professor sich morgens frh erhob, sobald der gedmpfte Wecker
seiner Taschenuhr sein leises Surren hren lie und das Morgenlicht durch den
absichtlich freigelassenen kleinen Spalt zwischen Fensterbrett und Jalousie
fiel, sich hastig ankleidete, stehend eine Tasse Tee trank und seiner Klinik
zueilte, lag Frau Edda in den Banden eines Schlafes, die ihr so unzerreibar
erschienen, da der Besuch des Kaisers von China sie nicht veranlat htte, sie
energisch abzuschtteln. Erst, wenn diese Bande von selbst fielen, wendete
sich ihr schlaftrunkenes Gehirn der Tatsache zu, da ein Stck Leben heute
abzuwickeln sei. Sie trank dann langsam im Bett ihren Kakao, knabberte Zwieback
dazu, durchbltterte die Zeitungen und Modejournale und las ihre Post, die nicht
unbetrchtlich war, da sie gern Korrespondenz pflegte. Langsam und schwer
ordnete sie im Gehirn den Inhalt dieser Briefe und Zeitungen, die sie beinahe
belastend anregten. Ehe sie nicht genau wute, wie und wo dieses neue Material
unterzubringen sei und wie sie dazu Stellung zu nehmen htte, fhlte sie sich
nicht frei genug, aufzustehen. Sie badete umstndlich, pflegte die etwas
schadhaften Zhne mit mehreren Wssern und Pasten, gewann manchmal ein paar
Minuten fr den Versuch einiger Freibungen, berlie sich eine halbe Stunde der
Friseurin, und nur eineinhalb bis zwei Stunden verbrachte sie auf diese Art bei
der Morgentoilette, - fr eine Dame gewi nicht zuviel. Wenn sie fertig war,
machte sie Ordnung. Sie konnte sich, wie sie behauptete, nicht ruhig
hinsetzen, wenn nicht alles genau auf seinem Platze lag, und so fand sie sich in
einem ewigen Turnus durch die weitlufige Wohnung. Sie ging den Dienstboten
nach, bemerkte, da die Sthle nicht so standen, wie sie stehen muten, da eine
Decke schief lag, da etwas Staub zwischen zwei Nippes liegen geblieben war. Der
Professor hatte diese Ordnungssucht, wie er es nannte, kaltbltig in die
Pathologie verwiesen. Auch Frau Edda gab diese Ttigkeit nicht fr
hausfraulichen Antrieb aus. In die Kche wagte sie sich kaum, dort waltete die
Perfekte, und dort wurde jene Arbeit gemacht, vor der Frau Edda Angst hatte,
richtige beklemmende Angst. In verwirrendem Vielerlei lagen da die zahllosen
Ingredienzien, aus denen sich jede einzelne Mahlzeit zusammensetzt. Es roch nach
Fetten, nach blutigem Fleisch, es prasselte, schmorte, dampfte; und mit ihren
langschleppenden, lichten Hauskleidern wute sie gar nicht, wie sie sich auf den
Fliesen der Kche und zwischen den beladenen Tischen bewegen sollte, wenn eine
neue Kchin sie durchaus einmal hier brauchte. Nach dem Mittagessen, wenn der
Professor in seinem Ordinationszimmer verschwand, lag Edda im Schaukelstuhl und
rauchte langsam, ohne Eile, mit dem Behagen der milden Nervenbetubung, aber mit
wachem, bsen Gewissen, eine, zwei und drei Zigaretten, stand auf, mit schwerem
Kopf, hatte Lufthunger, klingelte dem Stubenmdchen, das um diese Zeit der
Ordinationsstunde alle Hnde voll zu tun hatte, und befahl, ihre Garderobe zum
Ausgehen bereit zu legen. Sorgfltig legte sie Stck fr Stck an. Sie
bevorzugte die reiche, franzsische Mode vor der englischen, schweres Material,
auch zu einfachen Gelegenheiten; besonders liebte sie kostbare, immer etwas
bizarre Mntel und Hte von unwahrscheinlichen Dimensionen, die ihr schnes
Gesicht weitausgreifend umrahmten und die hohe Gestalt mit frstlichem Pomp
stilisierten.
    Diese Erscheinung pate weder auf die Trottoire der grostdtischen Straen
unter eine Menge geschftlich getriebener Menschen, noch in das Gedrnge der
ffentlichen Verkehrsmittel; zumeist winkte sie dann auch einem der Fiaker vor
der Tre, die die Frau Professor schon kannten und sie mit lautem K die Hand,
Gndige, - fahr m'r Euer Gnaden umdrngten, sowie sie aus dem Hause trat. Und
Frau Edda fuhr dahin, Einkufe oder Besuche zu machen, oder in einem Caf mit
Freunden zu plaudern, am liebsten mit literarischen Freunden. Zumeist begleitete
sie eine Cousine ihres Mannes, Kathi Diamant, ein nicht mehr ganz junges
Mdchen, das mit Schwrmerei an Edda hing; berhaupt verkehrte Edda lieber mit
der Familie ihres Mannes, als mit ihrer eigenen, sie liebte die besondere
Frbung der jdischen Denkweise, welche Juden untereinander oft abstt. Die
scharf angreifende, geistige Art ihres Mannes war das Lebendige, das sie immer
noch mit ihm verband, - nachdem er sie in eine gefhrliche Spannung gebracht
hatte. Lange, nachdem sie Frau geworden, hatte sie nicht verstanden, woher ihr
gegen den Mann, den sie frei gewhlt hatte, wie er sie, oftmals dieses grollende
Gefhl kam, dieser sprungbereite Ha, der sich in tausend kleinen Szenen entlud,
- da es zur groen Aussprache zwischen ihnen niemals kam, - der hundert
eingebildete und konstruierte Vorwnde heftiger Entladungen erfand, - - bis der
wahre Grund ihrer geheimen Feindschaft, ihrem bohrenden Sphen, ihrer
wachgehetzten Weibheit klargeworden war: die Versprechungen ihres Krpers
schienen fr diesen Mann erfllt. Bald wute sie auch, da nicht sie seine groe
Leidenschaft war. Er war Forscher. Seine Untersuchungen fllten ihn mit
unteilbarem Interesse. War er in seinen Experimenten vergraben, so schien ihm
sein Haus, sein Vermgen, seine Frau, ja selbst sein Leben gering. Die
gefhrlichsten bakteriologischen Untersuchungen beschftigten ihn fortgesetzt.
Edda hatte ein Grauen vor seiner Tierstation. Aber hier war die Grenze ihrer
Macht.
    Seine drngende Werbung war ihr eine Verheiung gewesen. Wo blieb die
Erfllung?
    Whrend am Anfang ihrer Ehe etwas, wie eine frohe Erwartung, sie morgens
aufgetrieben hatte, nahm ihre Trgheit, die ihre Tage ttete, jetzt mehr und
mehr zu. Sie war mde, apathisch, nur aufgepulvert in den Stunden im Cafhaus
oder in abendlicher Geselligkeit. Die Klappe im Gehirn ffnete sich manchmal,
aber diesem Geschehen auf die Spur zu kommen, die Mechanik dieser Ttigkeit
beherrschen zu lernen, versuchte sie nicht. Immer seltener auch nahm sie sich
die Mhe, ihre Ausgaben zu berechnen. Sie nahm sein Geld mit vollen Hnden, sie
forderte immer mehr, und er erfllte fast demtig jeden ihrer Wnsche.

Diamants erwarteten heute abend Verwandte zu Besuch. Als erste kam die gewohnte
Begleitung Eddas. Kathi war offenbar schlecht gelaunt. Mrrisch warf sie den
breiten, geflgelten Hut aufs Klavier, die Handschuhe dazu.
    Warum hast du denn nicht drauen abgelegt, Kathi? fragte Edda. Sie hatte
einen kleinen Sprachfehler, stie, ein ganz klein wenig, bei den S-Lauten, mit
der Zunge an die etwas zugespitzten, kurzen Vorderzhne, deren Goldplomben
zwischen den Lippen glnzten; aber ihre Sprache bekam dadurch etwas von jener
Wiener Gemtlichkeit, deren Dialekt auch den pomps entfremdenden Eindruck
ihrer Erscheinung aufhob. Erst wann ich den Mund aufmach', trauen sich die
Leut' an mich heran, pflegte sie zu sagen.
    Das groe, berschlanke, dunkle Mdchen stand mimutig in der Tr, zwischen
Salon und Speisezimmer und betrachtete den gedeckten Tisch. Ihr von schwarzem
Kraushaar umrahmtes, beinahe braunes Gesicht, hob sich in scharfem Kontrast aus
dem Schneewei des steifleinen Herrenkragens, der die dunkelblaue seidene
Hemdbluse abschlo. Unter dem knappen, fufreien und festgegrteten blauen
Tuchrock zeichnete sich die schmale Linie der Hften nach Knabenart.
    Natrlich, - das echte Damastene, - Silber aus der groen Kassette, - die
Teller vom 24persnigen Service, - wann dir einer zerhaut wird, was dann?
    Geht dich einen Schmarrn an, liebe Kathi, - einen - groen - Schmarrn.
    Edl! Sie warf sich ihr an den Hals, versteckte ihr Gesicht in der weien
Seide, der der Duft javanischen Puders, eines fremdartigen Parfms, und der
gepflegten Haut entstrmte. Diese Duftwelle kam wie eine tuschende Beruhigung
ber das Mdchen.
    Edl, sei nicht bs! Aber mir is so - so, -
    Das wei ich.
    Kathi warf sich in einen breiten, englischen Klubfauteuil von rotem Leder.
    Meiner Seel', ich wei nimmer, was ich anfangen soll. Aus der Haut fahren
mcht ich, wann ich wt', da ich an andere find', die mir gut pat.
    Ist es das Bureau?
    Keine Idee, - ich vergi wenigstens die paar Stunden auf mich.
    Und der Lohninger?
    Kathi verzog das Gesicht. Vom Heiraten redet er nix.
    Dann schlag dir ihn aus'n Kopf!
    Ja aber - an wen soll man eigentlich denken?
    Schau, Kathi, nimm dich zusamm'! Denk berhaupt nicht immer daran, da dir
ein Mann fehlt.
    Du hast leicht reden.
    Ein spttisches Lcheln zuckte, in schneller Heimlichkeit, in den
Mundwinkeln Eddas auf und verschwand sofort. Schau die Olga an, sagte sie.
    Ja, - hast es denn schriftlich, was in der steckt? Glaubst, - damit, da
sie in Versammlungen Reden schwingt, - ist die erledigt?
    Nein, - die ist berhaupt nicht so leicht erledigt; schwerer als du und
ich.
    Sie soll schon mal verlobt gewesen sein, mit einem Leutnant, dort in
Schlesien.
    Ich hab' was luten hren.
    Der alte Diamant wird berschtzt. Wahrscheinlich hat der Herr Leutnant
mehr erwartet, und wie es zum Rechnen kommen is, wird er zum Rckzug geblasen
haben.
    Edda zuckte die Achseln. Nichts Gewisses wei man nicht; d.h. ich wei
nichts und der Gustav auch nicht. Meine Schwgerin Genevive, - die wird's
wissen.
    Komisch, da die sich angefreundet haben, diese zwei Mdchen aus der
Fremde.
    Die Genevive - die Eva - ist prachtvoll, - du kannst sagen, was du
willst.
    Ich sag' ja nix. Ich wei eh, da sie viel zu schad ist fr deinen Herrn
Bruder.
    Aber mich interessiert die Olga doch viel mehr.
    Geht sie richtig fort von Wien?
    Ich denke sicher. Der Stanislaus nimmt sie mit nach Berlin. Ich glaube
sogar, sie werden heute das letztemal hier sein.
    Also darum das gute Silber usw. usw.
    Und das rgert dich?
    No Gott, rgern. Ich find', du machst mit denen zu viel Geschichten.
    Hat dir der Vortrag vom Stan nicht gefallen?
    O ja, - das schon. Nachdenklich rekapitulierte sie: Probleme der Moderne,
- stellenweis war mir's zu hoch. Weit, es ist ein Wunder, - so a Jngl aus
Polen!
    Edda lehnte sich im Schaukelstuhl zurck und streckte die Beine auf ein
maurisch geformtes Taburett.
    Ihr Juden seid's unverbesserlich.
    Kathi dehnte den mageren, langgliedrigen Leib, stand auf und ging der Wand
zu, an der eine Tapetentr zu sehen war. Er arbeitet noch?
    Edda verneinte.
    Zieht er sich an?
    Kannst hineingehen; er ist schon fertig.
    Kathi klopfte kurz und leise, drckte die Trschnalle vorsichtig nieder und
ging mit elastischen Katzentritten in die halbdunkle Studierstube ihres Cousins,
des Professors.
    Edda streckte sich noch bequemer aus. Drinnen hrte sie die Stimme ihres
Mannes und Kathis, deren Kopf gleich wieder in der Tapetentr erschien. Wo ist
die herbstlaubfarbene Krawatte?
    Die liegt in seinem Kasten, links unter den Handschuhen.
    Es klingelte. Edda stand auf. Die Portiere, die vom Korridor zum
Speisezimmer fhrte, wurde zurckgeschoben, und die erwarteten Gste traten
unangemeldet ein. Man begrte einander verwandtschaftlich. Edda drehte alle
elektrischen Flammen auf.

Die Geschwister sahen einander, flchtig betrachtet, wenig hnlich. Stanislaus
in seinem festverknpften, vielgetragenen, schon etwas glnzenden Rock von
dunkelgestreiftem, dnnen Tuch, mit schlechter, vorgebeugter Haltung, breitem,
gewlbten Rcken, wirkte engbrstig. Die Beine schienen zu schwach fr den
massigen Rumpf. Der groe Kopf hing der Brust zu, die kurzsichtigen Augen, von
unausgesprochener Farbe, blickten manchmal, besonders wenn er den Kopf neigte,
ber den schwarzgernderten Zwicker weg, was ihm den Ausdruck einer interessiert
aufhorchenden Eule verlieh. In mchtiger Biegung beherrschte die Stirn das
Gesicht. Sehr dichtes, blauschwarzes, an den Spitzen geringeltes Haar bedeckte
den Schdel, fiel in einzelnen, gebogenen Bscheln ber die Schlfen und
ziemlich lang hinter den Ohren herab, die es zum Teil wohlttig verdeckte.
Wandte er den Kopf, so kamen sie, in ihrer fledermausartigen Zackung, zum
Vorschein. Gestreckt und schmal dehnte sich die Nase zum Mund nieder, der,
zusammengepret, eine dnne, gerade Linie zog. Der schwarze Schnurrbart hing
schlaff, in langen, nur wenig aufgebogenen Enden, ber die Mundwinkel. Dieser
Kopf sa auf einem zu kurzen Hals, der in einem Umlegekragen steckte, den ein
Mschchen, kaum gro genug, den Kragenknopf zu decken, abschlo.
    Diese Erscheinung hatte in Frau Edda bei der ersten Bekanntschaft den Trieb
erweckt, physisch zurckzuweichen. Aber ein Gefhl, das mehr als gewhnliche
Neugier war, - der Hunger ihrer gierigen Intelligenz, - trieb sie mit starkem
Interesse diesen Verwandten ihres Mannes zu.
    Olga kannte sie seit Beginn ihrer Ehe. Gerade damals war die nun
Sechsundzwanzigjhrige zu dauerndem Aufenthalt nach Wien gekommen. Kathis
Eltern, ihre nchsten Verwandten, hatten ihr ein Heim angeboten. Aber der alte
Diamant, der seine Tochter fortgeschickt hatte, whrend sein Sohn ihn gegen
seinen Willen verlie, sorgte so weit fr sie, da sie vor allem ihrem Bedrfnis
nach Unabhngigkeit folgen konnte.
    Sie besuchte die Universitt als Hospitantin, hrte nationalkonomische und
philosophische Kollegien mit Regelmigkeit. An den Veranstaltungen der
Frauenbewegung nahm sie stndig teil. Bald trat sie aus der Rolle der Zuhrerin
heraus, griff in die Diskussion ein und lenkte die Debatte zumeist in ein
Fahrwasser, das den Strebungen der Wiener Frauenbewegung, die sich auf
politische und wirtschaftliche Erweiterungen des weiblichen Wirkungskreises
beschrnken, unwillkommen war. Sie bekmpfte die Tendenzen, die einer Isolierung
der Geschlechter zuzufhren schienen und sah im Kampf um Brotberufe wohl eine
notwendige Etappe, aber nicht die letzten Ziele der Bewegung. Eine eigentliche
berufliche Bettigung vermochte sie in Wien, trotz verschiedener Versuche, nicht
zu finden.
    Auf dem gedrungenen, mittelgroen Krper des Mdchens sa ein Kopf mit
langem Gesichtsoval, herben, fast eckigen Zgen und einer stark gebogenen,
vorspringenden Nase. Ein rostroter Haarbusch berflammte die ganze Erscheinung.
Die Augen waren blank und schwarz, mit lnglichen Pupillen und schienen von den
dnnen, rtlichen Brauen, wie mit eilig schrgem Zug, skizzenhaft berstrichen.
Der Teint war etwas sommersprossig. Der Mund zeigte dieselbe dnne, gerade
Linie, wie bei Stanislaus. Hier glichen sich die Geschwister.
    Und als sie mit Edda lchelnd plauderten, kam mit diesem Lcheln, das die
blanken Zahnreihen freilegte, die Gesichter belichtete, ihre hnlichkeit zutage.
    Olga trug ein dunkelbraunes Kleid von billigem Wollstoff. Der Rock bedeckte
die Bluse nicht fest genug, so da das auf die Bluse genhte Taillenband bei
manchen Bewegungen zum Vorschein kam. Es war ihr alter Schmerz, da sie es
durchaus nicht vermochte, ihrer Figur jene glatten Flchen zu geben, auf welchen
die Frauenkleider unverrckbar drapiert erscheinen. Aber sie verschmhte jede
Schnrung und konnte sich darum mit der auf diese Schnrung berechneten Kleidung
nicht zurechtfinden.
    Durch das groe, englisch mblierte Speisezimmer, dessen Wnde
ausschlielich von Aquarellen bedeckt waren, ging Frau Edda, im Elfenbeinschein
ihres weiseidenen, schleppenden Kleides, mit ihren funkelnden Hnden, die sich
bltenzart in dem bis zum Ellbogen entblten Arm fortsetzten, hoch und licht,
zwischen den beiden Geschwistern, dem Salon zu.
    Olga und Stanislaus erzhlten von ihrem Besuche in der Heimat. Einmal im
Jahre wnschte der Vater die Tochter zu sehen und duldete es, da Stanislaus
mitkam.
    Es ist immer dieselbe alte, traurige und beklemmende Geschichte, sagte
Stanislaus und senkte den Kopf. Er sprach ein reines, scharf vokalisiertes
Deutsch. Olga warf trotzig die Lippen hoch, und die Falte zwischen ihren
Augenbrauen vertiefte sich.
    Er sollte stolz sein auf euch, sagte Edda.
    Olga machte ein finsteres Gesicht. Ein Mdel, das sich nicht verheiratet,
immer nur Geld braucht, sich mit lauter Dingen befat, die nichts einbringen, -
sie lachte rauh.
    Dennoch gab der Alte dieser Tochter den Lebensunterhalt. Mit ihrem
einundzwanzigsten Jahr war eine Versicherungspolice fr sie fllig geworden. Die
Zinsen dieses Vermgens gab er ihr, und sie reichten aus, unter Verhltnissen
bescheidenster Art auf einer mblierten Stube zu leben.
    Zu seinem Sohne Stanislaus aber hatte er gesagt: Fr dich hab' ich das
Geschft gefhrt. Etwas Fertiges haben - hast du sollen! Weggerannt bist du, - 
Tagedieb geworden! - - Das Geschft lat du mir alten Mann am Hals, - zugrunde
gehen wird's und soll's. Verdien' dir dein Brot, wie du willst, - du bist 
Mann, - dir geb' ich ka Kreuzer.
    Im Osten von sterreichisch-Schlesien, unweit der preuischen und russischen
Grenze waren die beiden zuhause. Dort stand auf dem groen, gepflasterten
Ringplatz das alte, schmutziggraue Haus ihres Vaters, mit einer Wohnung von
groen, dunklen Zimmern im Stockwerk und einem Kolonialwarengeschft im
Erdgescho. Dieser Laden war aber nur ein Teil des Geschftes des alten Moses
Diamant. Er lieferte Lebensmittel aller Art waggonweise nach Deutschland. Das
Geschft war, wie er behauptete, -  Goldgrub'. Nur eine junge, tchtige Kraft
fehlte. Ein Schwiegersohn, der nicht  Paar Hosen htte, wre dem alten
Hndler willkommen gewesen, aber, statt dessen - -  Geschicht' mit  Leutnant.
Auch gut - - bis - ja bis -! - - Und der Sohn? Der Sohn - ausgerechnet -
studieren hat er wollen. Der Alte widersetzte sich, zwang den Jungen ins
Geschft.
    Lange Jahre hatte er ausgehalten. Hatte abgewogen, was jeder begehrte, die
Bcher gefhrt, Geschfte abgeschlossen. Aber punkt sechs Uhr hatte er abends
Schlu gemacht, zum grten Verdru des Vaters, hatte sich eingesperrt in sein
Zimmer und seine Bcher vorgeholt. Eines Tages war er fort, und aus Berlin kam
ein Brief, da er nach langen Gewissenskmpfen dableiben wollte.
    Er verstand die Wnsche des Vaters, er begriff den angstvollen Trieb des
alten Mannes, den Kindern das Stck Boden, das er mit seiner Lebensarbeit
errafft hatte, zu hinterlassen. Er aber, Stanislaus, er zog aus diesem Boden
nicht das, was er brauchte.
    Berlin hatte ihn hart angefat, - fast so hart, wie der Alte zuhause. Aber
was er da ausgrub, das war Nahrung fr ihn gewesen, und er wute, da er in
diesem Boden nicht einsinken wrde. Der Vater, der ein begreifender Kopf war,
ergab sich. Aber er half dem Sohne nicht. Wenn's dir zuviel wird, - wenn du
nicht weiter kannst, - komm zurck, nach Haus. Du bist hier immer zuhause, merk'
dir das, - immer kannst du kommen.
    Aber der Sohn kam nicht, nur einmal im Jahre, als Besuch. Bitterkeit gegen
die verschlossene Hand des Vaters und Mitleid mit seinem vereinsamten Alter, -
die Mutter war seit langem tot, - ballten sich ihm zu schweren Lasten, so oft er
zuhause war. Wochenlang konnte er dann ber dem Bild der entfremdeten Heimat
keine Ruhe finden.
    Er schilderte Edda diese Stimmung, die sie, Olga und ihn, diesmal, wie
immer, da oben erwartet hatte. Und whrend er sprach, empfand er die geheime
Erleichterung des Entronnenen. Das ppige, vornehme Zimmer, der milde Glanz des
elektrischen Lichtes, die vertraut verwandtschaftliche Nhe dieser schnen,
fremdrassigen, liebenswrdigen Frau, die eine absichtsvolle Neigung mit
seinesgleichen verbndet hatte, das alles glitt beruhigend in ihn. Trotzdem er
als Schriftsteller in Berlin seinen umgrenzten, aber geachteten Platz erworben
hatte, war er auf Drftigkeit und Einsamkeit angewiesen, und erst hier, im Salon
seiner schnen Verwandten, berkam ihn ein Gefhl, da es die Schicht der
Erhobenen war, der er zugehrte und von der ihn jene andere Welt, der er
entronnen war, unweigerlich getrennt htte.
    Wo ist Gustav? fragte Olga.
    Er mu jeden Augenblick kommen; ich glaube, er zieht sich an, und Kathi
leistet ihm Kammerdienerdienste.
    Man hrte hinter der Tapetentr Schritte, und gleich darauf trat der
Professor ein, hinter ihm Kathi.
    Er lchelte ber das ganze, blaurasierte Gesicht, das einen Ausdruck trug,
der landlufig mit gescheit bezeichnet wird. Die gelenkige, kaum mittelgroe
Gestalt - er war bedeutend kleiner als Frau Edda - steckte in einem Gehrock von
elegantestem Schnitt. Er bewegte sich eilig, grazil, geschickt und lebhaft. Das
schwarze, kurzgestutzte, an der Seite gescheitelte Haar war an den Schlfen
stark ergraut. Die Augen blitzten durch den Zwicker.
    Da man die hoffnungsvollen Geschwister einmal zusammen da hat, ist ein
besonderes Vergngen! Er sprach ein wenig mit singendem Tonfall und nselnder
Pressung der Vokale, die die bhmische Umgebung seiner Kindheit verriet. Seine
Begrung galt, nachdem er Olga die Hand geschttelt hatte, besonders seinem
Vetter Stanislaus.
    Die Reise nach Hause machst du jedes Jahr, aber warum so selten in Wien?
Er nahm im Stehen von dem maurischen Rauchtaburett eine Zigarette, steckte sie
zwischen die Lippen und wollte sie anznden.
    Edda beugte sich zu ihm hinunter und nahm die Zigarette aus seinem Mund:
Wir essen gleich.
    Er widersprach nicht.
    Gott, wie besorgt, spottete Kathi.
    Edda zuckte die Achseln. Mehr brauchen wir nicht, als da auch er sich noch
die Nerven ruinniert.
    Der Professor war mit Stanislaus in ein lebhaftes Gesprch geraten.
    Bei deinem Vortrage hatte ich das Gefhl, sagte er und ging, die Hnde in
den Hosentaschen, auf und ab - da das Beste daran verloren ging. Diese
feingliedrige Ausarbeitung kam vom Rednerpult aus nicht zur Wirkung. Du bist von
dem Blatt nicht losgekommen, und man htte es lieber selbst gelesen.
    Stanislaus lchelte, neigte den Kopf und blickte schrg ber die schwarzen
Rnder seines Zwickers.
    Stan ist absolut kein Redner, sagte Olga. Ihre volle Bruststimme, ihre
sichere Gliederung der Sprache verrieten, da sie die Eigenschaft, die sie dem
Bruder absprach, selbst besa. Stan ist ein Schriftsteller sagte sie bestimmt.
    Mich hat das gar nicht gestrt, da er las und nicht sprach, sagte Edda.
Ich mu sagen, ich hab' die Ohren g'spitzt und bin neugierig geworden auf das
Buch. Wann erscheint es?
    Unbestimmt, sagte Stanislaus. Es sind zwei, drei Hauptgedanken des Buches
in dem Vortrag verarbeitet. Das Material ist gro, wchst unter den Hnden immer
mehr an.
    Ha, - weit du, wie du mir vorgekommen bist, Stanislaus, sagte der
Professor munter, - wie - wie so ein verkehrter Mephisto.
    Stan lie seine Zhne blitzen und fand ein gutes Lachen. Ist das so zu
verstehen, wie euer Kaffee verkehrt?
    Ja, ja, so hnlich. Der richtige Mephisto wartet darauf, da Faust - sinkt,
da er ein Philister wird, da er zufrieden wird.
    Und dann ist er verloren und der Teufel holt ihn, vollendete Stanislaus,
aber ich?
    Du stehst neben der Moderne wie Mephisto neben Faust, - Mephisto als
Kritiker genommen.
    Vor allem als Kritiker, - sehr wahr.
    Und wartest auf den Moment, wo dein Faust, deine Moderne, die sich erproben
soll, - nicht sinkt, nicht zur Hlle reif wird, sondern umgekehrt.
    Es ist etwas Wahres daran, sagte Stanislaus mit nachdenklichem Ton, man
wartet darauf, da man endlich sagen kann: da ist etwas Positives, etwas was wir
- gut verpackt - weiter geben. Er wiegte den Kopf.
    Schade, da das alles so schnell vorberzog, sagte der Professor, warte,
wie war es doch, - das Bild? Du zeigtest uns nackt, seine Stimme wurde dunkler
von ironischem Pathos, - am Meeresufer, - alle Schiffe verbrannt, - - in Kampf
mit Wind und Wetter - und fern von jeder neuen Heimsttte.
    Und sie sahen, da sie nackend waren und schmten sich, kam es aus Kathis
Ecke, und die anderen lachten.
    Edda hatte inzwischen dem Stubenmdchen geklingelt und war ins Speisezimmer
gegangen. Ich bitte zu Tisch, rief sie in den Salon hinein.
    Warten wir nicht noch auf Vinzenz und Genevive?
    Sie werden kaum kommen, Genevive hat mir geschrieben, da die Kleine
wieder krank ist.
    Es ist schade, sagte der Professor, du kennst meine Schwgerin noch
nicht, Stanislaus, die Frau des Bruders meiner Frau, - Genevive, zu deutsch
genannt Eva, geborene Nestor, verehelichte Reisenleitner.
    Olga hat mir immer viel von ihr geschrieben.
    Man ging ins Speisezimmer und setzte sich zu Tisch.
    Seit Eva da ist, vernachlssigt mich Olga, sagte Edda. Man soll seine
Freunde nicht zusammenfhren.
    Kathi klapperte mit dem Besteck: Wird schwer gehen.
    Olga lchelte, und ihr herbes Gesicht schien licht. Das ist ein groes
Geheimnis, diese Vertrautheit zwischen Menschen. Komisch ist das. Zwei zum
Beispiel kmpfen zusammen fr eine gemeinsame Sache, -
    Schulter an Schulter, wie es in der Frauenbewegung so schn heit, warf
der Professor sarkastisch ein.
    und bleiben sich fremd. Sie sprach das R mit slawischer Hrte. Und andere
wieder, die scheinbar gar nichts miteinander zu schaffen haben, sind vertraut
beim ersten Blick. Wer kann wissen, warum das so ist?
    Edda seufzte.
    Eva ist ein sonderbarer Mensch, sagte der Professor.
    In welchem Sinne? fragte Stanislaus.
    Es fehlt ihr,- soviel ich beobachtet habe, - etwas, - das an uns allen
deutlich ist.
    Stanislaus horchte interessiert. Und was ist das fr ein gemeinsames
Merkmal?
    Der Professor zgerte und krauste die Stirn. Es ist der Ri, der Bruch, der
irgendwo im innersten Gefaser von jedem von uns drin ist, sagte er, und sein
Gesicht hatte einen verbissenen Zug. Zeig mir, fuhr er, zu Stanislaus
gewendet, fort, einen modernen Schicksalstrger, - mit normalen Instinkten, -
und mit vernnftigem Selbsterhaltungstrieb! Zeig mir, mit einem Wort, - von den
genialen Praktikern abgesehen, - einen modernen Gedankenheros, - der dabei kein
Narr ist, der sich nicht versteigt auf irgendeine Martinswand der Spekulation, -
von der ihn kein Gott herunterholt. Er machte eine Pause, und drehte
nachdenklich ein Brotkrmelchen zwischen den Fingern. Des Menschen Schicksal,
fuhr er fort und bewegte dozierend die Hand, ist sein Leib. Nun ist aber unsere
Intellektskultur sozusagen noch nicht leiblich genug geworden, - noch nicht
somatisch, wie wir rzte sagen, - unser Wille, aber noch nicht unser Organismus
ist intellektuell. Und darum machen wir zumeist Dummheiten, wo wir glauben,
besondere Taten zu vollbringen.
    Ist denn der Wille ein vom brigen Organismus loslsbares Etwas, fragte
Olga.
    Das beweist die Hypnose, sagte der Professor und nahm von der Hors
d'oeuvre-Platte, die ihm gereicht wurde. Diese schne, schlafwandlerische
Sicherheit des Trieb- und Instinktmenschen ist fr uns verloren. Er trank ein
Glas Rotwein durstig mit einem Zuge aus. Gerade dein Vortrag, Stan, hat das
recht deutlich gezeigt. Die Zeiten aber, wo der intellektuelle Wille so gebt
ist, da er den Menschen zu derselben fast automatischen Reaktion fhrt, wie das
der gesunde Instinkt, der Trieb, besorgt, - so da auch der komplizierte Mensch
ein Ganzes und Deutliches wird, - die sind noch nicht da. Er sprach jetzt, wie
er es tglich vor seinem Hrerauditorium gewohnt war. In diesem Sinne knnen
wir uns als - als Zwischenstufen bezeichnen, - - oder als - schlotternde
Lemuren, er zog die Vokale sarkastisch in die Lnge, - - aus Bndern, Sehnen
und Gebein geflickte Halbnaturen.
    Alle hatten aufmerksam zugehrt. Frau Eddas Kornblumaugen waren dunkler und
tiefer geworden.
    Das Stubenmdchen kam, rumte die Teller ab und legte neue an deren Pltze.
    Kathi sagte: Darf ich im Konversationslexikon nachsehen, was Lemuren sind?
    Der gespannte Ernst der Stimmung lste sich. Unter allgemeinem Lachen wurde
die Zustimmung erteilt. Kathi sprang auf, lief durch den Salon und von da in des
Professors Studierzimmer. Man sah, durch die offene Tapetentr, das elektrische
Licht drin aufflammen, hrte, wie sie den schweren Wlzer von der Etagere rckte
und darin bltterte.
    Die - Lemuren - sind - geschwnzte Halbaffen, rief sie heraus.
    Aber auch noch etwas anderes, schrie der Professor zurck.
    Kathis Stimme ertnte weiter: Sie haben Greifhnde nach Art der Affen, - -
sie sind Baumtiere mit nchtlichen Gewohnheiten, - - nach Sonnenuntergang
pflegen sie in grerer Gesellschaft den Urwald zu durchstreifen, - - unter
bedeutendem Geschrei, - - Zhmung gelingt leicht, - haben einen schwchlichen
Krper mit dichtem Haarkleid, - - vordere Gliedmaen krzer als die hinteren, -
- Grohirn ohne Windung, - - Blinddarm vorhanden.
    Esel, der du bist, schrie der Professor, schlag bei Laren nach, bei
Lares.
    Nun ertnte die Stimme aus der Studierstube:
    Nchtlich umherschweifende Seelen der Verstorbenen.
    Der Professor rief: Nun sieh noch bei Lemuria!
    Versunkener Kontinent, ehemals von Halbaffen bewohnt, wird auch als die
wahrscheinliche Wiege des Menschengeschlechtes betrachtet.
    Genug, genug, rief der Professor, es stimmt! Goethe hat fr seine Zwecke
das Wort und den Begriff gebildet. Und in unserem Fall stimmt's, - sowohl im
Goetheschen wie im zoologischen Sinne.
    Kathi wollte ihren Vortrag noch ausdehnen, aber der Rest ging in Gelchter
unter, und sie wurde energisch zurckgerufen.
    Das Roastbeef wartet, rief Edda.
    Das Licht in der Studierstube wurde abgedreht, und das braune, magere
Mdchen kam hereingewirbelt.
    Der Professor nahm die Unterhaltung in dozierendem Ton wieder auf.
    Was heit das Wort: Es irrt der Mensch, solang er strebt. - Es heit, da
der strebende Wille - der, der noch bewut arbeitet, - der noch nicht Instinkt
geworden ist, - unsere grte Gefahr ist. Wir leisten mit ihm bermenschliches,
aber zumeist Falsches.
    Also Streben, Schaffen, Werden, Wachsen, - ohne es zu wollen? forschte
Stanislaus.
    C'est a! - Das wre der ganze Kerl, - der von morgen. Wir Heutigen ziehen
uns am Schopfe zu unseren Jdealen von uns selbst.
    Dann wre man ja sehr gut daran, wenn man keine Ideale von sich selbst
hat, warf Frau Edda ein.
    Frauen wissen im allgemeinen nichts von solchem Wollen, erwiderte der
Professor. Sie haben keine Stellung zur Moral, fuhr er ruhig fort.
    Die alten Phrasen, sagte Edda, und es klang beinahe verchtlich.
    Olga hob den Kopf. Ich wei aber von solchem Wollen und andere Frauen
auch.
    Das war das Schlimmste, was euch passieren konnte, sagte der Professor und
schlte gleichmtig seine Birne.
    Edda beugte sich ber den Tisch, zu Olga hinber:
    La dir nichts vormachen, hrst du! Zieh, - zieh dich selbst am Schopf, -
ja, - gerade das!
    Olga wollte weitere Auslassungen ber das Thema vermeiden. Sie wute, da
der Professor die Aktivitt der Frauen bespttelte, da aber Frau Edda
leidenschaftlich und heftig zu werden pflegte, wenn er das tat. Sie, die ein
Leben, hnlich dem einer Haremsdame fhrte, war mit ihrer Sympathie und mit
einer Art von persnlich resignierter Sehnsucht auf der Seite jener Frauen, die
das Steuer ihres Schicksals selbst zu lenken suchten.
    Und, als wollte auch Edda das Thema abschneiden, erhob sie sich, lutete dem
Mdchen und gab Befehl, den Kaffee zu servieren. Mit der gewohnten
Beinschwenkung warf sie die Schleppe zurck und ging voran, dem Salon zu.
    Nun werde ich euch in mein neuestes Laster einweihen, sagte sie wieder
ruhig und lchelnd und griff nach der Zigarettendose.
    Welcher Laster beschuldigen - beschuldigst du dich? fragte Stanislaus.
    Das du der schnen Cousine gegenber, die er nur bei seinen seltenen
Besuchen in Wien gesehen hatte, fiel ihm schwer.
    Zweier: der Trgheit und - nun wie nennt man das, - wenn jemand sehr gern
gut it, gut trinkt, gut liegt? - - - Ich glaube, das ist etwas, was unter den
sieben Todsnden aufgezhlt wird.
    Dabei nahm sie Besitz vom Schaukelstuhl und wiegte sich darin.
    Das nennt man Vllerei, sagte der Professor.
    Ja? - Ich werde gleich eine neue Probe davon geben.
    Sie nahm vom Rauchtisch einen kristallenen Parfmflakon, der neben dem
Aschenbecher stand, schraubte den silbernen Verschlu ab und trufelte behutsam
einen einzigen Tropfen auf eine Zigarette. Das Licht fiel auf ihre Hnde und
brach sich in den Edelsteinen der Ringe.
    Ambre Royal, mit trkischem Tabak, - damit kann man stundenlang glcklich
sein.
    Sie parfmierte mehrere Zigaretten, reichte sie herum, und bald war das
Zimmer von wohlriechendem Dampf erfllt.
    Kathi griff nach dem Flakon und betrachtete, whrend sie den Rauch durch die
Nase blies, die Etikette.
    Echtes Ambra, - mindestens 18 Gulden die Flasche, - Gustav, du mut sie
unter Kuratel geben.
    Jch berlasse alle notwendigen Arrangements meinen Glubigern, sagte der
Professor mit gleichmtiger Stimme. Er hatte die Augen zusammengekniffen und sog
in langen Zgen an der parfmierten Zigarette.
    Ich mu doch die Bazillen ausruchern, die er in Bouillon zchtet und
eventuell noch nach Hause bringt, meinte Edda.
    Ihre frhere Bemerkung ber das, was sie ihre Laster nannte, hatte
Stanislaus zu denken gegeben. Er wollte gern erfahren, ob denn hinter dieser
Bemerkung ein Ernst zu suchen sei, und er fragte sie:
    Was nennst du deine Trgheit, liebe Edda?
    Nun denke dir, ich bin so faul. Ich tue nichts den ganzen Tag, als mich an-
und ausziehen und abends mit Leuten plaudern. Ich komme zu nichts anderem.
    Man kann auch den Miggang wohl ausfllen, sagte Stanislaus, - o ich
kenne das. - Stundenlang gehe ich oft spazieren und denke an nichts. Wenn man
nur ein gutes Gewissen dabei hat!
    Er arbeitet aber wie ein Kuli, warf Olga ein.
    Das ist es ja gerade, sagte Edda klagend, - ich habe kein gutes Gewissen,
- ich leide unter diesem Leben und kann's doch nicht ndern ... Immer ist's
gleich Abend, ehe ich mich recht umschau', besonders jetzt, wo der Tag so kurz
wird. - - Dabei scheint das Leben mit diesen Tagen, die einander so schnell
verschlingen, nicht etwa langsam zu vergehen, - nein, - im Gegenteil, - sie
zgerte nachdenklich - wie ein rasender Galopp zur Grube ist's, - sinnlos,
sinnlos.
    Der Professor sagte: Da ist nichts zu wollen; das ist der eigentliche Sinn
unserer Mobilitt: gegen die Verwesung kmpfen - und dabei der Grube zureiten. -
- Wir kmpfen ununterbrochen gegen die Verwesung. Jawohl, hier ist das Um und
Auf unserer Ttigkeit. Jeden Tag ziehen wir los gegen den Staub, unaufhrlich
wirbeln wir ihn auf, verjagen ihn, - und schon setzt er sich wieder fest. Sieh
da! er fuhr mit der Hand ber die Lehne des roten Lederfauteuils und wies
wirklich etwas Staub am Finger vor, - wofr ihn Frau Edda mit einem
mibilligenden Blick bedachte.
    Dieses tgliche Sich-vom Schmutze-Reinigen, diese immer von neuem
notwendige Aufmachung und Abrstung, dieser endlose Turnus mit seinem An- und
Auskleiden, - dann diese bestndig wirkende Verwesungschemie in unserem
internsten Gedrm und unser Bemhen, uns von ihren Produkten zu befreien, - was
ist das anderes, als ein ununterbrochener Kampf gegen das staubige Ende?! Mde,
natrlich, werden wir davon, - mssen wir werden, - verbraucht und mde; aber
dazu sind wir da.
    Er schwieg, und Edda nahm wieder das Wort.
    Und komisch: je leerer die Tage sind, desto deutlicher fhlen wir, -
Galopp, Galopp. Sie machte eine Pause. Aber ich glaube nicht, - sie
schttelte lebhaft den Kopf, - da die, die sich ordentlich rhren und den Tag
mit ihrer Mhsal fllen, - da die auch das Gefhl haben, dem Grabe zuzureiten.
Da drben, fuhr sie fort und deutete zum Fenster hinaus, vis--vis von uns -
wird jetzt gebaut. Zwanzig, dreiig Maurer und Handlanger und eine Menge Weiber
tummeln sich da. Vom frhen Morgen geht das. Da rennen sie durcheinander auf dem
Gerst, - ich seh's vom Bett aus. - - Und Licht und Luft und Sonne haben sie in
abondance. Gott, wie mssen die diese letzten schnen Sptsommertage genossen
haben! Sie bcken und strecken sich unaufhrlich und reichen die schweren Eimer
hoch, - sie machte die Bewegung nach, - tragen Bretter und Ziegel auf den
Schultern und volle Mrteleimer auf dem Kopf, rhren alle Muskeln und Glieder -
und das alles in voller Sonne und freier Luft. Sehnschtig warf sie den Kopf in
den Nacken. Wer so leben knnte! Da mten alle Schmerzen im Kreuz vergehen,
sie stemmte die verschrnkten Arme gegen den Rcken, - und aller Druck im Kopf
und all die Schwere im Leib und alles, alles, was einem das Leben so sauer
macht.
    Sie schwieg.
    Stanislaus hatte mit schmerzlichem Gefhl der seltsamen Beichte gelauscht.
Unwillkrlich fiel ihm jenes Wort des Artistoteles ein, welches die Passivitt,
- die Trgheit, die Schwere, - als das Bse im Menschen bezeichnet, und - als
vom Gttlichen kommend und zum Gttlichen gehend, - nur die ttige Vernunft.
    Und lt sich denn gegen diese - diese - Mdigkeit gar nichts machen?
fragte er.
    Edda zuckte mutlos die Achseln.
    Mangel an Hmoglobin und eine Gebrmuttersenkung, murmelte der Professor.
    Langsam, im Vortragston, fuhr er fort: Die Seele ist wie der Schiffer, der
im Kahn, der durch das Weltmeer zieht, am Steuer sitzt. Das Schiff selbst aber,
breit und gewichtig dozierte er, - ist der Krper. Und darum kommt es auf den
so sehr an; denn was ntzt alle Fhigkeit des Steuermannes, wenn das Schiff, in
dem er sitzt, nichts taugt?! - -
    Ich kmpfe auch mit meiner Gesundheit, meinte Stanislaus; ich glaube, ich
knnte mehr leisten, wenn ich in besserer Verfassung wre.
    Dein groer Vetter Gustav, sagte der Professor, ist bereit, dich
aufzuklren, - auf welchem Wege du am krzesten dahin gelangst, - wohin wir alle
kommen.
    Ich danke, antwortete Stanislaus, ich brauche das nicht zu wissen;
vielleicht gehe ich dann zufllig den lngeren Weg.
    Er ist ein Barbar in dieser Hinsicht, sagte Olga, eines Tages wird er
stecken bleiben.
    Aha, der Wille mit der Peitsche! Der Professor schttelte den Kopf. Na, -
das eine wei ich: sollte ich mich je an meinen Wurzeln krank fhlen, - lange
Fisematenten gbe es dann nicht. Als Spezialist fr Interna mu ich bekennen, -
da das verllichste Mittel gegen eine Menge jener Leiden, um derentwillen man
zu uns kommt, noch immer eine Browningpistole ist. - - Das hilft auch gegen
andere Unannehmlichkeiten. Er verzog die Lippen, und um die ueren Augenwinkel
legte sich die Haut in dichte Fltchen.
    
    Edda trommelte unruhig mit den Fingern auf die Tischplatte.
    Gerade der Schriftsteller darf kein Barbar gegen sich selbst sein, fuhr
der Professor fort. Er darf nie vergessen, sein Werkzeug zu pflegen. Das
Werkzeug seines Schaffens aber ist er selbst. Er ist sich selbst gleichzeitig
Instrument und Material. Er mu sich die Bedingungen schaffen, unter denen er
sich selbst am besten - fhlt. Er machte mit der Hand eine Bewegung, als wolle
er die Luft greifen. Das ist mit eine Seite des Talentes. In jhem bergang
fragte er dann Stanislaus: Wie lebst du eigentlich in Berlin?
    Mehr schlecht als recht, bekannte Stanislaus, ich schreibe Artikel,
trachte sie unterzubringen und bereite dabei ein Buch vor.
    Bei jener Art von Schriftstellerei, die du betreibst, mu es nicht leicht
sein, fr Absatz zu sorgen.
    Es ist jedesmal ein neuer Kampf; immer als trete man das erstemal in die
Schranken.
    Und lebst du von diesen Honoraren?
    Ich habe zum Glck noch eine Art von Nebenbeschftigung gefunden. Ich lese
einem gelhmten, alten Herrn mehrmals der Woche aus philosophischen Schriften
vor.
    Und bekommst?
    Drei Mark fr den Vormittag.
    Frau Edda machte groe, erschreckte Augen.
    Es ist wenig, aber es macht etwas aus; das merke ich, wenn mein Herr einmal
nicht da ist. Manchmal nimmt er mich auch auf Reisen mit. Auf diese Art habe ich
Italien und die Schweiz gesehen. Aber diese Beschftigung nimmt mir zuviel Zeit
fort, ich wrde sie gern aufgeben.
    Der Professor sagte: Und gedenkst du - immer so zu leben?
    In das Gesicht des jungen Mannes stieg ein finsterer Ernst. Die Augenbrauen
rckten drohend zusammen, die Lippen preten sich aufeinander.
    Nein, antwortete er.
    Sondern?
    Ich gedenke zu erben.
    Das dunkle Wort lastete. Olga blickte kummervoll auf den Bruder.
    Der Schriftsteller mu sich menagieren, sagte der Professor. Er darf sich
nicht ganz ausgeben, - braucht Reserven. Denn was heit schriftstellern? Er gab
sich selbst die Antwort. Es heit nichts anderes als: berschsse ablagern. Da
darf man nicht verschwenden, - hm ja - denn zuzeiten verbraucht man sein bichen
Kraft zum Leben - und Schreiben wre dann jmmerlich. Er beugte sich vor,
wippte die Asche von der Zigarette direkt auf den Teppich und lehnte sich, die
Beine bereinanderschlagend, tief in den Fauteuil zurck, da die braunen
Hirschledergamaschen, die den Lackstiefel deckten, mit allen Knpfen sichtbar
wurden.
    Dein Wort von vorhin lt sich hier anwenden, sagte Stanislaus. Wir sind
Zwischenstufen, - auch im konomischen Sinne, - mit unseren Einknften, die oft
genug hinter denen des Proletariats zurckbleiben, und mit unseren Bedrfnissen,
die wir vom Brgertum, mit dem wir sonst berquer sind, bernommen haben.
Zwischen den Klassen stehen wir, - und gepret von beiden Seiten.
    Und nirgends fhle ich mich gepreter, sagte Olga mit gedrckter Stimme,
als gerade hier.
    In Berlin ist das besser, meinte Stanislaus, das wirst du bald merken.
    Wieso soll das in Berlin anders sein? fragte Edda in zweifelndem Ton.
    Stanislaus dachte nach und sagte dann entschieden: Hier in Wien kann das,
was - wir sind, keinerlei deutliche Gestalt annehmen. Eingekeilt sind - wir -
hier, unrettbar eingekeilt, in die Bourgeoisie. Berlin aber, fuhr er lebhaft
fort, Berlin gibt unsereinem Zugehrigkeit - und doch auch wieder Isolierung,
die frei aufatmen lt, - und darum, mit der Zeit, - Gestalt.
    Edda zuckte die Achseln. Das kann ich mir nicht denken. - Wann gehst du
nach Berlin? wandte sie sich dann an Olga. Fhrst du zusammen mit Stanislaus?
    Stanislaus reist frher. Ich bleibe noch einige Tage; zum nchsten Ersten
habe ich mein Zimmer gekndigt.
    Der deutschschreibende Schriftsteller, sagte der Professor nachdenklich,
hat ohne Zweifel von Berlin aus mehr Aktionsflche und darum mehr Resonanz.
Hier? Wo ist hier das Publikum, mit dem er sich auseinandersetzen soll? Was soll
er von Bosniaken, Kroaten, Slovenen, Magyaren, Italienern fr sich erwarten? Nur
das weite, einsprachige Hinterland macht aus der Hauptstadt die Weltstadt, und
dieses Weltstadtgefhl gibt Perspektive.
    Der Schriftsteller kann von berall sprechen, meinte Edda, die Gedanken
mssen ber fremde Sprachen Brcken bauen.
    Es ist nicht die Sprache allein, - nicht jene Sprache, die man nach der
Grammatik erlernt, die Gemeinschaft ergibt, - meinte Stanislaus, es gibt eine
deutlichere Zugehrigkeit! Nachdenklich senkte er den Kopf und blickte schrg
ber den Zwicker. Gruppen von Menschen, die nach hnlichen Zielen ringen,
mssen die Mglichkeit haben, sich nach ihrer besondern Art zu gestalten.
    So eine Gruppe ist nicht selten eine Hydra, sagte der Professor, - eine
Hydra oder ein Polyp, Kpfe und Glieder sprieen und schwinden. Er sprang auf,
warf den Zigarettenstummel in die Aschenschale und machte ein paar Schritte
durch den Salon. Wieder dieses Ringgefhl um den Kopf, sagte er verdrielich.
    Du hast zuviel geraucht, Gustav, - Frau Edda sah ihn vorwurfsvoll an, -
eine Zigarette habe ich dir fortgenommen, und drei andere hast du nacheinander
verpafft.
    Ich hatte heute keine rechte Bewegung, sagte der Professor und streckte
ein paarmal die Arme aus. Kathi, rief er dann dem Mdchen zu, das schweigend
in einer Ecke gesessen hatte, Kathi, hrst du - wir machen nachher den
gewohnten Gang.
    Kathi nickte.
    Stanislaus fhlte pltzlich, da er sich dem persnlichen Leben seiner
Verwandten gegenber in einer Reserve gehalten hatte, die miverstndlich wirken
konnte. Er begann mit dem Professor ber dessen schnelle Karriere zu sprechen.
Er hatte von Geldsorgen gehrt, die ihn frher gedrckt hatten, - einmal hatte
auch sein Vater dem Neffen in Wien ausgeholfen. Die groe Praxis des Professors
mute ihn, ohne Zweifel, von seinen Sorgen befreit haben.
    Ein bekmmerter Zug lagerte um den Mund des Professors. Wir brauchen noch
immer mehr als ich verdiene, - mehr als wir haben, - samt Eddas Zinsen. Nicht
einmal die Rente fr eine anstndige Lebensversicherung fllt ab.
    Edda seufzte unmutig. Eine anstndige Versicherung, - ich danke, was die
kostet; und eine lumpige hat keinen Wert.
    Aber, liebes Kind, entgegnete der Professor, - du willst doch, - dann, -
wenn ich mich mal zurckziehe oder wenn mir was geschieht, - weiter leben,
nicht? Und sogar hnlich wie jetzt, - wie? Ich habe dir das doch schon oft
erklrt! Eine leichte Erregung war in seiner Stimme.
    Wenn man es aber nicht entbehren kann! seufzte sie. - - - Und wie denn,
wenn du mal lngere Zeit krank bist und nichts verdienst, - woher dann die Quote
aufbringen?
    Das wre schlimm, erwiderte er, und seine Stirn zog sich in Falten.
Krankheit ist in meinem Budget nicht vorgesehen. Er schien sorgenvoll zu
grbeln. Na - vor dem Schlimmsten schtzt dich ja dein Vermgen.
    Es war spt geworden, die Geschwister wollten sich verabschieden. Der
Professor hielt sie zurck, sie sollten vorher noch seinen Gang mit Kathi
ansehen.
    Zu diesem Zwecke begab man sich in das breite Vorzimmer, das mit dicken
Velourslufern belegt war. Edda und die Geschwister setzten sich auf die runden
Hocker, die hier an den Wnden standen.
    Der Professor warf den Rock und die Manschetten ab. Kathi lste den leinenen
Stehkragen von der Seidenbluse, knpfte die rmel am Handgelenk auf und rollte
sie hoch ber die Ellbogen. Dann stellten sie sich fest einander gegenber.
Einen Moment standen sie mit gestreckten Kpfen, - dann fiel sie mit einem
sehnigen Sprung ber ihn her. Sie umklammerte seinen Hals und suchte ihn
niederzuziehen. Er parierte den Kopfgriff und stemmte den Ellbogen gegen ihr
Kinn. Dabei griff sie ihm unter die Arme, prete seinen Leib und versuchte, ihn
hoch zu heben. Er drckte gegen ihre Brust, da ihre Arme von ihm abglitten, und
die krausen Stirnhaare den Kopf umflogen. Aber sie schnellte wieder vor. Da
fate er sie pltzlich am rechten Handgelenk, drehte sich jhlings um, zog ihren
Arm ber seine Schulter, lie sich auf die Knie fallen und warf sie zur Erde.
Sie versuchte, sich zu erheben, es gelang ihr nicht. Im nchsten Augenblick
lagen sie verknult auf dem Boden. Seine Muskeln spannten sich sthlern, sie
wieder ringelte sich zwischen seinen Armen durch und schnellte halb auf, wenn er
sie vollends niederdrcken wollte.
    Da lutete es an der Korridortr. Der Professor und Kathi lieen voneinander
ab und sprangen auf. Das Stubenmdchen kam aus der Kche und eilte zur
Wohnungstr.
    Sehen Sie erst nach, wer es ist, rief ihr Edda zu. Nach der Sperre war
ein Besuch etwas Ungewohntes. Das Mdchen hatte durchs Guckloch geblickt und
teilte flsternd mit, es sei der Herr Reisenleitner.
    Aufmachen, rief Edda.
    Ihr Bruder trat ein.
    Servus, Kinder, begrte er Schwester und Schwager. Er schttelte ihnen
die Hand und begrte die anderen mit leichter Verbeugung.
    Der Professor und Kathi standen schwitzend und schnaubend; sie streifte ihre
rmel herunter, und er schlpfte in seinen Rock. Mein Schwager Reisenleitner -
mein Cousin Stanislaus Diamant, stellte der Professor vor.
    Aha - der Herr Bruder aus Schlesien, - sehr angenehm.
    Aus Berlin, verbesserte der Professor und dehnte das i.
    No - erlaub du mir - wie kannst du so was sagen? Wann ich mich morgen in -
sagen wir - in New York ansiedeln tu', bin ich deswegen doch a Weaner.
    Sehr richtig, sagte Stanislaus, senkte den Kopf auf die Seite, lugte
schrg ber den Zwicker und zeigte seine Zhne.
    Was macht's ihr denn da alle im Vorzimmer, - aha - the usual match! Er
kannte das. Wer hat g'wonnen? Niemand? Unterbrochen? Schad'.
    Vinzenz Reisenleitner war ein elegant gekleideter Herr, vollbltig, gro,
krftig, mit braunem Haar, aufgezwirbeltem Schnurrbart und hellblauen Augen.
Sein von der scharfen Herbstluft angeblasenes Gesicht schien von Gesundheit zu
glhen. Er trug einen braunen Ulster, von weitestem Sackschnitt, der ihm nicht
ganz bis an die Knie reichte, einen sehr hohen Stehumlegekragen, die modernste
Krawatte von zartem Hellgrn und steifen, schwarzen Hut.
    Alsdann, - wit's ihr, warum, da ich da bin?
    Edda lud ihn ein, ins Zimmer zu kommen.
    Ja, aber nicht lang, - ich mu gleich wieder weg, - ich hab versprochen,
ich bring euch mit.
    Wohin denn?
    Er nannte ein bekanntes Nachtlokal, einen Champagnerkeller Zum
Nachtfalter.
    Was ist denn dort los?
    Los is nix.
    Also?
    Beim Nachtmahl im Imperial habe ich deinen Famulus getroffen, den Herrn
Pankraz.
    Seit wann speist denn der im Imperial? mischte sich Frau Edda ein. So
eine Frechheit!
    Kannst beruhigt sein, auf seine Kosten tut er das nicht; der klebt schon
die ganze Zeit an dem amerikanischen Doktor. Er wandte sich zum Schwager: Du
hast ihn abgetreten an den, - hat er g'sagt, - so lang, da der da is.
    Der Dr. Macpherson nimmt mit ihm die Kollegien durch, erklrte der
Professor, und noch andere Sachen, die man in Wien durchnimmt.
    Mit dem war er da. Und die zwei gehen heut' noch zum Nachtfalter. - Da
haben's mich heraufgeschickt, ich soll euch hinschleppen.
    Der Professor sah seine Frau fragend an; er berlie ihr die Entscheidung.
Er fr seine Person war zeitweiligen Exzessen nicht abgeneigt.
    Ich mt' mich erst anziehen, sagte Edda zgernd, schien aber doch den
Plan zu erwgen. Wo ist denn die Eva? fragte sie.
    Die sitzt natrlich bei der Kleinen, antwortete Reisenleitner mit einer
Handbewegung und einem Achselzucken, die Resignation ausdrcken sollten.
    Deine Frau kommt zu wenig heraus, sagte der Professor in etwas tadelndem
Tone.
    Vinzenz antwortete rgerlich: Erschtens, - er hielt ihm den Daumen vor die
Augen, - weit du nicht, was ein kleines Kind ist; - er selbst schien von
diesem Wissen sehr durchdrungen; und zweitens ist die Eva wirklich eine
Hauskatz'. Da ich mich deswegen einmauern tu', - fallt mir net ein; wann sie so
fad is? - - - In der Beziehung - eine echte Teutsche - obwohl sie flotteres Blut
von ihrer franzsischen Mutter her haben mt'.
    Vinzenz Reisenleitner, der die Fabrik seines Vaters bernommen hatte, liebte
jene Art von Vergngungen, die man in Wien a Hetz nennt, ber alles. Besonders
ergeben war er dem Sport. Er verbrachte so ziemlich alle Sonntage und die
zahlreichen katholischen Feiertage, die den Gang des sterreichischen
Geschftslebens so fleiig hemmen, auf dem Semmering oder im Wiener Wald und war
mit seinem Automobil auch mitten im Arbeitsjahr viel unterwegs.
    Alsdann, geht's ihr oder geht's ihr nicht? - Du, ich sag' dir, wandte er
sich zu seiner Schwester, - der Mister Macpherson ist verliebt in dich.
    Man war in den Salon zurckgekehrt, und Vinzenz sa im berrock, den Hut in
der Hand, auf einer Fauteuillehne.
    Wieso, was hat er wieder gesagt, fragte Edda neugierig und belebt.
    Alsdann, er hat g'sagt, - your sister, Mrs. Diamond - sprich Deimnd,
markierte er, - is the most elegant type of woman, I ever saw. Er sprach die
englischen Worte sehr gut, korrekter als die deutschen. Englisch war immer sein
Talent gewesen, - und Amerika sein erklrtes Ideal.
    Edda lchelte geschmeichelt, tat aber spttisch: Glasige Augen hat er!
Schaut aus, wie a Karpfen.
    Ein Verehrer meiner Frau, - da mssen wir hingehen, sagte der Professor
mit zufriedener Stimme, die Hnde in der Tasche. Er besa keine Spur von
Eifersucht. Gnzlich unbekannter Affekt, hatte er oft versichert. Und mit
jener Freimtigkeit, die die innersten Seelenzustnde preisgibt und die in jener
Schicht der Intellektuellen so weit geht, da sie oft mit Schamlosigkeit
verwechselt werden knnte, - mit jener Freimtigkeit, die sich unbedingt zu
ihrem Empfinden bekennt, hatte er im Freundeskreis einmal gesagt: Wenn seine
Frau einen Geliebten htte, er wrde ihr dieses Erlebnis von Herzen gnnen; eine
solche Tatsache wrde zwischen ihm und ihr nichts ndern.
    Frau Edda aber sagte im Kreise ihrer Freundinnen von ihrem Manne: Er ist
ein schrecklicher Mensch in vielen Sachen, - aber - Hrner aufsetzen?! - Da
msset einer schon auf'm Kopf Csardas tanzen!
    In Wahrheit hatte sie ein whlender Trieb zu ihrem Mann gezogen, mit dem sie
auch heute noch nicht fertig war, - trotz allem. Seine Schnuppigkeit, wie sie
es nannte, sein auf die Forschung festgelegtes Interesse, das alles reizte sie
zuzeiten in bsem Sinne - und verkettete sie doch auch wieder mit ihm, weil
etwas in ihrem eigenen Wesen diese Art im stillen bewunderte. In hohem Grade
gefallschtig, war sie dabei doch unsinnlich, - frigid, hatte der Professor
konstatiert, - und es war ihr noch niemand gefhrlich geworden. Ihres Mannes
Vernachlssigung verletzte und verrgerte nur ihre weibliche Eitelkeit, nicht
aber ein sinnliches Bedrfnis in ihr. Er selbst wieder fand die khle Distanz,
in die er zu seiner Frau geraten war, - nachdem er ihren Besitz mit
unbesieglicher Begierde erstrebt hatte, - einerseits in der Gewhnung der Ehe
und andererseits in der Natur eines angestrengt geistig und physisch arbeitenden
Mannes begrndet. Ich begreife, sagte er, da eine Frau vielleicht mehr
braucht, als ein scharf arbeitender Mann ihr bieten kann, - aber - enfin - da
mte man Liebhaber zchten, als soziale Klasse, die die Weibchen unterhalten,
whrend die Mnner arbeiten.
    Er trieb jetzt seine Frau an, in den Keller zum Nachtfalter zu kommen.
Zieh dich an, - wir gehen hin. Einmal in der Zeit mu der Mensch drahn. - Den
ganzen Monat hatte er jeden Abend, bis tief in die Nacht hinein, an einer
Darstellung der klinischen Frhdiagnose des Krebses gearbeitet.
    Edda zog sich mit Kathi ins Ankleidezimmer zurck. Stanislaus und Olga
wollten sich verabschieden, aber der Professor beredete sie lebhaft,
mitzukommen.
    bermorgen ist wahrscheinlich Stans letzter Tag hier, - und ich habe auch
noch eine Menge zu tun, vor der Abreise, wendete Olga ein. Herrn Reisenleitners
Gesellschaft war ihr wenig sympathisch, so stark auch die Hinneigung war, die
sie mit seiner Frau verband.
    Der Professor kannte die mhsam unterdrckte Abneigung seines Schwagers
gegen alles, was das Judentum deutlich reprsentierte. Es amsierte ihn, - ihm
gerade zum Trotz - den so sehr rassigen Stanislaus und die rote Olga
mitzunehmen. Er hatte nicht vergessen, wie Eddas Bruder sich damals gegen die
Verheiratung der Schwester gestrubt hatte und wie nur die Tatsache, da der
neue Schwager Eddas Geld mit Seelenruhe in der Fabrik lie und es ihm zur
Verfgung stellte, ihn umgestimmt hatte. Ein anderer Gatte, ein Offizier oder
ein Industrieller, wie er ihn fr sie am liebsten gewnscht htte, wrde ihm ihr
Geld nicht berlassen haben. Kaum war die Verbindung vollzogen, so war Herr
Reisenleitner auch schon stolz auf den groen Namen des Schwagers; berall
prahlte er damit, da seine Schwester den berhmten Dozenten bekommen habe.
    Er is zwar a Jud - no ja, Schattenseiten hat alles - aber wenn man der
Dozent Diamant is, kann man sich das erlauben; passen's auf, - der wird auf ja
und na Professor, - trotz der Strmung! Er sprach dieses eine Wort respektvoll
in reinem Hochdeutsch, mit zugespitzten Lippen, aus. - Und er hatte recht
behalten. Trotz der Strmung war Diamant, dessen Kollegien eine internationale
Hrerschaft nach Wien zogen, in jungen Jahren zur Professur gelangt. -
    Edda kam bald wieder. Sie trug ein graues, langschleppendes Kleid von zartem
Gewebe, unter dem es schwer und starr rauschte. Auf die hochgeschlossene Taille
war in Silberstickerei ein Blumenornament appliziert, das sich um die Bste
schlang und sich flimmernd von dem wolkengrauen Grunde abhob. Ein Hut in der
Form einer riesigen Altwiener Kapotte aus rosa Filz, mit nickenden rosa
Straufedern, umschlo das runde Gesicht, mit den blauen Blumenaugen. Ein
weier, burnusartiger Mantel war um die Schultern geworfen.
    Die Weigerung der Geschwister mitzukommen, wurde vom Professor mit guter
Laune abgewiesen. Ihr mt mit, entschied er.
    Die Gesellschaft ging im Licht einer Lampe, die das Mdchen trug, die Treppe
hinab. Der Hausmeister wurde herausgeklingelt und erschien schlaftrunken, ein
Stearinlicht in der Hand, mit den Pantoffeln schleifend, im Nachthemd, mit
halbzugeknpfter Hose. Er ffnete das Haustor und kassierte von jedem der Herren
einen Obulus. Die breite Strae war fast leer und schwach beleuchtet. Das Wetter
war nebelig frostig. Man fuhr in zwei Fiakern dem Lokal zu.
    Die Nhe der schnen Frau erfllte Stanislaus und belebte sein schweres
Temperament. Wie eine Knigin erschien sie ihm in ihrer Schnheit; und da sie
sich vor kurzem selbst als die Sklavin unterjochender Schwere bekannt hatte, war
ihm ein merkwrdiger und schwermtiger Kontrast.
    Man betrat das Lokal. Edda ging voran. Die starre graue Seide des
Unterkleides krachte und raschelte, der Kopf mit dem noch erhhenden
Federnschmuck war stolz zurckgelehnt, die Augen glitten ber den dichtgefllten
Saal, alle an sie herandrngenden Blicke hochmtig bersehend. So ging sie, der
blendenden Wirkung sicher.
    Es war ein niedriger Saal, die Kellerwnde waren mit Fayencefliesen
verkleidet. In dichten Reihen standen die Tische. Ein paar Winkel waren mit
roten Sammetvorhngen logenartig abgeteilt. Die Atmosphre war dumpfig, voll von
Tabakrauch, schlecht ventiliert. Ein berhmtes Nachtlokal, vom echten, alten
Schlag, wie Herr Reisenleitner erklrte. Eine bescheidene Kapelle, - ein paar
Violinen, ein Klavier, ein Cello, - machte auf einer kleinen Galerie Musik.
    Edda fhrte mitten durch das Lokal, zwischen den Tischen durch. Fast alle
Gste setzten das Glas hin und dirigierten die Kpfe auf die berragende
Erscheinung. Bewundernde Worte raschelten ihr zu. Neben ihr ging Olga, in ihrem
braunen Wollkleid, den glatten, braunen Filzhut in die Stirn gedrckt. Die
anderen folgten.
    Da sind sie schon, rief Reisenleitner und steuerte einer der roten
Sammetlogen zu. Der halbgeraffte Vorhang lie das Innere frei. Man sah zwei
Herren, die sich eilig erhoben, als die Gesellschaft herankam.
    Pankratius Kaff, den Frau Edda gern Kaffer nannte, im braunen Sammetrock,
mit wehendem Schlips, wiegte den haarumwallten Kopf, zog dabei das Gestrpp
seines Vollbartes durch die hohle Hand und murmelte, mit tief unter den Kehlkopf
gedrckten Tnen, seine Befriedigung, da die hohe Frau samt Gefolge
erschienen sei.
    Seid auch Ihr gegrt, nubraunes Mdchen, wandte er sich an Kathi, die
ihn mrrisch berging. Jeden der Ankmmlinge adressierte Pankratius auf diese
seine Art, welche, wie er wiederholt auseinandergesetzt hatte, nicht der
flchtigen Daseinsform, sondern der Idee gelte, die sich in der betreffenden
Person emaniert habe.
    Mit korrekten, halben Stzen erledigte der Amerikaner die Begrungsphrasen.
Glad to see you und ein mig krftiger Hndedruck mit den Bekannten, -
Namensgemurmel gegenber dem Vetter Stanislaus, von dessen Anwesenheit Mr.
Daniel Horatio Macpherson frder keine Notiz mehr nahm.
    Er berragte selbst Frau Edda um die ganze Hhe seines Kopfes, der mit
seinem schmalen, langgezogenen Gesicht an eine Pferdephysiognomie gemahnen
konnte. Das rtliche Haar, das glatt und gesalbt niedergelegt war, lichtete sich
in der Mitte zu einem breiten Scheitel, der sich am Wirbel zu einer runden,
blanken Flche verbreiterte. Sein glattrasiertes, rosiges Gesicht war gut mit
Cream gepflegt, die wasserblauen, runden Augen schienen wenig bewegt, fast
starr, und waren die Ursache, da ihn Frau Edda einen Karpfen genannt hatte.
Sein Alter war schwer zu bestimmen. Man htte ihn fr einen ganz jungen Mann
halten knnen, wren nicht die Furchen gewesen, die sich von der Nase zu den
Mundwinkeln zogen und sich tief in die Wangen gruben. Lang und knochig waren
Arme und Beine, tadellos die hochgewlbten, kunstvoll gepflegten Ngel der
eleganten, warmen und langen Hand. Ein slich-herber Duft, derselbe, den Frau
Edda krftiger anwendete, - Ambre royal - entstrmte, wie in vereinzelten
Wellen, dem dicken Homespun seines karierten Anzugs, dessen Muster, auf
dunkelgrnem Grunde, verwandte, gedmpfte Farben verband; der Rand eines
bltenweien Taschentuches von zartestem Linnon blickte diskret aus der linken
Brusttasche.
    Mr. Macpherson machte den Eindruck eines Mannes, dessen krperliche Kultur
nichts zu wnschen brig lt. Eine Atmosphre erfrischender Sauberkeit umwehte
ihn, erweckte suggestive Vorstellungen, - von einem vollkommen eingerichteten
Badezimmer, von eisernen Hanteln, die morgens nachlssig vom Boden aufgegriffen
und ein paarmal balanciert wurden, von festzupackenden Mnnerhnden, die den
wagerecht ausgestreckten, hageren Krper massierend durchkneteten und von einem
netten Gibson-Girl, das als Manikure dem Gentleman gegenbersa.
    Macpherson war ein Hrer des Professors. Bei seiner jhrlichen Automobiltour
durch Europa hatte er beschlossen, ein paar Wochen Wien einzulegen, um im
Sommersemester die Kurs des Professors zu hren. Nachdem er in den Ferien im
Zickzack durch Europa gefahren war, kam er unerwartet wieder, - um noch weitere
Kurse zu hren. Seine rztliche Praxis in New York hatte er einem Vertreter
bergeben und sich eines nervsen Leidens wegen einen besonders langen Urlaub
erteilt. Als Sohn des Besitzers einer riesigen Viehplantage in Sdamerika htte
er die rztliche Praxis berhaupt nicht ntig gehabt, aber als echter Yankee
verschmhte er ein Leben ohne ehrgeizige Ziele. Die Plantage war noch bei
Lebzeiten seines Vaters einem englischen Konsortium unter fabelhaften
Bedingungen verpachtet worden. So konnte Daniel Horatio Medizin studieren, was
er nie getan htte, wenn das Geschft - business! - seine persnliche Kraft
erfordert htte; aber dieser enorme Viehbestand auf den weiten, brasilianischen
Prrien bedurfte keiner Personalleistung seiner Nutznieer, um sich unaufhrlich
in sich selbst zu vermehren.
    In Daniel Horatio Macpherson wohnten zwei Seelen. Die eine hie business und
war mit der geschickten Ausnutzung finanzieller Konjunkturen so wohl vertraut,
als mit dem Bemhen, sich als Arzt Erfolge und gesellschaftlichen Rang zu
sichern. Die zweite hie - romance und war sentimental, mit schwermtigem
Einschlag. Ihr liebstes, erreichtes Ziel war Venedig. Fr Macpherson hatte die
Welt nur drei Stdte: New York, Paris - als Faubourg davon lie er die Riviera
gelten - und Venice. Alljhrlich einmal hielt sein Auto in Mestre, - der letzten
mit dem Car befahrbaren Station vor Venedig. Billie, der schwarze Chauffeur,
bekam Urlaub bis auf Widerruf, und Daniel Horatio bezog fr eine Woche ein paar
Zimmer in dem einzigen Hotel am groen Kanal, in dem es fr ihn ein
befriedigendes Lunch gab, - dem wunderbaren, goldbraun getnten, zum Hotel
adaptierten Palazzo, gegenber vom San Giorgio Maggiore, dem Hotel der Knige
und Millionre. Die tiefen, venezianischen Nchte verbrachte er in der Gondel,
in Gesellschaft einer Freundin natrlich, - for in Venice you must be with a
lady, - den Geruch des Wassers begierig atmend, aufgelst in Stille. So glitten
sie durch den groen Kanal, vorbei an den fahlen Marmorpalsten, zu deren Fen
eiserne Kandelaber mattleuchtende Lampen auf ihren gestreckten Armen trugen. Nur
die sehnschtig geschwellten Stimmen aus dem Boote der Snger, das, umsumt von
roten Lampions, die Gondeln der Gste verfolgte, zerteilten manchmal das
Schweigen und lieen die lebensdurstigen Melodien des Matchich oder der
Carmagnole ber das Wasser rollen. Zum Schlu bog die Gondel, in der Daniel
Horatio - - oft den ganzen Abend ohne ein Wort zu sprechen - lang ausgestreckt
an der Schulter einer Frau lag, in den Canale Piccolo und glitt geisterhaft ber
der schwarzen, engen Wasserstrae, unter den gewlbten Brcken, zwischen
finsteren Palsten, dahin. Nur das Pltschern des eintauchenden Ruders
unterbrach dann diese tiefe Stille, und in der Dunkelheit sah man nichts, als
die im Licht der Gondellaterne erkennbare Gestalt des Gondoliere, wie sie sich
rhythmisch aufrichtete und niederbeugte und an der Spitze der Gondel scheinbar
schwebte. In spter Stunde bogen sie dann wieder in den groen Kanal ein und
legten an der glnzend erleuchteten Steintreppe des kniglichen Hotels an.
    In dieser zweiten, romantischen Seele spielte das Weib eine Rolle, die in
das Gebiet der anderen Zone, der des Yankee-Ehrgeizes, hinbergriff. Aber das
Weib, wie es Daniel Horatio als kostbarstes Inventarstck seines Besitzes
ertrumte, - dieses Weib wohnte in seiner Vorstellung hoch ber jener Welt, aus
der man gefllige Reisefreundinnen fr eine Saison bezog: eine glnzende Herrin
- a real lady - war das Ziel seiner Sehnsucht.
    Diese beiden Seelen lagen auf allen brigen Gebieten in Fehde miteinander;
when business goes in, romance goes out, pflegte er zu sagen. Aber es gab
einen Punkt, auf dem sich die beiden Seelen Daniel Horatios mit einem nchternen
und sich menschlich bescheidenden Ultimatum vershnten; denn die
Selbsterkenntnis seiner stillsten Stunden, die Bilanz seiner ehrlichsten
Abrechnung mit sich selbst, die unbestochene letzte Wertung, die er sich
zuerkannte und die ihn den Kopf sicher und doch wieder bescheiden tragen lie, -
die formulierte sich in den Worten, mit denen er Frauen ber sich zu orientieren
pflegte. Diese Worte lauteten: I am a gentleman and I am clean. Es war das
Engste und Letzte, was er ber sich auszusagen wute, - mit dieser Legitimation
warb er um Vertrauen und schrnkte dabei, vorsichtig, illusionistische
Voraussetzungen ein.
    Dieser Mann, der ein Gentleman war und rein - ich sterbe als Soldat und brav
- huldigte Frau Edda, in respektvoll distanzierter Art, mit hoffnungsloser
Bewunderung. Hier war ihm sein Ideal leibhaftig vor Augen getreten, - und es war
unerreichbar, wie Ideale zumeist es sind.
    Man verteilte sich, so gut es der knappe Raum der Nische gestattete, um den
Tisch, und der Professor und Mr. Macpherson machten ihre Bestellungen; sie
einigten sich auf eine englische Marke.
    Pankratius Kaff, der auf den belebenden Stoff nicht erst zu warten brauchte,
sein Glas schon fleiig gefllt und geleert hatte, begann sein sokratisches
Spiel, wie er es nannte, das fr ihn darin bestand, andere bei der Idee ihrer
selbst anzugreifen, zu Bekenntnissen zu reizen, sie herauszufordern, und dabei
Stcke, die er augenblicklich auf seinem geistigen Repertoire hatte, geschickt
auf die Gesprchswalze zu winden. Er nannte Olga und Stanislaus zwei Typen, die
er mit Apollo und Diana des Lucas Cranach verglich, und hatte, als die erwartete
Befremdung ber diesen Vergleich eintrat - den man fr geschmacklos grobkrnige
Ironie hielt -, Gelegenheit, seine Auffassung dieses Bildes auseinander zu
setzen. Er wollte in den beiden Gestalten des Meisters die Verkrperung
voraussetzungsloser Intellektualitt erkannt haben. Er schilderte die strengen,
ganz auf Erkenntnis gerichteten Gesichter, die unpersnliche Haltung der
geschwisterlichen Gottheiten, wie sie Cranach gemalt, und es gelang ihm, diese
neue, und nicht uninteressante Auffassung auch auf die Zuhrer zu bertragen und
seinen Vergleich zu rechtfertigen.
    Pankratius war ein bemoostes Haupt, aber doch nicht ein fr alle Zeiten
verlorener Sohn der Fakultt, der er hauptberuflich angehrte. Vielmehr war er
entschlossen, eines Tages auch sein letztes medizinisches Rigorosum zu machen
und eine Praxis in einem ihm zusagenden Spezialfach zu erffnen; er glaubte
auch, dieses Fach schon gefunden zu haben. Der Grund, warum zwischen den
einzelnen Etappen seines Rittes zu einem akademischen Ziel und einer
brgerlichen Existenz sich weite Landstrecken auszudehnen schienen, lag in der
Flle blhender Interessen, die ihn auf diesem Wege aufhielten. Er war auch
tatschlich kein echter Miggnger. Zumeist waren es die schwebenden Grten der
spekulativen Philosophie, in denen er sich lustwandelnd verloren hatte, dann
wieder war es eine stramme Wanderung durch das Ackerland der Nationalkonomie,
oder ein Wolkenflug durch die Knste gewesen, die ihn vom vorgeschriebenen Wege
abgelenkt hatten. Aber immer wieder kam er, in gemchlichem Tempo, zu diesem
Wege zurck und bestieg den geduldig da wartenden Klepper der Karrire.
    Die Gunst des Professors ermglichte ihm diese Reisen. Er war sein
Landsmann, und sie hatten in ihrer mhrischen Heimat zusammen die Bnke des
Gymnasiums gedrckt. Edda, die den Kaffer verachtete, - sie schtzte den Mann,
der dem Tag mit jener Kraft, die sie selbst nicht aufzubringen vermochte,
Ergebnisse abzwang, trotz ihres zeitweiligen Grolles gegen Bazillenkulturen, -
hatte ihrem Mann vorgeworfen, da er den Kaffer korrumpiere, indem er ihm ein
sicheres Brot gab. Der Professor aber war gewhnt an ihn. Seine
Paradoxendrescherei, wie Edda seine geistigen Kundgebungen nannte, strte ihn
nicht, entsprach vielmehr einer gewissen Neigung seiner eigenen Natur, und er
konnte ihn gut brauchen. Er gab ihm, als seinem Sekretr, ein festes Gehalt, zog
ihn bei Operationen zur Assistenz heran, wofr er ihn besonders honorierte und
schob ihn zeitweilig auslndischen Hrern zu, denen Pankratius teils als
Dolmetsch der Kollegien, teils als Fhrer durch Wien diente. Und da diese
fremden Hrer, wie Macpherson, zumeist mit etwas Deutsch ausgerstet waren,
vermochten sie die willkrlichen Konstruktionen, die sich Pankratius, in schner
Unbekmmertheit, in fremden Sprachen leistete, als Krcken zu brauchen.
    Whrend sich Macpherson mit Edda und Vinzenz Reisenleitner beschftigte,
kehrte Pankratius sein Interesse vorerst den Geschwistern zu.
    Sie gehen ohne Zweifel nach Berlin, befreite Dame, wandte er sich an Olga,
- um der Einsamkeit nher zu kommen, - ist es so?
    Verschonen Sie uns mit verdrehten Reden, rief Edda unwillig aus ihrer Ecke
herber.
    Wieso finden Sie diese Rede verdreht, o Meisterin? gab er zurck. Es ist
eine empirisch erprobte Tatsache, - es klang gut vorbereitet - da innere
Einsamkeit heute nicht mehr in uerer gedeiht. Vergraben Sie sich allein in ein
einsames Nest, zum Zwecke innerer Verdichtung, - und Sie werden alsobald von den
unruhigsten Stimmungen heimgesucht werden, die den geplanten Zweck durchkreuzen
... Der moderne Prophet, - er drckte die Tne tief in den Schlund, rieb die
Hnde ineinander und neigte den Kopf von einer Schulter zur anderen, - der
moderne Prophet geht in die Wste der Weltstadt. Hier kann er Einsamkeit
erlebenen, wie sie ihn in der Sahara nicht erwarten, - hier kann er Stimmen
hren und Gesichte schauen ...
    Er fhlte sich rehabilitiert, und, ohne die Stimmung auszuntzen, wandte er
sein dickes, rotes Gesicht freundlich zu Frau Edda hin und fuhr, gemchlich
erzhlend, fort:
    Ich war einmal im Mai am Lago Maggiore, mit einem groen Koffer voll von
Bchern und Skripten, - im Mai, verstehen Sie! Ich hatte es raffiniert so
eingerichtet! Nachdem ich drei Tage lang in dem einsamen, glhend heien Nest
mit Schlafsucht und Verzweiflung gekmpft hatte, fing ich am dritten Tag an,
laute Selbstgesprche zu halten; am vierten Tag sa ich nachts zehn Uhr in der
Eisenbahn, am fnften hatte ich einen Aufenthalt von eins bis vier Uhr morgens
in Feldkirch, am sechsten telegraphierte ich meiner Wiener Zimmerfrau von
Innsbruck: ,Locarno grassiert Typhus Ankunft heute abend.' Der Bcherkoffer
kostete, -
    Diesen Streich kennen wir, du brauchst damit nicht zu glnzen, schnitt ihm
der Professor das Wort ab.
    Es ist nur, weil ich sagen will - in der Weltstadt wre ich ohne Zweifel
damals zur, Verdichtung' gelangt, - whrend mich dort die Stimmen hetzten ...
    Der Champagner war indessen gekommen und perlte in den Glsern; Edda
bestellte fr sich gesalzene Mandeln, Reisenleitner ein Giardinetto, der
Professor Frankfurter Wrsteln. Kathi naschte von den petits fours, die auf dem
Tisch standen.
    Gehen Sie nach Berlin, um ihre Volubilitt zu systematisieren? forschte
Pankrazius weiter.
    Ich hoffe, in Berlin einen Beruf zu finden, entgegnete sie.
    Beruf - o weh, sagte Pankrazius klglich. Eine Massenpsychose hat da die
Frauen berwltigt! Sie, die Symbole von Gottnatur, - vergemeinern sich im
groben Tagwerk.
    Symbole von Gottnatur, - was ist das schon wieder fr ein geschwollenes
Gerede, sagte Frau Edda.
    Bitte sehr, dieses Wort ist nicht mein Eigen, und Sie werden nicht leugnen,
da das Weib -
    Ich leugne, der stille Stanislaus hatte das Wort, - ich leugne, da
irgendeine Frau ihr Leben lang als Symbol herumlaufen kann, - als Symbol morgens
aufstehen und abends sich niederlegen, als Symbol all die Plackerei erledigen,
die der Tag fr sie, wie fr den Mann bringt. Er bewegte im Sprechen den Kopf
so hastig, da die schwarzen Ringel die Stirne schlugen.
    Das Gesprch hatte eine gereizte Wendung genommen.
    Edda rief dem Pankrazius erbittert und hhnisch zu, - und ihr kleiner
Sprachfehler wurde bei diesem schnellen Heraussprudeln der Worte besonders
deutlich. Glauben Sie nicht, da eine Frau lieber in einem Beruf rackert, - als
da sie drauf warten mu, bis irgendeiner - Sie zum Beispiel - ihr Schicksal in
Schlepptau nimmt?
    Die Stimmen schwirrten erregt durcheinander.
    Mr. Macpherson wunderte sich, da die Deutschen beim Wein, besonders aber
wenn sie gebildete Reden fhrten, - intellectual speeches - immer gleich
schrien. berhaupt fand er diese Art von Konversation schauderhaft. Sein
angelschsisches Kulturgefhl lehnte sich gegen andere als konventionelle
Gesprche auf. Die hflichen Formeln, hinter denen, in guter Gesellschaft, die
Gesinnungen verborgen blieben, empfand er als Schutzwehr der innersten
Persnlichkeit. Dieses gegenseitige Hineingreifen in die geistige Sphre der
andern, wie er es hier in diesen Kreisen fand, schien ihm barbarisch und dazu
vllig unfruchtbar. Aber, wie es schien, ging es hier nicht anders. They always
put their hands into the most interior sphere of each other, hatte er gleich zu
Anfang seines Wiener Aufenthaltes herausgefunden. Frau Edda bedauerte er. Sie
schien ihm mit Entartung bedroht durch ihr Milieu.
    Pankrazius hatte die Verachtung, die ihm aus Eddas Rede entgegenschlug,
schweigend, mit einem etwas starren Lcheln um den Mund, hingenommen. Er wute,
wie er diesen Angriff zu parieren habe. Langsam und gewichtig fragte er sie:
Wrden auch Sie, Frau Edda, lieber in einem Beruf rackern, - arbeiten - als -
als ihr Schicksal - in Schlepptau nehmen lassen?
    Sie fuhr zusammen und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Es war etwas
wie Entsetzen in dem schnen Gesicht. Sie schttelte den Kopf, da die
Straufedern nickten: Ich? - Arbeiten? - - Nein, - nein. - Ich nicht! - Aber
die andern, die - die es knnen, - die tun recht.
    Pankrazius lehnte sich mit spttischem Gesicht zurck. Das nenne ich einen
selbstlosen Eifer; das Recht auf Arbeit - fr andere! Er trank sein Glas aus
und qualmte beruhigt aus seiner Zigarre.
    Edda neigte gedemtigt den Kopf, und es zuckte in ihren Zgen.
    Mr. Macpherson war pltzlich von dem Gesprch gefesselt worden und konnte
nun selbst nicht widerstehen, sich dieser most interior sphere eines Menschen
zu nhern.
    Why so, Mrs. Diamond, fragte er in seiner gedmpften Art und beugte sich
zu ihr,-Sie hassen die Arbeit?
    Edda hob den Kopf und sah schmerzlich grbelnd vor sich hin. Wie fr sich
selbst, flsterte sie: Ich hasse sie nicht, - ich frchte sie.
    Der Professor hatte ruhig seine Frankfurter Wrsteln gegessen und sein Glas
geleert. Jetzt scharrte er mit dem letzten Zipfel des Wrstels den Rest von
geriebenem Kren zusammen, der noch auf dem Teller lag, und sagte mit seiner
gequetschten, khlen Stimme und seiner leicht bhmelnden Aussprache:
    Das ist doch klar, - fr dich gibt es nur die Ehe.
    Eddas Kopf schnellte wieder auf, die Straufedern tanzten. Nie, nie! rief
sie ihrem Mann ber den Tisch zu.
    What does that mean? fragte Daniel Horatio, mit verhaltenem Atem.
    Krchzt der Rabe - nevermore! deklamierte Pankrazius.
    Nie mehr wrde ich heiraten, - wenn ich noch mal in die Lage kme, - nie.
    Da hrt's ihr's, sagte der Professor mit munterer Stimme und guter
Haltung, - die richtigen Mnnerhasserinnen sind gar nicht unter den
Emanzipierten. Olga ist gewi nicht so mnnerfeindlich, wie du.
    Vielleicht nur ehefeindlich, sagte sie.
    Sie wrden mit keinem Mann mehr leben wollen? fragte sie der Amerikaner
leise, in seiner Sprache.
    
    Wahrscheinlich doch, - aber ich wrde nicht mehr heiraten.
    In gar keinem Fall?
    Doch, - in einem Fall: wenn, - wenn er - nicht drauf einginge, - anders
zusammen zu leben - und ich sonst - arbeiten mte. - - Aber darauf wird jeder
eingehen; und wieder glitt ein fast verchtliches Lcheln ber ihre Lippen.
    Der Professor klopfte an sein Glas. Alle warteten neugierig.
    Ich trinke auf das Wohl meiner lieben Cousine, begann er, ohne
aufzustehen. Das bist nicht du, brummte er Kathi zu, die vergngt aus ihrer
champagnerseligen Versunkenheit aufgeschnellt war. - Das ist meine liebe
Cousine, Olga Diamant, die uns ein guter Kamerad war. Nun geht sie weg, - sie
will uns verlassen, - er schien nachzudenken, wie er den Toast vollenden sollte,
und pltzlich verzog er die schmalen Lippen zu einem schadenfrohen Lcheln und
zwinkerte seitlich nach seinem Schwager Vincenz hin, der beide Backen voll
Krachmandeln und Rosinen hatte, - und so gebe ich ihr denn ein erprobtes, altes
Sprichwort unserer Vter mit auf den Weg, das da heit - auf deutsch: Wechsele
den Ort, und du wechselst das Glck! Prosit!'
    Die Glser klangen aneinander. Der Amerikaner, der den Toast nicht ganz
verstanden hatte, wollte von Vincenz eine genaue Erklrung haben, aber der
zuckte die Achseln, war reichlich mit seinem Giardinetto beschftigt und machte
die Gesellschaft auf einen Scherz mit einer Orange aufmerksam. Die lag auf einem
mit einer Serviette bedeckten Glas; Augen, Nase und Mund waren in die Schale
eingeschnitten. Im Spalt, der den Mund vorstellte, stak ein Zahnstecher; er zog
abwechselnd an beiden Seiten der Serviette und der Orangenkopf, mit der
Zahnstecherzigarre im Mund, reckte sich und wackelte hin und her. - - -
    Whrend Vincenz dann dem Amerikaner die besten Frequellen, wie er es
nannte, aufzhlte, - er bezeichnete an den Fingern die einzelnen Firmen und
nannte ihre Artikel - the best fruits, - first rang cakes, - cognac and wine - -
- whrend Pankrazius sich halb betrunken zu Kathi beugte und ihr klar machte,
ihr hoffnungsloser Fall wrde damit enden, da sie ihn heirate, und sie ihn
zischend beschimpfte, - whrend Frau Edda sich mde zurcklehnte und der
Professor den Zahlkellner heranwinkte, - whrend Stanislaus und Olga flsternd
ber die Einteilung des morgigen Tages berieten, - - stand vorn auf der Galerie,
auf der die Musiker eine groe Ruhepause machten, - ein blasser, hochgewachsener
Mensch, mit flackernden, blauen Augen, borstigem, blonden Haar und Spitzbart, im
Frack - und starrte die Gesellschaft in der Loge an. Pltzlich zog er ein
Notizbuch hervor, ri ein Blatt heraus und suchte in seinen Taschen nach einem
Bleistift.
    In diesem Augenblick glitten Stanislaus' Blicke ber die Galerie hin und
blieben fest und wie erschreckt an der Gestalt des Mannes hngen. Er wandte sich
zu Olga, schien ihr etwas sagen zu wollen, - besann sich aber anders und
schwieg.
    Der Mann oben hatte einen Bleistift aus der Tasche hervorgeholt und trat von
der Brstung zurck. - Wenige Minuten spter lie der Zahlkellner, der auf den
Wink des Professors endlich herbeikam und sich fest zwischen seinen und Olgas
Stuhl klemmte, - indem er, dem Professor zugewandt, seinen Arm einen Moment
hinter seinen Rcken schob, ein Papierrllchen in Olgas Scho fallen.
    Nur einer hatte es bemerkt: Stanislaus.
    Verwundert starrte Olga auf das Papier. Es war mit den Fingern symmetrisch
aneinander gedrckt, so da es von selbst zusammenhielt. Schon wollte sie die
Rolle dem Kellner zurckreichen, als Stanislaus ihr zuflsterte: Schweig, -
nimm es.
    Unter der Tischplatte strich sie das Papier glatt. Die Geschwister
berflogen die wenigen Bleistiftzeilen, die es enthielt, und Olga wurde bleich.
In ihr Gesicht, unter dem flammenden Haarbusch, kam ein finsterer Zug, und einen
Augenblick erschien es, wie eine dstere Maske. Um ihren Mund lagerte sich ein
Ausdruck, als ob etwas Bitteres, bles auf ihrer Zunge zerfliee und zu
verschlucken sei.
    Stanislaus sah sie fragend an, sie schttelte kaum merklich den Kopf, das
Papier glitt in ihre Tasche, der rote Haarbusch senkte sich tief, sie sttzte
den Kopf auf und verbarg ihr Gesicht, so gut es ging, hinter dem Arm.
    Meine reizsame Dame, hrte man den Pankrazius, mit gedmpftem Bierba, in
den zottigen Bart brummen, - es wird Ihnen wenig ntzen. Sie sind derzeit
verliebt in Ihren Chef, der Sie nicht heiraten wird und fr den Sie aus zu
anstndiger Familie sind, um mit Ihnen ein Verhltnis anzufangen, wie Sie
wnschen wrden. - hnliches haben Sie schon fter erlebt; - - wenn Sie noch ein
paar Jahre Ihre primeurs vergeblich offeriert haben werden, - haerfllt sah
ihn Kathi an, - so werden Sie mich akzeptieren.
    Kaffer, murmelte Kathi, - was den Pankratius nicht zu entrsten schien,
denn er berging ihren Ausruf und fuhr fort, ihr Karma zu deuten.
    Vincenz Reisenleitner begann, sehr fidel zu werden. Er war bei seinem Wean
angelangt; die Madeln, der Heurige - der Fiaker - - - er bereicherte das
bekannte Repertoire nicht, - und die Operette, - die Weaner Operette - Herr
Gott!
    Die Kapelle oben hatte wieder zu spielen begonnen. Man bekam die dem Ohr wie
im voraus flligen Rhythmen des beliebtesten Schlagers einer neuen Operette,
die schon ihr zweihundertstes Jubilum erlebt hatte, zu hren. Vincenz sang mit:

Kitzi, Kitzi, Katzi,
Komm mein ses Schatzi - - -

Mei' Wean, - mei' Wean, lallte er, breitete die Arme aus und schnalzte mit
Daumen und Mittelfinger. Seine Wangen hingen schon schlaff, und die Augen
bekamen jene verglasende Schicht der Trunkenheit, 's gibt nur a Kaiserstadt,
beteuerte er - und - und, - er hob den Kopf und nickte dem Amerikaner mit
starrem Blick zu, - New York - - Mr. Macpherson - New York - is allright -.
    Die Gste des Lokals stampften den Musikern Beifall. Ein schwammig-dicker,
bleicher, junger Herr im schwarzen Abendanzug, Brillantringe an den fetten
Fingern, der mit drei Freundinnen an einem Tisch sa und die Beine weit von
sich streckte, brllte auf die Galerie hinauf: D'r Isidor! Und, als im
Marschtempo die gewnschte Nummer ertnte, grhlte der Dicke mit, und die
meisten der Gste stimmten in den Refrain ein:

Der Isidor, der Isidor, das is a feiner Mann,
Vom Kopf bis zu die Fie
Wie Weinbeerstrudel sie ...

Dann ging die Melodie des Potpourris in sentimentale Rhythmen ber, und Vincenz
sang mit, begeistert und bis zu Trnen gerhrt:

Du guater Himmelvater - - -
i brauch ka Paradiiies - - -
i bleib' viel lieber dader - - -
wo der siebente Himmel iiis - - -

Ich werde fort sein, dachte Olga, - bald.
    Wenn ich nur erst in meiner Berliner Bude bin, dachte Stanislaus, - noch
vier groe Kapitel habe ich. - - -
    I'll never get her, seufzte die romantische Seele Daniel Horatios, in
tiefster Heimlichkeit ...
    Champagner is gut, - die Schulden holt der Teufel, - so sprach die
verschwiegenste Stimme des Professors.
    Edda dachte: Wre ich ausgezogen, - das Korsett los.
    Groer, himmlischer Vatter, - heut' allein - und morgen wieder - ich geh'
auf die Stra' - meinerseel' - - - aber den Kaffer, - na - und wann ich mit ihm
allein auf der Welt wr. Das war Kathi.
    Pankratius: Sie hat zehntausend Gulden, - das gengt fr's erste, - einen
feinen Katzenleib - und kriegt keinen anderen. Ich werde mich etablieren -
Institut fr elektrische Therapie...
    Vincenz dachte: Amerika - Amerika, und er lachte pltzlich laut auf und
schlug mit der Hand auf die Tischplatte, mitten hinein in die leeren Schalen der
Krachmandeln.
    Des Pankratius Stimme ergo sich pltzlich, in ihrem tiefsten Brummba, in
einen Vortrag, der im Ton des Ausrufers einer Jahrmarktsbude gehalten wurde:
    Meine Herrschaften! Er klopfte an sein Glas. Wir leben in einem Zeitalter
der Surrogate. Fr alles Mgliche wird ein Ersatz gefunden. Und zwar scheint
dieser Ersatz, er wiegte nachdenklich den Kopf, beliebter und gesnder zu
sein, als das, was er ersetzt. Er sah sich um, als forderte er die Anwesenden
auf, ihm beizustimmen. Kaffee-Ersatz, Tee-Ersatz, Leinen- und Fett-Ersatz usw.
usw.... Der Ersatz ist beliebt, denn er eliminiert die Schden jenes Stoffes,
den er ersetzt, und bietet nur seine angenehmen Wirkungen. Er ist eine bewute
Auslese des Heilsamen. Er schien einen sorgfltig ausgearbeiteten Prospekt
aufzusagen. Sport: Ersatz fr krperliche Arbeit, die viel Unangenehmes,
Gefhrliches mit sich bringt. Der Sport verdichtet ihr Ntzliches und
Angenehmes. Er machte eine kurze Pause. So gibt es nun auch, - passen Sie auf,
meine Herrschaften, - einen Ersatz fr Liebe ... Ja, meine Herrschaften, staunen
Sie, - einen Ersatz fr Liebe, sage ich. Dieselbe beruhigende Wirkung, die von
der befriedigten Liebe ausgeht, meine Herrschaften, - dieselbe Strkung des
Ich-Bewutseins und des Gefhles der krperlichen und seelischen Macht, - diese
Festigung der Elastizitt des Herzens, - das dadurch in die Lage gesetzt wird,
Gehirn und Extremitten ausgiebiger mit Blut zu versorgen, - alles dies, meine
Herrschaften, - bietet der Wechselstrom oder der faradische Strom - gleich der
Liebe;... nur da er, - ein pfiffiger Zug kam in sein Gesicht, - ihre
Gefahren, Wirren und Krisen nicht im Gefolge hat. Sollte nicht, meine
Herrschaften, die Elektrizitt, das jngste und wunderbarste Adoptivkind der
Medizin, - sollte nicht die Elektrizitt, - er sank auf ein langsameres Tempo
und schob jedes Wort gewichtig vor, - eine andere Form der Lebenskraft sein, -
da sie uns zur Seele verhilft? - - - Er war zu Ende und drehte den zottigen
Kopf von einem zum andern.
    Halbaff' - - - Lemur'!, schrie ihm Kathi zu.
    Von wannen kommt Euch solche Wissenschaft, reizsame Dame? Aber Ihr irrt.
Das physiologische Institut dieser Stadt wird Euch ber diesen Irrtum eines
Tages belehren, denn ich habe ihm mein Gehirn vermacht. ber den Typus der
lemurischen Primaten drfte es hinaus sein.
    Das Lokal drhnte:

Drahn m'r um und drahn m'r auf,
Was liegt denn draan, - - -
Weil man auf d'r Wllt das Glld
Nicht fressen kaaan - - -

Es war die letzte Nummer der Kapelle.

Auf der Strae vor dem Lokal, das sich auf einem groen Marktplatz Wiens befand,
wartete der hochgewachsene Mensch, mit den flackernden Augen, der auf der
Galerie der Musiker nach der Loge gestarrt und in seinen Taschen nach Papier und
Bleistift gesucht hatte. Er trug einen schbigen berrock, einen zerdrckten
Filzhut und hielt in der Hand einen Violinekasten.
    Es war um die Zeit, da die Marktweiber ihre Krbe auszupacken beginnen. Es
wimmelte von vermummten Gestalten, die da zwischen Nacht und Tag
durcheinanderschoben. In der Mitte des Platzes stand, noch verhllt vom
Morgengrauen, das Radetzky-Monument, wie ein gespenstiger, mit grauen Schleiern
verhngter Kolo.
    Der Professor, seine Frau und Kathi bestiegen einen Wagen. Edda beugte sich
noch einmal heraus und deutete auf das Gewimmel der Marktweiber, deren
umfngliche, in dicke Jacken und Tcher gewickelte Gestalten sich in der langsam
vordrngenden Helle des Morgens voneinander abzuheben begannen. Lauter Symbole
von Gottnatur! - - Sie rollten fort.
    Mr. Macpherson bog mit Pankratius und Vincenz links in die innere Stadt ein.
    Olga und Stanislaus gingen durch das Gedrnge des Platzes, zwischen den
Standkrben, den bepackten Wagen und dem Gewimmel der Gestalten, bis hinber auf
das jenseitige Trottoir. Der hochgewachsene Mensch folgte ihnen, mit schweren,
wiegenden Schritten.
    Frulein Diamant! -
    Stanislaus wandte sich: Treten Sie nher, Herr Koszinsky.
    Wie geht es Ihnen, sagte Olga und reichte ihm die Hand, und ihr Gesicht
schien im fahlen Morgenlicht von unsglicher Traurigkeit.
    Mache Kapelle mit, kam es verbissen zurck. Ja, - Sie waren vorsichtig.
Abwrts - geht unser Weg.
    Kasimir Koszinsky, sagte sie, mit einem Ton so voll tiefen Grames, da es
sein Herz berschauerte, - ich war nicht stark genug, - Ihnen zu helfen.
    Wer - wer soll es auch tun, kam es zwischen seinen zusammengepreten
Zhnen hervor.
    Sie selbst.
    Er schttelte den Kopf, wie ein hoffnungslos berzeugter.
    Sie schwiegen alle drei und standen noch immer auf dem Trottoir, seitab vom
Marktgewimmel. Scharf wehte der frhe Tag ber sie hin.
    Ich bin schon einige Zeit lang hier, - aber ich habe Sie nie gesehen,
sagte er, - leben Sie hier?
    Bis jetzt; aber ich bersiedele diese Woche nach Berlin.
    Nach Berlin - so. Und der Vater?
    Alt - allein.
    Er hat keinen Schwiegersohn fr sein Geschft bekommen? kam es heraus.
    Weder einen frs Geschft, - noch sonst einen. Leben Sie wohl!
    Olga!
    Leben Sie wohl, Koszinsky ...
    Stanislaus zog sie fort. Sie verschwanden in der nchsten Straenbiegung.
    Das Firmament wurde lichter, ein Windsto trieb die Wolken vor sich her, da
sie gejagt ber den Himmel flohen. Ein klarer, sonnengoldener Herbsttag brach
an.

                                Zweites Kapitel



                                  Zwei Frauen

 Frauen! Richtet nur nie des Mannes einzelne Taten!
 Aber ber den Mann sprechet das richtende Wort!
                                                                       Schiller.

Mit einem zur Eile drngenden Gefhl beschleunigte Olga ihre
Reisevorbereitungen. Erst als sie ihre Koffer, die, bis auf geringes Handgepck,
ihre gesamte nur zu bewegliche Habe bargen, fortgeschickt hatte, wurde ihr
freier zumute.
    Sie wunderte sich selbst, da sie nichts mit dieser Stadt verband, - da sie
hier fast so fremd geblieben war, wie daheim, in dem schlesischen
Winkelstdtchen. War es die Wurzellosigkeit ihrer Rasse, deren Trger sich
Kulturen zueigen gemacht hatten, die nicht ihrem Blute entstammten, - war es die
besondere Atmosphre gerade dieser Stadt, die die Konturen der Dinge weichlich
ineinander wob, wie die Formationen der umliegenden Hgellandschaft? - Olga
hatte in den Jahren ihres hiesigen Aufenthaltes keinen Kreis gefunden, mit dem
sie echte und notwendige Vertraulichkeit verband. Nur einer einzigen Person war
sie nher gekommen. Gerade heute, am Tage nach der Abschiedsfeier, die sie mit
ihren Freunden im Champagnerkeller abgehalten hatte, fhlte sie, wie wenig
lebendig die Beziehungen waren, die sie mit ihnen einten. Und doch war sie
diesen Verwandten gut. Aber es war nicht der starkflieende Strom verwandter
Willenskrfte, - es war nur, wie eine wachsame Teilnahme an dem noch nicht
erfllten Ma ihres Geschickes, die sie mit ihnen und wohl auch jene mit ihr
verband.
    Gerade die de, mit der der heutige Tag sie umgab, mit der er sie, wie durch
einen luftleeren Raum, fernhielt vom lebendigen Anteil an ihm, war mehr als ein
gewhnlicher Katzenjammer nach einer durchwachten Nacht. Es war das deutliche
Bewutsein des inneren Versagens, das uns dort, wo wir gtige Gefhle zu
schulden glauben, peinvoll bedrckt. Der Augenblick, in dem das Gefhl eines
Abschlusses erschreckend deutlich wird, war gekommen. Hier war eine Epoche,
deren verschiedene Etappen dem Gedchtnis, scharf umzeichnet, entsprangen,
deutlich beendet. Ihr war, als wre der Additionsstrich unter die einzelnen
Posten zu machen und es verbliebe nur noch, die Summe zu ziehen.
    An solchen Tagen, wie dieser, - sie waren in der letzten Zeit immer hufiger
gewesen, - richtete sich ihre Aufgabe riesengro und wie unerklimmbar vor ihr
auf.
    Ihre Aufgabe? Wute sie sie denn?
    Ohne ein deutliches Lebens- oder gar Berufsprogramm zu haben, fhlte sie
doch, da es irgendwo in der Zeit ein Feld gab, auf dem sie und gerade sie ihre
Krfte auszubreiten htte. Wie dunkle, durch Jahrhunderte vorbereitete
Erfahrungen, drngten Erkenntnisse durch sie ans Licht, - wollten durch sie
Gestalt bekommen.
    Olga war in der verflossenen Nacht durch jene unerwartete und
auergewhnliche Begegnung an das schmerzlichste Erlebnis ihrer Jugend erinnert
worden. Diese Jugend schien fr sie selbst hinter ihr zu liegen, und, was das
Seltsame war, sie beklagte das nicht. Denn ihr war, als htte sie sich all ihre
Jugend hindurch gegen niederziehende, schwerlastende Mchte zur Wehr gesetzt,
als htte sie ihre ganze, junge Kraft gegen den Druck eines dunklen Schicksals
stemmen mssen, bis es endlich, endlich ein wenig lichter und freier um sie
geworden war. Aber an solchen Tagen wie dieser, - den sie bis zum spten
Nachmittag in ihrem Zimmer verbrachte, abwechselnd mit der Ordnung ihrer letzten
Gepckstcke beschftigt, dann wieder auf das harte, steiflehnige Sofa
ausgestreckt und von trbem Erinnern schattenhaft umwebt, - an solchen Tagen
rckten Bilder aus ihrer Jugend dicht an ihre Seele. Sie sah sich wieder, in dem
grauen, alten Haus mit den steinernen Treppen, den fleckigen Wnden und den
tiefen, dsteren Zimmern, in die die Sonne nie recht hineinfiel, deren Fenster
nach Norden auf den Ringplatz hinaus und auf den schmutzigen Hof gerichtet
waren, der vier Hausmauern mit Mhe auseinander zu zwngen schien. Und dieses
Haus stand in einer Provinzstadt, die der Himmel niemals blau und frhlich
belichtete, in der die Luft zumeist feucht und scharf in die Kehle kroch, wenn
man auf die Strae trat, - auf diese meist ungepflasterten Wege, wo der Fu im
nassen Kot einsank. Dieses Stdtchen, mit seinen kurzen, dampfend heien
Sommern, seinem langen, nakalten, strmischen Herbst und den eisigen, dunklen
Wintertagen war ihre Heimat. Hohe Schlote, mit langen, im Sturm zur Seite
gebogenen Fahnen von schwarzem Qualm, stiegen ringsherum auf. Kohle und Eisenerz
wurden da zutage gebracht und in den Htten schlackenfrei gemacht; schwarz
berute, zerlumpte Gestalten, die beim Ertnen des schrillen Signals der
Arbeitspause aus den Toren der Industriewerke herausstrmten, berfllten die
Stadt; auer der zumeist slawischen Arbeiterbevlkerung waren die Juden da. Es
schien, als wren es zwei verschiedene Stmme der Rasse, die hier vertreten
waren. Neben den langen, hageren Gestalten, mit schwarzen Ohrlckchen und
gebogenen Rcken, scharfen Hakennasen und vorspringendem Kinn, steckten auch
sehr blonde, sehr blauugige Leute im Kaftan, bei denen nur der
charakteristische Gesichtsausdruck, ihr bewegliches Mienen- und Hndespiel die
immer wiederkehrenden Vorstellungen ihrer Schicht verrieten und die
Verwandtschaft mit ihren dunkelhaarigen Brdern zum Ausdruck brachten. Die Juden
hielten den Handel, besonders den Pferdehandel, der hier betrieben wurde, in den
Hnden; und dann die Schnken. Und diese Branntweinschnken waren jeden Abend
berfllt, und der grellbeleuchtete Ringplatz und die groe Breslauerstrae
hatten ihren Korso von betrunkenen Arbeitern, die von frh gealterten Weibern,
mit verzehrten Elendsgesichtern, in ihre Behausung gezogen wurden. Zwischen
dieser Masse von Juden und Arbeitern verschwanden fast die anderen Einwohner
dieser Stadt.
    Es waren da noch ein paar alte, polnische Familien und einige
Verwaltungsbeamte; auch ein Bataillon Infanterie lag da, dessen Offiziere ihr
Dasein hier als Verbannung trugen. Als Abwechselung gab es im Frhling groe
Pferdemrkte. Dann waren alle Quartiere voll besetzt, und die groe Wiese vor
der Stadt, die im Winter als Eisbahn diente, sowie der Ringplatz selbst waren
dann voll von langmhnigen, zu Koppeln zusammengeschirrten Rossen, deren
Gestampfe und Gewieher die Luft erfllte.
    Olgas Vater gehrte immerhin zu den Honoratioren der Stadt. Er hatte die
Fremde kennen gelernt, hatte in Deutschland konditioniert, lange in Breslau
gearbeitet, bis er das Geschft, das samt dem Haus seit mehreren Generationen
seiner Familie gehrte, bernahm. Den Jargon seiner Heimat hatte er auch in der
Fremde nicht verloren, wohl aber die zelotische Gesinnung, die er vielleicht nie
stark besessen hatte. Er lebte zwar rituell, aber ohne die fanatische
Anteilnahme an den Bruchen, die noch seine Eltern mit eiserner Strenge
befolgt hatten. Er trug den Kaftan aus Bequemlichkeit im Geschft, legte aber
den europischen schwarzen Rock an, wenn er beim Doktor oder beim K.K.
Stationsvorstand zur Tarokpartie eingeladen war. Er galt als ein Mensch, mit
dem sich ein vernnftiges Wort reden lie, und war besonders dafr bekannt,
geleistete Dienste munifizent zu entlohnen. Seine Kinder lie der alte Diamant
die besten Schulen besuchen, die hier zur Verfgung standen. Stanislaus
absolvierte das Realgymnasium und dann einen Handelskursus. Zum Militr kam er
nicht, und so nahm ihn der Alte dann gleich ins Geschft. Seine Flucht nach
Berlin beschlo seine geschftliche Ttigkeit. Erst hatte der Alte gehofft, er
werde dort, von der Entbehrung gezwungen, einen kaufmnnischen Posten annehmen
und dann eines Tages wiederkommen, um sein eigener Herr zu sein. Aber als der
Sohn durchaus vom Kommerziellen nichts hren wollte, sich in eine armselige
Stube einsperrte und da mit erstaunlicher Beharrlichkeit Bogen um Bogen
beschrieb, - Tagesfragen mit besonderer Betrachtung ihres urschlichen Wesens
fr die Zeitungen bearbeitete, dann sich weiter wagte und Probleme von lngerer
Dauer und weiterem Interesse auf seine Art, die den Gegenstand geduldig und
scharf bis an seine Wurzeln blolegte, zum Stoffe nahm, - dann nach Hause
meldete, er wolle Schriftsteller werden, vielmehr bleiben, und hoffe, von dieser
Ttigkeit leben zu knnen, - da war es dem alten Hndler klar geworden, da
dieser Sohn den stabilen Grund und Boden, der fr ihn bereit lag, nicht zu
schtzen wute und ihn preisgab.
    Am meisten wunderte es ihn, da Stanislaus fr seine Schreibereien Geld
bekam. Wer gibt fr solche Sachen  Kreuzer? fragte er sich kopfschttelnd,
wenn er die Zeitungsbltter, in denen die Artikel des Sohnes erschienen, und die
er sich immerhin erbat, in Hnden hielt. - - -
    Was ihm blieb - war die Tochter!
    Wenn Olga an ihre Jugend dachte, dann graute ihr besonders vor einer
Erinnerung; die fiel in jene Jahre, die man als die holdesten, blhendsten eines
Mdchens zu bezeichnen pflegt. Mit 15 Jahren war sie zuerst vor ihrem
Spiegelbild stutzig geworden ... Unter den kurzen Backfischkleidern sahen die
Fe, in plumpen Stiefeln, lang hervor. Die Gestalt schien eckig und stmmig,
nichts sa, wie es sitzen sollte. Die Blutarmut machte das Gesicht bla, den
Teint unrein, hufig von leichten Ausschlgen bedeckt, dazu sommersprossig, wie
bei Rothaarigen gewhnlich. Eine fast immer gedrckte Stimmung prete die Zge
nieder, senkte die Mundwinkel, lie die Muskeln schlaff hngen und legte um die
Augen etwas Trostloses.
    Mit Grauen gedachte sie immer wieder dieser besonderen Hlichkeit ihrer
ersten Jugend.
    Spter, als ihr Temperament, welches unter einem fast grblerischen Verstand
seine lebendige, wenn auch verdeckte Strmung hatte, manchmal diese Oberschicht
sprengte, - da hatte es auch dieses Dunkle, Schwere, welches auf ihrem Krper
lag, mitgerissen und fortgeschwemmt. Sie erinnerte sich, wie ein zuflliger
Blick in den Spiegel ihr manchmal ein beinahe fremdes Geschpf zeigte, das etwas
Strahlendes im Gesicht hatte, - ein Geschpf, von dem sie verwundert und
frohlockend fragte, - das bist du?
    Aber damals, in ihren ersten Bltejahren, in dem dstern Haus, - da hatte
sie sich mehr als einmal, weinend und verzagend, mit dem Bibelwort auf den
Lippen gefunden: Dein Leib ist der Tempel Gottes. Und ihr schien es, als wre
es der Verzicht des Lebens, den sie annahm, wenn sie es duldete, da ihr Leib
diesen Worten Hohn sprach, wenn sie diesen Krper nicht zwang, schner zu
werden. So sann sie denn oft ber die Mglichkeiten gnstiger Kleidung, die ihr
aber durch ihr geringes Taschengeld und ihren wenig gebten Geschmack ziemlich
unerreichbar blieben. Auch vermochte sie keinerlei beengenden Zwang an ihrem
Krper zu dulden, und die charakterlose, mitteleuropische Frauentracht der
brgerlichen Kreise, Rock, Bluse und Grtel, pate sich ihren widerspenstigen
Krperformen wenig gnstig an.
    Als sie achtzehn und neunzehn wurde, tauchten die ersten Freier auf;
Kaufleute, die in die Branche und noch lieber in das gute Geschft
einheiraten wollten. Sie kamen, gewhnlich Freitag abends, aus irgendeiner
sterreichischen Provinzstadt, zumeist aus Schlesien selbst, wurden am Feiertag
- Samstag - im Hause Diamant splendid bewirtet und fuhren Sonntag frh wieder
ab. Das Urteil, das sie ber die Tochter des Hauses fast einstimmig abgaben,
lautete ungefhr dahin, - das sei eine miese Mad, - dabei arrogant - tut sich
was - und, was das Schlimmste sei, - berbildet. Keine drei Worte htte sie
geredet, und gehrt htten sie im Ort, da sie sich mit lauter Lesereien den
Kopp einnehme, anstatt sich um die Kche zu bekmmern und ins Geschft zu
gehen. So mancher uerte, trotz dieses Eindrucks und dieser wenig empfehlenden
Nachrede, den Mut, sich das Mdel zu erziehen.
    Aber die Abwehr der Tochter war unbeeinflubar, und der Alte zwang sie zu
nichts, auer zu ihrer Anwesenheit an dem Tage der Beschau. Ihrer
flehentlichen Bitte, sie fr einige Zeit fort zu lassen, nach Wien oder nach
Berlin, widersetzte er sich mit der Begrndung, sie htte dort nix zu suchen.
Sie bat, ein Lehrerinnenexamen machen zu drfen, er schlug es rundweg ab; das
seien Flausen, die seine Tochter nicht ntig htte.
    So verstrichen ihre Jahre, - ohne eine Ahnung, welche Richtung ihr Wille
nehmen sollte, da ihre ganze Umgebung allen seinen Regungen feindlich war; - bis
eines Tages das Schicksal bei ihr deutlich anklopfte.
    Sie war eine hervorragende Eisluferin und verbrachte im Winter ihre besten
Stunden auf dem groen Eisplatz, der drauen vor der Stadt lag. Sie besuchte
auch die meisten Feste, die auf dem Eis veranstaltet wurden, - und an denen die
hheren Schichten der Juden, die Beamten, die Familien der polnischen
Industriellen und die Offiziere, die hier in Garnison lagen, teilnahmen.
    Bei einem Maskenfest auf dem Eis erschien sie als Teufelin, in schwarzrotem
Sammetkostm, die rostroten Haare gelst ber dem Rcken, auf dem Kopf ein
schwarzes Sammetkppchen, mit zwei festen, kleinen Holzhrnern, dicht verlarvt.
An diesem Abend machte sie die Bekanntschaft eines jungen Offiziers, der
ebenfalls einer der besten Lufer war und mit ihr die schwierigsten Figuren
lief. Er war in Uniform, nicht verkleidet. Sie war schon fters mit Offizieren
gelaufen, war aber ber die flchtigsten und leersten Reden mit ihnen nicht
hinausgekommen. Anders diesmal. Der hochgewachsene Offizier, mit den feinen
Profillinien, dem blonden Schnurrbart, der hohen, ein wenig zurckweichenden
Stirn und dem etwas nervs schweifenden Blick der blauen Augen, war nicht nur
ein glnzender Eislufer. Leutnant Koszinsky unterhielt sich mit ihr ber Dinge,
die seinen Kameraden sonst fernlagen. Sein heies Interesse an Fragen der Kunst,
der Literatur, der Philosophie, der Musik, begegnete hier endlich dem ersehnten
Echo. Er hatte von dem Mdchen gehrt und ihre Bekanntschaft gesucht. Trotz der
Maske hatte er sie bald herausgefunden, - er kannte sie vom Sehen, - und die
Freiheit des Festes gestattete ihm die schnellste Annherung.
    Kasimir Koszinsky war Pole, gehrte einer ganz verarmten Familie an und war
als Knabe der Erziehung der Kadettenschule bergeben worden und so dem Militr
verfallen, wie er es nannte. Er betrachtete das als ein Unglck. Er hielt sich
fr einen geborenen Knstler und htte sich der Philosophie und der Musik
ergeben, wre sein Weg frei gewesen. So aber blieb ihm nichts brig, als die fr
ihn bedeutende Mhsal des militrischen Berufes weiter zu schleppen.
    Es dauerte immerhin Wochen, bevor diese beiden jungen Leute aus dem Bereiche
gespanntester, schngeistiger Interessen in jenes andere der persnlichen
Wnsche zusammen eintraten. Es war fast immer zuviel zwischen ihnen zu
erledigen. In den kurzen Stunden, in denen sie einander sahen, berstrzten sie
sich, um von dem neuesten Buch, von irgendeinem bedeutenden, allgemeinen
Ereignis aus Europa zu sprechen und hitzig ihre Meinungen gegeneinander zu
fhren. Seine Auffassung der Dinge hatte zumeist etwas Verschlungenes, wogegen
sich ihre direkt auf den Kern der Sache zusteuernde Art nicht selten heftig
auflehnte. So kam es, da sie sich erst nach Wochen mit entscheidenden Wnschen,
die eine gemeinsame Zukunft suchten, gegenber standen.
    Diese Wnsche fanden weniger Gegnerschaft, als sie befrchtet hatten. Der
Vater Diamant erklrte sich bereit, die Kaution zu erlegen, falls seine Tochter
sich nicht schmarren zu lassen brauchte. Die Heirat eines Offiziers mit einer
ungetauften Jdin, - in sterreich hufig genug, - lie sich wohl machen. Und
dann war Kasimir auch bereit, wenn es sein mte, den bunten Rock auszuziehen.
    Der Alte runzelte die Stirn. Wovon gedachte er zu leben? Da er in sein
Geschft nicht eintreten wrde, war ihm gengend klar.
    Dann zog der alte Diamant den europischen Rock an und ging aus,
Referenzen einzuholen ber den Leutnant Kasimir Koszinsky. Und damit erst trat
die Angelegenheit in ein unerwartetes Stadium. Denn der Alte hrte Dinge, die
selbst in jenem Winkel der Monarchie, wo die triste Situation die grte
Duldsamkeit beim Militr mit sich bringt, - die Grenze des Mglichen
berschritten.
    Koszinsky hatte den Ruf eines skrupellosen Verschwenders, eines
genuschtigen Menschen, der durch immer neue Exzesse seine Situation unhaltbar
gemacht hatte. Der Major versicherte dem alten Juden, dessen Besuch er
huldvollst angenommen hatte, Koszinsky werde demnchst seine Charge springen
lassen mssen. Eine nicht ganz aufgeklrte Affre rckte diese Katastrophe nah.
Koszinsky hatte mit unbegreiflicher Leichtfertigkeit Wechselschulden auf
Betrge, die er niemals aufbringen konnte, aufgenommen. Die ziemlich
betrchtlichen Summen hatte er, wie ermittelt, in wstester Gesellschaft in
Krakau verlumpt. Man erzhlte von ein paar Varitdamen und deren mnnlichem
Anhang, die Koszinsky nchtelang traktiert haben sollte, bis der letzte Gulden
fort war. Er habe wahrscheinlich auf einen reichen Schwiegervater gehofft, - den
er ja nun auch gefunden htte, wie der Major halb bedauernd, halb ironisch
hinzufgte.
    Aber das Schlimmste war damit noch nicht gesagt. Diese Wechsel sollten in
einigen Tagen protestiert werden. Koszinsky hatte, gehetzt von seinen
Glubigern, seine Zuflucht zu einem Kameraden genommen, zu einem Leutnant Karl
Stiller, der krzlich etwas Vermgen geerbt hatte und gerade seinen Abschied
nehmen wollte. Stiller, mit dem ihn eine nhere Kameradschaft verband, hatte
sich mit Koszinsky in der Abneigung gegen den militrischen Beruf gefunden; er
wollte den Sprung aus der Bahn wagen. Er arbeitete seit langem, heimlich,
politische Artikel fr ein Blttchen seiner Heimat, einer kleinen deutschen
Stadt in Sdungarn. Von dort winkte nun ein festes Amt beim Blttchen, und
Stiller wollte die Kette zerbrechen. Zum Unterschied von dem vielseitig
zerstiebenden Koszinsky war Stiller schwer, zh, burisch beharrlich und, vor
allem, emsig auch in seinen literarischen Versuchen. Dabei war er eigentlich
rarisch gesinnt, behtete seine Ideale vom frischfrhlichen Krieg trotz
seiner persnlichen Abneigung, beim Militr zu bleiben. Koszinsky hatte ihn Olga
als einen braven Kerl, aber mit einem flachen Unterbewutsein geschildert. Er
war ein Mensch, dem eine tiefe Furche zwischen den Augenbrauen einen besonders
dsteren Gesichtsausdruck gab und der mit redlichen, aber gequlten Blicken
dreinsah. Koszinsky hatte ihn seine bewegliche Geistigkeit reichlich spren
lassen. Er verhhnte seine journalistischen Missetaten, - er selbst hielte
sich von solchen Snden wohlweislich fern, - er verspottete Stillers primitive
Ideale, die in einer Gemeinschaft mit Weib und Kind in einer Wohnung von Stube
und Kche - bei sonstiger Unabhngigkeit - gipfelten. So hatte aus der
ehemaligen Freundschaft der beiden Ausnahmsoffiziere manchmal der Ha
herausgeschlagen, - bis Stiller das kleine Kapital erbte, welches seinen
sehnschtigen Wnschen nach Freiheit die Wege ebnete.
    Kurz darauf, als die schon einmal prolongierten Wechsel Koszinskys sich dem
Flligkeitstermin nherten, nicht mehr erneuert werden konnten und er sich von
seinen Glubigern bedrngt sah, hatte er Stiller, der, wie er sich ausdrckte,
nun gefat habe, bestrmt, er mge in dieser uersten Not fr ihn
einspringen.
    Stiller schlug dieses Ansuchen glattweg ab. Kurz und finster erklrte er,
da er nicht so tricht sein werde, die geringen Hilfsmittel, die ihm das
Schicksal zugebilligt habe, zu so unwrdigem Zweck, - einen Entgleisten noch
weiter in einer ihm nicht gebhrenden Situation zu halten, - zu vergeuden.
    Wenige Tage spter ereignete sich ein bser Zwischenfall: aus der
verschlossenen Tischlade Stillers waren einige Wertpapiere verschwunden.
    Diese Affre war nun gerade in jenes Stadium getreten, in welchem sich eine
Reihe von Verdachtsmomenten so zusammenschlo, da Koszinsky als der Dieb
angesehen wurde ...
    Ohne einen bestimmten Beweis zu haben, beschuldigte Stiller, fest und
finster, unter vier Augen, den Kameraden der Tat. Koszinsky fuhr auf, - griff an
den Sbel, - lie ihn aber stecken - und gab seiner Emprung ber diese
Beschuldigung in einer Flut von Beschimpfungen Ausdruck.
    Stiller lie sich ruhig von ihm Idiot und Schmutzian nennen und sich sein
primitives Gehirn von ihm vorwerfen. Er entgegnete dem Tobenden nur, - ob er
denn noch niemals von einer anderen Art von Idiotie als der gewhnlich so
genannten gehrt habe? Und er nahm ein Lehrbuch der Pathologie vom Regal und
schlug einen Abschnitt auf: ber moralische Idiotie, - auch Moral Insanity
genannt.
    Wieso es ihm denn beliebe, ihn in diese Kategorie einzurangieren, hhnte
Koszinsky. Worauf ihm Stiller trocken erklrte, in diese Kategorie gehrte jene
Sorte von belttern, die, ohne besondere Not und ohne Bedacht der Folgen, mit
Vorliebe solche verfemte und schdliche Handlungen begingen, die unweigerlich
fr sie selbst die schlimmsten Folgen haben mten. Trotz der absoluten
Sicherheit der Enthllung und der Strafe ihres Tuns setzten sie irgendeinen
gierigen, unerlaubten Wunsch, der sich immer fester und zwingender in sie
einbohre, in Tat um. Gewhnlich ohne jede Rckzugsmglichkeit den Folgen
gegenber. An den Augenblick des Sturzes dchten sie kaum, bevor er da sei,
drckten sozusagen ein inneres Auge zu und scheuchten die Gedanken von diesem
sicher daher kommenden Ereignis fort. Auch fehlte ihnen das Gefhl der
Auflehnung gegen das Bse. Ob das nicht mit Recht als eine Art Idiotie
betrachtet werde?
    Koszinsky hatte ausgerast. Sthnend warf er Arme und Kopf ber die
Tischplatte.
    Ob Stiller denn bedacht habe, wie seine, - Koszinskys - Zukunft sich nun
gestalten solle?
    Das habe er wohl, entgegnete der. Er wrde es nur fr ein bel halten, wenn
Koszinsky, durch Hilfe von auen, noch lnger beim Militr ber Wasser gehalten
wrde. Nur das, was er seinen Sturz nenne, knne ihn retten. Hinaus in den
Dienst des gemeinen Lebens, - das sei sein Weg.
    Und Olga, kam es chzend zwischen Koszinskys Hnden hervor, in denen er
den Kopf vergraben hatte. Stillers Gesicht wurde noch einen Schein dunkler und
ernster. Die Furche zwischen seinen Brauen, die ihm einen so finsteren Ausdruck
gab, vertiefte sich.
    Frage sie, gab er zur Antwort. Sage ihr die Wahrheit von dir, - die ganze
Wahrheit. Er bohrte seinen finsteren Blick scharf in das flackernde Auge des
anderen, der die Hnde sinken gelassen hatte und zu ihm aufhorchte. Sage ihr
alles - und frage sie, ob sie trotzdem den Mut hat, mit dir zu gehen.
    Der Trotz rhrte sich wieder in Koszinskys Brust. Wenn sie sein war, - ihm
bestimmt, - zu ihm gehrig, - wrde sie ihn, trotz alledem, nicht lassen.

Gebeugt, als wre ihm eine schwere Last auf den Rcken geladen worden, kam der
alte Diamant nach Hause. Vielleicht zum erstenmal geschah es ihm, da er sich
seinen Kindern gegenber als besiegt fhlte. Er wute, - sie gingen ihre Wege
ohne ihn, ber ihn, und er hatte keine Macht, in ihre Schicksale einzugreifen.
Auf dem Heimweg war es ihm zur Sicherheit geworden, da Olga von Koszinsky nicht
lassen werde. So wrde er denn sie und den Lumpen zu halten haben, bis - ja bis
- sie alle untergingen. Verloren waren sie alle.
    Er kam nach Hause.
    Die alte Salke, die Wirtschafterin, die die Kinderfrau gewesen war, kam ihm
entgegen. Gott der Gerechte, - gndiger Herrleben, - wie sehen Se aus?!
    Er lie Olga in sein Kontor rufen. Ruhig, mit tonloser Stimme berichtete er
ihr, was er ber ihren Freier erfahren hatte. Er ereiferte sich nicht, er
verlangte nichts von ihr, er befahl nicht, - er berichtete. Whrend sie dem
Vater zuhrte, schien es ihr, als ob seine Gestalt sich vor ihren Augen dehne,
wie ein riesenhafter, dunkler Fleck. Sie sah pltzlich nichts mehr, - sie hrte
nur seine Stimme in dieses tiefe, tiefe Dunkel hinein. - - -
    Er war lange fertig mit seinem Bericht, den er in kurzen, drftigen Worten
gegeben hatte. Er hatte Koszinskys Treiben nicht schwrzer gemalt, kein
kommentierendes Wort dem nackten Tatsachenmaterial hinzugefgt.
    Mit zitternder Hand strich er sich durch den grauen, wirren Bart. Er sa,
wie gewhnlich, im schwarzledernen Lehnstuhl am Fenster, vor seinem Schreibpult.
In der Dmmerung schien sein Gesicht grau. Knochig sprang die Nase aus diesem
scharfen Profil. Olga sah ihm hnlich, - die Nase und die blanken, schwarzen
Augen hatte sie von ihm. Zum erstenmal sah sie, wie alt der Vater wurde, - wie
gebeugt, wie mde sein Rcken schien, wie gramvoll gefurcht sein Gesicht war.
Zum erstenmal erinnerte sie sich, da er morgens um sieben Uhr schon bei diesem
Pult zu sitzen pflegte und abends um elf noch immer. Und auf dieses Greises
Schultern lag ihre Existenz, - ihre Kraft und Jugend zehrte von dem, was er
erarbeitet hatte und noch weiter fr sie erwarb.
    Nu, mei Kind? fragte der Alte mit mder, leiser Stimme. Seine Ruhe
erschtterte sie. Sie hatte, als er begann, von Koszinskys Treiben zu berichten,
erwartet, er werde drohen, befehlen, fluchen, wenn sie nicht von ihm liee. - Er
aber fragte sie mit der Ruhe der Hoffnungslosigkeit, was sie zu tun gedenke. Ob
sie den Menschen sehr liebe, fragte er mit zitternder Stimme, und sie sah die
tiefe Angst in seinem Blick.
    Und sie hrte - zu ihrem Erstaunen, - ihre eigne Stimme - die da antwortete,
- - sie glaube nicht, den Menschen, der ihr da geschildert wurde, zu lieben.
Aber sie wolle noch einmal mit Koszinsky sprechen, - um zu sehen, ob das alles
auch wirklich so sei.
    Der Alte versuchte sie zu hindern: Mei Kind, - da is ka Broche (Segen)
dabei! Da erwachte gleich ihr Trotz und rief ihr Herz auf. Sie wolle und msse
von ihm selbst erfahren, ob das alles wahr sei, - vielleicht war er nur durch
Unglck gesunken, - wrde sich erheben, - wenn sie ihm beistnde. Sie begann
sich zu ereifern, als ob sie gegen den Vater zu kmpfen htte, wie gewhnlich, -
brach aber pltzlich ab, - als sie bemerkte, da er in sich zusammengesunken war
und keine Worte gegen sie vorbereitete.
    Schweigend saen sie eine Weile in der Dmmerung, - - bis der Vater mit der
Hand winkte. Da verlie sie leise das Zimmer.

In der Nacht, die diesem Gesprch folgte, versank fr Olga diese neue
Vertraulichkeit, die in ihr Leben gekommen war. Der Mann, mit dem sie so
leichtfig dahingeflogen, wurde ihr durch dieses unerwartete Dunkle, das von
ihm kam, fremd, - so fremd, wie die Bewerber, die in das Geschft hineinheiraten
wollten. - Einsam war sie, wie nur jemals frher. In die warme Nhe ihres
Herzens konnte dieses Dunkle niemals dringen. Und doch war es vielleicht gerade
jenes heimlich in ihm Wirksame gewesen, - jener Trieb, der zur Hemmung und
Strung aller lebenerhaltenden Impulse fhrte, - der sein Wesen so vielfltig
gegliedert hatte, da es sie anzog und bannte. - Nein, sie hatte die Liebe nicht
erfahren; schauernd empfand ihr junges Herz diese Erkenntnis in der Einsamkeit
und Finsternis dieser Nacht. Aber es war wie eine Hoffnung in ihr, - als mte
sich jene Vertraulichkeit wieder einstellen, wenn sie Koszinsky erst wiedersah.
Vielleicht kam dann irgendein Begreifen ber sie, - ein Begreifen dessen, was
ihr jetzt so drohend fremd erschien, da es sie schauern machte.
    Als sie ihn dann am andern Tag traf, in einem Wirtshaus der Umgebung, wo
sie, um allein zu sein, in einem schlecht gelfteten, ungeheizten, leeren
Tanzsaal saen, - da wuchs ihre Kenntnis von ihm bis zur Hellsichtigkeit. Mit
vielen, sich berstrzenden Worten besttigte Koszinsky, da diese
Wechselaffre ber ihm schwebe, - berhrte auch die absurden
Beschuldigungen, die gegen ihn laut geworden waren und fr die er blutige
Rechenschaft fordern werde; aber er zweifle nicht, da sie trotz allem, was ber
ihn hereinbrach, treu zu ihm stehe. Ja, er begre diese Katastrophe als eine
Art Feuerprobe fr ihre Liebe.
    Als er diese Worte sagte, durchscho sie jh, grell und vernichtend der
Gedanke: Ich wei genug. Sie lehnte sich in ihre Sofaecke zurck und sah starr
auf diese feinen Profillinien. Die etwas zurckweichende Stirn verbarg sich
unter der Kappe, die er nicht abgenommen und tief ins Gesicht gedrckt hatte; er
hatte auch die schwarze Offizierspelerine nicht abgelegt, wie auch sie in Hut
und Jacke blieb. -
    Er sprach und erklrte. Sie msse begreifen: wenn er sie gehabt htte, wre
nichts von all den Lumpereien geschehen; so aber mute er sich in die de des
Soldatenlebens ein wenig Farbe und Freude hineintragen ...
    Farbe und Freude, ging es zackig durch ihren Kopf, und sie starrte
unverwandt auf das bekannte Profil.
    So sei es zu diesen leichtsinnigen Streichen, - die Schulden betreffend, -
gekommen. Im brigen lge ihm nicht so viel daran, seine Charge springen zu
lassen. Freilich, in Ehren mte es geschehen, schon um ihretwillen. Darum werde
wohl ihr Vater helfend eingreifen mssen; quittieren mte er dann doch, da der
Karren schon zu tief verfahren war. Aber - - er htte einen Plan: irgendwohin
wollten sie zusammen gehen, wo man in all diese unreinlichen Beziehungen, -
dabei warf er verchtlich den Kopf zur Seite, - nicht verwickelt werden knnte.
    In diesem Augenblick scho wieder ein einziges Wort durch ihr Hirn und
brannte darin auf: nie.
    Er fuhr fort: seine Vorfahren wren Grundbesitzer gewesen, - wenn ihnen der
Alte nun ein Stck Geld gbe, - so - so - - kurz gesagt, - er htte die Idee,
sich auf einer der kanarischen Inseln, die ein paradiesisches Klima htten und
wenig besiedelt seien, niederzulassen. Dort knnten sie eine kleine Farm
betreiben. - - Und er malte, - so wie er da sa, verfolgt, in seinen Mantel
gehllt, in dem dunstigen, leeren Tanzsaal eines Dorfwirtshauses, - whrend
drauen die nakalte Nacht des schlesischen Winters lag, - er malte ein
paradiesisches Bild, von einer Insel mit ewigem Frhling, umgrtet vom blauen,
schimmernden Meer, - auf der, in einer stattlichen Ansiedelung, sie und er als
wohlbegterte Farmer saen.
    In ihr aber wuchs das Eine, das Deutliche: nie, nie. Nicht eines seiner
Worte fhrte sie irre. Immer genauer wute sie, was auch Stiller wute, - da
das Leben diesen da erst noch tiefer drcken mte, bevor er nchtern wrde. Mit
starken, harten Worten sagte sie sich los von ihm.
    Es kam ihm unerwartet, - und er begann sie zu schmhen. Sie stand auf und
ging durch den langen Saal der Tre zu. Er rief ihr immer wildere Worte nach.
Pltzlich schwieg er.
    War es eine Ahnung, die ihren Kopf noch einmal zu ihm zurckwandte? - - -
    Im trben Schein der Lampe und durch den wolkigen, rtlichen Dunst, der sich
vor ihre Augen legte, - sah sie, - da er seinen Revolver mit gestrecktem Arm
nach ihr hinhielt. Da durchzuckte es sie mit pltzlicher Klarheit: sie wute,
da ihre Hnde die Trschnalle nicht berhren durften ... Sie wandte sich ihm
vollends zu und lehnte sich, scheinbar ruhig, - whrend sie das Pochen ihres
Blutes hrte, - mit gewlbtem Kreuz und vorgedrngter Brust an die Tr, - hob
langsam die Arme zu beiden Seiten und hielt sie wagerecht von sich. - So schien
sie ihrem Schicksal die Brust zu bieten.
    Da zerteilte sich der blutige Nebel vor Kasimirs Augen, und er lie den
Revolver sinken. - - -

Olgas Vater, der im Hause und seinen Kindern gegenber karg zu sein pflegte, war
in geschftlichen Angelegenheiten und bei entscheidenden Transaktionen
verschwenderisch. Seine Angestellten kannten diese Munifizenz, die sich ganz
unerwartet dann zu verbreiten pflegte, wenn es galt, rasch abzuschneiden,
irgendeine kritische Situation schnell zu erledigen, - und ntzten sie tchtig
aus, konstruierten nicht selten Krisen und Schwierigkeiten, bei deren
Abwickelung dann ein Stck Geld in ihre Taschen flo. Der alte Hndler war fr
einen Kaufmann beinah zu schnell, zu large mit dem Gelde. Er gab Reisenden
leichtherzig Vorschsse, zahlte an Agenten Provisionen fr Auftrge, die sich
oft als faul erwiesen, gliederte seinem Geschft manches Nebenunternehmen an,
das es schwchte, anstatt es zu frdern, und bte, vor allem, seinen
Angestellten gegenber nicht gengend scharfe Kontrolle, aus Furcht, Personen,
die er fr unentbehrlich hielt, vor den Kopf zu stoen und zu verlieren. Als
rechnerische Kraft hatte Stanislaus Disziplin in das Geschft gebracht, und, als
er aussprang, verbreitete sich der Mangel einer strammen Geldgebarung immer mehr
in dem sonst so guten Unternehmen. Ich bin ka Mathematiker, pflegte der Alte
zu sagen, wenn er, bedrckt und hilflos, vor gesunkenen Bilanzen stand, die,
nach einem regen Jahresumsatz, schwer erklrlich schienen. Und in die
Bitterkeit, mit der ihn dieser Rckgang erfllte, mischte sich ein Gefhl wie
Rache gegen den Sohn. Warum is er gegangen?! - Ich plag' mich - und fremde
Leit' tragen mich weg.
    Die Angelegenheit zwischen seiner Tochter und dem Leutnant betrachtete er
als Transaktion, die schnell abgeschnitten werden mte und bei der man aufs
Geld nicht sehen drfte.
    Nachdem er das schriftliche Ehrenwort Koszinskys, - da er Olga frei gebe
und nichts mehr unternehmen werde, die alten Beziehungen wieder herzustellen, -
in Hnden hatte, bezahlte er seine Wechselverbindlichkeiten - und legte noch ein
Stck Geld, mit welchem die geheimnisvoll verschwundenen Wertpapiere Stillers
auf alle Flle ersetzt werden sollten, dazu ...
    Seiner Tochter aber bewilligte er den Aufenthalt in Wien, - teils aus
Dankbarkeit, da sie ihn vor dem gefrchteten Unheil bewahrt hatte, teils weil
er jetzt selbst wnschte, sie solle sich verndern, damit sie ber das
Vorgefallene leichter hinweg kme.
    Koszinsky mute quittieren und verschwand irgendwo in sterreichs bunter
Provinz.
    So beantwortete das Schicksal Olgas ersten Anruf nach dem ihr gebhrenden
Frauenlos. Der Wunsch, der aus dieser Seele herausgebrochen und aufgeflogen war
nach der groen, hellen Sonne des Glcks, brach, mihandelt und flgellahm, am
Wege zusammen.

Olga hatte keinen Beruf; eine Wirksamkeit im Sinne der groen Bewegung ihrer
Zeit, welche die Frau auf Selbstndigkeit verwies, war ihr verlegt worden, sie
hatte diesen Weg versumt. Als sie nach Wien kam, hatte sie keine Lust mehr,
jetzt noch eine Lehrerinnenprfung anzustreben, all die Schulen durchzumachen,
die dazu ntig waren, eine Menge von Lehrstoff, der ihr gleichgltig und
langweilig war, in sich aufzuspeichern. Die Jahre, in denen man gern lernt, -
bffelt, - waren eben vorbei. Sie konnte nichts anderes tun, als hinhorchen, -
und von der Flle dessen, was sie ber die zusammenwirkenden Krfte des Lebens
erfuhr, das herausgreifen, was den lebendigen Fragen in ihr selbst entgegenkam.
Sie suchte Anknpfung an die Zeit, Aufschlu ber Triebkrfte, die die
Strebungen ihrer Epoche bewegten und das neue Werden entstehen lieen.
    Fast drckend lag die Freiheit vor ihr. Ob sie der ungelsten Krfte ihrer
Seele jemals habhaft werden und wohin sie sie fhren wrden, - sie wute es
nicht. Sie schien sich eingeklemmt zwischen zwei Kulturen, - dem gewhnlichen
Schicksal anspruchsloser Gatten- und Mutterschaft ebenso verloren, wie dem der
neuen, in sich selbst wurzelnden Weiblichkeit.
    Aber sie ahnte wohl in guten Stunden, da es ein Ma innerer Sicherheit gab,
welches das Merkmal hoher und freier Menschlichkeit und das Ziel alles
befreienden Strebens war. Mit dieser Sicherheit in sich, blieb man Herr in jeder
Situation, besiegte man jede scheinbare Erniedrigung. Es konnte kein Mibehagen
geben, keine Angst vor dem Dunkel, keinen Ekel vor dem ewig Unzulnglichen,
keine Verlassenheit im unendlichen All, - wenn diese innere Helle erst
erstrahlte. Und glhte nicht der Funke, aus dem diese Flamme, - dieses
organische Verstehen des Lebens, - herausschlagen konnte, zu Zeiten auch in ihr?
    In Wien war sie einer Frau begegnet, die von diesem Licht, das sie, die
Beladene, so sehnschtig suchte, erfllt schien. Frei ging sie, die bewut
Geborene, - keine Situation, kein Milieu schien diese starke Sicherheit brechen,
dieses innere Leuchten verschtten zu knnen. Und, wie das Erhabene gewhnlich
neben Lcherlichkeit und Unwrdigkeit gestellt ist, so war es auch hier. Diese
Frau, die Olga als eine Ganze unter Zerrissenen, als eine naturhaft Starke unter
Verbogenen und Beschdigten erschien, - war die Frau eines Menschen von
unverkennbar geringer Art, des Vincenz Reisenleitner.
    Niemals war Olga bei Genevive gewesen, ohne gekrftigt, gesammelt, strker
und sicherer von ihr zu gehen. Sie war eine von jenen, die die Beladenen
erleichtern, die Bedrckten erheben, ohne ihnen bestimmte Trstungen oder gar
Satzungen auf den Weg zu geben, - einfach durch den Anblick, den sie selbst
bieten.
    Ihre Ehe mit Reisenleitner war das Produkt einer fr ihr Wesen sehr
bedeutsamen Absichtslosigkeit, mit der sie sich, ihrem innersten Glauben gem,
den Fgungen und Schiebungen des Schicksals berlie, ohne mit gefhrlichem
Willensaufwand dem rollenden Rad in die Speichen zu fallen.
    Sie hatte Vincenz Reisenleitner in ihrer Heimat, in Stuttgart, kennen
gelernt, wo ihr Vater ein hheres juridisches Amt bekleidete. Die Mutter
entstammte einer alten normannischen Adelsfamilie, die, emigriert, in der
Schweiz lebte. In Genf lernte die junge, schne Tochter dieser Familie den
deutschen Regierungsrat Nestor kennen, der sie bald als seine Frau ins
Schwbische verpflanzte. Ihr Kind nannten die Eltern, in froher Erinnerung an
den Ort ihres Sichfindens, Genevive; im tglichen Umgang blieb nur des stolzen
Namens Endsilbe bestehen und ve wurde bald zur deutschen Eva. So wuchs sie auf,
Eva Nestor, ein Schwabenmdel mit normannischem Blut in den Adern - eine
kstliche Legierung, wie der Vater stolz zu sagen pflegte.
    Kurz nachdem er gestorben war und die Witwe und Eva mit einer fr ihre
bisherigen Lebensgewohnheiten geringen Pension zurcklie, geschah es, da Eva
die Bekanntschaft des Wiener Fabrikanten Reisenleitner machte, der hierher
gekommen war, um sein bei einer Stuttgarter Fabrik bestelltes Automobil
abzuholen. Reisenleitner verliebte sich strmisch in das riesig interessante
Mdel, und seine Werbung befreite sie von ungewissem Los.
    Es wre ihr wie eine Vermessenheit erschienen, diese Werbung nicht
anzunehmen. Erwartungsvoll stand sie vor jeder entscheidenden Vernderung ihres
Schicksals, und darum nahm sie auch diese - aufhorchend - hin. Ihr Herz hatte
noch nie seine strenge Gebundenheit erschttert gefhlt, nichts hinderte sie,
dem fremden Mann zu folgen, und darum erschien es ihr, als ob es sein sollte,
sein drfte. Was kommen mochte, - es lie sich nicht ergrbeln, - sie wrde es
erfahren. Und erfahren hie - leben.

Zwischen Olga und Eva, die sich bei den gemeinsamen Verwandten, Professor
Diamant und Frau Edda, bald begegneten, hatte sich ein Verhltnis angesponnen,
das eine behtende Reserve nie verlor und doch an unausgesprochenem, aber
deutlich empfindbarem Interesse stetig zunahm. Es war die Zuneigung zweier
Naturen, die die Bestimmung, zu wachsen, aneinander ahnen und dabei von Freude
erfllt sind ber diese Entdeckung. Das Verhltnis behielt alle Formen der
Zurckhaltung, war seinem Wesen nach aber vertraut.
    Olga kam nicht oft hinaus in die Cottage-Villa, die sich Vincenz
eingerichtet hatte, - aber immer wurde ihr froh zumute, wenn das eiserne
Vorgartentrchen, auf ihren Klingeldruck, aufsprang und sie ber den
kiesbestreuten Gartenweg dem Hause zuging, whrend ihr Eva schon vom Fenster
zuwinkte oder ihr entgegenkam, aufrecht und zierlich, mit ihrem leichten,
sichern Gang eines Bachstelzchens.
    Evas Ehe bestand in uerer Ordnung, aber Olga merkte bald, da es hier so
war, wie bei einer elektrischen Anlage, in der der Strom fehlt, - tot,
ausgebrannt, durch irgendeinen schlimmen Kurzschlu vernichtet, - ein
komplizierter Apparat ohne die treibende Kraft, um deretwillen er errichtet
wurde.
    Was vorgegangen war, - ob eine wachsende Entfremdung oder eine pltzliche
Katastrophe hier ein Ende gemacht hatte, - das wute sie nicht und fragte nicht
danach, weil ihr war, als mte Eva eines Tages selbst ihr diesen Einblick
geben, wenn sie sie wissen lassen wollte, wo ihr Lebensschiff fest lag, - oder
wohin es steuerte. Ein kleines Mdchen, Evas Abbild, war das Licht in diesem
Hause. Eva ging nur selten in die Stadt. Dafr war sie mit dem Kind viel im
Freien drauen, in den Feldern, die sich als riesige Karos auf den Hgeln des
Wiener Waldes, in einer weit bersehbaren, an Hhen und Mulden wechselvollen
Landschaft ausstreckten. Seit lngerer Zeit trieb Eva Sprachstudien, die sie
durch Prfungen abschlieen wollte, - eine Marott wie Vincenz sagte, die
seinen Kredit schdigen knne, denn am Ende wrde man noch glauben, seine Frau
habe das ntig.
    Der letzte Besuch, den Olga in Wien zu machen hatte, galt der Frau, die sie
hier am liebsten sah. Und so fuhr sie denn zum letztenmal hinauf, in das
hochgelegene Cottageviertel. Die Luft war hier frei und frisch, und Olga atmete
immer wohlig auf, wenn sie aus den Niederungen, wie sie es nannte, hierher
kam. Die Bltter der Bume waren nun schon fast gelb, und das drre Laub
bedeckte die Erde und raschelte unter den Tritten. Aus den Grten, in deren
Tiefe man hie und da durch ein Gitter einen Blick werfen konnte, strmte der
feuchte, sliche Duft herbstlichen Welkens, und Olga atmete ihn tief ein. Sie
machte absichtlich einen kleinen Umweg, berstieg den Hgel des
Trkenschanzparkes und kam bei dem Tor, das der Ackerbauhochschule gegenber
liegt, wieder herunter. Um den stolzen Palast dehnte sich freies Ackerland, nur
ein paar vereinzelte Villen standen da, zumeist ganz neu, im modernen
Landhausstil. An solch einem Huschen machte sie Halt. Das groe,
schmiedeeiserne Gartentor, das sich nur ffnete, um das Automobil aus der Garage
oder dahin zurck zu lassen, war verschlossen, und sie klingelte an dem kleinen
Nebenpfrtchen. Als sie den Garten durchschritten hatte und auf dem Podest unter
dem Vordach stand, ffnete Eva, - bevor sie noch geklopft hatte, - selbst die
Entreetr der Wohnung.
    Sie war nicht, was man im landlufigen Sinn eine Schnheit nennt, - sie war
weit mehr. Auf dem zarten, in seinen Maen vollkommenen Krper sa ein Kopf, den
die Bildhauer durcharbeitet zu nennen pflegen. Im Gegensatz zu der
Verschwommenheit der Zge, die man sonst nicht selten bei hbschen Frauen
findet, waren die Linien dieses Gesichtes deutlich festgelegt. Ein
unverkennbarer Ernst lag auf diesem Gesicht und kontrastierte seltsam mit der
roten Blte ihres Mundes, der sehr klein war, dessen Oberlippe fast herzfrmig
schien, und einen tiefen Schatten, eine Art Furche, in ihrer Mitte barg. In
diese kleine Grube, inmitten der geschweiften Oberlippe, - in der der Amor
nistet, wie Herr Reisenleitner festgestellt hatte, - hatte er sich seinerzeit
verliebt ... Sie sah zugleich ernst und klug und dabei pikant und sonnig aus,
mit ihren flimmernden, braunen Augen und dem hellbraunen Haar mit seinen
goldenen Reflexen, das sich in zarten Lckchen an diese gerade, hohe Stirn
schlo und am Wirbel in einen bescheidenen Knoten geschlungen war. Was ihr den
Ausdruck besonderer Frische gab, das war das Aufwrtsstreben aller Linien der
unteren Gesichtspartie. Die Mundwinkel und die Wangenmuskulatur schienen leicht
gehoben, als ob sie die Schlfen und die Augenwinkel suchten, die sich ihnen
zusenkten, whrend sich die Nase, die mit der Stirn mehr als zwei Drittel des
Gesichtes in Anspruch nahm, - fein und steil abwrts streckte. Von ihrem Ende
bis zu dem krftig umrissenen Kinn konnte man eine gerade Linie ziehen, die der
zurcktretende Kiefer, trotz der ppigkeit jener herzfrmigen Oberlippe, auch
nicht annhernd berhrte. -
    Das Beisammensein der beiden Frauen war heute von besonderer Wrme getragen,
- Olgas Scheiden half ihnen, ihre bisher fast uneingestandene, fein verdeckte
Gefhrtenschaft zu klarerem Gefhl zu bringen. Als sie im dmmerigen, traulichen
Zimmer beim Tee saen, erzhlte Eva, da sie nun, nach nur einjhriger
Vorbereitung, eine Staatsprfung als franzsische Lehrerin abgelegt habe. Da
franzsisch ihre eigentliche Muttersprache war, - zumindest die viel gehrte
Sprache der Mutter, - so hatte die kurze Vorbereitung gengt. Von jetzt ab wrde
sie sich eifrig mit der Pflege skandinavischer Sprachen befassen.
    Olga ahnte, da dieses systematische Vorgehen einen Zweck haben mte, und
sie fragte danach.
    Eva sah mit ihren braunen Augen ernst vor sich hin. und die Goldpnktchen
hrten auf, darin zu tanzen.
    Es ist mglich, da ich einmal mich und mein Kind erhalten mu.
    Das Wort, das an das Geheimnis ihrer Ehe rhrte, war gefallen. Olga fragte
nicht weiter, sie wute, die Stunde, in der die Freundin sprechen wollte, war
da. Und mit ihrer dunkel gefrbten, unsagbar wohllautenden Stimme, von der
einmal Professor Diamant gesagt hatte, wenn Mutter Natur sprechen knnte, so
wrde sie so sprechen, - berichtete Eva, wo und wie ihr Schifflein festlag, wie
gefhrlich es aufgefahren war.
    Diese Ehe war bereut worden, und nicht nur auf einer Seite. Eva hatte sich,
ihrem Mann gegenber, bald vor einer Leere gefunden, die sie nicht unbedingt
erwartet hatte; sie hatte vermutet, da, weil die Bahnen, in denen sich das
geistige Leben ihres Mannes bewegte, einfache waren, - da die Fhigkeiten
geheimer Gefhlskrfte bei ihm desto strker sein mten. Vincenz aber hatte die
Rolle verborgener Herzensbiederkeit, in welcher er zuerst werbend vor ihr
aufgetreten war, nicht lange gespielt. Das ihm nicht ganz verstndliche Wesen
seiner Frau war ihm bald nicht mehr riesig interessant, sondern eher unbequem.
Nach und nach konnte er seine Reue ber die unberlegte Liebesheirat, die er,
als Geschftsmann, sich nicht htte leisten drfen, schlecht verhehlen. Er
klagte ber den Mangel einer soliden, metallenen Basis, an dem diese Heirat
litte, und machte sich Vorwrfe, die nie wiederkehrende Gelegenheit, sich eine
solche gut gemnzte Fundierung zu verschaffen, verpat zu haben. - No ja, -
wann der Amor schiet, rutscht der Verstand in die entern Grnd'! erklrte er
sich selbst seine Verirrung. Dabei verfgte er ber ein gutes, gesundes
Geschft, das ihm eine sehr auskmmliche Familienexistenz bot, war auch
geschftlich nicht unfhig, - hatte aber Luxusbedrfnisse, die seine Einnahmen
berstiegen.
    Eva sah ihre Ehe mit nchternen Augen - und kam mit sich ins Reine: Ihr
Schicksal, so fhlte sie, ruhte in ihr selbst. In ihren Wirkungskreis sollte ja
auch bald eine Aufgabe gestellt werden, die wohl der triebhaft geheime Zweck
dieser scheinbar sinnlosen Verbindung war. In ihrem Scho regte sich junges
Leben, und fromm erwartete sie die Frucht, fr deren Entstehen ihre Ernte an
persnlichem Glck von Mchten, die in ihrem eigenen Willen wirkten, - geopfert
worden war.
    Auch Vincenz war von dieser Hoffnung merkwrdig befeuert. Seine Freude, als
sie ihm die Erwartung mitteilte, berraschte sie. Staunend beachtete sie die
Lehre, die ihr das Leben gab, indem es ihr einen scheinbar einfachen Charakter
in unerwarteter Vielspltigkeit zeigte. Aber die Lehre war noch nicht deutlich
genug: sie sollte noch mehr erfahren.
    Seit Vincenz wute, da sie guter Hoffnung war, sprach er nur noch von
seinem Sohn. In Gesellschaft, im Geschft, berall erzhlte er mit
familienvterlichem Schmunzeln, da a Bua auf dem Weg sei. Sie fand diese
vorzeitige Verkndigung ihres Zustandes wenig geschmackvoll, - die sichere
Erwartung des Bua'm aber stellte sich beinah als eine Art fixer Idee dar. Auch
lag kein besonderer Grund vor, warum ein Sohn fr Vincenz Reisenleitner so
dringend erwnscht sein sollte; war doch kein noch so bescheidenes Thrnchen,
dessen Erbfolge durch das salische Gesetz fr Frauen gesperrt gewesen wre, -
noch auch ein Majorat zu vergeben; das Geschft sei auch eine Art von Majorat,
erklrte Vincenz. Da er aber die Grundlage dieses ererbten Besitzes durchaus
nicht befestigte, eher durch seine Passionen unterwhlte, erschien diese Sorge
um den Erben wenig natrlich.
    Vincenz aber tummelte sich, nach wie vor, in der Idee, da ihm ein strammer
Stammhalter geboren werden sollte. Er hatte sich in diese feudale Pose frmlich
verrannt. Mit derselben zhen Hartnckigkeit, mit der er sich bei einem
Automobilrennen oder bei einer Golfpartie ganz in die Situation versenkte,
nichts sah und hrte, als was mit dem Match zusammenhing, - mit diesem
unzugnglichen Furor des Sportsmannes, gemischt mit der Sucht, den Trger eines
alten Namens zu spielen, der einen Erben dringend brauchte, - verrannte er
sich in die neue Idee von seinem Sohn, als ob die Tragik des Gedankens, der
letzte Reisenleitner zu sein, seit jeher seine Hauptsorge gewesen wre.
    Die Stunde, in der dieser Traum Wirklichkeit werden sollte, kam. Evas
Entbindung ging schwerer vor sich, als man erwartet hatte. Eine halbe Nacht und
einen ganzen Tag schon hatte sich ihr Krper im Krampfe des Gebrens gezerrt und
gekrmmt. Rchelnd lag sie auf ihrem Schmerzensbett, bis wieder eine neue Wehe
ihr gellende Schreie erprete und sie glauben machte, das Ende sei da. Und noch
immer war die Frucht, die in diesem gemarterten, aufgetriebenen Leibe atmete,
sich bewegte, lebte, - nicht abgelst vom Stamm.
    Halb sinnlos vor Pein, hrte sie doch, wie man von der Notwendigkeit eines
Einschnittes sprach, und wie die rzte zur Narkose rsteten. Sie vernahm ihr
Geflster, hrte, wie der Hofrat, - der groe Accoucheur, der die Prinzessinnen
des kaiserlichen Erzhauses entband, - mit seinem Assistenten und ihrem Schwager
Diamant beratschlagte, ob therrausch oder Chloroformnarkose hier vorzuziehen
sei. Und whrend wieder jene Schmerzen, die ihr das Hirn zu zersprengen drohten,
in breiten Wellen anfluteten und ihr Bewutsein bergossen, sah sie noch die
Geburtshelferin mit dem intelligenten, kurz geschorenen Kopf und die
Pflegeschwester, - beide, gleich den rzten, in weien Leinenkitteln, - durchs
Zimmer eilen. Und sie sah nun auch, wie durch blutige Schleier, einen Augenblick
lang die Gestalt ihres Mannes, - gerade ihrem Bett gegenber an der Tr, die ins
Nebenzimmer fhrte, - sah, wie er die schwarze Sammetportiere hob und gleich
wieder verschwand. Und sie hrte nun auch seine Stimme in dem Geflster der
Mnner, - hrte, wie die Worte fielen - - - Kind oder Mutter - - - - - - und
diese Worte streckten und vereisten ihr die Glieder; und unter den Stimmen war
eine, - die, die sie am besten kannte, - und die zischte Worte heraus, die sich
in Schlangen wandelten, in hliche, geringelte Tiere, die ber den Fuboden zu
ihrem Bett krochen ... das Kind - den Sohn - - - den Sohn - - sagten diese
Worte, - und es waren abscheuliche, zngelnde, feuchtglatte Schlangen, die nach
der Bettdecke hinaufzischten. - Und pltzlich schien es ihr, als ob die Stimme
des Hofrats sich aus dem Geflster erhbe, sich furchtbar und drhnend darber
ergo und die Schlangen, die aus jener andern Stimme gekrochen waren, mit
Abscheu zertrat.
    Dann kamen Schritte an ihr Bett, - ein slicher Duft berstrmte sie, und
guter, rosiger Friede senkte sich langsam auf sie nieder. - - -
    Als sie erwachte, war das neue Leben aus ihr herausgerettet. Und trotz der
schweren belkeiten, trotz der ttlichen Mattigkeit fhlte sie doch, wie leise
und stetig die Krfte zu ihr zurck rannen ... Die Frau im weien Kittel, mit
dem kurz geschnittenen Haar und dem klugen Gesicht, beugte sich ber sie: Ein
Mdchen, - und es lebt.
    Da kam die Erinnerung an jene Stimme, - der Sohn - - der Sohn. - - - Hatte
sie jene Worte getrumt, - hatte sie sie wirklich gehrt?
    Und ein Glcksgefhl scho hei in ihr auf, - da es ein Mdchen war, - ihr
Kind, ihres allein.
    Und da war der Hofrat mit dem grauen Bart und sah munter durch die
Brillenglser, und neben ihm stand der Schwager, Professor Diamant, mit einem
guten, guten Grinsen in seinem sonst so malizisen Gesicht, - und sie hrte
seine etwas gequetschte, bhmelnde Stimme ganz glcklich sagen: No allo, -
fein heraus hamm' mr i!
    Ihren Mann aber sah sie nicht, und begehrte nicht, ihn zu sehen. - - -
    - - Das hatte Eva erlebt, und sie erzhlte es der Freundin in jener
Abschiedsstunde. Es war dunkel geworden, und sie hatte das Licht nicht
aufgedreht. Nun erhob sie sich und lie ein paar matte, elektrische Lampen
aufleuchten.
    Ohne Pathos, mit den einfachsten Worten, hatte sie erzhlt, und ihr
schlichtes Vertrauen hatte diese Stunde mit wunderbarem Leben erfllt.
    Olga durfte nun fragen, und sie tat es.
    Warum sind Sie, sagte sie, - nach alldem noch bei Ihrem Mann? Wrde er
Ihnen das Kind verweigern, wenn Sie von ihm gehen wrden?
    Ich glaube nicht, antwortete Eva und stellte eine Schale mit Frchten auf
das runde Tischchen vor dem Eckdiwan, auf dem sie saen. Er hat zu der Kleinen
so gut wie keine Beziehungen, wenn er sie auch ab und zu mal auf seine Knie
setzt, - besonders wenn Gste dabei sind. Ein leichtes Lcheln milderte die
Schrfe ihrer Bemerkung. Und dieses Lcheln schien hinein zu leuchten in die
versteckten Tiefen jener fremden Natur, von der sie sprach, und Olga berkam das
Gefhl, da etwas in dieser Frau lebte, das sie befhigte, die dunklen und
treibenden Mchte in anderer Menschen Seelen zu erkennen, - ahnte, da sie in
jenen Abgrund, in dem die Wahrheit wohnt, unerschrockener und klarer
hineinblickte, als viele andere.
    Nein, - es ist nicht, weil ich frchte, da er mir das Kind nehmen wrde.
Es ist etwas anderes, was mich hier festhlt, etwas viel nher liegendes, das
Ihnen aber vielleicht - wieder lichtete ein Lcheln ihr Gesicht, und diesmal
war eine Spur von Schalkhaftigkeit darin - sehr befremdlich erscheinen wird.
    Olga horchte gespannt.
    Ich habe geheiratet, sagte Eva, - weil ich eine gnstige Vernderung
meiner Lage darin sah; und ich werde nicht eher die Ehe lsen, als bis ich
zumindest die Gewiheit habe, nicht in eine schlimmere, schwerer ertrgliche
Lage zu kommen, als die es ist, in der ich bin. Das ist alles.
    In Olgas Gesicht malte sich eine nicht zu verbergende Verblffung.
    Ich dachte mir, da es Sie berraschen wrde, diese einfache Tatsache so
unverkleidet aussprechen zu hren.
    Ich verstehe Sie wahrscheinlich nicht ganz, sagte Olga. Wie - wie - kann
das gemeint sein?
    Eva sah lchelnd und ruhig vor sich hin. Sehen Sie, sagte sie, es ist so
bezeichnend, da Sie, als eine rein empfindende Frau, verwundert sind ber
dieses Bekenntnis. Es ist bezeichnend, sage ich; denn es gibt jetzt so viele
Menschen, wie mir scheint, - denen - wie soll ich es nennen - bei der Vertiefung
ihres geistigen und moralischen Lebens das abhanden gekommen ist, was nun einmal
die Voraussetzung eines geistigen und nicht geistigen Lebens berhaupt ist -
nmlich - sie stockte, schien nach dem richtigen Wort zu suchen, - nmlich der
- Instinkt - gewisse Taten, die einen ins Verderben strzen, - bleiben zu
lassen; - und ruhig fgte sie hinzu: also wohl einfach eine Art von deutlichem
Selbsterhaltungstrieb.
    Olga horchte verwundert, belebt.
    Ich wei nicht, fuhr Eva fort, - ob Sie dieses Gefhl kennen - dieses
Gefhl, - da man gewisse entscheidende, schicksalsschwere Dinge erst dann tun
darf, wenn ihre Notwendigkeit so deutlich geworden ist, da man sich wahrhaftig
geschoben fhlt, indem man sie tut, - da es so geschieht - nun so - als ob man
berhaupt nichts zu wollen htte dabei. - - Nachdenklich sah sie vor sich hin.
Ich selbst habe immer nur getan - was ich auf diese Art tun mute.
    Und so lange?
    So lange? Sie meinen - was zwischen diesen Taten geschieht? Man lebt - man
wartet! Und die grte Versuchung des Lebens scheint mir, da es Situationen um
uns aufstellt, die uns dieses Warten lehren sollen, - da es eine Art von
passiver Energie von uns verlangt, die vielleicht schwerer ist, als die aktive
der Tat.
    Schritte wurden laut, Eva, hingegeben an das, was aus ihr sprach, berhrte
sie, aber Olga sah durch die halb zurckgezogene Portire ihren Bruder, der sie
abholen sollte, im Nebenzimmer eintreten. Sie wollte das Gesprch nicht
unterbrechen lassen und winkte ihm zu, drin zu bleiben. Dabei hatte sie das
Gefhl, da die Freundin nicht zrnen wrde, wenn er mit anhrte, was sie
berichtete.
    In Evas Gesicht war whrend des Sprechens eine zarte Rte gestiegen, ihre
Augen strahlten in weichem Glanz, und sie sprach weiter, so ernst, als htte sie
ein Glaubensbekenntnis abzulegen.
    Sehen Sie - dieses Gefhl, das mich von einem Tun, zu dem mich vielleicht
starke Neigungen drngen, oftmals abhlt, habe ich so deutlich, da ich es in
Worten benennen knnte.
    Und diese Worte wren?
    Sie hob lebhaft den Kopf. Ich mchte sagen: Wenn - wenn dir zum Zgern
zumute ist - nun, - so zgere! - - - Sie lachte. Eine tiefe Weisheit, wie?
aber diese Sentenz ist doch nicht so banal, wie sie klingt.
    Nein, sagte Olga, das ist sie nicht; denn diese Sentenz ist vernnftig,
und das Vernnftige ist nicht banal.
    Eva sprach stark und ruhig weiter. In jede sogenannte kritische Situation
kommt frher oder spter eine entscheidende nderung; sie kommt von innen oder
von auen, von den Beteiligten selbst oder von seiten Dritter; aber sie kommt.
Und wenn sie kommt, - dann heit es - hinhren, hinsehen und dann darf man -
tun; und dann - dann ist auf einmal alles, was verworren und schwer zu lsen
schien, - unendlich einfach. Man braucht dann nur nach dem Nchstliegenden zu
greifen, um dort, wo man frher nicht eine Handhabe seines Willens sah, hundert
zu finden. Und, als mte sie von diesen Errterungen, die von der Geschichte
ihres Schicksals scheinbar abzweigten, wieder auf diese Geschichte selbst
zurckkommen, fuhr sie fort:
    Wenn ich aus meiner Ehe - die freilich keine wahre Gemeinschaft, aber
immerhin ein ertrgliches Los bietet, fortgestrmt wre, hinaus in das Schicksal
einer zum Kampf nicht gengend gersteten, ausgesprungenen Frau, die sich und
ein Kind ernhren soll, - so wre mein und des Kindes Schicksal kaum ein
Ungewisses zu nennen; es gehrt nicht viel Vorstellungskraft dazu, sich diesen
Weg auszumalen. Schatten senkten sich ber ihr Gesicht, hoben und zerteilten
sich wieder. So tue ich - was ich tun kann und wohl auch tun soll, - das, was
man, um es recht profan auszudrcken und keine schneren Worte fr mein Tun zu
gebrauchen, als ihm gebhren: profiter de la situation nennt. Ich bentze diese
geschtzte Lage, um mir Kenntnisse anzueignen, die mir eines Tages, wenn - wenn
alles so deutlich geworden ist, da das, was jetzt noch einer Herausforderung
des Schicksals gleichkme, dann einfache Selbstverstndlichkeit wird - weiter
helfen sollen;... heute, - sie schwieg und blickte nachdenklich vor sich hin -
heute sehe ich den Weg noch nicht deutlich genug, aber ich glaube, fgte sie
leise hinzu - ich werde bald sicherer sein.
    Olga sa wortlos. Schlicht, alltglich, ja verdchtig war, was sie gehrt
hatte. Warum berwltigte sie diese einfache Geschichte, als wre sie -
angewandt an dem Schicksal dieses Menschen - der vollkommenste Ausdruck
wunderbarer Wegsicherheit? -
    Die Portire des Nebenzimmers wurde zurckgeschoben. Stanislaus trat ein.
    Ich darf nicht lnger hier Zeuge von Gesprchen sein, sagte er, whrend er
die Frauen begrte, - die nicht fr mich bestimmt sind, und die ich aus
Furcht, sie zu unterbrechen, dennoch zum Teil gehrt habe.
    Mein Bruder, sagte Olga.
    Wir beide kennen uns schon wohl aus Olgas Erzhlungen, und darum hat mich
hier kein Fremder belauscht.
    Stanislaus fiel es schwer, die richtige Antwort zu finden, - die besagen
sollte, wie sehr er sie belauscht hatte! Und so sagte er nur leise, -
schchtern, von einem Gefhl der Verehrung durchbebt: Was ich belauscht habe,
wird in meiner Erinnerung bleiben.
    Man hrte die Klingel der Gartentr, das elektrische Licht glhte drauen
ber dem Kiesweg auf, und die drei sahen durchs Fenster Evas kleine Tochter mit
ihrer Bonne. In ihrem weien Mntelchen kam sie durch den Garten dem Hause zu.
Sie hatte denselben Gang wie die Mutter, diese eilige und doch zierliche Art,
die Fe zu setzen, hielt sich sehr aufrecht und in der Mitte des Weges. Gleich
darauf war sie im Zimmer und brachte einen frischen Luftstrom mit herein. Sie
glich der Mutter in ungewhnlicher Vollkommenheit, nur war das Haar des Kindes
noch lichter und goldener, das Auge schien dunkler und grer und das
Gesichtchen rosiger. Vollkommen unbefangen begrte sie, nachdem sie die Mutter
umarmt hatte, die Gste, und ging gleich wieder der Tre zu: sie msse auf ihr
Zimmer, ihre Kleider abzulegen, sie wollte nur erst Mama sehen.
    Und Stanislaus, der Lauscher, dachte: wie kann es etwas Falsches sein, was
sie - die Mutter - getan hat? War diese ungleichwertige Vermischung nicht zu
ihrer Zeit gerechtfertigt, da sie so herrliches Leben fortsetzte? Wissen wir
denn, - so dachte er, - warum wir so gehorsam in die Falle gehen, die uns das
Schicksal, in Form einer unausweichlich erscheinenden Verbindung, stellt? Um wie
vielfacher zureichender Grnde willen kann dies nicht geschehen! Und wre
einer dieser Grnde der, ein neues Leben, das ohne diese Verbindung niemals
wrde, heil und schn ins Licht zu rufen, so wre das genug, uns Ergebenheit zu
lehren.
    Ihm war das Kind die wunderbare Erhhung, die, ber das eigene, arme Ich,
der Vollkommenheit nher rckt, - und sein Begehren, ein Kind lieben zu drfen,
war so stark, da er oftmals glaubte, ohne diese Liebe nicht leben zu knnen.
Und gerade ber dieses Begehren hatte er strenges Gericht gehalten - und sein
Urteil selbst gesprochen.
    Die Erkenntnis, die ihm Vernunft und Gewissen mit unbarmherziger
Nchternheit diktierten, sprach zu ihm, - da er selbst verzichten mte, die
ewige Substanz des Lebens weiter zu bauen. Er durfte nicht aus dem Scho eines
geliebten Weibes einen Menschen erwachsen lassen, der die Lasten seiner eigenen,
beladenen Krperlichkeit mitbekam; er war streng und unerbittlich in diesem
Punkt. Sollte er in edles Ackerland kmmerlichen Samen streuen?
    Gerade er trumte - zart, hei und in gebndigter Begier, - von einer jener
heilen, arttchtigen Frauen, die ihr Geschlecht stolz verpflanzen, und in seinen
einsamen Trumen sank er vor dieser unbekannten Gestalt, als vor dem
hochgelobten Bildnis der Anbetung, in die Knie. Er trumte, - ohne zu begehren.
Es wre ihm auch ein miges Begehren erschienen; denn wrde je ein Weib, das er
lieben knnte - ihn lieben? Aber er verehrte. Er erglhte in Ehrfurcht, wenn ihm
ein Weib bestimmt zur Hochzucht, wie er es nannte, begegnete; und er erkannte
solche Art scharf und schnell.
    Wunderbar war die kurze Zeit gewesen, die er hier im Nebenzimmer verbracht
hatte, whrend diese Frauenstimme, voll und dunkel, wie gedmpfter Glockenklang,
zu ihm geklungen war. Und was sie sprach, - es schien ihm wie die Weisheit der
Fruchtbaren, der auf Erhaltung Bedachten. Ihr starkes Herz hatte er hren
drfen, und, wie die grnen Pflanzenbltter der Sonne zuwachsen, sich ihr
zubiegen und -dehnen, so hatte er heile Instinkte dem Lichte arterhaltender
Vernunft sich zuwenden sehen, jener tiefsten Vernunft der Natur, die, ohne
zweckhaft zu sein, mit unberechenbarem Drang den Weg der Erhaltung der
tauglichen Arten sucht, Sonne, Regen und Wind zu ihnen dringen lt und, in
geheimnisvoller Chemie, das Bse und das Gute tief im Kelch dieser Wesen
verarbeitet, zu keinem andern Zweck, als um neue Nahrung, neues Wachstum fr
sie daraus zu gewinnen.
    Eine tiefere Logik als die durch Ideenreihen zu beweisende, ein unbewutes,
aber instinktstarkes Vertrauen in den logischen Sinn des eigenen Seins, war ihm
aus diesen Frauenworten gekommen, - und so unvollkommen der Teil des
Gesprochenen gewesen, den er belauschen durfte, so vollkommen klar war ihm der
Zusammenhang dessen, was er hrte, mit dem, was ihm seine Schwester berichtet
hatte, und lie ihn die scharf umrissenen Linien eines Schicksals und einer
Persnlichkeit erkennen.
    Die Geschwister blieben nicht mehr lange. Evas Gatte wurde zum Abend zuhause
erwartet, und keiner von den dreien empfand den Wunsch, ihr Beisammensein in
seiner Gegenwart fortzusetzen. So schieden sie.
    Schweigend gingen die Beiden durch die Anlagen des Villenviertels, das in
tiefer Abendstille, die nur selten vom Rollen eines vereinzelten Wagens
unterbrochen wurde, dalag. Ihr Sinn war erfllt von dem Bilde der Frau, der sie
heute nahe gekommen waren, um, vielleicht fr immer, von ihr zu scheiden.
    Und Stanislaus schien es, als ob diese Frau ihre groe Prfung schon
bestanden htte, und als ob ihr das ausgleichende Schicksal nun die Erfllung
schulde - die Erfllung ihrer persnlichen, noch verdeckten Bestimmung. Denn
mute nicht solcher Art, wie dieser, Verstrkung werden? Hatte sie nicht die
verschleierte Versuchung mit ahnendem Auge erkannt und berwunden? War sie
nicht, indem sie, unanfechtbar von triebhaftem Drang, und nchtern bedacht,
uerlich in der Falle einer milichen Situation verblieb, an der wahren Falle
vorbeigegangen, - jener, die ihrer letzten zweckhaften Bestimmung vielleicht
gesetzt war? Und diese Bestimmung, sie konnte bei ihr, wie bei jedem andern, der
da auf dem Weltplan seine Rolle bekam, keine von auen gesetzte sein, - es war
nichts, als die letzte, unerbittlich logische Folge der Wirkung der gestalteten
Substanz, gem jener Gesetze, die ihr jeweilig eigneten.
    Tief in solche Gedanken verloren, ging Stanislaus wortlos neben der
Schwester des Weges; und ihr Herz war hnlich erfllt wie das seine und sandte
stumme Fragen in das Dunkel, das ber jener Frau - wie ber ihnen selbst lag.

                                Drittes Kapitel



                                     Berlin

                                     Motto:

 Freiheit ist eine krftigere Herzstrkung als Tokayer.
                                                                   Schopenhauer.

Immer, wenn Olga nach Berlin gekommen war, so war ihr, wenn der Bahnzug die
uersten westlichen Vororte durcheilte, freier zumute geworden. Mit frhlichen
Augen hatte sie aus dem Fenster des Coups die Villenkolonien, die zur Weltstadt
gehren, begrt, und auch diesmal war dieses bekannte Wohlgefhl in ihr
aufgestiegen, als die Perrontafel mit der Aufschrift Gro-Lichterfelde mit
Eilzugsgeschwindigkeit am Coupfenster vorberraste und sie im funkelnden
Vormittagslicht jener sonnigen Oktobertage, an denen das Berliner Klima so reich
ist, drauen die Villen, die Grten, die freien Felder des Vorortes und die
dunkle Linie des Grunewaldes vorberfliegen sah.
    Wechsle den Ort und du wechselst das Glck, hatte Cousin Diamant
getoastet. Und wahrhaftig, sie konnte es brauchen. Gespannt, geqult, oft voll
mhsam unterdrckter Ungeduld, so war ihr in letzter Zeit immer fter zumute
gewesen. Und sie hatte oft das Gefhl gehabt, als msse sie irgend etwas
zerschlagen, etwas, das sie von ihrem Schicksal fern hielt, das ihr verwehrte,
sich frei den Dingen zuzuwenden mit dem Willen, das Gute in ihnen aufzufinden.
Und sie wute nicht, was es war. Der Gedanke, ihre gebundenen Willensgeister in
eine Sttte zu verpflanzen, wo sie sich freier tummeln, wo sie in irgendeiner
Weise ihrer Wirkung zuwachsen konnten, war immer strker in ihr geworden. So
hatte sie sich fr Berlin entschlossen. Eigentlich programmlos kam sie in die
Weltstadt, die ihr wie ein wunderbar weites Asyl fr die Obdachlosen erschien,
- fr die, die nicht in irgendeiner Tradition wurzelten, die keinem geliebten
Boden verpflichtet waren, die keine andere Nationalitt verkrperten, als die
des Weltbrgers deutscher Sprache und nichts wollten, als sich tummeln und ihre
Krfte regen. Bedrngt von Verwandtenfrsorge, beengt von schematischen
Konventionen, begrenzt und beobachtet, mitrauisch belchelt, zu Verformungen
gezwungen, die sie belstigten, - so hatte sie in Wien gelebt, und darum hatte
die Luft dieser als so anmutig und gemtlich geltenden Stadt sie bedrckt; und
immer hatte sie gedacht: da drauen im Reiche, in dieser groen Hauptstadt, da
sind die Wege weiter. Da finden sich Wge- und Prgesttten fr Willenskrfte,
und da kann man besser - untergehen, weniger begafft, wenn es zum Bestehen nicht
reicht. Mit derselben Gleichgltigkeit, mit der diese weite Stadt deinen
Untergang duldet, lt sie dir auch alle ihre Wege offen, die zu deinem Ziele
fhren. Rhre dich, werde oder vergehe, so spricht diese Stadt. Nicht wie jene
andere, die sie verlassen hatte, die da sprach: - friste dich ...
    Es war ihr geglckt, fr einige sterreichische Bltter zu zeitweiliger
Berichterstattung ber die deutsche Frauenbewegung, wenn auch auf unverbindliche
Art, aufgefordert zu werden. Sie sollte Versammlungen und Kongresse besuchen und
darber referieren. So unverbindlich dieses Engagement auch war, - es war doch
ein kleiner Verbindungsweg, der aus der Isolierung hinberleitete in die Flle
des Zusammenklangs sozialer Krfte und sie gerade hineinfhrte in die Sphre,
mit der sie sich durch Strmungen bedeutender Art verbunden fhlte. So war ihr
Programm dieses: uerlich die Wege zu suchen, die fr diese Bewegung die
wichtigsten Bahnen bedeuteten, genaue Kennerschaft auf diesem Gebiet zu erwerben
und so, neben uerer Ttigkeit, mehr und mehr auch zu innerer Deutlichkeit ber
ihre eigene Stellung zu diesem Phnomen zu gelangen, ber die Grnde ihrer
Auflehnung gegen so manches Dogma jener neuen Anschauung, welche mit der Frau
als einem selbstverantwortlichen und selbstttigen Wesen rechnete, und ber ihre
Ahnungen, die sie manchmal mehr beunruhigten, als befreiten. Der Schwerpunkt der
ganzen Frage schien ihr nicht im Brotkampf zu liegen, - wenn auch dieser Kampf
unvermeidlich war. Es schien ihr vielmehr, als bedrfte es einer sozialen
Gestaltung, die vor allem mit dem Muttertum rechnete, - freilich noch in einem
anderen Sinn, als dies bisher geschehen war, wonach die hohe, wirtschaftliche
Belastung des Mannes vorausgesetzt und damit die Frau zur Unfreien und Werbenden
gemacht wurde. Der Kern der ganzen Frage lag fr sie in dem noch ungelsten
Problem einer Vereinigung des der Frau, insbesondere der Mutter, notwendigen
Schutzes mit der ihr ebenso notwendigen Freiheit der Selbstbestimmung. In dieser
Synthese sah sie die wichtigste Aufgabe der Bewegung. Zag lagen diese Gedanken
in ihr, warteten auf das entscheidend Gestaltende, das ihnen Wachstum und
Deutlichkeit bringen sollte.
    Und dann war noch manches in ihr, das sie selbst betraf, so manche Unruhe,
von der sie sich hier frei machen wollte, mit all der Kraft, mit der sie das
Schicksal bedacht hatte. Da war die Angst vor der Armut, die sie sich selbst
kaum eingestand, die Angst vor irgendeinem obskuren Schicksal, das den Willen
kleinlich in eine Ecke drckte. Da war die Sehnsucht, irgend einmal festen Grund
unter die Fe zu bekommen, irgendeinen Platz im Leben deutlich zu besetzen,
irgendwo Zugehrigkeit zu erwerben, Besitzrechte, Pflichten. Sonderbar erschien
es ihr manchmal, da sie mit ihrem persnlichen Schicksal so vollkommen in der
Luft hing, da es sich ihr noch in keiner Weise geoffenbart hatte. Ihre uere
Existenz lastete auf den Schultern eines Greises; aber sie trug nicht die
finstere Sicherheit des Bruders in sich, die dstere berzeugung - zu erben. Sie
war lnger zu Hause geblieben als er und teilte seinen Optimismus ber die Lage
des Vaters nicht. Auch die fr ihre Grojhrigkeit versicherte Summe, deren
Zinsen ihr der Vater auszahlte, hatte er ihr nicht ausgeliefert; sie wagte
nicht, danach zu fragen, aber sie frchtete, da auch dieser kleine Betrag in
seinem Geschft angelegt war. Sie wute, da der alte Mann weniger und weniger
seinen Besitz mit der starken Hand zusammenzuhalten vermochte, die notwendig
war, ihn vor Rubern zu schtzen. Und so war immer die Bangigkeit in ihr,
vielleicht auch das Wenige zu verlieren, das sie bis jetzt hatte, ohne irgendwie
zur Selbsterhaltung gerstet zu sein, - in die typische Elendsituation der
allgemein gebildeten Frau gestrzt zu werden, die dann eine Stelle sucht, als
Gesellschafterin oder Erzieherin oder Kontoristin oder Reisebegleiterin,
die bettelnd vor den Wohnungen der Stabilen, Gesicherten steht, um ihnen
irgendwelche sehr ersetzbare und wenig notwendige Dienste zu leisten. Lhmende
Furcht berkam sie, wenn sie an solche Mglichkeiten dachte. Ach, - nur so viel
erringen mit freier Arbeit, um in einem Stbchen bescheidenster Art sich tglich
einmal satt zu essen, - aber frei bleiben, reinlich fr sich, ohne auf das
Sklavenbrot in fremden Familien angewiesen zu sein oder in der Tretmhle eines
Geschftshauses verbraucht zu werden.
    Neben dieser Angst vor der Armut berwallte sie so manches Mal ein heier
Gram ber ihr erdrcktes Frauenschicksal, dieses eisige Nichts, das ihre Wnsche
schwer umschlo, da sie hart und starr eingekapselt blieben, wie feste, grne,
unerschlossene Knospen, denen kein Sonnenstrahl dazu verhilft, sich zu ffnen
und zu blhen. Manchmal tauchten ihr Zusammenhnge auf, die ihr pltzlich die
Grnde dieser seltsamen Lage deutlich erscheinen lieen und die merkwrdig mit
jenen Ahnungen zusammentrafen, die ihr, unabhngig von ihrem persnlichen
Erleben, die tiefsten Motive der Frauenbewegung erhellten. Aber sie frchtete
sich, ber ihr persnliches Schicksal zu grbeln. Noch war sie stark genug,
diese dunkelugigen, dster umwallten Fragen fortzudrngen, wenn sie sich, wie
Phantome, an sie herandrngten. Noch war sie stark genug, zu sagen: rege dich,
rhre die Hnde, greife nach dem Nchsten, wenn diese Dmonen dich bedrngen.
Und sie schob sie immer wieder von sich, mit starker Hand, in der der Wille noch
wirkte.

Eine Menge peinlicher Beschwerden erwarteten sie bei den ersten Versuchen ihrer
Niederlassung. Mit ihren knappen Mitteln konnte sie nur schwer ein besseres
Mietszimmer finden, und in der Berliner mblierten Wirtin lernte sie eine
Spezies kennen, die sie bald frchtete. Da wurde jeder Handgriff, jede Kanne
heien Wassers, jede abgesplte Teetasse separat auf Rechnung gesetzt. Dann
mute sie Tag fr Tag ausgehen und in den Restaurationen nach billigen Menus
suchen, die noch immer fr sie viel zu teuer waren. Auch Stanislaus hatte erst
nach lngerem Aufenthalt in Berlin eine Stube gefunden, deren Wirtin ihm ein
geniebares Essen zu einem erschwinglichen Preise bot. Bei dieser Frau konnte
Olga nicht mehr unterkommen, auch liebte sie die Gegend nicht, das weite
Straenmeer von Charlottenburg mit seinen langen und breiten Straenzgen und
den riesigen Pltzen, bei deren berquerung man mde wurde. Viel besser gefiel
es ihr in den westlichen Villenvororten, und sie beschlo, so bald als mglich
in eines jener landhausartigen Mietshuser zu ziehen, die mit ihren einfachen
Fassaden und der raumgebenden, offenen Bauweise, welche zwischen Haus und Haus
Gartenflchen legt, so anziehend wirkten. Freilich war sie, wenn sie da
hinauszog, dem Tiergarten entrckt, in dessen Nhe sie vorderhand wohnte. Alle
ihre Wege nach der Stadt wie sie, nach Wiener Art, immer noch die Hauptstraen
Berlins nannte, nahm sie zu Fu durch den Tiergarten, und dieser groe,
wunderbare Park, der da mitten im Herzen der Weltstadt wie eine grne Zuflucht
liegt, entzckte sie, wie niemals eine Wiener Parkanlage. Sie liebte diesen
reichen, wechselvollen Baumbestand, diese gebogenen Fuwege, diese zahlreichen
Wasserflchen, die die Luft so zart, so durchsichtig und frisch erhielten, ja,
sie liebte vor allem diese Luft, dieses Klima von Berlin und besonders die
Atmosphre des Tiergartens. Und da er so mitten drin in der Stadt lag, schien
ihr das Schnste. Denn was hat man von einem Park, dachte sie, zu dem man erst
eine lange Reise unternehmen mu.
    Trotz ihres Alleinseins in ihren ersten Berliner Wochen fhlte sie sich doch
nicht einsam. Auch den Bruder, der mit der Fertigstellung seines Buches
beschftigt war, sah sie nur selten. Sie hatten verabredet, da sie vorderhand
voneinander nicht mehr Notiz nehmen wollten, als gute Bekannte, die zufllig in
derselben Stadt sind, da keiner dem anderen durch seine Anwesenheit
Verpflichtungen auferlegen sollte. Und er hatte ihr erklrt, da es mit der Zeit
hier in Berlin ein ganz anderes Ding sei, als in Wien. Die Menschen verteidigten
hier ihre Zeit viel schrfer. Durch die groen Entfernungen sei die Zeit hier
ein kostbares Gut, auf das man sehr gut achten msse, damit es einem nicht unter
den Fingern zerrnne. Die Leute, die hier arbeiten wollten, hatte er gesagt, die
sen nicht tglich nachmittags im Kaffeehaus und machten einander nicht
wchentlich ein paarmal Besuche. Mitten im Gewimmel verkapselt sich jeder, der
etwas leisten will, in eine viel dichtere Einsamkeit, als du es von Wien aus
gewohnt bist. - Und in diesen ersten Wochen dachte sie manchmal an den
pathetischen Pankratius, wie er mit seinem tiefen Ba weintrunken verkndet
hatte: Der moderne Prophet geht in die Wste der Weltstadt.
    Und so lernte sie es, allein zu sein und auch Muestunden allein zu
genieen. Neugierig durchstreifte sie manchmal die Straen und immer hatte sie
das frhliche Gefhl: allein, allein, - keine Seele erwartet dich, niemand
kritisiert deine Kleidung, findet dich zu wenig modern kostmiert, zu wenig
adrett, zu bequem. Du hast hier keine berflssige, zeit- und geldraubende
steeple-chase eines konventionellen Geschmackes mitzumachen, kannst hier
umherlaufen, wie du bist und als was du bist. Und sie summte so manches Mal,
mitten im Getriebe der Strae, ein altes Couplet vor sich hin, da sie drauen,
in Grinzing, von Volkssngern gehrt hatte:

Und sollte auch mein Hemd
Durch tausend Lcher schimmern,
So hat sich doch kein Mensch, - kein
Mensch darum zu kmmern.

Und sollte ich dereinst
Auch in der Hlle wimmern,
So hat sich doch kein Mensch, - kein
Mensch darum zu kmmern. - - -

Wenn sie ordentlich gebummelt und sich ganz berauscht hatte an diesem Gefhl der
Geborgenheit, das ihr die Fremde der Weltstadt gab, dann landete sie gern im
Erfrischungsraum eines groen Warenhauses, vergnnte sich da Kaffee und Kuchen
und setzte sich dann ins Lesezimmer des Hauses. Eine Menge Zeitungen standen da
zur Verfgung. Am liebsten sa sie am Fenster, - an einem jener hohen Fenster,
die von auen wie ohne Brstung scheinen, durchgehend aus Spiegelscheiben
bestehen, ber alle Stockwerke hinweg nur durch die Zwischendecken getrennt sind
und wie Schaufenster wirken. Dort sa sie, hoch oben im dritten Stock, bequem in
einen groen Klubfauteuil gedrckt, und blickte hinunter, in die jetzt schon
zeitig beleuchtete Strae, in der das Leben auseinanderflo und sich doch wieder
verknpfte, mit scheinbar nie stillstehender Hast und doch ohne Gedrnge, doch
geordnet, als wre hier alles auf Geleise geleitet, auf denen es seiner
Bestimmung und seinem Ziele zurollte. Diese groe, elegante Korsostrae des
Westens gefiel ihr gut, wie sie, von modernen Mietspalsten flankiert, breite
Trottoire bot, - Brgersteige hie es hier, - neben denen blanke Asphaltstriche
liefen, auf denen sich der Wagenverkehr mit gedmpftem Gerusch abwickelte, die
wieder von je einem Geleise fr die elektrische Bahn begrenzt waren; und ganz in
ihrer Mitte wurde die Strae zur Doppelallee, die auf der einen Hlfte ein
breiter Fupfad, auf der andern ein Reitweg war. Ein Ziergitter, von Weinranken
und roten Geranien umschlungen, wie man sie hier auch im Herbst noch als
hngende Riesenbuketts auf den Balkonen sah, zog sich, in geschmeidiger Linie,
zwischen den Bumen. Tunnelartige Hhlen, aus denen die Hoch- und
Untergrundbahn, die streckenweise unter der Erde blieb, aus der Tiefe heraufkam,
durchbohrten das Niveau der Strae. Wie herausgeschleudert aus der Versenkung
scho sie auf ihre Brcke hoch in die Luft, whrend ihr eine andere entgegenkam,
von der Hhe heruntersauste und unter dem Pflaster verschwand.

Von Stanislaus kam eine gute Nachricht. Sein Buch war vollendet, und er bat die
Schwester, jetzt ber ihn zu verfgen. Er hatte sie, solange er in diese Arbeit
versponnen war, auf sich selbst verwiesen. Nun war das Werk vollbracht, er war
erleichtert und lobte im Stillen ihre brave Zurckhaltung. Er bat sie nun, ihn
bald aufzusuchen. Sie war froh, sich ihm anschlieen zu drfen, und froh vor
allen Dingen, zu hren, da die groe Arbeit vollendet war.
    Stans Stbchen trug nicht mehr so sehr den Stempel des Provisorischen. Man
sah, da er hier schon lngere Zeit wohnte. Eine groe Bste Schopenhauers und
jenes Bildnis des schon mit Wahnsinn geschlagenen Nietzsche, mit dem
erschtternden, gebrochenen Blick, nahmen dem Zimmer seinen Charakter als
mbliertes Wechselquartier. Neben dem Nietzsche hing freilich ein gewhnlicher
Druck, der Die Jagd nach dem Glck darstellte.
    Warum hast du das dagelassen? fragte Olga.
    Stan lchelte. Ich habe eine Vorliebe fr primitive Genrebilder, die, in
populrem Geschmack, typische Vorstellungen veranschaulichen. So standen sie
beide vor dem Bild und besahen es gedankenvoll.
    Es htte wohl auch berritten heien knnen, meinte Olga.
    Das Ro, da das Glck trug und mit wehender Mhne und irrsinnigen Augen
dahinraste, lie Menschenleiber hinter sich und unter sich liegen, und mit den
Hufen seiner Vorderbeine berhrte es fast den stolzen Krper einer Frau, die
niedergestreckt, aber noch mit begierig erhobenem Arm, auf dem Boden lag.
    Stanislaus fhrte sie zu seinem Schreibtisch, einem bequemen Mbel, das
einen betrchtlichen Teil des kleinen Zimmers in Anspruch nahm, und zeigte ihr
freudig die ordentlich aufgerumte Platte.
    Da war bis vor wenigen Tagen ein Wirrwarr von Papieren und Bchern, an
denen nicht gerhrt werden durfte. Aber jetzt habe ich endlich - buchstblich -
tabula rasa gemacht. Heute habe ich gerumt, sagte er, und den Tisch
abgestubt. Das ist die Ernte, und er wies auf einen groen, sauber
aufgeschichteten Manuskriptsto, eine Maschinenabschrift seines Werkes. Und
hier, er deutete auf einen zusammengescharrten Haufen beschriebener und
durchgerissener Zettel, ist der Abfall. Weit du, was eine der - reinsten
Freuden des Schriftstellers ist? Das Zerreien und Wegwerfen dieser Zettel. Es
ist, wie wenn man ein Gerst einreien darf, weil endlich der Bau fertig ist.
Das hier, - er deutete auf den Papierkorb, - ist mein bester Freund. Und er
nahm den groen Sto zerrissener Zettel und stopfte ihn, mit vergngtem Lcheln,
seinem Freunde in den Schlund. Ich habe die gute Idee gehabt, erzhlte er,
mich auch in letzter Zeit von meinem Herrn im Grunewald, zu dem ich sonst fast
tglich gehe, um ihm vorzulesen, zu beurlauben. Und in den vierzehn Tagen, die
er mir als Pause bewilligt hat, konnte ich meinen Gedanken freie Audienz geben,
- eine feine Sache das.
    Hast du denn schon einen Verlag fr das Buch? fragte Olga.
    Ich habe beinahe abgeschlossen, erwiderte er.
    Sie setzten sich auf das ripsbezogene, grne Familiensofa, hinter den runden
Tisch, und er erzhlte von den Verlagsverbindungen, die er angeknpft hatte. Ein
polemisch-essayistisches Buch, wie das seine, war kein so beliebter
Verlagsartikel wie ein guter Roman. Und nun dieses Buch, das alle Torheiten,
alle Verirrungen der Moderne registrierte, - und das doch an ihre Zukunft
glaubte, aus dem neben einer Kritik, die die Stoffe fast mit chemischer
Przision auseinander lste, doch eine groe Liebe sprach, eine Liebe zu diesen
Ringenden, die an ihrer bergangsmission litten, - dieses Buch hatte es nicht
leicht.
    Nun wute er es in den Hnden eines vornehmen Verlages und sollte eine fr
seine Verhltnisse ansehnliche Summe als  Conto-Zahlung fr die erste Auflage
vorausbekommen. Diese klingende Anerkennung trug auch dazu bei, den sonst so
stillen Menschen in frhliche Laune zu bringen.
    Sie sprachen von den verschiedenen materiellen Aussichten der
Schriftsteller.
    Stanislaus meinte: Da kann man schn saubere Kategorien machen. Es gibt
Schriftsteller, die enorm verdienen. Dann gibt es solche, - die verdienen, dann
solche, die etwas verdienen - und zu denen gehre ich - dann kommt eine
Kategorie von denen, die wenig verdienen.
    Das ist also die letzte Schicht, meinte Olga.
    O nein, entgegnete Stanislaus, jetzt kommt Abschnitt zwei: da sind
erstens die, die nichts verdienen, aber auch nichts bezahlen. Dann zweitens die,
die viel bezahlen dafr, da ihre Werke gedruckt werden, und drittens endlich
jene, die, trotzdem sie bezahlen mchten, dennoch abgewiesen werden.
    Das ist ja eine prachtvolle Einteilung. Aber wie willst du alle diese Leute
nach ihrer inneren Bedeutung kategorisieren?
    Wenn wir jetzt fters ausgehen, mal abends ins Caf, wo ich Bekannte
treffe, da wirst du sie alle finden, - solche, die etwas zu sagen haben, was die
anderen angeht, was vielleicht die Zukunft angeht, andere, die nur dem Tag
geben, was des Tages ist, und wieder andere, die sich berhaupt nicht mitteilen,
die nur fr sich schreiben, unbekmmert um alles, was in der Zeit kmpfend
aneinander klirrt, die nichts brauchen von dieser Zeit, von ihr nicht belehrt
werden, ihr nichts zu geben haben und im Stbchen Blatt um Blatt fllen, mit
Eingebungen, fr welche sie selbst nicht das Interesse der Zeit anwerben,
zumindest nicht nach einigen erfolglosen Versuchen.
    Und du?
    Ich? Ich sehe mit sehr viel Interesse auf das Bild um uns, wie es sich
durcheinanderschiebt, verdichtet, ergnzt, auflst oder erneut. Und ich habe
Beziehungen zu diesem bewegten Bilde.
    Er bereitete den Tee, holte Tassen aus der Kommode, Olga deckte den Tisch,
und so saen sie, wie gute Freunde und echte Lebenskameraden, die es wohl
miteinander meinen, ihre Plne voreinander entwickeln, zusammen.
    brigens habe ich bei dem Verlag einen Menschen kennen gelernt, der mich
sehr interessiert und mit dem ich nun fters zusammenkommen werde. Er hat hier
Brot gefunden, - es ging ihm frher schlecht, - sehr schlecht. Sein Gesicht
verdsterte sich. Trotzdem wir eigentlich auf zwei ganz verschiedenen Lagern
stehen, hat er sich sehr an mich angeschlossen. Seit ich mit dem Buch fertig
bin, kommt er fast tglich abends, mich zum Spazierengehen abzuholen.
    Und ist dir das recht?
    Nun, ich kann viel allein sein; ich brauche die tgliche Aussprache
weniger, als dieser Mann.
    Und warum braucht er sie?
    Stanislaus lachte. Wenn du ihn erst kennen wirst, wirst du das nicht mehr
fragen. Und er berichtete ihr, was er von Werner Hoffmann wute. Trotz der
kurzen Bekanntschaft hatte der ihm nicht nur seine ueren Lebensschicksale
erzhlt, sondern ihm, mit leidenschaftlicher Eindringlichkeit, in die Konflikte
seiner Seele Einblick gegeben. Ein besonderer Kampf war es, der seine Krfte vor
allem beanspruchte. Eine scharf ausgeprgte Doppelseitigkeit der Instinkte
erschwerte ihm die planvolle Gestaltung seiner Gaben und den Ausbau seines
Lebens. Er, der jede Beschrnkung des Einzelichs, zum Wohl der Gesamtheit,
abwies, der am liebsten sagte: was habe ich mit der Gesellschaft zu tun, htte
persnlich jene Einrichtungen, die sich aus sozialisierenden Strebungen ergeben,
am ntigsten gebraucht. Stipendien und volkstmliche Sanatorien hatten ihm
wiederholt weiter geholfen, wenn er, wundgeschlagen, im Getmmel
zusammengesunken war. Aber er erkannte nicht die Zusammenhnge
gesellschaftlicher Vorkehrungen mit den Prinzipien der Behtung der
Persnlichkeit. Er nannte sich einen Ichlichen, der sein Sach' auf nichts
gestellt habe, - ohne zu wissen, wie sehr er selbst auf dem Boden stand, der
allen gehrte. In sozialer Reformarbeit sah er nur eine Verflachung des Daseins,
ohne die Ahnung, da die Gesellschaft diese Organisationen erschuf, - um dem
Einzelnen Luft zu machen. Widerspruchsvoll, wie in allem, hielt er sich fr
einen Einsamen - und entbehrte doch schwerer als sonst jemand, wenn er auch
nur einige Zeit lang ohne den Anschlu an hnliche blieb. Zweiseitig war er auch
in seinen Begierden. Ein fast fanatischer Trieb fhrte ihn zeitweilig zu
scharfer Selbstzucht und Bue, - zur bung wider sich, wie er es nannte, - zur
Askese; er zchtigte sich dann mit diesem Trieb, wie der Mnch, mit der
siebenfachen Knute. Dann wieder stieg die Verachtung vor solchem Unterliegen
in ihm auf, und nur der Herr schien ihm der Berechtigte dieser Erde, - nur
der, der kaltbltig den Genu als sein Erbe kassierte. So lockte ihn die
Verfhrung von ihren beiden entferntesten Polen, lie ihn unendliche Strecken
immer wieder neu durchmessen und narrte ihn mit zwiespltigen Schten. - In
diesem Sinn hatte er auch das Weib erlebt: bald suchte er den Dmon, der durch
Wollust vernichten und erlsen sollte, - bald sah er sein Ideal in der Witwe
im Sinne des Tertullian, - durch Glauben schn, durch Armut ausgesteuert, durch
Alter besiegelt, - weise, streng und fromm im unerbittlichen Lebensernst. So
schwankte er zwischen den Idealen von uerster Freiheit und strengster
berwindung und hatte in keinem Zustand ein gutes Gewissen.
    So erzhlte Stanislaus seiner Schwester. Es war dunkler geworden, die
Wirtin, ein alleinstehendes, altes Frulein, hatte die Lampe auf den Tisch
gestellt, und die Schwester verstohlen von der Seite betrachtet. Htte sie
ihren Mieter nicht als den solidesten mblierten Herrn gekannt, der jemals ihre
gute Stube bewohnt hatte, - sie wre mitrauisch geworden.
    Olga hatte der Schilderung ihres Bruders mit groen Augen gehorcht.
    Und sein Beruf?
    Seine Stelle als Lektor gibt ihm wenig Befriedigung.
    Warum bleibt er dann dort?
    Er war dem Verhungern nahe, als er endlich diese Stelle bekam.
    Und was ist er - eigentlich?
    Er unterbrach sein Studium der Philosophie, als sein Vater starb und ihn
arm zurcklie; er begann dann zu schreiben; aber trotzdem er sogar Beachtung
fand, - als einer, der das Wort eng und tief fate, - fristete er sich damit nur
eine Zeitlang; eines Tages konnte er nicht weiter, - erschpft, mit berhetztem
Gehirn, brach er zusammen.
    Erregt ging Stanislaus in der Stube auf und ab. Wer hilft einem
verhungerten Schriftsteller? Der Lohnarbeiter ist organisiert, hat Kranken- und
Streikkassen, klebt Marken fr Alter und Invaliditt; aber unsereins kann an
Hungertyphus zugrunde gehn, wenn der Betrieb mal stockt.
    Ich mchte ihn kennen lernen, sagte Olga.
    Er geht jetzt nur selten unter neue Menschen. Wie er sagt, fhlt er sich
momentan zu geschwcht, um sich an andern zu behaupten.
    Und er schreibt nicht mehr?
    Soviel ich wei, - kann er es nicht mehr.
    Kann er es nicht, da er es frher konnte? Sie sah den Bruder fragend an. -
Wie ist das zu verstehen? Hat er keine Ideen, keine Stoffe mehr?
    Im Gegenteil... Stanislaus schwieg, als suche er fr das, was er berichten
wollte, die eindringlichste Erklrung. Nachdenklich fuhr er dann fort: Im
Gegenteil; eigentlich ist Hoffmann zum Schriftsteller berufen; fast tglich
kommt er mit neuen Plnen, und zahllose Stoffe drngen sich im Vorbezirk seiner
Phantasie.
    Aber?
    Aber - da ist irgendwo ein Hindernis. Denn diesem Gedrnge steht - wie soll
ich sagen - eine Art von unnachgiebiger Hemmung gegenber, ein unbesiegliches
Unvermgen, sich dem Stoff auch nur zu nhern. Er mte, wenn er seiner
Tintenscheu berhaupt Herr wrde, unbedingt immer beginnen: Zgernd ergreife ich
die Feder.
    Und was geschieht mit diesen zurckgedrngten Ideen? Verpufft das alles in
nichts?
    Nicht ganz. Manchmal kommt es unter der Einwirkung von starkem Kaffee,
Nikotin, Menschen- und Zigarrendampf und einer auf die Nerven tastenden
Geselligkeit zur Entladung. Im Cafhaus turnen dann die Energien, und dem
Expansionsdrang des geistigen Gewebes wird da gengt. - - Ein solcher Exze,
vereinzelt, wre noch nicht schlimm; geschieht das aber regelmig, so treten
bald alle Merkmale einer schlecht funktionierenden Phantasie auf, - die entweder
leer ist, oder so berfllt, da sich ihr Inhalt verknuelt.
    Du sagtest da vorhin etwas von Tintenscheu, - wie meinst du das?
    Nun, zuzeiten laufen die Gedanken, - wenn man es unternimmt, sie bis zur
Spitze der Feder zu treiben, - auseinander, wie eine Schar Gnse, in die ein
Hund hineinspringt ... der Tintentegel wirkt dann so unheimlich, wie ein
Instrument der schwarzen Magie;... ein Zustand, den jeder Schriftsteller kennt;
- nur darf er, wie gesagt, nicht chronisch werden, und der Bann dieser Magie mu
sich rechtzeitig sprengen lassen.
    Olga dachte, da sie diese Angst vor der Tinte - was sie selbst betraf -
recht gut begreifen knnte; hatte sie doch immer ein Widerstreben dagegen, auch
nur die Hauptgedanken eines Vortrags aufs Papier zu bringen. Ihr Mittel war das
gesprochene Wort; aber bei einem, der schreiben wollte und sollte, mute das
doch anders sein.
    Vielleicht fehlt es deinem Freund vorbergehend an Stimmung, meinte sie.
    Stanislaus lchelte. Um sich selbst ganz zu besitzen, - also zur
produktiven Arbeit, - braucht man nicht so sehr eine besondere, positive
Stimmung.
    Was sonst?
    Ein gewisses Ma von Freiheit; und dies fehlt ihm.
    Du meinst Freiheit von - Bedrngnissen? Seelischen, moralischen und
vielleicht auch konomischen Bedrngnissen?
    Zgern sagte er: Ja, - ein gewisses Ma von innerer Freiheit braucht man.
Und leise, dumpf, fgte er hinzu: Vielleicht auch von sinnlichen
Bedrngnissen. Er schwieg, blickte nieder, und die Hand schob unruhig den
Teelffel am Tischtuch hin und her, da er leise gegen die Tasse klirrte.
    Es lutete. Drauen wurde die Korridortr geffnet, und gleich darauf
klopfte es an die Tr von Stanislaus Zimmer.
    Einen breitkrmpigen Filzhut tief in die Stirn gedrckt, in eine
Lodenpelerine gehllt, so trat der, von dem die Rede gewesen, ein. Er war nur
wenig ber Mittelgre und von gedrungenem Wuchs; das Gesicht war bleich,
lnglich, bartlos, und groe, dunkle, beinah kindliche Augen blickten sanft und
traurig unter dem weien Bogen der Stirn. Die Mundwinkel hingen ein wenig mde
herunter, und die breite Unterlippe schien beim Sprechen manchmal zu zittern.
    Stanislaus hatte ihm von der Anwesenheit seiner Schwester in Berlin erzhlt;
aber Hoffmann hatte das, nach Art stark mit sich selbst beschftigter Menschen,
berhrt. Nun begrte er sie unfrei und schien von ihrer Anwesenheit beengt.
    Stanislaus lenkte das Gesprch sogleich auf ein Gebiet, das einen Plan
betraf, den er fr Hoffmann ausgedacht hatte. Da dieser als Lektor eines groen
Verlages Gelegenheit hatte, eine Menge literarischer Arbeiten von Interesse und
Wert, die aber fr die nach festen Plnen begrenzten Ziele des Verlages nicht
geeignet waren, kennen zu lernen, so hatte ihm Stanislaus geraten, aus diesem
Material, das ihm da von selbst zuflo, solche Arbeiten auszuwhlen, die sich
unter einem besonderen Gesichtspunkt als einheitliche Serie sammeln lieen, und
diese Sammlung systematisch zu ergnzen. Er dachte an eine Ausgabe verschiedener
Kulturdokumente, die fr das Wesen der Epoche bezeichnend waren. Diese Serie
sollte etwa unter dem Titel Stimmen der Zeit fortlaufend erscheinen, und der
Herausgeber wrde so Gelegenheit zu einheitlicher redaktioneller Ttigkeit
finden und auch seine Einnahmen wesentlich vermehren.
    Hoffmann hatte im Cafhaus mit Interesse den Plan aufgenommen und darber
nachzudenken versprochen. Mit einer mden Handbewegung lehnte er nun ab. Wozu
noch eine Brockensammlung mehr, meinte er. Den Snobismus zu mehren, wird
gerade genug getan. Warum auch da mitmachen? - - -
    Solche Brocken, wie Sie es nennen, sind nicht immer das Schlimmste. Sie
knnen solchen, die von manchem Strom, der durch die Gegenwart drngt, erfahren
mchten, - ohne Zeit, oder Kraft, oder Schulung genug zu haben, zu allen Quellen
selbst herabzutauchen, - helfen, ihr Wissen in Parenthese zu ergnzen oder
anzuregen, und das ist schlielich kein bel.
    Eine Wirkung auf das Volk, die allein eine solche auszugartige Bearbeitung
des Materials rechtfertigen wrde, ist durch diese Publikationen nicht gegeben,
weil sie nur die Sprache der Informierten sprechen.
    berrascht blickte Stanislaus ber den Tisch in das bleiche, nervse
Gesicht. Seit wann wollte Hoffmann etwas fr das Volk?
    Ich staune ber ihre Verkennung der Wege der Wirkung, sagte er dann.
    Wieso?
    Nun, es gibt doch offenbar zwei solche Wege: den direkten, krzeren,
jheren; und den andern, - dessen Linien sich sozusagen serpentinenartig nach
unten verbreitern und der vielleicht die echtere Destillation verspricht. Sie
knnen direkt zum Volk sprechen, in seiner Sprache, - knnen es mit Resultaten
berfallen, ihm ausgefllte Werttabellen in die Hnde stecken; oder aber - der
andere Weg, der serpentinenartige: jeder Informierte spricht zu der ihm
nchsten Schicht, und sobald der Stoff nur die gehrige Beweglichkeit hat, -
dringt er weiter, tiefer, und nhert sich allmhlich der tiefsten und breitesten
Schicht des Volksbewutseins; und das, was auf diesem Wege endlich da hinunter
gelangt, - ist wohl eine Art Auslese in bezug auf Stokraft und Beweglichkeit;
was nicht so weit kam, blieb wohl oben - auf den Kehren - liegen.
    Mit Hoffmann horchte auch Olga, und in diesem Augenblick wurde ihr klar, da
auch das, was sie vielleicht zu sagen haben wrde, diesen weiteren, mhsameren
und gefhrlicheren Weg passieren mute.
    Hoffmann blickte ernst, und seine dunklen, tiefen Augen leuchteten in ihrem
sanften Glanz.
    Und doch geht auf dem andern, dem jheren, direkteren Wege - nicht nur der
derbere Tritt, sagte er.
    Sondern?
    Sondern auch die Liebe. Die ganz einfache, ganz direkte Liebe zu den
Massenhaften - zu denen, die da sind, - wie immer sie da sind.
    Und Sie, - seit wann wissen Sie von dieser Liebe? fragte Stanislaus.
    Ich wei von ihr, wie von einer unbegreiflichen Erscheinung. Kein greres
Wunder wei ich, als da es solche Liebe gibt.
    Olga beugte sich vor: Warum, - warum ist Ihnen Menschenliebe so
unbegreiflich, so wunderbar?
    Das ist sie, entgegnete er und blickte die Fragende voll an. So sehr ich
begreife, da man die Idee liebt, die Idee vom schnen und vollkommenen
Menschen, - so rtselhaft erscheint es mir, da es Herzen gibt, die warm und
hingebend schlagen fr das, was da ist, wirklich da ist, unschn und mangelhaft
da ist, - fr all das Unzulngliche und Elende. Und es gibt solche Herzen, -
Christus war - er ist kein Mrchen.
    Er schwieg, und seine Augen verschleierten sich tief. Dann fuhr er fort:
Auch das Unzulngliche lieben, - nicht nur sich seiner erbarmen, - nein es
lieben, - ohne Blindheit - in heller Erkenntnis - - das - das ist das
Mysterium.
    Und wie lt es sich, Ihrer Meinung nach, deuten, fragte Olga gespannt.
    Hoffmann dachte nach und sagte dann: Christus - oder unsere Vorstellung von
ihm - war vollkommen an Leib und Seele. Wre ich wie er, - ich liebte die
Elenden auch. Aber da ich das Unzulngliche, als mein eignes Erbe, schleppe, -
seine Lippen bebten, - wie kann ich es lieben? Beschftigt, beladen bin ich mit
mir, fuhr er fort, wie geqult, als msse er sich rechtfertigen, und dem
Grauen der Unendlichkeit steht fr mich nur eins gegenber - dieses: Ich bin.
Fr mich zumindest - bin ich.
    Stanislaus warf ein: Der alte, egozentrische Aberglaube; richtiger wre es,
wenn Sie weiter gingen und sagen wrden: ich - oder die Gattung.
    Oho!
    Jawohl, ich schmlere mich durch jede Abgabe an sie, - habe nichts zu
geben, - seine Stimme sank herab, - bin ein armer Teufel.
    Solch armer Teufel gibt es freilich genug, erwiderte Hoffmann, - und doch
ist Ihr Axiom falsch; pat nur fr das drftig Geborene ...
    Das ist durchaus nicht so sicher, wandte Stanislaus ein und blickte
bedchtig ber den schwarzumrnderten Zwicker hinber; Hirn und Keimplasma
bauen sich bekanntlich aus denselben Stoffen auf. Ein Mehr auf der einen Seite
bedingt darum nicht selten ein Manko auf der andern; und so wren es nicht nur
die Drftigsten, die in diesem Sinn wenig Tribut zu zollen haben.
    Olga glaubte etwas Entscheidendes sagen zu mssen; aber kaum wollte sie es
aussprechen, so verschlo ihr ein scheues Zgern den Mund; und so sagte sie nur:
Zumindest fr die Frau liegt die Frage so, - da auch die, die nicht
berreichlich - Tribut zollen will, - doch zur Erfllung ihres weiblichen
Dienstes gelangen mu; denn dieser Dienst ist Notwendigkeit, - und nicht nur fr
die Gattung, - auch fr sie selbst.
    Hoffmann hob seinen Blick zu Olga und lie ihn ohne Scheu auf ihr ruhen.
Seine anfngliche Beengtheit schien verschwunden. - Statt einer Antwort sagte
er: Wie alt sind Sie, Frulein Diamant?
    So unvermittelt kam die Frage, da sie in ihr Blut strzte, es aufjagte und
es hoch in ihr Antlitz trieb. Sechsundzwanzig; der Ton wurde, ohne da sie es
wollte und wute, - bang.
    Hoffmann sagte, wie zu sich selbst: So, so; ein Mdchen von
Sechsundzwanzig; ich dachte mir solch ein Mdchen anders.
    Olga raffte sich zusammen. Trotzig fragte sie: Und wie dachten Sie sich
solch ein altes Mdchen?
    Ernsthaft schttelte Hoffmann den Kopf. Nicht alt, o nein, das ist eine
falsche berlieferung; aber fertig, - im guten oder im schlimmen Sinn. Aber Sie
- Sie wollen ja erst beginnen?
    Sie warf den Kopf, mit den schweren, roten Haarmassen, tief atmend zurck
und fhlte pltzlich eine Welle ber sich hinfluten, die einen Augenblick alles
Schwere von ihrer Seele nahm. So ist es, flsterte sie, beginnen.

Stanislaus kam von zuhause. Es war gegen Abend, und die Gaslaternen wurden eben
angezndet. Langsam ging er, im abendlichen Zwielicht, die Kantstrae hinauf,
diese breite und lange Zeile, die geradewegs aus dem menschendichten,
wegeverknpfenden Berlin hinauszurennen schien, in die weite Mark.
    Er ging etwas vornber gebeugt, in schlechter Haltung - und mit schlecher,
sorgenvoller Miene. Er hatte noch keine neue Arbeit begonnen und ging viel
spazieren. Und seit einer Reihe von Abenden immer nach demselben Ziel. - Vor
einer eleganten Papierhandlung, - nicht mehr weit von der Einmndung der Strae
an jenem Punkt des Westens, der Am Zoo heit, - stand er still. Jeden Abend
stand er lange vor diesem von gelbem Bremerlicht grell beleuchteten
Schaufenster, in dem alle Utensilien seines Handwerks zwischen Luxusdingen, in
prunkvoller Anordnung, ausgestellt waren; hier waren hochaufgeschichtete
Briefkartons, glnzende, kristallene Tintenfsser, lederne Schreibmappen mit
blanken oder matten Metallbeschlgen, kunstvoll arrangiert. Auch heute stand er
vor diesem Schaufenster, warf aber, so oft er konnte, einen Blick durch die hohe
Spiegelscheibe der Ladentr, ins Innere des Geschftes. Er sah die groe,
berschlanke, blonde Verkuferin, im schwarzen, knappen Kleid, mit weien
Manschetten an den Hnden, hinter dem Ladentisch stehen, sah, wie sie lchelnd
einem Herrn ein Pckchen reichte, das Geld entgegennahm, auf die Taste der
automatischen Kontrollkasse drckte, und dem Kufer den kleinen Karton der
Quittung bergab. - Mit Augen, die ihm brannten, sah er, ber den Kneifer
hinweg, auf dieses Ladenfrulein, mit den flchtigen Zgen in dem zu kleinen
Gesicht, dem nur die weit gebauschte Haarfrisur normalen Umfang gab.
    Der Kufer trat aus der Tr, der Laden war von Kunden leer. Stanislaus trat
ein.
    Frulein Miezes Gesicht verzog sich, und sie erwiderte unfreundlich seinen
ergebenen Gru. Stanislaus lehnte ihr gegenber am Ladentisch.
    Darf ich Sie heute abend erwarten?
    Mutter hat jesacht, das Spazierenjehn auf der Dberitzer Heerstrae mu 'n
Ende haben.
    Ich habe Sie ja oft gebeten, mir die Ehre zu schenken und mit mir in ein
Restaurant zu kommen.
    Frulein Mieze lachte hhnisch. Das wre noch schner. Ein armes Mdel hat
nischt wie sein' Ruf, - und der wird nich besser vons Restaurangjehn.
    Er blickte sie wehmtig an.
    Warum sind Sie so scharf, Frulein Mieze? Sie wissen doch, da ich nichts
will, was Ihnen schaden knnte,... wir wollten uns doch ein wenig kennen lernen,
- nicht?
    Ich will Ihnen mal was sajen, Herr Doktoor.
    Nur Diamant, warf er ein.
    Wie Sie mir damals die scheenen Rosen schickten und dann selber ankamen und
mich dann abends zum Spazierenjehn holten, - da dacht ich mir auch nischt Bses.
Ich dachte mir, - der Mann hat ernste Absichten. - - - - - - Sie sah ihn
herausfordernd an, und als er schwieg und sie nur traurig anblickte, rtete,
sich ihr kleines, gelbliches Gesicht, und die hellen uglein blitzten zornig.
So'n Rumziehn habe ich nicht ntig, verstehn Se!
    Warum, Frulein Mieze, er suchte schwer nach Worten, - wollen Sie etwas -
das erst langsam, - nach und nach - werden kann - - bereilen?
    So! Nu wird's Tach!! Hat der Mensch Tne?! bereilen! Sie ahmte seine
Aussprache nach. - Da Sie's nur wissen, - mein Brutjam is zurckjekommen.
    Ihr Brutigam? Meinen Sie den jungen Mann aus dem Milchgeschft, von dem
Sie mir erzhlten?
    Jawoll, - der bei Bolle war. Er is vom Militr zurck und macht sich
selbstndig; er hat jeerbt.
    Stanislaus streckte ihr, mit freundlichem Lcheln, die Hand hin. Dann
meinen herzlichsten Glckwunsch, Frulein Mieze! Aber ist das ein Grund, bse zu
sein?
    Sie nahm seine Hand und hielt sie fest. Ich will Ihnen was sajen: ich htte
Sie - lieber jenommen wie den Aujust. Fragend sah sie ihn an.
    Er machte sacht seine Hand los. Ich kann Ihnen das, was Sie wnschen -
nicht versprechen.
    Adsch, Adsch, Herr Doktoor! kam es zornig vom Ladentisch.
    Adieu, Frulein Mieze. Er ging, gesenkten Kopfes, hinaus ...
    Auch dieser blonde Traum, wie er sein kleines Erlebnis vor sich selbst
genannt hatte, war nun auf grobe Art beendet. - - -
    Seine Wnsche, das wute er, fingen an, dunkle Wege zu gehn. Die geheime
Enthaltsamkeit, in der er lebte, - derer er sich wie einer Schwche schmte, die
er nur einem Bruder anvertraut haben wrde, wenn er einen besessen htte, - fing
an, ihn als etwas Unertrgliches zu bedrcken, - lockte ihn zu verwegenen
Freibeutereien, die seiner Art nicht entsprachen. In diesem Mann, der sich bis
heute des Weibes enthalten hatte, weil ihn der Unzucht gegenber unberwindliche
Hemmungen schreckten, - mangelnde Triebkraft nannte er es bitter vor sich
selbst, - glhte die Sehnsucht nach der letzten Erfllung.
    Abends nahm er sein Tagebuch vor. Er fhrte dieses Heft auf unregelmige
Art, schrieb niemals Tatsachen ein, sondern, zeitweilig, die letzten Gefhle und
Bekenntnisse, die ihm die Tatsachen vermittelten.
    An diesem Abend schrieb er: ..Mein Schmerz gilt nur unmittelbar der
Verfehlung meines eignen Lebens; in Wahrheit ist es der Schmerz des aus der
Reihe Geworfenen. Und so suche ich das strkste Willenserlebnis, - das mich ber
mich, als Einzelheit, beruhigen, mich von mir selbst, als isolierte Form,
erlsen und mich, mit meiner Person, in Reih und Glied stellen wrde ...
    Er warf die Feder fort, verwhlte die Hand in die berfallenden, langen
Haarstrhnen und starrte lange, grbelnd, vor sich hin.

                                Viertes Kapitel



                                    Menschen

 Trahit sua quemque voluptas.
                                                                         Virgil.

Olga ging durch die Straen des neuen Westens dem Tiergarten zu und wollte von
da zur Stadt. Sie ging zu einer ffentlichen Versammlung eines Bundes, dem sie
sich angeschlossen hatte. Diesem Bunde, der auf eine Vernderung der moralischen
Wertungen des Sexuallebens hinarbeitete, gehrten Mnner und Frauen in fast
gleicher Zahl als Mitglieder und Gste an, - intellektuelle Streiter, die die
Frage, fr deren voraussetzungslose Neudurchforschung sie sich verbndet hatten,
als die verhngnisvollste fr die Gesellschaft betrachteten. Die Gesetze der
geschlechtlichen Sitten, aus deren bung das menschliche Leben sich erneut,
unter zwei Hauptgesichtspunkten zu revidieren, - das war die Aufgabe, die sich
diese Vereinigung gestellt hatte. Diese fhrenden Gesichtspunkte galten dem Wohl
der Generation, der Rasse im weiteren, - den natrlichen Antrieben des
Individuums im engeren Sinne. Und die Fragen, die es zu erwgen galt,
untersuchten die Bedingungen, die der Bettigung des Trieblebens des normalen
Menschen in den Hochjahren seiner Zeugungskraft, innerhalb der gegebenen Ordnung
geboten waren, - die Schden und Leiden die sich aus der Miachtung und
Verformung dieser natrlichen Antriebe der normalen Geschlechtsnatur ergaben, -
so wie die Ziele, denen zuzustreben war, um dem einzelnen ein normales Schicksal
zu verbrgen und um der Gesellschaft die Erzeugung eines hochwertigen
Nachwuchses zu sichern.
    Alles ffentliche Durchsprechen sozialer Probleme hatte Olga bisher meist
unbefriedigt gelassen; sie hatte die letzte, rckhaltlose Ehrlichkeit, die dem
Menschen zeigt, was er wahrhaft ist, will und braucht bislang in allen
Vereinen vermit. Hier, zum erstenmal, war sie in einen Kreis getreten, der
sich, wie es ihr schien, um die Errterung auch dieser innerlichsten
Willensantriebe des Menschen und der Gesellschaft nicht herumdrckte. rzte,
Soziologen, Gelehrte, Schriftsteller und Dichter, Vertreterinnen der
Frauenbewegung und Mitglieder der gesetzgebenden Krperschaften, Knstler und
Laien, - sie alle waren im Bunde vertreten. Die Fragen der Ehe, der
Prostitution, des unfreiwilligen Zlibats, der Lage des Kindes, besonders des
unehelichen Kindes, des Schutzes der Mutterschaft, fr den der Bund vor allem
eintrat, und der ihm die groe Bedingung einer planmigen Zchtung vollwertiger
Lebensmassen bedeutete, - das waren die Fragen, die hier besprochen wurden, die
von hier aus weiter drangen, bis sie sich zu sachlich begrenzten Forderungen
verdichteten, zu denen Stellung zu nehmen, auch die Behrden sich immer fter
gentigt sahen.
    Unablssig hatten sich die Vorstellungsreihen, die fr Olga die
Frauenbewegung mit der allgemeinen Entwicklung verbanden, - gerade zu diesem
Problem gedrngt, auch ihr war es als der Mittelpunkt jeder sozialen Reform
erschienen. Denn hier handelte es sich um das Werden des Menschen, des Trgers
der Weltkultur, von dessen Beschaffenheit alles andere abhing. Die
Geschlechtssitten der Gesellschaft lieen ihn entstehen, darum, so war es ihr
immer erschienen, hing es gerade von diesen Sitten ab, wie die Welt selbst
wurde. Als sie von diesem Bunde hrte, hatte sie eine groe Freude erfllt. Hier
also war eine Gemeinschaft, innerhalb welcher sie aussprechen durfte, was
anderwrts befremdend und anstig gewirkt hatte, hier wurden diese groen
Fragen, als solche anerkannt, freimtig errtert und zu festen Zusammenhngen
verknpft.
    Von Zielfreude erfllt, war sie durch die Straen des neuen Westens
gegangen, vorbei an den Fassaden modernster Mietspalste, die mit ihrem
gedmpften Luxus, ihrem wohlabgetnten Putz den Straen dieses Viertels
stilvolle Einheit gaben. Um in den Frieden des Tiergartens einzutreten, mute
sie durch das dichteste Verkehrsgewhl, am Bahnhof Zoo vorbei, wo sich oben,
auf dem hochgelegenen Bahnsteig, Fernzge mit den Vorortzgen treffen, whrend
unten, auf dem Niveau der Strae, zahllose elektrische Linien sich kreuzen,
Automobile mit sausenden Sten ihr Benzin in Kraft verwandeln, die Berliner
Droschken in ihrem unbeirrbar gemchlichen Hottetrott auf ihre Art mit ihnen
konkurrieren und die Passanten sich auf Straenbergngen und Brgersteigen
drngen. Die weiten Prachtstraen, die den Berliner Westen mit Charlottenburg
und Wilmersdorf verbinden, gehen strahlenfrmig von hier ab. Drben aber, auf
der anderen Seite, wo die Grten den Verkehr in ruhigere Wege leiten, glht, mit
farbigen, eingelegten Kuppeln, bauchigen Trmchen, bizarren Schnrkeln, Pagoden,
fratzenhaften Emblemen und unperspektivischen, gyptischen Fresken, - ein Stck
Morgenland, in den Gebuden des Zoologischen Gartens. ber diesem bunt
aufeinander getrmten Gemisch steigt, schmal und hochgestreckt, fast kahl gegen
die orientalische Flle, der romanische Turm der Gedchtniskirche auf; und das
goldene Kreuz, an seiner Spitze, flammte im Schein einer kupferroten Wolke, die
auf dem schiefergrauen Himmel erglht war.
    Die herbstliche Abendsonne warf ihre Lichter auf die groe, ebene Flche
aufgeworfener Erde, die, mit Sand vermengt, ganz hellbraun erschien, und vom
Zoologischen Garten aus den Eingang zum Tiergarten bildet. Schon der Weg, der
noch an den Toren des Bahnhofs vorbei und eng zwischen Droschkenstandplatz und
dem Endgeleise der elektrischen Bahn hindurch fhrt, ist nicht viel mehr, als
ein sandig-erdiger Reitweg. Er weitet sich zu einer Art Riesenmange unter
freiem Himmel, die sich links, tief hinein, unter die Unterfhrungsbogen der
Stadtbahn streckt, rechts eine breite Allee zwischen die Bume des Tiergartens
entsendet. Hier wurde geritten, und die Fugnger hatten sich, beim bergang zu
der schmalen, dunklen Wasserstrae des Landwehrkanals, zwischen den geschickt
gelenkten, gut gepflegten Tieren der Reiter und Reiterinnen durchzuwinden. Diese
frhliche Kavalkaden, die da zwischen den schon entbltternden Bumen
hinsprengten, gefielen Olga. Voll Erquickung ging sie nun am Wasser entlang,
vorbei an der brausenden Schleuse, bei der Freiarchenbrcke, am Garten- und
Ltzowufer herunter.
    Ihr starkes Naturgefhl antwortete auf die zarten Reize dieser
Parklandschaft, und ihre Blicke nahmen alle Bilder mit seltener Eindringlichkeit
auf. Sie sah alles: die breiten, langen, meist mit Kohlen beladenen Khne mit
den kleinen berbauten am Bug, deren winzige, gardinenverhngte Fensterchen
verrieten, da die Schiffer hier ihre Wohnsttte hatten; die zierlichen Dampfer
mit den buntfarbigen Ringen um den rauchenden Schlot, - die einen, zwei und mehr
der breiten Khne durch den Kanal schleppen, bis hinaus auf die Wasser der
Spree, deren groe Biegung der Kanal verbindet. Sie sah, auf dem Wasser, die
buntgezeichneten Enten ihr Spiel treiben, und besonders ein Prchen fiel ihr
auf; er, herrlich von Gefieder, in Farben strahlend, sa still und vornehm
unbeweglich auf einem Fleck; sie, die Entin, graubraun wie ein Spatz, unterhielt
sich dicht vor seinem Schnabel auf besondere Art: immer wieder tauchte sie mit
Kopf, Hals und Brust senkrecht ins Wasser und streckte den Rest ihrer
Leiblichkeit, das breite Brzel mit den flossenhaften Pfoten, steil in die Hhe,
dem Gatten, der diesem Spiel mit vollendeter Ruhe zusah, dicht unter den
Schnabel. So tauchte sie aus und ein, wohl einhundertmal, - das Ende der
Prozedur war jedenfalls noch nicht gekommen, als Olga, nachdem sie eine Weile
dieser Gymnastik zugesehen, weiter ging. Und sie sah die Bume an, diese alten,
jetzt farbig belaubten, schon entbltternden Eichen, Ulmen, Buchen. Sie stand
still vor dem Stamm eines alten Prachtkerls von Baum und sah, zum erstenmal,
eine Rinde, die fast vollkommen regelmige, zylindrische Einkerbungen zeigte,
genau an; ja sie sah die Bschungen des Ufers, wie sie, niedrig und schrg
zurckweichend, bei der Freiarchenbrcke begannen und da noch ganz mit Rasen
bewachsen waren, wie sie aber immer hher und steiler wurden, der Rasen immer
mehr und mehr zurckwich und die glatte, steinerne Kaimauer darunter sichtbar
wurde, bis, von der Korneliusbrcke an, der Kanal nur noch zwischen diesen
schwarzen, steinernen Mauern durchflo, in denen ab und zu ein paar Stufen
sichtbar wurden, die von dem immer hher ansteigenden Promenadenweg zum Wasser
herunterfhrten.
    Und sie bog ab und ging ber die Brcke, tiefer hinein in den Tiergarten. Am
Neuen See war es, an dessen sich immer wieder biegenden Ufern sie jetzt ging.
Sie war mde und strebte einer Bank zu. Sie wute, da sie um jene Ecke herum
eine finden wrde, beschleunigte ihre Schritte, wandte sich, wie der Weg es
wollte, - stand vor der Bank.
    Die war besetzt. Und der darauf sa, den kannte sie.
    Er sprang auf und stand vor ihr, in seiner ganzen Lnge. Sie? Einen
Augenblick war die Erinnerung angstvoller Zeiten schreckhaft in ihr aufgefahren.
    Warum nicht?
    Was - fhrte Sie - hierher?
    Nichts. Mich fhrt seit langem nichts. Aber manchmal jagt es mich - von
irgendwoher nach irgendwohin.
    Und knnen Sie - so beliebig gehen, wohin Sie wollen?
    berallhin, wo man sich nachts mit der Geige ernhren kann.
    Noch immer - das?
    Was sonst?
    Sie gingen nebeneinander her. War es die Friedensflle der Landschaft, die
sie so eindringlich aufgenommen hatte, und die jetzt diese dunklen
Gefhlswellen, die in ihr aufgestiegen waren, in sich zusammensinken lie, da
sie wesenlos zerflossen?... Er erkundigte sich nach ihrem Leben hier, und sie
berichtete. Sie sagte ihm sogar, wohin sie ging, - zu der Versammlung des
Bundes; und, wie einst, hrte er ihr mit verstehender Fhlung ihres Wesens zu.
Die Erquickung des milden Abends erfllte beide, und es war vielleicht im
gleichen Augenblick, da die beiden Menschen wuten, da hier ein banges Stck
Vergangenheit von einer neuen, vernunftstarken Gegenwart hochgehoben,
umgewandelt und zu einem brauchbaren Stck Leben verndert worden war.
    Als sie sich, am Ende des Tiergartens, zu Beginn der Bellevuestrae, die, an
den modernsten Hotelpalsten vorbei, in das Innere des Westens zum Potsdamer
Platz fhrt, trennten, waren sie sich klar geworden und hatten es ausgesprochen:
da sie sich wieder sehen wrden und da sie es durften; da das Alte nimmer
aufleben wrde und konnte, - da aber eine gute Freiheit zwischen ihnen war, die
die Fremdheit hob und ihnen gewhrte, einander sonder Scheu zu berichten, durch
welche Tage ihre Wege sie fhrten.

An diesem Abend nahm sie an der Diskussion teil, trat zum erstenmal in Berlin
als Rednerin auf. Man kannte in der Frauenbewegung ihren Namen. Sie griff in
einer Art in die Polemik ein, die nicht gewhnlich war; gerade an jenen Stellen
des Referates, - das ein hollndischer Gelehrter ber das Problem des
Neomalthusianismus gehalten hatte, - gerade an jenen Stellen, welche
mehrdeutiger Auslegung unterlagen, setzte sie ein, hob das einzig Wesentliche
heraus, trassierte mit schnellen, krftigen Zgen die unausgesprochenen
Voraussetzungen und Folgerungen des Vortrages und leitete so, aus
materialreicher Flle, zu den reinen Linien der Idee, der diese Flle nur
Gewandung gab. Sie sprach, - im Gegensatz zu der gewhnlichen Art der
Rechtlerinnen - vollkommen phrasenfrei, beinahe nchtern; ihr groes und doch
gedmpftes Organ, das glatt, schallend, mhelos den Saal beherrschte, diente ihr
wie ein willfhriges, zureichendes, nie versagendes Instrument. Sie gewann,
sowie sie das Podium betrat, auch an physischer Persnlichkeit. Die Gestalt, in
einem dunkelblauen Kleid von modernem Reformschnitt, den sie erst in Berlin
genau kennen gelernt hatte, schien krftig und beweglich; das Gehuse des
Kopfes, unter dem Minervahelm ihres kupfernen Haares, zeichnete sich in
bedeutenden Konturen; die dunklen Augen, die bei der ersten Anregung des
Sprechens aufleuchteten, sich dann mhlich tief umflorten, bekamen eine Art von
glubigem Ausdruck.
    Am Schlu der Versammlung lernte sie die fhrenden Personen der Bewegung
kennen: neben ihnen auch andere. Ein vornehmes Ehepaar fiel ihr auf, das mit
drei blhenden, schnen Tchtern zwischen 16 und 22 Jahren hier anwesend war;
dann eine alte, kleine Dame, die auf Krcken ging; sie erzhlte ihr von ihrem
Sohne, der mit seiner Frau in einem Dorf in den Appeninen lebt; er sei
Schriftsteller. Sie, die Mutter, hatte sich bis zu einer schweren Krankheit, die
sie der Bewegungsfreiheit beraubte, niemals wesentlich um Fragen der
Allgemeinheit bekmmert; sie war frher leidenschaftliche Skatspielerin gewesen;
aber als sie nicht mehr ihre gewohnten Wege gehen konnte, mehr als ein Jahr
gelhmt ans Zimmer gefesselt war und die frheren Skatgenossen ausblieben, da
habe der Sohn, der damals noch zu Hause war, sie mit Bchern versorgt, die ihr
Interesse fr diese Fragen so geweckt hatten, da sie nun, in ihren alten Tagen,
fast einen neuen Lebensinhalt gewonnen hatte; der Sohn selbst hatte sich einer
ihm heiligen Dreieinigkeit verschrieben: seiner Frau, - Italien - und der
Dichtkunst, vor allem der Lyrik, die er fast ausschlielich pflegte. Frau
Ullmann erzhlte das alles in ihrer schnellen, etwas monotonen Art, whrend sie
schon das schwarze Kapotthtchen auf dem sprlichen Scheitel hatte, und sich
fest auf ihre Krcken sttzte. - - - Eine Dame von brunlichem Teint,
gelbgefrbtem Kraushaar, kleiner Gestalt, mit Geschmack gekleidet - Frulein
Gerber - stellte sich Olga als Kampfgenossin vor.
    An der Plauderstunde im Caf, die den Abend beschlo, nahm noch ein
Reichtagsabgeordneter, ein freigesinnter Pastor, und der Vortragende selbst
teil, - ein seit Jahren in Holland ansssiger Deutscher, mit
scharfgeschnittenem, grauhaarigem Charakterkopf. Nicht mehr mit ins Caf
gegangen war die Vorsitzende. Diese alte Frau war es, deren Erscheinung Olgas
tiefstes Interesse wachgerufen hatte, seit sie sie zum ersten Mal in dieser
Vereinigung erblickte. Erst heute hatte sie Frau Dr. Wallentin persnlich kennen
gelernt. Sie mochte von den Siebzig nicht mehr weit sein; die zarte, fast
mdchenhafte Gestalt war in ein schwarzes Samtkleid gehllt, das in antikem
Schnitt an ihr herabflo; weie, beinahe jugendliche Arme sahen aus den weiten
rmeln hervor, nur an den Hnden sah man das Alter wieder. Die grogeschnittenen
Zge waren von dem erfllten Blick leuchtender, blauer Augen durchstrahlt;
silbrigweies Haar fiel, in langen Locken, frei auf die Schultern herab. Diese
Frau, die Vorsitzende des Bundes, war die Gattin eines verstorbenen Forschers,
Dr. Wallentin, Weltreisenden und Entdeckers unbekannter Erdstriche, gewesen. Sie
war die Mutter dreier Shne, von denen nur einer in Berlin war und zeitweilig
mit seiner Frau, einer schwedischen Dichterin, im Bunde erschien. Die beiden
anderen Shne, - der lteste, der als Soziologe einen bedeutenden Ruf hatte und
der jngste - befanden sich, wie man hrte, auf einer Weltreise, deren Zweck
nicht bekannt war. Die Gattin des ltesten Sohnes, Frau Lucinda Wallentin, lebte
in Berlin, stand aber den Bestrebungen ihrer Schwiegermutter und ihres Gatten so
fern, wie nur irgend denkbar; sie fhrte ein Haus, in dem lediglich
formalsthetische, sowie okkulte und mystische Interessen gepflegt wurden. Die
Wallentins galten als reich, und Mutter und Shne verwendeten, so hie es, ihre
Mittel vor allem fr ihre groen, sozialpolitischen Plne.
    Ihre aktive Teilnahme an der Versammlung brachte Olga in Beziehung zu all
diesen verschiedenen Menschen und erweckte ihr Interesse an ihnen in hohem
Grade.
    Am Ende der Tafel, die durch das Aneinanderrcken einiger runder
Kaffeehaustische entstanden war, sa, zwischen Frulein Gerber und einer Dame,
die eindringlich, ja fast aufgeregt auf ihn einsprach, der hollndische
Professor. Obwohl er eine verbindliche Miene beibehielt, rckte er doch
unbehaglich auf seinem Platz hin und her und lie den Blick ber die
Tischgesellschaft wandern, als erwarte er von da Ablsung von seinem Posten.
Denn sowohl Frulein Gerber, die mit slichem Lcheln, das keinen Moment von
ihren Lippen wich, da sa, als auch die andere Nachbarin lieen den Gast keinen
Augenblick locker. Whrend aber Frulein Gerber meist persnliche Bemerkungen,
in Form schmeichelhafter Phrasen, von sich gab, sprach die Dame, die sich an der
anderen Seite des Professors niedergelassen hatte, ber das Thema des Abends mit
dem Rstzeug einer Ausdrucksweise, die einen wissenschaftlichen Anklang hatte;
besonders solche Ausdrcke, die dem Gebiet der Physiologie entnommen waren,
wendete sie hufig an. Sie war den meisten der Anwesenden nicht bekannt, hatte
sich als Frau Dr. Bergmann vorgestellt. Offenbar war sie der Vorsitzenden nicht
fremd, da ihr Frau Dr. Wallentin beim Verlassen des Versammlungslokals
freundlich die Hand gedrckt hatte. Sie unterschied sich von den anderen Damen
wesentlich durch ihre Kleidung. Denn whrend die meisten der anwesenden Frauen
im Stil der neuen Frauentracht, die von Berlin aus langsam ihren Weg ins Gebiet
der konventionellen Mode nahm, gekleidet waren, - farbensatte Stoffe trugen, von
einem Grtel unterhalb der Bste gerafft, deren Blusenteil hufig mit jenen
neuartigen, dichten Handstickereien, in farbiger Seide oder in metallischen
Borten, bedeckt war, die diesen flieenden Gewndern den Eindruck leichter
Konfektion benahmen, - trug Frau Dr. Bergmann einen schweren, grauen Lodenrock,
in dem eine gewhnliche, herrenhemdartige, gestreifte Bluse steckte, dazu einen
steifleinenen Stehkragen und einen schwarzen Ledergrtel. Auf dem Kopf, um den
das natrlich gekruselte, hellbraune Haar herumstand, sa ein grnes
Jgerhtchen, dessen kurzflgeliger Federnschmuck hinten hochstand und der noch
jugendlichen Frau mit den nicht unsympathischen Zgen einen Stich ins Komische
gab.
    Frau Dr. Bergmann hatte sich am Schlu der Versammlung auch Olga vorgestellt
und nickte ihr nun wiederholt mit der Miene einer alten Kameradin, die ihrer
Befriedigung mit ihr Ausdruck geben wollte, zu. Olga sa am anderen Ende des
Tisches mit dem Ehepaar, das ihr mit seinen drei schnen, lebhaften Tchtern
aufgefallen war, - es war die Familie eines Hamburger Grokaufmanns, der sich
ins Privatleben zurckgezogen hatte. An derselben Ecke saen auch das
Reichstagsmitglied und der graubrtige, revolutionrgesinnte Pastor. Olga
wunderte sich ber die vertraulich erscheinende Art, mit der ihr Frau Dr.
Bergmann zunickte, und betrachtete, von ferne, interessiert ihr Gesicht. Aus dem
Oval sprang eine Nase heraus, die sich stark zum vorgerckten Kinn herabbog;
auffllig war eine kleine Unregelmigkeit der braunen Augen, deren eines ein
wenig hher sa, auch etwas kleiner war, als das andere. Diese Augen verrieten
eine Unruhe, die der freundlich lchelnde, schmallippige Mund nicht zu
besttigen geneigt schien. Die Muskulatur der einen Gesichtshlfte, in der das
grere, tiefergelagerte Auge sa, war etwas krftiger entwickelt, als die der
anderen. Trotz dieses Mangels an Symmetrie war das Gesicht nicht ohne Reiz.
    Kurz vor Abgang der letzten Vorortzge brach die Gesellschaft auf. Man sagte
sich drauen, vor dem Portal des groen Cafs, in dessen Slen sich die Menschen
noch stauten, Adieu. Der Potsdamer Platz war berfllt vom Verkehr; ein dnner,
linder Regen fiel, und der nasse Asphalt glnzte in der Lichtflut.
    Olga strebte an der Kreuzung der Kniggrtzer Strae mit dem Potsdamer Platz
ber den Fahrdamm.
    Drben angelangt, bedachte sie sich einen Augenblick, ob sie in eine
elektrische Bahn einsteigen sollte. Aber nach dem langen Aufenthalt in den
rauchigen Slen, war das Bedrfnis nach frischer Luft zu stark in ihr. Sie
beschlo, aus dem Trubel heraus, in die ruhige Tiergartenstrae abzubiegen und
zu Fu zu gehen. Sie wohnte in der Nhe des Ltzowplatzes, den sie durch den
Tiergarten auf gutbeleuchteten Wegen erreichen konnte. Whrend sie durch die
kurze, verbindende Bellevuestrae ging, vorbei an den glnzend erleuchteten
Hotelvestibulen, schien es ihr, als folge ihr jemand mit leichten, eiligen
Schritten dicht auf dem Fu. An der Ecke, an welcher die Bellevuestrae in den
Tiergarten einmndet, gerade da, wo sich vor etwa sechs Stunden Koszinsky von
ihr verabschiedet hatte, war es, da sie von hinten ihren Namen rufen hrte.
    Frulein Diamant! Es war eine Frauenstimme, in hohem, scharfem Diskant,
die sie anrief. Die Stimme betonte und verlngerte das i und hackte, nach
norddeutscher Art, die Vokale ohne verbindenden Hiatus scharf auseinander, so
da es klang Dii-amant.
    Die Angerufene blieb stehen, wandte sich um und fand sich Frau Dr. Bergmann
gegenber.
    Ich bitte Sie, - - mich nicht der Dreistigkeit zu zeihen, - aber es drngte
mich, Ihnen Aug' in Aug' gegenberzustehen; auch haben wir, denke ich, ein gut
Teil Weges gemeinsam.
    Zeihen - - Aug' in Aug - - Olga fielen sowohl die Stimme als auch diese
Wendungen auf.
    Frau Dr. Bergmann trabte nun, die Hnde in die schrgen, tiefen Taschen
ihrer Lodenjoppe versenkt, ohne Schirm, mit ihren kurzen, eiligen Schritten
neben ihr her. Olgas Einladung, mit unter ihren Schirm zu kommen, lehnte sie ab.
Sie bediene sich nie eines Schirmes.
    Als ich Sie heute sprechen hrte, begann sie nach kurzer Pause, - - da
hatte ich den Eindruck: voil, hier steht ein Mensch.
    Olga wute nichts zu erwidern, und Frau Dr. Bergmann fuhr fort.
    Und weil ich nach einem Menschen - - drste, so sagte ich mir, - - eh bien,
Erika, fasse Mut! - - Und darum bin ich jetzt hier, - neben Ihnen. Sie legte
den Kopf auf die Seite und wandte Olga, mit eindringlichem Lcheln, ihr Gesicht
zu, so da sie im Schein der Gaslaterne das Flackern ihrer Augen sehen konnte.
    Ihr Interesse an Frau Dr. Bergmann wurde durch deren Bemerkungen nicht
gerade verstrkt. Die manirierte Art ihrer Ausdrucksweise empfand sie als
peinliche Reizung ihrer Nerven, die sie nach dem lebhaften Abend mit besonderem
Unbehagen erfllte; sie htte jetzt gerne Ruhe gehabt. Aber es wre ihr ganz
ungehrig erschienen, irgendeine Seele, die sich, um menschlichen Anteil
bittend, an sie wandte, abzuweisen. Und so sagte sie: Es soll mich freuen, wenn
ich Ihnen ntzen kann.
    Ntzen - - o du grundgtiger Gott! Ich brauche keinerlei Nutzen von irgend
jemand.
    Der Verkehr von Menschen, der fr alle Teile ganz nutzlos bleibt, kann wohl
als sinnlos und berflssig gelten.
    Da haben Sie recht, meine sehr Verehrte, rief Frau Dr. Bergmann lebhaft
und es klang aufgeregt, bestrkend. Ja, ja, - - selbst eine Beziehung, die der
ganzen Welt sinnlos scheint, braucht es nicht zu sein, wenn - - wenn - - dieser
heilige Nutzen fr die Seele da ist, von dem Sie wohl sprechen; o davon wte
ich viel zu sagen, - - viel, viel.
    Da Olga schwieg, fuhr sie fort: Und gerade Ihnen mchte ich das alles
sagen, - - denn Sie, - - Sie unter allen, werden verstehen, was den anderen -
ber den kleinen Horizont geht.
    Ich bin dessen nicht ganz so sicher, meinte Olga, als wolle sie sich den
Bekenntnissen, die nun offenbar folgen sollten, entziehen.
    Aber vergebens. Frau Dr. Bergmann kam jetzt in immer strkere Erregung, sie
schien sich an ihren eigenen Worten zu entznden, - beinahe gewaltsam, als wolle
sie sich Gehr und Verstndnis erzwingen, rttelte sie an der Zurckhaltung der
anderen: - - - - - Das einfache Wesensgeschehen - - da eine Frau einen
Menschen findet, - - bei dem sie das Gefhl hat - - da er ihr das Paradies,
Leben zu erschlieen vermag, - - da sie zu diesem Manne strebt, - ohne Besinnen
- - unter vollstndiger Preisgabe von allem, was sie bisher besa, - - da sie
an die Macht ihres Willens unfehlbar glaubt,- da sie ihre Liebe hegen will,
solange ein Atemzug in ihr ist - - solange noch eine Nervenfaser in ihr vibriert
- - da sie glaubt, ja wei - -, hier zuckte ihr Gesicht, wie vom Krampfe
verzerrt, - - da er dieser Liebe folgen mu, - - das - das ist es, was die - -
Geringen, - die Kreaturen des Alltags - - nicht begreifen wollen, - - wofr sie
sie geqult haben, mit lcherlichen Fragen. - - Und angstvoll drang sie in sie
ein: Aber Sie - - Sie begreifen?!
    Es ist nichts Neues und nichts Unbegreifliches, da eine Frau, um der Liebe
willen, alles preisgibt, was sie bisher besa.
    Sehen Sie, - - sehen Sie - - ich wute, Sie wrden mich verstehen!
frohlockte Erika.
    Aber - - Sie sagten da etwas von der Macht des Willens, - derer es bedarf,
da der Mann dieser Liebe folge, - - und das ist mir nicht ganz klar, meinte
Olga.
    Er wird, - - er wird, - - er mu ja, stie die andere hervor.
    Er mu, - wie ist das zu verstehen? Will er denn nicht dasselbe wie Sie?
Unwillkrlich war sie stehengeblieben. Der Regen rauschte auf die Bltter der
Bume nieder.
    Unruhig warf Erika den Kopf zurck. Ach Gott, - - da sind diese Fragen,
die mir so - - so berflssig erscheinen.
    Verzeihen Sie - aber wenn Sie selbst sich so weit mitteilen, - so sind
solche Fragen wohl unvermeidlich.
    Vergeben Sie, - o vergeben Sie! Sie haben ganz recht! Ich meinte nur, - ein
Weib von Delikatesse bedarf nicht erst der Versicherung eines Mannes, - - da -
- er - - sie liebe.
    Nicht in Worten, gewi nicht, - - aber in Taten.
    Auch das nicht.
    Olga sah sie erstaunt, beinahe erschrocken an.
    Geheimnisvoll, im Flsterton, fuhr Erika fort: Ein grogeartetes Weib - -
wissen Sie - - wird hingehen - - wird ihm tief ins Auge blicken - - wird
vielleicht - - sagen: - - ich liebe Sie, - - die Stimme hob sich wieder zum
schrillsten Diskant, - - ich liiiebe Sie - - und mu darum meinen Mann und mein
Kind verlassen.
    Und was ist's mit dem Manne, dem diese Frau ihre Liebe auf solche Art
bekennt?
    Erika zuckte scheinbar gleichmtig die Achseln, aber aus ihrem gehetzten
Blick kroch Qual ber ihr ganzes Gesicht. Er, mein Gott - - er handelt, wie ein
Mann seiner Art eben handeln mu, er - - er - - es schien, als grabe sie
angstvoll in sich selbst nach, - - und dann kam es wieder, geheimnisvoll und
berzeugt, von ihren Lippen: Er prft mich.
    Wodurch?
    Ja sehen Sie, eine andere wrde - - wankend werden, wenn - - wenn er - - so
tut - - als - - als ob er nichts von ihr wissen wollte ... aber nicht ich.
    Wenn er was tut?
    Nun - - wenn er sich scheinbar nicht um mich bekmmert ...
    Wie? Sie haben Mann und Kind verlassen, und er bekmmert sich nicht um
Sie?
    Offen - - darf er es nicht. Aber, sie blickte sich scheu um, - - Sie
mssen wissen - - er verliert mich nicht aus den Augen.
    Wo und wie verkehren Sie mit diesem Manne?
    Ich verkehre nicht direkt mit ihm, - aber, - - aber, er lt mich stndig
beobachten. Wieder blickte sie sich um, aber weit und breit war niemand zu
sehen. - - Oh - - das habe ich herausbekommen!
    Und ihn selbst, - - wann sehen Sie ihn?
    Er sieht mich nicht, - - er begegnet mir nicht ... das - - das ist ja eben,
- die Prfung.
    Tief betroffen wandte ihr Olga den Blick zu. Worauf bauen Sie? fragte sie
gespannt.
    Auf die Macht meines Willens, sagte Erika mit funkelnden Augen. Oh, ich
werde ihn zwingen. Unablssig sende ich ihm - - Strmungen - - meines Willens.
    Was hat er Ihnen gesagt, - - damals, als Sie Ihre Familie verlieen,
beharrte Olga.
    Ach, - - das kmmert mich nicht, sagte Erika in wegwerfendem Ton, aber
ihre Stimme zitterte. Er tat natrlich, als wre er sehr erstaunt ber meinen
Entschlu, - - redete Worte, die nichts bedeuteten, - - ich htte auf ihn keine
Hoffnungen zu setzen, - - sagte meinem Mann, meine - - Ideen - - wren ihm
unbegreiflich, - - und er habe mit alledem - nichts zu schaffen ... aber was
kmmert mich das? stie sie leidenschaftlich hervor. Und hartnckig fuhr sie
fort: Ich wei ja doch, da das nur Prfungen sind. Habe ich sie alle
bestanden, - - ein fanatisch verklrter Schein kam in ihr Gesicht, - - dann
wird es angefahren kommen, - das Glck.
    Olga hatte begriffen. Sie schlug nun die einzige Methode ein, diesen
Vorstellungen auf den Grund zu kommen, - sie fragte mit ernsthafter
Sachlichkeit:
    Warum glauben Sie das?
    Weil ich das Glck ersehnte, wollte, - -, - - wie ein Verhungernder die
Nahrung, - - all die Jahre lang. Ich wartete darauf in meiner Ehe, - - ich rief
es! Ich gebar vier Kinder, von denen eines lebt, - - aber ich hungerte und
suchte; eines Tages fand ich, was ich suchte und sagte mir: jetzt ist es Zeit.
Um alles zu gewinnen - - mute ich alles wagen, - alles aufs Spiel setzen.
    Wollte - - ergierte - - suchte - - wagte ... Olga verstand nun ganz. Eine
Gewalttat am Schicksal, eine Erpressung an der Vorsehung, das war es, was sich
ihr enthllte. Wie mute die Bue sein, die auf diese Tat gesetzt war! Und
pltzlich tauchte, wie eine Vision, das Bild einer anderen Frau vor ihr auf, - -
die nichts ergierte, die nichts tat, was das Verderben lockte, - - die trug und
wartete. Eva Nestors Bild stand pltzlich vor ihrem inneren Auge.
    Erika fuhr indessen fort, von den Prfungen zu erzhlen, die ihr auferlegt
seien. Der Geliebte - - er wre ihr scheinbar nie nher getreten als ein
gewhnlicher Bekannter - - tat, als kmmerte er sich nicht um sie, aber sie
wute - oh, sie wute!... In harter Mhsal verdiente sie sich, seit sie ihren
Mann verlassen, als Kontoristin ihr Brot; aber davon wolle sie Olga ein andermal
erzhlen. - Und wenn er ihre Liebe noch hundertmal strker auf die Probe
stellte, - ihr sollte es nur recht sein. Oh, da sie leiden durfte, um ihrer
Liebe willen, - - das war ihres Daseins bitterse Wonne.
    Wortlos folgte Olga den exstatischen Ausbrchen dieser modernen Griseldis.
    Sie waren nun an der Friedrich-Wilhelm-Strae angelangt, die von der
Tiergartenstrae zum Ltzowplatz hinauffhrt. Olga blieb einen Augenblick
stehen, um auszuruhen. Sie sah die nchtlichen Portale der Villen, die Grten,
deren gelbes, regennasses Blattwerk hinter den eisernen Gartengittern raschelte;
sie sah die Biegung der einsamen, regenglnzenden Strae, ber welcher die hohen
Bogenlampen schwebten, und das tiefe Dunkel des Tiergartens, das, wie ein
schwarzer Wall, die Strae auf der anderen Seite begrenzte. In all seinen
Einzelheiten drang das nchtliche Bild in ihre Seele. Schweigen war ringsum. Nur
oben vom Ltzowplatz drang gedmpftes Wagenrollen bis hierher.
    Das Gesicht der Frau Erika Bergmann war bleich, und ihre Augen irrten
unstet. Das grne Htchen hatte sich verschoben und sa ein wenig schief auf der
Seite. Schweigend gingen sie bis zum Ltzowplatz. Als Olga in eine Seitenstrae
einbog und bald vor dem Hause stand, in dem sie wohnte, sagte ihr Frau Erika
Bergmann in ihrem hohen, scharfen Diskant Auf Wiiiedersehen - - und mit ihren
kurzen, eiligen Schritten trabte sie, in Nacht und Regen, davon.

Eines Tages erhielt Olga einen Brief aus Dresden, mit unbekannter Handschrift.
Als sie den Umschlag ffnete, fielen zwei dichtbeschriebene Bogen heraus. Die
Schrift, die diese Bltter bedeckte, war dick, fast ohne Haarstriche, die
Buchstaben enganeinander und steil. Der Brief war von Werner Hoffmann.
Stanislaus hatte ihr krzlich erzhlt, da er in einem Sanatorium in der Nhe
Dresdens sei; eine schwere Erschpfung hatte ihn gezwungen, um einen Urlaub
einzukommen. Auf Empfehlung eines Arztes war er in der Anstalt unter Bedingungen
aufgenommen worden, die ihm den Aufenthalt da ermglichten.
    Der Brief trug keine berschrift.
    Ich mu sprechen und wissen, da ich gehrt werde. Darum schreibe ich. Wenn
ich alles gesagt haben werde, was in dieser Stunde zu sagen ist, - dann werde
ich nachdenken, ob ich auch adressiere - und ich werde es sehr schnell wissen.
Auf die Gefahr hin, eine falsche Adresse gewhlt zu haben, werde ich den Brief
dann absenden.
    Das wird kein Liebesbrief, dazu ist meine eigene Verwirrung zu gro.
Verwirrung im Felde der Voraussetzung, - Verwirrung im Gebiete der Objekte. So
sieht die Sache erkenntnistheoretisch aus. Aber aus dem Mannigfaltigen und
Hemmenden wchst das Einfltige und Eindeutige und treibt und schiebt zur Tat.
Es wchst der Wunsch; mit ihm nicht - der Mut. Natrlich wage ich nichts, - was
sich nicht, im gegebenen Falle, als miverstndlicher Unsinn deuten liee, wert,
einer freundlichen Ofenflamme berliefert zu werden.
    Und doch ist es eine Tat. Hervorgelockt aus dem grotesken Gestrpp der -
Begier ist ein kleines, schwaches, schlechtes Wort. Aber Wunsch nach jenem
Zustand, in dem Ich berwunden wird. Da es gelnge, - da es vernichtet wrde.
Ich ist ein sonderbares Ding: immer allein und doch tausendfltig gebunden.
    Vielleicht reizt Sie das Problem?
    Ein Wort der Erwiderung erbitte ich. Denn hat je einer weniger gelogen als
ich? Man sage mir ein Wort. Und sei es nur - Sei still mein Freund - wenn man
nicht sagen kann:

Hier blht das schwere Schweigen, -
Hier findest du, was dich dir nimmt.
Hier wallt, in rotem Purpur,
Vergessenheit und blickt dich an,
Zerstubt zu Millionen Krften,
Lst sie dein Schicksal von dir ab,
Trgt es dahin, von wo es kam. - -

                                          Natrlich Ihr sehr ergebener Hoffmann.

Nachschrift vom Tage:
    Frau Baronin v. Kellenberg wird Sie aufsuchen; sie hat ihre Gedichte unserm
Verlag angeboten. Ich sende Ihnen mit gleicher Post das Manuskript. Mein Urteil:
eine respektable Kraft, im Rhythmus der Nchternheit, die letzten Wnsche der
Exstase ausdrcklich zu machen. Ihre Meinung, bitte!
    Nach zwei Tagen erwiderte Olga:
    Es gibt Briefe, denen man es ansieht, da sie erst nach zehnmaligem
Versuche der Abfassung entstanden sind. So verrterisch war mir der Ihre. -
    Was man sucht, glaube ich zu erkennen: Man sucht eine brauchbare Form. Form
sein, heit Weib sein, - zugegeben. Aber diese Form erwartet einen bestimmten
Inhalt, - der das Gewebe ihrer selbst durchdringe und erflle, ohne da es
Strung, Zerstrung bedeute; der also vom selben Stoff sei, wie sie, nur
flieender, fllender. Vergessenheit - ldt mich nicht ein. Fr mich ist -
Deutlichkeit. Nur was deutlich in mir ist, gibt mir Flle. Ich will nicht
taumeln, - will gehen, mit sicheren Schritten und offenen Augen; will wissen.
Verwirrung im Felde der Voraussetzung, ja der Objekte? - - - Das ist, als trge
ein werdender Keim schon sein Todesbewutsein in sich. Und doch - eine Tat?
    Aber Sie verdienen Freundesvertrauen. Und so hren Sie denn das Bekenntnis
meines frmmsten Glaubens: Ich glaube, da es eine Stunde geben kann, die das
Ich, - dieses tausendfltig gebundene und einsame, - aller seiner Bande
entbindet, - die es frei macht, fr immer. Das ist die Stunde, in der es dem
einzigen Genossen begegnet - dem Zugedachten - und ihn erkennt, in voller
Deutlichkeit. Aber ich glaube nicht, da zu dieser Stunde und ber diese Stunde
ein ebener, grader Weg fhrt, - das mit dieser Begegnung und mit dieser
Erkenntnis auch ein Besitz verbunden sein msse, der aus zweien wahrlich eines
macht ... Wre ich theosophisch veranlagt, - ich hoffte auf die immer
wiederkehrende Begegnung, bis, auf hherer Bahn, die Wege sich so einen, da es
kein Verlieren mehr gibt.
    Aber ich hoffe nicht - in diesem Sinne. Nur da Begegnung mglich sei, -
wenn auch ohne Erfllung - das ist mein Glaube. Und ich wei auch, - das andere,
- das Allzuirdische: da Hunger und Wegemdigkeit ihre Rechte verlangen ... und
Kompakte schlieen heien.
    Dies, was ich Ihnen zu sagen habe. Ich lese die Gedichte der Baronin;
verweile gern auf den Worten, solange ich die Bltter vor mir habe.

Leben Sie wohl und ruhig.

                                                                  Olga Diamant.

Darauf kam noch ein Brief:
    Ich bin froh, wenn ich an Sie denke! Nicht wie in die rote Glut, nicht wie
in ein Chaos zuckender Blitze, - nein, - wie in ein helles, weites, edles
Gemach, so blicke ich in Ihre Seele. Vielleicht werde ich bald schuldig werden
an Ihnen. Verlassen Sie mich nicht - wie immer es sein wird zwischen uns! Ich
mag Sie nicht verlieren, - wie immer es sein mag zwischen uns. Sie drfen mich
nicht verlassen, - denn ich bin ein Unglcklicher, einer der am Lichte der Sonne
und an den Freuden des Weibes schuldig wird, schuldig an seinen Liedern,
schuldig an seinen Kssen.
    Aber meine Wnsche sagen ja. Und meine Wnsche kssen Sie. Und bald werde
ich sagen: hier bin ich. Ich bin nicht die Begegnung, - nein. Aber ich bin ich,
und ich bin hier - werde ich sagen.
    Leben Sie mir wohl, Liebe, Schne. Ich komme bald, denn ich sehne mich nach
Ihnen. Meine Leiden haben mich demtig gemacht, darum kssen meine Wnsche nur
scheu Ihre edlen Hnde.
                                                                Werner Hoffmann.

P.S. Die Gedichte der Baronin senden Sie, wenn Sie damit fertig sind, bitte
direkt an den Verlag; ich habe die Annahme veranlat.

So war sie, wie es ihr Geschick schien, die Freundin der Umhergetriebenen, der
Unbehausten, derer, die, wenn auch nur im Schatten eines fremden Daches, rasten
mchten. War es die Wirkung ihres eigenen Schreitens, ihrer gebndigten Kraft,
die diese Zusammengebrochenen anzog, die die Entgleisten und Ausgesprungenen mit
wrmendem Frieden fllte?
    Sie fhlte sich ihnen gegenber bettelarm. Was konnte sie ihnen geben, - was
wollten sie von ihr?! Eine schmerzliche Neigung, gemischt mit einem herben
Verzicht, verband sie mit diesen Zerstrten. Einem Heilen, einem Ganzen, einem
glcklichen Starken begegnen und sich ihm verbnden drfen, - das war die
Sehnsucht, von der ihre stillste Stimme sprach. Und dieser Stimme galt ihr
bewuter Verzicht.
    Koszinsky besuchte sie. Es schien ihr, als wre sie fr ihn die
Reprsentantin einer Schicht, fr die er verloren war, zu der durchzudringen es
ihm an gengend unnachgiebigen Antrieben mangelte. Whrend seiner
Zigeunerfahrten waren sie gebrochen worden. Mit dem selbstndigen Sprsinn des
weiblichen Gemtes fhlte sie das sehr bald deutlich; sie fhlte, ohne da er es
aussprach, da er von ihrer Weiblichkeit nichts mehr fr sich erwartete, noch
begehrte. Ihre einstige nahe Begegnung lag zwischen ihnen wie eine Brcke, die
um eines lebhaften Gewssers willen geschlagen worden war; der Flu aber war
versiegt, seine Quellen waren verschttet, - nur die Brcke war noch da. Und sie
fhrte immerhin ber die Niveauhhe des gemeinen Tages und wlbte sich gangbar
ber die trockene Erdflche, die das einstige Fllein ihrer Liebe mit
lebendigem Gepltscher erfllt hatte.
    Sie wute, da die wenigen Stunden, die er bei ihr zubrachte, fr ihn
friedvoll waren, und sie gnnte sie ihm. Aber nur, wenn ihn whrend dieser Rast
nichts an sein eigenes, dunkles Dasein mahnte, bewahrte sie fr ihn den Frieden.
Er kam wie einer, der sich von einer ihm nicht zugnglichen Welt erzhlen lassen
will, - der der beste Hrer und ein kluger Versteher ist, ohne von sich selbst
auch nur ein Geringes preiszugeben. So war er das gerade Widerspiel zu Hoffmann,
der, von sich selbst bermchtig erfllt, formende Aufnahme suchte. - Wre ein
anderer vor jeder Berhrung seines Schicksals so zurckgewichen, wie Koszinsky
es tat, - es htte ihr Mitrauen erregt und sie zu gleicher Verschanzung
gemahnt. Hier aber wute sie, da es das Hoffnungslose war, das sich scheu vor
Berhrung barg. Seine Augen, deren Flackern stiller wurde, wenn er lngere Zeit
bei ihr sa, entzndeten sofort, wenn sie an das gefhrliche Thema seiner
Existenz auch nur rhrte, ihre unruhig tanzenden Funken. Das gefate Lcheln
verschwand, der Mund wurde hilflos und eckig. Sie solle ihn nicht verscheuchen,
- indem sie ihm helfen wolle, - um Gottes willen nicht! Er sprang auf und
begann in dem kleinen Stbchen, da er mit seinen langen Schritten schnell
durchma, hilflos, wie ein gefangenes Tier, auf und nieder zu gehen. So war es
gewesen, als sie ihm einmal, mit gutbedachten Worten, zuzureden begann, da er
versuchen mge, seine musikalische Kaffeehausexistenz durch eine andere
abzulsen.
    Was soll ich Ihnen darauf antworten? fuhr er geqult auf.
    Warum Ihnen das so unmglich scheint. Sie sprechen mehrere Sprachen, Sie
knnten eine Stellung suchen, wo Sie die verwerten knnen, - vielleicht vorher
noch etwas Kaufmnnisches dazu lernen -
    Buchhaltung, Stenographie, - wie Ihre famose, davongerannte Erika, wie?
Sie hatte ihm von ihr erzhlt. - Den Kontorstuhl drcken, - da wre ein Heil,
- was?
    Sie schwieg, traurig. Und sie brachte es fertig, ihm unter der schwersten
Bedingung, die einem Weibe gestellt ist, ihre Gte zu wahren: wissend, da sie
sie einem gab, ber den sie jede Macht verloren, zu dem weder Wunsch noch Rat
von ihr einen Weg hatten. -

Meine Liebe und Verehrte! Haben Sie die Gte und lassen Sie mich auf
einliegendem Bogen wissen, ob ich den morgigen Nachmittag mit Ihnen verleben
kann. Es wrde mich ber die Maen freuen, dies im Anschlu an ein
interessantes, wenn auch nicht schmerzloses Ergebnis tun zu drfen. Morgen ist
nmlich mein letzter Scheidungstermin. Auerdem trifft es sich glcklich, da
ich im Kndigungsmonat bin und gleichzeitig eines rheumatischen Anfalls halber
Krankenurlaub geniee. So habe ich sattsam Zeit, erstens fr meine
Privatangelegenheit, und zweitens fr Sie, meine sehr Verehrte! Meine neue
Stellung, die ich auf Grund von neunundsechzig beantworteten Annoncen errungen
habe, scheint leidlich zu sein. Vielleicht ist sie sogar angenehm. Nur zu lange
Bureauzeit, - von morgens 1/2 8 bis abends 1/2 8, in einer Orgelfabrik in
Lichtenberg. (Kennen Sie es? In der Richtung Hoppegarten - Osten!) Mein
Wohnungsumzug dahin wurde opportun. Und so kam es, da ich nicht eher Zeit fand,
mich hier bei Ihnen zu prsentieren; die Stellungsuche, dann der Umzug,
dazwischen die Verhandlungen mit Herrn Dr. Bergmann belegten mich mit Beschlag.
Sogar meine Passion litt unter diesen turbulenten Strungen, - miverstehen Sie
mich nicht, ma chrie, nicht die groe Passion, jamais de la vie, - die kleine,
ich meine mein Geklimper. Mein Handgelenk war steif vom Schreiben der Offerten,
und meine Fe waren wund gelaufen. So wurden sogar meine allmittglichen und
allabendlichen Etden vernachlssigt. Sollte ich Sie morgen, gegen 4 Uhr
nachmittags, nicht antreffen,
    so bin ich,
    nach wie vor -
    mit herzlichsten Gren von Haus zu Haus
                              Ihre allerergebenste
                                                                 Erika Bergmann.

P.S. Rckporto einliegend. -
    Est-ce que je pourrais venir vous prendre, sinon demain, - - dimanche
prochain? Toute  vous.
                                                                           E.B.

Wenn Koszinsky von Olgas neuer Freundin hrte, so murmelte er immer, mit
spttischem Gesicht, vor sich hin: Die ffin halb, halb Heldin war. Und indem
er sie auf diese Art boshaft zu einer neuartigen, mythologischen Erscheinung
machte, traf er beinahe das Richtige.
    Es ist das groe, lemurische Zwischenreich, dem sie angehrt, warf Olga
hin, in Erinnerung an jenes letzte Gesprch mit dem Wiener Cousin. Und, da er
eine Erklrung forderte, gab sie sie:
    Es fehlt irgendwo - an entscheidender Stelle - ein entscheidendes Etwas.
Irgendeine Kraft, die zur vollen Bewltigung einer hheren Lebensform unbedingt
ntig ist, ist nicht da, oder nicht gengend entwickelt; darum ein Versagen an
wichtigen Stellen; dabei eine absolute Auflehnung gegen primitivere -
gewhnlichere - Daseinsformen, die als berwunden empfunden werden. - - - So
ungefhr verstand mein Cousin Art und Schicksal jener Schicht, die er lemurisch,
gespenstig, halbffisch nannte.
    Also eine Rckbildung - bis in die Nhe vom Gorilla?
    Falsch verstanden. Unter den Ganzaffen, die noch hinter den Lemuren zu
denken sind, meinte er natrlich nicht unsere braven, zoologischen Ahnen.
    Sondern?
    Sondern die berwundene Brgerschicht, - deren nchste Fortsetzung, jene
intellektuell Gesteigerten sind, bei denen aber die wichtigsten Impulse, die zur
Orientierung der ganzen Art unentbehrlich sind, - noch nicht im gleichen Grade
mit gesteigert sind.
    Und was wrde das alles bedeuten? Denn kein Sein ist ohne Bedeutung.
    Vorderhand: ein Sichaufbrauchen zwischen zwei Existenzstadien.
    Und nachher?
    Sie sah gedankenverwoben vor sich. Ihre Augen bekamen einen nebligen
Schleier.
    Es mu einen Weg geben aus diesem - Zwischenreich, sagte sie suchend,
einen Weg, der wahrhaftig - ja wahrhaftig - hinausfhrt.
    Und wohin sollte dieser Weg wohl fhren?
    Erstaunt sah sie ihn an. Wohin anders als zum Menschen? - Zum gesteigerten
Menschen? - - - Wohin anders?! - - -
    Und der neblige Schleier ber ihrem Blick zerteilte sich, und ihr Auge
strahlte klar.

Erika war als junges Mdchen bei einem lteren Arzt und Witwer als Erzieherin
seiner Kinder im Hause gewesen.
    Nach kaum einem Jahr hatte ihr der stattliche Herr, der sich den Sechzig
nherte, Herz und Namen geboten. Stabsarzt Dr. Bergmann war eine echt
militrische Erscheinung, gro und massig, mit vollem fleischigen Gesicht, das
die etwas ins Bluliche spielende Rte des Zechers zeigte, weien
Bartkoteletten, schwer und stapfend im Tritt, mit einer Atmosphre um sich, die
an einen leichten Dampf und an den Geruch von Juchten erinnerte. berzeugt, da
sie seinen Antrag als unverhofft glckliche Wendung ihres Gouvernantendaseins
betrachte, hatte er ihre Antwort kaum abgewartet und sie gleich bei seiner
Werbung krftig an sich gezogen.
    Whrend der folgenden Monate, in denen die junge Frau Stabsarzt ihr Kind
erwartete, glaubte auch sie an das unverhoffte Glck. Zwar entsprach der
massige, ltliche Herr nicht ganz den Trumen, die ihr in ihrer Mdchenzeit das
Bild des knftigen Gatten umwoben hatten. Da er um 35 Jahre lter war, als sie,
bengstigte sie ein wenig. Aber sie war schon bange gewesen, ihr Frauenschicksal
zu versumen ... Mit all ihrer Begier nach dem Wunderbaren erwartete sie nun
das Kind. Es kam, - und kam zu frh und starb, nachdem es wenige Tage in
knstlicher Wrme vom rauhen Leben abgesperrt gehalten wurde, an den Folgen
eines Luftzuges. Eine zweite Schwangerschaft endete mit einer Fehlgeburt, eine
dritte brachte ein drftiges Geschpfchen, das drei Jahre seine Mutter in Atem
hielt, bis es seinen Geschwistern folgte. Dann kam noch ein viertes Kind, ein
kleines Mdchen. Es wurde mit Widerwillen empfangen und ausgetragen und in
Erbitterung geboren. Aber es fristete sich am Busen einer kernigen Amme weiter
und blieb am Leben, ohne da seine Mutter sich wesentlich um seine Existenz
mhte.
    Indessen begehrte der Fnfundsechzigjhrige noch immer Zutritt zur Tr
seiner Frau. Aber whrend sie sich seiner greisen Begier berlie, arbeitete die
mihandelte, schwer vergewaltigte Phantasie mit krankhafter Hartnckigkeit ein
Bild aus, da der malos gereizte Glckshunger gewaltttig ins tatschliche
Schicksal seiner Trgerin projizierte. Zug fr Zug erweiterte sie dieses
Tableau, schweifte dabei umher, glcksbegierig, lebenshungrig - und suchte das
Modell fr die Hauptgestalt. Einen jungen Arzt, der auf der Flche ihres Lebens
irgendwo auftauchte, erwhlte sie sich endlich. Sie stellte ihn an den groen,
freien Platz in ihrem Bild - und sich selbst, in entsprechender Pose, daneben.
Ganz im Bann ihrer Manie, begann sie jetzt die Aktion. Aus der Welt des Wahnes
ging es nun heraus in die der harten Tatsachen, - zum gewaltsamsten Zusammensto
mit der Wirklichkeit.
    Er begann damit, da sie pltzlich jeden Zusammenhang mit der Familie
unertrglich fand. Sie sperrte sich stundenlang ein, lie sich ihr Essen auf ihr
Zimmer bringen. Die bloe Nhe ihres Mannes verursachte ihr physische Strungen,
- sie konnte, wie sie sich ausdrckte, das Essen, das sie in seiner Gegenwart
einnahm, nicht mehr verdauen. Eines Tages war sie entschlossen. Unter Mitnahme
ihrer geringen Ersparnisse verlie sie das Haus. Dann trat sie vor den
unfreiwilligen Helden ihrer Trume und sagte ihm unverzagt: Ich liiiebe Sie!
    Da der Erwhlte sich gegen jede Beziehung zu ihr verwahrte, strte nicht
den Ablauf ihres Wahns.
    Frohlockend erzhlte sie Olga, an die sie sich mit derselben Energie
anschlo, mit der sie ihre Liebe gegen alle Bedenken verteidigte, - wie seine
Boten und Spher jeden ihrer Schritte bewachten. Der Geliebte sorge auch dafr,
da sie ihn nicht vergesse. - Wie er denn das mache? fragte Olga. Nun, - sie
wurde ernst und geheimnisvoll - heute sei ihr ein Mann gefolgt, der ihm
entschieden hnlich sah. - Was sie denn damit sagen wolle? - Nun, das sei doch
klar zu durchblicken. Er sei reich, fr Geld sei alles zu haben, und so habe er
Sorge getragen, einen Detektiv ausfindig zu machen, der ihm hnlich sei, - damit
sie sich seiner erinnere, wenn sie jenem begegnete .... Ein andermal zeigte sie
einen Brief vor, den sie an den Geliebten geschrieben und der mit dem Vermerk
Retour, nicht angenommen an sie zurckgelangte. Sehen Sie, sagte sie
leuchtenden Auges, - das hat er selbst geschrieben, - damit ich seine
Handschrift sehen soll ...
    Und diese Frau war nicht wahnsinnig, wie Olga zuerst glaubte; ihr Geist war
- bis auf dises eine, geheimnisvolle Gespinst, das ihr verfehltes, schwer
ldiertes Frauenschicksal in ihrem Hirn erzeugt hatte, - nicht umnachtet, ihr
Orientierungsvermgen nicht gestrt. Wunderbar aber war, was aus dem
erschtterten Boden dieser Seele, aus der undmmbaren Lava ihres Wahnes, die
sich aus den Tiefen undurchdringlich und schwarz ber sie gebreitet hatte, - an
Tatkraft erwuchs. Gerade jenes Kampfes, in dem sie sich als Heldin bewhrte,
schien sich Erika am wenigsten bewut. Es war ihr Kampf um Brot, von dem sie
Olga zwar mit der gewohnten, freundlichen Bereitwilligkeit auf ihr Befragen
berichtete, den sie selbst aber nur als nebenschlich, - als eine kleine
Schwierigkeit, die eben zu bewltigen war, - betrachtete.
    An jenem Nachmittag, zu dem sie sich angesagt hatte, - an dem sie vor ihrem
letzten Scheidungstermin kam, beide Arme mit Blumen fr Olga beladen, die die
Freude ber ihre Freiheit ausdrcken sollten, - berichtete sie, in bester
Laune, und in einer Darstellung, die die scharfe Beobachtung nicht verkennen
lie, von den kleinen Plackereien, mit denen sie zu schaffen hatte, seit sie
dem Gehege der versorgten Ehefrau, vollkommen ungerstet, entsprungen war.
    Ganz unvermittelt begann sie, nachdem sie sich an einer Tasse Tee gelabt
hatte, von der Anomalie ihrer linken Gesichtshlfte zu sprechen.
    So wurden die Hexen dargestellt, bemerkte sie, nicht ohne Stolz, - auch
groe Knstlerinnen zeigen zuweilen solche Unregelmigkeiten. - Haben Sie mal
ein Bild der Lagerlf gesehen? Nun, da finden Sie das eine Auge in derselben
Art, wie bei mir, ein wenig hhergestellt. Und dabei lugte sie in den Spiegel
und funkelte ihr eigenes, pikantes Hexengesichtchen herausfordernd an. Aber ich
bin auch linkshndig, fuhr sie fort und verrhrte mit der Linken den Zucker in
der Teetasse, - wie die meisten knstlerisch begabten Menschen oder doch
solche, die - mit knstlerischen Anfechtungen - sie zgerte und schlo dann,
mit munterer Entschiedenheit, - sagen wir belastet sind. Und Ihre -
Belastung?
    Ich habe eine unglckliche Liebe zum Klavier, - das ist meine kleine
Passion; und sie berichtete, da sie, trotz ihres Mangels an Zeit, regelmig
in den zwei Stunden ihrer Mittagspause und jeden Abend von 9 bis 10 Uhr auf
einem gemieteten Pianino be.
    Wann treten Sie Ihre neue Stellung an?
    Zum Ersten natrlich, und bis dahin geniee ich meinen Kndigungsurlaub.
    Was denn das fr ein Urlaub wre.
    Das ist eine Freiheit von zwei Stunden tglich, die jedem Angestellten im
Kndigungsmonat gewahrt werden mu, damit er sich eine neue Stellung suchen
kann. Auerdem habe ich mir meine Neuralgie mal ausnahmsweise nicht verkniffen
und habe mich fr ein paar Tage krank gemeldet. Scheidung und Offertenschreiben
- das nahm viel Zeit weg.
    Und als Olga Nheres ber die Art, wie sie sich ernhre, wissen wollte,
erfuhr sie von einer seltsamen Odyssee, die wohl geeignet war, ihr Schauer
einzuflen.
    Als Gouvernante, wie zu ihrer Mdchenzeit, mochte sie nicht ihr Brot suchen.
Die vollkommene Abhngigkeit im Hause einer fremden Familie wre ihr jetzt
unertrglich gewesen, auch htte sie in ihrer Lage einer in Scheidung
befindlichen Frau kaum eine solche Stellung gefunden. Sie hatte sich also,
nachdem sie ihr Haus verlie, mit ihren Ersparnissen in eine einfache Pension
eingemietet; hier bezog sie das billigste Zimmer - die Mdchenkammer. Wenn man
hier auch von dem Brausen der Wasserleitung und anderen unangenehmen Geruschen
des benachbarten Raumes gestrt wurde, so konnten einem solche Kleinigkeiten, -
wenn man sie fr eine groe Liebe erlitt, - nichts anhaben ... Hals ber Kopf
strzte sie sich in einen Kursus fr Buchhaltung, Stenographie und
Schreibmaschine. Daneben trieb sie, allein, an der Hand kaufmnnischer
Sprachbcher, franzsische und englische Handelskorrespondenz. Sie hatte
berechnet, da ihre Mittel fr ein Vierteljahr reichten. Nach sechs Wochen war
der Handelskursus beendet, und sie ging auf die Stellungssuche. Sie schrieb,
lief, annoncierte. Bei einer neugegrndeten Zeitung zur Verbesserung des
Wohnungswesens fand sie ihre erste Stellung. Hier sollte sie die Bcher
einrichten. Nachdem sie dies mit Hilfe ihrer jungfrulichen Kenntnisse getan,
wurde ihr vom Fnfzehnten zum Ersten gekndigt. Mit groer Freundlichkeit
erklrte ihr der Chef, ein blutjunges, korpulentes Herrchen, da der noch kleine
Betrieb es ihm ermgliche, die Bcher nun selbst weiter zu fhren. Aber er werde
auf sie zurckkommen, wenn er ihrer bedrfen sollte.
    Bei der Deutschen Stahlzentrale fr die gesamte Metallwaren-Industrie war
ihr nchster Posten. In einem kleinen, schmalen Zimmerchen eines Hinterhauses
wurde der stolz betitelte Betrieb gefhrt. Die Zentrale der
Metallwaren-Industrie lieferte whrend ihres Dortseins einige Roststbe fr eine
Gasanstalt. Nach kurzer Zeit erklrte der Chef, er habe sie unter der stillen
Voraussetzung engagiert, da sie sich mit etwas Betriebskapital beteiligen
werde; Heirat nicht ausgeschlossen. - Sie ging.
    Ein neuer Posten fand sich in einer Fabrik zur Verwertung von Sgespnen.
Eine neuerfundene Maschine, die den mrkischen Sand und die Sgespne zusammen
zu Bausteinen prete, sollte hier verwertet und vertrieben werden. Die
mrkischen Gutsbesitzer sollten die Maschine kaufen, weil sie sowohl Sand als
Sgespne hatten. Der Chef hatte Verbindungen in aristokratischen Kreisen,
besonders in denen des Landadels. Er sah sehr stattlich aus, glich einem
Offizier in Zivil, war gro und krftig, trug ein feines, englisches Brtchen,
einen sorgfltig gegltteten Offizierscheitel, eine diskrete Perle in
einfarbiger Krawatte, hatte ein schneidig schnarrendes Organ und besa einen
kapitalen, echt russischen Windhund Barseu - dessen Leben auf 5000 Mark
versichert war und mit dem er tglich mittags und abends persnlich auf den
belebtesten Korsostraen des feinen Westens spazieren ging, um auf diese Art fr
den Barseu eine seiner Rasse wrdige Gefhrtin zu finden. - Es waren noble,
groe Rume in einer Prachtstrae, die er gemietet hatte. Das Direktionsbureau
sollte romanisch eingerichtet werden; vorderhand war es allerdings noch fast
leer, - ein alter Tisch, zwei Hocker, eine Kiste und eine Matratze fr den
Barseu bildeten das Inventar ... Erikas Kndigung erfolgte hier, weil sie
angeblich zu langsam stenographierte und ungengend die Schreibmaschine
beherrschte. Die letzten vierzehn Tage peinigte sie der Chef, so erzhlte sie,
mit Vorsatz. Er diktierte viel zu schnell, zankte mit ihr, wenn sie die Stze
mit dem richtigen Kasus schrieb, whrend er Akkusativ und Dativ manchmal
verwechselte. Zum Schlu kam es zu einer heftigen Szene. Als sie einem
galoppierenden Diktat seiner schnarrenden Stimme nicht folgen konnte und er sie
auf der Stelle zu entlassen drohte, empfahl sie ihm, sich einen
Reichstagsstenographen zu engagieren. Der schneidige Chef erklrte ihr wtend,
die Geschichte mit ihr sei mau, - worauf sie ihm erwiderte, sein Geschft sei
mau.
    Er wies ihr auf der Stelle die Tr. Sie klagte vor dem Kaufmannsgericht um
den Restgehalt und verglich sich mit ihm auf zwanzig Mark.
    Damit stand sie im Monat Juli auf der Strae. Eine neue kaufmnnische
Stellung konnte um diese Zeit nicht gefunden werden, trotzdem sie tglich im
Zigarrenladen, an der Ecke, die Zeitung durchsah und Annoncen herausschrieb, was
ihr der Besitzer des Ladens gutmtig gestattete. Natrlich befragte er sie um
den Zweck dieses Tuns, und sie klagte ihm ihr Leid. Nachdem sie immer elender
aussah und schlielich auf seine Frage gestand, da sie hungerte, bot er ihr
einen Ausweg aus ihrer Lage. Seine Familie sei auf dem Lande, er sei Strohwitwer
und entbehre seine Ordnung, besonders aber die gewohnte Hausmannskche. Ob
sie denn kochen knnte? - Nun, wenn man acht Jahre Hausfrau gewesen war, so sei
das wohl selbstverstndlich. - Ob sie tglich zu ihm kommen wolle, fr ihn und
sich zu kochen? Natrlich mte sie gleichzeitig das Aufrumen der Wohnung
besorgen, denn zwei zu halten, wrde nicht lohnen. Dafr wolle er ihr die Kost
und drei Mark wchentlich geben. - - - Als sie das erstemal mit dem Mlleimer in
den Hof ging, begegnete ihr die Portierfrau und sah ihr mitrauisch nach. Am
anderen Tag, als sie frh in den Hausflur des Vorderhauses trat und eben die
Treppen hinaufgehen wollte, vertrat ihr die Portierfrau den Weg: Wenn Se hier
oben Aufwartefrau sind, denn jehen Se man hintenrum! Und sie ging hintenrum. -
- - Der neue Herr erzhlte ihr, whrend der Mahlzeiten, die sie mit ihm zusammen
einnahm, vertrauensvoll seine Geschichte. Er htte einmal studieren wollen, fr
die Gewerbeakademie. Leider habe er seine Kariere durch Heirat zerstrt. Seine
Geliebte, eine Blusennherin, sei in andere Umstnde gekommen, und da habe er
als Schentelmann gehandelt, als Kavalier und sie geheiratet. Ein Kavalier
ist kess, schlo er. - Sein ueres schilderte Erika als das eines Menschen von
zwerghaftem Typ mit O-Beinen, einer Stubsnase, in die es hineinregnen konnte
und brstenartig geschorenem Haar. Eines Abends, als sie sich nach dem Abendbrot
anschickte, nachhause zu gehen, und ihm vorher noch das Bett abdeckte, begann
er, wie sie sich ausdrckte, - sexuelle Gesprche zu fhren. Wie eine Frau in
ihren Jahren denn ohne Mann leben knne, - was ihn betreffe, so leide er unter
der Abwesenheit seiner Frau schon so, da es nicht mehr schn sei usw. Sie,
mit ihrer naiven Art, alles buchstblich und ernst zu nehmen, antwortete ihm in
wohlwollend aufklrender Weise wissenschaftlich und hielt eine Abhandlung ber
die Phnomene geschwchter Willenskraft, die dazu angetan wren, Libido zu
steigern.
    Die Stubsnase blieb verblfft und behandelte sie aus Verlegenheit grob.
    Mitten in diese Situation, an der sie tglich immer schwerer schleppte, kam
eine Wendung, die sie als das Wunderbare empfinden mute.
    Zum Ordnen der Bibliothek wird gebildete Dame gesucht. Sie ging an die
Adresse.
    Es war ein vornehmes Grundstck im Grunewald, das sie betrat. In einem
weiten Park, in dem ein kleiner See eingeschlossen war, auf welchem Schwne und
wilde Enten schwammen, und an dessen Ufern graue und rosenrote Flamingos
spazierten, - inmitten eines kleinen Haines herrlicher Kiefer mit pinienartigen
Kronen, zwischen denen vereinzelte Buchen rauschten, - lag ein schloartiges,
altes Landhaus. Hier wohnte die Herrschaft, die eine gebildete Dame zum Ordnen
der Bibliothek suchte.
    Sie war in ungewhnlich zeitiger Morgenstunde gekommen, um die erste der
Bewerberinnen zu sein. Betaut lag der Park, und zart und morgenfrisch wlbte
sich der Himmel ber dem mrkischen Walde. Der frische, leichte Wind spielte mit
dem Kiefernduft, trug ihn bald strker vorwrts und wehte ihn dann wieder
zurck. Auf dem Wasser kruselten sich kleine, silbrige Wellen ...
    Whrend sie in der Halle wartete, frchtete sie schon, zu so frher Stunde
nicht angenommen zu werden.
    Aber da kam der Diener zurck und forderte sie auf, ihm zu folgen. Sie wurde
in einen weiten Bibliothekssaal gefhrt. Whrend sie mit vor Erwartung
gespannten Nerven um sich blickte, trat aus der Portiere des Nebenzimmers eine
alte Frau, im dunklen Morgenkleid, mit geradem, strengen Faltenwurf, - mit
weien Locken, die silbrig schimmernd bis zur Schulter fielen und leuchtenden
Blauaugen, die sie auf Erika ruhen lie, - der unter diesen Blicken leichter
zumute wurde.
    Und Frau Dr. Wallentin fand Gefallen an Erika und behielt sie zum Ordnen der
Bibliothek ...
    Einen ganzen Monat lang durfte sie ihr neues Amt versehen. Es galt, den
Inhalt der groen Bcherkisten, welche die beiden Shne von Frau Dr. Wallentin
nach Hause sandten, zu ordnen. Weit ber Meere und Lnder kamen diese Kisten;
und sie brachten nicht nur Bcher, sondern Aufzeichnungen, Aktenmaterial,
photographische Aufnahmen, Sammlungen aller Art. Manfreds Material sammelte
Tatsachen der sozialen Kultur in Indien, Japan, Amerika, Neuseeland, - Florian,
der Jngere, sandte neue Kundschaft aus den dunklen Gegenden der Erde,
berichtete ber unzivilisierte und halbzivilisierte Vlkerstmme. Die beiden
Brder, der lteste und der jngste, waren auf Weltreisen, - jeder auf einer
anderen Tour. Der eine durchforschte an den Rndern der Erdteile fremde
Kulturen, der andere drang mit einer Expedition ins Innere zu Naturvlkern. Der
mittlere Sohn, Justus, war zu Hause, als Rechtsanwalt in Berlin ttig und
berwachte mit seiner Mutter und seiner Frau, einer schnen Schwedin, die
Sendungen. Es schien Erika, als wrde da ein gewaltiges Werk vorbereitet, - und
ihre geschickten Hnde griffen zu, ohne da sie die Bestimmung ihres Tuns und
jenes, dem sie diente, berblickte. Sie hrte nur, da Manfred, der lteste,
bald erwartet wurde.
    Als in einem Monat die Arbeit getan war, sie nicht mehr, allmorgendlich, als
Helferin der Familie hinaus, nach dem Grunewaldhaus, pilgern durfte, - da fhrte
sie ihr Schicksal wieder in die Wste. Wie ein wunderbarer Traum, getrumt im
Schatten eines spendenden Baumes, von zrtlichen Lften umweht, - so blieb ihr
die Erinnerung an das Eiland der Schnheit, auf dem sie auf ihrer Wanderung
hatte rasten drfen.
    Frau Wallentin hatte ihr beim Abschied freundlich ber das Haar gestrichen,
das so sprd und eigenwillig um die Stirn herumstand. Sie kannte ihr Schicksal,
- auch hier hatte es sich aus dem gepreten Herzen ber die Lippen gedrngt, -
und sah ihr ernst und still in das tieferrtende Gesicht. - - Sie lud sie ein,
im Herbst die Versammlungen des Bundes zu besuchen, und gab ihr die
Eintrittskarte fr das nchste Jahr. - Ihre Mithilfe am ordnenden Werk entlohnte
sie so reichlich, da Erika ruhig und vorsichtig ihre neue Stellung suchen
konnte.
    Zum Unterschied von ihren bisherigen Posten kam sie nun in einem
Riesenbetrieb unter. Es war ein Httenwerk, Zum Eisenhammer, in dessen Bureau
sie aufgenommen wurde. Sie sah sich da einer komplizierten Buchfhrung gegenber
und hatte groe Mhe, sich zwischen Wechselklagen, Zollberechnungen und
komplizierten Kalkulationen zurechtzufinden. Ein Recambio, das ihr prsentiert
wurde, machte sie ratlos. Seitenlange Zinszahlenauszge bekam sie von ihrem
unmittelbaren Chef, dem Prokuristen, durchrissen zurck. Dieser Chef behandelte
das ganze Personal mit einer Grausamkeit, die Erika sadistisch nannte. (Sie
wendete mit Vorliebe der Pathologie entlehnte Ausdrcke an, die ihr, als
Arztesfrau und als langjhriger Leserin medizinischer Zeitschriften, gelufiger
waren als die doppelte Buchfhrung.) Dieser sadistische Chef berhetzte das
Personal, peinigte es auf jede Art. Nach ihrer Beschreibung hatte er ein
mchtiges, brutales Gesicht, einen Schdel, dessen Dimensionen dazu
herausforderten, sich ber die Grenzverhltnisse von Genie und Wasserkopf zu
unterrichten, - und kleine, scharfe Augen, die sich in die Opfer einbohrten. Er
beobachtete die neue Buchhalterin genau. Nach einiger Zeit bemerkte sie, zu
ihrem Staunen, eine Vernderung seines Verhaltens. Er sah ihre Fehler beinah
milde nach und half ihr ber die Schwierigkeiten durch Belehrung. Es traf sich
auch, da er manchmal, nach Bureauschlu, ein Stck Weges mit ihr zusammenging.
    Ach, - htte ich mich nur in ihn verlieben knnen, berichtete sie
seufzend. Aber ich kann nicht, - kann nicht! Es lag so wenig Entrstung oder
Widerwillen in diesem Teile ihrer Schilderung, der sich mit den Annherungen des
Prokuristen befate, - da man an ihrem guten Willen, ihn zu lieben und jenen
anderen zu vergessen, nicht zweifeln konnte. In ihrer berstrzten Art verriet
sie mehr, als sie wollte. Schlielich - bei einem Ausflug an den Scharmtzelsee
- sagte ich Ihnen das? - wollte er mich kssen - - aber - er roch so wild, so
animalisch - - - oh, es war unmglich. - - - Zudem sah ich pltzlich, - im
freien Feld - ein Auto stehen - - und da wute ich gleich, - da ich von da aus
beobachtet wurde. - -
    Nach ihrer fluchtartigen Rckkehr vom Scharmtzelsee war ihre Stellung im
Bureau des Eisenhammers unmglich geworden. Der Prokurist behandelte sie
wieder mit Grausamkeit, - was blieb ihr brig, als wieder zahllose Offerten zu
schreiben, - jedes handschriftlich, sauber und akkurat. Endlich kamen zur
nheren Auswahl zwei Stellungen in Betracht. Bei einer Versicherungsgesellschaft
sollte sie mit dem Gehalt von 130 Mark pro Monat angestellt werden, - als
Agentin. Dafr war sie verpflichtet, fr 13000 Mark monatlich Geschfte
abzuschlieen;
    fr jedes Tausend, das von dieser Summe fehlte, sollten zehn Mark abgezogen
werden. Dieser Honorarsatz galt aber nur fr die Erwerbung von Policen fr
direktes Ableben. Bei Er- und Ableben (Lebensfall) mute sie um ein Drittel mehr
Geschfte machen.
    Sie whlte die zweite Stelle, in einer Orgel- und Harmoniumfabrik in
Lichtenberg. Beim Engagement sagte ihr der Chef, ein kleiner, dicker
Ostberliner:
    Det sach ich Ihnen jleich - pnktlich mssen Se sind.
    Erika: Wir leben in einer Grostadt, - die Elektrische kann doch mal
berfllt sein.
    Er: Wenigstens mssen Se Jrund haben. Morgens um halb acht Uhr hatte sie
anzutreten, die Orgeln und Harmoniume abzustuben, - dann die Abzahlungskunden
zu besuchen, um Reste anzumahnen. Nachmittags waren die Bcher und die
Kontorarbeiten zu erledigen. Sie bekam 120 Mark Gehalt, auerdem zahlte der Chef
die Krankenkasse und die Invalidenmarken. Um auch die Fahrkarte nach dem
uersten Osten zu sparen, war sie dahin - in den dstersten Proletarierbezirk
Berlins, - bersiedelt.
    Hier hielt sie jetzt.

Die Abende begannen lang und trb zu werden. Olga verbrachte sie zumeist
zuhause, in ihrer Mietsstube. Sie hatte einen Plan gefat, der einen Versuch
darstellte, sich eine Existenz zu schaffen. Sie wollte eine Korrespondenz fr
die Frauenbewegung herausgeben. Hoffmanns Chef war als Verleger fr den Plan
gewonnen worden und hatte sich bereit erklrt, den Druck zu besorgen. Den
Vertrieb sollte sie selbst bernehmen. Zu diesem Zweck wrde ihr Zimmer nicht
gengen und eine eigene, kleine Wohnung notwendig werden. Sie suchte schon
fleiig, natrlich im Vorort, da sie nicht zwischen den vier Mauern eines
Gartenhauses, das in Berlin selbst allein in Frage kam, leben wollte. Im Vorort
konnte sie wohl eine kleine Wohnung mit freierem Ausblick finden.
    Der Vater war von dem Plan verstndigt worden, und sie hatte um eine Summe
gebeten, mit der sie die ersten Unkosten und die einfachste Einrichtung der
Wohnung bestreiten konnte. Ohne weiteres hatte er das Geld gesandt. Es war ein
Geschft wie jedes andere, das sie begann, - warum ihr nicht helfen? Ja, zu
ihrem Erstaunen war er erfreut gewesen von dem Plan, denn es hatte ihn geqult,
da das Mdchen, ohne verstndlichen Zweck, fern von zuhause, in der fremden
Grostadt sa. Nun hatte ihr Dortsein einen Zweck, und darum half er ihr, ihren
Plan auszufhren.
    Sie begann Verbindungen mit Autoren und Redaktionen anzuknpfen, wollte
nicht eher beginnen, bevor ein fester Kreis von Mitarbeitern und auch von
Abnehmern gewonnen war. Dabei hie es erkennen, was die Tagespresse brauchte,
vielleicht neue Anregungen geben und Bedrfnisse wecken; andererseits galt es,
die Autoren zu interessieren, sie zur Arbeit anzuregen, sie auf Probleme der
Frauenkultur, wie sie sich in der Zeit meldeten, aufmerksam zu machen, mit
Geschick die geeigneten Persnlichkeiten heranzuziehen. Die Korrespondenz, wie
sie ihr vorschwebte, sollte nicht wahllos Artikel, die der Zufall auf den Tisch
wirbelte, aneinanderreihen, - sie sollte der Ausdruck einer in sich
geschlossenen Anschauung werden. Bei dieser Arbeit half ihr Lore Wigolski. Lange
hatte sie eine passende Helferin fr die Erledigung der vielen schriftlichen
Arbeiten gesucht. Und da sie noch keine eigene Schreibmaschine besa, war es
schwer geworden, eine Kraft zu finden, die ihr nur stundenweise und doch sicher
zur Verfgung stand, so oft sie sie brauchte. Sie hatte es mit verschiedenen,
kleinen Tippmdchen versucht, - aber die pnktliche und sichere Lieferung der
zumeist eiligen Briefe klappte nicht, wie sie mute. Auf gut Glck war sie,
begleitet von Stanislaus, auf eine Annonce hin, auch zu Frau - oder Frulein -
Wigolski gegangen. In einer kleinen Gartenhauswohnung in Schneberg, vier
Treppen hoch, wohnte sie. Ein junges, eben schulentlassenes Dienstmdchen
ffnete und fhrte die Besucher gleich in eine groe, lichte Stube, die mit
behaglichem Altvterhausrat ausgestattet war. Da standen prchtige, alte
Biedermeierkommoden, tiefe Fauteuils und ein bequemes Sofa, wie es in die gute
Stube einer alten Berliner Familie gehrte, aber mit braunem Tuch neu bezogen;
da war auch ein groer, moderner Arbeitstisch, von rotgebeiztem Holz, fast so
gro wie ein Zeichentisch, mit Papieren und Maschinenschriftmanuskripten
bedeckt. Daneben war ein kleines Tischchen, auf dem, auf einem dicken
Schalldmpfer von Kork, die Schreibmaschine stand. Und da war noch ein
Mbelstck, das eigentlich nicht in dieses Zimmer pate:
    ein weies Kinderbett, mit einem Betthimmel von hellblauem Tll, stand nahe
einer schmalen Tapetentr in der Ecke. ber das ganze, behagliche Zimmer waren
Blumen verteilt, - auf den Kommoden standen Vasen mit Herbstlaub, Astern und
Georginen, und grne Blattpflanzen reckten sich im Erker der Sonne zu.
    Eine schlanke Frau, in knappem, dunklen Tuchkleid, trat ein. Ihr Kopf
erinnerte Stanislaus an die Modelle moderner Maler: groe, scharfgezeichnete
Zge, ein etwas breiter Mund mit zwei prchtigen Zahnreihen, lebhafte, graue
Augen, deren uere Winkel etwas schrg gestellt waren und einen wendischen
Einschlag im Blute verrieten, dem man in alten Berliner Familien oft begegnet.
Sie sprach mit krftiger, sicherer Stimme, und der reservierte Zug in ihrem
Gesicht verschwand bald. Zwischen den beiden Frauen spann fast augenblicklich,
ber die geschftlichen Beziehungen, die sie anknpften, ein persnliches
Interesse seine Fden, - es war wie eine Ahnung, die die kmpfenden Frauen
dieser Zeit oft blitzschnell zu schwesterlichem Erkennen fhlt.
    Man einigte sich rasch. Lore Wigolski sollte schon am nchsten Tage zum
Diktat kommen. Stanislaus und Olga erhoben sich.
    Da hrte man Kinderweinen im Nebenzimmer. Die Tapetentr wurde geffnet, und
das kleine Dienstmdchen rief herein: Ach bitte, - Frolain, - kommen Se doch
mal! Lrchen is so unntz!
    Aber da drngte es sich schon durch die Tapetentr, - das unntze Lrchen, -
vierjhrig mochte es sein - schn,wie ein kleiner Cherub, mit roten Bckchen,
groen, grauen Strahlenaugen und dunkelblonden Locken.
    Mutti - is will mal die Leute sehen, - damit zappelte sie geradewegs auf
die Geschwister zu.
    Lore Wigolski lchelte. Es war, als ob ber die herben Zge eines
Kliemtschen Kopfes das uralte, das ewige Licht - aus dem Antlitz der
Kindesmutter genommen - gebreitet wrde. So lchelt - besitzfroh - die Mutter,
Madonna divina - die das Pfand empfangen, geboren, gerettet wei ...
    Freundlich beugte sich Olga zu dem Kind. Fr Stanislaus aber war die Stube
mit dem Altvterhausrat verwandelt. Flammend hatte das Licht hineingeschlagen,
und im gttlichen Glanz sah er das Pppchen, das Lrchen, die Arme breiten, sah
er ein Kind auf kleinen Beinchen schwanken, hrte er das Stammeln der jungen
Sprache ... Er durfte die Verklrung erleben, die den Frommen und Glubigen
wird, wenn sie der Mutter mit dem Kinde begegnen, - denn er war einer von ihnen.

In diesen langen, einsamen Herbstabenden, die Olga allein verbrachte, irrten
ihre Gedanken, wandermde, als wollten sie rasten, zu den Bildern der Freunde,
die vor ihre sehnschtig ausblickende Seele traten. Aber da war keines, dem sie
htte frohlockend zuwinken mgen: Tritt nher - du bist es - ich erkenne dich!
    Hoffmann hatte wieder geschrieben und seine nahe Rckkehr angezeigt. Als er
eines abends bei ihr eintrat und sie sein Gesicht wiedersah - bleich, lnglich,
bartlos, mit dem sanften und doch glhenden Blick der dunklen Augen, - schien er
ihr, wie ein alter Bekannter. Er warf die Lodenpelerine und den Filzhut ab und
berichtete, da er sich erholt hatte, weil er sein Gehirn so richtig hatte
ausschlafen lassen. Willig hatte er sich in das Rderwerk des Sanatoriums gefgt
und hatte den Tag abschnurren lassen, wie das Uhrwerk es wollte. Ein immer
gleicher Turnus von physischen Aktionen, bestimmt, die Muskeln zu ben, die Haut
anzuregen, die Gewebe zu festigen und das Blut zu erneuen, - das waren diese
Wochen fr ihn gewesen; und sie hatten ihr Werk gut getan. So war das Leben eine
Weile berlistet worden, man hatte Ohren und Augen verschlossen, um nicht zu
merken, wie es hinging.
    Aber in den kurzen Intervallen des wachen Wissens - war sie dagewesen, war
pltzlich und immer wieder vor ihm gestanden. Und diese sehnschtige Spannung,
in die ihn dieses Bild, das ihre Zge trug, versetzte, war immer strker
geworden. Dennoch ... er stockte, zgerte, bangte, - senkte den Blick, der sie
heischend umfat hatte.
    Sie begriff - und wie Nebelschwaden, die immer dichter, trber, schwerer,
aus abendlichen Auen steigen, - so stieg Schwermut aus ihrer Seele und breitete
sich aus. Wie waren die Worte seines ersten Briefes gewesen?... Verwirrung im
Felde der Voraussetzungen, - Verwirrung im Gebiete der Objekte. - Und dann war
das Einfltige und Eindeutige dennoch gekommen: die Wnsche, die Wnsche ...
Scheu nahten sie sich, - wie er es verheien - doch unabweislich in ihrem
Fordern. Ja, diese scheuen, begierlichen Wnsche umrankten sie liebkosend, - und
weckten sie strker als Taten. Und auch sie hatte Wnsche: - einschlfern, was
immer wach lag, sich durchdringen lassen mit jenem kstlichen Frieden der halben
Betubung, den ihr einmal, als sie schwer krank gelegen, das Morphium gebracht,
- zum Schweigen bringen, alles - was nicht lgen konnte, - alle diese
gesprchigen Zellen ihres so wahrhaftigen Leibes, - die da riefen: Nein,
nein!... Diese Rufenden - berschtten - mit einer einzigen, schweren, roten
Welle - da sie verstummten ... Sie sprach mit ihm, ohne den Rhythmus der Stunde
zu beschleunigen, und sie fhlte, wie sie mit jedem ihrer gedmpften Worte die
Hecke der Wirrnis verdrngte, die sie beide schied. Und sie fhlte, da sie ihn
in Bande schlug ...
    Es war tiefe Nacht geworden. Das breite Fenster des Berliner Zimmers war
geffnet, denn der Tag war mild gewesen. Ein paar Straen weiter war eine
Hauptstrae; gedmpft, durch die Gruppen der Huser, drang ein leises Brausen
durch die stille Nacht, - der Atem der nchtlichen Stadt.
    Sie traten zum Fenster. Vom blauschwarzen, mondbeleuchteten Himmel hoben
sich die dunklen Massen der Dcher ab, und an einigen Stellen flimmerten die
Schiefer, wie die vom Mondlicht bersilberte Flche eines nchtlichen Sees. Man
hrte einen verspteten Singvogel unten im Garten einen kurzen Ton aus der Kehle
stoen, wie im Schlaf.
    Hoffmann sagte: Welch ein seltsames Ding ist es doch, - eine Melodie oder
eine Dichtung, eine Skulptur oder ein Gemlde zu finden! Zu finden, jawohl,
wiederholte er. Denn sie sind da, diese Harmonien ... Im Weltenraum warten sie
unser. Im All wartet eine Harmonie, - wie die Figur im Block; und es heit:
wegsprengen, was sie birgt ... Dazu bedarf es - bezauberter Hnde, - seine
Stimme sank in ein weiches Geflster, - bezauberter Hnde!... Wie schn ist
diese Nacht, meine Liebe!... Ja, - wegbeschwren - - was eine Harmonie verbirgt,
- das ist es - - was auch wir tun mssen ...  Sein Arm bebte, als er ihn zagend
um ihre Schultern schlang. Er begann leise die Melodie der Baccarole aus
Hoffmanns Erzhlungen zu pfeifen ... die in die Nacht hinein schwoll und
wiegend in Dunkel und Schweigen glitt ...

Als er sie im Morgengrauen verlie, blieb sie in den Kissen wach. Ermattende
Schwere lag ber ihren Gliedern ... Und was sie in die entlegensten Winkel der
Seele gedrngt, - es meldete und regte sich und kroch heran. Das Bewutsein, das
stark, wie das helle Licht des Tages, ber ihren Weg geleuchtet und ihr
unzweifelhaft gezeigt hatte, da er es nicht war, den sie erwarten sollte, - sie
hatte es fortgeschoben, verschttet, mit ihren und seinen Wnschen; - ja vor
allem mit seinen Wnschen, die ihre reife Jungfrulichkeit begehrten ...
Bedrngt von Scham, gestachelt von stolzem Trotz, der ein ihr bisher
unbekanntes, fast verchtliches Gefhl resignierten Ergebens in ihr schuf,
versank sie endlich, als der Tag anbrach, in unruhigen Halbschlaf. Sie hrte, im
Traum, ein Gefhrt rasseln und trumte, da es auf einer breiten, einsamen,
nchtlichen Strae dahinfuhr, und sie dachte, - im Traum - es msse jene
Charette sein, die die Verdammten zum Richtort fhrte. Und dieses Rasseln
erschien ihr, im Traum, in unlslichem Zusammenhang mit der gespenstigen
Verlassenheit ihres Lebens. - -
    Sie erwachte, am spten Vormittag, als ihre Wirtin ihr das Frhstck
brachte. Und da lag auf dem Tablett ein Rohrpostbrief. Hastig strich sie mit
einem in Wasser getauchten Lappen den Schlaf aus den Augen und las, am Bettrand
sitzend, Hoffmanns Brief:
    Mdchen! Du weit nicht, was Du mir gegeben hast. Du tatest das Herrliche,
ohne darum zu wissen. Und auch ich werde eines Tages vielleicht nicht mehr darum
wissen, werde es, mit Blindheit geschlagen, vielleicht vergessen knnen, eines
Tages. Aber heute wei ich ... Und so sei es gesagt, - wie glitzernd ich bin und
befreit und sprudelnd, wie ein Bach, der im ersten Frhling durch den Tannenwald
jagt ... Seine Wellen berspringen einander und verstuben Diamantengesprhe in
die selige Luft. Mdchen, das hast Du mir gegeben, Du stolze Spenderin; mir, dem
Gedemtigten, der bislang nur, mit verbissenen Zhnen und schamrotem Gesicht, im
Sche der Schande von seiner Mannheit erfuhr ... Nun bin ich so ohne Sorge!
Warum bist du nicht da, da diese Herrlichkeit ber Dich auch kme? Und denke
ich an Dich, so mahnt es mich, an den Duft der schwarzen, bergenden
Frhlingserde, an das Flstern der bedchtigen Bltter, wenn der Wind ber sie
streicht, - an das Klirren der weien Kieselsteine, am Grunde des Baches, wenn
die frohen, strmenden Wasser sie berfluten ... Ach und nie - nie noch war das
alles in mir - wie jetzt! - - - Vergi es nicht, Mdchen, was heute in mir ist,
- auch wenn ich es vergesse! Vergi es nie, - da heute meine Seele fromm in der
Deinen war ...
    Ich ksse Deine Lippen, Deine Hnde, Deine Knie ... Werner.

                                Fnftes Kapitel



                              Versuche und Kmpfe

 Nur der Irrtum ist das Leben,
 Nur die Flle birgt die Klarheit,
 Und im Abgrund wohnt die Wahrheit.
                                                                         Goethe.

Werner Hoffmann hatte mehrere Wochen im Sanatorium zugebracht. Nach dem
aufreibenden Existenzkampf vieler Jahre waren diese Monate die erste Erholung
gewesen. Dabei hatte er diese Ruhepause seinen Verhltnissen nicht in einer
Weise abgezwungen, die ihren Genu mit neuer Sorge beladen htte. Er zehrte
nicht von irgendeinem zu diesem Zweck mhsam aufgetriebenen Gelde, er bangte
nicht, was dann werden sollte, - wie die meisten seiner Kreise, die, ohne ein
wirtschaftlich gesichertes Endziel ihres Strebens zu sehen, auch zu einer
beruhigten und gesicherten Rast keine Gelegenheit haben. Seine Stellung im
Verlag, die ihm erst wenig Befriedigung gegeben hatte, festigte sich immer
besser, und es lockte sein Interesse, als Hter an einem jener Tore zu sitzen,
durch welches das, was der persnlichsten Erkenntnis des einzelnen geworden, in
die Flle der Gemeinschaft drngte, in ihr zur Wirkung zu gelangen. Dieser
Gedanke, den er in seinem Amt ausgedrckt fand, hatte in ihm den ersten Zweifel
erweckt, ber das Wort, das bisher seine trotzige Parole gewesen:
    Was habe ich mit der Gesellschaft zu tun?
    Der Chef seines Verlages hatte ihm bereitwillig den Urlaub zur Herstellung
seiner Gesundheit gewhrt. Durch Empfehlung war ihm zu sehr ermigtem Preise
Aufnahme in einer Anstalt geworden, in der die jngste Heilweise der Moderne,
die physikalisch-ditetische Therapie ihre Wunder tat. Mde, unfrei, beladen war
er hingegangen, und unbewut und ungefhlt ging bei einer hchst einfachen, aber
glcklich zusammengestellten Lebensweise, bei der besten Ausnutzung von Licht,
Luft, Wasser, Elektrizitt und bedchtiger Auswahl der Nahrungsstoffe jene
Erneuerung mit ihm vonstatten, die zwar nicht den organischen Defekten, wohl
aber den von der steeple chase des modernen Lebens an den Nerven Geschundenen
wieder zur Hufung neuer Energien verhilft und ihre zeittypisch gewordenen
funktionellen Strungen behebt.
    Er hatte nicht gedacht in diesen Wochen, hatte mit vollem Willen alles
Grbeln und Sinnieren ausgeschaltet. Ja, er hatte auch nur wenig gelesen, - die
Gedichte der Baronin, um ihren Verlagsantrag zu erledigen, sonst fast nichts;
und geschrieben hatte er eigentlich nur an Olga, da, fast ohne Willen und
Absicht, ihr Bild, in dieser Zeit der Ruhe, stark und fest umrissen vor seine
Seele getreten war. Ja, - er sah sie: in ihrem reifen, reinen Werden, sah sie,
wie eine Erscheinung, die, hart an der Grenze der zeitlichen Gegenwart, wach und
zielsicher in die Zukunft schritt, - eine Wegebahnerin der Kommenden, jener
Frauen, die mit instinktstarkem Willen ein ganzes Menschtum forderten, die nicht
mehr satt wurden in generativer Beschrnkung, die es aber auch nicht ertragen
mochten, aus dem Zauberkreis der Gattung ausgeschlossen zu bleiben. So war sie
pltzlich vor ihm gestanden, so hatte er sie gewut - erlebt, - ohne ber sie
viel gedacht zu haben. Wie schon manchmal in seinem Leben war hier ein Bild, ein
Gefhl, ein Gedanke entstanden, an dem sein Bewutsein kein Teil hatte,
zumindest nicht das Bewutsein, wie es deutlich der Tag gibt. So war ber ihn
auch manchmal, wie eine wahrhaftige Offenbarung, ein Rhythmus, ja ein
Gedankenkomplex gekommen, war mit erstaunlicher Deutlichkeit pltzlich vor ihm
gestanden; aber nur in guten Zeiten, in denen seine Krfte geheimnisvoll sich
erneuten und huften, geschah ihm, - wie allen Findern, Erfindern, Propheten und
Dichtern geschieht. Darum auch hatte er erkannt - in jener Nacht: die Harmonie -
die geschlossene Einheit ist da, - sie wartet im All, wegsprengen, was sie
birgt, das ist es. Und in begnadeten Zeiten geschah es, da die chaotischen
Massen, die irgendeine geheimnisumwobene Einheit umgaben, - die zu finden
vielleicht einem einzigen Gehirn bestimmt war, - von selbst auseinander rckten,
wie Kulissen, die auf den Wink der entscheidenden Hand auseinanderweichen, zur
Seite rcken, in die Erde versinken, als Vorhang in die Hhe gehen - und das
geordnete Bildnis in ihrer Mitte freigeben.
    So war ihm in jenen Wochen geschehen - ohne Wissen und Willen. Die eine
Erkenntnis, die er erfahren, war Olga. Aber da war noch eine andere, und sie
berraschte ihn tief, als sie pltzlich, in unerwarteter Helle, vor seinem Auge
stand.
    Im Sanatorium selbst hatte er geschlafen. Aber schon als er im Bahnzug
sa, der ihn fortfhrte, war eine wundervolle geistige Lebendigkeit ber ihn
gekommen. Es war, als ob die Energien, die die Kur mit Absicht zum Stillstand
verurteilt hatte, nun tausendfltig hereinbrchen; und nicht versplitternd,
auseinanderstrebend, - nein, sie fgten sich leichthin zusammen, tummelten sich,
wie feurige Genien, die zum Werke strmen. Das fruchtbare Land, das kluge
Absicht fr eine Weile vollkommen brachgelegt hatte, begann nun zu treiben, die
Aussaat, die vordem ermattet in seinem Scho gelegen, keimte in neuer Frische
und trieb ihre Schlinge - herauf - ans Licht.

Mit Stanislaus sprach er sich zuerst ber die neugewonnene Erkenntnis aus.
    Sie erinnern sich an unser letztes Gesprch, - damals bei Ihnen - als - als
Ihre Schwester hier war? Wir sprachen von - Menschenliebe, wissen Sie es noch?
    Stanislaus lchelte. Er sah friedlich und ruhevoll drein, in letzter Zeit.
Was geht nun wieder in jenem Kopf vor, dachte er.
    Gewi erinnere ich mich. Sie vertraten die Ansicht, da man die Menschen,
wie sie da sind, nicht lieben knne.
    Nicht in Bausch und Bogen.
    Haben Sie Ihre Ansicht gendert?
    Nein. Hoffmann sah ihn ruhig an. In seinem Blick brannte wieder jene
sanfte Glut, aber die Schatten, die sonst sein Gesicht verdeckten, waren
verscheucht.
    - Nein, ich glaube nach wie vor nicht an die Liebe zur Menschheit, - wie
sie da ist, wie sie kreucht und fleucht. Das ist - abgesehen von jenen seltenen
Erbarmern, die ber die Erde gingen, von jenen groen Gnadenherzen, - ein
Demagogenbetrug.
    Wollen Sie leugnen, da diese Masse, wie sie da kreucht und fleucht, mit
Edelstoffen durchsprengt ist, die nur der richtigen Chemie bedrfen, um frei zu
werden?
    O nein, das leugne ich nicht. Das ist's ja eben. Der richtige Lsungsproze
- das ist hier die Aufgabe. Und da er sah, da der andere gespannt horchte,
fuhr er, mit frohem Feuer im Auge, fort: Hren Sie! Auf das wertvolle
Individuum kommt es an, nicht wahr? Darber sind wir doch einig.
    Immerhin auch auf die bestmgliche Gestaltung der Masse.
    Die ist nur mglich - durch ihre Zusammensetzung aus wertvollen und
tauglichen einzelnen. Und diese Mglichkeit ist es, an die ich glaube, die ich
liebe - und der ich dienen mchte.
    An dieser Mglichkeit arbeitet eine starke Partei.
    Ist sie auf dem Weg? Gedankenvoll ging er auf und ab. Ich glaube es
nicht. Diese Partei identifiziert sich mit der Masse. Aber nur Mnchhausen kann
sich selbst beim Schopf aus dem Sumpfe ziehen.
    Sie wollen sagen -
    Da das Volk, die Masse, - wie sie ist, - sich unmglich ber sich selbst
erheben kann.
    Die Masse hat Fhrer.
    Ich wei es. Aber ich vermisse unter ihnen ein Element, das in voller
Wirksamkeit bei diesem Werk am Platze sein mte.
    Und wer sollte das sein?
    Das sind - wir.
    Wir?
    Ja wir, - die - Intellektuellen.
    Und warum halten sie - uns - da fr so unentbehrlich?
    Die Intellektuellen mssen den Sozialismus auf ihre Weise mitgestalten; die
zerebrale Klrung wird ihn wuchtiger trassieren, als die Tatsachenpropaganda der
Masse.
    Das Volk vertraut sich - uns - aber nicht an; es vertraut sich denen am
liebsten, die aus ihm hervorgegangen sind.
    Zu Unrecht. Ein Hirn, das sich in schwerer, physischer Fron verbraucht, das
aus Erbmassen stammt, die durch Generationen diese bertubung ihres geistigen
Teiles erfahren haben, - wie knnte es schpferisch neue Gestaltung rufen, - -
wegsprengen, was eine Harmonie verbirgt, fgte er, wie fr sich selbst, hinzu.
    Das Volk hat brigens heute nicht nur Fhrer, die es aus sich selbst
gezeugt hat, es hat auch andere, in Ihrem Sinne.
    Ja, ich wei; die Akademiker fehlen nicht. Aber sie wirken noch nicht ihrer
selbst gem, - nicht als Intellektuelle stehen sie am Kampfplatz, - sie ebnen
sich zum Volk herab. Er ging mit erregten Schritten auf und ab: Stanislaus:
ich trume von einer Partei der - der Tauglichsten - der Besten.
    Und zu diesem Traum brauchen sie - fragend sah ihn Stanislaus an.
    Die Sozialisierung, ja gewi, geebnetes Ackerland - als Boden fr das
Wachstum des einzelnen. Sehen Sie, da bin ich. Nicht aus Liebe, - aus Unliebe
bin ich hierher gekommen. Aus Unliebe zum Vorhandenen und - aus heier Sehnsucht
nach - nach einer hheren Mglichkeit des Menschen. Erregt, mit flammendem
Blick, feurig, tief verwhlt in seiner Erlebnis, ging er auf und nieder.
    Ich bin schon lange da, erwiderte Stanislaus bedchtig und wiegte den
Kopf. Und aus sehr naheliegender Einsicht. Denn gehren nicht gerade wir zu den
Besitzlosen? Dabei sind wir nicht eins mit der Armut, wie der Proletarier, nicht
gesthlt durch sie. Mit unseren vielverzweigten Bedrfnissen sind wir in eine
Situation gestellt, die es uns implicite verwehrt, gegen diese fremde und
furchtbare Macht, die Armut, Front zu machen, - robust Gewinn zu suchen. Wer
sonst als wir mte ein heieres Interesse daran haben, auf eine Gestaltung der
menschlichen Gesellschaft hinzuwirken, die - Unfallstationen errichtet an allen
Stellen, an denen sie gebraucht werden?! Wer sonst?
    Hoffmann schwieg, in Gedanken versunken.
    Nach einer Weile sagte er: Ich will versuchen, mich anzuschlieen, - da, wo
ich glaube, - da es gut und ntig wre.
    Versuchen Sie es, sagte Stanislaus. Ich frchte nur, da man es - da -
nicht fr ntig hlt.
    Beide schwiegen. Dann fuhr Stanislaus fort: Da ist etwas, das ich nicht
genau - wahrnehme, nicht ich und nicht Sie. Es ist - wie eine verschleierte
Gestalt. Ich sehe die Erscheinung, aber ich knnte die Formen ihres verhllten
Leibes nicht mit scharfen, wahren Linien umreien ... nicht ich und nicht Sie.
Da ist - glaube ich - ein Letztes, das fehlt, Ihnen und mir fehlt - ein letztes,
notwendiges Wissen um dieses Ding.
    Hoffmann blieb still. Dann sagte er: Wer wei denn um dieses Ding? Wer kann
diese Gestalt - kennen? Ahnung - das ist alles.
    Ahnung - gewi. Aber Ahnung, die am Wege wird, gengt nicht - frchte ich,
ist nicht die richtige Weiserin.
    Sondern?
    Es gibt ahnend Geborene, - Freund, -und das sind nicht Sie und nicht ich.
Deren Ahnung wchst dann mit ihnen auf, wird immer leuchtender, - und eines
Tages ist sie Wissen geworden. Vielleicht lebt auch der, der um dieses Ding -
mit dem wir ringen - wei, der dann spielend lst, worber wir grbeln. Solche
Gutgeborene sind fters gekommen!
    Und zu denen gehren - nicht Sie und nicht ich, wiederholte Hoffmann
Stanislaus' frhere Worte, und eine leise Bitterkeit zitterte ber seine Lippen.
    Wir tun das Unsere, auch das ist ntig.
    Es war still und dunkel im Stbchen. Stanislaus holte die Lampe von der
Kommode. Seit wann sind Sie zurck?
    Hoffmann hatte seinen Hut ergriffen. Seit zwei Wochen bin ich hier.
    So lange? Ich bildete mir ein, Sie wrden mich nach Ihrer Rckkehr frher
finden, fgte er, gutmtig lchelnd, hinzu. Haben Sie Olga gesehen?
    Ich sehe sie jeden Abend, sagte Hoffmann mit leiser Stimme und blickte zu
Boden.
    Stanislaus, der eben den Zylinder auf die brennende Lampe prete, - wandte
sich jh und sah ihn an. Sie sehen sie -
    jeden Abend, sagte Hoffmann und hob den Blick voll zum Gesicht des andern.
    Der Lampenschirm von weiem Milchglas schlug klirrend an den Zylinder, als
Stanislaus jetzt die Lampe fertig machte.
    Leben Sie wohl, Stanislaus.
    Gehen Sie schon?
    Ich gehe ... sie erwartet mich.

In Olgas mbliertes Zimmer trat die Wirtin ein. Es war eine noch junge Frau, von
kmmerlichem Aussehen, bla, mager, drftig, die immer mit einem schwer
verrgerten und fast lauernden Gesichtsausdruck umherging. Sie besorgte, ohne
Dienstmdchen, die groe Wohnung, deren einzelne Zimmer sie bis auf eines, in
dem sie mit Mann und Kindern wohnte, alle vermietete, kochte daneben und gab
ihren Mietern neben dem Frhstck auch einzelne Mahlzeiten. Besonders wnschte
sie, da man das Mittag bei ihr abonniere. Da dieses Mittag aber zumeist aus
mehlig wrigen Bchsengemsen mit zweifelhaften Fleischbrocken bestand, hatte
sich Olga dazu nicht entschlieen knnen. Man hrte den ganzen Tag Frau
Schcherts Sthnen, - schwere Seufzer, die an ein Erbrechen gemahnten. Sie war
melancholisch veranlagt, mitrauisch bis zu Verfolgungsideen und schon einmal in
einer Heilanstalt interniert gewesen. Die Familie war erst vor kurzem aus der
Provinz nach Berlin bersiedelt. Der Mann war in einem Inseratenbureau
angestellt, wo er Adressen schrieb, Kuverts zuklebte und Briefe frankierte.
Seine Frau hrte es gern, wenn sie mit ihrem vollen Titel angesprochen wurde:
Frau Expeditor. Drei kmmerliche Kinder krochen in der sonnenlosen Hinterstube,
in Kche und Korridor auf ihren dnnen Beinchen, die an gestreckte
Froschschenkel erinnerten, umher, und zumeist hrte man ihr Schreien und Weinen;
auch pflegten sie der Mutter, wenn sie in eines der Zimmer ihrer Mieter trat,
nachzudrngeln, und schlo sich vor ihnen die Tr, so brach drauen ein
ohrenbetubendes Geschrei aus.
    Als Frau Expeditor Schchert bei Olga eintrat, zog sie die Nase kraus: Ich
rieche Spiiiritus, sagte sie und blickte sich mitrauisch um. Olga legte eben
die Brennschere, mit der sie ein paarmal durch ihr Haar gefahren war, das in
weiten und weich sich biegenden Wellen ihr Gesicht umrahmte, aus der Hand.
    Ich habe nichts gekocht, Frau Schchert; Sie wissen ja, da ich morgens
mein warmes Wasser von Ihnen bekam.
    Frau Schchert hatte ihr nicht gestattet, sich selbst Wasser zu wrmen, und
nahm ihr fr ein Knnchen heien Wassers zehn Pfennige ab. Tief aufseufzend
stellte sie das Tablett mit dem Frhstck, - dnnem Kaffee von graubrauner Farbe
und einer kaum be-strichenen Schrippe - auf den Tisch; auch Olgas Post lag
darauf.
    Mit dem Spiiiritusbrennen werden Sie mir noch die Politur ruinieren, sagte
sie weinerlich und strich mit den Fingerspitzen untersuchend ber die
Tischplatte.
    Das ist unmglich, Frau Sch - - Frau Expeditor, - sehen Sie, die Maschine
steht ja auf dem starken Nickeltablett.
    Man braucht sich nicht die Haare zu brennen, meinte Frau Schchert, deren
Stirnstrhne, in papierne Haarwickel eingerollt, um ihren Kopf gepret waren.
    Olga war die Reden der Frau schon so gewhnt, da sie ihr nicht einmal
antwortete; dieses mblierte Elend, das sie in der kurzen Zeit ihres Berliner
Aufenthaltes schon in allen mglichen Variationen erfahren hatte, dauerte ja
nicht mehr lange. Seit sie hier gekndigt hatte, war es am schlimmsten geworden.
Sie griff nach ihrer Post, nahm die Briefe nacheinander zur Hand, ohne sie noch
zu ffnen, und betrachtete die Poststempel. Es war wiederholt vorgekommen, da
ihre Briefe, anstatt ihr bergeben zu werden, in der Kche liegen geblieben
waren. Als sie einmal, zu bestimmter Zeit, einen Brief erwartet hatte und,
nachdem sie den Postboten kommen gehrt, nach der Kche gegangen war, ihn zu
holen, hatte ihr Frau Schchert gesagt: die Mieter htten in ihrer Kche nichts
zu suchen, und sie habe zu warten, bis sie ihr die Post bringe. Auch heute
wieder fand sie zwei Briefe, die schon am vorigen Abend angekommen waren. Es
waren Nachrichten, die ihre Zeitung betrafen, auf die sie ungeduldig wartete.
Der Unmut stieg in ihr auf. Trotz ihres Entschlusses, die Frau in der kurzen
Zeit, in der sie noch auf eine Gemeinschaft mit ihr angewiesen war, durch nichts
zu reizen, konnte sie die Beobachtung, die sie da wieder machte, nicht
unterdrcken.
    Sofort stieg der Frau die helle Zornesrte in das verzogene Gesicht. Na nu,
wollen Se mir in meinem Hause Vorschriften machen?
    Meine Post gehrt nicht zu Ihrem Hause. Entweder Sie weisen den Postboten
direkt zu mir, oder, wenn Sie meine Briefe bernehmen, ist es Ihre Pflicht, sie
sofort abzuliefern.
    Haha! Das wre ja noch schner. brigens Ihre Post! Da kann sich mancher
was denken, wenn ein Frulein, was anstndig sein will, so viele Briefe auf
einmal bekommt.
    Frau Schchert, nehmen Sie sich in acht!
    Und berhaupt: Sie haben sich hier als Frulein angemeldet, - in Ihrem
Meldezettel haben Sie geschrieben unverehelicht - - und hier - hier - - - sie
wies auf einen Brief, - hier steht Frau Olga Diamant! - - - Nu ja, in Berlin
kommt eben alles Mgliche vor, - auch Falschmeldungen - alle Tage kommt das hier
vor, - wo so viel Schwindler sind.
    Die rabiate Dummdreistigkeit der Frau machte es Olga schwer, sie nicht
ttlich hinauszubefrdern.
    Wie kommt das, wie denn? bohrte sie weiter, - nu, geben Se doch
geflligst Auskunft, sonst sage ich das augenblicklich meinem Mann.
    Mein Mann, pflegte sich vor seiner keifenden und sthnenden Lebenshlfte
in alle Winkel zu verkriechen; aber den Mietern gegenber wurde das
zusammengedrckte Kerlchen als mein Mann und damit als autoritative Instanz
dieses Hauses ins Treffen gefhrt.
    Olga hatte die kindliche Idee, die Frau belehren zu wollen. Sehen Sie, Frau
Schchert - wenn ich Sie und Ihre Verhltnisse vielleicht nicht genau kennen
wrde, so knnte ich ja ebenfalls einen Brief an Sie schreiben mit der
Aufschrift: Frulein Schchert; dann wrden Sie eben einen solchen Brief
bekommen. Wren Sie deswegen eine Schwindlerin?
    Gelungene Ausrede! war die Antwort, und ein verzweifelter Seufzer, der aus
der Tiefe des Magens zu kommen schien, folgte.
    brigens hat das Wort Frau hier auch noch darin seinen Grund, da man
heutzutage auch selbstndige Mdchen mit dem Titel Frau anzureden pflegt.
    Eine schne Mode wre mir das! Haha! Wenn ein Mdel, das sich mit allen
mglichen Ker ... Herren abgibt, noch eine gndige Frau vorstellen wollte!
    Frau Schchert, sagte Olga warnend.
    Und da ich's Ihnen nur sage, brllte die Wtende, -
    Ihre Herrenbesuche dulde ich nicht.
    Ich habe Ihnen beim Mieten dieses Zimmers gesagt, da ich Bekannte
empfange; und meine Nachbarin hier, das Barfrulein, gibt in ihrem Zimmer einem
Mann, der gar nicht einmal gemeldet ist, - Unterkunft, - das wissen Sie sehr
wohl.
    Das geht Sie einen Dreck an. Das ist dem Frulein ihr Brutjam! Aber Sie -
Sie haben keinen Brutjam, - zu Ihnen laufen alle mglichen Mannsleute - am
hellichten Tag!
    Von dem nchtlichen Besuche Hoffmanns wute die Wtende nichts, sie hatte
nur Koszinsky und Stanislaus kommen sehen. - Und alle mglichen Frauenzimmer
dazu! - Wer wei, was da vorgeht, - man kennt das schon!
    Hinaus! Olga wies, mit funkelnden Augen, auf die Tr und trat dicht vor
die Frau, die pltzlich Angst bekam und hinausrannte. Gleich darauf hrte man
ihr Gezeter im Nebenzimmer, wo es aber bald von einer brutalen Mnnerstimme
bertnt wurde.
    Mit vor Ekel und Erregung zitternden Hnden ffnete Olga ihre Post. Nein,
das wre so nicht weiter gegangen. Aber was lag ihr jetzt daran! Die kleine
Wohnung im Vorort war gemietet, und am nchsten Ersten zog sie in ihr Heim.
    Nachmittags - es war Sonntag - kamen bei den Wirtsleuten Verwandte zu
Besuch. Eine jngere Schwester der Frau, die Lehrdame bei einer Schneiderin
war, und der Bruder des Mannes, der eine Besohlanstalt besa; ein anderer
Bruder der Frau war Kammerjger, das heit, er besa ein Institut zur
untrglichen und radikalen Vertilgung von Schwaben (Russen, Franzosen), Wanzen,
Ratten, Motten... Die Gevatterschaft rckte mit Kind und Kegel zum Kaffee an,
und den ganzen Nachmittag quietschte das Grammophon durch die dnnen Wnde.
Gemartert, mute Olga zu Hause bleiben, bis Hoffmann sie abholte; dann flohen
sie die gastliche Sttte. Er trstete sie; was lag ihnen jetzt an diesen
Widerwrtigkeiten.

Wenige Wochen spter stand sie, in ein Tuch gehllt, auf dem kleinen Balkon
ihrer Wohnung; die lag voll nach Sden. Die Huser gegenber waren durch Grten
voneinander geschieden. Diese Villengrten hatten auch jetzt, zum Winter, noch
grne Rasendecken, von denen sich der ockergelbe Kies farbenfrhlich abhob.
Gegen Westen war die Gegend noch unbebaut, und sie konnte weithin ber freie
Felder sehen. Immer hatte sich, wenn sie einem Stckchen freier Natur
gegenberstand, ein Glcksgefhl bei ihr eingestellt. Sie bedurfte auch nicht
der groen Effekte. Sie hatte wohl die Berge, aber noch nicht das Meer gesehen.
Schon wenn sie, in ihrer Heimat, aus dem schmutzigen Stdtchen in die drftige
nhere Umgebung, mit ihrem heidenartigen Charakter, herausgeeilt war, hatte sie
sich freier gefhlt. In ihrem Vaterhaus waren nur dstere Rume gewesen, und
alle Fenster gingen nach dem Marktplatz mit seinem widerlich belebten Getriebe
und seinen Schmutztmpeln zwischen dem schlechten Pflaster oder aber, noch
schlimmer, - in einen erbrmlichen Hof, mit nassem, kotigem Grund, der von allen
Seiten von ruigen Mauern umragt war. Heraus, heraus, - so hatte alles in ihr
drngend gerufen, wenn ihr Blick auf diese Umgebung fiel. Und dieser Ruf in ihr
hatte sie gedrngt, getrieben, - bis sie wirklich heraus war.
    Und nun stand sie hier, auf dem Balkon ihrer Wohnung und blickte in die
gepflegten, zierlichen Bauten, die die Weltstadt bis hier heraus schob, -
blickte in die freien Felder hinber. Diese letzten Herbsttage waren feucht und
fr Berlin ungewhnlich strmisch. Manchen Augenblick, wenn der Wind um sie
herum blies, glaubte sie, so hnlich, nur noch krftiger und deutlicher im
Geruch, msse die Luft sein, die ber die See strich. Die See! In vier Stunden
konnte man sie von hier erreichen! Diese Nhe beglckte sie.
    Durch die kahlen Zweige einer Allee, die drben den Weg begrenzte, sah sie
die braune Erde sich ins Weite strecken. ber die Landschaft spannte sich,
flach, ein verdunkelter, regenschwerer, herbstlicher Himmel, der, nahe dem
Horizont, mit einer Geraden abschnitt. Von da an schlossen sich zarte, hellgelbe
Lichtstreifen an das dunkle Grau der Wolkenballen, die in eine breite,
gelbleuchtende Flche, die wie geschmolzenes Gold glhte, einmndeten.
Stellenweise war diese leuchtende Masse zerrissen und, flimmernd umrahmt,
schimmerten diese Stellen in zartestem Blau. Sie atmete die bewegte, feuchte
Luft ein und blickte in den Glanz, bis der Himmel abendlich erlosch. Dann ging
sie in ihre Wohnung, die aus zwei Zimmern und Nebenrumen bestand, und mit
einfachen, hellen Mbeln, im modernen Geschmack eingerichtet war. Sie
betrachtete alles noch einmal, und Dankbarkeit fr dies bescheidene Eigentum war
in ihrem Herzen. Drauen die blanke Emaillewanne, in die das heie Wasser
sprudelte, so oft man den Hahn aufdrehte, hatte sie ebenso entzckt, wie die
Heizung, die ein Handgriff an den weilackierten Rohren bediente und wie die
elektrischen Flmmchen, die sie berall aufblitzen lassen mochte, wo es ihr
gefiel; beinahe zrtlich streichelten ihre Blicke das Telephon, den kleinen,
zierlichen Tischapparat, - an dessen unsichtbaren Enden die Welt hing ...
    Aber nun zur Arbeit. Frulein Wigolski sollte heute Abend kommen. Wichtige
Briefe und ein paar kurze Artikel waren zu diktieren. Auch diese Arbeit, dachte
sie, whrend sie ihre Mappe ffnete, danke ich dir, Weltstadt, du Strenge, du
Inspiratorische, du dem Suchenden Gndige; ich glaube, ich verstehe dich, -
Berlin.

Zwischen Lore Wigolski und den Geschwistern war bald Freundschaft geschlossen
worden. Mit dem ruhigen Freimut, der ihr eigen war, hatte sie ihnen beiden ihr
Schicksal erzhlt, - ihre Schicksalslosigkeit, wie sie es nannte. Denn sie sah
in dem, was ihr begegnet war, keine Entscheidung. Was sie in vollem Bewutsein
gewagt, - es hatte sie aus der Linie der brgerlichen Sphre, der sie
entstammte, herausgeschoben, aber es hatte ihrem Leben nicht Ziel und Abschlu -
sei es durch Erfllung oder durch Entsagung, - zu geben vermocht.
    Das Verhltnis, dem ihr Kind entstammte, war nicht einer unbesieglichen
Leidenschaft entsprungen; ihrem heiter-klaren Wesen lag nichts ferner, als sich
in einem Rausch zu vergessen. Die Ruhe, mit der sie das ihren Freunden
bekannte, war ihnen beiden ein Neues. Gerade als sie Lores Geschichte erfuhr,
grbelte Olga manchmal bis zur Selbstpeinigung ber ihr Verhltnis zu Werner.
Hier aber hatte ein Weib die Bestimmung seines fruchtbaren Leibes unter
bedrohlichen Verhltnissen erfllt, ohne im Gleichgewicht ihrer in sich selbst
wurzelnden Natur erschttert zu werden.
    Ich habe jahrelang niemanden kennen gelernt, erzhlte sie den
Geschwistern. Niemanden, mit dem auch nur im mindesten eine andere als eine
konventionelle Beziehung mglich gewesen wre. Sollte man das wohl glauben? Ist
es nicht die landlufige Meinung aller Leute, Liebe, ja sogar Ehe, sei das
selbstverstndliche Geschick, das alle hbschen Mdchen erwarte? - Und dabei
lebte ich immer in Berlin Ihr Vater war ein kleiner Kaufmann gewesen, nun tot.
Die Mutter lebte bei einem lteren Bruder in Knigsberg. Sie hatte der Tochter
mit einem Teil ihrer Einrichtung ein eigenes Heim grnden helfen, - da nun, nach
dem Unglck, an eine normale Versorgung nicht zu denken war. Das Unglck
bestand darin, da dem einsamen Mdchen, das schon im Hause der Eltern an der
Schreibmaschine sein Brot verdiente, eines Tages ein Mann begegnete, der ein
freundliches Gefhl fr sie fate. Es war ein Ingenieur, deutscher Abkunft, der
seit Jahrzehnten in Amerika lebte. Zu kurzem Aufenthalt in Deutschland, suchte
er eine Privatsekretrin und fand sie in Lore. Schon sein ueres gewann sie,
mehr noch sein frhliches Wesen. Von hohem Wuchs, mit dichtem, rtlichen
Bartgestrpp, klug, klar und ehrlich, - so trat er in ihr Leben. Da der Mann
sie begehrte und da er vor dem Antrieb seiner Gefhle nicht floh, wie alle
anderen, die sie kannte, - die, wenn nicht alles stimmte, keinen Glcksversuch
mehr wagten, - das hatte Lore, die Glcksjgerin, als die sie sich selbst,
wenig schonend, bezeichnete, mit einer starken, neuen Freude erfllt. Mr.
Shubert - wie er sich amerikanisiert nannte - war verheiratet, Vater dreier
Kinder, und lebte in zufriedener Ehe. Seine Frau, eine Irin, war, nach seiner
Erzhlung, eine gute Genossin fr ihn. Und obwohl Lore wute, da Mr. Shubert
bald zu den Seinen zurckkehren werde und da er ihr nichts weiter zu bieten
hatte als eine freilich zrtliche Neigung, - ein Gefhl, das er selbst erotische
Freundschaft nannte, - gab sie sich ihm.
    Als das Kind geboren wurde, war er weit fort. Sie waren in Korrespondenz
geblieben, in die zuzeiten groe Pausen eingestreut waren, die aber nicht
abbrach und die freundschaftliche Herzlichkeit nicht verlor. Als er von ihrer
Schwangerschaft und dann von der Geburt des Kindes erfuhr, war der Ton seiner
Briefe noch wrmer und herzlicher geworden. Nun hatte er das bisher als
Geheimnis gehtete deutsche Erlebnis auch seiner Frau anvertraut. Trotz des
Schmerzes, der ber sie, wie ber jede natrlich empfindende Frau, bei dem
Gedanken gekommen war, da er eine andere begehrt, - in seiner Art geliebt - und
besessen hatte, war diese Ehe nicht erschttert. Denn dieser Mann mit seiner
frhlichen, tchtigen und starken Art, das Leben zu bewltigen, der ihr nie eine
Stunde des Unwillens bereitet hatte, - dieser Mann, das fhlte sie, hatte ihr
durch die Hinneigung zu einer anderen Frau nichts genommen. Und um eine Geringe
konnte er die immer gewahrte Treue nicht gebrochen haben. Ihn hatte Lores Art an
seine Frau gemahnt. Und das Mdchen, das anfing zu verbittern, weil es keinem
begegnete, der so aussah wie man sich gemeinhin einen Mann vorstellt, - sie
hatte dem deutlich frohen Gefhl, das sie zu ihm zog, mit keiner Faser ihres
bewuten Willens widerstrebt. - Er sorgte treulich fr das Kind. Ein Mehr lehnte
sie ab, da sie fr sich selbst arbeiten konnte.
    Sie erzhlte den Geschwistern an einem Abend, an dem sie in Olgas Heim
zusammensaen, dieses so seltsam scheinende und doch so schlichte Begebnis ihres
Lebens.
    Wie vielfltig ist alles Sollen, Wollen und Mssen in Fragen des
Geschlechtsschicksals eines Menschen, sagte Olga. Wie kann man in feste Regeln
zwngen wollen, was in unendlichen Formen immer wieder sich offenbart.
    Stanislaus hatte mit glnzenden Augen, in tiefem Schweigen auf Lores
Erzhlung gehorcht.
    Und nun? Sind Sie froh? Er fragte es gespannt, mit verhaltenem Atem, als
erwarte er eine Entscheidung.
    Sie meinen mit dem Kind? Wie sollte ich da nicht froh sein?
    Das ist gut, das ist gut, sagte er freudig und erfate unwillkrlich ihre
Hand, die sie ihm, mit freundlichem Blick, berlie. Denn es ist wirklich ein
Gutes, ein unzweifelhaft Gutes aus Ihrem Erlebnis geworden, - da Sie es so ganz
und heil berstanden haben! Kennen Sie Ardinghello? fuhr er fort. Das ist eine
kostbare Geschichte von Heinse, einem Zeitgenossen Goethes; da wird von einer
hnlichen - Verirrung etwas Rechtes gesagt.
    Er trat ans Bcherbrett, fand das Buch und die Stelle, die er suchte, und
las:
    Und so ward ein s verlassen Weib glcklich gemacht, und es lebt ein
himmlisch Geschpf auf der Welt mehr, aller Augen zu entzcken.
    Er lie das Buch sinken und sah sie mit freudigen Blicken an. Olga nahm das
Buch, das ihr der Bruder einmal geschenkt hatte, aus seiner Hand, bltterte
darin, vertiefte sich in einen anderen Satz und las auch den. Ein Weib ist doch
das armseligste Ding auf Erden ... Gefesselt auf allen Seiten, drfen wir keinen
freien Schritt tun, wo uns der Geist hinleitet, - ohne Schmach und Schande.
    Lore blickte ruhig vor sich hin, ihre groen, grauen Augen leuchteten auf,
und sie schttelte leise den Kopf.
    Stanislaus betrachtete sie. Er sah, wie der lichte Schein sich ber die
strengen Zge ihres Gesichts breitete, die herben Linien des dunklen Teints
weich erscheinen lie. Er sah, wie sich ein Lcheln ihrer Seele offenbarte, ohne
eine Bewegung der Lippen, - ein Lcheln, das auf dem Strahl des Auges
herangeschwebt kam, aus der Tiefe.
    Olga sagte: Und hat Sie dieses Erlebnis niemals um Ihre Ruhe gebracht?
    Nun ergriff das Lcheln Besitz vom Munde, streckte die breitgezeichneten,
geraden Lippen und lie die weien Zahnreihen frhlich blinken. Sie schttelte
den Kopf. Um meine Ruhe? - so manches Mal. Aber es war immer ein gutes,
herzliches und glckliches Gefhl dabei, sagte sie einfach, mit ihrer starken
Stimme.
    Und Sie haben sich nie - unfrei gefhlt?
    Liebe - und was ihr verwandt ist - darf nie unfrei machen.
    Und wenn sie es doch tut?
    Dann mu man laufen, - fortlaufen ber alle Berge!
    Und wenn Sie der Mann im Stich gelassen htte? Nun, rein uerlich,
sozusagen lokal, sie lachte krftig, - hat er mich ja im Stich gelassen. Und
innerlich -
    Nun?
    Innerlich war ich nie verkettet, fgte sie leise, bekennend hinzu.
    Er hat aber nie etwas getan, - was Sie schwer enttuschte, fuhr Olga fort,
und ein fremder, schmerzlicher Zug, den Stanislaus mit Bangen betrachtete, lag
auf ihrem Gesicht.
    Lore schttelte den Kopf. Alles war klar und kam, wie erwartet.
    Und wenn er Sie getuscht htte?
    Dann htte ich, da ich ja doch das Lrchen davontrug, - mich wohl von ihm,
aber nicht vom Schicksal betrogen gefhlt.
    Das Lrchen, das liebe Lrchen! - Das ist freilich ein reeller Besitz,
sagte Stanislaus. Aber das Kind hat viel verloren durch die Trennung der
Eltern, durch die Vaterlosigkeit.
    Ich wei nicht, ob das so schlimm ist, wie es erscheinen knnte. Der Vater
hilft mir ja, dafr zu sorgen.
    Doch - doch! Es ist nicht gut fr das Kind, - glauben Sie es mir! Und nicht
etwa aus konventionellen Grnden. Ein Kind braucht einen Vater, - einen ihm
immer nahen, dauernden Freund, der ihm hilft, sich zurecht zu finden, in diesem
Wirrwarr.
    Aber ist denn jeder Vater ein solcher Freund? meinte Olga, ich zweifele
daran.
    Ich zweifele sicherlich nicht minder, sagte Stanislaus lchelnd, ich sage
nur: schlimm ist's fr jedes Kind, das solchen Freund, der ber seine Jugend
wacht, nicht neben der Mutter noch hat ... Nicht gerade der Vater mu es sein,
fuhr er nachdenklich fort. Der Erzeuger ist wohl der erste fr dieses Amt. Aber
ist er nicht zur Stelle - er blickte grbelnd vor sich hin, - dann kann es
auch ein anderer sein.
    Welcher andere, meinte Lore, seufzend, wird wohl gern und dauernd dieses
Amt bernehmen.
    Gedmpft, mit schamhaftem Gesicht, erwiderte Stanislaus: Das wird einer
tun, - der - der sein Schicksal mit dem der Mutter verbindet.
    Der Stiefvater also, sagte Lore und sah ihn, mit lchelnden Augen, voll
an.
    Der Stiefvater - ganz recht! erwiderte Stanislaus, ber dessen Gesicht
sich Rte verbreitet hatte, - brach ab und schien seine Gedanken weiter zu
spinnen.
    Die drei schwiegen. Nach einer Weile fuhr Stanislaus fort: Es mte
interessant sein, das zu erforschen.
    Was denn? fragte Olga.
    Das Schicksal der unehelichen Kinder. - Hier mte man nach zwei
Gesichtspunkten untersuchen, fuhr er fort, vertieft in sein Thema, - als
zeichne er eine Disposition. Man mte erstens - er schob den Daumen vor -
die Entwickelung jener Kinder verfolgen, deren Mtter ledig blieben, - und
zweitens, der Zeigefinger folgte, die der anderen, deren Mtter spter noch
zur Ehe gelangten.
    Du meinst die, die schlielich den Vater ihres Kindes heiraten?
    Zgernd und gedehnt, kam es heraus: Die meine ich eigentlich nicht, - das
heit auch, aber hier liegt nicht das wesentliche Problem.
    Sondern?
    Ich meine - mich interessiert eine besondere Gruppe - - ich meine die -
eben die Familie, - in der der Gatte nicht der Vater des Kindes ist, das das
Mdchen schon vor der Ehe besa ... Diese - diese Stiefvaterfamilie, die
erscheint mir sehr merkwrdig und sehr beachtenswert
    Sieh da, - das klingt ja wie ein Plan! wie ein neues Buch!
    Das wre schon ein Stoff, erwiderte er lchelnd, und gedankenvoll vor sich
hinblickend, fuhr er fort:
    Einer, der einen fein herausbrchte aus der steriltheoretischen Zerfaserung
der Nervenstrnge der Moderne - hinein, ins Lebendigste. - -

Einige Wochen spter schrieb Lore an Olga:
    - - Wer ist ein Freund? Der, dem wir die peinlichsten Erfahrungen mitteilen
knnen, ohne die Befrchtung, in seinen Augen geringer zu werden oder seine
Schadenfreude zu erregen. Darum werde ich mit einer Beichte morgen zu Ihnen
kommen. Ich habe eine Menge Komisches und eigentlich Trauriges erlebt, - das
durchaus erzhlt werden will. Also, ich komme morgen, eine Stunde vor Beginn der
Arbeit, um Ihnen Dinge zu berichten, - Dinge, ber die sich ein zartes
Inwendiges (sprich: Inwenjes) um und um wenden knnte.
    Um Sie schonend auf das Thema vorzubereiten: ich bin und bleibe eine
unverbesserliche Glckssucherin, die sich noch die Nase platt schlagen wird,
wenn nicht ein glcklicher Zufall verhindert, da sie auf besagte Nase fllt, -
das heit irgendein fester Griff die Herunterrutschende auffngt, was nicht
erhofft
                                                                            Ihre
                                                                          Lore.

Sie kam und erzhlte:
    Das Alleinsein ist schwer, - darber sind Sie mit mir einer Meinung, nicht
wahr?
    Auch Ihnen?, sagte Olga berrascht. Jeder jungen Frau; sagt eine es
anders, so lgt sie. Allgemein wird in diesem Punkte gelogen.
    Aber Sie sind doch schon - nicht allein gewesen!
    Kurze Zeit lebte ich so, wie ein jugendlicher Mensch, dessen Herz und Blut
in normaler Verfassung sind, leben soll. Zu schnell war ich wieder allein - und
doppelt schwer lagen die Tage und die Nchte auf mir. Sie schwieg und atmete
schwer, und das erstemal sah Olga, wie in dem stolzen, strengen Gesicht die Zge
sich senkten, die Schatten sich breiteten, wie die Lippen, in herber
Verchtlichkeit, sich aufwarfen. Mein Leben lang, fuhr sie fort, - habe ich
niemanden kennen gelernt, - in dem Sinne, wie es ein Mdchen erwartet, - wie man
es ein Mdchen als Selbstverstndliches erwarten lehrt. Torheit, berlieferte
Lge, verhngnisvoller Betrug!... Keiner tritt so vor diese Mdchen, wie sie es
erwarten, nichts dergleichen. Auf der Strae dreht sich ab und zu einer um,
folgt einige Schritte, murmelt schamlose Worte ... Endlich kommt einer - durch
den Beruf. Wre der nicht, so htte der Heiratsvermittler einige zwanglose
Bekanntschaften vermittelt, - vorausgesetzt, da er auf dem Folio der Kundschaft
eine Zahl htte notieren knnen; sonst auch nicht. - Also bei mir war's der
Beruf, der mir endlich, zufllig, einen Mann prsentierte; und
selbstverstndlich scheint mir's, da auch dieser einzige Fall der gegenseitigen
Anziehung nicht glatt lag. Selbstverstndlich, da der Mann lngst vergeben war,
so da er nur durch einen - Seitensprung - ein gewaltsames Lcheln bedrngte
ihren Mund, - fr kurze Zeit an meine Seite kam ... ein Wunder war's da alles
schn war und blieb, - ein wahres Wunder! ber ihrem gesenkten Kopf, der von
den braunblonden Flechten fast gnzlich bedeckt war, lagerte tiefe Traurigkeit.
    Ein Wunder - das Ihre vornehme Selbstbescheidung ermglichte.
    Aber was nun! stie Lore heraus.
    Sie haben das Kind.
    Sagen Sie das im Ernst? Sie? Soll das als letzte und endgltige
Abschlagszahlung gelten? Fr mich rangiert dieser Wert auf einem anderen - ganz
anderen - Konto, der das andere, leere Blatt in der Bilanz nicht fllen kann.
    Sie sind nicht eine, an der das Schicksal vorbeigeht, - es wird Ihnen
frher oder spter deutlichen und dauernden Besitz geben.
    Lore lachte, mit ihrer tiefen Kraftstimme, aber es klang rauh und unfroh.
Sie zhlen also auch zu jenen bequemen Fatumsglubigen. Es wird schon kommen, -
natrlich! Ohne da wir den Finger rhren, - wird das Wunderbare - welches das
Natrliche in dieser Welt der Unnatur schon geworden ist - das Notwendige - vor
uns treten! Haha! -sie stie, mit finsterem Gesicht, ein Lachen aus - wer's
glaubt, wird selig!
    Nicht ganz, ohne da wir den Finger rhren, sagte Olga, mit Bedeutsamkeit.
    Sehen Sie, das meine ich auch. Ich wei, da nichts von selbst kommt - und
darum - habe ich mich aufgerafft und - und habe alles - Eklige, das dabei ist, -
berwunden - - und habe - was - getan. Sie betonte und zog das getan mit
Selbstironie, hinter der schon wieder ihre ursprngliche, kraftvolle Heiterkeit
hervorkam. Ich hab's getan, sagte sie nochmals, warf sich auf das Sofa und
lachte tief, laut, aus voller Brust, mit einem Gesicht, aus dem alle Bitternis
verschwunden war; nur noch bedingungsloser Lachreiz machte sich geltend. Der
Antrieb, die Welt und ihre milich-komischen Konstellationen mit Humor zu
nehmen, der der strkste ihres Wesens war, hatte sich auch jetzt wieder ber
ihre Verdsterung hochgeschwungen. Ich hab's getaan! Sie vergrub das lachende
Gesicht in die Kissen.
    Olga setzte sich belustigt in den Schreibtischsessel. Erzhlen Sie Ihre
Schandtaten, ich mchte schon gern etwas davon hren.
    Noch immer lachend bers Sofa geworfen, zog Lore einen Brief aus der Tasche
und reichte ihr ihn hin. Es war ein Schreibmaschinendurchschlag. Olga berflog
ihn:
    Sehr geehrter Herr! Ihre Annonce hat mir, ich mu es gestehen, Eindruck
gemacht. Ganz zufllig blieb mein Blick an diesen groen Typen hngen, und je
weiter ich las, desto mehr interessierte mich der Inhalt.... Die Schreiberin
ging dann auf diesen Inhalt - den einer Annonce, in welcher sich der Inserent
als ein Herr vorgestellt hatte, der von traditionellen Moralwerten nichts
wissen wollte, - des nheren ein. Als Antwort hatte sie ein Billett erhalten,
das sie in den Wartesaal des Potsdamer Bahnhofs bestellte. Nachdem sie dort
dreiviertel Stunden vergeblich gewartet, ohne einen Herrn von der beschriebenen
Signatur eintreten zu sehen, - war sie fortgegangen, zur nchsten Filiale eines
groen Blattes und hatte da selbst inseriert, da sie die Bekanntschaft eines
gebildeten Mannes suche. Unabhngige junge Dame usw. Hierauf hatte sie mehr
als dreiig Briefe erhalten, von denen nur einige zur Auswahl in Betracht kamen.
Diese Rendezvous' hatte sie absolviert.
    So traf sie, am ersten Tag, einen kleinen, kurzbeinigen Herrn, der ihr
gleich versicherte, er wisse, da der Verkehr mit einer Frau Geld koste; darber
seien die Gelehrten einig; auf ein warmes Abendbrot und eine Flasche Wein kme
es ihm auch nicht an. Das, was Sie sind, sagte der Kurzbeinige, indem er sie
musterte, - suche ich schon - seit Wochen. - - Am anderen Tag kam sie mit
einem Herrn, in der Uniform eines Freiwilligen, in einer kleinen Konditorei
zusammen. (Sie hatte die Rendezvous' so eingeteilt, da sie binnen einer Woche
die Reflektanten kennen lernen konnte.) Beim Zahlen meinte der Freiwillige,
ohne besondere Verlegenheit, er habe die Brse vergessen und ersuchte sie
auszulegen. Auch erbat er, zum Abschied, ihre altmodische, goldene Brosche, -
als Pfand, da sie wiederkomme, wie er scherzhaft meinte. Sie stammelte, es
handle sich um ein Familienerbstck, dessen sie sich nicht entuern knne und
machte, da sie fortkam. - - Ein schneidiger, junger Arzt war der Dritte. Er war
brnett, korpulent, unternehmend. Sie sind pervers, - das kann ich als Arzt auf
den ersten Blick konstatieren, meinte er und zwinkerte sie an; darauf folgte
eine Abhandlung, die sich der Wiedergabe entzog. Er bestellte sie fr
nchstens in seine Wohnung, da er lange Fisematenten nicht liebe. - Als sie
an jenem Nachmittag wieder zuhause war, empfand sie die Einsamkeit wie ein
Glck. Dennoch wollte sie noch einmal den Versuch machen und fand sich am
nchsten Tag vor einem Postamt ein, wohin sie einen der Unbekannten bestellt
hatte.
    Ein groer, schlanker, feingekleideter, junger Herr trat bald aus der Tr
des Amtes und ging auf sie zu. Er hatte angenehme, ebenmige Zge. Pardon -
Lagerkarte 32? Und, als sie bejahte: - Ich bitte um Entschuldigung, aber drin
im Postamt begegneten mir zwei Kameraden, die ich leider nicht abwimmeln
konnte. Dann traten sie auch schon aus der Tr, und es schien ihr gar nicht so
zufllig, da sie hier waren.
    Welchen Namen, bitte?
    Weimann, sagte sie.
    Zur Leiden, flsterte er.
    Die beiden Herren traten langsam heran und maen sie dabei mit langen
Blicken. Der eine war ein blonder, groer, massiger Kerl, mit brutalem Gesicht.
Der andere - eine Karikatur fr den Simplizissimus. Schlotterig, klappernd, mit
dandyhafter Eleganz gekleidet, mit verlebtem, verfltetem Gesicht, das nie jung
gewesen zu sein schien, das Monokel ins Auge gekniffen. Ein kleines, steifes
Htchen sa ihm auf der Schdelspitze; darunter sahen semmelblonde, kindlich
weiche Hrchen hervor, - das einzige Erbteil seiner Rasse, das er, in seinen
letzten Resten zumindest, bewahrt hatte. Beide hatten Opernglser umgehngt; sie
wurden als Kollegen - Assessoren - vorgestellt.
    Loge im Apollotheater, schnarrte der Klapprige, - gehst du mit?
    Herr zur Leiden meinte, er wrde kaum mithalten, aber vorher knne man noch
in ein Caf gehen. Sie traten in das Romanische Caf und fanden mit Mhe einen
Tisch. - Was sie mit den drei Fremden reden sollte, wute Lore nicht. Man sprach
ber das Caf, die Bedienung.
    Herr zur Leiden steckte den Zucker in die Tasche. Den mu ich meinem Koko
mitbringen, meinte er.
    Haben Sie einen Papagei? fragte Lore, der schwl zumute geworden war,
hilflos.
    Ich habe einen kleinen Vogel, - ist aber kein Papagei.
    Der massige Assessor schlug sich auf die Knie und brach in brllendes
Gelchter aus. - Nen kleinen Vogel, famos! Pruh!! Er schttelte sich, unter
schnaubendem Gelchter. - Sein kleiner Vogel - er stie prustend dem
Klapprigen in die Seite, - is ein mchtjes Biest, mein Frulein...
    Die Redensart: seinen Ohren nicht trauen - erlebte Lore in diesem Augenblick
buchstblich. Sie traute nicht - ihren Ohren. Sie mute mihrt haben. Aber da
grlte der Massige noch einmal: Ein mchtjes Biest, mein Frulein ...
    Nach diesem letzten Rendezvous gab Lore die Versuche dieser Art auf.

In niedergeschlagener Stimmung kam Werner. Der frische Zug, den er aus dem
Sanatorium mitgebracht, war aus seinem Gesicht schon wieder gewichen. Um die
Lippen lag Enttuschung, und die Augen hatten den frohen, sammetnen Glanz nicht
mehr, den sie damals gehabt. Sein Gesicht schien wie ausgebleicht.
    Er lie sich schwer auf einen Lehnstuhl fallen.
    Die sauersten Jahre liegen noch vor uns, meine Liebe.
    Wieso, fragte sie.
    Hast du noch Sehnsucht nach einer Zuflucht in einen Glauben? Willst du dich
unter das Dach eines Dogmas verkriechen? Schlag dir das aus dem Kopf! - Aber es
ist schwer; denn in diesem Lebensalter will sich der Wahn, als msse man Ziel
und Mndung finden, nicht zufrieden geben. Nervs sprang er auf und ging auf
und ab. - Unsinn, Tuschung, eingeborene Verstellung der inneren Optik!...
Ziel- und uferlos ist alles, alles. Eine Weltanschauung - haha - das ist die
drolligste Pygmenerfindung der zweibeinigen Aufrechtgeher. Das Weltbild auf
eine Formel bringen wollen! Und dieser Wahn wird in die Gehirne gepret und da
aufgezogen, - gezchtet, vererbt, - ein Verbrechen!
    Wie der Wahn in die Gehirne der Mdchen, das Wunderbare msse kommen, -
dachte Olga.
    Die sauersten Jahre, wiederholte er, - sind die, die man durchmachen mu,
um diesen eingezchteten Talmiglauben loszuwerden. Sein Gesicht verfinsterte
sich. Aus dem kommt alle falsche Begeisterung, - die man dann tappend,
irrlichternd wieder an falsche Adressen richtet.
    Und er erzhlte, wie er zu dem hervorragendsten Fhrer der sozialistischen
Partei gekommen war.
    Ich sage dir - ein Mensch, ein Mann! Eine Ruhe, eine Wurzelsicherheit, die
- einen - wie mich - erschttern mu. Kein Genie, kein Feuergeist, ein
nchterner Rundkopf, - er formte mit hohlen Hnden die Konturen, - klar wie
der helle Tag. Sein Wesen - nur mit dem griechischen Wort wiederzugeben:
Sophrosyne; Gestalt gewordene Besonnenheit. Der ganze Mann: Balance. Und der
Mann kennt nur eine Liebe: die Proles, das Volk, die Masse. Reagiert auf Leute
wie mich - mit automatischer Ablehnung; natrlich. Will die Gter der Welt, um
sie aufzuteilen, wenn's sein mu, auf die magerste Einheit bringen; nicht zwecks
Akkumulation der Krfte an besonderen Stellen, - zu einem neuen Adel der
Persnlichkeit - nein, ganz regelrecht, wie sich der kleine Moritz den
Sozialismus vorstellt: verteilen, - - weil alle gleich sind.
    Alle sind ungleich, sage ich, - das ist das Stupendeste, in die Augen
Springendste, Unbersehbarste!
    Was wollen Sie mit dieser Gesinnung bei uns?
    Gerade deswegen bin ich hier. Weil alle ungleich sind, mssen
Verflschungen der Erhebung - durch die Verschiedenheit des ursprnglichen
Standplatzes - ausgeschlossen sein; ebenes Terrain fr alle - zwecks Erkenntnis
der verschiedenen Hhen.
    Sehr gut sagt er und lchelt - wie der Chirurg, der im Seziersaal, am
zerlegten Gehirn, die vermutete kranke Windung findet, - ausgezeichnet und
dann?
    Dann? Dann, - nach unverflschter Erkenntnis verschiedener Hhen -
verschiedene Verteilung der Gter, Adelsklassifikation, ja nennen Sie es
meinetwegen Kastenbildung, bestimmt von der verschiedenen Leistung; - aber - auf
nivelliertem Terrain! von Haus aus: gleiche Chancen fr alle - beim Auslaufen;
ungleiche Chancen, verschiedene Preise - je nach der Tchtigkeit im Rennen, - am
Ziel!
    Sie kommen mit einem aristokratischen Prinzip und - als Mann von Geist,
sagt er mit dem hflichsten Gesicht.
    Ich komme als natrlicher Verbndeter. Wir Intellektuellen sind lngst
nicht mehr die Schmarotzer der Theorie; wir sind Arbeiter, wie die Ihren!
Stellen Sie uns auf den Posten, - wir gehren zu ihnen. Wir sind es, wir waren
es, - die die Massen ursprnglich beunruhigten und damit in Bewegung brachten.
Unser Gehirn hat die Hnde zur Tat gelenkt. Die bloe Politik des derben
Trittes, wie sie heute gebt wird, tut es nicht mehr allein. Stellen Sie uns ein
in die Reihen!
    Er antwortet: Der Sozialismus fusst allerdings auf wissenschaftlichen
Theorien, indessen - gerade die verschiedenen Theorien haben sich zu Hypothesen
- unsere Feinde sagen: Utopien - zurckentwickelt. Wahr und unanfechtbar,
einleuchtend auch fr unsere Gegner ist nur eines - sein Gesicht wird eisern -:
die Politik des derben Trittes, - - jetzt lchelt er wieder, mit dieser
verfluchten Hflichkeit, - die wir machen und die Ihnen mifllt. Hoffman
schwieg.
    Und somit? sagte Olga.
    Somit - gezhlt, gewogen und zu leicht befunden; das ist alles.

Versuche und Kmpfe berall. Es war, als stnden alle die Ihren jenseits der
Zone der Beruhigten und Gesicherten. Der Briefwechsel mit den Wiener Freunden,
der in den ersten Berliner Wochen, da sie zu tun hatte, sich hier einzufinden,
gestockt hatte, war wieder aufgenommen worden. Auch von da kamen Nachrichten der
Unruhe. Professor Diamant war mit seiner groen Arbeit ber Krebsforschung
hervorgetreten. Nach der ersten Pause der Verblffung, die seine durchaus neue
Methode der Diagnose, die fast einer Entdeckung glich, erzeugt hatte, brach der
Sturm der Gegner los. Seine Methode bezog sich auf die frhzeitige Erkennung
innerer Krebsleiden, mittels gewisser Reaktionen. Ja, seine Diagnose ging noch
weiter als ber die bloe Feststellung des schrecklichen Leidens im
Anfangsstadium. Sie unterschied zwischen heilbarem und unheilbarem Karzinom, gab
eine kombinierte neue Behandlungsmethode durch Lichtbogenoperation, Fulguration
und Radium fr die heilbaren Krankheitsformen - und wollte auch die unheilbare
in ihren ersten Anfngen erkennen. Den heftigsten Kampf aber rief seine Theorie
von der bertragbarkeit des Krebses durch Infektion hervor.
    Edda schrieb noch mehr. Sie sprach von ihrem Bruder Vinzenz, dessen
geschftliche Transaktionen sie und Eva sorgenvoll machten. Eva selbst aber
deutete kommende nderungen an und meinte, es sei nicht unmglich, da sie sie
bald in Berlin sehen wrde.

Hoffmanns starke und friedensfrohe Stimmung, mit der er sie werbend umschlossen
hatte, wich mehr und mehr einer wachsenden Verdsterung. Eines Abends bekam sie
einen Brief von ihm. Er schrieb von der Baronin, deren Gedichte sein Verlag
brachte. Diese Frau - der Edeltypus der Kaukasierin - verbindet die pompse
Wucht der Sphinx mit der strahlenden Kraft eines befeuerten Ingeniums. Freilich
glht dieses Feuer in tiefster Seelenstille, denn da sprht und knattert nichts
... Ihren Mann kenne ich nicht, wohl aber einen Verwandten, mit dem sie meist
zusammen ist, ein Diplomat und Philosoph. Ich wnsche sehr, Dich den beiden
nher zu bringen. Sie haben die Leere, die schon wieder ihre Fnge um mich
wirft, verscheucht.
    Wie der Alp einer berschweren Last senkte es sich auf Olgas Seele; als ob
sie, ber ihre Tragefhigkeit beladen, einen Berg berklimmen sollte, so schien
sie sich. Glckshungrig hatte sie den gefhrlichen Einsatz gewagt, gefhrlich -
weil sie sich gab mit ihrer Weiblichkeit; nun wuchs in ihr das Bangen.
    Der Brief bat sie, an einem bestimmten Tag im Caf zu sein, um die Baronin
und ihren Verwandten kennen zu lernen.

Das Caf, in das sie Werner Hoffmann bestellt hatte, war ein Sammelpunkt nicht
nur der Literaten und gewisser Erscheinungen der Bohme, sondern auch der
Zugehrigen anderer intellektueller Zonen, - junger Rechtsanwlte und rzte, die
meist Publizisten dazu waren, akkreditierter Pressevertreter, erfolgreicher
und erfolgloser Theaterdichter, studierender Japaner, die weiter drin, in
Charlottenburg, siedelten; und da im Gebiet dieses Straensternes einige
exotische Gesandtschaften lagen, fand man hier auch junge Diplomaten, zumeist
romanischer Nationen, Hispanier, Argentinier, Chilenen. Am Nachmittag war das
Bild hier belebt von den beweglichen Gesichtern dieser verschiedenen geistig
Hauptberuflichen. Gegen acht Uhr abends nderte sich die Szenerie: die
Intellektuellen gingen, und die begterte Bourgeoisie von Berlin W.W. kam
hier herein zum warmen Abendbrot; die Herren - stmmige Geschftsleute, die
Damen - zu sehr nach den allerneuesten Moden kostmiert, um elegant zu sein, wie
wandelnde Schaufensterpuppen der Warenhuser anzusehen, - mit reichbelockten
Frisuren, riesigen, beladenen Hten, enggearbeiteten Kleidern, auf verschnrten
Formen, mit ihren smtlichen Schmuckstcken, von nachweislich legitimer
Herkunft, bedeckt. Gegen zehn Uhr saen jene noch hier, - und die anderen
kamen zurck von den Stullen, die sie zwischendurch an minder kostspieligen
Stellen genommen, - sie kehrten wieder, zum Caf, zu einem Glschen Curaao oder
zum halben Eis. Und unter die Tiergrtnerinnen und die Zoopuppen mengten sich
nun therische Gestalten, die mit tiefen, tiefen Blicken zwischen den zwei
Zopfschnecken, die die Ohren aus der Welt schaffen sollten, hervorsahen. Da kam,
wei geschminkt, die dmonische Aspasia, von der es hie, sie sei erotisch
unempfindlich, aber sie inspiriere die sie umgebenden Knstler trotzdem oder
gerade deswegen. Mit ihr schritt ein von wildem Locken- und Bartgestrpp
umwallter Feind des Staatsgedankens und zwei Dichter aus der Schule der
Teuflischen, der eine von satanischer Hagerkeit, der andere kompromittierend
dick und gemtlich. Kurz geschorene, reizende, blonde Schwedenmdchen, die in
Berlin studierten, flatterten auf und hllten sich mit Kolleginnen aus dem
Zarenreich und deren Genossen in dichte Dampfwolken. Backenbrtige, gelbliche
Tartarengesichter mit dem finsteren Blick der russischen Intelliguenza waren da
zu sehen und, ein wenig weiter von ihnen, am gemeinsamen, langen Tisch, - mit
lauernd beobachtenden Forscherblicken, den Mund zu slich feindseligem Lcheln
verzogen, - die asiatischen Mongolen, denen die Zoopuppen ungenierte Blicke
zuwarfen. Die therischen Mdchen in phantastischen Hngern studierten die
Kunstzeitschriften, von denen sie ab und zu, wie entgeistert, emporblickten und
nur, wenn ein Dichter oder Denker an ihren Tisch trat, hoben sie die Lider und
schienen sich mit tiefem, tiefem Blick in dieser Welt zurecht zu finden. Auch
ein paar energisch dreinblickende Frauen, die weder zu den therischen noch zu
den Zoopuppen gehrten, saen da, sprachen von Versammlungen und verlangten
weniger die Kunstbltter als die literarischen und politischen Monatsschriften.
    Olga, die selten hierher kam, hatte in einer Ecke Platz gefunden und wartete
auf Hoffmann und die von ihm Angekndigten; auch Stanislaus sollte kommen. Sie
trug ihr neues, blaues Tuchkleid, dessen rechteckiger Halsausschnitt mit einer
bunten, trkischen Borte abschlo, und, inmitten der breiten, kupfrig
schimmernden Wellen ihres Haares, ein rundes Astrachankppchen, das sie seit
Jahren besa. - Sie lie die Blicke wandern und sah sich die Leute an.
    Nahe der Kasse, am Privattisch, sa der Cafetier, ein Mann, dessen Kopf an
den eines Spanferkels erinnerte und der, wann immer man in das Caf kam, sei es
am frhen Vormittag, mittags oder spt nachts, zur Stelle war. Man sah es ihm
an, wie sein Beruf ihm schmeckte, wie er sich in Gewissensruhe sonnte, weil, im
Caf zu sitzen, fr ihn im Geschft sein hie. - Nicht weit davon sa ein
schwarzhaariger Literat mit groem, bleichem Gesicht; er hatte hier warm
gegessen und schwelgte, wie nur je einer am Zahltag. Von weitem sah seine Stirn
hoch und blank aus, aber es war nur der ungewhnlich weit hinten beginnende
Ansatz der Haare, die in Bschen bis zu den Schultern hingen, der ihr
Dimensionen gab. Die leere Schnitzelplatte stand noch vor ihm, und schon war er
dabei, den Kaffee mit reichlichen Mengen Kuchens sich schmecken zu lassen. Er a
mit Wohlbehagen, wie einer, der auf solche Tafelei im Geiste vorbereitet war; er
hatte erst krzlich eine Abfindungssumme von einem Verleger erhalten dafr, da
er von dem Vertrag ber die Drucklegung seines philosophisch-lyrischen Werkes
An die Ewigkeit zurcktrat ...
    Im goldstrahlenden Licht, das den weigetfelten, mit roten Plschbnken
mblierten, vielfach abgeteilten Saal erfllte, erschienen Olga pltzlich alle
diese bewegten Figuren silhouettenhaft, wie skizzierte und nicht ausgezeichnete
interessante Schattenrisse; aber nirgends, nirgends - ein wirkliches Portrt,
nirgends ein durcharbeiteter Kopf, mit groen, deutlichen Linien, ein echtes
Antlitz ...
    Pltzlich blieb ihr Blick hngen: wem gehrte nur dieses braune,
schwarzbrtige Gesicht mit den eckigen, fast verzerrt erscheinenden Zgen, die
an primitive Holzschnitzerei erinnerten. Halt - diesen selben Vergleich hatte
sie schon einmal gemacht, als sie, bei einem Sommeraufenthalt bei Verwandten in
Bhmen, an allen Kreuzwegen des Dorfes den Statuen des rtlichen Schutzpatrons,
des heiligen Nepomuk, begegnete. Der holzgeschnitzte Mrtyrer, mit dem in
frommem Leiden verzogenen, viereckigen Gesicht, hatte sie an jemanden erinnert,
- dem sie einstmals - flchtig - - begegnet war, - - damals zuhause, als sie
Koszinsky fand und verlor. Es war Koszinskys ehemaliger Kamerad, Karl Stiller,
der hier sa. Seine magere, starkknochige Gestalt stak in einem vertragenen,
buntkarierten Anzug; er hatte eine Zeitung in der Hand und sah, ber das Blatt
weg, starr und md ins Leere. Unwillkrlich blieb Olgas Blick fest an seinem
Gesicht hngen; nach einer Weile drehte er den Kopf, und sah nun pltzlich auch
sie. Seine Stirn zog sich gleich in grblerische Falten und erschien, unter der
starren, schwarzen Haarbrste, finster wie ein Wald, ber den sich abendliche
Gewitterwolken sammeln. Sekundenlang sahen sie einander an, dann wandte sie den
Kopf und berlie es ihm, sich zu erinnern. Er grbelte; wo hatte er dieses
stark ausgeprgte Mdchengesicht mit den Haaren, die den Kopf umbogen, wie
geschmiedetes Kupfer, dieser gebogenen Nase, die doch in diesem Gesicht nicht
strte und den klugen, schwarzen Augen schon gesehen? Und er erinnerte sich
dunkel, diese selben Augen auch schon wie hinter Schleiern, die sich ber ihnen
verwebten, erblickt zu haben ... Auf einmal fuhr die Erinnerung durch ihn, wie
ein Ri. Die Augenbrauen wurden hoch zur Stirn gezogen, die verkniffenen Lippen
lsten sich, ein gutes Lcheln kroch aus den bartumwallten Mundwinkeln und
verscheuchte, fr einen Moment, die Dsterheit der Stirne.
    Entschlossen ging er an sie heran.
    Freil'n Diamant?
    Herr Leutnant Stiller?
    Ich bin doch ka Preu', Freil'n, da ich mir den ehemaligen Titel in Zivil
konservier'! Wir Deutsch-Magyaren kokettieren nicht mit sowas ... aber was
machen's hier? Er schttelte ihr krftig die Hand und setzte sich, auf ihre
Aufforderung, zu ihr.
    Sie berichtete ungefhr, was sie hier trieb.
    Und Koszinsky? fragte er geradezu, obwohl er die Lsung der Beziehung noch
mit erlebt hatte. Verfluchte G'schicht' war das damals.
    Er ist auch in Berlin.
    Er dachte nicht anders, als da sie wieder zusammen waren. So? Haben's sich
also ausg'shnt?
    Nun berichtete sie, wie und wo sie Koszinsky in Wien und dann wieder hier
begegnet war und wie sie miteinander standen.
    Armer Teufel, armer Teufel, murmelte er. Im Grund ein Kerl, dem man die
eine Dummheit nicht ankreiden drft', auch nicht in Gedanken. - Wie kann es
sein, fuhr er fort - da sich in Ihrem Herzen so - so gar nichts mehr regt fr
ihn? Und, als sie schwieg und nur mit wehmtigem Lcheln die Achseln hob,
begann er, wie in Erinnerung verloren, mit hellem, gutem Gesicht zu erzhlen -
von damals. Er schilderte, wie Koszinsky, im Rausch der ersten Leidenschaft,
fiebernd vor Erwartung nach ihren Briefen, immer aufs Postamt gestrmt war.
Manchmal hatte er ihm auch gezeigt, was er ihr schrieb. Bitt' Sie, - er war
schon so ein Mensch und hat nix Bses dabei g'sehn ... Stiller sprach noch
immer im sterreichischen Dialekt, mit der speziellen, slawisierten Rauheit der
Provinzoffiziere der Monarchie.
    Ich erinner' mich noch, wie er einmal, statt der berschrift, nur ein Motto
oben g'schrieben hat, - aus - aus dem Weststlichen Divan war es, wie mir
scheint: Sieh, da war - - er zog die Worte ehrfrchtig auseinander, - meine
Chiffre leis' gezogen ... komisch, komisch, schlo er nachdenklich, - wie so
einem Menschen, wie er, - so was hat passieren knnen.
    Ich glaube, meinte sie, es gibt in den Seelen der meisten von uns
Heutigen - mancherlei Bewegung gegeneinander, - Strmungen vom und zum Ufer.
    Kann sein - kann sein. Dem Koszinsky fehlt vor allem - das Weib, wissen's,
- so eine ganz eine einfache, schlichte Huslichkeit, mit Frau und Kindern, -
ohne die ein Mann wie unsereiner nicht sein soll, wenn er sich nicht ruinieren
will in Mark und Gehirn.
    Und Sie? sagte sie lchelnd.
    Ich hab' ein Weib, - natrlich, sagte er. Is ein armes Madel, das an mir
hngt und ich an ihr. Nchstens la ich mich mit ihr trauen, - wegen die Kinder,
wissen's. Is schon a jahrelange G'schicht. Wir haben drei Kinder. Zwei sind bei
die Eltern untergebracht, zuhaus in Ungarn; und das dritte - die Stirn verzog
sich sorgenvoll - is vor a paar Tagen angekommen.
    Hier?
    Ja, es is ein Elend. - - Wann sie gesund is, die Meine, schneidert sie;
jetzt soll ich uns alle ernhren, - furchtbare G'schicht is das. Er ballte
unwillkrlich die Fuste, unter der Tischplatte.
    Sie hatten dort eine Stellung bei einer deutschen Redaktion - zuhause?
    Bitt' Sie, wie kann sich da eine deutsche, literarische Zeitschrift halten!
Die kleine, deutsche Insel da unten, - die Sachsen in Siebenbrgen und die
Schwaben im Banat - das is alles. Die sogenannten Deutschen da oben - Budapest,
Raab, Preburg, - die G'sellschaft zhlt bei so was wie das, um was wir kmpfen,
nicht mit. Denn erschtens sind's verjudet (pardon) und zweitens spielen's die
Magyarenpatrioten; da heit einer, zum Beispiel, Salomon Bauchspeck und
magyarisiert sich auf Andrassy oder Hunyady oder sonst auf den Namen irgendeines
alten Frsten- oder Grafengeschlechtes. - Den Idealismus da unten im Rassenkampf
haben nur wir dort, in der sdstlichen Ecke. Er machte eine Pause und starrte
finster vor sich hin. Das Blatt'l, fuhr er fort, is bald eingegangen, und so
bin ich nach Berlin. Leb' hier als freier Schriftsteller, - er verzog die
Lippen, fletschend, - saubere Freiheit das. Herumhausieren mit Artikeln - und
davon soll man Weib und Kinder und sich selbst ernhren. Nun, ein Glck is
zweierlei: erschtens, da ich meine Spezialitt hab' - die Geschichte der
Deutschen in Ungarn, - das interessiert hier, gibt noch viel unbekannten Stoff
und findet Abnehmer, wissen's; und zweitens - und jetzt hob er unwillkrlich
die geballten Fuste aus ihrem Versteck, unter der Tischplatte, und hielt sie in
Kopfeshhe hoch, - meine zwei Arbeiterhnd'! Sehen's, - was ich mir mit'm Kopf
nicht d'rspekulier' und mit'm Hintern - pardon - beim Schreibtisch nicht d'r =
sitz', das schaffen meine Pratzen, - meine echten deutschen Faust'! Die knnen
arbeiten und zugreifen, - wo's a Brot gibt. Er lie die Arme langsam sinken ...
Sehen's, wenn die Not da in der Wohnung von Kche und Kammer im Quergebude
gro wird, - sehr gro - wie jetzt, wo a Kind nach Milch schreit und a arm's
Weib daliegt und sich nicht rhren kann, - sehen's, da geht man halt taglhnern,
- wo's was gibt. Es war trotzig gesagt, fast prahlerisch herausgestoen; aber
der Kopf hatte sich unwillkrlich gesenkt, die Lider beschatteten die ehrlichen
Augen, die eben noch wild dreingeblickt hatten, und es schien, als verbreite
sich ber das braune Gesicht, langsam steigend, eine Blutwelle ... Aber
glauben's nicht, da meine Arbeit - die eigentliche - deswegen zurckbleibt, -im
Gegenteil: wenn ich auf solche Art hab' schuften mssen, - sag' ich mir -
justament weiter - durch mut und wirst! - - Ich schreib' jetzt ein Drama, -
wissen's, so was Urdeutsches.
    Ein historischer Stoff?
    Den hab' ich auch angefangen, - hab'n aber inzwischen weggelegt. Er is aus
der Geschichte der Sachsen - und bei historischen Sachen is der Erfolg riskiert,
wissen's, der Auffhrungs- und der Gelderfolg, und den brauch' ich. Nein, - ich
mach' jetzt was anderes, was Aktuelles. Ihnen kann ich's ja sagen - Sie werden
mir's nicht stehlen, - also hren's: ein urdeutsches Stck aus der Gegenwart.
Ein neuer, nationaler Held - er machte eine geheimnisvolle Miene - denken's,
es wr' der Graf Zeppelin - steht im Mittelpunkt. In einem echt deutschen
Stck, fuhr er lebhaft fort, darf aber neben dem heroischen auch das komische
Motiv nicht fehlen, wissen's! Nehmens' an - dazu lang' ich mir den Zeitgenossen
vom Grafen, - den Schuster Voigt, genannt Hauptmann von Kpenick; fein, was?
Natrlich werden die zwei Helden in einen Zusammenhang gebracht ... dazu hat man
ja seine Phantasie! Und da gibt's Episoden - urdeutsch, sag' ich Ihnen. Erinnern
Sie sich an den Meister Hilbrecht, der den Strfling bei sich aufgenommen hat, -
den echten, deutschen Meister Hilf - recht, der so recht und ganz half, - bis
die Polizei kam und das Wild weiter jagte? Er war ganz hei und froh geworden
bei seiner Schilderung. Und ber all dem - der Adler - der greise Graf. - Er
flog - flog ber Luzern - mit Adlern um die Wette, - zitierte er ein Gedicht
aus der Jugend, - er flog ber die Berge der Schweiz; ein Augenblick, wert,
miterlebt und fuhr er pathetisch fort, auf der Schaubhne dem deutschen Volke
erhalten zu werden. Er war ganz verklrt. - Wr' was fr unseren Schiller
gewesen; aber so was interessiert natrlich die richtigen modernen Literaten
nicht - schlo er mit gereizter Betonung.
    In seiner Kraft, die manchmal von naiver Roheit nicht fern schien, mit
seinem dampfenden Schnauben, seinem Lebens- und Siegeswillen schien er ihr wie
ein echter Nachkomme jener Berserker, die sich durch die deutschen Urwlder Wege
gehauen und dem Feind nackt und mit wildem Geheul entgegengestrmt waren ...
    Ein langer, hagerer Herr mit schmalem, gelblichem Gesicht und schwarzem
Knebelbart, dessen Kopf an die Mnnerportrts des Velasquez erinnern konnte,
drngte sich zwischen den Tischen durch, sah dabei Olga und grte sie; zgernd
blieb er stehen und kam dann, auf ihren freundlichen Gegengru, heran.
    Stiller.
    Doktor Emmerich.
    Es war einer der rzte aus dem Sanatorium, in dem sich Hoffmann aufgehalten
hatte. Er war mit ihm gleichzeitig abgereist, da er von seiner Stellung
zurcktrat und sich selbstndig niederlassen wollte. Olga hatte ihn einmal bei
Werner angetroffen. Beide hatten erraten, da er ihre Beziehung erkannte, ohne
da sie sich dadurch beunruhigt fhlten.
    Olga interessierte ihn, und so wollte er nicht vorbeigehen, ohne sie zu
begren.
    Und unser Freund? Kommt er nicht auch? Ich sehe ihn fters hier.
    Doch, ich erwarte ihn hier. Wollen Sie Platz nehmen? Und sie bog einen der
Sthle, die sie umgelehnt hatte, um sie zu reservieren, zurck.
    Wenn Sie gestatten, bleibe ich gern einen Augenblick.
    Mitrauisch blickte Stiller nach dem neuen Tischgenossen, und seine Stirn
war wieder gefltet und finster.
    Doktor Emmerich war ein Apostel der lichten Lebensauffassung. Einer, der die
Menschen, wie er sagte, liebte; der alle moralischen Mngel als Entartung und
Entartung als Krankheit erklrte. Der ganz gesunde Mensch ist gut und heiter,
- das war sein Glaube; aber freilich, wo gab es solche ganz Gesunde? Auf Olgas
Frage nach seinen nchsten Plnen, von denen er bei Werner in ihrer Gegenwart
gesprochen, erwiderte er, es schreite alles zur Zufriedenheit und programmig
fort. Ein passendes Haus fr sein neu zu grndendes Sanatorium habe er bereits
gefunden, - im Sden, in herrlicher Lage, ganz wie er sich's gewnscht, - in
einer Gegend, in welcher sich auch schon Menschen von besonderer Art angesiedelt
hatten, in Askona bei Locarno, am Lago Maggiore. Schon nchster Tage reise er
dahin ab.
    Er erzhlte von der Kolonie der Weltflchtigen, die da in den Bergen
verstreut ihre Htten gebaut hatten. Sie alle hatten sich von den
berlieferungen der Kultur losgesagt. Sie lebten dort als eine besondere Sekte,
den Dorfbewohnern bekannt unter dem Namen Vegetarii, - fast ohne Geld, im
Tauschverkehr mit den Einwohnern des Dorfes, denen sie ihre selbstgezogenen
Frchte brachten, wenn sie von ihnen etwas brauchten. In ihren Htten und Grten
gingen sie meist nackt. Es gab Leute unter ihnen, die frher mitten am
Kampfplatz der Intellekte gestanden - und sich dann weiter und weiter
zurckgezogen hatten, scheu und bengstigt zurckweichend vor diesem Getmmel,
in dem die Gedanken nicht leicht beieinander wohnten, sondern sich fast so hart
stieen, wie die Sachen ... Die meisten waren jetzt religisen Problemen
ergeben.
    Olga schttelte den Kopf.
    Diese Menschen leben doch zumeist von Renten, die ihnen solche, die sich
vom Kampfplatz nicht drckten, - bersenden. Heit das nicht, sich's recht
bequem machen? Ihr Tauschverkehr, den Sie da schildern, ist meines Erachtens
eine Torheit. Frau Grser bringt, wie Sie erzhlen, dem Zahnarzt pfel oder
singt ein Lied als Gegengabe, wenn sie einen Zahn gezogen haben will; wenn der
Zahnarzt darauf eingeht, ist das seine persnliche Kulanz. Logisch und
berechtigt ist der Vorgang nicht, - denn wie, wenn der Zahnarzt keinen Bedarf an
pfeln oder an Liedern hat?... Wie kann man leugnen wollen, da das Geld, diese
universelle Einheit, durch die alle materiellen Werte ausdrckbar sind, das
logischste Medium beim Austausch der Gter ist? - - Oder wenn diese Menschen da
unten alles, was sie brauchen, selbst verfertigen, - welches Dilettieren in
allem Handwerk, welche Vergeudung an Kraft und welcher Mibrauch des Materials!
    Doktor Emmerich erklrte: Der Glaube - oder der Wahn - der zu solcher
Sektenbildung fhrt, - liegt vielen Gemtern gnzlich fern, aber nur mit dem
Gemte lt er sich begreifen ... Glauben Sie aber ja nicht, da ich etwa im
Geiste jener Sekte dort hausen werde, fuhr er lchelnd fort. - - Das Pltzchen
ist wundervoll gewhlt. Mit den Leutchen da werde ich mich wohl anfreunden - wie
sollten gerade sie den Arzt und Psychologen nicht interessieren, - im brigen
aber will ich solche Menschen heranziehen, die sich in einem kstlichen Klima,
in einer gutgefhrten Anstalt physisch und seelisch erholen wollen; und
besonders zu dieser seelischen Erholung ihnen zu verhelfen, - soll mir am
meisten am Herzen liegen.
    Aha, - eine Therapie, deren Kurmittel nicht nur Dit, Wasser, Luft, Sonne,
farbige Bestrahlung, faradische und andere Strme, sondern auch seelische
Krftigung umfassen soll, umfat Ihr Heilprogramm? bemerkte Stiller mit
gallbitterem Gesicht.
    Ganz genau das ist es, meinte Doktor Emmerich ruhig. Die Zukunft des
Arztes, fuhr er fort, begreift auch diese Mission.
    Der Arzt als Heiland, knurrte Stiller ironisch.
    Nicht gerade als Heiland, aber, sagen wir, als der moderne Stellvertreter
des Priesters, den die heutige Menschheit sehr notwendig hat, - den
Stellvertreter nmlich, nicht den Beamten des Klerus.
    Also wieder ein neuer Weg zum Heil, meinte Stiller. Hirsebrei,
Obstbaumzucht, Atmungsgymnastik, mystische bungen und Nacktkultur - das alles
tut's nicht mehr, es mu auch der rztliche Seel-Sorger ber all dem wachen.
    Nacktkultur ist durchaus nichts Lcherliches. Nackt laufen in freier Luft,
nackt baden, turnen und tanzen wrde bald aus unserem Volk etwas anderes machen,
als es zum groen Teil heute ist; lcherlich wird die Sache erst, wenn nackte
Menschen auf Mbeln in Salons sitzen und da Tee trinken und sthetische
Gesprche fhren.
    Stiller beachtete diese Erklrung nicht, die erste Mitteilung Doktor
Emmerichs hielt ihn in Atem. Nach welchen Gesichtspunkten, Herr Doktor
Emmerich, wollen Sie fr seelische Krftigung Honorar nehmen?
    Doktor Emmerich hatte keinen Augenblick sein heiteres Lcheln verloren. Er
erwiderte: Vor allem will ich ein materiell sehr leistungsfhiges Publikum da
hinunterziehen. Als langjhriger Arzt in einem groen Sanatorium habe ich
Fhlung mit dieser Klientel.
    Stillers braunes Gesicht war gefltet, wie ein entrollter Fcher und ganz
von drohenden Schatten bedeckt. So, so, knurrte er.
    Ja; dieses Publikum wird dann da unten in Atem gehalten. Sie zhlten ja
vorhin schon die Methoden auf: elektrische Strme, Wasser- und Sonnenbder, und
was sonst noch drum und dran hngt. Besonders mit den billigen Kurmitteln des
Wassers, der Sonne und einer entwhnenden Dit rechne ich. Eine heilsame
Frugalitt der Ernhrung ist aber den Patienten nur dann vertrauenswrdig, wenn
man die hchsten Preise dafr nimmt.
    Wunderbares Prinzip, kam es pfauchend zwischen Stillers Zhnen hervor.
    Das Haus wird natrlich sehr gut ausgestattet: modernes Inventar, gute,
hygienische Betten, W.C., - das fehlt da unten. Und wenn mir das glckt, wie ich
es meine, fuhr Doktor Emmerich fort, und seine bebrillten Augen wurden licht, -
dann kann ich - sozusagen - die leitende Idee meines Lebens endlich ausfhren.
    Und die ist? fragte Olga.
    Sehen Sie, dann - dann schaffe ich da unten nach und nach eine Einrichtung,
die uns fehlt, - eine sehr notwendige Einrichtung: eine Erholungssttte groen
und vornehmen Stils fr geistig Arbeitende, - die kein Geld fr Erholungsreisen
brig haben und die das vllige Ausspannen bei sehr gutem und sorglosem Leben
notwendiger brauchen, wie alle anderen. Denn hier, in ihnen, sind die Kapitalien
der Zukunft; das Material, aus dem sie gebaut wird, sind aber diese Menschen
selbst. Sie haben nicht ihr Arbeitsmaterial neben sich, wie Tischler und
Schuster, - in sich haben sie es, sie selbst sind es, ihr eigener Leib ist die
Mglichkeit ihres Wirkens, aus sich selbst heraus holen sie alles. Diese
Menschen leben gehetzter und aufreibender wie alle anderen, ihre Existenz
bedingt ein ewiges Hasard, wie die des Spielers, nur da sie positive Leistungen
daneben noch erbrigen mssen. Er - brigen, demonstrierte er, - das heit, -
ein Mehr, ein briges mu da sein, ein briges an Kraft. Darum bedrfen sie -
gerade sie - aller Akkumulatoren der Kraft, der Schonung, der Pflege, der Ruhe
und - ja und mit verbindlichem Lcheln wandte er sich zu Stiller - und der
gnstigen seelischen Beeinflussung.
    Das also wollen Sie, kam es, nach kurzem Schweigen, aus Stillers Munde,
und sein Gesicht war glatt und licht, wie ein Sommertag
    Ich habe mir die Sache gut ausgerechnet, sagte Doktor Emmerich. Ein
reicher Patient - das gibt, bei Weglegung der ntigen Reserven fr das Haus, -
zwei, vielleicht auch drei Pltze fr meine anderen Invaliden. Das Unternehmen
ist zwar mein privater Besitz, soll aber verwaltet werden, als ob es einer
Genossenschaft diente: alles, was erbrigt wird, kommt dem Hause selbst und dem
einen Teil der Insassen wieder zugute.
    Olga hatte fast vergessen, wo sie war, - einen Augenblick war ihr, als ob
das Dunkelblau des italienischen Sees, das strahlende Licht jener Landschaft vor
ihre Seele getreten wre.
    Diese Strmenden, - wollen Sie einfrieden, sagte sie, diesen ewig
Unsicheren - eine Spanne Sicherheit gewhren. Aber glauben Sie, da die wirklich
- Tchtigen, die Echten und Starken, die mit dem groen Knnen und Wollen, -
solche Hilfe auch brauchen?
    Blicken Sie um sich, sagte Emmerich und senkte unwillkrlich die Stimme.
Nicht gerade hier, fgte er lchelnd hinzu, da sie die Augen ber das Lokal
schweifen lie, blicken Sie im Leben, in Ihren Kreisen um Sich! Sie werden
echtes Knnen und manches edle Wollen sehen. Aber Sie werden auch sehen, da
dieser Wille fast berall gegen Nervenohnmacht kmpft und sich dabei
versplittert und verstubt, wie Wellen, die auf Felsen schlagen. Daher sind
unter diesen geistig Ringenden jene so selten, die - wie soll ich es richtig
sagen, - groen Lebenszustnden gewachsen sind: der Liebe, dem sozialen Kampf,
dem Erwerbsleben mit seinem brutalen Gedrnge, der Anpassung an das Milieu und
den Krisen der eigenen Brust in Sachen der Kunst, der Weltanschauung, des
inneren Dogmas und der Bedrngung durch eigene Triebe. Darum sehen Sie die einen
zu Sklaven ihrer Begierden werden, - andere wieder, die ihre Triebschwche
lhmt.
    Er unterbrach sich. Olga grte nach der Tr hin, durch deren Rondell eben
Stanislaus eingetreten war. Der schne Mensch, fuhr Doktor Emmerich fort,
wird immer seltener: das ist der, der Gefhlsstrme zwischen sich und andere zu
leiten vermag, der die Freude in der Welt mehrt. Denn aus der Freude kommt die
Kraft und die Tat ber sich selbst hinaus ... ...
    Er machte eine Pause und nickte, wie fr sich selbst: Darum will ich -
helfen, soweit ich kann.
    Stanislaus war herangekommen. Der Begrung folgte der Aufbruch Stillers.
    Ich mu nach Hause schauen, sagte er, - aber ich komm' dann wieder und
find' Sie dann gewi noch hier, fgte er, zu Olga gewendet, hinzu. Ihnen dank'
ich - dank' ich, Herr Doktor, - fr das, was ich von Ihnen hab' hren drfen.
    Er ging. Olga erzhlte Stanislaus, der sich seiner nicht gleich erinnerte,
wer er war, und berichtete den beiden Mnnern von seinem Leben.
    Einer von meinen knftigen Gsten, - von denen, die ich vorzumerken habe,
meinte Emmerich.
    Ich frchte, Ihre Liste wird lang werden, antwortete Olga.
    Ihren Namen lese ich jetzt oft, sagte Doktor Emmerich, zu Stanislaus
gewandt.
    Im Zusammenhang mit der alten Sache. Mich interessiert die aber momentan
nicht mehr. Mein Herz gehrt - der neuen.
    Schriftsteller sind immer um eine Nasenlnge ber sich selbst hinaus,
sagte Doktor Emmerich.
    Man sprach von Werner Hoffmann. Kennen Sie ihn? sagte Stanislaus, mit
eindringlicher Betonung.
    Ich glaube, erwiderte Emmerich und zog sein schwarzes Knebelbrtchen
nachdenklich durch die Hand; - ein mglicher Christus. Kompromilos wie Ibsens
Brand. Eigentlich ein Mystiker, - der nicht wei, da er es ist, sehr zum Heil
seiner suchenden Seele. Ein Mensch mit heftigen Tatinstinkten, denen sich
tausend ererbte Hemmungen entgegenstellen, die ihn hindern, sich selbst auf die
Spur zu kommen; der sich suchen wird sein Leben lang; einer, dem jeder Irrtum
zur Snde wird,... ein Beladener.
    Die Geschwister horchten. Das Gesumme des berfllten Saales umgab sie, ohne
da sie es hrten. Sie sahen auch nicht mehr die Einzelnen; nur noch die Flle
der bewegten Figuren, die sich im blulichen Zigarrendampf und im gelben
Kunstlicht bewegten, schob sich vor ihren Blicken, wie im Spiegel hin. Die
gelben Gardinen des einen Fensters waren noch nicht vorgezogen. Drauen
schimmerte die tiefe Nacht, blau, zwischen den fahlen Lichtkreisen der
Gaslaternen, dicht und blendend fiel der Schnee, legte sich an die groen
Spiegelscheiben, bildete da kristallene Sterne und schimmernde Ballen.
    Pltzlich sahen sie Werner, in Begleitung zweier Fremder, ber die Strae
kommen. Werner, wie immer, in der Lodenpelerine, den weiten Schlapphut tief in
die Stirn gedrckt. Gleich darauf waren sie eingetreten und bei ihnen.
    Herr von Bredow, - Baronin Kellenberg, sagte Werner, nachdem er die
Geschwister und Doktor Emmerich vorgestellt hatte.
    Die hohe Gestalt der Dame war ihnen schon drauen aufgefallen. Nun, da sie
ihren Pelzmantel ablegte und in ihrem breiten Federnhut und im tiefschwarzen,
flieenden Sammetkleid vor dem Tisch stand, erschrak Olga beinahe ber ihre
Schnheit. Auf der hohen, ppigen, von keinem Mieder verschnrten Gestalt sa
ein Kopf, mit vollendet ebenmigen, ruhigen, grogezeichneten Zgen. Der
Edeltyp der Kaukasierin, so hatte Werner sie geschildert, und Olga hatte sich
dabei nichts denken knnen. Nun, als sie dieses Gesicht sah, wute sie, was er
meinte. Das war das Antlitz der Europerin, wie sie ursprnglich gewesen, bevor
sie durch gefhrliche Kreuzungen das ruhige, groe Ebenma der Zge verlor und
soubrettenhaft verniedlicht, wo nicht verhlicht wurde. Khle, blaue Augen
beherrschten das Gesicht, dessen Teint etwas bla war, ohne da die zarte
Frische des Fleisches davon beeintrchtigt wurde. Die Augenbrauen waren
hellbraun, wie das Haar, und lagen als vollendet geschwungene Bogen ber den
Augen, ja sie schienen etwas hochgezogen, was dem Gesicht den Ausdruck des
Staunens, fast der Einfalt, gab, - eine Einfalt, an welche Olga nicht glaubte,
und deren Schein ihr nur durch diese Bogen der Brauen erzeugt schien. In diesen
Augen aber war noch etwas anderes: ein unaufhrliches Irisieren, das zu der
sonstigen Ruhe des Antlitzes nicht pate und wie knstlich ins Auge gebannt
wirkte.
    Stanislaus war beim Anblick der Baronin das Wort von der ochsenugigen Hera
in Erinnerung gekommen, - ganz in jenem ehrfrchtigen, mythologischen Sinn, der
das groe Auge der Gttin durch den Vergleich nicht erniedrigen, nur
charakterisieren wollte. Er dachte an die Antiken, die er in Rom gesehen, an
Kameen, in die die mchtigen Zge der Hera eingeschnitten waren; aber als er das
Profil der Baronin sah, kamen ihm die geheimnisvollen, geradlinigen Zge in den
Sinn, die man an uralten, gyptischen Torsen fand, diese Profile, die
tausendjhrig und ewig jung, - unbeweglich und doch faszinierend erschienen.
    Herr von Bredow war so gro wie die Baronin. Sein Kopf sah eckig und fest
aus. Die zierlichen Ohren, deren Knorpelgewinde besonders fein und verschlungen
war, saen tief, dicht ber dem Winkel der Kiefer; die Augen, von klarem Grau,
lagen unter einer Spur hellblonder Brauen. Der Blick war durchdringend. Die
kurzverschnittene Schnurrbartbrste strubte sich steif und borstig, das
gewaltige Gebi war etwas vorgeschoben und ungleichmig. Als er den Hut abnahm,
sah man einen fast kahlen Schdel von ungeheueren Dimensionen. Steil wie ein
Dachgiebel, stieg die Stirn auf; die tiefsitzenden Ohren lieen sie, seitlich
besehen, von mchtiger Weite und Breite erscheinen, - von vorn betrachtet
schwang sie sich, in berraschend reiner Linie, wie ein romanischer Bogen. Ohne
Hut sah er ganz verndert aus. Olga dachte: wie eine Taschenuhr, wenn der
goldumrnderte Glasdeckel aufspringt und das Zifferblatt in seiner Kahlheit und
Weite sich prsentiert.
    Die Baronin sprach wenig, aber mit groer Verbindlichkeit. Sie begleitete
ihre Worte mit einem anmutvollen Lcheln und dem Irisieren ihrer Augen. Werner
Hoffmann, Herr von Bredow und Dr. Emmerich bestimmten die Konversation, in die
Stanislaus und Olga ab und zu eingriffen.
    Herr von Bredow, der in diplomatischen Diensten war, sollte in den nchsten
Tagen als Gesandtschaftssekretr nach Genua abreisen.
    Habe mir eben Reiselektre besorgt, sagte er und zog ein Heft aus der
Tasche.
    Voll Interesse streckte Werner die Hand darnach aus. Es war eine spanische
Grammatik.
    Gibt es eine bessere Gelegenheit, sich Verben einzupauken, als whrend
einer Bahnfahrt?
    Mit bewunderndem Blick gab ihm Werner das Heft zurck. Herr von Bredow lie
sich gleich darauf vom Kellner das Kursbuch geben und sah die Zge nach.
Stanislaus bot ihm einen Bleistift und ri ein Blatt aus seinem Notizbuch.
    Danke, ich notiere mir nichts, meinte Herr von Bredow.
    Stanislaus fragte, ob dies aus prinzipiellen Grnden unterbliebe.
    Allerdings, erwiderte Herr von Bredow. Die Sinne mssen wach und scharf
bleiben, - man darf sie nicht einschlfern, darum auch nicht das Gedchtnis
durch Notizen erleichtern. Ich wei meine Zge, fgte er lchelnd hinzu ...
brigens habe ich keinerlei Grundstze ber das Positive, - ber das, was zu
tun ist; ich be mich nur, - soweit ich kann, - im Unterlassen des
berflssigen.
    Wenn ich nicht irre, - so haben wir es hier mit einer vorstzlichen
Selbstverordnung zu tun? meinte Dr. Emmerich forschend.
    Sehr richtig, gab Herr von Bredow zurck. Wenn man ein Mensch ist, der
seiner Natur nach am liebsten Tat auf Tat setzen mchte, - vielleicht Untat auf
Untat - ein heiseres Lachen klang auf, - so mu man sein bichen Moral dahin
kommandieren, - das Seinlassen zu lernen ... Kontra dem Impuls - das ist wohl
die einzige Erziehung von Menschen mit berschssigem Aktivittstrieb.
    In welcher Schule, wenn ich so fragen darf, forschte Dr. Emmerich weiter,
- haben Sie dies gelernt?
    Dieses Axiom ist durch eigene Erfahrung erworben. Die Lehren asiatischer
Lebensweisheit, denen ich spter begegnet bin, haben mich dann in dieser Meinung
bestrkt. Dem Bushido der Japaner, den Schriften des neueren Buddhismus danke
ich so manches; freilich bin ich nur ein zerebraler Jnger dieser Schule, - denn
aus seiner eigenen Haut kann man leider doch nicht heraus. - - Alle diese Lehren
der Lebenskunst, fuhr er fort, da niemand sprach, wie sie die moderne,
asiatische Philosophie lehrt, laufen darauf hinaus: besser zu leben; nicht etwa
edler, nein, - besser. Das alles ist klarste Weisheit der Selbsterhaltung.
    Warum sollte ein Mensch, der immer kontra seinem eigentlichen Wollen
handelt, so viel besser daran sein, als andere, meinte Werner.
    Herr von Bredow sah ihn mit seinem durchdringenden Zentralblick an. Weil es
einem Menschen von direktem Wollen, der die Verhltnisse aller Dinge schndlich
miachtet und immer mit dem Kopf durch die Wand rennt, - schlimm ergeht. Dieser
aufs Positive gerichtete Wille wird gestraft, und seine Strafe besteht zumeist
darin, fgte er leise, fast geheimnisvoll hinzu, da alle seine Wnsche in
Erfllung gehen, - da er wirklich alles durchsetzt ... Wnsche sind wie
Sklaven, die sich abarbeiten, - bis alles vollbracht ist. Etwas Schlimmeres aber
kann einem nicht passieren.
    Herr von Bredow sttzte seinen mchtigen Kopf in die Hand und sah mit seinen
klaren, grauen Augen vor sich hin. Dieser gierige, europisch-amerikanische
Willenstrieb ist der Grund, warum uns die Orientalen gering schtzen; ihre
durchaus nchterne Moral verlangt vor allem: innere Abrstung. Wir - sind dazu
zu aggressiv, zu diesseitig, zu selbstgefllig und, vor allem, zu hungrig. Darum
erscheinen wir den Vlkern des Ostens zerrissen, verschwommen - und immer
getuscht.
    Werner horchte hingegeben. Ich wute nicht, da die buddhistische Lehre im
Grunde auf Vernunftsschlsse hinzielt, sagte er.
    Die vollkommene Reinigung von sentimentalen Motiven hat die modernisierte
Schule des Buddhismus erbracht. Es ist ein nchterner Kodex edler Lebensfhrung,
den sie umschliet. Milde, Verstand und Wissen, logische Ergebung sind ihre
Ziele. Unttigkeit bringt sie nur im Sinne einer Loslsung vom Gemenge
weltlichen Getmmels mit sich, - dafr rastlose innere Mission an sich selbst.
Das ist ihr Sinn. Und ihr letzter Schlu: das Seelenheil - erreichbar hienieden,
- durch Verstand und Ma. Keine geheimnisvollen Riten, keine mystische, sondern
eine vernnftige Ergebungstheorie, keine Gottglubigkeit und auch keine
Spekulation auf Nirwana mehr. Eine hochherzige, von Aberglauben gereinigte,
vorwiegend intellektuelle Lehre.
    Geben Sie mir mehr, - noch mehr davon, stie Hoffmann hervor, und sein
Auge hing, wie der Blick eines Verdurstenden an der labenden Frucht, am Mund der
Erzhlers.
    Mit ernster Freundlichkeit erwiderte Herr von Bredow: Sie haben mich
darnach schon so oft gefragt, mein Freund, und ich konnte Ihnen immer nur
Stckwerk geben. Aber es existiert jetzt eine von der buddhistischen
Gesellschaft Grobritanniens und Irlands ins Leben gerufene Aktion, die die
Verbreitung des modernen Buddhismus bezweckt. Einzelne von ihr entsandte
Propagandisten sollen auch schon auf dem Kontinent sein. Ich werde mich
erkundigen, wo sie zu finden sind und es Sie wissen lassen. Sie knnen dann dort
direkten Anschlu suchen.
    Hoffmann versank in tiefes Sinnen ...
    Olga wandte sich an die Baronin. Ich habe Ihre Verse im Manuskript lesen
drfen. Ich glaube, Sie sind stark in der Anschauung und ruhig und klar im Wort,
- trotz der leidenschaftlichen Gefhle, die Sie ausdrcken.
    Die Baronin neigte dankend den Kopf. Die groen Pupillen, mit der
flimmernden Iris, begegneten einen Augenblick den dunklen und doch so klar
durchleuchteten Augen des Mdchens.
    Herr von Bredow sprach mit Stanislaus ber das Problem der
Stiefvaterfamilie, das ihn beschftigte. Er riet ihm eine Reise durch
Deutschland und empfahl genaue, statistische Untersuchungen.
    Olga sah, wie Stiller wieder eintrat. Er nickte ihr, zu, legte seinen
Sommerberzieher und das steife, schbige Htchen ab und nahm in einer
entfernten Ecke Platz, wo er einen Berg von Zeitungen vor sich auftrmte.
    Als die Baronin und Herr von Bredow aufbrachen, lud die Baronin die
Geschwister, Dr. Emmerich und Werner Hoffmann ein, sie zu besuchen. Sie sind
uns ja kein Fremder mehr, sagte sie zu Werner.
    Werners Blicke umglitten scheu die Hoheit ihrer Gestalt. Er neigte den Kopf,
wie in Ergebung, als leiste er, einer hheren Macht gegenber, keinen Widerstand
mehr ... Dann ging er an den Kleiderstnder und holte den Pelzmantel der
Baronin.
    Olgas Blick folgte ihm. Pltzlich berkam sie ein Gefhl, wie einen
Menschen, den, im Meer, eine hohe Welle erfat, die er herankommen sieht, bis
sie ihm den Atem und die Besinnung nimmt, whrend sie ihn brausend berflutet:
sie glaubte eine Sekunde lang gesehen zu haben, als streiche Werners Hand, -
heimlich und zitternd, - ber das schimmernde, schwarze Sealfell des Pelzes, den
er dann langsam vom Haken hob ...
    Als sie gegangen waren, sprach man von der Ehe der Baronin.
    Sie war die Tochter einer verarmten Offiziersfamilie, berichtete Werner
und ernhrte sich durch Bureauarbeit. Die Entbehrung zwang sie auch, im
Kabarett aufzutreten, wo sie ihre Gedichte vorlas. Hier sah sie Baron von
Kellenberg. - Sie leben nicht gut zusammen, fgte er kurz hinzu.
    Woraus schlieen Sie das, fragte Stanislaus.
    Sie sagte mir einmal, entgegnete Werner nachdenklich, sie wre oft bse
und gereizt gegen ihren Mann, und darum - es kam fast drohend ber seine Lippen
- mchte sie ihn lieber verlassen.
    Weil sie bse gegen ihn ist, mchte sie ihn verlassen? fragte Stanislaus.
    Leuchtet Ihnen das nicht ein, antwortete Werner, ungewhnlich schroff,
Menschen, die unser Wesen reizen, passen nicht fr uns.
    Niemand hatte etwas zu sagen. Nach einer beklommenen Pause fragte Werner
nach Olgas Zeitung; ob denn gute Beitrge zu beschaffen seien. - Sie nannte
einige Namen.
    Zuviel vom Frauenklub, meinte er stirnrunzelnd.
    Welchen Frauenklub meinen Sie?
    En bloc gesprochen. - - Sie mssen vor allem trachten, - moralische
Probleme zu errtern; aber freilich, hier versagen die Frauen.
    Ein kalter Glanz kam in ihre Augen. Der Kopf, der trbe und schwer gesenkt
gewesen, hob sich.
    Dann mssen Sie noch weiter gehen, sagte sie, mit bebender Stimme, - und
behaupten, da Frauen auch niemals im Sinn einer tieferen Moral zu verfgen
wissen.
    Wie - persnlich! Er hob wie abwehrend die Hand.
    Um Phrasen so allgemeiner Art ins rechte Licht zu setzen, ist das
notwendig. Sie rang sich die Worte ab.
    Falsch - falsch, sagte er und machte wieder die abwehrende Geste.
    Ein Schauer berlief sie. Von der frstelnden Haut drang diese Klte in ihr
Innerstes. Wie spt ist's?, sagte sie md.
    Es war ber Mitternacht.
    Drben sah sie Stiller aufstehen und sich ankleiden. Da er zgernd zu ihr
hinblickte, verlie sie ihren Platz und ging zu ihm hinber.
    Auf Wiederschaun, Freil'n! Ich geh jetzt ein paar Stunden schlafen.
    Fr mich wird's auch Zeit, sagte sie. Aber warum nur ein paar Stunden?
Sind Sie ein Vormittagsarbeiter? Da drften Sie nicht so spt im Caf sitzen.
    Bewahre, sagte er, ich schlaf wie a Ratz', wann ich kann. Aber morgen
frh, - er blickte hinaus in das Schneegestber, - morgen frh heit's, am
Platz sein. Und mit gedmpfter Stimme fgte er, da er ihren fragenden Blick
sah, hinzu: Jawohl, so is es. Da tritt man im Morgengrauen beim Magistrat von
Charlottenburg an und lat sich Schaufel und Besen geben.
    Sie starrte ihn an ...
    Ja, ja, sagte er, hielt ihren Blick standhaft aus und nickte, - das ist
der gute, liebe Schnee, - der gibt Brot... Und er drckte ihr die Hand und ging
dem Ausgang zu. An der Tr wandte er sich noch einmal um, als htte er etwas
vergessen und kam zurck. Sie stand noch immer regungslos an seinem Tisch.
Richtig! Wann's den Koszinsky sehen, Freil'n, - sagen's ihm, ich bitt' Sie, er
soll nicht bs an mich denken. Ich bitt' Sie, - sagen's ihm's
    Ich habe ihn lange nicht gesehen. Seine Konzerttruppe gastiert irgendwo in
der Provinz.
    Also, wann's ihn sehen, - ich bitt' Sie! Und er drckte ihr noch einmal
die Hand, schlug den Mantelkragen hoch und stapfte hinaus, in die Winternacht.
    Olga ging zurck zu ihrem Tisch. Sie setzte sich nicht mehr. Sie nahm ihre
schwarze Jacke von schwerem Tuch, die fr den strengeren, sterreichischen
Winter pate, vom Haken und legte sie mechanisch ber einen Stuhl. Einen weien
Seidenschal steckte sie ber den Ausschnitt ihres Kleides fest und schlpfte
dann in die Jacke, die der Kellner bereit hielt. Man brach auf.
    Stanislaus, der sich an dem letzten Gesprch zwischen Werner und Olga nicht
mehr beteiligt hatte, verabschiedete sich hastig. Doktor Emmerich und Werner
boten ihr ihre Begleitung an, sie aber dankte und meinte, sie ginge gut und gern
allein das kleine Stck Weges zur Hochbahn, die sie dann zum Vorortbahnhof
bringe.
    Sie eilte davon ... Sie versuchte, ihren schweren Atem niederzuhalten ...
Licht, silberig, friedlich fielen die Flocken, legten sich auf ihre Kleider, auf
ihr Haar, auf die Brauen und Wimpern ihrer Augen, und sie fhlte, wie sie da
zerflossen und khl ihre brennenden Lider deckten. Und auf einmal kam es hei
und salzig aus der Tiefe ihres verwundeten Herzens und scho ihr aus den Augen,
- strmte unaufhaltsam. - - Schwer hoben sich die schneebedeckten Fe und
setzten sich, in einfrmigem Marsche, voreinander. Sie ging am Hochbahnhof
vorber, weiter und weiter, planlos durch die nchtlichen, einsamen Straen. Und
laut aufsthnend, barg sie manchmal ihr hei berflutetes Gesicht in dem
Astrachan ihres alten, kleinen Kindermuffes ...

                                Sechstes Kapitel



                                   Finsternis

 So du hundert Meter gehest ohne Liebe,
 gehst du in deinem eignen Sterbehemd,
 zu deinem eignen Begrbnis.
                                                                   Walt Whitman.

Die indischen Puris haben nur ein Wort fr gestern, heute und morgen. Und so wie
dem wunschlos Weisen die Zeit nur ein ungegliedertes Einziges ist, das zu
berwinden er eingesetzt wurde, - so dem, dem das Leid die wechselnde Gestalt
der Stunden und Tage verwischt. Nichts geschieht in solchen Tagen, auch dann
nicht, wenn sie ihre Forderungen mit fest gegen die Erde gestemmten Beinen uns
in den Weg stellen, nichts geschieht fr unser Bewutsein, - als da wir lter
werden und tglich dem Dunkel nher kommen. Wozu die Pein, denkt dann das
leidende Herz, wozu die Freude, wozu die Tat, da dieses Dunkle dich bald
verschlingt, wie alle, alle ...
    Die Mchte der Finsternis griffen nach dem getuschten, einsamen Mdchen.
Sie umklammerten sie mit bohrenden Fingern und erschtterten sie bis zu den
Wurzeln, aus denen die starke und edle Fgung ihres Wesens erwachsen war. Die
gleichende Kraft ihrer Seele, das Schwergewicht, das die Natur ihr, vor vielen
anderen, gegeben, das die Gaben ihres Herzens und ihrer Vernunft niemals
verflattern lie, sondern immer strker und dauernder das Passende
zusammengefgt, das triebhaft Wuchernde ausgeschieden hatte, - diese gleichende,
schwerende Kraft war aufgehoben, die strengen Bande ihres Seins gelockert und
gelst und ihre Seele preisgegeben dem dunkelnchtigen Getier, - den Dmonen,
die sie immer enger umzingelten.
    Da waren sie alle, die dunklen Gesellen, und stritten um die Herrschaft auf
der neu erstrmten Feste. Da war der Zweifel, - an sich selbst und an denen, auf
die man vertraut; da war das belwollen und sein strkerer Bruder, der Groll; da
war die beleidigte Liebe, mit dem finster verzerrten Gesicht, das sie ihrem
Todfeinde, dem Ha, so erschreckend hnlich machte; da war die Bue und
Selbsterniedrigung, der giftrot schillernde Hohn und die Furcht, die gespenstig
fahle. Und sie lagerten sich um ihr Herz und drngten hinein, - bis der Dmon
mit dem Medusenantlitz, der Liebesha, triumphierend als der Mchtigste darin
sa ...
    Und er zog die Gedanken aus ihrem hellen Reich hinab, in das nchtliche
Herz, spannte sie in seinen Dienst, lie sie unendliche Lasten immer aufs neue
wlzen und heben und peitschte sie wirbelnd im Kreise, bis sie der Wirrnis so
nahe waren, da keiner mehr von sich und vom anderen wute. - - -

Werner hatte sich seit jenem Abend nicht wieder blicken lassen, und sie wute,
da er eine andere liebte und da sie ihn verloren hatte. Zuzeiten, wenn die
Besonnenheit sich ber den Aufruhr ihres Herzens schwang, fragte sie sich, warum
sie darber verbittert und verzweifelt war, warum der Groll in ihr whlte. Aber
wie sehr sie sich auch selbst zusprach, wie einer fremden, zweiten Person, die
sie von der Notwendigkeit dieses Geschehens zu berzeugen hatte, - es ntzte
nichts. Die Stunden, wo sie, fahlen Gesichtes, zusammengekauert, frierend, trotz
voller Heizung und warmer Tcher, in einer Ecke sa und die bsen Gefhle in ihr
hin und her strmten, vom Gehirn zum Herzen und wieder dahin zurck, - huften
sich mehr und mehr. Sie sa da, eine Beute trostloser Gedanken, verwhlt in
bohrendes Grbeln und hielt im Geiste jene furchtbarste Zwiesprache, die der
machtlos Verirrte mit seinem entdoppelten, zerspaltenen Selbst fhrt.
    Verklagte sie mit dem einen Ich den Mann, bezichtete ihn elender
Gefhlsschwche, des Unvermgens zur Gestaltung und Festigung eines guten
Empfindens, der Beeinflubarkeit von jedem neuen Reiz, der sein Hirn traf, der
Beirrbarkeit der Anschauung, der Direktionslosigkeit, des Mangels an seelischem
Orientierungsvermgen, an wegeweisenden, heilen Instinkten, der Triebschwche,
die das Begehren mileitet und hemmt, kurz des Mangels an starker
Menschlichkeit, an ungebrochener Mnnlichkeit, - so ging sie mit sich selbst
nicht schonungsvoller um. Sie nannte sich eine Stmperin, die plump geradeaus
ging, die zu schwer und zu ahnungslos war, aus den gewundenen Wegen des
Irrgartens der Liebe herauszufinden ins beglckende Freie, - dahin, wo es keinen
Zweifel mehr gab, kein qulendes Suchen nacheinander, - wo die Sonne der vollen
Gewiheit schien, der ruhenden Zuversicht, der Geborgenheit. Dort war die
Heimat, der das Weib zustrebte, - von allem Anfang an bis zu allem Ende, -
mochte sich seine Stellung zur Welt durch die Jahrtausende immer wieder
verndern, mochte es Sklavin oder Herrin sein, als Traumwesen dmmern oder
wachsamen Auges am Strome stehen, mochte es, pflanzenhaft verwurzelt, in seinen
Trieben weben oder frei sich sein Teil nehmen am Rechte der Selbstbewegung, -
dort, unter jener Sonne friedvoll erfllter Gefhrtenschaft war immer seine
Heimat, dorthin, durch alles hindurch, fhrte sein Weg.
    Mit halben Gefhlen, bedrckt von Zweifeln, hatte sie dieses Verhltnis
begonnen. Sie war hineingeraten, fast gegen ihren Willen und Vorsatz. Aber dann
hatte es sie immer fester gefat, - es war ihr gegangen, wie den Frauen zumeist:
so, da sie erst ber der Situation gestanden, dann mehr und mehr in sie
hineingeraten, und sich schlielich von ihr berwltigen lassen. Die Situation
ist die Liebe ...
    Vielleicht, so grbelte sie, hatte sie zu viel verlangt - und darum nichts
erlangt? Vielleicht auf falsche Art gegeben, - so gegeben, da sich darin
zeigte, da sie selbst etwas wollte und brauchte? Hatte gegeben, hingegeben, wie
ein Mensch, der in Abhngigkeit geraten ist, - anstatt stolz zu spenden?
    Zum erstenmal zeigte sich ihr, wie unter vergrernder Linse, das, was sie
bisher fr ein Einziges und Einheitliches gehalten, als hundertfltig
zusammengesetzt und gegliedert. Das eigene, leidvolle Erlebnis hatte ihr das
Auge geschrft fr diese geheimnisvollen, vielfltigen Windungen, die den Boden
der Menschenseele durchziehn und im Liebeskampf bestimmend wirken. Schonungslos
fragte sie sich, was sie denn, mit bangen Ahnungen von Anfang an, dazu
getrieben, sich in die Gefahr zu strzen. Ja, es war mehr als Ahnung, es war, zu
Anfang, manchmal ein erschreckend klares Wissen gewesen, - da dieses Erlebnis
ein Abbiegen von ihrem Wege sei; freilich, der Weg war versandet und einsam, und
um die Biegung herum lockte das ewige Grn. - - -
    Und der Groll ihrer bittersten Stunden wechselte mit der wehen Sensucht, ihn
wiederzusehen. Zrtlichkeit hatte sie gelabt, - nun drstete sie.
    Durfte sie ihn beschuldigen, sie verraten zu haben? Sie gab sich die
Antwort: Verrat kann nur begangen werden an dem, der alles gab. Sie, ja sie
hatte gegeben - aber nicht alles, was sie zu geben hatte. Niemals hatte sie ihr
Wesen sich auflsen gefhlt in Werners Nhe, und sie wute, da das groe
Fhlen, dieses bis an die Wurzeln Erschtternde, nie ber sie gekommen war, -
nie, dieses Erbeben, das die restlose Wonne begleitet und das der Jubel des
Herzens bertnt: - er ist's, er ist's!...
    Und so hielt sie zwischen Groll und Weh und Sehnsucht - Abrechnung mit sich
selbst. Sie beschuldigte sich des verirrten, selbstschtigen Wollens, an dessen
Unreinheit, Verschwommenheit und Schwchlichkeit sie nun scheiterte. Gerecht und
billig war, was ihr geschah, - so sagte sie sich, whrend sie tatenlos in ihrer
Ecke zusammengesunken sa und fror und grbelte, und die Gesprche, hinter ihrer
Stirn, sich endlos spannen. Sie sah ihr blasses, wie erloschenes, verweintes
Gesicht im Spiegel und fand es hlich. Sie litt unter der zunehmenden Krze der
Tage, dem Mangel an Sonne. Unmglich schien es ihr, ihre berufliche Arbeit zu
leisten und, wie sie es bisher getan, ihre kleine Wohnung in Ordnung zu halten;
auch zum Mittagessen auszugehen war ihr unertrglich. Sie ertappte sich auf
leisem Gemurmel:.. der Intellekt ist ein Stck weiter als der Wille, - als die
moralische Kraft, - das ist's - - - darum ist alles verzerrt ...
    So suchte sie einen geistigen Schlssel zu ihrem Erlebnis, weil sie nicht
vermochte, es rein als Erfahrung zu bewltigen, - wie der Organismus der
Einfachen, fr den es geheien htte: darber hinweg - oder daran zugrunde.
    Mit stachelnder Selbstverhhnung rief sie sich die Hindernisse in
Erinnerung, die sie bisher berklommen hatte, - um ihren Weg zu gehen, wie sie
geglaubt. Sich allen hemmenden Anklammerungen entziehen, sich herauswinden aus
allem, was einen lahm legen wollte, - das war, unbewut vielleicht, der Antrieb
ihres Tuns gewesen. Nun wurde sie selbst auf diese Art erledigt. Sie hatte sich
hartnckig und energisch aus ihrer heimatlichen Umgebung losgemacht. Das Bild
des einsamen Greises, der ihr Vater war, stieg vor ihr auf und erfllte ihr
geschwchtes Gewissen mit Bangen. Und der drohende Schatten war nicht allein, -
die Erinnerung an Koszinsky kam dicht hinter ihm vor ihre erschreckte Seele ...
Der hatte sich an sie klammern wollen, da sie ihm helfen mge, - aber sie - sie
hatte ihn fortgeschoben, - er taugte ihr nicht auf ihrem Wege. Nun war er ein
Lebendigtoter.
    Immer dichter drngten sich die Halluzinationen der Gewissensangst.
Vergebens rief die Stimme ihrer Vernunft in das chaotische Wogen ab und zu ihr
bannendes Wort: Du hast getan, wie du mutest und solltest! Vergebens, - denn
das auf den Tod verwundete Geschlecht hatte die Seele zum Tummelplatz gemacht
fr die Fiebervisionen der Bue.
    Und sprach die Stimme: Wer sonst htte dir am Wege helfen sollen, wenn
nicht du selbst? Nur indem du dich hieltest gegen alles und alle, konntest du
weiter, - in die Nhe deiner wahren Pflichten, - so sthnte sie sich die
Antwort zu: Aber dann habe auch die Kraft, die Folgen zu tragen - ohne Reue!
    Feige wrest du gewesen, sagte die verteidigende Stimme, wrest du vor
dem Erlebnis, das deiner reifen Weiblichkeit gebhrte, gewaltsam geflohen.
    Feige bist du, erhob sich die zornige Antwort, - weil du nun, zu Tode
geschwcht, zerbrckelt, gedemtigt bist, - wo du ruhiger und strker weiter
mtest.
    Bis in die Nchte hinein drngten sich die schreckhaften Bilder. Ihre Trume
bekamen eine Lebendigkeit, vor der ihr graute. Sie sah sich auf einer
Wanderschaft im Wiener Wald. Hochsommer war's, und der dichte Laubwald stand in
bleierner Schwle. Sie suchte ein entlegenes Dorf und war vom Wege abgekommen.
Das charakteristische Scenarium der Wiener Waldlandschaft entrollte sich hier,
zu ihrem Entsetzen. Immer neue Talmulden und Hgelketten breiteten sich vor ihr
aus, so oft sie sthnend eine Hhe berklommen hatte. Immer dichter verschlangen
sich die belaubten, sich hoch oben bogenfrmig ineinander verflechtenden ste;
niedriges Gestrpp hemmte den Weg und schlug ihr ins Gesicht. Wie eine ferne
Vision stieg in diesem von Hitze dampfenden Laubwald - die Vedute der mrkischen
Landschaft, die sie liebte, vor ihr auf. Whrend sie sich, keuchend, weiter
rang, vom glhend heien Sirokko umstrichen und fhlte, wie der Schwei auf
ihrem ganzen Krper immer strker ausbrach, - dachte sie an die weiten Seen, in
deren dunklem Glanz milde das Sonnenlicht spielte, dachte an die Erquickung
dieser durchfeuchteten Luft im mrkischen Kiefernwalde ... Sie dachte an das
Haus der alten Frau Wallentin, die sie manchmal besucht hatte, an dieses Haus im
Park, mit den pinienartigen Kiefern, - wie an ein ewig verlorenes Bild. Aber sie
mute weiter, durch eine von Hitze verbrannte Hecke hindurch, die sich ihr immer
enger an den Leib drngte und ihr Kleid in Stcke ri ... Schweigebadet und
zitternd erwachte sie.
    Bei Tage qulten sie bse Erinnerungen. Es kam ihr ins Gedchtnis, wie sie
einmal, in einer Wiener Vorstadt, in einem bescheidenen Schusterladen ein Paar
schne, gute Schuhe gekauft hatte. Sie kaufte sonst nur in groen Geschften,
aber der billige Preis und die schne Form der Schuhe lockten sie. Sie trat ein,
lie sich ihre Schuhe vom Schuster, einem alten Mann mit sanftem Gesicht,
aufschnren. Seine Augen hatten erfreut aufgeleuchtet, als die Kundin den Laden
betrat. Whrend er ihr die neuen Schuhe probierte, wurde ihr klar, da sie so
viel, wie die Schuhe kosteten, jetzt gerade doch nicht ausgeben durfte. Sie
begann, etwas vom Preis herunterzuhandeln. Es glckte ihr. Sie erhielt die
Schuhe. Aber als sie ihm das Paket abnahm, sah sie, da der alte Mann enttuscht
und niedergeschlagen aussah ...
    Ohne jeden bewuten Zusammenhang erinnerte sie sich eines Bahnhofsgedrnges,
in das sie einmal geraten war, - und wie sie dabei, zum Waggon drngend, wie die
anderen, einem Buckligen, der neben ihr stand, unbewut die Ellbogen so fest an
die verwachsene Brust gebohrt, da jener laut aufgeschrieen hatte und ihr
klagend, mit weinerlicher Stimme, zurief, er sei eben erst von einer schweren
Krankheit aufgestanden ... Warum qulten sie diese Bilder der Bue? - -

Schwer und beladen, ging sie ber die Strae. Sie schlich gebeugt, in ihrer
alten, schwarzen Jacke, dicht an den Gittern der Vorgrten entlang. Manchmal
blieb sie stehen, atmete erschpft; sie ging, als zge sie die Schwere der Erde
nieder. Sie fuhr in die Stadt, um da Besorgungen zu erledigen. Als eine Wste an
Verlassenheit erschien ihr auf einmal das groe Berlin, dessen Gleichgltigkeit
sie zuerst so deckend und schirmend empfunden. Und was ihr an den Menschen, mit
denen sie hier zu tun hatte, frher als beruhigende Sachlichkeit wohlgetan,
empfand sie jetzt als Mangel an Wrme und an lebhaftem Gefhl. Und diese
Restaurants, - wie hatten sie ihr nur anfangs gefallen knnen? Sie wich den
weiten Speiseslen mit den Plschmbeln aus und trat gegen Nachmittag, als es
schon zu dmmern begann, in das kleine, schlecht ventilierte Lokal eines
vegetarischen Speisehauses, das in einer breiten, vom Verkehr berfllten
Geschftsstrae des alten Westens lag. Die Luft war hier muffig und dumpf, und
es roch nach fetten Gemsen. Auer ihr waren nur noch wenige Leute hier, einsam
an ihren Tischen, wie sie. Ein altes, verwelktes Mdchen sa da, das schbige
Htchen nach Mnnerart tief in die Stirn gedrckt, auf der kein Lckchen sich
kruselte, - wohl eine Lehrerin, da sie einen Sto Hefte neben sich hatte; dann
eine alte Dame in Schwarz, die ganz vertieft war in die Lektre eines
theosophischen Blttchens, das hier aushing, und ein drftig gekleideter junger
Mensch, anscheinend ein Student, der eine Portion Gemse mit Heihunger
verschlang und einen ganzen Korb voll Brot dazu a.
    Die Lampe wurde schon angesteckt, als sie ihr Gericht erhielt. Sie a und
griff dann mde nach einer Zeitung, die neben ihr auf dem Stuhle lag. Das
Feuilleton feierte einen Gedenktag, der dem amerikanischen Apostel, dem Dichter
Walt Whitman galt. Sie las, worber er geschrieben, und sie fand auch den Satz:
So du hundert Meter gehest ohne Liebe, gehst du in deinem eigenen Sterbehemd,
zu deinem eigenen Begrbnis.
    Da erschrak sie, - und das Blatt entglitt ihren erkalteten Fingern. - - -

Eine Schreckensbotschaft rttelte sie auf. Sie kam aus Wien, von Eva. Im Hause
von Gustav Diamant, dem Professor und Krebsforscher, bereitete sich eine
Katastrophe vor. Professor Diamant war nicht nur in bezug auf die Frhdiagnose
und die Behandlung des Krebses zu neuen Methoden gelangt, sondern er trat auch
als Verfechter der sogenannten parasitren Theorie auf. Er behauptete, im
Widerspruch zu der groen Mehrheit seiner Kollegen, da das Karzinom durch einen
Parasiten hervorgebracht werde. Seit Jahren machte er Tierexperimente. Es war
ihm gelungen, Krebsgeschwlste von einem Tier auf das andere, besonders bei
Musen, zu bertragen. Die meisten Forscher betrachteten aber auch diesen
Vorgang nicht als Infektion, sondern als Fortzchtung, Transplantation. Das
schlimmste aber war nicht die wissenschaftliche Ablehnung seiner Hypothese, -
sondern die furchtbare Tatsache, da er, Gustav, sich selbst krank fhlte, - -
und den Verdacht eines Krebsleidens an sich selbst ausgesprochen hatte. Er
behauptet, schrieb Eva, mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen zu mssen, da
schmerzhafte Druckzustnde im Kopf Symptome des schrecklichen Leidens wren und
sieht in sich selbst ein Opfer seiner Untersuchungen und einen Beweis fr seine
Theorie. Er nimmt mit Bestimmtheit an, sich die Krankheit durch Infektion
zugezogen zu haben. Und sie schilderte die ergreifende Tragik seiner Haltung,
berichtete, wie der Mann, der sich fr todgeweiht hielt, sein Schicksal heroisch
trug, in der Hoffnung, da sein eigener Fall, wie er es kaltbltig nannte, das
entscheidende Licht in die noch ungelste Frage bringen und die Wissenschaft
berzeugen werde. Ich habe den Eindruck, schrieb Eva, - da Gustav unter dem
Bann eines Gedankens, der sich seiner mehr und mehr bemchtigt, sich zu einer
furchtbaren Opferung vorbereitet. Er meint, - es berlief mich kalt, als er
davon sprach, - da gerade in dem Stadium, in dem die Krankheit, seiner Diagnose
nach, sich bei ihm befindet, - die mikroskopische Untersuchung von
Geschwulstteilen die volle Klarheit geben msse. Er bedauerte, schrieb sie, -
in seiner gewohnten khlen, trockenen Art, da der Sitz des Leidens nicht in
der Bauchhhle oder in der Niere sei, - denn diese knne man freilegen, und den
Patienten dennoch retten, - sondern im Gehirn ...
    Ein Schauer kroch unter Olgas Haar und hob es hoch. Sie strzte ans
Telephon, sie wollte Stanislaus rufen. Aber wie sollte sie das, da er
telephonisch nicht erreichbar war? Sofort mute es geschehen, denn einer von
ihnen mute nach Wien. Sie entschlo sich, Werner anzurufen. Sie verga es in
diesem Augenblick, verga es vollstndig, wie sie zu ihm stand. Jetzt war er ihr
nur der nchste, der Stanislaus, in dessen Nhe er wohnte, schnell holen konnte.
    Sie rief ihn an, in seinem Verlagsbureau. Als er ihre Stimme erkannte und
sie sich nannte, antwortete er mit fremdem, eisigem Ton, durch den Furcht und
Abwehr durchklangen. Aber als er ihre Gleichgltigkeit fr ihn selbst aus dem
Gesprch erfuhr, - in dem sie ihm kurz mitteilte, was man ihr aus Wien
geschrieben und ihn bat, Stanislaus sofort aufzusuchen und zu ihr zu senden, -
da wurde seine Stimme voll und warm, und er sprach zu ihr mit innerster
Teilnahme, wie einer, der ihr ein Freund war.
    In einer Viertelstunde rief er sie an. Er berichtete, er sei soeben in
Stanislaus' Wohnung gewesen, aber er habe ihn nicht gefunden. Die Wirtin hatte
ihm gesagt, Stanislaus htte vor etwa einer halben Stunde ein Telegramm erhalten
und sei fortgestrzt, zu seiner Schwester. Ob er selbst nicht kommen solle?
    Sie wute genug. Sie bat ihn, nicht zu kommen. Kaum hatte sie den Hrer
angehngt, als es klingelte. Stanislaus trat ein, mit verstrtem Gesicht, das
zerknitterte Telegramm in der Hand:
    gustav hat sich erschossen steht mir bei edda

In jenen schweren, schmerzlichen Tagen, die nun folgten, erblate ihr eigenes
Weh. Das, was sie erlebt, - es hatte ja nicht die letzte, die hoffnungslose
Nacht ber sie gesenkt, die dort ber einen gekommen war. Das Grauen vor dem
Selbstmord griff an ihr Herz, - und alles in ihr lehnte sich auf gegen diese
Tat, die die letzten Ziele selbst setzte, die das dunkle Tor, das zu seiner Zeit
sich dem Wanderer ladend erschliet, gewaltsam aufstie ... Nur einen Grund gab
es fr solches Tun: hoffnungsloses Siechtum. Aber war das wirklich Diamants
Schicksal gewesen? Hatte er selbst sich fr unheilbar gehalten, oder, - sie
wagte nicht, es auszudenken, - hatte er an mgliche Heilung geglaubt, er, der so
manchen von demselben Leiden geheilt, - und trotzdem die Tat getan, - - die
Geschwulst in seinem Gehirn darzubieten, - als Triumph fr seine Theorie?...
Aber ber dieser vernichtenden Frage lagerte das Schweigen. Ob er sich fr
heilbar oder unheilbar gehalten, verlautete nie. Er hatte keine Zeile darber
hinterlassen, kein Wort mit jemandem darber gesprochen. Hier war sein
Geheimnis.
    Stanislaus war nach Wien gereist. Olga kam nicht mit, denn sie fhlte sich
jetzt arm an Kraft, sie hatte nichts zu geben. Bangen Gemts erwartete sie seine
Rckkehr. - Sie war ruhiger geworden in diesen Tagen. Ihr eignes Leid hob nicht
mehr so sehr seine dstere Gestalt vom hellen Tage ab, - denn noch Dunkleres
hatte sich darum gelagert.
    Und sie glaubte, berwunden zu haben.
    Aber als eines morgens Werner sie zum Telephon rief und sie drngend um eine
Unterredung bat, - da merkte sie, da die dumpfe Stille, die sich ber den
Aufruhr gelegt, noch nicht dicht und tief genug war. Sie fhlte, als sie seine
bittende und warme Stimme hrte, wie erst ein erstarrender und dann ein
glhender Hauch ihren Krper berflog, wie das Herz stillstand und der Puls
sank, wie das Blut, dumpf aufrauschend, an ihre Stirne schlug. Das Du, mit dem
er sie ansprach, beleidigte sie, und sie htte es am liebsten zornig
zurckgewiesen. Und whrend sie seine Bitte ablehnte, fhlte sie, da sie log, -
da sie selbst ihn sehen und sprechen wollte.
    Da sie sich nicht nachgab, so schrieb er ihr:
    In einer groen Not nach Ausdruck hat der Mensch die Sprache erfunden.
Entsetzen fat einem manchesmal darber, wie hilf- und machtlos dieses Symbol
ist. Wie alle Worte und Begriffe versagen, um Gefhle zu klren und wie, wie wir
sehen, keinerlei Klrung, Aufklrung, Erklrung durch Worte etwas erzielt, - die
nicht durch bereinstimmende Gefhle gegeben ist. Fast knnte es scheinen, als
vermchte dieses Symbol, die Sprache, nichts, als vorhandene Ahnung zu klren,
Gleiches Gleichem zu nhern, Ungleiches noch weiter zu trennen ... Und doch mu
man trachten, voneinander zu erfahren, - was es auch sei. Erfahren - das ist das
hchste erreichbare Ziel, damit sich finde und strke, was seiner Wesenheit nach
zusammengehrt.
    Unser wesentlich Letztes, Olga, gehrt zusammen. Frchte nicht, da ich zur
Umkehr locke, da ich zurckbiegen will, was auseinander kam. Ich wrde Dich
nicht kennen, wenn ich solches versuchte, oder ich wrde Dich wissentlich
betrgen. Nein, ich sage Dir, wie ich in jenem ersten Briefe sagte: dies wird
kein Liebesbrief. Aber schrieb ich Dir damals nicht auch, - verlasse mich nicht,
was immer geschehen mag, auch dann nicht, wenn ich eines Tages schuldig werde an
Dir? - - -
    Und so komme ich jetzt, ein Schuldiger und doch noch Fordernder, - von dem
zu holen, was ich Dich bat, mir ewig zu wahren. Keine und keinen wte ich, dem
ich dieses Unversiegliche so vertrauen wollte, wie Dir. Nun, da wir geschieden
sind, nun wei ich genau, was das Unvergngliche ist zwischen uns. Und ich kann
nicht eher ruhig werden, bevor nicht auch Du friedlichen Herzens bist und
erkennst, da unser vermeintliches Irren doch eine volle Frucht trug, - da uns
also doch eine uns verborgene Wahrheit fhrte. Denn die Frchte des Irrtums sind
leer und taub. Das aber, was wir nun heimsen sollen, ist echte und edle Nahrung.
La mich kommen, damit ich nicht Worte hier aufbauen mu, damit wir uns
verstehen durch unsere Nhe, - nun, da wir aus einer Gasse, die nicht ins Freie
fhrte, zurckgefunden haben auf den Weg.
    Sie lachte schmerzlich auf, da sie gelesen hatte;... und sie konnte nicht
verhindern, da die Trnen wieder hei aus ihren Augen strzten ... Er hatte ihr
reifes Weibtum begehrt, - und hatte es erhalten. Nun wollte er - wie sagte man
doch - ihre Freundschaft!
    Noch einen Tag lang bumte sich ihr beleidigtes Geschlecht. Dann war sie
ergeben. Mochte denn auch dies noch getan werden.

So saen sie sich denn gegenber und sie sah, wie schwer er nach Worten suchte.
Er war bleicher und schmler geworden, der sanfte Glanz war nicht mehr in seinen
Augen, aber in der Tiefe seines Blickes brannte eine Flamme, die sie bisher
nicht gekannt.
    Er sagte ihr, da ihm sein Gewissen ihr gegenber keine Ruhe liee.
    Sie hatte sich vorgenommen, sich in strenger Zucht zu halten, ihm weder
beleidigt noch gebrochen, weder scharf und bitter, noch etwa klagend zu
begegnen. Mit starkem Geiste mute hier gelst und gehoben werden.
    Und so fragte sie, warum er denn ein bses Gewissen habe. Was geschehen sei,
war notwendig und darum gut.
    Er lchelte wehmtig: Weit du nicht, da ich zu denen gehre, die auch,
wenn sie das Richtige und Notwendige tun, - oder erleiden, - nicht ruhig sind?
Immer qult sie der Gedanke: vielleicht htte es doch auch anders getan - oder
erlitten - werden mssen.
    Es ist gefhrlich und unfruchtbar, seinem Ich auf diese Art nachzuspren.
Was geschieht, ist darin beschlossen. Wir entrinnen uns selbst doch nicht.
    Aber man wei so wenig von diesem Ich, in dem alles beschlossen ist, wie du
mit Wahrheit sagst. Und das ist das Schaurige daran. Denn was ich von mir wei,
das bin nicht Ich, - mein Ich, jenes, das mein Schicksal macht, - ein hilfloses
Lcheln glitt ber sein Gesicht, - ist dort, wohin ich nicht ausblicken kann.
Und diese vergebliche Suche ist's, an der man sich verbraucht.
    Er atmete tief, und sein Kopf sank. In diesem Augenblick empfand sie, da er
weinte, wenn auch keine Trne in sein Auge kam. Sie wute nun, da er in
schweren Banden war.
    Erzhle, sagte sie.
    Und er erzhlte. Es kam aus ihm heraus, ohne jeden Rckhalt. Er sprach vom
Tode seiner Liebe zu ihr, als sprche er zu einer dritten Person, die das alles
nicht betraf. Mit jener naiven Grausamkeit dessen, der bervoll ist von sich und
seinem bestndigen Kampf, berichtete, klagte er, - warb er um Trost.
    Drauen lagerte sich die Nacht in die Nebel. Wie eine Decke fiel der Schnee
ber sie, weich, dicht und feucht. Die Finsternis drang immer tiefer in den
Raum, in dem die beiden saen, und verhllte ihnen ihre Gestalten. Olga
entzndete ein Lmpchen auf dem Schreibtisch, das sein Licht unter grnem Schirm
sammelte und es schwach in jene Ecke entlie.
    Er sprach von der pltzlichen Wandlung seines Herzens. Eines Morgens wachte
er auf - und liebte nicht mehr. Es war abgerissen, - so nannte er es. Er
begriff nicht, warum, und litt darunter. Dieses Magische kam ber ihn, und alles
war aus. Da trat in dieser Dmmerung seiner Seele, strahlend hell, jene andere
Frau. Und er sprach von seiner Leidenschaft, - er schilderte, wie sie jedes
andere Gefhl in ihm bertubte. Nur der Gedanke wuchs und wuchs in ihm, diese
Liebe zu erfllen. Er berichtete auch von seiner Hoffnung. Er glaubte, da er
nicht unerwidert liebe.
    Scharf und grell, wie eine moderne Lichtmaschine, die berhelle verbreitet,
so leuchtete er hinein in das Chaos seiner Gefhle. Ein einziges Mal unterbrach
ihn Olga. Sie fragte ihn, ob er seiner Gefhle diesmal denn so sicher sei, ob er
nicht glaube, sich zu tuschen. Da sagte er ihr, - er htte nur einen Wunsch:
sich zu binden mit allen Fesseln. Er wollte kein Freier mehr sein. Er
wnschte, da sein Wille ewig so gebunden bliebe, wie jetzt.
    Sie fragte ihn, ob er dann an Ehe dchte, und er sagte, da es seiner
Wnsche hchstes Ziel wre, die geliebte Frau frei zu wissen von den sie jetzt
fesselnden Banden und sich ihr zu verschreiben auf Leben und Tod. Da rttelte
der Gram an ihrem Herzen und lie sie erschauern, und Scham berflammte sie,
weil er solches von ihr niemals begehrt hatte.
    Und dann sprach er davon, da die Frauen die Greren und Strkeren wren.
Und als sie wehmtig den Kopf schttelte, da fate er ihre Hand und sah ihr ins
Auge: Nie bist du mir so gro erschienen, - nie so weit die Grenzen deiner
Persnlichkeit, - als eben jetzt, - heute. - - Und er fuhr fort: Glaube mir,
wenn ich dir sage, da wir zusammen bleiben mssen, - auch weiterhin.
    Sie senkte den Kopf. Und wenn es keine Freude fr mich ist?
    Du kannst es jetzt noch nicht als Freude empfinden; aber ich glaube, da es
gar nicht von deinem freien Willen abhngt, ob wir verbunden bleiben oder nicht.
Fr Menschen unserer Art ist es bezeichnend, - da sie immer wieder
zusammentreffen. Die Leidenschaft kann da eine kurze Unterbrechung bringen. Dann
zieht sich der betroffene Teil fr eine Weile schmerzlich zurck ... Aber der
Kreis, der Menschen unserer Art verbindet, schliet sich immer wieder, - trotz
aller Kreuz- und Quersprnge darin. Glaube mir das!
    Einen Augenblick meinte sie den Boden unter den Fen zu verlieren. Sie hob
die Hand an die Augen, und ber ihre Lippen stahl sich flsternd das Wort:
Einsam, einsam. Und dieses Wort durchflog die Wlle seiner Selbstsucht und
schlug da eine schwere Bresche.
    Scheu erfate er ihre Hand: Das ist jetzt dein Los. - Gehe nur weiter, -
immer weiter!

In der Nacht, die diesem Gesprch folgte, kam das Bewutsein ihrer Verlassenheit
wieder aus der Tiefe herauf. Riesenhaft, schwer, kalt und hart wie Erz, fahl wie
der Tod, - so stand es ber ihr. Jammer durchfra ihr Inneres, und eine
schwhlende Begier kam ber sie, - eine Begier, hinaus auf die Gasse zu laufen
und sich dem ersten Besten in die Arme zu werfen. Pltzlich hatte sie die Vision
der nchtlichen Friedrichstrae, - sie sah sie, wie sie den Tag vortuschte, mit
ihrem Menschengewhl, im Lichte der Bogenlampen. Und diese Vision gengte, um
sie vor Ekel frieren und zittern zu machen. Aber - verzehrend, versengend, - -
jagte es sie aus dem Bett.
    Mitten im Zimmer stand sie. Im groen Spiegel sah sie sich selbst, im
Mondlicht irrend, als weien gespenstigen Schatten. Das Bett in der Ecke
leuchtete herber; die Decke hatte sie mit zu Boden gerissen, als sie
heraussprang, und so sah sie das weie Laken fest ausgespannt, und es schien ihr
starr, wie ein Bahrtuch und das ganze Lager wie ein Totenbett. Endlich legte sie
sich auf den Divan nieder; noch grbelnd, verfiel sie in Halbschlaf. Sie sah
sich auf der Erde kauern, vor einer schwarzen, verhllten Gestalt, und jeden
Augenblick erwartete sie, getreten zu werden. Und sie sprte die Furcht und die
Erniedrigung im Traum. - Wie gelhmt, vermochte sie am anderen Morgen nicht den
Tag zu beginnen und suchte ihr Bett auf.
    Nein, sie hatte sich getuscht, sie kam darber nicht weg. Verlassen und
einsam - fr ewig ... Und sie war keine von den Frauen, die, mit trockenen
Lippen, still und allein durchs Leben gingen und irgendeiner fremden Sache
fleiig und nchtern dienten, mit khlem Kopf und selbstlos resigniertem Gemt.
Nein, so war sie nicht. Sie - sie war eine Fordernde, eine Begehrende; und
gerade darum war sie gezchtigt worden ... Sie lehnte sich auf, sie sthnte
unter ihrem Geschick. Geistig lsen und heben -, das hatte sie noch gestern
gewollt. Und heute, da sie sich hier, bei hellem Tag, ohne krank zu sein, ohne
Schlaf zu suchen, auf ihrem Lager hin und her warf, - wie stand es heute mit
ihrer Macht, geistig zu lsen und zu heben? berrdert war sie. Wie konnte sie
je wieder aufstehen, heil, mit gesunden, regen Gliedern?
    Und dabei war sie sich doch klar geworden, da Werner fr sie nicht der war,
der die letzten Bande ihres Wesens gelst hatte. Er war es nicht - und doch
verzweifelte sie, da sie ihn verlor, - denn die Verlassenheit ffnete sich vor
ihr, wie ein dunkler Abgrund, gespenstisch und unentrinnbar, wie das Grab. - - -
    Am selben Tag kam Stanislaus zurck. Er war erstaunt und besorgt, als sie
ihm erst nach zweimaligem Luten, in eine Decke gewickelt, mit hngendem Haar,
ffnete, und als er sah, da sie aus dem Bett kam.
    Es ist nichts, sagte sie und kleidete sich hastig an, whrend er in ihrem
Arbeitszimmer wartete. Auch der staubbedeckte Schreibtisch mit den unberhrten
Papieren, den unerffneten, dicken Manuskriptbriefen, den ungelesen aufgehuften
Zeitschriften, sagte ihm mehr als genug. Er beschlo, diesmal nicht
zurckzuweichen und mutig an die Wunde zu rhren.
    Sie kam herein, und ungeduldig und angstvoll fragte sie ihn, wie die Dinge
in Wien stnden.
    Er berichtete, da gestern Gustavs Begrbnis war.
    Und er erzhlte von der Panik, die er da angetroffen hatte. Mit dem Tode
Gustavs war Eddas ganze Existenz zusammengestrzt.
    Vermgen hat der Professor, wie du weit, nie gehabt. Was er verdiente -
und darber hinaus, - wurde verbraucht. Versichert war er nicht. Die einzige
Geldquelle war seine tgliche Arbeit. Alles, was die Ordination, die Visiten,
die Kollegien und die glnzend bezahlten Operationen einbrachten, - das alles
mute hineingeschttet werden in den Rachen, der alles verschlang: den
Hausbrauch.
    Aber Eddas Vermgen?
    Ja, - hier liegt der Hase im Pfeffer. Damit hat der arme Gustav auch
gerechnet. In seinem Testament bittet er sie um Verzeihung, da er ihr den
Ernhrer nehme ... er empfiehlt ihr, von den Zinsen ihres bei ihrem Bruder
angelegten Vermgens bescheiden zu leben, - bis sie in anderer, besserer Obhut
sei, als die seine war.
    Nun - und?
    Ja - die Sache liegt so: der Bruder Vinzenz scheint bedenklich zu wackeln.
Er hat die Zinsen, die Edda immer persnlich einkassierte, schon in letzter Zeit
sehr unregelmig bezahlt; Gustav wute nichts davon. Sie verlangte nun jetzt,
er solle ihr das Vermgen herauszahlen, - und das kann oder will er nicht.
    Wie soll das nun werden mit ihr?
    Ich habe ihr geraten, vor allem dem Moloch ihres Haushalts keine weiteren
Opfer zu bringen. Verkaufen, auflsen, einschrnken.
    Und dann?
    Dann - mu sie einen Erwerb suchen. Und da fr sie Arbeit zu finden in Wien
besonders schwer sein drfte, so soll sie nach Berlin kommen. Hier wird sich
schon etwas Passendes fr sie bieten.
    Sie kann zeichnen, sagte Olga bekrftigend, - sehr gut und sehr originell
Moden zeichnen, aber - forschend wandte sie sich dem Bruder zu, - du erzhlst
mir diese Geldgeschichten, die zwar wichtig fr Edda sind, - indessen - -
    Ich kann mir wohl denken, was du sonst noch erfahren willst;... was ich da
zu berichten habe, - ist so schwer zu fassen, da ich kaum wei, wie ich es
schildern soll.
    Eine Weile blieben sie stumm, dann fragte Olga mit leiser Stimme:
    Was sagt man ber Gustavs Tod?
    Das Motiv ist ja allbekannt, - - - aber - du willst wissen, - wie nun die
Wissenschaft Stellung nimmt zu - zu seiner Krankheit?
    Sie nickte stumm.
    Man hat ihn seziert, berichtete Stanislaus; seine Stimme wurde pltzlich
flsternd und hob doch jedes Wort scharf heraus.
    Natrlich, sagte sie, - und man hat gefunden, da er recht hatte? Man hat
das Karzinom untersucht, - vielleicht sogar den Parasiten gefunden?
    Eine lange Pause folgte diesen Fragen ...
    Man hat - sein Gehirn - - untersucht, - Stanilaus stockte.
    Nun - und?
    Und hat gefunden, - da es ein Irrtum war.
    Ein Irrtum - seine Theorie? Nun, darber werden seine Kollegen wohl noch
lange weiter streiten, das dachte ich mir. Also an seinem eigenen Karzinom war
auch nicht mehr zu erkennen, als an anderen Krebsgeschwlsten?
    Es ist noch anders, als du glaubst, - aber - er sah sie fest an - das ist
ein Geheimnis, hrst Du?
    Was fr ein Geheimnis, was meinst du? fragte sie.
    Stanislaus schwieg, als sammle er sich fr das, was er zu berichten
hatte;... endlich sagte er: Sein Famulus - wie heit er doch?
    Du meinst den Pankratius - Pankratius Kaff?
    Ja den ... also der hat mit einem anderen Arzt, - einem Freund und Kollegen
von Gustav, einem Professor, der in dem ganzen Kampf auf Gustavs Seite war, -
die Sektion vorgenommen, und sie haben gefunden, - seine Stimme formte die
Worte mit spitzer Eindringlichkeit, - sie haben gefunden - da - da berhaupt
kein Karzinom und auch kein Tumor da war - - -.
    In erstarrendem Schweigen saen beide.
    Wie ist das zu verstehen? sagte sie endlich. Das ist nicht anders zu
verstehen, als da Gustav, der doch ein tchtiger Arzt war, der als
hervorragender Diagnostiker sich wiederholt bewhrt hat, - sich in seinem
eigenen Fall so tief verirrt hat, da man nicht mehr wei, ob man diesen Irrtum
nicht als fixe Idee bezeichnen soll.
    Kein Karzinom, - kein Tumor, - berhaupt keine Geschwulst - flsterte
Olga, - was sonst? Nichts - nichts ... ein etwas blutarmes Gehirn, - eine
nicht bedeutende Degeneration des Nervensystems, konstitutioneller Art, - wie
mir gesagt wurde; es hat sich um ein Druckgefhl im Kopf bei ihm gehandelt, um
Schwindelzustnde; und nicht eine Geschwulst war die Ursache, - sondern
Nervositt, - Erschpfung, hervorgerufen durch berarbeitung. Es soll das
richtige Ringgefhl gewesen sein, an dem er litt, das manche Neurastheniker auch
um den Leib herum spren; andere wieder im Kopf; zu denen gehrte er;... vier
Wochen vlliger Rast und guter Erholung, und die Symptome, die er - verkannte, -
wren fort gewesen.
    In langem Schweigen verblieben beide. Nach einer Weile nahm Stanislaus das
Abendblatt vom vergangenen Tag, das unberhrt auf den anderen Zeitungen lag, zur
Hand.
    Im Abendblatt von gestern, da mu vom Begrbnis berichtet sein.
    Und kaum hatte er das Blatt entfaltet, so fand er die gesuchte Nachricht
unter den Telegrammen.
    ...Der Selbstmord des verdienstvollen Forschers hat schmerzliches Aufsehen
erregt. Am offenen Grabe sprach, auer den ersten Kapazitten der Wiener
Fakultt, auch Professor Vacheron vom Institut Pasteur in Paris, neben anderen
auslndischen Kollegen des Verstorbenen. Unter allgemeiner Spannung, - so
lautete das Telegramm des Wiener Korrespondenten, trat dann auch Professor
Petersen vom Krebsinstitut in Kopenhagen an das offne Grab und feierte den zu
frh Verstorbenen als den Begrnder der experimentellen Krebsforschung. Die
Witwe, deren Schnheit viel bemerkt wurde, stammt aus hochangesehener Wiener
Fabrikantenfamilie. Sie lebte mit dem groen Gelehrten in glcklichster Ehe und
brach unter dem unerwarteten Unglck beinahe zusammen. Beileidsdepeschen aus
allen Teilen der zivilisierten Welt trafen im Trauerhause ein. Die amerikanische
Kolonie, unter der der verstorbene Forscher zahlreiche Schler besa, hatte eine
Deputation zum Begrbnis entsandt.
    Olga unterbrach sein Vorlesen: War Mr. Macpherson auch unter der
amerikanischen Deputation?
    Du meinst den Amerikaner, der damals abends mit im Champagnerkeller war?
    Ja, den langen Amerikaner, Mr. Macpherson, den der Kaff in Wien
herumfhrte.
    Von Mr. Macpherson war die Rede; aber er war nicht beim Begrbnis, er ist
lngst wieder in Amerika.
    Sage doch, fuhr Olga nachdenklich fort, wie ist das mglich, - da man
hier den Toten so feiert als Begrnder der Krebsforschung, - da doch - - sie
stockte.
    Der war er, sagte Stanislaus, er hat die hervorragendsten Tierexperimente
gemacht, die ganz Neues brachten. Hier steht es ja, - hre weiter, was Professor
Petersen sprach:
    Ihm ist es nach rastloser, theoretisch-hypothetischer Forschung als erstem
gelungen, aktiv und passiv Muse zu immunisieren und zu heilen, und ich habe auf
seiner Klinik auch bei Menschen Erfolge gesehen, die, - neben manchen Versagern
- nur durch die ungewhnlich sichere und frhe Diagnose erzielt werden konnten.
    Stanislaus lie das Blatt sinken.
    Neben manchen Versagern, flsterte Olga ... Wei man denn - das Resultat
- der Sektion?
    Das soll Geheimnis bleiben, erwiderte Stanislaus und sah sie ernsthaft an.
- - -
Der Bruder blieb zum Abendessen bei ihr. Sie holte aus ihrer kleinen
Speisekammer Wurst, Brot und Butter und kochte Tee. Er bewunderte, wie immer,
ihr hbsches Junggesellinnenheim, wie er es nannte, und lie ihr trauriges
Kopfschtteln unbeachtet.
    Hast du Frau Lore, - ich meine Frulein Wigolski,
    - nicht gesehen?
    Sie gab zu, in den letzten Tagen nicht gearbeitet zu haben und auch sonst
mit Lore nicht zusammen
    gekommen zu sein.
    An Lore httest du dich aber halten mssen in dieser Zeit, sagte er, nur
an sie; sie wre dir zur Seite gestanden.
    Als sie sah, da er so unvermittelt an ihr Erlebnis rhrte, ging sie darauf
ein, es so mit ihm zu besprechen, als htte sie sich ihm lngst anvertraut.
    Er meinte, Werners Gefhlsumschwung berrasche ihn nicht; er sei einer, der
von Weib zu Weib msse, und zwar nach hnlichen Gesetzen, wie jene es waren, die
Hegel geformt: so, da immer These und Antithese aufeinander folgten. Nur die
gegenstzlichsten Typen wrden ihn anziehen, und so wrde er zwischen den
Extremen seiner eigenen Begier hin und her schwanken. Aber warum sollte sie sich
von dieser wilden Beweglichkeit seiner Natur aus den Angeln heben lassen? Warum
die natrliche Schwerkraft ihres eigenen Wesens ins Unrecht setzen?
    Seine Ratschlge wiesen sie auf vllige Lsung. Neuen Bchern, neuen
Menschen, neuen Hoffnungen sollte sie sich erffnen und, da der Verkehr mit
einfachen, starken und organisch weisen Naturen das Heilsamste in solchen
Kmpfen, wie in jeder Lebenslage sei, so htte er gedacht, da sie sich Loren
anvertrauen wrde. Er wenigstens empfange im Verkehr mit solchen Menschen etwas
wie Ahnungen seiner eigenen Kraft und wie die Hoffnung eines endlichen Einklangs
aller Strmungen des Willens und des Intellektes. Nur ein Mensch, der solche
Gefhle in uns lst, sagte er mit Nachdruck, ist unser echter Gesellschafter.
Werner aber hat das Gegenteil an dir getan, fuhr er fort; er hat von Anfang an
deine Krfte nicht nur nicht gelst, sondern im Gegenteil gehemmt, ins Stocken
gebracht, angezweifelt und damit paralysiert. Dieses Panikhafte des
Entwurzelten, das sein eigenes Geschick ist, hat er auch ber dich gebracht.
    Es schien ihr, als ob Stanislaus mit diesem Worte eine Schuld auf Werner
wlzen wollte, und unabweislich kam das Gefhl ber sie, ihn vor dem Bruder zu
verteidigen, sich selbst zu beschuldigen. Und sie breitete die Ergebnisse der
zerfleischenden Selbstverwhlung ihrer letzten Tage vor ihm aus. Sie schilderte,
wie sie den Boden unter den Fen verloren, und sprach von den Qualen ihrer Tage
und Nchte, aber nur, um ihre eigene Haltlosigkeit daran zu schildern; sie
erzhlte von der schwarzen Angst, in der sie sich verloren hatte.
    Nachdenklich erwiderte er, ob sie denn dieses Erlebnis fr einen Zufall
halte, und, ohne ihre Antwort abzuwarten, sprach er davon, da auch in diesem
erschtternden Auf und Nieder der menschlichen Gefhle ein periodisches Gesetz
vorwalte. In Abstnden, deren Spatien seit Urzeiten festgelegt sind, - sowie
die Perioden, in denen sich Jahr und Tag, Werden und Vergehen, Blhen und Welken
abspielen, - in solchen Spatien, deren Hhepunkte miteinander im Zusammenhang
stehen wie die hchsten Flchen kommunizierender Gefe, erneuern sich Hoffnung
und Entsagung, Verzweiflung und Lebenskraft. Alles kommt und geht in Takt und
Rhythmus, und was du fr Unordnung und Chaos hltst, ist nur der Auftakt zu
neuer Einheitlichkeit. Darum, wenn wir dieses wissen, kann es nicht allzu schwer
sein, aus der Verschttung sich selbst wieder zu erheben. Und nachdenklich
flocht er in seine Rede die ewigen Zeilen: Denn so lang du das nicht hast, -
Dieses Stirb und Werde, - Bist du nur ein trber Gast, - Auf der dunklen Erde.
    Aufmerksam, hingebend hatte sie gehorcht. Es schien ihr, als htte sie ihn
niemals besser berblickt, als wre sie bislang vor ihm gestanden wie vor dem
Gestrpp eines Baumes, den man, auf seinen Wurzeln stehend, nicht in seiner Form
erkennen kann. Nun aber hatte sie erhhten Grund unter den Fen, und sie sah
den Baum, ein wenig von der Hhe, ein wenig von der Weite; sie sah, wie rund und
voll seine Krone war, wie geschlossen und dennoch frei sein Geste, sie sah das
frische, dichte Blattwerk, das ihr von unten nur wie Gestrpp erschienen war,
glnzend und wohlgereiht an den Zweigen, und sie sah die Knospen, die aus dem
Holze hervordrngten und Frchte versprachen.
    Ich glaube, ich habe dich verstanden, sagte sie mit leiser, aber fester
Stimme. Nur so lange, meinst du, knnen wir uns empren, uns aufbumen und
verzweifeln, als wir glauben, Zuflligem ausgeliefert zu sein, von irgendeinem
unberechenbaren, feindlichen Willen niedergetreten zu werden. Sobald wir aber, -
so meinst du doch wohl, - die logische Notwendigkeit unseres Erlebens begreifen,
dann mssen wir es als ein Verdientes und Gerechtes empfinden. Fragend sah sie
ihn an.
    Er nickte ihr zu. So ist es.
    Aber du hast eines vergessen, sagte sie.
    Und das wre?
    Das ist jene Ergebung, zu der zu gelangen eines gehrt, was ber aller
Vernunft und aller Logik steht, - und, sie zgerte einen Augenblick, was mir
fehlt.
    Er blickte sie fragend an und wartete darauf, da sie ihr Bekenntnis
vollende. Sie fuhr fort:
    Ich habe oft darber nachgedacht, was wohl das Wort des Evangeliums
bedeuten mag: So dir jemand einen Streich auf die linke Backe gibt, reiche ihm
auch die andere dar. Und ich wei, da dieses Wort nur der verstehen kann, der
das eine hat, was zu jeder Ergebung gehrt: die Demut, - die mir fehlt.
    Du irrst, fiel er ihr ins Wort, auch der Sinn dieses Spruches ist logisch
erschliebar, und selbst die Gnade der Demut kann ber ein Herz kommen, das die
Dinge restlos vernnftig anschaut.
    Und wie willst du diesen Spruch mit Vernunft erschlieen?
    Er schob die geleerte Teetasse zurck und sah sie voll an.
    Der logische Sinn ist so augenfllig, da ich darber staune, da er es fr
dich nicht ist. Die Mahnung kann natrlich nichts anderes bedeuten, - als: la
es nicht als bel gelten, was jener tut, - denn, er suchte nach Ausdruck, -
denn - der Augenblick tut das mit ihm, - sein unsterblich Teil ist nicht dabei.
Dieses Unsterbliche aber, seine Stimme hob sich energisch, dieses sollst du
schauen. Und zum Zeichen, da du sein Ewiges nicht vergessen hast, - trotzdem er
selbst es verleugnet, - so hebe seine eigene Tat auf - und, seine Stimme war
stark und streng geworden, reiche ihm auch die andere Wange dar. Damit sprichst
du zum Schicksal: wie es ist, ist es gut. berzeugt sah er sie an.
    Einen Augenblick hatte Olga die Empfindung, als wre sie bei dieser
seltsamen Zwiesprache mit dem Bruder von unsichtbaren Hnden erfat und
gerttelt worden. Wie gelhmt war das lebendigste Organ ihrer Seele, - ihre
Vernunft, - in ihr gelegen, und in wuchernder Wildnis war das Zaubergeranke der
Triebwelt immer dichter darber gewachsen. Der Bruder aber hatte sie gefat und
hatte sie gerttelt, - wie man einen Menschen rttelt, der eben ertrinken wollte
und den man aus dem Wasser rettete ... Sie hatte zutiefst begriffen, was er ihr,
in knappen Andeutungen, gegeben. Sie verstand auf einmal, - da Resignation und
Demut wohl Erscheinungen der Gnade sind, aber keiner berirdischen Gnade. Sie
verstand, da es Begnadung der hchsten Vernunft war, zu sagen: wie es ist, ist
es gut ... Aus der neuen Bewegung, die endlich die Erstarrung in ihr gelst
hatte, hob sich, mit junger Kraft, der Antrieb, der einzig das Leben erhlt: das
Vertrauen zu dem eigenen Schicksal, die berzeugung, da es nach logischen
Gesetzen abgelebt wird, da der Sinn der eigenen Bestimmung sich unweigerlich
erfllt. Sie begriff, da der Kampfplatz, auf dem ihre Krfte sich wrden
bewhren mssen, nicht drauen, sondern drinnen lag. Mit blitzartiger Schnelle
dachte sie in diesem Augenblick daran, da es Menschen gab, die ihr Schicksal
sofort verstanden, die seine Hand sogleich erkannten, sowie sie von ihr berhrt
wurden. Solch eine war Eva Nestor und auch Lore Wigolski. Jene waren mit
Widerstnden, die sich um sie trmten, fertig geworden, ohne einen Tropfen ihrer
Kraft einzuben, sie aber hatte sich beim ersten Zusammensto beinahe
verblutet, - weil sie mit sich noch nicht fertig gewesen, wie jene anderen, die
in besserem Gleichgewicht geboren waren.
    Sie wollte nun noch erfahren, ob Stanislaus es verurteilte, da sie sich in
diese Gefahr begeben, da sie mit dem Feuer so gefhrlich gespielt hatte, trotz
aller warnenden Mahnungen ihrer Seele.
    Mdchen, sagte er, wie sehr hast du die Orientierung verloren! Nun siehst
du gar ein Unrecht darin, da du dich in den Frhling hinauswagtest? Wie feige
mte man sein, sollte einen die Gefahr schrecken, wenn auch nur ein einziger
solcher Frhlingstag winkt. Ich war einmal in Dresden, fuhr er fort, und
natrlich auch in dem berhmten Zwinger, dem groen Barockpalast. Die weiten,
wundervollen Grten standen gerade in voller Blte, und man bekam da hbsche
Ansichtskarten, die den Zwinger im Frhling darstellten. Spter habe ich oft
an diese Worte denken mssen, nur da ich sie verkehrte - auf den Kopf stellte:
denn berall, wo ich um mich blickte, sah ich, wie die Blte gehemmt, wie die
frohen Triebe der Jugend gefesselt waren, berall sah ich - den Frhling im
Zwinger. Wohl dir, da du einen einzigen Frhling diesem Zwinger entronnen bist!
    Wenn du so denkst, dann mut du auch meinen Gram begreifen darber -, da
ich diesen Frhling verloren, - verloren, - vielleicht verscherzt habe.
    Dieser Ausspruch lt erkennen, da du noch immer glaubst, da es irgendwie
in deiner Macht gelegen htte, das Verhltnis zu erhalten und zu einem
glcklichen Ende zu fhren. Das ist aber falsch, durchaus falsch; denn so wenig
praktische Erfahrung ich auch habe, er lchelte, whrend sich sein Gesicht mit
dunkler Rte berzog, - so bestimmt kann ich dich versichern, da man sich die
Liebe von niemandem erobern oder verscherzen kann. Denn die Zellen lieben sich
und nicht die Willen, die Zellen ziehen sich an oder stoen sich ab! - - Auch
ist zwischen zweien immer ein bestimmter Vorrat zu verbrauchen. Du kannst ihn
nicht erneuern, um lnger zu fesseln, und du kannst keine Bande lsen, solange
dieses Quantum nicht verbraucht ist ... Warum aber sollst du, fuhr er lebhaft
fort, an solchen Erfahrungen verlieren, anstatt zu gewinnen, einschrumpfen,
anstatt zu wachsen? Warum dich verbittern und verringern lassen?
    
    Weil sich nicht leugnen lt, da bei solchen Erfahrungen, sie mgen nun
erlaubt sein, im hheren Sinne, oder nicht, und sie mgen so logisch und
notwendig sein, wie sie wollen, - Verschiedenes angeflogen kommt, was beschmutzt
und erniedrigt.
    So? Du magst recht haben. Aber dann mut du dich erst recht rhren, mut
dich fleiig um deine eigene Achse drehen, darfst das, was dir angeflogen kam,
nicht auf dir fest und starr werden lassen. Du willst doch leben bleiben, oder
nicht?
    Da rttelte er schon wieder, sie fhlte, wie es ihr durch und durch ging.
    Ja, ich will leben! rief sie mit leidenschaftlicher Inbrunst.
    Nun, wenn man berhaupt leben bleiben will, dann mu man sich auch rhren.
Sich benehmen wie eine Leiche und doch leben bleiben wollen, doch - wie soll ich
sagen, - weiter konsumieren, - das geht nicht an, das erscheint mir geradezu
inkorrekt.
    Da lachte sie, und sie hrte dieses Lachen, und sie fhlte es auch. Sie
fhlte, wie diese Welle von Frhlichkeit pltzlich aus ihrer Seele herausscho,
wie ein starker Sprudel, Schlacken und Steine mitreiend und herausschleudernd.
    Er sprach weiter. Wenn du in diesen Tagen so verstimmt warst, so war es -
weil dich der Mut verlie. Es gibt keinen andern Grund fr uns Menschen,
zusammenzubrechen. Jede Art von Trauer, von Angst, ja selbst von physischer
Schwche, die zum Zusammenbruch fhrt, ist Mutlosigkeit, Mutlosigkeit des
Krpers oder der Seele; und nicht an Todesangst leiden wir so sehr wie an dieser
bleichen Furcht vor dem Leben. Diese Angst aber ist der Todfeind des Menschen.
Da kenne ich ein tiefes Wort von Maxim Gorki: Sobald die Menschen sich frchten,
verfaulen sie, wie die Birken im Sumpf. - Darum heit es gerade im kritischen
Moment, gerade wenn es schief geht, - sich doppelt zusammenraffen und so
handeln, als ob wir sehr mutig wren. Die Menschen strzen und verfaulen am
ersten, wenn sie sich nach einer Katastrophe verkriechen, sich seelisch
verlumpen. Ernsthaft sah er sie an: Man mu sich erziehen, so zu handeln, -
als ob alles glatt gegangen wre. Das ist eine Suggestion, die man dem Schicksal
gibt, - und das Schicksal ist suggestibler, als wir glauben. Er ging auf und ab
und fuhr nachdenklich fort:
    Du leidest jetzt? Das ist nur richtig und begreiflich. Warum aber dich
unter deinem Leid verkriechen? Dieses Leid ist eine Frucht, die du ernten
mutest, - das ist immer noch besser, fgte er leiser hinzu, als wenn auf
deinem Acker berhaupt nicht gest worden wre.
    Er zog aus der Tasche seines Rockes ein Heft der Jugend und warf es auf
den Tisch.
    Da, - das war heute nacht, im Bahnzug, meine Lektre, und da ist etwas
drin, was fr dich pat. Hr' gut zu! Und er las ihr vor:


                                  Die Zeche1

Und hast du's verschuldet, da Reue dich zwickt -
Nur nicht um die Zeche herumgedrckt!
Und krallt dir Vergeltung durch Panzer und Hemd,
Eine Brenbrust bend entgegengestemmt!
Sei lederzh, keine wimmernde Puppe!
Ei, wer sie verzehrte, berappt auch die Suppe.
Wie den Kellnern nach eingenommenen Mahlen,
Ruf' ehrlich dem Schicksal: Bitte! Zahlen!

So sprach Stanislaus an diesem Abend zu seiner Schwester, und noch als er ging,
mahnte er sie eindringlich: Also vergi nicht, - sei lederzh, keine wimmernde
Puppe! Eine Brenbrust - du weit schon.
    Er ging und nahm die Gespenster mit; ihr Heim war frei. Sie irrte nicht mehr
darin, wie eine hilflose Gefangene. Die Dmonen waren wie ausgeruchert. Was fr
Krfte waren es doch, die das Gift aus ihr herausgeholt hatten? Die Welt war ihr
in Finsternis gehllt gewesen, wie in einen undurchdringlichen, schwarzen
Mantel. Nun aber schien es ihr, als wre der Mantel abgeglitten.
    Ruhig und friedlich ging sie zu Bett. Zum erstenmal dachte sie wieder an
ihre Freunde. Sie wollte Lore bald wiedersehen. Pltzlich fiel ihr ein, da sie
von Erika wochenlang nichts gehrt hatte. Sie hatte sich auch nicht um sie
bekmmert. Wie, wenn sie ihr helfen knnte, wie heute der Bruder ihr geholfen?
Freilich hatte die dort dem Schicksal noch mehr zu bezahlen als sie, - mehr
vielleicht, als sie besa, - war berverschuldet, vielleicht bankerott. Und an
den anderen dachte sie, dessen Zeche auch nicht im reinen war. Weder Erika noch
Koszinsky wuten von ihrer neuen Wohnung. Koszinsky war verreist, auf der
Tournee mit seiner Kapelle, aber Erika htte sie nicht ganz vergessen drfen,
auch wenn sie sich selbst nicht meldete. Sie beschlo, ihr am nchsten Tag zu
schreiben.
    Der nchste Tag kam. Olga hatte, nach langer Zeit, tief und traumlos
geschlafen. Sie erhob sich und fhlte ihre Kraft und fhlte, da sie des Lebens
froh war. Sie ordnete ihre Wohnung und wirbelte all den Staub auf, den sie in
den letzten Tagen hatte liegen lassen. Dann setzte sie sich an ihren
Arbeitstisch und ffnete die angesammelte Post. Sie beschlo, Lore noch fr den
heutigen Tag zu sich zu rufen. Auch erinnerte sie sich, da sie den Brief an
Erika sofort schreiben mte. Da klingelte es, es war der Telegraphenbote. Von
Edda, dachte sie, und ri das Telegramm eilig auf. Sie erschrak, als sie das
Bild der geschriebenen Worte erfat hatte, sie erschrak tief. Das Telegramm war
von der alten Wirtschafterin des Vaters. Es meldete seine schwere Erkrankung und
forderte sie auf, nach Hause zu kommen.
    Dorthin also sollte sie jetzt. Ihre erste Verwirrung klrte sich schnell.
Sie erkannte, da es notwendig war, da sie zu dem Vater reiste, wenn er,
schwerkrank, sie rief. Diese verlassene Heimat, dieser Greis, das war mit ihr
verbunden, das ging sie an. Alles in ihr drngte zu schneller Erfllung ihrer
Pflicht. Ihr bangte vor Taten oder Unterlassungen, die die Reue mit sich
fhrten. Sie begann sofort, zu packen. Einen Augenblick dachte sie daran, ihr
ganzes Arbeitsmaterial mitzunehmen, gab aber diesen Gedanken schnell auf und
beschlo, fr die Zeit ihrer Abwesenheit die Redaktion ihrer Zeitung in Lores
Hnde zu legen.
    Nachdem sie eingepackt hatte, fuhr sie zu Stanislaus, um ihm die neue, trbe
Nachricht zu bringen und das Ntige mit ihm zu besprechen.

Zu eben dieser Zeit, da Olga daran dachte, sich nach Erika umzusehen, suchten
auch die Gedanken Erikas wieder den Weg zu ihr. Es waren keine besonderen
Grnde, die Menschen, die einander nahegekommen waren, hier wochenlang trennten,
- es war Berlin. Wer in dieser riesigen Maschinerie seinen Platz hatte, mit dem
machte der Apparat seine Bewegungen, und in seinen weitausgreifenden Umdrehungen
enfernten sich jene Teile, die sich eben noch berhrt hatten, nicht selten weit
voneinander. In Berlin hatte jeder einen ausgefllten Tag, selbst Mssiggngern
wre hier die Zeit nicht immer reichlich geworden. Dazu taten schon die groen
Entfernungen das Ihre. Wer nun aber hier einem Erwerb nachging, wer irgendwie in
der Kette eingeschaltet war, der konnte nur nach genauer Berechnung zu
Begegnungen gelangen.
    Erika sa fest in dem Rderwerk, und ihre Tage vergingen wie Umdrehungen,
von denen eine der anderen gleicht,- Mahle, Mhle, mahle. Aber whrend sie mit
der uersten Schicht ihres Wesens das Gewinde, dessen Bedienung ihr zufiel, um
Brot zu erlangen, regelmig und sorgfltig abhaspelte, wuchs in ihrem Innern
alles weiter, was sie dahin verpflanzt hatte. Hier war ppiger Boden fr wilde
Schlinge, die wurzellos aufsproten, keimlos und unfruchtbar, groteskes,
gezacktes Gewchse, jenen Kakteen zu vergleichen, die nur mit dem Blattstiel in
der Erde stecken und blinde Triebe hervorbringen und wuchernde Sfte.
    Sie plante Vernderungen; in ihrer neuen Stellung fand sie keine Ruhe. Sie
hrte auch nicht auf, die Annoncen in den Zeitungen zu verfolgen und schrieb ihr
regelmiges Quantum von Offerten. Schon war sie auf dem Sprunge, mit einem
Ingenieur, der eine Hausdame suchte, in die Tropen zu gehen, wo er ein
Flugebiet regulieren und Brcken bauen sollte. Erika verfolgte solche
Mglichkeiten fast bis zum letzten Abschlu, um sich dann, scheinbar ganz
pltzlich, zu besinnen, da sie hier ihre Hoffnung festhielt, da hier ihr
Glck wohnte. - - - Mit einem Teil ihres Wesens wagte sie die verschiedensten
Versuche, Betubung zu finden, wenn sich der Hunger meldete, der echteste
Hunger, der nicht zu verleugnende, - der Hunger des jungen Weibes.
    Dann folgte sie diesem Betubungstrieb mit demselben automatischen Eifer,
mit dem sie ihre Offerten schrieb und auf ewiger Stellensuche war. Sie machte
Sonntags einsame Ausflge in die Umgebung Berlins, kehrte dann nicht selten in
irgendeinem lndlichen Wirtshaus ein, aus dem Musik herausklang, und sa da, ein
weiblicher Sonderling, trank ein Glschen Bier und mengte sich schlielich unter
die Tanzenden. In ihrem Lodenrock und ihrer leinenen Hemdbluse, das Jgerhtchen
auf dem Kopf, so drehte sie sich unter den Bauern. Sie tanzte mit allen
Burschen, die sie neugierig aufforderten, und bemhte sich, an jedem etwas
Besonderes zu sehen. Sie verga aber nie, wann der letzte Zug oder das letzte
Schiff ging, die sie wieder nach Berlin zurckbrachten und enteilte,
geheimnisvoll, wie Aschenbrdel.
    Dann gab es Sonntage, wo sie keine Ausflge machte; sie hatte noch eine
andere Zufluchtssttte in letzter Zeit gefunden. Sie ging zu den Versammlungen
der Heilsarmee. Ernsthaft hrte sie dem Vortrag zu. Und mit einer Inbrunst, die
sich von der ihrer Umgebung wenig unterschied, sang sie im Chorus mit:

Und nach vollbrachtem Kampfe
Tragen wir die Kron'
Im neuen Je-ru-sa-lem.
Mit unserem treuen Jesus,
Mit unserem Gottessohn
Im neuen Je-ru-sa-lem.

Und sie hatte sich sogar eine Brosche mit dem Bildnis des himmlischen Brutigams
angeschafft. - - -
    Aber diese Mittel versagten. Die Stunden, wo die bleiche Verzweiflung sie
umklammerte, wurden immer hufiger. Ich bin krank, dachte sie dann, ich mu
zum Arzte gehen.
    Eines Tages fhrte sie diesen Vorsatz aus. Sie hatte manches von einem
besondern Verfahren gelesen, durch welches kranke Seelen geheilt, wankende ins
Gleichgewicht gebracht werden sollten. Und es war eine Art von Neugierde, die
sie immer heftiger trieb, sich diesem psycho-analytischen Verfahren zu
unterwerfen. Wenn es wirklich wahr war, da Unbewutes, Unterbewutes auf diese
Art ans Licht gehoben wrde, dann wrde sie ja erfahren, was auf dem tiefen,
dunklen Grunde lag, dessen Strmungen sie trieben. - Sie ging zu einem berhmten
Psychiater.
    Durch eine lange Flucht von Rumen, die in ihrer ausstellungsmigen Eleganz
einen fast unbewohnten Eindruck machten, wurde sie von einem ltlichen, hageren
Frulein in schwarzseidenem Kleid bis an die Tr des Ordinationszimmers gefhrt.
Herein, rief eine scharfe, helle Mnnerstimme auf ihr zaghaftes Klopfen.
    Der Doktor sa an seinem Schreibtisch. Er funkelte sie mit seinen bebrillten
Augen an und strich ein paarmal, mit geflteter Stirn durch den grauen
Knebelbart, ehe er sie Platz nehmen hie. Dann machte er eine ermutigende
Handbewegung und forderte sie auf, alles zu erzhlen, was sie auf der Seele
habe.
    Eine Erleichterung kam ber sie, da sie endlich einmal wieder sprechen
durfte. Sie mischte mit einem beinahe freudigen Gefhl die mannigfaltigen
Farben, die sie fr ihr Gemlde auf der Palette hatte. Der Doktor hrte genau
zu.
    Sie haben, - sagte er, als sie mit hastigen, beteuernden Worten geendet
hatte, - Sie haben - peinliche, geschlechtliche Erlebnisse verdrngt, ohne sie
restlos bewltigt zu haben. Er machte eine Pause. Sie hing atemlos an seinem
Mund. Sie haben sozusagen - die inneren Augen ber diesen Erlebnissen
zugedrckt, - nicht wahr?
    Sie senkte den Kopf.
    Es gilt, - Ihnen die Augen zu ffnen, - und das verdrngte Erlebnis in
seiner wahren Gestalt ans Bewutsein zu rufen. Da Sie gewisse Eindrcke nicht
auf grndliche Art abreagieren konnten, fuhr er nun gelufig fort, - setzten
sich diese in Vorstellungen um, die der Wirklichkeit nicht entsprachen. Er
begann sie nach einer besonderen Technik auszufragen, ber wichtige und
unwichtige Ereignisse, kreuz und quer, er zog in seine Fragen die Trume mit
hinein und notierte sorgfltig, was sie ihm berichtete.
    Die Zwangsneurose, an der Sie leiden, hngt nicht selten auch mit
Verlagerungen der geschlechtserregbaren Krperzonen zusammen, sagte er, und
untersuchte sie auch nach Art des Frauenarztes.
    So weit ist alles in Ordnung, konstatierte er, ich werde Sie also nur
psycho-analytisch zu behandeln haben. Der Symptomkomplex ist deutlich; aber die
hysterische Affektpsychose ist heilbar. Er betonte das Wort. Ich werde Ihnen
ein paar Suggestionen geben.
    Er lie sie dann in einem tiefen Fauteuil Platz nehmen, umklammerte ihre
Arme und drckte sie fest an die Lehne des Sessels.
    Sie sind ganz ruhig, Sie werden mde werden, Sie werden schlafen wollen.
    Dabei begann er mit leisen, weichen Griffen ber ihre Stirn zu streichen.
    Ihre Glieder werden schwer, - Sie sind mde, - Sie schlafen schon, - - Sie
werden die Augen nicht wieder ffnen, bevor ich es nicht befehle. Sie werden gut
aufhorchen jetzt!
    Seine Stimme stieg an, wurde noch heller und strker.
    Sie sind im Grunde ganz gesund, - Sie haben nur durch Verschweigung und
durch Verheimlichung Ihrer Unlustgefhle in der Ehe sich in einen krankhaften
Zustand gebracht, - verstehen Sie? Ihre Psyche neigt zu Verheimlichungen vor
sich selbst, zu Tuschungen, die Sie sich selbst vorspiegeln.
    Gedmpfter, milder fuhr er fort: Sie haben die Neigung, sich interessant zu
machen, und es wird Ihnen immer schwer, objektiv die Wahrheit zu sagen, - aber
Ihr Charakter, Ihre Intelligenz sind intakt, er sprach wieder scharf und
berzeugt, - darum werden Sie den Wahn aufheben.
    Und nun begann er, mit eindringlichen Worten, die ganze, aus der Luft
gegriffene Phantasterei ihrer sogenannten groen Liebe ihr klar zu machen. Dann
machte er eine lange Pause.
    Schlafen, - schlafen Sie, sagte er leise und strich unaufhrlich ber ihre
Stirn.
    Unendlich wohl taten ihr diese weichen Striche und diese Stimme, die erst so
energisch hell gesprochen, und die sich dann in weichem Geflster verlor ...
    Sie sind jetzt wach, - obwohl Sie schlafen, Sie sind jetzt wahr, obwohl Sie
schweigen; raunte die Stimme. Die Lge, an der Sie sich selbst berauscht
haben, ist fort. - Sie wissen jetzt ganz gut, die Stimme stieg an, wurde
krftig, befehlend, da Sie zu dem betreffenden Herrn in Wahrheit gar keine
Beziehungen haben, - gar - keine - Beziehungen! - Sie ffnen die Augen!
    Er strich ihr fest ber die geschlossenen Lider, Sie erwachen, - Sie stehen
auf!
    Die Sitzung war beendet, der Arzt entlie sie. Sie sollte widerkommen, wenn
sie ihn brauchte.
    Es war ihr leicht und frei zumute, als sie hinaustrat. - - - Dieses Gefhl
der Leichtigkeit blieb ihr noch einige Tage. Sorgsam bewahrte sie alles im
Gedchtnis, was der Arzt gesagt hatte. Es war also ein Wahn, ein Selbstbetrug,
eine Phantasterei gewesen, das Ganze, das sagte sie sich nun stndlich vor.
    Aber whrend ihr Verstand immer wieder den Inhalt dieser Vorstellungen
betrachtete, wuchs aus jenem dunklen Grunde, mit dessen Strmungen sie verbunden
war, ein Schwarzes und Namenloses. Die Kur war glnzend geglckt, der groe
Psychiater hatte den Wahn verdrngt, was zurckblieb, war - die Wahrheit.
    Und sie sah nun die Wahrheit. Sie sah, wo sie stand, sie sah die Sackgasse,
in die ihr Leben eingelaufen war. Wie hohe, graue Mauern umstarrte sie die
Hoffnungslosigkeit. Groer Gott, wohin war sie geraten! Wo war ein Ausgang?
Nirgends, nirgends; denn ein Zurck gab es nicht, auch graute ihr jetzt noch
deutlicher wie bisher vor ihrer frheren Heimat, aus der sie entlaufen war.
Warum, o Allmchtiger, hatte sie sich dort zugrunde richten lassen, warum mute
erst diese wahnwitzige Ausgeburt ihrer kranken Seele kommen, um sie von da
herauszufhren, - als es viel zu spt war. Mit Schrecken und Grauen trat sie
jetzt die tglichen Sklavendienste an, zu denen sie verurteilt war. An die
Galeere geschmiedet, hoffnungslos, auf ewig. Es gab kein Wunderbares, an dessen
Phantom sie sich, wie frher, bis zu wilden Rauschzustnden betuben konnte. Es
gab nichts als die de fr sie, fr immer und ewig. Ja, der Wahn war
verdrngt, - sie sah klar.

An einem schnen Sonntagnachmittag machte sie sich auf, Olga aufzusuchen. Es war
ihre letzte Zuflucht. Sie fuhr aus dem Osten, der am Sonntag seine Stimme nicht
hatte, die Stimme der Arbeit, aus diesem Osten, mit seinen grauen
Proletarierhusern, zwischen denen sie nun seit Monaten lebte, mit seinen
Butterlden und Destillen, mit seinen breiten, staubigen Alleen, mit seinen
Fabrikschloten und eisernen Krhnen fuhr sie hinber, in das schnere Berlin.
Als sie von der Hhe der Stadtbahn die grne Quadriga des Brandenburger Tores
und die goldleuchtende Statue der Gttin hoch oben auf dem Siegesdenkmal sah,
die ihren Kranz triumphierend zum Himmel schwingt, da schien es ihr, als kme
sie aus einer Verbannung, ein fremder Gast. Es dmmerte schon, als sie am
Bahnhof Tiergarten ausstieg. Sie wollte, nach langer Zeit, wieder einmal zu Fu
durch den Tiergarten gehen, bis hinber zum Gartenufer. Sie dachte immer noch,
Olga wohnte in der stillen Seitenstrae in der Nhe des Ltzowplatzes.
    Es war ein klarer, milder Wintertag ohne Schnee, die Luft hatte etwas
Erquickendes in ihrer reinen Frische. Sie kam zum Landwehrkanal, auf dem die
kleinen Dampfer mit der Schlepperflotille lagen und blieb einen Augenblick auf
der Brcke stehen und sah in das Wasser, das unter der Freiarchenbrcke tobend
aus der Schleuse strmt. Pltzlich dachte sie, da alle Not ein Ende htte, -
wenn - wenn sie es nur wagte; es brauchte ja nur einen einzigen, kleinen
Schwung. Sie erschrak vor der Gefahr dieses Gedankens und eilte hastig fort.
Aber ihr Gehirn arbeitete weiter. - - Ich werde einen Zettel hinterlassen, wenn
ich Olga nicht finde, und darauf werde ich schreiben: Ich konnte nicht anders.
Sie wiederholt immerwhrend diese pathetische Formel. Ich konnte nicht anders,
- ich konnte nicht anders, - wenn ich Olga nicht finde. - - -
    Aber warum sollte sie sie denn nicht finden? Da war sie schon in der Strae,
in der sie wohnte. Das Treppenhaus war schon erleuchtet, aber die Fenster von
Olgas Zimmer waren dunkel. Finsternis, dachte sie, und es wallte wieder
schwarz in ihr auf, und ihr war, als sei sie nun an der Grenze ihres Lebens.
Aber hinauf, hinauf.
    Whrend sie dem Haustor zuschritt, folgte ihr jemand dicht auf den Fersen.
Und diesmal war es keine Wahnvorstellung, sondern Wirklichkeit. Beim Haustor
bemerkte sie ihn. Und gleich zuckte die alte Idee in ihr auf: Er lt mich
beobachten. Wieder vermengten sich Wahn und Klarheit. Sie ging weiter, stieg
langsam die Treppen hinauf. Der ihr auf den Fersen folgte, blieb unten im
Hausflur stehen.
    Er war aus einer Nebenstrae auf den Ltzowplatz getreten, als er auf dem
breiten Weg, der quer ber den Platz fhrt, Erika vor sich gehen sah. Er
erkannte sie sogleich, nach der Schilderung, an ihrer Lodenjoppe, ihrem
Jgerhtchen. Ihre Bewegungen erschienen ihm charakteristisch, es war etwas
Hastendes und doch Tapferes darin. Da wandelte sie, - die ffin halb, halb
Heldin war, und hatte denselben Weg wie er. Koszinsky war von seiner Tournee
zurckgekehrt, und diese Stunde fhrte ihn, wie Erika, zu Olga. So mute er ihr
auf dem Fue folgen, bis sie in das Haustor eintrat; unwillkrlich blieb er
unten stehen; er erwog, ob er hinaufgehen sollte, trotzdem jene da war. Da hrte
er, wie sie oben lutete. Er hrte die Stimme der Wirtin, die ihr an der Tr
mitteilte, da Frulein Diamant lngst nicht mehr hier wohne; und die die neue
Adresse nannte, drauen im Vorort, in Friedenau.
    Und da kam sie auch schon ber die Treppe zurck; langsam und schwer ging
sie; im Schatten des Treppenhauses verborgen, sah er, im Licht der elektrischen
Lampen, voll ihr Gesicht, und er erschrak ber das, was darin eingezeichnet war.
Sie trat aus dem Hause, und er folgte ihr. Folgte ihr, quer ber den
Ltzowplatz, ber den breiten Weg. Nun trat sie in die dunkle Allee lngs des
Kanals. Sie bog ab, nach links, ging mit immer schnelleren Schritten bis
hinunter zur Freiarchenbrcke, - dort stand sie zgernd still. Dann ging sie auf
die Brcke. In der Mitte blieb sie stehen und beugte sich ber die Brstung. Und
auch er stand, wie gefesselt, verborgen in der Dunkelheit. Nachdem sie eine
Weile bewegungslos gestanden und ins Wasser gestarrt, ging sie weiter, - bog nun
auf der anderen Seite des Ufers nach rechts hinauf. Ihr Gang wurde leichter, sie
hastete vorwrts. Jetzt ging sie so schnell, da er Mhe hatte, ihr zu folgen;
sie lief ja beinahe, hier in der Finsternis. Lngst waren sie an jenen Stellen
des Kanals vorbei, wo die Bschung weich und niedrig, mit Rasen bewachsen,
abfllt; hier war schon der steinerne Quai, von dem, in bestimmten Entfernungen,
Treppen zum Wasser hinunterfhren.
    Und da - auf einmal - da setzte sie ber das niedrige Gitter und lief flugs
auf die Treppe zu. Ehe er recht begriff, ob er auch richtig gesehen, war sie
unten. Er sah im Schein der Laterne die erhobenen Arme, er hrte den
klatschenden Aufschlag, mit dem der Krper ins Wasser fiel. Da war auch schon
sein Mantel zur Erde geworfen, er folgte ihr, - aber nicht auf dem Wege ber die
Treppen, er lief direkt ber die glatte, steinerne, gewlbte Bschung, lief mit
den groen Sprngen des Militrs und sprang, mit gestreckten Armen, ihr nach.
Und kaum schlug er ins Wasser, so sah er auch schon, dicht neben sich, ihren
Kopf auftauchen, vollbelichtet vom Schein der Laterne, - sah das Gesicht, -
unkenntlich geworden vom Krampf der Todesangst. Sie war ein einziges Mal erst
untergetaucht, als er sie erfate. In der Sekunde, da sie unter Wasser gewesen
und dann wieder an die Oberflche gekommen war, hatte sie den Himmel gesehen mit
den schimmernden Sternen - - - leben, leben! Da erfate sie eine Hand. War das
die Rettung?! - - - Sie umklammerte seinen Hals, sie umschlang ihn mit den
Beinen, und er fhlte, wie sie beide untergehen muten, auf diese Art. Er rief
ihr zu, sich ruhig aufs Wasser zu legen und sich ihm zu berlassen, aber sie
umstrickte ihn nur um so wilder. Schon erwog er, ob er nicht zu dem letzten
verzweifelten Mittel, das die Rettung mglich machte, greifen und ihr jenen
Schlag auf den Kopf geben sollte, der Ertrinkende in Betubung versetzt und es
dem Schwimmer dann mglich macht, sie herauszuziehen. Aber es kam nicht so weit.
Pltzlich lockerten sich ihre ihn fest umschnrenden Glieder. Sie war bewutlos
geworden. Da kam es ber ihn wie Glck, - nun konnte es gelingen. Neue Krfte
strmten ihm in die Glieder, sthlten und streckten sie. Er machte krftige
Tempi mit den Beinen und dem einen Arm, fate sie mit der anderen Hand im
Genick, an den Kleidern, und schleifte sie behutsam bers Wasser. Keinen
Augenblick sank ihr Kinn bis in die Flut, so fest und stark hielt er sie hoch.
    Und sie nahmen alles mit, diese dunklen Wasser, alle Snden der
Vergangenheit. Der Mensch, der da mit zwei Beinen und einem Arm die schwarze
Flche teilte und mit dem anderen Arm seine Beute hielt, dem der Krampf schon
langsam in diesen Arm kroch, und der nun glcklich die Stufen wieder erreicht
hatte, - fr den war dieses nchtliche Bad ein heiliger Zauber, wohl heiliger
noch, als es die Wasser des Jordans waren, wenn sie die Snden der Getauften mit
sich nahmen und sie fortsplten, ins Meer der Vergessenheit. - - -
    Er trug sie ber die Stufen hinauf und legte sie bei der Laterne, die das
Bild ihres Kampfes beschienen hatte, zur Erde.
    Sie hatte nicht viel Wasser geschluckt. Dennoch reinigte er mit dem vom
Taschentuch umwickelten Finger krftig den Rachen. Dann setzte er sich auf das
niedrige Gelnder der Rasenflche und legte die leichte Gestalt quer ber seine
Knie, auf den Bauch, so da Kopf und Rumpf nach unten hingen. Das Wasser tropfte
ab. Er drckte regelmig gegen ihren Rcken. Nachdem er dies rhythmisch einige
Minuten lang getan hatte, legte er sie auf die Erde nieder, holte den Mantel,
der ein Stck weiter unten so da lag, wie er ihn abgeworfen hatte, schob ihn ihr
als Rolle unter den Kopf. Dann fhrte er ihre Arme langsam nach oben - fhrte
sie wieder zurck und drckte sie krftig aber schonend gegen den Brustkorb.
Zischend hrte er die Luft in die Lungen einstrmen.
    Als er diese Bewegungen etwa dreiigmal ausgefhrt hatte, begann sie zu
atmen und schlug die Augen auf.
    Nun zog er den Mantel vorsichtig unter ihrem Kopf weg und hllte sie hinein.
Dann hob er die leichte Gestalt, ohne Mhe, auf seine Arme. Whrend er mit ihr
weiterging, fielen ihr die Augen wieder zu, und er fhlte, wie sie zitterte.
    Niemand war in der ganzen Zeit durch die nchtliche Allee gekommen. Der
Himmel schien glnzend, wie schwrzlich-violettes Glas und wlbte sich ber den
Bumen. Der abnehmende Mond lag, als blanke Sichel, schrg zwischen unzhligen
Sternen.
    Die nchste Brcke fhrte hinber auf den Ltzowplatz. Dort standen
Automobile. Er blieb diesseits, im Dunkel, und pfiff. Sofort kam eine
Autodroschke heran. Er stieg ein und bettete sie bequem. Keinen Augenblick
dachte er daran, irgend jemand zu alarmieren. Er brachte sie zu sich, auf seine
Stube, entkleidete sie vorsichtig und hllte sie in einen Bademantel; dann trug
er sie in sein Bett, rieb ihre eisigkalten Glieder, bis sie warm wurden; aber er
duldete nicht, da sie sprach. In nassen Kleidern, wie er war, nur mit dem
trockenen Mantel darber, entzndete er einen Spirituskocher auf dem Tisch und
kochte Punsch; sorgfltig hielt er die Tasse an ihre Lippen und lie sie in
kleinen Schlucken davon trinken. Dann hie er sie schlafen. Erst als er ihre
tiefen Atemzge hrte und ihre Stirn feucht wurde von Schwei, whrend die
Wangen sich rteten, zog er sich um. Dann trank er ein Glas Punsch und legte
sich in warmen, trockenen Kleidern auf das schmale Sofa zum Schlafen nieder. - -
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                               Siebentes Kapitel



                                  Erfllungen

 Zwei Schwingen fhrt ja stets die Zeit,
 Sie nimmt mit einer, gibt mit einer;
 Ist heute dein Besitz auch kleiner -
 Zwei Schwingen fhrt ja stets die Zeit.
                                                                           Halm.

Olga reiste in dem schlesischen Winter, an das Krankenlager ihres Vaters. Lang
und ermdend war die Nachtfahrt in der dritten Klasse. Whrend der kleinen
Strecke, von der sterreichischen Grenze an, war die Reise am unertrglichsten.
Seit sie in Deutschland lebte, hatte sie vergessen, da es solche Eisenbahnwagen
gab. In dem schlechtgeheizten, belriechenden, engen und dunstigen Coup war sie
erst mit einer Schar slovakischer Bauern zusammengepret. An einer
Umsteigestelle wurde das Coup leer. Sie fand aber auch dann keine Ruhe, da ein
unaufhrliches Getse von aneinander klirrenden Metallteilen den Raum erfllte.
In ihrer Verzweiflung rief sie den Schaffner und bat ihn, zu untersuchen, woher
dieser wahnwitzige Lrm kme. Der Mann kroch unter die Bnke und probierte an
verschiedenen Schrauben herum, dann erklrte er ihr, da eiserne Bestandteile
des Wagens, welche durch Schrauben gehalten wrden, lose seien und bei jeder
Umdrehung der Rder donnernd an die Schienen schlgen.
    Im Morgengrauen kam sie an. Die lehmigen, ungepflasterten Straen waren von
dicken Kotwllen verbarrikadiert. Die von Kohlenstaub und Fabrikrauch verdorbene
Luft kroch ihr bei jedem Atemzug beiend in die Kehle. Ihre kleine, verschabte
Reisetasche in der Hand, eilte sie, mit angstvoll klopfendem Herzen zu Fu ihrem
Vaterhause zu, das ihr noch finsterer als sonst seine trbe Front wies. Die alte
Salke wute, da sie mit dem Frhzug kommen wrde, und prete wartend den Kopf
an die Fensterscheibe. Olga erkannte trotz des Zwielichtes, unter dem wollenen
Kopftuch das gespenstig verschrumpfte Gesicht der Alten. Sie winkte hinauf, und
gleich antwortete ihr ein deutliches Nicken. Bald hrte sie die schweren,
schleifenden Schritte, der Schlssel wurde knarrend herumgedreht, und das Tor
wich zurck, in den finsteren Flur.
    Olgaleben! - - - Die knochige Hand tastete nach der ihren. Gelbt is Gott
- Se sind daham! - - - Und dann stiegen sie zum Krankenzimmer des Vaters
hinauf.
    Sie erkannte nicht gleich, ob er lag oder sa. Er war in einen tiefen
Fauteuil gebettet. Eine Menge Kissen sttzten den Rcken, die Beine lagen, in
der Hhe des Sessels, ausgestreckt, auf hoch aufgetrmten Matratzen. Seit das
Wasser in ihnen war, konnte er sie nicht mehr hngen lassen und hielt es auch
liegend im Bett nicht aus. Seine ehemals so lange Gestalt schien
zusammengeschrumpft, der Rest seines grauen Haares war schneewei geworden und
hing lang und wirr unter dem schwarzen Sametkppchen hervor; die wie mit einem
grauen Hauch berdeckten Augen flackerten hilflos, und alle Zge des Gesichtes
verliefen spitz in tiefen Furchen.
    Gut, du kommst, sagte er mit fremder, hohler Stimme.
    Er fate krampfhaft ihre Hand und lie sie eine ganze Weile nicht wieder
los.
    Ich htt' ka Ruh' gehabt, mei' Kind, flsterte die hohle Stimme, - wenn
du nicht gekommen wrst.
    Sie versicherte ihm, whrend sie sein abgezehrtes Gesicht kte und die
Trnen herunterwrgte, da sie schon lngst gekommen wre, wenn er sie nur hatte
frher rufen lassen. Sie erzhlte auch, da Stanislaus in wenigen Tagen
nachkme. Der Alte nickte nur, apathisch, mit dem Kopf. -
    Olga sah sogleich, da die mhevolle Pflege des Schwerkranken von ihr und
der alten Salke allein nicht geleistet werden knnte. So besorgte sie einen
Wrter. Der war nun Tag und Nacht um den Kranken, gab bei jedem Besuch des
Arztes seine Meinung ab und hrte nicht auf, tglich den immer nher rckenden
Termin des Endes zu prophezeien. Die alte Salke bemerkte auch, da er sich
Kleinigkeiten aus dem Besitze des Kranken nach und nach aneignete und erzhlte
es Olga klagend. Auf die Wsche des Kranken schien er es abgesehen zu haben, die
Taschentcher wurden immer weniger. Auch die Tabakpfeifen, die auf einem Brett
aneinandergereiht waren, verschwanden nach und nach; und eines Tages war sogar
das Gebi des alten Mannes, da er sich manchmal noch einsetzen lie, nicht zu
finden. Dieser schwarzhaarige Wrter, mit dem gleichzeitig schlauen und
verdrossenen Gesichtsausdruck, mit der kolossalen Hakennase, unter den
dichtbebuschten Augen, erinnerte an eine unheimliche Dohle, die hier auf die
letzte Beute lauerte.
    Weggetragen haben se euch alles, - grad' wie der do - - - sagte die alte
Salke, mit wiegendem Kopf und blickte Olga vorwurfsvoll an. Dann hob sie die
Achseln, spreizte die Finger mit dem Ausdruck von Hilflosigkeit und wiederholte
nachdrcklich: Weggetragen - alles ...
    Schwer und bang waren besonders die Nchte. Der Kranke kam fast nicht mehr
zu Ruhe. Unablssig verlangte er seine Lage zu verndern, mute immer wieder vom
Bett in den Lehnstuhl und von da wieder zurck getragen werden. Die Tochter
stand am Fuende des Bettes. Ab und zu sah er sie mit starren, umflorten Augen
an und sagte dann erkennend: Mei Kind ... Im brigen fragte er nach nichts,
was ihn sonst interessiert hatte. Mit keinem Wort fragte er nach dem Leben der
Kinder, whrend der letzten Zeit.
    So ist es, wenn es zur letzten, dunklen Reise geht, dachte Olga, - da hat
kein anderer Gedanke mehr Platz.
    Der alte Mann starb schwer. Angstvoll wehrte er sich gegen den Tod. In den
letzten Nchten stie er immer wieder einen Klagelaut hervor o je, o je -
dessen dumpfe Monotonie Olga mit Grauen erfllte. Einmal erfate er ihre Hand
und sagte: Verzeih' mir. Es berlief sie kalt; was hatte sie ihm denn zu
verzeihen? Sie kte die fahle Stirn, auf der die Schweitropfen perlten und
deren eisige Klte sie mit ihren Lippen fhlte. O je, o je! sagte der Kranke.
Es war keine Auflehnung mehr in diesem Klagelaut; er klang so abgewandt von
allem, so wissend hoffnungslos, so sterbensbang ... Als der Morgen dieses Tages
graute, floh sie aus dem Krankenzimmer. Sie lief durch das Stdtchen, bis hinaus
auf die de Heide und dann im selben Tempo wieder zurck. An diesem Morgen kam
Stanislaus an. Der Vater erkannte ihn nicht mehr. Er lebte noch einen Tag und
noch einen Teil der Nacht. Die Kinder wichen nicht von seinem Lager. Um jene
Stunde, da Tag und Nacht miteinander ringen, fhrte seine Seele den letzten
Kampf. Im Morgengrauen sahen sie, da eine vllige Vernderung der Gesichtszge
des Kranken eintrat. Die Augen schienen aus ihren Hhlen zu quellen, der
Unterkiefer sank herab, das Atmen wurde rchelnd, es klang, als ob zwischen zwei
Mhlsteinen etwas Sprdes zermahlen wrde. Der bermdete Wrter lag und
schlief, die alte Salke sa zusammengebrochen in einer Ecke, und die Trnen
strmten endlos aus ihren halbblinden Augen. Endlich stie der Kranke einen
tiefen Seufzer aus, hob noch einmal mit letzter, krampfhafter Anstrengung den
Unterkiefer, formte die Lippen, ber die ein letzter Laut kam, - ein hohles O,
und der Ansatz des Wortes je - dann streckten sich seine Glieder, der Atem
wurde schwcher, die Augen drehten sich in den Hhlen, - der Kiefer fiel herab.

Aus dem unerwartet schneidenden Weh, das durch das Sterben des Vaters ber die
Geschwister gekommen war, rttelte sie die Notwendigkeit, eine Menge von
Entschlieungen zu treffen. Sie verkauften den ganzen Besitz dem Prokuristen,
der das Geschft in letzter Zeit allein gefhrt hatte. Von dem ehemals groen
Vermgen war nur noch ein Rest vorhanden, der unbegreiflich gering schien.
Stanislaus versuchte es, aus den Bchern ber das Zusammenschmelzen des
Vermgens Aufschlu zu erlangen, aber, was in den Bchern stand, das stimmte. Er
begriff, da der Verlust in jenen Posten steckte, die hinter den Bchern
geblieben waren. Diese Unterschlagungen waren in so vorsichtigen Tritten
ausgefhrt, da sie keine Spuren hinterlieen, auf denen man ihnen htte
nachgehen knnen. Und auch von diesem Vermgensrest, der als Buchwert vorhanden
war, muten sie sich, beim Verkauf, noch groe Abzge gefallen lassen. Der Vater
hatte ein Testament hinterlassen, des Inhalts, da bei der Realisierung des
Vermgens Olga bis zur Hhe ihrer Versicherungssumme die Erbin sei. Der Rest
sollte zwischen ihr und dem Bruder geteilt werden. Diese Summe kam immerhin bei
der Erbschaft heraus. Was darber hinaus jedem als Anteil zufiel, war nicht viel
mehr, als Stanislaus fr sein Buch eingenommen hatte; und so sah er, da er mit
seiner Arbeit doch auf einem festeren Grunde stand, als mit der ehemals
ausgesprochenen Absicht - zu erben.
    Nachdem die peinlichen Verhandlungen des Geschfts- und Hausverkaufes
berstanden waren und hier alles aufgelst war, was sie jemals mit diesem
Stdtchen verband, nachdem sie auch noch die alte Salke bei einer ihrer Nichten
untergebracht und ihr fr den Rest ihres Lebens eine bescheidene Leibrente
gesichert hatten, zogen sie wieder fort, - und die letzte Spur des Nestes, dem
sie entstammten, war nun fr sie verweht.
    Olga fuhr nach Berlin zurck. Stanislaus beschlo, eine Reise durch
Deutschland zu machen, um in verschiedenen greren Stdten, wie auch auf dem
flachen Lande, statistisches Material ber die Lebens-und Sterbeverhltnisse der
unehelichen Kinder zu sammeln und besonders unter den verschiedenen Gruppen der
Unehelichen zu unterscheiden. Vor allem war es die soziale Gruppe der
Stiefvaterfamilie, deren Struktur er untersuchen wollte.

Viel Arbeit erwartete sie in Berlin. Ruhiger, sicherer, strker als frher, nahm
sie sie auf. Sie wute nun, da sie hier zuhause war. Zum erstenmal hatte sie
das Gefhl einer klaren Lebenslage.
    Bald nach ihrer Rckkehr erhielt sie einen unerwarteten Besuch. Koszinsky
und Erika standen zusammen an ihrer Tr, und sie hrte, was sich zwischen ihnen
begeben hatte. Sie sah in Erikas freudestrahlende Augen - und erkannte, da das
Wunderbare dicht neben der Finsternis seinen Platz hat. Seit jener Nacht, da
Erika in dem schwarzen Wasser des Landwehrkanals den Tod gesucht und auf so
wunderbare Art zu neuem Leben bestimmt wurde, waren der Retter und das gerettete
Geschpf verbunden geblieben. Es wre ihm unsinnig erschienen, sie wieder aus
den Augen zu verlieren. Er betrachtete sie wie ein ihm anvertrautes Gut, wie ein
letztes Pfand des Schicksals, mit dem es ihn noch einmal erproben wollte; in
seinem schon wie erstorbenen Willen war eine neue Saat aufgegangen, - ihm war,
als verpflichtete ihn dieses Vertrauen des Schicksals fest auf sich selbst. Sie
wieder fhlte, wie ihr geknebelter, mit den Fen getretener Liebeswille befreit
war. Nun endlich hatte er ein Objekt, das kein Phantom war und sich ihr nicht
entzog. Sie ging seit jener Nacht wie eine Verklrte. Der Wahn, den ihr schon
der Psychiater ausgetrieben, hatte nun den letzten Boden verloren, und die
schwarzen Wasser des Landwehrkanals hatten nicht nur ihn, sondern auch sie
gereinigt. Da sie dem Tode so nahe gewesen, geno sie nun das neugeschenkte
Leben mit jedem Atemzug. Sie betrachtete sich als sein Geschpf, als ihm
gehrig, in jedem Sinn. Er hatte nach kurzem, leisen Struben, - nach dem
schwachen Versuch mnnlicher Defensive - nach und nach jeden Widerstand
aufgegeben. Dieses Geschpf, das er sich da aus dem Wasser gezogen, das sich nun
in seinem Leben fest einnistete und den leeren Platz in seinem Schicksal keck
besetzte, dieses Geschpf war ihm offenbar bestimmt. Mehr und mehr schien es
ihm, als ob sie ihm auf rtselhafte Weise teuer geworden wre. Immer wieder
tauchte die Erinnerung an das Kpfchen mit dem verzweifelten Ausdruck der
Ertrinkenden, das sich damals aus der dunklen Wasserflche hob, vor ihm auf, und
um nichts in der Welt htte er diesen Ausdruck je wieder an ihr sehen mgen.
Wenn sie nur durch ihn und bei ihm glcklich sein konnte - wie sie nicht
aufhrte zu beteuern, - so mochte es denn so sein. Und er ertappte sich darauf,
wie er manchmal, wenn er, spt nachts, allein von seiner musikalischen
Kaffeehausttigkeit nach Hause kehrte und an sie, - die ihm zugeworfen worden,
durch rtselhafte Fgung, - dachte, wie er dann jene Worte vor sich hinsummte,
die seine erste Sehnsucht begleitet hatten: - - - Sieh, da war - meine Chiffre
leis' gezogen.
    Mit dieser Kaffeehausttigkeit waren Erika und Olga gleichermaen
unzufrieden. Eifrig beratschlagten sie zusammen, wie man den Mann aus dieser
Lebenslage in eine andere bringen knnte. Olga berichtete, da sie das schon
vergeblich versucht hatte. Sie sagte, ihre Meinung ginge dahin, da Koszinsky
mit seinen groen Sprachkenntnissen sich durch kaufmnnische Ttigkeit ganz gut
nach und nach eine Stellung im Leben schaffen knnte. Aber es sei vergebene
Liebesmh, ihm in dieser Hinsicht zuzureden, denn er wolle davon nichts wissen.
    Der Gedanke an eine kaufmnnische Ttigkeit Koszinskys schlug sofort bei
Erika ein.
    Und was wetten Sie, meine Liebe, da ich ihn dazu bringe, rief sie und war
gleich Feuer und Flamme fr diese Idee.
    Sie gab nicht nach, sie belagerte und bedrngte ihn, sie verfolgte ihn mit
Annoncen, die sie aus Zeitungen herausschnitt und die er schlielich, von ihr
gedrngt, durch Offerten beantwortete. Sie blieb bei ihm, wenn er sie schrieb
und lie nichts passieren, was nicht tadellos korrekt war. Der Erfolg blieb
nicht aus. Eine groe Zuckerfabrik, die nach dem Auslande exportierte und einen
Korrespondenten fremder Sprachen brauchte, stellte ihn in ihre Dienste. Erika
jubelte: das hatte sie erreicht!
    Und so taten diese beiden, diese Trichten, diese Verirrten, diese beiden
Sndhaften und Entgleisten, - so taten sie aneinander, was keiner der Gerechten
und Klugen an einem von ihnen vermocht hatte. - - -
    Da war noch ein anderer Gast, der sich meldete: Werner kam zu Olga als
einer, der ihrer bedurfte. Sie erschrak, als sie ihn wiedersah; es schien, als
wre jeder verbindende Strang zwischen seinen vielfachen Willensstrebungen
durchschnitten. Er kam zu ihr, wie ein Flchtiger.
    In langer, wirrer Rede erzhlte er ihr wieder von seiner Leidenschaft. Aber
er hatte nicht mehr als einziges Willensziel den Wunsch, verkettet zu bleiben.
Die Gunst der schnen Frau hatte ihm nicht die erhoffte Seligkeit gebracht; denn
da war etwas - Dunkles - Ungreifbares. Sie, die er besa, schien ihm immer
wieder in neue, rtselhafte Fernen zu entgleiten. Oft, whrend er durchglht,
fiebernd, aufgelst in seiner Leidenschaft, zu ihren Fen sank, begegnete er,
wenn er die Stirn aus den Falten ihres Kleides hob, einem eisigen, in die Ferne
gerichteten Blick, der ber ihn hinweg sah, weit hinweg. - - - Dabei drngte sie
ihn zu einer entscheidenden Aussprache mit ihrem Gatten. Er schreckte davor
zurck, weil er wute, da, wenn der Ehebruch zwischen ihnen beiden zugegeben
wrde und als Grund der Scheidung festgestellt war, sie keine Ehe miteinander
schlieen konnten.
    Ich wnsche auch gar nicht, da der Ehebruch zugegeben wird, sagte sie,
und in ihren irisierenden Augen tanzten geheimnisvolle Fnkchen. Nein, ich
wnsche nur einen endgltigen Abschlu dieser Ehe. Man kann ja die Eifersucht
des Barons heraufbeschwren: dann wird er selbst die Scheidung wollen. Bei der
Scheidungsverhandlung kann man ja den Ehebruch immer noch in Abrede stellen.
    Meineid? flsterte er und sah sie starren Blickes an. Sie lchelte nur,
hob gleichmtig ihre tief abfallenden, romanischen Schultern und strich ihm mit
den langen, weien Hnden bers Haar.
    Eines Tages wird er dich bei mir attrappieren, mein Guter, - und dann mu
die Situation noch anders gelst werden.
    Mehr und mehr empfand Werner den Unsegen dieser Leidenschaft, aber er fhlte
sich gebannt, und seine Fluchtversuche endeten klglich.
    Da kam Olga zurck nach Berlin. Als er ihr wieder gegenber sa, in ihr
tiefes Auge blickte, ihre reife Seele wieder fhlte, da war ihm zumute, wie
jenem Peer Gynt, der sein Kaiserreich, das er verlassen hat, zu spt erkennt.
    Er kam wieder, fter und fter. Der Winter ging zu Ende, da strzte er eines
Abends zu ihr, wie ein Verzweifelter, der den letzten Versuch der Befreiung
macht. Er erzhlte ihr, da er manchmal das Gefhl habe, in die Fnge eines
abenteuerlichen Fabelwesens geraten zu sein, das mit ihm ein behexendes Spiel
trieb. Er dchte schon an Opium oder an Haschisch, denn so ginge das nicht
lnger. Nur eine Rettung gbe es fr ihn: da sie ihn wieder aufnhme! Und nicht
nur als Freundin, als teilnehmender Mensch, - nein, - wieder ganz an ihr Herz, -
an ihr reines, groes Frauenherz.
    Nur du bist meine Zuversicht, sagte er mit beschwrender Stimme.
    Da war sie wieder in dem gefhrlichen Wirbel, da rauschte und brauste es um
sie herum, und sie fhlte, wie es zur Tiefe zog ...
    Sie beschlo, jede Entscheidung abzulehnen und ihn mit ihrer ganzen Kraft
dazu zu bringen, diese Verbindung zu lsen, ohne sich wieder in neue Gefahren zu
strzen; denn eine Gefahr war fr ihn, das wute sie nun, jede Hingabe an ein
anderes, menschliches Ich.
    Dieser da htte allein sein mssen.
    Sie saen zusammen in ihrem Zimmer; nebenan stand die Balkontr offen. Es
war einer jener ersten, verfrhten Vorfrhlingstage im Februar, denen oft noch
Schnee und Regen folgt. Pltzlich, gegen zehn Uhr, abends, hrten sie beide,
unten vor dem Hause, - Werners Namen rufen. Eine Frauenstimme rief, gedmpft und
doch deutlich, zu den erleuchteten Fenstern hinauf: Werner! Und dann klang es
noch einmal, strker: Werner! Er erschrak und wurde totenbleich. Olga trat
hinaus auf den Balkon, der im Dunkel lag. Unten, in der einsamen, fast lndlich
stillen Strae sah sie, im Schein der Straenlaterne, die Baronin stehen. Sie
trug einen langen Mantel, von weich flieendem, schwarzen Samet. Der weie
Hermelin des Kragens und der breiten Armstulpen leuchtete. Der Kopf war in einen
schwarzen Schleier gehllt, und ihr blasses, groes Heraantlitz schimmerte
marmorwei daraus hervor. Hoch aufgerichteten Hauptes, in befehlender Haltung
stand sie unter der Laterne und rief immer wieder zu den erleuchteten Fenstern
hinauf - Werner! Werner!
    Gebannt stand Olga auf dem finsteren Balkon und starrte hinunter. Dann hrte
sie, wie unten das Haustor aufgeschlossen wurde. Die Mnnergestalt, die
heraustrat, blieb im Dunkel stehen. Die Baronin wandte langsam den Kopf und
streckte den Arm aus. Olga sah, wie der Mann danach griff und sie an sich ri,
dann verschwanden sie beide im Dunkel.
    Und sie kehrte vom Balkon in ihr leeres Zimmer zurck. - - -

Frau Edda, in Wien, rstete zum Abbruch. Als sie die Katastrophe, die so
pltzlich ber sie gekommen war, begreifen lernte, - da fate sie einen
Entschlu: sie wollte vergessen. Nicht das Gehirn, nicht die wache Vernunft
konnten solch letztes Vergessen ben; aber in der abgrndigsten Tiefe der Seele
sollte versenkt und begraben sein, was ihr Leben zerstren mute, wenn es
gespenstig durch ihr Erinnern wandelte ... Sich zusammenraffen, frei von
lhmendem Gedenken, - das war das einzige, was sie tun durfte, wollte sie nicht
zugrunde gehen.
    Ihre Lage war schlimmer, als sie im ersten Augenblick ausgesehen hatte. Ihr
letzter Rckhalt war ihr Vermgen, welches in der Fabrik ihres Bruders Vinzenz
angelegt war. Vinzenz aber machte kein Hehl daraus, da er in kritischer Lage
sei. Eines Tages fuhr er zur Auffrischung seiner Nerven wieder einmal mit
seinem Automobil davon. Er wollte in zwei bis drei Tagen zurck sein; er kam
nicht wieder. Dafr, an seiner Statt, nach einigen Wochen ein Brief aus Amerika,
- wohin er sich zurckgezogen hatte. Fabrik und Villa wurden versteigert und
der Konkurs ber sein Vermgen verhngt. Eddas Geld war fort, wie das vieler
anderer. Reisenleitners Frau, Eva, ging frs erste mit ihrer kleinen Tochter zu
ihrer Mutter, die wieder in Genf lebte. Edda sah nun keinen anderen Ausweg als
den, zu dem ihr Stanislaus geraten hatte.
    Sie verkaufte ihre Mbel und den grten Teil ihres Schmuckes. Die Summe,
die sie dadurch in die Hnde bekam, war ihr einziger und letzter Besitz. Dann
bereitete sie sich vor, nach Berlin zu fahren, um da einen Beruf zu suchen,
wie sie ihren Bekannten erzhlte, whrend sie hilflos und unglubig den schnen
Kopf schttelte.
    Pankratius riet ab; es sei ein hoffnungsloses Experiment. Sie solle hier
abwarten, bei ihm und Kathi, bis sich ihr Schicksal - woran er nicht zweifle, -
wieder gnstig wende.
    Er hatte sich mit Kathi verlobt; trotz ihres anfnglichen Strubens war sie
ihm, nach und nach, sanfter entgegengekommen. Sie war ihrer aufgedrungenen
Mdchenschaft herzlich mde ... Mein ganzes Leben lang hab' i' mi g'forchten,
da i' den da krieg - und jetzt sag i' richtig - von selber - ja.
    Par dpit, dachte Edda, - so geht es. Sie htte es als Demtigung
empfunden, die Gastfreundschaft des Pankratius, mit dem sie immer auf Kriegsfu
gestanden, anzunehmen und blieb bei ihrem Berliner Plan.
    Kurz bevor sie reiste, erhielt sie einen Brief aus Amerika; der war nicht,
wie sie zuerst dachte, von ihrem Bruder, - es war Mr. Daniel Horatio Macpherson,
der ihr schrieb. Vincenz hatte ihn aufgesucht, und er versprach, fr ihn zu tun,
was in seiner Macht lag; vor allem aber - der Brief wand sich nicht eben
geschickt um das, was er im Grunde sagen wollte, herum, - vor allem aber legte
er sich ihr zu Fen. Wann und wo immer sie ber ihn verfgen wollte, - er wre
bereit. Nachdenklich hatte Edda gelesen. Sie rmpfte die Nase und schttelte den
Kopf. Ihre im Grunde durchaus unsinnliche Natur, deren Neigungen in bloer
Gefallsucht gipfelten, - die vielleicht auch noch durch ihr drftiges Eheleben
stumpfer geworden war, - strubte sich gegen die Wnsche des Amerikaners.
    Und so kam auch sie nach Berlin. Olga hatte sie gebeten, bei ihr zu wohnen,
aber nachdem sie ihr kleines Logis besehen hatte, lehnte sie ab, weil da doch
kein Platz war. Man mietete sie auf einem mblierten Zimmer ein. Jetzt hie es,
Brot fr Edda zu finden. Die Geschwister gingen systematisch ans Werk. Man
sandte ein gutverfates Rundschreiben an alle Redaktionen, welche Modeberichte
und Modebilder brachten, legte einige frhere Verffentlichungen von Eddas
Entwrfen bei und betonte diskret die Tatsache, da es sich um die Witwe des
jngst verstorbenen groen Gelehrten handle. Neben mancher Ablehnung, - weil der
Posten schon besetzt sei, - kam auch hier und da eine halbe Zusage. Die Dame
wurde gebeten, sich um eine bestimmte Stunde in der Redaktion einzufinden. Da
diese Stunde gewhnlich am Vormittag lag, so war das Problem fr Edda nicht
leicht zu lsen. Sie lag in dem schlechten Bett der Berliner mblierten Stube, -
oh, wie bereute sie, nicht wenigstens ihr Bett aus dem Schiffbruch gerettet zu
haben! - sie lag da, und die Sonne funkelte durch die Jalousienstbe, ihre
Strahlen brachen sich im Messingleuchter auf dem Nachttischchen; aber Frau Edda
umklammerte, halb schlafend, ihre kleine Uhr, ffnete ab und zu die wie
zugeklebten Augenlider und warf einen Blick auf das Zifferblatt in ihrer
krampfhaft geballten Hand. Endlich entwand sie sich, matt und geqult, dem Bett.
Das tgliche Bad, die bungen, das alles mute entfallen. In dieser Hetzjagd
war dazu keine Zeit. Sie sollte sich selbst frisieren, und es fiel ihr schwer
und machte sie nervs. Trotzdem warf sie, wenn sie mit der Toilette fertig war,
einen befriedigten Blick in den Spiegel, denn die schleppenden, schwarzen
Kleider und der wallende Witwenschleier lieen sie noch schner erscheinen.
    Ratlos, mit einem Gefhl des Unbehagens und der Ablehnung stand sie vor dem
Phnomen: Berlin. Diese grlichen Entfernungen, dieser bengstigende Verkehr,
diese nach ihren Begriffen geschmacklos gekleideten Frauen und vor allem die
Hast, mit der hier jeder seinen Geschften nachjagte, - das alles flte ihr
Widerwillen ein. Ach, wie sehnte sie sich nach Wien! Nach dieser eleganten
Residenz, die Grostadt war und in der doch alles im behaglichen Tempo der
Kleinstadt vor sich ging. Nach diesem Wien, wo man sich kannte, wo man sich zu
bestimmter Stunde mit Sicherheit im Caf traf, wo die Bezirke, in denen man zu
tun hatte, so hbsch eng arrondiert waren, da man sie bequem erreichte, - nach
Wien, wo sie ihren Fiaker und ihr elegantes Heim besessen hatte. Es war ihr ganz
schrecklich, sich durch das Gedrnge der Berliner Hauptverkehrsstraen zu Fu
durchzuwinden, oder gar die gefhrliche Jagd auf einen Omnibus zu machen, auf
den sie so schlecht hinaufspringen konnte, weil der Zugang nicht, wie sie es von
Wien gewohnt, seitlich, sondern hinten war. Wie schwer war es, die ntige
Beweglichkeit aufzubringen, um hier die Verkehrsmittel richtig zu benutzen, - wo
sie doch ihre lange Schleppe zu halten, dabei ihre Pakete selbst zu tragen
hatte. Sogar das Telephon war ihr hier, wo sie auf die ffentlichen
Sprechstellen angewiesen war, ein Greuel. Sie fand sich in der Zelle beengt,
wute nicht, wohin sie den Schirm, das Tschchen, die Pakete legen und wie sie
es vermeiden sollte, mit dem riesigen Hut, den sie auch in der Trauer trug, an
allen Seiten anzustoen. Es kamen ihr Trnen in die Augen, wenn sie sich
erinnerte, wie sie zuhause telephoniert hatte, - an dem kleinen, maurischen
Taburett, auf dem der Tischapparat stand, behaglich im Schaukelstuhl
zurckgelehnt, oder im Bett, wohin ihr das Mdchen den Apparat mit der
entsprechend langen Schnur bringen mute. Oh, wie sie die Armut hate und
frchtete! Nein, Armut und Frau Edda, - das waren zwei Dinge, die nur das
grausamste Schicksal zusammengepret hatte. Sie lehnte sich gegen diese neue,
harte Armut mit der ganzen Revolution der Dame auf, - der Dame, wie sie als
hchstes Zuchtprodukt europischer Hflichkeit geworden war. Ihre tausend
wirklichen Bedrfnisse, ihre physische Konstitution, ihre Rasse, ihr
persnlicher Habitus konnten sich mit den Forderungen der Entbehrung und der
Beschrnkung nicht abfinden. Wenn sie sich auch, da sie ihre Lage ja genau
berblickte, so weit einschrnkte, als sie nur irgend konnte, so blieben doch
eine Menge Bedrfnisse, denen sie, wie sie glaubte, berhaupt nicht ausweichen
konnte, so zum Beispiel ihr stndiger Verbrauch an Toiletteartikeln, welcher
regelmige Einkufe in der Drogerie mit sich brachte. Auch konnte sie doch
nicht anders, - wenn sie sich so elend fhlte, da sie nicht mehr weiter konnte,
- als eine Droschke heranrufen, oder ab und zu in ein Caf gehen. Das deutsche
Essen hatte sie anfangs, mit Ausrufen des Widerwillens, als minderwertig,
geschmack- und reizlos abgelehnt. Sie behauptete, hier zum Hungern verurteilt zu
sein. Nach und nach aber lernte sie die groen Restaurants kennen, die
Fretempel, wie sie sie nannte. Sie sah da, zu ihrem Staunen, eine Auswahl an
Gerichten geboten, von der man in einem Wiener Restaurant keine Ahnung hatte.
Sie wunderte sich ber die kleinen Preise, mit denen diese Gerichte angeboten
waren. Es wurde fr sie eine Art von heimlichem Vergngen, die Mahlzeiten, die
sie ursprnglich bei ihrer Zimmerwirtin abonnieren wollte, in jenen Restaurants
zu nehmen. Wenn sie durch das Vestibl eines solchen Tempels rauschte, kam das
Behagen der frheren Wohllebigkeit ber sie. Sie bestellte auserlesene, feine,
kleine Gerichte, - es war ja alles so billig! Dann staunte sie, wenn die
Rechnung immerhin sechs bis sieben Mark betrug.
    Mit ihrer Suche nach einer Existenz hatte sie bis jetzt noch keinen Erfolg
gehabt.
    Der Frhling sollte bald kommen. Edda war gewohnt, ihn im Sden zu erwarten.
Sie war schon als Mdchen mit ihrer Mutter regelmig gereist. Sie hatte
Italien, Dalmatien, die franzsische und die sterreichische Riviera kennen
gelernt. Ja einmal hatte sie eine Seereise gemacht, die sie bis nach
Konstantinopel fhrte und hatte da mit den trkischen Frauen zusammen gebadet.
Sie hatte erfahren, da nichts ihrem geschwchten Krper so wohl tat, wie das
Klima dieser sdlichen Striche und vor allem die milden Bder jener Meere. Und
whrend sie jetzt den Vorfrhling in Berlin verbringen mute, in der Hetzjagd
nach Arbeit, im Gedrnge der Armut, dachte sie, mit fast krankhafter Sehnsucht,
an die flimmernde Luft von Fiesole und Capri, an die linden Wellen im Bosporus
und im Seebad von Rimini. - - - Und trotzdem sie nicht die geringste Mglichkeit
hatte, zu reisen, lie sie sich von vielen Pensionen und Badeorten des Sdens,
die nun tglich in den groen Tagesblttern ihre Annoncen erscheinen lieen,
Prospekte kommen. Gierig las sie diese verlockenden Schilderungen und stapelte
alle diese Drucksachen sorgfltig auf, als dchte sie, sie vielleicht doch noch
gebrauchen zu knnen.
    Sie klagte Olga und Stanislaus ihr Leid, und die beiden seufzten darber.
Aber was sollten sie ihr raten? Olga versuchte, wenigstens ihre Antipathie gegen
Berlin zu verscheuchen, indem sie sich Mhe gab, sie Berlin verstehen zu lehren.
Sie fhrte sie in die Umgebung hinaus, an die Seen, in die frhlingshaften
Wlder. Sie besuchte mit ihr Versammlungen und Veranstaltungen, in denen um neue
Kulturforderungen leidenschaftlich gerungen wurde. Sie machte sie, an einem
Abend in der Dmmerung, auf den einzigen Stimmungszauber aufmerksam, der ber
einem der strksten Verkehrspunkte der Stadt lag: sie zeigte ihr den Potsdamer
und Leipziger Platz zur Zeit, da die ersten Lichter entzndet wurden, mit seinen
in weiter Runde aufgebauten Palsten, - wies sie hin, auf jene kolossalen, mit
Ornamenten stilisierten Pfeilerfassaden des Domes einer modernen Gottheit, den
Messel dahin gestellt hatte, - sie deutete hinber auf das massige Gebude des
Potsdamer Bahnhofes mit seiner Flankierung der Vorort-, Ring- und Wannseebahn,
lie sie die lange Kette von Gartenorten ahnen, die sich von hier aus nach
Sdwesten zogen und dem Groberliner ermglichten, drauen im Freien und doch
auf der Hhe der Wohnungskultur sein Heim zu besitzen. Sie zeigte ihr das
vergessene Stck Romantik, das da, mitten im Getse des Potsdamer Platzes, lag,
jene Mauern, hinter denen der flchtige Passant sicherlich nicht das vermutete,
was sie bargen, - den alten Dreifaltigkeitskirchhof, dieses verschonte
Kirchengelnde, das sich gegen profane Bebauung noch siegreich gewehrt hatte.
    In Edda aber drangen diese Reize nicht ein. Nur in einem Punkte
interessierte sie Berlin: als Hochburg der Frauenbewegung. Ihre Bewunderung
hatten jene Frauen, die um Unabhngigkeit kmpften. Und dieser Kampf erregte ihr
zugleich auch Schauer. Arbeiten, - das wollten diese alle. Sie begriff die
Motive vollkommen. War man stark genug fr den Kampf da drauen, - dann freilich
brauchte man nicht irgendeinem Daniel Horatio gefllig zu sein ...
    Aber mit der groen Ehrlichkeit ihrer Natur gestand sie sich, da es fr sie
nur einen Beruf gab: eben den, - gefllig zu sein, den Glanz ihrer Reize
verschwenderisch leuchten zu lassen, und dafr entgegenzunehmen, was sie so
reichlich an irdischen Gtern brauchte. Erst Berlin hatte ihr die Augen
geffnet, was es fr sie bedeutete, von der Teilnahme am Getmmel der Strae
befreit zu sein. Immer wrde es Frauen geben, - so sagte sie sich, wenn sie,
nachdenklich, von einer Versammlung jener anders Gearteten nachhause kam, -
immer wrde es Frauen geben, wie sie, beladen mit allen Schwchen und gerstet
mit allen Reizen des Geschlechtes, weder fhig noch geeignet, in robuster Arbeit
verbraucht zu werden, sondern dazu da, - pour faire plaisir aux hommes, wie der
Franzose es artig nannte ... Schon wenn sie in einer Droschke rollte, deren vier
Rder sie ber das Niveau der Strae hoben und sie durch das Chaos sicher zu
ihrem Ziel dirigierten, - schon dann empfand fand sie diese starke
Erleichterung, nicht mitten drinnen zu sein, - im Fuvolk. Und nach und nach, je
mehr sie litt, - schien ihr kein Preis zu hoch, diesen Zustand zu erkaufen. - -
-
    Eines Tages hatte sie sich wieder in einem Verlag vorzustellen. In der
Gegend des Alexanderplatzes lag das Bureau.
    Es wurde ihr bel und schwindelig zumute, als sie durch das Volksgedrnge
dieses Riesenplatzes durchsteuerte. Das brauste und wogte um das kupferne Kolo
der Berolina herum, - vor den breiten Fronten des Polizeiprsidiums und eines
populren Kaufhauses - und war doch die de selbst. Endlich war sie bei der
groen Querstrae, die sie suchte. Erst weit unten fand sie die Nummer.
Erschpft ging sie die dunkle Treppe eines alten Hauses hinauf und stand bald im
Bureau.
    Ob der Herr, zu dem sie gefhrt worden war, der Chef oder nur ein
Stellvertreter des Chefs war, wute sie nicht. Es war ein Herr in dunklem
Salonrock, mit langem, braunen Vollbart und etwas bleichem, gedunsenen Gesicht.
Er schielte ein wenig, und seine Blicke bohrten sich, mit gekreuzten Strahlen,
auf ihre Erscheinung. Er bot ihr einen Stuhl an; sie dankte, blieb stehen und
reichte ihm eine Mappe, die ihre Modezeichnungen enthielt; whrend er darin
bltterte, durchrieselte sie Entsetzen: die Hnde, die in ihrer Mappe
bltterten, waren Migeburten. Die linke Hand hatte vier Finger von abnormer
Lnge und Dicke, krallenartig gekrmmt, und einen verstmmelten Daumen; von den
Fingern der rechten Hand waren die mittelsten krzer als die ueren, und sie
lag auf dem Papier der Mappe, wie ein groteskes Gewchs aus dem Meeresgrund. Und
was das Schrecklichste war, - diese beiden entsetzlichen Hnde waren berladen
mit Ringen. Da war ein groer Siegelring, ein goldener Trauring, ein
Doppelreifen mit Brillanten besetzt und noch andere. Ein krampfhaftes Gelchter
wollte aus ihrer Kehle heraus, wenn sie sich erinnerte, da auch sie einst viele
Ringe anzustecken geliebt hatte.
    Der Herr hob den schwammigen Kopf, mit dem wallenden Bart, von der Mappe,
und wieder zuckten die schielenden Blicke an ihr herum.
    Sie sind die Witwe des Professors Diamant?
    Sie neigte den Kopf.
    Ohne die Blicke von ihr zu lassen, deutete er auf die Mappe. Es sind da
sehr talentvolle Sachen darunter, - Ihrer Anstellung wird nichts im Wege stehen,
gndige Frau. Welches Honorar beanspruchen Sie? Dabei sa er noch immer in
seinem Sessel, whrend sie, in ihrer ganzen Hhe, blendend schn in der dunklen
Umrahmung ihrer Trauerkleider, vor ihm stand. Sie sagte, sie wte nicht,
welches Honorar angemessen sei, er mchte das doch selbst bestimmen.
    Der Herr erhob sich und reichte ihr die zugeklappte Mappe. Ich werde Ihnen
die Honorarvorschlge und die Arbeitsbedingungen, die Bureaustunden usw. in
einem Briefe mitteilen lassen. Immerhin, - seine etwas krchzende Stimme wurde
glatter, - hngt das doch auch sehr von Ihnen ab. Er trat noch einen Schritt
nher auf sie zu, - es wurde ihr bang und unheimlich zumute. Das dstere
Berliner Zimmer war von einer einzigen Auerlampe erhellt, die an einem Wandarm
ber dem Schreibtisch hing und von einem grnen Papierschirm bedeckt war. Das
Licht sammelte sich auf der Platte des Schreibtisches und hatte da die
grlichen Hnde beleuchtet. Es hngt von Ihnen ab, sagte der Herr, - trat
noch nher auf die langsam Zurckweichende zu, und da, - da ereignete sich das
Entsetzliche: er hob die Hand, - eine dieser beiden Migeburten, - er hob sie
bis zur Hhe ihres Antlitzes - und fuhr ihr damit ins Gesicht. Ehe sie es
verhindern konnte, war die Hand, die grliche, streichelnd an ihrer Wange
herabgeglitten, und sie hrte die krchzende Stimme: Es hngt von Ihnen ab. -
- -
    Sie floh die Treppe hinunter, warf sich in das nchste Automobil, das ihr
begegnete, und raste ihrer Wohnung zu. Dort strzte sie zum Waschtisch und rieb
mit aller Kraft ihr Gesicht ab, whrend die Trnen ohnmchtigen Zornes aus ihren
Augen schossen. - -
    Einige Tage spter kam ein Brief - aus Amerika. Ein kindischer und
unbeholfener Brief; ein Brief, der davon sprach, da unten, an der Cte d'Azur,
nahe von Beaulieu, eine Villa stehe, eine zumeist vereinsamte, aber ganz
reizende und komplett mblierte Villa, und da der Schreiber des Briefes der
Glcklichste wre, diese Villa dazu verwenden zu drfen, ihr, - Mrs. Diamond, -
einen bescheidenen Frhlingsaufenthalt zu bieten. Wrde sie es dann gestatten
und htte sie nichts dagegen, so wrde er, - Daniel Horatio, - sich irgendwo in
der Nhe niederlassen und ebenfalls die Reize des sdlichen Frhlings genieen.
Wenn sie ihn rmsten nicht vergessen habe, - if you have not forgotten poor
me, - dann mge sie ihm doch ein Kabeltelegramm senden, - ein Ja oder ein Nein.
Sei es ein Ja, - which would bring the happiest hour of my life, - so wrde
sie umgehend weitere telegraphische Nachrichten von ihm erhalten. - -
    Bald darauf gab es in New York einen Glcklichen. -
    Frau Edda aber erhielt die angekndigte telegraphische Nachricht und, zehn
Tage spter, ein Reisebillett von Cook fr den Luxuszug Berlin-Genua.
Gleichzeitig berbrachte der Bote einer deutschen Grobank ein groes,
versiegeltes Leinenkuvert, an dessen Kopf eine vierstellige Zahl prangte, - die
ntigen Mittel fr die Vorbereitungen zur Reise.
    Und so sagte sie dem grausamen Berlin und den Verwandten ihres verstorbenen
Mannes Lebewohl. Sie besorgte noch schnell die wichtigsten Einkufe - neue,
helle Kleider, die die Witwentracht ablsen sollten - und Mantel und Mtze frs
Automobil ...
    Sie fuhr ber Mnchen, und die Nacht im Schlafwagen des Luxuszuges war die
erste, in der sie wieder fest und glcklich schlief. Am anderen Tag sauste sie
ber den Brenner, hinunter zur italienischen Grenze, und blickte befriedigt
hinaus auf die Berge Tirols, die stellenweise noch von Schnee bedeckt waren,
ber denen sich aber ein klarer, verheiender Himmel spannte. Dann kam die groe
Grenze zwischen Winter und Frhling: der lange Tunnel vor Genua. Und als aus der
runden Hhle des Berges der Luxuszug herausscho, da war er auch schon
mittendrin im goldensten Glanze. Strahlendes Wetter erwartete sie in Genua. Ein
kleines Appartement, bestehend aus zwei Zimmern mit Bad, war im Palasthotel fr
sie reserviert. Die wenigen Tage, bevor das Schiff aus New York kam, verbrachte
sie mit Einkufen und mit Ausflgen in die Umgebung. Ganz glckselig geno sie
alles, was sie so schmerzlich entbehrt hatte. In groen Garben kaufte sie Blumen
ein, Magnolien, Gardenien und Rosen und fllte damit alle Vasen ihrer Zimmer.
Die Zeit wurde ihr gar nicht lang, whrend sie in alten Palsten herumstrich
oder in der eleganten Viktoria des Hotels hinausfuhr nach Pegli oder nach Nervi.
    Als das Schiff ankam, wartete sie an der Landungsbrcke. Sie erkannte
sofort, als der Ozeandampfer, mit auslaufenden Turbinen, in den Hafen einfuhr,
die hagere Gestalt, die an Gre selbst die ihre berragte, mit dem
langgezogenen, schmalen Kopf. Er lehnte an der Reling des Promenadendecks. Unter
seiner Reisemtze zeigten sich die rtlichen Haare, und sein fast geschabt
rasiertes, schmales Gesicht mit den wasserblauen, runden Augen schien ihr wie
eine gute Erinnerung, die heute zu den ihr am meisten vertrauten gehrte.
    Mit Mister Macpherson wurde auch the Car und dessen Bedienung ausgeschifft.
Mit breitem Grinsen, das ber seinem schwarzen Gesicht aufging, wie der Mond
ber der dunklen Erde, verneigte sich Billie vor der neuen Herrin. - -
    Sie fuhren sofort von Genua weiter. Und als der Kraftwagen auf die Hhe der
schnsten Strae der Welt, - der Corniche, - hinaufgesaust war, als sie unten,
glatt und weit, in goldfunkelnder Blue das Mittelmeer liegen sahen, whrend
ber ihnen die breiten Wipfel der Pinien rauschten, - da kam eine so helle
Freude ber Frau Edda, da sie sich unwillkrlich dankbar, und glcklich, in den
auf der Lehne ihres Sitzes breitliegenden, langen und knochigen Arm
hineinbettete. Kstlich empfand sie den scharfen Anhauch der Luft, die sie
sausend durchschnitten. Ihr Gesicht glhte, und eine wohlige Mdigkeit kam ber
sie. Daniel Horatio nahm mit der Linken aus der Tasche seines Mantels eine
Automobilbrille, schob sie ihr, geschickt, auf die Nase und wagte es dabei, die
Hand jenes Armes, in dem sie ruhte, sanft gegen ihre Schulter zu drcken.
Sleep, dear, - you will be tired. Um sie vor dem scharfen Luftzug zu schtzen,
hob er die Hand dann von ihrer Schulter und hielt sie dicht vor ihre Wange. Und
whrend sie ihr Gesicht mit Behagen an das weiche Wildleder seines Handschuhes
schmiegte, verfiel sie tatschlich in leichten Schlummer und hrte noch, im
Halbschlaf, die Worte, die Daniel Horatio, indem er sein Gesicht zu dem ihren
neigte, zrtlich in ihr Ohr flsterte: - I am a gentleman and I am clean....

                                 Achtes Kapitel



                                  Begegnungen

 Wie konnt ich ahnen,
 Da seine Bahnen,
 Sich einen sollten
 meinen Wegen?...
                                                                        Rckert.

Mit einer groen Aktenmappe unter dem Arm ging Stanislaus eines abends nach
Schneberg. Er hatte nun das Material fr seine Untersuchung ber die
Stiefvaterfamilie beisammen. Nun ging er mit einem groen Sto Notizen, die er,
nach seiner neuen Gewohnheit, verarbeiten wollte, indem er daraus einen ersten,
zusammenhngenden Entwurf diktierte. Und zu wem anders htte er gehen sollen,
wenn er diktieren wollte, - als zu Lore Wigolski?...
    Ein Lcheln ging licht ber ihrem Gesicht auf, als sie ihm die Tr ffnete.
Er fragte gleich nach Lrchen! Aber die war mit ihrer Duenna auf Reisen, zu
Besuch bei der Gromutter in Knigsberg. Lore war allein zu Hause.
    Wollen Sie nicht erst ein wenig von Ihrer Arbeit erzhlen, bevor Sie Wort
fr Wort diktieren? fragte sie. Das frohe Lcheln hielt noch immer ihre Lippen
geffnet.
    Gerne, gerne, sagte er, prete seine Aktenmappe gegen die Brust und dachte
nach.
    Es war gegen Abend, und sie zndete die Petroleumlampe an, die, verhngt von
einem gelben Schirm, mildes, gedmpftes Licht verbreitete.
    Ich habe drei Gruppen von unehelichen Kindern gefunden, - verstehen Sie!...
Da sind erstens solche, die bei Verwandten der Mutter, etwa in der Familie der
Groeltern, untergebracht werden; die Sterblichkeit, - und diese war der Mastab
meiner Untersuchung, - ist hier nicht viel anders, wie bei den ehelichen
Kindern.
    Sie sa lchelnd, horchend und nickte leise.
    Dann sind solche, die zu fremden Familien in Pflege kommen, - und diese,
er zog die Stirn in Falten, diese haben eine doppelt so groe Sterblichkeit.
    Gibt es noch unglcklichere Wrmer? fragte Lore.
    Er sah sie ernsthaft an. Ja, Frau Lore, es gibt Kinder, die noch schlimmer
daran sind, als solche, die zu fremden Familien in Pflege kommen.
    Das sind wohl die, die in Findel- und Waisenhusern untergebracht werden?
    Er schttelte den Kopf. O nein, die sind verhltnismig sogar sehr gut
dran. Wissen Sie - welche Kinder das schlimmste Loos haben? Und zaghaft, als
habe er Angst, sie zu verwunden, - brachte er es heraus: Das sind die Kinder -
die allein unter der Frsorge der Mutter aufwachsen ... aus ihren Reihen kommt
das groe Heer der ungelernten Arbeiter und der Kriminellen, - sie weisen die
grte Sterblichkeit und die geringste Militrtauglichkeit auf.
    Wie kommt das? fragte Lore, und ihr Gesicht hatte einen bestrzten
Ausdruck.
    Das kommt daher, sagte er erklrend, da es eine zu groe Aufgabe fr die
Mutter ist, das Kind ohne jede Hilfe durchzubringen. Wenn sie fort mu, um zu
erwerben, so bleibt das Kind natrlich allein ... auerdem ist es doch natrlich
- da - hm, hm, er hstelte verlegen, - da der Vater des Kindes - im Leben
einer vereinsamten Frau - nicht der letzte - Geliebte bleibt ... da kommt sie
denn, ehe sie sich's versieht ... von einer Hand in die andere ... und wenn sie
nun auch wirtschaftlich keinen Boden unter den Fen hat - so lt es sich
denken, da sie nicht selten in immer tiefere Lebenslagen gedrckt wird.
    Lores Gesicht glhte, dunkler Purpur war ihr bis unter die Haare gestiegen.
Sie atmete schwer. Endlich sagte sie leise, flsternd: - Das ist dann freilich
schlimm fr die armen Kinder...
    In der Tat, sagte Stanislaus, ich habe hier eine umfangreiche Statistik
gemacht, - - er zog einen Sto Bltter aus der Aktenmappe, suchte darin und
legte ein mit Ziffern beschriebens Blatt heraus. Sehen Sie, ich habe hier
statistische Aufzeichnungen, die noch mehrere Gruppen umfassen als die
hauptschlichsten, die ich Ihnen eben aufgezhlt habe, - hier haben Sie zum
Beispiel, er deutete auf eine Ziffer, die Gruppe der Kinder, deren Mutter
stirbt. Das sind Vollwaisen. Sehen Sie hier deren Sterblichkeitsziffer, - er
fuhr mit dem Finger ber das Papier, - und hier jene andere, - die der Kinder,
welche allein der Mutter berlassen bleiben. Sie sehen: Die Vollwaisen haben
eine geringere Sterblichkeit, - als die der Mutter allein berlassenen Kinder.
    Sie blickte schweigend auf die Ziffern. Das ist schwer begreiflich, sagte
sie dann. Die Mutter gilt doch als die beste Pflegerin des Kindes; sie soll es
doch auch nhren.
    Ja - wenn sie ihr Kind nhrt und pflegt, ist das freilich das Beste! Mutter
und Kind sollen zusammen bleiben, - natrlich, - das ist das groe Gebot; aber -
es mu auerdem noch einer da sein, der das Futter heranbringt fr beide ...
Freilich, fgte er dann nachdenklich hinzu, steht es nicht fr alle Zeiten
fest, da das gerade der Vater tut ... Es knnte wohl so kommen, da die
Gesellschaft ihren groen Vorteil darin sieht, sich dieses kostbare Material zu
retten und der Mutter mit dem Kinde direkt beizuspringen ... Aber die Mutter
allein - die Schwangere, die krzlich Entbundene, die Nhrende, die oft zu
keinem Beruf Vorgebildete, - die kann nur in seltenen Fllen fr alles das
aufkommen, was einem Kinde gebhrt, damit es heil in die Hhe wachse. Und mit
sachlich ruhiger Stimme fuhr er fort: Infolge unserer guten Waisenpflege ist
fr die ganz verwaisten Kinder tatschlich besser gesorgt als fr die meisten
von denen, die eine verlassene Mutter hilflos durchs Leben schleppt.
    Sie blickte traurig, hob dann langsam den Kopf und sah ihn voll an. Da ist
wohl mein armes Lrchen auch sehr schlimm dran?
    Er stutzte erschrocken, dann schttelte er hastig den Kopf. Aber Frau Lore
- wie knnen Sie das alles - so persnlich nehmen! Bei Ihnen liegt doch die
Sache ganz anders. Hier, er deutete auf die Akten - hier diese Untersuchungen,
die sind an der Masse der Halt- und Hilflosen gemacht ... Sie, Sie stehen doch
ruhig und sicher, Ihrem Lrchen wird ein Heim und ein Halt nicht fehlen; -
freilich, fgte er zaghaft hinzu, - der Vater fehlt auch ihm, und das ist
immerhin schlimm fr ein Kind; aber das kann ja auch sein, wenn die Mutter
verwitwet.
    Lore fuhr sich mit der Hand ber die Stirn.  Sehen Sie, ich habe mir gerade
im Gegenteil gedacht: die Kinder, die auerhalb jener - anerkannten Ehe geboren
werden, welche doch oft aus allen mglichen Grnden, die mit - mit der freien
Wahl zweier Menschen nichts zu schaffen haben, - geschlossen wird, - sehen Sie,
- ich dachte mir, diese Auerehelichen, die so der freien Wahl ihr Leben
verdanken, - gerade das ist eine besondere, - wie soll ich sagen - eine
besondere ...
    Auslese, fiel er ihr ins Wort - das ist es auch. Die Unehelichen sind oft
biologisch das wertvollste Material, und da sie in so hohem Prozentsatz
zugrunde gehen, ist meist nur die Schuld der Verhltnisse, in die sie nach ihrer
Geburt gestoen werden. - - Wissen Sie aber, Frau Lore, fuhr er lebhaft fort, -
welches die wirkliche Elite unter den Unehelichen und unter den Geborenen
berhaupt ist?
    Nun? fragte sie gespannt.
    Das sind die Kinder, - die, trotzdem sie unehelich geboren werden, - doch
noch in einer Familie aufwachsen, in einer Familie von Vater und Mutter - -
nmlich - in der Stiefvaterfamilie.
    So, sagte sie und horchte hoch auf.
    Ja, fuhr er fort, wenn die Mutter spter einen anderen Mann heiratet,
dann ist das Kind zumeist geborgen. Hier liegen tatschlich, er fuhr mit den
Fingern ber seine Statistik, die gnstigsten Verhltnisse. Er blickte in
seine Akten: Was Berufsausbildung und Militrtauglichkeit betrifft, so kommt
diese Gruppe den Ehelichen am nchsten.
    Aber, warum sagen Sie, meinte Lore nachdenklich, - da diese Kinder
zumeist auch eine biologische Elite darstellen?
    Er lchelte ... Liebe Frau Lore, - denken Sie doch mal, - was fr ein
Prachtweib mu so eine Frau sein, die - die, - trotzdem sie nach unseren
heutigen verschrobenen Moralbegriffen eine - Gefallene ist, - er sagte es
lachend und ohne Scheu, - die also, trotzdem sie eine - solche - Gefallene
ist, - nun lachten beide, - doch noch geliebt und geheiratet wird.
    Eine groe Ehre, sagte sie, noch immer lachend, - und welche eine
Hoffnung fr so eine arme Gefallene! Das Lachen verschwand nicht von ihrer
beider Gesichtern.
    Er fuhr fort: Und selbstredend hat so eine Prachtfrau wieder ein
Prachtkind, - es ist da also eine Art Auslese - sozusagen automatisch wirksam.
    Und es entsteht nicht selten eine Prachtfamilie auf diese Art, nicht wahr?
    Na, meinte er mit verlegenem Gesicht, und griff nachdenklich an sein
Ohrlppchen, manchmal kann sich der Herr - Stiefvater - was biologische Pracht
anbelangt, nicht gerade als Mehrer der Familienschnheit betrachten ... - aber -
das ist ja auch gar nicht seine Aufgabe.
    Und was ist seine Aufgabe? forschte Lore. Oh - das ist eine feine Sache.
Er sttzte den Kopf in die Hand und blickte ein wenig ber die Rnder des
Zwickers. Bedenken Sie, wie viel mehr dieser - Wahlvater - fr die Mutter
zumeist empfindet, als der wirkliche Vater des Kindes. Ich habe hier auch
Material gesammelt, er drckte mit der Hand gegen die Akten, - darber, wie
die Ehen mit dem sogenannten Schwngerer ausgehen, - der irgendwie gezwungen
oder beeinflut wird, das schwangere Mdchen zu heiraten. Zumeist tut er das, um
die Alimentation zu ersparen. Diese erzwungenen Ehen fuhr er ernsthaft fort -
werden zumeist sehr unglcklich. Das Kind wird da sehr oft als Last empfunden,
man hat es, als die unglckliche Ursache der ganzen, erzwungenen Situation.
Ganz anders aber liegt die Sache in den Ehen mit dem - Wahlvater, dem
Stiefvater. Er ist der Mutter mit dem Kinde begegnet -, seine Stimme wurde tief
und war von einem fremden Ton, den sie noch nie an ihm gehrt, durchbebt, - und
hat beide - frei gewhlt. Er liebt nicht nur die Mutter, - nein, er liebt auch
das Kind.
    Mild und lsend drangen diese Worte in sie. Ihr war auf einmal, - als wre
sie nicht mehr allein, nicht mehr suchend, nicht mehr zu neuer, abenteuerlicher
Fahndung gentigt. Und das Gefhl wurde in ihr stark: hier ist Schutz, - guter,
guter Schutz. Sie schlo die Augen und ihr war, als htte sie eine Vision: sie
sah sich im Gedrnge, - geschoben, gestoen, hastend, suchend, - und da kam
einer - ein einziger unter allen - und bot ihr seinen Arm. Sie sah den tiefen
Ernst auf seinem Gesicht, sie fhlte, wie er ihren Arm leise gegen seine Brust
drckte, und auf einmal wute sie, da er ihr diesen Arm nicht nur geliehen,
sondern gegeben hatte. Sie schlug die Augen auf und sah, im Schein der Lampe,
voll in sein Gesicht. Sie sah, wie seine Augen auf ihrem Antlitz ruhten und sie
sah, wie sein Gesicht durchleuchtet war von Liebe. Oft hatte sie, in letzter
Zeit, vergeblich versucht, sich an sein Gesicht genau zu erinnern, nun war es
ihr, als ob sie ihn - erkannte. Einen Augenblick schien es ihr, als wre sie ihm
schon einst - irgendwo - irgendwann einmal begegnet, - als htte sie das alles
schon erlebt, - was sie eben jetzt erlebte, - und sie htten sich jetzt - nach
langer, langer Trennung - wiedergefunden und htten sich, in vielen
Verhllungen, entdeckt, - erkannt. Sie sah die mchtige Biegung der Stirn, sah,
wie edel und steil die Nase sich zum Munde streckte, sah, wie verschnt das
Gesicht von dem groen Gefhle war, das es durchleuchtete, wie eine Flamme ein
transparentes Gehuse durchschimmert, - und sie erkannte ihn ...

Als er diesmal von Schneberg nach Hause ging, hatte er nichts diktiert; aber
sie hatten ernsthaft beschlossen, das am nchsten Tag nachzuholen; heute -
hatten sie Besseres zu schaffen gehabt ...
    Mit glcklichem Gesicht ging er durch die nchtlichen Straen. Eine Melodie
summte ihm durch den Kopf, und er suchte Worte als Text. Wenn ich bei meiner
Christel bin, so hatte Goethe gesungen, - wie wird mir da so froh zu Sinn.
    Erlst fhlte er sich, - erlst von dem Druck, der auf seiner Mannheit
gelastet hatte. Da ihm dieses je beschieden sein konnte, - nie hatte er es
gedacht. Und da er nicht nur eine Frau bekam, eine Frau von edler Art, - nein,
auch eine Frau, die einen solchen Schatz, eine solche Mitgift ihr eigen nannte:
ein wirkliches, lebendiges, fix und fertiges, wohlgeratenes Kind. Oh, was
bedeutete dieser Schatz, diese Mitgift gerade fr ihn! Er hatte es ihr schon
heute gesagt, - ernst - Aug' in Aug' - nach der ersten, groen, seligen Freude,
nachdem er das Wunderbare, das unsagbar Herrliche erlebt hatte ... Er hatte ihr
gesagt: Wir werden kein Kind haben, - denn ich habe nichts zu vererben. Da
hatte sie mit ihrem krftigen, frohen Lachen geantwortet und hatte gesagt: Wir
haben ja ein Kind.
    Ein richtiges, lebendiges Kind, flsterte er jetzt vor sich hin. -
Lrchen Wigolski, - so konnte sie nicht auf die Dauer heien; das tat nicht
gut; Lrchen Schubert, - ein Lcheln glitt ber sein Gesicht, - Gott sei
Dank, ausgeschlossen; aber Lrchen Diamant, - das mochte taugen. - - -
    An diesem Abend sa er wieder vor seinem Tagebuch. Er schlug das Heft auf -
und kaute an der Feder. Sein Gesicht, von dem das Lcheln nicht wich, hatte
einen verlegenen Zug. Hin und her drehte er den Federstiel in den Hnden, -
wahrhaftig, er schmte sich vor dem Buch, - er wute nicht, wie er es - gestehen
sollte. Aber ein Vers wollte ihm nicht aus dem Sinn, er flsterte ihn immer
wieder vor sich hin: Durchset und geblumet ... Dann ging er zum Bcherregal,
um den Vers auch wrtlich zu finden. Freund Walther von der Vogelweide, der
wute doch, wie man - solche Dinge - - sagte. Er legte das Buch vor sich hin und
schrieb:
    Durchset und geblumet sind die reinen Frauen. Hier stock' ich schon, - -
sollte er nicht besser schreiben: die neuen Frauen? - - Pfui, Phariser! Nun
gerade:
    Durchset und geblumet sind die reinen Frauen, - die Feder kratzte
eifrig, und Blicke ins Bchlein wurden geworfen, - So Wonnigliches gab es
niemals anzuschauen, - sein selig verklrtes Gesicht beugte sich fast zrtlich
zu dem Papier, - und weiter kritzelte die Feder, - In Lften noch auf Erden, -
noch in allen grnen Auen...

Whrend nun hier ein Schicksal in freundliche Bahnen bog, wurde ein anderes an
gefhrliche Klippen gedrngt.
    Eines Tages kam Werner zu Olga, - bleich, verstrt, zerrttet.
    Es ist geschehen, sagte er dumpf und prete hilfesuchend ihre Hnde.
    Was ist geschehen? fragte sie, von banger Ahnung erfllt.
    Stammelnd berichtete er ... Der Gatte der Baronin habe das Verhltnis
entdeckt.
    Wie konnte das sein, - und was soll nun werden?
    Wie es sein konnte, das wei ich nicht. Es war gestern in meiner Wohnung.
Sie sagte, - wir wren in voller Sicherheit. Pltzlich - spt abends, wird an
der Glocke gerissen - gegen die Tr geschlagen ... Wir schaffen kaum die
ntigste - Ordnung, - als er auch schon an der Tr des Zimmers steht und Einla
erzwingt.
    Und nun?
    Er hat mich gefordert ... morgen frh ...
    Du sollst -?!
    Er lachte krampfhaft auf und fuhr sich mit der Hand in die Haare. Ja, ja -
bei der Tragdie darf das Satyrspiel nicht fehlen. Ich soll mich mit ihm
schieen, - jawohl.
    Willst du das wirklich?
    Was bleibt mir andres brig? Und finster fgte er hinzu: Mir kann es
recht sein.
    Werner, sagte sie angstvoll - du hast doch nicht die Absicht - den Mann
der Baronin wie - wie einen Feind - aus der Welt zu schaffen?
    Starren Blickes sah er sie an. Dann schttelte er den Kopf und sagte mit
fester Stimme ... Nein, ich habe nicht die Absicht, kann sie auch nicht haben,
denn ich wei nur schlecht Bescheid mit der Pistole.
    Und er, flsterte sie, wird er? - - 
    Das bleibt ihm berlassen, sagte er fest.
    Dunkel - wie ein schon vergessener Traum - stieg die Erinnerung in ihr auf:
wie auch sie einmal einer Pistole mutig die Brust geboten ...
    Am nchsten Tag, um die Mittagsstunde, als sie schon lange angstvoll
wartete, stand er an ihrer Tr. Er war heil und unversehrt. Aber sein Gesicht
schien blutlos, und sein Auge flackerte irr.
    Werner, flsterte sie, ist es vorbei?
    Es ist vorbei, sagte er mit fremder, heiserer Stimme. Es ist alles
vorbei.
    Und dann erfuhr sie, was geschehen war ... Werner hatte in die Luft schieen
wollen ... Aber als der Pulverdampf sich zerteilte, da sah er, drben, den
Gegner zurckgesunken, in den Armen seiner Zeugen.
    Ich habe ihn gettet, flsterte er. Und dann erzhlte er noch mehr. Wie
ein Gezeichneter war er durch die Straen getaumelt, - hin, zu ihr, der
Geliebten. Er traf sie und sagte ihr, was geschehen war, - sagte ihr, - da sie
nun frei war ... wie sie es gewollt. Da war in ihren groen Sphinxaugen ein
Feuer entbrannt.
    War es ihr Wille gewesen, - der in ihm gewirkt, - gegen den seinen ... oder
war es doch auch sein Wille gewesen - verborgen dem wachen Sinn und nur wirkend
in jener dunkelsten Tiefe, in die kein Auge blickt?...
    Geh jetzt, hatte sie ihn gebeten, und komm wieder - in zwei Stunden, nach
meiner Wohnung.
    Zwei Stunden war er in den Straen umhergeeilt - und dann in das Haus
gegangen, - in dem der Tote schon lag. Als er sich scheu der Tr nherte, da
hatte ihm, bevor er noch die Klingel berhrte, die Jungfer der Baronin geffnet
und ihm einen Brief hinausgereicht ... Er ffnete die zur Faust geballte Hand.
Hier - hier - war der Brief.
    Sie strich die zerdrckte Papierkugel glatt und las: Die Tat ist geschehen,
die geschehen mute und doch nicht geschehen durfte. Ich eile zu dem - der
solche Taten nicht setzt - und den ich liebe.
    Sie begriff nicht. Stumm hielt sie das rtselhafte Papier in der Hand. Da
brach es aus ihm heraus. Oh, verstehst du nicht - verstehst du nicht?! Ich -
ich mute die Tat begehen, - - - damit sie frei wurde - fr einen anderen.
    Aber du wolltest ihn doch nicht tten, sagte Olga.
    Nein, ich wollte es nicht, - ich wei nicht, - ich glaube, ich wollte es
nicht ... Aber htte ich ihn nicht gettet, so wre ich doch derjenige gewesen -
durch den ihre Ehe gelst wurde - und der Name des - anderen - wre frei
geblieben. Kein Gesetzesparagraph htte verhindert, da eine neue Ehe - dort -
geschlossen wurde. Keine Schmach htte diese neue Ehe befleckt, und keine Brde
wre auf sie geladen worden.
    Wie ein schwerer, wallender Vorhang, - so rauschte das Geheimnis zurck. Sie
begriffen beide. Sie wuten alles, - auch wer jener andere war. Sein Bild stand
in diesem Augenblick vor ihrer beider Seelen. Sie sahen ihn, wie sie ihn damals
gesehen, - an jenem Abend, da er mit der Baronin und mit ihnen zusammen war. Wie
wenn auf eine dunkle Bhne pltzlich, auf eine einzige Stelle, volles Licht
fllt und eine Gestalt beleuchtet, die hier im Dunkel gestanden und nun allen
sichtbar wird, - so sah ihn Olga. Sie erinnerte sich an den fast kahlen Schdel
von ungeheueren Dimensionen, an jene Stirn, die steil, wie ein Dachgiebel,
aufstieg und sich schwang, wie ein romanischer Bogen. Sie erinnerte sich an den
durchdringenden Blick - und an die Worte, die jener Mann ber das Wollen
gesprochen und ber die Wnsche, die sich abarbeiten fr dieses gefhrliche
Wollen, wie die Sklaven. Sie erinnerte sich, was er ber die Orientalen gesagt,
- ber ihre nchterne und entshnende Moral der inneren Abrstung.
    Und sie wute, da sich ihre und Werners Gedanken an diesem Bilde, das
pltzlich, im vollen Licht, inmitten der dunklen Szene stand, begegneten ...
    Sie war es, die aus dem betubungshnlichen Zustand zuerst erwachte. Sie
raffte sich auf.
    Jetzt gilt es zu retten - was noch zu retten ist.
    Und was sollte das sein, was hier noch zu retten wre? fragte er, mit
verzerrtem Lcheln.
    Das bist du, sagte sie. Du mut fort und sogleich.
    Fort, warum? Langsam nur drang durch die Nebel die Vorstellung zu ihm, die
sie ihm klar machte: da er verfolgt wrde, - wegen Totschlags im Duell, - und
da er darum fort mte, heute noch, sofort.
    Er weigerte sich, vor den Folgen der Tat zu fliehen.
    Willst und kannst du denn bleiben, - jetzt, - hier - wo du solches erlebt
hast?
    Die Scham des Mibrauchten stieg ihm glhend zu Gesicht. Fort, fort,
dachte nun auch er. Aber wohin? Nach der Schweiz, nach Italien, Amerika? Und
ohne Mittel?
    Sie grbelten beide. Pltzlich durchscho sie ein Gedanke. Ich wei, wohin
du gehst! Und entschlossen teilte sie ihm ihren Plan mit. Er sollte zu Doktor
Emmerich nach Ascona. Dort war er geborgen und konnte abwarten, bis er sich
selbst wieder helfen konnte. Doktor Emmerich wrde ihn aufnehmen.
    Er lie alles geschehen, wie sie wollte. Er blieb in ihrer Wohnung, whrend
sie hastig den Hut aufsetzte und forteilte zu der Bank, bei der sie ihr Depot
hatte. Sie hob einen Betrag ab. Die Filiale, bei welcher ihr Depot lag, war in
einem groen Kaufhaus. Gerade gegenber den Schaltern der Bank waren jene des
Reisebureaus. Hier erfuhr sie, wann der nchste Zug ging, der nach der Schweiz
Anschlu hatte. Dann nahm sie ein geschlossenes Automobil, fuhr zu ihrer Wohnung
zurck und hie den Chauffeur warten. In wenigen Minuten kam sie mit Werner
wieder. Er hatte seinen breiten Filzhut tief in die Stirn gedrckt. Sie fuhren
direkt zur Bahn. Ohne Gepck reiste er ab.

Noch lag der Schreck ber dieses gewaltsame Ereignis in Olgas Seele. Aber sie
hatte keine Zeit, sich ihren bangen Gefhlen hinzugeben. Die Arbeit an ihrer
Korrespondenz hufte sich immer mehr, und Lore mute jetzt tglich kommen, ihr
zu helfen. Und Lores Augen wurden immer froher und ihr tiefes Lachen immer
herzlicher. Stanislaus kam, mit merkwrdiger Zuflligkeit, immer gerade dann,
wenn Lore gehen sollte, - die er dann natrlich begleitete ... Der Bruder
erschien ihr pltzlich sonderbar jung und lebhaft, elastisch und verschnt.
Seine Kleidung wurde sorgfltig, beinahe elegant; er hatte sich einen neuen,
dunkelblauen Anzug bei einem teueren Schneider machen lassen.
    Ist er auch richtig, - sitzt er gut? fragte er die Schwester, als er sich
darin prsentierte.
    Aber sehr, sagte sie und wunderte sich nicht wenig. Warum denn nicht
schwarz, jetzt, in der Trauer?
    Dafr gengt die Florbinde um den Arm, meinte er, - brigens habe ich mir
auerdem - auch noch einen schwarzen Anzug bestellt; Smoking...
    Bald wute sie, wie es mit beiden stand.
    Nur noch ein wenig sicherer stehen, sagte Stan, - soweit wir Freien es
berhaupt knnen; nur noch mehr berblick ber die Einnahmen, - geregelte
Mitarbeit da und dort - Vollendung des Buches - ein neues Auflagenhonorar, dann
sei es gewagt. Und er arbeitete mit Dampfkraft, wie Lore erzhlte, und stie
die Kapitel seines neuen Buches eines nach dem anderen heraus.
    Nachdem Olga so viel ber die Lage der Unehelichen zu hren bekam, fiel ihr
ein, da das Thema sich vorzglich fr einen Vortrag im Bunde eigne.
Stanislaus war einverstanden und bat sie, sich fr ihn mit Frau Dr. Wallentin in
Verbindung zu setzen. Er hatte, solange er arbeitete, keine Zeit, irgendwelche
Schritte zu unternehmen - auer die tglichen Schritte nach Schneberg.
    Wie ein Kokon mu man sich einspinnen, sagte er, - will man ein Buch
herausbringen. Und er spann sich ein, und es gab jemanden - in Schneberg - der
ihm dabei half.
    Olga schrieb an Frau Dr. Wallentin und erhielt bald Antwort.
    Sehr liebes Frulein Diamant, ich mchte ber die Arbeit Ihres Bruders, die
mich in hohem Grade interessiert, recht ausfhrlich mit Ihnen sprechen, und vor
allem mchte ich Sie endlich einmal wiedersehen. Es ist schon eine kleine
Ewigkeit her, seit wir uns zuletzt begegnet sind. Vielleicht kommen Sie beide
eines Nachmittags zu mir heraus in den Grunewald?
    Und da Stanislaus noch immer keine Schritte unternahm, so ging sie allein.
    Es war richtiger Frhling geworden, auch in Berlin. Der Park um die Villa
blhte ... Der See funkelte in goldenen Reflexen, als hielte er alle Strahlen
der Sonne gefangen.
    Olga sa mit Frau Wallentin auf der Terrasse, unter dem Dach der Markise, am
runden Teetisch, und sie blickten in die wiegenden Wipfel der Kiefern und in das
zarte Laub der Buchen.
    Ich habe mich in letzter Zeit dem Bunde wenig widmen knnen, sagte die
alte Frau. Sie schenkte selbst den Tee ein. Wie liebte Olga diese edlen,
durchstrahlten Hnde, wie dankte sie im Herzen dieser alten Frau dafr, da sie
ihr und allen, die sie kannten, ein wunderbares Mrchen kndete, - da sie ihnen
allen zeigte, wie schn das Alter sein kann. Selten nur war sie herausgekommen,
trotzdem sie wute, da sie kommen durfte. Zuviel der Strung und der Verstrung
hatte sie erlebt in all der Zeit, und schamhaft hatte sie sich dann vor dieser
Lichten verborgen.
    Jetzt, wo sie wieder bei ihr sa, dachte sie, da man immer nur zu den
Menschen gehen sollte, in deren Nhe man selbst schner wrde, - ruhiger und
reiner in der Linie. Hier schien es ihr, als ob ihre Seele mit gebndigtem
Feuer, wie ein Vogel, der sich sicher in reinen Lften wiegt, frei und leicht
ihres Weges flge ... Und so, wie es Menschen gab, - so dachte sie, - die alle
Schichten eines anderen Seins in wilde Wirbel brachten, bis es Aufruhr und Lava
gab, - so andere, die die Elemente snftigten, die Dmonen bannten, - in deren
milder Sphre Vollbringen wohnte. Und Goethes erhaben-demtiges Danklied kam ihr
in den Sinn: ... Sphtest, - wo die reinste Nerve klingt.
    Sie hatte Frau Wallentin nicht gesehen, seit sie nach Hause gereist war, und
auch vorher, whrend der Bitternisse, die sie erlebt, - nur selten. Sie erzhlte
ihr, da der Vater nun tot war.
    Und nun bleiben Sie hier - bei uns. Denn wir brauchen Sie; und mit innigem
Lcheln nickte sie ihr zu.
    Olga berichtete von Stanislaus und seinem neuen Buch. Frau Wallentin riet,
den Vortrag bis zum Herbst zu verschieben. Denn da er das Buch noch nicht
abgeschlossen habe, so wrde es zu spt in der Jahreszeit werden, um mit einem
Vortrag herauszutreten. Aber sie wollte erfahren, was er gesammelt hatte, und
Olga mute ihr versprechen, dem Bruder zuzureden, da er sie bald aufsuchen
mge.
    Dann erzhlte Olga von Erika, - der einstigen Helferin beim Ordnen der
Bibliothek. Stumm und bang horchte die alte Frau, als sie von jenem Abend
sprach, an dem Erika sterben wollte, und ein groes Leuchten brach aus ihren
Augen, als sie hrte, was dann geschehen war.
    Die Welt ist voll von Wundern, sagte sie leise, - ihr Glcklichen - ihr
Jungen, verget das nie. Ein wehmtiges Lcheln umschattete ihren Mund.
    In Olga stieg die Sorge auf, ob die alte Frau sich gesund fhle, und sie
fragte, warum sie sich dem Bunde weniger gewidmet habe. Es ist doch nicht -
weil Sie behindert waren?
    Ich war behindert - aber durch etwas sehr Glckliches, sagte Frau
Wallentin. Ihre blauen, tiefen Lichtaugen strahlten auf. Mein Sohn Manfred ist
endlich gekommen.
    Und sie erzhlte ihr von ihm.
    Sie berichtete - nicht als ob sie die Mutter wre. Sie sprach mit der
glcklichen Begeisterung, mit der ein junges Mdchen von dem Manne spricht, der
seine Trume verwirklicht. Sie erzhlte, - da er ein Mensch war, der nach einem
vorgefaten, festen Plan systematisch ein Lebenswerk baute. Er hatte ein
Programm von Taten, fr deren Beendigung ein Menschenleben nicht ausreichte.
    Aber was tut dies, warf sie mit frohem Lcheln ein. - Sind wir denn nicht
da, um unsere Taten an andere weiter zu geben? Und nun gar er! Sobald seine
Plne selbstndig laufen, wie er es nennt, dann berlt er sie ihrem Schicksal
und nimmt das nchste Werk in Angriff.
    Manfred hatte erst Medizin und dann Nationalkonomie und Philosophie
studiert. Und doch ist er kein Gelehrter - wie Erasmus von Rotterdam,
berichtete die Mutter, lchelnd. Und ernst fgte sie hinzu: Er ist ein
Organisator ... Ihn beschftigte alles, was die Welt vollkommener macht. Zehn
Jahre hat er damit zugebracht, die Erde zu bereisen. Und whrend er wanderte und
das Leben der Vlker durchforschte - ging er zu den Einzelnen - zu den Groen,
zu denen, die die Welt vorwrtsrcken. Diese Grten - ob sie Einsame waren oder
Gefeierte, - die hat er in aller Herren Lnder aufgesucht, - und hat sie
verknpft - zu einheitlicher Tat.
    Es war eine Organisation gewaltiger Namen, eine Organisation der bewegenden,
geistigen Krfte dieser Welt, die er, in aller Stille, geschaffen hatte. Eine
Zentralstelle zur Durchforschung der Probleme der Entwickelung sollte gegrndet
werden. Jetzt erst, nach zehnjhriger Vorbereitung, ausgerstet mit diesem Stabe
glnzender Namen, die allein jene Autoritt erringen konnten, die notwendig war,
um der Organisation zur Macht zu verhelfen, - sollte das Zentralkomitee
ffentlich begrndet werden. Und Frau Wallentin erzhlte, da das Unternehmen
eingeteilt war in die verschiedensten Kulturkreise, mit einzelnen, stofflich
verschiedenen Arbeitsbezirken. Die bewegenden Probleme der Welt galt es, nach
dem Standpunkt internationaler Kenntnis, zu sichten. Auf dem Gebiete der
sozialen Gestaltung, der Organisation der Vlker, der Verbindung der Intellekte,
der Revision der moralischen Gesetze, auf denen die Menschheit fuen konnte,
galt es, zu wirken. Und im Mittelpunkt der ganzen, globischen Zentralisation
stand ein Komitee zur Erforschung der Gesetze der Deszendenz und der Variation,
- eine wissenschaftliche Kommission, die die sozialen und die biologischen
Gesetze untersuchte, durch welche die Erzeugung hochwertiger Menschen gesichert
schien. Von diesem Zentralgedanken ausgehend, hatte auch die Mutter jenen Bund
begrndet. Der Grundgedanke, der sie und die Shne leitete, war der, da alle
Kulturtaten unendliche Zersplitterung der Krfte, solange mit sich bringen
mten, - solange nicht der Mensch selbst auf der Hhe der Art stand. Aus dem
Bereiche des Zuflligen, des oftmals Schdlichen und die Entwickelung der Art
Hemmenden, - sollte die Zeugung des Menschen zu einer Tat werden, aus der immer
wieder nur hheres Leben entstehen konnte. Die Gesetze der Hygiene muten zu
diesem Zweck ebenso revidiert werden, wie die der sozialen Bedingungen,
innerhalb welcher Menschen aufwuchsen. Die Abschaffung schdlicher
Fortpflanzungssitten und die Festigung der Rechte, die eine gesunde Selektion
verbrgten, standen an erster Stelle des Arbeitsprogramms.
    Und die Mutter sprach auch von den Ahnen ihres Sohnes. Zwei Varianten waren
es, die in dieser Familie immer wiederkehrten; die Bedenklichsten und die
Waghalsigsten. Gelehrte und Revolutionre wurden in dieser Familie immer wieder
geboren. Manchmal auch schlossen sich diese Strebungen in einer Gestalt
zusammen, und es entstand einer, der sich auflehnte und dennoch bedenkend seine
Taten formte, den das Feuer der eigenen Seele nicht ber die wahre Natur der
Dinge hinwegtuschen konnte, der sie ansah mit der nchternen Ruhe des Forschers
und sich doch nicht beruhigte darber, da sie so waren, wie sie waren, -
sondern, - in Ahnung ihrer hheren Formen - weiter und immer weiter ging ...
    Olga hatte gehorcht; sie hatte alles umschlossen, alles geborgen. Die Stunde
war glcklich. Nicht immer war die Seele so weit, so frei, so hingegeben, - da
sie horchen konnte, wie heute, an diesem goldenen Tag.
    Da kommt Manfred, sagte die alte Frau. Die Gittertr zum Park war geffnet
worden, er kam ber den Weg dem Hause zu.
    Ein hoher Mann, dachte Olga. Er grte hinauf. Sie sah, da sein blondes
Haar schon silbern schimmerte. Sie sah, als er nher kam, da er die blauen,
tiefen Lichtaugen der Mutter hatte. Dann verschwand er im Haus und stand bald
darauf bei ihnen, auf der Terrasse.
    Ein hoher Mann, dachte sie ... Seine Augen - wie liegen sie sehend auf den
Dingen - auf den Bildern dieser schnen, rtselvollen Welt. - - - Und wie
glubig sind seine Augen - als ahnten sie die letzten Dinge, - die letzten, -
leuchtenden Dinge, - - die diese rtselvolle Welt durchstrahlen ...
    Die Stunde war glcklich, golden war der Tag. Die Seele so weit, so frei, so
hingegeben, - als flge sie, in gebndigtem Feuer, frei durch den unendlichen
Raum, - als wiege sie sich, wie der sichere Vogel, im goldenen, goldenen
Himmelsblau ...
    Sie blieben zu Dritt. Sie sprachen. Sie sah seinen Mund, von keinem Bart
verborgen, sie sah diese reinen Linien um den Mund. Wie klar, wie licht war es
um diesen Mund ... Die Stunde war glcklich, - sie verstand, sie verstand. Sie
erkannte: Das vollendete Ebenma; die ausgewogene Kraft; nichts schwankte,
nichts taumelte. Sie verstand diesen Blick, - diesen Ruf im Auge, - der die
Gedanken der anderen beschwingte ... Das war ein gtiges Rufen und ein mildes
Horchen im Auge ... Wie hob es die arme, erdenschwere Seele, - machte sie mutig,
wissend um sich selbst, mutig und frei, - frei, dass sie sich wiegte, - wie der
Vogel im goldenen ther. Es war ein glcklicher Tag. - - -

Stanislaus erfuhr von ihr, wem sie begegnet war, und ihre Schilderung machte ihn
hochaufhorchen. Wenige Tage spter erhielt sie eine Nachricht von Frau
Wallentin, die fr Stanislaus von groer Bedeutung war. Frau Wallentin teilte
ihr mit, da Manfred seinem Unternehmen ein publizistisches Organ angliedern
msse und da er ihrem Bruder den Vorschlag machen wollte, in diese Redaktion
einzutreten. Nun setzte sich Stanislaus mit Dr. Wallentin in Verbindung und
besuchte ihn bald darauf.
    Er hatte ihr versprochen, sie gleich nach seiner Rckkehr aus dem Grunewald,
noch am selben Abend, aufzusuchen. Sie sa in ihrer Wohnung und wartete. Was
wrde er sagen? Ob er so dachte wie sie, ob er erkannte, wie sie, - da hier
einer war, wie sie noch keinem begegnet waren? Manfreds Bild stand vor ihrer
Seele - die hohe Erscheinung, - das blondsilberne Haar, - dieses Leuchten um den
Mund ... sie prete die Hand auf ihr Herz. Dieses Bild wich nicht aus ihrem
Erinnern; immer wieder sah sie ihn und hrte im Geist, wie er mit seiner Mutter
und mit ihr gesprochen, - deutlich stand sein Wesen vor ihr, in seiner klaren
Ruhe, mit seiner menschlich gtigen Verbindlichkeit, die sich mit dem edlen
Stolz seiner Haltung so seltsam einte. Wie eine sanfte Glut strmte es ihr aus
dieser Vision entgegen, als htte das innere Feuer, das von ihm ausstrahlte, sie
ergriffen. Und je mehr sie sich in dieses Erinnern verlor, desto mehr empfand
sie eine fremde, se Auflsung, die sie bis heute nicht gekannt, - eine junge
und jubelnde Sehnsucht ...
    Stanislaus kam. Sie sah an seinen glnzenden Augen, da er Gutes erlebt
hatte. Er erzhlte ihr freudig, da Dr. Wallentin ihn als Redakteur fr das neue
Blatt, das in Form einer Monatschrift erscheinen sollte, verpflichtet habe. Es
war ein Triumph fr sie, da der Bruder auf dieser fr ihn so unverhofft
glcklichen Tatsache nicht lange verweilte und von dem Manne sprach, - von dem
er erfllt war, wie sie.
    In ihm, sagte er, sehe ich zum erstenmal den vollkommenen Weltmann, -
natrlich nicht im Sinne jenes Salonwortes, das heute jeder Geck fr sich in
Anspruch nimmt. Nein, er ist, - vertieft ging er im Zimmer auf und ab, - er
ist der Mann der groen, weiten Welt. - - - - Er ging, mit gesenktem Kopf, die
Hnde in der Tasche, mit eiligen Schritten durch das Stbchen, als rekonstruiere
seine Phantasie das Bild, das sie empfangen. Einen solchen Mann, sagte er,
mu man vor allem an seinem Werke sehn. Er ist einer der Helden, die man bei
ihrer Arbeit aufsuchen mu. Er blieb stehen und hob den Kopf.
    Ich habe mit ihm mehr als zwei Stunden ber sein Werk gesprochen. Er setzte
mir auseinander, in welchem Sinne er das Blatt leiten will. Die Dinge sollen
untersucht werden, - auf ihre Natur hin - verstehst du wohl. Er sah die
Schwester fragend an und fuhr eindringlich fort: Das heit: wir wollen in diesem
Blatt nicht uns selbst und unsere Nuancen entfalten, - die Objekte sollen darin
ausgebreitet werden, treulich und ihrer Natur gem. Und es soll untersucht
werden, wohin wir auf Grund der vorhandenen Tatsachen zu steuern haben. Die
Mitarbeiter gehren allen Kulturlndern an; Persnlichkeiten, - aus aller Welt,
- bilden den Ausschu dieser internationalen Liga. Es sind Staatsmnner und
Schriftsteller, Naturforscher, Soziologen, Philosophen; und auer den
europischen Staaten sind Indien, China, Japan, Amerika, Neuseeland vertreten.
    Olga fragte, auf welche Art diese Liga in der ffentlichkeit auftreten
wolle.
    Zuerst werden eine Reihe von Vortrgen und internationalen Kongressen
veranstaltet. Die Gesellschaft tritt in Aktion mit der ausgesprochenen Absicht,
alle Ziele zu verfolgen, welche zur Hervorbringung eines menschlichen
Leistungsadels fhren. Man geht politisch vor: wenn man durch groe Kongresse
die ffentliche Meinung beeinflut hat, so tritt man an die Krperschaften
solcher Staaten heran, die fr kulturelle Reformen in Frage kommen. Man grndet
berall Zentralstellen zur Verstndigung der Kulturvlker, zum Zwecke
gemeinsamen Vorgehens; anstatt der groben Partei- und Nationalpolitik, die heute
zumeist getrieben wird, will man den Gedanken einer intellektuellen Weltpolitik
durchzusetzen suchen. Die Staatsgewalt soll diesem Gedanken erobert werden.
Darum mute diese erlesene Schar verbndet zusammentreten ... Und er nannte ihr
die Namen der groen Dichter und Knstler, der groen Staatsmnner, der Forscher
... ...
    brigens hat Dr. Wallentin noch einen jngeren Bruder, der Anthropologe ist
und gleichzeitig auf anderen Wegen eine Weltreise machte, aber zu demselben
Zweck. Whrend Wallentin, der ltere, soziale Tatsachen sammelte und gruppierte,
hat der jngere Wallentin das Problem von der ethnischen Seite untersucht. Die
Lebensverhltnisse auch noch unbekannter Vlker soll er untersuchen, - auch das
wird zu dem Werke gebraucht. Er schwieg eine Weile, in Gedanken tief
versponnen, dann fuhr er fort: Dieses Werk zu erdenken, ist allein schon ein
Wunder. Scharf umgrenzt steht das Ziel da, - er sprach wie fr sich selbst und
blickte ins Weite, als she er eine noch ferne Gestalt, - das Ziel, welches
heit - die Welt politisieren, in dem Sinne, da menschlicher Adel erwachsen
kann ... Mehr schne Menschen, - das ist die Forderung, an deren Nichterfllung
die Welt krankt. Von hier aus mu das Werk der Reformation einsetzen.
    Wie? In Olga drngte eine Erinnerung ans Licht, und sie sprach sie aus. War
das nicht derselbe Gedanke, der einstmals Werner zum Sozialismus gefhrt hatte?
Ersehnte nicht auch er eine Gestaltung der Dinge, die, indem sie das Terrain fr
alle ausglich, - scheinbar nivellierte, - gerade dadurch eine individuelle
Wertung ermglichte, indem die Besten und Tauglichsten erst auf diesem
nivellierten Boden in ihren verschiedenen Hhen erkennbar wurden? Die
Bedingungen, unter denen ein generativer Adel der Menschheit sich bilden konnte,
systematisch schaffen zu helfen, - war das nicht auch sein Gedanke gewesen?
    Und auch Stanislaus entsann sich; ja, es war ein Gedanke, der in der Zeit
lag; auf verschiedenen Wegen drngte man dahin, - den Menschen zu heben, - seine
Person selbst, - vom Keim an. Er erinnerte sich, wie sie sich beide, suchend,
tastend um das Problem gemht hatten, das ihnen erschienen war, wie ein
verschleiertes Bildnis, und wie er, Stanislaus, zu Werner gesagt hatte: Nicht
ich und nicht Sie knnen die Gestalt dieser verhllten Erscheinung erkennen ...
da ist ... ein letztes, das fehlt ... Ihnen und mir fehlt ... ein letztes Ahnen,
- ein Wissen um dieses Ding... Und wie sie vom ahnend Geborenen gesprochen, -
auch daran erinnerte er sich, - der allein lste, worber sie grbelten.
    Und beide, Olga und Stanislaus, sprachen es fast im gleichen Augenblick aus,
- da Werner hierher gehrt htte, - hierher als Schler, hierher zu Manfreds
Werk. Werner - wo war er? Gelandet, - gestrandet?
    Aber sie wollte noch mehr hren von dem, was Stanislaus heute erfahren
hatte. Und er erzhlte von der imposanten Kleinarbeit, die als Mittel zum groen
Zweck hier im Gange war: Durchforschen und erfahren, sichten, gruppieren,
registrieren, - die Dinge ansehen, rein auf ihr Wesen hin, mit Zurcksetzung
aller subjektiven Frbung. Eine systematische Riesenuntersuchung der Tatsachen;
und dann die Gruppierung dieser Tatsachen, die Schichtung, - immer hher und
hher, - er machte mit der Hand ansteigende Bewegungen, - wie eine Pyramide
sich verjngend, - bis hinauf zur Spitze der Forderung: des positiven
Programms.
    Er konnte kein Ende finden, - und sie horchte.
    Dabei ist diesem Manne alles Schwelgen im Unklaren, alles romantische
Trumen zuwider.
    Diese Abneigung soll ja auch seine Ehe geschieden haben, sagte Olga.
    Seine Ehe?
    Ja, er ist verheiratet, und jetzt, als er zurckkam, hat man sich
beiderseits zur Scheidung entschlossen. Sie erzhlte, was sie im Bunde von der
Gattin Dr. Wallentins gehrt hatte. Wie hie sie doch? - Frau Lucinda Wallentin.
    Stanislaus fuhr fort: In dieser romantischen Selbstbenebelung der
Menschheit sieht Dr. Wallentin das Haupthindernis ihres Fortschreitens. Dieser
dmmernde Selbstbetrug, in dem sich ganze Zeiten gefallen, die sich in
verschleierter Unklarheit ber das Wesen der Tatsachen hinwegtuschen wollen,
ist fr ihn der Wegebahner der furchtbaren Machtherrschaft des Unsinns. Seiner
Meinung nach ist dies der Grund, warum die Menschheit als groes Ganzes noch
immer dumpf ist, dumpf und verschlafen, - und warum es nur wenige gibt, die die
Wege erkennen, die sie gehen mu. Freilich, um diese dmmerigen Schleier
entbehren zu knnen, bedarf es der Gehirne, die in gutem Zustand geboren sind
... Durch diese Riesenuntersuchungen, die fortlaufend und systematisch ber alle
Tatsachen der Entwickelung gefhrt werden sollen, soll die intellektuelle
Weltanschauung aus der Zone der grnen Theorien herausgelst und praktisch
vollstreckbar werden. Und begeistert fuhr er fort: Mit diesem Manne zu
sprechen, - welch ein Glck! Es war einer der seltenen Flle, da zwei Menschen,
ohne jede Unterstreichung, ja ohne jeden Nachdruck, fast ohne Kommentierung,
sich aussprechen und verstndigen konnten. Er blieb vor der Schwester stehen.
    Im brigen ist Dr. Wallentin selbst kein Agitator. Denn Agitation ist nicht
zu denken, ohne da die persnliche Ansicht die besprochenen Fragen tendenzis
frbt, - und ohne da man das vorhandene Publikum auf irgendeine Weise zu Taten
drngt, deren Notwendigkeit zu begreifen es meist noch nicht Zeit gehabt hat. -
Das ist nicht seine Sache. Er sammelt ruhig sein Riesenmaterial und spannt das
Netz seiner Erkenntnis weiter. Diese anschauliche Ausbreitung berhebt der
Agitation. - Sie wirkt von selbst, wirkt durch ihr tatschliches Material und
wirkt um so strker, je weniger demagogisch sie auftritt. - Sie wendet sich
nicht an das momentan und zufllig vorhandene Publikum, - sondern an jenes - das
spter - und nicht zufllig - vorhanden sein wird. - Welch eine Tat, fuhr er
fort, welch ein Wunder des Willens, - des geschulten Willens, der -
nachdenklich suchte er im Gedchtnis, - der die Auftrge der Intelligenz auch
zu erfllen vermag, - wie es bei Feuchtersleben heit. - - -
    Das Erlebnis dieser letzten Tage war so gro fr Olga, da ihr die Welt
darin versank. Es war ihr endlich ein Mensch begegnet, - - dem nichts mehr
fehlte, um ein Mensch zu heien ... Hier also war die Grenze des
Zwischenreichs - nach oben - berschritten ... Hier waren keine
Absonderlichkeiten, hier waren die urtmlichen Eigenschaften hoher Menschenart
voll entwickelt, durchbildet und funktionsfhig. Hier waren Instinkte, die zur
Erhaltung des Lebens strebten, und ein Heroentum, das sich ber die staubige
Erde schwang, vereint. Pltzlich erinnerte sie sich der Worte, die ihr Cousin,
Professor Diamant, bei jenem letzten Mahle in Wien gebraucht hatte. Zeig' mir
einen modernen Gedankenheros, so ungefhr hatte er wohl gesagt, - der sich
nicht versteigt auf irgendeiner Martinswand, - von der ihn kein Gott
herunterholt!... Gerade diese Gegenwart, in der sie lebte, war berfllt von
solchen, die tollkhn ins felsig Zerklftete kletterten, - ohne die Fhrung
wegeweisender Instinkte; die dann hilflos irgendeinen spitzen Grat umklammerten,
- nicht weiter konnten, - strzten, - spurlos verschwanden. Hier aber war einer,
der sich ins Unwegsame gewagt hatte und sich doch nicht - verstieg.

Nach einigen Wochen, whrend welcher Stanislaus, der sein Buch beendet hatte,
mit Dr. Wallentin das Bureau der Redaktion organisierte und auch Olga fters
hinausgekommen war zu ihrer alten Freundin, - whrend das Bild ihrer erfllten
Sehnsucht sich immer strker in ihrem Herzen festigte, kam die erste Nachricht
von Werner; seltsam mutete an, wovon er berichtete.
    Kurz nachdem er nach Askona gekommen war, wo er im Hause Dr. Emmerichs alles
fand, um die betubten Krfte seiner Seele wieder zu beleben, hatte er eine
Nachricht erhalten - von einem, von dem er sie am wenigsten erwartete. Herr von
Bredow hatte ihm geschrieben. Auf Umwegen, da er seine direkte Adresse der
Berliner Post nicht angab, erreichte ihn der Brief. Bredow schrieb ihm, - er
habe, teils aus den verdeckten Reden der Baronin, teils durch direkte
Nachforschungen, erfahren, was sich zwischen ihm und jener Frau begeben, in
welcher Weise die Baronin ber Werner einen Weg gesucht htte, der zu einem mit
Bredow vereinten Leben fhren sollte. Er habe sie geliebt, aber niemals daran
gedacht, sie aus ihrer Ehe an sich zu reien. Da sie nun kam und frei war, so
htte er freilich geglaubt, am Ziel seiner Wnsche zu stehen, bis - bis er
erfuhr, mit welchen Mitteln dieser Weg geebnet worden sei. Als er endlich die
volle Wahrheit, nach langem Forschen, herausgefunden, da hatte die Vereinigung
mit jener Frau aufgehrt, fr ihn ein Glck zu bedeuten. Er habe, sobald er
alles gewut, nicht anders gekonnt, als sich von ihr zu trennen, und es sei fr
ihn ein moralisches Mssen, Werner dies mitzuteilen. Gleichzeitig gab ihm Herr
von Bredow noch eine andere bedeutsame Nachricht. Sie haben mir seinerzeit, so
schrieb er ihm, - von Ihrer Sehnsucht nach einem gedanklich-religisen Ziel
gesprochen, nach einer Art philosophisch vernnftiger Andachtslehre. Ihre
Sehnsucht nach Gott kann keine der europischen Kirchen, - die mit einem
persnlichen Gotte rechnen, - Ihre Sehnsucht nach einem moralischen Dogma, in
dem alles beschlossen ruht und aus welchem heraus die Lsungen menschlicher
Wirrnisse erwachsen, konnte auch keine der modernen, reformatorisch-sozialen
Bewegungen stillen. Und waren Sie schon damals eines solchen Glaubenszieles
bedrftig, so wird es heute, wo Sie schwere Verwundung erlitten haben, ein noch
strkeres Bedrfnis fr Sie sein, im Scho einer Lehre, die hohe
Vernunftausblicke mit religiser Sammlung eint, Frieden zu finden. Das
philosophische Kloster ist brigens nicht nur Ihrer Sehnsucht ein Ziel, sondern
es ist eine Art Zeitbedrfnis fr alle die, die mit den Riten der bestehenden
Kirchen nichts mehr zu schaffen haben und dennoch nach einer Sttte suchen, wie
sie bisher nur die Klster boten. Fr alle die mu ein neues Klosterleben
geschaffen werden, das als Zuflucht, als Sttte der Andacht fr sie bereit
steht, - in welchem die leidende Seele Genesung und Frieden findet, sich aus dem
Getmmel des weltlichen Kampfes zurckziehen kann und doch keinerlei Dogmen, die
gegen die klare Vernunft verstoen, sich verschreiben mu. Hoch ist der Wert der
Andacht. Das Gebet ist eine Sammlung der innersten Krfte, eine Dmpfung
gefhrlicher Wnsche, - denn nur der erlaubte Wunsch wagt es, Gebet zu werden.
Sie fragten mich damals, als wir uns in Berlin begegneten, wie und wo Sie an die
europische Sekte des Neubuddhismus, von welcher ich Ihnen berichtete, Anschlu
finden knnten? Ich wute Ihnen damals nichts Genaues zu sagen. Heute, da wir
uns wieder begegnen - - kann ich Ihnen die gewnschte Mitteilung geben. Drei
Deutsche, die in Indien das gelbe Kleid der Buddhistenmnche nahmen, haben in
der Nhe von Lugano das erste europische Buddhistenkloster gegrndet. Suchen
Sie diese Mnner auf, es wird Ihnen nicht schwer fallen, sich ihnen
anzuschlieen, - denn die Fden Ihres Schicksals laufen, wenn mich nicht alles
trgt, gerade dahin ... Der Luganer See war in der nchsten Nhe von Werners
jetzigem Aufenthaltsort Ascona, am Lago Maggiore, und er hatte nicht gezgert,
die Besiedelung bald aufzusuchen. Von den strahlenden Gestaden des Sees ein
wenig entfernt, verborgen im Gebirge, standen einige Blockhtten - die erste
Niederlassung des indo-europischen Ordens. Die gewnschte Aufnahme war ihm
bewilligt worden, - in wenigen Tagen wollte er ganz dahin bersiedeln.
    Wie bedeutsam ist es doch, schrieb er, da gerade die Hand jenes Mannes,
die unsichtbar und ohne ihren Willen beteiligt war, mich in den Abgrund zu
stoen, da gerade jene Hand mir den Weg weisen mu zu neuem Leben!... Dann
berichtete er ber die Hauptgedanken der Lehre, wie sie ihm in Novaggio bei
Lugano von den deutschen Buddhisten erlutert worden war. Vor allem erkenne
diese Lehre keinen persnlichen Gott an. Es wre kaum irgendein Grund, sie
berhaupt als Religion zu bezeichnen, sondern es gebhrte ihr der Name einer
rein philosophischen Weltanschauung, wre nicht der Umstand, da der Geist, der
in diese Lehre hinabtaucht, gelutert und erhoben, von religiser Andacht dem
Dasein gegenber erfllt, sich aus ihr erhebt. Die drei deutschen Mnche sind
Kolonisten eines Vereins, der seinen Sitz in London hat und sich The followers
of the Buddha benennt. Kein geheimnisvolles Ritual sei vorgeschrieben; die
Errterung philosophischer Fragen und die moralische Selbsterziehung seien die
wichtigsten Prinzipien des Vereins. Dieser modernistische Buddhismus trage einen
wissenschaftlich-rationalistischen Zug, den eine starke, sozialistische
Unterstrmung begleite. Die bersetzung alter, orientalischer Texte, sowie
religis-philosophischer Vortrge und gewisse bungen der Versenkung der Seele
in sich selbst gehrten mit zu der Beschftigung der Kolonisten. Der zentrale
Glaube, nach welchem die Lebensfhrung gerichtet werde, sei die altarische
Lehre: da das Seelenheil nur durch die hchste Entwickelung des Verstandes zu
erreichen sei, da nur die Unwissenheit von der richtigen Vorstellung der Dinge
trenne und jene Disharmonien erschaffe, an denen sich die Menschheit verblute.
Diese Erziehung des Geistes sei die eigentliche Tugend, die hier gepflegt werde;
ein Leben in Zurckgezogenheit, in andchtiger Vertiefung in die hchsten
Gedanken, - das sei der Weg zu diesem Ziel. Die wahren Strebungen dieser Lehre
seien also gerade entgegengesetzt jener gewhnlichen, europischen Auffassung,
die da behauptet, der Buddhismus erstrebe den geistigen Tod. Schon der
bestndige Kampf, die moralischen Grundprobleme der Welt zu vertiefen, erfordere
unausgesetzte bung der Vernunft, die von jenem Zustande seelischen Verdmmerns,
den man hinter dem Buddhismus vermute, am sichersten bewahre. Der Neu-Buddhismus
kenne auch kein Nirwna, wie es die Europer verstehen; die stille Andacht,
welcher die Seele sich ergibt, bringe sie allerdings einem Zustand nher, der
die Bilder der Welt und ihre lauten Kmpfe zurckweichen lasse. Geh' an der
Welt vorbei - es ist nichts... ber dieses Nichts, als endliches Ziel,
schwankten die Meinungen der verschiedenen Sekten. Jedenfalls sei der Begriff
ein so transzendenter, da er das Streben der Jnger nach Vervollkommnung nicht
beeinflusse.
    Ursprnglich sei ein einziger, deutscher Mnch an das Ufer des Luganer Sees
gekommen. Eine kleine Blockhtte war fr ihn errichtet worden; dann aber hatte
er zwei seiner Schler deutscher Abstammung zu sich kommen lassen, und nun
wurden noch einige Hollnder und Englnder erwartet. Die Blockhtten wrden denn
auch vermehrt. So scheine sich diese Niederlassung in Mitteleuropa zu festigen
und zu verbreitern. Er selbst sei bereit, in diese Gemeinde als Kolonist
einzutreten. Kein Gelbde werde ihn binden. Wohl werde von ihm erwartet, da er
sich zum Buddhismus ausdrcklich bekenne, aber erst nach einer vorbereitenden
Zeitspanne, die er als Schler in der Gemeinde verbringe. Um die mnchischen
Grade zu erringen, mte er spter nach Indien gehen und dort, in alten
Klstern, den Buddhismus an seinen Quellen studieren; aber so weit sei es noch
lange nicht; immerhin - so schrieb er - fhle er sich heute freier, als er
jemals war; Beruhigung habe sich ber ihn gebreitet. Seit der Zeit, da er den
Brief des Herrn von Bredow erhalten, habe die bse und giftige Wunde aufgehrt
zu schwren, - er fhle, wie sie sich schliee ... Und da ihm hier, in der
Sonne des Sdens, eine solche Zuflucht beschieden sei, in der sein bestes Teil
sich weiter zu entwickeln vermge und Friede und tiefste Stille, fern vom Getse
der Stdte, fern vom Kampfplatz sozialen Ringens, ihn erwarte, das sei fr seine
Seele heute ein beraus glckliches Wissen. Ob es wohl immer so sein wrde? Ob
er vom Schler zum Jnger und vom Jnger zum Mnch weiter steigen wrde, - er
wisse es heute noch nicht ...
    Als sie den Brief gelesen hatte, blieb sie lange in Gedanken versunken. Dann
schttelte sie den Kopf. Da ihm diese Zuflucht, diese Weltflucht, jetzt
erwnscht war, begriff sie wohl. Aber ihr war, als drfte gerade er dem
Kampfplatz nicht fr immer entweichen. Und es war ein trstlicher Gedanke fr
sie, - da zum mnchischen Grad noch ein weiter Weg war, - und da sie wute,
da Werners Seele ein neues Kleid nicht allzu lange trug ...
    Dann beantwortete sie seinen Brief. Auch sie hatte eine Begegnung zu melden,
- und wem htte sie sie freier bekennen drfen, als gerade ihm? Mit dem durch
den erhobenen Zustand geschrften Blick ihrer Erkenntnis schilderte sie die
teure Gestalt.
    ...Weit Du noch, wie ich Dir in jenem ersten Brief das Bekenntnis meines
frmmsten Glaubens schrieb? Ich ahnte, da es ein Begegnen gibt, welches das
Ich, das tausendfltig gebundene, aller seiner Bande entbindet, weil es den
einzigen Genossen sah ... Diese Begegnung war nun in meinem Leben ... Und die
stillste Ahnung der Seele, - vom Bild des Einzigen, der fr sie die Hhe des
Geschlechtes bedeutet, - sie ist erfllt. Ich schrieb Dir damals, da kein
Besitz, ja kein Begehren diese Begegnung begleiten msse. Heute? Denke ich an
ihn, so kommt es aus meinem Herzen wie ein unaufhaltsames, ses Verstrmen ...
Ich schliee die Augen, und sein Bild steht vor mir. Und sehe ich im Geist sein
schimmerndes Haar, die lichte Klarheit, die um seine Lippen lagert, die tiefe
Blue seines Auges, - vernehme ich, mit geschrften Sinnen, die gtigen Rufe
seiner Blicke, so scheint es mir, als wre ich fern von allem Wnschen, und nur
ein Glck, das ich bestaune, ist dann in mir: meine Wege fhrten mich in den
Kreis seiner Bahn ... Wohl frage ich mich wie Du: wird es immer so sein? Wird
die Seele von dem Erlebten dauernd erhoben bleiben? Oder wird sie wieder dem
Dunkel verfallen, - dem dunklen Zwange der Leidenschaft?... Wer kann darber
grbeln? - - -
    Sie schlo den Brief. Sie schauerte; eine Seligkeit, die ihr unendlich
schien, ergo sich in ihr Herz; wie Ewigkeitsahnen berkam es sie ...

                                Neuntes Kapitel



                               Der Kreis Lucinda

                                (Ein Intermezzo)

 Herbei, Herbei! Herein, herein!
 Ihr schlotternden Lemuren, -
 Aus Bndern, Sehnen und Gebein
 Geflickte Halbnaturen.
                                                                         Goethe.

In Dr. Wallentins Organisation bildete sich ein Arbeitsausschu, dem auch die
Geschwister angehrten. So kamen sie viel hinaus in die Villa im Grunewald und
lernten nach und nach auch die andern Mitglieder der Familie kennen. Eine
frhlich-freundschaftliche Beziehung entspann sich zwischen Olga und Manfreds
jngerem Bruder, - dem mittleren der drei, Dr. Justus Wallentin. Justus und
seine schne Frau, Inge Brnhoff, fanden Gefallen an ihrer klaren Art, an der
Logik ihres Wesens, die unbestechlich ihre Wege ging, was immer sich auch auf
ihnen verwirrend aufpflanzen mochte. Justus war Rechtsanwalt und Helfer seines
Bruders. In seinen scharfen, klugen Augen glnzte das Weie wie blankes
Porzellan, darber zog sich die Stirn, mit immer gespanntem, interessiertem
Ausdruck. Inge, seine Frau, eine Dichterin des jungen Schwedens, war eine groe,
schlanke Blondine mit hellen Augen, die mutig in die Welt strahlten. Sie galt in
Schweden als die Vertreterin der radikalen Bewegung im Frauenlager und als die
erklrte Bekmpferin der erotischen Doppelmoral. Durch ihr Wirken war sie,
gleich den Geschwistern, mit der alten Frau Wallentin in Berhrung gekommen. Der
Bund hatte sie seinerzeit zu einem Vortrag nach Berlin geladen, und bei diesem
Berliner Aufenthalt hatten sich Justus und das schne Mdchen gefunden.
    Eines Tages war Olga wieder bei Manfred Wallentin. Sie hatten in lngerer
Aussprache festgelegt, in welchem Umfange und in welcher Weise das Material, das
die Bewegung der Frauen betraf, in dem neuen Blatt vertreten sein sollte.
    Manfred deutete auf einen groen Sto von Zeitungsausschnitten.
    Es ist unmglich, mit alledem fertig zu werden. Das alles geht uns an,
mte geordnet und bearbeitet sein. Dieses Ausschnittmaterial war zudem aus
Zeitungen verschiedener Sprachen. Manfred hatte schon fter erwhnt, da er eine
weibliche Kraft, die dem Bureau ganz zur Verfgung stnde, fr diese und
hnliche Arbeiten aufnehmen mchte; so gro die Verlockung fr Olga war, sich
ihm zu jeder Hilfe bei seinem Werk anzubieten, so konnte und wollte sie doch
nicht ihre Korrespondenz im Stich lassen, auch war sie nicht sprachkundig genug,
um diesen Platz vollkommen auszufllen. Inge, die Schwgerin, half fleiig, aber
sie war nebstdem Gattin, Hausfrau im entfernten Berlin und vor allem
Schriftstellerin, die den grten Teil ihrer Zeit ber ihrem eignen Werk
verbrachte. Da war Olga ein Gedanke gekommen: hier war ein Platz fr Eva, - Eva
Nestor. Seit sie in Genf lebte, hatten sie schon mehrere Briefe gewechselt, und
erst vor kurzem hatte Eva sie gebeten, fr sie eine Annonce aufzugeben, durch
die sie in Berlin eine passende Stellung suchen wollte, von der sie mit ihrem
Kinde leben konnte. Olga hatte dies noch nicht getan, weil sie noch nicht ganz
klar wute, was sie eigentlich fr Eva suchen sollte. Hier war ein Platz fr
sie. Heute hatte sie Manfred diesen Plan mitgeteilt, hatte ihm Eva geschildert.
Erfreut, bat er sie, ihr gleich zu schreiben. Da sie ihm Evas Lage nicht
vorenthielt, setzte er auch gleich die Hhe des Gehaltes fest. Sorglos konnte
nun Eva mit ihrer Kleinen leben, und sie wrde diesen Platz vortrefflich
ausfllen, - das wute Olga.
    Eine leise Wehmut beschlich ihr Herz, als sie in Manfreds Arbeitszimmer ber
diesem Plan einig wurden. Nun wrde also nicht mehr sie, nun wrde eine andere -
Eva, - hier an diesem Tisch sitzen, der schrg gegenber von Manfreds
Schreibtisch stand; nun wrden die Blicke einer anderen auf seinem Gesichte
ruhen. Whrend sie so dachte, trug Manfred einige Notizen in ein Heft ein, und
ihre heimlichen Blicke konnten sich nicht losreien von dem Glanz seines Haares,
der da ber der dunklen Platte des Schreibtisches lag. Sie sah sein
halbbelichtetes, geneigtes Gesicht, die Augen blieben unter den gesenkten
Lidern; und klopfenden Herzens wartete sie darauf, da er den Kopf heben und
seinen Blick, dessen tiefes Strahlen sie immer wieder erschtterte, ihr zuwenden
wrde. Eine andere sollte hier sitzen ... war es nicht gut so? Sie fhlte, da
sie sich nicht ruhig an die Arbeit verlieren konnte, - hier, in seiner Nhe.
    Als sie Manfreds Arbeitszimmer verlie, ging sie hinber, in den Salon der
alten Frau. Frau Wallentin erwartete sie, wie immer, am Teetisch. Justus war da,
und Inge, und auch Stanislaus wartete hier auf eine Unterredung mit Manfred.
    Es war da noch eine Dame, die sie bisher nicht hier gesehen hatte. Diese
Dame wurde als Frau Wallentin vorgestellt. Es war eine groe, schlanke
Erscheinung mit blassem, ovalem Gesicht, das einen gespannten, matten Ausdruck
hatte, der an bernchtliche Ermdung erinnerte. Ein irritierter, beinahe
gekrnkter Zug lag um den Mund. Das Gesicht mochte einst reizvoll gewesen sein;
besonders rein war die Profillinie. Sie war schwarz gekleidet, das Kleid zeigte
einen streng stilisierten Schnitt, die rmel flatterten weit, fast flgelartig.
Auf dem Kopfe trug sie eine runde, schwarze Kappe, auf der zwei Rabenflgel,
weit auseinandergefaltet, flach auflagen.
    Whrend Olga zum Bffett ging, um von da eine Teetasse fr sich zu holen,
folgte ihr Justus und flsterte ihr zu: Lucinda.
    Frau Lucinda Wallentin verabschiedete sich bald. Bevor sie ging, lud sie die
Geschwister dringend ein, sie zu besuchen. Jeden Donnerstag Abend, sagte sie
mit ihrer flsternden Stimme, die sich nie zu voller Kraft erhob.
    Als sie gegangen war, sagte die alte Frau: Das ist die Gattin meines Sohnes
Manfred ... vielmehr die einstige Gattin, denn sie sind jetzt geschieden.
    Sie mssen wissen, fgte Justus hinzu, da diese Scheidung nichts anderes
bedeutet als eine Formalitt; denn die beiden waren schon, bevor Manfred noch
auf Reisen ging, auseinander. Lucinda legt aber groen Wert darauf, den Verkehr
mit der Familie aufrecht zu erhalten, - sie hat auch eine Anhnglichkeit an
meine Mutter, die von ihrer Entfremdung mit Manfred unberhrt blieb.
    Arme Frau, dachte Olga. Sie hat diesen Mann besessen und hat ihn wieder
verloren.
    Sie erfuhr an demselben Abend, woran diese Ehe gescheitert war. Als sich
Manfred und Lucinda kennen lernten, - im Hrsaal fr Philosophie - waren sie so
nahe aneinander, als junge Menschen, die ihre wahre Gravitation noch nicht
wissen und die eine Neigung zueinander fassen, es sein knnen. Dann waren sie
allmhlich gewachsen - und jeder in einer anderen Richtung. Zusammen gedachten
sie in ihren Studien weiter zu gehen und rckten nur immer ferner voneinander
ab. Beide glaubten an einen sinnvollen Weltplan, nur hie er fr Lucinda
Bestimmung, Fatum, - fr Manfred Notwendigkeit; wo sie Zwecke sah, erkannte
er Ursachen. Und in aller Zwecklosigkeit sah er dennoch ein Erhabenes, weil in
seinen Folgen Berechenbares. Diese seine berzeugung von der Zwecklosigkeit,
aber strengen Folgerichtigkeit allen Geschehens, von dem Fehlen eines
absichtsvollen Weltgeistes, - lie sie schauern und fliehen. Ihm bedeutete der
Naturgeist - Gott, erhaben in seiner Klte und Absichtslosigkeit, in seiner
ehernen Folgerichtigkeit, die denen, die ein Vertrauen zur Logik der Tatsachen
gewannen, ein sicheres Welt-und Lebensgefhl bermittelte; sie konnte nicht
bestehen, ohne an Determinationen zu glauben, die apriorisch die Erscheinungen
schoben.
    So erzhlte die alte Frau Wallentin von den Kmpfen, die Manfreds und
Lucindas Jugend erfllt hatten. Mehr und mehr hatte sich ihrer beider Wahl als
ein Irrtum enthllt. Dazu kam noch eines: Lucindas Unvermgen zur Produktion der
strksten weiblichen Gefhle. Frauenliebe war ihr fremd. Nur in eine geistige,
von den Nerven abgestimmte Beziehung konnte sie berhaupt zu Menschen geraten;
aber Affekte der Leidenschaft, des Gemtes oder der Sinnlichkeit vermochte sie
in sich nicht zu erzeugen, - eine Erscheinung, die indirekt auf eine Verbildung
des sympathischen Nervensystems zurckgefhrt wurde. Dazu kam noch, ihre
Vorliebe zu solchen, die gleich ihr, an einem Defekte litten, der sich in einer
Verbildung des geistigen und seelischen Lebens kund gab, die ein Manko oder eine
Wucherung in ihrem innersten Nerven- und Seelenleben bargen.
    Als Olga dies hrte, war sie verblfft: dieser Zustand bedeutete ja eine
Reinkultur dessen, was ihr Cousin Diamant - in freier Bildung des Begriffes -
als - - lemurisch bezeichnet hatte.
    Sie mte Lucindas Einladung annehmen, meinte Justus; in ihrem Salon wrde
sie erst sehen, - wie notwendig Manfreds Werk sei, - wie notwendig es ist, die
Gesetze festzulegen, die die Entstehung von mehr normalen, tauglich-ganzen
Menschen gewhrleisten.
    Die berladung der Gesellschaft mit Minderwertigen, Lcherlichen, in ihren
vitalsten Instinkten Zerbrochenen, - dort, im Salon Lucinda, finden Sie sie aufs
lebendigste veranschaulicht. So lockte sie Justus. Freilich ist dort nur eine
gewisse Auslese jener Minderwertigen und Verbogenen zu finden, - nmlich die
intellektuelle Auslese. Die brutalen, gefhrlichen Entartungen, - Verbrecher und
Ganznarren - finden Sie natrlich dort nicht; nur jene, die, in ihrem
Instinktleben ldiert, dabei dennoch - zu denen gehren, deren Leben unter dem
Zeichen irgendeiner geistigen Strebung steht. Kommen Sie doch am Donnerstag, ich
fhre Sie dahin, - Sie werden Wunder sehen! Wir bleiben nicht lange, - ist auch
nicht ntig. Ich fhre Sie im Flug durch den Salon Lucinda, - erklre Ihnen
alles und alle, denn ich kenne sie; ich fhre Sie, - wie Mephisto den Faust
durch die Walpurgisnacht!
    Bis spt nachts dachte Olga ber diese Einladung nach. Schon im Bette
liegend, wollte ihr das Bild Lucindas und ihres mutmalichen Kreises nicht aus
dem Sinn ... Warum nicht hingehen, dachte sie, - auf nach Lemuria! - - -
    Es war ein Donnerstag, und sie standen vor dem Eingang eines eleganten
Mietshauses am Kurfrstendamm, wo Lucinda wohnte. Sie erwarteten Justus.
Stanislaus hatte seine Braut mitgebracht, worum er gleich bei der Einladung
gebeten worden. Da kam auch Justus mit Inge, die schon von fern ihnen zulachte.
    Whrend sie ber die breite Treppe des Vorderhauses hinaufgingen, fragte
Justus: Sie haben gewi von den Polizeihunden gehrt, nicht wahr? Und, als man
bejahte, fuhr er fort: Natrlich, - die Welt ist jetzt voll von deren Ruhm. Von
diesen genialen Zchtungsprodukten biologisch hochwertiger Paarungen habe ich
unter der Bezeichnung reden hren: Hunde von Blut und Passion.
    Man war zwei Treppen hoch gestiegen und stand still, um Atem zu schpfen.
    Und diese Bezeichnung trifft den Nagel auf den Kopf. Sie werden gehrt
haben, wie diese Tiere von Blut und Passion selbst dann, wenn Schsse und
Keulenhiebe sie bedrohen, nicht abzuschrecken sind von den Taten, zu denen ihre
genialen Instinkte, ihre hochentwickelten Sinne sie fhren.
    Man stand oben im Flur der dritten Etage.
    Und wissen Sie, warum ich Ihnen das sage? Weil Sie jetzt das gerade
Widerspiel davon sehen werden. Sie werden hier Wesen sehen, - scheinbar ohne
Blut, ohne Passion, ohne echten Affekt und erschreckbar selbst durch jeden
Alarmschu, den das Leben abgibt.
    Er hatte inzwischen geklingelt, und ein Diener ffnete. Man legte in der
Garderobe ab. Trotz der vorgerckten Jahreszeit schien der Jour Lucindas sehr
gut besucht, denn die Garderobe war voll von Hten, Schirmen, Stcken, leichten,
sommerlichen Umhllen.
    Sie traten in einen groen Salon, der eine Art von Ateliereinrichtung hatte.
Verschiedene antike Stcke waren da zusammengestellt, verschleierte Ampeln
beleuchteten die Szenerie. Auf einem Sockel, in der Mitte des Saales, thronte
ein indisches Gtzenbild, von grotesker Scheulichkeit, mit glhenden
Smaragdaugen. An einer Wand hing, allein fr sich, ein riesiges Pentagramm, aus
schwarzem Tuch geschnitten. Der Diener ging herum und reichte auf einem Tablett
Glser, die mit einer grnlichen Flssigkeit, in der ein Strohhalm steckte,
gefllt waren. Man trinkt hier Absinth, flsterte Justus.
    Lucinda stand in einer fernen Ecke des Salons und nickte den Eintretenden
flchtig zu.
    Es darf Sie nicht wundern, wenn sie Ihnen nicht entgegenkommt, das tut man
hier nicht. Jeder bleibt sich selbst berlassen, und es ist seine Sache,
Anschlu zu finden oder auch nicht; es bilden sich hier zumeist Kreise, in die
Aufnahme zu finden man versuchen kann; jeder kann das halten, wie er will; in
dieser Beziehung ist man hier gnzlich ungeniert.
    Lucinda war diesmal in einem weien Gewand, von mnchischem Schnitt, das mit
einem schwarzen Strick gegrtet war. Das Haar hing in zwei Zpfen, die seitlich
ber den Ohren geflochten waren, vorn ber die Schultern herunter. Um die Stirn
war eine schwarze Binde gelegt und fest um den Kopf gespannt. Ein groer,
dunkler Edelstein, von tropfenfrmiger Gestalt, - es mochte eine schwarze
Granate sein, - war an die Binde genht und hing auf der Stirn bis zur
Nasenwurzel herab.
    An den ersten Salon schlo sich noch eine Flucht von Zimmern, die alle
hnlich mbliert waren; nirgends sah man ein modernes Mbelstck. Alte, zum Teil
sehr kostbare Stcke aus vergangenen Epochen fllten die Rume. Das letzte
Zimmer hatte keine Einrichtung. Die Wnde waren mit schwarzem Samt, der Boden
mit einem weichen, schwarzen Veloursteppich bespannt. Die Decke schien in
Flammen zu stehen: sie war mit einem blutroten, schleierartigen Gewebe verhngt,
hinter dem rote Lichter magisch glhten. Einige Gestalten, in wallenden
Gewndern, hielten sich da an den Hnden und bildeten einen Kreis, in dessen
Mitte eine in rote Schleier gehllte Frau einen phantastischen Tanz vollfhrte
... Im brigen saen und standen die Gste in Gruppen herum.
    Seltsam unwirklich schien Olga das Ganze ... es sah dem Lebendigen hnlich,
- aber so, wie etwa die Vorgnge, die sich auf der Leinwand des Kinematographen
abspielen ...
    Die Neuangekommenen gingen zwanglos durch die Zimmer. Sehen Sie dort unter
der groen Palme, umgeben von Freunden, jenen dicken, blassen Herrn mit dem
langen, wirren Haar, im Frack? Es ist - der Dichter des Schreckens und - des
guten Tons.
    Wie ist das zu verstehen?
    Er schildert Visionen, in denen grauenhafte Vorgnge der menschlichen
Seele, durch absonderliche Vorkommnisse gespenstiger Art, dargestellt sind;
daneben verherrlicht er in langen, philosophischen Artikeln gewisse
Gepflogenheiten des guten Tons, der Konvention. Zum Beispiel hat er neulich ein
langes Feuilleton ber die Sitten geschrieben, die den Frack und die Schleppe
als Gesellschaftstoilette vorschrieben; - - sein Kreis fut auf der berzeugung,
da es vor allem die Reize der verschiedenen Torturen sind, aus welchen die
hchsten, menschlichen Offenbarungen kommen. Man bedauert in diesem Kreis die
Abschaffung der wirklichen Tortur und macht flagellantische bungen; bse
Lsterzungen haben dafr einen anderen Namen ... Diese Gesellschaft bildet einen
geschlossenen Zirkel, der sich die Gestrengen nennt. Dann gibt es noch eine
andere Sekte, deren Mitglieder diesen Salon besuchen. Sie nennen sich die
Glubigen und sitzen dort auf jenem Divan - dicht unter dem Pentagramm. Eine
Schar wei gekleideter Mnner und Frauen lagerte hier auf Schemeln, Matten und
Kissen.
    Es ist eine Sekte, die sich zur Wiederbelebung mystisch religiser
Ritualien zusammengefunden hat. Wohl gemerkt: es handelt sich nicht etwa um alte
religise Ideen, - sondern um religise Gebruche , die hier, in geheimnisvollen
Sitzungen, gebt werden; sie machen - bei Musik - gymnastisch-religise bungen;
ihr Programm ist die Wiederbelebung jener Kulte, die von Krperverrenkungen
begleitet sind.
    Im nchsten Salon sa, in der Mitte des Zimmers, ein junger Herr. Er trug
einen Samtrock, eine kostbare Brokatweste und gestreifte Hosen; ein Backenbart
umrahmte sein gertetes Gesicht. Der Herr hatte drei Tischchen vor und neben
sich. Auf dem mittleren lag ein Prachtband, aus dem er Gedichte vorlas. Auf dem
Tischchen links stand ein Glas Absinth und ein Armleuchter mit sieben brennenden
Wachslichtern; auf dem Tischchen, das er zur rechten Seite hatte, lagen noch
mehr Prachtbnde aufgestapelt.
    Dieser Herr liest hier seine Gedichte im Manuskript, erklrte Justus.
    Im Manuskript? - Das sind ja dicke Bnde?
    Ja, diese Gedichte gelangten nicht zum Druck, - die Zeit ist nicht reif
dafr. Das Innere der Prachtbnde sind weie Bltter, auf denen die Gedichte
eigenhndig vom Verfasser niedergeschrieben sind.
    Die Gesellschaft setzte sich in die Nhe des Dichters und hrte dem Vortrag
zu. Die alltglichsten Worte waren da seltsam verbogen. Hatte die eine Zeile
eine lange Reihe von Versfen, so war die nchste nur von einem Ausruf
gebildet. Zwischendurch gab der Dichter Kommentare. Der Reim ist, wie Sie
wissen, eine gemeine - oh, eine gemeine Sache, darum wird der Dichter ihm aus
Leibeskrften ausweichen ... Nicht weit von dem Dichter sa eine schne, junge
Frau, die ihm mit groen, hingegebenen Augen lauschte.
    Viktoria, sagte der Dichter und rusperte sich, ein Glas Tee.
    Die schne, junge Frau stand eilends auf, winkte dem Diener und brachte das
Gewnschte.
    Das ist seine Frau, erklrte Justus.
    Wie ist es mglich, sagte Olga, da dieses herrliche Geschpf so -
hingegeben lauscht?
    Das hat einen geheimnisvollen Grund, sagte Justus.
    Wollen Sie uns den nicht anvertrauen?
    Justus neigte sich vor und flsterte, hinter der verhaltenen Hand: Sie ist
dumm.
    In einer andern Gruppe saen junge Damen mit glatt gescheitelten Haaren, die
ber den Ohren in riesigen Schnecken lagen, mit weit aufgerissenen, extatisch
funkelnden Augen, von drftigem, fast schwindschtigem, krperlichen Habitus.
Zwischen ihnen ein junger Mann, der ein Buch vor sich liegen hatte, das er Seite
fr Seite mit ihnen durchging. Die Damen machten sich Notizen. Kiebitze der
Literatur, erklrte Justus. Selbst steril, verfolgen sie, bis in die kleinste
Zuckung, das Schaffen der anderen.
    Einsam in einer Ecke sa eine lange, hagere, dster drapierte Gestalt. Erst
bei nherem Hinblicken merkte man, da es eine Dame war. Ein riesiger, schwarzer
Kater sa auf ihrem Scho, und sie streichelte ihn, whrend sie vor sich
hinstarrte.
    Eine archaistische Malerin, erklrte Justus. Sie haust allein in einer
Villa, mit allerlei abenteuerlichem Getier, Katern, Uhus, Affen, man spricht
sogar von Schlangen. Sie hat einen Kreis von Anhngern, die sich zur Bekmpfung
der konstruktiven Perspektive in der Malerei und zur gesellschaftlichen
Rehabilitierung der Perversionen zusammengetan haben ... sie stellen eine
Sezession aus dem Zirkel der Gestrengen dar.
    Man ging weiter, in das nchste Zimmer. Dort drben, Justus deutete in
eine Ecke, in der eine Gruppe von Divans stand, auf denen Gestalten lagerten, -
sehen Sie in jener ppigen Blondine im weien, griechischen Kleid eine Dame,
deren Ehrgeiz es ist, - Hetre zu sein. Sie wird von der jngeren Literatur
adoriert. Sie akzeptiert aber nur Liebhaber, die unter unmiverstndlichem
Panier ihr nahen. Die Herren, die um sie herumliegen, sind augenblicklich ihre
Gnstlinge. Es sind dies: ein Anarchist (jener Herr mit dem wirren Bart, der die
Hand, als Faust geballt, in der Hosentasche hlt), ein Nazarener (der junge Mann
mit den dnnen, braunen Locken und dem verklrten Blick), ein Wanderdichter
(jener stattliche, stramme Bursche, der keine Einknfte hat, weil er nichts tut,
als seine Gedichte abzufassen, und der daher als Logierbesuch bei seinen
verschiedenen Bekannten lebt, was ihm den Namen Wanderdichter eintrug), und
schlielich ist da noch ein vierter Freund jener gttlichen Aspasia -
    Und wer ist dieser Herr? Er gleicht nicht den anderen Freunden der Dame?
    Aber er ist ihre Voraussetzung: es ist ein wohlsituierter Weinhndler aus
dem Osten.
    Ein einsamer, junger Mann vergngte sich in einer Ecke damit, buntfarbige
Glaskugeln in die Luft zu werfen. Dieser Mann hat eine interessante
Geschichte, erzhlte Justus. Hren Sie: Er ist der Sohn eines vielfachen
Millionrs, und er ist an einem sonderbaren Leiden erkrankt. Es berkam ihn ein
Zustand vlliger Wunschlosigkeit - es gab nichts mehr in der Welt, was diesem
jungen Mann noch wnschenswert schien. Darber verfiel er in schwere
Melancholie. Zeitweise hat er die Vorstellung, als wre er in einen luftleeren
Raum gebannt und mu dann eine Heilsttte aufsuchen; nach einigen Wochen wird er
dann immer wieder, auf seinen Wunsch, entlassen, da er ja nicht gemeingefhrlich
ist. - Das Spiel mit glsernen Kugeln, - diese Illusion des Farbigen und
Glnzenden, - - ist das einzige, was ihm blieb.
    In diesem Augenblick rauschte eine hohe Frauengestalt durch den Saal, in
schwarzen, schleppenden Gewndern.
    Olga erschrak, das war, - das war ja die Baronin ...
    Diese Dame ist zum Kabarett zurckgekehrt, - ihr Gatte, ein ltlicher
Aristokrat, wurde krzlich im Duell erschossen. Seitdem tritt sie, wie frher,
als Diseuse im Kabarett die Unterwelt auf ...
    Bei einem Kreise, in dem es laut und gesprchig zuging, sa, etwas abseits,
ein jngerer Herr, der eine groe Schale mit Nssen vor sich hatte, die er
schweigend knackte und verzehrte. Ein groer Sto von Nuschalen hufte sich vor
ihm auf einem Tisch.
    Dieser Herr wird der tiefe Schweiger genannt. Er mischt sich fleiig in
Gesellschaft, gibt aber nirgends seine Meinung ab. Das hat ihm den Ruf groer
Weisheit eingetragen. Im brigen geht von ihm die Mre, da er ein kolossales
Werk - zwar nicht schreibt, aber - denkt: die Metaphysik der Ellipse; die
letzten Lebensrtsel sollen in dem, was er darber - denkt, gelst sein ... Im
Gegensatz zu ihm sehen Sie dort diesen jungen Mann, der begeistert von seiner
Arbeit erzhlt. Er hat krzlich ein dickes Buch verffentlicht, in dem er ein
durchaus neues, philosophisches System darstellt. Das Buch ist mit den
merkwrdigsten Zeichnungen, die der Laie berhaupt nicht versteht,
ausgestattet.
    
    Und was ist das fr ein System? Dieser Mann hat eine merkwrdige Dreiheit
im Weltall beobachtet, die sich schon in der Gestalt des Menschen ausdrckt. Er
sieht drei Symbole am Krper des Menschen: Antlitz, Herz und Hinterteil. Im
Gesichte sieht er die Reflexionsflche, im Herzen die groe Leitungszentrale und
in jenem anderen Krperteil die magische Sammelstelle der Schwerkraft. Von
berall her strmen ihm Beweise, die diese Offenbarung besttigen. Er hat dieses
System durchaus komplett aufgebaut. Nachdem er nun das philosophische Werk
verffentlicht hat, schreibt er noch an einem dreiteiligen Roman, in dem diese
Idee in menschlichen Schicksalen symbolisiert werden soll. - - -
    Man ging weiter. Sehen Sie dort jenes hagere Paar, fuhr Justus fort, -
Mann und Weib? Diese beiden Leute haben sich in einem Sanatorium fr
Magenkranke kennen gelernt. Sie sind philosophische Prediger, und sie predigen:
Brechung des Willens, - Befreiung vom Triebleben ...
    Wo haben sie sich kennen gelernt? fragte Stanislaus, der nicht genau
verstanden hatte.
    In einem Sanatorium fr Magenkranke. Sie leiden beide an schweren
Verdauungsstrungen. Man ging weiter.
    Diese zwei langen, schlanken Burschen da drben sind Zwillinge, ein
Malerpaar; gnzlich arme Jungens. Sie konnten ihre Studien nur fortsetzen und
Maler werden, weil sie in brgerlichen Kreisen eine ganz seltene
Gastfreundschaft genossen; eine ganze Schar von Leuten sorgte fr sie und hielt
sie ber Wasser.
    Wieso erfreuten sie sich solcher Beliebtheit?
    Diese beiden Brder sind Mystiker. Will man sich auf billige Art mit dem
Sirius in Verbindung setzen, - so verhelfen sie einem dazu. Das Brgertum, das
es liebt, ab und zu in hhere Sphren gehoben zu werden, ohne doch zu
aufreizenden Konflikten oder zu schwerem Kopfzerbrechen gentigt zu sein, -
schtzt die Richtung, in der sich diese beiden bewegen, ber alles.
    Jene hbsche, junge Dame dort, er deutete weiter, hat erst krzlich ein
schweres Unglck zu verwinden gehabt - und sucht hier Trost.
    Was ist ihr zugestoen?
    Ihr Geliebter hat sie verlassen.
    Und warum das?
    Er entdeckte bei ihr einen Pickel auf der linken Lende; es war im
Frhling.
    Dieser Pickel war wohl das Anzeichen einer bsen Krankheit?
    I bewahre, ein ganz harmloser Pickel, wie man sie im Frhling dutzendweise
hat, aber ihr Geliebter war eine so feinfhlige Natur, da er ber diesen Pickel
nicht hinweg kam; er verlie sie.
    Sie waren beim Tanzsaal angelangt. Einsam drehte sich darin ein Frulein,
das aussah, wie die Verkrperung des letzten Erschpfungsseufzers einer zum Ende
ihrer Kraft gelangten Epoche. Ein junger Mann mit finsterem Gesichtsausdruck sah
ihr zu.
    Sind Sie zufrieden, Gregers? fltete die tanzende Dame.
    Nicht intensiv genug, antwortete der Finstere, der, in vernachlssigter
Kleidung, mit langen Haaren und wirrem Bart dastand.
    Er nennt sich Gregers, obwohl er Grnemann heit. Sein Ehrgeiz aber ist -
ein anderer Gregers Werle zu sein und berall auseinander zu sprengen, was
Menschen verbunden hlt. Der Dreizehnte bei Tisch zu sein, das befrachtet er als
seine Mission; Situationen, in denen es nichts zu sprengen gibt, erscheinen ihm
hchst banal.
    Eine Dame trat an den Flgel. Sie sang mit voller, tiefer, gut geschulter
Stimme; aber es war schauerlich, sie anzusehen; denn ihr Kopf glich einem
Totenschdel, ber den nur die Haut gespannt war. Herrlich war ihr Gesang, -
aber ihr weit geffneter Mund, aus dem die Tne drangen, bot einen
erschreckenden Anblick.
    Was bedeutet das alles? fragte Olga.
    Wir haben heute den dreizehnten Mai, erklrte Justus, mit einer Stimme,
die pltzlich prophetisch erhoben klang, - das ist jener Tag, den die Rmer
feierten, um die Seelen jener wesenlosen Geister, die als Gespenster umherirrten
und die Lebenden beunruhigten, - zu beschwren ... es ist heute das Fest der
Lemuren ...
    Olga war es, als sei jede Kraft in ihr vernichtet, als wre jede Energie
verzehrt, - als htte diese Atmosphre sie in sich aufgesogen ... Der
Angstschwei stand ihr auf der Stirn. Was bedeutet das? fragte sie nochmals.
Wieder erhob sich die Stimme des Justus zur Deutung, aber die Sngerin mit dem
Totenkopf sang immer lauter, immer str-ker - - - bis Olga erwachte.
    Sie rieb sich die Augen, sprang aus ihrem Bett; eilig zog sie die Jalousien
hoch. Drauen strahlte die Maiensonne, und ihr Gold flo in breiten Strmen in
den jungen Morgen ...

                                Zehntes Kapitel



                                   Prfungen

 Sinke nicht - und wenn der ganze Orkus auf dich drckte.
                                                                         Kleist.

Olga hatte sich beeilt, Eva die gute Mitteilung zu machen. Sie schrieb ihr von
der Stellung, die sich ganz ohne Mhe fr sie gefunden hatte. Eva brach sogleich
ihren Aufenthalt in Genf ab und eilte, mit kurzem Aufenthalt in Stuttgart, ihrer
Vaterstadt, nach Berlin. In Stuttgart brachte sie bei nahen Verwandten vorlufig
ihre kleine Tochter unter, die sie holen wollte, wenn sie in Berlin erst sehaft
war.
    Sie war dieselbe. Die Grazie ihres Wesens strahlte unverndert aus jeder
ihrer Gesten, - die heitere Freiheit ihres Gemtes aus all ihren Worten. Von
ihrer Ehe und deren jhem Abschlu sprach sie mit der berzeugten Beruhigung
eines Menschen, der eine lsende Katastrophe erwartet hat, ohne sie zu
beschleunigen, und der erleichtert aufatmet, als sie endlich eintrifft.
    Wissen Sie noch, wie wir davon sprachen, da man bei solchen entscheidenden
Lsungen etwas - wie eine unzweideutige Erlaubnis abwarten msse, bevor man sie
unternhme? fragte sie und wandte ihr ruhig heiteres Antlitz der Freundin zu.
Zu gro wren sonst die Selbstvorwrfe. Nur, was man tun mu - darf man tun ...
Da haben Sie wieder meine groe Weisheit. Und sie erhob sich, und die schlanken
zierlichen Glieder schienen sich zu strecken, - wie erlst.
    Es war der Tag, an dem die erste Sitzung der redaktionellen Kommission
stattfand. Man sollte im reservierten Klubzimmer eines Cafs zusammenkommen.
Olga ging nicht mit Eva zusammen, - denn sie hatte eine Karte erhalten, auf
welcher Dr. Wallentin sie bat, eine Stunde vor Beginn der Sitzung ihn in jenem
Caf zu treffen, nicht im reservierten Klublokal, sondern vorn, im allgemeinen
Saal des Cafs. Sie ging also frher fort, und Eva, die vorlufig bei ihr
wohnte, sollte zur Stunde der Sitzung nachkommen und auf diese Art gleich in ihr
neues Amt eingefhrt werden.
    Diese Karte war schon am Morgen gekommen und hatte ein brausendes Frohgefhl
in die Seele des Mdchens ergossen. Ihr war, als ob ihr Blut mit wunderbarer
Leichtigkeit durch ihre Adern perlte ... Lnger als sonst dauerte es, bevor sie
sich nachmittags zum Ausgehen fertig machte. Sie hatte sich fr die Zeit der
Trauer zwei schwarze Kleider machen lassen, und nun zog sie das schnere
bedchtig an. Die weiche Seide, von mattem, glanzlosen Schwarz schmiegte sich,
in flieenden Falten, die schleppend zur Erde fielen, an ihren Leib. Aus dem
viereckigen Ausschnitt hob sich der schlanke, sehnige, edel geschwungene Hals,
vom leuchtenden Wei der Rothaarigen. Das Gesicht war in letzter Zeit voller
geworden, die scharf geschwungene Nase war nun entsprechend umrahmt, und der
Kopf schien, gerade durch sie, von unverkennbarer Bedeutung. Die schwarzen Augen
glnzten, als wre frischer Tau auf sie gefallen. Das Haar trug sie schon
lngere Zeit nicht mehr schlicht geknotet, sondern in breiten Flechten, unter
denen hervor sich schimmernde Wellen um das Gesicht drngten. Wenn ihr dieses
Spiegelbild jetzt zulachte, so konnte es an jenes andere ihrer frhen Jugend nur
gemahnen, wie an eine drftige Skizze ihres eigenen Wesens, die nun endlich
Bildnis geworden, reif in Form und Farbe, durchleuchtet vom Glanze frauenhafter
Blte.
    Sie kam noch vor der festgesetzten Zeit. Aber das schadete nichts, sie
konnte ja warten. Sie setzte sich in eine Ecke des kleinen Saales, nahm
Zeitungen zur Hand und behielt dabei die Tr fest im Auge. Warum, warum hatte er
sie hierher gebeten? Sie allein, bevor man sich mit den anderen traf? Durch jene
Tr wrde er nun gleich eintreten. Ihre Nerven spannten sich in Erwartung, ihre
geschrften Blicke wrden seinen Schatten erkannt haben, wenn er an den hellen
Gardinen, die die Spiegelscheiben verhllten, vorbergeeilt wre. Das Rondell
drehte sich fast unaufhrlich, Leute traten ein, - Leute ... Nie war es ihr so
klar geworden, wie bervoll die Welt von hlichen und drftigen Menschen war,
als heute, wo sie in dem Dreieck des Rondells die eine Gestalt sehen sollte, -
die keiner zu vergleichen war. Da kam ein Herr, der hatte freundliche und kluge
Augen von hnlichem Blau, wie er, aber die Lippen des Mundes waren wulstig
aufgeworfen und von den gewhnlichsten Trieben geformt. Da kam ein anderer, -
die Konturen seines vollen, grauen Haares unter dem weiten Filzhut, erinnerten,
einen schattenhaften Augenblick lang, an jenen anderen Kopf, - aber wie htte
der auf solcher Gestalt wohl sitzen knnen? Es kamen Leute - kurze und lange,
dnne und dicke, blonde, schwarze und graue, aber keiner, keiner- von seiner
Art. Es schien ihr, als gehre er einem Geschlecht an, das die Merkmale des
lichten Rassenideals mit reinster Vergeistigung gepaart hatte, und nun, wie eine
fremde Art, herausleuchtet aus der Menge. Und eine bedrckende Angst senkte sich
pltzlich auf sie: - wie wrde sie die Hlichkeit, die Drftigkeit dieser Welt
ertragen, wenn - wenn jenes Bild - ihr wieder daraus entschwand? Ein namenloses
Bangen erfate sie und machte sie schwindeln. Jenes Bild aber - sie hatte es
gesehen! War denn das nicht schon ein Wunderbares, - - war denn das nicht eine
seltene Erfllung? Mute man nicht am Leben irre werden, wenn man dem Bildnis
seiner Sehnsucht in eben diesem Leben niemals begegnete? Wenn es aber geschah, -
wenn diese wunderbare Besttigung einem wurde, - mute dann nicht der Glaube
kommen, der groe Glaube an die Idee der Mglichkeit hchster Vervollkommnung?
Und hatte man erst diesen Glauben - war man denn da nicht frei geworden, -
losgelst vom zuflligen Spiele des Schicksals, das einem in diesem einen,
kleinen Leben herumwirbeln mochte auf krause und scheinbar sinnlose Art? Nur der
besttigte Glaube an das Idol der eigenen transzendenten Sehnsucht, - nur der
war der sichere Wegweiser im Labyrinth.
    Sie hatte die Blicke von der Tr gewendet und sie auf eine illustrierte
Zeitung gesenkt, die sie in Hnden hielt. Pltzlich fiel ein Schatten auf das
Blatt, - wie ein glckliches Erschrecken ging es durch ihr Wesen, wie ein Ri
vom Herzen in die Glieder ... Manfred stand an ihrem Tisch. Sein Gesicht lachte
ihr zu, und whrend er seinen Mantel ablegte und dem wartenden Kellner bergab,
entschuldigte er sich fr die kleine Versptung.
    Er hatte sie hierher gerufen, um mit ihr einen Plan zu besprechen, der schon
geklrt sein sollte, wenn die Sitzung zusammentraf: er wnschte mglichst bald
in dem neuen Blatt einen Artikel von ihr zu bringen, betitelt Die Freiheit der
Frau.
    Sie horchte und wurde nachdenklich. Dieses Thema, - - war sie wohl diesem
Thema gewachsen? Sie bat ihn, ihr das Thema deutlicher zu machen.
    Die Freiheit, die ich meine - - Sie knnen sich denken, da es nicht etwa
die Freiheit ist, mit der man auf Frauenversammlungen irgendein politisches
Recht im Schweie seines Angesichtes erkmpft ... obwohl die Erkmpfung solcher
Rechte auch zur Sache gehrt. Aber die Freiheit, die ich meine, er stockte, und
sein vollkommen geformtes Antlitz, dem ihren so nahe, blieb ihr einen Augenblick
nachdenklich zugewendet, - die ist eine, die alle jene Kmpfe um positive,
materielle Gter erst sinnvoll machen soll. Und ernst und aufmunternd forderte
er sie auf: Umgrenzen Sie mir das Problem.
    Er neigte ihr den Kopf zu, und die Lichtstrme seiner Augen nahmen
ungehindert den Weg in die ihren. Er fuhr fort: Gestalten Sie das Problem der -
fast mchte ich sagen, der esoterischen Frauenbewegung wenn das Wort esoterisch
nicht gerade fr mich, er seufzte - einen unerquicklich mystagogischen und
anrchigen Klang htte. Aber abgesehen von dieser suggestiven Frbung, die das
Wort gerade fr mich hat, - hat es hier Geltung. Jawohl, - umgrenzen Sie mir das
Problem der esoterischen Freiheitsregung der neuen Frau!
    Und warum - ich?
    Sie - nur Sie. Denn wer sonst? Da wre noch meine Mutter, aber sie kann
diesen Gedanken nicht mehr das Blut der Jugend geben. Neben ihr sind nur Sie -
die einzige, - - die davon etwas wei, die einzige, die darber etwas sagen
kann.
    Sie lchelte: Sagen kann; das vielleicht, aber schreiben, ich? Und fast
schamhaft wiederholte sie: Sagen knnte ich es vielleicht.
    Er lachte, - ein herzliches, vollkommenes, von keinem verdeckten Geheimnis
verfrbtes Lachen. Nun dann sagen Sie es, - und dann - dann knnen wir ja
stenographieren.
    So gingen sie in die Heiterkeit ein. Aber im Ernst sagte sie dann wieder:
Ich darf das heute noch nicht versprechen, - denn ich wei nicht, ihre Augen
bekamen pltzlich wieder jenen Schleier, der sich manchmal, wenn sie die Fhrte
ihrer Gedanken suchend verfolgte, ber sie senkte, - ich wei nicht, - ob ich
selbst in dieser Freiheit bin ... Erst - wenn ich das deutlich fhle, - dann
erst werde ich Worte finden dafr.
    Also darum hatte er sie gerufen. Auch er glaubte, da dies der wahre Grund
gewesen, warum er sie hier, eine Stunde vor der Begegnung mit den anderen, sehen
wollte. War es aber auch der einzige Grund? War es nicht vielleicht auch, weil
er sich freute, sie zu sehen, weil es ihn lockte, dieses Mdchen nher zu
kennen? Er wute schon viel von ihr; mit seinem erkennenden Auge, seiner inneren
Erfahrung, die die Seele der Organismen ahnte, - verstand und ahnte er auch sie.
Er erkannte: sie ist durch Kampf geworden, - so wie sie ist. Gekmpft hat sie
auf allen Linien ihres Lebens. Und es war edle Art, die solche Kmpfe - so
bestand. Wre sie ihm doch vor Jahren begegnet! Da htte dem Kampf seine ganze
Seele gehrt. Heute - heute hatte seine Seele ein anderes Ziel, heute, da die
Strme hinter ihm lagen. Seit seine Scheidung von Lucinda ausgesprochen war,
seit er diese unertrglich zweideutige Atmosphre aus seinem Leben gebannt
hatte, da war es wie eine letzte Griechensehnsucht in ihm, - nach der heiteren
Vollendung des harmonisch Geborenen. Dies hier, was er vor sich sah, - war
vielleicht ein Greres. Auf einen anderen, - einen jngeren vielleicht, - und
doch ihm hnlichen - mute jenes Mdchen wie eine lebendige und feurige Lehre
wirken, eine groe und seltsame Belehrung vom Werden dieser neuen, noch
geheimnisvollen Weiblichkeit, die da in die Zeit hineinwuchs ... Und pltzlich
dachte er an seinen Bruder Florian, - den jngsten ... Er aber?... Es lag wohl
an ihm. Vielleicht konnte seine Sehnsucht berhaupt nicht mehr jung und
leidenschaftlich emporschlagen. So stark, so jung, wie sie es einzig mute,
sollte er sich die letzte Sehnsucht erfllen drfen, - seine Art zu bewahren, im
Schoe eines Weibes ...
    Zu schnell verflog diese Stunde. Er sprach mit ihr ber die groe Aufgabe,
die er sich und anderen gestellt hatte. Die Macht des Unsinns, der sieghaft noch
immer seine Herrschaft bte, zu brechen oder doch zu schwchen. Dazu bedarf es
eines Hochdrucks von Intelligenz. Und da der Grad der intellektuellen Potenz
sowohl im Komplex des Individuums als in dem der Art beschlossen lag, hie es,
die Vorgnge des krperlichen Lebens ganz ebenso ergrnden, wie jene des
sozialen und des immateriellen Gefges der Welt. Nun, da der Stab der Helfer
gebildet war, nun schien das Werk keine Utopie mehr. -
    Die Uhr war acht. Manfred grte zur Tr. Einer der Herren, die zur Sitzung
kamen, war eingetreten. Man erhob sich und ging hinauf in das reservierte
Klubzimmer. Im Verlauf einer Viertelstunde waren die Erwarteten fast vollzhlig
zur Stelle.
    Da war ein Gelehrter, ein lterer Mann, der ein groes Werk ber soziale
konomie geschrieben hatte, dann ein Physiologe, der fr die Regeneration der
Menschen durch Verbreitung einer Ernhrungswissenschaft auf chemischer Grundlage
kmpfte ... Justus war gekommen und Stanislaus. Nachdem der Arzt und der
Nationalkonom ihr Programm entwickelten, ging man zur Abteilung fr Technik
ber. Hier war alles schon beschlossen. Ein junger Mann mit groem, kahlen Kopf
und heiterem Gesicht, sehr hellblond, stellte den Antrag, eine Rubrik des
Blattes zu bennenen: Register des Unsinns. Hier sollte jeder Unsinn, der die
soziale, generative, moralische und sthetische Entwicklung der Menschheit
bedrohte, gleich in seinen ersten uerungen eingefangen und gespiet werden.
Die barbarischen Atavismen der Zeit, - hier wollte man sie ins Netz kriegen und,
entsprechend prpariert, zur Schau stellen.
    Stanislaus bernahm die Redaktion des Blattes und sollte spter als
Herausgeber zeichnen. Es war beinahe ein zu groes Amt, das auf ihn gelegt
wurde, wenn er daneben auch noch weiter produktiv bleiben wollte. Hier wre ein
Platz fr Werner gewesen, dachte er, fr Werner, der ein scharfer Leser war.
Aber der sa nun im gelben Kleid und grbelte ber den Rtseln des Daseins. -
Besondere Beachtung sollte, neben allen anderen Knsten, der Schauspielkunst
geschenkt werden. Und neben deren Kritik sollten von Zeit zu Zeit Aufstze ber
das Wesen dieser Kunst von einem der ihrigen verffentlicht werden. Auch er war
da: ein so vollkommener Schauspieler, da er nichts mehr Theatralisches in
seinem Wesen hatte; dieser schlanke, kaum ber Mittelgre ragende Krper, der
wie ein dmonisches Instrument des Geistes schien, - wie der wahre Mittler
zwischen Geist und Erscheinung, - hatte die freie Gebrde des vollkommen
vergeistigten Instinktes. Dieser Mann, den die Gegenwart als den grten seiner
Zunft pries, und der die beherrschte Haltung des immer Gefeierten hatte, war in
enger Fhlung mit Manfreds Lebensplan. Manfred erklrte, warum die
Schauspielkunst hier besonders beobachtet werden sollte: Diese Kunst
veranschaulicht den ueren Adel der menschlichen Erscheinung, - die hchste
Mglichkeit der menschlichen Gestalt - und die reine Idee aller Affekte.
Vergleichende Sprachforschung sollte gepflegt werden, und, vor allem,
vergleichende Vlkerkunde. Hier fehlte noch Florian. Seine Rckkehr wurde
erwartet. Aber nicht nur der Ethnologe der Gesellschaft sollte Florian sein, -
nein, er wrde in diesem Blatt die Stimme der Zukunft, die Stimme der
Forderungen, die Stimme kosmopolitischer Wnsche laut werden lassen. Denn dieses
war die wahrhafte Stimme jenes jngsten Bruders, Florian. An dieser Stelle
sollte sie - neben seinen Erfahrungen - hrbar werden.
    Olga erinnerte sich, was ihr die Mutter der Wallentins von Florian erzhlt
hatte: Er hatte nicht aus eigenem Antrieb daran gedacht, Anthropologe zu werden.
Mit revolutionrem Ansturm war er nach vollendeten Studien, ein Jugendlicher, zu
des Bruders reifem Werk gestrmt. Der aber hatte ihm geboten: erst das Auge zu
schrfen, fr die Dinge, die sind, bevor er an die Propaganda der Dinge, die
werden sollten, denken drfe. Das Auge schulen, - es ruhen, ruhen lassen - die
Erscheinung ergrnden, die da ist. Und darum hatte er ihn dahin gesandt, wo es
zu schauen gab, wo alles, was er sah, mit ursprnglichem Blicke gefat und
gewertet werden mute.
    Zum Schlusse wies Manfred auch Olga ihren Platz an. Frau Wallentin und sie
sollten ber jene Fragen berichten, die groe Schichten der Frauen bewegend
hoben. Besonders sollte diese Frauenfrage unter dem Gesichtspunkt der
Weibesfrage und ihres Zentralsten: des Mutterproblems, errtert werden.
    Fr die Strebungen der Frauenbewegung trat Manfred nur bedingungsweise ein;
er wnschte die wirtschaftliche Selbstndigkeit der Frau - aber - ergnzt durch
Frauenschonung und Frauenschutz, zur Zeit der Belastung durch die Vorgnge der
Fortpflanzung. Ja, er verlangte die gesellschaftliche Sicherung der Frau als
Pflegerin und Erzieherin der Generation. Natrlich sollte die Frau ihr Leben
nicht etwa nur auf ihren Gattungszweck einstellen, - da das hchste Gut der
organischen Welt: das Gehirn, auch bei ihr entwicklungsfhig und vielfach
hochentwickelt war. Nur vor der Schdigung durch grobe Brotfrohn wollte er sie
behtet wissen. Die Frauenarbeit in ihrer heutigen Form, die besonders die
Krfte der Proletarierfrau zerrieb, betrachtete er wie ein gefhrliches
Medikament, das man einem kranken Gesellschaftskrper zufhrt, weil man die
eigentliche Methode seiner Heilung noch nicht wei. Diese Methode aber wrde
dahin streben, - da das echteste Recht des Weibes, das Recht auf Mutterschaft,
jedem dazu tauglichen Weibe gesichert wrde. Dann erst wird die Frau nur zu
jenen Berufen streben, die ihre Lebenskraft und ihre Lebensfreude erhhen,
anstatt sie zu zermrben.
    Olga erwiderte: Das war von jeher, wenn auch unbewut, die geheimste
Strmung der Bewegung. Um bewut zu werden, mute sich die Bewegung im Kreise
drehen: sie ging aus - von der Stellung der Frau als Weib, gelangte zu ihrer
Situation als Erwerbende und geistig und wirtschaftlich Selbstndige und kehrte
zurck - zum Mutterproblem.
    Nun war noch ber die Technik der Redaktion zu sprechen. Hier htte man die
neue Helferin gebraucht. Wo war sie? Olga machte sich Vorwrfe, in der frohen
Hast, mit der sie vom Hause weggeeilt war, Eva nicht deutlich genug ber den Weg
zum Vorort hierher unterrichtet zu haben. Nun hatte sie sich versptet, weil sie
den Weg nicht kannte, und wrde wohl kaum noch kommen. Ihr Blick glitt ber die
Runde von Mnnern, unter denen sie die einzige Frau war. Sie sa Manfred
gegenber. Pltzlich, zum erstenmal, berkam sie der Gedanke: Warum - warum ist
er allein? Seine Verbindung mit Lucinda war lngst ein leerer Schein gewesen.
Warum fehlte diesem Mann bis heute die Gefhrtin? Auf seinen weiten Reisen in
allen Zonen der Kultur, htte er sie da nicht finden mssen? Ihre Gedanken waren
pltzlich versponnen in diese Frage. Die eigentliche Sitzung war beendet, aber
man blieb noch zusammen. Sie grbelte ... Warum war er - allein? Aber freilich,
wo war die Gefhrtin fr ihn? Diesen Mann konnte zum zweitenmal kein Migriff
beirren. Wo war die Ergnzung fr ihn, - wo eine Weiblichkeit, rhythmisch in
Blut und Geist, wie sie allein neben ihm zu denken war?...
    Es klopfte. Ein bescheidenes, aber doch ein deutliches Klopfen war es.
Manfred ging zur Tr und ffnete.
    Eva Nestor stand vor ihm, und Olga sah sie - sah sie, mit groen,
erstaunten, mit wissenden Augen, - als htte sie sie das erstemal gesehen, - sah
sie neben jenem Manne, der fr sie der vollkommenste des Geschlechtes war ...

Der Sommer war vergangen, fr Olga - berwunden. Stanislaus und Lore hatten
krzlich geheiratet, und Stanislaus verwurzelte sich tief in sein Gatten- und
Vaterglck. Jetzt rsteten auch noch zwei andere zu dauernder Bindung. Koszinsky
sollte fr seine Firma nach Buenos Aires gehen, um eine deutsche Filiale des
Geschftes da zu leiten. Er nahm Erika mit. Und da sie drben keinen Ansto
erregen wollten, so gingen sie vorher, brav, zum Standesamt. Olga, Stanislaus
und seine Frau wohnten der Zeremonie bei. Nachher ging man zu fnft in ein
kleines Restaurant, zum gemeinschaftlichen Mittagessen.
    Erika strahlte vor Glck. In ihrem neuen, grauen Kleid sah sie wirklich wie
eine Jungvermhlte aus. Es war, als ob alles, was vordem ihr Leben bedrngt
hatte, in dem schwarzen Wasser des Kanals geblieben wre. Aus Koszinskys Gesicht
war der unstte Zug gewichen. Seine Miene war ernst, zufrieden, und um seinen
Mund, verborgen in dem blonden Spitzbart, lagerte ein Zug von heimlicher
Heiterkeit, den er frher niemals gehabt.
    Erika war entzckt von der neuen berseeischen Aussicht.
    Nach Buenos Aires - denken Sie nur, in dies herrliche Klima, diese fremden,
interessanten Verhltnisse! Sie schwrmte begeistert.
    Erinnern Sie sich, Koszinsky, - sagte Olga - wie es einstmals ein - Traum
von Ihnen war, sich irgendwo auf einer grnen Insel im blauen Meer
niederzulassen - irgendwo fern von Europa - und dort als Farmer zu leben?
    Woher nahm sie den Mut, ihn an jene Stunde zu mahnen?! Die Gegenwart war es,
die ihr diesen Mut gegeben. Ungescheut durfte sie jetzt, heute, auch dieses Bild
heraufbeschwren. War denn das nicht wirklich sein Schicksal gewesen? War er
nicht erst hinausgeschleudert worden ins Uferlose und hatte sich dann doch auf
einem Stckchen grnenden Landes gerettet?...
    Koszinsky nickte, mit rckschauendem Erinnern ...
    Das schnste ist doch - da Kasimir - Erika behandelte den Namen als ihr
unzweifelhaftes Eigentum - in ganz selbstndiger Stellung da hinber kommt. Er
soll ja nicht nur die Filiale leiten, sondern den Austausch der Produkte
vermitteln - sein Chef will seiner Fabrik ein Ex- und Importgeschft anschlieen
und lt ihm freie Hand. Und denken Sie, fuhr sie eifrig fort, wie man dabei
den deutschen Interessen dient!
    Koszinsky dmpfte ihre khnen Hoffnungen. Wenn es mir nun nicht gelingt,
Erika? Und ernsthaft setzte er hinzu: Dann bleibt mir nichts anderes brig,
als zu den Siouxindianern berzugehen, um mich im blutigen Krieg gegen die
Bleichgesichter auszuzeichnen. Es ist nicht unmglich, da ich es vom
gewhnlichen Krieger dann bis zum Huptling bringe und etwa als groe Wolke viel
von mir reden mache. Auf diese Art wirst du dann doch noch die Frau eines
angesehenen Mannes.
    Sehen Sie, so spottet er immer. Aberich mache mir nichts daraus, und es ist
doch gut, da er auf dem - Wege ist. Und sicher ist es auch kein Unsinn, da er
sich als Kaufmann da drben auch noch spezifisch deutsche Verdienste erwerben
kann, sie blieb dabei, - die auf solchen Pltzen auch anerkannt werden... Mit
dieser immer gleichen Beharrlichkeit ihres Wesens, mit der sie jetzt diese
neueste Idee verfolgte, hatte sie den Mann auf die Linie einer brgerlichen
Existenz gebracht.
    Sie sieht sich im Geist schon als Frau Generalkonsul, erklrte Koszinsky.
- - -
    So schlo sich berall zusammen, was sich im Leben ergnzen, vielleicht
vollenden konnte. Nur sie, sie allein stand auerhalb all dieser Ringe. So hatte
auch das Schicksal - wenn man jene geheimnisvolle Schiebung einer hchsten
Logik, die die Dinge in sich tragen, und die in ihren Geschicken fortwirkt, so
nennen wollte - jene bedeutsame Konfrontation herbeigefhrt - zwischen Manfred
und Eva. Mit erkennenden Augen, mit der sich selbst hochhaltenden Art der
seltenen Persnlichkeit, so waren sie einander damals gegenbergestanden. Welch
Rtselvolles lag doch in solcher Begegnung. Zwei kreuzen ihre Wege zur
bestimmten Sekunde, und diese wird ihr Schicksal. Sie kann aber auch das
Schicksal eines Dritten werden, - des Ausgeschlossenen ... Olga wute, da, da
sie diesem Mann begegnet war, - kein Mensch von anderer Art als von seiner,
jemals die Einsamkeit von ihr nehmen konnte. - Und da dieser Eine die Genossin
gefunden, die nicht sie war, so betrachtete sie ihr Urteil als gesprochen. Seine
schnelle Entscheidung fr Eva, die Olga in der Minute ihrer ersten Begegnung
erkannt hatte, - sie war den Instinkten hchsten Lebenstriebes entsprungen. Denn
unter allen Frauen, wahrlich, war diese eine, die er spt gefunden, die einzige,
die das angestammte Seine vollenden, erhhen konnte. Im Sturm einer Minute
hatten sie einander erkannt ... diese beiden, von der Natur so wohl Erdachten.
    Einmal, bald nach dieser Begegnung, da hatte Manfred ihr - Olga - sein Herz
ausgeschttet, hatte ihr bekannt, wie er Eva sah. Ich hrte einmal eine tiefe
Deutung der Gestalten der Sixtinischen Kapelle. In den Figuren unterhalb der
Bilder der Schpfungsgeschichte, - in den Dreiecken zwischen den einzelnen
Tableaus - waren Sie schon in Rom? Nein, das mssen Sie nachholen, - - in jenen
vermittelnden Figuren sah der Kritiker die Freudigkeit der Gtter, die Weisheit
der Propheten, die Tiefe der Sybillen, und die Liebe der Mtter gestaltet. Und
sie, Eva, - hat sie nicht die Freudigkeit der Gttin, die Tiefe der Sibylle und
das Herz einer Frau?
    Aber sie war nicht nur freudig, tief und liebreich, sondern die hohe
Vernunft, die all ihr Leben sie getragen, fhrte sie auch hier. Als er sich ihr
mit junger Sehnsucht nherte, verga sie doch nicht, was ihr fast erratendes
Wissen um die Dinge ihr mitgeteilt hatte, - da dieses Mannes Erlebnis mit dem
Weibe sich unterordnen msse seinem Erleben am Werke. Und sie wute, da sie nur
dann sein werden und sein bleiben drfte, wenn seine Bestimmung zum Werke
darunter nicht litt. -
    Unter all den Halben, Geborstenen, Geschwchten, die ihm im Leben begegnet
waren, faszinierte ihn diese einzige durch die hohe Vernunft, die aus ihrem
Wesen strahlte. Wie waren hier selbst jene Triebe, deren Wesen Begierde ist,
geedelt und hochgezogen, wie war sie doch so berechnend im sibyllinischen
Sinn! Glcklich ergab sie sich seinem und ihrem Begehren, - sah sie doch darin
ihre endliche Bestimmung. Aber ber allen Leidenschaften, die ihrer
starkstrmigen Natur frhlich entsprangen, stand, wachsam, eine erhabene
Besonnenheit, die das Leben beschtzt und mehrt. -
    Von diesem Schauspiel, das sich vor Olgas Augen abspielte, drohte ihr der
Fall. In tiefem Bangen sah sie sich vor ein Schicksal gestellt, das ihren Willen
berwuchs, und das Dogma dieses Willens, - den Pfeiler, an den sie sich,
lebendig rankend, immer gehalten, - zum Sturze brachte. Dieser Grundpfeiler
ihres Willens war der Antrieb - zu wachsen, bis an die letzten Grenzen des
Maes, das die Natur ihr zugebilligt. Darum durfte sie - so hatte sie in Zeiten
schwerster Not erkannt - nicht sinken durch dunkle Erlebnisse. Sinke nicht -
und wenn der ganze Orkus auf dich drckte. Dieses Wort der Amazone Penthesilea
war auch das ihre. Und - horch! - war hier nicht die wahre Prfung der Frau, -
jener Frau, die der Zukunft gehrte, - war dies nicht die wahre Freiheit der
Frau - da sie eine Ungebrochene bleiben mute, und eine Wachsende, so schwer
und dunkel auch ihr Weibesschicksal sich ber ihr zusammenballte? Ach, wie war
sie dieser Freiheit doch so fern. In schmerzlichem Erleben glitten die Krfte.
Aber sie eilte ihnen nach, raffte sie zusammen; brauchte sie denn nicht ihre
ganze Seelenmacht, da doch an jedem Wegende ein Schicksal von ihr besiegt sein
wollte?
    Sie rang mit sich, - diese beiden ihr teueren Menschen - beide lieben zu
knnen. Aber es schien, als wre die Stunde, wo solches Lieben freien Herzens
mglich war, noch nicht gekommen. Der Ertrag ihres heldenmtigen Versuches aber
war, da sie, wenn auch nicht die Vereinigung der beiden, so doch jeden
einzelnen weiter liebte, sie beide weiter sah, im Licht ihrer besonderen Art. -
- - Liebe darf niemals unfrei machen, so hatte einst Lore, die ja auch zu
jenen gehrte, die ihre Fe sicher setzen, gesagt. Sie lchelte schmerzlich,
wenn sie dieses Wort berdachte. Jene hchste Weiblichkeit, die ein Dichter der
Zeit auf den Mars verlegt hatte, jene Numenfrauen, - die vielleicht konnten dies
Wort zur Wahrheit fhren. Sie aber fhlte sich als bergangene, - dies war ihr
wiederkehrendes Los; auf totem Gleise fuhr ihr Leben dahin, und ihr war, als
msse sie dieses Todesbewutsein erdrcken.
    In dieser Zeit hatte sie eine dichterische Offenbarung. Da das gesprochene
Wort und nicht die Feder ihr Instrument war, blieb diese Offenbarung als reines
Erlebnis in ihr. Es war dieses: Sie erlebte neu die tiefe Idee, die sich an der
Mythe von Knigin Dido erhalten hat. - - -
    - - - Unter die geringe Art der Phnizier, die am nordafrikanischen Strande
siedelt, tritt der Held, - eine Gestalt des Lichtes, der Sohn aus edlem Stamme,
- Aeneas. Die Knigin - Dido, die Stdtegrnderin, die Selbsteigene - die
Emanzipierte! - wird von der Liebe getroffen. Da sie es bis heute nicht war, -
es hatte seinen Grund darin, da sie edler Mannheit nicht begegnete. In Didos
Seele wohnt der Frohsinn, die Tapferkeit, die Tatkraft, und wie eine rote,
bltterreiche, tief in ihren Kelch hinein verdunkelte Rose ist ihr Herz. Nicht
umsonst heit sie die vollherzige Dido. Sie reitet mit Aeneas zur Jagd, sie
gibt sich ihm hin - oh, die Welt ist ein Strahlenmeer geworden fr die Knigin
Dido. Brennend vor Liebe durchschweift sie ... die Stadt. Und nun erlebt sie -
die Knigin: das schwrzeste Weibeslos. Der Held verlt sie, - berlt sie
denen, die um sie sind - den Geringen. ber die zur Tat geborene, selbsteigene
Dido, kommt das Leid, das zermalmende. Das Leben bedroht sie mit der Schmach der
Lcherlichkeit. Ein nomadischer Knig, Jarbas, strebt nach ihrer Hand. Der
Geringe, den sie verschmht, soll sich wieder in ihren Umkreis wagen drfen, da
sie dem Hohen so nahe, so nahe war? - Unter der Sonne Afrikas friert die Knigin
Dido, eisige Verzweiflung durchdringt sie immer tiefer.
    Wre zum wenigsten mir ein Denkmal unserer Liebe, Ehe du fliehest, gewhrt,
und spielte ein kleiner Aeneas Mir im Palaste herum, der dir doch gliche von
Antlitz, Ach, nicht schien ich mir ganz die Gefangene oder die Witwe!
    Aber ohne ein Pfand ihrer Liebe ihr zu lassen, ist der Held enteilt, - fr
immer. Nur, weil sie so friert, weil sie sich langsam zu Tode friert, kann es
geschehen, da sie den Scheiterhaufen fr sich errichten lt, Dido, die Knigin
, die Stdtegrnderin, die herrlich Selbsteigene, - die ein zu Tode frierendes
Weib ward, da der Held sie verlie ...
    Olgas Traumleben hatte alle ihre Schicksale begleitet. Was dunkel oft in
ihrer Seele noch war - der Traum erschlo es zu letzter Klarheit. So trumte sie
auch jetzt: Dido stand auf dem Scheiterhaufen, den sie zu magischem Gebrauch
errichten lie. Und sie - sie selbst war die brennende Knigin. Kaum faten die
Flammen ihre Kleider, so entfloh sie. Sie sah sich im Traum, flammenlohend, ber
einen Hgel laufen; immer nher kam sie der Klippe am Gipfel, und von da
erblickte sie das Meer, das rettende Meer, in das sie sich strzte. Nicht, da
sie ertrinken mute, dachte sie, - nein, nur, da die Glut gelscht wurde, das
war es, was sie wute, als sie jenen Sprung tat, im Traume. - - -
    Sie erwachte, mitten in der Nacht, allein, mit ihrer Herzensnot. Drauen
spannte sich ein sternenklarer Sommernachtshimmel. Sie blickte von ihrem Bett
aus in das blaue Feuer der Venus; nicht ihr, nicht ihr schien dieser Stern. - -
-
    Eva, die jetzt mit ihrem Tchterchen nahe dem Grunewald wohnte, besuchte
sie. Wie immer, so wirkte die Heilsamkeit ihres Wesens auch heute. Sie hob ihren
Mut, ihren Glauben an ein logisches Geschick, das auch ihr bestimmt sei. Sie
snftigte den Aufruhr, und als sie sie friedlicher wute, umschlang sie sie, und
wagte es, zu gestehen, was Olga doch bald erfahren mute: da sie von Manfreds
Liebe ein Pfand trug.

Sinke nicht - und wenn der ganze Orkus auf dich drckte, - das sprach die
irrende, einsame Stimme. Stirb, du begehrendes Ich, stirb und werde - ein
anderes. Auf, du entbehrende Seele - auf zur heldischen Tat: zur Tat der Freude
darber, da die Art, die du als die hchste kennst, unter dem Herzen einer Frau
geborgen liegt. Auf zur Freiheit, du Ringende, zur hchsten Freiheit. Stirb und
werde. - - -
    Hier war eine glckliche Mutter: Eva. Aber auch eine verlassene Mutter - die
vom Elend spricht, welch ein Hohn, welch eine Lge. War nicht jede Verlassene,
eine kaiserlich Besitzende, die vom Geliebten das Kind empfangen? Verlassen, -
das war nur jene, die so stand - wie sie stand. Und wute sie denn, wohin sie
noch mute? Auf welche fremde, de Straen mochte sie ihr Weg noch fhren, - -
ehe sie an einem Punkt, der fern in der Ewigkeit lag - den Geliebten wiedersah.
    Wie? Verirrten sich ihre Trume? War die Seele so geschwcht, da sie sich
dennoch an das Mrchen klammerte, an das Mrchen vom ewigen Begegnen, vom ewigen
Wiedersehen, bis es, im Stadium der Vollendung, Vereinigung wurde?
    Sie wollte fort. Stanislaus und Lore hatten ihr zugesprochen, eine
Italienreise zu machen. Auch Manfred hatte ja gesagt, da sie dieses nachholen
mte. Ihre Korrespondenz warf ihren Lebensunterhalt ab; sie konnte wohl ihr
kleines Vermgen jetzt angreifen und das Blatt, mit Lores Hilfe, eine Zeitlang
auch von ferne leiten. Fluchtgedanken trieben sie nach Italien, aber es war
keine Lust und keine Sehnsucht dabei. Auch frchtete sie sich, im geheimen, vor
dieser geplanten Reise. Die Worte des Antonius, die er zu Tasso spricht, kamen
ihr in den Sinn: Schmerz, Verwirrung, Trbsinn harrt in Rom auf dich ...
Sollte sie fort? War es geboten, war es erlaubt? War es Feigheit, da sie
fliehen wollte, oder war es Feigheit, da sie blieb, - weil sie nicht fort
wollte, ohne - ihn - noch einmal gesehen zu haben?
    Sie konnte ihn jetzt nicht sehen. Manfred war auf einer Reise nach London.
Dorthin hatte er einen internationalen Kongre einberufen. Abend- und
morgenlndische Gelehrte, vorwiegend Physiologen und Staatsmnner, sollten auf
diesem Kongre ber jene Probleme beraten, welche eine internationale
Intellektspolitik forderten, und deren Verwirklichung durch die Verschiedenheit
der Rassen verhindert war; ohne die berragende biologische Position der weien
Rasse durch Mischung zu gefhrden, mute doch eine verbindende Brcke ber diese
verschiedenen Vlker geschlagen werden.
    Sollte sie fort? Trbsinn harrt in Rom auf dich ... War es Feigheit, wenn
sie reiste, Mut, wenn sie blieb, - oder umgekehrt? Sie war beirrt und sah den
Weg nicht klar.

- - - Im Unwetter eilt Olga ber die Straen. Groe Wassermengen bedecken die
Wege. Der Regen strmt im Wolkenbruch. Die Blitze, diese flinken, funkelnden,
zornigen Gesellen, strmen im Zickzack ber das Firmament. Jeder tritt,
angekndigt von einem Donnerschlag, einen Augenblick lang, zackig und glhend,
in Erscheinung und verschwindet wieder, als strme er durch den Weltenraum.
    Diese Regenmassen der letzten Tage hatten einen Damm unterwaschen, - einen
Damm, auf dem ein Eisenbahnzug - von Vlissingen nach Berlin fuhr. Der Damm war
zusammengebrochen und jener Zug entgleist ... Sie jagt ber die Wege, sie watet
durch das Wasser. Die tiefer gelegenen Pltze in Friedenau sind berschwemmt.
Sie wird na bis zu den Knieen hinauf, sie schrzt das Kleid, so hoch sie kann,
und watet weiter, um nur den Bahnhof zu erreichen. Endlich ist sie im Zug. Am
Bahnhof Grunewald angelangt, sieht sie sich vergebens nach einem Wagen um. Es
ist keiner da. Im Unwetter verfolgt sie die Spuren des verwsteten Weges durch
den Wald. Und dann, dann steht sie endlich am Hause. In ihren nassen, triefenden
Kleidern eilt sie hinauf. Frau Wallentin kommt ihr entgegen, - gebeugt - eine
alte, alte Frau. Sie zieht sie in die Arme, und das Mdchen lt hier ihre
Trnen flieen. Dann nimmt sie die Mutter an der Hand und fhrt sie hin, bis an
die Tr jenes Zimmers, - in dem Manfred den Tod erwartet ...
    Der Zug, der einige Teilnehmer des Kongresses von Vlissingen nach Berlin
bringen sollte, war entgleist. Als man Manfred nach Hause brachte, war er ein
verlorener Mann. uerlich unverwundet, hatte er innere tdliche Verletzungen
davongetragen. Hoffnungslos, sagten die rzte.
    Die Mutter hat leise die Tr geffnet, aber Olga tritt nicht ein. Sie bleibt
im Nebenzimmer, hinter der Portiere, die sie behutsam beiseite schiebt. Sie will
sich nicht an sein Lager drngen, dort ist nicht ihr Platz. An seinem Bett sitzt
Eva. Sie will nur noch einmal die geliebten Zge schauen. Und zum zweitenmal
sieht sie einen Menschen sterben. Sie sieht, wie er die Augen aufschlgt und wie
ein letzter, goldener Strahl daraus zu Eva gleitet. Sie sieht, wie Eva sich ber
ihn beugt, wie er seine Hnde hebt, - wie sie auf ihrem Leibe ruhen ...
    So steht sie an der Tr, so blickt sie, zum letztenmal, in das Antlitz, -
ber das sich die Schatten lagern, die bald fr immer bedecken, was sie geliebt.
- - -

Manfreds sterbliche Reste wurden in das Krematorium von Gotha berfhrt und dort
verbrannt. Dann wurde die Urne mit seiner Asche provisorisch beigesetzt, -
verwahrt. Die endgltige Bestattung sollte von einer besonderen Manifestation
der Kulturwelt begleitet sein. Noch waren die Teilnehmer des Kongresses, den
Manfred einberufen, in Europa, als die Kunde von seinem pltzlichen Tode bekannt
wurde. Sofort bildete sich ein Komitee, welches sich die Aufgabe stellte, die
Mitglieder des Kongresses in mglichst groer Zahl zu Manfreds Begrbnis zu
fhren.
    Und sie kamen. Sie strmten herbei - hunderte von Menschen, die an den
Spitzen der geistigen Entwicklung der Welt standen. Hunderte von Trgern
internationaler Kulturgedanken kamen, seine Asche zu bestatten. Es war ein Zug,
wie man ihn noch nie gesehen, - ein Zug von Menschen, deren Haltung und Antlitz
der Geist die entscheidende Form gegeben, deren Stirne vom Werke leuchteten. Ein
Teil des groen Parkes war von einem Gitter umfriedet und bestimmt worden, die
Urne zu bergen. Ohne jede religise Zeremonie bewegte sich der Zug vom Hause bis
zu jenem Teil des Parkes.
    Das Unwetter hatte ausgerast, und einer jener goldenen Oktobertage
berleuchtete Himmel und Erde. Unter einer breitkronigen Rotbuche war ein
berwlbter Sockel, von weiem Marmor, errichtet worden, einer Art von
steinernem Schrank, in dem die Asche in einer antiken Urne, die Manfred selbst
von einer Weltreise mitgebracht, und deren schwrzliche Bronze die Jahrtausende
patiniert hatten, beigesetzt wurde. Es war dies in jenem Teil des Parkes, der an
herrlichen Gewchsen am reichsten war. In edler Anlage schlo sich hier dichtes
Baumwerk zusammen, Kiefern, Taxus, Lebensbume, und Zypressen; Kirschlorbeer und
Rhododendron rankten sich in geschtzten Lagen. Neben jungen Blautannen glhten
die granatroten Beeren des Ilex. Moos bedeckte die Erde und den Ansatz der
Bume, und hohe Farne schmiegten, wie trstend, ihre zrtlichen Spitzen an das
marmorne Gehuse, das in tiefer Nische die Urne barg. Hier rankte echter Wein,
von dichten Bscheln roter Kletterrosen durchglht. Bunte Nesseln leuchteten
neben den Farnen und eilten von hier den Struchern zu. Weie Palmlilien hoben
sich in schlanker Schwermut aus dem dichten Dunkel des Gartens, und auf
kletterndem Gestruch, wiegten die Passionsblumen ihre rosa, lila und weien
Kpfe, mit ihren sechs-und achtblttrigen Blten schimmernd, wie entflohene
Sterne,
    Ein groer Dichter trat vor. Sein bartloses, feierliches Antlitz, mit der
gewaltigen Stirn, erinnerte an das Haupt eines jungen, geistlichen Sehers, dem
in der Stille seiner Zelle Offenbarung wurde. Mit schpferischen Worten zauberte
er das Bildnis des Toten herauf. Er sprach von den erschlieenden Augen, die
liebreich auf den Dingen geruht. Er stellte sein festliches Wesen vor die Seele
der Trauernden. In dem jhen Tode des Freundes sah er ein Symbol, wie es das
Schicksal nicht sinnflliger erdenken konnte: ein Symbol fr den tollen Zufall
der Vernichtung, der das Hohe auf dem Wege zur Vollendung immer wieder
zerschmettert. Der Neid der Gtter schlug hier wieder einen nieder, der die
Menschheit in ihre Nhe zu rcken sich verma. Ein Ritter, der den leuchtenden
Degen schwang, ward hier niedergestreckt. Er starb in der letzten Stunde vor der
wohlbereiteten Tat, nachdem er den Ertrag seines Lebens in von ihm gewhlte und
geeinte Hnde gelegt. Von hier aus wird das verwahrte Pfund erwachsen, bis es
jene Gestalt erreicht, die die Sehnsucht des Toten war, die ihm vorgeschwebt,
deren Bild ihn auf langer Wanderschaft gefhrt ... Wie eine sagenhaft
ritterliche Gestalt, so wird uns, im trben Tag irdischen Wirkens, sein Bild
umschweben ... Als die letzten Worte verhallten, fluteten aus der Verborgenheit
des Parkes die erhabenen Klnge des Trauermarsches, der Siegfrieds Tod
begleitet. Und die Tne folgten dem Zug, als er sich langsam in Bewegung setzte
und dem Hause zuging. - - -
    Einsam, in der strahlenden Herbstsonne, blieb die Urne in ihrem steinernen
Gehuse, und die Buche lie das Blut ihrer Bltter ber dem weien Marmor
rauschen. Zrtlich schmiegten die Farne ihre gefiederten Spitzen an den
leuchtenden, kalten Stein; der frische Herbstwind strich durch die bunten
Nesseln und fuhr flsternd weiter, bis er die Sterne der Passionsblumen wiegte
und dann aufstieg, in die Kronen der Bume, denen er raunend erzhlte, was sich
unten, an dem einsamen Stein, begeben ...

Tage verstrichen, Tage, in denen die Seele sich tief und willig ihrem Weh
verkettet ... Da kam ein Brief von Werner.
    Er erzhlte von seinem Leben in der Blockhtte ... Zwei Stunden tglich
arbeitete er auf dem Acker- und Gartenland, das die Htten einte, und dessen
Ertrag die Ansiedler zum grten Teil nhrte. Reichte die Ernte nicht aus, so
half der europische Verein, denn Bettelmnchtum lag nicht im Sinne
neubuddhistischer Reform. Vor der Aufnahme hatte er ein tiefschrfendes
philosophisches Verhr zu bestehen gehabt. Wie er jetzt erfuhr, hatte ein
besonderes Schreiben des Herrn von Bredow seine Aufnahme begnstigt. Die ganze
brige Zeit - auer jener zweistndigen Gartenarbeit, - gehrte den Jngern, zur
Versenkung und zum Gesprche ber die tiefsten Fragen. So hatte er den Sommer
verbracht, und geistliche Stille hatte sich ber seine Seele gebreitet. Manchmal
freilich geschah es, da es wie ein Aufschrecken, wie eine pltzliche Unruhe
immer noch ber ihn kam; er glaubte dann hinhorchen zu mssen, - hin, nach der
Welt des Kampfes, in der die Mue nur in sprlichen Mengen gewhrt ist und in
der die hchsten Preise andere sind als die, die ihm jetzt beschieden sein
mochten ... Dann fragte er sich wohl, ob nicht seinem scheinbar so einfachen
Leben, doch ein Gedanke von Knstlichkeit, ja von Gewaltsamkeit zugrunde lag, -
ob nicht dieses absichtsvolle Vermeiden aller Mglichkeiten des Glckes, -
dieses ngstliche Erdrcken aller Wunschkeime - - eine Gewalttat war, die dem
Gang des Lebens in die Zgel fiel?... Gewi, das Ziel war ein hohes: Ruhe des
Herzens ohne die Mitwirkung anderer zu erobern; so wurde man frei ...
    Hier sank der Brief aus Olgas Hnden. Ein Gedanke durcheilte sie, lie sie
den Kopf starr aufrichten, als lausche sie einer verborgenen Stimme ... Wie? War
denn nicht gerade das auch die Freiheit, um die sie rang, - hier, mitten am
Kampfplatz? Ruhe des Herzens ohne die Mitwirkung anderer zu erobern - war das
nicht auch gerade die neue Aufgabe der Frau? Jahrtausendelang hatte die Frau nur
dann im Frieden geruht, wenn ihr das Schicksal zuteil wurde, ihr Leben mit
anderem Leben aufs engste zu verknpfen. Auerhalb dieser Ruhe war fr sie -
Vogelfreiheit gewesen, Verfolgung, Rastlosigkeit und Gram. Aber die neue Frau -
die auf ihr Selbst verwiesene, - die hatte eine neue Ruhe zu erobern, deren
Seele mute es lernen, stille und friedlich zu sein, regsam und frei zu bleiben,
- auch ohne die Mitwirkung anderer ...
    Werner sprach auch ber das Geheimnis, das ihm ihr letzter Brief vertraut
hatte. Es schien, da die Gestalt Manfreds - das Schriftbild des teuern Namens
grub sich brennend in ihr mhsam bezwungenes Herz, - stark vor sein inneres Auge
getreten war ... Ein vollkommener Mensch ist der, - so schrieb er - dessen
Erscheinungsform dem Urbild seiner Idee am nchsten kommt. Denn die Urbilder
allein sind die letzten Wesenheiten der Dinge. Die Vielen und Meisten, in sich
selbst Zerstckelten, in sich selbst Vielfachen, entfernen sich mehr und mehr
von ihrem eigenen Urbild, von dem letzten Gedanken, der ihrer Erscheinung
zugrunde liegt; selten taucht Einer empor, der den Sinn seines Wesens erfllt.
Ist Dir das unsagbare Glck begegnet, die Gestalt Deiner Sehnsucht leibhaftig zu
sehen, Deinen Weg mit dem jener Erscheinung zu kreuzen, so vergi niemals dieses
wunderbare Geschehen immer nur als Glck zu werten. Einerlei ob der Besitz der
geliebten Person damit verbunden ist oder nicht. ffne diesem einzigen Gedanken
Dein Herz, und alles triebhaft Undeutliche wird friedlich und deutlich werden,
und alle verstreuten und spukenden Krfte werden das Zentrum suchen. Du wirst
Dich dann stark fhlen - Du wirst Dich fhlen. Du bist dann. Es ist Dir, als
mtest Du Dich einer Fhrung berlassen, die als hhere empfunden wird. Du bist
scheinbar unbeteiligt mit dem Willen, das heit, Du sprst ihn nicht. Du
gelangst in einen wahrhaft seligen Zustand, - wenn selig als das Wort gefat
wird, das von Seele stammt ... Nur jene Reinigung des Herzens lt Dir das
geliebte Bildnis so hell erstrahlen, da es Dein bleibt auf allen Wegen ...
    Gedanken der innigsten Vershnung mit dem Leben sind in diesen Zeiten, die
ich hier verbringe, ber mich gekommen. Ich sehe einen beruhigenden Sinn in
allem mir frher so sinnlos scheinenden Walten, und einzig der Glaube an diese
kristallene Vernunft, die auf dem Grunde der Dinge wirkt, - einzig dieser
Gedanke lt mich das Leben ertragen - ja lieben. Es ist die Flucht vor den
Irrefhrungen des Treibens der Welt, die diese beglckende Hellsichtigkeit in
mancher Stunde im Gemt entstehen lt - ich wei es. Aber manchmal berkommt
mich dennoch, - ich nach sagte es Dir schon, - etwas wie bange Sehnsucht nach
jenem verwirrenden Brausen, - nach der dumpfen Musik des ttigen Lebens. Fast
sehne ich mich dann, den geraden und glatten Weg, den ich nun wandle, wieder zu
verlassen und an jenen vielfach verkreuzten Pfaden, - von neuem - irrend - die
Richtung zu suchen. Stimmen erheben sich, Stimmen der Verfhrung, Stimmen, die
zur Unrast der Welt hinlocken und zu wagemtiger Beteiligung an den Gefechten
des Tages. Dann sage ich mir wohl: ist das eine Antwort, die ich hier erhielt, -
oder ist es nicht eine neue Frage jener ewigen Sphinx?... Weit Du, was die
Koralle im Meer bedeutet? Darwin erzhlt, da jene Korallenriffe die letzten
Anstrengungen untersinkender Kontinente sind, - ihre Hupter ber Wasser zu
halten. Und ich? Habe ich nicht das Atmende und Lebende und Zuckende meiner
Seele zu rosiger Versteinerung gerstet? Eine letzte Anstrengung untersinkender
Kontinente?... Die Sphinx blickt mich an mit toten, steinernen Augen ...
    Und Olga dachte: Weit - weit ist der Weg nach Indien. Die gelbe, mnchische
Toga, die er jetzt nur geliehen, - sie zu erwerben wird ihn einer hindern: sein
Genius, - sein Dmon? Wer wollte das entscheiden. - - -

                                 Elftes Kapitel



                                    Sammlung

 Wer frei von hinnen geht,
 Der ist's in Ewigkeit.
                                                                        Rckert.

Die goldenen Oktobertage waren vorber. Der November war da, und dicht lagen die
milchweien Nebel vor den Fenstern und machten sie undurchsichtig. Fr kurze
Minuten nur hob und verteilte sich diese brauende Nebelmasse. Und wenn Olga
jetzt an Italien dachte, so wuchs ihr die Sehnsucht danach, die Sehnsucht und
der Mut. Jetzt band sie hier nichts mehr, - jetzt war sie frei. Wohl war diese
Freiheit noch nicht jene frhliche, jene warme, die neue Gestaltung ruft. Es war
eine Freiheit, die sich manchmal wie Eis um das Herz legte, - niemandem gehrig,
von niemand gefesselt und durch keinerlei menschliche Bande mit einem bestimmten
Orte verknpft, - so mochte sie gehen oder bleiben, - so war sie frei. Das war
freilich noch nicht jene Freiheit, - von der er gesprochen. Mit wehmtiger
Inbrunst barg sie das Bild, dessen Glanz auf ihr Leben gefallen war, tief in
ihrem Herzen. Sie verschlo es da so fest, wie jene uralte, bronzene Urne
verschlossen war. Leuchtend und unnahbar baute sie in ihrem Herzen, wei und
steinern, ein Grabmal um diesen teuren berrest ihres Glckes, und ihr rotes
Blut rauschte darber, - wie das Laub einer einsamen Buche ...
    Wenn sie jetzt an Rom dachte, so war es nicht mehr mit den Worten aus dem
Tasso: Schmerz, Verwirrung, Trbsinn harrt in Rom auf dich. So hatte sie nur
denken knnen, solange es hier Stunden gegeben, auf denen das Licht ihrer Liebe
lag. Jetzt? Wo konnte sie einsamer sein, wo konnte die Trbsal sie schneller
erreichen als hier? Sie dachte jetzt mit anderen Worten Goethes: Trbe der
Himmel und schwer auf meine Scheitel sich senkte, - farb- und gestaltlos die
Welt um den Ermatteten lag ... Und eine unberwindliche Sehnsucht nach dem
Glanz des helleren thers wurde immer strker in ihr.
    Stanislaus riet dringend zur Reise. Er ahnte, was sie hier gelitten, und er
wute, da ihre empfngliche Seele jetzt Sonne und wieder Sonne brauchte, um
aufzuleben; und da es nicht die Sonne eines glcklichen Schicksals sein konnte,
so mochte es der Glanz der sdlichen Landschaft sein, von dem er fr sie
Erweckung zu neuem, starkem Lebenskampf erwartete. Sie sollte sich um die
Fhrung ihrer Korrespondenz keine Sorgen machen, Lore war gut informiert, wrde
ihr die wichtigsten Einlufe nachsenden und den Vertrieb geschickt besorgen. Sie
sollte nicht zgern und reisen, nicht fr wenige Wochen, nein, dem ganzen,
deutschen Winter sollte sie entfliehen und erst im Frhling oder im Sommer, mit
neuen Krften, wiederkehren. Olga meinte, es sei nur selbstverstndlich, da
Lore unter solchen Verhltnissen Mitbesitzerin der Korrespondenz wrde.
Stanislaus schob jede endgltige Regelung dieser Frage hinaus; nach ihrer
Rckkehr wrde sich das finden.
    Der Plan der Reise gewann immer festere Gestalt. Wenn Olga zu ihren Wegen
nach der Stadt meist nur die Mittagsstunden benutzen konnte, nach Hause kam, mit
kalten, nassen Fen und bald nach dem Mittagessen die Lampe anznden mute, da
schoben sich ihr zauberhafte Szenerien, wie Luftspiegelungen, vor die Seele. Da
war das Meer, das sie nie gesehen, - tiefblau funkelnd, mit zart bewegten
Hgeln, aus deren geborstenem Kamm es weilich schumte, - mit Dampfern und
Seglern auf dem Rcken und Vogelscharen ber sich, deren geschlossenen Flug sie
wie eine dunkle, sich bewegende Linie zu sehen glaubte. Sie sah eine Kste, mit
hellen, flachgedeckten Husern, frohlockend im Sonnenlicht. Die schlanken Kegel
der Zypressen und die raumheischenden Kronen der Pinien, die nachbarliche
Verschlingung nicht dulden, hoben sich vom Horizont. Sie sah Oliven und Reben
flinkfig ber wellige Hnge klettern und ber allem, zitternd und schwingend,
das weie, durchsichtige Licht des Sdens.
    Und dabei sa sie in einer Berliner Vorortsstube bei der Lampe oder eilte,
in Nsse und Klte, mit schweren Kleidern, durch die Straen. Und sie blickte
auf einen kleinen Sonnenfleck, der manchmal lngere Zeit auf dem Boden der
Loggia blieb, und ihre Phantasie weitete ihn und spannte ihn ber das Firmament.
Die Sonne, die Sonne - das war jetzt fr sie das gelobte Land. War es Manfreds
Tod, oder waren es die Worte aus Werners Brief, die ihre Seele gereinigt hatten
von jenem dunklen Zwang, die sie hochgehoben hatten ber das whlende Leid,
welches vordem ihren Lebenswillen zu begraben drohte? ber dem Leid, das sie
jetzt empfand, lag ein Hauch von Frieden, - Wehmut war gekommen und hatte
Erbitterung, Auflehnung und den finsteren Gram verdrngt. Nur fr Stunden kam
noch diese Bitterkeit ber sie, die einem Schicksal galt, das sich durch keinen
Besitz gefestigt fhlte. Sie ging nun diesen Winter nach Italien, - wie sie im
vorigen nach Schlesien gereist war. Ob ihr Weg sie in Schnee und Winter oder zum
Lichte des Sdens fhrte, - wen ging es an, wer fragte danach! Verlassen damals,
vereinsamt heute und niemand gehrig, heute wie damals. Aber mit wiederkehrender
Kraft schwang sie sich mutig ber solche Stimmungen, die sie verdsterten. Sie
bemhte sich, die Wohnung zu vermieten, und nach kurzer Zeit gelang es ihr. Nun
hie es, die Mbel in Aufbewahrung geben. Ein Teil kam zu Stanislaus und Lore,
der Rest, fr den dort kein Platz war, zum Spediteur. Es war eine lstige Arbeit
fr sie, all ihre Habe vom kleinsten bis zum grten Gegenstand, durch ihre
Finger gehen zu lassen und bei jedem Stck zu berlegen: wohin damit, - was
brauche ich davon, was kann ich entbehren, wohin lege ich dies und wohin jenes,
damit ich es auch seinerzeit wiederfinde. Ihre berflssige Garderobe verpackte
sie in Koffer, und als sie nach einiger Zeit merkte, da sie doch noch manches
Stck daraus brauchte, da lagerten die Koffer schon im Keller des Spediteurs,
und sie mute hinuntersteigen und allein in dem weiten, dunklen Keller in ihren
Koffern nach den gewnschten Sachen suchen; und weil ihre Seele noch wund und
empfindlich war, so prgten sich solche Szenen der Dsterheit, die Zeugnis
ablegten von zerrissenem Besitz, von Mhsal und Einsamkeit, schmerzlich in sie
ein.
    Aber trotz aller Bedenken und Beschwerden sollte die Reise angetreten
werden, - denn sie schien erlaubt - in dem Sinne, wie Eva das Wort verstand;
ja sie erschien geboten.
    Sollte sie ber Genua, Mailand oder Verona fahren, die Strecke ber den
Simplon, den Gotthardt oder den Brenner whlen? Fuhr sie ber den Gotthardt, so
war sie den italienischen Seen nicht fern. Sollte sie Werner aufsuchen? Auch
diese Frage tauchte auf, aber sie verneinte sie schnell. Der mute noch lange
sich selbst allein berlassen bleiben, und ihr Erscheinen wre ein heftiger
Eingriff in den geschlossenen Zustand seines jetzigen Daseins gewesen. Wre Edda
noch in Genua gewesen oder selbst an der azurischen Kste, so wrde sie den Weg
ber Genua gewhlt haben, um sie hier zu treffen. Aber Edda lebte in Paris, wo
Mr. Macpherson sie im Frhling abzuholen pflegte, um dann bis zum Herbst mit ihr
im Car durch Europa zu reisen. In seine Heimat war sie ihm nicht gefolgt, denn
es htte weder seinen noch ihren Wnschen entsprochen, in Heimlichkeit neben der
gesellschaftlichen Sphre, in der er zuhause war, sich zu verbergen ... So traf
sie ihn nur, wenn er in Europa war und lebte in der brigen Zeit in Paris, im
Rahmen der Gesellschaft, die der Witwe des berhmten Gelehrten Tr und Tor
geffnet hatte. Ihre sehr diskret gepflegten Beziehungen zu dem amerikanischen
Millionr, von denen man munkelte, begegneten hier geflliger Nachsicht und
vollem Begreifen. Man fand sie belle  miracle, und das vornehme, kleine
Hotel, das sie mit ihrer Dienerschaft bewohnte, wurde von den Angehrigen der
besten Kreise, in die sie die Familien hervorragender rzte eingefhrt hatten,
gern besucht. So war auch dieses Leben - nach zwei Seiten hin, - befriedigend
geordnet ...
    Eva wohnte nun nicht mehr in der Nhe des Grunewalds, sondern war mit ihrem
Tchterchen ganz ins Haus von Frau Wallentin bersiedelt, deren letztes Sehnen
an der Heimkehr ihres Sohnes Florian und dem werdenden Leben hing, das Eva unter
dem Herzen trug.
    Als Olga abreiste, war ihr Zustand schon weit vorgeschritten und das Bildnis
der hoffenden Frau, die auf dem Bahnsteig stand und so lange mit dem Tuche
winkte, als der Zug zu sehen war, war das letzte, das Olga aus jener Stadt, die
ihr fast eine Heimat geworden, mitnahm.

Noch in Mnchen, wo scharfe Herbststrme wehten und der Regen tglich ein
paarmal den Menschen auf die Kpfe fiel, wollte die Schwermut nicht von ihr
weichen. Aber als sie sich am ersten Morgen in Florenz die Augen rieb, - das
Licht in klarer Strke durch die Fenster hereinbrach, und ber dem lauten,
bunten Straenleben die Sonne so festlich glnzte, als htte sie sich zu ihrem
besonderen Willkomm gerstet, da fiel mit einem Schlage alles, was ihr Wesen
bedrckt und niedergeschwert hatte, von ihr ab. Die Reaktion ihrer Natur auf die
Atmosphre des Sdens, auf dieses Klima, diese Luft, dieses Licht, diese starken
Farben und scharf umrissenen Formen, war eine vehemente.
    Stufenweise begann sie sich in den groen Kunstepochen, deren Monumente
Florenz umschlo, zurechtzufinden. Sie begann mit Giotto, stieg weiter hinauf zu
den Entzckungen des Fra Angelico, schwang sich in die reineren Hhen des
Ghirlandajo; von Bruneleschi kam sie zu Michelozzo, und von da erst nherte sie
sich zagend den Hhen Michelangelos. Hier, in Florenz, sah sie zum erstenmal die
Entwrfe zur Sixtinischen Kapelle, und ihr Herz klopfte hher, wenn sie an Rom
dachte. Aber mehr noch als die Schtze der Museen und die Wucht der Palste gab
ihr die Umgebung. Dieser Kranz von Bergen, dicht mit kleinen Drfern und Villen
beset, berragt vom alten Fiesole, von Obst, Oliven und Reben beladen, die
jetzt in herbstlicher Glut standen, von Zypressen und Pinien gekrnt, - dieser
Kranz, der sich da um die Stadt herumschlo, bertraf all ihr Erwarten. Als sie
hoch oben in Fiesole, auf dem uralten Platze stand, auf dem das Etruskische
Museum steht, vor sich die groe Treppe sah, ber welche gerade ein
Kapuzinermnch hinunterging, als sie diese weite Hgellandschaft in deren Mulden
Florenz liegt, berblickte, da schien sie sich selbst wie von einem Alpdruck
erlst. Sie war den ganzen Nachmittag in den etruskischen und rmischen Ruinen
und in dem kleinen antiken Museum da oben herumgestiegen, und der Sinn, der sie
befhigte, diese alten Schtze zu betrachten, war ihr ein durchaus neuer.
Niemals hatte sie gedacht, da man einen versteckten Sinn fr Archologie
urpltzlich in sich entdecken knnte. Vielleicht war es nur ein hohes
krperliches Wohlbefinden, das sie befhigte, ihre Augen auf den Dingen ruhen zu
lassen und liebevoll ihren Formen nachzugehen. Manchmal war ihr, als she sie
das helle Antlitz Manfreds, welches sie mahnte: betrachte - betrachte liebevoll
die Erscheinung ... Wenn sie nun an ihn dachte - wie er gelebt und wie er
gestorben, - dann war es ihr, als ob auch ber diesem jhen Verschwinden eine
geheimnisvolle Logik des Schicksals lge ... Denn von dem bestehenden Heute zum
kommenden Morgen, zu seiner Zeit, war - so schien es ihr - ein zu weiter Weg, um
ohne Stufen genommen zu werden. Zwischen der Gegenwart und zwischen dem neuen
Tag, den er sah, muten bergnge liegen, damit sein Werk zu reiner Wirkung
gelange.
    Und seine Erscheinung war aufgeleuchtet und verschwunden, wie die Fata
Morgana eines mglichen Zieles, zu dem der Weg noch weit war ...

Sie hatte das Weihnachtsfest in Rom verlebt. Die Regenzeit verbrachte sie mit
der Besichtigung der Sammlungen, der Raffaelischen Loggien und Stanzen und -
immer wieder - der Sixtinischen Kapelle. Trumend stand sie vor der Weisheit der
Sibyllen, oder betrachtete, mit dem Spiegel ber dem Kopf, die Anmut Evas, die
Gottvater, mit gndiger Erlserhand, aus der Rippe des schlafenden Adam
herauswinkt. Und Adam selbst, - wie liegt er leblos auf der Bschung der runden
Welt, ein armer Kolo, bevor ihn nicht der ausgestreckte Finger des
heranschwebenden Herrn berhrt und er, noch verfangen im Schlafe des Unbewuten,
langsam zur Welt erwacht.
    Einmal, als sie hier stand und wanderte, wurde gerade ein Trupp Englnder
hereingefhrt. Noch bevor das Pfefferminzpltzchen, das sie zur Erfrischung
genommen hatte, auf ihrer Zunge zerschmolz, gingen sie, mit dem Urteil a nice
place und unter Mitnahme einiger Steinchen aus dem Msaik, die sie von dem
Fuboden, der gerade restauriert wurde, emsig auflasen, wieder dem Ausgang zu
... Zu lngerem Aufenthalt hatte sie sich in einer Pension eingemietet. Wre sie
nicht ganz allein hier gewesen, so htte nichts sie vermocht, sich tglich
mehrmals mit dieser fremden Schar zu Tisch zu setzen. Hier in dieser gttlichen
Stadt - hier htte man mit einem Gefhrten wandern mssen ... Wie htte man dann
in den kleinen Trattorien, drauen vor den Toren, festlich speisen knnen! Ein
Greuel waren ihr diese von maskenhaftem Lcheln begleiteten Gesprche, die an
der Table d'hte gefhrt wurden und allesamt zu dem einen Zweck verschworen
schienen: nichts zu sagen. Ihre Nachbarin bei Tisch, eine ltere Tochter
Albions, fragte, als sie hrte, sie sei sterreicherin, nach der Affre Vecsera
... oh - she was a girl without principles... Nach und nach erschien sich
diese Intellektuelle geistig wie ein Fisch auf trockenem Sande und sehnte sich
manchmal nicht wenig, nur eine Stunde mit einem Menschen so reden zu knnen, wie
sie es gewohnt war; hier in der Ferne erst, erhielt die deutsche Metropole, die
Hochburg geistigen Ringens, fr sie die rechte Perspektive.
    Freilich, - im Sonnenglanz auf dem Forum umherzuwandern und da mit dem neu
entdeckten Sinn das alte Rom im Geist aufzubauen, das war freilich auch ein
ganz besonderes Glck. Sie durchquerte die weiten Sttten mit den erhabenen
Trmmern. Von hoch oben - durch den Titusbogen - waren die Sieger eingefahren.
Stehend lenkten sie das Gespann ber die alte, heilige Strae. Das Haus der
Vestalinnen, klosterhaft abgeschlossen, ragt noch als groe, runde
Backsteinruine. Die Marmorblcke weiter oben - Trmmer des Augustustempels.
Links haftet das Auge an den acht Sulen des Saturntempels, alle hnlich
verfallen, als htten sie am selben Tage zu bersten begonnen. Von ihren plumpen,
jonischen Kapitalen flchtet der Blick auf das edle, korinthische Geblke der
drei verschwisterten Sulen, die vom Tempel des Kastor und Pollux geblieben
sind. Mchtige Tuffquadern liegen unter einem Bretterdach geborgen, wie Blcke,
mit denen Riesen gespielt, - Reste des Altares des Vulkanus; und im Comitium der
alten, republikanischen Gerichtshalle sind noch die Bogenfenster, zugemauert,
erhalten. Noch leuchtet auch der kstliche Marmorboden der Basilica Aemilia..
Schmale Durchgnge und Pfade fhren durch alle diese Trmmer immer wieder zur
Via Sacra ...
    Hier ging sie Stunden und Stunden. Sie lehnte sich an die Rostra, die
Rednerbhne, welche Csar errichten wollte und die Augustus ausgefhrt. Hier
stand sie, nahm mit den Augen das im Lichte strahlende Bild, diesen ungeheuren
Platz voll von Ruinen, zwischen denen sich ihr immer gebterer Blick immer
besser zurechtfand. Nicht selten dachte sie dann auch an das, was sie zu sagen
hatte, spter sagen wrde, - zuhause. Und an die Brstung der Rostra gelehnt,
formte die Rednerin der jungen Zeit manchmal halblaut ihre Gedanken, - ber die
mgliche Freiheit des weiblichen Schicksals. - - -
    Sie war erfreut, als sie endlich einen lngeren Brief von Stanislaus
erhielt. Bisher hatten sich seine Nachrichten auf kurze Mitteilungen beschrnkt.
Das Erscheinen seines Buches ber die Stiefvaterfamilie und der neuen, von
Manfred gegrndeten Zeitschrift, deren Chefredakteur er war, hatten ihn voll in
Anspruch genommen. Der freundliche Hafen, in den sein Schicksal eingelaufen war,
bot aber wohl eine gute Sttte fr ihn, denn schon bereitete er wieder ein neues
Werk vor.
    Er berichtete, da sein erstes Buch ber die Probleme der Moderne bald in
neuer Auflage erscheinen sollte, und da er eben dabei war, diese Neuauflage zu
bearbeiten. Es mu eine verbesserte Ausgabe werden, schrieb er; denn wo er in
der ersten Bearbeitung angegriffen hatte, mute er erklren und ergnzen. Man
hatte sein Buch als eine Absage an die Moderne aufgefat. Dieser Meinung mute
er entgegentreten. Klarer als frher erkannte er die tiefsten Werte jener neuen
Epoche. Hinter der angeblichen Ziellosigkeit, die panikartig heute diese
Streiter durcheinandertrieb, erkannte er doch ein starkes Zielwandern, eine
unaufhaltsame Bewegung, die den Weg zur Hhe suchte. Wo wre eine Epoche, so
schrieb er, - in der eine ganze, groe Schicht so sehr gegen sich selbst rang,
wie unsere Schicht - in unserer Gegenwart. Diese Halbnaturen, so schrieb er,
sind heute so zahlreich, weil in einer Generation Erfllung nicht mglich ist.
Aber Bewegung ist da, die vorwrts schiebt, verdrngt und ausliest. Und wenn man
genau hinsieht und hinhorcht, so merkt man ordentlich, wie es in den Gelenken
dieses groen Lebewesens - welches eine Generation einer bestimmten
Kulturschichte resprsentiert - kracht, wie es sich dehnt, wie es wchst ... Es
bleibt noch das schwerste Bedenken: da die Intellektualitt auf Kosten der
Instinktkraft steigt. Das wre freilich schlimm. Denn kein Homunkulus, und sei
er noch so kunstvoll gegliedert, ersetzt die Weisheit von Fleisch und Blut. Aber
ich - glaube - kann ich nur sagen, denn zum Wissen dieses Dinges ist noch weit,
- ich glaube und ahne, da auch dies nur ein bergangsstadium, eine aufhaltende
Biegung des Weges ist, und da der vollkommene Intellekt berhaupt nur durch das
Medium hochentwickelter Instinktkraft wird. Darum Zchtung und Frderung dieser
Kraft, - - doch hier beginnt ein neues Lied - Manfreds groe Lehre. - - - Dann
sprach er von seinem neuen Buche. Diesmal waren es Gestalten, die ihm
vorschwebten und ihre lebendigen Schicksale von ihm verlangten. Als Trger der
Handlung sehe ich Einen aus der jungen Generation hochassimilierter,
weltbrgerlich freier Juden. Ich sehe ihn als eminenten Vertreter
intellektuellen Ringens. Sein Herz birgt noch die alte Inbrunst vom Sinai -
seine Seele liebt vielleicht die Gesnge, zu denen an den Wassern des Euphrat
die Harfen tnten, - von Trnen betaut, - aber seine Vernunft klettert khn auf
die Gipfel westlicher Kultur, bis zu Darwin, Nietzsche und Kant.
    So schrieb er, glhend von Plnen. Und dieser Ausdruck geistigen Ringens -
er war einzig auch ihre Sprache und lockte ihre Sehnsucht, wieder dort zu
stehen, wo der berauschende Kampf mit den eigenen Krften ihrer wartete. Dort
war die Sphre, in der sie wurzelte, - nur dort. Die Skrupel, die die geistig
Arbeitenden fast nie verlassen, wenn sie auf dem Wege sind, auszuruhen, zu
genieen, meldeten sich; aber sie war klug genug, um zu wissen, da ihre
Energie, die ber ihre Kraft von den Vorgngen der letzten Zeit beladen gewesen,
erst noch schlafen mute, ruhig liegen, wachsen, sich im Schlafe erneuern und
vor allem - reifen, ohne aktives Tun, wie die Frucht am Baum reift, whrend sie
sich der Sonne berlt. Auch sie mute sich noch hier der Sonne des Sdens
berlassen, bevor sie, eine strkere, heimwrtszog.

Es ging schon zum Frhling zu, als sie wirklich das blaue Meer sah. Auf der
Felseninsel ffneten sich schon die Knospen der Kakteen und Agaven, die aus dem
Gestein wuchsen, Limonen- und Orangenbume standen im neuen Grn und rsteten
fr die Blte; die Pinien hatten zarte, helle Spitzen. Hier auf Capri wollte sie
noch lngere Zeit bleiben.
    Am liebsten stieg sie vom hochgelegenen Ort hinunter, kletterte gewandt ber
den Rcken der Berge, bis ganz dicht ans Meer heran.
    Und hier sah sie eines mittags, whrend sie sich sonnte, einen jungen Mann,
dessen Gesicht eine hnlichkeit mit irgend jemand hatte, den sie kannte, ohne
da sie sich besinnen konnte, wer es war. Dieses ovale, gebrunte Gesicht, mit
dem schwarzen Spitzbart und den sanften, mandelfrmigen, dunklen Augen,
erinnerte sie an - - - Sie suchte in ihrem Gedchtnis. Und pltzlich wute sie
es: an die alte Frau Ullmann, die auf Krcken ging, und die sie im Bunde
getroffen. Der junge Mann ging; aber wenige Tage spter traf sie ihn wieder, -
an der Seite einer zierlichen, kleinen Frau, mit runden, gerteten Wangen und
einem Paar Augen, die ordentlich wild funkelten, ohne den friedlichen Ausdruck,
den das Gesicht sonst trug, zu gefhrden. Wenige Tage spter erhielt sie ein
Krtchen: Gndiges Frulein! Ich habe erfahren, da Sie hier sind. Verzeihen
Sie uns, meiner Frau und mir, die Khnheit der Annherung. Aber wir kennen seit
langem Ihren Namen und wrden es zu schtzen wissen, Sie begren zu drfen.
Bruno Ullmann.
    Zwischen Olga und diesem jungen Paar entspann sich nun ein reger Verkehr.
Das also war der einzige Sohn Frau Ullmanns, von dem jene ihr erzhlt hatte.
Bald erfuhr sie die Geschichte dieses Paares und wurde Zeugin ihrer Lebensweise.
Sie hatten lange in einem Dorf in den Apeninnen gelebt, - aus dem einfachen
Grunde, weil sie nur ein Einkommen besaen, von dem anderwrts kaum ein Mensch,
wenn auch auf die bescheidenste Art, leben konnte. Erst in letzter Zeit hatte
die Mutter ihr Vermgen besser angelegt und konnte dem Sohn eine grere Rente
gewhren. Nun lebten sie auf Capri, unten an der Marina piccola, in einem
Huschen, dicht am Meer. Sie hatten da eine winzige Wohnung gemietet und mit dem
allernotwendigsten Hausrat ausgestattet. Seltsam erschien es Olga, da dieser
junge Mann sich von der Heimat fernhielt, ohne den Versuch zu machen, einen
Erwerb zu finden. Aber als sie das Paar lngere Zeit beobachtet hatte, wute
sie, da er zu jenen gehrte, an welche normale Forderungen zu stellen anormal
wre. Stundenlang lag Bruno am Balkon im Streckstuhl, oder er lagerte zwischen
den Klippen. Langweile kannte er nicht. Seine Seele war friedlich. Ab und zu
schrieb er ein Gedicht nieder, mit dem er keinerlei Absichten hatte, wie sie
Schriftsteller sonst zu haben pflegen. Und dann war er ein Freund der Vgel. Sie
hatten einige Kfige, voll dieser bunten Snger, die Bruno zum Teil vor den
Capresen gerettet hatte; wenn im Netz, das die Insel umspannte, die Wachteln
schluchzten, oder gar die Hheren aus dem geflgelten Reich, Lerche und
Nachtigall, ihre klagenden Stimmen hren lieen, so war er eifrig dabei, sie zu
befreien, sie fr einige Tage in sein Vogelhaus zu bringen und sie dann
auffliegen zu lassen, wie weiland Lionardo da Vinci ...
    Seine Frau Susanne war vor allem Hausfrau. Sie rumte, kochte und schaffte
den ganzen Tag. In der kleinen Wohnung herrschte eine Ordnung, die in Wahrheit
das gewhnliche Beiwort peinlich verdiente. Wenn sich ein Gegenstand im
Gebrauch auch nur im mindesten verschob, gleich mute er wieder in die
einmalfestgesetzte Lage gebracht werden. Diese peinliche Hausfrau hatte
Schicksale hinter sich, die nichts weniger als geeignet schienen, sie zu dem zu
machen, was sie war. Als Kind schon wurde sie in die Tiefe gestoen. Aus
ursprnglich wohlhabend brgerlicher Familie, war sie durch den Tod der Eltern
frh verwaist. Eine Tante in Amerika hatte sie zu sich genommen. Dort, wo die
Kinderarbeit erlaubt ist, hatten die kleinen Finger der kaum Zwlfjhrigen in
einer Zndhlzerfabrik ihr Brot verdient. Aber das kleine Geschpf dachte nicht
daran, sich hier zufrieden zu geben. Sie hatte Talent fr Gesang und Tanz und
arbeitete sich aus der Fabrik zum Varit hinauf. Hier hatte sie einmal eine
mimische Szene, in der eine so starke dramatische Begabung sich ausdrckte, da
ein einflureicher Theatermann, der zugegen war, sie von da fortnahm und sie fr
die Bhne ausbilden lie. Susanne war ein berwacher Intellekt, ein
ungebrdiges, unbeeinflubares Temperament und zum brigen von einer Art
Exaktheitswahn beschwert. Mit all diesen Eigenschaften zusammen vermochte sie
sich am Theater nicht zu halten. In schweren Zeiten, da sie ohne Brot war,
geriet sie auf dunkle Wege, -schlielich in die Hnde eines Mdchenhndlers, der
sie in ein Haus nach Tunis brachte. Von hier entfloh sie, auf einem europischen
Schiff, dessen Kapitn sie sich zu Fen geworfen hatte. Bruno hatte sie in
Berlin kennen gelernt. Dort war sie im Geschft eines Tapazierers und
Dekorateurs untergekommen. Mit augenblicklichem Entschlu hatte er in ihr seine
Herrin und darum seine Gefhrtin erkannt und gefunden. Und wirklich war diese
Ehe eine selten glckliche. Es fehlte ihr nur eines, um vielleicht ganz eine Ehe
zu heien, - die Reibung der Persnlichkeiten aneinander, die die beste Schule
des Lebens ist, fr die - die sie bestehen. Diese beiden Leutchen tolerierten
gegenseitig alle ihre Sonderlingsgewohnheiten. Susanne hatte niemals, auch in
der tiefsten Tiefe, in die sie das Schicksal gestoen, ihre kompromilose
Herrschsucht eingebt, die sich mit vollkommener Gte in ihr einte. Sie hatte
auch nie ihre exakte Hausfrauennatur verleugnen knnen. Nie die Umstndlichkeit,
mit welcher sie von kleinen Dingen sich groe Wege versperren lie. Hier, als
unbedingte Herrscherin eines Mannes, dessen Leben sie, mit seinen Neigungen
rechnend, leitete, als absolute Regentin einer winzigen Huslichkeit, war sie an
ihrem Platz. Zwischen all den vielen kleinen Obliegenheiten, mit denen sie ihr
Leben belud, verfolgte sie zeitweilig auch Plne grerer Art; so war sie jetzt
entschlossen, den Haushalt auf Capri bald aufzugeben und nach Berlin
zurckzukehren. Hier wollte sie sich in der Kunstfertigkeit der Dekorateurin
weiter bilden und mit der ihr eigenen Geschicklichkeit im Arrangieren von
Stoffmassen Brot fr sich und Bruno schaffen.
    Da waren sie wieder, denen Olga entflohen zu sein glaubte, - jene, die
innerhalb der Zone der brgerlichen Welt doch ihre eigenen Wege liefen, -
manchmal krumme und absonderliche Wege, - die nicht mitten durchs Leben durch,
sondern neben dem Leben lagen ... Und doch - sie waren ihr verwandter als
andere, und sie hatte sie auf ihrer Wanderschaft schon ehrlich entbehrt.
    Die Ostertage waren vorbei. Olga geno noch, im April, die phantastische
Pracht der Rosenblte, die in riesigen, leuchtenden Bschen stand. Duftstrme
berfluteten Campanien. ber den Mauern der Grten, zwischen denen sich die
engen, krummen Gchen durchwinden, reckten und rankten sich Wein und Lorbeer,
Kaktus und Myrte. Der Himmel hing hoch, und war nchtlich besternt, da er
erschien, wie ein schimmerndes Riesennetz, auf dunklem Grunde.
    Da kam ein Brief von Frau Wallentin. Ob sie denn nicht bald wiederkme? Und
Eva habe einen Sohn geboren, ein schnes, starkes Kind; und beide wren wohl.
    Und da war auch in ihr, in Olga, etwas, das geboren werden wollte, - aber
nicht in diesem Bltenlande; eine andere Wiege brauchte das. Jener Gedanke, den
Manfred in sie versenkt hatte, - war langsam, keimend, in ihr gewachsen, - und
wollte zutage treten.
    So entsagte sie dem sdlichen Frhling, der ihre Seele in Trumereien hielt
und rstete zur Heimkehr.

Wie Bangigkeit kam es ber sie, als sie in Mnchen wieder auf deutscher Erde
stand. War sie auch stark genug, - zurckzukehren? Ihr war, als brauchte sie
noch einige Tage einsamer Sammlung.
    Sie fuhr ber Thringen und unterbrach hier ihre Reise. Sie wanderte von der
Bahnstation, auf der sie ausgestiegen war, bis zu dem Stdtchen, in dem sie
nchtigen wollte; ber ein weites Hgelland, mit flachen Mulden, Schonungen,
Wiesen und Wldern, wanderte sie; Gold und Sonne, in frischer Waldluft war
alles. Die Zweige der Birken schienen in der feuchten Luft rtlich-violett und
hoben sich von dem herben Grn der Tannen. Zeitweilig schwieg der Tannenduft,
und der der Kruter wurde stark. So wanderte sie einen halben Tag.
    Sie begegnete einer Schule, einer Kinderschar, die von ihren Lehrern
hinausgefhrt wurde. Und die Kinder sangen das erwartende Lied:

Lasset uns singen,
Lasset uns springen,
Frhling - Frhling - wird es nun bald!

Am Abend in ihrem Zimmer trat sie ans offene Fenster. Mild und duftschwer
strmte ihr die Luft entgegen. Sie blickte hinaus in die Tannen, die das Haus im
Halbkreis umgaben. Am Nachmittag waren die Stmme und die Kronen in eins
geschlossen gewesen. Abends aber waren die Stmme wie verschwunden und nur die
Wipfel rotgolden berstrahlt, da alle Zweige sich gesondert in die Stille
streckten. Jetzt, in der Nacht, erschienen die Tannen, die das Haus in
entferntem Bogen umgaben, wie ein dunkler, hoher Wall, aus dem sich nur der
Zackenrand ihrer Spitzen heraushob. Vom Fenster aus blickte sie auf eine kleine
Wiese, die von den Tannen umgeben war. Links drben war eine Fahrstrae, auf
deren anderer Seite ein weiter Bergrcken anstieg, ein sanfter Hang, ber den
das Stdtchen hinaufkroch; da lehnten sie dicht aneinander, die spitzgiebeligen
Thringer Huschen, kletterten aus ihrer Mulde heraus, beengt, als suchten sie
sich bereinander herauszudrngen, bis sie, in immer schmleren Reihen, immer
vereinzelter, an dem Berghang den Atem verloren und stillehielten; ber ihnen
aber stieg, wie eine hochgewlbte Riesenbrust, die Wiese auf, die sich auf der
Hhe in den Tannen verlor.
    ...Und whrend sie so am Fenster lehnte, hinaushorchend in den nchtlichen
Wald, eins mit ihrer Einsamkeit, da kam es wie Wehmut ber sie, - Wehmut aus dem
weiten All. War denn Leid das ewige Erbe der Welt? Und ihre innerste Stimme
wurde laut und rief ihr die Antwort zu: Die Freude ist die Seele der Welt.
Dieses Leid berwinden, berwachsen, - das ist die Aufgabe der ringenden
Kreatur. Wann wird sie gelst sein, diese Aufgabe?...
    Horch, - das war Gesang. Das scholl aus der Weite gedmpft, verschleiert,
kam nher und nher, wurde lauter und heller. Und da - drben auf der
Fahrstrae, - da schob sich ein Trupp kleiner Leutchen durch die Dunkelheit und
an den Stckchen, die die Kinder hoch hielten, hingen bunte Papierlampions. Die
Kinder waren es, die Schulkinder, die nach Hause zurckkehrten. Und sie sangen
das Lied, - das Lied der Jugend, - der wachsenden Zukunft ... Frhling -
Frhling - wird es nun bald ...

Wie war sie froh, ihr Inkognito los zu sein, nicht mehr, wie unter fremdem
Namen, als Pensionsgast an langen Tischen zu sitzen, leere Gesprche hflich
anhren und die eigenen Gedanken verbergen zu mssen. Als sie Berlin wieder
betrat, - da staunte sie: das war ja etwas wie Heimatsgefhl, das sie hier
empfand. Nie vorher hatte sie gedacht, da es irgend wo ein Zuhause fr sie
gab. Sie wohnte zuerst bei Stanislaus und Lore. Erst spter wollte sie wieder
eine eigene Wohnung nehmen, ihre sieben Sachen zusammensuchen und wieder
aufstellen. Sie fand Stanislaus in gefesteter Stimmung, in zrtlicher und
heiterer Vereinigung mit seiner Frau und, - wie er sagte, - dick befreundet
mit Lrchen. Lore hatte wie frher ihr gutes, krftiges Lachen. Der Glanz ihrer
grauen Augen war noch heller geworden, wie ihr ganzes, brnettes Gesicht. Sie
war ppiger und frauenhaft ruhig. Sie ging, wie vorher, ihrem Beruf nach, und
die Sorge fr das Familieneinkommen verteilte sich auf sie beide. Zufrieden
waren diese beiden, da sie zusammensaen, fest verbunden und verbndet, da sie
sich verstndigten in gemeinsamer Sprache, und da sie in diesen lieben,
heimischen Winkel alles hineintragen konnten, was sich von auen zu ihnen
drngte, was sie empfingen und sammelten wie die Fischer, die ihre Netze ins
Meer werfen.
    Und dann gab es ein Wiedersehen drauen im Grunewald. Mit groer Sehnsucht
strebte Olga ihrer alten und ihrer jungen Freundin zu.
    Sie war noch immer schn und licht, die alte Frau, nur in ihren Augen lag
gebannt ein Leid, - dem sie nicht vergnnte, berzustrmen, - denn Florian
sollte heimkehren!... Sie dachte jetzt viel an das Dunkle ... Olga fand sie bei
der Lektre eines theosophischen Werkes.
    Es ist gut gemeint, sagte die alte Frau und deutete auf das Buch, - es
ist wunderbar erfunden: das Leben eine Sparkasse, deren Einlage man bei der -
Wiederkehr als Kapital vorfindet und behebt ... Ausgestattet mit dem frher
erreichten Entwicklungsgrad, tritt man ein neues Leben an ... Die Vergangenheit,
die man im Verlaufe seiner frheren Lebenslufe erwarb, - entscheidet ber die
Qualifikation der Materie, die gegenwrtig der Trger des Ich ist ... Sehr gut
gemeint, - sehr wunderbar ausgedacht! Wer nur daran glauben knnte! Schade,
schade ... ich kann es nicht.
    So war nicht einmal ihre heie und bange Liebe zum Leben imstande, diese
greise Denkerin zu dem Selbstbetrug zu verfhren, dem sich so mancher junge
Geist als einer genehmen Benebelung wollstig ergibt.
    Und da war noch eine Begrung. Im Hause Frau Wallentins wohnte Eva mit
ihrer Tochter - und mit ihrem jngst geborenen Sohn. Ein schnes Kind, das aus
blauen Augen lachte ...
    Der kleine Aeneas, scho es Olga durch den Sinn, als sie Manfreds Sohn
sah. Eva hob das Kind aus der Wiege und reichte es ihr. Und da - da - als sie
den kleinen Manfred in den Armen hielt - da berstrzte sie eine heie Freude,
die sie nie fr mglich gehalten: die Freude, da dieses Kind geboren war. Sie
dachte an die einsame Urne im weien Stein, und Inbrunst kam in ihr Herz, da
dieses warme Leben gerettet war, aus dem Dunkel. Geborgen war es, das kostbare
Erbe. Sie prete ihre Lippen auf die khlen, zarten Wangen des Kindes, die sich
anfhlten, wie das Fleisch einer jungen Frucht. Zrtlich atmete sie den warmen
Duft ein, der diesem kleinen Krper entstrmte.
    Und nun wute sie auch, da sie selbst genesen war, da sie frei war, -
endlich frei.

                                    Funoten


1 E. R. Gehre

