 Schluss  [285] In vorstehenden Schilderungen spiegelt sich ein gutes Stück der kulturwidrigen und menschenunwürdigen Zustände wieder, unter denen die deutschen Landarbeiter in der Jetztzeit noch zu leben gezwungen sind. Und dabei handelt es sich hier nur um die Erfahrungen eines einzelnen, dem es als ländlicher Dienstbote und Arbeiter noch durchaus nicht am schlechtesten ergangen ist. Doch wenn auch Tausende von Landarbeitern der verschiedensten Gegenden Deutschlands die Erlebnisse aus ihrem Dienst- und Arbeitsverhältnis aufzeichnen wollten, es würde sich trotz aller Unterschiede im einzelnen im wesentlichen stets dasselbe Bild zeigen: Übermäßig lange Arbeitszeit, völlig unzureichende Entlohnung, elende Wohnungszustände, vielfach schlechte Kost und noch schlechtere Behandlung, und demzufolge auch ein nicht fortzuleugnender geistiger Tiefstand in der großen Masse des ländlichen Proletariats. Als lähmende Rechtsfesseln umschließen das Ganze: hundertjährige Gesindeordnungen, einseitig im Interesse der Großlandwirte abgefaßte Kontrakte und längst veraltete Koalitionsbeschränkungen. Es liegt auf der Hand, daß diese Zustände eines Kulturvolkes unwürdig sind, daß sie sich überlebt haben, in die heutige Zeit überhaupt nicht mehr hineinpassen. Trotzdem aber schreien die agrarischen Interessenvereinigungen fortgesetzt nach einer vermehrten Knebelung der Landarbeiter. Ganz ungeniert fordern sie: die Beschränkung der Freizügigkeit; die kriminelle Bestrafung des Kontraktbruchs; die vermehrte Beurlaubung von Soldaten und Heranziehung von Korrigenden und Gefangenen zu landwirtschaftlichen Arbeiten; Verschickung tunlichst aller Waisenkinder aus dem Arbeiterstande aufs Land, damit sie dort als Dienstboten verwendet werden; zwangsweise Zurücksendung der vom Lande stammenden Reservisten nach beendeter Militärzeit in ihre Heimatsdörfer; unbegrenzte Zulassung ausländischer Arbeiter zur Beschäftigung in[286] der Landwirtschaft und sofortige Ausweisung dieser Arbeiter, falls sie aus irgendeinem Grunde die Arbeit in der Landwirtschaft aufgeben; Einführung lebenslänglicher Kontrakte zwischen Gutsherrn und Arbeitern; Nichtbeschäftigung von Landarbeitern bei Kanal-, Chaussee- oder Eisenbahnbauten; noch größere Beschränkung der Schulzeit für die Kinder der Landarbeiter; gesetzliche Einführung der Prügelstrafe. Es genügt, an dieser Stelle auf die Ungeheuerlichkeit solcher Forderungen nur beiläufig hinzuweisen. Würden sie durchgeführt, so wäre das gleichbedeutend mit offener Wiedereinführung der Leibeigenschaft für die Landarbeiter. Der allgemeine Kulturstand drängt aber nach Fortschritt und nicht nach Rückschritt; und von ihm getragen wird auch die mächtig aufwärtsstrebende Arbeiterbewegung Mittel und Wege finden, um das millionenstarke Herr der deutschen Landarbeiter aus einem fast noch mittelalterlichen Abhängigkeitsverhältnis einer besseren, menschenwürdigen Zukunft entgegenzuführen.[287] 
 Im Tagelöhnerjoch  [240] Nach meinem Abgang von Poggensand trug ich, aufrichtig gestanden, kein Verlangen mehr darnach, mich fernerhin noch als Knecht zu vermieten. Lange genug hatte ich das gebundene Leben eines Gesindesklaven geführt; ich sehnte mich nach einem etwas besseren Arbeitsverhältnis, nach größerer Bewegungsfreiheit. Deshalb war ich mir schlüssig geworden, von jetzt ab zu ? tagelöhnern. Zwar, in manchen Stücken war man als Dienstknecht ja besser daran, wie als freier Arbeiter. Einmal brauchte man nicht mit Arbeitslosigkeit zu rechnen; dann steckte man die Füße unter anderer Leute Tisch, ist also keinen direkten Nahrungssorgen ausgesetzt. Doch ich stand jetzt im Alter von 25 Jahren, und da hatte ich das Abhängigkeitsverhältnis als Knecht nachgerade »dick« gekriegt. Mit zunehmender Reife wird das an sich schon recht drückende Gefühl, mindestens ein halbes Jahr auf ein und derselben Stelle aushalten zu müssen, immer unerträglicher. Man muß der Herrschaft sozusagen jederzeit hinten und vorn zur Verfügung stehen. Des Morgens ist der Knecht der erste aus dem Bett, und des Abends hat er am letzten Feierabend. Auch nach Beendigung der regulären Arbeitszeit, oder sogar zwischen ihr in den wenigen Pausen am Mittag, am Abend und nicht zuletzt am Sonntag, gibt es für ihn vielfach noch die verschiedensten Handreichungen und Kleinarbeiten zu tun, die einem Tagelöhner in der Regel gar nicht erst zugemutet werden, deren Verrichtung für den Knecht aber als eine Selbstverständlichkeit gilt. Hierzu kommt, daß der Knecht laut Gesindeordnung eigentlich so gut wie nichts verweigern darf, was ihm die Herrschaft aufzutragen beliebt. Selbst die Aufträge halbwüchsiger Söhne und Töchter des Dienstherrn hat er auszuführen. Wohl gibt es, wie wir selbst es erlebten, vernünftige Landwirte, die in dem Knecht nicht nur den Knecht, sondern auch den Menschen und Mitarbeiter sehen und die die ihnen nach der Gesindeordnung[241] zustehenden Befugnisse gar nicht voll ausnutzen. In jedem Falle aber ? mag man es nun mit einer guten oder einer schlechten Herrschaft zu tun haben ? haftet für den, der älter und reifer wird, dem Gesindedienst, wie er jetzt in der Regel besteht, etwas Niederdrückendes, ja man kann sagen: ein Stück Sklaventum an, das auch durch eine verhältnismäßig anständige Behandlung niemals völlig aufgehoben wird. Es ist, als ob man stets in einer unsichtbaren Zwangsjacke stecke, die nur je nach dem Charakter der Dienstherrschaft bald straff, bald locker angezogen wird. Hat man daher erst das Mündigkeitsalter überschritten und die Kommißjahre hinter sich, dann bekommt man das »Dienen« nach und nach satt und zieht die Tagelohnsarbeit dem Gesindedienst vor. So auch ich. Nun ist freilich auch zwischen Tagelöhner und Tagelöhner ein Unterschied. Im allgemeinen unterscheidet man in der Landwirtschaft zwei Gruppen: die Kontrakttagelöhner und die freien Tagelöhner. Die ersteren findet man fast ausschließlich auf den Gütern der Großgrundbesitzer, wie ich sie in Pommern und im östlichen Holstein, der sogenannten »Grafenecke«, kennen lernte. Auf den Gütern werden sie gebraucht, weil die Gutsbesitzer infolge der Größe ihres Besitzes außer dem häufig wechselnden Gesinde noch eines Stamms von Arbeitern benötigen, die, mit sämtlichen landwirtschaftlichen Arbeiten hinlänglich vertraut, ihnen ständig zur Verfügung stehen. Am besten können hierzu natürlich verheiratete Leute verwendet werden, weil diese seßhafter sind wie unverheiratete. Auch sind sie ungleich gefügiger, weil die Sorge um die Familie sie dazu drängt, sich nach einer Brotstelle umzusehen, die sie nicht in kurzen Fristen zu wechseln brauchen; denn einem Familienvater macht es kein Vergnügen, alle Naslang mit seinem bißchen Hausrat auf der Straße zu liegen und womöglich von Ort zu Ort zu ziehen, um Beschäftigung zu suchen. Wer es also nicht unbedingt muß, wechselt nicht. Dort aber, wo nicht die Gutswirtschaft, sondern der großbäuerliche Grundbesitz dominiert, wie in den Marschgegenden, gibt es überhaupt keine Kontrakttagelöhner. Sie sind hier überflüssig, denn selbst die Bauern, die ständig ein oder zwei Tagelöhner beschäftigen,[242] dringen nicht auf ein festes Verhältnis mit ihnen, weil doch hin und wieder Perioden eintreten, wo sie mit der Arbeit aussetzen müssen. Auch spielt hier der Volkscharakter stark hinein; in Dithmarschen hat es nie Leibeigenschaft gegeben, darum besteht seit je auf beiden Seiten eine Abneigung gegen kontraktliche Bindungen. Zudem lehrte die Erfahrung, daß jemand auch ohne langfristigen Kontrakt jahrelang auf einer Stelle arbeiten konnte. Vor allem aber kommt in Betracht, daß infolge der modernisierten Betriebsweise die landwirtschaftliche Arbeit immer mehr Saisonarbeit wird, sich deshalb in allen bäuerlichen Mittelbetrieben die Nachfrage nach seßhaften Arbeitern stetig verringert. Früher gab es sowohl im Winter als auch im Sommer in der Landwirtschaft Arbeit genug, denn sämtliche Arbeiten mußten mit der Hand verrichtet werden. Den ganzen Winter über standen einige Tagelöhner auf der Dreschdiele und draschen das Korn mit dem Flegel aus. Diese Arbeit hat sich infolge der jetzt überall gebräuchlichen Dreschmaschine bis auf ein Minimum beschränkt. Nur um zur Reparatur des Strohdachs oder zu Pferdehäcksel ein geringes Quantum Glattstroh zu haben, lassen die Bauern noch hin und wieder einige Fuhren Garben für die Tagelöhner zum Ausdrusch mit dem Flegel sitzen, das übrige Korn wird samt und sonders schon im Herbst, spätestens aber im Vorwinter, in wenigen Tagen mit der Maschine abgedroschen. Ähnlich steht es mit den Meliorationsarbeiten, die infolge der fast überall sorgfältig durchgeführten Drainage wesentlich eingeschränkt sind. Ebenso macht die Mähmaschine viele Hände überflüssig, wo Bodenbeschaffenheit und Kornart dies nur immer gestatten. Doch nicht allein auf den Acker und den Drusch erstreckt sich die Anwendung der modern-rationellen Betriebsart, sondern auch auf den Stall. Ein einziger jugendlicher Knecht kann heute die doppelte Stückzahl Vieh abwarten, wie früher zwei Vollknechte oder Tagelöhner. Früher stand das Vieh meistens auf »Peddmeß«, das Abmisten geschah also nur von Zeit zu Zeit, vielleicht alle Wochen oder alle vierzehn Tage einmal und erforderte dann die Kräfte von erwachsenen Leuten. Heute dagegen steht das Vieh[243] auf Hochstall und wird zweimal täglich abgemistet, eine Arbeit, die auch von jüngeren Knechten ohne besondere Anstrengung verrichtet werden kann. Volle Arbeitskräfte erforderte früher auch das Tränken des Viehes, weil jedem einzelnen Tiere das Wasser in schweren Börneimern aus der »Graff« oder aus einer Bornschkuhle von draußen vorgetragen werden mußte. Jetzt aber befindet sich in jedem Stall eine Pumpe; häufig wird das Wasserpumpen sogar durch Pferdekraft besorgt, und vielfach sind auch Selbsttränkeapparate vorhanden, so daß gerade auf den größten Höfen das Viehtränken überhaupt keine Schwierigkeiten mehr macht. Ganz dasselbe ist schließlich auch beim Häckselschneiden der Fall. Die meisten Großbauern mußten früher während des Winters fast ständig einen vollkräftigen Mann beschäftigen, der weiter nichts tat, als auf der alten Hacklade das erforderliche Quantum Häcksel klein zu knuffen. Mit den heutigen Göpelmaschinen ist das Häckselschneiden ein Spielwerk geworden; es wird nur noch alle paar Tage im Nebenamt besorgt. So hat also ? eine bekannte Geschichte ? die Einführung von Maschinen eine förmliche Umwälzung auch in der Landwirtschaft herbeigeführt, die besonders für die seßhaften Arbeiter äußerst nachteilig wirkt. Ist im Frühjahr die Saat in der Erde, dann gibt's eine lose Zeit bis zur Heuernte. Ist das Heu geborgen, so haben die Tagelöhner wieder Ruhe bis zur Kornernte. Nach der Kornernte dauert es erst wieder eine gute Weile bis zu den Herbstarbeiten, und sind diese beendet, so macht der Bauer seine Tür zu. Der verheiratete Tagelöhner mag sehen, wie er durchkommt; mit ein paar jugendlichen Knechten läßt sich die Viehfütterung und die sonstige Winterarbeit meist mit Leichtigkeit bewältigen. Nur selten findet sich zwischen den Saat- und Ernteperioden noch etwas zu tun, wozu verheiratete Tagelöhner in größerer Zahl gebraucht würden. Etwas anders verhält es sich dagegen mit den unverheirateten Tagelöhnern. Zwischen diesen und den verheirateten besteht ein ähnlicher Unterschied, wie zwischen den freien und kontraktlich gebundenen Tagelöhnern. Ein Unverheirateter hat ja nur für seine eigene Person zu sorgen. Ob er in seinem Stammdorf beschäftigt[244] wird, oder einige Meilen davon entfernt, das verschlägt ihm wenig; er kann sich die Arbeit aussuchen, kann ihr sozusagen nachlaufen, während der Verheiratete seiner Familie wegen mehr an den Ort gebunden ist. Weiter braucht der Unverheiratete auch bei der Festsetzung des Tagelohnes nicht auf den letzten höchsten Groschen zu sehen. Wenn es eben nicht anders ist, arbeitet er mal für ein paar Groschen billiger; die Kost bekommt er ja in der Regel zu, also verliert er nicht gar zu viel. Schon aus diesem Grunde nehmen die Bauern zu gewissen Zeiten lieber einen ledigen wie einen verheirateten Tagelöhner, wissen sie doch, daß sie ? wenigstens in flauen Perioden ? den Lohn des Ledigen »kneifen« können, was bei einem Verheirateten weniger gut möglich ist, weil sie selbst einsehen, daß ein Familienvater mit einem so erniedrigten Lohn beim besten Willen nicht auskommen könnte. Deshalb salvieren sie ihr Gewissen, indem sie in solcher Zeit einen Verheirateten ? überhaupt nicht in Arbeit nehmen; niemand kann ihnen dann nachsagen, daß sie diesem einen Hungerlohn geboten hätten. Die ledigen Tagelöhner, soweit sie leidlich kräftige und arbeitskundige Leute sind, stehen sich denn auch von allen landwirtschaftlichen Arbeitern verhältnismäßig am besten. Mit der Gesindeordnung haben sie nichts zu tun, die ist für sie ausgeschaltet. Ihr Arbeitsvertrag mit dem Landwirt beruht auf freier Vereinbarung und gilt nur von Woche zu Woche, kann jedoch zur Not auch an jedem Tage der Woche gelöst werden; ebenso brauchen sie nicht oft mit Arbeitslosigkeit zu rechnen, wenn sie nicht gerade Dorfhocker sind. Solch ein Tagelöhner war nun auch ich jetzt geworden. Hier möchte ich indessen noch gleich einige Worte über die Arbeitsvermittlung mit einflechten. Da die Bauern fast durchweg zu stolz sind, sich ihre Leute selbst zu besorgen, so übertragen sie dieses Geschäft mit Vorliebe den Vermietern, den sogenannten Seelenverkäufern. Die Folge hiervon ist, daß sich auch die Leute, Gesinde sowohl wie Tagelöhner, an solche Vermieter wenden müssen, wenn sie Dienst nehmen oder Arbeit haben wollen. Eine Ausnahme wird nur dann gemacht, wenn ein Dienstbote für ein weiteres halbes Jahr auf seiner Stelle bleiben will, oder den[245] Bauern bekannte Tagelöhner in Frage kommen. Sonst hat sich dieses Geschäft geradezu zu einer regelrechten Börse, zu einem Markt entwickelt, wodurch der Arbeitsvermittlung in den Marschen ein ganz eigenartiges Gepräge aufgedrückt wird. Während die Gesindevermietung nur in zwei Hauptterminen, zum Frühjahr und zum Herbst vor sich geht, vollzieht sich das »Versagen« der Tagelöhner allwöchentlich, ja sogar zweimal in der Woche, und zwar auf dem sogenannten ? Menschenmarkt. In Wesselburen, dem Zentralflecken Norderdithmarschens, werden regelmäßig jeden Sonntag und Mittwoch derartige Menschenmärkte abgehalten; der Haupttag ist der Sonntag. Für Süddithmarschen bildet Marne den Zentralhandelspunkt für Menschenware; ? dort findet der Markt am Montag statt. Weniger bedeutende Arbeitsmärkte gibt es zudem noch des Sonnabends in Heide, des Montags in Tönning und des Dienstags in Garding; sie fallen sonst überall mit den Wochenmärkten zusammen, ausgenommen der Sonntagsmarkt von Wesselburen, der ausschließlich den Charakter einer Arbeitsbörse trägt. Auf diesen Menschenmärkten stehen nun die Arbeitsuchenden in zwanglosen Gruppen, je nach der Saison in größerer oder geringerer Zahl mit ihren Tagelöhnerpfeifen im Munde und warten der Dinge, die da kommen sollen. In der Zeit der Ernte, wenn auch von der Geest oder aus Mittelholstein, wohl auch gar aus dem Schleswigschen die Erntearbeiter in Scharen anrücken, steigt die Zahl der Arbeitsuchenden zeitweilig auf mehrere Tausende. Neulinge, die solch Schauspiel zum ersten Male sehen, wissen in der Tat gar nicht, was hier eigentlich los ist; sie können sich das bis dahin Ungewohnte kaum zusammenreimen, daß hier über die Arbeitskraft der Menschen regelrecht börsenmäßig gehandelt wird, wie man über den Wert von Nutztieren handelt. Doch es geschieht. Bald wird es lebhafter in den einzelnen Gruppen; geschäftig laufen die »Seelenverkäufer« hin und her, auch einzelne Bauern sieht man in dem Gewirr. Die Mehrheit der Bauern hält sich aber vornehm zurück und beobachtet nur aus Türen und Fenstern der umliegenden Gasthäuser den Menschenhaufen, aus dem die Vermieter[246] mit kundigem Blick die benötigten Kräfte für ihre Auftraggeber herausholen. Nach etwa drei Stunden ist das Geschäft beendet, der Marktplatz leert sich zusehends. Entweder nehmen die Bauern ihre Leute gleich per Wagen mit nach dem Hofe, oder diese stellen sich, wenn sie ihre Bauern bereits kennen, am Sonntagabend, vielleicht auch erst am Montagmorgen auf der Arbeitsstelle ein. Wer keine Arbeit fand, wartet entweder bis zum nächsten Mittwoch, oder er fährt oder läuft zu den Montagsmärkten nach Marne oder Tönning. Die Höhe des Tagelohnes richtet sich lediglich nach Angebot und Nachfrage, und gerade hierin liegt das Börsenmäßige dieser Art Arbeitsvermittlung. Je mehr »Hände« am Markt sind, die nach Arbeit verlangen, und je schwächer die Nachfrage nach solchen, desto geringer ist der Tagelohn; umgekehrt steigt der Lohn bei stärkerer Nachfrage und mäßigem Angebot. Mitunter wechselt die Lohnhöhe ganz überraschend schnell, je nachdem von Markt zu Markt die Zahl der Arbeitskräfte oder die Nachfrage nach solchen gestiegen oder gefallen ist. In den weniger hilden Perioden hält sich der Wochenlohn auf 9 bis 10 Mark mit Kost; im losen Vorsommer fällt er aber häufig bis auf 6 und 5 Mark, in der Winterzeit geht er überhaupt nicht über 5 Mark hinaus. In der Frühjahrssaatzeit und der Heuernte steigt er dann auf 1,80 bis 2,50 M. pro Tag und in der großen Ernte, der »Ahren«, erreicht er die Höhe von 3 bis 4 Mark täglich. Es kommt aber auch in der Ernte nicht selten vor, daß man bei plötzlichem Witterungswechsel froh sein muß, zu einem Tagelohn von 2 Mark Arbeit zu erhalten. Außer den Tagelöhnern werden auf diesen Märkten auch die Akkordlöhne für Kleiungs- und Grabenarbeiten, Mähen und Kornhauen und ähnliches festgesetzt. Ob nun der einzelne Tagelöhner immer regelmäßig Beschäftigung findet, hängt ? wenigstens in den leeren Perioden ? zum guten Teil davon ab, wie er mit den Vermietern »bekannt« ist. Auch hier gilt der Grundsatz: Wer gut schmert, der gut fährt. Soweit die Vermieter Krugwirte sind, berücksichtigen sie bei der Arbeitsvermittlung in erster Linie die, die am meisten bei ihnen verzehren. Die anderen »Seelenverkäufer« begnügen sich mit dem[247] baren Mietsgroschen, der um so wirksamer wird, je besser er nach oben abgerundet wird. In der Erntezeit sind die Menschenmärkte, außer von den wirklichen Landarbeitern, auch noch von einer anderen Spezies von Arbeitern besiedelt, den sogenannten »Monarchen«. Es sind dies vorwiegend wandernde Handwerksburschen oder Gelegenheitsarbeiter, die im Sommer als Arbeitslose die Landstraße bevölkern, und die nun die Erntezeit benutzen, um sich einige Groschen zu verdienen und neue Arbeitspapiere zu besorgen. Für gewöhnlich sind sie zur Landarbeit nicht zu gebrauchen, denn genau so wie das Handwerk will auch die Landarbeit erlernt sein; doch in der Erntezeit können sie immerhin beim Zureichen der Garben oder bei der Dreschmaschine Verwendung finden. Der Zustrom dieser »Monarchen« ist in manchen Jahren außerordentlich stark. Aus ganz Schleswig-Holstein ziehen sie sich um diese Zeit nach der Marsch; es wird auch schon in allen Herbergen weit und breit darauf hingewiesen, daß zur Ernte die Marsch das Land ist, wo »Milch und Mehlbüdel« fließt. Da gibt es dann manchen unter ihnen, dem es an der Wiege nicht gesungen war, daß er, als gelernter Schlosser, Schlächter oder Bäcker, als Maler, Mechaniker oder Buchdrucker, noch einmal die »Monarchenkarriere« bei der Dreschmaschine werde einschlagen müssen, um nach langer Arbeitslosigkeit endlich wieder wenigstens einigermaßen aus dem Dalles herauszukommen. Für uns Landarbeiter wurden diese Zugvögel am interessantesten, wenn sie ? was öfters vorkam ? regelrechte »Monarchenstreiks« inszenierten. Was wir als Landarbeiter auf Grund der Gesetze nicht tun durften ? nämlich streiken ? das taten die »Monarchen« frei und ungehindert, zu unserer heimlichen Freude und zum schweren Verdruß der Bauern. Wohl oder übel mußten die Bauern dann manchmal beim Einfahren nicht nur für die »Monarchen«, sondern auch für uns den Lohn auf einige Tage erhöhen. Nachdem ich meine Großknechtstätigkeit bei Georg Breetfoot in Poggensand eingestellt hatte, erhielt ich auf einem anderen Hofe desselben Kirchspiels Arbeit als Tagelöhner. Als lediger Mann brauchte ich um Arbeit nicht besorgt zu sein. Es war sogar[248] zu erwarten, daß ich im Winter noch erheblich höher kam, wie auf die 34 Taler, die ich auf Poggensand erhalten sollte. Ohne Unterbrechung arbeitete ich denn auch bis zur Beendigung der Saatzeit hier in der Marsch. Als der Tagelohn dann wegen der kommenden losen Periode erheblich fiel, ging ich nach der Geest und nahm dort Arbeit beim Torfhacken an; von dort versagte ich mich nach dem Eiderstädtischen zum Grasmähen. Alle diese Arbeiten sind gewiß nicht leicht; man muß seine Knochen ganz gehörig gebrauchen können, wenn man einen guten Tagelohn herausholen will. Wird die Arbeit, was meistens geschieht, in Akkord verrichtet, ? im Torfmoor nach Tausend Soden und beim Mähen nach Morgen oder Demat ? dann fängt man mit seinen Kollegen schon um zwei Uhr morgens an; in der heißen Tageszeit macht man lieber drei Stunden Mittag, weil die brennende Mittagshitze gerade im Moor sehr erschlafft, und auf der Grasfenne infolge der Trockenheit die Sense schlechter schneidet wie am Morgen und Abend. Aber selbst schon am frühen kühlen Morgen perlt und rinnt einem der Schweiß bald aus allen Poren am Körper hinab. Wenn Sommerfrischler oder sonst Leute, die es »nicht mehr nötig« haben, schon eine Art Glanzleistung zu vollführen meinen, indem sie gelegentlich mal um 4 Uhr früh aufstehen und spazieren gehen, dann hat der Moorbuddler oder Mäher schon längst den Buckel naß gehabt. Unter 14 Stunden darf man es in jener Zeit eben nicht tun, sonst wird man überhaupt nicht als vollwertiger Arbeiter angesehen, und dann ? muß es auch »was schaffen«. Allerdings, die Zeit, die ich als freier lediger Tagelöhner so recht nach Kräften auszunutzen gedachte, um noch vor meiner beabsichtigten Verheiratung ein kleines Sümmchen beiseite zu legen, sollte nicht gar zu lange mehr andauern. Meine Deern hatte mir nämlich ganz geheimnisvoll bedeutet, daß wir nun wohl bald würden heiraten ? müssen. Da gab's keine aufschiebende Wirkung. Zum Herbst hatte die »Jung-Kirls«-Herrlichkeit ein Ende. Doch was verschlug's: war's nicht schon hundert und tausend anderen so gegangen? Sie alle mußten ja sehen, wie sie[249] durchkamen, und sie kamen alle durch, wenn auch mitunter 'n bißchen schräg. Wofür hatte ich meine gesunden Knochen? Wofür hatte ich arbeiten gelernt? Da sollte ich Weib und Kind nicht durchbringen können? Genau so gut wie all die anderen armen Teufel, die hier als Tagelöhner ihr Dasein fristeten? Verwöhnt waren wir beide nicht, ich nicht und mein Mädchen auch nicht; übrigens hatten wir auch nie im Traume daran gedacht, daß uns je etwas anderes beschieden sein könne, als das gewöhnliche Tagelöhnerlos. Wir kannten nichts anderes vom Leben wie Arbeit ? und erwarteten auch nichts anderes davon. Wenn wir uns nur satt essen konnten bei unserer Hände Arbeit, mehr wollten wir gar nicht, denn mehr hatten die anderen auch nicht. Amazon.de Widgets Im Sommer verheirateten wir uns. Mit meiner Braut war ich schon vorher einig geworden, daß sie als Frau noch so lange dienen sollte, wie es ihr Zustand gestatten würde, und ich wollte dann als »lediger Verheirateter« ebenfalls so lange umherarbeiten, bis wir zum Herbst zusammenziehen konnten. In dieser Praxis lag durchaus nichts Ungewöhnliches, denn ähnlich so wurde es von vielen jungen Leuten gehalten, die ebenfalls heiraten »mußten«. Viel Plage verursachten uns die Anstalten zu unserer Hochzeit nicht. Ich setzte die Arbeit für den Tag aus, ebenso nahm sich meine Braut von ihrem Bauern den benötigten Urlaub. Zwei Tagelöhner aus unserem Bekanntenkreise begleiteten uns zu den Trauungszeremonien ? und dann waren wir verheiratet. Nach beendeter Trauung meinte der eine Tagelöhner in einer Art philosophischer Anwandlung zu uns: »Sühst du, nu geiht jem dat so, as uns Schlag Lüd dat alle geiht, wenn wi unsre Plünnen tosam schmit; bi uns heet dat man bloß: He hett 'n Fru, se hett 'n Mann ? un uns Herrgott hett 'n par arme Lüd!« Am nächsten Mittag waren wir schon wieder an der Arbeit. Darnach arbeitete ich zunächst mehrere Wochen beim Bau eines Sommerdeiches, der zum Schutz eines Stückes Vorland am Außenkoog errichtet wurde. Dann kam die Ernte. Wegen der schleppenden Reife des Kornes und des starken Angebots von Arbeitskräften sanken die Löhne für Hauen und Binden fast bis[250] auf die Hälfte der sonst gewohnten Akkordpreise herab. Infolgedessen erzielte auch ich nur einen mäßigen Ernteverdienst, was um so unangenehmer war, da ich gerade aus dieser Ernte noch ein schön Stückchen Geld herauszuholen gehofft hatte, um unser Nest zum Herbst nicht gar zu armselig einrichten zu müssen. Als aber die Ernte kaum halbwegs beendet war, bekam ich gar noch unerwartet mit dem Bauern meiner Frau einen bitterernsten Aufzug, der zur ebenso plötzlichen wie gewaltsamen Lösung auch ihres Dienstverhältnisses führte. Bis dahin hatte meine Frau auf dieser Stelle noch nie über unziemende Behandlung zu klagen gehabt. Sie versah ihre Arbeit, wie es sich gehörte und ließ sich nichts zu schulden kommen. Dies war von dem Bauern und dessen Frau auch stets anerkannt worden. In letzter Zeit aber wurden ihr wie begreiflich infolge ihres Zustandes verschiedene Arbeiten schon etwas schwer; so vermochte sie die großen vollen Milcheimer nicht mehr alleine von der Weide zurückzutragen. Dies gab der Bäuerin nun zu allerhand offenen oder versteckten Vorwürfen und hämischen Bemerkungen gegen sie Veranlassung. Nun wäre es ja das gute Recht der Bäuerin gewesen, meine Frau unter Zahlung des verdienten Lohnes aus dem Dienst zu entlassen, denn an ein Ausdienen ihrerseits war sowieso nicht mehr zu denken, und eine andere Dienstmagd wäre schließlich auch zu beschaffen gewesen. Statt dessen aber schalt und zankte sie bei jeder Gelegenheit auf meiner Frau herum und machte ihr dadurch das Leben in niederträchtigster Art sauer. Als ich von dem schikanösen Verhalten der Bäuerin erfuhr, stellte ich natürlich deswegen den Bauern zur Rede und sagte ihm, daß, wenn auf meine Frau nicht die gebührende menschliche Rücksicht genommen würde, ich ihr sofortiges Verlassen des Dienstes verlangen müsse; unter keinen Umständen werde ich es dulden, daß man sie durch Scheltworte oder Überanspannung ihrer Kräfte quäle. Das war dem hochmögenden Marschbauern zu viel. Wie, ich wolle ihm in seinem eigenen Hause Vorhaltungen machen? Er werde selbst wissen, wie er »so 'ne Deenstdeern« zu behandeln habe, und wenn sie auch zehnmal meine Frau sei.[251] Sie habe ihren Dienst zu tun, so wie es von ihr gefordert werde, und erst dann, wenn es ihm nicht mehr passe, könne sie sich seinethalben von der Hofstelle scheren. In dieser Art schimpfte er sich in Wut. Ich blieb selbstverständlich die Antwort nicht schuldig, und ehe ich's mir versah, waren wir beide handgemein geworden. Auf dem schön durchweichten Hofplatz legten wir uns dann gegenseitig gründlich den Kalender aus. Das Ende vom Liede war, daß meine Frau sofort den Dienst verließ und mir der Bauer, zwar mit etwas verschwollenem Gesicht aber sonst ganz bereitwillig, den Lohn für sie auszahlte. Am 1. Oktober warfen wir dann endgültig »unsre Plünnen tosam«. Schon vorher hatte ich uns eine Dorfwohnung gemietet für eine Jahresheuer von 60 Mark. Die Kate gehörte einem Häusler, der das vordere Ende selbst bewohnte und die kleine Hinterwohnung vermietete. Das Haus war schon recht alt und baufällig; an der einen Seite mußten sogar schon Stützen angebracht werden, damit der Winddruck nicht etwa einen plötzlichen Einsturz herbeiführte. Wir hatten selbstverständlich nur eine Stube, so lang wie eine Gefängniszelle und nicht ganz doppelt so breit, jedoch bei weitem nicht so hoch; ich konnte bequem an die Bretterdecke langen und brauchte dabei noch gar nicht einmal den Arm völlig auszustrecken. Nun, das reichte trotzdem einstweilen für uns beide; viel größer waren die Tagelöhnerwohnungen ja allgemein nicht, und dann ? kostete eine kleine Wohnung im Winter auch nicht so viel Feuerung. Die Feuerung aber war in ganz Dithmarschen außerordentlich teuer; denn Holz und Torf gibt es dort nicht, die müssen vielmehr von der Geest hergeholt werden; sonst brennt man Steinkohlen. Außer der Stube gehörte zu der Wohnung noch ein kleiner steingedielter Vorraum mit einem Herdloch und etwas Bodenplatz; auch ein Fleckchen Gartenland für ein paar Gemüsebeete hatte uns der Häusler abgetreten. Einen Stall gab es nicht; wer sich von den Heuersleuten ein Schwein oder eine Ziege halten wollte, der mußte sich selbst auf seinem Gartenfleck einen kleinen Bretterstall aufschlagen; vorerst bedurfte ich dessen jedoch nicht, denn[252] über Winter kann man doch kein Schwein durchfüttern, und bis zum nächsten Sommer war's noch lange Zeit. Natürlich suchten wir jungen Leute uns unsere Bude so wohnlich wie möglich einzurichten. Doch merkwürdig, sowenig in den kleinen Raum an sich auch hineinging, er wollte trotz allen Anschaffens doch nicht voll werden. Immer fehlte noch etwas, was notwendig gebraucht wurde, und immer sah es noch herzlich kahl aus in Stube und Vordiele. Ich hätte nicht geglaubt, was alles dazu gehört, um solche ganz ordinäre Tagelöhnerwohnung voll zu machen. Unsere Ersparnisse schmolzen bei der Anschaffung des Hausrats denn auch zusammen, wie der Schnee vor der Sonne. Endlich hatte ich an alten und neuen Möbelstücken, an Küchengeschirr und Arbeitsgerät das Notwendigste »up 'n Dutt«; einige Zentner Kartoffeln lagen sorgfältig mit Stroh bedeckt unter der schon ein wenig morschen Bettlade, und ein Quantum Feuerungsmaterial schien uns wenigstens bis Weihnachten hin die Annehmlichkeiten einer warmen Stube zu sichern. Inzwischen kehrte der Storch bei uns ein. Es war ein kräftiges Kerlchen, das meine Frau jetzt auf dem Schoße wiegte, d.h. tatsächlich nur auf dem Schoße, denn in Ermangelung einer Wiege packten wir den kleinen Mann für gewöhnlich in einen Waschkorb, den wir auf zwei Stühle stellten. Bald kam der Winter, scharf und strenge. Waren die Wände meiner Wohnung bis dahin nur feucht gewesen, so glitzerte jetzt an den Windseiten das blanke Eis daran, und wenn der Nordweststurm heulte, so flogen die Kattunvorhänge an den Fenstern hin und her. An der einen Wandseite hatten sich zu allem Überfluß einige Mauersteine gelockert, so daß die scharfe Zugluft von draußen eisig durch den Raum strich. Um aber das Maß vollzumachen, riß der Sturm auch noch ein großes Loch in das schadhafte Strohdach und in kurzer Zeit war der Boden voller Schnee geweht. Da mußte ich denn an der alten Kate über Weihnachten herumdoktern, so gut es gehen wollte. Der Häusler half mit, das Dach zurechtzuflicken, und Fugen und Mauerrisse stopfte ich zu mit allem, dessen ich habhaft werden[253] konnte, mit Lappen, Werg und Stroh, um nur die grimme Kälte fernzuhalten. Dennoch konnten wir das Stübchen kaum warm bekommen. Gewöhnlich saßen wir dicht an dem kleinen eisernen Ofen, dabei war es uns dann immer, als wenn die eine Körperseite schwitzte und an der anderen Eiszapfen wuchsen. Meine Frau hatte genug aufzupassen, um nur unser Kind vor Frost zu schützen. Zudem nahm die winterliche Arbeitslosigkeit einen immer größeren Umfang an. Jetzt erst lernte ich erkennen, was es heißt, als ein »freier« und verheirateter Tagelöhner sich in der »gesegneten Marsch« durchbeißen zu müssen. Kein Bauer hatte mehr etwas für uns Tagelöhner zu tun. Auf den Höfen regte sich nichts. Das Korn war mit der Maschine ausgedroschen; zu kleien gab's ebenfalls nichts; und das übrige wurde mit ein paar Knechten und Jungens besorgt. Da saßen wir Tagelöhner nun und guckten zum Fenster hinaus. Mich beschlich allmählich ein Gefühl unruhiger Mißmutigkeit, das von Tag zu Tag peinigender wurde, je länger ich herumbummeln mußte. Ein paar Tage und schließlich auch ein paar Wochen hält man es ja in der Stube aus; da läuft einer zum andern, man klöhnt oder spielt Schafskopf und hofft auf einen baldigen Umschlag. Wenn man jedoch an regelmäßige Arbeit gewöhnt ist und die Arbeitslosigkeit gar nicht wieder abreißen will, dann wird's einem in den vier Pfählen verdammt ungemütlich. Teufel, ist das ein Gefühl, jung, kräftig und arbeitslos in der Kate zu sitzen, wo man doch so gerne arbeiten möchte! Man schämt sich förmlich, sich noch auf der Straße sehen zu lassen. Es ist, als grinste einen jeder Strauch und jeder Misthaufen schadenfroh an. Dabei schrumpfen die paar Spargroschen immer mehr zusammen; man kann sich schon an den Fingern abzählen, wann der letzte Taler angerissen werden muß; und was dann? Ach wie hübsch voll und schwer kommt einem solch Taler vor, wenn man ihn verdient hat, und wie leicht wird er, wenn man ihn ausgeben muß! Mit verhaltenem Grimm sieht man dann auf die gewichtigen Bauern, die unbekümmert um die steigende Not der Tagelöhner[254] zu ihren »Visiten« oder Vergnügungen fahren. Den dampfenden Pferden kann man vor Fett keine Rippe auf dem Leibe zählen, während man selbst den Leibriemen von Tag zu Tag enger schnallt. Merkwürdige Gedanken beschleichen einen dann. Da sitzt man als armer Schlucker und will gerne arbeiten; diejenigen aber, für die man sich im Sommer für geringen Lohn abschindet, zucken jetzt gleichmütig die breiten Achseln ? was können sie dafür, daß sie keine Arbeiter gebrauchen können? Viele Tagelöhner begannen sich schon in Schulden zu zehren; sie holten bei den Dorfhökern zu Borg, oder ließen sich von bekannten Bauern einen kleinen Barvorschuß geben, den sie im Sommer wieder abarbeiten wollten. Dies geht bei den meisten übrigens jeden Winter so, und nicht wenige ? besonders die mit starker Familie ? mußten womöglich gar den ganzen Sommer über krebsen, damit sie nur die Schulden vom vorigen Winter los wurden; kam dann der neue Winter, so waren sie bald wieder blank, und die Borgwirtschaft ging von vorn los. Wer aber gar nichts mehr geborgt bekam, dem blieb nichts weiter übrig, als sich an die Armenkasse des Kirchspiels zu wenden; ja es war sogar durchaus nichts Seltenes, daß die Tagelöhnerkinder mit dem Bettelkorb von Hof zu Hof geschickt wurden. Nachgerade wurde mir der durch die Arbeitslosigkeit geschaffene Zustand unerträglich. Sollte ich etwa auch schon anfangen, mich in Schulden zu setzen? Lieber wollte ich mich eine Zeitlang von Weib und Kind trennen und zusehen, ob ich vielleicht auswärts Arbeit bekäme. Mit noch einigen anderen Tagelöhnern wanderte ich deshalb die acht Stunden Wegs nach dem damals im Bau befindlichen Nord-Ostseekanal und wurde dort auch als Erdarbeiter eingestellt. Hier blieb ich bis zum Frühjahr, von wo ab es dann wieder bei den Landwirten der Marsch etwas zu tun gab. Doch schon im Vorsommer setzte abermals eine Periode der Arbeitslosigkeit ein, so daß ich es vorzog, bis zur Ernte auf einer Ziegelei Arbeit zu nehmen. Dort war ich beim »Ausrüsten« beschäftigt, zu einem Wochenlohn von 20 Mark. Die Arbeitszeit währte dafür aber auch von morgens 4 bis abends 8 Uhr mit einer Gesamtpause von 2 Stunden, also 14 Stunden täglich.[255] Von hier ging ich nur über Sonntag nach Hause. Die Woche über aß ich mit den im Betriebe tätigen Lippeschen Zieglern zusammen in der »Kommunje«, d.h. jeden Tag, den Gott werden ließ: Erbsen, und immer wieder Erbsen! Noch heute wird mir's ganz erbsig im Magen, wenn ich nur daran zurückdenke. Für die Zeit der Ernte hatte mich mein früherer Bauer »Peiter Pink« schon einige Wochen vorher angenommen. Meine Frau half mir dort treulich mit. Bis dahin wollte ich immer nicht, daß sie mitarbeiten sollte, denn es widerstrebte mir, sie ebenfalls mit ins Joch zu spannen; meiner Ansicht nach mußte der Mann allein so viel verdienen können, wie zum Lebensunterhalt der Familie notwendig war, besonders wo es sich bei uns erst um eine kleine Familie handelte. Doch mein Weibchen meinte, man könne nicht wissen, wie es wieder zum Winter werde; sie ließ es sich nicht nehmen, während der Ernte mitzuschaffen. Unsern Jungen fuhren wir in einem für alt gekauften Kinderwagen mit aufs Feld, dort wurde er hinter den Hocken gepackt, und dann konnte er schlafen, spielen oder schreien, solange er Lust hatte; er mußte es beizeiten anwerden, daß er nur ein Tagelöhnerkind war. Bald klangen die Sichten im Korn, die Halme fielen. Mit meinem Schwager war ich gemeinsam beim Hauen tätig, meine Frau band hinter uns beiden die Garben. Soweit das Auge reichte, überall dasselbe Bild: Kornfeld an Kornfeld, und darauf in emsiger Tätigkeit Männer, Frauen und Kinder; die Männer nur in Hemd und Hose, die Frauen hochgeschürzt, den schattenden Sonnenhut in den Nacken gedrückt. Alles rührt fleißig die Hände, denn aus der Erntearbeit soll der Hauptverdienst des ganzen Jahres kommen. Reift das Korn schnell nacheinander, so erreicht der Hauerlohn eine annehmbare Höhe, mitunter bis zu 20 und 25 Mark für den Dithmarscher Morgen. Der Binderlohn beträgt die Hälfte, da ein Binder so viel aufbinden und in Hocken setzen soll, wie zwei Hauer abhauen. Da auf den Hauer durchschnittlich zwei bis zweieinhalb Morgen, und auf den Binder das Doppelte dieser Morgenzahl pro Woche gerechnet werden, so können es Mann und Frau in der Erntezeit unter Umständen tatsächlich auf ein paar Hundert Mark Verdienst bringen, zumal unter[256] dem Druck der Akkordarbeit. Reifen die verschiedenen Kornarten aber langsam hintereinander, so daß hinter der einzelnen Frucht noch womöglich Tage des Aussetzens zu erwarten sind, so gibt es nicht selten nur 16, 14, ja selbst nur 12 Mark Hauerlohn pro Morgen und die Hälfte fürs Binden. Trotz äußerster Anspannung der Arbeitskraft ist es dann nicht möglich, einen nennenswerten Extragroschen zusammenzubringen, und manche Tagelöhnerfamilie sieht schon von da an dem kommenden Winter mit vermehrter Sorge entgegen. Daher deucht einem die Erntezeit auch immer viel zu kurz; kaum daß sie begonnen, ist sie auch schon wieder zu Ende. Solange die Ernte aber währt, kennt der Tagelöhner nur einen Grundsatz: schaffen, schuften und schinden. Hier wird das Wort zur Wirklichkeit: Akkordarbeit ist Mordarbeit! Die Selbstantreiberei geht dann so weit, daß man dem Tag nicht 24, sondern am liebsten 48 Stunden lang wünschen möchte. Schon um 3 Uhr morgens ging ich von zu Hause fort; nach einem halbstündigen Fußmarsch war ich auf dem Felde. Etwa um 6 Uhr wurde das erste Frühstück gegessen, das meine Frau inzwischen nachgebracht hatte. Wir arbeiteten nämlich auf eigene Kost, wie dies die meisten Tagelöhner tun, die ihre Angehörigen zur Arbeit mitnehmen. Es gibt dann auf den Morgen Acker ein paar Mark mehr, und da für die Familie doch sowieso gekocht werden muß, so nimmt man als verheirateter Mann schon lieber das Bargeld als die Kost vom Bauern. Ist es gutes Wetter, so schafft die Arbeit. Zwar bis gegen 8 oder 9 Uhr vormittags sind dem Hauer fast regelmäßig die Knie vom Tau durchnäßt; dann aber geht es flotter weg. Ungleich schlimmer aber ist der Binder daran, denn die tauigen Garben durchnässen ihm beim Zusammenschnüren die Kleider auf der ganzen Vorderseite. Besonders leiden beim Binden die Hände; in der Taunässe werden sie weich und empfindlich, sie sehen aus wie die Hände einer Waschfrau, die den ganzen Tag im Wasser kladdern muß. Die Nägel arbeiten sich dann ab und verursachen Schmerz, und die Fingerspitzen werden »durchgegriffen«; oftmals verletzt man sich die Hände an den scharfen Stoppeln oder schneidet sich[257] an flachgedrückten Halmen die Finger entzwei. Sobald der Tau aber abgetrocknet ist, werden die Disteln »krall«, und je höher die Sonne steigt, desto schärfer stechen sie. In den ersten Tagen brennen dem Binder die Hände oft dermaßen, daß er sie kaum zu lassen weiß, erst hernach wenn sie ganz voller Disteln und kleiner Stoppelwunden sitzen, stumpft sich das Gefühl mehr und mehr ab. Wie manchesmal habe ich da im Stillen meine Frau bedauert. Doch was half's; auf dem Lande darf man nicht empfindlich sein, sonst verdient man nichts, und ? die Erntewochen müssen wahrgenommen werden. Eines der unangenehmsten Dinge in der Ernte sind die Regentage. Dann kommt man und kommt mit der Arbeit nicht vorwärts, so gerne man auch will. Solange es nur fein herniederrieselt, geht's noch, man fragt nicht viel darnach; regnet es aber Strippen, oder gießt ein Gewitterschauer herunter, so daß man bald keinen trockenen Faden mehr an sich hat, dann muß man doch die Arbeit unterbrechen. Dann sitzt man da hinter den Hocken in nassen Kleidern und lauert, daß es sich aufhellen soll, kaum aber ist eine Flage vorüber, so kommt eine neue, womöglich noch stärkere. Den Körper durchschüttelt ein unbehagliches Gefühl; halb schwitzt man, halb friert man. Scheint dann endlich die Sonne wieder, so heißt es mit verdoppelter Anspannung ans Werk gehen; denn das Versäumte muß soweit wie möglich eingeholt werden. Knapp gönnt man sich die Zeit zum Essen. Mit vermehrter Wucht schwingt der Arm die scharfe Sichte; Schwad legt sich an Schwad, betropft vom Schweiß des Schaffenden. Garbe um Garbe schnürt die Binderin mit flinker Hand, kaum daß sie sich aufrichtet, um einen tieferen Atemzug zu tun. Und wie oft muß die Sichte fallen, und wieviel Garben sind zu binden, ehe ein Morgen Land in Hocken steht! Endlich spät, spät abends, wenn die ermüdenden Glieder schon fast den Dienst versagen, wird das Tagewerk beendet. Längst ist die Sonne untergegangen und nebeliges Abenddunkel lagert über den Feldern, dann erst wird Feierabend gemacht. Die Natur verlangt schließlich ihr Recht, der Körper muß neue Kräfte sammeln. Etwa eine Stunde bevor wir Mannsleute mit der Arbeit[258] aufhielten, trat meine Frau mit ihrem Kinderwagen den Heimweg an, um das Essen gar zu haben, wenn ich um 9 oder 10 Uhr nach Hause kam. Öfters arbeitete ich allerdings auch die ganze Nacht hindurch, nur daß ich eine oder zwei Stunden im Hocken ruhte. Denn da es in der Regel ? besonders bei schwerem Korn ? die Kraft einer Frau übersteigt, so viel hochzustellen wie zwei Hauer niederlegen können, so hockte ich nach meinem eigentlichen Feierabend noch immer die Garben auf, die meine Frau nicht zu bewältigen vermochte, und nach Regentagen mußte ich dann zuweilen eine Nacht mit zu Hilfe nehmen, um tagsüber mit meinem Nebenmann, dessen Frau krankheitshalber nicht mittun konnte, in gleichem Zug zu bleiben. Das Einfahren wurde dann im Tagelohn verrichtet, wobei es auch die Kost auf dem Hofe gab. Alles was an Wagen und Gespannen vorhanden war, wurde in Stand gesetzt, um den Erntesegen unter Dach und Fach zu bringen, und dann hieß es auch da: was hast du, was kannst du? Mit Bienenfleiß wird Wagen auf Wagen beladen und entladen, und mit voller Fuhre geht es im scharfen Trab, damit keine unnützen Pausen entstehen. Die Pferde werden jetzt nicht geschont, und die Menschen schonen sich von selber nicht; wissen sie doch, was unter Umständen von ihrem Fleiß und ihrer Ausdauer abhängt. Kommt gar der Landwirt und sagt: »Lud', dat Wedderglas is fullen, de Regen hangt uns bövern Kopp«, dann wird kaum mehr ein Wort während der Arbeit gesprochen. In der Scheune hört man nur noch das tickende Aufklappen der Forken und das keuchende Atmen der Abstaker und Zuschmeißer. Kaum ist der entladene Wagen von der Diele geschoben, so rollt auch schon ein neuer, voller herein, denn auch auf dem Felde tun Aufstaker und Lader, was sie können, um Acker auf Acker zu räumen. So geht's, mitunter bis in die sinkende Nacht. Ach, nach solchem Tage, aus dem häufig genug anderthalbe werden, fühlt man des Abends seine Glieder; man weiß, was man getan hat. Meine Frau wurde danach öfters derartig von Müdigkeit übermannt, daß ihr die Augen zufielen, wenn sie unserem Kinde die Brust gab. Einen Trost nach so viel anstrengender Arbeit gewährte uns jedoch[259] die Auszahlung unseres gemeinsamen Ernteverdienstes. Mit einer gewissen Befriedigung drückten wir die schönen harten Taler in der Tasche, als wir nach erfolgter Ablohnung unserem Hüttchen zustrebten, an den Stoppelfeldern vorüber, auf denen wir so manchen Schweißtropfen vergossen hatten. Gleich nach den Haupterntewochen nahm ich Arbeit bei der Dreschmaschine an. Zwar drückt man sich, als verheirateter Tagelöhner, sonst herzlich gern von dieser Arbeit; doch da nach der Ernte der Tagelohn sofort wieder ganz rapide fällt, zog ich es vor, lieber die Unannehmlichkeiten der Drescharbeit auf mich zu nehmen, als ins Ungewisse nach halbwegs lohnender Feldarbeit zu suchen. Denn eine solche Dreschkampagne dauert regelmäßig bis in den Spätherbst hinein, auch hat man am Wochenschluß immerhin ein paar Mark mehr verdient, wie bei der gewöhnlichen Hofarbeit. Wie freilich dieser Mehrverdienst herausgeschunden wird, davon kann sich eigentlich nur der einen Begriff machen, der in Norddithmarschen selbst einmal an der Dreschmaschine tätig war. Es besteht dort das System der Lohndrescherei im Umherziehen. Nicht jeder Hof hat seine Maschine, wie die Großgüter, auch gibt es keine Genossenschaftsmaschinen, wie anderswo. Die Dreschmaschinenbesitzer sind vielmehr selbständige Unternehmer, die sich eine eigene Maschine entweder gegen Bar oder auf Abzahlung anschaffen. Sie nehmen sich auch selbständig die nötigen Mannschaften an und ziehen nun mit ihrem bemannten Geschütz von Hof zu Hof, mit dessen Bauern der Drusch vereinbart war. Gedroschen wird im Stundenlohn. Zur Bedienung einer Dampfdreschmaschine ? um solche handelt es sich hier ausschließlich ? sind etwa 25?30 Mann erforderlich; und zwar für die Lokomobile: ein Heizer und ein Wasserträger, für die Maschine: zwei Einleger, zwei Bandschneider, ein Kaffträger, ein Losbinder, fünf Strohbinder und zwei bis drei Kornträger; der Rest verteilt sich auf die Garbenzuschmeißer, die Strohträger und die Hümpelmannschaften. Binder, Strohträger, Zuschmeißer und Hümpelleute wechseln sich täglich kolonnenweise ab, mit Ausnahme des Diemen-oder Hümpellegers, der ständig auf[260] seinem Posten bleibt. Wird mit Selbstbinder oder mechanischem Strohtransporteur gearbeitet, so verringert sich dementsprechend die Zahl der Leute. Die Oberaufsicht über das Ganze führt der Maschinenmeister, der in der Regel auch gleichzeitig Besitzer der Maschine ist. Je nach der geleisteten Stundenzahl erhält der Maschinenmeister für sich und seine Leute den Lohn vom Bauern und zahlt ihn in acht- oder vierzehntägigen Perioden wieder an die Leute aus; soviel Stunden, so viel Lohn. Verköstigt werden die Mannschaften ebenfalls von den Bauern. Die Höhe des Stundenlohnes richtet sich, wie bei allen Gelegenheiten, so auch hier nach dem Angebot von Arbeitskräften. In der ersten Zeit, wenn auf den Höfen noch viel Leute beim Einfahren gebraucht werden, steigt der Lohn wohl auf 30 bis 35 Pfennige die Stunde, später sinkt er auf 20 bis selbst 15 Pfennige herab. Die beiden Einleger erhalten als Vertrauenspersonen des Dreschmaschinenbesitzers 10 Pfennige die Stunde mehr wie die übrigen Kolonnenarbeiter; eine kleinere Zulage bekommen auch die Kornträger, der Schmierer und der Hümpelleger; gleichmäßigen Tagelohn hat nur der Heizer. Von den Einlegern hängt es wesentlich ab, wieviel die Maschine täglich leistet und wie rein sie drischt; es soll natürlich immer so viel wie möglich durch den Kasten hindurchgejagt werden; dabei will der Landwirt noch tunlichst reines Stroh sehen; beides ist bei der großen Konkurrenz unter den Dreschmaschinenbesitzern von erheblichem Einfluß auf den Umfang ihres bäuerlichen Kundenkreises. Was die Dreschmaschinenarbeit selber betrifft, so ist sie eine der anstrengendsten und aufreibendsten, die man sich denken kann. Stunden, nur Stunden schinden, ist hier die Losung. Je mehr Stunden am Tage, desto eher wird der Bauer die Maschine wieder los, desto weniger Mahlzeiten braucht er den Leuten zu geben. Je mehr Stunden der Maschinenmeister erzielt, desto mehr Korn kann er zum Ausdrusch übernehmen, und desto höher ist sein Profit. Je mehr Stunden die Leute zusammenrackern, desto größer ist der Wochenverdienst. Spätestens um 4 Uhr morgens wird angefangen, nicht selten aber auch schon um 3 Uhr, und dann geht es den ganzen lieben langen Tag rastlos fort, mindestens bis[261] 8 Uhr abends; sehr häufig aber wird es 9 und 10 Uhr, öfters sogar 11 und 12 Uhr nachts. Pausen gibt es nur, solange die Essenszeit dauert, einschließlich der Schmierpausen insgesamt höchstens eine Stunde des Tags. Das Abendessen verursacht keine Pause, denn dies wird erst nach beendeter Tagesarbeit eingenommen, ganz gleichgültig wie spät es auch werde. Bei der Arbeit geht es »immer feste weg«, was der Schinderkasten nur schlucken kann. Der Mensch muß mit der Maschine fort, er wird ihr Sklave, wird selbst zum Maschinenteil. Vergegenwärtigt man sich das ununterbrochene Heulen und Brummen der Dreschtrommel, sowie den fast undurchdringlichen Staub, den sie entwickelt, dann kann man sich denken, was diese Art Maschinendrescherei für den Mann bedeutet. Der Staub haftet, besonders wenn das Korn viel Regen bekommen hat, fast zentimeterdick auf den Leuten; oft können sie kaum aus den Augen sehen; die Augen sind denn auch häufig verschwollen und entzündet. Ebenso ist die Nase vom Einatmen der Staubmassen förmlich verstopft, und beim Ausspeien kommen ganze Klumpen schwärzlichen Schleimes zum Halse heraus. Außerordentlich fest setzt sich der Staub auf die bei der schweren Arbeit stark schwitzende Haut und verursacht ein unangenehmes Jucken und Brennen, so daß es einem zumute ist, als säße der ganze Körper voller Ameisen. Hat man in diesem Zustand seine 15, 16 oder 18 Stunden heruntergerissen, so ist man im wahren Sinne des Wortes todmüde. Vor Ermattung bringt man das Abendessen kaum noch herunter; am liebsten würde man sich sofort zum Schlaf ausstrecken. Doch an Schlaf ist gleich nach Feierabend nur dann zu denken, wenn die Maschine mehrere Tage auf einem Hofe bleibt. Sehr häufig muß aber noch spät abends oder mitten in der Nacht von einem Hof zum anderen gezogen werden, manchmal gar nach einem Stunden weit entfernten Dorfe, und wenn's Glück gut ist, noch dazu bei strömendem Regen. Fährt sich dann zu allem Überfluß das Geschütz auf den durchweichten schlickigen Marschwegen auch noch fest, so ist erst recht nicht an Ruhe zu denken. Mit Wuchtbäumen werden dann Lokomobile und Dreschkasten[262] wieder flott gemacht, und alle Mann müssen mit in die Speichen greifen oder an Stricken und Ketten ziehen, um den Pferden tatkräftige Hilfe zu leisten. Ist man endlich an Ort und Stelle, so wird die Maschine bei Laternenschein wieder fix und fertig zum Dreschen klar gemacht, und dann erst kann jeder sehen wo er ein Lager findet, um noch ein paar Stunden zu ruhen. Da für so viele Menschen auf den einzelnen Höfen kein Bettzeug vorhanden ist, so bekommen nur der Meister, der Heizer und die beiden Einleger eine Bettstatt, die übrigen Leute müssen sich im Stroh oder Heu oder Kaff verkriechen, wie sie es nun gerade vorfinden. Wie uns armen Teufeln mitunter zumute war, wenn wir mit durchnäßten Kleidern die kalten Herbstnächte im Stroh kampieren mußten, mag sich jeder selbst ausmalen. Ehe man sich eingenestelt hat und halbwegs warm geworden ist, klappern einem die Zähne mitunter hörbar im Munde, und gerade dann wenn man im besten Schlaf ist, ruft die Dampfpfeife schon wieder zu neuer Arbeit. Damit die Zeit nicht verschlafen wird, hat der Wasserträger die Nachtwache, er besorgt auch das rechtzeitige Anheizen der Lokomobile. Sind die Mannschaften nach dem Weckruf nun glücklich alle aus ihrem Strohlager hervorgekrochen, so fährt jeder mal kreuzweis mit dem Ärmel über die noch halbgeschlossenen Augen, und gleich darauf geht die Drescherei ihren Gang. An Waschen und Kämmen denkt niemand; es wäre auch überflüssig, denn schon nach wenigen Minuten wäre doch alles wieder wie vorher; höchstens könnte man sich die Augen noch mehr verderben wie schon ohnehin, weil sich der Staub gleich dick auf die feuchten Augenlider setzt und dort seine ätzende Wirkung ausübt. Die erste Arbeit des Maschinenmeisters am Morgen ist, daß er jedem seiner Leute einen »groten Kööm« einschenkt. Der Fusel muß die infolge der kurzen Nachtruhe erschlaffte Energie wieder beleben. Und wirklich, das Gesöff tut Wunder. Hat erst jeder auf den nüchternen Magen einen gehörigen Kümmel hinter die Binde gegossen, so erneuern sich zusehends die trägen Lebensgeister, und mit dem Brummen der Dreschtrommel verrichtet alles ganz mechanisch seine Arbeit wie am vorigen Tage: die Zuschmeißer[263] werfen die Garben nach der Maschine, die Bandschneider ziehen ihre Messer durch die Garbenbänder, die Einleger lassen die losen Garben durch die Trommel gleiten, die Binder schnüren das ausgedroschene Stroh in Bunde, die Kornträger schleppen wie Automaten Sack auf Sack nach dem Boden, der »Kaffmajor« windet sich mit einem vollen Laken durch das Gewühl, und auf dem Hümpel hebt sich Bund auf Bund in regelmäßiger Reihenfolge. Endlich graut der Morgen, die trüben Öllaternen werden verlöscht, ein Pfiff ruft die Leute zur Frühkost: die ersten zwei Stunden des neuen Tages hat man hinter sich. Nach 20 Minuten ist wieder alles an seinem Platze, und nun geht es in ununterbrochener Tätigkeit, höchstens mit einer kurzen Schmierpause dazwischen, bis zum Mittag. Hastig wird alsdann das Essen gegabelt und gelöffelt, denn kaum hat man den letzten Happen hinuntergewürgt, so pfeift's auch schon wieder zur Arbeit. So viel Zeit, um seinen Löffel abzuwaschen, hat man nicht; man kann ihn nur ablecken oder mit knapper Not am Zipfel des staubigen Kittels abwischen. Um 4 Uhr ist Vesper, und Feierabend ?? nun, das weiß nur der Maschinenmeister. So wiederholt sich das Spiel einen Tag wie den andern. Da auch meistens des Sonntags gearbeitet wird, so kann es passen, daß man drei Wochen in einer Tour in Staub und Dreck abreißt, ohne sich auch nur ein einziges Mal richtig zu waschen oder in einem Bette auszuruhen. Riskiert man es aber doch einmal, den Kopf in einen Eimer Wasser zu stecken, so muß man sich in der Regel an seinem eigenen Kittel oder an einem alten Kornsack abtrocken; denn ein Handtuch geben die Bauern dazu nicht her, das ist ihnen zu schade für die Leute. Schließlich befindet man sich in einer Verfassung, daß einem selbst der schmierigste Zigeuner noch wie ein Edelmensch erscheint. Solange man Stellen mit guter Kost hat, geht es noch; man verwindet die Überanstrengung dann leichter. Kommt man aber mehrmals hintereinander nach Höfen, wo es schlechte Kost gibt, dann wird auch der Geduldigste mißmutig. Viele Bauern wollen sich die Maschine dadurch rasch vom Halse schaffen, daß sie den Leuten ein möglichst elendes Futter vorsetzen. Sie kalkulieren,[264] die Leute würden bei schlechter Kost tunlichst rasch arbeiten, um nur recht schnell wieder von dem Hofe fortzukommen. Auf diese Art kann es passen, daß man womöglich acht Tage hintereinander oder doch fünf Tage in der Woche regelmäßig jeden Mittag den berühmten »Mehlbüdel« mit Sirupsauce vorgesetzt erhält. Vergegenwärtigt man sich dazu, daß die Morgen- und Abendkost ohnehin schon immer dieselbe bleibt (»Melk un Bry oder Beer un Bry«), dann dürfte es erklärlich sein, wenn es den Leuten bei diesem »elendigen Gefrätz« schließlich ganz schwummelig im Leibe wird. Wir empfanden es deshalb stets geradezu als eine Wohltat, wenn wir nach einem Hofe kamen, wo nach so viel Mehlbüdels endlich mal eine andere Mittagsspeise auf dem Tisch stand. Ich erwähnte bereits den »groten Kööm«, den jeder Dreschmaschinenarbeiter des Morgens auf den nüchternen Magen als erste Frühgabe erhält. Bei diesem einen »Grooten« bleibt es jedoch nicht. Der Fusel wird vielmehr in regelmäßigen Zeitabständen von zwei zu zwei Stunden verschenkt, ausgenommen zu den drei Mahlzeiten. Er bildet sozusagen das Lebenselixier des Maschinenpersonals. Für gedankenlose Beurteiler ist nun nichts leichter, als hierüber in Entrüstung die Nase zu rümpfen; doch wäre das grundverkehrt. Wer es einmal ernsthaft versucht, sich in dies Hundeleben der Dreschmaschinenarbeiter hineinzuversetzen, der kann über ihren Alkoholgenuß nicht den Stab brechen. Mit dem Ausdruck Hundeleben wird übrigens ihr Dasein noch nicht einmal annähernd richtig gekennzeichnet; denn selbst der schlechtest gehaltene Hund hat es immer noch besser wie er. Man denke an die unerhört lange Arbeitszeit, an die Rastlosigkeit und Intensität der Arbeit selbst, an den bei der Arbeit entwickelten Staub und Schmutz, an das elende Strohlager in der Nacht, an die nur zu häufig recht miserable Kost und daß die Arbeiter sich infolge der dauernden Überanstrengung vor Müdigkeit zeitweise kaum noch auf den Beinen halten können ? dann wird es verständlich, daß die meisten von ihnen in dem »groten Kööm« ein unentbehrliches Mittel sehen, die erschlaffenden Lebensgeister neu zu beleben[265] und dem ermattenden Körper wieder frische Energie einzuhauchen. Wird die Abspannung hernach um so größer, nun so muß eben wieder ein neues Quantum Fusel helfen. Übrigens, was hätten wir auch anders trinken sollen? Für den gewöhnlichen Durst verabreichten die Landwirte zwar das fade Dünnbier oder Buttermilch. Solange letztere noch halbwegs frisch ist, bekommt sie dem Magen auch ganz gut. Ist sie aber schon alt und sauer, oder gar blubberig wie Schweinetrank, dann verspürt man bald eine Wirkung, als solle sich die hintere Hosenpartie mit Gewalt zu einem Luftballon ausweiten. Alle Augenblicke gibt's »Knalleffekte« von solcher Vehemenz, daß man mit einem alten blähsüchtigen Wallach in erfolgreiche Konkurrenz treten kann. Zudem bekommt man darnach einen derart üblen schleimigen Geschmack im Munde, daß man ihn selbst durch Kautabak nicht wegzuschaffen vermag. Da sehnt man sich denn förmlich nach einem Trunk, der den Hals von Zeit zu Zeit wieder »rein« kratzt, und als einziges dieser Art bietet sich eben leider nur der Schnaps. Nun wäre es ja entschieden besser, wenn die Leute wenigstens des Morgens nach dem Verlassen ihres Strohlagers anstatt des Kümmels ihren warmen Kaffee bekämen. Es ließe sich dies auch sehr gut machen, denn der als Nachtwache tätige Wasserträger könnte sehr wohl rechtzeitig einen Kessel Kaffee zusammenbrauen, ohne daß die Frau Hofbesitzerin Laufereien davon hätte. Ebenso würde sich durch Kaffee zum Vesper der Fuselgenuß einschränken lassen. Doch hier geht es so, wie in dem bekannten Scherzreim Fritz Reuters: »Rindfleisch un Plummen is woll 'n gaud Gericht, bloß ? wi kriegt et man nich.« Den Herren Landwirten ist es nun einmal zu umständlich, sich »wegen de Lüd« noch irgendwelche kleinen Extramühen zu machen. Auch dürfen »dies Lüd« um Gotteswillen nicht verwöhnt werden. Die einzige freudige Abwechselung während der Dreschkampagne sind die Zahltage. Sie erfolgen unregelmäßig, je nachdem es sich mit der Arbeit paßt, mal von Woche zu Woche, mal nach vierzehn Tagen oder auch erst nach drei Wochen. Alles ist dann neugierig auf die Zahl der geleisteten Stunden. Sind über 100[266] Stunden in der Woche erzielt, so spricht man befriedigt von einer guten Woche; eine Woche von 80?100 Stunden gilt als mittelmäßig, hat man jedoch »nur« unter 80 Stunden herausgeholt, dann war die Woche schlecht. Ich persönlich habe drei Dreschkampagnen mitgemacht und weiß noch so gut, als wäre es gestern geschehen, welches Gefühl der Befriedigung uns überkam, als uns der Maschinenmeister an einem Zahltage mit Stolz verkündete, daß wir es in der vorhergehenden Woche auf 124 Stunden gebracht hatten. Das war allerdings ein Rekord; kamen auf die sieben Arbeitstage doch nicht weniger wie fast 18 Stunden täglicher Arbeitszeit! In Wirklichkeit wurden die 18 Stunden aber noch erheblich überschritten, denn wie schon erwähnt, wird der Umzug von einem Hof zum andern sowie das Ab- und Aufstellen der Maschine nicht mitbezahlt, ganz abgesehen von den Stunden, um die uns der Meister auch noch zu beschummeln pflegte. Gewiß, das Ergebnis war ja denn auch ein verhältnismäßig guter Wochenverdienst, den wir nach Hause brachten; aber am besten tat man, wenn man jedenfalls nicht daran dachte, wie er zusammengequält worden war. Da bei der ständigen körperlichen Überanstrengung der Leute auch viele Unfälle vorkamen, so wurde einmal eine amtliche Bekanntmachung erlassen, die eine Regelung der Arbeitszeit und eine Verbesserung der Schlafgelegenheit vorsah. Von einer tatsächlichen Wirkung dieser Verordnung haben wir aber nie etwas verspürt. Es blieb, wie es war, und ? heute ist es meines Wissens noch genau so. Nach Beendigung der Dreschkampagne arbeitete ich auf der Zuckerfabrik. Es war dies wieder dieselbe Fabrik, nach der ich mich einst von Pommern aus kontraktlich als Ochsenjunge verpflichtet hatte. Und dabei bekam ich denn auch einen gründlichen Einblick in das Leben und Treiben der aus dem Osten importierten Leute in ihrer Fabrikkaserne. Wer jemals auch nur einige kurzen Stunden in solchen Jammerräumen gewesen ist, behält die Erinnerung daran bis in sein spätestes Alter. Die rohgezimmerten, schmutzbedeckten Tische und Bänke, die rauchgeschwärzten mit Lumpen behangenen[267] Wände, das ringsum aufgestellte verschiedenartigste Küchen-und Arbeitsgerät ? das alles wirkt so unsäglich armselig, so ekelhaft abstoßend, daß sich der zivilisierte Mensch scheut, sich hier niederzusetzen oder auch nur anzulehnen. Den gewaltigen Kochherden entströmen Schwaden undefinierbarer Düfte vom gebratenen Hering bis zur angebrannten Kartoffelsuppe und vereinigen sich mit Rauch, Lumpengeruch und den Ausdünstungen der vielen hier zusammengepferchten Menschen zu einer atembeklemmenden Atmosphäre. Denkt man dann noch an die Masse von Schmutz, der von dem schwergründigen Acker und aus den Ställen eingeschleppt wird, daran, daß es den Leuten infolge der langen Arbeitszeit fast unmöglich gemacht ist, selbst eine regelmäßigere und gründlichere Reinigung ihrer Räume vorzunehmen ? dann kann man sich allmählich einen Begriff von der Gemütlichkeit in diesen Kasernements machen, und man wundert sich nicht, daß Wanzen und Flöhe, sogar die bedächtig kriechenden »deutschen Reichskäfer« zu den täglichen Plagegeistern der Insassen gehören. Von den Schlafräumen und dem, was sich nächtlicherweile in ihnen abspielt, gilt nur ein Wort: Kaninchenstall! Amazon.de Widgets Die Feldarbeit begann morgens um 5 Uhr und endete abends um 7 Uhr, wozu dann noch der Weg zum und vom Felde kam. In den Erntewochen wurde jedoch auch hier die Arbeitszeit häufig zu einer geradezu unbegrenzten gemacht. Die Pferdeknechte, soweit sie verheiratet im »Familienhause« wohnten, waren verpflichtet, von morgens 3 Uhr bis abends 9 Uhr zu arbeiten. Der Lohn betrug 1,20 bis 2 Mark pro Tag nebst einigen Naturalien; für Ochsenjungen je nach Alter 60 Pfennige bis 1 Mark. Die Behandlung war in jeder Beziehung ostelbisch. Es konnte dies schon deshalb nicht Wunder nehmen, weil sowohl der Inspektor wie auch die Aufseher mit einer Ausnahme ? Ostelbier waren, die natürlich der alteingewurzelten Anschauung lebten, daß gewöhnliche Arbeiter möglichst barsch und brutal zu behandeln seien. Man trieb es hier so schlecht und gemein mit einem, daß es mehrfach vorkam, daß nicht nur Einzelne, sondern sogar[268] ganze Trupps auszurücken versuchten. Einmal war schon eine ganze Kolonne mit der Bahn bis nach der Kreisstadt Heide entwichen; von dort aber wurde sie an der Weiterfahrt gehindert und wieder in ihr Arbeitsverhältnis zurückgebracht. Aufrührerische Szenen und daran anschließend Schlägereien mit dem Aufsichtspersonal gehörten, besonders des Sonntags, keineswegs zu den Seltenheiten. Zur Unterdrückung solcher Verzweiflungsakte gequälter Menschen wurden dann gewöhnlich Ortspolizei und Gendarmen hergeholt. So war dies Leben dieser importierten Arbeiter noch viel weniger beneidenswert wie unser eigenes, obwohl auch wir schon keine Ursache hatten, mit unserem Schicksal besonders zufrieden zu sein. Eine Hauptarbeit vor allem der weiblichen Importierten besteht während des Vorsommers in dem Behacken der Zuckerrüben, wobei gleichzeitig noch eine andere Arbeit gemacht werden mußte, das Rübenverziehen. Dies aber ist wieder deswegen erwähnenswert, weil sie von den Kindern der heimischen Arbeiter verrichtet wurde. Bekanntlich werden die Rüben im Frühjahr aus dem Samen mittels Drillmaschinen in Reihen gesät. Nachdem die jungen Pflanzen dann mehrmals zwischen den Reihen gehackt und in den Reihen von Fuß zu Fuß durchgeschlagen sind, müssen von den noch stehengebliebenen Pollen sämtliche überflüssige Pflanzen bis auf eine weggezogen werden. Diese mühsame und eine gewisse Fingerfertigkeit erfordernde Arbeit verrichten die schulpflichtigen Kinder der heimischen Arbeiter. Zu diesem Zwecke gibt ihnen die Schulverwaltung auf mehrere Wochen die sogenannten Rübenferien. Ein erhebender Anblick ist es nun nicht, wenn man die Kleinen auf den Rübenfeldern herumkriechen sieht. Doch Not bricht Eisen, und die meisten Tagelöhner sind schon darauf angewiesen, daß nicht nur ihre größeren Kinder während der letzten Schuljahre zum Bauern in Kleindienst gehen, sondern auch die kleineren ihren Groschen mitverdienen helfen, damit sie einen Anzug oder Schuhwerk bekommen können, daher ihre Verwendung beim »Rübenluken«. Früh morgens um 5 Uhr verlassen sie das Bett; ausgerüstet mit einigen[269] Schnitten Brot und einer Flasche dünnen Kaffees werden sie zu Felde gefahren, wo um 6 Uhr die Arbeit beginnt und um 6 Uhr abends endet. Den ganzen Tag auf den Knien zwischen den Rübenreihen umherrutschend, die zarten Hände von dem fortwährenden Wühlen in dem hartgetrockneten Marschboden wund und rissig, in den heißen Tagen von brennendem Durst geplagt, der, wenn der Kaffee ausgetrunken ist, oftmals nur aus einigen modrigen Wassertümpeln gestillt werden kann, so müssen sich die Kinder schon im Alter von 8 Jahren nutzbar machen ? allerdings, es sind nur Arbeiterkinder, und denen muß eben beizeiten beigebracht werden, »wofür sie der liebe Gott aufs Land gesetzt hat«. Für Arbeiterkinder soll ja nach Ansicht gewisser begüterter Kreise die zeitige Gewöhnung an intensive Arbeit ganz besonders gesund sein, während sie ihre eigenen Kinder von jeder physischen Arbeit möglichst fernhalten. Man muß es gesehen haben, wie müde und abgespannt die Kleinen nach solcher Tagesleistung zu Hause ankommen, dann wird man nicht mehr von einem Segen, sondern nur noch von einem Frevel auch der ländlichen Kinderarbeit sprechen können. Anfang Oktober beginnt dann das Rübenroden und dauert sechs Wochen. Hierbei werden neben den »Importierten« auch einheimische Arbeiter und deren Frauen beschäftigt. Auch diese Arbeit erfordert viel Ausdauer und nicht geringe körperliche Kraft. Wenn an frostigen Herbsttagen die Rübenblätter stark bereift sind oder regnerisches Wetter einsetzt, dann weiß jeder, was er des Abends für eine Leistung hinter sich hat. Der ansässige Arbeiter ist nun zwar bemüht, die Kräfte seiner Frau hierbei nach Möglichkeit zu schonen. Die importierten Arbeiterinnen jedoch hatten auf keinerlei Schonung zu rechnen. Des Morgens in der Dunkelheit gingen sie aufs Feld, und des Abends sah man sie noch bei Laternenschein ? Arbeiten verrichten, die selbst für kräftige Männer schwer genug waren. Einen geradezu Mitleid erregenden Anblick gewährten diese Frauen aber, wenn sie bei schlechtem Wetter bis auf die Haut durchnäßt, hochgeschürzt, in dem schweren aufgeweichten Boden bis an die Knöchel im Morast steckend, durch grobkörnige Zurufe des Aufsehers zu[270] vermehrter Tätigkeit angespornt wurden. Hier dachte ich dann oftmals an die Redensarten von der »hohen Achtung«, die überall die »deutsche Frau« genießen soll. Wahrhaftig, die Herren, die in überquellender Sektstimmung ihre verzückten Trinksprüche auf die Frau ausbringen, würden gut tun, sich die übermäßige Anstrengung solcher Rübenarbeiterinnen mal an Ort und Stelle anzusehen; ich glaube, ihnen müßte dann jeder Hymnus auf die deutsche Frau vor Scham in der Kehle stecken bleiben. Ich selbst war bei der Verarbeitung der Rüben, also im Innenbetriebe beschäftigt; ich galt also jetzt als Industriearbeiter. Gearbeitet wurde Tag und Nacht in je 12stündiger Wechselschicht. Nach Schluß der »Kampagne« aber erhielt ich, wieder landwirtschaftlicher Arbeiter, Weiterbeschäftigung bei den Winterarbeiten der Fabrikökonomie. Es gab dann zunächst Rübenschlamm zu fahren. Dieser war während der Verarbeitungsperiode von der Rübenwäsche weg in Klärgruben geleitet worden und wurde nun, da er gefroren war, mittels Feldbahn auf Äcker gebracht. Auch das war gerade kein schönes Stück Arbeit. Neben den hartgefrorenen Stücken wurde natürlich auch »Matsch« mit verladen, und wenn man beim Umlegen der Gleise in diesen übelriechenden Modder hineingreifen mußte, so fror einem die Sauce förmlich an den Händen fest. Zudem hieß es Dauer halten den ganzen Tag, ganz gleich wie stark der eisige Wind uns auf dem freien Felde um die Ohren wehen oder wie heftig die Schneeflocken jagen mochten. Unser Brot in der Brottasche fror uns oft steinhart, und in der Kaffeeflasche fanden wir manchmal anstatt des Kaffees einen bräunlichen Eisklumpen, wenn nicht gar die Flasche von dem »Eiskaffee« gesprengt worden war. Ei, wie behagte mir dann des Abends der warme Ofen bei Muttern! Für diese Winterarbeiten auf der Zuckerfabrik gab es einen Tagelohn von 1,50 Mark bei eigener Kost und einer Arbeitszeit von morgens 6 bis abends 6! Da sollte man fett bei werden! Abzüglich der Beiträge für Kranken- und Invalidengeld ? es gab hier eine Fabrikkrankenkasse ? brachte man dann am Wochenschluß ganze 8,60 nach Hause, d.h. dann durften aber keine Aussetztage dazwischen sein, sonst war es natürlich noch weniger. Da[271] kauf' man los! Dieser Lohn wurde auch beibehalten, als andere Winterarbeiten an die Reihe kamen, wie Abfahren des bei der Rübenverarbeitung produzierten Kalkschlammes, Anlegen der Komposthaufen, Mistfahren und Maschinendreschen, teils in Fabrikscheunen, teils auf kleinen Vorwerken. Es ging immer nur für die 15 Groschen. Endlich aber war auch dieser Mistwinter wieder vorüber, das Frühjahr da und damit wieder Arbeit auf den Äckern. Während des nun folgenden Sommers war ich ausschließlich auf ein paar Großhöfen tätig, je wie es mit der Arbeit hier und dort gerade paßte; zuerst in der Saatzeit, dann bei Kleiungs- und Meliorationsarbeiten, dann in der Heuernte, und dann wieder bei Meliorationen bis zur Kornernte. Einigermaßen lohnend waren die Kleiungsarbeiten in den Außendeichsländereien dicht am Watt. Hier konnte nur »tidenweis« gearbeitet werden, je nachdem Ebbe und Flut dies zuließen. Während der Ebbe wurde gekleit, d.h. Gräben ausgeworfen, in denen sich zur Gewinnung neuen Vorlandes der Meeresschlick ablagerte. Zuweilen genossen wir hier an der »Waterkant« ein prachtvolles Stück Natur. Wenn wir an einem stillen klaren Maimorgen entsprechend dem Gezeitenwechsel etwa um zwei Uhr morgens aufbrachen und uns nach gut einstündigem Marsche dem Außendeich näherten, zeigte sich uns das Watt in seiner ganzen Pracht und Großartigkeit. Hinter uns die saftgrünen Matten; vor uns die unendliche kaum bewegte Wasserfläche mit eben einsetzender Ebbe; über uns der klare blaue Morgenhimmel mit der goldig aufgehenden Sonne. In vollen Zügen sogen wir die schöne frische Seeluft ein und überließen uns ganz der erhabenen Stille und Schönheit. Bis es anfing allmählich zu pfeifen, zu piepsen und jiepsen, immer stärker in hundertfachem lebendigem Tongemisch. Tausende von Strand- und Wasservögeln waren nun auch erwacht und gaben auf mannigfachste Art ihres Lebens Laute kund. Da standen sie, einzeln oder in Schwärmen, liefen, hüpften oder schössen dahin; wiegten sich, neckten sich und zankten sich ? all die Enten, Wasserhühner, Möwen und Taucher, die Tüten, die Strandläufer, die Kiebitze und Regenpfeifer; hier und[272] da strich auch eine Bekassine über das Grün. Sie hatten's eilig jetzt mit ihrem Paarungs- und Brutgeschäft, und laut, weithin vernehmlich äußerte sich ihrer aller Lebensdrang. Ach, es paßte alles so schön zueinander, dieses Wasser, dieser Strand und diese Vögel. Für Augenblicke konnte man da vergessen, daß man nur Arbeiter war; die Sorge schwand, es regte sich die Freude an der Natur ? aber auch nur für Augenblicke, denn schon wieder war es weit genug abgeebbt, die Arbeit konnte weiter gehen. Bis zur nächsten Flut mußten Ruten Boden ausgekleit sein, wenn man einigermaßen einen Tagelohn verdienen wollte. Von all der schönen Natur bekam man ja leider nichts zu essen. Zu Hause versorgte währenddem meine Frau unser Schwein und hielt die 20 Quadratruten Kartoffelland in Ordnung, die ich gepachtet hatte. In der folgenden Ernte nahmen wir diesmal schon zwei Kinder mit aufs Feld. Nach beendeter Ernte arbeitete ich wieder bei der Dreschmaschine, diesmal als Einleger, wobei ich die Stunde 10 Pfennige mehr erhielt, wie die Kolonnenarbeiter. Im Spätherbst aber ging ich dann abermals nach der Zuckerfabrik, wo ich, als die Rüben verarbeitet waren, auch diesmal in der Ökonomie den Winter über die berühmten 15 Groschen fronden mußte. In diesem letzten Jahre brachte ich es auf den höchsten Verdienst, den ich als landwirtschaftlicher Arbeiter erzielt habe, auf ? 710 Mark. Und damit ging's mir schon besser wie vielen der anderen Tagelöhner, die mußten auch diesmal auf Monate lang brach liegen und ? zum Fenster raussehen. Und wer gar keinen Notgroschen beiseite zu legen vermochte, zehrte auch schon wieder auf den kommenden Sommer. Die langen Abende dieses Winters boten uns wieder hinreichend Gelegenheit zu gemeinsamen Zusammenkünften, wobei wir uns dann über mancherlei unterhielten, was uns Arbeitern besonders am Herzen lag. Es ging dabei »Reih um«, den einen Abend bei diesem, den andern bei jenem Tagelöhner. Fünf, sechs »Nabers« stellten sich mit ihren Frauen ein. Wir Männer pafften unseren Knaster, die Frauen machten sich bei einer Handarbeit zu tun, und bald war der »Snack« im Gange.[273] Das Hauptthema aber bildeten dann gewöhnlich »die schlechten Zeiten«. Alles war teuer, besonders die Feuerung, und alles mußte für den baren Groschen gekauft werden. Was einem zuwuchs, war der Mühe nicht wert. Das Kartoffelland kostete schwere Pacht, 16 bis 18 Mark für 20 Kreuzruten, und schließlich brachte die Aufnahme nur wenige Sack, denn das Marschland eignet sich meist schlecht zum Kartoffelbau; glücklich wer sich noch ein Schwein groß ziehen konnte. Zudem wurden die Wohnungen immer knapper und darum teurer. Denn neuerdings befolgten die Dorfgemeinden darin eine ganz eigenartige Praxis. Es gab nämlich schon zahlreiche Häusler, die infolge des schlechten Verdienstes ihr Häuschen nicht halten konnten. Sie waren gezwungen, nach und nach so viel Geld von der Sparkasse zu entleihen, als diese für die Kate hergeben wollte. Konnten sie schließlich die fälligen Zinsen gar nicht mehr aufbringen, so übernahm die Sparkasse das Haus als Eigentum und bot es anderweitig zum Verkauf. Da kam es dann vor, daß die Dorfgemeinden, in denen ja stets die Bauern ausschlaggebend waren, solch Arbeiterhaus zum ? Abbruch kauften. Man sagte sich: Arbeiter haben wir vollkommen genug; vor allem brauchen wir keine Verheirateten. Wir müssen also sehen, daß wir deren Zahl verringern, sonst wachsen infolge der steigenden Arbeitslosigkeit die Armenlasten. Also weg mit den kleinen Häusern, dann verschwinden auch die Arbeiterfamilien. Neue Häuser können sie nicht bauen, dazu sind sie zu arm. Mögen die Leute sehen, wo sie bleiben. Fehlt es uns aber mal an Ledigen, so verschreiben wir uns solche aus Ostpreußen, da gibt's genug, und die kommen gern, weil die Löhne hier höher sind wie dort, ? eine hübsche Illustration zu dem Kapitel von der Leutenot auf dem Lande! Mehrere meiner »Nabers« meinten hierzu, das beste würde wohl sein, daß man sein Bündel schnüre und mit Weib und Kind abwandere. Vielleicht finde man in einer Fabrikstadt ein besseres Auskommen; hier werde es doch von Jahr zu Jahr schlechter. Es sei zwar 'ne Sünde und Schande, so auf gut Glück in die Welt ziehen zu müssen, denn jeder habe die Ecke lieb, wo er zu Hause[274] sei. Auch sei man von Jugend auf an Bauernarbeit gewöhnt und das Land einem ans Herz gewachsen, da gehe niemand gerne davon; doch was solle man schließlich anders machen? »Hunger deiht weh.« Bei solchen Gelegenheiten zog ich dann mehrfach Vergleiche zwischen dem Dasein eines freien Arbeiters der Marschen und dem eines Kontraktarbeiters der großen Güter. Ich kam zu dem Schlusse, daß letztere es tatsächlich in mancher Beziehung besser hätten, wie jene. Allerdings, die waren nicht frei, das ganze Jahr an den Hof gebunden, jeden Tag und Stunde der Herrschaft zur Verfügung; doch dafür hatten sie das ganze Jahr Brot und Arbeit, brauchten nicht mit Arbeitslosigkeit und Winterelend zu rechnen. Meine Nachbarn aber schüttelten den Kopf. Die gutsherrliche Kontraktwirtschaft mit der ständigen Gebundenheit erschien ihnen noch schlimmer als ihre eigene Not. Sie wehrten ab: »Nee, fri is fri; hier is man doch wenigstens sin eegen Herr, wenn man ok nix to fräten hett, awerst up son Gut is man je ni een Stünn sin frier Mann!« Tatsächlich habe ich in all den Jahren denn auch nicht einen einzigen Dithmarscher Tagelöhner kennen gelernt, der sein bißchen Freiheit gegen den Kontraktdienst auf einem Gute vertauscht hätte. Und ich tat's auch nicht. Sympathischer war einigen das Rentengutswesen, das seit ein paar Jahren aufgekommen war. Bekanntmachungen im Amtsblatte veranlaßten mehrere, sich um Auskunft an das Landratsamt zu wenden. Ihnen wurde dort die Erwerbung solch eines kleinen Rentengutes auch als sehr vorteilhaft geschildert, da der Staat langjährigen Kredit und Amortisationsfrist gewähre; jedoch waren sie gleichzeitig darauf aufmerksam gemacht worden, daß die Stelle nicht so groß sei, um eine Familie ganz darauf zu ernähren, vielmehr müßten sie noch auf dem anliegenden Gut Arbeit nehmen, denn der Gutsherr sei auch der Rentengutsausgeber. Na, das sei denn auch weiter nicht schlimm, meinten sie, wenigstens hätten sie ihre persönliche Freiheit und wären doch nicht direkt an das Gut gebunden; mit der Gutsarbeit sonst würden sie sich schon abfinden. Die Lust, es mit einem Rentengut zu[275] versuchen, schien sich infolgedessen bei einem Teil meiner Bekannten von Tag zu Tag zu steigern. Da tauchte eines guten Tags ein früherer Freund von uns im Dorfe auf namens Peter Kropp. Er war im Vorjahre aus der Marsch weggezogen; damals hieß es, er habe sich in der Rendsburger Gegend eine kleine Landstelle zu sehr günstigen Bedingungen gekauft. Freilich wunderten wir uns, daß Freund Kropp überhaupt etwas habe kaufen können, denn er lebte auch nur wie wir von der Hand in den Mund. Auf unsere Frage, wo er denn jetzt so plötzlich wieder herkäme, antwortete er verdrießlich: »Wo schull ik woll herkamen ? vom Rentengut!« Hierauf erzählte er, wie er sich um eine Rentengutsstelle beworben und mit Hilfe seines Schwiegervaters, der ihm 150 Mark vorgeschossen, auch eine bekommen habe. Es sei ihm ein amtlicher Rentenbrief ausgehändigt worden, laut dessen ihm der Staat auf 60 Jahre Kredit gewähre, ebenso hätten die Abtragsbedingungen recht günstig gelautet. Mit seiner kleinen Anzahlung wäre er aber nicht weit gekommen, vielmehr habe er sich gleich bei dem Gutsherrn in Schulden setzen müssen, so daß er bei diesem von vornherein auf mehrere Jahre »fest« saß, so durch Ankauf einer Kuh, zweier Ferkel und mehrerer Hühner, abgesehen von sonstigen Sachen. Natürlich habe er unter diesen Umständen auch nirgends anders arbeiten können, wie auf dem Gut. Schon räumliche Gründe hätten ein anderweitiges Arbeiten nicht zugelassen, und allmählich sei seine Abhängigkeit vom Gutsherrn doch recht fühlbar geworden. So wäre er schließlich, ganz ohne ausdrücklichen Jahreskontrakt, zu ständiger Gutsarbeit gezwungen gewesen, und zwar zu so niedrigem Lohn, daß er gar kein Ende der Abhängigkeit gesehen hätte. Das beste an dem ganzen Rentengut wäre das Häuschen gewesen; zur Bearbeitung der Scholle habe er aber nur des Sonntags oder nach Feierabend oder höchstens dann und wann mal einen Tag in der Woche zur Verfügung gehabt; die übrige Zeit hätte er ? und auch häufig seine Frau ? eben Gutsdienst verrichten müssen. Doch das würde er alles noch gerne getan haben, wenn nur der Tagelohn höher und die Behandlung[276] besser gewesen wäre. Aber der Gutsherr habe geglaubt, gerade die Rentengutsleute besonders »hochnehmen« zu können, weil diese ihm finanziell verpflichtet waren und deshalb in noch größerer Abhängigkeit standen, wie die anderen Kontrakttagelöhner. So habe er sich schließlich gesagt: »Schit in dat ganze Rentengut!« Selbst wenn er an seinem Lebensende schließlich wirklich Eigentümer der Stelle geworden wäre, so hätte er von seinem Leben doch nichts weiter gehabt, wie ewige Gutsfron. Deshalb habe er kurzerhand alles stehen und liegen gelassen und sei bei Nacht und Nebel davongegangen. Jetzt mochten sie seinethalben mit dem Rentengut machen was sie wollten; nehmen könne man ihm nichts, denn er habe nichts. Die 150 Mark sei er zwar los; doch komme er über den Hund, so komme er auch über den Schwanz. Als wir ihn fragten, wie denn den anderen Rentengutsleuten die Sache gefallen habe, da meinte er, einige hätten sich gleich ihm mit dem Gedanken des Ausreißens getragen, sie seien nur noch nicht so weit gewesen; andere aber hätten sich ganz wohl gefühlt. Das wären die gewesen, die eine größere Anzahlung hätten leisten können, deshalb auch keine oder doch nur geringe Schulden beim Gutsherrn hatten zu machen brauchen. Auf dem Gute hätten auch sie gearbeitet, doch wäre ihnen ihr Tagelohnsverdienst trotz seiner Niedrigkeit immerhin besser zustatten gekommen wie den übrigen. Freilich, Gutssklaven seien auch sie noch auf Jahrzehnte hinaus, wenn sich der Grad ihrer Abhängigkeit vielleicht auch nach und nach mildere. Amazon.de Widgets Nach diesen Schilderungen kühlte sich die Sehnsucht nach dem Rentengutsleben bei den anderen sehr wesentlich ab. Ja es hatte sich bei uns Tagelöhnern, wenn wir hierauf zu sprechen kamen, bald die ständige Redensart eingebürgert: »Schit in dat ganze Rentengut, seggt Peiter Kropp!« Inzwischen hatten die Arbeitslosigkeit und die dadurch hervorgerufene steigende Not unter den Tagelöhnern doch eine Anzahl unserer Kreishonoratioren auf den Plan gerufen. Diese Respektspersonen der meisten dithmarscher Landflecken waren sich schlüssig geworden, angesichts des zunehmenden Elends[277] ein übriges zu tun und den Arbeitern mal eine Portion guter Ratschläge zu geben, wie sie ihre Lage verbessern könnten. Bald wurde zu diesem Zweck auch eine Versammlung einberufen, zu der die Arbeiter freundlichst eingeladen waren. Ich ging ebenfalls hin. Besonders behaglich war mir's allerdings nicht zumute, als ich sah, wie sich am Vorstandstisch um den Herrn Landrat eine ganze Korona von Pastoren, Lehrern, Bauernrentiers und Landwirten breit machte. Das war ein Begrüßen, Dienern und Händeschütteln, daß einem ganz schwül dabei wurde. Wir Arbeiter hatten unwillkürlich die Empfindung, als wenn wir in diese Versammlung eigentlich gar nicht recht hineinpaßten; aber wir waren nun einmal da, und so blieben wir, obwohl mehrere ganz beklommen ihre Pfeife ausgehen ließen. Endlich begannen die Reden. Der Herr Landrat machte den Anfang, dann kam ein Pastor, dann ein Lehrer, dann irgendeine andere Größe. Und was erzählten sie uns? Vom Sparen und immer wieder vom Sparen. Wie schön das Sparen sei, und wie weit man es schließlich dabei bringen könne. Wer nur zu sparen verstehe, für den habe alle Not ein Ende. Deshalb seien hochherzige Männer übereingekommen, uns Arbeitern das Sparen zu lernen, und zwar in einem Sparverein, dessen Gründung sie hiermit dringend empfahlen. Während der Reden waren unsere Gesichter immer länger geworden. Mein Nachbar knuffte mich in die Rippen und meinte leise zu mir: »Du, wenn de Kirls uns wider nix to vertellen wet, denn harn se uns man ruhig to Hus laten kunnt.« Die Herren mochten auch wohl unsere Enttäuschung merken, deshalb forderten sie uns mehrfach auf, auch unsererseits ungeniert mit der Meinung herauszurücken, falls uns etwas an ihren Ausführungen nicht gefallen haben sollte. Darauf erhob sich dann ein Tagelöhner und sagte, die Sparreden seien ja so weit ganz hübsch und schön gewesen, doch die Herren hätten dabei offenbar die Hauptsache vergessen, nämlich: wovon die Arbeiter denn eigentlich sparen sollten! Und nun setzte er ihnen auseinander, daß ein Tagelöhner hierorts trotz allem Fleiß durchschnittlich nur einen Jahresverdienst von etwa 600 Mark[278] erzielen könne. In günstigen Jahren steige dieser vielleicht ausnahmsweise auf 700 Mark; in ungünstigen Jahren bleibe er dagegen häufig noch unter 500 zurück. Daß diese Ziffern richtig gegriffen seien, gehe auch daraus hervor, daß die obere Verwaltungsbehörde für die hiesige Sektion der Unfallberufsgenossenschaft den Jahresverdienst eines ländlichen Arbeiters auf 600 Mark bemessen habe. Jetzt möchten sich die Herren da mal hineinversetzen, was von einem derartigen Verdienst alles bestritten werden müsse. Da soll der Arbeiter mit seiner Familie 365 Tage von leben, dann soll Kleidung und Feuerung angeschafft und die Wohnungsmiete oder die Hauszinsen davon bezahlt werden. Ab und zu sei doch auch ein Stück in der Haushaltung zu erneuern oder Arbeitsgerät zu ersetzen, und was sonst noch alles drum und dran hängt. Wie aber, wenn Krankheitsfälle in der Familie eintreten? Dann kommen Arzt und Apotheker und verlangen Geld, denn eine Krankenkasse für Landarbeiter sei nicht vorhanden. Dazu werde die Arbeitslosigkeit von Jahr zu Jahr größer; sei es doch eben keine Seltenheit mehr, daß man sogar mitten im Sommer feiern müsse. Wenn sich die Herren dies alles mal überlegen würden, dann könnten sie den Arbeitern schlechterdings unmöglich noch mit derartigen Sparvorschlägen kommen. Wollten sie aber dennoch dabei verharren, dann möchten sie den Arbeitern doch einmal das Kunststück vormachen, wie man mit 600 Mark eine Familie ernähren und dabei auch noch sparen solle. Könnten sie es, so werde er es ihnen nachmachen. Diese Ausführungen riefen den allseitigen Beifall der anwesenden Arbeiter hervor, während die Herren am Vorstandstisch unruhig hin und her rückten oder auch betroffen zu Boden blickten. Einige versuchten zwar noch einzuwenden, daß die im Gesindedienst stehenden jungen Leute bei den heutigen Löhnen doch sicher ein beträchtliches Sümmchen sparen könnten, wenn sie nicht so viel zu Tanzvergnügungen laufen und sich erst mit 30 Jahren verheiraten würden. Aber auch darauf wurde ihnen von verschiedenen Seiten erwidert: daß hierin nur ein ganz geringes Körnchen Wahrheit liege. Einmal werde vielen Dienstboten der Lohn von ihren bedürftigen[279] Eltern abgepflückt. Dann wolle jeder junge Mensch schließlich auch ein bißchen von seinem jungen Leben haben. Was sich ein Knecht bis zum 20. Lebensjahre sparen könne, das setze er beim Militär wieder zu. Bliebe nur das Sparen nach der Militärzeit. Das lasse sich zwar hören, sei auch in Einzelfällen wohl angängig. Doch allgemein mache die menschliche Natur mit der Heirat einen Strich durch die Rechnung. Wollten aber alle die Heirat bis zum 30. Lebensjahr aufschieben, dann würde eben mancher Knecht sein Mädchen ehrlos sitzen lassen müssen. Einen derartigen Verlauf der Debatte hatten die Herrschaften wohl nicht erwartet. Sie wußten nicht recht, was sie darauf noch sagen sollten. Schließlich ging alles ohne Ergebnis auseinander. Der Sparverein nach diesem Rezept kam denn auch nicht zustande. Diese Versammlung gab uns an unseren »Klöhn«-Abenden noch oftmals Stoff zu Unterhaltungen über unsere Lage und führte zu neuen regen Meinungsaustauschen über die Landwirtschaft im allgemeinen. Wir alle waren im landwirtschaftlichen Dienst aufgewachsen, ja die meisten hatten ihre Eltern und Großeltern schon als Tagelöhner grau werden sehen; von vielen dienten schon wieder die Kinder auf verschiedenen Höfen. Was Wunder also, daß uns die Landwirtschaft sozusagen ans Herz gewachsen war. Sie erschien uns als die Nährmutter der Menschheit, ohne die ein Volk nicht bestehen könne. Wir liebten die Landwirtschaft. Aber wir verstanden nicht das von Jahr zu Jahr gesteigerte Geschrei der Landwirte über die »Not der Landwirtschaft«. Wenn von Not in der Landwirtschaft die Rede war, so mußten wir, niemand anders, von ihr reden. Wohl fanden wir es begreiflich, daß die Landwirte für Korn und Vieh möglichst gute Preise zu erzielen trachteten und überhaupt nach einer Vergrößerung ihrer Einnahmen strebten, denn »Jeden een nimmt et, wo he 't kriegen kann«. Gab es doch auch unter uns Tagelöhnern einige ? es war freilich nur eine kleine Minderzahl ? die jährlich ein Schwein oder ein paar Kohlköpfe verkaufen konnten, und die sahen es zweifellos ebenfalls lieber, wenn die Schweine mit 60 anstatt 40 Mark pro hundert Pfund Lebendgewicht[280] bezahlt wurden. Wenn sie auch das Mastfutter teurer einkaufen mußten wie in Zeiten niedrigerer Kornpreise, so waren dies doch nur allmähliche Ausgaben, während sie beim Verkauf des Tieres die höhere Summe mit einem Male ausgezahlt bekamen. Das Schwein galt ihnen eben als eine Art Sparkasse. Wir andern jedoch, die nur mit Ach und Krach das eigene Bedarfsschwein groß machen konnten, oder ? was noch häufiger der Fall war ? überhaupt keins im Stalle hatten, verwünschten die hohen Fleisch- und Kornpreise genau so, wie dies die städtischen Arbeiter taten. Immerhin wollten wir den Herren Landwirten keine Vorwürfe machen, wenn sie die Umstände ausnutzten und ihren Vorteil wahrnahmen. Es mochte ja seine Richtigkeit haben mit dem, was das Kreisblatt schrieb, nämlich: daß in der Industrie ungleich leichter Vermögen anzuhäufen seien wie in der Landwirtschaft, und die Landwirte infolgedessen den Industriellen gegenüber benachteiligt wären. Zudem wußten wir auch, daß der Reinertrag eines Hofes zu sehr von der Witterung abhängt. Trotz alledem konnten wir von einer »Not der Landwirte« beim besten Willen nichts merken. Infolge der verbesserten Wirtschaftsmethode steigerten sich die Erträge der Höfe zusehends von Jahr zu Jahr, ebenso gingen die Grund- und Bodenpreise auffallend in die Höhe. Wie häufig erlebten wir es, daß ein Hof, der vor nicht langer Zeit noch für 100?150000 Mark gekauft war, jetzt zu 130?200000 Mark wieder verkauft wurde. Und bei den Großgrundbesitzern stand es in dieser Beziehung sicher noch günstiger wie bei unseren Großbauern. Also wir mochten das Ding betrachten, wie wir wollten: eine besondere Notlage der Landwirtschaft war für uns nicht erkennbar. Mit hunderttmal größerem Rechte aber mußte von einer Notlage der ländlichen Arbeiter gesprochen werden. Das fühlte jeder von uns tagtäglich am eigenen Leibe. Trotz all unserer schweren Arbeit von früh bis spät war es uns nicht möglich, so viel zu verdienen, um mit unserer Familie auch nur ein einigermaßen menschenwürdiges Dasein zu fristen, am allerwenigsten während der Winterzeit: Wir waren und werden immer mehr eine Art Untermenschen,[281] Heloten; zwar persönlich frei, aber dennoch halb versklavt und künstlich auf der niedrigsten Kulturstufe gehalten. Wie elend, wie unendlich tiefstehend kamen wir uns vor, wenn wir uns mit unseren fetten behäbigen Marschbauern in Vergleich stellten, gar nicht zu gedenken an die herrschaftlichen, freiherrlichen, gräflichen oder fürstlichen Ritterguts- und Latifundienbesitzer, die wie kleine Könige auf ihren Kauf- oder Stammgütern hausten. Unserer festen Überzeugung nach konnte die allgemeine soziale Lage der Landarbeiter ganz erheblich verbessert werden, ohne daß sich die Herren Landwirte dadurch irgendwie wehe zu tun brauchten. Vor allem wäre es möglich, die Löhne zu erhöhen. Wurden doch schon im Westen höhere Löhne gezahlt wie im Osten, und dabei spielten die westdeutschen Landwirte genau so den »Dicknäsigen« wie ihre ostelbischen Standeskollegen. Wie wenig aber selbst die besten Löhne im Nordwesten zur Erhaltung einer Arbeiterfamilie ausreichten, das erfuhren wir hier in Dithmarschen jahraus und jahrein mehr wie zur Genüge. Auch die Arbeitszeit ließe sich sehr wohl verkürzen, wenn wir auch ohne weiteres zugeben wollten, daß eine Regelung nach industriellem Muster vorläufig noch nicht angängig sei. Ebenso durchführbar erschien uns eine allmähliche Verbesserung der Wohnungsverhältnisse. Gehörte es denn wirklich zum unabwendbaren Lose der Landarbeiter, immer und ewig von Generation zu Generation in diesen erbärmlichen, feuchten, windschiefen Lehmlöchern leben und vegetieren zu müssen? Unserer Meinung nach mußte es auch im Interesse der Landwirte selbst liegen, sich durch Gewährung auskömmlicher Löhne, kürzerer Arbeitszeit und besserer Wohnungen eine Arbeiterschaft zu sichern, die auf dem Lande standhielt, nicht in die Städte abwanderte. Wenn sich die Herren Landwirte außerdem die vielfach recht schlechte und hochfahrende Behandlung ihrer Leute abgewöhnen und eine auskömmliche schmackhafte Kost gewähren würden, dann hätte sicher niemand von ihnen über Mangel an Arbeitskräften zu klagen. So philosophierten wir in unseren gegenseitigen Wintergesprächen[282] und malten uns im Geiste aus, wie zufrieden wir Arbeiter eigentlich auf dem Lande leben könnten ? wenn die Hof- und Gutsbesitzer nur ernstlich daran denken wollten, daß wir »sozusagen auch Menschen« seien. Mittlerweile war es zum drittenmal Frühling geworden seit unserer Verheiratung, und damit wich wieder um etwas der dumpfe Druck, der während der arbeitslosen Wintermonate abermals auf uns gelastet hatte. Ich arbeitete zunächst in Süderdeich. Schon nach wenigen Wochen aber bot mir ein Großbauer eine Stelle als Wärter bei seinen zwei im Flecken stationierten Deckhengsten an. Der bisherige Wärter war von einem der Hengste geschlagen worden. Ich nahm die Stelle an, nachdem für die Dauer der Deckzeit ein Tagelohn von 2,50 Mark die Woche zu sieben Tagen gerechnet ? zwischen uns vereinbart worden war. Es waren zwei prächtige, teure Tiere, die ich jetzt abzuwarten hatte. Bei meinem Antritt gebärdeten sie sich besonders unruhig; sie hatten seit dem vorigen Tage weder Futter noch Wasser bekommen. Mein Vorgänger mußte einen scheußlichen Schlag von dem einen Hengste erhalten haben; ich fand noch zwei Zähne des Bedauernswerten auf der Futterkiste und einen im Stallgang liegen. Als ich ihn auf seinem Schmerzenslager besuchte, fand ich den Ärmsten mit total verschwollenem und verfärbtem Gesicht; der Unterkiefer war ihm zerschmettert und die Unterpartie des Gesichts ganz schief gedrückt. Er wollte mir wegen der Tiere noch einige Ratschläge geben, doch konnte er nur einige unverständliche Laute herausbringen; am nächsten Tage kam er nach Heide ins Krankenhaus. Ich hatte es in meinem neuen Dienst verhältnismäßig leicht; denn was ist bei der Wartung von zwei Pferden groß zu tun? Das Reiten der feurigen Tiere machte mir aufrichtiges Vergnügen, da weiß man doch wenigstens, was man zwischen den Schenkeln hat, keinen steifen holperigen Holzbock mit schlackernden Ohren, sondern alles ist Leben und Bewegung unter einem, alles Kraft und Elastizität. Im übrigen hielt ich die Tiere blank und den Stall sauber ? das Belegen der Stuten war ja glücklicherweise Sache der Hengste. Kurz vor der Heuernte kamen die Tiere von[283] der Station nach dem Hofe ihres Besitzers zurück. Da sie jetzt nicht mehr so sorgfältig gepflegt zu werden brauchten wie während der Deckzeit, so verrichtete ich auf dem Hofe gleichzeitig Tagelöhnerarbeit bis zum Beginn der Dreschkampagne. Von da ab hatte ich mich, da ich bei der Dreschmaschine als Einleger immerhin 10 Pfennige die Stunde mehr erhielt und auch nicht im Stroh zu schlafen brauchte, schon vorher wieder bei meinem alten Dreschmaschinenbesitzer für die Dauer der »Kampagne« verdungen. Auch für den kommenden Winter schien ich dann wenigstens einigermaßen versorgt. Zwar war mir ein günstiges Angebot von einem reichen Pferdehändler der Gegend gemacht worden, der mich in meinem Umgang mit den Deckhengsten gesehen hatte. Ich sollte als ständiger Koppelknecht bei ihm eintreten, und zwar zu einem Verdienst, der ungleich höher war, als wie ich ihn als Tagelöhner überhaupt je erzielen konnte. Dies Angebot löste begreiflicherweise eine hohe innere Befriedigung in mir aus. Hatte ich jetzt doch Aussicht, in eine bessere, stabilere Lebenslage zu gelangen. Doch es sollte anders kommen, so ganz anders. Das unerbittliche Schicksal vernichtete mit einem Schlage alle meine Aussichten und Hoffnungen in demselben Augenblick, wo meinem Dasein ein hellerer Sonnenstrahl zu winken begann. Es war an einem Septembersonntag, als wir mit der Dreschmaschine auf dem Hofe eines Landwirts in Hödienwisch tätig waren. Die Nacht vorher hatte ich zu Hause geschlafen, denn da der Hof nur eine gute halbe Stunde von meiner Wohnung entfernt lag und wir am Sonnabend schon ausnahmsweise um 9 Uhr abends Feierabend machten, so benutzte ich die Gelegenheit, um mal nach meinen Lieben zu sehen. Um 3 Uhr morgens ging ich vom Hause weg, um 4 Uhr fingen wir an zu dreschen. Emsig und unverdrossen hatten wir den ganzen Vormittag über in Staub und Zug gearbeitet. Als nun der Heizer an der Lokomobile zu Mittag pfiff, hielt ich wie gewöhnlich eine Garbe umgekehrt in die noch stark rotierende Dreschtrommel, um diese dadurch eher zum Stillstand zu bringen. Hierbei glitt ich ein wenig aus. Sofort erfaßte die Trommel die große rauhe Hafergarbe mehr, als wie sie[284] es eigentlich sollte, und damit auch zugleich ? meine Hand. Was weiter geschah, kam mir in der Geschwindigkeit gar nicht mehr ganz klar zum Bewußtsein. Ich fühlte nur, daß ich in der Maschine saß. Die Trommel zog nach unten, ich zog nach oben ? und schon im nächssten Moment war mir der rechte Arm weggerissen. Arbeiterschicksal! Des Morgens noch ging ich gesund, frohgemut und kräftig von Hause, des Mittags schon war ich ein Krüppel. Mitten im besten Mannesalter, mit 28 Jahren, hatte mich das Geschick niedergeworfen. Das war das Ende meiner Laufbahn als Landarbeiter. Was dann folgte, ist kurz gesagt. Ich wurde nach dem Armenhause gefahren, wo sich die beiden Ortsärzte um mich bemühten. Auf dem Operationstische liegend hörte ich noch draußen meine arme Frau laut aufschreien, ein Schrei, der mir durch die Seele schnitt. Als ich nach einiger Zeit halb geheilt das Armenhaus verließ, kam meine Frau ins Wochenbett. Nun saßen wir da, eines konnte dem andern nicht helfen, dazu drei Kinder, und der Winter stand vor der Tür. Was ich da manchmal für Gedanken hegte, will ich lieber verschweigen. Natürlich mußte ich Armenunterstützung annehmen, denn eine Krankenkasse gab's für uns Landarbeiter ja nicht. Mein Schweinchen hatte ich bereits aus Not verkauft. O, war das ein niederdrückendes Gefühl, Ortsarmer zu sein und sich, halb bemitleidet, halb mißgeachtet die paar Mark Armengeld hinzahlen zu lassen! Schließlich bekam ich eine Unfallrente. Und da ich Krüppel in der Landwirtschaft nun doch nicht mehr zu gebrauchen war, und mir dort höchstens noch das Armenhaus als Daueraufenthalt winkte, sagte ich den gesegneten Fluren der Marsch bald für immer Valet und zog nach der Stadt. 
 Im Sachsengängerzuge  [58] Um die Osterzeit, kurz nach meiner Schulentlassung, bereiste ein Agent aus Köslin die Gegend, um »Landarbeiter nach Sachsen« anzuwerben. Alles konnte der Mann gebrauchen: Männer und Frauen, Mädchen und Jungens. Schon einige Jahre vorher hatte er mit einem gewissen Vorschnitter Höhnke zusammen sowohl aus der Stadt wie aus den umliegenden Dörfern ganze Trupps von Landarbeitern angeworben, die vom Frühjahr bis zum Spätherbst kontraktlich zur Arbeit auf den Zuckerfabriken der Magdeburger und Braunschweiger Gegend oder auf verschiedenen Gütern von Hannover, Oldenburg und Schleswig-Holstein verpflichtet worden waren. Meistenteils waren diese Arbeiter zum Winter wieder nach der Heimat zurückgekehrt; jedoch hatten es auch zahlreiche einzelne wie auch ganze Familien vorgezogen, der Heimat für immer Valet zu sagen und dort zu bleiben. Der Agent verstand es ausgezeichnet, den Leuten den Mund wässerig zu machen. Nach seinen Darstellungen war »Sachsen« einfach das gelobte Land, wo Milch und Honig floß. Er hatte mit seinen Anpreisungen auch verhältnismäßig leichtes Spiel, denn viele von denjenigen, die sich bereits einmal hatten »verschicken« lassen, ließen sich auch jetzt wieder anwerben und wußten den Neulingen ebenfalls mancherlei Günstiges über das schöne »Sachsen« zu erzählen. Die Behandlung der Arbeiter sei besser wie auf den pommerschen Höfen, die Kost sei schmackhafter, und vor allem würden dort ungleich höhere Löhne gezahlt. Letzteres wurde selbst von denjenigen zugegeben, denen es dort sonst nicht gerade zum Besten gefallen hatte. Diesen Umstand wußte der Agent auch sehr geschickt auszunutzen. »Kinder«, sagte er überzeugend, »die 8 oder 9 Monate sind ja keine Ewigkeit; wenn's euch dort nicht paßt, kommt ihr zum Herbst wieder; freie Reise kriegt ihr ja.« Er fügte noch hinzu, daß der Trupp, den er jetzt noch brauche, nur ein Nachschub sei,[59] denn mehrere Hundert habe er bereits im Januar und Februar angenommen und schon anfangs März nach verschiedenen Gegenden Sachsens geschickt; wer also mitwolle, möge sich bis zum nächsten Wochenmarkt besinnen, dann gehe der Transport ab. In dieser Weise hatte auch ich den Mann auf dem Hofe der Schnapskneipe, in der er logierte, reden hören und mußte offen gestehen: seine Worte elektrisierten mich förmlich. Zu Hause sprach ich mit meiner Mutter darüber. Sie hatte auch schon daran gedacht, sagte sie, doch in der Hoffnung, daß sich vielleicht sonst noch etwas Passendes für mich finden würde, war sie wieder davon abgekommen. Schließlich wußte ich ihre Bedenken zu zerstreuen. Ich wies auf andere hin, die auch schon jung aus der Heimat »weggemacht« waren und die doch sehr schöne Briefe nach Hause schrieben, erinnerte auch an den Ausspruch eines Lehrers, daß man etwas von der »Welt« gesehen haben müsse, wenn man mitreden wolle, und rechnete schon all den schönen Verdienst zusammen, den ich »dort draußen in Sachsen« erzielen würde. Ich sehe sie noch vor mir, meine Mutter, wie sie tief Atem holte und sagte: »Na denn geh'; es ist ja einmal das Schicksal von uns armen Leuten, daß wir unsere Kinder in die Welt hinausstoßen müssen, wenn sie nur eben die Finger rühren können.« Ja, so war es tatsächlich. Schon seit Jahren kannte man es dort gar nicht anders, als daß die Kinder armer Leute, sobald sie schulfrei waren, für sich selbst sorgen mußten: der Wind mochte sie hinwehen, wohin er wollte. Und merkwürdig oder nicht: den allermeisten gefällt es draußen in der Fremde besser wie in der Heimat. Kaum hatte ich die Erlaubnis meiner Mutter zur Abwanderung erlangt, so suchte ich auch schon den Agenten auf, um mich ebenfalls als Sachsengänger einschreiben zu lassen. Er tat zuerst zwar so, als sei ich noch ein »bisken reichlich klein«, und hegte auch einige Bedenken wegen meiner noch zu großen Jugendlichkeit. Unter sechzehn Jahren nehme er die Jungens nicht gerne, sagte er, denn einmal werde von den Herrschaften in Sachsen dieses Mindestalter für Dienstjungen meistens ausdrücklich verlangt,[60] dann aber auch setze er sich leicht polizeilichen Scherereien aus, wenn er erst Vierzehnjährige vermittele. Hier sprang nun der Vorschnitter Höhnke ein. »Den Bünzelt könnte ich gebrauchen«, meinte er, »der kann Ochsenjunge auf der Zuckerfabrik werden; da wird's nicht so genau genommen.« Gleichzeitig holte er ein Kontraktformular hervor und forderte mich auf, meinen Namen darunter zu setzen. »Zu lesen brauchst du das gar nicht erst, Junge«, sagte er dabei, »du kriegst auf der Fabrik 6 Groschen Tagelohn, und wenn du tüchtig bist, wird dir das Fahrgeld nicht vom Lohn abgezogen.« Amazon.de Widgets Mit dieser summarischen Erklärung begnügte ich mich auch vollauf; gingen mir doch lediglich die 60 Pfennige Tagelohn im Kopfe herum. Welches Glück! Ich sollte als vierzehnjähriger Junge in Sachsen ebensoviel verdienen, wie ein vollwertiger Tagelöhner in meiner hinterpommerschen Heimat! Was brauchte ich da zu wissen, was sonst noch alles in dem langen Kontrakt drin stand? Es genügte mir, daß ich als Ochsenjunge für die Zuckerfabrik W. in Schleswig-Holstein angenommen war und ? unterschrieb. Noch vier Tage, dann sollte der Transport abfahren. Rührig wurde nun an meiner Ausrüstung gearbeitet; sie war allerdings einfach genug. Ein kleiner, kofferähnlicher, schon ziemlich wurmstichiger Holzkasten stand noch von Vaters Zeiten in der Kammer. Er wurde von Schimmel und Spinngeweben gesäubert und mit dem Notwendigsten vollgepackt. Wie fürsorglich war Mutter! Von einem Alttrödler erwarb sie für wenige Mark einen derben, schon getragenen Arbeitsanzug und dito Schmierstiefel. Hierzu kamen die Holzpantinen, ein paar Rosowostrümpfe, drei Barchenthemden und ein altes überzieherähnliches Garderobestück, der Wallmusch; er sollte Kälte und Regen bei der Feldarbeit abhalten. Sie vergaß auch nicht, ein ganzes Brot und einen Topf mit Schmalz beizulegen. Zuletzt steckte sie an die Seite ein uraltes Gebetbüchlein, das gleichzeitig meinen Konfirmationsschein barg. In Ermangelung eines Schlosses band ich einen Strick kreuzweise um den Kasten, und damit war ich reisefertig.[61] Mein ganzes Barvermögen bestand in einer Summe von 2 Mark und 60 Pfennigen, die mir Mutter mit der dringlichen Mahnung aushändigte, wenigsten die beiden Markstücke nur im äußersten Notfalle anzureißen. Um halb 4 Uhr morgens waren wir alle auf dem Bahnhof zusammen; die Angeworbenen aus den umliegenden Dörfern hatten sich mit Sack und Pack bereits des Abends vorher eingefunden. Wir waren unser insgesamt 45 Personen: Männer, Frauen, Jungen und Mädchen; ich schien der jüngste von allen zu sein. Wie wir dastanden auf dem Bahnhof! Jeder mit seinem Packen oder Bündel vor sich; hier ein Kasten, dort ein Korb, ein Sack oder auch nur ein Stück Sackleinen, in das die Habseligkeiten eingebunden waren. Und doch: innere Bewegung oder gar Traurigkeit zeigte auch nicht eines der verschiedenen Gesichter. Nur meine Mutter, die mich nach dem Bahnhof begleitet hatte, konnte eine gewisse Beklommenheit nicht unterdrücken. Einige der Männer waren trotz der frühen Morgenstunde sogar lustig und fidel; sie sangen und prosteten sich aus der Fuselbuddel zu. So harrten wir des Zuges, der uns aufnehmen sollte. Weshalb wurden sie heimatsflüchtig, diese Männer und Frauen, diese Knaben und Mädchen? Warum schüttelten sie den hinterpommerschen Staub so leichtherzig von den Pantoffeln? Ein alter Tagelöhner gab die Antwort darauf, indem er mir ermunternd zurief: »Man ümmer Kopp hoch, mien Jüngchen, schlechter as hier kann't uß in de ganze Wilt ni gahn!« Ein kurzer herzlicher Abschied ? dann dampfte der Zug mit uns ab. Ich ahnte nicht, daß ich meine Heimat erst nach 20 langen Jahren wiedersehen sollte. Wir fuhren nach Schneidemühl; dort erwartete uns bereits das Gros des Transports, mit dem wir uns vereinigten, um gemeinsam über Berlin und Hamburg nach den verschiedenen Bestimmungsorten befördert zu werden. Es waren alles Leute, die sich der Agent teils aus der Gegend von Dramburg, Tempelburg und Rummelsburg in Hinterpommern, teils aus dem Umkreis von Konitz, Flatow und Deutsch-Krone in Westpreußen zusammengesucht hatte.[62] In Schneidemühl nahmen uns die berüchtigsten ostpreußischen IV.-Klassewagen auf; kleinfenstrig, niedrig, dreckig. Jeder suchte sich Platz, so gut er ihn fand. Bald war der Waggon so dick vollgepropft, daß wir uns kaum rücken noch rühren konnten. Alles hockte auf seinen Kisten, Kästen oder Säcken im trautesten Durcheinander. Man sprach von der Zukunft, man sang, man rauchte, schnupfte und ? trank. In kurzer Zeit herrschte in dem Raum eine Luft zum Schwindeligwerden. Unheimlich grotesk wurde das Bild, als wir am Abend »bei der Lampe Dämmerschein« dahinrüttelten. In dicken Schwaden zog der Tabaksrauch von einer Ecke zur andern, alles in einen dichten nebligen Schleier hüllend, den das Wagenlicht nur mühsam zu durchdringen vermochte. Nur in schemenhaften Umrissen gewahrte man noch die einzelnen Gestalten, die zwanglos und ungeniert aneinander gelehnt teils zu schlafen versuchten, teils ihre lebhafte Unterhaltung weiter führten. In dem durchleuchteten Dunst erschienen die Gesichter fast gespenstisch fahl und gelblich, und die Frauen sahen in ihren Kopftüchern aus, als hätte sich eine Qualmgloriole um ihr Haupt gewoben. Gewiß, dies Bild war traurig, tief traurig sogar; doch wem von uns wäre wohl ein solcher Gedanke gekommen? Keinem. Wir glaubten eben, arme Leute hätten überhaupt kein Anrecht darauf, bequemer zu reisen; im übrigen freuten wir uns nur, daß wir auf der Bahn »so schnell« vorwärts kamen. Unterdessen eilte unser Zug unaufhaltsam der Hauptstadt zu. Je näher, desto stärker die Unterhaltung. Was machten wir uns für einen Begriff von Berlin! Wahre Wunderdinge hatte man uns drüber erzählt, von seiner Größe, seinen himmelhohen Häusern und der märchenhaften Beleuchtung. Die Zahl der Stationslichter mehrte sich jetzt zusehends. Abwechselnd steckten wir die Köpfe aus den Wagenfenstern und blickten nach vorwärts dem hauptstädtischen Lichtmeer entgegen. Ausrufe des Staunens und der Überraschung: So viel Lichter gab's wohl in ganz Hinterpommern nicht, als wie uns hier im Fluge entgegenleuchteten. Dann mäßigte der Zug seine Fahrt und hielt kurz darauf in einer mächtigen Halle.[63] Berlin ? Schlesischer Bahnhof! riefen die Schaffner. Berlin ? Polnischer Bahnhof! echote es von irgend einem Witzbold dazwischen. Alles stieg aus und folgte dem Agenten nach dem großen Wartesaal IV. Klasse. Halb neugierig, halb mitleidig betrachteten uns die Passanten. »Schon wieder 'n Haufen Polacken«, hieß es. In dem Wartesaal hatte man nun ausreichend Gelegenheit, die ganze Gesellschaft unserer Zugvögel etwas näher zu betrachten, und ich muß gestehen: besonders wohl wurde mir dabei nicht zumute. Es grimmelte und wimmelte, es summte und brummte hier wie in einem Bienenkorb. Wir Pommern und Westpreußen waren durchaus nicht die einzige Kolonne von Sachsengängern in diesem gewaltigen Raum. Schon vorher hatten die Züge mehrere Schwärme von Landsleuten aus Ostpreußen und Schlesien gebracht, dazu wirkliche Kassuben, Masuren, Littauer, Polen, Böhmaken, Galizier, ja sogar Ungarn und Slowaken, die nun gleich uns der Weiterbeförderung harrten. Es war, als hätten sich hier die Landarbeiter von ganz Ostelbien, der Wasserpolakei und Walachei ein internationales Stelldichein gegeben. Da drängten sich Männer und Frauen aller Altersklassen, vom jüngst ausgeschulten Knaben und Mädchen bis zum bejahrten Ehepaar bunt durcheinander. Einen verblüffenden Eindruck machten auf mich die verschiedenartigen Trachten und Kopfbedeckungen. Man sah Männer in dem grauen »Eigengewebten« mit dem charakteristischen Dorfschnitt, andere in kurzen Joppen oder langen Tscherkessenröcken, wieder andere in Schafspelzen, deren unbenähte, fettglänzende Lederseite nach auswärts gekehrt war, Männer in Pumphosen und leinenen Knieschürzen. Alles mehr oder minder abgetragen, geflickt, strapaziert. Auf dem Kopfe trugen sie entweder die landläufigen Tagelöhnermützen, mit oder ohne Kokarden, oder den winterlichen »Pudel« in allen Größen und Formen, teilweise bis halb über die Ohren gezogen; selbst die viereckige tschechische Tuchczapka sah man aus einzelnen Gruppen hervorragen. Dieser allgemeinen Armseligkeit entsprach auch die Fußbekleidung. Stiefel und Schuhe der unmöglichsten Sorten, schief und[64] grade, mit Holzsohlen, polnischem Kropf oder Harmonikafalten, lang und plump wie ausgelatschte Trainpumper. Ja die Söhne Galiziens und Ungarns hatten zum Teil überhaupt kein Leder an den Beinen, sondern gingen einher in den unaussprechlichen slowakischen Mausfallenmachersandalen, die mit kreuzweis um Fuß und Waden geschnürtem Bandwerk festgehalten wurden. Viel weniger mannigfaltig war die Kleidung der Frauen. Mir schien, als sahen sie sich alle zum Verwechseln ähnlich. Überall dieselben weiten formlosen Jacken und dicken Kopftücher, wenn auch in anderen Farbenmischungen. Viele hatten sogar hohe Mannsstiefel an den Füßen. Das Gepäck war bei Polen und Galiziern fast dasselbe wie bei Ostpreußen und Pommern. Allesamt verfügten sie nur über das gleiche Häufchen Armut in ihren Bündeln und Kästen. Daher kam es wohl auch, daß wir uns trotz der Nationalitäts- und Sprachunterschiede bis zum gewissen Grade zueinander hingezogen fühlten und uns gegenseitig wenigstens über das Woher und Wohin auszupantomimen suchten. Bei dem wahrhaft babylonischen Sprachgewirr war eine Verständigung mitunter gar nicht so leicht, besonders wenn nicht gleich jemand bei der Hand war, der außer seiner östlichen Muttersprache auch noch einige deutsche Brocken zu radebrechen vermochte. Ich sah Gruppen von Männern, die allein durch Mienenspiel, durch Fingerzeige und gegenseitiges Sichanschreien ihre primitive Dolmetscherkunst erschöpften, ? sie wußten schließlich weiter nichts, als einander mit süß-saurer Freundschaftlichkeit zuzulachen und die Achseln zu zucken. War aber die Verständigung solchergestalt durchaus auf dem toten Punkt angelangt, so holte schließlich einer den Generaldolmetsch ? die Schnapsflasche ? hervor. Diese Sprache verstanden sie alle. Amazon.de Widgets Nach einigen Stunden rief uns der Agent und teilte uns mit, daß mehrere Rollwagen bereit ständen, auf denen unsere Kisten und Säcke nach dem Lehrter Bahnhof überführt werden sollten, von wo die Weiterreise erfolgen mußte. Es ging alsbald ans Aufpacken unserer »nationalen Güter«.[65] Währenddessen konnten wir mit anhören, wie sich müßige Zuschauer in nichts weniger wie schmeichelhaften Bemerkungen über uns ausließen und uns in Bausch und Bogen »dumme Polacken« titulierten. Polacken? Du lieber Himmel, hier wurde ich also ebenfalls als Polack betrachtet, obwohl ich kein Wort Polnisch verstand. Eigentlich wurmte mich das. Denn sogar bei uns in Hinterpommern sah man auf die wirklichen Polacken als auf Menschen geringerer Güte herab. Ich tröstete mich jedoch in dem Gedanken: So wie bei uns zu Hause die ganzen Westprovinzen unter den Begriff »Sachsen« fallen, so werden hier wohl alle Sachsengänger kurzweg als Polacken bezeichnet werden. Die Rollwagen setzten sich in Bewegung, wir marschierten neben her. Die nicht zu unserem Transport Gehörigen blieben vorerst noch zurück; sie sollten später nach dem Anhalter oder Potsdamer Bahnhof tippeln, um von dort aus weiter geschickt zu werden. Unsere Wanderung nach dem Lehrter Bahnhof dauerte eine ganz geraume Zeit; schade nur, daß sie sich bei Nacht und Nebel vollzog. Wir bekamen mithin von Berlin weiter nichts zu sehen, wie eine Reihe von Straßen und hohen Häusern, die alle ziemlich tot und still dalagen. »Nicht einmal den Kaiser kriegen wir zu sehen«, meinte einer so recht wehmütig. »Na dann seht ihr wenigstens Berlin bei Nacht«, lachte der Agent. Auf dem Lehrter Bahnhof verging unserem Agenten aber das Lachen. Er hatte in der Wartehalle nämlich zu seinem Schmerze feststellen müssen, daß ihm unterwegs vier junge Leute entlaufen waren. Auch ihr Gepäck war verschwunden. Alles Fluchen darüber, daß es so grundschlechte Menschen geben könne, die ihn auf diese Weise um das Reisegeld prellten, nützte nichts; die Übeltäter kehrten nicht wieder. Um so mehr achtete der Agent mit Argusaugen auf die übrigen, und er schien herzensfroh zu sein, als er sie alle glücklich wieder im Zuge hatte. Früh morgens dampften wir dann nach Hamburg zu. Gerade dachte ich still und in mich gekehrt über all die schönen Ratschläge und Ermahnungen nach, die mir meine Mutter noch mit auf den Weg gegeben hatte, da nahte mir auch schon der Versucher.[66] Ein junger Mann war's, aus der Gegend von Flatow. Als er hörte, daß ich ebenfalls für die Zuckerfabrik in W. gedungen war, glitt ein Blick des Bedauerns über mich weg. Dann sagte er leise, aber anscheinend aufrichtig zu mir: »Weißt du, für die Arbeit auf dem Rübenboden bist du noch zu schwach, und mit den Ochsen kannst du auch noch nicht umgehen, das Viehzeug ist dreihaariger wie du denkst.« Er sei schon im vorigen Jahre dort gewesen und kenne das. Die Ochsenjungen bekämen von den Aufsehern mehr Prügel als wie Essen; auch würden ihnen von ihrem Lohn so viel Strafgelder für allerhand unvermeidliche Versehen abgezogen, daß sie im Herbste fast gar nichts ausgezahlt bekämen. Mit der Lohnzahlung werde es dort nämlich so gehandhabt, daß den Leuten nur alle vierzehn Tage ein Teil des bedungenen Verdienstes ausgehändigt würde, knapp ausreichend, um das Zubrot in der Fabrikkantine dafür zu kaufen. Das übrige bliebe stehen bis zum Herbst. Nur selten käme einer ohne Fabrikstrafen davon, und ebenso selten würde auch nur das Reisegeld wieder rückvergütet. Es geschehe dies nur bei sogenannter tadelloser Führung, und darüber, ob sich jemand gut oder schlecht geführt, entscheide lediglich der Inspektor mit seinen Aufsehern. Der Erzähler teilte mir dann noch weiter mit, daß er sich diesmal nur hätte anwerben lassen, um freie Fahrt nach Schleswig-Holstein zu bekommen. In Hamburg gedenke er auszukneifen. Denselben Rat gab er auch mir. Um den Agenten brauche ich mir keine Gewissensbisse zu machen, denn der Seelenverkäufer verdiene an den übrigen Leuten noch genug. Ich verwies ihn darauf, daß der Agent doch unsere Papiere in Händen habe. »Ach was Papiere!« antwortete mein Gegenüber, »laß sich den Kerl doch warm laufen damit. Die holsteinischen Bauern fragen den Teufel nach Papieren; die Hauptsache ist, daß man arbeiten will.« Er fügte dann hinzu, daß man von Hamburg aus leicht Arbeitsgelegenheit nach dem Lande bekäme. Sei man aber erst auf der Zuckerfabrik, da werde das Ausreißen schwieriger, »denn da holt einen der Gendarm gleich wieder, noch ehe man wegkommt.« Mir täte es überhaupt nötig, mich bei einem[67] Bauern erst gehörig rauszufuttern, denn ich sähe noch ein bißchen zart und grün aus. Deswegen spreche er auch nur mit mir darüber. Ich gelobte Schweigen und ? überlegte. Amazon.de Widgets Als der Zug in den Hamburger Bahnhof einfuhr, war mein Entschluß gefaßt. Auf dem Wege zum damaligen Klostertor-Bahnhof fand ich Gelegenheit, mich mit meinem Koffer hinter einen Lastwagen zu drücken, und ? fort war ich. Wo mein Flatower geblieben war, wußte ich nicht. Aufs Geratewohl lief ich in die Stadt hinein, nur bestrebt, möglichst schnell aus dem Gesichtskreis meiner Reisegefährten und des Agenten zu entkommen. Als ich keines der pommerschen Kopftücher mehr gewahr wurde, fragte ich ein paar Arbeiter nach einer Unterkunftsstelle für die Nacht. Sie wiesen mich nach einer Herberge »An den Pumpen«, deren Wirt sich auch so nebenbei mit der Vermittlung von ländlichen Dienstboten befasse. Vater Nissen, so wurde er genannt, examinierte mich zunächst gründlich über mein Woher und Wohin. Ich beichtete nun wahrheitsgemäß, daß ich dem Agenten ausgekniffen sei und äußerte den bescheidenen Wunsch nach einer Dienststelle auf dem Lande. »Dat will sich ja ganz gut passen för dy«, sagte er da nachdenklich halb platt ? und halb hochdeutsch, »hier kummt diese Dag wieder 'n Bekannten von mich, 'n Törfbur aus 'n Kaspel Kunkergen, der hat mich nülichst schon mal angekrückt, ob ich nich 'n Kohhar vor ihn wüßt'; dat wär ja so 'n Plan för dy.« Auf meine Nachfrage verdeutschte er mir das Gehörte dann noch besser, und ich wußte nun, daß in den nächsten Tagen ein Torfbauer aus dem Kirchspiel Kaltenkirchen bei ihm vorkommen würde, der für den Sommer einen Jungen als Kuhhirten suchte. Ich hatte also schon Aussicht. Was wollte ich mehr? Natürlich wußte Vater Nissen auch bald, daß meine Barschaft nur aus den beiden Markstücken bestand, die mir Mutter als Notgroschen mit auf die Reise gegeben hatte. Auch zeigte ich ihm als einziges Legitimationspapier meinen Konfirmationsschein, den ich aus dem alten Gebetbuch meiner Mutter jetzt hervorholte.[68] »Na vor dich genügt's schon erstensmals«, meinte er mit halb spöttischer Jovialität, »bei ju Schlag Lüd kommt's so genau nich druff an; nasten find' sich das alles von sölben.« Nach zwei Tagen meines Aufenthalts in Hamburg sah ich bei meiner Rückkehr von einem Gange nach dem Hafen einen mit zwei Pferden bespannten Bauernwagen vor der Herberge stehen. Eine Ahnung sagte mir, daß dies wohl der Wagen meines versprochenen »Törfbur« sein werde. Ich hatte mich nicht getäuscht. Bei meinem Eintritt unterhielt sich Vater Nissen angelegentlichst mit einem Manne in ausgesprochen ländlicher Tracht, der in seiner Hand eine bäuerliche Fahrpeitsche hielt und vor sich auf dem Tisch den üblichen »Kööm un Beer« stehen hatte. »Dar is he all«, sagte Vater Nissen und wies auf mich. Der Bauer musterte mich prüfend von Kopf zu Fuß und nickte dann befriedigt. »Dat paßt sich so ganz got, min Jung«, redete er mich an, »wullt du mit mi?« Ob ich wollte! Ich war froh, so schnell Brot und Arbeit gefunden zu haben und willigte mit Freuden ein. Bald war alles abgemacht. Zwölf Taler Lohn sollte ich für das Sommerhalbjahr erhalten und einen »guten Jahrmarkt« ? »dat heet, wenn du dy got schickst«, setzte mein Bauer hinzu. Damit bezahlte er bei Vater Nissen noch so viel meines Kost- und Logisgeldes für die paar Tage und Nächte, die ich dort zugebracht hatte, daß ich nur eine Mark zuzulegen brauchte und die andere Mark meines Vermögens noch als Taschengroschen übrig behielt. Eine Stunde später saß ich auf dem Wagen als angehender Kuhhirte des Bauern Jochen Voß vom Abbau Kaltenkirchen. 
 Ein Stück hinterpommerscher Gutswirtschaft  [27] Es war Herbst geworden. Der »Kartoffelkrieg« sollte beginnen. Alles rüstete sich, um die für Hinterpommerns Bevölkerung so außerordentlich wertvolle Knollenfrucht einzuernten, die nicht nur für die ärmeren Klassen, nein für die ganze Landwirtschaft dieser Gegend eine eminente Bedeutung hat. Der Boden ist dort nur durchweg leicht und für schweres Korn nicht gut geeignet. Desto besser aber gedeiht die Kartoffel. Schlag an Schlag, ja ganze Pläne sieht man mit Kartoffeln bebaut, und trotz seiner Einförmigkeit gewährt es einen schönen Anblick, wenn sich im Hochsommer auf den ausgedehnten sattgrünen Feldern Millionen weißer und bläulicher Blüten der Kartoffelstaude in den langen regelmäßigen Reihen hin und her wiegen. Da die Frucht in der Regel gut »trägt«, so erklärt es sich zur Genüge, weshalb Pommern allgemein als das »Land der großen Kartoffeln« bezeichnet wird. Das Auspflanzen der Knollen, sowie das Instandhalten der Felder erfordert verhältnismäßig nur wenig Arbeitskräfte. In Gärten und kleinen Schlägen wird gewöhnlich »mit dem Spaten« gepflanzt. Auf den Feldern geschieht das Pflanzen durchweg »hinter dem Pfluge«; es geht daher auch bedeutend schneller. Das Hacken und Häufeln wird später ebenfalls mit eigens dazu konstruierten Pflügen besorgt. Ist dann aber die Zeit der Kartoffelernte gekommen, so werden Arbeitskräfte in großer Zahl gebraucht. In den vorhergehenden Jahren hatte ich beim »Aufnehmen« der Kartoffeln immer »unserem« Ackerbürger helfen müssen, d.h. demjenigen, bei dem mein Vater für unsere Familie die Kartoffeln ausgepflanzt bekam. Was ich dort für meine Arbeit erhielt, wußte ich nicht. Mutter meinte, damit wäre dann der Lohn für die zwei oder drei Dungfuhren abgearbeitet, die der Ackerbürger im Frühjahr für uns geleistet hatte. Übrigens tat ich diese Arbeit ganz gern. Die Knie schmerzten zwar etwas und die Hände wurden[28] rissig, wenn man den ganzen Tag auf dem Acker umherkroch und die Knollen aus dem Boden scharrte. Doch es gab bei Ackerbürgers immer ein gut geschmiertes Stück Bauernbrot, und dafür wäre ich damals durchs Feuer gegangen. Was war das für ein Unterschied gegen die dünnen und spärlichen Brotscheibchen, die ich zu Hause erhielt! Mindestens drei Finger dick waren hier die Schnitte, und Schmalz war drauf, und »Eigengebackenes« war's. Hei, wie ich da einhaute! Warmes Mittagessen gab's freilich nicht; dazu war's zu weit von Hause. Wer hätte auch kochen sollen! Die Frau des Ackerbürgers nebst ihren erwachsenen Töchtern waren ja alle mit den ganzen Tag auf dem Felde. Auch sie hatten es gewiß nicht leicht. Des Morgens in aller Herrgottsfrühe mußten sie aus den Federn. Dann sollte die Hauswirtschaft besorgt werden; die acht Kühe wollten gemolken sein; die Schweine verlangten ihr Fressen und so weiter. War dann der Tag auf dem Felde zu Ende, so wiederholte sich des Abends zu Hause dieselbe Arbeit wie am Morgen. Das war eben der Kartoffelkrieg! Ich aber bekam des Abends meine warmen »Klüben« bei Muttern. Die Arbeit auf dem Felde bot mir auch insofern eine angenehme Abwechslung, als ich während dieser Zeit der strammen Schulzucht enthoben war. Welcher Junge sehnt sich nicht gerne eine Zeitlang aus der Schuldisziplin! Der Unterschied liegt nur darin, daß die Kinder bessersituierter Leute die Zeit über schwänzen und spielen konnten, während ich arbeiten mußte. Originell war zudem mein Ackerbürger. Immer hatte der alte Hasenritter ? dies war sein Name ? einige Schnurren und Anekdoten auf Lager, die er während der Essenspausen oder auch während der Arbeit selbst zum Besten gab. Der Mann war auf seine Art ein Philosoph. Er hatte »über alles und noch 'n ganzen Haufen« nachgedacht, wie er sagte, und daraus die merkwürdigsten Lehren und Nutzanwendungen gezogen. So z.B. ärgerte er sich jedesmal über die Eisenbahn, die erst vor ein paar Jahren dort gebaut war und an seinem Felde vorüberfuhr. Am meisten wurmte es ihn, daß er selbst mit dabei gewesen war, als der erste Spatenstich getan wurde. Was hatte der Bürgermeister[29] den Ackerbürgern nicht alles zu erzählen gewußt über den Wert solcher Eisenbahn. Der Verkehr sollte gehoben werden; die Stadt würde sich vergrößern, und ? das Wichtigste für die Ackerbürger ? ihr Grund und Boden sollte dadurch bedeutend an Wert gewinnen! Deshalb hätten sie sich bereden lassen. Als dann die erste Lokomotive anlangte, eine winzige »Teckelmaschine«, mit der die ersten Vorarbeiten zum Bahnbau begonnen werden sollten, ? da hatte der Bürgermeister zur Feier dieses großen Ereignisses eine Proklamation erlassen. Honoratioren, Handwerker und auch die »hochehrenwerten Herren Ackerbürger« sollten erscheinen und das Dampfroß an den Platz seiner Tätigkeit geleiten. Alle, alle waren sie dem Rufe des Stadtoberhauptes gefolgt. Auch er hatte sich in seinen eigengewebten Schoßrock geworfen, den mein Vater ihm einst nach ältester Mode zurechtgebaut hatte. »Ja Junge«, sagte er dabei in gutem pommerschen Platt zu mir, »dein Vater, das war ein Schneider, der konnte noch nach der alten Modearbeiten.« Ich glaubte es ohne weiteres. Und dann waren sie nach dem Stadtende gegangen. Dort stand die Lokomotive ? auf einem Rollwagen! Vier Pferde waren davor gespannt. Staunend hatte man das kalte eiserne Ungetüm betrachtet. Und dann hatte der Bürgermeister eine Rede geredet, und der Herr Superintendent auch. Darauf waren sie mit dem Rollwagen durch die Stadt gezogen, die Stadtkapelle voran. Am andern Ende hatte der Bürgermeister wieder geredet, und die Musikanten hatten unter dem Gesang des ganzen Festzuges gespielt: Nun danket alle Gott. »Un wat hewwe wi nu davon?« entrüstete er sich weiter: Ein paar Probenreisende mehr in der Stadt, das sei alles. Ihn solle Gott davor bewahren, nie würde er auf dem »tratschen Zug« fahren. Noch um keinen Pfennig sei sein Grund und Boden an Wert gestiegen. Nicht mal durch sein Land sei die Bahn gegangen, so daß er dadurch wenigstens einen Vorteil gehabt hätte, sondern ausgerechnet gerade dran vorbei. Die Bahn könne nur Unglück bringen. Jetzt wußte er auch, woher der Koloradokäfer kam, dieser Kartoffelfresser, vor dem damals so viel gewarnt wurde. Ganze Felder solle er schon verwüstet[30] haben. Allerdings, gesehen hatte ihn noch keiner, auch die Herren nicht, die so grausig davor warnten. Aber »abgemalen« war er doch auf wer weiß wie vielen Plakaten; er und sein Weibchen und seine Eier. Dieses Vieh war »nur von der Eisenbahn« hereingeschleppt worden! Wer weiß, was die alles mit sich führte an ausländischem Gut. Wie leicht konnte nicht solch Unglückskäfer in einem Güterwagen stecken, dort herausfallen und dann auf den Acker kriechen. Eine unabsehbare Hungersnot mußte die Folge sein. Und dann die Kartoffelkrankheit! Wer hatte früher davon gewußt? Niemand. Jetzt aber lag die Ursache klar zutage. Er hatte ja seine Beobachtungen gemacht. Einzig und allein der Rauch und Dampf von der Eisenbahn waren schuld daran. Das verfliegt über die Felder meilenweit, schlägt dann nieder ? und die Kartoffelkrankheit ist da! Schüchtern wagte ich zu bemerken, daß doch unser Lehrer die Eisenbahn als eine große Erfindung gerühmt habe. Ganz alleine laufe sie; viel schneller wie Pferde, und könne auch viel mehr ziehen. Abweisend winkte der alte Mann mit der Hand. »Jo jo«, sagte er dann, »de Minschen hewwe all väl erfunne, awer lat sei ok utkluwe wat sei wille: dat warde sei ni trecht kriege, dat dei Wagens ahne Peerd loopt.« Er starb, ohne ein Automobil gesehen zu haben. Bei der diesmaligen Kartoffelernte wurden nun auf den umliegenden Gütern ausnahmsweise viel Arbeitskräfte gebraucht. Schon in der Schule hatten die Lehrer bekannt gegeben, daß wer von uns jetzt einen guten Groschen verdienen wolle, sich dort und dort melden könne. Dies war Grund genug für meine Mutter, sich in diesem Herbste nicht bei den Ackerbürgern zu verdingen, sondern aufs Gut zu gehen. Ich sollte mit helfen. Mit dem Voigt von Friederikenhof, der am Wochenmarktstage die »Leute« annahm, hatte sie bereits gesprochen. Alles war in Ordnung, wir konnten anfangen. Ganz erfreut war meine Mutter über die Höhe des Lohnes. Während es in den vorigen Jahren für Erwachsene nur einen Tagelohn[31] von 45 Pfennigen und für Kinder 20 Pfennige gegeben hatte, betrug er jetzt 50 und 25 Pfennige! Dafür aber, daß meine Mutter in mir noch einen Helfer gestellt hatte, wurde ihr außerdem noch die Extravergünstigung gewährt, sich jeden Abend einen Armkorb voll Kartoffeln mit nach Hause nehmen zu dürfen. Zudem erhielten die »städtischen Leute« des Mittags freien Kaffee vom Gutshofe geliefert, damit sie auch am Tage »was Warmes in den Leib« bekämen und nicht selbst auf dem Felde zu »kochen und prösseln« brauchten, was einmal recht umständlich sei und dann auch unnützen Zeitverlust erfordere. Somit hatten die Leute »nur« für ihren täglichen Brotbedarf zu sorgen; warmes Abendbrot konnten sie sich zu Hause kochen. Mehr wie einmal hatten wir schon freudigen Herzens zusammengerechnet, was für ein schönes Stück Geld wir diesmal in der dreiwöchentlichen Kartoffelernte gemeinsam verdienen würden. Also Mutter: bare 50 Pfennige den Tag. Das machte in der Woche einen harten Taler. In drei Wochen waren es drei harte blanke Taler. Ich: die Hälfte; das machte auch noch bare anderthalb Taler. Zusammen also vier und einen halben Taler für Mutter und Sohn in nur drei Wochen! Und wenn nun auch noch des Sonntags gearbeitet würde, was sehr wahrscheinlich sei, dann käme sogar noch ein guter halber Taler hinzu. Wir konnten mithin auf einen Gesamtverdienst von gut fünf Talern rechnen; dazu noch etwa 20 Körbe Kartoffeln!! Friederikenhof war ein mittleres Gut, ungefähr anderthalb Stunden von unserem Städtchen. Sein Besitzer war ein Herr von Damerow. Dort also sollten wir arbeiten. Am Montagmorgen punkt 5 Uhr hatten wir uns mitsamt den übrigen Angeworbenen an dem bestimmten Treffpunkt eingefunden. Es waren etwa 30 Frauen und Kinder nebst einigen Männern, die sich gleich uns verdungen hatten. Zwei Knechte des Gutes warteten schon mit Fuhrwerk auf uns, und fort gings in schlankem Trabe durch den kühlen dämmerigen Herbstmorgen dem uns zugewiesenen Felde, dem »Plan« entgegen. Während der Fahrt hatte ich mich fröstelnd in einen alten Sack gehüllt, den ich als Schutzmantel bei etwaigem Regenwetter benutzen wollte. Gesprochen wurde nur[32] wenig. Den meisten ging's wohl so wie mir; es »hupperte« ihnen, auch war's noch ein bißchen früh am Tage. Sie alle mußten ja um 4 Uhr aufstehen, wenn sie rechtzeitig fertig sein wollten. Meine Mutter frug den Knecht, der uns fuhr, wann er denn jetzt des Morgens aufstehen müsse? »Klock drei!« antwortete er gähnend und bog von der Chaussee in einen Feldweg ein. Nach dreiviertelstündiger Fahrt waren wir angelangt. Um 6 Uhr mußte die Arbeit an Ort und Stelle beginnen. Der Gutsvoigt erwartete uns schon mit mehreren Tagelöhnern auf dem Plan. Gleich darauf kamen auch vom Gut her eine Anzahl Tagelöhnerfrauen mit ihren Kindern. Von den letzteren waren nur wenige älter wie ich, dagegen sah ich mehrere, die erst in einem Alter von 8 bis 9 Jahren standen. Alle erhielten wir nun unsere Kartoffelreihen angewiesen; die Erwachsenen zwei, wir Kinder je eine, wobei die Kinder rechts und links neben die Erwachsenen verteilt wurden. Wie uns der Vogt sagte, hatte der Herr Inspektor schon am Sonntag von den Knechten so viel Acker anpflügen lassen, daß wir jetzt am Montagmorgen rechtzeitig und ohne Aufenthalt mit dem Sammeln beginnen konnten. Jeder hatte nun seinen Korb oder eine Kiepe vor sich und durchwühlte mit den Händen fleißig die von der Pflugschar umgelegten Stauden, um die Knollen aufzulesen. Der Vogt und seine Tagelöhner nahmen uns die vollen Kiepen ab und schütteten sie auf große Kastenwagen aus, die mittlerweile von den Knechten angefahren worden waren. Die meisten der Knechte machten sich dann mit ihren Gespannen an das Auspflügen der Kartoffeln auf den Ackerstücken neben uns, und die übrigen fuhren die vollen Kartoffelwagen nach dem Gut und brachten die leeren wieder zurück. Gegen 8 Uhr besuchte uns der Herr Inspektor. Schneidig kam er auf einem starken Braunen angeritten. Den fast unterwürfigen Gruß des Vogtes erwiderte er nur mit einem kurzen »'n Morgn« und noch kürzerem Tik an seine Inspektormütze. Er stieg dann ab und wechselte einige Worte mit dem Vogt, der sich inzwischen beeilte, das Pferd an einem Kartoffelwagen festzubinden.[33] Beide schritten hierauf die Linie der emsig tätigen »Leute« ab, der Vogt stets bemüht, einen halben Schritt rückwärts an der linken Seite seines Vorgesetzten zu bleiben ? denn so erforderte es der Respekt, wie mir meine Mutter später sagte. Ich konnte nicht umhin, dem großen kräftigen Manne einen halb furchtsamen, halb bewundernden Blick nachzuwerfen, als er in seinen bespornten Stiefeln, die wuchtige Reitpeitsche in der Hand, an uns vorüberging. Auffallend war mir jedoch, daß er es nicht der Mühe für wert hielt, uns Sammlern einen »guten Morgen« zu wünschen. Er notierte sich nun unsere Namen und ritt dann zu den pflügenden Knechten hinüber, wo wir ihn bald weidlich schimpfen hörten. Der Vogt meinte: »Na, dar rokt't de Knechts all drüsig in de Baud'.« Amazon.de Widgets Um 10 Uhr war Frühstück. Das Signal hierzu gab der Vogt auf einer kleinen Trillerpfeife, die er an einer Schnur um den Hals trug. Er rief gleichzeitig, wir möchten uns beim Kauen aber ein wenig beeilen, denn die Pause dauere nur eine Viertelstunde. Als wir beim Verzehren unserer Brotschnitte so alle zusammensaßen, da mußte ich unwillkürlich stille Betrachtungen über die Eigenart der Kostümierung unserer Sammlertruppe anstellen. Genau so wie ich und meine Mutter, hatten sich natürlich alle mit ihren schlechtesten Kleidungsstücken ausstaffiert, die sie zu Hause aufzustöbern vermochten. Im Kartoffelkrieg waren die alten Lumpen ja auch gut genug, zumal wir auf einsamem Felde hausten und den ganzen lieben langen Tag immer auf den Knien kriechen mußten. Dazu konnte man sich auch täglich auf Regen gefaßt machen, und bei solchem pommerschen Landregen auf dem herbstlichen Kartoffelacker kam es wirklich nicht drauf an, wie die Kleider aussahen, sondern daß sie dicht und warm hielten. Dennoch mußten besonders wir Kinder uns gegenseitig öfters anlachen wegen der mitunter geradezu grotesken Figuren, die wir in unserer »Kartoffelkledage« machten. Eine große Rolle spielte das edle Sackleinen in unseren Anzügen. Sackleinene Flicken überall, auf Ärmeln und Rücken, auf Kragen und Strümpfen, auf Knien und Hosenboden, zuweilen doppelt und dreifach;[34] die Frauen und Mädchen durchweg: sackleinene Schürzen. Aber schon war die Viertelstunde herum. Ein Pfeifensignal des Vogts, und alles ging wieder an die Arbeit. Etwa um 11 Uhr sahen wir einen Reiter vom Gut auf uns zukommen. Mit ungezwungener Eleganz saß er im Sattel, die rechte Hand leicht auf die Lende gestemmt. Sein Fuchs ging den ruhigen, aber elastischen Schritt, der das schöne Tier ohne weiteres als edles Reitpferd kennzeichnete. »De gnä' Herr!« murmelte es allgemein, und fleißiger noch rührten sich die Hände. Jetzt setzte der Vogt seine Kartoffelkiepe auf die Erde, wischte sich schnell die Hände an den Hosen ab und ging seinem Gebieter entgegen. Sechs Schritt vor ihm blieb er stehen, nahm kurz die Hacken zusammen und zog ehrerbietig seine Mütze. Wie das aussah! Dort der Herr, hoch zu Roß, jeder Zug aristokratische Vornehmheit; hier der Vogt, barhäuptig in urpommerscher Hölzernheit ? ein Charakterbild disziplinierter Demut. Beide kamen näher. Nun zogen auch die Tagelöhner mechanisch ihre Kopfbedeckung, die sie so lange in der Hand behielten, bis der »Herr« leicht an seinen graugrünen Agrarierhut tippte. Ich hatte die Gelegenheit wahrgenommen, schnell eine kleine Kiepe mit Kartoffeln nach dem Wagen zu bringen. Meine Ge danken dabei waren, mir auf diese Weise den vornehmen Reiter und sein prächtiges Pferd in der Nähe besser betrachten zu können. Gerade stand ich am Wagen, als die Tagelöhner ihre Mützen abgenommen hatten. Ich vergaß mich fast, so sehr imponierten mir Roß und Reiter. Mit offenem Munde starrte ich bald auf den adeligen Herrn mit dem graumelierten Bart und den eleganten Reithosen, bald auf die ungeduldig scharrende Fuchsstute, die zeitweilig den schöngeformten Kopf in die Höhe warf und Schaumflocken von dem blanken Gebiß schüttelte. Da plötzlich wurde ich aus meinen Betrachtungen gerissen. Herr von Damerow ließ sein Pferd dicht auf mich zugehen und sah mich einen Moment durchdringend an. »Hat dich dein Schulmeister noch nicht gelehrt, den Deckel zu ziehen?« fragte er scharf. Ich wußte vor Verlegenheit nicht, was ich antworten sollte. Wahrhaftig, ich hatte vor lauter Bewunderung des »gnädigen[35] Herrn« gar nicht daran gedacht, ebenfalls die Mütze abzunehmen. Verblüfft senkte ich deshalb den Kopf und schwieg. »Welcher Person gehört der Junge?« wandte sich der Herr darauf an die Reihe der Sammler. »Es ist mein Sohn«, meldete sich meine Mutter. »Dann wird's Zeit, daß Sie ihrem Bengel beibringt, wie er einen Gutsherrn zu grüßen hat.« Sprach's und ritt nach den Knechten zu. Sinnend blickte ich ihm nach. Wie verächtlich er das Wort »Person« ausgesprochen hatte. Und in dem Er-Tone redete er meine Mutter an, so wie es zur Zeit des alten Fritz mal Mode gewesen war! Ich fühlte, daß sich meine ursprüngliche Bewunderung für den vornehmen Herrn sehr wesentlich abkühlte. Mittag! Der Vogt hatte gepfiffen, und alles eilte mit seinem Brotränzel einer nahen Tannenhölzung zu, um sich dort im »Überwind« für dreiviertel Stunden niederzulassen. Da kam auch schon ein Dienstjunge vom Hofe mit einem Kübel voll Kaffee angefahren. Jeder holte nun seinen mitgebrachten Topf oder auch Blechmaß hervor und ließ sich von einer Tagelöhnerfrau das Getränk einschöpfen. Die Frau meinte dabei, es sei eben Leutekaffee; zu drei Vierteln aus gebrannten Gerstenkörnern und zu einem Viertel aus Cichorien zusammengebraut. Doch, hübsch warm war die Brühe, das mußte man ihr lassen. Mit beiden Backen kauend suchte ich jetzt unseren Vogt auf, der etwas abseits saß und sein Mittagessen verzehrte, das ihm seine kleine Tochter nachgebracht hatte. Kindliche Neugierde trieb mich, ihn heimlich zu fragen, weshalb er vorhin so in gewisser Entfernung vor dem Herrn stehen geblieben sei. »Dat kümmt noch vom Kummiß, un dei Herr will dat so hewwe«, belehrte er mich. Der Herr sei Rittmeister gewesen, und da verlange er, daß jeder seiner Arbeiter, der mit ihm sprechen wolle, sechs Schritt vor ihm stehen bleibe und abwarte, bis er von ihm angeredet werde. Er als Vogt habe seine Meldung gemacht, und nachher erfordere es der Respekt, daß er den Herrn begleite, solange bis derselbe abwinke, und zwar müsse er stets an der linken Seite gehen, »nicht zu dichte ran«. Beim Inspektor verringere sich dieser Abstand etwa um die Hälfte. So, nun wußte ich Bescheid.[36] Hurtig ging's wieder an die Arbeit. Eine Vesperpause gab's nicht mehr. Während der Kartoffelernte wurden täglich nur zwei Essenspausen gewährt, zum Frühstück um 10 Uhr und zu Mittag um 1 Uhr; beide zusammen durften die Dauer von einer Stunde nicht überschreiten. Um halb sieben Uhr war Feierabend, weil es dann dunkel wurde. Jede erwachsene Person, die ein Kind als Helfer gestellt hatte, durfte sich nun einen kleinen Korb voll Kartoffeln mitnehmen und damit den Heimweg antreten. Des Abends wurden wir nämlich nicht nach Hause gefahren, sondern mußten den anderthalb Stunden weiten Weg im Dunkeln zu Fuß gehen. Nach 8 Uhr langten wir dann müde und abgespannt in unserer Behausung an. Vierzehn Tage waren wir nun bereits auf den Kartoffelfeldern des Herrn von Damerow tätig, ohne den Gutshof selbst auch nur einmal betreten zu haben. Wir hatten dort ja auch nichts zu suchen. Unsere tägliche Arbeit lag auf dem Acker; die Pausen aber waren zu knapp bemessen, um uns einen Gang nach dem Hofe zu gestatten, und des Abends eilte jeder, daß er nach Hause kam. Diese 14 Tage waren verstrichen in derselben monotonen Arbeit, nur unterbrochen durch einen mehrtägigen feinen Regen, der uns kalt und herb durchfeuchtete. Die Arbeit selbst hatten wir deshalb nicht ausgesetzt, höchstens daß wir mal eine Viertelstunde, wenn es gerade »Strippen« goß, hinter den Kartoffelwagen Schutz suchten. Des Sonntags war ebenfalls gearbeitet worden. Als wir zu Anfang der dritten Woche wiederum emsig beim Sammeln waren, kam der Inspektor auf meine Mutter zu und fragte, ob sie mich wohl auf einige Wochen zu dem Instmann Kramke in Dienst geben wolle. Dessen Sohn sei nämlich erkrankt, und da der Vater laut Kontrakt für Aushilfe zu sorgen habe, so könne ich ja die Stelle des Sohnes im Gutsdienste vertreten. Ich hatte sofort Lust dazu. Meine Mutter erhob jedoch Einwendungen wegen des Lohnes. Darauf nahm der Inspektor Muttern etwas abseits und sprach auf sie ein; zu Mittag erwarte er endgültigen Bescheid. Ich hörte dann, wie meine Mutter mit dem Vogt hierüber redete. Der riet ihr sehr eifrig zu, denn bei solchem Lohn ? ?[37] Dabei erfuhr ich denn auch, was es mit dem Lohn für eine Bewandtnis hatte. Die Sache lag nämlich so: Der Instmann war ? wie üblich ? kontraktlich verpflichtet, nicht nur selbst das ganze Jahr hindurch auf dem Gute zu arbeiten, sondern auch seine Frau mindestens 200 Tage im Jahr dort arbeiten zu lassen. Außerdem hatte er einen Hilfsknecht von über 17 Jahren und einen halbwüchsigen Jungen für den Gutsdienst zu stellen. Beides konnten seine Kinder sein. War einer davon erkrankt oder sonstwie über drei Tage an der Arbeit verhindert, so mußte der Instmann eine Ersatzkraft dafür stellen. Konnte er dies nicht, so wurde ihm für die in Frage kommende Zeit von der Gutsverwaltung der doppelte Barlohn abgezogen, den der Hilfsknecht oder der Junge sonst verdient hätte, auch wurde ihm das Deputat um so viel gekürzt, als die Gutsherrschaft für angemessen hielt! Den Jahreslohn für den Hilfsknecht und den Jungen hatte der Instmann zu zahlen, ebenso mußte er beide beköstigen und ihnen eine Schlafstelle liefern. Der Lohn betrug für den Hilfsknecht 18 Taler und für den Jungen 8 Taler für das Jahr. Dazu erhielten sie zum Herbst je ein Pfund Wolle, ein Paar Schmierstiefel und eigengewebtes Zeug zu einem Anzug. Als Gegenleistung bekam der Instmann von der Gutsherrschaft ein entsprechendes Zugut zum Deputat, also Naturalien an Korn, Rüben, Stroh, Kaff und Kartoffelland. Waren Hilfsknecht und Junge die Kinder des Insten, so mochte dieser immerhin noch einen kleinen Vorteil aus dem Dienstverhältnis herausschlagen, denn in diesem Falle brauchte der Vater so gut wie gar keinen Barlohn zu zahlen; sie arbeiteten dann ja zusammen »in einen Pott«; einige Taschenpfennige und Jahrmarktsgroschen genügten für sie. Alle strebten dabei natürlich dahin, aus der Verwertung der Naturalien einen möglichst hohen Barerlös für Vaters Tasche zu erzielen, der den Kindern ja auch wieder zugute kam. Mußte der Instmann jedoch den Hilfsknecht oder den Jungen oder gar alle beide als »fremde« Mietlinge annehmen, so konnte es ihm allerdings herzlich sauer werden, das bare Geld für den Lohn derselben zusammenzubringen. An Barlohn bekam[38] der Inste nämlich selbst nur wenig. Der Vogt sagte, es seien im Winter je nach der Arbeit (Draußen- oder Drinnenarbeit) 30 bis 35 Pfennige; im Sommer 60 bis 80 Pfennige den Tag. In der Erntezeit »im Oost«, erhöhte sich dieser Lohn noch um ein Geringes, da das Mähen des Kornes morgenweise in Akkord geschah. Die Frau des Insten, die ? wie bereits erwähnt ? 200 Tage im Jahre arbeitspflichtig war, erhielt an Tagelohn je nach der Jahreszeit 25 bis 50 Pfennige. Für die Pflichtarbeitstage, an denen sie etwa krank oder verhindert war, wurde ? außer dem Fortfall ihres Tagelohnes ? das Deputat ihres Ehemannes ebenfalls »entsprechend« gekürzt, es sei denn, daß der Gutsherr Nachsicht übte und ihr die Einholung der verloren gegangenen Arbeitstage außer der Pflichtzeit gnädigst gestattete. Die Krankheit wurde hier also gewissermaßen bestraft. Arbeitete die Frau jedoch sonst noch außer der Pflichtzeit, so erhielt sie in der Gutsökonomie einen Tagelohn von 30 Pfennigen und in der Gutsbrennerei 40 Pfennige. Hieraus läßt sich leicht ermessen, welch' hohen Wert bei der Instmannsfamilie das bare Geld hatte. Es war daher auch nicht verwunderlich, daß meine Mutter ? da sie die Dinge aus ihrer früheren Tätigkeit als Gutsmädchen zur Genüge kannte ? bei dem Anerbieten des Inspektors ziemlich weitgehende Bedenken wegen des »Jungenslohnes« äußerte. Belief sich dieser bei dem Jungen, den ich vertreten sollte, doch nur auf knapp 7 Pfennige den Tag! Ich aber verdiente dagegen beim Kartoffelaufnehmen 25 Pfennige, das aber war für meine Mutter ein ganz gewaltiger Unterschied! Doch gut, mir wurden die 25 Pfennige auch für meinen Aushilfsdienst zugesagt, und damit wanderte ich gegen Abend nach dem Hofe, den ich bis dahin nur aus der Ferne gesehen hatte. Je näher ich kam, desto stattlicher erschien mir dieser. Vom Hauptwege erblickte ich durch den großen herbstlich entblätterten Park das prächtige Herrenhaus. Es war ein schloßartiges Gebäude, dessen Seitenflügel den Mittelbau um die Höhe eines Stockwerks überragten. Eine breite Freitreppe führte zu dem Parterre hinauf, vor dem sich nach beiden Seiten eine mit wildem[39] Wein und Gaisblatt bewachsene Veranda hinzog. Der Vorgarten war wohlgepflegt, mit hübschen Rasenflächen verziert, aus deren Mitte eine Fülle von Herbstblumen hervorgrüßten. Sinnend stand ich eine Zeitlang vor diesem parkbeschatteten Edelsitz der Damerows. Doch die kühle Erhabenheit, die von dem Herrenhause ausstrahlte, wirkte niederdrückend auf mich. Frostig und beklommen zog mir's durch die Glieder. Wie armselig kam ich mir doch vor im Vergleich zu denen, die hier stolz und vornehm als Besitzer und Gebieter nach ihrem Willen schalten und walten konnten. Ich bog in den Nebenweg ein, der zu den Wirtschaftsgebäuden führte. Gerade trieb der alte Kuhhirte eine stattliche Herde von Milchkühen in den Hof hinein. Jetzt erst konnte ich den Komplex von Stallungen und Schuppen in seiner ganzen Ausdehnung überblicken. Zwei gewaltige Vierecke von Scheunen und Ställen umrahmt, die sich teils in gutem, teils aber auch in recht mangelhaftem baulichen Zustande befanden. In der Mitte große Dungstätten. Hinter den Stallungen die Gutsbrennerei, daneben das Gesindehaus mit seinen kleinen Fenstern und schiefen Türen. An der anderen Seite vom Wege, in unregelmäßiger Reihe neben und hintereinander gelegen, gewahrte ich die Hütten und Katen der Tagelöhner und Instleute. Das Ganze sah aus wie ein kleines Reich für sich, überragt und beherrscht von dem Herrenhause inmitten des düsteren Parks. Bald hatte ich das Häuschen des Instmanns Kramke aufgefunden. Seine Frau, ein munteres bewegliches Weibchen, empfing mich mit wohltuender Freundlichkeit. Sie fragte hin und her und führte mich dann an das Lager ihres kranken Sohnes, den ich vertreten sollte. Das Jungchen sah recht angegriffen und elend aus. Einen Arzt hatten die Eltern der Kosten wegen noch nicht zu Rate gezogen. »Dat mutt so wedder bäter warde«, sagte die Frau, als verstünde sich das ganz von selbst. Noch eine Viertelstunde, dann sollten der Mann und der Hilfsknecht zum Abendbrot kommen. Mittlerweile hatte ich Zeit, mir die Behausung des Insten ein wenig anzusehen. Die Kate mußte schon recht alt sein. Sie war aus Lehm und Fachwerk gebaut, mit[40] sehr niedrigem schadhaftem Strohdach gedeckt, das fast den Eindruck hervorrief, als wolle es den mürben windschiefen Unterbau jeden Augenblick zusammendrücken. Die kleinen, ehemals wohl quadratischen Fenster waren bedenklich aus den Winkeln geraten; die vergilbten Scheiben zeigten eine eigentümlich schillernde Farbe, wie man sie zuweilen sieht, wenn Wasser durch schmutziges Öl oder verdorbenes Fett verunreinigt wird. Mehrere Sprossen hatten überhaupt kein Glas mehr; sie waren mit Papier verklebt, eine sogar mit Lumpen verstopft. Wackelig und klappernd hing die zweiteilige Flurtür in den halbzerbrochenen Haspen. Das Häuschen enthielt neben dem schmalen Flur nur eine Stube und eine kleine Kammer. Der Flur war mit kleinen Feldsteinen ausgelegt; die Stube hatte den obligaten holperigen Lehmfußboden, der an verschiedenen Stellen ebenfalls mit kleineren oder größeren Feldsteinen »ausgebessert« war. Beim Gehen mußte man ständig achtgeben, daß man nicht unverhofft »über die eigenen Füße« fiel. An der Flurseite der Stube befand sich der Herd oder »Schweef«; etwas weiter davon an der Hinterwand stand der mächtige Ofen, aus großen sogenannten Fußsteinen zusammengemauert, in seiner Mitte die unvermeidliche »Röhre« und im Fundament ? verdeckt von der breiten Ofenbank ? die geräumige »Hölle«. Letztere diente gegenwärtig gerade einem etwas kränklichen, 5 Wochen alten Herbstferkelchen als Kur- und Erholungsort. Im übrigen barg die Stube den kümmerlichen Hausrat der Familie: zwei Betten für Mann, Frau und vier Kinder im Alter von 2 bis 14 Jahren; die Bettstellen waren eigenes Fabrikat. Die wenigen Stühle und der große Tisch konnten ebenfalls keinen Anspruch darauf machen, als Meisterwerke zu gelten. Drei Füße des Tisches ruhten zudem auf soliden Mauersteinstücken, die kunstgerecht in die Löcher der Lehmdiele versenkt waren, damit das deftige Holzgestell den nötigen Halt bekam; eine Fürsorge, deren Notwendigkeit sich besonders bei den Mahlzeiten zur Evidenz ergab. Zwischen den Betten waren die beiden »Laden« verstaut, die der Inste und seine Frau bereits besessen hatten, als sie noch Knecht und Magd gewesen waren. Dies gewiß mehr wie[41] einfache Mobiliar wurde vervollständigt durch Webstuhl und Spinnrad, die in dieser Gegend gewissermaßen zum eisernen Bestand jeder Bauern- und Tagelöhnerfamilie gehörten. Die Stubendecke, nur etwa 6 Fuß hoch, wurde aus den wurmstichigen Bodenbrettern gebildet, deren fingerbreite Zwischenräume stellenweise mit dickem Packpapier benagelt waren, um das Herabfallen von Torfmüll, Heusamen und sonstigem Gemüse aus dem Bodenraume wenigstens teilweise zu verhüten. In der fensterlosen Kammer befand sich nur das Bett des Hilfsknechts und einiges Wirtschaftsgerät. Unmittelbar an die Kammer war der Stall angebaut. Nur zwei Wände desselben waren aus Lehm und Steinen aufgeführt, die andern beiden bestanden aus ? Torfbülten, die steinartig in dem Fachwerk aufgeschichtet lagen. Der Stallraum beherbergte vier Schweine, eine Kuh, ein Kalb, eine Hecke Kaninchen, ein Dutzend Hühner und ein halbes Dutzend Gänse. Dies lebende Inventar war der Stolz, das Heiligtum des Instmannes. Gerade kam er mit seinem Hilfsmann nach Hause. Bald saßen wir alle um den großen Tisch und verzehrten mit gesundem Appetit die dünne dampfende Kliebensuppe, in die wir uns Schwarzbrot hineinbrockten. Dabei kümmerten wir uns nur wenig um das Ferkelchen, das aus der Ofenhölle hervorgekommen war und nun quiekend und grunzend seinen Anteil am Abendbrot forderte. Nur der Hauskater schien über das Borstentier erbost zu sein, wenn es ihm zufällig zu nahe kam. Wütend spukte er sich dann in die Hände und scheuchte den kleinen Zudringling damit aus seiner Nähe. Nach dem Abendessen setzte der Instmann seine Pfeife in Brand und schmauchte behaglich den kurzgeschnittenen »Rippenkanaster«, die billigste Sorte, die der Tabaksjude in der Stadt zu verkaufen hatte. Er nahm dann seinen Stammplatz auf der Ofenbank ein, der ihm im Sommer sowohl wie im Winter reserviert bleiben mußte, dehnte seine von der schweren Arbeit steifen Glieder und begann im breitesten hinterpommerschen Platt zu »klöhnen«: über das Wetter, über die Wrucken und Runkeln; dann fragte er mich ein wenig aus, und schließlich kam er auf sein[42] eigenes Vieh zu sprechen. Dies schien ihm das liebste Gesprächsthema zu sein. Er wurde lebhafter, und auch die Frau hörte zeitweise mit Spinnen auf, um zwischenein ihre Meinung zu sagen. Es war ja auch zu begreiflich, daß sich das Sinnen und Denken der beiden Leute hauptsächlich auf ihr Vieh konzentrierte. Kam doch jetzt die Zeit, wo die Tiere verkauft werden sollten. Was würden sie für einen Erlös bringen? Auf wieviel Bargeld dürfte man rechnen? Bald war Martini heran, dann mußte dem Hilfsmann der Lohn gezahlt werden. Der Herbstmarkt nahte. Was gab es da alles einzukaufen! Fast die gesamten Jahresbedürfnisse wurden auf dem Herbstmarkt gedeckt; so wollte es einmal die gute alte Sitte, und dann ? hatte man im Herbste auch das meiste Bargeld in den Fingern, wenigstens hoffte man es. Da wurden Stiefel und Schuhe gekauft, wenn einem der Dorfschuster zu teuer erschien; ein neues Spinnrad oder eine Waschbütte tat nötig; ein Spaten, eine Forke, eine Hacke oder eine Sense mußten ersetzt werden. Ja, wenn man sie gerade billig kaufen konnte, nahm man sich auch ein paar Herbstferkel vom Jahrmarkt mit. Freilich, das sah die Gutsverwaltung nicht besonders gern, da sie den Insten und Tagelöhnern die Ferkel aus der eigenen Schweinezucht zu ihren Preisen am liebsten selbst verkaufte. Mitunter kam es denn auch vor, daß die Leute dem Gutsinspektor einen tatsächlich niedrigeren Preis nannten, als sie ihn in Wirklichkeit für die Ferkel bezahlt hatten, nur damit dieser und mit ihm der Gutsherr ihnen wegen des Marktkaufes nicht grollen sollten. So gab es noch dutzenderlei Bedarfsgegenstände, deren Anschaffung regelmäßig auf den Herbstmarkt verschoben wurde. Deshalb denn auch die Sorge, das Hangen und Bangen um das Gedeihen des gutsherrlich gestatteten Deputantenviehes. Mehr Vieh, als wie kontraktlich erlaubt war, ? von »ausbedungen« konnte nicht gesprochen werden ? durften die Insten und Tagelöhner ja nicht halten; sie hätten auch nicht mehr aufziehen können, weil das Deputat nur demgemäß bemessen war. Unter allen diesen Umständen, besonders auch im Hinblick auf den geringen Barlohn der Leute, mußte es ganz natürlich erscheinen, wenn auch[43] »mein« Instmann nur einen Wunsch kannte: möglichst hohe Viehpreise! Schon waren Händler und Schlächter von Gut zu Gut, von Dorf zu Dorf gefahren und hatten bei Bauern, Tagelöhnern und »kleinen Leuten« Umschau nach dem Viehbestande gehalten. Wie ein Lauffeuer hatte sich's dann nach Feierabend verbreitet, was da und was dort für Preise geboten worden waren. Erschien das Angebot vorteilhaft, so erfolgten auch häufig schon Zuschlag und Verkauf wochenlang vor dem Lieferungs- bzw. Abholungstermin. Genügte das Preisangebot jedoch nicht, oder stand vielleicht ein Steigen der Preise in Aussicht, so wurde mit dem Zuschlag so lange zurückgehalten, wie es nur irgend ging. Dabei konnte es dann auch vorkommen, daß die Preise inzwischen fielen. In solchen Fällen war Freude bei denen, die schon vorher den Verkauf abgeschlossen hatten, Enttäuschung und Niedergeschlagenheit aber bei jenen, die jetzt billiger verkaufen mußten. Instmann Kramke erzählte mehrere derartige Fälle und freute sich, daß er damals so mit einem blauen Auge davongekommen war. Auch in diesem Jahre war mit seinem Vieh bisher alles so leidlich glatt gegangen. Von den vier Schweinen wollte er die drei besten verkaufen; das eine, das jedoch unter dem Normalgewicht von 200 Pfund geblieben war, sollte für den eigenen Hausbedarf geschlachtet werden; fraglich war allerdings noch, ob nicht auch der eine oder beide Schinken dieses Tieres verkauft wurden. Vielfach wurde es nämlich so gemacht, daß von dem eigenen Schlachtschwein die besten Teile ebenfalls zum Verkauf kamen. Dann sollten vier Gänse dran glauben; eine wollte man selbst behalten als Weihnachtsgans. Die Muttergans mußte noch ein oder zwei Jahre zur Nachzucht am Leben bleiben, da sie noch ziemlich jung war. Freilich hatte sie diesmal nur fünf Eier ausgesessen, während man für gewöhnlich auf sechs bis acht rechnet. Dafür hatte aber auch die Gutsherrschaft jährlings auf die kontraktliche Pflichtgans verzichtet, weil Kramke sonst von den Gänsen zu wenig Nutzen gehabt hätte. »Uns Herr is ni so«, meinte der biedere Inste hierbei anerkennend. Auch die Hälfte der Hühner[44] war für den Verkauf bestimmt. Die Durchwinterung der ganzen Zucht wäre für die Verhältnisse des Instmannes zu teuer gewesen; im Frühjahr konnten dafür ja wieder ein paar Glucken gesetzt werden. Schließlich kam noch das Kalb an die Reihe. Es war nur ein dummes Ochskalb und hatte daher nur Schlachtwert; wäre es ein gutes Kuhkalb gewesen, so hätte es vielleicht der Gutsherr zu Zuchtzwecken gekauft; das Tier hätte dann ein paar Mark mehr eingebracht. Alles in allem rechnete Kramke auf eine Gesamteinnahme von gut 80 Talern, nach damaligen Preisen. Dies war jedoch durchaus nicht »reines Geld«. Das Kalb kostete ihm zwar nichts, denn es ging zusammen mit der Deputatkuh auf die herrschaftliche Weide. Die Gänse ebenfalls, doch diese mußten im Herbst mit Hafer und Kleinudeln zugefüttert werden, damit sie das nötige Gewicht bekamen. Nun langte das Deputat aber nicht allemal aus, um die Mästung ohne Extrakosten zu bewerkstelligen. So mußte denn von der Herrschaft Kraftfutter zugekauft werden. In noch vermehrtem Maße war dies bei den Schweinen der Fall. Abgesehen davon, daß hier schon ohne weiteres das »Ferkelgeld« abging, kann man auch mit Drank und dem gewöhnlichen Jüstfutter alleine kein Schwein fettmachen. Es braucht in der letzten Zeit ebenfalls sein Quantum Kraftfutter zu. Da heißt es dann wieder: zukaufen! Gewiß, die Herrschaft verkauft ihren Leuten das benötigte Futter; doch diese Kosten gehen auch wieder von dem Gelde ab, das der Verkauf der paar Stücke Vieh dem Instmann einbringt. So muß dieser also, wenn er die Verkaufssumme endlich in der Hand hat, noch mit der Gutsverwaltung abrechnen, und erst was dann übrig bleibt, das ist endlich seines. Treten aber Verhältnisse ein, die den Tagelöhner oder Instmann zwingen, die Abrechnung aufzuschieben (Todesfälle, Krankheit in der Familie, oder auch Viehsterben), dann wird schon für das nächste Jahr »angekreidet«. Kramke konnte mehrere Tagelöhner namhaft machen, die in solcher Art bei der Gutsherrschaft schon jahrelang in der »Kreide« saßen. Unter Umständen bleiben sie gar »ewige Schuldner« ihres Gutsherrn. »Wenn sei dod sünd, warde sei quitt«, sagte Kramke. So ging der Abend unter Erzählungen und Kalkulationen verschiedenster[45] Art zu Ende, und dann hieß es: zu Bett! Ich mußte mit dem Hilfsknecht zusammen in der Kammer schlafen; sonst hatte der jetzt kranke vierzehnjährige Knabe das Bett mit jenem geteilt. Nun aber schlief der Kranke mit in der Stube, seine zwölfjährige Schwester bei ihm! Ein achtjähriges Mädchen wurde auf die Ofenbank gepackt, und das Kleinste schlief bei seinen Eltern »zu Füßen«. Unser Bett in der Kammer war etwas klumpig. Mein Schlafkollege sagte, das käme von der Feuchtigkeit der Wände. Im Sommer ginge es ja; im Frühjahr und Herbst aber seien die Wände dick mit Schimmelpilzen bewachsen, und im Winter glitzere das Eis förmlich daran. Auch in der Stube sei es nicht anders; eine Ausnahme mache nur die Ofenwand. Das Abwischen nütze nichts, denn das Zeugs käme doch gleich wieder. Tatsächlich konnte ich mit dem Finger meinen Namen auf die schimmeligen Wände schreiben. Sehr ungeniert ging es beim Entkleiden zu. Da die Kammer keine Tür hatte, so konnten auch wir ? gleich den Kindern ? ohne Zwang sehen, wie Mann und Frau sich in aller Gemütsruhe bis aufs Hemd auszogen und ins Nest stiegen. Übrigens hätte das auch jedermann von draußen sehen können, denn die Fenster waren völlig unbehangen. Nur im Winter wurden Strohdecken davor gehängt, um die Kälte abzuhalten. Wir schliefen prächtig; nur ein paarmal wachte ich auf, weil die Mäuse im Bettstroh etwas zu arg russelten und piepten und eine Horde Ratten in der Kammer ihren Unfug trieb. Meinen Schlafgenossen rührte das gar nicht weiter, ungestört schnarchte er seine Naht fort. Am andern Morgen meinte er auf meine Frage, das sei er schon gewöhnt; Mäuse gäbe es auf dem Lande überall, und die Ratten hätten sich vom Schweinestall her durchgefressen, dort hätten sie schon alles »holl und boll« gewühlt. Der Kater aber gehe den Beestern weit aus dem Wege, und das Ratteneisen ließen diese wieder unberührt liegen. Er wolle nächstens 'mal einen »Schwinegel« greifen, denn dessen Geruch könnten sie nicht gut vertragen. Amazon.de Widgets Noch vor der Frühkost mußte ich mit dem Hilfsknecht nach dem[46] Pferdestall des Gutes und dort den Stallmist auf eine Karre laden helfen, den der Knecht dann nach dem großen Misthaufen schob. Es waren hierbei eine ganze Anzahl Knechte und Tagelöhner tätig, jeder bei seinem Gespann. Wir beide hatten auch noch die Fohlen mit zu besorgen. Nachdem ausgemistet war, mußte ich die Tränkeimer voll pumpen; das »Börnen« selbst besorgten die Knechte. Nach der Frühkost wurde ich für zwei Tage dem Gutsgärtner als Hilfsjunge zugeteilt; dieser beschäftigte mich im Park und im Garten. Am anderen Tage wurde mit dem Vordreschen begonnen. Es war die Zeit gekommen, wo die Wintersaat in die Erde gebracht werden mußte, und dazu gebrauchte man Saatkorn. Der größte Teil der Kartoffeln war jetzt bereits eingeerntet, und die Kartoffelfelder sollten nun bis auf einen gewissen Rest mit Roggen besäet werden. Rührig waren deshalb die Knechte mit Pflug und Egge tätig, um den Acker zur Aufnahme der Saat zu bereiten. Die abkömmlichen Tagelöhner und deren Frauen erhielten dagegen Auftrag, von dem im Sommer geernteten Roggen so viel auszudreschen, als zur Wintersaat erforderlich war, vielleicht auch noch ein Quantum mehr, dessen man als Brotkorn bedurfte. Das Dreschen geschah mit einer kleinen Göpelmaschine damaligen Systems. Für eine Dampfdreschmaschine hatte sich der Gutsherr und sein Inspektor noch nicht erwärmen können, weil ihnen der Drusch nicht gefiel. Es gab zu viel Krummstroh dabei, auch schien ihnen das Korn nicht rein genug ausgedroschen zu werden. Beide Herren vermochten sich von der alten Methode eben auch noch nicht zu trennen. Hinzu kam, daß damals alljährlich auch ein beträchtliches Quantum von schierem Stroh zum Decken der Wirtschaftsgebäude und Tagelöhnerkaten gebraucht wurde, denn diese hatten ? bis auf das neue Häuschen des Brenners ? samt und sonders noch das altehrwürdige Strohdach. Und dieses glatte Deckstroh ließ sich am besten und brauchbarsten durch Handdrusch herstellen. Ebenfalls war solches Stroh auch besser zu Häcksel zu verwerten, weil es leichter durch die Häckselmaschine ging und auch nicht solch rauhen Häcksel lieferte,[47] wie das mit der Dreschmaschine gewonnene Stroh. So diente die erwähnte Göpelmaschine gewissermaßen nur als Notbehelf, um einen Teil des Getreides abzuklappern. Das Hauptdreschen wurde nach wie vor im Winter ausgeführt, und zwar mit dem Dreschflegel; nur hin und wieder benutzte man je nach Gutdünken des Inspektors die kleine Maschine. Diese lieferte zudem auch nicht »bodenreines« Korn, wie ich das später kennen lernte, sondern Kaff (Spreu) und Korn blieben zusammen und mußten hernach erst mittels der Staubmühle voneinander geschieden werden. Mir wurde nun der rühmliche Auftrag, die Pferde am Göpel, dem Triebwerk der Dreschmaschine, anzutreiben. Da der Göpel mit einer Holzplatte verdeckt war, so konnte ein Schemel darauf gestellt werden, auf dem ich Platz nahm. Stolz saß ich dort oben auf meinem Thron mit einer alten Peitsche in der Hand und rief den sechs Gäulen den ganzen lieben langen Tag mein »Hüh« und »Hüo« zu. Doch das ständige Stillsitzen auf dem vertrakten Schemel und die ewige Kreisdrehung auf demselben Fleck behagten meinem etwas lebhaften Gemüt auf die Dauer nicht gerade vom besten. Daher kam es wohl, daß ich am Nachmittage mitsamt dem Schemel von meinem Sitz herunterfiel. Glücklicherweise standen die Pferde gleich still, sonst hätte es noch leicht Malheur geben können. So geschah weiter nichts, als daß mich der Inspektor mehrmals einen dummen Bengel nannte und drohte, daß er mir ein paar überziehen würde, wenn ich noch mal so unachtsam und dusselig wäre. Darnach konnte die Karre wieder weiter gehen. Zwei Tage später lernte ich diesen Herrn Inspektor aber von einer Seite kennen, die mir zeitlebens unvergeßlich bleiben wird. Ich saß draußen auf meinem Göpel, und drinnen bei offener Scheunentür arbeiteten die Leute an der brummenden Maschine. Plötzlich hörte ich die rauhe scheltende Stimme des Inspektors im Wortwechsel mit einer Frau. Es war die Frau eines Tagelöhners, der wegen seines steifen Beines nur allgemein der »lahme Hann« genannt wurde. Sie war mit zwei anderen Frauen beim Strohbinden an der Maschine tätig gewesen und hatte dem Inspektor[48] wohl nicht rasch genug gearbeitet, denn auf der Scheunendiele lag ziemlich viel loses Stroh. Als sie der Inspektor deswegen in seiner barschen Manier anfuhr, hatte die Frau, wie ich hernach hörte, einige bescheidene Worte der Widerrede riskiert. Das durfte sich der Gestrenge in seiner echt hinterpommerschen Auffassung von Gutsdisziplin nicht gefallen lassen. Daher wurde seine Stimme laut und lauter. Auch der Frau war nunmehr die Galle übergelaufen, um so mehr als sie glaubte, ihre Schuldigkeit getan zu haben, denn auch mein Instmann sagte mir nachdem, daß eigentlich eine Person zu wenig beim Binden gewesen wäre. Da mit einem Mal sah ich, wie der Inspektor der Frau einen derartigen Stoß in den Rücken versetzte, daß sie draußen vor die Scheunentür taumelte. Gleichzeitig brüllte er sie an mit Ausdrücken wie: faules Weibstück, Saubesen, dickfelliges Aas: »Ich werde dem Mensch Raison beibringen!« »Alte Dreckhexe!« Doch was war das! Unwillkürlich war die nach Atem ringende Frau etwas weiter zurückgetreten und der Göpelstange zu nahe gekommen. Schon hatten sich ihre Röcke in der rotierenden Stange verfangen, und mit unwiderstehlicher Gewalt wurde sie zu Boden gerissen. Bei diesem Anblick packte mich eine wilde Angst. Wie besessen schrie ich: »Prrr, prrr!« Gottlob, die Pferde standen. Noch ein paar Schritte der Tiere, noch ein paar Umdrehungen der Triebstange ? und der Frau wäre rettungslos das Kreuz gebrochen worden. Jetzt schien auch der Inspektor von seinem Wutanfall zu ernüchtern; er sowohl wie auch andere inzwischen herbeigeeilte Frauen und Männer bemühten sich um die am Boden Liegende. In diesem Moment aber erschien der lahme Hann. Er hatte bis dahin im »Tap« gestanden und Garben nach der Maschine »zugeschmissen«. Während der wüsten Schimpferei des Inspektors war er auch völlig neutral geblieben ? vielleicht weil derartige Szenen auf dem Gut nichts Neues waren ? doch als er sah, wie seine Frau zu Boden sank, mußte ihn plötzlich der verhaltene Zorn übermannt haben. Mit der Forke in der Hand sprang er auf den Inspektor zu, als wolle er Vergeltung an ihm üben. Doch ihm selben Augenblick entfiel ihm auch schon wieder der Mut. Er begnügte sich damit, zu heulen, zu schimpfen,[49] zu drohen und zu gestikulieren. Der grobklotzige Inspektor schien seine Pappenheimer auch zu kennen. Er richtete sich auf, brüllte wieder wie ein Wüterich, zog dann seinen geschmeidigen Reitstock, ? dieses unvermeidliche Requisit seiner Würde, ? aus dem Stiefelschaft, und: klitsch, klatsch, sausten eine Anzahl Hiebe dem lahmen Hann über Kopf und Rücken! Und merkwürdig, keiner der anderen Männer wagte es, ihrem mißhandelten Arbeitskollegen beizuspringen und dem rohen Patron von Inspektor entgegenzutreten. »Sofort schert ihr euch vom Hofe«, rief dieser dem malträtierten Ehepaare zu, »und morgen schmeiße ich euch aus der Kate!« Stupide heulend ging der lahme Hann, und schluchzend ging auch seine Frau. Des Abends erzählte mein Instmann, der lahme Hann könne wieder bleiben. Er sowohl wie seine Frau hätten beim Inspektor und auch beim Herrn Abbitte geleistet. Dieser habe ihnen ihre Insubordination nochmal gnädigst verziehen und von ihrer Fortjagung Abstand genommen. Nur mit dem Abzug eines Wochenlohnes wären beide bestraft worden! Ende der dritten Woche kam meine Mutter nach dem Gut, einmal um zu sehen, wie es mir ginge, dann auch um mitzuteilen, daß mir noch eine weitere Woche Schulurlaub bewilligt sei. Der Kartoffelkrieg war jetzt ganz beendet. Die Sammler hatten ihr Restgeld erhalten und freuten sich ihres Verdienstes. Und am Sonntag sollte »Kartoffelhochzeit« sein. Was das ist? Nun eine Art Erntefest, das alljährlich auf dem Gut gefeiert wurde, wenn die Kartoffeln befriedigend gediehen und eingebracht waren. Auch auf andern Gütern war das so Gebrauch, wenn auch nicht auf allen. Eine ähnliche Festlichkeit gab es noch kurz nach dem Roggen-Ost, die andere eben nach dem Kartoffelkrieg. Irgendeine tiefere symbolische Bedeutung war dem Worte Hochzeit in Verbindung mit der Kartoffel wohl nicht beizumessen. Wenigstens sagte mir mein Instmann, das Fest heiße deswegen so, weil es dort eben so ausgelassen herginge, wie bei einer Hochzeit; jedes Ding müsse doch seinen Namen haben. Übrigens sei es dem »Herrn« hoch anzurechnen, daß er »uns Schlag Lüd« auch mal ein Vergnügen gönne, denn sonst wüßte[50] man ja überhaupt nicht, daß man auf der Welt lebe. »Jaa ? uns' Herr is ni so?o.« Was am Sonntag nachmittag von dem gesamten Gutspersonal irgend abkommen konnte, das ging zunächst nach Grapensee zur Kirche. So hieß nämlich das etwa eine Meile entfernte Kirchdorf. Der Kirchgang war vom Gutsherrn zwar nicht direkt befohlen worden, doch wußte jeder, daß der Gnädige es gerne sah, wenn »seine Leute« nicht nur an ihren freien Sonntagen, sondern vor allem an den Tagen der Gutsfestlichkeiten erst zur Kirche gingen, ehe sie sich dem Vergnügen hingaben. Das gehörte sich nun einmal so. Direkt befohlen wurde der allgemeine Kirchgang nur am Geburtstage des »Herrn« und der »gnä' Frau«. Des Nachmittags begann dann das eigentliche Fest. Dazu war schon vorher die große Scheunendiele aufgeräumt. Im Hintergrunde stand ein Ackerwagen, auf dem das »Orchester« Platz zu nehmen hatte. Ein würdiges Musikkorps! Drei Mann hoch. Der Dorfschneider von Grapensee mit der Fiedel, der Totengräber aus demselben Dorf mit der Klarinette, und der Gutsgärtner mit einer Ziehharmonika. So bewaffnet nahmen die »Muskanten« ihren Sitz ein. Auch längsseits der Scheunendiele waren Sitze hergestellt, und zwar aus gefüllten Korn- und Kartoffelsäcken, die man mit Wagenbrettern belegt hatte. Die Fiedel rief ? und alle, alle kamen. Die Männer in Sonntagsstaat aus »eigengewebtem« Stoff und frisch geschmierten Transtiefeln; die Frauen und Mädchen mit mindestens vier Unterröcken unter dem geblümten Kattunkleid, der taillenlosen Jacke und dem unvermeidlichen Kopftuch. Auch der lahme Hann und seine Frau waren dabei. Mein Instmann und seine »Olsch« fehlten ebenfalls nicht. Wie aufgeräumt er war, der gute Kramke. Am Vormittag hatte ich ihn schon aufrichtig bedauert, als er sich zur Feier des Tages die borstigen Bartstoppeln abrasierte. Das kratzte wie eine Schrotsäge, und die hellen Tränen liefen ihm dabei über die Backen. Jetzt aber war er ganz vergnügt. Die jüngeren Paare hatten sich bereits einige Tänze »abgetreten«; da hieß es allgemein: »De Herr kümmt!« Stolz und vornehm wie immer, trat Herr von Damerow in den Kreis seiner Gutsuntertanen;[51] der Inspektor begleitete ihn. In ehrerbietiger Ungelenkigkeit zogen Knechte und Tagelöhner ihre Mützen; ich heute ebenfalls. Die Frauen und Mädchen gaben ihrer Unterwürfigkeit dadurch Ausdruck, daß sie den etwas zur Seite geneigten Kopf möglichst tief zwischen die Schultern duckten. »Guten Tag, Leute!« grüßte der Gutsherr jetzt in kühler Herablassung. »Gun Dag, Herr!« klang es allseitig zurück. Rasch betupfte der Gnädige Mund und Nase mit seinem Taschentuch und hielt sodann eine kurze Ansprache an die Versammelten. Er redete von der guten Kartoffelernte; von dem Brauch, daß man sich nach der Arbeit auch einmal dem Frohsinn überlassen dürfe, und betonte, wie er in steter Fürsorge für das Wohlergehen seiner Leute ihnen auch dieses Fest gewährt habe. Darauf entbot er den Anwesenden noch den Gruß seiner Gemahlin, »Eurer gnädigen Frau«, und wünschte schließlich viel Vergnügen. Als er seine Rede geendet hatte, trat der Gutsvogt mit einer riesigen Korbflasche hervor, stellte sie vor sich hin und rief: »Uns Herr scha läwe, vivat hoch!« Alles stimmte dreimal ein; selbst die »Muskanten« entquälten ihren Instrumenten einen mißtönigen Tusch. Mit einem unsagbaren Lächeln nickte Herr von Damerow den Leuten leicht zu und ging dann mit dem Inspektor wieder davon. Nun waltete der Vogt seines Amtes als Festleiter. Tapfer schenkte er aus der Korbflasche ein. Es war echter, edler, hinterpommerscher Kartoffelfusel, den der »Herr« spendiert hatte und der jetzt wie Wasser die Kehlen hinabglitt. Jedes trank, und jedes trank gern, sowohl die Männer wie auch die Frauen. Selbst die halbwüchsigen Kinder, die dem Tanze zusahen, bekamen ihren Anteil. Nach dem Abendbrot steigerte sich die Ausgelassenheit. Schon hatte der Vogt die zweite Korbflasche herbeigeholt, und der Schnaps tat bereits seine Wirkung. Hei, wie die Röcke flogen! Die meisten der Männer tanzten schon längst in Hemdsärmeln, den Rock hatten sie als überflüssigen Ballast abgelegt; und der Schweiß rann ihnen über die hochroten Gesichter, trotz der empfindlichen Herbstkühle. Auch der Herr Inspektor war mit[52] einem Mal mitten unter den Tanzenden. Fest hielt er die Frau meines Instmannes umklammert und walzte mit ihr wie ein Sturmblock die Tenne auf und nieder. Merkwürdig, wie freundlich der Mann jetzt aussehen konnte! Das war gar nicht mehr derselbe Inspektor, der noch vor ein paar Tagen den lahmen Hann und dessen Frau so brutal gemißhandelt hatte. Auch mit anderen Frauen und Mädchen schwenkte er umher, und man konnte es ihnen förmlich ansehen, wie geehrt sie sich fühlten, wenn der sonst so Gefürchtete sie zum Tanze aufforderte. Amazon.de Widgets Aber wie war es nur möglich, daß sich die Frauen und Mädchen jetzt in frohem Tanz mit lachendem Gesicht und leuchtenden Augen an denselben Mann schmiegen konnten, der sonst bei der Arbeit tagtäglich ihr rücksichtsloser Antreiber war, und sie nicht selten in unflätigster Weise beschimpfte, ja sogar mißhandelte? Ein Rätsel waren mir auch die Männer. Wie manch einen von ihnen hatte dieser Inspektor nach Aussage Kramkes schon derartig mit der Reitpeitsche »verwackelt«, »daß ihnen die Augen übergingen«, und jetzt drängten sie sich wie dressierte Hunde an ihn heran, um vielleicht ein zweifelhaftes Scherzwort von ihm aufzufangen. Und auch sie betrachteten es als hohe Ehre, wenn »uns Herr Inspekter« mit ihren Frauen und Mädchen tanzte ? und hübsch ungeniert an diesen herumkniff. Den meisten der Festteilnehmer hatte der Schnaps nach und nach den Kopf fast völlig verdreht. Die Männer gröhlten, die Weiber kreischten. Vier, fünf Paare umfaßten sich auf einmal, zoteten sich gegenseitig an, lachten, scherzten, hüpften und fielen schließlich um: ein zappelndes Durcheinander von Armen und Beinen, von Transtiefeln, verschobenen Unterröcken und Strumpfbändern! Ich hatte mich meistens in der Gegend der »Muskanten« aufgehalten. Doch wie sahen die armen Kerle nun aus! Der nüchternste war noch der Schneider mit seiner Fiedel. Dem Totengräber quollen dagegen die Augen förmlich aus dem Kopf, wenn er sich hin und wieder nochmal aufraffte, um in seine Klarinette hineinzuqietschen. Der Gärtner aber zerrte nur noch mechanisch an seiner Harmonika, die infolge der ungewohnten Strapazierung[53] schon bedenklich »Beiluft« bekommen hatte. Was die drei eigentlich zusammenspielten, das wußten sie wohl selbst nicht mehr, geschweige die übrigen. Mit zunehmender Nachtstunde begann es mir aufzufallen, daß sich von den jüngeren Paaren bald hier, bald dort einige auf längere oder kürzere Zeit entfernten. Eng umschlungen taumelten sie meistens nach dem warmen Kuh- oder Pferdestall. Auch der Inspektor war verschwunden, und Kramkes Frau sah ich auch nicht mehr, während dieser selbst auf einem Kartoffelsack hockte und schlief. Gegen Mitternacht kehrte ich dem Trubel den Rücken, denn wenn die Arbeit am andern Morgen auch erst eine Stunde später beginnen sollte, so war ich doch müde geworden. Ich sprach noch einiges mit dem kranken Knaben und kroch dann in mein Bett. Wann die »Alten« gekommen waren, hatte ich nicht mehr gehört. Der Hilfsknecht kam erst des Morgens gegen Fünfe; er hatte sich nach dem Getreidehause verirrt, sagte er. Kramke saß beim Frühstück und klagte über Kopfschmerz; seine Frau aber meinte gähnend »Lat man, schön wär't doch!« Das war die Kartoffelhochzeit. Einige Tage darauf mußte ich dann wieder dem Gutsgärtner helfen, denn dieser, dem auch gleichzeitig die Beaufsichtigung des zum Gute gehörigen Waldbestandes oblag, hatte jetzt alle Hände voll mit den Vorbereitungen zur Treibjagd zu tun, die in dieser Woche abgehalten wurde. Für mich bot die Jagd nur wenig Interessantes. Ich sah an dem betreffenden Tage eine Anzahl Gäste des Gutsherrn ankommen, alles vornehme Leute; auch der Sohn des Gutsherrn, »der junge Herr«, hatte sich als Leutnant vom Stolper Husarenregiment zum Jagdvergnügen eingefunden und stolzierte nun in seiner roten Uniform mit einem Scherben im Auge sehr patent auf dem Hofe umher. Noch ehe diese Herrschaften zu ihrem Jagdvergnügen aufbrachen, wurden wir ? die Tagelöhner, Knechte, Jungens, sowie Leute aus dem nächsten Dorf ? zusammengetrommelt und an den Waldrand der Gutsgemarkung in mehreren langen, geteilten Linien als Treiber aufgestellt. Ausgerüstet waren wir zu diesem[54] Zweck mit allerhand Lärminstrumenten, Rasseln, Knarren, Klappern, Blechbecken usw. Mir hatten sie eine alte ausrangierte Messingkasserolle gegeben. Auf ein bestimmtes Zeichen setzten wir Treiber uns nun in Bewegung und machten einen Heidenlärm. Wir sollten ja das Wild aufscheuchen und dieses den Herrn Jägern zutreiben. Auch schreien und ? bellen mußten wir, so daß ich auf diese Art in meinem Leben auch mal Jagdhund gewesen bin. So manchen braven Deutschen habe ich später flotte Jägerlieder singen hören, obwohl solcher Mann sicher niemals in der Lage gewesen, auf irgendein Stück Wild schießen zu dürfen. Solchem Fatzken wünschte ich dann stets im Stillen, er möchte nach einem hinterpommerschen Gut zur Jagdzeit als Treiber abkommandiert werden: ihm würde zweifellos für immer die Lust vergehen, vom »Jägervergnügen« zu singen. Das Vergnügen von der Geschichte haben eben ? andere Leute, nur nicht die armseligen Treiber. In der letzten Woche meines Aufenthalts auf dem Gut lernte ich auch noch das Gesindehaus kennen. Ich wurde jetzt nämlich auf Befehl des Inspektors hilfsweise als Pferdejunge beschäftigt, und als solcher bekam ich meine Kost nicht mehr von meinem Instmann, sondern vom Gut, d.h. ich aß mit den Knechten und Mägden im Gesindehaus. Einen Unterschied in der Güte der Kost bedeutete das allerdings nicht. Des Morgens gab's Mehlsuppe und trockenes Schwarzbrot. Zum zweiten Frühstück ein ungefähr drei Finger dickes Stück Brot mit Schmalz beschmiert und einen Schnaps; zu Mittag entweder Erbsen oder Wrucken, Kohl oder Buttermilch und Kartoffeln, je nachdem ganz ohne Fleisch oder mit einigen Speckwürfeln durchsetzt. »Fleisch« gab's nur am Sonntag und am Donnerstag, für jeden ein »Flittchen«. Aber auch das war dann nicht etwa Fleisch, wie man es in der Regel vom Schlächter kauft, sondern gekochter Räucherspeck eigener Schlachtung, gelb und polsterig, der womöglich von einem alten Zuchteber stammte, oder von einer Muttersau, die schon ein kleines Hundert Ferkel auf dem Gewissen hatte. Frisches Fleisch bekamen[55] die Leute in der Regel nur beim Einschlachten. Sie waren auch schon so zufrieden: »Besser was, wie gar nichts.« Das Abendessen bestand ? wenn nicht Klieben oder Hafergrütze gekocht wurden ? aus Hering und Kartoffeln. Bei diesem Heringsmahl zeigte sich die hinterpommersche Einfachheit im schönsten Lichte. Die große Butte mit gekochten Pellkartoffeln wurde kurzerhand auf dem Leutetisch umgekippt, so daß die heißen »Tüffken« frei auf der Tischplatte lagen. Ebenso wurde für jede Person ein Hering hingelegt, auch frei auf die Tischplatte; Teller gab's nicht. Nun holte jeder sein Taschenmesser hervor, pellte sich so viel Kartoffeln wie er brauchte, transchierte seinen »Schwimmling« und aß »wie ein Scheunendrescher«. Nach dem Abendessen gingen die Knechte und Mägde meistens »'n bißchen auf die Nachbarschaft« zu den Tagelöhnern, bei denen jetzt, nach der Kartoffelernte, die Spinnabende begannen. Auch aus den benachbarten Katen kamen sie, so viel die Stube nur Leute zu fassen vermochte. Die Männer mit den qualmenden »Knorren«, die Frauen mit dem Spinnrad. Es ging reihum mit den Spinnabenden, die eine Woche in dieser, die andere in jener Kate. Die Frauen brachten sich auch gleich einen Schemel mit, denn so viel Stühle, wie gebraucht wurden, hatte natürlich kein Tagelöhner auf Lager. Die Männer hatten nur Anspruch auf die Ofenbank; war diese besetzt, so mußten sie sehen, wie sie Sitzgelegenheit bekamen; es wurden dann gewöhnlich paßrechte Holzstubben benutzt, die man aus dem Stall oder vom Boden hervorholte. Bald surrten die Spinnräder und der »Klöhn« begann. Mein Instmann erzählte mit Vorliebe vom 70er Feldzuge, den er mitgemacht hatte. Als ihm hierbei mal jemand opponierte, geriet er sogar in Eifer und sagte mit Nachdruck: »Min Wort is ? Uns Herr ower uß, un d' Kaiser ower uß alle; so mutt dat wäse!« Ganz Ohr war ich bei den vielen Spukgeschichten, die der eine immer noch gruseliger zum Besten gab, wie der andere. Jeder wollte schon selbst etwas Greulich-Geheimnisvolles erlebt haben; mindestens aber wußte er bestimmt, daß das, was Onkel,[56] Vater oder Großvater und Großmutter auf diesem Gebiete erzählt, »ganz gewiß und wahrhaftig« wahr gewesen sei. So war dem einen an der »krausen Brücke« im Walde eine Eule auf den Kopf geflogen und hatte ihn gekratzt und nach seinen Augen gehackt. Gerade zwölf Uhr nachts war's gewesen. Das hatte was zu bedeuten! Ein schwarzer Kater, schrecklich anzuschauen, hatte einen nächtlichen Wanderer begleitet und dabei bald jämmerlich, bald drohend miaut. Erst nach dem dritten Vaterunser, das sich den angstbebenden Lippen des tapferen Mannes entrang, war das Untier fauchend und prustend entwichen. Sicher konnte dies nur der Leibhaftige selbst gewesen sein. Am Kreuzwege hatte nach Mitternacht ein großer Hund geheult. Großvater wollte vorbeigehen, doch seine Füße versagten den Dienst. Wie gelähmt blieb er stehen; seine einzige Rettung war das Vaterunser. Da, um ein Uhr, also genau mit Schluß der Geisterstunde, verschwand der Köter. Welches Unheil hatte da gedroht! So mußte allerhand harmloses Viehzeug herhalten, um mindestens als Sendboten Meister Urians verdächtigt zu werden. Tote wurden lebendig und alte Weidenstümpfe fingen an zu grinsen, und ? die Leute glaubten steif und fest daran. Hand in Hand mit diesen schaurig-schönen Spukgeschichten ging ein geradezu ins Groteske verzerrter religiöser Aberglaube, bei dem besonders die Toten eine hervorragende Rolle spielten. Nie durfte eine Leiche mit dem Kopf nach der Tür gebettet werden, denn sonst zerkratzte ihr ein Abgesandter des Bösen das Gesicht, und die Seele konnte das strahlende Himmelslicht nicht mehr sehen. Im Leichenzuge über einen Verstorbenen etwas Ungünstiges reden, galt als eine Versündigung gegen die Leiche, denn deren Seele ging unsichtbar hinter dem Sarge her, und sowie sie Schlechtes über sich reden hörte, fand sie keine Ruhe im Grabe. Ja »wandern« mußten die Toten, vielleicht jahrelang, ehe sie durch irgendein spukhaftes Ereignis »erlöst« wurden und dann zu des Herrn Freude eingehen durften. Deshalb bekam die Leiche eines Erwachsenen, dem man bezüglich seiner Seligkeit nicht recht traute, womöglich ein Paar derbe Transtiefel an und[57] Brot und Schnaps mit in den Sarg, damit ihr »das Wandern leichter falle«! Man schüttle nicht den Kopf. Noch heute wird dort auf den Dörfern und Gütern solch Unsinn fast allgemein geglaubt. Und dabei handelt es sich um eine Gegend, wo nur die »reine« evangelisch-lutherische Lehre verkündet wird! Meine sechs Wochen in gutsherrlich von Damerowschen Diensten waren abgelaufen. Es wurde zwar versucht, mich noch länger dort zu behalten, doch konnte meine Mutter keinen weiteren Schulurlaub mehr für mich erwirken; die Kartoffelferien hatte ich ja ohnehin schon um drei Wochen überschritten. Der Inspektor riet mir zwar, nach meiner Konfirmation wiederzukommen und auf dem Gut in regelrechten Gesindedienst zu treten, doch mir war's anders beschieden. Die Freuden des ländlichen Gesinde- und Tagelöhnerlebens sollte ich in ihrer vollen Gründlichkeit in Schleswig-Holstein kennen lernen. 
 Als Dienstknecht in Dithmarschen  [129] In Segeberg kehrte ich zunächst in einer Gastwirtschaft geringerer Güte ein und traf dort meine Vorbereitungen zur Weiterreise nach der Marsch. Von meinen 30 Talern Lohn, die ich im letzten Jahre auf Bunsloh bekam, waren mir bei meinem Abgange noch etwa 20 Taler ausgezahlt worden, das übrige hatte ich bereits während des Jahres aufgenommen. Ich erneuerte jetzt vor allem an Kleidungsstücken was mir fehlte. An barem Gelde verblieben mir dann noch rund 20 Mark. Mit neuen rindledernen Schmierstiefeln an den Füßen, einen schwarzen Kragen mit weißem Einsatz vor den Hals gebunden, ein volles Bündel unter dem Arm, mein Dienstbuch in der Tasche »un de Piep in't Mul«, so schlenderte ich als nunmehr 161/2jähriger wohlgemut nach dem Bahnhof und dampfte bald der »Waterkant« entgegen, über Neumünster, Kellinghusen nach Itzehoe. Am nächsten Tage durchwanderte ich zu Fuß die Wilstermarsch. Wie außerordentlich stach doch diese Gegend ab vom östlichen Holstein. Soweit das Auge reichte, überall grünes fettes Flachland, keine Erhöhung, kein Sandboden, kein Wall und kein Knick, nur schwere Marsch. Dazwischen behäbige Bauernhöfe und unzählige kleine Windmühlen, die den Wasser stand in den vielen schnurgeraden Gräben regulierten. Auf der Weide gingen schwerfällige Kühe und Ochsen sowie die großschlägigen Wilstermarschschafe, zum Bewundern stattliche Tiere. Hier wollte ich jedoch noch nicht um Arbeit anfragen, sondern mir die Marsch noch erst in einem größeren Teile ansehen. Ich ging daher über St. Margarethen nach Brunsbüttel zu. Diese Strecke erschien mir ganz besonders interessant. Von links her winkte der mächtige Elbdeich, ein eigenartiger Wassergeruch wehte einem entgegen. Wenn man auf dem Deiche steht, glaubt man sich in eine völlig neue Welt versetzt. Rechts die üppige Marschlandschaft mit ihren vielen Gehöften, den rotbunten Viehherden und fernen Kirchtürmen; links der breite Elbstrom,[130] auf dem majestätisch die großen Segler und Dampfer hin und her ziehen. Jenseits des Stromes grüßt die hannoversche Küste, und direkt nach Westen verliert sich der Blick in verschwommene unendliche Wasserweiten, aus denen vom äußersten Rande der jenseitigen Landspitze Cuxhaven noch undeutlich herüberschimmert. Nun denke man sich über dem Ganzen einen prächtigen sonnigen Herbsthimmel, dann hat man wenigstens einen schwachen Riß des Bildes, wie es vor mir lag und das auf jeden, der es zum ersten Male in seiner Wirklichkeit sieht, einen überwältigenden Eindruck macht. Ich konnte mich nicht daran sattsehen. Stundenlang saß ich am Deich und genoß das herrliche Panorama, bis mich die nahende Dämmerung mahnte, meinen Weg fortzusetzen. In Brunsbüttel übernachtete ich. Am andern Morgen ging ich über Marne nach Meldorf zu. Ich war jetzt in Süderdithmarschen, und die kleinen charakteristischen Mühlen der Wilstermarsch gab es hier nicht mehr. Schon überlegte ich, ob ich mich nicht hier irgendwo nach einer Dienststelle umsehen solle, denn die Gegend gefiel mir, und aus jedem Bauernhause sprach Wohlstand und Behäbigkeit. Doch erst wollte ich mir noch mal die Nordsee aus nächster Nähe anschaun; auf einen Tag kam's ja auch nicht an. Dicht vor Meldorf schwenkte ich daher links ab nach dem großen Seedeich, der in einiger Entfernung die Landschaft abgrenzte. Ich hatte erwartet, hinter dem Deich eine wildbewegte See zu finden mit spritzendem Gischt und hohen schäumenden Wogen. Hier aber wurde ich gründlich enttäuscht. Gewiß, der ganze westliche Horizont war Wasser, doch von Schaum und Wellenschlag keine Spur. Vor mir dehnte sich in breiter Weite das Watt, das Vorland der Küste, mit seinem blaugrauen Muschelsand und seinen modrigen Schlicktümpeln. Erst in ziemlicher Ferne sah ich kurze weißköpfige Wellen tanzen: auf dem Mielstrom, wie mir ein einsamer Deicharbeiter erklärte, der mir auch gleichzeitig die Erscheinungen von Ebbe und Flut auseinandersetzte. Nachdem ich die Nacht in Meldorf verbracht, riet mir der Herbergswirt, nach Wesselburen zu gehen, denn in den »Itzehoer[131] Nachrichten« habe noch kürzlich gestanden, daß in Norderdithmarschen ein Mangel an Gesinde sei. Ich trollte also ab. In der Nacht war's »englisches Wetter« geworden, d.h. ein bleigrauer dichter Nebel senkte sich herab, so daß man keine hundert Schritt weit sehen konnte. Ungewiß lag das Gelände vor mir, es schien mir, als renne ich immer gegen eine Nebelwand an. Als sich der Nebel verzog, fing es an zu regnen, anfangs kleine »Dak«-Tropfen, dann Bindfaden. Jetzt hatte die Marsch ein ganz anderes Aussehen bekommen. Alles lag grau in grau, das Feld, die Höfe, die Bäume. Das Vieh stand krumm wie ein Flitzbogen auf der Weide, und den Knechten klebte beim Pflügen der schwere »Klei«boden in dicken Klumpen an den Stiefeln; sie pflügten mit vier Pferden, für mich eine Neuheit, die mich sehr interessierte. Des Nachmittags langte ich in Wesselburen an. Zwei Türme kennzeichnen den Ort schon von weitem: der Schornstein der dortigen Zuckerfabrik und der Kirchturm, der in seinem oberen Teile aussieht wie eine umgekehrte Zuckerrübe. Die Fabrik war dieselbe, nach der ich mich einst in meiner Heimat als Ochsenjunge verdungen hatte. In dem Orte wies mich auf meine Frage jemand nach einer kleinen Gastwirtschaft, deren Inhaber auch gleichzeitig Gesindevermieter war. Solcher Wirtschaften gibt es dort eine ganze Anzahl. Mein Wirt bot mir auch sogleich eine Stelle als »Lüttknecht« zum Alleindienen bei einem Bauern in Kassenbüttel an, einem Dörfchen unweit von Wesselburen, durch das ich vorhin schon durchgekommen war. Allerdings sagte er recht bedeutsam zu mir: »De besten Städen sünd awer all weg.« Bezüglich des Lohnes meinte er, könne ich mich mit dem »Bur« ja selbst einig werden, »to väl will he ümmer ni utgäwen.« Ich erhielt auch gleich meinen Taler »Gottsgeld«, durch den der Dienstvertrag rechtsgültig wurde; d.h. der Wirt zeigte mir den Taler nur, dann steckte er ihn nach ortsüblicher Sitte wieder ein, als Vermietergebühr. Nun schlief ich mich gehörig aus, und am nächsten Vormittag ging ich nach Kassenbüttel zu meinem künftigen Dienstherrn und Arbeitgeber.[132] Jan Gnurr, genannt der Rethbur von Kassenbüttel, empfing mich mit der kühlen Gelassenheit, die mehr oder minder allen Marschbauern eigen ist. Er stand gerade in der »Boos«, dem am Vorderhause belegenen Teil der Stallungen, und »kek in't Wedder«. Im Munde hatte er eine halblange Pfeife, an der er sehr intensiv herumsog. Den etwas groß geratenen Kopf zierten altertümliche Polkalocken und unter den kleinen zusammengekniffenen Schweinsaugen hingen auffallend große Tränensäcke. Im übrigen sah er ein bißchen reichlich schmierig aus. Einen ähnlichen Eindruck machte auch die Hofstelle und die Boos, wo Stroh und Dreck und allerhand Gerümpel kunterbunt umherlagen. Nachdem er mich über mein Woher genauestens ausgefragt hatte, meinte er in einem gewissen väterlichen Biedertone: Hier sei es sonst nur mode, das Gesinde halbjährlich zu mieten; doch ich gefalle ihm, deshalb wolle er bei mir eine Ausnahme machen und mich gleich auf ein ganzes Jahr dingen, wenn es mir recht sei. Da ich die dortigen Verhältnisse nicht kannte, so fühlte ich mich durch die anerkennenden Worte des Bauern förmlich geschmeichelt und willigte sofort ein; ebenso war ich mit einem Jahreslohn von 35 Talern einverstanden, den er mir bot; waren es doch 5 Taler mehr, als wie ich im letzten Jahre bekommen hatte. Überdies, so flocht er nebenbei ein, könne ja auch die Bäuerin für mich waschen. Also abgemacht. Leider hatte ich in diesem Moment keine Ahnung, wie gröblich ich von dem Bauern hintergangen wurde. Das sollte mir erst nach einigen Wochen klar werden. Doch da kam aus dem Vorderhause eine Frauengestalt angeschlurrt, die durch die Boos nach der Lohdiele wollte. Der Bauer rief sie an: »Hier is 'n Lüttknecht vör uns; kannst em wat to äten mit torecht maken!« Da drehte sich das Weib halb nach mir um und schielte mich an, nicht von oben bis unten, sondern umgekehrt von unten bis oben. »Sooo?« krächzte sie gedehnt ? »Na is guuut.« Damit schlurrte sie weiter. Ich schüttelte mich unwillkürlich. Die Alte erinnerte mich lebhaft an die Hexe aus »Hänsel und Gretel«. »Dat is min Fru«, grunzte der Bauer, indem er durch die Nase schnurchelnd mit der Daumenspitze hinter seiner[133] besseren Hälfte herwies. Ich nickte nur stumm mit dem Kopfe. Dann ging ich auf Geheiß des Bauern nach der »Hochstuw« und zog mir Arbeitszeug an. Gegen Mittag kam Jörn, der Sohn des Hauses, vom Felde heim. Er hatte Grasland umgepflügt, das im kommenden Frühjahr mit Hafer besät werden sollte. Als er meiner ansichtig wurde, sagte er ohne Gruß: »Na wat büst du vör een!« »Ick sall hier as Lüttknecht deenen«, erwiderte ich. »Na denn bring de Peer man to Stall!« klang es ungeschlacht zurück. Ich besorgte die Pferde, ein paar dunkelbraune Tiere von auffallend schönem Körperbau. Nicht lange darauf gröhlte Jörn mir zu: »Wat äten!« Ich aß mit an dem Tisch des Bauern und muß sagen: das Essen war gut. Es blieb auch gut während der ganzen anderthalb Jahre, die ich dort diente. An das ewige Schnurcheln des Alten und die steten Nasentropfen der »Oolsch«, wie Jörn seine Mutter titulierte, gewöhnte ich mich bald. Etwa 14 Tage war ich bereits auf meiner neuen Stelle; ich hatte mich schon eingearbeitet. Das Vieh stand schon alles auf dem Stalle; es gab mithin zur Hauptsache nur noch Drinnenarbeit. Da schickte mich Jörn eines Abends zu dem »Krugwirt« des Dorfes, der auch gleichzeitig eine Hökerei dabei hatte, um ihm Tabak zu holen. Der Wirt wunderte sich, daß Jan Gnurr mit einemmal wieder einen Knecht hatte, und verwickelte mich rasch in ein Gespräch. Nun erfuhr ich, daß es dort die Leute immer nicht aushalten konnten, einmal weil ihnen der ganze Betrieb zu schmutzig sei, dann aber auch wegen Jörn, dem »Saehn«. Erst kürzlich sollte sich da eine »schmucke dralle Deern« erhängt haben, und es wurden über die mutmaßlichen Ursachen des Selbstmords Andeutungen gemacht, die sich hier nicht gut wiedergeben lassen. Kurz: Jörn, so hieß es, werde wegen seines ungeschliffenen eingebildeten Wesens gemeinhin der »Gröhler« genannt, und sein Vater führe im ganzen Kirchspiel den Spitznamen »Rethbur«. Übrigens sei er ein ausgesprochener Filz und Geizhals, der keine größere Freude kenne, als jemanden mit abgefeimter Bauernschlauheit[134] recht gründlich übers Ohr zu hauen, besonders wenn es gelte, einen armen Knecht um seinen Lohn zu prellen. Ebenso geizig und raffgierig sei das Weib, »dat olle Gespenst«. Niemand verkehre gerne mit der Gnurrschen Sippe, im Gegenteil man gehe ihr am liebsten aus dem Wege. Das einzige, was den Gnurrs nachgerühmt werde, seien die schönen Pferde, die sie hielten, und ? ihr Geld. Als der Wirt hörte, daß ich nur einen Jahreslohn von 35 Talern bekommen sollte, schlug er die Hände über dem Kopf zusammen. »Na min Jung«, sagte er, »dar hett de oll Rethbur mal eenen Dummen söcht und funnen!« Und nun setzte er mir auseinander, daß Knechte meines Alters hier allgemein mindestens 18?20 Taler Lohn für das Winterhalbjahr, und 42?50 Taler für das Sommerhalbjahr bekämen; ich hätte also wenigstens 60, wenn nicht gar 70 Taler für das ganze Jahr haben müssen. Er meinte weiter: Nun sei es ihm schon erklärlich, weshalb der alte Fuchs bei mir auf Jahresvermietung gedrungen habe; er habe bald gemerkt, daß ich mit den hiesigen Verhältnissen gänzlich unbekannt sei und freue sich nun im Stillen königlich, mal wieder jemand hineingelegt zu haben; solchen billigen Knecht hätte er sonst sicher in ganz Dithmarschen nicht bekommen. Übrigens fügte er vielsagend hinzu: »Un ick segg garnix, wenn du dar öwerhaupt keenen Lohn kriegst.« Das klang ja recht ermunternd; und ich dachte bei mir: Na da bist du ja in 'ne nette Gegend hineingeraten. Immerhin stand mein Entschluß fest, das eine Jahr unter allen Umständen auszuhalten. Mir schien es doch unwahrscheinlich, daß es einen Bauern ? und dazu noch einen verhältnismäßig begüterten ? geben könne, der darauf ausginge, sich an den paar Lohngroschen eines armen Dienstknechtes zu bereichern. Ich arbeitete also unverdrossen weiter. Der Alte war denn auch leidlich mit mir zufrieden; anders jedoch der grobklotzige Jörn. Der schien sich nicht wenig darauf einzubilden, daß er mal wieder jemand hatte, dem er befehlen konnte. Er befahl auch wirklich den ganzen lieben langen Tag. Entweder glaubte der Bengel, es gehöre sich so, einen Knecht nur deshalb[135] zu kujonieren, weil es ein Knecht war, oder er wollte damit seinen gänzlichen Mangel an Bildung verdecken. Kurz, der 22jährige Mensch, der militärfrei geblieben war, benahm sich in jeder Beziehung herrisch und protzig bis zur Widerwärtigkeit. Und nicht nur das. Vielfach schlug und stieß er mich aus purem Vergnügen. Irgendeine Ursache fand er schon. Einen Fall besonderer Bosheit will ich hier genauer anführen: Wir schliefen beide in der schon erwähnten »Hochstuw«, jeder in einem Bett für sich. Eines Abends spät ging Jörn nun aus dem Fenster, um ein Mädchen aufzusuchen. Wie ich nachträglich erfuhr, war er dort abgeblitzt. Um 2 Uhr morgens stellte er sich wieder ein und weckte mich unwirsch mit dem Befehl, sofort aufzustehen und mit dem Füttern zu beginnen. Als ich nach der Uhr sah, widersprach ich solcher Unsinnigkeit. Da packte er mich wie ein Wilder an der Kehle, zerrte mich im Hemd nach der Boos und hieb dort mit seinen großen Fäusten auf mich ein, bis er nicht mehr konnte. Dann ließ er mich im Hemde so lange bei dem Vieh stehen, bis der Alte um 4 Uhr zum Wecken kam. Er hatte gedroht, mich niederzuschlagen, wenn ich vorher wieder ans Bett kommen sollte. Bei der Frühkost klagte ich dem Alten meine Not. Der fand auch mißbilligende Worte gegen seinen Sohn. Doch dieser tat, als bekäme er einen krankhaften Wutanfall, schlug mit der Faust auf den Tisch, daß das Brot herunterflog und brüllte: »Is de din Sähn, oder bin ick dat; ick ward em wiesen, dat he to dohn hett, wat ick em segg!« Ich überlegte nun zwar hin und her, ob ich mich ferneren Mißhandlungen nicht lieber durch die Flucht entziehen solle, doch ich verwarf den Gedanken wieder. Es widerstrebte mir, mich einer etwaigen polizeilichen Verfolgung wegen Kontraktbruchs auszusetzen. Ebenso erschien mir eine Beschwerde beim Kirchspielvogt nutzlos. Selbst aber fühlte ich mich noch nicht kräftig genug, um mich zu wehren. So bemächtigte sich meiner nach und nach ein Gemütszustand, in dem ich mir apathisch und widerspruchslos jedes Unrecht gefallen ließ. Jörn quälte mich unterdessen weiter. Einmal hatten wir auf dem[136] Boden Korn eingemessen, Säcke zu 200 Pfund Gewicht. Obwohl er nun wissen mußte, daß ich noch keine zwei Zentner tragen konnte, verlangte er dies dennoch von mir. Auf der schlechten Bodentreppe brach ich denn auch unter der Last zusammen und fiel mit dem Sack herunter bis auf den Flur. Nur der Umstand, daß ich mir ein Knie und das Gesicht blutig geschlagen hatte, bewahrte mich vor einer Tracht Prügel. Das Unangenehmste für mich war, daß ich auch wieder mit lachen sollte, wenn es dem Bauersohn beliebte, guter Laune zu sein. Er selbst lachte dann bei den unpassendsten Anlässen, daß es dröhnte, und wenn ich dann nicht gleich mitmachte, konnte seine Lustigkeit sofort wieder in einen Zornesausbruch umschlagen. Am meisten freute er sich, wenn ich mal irgend etwas begangen hatte, was seiner Mutter nicht gefiel. Da bei der Alten keine Deerns aushielten, ? die einzige, die sich während meiner Dienstzeit dort hinvermietete, rückte zu meinem Leidwesen schon nach drei Wochen wieder aus ? so mußte ich auch gleichzeitig des öfteren Deern spielen. Melken half ich regelmäßig, ebenso buttern, oder wie hier gesagt wurde: »karnen.« Beim Buttern überraschte mich die Alte einmal, wie ich von dem schönen sauren Rahm trank. Wie eine Furie ging sie da auf mich los, und ich glaube, sie hätte mir das Gesicht zerkratzt, wenn ich nicht schleunigst auf den Heuboden geflüchtet wäre. So begnügte sie sich damit, unten zu keifen: »Töw du Aas, ick will di helpen, wenn du mi hier den Room utsüppst.« Jörn aber lachte aus vollem Halse, weil ich dem geizigen »Wiw« Verdruß bereitet hatte. Amazon.de Widgets Ein andermal verlangte sie von mir, ich solle die Stube scheuern. Flugs nehme ich zwei Börneimer voll Wasser und gieße sie auf den Fußboden hin, und dann habe ich mit dem Besen darin umhergescheuert, daß die Sauce an den Wänden in die Höhe flog. Ich konnte die Flut ja abwaten, denn ich hatte meine Miststiefel an. Aber was dann kam: Ein Schrei, ein Zischen, und die Alte fährt auf Strümpfen in die Überschwemmung, um mir den Scheuerlappen um die Ohren zu hauen. Geschickt entweiche ich[137] wieder auf den Heuboden. Das war abermals etwas für Jörn. Mit einer unbändigen Lache rief er seiner Mutter zu: »Dat hest' davon, du dösiget Wiw, de Jung is vör mir dar, awer ni vör di.« Der Geiz und die Habsucht der Alten ging so weit, daß sie stets aufpaßte, wenn hinten beim Hühnerstall eine Henne gackerte. Sobald ein Huhn durch freudiges Kakeln anzeigte, daß es ein Ei gelegt hatte, so war auch schon die Alte hinten, um das wertvolle Produkt zu bergen, und das aus purer Besorgnis, Jörn oder ich könnten das Ei entwenden und austrinken. Einmal war ich hinten auf der Lohdiele, als die Alte die Hühnernester revidieren wollte. Da diese über den Schweineställen angebracht waren, so mußte sie zu ihrem Zweck stets über die Schweinekoben klettern. Diese wurden voneinander durch Bretterwände getrennt, die an rohen Pfosten angenagelt waren. Plötzlich höre ich's bei den Schweinen jämmerlich schreien. Ich gehe hin und ? sehe die Alte in einer unaussprechlichen Situation an einem Pfosten hängen. Sie war auf dem Rückwege über einem der schmierigen Koben abgeglitten und mit den Röcken an dem Pfosten hängen geblieben. Durch ihr Gewicht war nun der Körper herab- und die Röcke hoch-, sehr hochgerutscht. Der Anblick war zwar nicht besonders anziehend, aber um so possierlicher, als die Frau vor Schreck auch noch das erbeutete Ei zerdrückt hatte, dessen gelblicher Inhalt ihr nun aus der Hand den Ärmel hinunterlief. Angesichts dieser fatalen Lage meiner verehrten Herrin blieb mir nichts anderes übrig, als herzhaft zuzugreifen, wo ich ankommen konnte, um sie wieder zu befreien. Eine Schinkenschnitte war mein Lohn. Mit dem Bauer selbst konnte ich mich bis dahin immer ganz gut verständigen. Jedoch einmal wälzte auch er die Schuld für ein Vorkommnis auf mich, an dem ich in Wirklichkeit völlig unschuldig war. Eine trächtige Mutterstute hatte plötzlich schwere Kolik bekommen. Die ganze Nacht hindurch mußte ich das kranke Tier mit Strohwischen reiben und umherführen. Ich tat es gerne, denn ich hatte eine Vorliebe für das schöne Pferd. Aber trotz tierärztlicher Hilfe und aller sonstigen Mühe verendete die Stute am anderen Vormittage. Nun gebärdete sich der Bauer[138] förmlich, als sei er aus dem Häuschen, und in seinem an sich vollkommen begreiflichen Ärger schleuderte er mir den Vorwurf ins Gesicht, ich sei Schuld an dem Tode des Tieres, weil ich beim Futtern irgend etwas versehen habe. Inwiefern mich da eine Schuld treffen sollte, begründete er gar nicht, sondern er rief mir nur immer einmal über das andere zu: »Min schmucke Studt'! Dat kann ick di bloß verdanken, dat ick se losworden bün! Du büst Schuld darto, dat ick min schön Tier verlaren hew!« Schweigend mußte ich mir auch diese Ungerechtigkeit gefallen lassen, auf eine mehr oder weniger kam's ja nicht mehr an. Es war inzwischen Frühjahr geworden; Jörn und ich mußten das Feld bestellen. Da tat mir eine neue Arbeitshose nötig, denn meine alte war bei dem Hantieren mit den Futterrüben, dem Futtermehl und dem Stallmist unbrauchbar geworden. Ich bat den Bauern daher um einige Mark Lohnvorschuß, um mir in Wesselburen die »Büx« zu kaufen. Er meinte jedoch, es täte nicht nötig, daß ich deshalb eigens nach dem Flecken liefe, denn dort könne ich schließlich noch in schlechte Gesellschaft kommen; er werde mir eine Hose mitbringen. Obwohl ich nun seit meinem Dienstantritt sozusagen noch kaum vom Hofe heruntergewesen war, gab ich mich dennoch zufrieden; mir schien es ja immer, als wolle mich der Bauer absichtlich davor bewahren, daß ich mit anderen Leuten zusammenkäme. Er brachte mir denn auch die Hose mit und sagte, daß sie 8 Mark gekostet habe. Wie mir später der betreffende Kaufmann selbst mitteilte, hatte er in Wirklichkeit nur 4 Mark bezahlt. Mein Bauer hatte mich also regelrecht betrogen. Ebenso ging es einige Wochen später mit einer Joppe, die er mir sogar um 6 Mark teurer anrechnete, als wie ihr wirklicher Preis betrug. Der Bauer erklärte seine Mogelei nachher für einen Scherz, den er sich mit mir habe leisten wollen. Das Beste aber kam am Ablauf meines Dienstjahres. Als ich da am 1. November bescheiden meinen Lohn forderte, machte Jan Gnurr ein Gesicht, als wenn er sagen wollte, ich sei wohl nicht recht bei Trost. »Min bester Jung«, belehrte er mich, »du hast ja nix mehr to gud!« Und nun fing er an zu rechnen: Rock und Hose hätte ich bekommen, hernach ein Hemde; dann seien mir[139] die Stiefel versohlt worden; das ginge also direkt von meinem Lohne ab. Dann aber habe die Bäuerin das ganze Jahr für mich gewaschen, und teure Einreibungsmedizin hätte ich gebraucht, als ich damals mit dem Kornsack die Treppe hinabgefallen war und mir das Knie verletzte. Das müsse ebenfalls abgezogen werden. Ferner hätte ich bei der Arbeit verschiedenes Geschirr zerbrochen; auch da sei er zum Abzug berechtigt. Und nun die Hauptsache: die krepierte Stute! Für die sei ich eigentlich voll ersatzpflichtig. Da ich jedoch »nichts habe«, so wolle er sich als gutmütiger und kulanter Mann, und weil ich sonst ein guter Junge wäre, in diesem Falle mit dem Rest meines Lohnes begnügen. Wir seien also vollkommen quitt! Wieder dachte ich da an die Worte, die der Krugwirt des Dorfes vor etwa einem Jahre zu mir gesprochen hatte. Also nicht einen roten Pfennig bekam ich. Das war mein Lohn für die Arbeit eines ganzen Jahres! Leider hatte ich die fast unverzeihliche Dummheit begangen, mich bei demselben Bauern auf ein weiteres Jahr zu vermieten. Im Sommer war er sowohl wie auch Jörn eine Zeitlang außerordentlich gut zu mir gewesen. Da hieß es nur immer: »Hier min Jung, und dar min Jung.« Wie wohltuend empfindet man in jenem Alter aber eine auch nur zeitweilig gute Behandlung, wenn sonst immer mit einem herumgestoßen wird. Ich glaubte damals allen Ernstes, es würde mit der Behandlung dauernd besser werden, und so willigte ich denn in naiver Gutherzigkeit ein, als der Bauer mich fragte, ob ich für 45 Taler ein weiteres Jahr bei ihm dienen wolle. Wie bitter leid tat mir nun meine Gutgläubigkeit, als ich sah, wie mich dieser tiefäugige Geizkragen um meinen Lohn prellte. Doch nun war es zu spät. Ich hatte mich wieder weiter vermietet und mußte sehen, wie ich hinlang kam. Der zweite Winter verstrich ebenso langsam, wie der erste. Wenigstens wurde mir gestattet, den »Dithmarscher Boten« und die »Itzehoer Nachrichten« zu lesen, die der Bauer hielt. Sonst ereignete sich in meinem Dasein weiter nichts, nur daß ich dem jetzt heiratslustig gewordenen Jörn die ? Liebesbriefe an seine damalige[140] Braut schreiben mußte. Seine Fäuste konnte er nämlich besser zum Prügeln gebrauchen, wie zum Schreiben. Dann war es abermals Frühling geworden, und wir arbeiteten mit den beiden Gespannen rüstig draußen. Früh morgens um 1/24 Uhr mußte ich heraus aus dem Bett, und wenn ich mich dann hinter Egge und Pflug müde gelaufen hatte, dann fielen mir des Abends um 9 Uhr beim Abfüttern tatsächlich mitunter die Augen zu. Von einem regelrechten Feierabend war bei uns keine Rede, für mich fand sich wenigstens immer nach Feierabend noch etwas zu tun, ebenso des Sonntags. In den letzten Tagen machte mir Jörn das Leben ganz besonders sauer. Seine Braut hatte ihm nämlich einen Brief geschrieben, den er trotz aller Mühe und schwerstem Kopfzerbrechen nicht entziffern konnte. Wohl oder übel mußte er mich nun wieder zu Rate ziehen. Tatsächlich war es ein origineller Brief. Sein Anfang begann in der Mitte des Papiers, und dann war immer schneckenartig im Kreise weitergeschrieben worden, bis die Schrift die beiden Längsseiten des Briefbogens erreichte. Die noch freigebliebenen Ecken hatte das Mädchen noch extra mit allerhand schönen Ergüssen einer liebenden Seele ausgefüllt, aber auch in drolligster Figurenform, so daß Jörn nicht wußte, wo er anfangen noch wo er aufhören sollte. So ging das auf allen vier Seiten des Briefes, und zwar im Tone des heitersten Übermutes und mit einer Offenherzigkeit im Ausdruck, wie man das eben nur auf dem platten Lande kennt. Da ich beim ersten flüchtigen Blick auf das Gekritzel schon mehrere Worte sah, die mich ihrer drastischen Deutlichkeit halber gleich von vornherein interessierten, so machte ich Jörn begreiflich, daß ich den ganzen Brief erst still für mich durchlesen müsse, damit ich ihn hernach um so fließender vorlesen könne. Zuerst wollte er davon nichts wissen; ich sollte vielmehr sogleich laut und langsam mit dem Lesen beginnen, und wenn er dann merken würde, daß Stellen kämen, die »Geheimnissen« enthielten, so solle ich aufhören, er könne das denn schon raten; ein Ende weiter dürfe ich wieder fortfahren.[141] Im Gefühl meiner Überlegenheit bestand ich jedoch auf meinem Vorschlage, weil ich mir doch erst den ganzen Inhalt zusammenreimen müsse. Ich zeigte ihm, daß doch alles »in eins« geschrieben sei, ohne Anfang und ohne Ende; einzelne Worte seien da gar nicht herauszufinden. Schließlich glaubte er mir das auch. »'dammi jo«, sagte er verzweifelt, indem er nochmals den Brief von allen Seiten beguckte, »dat sünd würklich luter Hakens und Stakens; dat kann ok doch keen Schwin läsen; ? so'n twatsche Deern!« Und nun willigte er ein. Gemächlich studierte ich darauf den Inhalt und hatte natürlich bald vollständigste Kenntnis von den darin ausgeplauschten Geheimnissen, mit all dem amüsanten Wann, Wo und Wie. Als ich nun laut las, hörte Jörn zunächst sehr andächtig und inbrünstig zu; dann aber wurde er rot bis hinter die Ohren: die »Geheimnissen« waren doch etwas saftiger Art, besonders wenn man sie auch noch vor einem »Untergebenen« offenbart sieht. Unter schlecht verhehltem Grienen las ich den Brief zu Ende. Meine heimliche Freude war Jörn aber keineswegs entgangen. Und je länger er wohl darüber nachdachte, desto ärgerlicher wurde er, teils über seine eigene Dummheit, teils über meine Mitwisserschaft seiner »Geheimnissen«. Überdies konnte ich mich auch nicht enthalten, recht herzhaft zu lachen, als er mich am nächsten Tage im Gefühl seiner Blamage halb lauernd, halb verdrießlich von der Seite anblickte. Dieses Lachen brachte ihn vollends in Wut, und nun prügelte er wieder auf mich los, als hätte ich das größte Verbrechen begangen. Doch damit nicht genug, trietzte er mich noch mit vermehrter Feierabends- und Sonntagsarbeit. Wir hatten gerade Ostern. Am Karfreitag mußte ich den ganzen Tag Rüben aus der Miete karren; am ersten Ostertage mußte ich den Schweinestall ausmisten und Wagen waschen, und am zweiten Ostertage sollte ich die Rinne um den großen Misthaufen reinigen. Bei dieser Arbeit sah mich nun ein im Dorfe wohnender Kleinbauer, der gerade an der Hofstelle vorbeiging. Gutmütig meinte er zu mir, es sei doch ein Skandal, daß ich eine derartige Dreckarbeit am Festtage tun müsse. Er hätte mich im Stillen schon längst[142] bedauert, fügte er hinzu, und sich nur darüber gewundert, daß ich es hier noch immer aushielt. Auf meine Frage, was ich denn dagegen machen solle, rief er mir zu: »Awerst bester Jung, weß' doch ni so förchterlich dumm; knip doch eenfach ut! Annere Arbeit kriegst jitzt jeden Dag. De olle Rethknacker giwwt di jo doch keenen Lohn, un wenn du ok ewig bi em bliwwst, un sin Gröhlbüdel von Saehn tagelt di gar noch to Schann'n.« Jetzt begann ich mir die Sache zu überlegen. Ich dachte daran, daß ich doch schon einmal ausgerissen sei, damals in Hamburg aus dem Sachsengängerzuge, und ich hatte keinen Nachteil davon gehabt, obwohl ich damals meine Hände noch längst nicht so rühren konnte wie heute, da ich bereits in einem Alter von 18 Jahren stand. Doch ich traute mir's nicht. Die Einförmigkeit des zweijährigen Gutsdienstes auf Bunsloh und die schlechte Behandlung während der anderthalb Jahre, die ich nun schon bei dem »Kassenbütteler Rethbur« war, schienen meine Energie und Willenskraft völlig gelähmt zu haben. Es lag mir wie Blei in den Knochen. Auch über mich war nach und nach schon jener gewisse Stumpfsinn gekommen, wie ich ihn früher bei den Knechten in meiner Heimat gesehen und wie ihn auch die Tagelöhner auf Bunsloh zur Schau getragen, eine Niedergedrücktheit, die das Aufbäumen gegen Unrecht gar nicht mehr zulassen will. Dennoch nagte es jetzt fortwährend in mir. Der Gedanke, daß ich mir als 18jähriger Mensch eine derartige Behandlung schon aus Selbstachtung nicht länger gefallen lassen dürfe, gewann immer mehr die Überhand in mir. Vielleicht hätte ich aber trotzdem noch mein zweites Jahr voll abgedient, wenn Jörn die Mißhandlungen nicht auf die Spitze getrieben hätte. Wir waren beim Eggen, ich voraus und Jörn hinterher. Hierbei mochte ich wohl eine Kleinigkeit vom »graden Streck« abgewichen sein, denn plötzlich brüllte Jörn mir zu: »Verdammtet Aas, du kannst woll ni kieken!« Gleichzeitig rückte er mit seinem Gespann in beschleunigtem Schritt neben mich und gab mir ein paar Hiebe mit der Peitsche. Jetzt schoß mir's aber mit einem Male siedend heiß durchs Blut. Also wie einen Sklaven wollte mich der Lümmel peitschen?![143] Schnell drehte ich mich um ? ließ die Pferde stehen und: klitsch, klatsch, hieb ich ihm mit meiner Ackerpeitsche um die Ohren. Im ersten Moment schien er ganz verblüfft zu sein, daß ich ? der bisher so unendlich Geduldige ? jetzt urplötzlich eine Gegenwehr wagte. Dann aber wollte er auf mich losstürzen, doch in diesem Moment setzten meine Pferde zum Lauf an, deren Leine ich vorhin losgelassen hatte. Wollte er die mutigen Tiere nun nicht wild davon rennen lassen, so mußte er die Leine ergreifen und sie festhalten, denn es war totsicher: Befanden sich die Pferde erst im Lauf, dann gab's Malheur. Die scharfzinkige Egge wäre dann auf dem Acker hin- und hergesprungen und hätte die Tiere zweifellos schwer verletzt, vielleicht so schwer, daß sie zugrunde gegangen wären. Dies wußte auch Jörn. Deshalb griff er instinktiv nach den am Boden liegenden Zügeln und brachte die Pferde noch rechtzeitig zum Stehen. Er hatte nun an der einen Hand mein Gespann und an der anderen das seinige, mithin konnte er seinen Grimm über die von mir empfangenen Peitschenhiebe nicht auslassen. Schäumend rief er mir zu, ich solle meine Pferde wieder anfassen. Ich aber in der Gewißheit, daß meines Bleibens hier nun doch nicht länger sein könne, erwiderte dem in ohnmächtiger Wut Dastehenden: »Holl' du die Bück' man alleen fast; du Hund hest mi jitzt lang 'naug quält!« Und damit ließ ich Jörn mit seinen Pferden stehen und ging nach dem Hofe, wo ich von dem Alten meinen Lohn forderte. Der machte anfangs große Augen als er hörte, was los war. Dann wollte er mir »befehlen«, sofort wieder nach dem Felde zu gehen. Ich erwiderte ihm, die Zeit sei jetzt vorbei, wo ich mir hier noch etwas befehlen ließe. Als er nun einen Knüppel nahm und auf mich losging, hielt ich ihm eine Mistforke entgegen, entschlossen, mich energisch damit zu verteidigen. Da ging er zur Tür hinaus und rief, indem er sich nach mir umwandte: »Lohn kriegst du Aas keenen Schilling von mi; awer töw man, ick war' Jörn irst von't Feld halen, denn war' ick di wat anners vertellen!« Ich ließ ihn laufen; nahm dann von meinem bißchen Zeug, was mir das Wertvollste schien und schritt an der keifenden Alten[144] vorbei dem Hoftore zu, durch das ich vor anderthalb Jahren hereingekommen war. Draußen wurde mir's ordentlich leicht ums Herz. Ich fühlte mich plötzlich frei wie ein Vogel. Nun mochte kommen was da wollte; war mir's doch, als hätte ich ein Sklavenjoch abgeschüttelt. Freilich, jetzt war ich so arm wie 'ne Kirchenmaus. Keinen Pfennig Geld in der Tasche, und an Zeug kaum mehr, als wie ich auf dem Leibe trug: so mußte ich von dem Hofe dieses Bauern gehen, für den ich fast anderthalb Jahre hindurch redlich gearbeitet hatte! Eiligen Schrittes ging ich nach Wesselburen, um mir neue Arbeit zu suchen; jetzt in der Saatzeit wurden ja überall Arbeitskräfte gebraucht. Ich wandte mich wieder nach demselben Gasthause, dessen Inhaber mich einst nach Kassenbüttel hinvermietet hatte. Dieser besorgte mir auch sogleich frische Arbeit bei dem Hofbesitzer Klaus Meier in Süderdeich, ebenfalls einem Dorfe unweit des Fleckens. Noch am selben Tage stellte ich mich meinem neuen Arbeitgeber vor, und mit dem wurde ich einig, die Zeit bis zum 1. Mai in Tagelohn zu arbeiten, gegen einen täglichen Verdienst von 1,50 Mark und Kost. Denn in der Frühjahrssaatzeit gab es dort für junge Tagelöhner allgemein einen Tagelohn von 1,50?2,00 Mark. Für das Sommerhalbjahr vom 1. Mai bis 1. November vermietete ich mich dann daselbst als Knecht zu einem Lohn von 50 Talern. Somit hatte ich Aussicht, in den paar Wochen bis zum 1. Mai noch einige Mark Kleingeld zu verdienen, das mir um so nötiger tat, als ich eben gänzlich mittellos war; und für den Sommer erhielt ich einen höheren Lohn, als wie ich ihn bei dem Rethbur im ganzen Jahr bekommen sollte. Eine Woche war ich ungefähr auf meiner neuen Stelle, da kam des Vormittags der Besitzer zu mir aufs Feld und eröffnete mir mit »plietschem« Augenzwinkern, daß der Amtsdiener gekommen sei, um mich wieder nach dem Kassenbütteler Rethbur zurückzubringen. Das war nun allerdings nicht besonders erfreulich für mich.[145] Schon hatte ich mich in dem Gedanken gewiegt, daß der olle ehrliche Jan Gnurr mitsamt seinem Jörn sich überhaupt nicht mehr um mich bekümmern würden, zumal die beiden ? was meinen Kontraktbruch anbelangte ? doch eigentlich ein schlechteres Gewissen haben mußten, wie ich. Und nun sollte ich wieder in das alte Joch zurückgeschleppt werden, sollte wie ein Verbrecher unter Bewachung des Polizisten den Zwangsmarsch nach Kassenbüttel antreten! Hei, wie sich der alte Geizknüppel freuen würde, wenn mich der Mann mit den blanken Knöpfen bei ihm ablieferte! Sollte ich, oder sollte ich nicht? Zum Teufel, ich war kein Verbrecher. Nur als Mensch wollte ich behandelt sein, und nicht wie ein Stück Vieh, und Lohn wollte ich haben für meine Arbeit und nicht umsonst mich schinden. War es wirklich möglich, daß man mich durch Polizeigewalt zwingen wollte, das Hundeleben bei jenen Bauern fortzusetzen? Schon blickte ich nach dem Dorfe Reinsbüttel hinüber, unentschlossen, ob ich von unserer Feldmark nicht lieber nach dorthin das Weite suchen, oder ob ich mich dem Polizisten stellen solle. Mein jetziger Bauer mochte meine Gedanken erraten. Schnell sprach er zu mir: »Jung, mak keen Dummheeten! Gah' ruhig mit. Kannst nasten ja gliks wedder utknipen, un denn kummst wedder hier her!« Ei, der Vorschlag ließ sich hören. Wenn's so war, dann würde ich mich wahrhaftig nicht lange besinnen. Ich ging also nach dem Hofe, wo mich der Amtsdiener in Empfang nahm. Wahrscheinlich hatte Klaus Meier schon vorher ein vernünftiges Wort mit ihm gesprochen, denn der »Hüter des Gesetzes« war nicht schroff zu mir. Er erlaubte mir auch, etwa 10?20 Schritt vor ihm an der andern Seite der Dorfstraße zu gehen, damit der Transport nicht so auffalle, und so wanderte ich dann nach der Kirchspielvogtei in Wesselburen, wo ich verhört wurde. Der Kirchspielschreiber, ein älterer jovialer Herr, schien es mir nachzufühlen, daß ich keine übermäßige Lust zur Rückkehr in den verlassenen Dienst verspürte. Er ließ ziemlich unverblümt durchblicken, daß auch er eine anderthalbjährige Dienstzeit »bi den darsten Kirl« unter solchen Umständen für mich als vollkommen[146] ausreichend ansehe. Doch fügte er hinzu, das Gesetz sehe nuneinmal die zwangsweise Zurückführung eines entlaufenen Dienstboten vor, und er könne mir ja schließlich auch nicht den direkten Rat geben, gleich wieder auszukneifen. Nach beendetem Verhör machte sich der Amtsdiener mit mir auf den Weg nach Kassenbüttel. Unterwegs gab er mir sogar eine Zigarre. Ich erzählte ihm dafür, wie es mir bei dem Rethbur bis dahin ergangen war. Als ich ihn dann fragte, was ich nun wohl am besten tun solle, denn jetzt würden mich Jan Gnurr und sein Sohn erst recht schlecht behandeln ? da zuckte er die Achseln und meinte, heutzutage gäbe es schon Knechte genug, die in solchem Falle ganz einfach sagten: »Vör geiht man rin, un achter geiht man wedder rut!« So, jetzt wußte ich Bescheid. War das ein Gesicht, was der Rethbur machte, als mich der Amtsdiener wieder bei ihm ablieferte! Breitspurig pflanzte er sich vor mir auf und grinste mich so recht hämisch mit den Worten an: »Sühst du, di Vagel heww wi wedder infungen; nu will ick di woll kriegen, du Vetter!« Hiermit bezahlte er dem Amtsdiener den Taler Transportkosten, der für meine Einlieferung an die Amtskasse zu entrichten war, und sagte unter ausdrücklicher Berufung auf dessen Gegenwart zu mir, den Taler werde er mir zum Herbst ebenso vom Lohne abziehen, wie den Schaden, den er durch mein Ausreißen gehabt habe. Ich aber dachte bei mir, für diesmal solle er das »Abziehen« wohl bleiben lassen; und ähnliche Gedanken schien auch der Amtsdiener zu hegen, wie ich aus seinem vielsagenden Räuspern herauszuhören glaubte. Mit affektierter Forsche befahl mir der Bauer alsdann, nach der Boos zu gehen und mit dem Futtern zu beginnen. Dort war Jörn bereits am Wühlen. »A ha«, machte dieser, »jitzt heww wi di Unkel ja wedder; na töw man, wi ward' uns nasten wat vertellen!« Nette Aussichten für mich; zweifellos hatte er es »gut« mit mir im Sinn! Er schnauzte mich dann an, ich solle sofort den Mist aus der Boos schaffen, der nun schon rund acht Tage hinter dem Vieh lag. Den Dung, so höhnte er, habe er eigens für mich liegen lassen, damit ich mich jetzt nach meiner Einlieferung daran[147] »ammiseeren« könne. Damit ging er aus Neugierde nach dem Vorderhause, wo der Alte dem Amtsdiener gerade »Adjüs« sagte. Diesen Moment benutzte ich, um aus der Boostüre über den Misthaufen zu setzen, und ? schon stand ich wieder frei auf neutralem Gebiet. Die Kühe aber brüllten mir den Abschiedsgruß nach. Als der Bauer mich so gemächlich auf dem Dorfwege hinschreiten sah, malte sich gröbliche Enttäuschung in seinen verdutzten Zügen. Also der Polizist ging vorn heraus und ich hinten, und Jan Gnurr hatte seinen Taler umsonst geopfert! Das war zu viel für ihn. Mit voller Lungenkraft rief er dem Amtsdiener zu: »Heh, Deener, heh! Kiek dar löppt he all weder! Fix to, hal em, den verdammten Stromer!« Auch Jörn schnitt ein unglaubliches Gesicht und rief ebenfalls: »Jo warraftig, dar löppt das Aas; gau' to, grip em!« Doch der Amtsdiener winkte dankend ab und erwiderte gelassen, so gehe das nicht, erst müsse er einen neuen Auftrag vom Kirchspielvogt dazu haben, denn »de Minsch is doch keen Verbreker.« Ich aber verbeugte mich und rief: »Adjüs Rethbur, holl di fuchtig!« Damit zeigte ich dem Ergrimmten meine Hinterfront und ? schlug mich seitwärts in die Büsche. Ein Stündlein später war ich wieder in Süderdeich. Etwa acht Tage später erhielt ich aber doch ein amtliches Strafmandat, wonach ich »wegen wiederholten vorzeitigen Verlassens des Dienstes bei dem Landwirt Jan Gnurr in Kassenbüttel« drei Mark an die Kasse der Kirchspielvogtei zu Kesselburen blechen sollte. Diesen Taler bezahlte jedoch mein jetziger Bauer Claus Meier, weil er es eigentlich gewesen, der mich zum abermaligen Auskneifen veranlaßt hatte. Der Rethbur hätte mich zwar erneut durch polizeilichen Zwang in seinen Dienst zurückführen lassen können, doch verzichtete er darauf, weil man ihm auf dem Amt gesagt hatte, daß er andernfalls vielleicht eine Klage meinerseits auf Herausgabe meines vorjährigen Lohnes zu gewärtigen habe. Ich aber war froh, daß ich da weg war. Auf meiner neuen Dienststelle lebte ich nun förmlich auf. Ich hatte es ungleich besser getroffen wie vorher, und diente nun auf[148] einem vollwertigen Marschhofe. Der Bauer selbst arbeitete nicht mit, sein Hof gestattete es ihm, sich lediglich mit der Aufsicht zu begnügen. Hierbei möchte ich doch einmal einschalten, daß man sich die heutigen Großbauern der fruchtbaren Distrikte Nordwestdeutschlands, und besonders der Marschen, durchaus nicht etwa als die dummen tranigen Tölpel von anno Tobak vorstellen darf, mit langem großknöpfigen Schlangengreiferrock und ewigen Miststiefeln. Ach nein, die haben sich dort verdammt modernisiert. In Kleidung und Auftreten messen sie sich heutzutage mit jedem honetten Bürgersmann, und ihre Söhne und Töchter wissen die Moden der Neuzeit genau so gut zu würdigen, wie die Sprößlinge eines Fabrikbesitzers oder Kommerzienrats. Dementsprechend sind auch Wohnungseinrichtungen, besonders die »Beststuw«, vielfach »hochmodern«. Teure Tapeten und elegante Polstermöbel gehören da zu dem ganz selbstverständlichen Hausbedarf. Leute wie mein Rethbur waren nur noch Ausnahmeerscheinungen in der Marsch, galten auch nicht für vollwertig. Ältere Kleinbauern kleideten sich wohl noch so »zugeknöpft« wie etwa mein früherer Torfbauer Jochen Voß »ut Kaspel Kunkargen«, die jüngeren unter ihnen indessen auch nicht mehr. Man braucht sich gar nicht zu wundern, wenn sich uns irgendein hochgewachsener, würdig aussehender Herr in tadellosem Anzug und mit schwer goldenem Kneifer auf der Nase als Marschbauer vorstellt. An der Bezeichnung »Bur« hält er in seiner heimatlichen Gegend allerdings noch mit altem Stolze fest; auswärts nennt er sich dagegen mit Vorliebe Landwirt oder Hofbesitzer. Das neuzeitlich allerorts gesteigerte Bildungsbedürfnis hat auch die meisten Marschbauern bewogen, ihre Söhne wenigstens eine Zeitlang auf bessere Schulen zu schicken und sie einige Kurse auf landwirtschaftlichen Lehranstalten absolvieren zu lassen. Ebenso erhalten die Töchter vielfach Klavierunterricht. Überdies fehlt es auf keinem Hofe an einer oder mehreren Zeitungen und landwirtschaftlichen Fachzeitschriften. Freilich vermag nicht jeder dieser modernisierten Bauern den alten Adam zu verleugnen. Die ererbten Eigenschaften persönlicher Grobkörnigkeit[149] und der Mangel an natürlichem Schliff werden in solchen Fällen durch einen äußerlich zur Schau getragenen Bildungsfirnis nicht allemal glücklich verdeckt, und das Benehmen artet dann gar zu leicht in dickwanstige Aufgeblasenheit und massive Protzigkeit aus. Besonders unter den jüngeren Hofbesitzern findet sich manch einer, der die Allüren und Passionen ostelbischer Großagrarier wenigstens teilweise nachzuahmen sucht, wodurch dann das an sich recht sympathische bäuerliche Selbstbewußtsein unfehlbar einen Stich ins Lächerliche erhält. Alles in allem aber läßt sich sagen: Der heutige Marschbauer ? und nicht nur dieser allein ? ist mit dem dummrobusten, zipfelmützigen Bauerntypus von anno dazumal gar nicht mehr zu vergleichen. Die Bauernsöhne arbeiten meistens mit; allerdings suchen sie sich in der Regel die leichtesten und angenehmsten Arbeiten aus. Was die Arbeitszeit anbetrifft ? ich darf auch hier verallgemeinern ?, so konnte diese als eine verhältnismäßig geregelte bezeichnet werden. Des Morgens um 4 Uhr ? stellenweise mitunter auch um 1/25 Uhr ? war Aufstehenszeit für die Leute. Im Winter, wie auch in der Saat- und Erntezeit gab es keine Mittagspause; in der übrigen Zeit des Sommers vom 1. Mai bis 1. November erhielten wir außer der Essenspause des Mittags noch eine Stunde Schlaf. Während des Sommers gab es auch eine Vesperpause von zwanzig Minuten, die im Winter fortfiel. Zweites Frühstück gab es nicht. Im Sommer war regelmäßig um 7 Uhr Feierabend ? ausgenommen die Erntezeit, wo nach Bedarf auch länger gearbeitet werden mußte ?, und im Winter konnte um 6, zeitweise auch um 1/26 Uhr Feierabend gemacht werden. In der Frühjahrssaatzeit hatte der Knecht nach Feierabend noch bis 9 Uhr Pferde zu füttern. Über die Verköstigung aber ließe sich folgendes sagen: Des Morgens erhielten wir zunächst »Upbradelsch« (zerschnittene Klöße mit Kartoffeln, die in Fett gebraten waren), hierzu »Melk un Bry« und Brot nach Belieben mit dem dazu gehörigen »Stoß« Butter oder Schmalz. Die Butter war reine Naturbutter, nicht mit Margarine »destilliert«. Im Sommer wurde die Milch (abgerahmte[150] Milch) kalt genossen, im Winter warm. Der Brei bestand aus dickgekochten Graupen, von dem gleich ein Vorrat auf mehrere Tage hergestellt wurde. Es ist fast unglaublich, welch' ein Quantum dieser gewiß nicht leichten Kost man schon des Morgens in aller Frühe zu sich nehmen kann. Der Städter, der zum Frühstück seine paar Schrippen zum Kaffee ißt, würde staunen, wenn er die Portionen sähe, die ein Knecht oder Tagelöhner hier gleichsam »auf den nüchternen Magen« ohne Anstrengung verschwinden läßt. Doch das starke Essen hat seine natürlichen Ursachen: in der schweren physischen Arbeit in frischer Luft; hinzu kommt, daß man bis zum Mittag aushalten muß, ohne daß es zweites Frühstück gibt. Wenn man so zum Beispiel im Frühjahr in der rauhen Luft vom Morgen bis zum Mittag hinter Egge und Pflug herläuft, dann mag man sich des Morgens so voll gestopft haben wie man will; man spürt zwar des Vormittags keinen besonders großen Hunger, denn die Morgenkost hält ziemlich vor ? kommt man aber des Mittags an den Tisch, so schaufelt man wieder mit einer Emsigkeit ein, als solle der Magen bersten. Des Mittags gibt es auch hier vorwiegend Mehlspeisen, jedoch nicht von Buchweizenmehl wie im östlichen Holstein, sondern von Weizenmehl, weil in der Marsch hauptsächlich Weizen gebaut wird. Die Klöße nennt man hier »Baahl«; sie erreichen mitunter die Größe einer guten Jungensfaust. Ein eigenartiges Nationalgericht ist der Dithmarscher »Mehlbüdel«, auch der »grote Claas« genannt. In Kopfesgröße marschiert dieser dicke unförmliche Mehlpudding auf den Tisch, und jeder haut sich mit seinem Taschenmesser davon ab, soviel er verdauen kann. Speck gibt es fast zu jeder Mittagsmahlzeit ? ausgenommen zu den »Pannkoken« ? und zwar bei den meisten Bauern so reichlich, daß man sich in der Regel noch ein Stück zum Abendessen zurücksetzen kann. Zuweilen kommt auch frisches Fleisch auf den Tisch. Des Abends gibt es dann wieder Milch und Brei mit Brot und »Stoß«, jedoch ohne »Upbradelsch«. Am Sonntagmorgen erhielten wir Kaffee und »Stuten«, das ist feineres Weizenbrot. Wie überall, so liegt die Güte der Kost auch hier in ihrer Zubereitung.[151] Wo eine Bauernfrau auf genügende Abwechslung und Verschiedenartigkeit der Zubereitung achtet, da klagt auch niemand über schlechte Kost. Denkt die Bäuerin aber: für die Leute ist's gut genug ? nun, da darf sie sich auch nicht wundern, wenn der Hof bald wegen mangelhafter Kost verschrien ist. Leider ist die Zahl der Bauern gar nicht so gering, bei denen für eine abwechslungsreichere Verköstigung der Leute nur herzlich schlecht gesorgt wird. Die gute »Dithmarscher Kost« essen sie selber, ihre Leute aber können sich an dem Geruch erfreuen und müssen mit fadem Mehlpamp vorliebnehmen. Hier bei Claus Meier konnten wir mit der Kost zufrieden sein; das Essen war nicht nur reichlich und kräftig, sondern auch schmackhaft, so daß uns der dreizehnmalige Genuß von »Melk un Bry« in der Woche gar nicht weiter auffiel. Im östlichen Holstein hatte ich mich ja auch an die wöchentliche vierzehnmalige Vertilgung von »Melk un Grütt« gewöhnt. Natürlich bekamen wir hier, dem allgemeinen Brauche entsprechend, Löffel und Gabel zum Essen, und als Tischmesser benutzte jeder sein Taschenknif; ebenso wurden nur des Mittags ordinäre Teller geliefert, morgens und abends aßen wir gemeinsam aus einem Napf. Die Sitte, daß die Leute mit am Tisch des Bauern aßen, war hier überall längst abgekommen, nur ganz vereinzelt fand sie sich noch vor, das heißt, dann handelte es sich um kleinere Bauern, die höchstens einen Dienstboten hielten. Sonst verzehrten Knechte und Tagelöhner ihr Essen in der Leutekammer, teils in Gemeinschaft mit den Deerns, teils ohne diese, wenn die Deerns es vorzogen, in der Küche zu bleiben. Was mir auf dieser Stelle ganz besonders gefiel, war, daß ich hier einen ziemlich weitgehenden Einblick in die neuere landwirtschaftliche Betriebsweise erhielt. Gewöhnlichhin ist es in der Landwirtschaft so, daß die Knechte tagtäglich weiter nichts tun, wie arbeiten. Sie füttern das Vieh, wühlen im Mist umher, eggen und pflügen, mähen und fahren, kurz: sie leisten alle wirtschaftlichen Arbeiten, wie sie ihnen gelehrt und aufgetragen werden, aber Einsicht in den ökonomischen Zusammenhang, in die Rentabilität eines Betriebes, in die Zweckmäßigkeit einer sorgfältig[152] gewählten Fruchtfolge, in den Wert oder Unwert künstlicher Dung- und Futterstoffe wird ihnen meistens nicht. »Wat schöllt wi uns veel darüm kümmern, wie ward ja doch keen Bur!« bekam ich in der Regel zur Antwort, wenn ich die Dorfknechte danach fragte. Mich aber interessierten gerade diese Dinge in hohem Maße, und so sprach ich denn häufig mit den beiden Söhnen meines Bauern darüber. Amazon.de Widgets Bereitwilligst bekam ich auch stets gewünschte Auskunft, so wie sie es teils aus der väterlichen Praxis, teils auf der landwirtschaftlichen Schule in Meldorf gelernt hatten. Mein Interesse an der zweckmäßigen rationellen Bewirtschaftung eines Hofes war ihnen sichtlich sympathisch. So vertieften wir uns denn des Abends in allerhand theoretische Studien; stellten Wahrscheinlichkeitsberechnungen über den Ertrag dieser oder jener Fruchtart, der und der Bodengüte auf, berechneten die Fütterungskosten des gesamten Viehstandes und anderes, so daß ich bald manches auf diesem Gebiete lernte, von dem ich bis dahin keine blasse Ahnung gehabt hatte. Ich wußte nun, wie stark ein Acker gedüngt werden mußte, wieviel Aussaat der verschiedensten Getreidearten auf einen Morgen Land kam, auf wieviel Ertrag an Heu, Stroh und Korn unter normalen Witterungsverhältnissen gerechnet werden konnte, wußte ferner, wie lange Zeit erforderlich war, um unter Anwendung bestimmter Futterstoffe Vieh zu mästen; kurz: es war mir möglich, die gesamten Ausgaben und Einnahmen eines Hofes in Wahrscheinlichkeitsrechnung zusammenzustellen, wodurch ich sehr wesentlich an richtiger Beurteilung der landwirtschaftlichen Verhältnisse gewann. Zudem las ich eifrig in der landwirtschaftlichen Fachpresse, die mir bereitwillig zur Verfügung gestellt wurde. Auf diese Art wurde es mir bald klar, daß ein »dummer Bauer« ? wenn er mit der Neuzeit vorwärts will ? eigentlich doch recht viel mehr wissen muß, als wie man gemeinhin annimmt. Eigenartig erschien es mir immer, welch' regen Anteil man als bloßer Knecht an dem Gedeihen der landwirtschaftlichen Erzeugnisse eines Hofes nimmt. So ging es nicht nur mir, der ich tiefere Einblicke in den Betrieb zu gewinnen strebte, sondern[153] allen Knechten, die ich kennen lernte. Dieses Interesse erstreckte sich auf das Vieh wie auf das Korn. Obwohl man doch nur ein für Lohn und Brot gemietetes, untergeordnetes Stück Gesinde ist, dem kein Schwanz und kein Halm von all dem gehört, was es um sich sieht, so behandelt und betrachtet man doch alles mit einer Sorgsamkeit, als sei einem jedes Stück direkt ans Herz gewachsen. Man hat mit gesät und gepflanzt, man sah, wie junges Vieh zur Welt kam und freut sich, wenn alles gedeiht und sich weiter entwickelt. Wurden Kälber oder Füllen geboren, so opferte man gerne einige Stunden Schlaf, wenn nicht gar die Ruhe einer ganzen Nacht, um hilfsbereit zur Stelle zu sein, damit das Junge wie auch das Muttertier keinen Schaden nehmen solle. Ebenso ging es, wenn ein Stück Vieh erkrankt war. Hatte Unwetter oder Hagelschlag die sprießenden Halme geknickt, so empfand man die Schädigung mit, die den Landwirt, den sie in erster Linie anging, betroffen hatte. Es ist eben doch ein Unterschied, ob man es mit toten oder lebenden Produkten eines Berufszweiges zu tun hat. Man lebt und fühlt mit der Natur, in der man schafft und arbeitet, ganz gleich, ob einem selbst etwas davon gehört oder nicht. Deshalb entwickelt sich auch bei dem ungebildetsten Knecht ein natürlicher Verantwortungstrieb, und selbst rohe Naturen zeigen sich bestrebt, das, was sie mit säten, pflanzten und pflegten, auch zu hegen und zu fördern, bis daß es seiner zweckdienlichen Bestimmung entgegengeführt ist. An allem klebt ja mit ihr Schweiß, an allem haftet ihre Arbeitskraft, und alles spiegelt in seinem Wachstum und Gedeihen einen Teil ihrer Schaffenskraft wieder. Wenn die Landwirte dieses natürliche Empfinden ihrer Leute allemal richtig zu würdigen wüßten, dann könnten sie durch gute Behandlung und anständige Entlohnung deren Arbeitseifer und Verantwortungsgefühl derart steigern, daß die Leute selbst das geringste und scheinbar wertloseste Stück Eigentum ihres Arbeitgebers mit der Sorgfalt in acht nehmen, als wäre es ihr eigenes. Sie würden eben arbeiten, als arbeiteten sie für sich, mit Lust und mit Freude. Hier bei Claus Meier war es tatsächlich so der Fall. Bald war ich auch mit den übrigen Knechten im Dorfe bekannt,[154] und nicht lange dauerte es, so kannte ich auch die ? Deerns. Dralle Dinger diese Deerns; kräftig, rotbackig, lebenslustig, wie Milch und Blut. Die Dienststellung der Mägde in Dithmarschen unterscheidet sich sehr vorteilhaft von derjenigen ihrer Mitschwestern in anderen ländlichen Gegenden. In Dithmarschen werden die Mägde nämlich schon längst nicht mehr zur Feldarbeit herangezogen. Sie tun lediglich Hausarbeit, eingerechnet natürlich das Melken der Kühe; höchstens daß sie in der Erntezeit hin und wieder beim »Zuschmeißen« der Garben mit helfen. Diese Arbeit wird dann jedoch stets als eine rein freiwillige Leistung betrachtet und in der Regel auch extra entschädigt. Ein Bauer, der von seinen Deerns verlangen wollte, daß sie auf dem Felde mit »herumruntschen« sollten, würde dort bald überhaupt keine Mägde bekommen. Selbst aus Ostpreußen importierte Mägde nehmen an der Feldarbeit nicht mehr teil, oder doch nur ganz vereinzelt. Im östlichen Holstein und auf der Geest war es dagegen noch allgemein Sitte, daß die Deerns mit beim Dungstreuen, Garbenbinden, sowie beim Einfahren mit Heu- und Kornladen beschäftigt wurden. Wenn somit den Mägden bei der Arbeit im großen und ganzen keine Überlast geschah, so hatten sie doch mitunter Schlafstellen, die geradezu als menschenunwürdig bezeichnet werden mußten. Schliefen sie in einer separaten Kammer oder in einem Bettkasten dicht neben der Küche, so mochte es noch gehen. Nicht selten aber war ihre Bettstatt in einem finsteren Winkel unter der Bodentreppe aufgeschlagen, zu kurz, um sich drin ausstrecken zu können und im Winter so kalt wie ein Hundestall. Da konnten sich solche Mädchen dann frierend und zitternd vor Kälte auf den Steinfliesen der Vordiele ausziehen und mußten froh sein, wenn sie erst glücklich in das Verließ hineingekrochen waren, ohne sich Kopf und Glieder zu stoßen; ganz abgesehen davon, daß sie schutzlos allerhand Zudringlichkeiten preisgegeben waren. Es gehörte zuweilen wirklich schon eine Kunst dazu, unbeschädigt in solch Schlafloch hineinzuklettern. Hier spreche ich aus ureigenster Erfahrung, denn ich habe es selbst oft genug probiert. Wo die Mädchen derartig untergebracht waren, hieß es dann[155] allgemein: »De Deerns schlapt in de Höll'.« Den Ausdruck »Hölle« fand ich übrigens gar nicht so unpassend. War es da ein Wunder, wenn die Deerns sich besonders im kalten Winter darnach sehnten, daß diese »Hölle« auch zeitweilig mal ein »Himmel« sein möchte? Selbstverständlich fand ich bald auch an den dörfischen Tanzlustbarkeiten mein Vergnügen, und diese wurden dort nicht zu knapp veranstaltet. Die Dörfer liegen alle ziemlich dicht beieinander, zum Beispiel Süderdeich, Norddeich, Reinsbüttel, Hellschen, Deichhausen. In jedem Dorfe gab es aber mindestens einen, wohl auch zwei oder drei Krugwirte, die jährlich mehrmals Tanzvergnügen abhielten, sei es in einem kleinen Saal oder in einem Tanzzelt. Dazu kamen noch die Wirte des Fleckens Wesselburen, die gleichfalls auf »Zuzug« von den Dörfern reflektierten. Mithin war an Tanzgelegenheit kein Mangel. Wenn selbst das aber noch nicht ausreichte, so arrangierten wir Knechte unter uns des Sonnabends in einem der Dorfkrüge einen kleinen »Jott« mit Harmonikamusik. Unsere Deerns wurden dazu eingeladen, und dann wurde gewalzt, daß die Röcke flogen und die Dielen krachten. Ja wenn die Bauern sich gegenseitig Besuche abstatteten, zur »Visite« gingen oder fuhren, so fanden sich auch im Handumdrehen die Nachbarsknechte mit ihren Mädchen auf dem »leeren« Hofe ein; eine Harmonika war bald zur Stelle, und dann ging's auf der Vordiele ? hast du nicht gesehen! Immer nach dem Grundsatz: Wenn die Katze nicht im Hause, dann tanzen die Mäuse auf dem Tisch. Kam dann der Bauer um Mitternacht oder auch später von seiner Visite zurück, so verschwanden die Pärchen mit unterdrücktem Kichern unter dem Schutze der Nacht, und ? »wi harn keen Küken pedt't.« Zu den interessantesten Dorflustbarkeiten gehört ohne Zweifel das »Ringreiten«. Die Knechte erbitten sich von ihren Bauern dazu die nötigen Pferde. Roß und Zaumzeug werden nun hübsch geschmückt, wobei die Deerns schon ihr bestes tun, um ihren Schatz und dessen Rosinante möglichst schmuck auszustaffieren. An dem Festsonntag veranstalten die Teilnehmer zunächst unter Vorauffahrt einer zünftigen Musikkapelle einen[156] Umzug zu Pferde, und dann beginnt das Ringstechen. An einem eingerammten Pfahl wird mittels einer Feder der kleine Ring befestigt, der nun von dem Reiter mit einem kurzen florettartigen Stecher im Galopp herabgeholt werden soll. Wer den Ring dreimal herabsticht, ist »König« und erhält als Belohnung eine Pfeife und zudem vor versammelter Mannschaft einen herzhaften Kuß von seiner Tanzbraut, die für diesen Tag nun den Titel »Königin« führt. Bei diesem Fest geht es gewöhnlich ohne einige komische Vorfälle nicht ab. Die Reiter sind nämlich nicht allemal besonders sattelfest. In Ermangelung von Reithosen schieben sich ihre Sonntagsbüxen mitunter bis zum Knie in die Höhe, die Füße gleiten bis zum Absatz in den Bügel hinein, so daß die ausgeputzten Gestalten nun mit hochgezogenen Beinen auf dem Gaul sitzen und öfters einen gar drolligen Anblick gewähren. Solange der Gaul gemütlich bleibt, mag's dann immer noch gehen. Wird er aber widerhaarig, was schon einige überquietsche Klarinettentöne bewirken können, dann gibt's gar zu leicht Sandreiter. Ebenso amüsant ist es, wenn der Reiter trotz aller Bemühungen ein gar zu frommes Tier nicht in Galopp zu setzen vermag. Mancher spielt dann eine komische Figur, ohne daß er es will. Doch der Festesfreude wird damit kein Abbruch getan, wenigstens solange nicht, wie die Köpfe noch klar sind. Späterhin ist es allerdings nicht ausgeschlossen, daß die ganze Lustbarkeit in einer solennen Keilerei endet; das gehört bei einigen so mit zum Vergnügen. Die Perle aller Feste bildete aber auch in dieser Pflege der Markt, der »Wesselburner Markt«, der im Frühjahr und Herbst abgehalten wird. Wer nicht zu Markte war, kann nicht mitreden. Jemanden vom Marktbesuch zurückhalten wollen, gilt als grober Verstoß gegen Brauch und Sitte. Dort macht der jüngste Knecht seine ungelenken Tanzversuche, dort debütiert auch die vierzehnjährige »Lüttdeern« als »Brut« mit einem »Frier«. Selbstredend war auch ich dabei. Ich war jetzt aufgelebt und wollte mich nun entschädigen für alles, was ich bisher auf diesem Gebiet hatte versäumen müssen, und da hatte ich manches nachzuholen.[157] Von meinem Lohne ließ ich mir einen namhaften Vorschuß geben, kleidete mich adrett ein und machte nun mit, soviel sich mir bot. Hier in Dithmarschen pflegten sich Knechte und Deerns des Sonntags durchaus nach städtischem Muster zu kleiden. Von irgendeiner altmodischen Landestracht war schon längst keine Rede mehr. Nur ganz vereinzelt sah man noch eine Deern im »linnwullnen Rock«, obschon gerade er mit dem dazu gehörigen kurzärmeligen Samtmieder recht kleidsam war. Des Sonntags, und erst recht bei festlichen Anlässen wurde er jedoch sicher an den Nagel gehängt, und das Mädchen erschien in Hut, Kleid und Haartour so, wie man es in den Städten gewohnt war. Genau so der Knecht, der etwas auf sich hielt. Mochte er sich auch sonst nicht gerne von seiner »Piep« trennen, ? des Sonntags ließ er sie daheim. Im guten Konfektionsanzuge mit Schlips und weißer Wäsche und sauber gewichsten Stiefeln ? »de Zigarr vör dwars int Mul« ? ging er dann einher, wie heutzutage jeder städtische Arbeiter geht. Für den Markttag wurde auf die Kleidung noch ganz besondere Sorgfalt verwandt. Nicht ganz im Einklang damit stand allerdings zuweilen die »Benehmigung«. In dieser Hinsicht kam das Ländliche häufig noch recht drastisch zum Durchbruch. Ein Beispiel: An dem gedachten Markttage hatte auch ein Mann mit »Moritaten« seine schaurig-schönen Kunstgemälde aufgestellt. Gleichzeitig verkaufte er »neue Hamburger Volkslieder«, drei Stück zu 10 Pfennige. Seine Frau sang die neuen Melodien zu einem unsäglich verstimmten Nuttnutt-Kasten. Dabei kam auch das rührende Lied von der »schönen Bertha« an die Reihe. »Bring min Sack vull Tüdelüdelüd, morgen kummt min Tante ? ?«, so schrillte es aus der Kehle der Alten über den Marktplatz und der Leierkasten grunzte seine Begleitung dazu. 'Dammi, das mußte ganz was Neues sein; solch schönes Lied hatte man lange nicht gehört. Also hin zu den Leuten mit den Moritaten. Bald stand ein Kreis von »Knechts un Deerns« um ihn; gern wurden die Nickel geopfert, und alles hielt bald erwartungsvoll »dat nige Leed« in der Hand, um die Melodie zu erlernen. Der Marktmann setzte sich alsbald stolz in Dirigentenpositur und legte los, als wolle er Tote erwecken[158] mit seinem Kümmelbaß. Die Alte krähte tapfer mit, der schwindsüchtige Leierkasten hustete, piepste und knurrte. Leise fielen einige Deerns mit ein, die Knechte brummten zunächst nur vor sich hin. Denn es war nicht leicht, Text und Melodie in Einklang zu bringen! Man sollte lesen und auch gleichzeitig die Töne erfassen ? da kam man zuerst immer daneben. Doch bald war's kapiert, und nun sang der ganze Chor mit einer Andacht, als gelte es, den feierlichsten Choral zu intonieren: »Und du hascht scha ? die schöne Bertha ...« Es war einfach zum Trudeln; dem Kaufmann auf der Ecke kollerten vor lauter Rührung die dicken Tränen über die Backen. Und in der Tat: andächtiger konnte selbst die frömmste Gemeinde in der Kirche nicht singen, als wie hier die Stimmen der Dorfjugend um den Leierkasten erschollen. Der Ernst und die spannende Aufmerksamkeit, die bei der Erlernung des blödsinnigen Singsangs entwickelt wurden, gaben dem Bilde etwas unbeschreiblich Komisches. Eine halbe Stunde später erklang das neue Lied im Tanzsaal, auf der Straße, auf dem Karussell ? und am nächsten Tage summte es der Knecht hinter dem Pfluge und die Deern beim Melken. Vier Wochen hörte man im Dorf an allen Ecken und Enden nichts anderes, als wie die »schöne Bertha« mit dem Sack voll Tüdelüdelüd ... Ja, was sollte auch weiter anderes gesungen werden? Man wußte ja doch nichts Gescheiteres. Ein Jahr hatte ich allmählich bei Claus Meier gedient. Ich war noch ein halbes Jahr länger dort geblieben, als wie ich mich anfänglich vermietet hatte. In den landwirtschaftlichen Arbeiten war ich jetzt ziemlich firm, und so glaubte ich denn auch schon einen höheren Lohn verdienen zu können, als wie ihn mein Bauer für seinen Hof auszugeben pflegte. Im Alter von 19 Jahren stehend, vermietete ich mich deshalb zu einem Lohn von 55 Talern für das nächste Sommerhalbjahr als zweiter Knecht nach einem größeren Hofe in Reinsbüttel. Hier blieb ich ebenfalls ein Jahr. Während des Winters betrug mein Lohn 25 Taler. Wir waren dort unserer drei Knechte, zwei Jungens, zwei Tagelöhner, zwei Deerns und eine Lüttdeern. Im Sommer wurde das Arbeitspersonal je nach der Zeit um eine Anzahl Wochenlöhner[159] verstärkt. Auf diesem Hofe lernte ich zum ersten Male den Zuckerrübenbau aus eigener Tätigkeit kennen, denn der Besitzer hatte sich auf eine Reihe von Jahren zum Anbau einer bestimmten Fläche mit Rüben für die Wesselburner Zuckerfabrik vertraglich verpflichtet. Etwas besonders Bemerkenswertes ereignete sich während dieses Jahres für mich nicht. Ich arbeitete, wie die übrigen auch arbeiteten, einen Tag nach dem anderen, so wie es die Jahreszeit mit sich brachte. Doch fand ich hier nicht die geistige Anregung, wie auf meiner vorigen Stelle. Der Bauer war wortkarg und sprach mit seinen Leuten nicht mehr als wie er mußte; in seine Wohnräume bin ich nur ein einziges Mal hineingekommen. Er hielt darauf, zwischen sich und seinen Leuten stets den »gebührenden« Abstand zu wahren, und seine Frau unterstützte ihn in diesem Bestreben so, wie es Einbildung und Geldstolz geboten; kaum daß sie »Guten Morgen« zu uns sagte. Sonst aber hatten wir nichts zu klagen; es war ? wie man so sagt ? nicht gut und auch nicht schlecht auf dieser Stelle. Nach Feierabend ging ich fleißig »to Dörp« und knüpfte zarte Bekanntschaften an. Das ist nämlich in solcher Lage das beste, was man tun kann. Einmal hatte ich allerdings ein ernstes Zerwürfnis mit dem Bauern. Er ordnete an, daß wir am zweiten Ostertage Gerstenland eggen sollten. Es war ein etwas spätes Frühjahr damals, und nun das Wetter gut wurde, sollte die Saat gewissermaßen mit Gewalt in die Erde. Das sahen wir Knechte ja auch ein, deshalb hatten wir auch schon den ganzen Palmsonntag und den halben Karfreitag auf dem Felde geackert. Als wir jetzt aber auch noch den zweiten Ostertag arbeiten sollten, wurde uns die Geschichte denn doch zu bunt, um so mehr als der Bauer selbst weiter nichts tat, wie mit der Pfeife im Maul umherzulaufen und zu kommandieren. Amazon.de Widgets Widerwillig hatte ich mit dem dritten Knecht und den beiden Dienstjungen schon die Pferde aus dem Stall gezogen; da kam der Großknecht zu uns und sagte, daß er heute die Feldarbeit verweigern werde; der Hof werde wohl nicht gleich aus dem Leim gehen, wenn die Gerste auch einen Tag später weggesät würde. Das[160] war ganz in meinem Sinn gedacht, deshalb brachte ich die Pferde kurzerhand wieder in den Stall, und auch der dritte Knecht mit den beiden Jungen schirrten wieder ab. »Wat is nu los!« kam da der Bauer im Sturmschritt angepoltert. Der Großknecht antwortete ihm, er habe heute keine Lust, auf dem Felde zu wühlen. Da tat der Bauer, als rühre ihn der Schlag. Das wäre ihm ja eine schöne Wirtschaft, schrie er uns an, wer hier denn eigentlich zu befehlen hätte, er oder der Knecht. Gelassen erwiderte der Großknecht, darauf komme es hier gar nicht an, wir hätten nun schon mehrere Sonntage auf dem Felde herumgeruntscht, und das sei einstweilen genug, das ganze Fest wolle er sich denn doch nicht ausschinden lassen. »Un du?« schnob der Bauer mich da an. »Ick will ok ni«, entgegnete ich kurz. »Un ick befehl di dat«, schallte es darauf zurück, »sofort spannst du wedder an!« Diese Art, mich anzufahren, konnte ich nun gerade besonders gut verdauen; sie war mir noch vom »Rethbur« her in angenehmster Erinnerung. Ich antwortete daher: »Gah' du doch hen un befehl de Höhner; arbeid' doch sölben, wenn di dat soveel Spaß makt!« Nun tanzte der Bauer wie wild umher. »Wat«, schrie er, »un du seggst du to mi?« »Ja, du seggst ja ok du to mi«, muckte ich jetzt kühn, allen Respekt vergessend, auf; bisher hatte ich ihn nämlich immer mit »Sie« angeredet, weil ich mich an das landläufige »He« oder das noch altertümlichere »Uns Weerth« als gebräuchliche Anrede nicht gewöhnen mochte. Soviel Widerstand auf einmal schien unserm guten »Bur« aber über die Hutschnur zu gehen. Als zudem auch noch der dritte Knecht die Arbeit verweigerte und der Großknecht mit aller Entschiedenheit dafür eintrat, daß auch den beiden Dienstjungen der Festtag nicht verkümmert werde, da ließ er in ohnmächtigem Zorn die Arme hängen. So was sei ihm noch nicht vorgekommen, stöhnte er. »Töwt man, ick verklag' jem alltosam bi'm Kaspelvagt!« rief er. Damit spuckte er mehrmals in weitem Bogen aus und wandte uns den Rücken. An der Ecke des Vorderhauses hörten wir ihn noch schelten: »Dat is ja dat reine Uppsetten, dat reinste Kumplott!«[161] Wir kümmerten uns weiter nicht drum, wie der Bauer in der Stube seinen Grimm ausspie. Der Großknecht aber sagte zu uns, wenn uns der Bauer verklagen würde, so täte er ihm soviel »Tort« an, daß jener zum zweiten Male keinen Knecht wieder verklagen werde. Mir setzte er darauf näher auseinander, wie man einen Landwirt, der sich bei jeder Gelegenheit mit Vorliebe auf das Gesetz und die Obrigkeit versteife, in ganz legaler Weise derartig ärgern könne, daß solchem Manne die Lust zu gesetzlichen Schikanen schließlich schon von selbst vergehe. Das Mittel war übrigens herzlich einfach: Man braucht nur immer wortwörtlich zu tun, was einem gesagt wird, dann hat auch der rabiateste Landwirt bald genug. Also ? passive Resistenz. Dazu markiert man ein bißchen den Eulenspiegel und das kuriert den klobigsten Bauern. Allerdings muß man sich dabei auch ein wenig auf seine Knochen verlassen können. Ich habe das Mittel nach meiner Militärzeit einmal mit überraschend gutem Erfolge angewandt. In dem vorliegenden Falle aber brauchten wir zur »passiven Resistenz« nicht zu schreiten, denn am nächsten Tage war der Zorn unseres Bauern verraucht. Er brummte zwar noch vor sich hin, doch schien er eingesehen zu haben, daß er uns in seinem Übereifer am vorigen Morgen etwas zuviel zugemutet hatte. An eine Anzeige auf Grund der Gesindeordnung dachte er nicht mehr. Es ging also auch so. In mein Dienstbuch aber schrieb er mir am Abgangstage: »Fleiß gut, Betragen zeitweilig mangelhaft.« Nach Ablauf dieses Jahres kam ich zu einem Großbauern nach Hedewigenkoog, ebenfalls als zweiter Knecht, für einen Lohn von 58 Talern im Sommer. Ich stand nun schon im 20. Lebensjahre, war somit militärpflichtig geworden. Man hatte mich auch wirklich bei der Frühjahrsaushebung zur Kavallerie angesetzt. Der Hof, auf dem ich jetzt diente, galt in landwirtschaftlicher Beziehung als Musterhof. Ihn zierte ein Viehstand von hervorragender Güte, und ein Korn wurde dort gebaut, wie man es in Qualität und Quantität nur selten zu sehen bekam. Dabei legte der Bauer den Hauptwert darauf, daß die verschiedenen Fruchtarten im Halm nicht gar zu stark wurden, damit sie sich vor Schwere nicht umlegten, sondern glatt mit der Maschine gemäht[162] werden konnten. Beim Weizen gelang dies nicht durchgehends; ein Teil mußte ebenfalls »gehauen« werden, weil er wegen seiner Schwere in verschiedenen Richtungen ? in »Küseln« ? lag, so daß von der Maschine nur die Ähren allein abgenommen, oder die Halme mehrfach durchschnitten worden wären. Um diesem Übelstande abzuhelfen und die Mähmaschine voll ausnutzen zu können, legte der Bauer jedes Jahr Versuchsfelder an, auf denen er unter sorgfältiger Auswahl des Saatkornes und sachgemäßer Mischung von natürlichem und künstlichem Dünger nun ständig ausprobierte, welche Fruchtsorten den weitgehendsten Anforderungen am besten genügten. Und mit dieser Methode hatte er es außerordentlich weit gebracht. Sein selbstgezogenes Saatgut wurde gesucht und teuer bezahlt, und seine Versuchsfelder bildeten einen Anziehungspunkt für viele Landwirte der Umgegend. Außerdem war der ganze Acker vorzüglich drainiert, und an landwirtschaftlichen Maschinen fand sich alles vor, was irgendwie zweckentsprechend verwendet werden konnte. Für den Innenbetrieb die zweischneidige Häckselmaschine, Schrotmühle, Ölkuchenquetscher, Rübenschneider, alles vor dem Göpelwerk gehend; auch die Wasserpumpe und die Buttermaschine gehörten dazu. Für den Außenbetrieb die Mähmaschine, Drill-(Säe-)maschine, der Heuwender, Düngerstreumaschine, sowie die verschiedensten Arten von Tief-, Saat-, Schäl- und Hackpflügen nebst verstellbaren Eggen und Reißern. Auf dem Boden kamen die neuesten Systeme von Kornreinigungs- und Sortiermaschinen zur Verwendung. Gedroschen wurde, wie allgemein üblich, mit der Dampfdreschmaschine, die einem selbständigen Unternehmer gehörte. Kurz, der Hof war »in Schwung«. So tüchtig aber der Besitzer in der Ökonomie war, ? gegen seine Leute war er ein ausgesprochener Protz. Sie galten ihm lediglich als menschliche Maschinen, als ein notwendiges Übel, ohne das er leider nicht fertig werden konnte. Er sah in ihnen einzig und allein Arbeitskräfte, Hände, die nur dazu bestimmt waren, für ihn zu arbeiten, so viel oder so wenig er ihrer gebrauchen konnte. Sein Umgangston war stets herrisch, und seine Anordnungen von lakonischer Kürze. In bezug auf sein Personal kannte er nur[163] einen Grundsatz: »Ick de Herr ? du de Knecht!« Widerspruch konnte er nicht vertragen, selbst nicht von seinen Familienangehörigen. Er lebte nur seinem Betriebe, seinem Vieh und seinem Felde; alles andere schien er einfach als Mittel zum Zweck zu betrachten. Die höchste Genugtuung gewährte ihm die Anerkennung für seine fachökonomischen Neuerungen seitens des landwirtschaftlichen Vereins, in dem er eine autoritäre Rolle spielte. Wurde sein Hof von anderen Landwirten besichtigt und gelobt, so strahlte sein Gesicht im Vollgefühl stolzen Selbstbewußtseins, und er hielt den Besuchern dann förmliche Vorträge über den praktischen Wert dieser oder jener Maschine, über die guten oder schlechten Wirkungen der verschiedenen künstlichen Dünger- und Futtermittel. Vor allem suchte er dabei seine chemischen Kenntnisse ins rechte Licht zu rücken. Dies waren aber die einzigen Gelegenheiten, bei denen der Mann ein freundliches Gesicht zeigte, sonst ging er stets in gleichmäßiger Nichtachtung kalt und »suermul'sch« an uns vorüber, nur hier und da kurze Anweisungen gebend. Er sprach mit uns in demselben Tone wie mit seinem Jagdhund. Seine Frau paßte in allen Stücken genau zu ihm. Das Essen war dementsprechend auch nur mittelmäßig. Trotzdem ging es mir nicht direkt schlecht auf dieser Stelle; man mußte nur pünktlich die verlangten Arbeiten verrichten und nicht widersprechen, falls der Herr Hofbesitzer sich gelegentlich mal in einer Behauptung oder Anordnung geirrt hatte. Wenn man sich an diese Wesenseigentümlichkeiten seines Dienstherrn gewöhnt hatte, konnte man es dort schließlich sogar jahrelang aushalten, ohne daß einem eine besondere Überlast geschah. Freilich, ein geistig regsamer Mensch mußte auch hier auf die Dauer verkümmern. Denn für geistige Bedürfnisse der Leute hatte der Bauer absolut kein Verständnis, soviel er sonst auch für eigene Bildungszwecke aufwandte. Hierfür ein Beispiel: Auf meine Bitte brachte mir der Sohn des Gestrengen ein paar Zeitungsblätter heraus, die ich nach Feierabend unter der Wand durchlas. Dies sah der Bauer. Langen Schrittes stelzte er da auf mich zu und kollerte: Dafür halte er keine Blätter, daß ich darin[164] lesen solle; übrigens sei es besser für uns, das Lesen überhaupt zu unterlassen; er verlange nur, daß wir bei der Arbeit unsere Knochen »drödig« gebrauchten, eine Anstrengung des Kopfes könnten wir uns getrost ersparen, die verlange er gar nicht. Das letztere sollte wohl offenbar noch eine Art Witz vorstellen; ich faßte die dumm-protzige Bemerkung jedoch als das auf, was sie war; wortlos sah ich dem Bauern nur einige Sekunden ins Auge, dann faltete ich die Blätter zusammen und gab sie seinem Sohn wieder zurück. Hoffentlich hatte der »lange Herrgott« ? dies war der Spottname des Koogsgewaltigen ? doch aus meinem Blick gelesen, was ich in diesem Moment über ihn dachte. Seit jenem Abend stimmte es nicht mehr zwischen uns. Ich ging jetzt häufiger »aus«, als wie ich es sonst getan hatte, da der Koog von den nächsten Ortschaften ziemlich weit entfernt lag. Nun war es bei den meisten Bauern Sitte, daß ihre Dienstboten um Erlaubnis »fragen« sollten, wenn sie ausgehen wollten, und besonders unser »Herrgott« achtete sehr darauf, daß diese schon etwas veraltete Gewohnheitsregel strikte innegehalten wurde. Ich vermochte nun nicht einzusehen, weshalb ein Knecht nach getaner Arbeit noch erst untertänig »fragen« solle, ob er mal ausgehen dürfe, um so weniger als mich der Bauer ja auch nicht »fragte«, wenn er ausging oder ausfuhr. Meiner Meinung nach genügte es vollkommen, wenn ich »Bescheid sagte«. Also sagte ich eines Sonntags kurz und bündig, daß ich nach Süderdeich gehe. Das gab dem Bauern jedoch einen förmlichen Schrecken. Ob ich nicht mehr wisse, wie ich mich zu benehmen habe, hauchte er mich an. Ich erwiderte, genau so wie er auf Würde halte, halte auch ich darauf; es werde wohl genügen, daß ich an meinem Sonntage Bescheid sage, wohin ich gehe; »fragen« werde ich von jetzt an überhaupt nicht mehr, das sei höchstens etwas für Jungens, aber nicht für Leute im Alter von 20 Jahren. Sprach's und drehte mich um. Der Bauer brauchte mehrere Augenblicke, um sich von seinem Erstaunen zu erholen; dann aber rief er mir mit Stentorstimme nach: »Un ick befehl di, dat du jetzt sofort hierbliwwst!« »Na, dar hest' lang' wat an«, antwortete ich achselzuckend, und ging.[165] Am andern Morgen stellte er mich mit den Worten zur Rede: »Hör' mal, wer is hier Herr, ick oder du?« »Wat schall so'n Klöhnkram«, entgegnete ich, »dat Se de Hof tohört, weet ick; darmit sünd Se awer noch lingst ni min ?Herr?; ick heww Se ja seggt, wat los is.« »Ja, un du hast gistern ok Du to mi seggt, as du weggungst«, klang es erregt aus seinem Mundwerk zurück. Kühl antwortete ich darauf, daß es mir schon längst nicht passe, wenn sich ein Bauer anmaßt, seine Leute ohne weiteres mit Du anzureden, während er auf der anderen Seite verlangt, daß die Leute ihn höflich mit Sie anreden sollen. Hierauf wurde mir die wahrhaft klassiche Antwort: »Davör büst du Knecht; wenn di dat ni paßt, denn mußt du Bur warden, denn hest du dat ni nödig; wegen di ward' ick up minen Hof keen annere Mod' inföhren!« Er teilte mir dann halb drohend, halb ermahnend mit, daß er mich dem Koogsinspektor (der Amtsperson an Stelle des Kirchspielvogts) zur Bestrafung melden werde, denn so 'ne »Insupordinatschon« dulde er nicht. Nach einigen Wochen meinte er jedoch, er habe von der Meldung Abstand genommen, einmal weil er so etwas überhaupt nicht gern tue ? das sähe dann so aus, als wenn er mit seinen Leuten nicht mehr alleine fertig werden könne, und diesen Anschein wolle er gar nicht erst erwecken ? dann aber auch, weil ich in der Arbeit sonst ein tüchtiger Kerl sei. Er erwarte jedoch, daß ich meine verschrobenen Ideen von der Gleichwertung des Knechts mit dem Herrn hübsch beiseite lasse. Vergessen konnte er mir den Vorfall jedoch nicht, das merkte ich auf Schritt und Tritt; aber er mäßigte sich mir gegenüber doch sichtlich in seinem Benehmen, wenn er dieser Mäßigung auch zuweilen einen halb spöttischen Anstrich zu geben suchte. Der Großknecht meinte sogar mehrmals zu mir, er fange auch bald an, aufzumucken, denn der Bauer sei gegen mich ja »lidsamer«, wie gegen ihn. So ging der Sommer zu Ende, und im Herbste mußte ich zum Kommiß. Wir wurden schon anfangs Oktober zu unserem Truppenteil einberufen, infolgedessen mußte ich meinen bäuerlichen Dienst fast einen Monat früher aufgeben, als wie er eigentlich[166] beendet gewesen wäre, denn vermietet hatte ich mich, wie üblich, bis zum 1. November. Als aber der Tag meiner Einziehung gekommen war, hatte ich noch einen Zwischenfall mit dem Bauern, der sein Wesen ebenso charakterisierte, wie die vorher geschilderten. Es wurde Zeit zur Abfahrt; denn bis zum Bahnhof waren es noch fast anderthalb Stunden Wegs; auch gab's für mich noch sonst einige Kleinigkeiten zu regeln. Ich wartete also, daß mir der Bauer meinen verdienten Lohn herausbringen solle. Er kam und kam nicht. Da ging ich schließlich zu ihm in die Stube, wo er gemächlich mit der Pfeife im Munde bei einer Tasse Kaffee saß. Ich fragte, ob ich denn nicht meinen Lohn bekäme, da ich fort müsse. »Dat paßt mi noch ni!« war die patzige Antwort. Gut, erwiderte ich, dann würde ich mich bei der Behörde als mittellos melden und auch gleichzeitig anzeigen, daß mir mein Lohn widerrechtlich einbehalten sei; ich hätte keine Lust, seiner Bequemlichkeit wegen den Gestellungstermin zu versäumen; er werde dann wohl veranlaßt werden, mir den Lohn nach dem Truppenteil nachzuschicken. »Dat is min Sak!« protzte er zurück. Könne sie auch bleiben, sagte ich, doch eine so nichtswürdige Schikane sähe ihm gerade ähnlich. Damit schlug ich die Tür zu und ging ohne Gruß von der Hofstelle. Erst jetzt bequemte er sich zur Zahlung. Mürrisch rief er mich wieder zurück und händigte mir meinen Lohn aus. Ein kurzes Adjüs ? und die erste Periode meiner ländlichen Dienstfron war für immer erledigt. 
 Großknecht  [209] Schon beim Kommiß hatte ich häufig darüber nachgedacht, ob es für mein späteres Fortkommen nicht vielleicht besser sei, mein Heil als Industriearbeiter zu versuchen. In den Fabriken war die Arbeitszeit nicht so lang wie auf dem Lande; auch wurden höhere Löhne gezahlt; dazu hatte man auch sonst mehr Freiheit und konnte sich während derselben ungebunden den mancherlei Abwechselungen hingeben, an denen die Städte ja ungleich reicher sind, wie das platte Land. Mehrere meiner Kameraden, die auch Ackerknechte gewesen waren, wollten es jetzt einmal mit der Stadt probieren. Zwei davon blieben gleich in Metz als Bereiter bei einem Pferdejuden, einige andere suchten sich in Hamburg Arbeit, da es ihnen an der Wasserkante besser gefiel, wie im Süden. Nach einigem Überlegen kam ich meinerseits zu dem Entschluß, wieder als Ackerknecht zu gehen. Dem Stadtleben konnte ich keinen Geschmack abgewinnen, es war mir zu unruhig, zu wenig stabil für die Existenz eines Arbeiters. Zwar war ich ein leidlich kräftiger Mensch und konnte meine Hände schon rühren. Daran sollte es ja nicht liegen. Doch hatte ich auch vielerlei von Perioden der Arbeitslosigkeit in den Städten gehört, wo dann Not und Elend unter der Arbeiterschaft zuweilen einen sehr hohen Grad erreiche, daß selbst die tüchtigsten und fleißigsten unter ihnen nicht mehr wußten, wo sie noch das Notwendigste zum Lebensunterhalt hernehmen sollten. Da sagte ich mir: Wozu sollst du in der Stadt herumhungern, wenn du's auf dem Lande nicht nötig hast? Überdies war mir von Kameraden, die bisher nur in den Städten gelebt hatten, häufig genug erzählt worden, daß sich ein Industriearbeiter durch seiner Hände Arbeit ebensowenig eine silberne Nase erwerben könne, wie ein Landarbeiter. Auch in den Städten müsse man Glück haben, wenn man zu etwas kommen wolle. Als gelernter und qualifizierter Arbeiter sei man ja unter Umständen besser daran. Solche Arbeiter hätten die höchsten[210] Löhne, seien auch weniger von Arbeitslosigkeit heimgesucht und könnten sich das Leben dann allerdings mitunter angenehmer machen. Doch an ungelernten Handarbeitern sei in der Regel stets Überfluß. Ich hörte aus diesen Unterhaltungen also so viel heraus, daß, wenn die ungelernten Arbeiter in den Städten auch nominell mehr verdienen mochten wie auf dem Lande, sie doch auch entsprechend höhere Ausgaben haben und obendrein noch froh sein mußten, wenn sie überhaupt Beschäftigung bekamen. Solchen Möglichkeiten aber wollte ich mich nicht aussetzen. Auf dem Lande, das wußte ich, erhielt ich als junger loser lediger Kerl jederzeit Arbeit; brauchte also in dieser Hinsicht keine Besorgnisse zu hegen. Auch als Hausknecht in der Stadt zu arbeiten, widerstrebte mir; so als Putz-la-Putz, als männliches Mädchen für alles zu jedermanns Diensten herumzuhopsen, das war nicht nach meinem Geschmack; übrigens mußte ich dann auch Tag und Nacht auf den Beinen sein und hatte womöglich noch mehr Dreckarbeiten zu verrichten, wie in der Landwirtschaft. Zudem war ich das Landleben nun einmal gewöhnt, und ich will offen gestehen: ich hatte auch Liebe zu dieser landwirtschaftlichen Arbeit. Die Beschäftigung in frischer freier Luft, auf dem Felde sagte mir zu, und im Winter war man meistens im warmen Stall und konnte sogar mit einem gewissen Gefühl der Behaglichkeit die Schneeflocken draußen tanzen sehen, wenn man eine einigermaßen gute Stelle getroffen hatte. Was aber die städtischen Vergnügungen und Feierabendsabwechselungen anbetraf, nun, so konnten diese sich für einen ungelernten Handarbeiter meines Alters zur Hauptsache schließlich auch noch nicht um viel was anderes drehen, als um das mehr oder minder interessante »Ewig Weibliche«. Und da hielten die drallen Dithmarscher Deerns denn doch jeden Vergleich mit den bleichsüchtigen Wespentaillen der Städterinnen aus; ich für meine Person gab ihnen wenigstens ganz entschieden den Vorzug. Freilich in Süddeutschland, und gar in Elsaß-Lothringen, hätte ich als landwirtschaftlicher Arbeiter nicht arbeiten mögen. Was ich dort von der Landwirtschaft gesehen hatte, war nicht darnach[211] angetan, bei mir besondere Begeisterung dafür zu erwecken. Die Höfe sind meist klein und unansehnlich, dazu in sehr schlechtem baulichen Zustande, wenn auch viele Gebäude aus Sandstein aufgeführt sind. An Ackergeräten fand man fast so gut wie nichts, was auf die Bezeichnung »praktisch« und »modern« auch nur einigermaßen Anspruch machen konnte. Mir schien es, als würde dort noch in Urväter Weise gewirtschaftet. Ebenso urväterlich sahen noch die dortigen Bauern aus. Mit langen leinenen Kitteln oder großknöpfigen Jacken angetan, die scheußliche Zipfelmütze auf dem Kopfe und klobige Holzschuhe an den Füßen, so liefen sie dort umher und machten Sr. Hochwürden, dem Dorfpfaffen, ihre untertänige Reverenz, sobald sich dieser in der Regel gut angemästete Herr auf der Dorfstraße blicken ließ. Das waren in der Tat Bauern, wie man sie in den »Fliegenden Blättern« abgebildet sah. Nur auf der nordschleswigschen Geest habe ich später noch Bauern kennen gelernt, die ähnliche Holzschuhe trugen; Zipfelmützen existierten dort jedoch nicht. Neu war mir im Süden die Einrichtung der Gemeinweide gewesen. Des Morgens tutete der überaus armselig aussehende Dorfhirte auf einer Art Nachtwächterhorn, darauf wurden dann die Ställe geöffnet und Kühe, Ziegen und Schweine trotteten im trautem Beieinander nach der gemeinsamen Dorfweide. Von Rassevieh war dort aber gar keine Rede. Die Kühe beispielsweise machten in Körperform und Ernährungszustand fast durchweg einen noch schlechteren Eindruck, wie die der Kleinbauern in meiner hinterpommerschen Heimat. Das einzige, was mein Interesse dort etwas mehr erregt hatte, war der Weinbau und hier und da auch der Hopfen- und Tabaksbau. Die Weinbauern habe ich innerlich eigentlich bedauert, wenn sie in ihren Tragkiepen den Mist auf die Weinberge schleppten, um die Stöcke zu düngen. Ein müheseliges Stück Arbeit, an dem Mann und Frau in gleicher Weise beteiligt waren. Weniger schwierig, aber sehr riskant soll der Hopfenbau sein. Ich habe allerdings nicht mehr davon kennengelernt, wie das »Hopfenzopfen«, bei dem ich in der Manöverzeit einige Male mit half ? nebenbei bemerkt, unter ebenso sachverständiger wie[212] anregender Anleitung zweier »Maidli«. Erst recht der Tabaksbau wurde mir als ein wahres Lotteriespiel geschildert, so sehr sei die Qualität der Blätter von den Einflüssen der Witterung abhängig. Überall dominierte hier die klein- und mittelbäuerliche Wirtschaft. Wo es aber einmal Großgrundbesitz gab, da trat er trotz all seiner augenfälligen ökonomischen Mängel fast noch gespreizter und protziger auf, wie in Ostelbien. Jedes Herrenhaus führte den stolzen Titel Chateau oder Schloß. Es gab dort in Elsaß-Lothringen so viel »Chateaus«, daß einem schlimm dabei werden konnte; freilich, die »Chateaus« waren mitunter auch darnach. Mit demselben Recht könnte jeder hannöversche, oldenburgische oder holsteinische Großbauer seine Kabache ebenfalls »Schloß« nennen ? wenn's auch nicht gerade der »Kassenbütteler Rethbur« zu sein brauchte. Kurz und gut, die Landwirtschaft da unten im Südwesten wollte mir nicht gefallen; die war mir zu »püttcherig«, zu unpraktisch, zu unmodern. Ebensowenig behagte mir die dortige Kost. Schwammbrot mit »süre Milch« und der ewige Krautsalat waren nichts für mich. Deshalb zog's mich wieder nach dem Norden, nach der »Waterkant«, nach den »Klüten«, »Pannkoken« und »Mehlbüdel«. Schleswig-Holstein war meine zweite Heimat geworden. Freundlich nahmen mich die Tagelöhnersleute wieder auf, bei denen ich schon vor meiner Militärzeit mehrere Jahre hatte waschen lassen. Nachdem ich mich noch einige Tage ausgeruht, arbeitete ich zunächst ein paar Wochen in Tagelohn, und dann vermietete ich mich auf den Hof des Ortsvorstehers von Kleinwurth nach einem Dörfchen in der Nähe von Wesselburen, als Großknecht zu einem Lohn von 30 Talern für das Winterhalbjahr. Nun ging es wieder vorwärts in dem alten Geleise. Der Bauer war ein weit über das gewöhnliche Maß hinaus gebildeter Mann. Er hielt mehrere Zeitungen und Zeitschriften und war sogar im Besitz einer kleinen Bibliothek. Gern sah er es, wenn seine Leute sich etwas zu lesen von ihm holten, auch sprach er häufig mit ihnen über Tagesfragen aller Art. Diese Gelegenheiten benutzte er dann fast immer, um die Leute in seinem Sinne über alle möglichen[213] ? ja sogar auch unmöglichen Dinge zu belehren. Kurz er mochte gern ein Wort »snacken« und fand in uns stets dankbare Hörer. Die Bewirtschaftung des Hofes vollzog sich ebenfalls nach modernisierten Regeln, wenn sie auch nicht gerade mit ökonomischen Verbesserungsexperimenten verbunden waren. Das Experimentieren überließ mein Bauer vorsichtig anderen Landwirten, aber deren Erfahrungen wußte er sich immer bald gründlich zunutze zu machen, und er hielt mir, als seinem Großknecht, dann lange Vorträge darüber. Was für uns, seine Leute aber am meisten ins Gewicht fiel, das war die gute Kost und die gute Behandlung, die uns bei ihm zuteil wurde. Die Leute ? Dienstboten sowohl wie Tagelöhner ? hielten denn auch bei ihm stets Dauer und waren gerne auf dieser Stelle. Nur einen Fehler hatte »Peiter Pink« ? so nannten wir ihn wegen seines Reichtums: er war ein bißchen reichlich knickerig in Geldsachen, zwar nicht beim Einnehmen, wohl aber beim Ausgeben. So wollte er beispielsweise nie den Lohn zahlen, der üblich war, sondern er feilschte erst wie ein Bandjude, ehe er sich zur Zahlung bequemte. An den Tagelöhnen knappste er permanent herum. Betrug nach der Jahreszeit der übliche Tagelohn vielleicht 2 Mark, so konnte man sicher sein, er bot 18 Groschen; aber selbst wenn sich der Lohnsatz nur auf 1,50 oder 1 Mark belief, so bot er schlankweg 12 oder gar 8 Groschen. Ebenso war's bei der Vereinbarung der Gesindelöhne. Gelang es ihm, etwas abzuzwacken, so freute er sich im Stillen, als sei ihm ein großes Glück widerfahren; seelenvergnügt rieb er dann die Hände, und an der Pfeife zog er, als wolle er die ganze Welt von der Fliegenplage befreien. Seine Knickrigkeit war fast sprichwörtlich geworden. So gerne er im »ersten« Dorfkruge, wo nur Bauern verkehrten, auch ein Spielchen machte, so durfte es doch nur um Pfennige gehen, und schweren Verdruß bereitete es ihm, wenn er dabei einige Groschen verlor. Die übrigen Bauern spielten deshalb auch nur aus nachbarlicher Freundschaft mit ihm, um ihm einen Gefallen zu erweisen, denn ihnen selbst kam es beim »Dreiblatt« oder »Stoßen« nicht darauf an, wenn sie einige hundert, ja mitunter wohl mehrere tausend Mark »umsetzten«. In dieser Beziehung[214] wußten sie sich verdammt standesgemäß zu benehmen. Fast zur Verzweiflung konnte unser Bauer die Viehhändler bringen. Wollte er Vieh verkaufen, so forderte er »bis in die Puppen«; kaufte er jedoch, so bot er »unter allem Luder«. Das kannte man bei ihm schon gar nicht anders. Ich hatte mich auch wieder für den kommenden Sommer bei ihm vermietet, und zwar für 60 Taler. Eigentlich war mir der Lohn nicht recht hoch genug, aber der hartleibige Bauer wollte partout nicht mehr ausgeben. Da jedoch die Stelle sonst in jeder Beziehung gut war, so verkniff ich mir ein paar Taler und blieb. Nicht zum wenigsten trug hierzu auch der Umstand mit bei, daß mir die »Grotdeern« auf dem Hofe überaus gewogen war, und diese »lüttje, dralle Grotdeern« wurde später richtig auch meine Frau. Wer konnte wissen, ob wir wieder beide zusammen auf einem Hofe angekommen wären, wenn wir hier »aufgesagt« hätten? Und gerade an dem Zusammendienen war uns so außerordentlich viel gelegen, so viel ? wie nur zwei liebenden Dorfseelen irgendwie daran gelegen sein konnte. Der eben verflossene Winter hatte uns dort so ausnehmend gut gefallen, daß wir schnell einig waren, unser »Glück im Winkel« auch noch den Sommer über nach allen Regeln der Dorfkunst auszunutzen. Und wahrhaftig: es hat uns nie leid getan! Noch heute denken wir an diese Stelle als die beste, die wir als »Knecht un Deern« je gehabt haben. Denn ein ganzes Jahr lang Flitterwochen zu feiern, noch ehe ernstlich ans Heiraten gedacht wurde, das ist auch nicht allen Liebenden beschieden. Mittlerweile ging die Arbeit ihren gewohnten Gang. Wir taten alle aus uns selbst heraus unsere Schuldigkeit, sowie sich das unter solchen Verhältnissen auch gehörte. Das wußte unser Bauer auch, deshalb konnte er sich auch in Ruhe seinen Amtsgeschäften widmen oder nach der Kreisstadt Heide fahren, ohne sich wegen der Wirtschaft besondere Sorgen zu machen. Zwischenfälle bedeutsamer Art ereigneten sich bei Peiter Pink weiter nicht. Alles ging seinen gewohnten Weg, und wir Leute fühlten uns wohl. Erzählen will ich nur noch eine köstliche Geschichte, in der der Bruder unseres Bauern, der als Junggeselle[215] und »Vizbur« mit auf dem Hofe tätig war, die Hauptrolle spielte. Als Vizebauer machte der gute Junge nur wenig von sich reden, denn der Arbeit ging er am liebsten meilenweit aus dem Wege. Mußte er mal ein bißchen schwitzen, so deklamierte er in drolligem Pathos folgendes Leibsprüchlein, das wir nachgerade schon alle auswendig konnten: »Nee, keen Minsch glöwt, wu hart ik mi mit de Arbeit vertürnt heww. Kunn ik doch blos den Kirl tofaten kriegen, de de Arbeit upbröcht hett! Awerst ik glöw, dat is säker ok so een wäsen, de sölben nix hett doon mücht.« Also mit viel Arbeit brauchte man ihm nicht zu kommen. Erteilte der Bauer ihm mal einen Auftrag, der ihm nicht zusagte, so schnitt er ein urschelmisches Gesicht, senkte die Hände in die Taschen und uzte in aller Gemütlichkeit: »Nee Peiter, dat mak man sölben; mit so 'n Stück Arbeit kannst jo din 'n besten Fründ mit vertürnen.« Und weg war er. Zu uns Knechten und Tagelöhnern meinte er dann gleichsam entschuldigend, er sei zur Arbeit nun einmal nicht geboren. Nun, er hatte es ja auch nicht nötig. Desto vielseitiger war seine Tätigkeit aber als Junggeselle. Wo irgendein loser Streich ausgeheckt wurde, da konnte man sicher sein: unser »Viz« hatte seine Hand dabei im Spiele. Übrigens war ihm kein Mensch ernstlich gram deswegen, denn einmal wußte er seinen Dummheiten stets einen überwältigend komischen Anstrich zu geben, dann aber auch hatte er vielfach allerhand Pech dabei, so daß die Geschichte dadurch nur um so lustiger wurde. Hatte man ihn auf frischer Tat ertappt, so suchte er sich wie Reineke Fuchs mit der unschuldigsten Miene herauszuschwindeln, und sollte er dabei auch die unglaublichsten Märchen erzählen. Er log, daß sich die Balken bogen, um nur mit heilem Fell davonzukommen, und freute sich königlich wegen seiner Geriebenheit, wenn die Leute so taten, als ob sie seinen Schwindel für bare Münze nahmen. Seine Streiche wirkten um so komischer und gleichzeitig um so versöhnlicher, als er mit einem körperlichen Gebrechen behaftet war, wegen dessen man ihm vieles nachsah. Er hinkte nämlich auf einem Beine, und da sah es immer drollig aus, wenn er nach vollbrachtem Frevel und glücklich erdichteten Ausreden wie ein lahmer Kater davonhumpelte. Wegen seiner »kurzen[216] Hacke« nannten wir ihn zum Unterschied von seinem Bruder »Peiter Pink« nur allgemein den »Hink-Pink«; sonst hieß er aber Detlev mit Vornamen. Amazon.de Widgets Die Zahl seiner »Undög'« war Legion. Einst hatte er des Nachts auf der Weide die Milchkühe eines befreundeten Bauern je drei und drei mit den Schwänzen zusammengebunden. Ein andermal öffnete er heimlich die Türen der Schweinekoben und ließ Schweine und Ferkel heraus, die nun ihrerseits fröhlich grunzend Kraut und Gemüse im Garten umwühlten. Seiner Schwester, die zu Besuch auf dem Hofe weilte, setzte er einen »Swinegel« unters Bettlaken und wollte sich schier ausschütten vor Lachen, als diese kreischend und schreiend im Hemde umherstürmte, nachdem ihr zartes Sitzfleisch die unangenehmste Bekanntschaft mit den Stacheln des Igels gemacht hatte. Eines Morgens wollten die Knechte zweier Nachbarhöfe pflügen, doch sie mußten wieder heimreiten, denn »Hink-Pink« hatte während der Nacht mit einem Schraubenschlüssel die Pflugmesser abgeschraubt und versteckt. Im Dorfkruge wußte er sich einst unauffällig nach der Küche zu schleichen, wo die Wirtin einem Pferdehändler gerade eine gute Portion Spiegeleier briet. Wie freute er sich innerlich, als die dicke Wirtin plötzlich hochrot vor Zorn in die Stube stürzte und ihm auf den Kopf zusagte, daß er ein faules Ei in die Pfanne geschlagen habe; er aber war »narms wesen«. Doch das Abenteuer, das ich eigentlich erzählen wollte, trug sich folgendermaßen zu: Auf dem Hofe war auch eine hübsche Mamsell, die als Tochter eines gutsituierten Büsumer Schmiedemeisters dort für ein geringes Taschengeld die Tätigkeit als »Stütze der Hausfrau« ausübte. Auf diese Mamsell hatte Hink-Pink es abgesehen. Es erschien ihm nämlich als durchaus naturwidrig, daß solch schmuckes Ding seine Tage lediglich als Stütze der Hausfrau vertrauern sollte. Konnte sie nicht auch ihm ein wenig als »Stütze« dienen? Bald war er mit seinem Plan fertig; er wollte gleich aufs Ganze gehen. So gegen zwölfe nachts kommt er aus dem Dorfkrug. Etwas schwankend und unsicher stapft er über die Hofstelle, seine Schritte dämpfend, so gut es gehen will. Dort, dort winkt ihm verheißend »ein Fensterlein klein«. Welch[217] Glück, es war ja offen! O die Gute, die Holde ? sollte sie schon geahnt haben? Tick, tick, klopft er leise; »Grethen ? pst ? Grethen«, lallt er schwerfällig flüsternd. Keine Antwort. Grethen schwieg vielleicht aus mädchenhafter Scheu. Die Brave, das sollte ihm sicher als stille Ermunterung gelten. Gut denn, kühn drauf los. Schon sitzt er auf dem Fensterbrett, und nun rin ins Vergnügen. Doch was ist das! Ein Poltern, Schurren und Rumpumpeln, als würde irgendwo mit zerbrochenen Töpfen und Milchsetten Kegel geschoben; dazwischen Fluchen, Stöhnen und Trampeln, halb wütend, halb kläglich; und dann tapste und patschte es, so klaksig, so matschig, wie wenn ein halbes Dutzend Ziegler in Akkord Lehm streichen. Im Augenblick ist alles munter. Da muß was los sein. Raus aus den Posen. Der Bauer reißt im Hemde die Jagdflinte vom Nagel. »Flink, Kinners! kamt, dar is 'n Inbreker«, ruft er in die Leutekammer. »Jo, kamt gau', dar in de Spieskamer sitt he!« kreischte auch die wohlbeleibte Bäuerin, nur dürftig mit einem Unterrock bekleidet. Schnell stecke ich eine Stallaterne an, und schon in der nächsten Minute leuchte ich ? unserm »Hink-Pink« ins Gesicht! Aber, o weh! wie sah er aus! Schwarz, weiß und scheckig, moddrig, dreckig und speckig, als hätte er aus Milch und Schwarzsauer Torf backen wollen! Und um ihn her floß ein dicker, schlammiger Brei zwischen umgestülptem Milchgeschirr und zertretenen Steingutkrügen. Anstatt in die Kammer der Mamsell, war unser verliebter »Viz« in die Speisekammer geraten. In seinem Dusel hatte er die Fenster verwechselt, und nun saß er in der Patsche, wie der Fuchs im Tellereisen. Diese Blamage vor versammelter Mannschaft ging ihm doch so nahe, daß er sogar seine gewohnten Schwindelausreden vergaß; er grunzte nur unverständliches Zeug vor sich hin und schlenkerte von seinen Händen das dicke Schwarzsauer an die Wand. Erst das immer erneut ausbrechende Gelächter der Umstehenden brachte ihn endlich wieder zu sich selber. Schließlich blieb ihm nichts anderes übrig, als über sein verunglücktes Liebesabenteuer selbst mitzulachen, wenn's auch etwas gequält herauskam. Dann humpelte er nach dem Stall und wusch sich den schwarzweißen Fettkleister[218] ab, so gut es gehen wollte. Für Spott brauchte er seitdem nicht mehr zu sorgen, und wer ihm einen besonderen Gefallen tun wollte, der brauchte nur zu rufen: »Hink-Pink im Suerpott.« Dann hatte er genug. Leider war diese spaßhafte Geschichte einige Tage später gewissermaßen die Ursache eines bedauerlichen Unglücksfalles, dem der zweite Knecht zum Opfer fiel. Beim Häckselschneiden unterhielten sich die Leute scherzhaft über das Pech des braven Detlev. Der zweite Knecht, der die Garben in die Maschine einlegte, hatte dabei während des Erzählens und Lachens die erforderliche Sorgfalt einen Moment außer acht gelassen. Ehe er es sich versieht, sind ihm von den Walzen die Finger eingeklemmt, und noch ehe die Maschine in Stillstand gebracht ist, waren ihm drei Finger der linken Hand bis zur Hälfte weggeschnitten. Der Herbst ging zur Neige; der Abgangstag war herangekommen. Ich sowohl wie meine Deern hatten bei »Peiter Pink« aufgesagt, weil wir einen höheren Lohn verdienen wollten, denn wir dachten nunmehr doch immer energischer ans Heiraten, und da erschien es uns zweckmäßiger, weniger auf die gute Stelle, als auf einen möglichst hohen Lohn zu sehen. Denn auch meine Deern war arm wie eine Kirchenmaus. Ihren Vater, einen früheren Tagelöhner, der auch zeitweilig als Fischer tätig gewesen war, hatte sie schon während ihrer Kindheit verloren, und die Mutter saß als Witwe mit vier noch jüngeren Kindern in dem Dörfchen Norddeich. Wie es dort also aussah, kann man sich denken. Ganz wie bei uns daheim in Hinterpommern. Sobald die Kinder »nestreif« geworden waren, hatten auch sie nach den Bauern gemußt. Dora, meine Zukünftige, war schon im zwölften Lebensjahre in Dienst gebracht worden, nachdem man sie mit Rücksicht auf ihre Mutter vom weiteren Schulbesuch dispensiert hatte. Nur hin und wieder brauchte sie damals noch auf einige Stunden zum Unterricht zu gehen, und was sie dabei unter solchen Umständen lernte, war natürlich für die Katz gewesen. Beim Bauern hatte sie dann bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahre überhaupt keinen Lohn in die Hände bekommen, er wurde an die Mutter gezahlt. Von da ab sollte sie den[219] Lohn zwar selbständig erheben dürfen, doch bei Muttern tat's stets auf allen Ecken und Enden nötig, und so wurde der Lohn denn schon immer bei Kleinem »abgepflückt«, häufig auch ehe er ganz verdient war. Was da nach Anschaffung der notwendigen Kleidung am Lohntage noch übrig blieb, war in der Regel so gut wie nichts; an Ersparnisse konnte vollends nicht gedacht werden. So drückte uns also alle beide kein überflüssiges Geld, und es wurde denn Zeit, wenn wir noch einige Groschen zusammen haben wollten, bevor wir uns heirateten. Leider glückte es uns nicht, wieder beide auf eine Stelle zu kommen; wir mußten uns mithin einstweilig voneinander trennen. Ich kam jetzt als Großknecht zu dem Bauern Georg Breetfoot nach Poggensand, dicht am Koog; Dora zog ein Stündchen davon als Grotdeern nach Appeldick zu dem Bauern Hans Sühlsen. Mein Lohn betrug für den Winter 54 Taler, und falls ich den Sommer über bleiben wolle, sollte ich von Mai bis November 70 Taler erhalten. Für das zweite Jahr stellte mir der Bauer einen Jahreslohn von 120 Talern in Aussicht, 40 Taler für den Winter und 80 Taler für den Sommer. Das wäre nun so weit ganz schön und grün gewesen, zumal meine Dora über Winter auch 30 Taler bekam und über Sommer 46 Taler bekommen sollte, doch ? es hat nicht sollen sein. Georg Breetfoot, mein jetziger Bauer, besaß einen schönen Hof. Für gewöhnlich beschäftigte er drei Knechte, zwei Tagelöhner und einen Jungen, dazu je nach der Jahreszeit noch einige Wochenlöhner; auch wurden zwei Deerns gehalten. Als besonderer Fachmann galt er auf dem Gebiete der Viehmast. Bei der Besorgung des Viehes mußte die peinlichste Sorgfalt beobachtet werden. An Pflege, Futter und Reinhaltung durfte den Tieren auch nicht das Geringste abgehen. Alle Naslang saß der Bauer in der Boos und pütcherte an seinen Mastochsen herum; er befühlte, beklopfte und streichelte die Tiere, schätzte ihr Gewicht und unterhielt sich mit ihnen so zärtlich, als wenn es auf der ganzen Welt weiter keine Wesen gäbe, die seiner Zuneigung würdiger wären wie diese Mastviecher. Ja, sie konnten ihn gar von oben bis unten bedreckern und bekleckern, daß ihm die[220] braunen oder grünen Mistklaxe am Zeug, im Gesicht und an den Haaren heruntergetterten ? desto liebevoller klang sein: »Ho-ho Oß; ho-ho, min Ossen; o-ho-ho-ho, min lütt gudes Tier!« Ich hielt mich zwar auch für einen Tierfreund, aber ich muß doch sagen: dieses Benehmen erschien mir direkt närrisch; mich widerte es einfach an, zu sehen, wie der Bauer mit dem Viehzeug herummallte, und das im Grunde genommen doch nur, weil es ihm ein schönes Stück Geld einbrachte. Er mußte in seinen Mastochsen schon gewissermaßen lebendige Goldstücke und Banknoten verehren, sonst wäre sein Verhalten unerklärlich gewesen. Ein Tagelöhner meinte dazu: »Von sine Ossen hollt he mehr, as von Wiw und Gesangbok.« So hübsch nun auch der Stall aussah ? so miserabel war die Leutekammer. Ein einfenstriges niedriges Loch, mit zerbrochenen Ziegelsteinen ausgelegt und drei zweischläfrigen, rauhbretternen Bettkasten darin, das war die Gesindestube. Als besondere Zierde dieser Zelle wirkte ein eisernes Gitter vor dem Fenster, das der Bauer hatte anbringen lassen, um ein nächtliches Ein- und Aussteigen seiner Leute zu verhindern ? eine sehr fürsorgliche Einrichtung, die sich übrigens auch auf vielen anderen Höfen der Marsch findet. Dieser Schmuck gab der Leutekammer erst sein geradezu gefängnisartiges Aussehen. War nun schon mit unserer Kammer kein Staat zu machen, so sah das Verließ, in dem die Deerns schlafen mußten, noch bei weitem erbärmlicher aus. Kaum so groß, daß die eine Bettstelle drin stehen konnte, schien auch weder Sonne noch Mond dort hinein. Es war eine Abbucht der Küche, ohne Fenster, ohne Bequemlichkeit, dunkel, niedrig, undicht, schmutzig; ein Hundeloch, ein Sarg, eine wahre Chinesenkiste; im Winter kalt wie im Eiskeller. Tatsächlich: das Vieh im Stall, von der Mutterstute bis zum gemeinsten Schwein, war zu beneiden, wenn man Raum, Licht und Luft der hübschen, hellen geräumigen Boos mit diesen Gesindekammern in Vergleich zog. Nun hätte man von alledem vielleicht manches entschuldigen können, wenn dieser Großbauer sonst noch ein halbwegs passabler Kerl gewesen wäre. Aber gerade da hakte es ganz bedenklich.[221] So übertrieben freundlich er gegen das Vieh war, so abstoßend und herrisch war er gegen das Gesinde. Schon zehn Minuten vor 4 Uhr mußte ich des Morgens die Leute wecken, so daß wir punkt vier Uhr im Stall waren, und das im Winter, wo es doch zur Hauptsache nichts anderes zu tun gab, wie Stall- und Scheunenarbeit. Verschlief ich mal um eine Viertelstunde die Zeit, dann tat der Bauer gleich, als müsse der ganze Hof aus Rand und Band gehen. Bei jeder Gelegenheit, wo ihm etwas nicht paßte, bekam man die Worte zu hören: »Wovör gew' ich denn Brot un Lohn? Wovör holl ick mi denn de Lüd! Ick sölben heww dat ni nödig; darvör sünd jene dar, mi de Arbeit to maken!« Dergleichen Redensarten brachte er stets mit einer zynischen Offenheit heraus, als wolle er uns auf Schritt und Tritt fühlen lassen, wie turmhoch er eigentlich über uns armen Schluckern von Knechten stünde. Allerdings war mir das alles schon längst vorher gesagt worden. Sehr schnell war ich nämlich wieder mit einer ziemlich großen Zahl von Knechten der Umgegend bekannt geworden, darunter auch mit solchen, die schon bei Georg Breetfoot gedient oder als Wochenlöhner gearbeitet hatten. Nur einzelne hatten es dort ausnahmsweise ein ganzes Jahr ausgehalten, die meisten waren froh gewesen, wenn sie nach Ablauf ihres Halbjahres den Poggensander Staub wieder von ihren Pantoffeln schütteln konnten. Und immer waren es dieselben Klagen, die ich hörte: Schlechte Behandlung und schlechte Kost. Mir wurde sogar gesagt, der Bauer solle es schon gewissermaßen gewöhnt sein, daß ihm Knechte und Mägde mitten in ihrer Dienstzeit unter Zurücklassung ihres Lohnes bei Nacht und Nebel davonliefen. Einer erzählte mir, er sei, während ich beim Militär stand, ebenfalls dort ausgekniffen, und zwar habe er sich nach Hamburg geflüchtet, weil er hoffte, dort unter den vielen Menschen vor etwaigen Nachforschungen wegen seines Kontraktbruches am ehesten sicher zu sein. Doch der gute Breetfoot habe ihn dort dennoch aufstöbern und unter polizeilicher Begleitung von Hamburg aus wieder in den Dienst zurückbringen lassen. Die Kosten dieses Transports sowie den Lohn für die Stellvertretung für vierzehn[222] Tage, während deren der Ausreißer in Hamburg gewesen, hatte ihm der Bauer dann, bei Beendigung der kontraktlichen Dienstzeit einfach abgezogen, so daß er am Abgangstage nicht nur keinen Pfennig Lohn mehr ausbezahlt erhielt, sondern noch froh sein mußte, daß er nicht noch verschiedene Taler zu zahlen brauchte. Ähnliche Vorkommnisse erzählte man mir mehrere, als es bekannt wurde, daß ich mich nach Poggensand hinvermieten wollte; doch ich hielt diese Darstellungen meist für übertrieben, und dann reizte mich eben der hohe Lohn; im äußersten Falle aber glaubte ich mich schon auf mich verlassen zu können, um gar zu plumpen Übergriffen des Bauern die Spitze zu bieten, und so war ich denn hingegangen. Innerlich bereute ich es freilich längst, daß ich nicht bei dem biederen »Peiter Pink« geblieben war. Doch jetzt war nichts mehr daran zu ändern, und ich mußte eben sehen, wie ich mit dem Breetfoot fertig wurde. Was die Kost anbelangt, so muß ich gestehen: es war in der Tat die schlechteste, die ich in Schleswig-Holstein je erhalten habe. Der »Mehlbüdel« glich in Form und Härte einer gattlichen Kegelkugel; man hätte damit zuweilen wirklich ganz bequem »alle Neune« werfen können, ohne daß er aus dem Leime gegangen wäre. Der »große Claas« präsentierte sich uns als ein formloser breitgedrückter Klumpen, aus dem der halbrohe Mehlkleister herauslief, sobald man ihn anschnitt. Als Tunke diente in der Regel eine widerliche Sirupsauce, schmutzig-braun und klebrig, wie wenn uns damit Magen und Schnurrbart mit Gewalt zusammengekleistert werden sollten. Die Klüten oder »Baal« erreichten gewöhnlich die Größe einer kleinen Faust; bald waren sie papsig zum Erbrechen, bald zäh wie Gummi, so daß sie einem unter dem Messer weghüpften. Ein eigenartiger Fraß waren auch die »Wellgen«, ein suppiges Gemisch von weißen Bohnen, Graupen, Kartoffeln und Mohrrüben. Ganz blau zogen sich die Dinger in der Schüssel umher; mir wurde schon immer »mieß«, wenn ich das Zeugs nur sah. Ähnlich unappetitlich und unschmackhaft waren auch die übrigen Gerichte zubereitet. Mit Speck und Fleisch aber ging die Frau Breetfoot so sparsam um, als lebte sie in ständiger Besorgnis, daß wir zu fett werden könnten.[223] Schinken oder Mettwurst bekamen wir überhaupt nicht zu sehen, geschweige denn zu kosten, es sei denn, daß die Bäuerin gelegentlich mal den Schlüssel in der Räucherkammer stecken ließ und einer von uns unter Ausnutzung der günstigen Gelegenheit dann mit kühnem Griff eine Wurst beim Wickel kriegte. Wie überall, so wurde auch hier beim Schlachten Schwarzsauer eingemacht. Bei Breetfoot kam all der minderwertige Abfall hinein, der an dem geschlachteten Tiere überhaupt dran war. Wenn dies nun auch überall in ähnlicher Weise gemacht wurde, so sorgten die Bauern, die etwas auf ihre Leute hielten, doch dafür, daß hin und wieder auch ein guter Happen mit in den »Suerpott« wanderte. Hier aber war das ausgeschlossen. Nur das »Hudderlasch« fand Verwendung. Und wenn's noch dabei geblieben wäre! Doch damit der Pott auch voll würde und möglichst lange vorhielt, kaufte der Bauer von einem Wesselburner Schlachter noch allerhand Fleischabfall dazu. Und wenn dieser Kram nicht mehr ganz koscher war, nun das kam so genau nicht drauf an; es war ja »man bloß vör de Lüd«. Des Morgens zur Frühkost und des Abends gab's bei uns zu dem üblichen Brei anstatt der abgerahmten Milch zeitweilig sogenanntes Warmbier. Wenn es gut gekocht wird, läßt sich's schon essen, obwohl in dem edlen »Bräu« sonst nicht übermäßig viel »Gehalt« sitzt. Doch Frau Breetfoot wußte, was uns gut tat. Sie destillierte das ohnehin schon so dünne Dünnbier noch extra mit mehreren Litern Wasser für uns zurecht. Kam die grau-braune Brühe dann auf den Tisch, so konnte man denken, die drei Mutterstuten im Stall hätten uns damit beglückt. Klötersuppe nannten wir die Jauche; sie schmeckte nicht nach Ihm und nicht nach Ihr. Das »Upbradelsch« aber war so trocken, daß man selbst mit Löschpapier keinen Fettfleck aus der Schüssel hervorziehen konnte. Die Bäuerin kochte aber auch einen eigenartig schönen Kaffee für uns. Sorgfältig sammelte sie den »Grund« von dem Kaffee, den die Familie des Bauern die Woche über verbrauchte; am Sonntagmorgen wurde der gesammelte Rückstand dann wieder aufgebrüht, und dieses aufgerummelte Kaffeedick bildete nun unser sonntägliches Morgengetränk.[224] Des Mittags bekamen wir zu unserem Essen auch keine Teller, sondern runde Holzplatten, wie sie zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges vielleicht mal Mode gewesen waren. An diese Dinger mußte man sich erst sehr gewöhnen, sonst wußte man sich schlechterdings nicht damit zu behelfen. Auffüllen konnte man natürlich nichts darauf, sondern nur etwas darauf zerschneiden, das übrige holte man sich aus der gemeinsamen großen Schüssel und führte es gleich zu Munde. Nun darf man jedoch nicht glauben, daß die Bäuerin überhaupt nichts Besseres zu kochen verstanden hätte, durchaus nicht. Sie konnte im Gegenteil sogar sehr gut kochen ? nur nicht für uns. Wenn wir des Mittags nach unserer Kammer gingen, dann roch's gar lieblich und angenehm im Vorderhaus, so duftig und würzig, daß uns das Wasser im Munde zusammenlief. Das kam von einer ganz anderen Marke, als von unserem kleistrigen Mehlbüdel oder den Wellgen oder den hölzernen Pannkoken. Und nun gar erst, wenn der Bauer »Visiten« hatte. Dann wußten uns die Deerns gar nicht genug zu erzählen von all den schönen Dingen, die in der »Best-Stuw« aufgetafelt wurden. Doch das war auch alles für »süm sölben«, und süm sölben wußten einen guten Happenpappen sehr wohl zu würdigen. Nur für unsere Magen war das nichts, wir durften uns nur an dem Geruch erfreuen, der Braten selbst war uns nicht zuträglich, wir hätten sonst vielleicht Kolik davon bekommen. Gewiß hätte es niemand von uns dem Bauern verargt, wenn er sich und seinen Angehörigen eine bessere Kost leistete, wie seinen Arbeitern und dem Gesinde. Wer wollte ihm daraus im Ernste einen Vorwurf machen? Mochte er das getrost halten wie er wollte ? es wurde ja auch sonst fast überall so gehandhabt. Doch den Leuten, die für ihn arbeiten sollten, eine solche Hundekost zu bieten, das war's, was so empörend auf uns wirkte und nun ganz naturgemäß unsere Arbeitslust beeinträchtigte. Wie sollte man da auch noch Lust zur Arbeit bekommen, wenn man stets mit Widerwillen zu Tische ging und nur halb gesättigt wieder aufstand? Wenn von der Speise selbst auch genug in der Schüssel war, so wurde einem doch von vornherein schon jeder Happen[225] derartig lang im Halse, daß man sich beim besten Willen nicht satt essen konnte ? oder man mußte einfach die Augen zukneifen und das Zeugs unbesehen hinunterwürgen, damit man sich wenigstens einigermaßen den Magen vollstopfte, um bei Kräften zu bleiben. War der Fraß erst glücklich drin im Leibe ? nun dann tat er ja vielleicht noch seine Wirkung; die Kunst bestand nur darin, ihn überhaupt hineinzubringen. Speziell mir wollte es gar nicht rutschen, weil ich, besonders im vorhergegangenen Jahre, eine nach ländlichen Begriffen tatsächlich gute Kost bekommen hatte. So wurde ich von Tag zu Tag mißmutiger gegen diesen Bauern und sein hochnasiges Weib, die doch zu auffällig dem Grundsatz huldigten: »Vör de Lüd is't gud naug.« Eines Tages kam es nun aus Anlaß dieser schlechten Kost zu einem Auftritt mit dem Bauern, der in seiner direkten Ursache auch eines humoristischen Beigeschmacks nicht entbehrte. Es hatte damit folgende Bewandtnis: Der »Grotjung« war von der Hausfrau für würdig befunden worden, ihr beim Umhängen der Speckseiten in der Räucherkammer zu helfen ? uns anderen schien sie nämlich nicht recht zu trauen. Nun war der Junge aber auch ziemlich gerieben. Geschickt wußte er sich einen unbewachten Augenblick abzupassen, um ein dickes Würstlein und ? einen halben geräucherten Schweinskopf verschwinden zu lassen. Er konnte wohl in der Eile nichts Besseres zu packen kriegen, sonst hätte er sich an dem alten knubbrigen Verstandskasten des seligen Borstenviehs wohl kaum vergriffen; aber er wollte uns doch allen einen Gefallen erweisen, und so nahm er denn, was er bekommen konnte. Die Wurst war bald verteilt und verschwunden; auch der Schweinskopf sollte später an die Reihe kommen, so weit er zu brauchen war, ? einstweilen aber mußte er versteckt werden, und als Versteck dazu suchte sich der Junge die Häckselmaschine aus. Nun wollte es das Pech, daß der Bauer den Einfall bekam, am nächsten Tage beim Häckselschneiden mit zu helfen. Und merkwürdig, keiner von uns konnte die Gelegenheit erwischen, den vertrackten Schweinskopf aus der Maschine zu entfernen; immer stand uns der Bauer im Wege. Was war da zu machen! Meinethalben,[226] dachte ich, mag's gehen wie's will, ich weiß von nichts. Ich und der Bauer legen frischweg ein, und dann: »hüh!« Schnarrend hauen die Messer durch die Garben; doch nur wenige Augenblicke, dann fliegt's uns um die Ohren in langen saftigen Streifen, und ein Geruch stieg uns in die Nase, wie von frischgeräuchertem Fleisch. Schon will der Bauer etwas sagen, da: knicks, knacks, schlagen die Messer auf den Kiefernknochen des Schweinskopfes, daß Stahlstücke und Schweinezähne pfeifend davongeschleudert werden. »Dammi, wat is dat!« ruft Breetfoot blaß vor Schreck, und bückt sich instinktiv; ich aber sprang schnell davon und brachte die Pferde am Göpel zum Stehen. Was nun kam, war einfach zum Schreien. Erregt polkt der Bauer in der Maschine umher und zieht den zerschundenen Schweinskopf hervor. Das Gesicht! Und nun ging's los mit Wettern und Flüchen über so ein Diebsvolk, das ihm den Schweinskopf gestohlen hatte. Wie ein Besessener sprang er umher und schimpfte über die Hausdiebe, die noch viel schlimmer seien wie gewerbsmäßige Einbrecher. Wer's getan habe, wollte er wissen! Ich zuckte gleichmütig die Achseln. Von den anderen wußte natürlich auch kein Mensch »wat darvon«. Er schalt und futterte jedoch in einem fort, bald über den Schweinskopf, bald über die auch zu meinem Bedauern recht arg ausgebrochenen Maschinenmesser. Schließlich hatte er sich so in Wut geschimpft, daß er mir direkt ins Gesicht sagte, ich werde es wohl getan haben. Im nächsten Moment schien ihm diese Behauptung aber doch wohl selbst etwas gewagt vorzukommen, um so mehr als ich mich mit kurzem Ruck umgedreht hatte und ihm sehr voll ins Auge schaute. Er lenkte denn auch gleich wieder ein, meinte jedoch, wenn ich auch nicht der Dieb sei, so würde ich doch wohl wissen, wer's getan habe, und er könne von mir als seinem Großknecht verlangen, daß ich ihm den Täter nenne. Selbstverständlich dachte ich in neun kalten Wintern nicht daran, den Jungen zu nennen und ihn damit vielleicht den Fäusten des Bauern auszusetzen. Der aber ließ mit seinem Schelten immer noch nicht nach, drohte schließlich mit polizeilicher Untersuchung. Jetzt aber hatte ich[227] die Geschichte satt; so viel Wesens wie der Bauer davon machte, war ja der ganze Schweinskopf nicht wert. Ich ging daher dicht an ihn heran und sagte ziemlich energisch: »Nu heww ick awer naug von den Trödel; wat scheert mi den dösigen Schweinskopp! Wenn Se weten willt wer in nehmen hett, so söken Se 'n sick. Öwrigens will ick Se mal wat seggen: Gewen Se Ähr Lüd bäter wat to fräten, denn war'n se ok keen Schweinsköpp musen!« Das war natürlich dem Ochsen ins Auge gestoßen. Und nun kam es zu einer sehr derben Auseinandersetzung zwischen uns wegen der Kost, wobei ich dem Bauern so die Wahrheit geigte, daß er schließlich in die Stube rannte und sich den ganzen Tag nicht wieder in der Boos blicken ließ. Seit diesem Tage lebten wir auf gespanntem Fuße miteinander. Einige Wochen später wiederholte sich die Auseinandersetzung in noch heftigerer Form. Der Bauer hatte zu einem Ochsentransport einen Tagelöhner zur Aushilfe angenommen, der zuvörderst mehrere Tage in der Boos mit helfen mußte. Kurz vorher war geschlachtet worden, und nun bekamen wir in der fraglichen Woche nicht weniger wie dreimal Schwarzsauer, und zwar den üblichen »Huddelasch«. Uns war's, als wären wir inwendig schon total angeschwärzt, samt und sonders hatten wir den schwarzen Durchmarsch, am meisten unser neuer Tagelöhner. Als ihn der Bauer nun des Sonnabends fragte, ob er am nächsten Montag wiederkommen wolle, da antwortete er so recht trocken und pomadig: »Nee, min lewer Breetfoot, glöwen Se denn, ick will hier nix anners fräten as Näsen, Ohren un Arslöcher? Dat fräten Se man sölben. Ick schiet all säben Ähl (Ellen) gegen Wind.« Diese ebenso offenherzige wie drastische Antwort brachte unsern Bauern nun wieder schier aus dem Häuschen. Wie ein wütender Truthahn tanzte und kollerte er umher, daß ihm der Schlabber zum Munde herausflog. Unwillkürlich mußte ich über den komischen Wutanfall unseres lieben Brotherrn lachen. Dadurch wurde er nur noch aufgebrachter. Er ging jetzt auf mich los und schalt in allen Dissonanzen, daß ich wohl den Tagelöhner aufgehetzt hätte; seine Kost könne jeder essen; er werde wissen, was er uns auf den Tisch zu setzen habe, und lasse[228] sich darin auch von niemandem Vorschriften machen. Ich erwiderte ihm, er möge sich doch nicht mit Gewalt lächerlich machen; es sei ja bereits in ganz Dithmarschen bekannt, daß er für seine Schweine und Mastochsen ungleich besser sorge, wie für seine Leute. Darauf schrie er mir zu: »Jo, von min Vehwark heww ick ok wat; von jem heww ick awer wider nix, as Arger!« Rasch entgegnete ich: Wenn er von uns weiter nichts wie Ärger habe, dann hindere ihn ja niemand daran, sich seine Arbeiten alleine zu machen, dann sei er doch allem Ärger überhoben. Jetzt wußte er augenscheinlich nicht, was er sagen sollte; er brummte nur: »Jo, klook snacken kannst du, dat hast du rut. Na ick seh' all,« fügte er dann hinzu, »mit uns beiden ward dat nix.« »Dat heww ick ok all markt«, war meine Antwort. Von nun an gab's immer öfter Krach zwischen uns beiden, und auch mit den übrigen Knechten zankte er jetzt häufiger. Mir kam es schließlich ganz so vor, als wolle er besonders mich so weit schikanieren, daß ich aus dem Dienst laufen sollte. Lief ich nämlich davon, so hätte ich nicht nur meinen Lohn im Stich lassen müssen, sondern konnte mich auch darauf gefaßt machen, daß er mich ? vielleicht erst nach Wochen ? durch den Gendarm wieder zurückholen ließ, und mir wurden dann nicht nur die amtlichen Kosten, sondern auch der Schadensersatz vom Lohne abgezogen, so daß mir am Ablauf meiner Dienstzeit womöglich nicht ein Pfennig mehr übrig geblieben wäre. War mir doch sogar gesagt worden, daß der Bauer nur deshalb so verhältnismäßig hohe Löhne zusichere, weil er die bestbezahltesten seiner Leute doch einige Wochen oder Monate vor dem Abgangstermin systematisch und mit Erfolg bis zum Weglaufen zwiebele. Ganz gleich, ob er sie nun zurückholen ließ oder nicht: in beiden Fällen war der Vorteil auf seiner Seite; trotz des versprochenen hohen Lohnes hatte er dann immer einen billigen Knecht gehabt, und lachte sich ins Fäustchen. Das überlegte ich mir bald und dachte: Ausgekniffen wird nicht! Amazon.de Widgets Doch was hinderte mich, den Spieß einmal umzudrehen? Da ich mich auf meine eigenen Knochen ziemlich verlassen konnte, so mußte es mir nicht übermäßig schwer fallen, den Bauern dermaßen[229] zu ärgern, daß er mich schließlich gerne von selbst laufen ließ; ja, daß er schließlich froh war, mich überhaupt nur glücklich los zu werden. Deshalb nahm ich mir vor, ihm so viel gesinderechtlich gestatteten Verdruß zu bereiten, daß er mir selbst den Vorschlag machen sollte, nur um Gotteswillen meiner Wege zu gehen. Und das gelang mir dadurch, daß ich mit meinem Bauern jetzt regelrecht Eulenspiegel spielte. Es gab nun die drolligsten Aufzüge zwischen uns beiden, und dabei tat ich weiter nichts, wie die Anordnungen des Bauern wortwörtlich zu befolgen. Einmal sollte ich seinen kleinen Federwagen waschen. Dies wurde für gewöhnlich an dem breiten, tiefen Graben ? der »Graff« ? besorgt, der nach Dithmarscher Art das Haus umgab, woselbst der Wagen an einer flachen Ausbuchtung bis an die Achsen hineingeschoben und dann abgewaschen wurde. Der Bauer sagte nun: »Du kannst den Wagen jo in de Graff schuwen.« Ich tat's; schob ihn aber so weit hinein, daß nichts mehr von dem Vehikel zu sehen war. »Minsch, wat makst du!« rief der Bauer entsetzt, als er hinzukam. »Nix«, erwiderte ich, »ick schull doch den Wag' in de Graff schuwen, un dat heww ick dahn.« Ich denke, ihn rührt der Schlag, so merkwürdig blickte er mich an. Was er dann sagte, will ich lieber verschweigen, mich rührte es nicht, gleichmütig pfiff ich vor mich hin, als ginge mich sein Schimpfen gar nichts an. Es kostete Mühe, den Wagen aus dem tiefen Modderloch wieder herauszubringen. Als wir ihn mit Hilfe eines Pferdes glücklich draußen hatten, da war das ganze schöne Plüschpolster verdorben, und riechen tat's ? na, nicht nach Eau de Cologne. An demselben Wagen sollte ich nach einigen Tagen das Vorderleder schmieren, »awerst gud«. Ich balsamierte es dermaßen mit Tran ein, daß es vor lauter Fett gar nicht anzufassen war. Kurz darauf bekamen wir künstlichen Dünger, Thomasschlacke und Chilisalpeter. Die Säcke sind ziemlich schwer, sollten aber nachgewogen werden, um zu prüfen, ob das Gewicht auch stimme. »Schmiet den Sack up de Wagschal!« rief mir der Bauer zu. Gewissenhaft befolgte ich die Anordnung und warf den Sack von 200 Pfund Gewicht mit aller Wucht auf die Dezimalwaage.[230] Was konnte ich dafür, daß Sack und Wage aus dem Leim gingen? Ich sollte den Sack ja »schmieten«. Ein halbes Dutzend Gänse sollte ich schlachten und dabei achtgeben, daß das Blut gut ablaufe; einen Topf setzte der Bauer neben mich. Die Gänse waren tot und das Blut gut abgelaufen, jedoch nicht in den Topf, sondern in die »Gööt« hinter den Kühen, wo es sich mit dem Mist vermischte. Wie jammerte die Bäuerin, daß sie nun kein Schwarzsauer kochen konnte; das schöne Blut! Na, ich hatte doch gut ablaufen lassen; daß das Blut in den Topf laufen sollte, davon hatte mir ja niemand was gesagt. Unter solchen und ähnlichen Niederträchtigkeiten verging Woche um Woche. Der Bauer war schier in Verzweiflung. Schon wiederholt hatte er Miene gemacht, sich auf mich zu stürzen; doch gleich das eine Mal setzte ich ihn ziemlich unsanft auf die Häckselkiste, und dabei sagte ich ihm, daß ich ihm das nächste Mal sicher den ersten besten Forkenstiel auf dem Kreuz entzwei schlagen würde, falls er sich je wieder unterstehen sollte, handgreiflich an mir zu werden. Das zog dann etwas. Gleichzeitig erklärte ich ihm, daß ich ihn von jetzt ab mit Du anreden werde, wenn er es nicht vorziehen sollte, mich künftig ebenfalls mit Sie anzusprechen, so wie er das von mir als selbstverständlich verlange. Das ging ihm natürlich wieder sehr gegen den Strich. Er als Dithmarscher Großbauer und Hofbesitzer sollte seinen Knecht mit Sie anreden? Nimmermehr, das bekam er nicht fertig! Nun denn nicht; prompt nannte ich ihn von da ab Du, so entwürdigend ihm diese Anrede auch klingen mochte. Ebenso gewöhnte ich es ihm ab, ihn erst untertänig um Erlaubnis zu fragen, wenn ich des Abends ausgehen wollte. Ich sagte einfach Bescheid, daß ich gehe, und damit ging ich; ob's ihm paßte oder nicht, das sollte mich jetzt wenig kratzen. Schließlich kam es denn auch zu einer Aussprache über die etwaige Lösung meines Dienstverhältnisses. Als ich dem Bauern gerade wieder einmal so ein kleines Herzeleid zugefügt hatte, meinte er zu mir: »Minsch, du büst jo würklich 'n ganz verdächtigen Kirl; du makst jo eenfach mit mi, wat du wullt; wenn du denn kortut ni bi mi wesen magst, denn knip doch ut!« »Jowoll,[231] dat muchst' woll,« machte ich, »nasten lettst' mi mit 'n Schandarw wedder halen, so as den Annern ut Hamborg. Nee oll Fründ, wenn du mi los wesen wullt, denn kannst mi jo man wegjagen!« Das wollte er aber natürlich nicht, weil er mir sonst womöglich zu meinem verdienten Lohn auch noch einen Vierteljahrslohn nebst Kostgeld hätte zahlen müssen. Meinen »verdienten« Lohn wollte er schließlich geben. Doch damit war ich wieder nicht einverstanden. Mit dem verdienten Lohn hatte es nämlich seine eigene Bewandtnis. Wer innerhalb des ausbedungenen Halbjahres nach voraufgegangener Verständigung mit dem Landwirt den Dienst aufgibt, dem stand für das erste Vierteljahr nur ein Drittel des Halbjahreslohnes zu; für die Zeit des zweiten Vierteljahres aber wurden zwei Lohndrittel verrechnet. Mein Bestreben war vielmehr, den Bauern dermaßen zu ärgern, daß er mir, um mich loszuwerden, einen höheren wie den »verdienten« Lohn gab, so daß ich bei der Annahme anderer Arbeit bis zum 1. Mai wenigstens keinen Verdienstausfall hatte. Und dies glückte mir schließlich auch. Ich erwähnte bereits, daß ich jetzt des Abends ausging, nachdem ich nur »Bescheid gesagt« und nicht »gefragt« hatte. Und ich ging recht häufig aus, besonders nach Apperdeich, wo das Schlafkammerfenster meiner Dora nicht durch ein garstiges Gitter versperrt war. Dieses Ausgehen, ohne zu fragen, wollte mir mein Bauer verleiden. Zu diesem Zweck gab er den übrigen Leuten strenge Anweisung, mich beileibe nicht einzulassen, wenn ich des Nachts nach vollbrachtem Ausgang bei ihnen anklopfen würde. Anders wie durch dieses Anklopfen bei meinen Mitknechten konnte ich aber nicht hineinkommen, da sämtliche Türen beim Abfüttern sorgfältig zugeschüttet wurden. Der zweite und dritte Knecht sagten mir zwar, sie würden auf den Befehl des Bauern pfeifen und mich dennoch einlassen; ich aber riet ihnen davon ab, denn mir tat der Bauer mit seiner törichten Anordnung durchaus keinen Schabernack, im Gegenteil, einen großen Gefallen. Bisher war ich nämlich, wie es gerade so kam, um 11 oder 12,[232] vielleicht auch wohl um 2 oder 3 Uhr nachts von meinen Ausgängen zurückgekehrt. Jetzt aber blieb ich einfach bis zum anderen Morgen fort. Hatte der Bauer also geglaubt, ich würde nach meiner Heimkehr mehrere Stunden im schönsten Winterwetter auf der Hofstelle umherpatroullieren müssen, ehe sich die Stalltüren öffneten, so mußte er bald einsehen, daß er um diese heimliche Freude betrogen war. Ganz gemächlich kam ich des Morgens anspaziert, wenn die anderen schon munter waren, und der Bauer mußte sie obendrein noch wecken, was sonst ich besorgt hatte. Bei dieser Gelegenheit bekam der Bauer allerdings Kenntnis von einer Unterlassungssünde, die ich mir hatte zu schulden kommen lassen, und die er bis dahin noch nicht gewahr worden war. Ich ließ nämlich unseren schulpflichtigen Kleinjungen, der nur zweimal in der Woche je einen halben Tag zur Schule zu gehen brauchte, des Morgens immer bis kurz vor der Frühkost im Bette liegen, weil es mich dauerte, daß solch 13jähriges Bürschchen mit uns anderen zusammen auch schon um 4 Uhr früh an die Arbeit sollte. Dem Jungen fielen schon immer des Abends vor Müdigkeit die Augen zu, wenn er seine paar Schularbeiten machte, und des Morgens taumelte er auch noch halb im Schlaf nach der Boos; was konnte er da viel leisten! Deswegen nahm ich mir als Großknecht einfach die Befugnis, ihn des Morgens noch anderthalb Stunden länger schlafen zu lassen, und weckte ihn immer erst, wenn die Essenszeit herangerückt war. Die übrigen Knechte waren ohne weiteres damit einverstanden gewesen. Jetzt aber, da der Bauer infolge seiner Ausgehschikane gegen mich mehrfach genötigt war, das Wecken der Leute selbst zu besorgen, fiel es ihm auf, daß er den Kleinjungen so schwer aus dem Bett bekommen konnte. Er fragte, wie das zuginge, und erhielt von dem Kleinknecht die Antwort, daß ich den Jungen die ganze Zeit über erst um 1/26 statt um 4 Uhr weckte. Voller Grimm stellte mich der Gestrenge nun hierüber zur Rede, als ich an diesem Morgen von meinem Ausgange zurückkehrte und die Boos betrat. Wie ich dazu komme, mir solche Eigenmächtigkeit herauszunehmen, schnob er mich an; ich hätte ihn um die Arbeitsleistung des Jungen betrogen, das werde er mir anstreichen.[233] Ich suchte ihm nun zunächst klar zu machen, daß es eigentlich eine Quälerei sei, solch Kind schon so frühzeitig aus dem Bett zu jagen und erinnerte ihn an seine eigenen Kinder, die er doch auch nicht so früh aufstehen lasse, obwohl sie überhaupt nicht zu arbeiten brauchten. Da kam ich aber schön an. Wild wetterte er los: Das ginge mich gar nichts an, darüber hätte einzig und allein er selbst zu bestimmen. Wofür gäbe er dem Jungen denn Brot und Lohn, doch nicht damit er im Bett herumfaulenzen solle. Wir Schlag Leute seien nun einmal zur Arbeit geboren, das könne ich mir merken. Übrigens werde er den Schaden, den er durch das zu späte Aufstehen des Jungen gehabt habe, berechnen und mir denselben vom Lohn abziehen. Ob dieser Gemütsroheit des Bauern begann mir's nun doch zu kribbeln, und ich antwortete ihm kurz und bündig: Er könne mir, wenn es ihm Spaß mache, mit Respekt zu vermelden ? ? und damit zitierte ich auf gut Plattdeutsch den seligen Götz von Berlichingen. Ich will gerne gestehen: besonders höflich war das von mir gerade nicht; doch ich wurde noch etwas unhöflicher. Zwar um die Zornkapriolen des Bauern und um sein Schimpfen und Brüllen hätte ich mich nicht weiter gekümmert, denn der Stall war ja sein Eigentum, da konnte er meinethalben toben, solange er Lust hatte. Doch als ich den Kühen das Kraftfutter vorgab, sah ich den Jungen dort weinen. Auf meine Frage erzählte er mir, daß der Bauer ihn heute Morgen, als er beim Wecken nicht gleich aus dem Bett gesprungen war, mit einem Stock geschlagen hatte. Der zweite und dritte Knecht hätten ihn zwar schützen wollen, doch habe ihm ihr Einspruch nichts genützt. Die beiden Knechte bestätigten mir die Mißhandlung des Knaben. Nun begann mir's zu kochen. Im nächsten Augenblick stand ich auch schon vor dem Bauern und fragte ihn, weshalb er den Jungen geschlagen habe. Die Art, wie ich fragte, mußte ihm wohl gerade genug gesagt haben. Unwillkürlich wich er einige Schritte zurück und suchte in offensichtlicher Beklemmung nach Worten. Nur ein paar unartikulierte Laute brachte er heraus, da hatte ich ihn bereits bei der Kehle. Zehn Minuten später war mein Bauer kaum wieder zu erkennen. Der ganze Kerl sah aus, als sei[234] er frisch aus einem Misthaufen gezogen. Die weißen Hemdärmel, Hose, Gesicht und Haar waren über und über mit Jauche und Stallmist besudelt, seine Morgenlatschen hatte er verloren, und seine Strümpfe quutschten. So erhob er sich stöhnend aus der »Gööt« hinter den Mastochsen, in der ich ihn mehrmals gründlich umgekehrt hatte. Während der ganzen Prozedur konnte ich vor Wut nichts weiter sagen, wie: »Töw, du Burenlaps verdammter, dir will ick hölpen!« Ich glaube, ich hätte ihn auch vorläufig noch nicht wieder losgelassen, trotzdem ich mir die Haut von den Fingerknöcheln geschlagen hatte. Doch ein vertrakter Mastochse, dem die Wühlerei hinter sich wohl nicht länger gefallen mochte, ermahnte mich mit einem gutgemeinten Hufschlag daran, daß es nun Zeit sei, aufzuhören. Dennoch konnte ich nicht umhin, dem davonhinkenden Bauern mit einem abgebrochenen Forkenstiel noch ein paar Hiebe »zum Abgewöhnen« über das Kreuz zu ziehen. So hatte der Bauer also schon in aller Morgenfrühe auf den nüchternen Magen eine Reinigung erhalten, von der ihm in der Nacht wohl noch nichts geträumt haben mochte. Drinnen im Vorderhause blieb es seiner Frau nun überlassen, ihren geliebten »Gorg« zu bedauern und ? abzuwaschen. Mit ein paar Kratzschrammen machte ich mich sodann an die Arbeit; unsere übrigen Leute aber freuten sich nicht wenig darüber, daß der grobklotzige Bauernprotz bei mir mal »an den Richtigen« gekommen war. Zweifellos hätte mich Georg Breetfoot wegen dieses Vorfalls ohne weiteres entlassen können, denn diesmal war nicht er, sondern ich der Angreifer gewesen. Doch merkwürdigerweise tat er dies nicht. Auch Strafantrag stellte er nicht gegen mich, obwohl er zuerst damit drohte. Es war ihm wohl zu blamabel erschienen, als Bauer in der Rolle des Verprügelten vor Gericht hinzutreten. Auch entspricht es einer alten Landessitte in Dithmarschen, nicht gleich wegen einer Tracht Prügel zum Kadi zu laufen. Wenn man sich im Handgemenge Mann gegen Mann nicht wehren kann, ist man in der Regel mit seinem Schaden zufrieden und sagt am liebsten nichts davon. Weil aber die gutgenährten und von Arbeit nicht übermäßig geplagten Bauern im Durchschnitt[235] körperlich stärker sind, wie die meisten noch nicht im vollen Mannesalter stehenden Knechte, so gilt es für solchen 6 bis 7 Fuß-Bauern auch als doppelt blamabel, wenn er und nicht der Knecht vergerbt wird. Amazon.de Widgets Hatte ich jedoch geglaubt, mein Bauer werde von jetzt ab andere Saiten aufziehen, so befand ich mich sehr im Irrtum. Einige Tage ging's zwar, aber dann war's wieder die alte Leier. Besonders übellaunig gebärdete er sich, als ich mir auch noch zu allem Überfluß bei der Arbeit die rechte Hand verstauchte. Fortwährend jammerte er: »Dar heww ick nu 'n Knecht, un arbeiden kann he ni; wat nützt mi 'n Knecht, wenn he ni arbeiden kann!« Mit mir, so meinte er, hätte er doch richtiges Malheur. Das schönste hierbei war aber, daß er jetzt selbst den Doktor spielte. Mit wichtiger Kennermiene befühlte er das geschwollene Handgelenk und drückte und knutschte daran herum, daß mir ganz blümerant wurde; dann holte er aus seinem »Medizinschrank« etwas zum Einreiben und etwas zum Schmieren. Das zum Einreiben hatten wir kurz zuvor bei einer lahmen Kuh gebraucht, und das zum Schmieren wendeten wir an, wenn ein Pferd die Mauke bekam. Ich protestierte erst gegen diese Pferdekur; doch er war der Ansicht: Was einem Stück Vieh hilft, das müsse einem Menschen erst recht helfen ? besonders wenn dieser Mensch ein Knecht ist, dachte ich. Überhaupt sei es ganz entschieden das beste, fügte er hinzu, wenn wir gleich beide Mittel auf einmal in Anwendung brächten, dann heile es doppelt schnell. Damit schmierte, rieb und pinselte er drauf los, als wolle er die verstauchte Hand schon in einer halben Stunde wieder ins Lot bringen. Ich glaube, hätte er noch ein Dutzend anderer solcher Heilmittel aus der Tierarznei zur Hand gehabt, er würde möglicherweise auch diese noch angewandt haben. Es fehlte nur, daß er mir noch Kolikpillen gab. Natürlich fühlte ich schon kurze Zeit nach dieser Einreibung ein scheußliches Brennen in dem verletzten Gelenk. Als es mir gar zu stark wurde, nahm ich zum Verdruß meines Wunderdoktors den Schmierverband schleunigst wieder ab; mir war's dabei, als wenn gleich das Fell dran hängen blieb. Nun kühlte und massierte ich[236] selbst, so gut es ging, und nach einigen Tagen konnte ich die Hand wieder gebrauchen. Den Erfolg schrieb der Bauer selbverständlich seiner Radikalkur zu; er ließ es sich auch nicht ausreden, sondern beharrte darauf, daß ich schon mindestens zwei Tage eher arbeitsfähig gewesen wäre, wenn ich die Pferde- und Rindviehmixturen weiter angewendet hätte. Inzwischen versäumte er es nun nicht, sich zur Abwechselung weidlich mit den beiden anderen Knechten herumzuzanken; ja die bekamen jetzt noch mehr zu hören, wie ich. »De Grotknecht dögt all nix,« sagte er, »awer jem beiden dögt irst recht nix; keenen dörchkauten Prüntjer sünd jem wert!« So ging es also immer lustig weiter. Um das Maß voll zu machen, ordnete er auch den übrigen an, jeder, der des Abends zu Dorfe gehe ? ganz gleich ob Knecht oder Deern ? solle spätestens punkt 10 Uhr wieder zu Hause sein; wer später käme, fände keinen Einlaß mehr und könne sehen, wo er die Nacht über bleibe. Auch gestattete er das Ausgehen nur noch einmal in der Woche. »Un dat befehl ick jem jetzt alltosam!« setzte er mit Nachdruck hinzu. Gelassen warf ich ihm die Bemerkung zu, daß er uns überhaupt nichts zu befehlen, sondern lediglich etwas anzuordnen habe, doch das überhörte er absichtlich. Zum Zeichen dafür, daß es ihm bitterster Ernst mit seinem Befehl sei, schloß er von nun an regelmäßig die Zwischentür zwischen Stall und Vorderhaus ab, und wenn er selbst ausgefahren war, so gab er den Schlüssel der Mamsell in Verwahrung, mit der strengen Weisung, keinen von uns nach 10 Uhr einzulassen. Natürlich zeigten die anderen ebensowenig wie ich die geringste Lust, bei schlechter Kost und noch schlechterer Behandlung Tag ein und Tag aus, von morgens bis abends nur zu arbeiten, zu schuften und zu schinden, und dann auch noch nach Feierabend wie Strafgefangene hinter dem vergitterten Fenster zu hocken, bis wir schließlich gewissermaßen auf Kommando ins Bett kriechen sollten. Es war wahrhaftig schon schlimm genug, daß die Bäuerin uns immer nur so viel Petroleum verabfolgte, daß uns die Lampe bereits um 9 oder 1/210 Uhr vor der Nase ausging. Wenn uns da nicht einmal außerhalb der muffigen Bude ein wenig Abwechselung[237] gegönnt wurde: was hatten wir denn von unserem Leben? Gibt's nicht, sagte ich, wir werden ihn schon kurieren! Und damit war mein Plan auch schon fertig. Sowenig uns unser Bauer nämlich das Ausgehen gönnte, so sehr liebte er es selbst. Jede Woche fuhr er mit seiner Frau mindestens einmal, häufig genug auch zwei- und dreimal zu anderen Bauern zur »Visite«, oder zu Veranstaltungen irgendwelcher Art nach Büsum oder Wesselburen. Die Visiten beruhten auf Gegenseitigkeit; es ging dabei reihum, je nach der Größe des Bekannten- oder Verwandtenkreises; ebenso kamen dann auch von Zeit zu Zeit eine Anzahl Bauern nach unserem Hofe zur Visite. Diese Gastereien dauerten gewöhnlich bis nach Mitternacht, ja nicht selten bis 1 oder 2 Uhr morgens. Für uns waren die Visiten mit nicht geringen Unannehmlichkeiten verknüpft. Wir Knechte mußten nämlich, da wir unmöglich bis zur Beendigung der Gasterei wach bleiben konnten, immer so lange mit unserem Zeug am Leibe im Bett liegen, bis es den Herrschaften wegzufahren oder umgekehrt unserem Bauern zurückzukommen beliebte; es war dann unseres Amtes, die Pferde an-oder auszuspannen. Wieder fuhr nun unser Bauer eines schönen Tages davon; um zwei Uhr nachts kam er heim. Diesmal legten wir uns jedoch nicht mit Zeug ins Bett, sondern zogen uns aus und schliefen wie die Murmeltiere. Wie gewöhnlich klopfte er ans Fenster und rief, wir sollten aufstehen und ausspannen. Keiner von uns rührte sich. Er klopfte stärker und rief all unsere Namen ? keine Antwort. Nun fing er an zu fluchen wie ein Unteroffizier und schimpfte auf uns schwerhörige Gesellschaft, als wolle er die Bude ins Wanken bringen ? niemand rührte sich. Da riß er ein Streichholz an und leuchtete ins Fenster ? jawohl wir lagen im Bett. Noch einmal rief er meinen Namen, nein er brüllte ihn, so laut er konnte. Da endlich wende ich mich dem Fenster zu und frage so recht verschlafen: »Wer is da?« Du lieber Himmel, ließ er da eine Litanei los. »Dammi, wat is dat vör'n Wirtschaft mit di verfluchten Kirl,« gröhlte er, »wullt du ni rut un utspannen?« Gemütlich rief ich ihm zu, ich hätte jetzt[238] keine Zeit, er solle sich seine Pferde nur getrost alleine ausspannen. Einen Augenblick stand er da wie vor den Kopf geschlagen. So etwas war ihm doch noch nicht vorgekommen. Dann rief er die anderen Knechte; doch statt deren antwortete ich: »Giw dir man keen Möh, de kamt ok ni! Wenn du uns ni inlaten wullt, wenn wi utgaht ? lat wi di ok ni in, wenn du utgeihst. Hest dat verstahn? Un nu seh to, wu du mit din Bück' klar warst.« Was sollte er machen! Ewig konnte er da draußen ? und noch dazu in dem Hundewetter, wie es gerade herrschte ? doch nicht mit den Pferden stehen bleiben. Da ihm alles Fluchen und Toben nichts nützte, so mußte er sich wohl oder übel bequemen, selbst auszuspannen und die Tiere auf den Stall zu bringen. Zuvor machte er aber nochmals den Versuch, uns rauszulüften. Er war vorn durch die Haustür gegangen und rüttelte nun an unserer verriegelten Kammertür wie wild. Wenigstens solle der Junge herauskommen, verlangte er, wenn wir anderen zu faul und zu niederträchtig dazu seien. Ich bedeutete ihm jedoch in aller Entschiedenheit, daß auch der Junge nicht aufstehen werde. Im übrigen riet ich ihm dringend, uns jetzt endlich in Ruhe zu lassen, wenn er nicht noch mitten in der Nacht eine zünftige Wucht Prügel riskieren wolle. Mit den Worten: »Man is würklich ni mal mehr Herr in sin eegen Kate«, ging er darauf nach der Boos und besorgte die Pferde. Als er eben damit fertig war, pflanzte er sich abermals vor unserer Kammertür auf und rief: ich solle herauskommen; er wolle mir sofort mein Geld geben und dann könne ich seinethalben noch sogleich in der Nacht meiner Wege gehen. Ich erwiderte ihm, das sei mir zwar sehr lieb zu hören, doch darüber könnten wir uns ja auch morgen früh unterhalten, jetzt hätte ich keine Sprechstunde mehr. Wie sich die anderen über diesen nächtlichen Zwischenfall freuten, kann sich jeder denken. Kaum waren wir am Morgen in der Boos, da kam auch schon der Bauer zu uns. Das sei ja eine nette Wirtschaft, meinte er zu mir, so könne das unter keinen Umständen weitergehen. Es sei ja bald so weit gekommen, daß ich den Bauer spiele und er den Knecht.[239] Hier warf ich ein, wenn er so merkwürdige Begriffe von Bauerspielen habe, dann möge er meinetwegen die Rollen getrost als vertauscht betrachten; ich hätte nichts dagegen. Da platzte er mit einem Mal heraus: »Weeßt du wat? Ick heww mi de Saak öwerlegt; dat ward nix mehr mit uns. Um allens wat ik di bäden kann, Minsch ? doh' mi den eenzigsten Gefallen, un mak dat du wegkummst! Du kannst jo 'n Peerd dotargern!« Wer war froher wie ich. Mit Vergnügen willigte ich ein, doch ? »wu steiht dat hiermit?« fragte ich, und machte eine unzweideutige Bewegung mit Daumen und Zeigefinger. »Ick gew di all wat dir hört,« sagte er darauf, »wenn ick di bloß irst glücklich los bün.« Es dauerte auch gar nicht lange, da waren wir uns einig über den Lohn. Ich bekam 25 Taler ausbezahlt, und dann wünschte er mir mit beiden Händen Glück und Segen ? nur wiederkommen sollte ich nicht. Wohlgemut zog ich von dannen. Vierzehn Tage später folgte mir auch der zweite Knecht. 
 Drei Jahre Kavallerist  [167] »Dragoner-Regiment 13« ? so hatte man mich bei der Aushebung angeschnarrt. Bei dieser Truppe sollte ich nunmehr drei Jahre preußische Zucht und Ordnung kennen lernen. Nun, ich hatte es nicht ungern gehört, daß ich Soldat werden mußte ? wenigstens hatte ich das Kommißleben dann doch durchgemacht und »konnte mitreden«, wenn sich andere darüber unterhielten. Dümmer würde ich sicher nicht danach werden, wenn ich drei Jahre im bunten Rock abriß. Auch war es eine Abwechselung in dem ewigen Einerlei der ländlichen Arbeit, die ich nun schon jahrelang verrichtete, und schließlich: man wird auf dem platten Lande immer für etwas voller angesehen, wenn man Soldat war. Also: meinethalben! Für die Kavallerie hatte ich mich schon seit jeher besonders interessiert, mehr wie für die »Sandhasen« oder »Kanonenstöpsel«. Ich dachte an all die Erzählungen, die ich in meiner Jugend über das Soldatenleben mit angehört hatte; versetzte mich in die Zeit zurück, wo ich zu Hause während der Herbstmanöver den einquartierten Soldaten nachgelaufen war und meine helle Freude an der schmetternden Militärmusik gehabt hatte. Wie schön mußte es doch sein: Reiten, Turnen und Fechten nach Belieben und mit Musik; gut Essen und Trinken, in feiner Uniform umherspazieren, dazu Geld wie Heu; im schlimmsten Falle mal ein bißchen Krieg, aus dem man natürlich ordengeschmückt wieder heimkehrt. Hieß es doch auch in einem »Mahnwort an die jungen Rekruten«, das man uns in die Hand drückte, also: »Der Soldat trägt des Königs Rock; er wird dadurch gleichsam ein anderer Mensch. Sein Gang wird stolz und elastisch, seine Haltung edel und selbstbewußt. Durch Strapazen und den täglichen Dienst wird sein Körper abgehärtet und gestählt, deshalb erträgt er sie mit Freuden. Die militärische Disziplin lehrt ihn Order parieren, damit er gegebenenfalls selbst Befehle erteilen kann. Sein Ehrgefühl verfeinert sich. Nur in Waffen fühlt der[168] Mann sich stolz und frei, mit Wehr und Waffen verteidigt er auch, wenn's Gott befiehlt, die Ehre der Nation. Auf den Schultern des Soldaten ruht das Wohl und Wehe des gesamten Vaterlandes. Er ist es, der mit todesverachtendem Mute die Grenzen des Reichs, sowie Hab und Gut des Volkes schützt. Darum: Glücklich, wer berufen wird, unter die Fahne zu treten; die militärische Dienstzeit macht den Jüngling erst zum vollen Mann!« Das klang ja wirklich nett. Also: Kopf hoch. Das Regiment lag in Elsaß-Lothringen, in der berühmten Festung Metz. Ich würde also historischen Boden betreten, jenen Teil des Reichslandes, auf dem mehrere der wichtigsten und blutigsten Schlachten des Krieges von 1870/71 geschlagen worden waren. Ich bekam somit auch noch etwas von der Welt zu sehen. Und das besonders freute mich. In der Ostecke Deutschlands war ich geboren, an der Waterkant im Nordwesten hatte ich jetzt jahrelang gearbeitet, nun sollte ich die Südwestecke kennen lernen ? das konnte keinen Schaden tun. Zweifellos war's besser, als wenn ich nie aus meinem hinterpommerschen Geburtsorte herausgekommen wäre. Wohlgemut wanderte ich nach dem Flecken, der zugleich Eisenbahnstation ist. Hier erhob ich auf der Steuerkasse noch meine »Marschkompetenzen« in der imponierenden Höhe von 24 Groschen, und dann ging's nach dem Bahnhof. Dort warteten bereits eine Anzahl Rekruten aus anderen Dörfern auf den nächsten Zug. Auch sie sollten nach Metz zu den Dragonern oder nach Straßburg zu den Ulanen. Schnell waren die zukünftigen Regimentskameraden mit einander bekannt. Während der Fahrt gesellten sich auf den verschiedenen Stationen noch weitere »Vaterlandsverteidiger« zu uns. Die meisten waren ausgelassen lustig, nur einige ziemlich niedergedrückt, wie wenn sie trüber Ahnungen voll wären. In Rendsburg, dem gemeinsamen Sammelpunkt der Rekruten, suchte sich jeder ein Nachtquartier. Am an deren Morgen hatten wir uns alle auf dem Paradeplatz einzufinden. Dort erschienen bald einige Offiziere und Unteroffiziere vom Bezirkskommando,[169] die den Haufen ordneten und sich überzeugten, ob alles richtig zur Stelle war. Wir empfingen alsdann in einer alten Trainbaracke jeder eine Wolldecke zum Gebrauch während der mehrtägigen Eisenbahnfahrt, und dann wurde der Trupp nach dem Bahnhof geführt. Bald waren die Mannschaften in den Waggons untergebracht ? und fort ging's, dem neuen Bestimmungsorte entgegen. Während der fast dreitägigen Fahrt herrschte unter uns jungem Volk meist eitel Fröhlichkeit. Das wogte in den verqualmten Wagen hin und her, wie in einem Ameisenhaufen. Hier kaute einer an dem Schinken, den ihm die fürsorgliche Mutter eingepackt hatte; dort bearbeitete jemand einen mächtigen »Stuten«, das Geschenk einer alten guten Tante. Gruppenweise standen andere zusammen, lärmten und gröhlten und ließen vergnügt die Flasche kreisen. Unterdessen rollte der Zug immer weiter. Hamburg ? Bremen ? Osnabrück. Erstes Nachtquartier, unvergeßlich wegen der zahllosen Wanzen, die uns im Schlafe peinigten. Essen ? Düsseldorf ? Deutz. Übergang über die Rheinbrücke nach Köln, dann Trier. In der Stadt des heiligen Rockes zweites Nachtquartier. Hier trank ich die erste Flasche Wein in mei nem Leben, obendrein noch in einer »Damenkneipe«; ich konnt's mir ja leisten, da der Halbjahrslohn in meiner Tasche steckte. Am nächsten Tage ging die Fahrt durch das herrliche Moseltal. Als Diedenhofen passiert war, suchte jeder seine Siebensachen zusammen. Die Flasche machte noch einmal die Runde, Heimatslieder erklangen, dann aber lagerte sich eine erwartungsvolle Stille über den Transport. Mit gewisser Besorgnis im Ton sagte nun schon mancher zu seinem Nachbar: Bald sind wir da, wie wird's uns gehen? Da horch, ein schriller Pfiff der Maschine; der Zug mäßigt seine Geschwindigkeit. Langsam rollt der Wagentrain in den Bahnhof. Metz ist erreicht. Aussteigen! Schon werden die Rekruten von einem Offizier und mehreren Unteroffizieren nebst dem Trompeterkorps des Regiments erwartet. Die meisten von uns sehen hier die hellblaue Uniform der 13. Dragoner zum erstenmal. Schnell bringen die[170] Unteroffiziere etwas Ordnung in den wirren Haufen, die Trompeter setzen sich an die Spitze des Zuges, und unter den Klängen der lustigen Marschmusik geht's durch die Stadt nach der Kaserne. Bei diesem Marsch gab es für uns Dörfler natürlich allerhand zu bewundern. Besonders die riesigen Festungswälle und Wallgräben am Bahnhofstor machen auf jeden Neuling einen gewaltigen Eindruck. Alle staunten wir die mächtigen Kriegsbollwerke im Vorbeigehen an. Endlich waren wir auf dem Kasernenhof. Die Musik trat ab. Dafür kamen aus der nahen Kantine die Wachtmeister der einzelnen Schwadronen und musterten unseren Rekrutenhaufen. Der eine meinte lachend: »Na da wäre ja unsere Mobilgarde.« Sie sahen übrigens recht gewichtig aus, diese Wachtmeister. Besonders zwei von ihnen hatten einen so netten Leibesumfang, daß ich gleich im Stillen das Pferd bedauerte, das solchen uniformierten Fettkloß tragen mußte. Ich wandte meine Blicke dem massigen Kasernenbau zu. Zwei mächtige, fast unheimliche Gebäude schlossen die beiden Längsseiten des Kasernenhofes ein. In dem einen lag Infanterie, in dem anderen die Dragoner. Ein drittes Gebäude mit Portal und Wache verband die beiden ersteren miteinander, so daß der Kasernenhof ein Rechteck bildete, der an seiner vierten Seite von der Kantine und einer Mauer begrenzt war. Aus den vielen Fenstern guckte hier und da der kurz geschorene Kopf eines der dienenden Mannschaften heraus, die untenstehenden Rekruten mit überlegenem Grinsen betrachtend. Im Parterre der drei Gebäude befanden sich die Pferdeställe. An einem derselben las ich deutlich die Worte: 1. Eskadron, Dragoner-Regts. Nr. 13 16 kgl. Dienstpferde. Doch zu langen Betrachtungen blieb keine Zeit. Eine Anzahl Offiziere näherten sich. Es waren der Regimentskommandeur, die fünf Rittmeister, der Adjutant und mehrere Leutnants. Vornehm und stolz schritten sie an den jungen Mannschaften vorüber, den Wachtmeistern einige kurze Befehle erteilend. Aus[171] dem Rekrutenhaufen wurden jetzt fünf Trupps formiert, für jede Schwadron einer. Die Verteilung erfolgte ziemlich gleichmäßig, je nach dem bürgerlichen Beruf der Rekruten. Ich kam zur 1. Schwadron. Die Trupps wurden nun von Unteroffizieren nach den Blocks auf die Rekrutenstuben geführt, woselbst jeder einen Spind angewiesen erhielt. Schnell entledigte man sich seines Gepäcks. Dann rief ein Unteroffizier: »Antreten zum Essenholen!« Jedem Manne wurde ein Eßnapf ausgehändigt, und hierauf ging's im Gänsemarsch nach der Küche. Auf der schwarzen Küchentafel prangte die vielverheißende Inschrift: Milchreis mit Wurst. Aus dem mächtigen Kessel schöpfte ein in auffallend schmierigem Drillzeug steckender »Küchenhamster« jedem einen Klacks des Breis in den Napf. Ein zweiter Küchenmann verabreichte dazu ein Stückchen gewöhnlicher Blut- oder Leberwurst. Wieder auf der Stube angelangt, gruppierte man sich auf den einfachen Schemeln oder Böcken bunt um den großen Tisch und begann seinen Milchreis auszulöffeln. Manchem wollte es allerdings nicht recht schmecken; er öffnete schleunigst seinen Spind und labte sich an den mitgebrachten Mundvorräten. Nach beendeter Mahlzeit hatten wir Rekruten Ruhe. Wir hörten zwar die Signale zum Stalldienst und sahen die alten Mannschaften nach den Ställen laufen, doch wir selbst durften uns ungestört den Eindrücken überlassen, die der erste Tag in der Kaserne auf uns machte. Des Abends kam der Unteroffizier vom Tagesdienst mit einem Gefreiten auf die Stube. Er befahl uns Rekruten, von unseren Plätzen aufzustehen, und erklärte, daß der Gefreite als Stubenältester bei uns bleiben werde. Wir hätten ihn als unseren Vorgesetzten zu betrachten und seinen Anordnungen unweigerlich Folge zu leisten. Dann wurde auf der Kasernenwache die Retraite geblasen, das Zeichen zur Ruhe zu gehen. Der Stubengefreite wies jedem eins der zu zweien übereinanderstehenden Betten an, und auf hartem Strohsack träumte ich bald von den zukünftigen Freuden meines nunmehr ernstlich beginnenden Kommißlebens. Am andern Morgen punkt 4 Uhr ertönte ein Trompetensignal.[172] »Aufstehen«, rief der eintretende Unteroffizier vom Dienst. »Na nu man raus aus der Falle!« schallte es auch gleich darauf aus dem Munde des Stubengefreiten. Ich schnellte von meinem Strohsack in die Höhe, prallte aber sofort wieder zurück, denn mein Kopf hatte eine recht fatale Bekanntschaft mit der oberen Bettstelle gemacht. Mein über mir liegender Kamerad hatte das umgekehrte Pech, denn als der die Beine aus der »Klappe« warf, fand er keinen Boden unter den Füßen; unsanft purzelte er aus der »oberen Etage« herab. Ähnlich ging es mehreren. Einige Schläfer aber, die an ein so zeitiges Aufstehen nicht gewöhnt waren und sich in die neuen Verhältnisse nicht schnell genug hineinzufinden vermochten, rieben sich auf dem Strohsack schlaftrunken die Augen. Doch wie erstaunten sie, als ihnen der Gefreite da plötzlich mit rauher Hand die Decke vom Leibe riß und mit künstlich gesteigerter Vorgesetztenstimme losbrüllte: »Na wollt ihr nicht raus aus dem Stinkkorb, ihr Stifte? Ihr glaubt wohl, ihr seid noch bei Muttern. Raus, oder ich gieß' Euch 'n Krug Wasser über 'n Balg!« Ein solcher Morgengruß verfehlte seine Wirkung nicht. Auch die Verschlafensten krochen jetzt eilig zwischen den Betten hervor und fuhren in die Kleider. »So nun wollen wir Klappen bauen, in den Stall braucht ihr heute morgen noch nicht«, ließ sich der Gefreite vernehmen. Hierauf mußten sich sämtliche Rekruten aufstellen. Der Gefreite schüttete seinen Strohsack auf, breitete die Wolldecken aus, legte sie glatt gefaltet wieder zusammen, zog die Schlupe darüber und praktizierte das Ding dann mit graziösem Schwung auf den Strohsack. Ein Kniff bei dem Kopfpolster, und die Klappe war vorschriftsmäßig »gebaut«. Nun mußten wir unsere eigenen Betten vornehmen. Aber du lieber Gott, war das ein Gewühl! Einer stand dem anderen im Wege, wir rannten uns fast gegenseitig um. Dem Gefreiten machte das Gekrabbel offensichtlich Vergnügen, dennoch schimpfte er wie wild, als den ungeschickten Händen seiner Untergebenen das »Bauen« nicht gelingen wollte. Glaubte jemand, seine Falle so leidlich in Ordnung zu haben, so fuhr ihm der liebenswürdige Vorgesetzte mit seinen zarten Händen wieder[173] dazwischen. »Dat is jarnischt, nochmal machen!« hauchte er ihn an, und der Verblüffte konnte wieder von vorn anfangen. Endlich waren die »Klappen« halbwegs im Lot. »Na jut is das noch lange nicht«, meinte der Gefreite zu der schnaufenden Kolonne, »aber wartet nur, ihr lernt's schon; für heute mag's so gehen.« »Jetzt vorwärts, die Bude reinigen! Wasser holen, ausfegen!« Die Spinde wurden abgewischt, die »Böcke« obendrauf gepackt; dann wurde der Fußboden besprengt und mit einem bis zur Unkenntlichkeit abgenutzten Besen gefegt. Nach einer halben Stunde erklärte der Gefreite: »Dreckig genug sieht's noch aus, doch wir haben keine Zeit mehr. Antreten zum Jie tzen!« Verwundert sahen wir uns an. »Jietzen«, was ist das? »Vorwärts, kriegt eure Jietznäppe raus, ich meine eure Freßtöppe!« Jetzt fingen wir an zu begreifen. Wir holten unsere Eßnäpfe aus dem Spind und trabten unter Führung des Gefreiten nach der Küche, wo jedem ein mächtiger Löffel brauner Brühe in den Napf geschöpft wurde. Das war unser »Kaffee«. Nach beendetem Frühstück kamen eine Anzahl »alter Leute« auf die Stube, jeder einen Haufen Uniformstücke, Waffenröcke, Hosen, Drillzeug, Halsbinden, Stiefel, Mützen, Helme, Hemden usw. auf dem Arm. Der Kammerunteroffizier oder Quartiermeister folgte mit einer Klopfpeitsche in der Hand. »Lumpen empfangen!« rief der Gefreite. Nun ging's ans Verpassen der Sachen, ans Einkleiden; es war die »fünfte Garnitur«, die an uns verteilt wurde. Himmel, war das eine Garderobe! Die Hosen mit dem geflickten Reitleider konnten fast alleine stehen, so steif waren sie, ein Lappen saß am anderen. Die Röcke schienen etwas besser zu sein, immerhin mußten auch sie schon manchen Sturm erlebt haben; das Futter war vielfach zerrissen und der Besatz abgeschabt. Am drolligsten sahen die Stiefel aus; wahre Quadratlatschen mit vernagelten Sohlen und abgeplatzten Riestern, dazu mit so unförmlich weiten Schäften, daß unsere nicht übermäßig starken Waden sozusagen fast nirgends anstießen. Natürlich war jeder von uns bestrebt, möglichst gute Sachen zu[174] erhalten. Schien ihm ein Stück gar zu schlecht, so wandte er sich mit süßsaurer Miene an den Quartiermeister: »Herr Schersant, dies paßt nicht.« »Warte nur, dir soll der Wallmusch schon passen«, rief dieser, und schwapps gab's einen mit dem Rockärmel um die Ohren. »Drück' deinen dicken Buttermilchsbauch ein bißchen zusammen, du Rhinozeros, damit du den untersten Knopf zukriegst«, schnauzte der edle Sergeant weiter; oder »Mach daß du mit deinen krummen Knochen in die Treter reinkommst, sonst helf ich dir, du Torfbauer«. Konnte jemand keine passende Mütze finden, der Quartiermeister wußte Rat. »Komm her, du altes Kamel, sieh mal, diese Morgenhaube wird woll auf deinen dämlichen Dickkopp passen.« Damit streifte er dem Unglücksraben die erste beste Feldmütze über den Schädel. Am amüsantesten ? für den Quartiermeister ? war das Verpassen der Helme. Ich denke noch heute daran, wie er mir einen dieser messingbeschlagenen Ledertöpfe mit solcher Wucht auf den Kopf stülpte, daß ich beinahe zusammenknickte. Dabei sagte er mit vergnügtem Lachen: »Siehst du, ich finde schon eine Dunstkiepe für deinen Brummschädel, das Zündhütchen paßt wie angegossen.« Endlich sind die Mannschaften eingekleidet. Der Quartiermeister wirft noch einen letzten prüfenden Blick auf sein Werk, und siehe, es war sehr gut. »Antreten zum Putzzeug kaufen!« ruft nach einer Weile der Gefreite. Die Rekrutenunteroffiziere gingen nun mit ihren Zöglingen nach der Kantine. Hier erhielt jeder Rekrut gegen gleich bare Bezahlung die nötigen Putzutensilien. Wer kein Geld hatte ? es gab auch solche Leute unter uns ? dem wurde der Betrag dafür nach und nach von der Löhnung abgezogen. Ach, was braucht doch ein Kavallerist alles für Putzzeug! Knopfgabel, Wichse, Klopfpeitsche, verschiedene Bürsten, Stiefel- und Sattelzeugschmiere, Hufkratzer, Polierkette, Putzstein, Putzkalk, Putzlappen, Neuweiß, Talkum, Putzöl, Nadel und Zwirn, dazu den Brustbeutel und nicht zu vergessen den Putzbeutel, in dem man all diese Herrlichkeiten in der Rekrutenzeit umherschleppen mußte. Hinzu kommen noch Fußlappen und ein Spindschloß.[175] Es ist immer ratsam, das Putzzeug nicht zu knapp anzuschaffen, denn die »alten Leute« betrachten es durchgehends als ihr Privilegium, sich ihren Bedarf an Putzkram von den Rekruten zu »leihen«, das heißt auf Nimmerwiedersehen. Wem's nicht paßt, der kriegt 'n »Flicken«; »melden« ist nicht. Nach dem Mittagessen ? es gab »Graupen mit Pflaumen«, Scheibenkleister nannten die alten Leute dies Futter ? ertönte ein Signal. Gleich darauf riefen die Unteroffiziere: »Nach dem Stall!« Hier wurden wir zu je 12?14 Mann einem Beritt zugeteilt, der unter dem Befehl eines Unteroffiziers oder Sergeanten steht. Verwundert blickten wir Neulinge im Stall um uns. Da standen in einer Reihe, durch Flankierbäume von einander getrennt, die Dienstpferde; jedes Tier hat seinen Namen, der auf einer kleinen schwarzen Tafel über dem Pferdestand angeschrieben ist. An der gegenüberliegenden Wand hingen an einfachen Holzgestellen Sättel und Zaumzeug. Zwischen diese kamen später, nach ihrer Einführung, in passenden Ständern die Lanzen zu stehen. Der Berittführer notierte sich jetzt die Namen seiner Leute, erklärte die Stalleinrichtungen und wies jedem ein Pferd an. Mit fast ehrfürchtiger Scheu gingen die jungen Dragoner, besonders die, die bisher noch kein Pferd »in der Hand« gehabt hatten, zu ihren Rossen, um sich ihre »bessere Hälfte« ein wenig in der Nähe zu betrachten. Inzwischen ist jeder überzeugt, den edelsten Renner erhalten zu haben, obwohl die alten Gäule gegenwärtig gar nicht so kriegerisch aussahen. Amazon.de Widgets »Streu machen!« ruft nun der Berittführer. Noch standen wir Rekruten ratlos da. Was sollten wir anfassen! Doch schon nahen Helfer in Gestalt zweier alter Leute. »So nu man ran an den Speck! Mist aussammeln! Ah, ihr glaubt wohl, dazu gibt's 'ne Schaufel? Nee ihr Stifte, das wird hier mit den Händen ge macht, seht mal so ?« Und nun schüttelten sie sorgfältig den Mist aus einem Stand auf den Damm, dabei möglichst wenig Stroh mitnehmend. Auch wir faßten jetzt an. Mir wollte das wenig ausmachen, die Roßäpfel in die Hand zu nehmen, ich war die Dinger ja gewöhnt, also griff ich herzhaft zu, daß mir der Saft zwischen[176] den Fingern durchlief. Einer aber, der im Zivilleben Handlungsgehilfe gewesen war, schien eine unüberwindliche Abneigung gegen die Pferdekötel zu haben. Gebückt stand er hinter seinem Gaul und suchte mit Hilfe eines Strohbündels die nicht ganzen oder schon zertretenen Miststücke auf den Damm zu praktizieren. Im nächsten Augenblick aber erhielt er einen dermaßen kräftigen Fußtritt in die Nordseite, daß seine Nase die intimste Bekanntschaft mit dem Stalldreck machte. Aus vollem Halse lachend, sagte der Berittführer zu ihm: »Ach du glaubst woll, du stehst noch zu Hause hinter der Tonbank und verkaufst Nudeln, was? Nee, mein Junge, hier kommt das anders!« Als schließlich die Streu in Ordnung gebracht war, mußten wir den Mist auf die Stallkarre laden, natürlich auch mit den Händen. Hierbei hatten wir fein säuberlich noch jedes Hälmchen Stroh aus dem Haufen auszulesen, damit so wenig wie nur möglich von diesem kostbaren Material nach der Dungstätte kam. Man glaube nun nicht etwa, daß in dem Stalle keine Schaufel vorhanden gewesen wäre. Im Gegenteil, die Mannschaften jedes Beritts hatten gemeinsam solch Instrument anzuschaffen. Von den Rekruten durfte es aber nur zum Gradestoßen der Streu gebraucht werden, damit diese nach dem Damm zu eine saubere gerade Linie bildete. »Pferdeputzen!« befahl jetzt der Berittführer. Es folgte diesem Befehl zunächst eine kleine Instruktion über Wartung und Pflege des Pferdes. Dann hatte jeder Mann von seinem Pferde zwölf »Striche« zu schlagen. Hierauf wurden die Hufe des Tieres sorgfältig gewaschen und ausgekratzt, und zuletzt mußte diesem mit einem Lappen höchst sauber der ? After gereinigt werden, für den Neuling eine wenig appetitliche Arbeit, die nach Ansicht des Unteroffiziers aber durchaus notwendig war, damit der Kavallerist sein Pferd auch genau »von innen und außen« kennen lernte. Damit war der Stalldienst beendet; wir Rekruten trabten wieder auf unsere Stube. »Knöpfeputzen, Stiefel und Hosenleder wichsen! In einer Stunde ist Appell vor dem Herrn Rittmeister«, ließ sich der Unteroffizier vernehmen. Der Stubengefreite unterzog sich der[177] Mühe, uns in die Geheimnisse des Knöpfeputzens einzuweihen. Alles »fummelte« bald mit Eifer drauf los. Einen schnurrigen Anblick gewährte uns das Wichsen der Hosenleder. Einer stellte sich auf Befehl des Gefreiten hinter den andern, balsamierte seinem Vordermann die hintere Breitseite gründlich mit Wichse ein, und bürstete nun im Schweiße seines Angesichts so lange auf diesem »besten Teile des Kavalleristen« herum, bis das Reitleder hübsch schwarzblank erglänzte. »Antreten zum Appell!« kommandierten hierauf die Unteroffiziere. Sämtliche Rekruten wurden auf dem Kasernenhof in zwei Gliedern aufgestellt. Jetzt nahte mit umgehängtem Mantel, ein dickes Buch zwischen den Rockknöpfen, der bedeutendste Mann der Eskadron, der Herr Wachtmeister. Der Rittmeister mitsamt den Leutnants, obwohl sie als Offiziere zwar »turmhoch« über ihm stehen, ? was sind sie in den Augen der Mannschaften gegen einen Wachtmeister! Umsonst führt der Gewaltige nicht den Beinamen »Mutter der Schwadron«. Viel Mütterliches habe ich an ihm zwar nie bemerkt, und die andern auch nicht. In der Schwadron führte er nur allgemein den Spitznamen »Aßmus«. Woher dieser Name stammte, wußte niemand; er hatte sich von Jahrgang zu Jahrgang fortgeerbt und war den Unteroffizieren genau so geläufig wie den alten Mannschaften. »Aßmus« schritt mit Würde die Front ab, jeden Rekruten scharf musternd. Er schien ein geborner Nörgler zu sein, an den meisten hatte er etwas auszusetzen. Diesem paßte der Rock nicht richtig, jenem war die Feldmütze zu groß. Der eine war ihm auffällig wegen seiner »Stupsnase«, der andere hatte wieder einen »Nußhaken«. Überhaupt mußte der Mann mit Vorliebe Nasenstudien treiben, denn er verfügte über ein ganzes Arsenal von Kunstausdrücken, die sich alle auf den ominösen Gesichtsvorsprung der Leute bezogen. Riecher, Rüssel, Hörnchen, Zinken, Gurke, Gummel, Apfelpflücker und andere liebliche Bezeichnungen wußte er in schönster Reihenfolge auf die Nasen seiner »braven Dreizehner« anzuwenden. Hier befühlte er dann die »Hühnerbrust« eines Rekruten, dort machte er sich lustig über die »Säbelbeine« eines seiner »Gardisten«. Auch Hände und[178] Füße dienten ihm als Zielscheibe seiner geistreichen Bemerkungen. Diesem sagte er eine Schmeichelei über seine »dreckige Fuhrmannsklaue«, an einem andern interessierten ihn wieder die »Misttreter«. »Stillgestanden!« hieß es plötzlich. Zwei Offiziere schritten vom Portal aus auf die Mannschaften zu, der Herr Rittmeister und der Rekrutenleutnant. »Aßmus« ging ihnen entgegen, schlug die Hacken zusammen, daß die Sporen klirrten, und meldete: »Rekruten sämtlich zur Stelle.« Der Rittmeister tipptè dankend an seine Mütze. Alles stand erwartungsvoll da. Mit einer schwer zu beschreibenden quäkigen Stimme sagte dann der »Pascha« ? dies war sein Spitzname: »Na Wachtmeister, nun wollen wir uns die Gesellschaft mal ansehen.« Hierauf schritt er an uns Rekruten entlang, jeden mit einem künstlich verstärkten Blick anschauend, hier und da einige Worte an einen richtend, der ihm durch irgend etwas auffiel. In seinem ganzen Auftreten markierte er etwas Väterlich-Wohlwollendes, zugleich aber auch Vornehm-Imponierendes. Nachdem »Pascha« mit seiner Musterung fertig war, schritt er vor die Front und hielt uns etwa folgende Rede: »Rekruten! Das Zivilleben hat jetzt auf drei Jahre für euch ein Ende. Ihr seid jetzt königliche Dragoner. Ich erwarte von euch die größte Pünktlichkeit im Dienst, Propretät und straffe Disziplin. Denkt stets an die Pflichten, die ihr dem Vaterlande und vor allem eurem allerhöchsten Kriegsherrn, Sr. Majestät dem Kaiser gegenüber habt. Denkt an die hohe Ehre, die euch zuteil geworden ist, des Königs Rock tragen zu dürfen. Im übrigen heißt es hier: Was befohlen wird, wird gemacht ? was geblasen wird, wird geritten! Guten Morgen, Kinder!« Welchen Eindruck diese nachmittägliche Gutenmorgenpredigt auf uns Rekruten machte, ist mir noch heute schwer zu sagen. Wir waren jedenfalls alle recht verdutzt von ihr. Nachdem sich der Rittmeister verabschiedet hatte, mußten wir auf der Stube »zur Instruktion« antreten; dort wurden wir von den Berittführern aufgestellt. »Achtung!« rief ein Sergeant, und der Herr Leutnant trat ein.[179] Es war ein junges Herrchen mit semmelblondem stark pomadisierten Haar, sehr dürren Beinchen, mächtig wattierter Brust und Anflug von Schnurrbart, natürlich von Adel, wie die meisten Kavallerieoffiziere, und verdammt vornehm. Herablassend grüßte er mit der Hand. Dann nahm die Instruktion ihren Anfang. Sie bestand zur Hauptsache in einem Vortrag über das Verhalten und die Pflichten des Soldaten. Zum Schluß sagte der Herr Leutnant in unnachahmlichem Jargon: »Kerls, ihr steht bis auf weiteres unter meinem direkten Befehl, sowohl beim Fußdienst als auch beim Reiten. Hat jemand Beschwerden irgendwelcher Art, so gestatte ich ihm, sich deswegen direkt an mich zu wenden, obwohl das sonst nicht erlaubt ist. Das heißt, mit jeder Kleinigkeit dürft ihr mir nicht kommen. Den Unteroffizieren sowie dem Stubengefreiten habt ihr unbedingten Gehorsam zu leisten, und auch gegen die länger gedienten Mannschaften, die alten Leute, habt ihr bescheiden und nicht frech zu sein. Richtet euch darnach! Abtreten!« Als der Leutnant die Stube verlassen wollte, sprang dienstbeflissen der Gefreite herbei und öffnete ihm die Stubentür. »Das nächste mal macht das einer von euch Stiften, sonst raucht's euch in die Bude; versteht ihr?« fauchte er uns an, als der Offizier gegangen war. Darauf hieß es »Brot empfangen!« Wir bekamen jeder unser erstes Kommißbrot, diese Würze des ganzen Kommißlebens, ausgehändigt. Liebevoll packten wir das Manna in unser Spind. Dann durften wir uns den Abendkaffee holen. Nach dem »Jietzen« folgte wieder Stalldienst wie am Mittag, jedoch ohne Pferdeputzen; nur bekamen die Pferde frische Streu und zur Abfütterung ein Quantum Heu auf die Raufe. Damit war's sieben Uhr abends geworden. Feierabend? Ach nein. Noch müssen Knöpfe und Reitstiefel geputzt werden, denn morgen begann für uns Rekruten der erste Reitdienst, wie der Wachtmeister beim Abendappell bereits verlesen hatte, und dieses Putzen dauerte sehr lange, weil dem Gefreiten die »Fummelei« immer wieder nicht gut genug erschien. Inzwischen rief der Paroleschreiber die Rekruten zu je fünf Mann nach dem Wachtmeisterbureau, wo wir[180] gegen Quittung unser mitgebrachtes Geld bis auf sechs Mark abliefern mußten, damit wir nicht zu »üppig« würden, wie »Aßmus« sich ausdrückte. Auch hatten wir unsere »Zivillumpen« zusammenzupacken, damit sie später per Post in die Heimat zurückgeschickt werden konnten. Endlich wird auf der Wache geblasen; es ist neun Uhr. Der Unteroffizier vom Tagesdienst im vollen Dienstanzug tritt ein. »Achtung!« ruft der Gefreite, und in straffer Haltung hat sich jeder an seinem Bett aufzustellen. »Alles da?« fragt der Unteroffizier. Es fehlt natürlich niemand am ersten Tage. »Zu Bett« hieß es dann. Wir entkleideten uns und krochen in die Falle. Träumen durfte jeder, was er Lust hatte. Das war der erste Tag im königlich preußischen Militärdienst. »Aufstehen!« ruft mit Stentorstimme der Unteroffizier vom Tagesdienst, der unten im Stall bei der Stallwache auf einer Pritsche geschlafen hat. Es ist halb vier Uhr morgens. Warum denn heute eine halbe Stunde früher heraus? Der Gefreite gibt die Antwort. »Ja ja, ihr Stifte, kiekt euch man nicht so verwundert um; die ersten acht Tage werdet ihr 'ne halbe Stunde früher raus geflenst als die alten Kerls, damit ihr eure Klappen rechtzeitig in Ordnung habt, wenn's ?in den Stall? bläst.« Stumm und verdrießlich bauen wir unsere Klappen, ähnlich wie am vorigen Morgen. Um vier Uhr ertönt das Signal zum Stalldienst, und alles poltert die Treppen hinunter, um ja nicht etwa als Letzter in den Stall zu kommen. Denn der Gefreite hat bereits angedroht: »Wer nicht rechtzeitig sich nach dem Stall finden kann, erhält zur Strafe acht Tage Stubendienst extra.« Das bedeutet, er muß des Morgens, Mittags und Abends, wenn seine Kameraden Ruhe haben, die Stube ausfegen, den Schmutz nach der Müllgrube tragen, Wasser holen, und was derartige kleine Annehmlichkeiten mehr sind. Im Stall vollzieht sich der Dienst nun täglich in derselben Reihenfolge: Mist auslesen, Streu aufschütteln, Pferde tränken (das Futterschütten wird von der Stallwache besorgt), Ausfegen, Striche schlagen und so fort. Wer von seinem Gaul nicht die vorschriftsmäßigen zwölf Striche herunterputzt, oder sich nach Ansicht des[181] Berittführerrs im Putzen lässig zeigt, der muß »nachputzen«, während die übrigen beim »Jietz« sitzen. Ein beliebtes Mittel, den Rekruten flinke Beine zu machen, damit sie nach dem Stall kommen, ist eine Lektion mit dem Obergurt. Dieser dient für gewöhnlich zur Befestigung des Sitzkissens auf dem Sattel oder des Woilachs (Pferdedecke) auf blankem Pferde. Im gedachten Falle stellen sich auf Veranlassung der Unteroffiziere eine Anzahl alter Leute an der Stalltür auf, und jeder Rekrut, der ihrer Ansicht nach nicht schnell genug nach dem Stall kommt, erhält wahllos seine Hiebe. Wer sich dabei noch schief umsieht, riskiert als »Frechdachs« eine doppelt gepfefferte Extrazulage. Mir persönlich wurde sie schon am fünften Tage meiner Dienstzeit zu teil. Mein Berittführer war nämlich der Ansicht, daß ich für einen Bauernknecht etwas zu »helle«, zu »frech« aus den Augen sehe. Deshalb gelobte er mir »Senge«, obwohl er im Dienst sonst ganz gut mit mir zufrieden war. Ich hätte noch so gewisse »Zivilmucken« an mir, meinte er, deswegen müßte ich erst mal militärisch gehörig zurecht gestaucht werden, dann könne aus mir noch 'nmal ganz brauchbarer Kerl werden. Zwar war ich des Morgens schon als vierter im Stall, das hinderte jedoch die alten Leute nicht, rechts und links auf mich einzuhauen: sie hatten ja schon vorher ihren »Wink« dazu vom Unteroffizier erhalten. Nun verstand ich das Ding aber verkehrt, packte einen dieser Flegel an der Kehle und fuhr mit ihm zwischen die Sattelböcke. Doch ich hatte ihm nur erst wenige Fausthiebe versetzt, da begannen die Obergurte auch schon im förmlichen Dreschertakt auf mich niederzuklatschen. Ich wußte gar nicht, wo all die alten Leute so schnell hergekommen waren, erst hernach sagte man mir, daß man sie aus den Nachbarställen herbeigepfiffen hatte. Einen von ihnen langte ich mir aus dem Haufen noch heraus und drückte ihn zu Boden, doch was half's, die übrigen prügelten desto wütender auf mir herum, und der Unteroffizier rief sein gedämpftes »feste, immer feste« dazwischen. Als mit der Prozedur endlich Schluß gemacht wurde, verschwanden die alten Leute wieder spurlos in ihren Ställen. Einer rief mir[182] im Fortgehen noch zu: »Siehst du, du Stift, dir wollen wir helfen, wenn du dich am alten Kerl vergreifen willst.« Ich aber ging nach der Pumpe auf den Kasernenhof und wusch mir das Blut ab; die lieben Kameraden hatten mir mit den Obergurtringen zwei Löcher in den Kopf geschlagen, deren Narben heute noch sichtbar sind, abgesehen von den Striemen, die ich zahlreich auf dem Buckel trug. In meinem Ärger sagte ich nun dem Unteroffizier, daß ich diese durch nichts gerechtfertigte Mißhandlung dem Herrn Leutnant melden werde. Der Unteroffizier erwiderte jedoch mit unverkennbarer Malice: Wenn mir an seinem guten Rat etwas gelegen sei, dann solle ich die Meldung hübsch bleiben lassen; ich hätte ja zwar 'n bißchen reichlichen »Verpflegungszuschuß« erhalten, doch das lecke mir die Katze trotz aller Meldungen nicht wieder ab. Wenn ich aber Lust hätte, »noch mehr« zu bekommen, dann solle ich nur getrost »melden«. Nach dem »Jietz« stellte mich auch ein Gefreiter der alten Leute zur Rede, der auch schon gehört hatte, daß ich Meldung erstatten wolle. Er riet mir genau so ab, wie der Unteroffizier und fügte dann ganz treuherzig hinzu: Dabei solle ich mir gar nichts denken; daß die Rekruten von den alten Leuten »vertobakt« würden, sei nun einmal so Mode beim Kommiß; als sie Rekruten gewesen wären, sei es ihnen gerade so ergangen, und wenn ich erst alter Kerl wäre, könne ich es genau so machen; die »Verbimsung« der Rekruten sei nun einmal ein angeerbtes Vorrecht der alten Leute! Dieser Logik gegenüber war ich machtlos; ich fühlte, daß sich die alten Leute bei dem Verprügeln der Rekruten tatsächlich »nichts dachten«, die Unsitte hatte sich von Jahrgang zu Jahrgang fortgeerbt, sie lag im militärischen System begründet und wurde von den Vorgesetzten direkt oder indirekt kultiviert. Ich nahm also von einer Meldung Abstand, so wie es vor mir schon Tausende getan und nach mir andere Tausende ebenfalls tun werden. »Pferde fertig machen zum Reiten!« befahlen die Unteroffiziere. Später lautet das Kommando einfach: »Satteln.« Die Rekruten aber reiten vorläufig noch nicht auf Sattel, sondern nur auf Sitzkissen[183] und Decke, auch tragen sie aus leicht begreiflichen Gründen noch keine Sporen. »Rausführen!« kommandiert der mittlerweile erschienene Wachtmeister. Mit kleinem Abstand hält jeder sein Pferd am Zügel. Die Unteroffiziere instruieren ihre Mannschaften und lassen sie die ersten kleinen Übungen an den Pferden machen. Plötzlich heißt es: »An die Pferde!« Der »Herr Leutnant« erscheint hoch zu Roß. Machem Rekruten, der noch nie auf einem Gaule gesessen hatte, klopft das Herz bei dem Gedanken an die Dinge, die nun kommen sollen. Nach einer kurzen Besichtigung der strammstehenden Mannschaften quäkt der Leutnant: »Nach Zählen fertig zum Aufsitzen!« Die hierauf folgenden Wendungen müssen natürlich mehrmals gemacht werden, ehe sie klappen. »Aufgesessen!« lautet ein neues Kommando. Aber o weh! Ein Springen, Hüpfen und Zerren, wie wenn einige Dutzend Hampelmänner an der Strippe tanzen. Die krampfhaftesten Anstrengungen werden gemacht, um den Rücken der Gäule zu erklimmen. Nur wenigen gelingt's; die meisten bemühen sich vergeblich. Die Gelenke sind noch zu steif ? und das Pferd zu lebendig, überdies hindern die ungewohnten Lederhosen an freier Bewegung. Immer neue Versuche. Die Köpfe werden rot, Mützen fallen ab und Knöpfe platzen von den Röcken. Zu allem Pech werden auch noch die Pferde immer ungeduldiger. Das ewige Zerren an den Mähnen verdrießt sie. Sie schütteln die Köpfe und drehen sich um sich selbst, einige schlagen sogar hoch hinten aus, um sich der ungeschickten Springer zu entledigen. Für die Vorgesetzten ist das natürlich ein höchst belustigender Moment. Der »Herr Leutnant« amüsiert sich über die kuriosen Luftsprünge seiner Rekruten und lacht. Pflichtschuldigst lachen auch die Unteroffiziere. Die hüpfenden Rekruten aber schielen ziemlich mißvergnügt nach jenen ihrer glücklichen Kameraden, die sich leichter aufs Pferd zu schwingen vermochten wie sie, während diese beim Anblick der zappelnden Schar eine gewisse Schadenfreude nicht unterdrücken können. Ich gehörte zu den letzteren.[184] »Helfen Sie den Leuten ein wenig«, sagt schließlich der Leutnant zu den Unteroffizieren. Sofort sind diese mit der Hilfe bei der Hand. »Hier faßt du an, und da faßt du an; so nun abspringen und ? 'rauf auf den Jaul.« »I, du alte Kruke, du zappelst ja wie 'n Frosch im Storchschnabel! Der reine Grashüpfer! Son schiefbeiniger Stoppelhopser! Bist du noch nicht oben, du Mistvieh? Wart' ich werd' dir helfen!« So und ähnlich lauten die zärtlichen Zurufe der Unteroffiziere. Um den liebenswürdigen Ermunterungen auch gleich den nötigen Nachdruck zu geben, werden wohlgemeinte Püffe aufgeteilt und hier und da ein sanfter Kniff in den Allerwertesten verabfolgt. Oder aber, der Unteroffizier stellt sich an die rechte Seite des Pferdes und paßt auf, wenn der Kopf des Rekruten zur Linken des Tieres in die Höhe schnellt. Ein kühner Griff an die Ohren des Delinquenten ? und mit den freundlichen Worten: »Ist's gefällig?« lädt er ihn ein, oben Platz zu nehmen. Endlich sitzt der letzte Rekrut zu Roß. »Kerls, das ging ja miserabel, das müssen wir gleich noch mal üben«, sagt der Leutnant. »Abgesessen«, »Aufgesessen«, hieß es dann etwa ein dutzendmal; hierauf wurde nach dem Reitplatz abgerückt. Ein bißchen Schritt und Antraben, das ist alles, was in der ersten Reitstunde gemacht wird. Des Nachmittags gab's Fußdienst. Geschwindschritt, Laufschritt, Wendungen wechseln miteinander ab, und tragen sehr zur Verdauung der »Fußlappen« bei, wie der Weißkohl beim Kommiß genannt wird. Beim Fußdienst wollte mir's nicht so gelingen, wie beim Reiten. Durch eine kleine Verfehlung zog ich mir den Zorn meines Unteroffiziers zu. Wütend brüllte er mich an: »Du bist ein Esel! Was bist du?« Ich schwieg. »Wenn ich dich frage, hast du zu antworten, verstanden? Du sollst sagen: Ich bin ein Esel!« Kleinlaut sagte ich nun: »Ich bin ein Esel.« »Das is jarnischt«, schnauzte der Unteroffizier. »Hin dort drüben an die Wand, marsch, marsch! Und da rufst du, so laut du kannst, zehnmal hintereinander: Ich bin ein Esel!« Ich gehorchte. Wie mir zumute war, will ich verschweigen.[185] Der tägliche Dienst wickelte sich von nun an stets mit derselben Gleichmäßigkeit ab: Stalldienst, Reiten, Fußdienst, Instruktion, Putzen; nur daß nach und nach immer erhöhtere Anforderungen an die Leistungsfähigkeit des Mannes gestellt wurden. Die ersten Reitstunden sind jedem Kavalleristen unvergeßlich; muß doch so mancher dabei recht unangenehme Bekanntschaften mit dem Erdboden machen. Bei solchen Gelegenheiten erfreut sich dann auch der alte Rekrutengaul auf verschiedene Minuten goldener Freiheit. Ausgelassen galoppiert er reiterlos auf dem Platze umher, macht die lustigsten Bocksprünge und stößt dabei die kraftvollsten Freudentöne ? unter dem Schweif hervor. Doch das sind Momente, über die schließlich jeder lacht. Aber nur zu häufig hat man »nichts zu lachen«. Nicht nur, daß einem der Reitlehrer ab und zu eine gute Handvoll Sand ins Gesicht wirft, nein, es setzte auch oftmals kräftige Hiebe mit dem Reitstock oder der Sälbelscheide. Natürlich gelten solche Hiebe stets dem widerspenstigen Gaul, der Reiter erhält sie nur ? »aus Versehen«. Aber das eigentliche »Bimsen« beginnt erst beim Fußdienst, denn da braucht der Vorgesetzte keine Rücksicht auf die Pferde zu nehmen, weil diese fehlen. Heimliche und offene Püffe, Knüffe und Fußtritte setzt es massenhaft. Ein beliebtes Mittel, jemandem die »Flötentöne« beizubringen, war, daß man ihn »zur Übung« Laufschritt machen ließ, bis ihm fast die Zunge zum Halse heraus hing. Wie oft habe ich »tippeln« müssen! Als auf diese Weise so acht Tage vergangen waren, gab's ein wichtiges Ereignis, die Vereidigung. Zur würdigen Vorbereitung wurden uns des Abends zuvor die Kriegsartikel verlesen. Mit gelindem Entsetzen hörte ich, welche exorbitanten Strafen auf die verschiedenen Vergehen angedroht sind. Da heißt es in einem fort: ? wird mit Gefängnis bis zu fünf Jahren bestraft, ? wird mit Zuchthaus bis zu fünfzehn Jahren und Ausstoßung aus dem Heere bestraft, ? wird mit Gefängnis und Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes bestraft; und als bestes: ? wird mit dem Tode bestraft. Am andern Tage ging's zur Kirche. Feierlich hallten die Worte[186] des Divisionspfarrers durch den Raum. Er sprach von den erhabenen Pflichten des Soldaten, von der Ehre, des Königs Rock tragen zu dürfen, ganz so wie ich es schon in dem »Mahnwort« gelesen hatte, nur salbungsvoller, ermahnender, so wie es einem Priester zukommt. Zuletzt machte er uns nachdrücklich die Heiligkeit des Fahneneides klar. Mit sehr gemischten Gefühlen hatte ich die Rede angehört. Ob der Pfarrer auch schon Fußlappen gegessen hatte? Ob er auch schon von alten Leuten verbimst worden war? Ob er auch schon hatte rufen müssen: Ich bin ein Esel!? Merkwürdige Geschichte mit der Heiligkeit des Fahneneides, philosophierte ich. Da wird dem ganzen Vorgang ein wer weiß wie weihevoller Anstrich gegeben, und schließlich wird man doch zur Ableistung des Fahneneides einfach kommandiert. Wie sagte doch der Sergeant beim Verlesen der Kriegsartikel? »Den Fahneneid hat jeder Soldat zu leisten, ganz gleich, ob's ihm beim Kommiß paßt oder nicht. Sollte aber jemand auf den verrückten Gedanken kommen, den Eid zu verweigern, dann wandert er einfach so lange ins Loch, bis er gerne schwört, und sollte er neunundneunzig Eide auf einmal leisten.« Von der Kirche ging's zur Reitbahn. Dort formierten wir ein Viereck, und angesichts der enthüllten Standarte sprachen wir in Gegenwart der Offiziere die Eidesformel nach, die der Adjutant vorlas. Damit war die Zeremonie beendet. »Des Dienstes ewig gleich gestellte Uhr« läuft von nun an einförmig und regelmäßig weiter. Schon hatten wir die erste Besichtigung hinter uns. Der Brigadekommandeur, Generalmajor v. Rosenberg, war dazu erschienen; beim Reiten spendete er mir, in meiner Eigenschaft als Tetenreiter, ein kleines Lob. Während die Ausbildung im eigentlichen Dienst hauptsächlich von der körperlichen Gewandtheit und geistigen Begabung des Mannes abhängt, ist er bei dem »was hernach kommt«, sozusagen lediglich auf blindes Glück angewiesen. Denn bei allen diesen Obliegenheiten ist dem rein persönlichen Belieben der Vorgesetzten Tür und Tor geöffnet. Ist ihnen ein Untergebener aus irgendeinem Grunde unsympathisch, so bieten sich ihnen tausend[187] Gelegenheiten, ihr Mütchen an ihm zu kühlen. So, daß ihm absolut nichts anzuhaben wäre, kann sich überhaupt kein Soldat »führen«, er mag so tüchtig und befähigt sein, wie er will. Der Stall und die Stube sind wahre Fundgruben für Anlässe, dem Manne das Leben bis zur Verzweiflung sauer zu machen. Erst in zweiter Linie kommt der Kasernenhof als Drillplatz hierfür in Betracht. Vor allem bei der unendlichen Putzerei lernt der Kavallerist nach und nach den ganzen Vorrat kleinlicher Schikanen kennen, die die Unteroffiziere und hauptsächlich ? der Wachtmeister auf Lager haben. Die »Mutter der Schwadron« wird hier zum bösen Geist der Mannschaften. »Aßmus« setzte seinen ganzen Stolz darein, die »propperste« Schwadron zu haben. Mann, Pferd und Sattelzeug mußten stets aussehen, »wie aus dem Ei gepellt«. Hier fand er einen überzähligen Roßapfel im Stand, dort hatte sich der Woylach ein wenig verschoben; die Streu war nicht gut angestoßen, die Hufe »schlecht« gereinigt, ein Sattel hing schief auf dem Gestell, die Schlaufe am Halfter war kaputt, oder das Pferd hatte den Bruchteil eines Strohhalms im Schweif. Er sah alles und fand alles, gerade da, wo man es am wenigsten vermutete. Beim Pferdeappell fuhr er mit dem Bleistift über das Tier, und wehe, wenn sich hierbei ein weißer Strich auf dem Fell zeigte. Am Sattelzeug fand er hunderterlei Dinge, die sein Mißfallen erregten. Bügel, Gebiß, Schnallen, Kinnkette waren »verrostet«, wenn auch das schärfste Auge keinen Rostflecken zu entdecken vermochte. Sitzkissen, Riemen und Gurte waren nicht propper geschmiert oder mit Appretur gestrichen, und so weiter in beliebig verlängerter Reihenfolge. Dann die Sachen des »Kerls«. An Stiefeln und Sporen, an Helm und Waffen, vom Rockfutter und Brustbeutel an bis zu den Hosenknöpfen, an Betten, Spinden, Stuben und Türen gab es keine Stelle, die ihm nicht irgend einmal zu heftigstem Tadel Anlaß bot. Kurz, der Mann fand immer etwas, wenn er nur was finden wollte. Hatte er im Stall, bei der Stuben- und Spindrevision oder beim Appell sein gewünschtes Teil »gefunden«, so hagelte es zunächst eine wahre Flut der allersaftigsten Kasernenausdrücke auf die[188] Sünder herab. Dann aber bekam der Berittführer seine »Reinigung«, weil er solchen »Schweinhund«, »Dreckspatz« und »Mistfinken« in seinem Beritt habe. Dieser wälzte nun seinerseits den Ärger über die empfangene »Nase« unter mindestens einem Dutzend der »heiligsten Kreuzhimmeldonnerwetter« auf das »elendige Sauvieh« ab. Glücklich, wenn's nur mit Schimpfen abging. Doch vom Schimpfen bis zum Schlagen ist's beim Kommiß noch nicht einmal ein halber Millimeter, geschweige denn ein Schritt. Ich erhielt bei solchen Gelegenheiten ? ebenso wie die meisten meiner Kameraden ? nicht nur zahlreiche Maulschellen, Püffe und Tritte, nein einmal gab mir der Berittführer sogar einen derartig wuchtigen Faustschlag ins Genick, daß mir das Blut aus Mund und Nase floß. Hätte ich diesen Schinderknecht damals gehabt, wo ich ihn hätte haben mögen, dann wär's ihm sicher auf eine Viertelstunde schlecht gegangen. Doch die geringste Widersetzlichkeit, auch nur im Affekt begangen, zieht unrettbar schwere Strafe nach sich. Die aber wollte ich nicht auch noch haben. Daß die Mißhandlung eines wehrlosen Menschen weiter nichts ist, als ein Akt grenzenlosester Feigheit, kommt den meisten dieser Leuteschinder offenbar gar nicht zum Bewußtsein; im Gegenteil sie brüsten sich noch damit und glauben, in echt preußischer Korporalsforsche ein ihren Vorgesetzten wohlgefälliges Werk getan zu haben. Und die höheren Vorgesetzten? Nun, »sie hören nichts, sie sehen nichts« und ihr himmlischer Vater ernährt sie doch; wenn es nur irgend geht, drücken sie vielfach nicht nur eins, sondern gerne beide Augen zu, um nur ja nicht die heilige Disziplin zu gefährden. Erst dann, wenn bestimmte und direkte Meldungen erstattet werden, können sie nicht umhin, auf Grund der Bestimmungen einzuschreiten. Nur selten hört man von Offizieren, die grundsätzlich keine Mißhandlungen ihrer Mannschaften dulden; ich habe leider keinen Offizier dieser Spezies kennen gelernt. In jener Zeit trug ich mich ernsthaft mit Desertionsgedanken. War's ein Wunder? Selbstmord wollte ich nicht begehen, dazu war mir mein junges Leben doch zu lieb ? und meine Peiniger mir[189] zu wenig wert. Und »melden«? Ach, es war uns gerade oft genug gesagt worden: »Wer sich beschwert, der hat die ganzen drei Jahre keine frohe Stunde mehr; die Festung ist für den nicht weit!« So wurde ich, wie die meisten wurden: dickfellig, dreihaarig, abgebrüht. Zuletzt fehlte mir gar schon immer etwas, wenn ich nicht täglich das gewohnte Quantum von »Sauhund«, »Mistbauer« und »Stinkbock« zu hören bekam. »Aßmus« hatte regelmäßig eine Kolonne von Sündern in seinem Buche vorgemerkt, von denen immer nur der kleinste Teil auf Befehl des Rittmeisters notiert worden war; die Mehrzahl wurde von der fürsorglichen Schwadronsmutter nach eigenem Gutdünken und Ermessen »angekreidet«. Der Unteroffizier vom Tagesdienst oder sonst ein als guter Drillmeister bekannter Sergeant mußte dann des Mittags oder Abends die Strafgarde ein bis zwei Stunden »tippeln« lassen; natürlich immer nur zur »Übung«, nie zur Strafe, denn zur eigenmächtigen Verhängung von Strafen hatte der Wachtmeister ja kein Recht. Bei diesen »Übungen«, von denen ich wegen angeblicher Frechheit unzählige mitgemacht habe, wurden zunächst Schuppenketten und Säbelkoppel so stramm geschnallt wie es nur irgend angängig war. Dann ließ man uns, mit dem Gesicht der brennenden Sonne zugekehrt, so lange »stillstehen«, bis uns der Schweiß aus allen Poren brach und bei schwächlichen Personen bedenkliches Schwanken eintrat. Hierauf gab's »Laufschritt« oder »langsamen Schritt«; letzterer gewährte schon um deswillen einen grotesken Anblick, weil wir dabei den Säbel wie einen Besenstiel zwischen die Ellbogen auf den Rücken klemmen mußten und nun wie ein »Storch im Salat« a tempo unseren Stechschritt machten. Einfach lächerlich. Bei Waffenübungen korrigierte der Unteroffizier so lange die »Auslage«, bis der ermattete Arm die Klinge oder die Lanze nicht mehr zu halten vermochte. Die schönsten »Übungen« gab es jedoch auf der Stube. Da hieß es, am glühend geheizten Ofen in der Kniebeuge Schemel strecken. War's nach Ansicht des Vorgesetzten zu schlapp gemacht, so streichelte er die Leute mit »schmerzlosen Ohrfeigen« oder trat ihnen »aus Versehen« auf die Hühneraugen oder reckte ihnen die Nasen gerade, daß ihm die Haut[190] fast an den Fingern kleben blieb, oder er spuckte ihnen zur Abwechselung einen gehörigen Priemqualster ins Gesicht. Ein besonderes Spezialmittel zur Rekrutenbändigung bestand darin, den Mannschaften die Nähte der Kleidungsstücke aufzutrennen oder die Knöpfe abzuschneiden und dann die so Bedachten im Hemd mit geflickten Lumpen in der Hand des Nachts um Zwölf vor dem Bett des Berittführers antreten zu lassen. Oder der Vorgesetzte bekam den Einfall, seine »Stifte« des Nachts aus den Betten zu jagen und diese, nur mit Hemd und Helm bekleidet, auf der Stube aller hand Exerzitien ausführen zu lassen. Ich will gerne zugeben, daß solche Trietzereien mitunter auch einen halb und halb humoristischen Anstrich gewannen; aber in der Regel war es ausgesuchte Quälerei und Schikane. Man kam überhaupt schließlich so weit, daß man sich gar nichts mehr dabei dachte, wenn einem auch vor innerer Wut die Tränen in den Augen standen. Alsbald galt so viel mir ein für allemal als sicher: Niemand sollte mehr kommen und von dem verfeinerten Ehrgefühl des deutschen Soldaten sprechen. Eine größere Lüge habe ich nie kennen gelernt. Im Gegenteil, das natürliche Ehrgefühl des Mannes wird durch eine derartige unwürdige Behandlung planmäßig abgestumpft und ertötet. Tagtäglich ausgehunzt und ausgeludert, und dazu noch wehrlos den rohesten Mißhandlungen ausgesetzt! Wollte man unter solchen Umständen wirklich Ehrgefühl beweisen, so bliebe nichts anderes übrig, als solchen Schinder von Vorgesetzten kurzerhand über den Haufen zu stechen und ? so schnell wie möglich Selbstmord zu verüben. Aber die Abstumpfung ist so groß, daß sie zu einer derartigen Verzweiflungstat gar nicht mehr ausreicht. So läßt man sich denn schweigend und grollend zu einem willenlosen Maschinenteil dressieren. Ein Kamerad von mir kleidete seine Empfindungen einmal treffend in folgende Worte: Was eine Null ist, weiß ich, sie ist nichts; ein Soldat ist aber noch viel weniger wie eine Null! Es war Frühjahr geworden. Die schlimmste Drillperiode lag nun doch hinter uns. Täglich ritten die Schwadronen nach dem großen Exerzierplatz, der nach dem Schlosse Frescaty seinen Namen[191] hat, in dem im Jahre 70 die Kapitulation von Metz unterzeichnet wurde. Der Dienst wurde jetzt ein wenig interessanter, abwechslungsreicher. Truppen aller Waffengattungen, Infanterie, Artillerie, Kavallerie, Pioniere und Train tummelten sich dort in kleinen Verbänden. Denn in Metz liegt beinahe ein ganzes Armeekorps in Garnison. Die »Zwiebelei« ist nun nicht mehr ganz so groß wie im Winter. Auch hat man sich endlich an das ganze Kommißleben gewöhnt, und mit dem glücklichen Leichtsinn der Jugend suchte man sich nun durch allerhand Kurzweil in der Kaserne sowie kleiner Amüsements außerhalb derselben über die erlittenen Schikanen und Drangsalierungen hinwegzuhelfen. Es fanden sich Kameraden, die des Abends oder am Sonntag auf der Stube komische Vorträge zum besten gaben oder zotige Lieder vortrugen. Oder ein musikalisches Genie baute sich aus Tischen und Schemeln einen Thron und ließ von hoher Warte die Jammerklänge einer Fidel oder Ziehharmonika ertönen, nach deren Takt sich dann die übrigen im Tanz drehten, daß die Sohlennägel davonflogen. Man nahm auch Abendurlaub ? wenn man welchen bekam ? und besuchte irgendeines der vielen ordinären Tingel-Tangel, oder falls es der magere Geldbeutel erlaubte, wurde ein »Zug« nach der Moselgasse oder Naglerstraße gemacht, in denen das öffentliche Bordellwesen von Metz seine Sumpfblüten treibt. Besonders nach den Löhnungstagen war der Andrang zu den Dirnen der öffentlichen Häuser ganz enorm. Was sich dann hinter den verhängten Fenstern jener schweigsamen Mauern abspielte, läßt sich hier nicht wiedergeben. Mancher Soldat holte sich dort eine Krankheit, die er bis dahin kaum vom Hörensagen kannte. Natürlich erzählten wir uns stets des andern Tages gegenseitig unsere »Erlebnisse« in allen Einzelheiten und in der Regel mit einer so zynischen Offenheit, daß die Wände davon hätten erröten können. Was sollte uns auch noch genieren? Hörten wir doch tagtäglich kaum etwas anderes wie eine wahre Flut der gemeinsten, unflätigsten Ausdrücke von unseren Vorgesetzten! Waren wir doch die allergetretensten, beschimpftesten Wesen, zum Tier herabgewürdigt. Unsere Scham war, wie unser Ehrgefühl,[192] uns längst von unsern Herren Vorgesetzten ausgetrieben. Was Wunder, daß wir auch in geschlechtlichen Dingen alles Anstandsgefühl verloren hatten. Und so ist es gekommen, daß mir noch heute die Kaserne als eine Hochschule der Schamlosigkeit und Unsittlichkeit vor Augen steht. Schwadronsbesichtigung! »Aßmus« läßt uns »fummeln« zum Schwarzwerden. Sein Grundsatz ist: Dienst Nebensache, Hauptsache »Proprietät«. Am Morgen des großen Tages ist die Schwadron von dem ewigen Putzen und der vielen Instruktion ganz konfus geworden. Endlich sitzt alles zu Pferde. Der Rittmeister wackelt auf seinem Gummifuchs herbei, aus jeder Bewegung zuckt Nervosität. Plötzlich gibt er sich einen Ruck und reitet vor die Front. Die Füße bis an die Fersen im Bügel, die Beine weit vorgestreckt, die rechte Hand auf der Lende, so sitzt er auf seiner Rosinante. Aller Augen warten auf ihn. Da, ein lautes Räuspern, ein Strich am Schnurrbart ? und nun schießt er los: »Dragoner!« ? der Fuchs senkt die Ohren und hebt den Schweif ? »Ich bitte mir aus, daß heute alles klappt. Geht die Geschichte gut, so bekommt Ihr ein Faß Bier«, ? der Fuchs hat Blähungen ? »Äh, Vieh!« Ein Zügelruck, ein paar Sporen ? der Oberleutnant greint. »Aber Herr Leutnant! Herr Leutnant v. Baumbach, ich glaube gar, Sie lachen. Ich bitte mir aus, daß Sie bei der Geschichte ernst bleiben, sehr ernst sogar. Verstanden Herr Leutnant?« Der Leutnant salutiert. ? Wieder »hustet« der Fuchs. ? »Bestie infame!« »Klappt die Geschichte aber nicht, dann ? dann raucht's Euch in die Bude! Verstanden, Ihr Schwefelbande?« Die Rede war beendet, die Schwadron rückte ab nach dem Exerzierplatz. »Paradeaufstellung ? Achtung!« quäkt der Rittmeister; der Brigadekommandeur naht. »Vater Rosenberg« schien nicht besonders rosig gelaunt zu sein. »Anreiten!« befiehlt er. Amazon.de Widgets Wir reiten hin, wir reiten her; wir reiten Kreuz und in die Quer, »daß Roß und Reiter schnoben und Kies und Funken stoben.«[193] Zwei Stunden später ist die Besichtigung zu Ende. Was die Kritik dem »Pascha« gebracht ? niemand weiß es, doch jeder ahnt es. Wie ein Klümpchen Unglück trottet er auf seinem Gummifuchs daher. Eine kleine Pause, dann bricht sein Zorn los: »Das war schweinemäßig, saumäßig, unter allem Luder! Wie eine Tatarenhorde reitet die Bande! Sergeant Gützlaff, Sie hielten keine Direktion, Ihr Zug brach aus. Weshalb? Herrr ? ich stech' Sie vom Pferde, wenn mir das noch mal passiert! Und die Kerls da! Wachtmeister schreiben Sie auf ? ? ?« Des Abends gab's kein Bier. Dafür aber wanderten der Sergeant und zwei Mann auf drei Tage in Arrest. Besichtigung zu Fuß! Die Schwadron steht komplett auf dem Kasernenhof, alles blitzblank geputzt. Wendungen und Griffe klappen, der Brigadechef ist sichtlich befriedigt. Jetzt noch der Parademarsch. Zwei Züge zu je zwei Gliedern formiert, die beiden Leutnants als Zugführer. »Eskadron vorwärts marsch!« quietscht der Rittmeister. Großartig; die Karre geht. Doch was ist das? Zwei ? vier ? acht Mann hinken ja. Das Rätsel ist bald gelöst. Die zweiten Glieder hatten nicht genügend Abstand gehalten, sie traten ihren Vordermännern auf die Sporen. An jedem Sporn blieb auch gleich ein Absatz sitzen, und die Folge war, daß die Betroffenen mit einem Stiefel Zehengänger, mit dem andern Sohlengänger markierten. »Bis auf die Hinkerei war's gut«, sagte Vater Rosenberg. Des Abends gab's Bier; Paschas Zorn war wieder besänftigt. In den warmen Sommertagen wechselten nun Regimentsexerzieren und Felddienstübungen miteinander ab. Frühmorgens wurde ausgerückt, erst nachmittags kehrten wir heim. Da wurde dann manchem der Magen schief, der nicht regelmäßig seine Speckpakete von zu Hause bekam. Denn hat man sich so mehrere Stunden lang von seinem Gaul durchstauchen lassen, fühlt man mitunter einen wahren Heißhunger. Doch wo etwas hernehmen? Höchstens, daß man an einem Stückchen trockenen Kommißbrot herumnagt, und das teilt man auch noch regelmäßig mit seinem Pferde. Des Mittags ist man dann bereits überhungert und kann die »Fußlappen«, »Galgennägel« und »Kälberzähne«[194] kaum noch herunterwürgen. In dieser Zeit paßte auf uns Dragoner die Bezeichnung »leichte« Kavallerie tatsächlich, im vollen Sinne des Wortes. Wird man dann auch noch zu allem Überfluß mit grünen Bohnen gefüttert, dann kann das Reiten mitunter direkt zur Qual werden. Alle Augenblicke muß sich einer hinter den Busch drücken ? und glücklich, wer immer noch rechtzeitig anlangt. Noch ein anderes Übel machte sich im Sommer recht unangenehm fühlbar, und das hieß: Wanzen und Flöhe. Für gewöhnlich spricht der Mensch von diesen Tierchen in mehr oder minder scherzhaftem Tone. Hier aber konnte einem schon bei dem bloßen Gedanken an das niederträchtige Viehzeug aller Scherz vergehen. Im Fußboden, in den Wandritzen und vornehmlich in den Betten hauste die braune stinkende Schar. Tagsüber saßen sie träge in ihren Schlupfwinkeln, doch des Nachts wurden sie lebendig. Wehe dann dem müden Schläfer, auf den sie es abgesehen hatten, mit seiner Nachtruhe war es vorbei. Das hüpfende Volk der Flöhe dagegen bindet sich an keine Zeit. Sie sind Tag- und Nachtraubtiere und piesaken, wo sie ankommen können. Auch militärische Kommandos scheinen sie zu verstehen. Ist nämlich »Stillgestanden« kommandiert, so stürzt sich wie auf Verabredung ein Rudel solcher Plagegeister auf den nichtsahnenden Mann und zwickt ihn nach Herzenslust. Einmal hätte ich um Haaresbreite Arrest bekommen, weil ich im Gliede nur einen Moment den Kopf bewegte, um einen besonders hartnäckigen Floh zu verscheuchen, der mir in der Halsbinde saß. Etwas Gutes haben die Viecher aber doch: sie peinigen wenigstens gleichmäßig Untergebene und Vorgesetzte, was sogar der »Herr Leutnant« in der Instruktionsstunde zu seinem Verdruß öfters erfuhr. Bei dem anstrengenden Dienst auf dem Exerzierplatz und im Gelände kommt es natürlich auch vor, daß sich jemand wund reitet. Diese wunden Stellen können sich dann mitunter derart verschlimmern, daß eine Aufnahme ins Lazarett erforderlich wird. Wer nicht gerade muß, der tut schon besser, kein »Lazarettbruder« zu werden, denn wenn der Arzt nicht gleich etwas an ihm[195] findet, so bekommt er »vierte Form mit Musik«, so daß ihm bald der Magen knurrt und er sich schleunigst wieder gesund meldet. Schwerkranke werden jedoch sehr sorgfältig gepflegt. Leider kam es auch einmal vor, daß der Revierarzt einen Kranken als angeblichen Simulanten wieder zum Dienst schickte. Am andern Morgen war der »Drückeberger« ? tot. Als wir diesen mysteriösen Vorfall untereinander auf der Stube besprachen, meinte ein hinzutretender Unteroffizier gefühlvoll: »Na, räsoniert man nicht so viel darüber, was ist hier an einem Kerl gelegen; das kostet nur ein Blatt Papier, dann ist wieder ein frischer da.« Und recht hatte er. Regimentsbesichtigung! Der kommandierende General des Armeekorps wird zugegen sein. In vollem Wichs rücken die Schwadronen nach dem großen Platz. Heute wird's heiß hergehen. Der Kommandeur richtet das Regiment aus. Es will nicht so, wie es soll. Immer wieder bilden sich Ecken und Bogen. Ein bebrillter Reserveonkel, der als Vizewachtmeister eingezogen war und seine Leutnantsübung machen soll, kann absolut nicht in die Richtung finden. »Etwas vorrücken«, schnarrt der Kommandeur. Der Gaul will nicht. »Noch mehr vorrücken, Herr!« klang es schärfer. Der Gaul tritt einen Schritt vor und zwei wieder zurück. Da verliert der Kommandeur die Geduld. Wütend jagt er auf das unglückselige Reserveherrchen los und schnauft: »Herr, scheren Sie sich in die Front, sonst reite ich Sie in den Dreck! Wenn Sie den Gaul nicht bearbeiten können, dann hätten Sie sich lieber krank melden sollen!« Der Ärmste machte jetzt tatsächlich ein Gesicht, als solle er im nächsten Moment vom Pferde fallen. »Aßmus« grinste schadenfroh; er mochte keine »Reservebrüder« leiden und hatte ihm deswegen gerade solch widerhaariges Vieh gegeben, mit dem sich beim besten Willen nichts reiten ließ. Endlich steht das Regiment; die Musik spielt. »Exzellenz« reitet mit seinem Stabe die Front ab. Der Parademarsch im Schritt ist alsbald beendet ? nun kann das »Wienern« losgehen. Uns Mannschaften war es so ziemlich egal, was kam; wir konnten nicht mehr wie reiten. Wir wußten, heute saßen die Herren Offiziere[196] in Schwulitäten, und dies Bewußtsein erfüllte manchen mit heimlicher Schadenfreude. Schmetternde Trompetensignale ertönen; das Regiment setzt sich in Trab. Nun folgen Schwenkungen, Formationen in Zug-, Eskadrons- und Regimentskolonne, abwechselnd nach Signalen, nach stummen Handbewegungen oder nach Kommando. »Regiment ?!« ruft der Kommandeur. »Eskadron ?!« heulen die Rittmeister nach; hierauf folgt das Ausführungskommando, zuerst vom Kommandeur gegeben, dann von den Rittmeistern nachgebrüllt. »Pascha« kann nicht brüllen, der kräht nur. Bald werden die Bewegungen lebhafter. Im Galopp geht es durch Gehölz, über Hindernisse aller Art und durch Schanzen. Die Sonne brennt heiß, trocken klebt die Zunge am Gaumen, den Pferden streicht der Schaum über das Vorderzeug. »Aufmarsch im Regiment!« heißt jetzt das Signal. Die Tetenzüge bleiben im Exerziergalopp, während die nachfolgenden unter dem Kommando der Zugführer: »Halblinks, starker!« in forcierter Gangart abbiegen, um mit den Tetenzügen in gleiche Richtung zu kommen. Ein hübscher Anblick, wenn die Tiere so dahinfegen, daß Kopf und Schweif fast eine gerade Linie bilden. Noch schöner wird das Bild, wenn nach vollzogenem Aufmarsch das ganze Regiment in wuchtigem Frontgalopp über das Feld jagt und alle fünf Schwadronen in nur zwei langgeschlossenen Gliedern wie eine Windsbraut dahinstürmen. Dies ist die Formation zur Attacke. Doch heute geht wieder einmal alles schief. In der Mitte entsteht plötzlich ein heilloser Wirrwarr. Die Rittmeister haben die Intervalle nicht richtig abgeschätzt, der Raum zwischen den Schwadronen reicht nicht aus, um den Zügen einen glatten Einlauf in die Front zu gestatten. Jeder Zug will seine Lücke ausfüllen, aber die Leute können keinen Platz finden. So preschen denn die Schwadronen in der Mitte mit Gewalt aneinander. Die Pferde drängen, bäumen, schlagen. Lanzen brechen, Reiter stürzen. Ein wilder, wüster Knäuel wälzt und wirbelt sich in einer dampfenden Wolke von Staub. Unterdessen jagen die Flügelschwadronen[197] weiter, die festgefahrene Mitte in weitem Bogen überholend. Von einem geschlossenen Frontgalopp ist natürlich keine Rede mehr. »Halt, halt« ertönt das Signal, »Absitzen; zur Kritik«. Mit fliegenden Flanken stehen unsere Tiere und verschnaufen. Die Pause nach der Juxerei bekam ihnen sicher besser, wie den Rittmeistern die Kritik. »Aufgesessen!« heißt es nach einer Weile wieder; der zweite Akt beginnt. Er besteht in verschiedenen Gefechtsübungen, Attacken auf Infanterie, Artillerie und Kavallerie. Pferde und Reiter sind schon stark ermattet, Hunger und Durst macht sich erhöht fühlbar. Ei wie prächtig schmeckte mir da mein Priem, ich kniff ihn, daß mir die braune Sauce aus den Mundwinkeln hervorquoll; schade daß mein Pferd keinen annehmen wollte, sonst hätte es sich auch über das scheußliche Durstgefühl hinwegtäuschen können. Zum Schluß sollte noch ein Parademarsch im Galopp über den breiten Graben gemacht werden. Die Schwadronen setzen an. Mehreren der abgejagten Tiere will der weite Sprung jedoch nicht mehr gelingen; von jeder Schwadron stürzen etliche. Der dicke Wachtmeister von der zweiten Schwadron hat besonderes Pech. Sein Gaul springt mit den Vorderbeinen direkt in den Graben, der jetzt fast ausgetrocknet war, er selbst bohrt die Helmspitze tief in den Grabenschlamm. Von der ganzen werten Person war einige Augenblicke nichts weiter zu sehen, wie die dicke hintere Lederhalbkugel, die sich mählich über die obere Körperhälfte hinwegwälzte, nur widerwillig dem Gesetz der Schwere folgend. Und die Blätter seines Wachtmeisterbuches flogen nur so umher, als ich über ihn wegsetzte. Nach der Regimentsbesichtigung erfolgten täglich Felddienstübungen in größeren Truppenverbänden, wobei ich häufig als Patrouillenreiter tätig war. Während dieser Übungen lernte ich dann endlich eine Anzahl der bedeutendsten Stätten kennen, auf denen wichtige Schlachten des deutsch-französischen Krieges ausgefochten waren, so Gravelotte, Vionville, St. Privat, St. Marie aux Chenes, Colombey-Nouily und andere. Die Denkmäler auf den dortigen Massengräbern wie auch die vielen einzelnen[198] Grabkreuze in den Kornfeldern riefen eigenartige Empfindungen in mir wach. Oftmals fragte ich mich: Wofür haben nun eigentlich diese Tausende von Menschen beider Nationen ihr junges Leben lassen müssen? Alsbald war auch das Gefechtsschießen und Brigadeexerzieren vorüber, und eines Tages hieß es: Morgen geht's ins Manöver. Das Wort Manöver hat ja für jeden Soldaten einen Klang; kommt man doch auf einige Wochen aus der muffigen Kaserne heraus. Das Leben ist etwas freier, ungebundener, auch können die Mannschaften nicht in dem Maße schikaniert werden, wie hinter den Kasernenmauern. Bald im Quartier, bald im Biwak, hier in den Weintrauben, dort im Obstgarten, das einemal ein freigiebiger Quartierwirt, das anderemal flottes Schäkern mit holden Dorfschönen. So ungefähr zeichnet sich die Lichtseite. Doch keine Rose ohne Dorn. Zuweilen hat der Kavallerist einen Gaul, der leicht gedrückt wird, d.h. der schwere gepackte Sattel scheuert dem Tier den Rücken wund. Dann kann der Reiter halbe Nächte kühlen; nicht selten sogar führt er sein Rößlein am Zügel ins Quartier, die Lanze und langen Stiefel auf dem Buckel, die kurzen Stiefel an den Füßen. Sehr anmutig sieht das Bild dann nicht aus. Oder man wird auf Brandwache kommandiert, wenn man an einem Regentage bis auf die Haut durchnäßt war, und was dergleichen Annehmlichkeiten mehr sind. Zudem sehen einen auch viele elsaß-lothringischen Bauern lieber gehen wie kommen, weil sie mit Einquartierungen alljährlich geradezu überlastet sind und ihnen in der Manöverzeit so manches verschwindet, was sie lieber behalten hätten, nicht zum wenigsten ? Hafergarben. Es wurde zwar eindringlichst bei jedem Appell davor gewarnt, den Bauern Pferdefutter zu stiebitzen. »Wer gefaßt wird, kommt ohne Gnade in den Kasten«, sagte Aßmus, »das heißt, wer aber sein Pferd vernachlässigt, hat auch nichts zu lachen«, fügte er hinzu. Für uns genügte der zarte Wink. Von der Entwicklung und Ausführung der Gefechte zwischen den beiden »feindlichen« Armeen bekommt man im ersten Manöver eigentlich noch so gut wie gar keine Ahnung. Man weiß[199] nichts von »Generalidee« und erst recht nichts von »Spezialidee«. Man sieht die Massen von Truppen aller Waffengattungen reiten, marschieren und feuern, und tut als winziger Maschinenteil in diesem riesigen Mechanismus einfach mit, was befohlen wird, ohne sich um strategische Dinge auch nur im entferntesten kümmern zu können. Als das Manöver beendet war, rückten wir mit klapperdürren Gäulen wieder in die Kaserne. Hurra! das verdammte Rekrutenjahr hatte ich nun glücklich hinter mir, und ich verlangte wahrlich nicht darnach, es noch einmal durchzumachen. Die Reservisten sind entlassen, frische Rekruten haben sich eingestellt ? ich bin jetzt »Blausack«, d.h. alter Mann zweiten Grades; die Kameraden des dritten Jahrgangs nennen sich stolz »steinalte Leute«. Mit einem behaglichen Gefühl der Überlegenheit betrachtete ich die neuen Stifte, die nun genau so gezwiebelt werden und genau so »im Schwindel« waren, wie ich und mein Jahrgang im verflossenen Jahr. Es gab jetzt Manöverlumpen zu reinigen, Remonten abzuwarten, was doppelten Stalldienst verursachte, zwischendurch Kammerarbeit, Furagedienst und so weiter. Schließlich folgte die Einteilung in die verschiedenen Reitklassen; als gut veranlagter Reiter kam ich in die Dressurabteilung der Zweijährigen. Der tägliche Dienst ging nun wieder seinen Gang, mit und ohne Schikanen, wie die Vorgesetzten gerade gelaunt waren. Freilich nahmen wir nun die Schimpfereien nicht mehr so tragisch wie in der Rekrutenzeit; wir waren dickfelliger, gerissener geworden und wußten uns auch besser zu drücken. Ja wir gingen sogar öfters dazu über, den Unteroffizieren allerhand lose Streiche zu spielen. So sammelten mehrere von uns eines guten Tages eine Tüte voller Wanzen und setzten diese Bescherung einem unbeliebten Sergeanten ins Bett. Vor Lachen bissen wir fast in die Schlafdecken, als der Gepeinigte wie wild aus der Falle sprang und unter wütenden Verwünschungen auf der Stube umhertobte. Einem anderen Unteroffizier praktizierten wir einen Salzhering in die Säbelscheide, preßten dann die Klinge mit Gewalt hinein und freuten uns nicht wenig, als der[200] Gemeierte sich beim Fußdienst vergeblich bemühte, seine total verrostete Plempe zu ziehen. Da die Übeltäter trotz der peinlichsten Verhöre nicht zu ermitteln waren, mußten sämtliche alten Leute vierzehn Tage lang mittags von 12 bis 1 Uhr strafexerzieren. Ähnliche Dinge wiederholten sich mehrere. Wer die Übeltäter waren, kam aber nie heraus. Das wußten allein die »Götter«. Die Götter sollten auch sonst vielfach helfen, deshalb schickte »Aßmus« die »alten Schweinehunde« mit Vorliebe zur Kirche. Wer dort schlief, der mußte am nächsten Sonntag zur Strafe wieder hin, oder es waren neue Sünden abzubüßen. Mit dem Sonntagskirchgang war es aber alleine noch nicht getan, es fanden auch obendrein noch Kasernenandachten statt. Ich konnte mich aber an den Salbadereien des Divisionspfarrers nie erbauen. Mir war's immer, als wenn der »Kommißpfaffe« selbst nicht an das glaubte, was er uns erzählte. Deshalb kroch ich mehrfach unters Bett oder ins Spind, wenn solche Andachten angesagt waren, nur um das frömmelnde Getue nicht mit anhören zu müssen; es paßte ja auch zu dem ganzen Soldatenleben wie die Faust aufs Auge. Übrigens verhalf mir der Geistliche in christlicher Nächstenliebe auch noch zu zwei Stunden Strafexerzieren. Ihm paßte es nämlich nicht, daß ich während seiner Andacht, anstatt ihm zuzuhören, einmal recht andächtig Räubergeschichten las. Da kam der Zorn Elias' über ihn, und er meldete mich. Mit diesen zwei Stunden hatte ich zudem noch extra Pech, denn sie trugen mir ohne meinen Willen noch zwei weitere Stunden ein, und das kam so: Die »Tippelkolonne«, der ich dafür zugeteilt war, stand auf dem Kasernenhofe und machte im Schweiße ihres Angesichts Freiübungen. Das sei besonders gut für die Verdauung, meinte der Sergeant, der uns exerzieren ließ. Und wahrhaftig, ich hab's gespürt. Er kommandierte: »Nach Zählen linkes Bein spreizen, eins ?« Die linken Beine flogen in die Höhe. Nun kommandierte er aber nicht »Zwei«, worauf sie wie der zur Erde gestellt worden wären, sondern ließ uns ungebührlich lange auf dem rechten Bein stehen. Diese Anstrengung mußte in meinem Magen wohl eine Revolution hervorgerufen haben, denn plötzlich gab's bei mir einen Krach, einen gehörigen regelrechten Erbsenkrach![201] Sofort erscholl helles Lachen, Kichern und Prusten aus dem Gliede, und die erhobenen Beine senkten sich ohne Kommando, wie wenn sie niedergeblasen wären. Im nächsten Augenblick steht der Sergeant bei mir. Er weiß nicht recht, soll er fluchen oder lachen. Schließlich tat er alles beides und ? meldete mich noch obendrein bei »Aßmus«. »Na warte«, sagte der, »du glaubst wohl schon, du bist dem Rittmeister sein Gummifuchs ? ?« Zwei neue Stunden Strafexerzieren waren meine Belohnung. Der alte Kaiser ist gestorben! hieß es eines Tags von Mund zu Mund. Das Ereignis wurde lebhaft besprochen. Man munkelte schon von Mobilmachung und sonst allerlei. Die Mobilmachung blieb nun zwar aus, dafür gab's aber eine neue Vereidigung. Als das Regiment auf dem großen freien Platz vor der Kaserne aufgestellt war und die Eidesformel nachsprechen sollte, dachte ich bei mir selber: »Ich werde Euch was husten. Geschworen habe ich einmal, aber nie wieder.« Zum Schein bewegte ich auch nur die Lippen, weil ich keinen Arrest riskieren wollte; innerlich aber verwünschte ich den ganzen Kommiß und noch man ches andere dazu. Als dann nach wenigen Monaten auch der neue Kaiser starb und wir dem dritten Kriegsherrn den Treueid leisten mußten, machte ich's ebenso. Und so wie ich, hat's noch manch anderer gehalten. Es war ja doch nur ein Zwangseid, und Zwangseide? Schwamm drüber. Einige Wochen später rüstete sich das Regiment zur Musterung. Das ist etwas sehr viel anderes als eine Besichtigung. Musterung ist etwas Fürchterliches, der schrecklichste der Schrecken beim Kommiß. Glücklicherweise wird sie nur alle zwei Jahre abgehalten. Was heißt das, Musterung? Nun, der Kavallerist hat an einem bestimmten Tage mit seinen sämtlichen Monturstücken, fünf Garnituren hoch, seinem ganzen Sattelzeug, Waffen, Putzkram und Eßgeschirr ? kurz mit seiner gesamten Ausrüstung vor dem General zur Inspizierung anzutreten. Stall, Kaserne und Stube müssen tadellos in Stand gesetzt werden. Es gibt eine Generalreinigung in des Wortes vollster Bedeutung. Wochenlang wird gescheuert, gewaschen, geschrubbt,[202] geputzt, geklopft, gebürstet, geschmiert, geflickt, daß den Leuten schier die Augen übergehen. Tagtäglich ist Appell mit irgendwelchen Sachen, nicht ein ? nein drei-, vier-, fünfmal. Es ist, als wenn sich auf die Musterung die ganze Summe der unendlichen kavalleristischen Fummelei konzentrierte. Endlich brach der Unglückstag an. Auf dem Kasernenhof hat jeder seinen ganzen Plunder vor sich ausgebreitet. Da erscheint der General in Begleitung des Regimentskommandeurs und anderer hoher Offiziere. Er läßt sich von den Leuten die verschiedensten Sachen zeigen, hier einen ersten Rock, dort eine fünfte Hose, von einem eine Knopfgabel, vom andern eine Schmierbürste. »Zeige mir mal deine zweite Feldmütze, mein Sohn«, sagte er zu mir. Schnell lange ich das »Kopfstück« hervor. »Name eingenäht, schön.« Schon will er weitergehen, da wirft er noch wie zufällig einen Blick auf die unglückselige Mütze zurück. Er staunt das Ding eine Weile an, als sähe er ein Gespenst. Die Offiziere um ihn her staunen pflichtschuldigst mit; »Pascha« wird bleich. Da ein lautes Räuspern. Mit finsterem Antliz deutet der General auf die Kokarde an der Mütze. »Sag mal, mein Sohn, was ist das ? waas?« röchelt er. Ich besehe den farbigen Knopf, weiß aber nicht, was ich sagen soll. »Nun meine Herren, was sagen Sie dazu; ist es nicht stark, bei der Musterung eine zerbrochene Kokarde vorzuzeigen, waaas?« Die Offiziere legen die Hand an den Kopf; der Kommandeur fixiert den Rittmeister scharf durchs Pincenez; »Pascha« stöhnt leise. »Herr Rittmeister, das ist ne unverzeihliche Bummelei«, haucht ihn der General an, »ich bitte mir aus, daß mir so etwas nicht wieder vorkommt.« Stumm salutierte »Pascha«, nur einen vernichtenden Blick warf er mir zu ? »Aßmus« notiert. Was war nun eigentlich los? Von der Kokarde war an der Rückseite ein winziges Stückchen abgeplatzt, und zwar trug ich daran auch nicht die allermindeste Schuld. Das Stück mochte schon jahrelang fehlen, denn diese Garnitur Mützen hatten wir nur verpaßt und Namen eingenäht, sonst lagen sie still auf der Kammer. Nachdem aber bei der Musterung der General den unbedeutenden Defekt gewahr geworden war, war das Unglück groß.[203] Die Herren taten gerade so, als wenn von dem harmlosen Knopf das Wohl und Wehe der ganzen deutschen Armee abgehangen hätte. Zopf und Gamasche! Ich aber erhielt drei Tage Mittelarrest. Hat man aber erst einmal, um einer Lappalie willen, Arrest gehabt, so scheut man den »Kasten« auch zum zweitenmal nicht mehr. So ging's auch mir. Nach der Musterung bekam die Schwadron eine sechste Garnitur. Es waren dies Lumpen, fast zu schlecht, um noch für den Aufputz einer Vogelscheuche Verwendung zu finden; ein Flicken am andern, und doch mußten wir das Zeug noch beim Exerzieren tragen. Ich hatte nun ein Paar Pantalons, die absolut nicht mehr zusammenhalten wollten. Beim Trabreiten rollte sich das zerrissene Hosenleder zusammen und drohte mir das Sitzfleisch wund zu scheuern. Kurz entschlossen riß ich deshalb die ganze Bescherung hinten weg. Da ich aber auch keine Unterhosen anhatte ? sie waren zu Fußlappen verwandt worden ? so saß ich seelenvergnügt mit blankem Gesäß im Sattel. Solange Trab geritten wurde, ging alles gut, beim Galopp aber flogen die Rockschöße. Es dauerte auch gar nicht lange, so ritt »Aßmus« von hinten an mich heran und tippte mir mit verschmitztem Lächeln höchst freundschaftlich auf die Schulter. »Was ist denn mit deiner Hose los, du August?« pfiff er. »Die ist kaputt, Herr Wachtmeister«, erwiderte ich. »Ja, das seh' ich«, klang es verheißungsvoll zurück, »na wart' man, du Schweinhund ? ?« Flugs macht er dem Rittmeister Meldung. »Pascha« kam, sah und lachte; der Rest war wieder: drei Tage »Kahn«. Kaiserparade! Wie ein elektrischer Funke ging die Nachricht durch die Schwadron, daß der junge Kaiser nach Metz komme und eine größere Truppenrevue abhalten wolle. Bei dem Gedanken, zum erstenmal den »obersten Kriegsherrn« zu sehen, bemächtigte sich unser aller doch eine gewisse freudige Erregung. Tagelang vorher wurde nun Parademarsch geübt, der andere Dienst ruhte. Bei diesen Übungen markierte der Regimentskommandeur mit unnachahmlicher Grazie den Kaiser. Immer wieder rief er: »Guten Morgen, Dragoner!« Und immer wieder brüllten[204] wir im Chor: »Guten Morgen, Majestät!« Es sollte ja alles hübsch klappen. Zu putzen gab's glücklicherweise nicht viel, denn jetzt bekamen wir einmal lauter neue Sachen von der Kammer. Es war denn auch ein prächtiger Anblick, als das Regiment in neuen Uniformen, die Pferde mit Schabracken bedeckt, zur Parade ausrückte. Truppen aller Waffengattungen füllten den Platz. Regiment an Regiment fand Aufstellung, alle in schnurgerader Linie nach vorher eingeschlagenen Pflöcken Richtung nehmend. Ungefähr zwei Stunden verharrten die Truppen in dieser Stellung, manchem wurde die Zeit schon bedenklich lang. Da endlich nahte der große Moment. Die Musik spielt die Kaiserhymne. Alle Herzen klopfen wirklich höher ? der Kaiser in Kürassieruniform reitet die Front ab. Die Kaiserin folgte im Wagen, umschwärmt von einer glänzenden Suite ... »Na, das war die ganze Herrlichkeit?« fragte ich mich, als der kaiserliche Zug vorüber war. Und deswegen mußten wir zwei Stunden wie angenagelt auf dem Gaul hängen? Jetzt folgten die Parademärsche: erst im Schritt, dann im Trab. Man ritt wie gewöhnlich, hörte Musik und schluckte Staub. Undeutlich, wie durch eine gelbliche Dunstwolke, sahen wir im Vorbeireiten, wie der Kaiser mit kurzem Gruß die Meldung des Kommandeurs entgegennahm; die Kaiserin nickte leicht. Damit war die Geschichte für uns zu Ende. Nach dem Einrücken hatte die Schwadron Ruhe. Zur Erinnerung an den großen Tag erhielten wir des Abends jeder ein Stück Wurst als Extragabe. Ich nahm noch Urlaub, um mir den großen Zapfenstreich mit anzusehen, der von allen Musikern und Spielleuten aller an der Parade beteiligten Regimenter ausgeführt wurde. Um elf Uhr kroch ich in die Falle und dachte darüber nach, was doch so um einer hochgestellten Person wegen alles gemacht wird. Das zweite Manöver war beendet. Ich war jetzt »steinalter« Mann. In meinem Spinde hing der Reservekalender, von dem ich jeden Morgen gewissenhaft einen Tag ausstrich. Gottlob, dachte ich, es wird immer einer weniger.[205] Der Dienst wickelte sich wieder nach der alten Leier ab, nur daß ich jetzt Remonten mit zureiten mußte. Unendlich langweilig strichen die Tage dahin. Was hatte das letzte Dienstjahr nun noch für einen Zweck! In alle Dienstzweige war man zur Genüge eingeweiht, und außer der Remontendressur ist alles nur eine Wiederholung des schon hundertmal Geübten. Und die Remonten? Konnten die nicht von den Unteroffizieren zugeritten werden? Schlimmstenfalls hätten dazu auch schon die befähigtesten Reiter des zweiten Jahrgangs ausgereicht. Es ist doch schließlich keine Kunstreiterei, die beim Kommiß getrieben wird. Meiner Überzeugung nach ist das dritte Dienstjahr vollkommen überflüssig. Es verhilft einem guten Teile der Mannschaften nur unnötigerweise zu Arrest, weil sie sich für die Langweiligkeit des Dienstes am liebsten außerhalb der Kaserne, über den Zapfenstreich hinaus, zu entschädigen suchen und auch sonst auf allerlei Streiche verfallen, die ihnen unter Umständen fürs ganze Leben schaden. Gerade das dritte Jahr bringt erfahrungsgemäß den meisten »Kasten«. Langsam ging auch der letzte Winter in der Kaserne vorüber. Das einzige bißchen von angenehmer Erinnerung daran war das Weihnachtsfest und die Kaisersgeburtstagsfeier. Sonst weiter nichts wie Drill, Pferdekötel, und wieder Drill und wieder Pferdekot. Der Sommerdienst gestaltete sich dann wieder etwas interessanter, und schneller vergingen die Tage. »Reserve hat nicht mehr lange!« riefen sich die alten Leute gegenseitig zu. Auffällig war bei uns der schnelle Wechsel im Offizierskorps. Wir hatten nun schon den dritten Rittmeister und mindestens ein halbes Dutzend verschiedener Leutnants als direkte Vorgesetzte gehabt, darunter sogar einen Herrn von Schulz. Wenn ich diesen Mann ansah, wunderte ich mich immer nur darüber, wie jemand von Schulz heißen konnte. Auch in den höheren Kommandostellen gab es ein ständiges Kommen und Gehen. Eine der interessanteren Figuren war mir der Brigadekommandeur von Podbielski, der spätere Post-Stephan und darnach ? preußischer Landwirtschaftsminister. Ich sehe ihn noch auf seinem Braunen sitzen, diesen wohlbeleibten Herrn in der Oberstenuniform der[206] Ziethenhusaren. Seine Nase erglänzte im zartesten Frührot, so daß sie in der Farbe eigentlich noch hübscher und frischer aussah, wie seine rote Husarenattilla, und über seinem rundlichen Gesicht lag stets ein Lächeln glücklicher Selbstzufriedenheit, ein Lächeln, als wenn ihm permanent zwei gebratene Mastfasanen im Magen umherkollerten. In der Schwadron nannten wir ihn nur immer »Husaren-Pod« oder »Gottlieb Stillvergnügt«. Lange ist er übrigens auch nicht bei der Brigade geblieben. Das direkte Gegenstück von unserem »Husaren-Pod« war der Korpskommandeur Graf Haeseler. Mager wie eine schiefgebogene Zaunlatte hing er auf dem Pferde, der eine Steigbügel stets ein paar Zoll länger wie der andere. So konnte er den ganzen langen Tag reiten, ohne daß man ihn essen oder trinken sah; er wechselte nur sein Pferd, dann ging's wieder weiter. Auf dem charakteristischen glattrasierten Gesicht mit den meistens offenstehenden Lippen lag ewig der stille Ernst des Denkers. Bei uns wurde gesagt, die Offiziere sollen selbst an den heißesten Tagen in seiner Nähe förmlich gefroren haben. Wenn sich's gerade so paßte, examinierte er auch ganz gerne mal die Mannschaften, besonders die Patrouillenreiter, die ihm in die Quere kamen. Aus seiner dünnen Frauenstimme klang dann in solchen Fällen, wie ich mehrmals selbst erfuhr, ein Ton nachsichtiger Belehrung. Froh waren wir aber doch jedesmal, wenn wir ihm ungeschoren aus dem Wege kommen konnten. Man kann nämlich niemals wissen, wie solche Herrschaften gerade gefrühstückt haben, und ? was ist ein winziges Stückchen »Gemeiner« beim deutschen Kommiß, wenn er einem Offizier und vollends erst einem General gegenübersteht? Endlich, endlich hieß es für uns: »Hurra!« »Noch einmal satteln, dann hat Reserve Ruh!« Es war der letzte Tag des dritten Manövers. Freudig reichten wir uns einander die Hände: Jetzt hatten wir's geschafft. »Reservisten Sachen abgeben!« ruft der Quartiermeister nach dem Einrücken. Schnell wird der ganze Plunder in den Futtersack gepackt und auf die Kammer getragen. Dann kleidet sich alles um. Die meisten haben sich von zu Hause Zivilsachen schicken[207] lassen, andere stolzieren mit aufgerollten Achselklappen in ihrer Extrauniform umher. Wem beides fehlt, dem wird ein alter Kommißanzug gewissermaßen als Belohnung für den dreijährigen Dienst mit auf die Reise gegeben. Ich hatte mir ebenfalls Zivilzeug verschafft. Alles ist ausgelassen lustig, einige gebärden sich gar fast närrisch vor Freude darüber, daß sie ihre drei Jahre nun abgerissen haben. Nur zwei Mann von unserem Jahrgang haben kapituliert! Noch wird die Stammrolle unterschrieben und der Paß in Empfang genommen, dann sind die Reservisten ? frei! Am andern Morgen heißt es: »Parole: Heimat! Raus aus Metz!« Zum letzten Male stehen die Reservisten des Regiments auf dem Kasernenhofe; der Kommandeur hält die Abschiedsrede. Er weist noch einmal auf die hohe Ehre hin, die uns dadurch zuteil geworden sei, daß wir drei Jahre des Königs Rock tragen durften. Dann ermahnte er uns ? gerade so wie dies der Rittmeister bei den vielen Spindrevisionen getan hatte ? immer gut patriotisch zu bleiben und sich beileibe nicht etwa von sozialdemokratischen Volksverführern betören zu lassen. Vielmehr möge jeder baldigst einem Kriegerverein beitreten. Und wenn jemand in kritischen Zeiten einen Freund und Berater brauche, so möge er sich an sein Regiment erinnern; er, der Kommandeur werde jedem auch nach Jahren noch mit Rat und Tat väterlich zur Seite stehen. »Wenn du nicht schon längst vorher den blauen Brief bekommst«, dachte ich. Endlich ist er fertig; auch das unvermeidliche Kaiserhoch war ausgebracht. Die Musik tritt an, und unter den Klängen des Liedes: »Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus« marschierten wir nach dem Bahnhof. Während der Fahrt hatte ich hinreichend Gelegen heit, die Erlebnisse der verflossenen drei Jahre im Geist noch einmal an mir vorüberziehen zu lassen. Als armer Teufel war ich eingetreten, als armer Teufel kehrte ich zurück. Meine paar Taler Lohn, die ich einst mitnahm, hatte ich längst verbraucht. Doch ich war doch um etliche ernste Erfahrungen reicher geworden, ich sah die Welt mit anderen Augen an und wußte nun, daß all die schönen[208] Soldatengeschichten der Literatur nichts weiter sind wie Märchen, gemacht, um einen Pseudopatriotismus zu hegen und zu pflegen, der das nüchterne klare Denken der unteren Volksschichten umnebeln soll. Wie ein Hohn auf die nackte Wirklichkeit erschienen mir nun schon längst Lobpreisungen des Militarismus, wie ich sie so häufig in Büchern und Zeitungen gelesen. Das einzige Gute, was ich mir beim Militär angeeignet, war ein bißchen körperliche Gewandtheit. Aber mit welchen Opfern und Mitteln hatte man mir die beigebracht! Welche entwürdigende Behandlung hatte ich derentwegen ertragen müssen! Doch über das alles wußte ich nun Bescheid. Und den wollte ich mir wahrlich merken, mein Leben lang. Mochten sich andere finden, die auch nach ihrer Dienstzeit noch für dies Kommißleben schwärmten; es konnten immer nur solche sein, die ständig Geldmittel und Speckpakete im Spinde hatten oder irgendwo auf einen guten »Druckpunkt« abkommandiert waren. Ich wußte es anders. Wer wie ich als Habenichts drei Jahre in der Schwadron Dienst getan und sich noch ein gesundes Gefühl für Menschenwürde bewahrte, der verzichtet für immer darauf, den Militarismus in irgendeiner Form zu verherrlichen. Mindestens die Hälfte unseres ganzen militärischen Drills war überflüssig gewesen. Deshalb stimmte ich fröhlich mit ein, als in Hamburg der Reservistentransport aufgelöst wurde und meine Kameraden zum Abschied sangen: Amazon.de Widgets Nun stoßen wir, Vivat, die Gläser, die traurige Zeit ist vorbei! 
 Als Hütejunge beim holsteinischen Kleinbauern  [69] Vergnügt fuhr Jochen Voß mit mir davon. Bald hatten wir das Hamburg-Altonaer Häusergewirr hinter uns und passierten den Ochsenzoll. Dann ging's im gemütlichen Schuckeltrab immer Chaussee lang. Mein nunmehriger Arbeitgeber war der Typus eines holsteinischen Kleinbauern; reichlich mittelgroß, kräftig, gutmütig. Die großen schwieligen Hände zeugten von schwerer Arbeit. Das Gesicht war ? bis auf die übliche Bartkrause unter dem Kinn ? glattrasiert; im Munde stak die Knasterpfeife. Er war recht gesprächig auf dem langen Wege. Besonders spaßhaft erschien es ihm, daß ich das holsteinische Platt nicht völlig verstand; mein hinterpommersches Platt erklärte er ohne weiteres für »polacksch«. Auf meine häufigen Nachfragen versuchte er dann, mir seine Künstlerausdrücke ins Hochdeutsche zu übersetzen, was nun allerdings wieder bei mir eine nicht zu unterdrückende Heiterkeit wachrief. Die ganze Art aber, wie sich dieser einfache Mann mit mir unterhielt, war von vornherein geeignet, Zutrauen einzuflößen, und ich muß gestehen, daß ich mir schon während der ersten paar Stunden unserer gemeinsamen Fahrt gar nicht mehr so fremd vorkam. In wohlwollender Teilnahme erkundigte er sich nach meinem Vorleben, sowie nach den ländlichen Verhältnissen meiner Heimat; er wiederum erzählte mir einiges über seine eigenen kleinbäuerlichen Verhältnisse. So erfuhr ich denn schon unterwegs von ihm, daß er nur eine kleine sogenannte »Twee-Peers-Städ« (Zwei-Pferde-Stelle) besaß, die zum Teil aus Moorland bestand. Da er den hieraus gewonnenen Torf in den umliegenden Kleinstädten wie Barmstedt, Bramstedt, Pinneberg, Segeberg oder Oldesloe nur schlecht loswerden konnte, so fuhr er damit am liebsten nach Hamburg-Altona oder Ottensen. Wenn auch der Weg einige Meilen weiter war, so machte sich die Fahrt dahin doch leidlich bezahlt, weil in diesen Großstädten der Bedarf an Brennmaterial naturgemäß ein ungleich größerer war, wie in den angeführten[70] kleineren Orten. Für seine acht Kühe und die paar Stück Jungvieh hatte er sonst immer rechtzeitig einen »Kohhar« aus der Umgegend bekommen, doch das Jahr waren die Jungens knapp gewesen. Deshalb hatte er sich auch kürzlich an den ihm bekannten Vater Nissen gewandt, damit ihm dieser einen »Hambörger« besorgen sollte. Zufällig war ich nun dieser Hambörger geworden. Daß ich dem Agenten »ausgehakt« war, belustigte ihn offenbar, hatte er dadurch doch jetzt den gewünschten Kuhhirten erhalten. Bei solchen Erörterungen sagte Jochen Voß nachdenklich zu mir: »Merkwürdig, hier von't Holsten geiht allens na Amerika, un von Pummern un Oostpreußen un Poolen kamt de Lüd hier wedder her; dat mut bi ju de achter doch 'n bannig schlechte Gegend sin.« »Na, lat man, min Jung«, setzte er hinzu, »dat löppt sich vör dy allens torecht; mit de Tid warst du dat hier allens an, wenn du't man ärst wennt bist.« Das glaubte ich allerdings auch. Spät in der Nacht langten wir auf der Hofstelle an, und des Morgens konnte ich mich auf meiner ersten holsteinischen Arbeitsstelle etwas näher umsehen. Das Gehöft bestand aus Wohnhaus, Scheune und einem kleinen Schuppen. Alles war mit Stroh gedeckt und hatte ein etwas altertümliches Aussehen. Das Wohnhaus war noch ein sogenanntes »Rauchhaus« alten Stils, ohne Schornstein; ein rechteckiger Kasten mit niedrigen Wänden, kleinen Fenstern und unverhältnismäßig hohem Dach. Den vorderen Teil nahmen zwei Stuben, die Küche und zwei Kammern ein, von denen die eine als Vorrats-, die andere als Milchkammer diente. Die Küche bildete eine Sehenswürdigkeit für sich. Es läßt sich kaum ein Raum voll größerer Kontraste denken, wie die Küche eines holsteinischen Rauchhauses. Dort, auf den Regalen, sieht man das gesamte Küchengeschirr sauber und blitzblank, Stück für Stück in schönster Ordnung aufgereiht; und hier starren uns Wände und Decke in einem undefinierbaren rußigen Schwarz entgegen, fast wie in einer Schmiede. Den Seiten des Herdes bleibt man am besten fern, sonst klebt man gar zu leicht an dem teerigen »Sott« fest, der in dickflüssigen Rinnsalen nicht nur das Innere, sondern teilweise auch das Äußere des geräumigen[71] Herdloches bedeckt. Es gehört schon die Geschicklichkeit einer holsteinischen Bäuerin oder einer »fixen Deern« dazu, um bei den vielen Hantierungen in der Küche nicht die Farbe eines Schornsteinfegers anzunehmen. Doch das rußige Aussehen von Küche und Umgegend hat seinen sehr natürlichen Grund. Da es, wie bereits erwähnt, an einem Schornstein mangelt, so muß sich der täglich erzeugte Rauch einen Ausweg suchen, wo er ihn findet, und er findet ihn nur sehr langsam durch Fenster, Türen oder Bodenluken. Dabei kann es denn weiter nicht wundernehmen, daß im Hause tatsächlich alles geräuchert wird, nicht nur die Schinken, Würste und Speckseiten, die auf der Lohdiele dicht vor der Küche an Stangen aufgehängt sind, sondern auch das Heu, Stroh und Korn auf dem Boden. Und dennoch: schließlich hat dieser Rauch gar nichts Unangenehmes oder Widerwärtiges an sich; im Gegenteil, er erfüllt das ganze Haus mit jenem eigentümlich würzigen Duft, der einer städtischen Nase immer erst als vollwertiges Charakteristikum eines richtigen Bauernhauses gilt, besonders wenn er noch mit den aromatischen Gerüchen des Kuhstalls vermischt ist; ein Duft, den vor allem fechtende Handwerksburschen als außerordentlich einladend zu schätzen wissen. Als eine ganz neuartige Erscheinung in den Einrichtungen dieses Bauernhauses ? die ich erst später natürlich als ganz allgemein verbreitet fand ? erschienen mir vor allem auch die Schlafstellen. Stehende Bettladen nach hinterpommerscher Art gab es hier nicht, dagegen herrschte hier das System der Bettkasten. Diese sind längsseits der Wand angebracht und mit einer von oben bis nach unten reichenden Holzverkleidung versehen, in der sich verschiebbare Luken befinden. Sind die Luken geschlossen, so ist von dem Bett überhaupt nichts wahrzunehmen, das Ganze sieht dann aus, wie ein großer unförmiger Wandschrank. Will man hineinschlüpfen, so zieht man die Luken zur Seite. Wer erst drin ist, ist geborgen; herausfallen kann er nicht. Schade nur, daß das Bettzeug in diesen licht- und luftarmen Höhlungen fast immer feucht und klumpig ist. Sonst aber haben die Bettkästen ihre nicht zu leugnenden Vorteile: Einmal schläft[72] man dadrin schön versteckt wie ein Murmeltier; dann braucht das Bettzeug nicht so oft gewaschen zu werden, weil's bei Tage ja doch niemand anderes zu sehen bekommt wie die Hausfrau oder die Deern, und schließlich bildet solch Kasten mit dem vielen Stroh darin eine geradezu ideale Niststätte für Mäuse, die immer dafür sorgen, daß man des Morgens nicht die Zeit verschläft. Noch ließ es die Witterung nicht zu, daß ich draußen auf der Weide meines Amtes als Kuhhirte walten konnte. Deshalb mußte ich mich in Haus und Hof nützlich machen, so gut ich konnte. Während Vater und Sohn (es war noch ein erwachsener Sohn da) die Frühjahrssaat in die Erde brachten, fütterte ich daheim das Vieh, mistete die Ställe aus und war mit der Frau im Hausgarten tätig. Essen mußte ich mit am Familientisch, und ich will gerne gestehen, daß mir die Kost hier bedeutend besser gefiel, wie das bis dahin gewohnte, ach so magere Futter in Hinterpommern. Kartoffeln kamen hier gewissermaßen nur als Zukost auf den Tisch; die Hauptnahrung bildeten Mehlspeisen, und die »bookweten Klüten un Pannkoken« mundeten mir vortrefflich. Endlich nahte der langersehnte Tag, an dem der erste Austrieb des Viehes stattfand. Ich hatte mich hierzu gebührend gerüstet. Stiefel und Brottasche ? beide schon reichlich abgenutzt ? waren frisch mit Tran geschmiert, und an der nagelneuen Hirtenpeitsche prangte zur Feier des Tages ein rotes Band, das Mutter Voß von dem Dörfhöker eigens für mich »zugekriegt« hatte, als sie das letztemal »Schmöktabak« für den Alten holte. Die Sonne schien freundlich an dem schönen Maimorgen, und ringsum sproßte alles in üppigem Grün. Wie verwundert sie taten, die Kühe und das Jungvieh, als sie nach der langen winterlichen Stallgefangenschaft jetzt losgekuppelt wurden und nun, jeder beengenden Fessel ledig, frank und frei auf der Hofstelle umherspringen konnten. Hier mußten sie sich nämlich erst ein Stündchen »abtanzen«, um sich an den plötzlichen Freiheitszustand wieder ein wenig zu gewöhnen. Nach und nach legte sich der Übermut, und in langgezogenen Muhtönen[73] verkündeten die Tiere ihre Sehnsucht nach der saftigen Weide, deren würzigen Frühlingsduft sie schon von weitem begierig witternd einsogen. Bald war ich mit meiner kleinen Herde auf der Weidekoppel angelangt. Vater Voß, der mit seinem Sohn den Austrieb begleitet hatte, ermahnte mich nun noch wiederholt, auch immer recht brav aufzupassen, damit die Kühe nicht auf die Saaten kämen. Darauf meinte er launig: »Na denn holl dir man fuchtig, min Jung«, und ich stand ? allein auf weiter Flur. Hirtenknabe! Wie oft ist er schon angedichtet worden! Beinahe so oft, wie der stille Mond und die singende Nachtigall. Wer zählt all die reizvollen Schilderungen, in denen naturschwärmende Schriftsteller das Hirtenleben verherrlichen! Fast könnte sich solch Hirtenbüblein was drauf einbilden, daß man gerade in ihm so häufig eine poetische Figur erblickt. Ach, er bleibt sein Lebtag frei von solchem Stolz. Weiß er doch, daß all die dichtenden, schwärmenden Männlein und Weiblein bitter enttäuschte Gesichter machen würden, wenn sie ihn auch nur einmal vierzehn Tage lang in seinem vielgepriesenen Hirtenamt ablösen sollten! Amazon.de Widgets Gewiß, das Hirtenleben hat schon seine Reize; leider ist es aber auch nur zu häufig ganz verdammt prosaisch. Wenn die Sonne so recht heiter und goldig vom Himmel herunterlacht, die Lerchen jubilieren und die Schmetterlinge ihr lieblich Gaukelspiel auf den Blüten treiben; wenn die Käfer summen, die Wachtel schlägt und die Hasen neckisch Männlein machen; oder wenn an lauen Sommerabenden Feld und Flur in feierlicher Stille liegen, die Tiere friedlich weiden und harmonischer Glockenklang vom fernen Kirchturm herübertönt ? ja dann wird auch dem Hirtenknaben das Herze weit; er fühlt sich froh in der großen schönen Natur und singt aus voller Kehl und frischer Brust, so wie ihm der Schnabel gewachsen ist, seine schönsten Schul- und Leierkastenlieder. Dies ist die Sonnenseite des Hirtenlebens. Und diese nur alleine sehen die Dichter und Dichterlinge, denn ? wenn's regnet, lassen sie sich nicht blicken. Nun ist es aber auch auf dem Lande nicht[74] alle Tage Sonntag; das Wetter hat seine Mucken und ? das liebe Rindvieh nicht minder. Frühmorgens, eh die Hähne krähen, kroch ich schon aus meinem Bettkasten und half zunächst mit melken. Dann wurden die Schweine versorgt, inzwischen hatte die Bäuerin die Frühkost fertig. Schnell zog ich einen Eimer Wasser aus dem Brunnen und wusch mir Gesicht und Hände. Seife gab's nur Sonntags. Alltags mußte man eben sehen, wie man den Kuh- und Schweinemist und sonstige landwirtschaftliche Klebestoffe ohne Seife von den Händen herunterkriegte. Das borstige Haar wurde mit den zehn Fingern gekämmt. Nach der Frühkost, so etwa um halb sechs Uhr morgens, nahm ich mein Brotholster mit der üblichen Kruke Buttermilch über die Schulter und trieb aus. Es war mitunter noch recht empfindlich kühl an solchen Maimorgen, und das tauige Gras legte sich schneidend kalt um die bloßen Füße und die »bis zum Knie aufgekrempelten Beine«. So wanderte man nun huppernd und buppernd neben dem weidenden Vieh die Koppel auf und ab, bis die Sonne höher stieg, der Tau verdunstete und belebende Wärme den Körper durchströmte; dann wurde es gemütlicher. Während dieser ersten Morgenstunden aber mochten die Vögel pfeifen, so schön und lustig sie nur konnten ? man dachte jedenfalls mehr an seine naßkalten Eisbeine, wie an das ganze Vogelgepfeife, und wenn man nach dem Sonnenball dort drüben am Horizont hinschielte, so geschah dies durchaus nicht in der Empfindung: »anbetend steh ich hier« ? sondern mit dem sehr nüchternen Wunsch, die alte feurige Groß mutter da oben könnte sich auch etwas mehr beeilen, daß sie »hoch« käme. Erst im Juni ist der Tau des Morgens lauer. Doch dann kommt wieder eine andere Plage: die Bremsen. Beim Andenken an dieses geflügelte Kroppzeug möchte ich heute noch ausrufen: »Wer nie sein Brot als Kuhhirt aß ? der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!« Etwa 11 Uhr vormittags ist's. Heiß brennt die Sonne hernieder, die Luft flimmert, kein Blatt rührt sich. Da mit einem Mal streicht's einem am Ohr vorbei: brrrumm?m?m? Aha, jetzt geht's los! Eine junge Schecke hat's zuerst gemerkt. Sie schreckt[75] in die Höhe, senkt den Kopf, schüttelt das Gehörn. Die Augen blicken halb ängstlich, halb zornig. Jetzt ein paar Sprünge. Sie schnaubt und peitscht die Flanken mit dem Schwanz. Gelingt's, das lästige Insekt zu verscheuchen? Nein, es scheinen sogar mehr zu werden. Auch die anderen Tiere springen auf. Dieselben Pantomimen. Sie schlagen aus, mit einem, mit zweien, mit allen vier Beinen; in langen Fäden werfen sie den Geifer über das zuckende Fell; dann: die Ohren nach hinten, den Schwanz in die Höh, und ? hast du nicht gesehen ? da gibt's einen Kuhgalopp, daß die Lappen fliegen! Die ganze Gesellschaft ist wild geworden. In blinder Tollheit jagt alles dahin, kreuz und quer über die Koppel, über Wall und Knick und ach ? über Wiese, Klee und Saatfeld. Jetzt lauf, Hirtenbüblein! Lauf, was du laufen kannst, um die birrsende Sippschaft zusammenzuhalten. Achte nicht der Disteln und Dornen, auf die du trittst; stoß dir an Steinen die Füße blutig, reiß dir die Beine wund an Büschen und Brombeergestrüpp ? nur laufe. Denn dazu bist du ja da, um das Vieh zu »mödten«, damit es nicht die Saat zertritt; wozu brauchte der Bauer sonst einen Kohhar; zum Zeitvertreib gibt er Brot und Lohn nicht aus. Endlich beruhigen sich die Tiere wieder einigermaßen, ihre Peiniger haben sie verlassen. Unter Schreien und Peitschenknall hat man die Herde wieder glücklich zusammengehütet, die nun mit fliegenden Flanken und hängender Zunge dasteht und sich mit dem Schwanz der übrigen harmloseren Insektenschwärme zu erwehren sucht. Schweißtriefend läßt sich auch der Hirtenknabe am Knick nieder; vor dem Spätnachmittag ist er jedoch nie sicher, ob seine Schützlinge nicht abermals eine Flucht in die Öffentlichkeit antreten. Wenn bei solchen heimtückischen Angriffen der Bremsen die rennende Herde noch halbwegs beisammen bleibt, dann geht's noch. Es kommt aber natürlich auch vor, daß sie sich teilt und nun in toller Hast nach verschiedenen Richtungen davonstürmt. Dann erst ist für den Hirten guter Rat teuer. Da heißt es für ihn einfach: die Beine in die Hand nehmen und sehen, wie er sie wieder zusammenkriegt, denn nur bei größeren Herden ist ein[76] Hund, bei kleineren jedoch muß der Hütejunge selbst Hund spielen. Mir passierte es mehrmals, daß bei der Bremsenplage ein oder zwei Stück Vieh spornstreichs nach Hause liefen, während die andern auf dem Felde umherbirrsten. Einmal sogar rannte meine gute »Stuppsteert«, die sich die Fliegen mit ihrem halben Schwanz schon sowieso nicht gut kehren konnte, in blinder Angst direkt ins Moor, wo das arme Tier vor meinen Augen bis an den Bauch versank. Jetzt ließ ich natürlich die übrigen laufen, wohin sie wollten und eilte, so schnell mich meine Füße tragen konnten, nach dem nächsten Hofe, wo ich Hilfe erbat. Erst nach längerer Zeit war es möglich, die versunkene Kuh durch vorgespannte Pferde auf festeren Boden zu schleifen. Eine der weiteren zweifelhaften Annehmlichkeiten des Hirtenlebens ist der Regen. Wenn es so mehrere Tage hintereinander mit kurzen Unterbrechungen Bindfaden regnet, dann hat's Art. Der ganze Schutz des Hirtenknaben ist gewöhnlich ein alter Korn- oder Kartoffelsack, den er wie eine Kapuze über den Kopf zieht. Die Kühe stehen dann mitunter so krumm wie Flitzbogen hinterm Knick, und kein Vogel läßt sein Lied erschallen. Oder es bricht nach schwüler drückender Hitze ein Gewitter los, daß man meinen könnte, die Welt ginge unter. Dann steht man auch »allein auf weiter Flur«, durchnäßt bis auf die Knochen, und ist nur froh, wenn sich die Tiere ruhig verhalten und nicht bei irgendeinem grellen Blitz oder krachenden Donnerschlage das Rennen kriegen. Wie eine nasse Henne tippelt man schließlich des Abends hinter seinen Kuhschwänzen dem heimischen Hofe zu. Von poetischen Empfindungen aber spürt man dann nicht gar zu viel. Mitunter geht es den Lobsängern des Hirtenlebens wohl auch so wie jener Hamburger Lehrerfrau, die bei uns für einige Wochen auf Sommerfrische weilte. Sie kam mit der Bäuerin nach der Koppel, um frischgemolkene Mittagsmilch zu trinken. Die gute Frau mit ihrem hellen Kleide und den zierlichen Lackschuhen konnte sich gar nicht genug wundern über die Zutraulichkeit der Kühe, wie sie still hielten und sich melken ließen. Ein über das[77] andere Mal rief sie: »Ach wie niedlich, wirklich zu niedlich!« Mir war jedoch gar nicht so niedlich zumute, denn die alte Bleß, die ich gerade ausstrippte, war derartig emsig in der Abwehr der Fliegen begriffen, daß sie mein Gesicht dabei ziemlich rücksichtslos mit dem ? wie es zuweilen vorkommt ? etwas sehr saftigen Schwanzende bearbeitete. Neckend meinte Mutter Voß zu mir: »Nimm den Steert in't Mul, Jung.« Lächelnd nahte sich hierauf die Lehrersfrau, um die Kuh beruhigend zu streicheln. Die krabbelnde Berührung behagte dem Tier in diesem Moment aber ebensowenig wie die Fliegenstiche und schwapp ? hatte die Dame eins mit dem Schwanz ins Gesicht, daß ihre zarte Wange fast ebenso schön grünstreifig angefärbt war, wie meine Pustbacken. »Pfui«, rief sie ganz bestürzt und suchte sich die garstige Naturschminke schnell wieder abzuwischen. Um nun aber nicht den Anschein zu erwecken, als lasse sich eine echte Sommerfrischlerin durch die Berührung mit einem angefeuchteten Kuhschwanz aus der Fasson bringen, näherte sie sich abermals dem Hinterteil der Kuh, und nun wurde die Geschichte noch niedlicher. Die gute Bleß hatte nämlich gerade das, was man im menschlichen Leben Diarrhöe nennt. Obendrein mußte das liebe Tier auch noch husten, und wenn ein Rindvieh hustet, tut man immer gut, ein wenig aus der Schußlinie zu gehen. Das wußte die Stadtdame natürlich nicht, und deshalb ? nun deshalb: ein Schrei des Entsetzens, und schon war's geschehen. Das schöne helle Kleid, wie sah es aus! Auch auf den Lackschuhen glänzte es dickflüssig-grünlich. Die arme Frau bot ein Bild vollendeter Hilflosigkeit, doch ich hätte kein Junge sein müssen, um bei solchem Malheur ernst zu bleiben; selbst Mutter Voß mußte lachen. Ernst blieb nur die alte Bleß. Mit dem unschuldigsten gutmütigsten Kuhgesicht schaute sie sich um, ohne auch nur ihr Wiederkäuen zu unterbrechen. Mutter Voß aber tröstete die Sommerfrischlerin mit den Worten: »Na, dat is ni so schlimm; dat is man blos 'n bäten reinen Kohschiet.« Da ich jetzt die Bleß gerade ausgemolken hatte, bot ich der ratlos dastehenden Dame meine Hilfe an. Mit der flachen Hand strich ich das gröbste Mus von dem Kleide ab. ? »Pfui! entsetzlich!«[78] stöhnte es dabei über mir ? den Rest suchte ich mit einigen Grasproppen zu entfernen. Bis auf einen langen, großen grünlichen Fleck war das Kleid dann wieder »sauber«. Über das hübsche Kuhidyll mit warmer Milch und singendem Hirtenknaben aber dürfte auch diese Dame von da ab wohl etwas nüchterner gedacht haben. Ein besonders arger Übelstand in dem Leben des Hütejungen ist die Einsamkeit, in der er seine Tage verbringen muß. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend ist er allein auf sich angewiesen. Was das heißt, weiß nur jemand zu empfinden, der es durchgemacht hat. Im reiferen Alter sucht der Mensch ja zuweilen die Einsamkeit und ist froh, wenn ihm niemand ins Gehege kommt. Die Jugend aber sehnt sich nach Geselligkeit, nach Umgang mit anderen Menschen. Dem Hirtenknaben jedoch blüht solch Umgang nur höchst selten, und dann nur auf einzelne Stunden. Den ganzen lieben langen Tag steht er einsam und verlassen auf dem Felde hinter seinem Vieh; höchstens daß er von weitem mal ein anderes Gesicht zu sehen, eine andere Stimme zu hören bekommt. So plagt ihn dann auch nur zu häufig eine unendliche Langeweile, die noch um so übler wirkt, als die meisten Landwirte in vollständiger Verkennung der Dinge ihren Hütejungen nicht einmal das Lesen irgendeines Buches gestatten. In der Regel sind sie der Meinung, solch Junge würde beim Lesen die Zeit versitzen und deshalb auf das Vieh zu wenig Obacht geben. Auch in dieser Beziehung war mein Bauer Jochen Voß eine Ausnahme von vielen seinesgleichen. Er hatte sich ? vielleicht infolge seiner vielen Fuhren nach Hamburg ? ein leidliches Verständnis für den Wert einer Tageszeitung angeeignet. »Man mut doch wäten, wat in de Welt passiert«, sagte er, »sunst weet 'n jo garni, dat man läwt.« Deswegen hielt er die damalige Hamburger »Reform«. Da in der Haushaltung nur wenig Papier gebraucht wurde, so bat ich drum, mir täglich die Nummer vom vorhergehenden Tage nach dem Felde mitnehmen zu dürfen. Jochen Voß gestattete mir dies auch ganz gern. Ja, ich kann sagen: er tat sich fast etwas darauf[79] zugute, daß er einen Kohhar hatte, der so eifrig hinter dem Lesen her war. An manchen Abenden, wenn meine Kühe schon daheim im Hagen eingehürdet lagen, mußte ich ihm noch einiges aus der Zeitung vorlesen. Er saß dann mit seiner Pfeife da und hörte mir zu; das gefiel ihm auch entschieden besser, als wenn er selbst die einzelnen Nachrichten mühsam durchbuchstabieren sollte, was ihm schon wegen der starken Weitsichtigkeit seiner Augen unbequem wurde. Auch Mutter Voß saß häufig daneben und hörte sich die Vorlesungen mit an. Beide sagten mir dann manch anerkennendes Wort wegen meiner fließenden Aussprache. Selbst der junge Peter Voß, der sich mir gegenüber sonst nicht in schwachem Lichte zeigen mochte, stimmte mit zu, wenn der Alte scherzhaft sagte: »Din Läsen mag ik hören, Jung; die geiht jo dat Mul, aß wenn't mit Botter schmeert is.« Zu meiner noch größeren Freude fand ich eine ähnliche Anerkennung auch bei Steffen Thies, einem früheren Müller und »Achtundvierziger«, der jetzt in dem Dorfe als Altenteiler und Bienenzüchter lebte. »He läwt sin Geld«, sagte Jochen Voß, wenn von dem »ollen Steffen« die Rede war. Dieser alte Dorfprivatier hatte während der Blütezeit seine Bienen auf unseren Buchweizen gebracht und mich dabei kennen gelernt. Fast täglich besuchte er seine Bienenvölker, und wenn ich nun auf der nebenliegenden Heidekoppel hütete, so sprach er auch immer gerne ein paar freundliche Worte mit mir. Ich schien ihm »'n ganz plietschen Jung'n« zu sein, und da ich nach seinen geographischen Begriffen einer »von de hochdütschen Böverländers« war, mit denen er anno 48 zusammen in einem Jägerkorps gegen die Dänen gefochten hatte, so interessierte er sich bis zu einem gewissen Grade für mich. Dies war mir nun um so angenehmer, als er auch allerhand Bücher besaß, die er mir regelmäßig zum Lesen mitbrachte. Er empfand dann stets eine große Genugtuung, wenn ich ihm sicher und fließend den Inhalt der Bücher wiederzuerzählen vermochte. Mir aber brachten die Bücher nicht nur eine angenehme Abwechselung, sondern auch mancherlei Belehrung. Wurde ich hier doch zum erstenmal auch mit[80] Fritz Reuters Werken bekannt, von dem ich bis dahin nur den Namen gehört hatte. Auch die Aufzeichnungen des holsteinischen Chronisten Neokorus fesselten mich ungemein. So durfte ich also für meine Person gar nicht klagen; ein günstiger Zufall hatte dafür gesorgt, daß es mir an Lesestoff nur verhältnismäßig selten mangelte. Wie aber stand es mit anderen Hütejungen? Nun, ich lernte auf den Feldern der Dorfgemarkung eine ganze Anzahl von ihnen persönlich kennen. Jeder Bauer hat nämlich mehrere Weidekoppeln, die abwechselnd von seinem Vieh begrast werden. Ist auf der einen das Gras schon ziemlich kahl gefressen, so geht's eine Zeitlang auf die andere. Bei dieser Wechseltrift machen dann die Hirtenknaben gern Bekanntschaft miteinander. Durch ein langgezogenes »A?hooo?i« künden sie einander ihre freundnachbarliche Anwesenheit an, und damit den Wunsch nach einer kleinen Unterhaltung. Nun wird die Zeit abgepaßt, wenn die Kühe liegen oder der etwa nachschauende Bauer nicht zu erwarten ist, und hopp hopp geht's leichtfüßig über Wall und Knick zum »Snack«. Doch wird hierbei vorsichtigerweise immer ein Standort gewählt, von dem man »up 'n Ruum« sehen kann, um vor etwaigen Überraschungen gesichert zu sein, denn nicht alle Bauern waren so gutmütig wie Jochen Voß. Die meisten dieser Knaben standen noch im schulpflichtigen Alter. Es waren Kinder armer Tagelöhner oder Waisen aus dem sogenannten Werkhause, dem Armenhause des Kirchdorfes. Ich galt in ihren Augen schon allgemein als »groß«, weil ich nicht mehr zur Schule brauchte. Ach, wie sie mich deshalb beneideten! An die Schule dachten viele nur mit heimlichem Grauen. Einige der älteren waren für den ganzen Sommer vom Unterricht dispensiert; die freuten sich, daß sie bis zum Herbst Friede vor dem Schullehrer hatten; nur ein- oder zweimal wöchentlich mußten sie zur Konfirmandenstunde »nach dem Pastor«. Bei dem wäre es auszuhalten, meinten sie, denn der nähme es nicht so genau, wenn sie bei ihm einschliefen. Die jüngeren aber gingen in die Sommerschule, d.h. sie genossen zwei halbe Tage in der Woche[81] Schulunterricht beim Lehrer. (In meiner Heimat währte der Unterricht in der Sommerschule nur zweimal zwei Stunden in der Woche, und zwar Dienstags und Freitags von 6 bis 8 Uhr morgens.) Während dieser Schulzeit mußte dann jemand anders vom Hofe, etwa ein Sohn des Bauern, eine Deern, aber auch der Bauer selbst, den Hütedienst so lange verrichten. Wie gesagt, fast alle diese Jungens klagten über die Schule; nur die wenigsten gingen gerne hin. Und immer war es der Schlaf, der Schlaf, der sie übermannte, und der ihnen dann nur zu häufig eine Tracht Prügel vom Lehrer eintrug. Am Tage nach der Schule hieß es denn auch bei manchem mit gewohnter Regelmäßigkeit: »Ick heww gistern wedder wat up't Fell krägen vom Lehrer.« Auf die Frage: »Wat host denn utfräten hat?« lautete die stereotype Antwort gewöhnlich: »Ick weer toschlapen in de Bank!« Es mag im ersten Augenblick etwas verwunderlich erscheinen, daß gerade die Hütekinder während des Unterrichts so oft von unwiderstehlichen Schlafanfällen gepackt werden, da ihr »Felddienst« doch tatsächlich nicht mit allzu großen körperlichen Anstrengungen verbunden scheint. Und doch ist dieser Schlaf durchaus erklärlich. Man vergegenwärtige sich: Es handelt sich durchweg um Kinder im Alter von 12 bis 14 Jahren, teilweis sogar um noch jüngere. Solche Jungen brauchen schon naturgemäß ein gehöriges Quantum Schlaf, weil sie sich in der Entwicklungsperiode zum kommenden Jünglingsalter befinden. Nun aber müssen sie regelmäßig jeden Morgen um 4, spätestens um 1/25 Uhr das Bett verlassen. Dann bleiben sie bis gegen Sonnenuntergang auf dem Felde, bald bei Regen, bald bei Sonnenbrand, ohne anregende Abwechselung, immer das ewige Einerlei in ihrem bescheidenen Dasein. Dazu die geisttötende Einsamkeit auf stiller Feldmark, die ihre Energie so erschlafft, daß selbst intelligente Gesichter nach und nach jenen eigenartig stupiden Zug annehmen, den sogar die Bauern mit dem landläufigen Ausdruck »Kohharsgesicht« bezeichnen. So ist es ganz natürlich, daß sie schon auf dem Felde oft genug einschlafen, und nur die fortgesetzten Warnungen der Bauern und nicht zuletzt die ständigen Drohungen mit Prügeln oder gar mit Lohnabzug, falls die Kühe[82] Schaden anrichten, vermögen sie im Hütedienst halbwegs wach und aufmerksam zu erhalten. Selbst mich hat manches liebe Mal auf dem Felde der Schlaf übermannt, und mehr wie einmal bin ich erst aufgewacht, wenn die Kühe sich schon eine Zeitlang in dem nachbarlichen Klee- und Kornfeld gütlich getan hatten. Einmal wurde ich dafür auch recht unsanft geweckt, und zwar von dem Großbauern Klaus Möller mittels einer schlanken Hasel, die er sich zu meiner Ermunterung eigens aus dem Knick geschnitten hatte. Noch heute weiß ich nicht, wie schnell ich damals nach dem Kleefeld gesprungen bin, um das Kuhvolk dort wieder herauszuholen. Klaus Möller aber sagte grimmig zu mir: »Sunst harst du to't Markt 'n Honnigkoken von mir krägen, nu sall dy awerst de Hund wat sch ...n!« So ging es also schon mir, obwohl ich doch bereits etwas älter war, wie die meisten der übrigen Jungen und auch dank der Einsicht meines Bauern fast stets mit Lesestoff versehen war. Was wollte man da erst von den jüngeren Knaben sagen? Der Tag ist eben zu lang für die Kinder und ? zu inhaltleer, voll ewigen Einerleis, ohne geistige Anregung. Amazon.de Widgets Bei diesen Verhältnissen ist es darum auch nur zu sehr begreiflich, wenn die Jungen oft auf allerlei Dummheiten verfallen. Irgend etwas wird dann ausgeheckt. Eine der am meisten eingebürgerten Unsitten ist das mutwillige Zerstören von Vogelnestern. Eier und Brut der Vögel sind vor vielen solcher Jungen keinen Augenblick sicher, ganz gleich ob es sich um Singvögel, Kiebitze, Krähen oder Rebhühner handelt. Ja sogar direkte Roheiten und Tierquälereien werden dabei verübt, ohne daß sich die Knaben ein sonderlich Gewissen daraus machten. Es fehlt eben an der nötigen Belehrung, und dann trägt wiederum diese Einsamkeit mitsamt der überlangen Tagesdauer zur Abstumpfung edler Regungen in den jungen Gemütern leicht derartig bei, daß die rohen Instinkte oftmals das Übergewicht bekommen. So spielte mir einst der dreizehnjährige Krischan einen Streich, der zwar harmlos verlief, unter Umständen aber bedenkliche Folgen nach sich ziehen konnte. In Moor und Heide gab es nämlich zahlreiche Schlangen. Wir Jungens hatten uns nun Haselstöcke[83] zurechtgemacht, an deren einen Ende eine sinnreich konstruierte Klemme angebracht war. Hiermit gingen wir beim Hüten dann emsig auf die Schlangenjagd, denn für jede eingelieferte Kreuzotter (auf Plattdeutsch Edder oder auch Arrer genannt) bekamen wir vom Ortsvorsteher 15 Pfennige Fanggeld. Wir beschlichen die Tiere, wenn sie sich sonnten, und geschickt wurde ihnen die Klemme dicht hinter den Kopf gedrückt; sie mochten dann schwänzeln und den kleinen Rachen aufsperren soviel sie wollten, gefährlich konnten sie nicht mehr werden, wenn man nicht gerade aus Versehen die Klemme zu weit lockerte. Mit einem Stein oder kurzen Knüppel wurden sie darauf getötet, und dann ließ man sie liegen, bis sie vollends abgestorben waren, was mitunter noch stundenlang dauerte, obwohl ihnen der Kopf total zerschmettert war. Des Abends nahmen wir dann unsere Beute in der Brottasche mit nach Hause. Auch Ringelnattern mußten bei unserem Jagdeifer vielfach daran glauben, doch die ließen wir nach ihrer Tötung achtlos liegen, denn dafür bekamen wir nichts, weil sie bekanntlich ungiftig sind. Eines Vormittags kam Krischan nun zu mir zum »Snack«, wobei er mir mitteilte, daß er schon eine Arrer gefangen habe. Da meine Kühe gerade am andern Ende der Koppel waren, so mußte ich hin, um sie wieder langsam zurückzuhüten. Krischan blieb während der Zeit zurück. Als ich wieder zu ihm kam, meinte er mit der unschuldigsten Miene, es sei wohl Zeit, ein Stück Brot zu essen. Nichts ahnend nahm ich meinen Brotranzel und wollte auspacken. Nun kam mir's zwar so vor, als wenn sich da drin etwas rührte, doch dachte ich mir weiter nichts dabei. Als ich jedoch die Tasche aufmachte, wand sich plötzlich züngelnd und leise zischend eine Kreuzotter heraus, die unter schnellen Wendungen ihren Kopf mehrmals in unmittelbare Nähe meiner Hand brachte. Vor Schreck ließ ich die Tasche fallen und sprang einige Schritte rückwärts. Mein Blick traf Krischan; doch der grinste wie ein Spitzbube und wollte sich dann fast ausschütten vor Lachen. Er hatte mich mal »'n bäten bang maken« wollen und deshalb, während ich die Kühe umholte, das Reptil in meinen Brotholster praktiziert. Das Manöver war von ihm auf ganz einfache[84] Art bewerkstelligt worden. Nachdem er die Schlange gefangen hatte, hielt er sie in der Stockklemme fest und trug sie ganz unauffällig bis zum nächsten Wall, wo er sie an dem Stock so lange liegen ließ, bis ich mich entfernen mußte. Dann hatte er sie herbeigeholt und nach entsprechender Lockerung der Klemme ganz pomadig in die Brottasche hineingleiten lassen. Glücklicherweise war er so vorsichtig gewesen, dem Tier vorher einen Schlag über den Rücken zu geben. Dadurch war die Beweglichkeit des garstigen Geschöpfes bedeutend eingeschränkt, wenn es auch vor Schmerz um so gereizter sein mochte. So nahm die Sache noch einen harmlosen Ausgang. Den Krischan brachte ich jedoch dafür um seine 15 Pfennige Fanggeld. Einige Tage später rächte ich mich an ihm noch dadurch, daß ich ihm ein ganzes Nest voll junger Feldmäuse in seine Brottasche setzte. Wie gesagt, ich für meine Person hatte unter all diesen schlimmen Zuständen verhältnismäßig am wenigsten zu leiden. Erstens war ich doch schon etwas älter und konnte mich deshalb etwas besser beschäftigen; dann hatte ich meine Zeitungen und Bücher, und schließlich war ich auch nicht ewig am Tage »Kohhar«. Die günstige Lage von Jochen Voßens Besitztum ermöglichte es nämlich, daß ich während des Hütedienstes häufig zu leichteren Feldarbeiten herangezogen wurde, die ich um so mehr als angenehme Abwechselung betrachten konnte, weil mein Bauer dabei nie übermäßige Leistungen von mir verlangte. Immer hatte er einige Worte seines originellen trockenen Humors auf Lager, die in mir die Arbeitslust viel mehr anregten, wie wenn er seine Anordnungen schroff und brummig gegeben hätte. Selbst bei der schwersten Arbeit, wenn ihm der Schweiß gleich in Strömen das Gesicht herunterlief und Hemd und Hosen durchnäßte, konnte er seine zu einem derben Scherz aufgelegte Natur nicht verleugnen, so daß er durch sein drastisch-gutmütiges Wesen auch allemal belebend und ermunternd auf seine Umgebung einwirkte. »'N bäten Arbeit bi dat Höden schad' di nix, min Jung«, sagte er damals, »denn wenn du bloß achter 't Veeh rumliggst, warst 't jo ganz dumm un dösig.« Wie recht er damit hatte, hatte ich sehr bald instinktiv herausgefunden.[85] Und so half ich denn, als er und sein Sohn beim Torfstich waren, tapfer für mein Teil mit. Die Kühe weideten auf der Moorkoppel, und ich kantete während der Zeit die Torfsoden, die ich, wenn sie genügend angetrocknet waren, erst in kleine Windhaufen und hernach in größere Zughaufen setzte; später bei vollkommener Trockenheit der Soden wurden diese dann in die großen »Törfklods« gesetzt, von wo aus die Abfuhr je nach Bedarf erfolgte. Wollten nun die Kühe während meiner Tätigkeit im Moor dann und wann mal einen Abstecher ins Nachbargebiet riskieren, so sprang ich hurtig hin und hütete sie schnell zurecht, worauf ich meine Arbeit wieder aufnahm. Freilich, wenn die Tiere wegen der Bremsen zu »birrsen« anfingen, konnte ich auf diverse Stunden an meine Torfarbeit nicht denken; sie wurde natürlich auch dann unterbrochen, wenn die Moorkoppel abgegrast war und ich eine andere Weide aufsuchen mußte. Hütete ich auf der Heidekoppel, so war auch dort für etwas Nebenbeschäftigung gesorgt. Ich mähte dann Heidekraut, das zu Streuzwecken benutzt wurde. Anfangs machte mir das Mähen mit der kleinen, dicken Sense, der sogenannten Heidlee, zwar einige Schwierigkeiten, doch bald hatte ich den kurzen Ruck heraus, der erforderlich ist, um die holzigen Stengel durchzusäbeln. Viel brauchte ich übrigens dabei nicht zu tun, da auf Vorrat so gut wie gar nicht gemäht wurde, einmal wegen der Kreuzottern, die sich gerne in Heidehaufen einnisten, dann aber auch wegen der Feuergefährlichkeit größerer Heidediemen. Eine viel unangenehmere Arbeit war mir das Steinesammeln, wenn ich auf die Dreeschkoppel trieb. Ich hatte die Empfindung: je länger ich sammelte, desto mehr Steine kamen in den Acker. Glaubte ich, eine Stelle recht rein abgesammelt zu haben und blickte mich nach einiger Zeit wieder um, so fand ich immer wieder, was ich nicht finden wollte: Steine, nichts als Steine. Die reine Sisyphusarbeit! »Dar kannst' old bi warden«, scherzte Jochen Voß, »hier hett Petrus Grand sicht't.« Um so besser gefiel es mir dafür, in der Heuernte mit zu kehren, zu häufen oder beim Einfahren ein bißchen nachzuharken. Sogar die Kühe nutzten die vermehrte Freiheit aus, die ihnen während[86] dieser Zeit auf der Wischkoppel gelassen wurde; vergnügt wühlten sie mit ihren Hörnern in den Heuhaufen umher, daß die Loppen nach allen Richtungen umherflogen. Bei der Buchweizenernte wieder lernte ich »stucken«; so bezeichnet man nämlich das Aufsetzen und Zusammendrehen der einzelnen Häufchen in die bekannte Bienenkorbform. Schließlich mußte ich gelegentlich selbst bei der Kornernte mit zugreifen und lernte das Garbenbinden. Dabei gab's eine schwere Plage: die Disteln. Sie spreizen sich förmlich, diese garstigen Dinger, je höher die Sonne steigt, und recht häufig zieht man die Hand schneller von der Garbe zurück, als wie man hinlangt, wenn man einmal so recht herzhaft in einen plustrigen Distelstrauch hineingreift. »Ja, mußt pusten, Jung, wenn de Garben to warm ward«, ließ sich Jochen Voß dann mit schalkhaftem Augenzwinkern vernehmen. Im Grunde genommen war aber die ganze Arbeit, die ich dort leistete, nur eine Art Spielerei. Ich half mein Teil, ohne je angetrieben zu werden. Stets war Jochen Voß mit dem zufrieden, was ich machte. Vorwürfe etwa, daß ich nicht genug getan hätte, bekam ich gar nicht zu hören. Im Gegenteil meinte er öfters: »Na, du büst jo man irst 'n Jung; von dir kann man noch ni mehr verlangen.« Deswegen verrichtete ich auch die unangenehmeren Arbeiten immer mit einer gewissen Lust und Freudigkeit. Was wirkliches Arbeiten heißt, sollte ich erst später in ganz anderem Maße kennen lernen. So ging es nach und nach gegen Herbst. Der Altweibersommer spann seine weißen Fäden über die Stoppeln, und wir Knaben zündeten uns schon lustige Hirtenfeuer an, in deren Asche wir Kartoffeln oder auch gemauste Äpfel brieten. Es ist ein alter Erfahrungssatz, daß Äpfel, die sich ein Hütejunge des Abends selbst aus dem Garten stiebitzt, bedeutend besser schmecken, wie die geschenkten. Deshalb machte auch ich keine Ausnahme damit. Mutter Voß war zwar durchaus nicht kauserig in der Obstspende, dennoch mußte auch ich mich der »guten« alten Sitte gemäß hin und wieder nach dem Abendbrot in den Garten schleichen, um mir ungeschenkte Äpfel zu »suchen«. Ob die[87] Dinger reif waren oder nicht, das spielte nur eine untergeordnete Rolle. Die Hauptsache war, daß man sie hatte, »reif« wurden sie eben im Feuer gemacht. Allerdings kam es hierbei auch öfters vor, daß der Magen dann in ähnlicher Weise rebellierte, wie's im Hochsommer bei der alten »Bleß« gewesen war, als sie der Hamburger Lehrersfrau ihr freundliches Andenken aufs Kleid klakste; doch was fragt ein wetterfestes Hirtenbüblein nach solchen Kleinigkeiten! Amazon.de Widgets Schließlich aber konzentrierte sich alles Denken und Hoffen nur noch auf den kommenden Jahrmarkt, den lichtvollen Glanzpunkt in dem einförmigen Dasein des Hütejungen. Was erwartete man alles von dem Jahrmarkt! Hunderterlei Berechnungen hatte man schon angestellt über die etwaige Zahl der Marktgroschen, die leckeren Honigkuchen, die saftigen Schmoraale und die vielen grandiosen Sehenswürdigkeiten, die sich in den Buden den staunenden Augen bieten würden. Wir Jungen schwelgten in der Vorempfindung der kommenden Genüsse, und es war totsicher, daß ich mir auch für 'n Groschen Zigarren kaufen würde. Endlich war er da, der große Tag. Die Kühe blieben heute daheim im Hagen, wo schon vorher alles zu ihrer Wartung zurecht gemacht war. Jochen Voß stieg bereits vor der Frühkost in seine Sonntagshosen und bearbeitete dann sein Gesicht eine halbe Stunde lang so nachdrücklich mit dem Rasiermesser, daß es sich anhörte, als wenn ein Maurer irgendwo die Wand abkratzte. Nach dem Frühstück überreichte er mir feierlichst bare fünfzehn Groschen als Marktgeld, auch Mutter Voß griff herzhaft in ihre »Knipptasch« und schenkte mir fünf Groschen, selbst der junge Peter Voß betrachtete es als Ehrensache, mir von seinem eigenen Marktgeld noch drei Groschen abzugeben. Wer war froher wie ich! Mit solchem Vermögen konnte ich ja Jahrmarkt feiern wie ein Fürst. Eins nur fehlte mir noch: Ein halbwegs anständiger Anzug. Auch hier half Jochen Voß in väterlicher Fürsorge. Als wir mit der jungen Starke zu Markt zogen, die verkauft werden sollte, machte er mir gleich den Vorschlag, bei einem Dorfhöker einen Anzug für mich einzuhandeln, dessen Preis mir dann vom Lohne abgezogen[88] werden sollte. Ich war ganz damit einverstanden; Zeug mußte ich ja doch haben, ob's nun ein paar Wochen früher oder später gekauft wurde, das blieb sich gleich, wenigstens konnte ich mich dann doch in neuer Kluft auf dem Markte sehen lassen und wurde vielleicht noch gar von den übrigen Hütejungen darob bewundert und beneidet. Denn bei den meisten meiner »Feldkameraden« hatten ihre armen Eltern den Hütelohn im Laufe des Sommers oft schon zu Dreiviertel vom Bauern abgehoben; so blieb für die Kinder selbst meist nur noch wenig übrig, und nur ganz selten reichte es noch hin zur Anschaffung eines neuen Anzugs. Dagegen aber stand mein Lohn bisher noch ganz bei meinem Bauern, denn dank der Freundlichkeit von Mutter Voßen, die auch gleichzeitig für mich wusch und flickte, hatte ich noch weiter keines Vorschusses benötigt, als mir meine Stiefel zum Markttage neu versohlen zu lassen. Beim Kauf meines Anzuges lernte ich nun das Handelstalent von Jochen Voß in seiner ganzen Bedeutsamkeit schätzen. Er feilschte mit dem Höker tatsächlich, als ob es sich um seine eigene Kuh und nicht um die minderwertigen Kleidungsstücke seines untergeordneten Kohhars gehandelt hätte. Wie fuhr er auf, als der Höker schlangweg 20 Mark für den Anzug forderte! »Wat«, rief er, »vör de Plünnen twintig Mark? Du büst woll twatsch! Häst den ganzen Kram ok man bloß vör 'n par Sößling bi 'n Hambörger Bandjuden kofft, un nu wullt' uns damit utbüdeln?! Twölf Reichsmark gäw ick dy, un keenen Penn'n mehr!« Wirklich, er bekam den Anzug für 12 Mark. Hocherfreut zog ich damit ab. Vervollständigt wurde meine Garderobe noch durch eine funkelnagelneue Mütze für 12 Groschen, und als mir Jochen Voß dann noch obendrein einen großen Honigkuchen nebst einem fettriefenden Schmoraal aushändigte, da lief ich spornstreichs die Dreiviertelstunden Wegs nach unserem Abbau zurück, kaum daß ich Zeit hatte, mich richtig bei ihm zu bedanken. Ich kam mir vor, wie Hans im Glück. Strahlend vor Freude zeigte ich Mutter Voß meinen Schatz, die vorläufig noch zu Hause geblieben war, und stolz wie ein König präsentierte ich mich ihr in dem neuen Zeug. Ach, es war ja das[89] erstemal in meinem Leben, daß ich einen neuen, ungetragenen Anzug auf dem Leibe hatte, und den hatte ich mir fern von der Heimat auch noch selbst verdient! Am Nachmittag war ich wieder auf dem Markt; diesmal in »min schmuck' Tüg«. Ich besichtigte die Riesendame, bestaunte die Ringkämpfer, entsetzte mich vor Ewer-Hu, dem fürchterlichen feuerfressenden Schwarzen, der brüllend an einer Kette zerrte, als wolle er die ganze klapprige Bude einreißen; sah zu, wie die Knechte auf den Ochsenkopf schlugen und fuhr auch mehrmals Karussell; kurz, ich genoß die Jahrmarktsfreuden so wonneerfüllt, wie sie ein Junge meines Alters nur genießen konnte. Jochen Voß begegnete mir noch einmal, wie er mit mehreren Bauern und Viehhändlern gerade aus dem Dorfkrug von »de Sängerdeerns« kam. Auch er hatte seine Starke gut verkauft und gab mir noch fünf Groschen »Schwanzgeld«. Peter Voß bekam ich jedoch erst am andern Morgen zu sehen, und zwar mit verbundenem Kopf und dicken Augen. Im Gesicht sah er aus, wie unser Kater, wenn er von einer mißglückten Brautschau kam. »Allerheiligen«, der 1. November, der Ziehtag für das Gesinde war herangerückt, und damit auch der Tag, an dem meine Dienstzeit als »Kohhar« bei Jochen Voß endete. Gern hätte mich der Bauer behalten, wie er mir mehrmals versicherte, denn mit mir, den er sich im Frühjahr wildfremd in Hamburg aufgegriffen hatte, wäre er sehr zufrieden gewesen; doch für seine kleine Wirtschaft konnte er im Winter keinen Dienstjungen gebrauchen, da er mit seinem Sohn die Winterarbeiten und die Wartung des bißchen Viehes leicht selbst zu besorgen vermochte. Ebenso gerne wäre auch ich dort geblieben, denn bei diesen Bauersleuten hatte ich mich fast wohler gefühlt wie zu Hause; brauchte ich doch bei ihnen nicht so knapp zu beißen, wie daheim! Da es mir Jochen Voß bereits vor längerer Zeit gesagt hatte, daß ich mich zum Winter um einen anderen Dienst bekümmern müsse, so hatte ich mich dieserhalb an einen Vermieter des Dorfes gewandt. Es war dies ein Handelsmann, der viel in der Umgegend herumkam und auch wöchentlich einmal mit Pferd und Wagen nach Hamburg fuhr, wohin er für Mutter Voß dann[90] regelmäßig Butter und Eier an den Markt brachte. Wegen seiner Reellität war er allgemein geachtet, obwohl er öfters mal einen über den Durst trank. Meinem Wunsche gemäß hatte mir dieser Mann eine Stelle als »Lüttjung« auf einem mehrere Stunden entfernten Gute der Oldesloer Gegend besorgt, obwohl mir Jochen Voß davon abriet. Er hielte nichts von dem Dienst auf großen Gütern, sagte er, denn die »Herrenwirtschaft« habe ihm noch nie behagt. Ich aber hatte den Einflüsterungen des bereits erwähnten »Privatiers« Steffen Thies Gehör geschenkt, der mir plausibel gemacht hatte, daß man sich nur in einem großen landwirtschaftlichen Betriebe zu einem tüchtigen Knecht ausbilden könne; und nur ein solcher könne später einmal auch einen hohen Lohn verlangen. So war denn mit dem Vermieter alles abgemacht. Nach landesüblichem Brauch hatte ich bereits einen Taler »Gottsgeld« erhalten, von dem der Vermieter für seine Mühewaltung 2 Mark einbehielt, und damit galt der Dienstvertrag für ein Jahr als rechtskräftig abgeschlossen. Jochen Voß zahlte mir am Abgangstage meinen restierenden Lohn in sieben blanken Talern aus und gab mir noch einige Groschen Draufgeld. Auch ein Gesindedienstbuch, das er sich vom Ortsvorsteher auf meinen Namen hatte ausstellen lassen, überreichte er mir, und nun hatte ich's schriftlich, daß ich ein halbes Jahr als Kuhhirte bei ihm »treu und redlich« im Dienst gewesen war. Als ich »Adjüs« sagte, meinte er mit einer gewissen Bewegung im Tone: »'t is doch merkwürdig, wu snaksch de Minschen mitunner dörch de Welt kamt. Nu mußt du af son jung Bengel dy hier ganz alleen in de Frömd' durchkröpeln, un keen Deuwel quält sich um dy, wenn dy mal wat up de Hand stött. Na, lat dy't got gahn, min Jung! Adjüs, Adjüs!« Fast wehmütig wandte ich den Rücken und ging dem Dorfe zu. Der Abschied von diesen biederen Landleuten war mir aufrichtig schwer geworden. 
 Als Dienstjunge in der Holsteinischen »Grafenecke«  [91] Noch am selben Vormittag fuhr ich auf dem Handelswagen des Vermieters meiner neuen Dienststelle zu. Es paßte sich gerade so, daß der Vermieter an diesem Tage eine seiner Touren nach Segeberg machte, und da er unterwegs noch in dem Dorfe L. vorfuhr, so bot er mir bis dahin einen Platz auf seinem Wagen an, den ich natürlich mit Dank annahm. Von dem Dorfe aus erreichte ich dann das Gut Bunsloh nach einem Fußmarsch von gut anderthalb Stunden. Hierher hatte ich mich also als »Lüttjung« vermietet für einen Jahreslohn von 25 Talern. Nach meinen Begriffen war dies ein hoher Lohn, denn auf unseren heimischen Gütern in Hinterpommern verdiente damals ein vollwertiger Knecht kaum mehr; Hilfsknechte oder Einlieger aber brachten es noch gar nicht einmal so hoch, ja die jüngeren von ihnen bekamen zum Teil an Barlohn nicht viel mehr, als ich im verflossenen Halbjahr als Kuhhirte erhalten hatte. Bunsloh gehörte zu den Gütern der gräflich R.schen Familie, die sowohl im östlichen Holstein, wie auch in Lauenburg und Mecklenburg ausgedehnte Besitzungen hatte. Ich war damit in die sogenannte Grafenecke von Holstein hineingeraten, in jene Gegend, die sich von Stormarn über Oldesloe, Segeberg, Ploen durch Wagrien nach dem Schleswigschen hinzieht. In diesen Distrikten überwiegt der Großgrundbesitz fast in ähnlicher Weise, wie in meiner hinterpommerschen Heimat, nur daß er sich hier in den Namen von Ahlefeld, von Rantzau, von Reventlow, von der Schulenburg, von Schimmelmann, von Bülow usw. verkörpert. Eine hübsche Allee alter breitästiger Linden, hin und wieder mit mächtigen knorrigen Eichen durchsetzt, führte vom Hauptwege seitwärts nach dem Gutshofe. Ich ging nach einem der Ställe, von wo mich der anwesende Oberschweizer nach der Gesindestube wies. Er wunderte sich darüber, daß ich schon am 1. November,[92] dem allgemeinen Abgangstage des Gesindes »zuging«, und dazu noch bei einem so weiten Wege. Der Zugangstag war für gewöhnlich erst der 2. November abends; da ich jedoch keinerlei Anhalt hatte, so war ich froh, gleich wieder unter Dach und Fach zu kommen. Bis zum nahen Feierabend wanderte ich nun in den Ställen und Scheunen umher und orientierte mich ein wenig auf dem Hofe. Am nächsten Morgen begann mein Dienst. Zwei Jahre war ich auf Bunsloh. Zwei Jahre, die mir in der Erinnerung deswegen so interessant dünken, weil sich in ihnen einfach nichts, aber auch rein gar nichts zutrug, was ein gewöhnliches Menschen kind als außerordentliches Geschehnis auffassen könnte. Ich lebte dahin, lebte und arbeitete. Oder besser gesagt: ich vegetierte, wie auch die anderen Gutsarbeiter dahinvegetierten. Wir arbeiteten, wir aßen, wir schliefen und ? arbeiteten wieder, ganz so wie die Ackerpferde: hüh, hott und prrr. In stiller Abgeschiedenheit, fern von Dorf und Stadt, verging hier ein Tag nach dem andern in ewiger gleichförmiger Tretmühlenarbeit. Frühmorgens um 4 Uhr begann die Fron, und endete im Winter um 6, im Sommer je nach Anordnung um 7, 8 oder 9 Uhr abends. So ging es tagaus, tagein ? in gleichmütiger Stumpfsinnigkeit, ohne geistige Anregung, ohne jede andere Abwechselung als die, welche die Arbeit mit sich brachte. Dabei kann ich nicht einmal sagen, daß ich es hier besonders schlecht gehabt hätte, wenigstens nicht in den ersten fünfviertel Jahren, während deren der alte Inspektor noch lebte. Eine Behandlung, wie sie auf pommerschen Gütern üblich war und wie ich sie selbst dort auf Friederikenhof kennen gelernt hatte, mit dem schroffen Kommandoton, der sklavischen Gutsdisziplin oder gar mit Prügeln, das gab es hier nicht. Der Gutsverwalter war ein alter jovialer Herr, der seine Anordnungen stets in ruhiger Gelassenheit traf und schroffe oder verletzende Worte fast gar nicht gebrauchte. Auch übermäßige Arbeitsleistungen wurden von uns nicht verlangt, es sei denn in der Ernte zeit, wo es mit Recht auf einige Schweißtropfen mehr nicht ankommen darf. Ebenfalls erhielten wir eine auskömmliche Kost. Dennoch blieben die jungen Leute, Knechte und Deerns, hier in[93] der Regel nicht länger, wie ein Jahr. Es war ihnen allen hier zu abgelegen, zu langweilig, zu tot. »In disse Bucht versuert'n jo bi lebennigen Liw«, sagte ein Knecht, der sich auch ausnahmsweise für ein zweites Jahr auf Bunslöh vermietet hatte. Dagegen waren die meisten verheirateten Tagelöhner wie auch der ebenfalls verheiratete Großknecht mitsamt dem Oberschweizer und den Gutshandwerkern schon seit längeren Jahren hierselbst in Dienst. Sie hatten sich an die triste Einsamkeit völlig gewöhnt. Ihnen genügte das bißchen Umgang mit ihren Mitarbeitern. Ob es außerhalb des Gutes noch Menschen gab und was diese trieben, das wußten sie kaum, war ihnen auch herzlich gleichgültig. Sie lebten in einer Welt für sich, bedürfnislos, wortkarg, apathisch. Sechs Tage in der Woche arbeiteten sie für das Gut, wenn's befohlen wurde, auch sieben, mehr konnte ja niemand von ihnen verlangen. Im übrigen ließen sie den lieben Gott einen guten Mann sein und kümmerten sich »um keine Rüben«. Für alles andere sorgte der Verwalter. Sprach man mit ihnen und fragte sie etwas, so bekam man nach fünf Fragen regelmäßig eine halbe Antwort, und die auch erst nach längerem Besinnen und Überlegen, gewöhnlich nur in einem weitläufig gedehnten »jooo ?« oder »neee ?«. In ihnen hatte sich, unter dem Einfluß der monotonen Großgutwirtschaft, ein Typus ausgesprochen menschlicher »Kaltblüter« entwickelt, der in Haltung, Gang und Wesen eine wahrhaft verzweifelte Ähnlichkeit mit dem starkknochigkaltschlägiger Ackergäule aufwies, die dort auch gezüchtet wurden. Oberflächliche Beobachter, die sich auf ihre psychologische Beurteilung von Volkseigentümlichkeiten häufig etwas zugute tun, lassen sich durch diese »Kaltblütigkeit« immer sehr imponieren. Jene dösige Maulfaulheit scheint ihnen als rühmenswerter Lakonismus, in hölzerner Unbeholfenheit erblicken sie den Ausfluß ruhigen Selbstvertrauens, und die gutmütige Beschränktheit schreiben sie als »nordisches Phlegma« den abkühlenden nervenstärkenden Einwirkungen der »Waterkant« aufs Konto. Nun sollen zwar die klimatischen Einflüsse auf das Volksnaturell durchaus nicht von mir in Abrede gestellt werden.[94] Wer aber die Dinge aus eigener Erfahrung heraus kennen gelernt hat, der schiebt nicht alles aufs Klima. Er findet bald einen ganz gewaltigen Unterschied in dem »nordischen Phlegma« der besitzenden und der nichtbesitzenden Klassen. Bei letzteren, besonders bei den kontraktlich verpflichteten Gutsarbeitern der »Grafenecke« handelte es sich in dieser Beziehung in der Hauptsache um nichts anderes, als um die natürlichen Folgen einer unablässigen schweren Arbeit und überlangen Arbeitszeit, verbunden mit der abstumpfenden Einförmigkeit des Gutsdienstes. Geistige Anregung, die den Menschen auf ein höheres intellektuelles Niveau hebt, fehlte in der Grafenecke völlig. Habe ich doch während des ganzen ersten Jahres meiner Diensttätigkeit auf Bunsloh nur ein einziges Mal ein Zeitungsblatt in die Hand bekommen, und das hatte der Inspektor auch nur zufällig aus seiner Rocktasche verloren! Von den Tagelöhnern hielt niemand eine Zeitung, höchstens daß von der Gutsverwaltung ab und zu der evangelische »Sonntagsbote« verteilt wurde, über den sich der Inspektor aber selbst lustig machte und der wegen seiner widerlichen Frömmelei meistens ungelesen liegen blieb. Die immerwährende grobe Knochenarbeit und der gänzliche Mangel an erfrischender geistiger Kost machen eben den Menschen seelisch und körperlich vor der Zeit stumpf und steif. So wird er seiner Menschenwürde nach und nach fast völlig entkleidet und schließlich nur noch zu einer Art Arbeitstier herabkultiviert. In seiner Abgeschiedenheit ist er froh, wenn er unter einer halbwegs humanen Herrschaft sein dürftiges und bescheidenes bißchen Dasein fristen kann, ohne mehr den Wechselfällen und Zufälligkeiten, mit denen »freie« Arbeiter nur zu häufig zu rechnen haben, preisgegeben zu sein. Er fühlt selbst sich mit der Zeit geradezu nur noch als menschliches Gutsinventar, dem die Außenwelt fremd und gleichgültig geworden ist. Der Begriff höheres Menschentum verkörpert sich ihm eben lediglich in seiner ? »Herrschaft«. Bunsloh war ein sogenanntes Feldgut von beträchtlicher Ausdehnung, mit einem Vorwerk. Es hatte nur etwa 60 Morgen Waldbestand, alles übrige war Acker- und Wiesenland mit einer kleinen Moorniederung, die an das Holz angrenzte. Brennerei[95] und Ziegelei fehlten. Kartoffeln wurden nur wenig gebaut; desto bedeutender war der Getreidebau und die Milchwirtschaft, verbunden mit einer beträchtlichen Rindvieh-und Schweinemast. 40 Gespanne Pferde, darunter 22 Mutterstuten, hierzu 160 Milchkühe nebst Jungvieh und der entsprechenden Anzahl zwei- und dreijähriger Ochsen, sowie etwa 200 Schweine bildeten den regelmäßigen Viehbestand. Die Milch wurde in der nach dänischem Muster eingerichteten Gutsmeierei verarbeitet; von der gewonnenen Butter kam der größte Teil nach Hamburg. Stattliche Reihen von Ochsen oder Fehrkühen, die, soweit sie nicht eigener Zucht entstammten, im Herbste als Magervieh angekauft waren, standen zur Mast aufgestellt; sie wurden später je nach Schlachtreife auf den Fettviehmärkten in Hamburg, Berlin oder Köln durch Makler oder auf genossenschaftlichem Wege verkauft; ebenso die fetten Schweine. Ställe und Wirtschaftsgebäude waren teils alt und mit Stroh gedeckt, teils neu mit fester Bedachung. Einen besonders vorteilhaften Eindruck machten die Schweineställe. Sie waren erst vor wenigen Jahren nach den Anforderungen rationeller Zucht und Mästerei aufgeführt worden, nachdem ein Brand eines der alten isoliert gelegenen Stallgebäude zerstört hatte. Die praktische Einrichtung der neuen Ställe ermöglichte nicht nur deren stetige Sauberhaltung, sondern auch eine außerordentlich schnelle Fütterung der Tiere. In dieser Beziehung stand es mit den Rindviehställen weniger gut. Nur ein Teil von ihnen war mit Selbsttränkeapparaten versehen; den Kühen und dem Jungvieh mußte während des Winters das Wasser noch vorgepumpt oder gar in Eimern vorgetragen werden; im Sommer wurden die Tiere in zwei Herden frei geweidet. Die Einrichtung der Pferdeställe entsprach denen beim Militär. Abseits belegen stand dann noch ein ziemlich verwahrloster Schafstall für eine verhältnismäßig kleine Herde von etwa 400 Stück. Selbstverständlich wurden auch die verschiedenartigsten landwirtschaftlichen Maschinen verwendet, wenn sie auch nicht alle gerade von modernster Konstruktion waren.[96] Was den Betrieb im ganzen betrifft, konnte man ihn zwar nicht in allen Teilen als einen ganz modern-neuzeitlichen bezeichnen, dennoch machte er einen ungleich günstigeren Eindruck, wie das von mir bereits erwähnte von Damerowsche Gut in Hinterpommern. Nur das Herrenhaus hielt einen Vergleich mit dem pommerschen Adelssitz nicht aus. Das rührte wohl daher, daß die Herrschaft nur ganz ausnahmsweise und vorübergehend während des Sommers oder während der Jagdzeit im Herbst Aufenthalt in Bunsloh nahm; die übrige Zeit wohnte sie in irgendwelchen Residenzstädten oder auf einem ihrer landschaftlich schöner belegenen Güter. »Unseren« Herrn Grafen habe ich in den zwei Jahren, die ich auf Bunsloh diente, nur dreimal zu sehen bekommen. An Gesinde wurden 14 Knechte und Jungen, sowie 6 Mägde beschäftigt. Die Tagelöhnerfrauen mußten zum Teil auch Mägdearbeiten mit verrichten, da »Deerns« in der eigentlich erforderlichen Zahl nur schwer nach dem Gut hinzubekommen waren. »Bullenwinkel« sei ihnen zu abgelegen, sagten sie. Unsere sechs Deerns hatte der Verwalter nur durch das Zugeständnis eines sehr viel höheren Lohnes für das Gut gewonnen. Sie erhielten einen Jahreslohn von 160 bis 225 Mark; das waren zum Teil Summen, wie sie mancher Knecht nicht erhielt; denn deren Löhne bewegten sich ja nach Alter und Leistungsfähigkeit zwischen 130 und 240 M., die der vier Dienstjungen folgten dann mit 66 bis 95 Mark. Mein eigener Lohn war, wie erwähnt, 75 Mark im ersten Jahr; im zweiten wurde er mir auf 90 Mark erhöht; auch erhielt ich dann den stolzen Titel »Grotjung«. Eine weitere Anzahl von Jungen und Kleinmädchen stellten außerdem noch die kontraktlich gebundenen Tagelöhnerfamilien in ihren halbwüchsigen Kindern für die Gutsarbeit. Diese aßen und schliefen bei ihren Eltern. Sie wurden, soweit sie noch schulpflichtig waren, nur im Bedarfsfalle zur Arbeit herangezogen, z.B. zum Distelstechen, zum Ausjäten des gelben »Kuk«krautes, zum Verpflanzen der Futterrüben, sowie zur Mithilfe in der Heu- und Kornernte. Was sie für ihre Leistungen eigentlich erhielten, wußte man nicht genau. Einige bekamen ein paar Groschen Bargeld, für die anderen[97] verrechnete der Verwalter den Verdienst mit den Eltern in einer kleinen außerkontraktlichen Deputatzulage. Die Gutstagelöhner selbst wohnten in den Gutskaten; je zwei und drei »Part« in einem Häuschen. Es waren 16 solcher Tagelöhnerfamilien, die sich hier je auf ein Jahr »fest gemacht« hatten. Die Katen gewährten in ihrem Gesamtbilde nun zwar einen nicht ganz so verwahrlosten Anblick wie die pommerschen Jammerlöcher dieser Art, immerhin sahen auch sie armselig genug aus. Alt, baufällig, windschief, lagen die Hütten in kleinen Abständen nebeneinander; der Rauch spielte über den krummen Linien ihrer geflickten Strohdächer. Auch hier gab es in den undichten Fenstern der meisten Wohnungen Scheiben, die keine Scheiben mehr waren; vielmehr hatte man ebenfalls ? wie in Pommern ? zu Papier und Mehlkleister seine Zuflucht genommen und die überzähligen Öffnungen verklebt. Diele und Flur bestanden aus hartgestampftem Lehm, fast ebenso holperig und löcherig wie in Pommern; auch die querteiligen Türen hinkten vor Altersschwäche in ihren rostigen Angeln. Ein einziges Tagelöhnerhaus, in dem drei Familien wohnten, konnte man als leidlich menschenwürdige Wohnstätte bezeichnen. Es war dies ein neues Häuschen mit Pappdach und Zementflur, das auch die ungewöhnliche Ausstattung einer Bretterdiele aufwies. Seine Entstehung verdankte es einem Stallbrande, bei dem das alte Hüttchen durch Flugfeuer mit vernichtet worden war. Nun beherbergte das neue dafür auch den Oberschweizer, den Gutsschmied und den Gutsstellmacher; gleichzeitig waren auch die Werkstätten der beiden letzteren mit in ihm untergebracht. Die übrigen Katen aber konnten sich samt und sonders in baulicher Beziehung tatsächlich auch nicht entfernt mit den gutsherrlichen Schweineställen messen. Wie mir später der Tagelöhner Jan Hinrichs, dessen Frau für mich wusch und flickte, des öfteren erzählte, hatte der Verwalter zwar schon seit Jahren einen Umbau von zweien der allerbaufälligsten Katen in Aussicht gestellt, doch die Herrschaft konnte immer »noch nicht so weit kommen«. Mir schien es immer verwunderlich, daß die alten Kabachen noch die Herbststürme aushielten[98] und ihren Insassen nicht über dem Kopfe zusammenfielen. Auch die innere Einrichtung der Tagelöhnerwohnungen entsprach im wesentlichen deren äußerer Beschaffenheit. Hier vielleicht ein Stück Stuhl oder Kasten mehr wie dort, ja wohl gar eine polierte Kommode oder ein gebrechliches Sofa unbestimmbarer Herkunft, sonst aber überall derselbe ärmliche Hausrat, das gleiche bißchen Armut wie in Pommern. Dabei herrschte jedoch allenthalben eine wohltuende Reinlichkeit. Es schien fast, als sei jede Tagelöhnerfrau bewußt bestrebt, die Dürftigkeit ihrer Stubeneinrichtung durch Ordnung und Akkuratesse möglichst zu verdecken. Selbst an dem vergilbtesten Fenster hing ein Fähnchen Gardine, und die wurmstichigste Kommode schmückte eine weiße Auflage mit kleinen billigen Porzellanzieraten darauf. Dagegen fand ich nirgends mehr, wie noch in meiner Heimat, einen Webstuhl. Das Einkommen der Gutstagelöhner setzte sich auch hier zusammen aus Barlohn und Deputat. Doch war dieses Verhältnis gegenüber dem pommerschen wesentlich anders. Noch vor wenigen Jahren hatte es hier noch verschiedene Kategorien von Kontraktarbeitern gegeben, nämlich: Landinsten mit einigen Morgen Pachtland; Kuhinsten mit etwas Wiesen- und Gartenland, das ihnen die Haltung einer Kuh ermöglichte; Hausinsten, die zwar ein Häuschen in Pacht hatten, aber keine Kuh halten durften; und die Deputattagelöhner, eine Art Mittelding zwischen Gesinde und Instleuten, die entweder in einer kleinen Mietswohnung des Gutes untergebracht waren oder ihr Stübchen von einem Instmanne mieten mußten, falls dieser noch irgendeinen freien bewohnbaren Raum zur Verfügung hatte. Seitdem auf Bunsloh aber die Gutsmeierei errichtet worden war, bestanden diese Unterschiede nicht mehr. Die Bezeichnung »Instmann« war schon ganz in Fortfall gekommen; sämtliche verheiratete Kontraktarbeiter ? mit alleiniger Ausnahme des Großknechts, der eine Aufsichtsstellung über das männliche Gesinde bekleidete ? hießen jetzt kurzweg Tagelöhner. Sie hatten alle den gleichen kontraktlichen Lohn oder Akkord und das gleiche Deputat,[99] soweit nicht die durch die Zahl der Kinder und deren Arbeitsverdienst bedingte und infolgedessen verschiedenartig bemessene außerkontraktliche Deputatzulage hinzukam. Amazon.de Widgets Infolge der eingeführten Neuerung gab es auch kein Pachtland mehr für die Tagelöhner, ebensowenig durfte oder konnte jemand eine Kuh halten. Kontraktlich waren jedem Tagelöhner nur einige Quadratruten Gartenland zugewiesen, die gerade ausreichten, um seinen Bedarf an Gemüse und Frühkartoffeln zu decken. Je nach der Größe der Familie und der von den Kindern zu erwartenden Arbeitsleistung konnte das Gartenland vom Inspektor auch um ein weniges vergrößert werden. Alle übrigen Naturalien erhielten die Tagelöhner, die früheren Insten, da sie infolge der Entziehung des Pachtlandes selbst keine Feldfrüchte mehr bauen konnten, als Deputat vom Gut geliefert. Diese Lieferung erstreckte sich auf ein Quantum Buchweizen, dem Hauptnahrungsmittel der dortigen Gegend, denn das Buchweizenmehl wird täglich in erheblicher Menge zur Herstellung der ostholsteinischen Nationalkost, der »bookweten Klüten und Pannkoken« benötigt. Dafür spielte die Kartoffel nur eine nebensächliche Rolle; das Quantum der Deputatkartoffeln war daher auch nur ein verhältnismäßig geringes. Ferner wurden verabfolgt: Roggen zum Brotbedarf, etwas Futterkorn für die ein bis zwei Schweine, deren Haltung den Tagelöhnern gestattet war; einige Bunde Bett- und Streustroh, mehrere Pfund Wolle, einige Liter Magermilch aus der Gutsmeierei nebst 11/2 Pfund Leutebutter die Woche. Den Namen Leutebutter führte die Butter deshalb, weil sie zur Hälfte mit Margarine durchsetzt war. Für den Sonntag wurden auch noch zwei Liter Vollmilch gewährt. Den Beschluß in dem Deputat machten dann noch ein paar Fuder Torf oder Brennholz und ein wenig Leichtkorn für Hühnerfutter. Im allgemeinen konnte man sagen, daß die kontraktlich zu liefernden Naturalien für die durch keinen verfeinerten Geschmack verwöhnte Tagelöhnerfamilie ungefähr ausreichte. Was noch fehlte, mußte allerdings zugekauft werden; so zum Beispiele alle bessere Butter, oder mehr Vollmilch, oder Weizenmehl, falls welches für die Festtage gebraucht wurde.[100] An Vieh durften die Tagelöhner halten: höchstens zwei Schweine, ein halbes Dutzend Hühner, eine Muttergans und nach Belieben auch einige Kaninchen. Die Haltung einer Kuh verbot sich wegen der erwähnten Landentziehung von selbst, und die Anschaffung von Ziegen und Schafen war kontraktlich nicht gestattet, wohl um von vornherein das etwaige »Pflücken« von herrschaftlichem Gras zu verhüten. Als »Viehstall« diente den Tagelöhnern eine kleine schilfgedeckte Pfahlhütte, für deren Instandhaltung sie selbst Sorge zu tragen hatten, wie sie auch die meisten kleineren Reparaturen an ihren Katen selbst besorgen mußten. Mit der Entziehung des früheren Pachtlandes hatten sich, wie mir immer wieder erzählt wurde, die meisten der Gutsarbeiter ganz gern einverstanden erklärt, denn einmal war ihr Barlohn dadurch um etwas gestiegen, dann aber auch brauchten sie nicht mehr den ganzen lieben langen Sonntag auf »ihrem« Acker zu liegen und den zu bearbeiten, da ihnen in der Woche hierzu ja doch keine Zeit gelassen gewesen war. Freilich konnten sie dafür jetzt auch um so häufiger zur Sonntagsarbeit im Gutsdienste herangezogen werden; doch betrachteten sie dies immer noch als das kleinere Übel, da sie für ihren Teil ja nun nicht mehr mit Mißwuchs oder gar mit dem Krepieren von Milchvieh zu rechnen brauchten. Sie fühlten sich daher etwas freier, sicherer und sorgloser in ihrer Existenz. Der den Tagelöhnern gezahlte Barlohn belief sich während der Wintermonate je nach der Arbeit auf täglich 60 bis 80 Pfennige; im Sommer auf 90 Pfennige bis 1,20 Mark; in der Heuernte auf 1,50 Mark und in der Kornernte auf 1,80 bis 2 Mark; beim Mähen und Binden im Akkord aber konnten unter günstigen Witterungsverhältnissen bis zu 2,50 Mark verdient werden. Insgesamt bewerteten sich Barlohn und Deputat auf rund 500 Mark im Jahr. Mit solchem Verdienst ließ sich gewiß keine Seide spinnen, zumal wenn der Unterhalt für eine starke Familie damit bestritten werden mußte. Es ist dabei noch in Betracht zu ziehen, daß die Tagelöhner außer den Aufwendungen für Kleidung, Schuhzeug, Warenbedarf und Arbeitsgerät auch noch jährlich 30 bis 50[101] Mark für Wohnungsmiete an die Gutsverwaltung zu entrichten hatten; denn freie Wohnung in den Katen wurde nicht gewährt. Es war also alles so eingerichtet, daß die Arbeiter nie auf einen grünen Zweig kamen. Wollte es etwa gar noch das Unglück, daß dem Tagelöhner ein Schwein krepierte, so mußte er schon Schulden auf das nächste Jahr machen; denn noch lange nicht jeder gehörte schon der »Schweinegilde« an, in der die Tiere versichert werden konnten. Trotz alledem ließ sich sagen, daß die Kontrakttagelöhner immer noch sorgenfreier lebten, wie die »freien« Tagelöhner, deren Daseinsbedingungen ich später in den Dörfern zur Genüge kennen lernte und selbst am eigenen Leibe durchgekostet habe. Verlief ihr Leben auch in ewig gleichförmiger Öde und Ärmlichkeit, so standen sie doch das ganze Jahr über in Brot und Lohn und brauchten sich nicht sonderlich den Kopf darüber zu zerbrechen, wo sie für den nächsten Tag etwas zu essen hernehmen sollten. Krank freilich durften auch sie so wenig werden wie ihre Schweine; ein kranker Arbeiter zählt auf dem Lande nicht mehr mit. Ist seine Arbeitskraft brach gelegt, so gilt er selbst einer humanen Herrschaft nur noch als lästiger und überflüssiger Esser, dessen Kontrakt meistens rücksichtslos gelöst wird, sobald die gesetzliche sechswöchentliche Unterhaltungsfrist abgelaufen ist; er mag dann sehen, wo er bleibt. Zwar muß die Herrschaft für Arzt und Arznei sorgen, doch geschieht dies in der Regel erst dann, wenn der Zustand des Erkrankten schon recht bedenklich zu werden anfängt; so lange wird mit Hausmitteln kuriert. Wie weit die Gefühllosigkeit erkrankten Arbeitern gegenüber geht, das wurden wir auch auf diesem Gute gewahr. Unser alter Inspektor war ein Mann, dem man sonst wahrlich nichts Schlechtes nachsagen konnte; aber kranke Leute hatten es mit ihm verdorben. Handelte es sich um äußere Verletzungen, so mochte es noch gehen, denn die konnte er wenigstens sehen; innere Erkrankungen aber wollte er nicht gelten lassen. Wenn's nicht gerade ans Totbleiben ging, so gab's für ihn nur eine Diagnose: faulkrank. Hatte sich da einmal der Tagelöhner Claus Jobst im Spätherbst[102] beim Gräbenaufwerfen, als es den ganzen Tag regnete, eine schwere Erkältung zugezogen, die ihn mit Gewalt ins Bett zwang. Da der Ärmste ohnehin schon seit längerer Zeit an hochgradigem Rheumatismus litt, so lag er jetzt fiebernd und stocksteif in seiner Behausung. Nun war auch Rheumatismus für den Inspektor keine Krankheit; er kannte sie nicht, da er selbst Rheumatismus noch nie gehabt hatte, mithin hatte Claus Jobst schon sowieso keinen Stein bei ihm mehr im Brette gehabt. Jetzt aber, wo der Bedauernswerte fest das Lager hüten mußte, bezeichnete ihn der Inspektor schlankweg als Faulpelz. »De Aas hätt woll to väl Klümp fräten«, polterte er; »dar öwerpanst sick son Kirl, un nasten liggt he vör Fulheet in de Puch.« Als sich der Zustand des Tagelöhners zusehends verschlechterte, gab er ihm schließlich einige Pillen aus seiner homöopathischen Hausapotheke, die für »allens« helfen sollten. Erst in der fünften Woche bequemte er sich dazu, einen Doktor aus Oldesloe holen zu lassen. Nach sieben Wochen wurde der Kranke ins Werkhaus nach dem Dorfe L. gefahren, mit dem das Gut zu einem Armenverbande zusammengehörte, und eine Woche später mußte ihm die Familie dahin folgen, denn der Doktor hatte erklärt, es sei fraglich, ob Jobst noch vor einigen Monaten wieder arbeitsfähig werde. So wurde also kurzer Prozeß gemacht und ohne Rücksicht der Kontrakt gelöst. Bei rechtzeitiger ärztlicher Hilfe aber wäre der Familie das trübe Schicksal der Armenhausüberweisung wahrscheinlich erspart geblieben. Ein anderer Fall betraf ein Meiereimädchen, das sich eine Knieverletzung zugezogen hatte. Auch hier kurierte der Inspektor selbst mit Breiverbänden und Pillen aus seinem »Homopathenkasten«. Unter den Leuten ging dabei das Gerede, daß er sich der Kur dieses Mädchens mit ganz besonderem Eifer widme; das Knie übte eine gewisse Anziehungskraft auf ihn aus, und er nahm unter sanfter Ausnutzung seiner Vorgesetztenautorität gleich die Gelegenheit wahr, seine pseudo-chirurgischen Untersuchungen auch öfters auf die Partien über dem Knie auszudehnen. Die Patientin hatte es den übrigen Deerns mehrfach geklagt, daß dem alten Sünder beim Anlegen des Verbandes immer die Hand ausrutschte.[103] Glücklicherweise wurde das Mädchen von seinen im nächsten Dorfe wohnenden Eltern nach Hause geholt und in ein Krankenhaus gebracht, ehe unser Doktor Eisenbart das Knie noch vollends verpfuschen konnte. In allen Krankheitsfällen erfolgte regelmäßig der Abzug des entsprechenden Lohnes; ebenso wurden meistenteils die Kosten für Arzt und Apotheker vom Lohne abgezogen. Auf diesbezügliche Einwendungen erwiderte der Inspektor höchst wurstig: Die Herrschaft sei wohl gesetzlich verpflichtet, nötigenfalls für die Beschaffung von Arzt und Medizin zu sorgen, doch daß sie diese auch bezahlen müsse, »dar hätt Petrus nix von schräwen«. Ausnahmen machte er nur dann, wenn jemand vom Gesinde innerhalb der sechs Pflichtwochen wieder gesund wurde und sich dann für ein weiteres Jahr auf das Gut vermieten wollte. Die Tagelöhner mußten aber ausnahmslos selbst zahlen. Da es hier keine Krankenkasse für die ländlichen Arbeiter gab, so kann man leicht ermessen, in welche Notlage eine Familie geraten konnte, wenn eins oder gar mehrere ihrer Mitglieder von Krankheit heimgesucht wurden. Über den Gesindedienst ließ sich im übrigen sagen: er war der schlechteste noch nicht. Es herrschte noch ein im guten Sinne patriarchalisches Verhältnis zwischen dem Vertreter der Herrschaft und dem Hofpersonal, was allerdings in erster Linie auf die persönlichen Eigenschaften des Inspektors zurückzuführen war. Darum sprach man von seinen kleinen Schwächen auch meistens nur im Tone humoristisch gewürzter Schonung. Am liebsten hörte er sich »Herr Verwalter« nennen, der offizielle Titel »Inspektor« war ihm zu »mekelborgsch«; mit der mecklenburgischen Wirtschaft aber hatte er nichts im Sinn. Seine Erfahrung und Sachkenntnis gab ihm eine vollendete Sicherheit in allen seinen Anordnungen, deshalb ging bei der Arbeit auch alles seinen regelmäßigen Gang, ohne Überhastung, aber auch ohne Säumigkeit. Zudem hatte er eine tüchtige Stütze in dem verheirateten Großknecht, der mit dem ersten Tagelöhner ? auch Vorlöhner genannt ? gemeinsam die Tätigkeit eines Gutsvogtes ausübte. Die Aufsicht über das Rindvieh führte der Oberschweizer. Wegen[104] dieses Titels wurde er vom Verwalter zwar oft genug verulkt. »Wat heet hier Oberschweizer«, spottete er, »wi sünd hier doch ni in de Schweiz; un eenen Unnerschweizer hätt he ok nie; he kunn sik jo man Ossenvogt schimpfen!« Doch das rührte unseren braven Oberschweizer nicht; sein Titel galt ihm beinahe mehr wie sein Lohn, auch wußte er, daß es mit der Fopperei ja nicht bös gemeint war. Seine Frau herrschte in der Meierei als »Obermeiersch«. Sie führte dort ein gestrenges Regiment; vor allem hielt sie auf Sauberkeit, die in solchem Milchbetriebe auch durchaus notwendig ist. Leider hatte sie den Fehler, daß sie immer mehr Margarine in die Leute-Butter mischte, als wie sie eigentlich sollte. Und wer weiß, was sie uns da schließlich noch für Wagenschmiere zurecht gemantscht hätte, wenn Trina, die »Grotdeern« nicht gewesen wäre. Die sah ihr jedoch herzhaft auf die Finger, so daß die gute Obermeiersch von dem Öltalg nicht gar zu viel in die Butter »mangmengen« konnte. Hierbei sei bemerkt, daß die Margarine damals in Aussehen und Geschmack noch bedeutend widerlicher war, wie etwa heutzutage, wo diese Mängel durch verbesserte Fabrikationsmethoden mehr und mehr ausgeglichen sind. Damals aber sah ein Klacks Margarine ungefähr so glasig aus, wie ein Stück von einer gefrorenen Steckrübe, und schmecken tat das Zeugs derartig, daß es immer lieber zum Halse heraus als herein wollte. Die stämmige Trina sorgte nun aber nach Möglichkeit dafür, daß uns »Leuten« der Buttergeschmack von der Obermeiersch wenigstens nicht ganz und gar verekelt wurde. Hierbei kam es dann freilich oftmals zu Zwiesprachen und Berührungen zwischen beiden, die gerade keinen besonders zärtlichen Charakter anzunehmen pflegten. Trina ließ sich nun einmal nicht an den Wagen fahren, und sie hatte das auch nicht nötig, denn sie war eine »Deern«, wie man sie lange suchen konnte. Das wußte auch der Verwalter, deshalb begnügte er sich stets damit, nur vermittelnd einzugreifen, wenn es Krieg in der Meierei gab. Übrigens bereitete es ihm ein ausgesprochenes Vergnügen, wenn es der »Obermeiersch« im Handgemenge mal wieder schlecht gegangen war. Im Stall griente er[105] dann über beide Backen, und meinte in seinem trockenen, verkniffenen Humor: »Ick glöw, morgen find't wi wedder Haar' in de Melk; Trina un de Meiersch hebbt sick äben mäten, wer den lingsten Zopp hett.« Für die Knechte und Dienstjungen waren in dem sogenannten Backhause dicht am Pferdestall zwei Unterkunftsräume geschaffen: die Leute-Stuben. Beide Gelasse waren nur so hoch, daß ein großer Mann sich bücken mußte, um darin gehen zu können, er riskierte sonst, den Kopf an den Deckbalken zu stoßen. Unser zweiter Knecht, ein hochgewachsener Mensch von 24 Jahren, mußte sich stets in geduckter Haltung und äußerst vorsichtig durch den Raum schieben, denn mehr wie einmal hatte schon sein Schädel unfreiwillige Bekanntschaft mit den vorstehenden Astknorren der Balkenlage gemacht; nur zwischen den Balken durfte er sein Haupt etwas höher erheben; aber auch dort streifte er mit der Mütze noch regelmäßig die Bretterdecke. Kleine Fenster erhellten nur äußerst dürftig die niedrigen Räume, so daß stets ein feuchtes Halbdunkel drinnen herrschte. Im rechten Winkel reihten sich an je zwei Wänden die landesüblichen Bettkasten aneinander; jedes dieser Wandbetten wurde von zwei Mann benutzt. Stroh war reichlich drin vorhanden, ebenso Mäuse. Die Federn mochten wohl noch jener guten alten Zeit entstammen, als »Steenbuck vor Tönning« lag; wenigstens ließ ihre klumpige Schwere auf ein ziemlich hohes Alter schließen, und die verschossenen sackgroben Bezüge deuteten gleichfalls auf jahrzehntelangen Gebrauch. Alle Betten zeigten außerdem noch eine gemeinsame Eigentümlichkeit: sie waren nämlich samt und sonders zu kurz. Schon kleinere Personen mußten darin im vollen Sinne des Wortes krumm liegen; größeren blieb vollends nichts anderes übrig, als sich während des Schlafes nach Art eines »Swinegels« zusammenzukugeln. Fühlten meine Bettnachbarn zu Häupten des Morgens vor dem Aufstehen das gewiß entschuldbare Bedürfnis, ihren Körper erst noch einmal gehörig auszurecken, dann schoben sich ihre nicht allemal besonders sauberen Füße mit unfehlbarer Sicherheit über das Kopfende meines Bettes bis zu meinem Gesichte hin, eine[106] Annehmlichkeit, die schließlich selbst den unverwöhntesten Naturmenschen in Wallung bringen mußte; rauhborstige Beine und ein Paar vollwichtig ausgetretener Schweißfüße auf der Nase sind nie eine Annehmlichkeit. Außer den Betten bestand das Mobiliar der Leutestuben nur noch aus je zwei langen einfachen Tischen und mehreren ebenso langen einfachen Holzbänken; auf irgendeine Art hatte sich dort auch ein alter wackeliger Stuhl hinverirrt. An den beiden freigebliebenen Wandseiten gegenüber den Betten standen die »Laden« der Knechte, die deren Habseligkeiten bargen: Zeug, Sonntagsstiefel und was sie sonst ihr Eigen nannten. Darüber hingen an zahlreich eingeschlagenen Wandnägeln Alltagskleider, Ackerstiefeln usw., und nicht zu vergessen die Tabakspfeifen der Knechte. Hierbei sei gleich noch erwähnt, daß wir »Lüttjungs« noch nicht rauchen durften; das Privilegium, »schmöken« zu dürfen, erhielt ich erst, als ich »Grotjung« wurde. In der Zwischenwand eingelassen stand, so daß beide Räume gleichzeitig geheizt werden konnten, ein eiserner Plattenofen ältester Konstruktion. Dieser qualmige Vierfüßler war erst auf Betreiben des Verwalters in jenen Jahren angeschafft worden, als so außerordentlich viele Landarbeiter von Schleswig-Hol stein nach Amerika auswanderten. Die Gutsbesitzer hatten sich damals zu verschiedenen Zugeständnissen an die Wünsche »ihrer Leute« verstehen müssen, wenn sie die genügende Zahl von Knechten erhalten wollten, und dazu gehörte außer einer Erhöhung der Löhne auch die Heizbarmachung der Gesindestuben. Bis dahin konnten jene Räume überhaupt nicht geheizt werden; es war vielmehr von jeher üblich gewesen, daß sich die Knechte in ihrer freien Zeit ? wenn sie nicht zu den Tagelöhnern auf Nachbarschaft gehen wollten ? in den Stallungen aufhalten mußten. Dort sorgte ja das Vieh für die nötige Wärme, und wem es da nicht paßte, der konnte zu Bett gehen; dann hatte er am andern Morgen auch rechtzeitig ausgeschlafen, und die Herrschaft sparte Licht und Feuerung. Nach der Anschaffung des Ofens war der Aufenthalt in den Gesindestuben während der kalten Jahreszeit doch um etwas gemütlicher geworden; wenigstens hatten es die[107] Leute nicht mehr nötig, sich im Winter beim Essen Handschuhe anzuziehen, wie das früher bei strenger Kälte manchmal vorgekommen sein sollte. Sonst aber bot die Ausstattung beider Räume nichts, was auch nur irgendwie auf die Bezeichnung »Behaglichkeit« Anspruch gehabt hätte. Öde und kahl starrten einem die verräucherten Wände entgegen, und ebenso kahl lag die niedrige Decke über uns. Von Wandschmuck war einfach nichts vorhanden, es sei denn, daß man eine Anzahl zweifelhafter Bilderbogen darunter rechnet, die sich die Knechte vom Oldesloer Jahrmarkt mitgebracht und wahllos zwischen den Kleiderhaken angenagelt hatten. Die einzige künstlerische Verzierung der Stubendecke bestand aus Spinngeweben. So also sah die »Lüdstuw'« der Knechte aus. An Einfachheit ließ sie wirklich nichts zu wünschen übrig. Sie galt auch nur ? wie fast allerorts auf dem Lande ? als zu den Stallungen gehörig, als ein Anhängsel derselben, das eben nun einmal notwendig war. Diese primitive Einrichtung der Gesindestuben und ihre Lage dicht an den Stallungen kann ohne weiteres als ein getreues Abbild der sozialen Stellung dienen, die das Gesinde auf einem Gutshofe einnimmt. Das Gesinde wird eben nur als eine Art lebendiger Mittelstufe zwischen Vieh und Herrschaft angesehen und demgemäß auch »gehalten«. Diese Auffassung hat sich noch bis heute ? wenn auch in etwas modernisierter Form ? aus den Zeiten der Leibeigenschaft in die Gegenwart herübergeschleppt. Von einer auch nur annähernd menschlichen Gleichwertung des Gesindes mit der Herrschaft oder deren Stellvertretung ist auch heute noch nirgends die Rede. Selbst die humansten Grundbesitzer machen hiervon keine Ausnahme. Einen etwas freundlicheren Anblick gewährte die Mädchenstube, die sogenannte »Deernskammer«. Sie lag in einem Abteil der Gutsmeierei und war, der Neuaufführung des Gebäudes entsprechend, auch einigermaßen wohnlich eingerichtet. Das mit einer geblümten Kattungardine drapierte Fenster ließ volles Licht herein; der Fußboden war gedielt und die Decke ziemlich hoch. Allerdings mußten die Deerns auch je zwei und zwei in einem[108] Bett zusammenschlafen, auch befand sich kein Ofen in dem Gelaß. Doch das gemeinsame Schlafen waren die Mägde von Jugend auf ebenso gewöhnt wie die Knechte, und der Mangel eines Ofens wurde ausgeglichen durch den nahen Heizraum der Meierei. Einige der Mägde hatten anstatt der altertümlichen Lade auch schon eine Kommode, so daß der Raum durch diese Möbelstücke im Verein mit halbwegs brauchbaren Stühlen immerhin ein leidlich gefälliges Aussehen bekam. Die Kost war, wenn auch derb und grob, doch im allgemeinen auskömmlich, teilweise sogar gut. Des Morgens und Abends gab's regelmäßig Buchweizengrütze, die in Schleudermilch eingelegt wurde. In der kalten Jahreszeit war diese Milch aufgekocht, im Sommer wurde sie kalt genossen. Zu der Grütze konnte man nach Belieben Schwarzbrot essen, wozu jeder seinen »Stoß« Leutebutter, im Winter Schmalz erhielt. Es war dies ein rundlich geformter Klacks von bestimmter Größe, ausreichend, um zwei bis drei Brotschnitte damit zu beschmieren. Zu Mittag erhielten wir abwechselnd »Klüten« oder »Pannkoken«, auch Erbsen, Bohnen und Kohl in verschiedener Zubereitung, Sonntags auch wohl Weizenklöße. Speck gab's fast zu jeder Mittagsmahlzeit, hin und wieder sogar frisches Fleisch; jeder bekam sein auskömmlich Teil. Vesperbrot wurde nur im Sommer verabfolgt; zweites Frühstück nur im Moor und in der Erntezeit; beim Einfahren gab's wohl auch einen Schnaps, sonst aber nicht. Sämtliche Knechte bezeichneten diese Kost durchweg als befriedigend. Die meisten von ihnen hatten schon auf anderen Gehöften gedient und dort mit dem Essen teilweise recht trübe Erfahrungen gemacht. So war ihnen mitunter Grütze vorgesetzt worden, die schon ganz blauschwarz ausgesehen hatte und mit einer dicken Schicht langausgewachsener Schimmelpilze überzogen war, dazu angesengte Milch und ein »Stoß« Butter, so winzig wie ein Fingerhut. Sie sagten dann, solche Grütze hätte Haare gehabt. Wieder auf anderen Stellen seien die »Klüten« so hart gewesen, daß man jemanden damit ohne Anstrengung hätte ein Loch in den Kopf werfen können, und die »Pannkoken« waren so zähe wie Sohlleder. Daß diese Schilderungen gar nicht so sehr übertrieben[109] waren, habe auch ich später des öfteren persönlich erfahren müssen. Hier aber wollte sich eben unser Verwalter »nichts nachreden« lassen, deshalb hielt er »up eenigermaten wat to läwen«. Wenn ich nun sage, die Kost sei auskömmlich, teilweise sogar gut gewesen, so dürfte doch vielleicht mancher die Nase gerümpft haben, als ich vorhin die verschiedenen Leibgerichte so der Reihe nach aufzählte. Gab es doch nicht weniger wie 14mal in der Woche Buchweizengrütze! Und dies das ganze Jahr hindurch! Dann die ständige Wiederholung von Buchweizenklößen und Buchweizenpfannkuchen zum Mittagstisch, wenn auch mit verschiedenen Zutaten! Denn Hülsenfrüchte, Gemüse und Kartoffelspeisen bildeten sozusagen nur die Ausnahmen von der Regel. Dazu der ewige Speck, kalt oder warm, gebraten oder gekocht, meistens aber geil und galstrig. Was würde wohl der honette Bürgersmann sagen, wenn er 14mal in der Woche Grütze, und immer wieder Klüten und Pannkoken hinunterwürgen sollte! Von der Creme der Gesellschaft, der ja auch unser Herr Graf angehörte, ganz zu schweigen. Erst wenn man diesen Vergleich zieht, kann man sich einen richtigen Begriff machen von der ungeheuern Genügsamkeit und Anspruchslosigkeit der Landarbeiter; dann mag man sich aber auch vorstellen, wie die Kost wohl aussieht, die von den Leuten überhaupt als schlecht bezeichnet wird. Reichlich ein Jahr war ich nun auf Bunsloh. Ich hatte mich schon im Sommer auf ein weiteres Jahr vermietet und diente jetzt als »Grotjung«. Es gefiel mir noch immer »ganz gut«. Der Verwalter und der Großknecht waren beide mit mir zufrieden, und außer ein paar ? auch meiner Ansicht nach sehr berechtigten Scheltworten hatte man mir nie etwas Verletzendes angetan. Wir wurden von unserem »Alten« durchweg gut behandelt. Die erwähnten Scheltworte aber hatte ich mir auf eine Art zugezogen, die des Erzählens wert sein dürfte. An einem warmen Junitage war ich einigen Knechten und Tagelöhnern zum Torfaufsetzen im Moor zugeteilt worden. Dicht am Moor jenseits des Feldweges hütete der alte Claus Petersen die stattliche Kuhherde,[110] bei der sich ein mächtiger dreijähriger Bulle befand. Das Tier war bis dahin ziemlich gutartig gewesen, in letzter Zeit aber zeigte es sich hin und wieder »unnarrsch«. Während der Frühstückspause, als wir alle beisammen saßen und »Düntjers« erzählt wurden, animierte mich ein Knecht, den Bullen mal ein bißchen zu narren. Ein älterer Tagelöhner riet zwar von solchem »Jungenskram« ab, denn »Muschü Urian« sei nicht mehr sicher. Ich jedoch nicht faul, gehe etwas weiter nach vorn hinter einen Torfhaufen und ahme zunächst das tiefe bsss-bsss der Bremsen nach. Der Bulle wird aufmerksam und schüttelt mißmutig den Kopf. Nun fange ich an, in langgezogenen Brummtönen das muh-u-uu-uh auszustoßen, ähnlich so wie es der Bulle hervorbringt, wenn er mal böse wird, ohne daß es direkt zum Wutanfall kommt. Einige Augenblicke hört sich das Tier meine Faxen an und sieht, wenn auch gereizt, so doch ziemlich gleichmütig nach dem Torfhaufen, hinter dem ich sitze. Doch dann peitscht es die Flanken mit dem Schwanz, geht auf einen Maulwurfshaufen los und wirft die Erde mit den Hufen auf, zuerst langsam, abgemessen, dann energischer. Jetzt senkt es den Kopf, so daß der glänzende Nacken sich in seiner ganzen kraftvollen Breite zeigt. Hei, wie der schwarze Boden von den gedrungenen Hörnern emporgewirbelt wird! Ein kurzer Stillstand! Zorniges Schnauben; dumpfes verhaltenes Brüllen; dann läßt sich das Tier in die Knie nieder, um mit vergrößerter Wut den Boden aufzuwühlen. Ein prächtiger Anblick zwar, doch der Moment scheint mir auch geeignet, mich jetzt behende zu drücken. Da, was ist das! Auf dem Feldwege dicht an der Weidekoppel kommt ein wandernder slowakischer Mausfallenmacher daher. Er will nach dem Gut, um seine Ware zu verhandeln. Wie sie blitzen in der Sonne, diese dutzenderlei Blechgeschirre, Töpfe, Kannen und Kasserollen; wie sie klappern bei jedem Schritt, diese Mause- und Rattenfallen! Das war etwas für unseren Bullen. Und ich Unglücksbengel hatte durch meine dumme Neckerei das Vieh noch extra in die richtige Laune gebracht. Ehe wir es uns versahen, wurde der nichtsahnende Mausfallenhändler denn auch von dem Bullen attackiert. Wir riefen dem Manne zu,[111] schnell zu uns herüber zu kommen. Doch es war schon zu spät. Glücklicherweise zeigte der Arme Geistesgegenwart. Als er der Gefahr nicht mehr ausweichen kann, faßt er rasch entschlossen seinen Schultergurt und wirft das ganze Bündel Blechwaren von sich auf den Feldweg, dann springt er flink wie ein Wiesel abseits ins Moor, wo er bis an die Knie im Sumpf stecken blieb. Er war gerettet. Doch seinen Mausefallen ging es schlecht. Im Nu hatte sie der Bulle auf die Hörner genommen und spielte Fangball damit. Wie das aussah! Trotz des Ernstes der Situation mußten wir unwillkürlich lachen. Auch nicht ein Stück von dem Blech- und Drahtgeschirr blieb heil; alles ward bis zur Unkenntlichkeit zertrampelt und verbogen, eine klappernde formlose Masse. Das wütende Tier war von dem rasselnden Warenklumpen schließlich gar nicht wieder abzubringen. Es achtete nicht einmal der Bisse des kläffenden Viehhundes. Brüllend und schäumend mit blutunterlaufenen Augen stürzte es sich immer von neuem auf die blanken Gegenstände, bis schließlich der Riemen riß, der den Kram zusammenhielt, und nun die ganze Bescherung stückweise auseinandergesät wurde. Doch mit der Vernichtung der Mausefallen war die Wut des Bullen noch keineswegs gestillt. Er sah jetzt den jammernden Slowaken vor sich im Moor, und blindlings stürmte er auf diesen los. Doch kam er kaum ein paar Sprünge weit, dann versank er bis an den Leib in dem Sumpf. Nur fünf Schritte vor ihm hockte der zitternde Handelsmann. Ein gütiges Geschick hatte ihn zu meiner unaussprechlichen Freude vor dem Schlimmsten bewahrt. Jetzt kamen auch wir hinter unseren Torfhaufen hervor. Denn bis dahin hatten wir uns wohl oder übel passiv verhalten, nur in stummem Erstaunen Mund und Nase aufgesperrt. Was hätten wir auch machen sollen? Gegen die Kraft eines wildgewordenen Bullen richten ein halbes Dutzend Leute nicht mehr aus, wie ein halbes Dutzend Fliegen. Zwei von uns gingen nun nach dem Gut und holten Pferde, um den Bullen wieder aus dem Moor herauszuschleppen. Dem Verwalter wurde natürlich auch Meldung gemacht. Als er von meinem[112] Dummenjungensstreich hörte, der gar zu leicht eine schlimmere Wendung hätte nehmen können, war er dann allerdings recht ungehalten. Die Hauptschelte bekam jedoch der Knecht, der mich dazu angeleitet hatte. Der anfängliche große Zorn des Verwalters aber verrauchte sehr bald, als er alle die zertretenen Blechtöpfe und Mausefallen auf dem Wege umherliegen sah; und als sich ihm gleich darauf der geängstigte Mausfallenmacher selbst schweißtriefend und gestikulierend vorstellte, da konnte er sich sogar eines herzhaften Lachens nicht erwehren. Er ersetzte dem Manne den Schaden. Nach einer guten Stunde hatten wir auch den Bullen aus seiner Lage befreit; der war infolge der eigenen Anstrengung im Sumpfboden sowie beim Herausschleppen durch die Pferde endlich vollständig abgemattet und ließ sich mit einem Blendtuch vor den Augen ruhig nach Hause führen. Nach einigen Wochen Stallpflege wurde er dann verkauft. Das war eigentlich das einzige Mal, wo ich ernsthaft von unserem »Alten« gescholten wurde. Ich muß gestehen: allmählich hatte ich mich an das Leben, die Arbeit und die Abgeschiedenheit auf unserem Gute bereits so gewöhnt, daß ich in meinem bißchen gegenwärtigen Dasein überhaupt nichts vermißte. Ich hatte satt zu essen, wurde gut behandelt, verdiente einen Lohn, der mir die ausreichende Beschaffung von Zeug ermöglichte; ja es blieben mir noch einige Taler am Jahresschluß übrig, und »schmöken« tat ich jetzt schon wie ein Alter; mein »Maul« hatte sich schon ganz nach der Tabakspfeife gezogen, selbst spucken konnte ich bald besser wie unser Großknecht. Noch hatte ich es keinen Augenblick bereut, daß ich aus meiner pommerschen Heimat fortgemacht war. Es ging mir hier in allen Stücken besser wie daheim. So etwas wie Heimweh habe ich denn auch nie kennen gelernt. Zudem begann sich unser Verwalter für mich zu interessieren. Einst übergab ich ihm einen Brief an meine Mutter mit der Bitte, eine Marke drauf zu kleben und ihn dem Landbriefträger auszuhändigen. Der Verwalter sah erst die Aufschrift an, dann mich, und fragte: »Jung, hest du dat alleen schräwen?« Als ich bejahte, äußerte er den Wunsch, den Inhalt des Briefes kennen zu lernen,[113] nicht aus Neugierde, sondern »von wegen dat Richtigschriewen«. Flugs riß ich das Kuvert auf und langte das Schreiben heraus. Nun will ich verraten, daß ich mein Wohlbefinden in dem Briefe etwas rosig geschildert hatte, wie ich auch das Verhalten des Herrn Inspektors uns und speziell mir gegenüber als sehr lobenswert herausgestrichen hatte. Ich tat dies, um meine Mutter daheim über mein Schicksal in der Fremde möglichst zu beruhigen, da sie sich, wie aus ihren Briefen hervorging, hierüber mehr Kopfschmerzen machte, wie ich selbst. Sowohl der Inhalt, wie auch die Handschrift und besonders die Schreibweise schienen dem Verwalter besser zu gefallen, wie ich erwartete. Er tat aufrichtig erfreut darüber, fragte hin und her und meinte schließlich: aus mir könne noch mal etwas werden. Unter diesen Umständen faßte ich mir ein Herz und trug ihm bescheiden meinen Wunsch nach Lesestoff vor, der mir bis dahin, abgesehen von einigen Räubergeschichten und Schundromanen, die mir ein Hausierer gelegentlich mitbrachte, gänzlich gefehlt hatte. »Dat schalst du hebben, min Jung«, sagte er mit bedächtigem Wohlwollen im Ton und gab mir nun von seinem Privatvorrat, was ihm gut schien. Vor allem waren es ganze Jahrgänge illustrierter Zeitschriften, wie »Daheim«, »Über Land und Meer«, »Gartenlaube« und »Buch für Alle«, sowie mehrere landwirtschaftliche Lehrbücher über Agrarchemie, Viehzucht und praktische Verwendung landwirtschaftlicher Maschinen, in denen ich nun mit wahrer Wut umherstöberte. Während der langen Winterabende hatte ich die schönste Zeit zum Lesen. Unseren anderen Knechten war es allerdings ganz was Neues, daß jemand, und noch dazu erst ein Junge in meinem Alter, überhaupt Lust dazu haben konnte, »so in de Böker 'rümtoschnüffeln«. Einige versuchten es mitunter auch, doch wenn sie so eine Viertelstunde lang mühsam Wort für Wort zusammenbuchstabiert hatten, dann wurde ihnen die Geschichte langweilig. Mit einem bedeutsamen: »Nee, dat is nix vör mi«, legten sie das Buch wieder weg. Dagegen hörten sie es zuweilen ganz gern, wenn ich ihnen einzelne Abschnitte, wie Texte zu den Illustrationen und anderes vorlas. Sie meinten dann mitunter, ja[114] wenn sie so lesen könnten, dann würde ihnen der Bücherkram vielleicht auch mehr Spaß machen. Einer aber, der in komischem Zorn am meisten über die verdammten Bücher schimpfte (weil's bei ihm mit dem Lesen gar nicht gehen wollte), saß dennoch recht oft des Sonntags oder des Abends dabei und buchstabierte, daß ihm die Lippen wehtaten. Dieses Verhalten fasse ich als einen Beweis dafür auf, daß auch bei dem Ungebildetsten ein natürlicher Lese- und Lerneifer vorhanden ist; er sollte nur geweckt werden. Und hier weckte ihn mein einfaches Jungenbeispiel. Der Verwalter behielt mich währenddessen vermehrt im Auge. Er unterhielt sich öfters mit mir, fragte nach dem, was ich gelesen hatte und gab mir sogar einige seiner Wirtschaftstabellen, die er zu seiner Rechnungsablage zusammengestellt, zum Abschreiben. Bei solcher Gelegenheit hörte ich unseren Alten auch zum ersten Male hochdeutsch reden, sonst sprach er mit uns allen grundsätzlich nur platt. Im schönsten Wasserkanten-Dialekt kam es heraus, als er zu mir sagte: »Ja min Jung, das ist auch schon jümmers meine Meinung gewesen: son büschen Lesen schad't nix, und hier auf'n Land schadt's erst recht nix, denn hier hat man sonst ja weiter keinen Mensch wie 'n gutes Buch, womit 'n sich mal 'n büschen gebildet unterhalten kann.« Amazon.de Widgets Bald darauf erzählte mir der Großknecht im Vertrauen, der Alte habe ihm mitgeteilt, daß er mich dem nächst zu sich ins Gutsbureau nehmen wolle. »De Oll hett'n Oog up di«, fügte er hinzu, »un dar hest du 'n guden Bontje.« Freilich hätte ich dort eine gute Stellung gehabt. Meine Tätigkeit wäre dann gewesen, einen Teil der Gutsschreibereien zu besorgen, bei der Butterexpedition zu helfen, Bestellungen auszurichten, kurz lauter leichte Arbeiten auszuführen, die einmal bedeutend angenehmer waren wie die groben Feld- und Stallarbeiten, dann aber auch mehr Abwechselung mit sich brachten, weil ich öfter zur Stadt gekommen wäre. Bislang war ich nur erst dreimal vom Hofe heruntergekommen: das einemal beim Transport von Mastochsen nach dem Oldesloer Bahnhof, das zweitemal als Zuschauer[115] beim »Ringreiten« der Knechte in dem Dorfe L. und das drittemal zum Oldesloer Jahrmarkt. Ich freute mich also im Stillen nicht wenig über mein Glück. Doch leider, es hat nicht sollen sein! Eines guten Morgens, kurz vor der Frühjahrssaatzeit, wurde uns die überraschende Mitteilung, daß der Verwalter beim Kaffeetrinken plötzlich verstorben sei. Ein Herzschlag hatte seinem Leben ein Ende gemacht. Schon einige Tage nach dem Ableben des Alten erhielten wir einen neuen Verwalter. Er kam aus Mecklenburg von einem der dortigen Güter unserer Herrschaft, woselbst er bis dahin als Unterinspektor gewesen war. Mit dem neuen Herrn zog auch ein neuer Geist auf Bunsloh ein, freilich kein besserer. Ihm erschien in der Wirtschaft vieles zu behäbig, oder wie er sich ausdrückte, zu loddrig. Es ging ihm nicht forsch genug zu; ihm war nicht Zug genug in der Kolonne. Das langweilige und maulfaule »jooo und neee« der Tagelöhner und Knechte als Antwort auf seine Anordnungen paßte ihm nicht. Er verlangte, daß auf seine »Befehle« mit lautem »Jawohl, Herr Inspektor« geantwortet werden sollte, und zwar »etwas plötzlich«, »nicht so kuhscheißig«, wie es in dem Sprachlexikon des schneidigen Mannes hieß. Aus solchem Gute könne ganz was anderes herausgewirtschaftet werden, hatte er zu dem Oberschweizer gemeint; deswegen werde er hier wohl verschiedenes ändern müssen. Und so änderte er denn drauf los, bald hier, bald dort; einmal so, das anderemal so. Daß damit jedoch etwas verbessert worden wäre, ließ sich gerade nicht sagen; wenigstens war mit den verschiedentlichen Neuerungen in der Wirtschaft gleichzeitig eine sehr merkliche Verschlechterung in der Behandlung der Leute einhergegangen. Der neue Herr Inspektor schnauzte wie ein Feldwebel und trieb an wie ein Schachtmeister; genug konnte ihm in der Arbeit überhaupt nicht getan werden. Eine Zeitlang ließen sich die Leute das schneidige Bramabarsieren widerspruchslos gefallen; es war als wenn sie ob des ungewohnten Auftretens des neuen Herrn schier ganz verdutzt waren; dann aber griff der Mißmut um sich, der sich bald in offener Unzufriedenheit äußerte. Die Leute waren eben keine Mecklenburger,[116] sondern Holsteiner. Besonders die Knechte wurden aufgebracht; die Tagelöhner mußten ja noch mehr an sich halten, weil direkter Widerspruch die Schädigung einer ganzen Familie nach sich ziehen konnte. Jeden Abend wußten einige Knechte etwas über besondere Schneidigkeiten des Inspektors zu erzählen, und sie machten ihrem Ärger darüber in ebenso ehrlichen wie drastischen Worten Luft. »De Kirl gröhlt hier jo rum, as son Botterlicker, dat is jo de reine Hampelmann«, hieß es. »Töw man, dat möt wi em awwennen; de glöwt woll, he is noch mang sine Meckelbörgers. Dat beste is, wenn he mal gehörig wat upt' Fell kriegt.« So und ähnlich gingen die Ausdrücke des Unwillens von Mund zu Mund. Mehrere Knechte sprachen davon, einfach auszukneifen; Arbeit gäbe es jetzt ja genug, und den im Stich gelassenen Lohn könne man während des Sommers wieder einbringen. Andere, und auch verschiedene Tagelöhner hielten es dagegen für das richtigste, sich bei dem Grafen zu beschweren, der seine Ankunft auf einige Tage angekündigt hatte. Da trat ein kleines Ereignis ein, durch welches der Inspektor schwer blamiert wurde, und diese Blamage besorgten ihm ? die Deerns. Er hatte es nämlich auf die dralle Trina abgesehen, die jedoch bereits mit dem zweiten Knecht versprochen war. Nun achtete der Inspektor zwar sehr darauf, daß niemand von den Knechten etwa nächtlichen Verkehr mit den Mägden pflegte; er selbst war hingegen offenbar der Meinung, daß er sich ohne weiteres das erlauben durfte, was er den Knechten verbot. Anders dachte darüber aber die resolute Trina. Sie hatte bereits Unrat gemerkt und sich dementsprechend gerüstet. Der Ärger darüber, daß ihr Wilhelm ebenfalls unter der schlechten Behandlung des Inspektors leiden mußte, tat das übrige. Als ihr daher der Inspektor eines Abends in liebenswürdiger Weise eröffnete, daß er ihr in der Nacht einen Besuch abstatten werde, da hatte sie ihm kühl und deutlich den guten Rat gegeben, »sonen Narrenkram« lieber zu unterlassen. Er jedoch, im Vertrauen darauf, daß die Deernskammer nicht verriegelt werden konnte, und im stolzen Bewußtsein seiner Vorgesetzten-Autorität,[117] schleicht ungeachtet der anderen Mädchen vor Trinas Bett. Weiter ist er allerdings auch nicht gekommen, denn kaum hat er die Bettkante berührt, da gibt's einen scharfen Knacks, dem gleich darauf ein unartikulierter Wutschrei folgt. Der edle Don Juan war in ein Iltiseisen getreten, das Trina zum Schutze ihrer weiblichen Ehre vor ihr Bett gelegt hatte. Vor Scham und Grimm über sein Pech fängt er nun an zu schimpfen, während er sich zunächst vergeblich bemüht, seinen verletzten Fuß aus den Zähnen des Eisens zu befreien. Währenddes foppt ihn Trina gehörig, und die anderen Mädchen kichern. Das macht ihn noch wütender; in blindem Zorn will er sich auf Trina stürzen und sie schlagen. Doch nun gibt's Alarm. Wie der Wind sind sämtliche Mädchen aus den Betten und gehen einmütig auf den ungebetenen Eindringling los, wobei ihm Trina einen handlichen Eimer voll Dünnmilch über den Kopf stülpt. Jetzt flüchtet er. Draußen wartet seiner jedoch neues Unheil. Wilhelm mit zwei anderen Knechten stehen dort schon auf der Lauer, jeder mit einem guten Börneimer voll Wasser bei der Hand, und nun gab's stillschweigend einen Guß nach dem andern. Zähneknirschend soll der blamierte Nachtwandler darauf im Herrenhause verschwunden sein, wie wenn der Hund von der Hochzeit kommt. Am nächsten Tage wußte schon jedes Kind auf dem Gute, wie angenehm es dem schneidigen Herrn Inspektor in der Nacht ergangen war, und einige Tage später stand die Geschichte hübsch ausgeschmückt in der Hamburger »Reform«. Der Hausierer Clems zeigte uns das Blatt, und ich habe den Abschnitt des Abends in der Gesindestube unter allgemeiner Heiterkeit vorgelesen. Wegen dieses Zeitungsberichts hatte der Inspektor noch monatelang den Gutsschreiber im Verdacht. Einige Wochen ging's nun; die Abkühlung hatte etwas geholfen. Der Gestrenge wußte ja auch, daß ihm jedermann die erhaltene Lektion eigentlich von Herzen gönnte. Da er überdies auch gegen die Mitwirkenden jener Nacht rechtlich nicht vorgehen konnte, so zog er es vor, ebenfalls gute Miene zum bösen Spiel zu machen und zwang der fatalen Geschichte mit süßsaurer Geste[118] die humoristische Seite ab. Seine Autorität hatte jedoch einen argen Stoß erlitten. Um sich nun wieder einigermaßen in Respekt zu setzen und dabei gleichzeitig den Anschein zu erwecken, als meine er es dennoch gut mit den Leuten, verfuhr er nach dem bekannten Rezept: Teile und herrsche. Mit den Mädchen verkehrte er von da an immer nur in spaßhaftem Ton, und auch den Knechten sah er manches durch die Finger, was er bis dahin schroff gerügt hatte. Gegen die Tagelöhner benahm er sich jedoch von Tag zu Tag herrischer und abstoßender. Bei einigen Knechten und Mägden hatte er mit dieser Taktik auch den gewünschten Erfolg; sie meinten, er sei doch wohl nicht so schlecht, wie es anfangs geschienen wäre. Andere waren indes der Ansicht, er wolle, da der Kündigungstag nahte, den jungen Leuten vorerst nur Honig um den Bart schmieren, damit sie sich auf ein weiteres Jahr vermieten sollten. In dieser Zeit kam der Herr Graf zur Inspizierung des Gutes. Er brachte noch zwei seiner »gnädigen Fräulein« Töchter mit, die eine von 18, die andere von 12 Jahren. Zu Ehren der beiden »Cuntessen«, die das erste Mal auf Bunsloh weilten, mußte sich das gesamte Gutspersonal, die Kinder der Tagelöhner eingerechnet, in Sonntagskleidern an der einen Wegseite vor dem Herrenhause aufstellen. Als der Wagen vorfuhr, riefen wir Hurra, und die Kinder schwenkten Sträuße von Feldblumen. Der Inspektor »meldete«, der Graf dankte und grüßte flüchtig, das große Fräulein verneigte sich leicht gegen uns, und das kleine »Cunteßchen« lachte wie ein Kobold. Damit war die Begrüßung zu Ende, wir konnten wieder an unsere Arbeit gehen. Zuerst hatte der Inspektor gewünscht, daß von den Tagelöhnerkindern ein Lied gesungen und ein Gedicht vorgetragen werde, weil das »in Mecklenburg überall so Mode« sei. Aber die Kinder wußten nichts Gescheites, und der Lehrer im Dorfe L., wo sie zur Schule gingen oder auch hingefahren wurden, hielt es vernünftigerweise für überflüssig, ihnen hierzu erst extra noch etwas einzubläuen. Es ging auch so. Als der Herr Graf nun die Besichtigung der Stallungen vornahm,[119] sprach er auch gelegentlich mit dem Großknecht. Da es sich gerade so paßte, brachte dieser das Gespräch auf den verstorbenen Verwalter und zog nun eine freimütige Parallele zwischen der Behandlung der Leute einst und jetzt. Ein Weilchen hörte der Graf schweigend zu, dann aber winkte er ungeduldig mit der Hand und entgegnete: Er verfahre überall nach dem Grundsatz, daß die Leute streng aber gerecht behandelt würden. Verschiedene Änderungen habe er nach Rücksprache mit dem Herrn Inspektor selbst angeordnet, denn auch seiner Ansicht nach lasse sich aus dem Gute mehr herauswirtschaften. Was der Graf und sein Inspektor alles besprochen hatten, erfuhr nun freilich niemand. Nach der Abreise des »Herrn« aber erhielt der Großknecht vom Inspektor seine Kündigung mit dem Bemerken, er könne es auch gleich den übrigen sagen: Wem es nicht paßt, der könne gehen. Schon in diesem Sommer würden Schnitterfamilien aus Brandenburg nach dem Gute kommen, und Gesinde erhalte er auf Bestellung aus Posen und Ostpreußen mehr, wie er haben wolle, und dann noch obendrein zu bedeutend billigerem Lohn wie hier. So, nun wußten wir vorläufig Bescheid. Es dauerte denn auch gar nicht so lange, da kamen eines Tages die Schnitterfamilien an. Mehrere Knechte mußten sie mit Wagen vom Segeberger Bahnhof abholen und nach dem Vorwerk des Gutes fahren, woselbst sie in einem Schafstall kampieren sollten. Das Vorwerk bestand zur Hauptsache nur aus ein paar rechtwinklig aneinander liegenden Scheunen, weiter aus einer »offenen Scheune«, einem abgedeckten Balkengestell ohne Wände, in welchem die frisch eingefahrenen Garben so lange lagerten, bis sie gedroschen werden konnten, und das dann voller Stroh gepackt wurde, ferner aus einem Schafstall sowie dem Wohnhaus für den Holzvogt, den Schäfer und ein altes Tagelöhnerehepaar. Das Ganze lag etwa eine Stunde weit vom Haupthofe und wurde auch von dort aus bearbeitet. Einen praktischen Wert hatte das Vorwerk eigentlich nur während der Erntezeit, dann allerdings auch einen recht bedeutenden, denn beim Einfahren macht es einen[120] gewaltigen Unterschied, ob die Fuhren eine halbe oder ganze Stunde weiter gefahren werden müssen oder nicht. Dort wurde später auch die Dreschmaschine hingefahren, das Stroh blieb dann zurück und wurde im Winter nach Bedarf nach dem Haupthofe geholt, während das Korn gleich auf den Gutsspeicher kam. Während der Erntezeit diente das Vorwerk auch zur Unterkunft der Wanderarbeiter, die alljährlich aus den Städten und der Industrie aufs Land gehen, um sich auf mehrere Wochen zu den Erntearbeiten zu verdingen. Hierbei kam es nun vor, daß die Löhne zeitweilig, besonders wenn es an solchen Wanderarbeitern mangelte, eine über das gewohnte Maß hinausgehende Höhe erreichten. Auch die Witterung spielte eine große Rolle. Reiften die verschiedenen Kornarten von gutem Wetter begünstigt hübsch nacheinander heran, so waren weniger Arbeiter nötig, als wenn alles auf einmal reif wurde und nun auch mit Beschleunigung geborgen werden mußte. Um nun einmal an Arbeitslohn zu sparen, zweitens sich aber auch genügend Arbeitskräfte zu sichern, sollte auf unserem Gute in diesem Jahre zum ersten Male der Versuch mit fremden Schnittern gemacht werden. Hierbei trug sich der Inspektor auch wohl mit dem Gedanken, einige der Schnitterfamilien ganz und gar zum Dableiben zu bewegen, damit er mehrere der älteren einheimischen Gutstagelöhner, die im Gutsdienste nun schon alt und grau und minder leistungsfähig geworden waren, auf manierliche Art entlassen könne, ohne in Verlegenheit zu kommen. So wollten es mehrere Tagelöhner wenigstens gehört haben. Die Fremden waren williger, unterwürfiger wie die eingeborenen Holsteiner, und vielleicht konnte ihnen auch an Lohn und Deputat noch etwas gekürzt werden, denn im Brandenburgischen gab's niedrigere Löhne wie in Holstein. Durch die Heranziehung solcher Fremden wurde daneben auch ein Druck auf die Einheimischen ausgeübt, um diese gefügiger zu machen. Uns war es nun äußerst interessant, mitunter zu beobachten, wie die Schnitterfamilien auf dem Vorwerk eigentlich hausten. Der Schäfer sagte immer: »De liggt dar as im Biwack.«[121] Es waren wohl alles in allem gute 30 Mann unter der Leitung eines Vorschnitters, die der Schafstall beherbergte. Der Stall war alleine schon eine Sehenswürdigkeit. An der Nordseite hatte er eine massive Feldsteinmauer, zu West und Ost defekte Lehmwände in Fachwerk, die vierte Wand an der Südseite fehlte. An deren Stelle befanden sich verschiebbare Hängetüren, die auf Schienen liefen und ehemals heil gewesen sein mochten, jetzt aber beträchtliche Löcher aufwiesen. Eine dieser Türen war sogar vollständig zertrümmert, es hingen von ihr nur noch einige der oberen Bretterzacken in den Rollen. Man konnte sagen: Für Schafe mochte diese Baracke ja ein ganz praktischer Unterschlupf sein, denn luftig genug war es dort, und Schafe können es bekanntlich nicht zu warm vertragen. Wie man aber Menschen, leibhaftige Menschen, von denen man Arbeit verlangt, in solcher elenden Kasematte unterbringen konnte, wie man ihnen solche Dreckbucht überhaupt zum Aufenthalt anbieten mochte, das blieb mir schon damals unerfindlich. Wahrhaftig, unsere Leutestuben und die Tagelöhnerkaten auf dem Gut waren gewiß alles andere nur keine idealen Wohnstätten für gesittete Menschen der Gegenwart; aber im Verhältnis zu dem Unterkunftsraum der Schnitter aus »Brandenburg« erschienen sie uns noch als die wahren Paläste. Der Stall hatte ein »Untervierkant«, in dem die Schafe des Nachts lagen, und einen Boden, der nur teilweise weitläufig mit Latten ausgelegt war. In dem unteren Raum war den Schnittern eine Ecke angewiesen worden, in der sie kochen konnten. Hier hatte man einen alten Kochherd hingeschafft, von dem ein eisernes Rohr durch ein »natürliches« Loch der Lehmwand ins Freie führte, um den Rauch abzuleiten. Neben dem Kochherd lagen allerhand Bedarfsartikel umher: Holz, Torf, Kartoffeln, Mohrrüben, Kochgeschirre und ähnliches; auf einem Brett am Erdboden stand ein halber Sack Mehl, obendrauf ein Beutel mit Buchweizengrütze. Diese Lebensmittel wurden in rohem Zustande vom Gut geliefert; zurecht schmoren konnten sie sich die Leute selber. Damit die Schafe nicht direkt in diese »Küche« kamen, war die Ecke durch zwei nebeneinander gestellte Flakenstücken[122] abgeteilt, wie sie der Schäfer draußen auf dem Felde zu einer Hürde gebrauchte. Amazon.de Widgets Über dem Kochraum auf dem Boden befand sich die gemeinsame Schlafstelle der Schnitter. Sie war eigens dazu eingerichtet worden, d.h. man hatte die vorhandenen Latten etwas dichter zusammengerückt und Stroh darüber gelegt, worauf dann allerhand Lumpen und das bißchen lose Bettzeug der Leute ausgebreitet war. Damit die Leute im Schlaf nicht ins Vierkant fallen sollten, hatte der Gutsstellmacher an der offenen Seite längs des Querbalkens ein paar Bretter entlang genagelt. Zu diesem »Schlafsaal« führte eine Leiter hinauf. Wollten die Familien nun des Abends ihr Strohlager aufsuchen, so sah es aus, als wenn die Hühner zu Reck gehen wollten. Einer nach dem andern turnte dann die Leiter in die Höhe wie auf einer Hühnerstiege. Dort oben lag nun alles in trautem Durcheinander: Mann und Frau, Sohn und Tochter. Zu den »Familien« gehörten jedoch außer den erwachsenen und unerwachsenen Kindern auch noch mehrere ledige junge Männer und Mädchen, die sich dem Trupp auf Anwerben des Vorschnitters angeschlossen hatten. Was sich unter solchen Verhältnissen auf dem Boden für ein rühriges »Familienleben« entwickelte, kann sich jeder denken; auf dem Gute erzählte man sich wahre Kaninchengeschichten davon. Ein Familienvater, dem es in dieser Hecke doch gar zu bunt geworden war, hatte dem Holzvogt einst geklagt, er wisse gar nicht, wie er seine beiden Töchter von 12 und 14 Jahren davor bewahren solle, daß sie in den hellen Sommernächten die intimsten Vorgänge wenigstens nicht unmittelbar mit anzusehen brauchten; hören und merken täten sie ohnehin schon mehr wie genug. Er wisse sich nicht anders zu helfen, als die beiden Kinder rechts und links in seinen Arm zu nehmen und sie möglichst fest an sich zu ziehen; doch auch das helfe nicht allemal, denn es käme vor, daß ihnen im Schlaf öfters unverhofft auf Kopf und Leib getreten würde, wenn ein gängiger Hans seine Gret' aufsuchen wolle, und dann merkten die Kinder doch, was sich im Nebenlager abspiele. Der Holzvogt, dem diese empörenden Zustände nahe gingen,[123] hatte über das Unerhörte und Menschenunwürdige einer solchen Zucht dem Inspektor ernsthafte Vorstellungen gemacht. Doch dieser setzte sich leicht darüber hinweg mit dem Bemerken: Jene Leute seien das gar nicht anders gewöhnt, und in Mecklenburg denke sich kein Mensch etwas dabei; übrigens sei dies ja auch nur ein Provisorium, denn bewähre sich die Sache mit den Schnittern, so werde der Schafstall zum nächsten Jahre zu einem Schnitterhause umrenoviert! Bis dahin mochten die braven Märker also sehen, wie sie fertig wurden; es waren ja »nur« drei Monate, während welcher sie dies Zigeunerleben führen mußten. Eigentlich war es schon schlimmer wie Zigeunerleben. Denn wenn es regnete, tropfte oder floß ihnen das Wasser durch eine Anzahl kleinerer und größerer Dachlöcher ungehindert aufs Lager. An Regentagen, wenn sie ohnehin schon auf dem Felde bei der Arbeit naß geworden waren, bemühten sie sich zwar, ihre Kleider an dem Feuerherd zu trocknen. War ihnen dies mit Müh' und Not gelungen, dann mußten sie des Abends wieder in das halbdurchnäßte Stroh kriechen, und als Zugabe fuhr der Wind noch durch die Ritzen und Fugen des Stalles, daß die Leute sozusagen ihre Haare auf dem Kopfe festhalten mußten, damit sie ihnen nicht davonflogen. Was Wunder, daß die ganze Gesellschaft in ein paar Wochen total verlaust war. Um nun dieser Läuseplage abzuhelfen, wurden mehrfach Radikalmittel angewandt; es gab dann regelrechte Generalreinigungen im Stall, zu denen außer mehreren Knechten auch ich kommandiert wurde. In der Abwesenheit der Schnitter warfen wir zunächst das ganze Lagerstroh vom Stallboden durch eine Luke ins Freie. Bei diesem Geschäft bedienten wir uns möglichst langer Forken, damit wir uns das Stroh so weit wie nur angängig vom Leibe halten konnten. Mit ebenso langen Besen wurden dann die Latten abgefegt. Hierauf bekamen wir Auftrag, die Bude auszuräuchern. Im Vierkant und in der »Küche« setzten wir zunächst trocknes Holz in Brand und legten dann feuchten Torf, nasses Tannenreisig, grünes Buschwerk oder auch Gras darauf, damit vor allen Dingen ein starker Qualm erzeugt wurde, der nun das ganze obere Revier durchzog. Daß bei dieser Prozedur[124] nicht der ganze Schafstall in Rauch aufging, war stets mehr wie ein glücklicher Zufall. Nach der Ausräucherung schafften wir schließlich wieder reichlich frisches Stroh auf den Boden. Dann aber kam das Interessanteste: die Reinigung der Leute selbst. Die haben wir uns anstandshalber allerdings nur von weitem angesehen. Wenige hundert Meter hinter dem Vorwerk lagen mehrere Torfkuhlen, in denen auch wir uns hin und wieder badeten. Hierher begaben sich die Schnitter mit Schmierseife, Lappen und selbstgebundenen Schrubbern. Erst wurden die Kinder ihrer Kleider entledigt und gründlich geseift, gewaschen und gekämmt, dann nahmen die Männer dieselbe Reinigung mit sich vor, und zuletzt die Frauen und erwachsenen Mädchen. Unweit der Torfkuhlen, aber schon auf Sandboden, hatten die Männer lange Löcher in die Erde gegraben, in die die Kleider jeder Gruppe lose nebeneinander gelegt und mit Erde fest bedeckt wurden. In diesen Löchern blieben die Kleider liegen bis zum anderen Morgen. Wie der Vorschnitter sagte, können die Läuse eine Absperrung in feuchter Erde verbunden mit dem gänzlichen Abschluß der Luft nicht vertragen und gehen in wenigen Stunden zugrunde. Da nun inzwischen alles im Adams- und Evaskostüm umherlaufen mußte, hatten wir schon vorher alte Pferdedecken, Kafflaken und Getreidesäcke nach den Torfkuhlen gebracht, die sich die Leute nach dem Bade umhingen, von wo sie dann gruppenweise nach dem Stall pilgerten und sich in diesen eigenartigen Nachtgewändern in ihr Strohlager einnestelten. Am andern Morgen früh sind dann die Männer zuerst aufgestanden und haben die Kleider aus den Erdlöchern wieder hervorgeholt. Die Frauen und Kinder sind darauf ebenfalls, entweder im Stall oder auch draußen im Freien in ihr ausgelaustes Zeug wieder hineingeschlüpft. Welche Empfindungen ein derartig kulturwidriges Zusammenleben und dessen demoralisierende Folgen bei den Beteiligten selbst auslösten, davon haften mir ebenfalls noch einige Momente im Gedächtnis. Die Männer schienen alles mit einem gewissen Fatalismus hinzunehmen, als eine Art Verhängnis, das zwar entwürdigend wirke, aber leider nicht geändert werden[125] könne. Ihr Sprüchlein war: »Was sollen wir machen; wenn wir bei uns zu Hause 'n bißchen mehr verdienten, dann würden wir nicht in die Fremde gehen.« Diese Worte trafen auch mich; ich wußte ja aus eigener Erfahrung, daß die Leute damit recht hatten. Fast ausschließlich von der leichten und lustigen Seite betrachtete das Jungvolk sein Wanderdasein, freilich erschien mir der Humor manchmal auch bei ihnen etwas erzwungen. Ich fühlte doch, wie es innerlich an allen nagte, solch ein Leben führen zu müssen und als so minderwertige Geschöpfe behandelt zu werden. Am meisten bedrückte das Elend sicher die verheirateten Frauen. Oftmals erzählte der Schäfer und auch der alte Tagelöhner des Vorwerks, wie die Schnitterfrauen sich satt weinten, wenn sie mit ihnen hin und wieder über ihre traurige Lage sprachen. Mir aber drängte sich schon damals immer wieder die Frage auf: Wer trägt in Wirklichkeit die Schuld an jenen unwürdigen Zuständen? Übrigens war es mit dieser einen Lausegeschichte keineswegs abgetan. Nach einigen Wochen saßen die Schnitter abermals klettevoll von Ungeziefer. Diesmal wurden ihre Kleider in einen Backofen gesteckt und dort gründlich ausgehitzt. Die Umkleideszene ging dabei wieder in ähnlicher Weise vor sich wie das erste Mal, nur daß sich das Verfahren jetzt etwas abkürzen ließ. Die hierbei benutzten Säcke und Pferdedecken legten wir dann ebenso wie früher vorsichtig auf eine Rasenbleiche, wo sie wohl eine ganze Woche lang liegen blieben. Was die Schnitter eigentlich verdienten, erfuhren wir niemals genau. Der Inspektor teilte nichts darüber mit, und sie selbst schwiegen sich auch am liebsten darüber aus. Nur so viel galt als sicher: Es war etwas mehr, als wie sie in ihrer Heimat bekamen, und etwas weniger, als wie es für gewöhnlich in Holstein gab. Fast alle Arbeiten verrichteten sie im Großakkord. Ein Kontrakt hierüber war einzig und allein mit dem Vorschnitter abgeschlossen, der seinerseits wieder mit den Familienhäuptern oder den einzelnen ledigen Personen bestimmte Abmachungen getroffen hatte. Die Hauptleistung konzentrierte sich natürlich auf die[126] Erntearbeiten. Mähen, Binden und das Aufhocken der Garben war ihnen morgenweise übertragen worden. Soweit Mähmaschinen in Anwendung kamen, griffen natürlich Sonderbestimmungen Platz. Das Einfahren wurde nach je 20 Fuhren bezahlt, ohne Rücksicht auf die Entfernung der Koppeln. Das Dreschen mit der Maschine geschah in Halbakkord. Für gewissenhaftes Antreiben seiner Leute erhielt der Vorschnitter noch eine Extragratifikation. Es bedurfte jedoch einer besonderen Antreiberei gar nicht, wenigstens nicht bei den zusammengehörigen Familien, denn diese trieben sich bei der Akkordarbeit schon ganz von selbst an. Sie arbeiteten tatsächlich überfleißig. Vom frühen Morgen bis zur sinkenden Nacht waren sie auf dem Felde tätig, nur um ihren Anteil am Akkordverdienst möglichst zu vergrößern. Wo in dieser Weise Vater und Sohn mähten, Frau und Kinder banden und hockten, da konnte es die Familie wohl zu ein paar hundert Mark Verdienst in kürzerer Zeit bringen; wenigstens hörte ich später sagen, daß einige mit einem verhältnismäßig ähnlichen Verdienst nach Hause gefahren seien. Allerdings, die Leute hatten auch darnach gelebt. Für unseren Inspektor schienen die Schnitter die reinsten Mustermenschen zu sein. Wiederholt hielt er sie den übrigen Tagelöhnern als Beispiel vor, indem er sie als zufrieden, genügsam, bescheiden und fleißig lobte. Darauf meinte der Großknecht einmal in meiner Gegenwart so recht gemütlich und trocken: Das könne wohl wahr sein, doch ihm scheine, als hätten die »Brandenborgers« von jeder dieser Tugenden ein bißchen zu viel geerbt. Da solche Tonart den Inspektor verdroß, so polterte er los: Das sei dummer Schnack; wenn die »hiesigen« Leute auch so wären wie die »da drüben«, dann könnten sie auch zu etwas kommen; sie brauchten nicht bei jeder Gelegenheit zu »querquatschen«, das störe nur das gesunde Verhältnis zwischen den Leuten und Herrschaft. Gleichmütig entgegnete ihm der Großknecht: Dann sei es doch merkwürdig, daß die »Schnitters« da unten in ihrer Heimat zu nichts kommen könnten, sondern sich hierher schleppen ließen, wo die hiesigen Arbeiter, weil sie gelegentlich[127] mal um sich bissen, etwas bessere Verhältnisse geschaffen hätten. Wenn sie hier auch alle so sein wollten, wie die »da drüben«, dann würde es hier bald eben so zugehen wie im Osten oder ? wie jetzt auf dem Vorwerk. Unwirsch brauste da der Inspektor auf: Solche Anzüglichkeiten verbitte er sich; die Schnitter hätten von ihm alles reell erhalten, was ausbedungen worden sei. »Ok de Lüs'?« warf ich naseweis dazwischen. Kaum daß ich noch das prustende Lachen des Großknechts hörte, da hatte ich auch schon eine Maulschelle weg, daß ich glaubte, Ostern und Pfingsten käme auf einen Tag. Mit den Worten: »Dösiger Bingel, wat versteihst du darvon«, hob er seinen Feldstock und wollte mir wohl grade noch ein paar von seiner besten Sorte überziehen, doch eine weitere Mißhandlung verhinderte der Großknecht, indem er energisch vortrat und mit nachdrücklichem Ernste sagte: »Herr Inspekter, nu is 't awerst naug!« Mit sichtlich verhaltenem Zorn wandte sich der Inspektor darauf ab. Ich aber hatte nichts Eiligeres zu tun, als noch am selben Tage zum Herbste »aufzusagen«, d.h. Mitteilung zu machen, daß ich zum 1. November den Dienst verlassen werde. In steter stumpfer Arbeit gingen nun auch die letzten Monate dahin. Wenn ich auch selbst vor weiteren Handgreiflichkeiten des Inspektors und des Vorlöhners, der jetzt in aller Form zum Hofvogt ernannt worden war, verschont blieb, so kam es doch noch verschiedentlich zu heftigen Auftritten zwischen den übrigen Leuten und jenen beiden. Anlaß hierzu gab fast durchweg die schlechte Behandlung der Leute, die dem Inspektor sozusagen zur zweiten Natur geworden war. Je näher der Abgangstag kam, desto froher war ich, daß ich der Gutsfron Valet sagen konnte. Mir schien, als würde der holsteinische Hof mit jedem Tage »pommerscher«. Um eine neue Stelle in der Umgegend hatte ich mich noch gar nicht bekümmert. Einer unserer Knechte lobte mir schon seit langem immer so außerordentlich die holsteinischen Marschen, und ich beschloß daher, aus der »Grafenecke« fortzumachen und mir auf gut Glück in der Marsch einen neuen Dienst zu suchen.[128] Am 1. November erhielt ich kurz und kühl gleich den anderen meinen Lohn und mein Dienstbuch nebst Abgangsattest, und mit einem herzlichen »Adjüs« an die Zurückbleibenden wanderte ich wohlgemut nach Segeberg. Zwei Jahre Gutsdienst waren herum. 
 Aus meinen Kinderjahren  Hinterpommern! Puttkamerun!! ? ? Schon bei dem bloßen Gedanken an diese etwas verrufene Ecke unseres lieben deutschen Vaterlandes wird's einem so merkwürdig »östlich« zumute. Es ist, als wenn heute noch ein Hauch des Mittelalters über die pommerschen Flachfelder weht. Ein Adelssitz am andern, Rittergut an Rittergut; Stammschlösser und Tagelöhnerkaten, Herrenmenschen und Heloten. Von Zeit zu Zeit ein mehr oder minder in der Kultur zurückgebliebenes Bauerndorf, und in respektvoller Entfernung voneinander die kleinen industriearmen Landstädtchen mit ihren Ackerbürgern, Kleinhandwerkern und ? Honoratioren. So präsentiert sich uns das Land der Herrn von Puttkamer, v. Köller, v. Zitzewitz, v. Bonin, v. Waldow, v. Kamecke, v. Glasenapp und wie die alteingesessenen blaublütigen Herrschaften alle heißen mögen. Und diese Gegend ist meine Heimat. In einem der hintersten Winkel von Hinterpommern, in dem Landstädtchen Nn., erblickte ich als Sohn eines Kleinhandwerkers das Licht der Welt. Kindheit! für viele ein wonniges Wort. Heimat! glücklich, wer sie preisen kann! Mein Vater war Schneider. Ich sehe ihn noch vor mir, lang, hager, altmodisch; dabei seelensgut, leider aber schwach und kränklich ? brustkrank nannten es die Nachbarn. Er selbst hörte es nicht ungern, wenn er »Meister« tituliert wurde. Eine Werkstatt mit Gesellen und Lehrlingen hatte er freilich nicht. Das einzige Zimmer der kleinen Mietswohnung diente für unsere sechsköpfige Familie daheim gleichzeitig als Wohn- und Schlafraum, als Küche und ? obendrein auch als Werkstatt meines Vaters. Hier saß er an seinem Tisch zwischen Lappen und Flicken und pickte und pickte von früh bis spät; Mutter half. Zwar wurden damals ? es war in den 70er Jahren ? auch schon Nähmaschinen in Hinterpommern eingeführt, doch mein Vater[5] hegte arges Mißtrauen gegen die »neumodischen Dinger«. Sein Zunftsprüchlein war: »Maschinenarbeit ist nichts gegen Handarbeit!« Vielleicht hätte er sich dennoch eines anderen besonnen, wenn die Nähmaschinen nicht gar so teuer gewesen wären. So pickte er denn als »Handschneider« weiter, ein Jahr nach dem andern, für Ackerbürger, Arbeiter und auch für die Bauern der umliegenden Dörfer, immer in rastloser fleißiger Arbeit ? bis er nicht mehr konnte. »Hier, hier sitzt's«, sagte er bei den schweren Hustenanfällen keuchend und griff mit beiden Händen atemringend nach der Brust. Für seine Familie sorgte er redlich, so wie die ärmlichen hinterpommerschen Verhältnisse es einem Kleinmeister eben gestatteten. Diese Verhältnisse aber zwangen von vornherein zur Dürftigkeit. Geld hatte in jener industriearmen Gegend einen ungleich höheren Wert, wie in den modernen Industrieorten Westdeutschlands. Wer es in dem Städtchen zu einem Einkommen brachte, wie es etwa heute ein qualifizierter großstädtischer Arbeiter hat, der durfte sich ohne weiteres zu den »besseren Leuten« des Ortes zählen, er rangierte nolens volens in der Zahl der spießbürgerlichen Respektspersonen. Hieran kann man ungefähr ermessen, wie es mit den armen Schluckern bestellt sein mußte. Hatte mein Vater z.B. einen Taler, so betrachtete er denselben mit ganz anderen Augen, als wie wir heutzutage diese ganz gewöhnlichen, ordinären drei Mark betrachten. Alle Wetter auch: das war ein »harter Taler«, ein »Rad«, und fast liebkosend glitt der Blick seines glücklichen Besitzers über das für ihn so außerordentlich wertvolle Geldstück. Was konnte man für einen Taler aber auch alles kaufen, und ? wie schwer war er zu verdienen! Und wurde ein Betrag von 1,50 Mark vereinnahmt, oder ? mußte er gar mit einem Male verausgabt werden, so sprachen wir nicht etwa geringschätzig von lumpigen 15 Groschen. Ach nein ? das war ein »halber Taler«, ein »barer halber Taler«. Der Schweiß von anderthalb bis zwei Arbeitstagen klebte daran. So begreift es sich denn ganz von selbst, daß meine Eltern unter solchen Umständen mit jedem Pfennig rechnen mußten. Tatsächlich habe ich[6] zu Hause auch nie ein Zehn- oder Zwanzigmarkstück gesehen, an einen Hundertmarkschein natürlich gar nicht zu denken. Was Wunder, daß da bei uns Schmalhans Küchenmeister war. Ach die »Küche«! Nie werde ich sie vergessen, diese hinterpommersche Kost. Knapp, sehr knapp haben wir beißen müssen. Des Morgens gab's Kaffee. »Schlurck« nannte meine Mutter das edle Getränk. »Von 13 Bohnen 14 Tassen«, meinte sie zuweilen in einem Anflug von wütendem Humor. Murrend warf mein Vater dann ein: »Na, als Handwerker können wir aber doch nicht Mehlsuppe essen, wie die Tagelöhner.« Natürlich würde die Reputation der ganzen ehrenwerten Schneiderzunft darunter gelitten haben, wenn wir Mehlwasser anstatt Zichorienwasser genossen hätten! Als Zubiß erhielt dann jeder je nach Alter und Größe eine halbe oder ganze Pamel alias Schrippe. Waren die Kaffeebohnen alle geworden und im Geldbeutel besonders starke Ebbe eingetreten, so mußten wir selbst auf die frugale Zichorienlake verzichten. Es wurde dann für 'nen Sechser Milch geholt und hier ein tüchtiges Quantum kochendes Wasser hinzugegossen. Damit diese dünne, bläulich-weiße Brühe dann nicht gar zu fad schmeckte, wurde sie kräftig mit Salz gewürzt. Probatum est! Einst verhalf uns diese »Milch« wirklich zu einer denkwürdigen Art von Reputation. Da ich nämlich zur Schule in der Regel keine Frühstücksstulle mit bekam, teilte der Sohn eines Malermeisters öfters seine Stulle mit mir. Das sah eines Tages der Lehrer, und teilnahmsvoll fragte er mich, ob ich etwa gar mit nüchternem Magen zur Schule gekommen sei. »Nein, wir haben Milch und Pameln gehabt«, erwiderte ich prompt. Da meinte der gute Mann in eigentümlich gedehnter Betonung: »Na, wenn ihr des Morgens mit der ganzen Familie noch Milch trinken könnt ? ? ?« Das übrige konnte ich mir denken. Freilich, er hatte ja keine Ahnung davon, was das für »Milch« gewesen war. Mein Vater aber freute sich zu Hause königlich darüber, daß der Lehrer von dem peinlichen Verdacht abgekommen war, als könne es uns schlecht gehen! Und ich? Nun, ich hatte damals gerade etwas von optischer Täuschung in der Schule gehört.[7] Ebenso einfach wie des Morgens war unser Speisezettel auch am Mittag. In lieblicher Reihenfolge wechselten da miteinander ab: Kartoffelsuppe, Buttermilch und Kartoffeln, Wrucken und Kartoffeln, Kohl und Kartoffeln, Mohrrüben und Kartoffeln, Kartoffelpuffer in Talg, Kartoffelklöße usw., alles in schönster Kartoffelharmonie. Fleisch gab's nur ein- bis zweimal in der Woche, und dann auch nur ein »Häppchen«. Am Fleischtage schielte einer nach dem Teller des anderen, ob dieser vielleicht auch »zuviel« erhalten habe, und jeder fischte mit geschäftiger Emsigkeit nach den etwaigen Fettaugen in der Schüssel. Wie häufig dachte ich da an das hübsche Märchen vom »Tischchen deck dich«. Was hätte ich uns alles für prächtige Speisen herbeizaubern wollen! Mindestens doch dreimal täglich Braten und dicken Reis mit Blaubeersauce. Dem Schlächter hätte ich gewiß alle Würste und dem Konditor rettungslos allen Kuchen aus dem Schaufenster weggezaubert. Denn jedesmal lief mir das Wasser im Munde zusammen, wenn ich vor deren Schaufenstern stand. Leider kam niemand, der mir solch Zaubertischchen verehrte. Des Abends war das Menu noch einfacher. Im Sommer das hinterpommersche Leibgericht »Klieben und Klamörkens« ? ein Gemengsel von Wasser, Mehl und alten Brotkrusten mit etwas Milch angeweißt. Im Winter: einen Abend Kartoffeln und Hering, den andern ? Hering und Kartoffeln. Höchstens zwei Heringe auf die Familie. Das zog. Freilich, Athlet konnte man bei solcher Kost nicht werden. Wie froh war ich mitunter, wenn ich in einem günstigen Augenblick einen kühnen Griff in den Brotschrank tun konnte. Schnell wurde ein Stück Brot abgesäbelt, unter die Jacke gesteckt und draußen an sicherem Orte mit Wohlbehagen verzehrt. Es schmeckte prächtig, wenn's auch trocken war. Mutter sagte ja immer: »Trocken Brot macht Wangen rot.« Allerdings konnte Mutter es regelmäßig an dem rauhen und schiefen Schnitt des Brotlaibes merken, daß dem edlen Manna wieder jemand eine unerlaubte Aufmerksamkeit gewidmet hatte. Meistens wurde ich denn auch als derjenige, welcher angesehen und bekam deswegen[8] manchen herzhaften Knuff. Doch das mußte riskiert werden; dafür hatte ich ja auch vorweg meine Entschädigung ? im Magen. Nun darf man jedoch nicht annehmen, daß gerade in unserer Familie eine Ausnahmearmut geherrscht hätte. Durchaus nicht. Nein hundert anderen Familien ging es genau ebenso, ja vielfach noch kümmerlicher. Diese Ernährungsweise bildete dort schon seit Menschengedenken den Normalzustand für die unteren Volksschichten. Man weiß es nicht anders und kennt es nicht anders; man glaubt einfach, das müsse so sein. Es ist eben »hinterpommersch«. Die Sorge um den Lebensunterhalt hält die Gedanken der ärmeren Familien denn auch sozusagen Tag und Nacht wach. Nahrung und Feuerung, darum dreht sich alles. Zunächst hieß es: Wie beschaffen wir die nötigen Kartoffeln? Kaufen konnte man sie unmöglich alle bei dem geringen Verdienst. Da wurden sie denn bei den Ackerbürgern »ausgepflanzt«. Die Ackerbürger gebrauchen nämlich für ihr Land in der Regel mehr Dung, als sie bei ihrem beschränkten Viehbestand produzieren können. Deshalb nehmen sie ganz gerne den Dung, den die ärmeren Leute im Laufe des Jahres ansammeln. Im Frühjahr fahren nun die Ackerbürger diesen Dung gegen einen kleinen Fuhrlohn auf ihr Land, und soviel Land mit dem Dung bestreut werden kann, soviel Kartoffeln können dann die Leute bei dem Ackerbürger auspflanzen. Sind die Kartoffeln im Herbste abgeerntet, so wird dieses Land von dem Ackerbürger gewöhnlich mit Wintergetreide (Roggen) besäet, und der Dung kommt dann auch diesem Getreide zugute. Amazon.de Widgets Unter diesen Umständen ist es begreiflich, daß jeder »Auspflanzer« möglichst viel Dung zusammenzuklauben sucht. Je mehr er davon hat, desto mehr Kartoffeln kann er bauen; ganz abgesehen davon, daß jemand, der etwa zwei bis drei Fuder Dung abfahren lassen kann, dem Ackerbürger auch entschieden lieber ist, als einer, der nur ein halbes Fuder hat. Wer es irgend kann, hält sich deshalb eine Ziege, und wenn möglich auch ein Schwein. Wir brachten es nur zu einer Ziege, deren[9] Fürsorge hauptsächlich mir anvertraut war. Da galt es, im Sommer das nötige Futter heranzuholen, damit das Tierchen nicht »auftrocknete«. Nun, darauf war ich bald geeicht, ohne daß der Feldwächter mich beim Wickel kriegte. Aber auch die erforderliche Streu mußte herbeigeschafft werden, sonst gab's ja nicht genügend Dung. Auch das wußte ich zur Zufriedenheit der ? Ziege zu besorgen. Vor den Scheunen der Ackerbürger oder auf den Feldwegen zur Zeit der Heu- und Kornernte wurde eben soviel zusammen»geharkt«. Auch Moos und Fichtennadeln aus den umliegenden Holzungen schleppte ich zu diesem Zweck zusammen. Es blieb sogar noch ein kleiner Vorrat für den Winter. War im Spätherbst kein Gras und Kraut mehr zu pflücken, so wurde die Ziege mit Kartoffelschalen und Wrucken (Kohlrüben) gefüttert. Wohl oder übel mußten dann aber auch 1?11/2 Zentner Heu gekauft werden. Um unseren Dunghaufen zu vergrößern, ging ich mit meiner Schwester im Sommer nach beendeter Schulzeit auch häufig, mit Sack und Karre ausgerüstet, auf den Chausseen und Feldwegen entlang und sammelten »Fallobst« ein. Als solches bezeichneten wir Roßäpfel und Kuhfladen, die je nachdem, bald in angetrocknetem Zustande, bald aber auch recht warm und frisch, sorgfältig aufgelesen und ? je mehr, je besser ? im Triumph nach Hause spediert wurden. Gar zu gern taten wir es allerdings nicht, denn das Geschäft war nicht nur ziemlich schmierig, sondern fiel zuweilen auch stark auf die Geruchsnerven. Doch was half's, Mutterns Wunsch war in diesem Falle Befehl, und ? hernach gab's dafür ein Stück Brot extra. Auch für Brennholz sorgten ich und meine Schwester nach Kräften. Mittwochs und Sonnabends nachmittags, wenn keine Schule war, wanderten wir beide mit unserer Karre nach dem reichlich eine halbe Meile entfernten Walde und sammelten uns eine Ladung sogenanntes Raff- oder Leseholz, was von der Försterei gestattet wurde. Besonders wurden zum Holzholen die großen Schulferien ausgenutzt; fast täglich waren wir dann im Busch. Galt es doch, möglichst viel Vorrat für den Winter zu sammeln. Häufig brachten wir hierbei auch eine Mahlzeit Pilze mit nach Hause. Das Schönste war bei diesen Buschgängen für uns aber[10] die Zeit der Beerenreife, wenn sie uns auch mitunter arge Bauchgrimmen verursachte. So mußten wir Kinder uns schon im zarten Alter nützlich machen, weil die traurigen Verdienstverhältnisse jener Gegend es eben so mit sich brachten. Gewiß würden meine Eltern uns gerne ein besseres Los verschafft haben, wenn es ihnen möglich gewesen wäre. Doch der Knüppel lag beim Hund. Was nicht ging, das ging nicht. Resigniert sagte meine Mutter manchmal: »Kinder, ich glaube, wir sind nun einmal zur Armut geboren.« Wie oft hatte ich mir schon mal ein Paar neuer Stiefel gewünscht, wenn ich sah, wie die Kinder wohlhabender Eltern vergnügt in solchen einherstolzierten. Leider aber blieb das für mich ein frommer Wunsch, der, solange ich zu Hause war, nie in Erfüllung ging. Vom Frühsommer bis in den kalten Spätherbst mußte ich barfuß gehen. Schuhzeug galt dann für »uns Schlag Leute« als ein überflüssiger Luxus. Nur des Sonntags durfte ich Stiefel anziehen, und die waren bei irgendeinem jüdischen Alt-Trödler für höchstens 12 bis 15 Groschen als »abgelegt« gekauft worden; geflickt und verriestert auf allen Ecken und Enden. »Wichst sie nur tüchtig«, meinte Mutter, »dann ist das nicht so zu sehen.« Im Winter lief ich werktägig stets auf Holzpantinen; die Strümpfe waren mit derben Flicken »versohlt«, damit die Stopfwolle gespart wurde. Mit der Kleidung war es ja etwas besser bestellt. Wenigstens mangelte es nicht an den nötigen Flicken. Wozu wäre mein Vater denn auch Schneider gewesen! Zu einem neuen Anzuge aber reichte es selten. Mit Vergnügen entsinne ich mich noch, wie mir mein Vater aus dem uralten abgetragenen Rock eines verstorbenen Exekutors einen »nagelneuen« blauen Schoßrock zusammengebaut hatte. Stolz wie ein Spanier zog ich als zehnjähriger Knirps mit dem patentwürdigen Garderobestück des Sonntags zur Kirche, woselbst ich im Orgelchor der Stadtschüler mitsingen mußte. Ich ließ es mir auch wenig anfechten, daß mir die Rockschöße um die Waden schlugen und andere Jungen mich deswegen weidlich auslachten. Würdigte mich doch sogar unser alter Kantor wegen des Rockes einer bewundernden Besichtigung,[11] wobei er mit jovialem Lächeln bemerkte, ich sähe jetzt mindestens so fein aus wie Joseph in dem bunten Rock, den ihm der Erzvater Jakob einst gemacht hatte. Mein Vater aber sagte von wegen der langen Schöße und der aufgekrempten Ärmel bedeutsam zu mir, die seien deswegen so »vollkommen« gemacht, damit ich da hineinwachsen könne. Daran ließ sich ja so ungefähr ermessen, wie lange der alte »Wallmusch« noch halten sollte. In jener Zeit hörte ich auch schon mit großem Interesse den »politischen« Gesprächen zu, die besonders während der langen Winterabende zwischen meinem Vater und einer Anzahl seiner Nachbarn und Bekannten geführt wurden. Bei uns in der »warmen Schneiderbude« war gewöhnlich der Treffpunkt dieser »Feierabends-Zunft«, wie sie sich nannte. Wenn draußen der Wind heulte und die Schneeflocken flogen, erzählte es sich am warmen Ofen ja auch ganz gemütlich. Von Zeit zu Zeit machte dabei eine riesige Schnupftabaksdose aus Birkenrinde die Runde in der Gesellschaft und jeder entnahm diesem sogenannten »Müllkasten« ein gehöriges Quantum seines braunen Inhalts, damit die Unterhaltung gleichsam neu belebend. Das Hauptgespräch drehte sich in der Regel um Kriegsgeschichten. Es waren auch in der Tat fast alles Männer da, die auf diesem Gebiete selbst etwas erlebt hatten und aus eigener Erfahrung reden konnten. Ein Maurer und ein Schuster hatten den siebziger Feldzug mitgemacht, der eine als Infanterist, der andere bei den schwarzen Husaren. Letzterer bewahrte seine schwarze Husarenmütze mit dem Totenkopf noch immer wie ein Heiligtum auf. Ein Gärtner war 66 mit gewesen. Er erzählte mit Vorliebe von der Attacke der dritten Dragoner am 3. Juli 66, die er mitgeritten hatte und bei der er verwundet worden war. Ein Holzpantoffelmacher war Teilnehmer an dem polnischen Invasionszuge gewesen; dieser äußerte jedoch stets am wenigsten Kriegsbegeisterung. »Ja ja, wenn die ewigen Strapazen nicht wären und die schlechte Behandlung«, meinte er vielsagend. »Was hat man denn davon?« Die Senioren der »Zunft« aber waren zwei Invaliden aus den Freiheitskriegen, ein paar alte Veteranen, die von einem »Gnadensold« lebten. Sie besaßen noch ihre Mäntel aus[12] der Franzosenzeit, in denen sie unter York und Blücher gekämpft hatten und die ihnen oft in kalter Biwaksnacht als Schlafdecke hatten dienen müssen. Ich betrachtete die beiden verwitterten Gestalten stets mit einer Art ehrfürchtiger Scheu; schienen sie mir doch schon deshalb um so verehrungswürdiger, weil es wirkliche und leibhaftige Zeugen einer Sturmzeit waren, aus der es nur noch vereinzelte Überlebende gab. Bei den Erzählungen dieser Veteranen wurden die Geschichten und Personen jener bewegten Zeiten, von denen wir doch auch in der Schule manches lernen mußten, vor meinem geistigen Auge förmlich lebendig. Wie malte ich mir in kindlicher Phantasie den ersten Napoleon, den Blücher, den Schill, den Nettelbeck, die französischen Garden, die preußische Landwehr, die russischen Kosaken. Kugelregen, Schlachtgetümmel, Reiterattacken schwebten mir vor ? ein begeistertes gegenseitiges Morden »mit Gott für König und Vaterland«. So ungefähr wurde es uns ja auch in der Schule gelehrt. Aufrichtige Bewunderung hegte ich natürlich auch für die deutschen Heerführer des siebziger Krieges. Alles, was preußisch war, erschien mir groß, erhaben, ideal. Und das speziell »Pommersche« hiervon dünkte mich noch um vieles größer und erhabener. Kindlicher Stolz schwellte meine Brust darüber, daß es gerade die Pommern gewesen waren, die »unter persönlicher Führung Moltkes« am Abend des Schlachttages von Gravelotte den Sieg der deutschen Waffen herbeigeführt hatten. Wie ich mir das vorstellte! Gerade so mußte es ja gewesen sein, wie ich es auf einem Ruppiner Bilderbogen so herrlich »abgemalt« gesehen hatte. Moltke mit gezogenem Degen auf prächtigem Kriegsroß voran. Hinter ihm her die Kolonnen der braven Pommern. Rechts, links und überall um ihn platzen die französischen Granaten. Reihenweise stürzen die tapferen Krieger bei dem blutigen Ansturm. In ganzen Haufen liegen und fallen Mannschaften und Offiziere, nur Moltke nicht. Unverwundbar wie der Kriegsgott selber spornt er seinen Rappen. Mit blitzendem Degen zeigt er auf den weichenden Feind, das Feldherrnauge rückwärts gewandt. So feuert er die pommerschen Grenadiere mitten im heftigsten[13] Kugelregen an und führt sie in schneidigem Bajonettangriff über die geworfenen Rothosen hinweg zum Siege. Wirklich, dabei mußte doch jedes ? Kind patriotisch werden. Und nun erst Bismarck! War er nicht unser Speziallandsmann? Gewiß, ihm gehörte ja das pommersche Gut Varzin. Nur wenige Meilen von uns lag's entfernt mit seinen ausgedehnten Waldungen. Also hatten wir alle Ursache stolz zu sein. Übrigens gab es ja auch in der näheren Umgebung unseres Ortes eine ganze Anzahl adeliger Gutsherrn, die an den letzten Feldzügen teilgenommen hatten, als Herr Leutnant, Herr Hauptmann, Herr Rittmeister, Herr Major oder auch als Herr Oberst. Häufig kamen diese Herren nach unserem Städtchen, jeder Zoll ein Edelmann. Im Sommer hoch zu Roß oder per Wagen, im Winter in eleganten Schlitten, in prächtige Pelze gehüllt, oft genug »viere lang« mit zwei Vorreitern, Kutscher und Diener in reicher Livree. Honoratioren und Geschäftsleute standen dann nicht selten in ihren Haustüren und machten Bücklinge und Kratzfüße, und mancher zünftige Spießbürger rechnete es sich zur hohen Ehre an, wenn er das Glück hatte, derartig vornehme Herrschaften grüßen zu dürfen und gar ? wieder gegrüßt zu werden. Die Herrschaften schienen diese ehrerbietigen Grüße der Einwohner als etwas ganz Selbstverständliches zu betrachten, denn meistens erwiderten sie jene Devotionen nur mit einem leichten, flüchtigen Kopfnicken; selten lüfteten sie die eigene herrschaftliche Kopfbedeckung. Wir Kinder aber freuten uns über die feurigen, schnaubenden Pferde, die dampfend und schäumend vor dem adeligen Gefährt prunkten. Ich versäumte zudem nicht, noch regelmäßig nach der Brust der Herren zu spähen, ob dort auch ein farbiges Ordensband im Knopfloch prangte. Erblickte ich es, so rangierte dessen Besitzer für mich ohne weiteres in der Reihe der tapfersten aller tapferen pommerschen Krieger. Er galt mir als eine Art höheres Wesen. In meinen Augen war er dann nicht nur ein geborener Führer und Offizier der gewöhnlichen Soldaten, sondern auch rechtmäßiger Herr und Gebieter in anderen Dingen, der ein natürliches Anrecht darauf hatte, daß ihm jedermann[14] mit Achtung und Zuvorkommenheit begegnete. So erzählten es uns auch die Lehrer in der Schule, und sie ermahnten uns oft, nur immer recht höflich und ehrerbietig gegen jene Herren zu sein, denn diese seien nach Gottes Willen die Obersten des Volkes. Und da mußte es doch stimmen. Zu Hause wurden die patriotischen Empfindungen meiner regsamen Kindesseele jedoch zuweilen recht beträchtlich abgedämpft. Es war kein Zweifel mehr: Unser Vater war krank, schwer krank. Wie er dahinwelkte! Ein Schatten nur noch gegen früher. Rund anderthalb Jahre war er dann bettlägerig, nur hin und wieder verließ er noch auf kurze Stunden das Lager, um sich am Fenster ein wenig zu sonnen. Anderthalb Jahre ein schwerkranker Mann in der Familie! Sechs Personen in ein und demselben Zimmer, das für zweie eigentlich zu klein gewesen wäre, und dort wurde gewohnt, geschlafen, gekocht und gewaschen ? und jetzt diente es auch noch als Krankenstube! »Kinder geht schnell zur Schule«, sagte Mutter des Morgens zu uns, »die Luft ist hier so dick, und Vater friert im Bett, wenn ich's Fenster aufmache.« In diesen anderthalb Jahren kam kein Arzt über unsere Schwelle. Er war ja zu teuer. Mutter und die Nachbarn kurierten mit »Hausmitteln«; die sollten ja schon manchem geholfen haben. Um den Armenarzt zu bitten, das brachte mein Vater nicht übers Herz. Als meine Mutter gelegentlich eine diesbezügliche Andeutung machte, rief der Kranke erregt: »Was sollten wohl die Leute davon sagen, wenn ich als Schneidermeister ? ? nein, lieber will ich wie ein Hund krepieren, ehe mich der Armenschinder in die Finger kriegt.« So also bewertete mein Vater die Tätigkeit des freilich überall verrufenen Armenarztes, und so äußerte sich noch auf dem Sterbebett sein charakteristischer Handwerkerstolz. Der Zustand des Kranken verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Sein Auswurf wurde stärker, und die Ausdünstungen benahmen uns zeitweilig fast den Atem. Eines Tages erschien dann in unserer Wohnung eine »barmherzige Schwester«, die kurz zuvor[15] nach dem Orte gekommen war. Sie unterzog den Leidenden einer teilnahmsvollen Besichtigung und reichte ihm zur Erfrischung eine Apfelsine. Draußen auf dem Flur sagte sie auf eine Frage meiner Mutter: »Machen Sie sich immerhin auf das Schlimmste gefaßt; soweit ich es zu beurteilen vermag, befindet sich Ihr Mann im letzten Stadium der Schwindsucht.« Tief erschüttert und mit schwerem Seufzer nahm meine Mutter diesen hoffnungslosen Ausspruch hin. Weinen konnte sie kaum noch, der Tränenstrom war während der letzten Monate schon zu reichlich geflossen. Die »Schwester« sprach ihr einige Trostworte zu und lobte es, daß die Stube »trotzdem« so reinlich aussehe. Im Fortgehen klopfte sie meiner Mutter aber bedeutsam auf die Schulter und meinte zu ihr: »Ich wundere mich nur darüber, liebe Frau, daß Sie und die Kinder unter diesen Umständen noch so gesund aussehen.« Jawohl, darüber habe ich mich später ebenfalls oft genug gewundert und ebenso darüber, daß meine Mutter unter der seelischen und physischen Last, die während der langen Krankheitsdauer meines Vaters auf ihr ruhte, trotz ihrer kräftigen Körperkonstitution nicht zusammenbrach. Was hat diese brave starke Frau in jener Zeit alles geleistet! Bereits bevor mein Vater vollends bettlägerig wurde, verrichtete sie die Hauptarbeit in der Schneiderei. Der kränkelnde Vater konnte nur noch das Maßnehmen und Zuschneiden besorgen, die übrige Näharbeit sowie das Bügeln blieb zum größten Teil meiner Mutter überlassen. Unverdrossen, schier unermüdlich »pickte und stachelte« sie drauf los. Vielfach, besonders in den Wochen vor den großen Festen, war sie des Morgens schon lange an der Arbeit, ehe wir Kinder das Bett verließen, und des Abends nähte sie noch ebenso emsig Stich auf Stich, wenn wir schon längst wieder unser, ach so dünnes Bettchen aufgesucht hatten. Als dann der Vater ans Krankenlager gefesselt war, lastete doppelte und dreifache Sorge auf ihren Schultern. Sie hatte nicht nur die Familie zu ernähren, sondern auch den kranken Vater zu pflegen. Mit der Schneiderei war es natürlich aus. Die Kunden ? wer konnte es ihnen verargen ? wünschten »gute Besserung« und blieben fort. Kurz entschlossen ging Mutter da als Arbeitsfrau[16] auf Tagelohn. Wegen ihrer für Frauen ungewöhnlichen Körperkraft fand sie auch glücklicherweise hinreichend Beschäftigung, als Waschfrau bei den Honoratioren, als Küchenarbeiterin in dem »ersten Hotel« des Orts und nicht zuletzt als Feldarbeiterin bei Ackerbürgern oder auf benachbarten Gutshöfen zurzeit der Korn- und Kartoffelernte. Soweit es angängig war, kam sie im Laufe des Tages schnell einmal nach Hause und sah nach ihrem teuren Kranken. Wie ein Kind nahm sie ihn dann auf ihre starken Arme, bettete ihn um, ordnete und ? reinigte sein Bett und legte ihn wieder zurecht. Dabei hatte sie, obwohl der Druck des Elends eine unverkennbare Gemütsverhärtung bei ihr hervorrief, immer noch ein paar freundliche Worte für ihn und uns, und dann ging sie ebenso schnell, wie sie gekommen war, wieder nach ihrer Arbeitsstelle. »Sie holt das Versäumte ja leicht wieder ein«, hörte ich die Nachbarn häufig sagen. Das wird wohl richtig gewesen sein. Wie sie es aber einholte, davon legten ihre rissigen, geborstenen Hände ein nur zu beredtes Zeugnis ab. Schon damals waren die »Herrschaften« in Hinterpommern ausgesprochene Freunde einer möglichst langen Arbeitszeit, und es war durchaus nichts Seltenes, daß unsere Mutter des Morgens um 4 Uhr mit ihrer Waschbütte unter dem Arm fortging und erst abends um 10 oder gar 11 Uhr Feierabend machen durfte. Und für solch einen »Tag« verdiente sie dann 60 bis 75 Pfennige. Leider hatten wir Kinder damals noch zu wenig Verständnis für die Wertschätzung der aufopfernden Gatten- und Kindesliebe und der fast übermenschlichen Anstrengung unserer guten Mutter. Soweit wir überhaupt darüber nachdachten ? sei es weil die Nachbarn davon sprachen, oder unsere Mutter selbst einige Andeutungen hierüber fallen ließ ? hielten wir es für ganz selbstverständlich, daß sie jetzt Sorge trug, unsere hungrigen Mäuler jeden Tag zu stopfen. Später aber gewann das Wort »Mutter« eine ganz andere Bedeutung für uns Geschwister. Nicht nur in natürlicher kindlicher Liebe, sondern in vollendeter Ehrfurcht und unbegrenzter Hochachtung gedachten wir der einfachen und[17] doch so hochherzigen Frau, die wir unsere Mutter nennen durften. An den Zustand unseres kranken Vaters, an sein Husten, sein Seufzen und Stöhnen hatten wir uns in kindlicher Anpassungsfähigkeit nach und nach bereits gewöhnt. Nur wenn er nach einem besonders heftigen Hustenanfall völlig ermattet in die Kissen sank und uns so unvergeßlich traurig anblickte, oder wenn er aufstehen mußte und ihm die abgemagerten Beine den Dienst versagten, dann fingen wir Kinder wohl an zu schluchzen und sagten: »Vater stirb uns doch nicht.« Beängstigend leise und schwach klang es dann mehrfach von seinen trockenen Lippen zurück: »Ach wär's man erst zu Ende.« Und das Ende nahte. Es war Nacht. Weinend weckte uns unsere Mutter. Schluchzend traten wir an das Bett des Sterbenden, um ihm noch einmal unsere Kinderhände zu reichen ? zum Abschied für immer. Sprechen konnte er schon nicht mehr. Nur noch ein matter irrender Blick aus den glanzlosen Augen traf uns, während die Lippen sich wortlos bewegten. Dann wurde es stille. Der Tod hatte ihn von seinen Qualen erlöst. Als wir dann von der Beerdigung nach Hause kamen, sagte unsere Mutter schluchzend: »Ach Kinder, nun liegt unser Vater in der Erde; was soll noch aus uns werden ? auch ich fühle mich krank!« Die übermäßigen Anstrengungen der letzten anderthalb Jahre, die steten Sorgen, die vielen schlaflosen Nächte hatten auch ihre Gesundheit erschüttert. Amazon.de Widgets O hätte ich doch helfen können! Wäre ich wenigstens schon ein Jüngling gewesen, wie hätte ich arbeiten wollen, damit wir nicht Not zu leiden brauchten. Doch ich war ja erst zwölf Jahre alt. Was konnte ich da ausrichten! Wunder aber geschahen nicht mehr, das hatte ich ja bei der Krankheit meines Vaters gesehen ? trotz Singen und trotz Beten. Glücklicherweise war die Krankheit meiner Mutter nur von kurzer Dauer. Ihre kräftige Natur überstand die heimtückischen Angriffe des Krankheitsdämons. Damit erwachte auch wieder ihre natürliche Energie und Tatkraft. »Es gibt ja viele Witwen, die alle sehen müssen, wie sie mit ihren Kindern durch die Welt[18] kommen«, pflegte sie jetzt zu sagen. Und sie ging rüstig ans Werk als Waschfrau und Tagelöhnerin. Mein älterer Bruder war bereits zu einem befreundeten Schneidermeister in die Freilehre gebracht worden, d.h. er mußte 4 Jahre lernen, wofür er von dem Meister beköstigt und gekleidet wurde. Bald fand auch ich Gelegenheit, mich etwas mehr nützlich zu machen und einige bare Groschen mitzuverdienen. In unserem Städtchen war ein Gymnasium, das unter andern auch von einer ganzen Anzahl Gutsbesitzersöhnen aus der Umgegend besucht wurde. Diese jungen Herren lebten größtenteils bei den sogenannten besseren Beamten, Lehrern, oder den kleinen Sechsdreier-Rentiers in Pension. Auch einer unserer Herren Pastoren, der Superintendent, hatte trotz seiner eigenen zahlreichen Familie noch ein halbes Dutzend solcher Gymnasiasten in Kost und Logis. Hier bei Pastors fand ich jetzt Stellung als wohlbestallter Stiefelputzer gegen eine klingende Bezahlung von monatlich 2 Mark nebst täglichem Frühstückskaffee. Dafür hatte ich jeden Morgen vor der Schulzeit ein gutes Dutzend Stiefel und Schuhe zu putzen und die Kleider der ganzen Pastorfamilie sowie der Pensionäre zu reinigen. Zudem schleppte ich Holz und Torf aus dem Stall nach der Küche und besorgte des Nachmittags kleine Gänge, wofür ich dann mit einem Extrabutterbrot entschädigt wurde; auch fiel hin und wieder ein abgetragenes Kleidungsstück für mich ab. Natürlich durfte ich nun des Morgens beileibe nicht die Zeit verschlafen, sonst stieg mir die Frau Pastorin arg aufs Dach. Bei der gab's nämlich keine Entschuldigung, selbst nicht im kältesten Winter, obwohl das Bett dann gerade am molligsten ist, wenn man heraus soll. Ach, und ich hatte einen Heidenrespekt vor der Frau, sintemalen sie mitunter recht unchristlich schimpfen konnte, besonders wenn sie ihr »Quartimmel« hatte; so bezeichnete nämlich Jette, das Dienstmädchen, die regelmäßig ausbrechenden Zornperioden ihrer Herrin. Dennoch war meine rund zweijährige Tätigkeit als Stiefelputzer im Hause des Pastors von außerordentlichem Nutzen für mich,[19] vor allem in bezug auf meine geistige Entwicklung. Schon der allgemeine Umgangston war hier ein doch ganz anderer als zu Hause, wenigstens abgesehen von dem »Quartim mel«. Es wurde stets ein reines gutes Deutsch gesprochen. Ich hörte hier nicht die ständige Verwechslung von »mir« und »mich«, wie sie bei uns Volksschülern sonst durchweg üblich war. Die Kinder und Pensionäre des Pastors befleißigten sich stets einer korrekten, und in den Ausdrücken meistens sogar sorgfältig gewählten Aussprache. Und das färbte bis zum gewissen Grade auch bald auf mich ab. Von den jüngeren »meiner« Gymnasiasten wurde ich nämlich nach der Schulzeit des Nachmittags häufig zum Spielen eingeladen, was mir bei meinen nachbarlichen Spielgenossen aus der Volksschule freilich manch hämisches Wort der Mißbilligung eintrug. Denn seit jeher bestand nämlich zwischen Volksschülern und Gymnasiasten eine arge Schülerfehde, die nicht selten zu offenem Krieg ausartete. Auf der Straße kam es sogar zu regelrechten Schlachten zwischen beiden, wobei dann Lineale oder Schneebälle, mitunter aber auch gefährlichere Gegenstände als Kampfwaffen benutzt wurden. Selbst das Einschreiten der Polizisten und nachdrückliche Lektionen seitens der Lehrer vermochten dem Unfug nur zeitweise zu steuern. Jede Gruppe hatte natürlich ihren Spitznamen. Die Gymnasiasten hießen bei uns Schlemmer oder »Schlemmnasiasten«, während wir Volksschüler von jenen als Knoten bezeichnet wurden. Diese Gegensätze waren zwischen mir und den Gymnasiasten der Pastorfamilie in kurzer Zeit so gut wie ausgeglichen. Sie hatten mich gerne beim Spiel, und ich rang und balgte mit den jüngeren nach Herzenslust. Durch diesen Umgang eignete ich mir ebenfalls eine gewisse Gewandtheit in der Ausdrucksweise an, meine Manieren wurden etwas geschliffener. Auch auf meine Schularbeiten war dieser Umgang von nicht zu verkennendem Einfluß. Einem jungen Tertianer machte es geradezu Vergnügen, mir Schulhilfe zu leisten und sich hierdurch gewissermaßen als meinen Privatlehrer zu betätigen. Auch ein 17jähriger Sekundaner korrigierte gerne in meinem deutschen Aufsatz herum und stellte mir die verschiedenartigsten Aufgaben.[20] Selbst der Herr Pastor erkundigte sich zuweilen wohlwollend nach meinen Schulaufgaben; lobte, wenn sie richtig waren, und tadelte leise, wenn er Holprigkeiten und Fehler entdeckte. Regelmäßig bekam ich hier lehrreiche Bücher zum Lesen, und ebenso regelmäßig wurde ich abgefragt, was ich mir aus dem Inhalt derselben eingeprägt hatte. So las ich Reisebeschreibungen von Forschern über fremde Länder und Erdteile, Biographien und Werke unserer Dichter. Ebenfalls wurde ich hier erst mit der alten Geschichte bekannt, aus der wir in der Schule ja so gut wie gar nichts zu hören bekamen. Auffallenderweise examinierte mich der Herr Pastor über religiöse Dinge nur äußerst selten, obwohl ich ihm gerne öfter einige Dutzend Bibelsprüche oder Gesangbuchverse aufgesagt hätte, denn hierin hatte ich in der Schule fast immer Nummer 1. Mehrmals äußerte sich der alte Herr mir gegenüber, daß ich vielleicht einmal Lehrer werden könne, wenn mein Lerneifer anhielte und ich auch fernerhin gute Fortschritte in der Schule machen würde. Als ich diese Andeutungen meiner Mutter mitteilte, war sie anfangs ganz glücklich. Ihr Sohn ein Lehrer?! Ach ja, schön wäre es; in der Schule wurde ich doch ebenfalls als guter Schüler gelobt. Der Herr Rektor hatte es ihr selbst gesagt, als sie dort die Wäsche besorgte. Doch wo sollte sie als Waschfrau die Mittel dazu hernehmen? Je länger sie hierüber nachdachte, desto aussichtsloser erschien ihr die Verwirklichung jenes Gedankens, bis sie ihn schließlich vollends aufgab. Unterdessen tat ich meine Arbeit als Stiefelputzer unverdrossen weiter. An jedem Monatsersten freute sich meine Mutter, wenn ich ihr stolz die verdienten 2 Mark in die Hand legte. »Es ist doch immerhin eine kleine Hilfe«, sagte sie dann. Mittlerweile bekam sie auf ihren Antrag auch von der Stadt eine Armenunterstützung von monatlich 3 Mark! Somit hatte sie also schon ganze 5 Mark pro Monat, die sie nicht erst selber zu erarbeiten brauchte. Ich erhielt aber noch bald einen weiteren Nebenverdienst. Eines Morgens, als ich die gereinigten Stiefel und Kleider in die Zimmer der Pensionäre trug, nahm mich der Obersekundaner Manchow mit halb wichtiger, halb komischer Gebärde beim[21] Ohr, pflanzte sich in Hemd und Unterhosen vor mir auf und hielt mir in imitierter Studentenpose ungefähr folgende denkwürdige Ansprache: »Höre mal Franz, alter Kronensohn, du bist hier Stiefelputzer, nicht wahr? Das ist ein unästhetischer Titel; akademisch nennt man das ?Wichsier?, verstanden? (Ich nickte.) Du bist jetzt aber zu Höherem ausersehen, als nur zum Wichsier. (Ich horchte.) Ich habe dich nämlich bei unserem Präses, dem Primaner Kettner empfohlen ? du weißt doch, hier nebenan beim Rentier Brennicke. Dort werden häufig unsere Vereinsabende abgehalten. Wir Primaner und Sekundaner haben bekanntlich einen akademischen Verein, der heißt Sphinx. Und hier brauchen wir ein Faktotum, verstehst du, Franz, ein Faktotum. Dazu habe ich dich auserkoren. (Ich lachte.) Siehst du, aus dir wird noch mal was! Wichsier bist du, und Faktotum wirst du, Mensch, was willst du noch mehr? Aber den Mund mußt du halten können, verstehst du? (Ich nickte.) In diesem Amt hast du erstmals Journale und akademische Hefte bei den Kommilitonen ? nun, das sind die Vereinsmitglieder ? auszutragen. Dann hast du bei unseren Kommersen ? das sind die Kneipabende, du Schöps ? Pfeifen zu stopfen, Fidibusse anzuzünden, Gläser zu spülen, Heringe abzuwaschen und ? eventuell auch den Kotzeimer herauszutragen, verstanden? (Ich schüttelte mich.) Mach' nicht solch dummes Gesicht, Franz, das alles gehört mit zu deinem akademischen Dienst. Hoffentlich weißt du diese Ehre zu würdigen, mein Junge, nicht jeder ist dazu zu gebrauchen. Und nun ziehe in Frieden, heute nachmittag stellst du dich dem Präses vor!« Pünktlich war ich beim Präses. »So, also du bist der kleine Steppke, den uns Manchow empfohlen hat«, meinte er kordial und fixierte mich durch seinen Klemmer. Darauf instruierte er mich ähnlich so, wie dies der Sekundaner bereits am Morgen getan hatte ? und ich trat mein »akademisches Amt« an mit einem Monatsgehalt von 3 Mark! Nun hatte ich Gelegenheit, ein Stück sogenanntes Studentenleben kennen zu lernen. Freilich waren die Mitglieder dieses Gymnasiasten-Vereins noch keine vollwertigen Studenten, doch die[22] meisten von ihnen wurden es bald. Deshalb schwelgten sie ja bereits in den Vorfreuden der kommenden Burschenherrlichkeit, und ihr Vereinsleben war schon völlig nach studentischem Muster zugeschnitten. Amazon.de Widgets Am meisten interessierten mich anfangs die Kommersabende, die abwechselnd bei einigen »zuverlässigen« Sechsdreier-Rentiers abgehalten wurden. Es mußte bei dem »Soff« nämlich eine gewisse Vorsicht beobachtet werden, denn der Direktor des Gymnasiums hatte den Verein wohl zu gemeinsamen Studienzwecken gestattet, jedoch nicht zur Abhaltung burschikoser Kneipereien. »Saufen sollen wir nicht«, meinte der Präses zu mir, »das Vorrecht wollen die Philister alleine behalten; da kneipen wir eben ohne Genehmigung; verbotenes Bier schmeckt desto besser!« Und wirklich, diesen Leutchen schmeckte es. Ich hatte die »Achtel« zu bestellen, den nötigen »Tobak« zu holen, Gläser und Kommersbücher zu plazieren; Heringe, Rollmöpse und Gurken zu beschaffen, sowie die erforderliche Anzahl Fidibusse bereit zu halten. Als Zeichen meiner Amtswürde mußte ich eine abgelegte Vereinsmütze tragen. Sie war zwar ein bißchen groß, doch ich legte so viel Papier hinein, bis sie paßte. Im übrigen ging alles ganz kommentmäßig zu. Jeder qualmte aus seiner langen Pfeife, als wenn ein kleiner Bauer backt. Die »Füchse« holten »Stoff«. Der Präses klatschte alle Augenblicke mit dem Schläger auf den Tisch und rief sein »Silentium«, und die »Kommilitonen« redeten, sangen und soffen, daß es eine Art hatte, bis ? sie alle oft besoffen waren. Auch mir blühte dies edle Los einmal gründlich. In schönster Ulkstimmung waren nämlich einige eines Nachts auf den Einfall gekommen, ich solle ebenfalls ein Lied singen, aber auf dem Tisch. Der Gedanke fand Anklang. Ein hochaufgeschossener Primaner, dem ich fast zwischen den Beinen durchlaufen konnte, zog mir einen betroddelten Schlafrock an, steckte mir eine Pfeife in den Mund, gab mir einen Schläger in die Hand und hob mich auf den Thron. Dort oben malte er mir mit Lampenruß einen kühnen Schnurrbart, und nun sollte ich singen: »Vom Himmel[23] hoch, da komm ich her.« Wieherndes Gelächter erscholl bei diesem Vorschlag. Ein undefinierbares Gefühl aber sagte mir, es sei doch wohl nicht recht, einen Choral auf diese Art ins Banale zu zerren. Deshalb erhob ich verschämten Einspruch. Der Primaner meinte zwar, ich sollte nur getrost drauf los gröhlen, das schade heute nichts, in der Kirche könne ich das Lied ja ohne Schnurrbart und Schlafrock singen ? doch schließlich waren alle damit einverstanden, daß etwas anderes gesungen werde. Da mir nichts Gescheiteres einfiel, sang ich einen Gassenhauer, der damals auf allen Leierkästen gespielt wurde. Gleich sang alles mit, und zum Schlusse wurde mir allseitig zugeprostet. Bei dieser Gelegenheit bekam ich nun als dreizehnjähriges Bürschchen einen wahren Kanonenrausch. Ich wußte kaum, wie ich nach Hause gekommen war. Pünktlich am anderen Morgen wurde ich wieder geweckt. Ach, war mir elend zumute! Doch Mutter verstand keinen Spaß. Ich mußte heraus, ob ich nun wollte oder nicht. Auf »nüchternen Magen« gab's zunächst eine Strafpredigt, die sich gewaschen hatte, und dann: marsch, hin nach Pastors zum Stiefelputzen. Die frische Morgenkühle tat mir zwar gut; doch als ich bei Pastors in der warmen Küche war, da gab's kein Halten mehr. Mein armer Magen drehte sich mir förmlich um. Da kam auch schon die gefürchtete Pastorin. Mein schuldbeladenes Gewissen sagte mir, daß jetzt wohl ein gelindes Donnerwetter auf mich zerknirschten Sünder herniederprasseln würde. Jedoch höchst angenehm wurde ich enttäuscht! Nichts als aufrichtige Teilnahme sprach aus den Zügen der sonst so strengen Frau, als sie mich in meinem »leidenden« Zustande erblickte. Wie eine Samariterin band sie mir ein nasses Tuch um den kranken Kopf, und ihre Hand fuhr mitleidig über meine blassen Wangen. Na, sie hätte nur wissen sollen! Des Mittags, als ich mit hohlem Darm aus der Schule kam, empfing mich meine Mutter mit den Worten: »So Bürschchen, jetzt werde ich mal hingehen und mir deinen sauberen Herrn Präses ins Gebet nehmen; der mit samt seinen anderen Schlemmnasiasten sind selbst noch nicht einmal trocken hinter den[24] Ohren, und da wollen sie auch dir schon das Saufen beibringen! Na warte.« Sie kam aber doch besänftigt wieder heim. Der Präses hatte einige Entschuldigungen geknurrt und ihr als Sühnegeld einen blanken Taler in die Hand gedrückt. Das linderte ihren Zorn. Natürlich hielten die Mitglieder der Sphinx ihre ordentlichen und außerordentlichen Kommersabende auch weiterhin ab. Ich aber sah mich vor. Der Kater hatte gewirkt, und die Ermahnungen meiner Mutter taten das übrige. Auf diesen Kneipabenden bekam ich zum ersten Male auch obszöne Bilder zu sehen. Was der Anblick dieser Photographien damals für Empfindungen in mir auslöste, läßt sich nur schwer beschreiben. Er brachte mich lange Zeit völlig aus dem seelischen Gleichgewicht. Meine kindliche Naivität war dahin. Hier sah ich also in naturgetreuester Darstellung Mann und Weib im intimsten Beieinander, jeden Zug, jeden Körperteil klar, verblüffend deutlich aufs Papier geworfen! Und richtige Photographien waren es. Das machte die Bilder erst recht interessant. Wären es nur Zeichnungen gewesen, so hätten sie vielleicht nicht eine so aufregende Wirkung bei mir hervorgerufen. Aber photographiert! Da mußten die Leute ja wirklich so ausgesehen haben, wie ich sie vor mir sah, und auch in Wirklichkeit das getan haben, was die Bilder darstellten. Ja es mußte sogar eine dritte Person dabei gewesen sein, um die Bilder aufzunehmen! Doch das waren bald nur nebensächliche Erwägungen. Die Hauptsache blieb mir, daß ich jetzt in naturgetreuer Darstellung sah, was ich bisher nur unklar geahnt hatte. Auf Schritt und Tritt sah ich schließlich die Bilder vor mir. Zu Hause, in der Schule, im Bett schwebten sie mir vor. Ich träumte davon. Von da ab betrachtete ich die erwachsenen Frauen und Mädchen mit ganz anderen Augen. Es war mir, als müßte ich immer quer durch ihre Kleider hindurchsehen. Was Wunder, daß ich schließlich nur noch einen Wunsch hatte: nämlich solche Bilder selbst zu besitzen! Bald war's gemacht. Bei dem nächsten Kommers meiner »Sphingiten« stibitzte ich einfach einige der saftigsten von der »Serie«. Ohne Gewissensskrupel[25] wußte ich sie aus dem Überzieher ihres glücklichen Besitzers hervorzuholen und in meiner Tasche verschwinden zu lassen. Wer war froher wie ich! Gleich nachdem mein kühner Griff gelungen war, hatte ich mich, Kopfschmerz vorschützend, aus der fidelen Gesellschaft entfernt, und betrachtete nun mit innigstem Behagen mein gemaustes Gut beim trüben Schein einer einsamen Straßenlaterne. Von nun an trug ich die Bilder sorgfältig eingewickelt bei mir. Wo ich mich unbeachtet glaubte, holte ich sie hervor. Ich konnte mich gar nicht satt dran sehen. Nach einiger Zeit aber empfand ich das Bedürfnis, auch anderen Knaben Mitteilung von meinem Schatz zu machen, denn: »geteilte Freude ist doppelte Freude«, sagte unser Rektor. Die gleiche Wirkung wie bei mir! Immer wieder wollten sie die Dinger sehen. Was wohl die Mädchen zu den Bildern sagen würden? Ich mußte es doch mal probieren. Ganz heimlich zeigte ich eins davon Nachbars Berta, die so ungefähr in meinem Alter stand. O die kleine Berta! Rot wurde sie bis hinter die Ohren. Im ersten Augenblick maßloses Erstaunen; dann ein Pfui über das andere; zwischendurch verschämtes Kichern; Ausspucken; »na so was, nee!« Erneutes Kichern; ein Klaps auf meine Schulter; schließlich: »Ach zeig' doch noch mal!« Am andern Tage erzählte es die Berta ganz heimlich der Anna, die Anna der Ida, die Ida der Auguste. Nur einmal wollten sie's alle sehen; sie würden auch nichts nachsagen. Über die komisch-ernste Entrüstung, das drollige Kichern und die eigenartig empfindungsvolle Röte auf den Wangen meiner Gespielinnen konnte ich mich damals gar nicht genug freuen. Unbewußt kam ich mir vor, wie ein Stück Schürzenheld im Kleinen. Meine Gymnasiasten würden auf ihre Art gesagt haben: Salonlöwe. Mein Hochgefühl der Freude bekam aber doch schließlich einen argen Stoß. Versetzt wurde er mir von der kleinen Anna, und zwar in einer Weise, die mir unvergeßlich sein wird. Wir spielten im Rudel »Greif« auf dem Scheunenberg. Anna stand abseits. Keck forderte ich sie auf, mit am Spiele teilzunehmen. Doch abwehrend, halb von der Seite traf mich ein Blick aus ihren großen[26] klugen Augen. Dann wandte sie sich ab und rief mir mit unverkennbarer Gebärde des Abscheus zu: »Geh, du bist 'n Ferkel! Mit dir spiel ich nicht mehr.« Das traf mich! Ich wußte, wo das hinzielte, und schob ab wie ein begossener Pudel. Ein Endchen weiter aber griff ich nach der Tasche mit den Bildern und murrte für mich: »Wenn ich ein Ferkel bin, dann sind meine Gymnasiasten Schweine!« 
