
                             Keyserling, Eduard von

                                     Wellen

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                             Eduard von Keyserling

                                     Wellen

                                 Erstes Kapitel

Die Generalin von Palikow und Frulein Malwine Bork, ihre langjhrige
Gesellschafterin und Freundin, kamen in das Wohnzimmer. Sie wollten sich ein
wenig erholen. Die Generalin setzte sich auf das Sofa, das frisch mit einem
blanken, schwarz und roten Kattun bezogen war. Sie war sehr erhitzt und lste
die Haubenbnder unterm Kinn. Das lila Sommerkleid knisterte leicht, die weien
Haarkuchen an den Schlfen waren verschoben und sie atmete stark. Sie schwieg
eine Weile und schaute mit den ein wenig hervorstehenden grellblauen Augen
kritisch im Zimmer umher. Das Zimmer war wei getncht, wenig schwere Mbel
standen an den Wnden umher und ber die Bretter des Fubodens war Sand
gestreut, der in der Abendsonne glitzerte. Es roch hier nach Kalk und Seemoos.
    Hart, sagte die Generalin und legte ihre Hand auf das Sofa.
    Frulein Bork neigte den Kopf mit dem leicht ergrauten Haar auf die linke
Schulter, blickte schief durch die Glser ihres Kneifers auf die Generalin, und
das brunliche Gesicht, das aussah wie das Gesicht eines klugen lteren Herrn,
lchelte ein nachdenkliches, verzeihendes Lcheln. Das Sofa, sagte sie,
natrlich, aber man kann es nicht anders verlangen. Fr die Verhltnisse ist es
doch sehr gut.
    Liebe Malwine, meinte die Generalin, Sie haben die Angewohnheit, alles
gegen mich zu verteidigen. Ich greife das Sofa gar nicht an, ich sage nur, es
ist hart, das wird man doch noch drfen.
    Frulein Bork erwiderte darauf nichts, sie lchelte ihr verzeihendes Lcheln
und schaute schief durch ihren Kneifer jetzt zum Fenster hinaus auf den kleinen
Garten, der davor lag. Salat und Kohl wuchsen dort recht kmmerlich,
Sonnenblumen standen da mit groen schwarzen Herzen und ber alledem lag ein
leichter blonder Staubschleier. Dahinter der Strand grell orange in der
Abendsonne, endlich das Meer undeutlich von all dem unruhigen Glanze, der auf
ihm schwamm, von den zwei regelmigen weien Strichen der Brandungswellen
umsumt. Und ein Rauschen kam herber eintnig, wie von einem schlfrigen
Taktstock geleitet.
    Die Generalin hatte den Bullenkrug fr den Sommer gemietet, um hier an der
See ihre Familie um sich zu versammeln. Vor drei Tagen war sie mit Frulein
Bork, Frau Klinke, der Mamsell, und Ernestine, dem kleinen Dienstmdchen, hier
angelangt, um alles einzurichten. Es erforderte Arbeit und Nachdenken genug, fr
alle diese Menschen Platz zu schaffen und nicht nur Platz, denn, pflegte die
Generalin zu sagen, ich kenne meine Kinder, bei allem, was ich gebe, sind sie
kritisch wie ein Theaterpublikum. Heute nun war die Tochter der Generalin, die
Baronin von Buttlr, mit, den Kindern, den beiden eben erwachsenen Mdchen Lolo
und Nini und dem fnfzehnjhrigen Wedig, angelangt. Der Baron Buttlr sollte
nachkommen, sobald die Heuernte beendet war, und Lolos Brutigam Hilmar von dem
Hamm, Leutnant bei den Braunschweiger Husaren, wurde auch erwartet.
    Werden sie auch heute abend alle satt werden? begann die Generalin wieder.
Die Reise macht hungrig. Ich denke, erwiderte Frulein Bork, da sind die
Fische, die Kartoffeln, die Erdbeeren, und Wedig hat sein Beefsteak.
    So, so, meinte die Generalin, brigens der Junge wird es im Leben nicht
leicht haben, wenn er immer sein Beefsteak haben mu.
    Frulein Bork zuckte mit den Achseln und sagte entschuldigend: Er ist so
zart. Aber das rgerte die Generalin: Gewi, ich gnne ihm sein Beefsteak, Sie
brauchen ihn nicht zu verteidigen. Nur finde ich, liebe Malwine, da Sie keinen
rechten Sinn haben fr das, was man allgemeine Bemerkungen nennt. Dann
schwiegen die beiden Damen wieder.
    Drauen von der Holzveranda tnte Lrm herber, Tellergeklapper und hohe
Stimmen. Ernestine deckte dort den Tisch fr das Abendessen und stritt dabei mit
Wedig. Auch Lolo und Nini waren erschienen, sie lehnten an der Holzbrstung der
Veranda schmal und schlank in ihren blauen Sommerkleidern. Der Seewind fuhr
ihnen in das leichte rote Haar und lie es hbsch um die Gesichter mit den fast
krankhaft feinen Zgen flattern. Die Mdchen zogen ein wenig die Augenbrauen
zusammen und schauten mit den blanken braunroten Augen unverwandt auf das Meer
und ffneten die Lippen, als wollten sie lcheln, aber das groe bewegte
Leuchten vor ihnen machte sie schwindelig. Auch Wedig hatte sich nun zu ihnen
gesellt und schaute auch schweigend hinaus. Das krnkliche Knabengesicht verzog
sich, als tte all dieses Licht ihm weh.
    So, sagte die Generalin drinnen zu Frulein Bork, das war ein angenehmer
stiller Augenblick. Ich hre, meine Tochter kommt die Treppe herunter, nun kann
es wieder losgehen.
    Frau von Buttlr hatte ein wenig geschlafen, trug ihren Morgenrock und
hllte sich frstelnd in ein wollenes Tuch. Sie mochte frher das hbsche
berzarte Gesicht ihrer Tchter gehabt haben, jetzt waren die Wangen eingefallen
und die Haut leicht vergilbt. Aufgebraucht von Mutterschaft und Hausfrauentum
war sie sich ihres Rechtes bewut, krnklich zu sein und nicht mehr viel auf ihr
ueres zu geben.
    Man setzte sich auf der Veranda zur Abendmahlzeit nieder an den Tisch, ber
den das rote Abendlicht hinflutete und der Seewind an dem Tischtuch und den
Servietten zerrte. Das machte die Gesellschaft schweigsam, so das Meer vor sich,
war es, als sei man nicht allein, nicht unter sich.
    Ich habe mir das Meer grer gedacht, erklrte Wedig endlich.
    Natrlich, mein Sohn, meinte die Generalin. Du willst wohl fr dich ein
Extrameer.
    Frau von Buttlr lchelte gerhrt und sagte leise: Er hat so viel
Phantasie. Frulein Bork sah Wedig schief durch ihren Kneifer an und meinte:
An die Phantasie des Kindes reicht selbst das Weltmeer nicht hinan.
    Nun begann Frau von Buttlr mit ihrer Mutter ein Gesprch ber Repenow, ihr
Gut, ber Dinge, die sie anzuordnen vergessen hatte, von Gemsen, die eingemacht
werden sollten, und Dienstboten, die unzuverlssig waren, lauter Sachen, die
seltsam fremd und unpassend in das Rauschen des Meeres hineinklangen, dachte
Lolo. Aber unten am Tisch war ein Streit entstanden zwischen Wedig und
Ernestine. Ernestine, sagte Frulein Bork streng, wie oft habe ich es dir
nicht gesagt, du darfst beim Servieren nicht sprechen. Oh! Cet enfant! setzte
sie hinzu und seufzte. Die Generalin lachte. Ja, unsere Bork hat es mit
Ernestines Erziehung schwer, denkt euch, heute mittag entschliet sich das
Mdchen zu baden. Sie geht ins Meer nackt wie ein Finger, am hellen Mittag. -
Aber Mama! flsterte Frau von Buttlr, die Mdchen beugten sich auf ihre
Teller nieder, whrend Wedig nachdenklich Ernestine nachschaute, die kichernd
verschwand.
    Das Abendlicht legte sich jetzt pltzlich ganz grellrot und unwahrscheinlich
ber den Tisch und Frulein Bork schrie auf: Seht doch! Alle fuhren mit den
Kpfen herum. An dem blablauen Himmel standen riesige kupferrote Wolken und auf
dem dunkelwerdenden Meer schwamm es wie groe Stcke rotglnzenden Metalls,
whrend die am Ufer zergehenden Wellen den Sand wie mit rosa Musselintchern
berdeckten. Wedig blinzelte mit den roten Wimpern und verzog wieder sein
Gesicht, als schmerzte es ihn. Das ist allerdings rot, meinte er. Die
Generalin jedoch war unzufrieden: Sie haben mich erschreckt, Malwine, Sie haben
eine Art, auf Naturschnheiten aufmerksam zu machen, da man jedesmal
zusammenfhrt und glaubt, eine Wespe sitze einem irgendwo im Gesicht.
    Die Mahlzeit war zu Ende, die Mdchen und Wedig stellten sich an die
Verandabrstung, um auf das Meer zu starren. Frau von Buttlr hllte sich fester
in ihr Tuch und sprach mit leiser, besorgter Stimme von ihren huslichen
Angelegenheiten.
    Die gewaltsamen Farben am Himmel erloschen jh. Die farblose
Durchsichtigkeit der Sommerdmmerung legte sich ber das Land, und das Meer,
jetzt lichtlos, schien pltzlich unendlich gro und fremd. Auch das Rauschen war
nicht mehr so geordnet eintnig und taktmig; es war, als lieen sich die
einzelnen Wellenstimmen unterscheiden, wie sie einander riefen und sich in das
Wort fielen. Klein und dunkel hockten die Fischerhuser auf den fahlen Dnen,
hie und da erwachte in ihnen ein gelbes Lichtpnktchen, das kurzsichtig in die
aufsteigende Nacht hineinblinzelte. Auf der Veranda war es still geworden. Das
seltsame Gefhl, ganz winzig inmitten einer Unendlichkeit zu stehen, gab einem
jeden fr einen Augenblick einen leichten Schwindel und lie ihn stillehalten,
wie Menschen, die zu fallen frchten.
    Wer wohnt denn dort? begann Frau von Buttlr endlich und wies auf eines
der Lichtpnktchen am Strande.
    Das dort, erwiderte die Generalin, das ist das Haus des Strandwchters.
Eine verwachsene Exzellenz hat sich bei ihm eingemietet. Du kennst ihn auch, den
Geheimrat Knospelius, er ist bei der Reichsbank etwas, er unterschreibt, glaube
ich, das Papiergeld.
    Ja, Frau von Buttlr erinnerte sich seiner: So ein Kleiner mit einem
Buckel. Recht unheimlich.
    Aber so interessant, meinte Frulein Bork.
    Und die anderen Huser? fragte Frau von Buttlr weiter.
    Das sind Fischerhuser, erklrte Frulein Bork, das grte dort ist das
Anwesen des Fischers Wardein und dort, ja, dort wohnt sie doch.
    Sie? fragte Frau von Buttlr, beunruhigt davon, da Frulein Bork ihre
Stimme so geheimnisvoll dmpfte.
    Nun ja, flsterte Frulein Bork, sie, die Grfin Doralice, Doralice
Khne-Jasky, die wohnt dort mit - nun ja, sagen wir mit ihrem Manne. Frau von
Buttlr verstand noch nicht ganz.
    - Doralice Khne, die Frau des Gesandten, das ist doch die, die mit dem
Maler - die wohnt hier, das ist ja aber schrecklich, man kennt sich doch.
    Doch die Generalin rgerte sich: Was ist dabei Schreckliches, man hat sich
gekannt, man kennt sich nicht mehr. Der Strand ist breit genug, um aneinander
vorberzugehen, eine fremde Frau Grill, nichts weiter. Ihr Maler heit ja wohl
Hans Grill.
    Sind sie wenigstens verheiratet? klagte Frau von Buttlr.
    Ja, sie sagen, ich wei es nicht, meinte die Generalin, das ist auch
gleich. Sie wird das Meer nicht unrein machen, wenn sie darin badet. Es ist kein
Grund, liebe Bella, ein Gesicht zu machen, als seiest du und deine Kinder nun
verloren.
    Und er ist ein ganz gewhnlicher Mensch, jammerte Frau von Buttlr weiter.
    Ja, sagte Frulein Bork, sie sprach noch immer leise, aber ihre Stimme
nahm einen zrtlichen, feierlichen Klang an, als rezitiere sie ein Gedicht, es
ist traurig und doch wieder in seiner Art schn, wie der alte Graf das Talent
des armen Schulmeistersohnes entdeckt, er ihn ausbilden lt, wie er ihn auf das
Schlo beruft, damit er die junge Grfin malt, ja und dort - mssen sie sich
eben lieben, was knnen sie dafr. Aber sie wollen nicht die Heimlichkeit und
den Betrug. Sie treten zusammen vor den alten Grafen hin und sagen: Wir lieben
uns, wir knnen nicht anders, gib uns frei, und er, der edle Greis - -
    Der alte Narr, unterbrach sie die Generalin. Wer sagt Ihnen denn, da es
so gewesen ist, wer ist denn dabei gewesen? Wahrscheinlich sind nicht die beiden
zu dem Alten gekommen, sondern der Alte ist zu den beiden hereingekommen, das
sieht denn anders aus. Khne war immer ein Narr. Wenn man dreiig Jahre lter
als seine Frau ist, lt man seine Frau nicht malen und spielt man nicht den
Kunstfreund. Und diese Doralice, ich habe ihre Mutter gekannt, eine dumme Gans,
die nichts zu tun hatte im Leben, als Migrne zu haben und zu sagen: Meine
Doralice ist so eigentmlich! Ja, eigentmlich ist sie geworden, gleichviel, da
ist nichts, um die Augen gen Himmel zu schlagen und zu sagen: Wie schn! Lassen
Sie die Grill Grill sein, liebe Malwine, wenn Sie sie mit Ihren Phantasien zur
Heldin des Strandes machen, verdrehen Sie den Kindern den Kopf. Ernestine luft
ohnehin alle Augenblicke zum Strande hinunter, um die fortgelaufene Grfin zu
sehen, das verbitte ich mir. Seien Sie so gut und halten Sie mit Ihrer Poesie an
sich.
    Schrecklich, schrecklich, seufzte Frau von Buttlr. Frulein Bork aber
schien das Schelten der Generalin nicht zu hren, vertrumt schaute sie in die
Dmmerung hinein, sah, wie die Dmmerung sich sacht aufhellte, der Mond war
aufgegangen, Silber mischte sich in das Dunkel der Wellen und der Strand lag
hell beleuchtet da.
    Da sind sie! schrie Frulein Bork auf.
    Erschrocken fuhren alle herum. Am Rande der Dne zeichneten sich gegen den
hellen Himmel deutlich die Figuren eines groen Mannes und einer Frau ganz nahe
beieinander ab. Dort stehen sie jeden Abend, flsterte Frulein Bork
geheimnisvoll.
    Frau von Buttlr starrte angstvoll zu dem Paare auf der Dne hinber, dann
rief sie erregt: Kinder, ihr seid noch da, warum geht ihr nicht schlafen? Ihr
seid mde, nein, nein, geht, gute Nacht, und beruhigte sich erst, als die
Kinder fort waren. Da sah sie sich noch einmal das Paar an da drben, das jetzt
eng aneinander geschmiegt den Strand entlang ging, seufzte tief und sagte
kummervoll:
    Das ist allerdings unerwartet, unerwartet fatal. Wenn ich mich auf etwas
freue, kommt immer so etwas dazwischen. Schon der Kinder wegen ist es mir
unangenehm.
    Ich wei, ich wei߫, meinte die Generalin. Du mut immer etwas haben, das
dich qult, sonst ist dir nicht wohl. Schon als kleines Mdchen, wenn alles sich
auf einen Spaziergang freute, sagtest du: was hilft es, es werden doch Steinchen
in die Schuhe kommen. Unsere Mdchen! Die haben genug Disziplin im Leibe. Sag'
ihnen, da ist eine Frau Grill, die nicht gekannt wird, und ich sehe es, wie Lolo
und Nini die Lippen zusammenkneifen und gerade vor sich hinsehen, wenn sie an
Madame Grill vorbergehen.
    Ja und dann, begann Frau von Buttlr wieder leise, offen gestanden, es
ist auch wegen Rolf. Die Person ist sehr hbsch, solche Personen sind immer
hbsch und Rolf, du weit -.
    Die Generalin schlug mit der flachen Hand auf den Tisch: Natrlich, das
mute kommen, du bist jetzt schon auf Madame Grill eiferschtig. Aber liebe
Bella, so ist dein Mann denn doch nicht. Na ja, immer die eine alte Geschichte
mit der Gouvernante, die knntest du auch vergessen. Ab und zu mal im Frhjahr
regt sich in ihm noch der Krassieroffizier, das ist eine Art Heuschnupfen. Aber
ihr Frauen bringt durch eure Eifersucht die Mnner erst auf unntze Gedanken.
Nein, liebe Bella, wozu ist man, was man ist, wozu hat man seine
gesellschaftliche Stellung und seinen alten Namen, wenn man sich vor jeder
fortgelaufenen kleinen Frau frchten sollte. Du bist die Freifrau von Buttlr,
nicht wahr, und ich bin die Generalin von Palikow, nun also, das heit, wir
beide sind zwei Festungen, zu denen Leute, die nicht zu uns gehren, keinen
Zutritt haben; so, nun wollen wir ruhig schlafen gehen, als gbe es keine Madame
Grill. Wir dekretieren einfach, es gibt keine Madame Grill.
    Alle erhoben sich, um in das Haus zu gehen. Frulein Bork warf noch einen
Blick zum Meer hinab und sagte in ihrem mitleidig singenden Ton: Die Grfin
Doralice war einst auch einmal solch eine arme kleine Festung.
    Die Generalin wandte sich in der Tr um: Bitte, Malwine, meine Vergleiche
nicht mit Ihrer Poesie zu umspinnen, dazu mache ich sie nicht. Und dann noch
eines, ich bitte, ferner Madame Grill nicht zum Gegenstand Ihres
Verteidigungstalentes zu machen, Madame Grill wird nicht verteidigt.
    Oben in der Giebelstube, Lolos und Ninis Schlafzimmer, standen die beiden
Mdchen noch am Fenster und schauten hinaus. Das mondbeglnzte Meer, das
Rauschen und Wehen da drauen lie ihnen keine Ruhe, es erregte sie fast
schmerzhaft, und das Paar, das dort unten an den blanken Sulen der brechenden
Wellen hinschritt, gehrte mit zu dem Erregenden und Geheimnisvollen da drauen,
das den beiden Mdchen ein seltsames Fieber in das Blut legte.
    Unten auf der Bank vor der Kche sa Frau Klinke und khlte im Seewinde ihre
heien Kchinnenhnde. Vor ihr stand Ernestine, wies zum Strande hinunter und
sagte: Nee, Frau Klinke, da die beiden verheiratet sind, das glaube ich
nicht.
    Hans Grill und Doralice gingen am Meeresufer entlang. Es ging sich gut auf
dem feuchten, von den Wellen glattgestrichenen Sande. Zuweilen blieben sie
stehen und schauten auf den breiten, sich sacht wiegenden Lichtweg hinab, den
der Mond auf das Wasser warf.
    Nichts, heute nichts, sagte Hans und machte eine Handbewegung, als wollte
er das Meer beiseite schieben. Es ziert sich heute, es macht sich klein und
s, um zu gefallen.
    So la es doch, bat Doralice.
    - Ja, ja, ich lasse es ja, erwiderte Hans ungeduldig.
    Als sie weiter schritten, hing Doralice sich ganz fest in Hansens Arm. Sie
konnte sich ja gehen lassen, dieser Arm war stark und sie dachte flchtig an
einen anderen zerbrechlichen und zeremonisen Arm, der ihr feierlich gereicht
worden war und auf den sich zu sttzen sie nie gewagt hatte.
    Du bist mde? fragte Hans.
    Ja, erwiderte sie nachdenklich, diese langen hellen Tage, glaube ich,
machen mde.
    Viel haben wir an diesen langen hellen Tagen nicht getan, bemerkte Hans.
    Getan, fuhr Doralice fort, nichts. Im Sande gelegen und auf das Meer
gesehen. Aber gleichviel, ich konnte doch alles mgliche tun, Dinge, die ich
sonst nie getan, unerhrte Dinge, nichts hindert mich. Auf der Reise war das
anders, da tut man die Dinge, die im Reisebuch vorgeschrieben sind, aber hier
mu das Neue kommen und das macht vielleicht mde.
    Gewi, gewi, begann Hans in seiner eifrigen Art, Mglichkeiten,
natrlich Mglichkeiten, das ist es, was der freie Mensch hat, es ist gleich, ob
er etwas tut, aber nichts zwingt ihn, nichts schiebt ihn; nichts bindet ihn, was
er tut und nicht tut, tut er auf eigene Verantwortung, und das kann mde machen,
o ja, das kann mde machen, und Hans lachte ein lautes Ha! Ha! auf das Meer
hinaus, freie Menschen, freie Liebe, denn das ist ja gleich, ob ein alter
Englnder in London uns durch die Nase etwas gesagt hat, was wir nicht
verstanden haben, das bindet nicht. Also freie Menschen, freie Liebe, freie -
Er hielt pltzlich inne und fragte: Warum lachst du?
    Doralice hatte ihren Kopf zurckgebogen, um zu Hans hinaufzusehen, und sie
lachte. Die schmalen, sehr roten Linien der Lippen ffneten sich ein wenig,
lieen im Mondschein fr einen Augenblick das Wei der kleinen Zhne
durchschimmern. So hell beschienen war das Gesicht sehr hbsch mit seinem
kindlichen Oval, den graublauen Augen, in die das Mondlicht ein seltsam farbiges
Schillern legte, und dem hellblonden Haar, an dem der Wind zauste. Ja, Doralice
mute immer lachen, wenn Hans seine groen Worte hersagte, jene Worte, die
klangen, als htten sie in Zeitungen oder langweiligen Bchern gestanden, aber
wenn Hans sie aussprach, bekamen sie etwas Junges, etwas Lebendiges, sie
klangen, als schmeckten sie ihm gut, wenn er sie so zwischen seinen gesunden
weien Zhnen hervorzischte.
    O nichts, sagte Doralice, sprich nur weiter von deinen freien Menschen.
Allein Hans war empfindlich geworden: Meine freien Menschen, da ist doch nichts
zu lachen, dann schwieg er.
    Du hast ja ganz recht, meinte Doralice, um ihn zu vershnen, vielleicht
macht das mde, wenn nichts einen bindet. Bei uns auf dem Lande dort bei der
Roggenernte gehen hinter den Mhern Mdchen her, welche die hren zu Garben
binden. Das ist sehr anstrengend. Um weniger zu ermden, binden sie sich Tcher
ganz fest um die Taille. So war es vielleicht dort, und jetzt, wo mich nichts
festbindet -
    - Unsinn, unterbrach sie Hans, ich sehe nicht ein, warum du deine
Vergleiche von dort hernimmst, von dort sprechen wir doch nicht.
    Nein, von dort sprechen wir nicht, wiederholte Doralice.
    Sie kamen am Strandwchterhuschen vorber. Durch das geffnete Fenster
scholl eine laute Mnnerstimme, und ihr antwortete eine Frauenstimme
leidenschaftlich und scheltend. Unten am Strande stand der Geheimrat Knospelius,
eine kleine, wunderlich verbogene Gestalt, er stand so nah am Wasser, da sein
unfrmlicher Schatten sich in den Wellen badete. Als Hans und Doralice sich
nherten, grte er, zog seinen Panama sehr tief ab, das graue Haar flatterte im
Winde, er lchelte und das regelmige, bartlose Gesicht sah aus wie ein groes,
bleiches Knabengesicht. Guten Abend, sagte Hans. Der Geheimrat lachte lautlos
in sich hinein und zeigte mit einem merkwrdig langen, dnnen Finger zum Hause
des Strandwchters hinauf. Die streiten wieder, bemerkte Hans.
    - Dort ist immer reger Betrieb, erwiderte der Geheimrat geheimnisvoll,
die arbeiten am Leben, bis ihnen die Augen zufallen. So was hre ich gern.
    Ja, hm! sagte Hans, guten Abend, und sie gingen weiter.
    Was sagte er? fragte Doralice ngstlich. Hans zuckte die Achseln.
Verrckt wahrscheinlich. Solche kleinen Ungetme sind gewhnlich ein wenig
verrckt. Kennst du ihn denn?
    Doralice dachte nach. Gewi, ich kenne ihn. Ich erinnere mich, auf einer
groen Gesellschaft war es, es war spt, alle waren mde und warteten auf die
Wagen. Da sa pltzlich dieser kleine Mann neben mir. Seine Fe reichten nicht
an den Fuboden, sondern hingen wie bei Kindern frei vom Stuhle herunter. Er sah
mir ganz frech in die Augen, wie man das sonst nicht tut, und sagte: Es fllt
mir auf, Frau Grfin, da jetzt, wo alle schon schlfrig sind, Ihre Augen noch
so wach sind; die warten noch. Ich machte wohl ein sehr dummes Gesicht und
fragte: Worauf? Da lachte er ganz so, wie er jetzt eben lachte, und sagte: Nun
darauf, da was geschieht, da was kommt. O, die geben nicht nach, die stehen
auf ihrem Posten. - Mir war das unheimlich, ich war froh, als in dem Augenblick
der Wagen gemeldet wurde.
    - Ich wei nicht, was du noch immer an allen diesen Erinnerungen hast,
erquicklich sind sie nicht, versetzte Hans verstimmt.
    Was kann ich dafr, verteidigte sich Doralice, ich habe doch noch keine
anderen Erinnerungen, und dann, sie kriechen einem doch berall nach. Da steht
der Geheimrat Knospelius pltzlich am Strande, drben im Bullenkrug zieht die
Generalin von Palikow und die Baronin Buttlr ein, auf Schritt und Tritt das
alte Leben. Weit du, was ich mchte? Dort drben ber dem Meer mte man eine
Hngematte aufhngen knnen, gerade so hoch, da die Wellen sie nicht erreichen,
aber doch so, da, wenn ich die Hand herabhngen lasse, ich den Wellen in die
weien Brte fassen kann, und so, siehst du, knnten, glaube ich, keine
Erinnerungen kommen und keine Knospelius und Palikows knnten einem begegnen.
    Hans blieb nachdenklich stehen: Du, sagte er, das wollen wir machen. Er
ergriff Doralice, legte sie auf seine Arme: Lieg, rief er, wie ein Kind auf
den Armen des Paten whrend der Taufe, und nun begann er langsam in das Meer
hineinzugehen. Regungslos lag Doralice da und schaute hinauf in den Himmel, der
bleich von Mondenschein war. Das Wehen, das vom Meere kam, das Rauschen unter
ihr, das goldene Flieen und Flimmern ringsumher, all das schien sie zu zwingen
und zu schaukeln, und dann war es ihr, als fiele sie, fiele sie in einen Abgrund
von Licht, das sie dennoch trug und hielt.
    So, so, weiter, weiter, jetzt sind wir ganz bei ihnen, mitten unter ihnen,
das dumme Land ist fort. Doralice sprach mit einer Stimme, wie Schlafende es
tun, lachte ein leises, ganz helles Lachen wie Kinder, die auf einer Schaukel
sitzen. Sie lie ihre Hand herabhngen, griff in den Schaum der Wellen,
schnalzte mit den Fingern, als wollte sie kleine Hunde springen lassen. Wie sie
zu mir heraufwollen, rief sie, kommt, kommt, nein, das ist zu hoch. Hans
stand bis ber die Knie im Wasser und lchelte, das Gesicht rot vor Anstrengung.
Aber allmhlich wurde er mde, es war nicht leicht, sicher im Wasser zu stehen,
und langsam zog er sich an das Ufer zurck. Mit einem befriedigten: So, das war
eine Leistung, setzte er Doralice auf den Sand zurck. Sie schwankte ein wenig
auf ihren Fen wie berauscht, sie legte die Hand auf die Augen, alles um sie
her schien noch sacht zu schwanken. Sie mute sich an Hans anlehnen. Du
siehst, sagte sie, ich vertrage dies dumme Land nicht mehr.
    - Das kommt noch, meinte er, das Land wird uns jetzt sehr gut schmecken.
Eine warme Stube und Rotwein, ich bin na und mich friert. - Ja, gehen wir,
sagte Doralice kleinlaut, wir gehren ja doch nicht zu denen dort. Aber wie
stark du bist, da du mich so halten konntest.
    - Nicht wahr, erwiderte Hans stolz, und weit du, wie ich dich so hielt,
wenn ich denke, das war eigentlich symbolisch, mitten in den Wellen, und ich
halte dich.
    Aber Doralice sagte mde: Ach nein, la es lieber nicht symbolisch sein.
    Hans schaute sie verwundert an und murmelte dann ein wenig empfindlich: Nun
dann auch nicht.
    Um den Hof des Wardeinschen Anwesens standen die niedrigen strohgedeckten
Huser, der Schuppen, der Stall, der Speicher, in dem jetzt die Familie des
Fischers wohnte, und das Wohnhaus, das Hans Grill gemietet hatte. Hier schien
die Hitze des Tages noch eingeschlossen zu sein, die Luft war schwer von den
Gerchen des Strohs, der an Schnren trocknenden Fische und feuchter Netze. Man
hrte durch die kleinen geffneten Fenster den Atem schlafender Menschen,
irgendwo schlug ein Hahn auf seiner Stange mit den Flgeln und im Schuppen
grunzte ein Schwein im Traum. Und hier fiel von Doralice der Rausch der Weite
und des Lichtes ab, ganz jh, es schmerzte fast krperlich, und als sie durch
die Tr traten, die so niedrig war, da Hans sich tief bcken mute, sagte
Doralice klagend: So schlpfen wir denn auch in unser Loch. - Ja, ja meinte
Hans eifrig, das wird gut tun. In dem kleinen Wohnzimmer brannte eine
Petroleumlampe auf dem Tisch, und es fiel Doralice auf, wie hlich unrein
dieses Licht war, mit welch schlfriger Alltglichkeit es den weigetnchten
Raum fllte. Hans war ganz geschftig. Kstlich, kstlich, sagte er, setz' du
dich dort in den Korbstuhl, ich bin gleich wieder da. Er verschwand, kam dann
in weichen Filzschuhen zurck, ging ab und zu, holte Glser, den Rotwein,
schenkte die Glser voll, setzte sich endlich Doralice gegenber an den Tisch,
rieb sich die Hnde und lachte ber das ganze Gesicht. Er sah sehr jung aus, das
Gesicht von der Luft gertet und der Bart und das kurzgelockte Haar honiggelb,
die braunen Augen blinzelten blank vor Freundlichkeit. Kstlich, wiederholte
er, das nenne ich eine Lebenslage, man sitzt so beieinander und die Lampe
brennt, man hat seinen Rotwein und dazu sein wunderschnes Weib.
    Doralice lehnte sich in ihren Korbstuhl zurck und schlo die Augen. Ach,
sagte sie mde, nenne mich, bitte, nicht Weib, das klingt so, ich wei nicht,
nach losen blauen Jacken mit weien Punkten und Kartoffelsuppe.
    Hans errtete: Nein, nein, sagte er, also nicht Weib. Weib ist ein
schnes deutsches Wort, aber wie du willst, bitte.
    Sie schwiegen beide eine Weile. Aus dem Nebenzimmer hrte man deutlich das
Schnarchen der alten Agnes, einer fernen Verwandten von Hans Grill, die ihm
jetzt die Wirtschaft fhrte. Agnes hatte eine seltsame, kummervolle und
mimutige Art des Schnarchens. Am Tage versah sie still und pnktlich ihren
Dienst, aber das alte Gesicht, in dem die Fltchen wie Sprnge in einem gelben
Lack standen, trug stets den Ausdruck einer geduldigen, hochmtigen Ergebenheit.
Jetzt schien es Doralice, als kme mit den verschlafenen Lauten alle Bitterkeit
heraus, welche die Alte gegen sie hegte. Doralice prete die schmalen zu roten
Lippen fest aufeinander, und wie sie dalag in dem dunkelblauen Kleide mit dem
groen weien Matrosenkragen, die Stirn ganz verdeckt von dem feuchtgewordenen
blonden Haar, sah sie aus wie ein kleines Mdchen, das gescholten wird. Nein,
auf die Dauer war es unertrglich, dem Murren dort im Nebenzimmer zuzuhren.
Alles, alles wurde traurig, wurde sinnlos, sie wute nicht mehr, warum sie hier
sa, warum -. Und Hans, sie ffnete die Augen und schaute ihn an. Er hatte den
Kopf auf die Brust sinken lassen, rauchte aus seiner kurzen Pfeife und trank ab
und zu in hastigen kleinen Zgen den Wein.
    Bist du noch bse, weil du nicht Weib sagen sollst? fragte Doralice und
versuchte zu lcheln. Hans hob schnell den Kopf, er begann zu sprechen, aber er
mute einige Male dazu ansetzen, denn eine Erregung schnrte ihm die Kehle
zusammen. Weib oder nicht Weib, das ist doch gleich, der Ton ist es, der Ton.
Wenn du den hast, dann bist du mir pltzlich ganz weit, ganz fremd, der streicht
pltzlich alles aus, was wir miteinander erlebt haben. Ich freue mich darauf,
da es gemtlich sein wird, man wird beieinander sitzen, man wird lachen, man
wird glcklich sein und dann sagst du etwas und dieser Ton ist da und es wird
sofort kalt und fremd und peinlich, als setzten wir uns drben im Schlo vor den
weien Serviettenzeltchen mit dem alten Grafen zum Frhstck nieder.
    Doralice hrte ihm gespannt zu, diese erregte Stimme, die sich
berstrzenden Worte erwrmten sie. Er sollte weiter sprechen. Wie ist dieser
Ton? fragte sie.
    Wie? Wie? fuhr Hans leidenschaftlich fort. Wenn dir etwas nicht schmeckt,
dann schiebst du den Teller fort und sagst feindselig: Das will ich nicht. So,
so ist dieser Ton, als ob du mich und unsere ganze gemeinsame Geschichte
fortschiebst. Das kannst du ja auch, es ist ja auch dein Recht, sag es doch.
    Doralice lchelte jetzt ihr hbsches, strahlendes Lcheln. Sie hob die Arme
in die Hhe und reckte sich: Ach, Hans, das ist ja Unsinn, ich bin einfach
mde. Glaubst du, das strengt nicht an, so zwischen Himmel und Meer zu
schweben?
    Hans schaute sie erstaunt an, dann begann auch er zu lachen, sein lautes,
ein wenig unerzogenes Lachen. Also das strengt dich an und ich - glaubst du, es
ist leicht, fest im Wasser zu stehen und eine Frau ber den Wellen zu halten,
die Hngematte zu spielen?
    Du, meinte Doralice, du bist ja so stark.
    Befriedigt lehnte Hans sich in seinen Stuhl zurck, go sich Wein ein, er
schttelte sich vor Gemtlichkeit, als sei eine Gefahr glcklich
vorbergegangen.
    Und all das kommt daher, erklrte Hans und stach dozierend mit seiner
Pfeife in die Luft hinein, uns fehlt eine gewisse Enge, eine Gebundenheit,
Form, Form, Form, das ist es, das macht reizbar und unsicher. Von
Unendlichkeiten kann man nicht leben. Immer kann der eine nicht stehen und den
anderen zwischen Himmel und Meer in den Mondschein hineinhalten. Also wir mssen
unser Leben einteilen, regelmige Beschftigung, Haushalt, eine Alltglichkeit
mssen wir haben, der ewige Feiertag macht uns krank.
    Du knntest ja wieder malen, warf Doralice hin.
    Das werde ich auch, rief Hans hitzig, glaubst du, ich werde ruhig
dasitzen und von deinem Gelde leben?
    - Ach was, das dumme Geld.
    Gleichviel, ich werde arbeiten, ich wei auch, was ich zu malen habe, ich
studiere meine Modelle, euch beide.
    - Uns beide?
    Ja, dich und das Meer. Ihr beide mt zusammen auf ein Bild und eine
Synthese von dir und dem Meer, verstehst du?
    - Ja so, bemerkte Doralice, ob du nicht versuchst, zuerst das Meer zu
malen. Du sagtest doch, da du mich nicht malen kannst.
    Das rgerte Hans wieder. Ja dort, dort konnte ich dich allerdings nicht
malen. Ich war berauscht von dir. Man mu doch seinem Modell auch einigermaen
objektiv gegenberstehen.
    - Stehst du mir jetzt objektiv gegenber? fragte Doralice verwundert.
    Ja, meinte Hans, es kommt wenigstens allmhlich und das haben wir ntig,
etwas Nchternheit, so eine selbstgeschaffene Brgerlichkeit, in die man sich
fest einschliet. Du sprachst da vorhin wegwerfend von Kartoffelsuppe, ich
mchte sagen, kein Leben, auch das idealste, ist mglich, in dem es nicht einige
Stunden am Tage nach Kartoffelsuppe riecht. Er lachte und sah Doralice
triumphierend an, stolz auf seine Bemerkung.
    Doralice seufzte: Uff, wenn man da nur atmen kann, ganz eng, fest
eingesperrt und riecht nach Kartoffelsuppe. Eine Welt, als ob Agnes sie
geschaffen htte.
    Bitte, sagte Hans empfindlich, wer da nicht atmen kann, darf hinaus, wir
sind freie Menschen, da wir uns selbst binden, ist unsere Freiheit, aber keiner
von uns ist gebunden.
    Doralice zog die Augenbrauen in die Hhe und sagte ziemlich schlfrig: Ach,
lassen wir doch die alte Freiheit. Es ist ja ganz hbsch, wenn eine Tr immer
offen steht, aber man braucht doch nicht bestndig drauf hinzuweisen. Die
Freiheit wird dann fast ebenso langweilig wie das tenue ma chre dort, du
weit.
    Hans schaute Doralice bestrzt an. Er wollte etwas sagen, verschluckte es
jedoch. Er erhob sich und begann im Zimmer auf- und abzugehen, er ging schnell,
stapfte stark mit seinen Filzschuhen auf den Boden. Doralice folgte ihm
neugierig mit den Blicken. Jetzt war er zornig, jetzt wrde er leidenschaftlich
losbrechen, sie freute sich darauf, sie liebte es, wenn er die Worte so hei
hervorsprudelte und ein Gesicht machte wie ein zorniger Knabe. Das hatte ihr an
ihm gefallen dort in der Welt der bestndigen Selbstbeherrschung. Aber es wollte
nicht kommen, immer noch ging er schnell und schweigend in dem engen Raum umher.
Pltzlich blieb er vor Doralice stehen, kniete nieder mit beiden Knien hart auf
den Boden schlagend und legte seinen Kopf auf Doralicens Knie und so begann er
zu sprechen leise und klagend: Wie kannst du das sagen, ich - ich - ich weise
auf die Tr hin. Aber wenn du zu dieser Tr hinausgingst, dann wre es aus, dann
htte nichts mehr einen Sinn, dann htte ich keinen Sinn, dann htte die ganze
Welt keinen Sinn.
    Doralice strich mit der Hand ihm leicht ber das krause Haar. Nein, nein,
sagte sie und das klang mde und mitleidig zugleich, zusammen, wir bleiben
zusammen, wir beide sind ja doch miteinander ganz allein.
    Hans richtete sich auf, er lachte wieder, zuversichtlich und triumphierend,
indem er Doralicens Arm fate und ihn schttelte: Das will ich meinen und ich
werde auch dafr sorgen, da niemand an dich herankommt. Dann nahm er ihre
kleine Gestalt auf seine Arme, wie man ein Kind nimmt, und trug sie in das
Schlafzimmer hinber.

                                Zweites Kapitel


Der Morgen dmmerte, als Doralice erwachte. So war es jetzt immer, wenn sie sich
niederlegte, schlief sie schnell und tief ein, aber lange vor Sonnenaufgang
erwachte sie, und es war mit dem Schlaf zu Ende. Dann lag sie da, die Arme
erhoben, die Hnde auf ihrem Scheitel gefaltet, die Augen weit offen und schaute
der graublauen Helligkeit zu, wie sie durch die wei-und rotgestreiften Gardinen
in das Zimmer drang, den Waschtisch, die beiden plumpen Sthle, den groen
gelben Holzschrank aus der Dmmerung herausschlte, das Zimmer erhellte, ohne es
zu beleben, gleichsam ohne es zu wecken. Und dieses Zimmer, klein wie eine
Schiffskabine, erschien Doralice als etwas ganz und gar nicht zu ihr Gehriges.
Sie lag da wohl in dem schmalen Bett unter der hlichen rosa Kattundecke, aber
sie hatte nicht die Empfindung, als sei dieses die Wirklichkeit, wirklich fr
sie war noch die Welt des Traums, aus der sie eben emportauchte. Jede Nacht
fhrte er sie in ihr frheres Leben zurck, jede Nacht mute sie ihr frheres
Leben weiter leben. Am besten war es noch, wenn sie sich in dem alten
Heimatshause ihrer frhen Jugend dort in der kleinen Provinzstadt befand. Ihre
Mutter lag wieder auf der Couchette, hatte Migrne und eine Kompresse von
Klnischem Wasser auf der Stirn. Sie hrte wieder die klagende Stimme: Mein
Kind, wenn du verheiratet sein wirst und ich nicht mehr sein werde, dann wirst
du an das, was ich dir gesagt habe, oft zurckdenken. Und dieses Wort wenn du
verheiratet sein wirst, das in den Gesprchen ihrer Mutter immer wiederkehrte,
gab Doralice wieder das angenehme, geheimnisvolle Erwartungsgefhl. Drauen der
schattenlose Garten lag gelb vom Sonnenschein da, die langen Reihen der
Johannisbeerbsche, das Beet mit den Chrysanthemen, die fast keine Bltter und
stark geschwollene bronzefarbene Herzen hatten. Auf der Gartenbank schlummerte
Mi Plummers. Das gute alte Gesicht rtete sich in der Mittagshitze. Doralice
ging unruhig in Kieswegen auf und ab, das eintnige sommerliche Surren um sie
her kam ihr wie die Stimme der Einsamkeit und der Ereignislosigkeit vor. Aber
gerade hier in dem alten Garten fhlte sie es stets am deutlichsten, da dort
jenseits des Gartenzaunes eine schne Welt der Ereignisse auf sie wartete. Sie
fhlte es krperlich als seltsame Unruhe in ihrem Blut, sie hrte es fast, wie
wir das Stimmengewirr eines Festes hren, vor dessen verschlossenen Tren wir
stehen. Nun und dann war diese Welt gekommen, in Gestalt des Grafen Khne-Jasky,
des hbschen lteren Herrn, der so stark nach new mown hay roch, Doralice so
verblffende Komplimente machte und so unterhaltende Geschichten erzhlte, in
denen stets kostbare Sachen und schne Gegenden vorkamen. Da Doralice eines
Tages ihr weies Kleid mit der rosa Schrpe anzog, da ihre Mutter sie weinend
umarmte und der kleine kohlschwarze Schnurrbart des Grafen sich in einem Kusse
auf ihre Stirn drckte, war etwas, das selbstverstndlich notwendig war, etwas,
auf das Mutter und Tochter ihr bisheriges Leben ber gewartet zu haben schienen.
    Am hufigsten aber befand Doralice sich im Traum in dem groen Salon der
Dresdner Gesandtschaft. Immer lag dann ein winterliches Nachmittagslicht auf dem
blanken Parkett. In den sen Duft der Hyazinthen, die in den Fenstern standen,
mischten die groen lbilder an der Wand einen leichten Terpentingeruch. Von der
anderen Seite des Saals kam ihr Gemahl entgegen, sehr schlank in seinen
schwarzen Rock geknpft, die Bartkommas auf der Oberlippe hinaufgestrichen. Ein
wenig zu zierlich aber hbsch sah er aus, wie er so auf sie zukam, die glatte
weie Stirn, die regelmige Nase, die langen Augenwimpern. Allein der Traum
spielte ein seltsames Spiel, je nher der Graf kam, um so lter wurde dies
Gesicht, es welkte, es verwitterte zusehends. Er legte den Arm um Doralicens
Taille, nahm ihre Hand und kte sie. Scharmant, scharmant, sagte er, wieder
eine reizende Aufmerksamkeit. Wir haben unsere Ausfahrt aufgegeben, weil wir
wuten, da der Gemahl heut nachmittag ein Stndchen frei hat. Da wollen wir ihm
Gesellschaft leisten und ihm selbst den Tee machen. Gute Ehefrauen habe ich
schon genug gesehen, Gott sei Dank, es gibt noch welche, aber ma petite comtesse
ist eine raffinierte Knstlerin in Ehedelikatessen. Doralice schwieg und prete
ihre Lippen fest aufeinander und hatte das unangenehm beengende Gefhl, erzogen
zu werden. Natrlich hatte sie ausfahren wollen, natrlich hatte sie gar nicht
gewut, da der Gemahl heute eine Stunde frei hatte und hatte auch gar nicht die
Absicht gehabt, ihm Gesellschaft zu leisten. Allein das war seine
Erziehungsmethode, er tat, als sei Doralice so, wie er sie wollte. Er lobte sie
bestndig fr das, was er doch erst in sie hineinlegen wollte, er zwang ihr
gleichsam eine Doralice nach seinem Sinne auf, indem er tat, als sei sie schon
da. Hatte sich Doralice in einer Gesellschaft mit einem jungen Herrn zu gut und
zu lustig unterhalten, dann hie es: Wir sind ein wenig vielverlangend, ein
wenig sensibel, man kann sich die Menschen nicht immer aussuchen; aber du hast
ja recht, der junge Mann hat nicht einwandfreie Manieren, aber soviel es geht,
wollen wir ihn fernhalten. Oder Doralice hatte im Theater bei einem Stck, das
dem Grafen mifiel, zu viel und zu kindlich gelacht, dann bemerkte er beim
Nachhausefahren: Wir sind ein wenig verstimmt: schokiert, wir sind ein wenig zu
streng, aber tut nichts, du hast ganz recht, es war ein Fehler von mir, dich in
dieses Stck zu bringen. Ich htte ma petite comtesse besser kennen sollen,
vergib dieses Mal. Und so war es in allen Dingen, diese ihr aufgezwungene
fremde Doralice tyrannisierte sie, schchterte sie ein, beengte sie wie ein
Kleid, das nicht fr sie gemacht war. Was half es, da das Leben um sie her oft
hbsch und bunt war, da die schne Grfin Jasky gefeiert wurde, es war ja nicht
sie, die das alles genieen durfte, es war stets diese unangenehme petite
comtesse, die so sensibel und so reserviert war und ihrem Gemahl gegenber immer
recht hatte. Wie eine unerbittliche Gouvernante begleitete sie sie und
verleidete ihr alles.
    Als der Graf Khne seinen Abschied nahm, als er, wie er es nannte, gestrzt
wurde, und sich gekrnkt und schmollend auf sein einsames Schlo zurckzog, um
sich fortan damit zu beschftigen, die Geschichte der Khne-Jaskys zu schreiben
und melancholisch zu altern, da war es eine neue Doralice, die Doralice dort auf
dem alten Schlosse erwartete. Ah, ma petite chtelaine ist hier endlich in
ihrem wahren Elemente, stille, ruhige, etwas vertrumte Beschftigungen, der
wohlttige Engel des Gemahls und des Gutes, das hat uns gefehlt. Und der stille
wohlttige Engel, der sie nun pltzlich war, drckte auf Doralice wie ein
bleiernes Gewand.
    Da kam Hans Grill ins Schlo, um Doralice zu malen, Hans mit seinem lauten
Lachen und seinen knabenhaft unbesonnenen Bewegungen und seiner unbesonnenen
Art, noch alles, was ihm durch den Kopf ging, unvermittelt und eifrig
auszusprechen. Ich empfehle dir meinen Schtzling, hatte der Graf zu seiner
Frau gesagt, gewi, als Gesellschafter kommt er nicht in Betracht, du hast ja
ganz recht, ihn sehr  distance zu halten, aber dennoch empfehle ich ihn deinem
Wohlgefallen. Es begannen nun die langen Sitzungen in dem nach Norden gelegenen
Eckzimmer des Schlosses. Hans stand vor seiner Leinwand, malte und kratzte
wieder ab. Dabei sprach er stets, erzhlte, fragte, lie groe Worte klingen.
Doralice hrte ihm anfangs neugierig zu, es war ihr neu, da jemand so sorglos
sein innerstes Wesen heraussprudelte. Er sprach stets von sich, zuweilen mit
ganz kindlicher Zufriedenheit und Prahlsucht, dann vertraute er Doralice
gutmtig an, was ihm an sich selber bedenklich schien. An Charakter fehlt es
zuweilen, sagte er, ei, ei! Was aus diesen Reden aber am strksten
hervorklang, war ein unbndiger Lebensappetit und ein unumschrnktes Vertrauen,
alles zu erreichen, wonach er greifen wrde. Oh, ich werde es schon machen, da
ist mir nicht bange, hie es. Doralice tat das wohl, es erregte auch in ihr
wieder Lebenshunger, es erweckte in ihr etwas, das sie fast vergessen hatte,
ihre Jugend. Von distance war eigentlich nicht mehr die Rede, die allzu sensible
chtelaine fiel ganz von ihr ab und es ging jetzt dort in dem Eckzimmer oft sehr
heiter und kameradschaftlich zu. Aber zuweilen, wenn sie gerade recht laut
lachten, hielten sie pltzlich inne, horchten hinaus. Still, sagte Hans, ich
hre seine Stiefel knarren und es war, als sei eine geheime Zusammengehrigkeit
zwischen ihnen beiden eine selbstverstndliche Sache. Hans verliebte sich
natrlich in Doralice und war diesem Gefhle gegenber ganz hilflos. Er zeigte
es ihr, er sagte es ihr mit einer naiven, fast schamlosen Offenheit und Doralice
lie es geschehen, es war ihr, als fate das Leben sie mit starken, gewaltsamen
Armen und trug sie mit sich fort. Da begann in diesen Sptherbsttagen Doralices
Liebesgeschichte. Helle, kalte Tage und dunkle Abende, auf den Beeten, die von
dem Nachtfrost gebrunten Georginen und in den Alleen des Parkes welkes Laub,
das auch beim vorsichtigsten Schritte raschelte. Wenn Doralice an diese Zeit
dachte, empfand sie wieder das seltsame schwle Brennen ihres Blutes, empfand
sie die stete Angst vor etwas Schrecklichem, das kommen sollte, das jeder
Liebesstunde auch ihr furchtbar erregendes Fieber beimischte. Wieder empfand sie
jenes wunderlich lose, verworrene Gefhl, jenen Fatalismus, der so oft Frauen in
ihrem ersten Liebesrausch erfllt. Dennoch trug Doralice leichter an den
Heimlichkeiten und Lgen als Hans. Ich halte es nicht mehr aus, sagte er,
immer einen so vor mir zu haben, den ich betrge, wir wollen fortgehen, oder es
ihm sagen.
    Ja, ja, meinte Doralice. Es wunderte sie selbst, wie gering die
Gewissensbisse waren ber das Unrecht, das sie ihrem Manne antat, ja, es war
fast nur so wie damals, wenn sie Mi Plummers hinterging. Und er ahnt es,
sagte Hans, er bewacht uns, man begegnet ihm berall, hast du es bemerkt? Seine
Stiefel knarren nicht mehr, wir mssen ihm zuvorkommen.
    Allein der Graf kam ihnen zuvor. Es war ein grauer Nebeltag, Doralice stand
im groen Saal am Fenster und schaute zu, wie der Wind die Krone des alten
Birnbaums hin- und herbog und die gelben Bltter von den Zweigen ri und sie in
toller Jagd durch die Luft wirbelte. Es sah ordentlich aus, als freuten sich
diese hellgelben kleinen Bltter, von dem Baume loszukommen, so ausgelassen
schwirrten sie dahin. Doralice hrte ihren Gemahl in das Zimmer kommen. Er
machte einige kleine knarrende Schritte, rckte den Sessel am Kamin, setzte
sich, nahm ein Schreisen, um, wie er es liebte, im Kaminfeuer herumzustochern.
Als er mit einem ma chre zu sprechen begann, wandte sie sich um und es fiel
ihr auf, da er krank aussah, da seine Nase besonders bleich und spitz war. Er
schaute nicht auf, sondern blickte auf das Kaminfeuer, in dem er stocherte. Ma
chre, sagte er, ich habe deine Geduld bewundert, aber lassen wir es genug
sein, ich habe mit Herrn Grill eben vereinbart, da er uns heute verlt. Mit
dem Bilde wird es ja doch nichts und von dir ist es zu viel verlangt, dich noch
der Langeweile dieser Sitzungen und dieser - Gesellschaft zu unterziehen. So
werden wir wieder entre nous sein. Recht angenehm, was?
    Doralice war bis in die Mitte des Zimmers gekommen, da stand sie in ihrem
schieferfarbenen Wollenkleide, die Arme niederhngend, in der ganzen Gestalt
eine Gespanntheit, als wollte sie einen Sprung tun, in den Augen das blanke
Flackern der Menschen, die vor einem Sprunge von einem leichten Schwindel
ergriffen werden.
    Wenn Hans Grill geht, gehe ich auch, sagte sie und im Bemhen ruhig zu
sein, klang ihre Stimme ihr selbst fremd.
    - Wie? Was? Ich verstehe nicht, ma chre. Das Schreisen fiel klirrend aus
seiner Hand und Doralice sah wohl, da er sie gut verstand, da er lngst
verstanden haben mute. Um seine Augen zogen sich viele Fltchen zusammen und
die Bartkommas auf seiner Oberlippe zitterten wunderlich.
    Ich meine, fuhr Doralice fort, da ich nicht mehr deine Frau bin, da ich
nicht mehr deine Frau sein darf, da ich mit Hans Grill gehe, da, da - sie
hielt inne, Schrecken und Verwunderung ber den Anblick des Mannes dort im
Sessel lieen sie nicht weiter sprechen. Er knickte in sich zusammen und sein
Gesicht verzog sich, wurde klein und runzlig. War das Schmerz? War das Zorn? Es
htte auch ein unheimlich scherzhaftes Gesichterschneiden sein knnen. Mit
groen angstvollen Augen starrte Doralice ihn an. Da schttelte er sich, fuhr
sich mit der Hand ber das Gesicht, richtete sich stramm auf. Allons, allons,
murmelte er. Er erhob sich und ging mit steifen zitternden Beinen an das Fenster
und schaute hinaus. Doralice wartete angstvoll, aber auch sehr neugierig, was
nun kommen wrde. Endlich wandte sich der Graf zu ihr um, das Gesicht
aschfarben, aber ruhig. Er zog seine Uhr aus der Westentasche, wurde etwas
ungeduldig, weil die Kapsel nicht gleich aufspringen wollte, schaute dann
aufmerksam auf das Zifferblatt und sagte mit seiner diskreten, hflichen Stimme:
Fnf Uhr dreiig geht der Zug. Er sah auch nicht auf, als Doralice jetzt
langsam aus dem Zimmer ging.
    Mein Herz schlug dabei sehr stark, hatte spter Doralice zu Hans Grill
gesagt, ich hrte es schlagen, es schien mir das Lauteste im Zimmer. Ich wei
nicht, was es war, vielleicht war es pltzlich eine sehr starke Freude.
    Natrlich, natrlich, meinte Hans Grill, was sollte es denn anderes
gewesen sein. -

                                Drittes Kapitel


Im Wardeinschen Anwesen erwachte das Leben, eine Stalltr knarrte, nackte Fe
stapften die Holzstufen am Hause auf und ab. Doralice fuhr aus ihrem Sinnen auf,
aus dem Weiterleben des nchtlichen Traumes. Das Zimmer war jetzt ganz hell, die
Decke mit den groen Streckbalken, die Mbel in ihrer robusten Hlichkeit
lieen sich nicht mehr wegdenken wie vorhin in der wesenlosen Dmmerung, sie
riefen Doralice zu ihrer Wirklichkeit zurck, mahnten sie, da sie zu ihnen
gehrte. Die Tr zum Nebenzimmer stand offen, dort schlief Hans. Doralice sah
ihn, wie er in seinem Bette auf dem Rcken lag, die Wangen rot, das gelbe Haar
wirr in die Stirn fallend, die Lippen halb geffnet. Er atmete tief und laut,
seine breite Brust hob und senkte sich, die Augenbrauen zog er ein wenig
zusammen, was dem Gesicht einen Ausdruck verlieh, als sei das Schlafen eine
ernste, schwere Arbeit, der er sich mit ganzer Anstrengung widmete. Der wird's
schon machen, dachte Doralice, wer so schlafen kann, wer so dabei ist, ist
seiner Sache sicher. Das trstete sie ein wenig in der unklaren Traurigkeit
ihrer Morgenstunden. Aber sie wollte nicht wieder schlafen, sie frchtete sich
davor, zu trumen, wieder hinberzugleiten in ihr frheres Leben. Sie sprang aus
dem Bette und kleidete sich an.
    Als sie drauen auf die Dne hinaustrat, wehte ein lebhafter, khler Seewind
ihr entgegen. ber einen blablauen Himmel zogen eilige hellgraue Wlkchen und
auf dem Meere hoben sich die Wellen ohne Schaum, gro und grngrau, ein
mchtiges stilles Atmen, erst nher dem Strande wurden sie lebhafter und lieen
die weien Schaumtcher flattern. Dieses Atmen des Meeres erinnerte Doralice an
etwas, was war es? Ach ja, an Hans, an seine Brust, die sich dort in dem Zimmer
eben ruhig und kraftvoll hob und senkte. Sie begann am Strande entlang zu gehen,
der Wind fuhr ihr in die Rcke, er trieb sie, sie sprte es deutlich, wie er zu
kleinen Sten ausholte, bald von hinten, bald von der Seite sie anfiel und das
war ein kstlich erfrischendes Spiel, so mu es den Wellen zumute sein, sie
wiegte sich im Gehen; es war ihr, als wogte sie, jetzt fuhr ihr ein strkerer
Windsto in die Haare, schttelte sie. Doralice machte einen Satz, stie einen
lustigen kleinen Schrei aus. Jetzt brande ich, jetzt brande ich, dachte sie.
ber ihr antwortete ein schriller Ruf, eine groe weie Mwe hing ber dem
Wasser, sie schlug mit den Flgeln, warf sich wie von pltzlicher Lust berauscht
auf das Wasser nieder und schwamm dort, ein kleiner weier Punkt auf dieser
wogenden grngrauen Seide. Vor den Fischerhusern auf der Dne standen
Fischerfrauen, ihre grauen Rcke, ihre roten Tcher flatterten und sie schtzten
die Augen mit der Hand und schauten auf das Meer hinaus nach den Mnnern, die in
der Nacht zum Fischfang hinausgefahren waren.
    Als Doralice um den Vorsprung einer Dne bog, sah sie den Geheimrat von
Knospelius, der vor ihr her den Strand entlang ging. Im gelben Leinenanzug, den
Panama im Nacken, einen schnen gelben Setter neben sich, holte er mit dem
dicken Spazierstock weit aus, machte groe Schritte, warf sich in den Schultern
hin und her, hatte, wie es Verwachsene lieben, die Bewegungen starker, groer
Leute. Als er Schritte hinter sich hrte, wandte er sich um, er grte sehr tief
und das groe, bleiche Knabengesicht lchelte. Da es schien, als wolle er etwas
sagen, blieb Doralice stehen. Guten Morgen, gndige Frau, begann er und
schaute mit seinen stahlblauen Augen scharf und aufmerksam hinauf in Doralicens
Gesicht, schon vor Sonnenaufgang auf dem Posten?
    Doralice errtete und lachte: Es ist Ihnen wohl entfallen, Exzellenz, da
das letztemal, als wir uns sprachen, Sie mir dasselbe sagten, auch so etwas von
auf dem Posten stehen.
    So so, meinte Knospelius, mglich, ich interessiere mich fr diese
Sachen. Sie haben ein gutes Gedchtnis. Darf ich Sie einige Schritte begleiten,
gndige Frau?
    Sie nickte, obgleich es ihr nicht recht war, dieses kleine Ungeheuer neben
sich zu haben, das sie von unten auf ansah, unbekmmert, wie man einen
Kupferstich, nicht wie man einen Menschen anschaut. Im Gehen sprach er mit
tiefer Stimme, deren Metall ihm selbst zu gefallen schien. Mit dem Schlafen,
meine Gndige, scheint es Ihnen hier auch nicht recht gelingen zu wollen.
    Doch, meinte Doralice, nur die anderen alle sind so frh auf, die
Fischersleute, die Hhne, nun und das Meer schlft ohnehin nicht.
    Knospelius lachte jetzt sein lautloses Lachen: Ja, ja, hier ist Betrieb,
hier kann man was lernen. Denn, sehen Sie, er wurde ernst, sein Gesicht nahm
einen bsen, fast haerfllten Ausdruck an, sehen Sie, es gibt nichts Dmmeres,
nichts Sinnloseres als die Schlaflosigkeit, als im Bett zu liegen, auf den
Schlaf zu warten und nicht schlafen zu knnen. In solchen Stunden komme ich mir
vor wie meiner Menschenrechte beraubt. Ich tue nicht meine Pflicht als Mensch.
    Pflicht als Mensch, wiederholte Doralice etwas zerstreut.
    Ja, gerade so, fuhr der Geheimrat fort, znkisch als htte jemand ihm
widersprochen, meine Pflicht als Mensch ist, zu schlafen oder mein Handwerk als
Mensch zu treiben, zu arbeiten wie da die Fischer oder zu lieben wie Sie und der
Herr Maler oder zu streiten wie meine Hausleute, gleichviel, eben
Menschengeschfte zu treiben und knnen wir das nicht, so haben wir zu schlafen.
Das wei mein Karo auch, kann er den Aufgaben seines Hundelebens nicht
nachgehen, dann schlft er. Aber was wir in einer schlaflosen Nacht denken und
fhlen, ist ganz unntz, gar nicht zu brauchen, weggeworfenes Leben. Sehen Sie,
ich habe viel zu rechnen, das ist mein Beruf, aber in schlaflosen Nchten mu
ich auch rechnen, Rechnungen, die nie stimmen, die keinen Sinn und kein Resultat
haben, das ist doch menschenunwrdig. Wenn Karo mal so daliegt und mit der Nase
im Buche der Natur liest, dann wittert er wirkliche Hasen und wirkliche Hhner,
nicht sinnlose Tiere, die es gar nicht gibt; nein, nein, ich sage, nicht
schlafen knnen ist ein Skandal und drfte einem gar nicht passieren.
    Knospelius schwieg und schaute rgerlich auf das Meer hinaus.
    Doralice tat der kleine Mann leid. Es war doch eine Qual, die zu ihr
gesprochen hatte, sie wollte ihm etwas Freundliches sagen. Es kam ihr jedoch
khl und flach heraus: Ich hoffe die Seeluft wird Ihnen gut tun, Exzellenz.
Knospelius begann wieder weiter zu gehen und murmelte: Ich, ach, es ist nicht
das, ich sage es so im allgemeinen. Wenn man wacht, mu man was erleben knnen
und wenn man schlafen will, mu man schlafen knnen. Das drfen wir verlangen.
Pltzlich lchelte er, ein hbsches, fast schchternes Lcheln. Na ja, wenn es
bei dem einen oder anderen so 'ne Bewandtnis hat, wenn da Hindernisse sind, nu
so mssen wir uns an die Erlebnisse der anderen halten. Ich interessiere mich
sehr fr die Erlebnisse der andern, ich kmmere mich hier stark um die
Angelegenheiten meiner Nebenmenschen. Ja, ja, was Leben betrifft, bin ich
Kommunist, ich leugne das Privateigentum, ha, ha!
    - Erleben denn die Leute hier so viel? fragte Doralice.
    O genug, erwiderte der Geheimrat, sehen Sie die Fischer, die Kerls haben
sich mit dem Meere eingelassen, und das hlt in Atem, das knnen Sie mir
glauben. Und dann die Weiber, wie sie dort oben stehen und warten. So zu stehen
und auf den Mann oder Sohn zu warten, das spannt an. Haben Sie die Augen dieser
Frauen beobachtet? Das sind Blicke, die nicht so planlos an den Dingen
herumwischen, das sind Blicke, die ohne Umweg gerade auf den Punkt treffen, der
ihnen wichtig ist, wie der Hammer in der Hand eines guten Handwerkers gerade und
hart immer auf den richtigen Fleck schlgt. Und Sie sollten mal diese Augen
sehen, wenn so 'n Mann oder Sohn nicht zurckgekehrt ist und die Frau dann
tagelang am Strande hin- und herluft und jeden dunklen Punkt auf dem Wasser
oder auf dem Strande erspht und mit furchtbarer Aufmerksamkeit beobachtet. Das
sind Augen, die ihr Handwerk verstehen. brigens hat es mich sehr interessiert,
da Sie hergezogen sind. Sie werden schon Farbe in den Betrieb bringen. Es wrde
mich freuen, den Herrn Maler kennen zu lernen. Es scheint ein lebensvoller Herr
zu sein. Das sehe ich gern. Ha, ha, das sehe ich ebenso gern, wie der
Bauernfnger den Herrn mit der dicken Brieftasche gern sieht. Und er lachte
lautlos und andauernd ber seinen Witz.
    Der Himmel wurde jetzt farbig, die Wolken am Horizont bekamen dicke goldene
Sume und eine Welle von Rot bergo den Himmel. Auch in das Graugrn des Meeres
mischten sich blanke Fden, und die Hhlungen der brechenden Wellen am Strande
fllten sich mit Rosenrot, und pltzlich begann das Meer weiter dem Horizonte zu
ganz in Rotgold zu brennen. Knospelius blieb stehen und machte mit seinem langen
Arm eine groe Bewegung auf das Meer hinaus, als wollte er das Meer vor Doralice
ausbreiten.
    Sehen Sie, sagte er, das ist nun der allmorgendliche Farbenspektakel.
Eine hygienische Maregel. Die Natur wird ganz rcksichtslos da mit all diesem
Rot und Gold berschttet. Das soll anregen wie uns die Morgendusche oder der
Morgenkaffee. Wenn Sie noch einige Schritte weiter gehen wollen, so knnen wir
einen hbschen, ja ich sage geradezu einen hbschen Anblick haben.
    So gingen sie denn weiter. Sie kamen an eine Stelle des Ufers, wo eine hohe
Sanddne ganz nah bis an das Wasser herantrat, die Wellen untersplten sie so,
da die Sandwand teilweise eingestrzt war. Bei hohem Seegang waren groe Stcke
des Erdreichs abgebrckelt und fortgerissen worden, berall klafften Hhlen und
Risse, das alles triefte jetzt von rotem Morgenlicht. Hie und da ragte aus dem
hellbeschienenen Sande morsches Holzwerk hervor, das metallisch glnzte, und
weie Stcke, die - Aber, rief Doralice, das ist dort eine Hand.
Allerdings, erklrte der Geheimrat, das da ist eine Hand und ein Arm und dort
ist ein Schdel hbsch rosa angeleuchtet und in dem verfallenen Sarge dort ein
ganzer Mann. Wie Sie sehen, ist dies ein Friedhof, mit dem das Meer langsam
aufrumt. Fr Friedhofsromantik und Friedhofschauer habe ich wenig brig, die
sind billig. Dies aber gefllt mir. Ein Friedhof, von dem jede Sturmnacht ein
Stck abschneidet, wie von einem Kuchen, und aus dem Sande gucken dann all diese
Stillen heraus und lassen sich den Seewind um die Knochen wehen. Sehen Sie, wie
kokett sie sich im Morgenrot frben, die blhen wie die Rosen. Und dann kommt
die Sturmnacht und holt sie ab, dann geht es auf die Reise ins Meer hinaus. Aus
dem denkbar Engsten und Stillsten in das Weiteste und Lauteste hinein. Das
gefllt mir. Wie auf einer Landungsbrcke stehen die hier und warten auf das
Schiff, das sie abholt. Das knnte mich reizen. Da ist doch Betrieb. Dem Tode
wird hier das Muffige genommen, mit dem man ihn zu umgeben liebt. Nicht?
    Knospelius schaute zu Doralice auf. Sie war ein wenig bleich geworden, sie
prete die Lippen aufeinander und zog die Augenbrauen zusammen. Es sah aus, als
sei sie bse. Nun, es scheint Ihnen nicht zu gefallen, bemerkte der Geheimrat,
frchten Sie sich vielleicht? Wir werden ja zur Furcht vor diesen Dingen
erzogen.
    - Nein, erwiderte Doralice, ich frchte mich nicht. Dies hier ist sehr
seltsam. Nur, ich wei nicht, ich htte es vielleicht heute morgen lieber nicht
gesehen.
    So, so, meinte der Geheimrat, dann knnen wir ja gehen. Sie haben
brigens recht, ber den Tod und was mit ihm zusammenhngt nachzudenken ist wohl
augenblicklich ganz und gar nicht Ihr Beruf.
    Auf dem Rckweg war Doralice schweigsam. Knospelius plauderte behaglich vor
sich hin. Die Generalin Palikow, ja, die kannte er. Eine kluge alte Frau, ein
wenig laut, und liebte es, die Angelegenheiten anderer Leute fest in ihre Hand
zu nehmen. Sie fhlt sich stets verantwortlich fr die Angelegenheiten anderer.
Der Baron Buttlr, nun - der hat einen wunderschnen blonden Schnurrbart. Wenn
er nach Berlin kam, da brauchte er viel Sekt und suchte Abenteuer. Solch ein
Schnurrbart verpflichtet eben und macht auch den christlichen Hausvater und
Gatten oft unruhig. Die Tchter, brigens hbsche Mdchen, schmal und biegsam
wie Weidenruten. Das ist die moderne Fasson. Junge Mdchen muten jetzt aussehen
wie Arabesken. Er, Knospelius, zog das frhere, das dreidimensionale Format dem
heutigen Stile vor.
    Doralice hrte ihm mit Abneigung zu. Sie fand jetzt ihren Begleiter
unheimlich und er verdarb ihr den schnen Morgen. Was ging sie die Welt der
Buckligen an, sie sehnte sich nach Menschen mit geradem Rcken. Dazu hatte er
eine unangenehme Art, so von unten herauf ihr scharf auf die Lippen zu sehen.
Doralice verzog die Lippen, als schmeckte sie etwas Bitteres.
    Nach Sonnenaufgang hatte sich der Wind gelegt. Das Meer glttete sich und
glitzerte weit hinaus. Viele Fischerboote kehrten heim. Von den Dnen liefen die
Fischerfrauen zum Strande hinab, schrzten ihre Rcke hoch auf und wateten in
das Wasser, um den Mnnern behilflich zu sein die Boote auf den Sand zu ziehen.
Mitten im Brandungsschaum standen alle diese Menschen blank von Wasser und
Sonnenschein. Ah, unsere Fischer, sagte der Geheimrat. Er trat an eins der
Boote heran, begrte die Fischer, die er kannte: Guten Morgen, Andree, guten
Morgen, Wardein, nun, hat es sich gelohnt? - Bichen was ist da, sagte
Wardein und wischte sich den Wellenschaum aus dem grauen Bart. Knospelius beugte
sich ber den Bootsrand, um die Fische zu sehen, die auf dem Boden des Bootes
lagen. Er streifte sich den Rockrmel auf und fuhr mit seinen langen Fingern
mitten hinein zwischen die Dorsche mit ihren bleichen Silberleibern, die Butten,
die aussahen wie brunliche Bronzescheiben, an denen wunderlich verzerrte
Gesichter sitzen und die Flle der kleinen Brtlinge, die blank waren wie
frischgeprgte Markstcke. Knospelius kniff ein Auge zu und lachte das Lachen
eines ausgelassenen Schuljungen. Betrieb, auch Betrieb, sagte er.
    Doralice sah ihm einen Augenblick zu, dann wandte sie sich mit einem kurzen
guten Morgen ab und ging schnell weiter. Jetzt hatte sie Eile, bei Hans Grill
zu sein. Da kam er ihr schon entgegen in seinem weien Leinenanzug, das Badetuch
ber der Schulter, das Gesicht rot und ber und ber lchelnd. Wie er sich
freut, mich zu sehen, dachte Doralice, und sie fhlte diese Freude wie etwas,
das sie pltzlich erwrmte. Hans legte seinen Arm um ihre Taille, nahm sie an
sich, wie man sein Eigentum an sich nimmt. Er hatte schon gebadet, er roch nach
Seewasser. Kalt war's, berichtete er, aber das liebe ich, wenn die Wellen
einen ins Fleisch zwicken, willst du nicht auch baden? Nein, Doralice wollte
spter baden.
    Ich wei, ich wei, meinte Hans, du liebst es, wenn das Meer eine
lauwarme Tasse Tee ist. Schn, schn. Aber hungrig sind wir, ich habe Agnes
gesagt, da sie fr jeden von uns wenigstens vier Eier bereithalten soll.
    Was sagte Agnes? fragte Doralice. Hans lachte. O die, ihr Gesicht
versteinerte sich und sie meinte, sie habe nicht gewut, da adlige Damen so
viel essen mssen.

                                Viertes Kapitel


Der Tag war sehr hei. Die Generalin hatte die Strandkrbe auf die Dne stellen
lassen. Dort saen sie und ihre Tochter und machten Handarbeit. Frulein Bork
ruhte vor ihnen im Sande und zeichnete das Meer. Sie zeichnete immer das Meer,
lange leichtgewellte Linien, am Horizont ein Segelboot. Wedig sa neben seiner
Mutter und mute aus Fnlons Tlmaque vorlesen. Er las ganz eintnig in
einer Art klagender Melodie, die wie das Schlummerlied fr diese heie Stunde
klang. Er selbst fhlte sich ganz hoffnungslos, sein Feriengefhl war ihm
abhanden gekommen. Dieses ewig glitzernde Meer, dieser heie Sand, der sich an
die Finger hing und sie nervs machte, die Ereignislosigkeit, all das schien
Wedig gewhnlicher Alltag und machte ihn weltschmerzlich. Dazu noch dieser
Mentor mit seinen endlosen Reden. Wedig wnschte, er htte ihm die Nase abreien
knnen. Frau von Buttlr hrte der Vorlesung nur unaufmerksam zu, nur mechanisch
warf sie hin und wieder ein zerstreutes faites les liaisons, mon enfant hin.
Oft griff sie nach ihrem Opernglase, um zum Strande hinabzusehen, wo Lolo und
Nini auf- und abgingen und sich abkhlten, bevor sie in das Wasser gingen. In
den roten Badeanzgen, weie Stoffkappen auf dem Kopf, sahen sie wie sehr
schlanke Knaben aus und sie gingen ganz aufrecht, die Beine ihrer Freiheit
ungewohnt ein wenig befangen und steif bewegend.
    Sagen Sie, Malwine, fragte die Generalin, sahen wir in unserer Jugend
auch so aus, wenn wir badeten?
    Frulein Bork kniff das eine Auge zu und lchelte gefhlvoll: Ach, das ist
so hbsch, meinte sie, wie kleine rote Silhouetten auf einem grnen
Lampenschirm sehen sie aus.
    Ja, o ja, versetzte die Generalin, da das, was wir in unserer Jugend
Hften nannten, immer mehr abkommt!
    Jetzt gingen die Mdchen in das Wasser, vorsichtig wateten sie durch die
Brandungswellen, verschwanden zuweilen ganz im weien Schaum und warfen sich
endlich auf das Wasser, um zu schwimmen, zwei rote Striche, in dem weilichen
Grn, das heute die Farbe des Meeres war. Sie waren gute Schwimmerinnen, aber
Lolo berholte Nini weit, wunderbar leicht und schnell scho sie vorwrts,
geradeaus, als habe sie ein Ziel.
    Aber wohin will sie, rief Frau von Buttlr, warum bleiben sie nicht
beisammen? Ich habe ihnen gesagt, sie sollen beisammen bleiben, ich habe ihnen
verboten, bis zur zweiten Sandbank zu schwimmen. Lolo! Lolo! Frau von Buttlr
rief und winkte mit ihrem Taschentuche, aber der rote Strich dort drben fuhr
immer weiter ins Meer hinaus. Ich sage es immer, klagte Frau von Buttlr,
Lolo hat einen schwierigen Charakter, sie kann nicht gehorchen, ihr Mann wird
es schwer haben. Lolo! Lolo!
    Wer geht denn dort ins Meer? fragte Wedig und zeigte zum Strande hinab.
    Das, sagte die Generalin, mu die Khne sein.
    Wo? Was? rief Frau von Buttlr. Ach, nenne sie doch nicht Khne, Mama,
sie heit doch nicht so.
    - Ach was, meinte die Generalin, wenn die Leute bestndig ihren Namen
ndern, kann mein alter Kopf es nicht behalten, und Grill, wer kann sich das
merken, das ist nichts.
    Einen Augenblick schwiegen alle und schauten gespannt auf das Meer hinab.
Wedig hatte den Tlmaque fortgeworfen und legte sich platt in den Sand, lag da
wie eine Robbe und starrte vor sich hin. Jetzt kam vielleicht doch ein Ereignis.
    Reizend, bemerkte Frulein Bork, marineblau und einen kleinen gelben
Dreimaster und wie sie schwimmt!
    Sehr schick, brummte Wedig. Das jedoch erregte aufs neue Frau von Buttlrs
Aufregung. Schweig, herrschte sie ihren Sohn an, sie stand auf, schwenkte ihr
Tuch, rief wieder: Lolo! Lolo! Aber sie schwimmen ja aufeinander zu, auf der
Sandbank mssen sie sich ja treffen. Ach Gott, mein armes Kind!
    Na, setz' dich, Bella, beruhigte die Generalin ihre Tochter, jetzt ist es
nicht zu ndern. Sie wird Lolo auch nicht gleich anstecken.
    Mu man so etwas erleben, seufzte Frau von Buttlr und setzte sich
kummervoll in den Stuhl zurck. Gespannt folgten alle mit den Augen dem roten
und dem marineblauen Punkte dort auf der lichtberglitzerten Flche.
    Die Dame ist doch zuerst da, rief Wedig triumphierend.
    Lolo scheint mde, sie schwimmt langsam, bemerkte Frulein Bork; ah, ah,
die Grfin geht ihr entgegen, sie will ihr helfen.
    Unerhrt, sthnte Frau von Buttlr.
    Jetzt reicht sie Lolo die Hand, meldete Wedig, ah, jetzt steht Lolo, die
Dame legt ihr den Arm um die Taille und Lolo sttzt sich auf ihre Schulter.
    Dem setzt man sich aus, wenn man so ohne weiteres ins Meer hinausschwimmt,
klagte Frau von Buttlr. Aber die Generalin rgerte sich: Bella, du bertreibst
wieder, wenn das Kind mde ist vom Schwimmen, so ist es gut, da jemand ihr die
Hand reicht, und das Kind nimmt die Hand und fragt nicht erst: Sind Sie Ihrem
Manne auch treu gewesen!
    Lolo stand drben auf der Sandbank, sie war bleich geworden und atmete
schnell. Oh, ich halte Sie schon, sagte Doralice, legen Sie den Arm auf meine
Schulter, so wie man beim Tanzen den Arm auf die Schulter des Herrn legt - so.
Es war doch ein wenig zu weit, Sie sind das nicht gewohnt.
    Danke, gndige Frau, sagte Lolo und errtete, jetzt ist mir besser, ich
bin das Meer nicht gewohnt und ich wollte dort immer im Blanken schwimmen und
das war ein wenig zu weit.
    Nun erholen wir uns noch, fuhr Doralice fort. Ja, im Blanken schwimme ich
auch gern, die Sonnenstrahlen fahren einem dann so ber die Haut wie kleine
warme Fische, das liebe ich. Aber wie Ihr Herz schlgt. Zurck schwimmen wir
geradeaus, da ist es nur eine kleine Strecke bis zur ersten Sandbank.
    Lolo antwortete nicht, sie dachte nur, wrde sie doch noch sprechen. Nach
der Anstrengung des Schwimmens kam ein kstliches Behagen ber sie. Gern wollte
sie lange noch so stehen in dem lauen Wasser, sich schwesterlich an diese schne
geheimnisvolle Frau lehnend, diese seltsam schimmernden Augen, diesen Mund mit
den schmalen, zu roten Lippen ganz nahe haben. Doralice sprach jetzt von
gleichgltigen Dingen, von dem heien Tage und da es am Bullenkruge wenig
Schatten gebe und vom Schwimmen und Lolo hrte ihr zu wie etwas Erregendem,
Verbotenem, dessen Schnheit sie, sie allein jetzt pltzlich erkannt hatte.
    Jetzt, denke ich, schwimmen wir, schlug Doralice vor und sie warfen sich
in das Wasser, schwammen dicht nebeneinander, wandten zuweilen die Gesichter
einander zu, um sich anzulcheln. Geht es? rief Doralice. Wir sind gleich
da.
    Oh, es geht, es geht schn, antwortete Lolo.
    Es war fast so bequem, dachte Lolo, als lgen sie beide auf einer grnen
Atlascouchette und knnten sich unterhalten. Ja, das war es, sie wollte sich
unterhalten. Sie fhlte sich nicht mehr so befangen wie dort auf der Sandbank.
Sollte sie fragen, ob es bei Wardeins sehr eng sei? Nein, das war zu
unpersnlich, so sagte sie denn: Gndige Frau, ich sehe Sie jeden Abend von
meinem Fenster aus im Mondschein spazierengehen.
    So, erwiderte Doralice und legte sich auf die Seite, um Lolo ansehen zu
knnen, ihr Gesicht war ber und ber mit flimmernden Tropfen berst, das ist
dann wohl Ihr Fenster oben im Giebel, in dem ich jeden Abend Licht sehe?
    Ja, rief Lolo begeistert zurck. Es freute sie, da Doralice zu ihr
hinaufgeschaut hatte. Nun waren sie angekommen und gingen ans Ufer.
    Es ist hbsch, meinte Doralice, so zu zweien zu schwimmen, und sie
reichte Lolo die Hand. Lolo nahm diese kleine feuchte Hand, hielt sie einen
Augenblick und fhrte sie dann schnell an ihre Lippen. Ich - ich danke Ihnen,
gndige Frau, sagte sie leise.
    Nicht doch, wehrte Doralice, beugte sich vor und kte Lolo auf den Mund.
    Von der Dne her aber bewegte sich ein Zug eilig auf Lolo zu. Voran Frau von
Buttlr, die unausgesetzt Lolo! rief und mit dem Taschentuch winkte, ihr
folgte Frulein Bork mit dem Badetuche, dann Wedig die Hnde in den Hosentaschen
und ein ironisches Lcheln auf den Lippen und zuletzt die Generalin erhitzt und
ganz auer Atem. Lolo ging dem Zuge ein wenig zgernd entgegen. Da bist du
endlich, rief Frau von Buttlr, du bringst mich noch um mit deinen
Geschichten. Lolo lie sich schweigend in das Badetuch hllen, man sah ihrem
eigensinnigen Gesicht sofort an, da sie nichts zu ihrer Entschuldigung anfhren
wollte. Whrend sie jetzt alle wieder zum Badehause zogen, ging Frau von Buttlr
hinter ihrer Tochter her und schalt unausgesetzt: So etwas kann nur dir
passieren, gerade dieser Person in die Arme zu laufen und gekt hat sie dich.
Wie kommt sie darauf, die freche Person? Und du lt das geschehen. Von wem
wirst du dich nicht noch alles kssen lassen.
    Da wandte Lolo ein wenig den Kopf und sagte entschlossen und eigensinnig:
Sie hat mich gekt, weil ich ihr die Hand gekt habe.
    Du hast ihr die Hand gekt, rief Frau von Buttlr, hat man so etwas
gehrt und warum? ich bitte dich. Diese Person, sie ist ja halbnackt, keine
rmel und die Dekolletage! Aber du hast keinen Stolz, du bist verlobt, du sollst
eine ehrliche Frau werden; wir ehrliche Frauen mssen doch Front machen gegen
diese Damen und du kt ihnen die Hnde. Dein Brutigam wird sich freuen. Ach
Gott, mir ist ganz bel, so schme ich mich.
    Da legte sich die Generalin ins Mittel, sie schob Lolo in das Badehaus und
sagte: Fr jetzt ist es genug, Bella, das Kind ist angegriffen, geschehen ist
geschehen, wir werden ihr mit etwas Baldriantee den Ku der Jasky wieder
wegkurieren.
    Zu Hause schickte Frau von Buttlr Lolo sofort zu Bett, sie selbst legte
sich auch hin und Ernestine lief mit Baldriantee treppauf, treppab.
    Lolo lag oben in ihrem Zimmer auf ihrem Bett noch immer bleich und schaute
mit ihren erregten Augen nachdenklich zur Decke auf. Nini sa neben ihr, sie
sprach nichts, sondern schaute Lolo nur wartend an. Endlich begann Lolo zu
sprechen, langsam und versonnen: Ja, sie war herrlich, aber das wute ich, und
da ich sie werde lieben mssen, das wute ich auch, aber ich wute nicht, da
sie etwas an sich hat, das einen weinen machen knnte. Ich hatte so das Gefhl
im Halse wie bei ganz rhrenden Stellen in Romanen, das ist natrlich deshalb,
weil alle so schlecht von ihr sprechen, weil alle so gegen sie sind. Aber ich
bin fr sie. - Ich auch, sagte Nini.
    Du? fragte Lolo verwundert. Du kennst sie ja gar nicht.
    - Das tut nichts, meinte Nini, ich war schon fr sie den ersten Abend,
als ich sie im Mondschein spazieren gehen sah. Aber was wirst du jetzt tun?
    Ich wei, was ich tun werde, sagte Lolo ernst. Sie stand auf, setzte sich
an ihren Schreibtisch und begann einen Brief zu schreiben. Nini wartete geduldig
und fragte dann: Hast du an sie geschrieben?
    O nein, antwortete Lolo berlegen. Ich habe mir aus der Stadt sehr viel
rote Rosen kommen lassen, die werde ich ihr abends durch das Fenster in ihr
Zimmer werfen.
    Und ich, beschlo Nini, werde mich so lange ben, bis ich auch zur
zweiten Sandbank schwimmen kann, und wenn ich dabei auch ertrinke.

                                Fnftes Kapitel


Es folgten sich Tage mit unbewlktem Himmel und unerbittlichem Sonnenschein.
berall lag dieses heie grelle Licht, es schwamm und zitterte auf dem Wasser,
es sprhte auf dem Sande, erweckte Funken auf den Kieseln und auf den harten
Stengeln des Strandhafers und der Seggen.
    Man kann sich vor Licht nicht mehr retten, sagte Hans Grill. Aber auch die
Abende und Nchte brachten weder Khlung noch Dunkel. Ein leichter Westwind
bewegte die Schwle nur, ohne sie zu mildern. In einem dunstigen violetten
Gewlk wetterleuchtete es jeden Abend am Horizont und dann kam der Mond fast
voll und das Glitzern und Sprhen begann wieder allerorten.
    Man mchte zu dieser ewigen Helligkeit sagen, bemerkte wieder Hans Grill,
ich will meine Ruhe.
    Allein auch in den Stuben war diese Ruhe nicht zu finden, dort war es zu eng
und zu hei, und die Dunkelheit legte sich ber den Schlfer wie eine dicke
schwarze Decke. Selbst die Fischer, die sonst mit einbrechender Dunkelheit in
ihre Htten zu verschwinden pflegten, saen vor ihren Husern und starrten auf
das Meer hinaus. So saen die Wardeins auf der langen Bank vor ihrer Haustr,
alle waren sie da nebeneinander aufgereiht wie Seevgel auf einer Klippe. Die
achtzigjhrige Gromutter, gro und knochig wie ein Mann, legte ihre seltsam
knorrigen Hnde flach auf die Kniescheiben, um sie zu khlen. Wardein rauchte
seine Pfeife; seine bleiche Frau hielt das Jngste an der Brust und die anderen
Kinder saen da im Hemde und wiegten unruhig die nackten Fchen. Keiner sprach
ein Wort, und alle, auch die Kinder, schauten ernst und geduldig gerade vor sich
hin. Wenn das Wetterleuchten drben eilig den Horizont erhellte, wies Wardein
stumm mit der Pfeife zu ihm hinber. Unten am Strande gingen ganz stille
Liebespaare hin, sie gingen mit herabhngenden Armen nebeneinander her, trge
die Fe ber den Sand ziehend. Was sollten sie sich sagen, hier hatte immer
seit Menschengedenken das Meer das Wort und wozu ihm unntz dreinreden.
    Doralice und Hans wohnten jetzt fast den ganzen Tag in einer Einsenkung der
Dne. Hans spannte dort seinen Malschirm aus, breitete eine Decke ber den Sand,
auf der Doralice liegen konnte, er selbst sa vor seiner Staffelei und malte das
Meer. Das ist das einzige, behauptete Grill, wir mssen es machen wie die
Hhner, die sich Erdlcher machen und sich khlen.
    Doralice schlo die Augen und murmelte, fast zu faul um die Lippen zu
bewegen: Ganz still liegen, sich nicht bewegen, denn, sprst du das auch? in
uns da zittert und flackert es immer so wie der Sonnenschein auf dem Wasser. Das
macht mde.
    Gut, gut, lieg nur still, sagte Hans vterlich und beruhigend. Sie
schwiegen sie eine Weile, bis Hans seinen Pinsel fortwarf und sich auch auf den
Sand ausstreckte.
    Es will und will nicht werden, sagte er rgerlich. Doralice ffnete die
Augen und schaute das Bild auf der Staffelei an und meinte: Warum, es ist ja
ganz gut, das ist durchsichtig, das ist grn.
    Hans fuhr auf erregt und eifrig: Durchsichtig und grn. Ein Stck Glas ist
auch durchsichtig, ein Stck Stoff kann grn sein. Nein, das ist noch kein Meer.
Das Meer mu gezeichnet werden, siehst du, nur die Linie hat Bewegung und Leben.
Ich kann dein blaues Kleid malen, nichts leichteres als das, aber es so zu
malen, da jeder sieht, du steckst da drin unter dem Blauen, das ist die Kunst.
Im Meer steckt eben auch unter dem Durchsichtigen und Grnen etwas, das lebt und
sich bewegt, und das ist eben das Meer.
    Ah, so ist es, sagte Doralice wieder mit geschlossenen Augen, mach' das
doch, Lieber.
    Machen, machen, wiederholte Hans, das ist es eben. Ich mchte wissen, wo
zum Teufel mein Talent hingekommen ist, es war doch da.
    Bin ich daran schuld? fragte Doralice ruhig und schlfrig.
    Hans antwortete nicht sogleich. Er lag da und starrte zum Himmel auf und
dachte nach. Ja, wie war das denn? Und er begann langsam zu sprechen, wie zu
sich selber: Schuld, eine Schuld kann da nicht sein, aber das ist es, du nimmst
jetzt in mir einen so groen Raum ein, da das Talent nicht mehr Platz hat.
Natrlich, das ist es. Du bist doch in mein Leben hereingekommen wie ein Wunder
und noch bist du jeden Augenblick ein unbegreifliches Wunder. Wie soll da etwas
anderes Platz haben. Immerfort ein Wunder zu erleben, strengt an.
    - Und glaubst du, unterbrach ihn Doralice ein wenig gereizt, es strengt
nicht an, immer, den ganzen Tag, ein Wunder zu sein?
    Hans lachte gutmtig: La es gut sein, ich gewhne mich schon an das
Wunder.
    - O wirklich, du gewhnst dich dran, warf Doralice hin.
    Sicher, fuhr Hans fort, alles, was uns jetzt selbstverstndlich scheint,
ist einmal ein Wunder gewesen. Du wirst mir auch selbstverstndlich werden.
Warte nur, bis wir in unserer Ordnung sind.
    Doralice hob ihre Arme hoch ber den Kopf empor und streckte sich: Ach ja,
deine Ordnung, nun also erzhle von deiner Ordnung. Ein Huschen, nicht wahr,
damit fngt es doch an?
    Allerdings ein Huschen, begann Hans gereizt, ein Huschen irgendwo,
sagen wir in einem Vorort von Mnchen, ein Huschen, das deine eigenste
Schpfung ist, der Ausdruck deines Wesens, dort waltest du. Mein Atelier ist
natrlich in der Stadt, ich komme zu Mittag heim und du erwartest mich -
    - Das wei ich alles schon, unterbrach ihn Doralice, nur mchte ich
wissen, was ich den ganzen Vormittag allein gemacht habe.
    Du hast eben deinen Wirkungskreis, erklrte Hans, du hast dein Hauswesen,
dem du dein Geprge gibst.
    Doralice zuckte mit den Achseln: Ach Gott, ich kann doch nicht den ganzen
Vormittag allein dasitzen und dem Hauswesen mein Geprge geben.
    Hans errtete und machte ein Gesicht, wie jemand, dem es in allen Gliedern
ruckt, weil er einen Knoten nicht aufbringen kann: Allein, warum allein? Da
werden doch Menschen sein, wir schaffen uns unseren Kreis, unsere Gesellschaft,
wir sind an keine Gesellschaft gebunden, wir sind die Schpfer unserer
Gesellschaft, das ist es.
    Doralice richtete sich ein wenig auf und sah Hans an und ihre Augen wurden
gro und bekamen einen hilflosen, angstvollen Ausdruck: Menschen, sagte sie
leise, du weit doch, ich frchte mich vor den Menschen.
    Hans konnte sich vor dem schmerzhaften Mitleid, das diese Augen in ihm
erregten, nur retten, indem er sich in Zorn redete. Er schrie ordentlich:
Frchten, das sollst du nicht, das darfst du nicht, wenn ich da bin, das ist
eine Beleidigung fr mich, und wir knnen nicht immer in einer Einsamkeit leben.
Ich will nicht, da wir Ausnahmen sind. Du sollst nicht fr mich das
Auerordentliche bleiben, nein, du mut mein Alltag sein, mein tgliches Brot,
dann erst besitze ich dich ganz. Und wir mssen leben wie die anderen Menschen
und mit den anderen Menschen. Die Welt ist voll guter herrlicher Menschen, du
wirst Frauen finden, grozgige, freidenkende, edle Frauen.
    Doralice hatte sich wieder ruhig zurckgelehnt und die Augen geschlossen:
Diese Frauen kenne ich, bemerkte sie, sie tragen Velveteen-Reformkleider und
sprechen von objektiv und subjektiv. Zwei frhere Schlerinnen besuchten einmal
Mi Plummers, die waren so und Mi Plummers nannte sie: very clever indeed!
    Hans hatte die Hnde voll Strandhafer, den er in seinem Zorn ringsumher
ausri: Das ist immer so, sagte er, du willst mich nicht verstehen. Weil du
deine Gesellschaft verlassen hast, glaubst du, es gbe keine deiner wrdigen
Menschen mehr. Das ist Hochmut, oder schmst du dich meiner vor den Menschen?
Sag, schmst du dich meiner?
    Doralice lchelte mit geschlossenen Augen: Nein, du bist gut, erwiderte
sie, du bist mir schon recht, nur deine Frau Grill mit dem Geprge, die ist mir
nicht sympathisch, die mchte ich lieber nicht kennenlernen.
    Aber du mut sie kennenlernen, rief Hans, wenn du mich willst, mut du
auch Frau Grill wollen, ich trete fr sie ein, ich werde nicht erlauben, da du
sie hochmtig beiseite schiebst. Aber so geht es immer, wir reden und reden, als
ob der eine auf der ersten Sandbank steht und der andere auf der zweiten. Und
keiner versteht, was der andere sagt, und wir rufen uns nur immer: was? was?
zu.
    Hans war aufgesprungen, er stand vor Doralice und sah sie an. Wie ruhig sie
dalag in ihrem gelben Sommerkleide, das heie Gesicht ganz umflimmert von dem
blonden Haar, wie ein friedlich schlafendes ganz junges Mdchen sah sie aus. Nur
das Zucken des Mundes mit den schmalen zu roten Lippen sprach von einer
Erregung, die in ihr wach war. Wei sie denn nicht, was ich leide? dachte Hans.
Er drckte seinen Strohhut tiefer in die Stirn und lief die Dne hinab an das
Meer. Ins Wasser gehen, schwimmen, das war in solchen Augenblicken noch das
einzige, was er tun konnte.
    Hans Grill hatte nie erwartet, da das Leben ihn verwhne, er hatte sich
tapfer genug mit Not und Widerwrtigkeiten herumgeschlagen; aber er hatte ihm
vertraut, er hatte es zuweilen hart gefunden, aber nie unverstndlich. Alles
Unklare in der Welt wurde sofort klar, wenn Hansens zwanzigjhriger Egoismus es
zu sich selbst in Beziehung brachte, und alle Rtsel lsten sich, wenn er ihnen
die Frage stellte: bist du fr oder gegen Hans Grill? Jetzt aber verstand er
nicht mehr. Etwas war in sein Leben gekommen, das es ihm selber fremd machte,
als lebte es ein anderer fr ihn. Mdchen, und was man so Liebe nennt, waren ihm
schon frher begegnet, und so etwas verwirrt zuweilen, man begeht Torheiten,
aber verstndlich war das und ging schlielich hbsch glatt in das allgemeine
Erleben auf. Man mute nur fest und ein wenig rcksichtslos zugreifen. Stramm
halten, dann verfitzt es sich nicht, pflegte Hansens Gromutter zu sagen, die
fr Geld Strmpfe strickte, wenn der kleine Hans vor ihr sa und die
Baumwollstrhnen zum Abwickeln hielt. Aber diese Frau hier, warum mute er sie
so schmerzhaft begehren, jetzt, wo er sie besa? Warum hatte er nie das ruhige,
glckliche Gefhl des Besitzes, warum mute er, wenn er sie am festesten hielt,
stets frchten, sie zu verlieren? Alles in ihm war voll von dieser Frau und doch
war sie ihm fern. Er verstand nicht, er verstand nicht, und es blieb ihm nichts
brig, als wie ein Raubtier knurrend seine Beute festzuhalten, damit niemand sie
ihm entreie. Hans hatte sich entkleidet und ging langsam durch die Brandung in
das Meer hinein. Ich will es schon erzwingen, dachte er ingrimmig, ich will sie
schon in das Hans Grillsche umrechnen.
    Ich habe die Ehre, hrte er eine Stimme neben sich. Unter einer brechenden
Welle wie unter einer grnen Glaswlbung stand Knospelius in gelbem Badetrikot.
Nun ging die Welle ber ihn nieder, verbarg ihn hinter einem weien
Schaumvorhang, gleich darauf tauchte er wieder auf, schttelte sich, nickte und
sagte: Von Knospelius. Ich habe schon die Ehre gehabt, Ihre Frau Gemahlin zu
begren. Hans verbeugte sich steif.
    Heie Tage, fuhr der Geheimrat fort, man kann nicht genug vom Baden
haben. Sonst ein hbscher Aufenthalt hier. Nur ein wenig mehr Geselligkeit wre
zu wnschen. Es fngt doch an, sich zu beleben hier. Baron Buttlr kommt
nchstens mit seinem knftigen Schwiegersohn.
    Ach, meine Frau und ich sind nicht eben gesellig, erwiderte Hans und
schaute neugierig auf das groe, bleiche Knabengesicht nieder. Knospelius
lachte. Ich wei, ich wei, Flitterwochen, les jeunes maris. Einer scharmanten
Frau dienen, das ist die Beschftigung der Beschftigungen. Jeder normale Mensch
hat sie oder sucht sie. Alles andere ist daneben nur Nebenbeschftigung. Aber
ein alter Junggeselle wie ich, der nur Nebenbeschftigungen hat, mu sich an die
Geselligkeit halten. So ein winziges Norderney sollten wir hier grnden. Ich
erlaube mir, bei Ihnen nchstens meine Aufwartung zu machen.
    Ich glaube, meinte Hans, die meisten suchen hier die Einsamkeit. Whrend
er sprach, verschwand der Geheimrat unter einer Welle, wie eine Maus in der
Ackerfurche. Als er wieder auftauchte, hob er dozierend seinen langen Finger und
sagte: Das sind immer die heitersten Gesellschaften, die aus lauter Leuten
bestehen, welche die Einsamkeit suchen. Jetzt mu ich hinaus, mein Klaus
erwartet mich bereits.
    Er verbeugte sich frmlich und ging dem Strande zu, wo ein sehr groer,
ernster Mann mit einem Badetuche seiner harrte.
    Hans zuckte die Achseln. Was will der wieder? dachte er. Lauter ganz
unwahrscheinliches Zeug hngt sich jetzt an einen. Er ging weiter, begann dann
zu schwimmen, schwamm weit auf das Meer hinaus. Das tat wohl. Da war nichts
Unverstndliches, man regt krftig Arme und Beine, durchschneidet das Wasser und
bleibt immer oben und kmmert sich um all die dunklen Tiefen nicht, die unter
einem liegen.
    Das Bad hatte Hans gut getan; er fhlte sich seiner selbst sicherer und
hatte wieder das Vertrauen, da er es schon machen wrde. Als er zur Dne
emporstieg, fand er Knospelius bei Doralice. Er hrte schon von weitem, wie sie
lachten. Wieder der, dachte Hans mit jenem rgerlichen Gefhl, das wir zu haben
pflegen, wenn eine Fliege sich uns immer wieder auf die Nase setzt. Der
Geheimrat sa auf Hansens Malstuhl und sprach angeregt. Doralice hatte sich
aufgerichtet, sttzte sich auf ihren Ellenbogen, das Gesicht ber und ber rosa,
hrte ihm zu mit dem liebenswrdigen, ein wenig befangenen Ausdruck, den junge
Frauen haben, die zum ersten Male in ihrem Salon empfangen.
    Sie sehen, rief der Geheimrat Hans entgegen, ich mache mit der
Geselligkeit gleich den Anfang. Ich habe Ihrer Frau Gemahlin eben ein Kompliment
ber die Lebenslage gemacht. Famos! Fr einen Maler geradezu unbezahlbar. Der
gelbe Sand, der gelbe Batist des Kleides, das goldene Haar, eine Symphonie in
Blond. Nicht? Ja, hm, knurrte Hans.
    - Jetzt aber mu ich gehen, fuhr Knospelius fort und kletterte von seinem
Stuhl herab. Ich will noch einen Besuch bei Buttlrs machen. Zum Abschied noch
un mot pour rire. Die Frau von Lossow mit den sieben Tchtern, Sie kennen sie,
sagte mir, als Karoline, die dritte, sich mit dem nationalliberalen Doktor Krapp
verlobte: Es tut mir leid, wir Lossows waren immer konservativ, aber wenn man so
viel Tchter zu verheiraten hat, kann man sich nicht nur an eine Partei halten.
Was? Nett? Blockpolitik in der Familie. Er lachte selbst herzlich ber seine
Anekdote und, was Hans wunderte, Doralice lachte auch darber. Konnte sie das
unterhaltend finden?
    Als der Geheimrat gegangen war, streckte Hans sich schweigend auf dem Sande
aus. Auch Doralice schwieg eine Weile. Sie starrte zum Himmel auf und lchelte
noch immer das liebenswrdige Gesellschaftslcheln.
    Lchelt sie noch immer ber die Geschichte des Buckligen? dachte Hans.
Endlich sagte sie: Warum bist du so unfreundlich gegen den Kleinen?
    Was will er denn von uns? fragte Hans verdrielich.
    - O nichts, glaube ich, meinte Doralice, er will sich unterhalten. Bist
du eiferschtig auf ihn? Er ist doch nur eine groteske Nippfigur.
    Hans fuhr auf: Ich bin berhaupt nicht eiferschtig. Das gibt es unter
freien Menschen nicht. Fr eine Liebe, die ich bewachen mu, danke ich. Nein,
aber diese kleine Exzellenz ist fr mich ein Stck deiner Vergangenheit, deiner
Gesellschaft, die sich wieder an dich herandrngen, sich wieder zwischen dich
und mich stellen will, das ist es.
    Meine Gesellschaft, erwiderte Doralice, etwas Mdes in der Stimme, die
drngt sich gewi nicht an mich heran. Die kleine Buttlr dort auf der Sandbank,
welch ein seltsames Gesicht sie machte, ein Gesicht, als habe sie ein ganz
verwegenes, ganz verbotenes Abenteuer zu bestehen.
    - So la sie doch alle, rief Hans, fate Doralice bei den Schultern und
drckte sie an sich mit einer zornigen Leidenschaftlichkeit, die gehen uns alle
nichts mehr an.
    O ja, erwiderte Doralice, ich lasse sie und sie lassen mich.
    Die Sonne ging unter, das strenge Licht schmolz, wurde zu roten und
violetten Dunstschleiern, ehe es erlosch. Dann gab es, ehe der Mond hher stieg,
eine kurze Zeit des Zwielichts, das den Augen wohltat. Aber diese bleiche
Dmmerung legte ber das grauwerdende Meer eine unendliche Einsamkeit, das Meer
wurde ernst und traurig.
    Warum sprichst du nicht? fragte Hans Doralice, whrend sie wie jeden Abend
Arm in Arm den Strand entlang gingen.
    Ich wei nicht, antwortete Doralice, um diese Zeit ist die Luft immer so
sorgenvoll.
    Wir haben keine Sorgen, entschied Hans mit Nachdruck.
    Nein, wir haben keine Sorgen, wiederholte Doralice, ich frchtete schon,
du wrdest sagen: Freie Menschen haben keine Sorgen.
    Und wenn ich das gesagt htte? Doralice lachte: Du siehst, heute ist kein
glcklicher Sprechtag. Sobald wir zu sprechen anfangen, streiten wir uns.
    Oh, das tut nichts, erklrte Hans, was in uns ist, mu heraus, das gibt
Vertrauen.
    Doralice wiegte mde den Kopf. Ach, das ist so umstndlich. Weit du, um
sich ganz zu verstehen, mssen wir es so machen wie die da vor uns. Sie wies
auf ein stilles Liebespaar hin. Der Bursch und das Mdchen wiegten ihre schweren
Krper wohlig hin und her, schwenkten taktmig die herabhngenden Arme.
Doralice lie Hansens Arm los: Ganz so wie die, sagte sie. Und nun gingen sie
auch nebeneinander her, wiegten sich in den Hften, schwenkten die Arme und
schwiegen. Allein, als sie eine Weile so gegangen waren, blieb Hans stehen.
Nein, das geht nicht, sagte Hans, wenn du so still neben mir gehst, glaube
ich, du denkst etwas Unfreundliches von mir oder du hast etwas gegen mich.
    Schade, meinte Doralice, es war so schn. Ich fing schon an zu fhlen,
da ich ganz so wurde wie das Mdchen da. Gerade als du zu sprechen anfingst,
wollte ich stehenbleiben, den Mund weit aufmachen und auf das Meer hinausghnen,
ho ho ho, ganz wie das Mdchen vorhin. Denken, man denkt ja berhaupt nicht,
wenn man so geht, und daher versteht man sich.
    Nein, nein, Hans wollte das nicht. Tun wir etwas, schlug er vor, da ist
der Mond. Soll ich dich wieder nehmen und ber die Wellen halten oder sollen wir
aufs Meer hinausfahren, oder sollen wir heute nacht Wardein auf den Fischfang
begleiten? Tun, tun, siehst du, das fehlt uns.
    Aber Doralice hatte heute zu nichts Lust und so schlugen sie den Heimweg
ein.
    Als sie zu Hause in ihr Wohnzimmer traten, fanden sie, da Agnes die Lampe
nicht angezndet hatte. Das Zimmer war voller Mondschein und ein starker, sehr
ser Duft schlug ihnen entgegen. Auf dem hellbeschienenen Fuboden aber lag es
wie eine dunkelrote Lache. Sieh doch, Rosen, lauter Rosen, rief Doralice. Sie
kniete vor den Rosen nieder, beugte sich ganz auf sie hinab, griff nach ihnen,
hatte beide Arme voll von ihnen, drckte ihr Gesicht in sie hinein, als wollte
sie sich in ihnen baden. An einem der Strue hing ein Papierstreifen, auf dem
Lolo stand.
    Oh, sieh doch, sagte Doralice, die kleine Lolo hat mir all die Rosen
durch das Fenster geworfen, das gute Kind. Da fhlte sie, da Hans sie von
hinten um die Taille fate, sie emporhob, sie heraushob aus allen Rosen und sie
hrte ihn leise und grimmig sagen: Jetzt kommen sie durch alle Fenster zu uns
herein. La sie und ihre dicken Rosen, was sollen wir damit. Doralice lehnte
ihren Kopf gegen seine Schulter: Ach ja, sagte sie wie mutlos, nimm mich fort
von ihnen, und aus ihren schlaff werdenden Armen fielen die Rosen wie ein
dunkelroter Strom schwer auf den Fuboden nieder.

                                Sechstes Kapitel


Im Bullenkruge waren die Herren angekommen: Jetzt wird das Leben bei uns ganz
freiherrlich, sagte Ernestine. Die groe Abendtafel auf der Veranda nahm einen
feierlichen Anstrich an. Frulein hatte sie mit einem Strau ein wenig sandiger
Ziererbsen und Mohnblten geschmckt. Die Generalin ging aufgeregt ab und zu und
fragte immer wieder: Liebe Malwine, wird mein Schwiegersohn auch Eis fr seine
Erdbeerbowle haben? Werden die Spargeln auch weich genug sein? Sie kennen doch
meinen Schwiegersohn. Frulein Bork lchelte ihr geheimnisvolles, zerstreutes
Lcheln und erwiderte: Frau Generalin, die Spargeln sind himmlisch. Bei der
Mahlzeit sa der Baron Buttlr zwischen seiner Schwiegermutter und seiner Frau,
er strich seinen langen blonden Schnurrbart, schttelte vor Behagen leicht seine
breiten Schultern und war sehr liebenswrdig, sehr anregend, erzhlte mit
lauter, klingender Stimme Geschichten, die allgemein interessieren sollten, und
Frau von Buttlr interessierte sich sehr angelegentlich fr diese Geschichten.
Die eingefallenen Wangen leicht gertet war sie heute nicht mehr nur die
besorgte Mutter, die sich selber ganz vergit, etwas von der Gesellschaftsdame,
ja fast etwas Kokettes war heute in ihrem Wesen. Unten am Tisch sa die Jugend
und Leutnant Hilmar erzhlte Geschichten, ber die Wedig und Nini so laut
lachten, da Frau von Buttlr ein strenges Aber Kinder! hinberrufen mute.
Hilmar schlank und schmalschultrig im hellen Sommeranzug sah fast wie ein Knabe
aus, allerdings wie ein auffallend hbscher Knabe. Durch das sehr dichte
schwarze Haar bahnte sich der Leutnantsscheitel nur mhsam seinen Weg. ber der
Stirn sa eine dicke schwarze Locke, wie neapolitanische Burschen sie zu tragen
pflegen. Die regelmigen Zge des brunlichen Gesichtes hatten das zu Scharfe,
ein wenig Gespannte, wie es sich bei sehr alten Rassen zuweilen findet. Die
dunklen Augen waren sehr lebhaft, es ging bestndig in ihnen etwas vor, es
sprhte zuweilen in ihnen so, da man deutlich goldene Pnktchen ber den
schwarzen Sammet der Iris hinfahren sah. Keine Disziplin in den Augen, hatte
der Onkel General von dem Hamm gesagt.
    Als die Erdbeerbowle kam, wurde Baron Buttlr ganz der feine Genieer. Er
zndete sich seine Havanna an, trank einen Schluck Bowle, warf einen Blick auf
das mondbeglnzte Meer, lie ein jedes verstndnisvoll auf sich wirken. Er wurde
gefhlvoll: Mondschein und Meer, Mondschein und Meer, sagte er und wiegte
sachte seinen Kopf, da kann man gefhlvoll werden, ja da mu man gefhlvoll
werden. Das Meer macht immer Eindruck. Die Unendlichkeit ist eben die
Unendlichkeit, nicht wahr? Alle schwiegen einen Augenblick und sahen das Meer
an. Dann aber lenkte Frau von Buttlr das Gesprch auf ihr Gut zurck. Sie
sprach so gern von ihrem Vieh, ihren Milchmdchen, ihren Hhnern und ihrer
Butter. Ihre Gedanken kehrten immer wieder zu dieser fetten Wohlhabenheit
zurck.
    Unten am Tische wurde die Jugend unruhig. Nini und Wedig erklrten, auf die
Dne gehen zu wollen, und sie taten geheimnisvoll. Sie hatten eine neue
Beschftigung gefunden. Jeden Abend machten sie, wie sie es nannten, Jagd auf
die Grfin. Es kam darauf an, Doralice zu begegnen. Auch das Brautpaar wollte
zum Meere hinabgehen: Ich mu Steine auf dem Meere springen lassen, sagte
Hilmar, erst wenn ich ihm ein Dutzend Steine ins Gesicht geworfen habe, kriege
ich ein Verhltnis zu ihm.
    Der hat keine Ruh, der mu immer etwas vorhaben, sagte Baron Buttlr und
schaute dem Brautpaar wohlwollend nach. Frau von Buttlr jedoch seufzte und
meinte: Das macht mir oft Sorge, er ist so waghalsig. Beim letzten Rennen ist
er doch wieder gestrzt.
    Hitzig ist er, besttigte der Baron, er reitet gut und anfangs auch
vernnftig, aber dann kriegt er es mit der Leidenschaft, die teilt er dem Pferde
mit, das Pferd bernimmt sich und der Unfall ist da.
    Ich kann mir wohl denken, da der Leutnant seine Leidenschaft anderen
mitteilen kann, lie Frulein Borks vertrumte Stimme sich vernehmen, allein
die Generalin wies sie zurecht: Von Pferden ist die Rede, Malwine, bitte.
    Frau von Buttlr machte noch immer ihr besorgtes Gesicht und sagte: Ich
habe Hilmar verboten, ein Pferd oder ein Auto mitzubringen, und wenn er segelt,
fhrt Lolo nicht mit. Solange ich ber das Kind zu wachen habe, soll er es nicht
umbringen.
    Umbringen, rief der Baron gutgelaunt, sag, Mama, als du mir Bella gabst,
hattest du auch das Gefhl, da du sie sozusagen in einen Abgrund
hinabstrztest?
    Abgrund vielleicht nicht, erwiderte die Generalin, aber da ich sie auf
einen Luftballon setze, von dem man nicht wei, wohin der Wind ihn wehen wird.
    Bitte, bitte, rief der Baron Buttlr, ein sehr lenkbarer Luftballon, das
wei Bella gut, und er lachte ber seinen Witz sehr laut und sehr lange, lnger
vielleicht als es ntig gewesen wre. Allein das Gefhl, das geistvolle Haupt
der Familie zu sein, das Heiterkeit um sich verbreitet, tat ihm wohl.
    Frulein Bork hatte nicht mitgelacht, sie schaute noch immer nachdenklich
dem Brautpaare nach und sprach dann aus ihren Gedanken heraus: Ich finde den
Leutnant herrlich, er sieht aus wie der Page einer spanischen Knigin oder wie
der Page in dem Lied, der am Brunnen auf die Knigstochter wartet: Ich bin vom
Stamme jener Asra, die da sterben, wenn sie lieben.
    Was? Was? fuhr die Generalin auf Was ist das, Asra? Wer stirbt, wenn er
liebt? Die Hamms nicht. Die kenne ich, die gewi nicht. Liebe Malwine, reden Sie
solches Zeug der Lolo nur nicht vor, das Kind neigt ohnehin zur berspanntheit.
    Ach ja, klagte Frau von Buttlr, auch wieder eine groe Sorge. Denke dir,
Buttlr, und nun berichtete sie mit bekmmerter Stimme die Geschichte von
Doralice, der Sandbank und dem Ku. Was sagst du dazu, Buttlr, schlo sie,
ich habe die ganze Nacht nicht schlafen knnen.
    Der Baron wurde ernst und zog sinnend seinen Schnurrbart durch die Finger.
So, hm! Die Grfin Khne hier, eine sperbe Frau brigens. Das war eine bse
Geschichte. Der Graf hat einen Schlaganfall gehabt und seine Schwester, die
Grfin Benedikte, pflegt ihn. Sehr traurig! Nun, gesellschaftlich kommt diese
Dame nicht mehr in Betracht, aber sie hat uns einen Dienst erwiesen, so kann ich
ihr gelegentlich dafr danken.
    Du? rief Frau von Buttlr. Warum? Wozu?
    Hflich kann man trotz allem gegen sie sein, wandte der Baron ein, aber
seine Frau war sehr erregt: Ich habe es gleich gewut, sagte sie, diese
Person ist als schwere Prfung fr mich hergesandt.
    Unten am Strande lie Hilmar unermdlich Kieselsteine ber das Wasser
springen. Lolo stand dabei und schaute ihm mit ernsten, blanken Augen zu. Als er
endlich mde war, nahm er Lolos Arm und sie schlenderten langsam das Meeresufer
entlang.
    So, sagte Hilmar, jetzt verstehe ich das Meer. Es ist heute brigens mit
seinem Mondschein und allem dem sehr programmig und du, Schatz, bist erst
recht programmig.
    Schade, meinte Lolo, ein Programm ist nie was berraschendes. Hilmar
lachte: Willst du mich berraschen? Wozu? Nein, unsere Brute sollen nicht
berraschungen sein, sondern hbsche Notwendigkeiten.
    Als sie an den Fischerhusern vorbergingen, begann auch Lolo von Doralice
zu sprechen, erzhlte ihr Abenteuer, erzhlte von dem Ku und den roten Rosen.
Ach, die durchgebrannte kleine Grfin ist hier, sagte Hilmar, nun, es ist
gut, da sie dich gerettet hat, aber sag, warum sprichst du von ihr mit einer so
gerhrten Stimme, als sei sie etwas Heiliges? Durchgebrannte Grfinnen sind doch
wohl nichts besonders Heiliges.
    Weil sie mich rhrt, entgegnete Lolo erregt. Ich wei selbst nicht warum.
Vielleicht weil sie so schn und doch nicht gut ist. Vielleicht aber, wenn
jemand so schn ist, mu man ihn lieben, aber sie tut etwas weh, diese Liebe.
Ich glaube, wenn einer sich in die Grfin verliebt, dann mu es schmerzen.
    Nun, nun, beruhigte Hilmar sie, wird es denn so arg sein mit dieser
Schnheit?
    So zum Beispiel, fuhr Lolo fort, mich zu lieben ist da nichts, gar nichts
Schmerzhaftes dabei, sag?
    Nein, gar nichts, versicherte Hilmar, im Gegenteil, wenn man dich liebt,
fhlt man sich riesig gut, riesig vornehm. Ich merke das jedesmal, ich werde da
fast verlegen vor mir selber. Als Kind wurde mir am Sonntage ein blauer
Sammetkittel angezogen, ein weier Spitzenkragen umgelegt und das Haar wurde mit
einer Pomade glatt gestrichen, die stark nach Orangenblten duftete. Und wenn
ich so angezogen war, fhlte ich mich so fein, so vornehm, da ich mich vor
Andacht vor mir selber kaum zu rhren wagte.
    Und ich, rief Lolo enttuscht, ich bin fr dich wie der blaue
Sammetkittel und die Orangenbltenpomade.
    Und der Sonntag, ergnzte Hilmar, ja, so hnlich. Aber wer kommt denn
dort?
    Das ist sie, flsterte Lolo.
    Ihnen entgegen kamen Hans und Doralice. Als sie aneinander vorbergingen,
nickte Doralice lchelnd Lolo zu, die beiden Herren grten frmlich. Nun?
fragte Lolo, sobald sie vorber waren.
    Gewi, allerdings, sagte Hilmar, ein schnes Kindergesicht mit einem
merkwrdig schicksalsvollen Munde.
    Lolo schwieg eine Weile, dann wiederholte sie sinnend: Ein schicksalsvoller
Mund, das hast du gut gesagt, ich suche lange schon einen Ausdruck fr diesen
Mund. Es mu seltsam sein, einen schicksalsvollen Mund zu haben, ich kann mir
das denken, ja ich fhle das jetzt so deutlich, so stark, da ich berzeugt bin,
ich habe in diesem Augenblicke auch einen schicksalsvollen Mund. Ksse mich
jetzt und du wirst sehen. Sie blieb stehen und hielt ihr ernstes, vom Monde
hellbeschienenes Gesicht hin und als Hilmar sie gekt hatte, fragte sie
gespannt: Nun?
    Hilmar schttelte den Kopf: Von Schicksal keine Spur. Mehr ein friedlicher
Pfingstsonntag auf dem Lande. Lolo zuckte die Achseln und seufzte. Nein,
warte, fuhr Hilmar fort, es ist doch anders, dich hier vor dem Meere zu
kssen, kommt mir wie eine kolossale Frechheit vor. Es ist so, als shen alle
fnf Weltteile uns zu, das ist ein eigentmliches Gefhl.
    Nein, das will ich nicht, rief Lolo und machte sich von ihm los.

                               Siebentes Kapitel


Der nchste Tag war ein Sonntag. Die Generalin und Frau von Buttlr saen in
ihren Strandkrben und lasen Andachtsbcher. Zuweilen hob Frau von Buttlr den
Blick und schaute auf den hellbeschienenen Strand und auf das Meer hinab, das
heute blau und golden und ruhig wie ein Teich war. Pltzlich blieben ihre Augen
an zwei bunten Figrchen hngen, die dort an der gelben Dnenwand entlang
gingen. Doralice im trkisblauen Sommerkleide, einige von Lolos roten Rosen im
Grtel unter einem roten Sonnenschirm ging neben dem Baron Buttlr her. Der
Baron schien lebhaft zu sprechen und seine ganze Gestalt, seine Art zu gehen
drckten hfliche Liebenswrdigkeiten aus. Frau von Buttlr schlug mit der
flachen Hand auf ihr Buch und sagte: Da haben wir's. Auch die Generalin hatte
aufgesehen und meinte: Nun, er hat es eilig mit dem Dank. - Dank, rief Frau
von Buttlr, der war berhaupt nicht ntig. Ich verstehe Buttlr nicht. Er hat
eine Frau, hat erwachsene Tchter und kompromittiert uns so. Was kann diese
Person ihm bieten? Was will er von ihr?
    Nichts, nichts, beruhigte die Generalin, er kann eben das Kokettieren
noch nicht lassen. Es ist immer dieselbe Geschichte, wenn ihr heiratet, wollt
ihr hbsche Mnner haben, aber ein hbscher Mann konserviert sich lnger als
unsereins, der bringt keine Kinder zur Welt, er schont sich mehr und da dauert
die Lust am Kokettieren lnger als bei uns.
    Aber Mama, protestierte Frau von Buttlr entrstet, die Ehe ist doch zu
heilig, als da solche Dinge in Betracht kmen.
    Die Ehe, meine Liebe, versetzte die Generalin, ist vielleicht sehr
heilig, aber unsere Mnner sind es nicht. brigens wird es da unten immer
bunter.
    Hilmar und Lolo kamen Arm in Arm von der anderen Seite den Strand entlang
und als sie Doralice und Herrn von Buttlr begegneten, blieben sie stehen und es
fand eine Begrung statt. Von einer anderen Seite erschienen Hans Grill und der
Geheimrat und gesellten sich zu der Gruppe. Es war hbsch, wie diese Menschen in
dem grellen Sonnenschein beisammen standen, wie die hellen Farben der Kleider,
das Rot und das Blond der Haare auf dem Hintergrunde der gelben Dne blhten und
leuchteten. Frau von Buttlr fand nicht mehr die Kraft des Zorns, sie war zu
bekmmert: Was soll man da machen? Mama, fragte sie klglich. - Liebes Kind,
sagte die Generalin, da gibt es nichts anderes als die Fhrung behalten. Du
mut mit dieser Dame in irgendein Verhltnis kommen. Wenn so was Verbotenes, zum
Beispiel eine Dame, von der vor uns nicht gesprochen werden darf, in der Nhe
ist, das macht die Mnner toll. Kennen wir diese Dame auch so halbwegs, dann
verliert sie viel von ihrem Reiz. Also.
    Ich glaube, ich werde das nie knnen, klagte Frau von Buttlr, bin ich
nicht eine geplagte Frau? Bisher der Kampf mit den Gouvernanten und jetzt
diese.
    Unten lste die Gruppe sich auf, man grte und trennte sich. Frau von
Buttlr sah ihrem Mann ernst und kummervoll entgegen. Als er jedoch vor ihr
stand, schaute sie auf ihr Buch nieder und schwieg. Herr von Buttlr aber fhlte
das Bedrfnis, schnell und gezwungen heiter zu sprechen. Nun hatte er also das
Unglck des Ortes kennengelernt, Gott, es sah nicht so schlimm aus, aber im
Ernst, es war besser so, hier konnte man sich ja doch nicht vermeiden und das
mute auf die Dauer peinlich werden, nun grte man sich, sprach miteinander auf
neutralem Boden. Hier in dem weltabgeschiedenen Winkel war das ohnehin nicht
kompromittierend. Von eigentlichem Verkehr ist ja ohnehin nicht die Rede, nicht
wahr? Frau von Buttlr sah jetzt auf und fragte, als htte sie das Gesagte nicht
gehrt: Lesen wir heute keine Predigt? - Gewi, meine Liebe, rief Herr von
Buttlr, ist es denn schon Zeit? Also gehen wir. Die Familie begab sich in den
Bullenkrug zurck, im Wohnzimmer versammelte man sich und Herr von Buttlr las
eine Predigt vor. Es wurde allgemein bemerkt, da seine Frau whrend der Predigt
weinte.
    Whrend des darauffolgenden Mittagessens drckte eine dstere Stimmung auf
die Anwesenden. Herr von Buttlr mute Anstrengungen machen, um eine Art
Unterhaltung in Flu zu halten. Er wandte sich dabei ausschlielich an Frulein
Bork und sprach ber Literatur. Er verurteilte den Realismus in der Literatur.
Kunst soll doch erfreuen, nicht wahr. Das Leben war doch gewi nicht heiter
genug, um so einfach abphotographiert zu werden. Da seine Frau bei diesen Worten
seufzte, wechselte er schnell das Thema und sprach vom Kaiser.
    Der Sonntagnachmittag war sehr hei, gelber Sonnenschein in den
weigetnchten Zimmern und ber dem sandigen Grtchen. Die Damen zogen sich
zurck. Herr von Buttlr sa im Wohnzimmer hinter seiner Zeitung und schlummerte
und das Brautpaar ging auf der Veranda auf und ab.
    Bitte, Schatz, sagte Hilmar, sieh mich nicht so erwartungsvoll an, das
heit, du hast ein Recht mich so anzusehen, denn du hast ein Recht zu erwarten,
da ich angenehm und unterhaltend bin. Aber ich wei nicht, dieser
Sonntagnachmittag lhmt mich.
    Armer Hilmar, meinte Lolo ein wenig spttisch, den ganzen Tag im blauen
Sammetkittel zu stecken.
    Unsinn, Unsinn, rief Hilmar, es ist nur eine Stimmung. Ich habe
Sonntagnachmittage nie recht vertragen. Komm, setzen wir uns in den Schatten und
ich lehre dich Pikett spielen.
    Erst gegen Abend wurde es im Hause lebhafter. Die Generalin kam in das
Wohnzimmer, lie ihre laute, energische Stimme erschallen und weckte mit ihr das
verschlafene Haus. Dann erschien auch Frau von Buttlr, sie hatte Toilette
gemacht und einen Hut mit Kornhren und Mohnblumen aufgesetzt. Sie war noch sehr
ernst. Sie zog sich ihre Handschuhe an und sagte ihrem Gemahl: Reich mir deinen
Arm, Buttlr, und wir wollen gehen, den Sonnenuntergang bewundern. Wo sind die
Kinder? Lolo, Nini, Wedig! Sie muten alle kommen und die Familie zog paarweise
zum Strande hinab. Bravo, Bella! sagte die Generalin. Immer die Fhrung
behalten. Wedig jedoch grollte. Das soll ein Vergngen sein. Nicht einmal der
Grfin werden wir begegnen, die geht um diese Zeit nicht spazieren.
    Am nchsten Morgen kam Hilmar erhitzt und mit sprhenden Augen zum
Frhstck. Er war schon weit herum gewesen, hatte Bekanntschaft mit den Fischern
gemacht. Famose Leute! Da war ein Andree Stibbe, ein blonder Riese mit ganz
hellblauen Augen, so hell wie schlechte Milch. Wenn der einen anschaute, war es,
als she einen ein sehr hochmtiger Dorsch an. Hilmar hatte mit ihm ber ein
Boot zum Segeln gesprochen, er wollte auch mit ihm auf den Fischfang
hinausfahren. brigens hatte Stibbe fr nchste Zeit einen Sturm versprochen.
Auch den Maler hatte Hilmar gesehen, der schien ein braver Bursch zu sein. Seine
schne Frau ging gerade baden in einem sehr bemerkenswerten marineblauen
Badekostm. Endlich hatte er noch mit der Exzellenz Knospelius gesprochen, ein
uerst interessanter Herr. Er interessiert sich sehr fr das Gesellschaftsleben
hier; er will ein Fest geben, so was wie eine italienische Nacht. Sein Diener,
ein unheimlich ernster Wiedertufer, klebt schon die Papierlaternen dazu. Klaus
ist, sagt die Exzellenz, sehr brauchbar fr das, was er unsere Snden nennt.
Lolo hatte aufmerksam zugehrt und sagte ergeben: Wenn du so viel auf das Meer
hinausfhrst, werde ich wohl auf der Dne sitzen mssen und dir nachschauen.
    Wieso, wieso? rief Hilmar. Das ist doch nur fr die Zwischenzeiten und du
weit, es gibt Zwischenzeiten, Zeiten, in denen ich langweilig bin, in denen du
nichts mit mir anfangen kannst. Dann segle ich hinaus. brigens steht schon in
der Bibel so was davon, da die Frau zu Hause bleibt und der Mann vor den Toren
berhmt ist. Dieses Tor merk dir, mein Kind, meinte die Generalin, das wird
in deiner Ehe noch oft auftauchen.
    Aber ich fahre mit, meldete sich Wedig unten am Tisch. Seine Mutter sah
ihn mitleidig an. Du, mein armer Junge, nein, du bleibst zu Hause.
    Da ging eine seltsame Vernderung in dem Knaben vor. Sein bleiches Gesicht
mit den krnklichen, zu feinen Zgen errtete, seine Augen fllten sich mit
Trnen, und mit leidenschaftlich sich berschlagender Stimme begann er zu
sprechen: Ich bleibe immer zu Hause, ich darf nie etwas, ich hocke immer
abseits, warum? Was ist mit mir? Bin ich ein Krppel? Was sollen die Leute davon
denken? Ich bin ja lcherlich. Gestern begegnete mir die Grfin, ich gre, sie
bleibt stehen und fragt: Baden Sie auch? Ich sage ja, aber ich kann ihr nicht
sagen, ich darf nicht ins Meer hinein, ich nehme warme Seebder.
    Wedig, geh auf dein Zimmer, sagte Frau von Buttlr. Wedig war wieder sehr
bleich geworden, er stand auf und ging, steifbeinig vor Trotz, hinaus. Am Tische
entstand ein Schweigen, alle waren ber den Zwischenfall betroffen. Endlich
sagte Frau von Buttlr sorgenvoll: Ich wei nicht, woher meine Kinder alle das
berspannte Wesen haben.
    Meine Liebe, versetzte Herr von Buttlr und legte seine Hand zrtlich auf
die Hand seiner Gattin, die Genialitt haben sie jedenfalls von dir. Die
Generalin lachte. Nun ja, meinte sie, es ist das Wetter, das euch alle zu
genial macht, aber das Barometer fllt Gott sei Dank.

                                 Achtes Kapitel


Tun, tun, hatte Hans Grill gesagt, und so fuhren sie denn mit Wardein bei Nacht
auf den Fischfang hinaus. Der Mond stand hoch am Himmel, das Meer war ruhig, nur
von einem sanften, langatmigen Auf- und Abschwellen bewegt, wie ber ein
glsernes Hgelland glitt das Boot hin. Wardein sa am Steuer und rauchte. Zwei
blonde rundkpfige Burschen, Mathies und Thomas, ruderten; unfrmig in ihren
dicken Jacken bogen sie sich taktmig hin und her. Doralice war auf einem
Klappsthlchen eingerichtet worden, fest in Decke und Mantel gehllt. Hans sa
neben ihr auf der Bank. Alle schwiegen, nur ab und zu gab Wardein ein Kommando,
das wie ein tiefes Brummen klang. Die Ferne war von einem feinen, silbernen
Lichtnebel verhangen, aber Doralice glaubte diese unendliche Weite zu fhlen,
wie sie die dunkle Tiefe unter sich zu fhlen meinte, und beide, die Tiefe und
die Weite, legten sich bedrckend auf sie, wie etwas, das ihr den Atem benahm,
sie ngstigte, das ihr die Empfindung des Verlorenseins und der Einsamkeit gab.
Warum sprachen alle diese Mnner nicht? Warum saen sie da still in ihre Mntel
gehllt, die Hutkrempen auf die Gesichter niedergebogen wie dunkle, fremde
Traumgestalten? Da beugte sich Hans zu ihr nieder, drckte ihre Hand und fragte:
Wie geht es? Gut, erwiderte sie und lchelte, es sollte niemand wissen, da
sie sich frchtete, aber der Hndedruck, die ruhige, freundliche Stimme taten
ihr gut, gaben ihr ein wenig Sicherheit wieder. Und Hans, als fhlte er das,
sprach weiter, fragte Wardein: Fahren wir dort zu den Butten hinber? Ja, ja,
zu den Butten, brummte Wardein, die liegen dort unten im Sande. Aha, meinte
Hans, die whlen sich dort in den Sand ein und warten auf ihre Beute, die
flachen Luder. Die Burschen auf der Ruderbank begannen laut und rauh ber die
Butten zu lachen, Doralice lachte auch mit. Die Nacht war schwl, Mathies wurde
es beim Rudern zu hei, er wollte sich die Jacke ausziehen. Hans erbot sich fr
ihn zu rudern und nun standen sie auf, gingen im Boot hin und her wie in einer
Stube, Mathies zog sich die Jacke aus, stand in Hemdsrmeln da, sttzte den
einen Fu auf den Bootsrand, spuckte in das Meer und pfiff leise vor sich hin.
Und wie sie sich alle um sie her so ruhig und gewohnt bewegten, als seien sie
hier mitten auf dem Meer zu Hause, da wich auch von Doralice das bedrckende
Angstgefhl, ja, es war kstlich zu spren, wie sie allmhlich in diese Welt als
etwas Zugehriges aufgenommen wurde. Es war ihr, als wrde etwas in ihrer Brust
sehr weit und sehr stark, als knnte sie ihren Atem auf den Takt des stillen,
flimmernden Wogens um sie her einstellen und ein kindisches Gefhl des Stolzes,
des Hochmutes machte sie froh. Zu denen zu gehren, die hier auf dem Meere zu
Hause sind, die sich nicht frchten, erschien ihr als etwas sehr Wichtiges und
Groes. Hier und da tauchten jetzt andere Boote auf, sehr gro und schwarz in
dem unsicheren Lichte. Wardein rief etwas hinber, von drben wurde geantwortet,
einer schien sogar einen Witz zu machen, denn Thomas und Mathies lachten. Die
Boote waren jetzt einander ganz nahe, es waren drei, die im Halbkreise
hinruderten, die Mnner machten sich an den Netzen zu schaffen und sprachen
miteinander von Boot zu Boot. Pltzlich mischte sich in diese Stimmen, die jedes
Wort mit einem tiefen Brummen besser hallen lieen, eine hohe, scharfe Stimme,
die hier seltsam fremd klang, als sprche sie eine andere Sprache. Das ist der
Leutnant von Hamm, sagte sich Doralice, und diese Entdeckung war ihr unangenehm,
es emprte sie fast, als sei ein Unbefugter dort eingedrungen, wo die
Berechtigten beieinander waren.
    Im Boot begannen die Mnner sich zu regen, das groe Netz wurde vorsichtig
in das Wasser hinabgelassen, das andere Boot wurde angerufen und ihm ein Seil
zugeworfen. Im bewegten Wasser sprhte es wie silberne Flmmchen, im Netze
hingen glitzernde Tropfen. Mathies hatte sich die Hemdsrmel aufgestreift, um im
Wasser zu arbeiten, wenn er die nackten Arme emporhob, rann es silbern an ihnen
nieder. Doralice wickelte sich fester in ihren Mantel, alle Angst und Erregung
waren fort, sie fhlte sich sicher und behaglich. Eine leichte Mdigkeit machte
ihr die Augenlider schwer und wenn sie die Augen schlo, war es ihr fast wie als
Kind, wenn sie in ihrem Bette lag und im Halbschlaf noch die Erwachsenen um sich
her hantieren oder sprechen hrte, was dem Kinde stets ein wohliges Gefhl der
Geborgenheit gegeben hatte. Schlug sie dann wieder die Augen auf, dann war die
Weite voll weien Lichtes in ihrer groen und khlen Schnheit immer von neuem
wieder eine wohltuende Erschtterung, immer wieder fhlte da Doralice, wie die
engen, heien Schranken des Ich sich verwischten und lsten, wie es auch in ihr
weit und khl wurde. Und es war hbsch, dieses Wechseln der Bilder, einmal im
Halbtraum vertraute Gesichter und Rume der Kindheit, dann wieder das
mondbeglnzte Meer. Einmal, als sie die Augen ffnete, waren die anderen Boote
nah herangekommen, die Mnner riefen und sprachen, das Netz wurde eingezogen.
Doralice hrte einmal auch wieder die unpassende Stimme des Leutnants, die
Fische schnalzten und klatschten in den groen Krben im Boot. Es wurde dann
wieder still und man fuhr weiter. Nach einiger Zeit fand Doralice, da es dunkel
geworden war, der Mond mute untergegangen sein, Sterne standen am Himmel und in
der Finsternis regte sich das Meer wie eine sacht bewegte schwrzere Finsternis.
Doralice wute nicht, wie lange sie so gefahren waren, aber als sie wieder
einmal die Augen ffnete, stand ein weier Schein am Horizont und ein graues
Dmmern lag ber dem Wasser. Ein strkeres Wehen lie sie frsteln, alles
Behagen war pltzlich hin, das graue Dmmern machte das Meer und den Himmel
streng und nchtern. Mathies und Thomas ruderten angestrengt, die Jacken ber
die Schultern geworfen, die Brust nackt, und stark atmend. Es schien sich um ein
Wettrudern mit dem Boot nebenan zu handeln. In den Krben flsterten und
schnalzten fette, blanke Fischleiber. Hans stand im Boot, hielt einen groen
Dorsch an den Kiemen, wog ihn und lachte ihn an. Scharen von Mwen kamen
geflogen, gro und wei im unsicheren Lichte, und stieen schrille, gierige Rufe
aus. Wie gewaltsam das alles war. Welch ein starkes, rcksichtsloses Leben das
alles atmete, zu stark fr Doralice, es machte sie pltzlich ganz schwach, es
machte sie krank, der Geruch des Seewassers, der Fische, der feuchten
Fischerjacken, all dieses Fleisch der Mnner und feisten Fische bedrckte sie,
sie wurde ganz bleich. Da entstand ein Hin- und Herreden zwischen ihrem und dem
Nachbarboot. Die Boote wandten sich einander zu, lagen nah beieinander. Leicht
und gewandt ber den Bootsrand balancierend sprang Hilmar in das Boot, stand
neben Doralice und lachte. Ein Morgenbesuch, sagte er. Hans nickte ihm zu und
zeigte ihm den Dorsch, den er noch immer an den Kiemen hielt. Ja, ja, so etwas
ist schn, meinte Hilmar, das war ein gesegneter Zug. Dann setzte er sich auf
die Bank Doralice gegenber. Es hat Sie auch ein wenig angegriffen, gndige
Frau, wie ich sehe. Doralice zog die Augenbrauen zusammen, als sie abweisend
antwortete: Das macht wohl die Beleuchtung.
    Gewi, gewi߫, besttigte Hilmar hflich, eine kritische Stunde. Da es
schien, da Doralice schweigen wollte, schwieg auch er und zndete sich eine
Zigarette an. Unter der niedergebogenen Krempe seines Filzhutes sah sein Gesicht
mit den scharfen, gespannten Zgen, den schwarzen unruhigen Augen sehr bleich,
fast krnklich aus. Es war etwas berfeinertes, Schwchliches an der ganzen
Gestalt, das Doralice in diesem Augenblick gefiel, das ihr das Gefhl gab, einen
Kameraden der eigenen Schwche zu haben, und der se Duft der gyptischen
Zigarette schien wie ein Stck Luft einer Welt, die ihr befreundet war. Jetzt
soll er weiter sprechen, dachte sie, daher lchelte sie und sagte: Sie sehen
brigens auch ein wenig aus, als htte es Sie mitgenommen, oder ist es auch die
Beleuchtung?
    Nein, nein, es ist schon was daran, erwiderte Hilmar, es ist vielleicht
traurig, es sollte vielleicht nicht sein, weil es nicht natrlich ist. Stibbe
fhlt nichts davon, aber die groe Natur macht uns betrunken und Trunkenheit
greift an, was Sie, gndige Frau, natrlich nicht wissen knnen.
    Doralice nickte: Ja, ja, so was mochte es wohl sein. Und doch, fuhr Hilmar
fort, froh darber, da er zum Sprechen ermutigt wurde, es ist nicht nur
Trunkenheit, es ist - - es ist - geradezu eine groe Verliebtheit, was wir
dieser Natur gegenber empfinden, ganz genau, es ist dieselbe Unruhe, dasselbe
qulende Gefhl, ganz eng dazu zu gehren, und was die Hauptsache ist, der
starke Wunsch zu imponieren, denn, wenn wir verliebt sind, wollen wir
imponieren, das ist symptomatisch fr den Zustand. Man hat ja seine
Erfahrungen.
    Sie sind ja auch verlobt, schaltete Doralice ein.
    Gewi, das auch, fuhr Hilmar fort, aber sehen Sie, gndige Frau, vorhin
im Boot war der Trieb in mir zu imponieren so stark, dem Meere zu imponieren
oder den Fischern, gleichviel, denn die sind doch die Reprsentanten des Meeres,
da ich auf die Spitze des Bootes stieg und dort frei balanzierte. Ich bin in
solchen Knsten ziemlich gebt. Meinen Zweck erreichte ich nun zwar nicht, denn
Andree Stibbe sagte trocken: Wenn der Herr bei den Faxen ins Wasser fllt, wer
anders mu ihn herausholen als wir. Mein Effekt war verfehlt. Aber ich habe das
tun mssen.
    Das ist seltsam, sagte Doralice nachdenklich.
    Nicht so seltsam, meinte Hilmar, der Spielhahn, wenn er ein Rad schlgt
und kollert, will auch dem Walde und der Wiese imponieren, ebenso wie der
kleinen grauen Henne und er ist ebenso in den Wald und die Wiese verliebt wie in
die kleine graue Henne.
    Doralice lachte: Das ist hbsch, ja, ja, man mchte gern dabei sein,
dazugehren.
    Hilmar verbeugte sich ein wenig: Sie, gndige Frau, sehen ganz aus, als
gehrten Sie hier dazu. Sie sehen in dieser Natur vollstndig reue aus.
    Doralice errtete und rgerte sich, da sie das tat, Hilmar aber schlo mit
einem Seufzer: Ach ja, wenn alles so schn um uns her ist, fhlen wir ein
brennendes Bedrfnis, auch dekorativ zu sein.
    Das Boot fuhr jetzt durch die Brandung ber weie Schaumhgel in graugrne
Wellentler. Hans kam und setzte sich neben Hilmar auf die Bank. Er rieb sich
die Hnde und schien sehr vergngt. Das war eine Nacht, herrlich, herrlich, was
sagst du, Schatz? Du frierst, was? Sie scheinen auch zu frieren, Baron, ja, so
ein Morgen auf dem Meere! Zu Hause machen wir uns einen warmen Tee, der wird gut
tun. Trinken Sie nicht mit uns eine Tasse, Baron? Nicht war, Schatz, du machst
uns doch Tee?
    Doralice schaute Hans ein wenig verwundert an, sagte aber dann: O gewi.
Hilmar verbeugte sich.
    Jetzt stie das Boot auf den Sand, und man begann auszusteigen. Hans nahm
Doralice auf den Arm und trug sie ans Land. Von den Dnen aber schossen mit
flatternden Tchern und Rcken wie gierige Mwen die Fischerfrauen auf die Boote
zu.
    In der Wohnstube eilte Hans zur Lampe, um sie anzustecken. Nur kein
Morgengrauen, sagte er. Dann richtete er den Teekessel her, trug Tassen, trug
Rum herbei. So, so, das wird gut tun, warmen Tee, ja, den haben wir verdient,
das will ich meinen, den haben wir redlich verdient. Er sprach eifrig vor sich
hin, als wollte er mit der Gemtlichkeit seiner Worte sich und die anderen
erwrmen: Setzen Sie sich, meine Herrschaften, setzen Sie sich. Sie saen um
den Tisch herum und hrten schweigend dem Summen des Teekessels zu mit den starr
vor sich hinsehenden Augen sehr mder Menschen. Endlich glaubte Hilmar etwas
sagen zu mssen und bemerkte: Es war doch wunderschn. - Es war so schn,
erwiderte Doralice und zog ihre Augenbrauen empor, da man lieber gar nicht
davon spricht. Das klang abweisend, fast feindselig. Sie nahm es Hilmar jetzt
bel, da er ihr dort im Boot so willkommen gewesen war. Hilmar lehnte sich in
seinen Stuhl zurck und rauchte. Aber Hans lachte. Sehen Sie, so macht es meine
Frau immer, wenn ihr etwas sehr gefllt, dann darf nicht gesprochen werden, das
ist dann heilig und kein anderer darf es berhren. Nun, nun, gib uns Tee.
    Doralice schenkte die Tassen voll. Der heie Dampf und der starke Duft des
Tees schienen die Mdigkeit noch schwerer zu machen, alle schwiegen wieder eine
Weile. Endlich seufzte Hans und sagte: Immerhin ist es schade, da man nach
einer solchen Nacht eine Art Katzenjammer hat, den Katzenjammer der Weite. Das
Land erscheint einem unertrglich eng. Dann ist es schon besser, seine Hhle
dunkel zu machen und sich darin zu verkriechen.
    Naturgesetz dieses Ab und Zu der Gefhle, murmelte Hilmar zerstreut.
    Und doch, fuhr Hans fort, ich fhle eine seltsame Befriedigung, und
warum? Weil wir so viel Fische gefangen haben. Das ist doch ein greifbares
Resultat einer Arbeit. Wenn ich einen fetten Dorsch halte, so wei ich, was ich
habe. Wenn ich ein Bild male, wei ich denn, ob es etwas ist oder nicht?
    Und erst ich, unterbrach ihn Hilmar, wenn ich eine Stunde Rekruten
gelehrt habe sich wie Holzpuppen zu bewegen, wie soll ich da Befriedigung ber
ein Resultat fhlen?
    Ach ja, meinte Hans und ghnte, es ist schade, da das Leben so selten
bar zahlt.
    Es entstand wieder eine Pause. Doralice war auf ihrem Sessel eingeschlafen,
das Gesicht, sehr bleich mitten in den blauen Schatten des Morgens, erhielt von
der friedlichen Hilflosigkeit des Schlafes eine wunderbar kindliche Schnheit.
Die beiden Mnner saen jetzt ganz still da und schauten andchtig auf dieses
schlafende Gesicht. Endlich erhob sich Hilmar, reichte Hans die Hand und
flsterte: Ich gehe, die Sonne kommt. Dann ging er leise hinaus.
    Drauen war es schon taghell, ber dem Horizonte schossen die ersten
goldenen Strahlen empor. Hilmar ging sehr schnell, er wollte zu Hause sein, ehe
die Sonne da war. Er wunderte sich ber sich selber. Warum fhlte er sich elend?
Die kleine Lolo hatte wohl recht, diese Frau war so schn, da man traurig
wurde, oder wie sagte doch der Maler: Katzenjammer der Weite, in dem das Land
und das Tageslicht uns eng scheinen. Die arme kleine Lolo, Hilmar konnte nichts
dafr, aber wenn er jetzt an sie dachte, schien es ihm, als habe sie etwas vom
Lande und vom Tageslicht an sich.

                                Neuntes Kapitel


Der Geheimrat von Knospelius kam zum Fnfuhrkaffee in den Bullenkrug. Behaglich
sa er an dem langen Tisch auf der Veranda, ber dem die Bltterschatten der
rankenden Bohnen flirrten. Es duftete nach den Struen von Erbsenblten und
nach frischem Brot. Schmunzelnd schaute Knospelius auf die Reihe der jungen
Gesichter am unteren Ende des Tisches. Familienmahlzeit, Familientisch, sagte
er zur Generalin und sein langer Mund sprach diese Worte aus, als schlrfte er
eine Auster. Das ist fr mich ein seltener, aber exquisiter Genu. Bei meiner
Schwester in Thringen habe ich zuweilen diesen Genu. Eine Familienmahlzeit hat
etwas Sakramentales. Sie ist, mchte ich sagen, das Fundament der Familie.
Solange es mit der Familienmahlzeit gut steht, kann es mit der Familie nicht
schlecht stehen.
    Nun, meinte die Baronin Buttlr, wir haben Gott sei Dank noch andere
Fundamente.
    Mein Schwager, fuhr der Geheimrat fort, sagte zu meiner Schwester:
Karoline, sollte ich vormittags sterben, so ist gar kein Grund, da an dem Tage
nicht ebenso pnktlich gegessen wird wie sonst, sonst wird die Verwirrung nur
erhht. Nicht wahr, ganz wie auf den groen Passagierdampfern, denen was
zugestoen ist und auf denen bis zum uersten Augenblick das Diner regelrecht
serviert wird. Es ist gleichsam das Symbol der moralischen Ordnung. Der Baron
Buttlr nickte ernst und sagte: Ja, die Familie berhaupt sei doch die
Grundlage des Staates, die Familie und der Grundbesitz, und er brachte das
Gesprch allmhlich auf Steuern und auf Branntwein. Allein der Geheimrat ging
nicht darauf ein, er wollte heute seinen Erfolg am unteren Ende des Tisches bei
der Jugend haben. Er erzhlte Anekdoten und schaute dabei zu den jungen Leuten
hinber, ob sie auch lachten. Spter dann kam er mit seinem Anliegen heraus. Er
wollte morgen ein kleines lndliches Fest feiern und hoffte, die Herrschaften
wrden vollzhlig dazu erscheinen. Die Veranlassung dieses Festes, sagte er,
ist mein Geburtstag. Na ja, das lterwerden mag ja seine guten Seiten haben,
aber zum Feiern wre ja schlielich keine Veranlassung. Diese Welt hier zwar ist
recht fragwrdig, allein besondere Eile herauszukommen hat man nicht, denn
erstens ist das Programm dessen, was nachher kommt, nicht recht klar, und
zweitens bleibt es uns ja ohnehin. Nein, ich feiere das Datum meiner Geburt,
denn das Geborenwerden ist doch der merkwrdigste Augenblick unseres Lebens und
von unbersehbaren Folgen. Sehen Sie, eine Welt ohne Knospelius und eine Welt
mit Knospelius, das ist fr mich ein gewaltiger Unterschied.
    Zufrieden ber seine Auseinandersetzung schaute er Nini an, die darber
errtete.
    Was Sie da sagen, liebe Exzellenz, bemerkte die Generalin, ist gewi sehr
klug, aber mit der Religion scheint es dabei denn doch auch ein wenig unklar zu
stehen.
    Knospelius zuckte mit seinen zu hohen Schultern: Nun, deshalb hat der Staat
mich vielleicht zum Rechnen und nicht zum Predigen eingesetzt. Aber ich komme
auf mein Fest zurck, da ist nmlich ein kleiner Umstand zu erwhnen. Da ist das
Ehepaar Grill. Ich kann es nicht vermeiden, dieses Ehepaar einzuladen. Ich
hoffe, es wird niemanden stren.
    Allerdings, meinte die Baronin Buttlr und zog die Augenbrauen empor,
dieses Ehepaar scheint fr uns unvermeidlich zu sein, unser unvermeidliches
Schicksal.
    Knospelius lachte. Schicksal, sehr gut. Nun, diese kleine Frau ist kein
grausames Schicksal. Und dann, wenn wir die Vergangenheit auf sich beruhen
lassen, jetzt sind die Verhltnisse ja korrekt. Sie haben sich in London trauen
lassen.
    So? In London, bemerkte die Generalin, davon hrt man jetzt oft, eine
neue Erfindung. Es scheint, da in London die Trauungen schneller gemacht
werden, auch so moderne Fabrikware.
    Knospelius zuckte die Achseln. Hausarbeit, meine Gndige, wird eben selten.
Ich darf also annehmen, da mir meine Grills zugestanden sind.
    Die Baronin Buttlr lehnte sich in ihren Stuhl zurck und seufzte: Ich sage
nichts. Achtung vor der Londoner Trauung habe ich nicht und die Vergangenheit
kann ich nicht auf sich beruhen lassen. Aber es scheint, da das altmodische
Ansichten sind.
    Der Baron Buttlr rgerte sich darber. Liebe Bella, sagte er gereizt, du
mut zugestehen, da diese Leute uns bisher nicht belstigt haben, einen Gru,
einmal ein freundliches Wort und dann schlielich so ein Landpartienverkehr -
    Landpartienverkehr, bravo! rief der Geheimrat, das ist das Wort, da haben
wir die Formel. Die Hauptsache ist, fr jede Lebenslage eine Formel zu finden,
das andere findet sich dann schon. Also mein Fest ist gesichert. Ich darf die
Herrschaften morgen nachmittag erwarten. Im Birkenwldchen, bei der Zibbe
Waldhterei. Das Meer ist ausgeschlossen, denn das Meer ist nicht gemtlich. Sie
werden sehen, es wird alles sehr harmonisch verlaufen. Und vergngt rieb er
sich die langen, bleichen Hnde.
    Am Nachmittage des folgenden Tages zogen die Einwohner des Bullenkruges zur
Zibbe Waldhterei hinauf. Voran die Generalin im weitlufigen weien Piqukleide
und einem groen Strohhut ber dem erhitzten Gesicht. Lolo und Nini trugen weie
Kleider und meergrne Bnder. Der Sonnenschein vergoldete die weien
Birkenstmmchen, die vom Seewinde alle landeinwrts gebogen dastanden wie
Jungfrauen, die nach vorn geneigt ihre grnen Schleier ber das Gesicht wallen
lassen. Der Geheimrat empfing seine Gste, fr die Generalin und die Baronin
waren Korbsthle da, fr die anderen lagen Polster auf der Erde und ein weies
Tischtuch war ber das Heidekraut gebreitet worden. Nehmen Sie Platz, sagte
der Geheimrat und rieb sich die Hnde, der Kaffee kommt gleich, die jungen
Damen helfen mir ein wenig bei der Bewirtung, meine Kolombinen, ha, ha!
    Klaus servierte den Kaffee, sehr korrekt in einen schwarzen Rock geknpft,
ernst und traurig. Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen; man
sprach von Birken im allgemeinen, dann sprach der Baron Buttlr von Branntwein
und Monopol; Hilmar sa einsilbig und zerstreut neben Lolo und machte Ringe aus
dem Rauch seiner Zigarette. Mcken tanzten im roten Sonnenstrahl und der Duft
des warmen Heidekrautes und der warmen Birkenbltter machte die Menschen
schlfrig. Wedig ghnte und uerte zu Nini: Nun knnten sie auch kommen.
    Wen erwartest du? fragte die Baronin Buttlr streng. Allein es war klar,
alle empfanden dies Beisammensitzen nur als Vorspiel. Nun und dann kamen sie den
Hgel herauf, Hans voran, gefolgt von Doralice, die bleich und ernst war. Sie
hatte nicht kommen wollen, aber Hans war heftig geworden. Wenn sich die Leute
vor uns frchten, bitte, bitte, wir brauchen uns vor niemand zu frchten. So
hatte sie denn ihr blaviolettes Musselinkleid angezogen, das Zeitlosenkleid,
wie sie es nannte, hatte die rote Korallenschnur um den Hals gelegt, den groen
schwarzen Hut aufgesetzt und war mitgekommen. Der Geheimrat war ein wenig
aufgeregt, als er seine neuen Gste empfing, sie vorstellte, ihnen Pltze
anwies, nach Kaffee rief. Doralice sa neben der Generalin noch immer sehr
bleich und still wie ein junges Mdchen, das ruhig wartet, bis sie von den
lteren Leuten angesprochen wird.
    Schnes Wetter, sagte die Generalin, es ist gut, da Sie sich auch
herausgemacht haben. Wir sehen Sie immer baden, Sie schwimmen mir ein bichen zu
khn. Whrend die Generalin mit ihrer mtterlichen Stimme unbefangen
fortplauderte, schwiegen die anderen, die Baronin Buttlr errtete, Frulein
Bork lchelte verzckt und die beiden Mdchen richteten ihre grellen braunen
Augen unverwandt auf Doralice, ffneten die Lippen, man sah es, die Bewunderung
fr die schne Frau benahm ihnen ein wenig den Atem. Dann mischte der Baron
Buttlr sich pltzlich in die Unterhaltung, munter und galant. Er wandte sich
ausschlielich an Doralice und sprach ziemlich unvermittelt von Paris und dem
Bois de Boulogne. Auch Hilmar wurde lebhafter, er erzhlte Nini und Lolo etwas,
machte sie lachen; er legte Wert darauf, da es an seiner Ecke lustig zuging.
Der Geheimrat, der sich mit Hans unterhielt, blickte zufrieden auf die
Gesellschaft, in die jetzt Leben zu kommen schien.
    Hinter den Birken erscholl eine dnne, hpfende Musik. Der Strandwchter
spielte Harmonika und der lahme Schneider des Dorfes die Geige. Der Geheimrat
sprang auf und rief: Ich bitte mit dem Tanz zu beginnen. Baron Buttlr, ich
bitte, den Ball, die fte champtre zu erffnen. Die Sonne geht unter, also
richtige Beleuchtung. Baron Hamm, bitte nicht zu vergessen, da die Geselligkeit
des Deutschen Reichs auf dem Leutnant beruht. Baron Buttlr fhrte seine Frau
zum Tanz, die sich ein wenig strubte. Aber Buttlr, wir, die Alten. Hilmar
tanzte mit Lolo und Wedig, dunkelrot im Gesicht und so erregt, da es aussah,
als wollte er weinen, bat Doralice um einen Tanz. Die Paare drehten sich dort
auf einem freien Platz; rotes, sachte zitterndes Licht drang durch die Bume und
berflutete sie. Hinter den Birken aber schien etwas zu brennen, es war das Meer
im Glanze des Sonnenunterganges.
    Sehr hbsch, sagte Knospelius zur Generalin, whrend er das Bild vor sich
mit einer fast gierigen Aufmerksamkeit betrachtete; das mu Stimmung in die
Gesellschaft bringen. Nichts taugt besser dazu als der Tanz. Man spricht nicht,
man denkt nicht, man verstndigt sich mit den Fen, das lst die richtige
Elektrizitt aus.
    Was fr eine Verstndigung, was fr Elektrizitt? meinte die Generalin.
Ich freue mich, wenn die Jugend heiter ist, aber Ihre Verstndigungen und
Elektrizitt brauchen wir nicht.
    Und dann, fuhr der Geheimrat sinnend fort, ich habe bemerkt, wenn in
unsere Gesellschaft mal ein fremdes Element kommt, ein outsider, das wirkt
erregend wie Zitronensure auf Soda. Ein jeder sieht im Fremden ein Publikum.
Aha! Der Baron tanzt mit unserer Frau Grfin. Wie siegesgewi er lchelt. Und
unser Maler macht sich an die Frau Baronin, bravo! Das Brausepulver ist
komplett.
    Ihre kleine Khne, versetzte die Generalin, ist soweit ein liebes und
nettes Ding. Schade um sie.
    Wieso schade? fragte Knospelius. Es wird jetzt vielleicht etwas
Wertvolleres aus ihr, als der alte Khne je gemacht htte. Aber die Generalin
wollte davon nichts wissen. Ach, liebe Exzellenz, unsere Frauen, wenn die mal
so ganz offen aus Reih und Glied treten, dann finden sie auch keinen Halt mehr.
Das ist so wie bei dem Kettenstich auf der Nhmaschine; trennen Sie einen Stich
auf, dann geht die ganze Naht los.
    Der Geheimrat lchelte: Das spricht nicht fr den Kettenstich. Aha! Es
kommt zur Quadrille, sehr gut. Der Walzer hat Stimmung gemacht. Sehen Sie doch,
wie ausdrucksvoll, wie vielsagend die Beine der Herren geworden sind.
    Die Quadrille war allerdings sehr lebhaft. Hilmar tanzte mit Doralice, ihnen
gegenber Lolo mit ihrem Vater. Doralices Gesicht war ganz rosa und sie lachte,
wenn sie mit Hilmar im carrire, wie er sagte, ber den rotbeschienenen Sand
hinliefen. Das Tanzen, diese Menschen, all das gab Doralice das Gefhl, als
stnde sie wieder in jener Welt, die sie jetzt ein Jahr schon nur noch aus ihren
Trumen kannte. Sie verga, da sie hier fremd war, und geno es gedankenlos
lustig zu sein wie einst auf den Gesellschaften, wenn sie sich von ihrem Gemahl
nicht beaufsichtigt fhlte. Und welch ein handlicher, bequemer Kamerad der
Lustigkeit war doch so ein Leutnant, man tanzte mit ihm so selbstverstndlich
bequem, als htte man das ganze Leben schon miteinander getanzt. Man sprach und
lachte mit ihm so mhelos, als htte man schon ein ganzes Leben miteinander
gesprochen und gelacht.
    Grand rond, s'il vous plat, schnarrte Hilmar. Man fate sich bei den
Hnden, in der Abendsonne schien es, als errteten alle Gesichter, dann kam die
Promenade, von Hilmar angefhrt, eine wilde Promenade zwischen den Birkenstmmen
hindurch, ber das Heidekraut hin.
    Unser Leutnant steht auf der Hhe seiner Aufgabe, sagte Knospelius, aber
die Stimmung darf nicht verrauchen. Jetzt mu gleich gesungen werden, ein
Volkslied, etwas ganz Herzbrechendes natrlich.
    Als die Quadrille zu Ende war und alle wieder auf den Polstern saen, war
die Sonne untergegangen, unter den Bumen begann es schnell zu dmmern, von der
Seeseite kam ein Wehen, fuhr in die Birken und lie sie erregt flstern. Unten
aber rauschte das Meer jetzt lauter. Knospelius erhob sich, streckte seinen
langen Arm aus, schlug den Takt und stimmte mit lauter gefhlvoller Stimme an:

Mei Mutter mag mi nit
Und kei Schatz hab i nit.
Ei, warum sterb i nit
Was tu i denn?

    Alle sangen mit, selbst die Generalin, die Mdchen falteten die Hnde im
Scho, schauten mit den blanken Augen gerade vor sich hin und lieen ihre
scharfen Sopranstimmen klagend in die Dmmerung hinausschallen. Doralice tat es
auch wohl, sich von der eigenen Stimme in ein weiches, gedankenloses Behagen
wiegen zu lassen. Ja gedankenlos, denn sie sprte es wohl, da waren so einige
kleine widerwrtige Gedanken, die nur darauf lauerten hervorzukriechen. So der
Gedanke an die verlegene und herablassende Art, mit der die Baronin Buttlr zu
ihr gesprochen hatte, die Art, mit der Familienmtter auf Wohlttigkeitsfesten
zu fremden Schauspielerinnen zu sprechen pflegten, oder der Gedanke daran, da
der Baron Buttlr whrend des Tanzes die Augen rollte, wie Herren sonst nicht
die Augen rollen, wenn sie mit fremden Damen tanzen. Nein, daran wollte sie
nicht denken, sie wollte singen. Sie schaute zu Hans hinber. Der sa ruhig da,
ffnete den Mund weit, ganz damit beschftigt, seinen schnen Tenor recht laut
erklingen zu lassen. Als das Lied zu Ende war, schwiegen alle eine Weile,
trumten in die Dmmerung hinein, als frchteten sie etwas zu wecken, das sie
eben in Schlaf gesungen hatten. Endlich verkndete der Geheimrat, die Uhr in der
Hand: Jetzt bitte zum Feuerwerk, knstliches Feuerwerk habe ich nicht. Mein
Feuerwerk ist der Mond, der gerade jetzt aufgeht. Bitte also mit mir dort
hinaufzugehen.
    Meine Tochter und mich lassen Sie hier, meinte die Generalin, ich bin alt
und habe daher hufig gesehen, wie der Mond aufgeht.
    Wie's beliebt, erwiderte der Geheimrat, obgleich ich glaube, da mein
Mond etwas Besonderes ist. Also wenn ich bitten darf, meine Herrschaften. Er
bernahm die Fhrung mit Frulein Bork. Sie muten einen Hgel hinansteigen. Der
Baron Buttlr ging neben Doralice her, er sprach mit weicher, singender Stimme
von dem Frieden der abendlichen Natur, von den Mhen und Sorgen der
Landwirtschaft. Ach die Landwirtschaft war ja jetzt eine Industrie und die
Poesie hatte in ihr wenig Raum. Aber wenn er, Buttlr, zuweilen abends auf seine
Felder hinausging, mit seinen Feldfrchten allein war, dann fhlte er doch
wieder etwas von der Poesie der Natur. Leider sind im heutigen Kampfe des Lebens
die Augenblicke so selten, in denen man sein Herz sprechen lassen darf. Oben auf
dem Hgel stellten sich alle auf und schauten zu dem schwarzen Waldrande
hinber, ber den der Mond gro und rot emporstieg. Meine Leuchtkugel, sagte
der Geheimrat und Frulein Bork meinte, die Natur sei doch schner als alles
Knstliche. Als man dort eine Weile gestanden hatte und ber den Mond doch
nichts Besonderes zu sagen wute, trat man den Heimweg an. Hilmar nahm
entschlossen Doralice in Beschlag. Der Weg fhrte an feuchtem Weidenklee
vorber, der s duftete. Nebelstreifen lagen ber dem Felde, Pferde weideten
da, groe, dunkle Gestalten in der Dmmerung, und von allen Seiten lockten die
Rebhhner.
    Doralice und Hilmar sprachen von gleichgltigen Dingen, sie sprachen von
Pferden, vom Reiten, aber ihre Stimmen nahmen einen ruhevollen vertraulichen
Klang an, wie es Stimmen an Sommerabenden gern tun. Und bei dem letzten Rennen
sind Sie gestrzt, nicht wahr? fragte Doralice, der Baron Buttlr sprach
davon.
    Ja, ach ja, erwiderte Hilmar, die, welche es verstehen, strzen nicht,
die kennen die Leistungsfhigkeit ihrer Pferde, nehmen vorsichtig die
Hindernisse, gehen sicher durchs Ziel. Natrlich war es meine Schuld. Aber ich
mu gestehen, der Genu, das Erhebende an der ganzen Chose ist gerade der
Augenblick, in dem ich merke, da alles Vernnftige von mir abfllt, das Blut
singt einem in den Ohren, alles in einem ist kochend hei und zittert, etwas in
uns, das sonst offenbar in einem Kfig eingesperrt zu sein pflegt, kommt dann
los. Sehen Sie, in solchen Augenblicken ist mir alles gleich, ich wrde jedes
Hindernis nehmen, ich wrde dem Gaul und mir den Hals brechen. Ich sehe dann nur
eines, ich will dann nur eines, das Ziel. Ich will es so stark, ich will es so
einzig, ich bin so voll davon bis in jeden Nerv, da ich mich wundere, da das
Ziel mir nicht entgegenkommt. So nur eins wollen, nur eins sehen und darauf
zujagen, das ist eigentlich die einzige Art, wirklich zu leben.
    Sie waren stehengeblieben, Doralice schaute vor sich nieder und dachte:
Wovon spricht er denn mit dieser leisen, heien Stimme, ja so, er spricht von
Pferden, und pltzlich mute sie an Hans Grill denken, wie er einmal drben im
Schlosse zu ihr so begeistert von seiner Kunst gesprochen hatte, da sie sich
sagte: Jetzt spricht er nicht mehr von seiner Kunst, jetzt spricht er von mir.
Hinter ihnen lachte jemand, es waren Nini und Wedig, die den Hgel heraufkamen.
Doralice wandte sich lebhaft ihnen zu. Ach, sagte sie, kommen Sie, wir wollen
zusammen den Abhang hinunterlaufen.
    Sie legte den einen Arm auf Wedigs Schultern, den anderen auf Ninis und so
liefen alle drei den Hgel hinab. Hilmar schaute ihnen nach, dann blickte er zum
Monde auf und verzog seltsam sein Gesicht. Als dann auch die anderen kamen, trat
er ein wenig zur Seite, um sie vorberzulassen, um sich nicht ihnen
anzuschlieen. Lolo ging zwischen ihrem Vater und Hans Grill einher; sie
schienen von Malerei zu sprechen, denn der Baron Buttlr sagte: Nein, die
moderne Malerei lt mich kalt. Es mag altmodisch sein, aber ich bin fr
Raffael.
    Ihnen folgten der Geheimrat und Frulein Bork. Frulein Borks Stimme klang
sehr lyrisch in die Dmmerung hinaus. Was ich an Ihnen, Exzellenz, am meisten
bewundere, ist Ihr Humor, Ihr stets gleichbleibender Humor.
    Meine Gndige! erwiderte Knospelius, Trbsal blasen wir wohl alle
mitunter, aber Konzerte damit zu geben ist nicht empfehlenswert.
    Hilmar blieb zurck, Lolo hatte sich nach ihm umgeschaut, aber hatte nichts
gesagt. Er wartete eine Weile, dann ging er ihnen langsam und sinnend nach.
Unten im Wldchen fand er die Birken voll bunter Papierlaternen, viel farbige
sich sacht wiegende Lichter. Klaus reichte Sandwichs umher, trug eine Bowle auf
und fllte die Glser. Hilmar sah sich im Kreise um, ging gerade auf Doralice zu
und setzte sich neben sie. Sein Gesicht hatte dabei einen dsteren,
eigensinnigen Ausdruck. Knospelius rief nach seinen Kolombinen, dann sa er
zwischen den beiden Mdchen, schttelte behaglich seine Schultern wie ein
Frierender, der sich eine warme Decke ber die Knie zieht. Meine lieben Gste,
rief er und erhob sein Glas, auf Ihr Wohl! Ich danke Ihnen, da Sie gekommen
sind, jetzt bitte ich zu trinken, dann wollen wir noch die Lorelei singen und
endlich eine Mondscheinquadrille tanzen.
    Wie wissenschaftlich er uns behandelt, sagte Hilmar zu Doralice. Er
kandiert uns nach allen Regeln.
    Doralice wollte etwas erwidern, aber der gespannte, fast zornige Ausdruck
auf seinem Gesichte berraschte sie und sie schwieg. Ach, fuhr Hilmar fort,
bei mir hat er es leicht, ich bin gegen die Wirkungen einer Sommernacht
wehrlos. Nun, Soldaten sind immer sentimental, aber bei mir war es von jeher so.
Ich erinnere mich, da, wenn ich als Kind aus der Sommernacht hereingeholt
wurde, um zu Bett zu gehen, ich wie toll heulte. Wenn meine Mutter mich fragte,
warum ich weine, wute ich es nicht; ich konnte nur sagen, ich weine, weil
Mller heute so hlich ist. Mller war meine Kinderfrau, die ich sonst liebte.
    Das verstehe ich, meinte Doralice, so geht es mir jetzt noch, wenn wir
abends vom Spaziergange nach Hause kommen und Agnes steht da mit der Lampe, dann
ist mir auch zuweilen so, als knnte ich weinen. Hilmar lachte grimmig: Ich
begreife, da man in solchen Augenblicken diese Agnes erwrgen knnte.
    O nein, wehrte Doralice, Agnes ist eine gute alte Frau, aber in solchen
Augenblicken steht deutlich auf ihrem Gesicht zu lesen: Was sind Sie denn so
glcklich, es wird gleich wieder alles unangenehm und widerwrtig sein. Hilmar
beugte sich vor, um Doralice in das Gesicht zu sehen mit Augen, auf deren
pechschwarzem Grunde ganz winzig sich eine rote Laterne spiegelte, ein blutroter
Punkt.
    Und diese Agnesen haben recht, sagte er leise, es wird gleich wieder
alles unangenehm und widerwrtig und daher ist es eine Dummheit, wenn wir
wissen, da da irgendwo ein kleiner glcklicher Augenblick zu haben ist und wir
irgend etwas anderes tun, als diesem Augenblick nachzujagen.
    Doralice lehnte sich in den Schatten zurck, um aus dem Bereich der
schwarzen Augen zu kommen, die ihr wehtaten, und fragte, um etwas zu sagen: Sie
waren als Kind allein?
    Ja, erwiderte Hilmar, ich bin das einzige Kind meiner Eltern. Es htte
melancholisch sein knnen. Vor dem Schlosse ging ein Flu vorber, der immer
sehr voll von einem trben grnlichen Wasser war; dort schnalzten in der
Dmmerung die Fische und sangen die Erdkrebse. Aber an Sommerabenden lief ich in
die Dorfstrae hinunter und dort kamen dann meine Kameraden auf ihren nackten
Fen, mit ihren grauen Leinwandhosen und fliegenden blonden Haaren, kleine
lustige Teufel der Sommerdmmerung, und dann war es kstlich.
    Das mu kstlich gewesen sein, wiederholte Doralice sinnend. Ich war an
Sommerabenden in unserem Garten immer allein.
    Schade, rief Hilmar, da ich damals nicht zu Ihnen kommen konnte, auch so
als kleiner Dmmerungsteufel.
    - Das wre lustig gewesen, meinte Doralice, ich glaube, ich wartete
damals immer auf so etwas.
    Jetzt stimmte Knospelius die Lorelei an. Er nahm das Tempo sehr getragen,
als wollte er, da die Seelen seiner Gste ganz hinschmlzen in den klagenden
Tnen. Kaum war das Lied zu Ende, trieb er zur Quadrille; die Harmonika und die
Geige begannen zu spielen; Hilmar bot, als verstnde es sich von selbst,
Doralice den Arm; der Tanz begann auf dem freien Platz unter den Bumen. Die
hellen Frauengestalten aus dem unsicheren Lichte der bunten Laternen in einen
Streifen hellen Mondscheins hinein wurden pltzlich durch einen tiefen Schatten
ausgelscht, um dann wieder aufzutauchen. Knospelius hatte seinen Kneifer
aufgesetzt und betrachtete aufmerksam, als se er in seiner Theaterloge, das
Schauspiel.
    Bitte, zu beachten, sagte er zu der Generalin, eine Mondscheinquadrille
wird anders getanzt als eine Sonnenuntergangsquadrille. Die Bewegungen der Damen
sind weicher; da ist so was von angenehmer Mattigkeit drin, ganz wie die
Musselinkleider, die auch abends so eine angenehme Welkheit bekommen.
    Ach, gehen Sie, entgegnete die Generalin rgerlich, Sie sehen unsere
Mdchen an, wie man Kfer ansieht, die man sammelt. Oder ist es besonders der
eine fremde Kfer, der Sie interessiert?
    Nein, nein, alle, meinte Knospelius, ich mu eben die Stimmung meiner
Gste studieren. Auf einem Feste darf nie der Augenblick kommen, in dem die
Gste fhlen: bei allem, was wir hier tun, ist doch nichts dahinter.
    Was soll denn dahinter sein? rief die Generalin; das liebe ich gar nicht,
wenn hinter allem etwas stecken soll, wozu? Ich hatte eine Tante, die war
verrckt. Wenn man gemtlich beisammensa, pflegte sie zu sagen: Es ist aber
doch noch einer im Zimmer, von dem ihr nichts wit; das war sehr unheimlich.
    Nein, es steckt nichts dahinter, sagte der Geheimrat beruhigend, ich
meine nur, es ist nicht sehr unterhaltend, gerade daran zu denken. Aber was ist
denn das? Eine Stockung.
    Er sprang auf, um zum Tanzplatz zu eilen; dort drngten sich alle auf einem
Fleck zusammen und am Boden, hell vom Monde beschienen, lag Lolo bleich mit
geschlossenen Augen. Man rief nach Wasser, Frulein Bork brachte Riechsalz. Was
war geschehen? Eine Ohnmacht. Lolo hatte mit Hans Grill getanzt und war ganz
still umgesunken. Als sie wieder ein wenig schwankend, sehr wei im Gesichte,
dastand, auf ihren Vater und Hilmar gesttzt, organisierte die Generalin eilig
den Rckzug, Lolo, von den beiden Herren gefhrt, voran, die anderen folgten,
man nahm sich kaum Zeit, ein Abschiedswort an den Geheimrat zu richten, und die
Baronin Buttlr konnte es nicht lassen, halblaut vor sich hin zu schelten: Ich
habe mir gleich gedacht, da nichts Gutes dabei herauskommt. Wenn ein alter Herr
sich amsieren will, so la er doch wo anders hingehen; wozu sind meine Kinder
dazu ntig.
    Fatal, sagte der Geheimrat, als er mit Hans und Doralice allein war, nun,
es wird nichts zu bedeuten haben. Hbsch sah es brigens aus, wie die Kleine da
so wei im Mondschein lag. Nerven. Eine Familienverlobung ist immer etwas
Gewaltsames. Ein streng behtetes Mdchen, das nicht einmal einen Roman lesen
darf, wird eines schnen Tages einem Leutnant ausgeliefert. Studiere die Liebe,
heit es. Ja, das richtet aber in der Seele solch einer kleinen
Familiencolombine zuweilen merkwrdige Verwirrungen an. Na, gleichviel, c'est la
vie. Ich danke Ihnen, meine Herrschaften, da Sie gekommen sind, Sie waren die
Knigin des Festes, gndige Frau, natrlich. Er kte Doralicens Hand und man
trennte sich.
    Auf dem Heimwege sprach Hans heiter und eifrig auf die schweigsame Doralice
ein. Er freute sich, da sie sich unterhalten hatte; denn sie hatte sich
unterhalten, das hatte er wohl gesehen. Schn, schn. Teufel, hatten die Herren
um sie her Mondscheinaugen gemacht, alle, vom Familienvater bis zum
Gymnasiasten. O bitte, bitte. Sie blieben einen Augenblick stehen, um auf das
mondbeschienene Meer hinauszublicken. Hans ffnete seinen Mund, atmete tief.
Weite einatmen, meinte er, dort unter den Bumen war es ein wenig eng, auch
die Leute dort ein wenig eng, nicht?
    Zu Hause ging Hans in sein Zimmer. Doralice hrte ihn hin und her gehen, den
Kasten aufschlieen, Stiefel werfen. Sie sa in ihrem Sessel und starrte in das
Licht, lebte in Gedanken mechanisch das eben Erlebte weiter, die Glieder ein
wenig matt von der Bewegung, der Luft und all den Mnneraugen, die sie begehrend
angesehen hatten. Endlich kam Hans heraus, in seinen Mantel gehllt, den Filzhut
auf dem Kopfe, die hohen Stiefel an den Fen.
    Ich fahre noch mit Wardein auf den Fischfang hinaus, sagte er, fr dich
ist das nichts, du bist zu mde. Er kte Doralice auf die Stirn. Gute Nacht.
    Gute Nacht, Hans. Doch als er schon an der Tr war, sagte Doralice: Du,
Hans! Er wandte sich um: Was gibt es?
    Du, Hans, bist du eigentlich bse?
    Nein, warum? erwiderte er. Dann kam er wieder an den Tisch heran. Im
Schein der Lampe sah Doralice, da er errtete. Nein, ich bin nicht bse. Warum
sollte ich bse sein? Vielleicht weil die da sich mglicherweise in dich
verlieben? Das ist ihr Recht. Das ist erklrlich. Aber das kann doch an uns
nicht heran. Und er klopfte mit den Kncheln seiner Hand auf den Tisch. Nein,
das wirst du nicht erleben, da ich knurrend um dich herumgehe. Mir wrde vor
mir selber ekeln. Wenn du mein bist, weil ich jedem, der mir nahekommt, die
Zhne zeige oder weil ein anderer mir nicht beizeiten die Zhne gezeigt hat,
dann bist du berhaupt nicht mein - und ich will eine Frau, die mich liebt und
nicht eine Beute - und - ich denke, wir gehorchen reineren Gesetzen - und - es
ist auch gar nichts geschehen, warum sollte ich bse sein?
    Doralice zog die Augenbrauen empor, sie machte, wie Hans Grill es nannte,
ihr Damengesicht und sagte leichthin: Oh, dann ist es gut, ich wollte nur
wissen, gute Nacht also, Hans.
    Gute Nacht, erwiderte er und ging hinaus, stark mit den schweren Stiefeln
auftretend.
    Doralice schaute noch immer in das Licht. Also, er war doch bse, dachte
sie, sonst wre er nicht so beredt gewesen. Und es war gut so, es beruhigte sie.
Wenn man geliebt wird, will man festgehalten, will man bewacht werden. Diese
reinen Gesetze, was ist das? Wahrscheinlich wieder diese ewige Freiheit, von der
Hans zu sprechen liebte. Jetzt wollte sie schlafen gehen, wollte in der
Dunkelheit noch ein wenig von all dem trumen, was der heutige Abend in ihr
aufgeregt hatte. Das war vielleicht etwas wie ein Verrat an Hans, aber warum
lie er sie mit ihren Trumen allein?

                                Zehntes Kapitel


Knospelius stand im Strandwchterhuschen am Fenster, ein Opernglas vor den
Augen, und schaute auf den Strand hinab. Er liebte es zu beobachten, wie dort
auf dem gelben Sande die bunten Figrchen hin- und hergingen, sich suchten, sich
trafen, beieinander standen, sich wieder trennten. Wo die Skorpionen gehen und
die Feldteufel sich begegnen, zitierte er den Propheten. Der Himmel hing voller
Wolken, die das Morgenlicht dmpften und versilberten. Das graue Meer schillerte
wie die Brust eines Tuberichs. Mitten in dem farbigen Wasser stand Ninis
schmale rote Gestalt und die Baronin Buttlr ging am Strande auf und ab und
beobachtete das Bad ihrer Tochter. Ei, ei! dachte Knospelius, da erscheint ja
die Generalin im weien Piqukleide, wie ein Schiff, das alle Segel aufgezogen
hat, neben ihr die gute Bork, eine bescheidene, nichtssagende Schaluppe. Wedig,
der Schlingel, treibt sich natrlich an der Wardeinschen Tr herum und wartet.
Aber auch der Baron steht dort einsam herum und stochert im Sande, sollte er
auch warten? Ah, das Brautpaar Arm in Arm. Die kleine Lolo noch etwas bleich,
der Brutigam sehr lebhaft, zu liebenswrdig, hat vielleicht ein schlechtes
Gewissen wegen gestern. So, nun begegnen sie der Generalin. Man bleibt stehen,
man spricht. Endlich, da ist unsre Doralice, sehr fein im Matrosenkostm blau
und wei, den englischen Roman in der Hand. Natrlich, der Baron ist schon bei
ihr. Wie khl sie nickt. Wie grade und wohlerzogen sie dasteht, jede Linie
hfliche Abweisung. Wie sie langsam weiter geht und ihn stehen lt. Teufel!
aber das ist stark. Der Leutnant lt den Arm seiner Braut fahren und schiet
auf Doralice zu, wie der Hecht auf die Angel. An Hemmungen leidet dieser junge
Mann nicht. Wo ist denn der Maler? Dort steht er ja unten bei den Booten und
spricht mit Stibbe. Warum ist er nicht auf seinem Posten? Der dumme Kerl will
den Grandseigneur in der Liebe spielen.
    Jetzt aber litt es Knospelius nicht mehr an seinem Fenster; er mute
hinunter, mute mittun. Hinter ihm stand Klaus und hielt schon Hut und Stock.
Als der Geheimrat seinen Hut nahm, schaute er zu Klaus' ernstem Gesicht hinauf
und sagte: Sie denken wohl, die da unten sind alles Snder.
    Wir sind alle Snder, wenn Exzellenz gestatten, erwiderte Klaus, ohne die
Miene zu verziehen.
    Aber da sind doch Unterschiede, warf Knospelius ein.
    Klaus zuckte kaum merklich mit den Schultern: Die einen frchten sich nicht
davor Snder zu sein und wir anderen frchten uns davor.
    So, so, ich verstehe, versetzte der Geheimrat und ging zum Strande hinab.
    Unten machte er sich eifrig an das Begren der Anwesenden, ging zu der
Gruppe der Generalin, fragte, wie man geschlafen hatte, nannte Lolo unsere
tragische Kolombine, wandte sich dann zu Hilmar und Doralice, die noch
beieinander standen, rieb sich die Hnde, tat, als sei er der Hausherr des
Meeres und habe seine Gste zu begren. Er winkte Hans Grill zu, der langsam
heranschlenderte. Guten Morgen, Meister, was? heute nacht auf Fischfang und
jetzt wieder bei den Booten, das heit ja im Schweie seines Angesichts leben.
Ja, Hans Grill wollte hinausrudern, er lachte: Das Meer hat mich jetzt, wenn
ich nicht was mit ihm zu tun habe, werde ich unruhig. So was wie Suferdurst.
Fhrst du mit, Doralice?
    Nein, Doralice wollte nicht mitfahren, das Meer war ihr heute zu grau, sie
wollte zu den Birken hinaufgehen und im Heidekraut liegen.
    Aha, meinte Knospelius, ich verstehe, graues Meer ist fr Ihre Seele
heute sozusagen nicht die richtige Toilette. Nehmen Sie mich mit, Meister, meine
Seele pat zu jedem Meer.
    Aus den anderen Gruppen wurde nach Hilmar gerufen, Nini hatte ihr Bad
beendet und man wollte nach Hause gehen. Aber Lolo winkte ihm zu. Bleibe nur,
du willst segeln, auf Wiedersehen. Etwas unschlssig blieb Hilmar zurck,
schaute der abziehenden Familie nach, sah, wie Doralice die Dne hinaufstieg zu
den Birken und wie Hans und der Geheimrat zu den Booten hinabgingen.
Nachdenklich nahm er Kieselsteine auf und begann sie ber die Wellen springen zu
lassen. Sein Gesicht hatte wieder den eigensinnig entschlossenen Ausdruck, der
ihm eine finstere Schnheit gab. Pltzlich wandte er sich um und ging schnell
mit leichtem wiegendem Schritt die Dne hinan, mit jenem lustigen,
unternehmungsvollen Schritt, den wohl der kleine Hilmar gehabt haben mochte,
wenn er der Kinderstube entronnen in der Sommerdmmerung zu der Dorfstrae
hinabflchtete. Er schlug den graden Weg zum Birkenwldchen ein.
    Er fand Doralice im Heidekraute sitzend, den Rcken gegen den Stamm einer
Birke gelehnt, das Buch lag aufgeschlagen auf ihrem Scho, sie schaute nicht
hinein, sondern bog den Kopf zurck und blinzelte mit halbgeschlossenen Augen zu
den Wipfeln der Birken hinauf, das Gesicht ruhig wie das Gesicht eines Menschen,
der einem Schlummerliede lauscht und darauf wartet, da der Schlaf komme. Und
rings um sie her klang das unablssige und eifrige Schrillen der Feldgrillen.
Hilmar rusperte sich leise. Doralice schaute auf. Sie war nicht besonders
berrascht, sie zog nur leicht die Augenbrauen empor und sagte: Oh, Sie sind
es. Sind Sie mir hierher nachgekommen? Sie wollten ja segeln.
    Hilmar war etwas befangen. Ja, - hm, ich bin Ihnen hierher nachgekommen.
Sie gestatten doch, und er setzte sich auf einen Baumstumpf Doralice gegenber.
Mit dem Segeln war es nichts. Da Sie nicht auf dem Meere waren, schien das Meer
mir so sinnlos.
    Ah, sagte Doralice, die wieder in ihre ruhevolle Stellung zurckgesunken
war. Mir sagte einmal ein junger Attach, er halte es fr unhflich, einen
Augenblick mit einer jungen Frau allein zu sein, ohne ihr eine Liebeserklrung
zu machen.
    Hilmar errtete. Unsinn, meinte er. Mir ist gewi nicht hflich zumute,
aber gleichviel, ich kam herauf, weil ich glaubte, da Sie sich langweilen
wrden.
    Ja, warum glaubten Sie, da ich mich langweilen wrde? fragte Doralice.
    Nun, weil, sagte Hilmar, weil ich sah, da Sie nur dieses Buch da mit
hatten und ich annahm, da an diesem schwlen, etwas traurigen Tage das
Schicksal der Mi mit den zu rosa Wangen und zu goldenen Haaren, die sich einen
ganzen Band darber krnkt, da sie sich in einem Park von einem Herrn hat
kssen lassen, Sie auch traurig stimmen wrde.
    Doralice lchelte matt.
    Sollen wir nicht eine Zigarette rauchen? schlug Hilmar vor. Ja, Doralice
nahm eine Zigarette an, lie sich Feuer geben und dann rauchten beide und
schwiegen und hrten dem Schrillen der Feldgrillen zu. Endlich bemerkte
Doralice: Sie wollten mich ja unterhalten?
    Ja, ach ja, erwiderte Hilmar zgernd, als liee er sich nur ungern im
ruhigen Betrachten der hellen Gestalt vor sich stren. Aber es gibt
Lebenslagen, die so wohltuend sind, da man sie mit Sprechen nur verdirbt. So
htte ich es als Knabe fr eine Entweihung gehalten zu sprechen, whrend ich
einen Kirschkuchen a.
    Doralice lchelte nicht darber. Eine seltsame Erregung machte pltzlich
ihre Augen klar und bog die schmalen roten Linien ihrer Lippen und ihre Stimme
wurde tiefer und zitterte ein wenig, als sie sagte: Es ist wohl auch, weil es
fr Sie nicht leicht ist, mit mir zu sprechen. Wovon sollen Sie sprechen? Hinter
mir sind alle Fden abgerissen. Da knnen Sie nur entweder vom Wetter sprechen,
oder mir eine Liebeserklrung machen.
    Hilmar schlug sich mit der flachen Hand auf das Knie: Ich sagte es gleich,
an solch einem verdchtig grauen Tage allein im Heidekraut zu liegen tut nicht
gut. Zu sagen? Eine Welt habe ich Ihnen zu sagen, die unerhrtesten Dinge. Da
brauchen wir nicht davon zu sprechen, wie es der Baronin Marowitz geht und
welche Liaison die Grfin Patky jetzt hat, aber, wenn Sie wollen, knnen wir
auch davon sprechen.
    Doralice schien ihm nicht recht zuzuhren, sie blickte an ihm vorber,
lauschte ihrem eigenen qulenden Gedanken. Und, begann Sie, was sagen sie
dort von mir - die anderen.
    Nichts! rief Hilmar ungeduldig. Was sollen sie sagen? Sie sprechen nicht
mehr davon.
    Sie sprechen nicht mehr davon, wiederholte Doralice. Ich bin also wie
eine, die gestorben ist und die vergessen wird.
    Wie man das macht, Sie zu vergessen, hhnte Hilmar.
    Doralice sann einen Augenblick vor sich hin, bleich und kummervoll, dann
fragte sie leise: Kennen Sie den Friedhof am Meer?
    Nein, Hilmar kannte ihn nicht, er interessierte sich nicht besonders fr
Friedhfe. Der Geheimrat hat ihn mir gezeigt, fuhr Doralice fort, ein
Friedhof, von dem das Meer groe Stcke fortsplt. Die Srge und die Toten ragen
aus dem Sande heraus. Der Geheimrat sagt, in Sturmnchten holt das Meer die
Srge ab. Die stillen Herren gehen auf die Reise, sagte er.
    Das kleine Ungeheuer, rief Hilmar, warum zeigte er Ihnen das? Er will,
da Sie sich frchten.
    Vor dem Totsein wrde ich mich sonst nicht frchten, meinte Doralice, man
braucht ja vielleicht nicht da zu sein. Nur da das Totsein so furchtbar nach
Alleinsein klingt, und - ich kann nicht allein sein. Sie sa da, ein wenig
aufgerichtet, die eine Hand in das Heidekraut gesttzt, ihr Gesicht war ernst,
obgleich die Lippen jetzt lchelten; ein unendlich einsames, frierendes Lcheln
und die Augen fllten sich mit Trnen.
    Sie weinen, stie Hilmar hervor. Eine pltzliche Ergriffenheit wrgte ihn
wie ein Schmerz: Sie drfen nicht allein sein. Er glitt von seinem Sitz in das
Gras nieder, lag ausgestreckt da, wie einer am Bachrande sich ausstreckt, um zu
trinken, und drckte seine Lippen auf Doralicens Hand, die im Heidekraut ruhte.
Einen Augenblick blieb diese Hand unbeweglich, dann wurde sie fortgezogen, eine
leichte Rte stieg in Doralicens Gesicht und ihre Stimme war wieder wach und
lebensvoll, als sie sagte: Was tun Sie da, stehen Sie doch auf. Ich bin ja gar
nicht allein.
    Hilmar richtete sich auf, er kniete jetzt im Heidekraute, jede Linie seines
Gesichts und seines Krpers schien gespannt von bergroer Erregung. Sie und
allein sein. Jeder Augenblick, den Sie allein sind, ist eine furchtbare
Verschwendung fr einen - fr einen von uns anderen. Das wei ich jetzt. Aber
das Leben ist ja reich an solch wahnsinniger Verschwendung. Was ist denn unser
Leben anders, als ein bestndig dummes Versumen der ganz kostbaren
Augenblicke.
    
    Doralice hrte ihm zu, sie hrte ihm wohlwollend zu, die Leidenschaft seiner
Worte erwrmte sie angenehm. Dann sagte sie in einem mtterlichen Tone: Stehen
Sie auf, gehen Sie nach Hause. Ich mu auch gehen; Hans erwartet mich. Hilmar
gehorchte. Er stand einen Augenblick unschlssig da, etwas arbeitete und kmpfte
in ihm, dann wandte er sich kurz um und lief den Abhang hinab. Doralice
lchelte, als sie ihm nachschaute. Sie erhob sich, fuhr sich mit der Hand ber
die Augen und trat den Heimweg an, jetzt wieder ruhig und getrstet.
    Hans wartete schon ungeduldig auf Doralice. Mit groen Schritten ging er um
den gedeckten Mittagstisch herum und schalt leise vor sich hin ... Ich komme zu
spt, bist du bse? sagte sie, als sie eintrat. Er lchelte gutmtig: Ja, ich
war sehr bse, aber jetzt, wo du da bist, hat das keinen Sinn mehr. Agnes! die
Suppe. Ich habe einen Hunger, komm, setzen wir uns. Agnes brachte die Suppe,
sehr ernst, denn sie hatte Doralicens Zusptkommen nicht verziehen. Sie fllte
die Teller und stellte sich dann wie jeden Tag neben dem Tische auf, um
aufmerksam zuzusehen, wie Hans a.
    Nun also, begann Hans gut gelaunt die Unterhaltung, wie war deine
Einsamkeit oben im Heidekraute?
    Hbsch war es dort, antwortete Doralice, der Baron Hamm kam vorber und
plauderte einen Augenblick.
    - Ah! Hans schien ganz von seiner Suppe hingenommen. Was sagte er denn?
    O nichts! meinte Doralice, sie knnte ja erzhlen, was sich dort droben
zugetragen, dachte sie, aber wozu, Hans wrde doch nur sagen, das reiche nicht
an sie heran, und wrde von reineren Gesetzen und von Freiheit sprechen. Hans
lehnte sich in seinen Stuhl zurck und begann: Ja, das verstehen diese Leute,
zu sprechen und nichts zu sagen. Das ist mir auch gestern aufgefallen. Einmal
ein guter Witz, eine gute Bemerkung, aber meist nur Fllnis, wie bei jungen
Taubenbraten, wenig Fleisch und viel Farce.
    Ja, belehrend sind sie natrlich nicht, bemerkte Doralice ein wenig
gereizt.
    Nein, das verlange ich auch nicht, sagte Hans beruhigend. Ich greife die
Leute brigens nicht an. In ihrer Art sind sie gewi nette, kluge Leute, man mu
sich vielleicht an ihre Art gewhnen.
    Doralice erwiderte nichts; es rgerte sie, da er pltzlich den Abgeklrten
und Gerechten spielte. Warum schalt er nicht drauf los wie frher? Agnes nahm
die Teller und ging hinaus, um das Brathuhn zu holen.
    Mu Agnes hier stehen und bewachen, wie du it? fragte Doralice.
    Strt dich das? sagte Hans. Ich mte vielleicht sagen, da sie es lt,
aber ich frchte, es ist die grte Freude ihres Lebens, mich essen zu sehen. -
O dann, meinte Doralice und nachdenklich fgte sie hinzu: Mich liebt sie
nicht, sie sieht nie hin, wie ich esse. Hans lachte: Die arme Agnes braucht
eben ihre ganze Liebesfhigkeit fr mich auf, aber sie wird doch fest zu dir
halten, wie zu allem, was mir gehrt. Sie ist wie ein Hund, dem der Stock seines
Herrn auch nicht sympathisch ist und der ihn doch bewacht und verteidigt.
    Es ist nicht besonders angenehm, dein Stock zu sein, bemerkte Doralice.
Dann kam Agnes zurck und brachte das Huhn. Die Unterhaltung geriet ins Stocken.
Doralice fragte nach der Bootfahrt und was der Geheimrat gesagt hatte. Der
Geheimrat sprach von mir, erwiderte Hans. Er sagte mir, wie ich bin.
    Wie bist du denn? Doralice schaute neugierig auf.
    Es scheint, ich bin sehr gut, berichtete Hans, aber wie alle sehr guten
Menschen lebe ich von Miverstndnissen.
    Ach was, der Knirps, meinte Doralice ungeduldig. Als dann beim Kaffee Hans
sich eine Zigarette anzndete, wurde er schlfrig. Er reckte sich, ghnte
diskret, die Nacht auf dem Meere lag ihm doch noch in den Knochen. Endlich stand
er auf. Es sei doch das beste, er lege sich noch ein wenig nieder, meinte er.
    Doralice rckte ihren Sessel an das geffnete Fenster. Drauen hatte es zu
regnen begonnen, ein feiner, dichter Regen, der einen bleifarbenen Vorhang vor
das Fenster zog. Das Zimmer fllte sich mit einem grauen nchternen Lichte.
Agnes rumte das Geschirr ab, stapfte ab und zu, schlug die Tren, dann war auch
sie fort. Doralice bewegte ihren Kopf langsam auf der Rcklehne des Stuhles hin
und her, wie es ihre Gewohnheit war, wenn sie sich einsam fhlte. Gewi, dieser
Regen, dieses graue Licht im engen Zimmer, dieses Mittagessen bewacht von Agnes'
freudlosen Blicken, diese ganz aussichtslose Alltglichkeit, all das war traurig
und Doralice wute, da sie auch gleich traurig werden wrde, noch aber fhlte
sie sich von alledem seltsam losgelst. Es war eine Traurigkeit und
Alltglichkeit, die nicht zu ihr gehrten, die an ihr vorbergingen. Sie kam
sich vor wie ein Reisender, der auf irgendeiner kleinen verschollenen Station
liegen bleibt und nun in dem hlichen Stationszimmer sitzt und sich fr eine
Weile von der Melancholie eines Lebens eingefangen sieht, das nicht zu ihm
gehrt. Denn der Zug wrde kommen und die kleine Station mit ihrer grauen
Langeweile wrde hinter ihm versinken und vergessen werden. Und doch, was sollte
kommen! In Doralice klangen die Worte wieder, die sie heute morgen gehrt:
Jeder Augenblick, den Sie allein sind, ist fr einen von uns anderen eine
wahnsinnige Verschwendung. Hans frchtete sich vor dieser Verschwendung nicht,
er frchtete nicht, etwas zu versumen, er ging schlafen. Wie sicher er ihrer
war! Wie sicher, da er ein ganzes Leben vor sich hatte, um mit ihr zusammen zu
sein, ein ganzes Leben. Ein ganzes Leben! klang es eintnig in ihr wider nach
dem Takte des Regens, der da drauen mit seinem flachen Pltschern eifrig in die
groe, schicksalsvolle Stimme des Meeres hineinplauderte. Wie er dort oben vor
ihr gekniet hatte. Wie hatte er doch von seinem Reiten gesagt? Man denkt nur
eins, man will nur eins, so stark, da man sich wundert, da das Ziel einem
nicht entgegenkommt. Es war doch ein seltsam starkes Leben, wenn man fhlte,
wie ein fremdes Begehren und Wollen wild an einem zog. Das hatte sie auch bei
Hans dort auf dem Schlosse empfunden, damals, als er noch nicht abgeklrt war,
als er ber sie kam wie ein Sturm und wie ein unwahrscheinliches, kstliches
Wagnis. Und jetzt war wieder so etwas nahe. Aber nein, das konnte sie nicht
wollen, sie wrde sich sehr wundern, wenn sie so wre, da sie das wollen
konnte. Jetzt pltzlich qulte sie das Alleinsein, der graue Tag mit seiner
Ereignislosigkeit und die fremden Mglichkeiten, die sie in sich empfand. Etwas
tun, dachte sie, und dann sprang sie auf, sie wute schon, was sie zu tun hatte.
Sie ging in ihr Schlafzimmer hinber, wo die groen Koffer standen, die Graf
Khne ihr nachgesandt hatte. Sie ffnete einen derselben, ein schwler
Jasminduft strmte ihr entgegen, das war das Parfm gewesen, das der Graf Khne
an ihr geliebt hatte. Je mehr ich in Jahren vorrcke, pflegte er zu sagen, um
so mehr gehe ich in meiner Vorliebe fr Dfte in den Jahreszeiten zurck. Jetzt
bin ich beim Frhsommer angelangt. Da lagen nun all die Kleider, an die
Doralice seit einem Jahre nicht mehr gedacht hatte. Sie bltterte nachdenklich
in ihnen, strich mit der Hand ber den Sammt, den Krepp, die Seide, und diese
Berhrung erregte so etwas wie ein festliches Gefhl in ihr. Da war das blaue
Kleid, das sie so geliebt hatte. Sie nahm es heraus, weiche pfauenblaue Seide,
eine alte Stickerei als Brusteinsatz, grnliche und rtliche Goldfden auf
rahmfarbenem Grunde. Doralice breitete es auf einem Stuhle aus, betrachtete es,
dann begann sie langsam sich auszukleiden, legte das Kleid, das sie trug, ab und
legte das pfauenblaue an. Jetzt war sie fertig, stand da in dem grauen Lichte
und das sanfte Schimmern der Seide, des Goldes an ihr gab ihr eine angenehme
Erregung. Sie ging wieder in das Wohnzimmer hinber, setzte sich auf ihren
Sessel und wartete auf Hans. Das mute auch auf ihn wirken, das mute auch ihm
etwas von frheren Tagen zurckgeben. Sie wartete lange, Hans nahm es grndlich
mit seiner Nachmittagsruhe und es begann bereits zu dmmern, als Doralice hrte,
da er sich im Schlafzimmer regte. Endlich kam er. Er machte einige Schritte und
fragte: Warum duftet es hier so s? so schwl nach Schlssern? Als er sie
dann anschaute, meinte er: Oh! Du hast dich schn gemacht. Dieses Kleid kenne
ich. Das klang ein wenig trocken und Doralice wurde befangen. Sie entschuldigte
sich: Es war hier so grau und hlich und da zog ich es an, ich dachte, es
wrde dir auch gefallen.
    Hans setzte sich auf einen Stuhl, zerrte an seinem Bart und schaute an
Doralice vorber zum Fenster hinaus. O gewi, sehr schn, sehr schn, sagte er
zerstreut. Nur, sag' mal, willst du die Erinnerungen, von denen dieses Kleid
voll ist?
    Ich will berhaupt keine Erinnerungen, erwiderte Doralice und das Weinen
war ihr nahe. Hans sann noch vor sich hin: Ja, ja, murmelte er, dir war es
hier grau und hlich und du wolltest etwas Schnes haben, natrlich, ich
verstehe. Schn, schn.
    Beide schwiegen nun eine Weile und Doralice empfand, da das bichen
Festlichkeit, welche das Kleid ihr gegeben hatte, fort war. Hans erhob sich und
ging nervs im Zimmer auf und ab, dann blieb er stehen und fragte:
    Wirst du das Kleid anbehalten?
    Ich kann es ja wieder ausziehen, erwiderte Doralice kleinlaut.
    Ja, fuhr Hans fort, es ist nmlich hier in diesem Zimmer etwas fremd. Ich
habe das Gefhl, als ob ein Modell bei mir wre.
    Ein Modell, wiederholte Doralice gekrnkt.
    Nein, nein, nicht ein Modell, beruhigte Hans sie, es war dumm, da ich
das sagte. Hre, ich werde es dir erklren. Es war in Mnchen, ich wohnte im
vierten Stock, in einem sehr hlichen Zimmer natrlich. Da verliebe ich mich
beim Kunsthndler in eine franzsische Glasschale, ein hbsches Ding wie aus
rosa und grnem Eis, fr mich viel zu teuer. Gut. Aber ich bin verliebt und als
ich fr ein Bild etwas Geld bekomme, kaufe ich sie und trage sie nach Hause. Ich
stelle sie auf meinen Tisch. Der Tisch hat eine scheulich gelbe Decke mit
blauen Blumen. Nein das geht nicht. Ich stelle sie auf den Kasten, einen
plumpgebeizten gelben Kasten. Aber das geht noch weniger. Ich stelle sie auf den
Waschtisch, auf das Fenster - na, was soll ich dir sagen, wo diese Schale auch
steht, berall gibt es einen falschen Ton, qult mich wie Zahnweh. Ich bin
glcklich, als das Ding wieder beim Kunsthndler ist. Siehst du, so.
    Bin ich diese Schale? fragte Doralice. - Nicht du, dein Kleid, dein
Kleid. Hans stand vor Doralice und wartete gespannt, was sie sagen wrde. Sie
jedoch sagte nichts, erhob sich und ging in ihr Schlafzimmer hinber, um sich
umzukleiden. Er aber begann wieder im Zimmer auf- und abzurennen, er war wtend.
Also er hatte sie wieder einmal gekrnkt, aber das schien jetzt nicht anders
sein zu knnen. Sah es nicht aus, als sei die Liebe eine Einrichtung, die zwei
Menschen aneinander bindet, damit sie einander qulen? Wahrhaftig, so sah es
aus. Aber es sollte anders werden und als Doralice in ihrem dunkeln Kleide
zurckkehrte, um sich wieder still in ihren Sessel zu setzen, brach er los: Du
bist gekrnkt, ich wei, ich wei. Aber du wirst sehen, ich werde dir einen
Rahmen schaffen, in dem du dich anziehen kannst wie eine Knigin.
    Ah, das kleine Huschen, warf Doralice hin.
    Nun, etwas viel Schneres, fuhr Hans ungeduldig fort. In Mnchen lt
sich jetzt viel machen. Ich werde eine Malschule grnden und dann werde ich
arbeiten, ich bin voller Ideen, ich habe ja so viel in mir aufgespeichert, ich
bin geladen wie eine Bombe, und wenn ich da einschlage in diese Welt abgelebter
Grostadtleute, die werden Augen machen. Ich freue mich schon drauf. Wir wollen
die Lampe anstecken und gleich zusammen einige Briefe nach Mnchen schreiben.
Er rieb sich die Hnde und lachte, er war ganz Eifer, ganz Tatendurst. Aber
Doralice sagte mde: Ach nein, nur nicht die Lampe.
    Hans stand einen Augenblick da und sann, dann setzte er sich langsam auf
einen Stuhl, zndete sich eine Zigarette an und rauchte. Beide schwiegen, es
dunkelte immer mehr, die Dmmerung schien mit dem Regen auf das Land
niederzuflieen, der Wind verfing sich irgendwo im Hause und es gab einen Ton
wie ein trauriges Lachen. Doralice fhlte wohl, da Hans dort neben ihr in der
Dmmerung mit sich kmpfte, das Bewutsein dieser Erregung, die Erwartung, da
es vielleicht einen leidenschaftlichen Auftritt geben wrde, trstete sie in der
Melancholie dieser Stunde. Da begann Hans wieder ruhig, freundlich: Sieh, das
kommt daher.
    Was denn? fragte Doralice. - Da wir hier so zusammensitzen und nicht
zueinander sprechen, als seien wir verfeindet. Wir sind nicht miteinander
verfeindet und wir haben uns sehr viel zu sagen, aber das kommt daher, da etwas
in unserer Liebe zu Ende ist und etwas Neues anfangen mu. Jetzt haben sich die
feinsten, empfindlichsten Teile unserer Seelen auseinanderzusetzen, jetzt fngt
die ganz komplizierte Rechnung an, so eine Art Ausziehen von Kubikwurzeln, das
ist immer so, das mu so sein. Ich kann nicht immer wie damals ein Ereignis
sein.
    Ich habe gar nicht verlangt von dir, immer ein Ereignis zu sein, meinte
Doralice.
    - Ich wei, ich wei, und ich wei auch, was wir zu tun haben, um jetzt
dieser jmmerlichen Stunde ein Ende zu machen. Wir mssen hinausgehen ans Meer.
Es ist dunkel und es regnet, das macht nichts, das Meer wird uns kurieren, das
Meer kann immer ein Ereignis sein und da wollen wir uns anschlieen und du wirst
sehen, dort werden wir uns wieder einander befreundet fhlen und dann wirst du
auch wieder die Lampe ertragen knnen.
    Er holte Doralicens Mantel, hllte sie fest ein, nahm sie und zog sie mit
sich hinaus.
    Drauen muten sie gegen einen starken Wind ankmpfen, das Meer rauschte
sehr laut, ein Durcheinander groer Stimmen, die sich berschrien und einander
ins Wort fielen. Und in der Dmmerung hoben sich die Wellen wie groe weie
Gestalten, die sich aufrecken, sich neigen, niederfallen. Zuweilen standen Hans
und Doralice pltzlich wie auf einem weien kalten Tuche, das war dann eine
brandende Welle, die bis zu ihnen heraufgelaufen war. Beide lachten, drckten
sich fest aneinander und Hans fragte laut in das Rauschen hinein: Fhlst du es,
fhlst du es schon, wie wir einander wieder befreundeter werden?
    Ja, ja, erwiderte Doralice atemlos von all der mchtig bewegten Luft, die
sie atmen mute. - - -
    Im Bullenkrug drckte der Regennachmittag auch auf die Stimmung. Es lag
ohnehin eine Spannung in der Luft, welche die Menschen mit einer gereizten und
freudlosen Unruhe in den engen Rumen herumtrieb. Meine Schar, sagte die
Generalin zu Frulein Bork, geht hier heute umher wie die Eisbren im Kfig.
Lassen Sie alle Lampen anstecken, nur keine Dmmerung, die ist gefhrlich. Und
dann viel und gutes Essen. So kommen wir am leichtesten ber die Schwierigkeiten
hinweg. Das Haus wurde sehr hell, die Generalin setzte sich mit Frulein Bork
auf das Sofa und legte Patience. Sie sprach mit ihrer lauten, beruhigenden
Stimme, lachte ber ihre Patience. Das Brautpaar zwang sie, miteinander Pikett
zu spielen. Nichts Besseres fr nervse Liebe, meinte sie, als Karten. Wedig
und Nini spielten Dame und stritten sich, und Herr von Buttlr ging mit kleinen
nervsen Schritten im Zimmer auf und ab und sah immer wieder nach dem Barometer.
Da erschien seine Frau in der Ezimmertr und sagte: Bitte, Buttlr, auf ein
Wort.
    Gewi, meine Liebe, erwiderte er und richtete sich mit einem Ruck strammer
auf, was gibt es denn? Er folgte seiner Frau ins Ezimmer und die Tr fiel
hinter ihnen ins Schlo. Die Generalin schttelte unzufrieden den Kopf und
bemerkte: Bella berschtzt von jeher die Wirkung von Auseinandersetzungen.
Das Gesprch des Ehepaares dauerte ziemlich lange. Man hrte die Stimme des
Barons, die pathetisch wurde, und Wedig flsterte Nini zu: Hr', eben hat der
Papa gesagt: poetisches Bedrfnis.
    Hilmar und Lolo wurden sehr zerstreut bei ihrem Spiel. Endlich ging die
Ezimmertr wieder auf, Frau von Buttlr kam in das Wohnzimmer, setzte sich
schweigend an den Tisch und nahm ihre Hkelarbeit auf. Sie war bla, man sah es
ihr an, da sie geweint hatte. Der Baron aber war in der Tr stehen geblieben
und sagte feierlich: Hilmar, bitte auf ein Wort.
    Zu Befehl, erwiderte Hilmar und sprang auf. Er zog dabei die Augenbrauen
zusammen und sein Gesicht nahm einen Augenblick einen so zornigen Ausdruck an,
da Lolo ihn erschrocken anschaute. Dann verschwanden die beiden Herren hinter
der Ezimmertr. Die Generalin zog die Augenbrauen hinauf und sagte: Wozu diese
Konferenzen gut sind, wei ich nicht, zur Gemtlichkeit tragen sie nicht bei. -
Nein, liebe Mutter, erwiderte die Baronin, indem sie eifrig forthkelte, ich
bin ungemtlich und prosaisch, das habe ich eben gehrt. Andere knnen gemtlich
und poetisch sein, ich nicht. Ich bin wie der Gendarm, den jeder braucht und den
keiner mag.
    Aber Bella, wandte die Generalin ein. Frulein Bork jedoch fand das schn.
Sie fand das schn, die Mutterliebe als die Polizei fr das Glck der anderen.
    Sie haben gut reden, liebe Bork, meinte die Baronin und die Generalin
wurde rgerlich: Ich sage nicht, da einmal tchtig dreinfahren nicht ganz
ntzlich sein kann, aber immer besser kurz und scharf, als lang und sauer.
    Wer ist denn sauer? fragte die Baronin, worauf die Generalin nichts
erwiderte. Lolo ging whrenddessen im Zimmer unruhig auf und ab, blieb an der
Glastr stehen und schaute in die Dunkelheit hinein, dann ffnete sie die Tr
und trat auf die Veranda hinaus. Der Wind, als htte er auf sie gewartet, fiel
sie sofort an, zerrte an ihrem Kleide, whlte in ihrem Haar. Lautes Tnen flog
durch die Finsternis wie Sausen groer, hastiger Flgel, ein hastiges,
ausgelassenes Leben trieb hier in der Nacht sein Wesen und Lolo stand da und
atmete tief und angestrengt. Sie litt, aber da drinnen im Schein der Lampe war
ihr Schmerz eine unertrglich nagende Qual gewesen, hier drauen konnte sie ihn
als gro, fast als schn empfinden. Als sie dann hrte, da die Ezimmertr ging
und die beiden Herren wieder in das Wohnzimmer gekommen waren, ffnete sie ein
wenig die Glastr und rief Hilmar. Hilmar trat zu ihr auf die Veranda hinaus.
Sie standen einen Augenblick im Dunkeln still beieinander, Lolo hatte Hilmars
Arm genommen und lehnte sich fest an ihn. Endlich sagte sie leise: Hat er dir
meinetwegen Vorwrfe gemacht?
    Ach, er hat ja recht, erwiderte Hilmar und seine Stimme klang gepret und
mutlos. Alle haben sie recht, wenn du um meinetwillen leidest, dann bin ich ein
gemeiner Hund. Ich durfte nicht zu dir kommen, du mut sicher und glcklich
sein.
    Lolo begann jetzt wieder zu sprechen ganz sanft und trstend: Nein, du
kannst nichts dafr, wir knnen beide nichts dafr. Es gibt manches in der Welt,
das strker ist als wir beide. Ich habe das jetzt verstanden. Oh, ich habe jetzt
sehr viel verstanden. Frher glaubte ich, sich lieben ist Hand in Hand sitzen
und sich lange Briefe schreiben. Aber jetzt wei ich, sich lieben ist eine
furchtbar groe Sache und da mu man auch die ganz groen Dinge tun knnen und -
warum soll ich nicht auch leiden? Du leidest auch und so viele, viele leiden.
Nein, mein armer Hilmar, wenn ich auch keinen schicksalsvollen Mund habe, mit
dem blauen Sonntagskittel ist es doch nichts. Aber sei ruhig, wir werden schon
den richtigen Weg finden. Und sie strich sanft mit der Hand ber seinen rmel
hin.
    Lolo! Lolo! rief die Baronin und der Baron klopfte an die Fensterscheiben.
Sie rufen, wir mssen hinein, sagte Lolo.
    Da hinein kann ich jetzt nicht, sthnte Hilmar, aber du, du mut sicher
und glcklich sein und ich - ich bin ein gemeiner Hund. Dann beugte er sich
ber sie und drckte seine heien, trockenen Lippen fest auf ihre Augen, schob
sie dann von sich und lief in die Dunkelheit hinaus. Lolo stand noch einen
Augenblick da, sie legte beide Hnde auf ihre Brust und schaute mit heien,
fanatischen Augen in die Nacht hinein und berauschte sich an ihrem groen
Schmerz.
    Aus der Kchentr an der Schmalseite des Hauses schlichen drei in Mntel
gehllte Gestalten dem Strande zu. Es waren Nini und Wedig, die sich aus dem
Wohnzimmer fortgestohlen hatten und nun unter Ernestinens Fhrung ihrem
Lieblingsabenteuer nachgingen, die Grfin sehen. Dazu muten sie die Dne
hinaufsteigen, um auf der Rckseite des Wardeinschen Anwesens an das rechte
Fenster zu gelangen. Es war ein Genu, aus der dumpfen Luft der Wohnstube
herauszukommen, die heute ohnehin schwer von Mistimmung und Langeweile war, und
sich mit dem Winde herumzuschlagen, die steilen Sandwnde hinanzuklettern,
mitten durch die nassen Wacholderbsche hindurch und sich vor allem zu frchten,
was ihnen in der Dunkelheit begegnen knnte. Jetzt sahen sie schon das kleine
helle Viereck des Fensters, sie brauchten nur noch vorsichtig die Sandlehne
herunterzusteigen, um dann leise heranzuschleichen, als Ernestine Alarm zischte.
Sofort duckten alle drei hinter einem Wacholderbusche nieder. Dort vor dem
kleinen hellen Viereck stand schon einer, eine kleine, schiefe Gestalt und ein
langes, regelmiges Profil hob sich scharf von den gelbbeleuchteten
Fensterscheiben ab. Exzellenz, flsterte Ernestine. Sie wagten sich nicht zu
regen. Dieser kleine Mann dort in der Dunkelheit vor dem Fenster stehend
erschien ihnen entsetzlich unheimlich. Dann pltzlich war er nicht mehr da, war
in die Nacht untergetaucht. Aber die drei Kinder wagten sich noch nicht vor,
sondern kauerten still hinter ihrem Wacholderbusch. Und wieder tauchte eine
Gestalt aus der Nacht auf und stand vor dem Fenster, eine schmale Gestalt, ein
dunkler Kopf, ein feines Profil, das wie ein Schattenri gegen die helle Scheibe
stand. Hilmar, erklrte Wedig. Es schien ihnen, da sie dieses Mal lange
warten muten, bis auch diese Gestalt in der Dunkelheit verschwand. Da erst
trauten sie sich aus ihrem Verstecke heraus, an das Fenster heran und sahen Hans
Grill am Tische sitzen und einen Brief schreiben, sahen Doralice in ihrem
Sessel, den Kopf zurckgelehnt, mit weit offenen Augen vertrumt vor sich
hinsehend. Als Nini spter oben in ihrem Schlafzimmer im Bett Lolo ihre
Erlebnisse erzhlte, sagte sie: Weit du, sie sah aus, als machte es sie
furchtbar mde, so schn zu sein.
    Ja, weil es eine furchtbare Verantwortung ist, so schn zu sein, klang es
feierlich und weise aus Lolos Bett zurck.

                                 Elftes Kapitel


Um Mitternacht war ein Gewitter niedergegangen und ein pltzlicher Sturm hatte
sich erhoben, stoweise sich um sich selber drehend, als kme er von allen
Seiten zugleich, so da die Wellen sich hoch aufreckten und wie betrunken
taumelten. Allein es dauerte nicht lange. So pltzlich wie er gekommen war, lie
der Sturm nach, von Westen her kam ein sanftes Wehen, das die Wellen streichelte
und beruhigte. Ein wolkenloser Tag brach an, die Sonne schien auf ein prchtig
grnes Meer nieder, der Strand war von dem ausgeworfenen Seetang berdeckt wie
von schwarzer Seide und die Luft war ganz voll vom scharfen salzigen Dufte des
Meeres.
    Hans und Doralice waren schon zeitig am Vormittage zu ihrem Platz auf der
Dne hinaufgezogen. Doralice lag dort auf ihrer Decke im Sande und sah auf das
Meer hinaus. Hans malte, und zwar malte er die Gromutter Wardein, die
regungslos auf einem Stuhle dasa, die Hnde im Scho gefaltet. Die harte,
runzelige Haut des Gesichtes glnzte in der Sonne, als sei noch eine Spur alter
Vergoldung an ihr haften geblieben, und die trben gelben Augen schauten in die
Weite mit einem Blick, der starr auf eine sehr groe gleichgltige Ferne
hinaussieht. Hans sprach whrend des Malens ber seine Kunst. Seit gestern
sprach er viel und eifrig ber seine Kunst und ihre praktischen Aussichten: Es
geht famos. Sie sind ein glnzendes Modell, Mutter Wardein. Einleuchtender kann
ein Menschenschicksal nicht in Linien aufgehen, als in Ihrem Gesicht. Na ja,
natrlich, ein Portrt mu in uns die Vorstellung eines individuellen Lebens
hervorbringen. Deshalb mu man auch Menschen malen, die man nicht kennt, sonst
will man da zu viel hineinlegen. So zum Beispiel ist es mir deshalb schwer, dich
zu malen, weil ich zu gut in dir Bescheid wei.
    Du weit in mir Bescheid? fragte Doralice. - Natrlich.
    Da weit du mehr als ich, meinte Doralice.
    Hans legte seinen Pinsel fort und schaute Doralice verwundert an: Sag' mal,
seit einiger Zeit jetzt hast du zuweilen solche Aussprche unangenehmer
Lebensweisheit wie der Geheimrat.
    Doralice seufzte: Ach ja, angenehm ist es nicht, die hnlichkeit mit dem
Geheimrat in sich wachsen zu fhlen.
    Hans zuckte mit den Achseln und griff nach dem Pinsel. Jetzt schwiegen sie.
Doralice sphte aufmerksam zum Strande hinunter, als knnte dort unten etwas
sich ereignen, das sie anginge. Karren standen dort unten und kleine struppige
Pferde und Fischer, die den Seetang aufluden, um ihn auf ihre cker zu fhren.
Und eine kleine graue Gestalt mit wehendem Kopftuche ging ruhelos am Meere hin
und her, zuweilen stehenbleibend, um auf die See hinaus zu schauen. Unser
Steege ist noch nicht zurck? fragte Hans. Ich sehe die Frau dort unten noch
immer hin und her laufen.
    Ob der nun auch kommen wird, antwortete die Alte mit einer Stimme, die
tief wie eine Mnnerstimme klang, ob er nun mit dem Boot kommen wird oder ob er
ohne Boot kommen wird, das kann man nicht wissen. Der Matthies, mein Mann, kam
am zweiten Tage dort nicht weit vom Friedhofe ohne Boot heraus. Der Ernst, mein
Sohn, kam gar nicht heraus. Na ja, so ist der Steege, wenn keiner fahren will,
dann fhrt er, dann glaubt er, da er alle Fische allein haben wird. Hlich
blies es schon, als ich um Mitternacht nachsehen ging. Ich gehe immer um
Mitternacht nachsehen, das ist noch von der Zeit, als ich auf Meine wartete.
Die tiefe heisere Stimme sprach ruhig vor sich hin, nicht, als sprche sie fr
die anderen, sondern als knnte sie einmal in Schwung gebracht nicht sogleich
wieder verstummen. Doralice richtete sich ein wenig auf, um die Fischersfrau am
Strande besser sehen zu knnen, die rastlos an dem Saum der brandenden Wellen
entlang irrte und wartete, auf das Schreckliche wartete, und was die Mutter
Wardein da erzhlte, war es nicht auch ein endlos langes Leben, in dem sie immer
wieder auf das Schreckliche gewartet hatte? Doralice zog die Augenbrauen
zusammen, sie htte weinen knnen, nicht aus Mitleid, sondern weil all dieses
Dunkle pltzlich so nah an sie herankam. Der Morgen mit seinem Licht, seinem
Duft, seinem Wehen hatte ihr voller Versprechungen geschienen. Das war
vielleicht sinnlos, aber es tat wohl. Nun war all das vorber. Mutlos warf sie
sich zurck, sie mochte nicht mehr sehen und hren. Dennoch trieb es sie bald
wieder die Augen zu ffnen, um zu sehen, ob die graue Gestalt unten noch da sei.
Sie war da. Aber etwas anderes kam noch durch den Sonnenschein, Hilmar, im
blauen Flanellanzuge, die rote Krawatte leuchtete von weitem; er ging schnell
mit wippendem Schritt, wiegte sich leicht in den Schultern, und jede Linie in
der blauen Gestalt, die sich lustig gegen das grne Meer abhob, war so voll
unternehmenden Leichtsinns, da Doralice lcheln mute. Hilmar ging zu den
Booten hinab, wo er den jungen Stibbe fand. Er befahl, ihm das Segelboot
herzurichten, heute mute gesegelt werden, solch ein Wetter kommt nicht wieder.
Hilmar wollte segeln, aber es war noch ein anderer Wunsch, der heute mit ihm
aufgestanden war, einer jener Wnsche, die wie ein Fieber in ihm brannten, er
wollte mit Doralice segeln. Ganz gleich, ob das wahrscheinlich, ob das mglich
war, er wute nur das eine, er mute mit Doralice segeln. So ging er denn
geradeswegs die Dne zum Ehepaar Grill hinauf.
    Er kommt geradesweges zu uns, dachte Doralice, ein toller Junge. Auch Hans
sah ihn kommen und das Blut stieg ihm hei in die Schlfen. Als jedoch Hilmar
vor ihnen stand und grte, sagte Hans ruhig und freundlich: Guten Morgen, Herr
Baron, schner Morgen.
    Guten Morgen, erwiderte Hilmar, ein wenig atemlos vor Erregung, die
Herrschaften sind schon fleiig. Ah, Mutter Wardein, ja, die wrde ich auch
malen, wenn ich knnte. Es mu sein, als ob man die Ewigkeit malt.
    Gutes Segelwetter, bemerkte Hans. -
    Glnzend! beteuerte Hilmar, das Meer ist heute wie eine Wiege. Ja, und da
wollte ich fragen, er wandte sich an Doralice, ob Sie, gndige Frau, nicht
mitfahren wollen? Fr drei ist im Boote Platz und Stibbe und ich sind sichere
Segler.
    Doralice schaute berrascht zu ihm auf und dann mute sie ber den
eigensinnigen, entschlossenen Ausdruck seines Gesichts lcheln. O, ich, sagte
sie, ich glaube nicht, da mein Mann das gestattet.
    Hans hatte mit dem Pinsel voll Zinnober einen so krftigen Hieb gegen das
Bild gefhrt, da die Wange der Mutter Wardein eine breite rote Schramme
erhielt, und es wunderte ihn, als er seine eigene Stimme ruhig und berredend
sagen hrte: Warum nicht? Heute ist wohl keine Gefahr dabei. Wenn es dir
Vergngen macht, der Baron ist ja ein sichrer Segler.
    Es war ein seltsam erstaunter und kalter Blick, mit dem Doralice Hans ansah:
Das ist etwas anderes, sagte sie, dann also wollen wir fahren. Kommen Sie,
Baron. Sie erhob sich, nickte Hans kurz zu, dann gingen sie die Dnen hinab.
    Hans sa noch einige Augenblicke da und kratzte den roten Strich vom Gesicht
der Mutter Wardein ab. Pltzlich warf er alles fort, stellte sich auf den Rand
der Dne und schaute den beiden nach. Die waren schon bei den Booten, er sah
Doralice einsteigen, sah Stibbe und Hilmar das Boot flott machen, nun saen sie
alle drei darin und wunderbar leicht klomm das Fahrzeug die ersten grnen
Wellenberge hinauf. Ohne sich um die Mutter Wardein zu kmmern, strmte Hans die
Dne hinab an das Meer, dort begann er auf und ab zu gehen, zuweilen
stehenbleibend, dem Segel nachzuschauen, und, wenn er da stand und an seinem
Barte zauste, sah er aus wie ein schner gewaltttiger Bauernbursche. Am
liebsten htte er auf das Meer hinausgebrllt und ihn fror hier in der heien
Mittagsonne. Fr wen spielte er denn diese dumme Komdie des Vertrauens und der
gromtigen Gelassenheit? Vertrauen? Was wute er denn von dieser Frau? Er wute
nur, da gegen den Gedanken sie zu verlieren sich jeder Tropfen seines Blutes
strubte. Er war ja keine bucklige Exzellenz, um abgeklrt und skeptisch zu
sein. Aber das war es, diese Eifersucht schmerzte ihn wie eine Schande, sie
demtigte ihn, zerbrach den Stolz und die Selbstndigkeit, ohne die er nicht
leben zu knnen meinte. Nein, das mute anders werden, sonst war es aus mit ihm,
sonst war er sein ganzes Leben hindurch nichts weiter mehr, als der Herr, der
die Grfin Khne entfhrt hat und sie nun bewacht. Ich sehe immer noch nichts,
hrte er eine klagende Stimme neben sich. Die Frau des Fischers Steege stand
neben ihm und schaute mit mden Augen in das Flimmern des Meeres. Weiter fort
aber auf der Dne erschienen Frauengestalten, das weie Piqukleid der Generalin
wehte im Winde, Frulein Bork war dort und die Baronin Buttlr. Sie hielten sich
Opernglser vor die Augen und schauten auf das Meer, dem weien Segel nach, das
lustig in das Mittagglitzern der Sonne hinausglitt. Dort aber bei dem weien
Segel sa Hilmar Doralice gegenber und schaute sie an. Doralice war ernst, sie
hatte die unklare Empfindung, als sei sie von Hans gekrnkt worden; als sei es
treulos von ihm, da er sie so ruhig fahren lie. Aber Hilmars Gesicht lachte
ein so glckliches, so ausgelassenes Lachen, das Lachen eines Knaben, der der
Schule entlaufen ist, um sich einen unerlaubten Feiertag zu machen, so da sie
mitlachen mute und pltzlich auch die ausgelassene Ferienlustigkeit in sich
aufsteigen fhlte. Und der junge Stibbe, der an der andern Seite des Bootes sa,
um das Segel zu bedienen, verzog auch sein braunes mit weiblondem Flaum
bedecktes Gesicht zu einem breiten Lachen. Sehen Sie, sagte Hilmar, wenn Sie
nicht gefahren wren, wenn Sie nicht hier sen, ich wei nicht, was ich getan
htte. Aber ich wute, es mu geschehen.
    Gut, gut, ich sitze ja hier, antwortete Doralice, aber sprechen Sie jetzt
nicht solche - - solche heie Sachen.
    O nein! Gewi nicht, rief Hilmar begeistert, es ist auch gar nicht ntig,
es ist gar nichts mehr zu sagen. Sie sitzen da, Worte knnen da nicht mehr
heran. Gesprche haben berhaupt fr mich in letzter Zeit etwas Fatales.
Miteinander sprechen, das kann jeder, miteinander sein, das ist die Kunst. Also,
wenn Sie vielleicht mde sind, hier ist eine Decke, hier ist ein Polster, Sie
knnen ein wenig schlafen. Es wrde doch die unterhaltendste Stunde meines
Lebens sein. Sie wollen nicht? Nun, legen Sie sich dieses Polster in den Rcken
und dieses hier unter die Fe, so - nun wre nichts mehr zu bemerken, auer
vielleicht, da Sie noch ein wenig zufriedener aussehen knnten. Haben Sie
bemerkt, wenn ein Kind etwas ganz Ses it, dann wird es ernst und die Augen
werden gro und fllen sich etwas mit Trnen. So sollten Sie aussehen.
    
    Ach, meinte Doralice ungeduldig, wollen Sie mir auch sagen, wie ich bin?
    Nein, nein, versicherte Hilmar, ich meine nur, in Ihren Augen ist noch
ein ganz klein wenig von dem Blick von gestern abend zurckgeblieben.
    Was ist das fr ein Blick? fragte Doralice.
    - Nun, als Sie gestern abend bei der Lampe auf Ihrem Sessel saen und vor
sich hinsahen, erklrte Hilmar. Ja, ich habe durch Ihr Fenster zu Ihnen
hineingeschaut; ich tue das immer, natrlich, was soll ich anderes tun? Sie
finden das unerhrt. Es ist vielleicht unerhrt, aber ich wrde noch viel
unerhrtere Dinge tun. Sind Sie bse?
    Ach ja, sagte Doralice langsam und trge, gewi bin ich bse, aber
spter, nicht jetzt.
    - Gut, spter, schlo Hilmar die Unterhaltung. Rauchen wir eine
Zigarette. Die Sonne schien hei auf das Meer nieder, ihr gelber Glanz flo wie
l an den Wellen herab, Mwen flogen ganz niedrig und langsam ber das Wasser
und wie leichtes Flgelschlagen klang das Segel in dem schwcher werdenden
Winde.
    Als die Fahrt zu Ende war, als Doralice und Hilmar am Strande
niedergeschlagen einander gegenberstanden, reichte Doralice Hilmar die Hand und
sagte: Danke. Hilmar zog die Augenbrauen zusammen. Das Land, versetzte er
grimmig, das Land ist eine Gemeinheit. Dann trennten sie sich. Doralice ging
lssig und zgernd nach Hause. Der Gedanke an das Mittagessen, an den Dampf der
groen Kartoffeln, an Agnes' strengen, wachsamen Blick und etwas anderes noch
kam unerwartet, um sie zu qulen, ein Gefhl des Mitleids fr Hans. Sie war die
ganze Zeit ber so weit fort von ihm gewesen, mit keinem Gedanken war sie zu ihm
zurckgekehrt. Nun, wenn sie ihn jetzt zu Hause traurig oder bse oder
unangenehm finden wrde, so wollte sie liebenswrdig sein und diese gute Regung
tat ihr wohl.

                                Zwlftes Kapitel


Hans sa am gedeckten Mittagstisch und las. Als Doralice eintrat, schaute er auf
und sagte mit seiner gewhnlichen ruhigen Stimme: Nun, hast du dich gut
unterhalten?
    - Ja, sehr gut! erwiderte sie.
    Das ist ja schn, meinte Hans, ich werde auch das Segeln lernen, damit du
dieses Vergngen auch ohne fremde Leutnants haben kannst. Aber jetzt wollen wir
essen.
    Whrend der Mahlzeit schien Hans sich behaglich zu fhlen, er sprach wieder
viel von seinen Plnen, er hatte einen Brief aus Mnchen bekommen, die
Aussichten schienen gut. Es war dort der rechte Augenblick, um etwas zu
unternehmen. Zuweilen sah er Doralice an und erwartete eine Antwort, und sie gab
diese Antwort, allein sie klang abweisend und gereizt. Doralice glitt immer mehr
in die Stimmung des Gekrnktseins hinein. Hans schien das nicht zu bemerken, er
war nur besonders rcksichtsvoll, stimmte ihr eifrig zu und beihandelte sie wie
jemanden, der geschont werden mu. Der Nachmittag kam dann und fllte das Zimmer
mit seinem gelben Sonnenschein. Hans sprach noch immer weiter von all diesen
Dingen, die, wie es Doralice schien, nichts mit ihr zu tun hatten. Immer wieder
hie es: Wenn wir in Mnchen sein werden, so da Doralice ungeduldig ihn
unterbrach: In Mnchen? aber das wird noch lange nicht sein. Hans blieb vor
ihr stehen: Nicht? So, hm. Gut also, dann bleiben wir hier.
    Nachdenklich zerrte er an seinem Barte und nahm wieder seinen Gang durch das
Zimmer auf. Das ist nur, begann er endlich, etwas mu der Mensch zu tun
haben. Ich frchte, wenn wir lnger hier bleiben, werde ich noch ganz zum
Fischer. Ich trume des Nachts schon von Fischen.
    Das ist ja gut, meinte Doralice.
    - Vielleicht! fuhr Hans fort. Fhrst du heute Nacht mit uns aufs Meer
hinaus?
    Nein, sie mochte nicht. Dann etwas anderes, schlug Hans vor. Es wrde
dich vielleicht unterhalten, bei Agnes ein wenig kochen zu lernen.
    - Bei Agnes? Nein, dazu hatte Doralice gar keine Lust. Nun ja, das fand er
am Ende verstndlich, aber da hatte dieses Frulein Bork ihm von den
Fischerkindern vorgesprochen. Sie hatte gemeint, so eine Art Unterricht knnte
viel Segen stiften; man knnte sich liebevoll mit diesen Armen beschftigen.
    Willst du mich beschftigen? fragte Doralice.
    Ich suche nach etwas, das dir gut tut, erwiderte Hans, aber sie fuhr
gereizt fort: Soll das so etwas wie der Anfang einer Erziehung fr mich sein?
    Hans errtete: Nein, nein, gar nichts soll es sein. Er wandte Doralice den
Rcken und schaute zum Fenster hinaus. Drauen von der Dne her kamen ein Mann
und eine Frau herauf, der Fischer Steege, der endlich doch heimgekommen war, und
seine Frau. Er ging breitbeinig und gemchlich einher, als sei nichts geschehen,
und die kleine Frau trottete hinter ihm her, alle Aufregung war von ihr gewichen
und wie sonst schaute sie mit mrrischer Geduld vor sich nieder auf ihre nackten
Fe, um die groen Kieselsteine zu vermeiden. Dieser Anblick gab Hans wieder
ein wenig guter Laune zurck. Der Steege ist doch wieder heimgekommen, meldete
er, und die Frau, wie sie hinter ihm hergeht. Sie macht ein Gesicht wie ein
verdrielicher Glubiger, dem ein sumiger Schuldner endlich doch seine Schuld
bezahlt hat. Sie kassiert ihren Mann ein. Dann wandte er sich zu Doralice um,
lchelte gutmtig und sagte: Ich denke, wir machen einen Spaziergang. Drauen
werden wir vielleicht auch wieder so selbstverstndlich nebeneinander hergehen,
wie die Steeges da.
    Sie machten den Spaziergang landeinwrts an der Zibbel Waldhterei vorber
zur Fhrenschonung hinauf. Die jungen Bume standen dort in gleichen Abstnden
voneinander da, rosa Stmme und blaugrne Schpfe, schnurgerade gelbe Wege
durchschnitten den Bestand. Hier war die Luft hei und schwer von Harzduft. Hans
versuchte sich zu begeistern: Wunderbar! Farbe, Farbe! Und was fr eine! Daraus
kann man hunderttausend Mntel fr venezianische Madonnen schneiden.
    - Ich finde, es sieht hier aus wie in einer Schulstube whrend der
Nachmittagstunde, sagte Doralice abweisend. Hans lachte darber sehr laut, denn
er hoffte, Doralice wrde mitlachen: Schulstube! Sehr gut, aber was fr eine.
Grnblaue Wnde und goldener Fuboden und der Duft. Wenn wir in solchen
Schulstuben gesessen htten, dann wren wir andere Kerle. Doralice lachte nicht
mit. Es fiel sie hier pltzlich ein unertrglich starkes Verlangen nach dem
Meere im Mittagsonnenschein, nach dem Segelboot, nach Hilmar, nach dem jungen
Stibbe an, wie es ja zuweilen geschieht, da die Sehnsucht nach einer
vergangenen glcklichen Stunde uns so stark anpackt, da es schmerzt, und sie
mute davon sprechen: Der Baron Hamm sagt, begann sie, das Meer sei heute
grn, durchsichtig und s wie russische Marmelade.
    So, sagte er das? meinte Hans wegwerfend. Ja, so ein Leutnant hat immer
was mit Sigkeiten zu tun. Und dann it er sie und dann schenkt er sie und dann
sagt er sie und er ist nicht eher zufrieden, als bis er das ganze Meer zu
Marmelade gemacht hat.
    Doralice erwiderte nichts und schweigend gingen sie eine Weile nebeneinander
die geraden Wege entlang. Als die Sonne rot durch die Birkenstmme schien,
schlugen sie den Heimweg ein. Sie begegneten Arbeitern vom Felde zurckkehrend,
Mnner in weien Leinwandhosen, hinter ihnen her die Frauen mit dem Grtzespann
in der Hand. Hie und da blieb ein Paar an einer der kleinen Katen stehen; der
Mann ffnete die Tr, bckte sich, um hindurch zu gehen, die Frau folgte ihm; so
verschwanden sie in dem schwarzen Loche und mit einem knarrenden Ton fiel die
Tr ins Schlo. Und als Hans und Doralice an ihrer Wohnung angekommen waren und
er voran durch die Tr ging, sich ein wenig bckend, seufzte Doralice und
dachte: Das ist so wie bei den kleinen Katen; man verschwindet still in dem
schwarzen Loch, die Tr knarrt, die Welt voll schner, erregender Mglichkeiten
bleibt drauen.
    Das Abendessen kam mit seinen Flundern und groen Kartoffeln, Hans a eilig
und viel, er sprach aufgerumt mit Agnes und schien sich auf das Hinausfahren
zum Fischfang zu freuen. Bald stand er vom Tische auf um sich umzukleiden und
ging dann fort. Gute Nacht, schlafe wohl, sagte er und kte Doralice auf die
Stirn. Agnes brummte etwas von in der Nacht fortrennen und da das keine
Manier sei.
    Die Nacht brach herein, Agnes hatte die Lampe gebracht und sich mit einem
mrrischen Gute Nacht entfernt. Doralice rckte den Sessel nher nach dem zum
Meere geffneten Fenster und streckte sich behaglich in ihm aus. Es schien ihr,
da da Bilder und Trume waren, die den ganzen Nachmittag ber schon auf sie
gewartet hatten, nun konnten sie kommen. Drauen war es sternhell, ein sanfter
Landwind brachte von den Kleefeldern und Fhrenwldern Dfte herber. Das Meer
hatte heute ein seltsam zgerndes, lssiges Rauschen. Zeitweise schien es zu
schweigen, dann fuhr eine Welle auf und murmelte etwas und nach einer Weile erst
erwachte eine andere und antwortete vertrumt und auf den Kieseln des Strandes
klapperten die schweren Schritte der stillen Liebespaare. Doralice hatte die
Augen geschlossen und wollte ihren Gedanken nachhngen, allein aus den Gedanken
wurde ein Traum und sie schlief ein. Sie trumte von dem Garten des Schlosses,
sie ging mit Hilmar einen der geraden, endlosen Wege entlang und zu beiden
Seiten auf den Beeten standen Gladiolen, ganz hohe feuerrote Gladiolen. Und
pltzlich stand der alte Graf da mitten in einem der Beete, knietief in den
Gladiolen. Sein Gesicht war klein, grau und kraus von Fltchen. Er stand da und
schaute auf seine Uhr, die er in der Hand hielt. Nun sieht er uns, sagte
Hilmar, nun ist es gleich und er beugte sich ber sie und kte sie. Und dann
wute Doralice, da sie nicht mehr schlief, da Hilmar da war, da sie die ganze
Zeit ber auf ihn gewartet hatte und da er sie kte. Sie hielt die Augen noch
geschlossen, erst als Hilmar ihre Hnde nahm und sagte: Wie kalt Ihre Hnde
sind, Sie frieren vor Einsamkeit, da ffnete sie die Augen. Hilmar kniete neben
ihr und seine Augen ruhten wieder auf ihr mit jenem eigensinnigen, gewaltsamen
Begehren, das sie schwach machte, sie fast schmerzte. Warum sind Sie hier?
fragte sie.
    Warum? erwiderte Hilmar ungeduldig, wo soll ich denn anders sein? Zu den
anderen gehre ich nicht mehr, das wissen Sie ganz gut, Doralice.
    - Nein, das ist schlecht, erwiderte Doralice.
    Schlecht, vielleicht, erwiderte Hilmar, aber unsere Schlechtigkeit, Ihre
und meine. Und wenn die anderen verfluchen und verfemen, dann sind wir erst
miteinander allein, so wie heute mittag auf dem Meer. Dann knnen wir uns ein
Leben erfinden, das ganz unser Leben ist. Es ist ja zu dumm, immer das Leben zu
leben, das die anderen sich fr uns ausdenken. Nein, hren Sie, Sie knnen nicht
das Leben des Herrn Grill leben, und ich kann nicht der Brutigam meiner kleinen
Heiligen sein, das ist doch verstndlich. Also, morgen soll ich zu meinem
Regiment zurck, um mich zu bessern. Aber Sie werden sagen, da ich bleiben
soll, und ich bleibe und das Regiment und die Uniform und alles, alles zhlt
nicht. Und Sie, Doralice, werden Herrn Grill entlassen.
    - Sprechen Sie nicht so, unterbrach ihn Doralice. Er ist gut.
    Gut! Gut! rief Hilmar, natrlich ist er gut, alle sind sie gut, die
anderen, nur wir sind nicht gut, wir knnen nicht gut sein, daher sollen sie uns
unseren eigenen Weg gehen lassen.
    Doralice seufzte, seufzte ganz tief und sagte dann leise: Jetzt mssen Sie
gehen.
    Ja, jetzt, jetzt, wiederholte Hilmar. Er schttelte Doralices Hnde, die
er fest in den seinen hielt, und ein ausgelassener Triumph leuchtete aus seinen
Augen: Sie sagen jetzt, aber ich kann kommen und dann - dann -
    Am Fenster, das nach der Dne hinausging, stand einen Augenblick Lolo und
das weie Gesicht schaute ernst in das Zimmer hinein.
    Lolo war, wie jeden Abend, mit Nini in ihre Giebelstube hinaufgestiegen und
hatte sich zu Bett gelegt. Dort lag sie wach da und schaute mit weitoffenen
Augen in das Dunkel hinein. Sie dachte ihren einen groen, unklaren Gedanken,
den sie all diese Tage ber mit sich herumgetragen hatte, der in ihr gewachsen
und mchtig geworden war. Ein Opfer, ein Opfer wollte sie bringen. Die wirren
Qualen und Enttuschungen ihrer Liebesgeschichte ertrug sie nicht lnger, so
flchtete sie sich denn in den Rausch, wie ihn so stark nur der Wille zum Opfer
einem Frauenherzen gibt. Das war jetzt ihr Erlebnis und es erfllte sie ganz mit
Andacht vor der eigenen Seele. Sterben war leicht. Sie wollte in das Meer
hinausschwimmen weit, weit ber die Sandbank hinaus. Sie wollte schwimmen, bis
diese Mdigkeit kam, die sie kannte, in der wir nichts anderes wnschen, als uns
willenlos und unttig auf dem Wasser auszustrecken. Ja, und dann wrde es sich
vollziehen, das dunkle Ruhevolle, und all die furchtbare Spannung des Fhlens
und Wollens wrde sich lsen. Sobald es im Hause still war, stand Lolo auf. Sie
kleidete sich in ihren Badeanzug, hllte sich in ihren Mantel und schlich
hinaus. Drauen die Nacht schwarz und warm, am Himmel groe, sehr helle Sterne.
So hatte sie es erwartet, das war in Ordnung. Als sie in Wardeins Anwesen noch
Licht im Fenster sah, wollte sie herangehen und hineinschauen aus unklarem
Verlangen nach noch mehr Bitterkeit und Schmerz. Sie sah Doralice im Sessel
sitzen und Hilmar neben ihr knien, allein das erschtterte sie nicht stark, sie
hatte das erwartet, auch das mute so sein. Ruhig stieg sie zum Meere hinunter.
Dort legte sie ihren Regenmantel, ihre Schuhe ab und ging in das Wasser. Kleine
laue Wellen sprangen an ihr empor. Sie begann zu schwimmen, ein unendliches
Wohlbehagen durchrieselte ihren Krper. Schwarze Wellenhgel, in denen die
Sterne sich spiegelten wie rege goldene Pnktchen, hoben sie sanft empor und
lieen sie wieder sanft in schwarze, goldbestirnte Wellentiefen gleiten. All das
Heie, Enge, Drckende fiel von ihr ab, sie wute nicht mehr, warum sie hier
war, sie wute nur, da sie glcklich war und da sie weiter hinaus mute.
Zuweilen legte sie sich auf den Rcken und schaute hinauf und es war ihr dann,
als fiele sie in einen schwarzen Abgrund, in dem goldene Sterne durcheinander
wirbelten. Und weiter ging es, einmal schien es ihr, als stnde dort schwarz in
all dem Schwarzen wie eine Vision ein Boot regungslos auf dem Wasser. Ihr
Schwimmen wurde eiliger, angestrengter, als gbe es ein Ziel fr sie, das sie zu
erreichen hatte. Und dann pltzlich lhmend berkam sie das Bewutsein der
furchtbaren Weite um sie her, der furchtbaren Tiefe unter sich. Angst benahm ihr
den Atem, alles wurde feindlich, alles war gegen sie und sie mute kmpfen mit
diesen Wellenhgeln, die ihr jetzt hart und kalt wie schwarzes Metall
erschienen. Sie rief einige Male in die Nacht hinein und arbeitete dann weiter,
schlug sich herum mit etwas, das sie niederdrcken und niederziehen wollte, und
dann schien alles fort.
    Nu haben wir den kuriosen Nachtfisch, sagte Stibbe und hob Lolo in sein
Boot hinein; dacht's mir, das ist die Marjell vom Bullenkruge. Wasser hat sie
schon geschluckt. Nimm du sie, Andree, du weit ja mit Marjellen umzugehen.
    Andree nahm Lolo in Empfang, die wie leblos dalag, hllte sie in seinen
Mantel, redete ihr zu: Immer nur das Wasser ausspucken, Fruleinchen, immer nur
ausspucken. rgerlich machte Stibbe sich ans Rudern: Jetzt schnell nach
Hause, brummte er, sonst verfriert sie uns. Das sind so die stdtischen
Dummheiten, ins Wasser zu gehen! Wen es will, den holt es sich schon selber. Wir
wollen die Marjell zu Wardein bringen, dahin ist es nher. La die Stdter dann
ihre Dummheiten miteinander ausmachen.
    Doralice war wieder allein in ihrem Zimmer, als die Mnner zu ihr eintraten.
Sie verstand nicht gleich. Da stand der Fischer Stibbe und noch einer und Stibbe
trug jemand, er trug Lolo, die ganz bleich war und die Augen geschlossen hielt,
ihr Haar schwer und feucht hing lang ber den Arm des Fischers herab.
    Die haben wir nun aufgefischt, sagte Stibbe, da weit drauen, die wollte
nicht mehr zurck. Was ist denn das fr ein Nachtfisch, sagte ich zu Andree, und
wir sind ihr nachgefahren. Ach, die lebt schon, die lebt ganz gut. Nur Wasser
hat sie geschluckt. Wo soll ich sie hinlegen? Aha, da drin aufs Bett. Andree ist
zum Bullenkrug hinauf, es der Mamsell zu sagen, damit sie sie holt.
    Lolo wurde auf das Bett gelegt, Stibbe wiederholte noch einmal: Die lebt
ganz gut, dann gingen die Mnner. Der Lrm hatte Agnes herbeigerufen und sie
bersah sofort die Lage, machte sich ber Lolo her, entkleidete sie, hllte sie
in Decken, rieb sie, immer schweigsam und mrrisch, nur einmal bemerkte sie:
Sie macht die Augen nicht auf, nicht weil sie nicht kann, sondern weil sie
nicht will. Endlich beschlo sie einen heien Tee zu kochen, Doralice sollte
nur weiter reiben.
    Doralice kniete am Bett und rieb die Glieder des regungslos daliegenden
Mdchens. Lolo seufzte, schlug die Augen auf und schaute Doralice ernst an. Das
schmale Gesicht hatte in seiner Ruhe etwas Strenges, ltliches.
    Wie - wie ist Ihnen jetzt? fragte Doralice.
    - Gut, sagte Lolo mit einer Stimme, als antworte sie auf eine mige,
gleichgltige Frage. Aber Doralice beugte sich leidenschaftlich ber sie, als
wollte sie sie erwrmen und beschtzen. Wie konnten Sie das tun? flsterte
sie.
    Lolo zog ein wenig die Augenbrauen empor und sagte in demselben khlen,
berlegenen Tone: Er kann nichts dafr. Das wute ich, als ich Sie sah, er wird
nicht anders knnen und Sie - Sie knnen nichts dafr, da Sie so schn sind.
    Nein, das will ich nicht, rief Doralice fast zornig. Er soll bei Ihnen
bleiben, er soll Sie lieben, er soll, soll.
    Lolo wandte den Kopf zur Seite und schlo die Augen, als wollte sie Ruhe
haben, und sagte kummervoll und mde: Ja, jetzt, jetzt wei ich nicht.
    Doralice wagte nicht mehr zu sprechen. Sie kniete dort vor dem Bett und ein
unertrgliches Gefhl der Demtigung machte sie elend. Im Nebenzimmer wurde es
wieder lebhaft. Die laute Stimme der Generalin lie sich vernehmen: Wo ist sie?
Wo liegt sie? Heien Tee haben Sie da, liebe Frau, das ist gut. Dann erschien
die Generalin in der Schlafzimmertr, sie hatte ihren Strohhut ber ihre
Nachthaube aufgesetzt und ihren Regenmantel ber ihr Nachtkleid angezogen. Sie
war rot und atemlos: Kind! Kind! rief sie, was sind das fr Geschichten! Hat
man je so was gehrt! Da ich so was erleben mu. Wo ist der heie Tee, liebe
Frau?
    Frulein Bork und Ernestine waren auch da mit Tchern und Mnteln beladen
und nun begann ein Kommandieren und Hin- und Hergehen und dazwischen schalt die
Generalin immer weiter: Das ist die Buttlrsche bertriebenheit, die dummen
Buttlrschen Herzen. Von mir habt ihr das nicht. Liebe Khne, geben Sie ein
Handtuch her, wir mssen das Haar noch trocknen. Zu meiner Zeit verlobte man
sich auch und verliebte sich auch und war eiferschtig, denn die Mnner taugten
damals auch nicht viel, aber gestorben sind wir daran nicht. Aber die heutige
Jugend, die ist ja wie betrunken!
    Lolo lie alles willenlos wie eine Puppe mit sich geschehen. Endlich stand
sie in Tcher und Mntel gehllt da, von Frulein Bork und Ernestine gesttzt.
Geht jetzt nach Hause, befahl die Generalin, aber leise, da meine Tochter
nicht aufwacht, es ist genug, wenn morgen das Gerede anfngt. Steckt das Kind
ins Bett, eine Wrmflasche und Baldriantee, also vorwrts, ich bleibe noch einen
Augenblick hier. Sie erlauben schon, meine Liebe, wandte sie sich an Doralice.
    So wurde Lolo fortgefhrt.
    Kommen Sie, liebe Khne, sagte die Generalin, nahm Doralices Arm und
fhrte sie in das Wohnzimmer; setzen Sie sich, Sie sind ja wei wie ein Tuch.
Ich will mich auch ein bichen hersetzen, so was fhrt einem in die alten
Knochen. Seufzend nahm sie in einem Sessel Platz und sann eine Weile schweigend
vor sich hin. Das groe Gesicht war jetzt bleich und sah alt und kummervoll aus.
    Nein! begann sie dann wieder, das habe ich nicht vorausgesehen. Ich bin
sonst nicht dumm, aber das habe ich nicht erwartet. Mit unserem Aufenthalte hier
wird es wohl nun zu Ende sein. Schade. Sie, meine Liebe, habe ich immer
verteidigt. Meine Tochter tat so, als seien Sie ein reiendes Tier, aber ich
habe Sie verteidigt. Nun ja, Sie sind Ihrem alten Grafen davongelaufen. Das mu
man nicht tun, schon wegen der Moral, aber es war eine dumme Heirat und Sie
haben sich von Ihrem Maler entfhren lassen, nun gut. Aber jetzt, meine Liebe,
ist es doch genug, man kann sich doch nicht immerfort entfhren lassen. Vom
Sichentfhrenlassen kann doch keiner leben. Und dann, die Kleine hat nun mal
diesen Brutigam, ich habe ihn ihr nicht ausgesucht, aber er ist ihr gegeben
worden und sie hat sich in ihn verliebt. Die Buttlrs besorgen so etwas immer
grndlich. Sie knnen ihn ihr doch lassen. Die Generalin hielt einen Augenblick
inne, um Atem zu schpfen, Doralice sa regungslos da und ber ihr bleiches
Gesicht rannen unablssig Trnen herab. Sie sind bildhbsch, meine Liebe, fuhr
die Generalin fort, aber was hilft das? Versuchen Sie doch mit Ihrem Maler
ordentlich zu leben, er scheint ja ein ganz guter Mensch zu sein. Sich entfhren
lassen, das geht schnell. Mich hat zwar nie jemand entfhrt, ich hatte es auch
nicht ntig, ich war mit meinem Palikow immer recht zufrieden, aber ich denke
mir das so nach dem, was ich um mich sehe. Aber mit dem Herrn, der einen
entfhrt, leben, das ist die Kunst. Glauben Sie mir, man kann sehr gut leben,
auch ohne da ein Mannsbild immer vor einem auf den Knien liegt. Und dann noch
eins. Wenn der junge Mensch morgen zu Ihnen herrennt, sagen Sie ihm ein
vernnftiges Wort. Sie haben ihn unvernnftig gemacht, machen Sie ihn auch
wieder vernnftig. So, und nun will ich gehen. Sie, meine Liebe, mssen
schlafen, sonst werden Sie krank und davon hat auch keiner was.
    Die Generalin erhob sich, streichelte mtterlich Doralices trnenfeuchte
Wangen und ging hinaus. Doralice blieb auf ihrem Platze sitzen und starrte mit
angstvollen Augen vor sich hin. Sie zog die Fe auf den Sessel hinauf,
umschlang ihre Knie mit den Armen, kroch ganz in sich zusammen. War sie das, von
der die alte Frau so gesprochen hatte? Sahen die Leute sie so? Sah sie so aus?
Widerwille und Furcht stiegen in ihr auf, es war, als klebe etwas Unreines und
Hliches ihr an, das sie verzerrte und gespenstisch machte.
    Agnes kam herein und brachte Tee: Den mssen Sie jetzt trinken, sagte sie
barsch. Doralice gehorchte, Agnes stand dabei, schaute aufmerksam zu und
murmelte: Das kommt davon, Hans ist auch schuld. Ich habe es ihm gesagt, was
rennt er immer fort. Man pat doch auf, wenn man eine hat, die schon einmal
einem fortgelaufen ist. Na, aber die alte Frau hat hier bei uns auch nichts zu
predigen. Sie soll ihre Marjellen und Jungherrn strammer halten. Und jetzt
mssen wir schlafen gehen.
    Sie fate Doralice an beide Arme, um sie aus dem Sessel zu heben, fhrte sie
in das Schlafzimmer, kleidete sie aus, wie man ein Kind auskleidet, half ihr in
das Bett hinein und deckte sie fest zu. Jetzt schlafen, sagte sie, das kann
nie schaden, und lschte das Licht aus.

                              Dreizehntes Kapitel


Als Doralice erwachte, hrte sie, da im Nebenzimmer gesprochen wurde. Hans
mute von seiner Nachtfahrt zurck sein und Agnes erzhlte ihm etwas flsternd,
so da es wie ein fortgesetztes Zischen klang. Nur selten warf Hansens tiefe
Stimme Worte mit hinein. Das dauerte ziemlich lange, pltzlich brach das
Gesprch ab, eine Tr ging und es wurde ganz still. Drauen war es sonnig und
ein Wind schien zu gehen, denn die Netze, welche vor Doralices Fenster zum
Trocknen aufgehngt waren, wiegten sich hin und her. Auf dem Zaun saen zwei
Kinder, trommelten mit den nackten Fchen an die Bretter und sangen mit den
schrillen Stimmen in den Wind hinein: Henne, henne, helle, helle, ho, ho!
Doralice drckte sich fest in ihre Kissen. In ihren Gedanken begann die
peinvolle Arbeit, den vergangenen Tag an den beginnenden zu knpfen. Die
Ereignisse der Nacht kamen, sie meldeten sich wie Glubiger, die ihre Rechnung
prsentieren. Vor allem aber meldete sich jene unheimliche, gespenstische
Doralice, von der die Leute wie von einem reienden Tiere sprachen, die davon
lebte, sich entfhren zu lassen, und die junge Mdchen in den Tod trieb. Zum
ersten Male in ihrem Leben empfand Doralice sich selbst als eine Qual.
    Agnes kam herein und brachte den Tee, Doralice sollte ihn heute im Bett
trinken. Agnes stand dabei und berichtete, Hans war zurck, sie hatten viele
Fische gefangen. Vom Bullenkruge war zum Strandwchter geschickt worden nach den
Pferden, sie sollten das Gepck zur Bahn bringen. Ja, und dann war der junge
Herr vom Bullenkruge dagewesen, er wollte die Gndige sprechen: Was soll ich
ihm sagen, wenn er wiederkommt? schlo Agnes ihren Bericht und in den trben
Augen der alten Frau entzndeten sich grnliche Funken wie in den Augen bser
Hunde. Doralice errtete unter diesem Blicke und es klang geqult und zornig,
als sie hervorstie: Ich will ihn nicht sehen. Sag ihm, er soll abreisen. Ich
will ihn nicht sehen, nie.
    Werd' es ausrichten, brummte Agnes und ging.
    Eine Weile spter, als Doralice gerade vor dem Spiegel sa, ihr Haar kmmte
und ihr Gesicht im Spiegel aufmerksam betrachtete, als wre es ihr neu, da
wurden im Nebenzimmer Stimmen laut. Agnes sprach mit tiefer Stimme deutlich und
langsam, wie sie am Sonntagmorgen sich selbst ihre Bibel vorzulesen pflegte:
Die Gndige sagt, sie will den Herrn nicht sehen. Der Herr soll nur abreisen.
Sie sagt, sie will ihn nicht sehen, nie. So sagte sie.
    Hilmars ein wenig schnarrende Stimme lie sich vernehmen und Agnes begann
wieder: Die Gndige sagt, sie will den Herrn nicht sehen, der Herr soll nur
abreisen. Sie sagt, sie will ihn nicht sehen, nie, so sagte sie.
    Einen Augenblick wurde es ganz still, dann klirrten Sporen, eine Tr ward
zugeschlagen. Doralice trat an das Fenster, sie sah Hilmar die Dne
hinabsteigen. Er war in Uniform. Anfangs ging er langsam und zgernd, den Kopf
ein wenig gebeugt. Unten am Strande jedoch kam in seinen Gang wieder das
hbsche, leichtsinnige Sichwiegen. Die Sonne erweckte in den Sporen, in den
Knpfen und Schnren der Uniform helle Funken, berstreute die ganze Gestalt mit
kleinen, unruhigen Lichtern: O nein! dachte Doralice, es ergreift mich nicht,
das zu sehen. Allein eine ferne Kindererinnerung kam, Doralice konnte nichts
dafr, die Erinnerung kam, wie Trume ohne unser Zutun kommen und uns rhren.
Ein Frhlingsabend im alten Garten zu Hause, die kleine Doralice steht einsam
auf dem breiten Kieswege und sieht trbselig in den gelben Abendhimmel hinein.
Da kommt eine Schar wandernder Musikanten, Mnner mit blanken Hrnern und
Trompeten. Sie stellen sich vor der Treppe auf und beginnen zu blasen, und
sofort erfllt sich der ganze stille Garten mit so kstlich lustiger
Ausgelassenheit, da Doralice mitsingen mchte und auf dem Kieswege zu tanzen
beginnt. Da erscheint Mi Plummers auf der Treppe und winkt den Musikanten ab,
sie sollen nicht spielen, die gndige Frau hat Migrne. Es wird still, die
Mnner packen ihre Hrner und Trompeten ein und ziehen ab, ziehen die Landstrae
hinunter dem schwefelgelben Abendhimmel entgegen und die Strahlen der
untergehenden Sonne funkeln in den groen Hrnern. Die kleine Doralice steht am
Gartengitter und schaut ihnen mit schwerem Herzen nach. Ungeduldig wandte sich
Doralice vom Fenster ab und kleidete sich an. Etwas Schweres und Wichtiges mute
sich heute noch begeben, sie mute Hans begegnen. Unruhig schritt sie im
Wohnzimmer auf und ab, allein es schien ihr, als sei es hier kalt. Sie wollte
sich erwrmen. Sie ging hinaus und setzte sich auf die Bank, auf der die
Wardeins am Abend zu sitzen pflegten. Jetzt sa nur die alte Mutter Wardein da,
sonnte sich und schaute auf das Meer hinaus. Sie rckte ein wenig, um Doralice
Platz zu machen, und murmelte nur ein Warm. So saen sie nebeneinander und
Doralice wartete. Sie tat nichts als warten, denn es gibt Ereignisse, die erst
gekommen sein mssen, damit wir weiter denken knnen.
    Endlich kam Hans die Landstrae herauf. Er ging langsam und sah mde und
angegriffen aus, als htte er einen weiten Weg gemacht. Als er an der Bank
vorberging, nickte er: Guten Morgen, Mutter! Guten Morgen, Doralice! und ging
gerade in das Haus. Doralice folgte ihm. Im Wohnzimmer lehnte sie sich mit dem
Rcken gegen die Wand, legte auch die Flchen der Hnde an die Wand, als ob sie
sie khlen wollte. Hans war zu seinen Malgerten gegangen und beschftigte sich
mit den Pinseln. Beide schwiegen eine Weile, bis es wie ein Sthnen aus Doralice
hervorbrach: Mein Gott, so sprich! so sage doch etwas.
    Hans wandte sich ihr zu, er steckte beide Hnde in die Rocktaschen, stand
ein wenig gebeugt da. Wenn ihn etwas drckte oder stark hinnahm, dann konnte
seine schne Gestalt zuweilen das Schwere, Ungelenke eines Dorfburschen
bekommen, der mde von der Feldarbeit ist. Was kann ich sagen, versetzte er,
was habe ich fr ein Recht? Das Recht, das du mir gegeben hast, kannst du mir
nehmen und dem anderen geben. Wie du es dem alten Herrn genommen und es mir
gegeben hast, anders ist es nicht. Wir Bauern knnen gut rechnen.
    Doralice hob die Arme empor und legte die ineinander gerungenen Hnde auf
ihren Scheitel: Du bist sehr gerecht, stie sie hervor und es klang wie Zorn,
aber so ist es nicht. Da ist kein anderer. Er ist fort, ganz fort. Er hat kein
Recht. Ich brauche keinen, der vor mir kniet, sie brach ab und die
aufsteigenden Trnen machten ihre Stimme unsicher und leise, als sie hinzufgte:
Was hilft das? Was soll ich jetzt tun?
    Hans wandte sich ab und sah zum Fenster hinaus. Einen Augenblick war es
wieder ganz still im Zimmer. Drauen auf dem Zaune sangen noch immer die Kinder
ihr: henne, henne, helle, helle, ho, ho! in den Wind hinein. Endlich wandte er
sich um, ging langsam zu Doralice hin, strich vorsichtig mit der Hand ber ihr
Haar und sagte: Was kannst du tun? Jetzt wird es hier wohl einsam werden. Wir
knnen ja eine Weile still nebeneinander hergehen. Hier tut keiner dir was. Und
dann vielleicht besinnen wir uns wieder aufeinander.
    Doralice antwortete nicht, stumm und verschchtert stand sie da. Das stille
Einhergehen neben diesem starken, sanften Manne erschien ihr jetzt wie
Geborgenheit und in der Angst ihrer Seele, in der Angst vor sich und den anderen
glaubte sie, Geborgenheit sei es, was ihr nottat.

                              Vierzehntes Kapitel


Die Septembertage waren hell, dabei wehte ein frischer Nordost. Die Wolken
ballten sich zu groen weien Inseln zusammen und zogen schnell ber den Himmel
und ihre Schatten liefen dunkelgrn ber das grngraue Meer. Am Ufer war alles
in bestndiger Bewegung, die harten Halme auf den Dnen zitterten, die zum
Trocknen aufgehngten Netze und Fische wiegten sich und die Rcke und Tcher der
Fischersfrauen flatterten.
    Ich habe, wie Sie wissen, meinen Abschied genommen, sagte der Geheimrat
Knospelius zu Hans, whrend sie langsam dem Winde entgegen am Meere
spazierengingen, ich habe genug gerechnet, und ich finde, da meine Tage
vollkommen befriedigend mit dem Kmpfen gegen den Wind ausgefllt werden.
    Mich rgert dieser Wind, meinte Hans. Sie wissen, ich male das Meer, ich
male es den ganzen Tag, wenn ich es nicht gerade studiere. Nun, bei diesem Winde
sitzt das Meer schlecht, es hat alle fnf Minuten ein anderes Gesicht.
    Das kann ich mir denken, bemerkte Knospelius. Die Mutter Wardein ist
bequemer, die sitzt da wie eine aus Holz geschnittene heilige Anna.
    Hans, von seinen Gedanken hingenommen, fuhr eifrig fort: berhaupt eine
verteufelte Geschichte mit diesem Meere, es lt sich nicht fassen, ich kriege
die Logik seiner Linien und Bewegungen nicht heraus, sein Durchschnittsgesicht,
wissen Sie, denn bei dem Portrt mu ich mir in dem Modell ein
Durchschnittsgesicht konstruieren, das die Mglichkeit aller
Augenblicksgesichter in sich schliet. Nun, bei dem Meere bringe ich es nicht
fertig, und ich studiere es doch in- und auswendig. Ich schwimme Stunden in ihm
herum, ich fahre auf ihm bei Tag und bei Nacht, ich beschleiche es zu allen
Tageszeiten. Wahrhaftig, es wird fr mich zu einer Art Besessenheit.
    So, so, murmelte Knospelius und sah Hans schlau von der Seite an, das
also ist jetzt Ihre Besessenheit. Na ja, es ist ganz bequem, eine Besessenheit
zu haben. Man braucht da nicht nachzudenken, was man tun soll, man mu etwas
tun, ob man will oder nicht. Das ist so wie bei einer Staatsanstellung, man mu
in das Bureau, ob man will oder nicht. Ich habe meiner Besessenheit jetzt den
Abschied gegeben.
    Sie muten stehen bleiben und nach ihren Hten greifen, die ein Windsto
ihnen vom Kopfe reien wollte. Dann wies Knospelius zur Dne hinber und sagte:
Ihre Frau Gemahlin sitzt dort oben schon neben der Staffelei und nht, glaube
ich.
    Ja, sie nht Hemden fr Fischerkinder, erwiderte Hans zerstreut. Aber
Knospelius' groes, bleiches Knabengesicht schaute forschend und aufmerksam zu
ihm auf: So, das ist neu.
    Ja, das ist neu, besttigte Hans obenhin. brigens gehe ich auch jetzt
arbeiten; auf Wiedersehen, und er stieg die Dnen hinauf.
    Knospelius stand noch da, schaute zu Doralice hinber und murmelte: Ja, das
ist neu. -
    Doralice sa da und nhte. Das tat sie jetzt gern, denn es sah beruhigt aus,
sah aus, als sei alles in Ordnung. Nur hielt sie es nicht lange aus, das Sumen
der Leinwand machte ihre Finger nervs. Bald warf sie die Arbeit fort und
streckte sich auf ihrer Decke aus, um zu den Wolken hinaufzustarren. Sie hrte
Hans zuweilen zu seiner Malerei sprechen. Was ist denn das? rief er pltzlich,
etwas ganz Neues. - Was denn? fragte Doralice. - Sehr merkwrdig, sagte
Hans, mit einem Male auf jeder Welle ein kleiner Heiligenschein. Es sieht aus,
als ob jeder Wellenkamm mit einem Lichtstifte bergangen worden wre.
    Ja, da kommt alles Mgliche vor, bemerkte Doralice, ohne sich
aufzurichten.
    Sehr merkwrdig, fuhr Hans fort, einmal habe ich schon etwas hnliches
gesehen, als ich als Knabe einmal die Schafe htete, da hatten all die kleinen
Hgel pltzlich diese Heiligenscheine.
    Ach, dachte Doralice, jetzt hat er noch die Schafe gehtet. In letzter Zeit
kamen in Hansens Bemerkungen immer wieder das Dorf und das Bauernblut und die
Feldarbeit vor. Das klang fast wie ein Vorwurf gegen sie und als Hans
hinzufgte: Ja, auf der Schafweide lernt man manches, konnte sie sich nicht
enthalten, gereizt zu antworten: Ich kann doch nichts dafr, da ich nicht die
Schafe gehtet habe.
    Hans machte sofort sein frmlich freundliches Gesicht, mit dem er in letzter
Zeit ihr zu begegnen pflegte, und sagte hflich: Gewi, das verlangt niemand
von dir. Du hast auch sicherlich in deinen Verhltnissen manches Wertvolle
gelernt, das man auf der Schafweide nicht lernen kann.
    Doralice seufzte, und es entstand wieder eines dieser langen Schweigen, das
jetzt hufig zwischen ihnen herrschte. Sie hatte nicht gewut, da zwei Menschen
so viel miteinander schweigen knnten, wie Hans und sie es taten. Pltzlich warf
Hans seinen Pinsel fort und meinte, diese Erscheinung msse er nher beobachten,
er wolle auf das Meer hinausfahren. Dann lief er zum Meere hinab. Doralice blieb
ruhig liegen, bei diesem Winde nahm er sie ja doch nicht mit. Das war also das
stille Nebeneinanderhergehen. Anfangs war es Doralice wie Friede und Sicherheit
erschienen. Sie war ja ganz verlassen inmitten einer feindlichen, unheimlichen
Welt, nun aber wurde es zu einer sehr erregenden Sache. Wenn Hans da schweigend
vor seiner Staffelei stand, dann wute Doralice doch, da er innerlich mit ihr
sprach, da er ihr Vorwrfe machte, da seine stolze und verwundete Liebe sich
mit der ganzen heien Beredsamkeit ber sie ergo, die Hans eigen war. Sie war
dessen so gewi, als she sie, wie einer zu ihr sprach, nur da er noch zu fern
war, da sie ihn hrte. Sie sprach ja auch bestndig in Gedanken zu Hans,
rechtfertigte sich, beschuldigte ihn, demtigte sich. Einmal jedoch mute der
Augenblick kommen, da sie beide zu voll von dem, das sie einander zu sagen
hatten, waren, und es heraussagten, dann kam die Stunde der groen Aussprache,
der Vershnung. Das gab es doch, das stand doch in allen Bchern, das sah man
auf allen Theatern, das mute kommen. Auf diese Stunde zu warten war Doralices
Beschftigung in den langen ereignislosen Tagen. So viel sie konnte, war sie bei
Hans, um den richtigen Augenblick nicht zu versumen, bei jedem seiner Worte
horchte sie auf, ob es nicht der Beginn der Aussprache sei. Genau wute sie, was
sie dann sagen wrde, und fhlte schon im voraus den Schmerz und die Wonne des
unendlich starken Empfindens. Aber auch Ungeduld qulte sie dann, warum kam es
nicht? Wie lange sollte es noch dauern? Sie konnte nicht mehr ruhig auf der Dne
liegen, sie wollte hinuntergehen und vor dem Hause sitzen, auf das Meer
hinaussehen und sich vorstellen, was Hans dort in dem Boot zu ihr sprach.
    Hei schien die Sonne auf die Bank. Die Mutter Wardein nickte und rckte zur
Seite, als Doralice sich zu ihr setzte. Vor ihnen auf dem Sande trieben sich
magere Hennen umher und piepten freudlos und ergeben. Durch das geffnete
Fenster hrte man das Klappern von Lffeln, die Familie Wardein sa dort
schweigend bei ihrem Mittagsmahl. Auch aus den Schornsteinen der anderen kleinen
Katen stieg der Rauch und auch dort wurde geschwiegen. Diese Huschen standen ja
meist schwarz und still da, hchstens da sich einmal bei Steeges eine gellende
Frauenstimme vernehmen lie, wenn Steege betrunken nach Hause kam, oder da oben
beim Strandwchter Lrm entstand, wenn der Strandwchter seine Frau schlug. Die
schlagen sich, htte der Geheimrat gesagt, weil sie ineinander verliebt sind.
Nun, dachte Doralice, das mochte ja eine bequeme Art sein, eine Aussprache
herbeizufhren, allein Hans und sie verstanden das nicht. Doralice schaute auf
das Meer hinaus, um Hansens Boot zu entdecken. Sie liebte das Meer nicht mit
seinem stetigen, schlfrigen Glitzern. Immer war es da, von berall her sah man
es, berall hrte man es, ein jeder sprach von ihm; die einsilbigen Fischer,
wenn sie sprachen, sprachen sie vom Meere, der einsilbige Hans, wenn er sprach,
sprach er vom Meere. Fr sie aber schien es eine unendliche, erdrckende
Einsamkeit auszuatmen. Und unten am Strande ging noch immer in seinem grauen
Paletot mit seinem grauen Hut der Geheimrat Knospelius auf und ab wie das kleine
Gespenst der Einsamkeit. Das alles war freudlos, schlfrig und alltglich und
dennoch, wenn Hans jetzt nach Hause kme, konnte es ja geschehen, konnte es
pltzlich alles anders werden und das legte fr Doralice in alle Schlfrigkeit
und Alltglichkeit etwas wie das geheime Fieber einer Erwartung.
    Zum Mittagessen kehrte Hans nach Hause zurck. Bei Tische sprach er wieder
vom Meere, sprach von Zibbe Waldhter, der von einem Wilddiebe einen Schrotschu
in das Bein bekommen hatte, und vom Bilde der Mutter Wardein, das zu einer
Ausstellung geschickt werden sollte. Sobald er mit dem Essen fertig war, stand
er auf, er behauptete, viel zu tun zu haben, die Bilderkiste mute zugenagelt
werden und dann wollte er mit einer Anweisung zur Post gehen.
    Hast du Bilder verkauft? fragte Doralice. Ja, er hatte Bilder verkauft,
das Geschft ging gut. In der Tr wandte er sich noch einmal um und fgte hinzu:
Wenn du etwas ntig hast, brauchst du es nur zu sagen, ich komme schon dafr
auf. Damit ging er.
    Er kam dafr auf. Immer gerecht und billig, allein Doralice fand, da mit
dieser Gerechtigkeit und Billigkeit sie noch sehr weit vom groen Gesprche
entfernt war, welches sie so sehnschtig erwartete. Jetzt hallte das Haus von
lauten Hammerschlgen wider. Hans schien den Hammer mit rechter Begeisterung zu
fhren. Doralice glaubte aus diesen Schlgen etwas wie Zorn und Leidenschaft
herauszuhren, sie sprachen mit ihr, sie machten ihr Vorwrfe, sie schienen ihr
zu verraten, was in Hansens Seele vorging, und sie war enttuscht, als es
pltzlich stille wurde und Hans fort war. Sie nahm den englischen Roman und eine
Zigarette und beschlo zu ruhen, wirklich zu ruhen, wie sie es einst im Schlosse
konnte, wenn die Zimmerflucht still wurde, die Dfte des Gartens hei und s
durchs Fenster hereinstrmten und sie sich in dem groen Voltairesessel
zusammenkauerte und gedankenlos und wunschlos dort verharrte. Glcklich war sie
damals nicht gewesen, aber zu Hause. Warum kam dieses Gefhl nie mehr ber sie?
Vielleicht wenn alles klar zwischen ihr und Hans sein wird, wenn Hans gesprochen
haben wird, vielleicht wird sie dann wieder zu Hause sein. Ungeduldig warf sie
das Buch und die Zigarette fort und lief zum Meere hinab. Sie konnte Hans ja
entgegengehen und im Gehen arbeiteten ihre Gedanken wieder an der groen Szene
der Rechtfertigung, der Demtigung und der Vershnung; ohne da sie es wute,
sprach sie laut, redete die Wellen an, welche wei und zischend den Strand
hinaufliefen bis zu Doralicens Fen: Ich dachte, du wirst mir tragen helfen an
der Verantwortung, aber du wolltest immer nur gerecht und abgeklrt sein. Ich
war allein in meiner Not, und dann diese Freiheit, das mit der Freiheit klingt
so schrecklich nach Alleinsein. Im Sprechen war sie an die Stelle gelangt, wo
die Dne in scharfer Spitze nah an das Meer heranrckt, hinter ihr fhrte der
Weg zum Dorf hinauf und dort, vom Dnenvorsprung verdeckt, hrte Doralice eine
Mnnerstimme, die laut und eifrig etwas sprach. Es war Hansens Stimme. Doralice
blieb stehen und lauschte, da bog er schon um die Ecke. Oh, du bist es, sagte
Hans. Doralice errtete: Ja, ich wollte dir entgegengehen, erwiderte sie, mit
wem sprachst du eben?
    Hans zuckte die Achseln: Mit niemand; ich rezitierte nur so fr mich den
Homer.
    Das war natrlich gelogen, dachte Doralice, sie glaubte wohl zu wissen, was
und zu wem er da gesprochen hatte. Machen wir noch einen Spaziergang? fragte
sie. Sie bogen um die Dnenspitze die Dorfstrae hinauf, gingen an den
Kartoffelfeldern und Stoppelfeldern entlang und gelangten endlich auf die
geraden Wege der Fhrenschonung. Hans sprach wieder von Farben und von Licht,
behauptete, da die jungen Fhren in den rtlichen Sonnenstrahlen violett
wrden. Das alles war Doralice unendlich gleichgltig, sie wnschte einen
Gesprchsstoff, in dem sie vorkam, sie und Hans. Der beste Ausweg waren dann in
letzter Zeit gemeinsame Reiseerinnerungen gewesen. Erinnerst du dich, fragte
sie, der Englnderin in den Uffizien, die zwei Kneifer auf der Nase hatte,
einen hinter dem anderen?
    Ja, Hans erinnerte sich ihrer, und, meinte er, war es nicht der Tag, an
dem wir nach Fiesole hinaufstiegen, und auf den Ziegelstufen saen, die zu dem
antiken Theater hinabfhren? Ich glaube, es war der heieste Sitz, auf dem ich
je gesessen habe.
    O nein, sagte Doralice, wir haben einmal noch heier gesessen. Das war in
Padua auf dem Rasenplatz vor der Arena-Kirche; wir aen Kirschen, der Rasen war
hei wie ein Bgeleisen, du fingst einen Zitronenfalter und behauptetest, seine
Flgel seien warm wie frische Semmeln.
    Hans lachte, diese Erinnerungen erheiterten ihn stets. Ach ja, und ich bte
mich, ein Gesicht zu machen wie Giottos Verzweiflung drinnen in der Kirche.
    Mit Sonnenuntergang traten sie den Rckweg an und an einem geschtzten
Pltzchen an der Dne erwarteten sie die Dunkelheit. Hans schwieg und Doralice
dachte ber Hansens Schweigen nach. Dann tauchte wohl in der Finsternis der rote
Punkt einer brennenden Zigarre nicht eben hoch ber dem Erdboden auf und
Knospelius' tiefe Stimme sagte: Guten Abend. Der Geheimrat setzte sich zu den
beiden und sprach in seiner langsamen Weise von fernen beruhigenden Dingen. Er
sprach von alten Ministern, die lcherliche Angewohnheiten gehabt hatten, oder
von einem stillen Caf in Konstantinopel, in dem er mit schweigenden Trken
gesessen hatte und geraucht, whrend sie durch die geffnete Tr alle die weien
turbangeschmckten Grabsteine eines kleinen trkischen Friedhofes nachdenklich
betrachteten. Oder er sprach von einer ganz rosa Wste und von Arabern, die alle
geistvolle, ernste Gesichter hatten und doch Dummkpfe waren. Wenn das Licht des
fernen Leuchtturmes deutlich zu sehen war, trennte man sich.
    Da der Nordostwind das Hinausfahren zum Fischfang verhinderte, mute Hans zu
Hause bleiben, Doralice und er saen bei der Lampe, sie versuchte zu nhen, er
las. Willst du nicht laut lesen? fragte Doralice.
    O gewi, wenn dir das angenehm ist, erwiderte Hans hflich, aber es ist
Homer.
    Das tut nichts, meinte Doralice.
    Hans las die Beschreibung von Alkinoos' Garten:

Birnen reifen auf Birnen, auf pfel rten sich pfel,
Trauben auf Trauben erdunkeln, und Feigen schrumpfen auf Feigen.

    Er gab dem Klang der Verse ein eintniges Rollen, ein wellenhaftes Auf- und
Abschwellen, das Doralice in eine kstliche Ruhe wiegte. Sie warf ihre Arbeit
fort, lehnte sich in den Sessel zurck und schlo die Augen. Sie erwachte davon,
da Hans ihr leicht ber das Haar strich. Du bist mde, Kind, du mut
schlafen, sagte er. Seine Stimme klang seltsam weich und ergriff Doralice so
stark, da ihre Augen sich mit Trnen fllten. Hans bemerkte es nicht, er
zndete die Kerzen an, lschte die Lampe aus und sagte gute Nacht.
    Doralicens Nchte waren in letzter Zeit unruhig. Sie lag lange wach und
horchte auf all die Tne, die durch das Haus liefen, und wenn dann eine Tr
knarrte, wenn sie Schritte vernahm, dann wute sie, da Hans hinausging an das
Meer. Er tat das jetzt fters des Nachts, er wollte das Meer studieren, allein
Doralice wute es wohl, auch er konnte nicht schlafen, auch er litt und darin
lag etwas, das sie ganz hei und unruhig vor Freude machte.

                              Fnfzehntes Kapitel


Am Morgen flaute der Nordostwind ab und um die Mittagzeit legte er sich ganz.
Gegen Abend frischte ein leichter Westwind auf, der groe weie Wolken
herantrieb.
    Hans und Doralice kehrten von ihrem Abendspaziergange zurck und sahen am
Horizonte riesige, kupferfarbene Wolkenberge sich aufbauen. Das Meer war voll
roter und violetter Wellen. Hans und Doralice setzten sich auf ihren gewohnten
Platz auf der Dne und starrten in das Flackern und Verlschen der Farben
hinein. Die bunten Wolkenberge wurden allmhlich grau, ber dem Lande dunkelte
es und das Meer glich endlich nur noch einer bewegten Dmmerung. Am Himmel hing
ein Stck Mond wei und strahlenlos. Vor der Htte des Fischers Stibbe saen
Frauen, reinigten Fische und sangen eine trg sich wiegende Melodie:

Sonnchen wollt im Meere schlafen,
Schwarze Wasser sind die Decken,
Hecht, du grner Offizier,
Laufe schnell, es aufzuwecken.
Raderi, raderi, raderidira.

    Der Geheimrat Knospelius erschien auch wie gewhnlich, klein und grau, die
groe Zigarre zwischen den Lippen. Guten Abend, sagte er, also wir kriegen
ein Gewitter. Hans protestierte eifrig: Nicht vor morgen frh. Stibbe wei das
ganz genau, er fhrt daher heute nacht hinaus. Ich fahre mit Steege; weit da
drauen soll es eine Stelle geben, an der bei solchem Wetter die Butten so fest
liegen, da man sie im Netz wie Kartoffeln aus dem Sande pflgen kann.
    So, so, meinte Knospelius, also Tatendurst, Tatendurst. Sie schwiegen
eine Weile und hrten dem klagenden Gesange der Fischersfrauen zu:

Hecht, du grner Offizier,
Laufe schnell, es aufzuwecken.

    Wie diese Melodie sich Zeit nimmt, bemerkte Doralice.
    Wer nimmt sich hier nicht Zeit? sagte Knospelius. Er liebte es, langsam
und sinnend in die Dunkelheit hineinzusprechen, mit seiner tiefen Stimme die
Worte klingen zu lassen; aber die Zeit ist hier auch sozusagen langsamer, die
Tage und die Stunden und die Minuten sind hier lnger. Wie fern erscheint es
mir, da ich heute morgen geweckt wurde von dem Gesangbuchvers, den mein
Wiedertufer jeden Morgen im Nebenzimmer zu singen pflegt.
    Ach ja, seufzte Doralice, hier geht alles langsam, langsam.
    Dafr werden wir grndlich, meine Gndige, meinte Knospelius. In der
Stadt, da lebte ich von zerhackten Erlebnissen, von zerhackten Geschichten und
Gedanken, hier erzhlt man jede Geschichte ganz bis zu Ende, denkt jeden
Gedanken bis in seine letzten Tiefen.
    Und wird nie mit ihm fertig, warf Hans ein.
    Das kommt vor, besttigte Knospelius, sehen Sie unsere Liebespaare, die
da im Dunkeln so still nebeneinander hergehen; sie sprechen am Abend vielleicht
drei Worte miteinander; sie haben eben Zeit, sich auszusprechen. Temposachen.
Der Inhalt der Liebesgeschichten ist ja immer derselbe, sie verteilen ihn auf
einige Jahre, andere mssen in wenig Tagen fertig werden. Temposache, nichts
weiter. Da gibt es so ein indisches Mrchen von einer seligen Insel; den Leuten
dort geht es gut, wie das auf solchen Inseln zu sein pflegt; sie haben alles,
was sie wnschen knnen. Charakteristisch fr die Natur dieser schnen Insel ist
es, da die Bume Mdchen tragen, schne Mdchen, die am Morgen erblhen und am
Abend welken und sterben. Jetzt sage ich mir, pflckt ein Insulaner sich am
Morgen solch eine schne Frucht, so hat er fr seine Liebesgeschichte bis zum
Abend Zeit, und doch glaube ich, da diese Liebesgeschichte ebenso reich sein
wird, wie zum Beispiel die Liebesgeschichte des Zibbelsohnes mit der
Stibbetochter, die bereits sieben Jahre jeden Abend am Strande schweigend
nebeneinander hergehen. Und dabei wird mein Inselliebespaar kaum das Gefhl
haben, als wrde es zu besonderer Hast getrieben. Temposache. Der Geheimrat
hielt inne und sog stark an seiner Zigarre.
    Da lie Doralice sich vernehmen, klagend und zugleich gereizt, als stritte
sie mit jemand: Ach ja, die Mdchen, die werden es ja wohl verstehen, ihre
ganze Liebe in einen Tag zu legen, aber die Mnner verstehen so schrecklich
langsam. Wenn da am Morgen etwas vorkommt zwischen ihnen, dann werden diese
armen Mdchen sterben mssen, ohne da die Mnner sich ausgesprochen haben.
    Knospelius kicherte und Hans meinte: Auf seligen Inseln kommt vielleicht
nie etwas zwischen Liebenden vor.
    Doch, doch, widersprach Knospelius, das ist unvermeidlich. Ich bin zwar
in diesen Sachen keine Autoritt, in mich hat sich nie jemand verliebt. Ich
meine aber, das mu eine verantwortungsvolle Lebenslage sein. Jemand also
verliebt sich in mich, sieht in mir sein Ideal und ich bin gleichsam das Depot
fr diesen idealen, herrlichen Knospelius, ich verwalte ihn. Da ist es dann
natrlich, da bestndig Migriffe vorkommen. Ich wrde ein Gefhl haben, als
htte mir jemand einen selten kostbaren Prachtband geliehen, und ich mte in
steter Sorge leben, da dem wertvollen Buche nicht etwas passiert. Aber es ist
immerhin mglich, da die Mnner auf der seligen Insel schneller von Begriff
sind und die Mdchen weniger durstig nach Aussprachen. Das wre dann, was man
ein abgekrztes Verfahren nennt.
    Das Licht des Leuchtturms war in der Ferne schon deutlich zu sehen und Hans
trieb zum Heimgehen, da er ja noch mit Steege hinausfahren wollte. Zu Hause
hatte Agnes schon die Mahlzeit bereitgestellt. Hans nahm sich kaum die Zeit zum
Essen und eilte in sein Zimmer, um sich umzukleiden. Doralice stand am Fenster
und schaute in das weie Aufdmmern des Mondes hinaus. Sie hrte, da Hans
wieder in das Zimmer kam; er trat an sie heran, umfate mit seinen Hnden ihre
beiden Schultern: Verstehe ich so langsam? fragte er. Das klang weich, fast
schchtern. Doralice bog ihren Kopf zurck, so da er sich gegen Hansens Brust
lehnte. Ihr Herz klopfte sehr stark und die Augen wurden ihr hei von Trnen.
Du verstehst nicht, sagte sie kummervoll, du sprichst nicht, du sagst nicht.
    Ach Kind, erwiderte Hans, mit dem Sprechen ist es so eine Sache, man
spricht und es klingt hart und sauer und hlich und ist ungerecht und
rcksichtslos und ist doch nicht das, was man sagen wollte.
    Es kann hart sein, es kann ungerecht und rcksichtslos sein, rief Doralice
leidenschaftlich, nur nicht so, nur nicht so! An dieser Gerechtigkeit und an
dieser Rcksicht stirbt man.
    Hans beugte sich ber sie und kte sie fest auf die Lippen: Gut, gut,
sagte er in seinem gewohnten freundlichen, eifrigen Ton, so wollen wir uns denn
morgen alles sagen, was wir heute dem Meere zugeschrien haben. Fr heute gute
Nacht.
    Doralice stand noch lange am Fenster und die Trnen, die warm ber ihre
Wangen niederrannen, taten ihr wohl wie eine gtige Liebkosung. Endlich beschlo
sie schlafen zu gehen; sie freute sich auf den Schlaf, sie war mde, als lge
eine schwere, glcklich vollbrachte Arbeit hinter ihr.
    Um Mitternacht erwachte Doralice von einem starken Gerusch, das im Zimmer
um sie her sich vernehmen lie. Das Meer rauschte stark, so stark, als stnde
das Huschen mitten in den Wellen. Dazu war es, als ob alle Gegenstnde im
Zimmer sich bewegten, die Sachen auf der Toilette klirrten, der Waschkrug
schnurrte leise vor sich hin, die Tr klapperte. Drauen aber ber dem Dache
schienen schwere Gegenstnde sausend durch die Luft zu fahren, zuweilen kam ein
Pfeifen, ein ausgelassenes, hhnisches Pfeifen, als jagte dort irgendwo ein
Gassenbube durch die Luft. Oder ein Klagelaut kam schrill und verzweifelt, und
pltzlich wurde all das bertnt von dem mchtigen Rollen und Krachen des
Donners. Doralice sprang aus dem Bett und lief an das Fenster des Wohnzimmers.
Die Nacht war ganz schwarz und schien voll wilden Getmmels, ein Blitz zuckte
auf und zeigte fr einen Augenblick in einem blauen Lichte das seltsam
vernderte Meer. Es erhob sich dort wie groe schwarze Mauern, Mauern, die
schwankten und strzten und berall lag es auf ihnen wie blulicher Schnee.
Doralice hatte Angst, nur das, keinen anderen Gedanken als nur diese Angst, die
uns treibt, uns zu verbergen, zu verkriechen, nach Hilfe zu rufen. Das Zimmer
wurde hell, Agnes stand da, die Lampe in der Hand und die gelben Augen der alten
Frau sahen Doralice starr und bse an. Da begriff Doralice. Hans, murmelte
sie.
    Ja, bei diesem Wetter auf dem Wasser zu sein, sagte Agnes scheltend, hat
man so was gehrt, und mit diesem Saufaus von Steege, der zu faul ist, um sein
Boot ordentlich zu halten. Agnes wurde dann sehr geschftig, leise
fortscheltend ging sie ab und zu, holte einen Mantel, hllte Doralice in ihn
ein, zwang sie, sich in einen Sessel zu setzen, holte eine Decke, um sie damit
zu bedecken, und als das getan war, setzte sie sich selbst auf einen Stuhl,
faltete die Hnde im Scho, schaute starr und bse in das Licht der Lampe und
wiegte den Oberkrper sachte hin und her. Zuweilen murmelte sie vor sich hin:
Nun mu er gleich kommen, der tolle Junge. Als ob wir nicht Fische genug
htten, und noch mit dem Steege.
    So still zu sitzen und hinauszuhorchen war furchtbar qualvoll, Doralice
ertrug das nicht, sie mute etwas tun. Ich gehe zu Wardeins, sagte sie. Agnes
zuckte die Achseln. Was knnen die tun? meinte sie. Aber Doralice ging doch
hinaus, schlich sich an der Mauer hin, um von dem Sturm nicht umgeworfen zu
werden, und trat in die Stube der Wardeins. Die Wardeinin hatte eine kleine
Lampe angesteckt und ging nur mit einem kurzen Rocke bekleidet im Zimmer umher,
befestigte die Fensterlden, lschte die letzte Glut auf dem Herde, rckte an
den klappernden und schnurrenden Gerten auf dem Bord. Als Doralice eintrat,
schaute die Wardeinin sie ruhig und ernst an und wandte sich wieder schweigend
ihrer Hantierung zu. Doralice stand da, atemlos von dem Gang durch den Sturm,
und sagte leise: Ach, Frau Wardein, dieser Wind.
    Der ist nicht gut, antwortete die Wardeinin, aber was kann man machen?
    Doralice setzte sich auf einen Stuhl und wartete, da die Frau noch etwas
sagen wrde, etwas, das wie Trost klang. Da lie sich von dem groen Bett her
Wardeins tiefe Stimme vernehmen: Ich hab's gesagt, aber die wollen ja klger
als der Wardein sein. Nun, der Stibbe hat das neue groe Boot, der schlgt sich
wohl durch, und der Steege - na ja, dem hat mit seinem alten Kasten von Boot der
Teufel schon frher mal herausgeholfen.
    Diese rauhe Stimme, die grob und vertraulich von dem Furchtbaren da drauen
sprach, tat Doralice wohl. Die Kinder begannen im Bett zu weinen und die Mutter
mute sie schelten und schlagen. Die Gromutter hatte sich in ihren Kissen
aufgerichtet und starrte auf das Fenster, als knnten ihre Augen sehr weit in
die Dunkelheit hineinsehen. Schlechter Wind, schlechter Wind, murmelte sie.
Doralice sa noch immer da, sie konnte sich nicht entschlieen zu gehen. Die
enge Stube mit ihrem alltglichen Leben mitten in all dem Furchtbaren da drauen
war etwas wie Geborgenheit. Allein die Wardeinin schien mit ihren Geschften
fertig zu sein, sie stand vor ihrem Bett, ghnte und sah Doralice an. Doralice
mute gehen, hier wollte man sie nicht mehr. Und sie ging wieder in das
Wohnzimmer hinber, wo Agnes vor der Lampe sa und den Oberkrper sachte hin und
her wiegte.
    Frstelnd drckte sich Doralice wieder in den Sessel und hllte sich in ihre
Decken. Es war qualvoll und furchtbar anstrengend, bestndig auf die wirren Tne
da drauen zu hren, diese Tne, die, je lnger sie ihnen lauschte, um so
ausdrucksvoller wurden, sich in gespenstische Gestalten wandelten. Wenn das
hhnische Gassenjungenpfeifen erscholl, sah sie deutlich ein kleines Ungetm mit
gelbem Gesicht voller Sommersprossen, mit rotem Haar, in grauen, zu weiten
Kleidern, das die Hnde in den Hosentaschen unendlich frech durch die dunkle
Luft hinschlenderte. Die lauten Klagelaute gehrten einer groen Frau mit lang
niederhngendem, grauen Haar. Die Augen waren hellgelb wie Meersand, den Mund
ffnete sie weit - ein groes schwarzes Loch in dem weien Gesicht. Und mitten
in allem diesen Spuk und Schrecken, in dieser Finsternis und diesem Geheul war
Hans, dort muten ihr Denken und ihr Warten ihn suchen. Doralice fuhr empor, als
wollte sie eine unertrgliche Last von sich abschtteln. Auch Agnes wurde
unruhig, sie begann auf dem Spirituskocher Tee zu kochen. Das interessierte
beide. Und das Teetrinken dann, das Anznden einer Zigarette gaben einen kleinen
flchtigen Augenblick des Vergessens und sehr durchdringenden Behagens. Aber die
schwere Arbeit des Wartens und Bangens mute gleich wieder aufgenommen werden.
Wenn Doralicens Gedanken, der Spannung mde, kraftlos wurden, waren sofort
Bilder da, farbige, belebte Traumbilder. Sie sah den Strand gelb von
Sonnenschein, die Generalin im weien Piqukleide kmpfte mit dem Winde, Lolo
stand, ein schmaler roter Strich, in einem grnblauen Meere und Hans kam langsam
durch den Sonnenschein auf Doralice zu. Schn, schn, sagte er in seiner
herzlichen, eifrigen Weise, du hast auf mich gewartet, schn, schn. Und
Doralice fhlte, da nun alles wieder gut sei, fhlte das mit einer so starken
und heien Erschtterung der Freude, da sie mit einem Ruck aus ihrem Sessel
auffuhr und das bleiche sich sachte hin und her wiegende Gesicht Agnes'
verstndnislos anschaute. Nein, diese Traumbilder waren Leben und dieses Zimmer
mit der bleichen Agnes und der heulenden schwarzen Nacht drauen, das waren nur
die Schrecken eines unbegreiflichen Traumes. Und sie flchtete wieder zu den
Traumbildern, lebte mit ihnen, bis die Freude, die sie brachten, sie wieder
weckte.
    Der Tag graute, zgernd und schbig. Ein heftiger Gewitterregen ging nieder;
er hllte das Land und das Haus wie in undurchdringliche staubgraue Spinnweben
ein. Da hatte das Licht einen schweren Stand. War das berhaupt ein Tag, dachte
Doralice, dieses mde, kummervolle Hindmmern, unterbrochen von dem jhen
Aufschrecken, wenn das deutliche Bewutsein des jammervollen, unfabaren Wartens
kam. Sie kleidete sich an wie sonst, Agnes kochte wieder Tee, spter machte sie
Spiegeleier, denn sie meinte, des Sturmes wegen wrde man nicht so leicht Feuer
auf dem Herde machen knnen. Leute kamen, die Wardeins und die Steege; sie
standen da im Zimmer und sprachen laut miteinander. Die Steegin mit
rotverweinten Augen, ungekmmtem Haar, bleich und bernchtig, weinte ganz laut:
Hu, hu, hu und redete wie im Fieber. Natrlich, wenn man alles Geld ins
Wirtshaus trgt, kann man sich kein neues Boot kaufen, dann kann man kaum das
alte instand halten. Aber auf sie hrte er ja nicht. Noch gestern morgen hatte
sie ihm gesagt, da sie einen schlechten Traum gehabt hatte; ihr hatte getrumt,
Steege stnde in seinem Boot und das Boot war ganz voll mit Dorschen gewesen,
bis zum Rande voll. Von Dorschen aber zu trumen ist schlecht, von Butten gut.
Aber auf sie hrte er ja nicht.
    Von Dorschen zu trumen ist schlecht und von Butten gut, wiederholte die
Mutter Wardein ernst, das ist richtig. - Als die Frauen gegangen waren, kam
der Geheimrat; er war steif und offiziell, dabei hatten seine Zge etwas
Gekniffenes und Verzerrtes, als schmerze ihn sein Gesicht. Er sagte, Doralice
knne sich auf ihn verlassen, alles Ntige wrde geschehen. Sobald es mglich
wre, wrden Leute hinausfahren. Einen Mann zu Pferde hatte er den Strand hinab,
dem Leuchtturme zu, geschickt. Dann sa er da, trommelte mit den Fingern auf
sein Knie, suchte nach etwas, das er sagen knnte, etwas, das zu Herzen geht, er
fand jedoch nichts. So bemerkte er nur: Sie sollten sich einen Pelzmantel
umnehmen, in solchen Zeiten friert man. Nachdem er schweigend eine Weile
gesessen, ging er.
    Gegen Abend verbreitete sich das Gercht, der Fischer Stibbe sei zurck.
Wieder war das Zimmer voller Frauen; die Stibbin erzhlte, ihr Mann habe sich
bald von Steege getrennt, da ihm das Wetter verdchtig erschienen sei. Unterwegs
habe das Gewitter ihn noch erwischt, es sei dunkel geworden, da er nicht die
Hand vor Augen sah, und der Sturm! Es war noch gut gewesen, da er bald in die
Bucht hinter den Leuchtturm geraten war und dann - ein gutes Boot war eben ein
gutes Boot. Wenn er das neue Boot nicht gehabt htte, wer wei, wie es ihm dann
ergangen wre. Von Steege und Hans wute er nichts. Die Frauen sprachen alle zu
gleicher Zeit, die Steegin weinte wieder: Hu, hu, hu, endlich schickte Agnes
sie alle hinaus.
    Der Abend brach herein; Doralice und Agnes saen sich gegenber; Agnes
wiegte sich sachte und jammerte leise; Doralice versuchte es mit ihren Gedanken,
sich in irgendwelche ferne, friedliche Erinnerungswinkel zu flchten, oder sie
hrte gedankenlos dem Sturm und dem Meere zu. Die Nacht kam, Agnes brachte
Doralice zu Bett und Doralice versank in einen schweren Schlaf; durch den tiefen
Schlaf ging zuweilen etwas, das zu schwer zu tragen war, und das Erwachen wurde
dann zur einzigen Zuflucht. Doralice schlug die Augen auf. Das Zimmer war hell;
auf dem Stuhl am Fuende des Bettes sa Agnes in Tcher gewickelt; das kleine
gelbe Gesicht schaute seltsam friedlich, fast heiter drein, die weiche Linie des
zahnlosen Mundes zuckte in einem verhaltenen Lcheln. Als Agnes sah, da
Doralice wach wurde, fing sie an zu sprechen. Sie sprach so, als fahre sie in
einer begonnenen Erzhlung fort: Und damals, als wir die Hochzeit fr die Base
Anne ausrichteten, nein, dieser Schlingel! Also wir hatten eine schne, groe
Gans, die war in das Rohr geschoben und bret dort. Unterdessen war vieles andere
zu tun und als wir nun denken, die Gans mu fertig sein, und nachschauen, da ist
die Gans fort. Das war nun ein Geschrei und Suchen, aber fort war fort, wie ein
Wunder kam es uns vor. Mir fiel es wohl einen Augenblick auf, da der Hans und
die anderen Jungen fr eine Weile nicht zu sehen waren, rein zu verschwunden,
wie der Jude zu Michaelis. Nun aber ich dachte mir nichts dabei. Erst spter,
lange hernach, hat der Hans es mir gesagt, hat der verfluchte Schlingel die Gans
aus dem Rohr gestohlen und zusammen mit den anderen Jungen oben auf dem Heuboden
aufgefressen. Ich habe ihm versprechen mssen, es keinem zu sagen, und bis heute
habe ich es keinem gesagt. Aber so was, die Gans aus dem Rohr zu stehlen und
aufzufressen!
    Agnes' Lachen klang herzlich und behaglich in das Pfeifen und Sthnen des
Windes hinein. -
    In der Nacht hatte sich der Sturm gelegt. Der Regen dauerte noch den ganzen
Vormittag des nchsten Tages an, erst am Nachmittage hrte er auf. Doralice ging
zum Strande hinab, eilig, als warte dort jemand auf sie, die Wellen hatten den
Sand aufgepflgt, ihr Fu sank tief in Algen und Seetang ein. Unter dem
eisengrauen Himmel lag das Meer wei von Schaum wie kochende Milch. Sehr
aufgeregt waren die Mwen, sie schossen hin und her und stritten sich mit ihren
schrillen, keifenden Stimmen. Das war wild und grausam, aber man konnte hier
wenigstens atmen. Doralice hrte hinter sich eilige Schritte nackter Fe ber
den Seetang laufen. Die Steegin war es, die sie einholte und sich ihr anschlo.
Sie sprach und klagte unausgesetzt: Nein, die kommen nicht mehr heraus, die
Mutter Wardein sagt das auch. Dort weit mu eine Stelle sein, von der sie nicht
mehr zurckkommen. Dort unten mssen Spalten und Hhlen sein oder, was kann man
wissen, was sie dort hlt. Der Wardein Mathies kam auch nicht heraus. Und
whrend die beiden bleichen Frauen eilig am Strande hingingen, schauten sie mit
weitoffenen Augen suchend und angstvoll auf das Meer hinaus. Mit einbrechender
Dunkelheit mute die Steegin heim zu ihren Kindern. Doralice entschlo sich nur
schwer, ins Haus zu gehen, das Gewaltsame hier drauen erdrckte die Gedanken,
dort drinnen wartete das Vermissen auf sie, die Enttuschung jeden Augenblickes,
wenn sie immer wieder aufhorchte und meinte, die bekannte Stimme, der bekannte
Schritt mten sich vernehmen lassen. Und immer wieder war es ihr, als griffe
sie nach einer vertrauten warmen Hand und mute es mit Entsetzen fhlen, da
diese Hand kalt und fremd geworden war.
    Agnes trug das Essen auf, stand dabei und sah zu, wie Doralice a, und
beiden rannen dabei die Trnen ber die Wangen. Spt am Abend kam noch der
Geheimrat, dessen Diener Klaus mit einer groen Stallaterne leuchtete.
Knospelius sa Doralice gegenber, er wute nicht viel zu sagen. Von alten
Ministern und trkischen Cafs durfte er hier nicht sprechen. Aber Doralice
konnte dann klagen und weinen und das tat ihr wohl: Auf morgen also, sagte er
mir, als er fortging, alles wollte er mir dann sagen, alles, was er mir die
ganze Zeit ber verschwiegen hatte - und nun -
    Mein Gott, sagte Knospelius und zog die Augenbrauen empor: was wir auch
sagen, wir nehmen unser Geheimnis ja doch mit.
    Welches Geheimnis? fragte Doralice und ihre Augen wurden gro und rund vor
Erstaunen.
    Knospelius verzog rgerlich sein Gesicht: Nichts, nichts, das war nur so
ein Ausspruch, und Sie wissen, wenn man nichts Rechtes zu sagen wei, so tut man
einen Ausspruch. brigens, fuhr er zgernd fort: er war es nicht gewohnt zu
trsten und auch nicht gewohnt so starkes Mitleid zu empfinden, brigens, fuhr
er fort, von denen, die uns nahe stehen, wollen wir doch nichts Neues erfahren,
sie sollen sich immer wieder so besttigen, wie wir sie kennen. Wir wollen
nichts bei ihnen entdecken, was wir nicht schon wissen.
    Ich wollte wissen, ob er mich noch so liebt wie frher, sagte Doralice
einfach. Darauf fand der Geheimrat keine Antwort. Er bog den Kopf zurck und
schlo die Augen, das schne, trnenberstrmte Gesicht ihm gegenber ergriff
ihn zu stark.
    Von der Kche her klang Klaus' laute, predigende Stimme herber, er las
Agnes aus der Bibel vor.
    Am vierten Tage nach der Sturmnacht kam die Nachricht, bei dem Fischerdorf
hinter dem Leuchtturm sei ein Boot an das Ufer gesplt worden. Die Steegin zog
ihr Sonntagskleid an und fuhr mit dem Strandwchter hin. Spt am Nachmittag
kehrte sie zurck und berichtete, es sei ihr Boot gewesen, bel zugerichtet, sie
habe es dort gleich an einen Fischer verkauft. Sie wischte sich mit dem
Zeigefinger die Trnen aus den Augenwinkeln, war aber ruhig und sachlich. Da sie
nun mal ihr gutes Kleid anhatte, wollte sie zum Schullehrer hinaufgehen, um die
Glocke fr ihren Mann luten zu lassen und weil morgen Sonntag war, konnte der
Schullehrer in der Kirche die Totenpredigt lesen, denn der Pastor war fr eine
Woche in die Stadt verreist. Agnes sagte, sie wrde sie begleiten.
    Der Sonntagmorgen war sonnig und der sandige Weg, der zur Kirche fhrte,
belebt von Kirchengngern. Als Doralice und Agnes die kleine Kirche betraten,
fanden sie alle Bnke dicht besetzt. An den teilnahmsvollen Blicken, die auf sie
gerichtet waren, merkten sie, da auf sie gewartet worden war, und auf der
vordersten Bank neben der Steegin und ihren drei Kindern waren fr sie Pltze
frei gehalten worden. Der weigetnchte Raum war voller Sonnenschein und das
Altarbild, Christus Petrus ber das Wasser geleitend, mit seinen giftgrnen
Wellen, seinen rot und gelben Gewndern schrie ordentlich in die weie
Helligkeit hinein. Ein Choral wurde gesungen von lauten, heiseren Frauenstimmen,
dann las der Schullehrer eine Predigt vor, sein bleiches, gedunsenes Gesicht
verzog sich zu einer traurigen Miene, sein Tonfall war singend und eintnig. Auf
allen Bnken begannen die Frauen zu seufzen, die Steegin und ihre Kinder weinten
laut, auch Agnes weinte. Doralice jedoch konnte nicht weinen und weil sie
fhlte, da die Frauen sie deshalb verwundert und mibilligend ansahen, zog sie
sich ihren Schleier vor das Gesicht. Sie hatte nicht die Empfindung, da diese
singenden und seufzenden Frauen, da die Worte, die dieser hliche Mann dort
auf der Kanzel vorlas, irgend etwas mit ihr und ihrem Schmerze zu tun haben
knnten. Der Gottesdienst war zu Ende, die Fischerfrauen standen noch auf dem
sonnigen Kirchenplatz beisammen und sprachen. Die Steegin war sehr umringt, man
versprach ihr bei der Kartoffelernte zu helfen, doch die Stibbin meinte, sie
solle zum Fischreinigen zu ihr herberkommen, dafr wrde sie dann einige Fische
kriegen. Der Steegin schien die allgemeine Teilnahme wohlzutun und sie machte
fast ein zufriedenes Gesicht, als sie mit ihren drei Kindern durch die niedrige
Tr in ihrer Kate verschwand. Ihr Unglck war von heute ab eine Einrichtung
ihres Lebens geworden, mit der sie sich abzufinden hatte. Von nun ab irrte sie
auch nicht mehr am Strande umher.
    Doralice ging jetzt allein am Strande hin, sie ging tglich stundenlang, das
war der Inhalt ihres Lebens. Sie wollte Hans dienen, wollte bei ihm sein, wollte
ihm treu sein. Dort auch vermochte sie ihren Schmerz tief zu fhlen, konnte um
ihre Liebe trauern, konnte unglcklich sein, denn, wenn sie das nicht konnte,
was hatte sie dann, was war sie dann? Und dann war um sie und in ihr alles leer.
Etwas anderes noch war es, was sie auf ihren Wanderungen begleitete. Wenn sie so
an den Wellen entlang ging, die wei mit leisem Prickeln ber den Sand bis zu
ihr hinaufliefen, da schien es ihr, als wollte das Meer sie zu etwas berreden,
zu etwas, gegen das sie sich strubte, gegen das sie stritt, zuweilen so heftig
stritt, da sie laut vor sich hin ein nein, nein in das Rauschen der Wellen
hineinsprach. Allein dieser Streit mit dem Meere hatte fr sie eine furchtbar
erregende Anziehung. Zu Zeiten jedoch entglitt ihr all das, dann versank sie
gedankenlos in die Betrachtung der feinen Linien, die das Wasser auf den Sand
geschrieben hatte, in den Anblick der zitronengelben, hellblauen und hellrosa
Muscheln, welche wie kleine Blumen ber das Ufer gestreut waren. Oder sie folgte
mit den Blicken den Wellen, die eilig hintereinander herliefen, ohne da je eine
die andere erreichte. Der zu Ende gehende September hatte sommerwarme Tage
gebracht, Doralice ging weit weit hinaus dem Leuchtturme zu, sie ging, bis ihr
die Fe schwer vor Mdigkeit wurden. Dort weiter fort trat der Hochwald bis
dicht an den Dnenrand heran, riesige rote Fhrenstmme mit wirren dunklen
Schpfen, hier und da stand eine Birke oder eine Espe zwischen ihnen, das Laub,
schon herbstlich gelb, stand da wie ein goldenes Gert in einer groen
Sulenhalle. Die Moosdecke des Bodens war bunt von Herbstschwmmen und
Preiselbeeren, Sonnenschein und die Schatten der Baumzweige trieben dort ihr
stummes Spiel. Das mute gut tun, dort auszuruhen, dachte Doralice. Sie stieg
hinauf und streckte sich auf einem Mooshgel aus.
    Wir knnen einen sehr groen Schmerz haben, wir knnen sehr unglcklich sein
und doch hlt all das nicht stand vor der Wonne, nach einer langen ermdenden
Wanderung wohlig die Beine von sich zu strecken. Sie sah hinauf in die Wipfel
der Fhren, hoch oben revierte ein Falke metallblank in all dem Blau. Neben ihr
stand eine Espe und flsterte unablssig. Wie war es hier gut, ber alles
Wnschen hinaus gut. Doralice fielen die Augen zu, das letzte, was sie mit
halbgeschlossenen Lidern noch sah, war ein Sprung Rehe, der von der Hhe
niederstieg. Vorsichtig hoben die Tiere ihre dnnen Lufe ber das hohe
Farnkraut. Sie gingen bis an den Rand der Dne vor, blieben dort stehen und
ugten regungslos auf das Meer hinaus.
    Doralice schlief so s, da, als der Schlaf vorber war, sie doch noch
dalag ohne sich zu bewegen, in der Hoffnung, noch ein wenig dieses gedankenlose
Glck halten zu knnen. Allein dann war das Erwachen endlich unwiderruflich da,
sie richtete sich auf, sa da und dachte nach. Wie wohl sie sich gefhlt hatte,
wie wohl sie sich immer noch fhlte; wie war das? Sie hatte doch ihren groen
Schmerz, ihr Unglck. Wo waren sie? Hatte sie sie verloren? Nein nein, das
nicht. Angstvoll sprang sie auf und eilte zum Meere hinab, dort ihren Schmerz
wiederzufinden.
    Die Nchte waren wieder mondhell. Knospelius und Doralice saen an dem
gewohnten Platz auf der Dne, ihnen zu Fen schlief Karo der Hhnerhund. Das
Meer war tief beruhigt, sachte wiegte sich der Mondglanz auf dem Wasser, nur an
der Brandung schnurrten kleine silberne Wellen behaglich vor sich hin. Vor
Stibbes Htte wurden wieder Fische gereinigt und die Frauen sangen ihr altes
klagendes Lied:

Sonnchen wollt im Meere schlafen,
Schwarze Wasser sind die Decken,
Hecht, du grner Offizier,
Laufe schnell es aufzuwecken,
Raderi raderi raderira!

Sonnchen wollt im Meere schlafen,
Wo mein Junge schlafen mu.
Butte, kleines braunes Frauchen,
Bringe beiden meinen Gru.
Raderi raderi raderira!

    Karo schlft jetzt viel, sagte der Geheimrat, er ist verstimmt, das Meer
interessiert ihn nicht, daher will er trumen, er jagt im Traum, seine Trume
sind grn oder korngelb.
    Ja, meinte Doralice, ich habe es bisher auch nicht gewut, wie wichtig
Trume werden knnen.
    Der Geheimrat zog eine Weile sinnend an seiner Zigarre: Ich wei, ich
wei߫, begann er dann wieder, hab' auch solche Zeiten gehabt, an der
Wirklichkeit liegt einem dann nichts und die Trume werden einem dann wichtig.
In solchen Zeiten mu man den Trumen entgegenkommen; man mu Orte aufsuchen,
die den Trumen frderlich sind oder sie nicht stren. Solche Orte gibt es, dort
unten in Italien oder auf den griechischen Inseln. Ich habe gedacht, wenn Sie
von hier fortgehen ...
    - Wohin soll ich gehen? unterbrach ihn Doralice leidenschaftlich. Sie
wissen doch, der einzige Ort, an dem mein Leben einen Sinn hat, ist hier.
    Natrlich, natrlich, brummte Knospelius, ich sage nur, wenn Sie
fortgehen. Schlielich kommt der Winter, dann ist das Land hier auch nicht mehr
dasselbe; dann wre so eine stille sdliche Bucht empfehlenswert, blau,
Sonnenschein, die Luft weich wie eine Puderquaste; das Leben so
selbstverstndlich, da man nicht darber nachdenkt, ob man es leben soll oder
nicht. Man denkt berhaupt nicht nach, oder wenn man denkt, so komponiert man an
seiner Vergangenheit, denn unsere Gegenwart knnen wir wohl verachten, aber von
seiner Vergangenheit will jeder etwas haben. Ich meine also, wenn Sie von hier
fort knnen, so sollten wir an solch eine stille Bucht gehen.
    - Wir? fragte Doralice.
    Ja, ich sage wir, erwiderte Knospelius, denn Sie mssen einen haben, der
Sie begleitet und beschtzt und, sehen Sie, ich bin der geborene Begleiter, der
geborene Beschtzer, sozusagen der geborene Vormund, ich kompromittiere niemand,
mein Wiedertufer von Diener sagte mir einmal: Exzellenz haben es leichter, der
Welt zu entsagen, denn Gott gab Exzellenz ein Extrakreuz. Knospelius kicherte
leise in sich hinein. Solch eine Zeit wrde Ihnen gut tun, fuhr er dann fort,
ruhig abwarten, wie das Leben weiter geht, denn bei Ihnen wird es weiter gehen.
Sehen Sie die Wellchen dort, jetzt ist die eine oben im Licht, dann geht's
herunter in den Schatten - gut, gut - ich bin der geborene Kamerad des
Wellentals. Wenn es dann wieder aufwrts geht, knnen Sie mich stehen lassen,
daraus mache ich mir nichts, das bin ich gewohnt. Man hat mich mein ganzes Leben
hindurch stehen lassen. Ein netter, interessanter Herr, sagten die Menschen von
mir und lieen mich stehen. Aber das ist ganz gleich. Es ist auch ganz gleich,
da das Zusammensein mit Ihnen fr mich ein Erlebnis wre; es htte auch nicht
das geringste zu bedeuten, wenn ich Ihnen eine Liebeserklrung machte; man kann
ein gekrmmtes Rckgrat und doch seine Sentiments haben, aber die gehen einen
dann ganz allein etwas an. Ich sage das nur, damit Sie nicht glauben, ich bin
ein Opfer, im Gegenteil, - aber wie gesagt, das ist egal. Die Hauptsache ist,
da es fr Sie das Richtige wre.
    Ich danke Ihnen, sagte Doralice leise, aber ich kann jetzt von hier nicht
fort.
    Freilich, freilich, sagte Knospelius heiter, wir haben Zeit, wir haben
hier gelernt, Zeit zu haben, wir warten, wir warten ruhig ab, bis das Meer uns
freigibt. -
    So kam es denn, da, als der Oktoberwind die gelben Birkenbltter von der
Zibbehhe auf das Meer hinaustrieb und das blassere Gold der Oktobersonne ber
den Wellen lag, das wunderliche Paar noch immer Tag fr Tag am Strande entlang
ging, die schne, bleiche Frau mit den wehenden Trauerschleiern und der kleine,
verbogene Herr im langen grauen Paletot, gefolgt von seinem Hhnerhunde, der
mimutig und gelangweilt auf das Meer hinausghnte. Sie warteten alle drei
darauf, da das Meer sie freigbe.
