
                              Rilke, Rainer Maria

                  Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

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                               Rainer Maria Rilke

                  Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

                                                    11. September, rue Toullier.

So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich wrde eher meinen, es strbe
sich hier. Ich bin ausgewesen. Ich habe gesehen: Hospitler. Ich habe einen
Menschen gesehen, welcher schwankte und umsank. Die Leute versammelten sich um
ihn, das ersparte mir den Rest. Ich habe eine schwangere Frau gesehen. Sie schob
sich schwer an einer hohen, warmen Mauer entlang, nach der sie manchmal tastete,
wie um sich zu berzeugen, ob sie noch da sei. Ja, sie war noch da. Dahinter?
Ich suchte auf meinem Plan: Maison d'Accouchement. Gut. Man wird sie entbinden -
man kann das. Weiter, rue Saint-Jacques, ein groes Gebude mit einer Kuppel.
Der Plan gab an Val-de-grce, Hpital militaire. Das brauchte ich eigentlich
nicht zu wissen, aber es schadet nicht. Die Gasse begann von allen Seiten zu
riechen. Es roch, soviel sich unterscheiden lie, nach Jodoform, nach dem Fett
von pommes frites, nach Angst. Alle Stdte riechen im Sommer. Dann habe ich ein
eigentmlich starblindes Haus gesehen, es war im Plan nicht zu finden, aber ber
der Tr stand noch ziemlich leserlich: Asyle de nuit. Neben dem Eingang waren
die Preise. Ich habe sie gelesen. Es war nicht teuer.
    Und sonst? ein Kind in einem stehenden Kinderwagen: es war dick, grnlich
und hatte einen deutlichen Ausschlag auf der Stirn. Er heilte offenbar ab und
tat nicht weh. Das Kind schlief, der Mund war offen, atmete Jodoform, pommes
frites, Angst. Das war nun mal so. Die Hauptsache war, da man lebte. Das war
die Hauptsache.
    Da ich es nicht lassen kann, bei offenem Fenster zu schlafen. Elektrische
Bahnen rasen lutend durch meine Stube. Automobile gehen ber mich hin. Eine Tr
fllt zu. Irgendwo klirrt eine Scheibe herunter, ich hre ihre groen Scherben
lachen, die kleinen Splitter kichern. Dann pltzlich dumpfer, eingeschlossener
Lrm von der anderen Seite, innen im Hause. Jemand steigt die Treppe. Kommt,
kommt unaufhrlich. Ist da, ist lange da, geht vorbei. Und wieder die Strae.
Ein Mdchen kreischt: Ah tais-toi, je ne veux plus. Die Elektrische rennt ganz
erregt heran, darber fort, fort ber alles. Jemand ruft. Leute laufen,
berholen sich. Ein Hund bellt. Was fr eine Erleichterung: ein Hund. Gegen
Morgen krht sogar ein Hahn, und das ist Wohltun ohne Grenzen. Dann schlafe ich
pltzlich ein.

Das sind die Gerusche. Aber es giebt hier etwas, was furchtbarer ist: die
Stille. Ich glaube, bei groen Brnden tritt manchmal so ein Augenblick
uerster Spannung ein, die Wasserstrahlen fallen ab, die Feuerwehrleute
klettern nicht mehr, niemand rhrt sich. Lautlos schiebt sich ein schwarzes
Gesimse vor oben, und eine hohe Mauer, hinter welcher das Feuer auffhrt, neigt
sich, lautlos. Alles steht und wartet mit hochgeschobenen Schultern, die
Gesichter ber die Augen zusammengezogen, auf den schrecklichen Schlag. So ist
hier die Stille.

Ich lerne sehen. Ich wei nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich
ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war. Ich
habe ein Inneres, von dem ich nicht wute. Alles geht jetzt dorthin. Ich wei
nicht, was dort geschieht.
    Ich habe heute einen Brief geschrieben, dabei ist es mir aufgefallen, da
ich erst drei Wochen hier bin. Drei Wochen anderswo, auf dem Lande zum Beispiel,
das konnte sein wie ein Tag, hier sind es Jahre. Ich will auch keinen Brief mehr
schreiben. Wozu soll ich jemandem sagen, da ich mich verndere? Wenn ich mich
verndere, bleibe ich ja doch nicht der, der ich war, und bin ich etwas anderes
als bisher, so ist klar, da ich keine Bekannten habe. Und an fremde Leute, an
Leute, die mich nicht kennen, kann ich unmglich schreiben.

Habe ich es schon gesagt? Ich lerne sehen. Ja, ich fange an. Es geht noch
schlecht. Aber ich will meine Zeit ausnutzen.
    Da es mir zum Beispiel niemals zum Bewutsein gekommen ist, wieviel
Gesichter es giebt. Es giebt eine Menge Menschen, aber noch viel mehr Gesichter,
denn jeder hat mehrere. Da sind Leute, die tragen ein Gesicht jahrelang,
natrlich nutzt es sich ab, es wird schmutzig, es bricht in den Falten, es
weitet sich aus wie Handschuhe, die man auf der Reise getragen hat. Das sind
sparsame, einfache Leute; sie wechseln es nicht, sie lassen es nicht einmal
reinigen. Es sei gut genug, behaupten sie, und wer kann ihnen das Gegenteil
nachweisen? Nun fragt es sich freilich, da sie mehrere Gesichter haben, was tun
sie mit den andern? Sie heben sie auf. Ihre Kinder sollen sie tragen. Aber es
kommt auch vor, da ihre Hunde damit ausgehen. Weshalb auch nicht? Gesicht ist
Gesicht.
    Andere Leute setzen unheimlich schnell ihre Gesichter auf, eins nach dem
andern, und tragen sie ab. Es scheint ihnen zuerst, sie htten fr immer, aber
sie sind kaum vierzig; da ist schon das letzte. Das hat natrlich seine Tragik.
Sie sind nicht gewohnt, Gesichter zu schonen, ihr letztes ist in acht Tagen
durch, hat Lcher, ist an vielen Stellen dnn wie Papier, und da kommt dann nach
und nach die Unterlage heraus, das Nichtgesicht, und sie gehen damit herum.
    Aber die Frau, die Frau: sie war ganz in sich hineingefallen, vornber in
ihre Hnde. Es war an der Ecke rue Notre-Dame-des-Champs. Ich fing an, leise zu
gehen, sowie ich sie gesehen hatte. Wenn arme Leute nachdenken, soll man sie
nicht stren. Vielleicht fllt es ihnen doch ein.
    Die Strae war zu leer, ihre Leere langweilte sich und zog mir den Schritt
unter den Fen weg und klappte mit ihm herum, drben und da, wie mit einem
Holzschuh. Die Frau erschrak und hob sich aus sich ab, zu schnell, zu heftig, so
da das Gesicht in den zwei Hnden blieb. Ich konnte es darin liegen sehen,
seine hohle Form. Es kostete mich unbeschreibliche Anstrengung, bei diesen
Hnden zu bleiben und nicht zu schauen, was sich aus ihnen abgerissen hatte. Mir
graute, ein Gesicht von innen zu sehen, aber ich frchtete mich doch noch viel
mehr vor dem bloen wunden Kopf ohne Gesicht.

Ich frchte mich. Gegen die Furcht mu man etwas tun, wenn man sie einmal hat.
Es wre sehr hlich, hier krank zu werden, und fiele es jemandem ein, mich ins
Htel-Dieu zu schaffen, so wrde ich dort gewi sterben. Dieses Htel ist ein
angenehmes Htel, ungeheuer besucht. Man kann kaum die Fassade der Kathedrale
von Paris betrachten ohne Gefahr, von einem der vielen Wagen, die so schnell wie
mglich ber den freien Plan dort hinein mssen, berfahren zu werden. Das sind
kleine Omnibusse, die fortwhrend luten, und selbst der Herzog von Sagan mte
sein Gespann halten lassen, wenn so ein kleiner Sterbender es sich in den Kopf
gesetzt hat, geradenwegs in Gottes Htel zu wollen. Sterbende sind starrkpfig,
und ganz Paris stockt, wenn Madame Legrand, brocanteuse aus der rue des Martyrs,
nach einem gewissen Platz der Cit gefahren kommt. Es ist zu bemerken, da diese
verteufelten kleinen Wagen ungemein anregende Milchglasfenster haben, hinter
denen man sich die herrlichsten Agonien vorstellen kann; dafr gengt die
Phantasie einer Concierge. Hat man noch mehr Einbildungskraft und schlgt sie
nach anderen Richtungen hin, so sind die Vermutungen geradezu unbegrenzt. Aber
ich habe auch offene Droschken ankommen sehen, Zeitdroschken mit aufgeklapptem
Verdeck, die nach der blichen Taxe fuhren: Zwei Francs fr die Sterbestunde.

Dieses ausgezeichnete Htel ist sehr alt, schon zu Knig Chlodwigs Zeiten starb
man darin in einigen Betten. Jetzt wird in 559 Betten gestorben. Natrlich
fabrikmig. Bei so enormer Produktion ist der einzelne Tod nicht so gut
ausgefhrt, aber darauf kommt es auch nicht an. Die Masse macht es. Wer giebt
heute noch etwas fr einen gut ausgearbeiteten Tod? Niemand. Sogar die Reichen,
die es sich doch leisten knnten, ausfhrlich zu sterben, fangen an, nachlssig
und gleichgltig zu werden; der Wunsch, einen eigenen Tod zu haben, wird immer
seltener. Eine Weile noch, und er wird ebenso selten sein wie ein eigenes Leben.
Gott, das ist alles da. Man kommt, man findet ein Leben, fertig, man hat es nur
anzuziehen. Man will gehen oder man ist dazu gezwungen: nun, keine Anstrengung:
Voil votre mort, monsieur. Man stirbt, wie es gerade kommt; man stirbt den Tod,
der zu der Krankheit gehrt, die man hat (denn seit man alle Krankheiten kennt,
wei man auch, da die verschiedenen letalen Abschlsse zu den Krankheiten
gehren und nicht zu den Menschen; und der Kranke hat sozusagen nichts zu tun).
    In den Sanatorien, wo ja so gern und mit so viel Dankbarkeit gegen rzte und
Schwestern gestorben wird, stirbt man einen von den an der Anstalt angestellten
Toden; das wird gerne gesehen. Wenn man aber zu Hause stirbt, ist es natrlich,
jenen hflichen Tod der guten Kreise zu whlen, mit dem gleichsam das Begrbnis
erster Klasse schon anfngt und die ganze Folge seiner wunderschnen Gebruche.
Da stehen dann die Armen vor so einem Haus und sehen sich satt. Ihr Tod ist
natrlich banal, ohne alle Umstnde. Sie sind froh, wenn sie einen finden, der
ungefhr pat. Zu weit darf er sein: man wchst immer noch ein bichen. Nur wenn
er nicht zugeht ber der Brust oder wrgt, dann hat es seine Not.
    Wenn ich nach Hause denke, wo nun niemand mehr ist, dann glaube ich, das mu
frher anders gewesen sein. Frher wute man (oder vielleicht man ahnte es), da
man den Tod in sich hatte wie die Frucht den Kern. Die Kinder hatten einen
kleinen in sich und die Erwachsenen einen groen. Die Frauen hatten ihn im
Schoo und die Mnner in der Brust. Den hatte man, und das gab einem eine
eigentmliche Wrde und einen stillen Stolz.
    Meinem Grovater noch, dem alten Kammerherrn Brigge, sah man es an, da er
einen Tod in sich trug. Und was war das fr einer: zwei Monate lang und so laut,
da man ihn hrte bis aufs Vorwerk hinaus.
    Das lange, alte Herrenhaus war zu klein fr diesen Tod, es schien, als mte
man Flgel anbauen, denn der Krper des Kammerherrn wurde immer grer, und er
wollte fortwhrend aus einem Raum in den anderen getragen sein und geriet in
frchterlichen Zorn, wenn der Tag noch nicht zu Ende war und es gab kein Zimmer
mehr, in dem er nicht schon gelegen hatte. Dann ging es mit dem ganzen Zuge von
Dienern, Jungfern und Hunden, die er immer um sich hatte, die Treppe hinauf und,
unter Vorantritt des Haushofmeisters, in seiner hochseligen Mutter Sterbezimmer,
das ganz in dem Zustande, in dem sie es vor dreiundzwanzig Jahren verlassen
hatte, erhalten worden war und das sonst nie jemand betreten durfte. Jetzt brach
die ganze Meute dort ein. Die Vorhnge wurden zurckgezogen, und das robuste
Licht eines Sommernachmittags untersuchte alle die scheuen, erschrockenen
Gegenstnde und drehte sich ungeschickt um in den aufgerissenen Spiegeln. Und
die Leute machten es ebenso. Es gab da Zofen, die vor Neugierde nicht wuten, wo
ihre Hnde sich gerade aufhielten, junge Bediente, die alles anglotzten, und
ltere Dienstleute, die herumgingen und sich zu erinnern suchten, was man ihnen
von diesem verschlossenen Zimmer, in dem sie sich nun glcklich befanden, alles
erzhlt hatte.
    Vor allem aber schien den Hunden der Aufenthalt in einem Raum, wo alle Dinge
rochen, ungemein anregend. Die groen, schmalen russischen Windhunde liefen
beschftigt hinter den Lehnsthlen hin und her, durchquerten in langem
Tanzschritt mit wiegender Bewegung das Gemach, hoben sich wie Wappenhunde auf
und schauten, die schmalen Pfoten auf das weigoldene Fensterbrett gesttzt, mit
spitzem, gespanntem Gesicht und zurckgezogener Stirn nach rechts und nach links
in den Hof. Kleine, handschuhgelbe Dachshunde saen, mit Gesichtern, als wre
alles ganz in der Ordnung, in dem breiten, seidenen Polstersessel am Fenster,
und ein stichelhaariger, mrrisch aussehender Hhnerhund rieb seinen Rcken an
der Kante eines goldbeinigen Tisches, auf dessen gemalter Platte die
Svrestassen zitterten.
    Ja, es war fr diese geistesabwesenden, verschlafenen Dinge eine
schreckliche Zeit. Es passierte, da aus Bchern, die irgend eine hastige Hand
ungeschickt geffnet hatte, Rosenbltter heraustaumelten, die zertreten wurden;
kleine, schwchliche Gegenstnde wurden ergriffen und, nachdem sie sofort
zerbrochen waren, schnell wieder hingelegt, manches Verbogene auch unter
Vorhnge gesteckt oder gar hinter das goldene Netz des Kamingitters geworfen.
Und von Zeit zu Zeit fiel etwas, fiel verhllt auf Teppich, fiel hell auf das
harte Parkett, aber es zerschlug da und dort, zersprang scharf oder brach fast
lautlos auf, denn diese Dinge, verwhnt wie sie waren, vertrugen keinerlei Fall.
    Und wre es jemandem eingefallen zu fragen, was die Ursache von alledem sei,
was ber dieses ngstlich gehtete Zimmer alles Untergangs Flle herabgerufen
habe, - so htte es nur eine Antwort gegeben: der Tod.
    Der Tod des Kammerherrn Christoph Detlev Brigge auf Ulsgaard. Denn dieser
lag, gro ber seine dunkelblaue Uniform hinausquellend, mitten auf dem Fuboden
und rhrte sich nicht. In seinem groen, fremden, niemandem mehr bekannten
Gesicht waren die Augen zugefallen: er sah nicht, was geschah. Man hatte zuerst
versucht, ihn auf das Bett zu legen, aber er hatte sich dagegen gewehrt, denn er
hate Betten seit jenen ersten Nchten, in denen seine Krankheit gewachsen war.
Auch hatte sich das Bett da oben als zu klein erwiesen, und da war nichts
anderes brig geblieben, als ihn so auf den Teppich zu legen; denn hinunter
hatte er nicht gewollt.
    Da lag er nun, und man konnte denken, da er gestorben sei. Die Hunde hatten
sich, da es langsam zu dmmern begann, einer nach dem anderen durch die
Trspalte gezogen, nur der Harthaarige mit dem mrrischen Gesicht sa bei seinem
Herrn, und eine von seinen breiten, zottigen Vorderpfoten lag auf Christoph
Detlevs groer, grauer Hand. Auch von der Dienerschaft standen jetzt die meisten
drauen in dem weien Gang, der heller war als das Zimmer; die aber, welche noch
drinnen geblieben waren, sahen manchmal heimlich nach dem groen, dunkelnden
Haufen in der Mitte, und sie wnschten, da das nichts mehr wre als ein groer
Anzug ber einem verdorbenen Ding.
    Aber es war noch etwas. Es war eine Stimme, die Stimme, die noch vor sieben
Wochen niemand gekannt hatte: denn es war nicht die Stimme des Kammerherrn.
Nicht Christoph Detlev war es, welchem diese Stimme gehrte, es war Christoph
Detlevs Tod.
    Christoph Detlevs Tod lebte nun schon seit vielen, vielen Tagen auf Ulsgaard
und redete mit allen und verlangte. Verlangte, getragen zu werden, verlangte das
blaue Zimmer, verlangte den kleinen Salon, verlangte den Saal. Verlangte die
Hunde, verlangte, da man lache, spreche, spiele und still sei und alles
zugleich. Verlangte Freunde zu sehen, Frauen und Verstorbene, und verlangte
selber zu sterben: verlangte. Verlangte und schrie.
    Denn, wenn die Nacht gekommen war und die von den bermden Dienstleuten,
welche nicht Wache hatten, einzuschlafen versuchten, dann schrie Christoph
Detlevs Tod, schrie und sthnte, brllte so lange und anhaltend, da die Hunde,
die zuerst mitheulten, verstummten und nicht wagten sich hinzulegen und, auf
ihren langen, schlanken, zitternden Beinen stehend, sich frchteten. Und wenn
sie es durch die weite, silberne, dnische Sommernacht im Dorfe hrten, da er
brllte, so standen sie auf wie beim Gewitter, kleideten sich an und blieben
ohne ein Wort um die Lampe sitzen, bis es vorber war. Und die Frauen, welche
nahe vor dem Niederkommen waren, wurden in die entlegensten Stuben gelegt und in
die dichtesten Bettverschlge; aber sie hrten es, sie hrten es, als ob es in
ihrem eigenen Leibe wre, und sie flehten, auch aufstehen zu drfen, und kamen,
wei und weit, und setzten sich zu den andern mit ihren verwischten Gesichtern.
Und die Khe, welche kalbten in dieser Zeit, waren hlflos und verschlossen, und
einer ri man die tote Frucht mit allen Eingeweiden aus dem Leibe, als sie gar
nicht kommen wollte. Und alle taten ihr Tagwerk schlecht und vergaen das Heu
hereinzubringen, weil sie sich bei Tage ngstigten vor der Nacht und weil sie
vom vielen Wachsein und vom erschreckten Aufstehen so ermattet waren, da sie
sich auf nichts besinnen konnten. Und wenn sie am Sonntag in die weie,
friedliche Kirche gingen, so beteten sie, es mge keinen Herrn mehr auf Ulsgaard
geben: denn dieser war ein schrecklicher Herr. Und was sie alle dachten und
beteten, das sagte der Pfarrer laut von der Kanzel herab, denn auch er hatte
keine Nchte mehr und konnte Gott nicht begreifen. Und die Glocke sagte es, die
einen furchtbaren Rivalen bekommen hatte, der die ganze Nacht drhnte und gegen
den sie, selbst wenn sie aus allem Metall zu luten begann, nichts vermochte.
Ja, alle sagten es, und es gab einen unter den jungen Leuten, der getrumt
hatte, er wre ins Schlo gegangen und htte den gndigen Herrn erschlagen mit
seiner Mistforke, und so aufgebracht war man, so zu Ende, so berreizt, da alle
zuhrten, als er seinen Traum erzhlte, und ihn, ganz ohne es zu wissen,
daraufhin ansahen, ob er solcher Tat wohl gewachsen sei. So fhlte und sprach
man in der ganzen Gegend, in der man den Kammerherrn noch vor einigen Wochen
geliebt und bedauert hatte. Aber obwohl man so sprach, vernderte sich nichts.
Christoph Detlevs Tod, der auf Ulsgaard wohnte, lie sich nicht drngen. Er war
fr zehn Wochen gekommen, und die blieb er. Und whrend dieser Zeit war er mehr
Herr, als Christoph Detlev Brigge es je gewesen war, er war wie ein Knig, den
man den Schrecklichen nennt, spter und immer.
    Das war nicht der Tod irgendeines Wasserschtigen, das war der bse,
frstliche Tod, den der Kammerherr sein ganzes Leben lang in sich getragen und
aus sich genhrt hatte. Alles berma an Stolz, Willen und Herrenkraft, das er
selbst in seinen ruhigen Tagen nicht hatte verbrauchen knnen, war in seinen Tod
eingegangen, in den Tod, der nun auf Ulsgaard sa und vergeudete.
    Wie htte der Kammerherr Brigge den angesehen, der von ihm verlangt htte,
er solle einen anderen Tod sterben als diesen. Er starb seinen schweren Tod.

Und wenn ich an die andern denke, die ich gesehen oder von denen ich gehrt
habe: es ist immer dasselbe. Sie alle haben einen eigenen Tod gehabt. Diese
Mnner, die ihn in der Rstung trugen, innen, wie einen Gefangenen, diese
Frauen, die sehr alt und klein wurden und dann auf einem ungeheueren Bett, wie
auf einer Schaubhne, vor der ganzen Familie, dem Gesinde und den Hunden diskret
und herrschaftlich hinbergingen. Ja die Kinder, sogar die ganz kleinen, hatten
nicht irgendeinen Kindertod, sie nahmen sich zusammen und starben das, was sie
schon waren, und das, was sie geworden wren.
    Und was gab das den Frauen fr eine wehmtige Schnheit, wenn sie schwanger
waren und standen, und in ihrem groen Leib, auf welchem die schmalen Hnde
unwillkrlich liegen blieben, waren zwei Frchte: ein Kind und ein Tod. Kam das
dichte, beinah nahrhafte Lcheln in ihrem ganz ausgerumten Gesicht nicht davon
her, da sie manchmal meinten, es wchsen beide?

Ich habe etwas getan gegen die Furcht. Ich habe die ganze Nacht gesessen und
geschrieben, und jetzt bin ich so gut mde wie nach einem weiten Weg ber die
Felder von Ulsgaard. Es ist doch schwer zu denken, da alles das nicht mehr ist,
da fremde Leute wohnen in dem alten langen Herrenhaus. Es kann sein, da in dem
weien Zimmer oben im Giebel jetzt die Mgde schlafen, ihren schweren, feuchten
Schlaf schlafen von Abend bis Morgen.
    Und man hat niemand und nichts und fhrt in der Welt herum mit einem Koffer
und mit einer Bcherkiste und eigentlich ohne Neugierde. Was fr ein Leben ist
das eigentlich: ohne Haus, ohne ererbte Dinge, ohne Hunde. Htte man doch
wenigstens seine Erinnerungen. Aber wer hat die? Wre die Kindheit da, sie ist
wie vergraben. Vielleicht mu man alt sein, um an das alles heranreichen zu
knnen. Ich denke es mir gut, alt zu sein.
    Heute war ein schner, herbstlicher Morgen. Ich ging durch die Tuilerien.
Alles, was gegen Osten lag, vor der Sonne, blendete. Das Angeschienene war vom
Nebel verhangen wie von einem lichtgrauen Vorhang. Grau im Grauen sonnten sich
die Statuen in den noch nicht enthllten Grten. Einzelne Blumen in den langen
Beeten standen auf und sagten: Rot, mit einer erschrockenen Stimme. Dann kam ein
sehr groer, schlanker Mann um die Ecke, von den Champs-Elyses her; er trug
eine Krcke, aber nicht mehr unter die Schulter geschoben, - er hielt sie vor
sich her, leicht, und von Zeit zu Zeit stellte er sie fest und laut auf wie
einen Heroldstab. Er konnte ein Lcheln der Freude nicht unterdrcken und
lchelte, an allem vorbei, der Sonne, den Bumen zu. Sein Schritt war schchtern
wie der eines Kindes, aber ungewhnlich leicht, voll von Erinnerung an frheres
Gehen.

Was so ein kleiner Mond alles vermag. Da sind Tage, wo alles um einen licht ist,
leicht, kaum angegeben in der hellen Luft und doch deutlich. Das Nchste schon
hat Tne der Ferne, ist weggenommen und nur gezeigt, nicht hergereicht; und was
Beziehung zur Weite hat: der Flu, die Brcken, die langen Straen und die
Pltze, die sich verschwenden, das hat diese Weite eingenommen hinter sich, ist
auf ihr gemalt wie auf Seide. Es ist nicht zu sagen, was dann ein lichtgrner
Wagen sein kann auf dem Pont-neuf oder irgendein Rot, das nicht zu halten ist,
oder auch nur ein Plakat an der Feuermauer einer perlgrauen Husergruppe. Alles
ist vereinfacht, auf einige richtige, helle plans gebracht wie das Gesicht in
einem Manetschen Bildnis. Und nichts ist gering und berflssig. Die
Bouquinisten am Quai tun ihre Ksten auf, und das frische oder vernutzte Gelb
der Bcher, das violette Braun der Bnde, das grere Grn einer Mappe: alles
stimmt, gilt, nimmt teil und bildet eine Vollzhligkeit, in der nichts fehlt.

Unten ist folgende Zusammenstellung: ein kleiner Handwagen, von einer Frau
geschoben; vorn darauf ein Leierkasten, der Lnge nach. Dahinter quer ein
Kinderkorb, in dem ein ganz Kleines auf festen Beinen steht, vergngt in seiner
Haube, und sich nicht mag setzen lassen. Von Zeit zu Zeit dreht die Frau am
Orgelkasten. Das ganz Kleine stellt sich dann sofort stampfend in seinem Korbe
wieder auf, und ein kleines Mdchen in einem grnen Sonntagskleid tanzt und
schlgt Tamburin zu den Fenstern hinauf.

Ich glaube, ich mte anfangen, etwas zu arbeiten, jetzt, da ich sehen lerne.
Ich bin achtundzwanzig, und es ist so gut wie nichts geschehen. Wiederholen wir:
ich habe eine Studie ber Carpaccio geschrieben, die schlecht ist, ein Drama,
das Ehe heit und etwas Falsches mit zweideutigen Mitteln beweisen will, und
Verse. Ach, aber mit Versen ist so wenig getan, wenn man sie frh schreibt. Man
sollte warten damit und Sinn und Sigkeit sammeln ein ganzes Leben lang und ein
langes womglich, und dann, ganz zum Schlu, vielleicht knnte man dann zehn
Zeilen schreiben, die gut sind. Denn Verse sind nicht, wie die Leute meinen,
Gefhle (die hat man frh genug), - es sind Erfahrungen. Um eines Verses willen
mu man viele Stdte sehen, Menschen und Dinge, man mu die Tiere kennen, man
mu fhlen, wie die Vgel fliegen, und die Gebrde wissen, mit welcher die
kleinen Blumen sich auftun am Morgen. Man mu zurckdenken knnen an Wege in
unbekannten Gegenden, an unerwartete Begegnungen und an Abschiede, die man lange
kommen sah, - an Kindheitstage, die noch unaufgeklrt sind, an die Eltern, die
man krnken mute, wenn sie einem eine Freude brachten und man begriff sie nicht
(es war eine Freude fr einen anderen -), an Kinderkrankheiten, die so seltsam
anheben mit so vielen tiefen und schweren Verwandlungen, an Tage in stillen,
verhaltenen Stuben und an Morgen am Meer, an das Meer berhaupt, an Meere, an
Reisenchte, die hoch dahinrauschten und mit allen Sternen flogen, - und es ist
noch nicht genug, wenn man an alles das denken darf. Man mu Erinnerungen haben
an viele Liebesnchte, von denen keine der andern glich, an Schreie von
Kreienden und an leichte, weie, schlafende Wchnerinnen, die sich schlieen.
Aber auch bei Sterbenden mu man gewesen sein, mu bei Toten gesessen haben in
der Stube mit dem offenen Fenster und den stoweisen Geruschen. Und es gengt
auch noch nicht, da man Erinnerungen hat. Man mu sie vergessen knnen, wenn es
viele sind, und man mu die groe Geduld haben, zu warten, da sie wiederkommen.
Denn die Erinnerungen selbst sind es noch nicht.
Erst wenn sie Blut werden in uns, Blick und Gebrde, namenlos und nicht mehr zu
unterscheiden von uns selbst, erst dann kann es geschehen, da in einer sehr
seltenen Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in ihrer Mitte und aus
ihnen ausgeht.
    Alle meine Verse aber sind anders entstanden, also sind es keine. - Und als
ich mein Drama schrieb, wie irrte ich da. War ich ein Nachahmer und Narr, da
ich eines Dritten bedurfte, um von dem Schicksal zweier Menschen zu erzhlen,
die es einander schwer machten? Wie leicht ich in die Falle fiel. Und ich htte
doch wissen mssen, da dieser Dritte, der durch alle Leben und Literaturen
geht, dieses Gespenst eines Dritten, der nie gewesen ist, keine Bedeutung hat,
da man ihn leugnen mu. Er gehrt zu den Vorwnden der Natur, welche immer
bemht ist, von ihren tiefsten Geheimnissen die Aufmerksamkeit der Menschen
abzulenken. Er ist der Wandschirm, hinter dem ein Drama sich abspielt. Er ist
der Lrm am Eingang zu der stimmlosen Stille eines wirklichen Konfliktes. Man
mchte meinen, es wre allen bisher zu schwer gewesen, von den Zweien zu reden,
um die es sich handelt; der Dritte, gerade weil er so unwirklich ist, ist das
Leichte der Aufgabe, ihn konnten sie alle. Gleich am Anfang ihrer Dramen merkt
man die Ungeduld, zu dem Dritten zu kommen, sie knnen ihn kaum erwarten. Sowie
er da ist, ist alles gut. Aber wie langweilig, wenn er sich versptet, es kann
rein nichts geschehen ohne ihn, alles steht, stockt, wartet. Ja und wie, wenn es
bei diesem Stauen und Anstehn bliebe? Wie, Herr Dramatiker, und du, Publikum,
welches das Leben kennt, wie, wenn er verschollen wre, dieser beliebte Lebemann
oder dieser anmaende junge Mensch, der in allen Ehen schliet wie ein
Nachschlssel? Wie, wenn ihn, zum Beispiel, der Teufel geholt htte? Nehmen wirs
an. Man merkt auf einmal die knstliche Leere der Theater, sie werden vermauert
wie gefhrliche Lcher, nur die Motten aus den Logenrndern taumeln durch den
haltlosen Hohlraum. Die Dramatiker genieen nicht mehr ihre Villenviertel. Alle
ffentlichen Aufpassereien suchen fr sie in entlegenen Weltteilen nach dem
Unersetzlichen, der die Handlung selbst war.
    Und dabei leben sie unter den Menschen, nicht diese Dritten, aber die
Zwei, von denen so unglaublich viel zu sagen wre, von denen noch nie etwas
gesagt worden ist, obwohl sie leiden und handeln und sich nicht zu helfen
wissen.
    Es ist lcherlich. Ich sitze hier in meiner kleinen Stube, ich, Brigge, der
achtundzwanzig Jahre alt geworden ist und von dem niemand wei. Ich sitze hier
und bin nichts. Und dennoch, dieses Nichts fngt an zu denken und denkt, fnf
Treppen hoch, an einem grauen Pariser Nachmittag diesen Gedanken:
    Ist es mglich, denkt es, da man noch nichts wirkliches und Wichtiges
gesehen, erkannt und gesagt hat? Ist es mglich, da man Jahrtausende Zeit
gehabt hat, zu schauen, nachzudenken und aufzuzeichnen, und da man die
Jahrtausende hat vergehen lassen wie eine Schulpause, in der man sein Butterbrot
it und einen Apfel?
    Ja, es ist mglich.
    Ist es mglich, da man trotz Erfindungen und Fortschritten, trotz Kultur,
Religion und Weltweisheit an der Oberflche des Lebens geblieben ist? Ist es
mglich, da man sogar diese Oberflche, die doch immerhin etwas gewesen wre,
mit einem unglaublich langweiligen Stoff berzogen hat, so da sie aussieht wie
die Salonmbel in den Sommerferien?
    Ja, es ist mglich.
    Ist es mglich, da die ganze Weltgeschichte miverstanden worden ist? Ist
es mglich, da die Vergangenheit falsch ist, weil man immer von ihren Massen
gesprochen hat, gerade, als ob man von einem Zusammenlauf vieler Menschen
erzhlte, statt von dem Einen zu sagen, um den sie herumstanden, weil er fremd
war und starb?
    Ja, es ist mglich.
    Ist es mglich, da man glaubte, nachholen zu mssen, was sich ereignet hat,
ehe man geboren war? Ist es mglich, da man jeden einzelnen erinnern mte, er
sei ja aus allen Frheren entstanden, wte es also und sollte sich nichts
einreden lassen von den anderen, die anderes wten? Ja, es ist mglich. Ist es
mglich, da alle diese Menschen eine Vergangenheit, die nie gewesen ist, ganz
genau kennen? Ist es mglich, da alle Wirklichkeiten nichts sind fr sie; da
ihr Leben abluft, mit nichts verknpft, wie eine Uhr in einem leeren Zimmer -?
    Ja, es ist mglich.
    Ist es mglich, da man von den Mdchen nichts wei, die doch leben? Ist es
mglich, da man die Frauen sagt, die Kinder, die Knaben und nicht ahnt
(bei aller Bildung nicht ahnt), da diese Worte lngst keine Mehrzahl mehr
haben, sondern nur unzhlige Einzahlen?
    Ja, es ist mglich.
    Ist es mglich, da es Leute giebt, welche Gott sagen und meinen, das wre
etwas Gemeinsames? - Und sieh nur zwei Schulkinder: es kauft sich der eine ein
Messer, und sein Nachbar kauft sich ein ganz gleiches am selben Tag. Und sie
zeigen einander nach einer Woche die beiden Messer, und es ergiebt sich, da sie
sich nur noch ganz entfernt hnlich sehen, - so verschieden haben sie sich in
verschiedenen Hnden entwickelt. (Ja, sagt des einen Mutter dazu: wenn ihr auch
gleich immer alles abnutzen mt. -) Ach so: Ist es mglich, zu glauben, man
knne einen Gott haben, ohne ihn zu gebrauchen?
    Ja, es ist mglich.
    Wenn aber dieses alles mglich ist, auch nur einen Schein von Mglichkeit
hat, - dann mu ja, um alles in der Welt, etwas geschehen. Der Nchstbeste, der,
welcher diesen beunruhigenden Gedanken gehabt hat, mu anfangen, etwas von dem
Versumten zu tun; wenn es auch nur irgend einer ist, durchaus nicht der
Geeignetste: es ist eben kein anderer da. Dieser junge, belanglose Auslnder,
Brigge, wird sich fnf Treppen hoch hinsetzen mssen und schreiben, Tag und
Nacht. ja er wird schreiben mssen, das wird das Ende sein:
    Zwlf Jahre oder hchstens dreizehn mu ich damals gewesen sein. Mein Vater
hatte mich nach Urnekloster mitgenommen. Ich wei nicht, was ihn veranlate,
seinen Schwiegervater aufzusuchen. Die beiden Mnner hatten sich jahrelang, seit
dem Tode meiner Mutter, nicht gesehen, und mein Vater selbst war noch nie in dem
alten Schlosse gewesen, in welches der Graf Brahe sich erst spt zurckgezogen
hatte. Ich habe das merkwrdige Haus spter nie wiedergesehen, das, als mein
Grovater starb, in fremde Hnde kam. So wie ich es in meiner kindlich
gearbeiteten Erinnerung wiederfinde, ist es kein Gebude; es ist ganz aufgeteilt
in mir; da ein Raum, dort ein Raum und hier ein Stck Gang, das diese beiden
Rume nicht verbindet, sondern fr sich, als Fragment, aufbewahrt ist. In dieser
Weise ist alles in mir verstreut, - die Zimmer, die Treppen, die mit so groer
Umstndlichkeit sich niederlieen, und andere enge, rundgebaute Stiegen, in
deren Dunkel man ging wie das Blut in den Adern; die Turmzimmer, die hoch
aufgehngten Balkone, die unerwarteten Altane, auf die man von einer kleinen Tr
hinausgedrngt wurde: - alles das ist noch in mir und wird nie aufhren, in mir
zu sein. Es ist, als wre das Bild dieses Hauses aus unendlicher Hhe in mich
hineingestrzt und auf meinem Grunde zerschlagen.
    Ganz erhalten ist in meinem Herzen, so scheint es mir, nur jener Saal, in
dem wir uns zum Mittagessen zu versammeln pflegten, jeden Abend um sieben Uhr.
Ich habe diesen Raum niemals bei Tage gesehen, ich erinnere mich nicht einmal,
ob er Fenster hatte und wohin sie aussahen; jedesmal, so oft die Familie
eintrat, brannten die Kerzen in den schweren Armleuchtern, und man verga in
einigen Minuten die Tageszeit und alles, was man drauen gesehen hatte. Dieser
hohe, wie ich vermute, gewlbte Raum war strker als alles; er saugte mit seiner
dunkelnden Hhe, mit seinen niemals ganz aufgeklrten Ecken alle Bilder aus
einem heraus, ohne einem einen bestimmten Ersatz dafr zu geben. Man sa da wie
aufgelst; vllig ohne Willen, ohne Besinnung, ohne Lust, ohne Abwehr. Man war
wie eine leere Stelle. Ich erinnere mich, da dieser vernichtende Zustand mir
zuerst fast belkeit verursachte, eine Art Seekrankheit, die ich nur dadurch
berwand, da ich mein Bein ausstreckte, bis ich mit dem Fu das Knie meines
Vaters berhrte, der mir gegenbersa. Erst spter fiel es mir auf, da er
dieses merkwrdige Benehmen zu begreifen oder doch zu dulden schien, obwohl
zwischen uns ein fast khles Verhltnis bestand, aus dem ein solches Gebaren
nicht erklrlich war. Es war indessen jene leise Berhrung, welche mir die Kraft
gab, die langen Mahlzeiten auszuhalten. Und nach einigen Wochen krampfhaften
Ertragens hatte ich, mit der fast unbegrenzten Anpassung des Kindes, mich so
sehr an das Unheimliche jener Zusammenknfte gewhnt, da es mich keine
Anstrengung mehr kostete, zwei Stunden bei Tische zu sitzen; jetzt vergingen sie
sogar verhltnismig schnell, weil ich mich damit beschftigte, die Anwesenden
zu beobachten.
    Mein Grovater nannte es die Familie, und ich hrte auch die andern diese
Bezeichnung gebrauchen, die ganz willkrlich war. Denn obwohl diese vier
Menschen miteinander in entfernten verwandtschaftlichen Beziehungen standen, so
gehrten sie doch in keiner Weise zusammen. Der Oheim, welcher neben mir sa,
war ein alter Mann, dessen hartes und verbranntes Gesicht einige schwarze Flecke
zeigte, wie ich erfuhr, die Folgen einer explodierten Pulverladung; mrrisch und
malkontent wie er war, hatte er als Major seinen Abschied genommen, und nun
machte er in einem mir unbekannten Raum des Schlosses alchymistische Versuche,
war auch, wie ich die Diener sagen hrte, mit einem Stockhause in Verbindung,
von wo man ihm ein- oder zweimal jhrlich Leichen zusandte, mit denen er sich
Tage und Nchte einschlo und die er zerschnitt und auf eine geheimnisvolle Art
zubereitete, so da sie der Verwesung widerstanden. Ihm gegenber war der Platz
des Fruleins Mathilde Brahe. Es war das eine Person von unbestimmtem Alter,
eine entfernte Cousine meiner Mutter, von der nichts bekannt war, als da sie
eine sehr rege Korrespondenz mit einem sterreichischen Spiritisten unterhielt,
der sich Baron Nolde nannte und dem sie vollkommen ergeben war, so da sie nicht
das geringste unternahm, ohne vorher seine Zustimmung oder vielmehr etwas wie
seinen Segen einzuholen. Sie war zu jener Zeit auerordentlich stark, von einer
weichen, trgen Flle, die gleichsam achtlos in ihre losen, hellen Kleider
hineingegossen war; ihre Bewegungen waren mde und unbestimmt; und ihre Augen
flossen bestndig ber. Und trotzdem war etwas in ihr, das mich an meine zarte
und schlanke Mutter erinnerte.
    Ich fand, je lnger ich sie betrachtete, alle die feinen und leisen Zge in
ihrem Gesichte, an die ich mich seit meiner Mutter Tode nie mehr recht hatte
erinnern knnen; nun erst, seit ich Mathilde Brahe tglich sah, wute ich
wieder, wie die Verstorbene ausgesehen hatte; ja, ich wute es vielleicht zum
erstenmal. Nun erst setzte sich aus hundert und hundert Einzelheiten ein Bild
der Toten in mir zusammen, jenes Bild, das mich berall begleitet. Spter ist es
mir klar geworden, da in dem Gesicht des Fruleins Brahe wirklich alle
Einzelheiten vorhanden waren, die die Zge meiner Mutter bestimmten, - sie waren
nur, als ob ein fremdes Gesicht sich dazwischen geschoben htte,
auseinandergedrngt, verbogen und nicht mehr in Verbindung miteinander.
    Neben dieser Dame sa der kleine Sohn einer Cousine, ein Knabe, etwa
gleichaltrig mit mir, aber kleiner und schwchlicher. Aus einer gefltelten
Krause stieg sein dnner, blasser Hals und verschwand unter einem langen Kinn.
Seine Lippen waren schmal und fest geschlossen, seine Nasenflgel zitterten
leise, und von seinen schnen dunkelbraunen Augen war nur das eine beweglich. Es
blickte manchmal ruhig und traurig zu mir herber, whrend das andere immer in
dieselbe Ecke gerichtet blieb, als wre es verkauft und kme nicht mehr in
Betracht.
    Am oberen Ende der Tafel stand der ungeheure Lehnsessel meines Grovaters,
den ein Diener, der nichts anderes zu tun hatte, ihm unterschob und in dem der
Greis nur einen geringen Raum einnahm. Es gab Leute, die diesen schwerhrigen
und herrischen alten Herrn Exzellenz und Hofmarschall nannten, andere gaben ihm
den Titel General. Und er besa gewi auch alle diese Wrden, aber es war so
lange her, seit er mter bekleidet hatte, da diese Benennungen kaum mehr
verstndlich waren. Mir schien es berhaupt, als ob an seiner in gewissen
Momenten so scharfen und doch immer wieder aufgelsten Persnlichkeit kein
bestimmter Name haften knne. Ich konnte mich nie entschlieen, ihn Grovater zu
nennen, obwohl er bisweilen freundlich zu mir war, ja mich sogar zu sich rief,
wobei er meinem Namen eine scherzhafte Betonung zu geben versuchte. brigens
zeigte die ganze Familie ein aus Ehrfurcht und Scheu gemischtes Benehmen dem
Grafen gegenber, nur der kleine Erik lebte in einer gewissen Vertraulichkeit
mit dem greisen Hausherrn; sein bewegliches Auge hatte zuzeiten rasche Blicke
des Einverstndnisses mit ihm, die ebensorasch von dem Grovater erwidert
wurden; auch konnte man sie zuweilen in den langen Nachmittagen am Ende der
tiefen Galerie auftauchen sehen und beobachten, wie sie, Hand in Hand, die
dunklen alten Bildnisse entlang gingen, ohne zu sprechen, offenbar auf eine
andere Weise sich verstndigend.
    Ich befand mich fast den ganzen Tag im Parke und drauen in den
Buchenwldern oder auf der Heide; und es gab zum Glck Hunde auf Urnekloster,
die mich begleiteten; es gab da und dort ein Pchterhaus oder einen Meierhof, wo
ich Milch und Brot und Frchte bekommen konnte, und ich glaube, da ich meine
Freiheit ziemlich sorglos geno, ohne mich, wenigstens in den folgenden Wochen,
von dem Gedanken an die abendlichen Zusammenknfte ngstigen zu lassen. Ich
sprach fast mit niemandem, denn es war meine Freude, einsam zu sein; nur mit den
Hunden hatte ich kurze Gesprche dann und wann: mit ihnen verstand ich mich
ausgezeichnet. Schweigsamkeit war brigens eine Art Familieneigenschaft; ich
kannte sie von meinem Vater her, und es wunderte mich nicht, da whrend der
Abendtafel fast nichts gesprochen wurde.
    In den ersten Tagen nach unserer Ankunft allerdings benahm sich Mathilde
Brahe uerst gesprchig. Sie fragte den Vater nach frheren Bekannten in
auslndischen Stdten, sie erinnerte sich entlegener Eindrcke, sie rhrte sich
selbst bis zu Trnen, indem sie verstorbener Freundinnen und eines gewissen
jungen Mannes gedachte, von dem sie andeutete, da er sie geliebt habe, ohne da
sie seine instndige und hoffnungslose Neigung htte erwidern mgen. Mein Vater
hrte hflich zu, neigte dann und wann zustimmend sein Haupt und antwortete nur
das Ntigste. Der Graf, oben am Tisch, lchelte bestndig mit herabgezogenen
Lippen, sein Gesicht erschien grer als sonst, es war, als trge er eine Maske.
Er ergriff brigens selbst manchmal das Wort, wobei seine Stimme sich auf
niemanden bezog, aber, obwohl sie sehr leise war, doch im ganzen Saal gehrt
werden konnte; sie hatte etwas von dem gleichmigen unbeteiligten Gang einer
Uhr; die Stille um sie schien eine eigene leere Resonanz zu haben, fr jede
Silbe die gleiche.
    Graf Brahe hielt es fr eine besondere Artigkeit meinem Vater gegenber, von
dessen verstorbener Gemahlin, meiner Mutter, zu sprechen. Er nannte sie Grfin
Sibylle, und alle seine Stze schlossen, als fragte er nach ihr. Ja es kam mir,
ich wei nicht weshalb, vor, als handle es sich um ein ganz junges Mdchen in
Wei, das jeden Augenblick bei uns eintreten knne. In demselben Tone hrte ich
ihn auch von unserer kleinen Anna Sophie reden. Und als ich eines Tages nach
diesem Frulein fragte, das dem Grovater besonders lieb zu sein schien, erfuhr
ich, da er des Grokanzlers Conrad Reventlow Tochter meinte, weiland Friedrichs
des Vierten Gemahlin zur linken Hand, die seit nahezu anderthalb hundert Jahren
zu Roskilde ruhte. Die Zeitfolgen spielten durchaus keine Rolle fr ihn, der Tod
war ein kleiner Zwischenfall, den er vollkommen ignorierte, Personen, die er
einmal in seine Erinnerung aufgenommen hatte, existierten, und daran konnte ihr
Absterben nicht das geringste ndern. Mehrere Jahre spter, nach dem Tode des
alten Herrn, erzhlte man sich, wie er auch das Zuknftige mit demselben
Eigensinn als gegenwrtig empfand. Er soll einmal einer gewissen jungen Frau von
ihren Shnen gesprochen haben, von den Reisen eines dieser Shne insbesondere,
whrend die junge Dame, eben im dritten Monate ihrer ersten Schwangerschaft,
fast besinnungslos vor Entsetzen und Furcht neben dem unablssig redenden Alten
sa.
    Aber es begann damit, da ich lachte. Ja ich lachte laut und ich konnte mich
nicht beruhigen. Eines Abends fehlte nmlich Mathilde Brahe. Der alte, fast ganz
erblindete Bediente hielt, als er zu ihrem Platze kam, dennoch die Schssel
anbietend hin. Eine Weile verharrte er so; dann ging er befriedigt und wrdig
und als ob alles in Ordnung wre weiter. Ich hatte diese Szene beobachtet, und
sie kam mir, im Augenblick da ich sie sah, durchaus nicht komisch vor. Aber eine
Weile spter, als ich eben einen Bissen in den Mund steckte, stieg mir das
Gelchter mit solcher Schnelligkeit in den Kopf, da ich mich verschluckte und
groen Lrm verursachte. Und trotzdem diese Situation mir selber lstig war,
trotzdem ich mich auf alle mgliche Weise anstrengte, ernst zu sein, kam das
Lachen stoweise immer wieder und behielt vllig die Herrschaft ber mich.
    Mein Vater, gleichsam um mein Benehmen zu verdecken, fragte mit seiner
breiten gedmpften Stimme: Ist Mathilde krank? Der Grovater lchelte in
seiner Art und antwortete dann mit einem Satze, auf den ich, mit mir selber
beschftigt, nicht achtgab und der etwa lautete: Nein, sie wnscht nur,
Christinen nicht zu begegnen. Ich sah es also auch nicht als die Wirkung dieser
Worte an, da mein Nachbar, der braune Major, sich erhob und, mit einer
undeutlich gemurmelten Entschuldigung und einer Verbeugung gegen den Grafen hin,
den Saal verlie. Es fiel mir nur auf, da er sich hinter dem Rcken des
Hausherrn in der Tr nochmals umdrehte und dem kleinen Erik und zu meinem
grten Erstaunen pltzlich auch mit winkende und nickende Zeichen machte, als
forderte er uns auf, ihm zu folgen. Ich war so berrascht, da mein Lachen
aufhrte, mich zu bedrngen. Im brigen schenkte ich dem Major weiter keine
Aufmerksamkeit; er war mir unangenehm, und ich bemerkte auch, da der kleine
Erik ihn nicht beachtete.
    Die Mahlzeit schleppte sich weiter wie immer, und man war gerade beim
Nachtisch angelangt, als meine Blicke von einer Bewegung ergriffen und
mitgenommen wurden, die im Hintergrund des Saales, im Halbdunkel, vor sich ging.
Dort war nach und nach eine, wie ich meinte, stets verschlossene Tre, von
welcher man mir gesagt hatte, da sie in das Zwischengescho fhre, aufgegangen,
und jetzt, whrend ich mit einem mir ganz neuen Gefhl von Neugier und
Bestrzung hinsah, trat in das Dunkel der Trffnung eine schlanke,
hellgekleidete Dame und kam langsam auf uns zu. Ich wei nicht, ob ich eine
Bewegung machte oder einen Laut von mir gab, der Lrm eines umstrzenden Stuhles
zwang mich, meine Blicke von der merkwrdigen Gestalt abzureien, und ich sah
meinen Vater, der aufgesprungen war und nun, totenbleich im Gesicht, mit
herabhngenden geballten Hnden, auf die Dame zuging. Sie bewegte sich indessen,
von dieser Szene ganz unberhrt, auf uns zu, Schritt fr Schritt, und sie war
schon nicht mehr weit von dem Platze des Grafen, als dieser sich mit einem Ruck
erhob, meinen Vater beim Arme fate, ihn an den Tisch zurckzog und festhielt,
whrend die fremde Dame, langsam und teilnahmlos, durch den nun freigewordenen
Baum vorberging, Schritt fr Schritt, durch unbeschreibliche Stille, in der nur
irgendwo ein Glas zitternd klirrte, und in einer Tr der gegenberliegenden Wand
des Saales verschwand.
    In diesem Augenblick bemerkte ich, da es der kleine Erik war, der mit einer
tiefen Verbeugung diese Tre hinter der Fremden schlo.
    Ich war der einzige, der am Tische sitzengeblieben war; ich hatte mich so
schwer gemacht in meinem Sessel, mir schien, ich knnte allein nie wieder auf.
Eine Weile sah ich, ohne zu sehen. Dann fiel mir mein Vater ein, und ich
gewahrte, da der Alte ihn noch immer am Arme festhielt. Das Gesicht meines
Vaters war jetzt zornig, voller Blut, aber der Grovater, dessen Finger wie eine
weie Kralle meines Vaters Arm umklammerten, lchelte sein maskenhaftes Lcheln.
Ich hrte dann, wie er etwas sagte, Silbe fr Silbe, ohne da ich den Sinn
seiner Worte verstehen konnte. Dennoch fielen sie mir tief ins Gehr, denn vor
etwa zwei Jahren fand ich sie eines Tages unten in meiner Erinnerung, und
seither wei ich sie. Er sagte: Du bist heftig, Kammerherr, und unhflich. Was
lt du die Leute nicht an ihre Beschftigungen gehn? Wer ist das? schrie
mein Vater dazwischen. Jemand, der wohl das Recht hat, hier zu sein. Keine
Fremde. Christine Brahe. - Da entstand wieder jene merkwrdig dnne Stille, und
wieder fing das Glas an zu zittern. Dann aber ri sich mein Vater mit einer
Bewegung los und strzte aus dem Saale.
    Ich hrte ihn die ganze Nacht in seinem Zimmer auf und ab gehen; denn auch
ich konnte nicht schlafen. Aber pltzlich gegen Morgen erwachte ich doch aus
irgend etwas Schlafhnlichem und sah mit einem Entsetzen, das mich bis ins Herz
hinein lhmte, etwas Weies, das an meinem Bette sa. Meine Verzweiflung gab mir
schlielich die Kraft, den Kopf unter die Decke zu stecken, und dort begann ich
aus Angst und Hlflosigkeit zu weinen. Pltzlich wurde es khl und hell ber
meinen weinenden Augen; ich drckte sie, um nichts sehen zu mssen, ber den
Trnen zu. Aber die Stimme, die nun von ganz nahe auf mich einsprach, kam lau
und slich an mein Gesicht, und ich erkannte sie: es war Frulein Mathildes
Stimme. Ich beruhigte mich sofort und lie mich trotzdem, auch als ich schon
ganz ruhig war, immer noch weiter trsten; ich fhlte zwar, da diese Gte zu
weichlich sei, aber ich geno sie dennoch und meinte sie irgendwie verdient zu
haben. Tante, sagte ich schlielich und versuchte in ihrem zerflossenen
Gesicht die Zge meiner Mutter zusammenzufassen: Tante, wer war die Dame?
    Ach, antwortete das Frulein Brahe mit einem Seufzer, der mir komisch
vorkam, eine Unglckliche, mein Kind, eine Unglckliche.
    Am Morgen dieses Tages bemerkte ich in einem Zimmer einige Bediente, die mit
Packen beschftigt waren. Ich dachte, da wir reisen wrden, ich fand es ganz
natrlich, da wir nun reisten. Vielleicht war das auch meines Vaters Absicht.
Ich habe nie erfahren, was ihn bewog, nach jenem Abend noch auf Urnekloster zu
bleiben. Aber wir reisten nicht. Wir hielten uns noch acht Wochen oder neun in
diesem Hause auf, wir ertrugen den Druck seiner Seltsamkeiten, und wir sahen
noch dreimal Christine Brahe.
    Ich wute damals nichts von ihrer Geschichte. Ich wute nicht, da sie vor
langer, langer Zeit in ihrem zweiten Kindbett gestorben war, einen Knaben
gebrend, der zu einem bangen und grausamen Schicksal heranwuchs, - ich wute
nicht, da sie eine Gestorbene war. Aber mein Vater wute es. Hatte er, der
leidenschaftlich war und auf Konsequenz und Klarheit angelegt, sich zwingen
wollen, in Fassung und ohne zu fragen, dieses Abenteuer auszuhalten? Ich sah,
ohne zu begreifen, wie er mit sich kmpfte, ich erlebte es, ohne zu verstehen,
wie er sich endlich bezwang.
    Das war, als wir Christine Brahe zum letztenmal sahen. Dieses Mal war auch
Frulein Mathilde zu Tische erschienen; aber sie war anders als sonst. Wie in
den ersten Tagen nach unserer Ankunft sprach sie unaufhrlich ohne bestimmten
Zusammenhang und fortwhrend sich verwirrend, und dabei war eine krperliche
Unruhe in ihr, die sie ntigte, sich bestndig etwas am Haar oder am Kleide zu
richten, - bis sie unvermutet mit einem hohen klagenden Schrei aufsprang und
verschwand.
    In demselben Augenblick wandten sich meine Blicke unwillkrlich nach der
gewissen Tre, und wirklich: Christine Brahe trat ein. Mein Nachbar, der Major,
machte eine heftige, kurze Bewegung, die sich in meinen Krper fortpflanzte,
aber er hatte offenbar keine Kraft mehr, sich zu erheben. Sein braunes, altes,
fleckiges Gesicht wendete sich von einem zum andern, sein Mund stand offen, und
die Zunge wand sich hinter den verdorbenen Zhnen; dann auf einmal war dieses
Gesicht fort, und sein grauer Kopf lag auf dem Tische, und seine Arme lagen wie
in Stcken darber und darunter, und irgendwo kam eine welke, fleckige Hand
hervor und bebte.
    Und nun ging Christine Brahe vorbei, Schritt fr Schritt, langsam wie eine
Kranke, durch unbeschreibliche Stille, in die nur ein einziger wimmernder Laut
hineinklang wie eines alten Hundes. Aber da schob sich links von dem groen
silbernen Schwan, der mit Narzissen gefllt war, die groe Maske des Alten
hervor mit ihrem grauen Lcheln. Er hob sein Weinglas meinem Vater zu. Und nun
sah ich, wie mein Vater, gerade als Christine Brahe hinter seinem Sessel
vorberkam, nach seinem Glase griff und es wie etwas sehr Schweres eine
Handbreit ber den Tisch hob.
    Und noch in dieser Nacht reisten wir.

                                                         Bibliothque Nationale.

Ich sitze und lese einen Dichter. Es sind viele Leute im Saal, aber man sprt
sie nicht. Sie sind in den Bchern. Manchmal bewegen sie sich in den Blttern,
wie Menschen, die schlafen und sich umwenden zwischen zwei Trumen. Ach, wie gut
ist es doch, unter lesenden Menschen zu sein. Warum sind sie nicht immer so? Du
kannst hingehen zu einem und ihn leise anrhren: er fhlt nichts. Und stt du
einen Nachbar beim Aufstehen ein wenig an und entschuldigst dich, so nickt er
nach der Seite, auf der er deine Stimme hrt, sein Gesicht wendet sich dir zu
und sieht dich nicht, und sein Haar ist wie das Haar eines Schlafenden. Wie wohl
das tut. Und ich sitze und habe einen Dichter. Was fr ein Schicksal. Es sind
jetzt vielleicht dreihundert Leute im Saale, die lesen; aber es ist unmglich,
da sie jeder einzelne einen Dichter haben. (Wei Gott, was sie haben.)
Dreihundert Dichter giebt es nicht. Aber sieh nur, was fr ein Schicksal, ich,
vielleicht der armsligste von diesen Lesenden, ein Auslnder: ich habe einen
Dichter. Obwohl ich arm bin. Obwohl mein Anzug, den ich tglich trage, anfngt,
gewisse Stellen zu bekommen, obwohl gegen meine Schuhe sich das und jenes
einwenden liee. Zwar mein Kragen ist rein, meine Wsche auch, und ich knnte,
wie ich bin, in eine beliebige Konditorei gehen, womglich auf den groen
Boulevards, und knnte mit meiner Hand getrost in einen Kuchenteller greifen und
etwas nehmen. Man wrde nichts Aufflliges darin finden und mich nicht schelten
und hinausweisen, denn es ist immerhin eine Hand aus den guten Kreisen, eine
Hand, die vier- bis fnfmal tglich gewaschen wird. Ja, es ist nichts hinter den
Ngeln, der Schreibfinger ist ohne Tinte, und besonders die Gelenke sind
tadellos. Bis dorthin waschen arme Leute sich nicht, das ist eine bekannte
Tatsache. Man kann also aus ihrer Reinlichkeit gewisse Schlsse ziehen. Man
zieht sie auch. In den Geschften zieht man sie. Aber es giebt doch ein paar
Existenzen, auf dem Boulevard Saint-Michel zum Beispiel und in der rue Racine,
die lassen sich nicht irremachen, die pfeifen auf die Gelenke. Die sehen mich an
und wissen es. Die wissen, da ich eigentlich zu ihnen gehre, da ich nur ein
bichen Komdie spiele. Es ist ja Fasching. Und sie wollen mir den Spa nicht
verderben; sie grinsen nur so ein bichen und zwinkern mit den Augen. Kein
Mensch hats gesehen. Im brigen behandeln sie mich wie einen Herrn. Es mu nur
jemand in der Nhe sein, dann tun sie sogar untertnig. Tun, als ob ich einen
Pelz anhtte und mein Wagen hinter mir herfhre. Manchmal gebe ich ihnen zwei
Sous und zittere, sie knnten sie abweisen; aber sie nehmen sie an. Und es wre
alles in Ordnung, wenn sie nicht wieder ein wenig gegrinst und gezwinkert
htten. Wer sind diese Leute? Was wollen sie von mir? Warten sie auf mich? Woran
erkennen sie mich? Es ist wahr, mein Bart sieht etwas vernachlssigt aus, und
ein ganz, ganz klein wenig erinnert er an ihre kranken, alten, verblichenen
Brte, die mir immer Eindruck gemacht haben. Aber habe ich nicht das Recht,
meinen Bart zu vernachlssigen? Viele beschftigte Menschen tun das, und es
fllt doch niemandem ein, sie deshalb gleich zu den Fortgeworfenen zu zhlen.
Denn das ist mir klar, da das die Fortgeworfenen sind, nicht nur Bettler; nein,
es sind eigentlich keine Bettler, man mu Unterschiede machen. Es sind Abflle,
Schalen von Menschen, die das Schicksal ausgespieen hat. Feucht vom Speichel des
Schicksals kleben sie an einer Mauer, an einer Laterne, an einer Plakatsule,
oder sie rinnen langsam die Gasse herunter mit einer dunklen, schmutzigen Spur
hinter sich her. Was in aller Welt wollte diese Alte von mir, die, mit einer
Nachttischschublade, in der einige Knpfe und Nadeln herumrollten, aus
irgendeinem Loch herausgekrochen war? Weshalb ging sie immer neben mir und
beobachtete mich? Als ob sie versuchte, mich zu erkennen mit ihren Triefaugen,
die aussahen, als htte ihr ein Kranker grnen Schleim in die blutigen Lider
gespuckt. Und wie kam damals jene graue, kleine Frau dazu, eine Viertelstunde
lang vor einem Schaufenster an meiner Seite zu stehen, whrend sie mir einen
alten, langen Bleistift zeigte, der unendlich langsam aus ihren schlechten,
geschlossenen Hnden sich herausschob. Ich tat, als betrachtete ich die
ausgelegten Sachen und merkte nichts. Sie aber wute, da ich sie gesehen hatte,
sie wute, da ich stand und nachdachte, was sie eigentlich tte. Denn da es
sich nicht um den Bleistift handeln konnte, begriff ich wohl: ich fhlte, da
das ein Zeichen war, ein Zeichen fr Eingeweihte, ein Zeichen, das die
Fortgeworfenen kennen; ich ahnte, sie bedeutete mir, ich mte irgendwohin
kommen oder etwas tun. Und das Seltsamste war, da ich immerfort das Gefhl
nicht los wurde, es bestnde tatschlich eine gewisse Verabredung, zu der dieses
Zeichen gehrte, und diese Szene wre im Grunde etwas, was ich htte erwarten
mssen.
    Das war vor zwei Wochen. Aber nun vergeht fast kein Tag ohne eine solche
Begegnung. Nicht nur in der Dmmerung, am Mittag in den dichtesten Straen
geschieht es, da pltzlich ein kleiner Mann oder eine alte Frau da ist, nickt,
mir etwas zeigt und wieder verschwindet, als wre nun alles Ntige getan. Es ist
mglich, da es ihnen eines Tages einfllt, bis in meine Stube zu kommen, sie
wissen bestimmt, wo ich wohne, und sie werden es schon einrichten, da der
Concierge sie nicht aufhlt. Aber hier, meine Lieben, hier bin ich sicher vor
euch. Man mu eine besondere Karte haben, um in diesen Saal eintreten zu knnen.
Diese Karte habe ich vor euch voraus. Ich gehe ein wenig scheu, wie man sich
denken kann, durch die Straen, aber schlielich stehe ich vor einer Glastr,
ffne sie, als ob ich zuhause wre, weise an der nchsten Tr meine Karte vor
(ganz genau wie ihr mir eure Dinge zeigt, nur mit dem Unterschiede, da man mich
versteht und begreift, was ich meine -), und dann bin ich zwischen diesen
Bchern, bin euch weggenommen, als ob ich gestorben wre, und sitze und lese
einen Dichter.
    Ihr wit nicht, was das ist, ein Dichter? - Verlaine... Nichts? Keine
Erinnerung? Nein. Ihr habt ihn nicht unterschieden unter denen, die ihr kanntet?
Unterschiede macht ihr keine, ich wei. Aber es ist ein anderer Dichter, den ich
lese, einer, der nicht in Paris wohnt, ein ganz anderer. Einer, der ein stilles
Haus hat im Gebirge. Der klingt wie eine Glocke in reiner Luft. Ein glcklicher
Dichter, der von seinem Fenster erzhlt und von den Glastren seines
Bcherschrankes, die eine liebe, einsame Weite nachdenklich spiegeln. Gerade der
Dichter ist es, der ich htte werden wollen; denn er wei von den Mdchen so
viel, und ich htte auch viel von ihnen gewut. Er wei von Mdchen, die vor
hundert Jahren gelebt haben; es tut nichts mehr, da sie tot sind, denn er wei
alles. Und das ist die Hauptsache. Er spricht ihre Namen aus, diese leisen,
schlankgeschriebenen Namen mit den altmodischen Schleifen in den langen
Buchstaben und die erwachsenen Namen ihrer lteren Freundinnen, in denen schon
ein klein wenig Schicksal mitklingt, ein klein wenig Enttuschung und Tod.
Vielleicht liegen in einem Fach seines Mahagonischreibtisches ihre verblichenen
Briefe und die gelsten Bltter ihrer Tagebcher, in denen Geburtstage stehen,
Sommerpartien, Geburtstage. Oder es kann sein, da es in der bauchigen Kommode
im Hintergrunde seines Schlafzimmers eine Schublade giebt, in der ihre
Frhjahrskleider aufgehoben sind; weie Kleider, die um Ostern zum erstenmal
angezogen wurden, Kleider aus getupftem Tll, die eigentlich in den Sommer
gehren, den man nicht erwarten konnte. O was fr ein glckliches Schicksal, in
der stillen Stube eines ererbten Hauses zu sitzen unter lauter ruhigen,
sehaften Dingen und drauen im leichten, lichtgrnen Garten die ersten Meisen
zu hren, die sich versuchen, und in der Ferne die Dorfuhr. Zu sitzen und auf
einen warmen Streifen Nachmittagssonne zu sehen und vieles von vergangenen
Mdchen zu wissen und ein Dichter zu sein. Und zu denken, da ich auch so ein
Dichter geworden wre, wenn ich irgendwo htte wohnen drfen, irgendwo auf der
Welt, in einem von den vielen verschlossenen Landhusern, um die sich niemand
bekmmert. Ich htte ein einziges Zimmer gebraucht (das lichte Zimmer im
Giebel). Da htte ich drinnen gelebt mit meinen alten Dingen, den
Familienbildern, den Bchern. Und einen Lehnstuhl htte ich gehabt und Blumen
und Hunde und einen starken Stock fr die steinigen Wege. Und nichts sonst. Nur
ein Buch in gelbliches, elfenbeinfarbiges Leder gebunden mit einem alten
blumigen Muster als Vorsatz: dahinein htte ich geschrieben. Ich htte viel
geschrieben, denn ich htte viele Gedanken gehabt und Erinnerungen von Vielen.
    Aber es ist anders gekommen, Gott wird wissen, warum. Meine alten Mbel
faulen in einer Scheune, in die ich sie habe stellen drfen, und ich selbst, ja,
mein Gott, ich habe kein Dach ber mir, und es regnet mir in die Augen.

Manchmal gehe ich an kleinen Lden vorbei in der rue de Seine etwa. Hndler mit
Altsachen oder kleine Buchantiquare oder Kupferstichverkufer mit berfllten
Schaufenstern. Nie tritt jemand bei ihnen ein, sie machen offenbar keine
Geschfte. Sieht man aber hinein, so sitzen sie, sitzen und lesen, unbesorgt;
sorgen nicht um morgen, ngstigen sich nicht um ein Gelingen, haben einen Hund,
der vor ihnen sitzt, gut aufgelegt, oder eine Katze, die die Stille noch grer
macht, indem sie die Bcherreihen entlang streicht, als wischte sie die Namen
von den Rcken.
    Ach, wenn das gengte: ich wnschte manchmal, mir so ein volles Schaufenster
zu kaufen und mich mit einem Hund dahinterzusetzen fr zwanzig Jahre.

Es ist gut, es laut zu sagen: Es ist nichts geschehen. Noch einmal: Es ist
nichts geschehen. Hilft es?
    Da mein Ofen wieder einmal geraucht hat und ich ausgehen mute, das ist
doch wirklich kein Unglck. Da ich mich matt und erkltet fhle, hat nichts zu
bedeuten. Da ich den ganzen Tag in den Gassen umhergelaufen bin, ist meine
eigene Schuld. Ich htte ebensogut im Louvre sitzen knnen. Oder nein, das htte
ich nicht. Dort sind gewisse Leute, die sich wrmen wollen. Sie sitzen auf den
Samtbnken, und ihre Fe stehen wie groe leere Stiefel nebeneinander auf den
Gittern der Heizungen. Es sind uerst bescheidene Mnner, die dankbar sind,
wenn die Diener in den dunklen Uniformen mit den vielen Orden sie dulden. Aber
wenn ich eintrete, so grinsen sie. Grinsen und nicken ein wenig. Und dann, wenn
ich vor den Bildern hin und her gehe, behalten sie mich im Auge, immer im Auge,
immer in diesem umgerhrten, zusammengeflossenen Auge. Es war also gut, da ich
nicht ins Louvre gegangen bin. Ich bin immer unterwegs gewesen. Wei der Himmel
in wie vielen Stdten, Stadtteilen, Friedhfen, Brcken und Durchgngen.
Irgendwo habe ich einen Mann gesehen, der einen Gemsewagen vor sich herschob.
Er schrie: Chou-fleur, Chou-fleur, das fleur mit eigentmlich trbem eu. Neben
ihm ging eine eckige, hliche Frau, die ihn von Zeit zu Zeit anstie. Und wenn
sie ihn anstie, so schrie er. Manchmal schrie er auch von selbst, aber dann war
es umsonst gewesen, und er mute gleich darauf wieder schreien, weil man vor
einem Hause war, welches kaufte. Habe ich schon gesagt, da er blind war? Nein?
Also er war blind. Er war blind und schrie. Ich flsche, wenn ich das sage, ich
unterschlage den Wagen, den er schob, ich tue, als htte ich nicht bemerkt, da
er Blumenkohl ausrief Aber ist das wesentlich? Und wenn es auch wesentlich wre,
kommt es nicht darauf an, was die ganze Sache fr mich gewesen ist? Ich habe
einen alten Mann gesehen, der blind war und schrie. Das habe ich gesehen.
Gesehen.
    Wird man es glauben, da es solche Huser giebt? Nein, man wird sagen, ich
flsche. Diesmal ist es Wahrheit, nichts weggelassen, natrlich auch nichts
hinzugetan. Woher sollte ich es nehmen? Man wei, da ich arm bin. Man wei es.
Huser? Aber, um genau zu sein, es waren Huser, die nicht mehr da waren.
Huser, die man abgebrochen hatte von oben bis unten. Was da war, das waren die
anderen Huser, die danebengestanden hatten, hohe Nachbarhuser. Offenbar waren
sie in Gefahr, umzufallen, seit man nebenan alles weggenommen hatte; denn ein
ganzes Gerst von langen, geteerten Mastbumen war schrg zwischen den Grund des
Schuttplatzes und die blogelegte Mauer gerammt. Ich wei nicht, ob ich schon
gesagt habe, da ich diese Mauer meine. Aber es war sozusagen nicht die erste
Mauer der vorhandenen Huser (was man doch htte annehmen mssen), sondern die
letzte der frheren. Man sah ihre Innenseite. Man sah in den verschiedenen
Stockwerken Zimmerwnde, an denen noch die Tapeten klebten, da und dort den
Ansatz des Fubodens oder der Decke. Neben den Zimmerwnden blieb die ganze
Mauer entlang noch ein schmutzigweier Raum, und durch diesen kroch in unsglich
widerlichen, wurmweichen, gleichsam verdauenden Bewegungen die offene,
rostfleckige Rinne der Abortrhre. Von den Wegen, die das Leuchtgas gegangen
war, waren graue, staubige Spuren am Rande der Decken geblieben, und sie bogen
da und dort, ganz unerwartet, rund um und kamen in die farbige Wand
hineingelaufen und in ein Loch hinein, das schwarz und rcksichtslos ausgerissen
war. Am unvergelichsten aber waren die Wnde selbst. Das zhe Leben dieser
Zimmer hatte sich nicht zertreten lassen. Es war noch da, es hielt sich an den
Ngeln, die geblieben waren, es stand auf dem handbreiten Rest der Fubden, es
war unter den Anstzen der Ecken, wo es noch ein klein wenig Innenraum gab,
zusammengekrochen. Man konnte sehen, da es in der Farbe war, die es langsam,
Jahr um Jahr, verwandelt hatte: Blau in schimmliches Grn, Grn in Grau und Gelb
in ein altes, abgestandenes Wei, das fault. Aber es war auch in den frischeren
Stellen, die sich hinter Spiegeln, Bildern und Schrnken erhalten hatten; denn
es hatte ihre Umrisse gezogen und nachgezogen und war mit Spinnen und Staub auch
auf diesen versteckten Pltzen gewesen, die jetzt blolagen. Es war in jedem
Streifen, der abgeschunden war, es war in den feuchten Blasen am unteren Rande
der Tapeten, es schwankte in den abgerissenen Fetzen, und aus den garstigen
Flecken, die vor langer Zeit entstanden waren, schwitzte es aus. Und aus diesen
blau, grn und gelb gewesenen Wnden, die eingerahmt waren von den Bruchbahnen
der zerstrten Zwischenmauern, stand die Luft dieser Leben heraus, die zhe,
trge, stockige Luft, die kein Wind noch zerstreut hatte. Da standen die Mittage
und die Krankheiten und das Ausgeatmete und der jahrealte Rauch und der Schwei,
der unter den Schultern ausbricht und die Kleider schwer macht, und das Fade aus
den Munden und der Fuselgeruch grender Fe. Da stand das Scharfe vom Urin und
das Brennen vom Ru und grauer Kartoffeldunst und der schwere, glatte Gestank
von alterndem Schmalze. Der se, lange Geruch von vernachlssigten Suglingen
war da und der Angstgeruch der Kinder, die in die Schule gehen, und das Schwle
aus den Betten mannbarer Knaben. Und vieles hatte sich dazugesellt, was von
unten gekommen war, aus dem Abgrund der Gasse, die verdunstete, und anderes war
von oben herabgesickert mit dem Regen, der ber den Stdten nicht rein ist. Und
manches hatten die schwachen, zahm gewordenen Hauswinde, die immer in derselben
Strae bleiben, zugetragen, und es war noch vieles da, wovon man den Ursprung
nicht wute. Ich habe doch gesagt, da man alle Mauern abgebrochen hatte bis auf
die letzte -? Nun von dieser Mauer spreche ich fortwhrend. Man wird sagen, ich
htte lange davorgestanden; aber ich will einen Eid geben dafr, da ich
zulaufen begann, sobald ich die Mauer erkannt hatte. Denn das ist das
Schreckliche, da ich sie erkannt habe. Ich erkenne das alles hier, und darum
geht es so ohne weiteres in mich ein: es ist zu Hause in mir.
    Ich war etwas erschpft nach alledem, man kann wohl sagen angegriffen, und
darum war es zuviel fr mich, da auch er noch auf mich warten mute. Er wartete
in der kleinen Crmerie, wo ich zwei Spiegeleier essen wollte; ich war hungrig,
ich war den ganzen Tag nicht dazu gekommen zu essen. Aber ich konnte auch jetzt
nichts zu mir nehmen; ehe die Eier noch fertig waren, trieb es mich wieder
hinaus in die Straen, die ganz dickflssig von Menschen mir entgegenrannen.
Denn es war Fasching und Abend, und die Leute hatten alle Zeit und trieben umher
und rieben sich einer am andern. Und ihre Gesichter waren voll von dem Licht,
das aus den Schaubuden kam, und das Lachen quoll aus ihren Munden wie Eiter aus
offenen Stellen. Sie lachten immer mehr und drngten sich immer enger zusammen,
je ungeduldiger ich versuchte vorwrts zu kommen. Das Tuch eines Frauenzimmers
hakte sich irgendwie an mir fest, ich zog sie hinter mir her, und die Leute
hielten mich auf und lachten, und ich fhlte, da ich auch lachen sollte, aber
ich konnte es nicht. Jemand warf mir eine Hand Confetti in die Augen, und es
brannte wie eine Peitsche. An den Ecken waren die Menschen festgekeilt, einer in
den andern geschoben, und es war keine Weiterbewegung in ihnen, nur ein leises,
weiches Auf und Ab, als ob sie sich stehend paarten. Aber obwohl sie standen und
ich am Rande der Fahrbahn, wo es Risse im Gedrnge gab, hinlief wie ein
Rasender, war es in Wahrheit doch so, da sie sich bewegten und ich mich nicht
rhrte. Denn es vernderte sich nichts; wenn ich aufsah, gewahrte ich immer noch
dieselben Huser auf der einen Seite und auf der anderen die Schaubuden.
Vielleicht auch stand alles fest, und es war nur ein Schwindel in mir und ihnen,
der alles zu drehen schien. Ich hatte keine Zeit, darber nachzudenken, ich war
schwer von Schwei, und es kreiste ein betubender Schmerz in mir, als ob in
meinem Blute etwas zu Groes mittriebe, das die Adern ausdehnte, wohin es kam.
Und dabei fhlte ich, da die Luft lngst zu Ende war und da ich nur mehr
Ausgeatmetes einzog, das meine Lungen stehen lieen.
    Aber nun ist es vorbei; ich habe es berstanden. Ich sitze in meinem Zimmer
bei der Lampe; es ist ein wenig kalt, denn ich wage es nicht, den Ofen zu
versuchen; was, wenn er rauchte und ich mte wieder hinaus? Ich sitze und
denke: wenn ich nicht arm wre, wrde ich mir ein anderes Zimmer mieten, ein
Zimmer mit Mbeln, die nicht so aufgebraucht sind, nicht so voll von frheren
Mietern wie diese hier. Zuerst war es mir wirklich schwer, den Kopf in diesen
Lehnstuhl zu legen; es ist da nmlich eine gewisse schmierig-graue Mulde in
seinem grnen Bezug, in die alle Kpfe zu passen scheinen. Lngere Zeit
gebrauchte ich die Vorsicht, ein Taschentuch unter meine Haare zu legen, aber
jetzt bin ich zu mde dazu; ich habe gefunden, da es auch so geht und da die
kleine Vertiefung genau fr meinen Hinterkopf gemacht ist, wie nach Ma. Aber
ich wrde mir, wenn ich nicht arm wre, vor allem einen guten Ofen kaufen, und
ich wrde das reine, starke Holz heizen, welches aus dem Gebirge kommt, und
nicht diese trostlosen ttes-de-moineau, deren Dunst das Atmen so bang macht und
den Kopf so wirr. Und dann mte jemand da sein, der ohne grobes Gerusch
aufrumt und der das Feuer besorgt, wie ich es brauche; denn oft, wenn ich eine
Viertelstunde vor dem Ofen knien mu und rtteln, die Stirnhaut gespannt von der
nahen Glut und mit Hitze in den offenen Augen, gebe ich alles aus, was ich fr
den Tag an Kraft habe, und wenn ich dann unter die Leute komme, haben sie es
natrlich leicht. Ich wrde manchmal, wenn groes Gedrnge ist, einen Wagen
nehmen, vorbeifahren, ich wrde tglich in einem Duval essen... und nicht mehr
in die Crmerien kriechen... Ob er wohl auch in einem Duval gewesen wre? Nein.
Dort htte er nicht auf mich warten drfen. Sterbende lt man nicht hinein.
Sterbende? Ich sitze ja jetzt in meiner Stube; ich kann ja versuchen, ruhig ber
das nachzudenken, was mir begegnet ist. Es ist gut, nichts im Ungewissen zu
lassen. Also ich trat ein und sah zuerst nur, da der Tisch, an dem ich fters
zu sitzen pflegte, von jemandem anderen eingenommen war. Ich grte nach dem
kleinen Buffet hin, bestellte und setzte mich nebenan. Aber da fhlte ich ihn,
obwohl er sich nicht rhrte. Gerade seine Regungslosigkeit fhlte ich und
begriff sie mit einem Schlage. Die Verbindung zwischen uns war hergestellt, und
ich wute, da er erstarrt war vor Entsetzen. Ich wute, da das Entsetzen ihn
gelhmt hatte, Entsetzen ber etwas, was in ihm geschah. Vielleicht brach ein
Gef in ihm, vielleicht trat ein Gift, das er lange gefrchtet hatte, gerade
jetzt in seine Herzkammer ein, vielleicht ging ein groes Geschwr auf in seinem
Gehirn wie eine Sonne, die ihm die Welt verwandelte. Mit unbeschreiblicher
Anstrengung zwang ich mich, nach ihm hinzusehen, denn ich hoffte noch, da alles
Einbildung sei. Aber es geschah, da ich aufsprang und hinausstrzte; denn ich
hatte mich nicht geirrt. Er sa da in einem dicken, schwarzen Wintermantel, und
sein graues, gespanntes Gesicht hing tief in ein wollenes Halstuch. Sein Mund
war geschlossen, als wre er mit groer Wucht zugefallen, aber es war nicht
mglich zu sagen, ob seine Augen noch schauten: beschlagene, rauchgraue
Brillenglser lagen davor und zitterten ein wenig. Seine Nasenflgel waren
aufgerissen, und das lange Haar ber seinen Schlfen, aus denen alles
weggenommen war, welkte wie in zu groer Hitze. Seine Ohren waren lang, gelb,
mit groen Schatten hinter sich. Ja, er wute, da er sich jetzt von allem
entfernte nicht nur von den Menschen. Ein Augenblick noch, und alles wird seinen
Sinn verloren haben, und dieser Tisch und die Tasse und der Stuhl, an den er
sich klammert, alles Tgliche und Nchste wird unverstndlich geworden sein,
fremd und schwer. So sa er da und wartete, bis es geschehen sein wrde. Und
wehrte sich nicht mehr.
    Und ich wehre mich noch. Ich wehre mich, obwohl ich wei, da mir das Herz
schon heraus hngt und da ich doch nicht mehr leben kann, auch wenn meine
Quler jetzt von mir ablieen. Ich sage mir: es ist nichts geschehen, und doch
habe ich jenen Mann nur begreifen knnen, weil auch in mir etwas vor sich geht,
das anfngt, mich von allem zu entfernen und abzutrennen. Wie graute mir immer,
wenn ich von einem Sterbenden sagen hrte: er konnte schon niemanden mehr
erkennen. Dann stellte ich mir ein einsames Gesicht vor, das sich aufhob aus
Kissen und suchte, nach etwas Bekanntem suchte, nach etwas schon einmal
Gesehenem suchte, aber es war nichts da. Wenn meine Furcht nicht so gro wre,
so wrde ich mich damit trsten, da es nicht unmglich ist, alles anders zu
sehen und doch zu leben. Aber ich frchte mich, ich frchte mich namenlos vor
dieser Vernderung. Ich bin ja noch gar nicht in dieser Welt eingewhnt gewesen,
die mir gut scheint.
    Was soll ich in einer anderen? Ich wrde so gerne unter den Bedeutungen
bleiben, die mir lieb geworden sind, und wenn schon etwas sich verndern mu, so
mchte ich doch wenigstens unter den Hunden leben drfen, die eine verwandte
Welt haben und dieselben Dinge.
    Noch eine Weile kann ich das alles aufschreiben und sagen. Aber es wird ein
Tag kommen, da meine Hand weit von mir sein wird, und wenn ich sie schreiben
heien werde, wird sie Worte schreiben, die ich nicht meine. Die Zeit der
anderen Auslegung wird anbrechen, und es wird kein Wort auf dem anderen bleiben,
und jeder Sinn wird wie Wolken sich auflsen und wie Wasser niedergehen. Bei
aller Furcht bin ich schlielich doch wie einer, der vor etwas Groem steht, und
ich erinnere mich, da es frher oft hnlich in mir war, eh ich zu schreiben
begann. Aber diesmal werde ich geschrieben werden. Ich bin der Eindruck, der
sich verwandeln wird. Oh, es fehlt nur ein kleines, und ich knnte das alles
begreifen und gutheien. Nur ein Schritt, und mein tiefes Elend wrde Seligkeit
sein. Aber ich kann diesen Schritt nicht tun, ich bin gefallen und kann mich
nicht mehr aufheben, weil ich zerbrochen bin. Ich habe ja immer noch geglaubt,
es knnte eine Hlfe kommen. Da liegt es vor mir in meiner eigenen Schrift, was
ich gebetet habe, Abend fr Abend. Ich habe es mir aus den Bchern, in denen ich
es fand, abgeschrieben, damit es mir ganz nahe wre und aus meiner Hand
entsprungen wie Eigenes. Und ich will es jetzt noch einmal schreiben, hier vor
meinem Tisch kniend will ich es schreiben; denn so habe ich es lnger, als wenn
ich es lese, und jedes Wort dauert an und hat Zeit zu verhallen.
    Mcontent de tous et mcontent de moi, je voudrais bien me racheter et
m'enorgueillir un peu dans le silence et la solitude de la nuit. mes de ceux
que j'ai aims, mes de ceux que j'ai chants, fortifiez-moi, soutenez-moi,
loignez de moi le mensonge et les vapeurs corruptrices du monde; et vous,
Seigneur mon Dieu! accordez-moi la grce de produire quelques beaux vers qui me
prouvent  moi-mme que je ne suis pas le dernier des hommes, que je ne suis pas
infrieur  ceux que je mprise.

Die Kinder loser und verachteter Leute, die die Geringsten im Lande waren. Nun
bin ich ihr Saitenspiel worden und mu ihr Mrlein sein.
    ... sie haben ber mich einen Weg gemacht...
    ... es war ihnen so leicht, mich zu beschdigen, da sie keiner Hlfe dazu
durften.
    ... nun aber geuet sich aus meine Seele ber mich, und mich hat ergriffen
die elende Zeit.
    Des Nachts wird mein Gebein durchbohret allenthalben; und die mich jagen,
legen sich nicht schlafen.
    Durch die Menge der Kraft werde ich anders und anders gekleidet; und man
grtet mich damit wie mit dem Loch meines Rocks...
    Meine Eingeweide sieden und hren nicht auf; mich hat berfallen die elende
Zeit...
    Meine Harfe ist eine Klage worden, und meine Pfeife ein Weinen.
    Der Arzt hat mich nicht verstanden. Nichts. Es war ja auch schwer zu
erzhlen. Man wollte einen Versuch machen mit dem Elektrisieren. Gut. Ich bekam
einen Zettel: ich sollte um ein Uhr in der Salptrire sein. Ich war dort. Ich
mute lange an verschiedenen Baracken vorber, durch mehrere Hfe gehen, in
denen da und dort Leute mit weien Hauben wie Strflinge unter den leeren Bumen
standen. Endlich kam ich in einen langen, dunklen, gangartigen Raum, der auf der
einen Seite vier Fenster aus mattem, grnlichem Glase hatte, eines vom anderen
durch eine breite, schwarze Zwischenwand getrennt. Davor lief eine Holzbank hin,
an allem vorbei, und auf dieser Bank saen sie, die mich kannten, und warteten.
Ja, sie waren alle da. Als ich mich an die Dmmerung des Raumes gewhnt hatte,
merkte ich, da unter denen, welche Schulter an Schulter in endloser Reihe da -
saen, auch einige andere Leute sein konnten, kleine Leute, Handwerker,
Bedienerinnen und Lastkutscher. Unten an der Schmalseite des Ganges auf
besonderen Sthlen hatten sich zwei dicke Frauen ausgebreitet, die sich
unterhielten, vermutlich Conciergen. Ich sah nach der Uhr; es war fnf Minuten
vor Eins. Nun in fnf, sagen wir in zehn Minuten, mute ich drankommen; es war
also nicht so schlimm. Die Luft war schlecht, schwer, voll Kleider und Atem. An
einer gewissen Stelle schlug die starke, steigernde Khle von ther aus einer
Trspalte. Ich begann auf und ab zu gehen. Es kam mir in den Sinn, da man mich
hierher gewiesen hatte, unter diese Leute, in diese berfllte, allgemeine
Sprechstunde. Es war sozusagen die erste ffentliche Besttigung, da ich zu den
Fortgeworfenen gehrte; hatte der Arzt es mir angesehen? Aber ich hatte meinen
Besuch in einem leidlich guten Anzuge gemacht, ich hatte meine Karte
hineingeschickt. Trotzdem, er mute es irgendwie erfahren haben, vielleicht
hatte ich mich selbst verraten. Nun, da es einmal Tatsache war, fand ich es auch
gar nicht so arg; die Leute saen still und achteten nicht auf mich. Einige
hatten Schmerzen und schwenkten ein wenig das eine Bein, um sie leichter
auszuhalten. Verschiedene Mnner hatten den Kopf in die flachen Hnde gelegt,
andere schliefen tief mit schweren, verschtteten Gesichtern. Ein dicker Mann
mit rotem, angeschwollenem Halse sa vorbergebeugt da, stierte auf den Fuboden
und spie von Zeit zu Zeit klatschend auf einen Fleck, der ihm dazu passend
schien. Ein Kind schluchzte in einer Ecke; die langen magern Beine hatte es zu
sich auf die Bank gezogen, und nun hielt es sie umfat und an sich gepret, als
mte es von ihnen Abschied nehmen. Eine kleine, blasse Frau, der ein mit
runden, schwarzen Blumen geputzter Krepphut schief auf den Haaren sa, hatte die
Grimasse eines Lchelns um die drftigen Lippen, aber ihre wunden Lider gingen
bestndig ber. Nicht weit von ihr hatte man ein Mdchen hingesetzt mit rundem
glatten Gesicht und herausgedrngten Augen, die ohne Ausdruck waren; sein Mund
stand offen, so da man das weie, schleimige Zahnfleisch sah mit den alten,
verkmmerten Zhnen. Und viele Verbnde gab es. Verbnde, die den ganzen Kopf
Schichte um Schichte umzogen, bis nur noch ein einziges Auge da war, das
niemandem mehr gehrte. Verbnde, die verbargen, und Verbnde, die zeigten, was
darunter war. Verbnde, die man geffnet hatte und in denen nun, wie in einem
schmutzigen Bett, eine Hand lag, die keine mehr war; und ein eingebundenes Bein,
das aus der Reihe herausstand, gro wie ein ganzer Mensch. Ich ging auf und ab
und gab mir Mhe, ruhig zu sein. Ich beschftigte mich viel mit der
gegenberliegenden Wand. Ich bemerkte, da sie eine Anzahl einflgeliger Tren
enthielt und nicht bis an die Decke reichte, so da dieser Gang von den Rumen,
die daneben liegen muten, nicht ganz abgetrennt war. Ich sah nach der Uhr; ich
war eine Stunde auf und ab gegangen. Eine Weile spter kamen die rzte. Zuerst
ein paar junge Leute, die mit gleichgltigen Gesichtern vorbeigingen,
schlielich der, bei dem ich gewesen war, in lichten Handschuhen, Chapeau  huit
reflets, tadellosem berzieher. Als er mich sah, hob er ein wenig den Hut und
lchelte zerstreut. Ich hatte nun Hoffnung, gleich gerufen zu werden, aber es
verging wieder eine Stunde. Ich kann mich nicht erinnern, womit ich sie
verbrachte. Sie verging. Ein alter Mann kam in einer fleckigen Schrze, eine Art
Wrter, und berhrte mich an der Schulter. Ich trat in eines der Nebenzimmer.
Der Arzt und die jungen Leute saen um einen Tisch und sahen mich an, man gab
mir einen Stuhl. So. Und nun sollte ich erzhlen, wie das eigentlich mit mit
wre. Mglichst kurz, s'il vous plat. Denn viel Zeit htten die Herren nicht.
Mir war seltsam zumut. Die jungen Leute saen und sahen mich an mit jener
berlegenen, fachlichen Neugier, die sie gelernt hatten. Der Arzt, den ich
kannte, strich seinen schwarzen Spitzbart und lchelte zerstreut. Ich dachte,
da ich in Weinen ausbrechen wrde, aber ich hrte mich franzsisch sagen: Ich
hatte bereits die Ehre, Ihnen, mein Herr, alle Ausknfte zu geben, die ich geben
kann. Halten Sie es fr ntig, da diese Herren eingeweiht werden, so sind Sie
nach unserer Unterredung gewi imstande, dies mit einigen Worten zu tun, whrend
es nur sehr schwer fllt. Der Arzt erhob sich mit hflichem Lcheln, trat mit
den Assistenten ans Fenster und sagte ein paar Worte, die er mit einer
waagerechten, schwankenden Handbewegung begleitete. Nach drei Minuten kam einer
von den jungen Leuten, kurzsichtig und fahrig, an den Tisch zurck und sagte,
indem er versuchte, mich strenge anzusehen: Sie schlafen gut, mein Herr?
Nein, schlecht. Worauf er wieder zu der Gruppe zurcksprang. Dort verhandelte
man noch eine Weile, dann wandte sich der Arzt an mich und teilte mir mit, da
man mich rufen lassen wrde. Ich erinnerte ihn, da ich auf ein Uhr bestellt
worden sei. Er lchelte und machte ein paar schnelle, sprunghafte Bewegungen mit
seinen kleinen weien Hnden, die bedeuten wollten, da er ungemein beschftigt
sei. Ich kehrte also in meinen Gang zurck, in dem die Luft viel lastender
geworden war, und fing wieder an, hin und her zu gehen, obwohl ich mich todmde
fhlte. Schlielich machte der feuchte, angehufte Geruch mich schwindlig; ich
blieb an der Eingangstr stehen und ffnete sie ein wenig. Ich sah, da drauen
noch Nachmittag und etwas Sonne war, und das tat mir unsagbar wohl. Aber ich
hatte kaum eine Minute so gestanden, da hrte ich, da man mich rief. Eine
Frauenperson, die zwei Schritte entfernt bei einem kleinen Tische sa, zischte
mir etwas zu. Wer mich geheien htte, die Tre ffnen. Ich sagte, ich knnte
die Luft nicht vertragen. Gut, das sei meine Sache, aber die Tre msse
geschlossen bleiben. Ob es denn nicht anginge, ein Fenster aufzumachen. Nein,
das sei verboten. Ich beschlo, das Aufundabgehen wieder aufzunehmen, weil es
schlielich eine Art Betubung war und niemanden krnkte. Aber der Frau an dem
kleinen Tische mifiel jetzt auch das. Ob ich denn keinen Platz htte. Nein, den
htte ich nicht. Das Herumgehen sei aber nicht gestattet; ich mte mir einen
Platz suchen. Es wrde schon noch einer da sein. Die Frau hatte recht. Es fand
sich wirklich sogleich ein Platz neben dem Mdchen mit den herausdrngenden
Augen. Da sa ich nun in dem Gefhle, da dieser Zustand unbedingt auf etwas
Frchterliches vorbereiten msse. Links war also das Mdchen mit dem faulenden
Zahnfleisch; was rechts von mir war, konnte ich erst nach einer Weile erkennen.
Es war eine ungeheuere, unbewegliche Masse, die ein Gesicht hatte und eine
groe, schwere, reglose Hand. Die Seite des Gesichtes, die ich sah, war leer,
ganz ohne Zge und ohne Erinnerungen, und es war unheimlich, da der Anzug wie
der einer Leiche war, die man fr den Sarg angekleidet hatte. Die schmale,
schwarze Halsbinde war in derselben losen unpersnlichen Weise um den Kragen
geschnallt, und dem Rock sah man es an, da er von anderen ber diesen
willenlosen Krper gezogen worden war. Die Hand hatte man auf diese Hose gelegt,
dorthin wo sie lag, und sogar das Haar war wie von Leichenwscherinnen gekmmt
und war, wie das Haar ausgestopfter Tiere, steif geordnet. Ich betrachtete das
alles mit Aufmerksamkeit, und es fiel mir ein, da dies also der Platz sei, der
fr mich bestimmt gewesen war, denn ich glaubte nun endlich an diejenige Stelle
meines Lebens gekommen zu sein, an der ich bleiben wrde. Ja, das Schicksal geht
wunderbare Wege.
    Pltzlich erhoben sich ganz in der Nhe rasch hintereinander die
erschreckten, abwehrenden Schreie eines Kindes, denen ein leises, zugehaltenes
Weinen folgte. Whrend ich mich anstrengte, herauszufinden, wo das knnte
gewesen sein, verzitterte wieder ein kleiner, unterdrckter Schrei, und ich
hrte Stimmen, die fragten, eine Stimme, die halblaut befahl, und dann schnurrte
irgend eine gleichgltige Maschine los und kmmerte sich um nichts. Jetzt
erinnerte ich mich jener halben Wand, und es war mir klar, da das alles von
jenseits der Tren kam und da man dort an der Arbeit war. Wirklich erschien von
Zeit zu Zeit der Wrter mit der fleckigen Schrze und winkte. Ich dachte gar
nicht mehr daran, da er mich meinen knnte. Galt es mir? Nein. Zwei Mnner
waren da mit einem Rollstuhl; sie hoben die Masse hinein, und ich sah jetzt, da
es ein alter, lahmer Mann war, der noch eine andere, kleinere, vom Leben
abgenutzte Seite hatte mit einem offenen, trben, traurigen Auge. Sie fuhren ihn
hinein, und neben mir entstand eine Menge Platz. Und ich sa und dachte, was sie
wohl dem blden Mdchen tun wollten und ob es auch schreien wrde. Die Maschinen
dahinten schnurrten so angenehm fabrikmig, es hatte gar nichts Beunruhigendes.
    Pltzlich aber war alles still, und in die Stille sagte eine berlegene,
selbstgefllige Stimme, die ich zu kennen glaubte:
    Riez! Pause. Riez. Mais riez, riez. Ich lachte schon. Es war
unerklrlich, weshalb der Mann da drben nicht lachen wollte. Eine Maschine
ratterte los, verstummte aber sofort wieder, Worte wurden gewechselt, dann erhob
sich wieder dieselbe energische Stimme und befahl: Dites-nous le mot: avant.
Buchstabierend: a-v-a-n-t... Stille. On n'entend rien. Encore une fois:....
    Und da, als es drben so warm und schwammig lallte: da zum erstenmal seit
vielen, vielen Jahren war es wieder da. Das, was mir das erste, tiefe Entsetzen
eingejagt hatte, wenn ich als Kind im Fieber lag: das Groe. Ja, so hatte ich
immer gesagt, wenn sie alle um mein Bett standen und mir den Puls fhlten und
mich fragten, was mich erschreckt habe: Das Groe. Und wenn sie den Doktor
holten und er war da und redete mir zu, so bat ich ihn, er mchte nur machen,
da das Groe wegginge, alles andere wre nichts. Aber er war wie die andern. Er
konnte es nicht fortnehmen, obwohl ich damals doch klein war und mir leicht zu
helfen gewesen wre. Und jetzt war es wieder da. Es war spter einfach
ausgeblieben, auch in Fiebernchten war es nicht wiedergekommen, aber jetzt war
es da, obwohl ich kein Fieber hatte. Jetzt war es da. Jetzt wuchs es aus mir
heraus wie eine Geschwulst, wie ein zweiter Kopf, und war ein Teil von mir,
obwohl es doch gar nicht zu mir gehren konnte, weil es so gro war. Es war da,
wie ein groes totes Tier, das einmal, als es noch lebte, meine Hand gewesen war
oder mein Arm. Und mein Blut ging durch mich und durch es, wie durch einen und
denselben Krper. Und mein Herz mute sich sehr anstrengen, um das Blut in das
Groe zu treiben: es war fast nicht genug Blut da. Und das Blut trat ungern ein
in das Groe und kam krank und schlecht zurck. Aber das Groe schwoll an und
wuchs mir vor das Gesicht wie eine warme bluliche Beule und wuchs mir vor den
Mund, und ber meinem letzten Auge war schon der Schatten von seinem Rande.
    Ich kann mich nicht erinnern, wie ich durch die vielen Hfe hinausgekommen
war. Es war Abend, und ich verirrte mich in der fremden Gegend und ging
Boulevards mit endlosen Mauern in einer Richtung hinauf und, wenn dann kein Ende
da war, in der entgegengesetzten Richtung zurck bis an irgendeinen Platz. Dort
begann ich eine Strae zu gehen, und es kamen andere Straen, die ich nie
gesehen hatte, und wieder andere. Elektrische Bahnen rasten manchmal berhell
und mit hartem, klopfendem Gelute heran und vorbei. Aber auf ihren Tafeln
standen Namen, die ich nicht kannte. Ich wute nicht, in welcher Stadt ich war
und ob ich hier irgendwo eine Wohnung hatte und was ich tun mute, um nicht mehr
gehen zu mssen.
    Und jetzt auch noch diese Krankheit, die mich immer schon so eigentmlich
berhrt hat. Ich bin sicher, da man sie unterschtzt. Genau wie man die
Bedeutung anderer Krankheiten bertreibt. Diese Krankheit hat keine bestimmten
Eigenheiten, sie nimmt die Eigenheiten dessen an, den sie ergreift. Mit einer
somnambulen Sicherheit holt sie aus einem jeden seine tiefste Gefahr heraus, die
vergangen schien, und stellt sie wieder vor ihn hin, ganz nah, in die nchste
Stunde. Mnner, die einmal in der Schulzeit das hlflose Laster versucht haben,
dessen betrogene Vertraute die armen, harten Knabenhnde sind, finden sich
wieder darber, oder es fngt eine Krankheit, die sie als Kinder berwunden
haben, wieder in ihnen an; oder eine verlorene Gewohnheit ist wieder da, ein
gewisses zgerndes Wenden des Kopfes, das ihnen vor Jahren eigen war. Und mit
dem, was kommt, hebt sich ein ganzes Gewirr irrer Erinnerungen, das daranhngt
wie nasser Tang an einer versunkenen Sache. Leben, von denen man nie erfahren
htte, tauchen empor und mischen sich unter das, was wirklich gewesen ist, und
verdrngen Vergangenes, das man zu kennen glaubte: denn in dem, was aufsteigt,
ist eine ausgeruhte, neue Kraft, das aber, was immer da war, ist mde von zu
oftem Erinnern.
    Ich liege in meinem Bett, fnf Treppen hoch, und mein Tag, den nichts
unterbricht, ist wie ein Zifferblatt ohne Zeiger. Wie ein Ding, das lange
verloren war, eines Morgens auf seiner Stelle liegt, geschont und gut, neuer
fast als zur Zeit des Verlustes, ganz als ob es bei irgend jemandem in Pflege
gewesen wre -: so liegt da und da auf meiner Bettdecke Verlorenes aus der
Kindheit und ist wie neu. Alle verlorenen ngste sind wieder da.
    Die Angst, da ein kleiner Wollfaden, der aus dem Saum der Decke
heraussteht, hart sei, hart und scharf wie eine sthlerne Nadel; die Angst, da
dieser kleine Knopf meines Nachthemdes grer sei als mein Kopf, gro und
schwer; die Angst, da dieses Krmchen Brot, das jetzt von meinem Bette fllt,
glsern und zerschlagen unten ankommen wrde, und die drckende Sorge, da damit
eigentlich alles zerbrochen sei, alles fr immer; die Angst, da der Streifen
Rand eines aufgerissenen Briefes etwas Verbotenes sei, das niemand sehen drfe,
etwas unbeschreiblich Kostbares, fr das keine Stelle in der Stube sicher genug
sei; die Angst, da ich, wenn ich einschliefe, das Stck Kohle verschlucken
wrde, das vor dem Ofen liegt; die Angst, da irgendeine Zahl in meinem Gehirn
zu wachsen beginnt, bis sie nicht mehr Raum hat in mir; die Angst, da das
Granit sei, worauf ich liege, grauer Granit; die Angst, da ich schreien knnte
und da man vor meiner Tre zusammenliefe und sie schlielich aufbrche, die
Angst, da ich mich verraten knnte und alles das sagen, wovor ich mich frchte,
und die Angst, da ich nichts sagen knnte, weil alles unsagbar ist, - und die
anderen ngste... die ngste.
    Ich habe um meine Kindheit gebeten, und sie ist wiedergekommen, und ich
fhle, da sie immer noch so schwer ist wie damals und da es nichts gentzt
hat, lter zu werden.
    Gestern war mein Fieber besser, und heute fngt der Tag wie Frhling an, wie
Frhling in Bildern. Ich will versuchen, auszugehen in die Bibliothque
Nationale zu meinem Dichter, den ich so lange nicht gelesen habe, und vielleicht
kann ich spter langsam durch die Grten gehen. Vielleicht ist Wind ber dem
groen Teich, der so wirkliches Wasser hat, und es kommen Kinder, die ihre
Schiffe mit den roten Segeln hineinlassen und zuschauen.
    Heute habe ich es nicht erwartet, ich bin so mutig ausgegangen, als wre das
das Natrlichste und Einfachste. Und doch, es war wieder etwas da, das mich nahm
wie Papier, mich zusammenknllte und fortwarf, es war etwas Unerhrtes da.
    Der Boulevard St-Michel war leer und weit, und es ging sich leicht auf
seiner leisen Neigung. Fensterflgel oben ffneten sich mit glsernem Aufklang,
und ihr Glnzen flog wie ein weier Vogel ber die Strae. Ein Wagen mit
hellroten Rdern kam vorber, und weiter unten trug jemand etwas Lichtgrnes.
Pferde liefen in blinkernden Geschirren auf dem dunkel gespritzten Fahrdamm, der
rein war. Der Wind war erregt, neu, mild, und alles stieg auf: Gerche, Rufe,
Glocken.
    Ich kam an einem der Cafhuser vorbei, in denen am Abend die falschen roten
Zigeuner spielen. Aus den offenen Fenstern kroch mit schlechtem Gewissen die
bernchtige Luft. Glattgekmmte Kellner waren dabei, vor der Tre zu scheuern.
Der eine stand gebckt und warf, handvoll nach handvoll, gelblichen Sand unter
die Tische. Da stie ihn einer von den Vorbergehenden an und zeigte die Strae
hinunter. Der Kellner, der ganz rot im Gesicht war, schaute eine Weile scharf
hin, dann verbreitete sich ein Lachen auf seinen bartlosen Wangen, als wre es
darauf verschttet worden. Er winkte den andern Kellnern, drehte das lachende
Gesicht ein paarmal schnell von rechts nach links, um alle herbeizurufen und
selbst nichts zu versumen. Nun standen alle und blickten hinuntersehend oder -
suchend, lchelnd oder rgerlich, da sie noch nicht entdeckt hatten, was
Lcherliches es gbe.
    Ich fhlte, da ein wenig Angst in mir anfing. Etwas drngte mich auf die
andere Seite hinber; aber ich begann nur schneller zu gehen und berblickte
unwillkrlich die wenigen Leute vor mir, an denen ich nichts Besonderes
bemerkte. Doch ich sah, da der eine, ein Laufbursche mit einer blauen Schrze
und einem leeren Henkelkorb ber der einen Schulter, jemandem nachschaute. Als
er genug hatte, drehte er sich auf derselben Stelle nach den Husern um und
machte zu einem lachenden Kommis hinber die schwankende Bewegung vor der
Stirne, die allen gelufig ist. Dann blitzte er mit den schwarzen Augen und kam
mir befriedigt und sich wiegend entgegen.
    Ich erwartete, sobald mein Auge Raum hatte, irgendeine ungewhnliche und
auffallende Figur zu sehen, aber es zeigte sich, da vor mir niemand ging, als
ein groer hagerer Mann in einem dunklen berzieher und mit einem weichen,
schwarzen Hut auf dem kurzen, fahlblonden Haar. Ich vergewisserte mich, da
weder an der Kleidung, noch in dem Benehmen dieses Mannes etwas Lcherliches
sei, und versuchte schon, an ihm vorber den Boulevard hinunter zu schauen, als
er ber irgend etwas stolperte. Da ich nahe hinter ihm folgte, nahm ich mich in
acht, aber als die Stelle kam, war da nichts, rein nichts. Wir gingen beide
weiter, er und ich, der Abstand zwischen uns blieb derselbe. Jetzt kam ein
Straenbergang, und da geschah es, da der Mann vor mir mit ungleichen Beinen
die Stufen des Gangsteigs hinunterhpfte in der Art etwa, wie Kinder manchmal
whrend des Gehens aufhpfen oder springen, wenn sie sich freuen. Auf den
jenseitigen Gangsteig kam er einfach mit einem langen Schritt hinauf. Aber kaum
war er oben, zog er das eine Bein ein wenig an und hpfte auf dem anderen einmal
hoch und gleich darauf wieder und wieder. Jetzt konnte man diese pltzliche
Bewegung wieder ganz gut fr ein Stolpern halten, wenn man sich einredete, es
wre da eine Kleinigkeit gewesen, ein Kern, die glitschige Schale einer Frucht,
irgend etwas; und das Seltsame war, da der Mann selbst an das Vorhandensein
eines Hindernisses zu glauben schien, denn er sah sich jedesmal mit jenem halb
rgerlichen, halb vorwurfsvollen Blick, den die Leute in solchen Augenblicken
haben, nach der lstigen Stelle um. Noch einmal rief mich etwas Warnendes auf
die andere Seite der Strae, aber ich folgte nicht und blieb immerfort hinter
diesem Manne, indem ich meine ganze Aufmerksamkeit auf seine Beine richtete. Ich
mu gestehen, da ich mich merkwrdig erleichtert fhlte, als etwa zwanzig
Schritte lang jenes Hpfen nicht wiederkam, aber da ich nun meine Augen aufhob,
bemerkte ich, da dem Manne ein anderes rgernis entstanden war. Der Kragen
seines berziehers hatte sich aufgestellt; und wie er sich auch, bald mit einer
Hand, bald mit beiden umstndlich bemhte, ihn niederzulegen, es wollte nicht
gelingen. Das kam vor. Es beunruhigte mich nicht. Aber gleich darauf gewahrte
ich mit grenzenloser Verwunderung, da in den beschftigten Hnden dieses
Menschen zwei Bewegungen waren: eine heimliche, rasche, mit welcher er den
Kragen unmerklich hochklappte, und jene andere ausfhrliche, anhaltende,
gleichsam bertrieben buchstabierte Bewegung, die das Umlegen des Kragens
bewerkstelligen sollte. Diese Beobachtung verwirrte mich so sehr, da zwei
Minuten vergingen, ehe ich erkannte, da im Halse des Mannes, hinter dem
hochgeschobenen berzieher und den nervs agierenden Hnden dasselbe
schreckliche, zweisilbige Hpfen war, das seine Beine eben verlassen hatte. Von
diesem Augenblick an war ich an ihn gebunden. Ich begriff, da dieses Hpfen in
seinem Krper herumirrte, da es versuchte, hier und da auszubrechen. Ich
verstand seine Angst vor den Leuten, und ich begann selber vorsichtig zu prfen,
ob die Vorbergehenden etwas merkten. Ein kalter Stich fuhr mir durch den
Rcken, als seine Beine pltzlich einen kleinen, zuckenden Sprung machten, aber
niemand hatte es gesehen, und ich dachte mir aus, da auch ich ein wenig
stolpern wollte, im Falle jemand aufmerksam wurde. Das wre gewi ein Mittel,
Neugierige glauben zu machen, es htte da doch ein kleines, unscheinbares
Hindernis im Wege gelegen, auf das wir zufllig beide getreten htten. Aber
whrend ich so auf Hlfe sann, hatte er selbst einen neuen, ausgezeichneten
Ausweg gefunden. Ich habe vergessen zu sagen, da er einen Stock trug; nun, es
war ein einfacher Stock, aus dunklem Holze mit einem schlichten, rund gebogenen
Handgriff. Und es war ihm in seiner suchenden Angst in den Sinn gekommen, diesen
Stock zunchst mit einer Hand (denn wer wei, wozu die zweite noch ntig sein
wrde) auf den Rcken zu halten, gerade ber die Wirbelsule, ihn fest ins Kreuz
zu drcken und das Ende der runden Krcke in den Kragen zu schieben, so da man
es hart und wie einen Halt hinter dem Halswirbel und dem ersten Rckenwirbel
sprte. Das war eine Haltung, die nicht auffllig, hchstens ein wenig bermtig
war; der unerwartete Frhlingstag konnte das entschuldigen. Niemandem fiel es
ein, sich umzusehen, und nun ging es. Es ging vortrefflich. Freilich beim
nchsten Straenbergange kamen zwei Hpfer aus, zwei kleine, halbunterdrckte
Hpfer, die vollkommen belanglos waren; und der eine, wirklich sichtbare Sprung
war so geschickt angebracht (es lag gerade ein Spritzschlauch quer ber dem
Weg), da nichts zu befrchten war. Ja, noch ging alles gut; von Zeit zu Zeit
griff auch die zweite Hand an den Stock und prete ihn fester an, und die Gefahr
war gleich wieder berstanden. Ich konnte nichts dagegen tun, da meine Angst
dennoch wuchs. Ich wute, da, whrend er ging und mit unendlicher Anstrengung
versuchte, gleichgltig und zerstreut auszusehen, das furchtbare Zucken in
seinem Krper sich anhufte; auch in mir war die Angst, mit der er es wachsen
und wachsen fhlte, und ich sah, wie er sich an den Stock klammerte, wenn es
innen in ihm zu rtteln begann. Dann war der Ausdruck dieser Hnde so
unerbittlich und streng, da ich alle Hoffnung in seinen Willen setzte, der gro
sein mute. Aber was war da ein Wille. Der Augenblick mute kommen, da seine
Kraft zu Ende war, er konnte nicht weit sein. Und ich, der ich hinter ihm
herging mit stark schlagendem Herzen, ich legte mein bichen Kraft zusammen wie
Geld, und indem ich auf seine Hnde sah, bat ich ihn, er mchte nehmen, wenn er
es brauchte.
    Ich glaube, da er es genommen hat; was konnte ich dafr, da es nicht mehr
war.
    Auf der Place St-Michel waren viele Fahrzeuge und hin und her eilende Leute,
wir waren oft zwischen zwei Wagen, und dann holte er Atem und lie sich ein
wenig gehen, wie um auszuruhen, und ein wenig hpfte es und nickte ein wenig.
Vielleicht war das die List, mit der die gefangene Krankheit ihn berwinden
wollte. Der Wille war an zwei Stellen durchbrochen, und das Nachgeben hatte in
den besessenen Muskeln einen leisen, lockenden Reiz zurckgelassen und den
zwingenden Zweitakt. Aber der Stock war noch an seinem Platz, und die Hnde
sahen bse und zornig aus; so betraten wir die Brcke, und es ging. Es ging. Nun
kam etwas Unsicheres in den Gang, nun lief er zwei Schritte, und nun stand er.
Stand. Die linke Hand lste sich leise vom Stock ab und hob sich so langsam
empor, da ich sie vor der Luft zittern sah; er schob den Hut ein wenig zurck
und strich sich ber die Stirn. Er wandte ein wenig den Kopf, und sein Blick
schwankte ber Himmel, Huser und Wasser hin, ohne zu fassen, und dann gab er
nach. Der Stock war fort, er spannte die Arme aus, als ob er auffliegen wollte,
und es brach aus ihm aus wie eine Naturkraft und bog ihn vor und ri ihn zurck
und lie ihn nicken und neigen und schleuderte Tanzkraft aus ihm heraus unter
die Menge. Denn schon waren viele Leute um ich, und ich sah ihn nicht mehr.
    Was htte es fr einen Sinn gehabt, noch irgendwohin zu gehen, ich war leer.
Wie in leeres Papier trieb ich an den Husern entlang, den Boulevard wieder
hinauf.

1Ich versuche es, Dir zu schreiben, obwohl es eigentlich nichts giebt nach einem
notwendigen Abschied. Ich versuche es dennoch, ich glaube, ich mu es tun, weil
ich die Heilige gesehen habe im Pantheon, die einsame, heilige Frau und das Dach
und die Tr und drin die Lampe mit dem bescheidnen Lichtkreis und drben die
schlafende Stadt und den Flu und die Ferne im Mondschein. Die Heilige wacht
ber der schlafenden Stadt. Ich habe geweint. Ich habe geweint, weil das alles
auf einmal so unerwartet da war. Ich habe davor geweint, ich wute mir nicht zu
helfen.
    Ich bin in Paris, die es hren freuen sich, die meisten beneiden mich. Sie
haben recht. Es ist eine groe Stadt, gro, voll merkwrdiger Versuchungen. Was
mich betrifft, ich mu zugeben, da ich ihnen in gewisser Beziehung erlegen bin.
Ich glaube, es lt sich nicht anders sagen. Ich bin diesen Versuchungen
erlegen, und das hat gewisse Vernderungen zur Folge gehabt, wenn nicht in
meinem Charakter, so doch in meiner Weltanschauung, jedenfalls in meinem Leben.
Eine vollkommen andere Auffassung aller Dinge hat sich unter diesen Einflssen
in mir herausgebildet, es sind gewisse Unterschiede da, die mich von den
Menschen mehr als alles Bisherige abtrennen. Eine vernderte Welt. Ein neues
Leben voll neuer Bedeutungen. Ich habe es augenblicklich etwas schwer, weil
alles zu neu ist. Ich bin ein Anfnger in meinen eigenen Verhltnissen.
    Ob es nicht mglich wre, einmal das Meer zu sehen?
    Ja, aber denke nur, ich bildete mir ein, Du knntest kommen. Httest Du mir
vielleicht sagen knnen, ob es einen Arzt giebt? Ich habe vergessen, mich danach
zu erkundigen. brigens brauche ich es jetzt nicht mehr.
    Erinnerst Du Dich an Baudelaires unglaubliches Gedicht Une Charogne? Es
kann sein, da ich es jetzt verstehe. Abgesehen von der letzten Strophe war er
im Recht. Was sollte er tun, da ihm das widerfuhr? Es war seine Aufgabe, in
diesem Schrecklichen, scheinbar nur Widerwrtigen das Seiende zu sehen, das
unter allem Seienden gilt. Auswahl und Ablehnung giebt es nicht. Hltst Du es
fr einen Zufall, da Flaubert seinen Saint-Julien-l'Hospitalier geschrieben
hat? Es kommt mir vor, als wre das das Entscheidende: ob einer es ber sich
bringt, sich zu dem Ausstzigen zu legen und ihn zu erwrmen mit der Herzwrme
der Liebesnchte, das kann nicht anders als gut ausgehen.
    Glaube nur nicht, da ich hier an Enttuschungen leide, im Gegenteil. Es
wundert mich manchmal, wie bereit ich alles Erwartete aufgebe fr das Wirkliche,
selbst wenn es arg ist.
    Mein Gott, wenn etwas davon sich teilen liee. Aber wre es dann, wre es
dann? Nein, es ist nur um den Preis des Alleinseins.

Die Existenz des Entsetzlichen in jedem Bestandteil der Luft. Du atmest es ein
mit Durchsichtigem; in dir aber schlgt es sich nieder, wird hart, nimmt spitze,
geometrische Formen an zwischen den Organen; denn alles, was sich an Qual und
Grauen begeben hat auf den Richtpltzen, in den Folterstuben, den Tollhusern,
den Operationsslen, unter den Brckenbgen im Nachherbst: alles das ist von
einer zhen Unvergnglichkeit, alles das besteht auf sich und hngt,
eiferschtig auf alles Seiende, an seiner schrecklichen Wirklichkeit. Die
Menschen mchten vieles davon vergessen drfen; ihr Schlaf feilt sanft ber
solche Furchen im Gehirn, aber Trume drngen ihn ab und ziehen die Zeichnungen
nach. Und sie wachen auf und keuchen und lassen einer Kerze Schein sich auflsen
in der Finsternis und trinken, wie gezuckertes Wasser, die halbhelle Beruhigung.
Aber, ach, auf welcher Kante hlt sich diese Sicherheit. Nur eine geringste
Wendung, und schon wieder steht der Blick ber Bekanntes und Freundliches
hinaus, und der eben noch so trstliche Kontur wird deutlicher als ein Rand von
Grauen. Hte dich vor dem Licht, das den Raum hohler macht; sieh dich nicht um,
ob nicht vielleicht ein Schatten hinter deinem Aufsitzen aufsteht wie dein Herr.
Besser vielleicht, du wrest in der Dunkelheit geblieben und dein unabgegrenztes
Herz htte versucht, all des Ununterscheidbaren schweres Herz zu sein. Nun hast
du dich zusammengenommen in dich, siehst dich vor dir aufhren in deinen Hnden,
ziehst von Zeit zu Zeit mit einer ungenauen Bewegung dein Gesicht nach. Und in
dir ist beinah kein Raum; und fast stillt es dich, da in dieser Engheit in dir
unmglich sehr Groes sich aufhalten kann; da auch das Unerhrte binnen werden
mu und sich beschrnken den Verhltnissen nach. Aber drauen, drauen ist es
ohne Absehen; und wenn es da drauen steigt, so fllt es sich auch in dir, nicht
in den Gefen, die teilweis in deiner Macht sind, oder im Phlegma deiner
gleichmtigeren Organe: im Kapillaren nimmt es zu, rhrig aufwrts gesaugt in
die uersten Verstelungen deines zahlloszweigigen Daseins. Dort hebt es sich,
dort bersteigt es dich, kommt hher als dein Atem, auf den du dich
hinaufflchtest wie auf deine letzte Stelle. Ach, und wohin dann, wohin dann?
Dein Herz treibt dich aus dir hinaus, dein Herz ist hinter dir her, und du
stehst fast schon auer dir und kannst nicht mehr zurck. Wie ein Kfer, auf den
man tritt, so quillst du aus dir hinaus, und dein bichen obere Hrte und
Anpassung ist ohne Sinn.
    O Nacht ohne Gegenstnde. O stumpfes Fenster hinaus, o sorgsam verschlossene
Tren; Einrichtungen von alters her, bernommen, beglaubigt, nie ganz
verstanden. O Stille im Stiegenhaus, Stille aus den Nebenzimmern, Stille hoch
oben an der Decke. O Mutter: o du Einzige, die alle diese Stille verstellt hat,
einst in der Kindheit. Die sie auf sich nimmt, sagt: erschrick nicht, ich bin
es. Die den Mut hat, ganz in der Nacht diese Stille zu sein fr das, was sich
frchtet, was verkommt vor Furcht. Du zndest ein Licht an, und schon das
Gerusch bist du. Und du hltst es vor dich und sagst: ich bin es, erschrick
nicht. Und du stellst es hin, langsam, und es ist kein Zweifel: du bist es, du
bist das Licht um die gewohnten herzlichen Dinge, die ohne Hintersinn da sind,
gut, einfltig, eindeutig. Und wenn es unruhigt in der Wand irgendwo, oder einen
Schritt macht in den Dielen: so lchelst du nur, lchelst, lchelst durchsichtig
auf hellem Grund in das bangsame Gesicht, das an dir forscht, als wrst du eins
und unterm Geheimnis mit jedem Halblaut, abgeredet mit ihm und einverstanden.
Gleicht eine Macht deiner Macht in der irdischen Herrschaft? Sieh, Knige liegen
und starren, und der Geschichtenerzhler kann sie nicht ablenken. An den seligen
Brsten ihrer Lieblingin berkriecht sie das Grauen und macht sie schlottrig und
lustlos. Du aber kommst und hltst das Ungeheuere hinter dir und bist ganz und
gar vor ihm; nicht wie ein Vorhang, den es da oder da aufschlagen kann. Nein,
als httest du es berholt auf den Ruf hin, der dich bedurfte. Als wrest du
weit allem zuvorgekommen, was kommen kann, und httest im Rcken nur dein
Hereilen, deinen ewigen Weg, den Flug deiner Liebe.

Der Mouleur, an dem ich jeden Tag vorberkomme, hat zwei Masken neben seiner Tr
ausgehngt. Das Gesicht der jungen Ertrnkten, das man in der Morgue abnahm,
weil es schn war, weil es lchelte, weil es so tuschend lchelte, als wte
es. Und darunter sein wissendes Gesicht. Diesen harten Knoten aus fest
zusammengezogenen Sinnen. Diese unerbittliche Selbstverdichtung fortwhrend
ausdampfen wollender Musik. Das Antlitz dessen, dem ein Gott das Gehr
verschlossen hat, damit es keine Klnge gbe, auer seinen. Damit er nicht
beirrt wrde durch das Trbe und Hinfllige der Gerusche. Er, in dem ihre
Klarheit und Dauer war; damit nur die tonlosen Sinne ihm Welt eintrgen,
lautlos, eine gespannte, wartende Welt, unfertig, vor der Erschaffung des
Klanges.
    Weltvollendender: wie, was als Regen fllt ber die Erde und an die
Gewsser, nachlssig niederfllt, zufllig fallend, - unsichtbarer und froh von
Gesetz wieder aufsteht aus allem und steigt und schwebt und die Himmel bildet:
so erhob sich aus dir der Aufstieg unserer Niederschlge und umwlbte die Welt
mit Musik.
    Deine Musik: da sie htte um die Welt sein drfen; nicht um uns. Da man
dir ein Hammerklavier erbaut htte in der Thebas; und ein Engel htte dich
hingefhrt vor das einsame Instrument, durch die Reihen der Wstengebirge, in
denen Knige ruhen und Hetren und Anachoreten. Und er htte sich hoch geworfen
und fort, ngstlich, da du begnnest.
    Und dann httest du ausgestrmt, Strmender, ungehrt; an das All
zurckgebend, was nur das All ertrgt. Die Beduinen wren in der Ferne
vorbeigejagt, aberglubisch; die Kaufleute aber htten sich hingeworfen am Rand
deiner Musik, als wrst du der Sturm. Einzelne Lwen nur htten dich weit bei
Nacht umkreist, erschrocken vor sich selbst, von ihrem bewegten Blute bedroht.
    Denn wer holt dich jetzt aus den Ohren zurck, die lstern sind? Wer treibt
sie aus den Musikslen, die Kuflichen mit dem unfruchtbaren Gehr, das hurt und
niemals empfngt? da strahlt Samen aus, und sie halten sich unter wie Dirnen und
spielen damit, oder er fllt, whrend sie daliegen in ihren ungetanen
Befriedigungen, wie Samen Onans zwischen sie alle.
    Wo aber, Herr, ein Jungfrulicher unbeschlafenen Ohrs lge bei deinem Klang:
er strbe an Seligkeit oder er trge Unendliches aus und sein befruchtetes Hirn
mte bersten an lauter Geburt.

Ich unterschtze es nicht. Ich wei, es gehrt Mut dazu. Aber nehmen wir fr
einen Augenblick an, es htte ihn einer, diesen Courage de luxe, ihnen
nachzugehen, um dann fr immer (denn wer knnte das wieder vergessen oder
verwechseln?) zu wissen, wo sie hernach hineinkriechen und was sie den vielen
brigen Tag beginnen und ob sie schlafen bei Nacht. Dies ganz besonders wre
festzustellen: ob sie schlafen. Aber mit dem Mut ist es noch nicht getan. Denn
sie kommen und gehen nicht wie die brigen Leute, denen zu folgen eine
Kleinigkeit wre. Sie sind da und wieder fort, hingestellt und weggenommen wie
Bleisoldaten. Es sind ein wenig abgelegene Stellen, wo man sie findet, aber
durchaus nicht versteckte. Die Bsche treten zurck, der Weg wendet sich ein
wenig um den Rasenplatz herum: da stehen sie und haben eine Menge durchsichtigen
Raumes um sich, als ob sie unter einem Glassturz stnden. Du knntest sie fr
nachdenkliche Spaziergnger halten, diese unscheinbaren Mnner von kleiner, in
jeder Beziehung bescheidener Gestalt. Aber du irrst. Siehst du die linke Hand,
wie sie nach etwas greift in der schiefen Tasche des alten berziehers; wie sie
es findet und herausholt und den kleinen Gegenstand linkisch und auffllig in
die Luft hlt? Es dauert keine Minute, so sind zwei, drei Vgel da, Spatzen, die
neugierig heranhpfen. Und wenn es dem Manne gelingt, ihrer sehr genauen
Auffassung von Unbeweglichkeit zu entsprechen, so ist kein Grund, warum sie
nicht noch nher kommen sollen. Und schlielich steigt der erste und schwirrt
eine Weile nervs in der Hhe jener Hand, die (wei Gott) ein kleines Stck
abgenutzten sen Brotes mit anspruchslosen, ausdrcklich verzichtenden Fingern
hinbietet. Und je mehr Menschen sich um ihn sammeln, in entsprechendem Abstand
natrlich, desto weniger hat er mit ihnen gemein. Wie ein Leuchter steht er da,
der ausbrennt, und leuchtet mit dem Rest von Docht und ist ganz warm davon und
hat sich nie gerhrt. Und wie er lockt, wie er anlockt, das knnen die vielen,
kleinen, dummen Vgel gar nicht beurteilen. Wenn die Zuschauer nicht wren und
man liee ihn lange genug dastehn, ich bin sicher, da auf einmal ein Engel kme
und berwnde sich und e den alten, slichen Bissen aus der verkmmerten
Hand. Dem sind nun, wie immer, die Leute im Wege. Sie sorgen dafr, da nur
Vgel kommen; sie finden das reichlich, und sie behaupten, er erwarte sich
nichts anderes. Was sollte sie auch erwarten, diese alte, verregnete Puppe, die
ein wenig schrg in der Erde steckt wie die Schiffsfiguren in den kleinen Grten
zuhause; kommt auch bei ihr diese Haltung davon her, da sie einmal irgendwo
vorne gestanden hat auf ihrem Leben, wo die Bewegung am grten ist? Ist sie nun
so verwaschen, weil sie einmal bunt war? Willst du sie fragen?
    Nur die Frauen frag nichts, wenn du eine fttern siehst. Denen knnte man
sogar folgen; sie tun es so im Vorbeigehen; es wre ein Leichtes. Aber la sie.
Sie wissen nicht, wie es kam. Sie haben auf einmal eine Menge Brot in ihrem
Handsack, und sie halten groe Stcke hinaus aus ihrer dnnen Mantille, Stcke,
die ein bichen gekaut sind und feucht. Das tut ihnen wohl, da ihr Speichel ein
wenig in die Welt kommt, da die kleinen Vgel mit diesem Beigeschmack
herumfliegen, wenn sie ihn natrlich auch gleich wieder vergessen.

Da sa ich an deinen Bchern, Eigensinniger, und versuchte sie zu meinen wie die
andern, die dich nicht beisammen lassen und sich ihren Anteil genommen haben,
befriedigt. Denn da begriff ich noch nicht den Ruhm, diesen ffentlichen Abbruch
eines Werdenden, in dessen Bauplatz die Menge einbricht, ihm die Steine
verschiebend.
    Junger Mensch irgendwo, in dem etwas aufsteigt, was ihn erschauern macht,
ntz es, da dich keiner kennt. Und wenn sie dir widersprechen, die dich fr
nichts nehmen, und wenn sie dich ganz aufgeben, die, mit denen du umgehst, und
wenn sie dich ausrotten wollen, um deiner lieben Gedanken willen, was ist diese
deutliche Gefahr, die dich zusammenhlt in dir, gegen die listige Feindschaft
spter des Ruhms, die dich unschdlich macht, indem sie dich ausstreut.
    Bitte keinen, da er von dir sprche, nicht einmal verchtlich. Und wenn die
Zeit geht und du merkst, wie dein Name herumkommt unter den Leuten, nimm ihn
nicht ernster als alles, was du in ihrem Munde findest. Denk: er ist schlecht
geworden, und tu ihn ab. Nimm einen andern an, irgendeinen, damit Gott dich
rufen kann in der Nacht. Und verbirg ihn vor allen.
    Du Einsamster, Abseitiger, wie haben sie dich eingeholt auf deinem Ruhm. Wie
lang ist es her, da waren sie wider dich von Grund aus, und jetzt gehen sie mit
dir um, wie mit ihresgleichen. Und deine Worte fhren sie mit sich in den
Kfigen ihres Dnkels und zeigen sie auf den Pltzen und reizen sie ein wenig
von ihrer Sicherheit aus. Alle deine schrecklichen Raubtiere.
    Da las ich dich erst, da sie mir ausbrachen und mich anfielen in meiner
Wste, die Verzweifelten. Verzweifelt, wie du selber warst am Schlu, du, dessen
Bahn falsch eingezeichnet steht in allen Karten. Wie ein Sprung geht sie durch
die Himmel, diese hoffnungslose Hyperbel deines Weges, die sich nur einmal
heranbiegt an uns und sich entfernt voll Entsetzen. Was lag dir daran, ob eine
Frau bleibt oder fortgeht und ob einen der Schwindel ergreift und einen der
Wahnsinn und ob Tote lebendig sind und Lebendige scheintot: was lag dir daran?
Dies alles war so natrlich fr dich; da gingst du durch, wie man durch einen
Vorraum geht, und hieltst dich nicht auf. Aber dort weiltest du und warst
gebckt, wo unser Geschehen kocht und sich niederschlgt und die Farbe
verndert, innen. Innerer als dort, wo je einer war; eine Tr war dir
aufgesprungen, und nun warst du bei den Kolben im Feuerschein. Dort, wohin du
nie einen mitnahmst, Mitrauischer, dort saest du und unterschiedest bergnge.
Und dort, weil das Aufzeigen dir im Blute war und nicht das Bilden oder das
Sagen, dort fatest du den ungeheuren Entschlu, dieses Winzige, das du selber
zuerst nur durch Glser gewahrtest, ganz allein gleich so zu vergrern, da es
vor Tausenden sei, riesig, vor allen. Dein Theater entstand. Du konntest nicht
warten, da dieses fast raumlose von den Jahrhunderten zu Tropfen
zusammengeprete Leben von den anderen Knsten gefunden und allmhlich
versichtbart werde fr einzelne, die sich nach und nach zusammenfinden zur
Einsicht und die endlich verlangen, gemeinsam die erlauchten Gerchte besttigt
zu sehen im Gleichnis der vor ihnen aufgeschlagenen Szene. Dies konntest du
nicht abwarten, du warst da, du mutest das kaum Mebare: ein Gefhl, das um
einen halben Grad stieg, den Ausschlagswinkel eines von fast nichts beschwerten
Willens, den du ablasest von ganz nah, die leichte Trbung in einem Tropfen
Sehnsucht und dieses Nichts von Farbenwechsel in einem Atom von Zutrauen: dieses
mutest du feststellen und aufbehalten; denn in solchen Vorgngen war jetzt das
Leben, unser Leben, das in uns hineingeglitten war, das sich nach innen
zurckgezogen hatte, so tief, da es kaum noch Vermutungen darber gab.
    So wie du warst, auf das Zeigen angelegt, ein zeitlos tragischer Dichter,
mutest du dieses Kapillare mit einem Schlag umsetzen in die berzeugendsten
Gebrden, in die vorhandensten Dinge. Da gingst du an die beispiellose Gewalttat
deines Werkes, das immer ungeduldiger, immer verzweifelter unter dem Sichtbaren
nach den quivalenten suchte fr das innen Gesehene. Da war ein Kaninchen, ein
Bodenraum, ein Saal, in dem einer auf und nieder geht: da war ein Glasklirren im
Nebenzimmer, ein Brand vor den Fenstern, da war die Sonne. Da war eine Kirche
und ein Felsental, das einer Kirche glich. Aber das reichte nicht aus;
schlielich muten die Trme herein und die ganzen Gebirge; und die Lawinen, die
die Landschaften begraben, verschtteten die mit Greifbarem berladene Bhne um
des Unfalichen willen. Da konntst du nicht mehr. Die beiden Enden, die du
zusammengebogen hattest, schnellten auseinander; deine wahnsinnige Kraft
entsprang aus dem elastischen Stab, und dein Werk war wie nicht.
    Wer begriffe es sonst, da du zum Schlu nicht vom Fenster fortwolltest,
eigensinnig wie du immer warst, Die Vorbergehenden wolltest du sehen; denn es
war dir der Gedanke gekommen, ob man nicht eines Tages etwas machen knnte aus
ihnen, wenn man sich entschlsse anzufangen.

Damals zuerst fiel es mir auf, da man von einer Frau nichts sagen knne; ich
merkte, wenn sie von ihr erzhlten, wie sie sie aussparten, wie sie die anderen
nannten und beschrieben, die Umgebungen, die rtlichkeiten, die Gegenstnde bis
an eine bestimmte Stelle heran, wo das alles aufhrte, sanft und gleichsam
vorsichtig aufhrte mit dem leichten, niemals nachgezogenen Kontur, der sie
einschlo. Wie war sie? fragte ich dann. Blond, ungefhr wie du, sagten sie
und zhlten allerhand auf, was sie sonst noch wuten; aber darber wurde sie
wieder ganz ungenau, und ich konnte mir nichts mehr vorstellen. Sehen eigentlich
konnte ich sie nur, wenn Maman mir die Geschichte erzhlte, die ich immer wieder
verlangte -.
    - Dann pflegte sie jedesmal, wenn sie zu der Szene mit dem Hunde kam, die
Augen zu schlieen und das ganz verschlossene, aber berall durchscheinende
Gesicht irgendwie instndig zwischen ihre beiden Hnde zu halten, die es kalt an
den Schlfen berhrten. Ich hab es gesehen, Malte, beschwor sie: Ich hab es
gesehen. Das war schon in ihren letzten Jahren, da ich dies von ihr gehrt
habe. In der Zeit, wo sie niemanden mehr sehen wollte und wo sie immer, auch auf
Reisen, das kleine, dichte, silberne Sieb bei sich hatte, durch das sie alle
Getrnke seihte. Speisen von fester Form nahm sie nie mehr zu sich, es sei denn
etwas Biskuit oder Brot, das sie, wenn sie allein war, zerbrckelte und Krmel
fr Krmel a, wie Kinder Krmel essen. Ihre Angst vor Nadeln beherrschte sie
damals schon vllig. Zu den anderen sagte sie nur, um sich zu entschuldigen:
Ich vertrage rein nichts mehr, aber es mu euch nicht stren, ich befinde mich
ausgezeichnet dabei.
    Zu mir aber konnte sie sich pltzlich hinwenden (denn ich war schon ein
bichen erwachsen) und mit einem Lcheln, das sie sehr anstrengte, sagen: Was
es doch fr viele Nadeln giebt, Malte, und wo sie berall herumliegen, und wenn
man bedenkt, wie leicht sie herausfallen... Sie hielt darauf, es recht
scherzend zu sagen; aber das Entsetzen schttelte sie bei dem Gedanken an alle
die schlecht befestigten Nadeln, die jeden Augenblick irgendwo hineinfallen
konnten.

Wenn sie aber von Ingeborg erzhlte, dann konnte ihr nichts geschehen; dann
schonte sie sich nicht; dann sprach sie lauter, dann lachte sie in der
Erinnerung an Ingeborgs Lachen, dann sollte man sehen, wie schn Ingeborg
gewesen war. Sie machte uns alle froh, sagte sie, deinen Vater auch, Malte,
buchstblich froh. Aber dann, als es hie, da sie sterben wrde, obwohl sie
doch nur ein wenig krank schien, und wir gingen alle herum und verbargen es, da
setzte sie sich einmal im Bette auf und sagte so vor sich hin, wie einer, der
hren will, wie etwas klingt: Ihr mt euch nicht so zusammennehmen; wir wissen
es alle, und ich kann euch beruhigen, es ist gut so wie es kommt, ich mag nicht
mehr. Stell dir vor, sie sagte: Ich mag nicht mehr; sie, die uns alle froh
machte. Ob du das einmal verstehen wirst, wenn du gro bist, Malte? Denk daran
spter, vielleicht fllt es dir ein. Es wre ganz gut, wenn es jemanden gbe,
der solche Sachen versteht.
    Solche Sachen beschftigten Maman, wenn sie allein war, und sie war immer
allein diese letzten Jahre.
    Ich werde ja nie darauf kommen, Malte, sagte sie manchmal mit ihrem
eigentmlich khnen Lcheln, das von niemandem gesehen sein wollte und seinen
Zweck ganz erfllte, indem es gelchelt ward. Aber da es keinen reizt, das
herauszufinden; wenn ich ein Mann wre, ja gerade wenn ich ein Mann wre, wrde
ich darber nachdenken, richtig der Reihe und Ordnung nach und von Anfang an.
Denn einen Anfang mu es doch geben, und wenn man ihn zu fassen bekme, das wre
immer schon etwas. Ach Malte, wir gehen so hin, und mir kommt vor, da alle
zerstreut sind und beschftigt und nicht recht achtgeben, wenn wir hingehen. Als
ob eine Sternschnuppe fiele und es sieht sie keiner und keiner hat sich etwas
gewnscht. Vergi nie, dir etwas zu wnschen, Malte. Wnschen, das soll man
nicht aufgeben. Ich glaube, es giebt keine Erfllung, aber es giebt Wnsche, die
lange vorhalten, das ganze Leben lang, so da man die Erfllung doch gar nicht
abwarten knnte.
    Maman hatte Ingeborgs kleinen Sekretr hinauf in ihr Zimmer stellen lassen,
davor fand ich sie oft, denn ich durfte ohne weiteres bei ihr eintreten. Mein
Schritt verging vllig in dem Teppich, aber sie fhlte mich und hielt mir eine
ihrer Hnde ber die andere Schulter hin. Diese Hand war ganz ohne Gewicht, und
sie kte sich fast wie das elfenbeinerne Kruzifix, das man mir abends vor dem
Einschlafen reichte. An diesem niederen Schreibschrank, der mit einer Platte
sich vor ihr aufschlug, sa sie wie an einem Instrument. Es ist so viel Sonne
drin, sagte sie, und wirklich, das Innere war merkwrdig hell, von altem,
gelbem Lack, auf dem Blumen gemalt waren, immer eine rote und eine blaue. Und wo
drei nebeneinanderstanden, gab es eine violette zwischen ihnen, die die beiden
anderen trennte. Diese Farben und das Grn des schmalen, waagerechten
Rankenwerks waren ebenso verdunkelt in sich, wie der Grund strahlend war, ohne
eigentlich klar zu sein. Das ergab ein seltsam gedmpftes Verhltnis von Tnen,
die in innerlichen gegenseitigen Beziehungen standen, ohne sich ber sie
auszusprechen.
    Maman zog die kleinen Laden heraus, die alle leer waren.
    Ach, Rosen, sagte sie und hielt sich ein wenig vor in den trben Geruch
hinein, der nicht alle wurde. Sie hatte dabei immer die Vorstellung, es knnte
sich pltzlich noch etwas finden in einem geheimen Fach, an das niemand gedacht
hatte und das nur dem Druck irgendeiner versteckten Feder nachgab. Auf einmal
springt es vor, du sollst sehen, sagte sie ernst und ngstlich und zog eilig an
allen Laden. Was aber wirklich an Papieren in den Fchern zurckgeblieben war,
das hatte sie sorgfltig zusammen gelegt und eingeschlossen, ohne es zu lesen.
Ich verstnde es doch nicht, Malte, es wre sicher zu schwer fr mich. Sie
hatte die berzeugung, da alles zu kompliziert fr sie sei. Es giebt keine
Klassen im Leben fr Anfnger, es ist immer gleich das Schwierigste, was von
einem verlangt wird. Man versicherte mir, da sie erst seit dem schrecklichen
Tode ihrer Schwester so geworden sei, der Grfin llegaard Skeel, die
verbrannte, da sie sich vor einem Balle am Leuchterspiegel die Blumen im Haar
anders anstecken wollte. Aber in letzter Zeit schien ihr doch Ingeborg das, was
am schwersten zu begreifen war.
    Und nun will ich die Geschichte aufschreiben, so wie Maman sie erzhlte,
wenn ich darum bat.
    Es war mitten im Sommer, am Donnerstag nach Ingeborgs Beisetzung. Von dem
Platze auf der Terrasse, wo der Tee genommen wurde, konnte man den Giebel des
Erbbegrbnisses sehen zwischen den riesigen Ulmen hin. Es war so gedeckt worden,
als ob nie eine Person mehr an diesem Tisch gesessen htte, und wir saen auch
alle recht ausgebreitet herum. Und jeder hatte etwas mitgebracht, ein Buch oder
einen Arbeitskorb, so da wir sogar ein wenig beengt waren. Abelone (Mamans
jngste Schwester) verteilte den Tee, und alle waren beschftigt, etwas
herumzureichen, nur dein Grovater sah von seinem Sessel aus nach dem Hause hin.
Es war die Stunde, da man die Post erwartete, und es fgte sich meistens so, da
Ingeborg sie brachte, die mit den Anordnungen fr das Essen lnger drin
zurckgehalten war. In den Wochen ihrer Krankheit hatten wir nun reichlich Zeit
gehabt, uns ihres Kommens zu entwhnen; denn wir wuten ja, da sie nicht kommen
knne. Aber an diesem Nachmittag, Malte, da sie wirklich nicht mehr kommen
konnte -: da kam sie. Vielleicht war es unsere Schuld; vielleicht haben wir sie
gerufen. Denn ich erinnere mich, da ich auf einmal dasa und angestrengt war,
mich zu besinnen, was denn eigentlich nun anders sei. Es war mir pltzlich nicht
mglich zu sagen, was; ich hatte es vllig vergessen. Ich blickte auf und sah
alle andern dem Hause zugewendet, nicht etwa auf eine besondere, auffllige
Weise, sondern so recht ruhig und alltglich in ihrer Erwartung. Und da war ich
daran - (mir wird ganz kalt, Malte, wenn ich es denke) aber, Gott beht mich,
ich war daran zu sagen: Wo bleibt nur - Da scho schon Cavalier, wie er immer
tat, unter dem Tisch hervor und lief ihr entgegen. Ich hab es gesehen, Malte,
ich hab es gesehen. Er lief ihr entgegen, obwohl sie nicht kam; fr ihn kam sie.
Wir begriffen, da er ihr entgegenlief. Zweimal sah er sich nach uns um, als ob
er fragte. Dann raste er auf sie zu, wie immer, Malte, genau wie immer, und
erreichte sie; denn er begann rund herum zu springen, Malte, um etwas, was nicht
da war, und dann hinauf an ihr, um sie zu lecken, gerade hinauf. Wir hrten ihn
winseln vor Freude, und wie er so in die Hhe schnellte, mehrmals rasch
hintereinander, htte man wirklich meinen knnen, er verdecke sie uns mit seinen
Sprngen. Aber da heulte es auf einmal, und er drehte sich von seinem eigenen
Schwunge in der Luft um und strzte zurck, merkwrdig ungeschickt, und lag ganz
eigentmlich flach da und rhrte sich nicht. Von der andern Seite trat der
Diener aus dem Hause mit den Briefen. Er zgerte eine Weile; offenbar war es
nicht ganz leicht, auf unsere Gesichter zuzugehen. Und dein Vater winkte ihm
auch schon, zu bleiben. Dein Vater, Malte, liebte keine Tiere; aber nun ging er
doch hin, langsam, wie mir schien, und bckte sich ber den Hund. Er sagte etwas
zu dem Diener, irgend etwas Kurzes, Einsilbiges. Ich sah, wie der Diener
hinzusprang, um Cavalier aufzuheben. Aber da nahm dein Vater selbst das Tier und
ging damit, als wte er genau wohin, ins Haus hinein.

Einmal, als es ber dieser Erzhlung fast dunkel geworden war, war ich nahe
daran, Maman von der Hand zu erzhlen: in diesem Augenblick htte ich es
gekonnt. Ich atmete schon auf, um anzufangen, aber da fiel mir ein, wie gut ich
den Diener begriffen hatte, da er nicht hatte kommen knnen auf ihre Gesichter
zu. Und ich frchtete mich trotz der Dunkelheit vor Mamans Gesicht, wenn es
sehen wrde, was ich gesehen habe. Ich holte rasch noch einmal Atem, damit es
den Anschein habe, als htte ich nichts anderes gewollt. Ein paar Jahre hernach,
nach der merkwrdigen Nacht in der Galerie auf Urnekloster, ging ich tagelang
damit um, mich dem kleinen Erik anzuvertrauen. Aber er hatte sich nach unserem
nchtlichen Gesprch wieder ganz vor mir zugeschlossen, er vermied mich; ich
glaube, da er mich verachtete. Und gerade deshalb wollte ich ihm von der Hand
erzhlen. Ich bildete mir ein, ich wrde in seiner Meinung gewinnen (und das
wnschte ich dringend aus irgendeinem Grunde), wenn ich ihm begreiflich machen
knnte, da ich das wirklich erlebt hatte. Erik aber war so geschickt im
Ausweichen, da es nicht dazu kam. Und dann reisten wir ja auch gleich. So ist
es, wunderlich genug, das erstemal, da ich (und schlielich auch nur mir
selber) eine Begebenheit erzhle, die nun weit zurckliegt in meiner Kindheit.
    Wie klein ich damals noch gewesen sein mu, sehe ich daran, da ich auf dem
Sessel kniete, um bequem auf den Tisch hinaufzureichen, auf dem ich zeichnete.
Es war am Abend, im Winter, wenn ich nicht irre, in der Stadtwohnung. Der Tisch
stand in meinem Zimmer, zwischen den Fenstern, und es war keine Lampe im Zimmer,
als die, die auf meine Bltter schien und auf Mademoiselles Buch; denn
Mademoiselle sa neben mir, etwas zurckgerckt, und las. Sie war weit weg, wenn
sie las, ich wei nicht, ob sie im Buche war; sie konnte lesen, stundenlang, sie
bltterte selten um, und ich hatte den Eindruck, als wrden die Seiten immer
voller unter ihr, als schaute sie Worte hinzu, bestimmte Worte, die sie ntig
hatte und die nicht da waren. Das kam mir so vor, whrend ich zeichnete. Ich
zeichnete langsam, ohne sehr entschiedene Absicht, und sah alles, wenn ich nicht
weiter wute, mit ein wenig nach rechts geneigtem Kopfe an; so fiel mir immer am
raschesten ein, was noch fehlte. Es waren Offiziere zu Pferd, die in die
Schlacht ritten, oder sie waren mitten drin, und das war viel einfacher, weil
dann fast nur der Rauch zu machen war, der alles einhllte. Maman freilich
behauptet nun immer, da es Inseln gewesen waren, was ich malte; Inseln mit
groen Bumen und einem Schlo und einer Treppe und Blumen am Rand, die sich
spiegeln sollten im Wasser. Aber ich glaube, das erfindet sie, oder es mu
spter gewesen sein.
    Es ist ausgemacht, da ich an jenem Abend einen Ritter zeichnete, einen
einzelnen, sehr deutlichen Ritter auf einem merkwrdig bekleideten Pferd. Er
wurde so bunt, da ich oft die Stifte wechseln mute, aber vor allem kam doch
der rote in Betracht, nach dem ich immer wieder griff. Nun hatte ich ihn noch
einmal ntig; da rollte er (ich sehe ihn noch) quer ber das beschienene Blatt
an den Rand und fiel, ehe ichs verhindern konnte, an mir vorbei hinunter und war
fort. Ich brauchte ihn wirklich dringend, und es war recht rgerlich, ihm nun
nachzuklettern. Ungeschickt, wie ich war, kostete es mich allerhand
Veranstaltungen, hinunterzukommen; meine Beine schienen mir viel zu lang, ich
konnte sie nicht unter mir hervorziehen; die zu lange eingehaltene knieende
Stellung hatte meine Glieder dumpf gemacht; ich wute nicht, was zu mir und was
zum Sessel gehrte. Endlich kam ich doch, etwas konfus, unten an und befand mich
auf einem Fell, das sich unter dem Tisch bis gegen die Wand hinzog. Aber da
ergab sich eine neue Schwierigkeit. Eingestellt auf die Helligkeit da oben und
noch ganz begeistert fr die Farben auf dem weien Papier, vermochten meine
Augen nicht das geringste unter dem Tisch zu erkennen, wo mir das Schwarze so
zugeschlossen schien, da ich bange war, daran zu stoen. Ich verlie mich also
auf mein Gefhl und kmmte, knieend und auf die linke gesttzt, mit der andern
Hand in dem khlen, langhaarigen Teppich herum, der sich recht vertraulich
anfhlte; nur da kein Bleistift zu spren war. Ich bildete mir ein, eine Menge
Zeit zu verlieren, und wollte eben schon Mademoiselle anrufen und sie bitten,
mir die Lampe zu halten, als ich merkte, da fr meine unwillkrlich
angestrengten Augen das Dunkel nach und nach durchsichtiger wurde. Ich konnte
schon hinten die Wand unterscheiden, die mit einer hellen Leiste abschlo; ich
orientierte mich ber die Beine des Tisches; ich erkannte vor allem meine
eigene, ausgespreizte Hand, die sich ganz allein, ein bichen wie ein
Wassertier, da unten bewegte und den Grund untersuchte. Ich sah ihr, wei ich
noch, fast neugierig zu; es kam mir vor, als knnte sie Dinge, die ich sie nicht
gelehrt hatte, wie sie da unten so eigenmchtig herumtastete mit Bewegungen, die
ich nie an ihr beobachtet hatte. Ich verfolgte sie, wie sie vordrang, es
interessierte mich, ich war auf allerhand vorbereitet. Aber wie htte ich darauf
gefat sein sollen, da ihr mit einem Male aus der Wand eine andere Hand
entgegenkam, eine grere, ungewhnlich magere Hand, wie ich noch nie eine
gesehen hatte. Sie suchte in hnlicher Weise von der anderen Seite her, und die
beiden gespreizten Hnde bewegten sich blind aufeinander zu. Meine Neugierde war
noch nicht aufgebraucht, aber pltzlich war sie zu Ende, und es war nur Grauen
da. Ich fhlte, da die eine von den Hnden mir gehrte und da sie sich da in
etwas einlie, was nicht wieder gutzumachen war. Mit allem Recht, das ich auf
sie hatte, hielt ich sie an und zog sie flach und langsam zurck, indem ich die
andere nicht aus den Augen lie, die weitersuchte. Ich begriff, da sie es nicht
aufgeben wrde, ich kann nicht sagen, wie ich wieder hinaufkam. Ich sa ganz
tief im Sessel, die Zhne schlugen mir aufeinander, und ich hatte so wenig Blut
im Gesicht, da mir schien, es wre kein Blau mehr in meinen Augen.
    Mademoiselle -, wollte ich sagen und konnte es nicht, aber da erschrak sie
von selbst, sie warf ihr Buch hin und kniete sich neben den Sessel und rief
meinen Namen; ich glaube, da sie mich rttelte. Aber ich war ganz bei
Bewutsein. Ich schluckte ein paarmal; denn nun wollte ich es erzhlen.
    Aber wie? Ich nahm mich unbeschreiblich zusammen, aber es war nicht
auszudrcken, so da es einer begriff. Gab es Worte fr dieses Ereignis, so war
ich zu klein, welche zu finden. Und pltzlich ergriff mich die Angst, sie
knnten doch, ber mein Alter hinaus, auf einmal da sein, diese Worte, und es
schien mir frchterlicher als alles, sie dann sagen zu mssen. Das Wirkliche da
unten noch einmal durchzumachen, anders, abgewandelt, von Anfang an; zu hren,
wie ich es zugebe, dazu hatte ich keine Kraft mehr.
    Es ist natrlich Einbildung, wenn ich nun behaupte, ich htte in jener Zeit
schon gefhlt, da da etwas in mein Leben gekommen sei, geradeaus in meines,
womit ich allein wrde herumgehen mssen, immer und immer. Ich sehe mich in
meinem kleinen Gitterbett liegen und nicht schlafen und irgendwie ungenau
voraussehen, da so das Leben sein wrde: voll lauter besonderer Dinge, die nur
fr Einen gemeint sind und die sich nicht sagen lassen. Sicher ist, da sich
nach und nach ein trauriger und schwerer Stolz in mir erhob. Ich stellte mir
vor, wie man herumgehen wrde, voll von Innerem und schweigsam. Ich empfand eine
ungestme Sympathie fr die Erwachsenen; ich bewunderte sie, und ich nahm mir
vor, ihnen zu sagen, da ich sie bewunderte. Ich nahm mir vor, es Mademoiselle
zu sagen bei der nchsten Gelegenheit.

Und dann kam eine von diesen Krankheiten, die darauf ausgingen, mir zu beweisen,
da dies nicht das erste eigene Erlebnis war. Das Fieber whlte in mir und holte
von ganz unten Erfahrungen, Bilder, Tatsachen heraus, von denen ich nicht gewut
hatte; ich lag da, berhuft mit mir, und wartete auf den Augenblick, da mir
befohlen wrde, dies alles wieder in mich hineinzuschichten, ordentlich, der
Reihe nach. Ich begann, aber es wuchs mir unter den Hnden, es strubte sich, es
war viel zu viel. Dann packte mich die Wut, und ich warf alles in Haufen in mich
hinein und prete es zusammen; aber ich ging nicht wieder darber zu. Und da
schrie ich, halb offen wie ich war, schrie ich und schrie. Und wenn ich anfing
hinauszusehen aus mir, so standen sie seit lange um mein Bett und hielten mir
die Hnde, und eine Kerze war da, und ihre groen Schatten rhrten sich hinter
ihnen. Und mein Vater befahl mir, zu sagen, was es gbe. Es war ein
freundlicher, gedmpfter Befehl, aber ein Befehl war es immerhin. Und er wurde
ungeduldig, wenn ich nicht antwortete.
    Maman kam nie in der Nacht -, oder doch, einmal kam sie. Ich hatte
geschrieen und geschrieen, und Mademoiselle war gekommen und Sieversen, die
Haushlterin, und Georg, der Kutscher; aber das hatte nichts genutzt. Und da
hatten sie endlich den Wagen nach den Eltern geschickt, die auf einem groen
Balle waren, ich glaube beim Kronprinzen. Und auf einmal hrte ich ihn
hereinfahren in den Hof, und ich wurde still, sa und sah nach der Tr. Und da
rauschte es ein wenig in den anderen Zimmern, und Maman kam herein in der groen
Hofrobe, die sie gar nicht in acht nahm, und lief beinah und lie ihren weien
Pelz hinter sich fallen und nahm mich in die bloen Arme. Und ich befhlte,
erstaunt und entzckt wie nie, ihr Haar und ihr kleines, gepflegtes Gesicht und
die kalten Steine an ihren Ohren und die Seide am Rand ihrer Schultern, die nach
Blumen dufteten. Und wir blieben so und weinten zrtlich und kten uns, bis wir
fhlten, da der Vater da war und da wir uns trennen muten. Er hat hohes
Fieber, hrte ich Maman schchtern sagen, und der Vater griff nach meiner Hand
und zhlte den Puls. Er war in der Jgermeisteruniform mit dem schnen, breiten,
gewsserten blauen Band des Elefanten. Was fr ein Unsinn, uns zu rufen, sagte
er ins Zimmer hinein, ohne mich anzusehen. Sie hatten versprochen,
zurckzukehren, wenn es nichts Ernstliches wre. Und Ernstliches war es ja
nichts. Auf meiner Decke aber fand ich Mamans Tanzkarte und weie Kamelien, die
ich noch nie gesehen hatte und die ich mir auf die Augen legte, als ich merkte,
wie khl sie waren.

Aber was lang war, das waren die Nachmittage in solchen Krankheiten. Am Morgen
nach der schlechten Nacht kam man immer in Schlaf, und wenn man erwachte und
meinte, nun wre es wieder frh, so war es Nachmittag und blieb Nachmittag und
hrte nicht auf Nachmittag zu sein. Da lag man so in dem aufgerumten Bett und
wuchs vielleicht ein wenig in den Gelenken und war viel zu mde, um sich irgend
etwas vorzustellen. Der Geschmack vom Apfelmus hielt lange vor, und das war
schon alles mgliche, wenn man ihn irgendwie auslegte, unwillkrlich, und die
reinliche Sure an Stelle von Gedanken in sich herumgehen lie. Spter, wenn die
Krfte wiederkamen, wurden die Kissen hinter einem aufgebaut, und man konnte
aufsitzen und mit Soldaten spielen; aber sie fielen so leicht um auf dem
schiefen Bett-Tisch und dann immer gleich die ganze Reihe; und man war doch noch
nicht so ganz im Leben drin, um immer wieder von vorn anzufangen. Pltzlich war
es zuviel, und man bat, alles recht rasch fortzunehmen, und es tat wohl, wieder
nur die zwei Hnde zu sehen, ein bichen weiter hin auf der leeren Decke.
    Wenn Maman mal eine halbe Stunde kam und Mrchen vorlas (zum richtigen,
langen Vorlesen war Sieversen da), so war das nicht um der Mrchen willen. Denn
wir waren einig darber, da wir Mrchen nicht liebten. Wir hatten einen anderen
Begriff vom Wunderbaren. Wir fanden, wenn alles mit natrlichen Dingen zuginge,
so wre das immer am wunderbarsten. Wir gaben nicht viel darauf, durch die Luft
zu fliegen, die Feen enttuschten uns, und von den Verwandlungen in etwas
anderes erwarteten wir uns nur eine sehr oberflchliche Abwechslung. Aber wir
lasen doch ein bichen, um beschftigt auszusehen; es war uns nicht angenehm,
wenn irgend jemand eintrat, erst erklren zu mssen, was wir gerade taten;
besonders Vater gegenber waren wir von einer bertriebenen Deutlichkeit.
    Nur wenn wir ganz sicher waren, nicht gestrt zu sein, und es dmmerte
drauen, konnte es geschehen, da wir uns Erinnerungen hingaben, gemeinsamen
Erinnerungen, die uns beiden alt schienen und ber die wir lchelten; denn wir
waren beide gro geworden seither. Es fiel uns ein, da es eine Zeit gab, wo
Maman wnschte, da ich ein kleines Mdchen wre und nicht dieser Junge, der ich
nun einmal war. Ich hatte das irgendwie erraten, und ich war auf den Gedanken
gekommen, manchmal nachmittags an Mamans Tre zu klopfen. Wenn sie dann fragte,
wer da wre, so war ich glcklich, drauen Sophie zu rufen, wobei ich meine
kleine Stimme so zierlich machte, da sie mich in der Kehle kitzelte. Und wenn
ich dann eintrat (in dem kleinen, mdchenhaften Hauskleid, das ich ohnehin trug,
mit ganz hinaufgerollten rmeln), so war ich einfach Sophie, Mamans kleine
Sophie, die sich huslich beschftigte und der Maman einen Zopf flechten mute,
damit keine Verwechslung stattfinde mit dem bsen Malte, wenn er je wiederkme.
Erwnscht war dies durchaus nicht; es war sowohl Maman wie Sophie angenehm, da
er fort war, und ihre Unterhaltungen (die Sophie immerzu mit der gleichen, hohen
Stimme fortsetzte) bestanden meistens darin, da sie Maltes Unarten aufzhlten
und sich ber ihn beklagten. Ach ja, dieser Malte, seufzte Maman. Und Sophie
wute eine Menge ber die Schlechtigkeit der Jungen im allgemeinen, als kennte
sie einen ganzen Haufen.
    Ich mchte wohl wissen, was aus Sophie geworden ist, sagte Maman dann
pltzlich bei solchen Erinnerungen.
    Darber konnte nun Malte freilich keine Auskunft geben. Aber wenn Maman
vorschlug, da sie gewi gestorben sei, dann widersprach er eigensinnig und
beschwor sie, dies nicht zu glauben, so wenig sich sonst auch beweisen liee.

Wenn ich das jetzt berdenke, kann ich mich wundern, da ich aus der Welt dieser
Fieber doch immer wieder ganz zurckkam und mich hineinfand in das beraus
gemeinsame Leben, wo jeder im Gefhl untersttzt sein wollte, bei Bekanntem zu
sein, und wo man sich so vorsichtig im Verstndlichen vertrug. Da wurde etwas
erwartet, und es kam oder es kam nicht, ein Drittes war ausgeschlossen. Da gab
es Dinge, die traurig waren, ein- fr allemal, es gab angenehme Dinge und eine
ganze Menge nebenschlicher. Wurde aber einem eine Freude bereitet, so war es
eine Freude, und er hatte sich danach zu benehmen. Im Grunde war das alles sehr
einfach, und wenn man es erst heraus hatte, so machte es sich wie von selbst. In
diese verabredeten Grenzen ging denn auch alles hinein; die langen,
gleichmigen Schulstunden, wenn drauen der Sommer war; die Spaziergnge, von
denen man franzsisch erzhlen mute; die Besuche, fr die man hereingerufen
wurde und die einen drollig fanden, wenn man gerade traurig war, und sich an
einem belustigten wie an dem betrbten Gesicht gewisser Vgel, die kein anderes
haben. Und die Geburtstage natrlich, zu denen man Kinder eingeladen bekam, die
man kaum kannte, verlegene Kinder, die einen verlegen machten, oder dreiste, die
einem das Gesicht zerkratzten, und zerbrachen, was man gerade bekommen hatte,
und die dann pltzlich fortfuhren, wenn alles aus Ksten und Laden
herausgerissen war und zu Haufen lag. Wenn man aber allein spielte, wie immer,
so konnte es doch geschehen, da man diese vereinbarte, im ganzen harmlose Welt
unversehens berschritt und unter Verhltnisse geriet, die vllig verschieden
waren und gar nicht abzusehen.
    Mademoiselle hatte zuzeiten ihre Migrne, die ungemein heftig auftrat, und
das waren die Tage, an denen ich schwer zu finden war. Ich wei, der Kutscher
wurde dann in den Park geschickt, wenn es Vater einfiel, nach mir zu fragen, und
ich war nicht da. Ich konnte oben von einem der Gastzimmer aus sehen, wie er
hinauslief und am Anfang der langen Allee nach mir rief. Diese Gastzimmer
befanden sich, eines neben dem anderen, im Giebel von Ulsgaard und standen, da
wir in dieser Zeit sehr selten Hausbesuch hatten, fast immer leer. Anschlieend
an sie aber war jener groe Eckraum, der eine so starke Verlockung fr mich
hatte. Es war nichts darin zu finden als eine alte Bste, die, ich glaube, den
Admiral Juel darstellte, aber die Wnde waren ringsum mit tiefen, grauen
Wandschrnken verschalt, derart, da sogar das Fenster erst ber den Schrnken
angebracht war in der leeren, geweiten Wand. Den Schlssel hatte ich an einer
der Schranktren entdeckt, und er schlo alle anderen. So hatte ich in kurzem
alles untersucht: die Kammerherrenfrcke aus dem achtzehnten Jahrhundert, die
ganz kalt waren von den eingewebten Silberfaden, und die schn gestickten Westen
dazu; die Trachten des Dannebrog- und des Elefantenordens, die man erst fr
Frauenkleider hielt, so reich und umstndlich waren sie und so sanft im Futter
anzufhlen. Dann wirkliche Roben, die, von ihren Unterlagen auseinander
gehalten, steif dahingen wie die Marionetten eines zu groen Stckes, das so
endgltig aus der Mode war, da man ihre Kpfe anders verwendet hatte. Daneben
aber waren Schrnke, in denen es dunkel war, wenn man sie aufmachte, dunkel von
hochgeschlossenen Uniformen, die viel gebrauchter aussahen als alles das andere
und die eigentlich wnschten, nicht erhalten zu sein.
    Niemand wird es verwunderlich finden, da ich das alles herauszog und ins
Licht neigte; da ich das und jenes an mich hielt oder umnahm; da ich ein
Kostm, welches etwa passen konnte, hastig anzog und darin, neugierig und
aufgeregt, in das nchste Fremdenzimmer lief, vor den schmalen Pfeilerspiegel,
der aus einzelnen ungleich grnen Glasstcken zusammengesetzt war. Ach, wie man
zitterte, drin zu sein, und wie hinreiend war es, wenn man es war. Wenn da
etwas aus dem Trben heraus sich nherte, langsamer als man selbst, denn der
Spiegel glaubte es gleichsam nicht und wollte, schlfrig wie er war, nicht
gleich nachsprechen, was man ihm vorsagte. Aber schlielich mute er natrlich.
Und nun war es etwas sehr berraschendes, Fremdes, ganz anders, als man es sich
gedacht hatte, etwas Pltzliches, Selbstndiges, das man rasch berblickte, um
sich im nchsten Augenblick doch zu erkennen, nicht ohne eine gewisse Ironie,
die um ein Haar das ganze Vergngen zerstren konnte. Wenn man aber sofort zu
reden begann, sich zu verbeugen, wenn man sich zuwinkte, sich, fortwhrend
zurckblickend, entfernte und dann entschlossen und angeregt wiederkam, so hatte
man die Einbildung auf seiner Seite, solang es einem gefiel.
    Ich lernte damals den Einflu kennen, der unmittelbar von einer bestimmten
Tracht ausgehen kann. Kaum hatte ich einen dieser Anzge angelegt, mute ich mir
eingestehen, da er mich in seine Macht bekam; da er mir meine Bewegungen,
meinen Gesichtsausdruck, ja sogar meine Einflle vorschrieb; meine Hand, ber
die die Spitzenmanschette fiel und wieder fiel, war durchaus nicht meine
gewhnliche Hand; sie bewegte sich wie ein Akteur, ja, ich mchte sagen, sie sah
sich selber zu, so bertrieben das auch klingt. Diese Verstellungen gingen
indessen nie so weit, da ich mich mir selber entfremdet fhlte; im Gegenteil,
je vielfltiger ich mich abwandelte, desto berzeugter wurde ich von mir selbst.
Ich wurde khner und khner; ich warf mich immer hher; denn meine
Geschicklichkeit im Auffangen war ber allen Zweifel. Ich merkte nicht die
Versuchung in dieser rasch wachsenden Sicherheit. Zu meinem Verhngnis fehlte
nur noch, da der letzte Schrank, den ich bisher meinte nicht ffnen zu knnen,
eines Tages nachgab, um mir; statt bestimmter Trachten, allerhand vages
Maskenzeug auszuliefern, dessen phantastisches Ungefhr mir das Blut in die
Wangen trieb. Es lt sich nicht aufzhlen, was da alles war. Auer einer
Bautta, deren ich mich entsinne, gab es Dominos in verschiedenen Farben, es gab
Frauenrcke, die hell luteten von den Mnzen, mit denen sie benht waren; es
gab Pierrots, die mir albern vorkamen, und faltige, trkische Hosen und
persische Mtzen, aus denen kleine Kampfersckchen herausglitten, und Kronreifen
mit dummen, ausdruckslosen Steinen. Dies alles verachtete ich ein wenig; es war
von so drftiger Unwirklichkeit und hing so abgebalgt und armslig da und
schlappte willenlos zusammen, wenn man es herauszerrte ans Licht. Was mich aber
in eine Art von Rausch versetzte, das waren die gerumigen Mntel, die Tcher,
die Schals, die Schleier, alle diese nachgiebigen, groen, unverwendeten Stoffe,
die weich und schmeichelnd waren oder so gleitend, da man sie kaum zu fassen
bekam, oder so leicht, da sie wie ein Wind an einem vorbeiflogen, oder einfach
schwer mit ihrer ganzen Last. In ihnen erst sah ich wirklich freie und unendlich
bewegliche Mglichkeiten: eine Sklavin zu sein, die verkauft wird, oder Jeanne
d'Arc zu sein oder ein alter Knig oder ein Zauberer; das alles hatte man jetzt
in der Hand, besonders da auch Masken da waren, groe drohende oder erstaunte
Gesichter mit echten Brten und vollen oder hochgezogenen Augenbrauen. Ich hatte
nie Masken gesehen vorher, aber ich sah sofort ein, da es Masken geben msse.
Ich mute lachen, als mir einfiel, da wir einen Hund hatten, der sich ausnahm,
als trge er eine. Ich stellte mir seine herzlichen Augen vor, die immer wie von
hinten hineinsahen in das behaarte Gesicht. Ich lachte noch, whrend ich mich
verkleidete, und ich verga darber vllig, was ich eigentlich vorstellen
wollte. Nun, es war neu und spannend, das erst nachtrglich vor dem Spiegel zu
entscheiden. Das Gesicht, das ich vorband, roch eigentmlich hohl, es legte sich
fest ber meines, aber ich konnte bequem durchsehen, und ich whlte erst, als
die Maske schon sa, allerhand Tcher, die ich in der Art eines Turbans um den
Kopf wand, so da der Rand der Maske, der unten in einen riesigen gelben Mantel
hineinreichte, auch oben und seitlich fast ganz verdeckt war. Schlielich, als
ich nicht mehr konnte, hielt ich mich fr hinreichend vermummt. Ich ergriff noch
einen groen Stab, den ich, soweit der Arm reichte, neben mir hergehen lie, und
schleppte so, nicht ohne Mhe, aber, wie mir vorkam, voller Wrde, in das
Fremdenzimmer hinein auf den Spiegel zu.
    Das war nun wirklich groartig, ber alle Erwartung. Der Spiegel gab es auch
augenblicklich wieder, es war zu berzeugend. Es wre gar nicht ntig gewesen,
sich viel zu bewegen; diese Erscheinung war vollkommen, auch wenn sie nichts
tat. Aber es galt zu erfahren, was ich eigentlich sei, und so drehte ich mich
ein wenig und erhob schlielich die beiden Arme: groe, gleichsam beschwrende
Bewegungen, das war, wie ich schon merkte, das einzig Richtige. Doch gerade in
diesem feierlichen Moment vernahm ich, gedmpft durch meine Vermummung, ganz in
meiner Nhe einen vielfach zusammengesetzten Lrm; sehr erschreckt, verlor ich
das Wesen da drben aus den Augen und war arg verstimmt, zu gewahren, da ich
einen kleinen, runden Tisch umgeworfen hatte mit wei der Himmel was fr,
wahrscheinlich sehr zerbrechlichen Gegenstnden. Ich bckte mich so gut ich
konnte und fand meine schlimmste Erwartung besttigt: es sah aus, als sei alles
entzwei. Die beiden berflssigen, grn-violetten Porzellanpapageien waren
natrlich, jeder auf eine andere boshafte Art, zerschlagen. Eine Dose, aus der
Bonbons rollten, die aussahen wie seidig eingepuppte Insekten, hatte ihren
Deckel weit von sich geworfen, man sah nur seine eine Hlfte, die andere war
berhaupt fort. Das rgerlichste aber war ein in tausend winzige Scherben
zerschellter Flacon, aus dem der Rest irgendeiner alten Essenz herausgespritzt
war, der nun einen Fleck von sehr widerlicher Physiognomie auf dem klaren
Parkett bildete. Ich trocknete ihn schnell mit irgendwas auf, das an mir
herunterhing, aber er wurde nur schwrzer und unangenehmer. Ich war recht
verzweifelt. Ich erhob mich und suchte nach irgendeinem Gegenstand, mit dem ich
das alles gutmachen konnte. Aber es fand sich keiner. Auch war ich so behindert
im Sehen und in jeder Bewegung, da die Wut in mir aufstieg gegen meinen
unsinnigen Zustand, den ich nicht mehr begriff. Ich zerrte an allem, aber es
schlo sich nur noch enger an. Die Schnre des Mantels wrgten mich, und das
Zeug auf meinem Kopfe drckte, als kme immer noch mehr hinzu. Dabei war die
Luft trbe geworden und wie beschlagen mit dem ltlichen Dunst der verschtteten
Flssigkeit.
    Hei und zornig strzte ich vor den Spiegel und sah mhsam durch die Maske
durch, wie meine Hnde arbeiteten. Aber darauf hatte er nur gewartet. Der
Augenblick der Vergeltung war fr ihn gekommen. Whrend ich in malos
zunehmender Beklemmung mich anstrengte, mich irgendwie aus meiner Vermummung
hinauszuzwngen, ntigte er mich, ich wei nicht womit, aufzusehen und diktierte
mir ein Bild, nein, eine Wirklichkeit, eine fremde, unbegreifliche monstrse
Wirklichkeit, mit der ich durchtrnkt wurde gegen meinen Willen: denn jetzt war
er der Strkere, und ich war der Spiegel. Ich starrte diesen groen,
schrecklichen Unbekannten vor mir an, und es schien mir ungeheuerlich, mit ihm
allein zu sein. Aber in demselben Moment, da ich dies dachte, geschah das
uerste: ich verlor allen Sinn, ich fiel einfach aus. Eine Sekunde lang hatte
ich eine unbeschreibliche, wehe und vergebliche Sehnsucht nach mir, dann war nur
noch er: es war nichts auer ihm.
    Ich rannte davon, aber nun war er es, der rannte. Er stie berall an, er
kannte das Haus nicht, er wute nicht wohin; er geriet eine Treppe hinunter, er
fiel auf dem Gange ber eine Person her, die sich schreiend freimachte. Eine Tr
ging auf, es traten mehrere Menschen heraus: Ach, ach, was war das gut, sie zu
kennen. Das war Sieversen, die gute Sieversen, und das Hausmdchen und der
Silberdiener: nun mute es sich entscheiden. Aber sie sprangen nicht herzu und
retteten; ihre Grausamkeit war ohne Grenzen. Sie standen da und lachten, mein
Gott, sie konnten dastehn und lachen. Ich weinte, aber die Maske lie die Trnen
nicht hinaus, sie rannen innen ber mein Gesicht und trockneten gleich und
rannen wieder und trockneten. Und endlich kniete ich hin vor ihnen, wie nie ein
Mensch gekniet hat; ich kniete und hob meine Hnde zu ihnen auf und flehte:
Herausnehmen, wenn es noch geht, und behalten, aber sie hrten es nicht; ich
hatte keine Stimme mehr.
    Sieversen erzhlte bis an ihr Ende, wie ich umgesunken wre und wie sie
immer noch weitergelacht htten in der Meinung, das gehre dazu. Sie waren es so
gewhnt bei mir. Aber dann wre ich doch immerzu liegengeblieben und htte nicht
geantwortet. Und der Schrecken, als sie endlich entdeckten, da ich ohne
Besinnung sei und dalag wie ein Stck in allen den Tchern, rein wie ein Stck.

Die Zeit ging unberechenbar schnell, und auf einmal war es schon wieder so weit,
da der Prediger Dr. Jespersen geladen werden mute. Das war dann fr alle Teile
ein mhsames und langwieriges Frhstck. Gewohnt an die sehr fromme
Nachbarschaft, die sich jedesmal ganz auflste um seinetwillen, war er bei uns
durchaus nicht an seinem Platz; er lag sozusagen auf dem Land und schnappte. Die
Kiemenatmung, die er an sich ausgebildet hatte, ging beschwerlich vor sich, es
bildeten sich Blasen, und das Ganze war nicht ohne Gefahr. Gesprchsstoff war,
wenn man genau sein will, berhaupt keiner da; es wurden Reste veruert zu
unglaublichen Preisen, es war eine Liquidation aller Bestnde. Dr. Jespersen
mute sich bei uns darauf beschrnken, eine Art von Privatmann zu sein; das
gerade aber war er nie gewesen. Er war, soweit er denken konnte, im Seelenfach
angestellt. Die Seele war eine ffentliche Institution fr ihn, die er vertrat,
und er brachte es zuwege, niemals auer Dienst zu sein, selbst nicht im Umgang
mit seiner Frau, seiner bescheidenen, treuen, durch Kindergebren
seligwerdenden Rebekka, wie Lavater sich in einem anderen Fall ausdrckte.
    2(Was brigens meinen Vater betraf, so war seine Haltung Gott gegenber
vollkommen korrekt und von tadelloser Hflichkeit. In der Kirche schien es mir
manchmal, als wre er geradezu Jgermeister bei Gott, wenn er dastand und
abwartete und sich verneigte. Maman dagegen erschien es fast verletzend, da
jemand zu Gott in einem hflichen Verhltnis stehen konnte. Wre sie in eine
Religion mit deutlichen und ausfhrlichen Gebruchen geraten, es wre eine
Seligkeit fr sie gewesen, stundenlang zu knien und sich hinzuwerfen und sich
recht mit dem groen Kreuz zu gebrden vor der Brust und um die Schultern herum.
Sie lehrte mich nicht eigentlich beten, aber es war ihr eine Beruhigung, da ich
gerne kniete und die Hnde bald gekrmmt und bald aufrecht faltete, wie es mir
gerade ausdrucksvoller schien. Ziemlich in Ruhe gelassen, machte ich frhzeitig
eine Reihe von Entwickelungen durch, die ich erst viel spter in einer Zeit der
Verzweiflung auf Gott bezog, und zwar mit solcher Heftigkeit, da er sich
bildete und zersprang, fast in demselben Augenblick. Es ist klar, da ich ganz
von vorn anfangen mute hernach. Und bei diesem Anfang meinte ich manchmal,
Maman ntig zu haben, obwohl es ja natrlich richtiger war, ihn allein
durchzumachen. Und da war sie ja auch schon lange tot.) Dr. Jespersen gegenber
konnte Maman beinah ausgelassen sein. Sie lie sich in Gesprche mit ihm ein,
die er ernst nahm, und wenn er dann sich reden hrte, meinte sie, das genge,
und verga ihn pltzlich, als wre er schon fort. Wie kann er nur, sagte sie
manchmal von ihm, herumfahren und hineingehen zu den Leuten, wenn sie gerade
sterben.
    Er kam auch zu ihr bei dieser Gelegenheit, aber sie hat ihn sicher nicht
mehr gesehen. Ihre Sinne gingen ein, einer nach dem andern, zuerst das Gesicht.
Es war im Herbst, man sollte schon in die Stadt ziehen, aber da erkrankte sie
gerade, oder vielmehr, sie fing gleich an zu sterben, langsam und trostlos
abzusterben an der ganzen Oberflche. Die rzte kamen, und an einem bestimmten
Tag waren sie alle zusammen da und beherrschten das ganze Haus. Es war ein paar
Stunden lang, als gehrte es nun dem Geheimrat und seinen Assistenten und als
htten wir nichts mehr zu sagen. Aber gleich danach verloren sie alles
Interesse, kamen nur noch einzeln, wie aus purer Hflichkeit, um eine Zigarre
anzunehmen und ein Glas Portwein. Und Maman starb indessen.
    Man wartete nur noch auf Mamans einzigen Bruder, den Grafen Christian Brahe,
der, wie man sich noch erinnern wird, eine Zeitlang in trkischen Diensten
gestanden hatte, wo er, wie es immer hie, sehr ausgezeichnet worden war. Er kam
eines Morgens an in Begleitung eines fremdartigen Dieners, und es berraschte
mich, zu sehen, da er grer war als Vater und scheinbar auch lter. Die beiden
Herren wechselten sofort einige Worte, die sich, wie ich vermutete, auf Maman
bezogen. Es entstand eine Pause. Dann sagte mein Vater: Sie ist sehr
entstellt. Ich begriff diesen Ausdruck nicht, aber es frstelte mich, da ich
ihn hrte. Ich hatte den Eindruck, als ob auch mein Vater sich htte berwinden
mssen, ehe er ihn aussprach. Aber es war wohl vor allem sein Stolz, der litt,
indem er dies zugab.

Mehrere Jahre spter erst hrte ich wieder von dem Grafen Christian reden. Es
war auf Urnekloster, und Mathilde Brahe war es, die mit Vorliebe von ihm sprach.
Ich bin indessen sicher, da sie die einzelnen Episoden ziemlich eigenmchtig
ausgestaltete, denn das Leben meines Onkels, von dem immer nur Gerchte in die
ffentlichkeit und selbst in die Familie drangen, Gerchte, die er nie
widerlegte, war geradezu grenzenlos auslegbar. Urnekloster ist jetzt in seinem
Besitz. Aber niemand wei, ob er es bewohnt. Vielleicht reist er immer noch, wie
es seine Gewohnheit war; vielleicht ist die Nachricht seines Todes aus
irgendeinem uersten Erdteil unterwegs, von der Hand des fremden Dieners
geschrieben in schlechtem Englisch oder in irgendeiner unbekannten Sprache.
Vielleicht auch giebt dieser Mensch kein Zeichen von sich, wenn er eines Tages
allein zurckbleibt. Vielleicht sind sie beide lngst verschwunden und stehen
nur noch auf der Schiffsliste eines verschollenen Schiffes unter Namen, die
nicht die ihren waren.
    Freilich, wenn damals auf Urnekloster ein Wagen einfuhr, so erwartete ich
immer, ihn eintreten zu sehen, und mein Herz klopfte auf eine besondere Art.
Mathilde Brahe behauptete: so kme er, das wre so seine Eigenheit, pltzlich da
zu sein, wenn man es am wenigsten fr mglich hielte. Er kam nie, aber meine
Einbildungskraft beschftigte sich wochenlang mit ihm, ich hatte das Gefhl, als
wren wir einander eine Beziehung schuldig, und ich htte gern etwas Wirkliches
von ihm gewut.
    Als indessen bald darauf mein Interesse umschlug und infolge gewisser
Begebenheiten ganz auf Christine Brahe berging, bemhte ich mich
eigentmlicherweise nicht, etwas von ihren Lebensumstnden zu erfahren. Dagegen
beunruhigte mich der Gedanke, ob ihr Bildnis wohl in der Galerie vorhanden sei.
Und der Wunsch, das festzustellen, nahm so einseitig und qulend zu, da ich
mehrere Nchte nicht schlief, bis, ganz unvermutet, diejenige da war, in der
ich, wei Gott, aufstand und hinaufging mit meinem Licht, das sich zu frchten
schien.
    Was mich angeht, so dachte ich nicht an Furcht. Ich dachte berhaupt nicht;
ich ging. Die hohen Tren gaben so spielend nach vor mir und ber mir, die
Zimmer, durch die ich kam, hielten sich ruhig. Und endlich merkte ich an der
Tiefe, die mich anwehte, da ich in die Galerie getreten sei. Ich fhlte auf der
rechten Seite die Fenster mit der Nacht, und links muten die Bilder sein. Ich
hob mein Licht so hoch ich konnte. Ja: da waren die Bilder.
    Erst nahm ich mit vor, nur nach den Frauen zu sehen, aber dann erkannte ich
eines und ein anderes, das hnlich in Ulsgaard hing, und wenn ich sie so von
unten beschien, so rhrten sie sich und wollten ans Licht, und es schien mir
herzlos, das nicht wenigstens abzuwarten. Da war immer wieder Christian der
Vierte mit der schn geflochtenen Cadenette neben der breiten, langsam gewlbten
Wange. Da waren vermutlich seine Frauen, von denen ich nur Kirstine Munk kannte;
und pltzlich sah mich Frau Ellen Marsvin an, argwhnisch in ihrer Witwentracht
und mit derselben Perlenschnur auf der Krempe des hohen Huts. Da waren Knig
Christians Kinder: immer wieder frische aus neuen Frauen, die unvergleichliche
Eleonore auf einem weien Pagnger in ihrer glnzendsten Zeit, vor der
Heimsuchung. Die Gyldenlves: Hans Ulrik, von dem die Frauen in Spanien meinten,
da er sich das Antlitz male, so voller Blut war er, und Ulrik Christian, den
man nicht wieder verga. Und beinah alle Ulfelds. Und dieser da, mit dem einen
schwarzbermalten Auge, konnte wohl Henrik Holck sein, der mit dreiunddreiig
Jahren Reichsgraf war und Feldmarschall, und das kam so: ihm trumte auf dem
Wege zu Jungfrau Hilleborg Krafse, es wrde ihm statt der Braut ein bloes
Schwert gegeben: und er nahm sichs zu Herzen und kehrte um und begann sein
kurzes, verwegenes Leben, das mit der Pest endete. Die kannte ich alle. Auch die
Gesandten vom Kongre zu Nimwegen hatten wir auf Ulsgaard, die einander ein
wenig glichen, weil sie alle auf einmal gemalt worden waren, jeder mit der
schmalen, gestutzten Bartbraue ber dem sinnlichen, fast schauenden Munde. Da
ich Herzog Ulrich erkannte, ist selbstverstndlich, und Otte Brahe und Claus Daa
und Sten Rosensparre, den Letzten seines Geschlechts; denn von ihnen allen hatte
ich Bilder im Saal zu Ulsgaard gesehen, oder ich hatte in alten Mappen
Kupferstiche gefunden, die sie darstellten.
    Aber dann waren viele da, die ich nie gesehen hatte; wenige Frauen, aber es
waren Kinder da. Mein Arm war lngst mde geworden und zitterte, aber ich hob
doch immer wieder das Licht, um die Kinder zu sehen.
    Ich begriff sie, diese kleinen Mdchen, die einen Vogel auf der Hand trugen
und ihn vergaen. Manchmal sa ein kleiner Hund bei ihnen unten, ein Ball lag
da, und auf dem Tisch nebenan gab es Frchte und Blumen; und dahinter an der
Sule hing, klein und vorlufig, das Wappen der Grubbe oder der Bille oder der
Rosenkrantz. So viel hatte man um sie zusammengetragen, als ob eine Menge
gutzumachen wre. Sie aber standen einfach in ihren Kleidern und warteten; man
sah, da sie warteten. Und da mute ich wieder an die Frauen denken und an
Christine Brahe, und ob ich sie erkennen wrde.
    Ich wollte rasch bis ganz ans Ende laufen und von dort zurckgehen und
suchen, aber da stie ich an etwas. Ich drehte mich so jh herum, da der kleine
Erik zurcksprang und flsterte: Gieb acht mit deinem Licht.
    Du bist da? sagte ich atemlos, und ich war nicht im klaren, ob das gut sei
oder ganz und gar schlimm. Er lachte nur, und ich wute nicht, was weiter. Mein
Licht flackerte, und ich konnte den Ausdruck seines Gesichts nicht recht
erkennen. Es war doch wohl schlimm, da er da war. Aber da sagte er, indem er
nher kam: Ihr Bild ist nicht da, wir suchen es immer noch oben. Mit seiner
halben Stimme und dem einen beweglichen Auge wies er irgendwie hinauf. Und ich
begriff, da er den Boden meinte. Aber auf einmal kam mir ein merkwrdiger
Gedanke.
    Wir? fragte ich, ist sie denn oben?
    Ja, nickte er und stand dicht neben mir.
    Sie sucht selber mit?
    Ja, wir suchen.
    Man hat es also fortgestellt, das Bild?
    Ja, denk nur, sagte er emprt. Aber ich begriff nicht recht, was sie damit
wollte.
    Sie will sich sehen, flsterte er ganz nah.
    Ja so, machte ich, als ob ich verstnde. Da blies er mir das Licht aus.
Ich sah, wie er sich vorstreckte, ins Helle hinein, mit ganz hochgezogenen
Augenbrauen. Dann wars dunkel. Ich trat unwillkrlich zurck.
    Was machst du denn? rief ich unterdrckt und war ganz trocken im Halse. Er
sprang mir nach und hngte sich an meinen Arm und kicherte.
    Was denn? fuhr ich ihn an und wollte ihn abschtteln, aber er hing fest.
Ich konnte es nicht hindern, da er den Arm um meinen Hals legte.
    Soll ich es sagen? zischte er, und ein wenig Speichel spritzte mir ans
Ohr.
    Ja, ja, schnell.
    Ich wute nicht, was ich redete. Er umarmte mich nun vllig und streckte
sich dabei.
    Ich hab ihr einen Spiegel gebracht, sagte er und kicherte wieder.
    Einen Spiegel?
    Ja, weil doch das Bild nicht da ist.
    Nein, nein, machte ich.
    Er zog mich auf einmal etwas weiter nach dem Fenster hin und kniff mich so
scharf in den Oberarm, da ich schrie.
    Sie ist nicht drin, blies er mir ins Ohr.
    Ich stie ihn unwillkrlich von mir weg, etwas knackte an ihm, mir war, als
htte ich ihn zerbrochen.
    Geh, geh, und jetzt mute ich selber lachen, nicht drin, wieso denn nicht
drin?
    Du bist dumm, gab er bse zurck und flsterte nicht mehr. Seine Stimme
war umgeschlagen, als begnne er nun ein neues, noch ungebrauchtes Stck. Man
ist entweder drin , diktierte er altklug und strenge, dann ist man nicht hier;
oder wenn man hier ist, kann man nicht drin sein.
    Natrlich, antwortete ich schnell, ohne nachzudenken. Ich hatte Angst, er
knnte sonst fortgehen und mich allein lassen. Ich griff sogar nach ihm.
     Wollen wir Freunde sein? schlug ich vor. Er lie sich bitten. Mir ists
gleich, sagte er keck.
    Ich versuchte unsere Freundschaft zu beginnen, aber ich wagte nicht, ihn zu
umarmen. Lieber Erik, brachte ich nur heraus und rhrte ihn irgendwo ein
bichen an. Ich war auf einmal sehr mde. Ich sah mich um; ich verstand nicht
mehr, wie ich hierher gekommen war und da ich mich nicht gefrchtet hatte. Ich
wute nicht recht, wo die Fenster waren und wo die Bilder. Und als wir gingen,
mute er mich fhren.
    Sie tun dir nichts, versicherte er gromtig und kicherte wieder.
    Lieber, lieber Erik; vielleicht bist du doch mein einziger Freund gewesen.
Denn ich habe nie einen gehabt. Es ist schade, da du auf Freundschaft nichts
gabst. Ich htte dir manches erzhlen mgen. Vielleicht htten wir uns
vertragen. Man kann nicht wissen. Ich erinnere mich, da damals dein Bild gemalt
wurde. Der Grovater hatte jemanden kommen lassen, der dich malte. Jeden Morgen
eine Stunde. Ich kann mich nicht besinnen, wie der Maler aussah, sein Name ist
mir entfallen, obwohl Mathilde Brahe ihn jeden Augenblick wiederholte.
    Ob er dich gesehen hat, wie ich dich seh? Du trugst einen Anzug von
heliotropfarbenem Samt. Mathilde Brahe schwrmte fr diesen Anzug. Aber das ist
nun gleichgltig. Nur ob er dich gesehen hat, mchte ich wissen. Nehmen wir an,
da es ein wirklicher Maler war. Nehmen wir an, da er nicht daran dachte, da
du sterben knntest, ehe er fertig wrde; da er die Sache gar nicht sentimental
ansah; da er einfach arbeitete. Da die Ungleichheit deiner beiden braunen
Augen ihn entzckte; da er keinen Moment sich schmte fr das unbewegliche; da
er den Takt hatte, nichts hinzuzulegen auf den Tisch zu deiner Hand, die sich
vielleicht ein wenig sttzte -. Nehmen wir sonst noch alles Ntige an und lassen
es gelten: so ist ein Bild da, dein Bild, in der Galerie auf Urnekloster das
letzte.
    (Und wenn man geht, und man hat sie alle gesehen, so ist da noch ein Knabe.
Einen Augenblick: wer ist das? Ein Brahe. Siehst du den silbernen Pfahl im
schwarzen Feld und die Pfauenfedern? Da steht auch der Name: Erik Brahe. War das
nicht ein Erik Brahe, der hingerichtet worden ist? Natrlich, das ist bekannt
genug. Aber um den kann es sich nicht handeln. Dieser Knabe ist als Knabe
gestorben, gleichviel wann. Kannst du das nicht sehen?)

Wenn Besuch da war und Erik wurde gerufen, so versicherte das Frulein Mathilde
Brahe jedesmal, es sei geradezu unglaublich, wie sehr er der alten Grfin Brahe
gliche, meiner Gromutter. Sie soll eine sehr groe Dame gewesen sein. Ich habe
sie nicht gekannt. Dagegen erinnere ich mich sehr gut an die Mutter meines
Vaters, die eigentliche Herrin auf Ulsgaard. Das war sie wohl immer geblieben,
wie sehr sie es auch Maman belnahm, da sie als des Jgermeisters Frau ins Haus
gekommen war. Seither tat sie bestndig, als zge sie sich zurck, und schickte
die Dienstleute mit jeder Kleinigkeit weiter zu Maman hinein, whrend sie in
wichtigen Angelegenheiten ruhig entschied und verfgte, ohne irgend jemandem
Rechenschaft abzulegen. Maman, glaube ich, wnschte es gar nicht anders. Sie war
so wenig gemacht, ein groes Haus zu bersehen, ihr fehlte vllig die Einteilung
der Dinge in nebenschliche und wichtige. Alles, wovon man ihr sprach, schien
ihr immer das Ganze zu sein, und sie verga darber das andere, das doch auch
noch da war. Sie beklagte sich nie ber ihre Schwiegermutter. Und bei wem htte
sie sich auch beklagen sollen? Vater war ein uerst respektvoller Sohn, und
Grovater hatte wenig zu sagen.
    Frau Margarete Brigge war immer schon, soweit ich denken kann, eine
hochgewachsene, unzugngliche Greisin. Ich kann mir nicht anders vorstellen, als
da sie viel lter gewesen sei, als der Kammerherr. Sie lebte mitten unter uns
ihr Leben, ohne auf jemanden Rcksicht zu nehmen. Sie war auf keinen von uns
angewiesen und hatte immer eine Art Gesellschafterin, eine alternde Komtesse
Oxe, um sich, die sie sich durch irgendeine Wohltat unbegrenzt verpflichtet
hatte. Dies mute eine einzelne Ausnahme gewesen sein, denn wohltun war sonst
nicht ihre Art. Sie liebte keine Kinder, und Tiere durften nicht in ihre Nhe.
Ich wei nicht, ob sie sonst etwas liebte. Es wurde erzhlt, da sie als ganz
junges Mdchen dem schnen Felix Lichnowski verlobt gewesen sei, der dann in
Frankfurt so grausam ums Leben kam. Und in der Tat war nach ihrem Tode ein
Bildnis des Frsten da, das, wenn ich nicht irre, an die Familie zurckgegeben
worden ist. Vielleicht, denke ich mir jetzt, versumte sie ber diesem
eingezogenen lndlichen Leben, das das Leben auf Ulsgaard von Jahr zu Jahr mehr
geworden war, ein anderes, glnzendes: ihr natrliches. Es ist schwer zu sagen,
ob sie es betrauerte. Vielleicht verachtete sie es dafr, da es nicht gekommen
war, da es die Gelegenheit verfehlt hatte, mit Geschick und Talent gelebt
worden zu sein. Sie hatte alles dies so weit in sich hineingenommen und hatte
darber Schalen angesetzt, viele, sprde, ein wenig metallisch glnzende
Schalen, deren jeweilig oberste sich neu und khl ausnahm. Bisweilen freilich
verriet sie sich doch durch eine naive Ungeduld, nicht gengend beachtet zu
sein; zu meiner Zeit konnte sie sich dann bei Tische pltzlich verschlucken auf
irgendeine deutliche und komplizierte Art, die ihr die Teilnahme aller sicherte
und sie, fr einen Augenblick wenigstens, so sensationell und spannend
erscheinen lie, wie sie es im Groen htte sein mgen. Indessen vermute ich,
da mein Vater der einzige war, der diese viel zu hufigen Zuflle ernst nahm.
Er sah ihr, hflich vornbergeneigt, zu, man konnte merken, wie er ihr in
Gedanken seine eigene, ordentliche Luftrhre gleichsam anbot und ganz zur
Verfgung stellte. Der Kammerherr hatte natrlich gleichfalls zu essen
aufgehrt; er nahm einen kleinen Schluck Wein und enthielt sich jeder Meinung.
    Er hatte bei Tische ein einziges Mal die seinige seiner Gemahlin gegenber
aufrechterhalten. Das war lange her; aber die Geschichte wurde doch noch boshaft
und heimlich weitergegeben; es gab fast berall jemanden, der sie noch nicht
gehrt hatte. Es hie, da die Kammerherrin zu einer gewissen Zeit sich sehr
ber Weinflecke ereifern konnte, die durch Ungeschicklichkeit ins Tischzeug
gerieten; da ein solcher Fleck, bei welchem Anla er auch passieren mochte, von
ihr bemerkt und unter dem heftigsten Tadel sozusagen blogestellt wurde. Dazu
wre es auch einmal gekommen, als man mehrere und namhafte Gste hatte. Ein paar
unschuldige Flecke, die sie bertrieb, wurden der Gegenstand ihrer hhnischen
Anschuldigungen, und wie sehr der Grovater sich auch bemhte, sie durch kleine
Zeichen und scherzhafte Zurufe zu ermahnen, so wre sie doch eigensinnig bei
ihren Vorwrfen geblieben, die sie dann allerdings mitten im Satze stehen lassen
mute. Es geschah nmlich etwas nie Dagewesenes und vllig Unbegreifliches. Der
Kammerherr hatte sich den Rotwein geben lassen, der gerade herumgereicht worden
war, und war nun in aller Aufmerksamkeit dabei, sein Glas selber zu fllen. Nur
da er, wunderbarerweise, einzugieen nicht aufhrte, als es lngst voll war,
sondern unter zunehmender Stille langsam und vorsichtig weitergo, bis Maman,
die nie an sich halten konnte, auflachte und damit die ganze Angelegenheit nach
dem Lachen hin in Ordnung brachte. Denn nun stimmten alle erleichtert ein, und
der Kammerherr sah auf und reichte dem Diener die Flasche.
    Spter gewann eine andere Eigenheit die Oberhand bei meiner Gromutter. Sie
konnte es nicht ertragen, da jemand im Hause erkrankte. Einmal, als die Kchin
sich verletzt hatte und sie sah sie zufllig mit der eingebundenen Hand,
behauptete sie, das Jodoform im ganzen Hause zu riechen, und war schwer zu
berzeugen, da man die Person daraufhin nicht entlassen knne. Sie wollte nicht
an das Kranksein erinnert werden. Hatte jemand die Unvorsichtigkeit, vor ihr
irgendein kleines Unbehagen zu uern, so war das nichts anderes als eine
persnliche Krnkung fr sie, und sie trug sie ihm lange nach.
    In jenem Herbst, als Maman starb, schlo sich die Kammerherrin mit Sophie
Oxe ganz in ihren Zimmern ein und brach allen Verkehr mit uns ab. Nicht einmal
ihr Sohn wurde angenommen. Es ist ja wahr, dieses Sterben fiel recht unpassend.
Die Zimmer waren kalt, die fen rauchten, und die Muse waren ins Haus
gedrungen; man war nirgends sicher vor ihnen. Aber das allein war es nicht, Frau
Margarete Brigge war emprt, da Maman starb; da da eine Sache auf der
Tagesordnung stand, von der zu sprechen sie ablehnte; da die junge Frau sich
den Vortritt anmate vor ihr, die einmal zu sterben gedachte zu einem durchaus
noch nicht festgesetzten Termin. Denn daran, da sie wrde sterben mssen,
dachte sie oft. Aber sie wollte nicht gedrngt sein. Sie wrde sterben, gewi,
wann es ihr gefiel, und dann konnten sie ja alle ruhig sterben, hinterher, wenn
sie es so eilig hatten.
    Mamans Tod verzieh sie uns niemals ganz. Sie alterte brigens rasch whrend
des folgenden Winters. Im Gehen war sie immer noch hoch, aber im Sessel sank sie
zusammen, und ihr Gehr wurde schwieriger. Man konnte sitzen und sie gro
ansehen, stundenlang, sie fhlte es nicht. Sie war irgendwo drinnen; sie kam nur
noch selten und nur fr Augenblicke in ihre Sinne, die leer waren, die sie nicht
mehr bewohnte. Dann sagte sie etwas zu der Komtesse, die ihr die Mantille
richtete, und nahm mit den groen, frisch gewaschenen Hnden ihr Kleid an sich,
als wre Wasser vergossen oder als wren wir nicht ganz reinlich.
    Sie starb gegen den Frhling zu, in der Stadt, eines Nachts. Sophie Oxe,
deren Tr offenstand, hatte nichts gehrt. Da man sie am Morgen fand, war sie
kalt wie Glas.
    Gleich darauf begann des Kammerherrn groe und schreckliche Krankheit. Es
war, als htte er ihr Ende abgewartet, um so rcksichtslos sterben zu knnen,
wie er mute.
    Es war in dem Jahr nach Mamans Tode, da ich Abelone zuerst bemerkte.
Abelone war immer da. Das tat ihr groen Eintrag. Und dann war Abelone
unsympathisch, das hatte ich ganz frher einmal bei irgendeinem Anla
festgestellt, und es war nie zu einer ernstlichen Durchsicht dieser Meinung
gekommen. Zu fragen, was es mit Abelone fr eine Bewandtnis habe, das wre mir
bis dahin beinah lcherlich erschienen. Abelone war da, und man nutzte sie ab,
wie man eben konnte. Aber auf einmal fragte ich mich: Warum ist Abelone da?
Jeder bei uns hatte einen bestimmten Sinn da zu sein, wenn er auch keineswegs
immer so augenscheinlich war, wie zum Beispiel die Anwendung des Fruleins Oxe.
Aber weshalb war Abelone da? Eine Zeitlang war davon die Rede gewesen, da sie
sich zerstreuen solle. Aber das geriet in Vergessenheit. Niemand trug etwas zu
Abelonens Zerstreuung bei. Es machte durchaus nicht den Eindruck, da sie sich
zerstreue.
    brigens hatte Abelone ein Gutes: sie sang. Das heit, es gab Zeiten, wo sie
sang. Es war eine starke, unbeirrbare Musik in ihr. Wenn es wahr ist, da die
Engel mnnlich sind, so kann man wohl sagen, da etwas Mnnliches in ihrer
Stimme war: eine strahlende, himmlische Mnnlichkeit. Ich, der ich schon als
Kind der Musik gegenber so mitrauisch war (nicht, weil sie mich strker als
alles forthob aus mir, sondern, weil ich gemerkt hatte, da sie mich nicht
wieder dort ablegte, wo sie mich gefunden hatte, sondern tiefer, irgendwo ganz
ins Unfertige hinein), ich ertrug diese Musik, auf der man aufrecht
aufwrtssteigen konnte, hher und hher, bis man meinte, dies mte ungefhr
schon der Himmel sein seit einer Weile. Ich ahnte nicht, da Abelone mir noch
andere Himmel ffnen sollte.
    Zunchst bestand unsere Beziehung darin, da sie mir von Mamans Mdchenzeit
erzhlte. Sie hielt viel darauf, mich zu berzeugen, wie mutig und jung Maman
gewesen wre. Es gab damals niemanden nach ihrer Versicherung, der sich im
Tanzen oder im Reiten mit ihr messen konnte. Sie war die Khnste und
unermdlich, und dann heiratete sie auf einmal, sagte Abelone, immer noch
erstaunt nach so vielen Jahren. Es kam so unerwartet, niemand konnte es recht
begreifen.
    Ich interessierte mich dafr, weshalb Abelone nicht geheiratet hatte. Sie
kam mir alt vor verhltnismig, und da sie es noch knnte, daran dachte ich
nicht.
    Es war niemand da, antwortete sie einfach und wurde richtig schn dabei.
Ist Abelone schn? fragte ich mich berrascht. Dann kam ich fort von Hause, auf
die Adels-Akademie, und es begann eine widerliche und arge Zeit. Aber wenn ich
dort zu Sor, abseits von den andern, im Fenster stand, und sie lieen mich ein
wenig in Ruh, so sah ich hinaus in die Bume, und in solchen Augenblicken und
nachts wuchs in mir die Sicherheit, da Abelone schn sei. Und ich fing an, ihr
alle jene Briefe zu schreiben, lange und kurze, viele heimliche Briefe, darin
ich von Ulsgaard zu handeln meinte und davon, da ich unglcklich sei. Aber es
werden doch wohl, so wie ich es jetzt sehe, Liebesbriefe gewesen sein. Denn
schlielich kamen die Ferien, die erst gar nicht kommen wollten, und da war es
wie auf Verabredung, da wir uns nicht vor den anderen wiedersahen.
    Es war durchaus nichts vereinbart zwischen uns, aber da der Wagen einbog in
den Park, konnte ich es nicht lassen, auszusteigen, vielleicht nur, weil ich
nicht anfahren wollte, wie irgendein Fremder. Es war schon voller Sommer. Ich
lief in einen der Wege hinein und auf einen Goldregen zu. Und da war Abelone.
Schne, schne Abelone.
    Ich wills nie vergessen, wie das war, wenn du mich anschautest. Wie du dein
Schauen trugst, gleichsam wie etwas nicht Befestigtes es aufhaltend auf
zurckgeneigtem Gesicht.
    Ach, ob das Klima sich gar nicht verndert hat? Ob es nicht milder geworden
ist um Ulsgaard herum von all unserer Wrme? Ob einzelne Rosen nicht lnger
blhen jetzt im Park, bis in den Dezember hinein?
    Ich will nichts erzhlen von dir, Abelone. Nicht deshalb, weil wir einander
tuschten: weil du Einen liebtest, auch damals, den du nie vergessen hast,
Liebende, und ich: alle Frauen; sondern weil mit dem Sagen nur unrecht
geschieht.

Es giebt Teppiche hier, Abelone, Wandteppiche. Ich bilde mir ein, du bist da,
sechs Teppiche sinds, komm, la uns langsam vorbergehen. Aber erst tritt zurck
und sieh alle zugleich. Wie ruhig sie sind, nicht? Es ist wenig Abwechslung
darin. Da ist immer diese ovale blaue Insel, schwebend im zurckhaltend roten
Grund, der blumig ist und von kleinen, mit sich beschftigten Tieren bewohnt.
Nur dort, im letzten Teppich, steigt die Insel ein wenig auf, als ob sie
leichter geworden sei. Sie trgt immer eine Gestalt, eine Frau in verschiedener
Tracht, aber immer dieselbe. Zuweilen ist eine kleinere Figur neben ihr, eine
Dienerin, und immer sind die wappentragenden Tiere da, gro, mit auf der Insel,
mit in der Handlung. Links ein Lwe, und rechts, hell, das Einhorn; sie halten
die gleichen Banner, die hoch ber ihnen zeigen: drei silberne Monde, steigend,
in blauer Binde auf rotem Feld. - Hast du gesehen, willst du beim ersten
beginnen?
    Sie fttert den Falken. Wie herrlich ihr Anzug ist. Der Vogel ist auf der
gekleideten Hand und rhrt sich. Sie sieht ihm zu und langt dabei in die Schale,
die ihr die Dienerin bringt, um ihm etwas zu reichen. Rechts unten auf der
Schleppe hlt sich ein kleiner, seidenhaariger Hund, der aufsieht und hofft, man
werde sich seiner erinnern. Und, hast du bemerkt, ein niederes Rosengitter
schliet hinten die Insel ab. Die Wappentiere steigen heraldisch hochmtig. Das
Wappen ist ihnen noch einmal als Mantel umgegeben. Eine schne Agraffe hlt es
zusammen. Es weht.
    Geht man nicht unwillkrlich leiser zu dem nchsten Teppich hin, sobald man
gewahrt, wie versunken sie ist: sie bindet einen Kranz, eine kleine, runde Krone
aus Blumen. Nachdenklich whlt sie die Farbe der nchsten Nelke in dem flachen
Becken, das ihr die Dienerin hlt, whrend sie die vorige anreiht. Hinten auf
einer Bank steht unbenutzt ein Korb voller Rosen, den ein Affe entdeckt hat.
Diesmal sollten es Nelken sein.
    Der Lwe nimmt nicht mehr teil; aber rechts das Einhorn begreift.
    Mute nicht Musik kommen in diese Stille, war sie nicht schon verhalten da?
Schwer und still geschmckt, ist sie (wie langsam, nicht?) an die tragbare Orgel
getreten und spielt, stehend, durch das Pfeifenwerk abgetrennt von der Dienerin,
die jenseits die Blge bewegt. So schn war sie noch nie. Wunderlich ist das
Haar in zwei Flechten nach vorn genommen und ber dem Kopfputz oben
zusammengefat, so da es mit seinen Enden aus dem Bund aufsteigt wie ein kurzer
Helmbusch. Verstimmt ertrgt der Lwe die Tne, ungern, Geheul verbeiend. Das
Einhorn aber ist schn, wie in Wellen bewegt.
    Die Insel wird breit. Ein Zelt ist errichtet. Aus blauem Damast und
goldgeflammt. Die Tiere raffen es auf, und schlicht beinah in ihrem frstlichen
Kleid tritt sie vor. Denn was sind ihre Perlen gegen sie selbst. Die Dienerin
hat eine kleine Truhe geffnet, und sie hebt nun eine Kette heraus, ein
schweres, herrliches Kleinod, das immer verschlossen war. Der kleine Hund sitzt
bei ihr, erhht, auf bereitetem Platz und sieht es an. Und hast du den Spruch
entdeckt auf dem Zeltrand oben? da steht: A mon seul dsir.
    Was ist geschehen, warum springt das kleine Kaninchen da unten, warum sieht
man gleich, da es springt? Alles ist so befangen. Den Lwe hat nichts zu tun.
Sie selbst hlt das Banner. Oder hlt sie sich dran? Sie hat mit der anderen
Hand nach dem Horn des Einhorns gefat. Ist das Trauer, kann Trauer so aufrecht
sein, und ein Trauerkleid so verschwiegen wie dieser grnschwarze Samt mit den
welken Stellen?
    Aber es kommt noch ein Fest, niemand ist geladen dazu. Erwartung spielt
dabei keine Rolle. Es ist alles da. Alles fr immer. Der Lwe sieht sich fast
drohend um: es darf niemand kommen. Wir haben sie noch nie mde gesehen; ist sie
mde? oder hat sie sich nur niedergelassen, weil sie etwas Schweres hlt? Man
knnte meinen, eine Monstranz. Aber sie neigt den andern Arm gegen das Einhorn
hin, und das Tier bumt sich geschmeichelt auf und steigt und sttzt sich auf
ihren Schoo. Es ist ein Spiegel, was sie hlt. Siehst du: sie zeigt dem Einhorn
sein Bild -.
    Abelone, ich bilde mir ein, du bist da. Begreifst du, Abelone? Ich denke, du
mut begreifen.
    Nun sind auch die Teppiche der Dame  la Licorne nicht mehr in dem alten
Schlo von Boussac. Die Zeit ist da, wo alles aus den Husern fortkommt, sie
knnen nichts mehr behalten. Die Gefahr ist sicherer geworden als die
Sicherheit. Niemand aus dem Geschlecht der Delle Viste geht neben einem her und
hat das im Blut. Sie sind alle vorbei. Niemand spricht deinen Namen aus, Pierre
d'Aubusson, groer Gromeister aus uraltem Hause, auf dessen Willen hin
vielleicht diese Bilder gewebt wurden, die alles preisen und nichts preisgeben.
(Ach, da die Dichter je anders von Frauen geschrieben haben, wrtlicher, wie
sie meinten. Es ist sicher, wir durften nichts wissen als das.) Nun kommt man
zufllig davor unter Zuflligen und erschrickt fast, nicht geladen zu sein. Aber
da sind andere und gehen vorber, wenn es auch nie viele sind. Die jungen Leute
halten sich kaum auf, es sei denn, da das irgendwie in ihr Fach gehrt, diese
Dinge einmal gesehen zu haben, auf die oder jene bestimmte Eigenschaft hin.
    Junge Mdchen allerdings findet man zuweilen davor. Denn es giebt eine Menge
junger Mdchen in den Museen, die fortgegangen sind irgendwo aus den Husern,
die nichts mehr behalten. Sie finden sich vor diesen Teppichen und vergessen
sich ein wenig. Sie haben immer gefhlt, da es dies gegeben hat, solch ein
leises Leben langsamer, nie ganz aufgeklrter Gebrden, und sie erinnern sich
dunkel, da sie sogar eine Zeitlang meinten, es wrde ihr Leben sein. Aber dann
ziehen sie rasch ein Heft hervor und beginnen zu zeichnen, gleichviel was, eine
von den Blumen oder ein kleines, vergngtes Tier.
    Darauf kme es nicht an, hat man ihnen vorgesagt, was es gerade wre. Und
darauf kommt es wirklich nicht an. Nur da gezeichnet wird, das ist die
Hauptsache; denn dazu sind sie fortgegangen eines Tages, ziemlich gewaltsam. Sie
sind aus guter Familie. Aber wenn sie jetzt beim Zeichnen die Arme heben, so
ergiebt sich, da ihr Kleid hinten nicht zugeknpft ist oder doch nicht ganz. Es
sind da ein paar Knpfe, die man nicht erreichen kann. Denn als dieses Kleid
gemacht wurde, war noch nicht davon die Rede gewesen, da sie pltzlich allein
weggehen wrden. In der Familie ist immer jemand fr solche Knpfe. Aber hier,
lieber Gott, wer sollte sich damit abgeben in einer so groen Stadt. Man mte
schon eine Freundin haben; Freundinnen sind aber in derselben Lage, und da kommt
es doch darauf hinaus, da man sich gegenseitig die Kleider schliet. Das ist
lcherlich und erinnert an die Familie, an die man nicht erinnert sein will.
    Es lt sich ja nicht vermeiden, da man whrend des Zeichnens zuweilen
berlegt, ob es nicht doch mglich gewesen wre zu bleiben. Wenn man htte fromm
sein knnen, herzhaft fromm im gleichen Tempo mit den andern. Aber das nahm sich
so unsinnig aus, das gemeinsam zu versuchen. Der Weg ist irgendwie enger
geworden: Familien knnen nicht mehr zu Gott. Es blieben also nur verschiedene
andere Dinge, die man zur Not teilen konnte. Da kam dann aber, wenn man ehrlich
teilte, so wenig auf den einzelnen, da es eine Schande war. Und betrog man beim
Teilen, so entstanden Auseinandersetzungen. Nein, es ist wirklich besser zu
zeichnen, gleichviel was. Mit der Zeit stellt sich die hnlichkeit schon ein.
Und die Kunst, wenn man sie so allmhlich hat, ist doch etwas recht
Beneidenswertes.
    Und ber der angestrengten Beschftigung mit dem, was sie sich vorgenommen
haben, diese jungen Mdchen, kommen sie nicht mehr dazu, aufzusehen. Sie merken
nicht, wie sie bei allem Zeichnen doch nichts tun, als das unabnderliche Leben
in sich unterdrcken, das in diesen gewebten Bildern strahlend vor ihnen
aufgeschlagen ist in seiner unendlichen Unsglichkeit. Sie wollen es nicht
glauben. Jetzt, da so vieles anders wird, wollen sie sich verndern. Sie sind
ganz nahe daran, sich aufzugeben und so von sich zu denken, wie Mnner etwa von
ihnen reden knnten, wenn sie nicht da sind. Das scheint ihnen ihr Fortschritt.
Sie sind fast schon berzeugt, da man einen Genu sucht und wieder einen und
einen noch strkeren Genu: da darin das Leben besteht, wenn man es nicht auf
eine albere Art verlieren will. Sie haben schon angefangen, sich umzusehen, zu
suchen; sie, deren Strke immer darin bestanden hat, gefunden zu werden.
    Das kommt, glaube ich, weil sie mde sind. Sie haben Jahrhunderte lang die
ganze Liebe geleistet, sie haben immer den vollen Dialog gespielt, beide Teile.
Denn der Mann hat nur nachgesprochen und schlecht. Und hat ihnen das Erlernen
schwer gemacht mit seiner Zerstreutheit, mit seiner Nachlssigkeit, mit seiner
Eifersucht, die auch eine Art Nachlssigkeit war. Und sie haben trotzdem
ausgeharrt Tag und Nacht und haben zugenommen an Liebe und Elend. Und aus ihnen
sind, unter dem Druck endloser Nte, die gewaltigen Liebenden hervorgegangen,
die, whrend sie ihn riefen, den Mann berstanden; die ber ihn hinauswuchsen,
wenn er nicht wiederkam, wie Gaspara Stampa oder wie die Portugiesin, die nicht
ablieen, bis ihre Qual umschlug in eine herbe, eisige Herrlichkeit, die nicht
mehr zu halten war. Wir wissen von der und der, weil Briefe da sind, die wie
durch ein Wunder sich erhielten, oder Bcher mit anklagenden oder klagenden
Gedichten, oder Bilder, die uns anschauen in einer Galerie durch ein Weinen
durch, das dem Maler gelang, weil er nicht wute, was es war. Aber es sind ihrer
zahllos mehr gewesen; solche, die ihre Briefe verbrannt haben, und andere, die
keine Kraft mehr hatten, sie zu schreiben. Greisinnen, die verhrtet waren, mit
einem Kern von Kstlichkeit in sich, den sie verbargen. Formlose, stark
gewordene Frauen, die, stark geworden aus Erschpfung, sich ihren Mnnern
hnlich werden lieen und die doch innen ganz anders waren, dort, wo ihre Liebe
gearbeitet hatte, im Dunkel. Gebrende, die nie gebren wollten, und wenn sie
endlich starben an der achten Geburt, so hatten sie die Gesten und das Leichte
von Mdchen, die sich auf die Liebe freuen. Und die, die blieben neben Tobenden
und Trinkern, weil sie das Mittel gefunden hatten, in sich so weit von ihnen zu
sein wie nirgend sonst; und kamen sie unter die Leute, so konnten sie nicht
verhalten und schimmerten, als gingen sie immer mit Seligen um. Wer kann sagen,
wie viele es waren und welche. Es ist, als htten sie im voraus die Worte
vernichtet, mit denen man sie fassen knnte.
    Aber nun, da so vieles anders wird, ist es nicht an uns, uns zu verndern?
Knnten wir nicht versuchen, uns ein wenig zu entwickeln, und unseren Anteil
Arbeit in der Liebe langsam auf uns nehmen nach und nach? Man hat uns alle ihre
Mhsal erspart, und so ist sie uns unter die Zerstreuungen geglitten, wie in
eines Kindes Spiellade manchmal ein Stck echter Spitze fllt und freut und
nicht mehr freut und endlich daliegt unter Zerbrochenem und
Auseinandergenommenem, schlechter als alles. Wir sind verdorben vom leichten
Genu wie alle Dilettanten und stehen im Geruch der Meisterschaft. Wie aber,
wenn wir unsere Erfolge verachteten, wie, wenn wir ganz von vorne begnnen die
Arbeit der Liebe zu lernen, die immer fr uns getan worden ist? Wie, wenn wir
hingingen und Anfnger wrden, nun, da sich vieles verndert.

Nun wei ich auch, wie es war, wenn Maman die kleinen Spitzenstcke aufrollte.
Sie hatte nmlich ein einziges von den Schubfchern in Ingeborgs Sekretr fr
sich in Gebrauch genommen.
    Wollen wir sie sehen, Malte, sagte sie und freute sich, als sollte sie
eben alles geschenkt bekommen, was in der kleinen gelblackierten Lade war. Und
dann konnte sie vor lauter Erwartung das Seidenpapier gar nicht
auseinanderschlagen. Ich mute es tun jedesmal. Aber ich wurde auch ganz
aufgeregt, wenn die Spitzen zum Vorschein kamen. Sie waren aufgewunden um eine
Holzwelle, die gar nicht zu sehen war vor lauter Spitzen. Und nun wickelten wir
sie langsam ab und sahen den Mustern zu, wie sie sich abspielten, und erschraken
jedesmal ein wenig, wenn eines zu Ende war. Sie hrten so pltzlich auf.
    Da kamen erst Kanten italienischer Arbeit, zhe Stcke mit ausgezogenen
Fden, in denen sich alles immerzu wiederholte, deutlich wie in einem
Bauerngarten. Dann war auf einmal eine ganze Reihe unserer Blicke vergittert mit
venezianischer Nadelspitze, als ob wir Klster wren oder Gefngnisse. Aber es
wurde wieder frei, und man sah weit in Grten hinein, die immer knstlicher
wurden, bis es dicht und lau an den Augen war wie in einem Treibhaus: prunkvolle
Pflanzen, die wir nicht kannten, schlugen riesige Bltter auf, Ranken griffen
nacheinander, als ob ihnen schwindelte, und die groen offenen Blten der Points
d'Alenon trbten alles mit ihren Pollen. Pltzlich, ganz mde und wirr, trat
man hinaus in die lange Bahn der Valenciennes, und es war Winter und frh am Tag
und Reif. Und man drngte sich durch das verschneite Gebsch der Binche und kam
an Pltze, wo noch keiner gegangen war; die Zweige hingen so merkwrdig abwrts,
es konnte wohl ein Grab darunter sein, aber das verbargen wir voreinander. Die
Klte drang immer dichter an uns heran, und schlielich sagte Maman, wenn die
kleinen, ganz feinen Klppelspitzen kamen: Oh, jetzt bekommen wir Eisblumen an
den Augen, und so war es auch, denn es war innen sehr warm in uns.
    ber dem Wiederaufrollen seufzten wir beide, das war eine lange Arbeit, aber
wir mochten es niemandem berlassen.
    Denk nun erst, wenn wir sie machen mten, sagte Maman und sah frmlich
erschrocken aus. Das konnte ich mir gar nicht vorstellen. Ich ertappte mich
darauf, da ich an kleine Tiere gedacht hatte, die das immerzu spinnen und die
man dafr in Ruhe lt. Nein, es waren ja natrlich Frauen.
    Die sind gewi in den Himmel gekommen, die das gemacht haben, meinte ich
bewundernd. Ich erinnere, es fiel mir auf, da ich lange nicht nach dem Himmel
gefragt hatte. Maman atmete auf, die Spitzen waren wieder beisammen.
    Nach einer Weile, als ich es schon wieder vergessen hatte, sagte sie ganz
langsam: In den Himmel? Ich glaube, sie sind ganz und gar da drin. Wenn man das
so sieht: das kann gut eine ewige Seligkeit sein. Man wei ja so wenig darber.

Oft, wenn Besuch da war, hie es, da Schulins sich einschrnkten. Das groe,
alte Schlo war abgebrannt vor ein paar Jahren, und nun wohnten sie in den beide
engen Seitenflgeln und schrnkten sich ein. Aber das Gstehaben lag ihnen nun
einmal im Blut. Das konnten sie nicht aufgeben. Kam jemand unerwartet zu uns, so
kam er wahrscheinlich von Schulins; und sah jemand pltzlich nach der Uhr und
mute ganz erschrocken fort, so wurde er sicher auf Lystager erwartet.
    Maman ging eigentlich schon nirgends mehr hin, aber so etwas konnten
Schulins nicht begreifen; es blieb nichts brig, man mute einmal hinberfahren.
Es war im Dezember nach ein paar frhen Schneefllen; der Schlitten war auf drei
Uhr befohlen, ich sollte mit. Man fuhr indessen nie pnktlich bei uns. Maman,
die es nicht liebte, da der Wagen gemeldet wurde, kam meistens viel zu frh
herunter, und wenn sie niemanden fand, so fiel ihr immer etwas ein, was schon
lngst htte getan sein sollen, und sie begann irgendwo oben zu suchen oder zu
ordnen, so da sie kaum wieder zu erreichen war. Schlielich standen alle und
warteten. Und sa sie endlich und war eingepackt, so zeigte es sich, da etwas
vergessen sei, und Sieversen mute geholt werden; denn nur Sieversen wute, wo
es war. Aber dann fuhr man pltzlich los, eh Sieversen wiederkam.
    An diesem Tag war es berhaupt nicht recht hell geworden. Die Bume standen
da, als wten sie nicht weiter im Nebel, und es hatte etwas Rechthaberisches,
dahinein zu fahren. Zwischendurch fing es an, still weiterzuschneien, und nun
wars, als wrde auch noch das Letzte ausradiert und als fhre man in ein weies
Blatt. Es gab nichts als das Gelut, und man konnte nicht sagen, wo es
eigentlich war. Es kam ein Moment, da es einhielt, als wre nun die letzte
Schelle ausgegeben; aber dann sammelte es sich wieder und war beisammen und
streute sich wieder aus dem Vollen aus. Den Kirchturm links konnte man sich
eingebildet haben. Aber der Parkkontur war pltzlich da, hoch, beinahe ber
einem, und man befand sich in der langen Allee. Das Gelut fiel nicht mehr ganz
ab; es war, als hngte es sich in Trauben rechts und links an die Bume. Dann
schwenkte man und fuhr rund um etwas herum und rechts an etwas vorbei und hielt
in der Mitte.
    Georg hatte ganz vergessen, da das Haus nicht da war, und fr uns alle war
es in diesem Augenblick da. Wir stiegen die Freitreppe hinauf, die auf die alte
Terrasse fhrte, und wunderten uns nur, da es ganz dunkel sei. Auf einmal ging
eine Tr, links unten hinter uns, und jemand rief: Hierher! und hob und
schwenkte ein dunstiges Licht. Mein Vater lachte: Wir steigen hier herum wie
die Gespenster, und er half uns wieder die Stufen zurck.
    Aber es war doch eben ein Haus da, sagte Maman und konnte sich gar nicht
so rasch an Wjera Schulin gewhnen, die warm und lachend herausgelaufen war. Nun
mute man natrlich schnell hinein, und an das Haus war nicht mehr zu denken. In
einem engen Vorzimmer wurde man ausgezogen, und dann war man gleich mitten drin
unter den Lampen und der Wrme gegenber.
    Diese Schulins waren ein mchtiges Geschlecht selbstndiger Frauen. Ich wei
nicht, ob es Shne gab. Ich erinnere mich nur dreier Schwestern; der ltesten,
die an einen Marchese in Neapel verheiratet gewesen war, von dem sie sich nun
langsam unter vielen Prozessen schied. Dann kam Zo, von der es hie, da es
nichts gab, was sie nicht wute. Und vor allem war Wjera da, diese warme Wjera;
Gott wei, was aus ihr geworden ist. Die Grfin, eine Narischkin, war eigentlich
die vierte Schwester und in gewisser Beziehung die jngste. Sie wute von nichts
und mute in einem fort von ihren Kindern unterrichtet werden. Und der gute Graf
Schulin fhlte sich, als ob er mit allen diesen Frauen verheiratet sei, und ging
herum und kte sie, wie es eben kam.
    Vor der Hand lachte er laut und begrte uns eingehend. Ich wurde unter den
Frauen weitergegeben und befhlt und befragt. Aber ich hatte mir fest
vorgenommen, wenn das vorber sei, irgendwie hinauszugleiten und mich nach dem
Haus umzusehen. Ich war berzeugt, da es heute da sei. Das Hinauskommen war
nicht so schwierig; zwischen allen den Kleidern kam man unten durch wie ein
Hund, und die Tr nach dem Vorraum zu war noch angelehnt. Aber drauen die
uere wollte nicht nachgeben. Da waren mehrere Vorrichtungen, Ketten und
Riegel, die ich nicht richtig behandelte in der Eile. Pltzlich ging sie doch
auf, aber mit lautem Gerusch, und eh ich drauen war, wurde ich festgehalten
und zurckgezogen.
    Halt, hier wird nicht ausgekniffen, sagte Wjera Schulin belustigt. Sie
beugte sich zu mir, und ich war entschlossen, dieser warmen Person nichts zu
verraten. Sie aber, als ich nichts sagte, nahm ohne weiters an, eine Ntigung
meiner Natur htte mich an die Tr getrieben; sie ergriff meine Hand und fing
schon an zu gehen und wollte mich, halb vertraulich, halb hochmtig, irgendwohin
mitziehen. Dieses intime Miverstndnis krnkte mich ber die Maen. Ich ri
mich los und sah sie bse an. Das Haus will ich sehen, sagte ich stolz. Sie
begriff nicht.
    Das groe Haus drauen an der Treppe.
    Schaf, machte sie und haschte nach mir, da ist doch gar kein Haus mehr.
Ich bestand darauf.
    Wir gehen einmal bei Tage hin, schlug sie einlenkend vor, jetzt kann man
da nicht herumkriechen. Es sind Lcher da, und gleich dahinter sind Papas
Fischteiche, die nicht zufrieren drfen. Da fllst du hinein und wirst ein
Fisch.
    Damit schob sie mich vor sich her wieder in die hellen Stuben. Da saen sie
alle und sprachen, und ich sah sie mir der Reihe nach an: die gehen natrlich
nur hin, wenn es nicht da ist, dachte ich verchtlich; wenn Maman und ich hier
wohnten, so wre es immer da. Maman sah zerstreut aus, whrend alle zugleich
redeten. Sie dachte gewi an das Haus.
    Zo setzte sich zu mir und stellte mir Fragen. Sie hatte ein gutgeordnetes
Gesicht, in dem sich das Einsehen von Zeit zu Zeit erneute, als she sie
bestndig etwas ein. Mein Vater sa etwas nach rechts geneigt und hrte der
Marchesin zu, die lachte. Graf Schulin stand zwischen Maman und seiner Frau und
erzhlte etwas. Aber die Grfin unterbrach ihn, sah ich, mitten im Satze.
    Nein, Kind, das bildest du dir ein, sagte der Graf gutmtig, aber er hatte
auf einmal dasselbe beunruhigte Gesicht, das er vorstreckte ber den beiden
Damen. Die Grfin war von ihrer sogenannten Einbildung nicht abzubringen. Sie
sah ganz angestrengt aus, wie jemand, der nicht gestrt sein will. Sie machte
kleine, abwinkende Bewegungen mit ihren weichen Ringhnden, jemand sagte sst,
und es wurde pltzlich ganz still.
    Hinter den Menschen drngten sich die groen Gegenstnde aus dem alten
Hause, viel zu nah. Das schwere Familiensilber glnzte und wlbte sich, als she
man es durch Vergrerungsglser. Mein Vater sah sich befremdet um.
    Mama riecht, sagte Wjera Schulin hinter ihm, da mssen wir immer alle
still sein, sie riecht mit den Ohren, dabei aber stand sie selbst mit
hochgezogenen Augenbrauen da, aufmerksam und ganz Nase.
    Die Schulins waren in dieser Beziehung ein bichen eigen seit dem Brande. In
den engen, berheizten Stuben kam jeden Augenblick ein Geruch auf, und dann
untersuchte man ihn, und jeder gab seine Meinung ab. Zo machte sich am Ofen zu
tun, sachlich und gewissenhaft, der Graf ging umher und stand ein wenig in jeder
Ecke und wartete; hier ist es nicht, sagte er dann. Die Grfin war
aufgestanden und wute nicht, wo sie suchen sollte. Mein Vater drehte sich
langsam um sich selbst, als htte er den Geruch hinter sich. Die Marchesin, die
sofort angenommen hatte, da es ein garstiger Geruch sei, hielt ihr Taschentuch
vor und sah von einem zum andern, ob es vorber wre. Hier, hier, rief Wjera
von Zeit zu Zeit, als htte sie ihn. Und um jedes Wort herum war es merkwrdig
still. Was mich angeht, so hatte ich fleiig mitgerochen. Aber auf einmal (war
es die Hitze in den Zimmern oder das viele nahe Licht) berfiel mich zum
erstenmal in meinem Leben etwas wie Gespensterfurcht. Es wurde mir klar, da
alle die deutlichen groen Menschen, die eben noch gesprochen und gelacht
hatten, gebckt herumgingen und sich mit etwas Unsichtbarem beschftigten; da
sie zugaben, da da etwas war, was sie nicht sahen. Und es war schrecklich, da
es strker war als sie alle.
    Meine Angst steigerte sich. Mir war, als knnte das, was sie suchten,
pltzlich aus mir ausbrechen wie ein Ausschlag; und dann wrden sie es sehen und
nach mir zeigen. Ganz verzweifelt sah ich nach Maman hinber. Sie sa
eigentmlich gerade da, mir kam vor, da sie auf mich wartete. Kaum war ich bei
ihr und fhlte, da sie innen zitterte, so wute ich, da das Haus jetzt erst
wieder verging.
    Malte, Feigling, lachte es irgendwo. Es war Wjeras Stimme. Aber wir lieen
einander nicht los und ertrugen es zusammen; und wir blieben so, Maman und ich,
bis das Haus wieder ganz vergangen war.

Am reichsten an beinah unfabaren Erfahrungen waren aber doch die Geburtstage.
Man wute ja schon, da das Leben sich darin gefiel, keine Unterschiede zu
machen; aber zu diesem Tage stand man mit einem Recht auf Freude auf, an dem
nicht zu zweifeln war. Wahrscheinlich war das Gefhl dieses Rechts ganz frh in
einem ausgebildet worden, zu der Zeit, da man nach allem greift und rein alles
bekommt und da man die Dinge, die man gerade festhlt, mit unbeirrbarer
Einbildungskraft zu der grundfarbigen Intensitt des gerade herrschenden
Verlangens steigert.
    Dann aber kommen auf einmal jene merkwrdigen Geburtstage, da man, im
Bewutsein dieses Rechtes vllig befestigt, die anderen unsicher werden sieht.
Man mchte wohl noch wie frher angekleidet werden und dann alles Weitere
entgegennehmen. Aber kaum ist man wach, so ruft jemand drauen, die Torte sei
noch nicht da; oder man hrt, da etwas zerbricht, whrend nebenan der
Geschenktisch geordnet wird; oder es kommt jemand herein und lt die Tre
offen, und man sieht alles, ehe man es htte sehen drfen. Das ist der
Augenblick, wo etwas wie eine Operation an einem geschieht. Ein kurzer,
wahnsinnig schmerzhafter Eingriff. Aber die Hand, die ihn tut, ist gebt und
fest. Es ist gleich vorbei. Und kaum ist es berstanden, so denkt man nicht mehr
an sich; es gilt, den Geburtstag zu retten, die anderen zu beobachten, ihren
Fehlern zuvorzukommen, sie in ihrer Einbildung zu bestrken, da sie alles
trefflich bewltigen. Sie machen es einem nicht leicht. Es erweist sich, da sie
von einer beispiellosen Ungeschicklichkeit sind, beinahe stupide. Sie bringen es
zuwege, mit irgendwelchen Paketen hereinzukommen, die fr andere Leute bestimmt
sind; man luft ihnen entgegen und mu hernach tun, als liefe man berhaupt in
der Stube herum, um sich Bewegung zu schaffen, auf nichts Bestimmtes zu. Sie
wollen einen berraschen und heben mit oberflchlich nachgeahmter Erwartung die
unterste Lage in den Spielzeugschachteln auf, wo weiter nichts ist als
Holzwolle; da mu man ihnen ihre Verlegenheit erleichtern. Oder wenn es etwas
Mechanisches war, so berdrehen sie das, was sie einem geschenkt haben, beim
ersten Aufziehen. Es ist deshalb gut, wenn man sich beizeiten bt, eine
berdrehte Maus oder dergleichen unauffllig mit dem Fu weiterzustoen: auf
diese Weise kann man sie oft tuschen und ihnen ber die Beschmung forthelfen.
    Das alles leistete man schlielich, wie es verlangt wurde, auch ohne
besondere Begabung. Talent war eigentlich nur ntig, wenn sich einer Mhe
gegeben hatte, und brachte, wichtig und gutmtig, eine Freude, und man sah schon
von weitem, da es eine Freude fr einen ganz anderen war, eine vollkommen
fremde Freude; man wute nicht einmal jemanden, dem sie gepat htte: so fremd
war sie.

Da man erzhlte, wirklich erzhlte, das mu vor meiner Zeit gewesen sein. Ich
habe nie jemanden erzhlen hren. Damals, als Abelone mir von Mamans Jugend
sprach, zeigte es sich, da sie nicht erzhlen knne. Der alte Graf Brahe soll
es noch gekonnt haben. Ich will aufschreiben, was sie davon wute.
    Abelone mu als ganz junges Mdchen eine Zeit gehabt haben, da sie von einer
eigenen, weiten Bewegtheit war. Brahes wohnten damals in der Stadt, in der
Bredgade, unter ziemlicher Geselligkeit. Wenn sie abends spt hinauf in ihr
Zimmer kam, so meinte sie mde zu sein wie die anderen. Aber dann fhlte sie auf
einmal das Fenster und, wenn ich recht verstanden habe, so konnte sie vor der
Nacht stehn, stundenlang, und denken: das geht mich an. Wie ein Gefangener
stand ich da, sagte sie, und die Sterne waren die Freiheit. Sie konnte damals
einschlafen, ohne sich schwer zu machen. Der Ausdruck In-den-Schlaf-fallen pat
nicht fr dieses Mdchenjahr. Schlaf war etwas, was mit einem stieg, und von
Zeit zu Zeit hatte man die Augen offen und lag auf einer neuen Oberflche, die
noch lang nicht die oberste war. Und dann war man auf vor Tag; selbst im Winter,
wenn die anderen schlfrig und spt zum spten Frhstck kamen. Abends, wenn es
dunkel wurde, gab es ja immer nur Lichter fr alle, gemeinsame Lichter. Aber
diese beiden Kerzen ganz frh in der neuen Dunkelheit, mit der alles wieder
anfing, die hatte man fr sich. Sie standen in ihrem niederen Doppelleuchter und
schienen ruhig durch die kleinen, ovalen, mit Rosen bemalten Tllschirme, die
von Zeit zu Zeit nachgerckt werden muten. Das hatte nichts Strendes; denn
einmal war man durchaus nicht eilig, und dann kam es doch so, da man manchmal
aufsehen mute und nachdenken, wenn man an einem Brief schrieb oder in das
Tagebuch, das frher einmal mit ganz anderer Schrift, ngstlich und schn,
begonnen war.
    Der Graf Brahe lebte ganz abseits von seinen Tchtern. Er hielt es fr
Einbildung, wenn jemand behauptete, das Leben mit andern zu teilen. (Ja, teilen
-, sagte er.) Aber es war ihm nicht unlieb, wenn die Leute ihm von seinen
Tchtern erzhlten; er hrte aufmerksam zu, als wohnten sie in einer anderen
Stadt.
    Es war deshalb etwas ganz Auerordentliches, da er einmal nach dem
Frhstck Abelone zu sich winkte: Wir haben die gleichen Gewohnheiten, wie es
scheint, ich schreibe auch ganz frh. Du kannst mir helfen. Abelone wute es
noch wie gestern.
    Schon am anderen Morgen wurde sie in ihres Vaters Kabinett gefhrt, das im
Rufe der Unzugnglichkeit stand. Sie hatte nicht Zeit, es in Augenschein zu
nehmen, denn man setzte sie sofort gegen dem Grafen ber an den Schreibtisch,
der ihr wie eine Ebene schien mit Bchern und Schriftsten als Ortschaften.
    Der Graf diktierte. Diejenigen, die behaupteten, da Graf Brahe seine
Memoiren schriebe, hatten nicht vllig unrecht. Nur da es sich nicht um
politische oder militrische Erinnerungen handelte, wie man mit Spannung
erwartete. Die vergesse ich, sagte der alte Herr kurz, wenn ihn jemand auf
solche Tatsachen hin anredete. Was er aber nicht vergessen wollte, das war seine
Kindheit. Auf die hielt er. Und es war ganz in der Ordnung, seiner Meinung nach,
da jene sehr entfernte Zeit nun in ihm die Oberhand gewann, da sie, wenn er
seinen Blick nach innen kehrte, dalag wie in einer hellen nordischen
Sommernacht, gesteigert und schlaflos.
    Manchmal sprang er auf und redete in die Kerzen hinein, da sie flackerten.
Oder ganze Stze muten wieder durchgestrichen werden, und dann ging er heftig
hin und her und wehte mit seinem nilgrnen, seidenen Schlafrock. Whrend alledem
war noch eine Person zugegen, Sten, des Grafen alter, jtlndischer
Kammerdiener, dessen Aufgabe es war, wenn der Grovater aufsprang, die Hnde
schnell ber die einzelnen losen Bltter zu legen, die, mit Notizen bedeckt, auf
dem Tische herumlagen. Seine Gnaden hatten die Vorstellung, da das heutige
Papier nichts tauge, da es viel zu leicht sei und davonfliege bei der
geringsten Gelegenheit. Und Sten, von dem man nur die lange obere Hlfte sah,
teilte diesen Verdacht und sa gleichsam auf seinen Hnden, lichtblind und ernst
wie ein Nachtvogel.
    Dieser Sten verbrachte die Sonntag-Nachmittage damit, Swedenborg zu lesen,
und niemand von der Dienerschaft htte je sein Zimmer betreten mgen, weil es
hie, da er zitiere. Die Familie Stens hatte seit je Umgang mit Geistern
gehabt, und Sten war fr diesen Verkehr ganz besonders vorausbestimmt. Seiner
Mutter war etwas erschienen in der Nacht, da sie ihn gebar. Er hatte groe,
runde Augen, und das andere Ende seines Blicks kam hinter jeden zu liegen, den
er damit ansah. Abelonens Vater fragte ihn oft nach den Geistern, wie man sonst
jemanden nach seinen Angehrigen fragt: Kommen sie, Sten? sagte er
wohlwollend. Es ist gut, wenn sie kommen.
    Ein paar Tage ging das Diktieren seinen Gang. Aber dann konnte Abelone
Eckernfrde nicht schreiben. Es war ein Eigenname, und sie hatte ihn nie
gehrt. Der Graf, der im Grunde schon lange einen Vorwand suchte, das Schreiben
aufzugeben, das zu langsam war fr seine Erinnerungen, stellte sich unwillig.
    Sie kann es nicht schreiben, sagte er scharf, und andere werden es nicht
lesen knnen. Und werden sie es berhaupt sehen, was ich da sage? fuhr er bse
fort und lie Abelone nicht aus den Augen.
    Werden sie ihn sehen, diesen Saint-Germain? schrie er sie an. Haben wir
Saint-Germain gesagt? streich es durch. Schreib: der Marquis von Belmare.
    Abelone strich durch und schrieb. Aber der Graf sprach so schnell weiter,
da man nicht mitkonnte.
    Er mochte Kinder nicht leiden, dieser vortreffliche Belmare, aber mich nahm
er auf sein Knie, so klein ich war, und mir kam die Idee, in seine Diamantknpfe
zu beien. Das freute ihn. Er lachte und hob mir den Kopf, bis wir einander in
die Augen sahen: Du hast ausgezeichnete Zhne, sagte er, Zhne, die etwas
unternehmen... - Ich aber merkte mir seine Augen. Ich bin spter da und dort
herumgekommen. Ich habe allerhand Augen gesehen, kannst du mir glauben: solche
nicht wieder. Fr diese Augen htte nichts da sein mssen, die hattens in sich.
Du hast von Venedig gehrt? Gut. Ich sage dir, die htten Venedig hier
hereingesehen in dieses Zimmer, da es da gewesen wre, wie der Tisch. Ich sa
in der Ecke einmal und hrte, wie er meinem Vater von Persien erzhlte, manchmal
mein ich noch, mir riechen die Hnde davon. Mein Vater schtzte ihn, und Seine
Hoheit, der Landgraf, war so etwas wie sein Schler. Aber es gab natrlich
genug, die ihm belnahmen, da er an die Vergangenheit nur glaubte, wenn sie in
ihm war. Das konnten sie nicht begreifen, da der Kram nur Sinn hat, wenn man
damit geboren wird.
    Die Bcher sind leer, schrie der Graf mit einer wtenden Gebrde nach den
Wnden hin, das Blut, darauf kommt es an, da mu man drin lesen knnen. Er
hatte wunderliche Geschichten drin und merkwrdige Abbildungen, dieser Belmare;
er konnte aufschlagen, wo er wollte, da war immer was beschrieben; keine Seite
in seinem Blut war berschlagen worden. Und wenn er sich einschlo von Zeit zu
Zeit und allein drin bltterte, dann kam er zu den Stellen ber das Goldmachen
und ber die Steine und ber die Farben. Warum soll das nicht darin gestanden
haben? es steht sicher irgendwo.
    Er htte gut mit einer Wahrheit leben knnen, dieser Mensch, wenn er allein
gewesen wre. Aber es war keine Kleinigkeit, allein zu sein mit einer solchen.
Und er war nicht so geschmacklos, die Leute einzuladen, da sie ihn bei seiner
Wahrheit besuchten; die sollte nicht ins Gerede kommen: dazu war er viel zu sehr
Orientale. Adieu, Madame, sagte er ihr wahrheitsgem, auf ein anderes Mal.
Vielleicht ist man in tausend Jahren etwas krftiger und ungestrter. Ihre
Schnheit ist ja doch erst im Werden, Madame, sagte er, und das war keine bloe
Hflichkeit. Damit ging er fort und legte drauen fr die Leute seinen Tierpark
an, eine Art Jardin d'Acclimatation fr die greren Arten von Lgen, die man
bei uns noch nie gesehen hatte, und ein Palmenhaus von bertreibungen und eine
kleine, gepflegte Figuerie falscher Geheimnisse. Da kamen sie von allen Seiten,
und er ging herum mit Diamantschnallen an den Schuhen und war ganz fr seine
Gste da.
    Eine oberflchliche Existenz: wie? Im Grunde wars doch eine Ritterlichkeit
gegen seine Dame, und er hat sich ziemlich dabei konserviert.
    Seit einer Weile schon redete der Alte nicht mehr auf Abelone ein, die er
vergessen hatte. Er ging wie rasend auf und ab und warf herausfordernde Blicke
auf Sten, als sollte Sten in einem gewissen Augenblicke sich in den verwandeln,
an den er dachte. Aber Sten verwandelte sich noch nicht.
    Man mte ihn sehen, fuhr Graf Brahe versessen fort. Es gab eine Zeit, wo
er durchaus sichtbar war, obwohl in manchen Stdten die Briefe, die er empfing,
an niemanden gerichtet waren: es stand nur der Ort darauf, sonst nichts. Aber
ich hab ihn gesehen.
    Er war nicht schn. Der Graf lachte eigentmlich eilig. Auch nicht, was
die Leute bedeutend nennen oder vornehm: es waren immer Vornehmere neben ihm. Er
war reich; aber das war bei ihm nur wie ein Einfall, daran konnte man sich nicht
halten. Er war gut gewachsen, obzwar andere hielten sich besser. Ich konnte
damals natrlich nicht beurteilen, ob er geistreich war und das und dies, worauf
Wert gelegt wird -; aber er war.
    Der Graf, bebend, stand und machte eine Bewegung, als stellte er etwas in
den Raum hinein, was blieb.
    In diesem Moment gewahrte er Abelone.
    Siehst du ihn? herrschte er sie an. Und pltzlich ergriff er den einen
silbernen Armleuchter und leuchtete ihr blendend ins Gesicht.
    Abelone erinnerte sich, da sie ihn gesehen habe.
    In den nchsten Tagen wurde Abelone regelmig gerufen, und das Diktieren
ging nach diesem Zwischenfall viel ruhiger weiter. Der Graf stellte nach
allerhand Papieren seine frhesten Erinnerungen an den Bernstorffschen Kreis
zusammen, in dem sein Vater eine gewisse Rolle spielte. Abelone war jetzt so gut
auf die Besonderheiten ihrer Arbeit eingestellt, da, wer die beiden sah, ihre
zweckdienliche Gemeinsamkeit leicht fr ein wirkliches Vertrautsein nehmen
konnte.
    Einmal, als Abelone sich schon zurckziehen wollte, trat der alte Herr auf
sie zu, und es war, als hielte er die Hnde mit einer berraschung hinter sich:
Morgen schreiben wir von Julie Reventlow, sagte er und kostete seine Worte:
das war eine Heilige.
    Wahrscheinlich sah Abelone ihn unglubig an.
    Ja, ja, das giebt es alles noch, bestand er in befehlendem Tone, es giebt
alles, Komtesse Abel.
    Er nahm Abelonens Hnde und schlug sie auf wie ein Buch.
    Sie hatte die Stigmata, sagte er, hier und hier. Und er tippte mit
seinem kalten Finger hart und kurz in ihre beiden Handflchen.
    Den Ausdruck Stigmata kannte Abelone nicht. Es wird sich zeigen, dachte sie;
sie war recht ungeduldig, von der Heiligen zu hren, die ihr Vater noch gesehen
hatte. Aber sie wurde nicht mehr geholt, nicht am nchsten Morgen und auch
spter nicht. -
    Von der Grfin Reventlow ist ja dann oft bei euch gesprochen worden,
schlo Abelone kurz, als ich sie bat, mehr zu erzhlen. Sie sah mde aus; auch
behauptete sie, das Meiste wieder vergessen zu haben. Aber die Stellen fhl ich
noch manchmal, lchelte sie und konnte es nicht lassen und schaute beinah
neugierig in ihre leeren Hnde.

Noch vor meines Vaters Tod war alles anders geworden. Ulsgaard war nicht mehr in
unserm Besitz. Mein Vater starb in der Stadt, in einer Etagenwohnung, die mir
feindslig und befremdlich schien. Ich war damals schon im Ausland und kam zu
spt.
    Er war aufgebahrt in einem Hofzimmer zwischen zwei Reihen hoher Kerzen. Der
Geruch der Blumen war unverstndlich wie viele gleichzeitige Stimmen. Sein
schnes Gesicht, darin die Augen geschlossen worden waren, hatte einen Ausdruck
hflichen Erinnerns. Er war eingekleidet in die Jgermeisters-Uniform, aber aus
irgendeinem Grunde hatte man das weie Band aufgelegt, statt des blauen. Die
Hnde waren nicht gefaltet, sie lagen schrg bereinander und sahen nachgemacht
und sinnlos aus. Man hatte mir rasch erzhlt, da er viel gelitten habe: es war
nichts davon zu sehen. Seine Zge waren aufgerumt wie die Mbel in einem
Fremdenzimmer, aus dem jemand abgereist war. Mir war zumute, als htte ich ihn
schon fter tot gesehen: so gut kannte ich das alles.
    Neu war nur die Umgebung, auf eine unangenehme Art. Neu war dieses
bedrckende Zimmer, das Fenster gegenber hatte, wahrscheinlich die Fenster
anderer Leute. Neu war es, da Sieversen von Zeit zu Zeit hereinkam und nichts
tat. Sieversen war alt geworden. Dann sollte ich frhstcken. Mehrmals wurde mir
das Frhstck gemeldet. Mir lag durchaus nichts daran, zu frhstcken an diesem
Tage. Ich merkte nicht, da man mich forthaben wollte; schlielich, da ich nicht
ging, brachte Sieversen es irgendwie heraus, da die rzte da wren. Ich begriff
nicht, wozu. Es wre da noch etwas zu tun, sagte Sieversen und sah mich mit
ihren roten Augen angestrengt an. Dann traten, etwas berstrzt, zwei Herren
herein: das waren die rzte. Der vordere senkte seinen Kopf mit einem Ruck, als
htte er Hrner und wollte stoen, um uns ber seine Glser fort anzusehen: erst
Sieversen, dann mich.
    Er verbeugte sich mit studentischer Frmlichkeit. Der Herr Jgermeister
hatte noch einen Wunsch, sagte er genau so, wie er eingetreten war; man hatte
wieder das Gefhl, da er sich berstrzte. Ich ntigte ihn irgendwie, seinen
Blick durch seine Glser zu richten. Sein Kollege war ein voller, dnnschaliger,
blonder Mensch; es fiel mir ein, da man ihn leicht zum Errten bringen knnte.
Darber entstand eine Pause. Es war seltsam, da der Jgermeister jetzt noch
Wnsche hatte.
    Ich blickte unwillkrlich wieder hin in das schne, gleichmige Gesicht.
Und da wute ich, da er Sicherheit wollte. Die hatte er im Grunde immer
gewnscht. Nun sollte er sie bekommen.
    Sie sind wegen des Herzstichs da: bitte.
    Ich verneigte mich und trat zurck. Die beiden rzte verbeugten sich
gleichzeitig und begannen sofort sich ber ihre Arbeit zu verstndigen. Jemand
rckte auch schon die Kerzen beiseite. Aber der ltere machte nochmals ein paar
Schritte auf mich zu. Aus einer gewissen Nhe streckte er sich vor, um das
letzte Stck Weg zu ersparen, und sah mich bse an.
    Es ist nicht ntig, sagte er, das heit, ich meine, es ist vielleicht
besser, wenn Sie...
    Er kam mir vernachlssigt und abgenutzt vor in seiner sparsamen und eiligen
Haltung. Ich verneigte mich abermals; es machte sich so, da ich mich schon
wieder verneigte.
    Danke, sagte ich knapp. Ich werde nicht stren.
    Ich wute, da ich dieses ertragen wrde und da kein Grund da war, sich
dieser Sache zu entziehen. Das hatte so kommen mssen. Das war vielleicht der
Sinn von dem Ganzen. Auch hatte ich nie gesehen, wie es ist, wenn jemand durch
die Brust gestochen wird. Es schien mir in der Ordnung, eine so merkwrdige
Erfahrung nicht abzulehnen, wo sie sich zwanglos und unbedingt einstellte. An
Enttuschungen glaubte ich damals eigentlich schon nicht mehr; also war nichts
zu befrchten.
    Nein, nein, vorstellen kann man sich nichts auf der Welt, nicht das
Geringste. Es ist alles aus so viel einzigen Einzelheiten zusammengesetzt, die
sich nicht absehen lassen. Im Einbilden geht man ber sie weg und merkt nicht,
da sie fehlen, schnell wie man ist. Die Wirklichkeiten aber sind langsam und
unbeschreiblich ausfhrlich.
    Wer htte zum Beispiel an diesen Widerstand gedacht. Kaum war die breite,
hohe Brust blogelegt, so hatte der eilige kleine Mann schon die Stelle heraus,
um die es sich handelte. Aber das rasch angesetzte Instrument drang nicht ein.
Ich hatte das Gefhl, als wre pltzlich alle Zeit fort aus dem Zimmer. Wir
befanden uns wie in einem Bilde. Aber dann strzte die Zeit nach mit einem
kleinen, gleitenden Gerusch, und es war mehr da, als verbraucht wurde. Auf
einmal klopfte es irgendwo. Ich hatte noch nie so klopfen hren: ein warmes,
verschlossenes, doppeltes Klopfen. Mein Gehr gab es weiter, und ich sah
zugleich, da der Arzt auf Grund gestoen war. Aber es dauerte eine Weile, bevor
die beiden Eindrcke in mir zusammenkamen. So, so, dachte ich, nun ist es also
durch. Das Klopfen war, was das Tempo betrifft, beinah schadenfroh.
    Ich sah mir den Mann an, den ich nun schon so lange kannte. Nein, er war
vllig beherrscht: ein rasch und sachlich arbeitender Herr, der gleich weiter
mute. Es war keine Spur von Genu oder Genugtuung dabei. Nur an seiner linken
Schlfe hatten sich ein paar Haare aufgestellt aus irgendeinem alten Instinkt.
Er zog das Instrument vorsichtig zurck, und es war etwas wie ein Mund da, aus
dem zweimal hintereinander Blut austrat, als sagte er etwas Zweisilbiges. Der
junge, blonde Arzt nahm es schnell mit einer eleganten Bewegung in seine Watte
auf. Und nun blieb die Wunde ruhig, wie ein geschlossenes Auge.
    Es ist anzunehmen, da ich mich noch einmal verneigte, ohne diesmal recht
bei der Sache zu sein. Wenigstens war ich erstaunt, mich allein zu finden.
Jemand hatte die Uniform wieder in Ordnung gebracht, und das weie Band lag
darber wie vorher. Aber nun war der Jgermeister tot, und nicht er allein. Nun
war das Herz durchbohrt, unser Herz, das Herz unseres Geschlechts. Nun war es
vorbei. Das war also das Helmzerbrechen: Heute Brigge und nimmermehr, sagte
etwas in mir.
    An mein Herz dachte ich nicht. Und als es mir spter einfiel, wute ich zum
erstenmal ganz gewi, da es hierfr nicht in Betracht kam. Es war ein einzelnes
Herz. Es war schon dabei, von Anfang anzufangen.

Ich wei, da ich mir einbildete, nicht sofort wieder abreisen zu knnen. Erst
mu alles geordnet sein, wiederholte ich mir. Was geordnet sein wollte, war mir
nicht klar. Es war so gut wie nichts zu tun. Ich ging in der Stadt umher und
konstatierte, da sie sich verndert hatte. Es war mir angenehm, aus dem Hotel
hinauszutreten, in dem ich abgestiegen war, und zu sehen, da es nun eine Stadt
fr Erwachsene war, die sich fr einen zusammennahm, fast wie fr einen Fremden.
Ein bichen klein war alles geworden, und ich promenierte die Langelinie hinaus
bis an den Leuchtturm und wieder zurck. Wenn ich in die Gegend der Amaliengade
kam, so konnte es freilich geschehen, da von irgendwo etwas ausging, was man
jahrelang anerkannt hatte und was seine Macht noch einmal versuchte. Es gab da
gewisse Eckfenster oder Torbogen oder Laternen, die viel von einem wuten und
damit drohten. Ich sah ihnen ins Gesicht und lie sie fhlen, da ich im Hotel
Phnix wohnte und jeden Augenblick wieder reisen konnte. Aber mein Gewissen
war nicht ruhig dabei. Der Verdacht stieg in mir auf, da noch keiner dieser
Einflsse und Zusammenhnge wirklich bewltigt worden war. Man hatte sie eines
Tages heimlich verlassen, unfertig wie sie waren. Auch die Kindheit wrde also
gewissermaen noch zu leisten sein, wenn man sie nicht fr immer verloren geben
wollte. Und whrend ich begriff, wie ich sie verlor, empfand ich zugleich, da
ich nie etwas anderes haben wrde, mich darauf zu berufen.
    Ein paar Stunden tglich brachte ich in Dronningens Tvrgade zu, in den
engen Zimmer, die beleidigt aussahen wie alle Mietswohnungen, in denen jemand
gestorben ist. Ich ging zwischen dem Schreibtisch und dem groen weien
Kachelofen hin und her und verbrannte die Papiere des Jgermeisters. Ich hatte
begonnen, die Briefschaften, so wie sie zusammengebunden waren, ins Feuer zu
werfen, aber die kleinen Pakete waren zu fest verschnrt und verkohlten nur an
den Rndern. Es kostete mich berwindung, sie zu lockern. Die meisten hatten
einen starken, berzeugenden Duft, der auf mich eindrang, als wollte er auch in
mir Erinnerungen aufregen. Ich hatte keine. Dann konnte es geschehen, da
Photographien herausglitten, die schwerer waren als das andere; diese
Photographien verbrannten unglaublich langsam. Ich wei nicht, wie es kam,
pltzlich bildete ich mir ein, es knnte Ingeborgs Bild darunter sein. Aber
sooft ich hinsah, waren es reife, groartige, deutlich schne Frauen, die mich
auf andere Gedanken brachten. Es erwies sich nmlich, da ich doch nicht ganz
ohne Erinnerungen war. Genau solche Augen waren es, in denen ich mich manchmal
fand, wenn ich, zur Zeit da ich heranwuchs, mit meinem Vater ber die Strae
ging. Dann konnten sie von einem Wageninnern aus mich mit einem Blick umgeben,
aus dem kaum hinauszukommen war. Nun wute ich, da sie mich damals mit ihm
verglichen und da der Vergleich nicht zu meinen Gunsten ausfiel. Gewi nicht,
Vergleiche hatte der Jgermeister nicht zu frchten.
    Es kann sein, da ich nun etwas wei, was er gefrchtet hat. Ich will sagen,
wie ich zu dieser Annahme komme. Ganz innen in seiner Brieftasche befand sich
ein Papier, seit lange gefaltet, mrbe, gebrochen in den Bgen. Ich habe es
gelesen, bevor ich es verbrannte. Es war von seiner besten Hand, sicher und
gleichmig geschrieben, aber ich merkte gleich, da es nur eine Abschrift war.
    Drei Stunden vor seinem Tod, so begann es und handelte von Christian dem
Vierten. Ich kann den Inhalt natrlich nicht wrtlich wiederholen. Drei Stunden
vor seinem Tod begehrte er aufzustehen. Der Arzt und der Kammerdiener Wormius
halfen ihm auf die Fe. Er stand ein wenig unsicher, aber er stand, und sie
zogen ihm das gesteppte Nachtkleid an. Dann setzte er sich pltzlich vorn an das
Bettende und sagte etwas. Es war nicht zu verstehen. Der Arzt behielt immerzu
seine linke Hand, damit der Knig nicht auf das Bett zurcksinke. So saen sie,
und der Knig sagte von Zeit zu Zeit mhsam und trbe das Unverstndliche.
Schlielich begann der Arzt ihm zuzusprechen; er hoffte allmhlich zu erraten,
was der Knig meinte. Nach einer Weile unterbrach ihn der Knig und sagte auf
einmal ganz klar: O, Doktor, Doktor, wie heit er? Der Arzt hatte Mhe, sich
zu besinnen.
    Sperling, Allergndigster Knig.
    Aber darauf kam es nun wirklich nicht an. Der Knig, sobald er hrte, da
man ihn verstand, ri das rechte Auge, das ihm geblieben war, weit auf und sagte
mit dem ganzen Gesicht das eine Wort, das seine Zunge seit Stunden formte, das
einzige, das es noch gab: Dden, sagte er, Dden.3
    Mehr stand nicht auf dem Blatt. Ich las es mehrere Male, ehe ich es
verbrannte. Und es fiel mir ein, da mein Vater viel gelitten hatte zuletzt. So
hatte man mir erzhlt.
    Seitdem habe ich viel ber die Todesfurcht nachgedacht, nicht ohne gewisse
eigene Erfahrungen dabei zu bercksichtigen. Ich glaube, ich kann wohl sagen,
ich habe sie gefhlt. Sie berfiel mich in der vollen Stadt, mitten unter den
Leuten, oft ganz ohne Grund. Oft allerdings huften sich die Ursachen; wenn zum
Beispiel jemand auf einer Bank verging und alle standen herum und sahen ihm zu,
und er war schon ber das Frchten hinaus: dann hatte ich seine Furcht. Oder in
Neapel damals: da sa diese junge Person mir gegenber in der Elektrischen Bahn
und starb. Erst sah es wie eine Ohnmacht aus, wir fuhren sogar noch eine Weile.
Aber dann war kein Zweifel, da wir stehenbleiben muten. Und hinter uns standen
die Wagen und stauten sich, als ginge es in dieser Richtung nie mehr weiter. Das
blasse, dicke Mdchen htte so, angelehnt an ihre Nachbarin, ruhig sterben
knnen. Aber ihre Mutter gab das nicht zu. Sie bereitete ihr alle mglichen
Schwierigkeiten. Sie brachte ihre Kleider in Unordnung und go ihr etwas in den
Mund, der nichts mehr behielt. Sie verrieb auf ihrer Stirn eine Flssigkeit, die
jemand gebracht hatte, und wenn die Augen dann ein wenig verrollten, so begann
sie an ihr zu rtteln, damit der Blick wieder nach vorne kme. Sie schrie in
diese Augen hinein, die nicht hrten, sie zerrte und zog das Ganze wie eine
Puppe hin und her, und schlielich holte sie aus und schlug mit aller Kraft in
das dicke Gesicht, damit es nicht strbe. Damals frchtete ich mich.
    Aber ich frchtete mich auch schon frher. Zum Beispiel, als mein Hund
starb. Derselbe, der mich ein- fr allemal beschuldigte. Er war sehr krank. Ich
kniete bei ihm schon den ganzen Tag, da pltzlich bellte er auf, ruckweise und
kurz, wie er zu tun pflegte, wenn ein Fremder ins Zimmer trat. Ein solches
Bellen war fr diesen Fall zwischen uns gleichsam verabredet worden, und ich sah
unwillkrlich nach der Tr. Aber es war schon in ihm. Beunruhigt suchte ich
seinen Blick, und auch er suchte den meinen; aber nicht um Abschied zu nehmen.
Er sah mich hart und befremdet an. Er warf mir vor, da ich es hereingelassen
hatte. Er war berzeugt, ich htte es hindern knnen. Nun zeigte es sich, da er
mich immer berschtzt hatte. Und es war keine Zeit mehr, ihn aufzuklren. Er
sah mich befremdet und einsam an, bis es zu Ende war.
    Oder ich frchtete mich, wenn im Herbst nach den ersten Nachtfrsten die
Fliegen in die Stuben kamen und sich noch einmal in der Wrme erholten. Sie
waren merkwrdig vertrocknet und erschraken bei ihrem eigenen Summen; man konnte
sehen, da sie nicht mehr recht wuten, was sie taten. Sie saen stundenlang da
und lieen sich gehen, bis es ihnen einfiel, da sie noch lebten; dann warfen
sie sich blindlings irgendwohin und begriffen nicht, was sie dort sollten, und
man hrte sie weiterhin niederfallen und drben und anderswo. Und endlich
krochen sie berall und bestarben langsam das ganze Zimmer.
    Aber sogar wenn ich allein war, konnte ich mich frchten. Warum soll ich
tun, als wren jene Nchte nicht gewesen, da ich aufsa vor Todesangst und mich
daran klammerte, da das Sitzen wenigstens noch etwas Lebendiges sei: da Tote
nicht saen. Das war immer in einem von diesen zuflligen Zimmern, die mich
sofort im Stich lieen, wenn es mir schlecht ging, als frchteten sie, verhrt
und in meine argen Sachen verwickelt zu werden. Da sa ich, und wahrscheinlich
sah ich so schrecklich aus, da nichts den Mut hatte, sich zu mir zu bekennen.
Nicht einmal das Licht, dem ich doch eben den Dienst erwiesen hatte, es
anzuznden, wollte von mir wissen. Es brannte so vor sich hin, wie in einem
leeren Zimmer. Meine letzte Hoffnung war dann immer das Fenster. Ich bildete mir
ein, dort drauen knnte noch etwas sein, was zu mir gehrte, auch jetzt, auch
in dieser pltzlichen Armut des Sterbens. Aber kaum hatte ich hingesehen, so
wnschte ich, das Fenster wre verrammelt gewesen, zu, wie die Wand. Denn nun
wute ich, da es dort hinaus immer gleich teilnahmslos weiterging, da auch
drauen nichts als meine Einsamkeit war. Die Einsamkeit, die ich ber mich
gebracht hatte und zu deren Gre mein Herz in keinem Verhltnis mehr stand.
Menschen fielen mir ein, von denen ich einmal fortgegangen war, und ich begriff
nicht, wie man Menschen verlassen konnte.
    Mein Gott, mein Gott, wenn mir noch solche Nchte bevorstehen, la mir doch
wenigstens einen von den Gedanken, die ich zuweilen denken konnte. Es ist nicht
so unvernnftig, was ich da verlange; denn ich wei, da sie gerade aus der
Furcht gekommen sind, weil meine Furcht so gro war. Da ich ein Knabe war,
schlugen sie mich ins Gesicht und sagten mir, da ich feige sei. Das war, weil
ich mich noch schlecht frchtete. Aber seitdem habe ich mich frchten gelernt
mit der wirklichen Furcht, die nur zunimmt, wenn die Kraft zunimmt, die sie
erzeugt. Wir haben keine Vorstellung von dieser Kraft, auer in unserer Furcht.
Denn so ganz unbegreiflich ist sie, so vllig gegen uns, da unser Gehirn sich
zersetzt an der Stelle, wo wir uns anstrengen, sie zu denken. Und dennoch, seit
einer Weile glaube ich, da es unsere Kraft ist, alle unsere Kraft, die noch zu
stark ist fr uns. Es ist wahr, wir kennen sie nicht, aber ist es nicht gerade
unser Eigenstes, wovon wir am wenigsten wissen? Manchmal denke ich mir, wie der
Himmel entstanden ist und der Tod: dadurch, da wir unser Kostbarstes von uns
fortgerckt haben, weil noch so viel anderes zu tun war vorher und weil es bei
uns Beschftigten nicht in Sicherheit war. Nun sind Zeiten darber vergangen,
und wir haben uns an Geringeres gewhnt. Wir erkennen unser Eigentum nicht mehr
und entsetzen uns vor seiner uersten Groheit. Kann das nicht sein?

Ich begreife brigens jetzt gut, da man ganz innen in der Brieftasche die
Beschreibung einer Sterbestunde bei sich trgt durch alle die Jahre. Es mte
nicht einmal eine besonders gesuchte sein; sie haben alle etwas fast Seltenes.
Kann man sich zum Beispiel nicht jemanden vorstellen, der sich abschreibt, wie
Felix Arvers gestorben ist. Es war im Hospital. Er starb auf eine sanfte und
gelassene Weise, und die Nonne meinte vielleicht, da er damit schon weiter sei,
als er in Wirklichkeit war. Sie rief ganz laut irgend eine Weisung hinaus, wo
das und das zu finden wre. Es war eine ziemlich ungebildete Nonne; sie hatte
das Wort Korridor, das im Augenblick nicht zu vermeiden war, nie geschrieben
gesehen; so konnte es geschehen, da sie Kollidor sagte in der Meinung, es
hiee so. Da schob Arvers das Sterben hinaus. Es schien ihm ntig, dieses erst
aufzuklren. Er wurde ganz klar und setzte ihr auseinander, da es Korridor
hiee. Dann starb er. Er war ein Dichter und hate das Ungefhre; oder
vielleicht war es ihm nur um die Wahrheit zu tun; oder es strte ihn, als
letzten Eindruck mitzunehmen, da die Welt so nachlssig weiterginge. Das wird
nicht mehr zu entscheiden sein. Nur soll man nicht glauben, da es Pedanterie
war. Sonst trfe derselbe Vorwurf den heiligen Jean de Dieu, der in seinem
Sterben aufsprang und gerade noch zurechtkam, im Garten den eben Erhngten
abzuschneiden, von dem auf wunderbare Art Kunde in die verschlossene Spannung
seiner Agonie gedrungen war. Auch ihm war es nur um die Wahrheit zu tun.

Es giebt ein Wesen, das vollkommen unschdlich ist, wenn es dir in die Augen
kommt, du merkst es kaum und hast es gleich wieder vergessen. Sobald es dir aber
unsichtbar auf irgendeine Weise ins Gehr gert, so entwickelt es sich dort, es
kriecht gleichsam aus, und man hat Flle gesehen, wo es bis ins Gehirn vordrang
und in diesem Organ verheerend gedieh, hnlich den Pneumokocken des Hundes, die
durch die Nase eindringen.
    Dieses Wesen ist der Nachbar.
    Nun, ich habe, seit ich so vereinzelt herumkomme, unzhlige Nachbaren
gehabt; obere und untere, rechte und linke, manchmal alle vier Arten zugleich.
Ich knnte einfach die Geschichte meiner Nachbaren schreiben; das wre ein
Lebenswerk. Es wre freilich mehr die Geschichte der Krankheitserscheinungen,
die sie in mir erzeugt haben; aber das teilen sie mit allen derartigen Wesen,
da sie nur in den Strungen nachzuweisen sind, die sie in gewissen Geweben
hervorrufen.
    Ich habe unberechenbare Nachbaren gehabt und sehr regelmige. Ich habe
gesessen und das Gesetz der ersten herauszufinden versucht; denn es war klar,
da auch sie eines hatten. Und wenn die pnktlichen einmal am Abend ausblieben,
so hab ich mir ausgemalt, was ihnen knnte zugestoen sein, und habe mein Licht
brennen lassen und mich gengstigt wie eine junge Frau. Ich habe Nachbaren
gehabt, die gerade haten, und Nachbaren, die in eine heftige Liebe verwickelt
waren; oder ich erlebte es, da bei ihnen eines in das andere umsprang mitten in
der Nacht, und dann war natrlich an Schlafen nicht zu denken. Da konnte man
berhaupt beobachten, da der Schlaf durchaus nicht so hufig ist, wie man
meint. Meine beiden Petersburger Nachbaren zum Beispiel gaben nicht viel auf
Schlaf. Der eine stand und spielte die Geige, und ich bin sicher, da er dabei
hinbersah in die berwachen Huser, die nicht aufhrten hell zu sein in den
unwahrscheinlichen Augustnchten. Von dem anderen zur Rechten wei ich
allerdings, da er lag; er stand zu meiner Zeit berhaupt nicht mehr auf. Er
hatte sogar die Augen geschlossen; aber man konnte nicht sagen, da er schlief.
Er lag und sagte lange Gedichte her, Gedichte von Puschkin und Nekrassow, in dem
Tonfall, in dem Kinder Gedichte hersagen, wenn man es von ihnen verlangt. Und
trotz der Musik meines linken Nachbars, war es dieser mit seinen Gedichten, der
sich in meinem Kopfe einpuppte, und Gott wei, was da ausgekrochen wre, wenn
nicht der Student, der ihn zuweilen besuchte, sich eines Tages in der Tr geirrt
htte. Er erzhlte mir die Geschichte seines Bekannten, und es ergab sich, da
sie gewissermaen beruhigend war. Jedenfalls war es eine wrtliche, eindeutige
Geschichte, an der die vielen Wrmer meiner Vermutungen zugrunde gingen.
    Dieser kleine Beamte da nebenan war eines Sonntags auf die Idee gekommen,
eine merkwrdige Aufgabe zu lsen. Er nahm an, da er recht lange leben wrde,
sagen wir noch fnfzig Jahre. Die Gromtigkeit, die er sich damit erwies,
versetzte ihn in eine glnzende Stimmung. Aber nun wollte er sich selber
bertreffen. Er berlegte, da man diese Jahre in Tage, in Stunden, in Minuten,
ja, wenn man es aushielt, in Sekunden umwechseln knne, und er rechnete und
rechnete, und es kam eine Summe heraus, wie er noch nie eine gesehen hatte. Ihn
schwindelte. Er mute sich ein wenig erholen. Zeit war kostbar, hatte er immer
sagen hren, und es wunderte ihn, da man einen Menschen, der eine solche Menge
Zeit besa, nicht geradezu bewachte. Wie leicht konnte er bestohlen werden. Dann
aber kam seine gute, beinah ausgelassene Laune wieder, er zog seinen Pelz an, um
etwas breiter und stattlicher auszusehen, und machte sich das ganze fabelhafte
Kapital zum Geschenk, indem er sich ein bichen herablassend anredete:
    Nikolaj Kusmitsch, sagte er wohlwollend und stellte sich vor, da er
auerdem noch, ohne Pelz, dnn und drftig auf dem Rohaarsofa se, ich hoffe,
Nikolaj Kusmitsch, sagte er, Sie werden sich nichts auf Ihren Reichtum
einbilden. Bedenken Sie immer, da das nicht die Hauptsache ist, es giebt arme
Leute, die durchaus respektabel sind; es giebt sogar verarmte Edelleute und
Generalstchter, die auf der Strae herumgehen und etwas verkaufen. Und der
Wohltter fhrte noch allerlei in der ganzen Stadt bekannte Beispiele an.
    Der andere Nikolaj Kusmitsch, der auf dem Rohaarsofa, der Beschenkte, sah
durchaus noch nicht bermtig aus, man durfte annehmen, da er vernnftig sein
wrde. Er nderte in der Tat nichts an seiner bescheidenen, regelmigen
Lebensfhrung, und die Sonntage brachte er nun damit zu, seine Rechnung in
Ordnung zu bringen. Aber schon nach ein paar Wochen fiel es ihm auf, da er
unglaublich viel ausgbe. Ich werde mich einschrnken, dachte er. Er stand
frher auf, er wusch sich weniger ausfhrlich, er trank stehend seinen Tee, er
lief ins Bureau und kam viel zu frh. Er ersparte berall ein bichen Zeit. Aber
am Sonntag war nichts Erspartes da. Da begriff er, da er betrogen sei. Ich
htte nicht wechseln drfen, sagte er sich. Wie lange hat man an so einem Jahr.
Aber da, dieses infame Kleingeld, das geht hin, man wei nicht wie. Und es wurde
ein hlicher Nachmittag, als er in der Sofaecke sa und auf den Herrn im Pelz
wartete, von dem er seine Zeit zurckverlangen wollte. Er wollte die Tr
verriegeln und ihn nicht fortlassen, bevor er nicht damit herausgerckt war. In
Scheinen, wollte er sagen, meinetwegen zu zehn Jahren. Vier Scheine zu zehn
und einer zu fnf, und den Rest sollte er behalten, in des Teufels Namen. Ja, er
war bereit, ihm den Rest zu schenken, nur damit keine Schwierigkeiten
entstnden. Gereizt sa er im Rohaarsofa und wartete, aber der Herr kam nicht.
Und er, Nikolaj Kusmitsch, der sich vor ein paar Wochen mit Leichtigkeit so
hatte dasitzen sehen, er konnte sich jetzt, da er wirklich sa, den andern
Nikolaj Kusmitsch, den im Pelz, den Gromtigen, nicht vorstellen. Wei der
Himmel, was aus ihm geworden war, wahrscheinlich war man seinen Betrgereien auf
die Spur gekommen, und er sa nun schon irgendwo fest. Sicher hatte er nicht ihn
allein ins Unglck gebracht. Solche Hochstapler arbeiten immer im groen.
    Es fiel ihm ein, da es eine staatliche Behrde geben msse, eine Art
Zeitbank, wo er wenigstens einen Teil seiner lumpigen Sekunden umwechseln knne.
Echt waren sie doch schlielich. Er hatte nie von einer solchen Anstalt gehrt,
aber im Adrebuch wrde gewi etwas Derartiges zu finden sein, unter Z, oder
vielleicht auch hie es Bank fr Zeit; man konnte leicht unter B nachsehen.
Eventuell war auch der Buchstabe K zu bercksichtigen, denn es war anzunehmen,
da es ein kaiserliches Institut war; das entsprach seiner Wichtigkeit.
    Spter versicherte Nikolaj Kusmitsch immer, da er an jenem Sonntag Abend,
obwohl er sich begreiflicherweise in recht gedrckter Stimmung befand, nichts
getrunken habe. Er war also vllig nchtern, als das Folgende passierte, soweit
man berhaupt sagen kann, was da geschah. Vielleicht, da er ein bichen in
seiner Ecke eingeschlummert war, das liee sich immerhin denken. Dieser kleine
Schlaf verschaffte ihm zunchst lauter Erleichterung. Ich habe mich mit den
Zahlen eingelassen, redete er sich zu. Nun, ich verstehe nichts von Zahlen. Aber
es ist klar, da man ihnen keine zu groe Bedeutung einrumen darf; sie sind
doch sozusagen nur eine Einrichtung von Staats wegen, um der Ordnung willen.
Niemand hatte doch je anderswo als auf dem Papier eine gesehen. Es war
ausgeschlossen, da einem zum Beispiel in einer Gesellschaft eine Sieben oder
eine Fnfundzwanzig begegnete. Da gab es die einfach nicht. Und dann war da
diese kleine Verwechslung vorgefallen, aus purer Zerstreutheit: Zeit und Geld,
als ob sich das nicht auseinanderhalten liee. Nikolaj Kusmitsch lachte beinah.
Es war doch gut, wenn man sich so auf die Schliche kam, und rechtzeitig, das war
das Wichtige, rechtzeitig. Nun sollte es anders werden. Die Zeit, ja, das war
eine peinliche Sache. Aber betraf es etwa ihn allein, ging sie nicht auch den
andern so, wie er es herausgefunden hatte, in Sekunden, auch wenn sie es nicht
wuten?
    Nikolaj Kusmitsch war nicht ganz frei von Schadenfreude: Mag sie immerhin -,
wollte er eben denken, aber da geschah etwas Eigentmliches. Es wehte pltzlich
an seinem Gesicht, es zog ihm an den Ohren vorbei, er fhlte es an den Hnden.
Er ri die Augen auf. Das Fenster war fest verschlossen. Und wie er da so mit
weiten Augen im dunkeln Zimmer sa, da begann er zu verstehen, da das, was er
nun versprte, die wirkliche Zeit sei, die vorberzog. Er erkannte sie frmlich,
alle diese Sekndchen, gleich lau, eine wie die andere, aber schnell, aber
schnell. Wei der Himmel, was sie noch vorhatten. Da gerade ihm das widerfahren
mute, der jede Art von Wind als Beleidigung empfand. Nun wrde man dasitzen,
und es wrde immer so weiterziehen, das ganze Leben lang. Er sah alle die
Neuralgien voraus, die man sich dabei holen wrde, er war auer sich vor Wut. Er
sprang auf, aber die berraschungen waren noch nicht zu Ende. Auch unter seinen
Fen war etwas wie eine Bewegung, nicht nur eine, mehrere, merkwrdig
durcheinanderschwankende Bewegungen. Er erstarrte vor Entsetzen: konnte das die
Erde sein? Gewi, das war die Erde. Sie bewegte sich ja doch. In der Schule war
davon gesprochen worden, man war etwas eilig darber weggegangen, und spter
wurde es gern vertuscht; es galt nicht fr passend, davon zu sprechen. Aber nun,
da er einmal empfindlich geworden war, bekam er auch das zu fhlen. Ob die
anderen es fhlten? Vielleicht, aber sie zeigten es nicht. Wahrscheinlich machte
es ihnen nichts aus, diesen Seeleuten. Nikolaj Kusmitsch aber war ausgerechnet
in diesem Punkt etwas delikat, er vermied sogar die Straenbahnen. Er taumelte
im Zimmer umher wie auf Deck und mute sich rechts und links halten. Zum Unglck
fiel ihm noch etwas von der schiefen Stellung der Erdachse ein. Nein, er konnte
alle diese Bewegungen nicht vertragen. Er fhlte sich elend. Liegen und ruhig
halten, hatte er einmal irgendwo gelesen. Und seither lag Nikolaj Kusmitsch.
    Er lag und hatte die Augen geschlossen. Und es gab Zeiten, weniger bewegte
Tage sozusagen, wo es ganz ertrglich war. Und dann hatte er sich das ausgedacht
mit den Gedichten. Man sollte nicht glauben, wie das half. Wenn man so ein
Gedicht langsam hersagte, mit gleichmiger Betonung der Endreime, dann war
gewissermaen etwas Stabiles da, worauf man sehen konnte, innerlich versteht
sich. Ein Glck, da er alle diese Gedichte wute. Aber er hatte sich immer ganz
besonders fr Literatur interessiert. Er beklagte sich nicht ber seinen
Zustand, versicherte mir der Student, der ihn lange kannte. Nur hatte sich mit
der Zeit eine bertriebene Bewunderung fr die in ihm herausgebildet, die, wie
der Student, herumgingen und die Bewegung der Erde vertrugen.
    Ich erinnere mich dieser Geschichte so genau, weil sie mich ungemein
beruhigte. Ich kann wohl sagen, ich habe nie wieder einen so angenehmen Nachbar
gehabt, wie diesen Nikolaj Kusmitsch, der sicher auch mich bewundert htte.

Ich nahm mir nach dieser Erfahrung vor, in hnlichen Fllen immer gleich auf die
Tatsachen loszugehen. Ich merkte, wie einfach und erleichternd sie waren, den
Vermutungen gegenber. Als ob ich nicht gewut htte, da alle unsere Einsichten
nachtrglich sind, Abschlsse, nichts weiter. Gleich dahinter fngt eine neue
Seite an mit etwas ganz anderem, ohne bertrag. Was halfen mir jetzt im
gegenwrtigen Falle die paar Tatsachen, die sich spielend feststellen lieen.
Ich will sie gleich aufzhlen, wenn ich gesagt haben werde, was mich
augenblicklich beschftigt: da sie eher dazu beigetragen haben, meine Lage, die
(wie ich jetzt eingestehe) recht schwierig war, noch lstiger zu gestalten.
    Es sei zu meiner Ehre gesagt, da ich viel geschrieben habe in diesen Tagen;
ich habe krampfhaft geschrieben. Allerdings, wenn ich ausgegangen war, so dachte
ich nicht gerne an das Nachhausekommen. Ich machte sogar kleine Umwege und
verlor auf diese Art eine halbe Stunde, whrend welcher ich htte schreiben
knnen. Ich gebe zu, da dies eine Schwche war. War ich aber einmal in meinem
Zimmer, so hatte ich mir nichts vorzuwerfen. Ich schrieb, ich hatte mein Leben,
und das da nebenan war ein ganz anderes Leben, mit dem ich nichts teilte: das
Leben eines Studenten der Medizin, der fr sein Examen studierte. Ich hatte
nichts hnliches vor mir, schon das war ein entscheidender Unterschied. Und auch
sonst waren unsere Umstnde so verschieden wie mglich. Das alles leuchtete mir
ein. Bis zu dem Moment, da ich wute, da es kommen wrde; da verga ich, da es
zwischen uns keine Gemeinsamkeit gab. Ich horchte so, da mein Herz ganz laut
wurde. Ich lie alles und horchte. Und dann kam es: ich habe mich nie geirrt.
    Beinah jeder kennt den Lrm, den irgendein blechernes, rundes Ding, nehmen
wir an, der Deckel einer Blechbchse, verursacht, wenn er einem entglitten ist.
Gewhnlich kommt er gar nicht einmal sehr laut unten an, er fllt kurz auf,
rollt auf dem Rande weiter und wird eigentlich erst unangenehm, wenn der Schwung
zu Ende geht und er nach allen Seiten taumelnd aufschlgt, eh er ins Liegen
kommt. Nun also: das ist das Ganze; so ein blecherner Gegenstand fiel nebenan,
rollte, blieb liegen, und dazwischen, in gewissen Abstnden, stampfte es. Wie
alle Gerusche, die sich wiederholt durchsetzen, hatte auch dieses sich
innerlich organisiert; es wandelte sich ab, es war niemals genau dasselbe. Aber
gerade das sprach fr seine Gesetzmigkeit. Es konnte heftig sein oder milde
oder melancholisch; es konnte gleichsam berstrzt vorbergehen oder unendlich
lange hingleiten, eh es zu Ruhe kam. Und das letzte Schwanken war immer
berraschend. Dagegen hatte das Aufstampfen, das hinzukam, etwas fast
Mechanisches. Aber es teilte den Lrm immer anders ab, das schien seine Aufgabe
zu sein. Ich kann diese Einzelheiten jetzt viel besser bersehen; das Zimmer
neben mir ist leer. Er ist nach Hause gereist, in die Provinz. Er sollte sich
erholen. Ich wohne im obersten Stockwerk. Rechts ist ein anderes Haus, unter mir
ist noch niemand eingezogen: ich bin ohne Nachbar.
    In dieser Verfassung wundert es mich beinah, da ich die Sache nicht
leichter nahm. Obwohl ich doch jedesmal im voraus gewarnt war durch mein Gefhl.
Das wre auszunutzen gewesen. Erschrick nicht, htte ich mir sagen mssen, jetzt
kommt es; ich wute ja, da ich mich niemals tuschte. Aber das lag vielleicht
gerade an den Tatsachen, die ich mir hatte sagen lassen; seit ich sie wute, war
ich noch schreckhafter geworden. Es berhrte mich fast gespenstisch, da das,
was diesen Lrm auslste, jene kleine, langsame, lautlose Bewegung war, mit der
sein Augenlid sich eigenmchtig ber sein rechtes Auge senkte und schlo,
whrend er las. Dies war das Wesentliche an seiner Geschichte, eine Kleinigkeit.
Er hatte schon ein paar Mal die Examen vorbeigehen lassen mssen, sein Ehrgeiz
war empfindlich geworden, und die Leute daheim drngten wahrscheinlich, sooft
sie schrieben. Was blieb also brig, als sich zusammenzunehmen. Aber da hatte
sich, ein paar Monate vor der Entscheidung, diese Schwche eingestellt; diese
kleine, unmgliche Ermdung, die so lcherlich war, wie wenn ein Fenstervorhang
nicht oben bleiben will. Ich bin sicher, da er wochenlang der Meinung war, man
mte das beherrschen knnen. Sonst wre ich nicht auf die Idee verfallen, ihm
meinen Willen anzubieten. Eines Tages begriff ich nmlich, da der seine zu Ende
sei. Und seither, wenn ich es kommen fhlte, stand ich da auf meiner Seite der
Wand und bat ihn, sich zu bedienen. Und mit der Zeit wurde mir klar, da er
darauf einging. Vielleicht htte er das nicht tun drfen, besonders wenn man
bedenkt, da es eigentlich nichts half. Angenommen sogar, da wir die Sache ein
wenig hinhielten, so bleibt es doch fraglich, ob er wirklich imstande war, die
Augenblicke, die wir so gewannen, auszunutzen. Und was meine Ausgaben betrifft,
so begann ich sie zu fhlen. Ich wei, ich fragte mich, ob das so weitergehen
drfe, gerade an dem Nachmittag, als jemand in unserer Etage ankam. Dies ergab
bei dem engen Aufgang immer viel Unruhe in dem kleinen Hotel. Eine Weile spter
schien es mir, als trete man bei meinem Nachbar ein. Unsere Tren waren die
letzten im Gang, die seine quer und dicht neben der meinen. Ich wute indessen,
da er zuweilen Freunde bei sich sah, und, wie gesagt, ich interessierte mich
durchaus nicht fr seine Verhltnisse. Es ist mglich, da seine Tr noch
mehrmals geffnet wurde, da man drauen kam und ging. Dafr war ich wirklich
nicht verantwortlich.
    Nun an diesem selben Abend war es rger denn je. Es war noch nicht sehr
spt, aber ich war aus Mdigkeit schon zu Bett gegangen; ich hielt es fr
wahrscheinlich, da ich schlafen wrde. Da fuhr ich auf, als htte man mich
berhrt. Gleich darauf brach es los. Es sprang und rollte und rannte irgendwo an
und schwankte und klappte. Das Stampfen war frchterlich. Dazwischen klopfte man
unten, einen Stock tiefer, deutlich und bse gegen die Decke. Auch der neue
Mieter war natrlich gestrt. Jetzt: das mute seine Tre sein. Ich war so wach,
da ich seine Tre zu hren meinte, obwohl er erstaunlich vorsichtig damit
umging. Es kam mir vor, als nhere er sich. Sicher wollte er wissen, in welchem
Zimmer es sei. Was mich befremdete, war seine wirklich bertriebene Rcksicht.
Er hatte doch eben bemerken knnen, da es auf Ruhe nicht ankam in diesem Hause.
Warum in aller Welt unterdrckte er seinen Schritt? Eine Weile glaubte ich ihn
an meiner Tr; und dann vernahm ich, darber war kein Zweifel, da er nebenan
eintrat. Er trat ohne weiters nebenan ein.
    Und nun (ja, wie soll ich das beschreiben?), nun wurde es still. Still, wie
wenn ein Schmerz aufhrt. Eine eigentmlich fhlbare, prickelnde Stille, als ob
eine Wunde heilte. Ich htte sofort schlafen knnen; ich htte Atem holen knnen
und einschlafen. Nur mein Erstaunen hielt mich wach. Jemand sprach nebenan, aber
auch das gehrte mit in die Stille. Das mu man erlebt haben, wie diese Stille
war, wiedergeben lt es sich nicht. Auch drauen war alles wie ausgeglichen.
Ich sa auf, ich horchte, es war wie auf dem Lande. Lieber Gott, dachte ich,
seine Mutter ist da. Sie sa neben dem Licht, sie redete ihm zu, vielleicht
hatte er den Kopf ein wenig gegen ihre Schulter gelegt. Gleich wrde sie ihn zu
Bett bringen. Nun begriff ich das leise Gehen drauen auf dem Gang. Ach, da es
das gab. So ein Wesen, vor dem die Tren ganz anders nachgeben als vor uns. Ja,
nun konnten wir schlafen.

Ich habe meinen Nachbar fast schon vergessen. Ich sehe wohl, da es keine
richtige Teilnahme war, was ich fr ihn hatte. Unten frage ich zwar zuweilen im
Vorber gehen, ob Nachrichten von ihm da sind und welche. Und ich freue mich,
wenn sie gut sind. Aber ich bertreibe. Ich habe eigentlich nicht ntig, das zu
wissen. Das hngt gar nicht mehr mit ihm zusammen, da ich manchmal einen
pltzlichen Reiz verspre, nebenan einzutreten. Es ist nur ein Schritt von
meiner Tr zu der anderen, und das Zimmer ist nicht verschlossen. Es wrde mich
interessieren, wie dieses Zimmer eigentlich beschaffen ist. Man kann sich mit
Leichtigkeit ein beliebiges Zimmer vorstellen, und oft stimmt es dann ungefhr.
Nur das Zimmer, das man neben sich hat, ist immer ganz anders, als man es sich
denkt.
    Ich sage mir, da es dieser Umstand ist, der mich reizt. Aber ich wei ganz
gut, da es ein gewisser blecherner Gegenstand ist, der auf mich wartet. Ich
habe angenommen, da es sich wirklich um einen Bchsendeckel handelt, obwohl ich
mich natrlich irren kann. Das beunruhigt mich nicht. Es entspricht nun einmal
meiner Anlage, die Sache auf einen Bchsendeckel zu schieben. Man kann denken,
da er ihn nicht mitgenommen hat. Wahrscheinlich hat man aufgerumt, man hat den
Deckel auf seine Bchse gesetzt, wie es sich gehrt. Und nun bilden die beiden
zusammen den Begriff Bchse, runde Bchse, genau ausgedrckt, einen einfachen,
sehr bekannten Begriff. Mir ist, als entsnne ich mich, da sie auf dem Kamin
stehn, die beiden, die die Bchse ausmachen. Ja, sie stehn sogar vor dem
Spiegel, so da dahinter noch eine Bchse entsteht, eine tuschend hnliche,
imaginre. Eine Bchse, auf die wir gar keinen Wert legen, nach der aber zum
Beispiel ein Affe greifen wrde. Richtig, es wrden sogar zwei Affen danach
greifen, denn auch der Affe wre doppelt, sobald er auf dem Kaminrand ankme.
Nun also, es ist der Deckel dieser Bchse, der es auf mich abgesehen hat.
    Einigen wir uns darber: der Deckel einer Bchse, einer gesunden Bchse,
deren Rand nicht anders gebogen ist, als sein eigener, so ein Deckel mte kein
anderes Verlangen kennen, als sich auf seiner Bchse zu befinden; dies mte das
uerste sein, was er sich vorzustellen vermag; eine nicht zu bertreffende
Befriedigung, die Erfllung aller seiner Wnsche. Es ist ja auch etwas geradezu
Ideales, geduldig und sanft eingedreht auf der kleinen Gegenwulst gleichmig
aufzuruhen und die eingreifende Kante in sich zu fhlen, elastisch und gerade so
scharf, wie man selber am Rande ist, wenn man einzeln daliegt. Ach, aber wie
wenige Deckel giebt es, die das noch zu schtzen wissen. Hier zeigt es sich so
recht, wie verwirrend der Umgang mit den Menschen auf die Dinge gewirkt hat. Die
Menschen nmlich, wenn es angeht, sie ganz vorbergehend mit solchen Deckeln zu
vergleichen, sitzen hchst ungern und schlecht auf ihren Beschftigungen. Teils
weil sie nicht auf die richtigen gekommen sind in der Eile, teils weil man sie
schief und zornig aufgesetzt hat, teils weil die Rnder, die aufeinander
gehren, verbogen sind, jeder auf eine andere Art. Sagen wir es nur ganz
aufrichtig: sie denken im Grunde nur daran, sobald es sich irgend tun lt,
hinunterzuspringen, zu rollen und zu blechern. Wo kmen sonst alle diese
sogenannten Zerstreuungen her und der Lrm, den sie verursachen?
    Die Dinge sehen das nun schon seit Jahrhunderten an. Es ist kein Wunder,
wenn sie verdorben sind, wenn sie den Geschmack verlieren an ihrem natrlichen,
stillen Zweck und das Dasein so ausnutzen mchten, wie sie es rings um sich
ausgenutzt sehen. Sie machen Versuche, sich ihren Anwendungen zu entziehen, sie
werden unlustig und nachlssig, und die Leute sind gar nicht erstaunt, wenn sie
sie auf einer Ausschweifung ertappen. Sie kennen das so gut von sich selbst. Sie
rgern sich, weil sie die Strkeren sind, weil sie mehr Recht auf Abwechslung zu
haben meinen, weil sie sich nachgefft fhlen; aber sie lassen die Sache gehen,
wie sie sich selber gehen lassen. Wo aber einer ist, der sich zusammennimmt, ein
Einsamer etwa, der so recht rund auf sich beruhen wollte Tag und Nacht, da
fordert er geradezu den Widerspruch, den Hohn, den Ha der entarteten Gerte
heraus, die, in ihrem argen Gewissen, nicht mehr vertragen knnen, da etwas
sich zusammenhlt und nach seinem Sinne strebt. Da verbinden sie sich, um ihn zu
stren, zu schrecken, zu beirren, und wissen, da sie es knnen. Da fangen sie,
einander zuzwinkernd, die Verfhrung an, die dann ins Unermessene weiter wchst
und alle Wesen und Gott selber hinreit gegen den Einen, der vielleicht
bersteht: den Heiligen.

Wie begreif ich jetzt die wunderlichen Bilder, darinnen Dinge von beschrnkten
und regelmigen Gebrauchen sich ausspannen und sich lstern und neugierig
aneinander versuchen, zuckend in der ungefhren Unzucht der Zerstreuung. Diese
Kessel, die kochend herumgehen, diese Kolben, die auf Gedanken kommen, und die
migen Trichter, die sich in ein Loch drngen zu ihrem Vergngen. Und da sind
auch schon, vom eiferschtigen Nichts heraufgeworfen, Gliedmaen und Glieder
unter ihnen und Gesichter, die warm in sie hineinvomieren, und blasende Gese,
die ihnen den Gefallen tun.
    Und der Heilige krmmt sich und zieht sich zusammen; aber in seinen Augen
war noch ein Blick, der dies fr mglich hielt: er hat hingesehen. Und schon
schlagen sich seine Sinne nieder aus der hellen Lsung seiner Seele. Schon
entblttert sein Gebet und steht ihm aus dem Mund wie ein eingegangener Strauch.
Sein Herz ist umgefallen und ausgeflossen ins Trbe hinein. Seine Geiel trifft
ihn schwach wie ein Schwanz, der Fliegen verjagt. Sein Geschlecht ist wieder nur
an einer Stelle, und wenn eine Frau aufrecht durch das Gehudel kommt, den
offenen Busen voll Brste, so zeigt es auf sie wie ein Finger.
    Es gab Zeiten, da ich diese Bilder fr veraltet hielt. Nicht, als ob ich an
ihnen zweifelte. Ich konnte mir denken, da dies den Heiligen geschah, damals,
den eifernden Voreiligen, die gleich mit Gott anfangen wollten um jeden Preis.
Wir muten uns dies nicht mehr zu. Wir ahnen, da er zu schwer ist fr uns, da
wir ihn hinausschieben mssen, um langsam die lange Arbeit zu tun, die uns von
ihm trennt. Nun aber wei ich, da diese Arbeit genau so bestritten ist wie das
Heiligsein; da dies da um jeden entsteht, der um ihretwillen einsam ist, wie es
sich bildete um die Einsamen Gottes in ihren Hhlen und leeren Herbergen, einst.

Wenn man von den Einsamen spricht, setzt man immer zuviel voraus. Man meint, die
Leute wten, um was es sich handelt. Nein, sie wissen es nicht. Sie haben nie
einen Einsamen gesehen, sie haben ihn nur gehat, ohne ihn zu kennen. Sie sind
seine Nachbaren gewesen, die ihn aufbrauchten, und die Stimmen im Nebenzimmer,
die ihn versuchten. Sie haben die Dinge aufgereizt gegen ihn, da sie lrmten
und ihn bertnten. Die Kinder verbanden sich wider ihn, da er zart und ein Kind
war, und mit jedem Wachsen wuchs er gegen die Erwachsenen an. Sie sprten ihn
auf in seinem Versteck wie ein jagdbares Tier, und seine lange Jugend war ohne
Schonzeit. Und wenn er sich nicht erschpfen lie und davonkam, so schrieen sie
ber das, was von ihm ausging, und nannten es hlich und verdchtigten es. Und
hrte er nicht darauf, so wurden sie deutlicher und aen ihm sein Essen weg und
atmeten ihm seine Luft aus und spieen in seine Armut, da sie ihm widerwrtig
wrde. Sie brachten Verruf ber ihn wie ber einen Ansteckenden und warfen ihm
Steine nach, damit er sich rascher entfernte. Und sie hatten recht in ihrem
alten Instinkt: denn er war wirklich ihr Feind.
    Aber dann, wenn er nicht aufsah, besannen sie sich. Sie ahnten, da sie ihm
mit alledem seinen Willen taten; da sie ihn in seinem Alleinsein bestrkten und
ihm halfen, sich abzuscheiden von ihnen fr immer. Und nun schlugen sie um und
wandten das Letzte an, das uerste, den anderen Widerstand: den Ruhm. Und bei
diesem Lrmen blickte fast jeder auf und wurde zerstreut.

Diese Nacht ist mir das kleine grne Buch wieder eingefallen, das ich als Knabe
einmal besessen haben mu; und ich wei nicht, warum ich mir einbilde, da es
von Mathilde Brahe stammte. Es interessierte mich nicht, da ich es bekam, und
ich las es erst mehrere Jahre spter, ich glaube in der Ferienzeit auf Ulsgaard.
Aber wichtig war es mir vom ersten Augenblick an. Es war durch und durch voller
Bezug, auch uerlich betrachtet. Das Grn des Einbands bedeutete etwas, und man
sah sofort ein, da es innen so sein mute, wie es war. Als ob das verabredet
worden wre, kam zuerst dieses glatte, wei in wei gewsserte Vorsatzblatt und
dann die Titelseite, die man fr geheimnisvoll hielt. Es htten wohl Bilder drin
sein knnen, so sah es aus; aber es waren keine, und man mute, fast wider
Willen, zugeben, da auch das in der Ordnung sei. Es entschdigte einen
irgendwie, an einer bestimmten Stelle das schmale Leseband zu finden, das, mrbe
und ein wenig schrg, rhrend in seinem Vertrauen, noch rosa zu sein, seit Gott
wei wann immer zwischen den gleichen Seiten lag. Vielleicht war es nie benutzt
worden, und der Buchbinder hatte es rasch und fleiig da hineingebogen, ohne
recht hinzusehen. Mglicherweise aber war es kein Zufall. Es konnte sein, da
jemand dort zu lesen aufgehrt hatte, der nie wieder las; da das Schicksal in
diesem Moment an seiner Tre klopfte, um ihn zu beschftigen, da er weit von
allen Bchern weggeriet, die doch schlielich nicht das Leben sind. Das war
nicht zu erkennen, ob das Buch weitergelesen worden war. Man konnte sich auch
denken, da es sich einfach darum handelte, diese Stelle aufzuschlagen wieder
und wieder, und da es dazu gekommen war, wenn auch manchmal erst spt in der
Nacht. Jedenfalls hatte ich eine Scheu vor den beiden Seiten, wie vor einem
Spiegel, vor dem jemand steht. Ich habe sie nie gelesen. Ich wei berhaupt
nicht, ob ich das ganze Buch gelesen habe. Es war nicht sehr stark, aber es
standen eine Menge Geschichten drin, besonders am Nachmittag; dann war immer
eine da, die man noch nicht kannte.
    Ich erinnere nur noch zwei. Ich will sagen, welche: Das Ende des Grischa
Otrepjow und Karls des Khnen Untergang.
    Gott wei, ob es mir damals Eindruck machte. Aber jetzt, nach so viel
Jahren, entsinne ich mich der Beschreibung, wie der Leichnam des falschen Zaren
unter die Menge geworfen worden war und dalag drei Tage, zerfetzt und zerstochen
und eine Maske vor dem Gesicht. Es ist natrlich gar keine Aussicht, da mir das
kleine Buch je wieder in die Hnde kommt. Aber diese Stelle mu merkwrdig
gewesen sein. Ich htte auch Lust, nachzulesen, wie die Begegnung mit der Mutter
verlief. Er mag sich sehr sicher gefhlt haben, da er sie nach Moskau kommen
lie; ich bin sogar berzeugt, da er zu jener Zeit so stark an sich glaubte,
da er in der Tat seine Mutter zu berufen meinte. Und diese Marie Nagoi, die in
schnellen Tagreisen aus ihrem drftigen Kloster kam, gewann ja auch alles, wenn
sie zustimmte. Ob aber seine Unsicherheit nicht gerade damit begann, da sie ihn
anerkannte? Ich bin nicht abgeneigt zu glauben, die Kraft seiner Verwandlung
htte darin beruht, niemandes Sohn mehr zu sein.
    (Das ist schlielich die Kraft aller jungen Leute, die fortgegangen sind.)4
    Das Volk, das sich ihn erwnschte, ohne sich einen vorzustellen, machte ihn
nur noch freier und unbegrenzter in seinen Mglichkeiten. Aber die Erklrung der
Mutter hatte, selbst als bewuter Betrug, noch die Macht, ihn zu verringern; sie
hob ihn aus der Flle seiner Erfindung; sie beschrnkte ihn auf ein mdes
Nachahmen; sie setzte ihn auf den Einzelnen herab, der er nicht war: sie machte
ihn zum Betrger. Und nun kam, leiser auflsend, diese Marina Mniczek hinzu, die
ihn auf ihre Art leugnete, indem sie, wie sich spter erwies, nicht an ihn
glaubte, sondern an jeden. Ich kann natrlich nicht dafr einstehen, wie weit
das alles in jener Geschichte bercksichtigt war. Dies, scheint mir, wre zu
erzhlen gewesen.
    Aber auch abgesehen davon, ist diese Begebenheit durchaus nicht veraltet. Es
wre jetzt ein Erzhler denkbar, der viel Sorgfalt an die letzten Augenblicke
wendete; er htte nicht unrecht. Es geht eine Menge in ihnen vor: Wie er aus dem
innersten Schlaf ans Fenster springt und ber das Fenster hinaus in den Hof
zwischen die Wachen. Er kann allein nicht auf; sie mssen ihm helfen.
Wahrscheinlich ist der Fu gebrochen. An zwei von den Mnnern gelehnt, fhlt er,
da sie an ihn glauben. Er sieht sich um: auch die andern glauben an ihn. Sie
dauern ihn fast, diese riesigen Strelitzen, es mu weit gekommen sein: sie haben
Iwan Grosnij gekannt in all seiner Wirklichkeit, und glauben an ihn. Er htte
Lust, sie aufzuklren, aber den Mund ffnen, hiee einfach schreien. Der Schmerz
im Fu ist rasend, und er hlt so wenig von sich in diesem Moment, da er nichts
wei als den Schmerz. Und dann ist keine Zeit. Sie drngen heran, er sieht den
Schuiskij und hinter ihm alle. Gleich wird es vorber sein. Aber da schlieen
sich seine Wachen. Sie geben ihn nicht auf. Und ein Wunder geschieht. Der
Glauben dieser alten Mnner pflanzt sich fort, auf einmal will niemand mehr vor.
Schuiskij, dicht vor ihm, ruft verzweifelt nach einem Fenster hinauf. Er sieht
sich nicht um. Er wei, wer dort steht; er begreift, da es still wird, ganz
ohne bergang still. Jetzt wird die Stimme kommen, die er von damals her kennt;
die hohe, falsche Stimme, die sich beranstrengt. Und da hrt er die
Zarin-Mutter, die ihn verleugnet.
    Bis hierher geht die Sache von selbst, aber nun, bitte, einen Erzhler,
einen Erzhler: denn von den paar Zeilen, die noch bleiben, mu Gewalt ausgehen
ber jeden Widerspruch hinaus. Ob es gesagt wird oder nicht, man mu darauf
schwren, da zwischen Stimme und Pistolenschu, unendlich zusammengedrngt,
noch einmal Wille und Macht in ihm war, alles zu sein. Sonst versteht man nicht,
wie glnzend konsequent es ist, da sie sein Nachtkleid durchbohrten und in ihm
herumstachen, ob sie auf das Harte einer Person stoen wrden. Und da er im
Tode doch noch die Maske trug, drei Tage lang, auf die er fast schon verzichtet
hatte.

Wenn ichs nun bedenke, so scheint es mir seltsam, da in demselben Buche der
Ausgang dessen erzhlt wurde, der sein ganzes Leben lang Einer war, der Gleiche,
hart und nicht zu ndern wie ein Granit und immer schwerer auf allen, die ihn
ertrugen. Es giebt ein Bild von ihm in Dijon. Aber man wei es auch so, da er
kurz, quer, trotzig war und verzweifelt. Nur an die Hnde htte man vielleicht
nicht gedacht. Es sind arg warme Hnde, die sich immerfort khlen mchten und
sich unwillkrlich auf Kaltes legen, gespreizt, mit Luft zwischen allen Fingern.
In diese Hnde konnte das Blut hineinschieen, wie es einem zu Kopf steigt, und
geballt waren sie wirklich wie die Kpfe von Tollen, tobend von Einfllen.
    Es gehrte unglaubliche Vorsicht dazu, mit diesem Blute zu leben. Der Herzog
war damit eingeschlossen in sich selbst, und zuzeiten frchtete ers, wenn es um
ihn herumging, geduckt und dunkel. Es konnte ihm selber grauenhaft fremd sein,
dieses behende, halbportugiesische Blut, das er kaum kannte. Oft ngstigte es
ihn, da es ihn im Schlafe anfallen knnte und zerreien. Er tat, als bndigte
ers, aber er stand immer in seiner Furcht. Er wagte nie eine Frau zu lieben,
damit es nicht eiferschtig wrde, und so reiend war es, da Wein nie ber
seine Lippen kam; statt zu trinken, snftigte ers mit Rosenmus. Doch, einmal
trank er, im Lager vor Lausanne, als Granson verloren war; da war er krank und
abgeschieden und trank viel puren Wein. Aber damals schlief sein Blut. In seinen
sinnlosen letzten Jahren verfiel es manchmal in diesen schweren, tierischen
Schlaf. Dann zeigte es sich, wie sehr er in seiner Gewalt war; denn wenn es
schlief, war er nichts. Dann durfte keiner von seiner Umgebung herein; er
begriff nicht, was sie redeten. Den fremden Gesandten konnte er sich nicht
zeigen, d wie er war. Dann sa er und wartete, da es aufwachte. Und meistens
fuhr es mit einem Sprunge auf und brach aus dem Herzen aus und brllte.
    Fr dieses Blut schleppte er alle die Dinge mit, auf die er nichts gab. Die
drei groen Diamanten und alle die Steine; die flandrischen Spitzen und die
Teppiche von Arras, haufenweis. Sein seidenes Gezelt mit den aus Gold gedrehten
Schnren und vierhundert Zelte fr sein Gefolg. Und Bilder, auf Holz gemalt, und
die zwlf Apostel aus vollem Silber. Und den Prinzen von Tarent und den Herzog
von Cleve und Philipp von Baden und den Herrn von Chteau-Guyon. Denn er wollte
seinem Blut einreden, da er Kaiser sei und nichts ber ihm: damit es ihn
frchte. Aber sein Blut glaubte ihm nicht, trotz solcher Beweise, es war ein
mitrauisches Blut. Vielleicht erhielt er es noch eine Weile im Zweifel. Aber
die Hrner von Uri verrieten ihn. Seither wute sein Blut, da es in einem
Verlorenen war: und wollte heraus.
    So seh ich es jetzt, damals aber machte es mir vor allem Eindruck, von dem
Dreiknigstag zu lesen, da man ihn suchte.
    Der junge lothringische Frst, der tags vorher, gleich nach der merkwrdig
hastigen Schlacht in seiner elenden Stadt Nancy eingeritten war, hatte ganz frh
seine Umgebung geweckt und nach dem Herzog gefragt. Bote um Bote wurde
ausgesandt, und er selbst erschien von Zeit zu Zeit am Fenster, unruhig und
besorgt. Er erkannte nicht immer, wen sie da brachten auf ihren Wagen und
Tragbahren, er sah nur, da es nicht der Herzog war. Und auch unter den
Verwundeten war er nicht, und von den Gefangenen, die man fortwhrend noch
einbrachte, hatte ihn keiner gesehen. Die Flchtlinge aber trugen nach allen
Seiten verschiedene Nachrichten und waren wirr und schreckhaft, als frchteten
sie, auf ihn zuzulaufen. Es dunkelte schon, und man hatte nichts von ihm gehrt.
Die Kunde, da er verschwunden sei, hatte Zeit herumzukommen an dem langen
Winterabend. Und wohin sie kam, da erzeugte sie in allen eine jhe, bertriebene
Sicherheit, da er lebte. Nie vielleicht war der Herzog so wirklich in jeder
Einbildung wie in dieser Nacht. Es gab kein Haus, wo man nicht wachte und auf
ihn wartete und sich sein Klopfen vorstellte. Und wenn er nicht kam, so wars,
weil er schon vorber war.
    Es fror diese Nacht, und es war, als frre auch die Idee, da er sei; so
hart wurde sie. Und Jahre und Jahre vergingen, eh sie sich auflste. Alle diese
Menschen, ohne es recht zu wissen, bestanden jetzt auf ihm. Das Schicksal, das
er ber sie gebracht hatte, war nur ertrglich durch seine Gestalt. Sie hatten
so schwer erlernt, da er war; nun aber, da sie ihn konnten, fanden sie, da er
gut zu merken sei und nicht zu vergessen.
    Aber am nchsten Morgen, dem siebenten Januar, einem Dienstag, fing das
Suchen doch wieder an. Und diesmal war ein Fhrer da. Es war ein Page des
Herzogs, und es hie, er habe seinen Herrn von ferne strzen sehen; nun sollte
er die Stelle zeigen. Er selbst hatte nichts erzhlt, der Graf von Campobasso
hatte ihn gebracht und hatte fr ihn gesprochen. Nun ging er voran, und die
anderen hielten sich dicht hinter ihm. Wer ihn so sah, vermummt und eigentmlich
unsicher, der hatte Mhe zu glauben, da es wirklich Gian-Battista Colonna sei,
der schn wie ein Mdchen war und schmal in den Gelenken. Er zitterte vor Klte;
die Luft war steif vom Nachtfrost, es klang wie Zhneknirschen unter den
Schritten. brigens froren sie alle. Nur des Herzogs Narr, Louis-Onze zubenannt,
machte sich Bewegung. Er spielte den Hund, lief voraus, kam wieder und trollte
eine Weile auf allen Vieren neben dem Knaben her; wo er aber von fern eine
Leiche sah, da sprang er hin und verbeugte sich und redete ihr zu, sie mchte
sich zusammennehmen und der sein, den man suchte. Er lie ihr ein wenig
Bedenkzeit, aber dann kam er mrrisch zu den andern zurck und drohte und
fluchte und beklagte sich ber den Eigensinn und die Trgheit der Toten. Und man
ging immerzu, und es nahm kein Ende. Die Stadt war kaum mehr zu sehen; denn das
Wetter hatte sich inzwischen geschlossen, trotz der Klte, und war grau und
undurchsichtig geworden. Das Land lag flach und gleichgltig da, und die kleine,
dichte Gruppe sah immer verirrter aus, je weiter sie sich bewegte. Niemand
sprach, nur ein altes Weib, das mitgelaufen war, malmte etwas und schttelte den
Kopf dabei; vielleicht betete sie.
    Auf einmal blieb der Vorderste stehen und sah um sich. Dann wandte er sich
kurz zu Lupi, dem portugiesischen Arzt des Herzogs, und zeigte nach vorn. Ein
paar Schritte weiterhin war eine Eisflche, eine Art Tmpel oder Teich, und da
lagen, halb eingebrochen, zehn oder zwlf Leichen. Sie waren fast ganz entblt
und ausgeraubt. Lupi ging gebckt und aufmerksam von einem zum andern. Und nun
erkannte man Olivier de la Marche und den Geistlichen, wie sie so einzeln
herumgingen. Die Alte aber kniete schon im Schnee und winselte und bckte sich
ber eine groe Hand, deren Finger ihr gespreizt entgegenstarrten. Alle eilten
herbei. Lupi mit einigen Dienern versuchte den Leichnam zu wenden, denn er lag
vornber. Aber das Gesicht war eingefroren, und da man es aus dem Eis
herauszerrte, schlte sich die eine Wange dnn und sprde ab, und es zeigte
sich, da die andere von Hunden oder Wlfen herausgerissen war; und das Ganze
war von einer groen Wunde gespalten, die am Ohr begann, so da von einem
Gesicht keine Rede sein konnte.
    Einer nach dem anderen blickte sich um; jeder meinte den Rmer hinter sich
zu finden. Aber sie sahen nur den Narren, der herbeigelaufen kam, bse und
blutig. Er hielt einen Mantel von sich ab und schttelte ihn, als sollte etwas
herausfallen; aber der Mantel war leer. So ging man daran, nach Kennzeichen zu
suchen, und es fanden sich einige. Man hatte ein Feuer gemacht und wusch den
Krper mit warmem Wasser und Wein. Die Narbe am Halse kam zum Vorschein und die
Stellen der beiden groen Abszesse. Der Arzt zweifelte nicht mehr. Aber man
verglich noch anderes. Louis-Onze hatte ein paar Schritte weiter den Kadaver des
groen schwarzen Pferdes Moreau gefunden, das der Herzog am Tage von Nancy
geritten hatte. Er sa darauf und lie die kurzen Beine hngen. Das Blut rann
ihm noch immer aus der Nase in den Mund, und man sah ihm an, da er es
schmeckte. Einer der Diener drben erinnerte, da ein Nagel an des Herzogs
linkem Fu eingewachsen gewesen wre; nun suchten alle den Nagel. Der Narr aber
zappelte, als wrde er gekitzelt, und schrie: Ach, Monseigneur, verzeih ihnen,
da sie deine groben Fehler aufdecken, die Dummkpfe, und dich nicht erkennen an
meinem langen Gesicht, in dem deine Tugenden stehn.
    5(Des Herzogs Narr war auch der erste, der eintrat, als die Leiche gebettet
war. Es war im Hause eines gewissen Georg Marquis, niemand konnte sagen, wieso.
Das Bahrtuch war noch nicht bergelegt, und so hatte er den ganzen Eindruck. Das
Wei des Kamisols und das Karmesin vom Mantel sonderten sich schroff und
unfreundlich voneinander ab zwischen den beiden Schwarz von Baldachin und Lager.
Vorne standen scharlachne Schaftstiefel ihm entgegen mit groen, vergoldeten
Sporen. Und da das dort oben ein Kopf war, darber konnte kein Streit
entstehen, sobald man die Krone sah. Es war eine groe Herzogs-Krone mit
irgendwelchen Steinen. Louis-Onze ging umher und besah alles genau. Er befhlte
sogar den Atlas, obwohl er wenig davon verstand. Es mochte guter Atlas sein,
vielleicht ein bichen billig fr das Haus Burgund. Er trat noch einmal zurck
um des berblicks willen. Die Farben waren merkwrdig unzusammenhngend im
Schneelicht. Er prgte sich jede einzeln ein. Gut angekleidet, sagte er
schlielich anerkennend, vielleicht eine Spur zu deutlich. Der Tod kam ihm vor
wie ein Puppenspieler, der rasch einen Herzog braucht.)
    Man tut gut, gewisse Dinge, die sich nicht mehr ndern werden, einfach
festzustellen, ohne die Tatsachen zu bedauern oder auch nur zu beurteilen. So
ist mir klar geworden, da ich nie ein richtiger Leser war. In der Kindheit kam
mir das Lesen vor wie ein Beruf, den man auf sich nehmen wrde, spter einmal,
wenn alle die Berufe kamen, einer nach dem andern. Ich hatte, aufrichtig gesagt,
keine bestimmte Vorstellung, wann das sein knnte. Ich verlie mich darauf, da
man es merken wrde, wenn das Leben gewissermaen umschlug und nur noch von
auen kam, so wie frher von innen. Ich bildete mir ein, es wrde dann deutlich
und eindeutig sein und gar nicht mizuverstehn. Durchaus nicht einfach, im
Gegenteil recht anspruchsvoll, verwickelt und schwer meinetwegen, aber immerhin
sichtbar. Das eigentmlich Unbegrenzte der Kindheit, das Unverhltnismige, das
Nie-recht-Absehbare, das wrde dann berstanden sein. Es war freilich nicht
einzusehen, wieso. Im Grunde nahm es immer noch zu und schlo sich auf allen
Seiten, und je mehr man hinaussah, desto mehr Inneres rhrte man in sich auf:
Gott wei, wo es herkam. Aber wahrscheinlich wuchs es zu einem uersten an und
brach dann mit einem Schlage ab. Es war leicht zu beobachten, da die
Erwachsenen sehr wenig davon beunruhigt wurden; sie gingen herum und urteilten
und handelten, und wenn sie je in Schwierigkeiten waren, so lag das an ueren
Verhltnissen.
    An den Anfang solcher Vernderungen verlegte ich auch das Lesen. Dann wrde
man mit Bchern umgehen wie mit Bekannten, es wrde Zeit dafr da sein, eine
bestimmte, gleichmig und gefllig vergehende Zeit, gerade so viel, als einem
eben pate. Natrlich wrden einzelne einem nher stehen, und es ist nicht
gesagt, da man davor sicher sein wrde, ab und zu eine halbe Stunde ber ihnen
zu versumen: einen Spaziergang, eine Verabredung, den Anfang im Theater oder
einen dringenden Brief. Da sich einem aber das Haar verbog und verwirrte, als
ob man darauf gelegen htte, da man glhende Ohren bekam und Hnde kalt wie
Metall, da eine lange Kerze neben einem herunterbrannte und in den Leuchter
hinein, das wrde dann, Gott sei Dank, vllig ausgeschlossen sein.
    Ich fhre diese Erscheinungen an, weil ich sie ziemlich auffllig an mir
erfuhr, damals in jenen Ferien auf Ulsgaard, als ich so pltzlich ins Lesen
geriet. Da zeigte es sich gleich, da ich es nicht konnte. Ich hatte es freilich
vor der Zeit begonnen, die ich mir dafr in Aussicht gestellt hatte. Aber dieses
Jahr in Sor unter lauter andern ungefhr Altersgleichen hatte mich mitrauisch
gemacht gegen solche Berechnungen. Dort waren rasche, unerwartete Erfahrungen an
mich herangekommen, und es war deutlich zu sehen, da sie mich wie einen
Erwachsenen behandelten. Es waren lebensgroe Erfahrungen, die sich so schwer
machten, wie sie waren. In demselben Mae aber, als ich ihre Wirklichkeit
begriff, gingen mir auch fr die unendliche Realitt meines Kindseins die Augen
auf. Ich wute, da es nicht aufhren wrde, so wenig wie das andere erst
begann. Ich sagte mir, da es natrlich jedem freistand, Abschnitte zu machen,
aber sie waren erfunden. Und es erwies sich, da ich zu ungeschickt war, mir
welche auszudenken. Sooft ich es versuchte, gab mir das Leben zu verstehen, da
es nichts von ihnen wute. Bestand ich aber darauf, da meine Kindheit vorber
sei, so war in demselben Augenblick auch alles Kommende fort, und mir blieb nur
genau so viel, wie ein Bleisoldat unter sich hat, um stehen zu knnen.
    Diese Entdeckung sonderte mich begreiflicherweise noch mehr ab. Sie
beschftigte mich in mir und erfllte mich mit einer Art endgltiger Frohheit,
die ich fr Kmmernis nahm, weil sie weit ber mein Alter hinausging. Es
beunruhigte mich auch, wie ich mich entsinne, da man nun, da nichts fr eine
bestimmte Frist vorgesehen war, manches berhaupt versumen knne. Und als ich
so nach Ulsgaard zurckkehrte und alle die Bcher sah, machte ich mich darber
her; recht in Eile, mit fast schlechtem Gewissen. Was ich spter so oft
empfunden habe, das ahnte ich damals irgendwie voraus: da man nicht das Recht
hatte, ein Buch aufzuschlagen, wenn man sich nicht verpflichtete, alle zu lesen.
Mit jeder Zeile brach man die Welt an. Vor den Bchern war sie heil und
vielleicht wieder ganz dahinter. Wie aber sollte ich, der nicht lesen konnte, es
mit allen aufnehmen? Da standen sie, selbst in diesem bescheidenen Bcherzimmer,
in so aussichtsloser berzahl und hielten zusammen. Ich strzte mich trotzig und
verzweifelt von Buch zu Buch und schlug mich durch die Seiten durch wie einer,
der etwas Unverhltnismiges zu leisten hat. Damals las ich Schiller und
Baggesen, hlenschlger und Schack-Staffeldt, was von Walter Scott da war und
Calderon. Manches kam mir in die Hnde, was gleichsam schon htte gelesen sein
mssen, fr anderes war es viel zu frh; fllig war fast nichts fr meine
damalige Gegenwart. Und trotzdem las ich.
    In spteren Jahren geschah es mir zuweilen nachts, da ich aufwachte, und
die Sterne standen so wirklich da und gingen so bedeutend vor, und ich konnte
nicht begreifen, wie man es ber sich brachte, so viel Welt zu versumen. So
hnlich war mir, glaub ich, zumut, sooft ich von den Bchern aufsah und hinaus,
wo der Sommer war, wo Abelone rief. Es kam uns sehr unerwartet, da sie rufen
mute und da ich nicht einmal antwortete. Es fiel mitten in unsere seligste
Zeit. Aber da es mich nun einmal erfat hatte, hielt ich mich krampfhaft ans
Lesen und verbarg mich, wichtig und eigensinnig, vor unseren tglichen
Feiertagen. Ungeschickt wie ich war, die vielen, oft unscheinbaren Gelegenheiten
eines natrlichen Glcks auszunutzen, lie ich mir nicht ungern von dem
anwachsenden Zerwrfnis knftige Vershnungen versprechen, die desto reizender
wurden, je weiter man sie hinausschob.
    brigens war mein Leseschlaf eines Tages so pltzlich zu Ende, wie er
begonnen hatte; und da erzrnten wir einander grndlich. Denn Abelone ersparte
mir nun keinerlei Spott und berlegenheit, und wenn ich sie in der Laube traf,
behauptete sie zu lesen. An dem einen Sonntag-Morgen lag das Buch zwar
geschlossen neben ihr, aber sie schien mehr als genug mit den Johannisbeeren
beschftigt, die sie vorsichtig mittels einer Gabel aus ihren kleinen Trauben
streifte.
    Es mu dies eine von jenen Tagesfrhen gewesen sein, wie es solche im Juli
giebt, neue, ausgeruhte Stunden, in denen berall etwas frohes Unberlegtes
geschieht.
    Aus Millionen kleinen ununterdrckbaren Bewegungen setzt sich ein Mosaik
berzeugtesten Daseins zusammen; die Dinge schwingen ineinander hinber und
hinaus in die Luft, und ihre Khle macht den Schatten klar und die Sonne zu
einem leichten, geistigen Schein. Da giebt es im Garten keine Hauptsache; alles
ist berall, und man mte in allem sein, um nichts zu versumen.
    In Abelonens kleiner Handlung aber war das Ganze nochmal. Es war so
glcklich erfunden, gerade dies zu tun und genau so, wie sie es tat. Ihre im
Schattigen hellen Hnde arbeiteten einander so leicht und einig zu, und vor der
Gabel sprangen mutwillig die runden Beeren her, in die mit tauduffem Weinblatt
ausgelegte Schale hinein, wo schon andere sich huften, rote und blonde,
glanzlichternd, mit gesunden Kernen im herben Innern. Ich wnschte unter diesen
Umstnden nichts als zuzusehen, aber, da es wahrscheinlich war, da man mirs
verwies, ergriff ich, auch um mich unbefangen zu geben, das Buch, setzte mich an
die andere Seite des Tisches und lie mich, ohne lang zu blttern, irgendwo
damit ein.
    Wenn du doch wenigstens laut lsest, Leserich, sagte Abelone nach einer
Weile. Das klang lange nicht mehr so streitschtig, und da es, meiner Meinung
nach, ernstlich Zeit war, sich auszugleichen, las ich sofort laut, immerzu bis
zu einem Abschnitt und weiter, die nchste berschrift: An Bettine.
    Nein, nicht die Antworten, unterbrach mich Abelone und legte auf einmal
wie erschpft die kleine Gabel nieder. Gleich darauf lachte sie ber das
Gesicht, mit dem ich sie ansah.
    Mein Gott, was hast du schlecht gelesen, Malte.
    Da mute ich nun zugeben, da ich keinen Augenblick bei der Sache gewesen
sei. Ich las nur, damit du mich unterbrichst, gestand ich und wurde hei und
bltterte zurck nach dem Titel des Buches. Nun wute ich erst, was es war.
Warum denn nicht die Antworten? fragte ich neugierig.
    Es war, als htte Abelone mich nicht gehrt. Sie sa da in ihrem lichten
Kleid, als ob sie berall innen ganz dunkel wrde, wie ihre Augen wurden.
    Gieb her, sagte sie pltzlich wie im Zorn und nahm mir das Buch aus der
Hand und schlug es richtig dort auf, wo sie es wollte. Und dann las sie einen
von Bettinens Briefen.
    Ich wei nicht, was ich davon verstand, aber es war, als wrde mir feierlich
versprochen, dieses alles einmal einzusehen. Und whrend ihre Stimme zunahm und
endlich fast jener glich, die ich vom Gesang her kannte, schmte ich mich, da
ich mir unsere Vershnung so gering vorgestellt hatte. Denn ich begriff wohl,
da sie das war. Aber nun geschah sie irgendwo ganz im Groen, weit ber mir, wo
ich nicht hinreichte.
    Das Versprechen erfllt sich noch immer, irgendwann ist dasselbe Buch unter
meine Bcher geraten, unter die paar Bcher, von denen ich mich nicht trenne.
Nun schlgt es sich auch mir an den Stellen auf, die ich gerade meine, und wenn
ich sie lese, so bleibt es unentschieden, ob ich an Bettine denke oder an
Abelone. Nein, Bettine ist wirklicher in mir geworden, Abelone, die ich gekannt
habe, war wie eine Vorbereitung auf sie, und nun ist sie mir in Bettine
aufgegangen wie in ihrem eigenen, unwillkrlichen Wesen. Denn diese wunderliche
Bettine hat mit allen ihren Briefen Raum gegeben, gerumigste Gestalt. Sie hat
von Anfang an sich im Ganzen so ausgebreitet, als wr sie nach ihrem Tod.
berall hat sie sich ganz weit ins Sein hineingelegt, zugehrig dazu, und was
ihr geschah, das war ewig in der Natur; dort erkannte sie sich und lste sich
beinah schmerzhaft heraus; erriet sich mhsam zurck wie aus berlieferungen,
beschwor sich wie einen Geist und hielt sich aus.
    Eben warst du noch, Bettine; ich seh dich ein. Ist nicht die Erde noch warm
von dir, und die Vgel lassen noch Raum fr deine Stimme. Der Tau ist ein
anderer, aber die Sterne sind noch die Sterne deiner Nchte. Oder ist nicht die
Welt berhaupt von dir? denn wie oft hast du sie in Brand gesteckt mit deiner
Liebe und hast sie lodern sehen und aufbrennen und hast sie heimlich durch eine
andere ersetzt, wenn alle schliefen. Du fhltest dich so recht im Einklang mit
Gott, wenn du jeden Morgen eine neue Erde von ihm verlangtest, damit doch alle
drankmen, die er gemacht hatte. Es kam dir armslig vor, sie zu schonen und
auszubessern, du verbrauchtest sie und hieltest die Hnde hin um immer noch
Welt. Denn deine Liebe war allem gewachsen.
    Wie ist es mglich, da nicht noch alle erzhlen von deiner Liebe? Was ist
denn seither geschehen, was merkwrdiger war? Was beschftigt sie denn? Du
selber wutest um deiner Liebe Wert, du sagtest sie laut deinem gresten
Dichter vor, da er sie menschlich mache; denn sie war noch Element. Er aber hat
sie den Leuten ausgeredet, da er dir schrieb. Alle haben diese Antworten gelesen
und glauben ihnen mehr, weil der Dichter ihnen deutlicher ist als die Natur.
Aber vielleicht wird es sich einmal zeigen, da hier die Grenze seiner Gre
war. Diese Liebende ward ihm auferlegt, und er hat sie nicht bestanden. Was
heit es, da er nicht hat erwidern knnen? Solche Liebe bedarf keiner
Erwiderung, sie hat Lockruf und Antwort in sich; sie erhrt sich selbst. Aber
demtigen htte er sich mssen vor ihr in seinem ganzen Staat und schreiben was
sie diktiert, mit beiden Hnden, wie Johannes auf Patmos, knieend. Es gab keine
Wahl dieser Stimme gegenber, die das Amt der Engel verrichtete; die gekommen
war, ihn einzuhllen und zu entziehen ins Ewige hinein. Da war der Wagen seiner
feurigen Himmelfahrt. Da war seinem Tod der dunkle Mythos bereitet, den er leer
lie.

Das Schicksal liebt es, Muster und Figuren zu erfinden. Seine Schwierigkeit
beruht im Komplizierten. Das Leben selbst aber ist schwer aus Einfachheit. Es
hat nur ein paar Dinge von uns nicht angemessener Gre. Der Heilige, indem er
das Schicksal ablehnt, whlt diese, Gott gegenber. Da aber die Frau, ihrer
Natur nach, in Bezug auf den Mann die gleiche Wahl treffen mu, ruft das
Verhngnis aller Liebesbeziehungen herauf: entschlossen und schicksalslos, wie
eine Ewige, steht sie neben ihm, der sich verwandelt. Immer bertrifft die
Liebende den Geliebten, weil das Leben grer ist als das Schicksal. Ihre
Hingabe will unermelich sein: dies ist ihr Glck. Das namenlose Leid ihrer
Liebe aber ist immer dieses gewesen: da von ihr verlangt wird, diese Hingabe zu
beschrnken.
    Es ist keine andere Klage je von Frauen geklagt worden: die beiden ersten
Briefe Helosens enthalten nur sie, und fnfhundert Jahre spter erhebt sie sich
aus den Briefen der Portugiesin; man erkennt sie wieder wie einen Vogelruf. Und
pltzlich geht durch den hellen Raum dieser Einsicht der Sappho fernste Gestalt,
die die Jahrhunderte nicht fanden, da sie sie im Schicksal suchten.

Ich habe niemals gewagt, von ihm eine Zeitung zu kaufen. Ich bin nicht sicher,
da er wirklich immer einige Nummern bei sich hat, wenn er sich auen am
Luxembourg-Garten langsam hin und zurck schiebt den ganzen Abend lang. Es kehrt
dem Gitter den Rcken, und seine Hand streift den Steinrand, auf dem die Stbe
aufstehen. Er macht sich so flach, da tglich viele vorbergehen, die ihn nie
gesehen haben. Zwar hat er noch einen Rest von Stimme in sich und mahnt; aber
das ist nicht anders als ein Gerusch in einer Lampe oder im Ofen oder wenn es
in eigentmlichen Abstnden in einer Grotte tropft. Und die Welt ist so
eingerichtet, da es Menschen giebt, die ihr ganzes Leben lang in der Pause
vorbeikommen, wenn er, lautloser als alles was sich bewegt, weiter rckt wie ein
Zeiger, wie eines Zeigers Schatten, wie die Zeit.
    Wie unrecht hatte ich, ungern hinzusehen. Ich schme mich aufzuschreiben,
da ich oft in seiner Nhe den Schritt der andern annahm, als wte ich nicht um
ihn. Dann hrte ich es in ihm La Presse sagen und gleich darauf noch einmal
und ein drittes Mal in raschen Zwischenrumen. Und die Leute neben mir sahen
sich um und suchten die Stimme. Nur ich tat eiliger als alle, als wre mir
nichts aufgefallen, als wre ich innen beraus beschftigt.
    Und ich war es in der Tat. Ich war beschftigt, ihn mir vorzustellen, ich
unternahm die Arbeit, ihn einzubilden, und der Schwei trat mir aus vor
Anstrengung. Denn ich mute ihn machen wie man einen Toten macht, fr den keine
Beweise mehr da sind, keine Bestandteile; der ganz und gar innen zu leisten ist.
Ich wei jetzt, da es mir ein wenig half, an die vielen abgenommenen Christusse
aus streifigem Elfenbein zu denken, die bei allen Althndlern herumliegen. Der
Gedanke an irgendeine Piet trat vor und ab -: dies alles wahrscheinlich nur, um
eine gewisse Neigung hervorzurufen, in der sein langes Gesicht sich hielt, und
den trostlosen Bartnachwuchs im Wangenschatten und die endgltig schmerzvolle
Blindheit seines verschlossenen Ausdrucks, der schrg aufwrts gehalten war.
Aber es war auerdem so vieles, was zu ihm gehrte; denn dies begriff ich schon
damals, da nichts an ihm nebenschlich sei: nicht die Art, wie der Rock oder
der Mantel, hinten abstehend, berall den Kragen sehen lie, diesen niedrigen
Kragen, der in einem groen Bogen um den gestreckten, nischigen Hals stand, ohne
ihn zu berhren; nicht die grnlich schwarze Krawatte, die weit um das Ganze
herumgeschnallt war; und ganz besonders nicht der Hut, ein alter, hochgewlbter,
steifer Filzhut, den er trug wie alle Blinden ihre Hte tragen: ohne Bezug zu
den Zeilen des Gesichts, ohne die Mglichkeit, aus diesem Hinzukommenden und
sich selbst eine neue uere Einheit zu bilden; nicht anders als irgendeinen
verabredeten fremden Gegenstand. In meiner Feigheit, nicht hinzusehen, brachte
ich es so weit, da das Bild dieses Mannes sich schlielich oft auch ohne Anla
stark und schmerzhaft in mir zusammenzog zu so hartem Elend, da ich mich, davon
bedrngt, entschlo, die zunehmende Fertigkeit meiner Einbildung durch die
auswrtige Tatsache einzuschchtern und aufzuheben. Es war gegen Abend. Ich nahm
mir vor, sofort aufmerksam an ihm vorbeizugehen.
    Nun mu man wissen: es ging auf den Frhling zu. Der Tagwind hatte sich
gelegt, die Gassen waren lang und befriedigt; an ihrem Ausgang schimmerten
Huser, neu wie frische Bruchstellen eines weien Metalls. Aber es war ein
Metall, das einen berraschte durch seine Leichtigkeit. In den breiten,
fortlaufenden Straen zogen viele Leute durcheinander, fast ohne die Wagen zu
frchten, die selten waren. Es mute ein Sonntag sein. Die Turmaufstze von
Saint-Sulpice zeigten sich heiter und unerwartet hoch in der Windstille, und
durch die schmalen, beinah rmischen Gassen sah man unwillkrlich hinaus in die
Jahreszeit. Im Garten und davor war so viel Bewegung von Menschen, da ich ihn
nicht gleich sah. Oder erkannte ich ihn zuerst nicht zwischen der Menge durch?
    Ich wute sofort, da meine Vorstellung wertlos war. Die durch keine
Vorsicht oder Verstellung eingeschrnkte Hingegebenheit seines Elends bertraf
meine Mittel. Ich hatte weder den Neigungswinkel seiner Haltung begriffen gehabt
noch das Entsetzen, mit dem die Innenseite seiner Lider ihn fortwhrend zu
erfllen schien. Ich hatte nie an seinen Mund gedacht, der eingezogen war wie
die ffnung eines Ablaufs. Mglicherweise hatte er Erinnerungen; jetzt aber kam
nie mehr etwas zu seiner Seele hinzu als tglich das amorphe Gefhl des
Steinrands hinter ihm, an dem seine Hand sich abnutzte. Ich war stehngeblieben,
und whrend ich das alles fast gleichzeitig sah, fhlte ich, da er einen
anderen Hut hatte und eine ohne Zweifel sonntgliche Halsbinde; sie war schrg
in gelben und violetten Vierecken gemustert, und was den Hut angeht, so war es
ein billiger neuer Strohhut mit einem grnen Band. Es liegt natrlich nichts an
diesen Farben, und es ist kleinlich, da ich sie behalten habe. Ich will nur
sagen, da sie an ihm waren wie das Weicheste auf eines Vogels Unterseite. Er
selbst hatte keine Lust daran, und wer von allen (ich sah mich um) durfte
meinen, dieser Staat wre um seinetwillen?
    Mein Gott, fiel es mir mit Ungestm ein, so bist du also. Es giebt Beweise
fr deine Existenz. Ich habe sie alle vergessen und habe keinen je verlangt,
denn welche ungeheuere Verpflichtung lge in deiner Gewiheit. Und doch, nun
wird mirs gezeigt. Dieses ist dein Geschmack, hier hast du Wohlgefallen. Da wir
doch lernten, vor allem aushalten und nicht urteilen. Welche sind die schweren
Dinge? Welche die gndigen? Du allein weit es.
    Wenn es wieder Winter wird und ich mu einen neuen Mantel haben, - gieb mir,
da ich ihn so trage, solang er neu ist.

Es ist nicht, da ich mich von ihnen unterscheiden will, wenn ich in besseren,
von Anfang an meinigen Kleidern herumgehe und darauf halte, irgendwo zu wohnen.
Ich bin nicht so weit. Ich habe nicht das Herz zu ihrem Leben. Wenn mir der Arm
einginge, ich glaube, ich versteckte ihn. Sie aber (ich wei nicht, wer sie
sonst war), sie erschien jeden Tag vor den Terrassen der Cafhuser, und obwohl
es sehr schwer war fr sie, den Mantel abzutun und sich aus dem unklaren Zeug
und Unterzeug herauszuziehen, sie scheute der Mhe nicht und tat ab und zog aus
so lange, da mans kaum mehr erwarten konnte. Und dann stand sie vor uns,
bescheiden, mit ihrem drren, verkmmerten Stck, und man sah, da es rar war.
    Nein, es ist nicht, da ich mich von ihnen unterscheiden will; aber ich
berhbe mich, wollte ich ihnen gleich sein. Ich bin es nicht. Ich htte weder
ihre Strke noch ihr Ma. Ich ernhre mich, und so bin ich von Mahlzeit zu
Mahlzeit, vllig geheimnislos; sie aber erhalten sich fast wie Ewige. Sie stehen
an ihren tglichen Ecken, auch im November, und schreien nicht vor Winter. Der
Nebel kommt und macht sie undeutlich und ungewi: sie sind gleichwohl. Ich war
verreist, ich war krank, vieles ist mir vergangen: sie aber sind nicht
gestorben.
    6(Ich wei ja nicht einmal, wie es mglich ist, da die Schulkinder aufstehn
in den Kammern voll grauriechender Klte; wer sie bestrkt, die berstrzten
Skelettchen, da sie hinauslaufen in die erwachsene Stadt, in die trbe Neige
der Nacht, in den ewigen Schultag, immer noch klein, immer voll Vorgefhl, immer
versptet. Ich habe keine Vorstellung von der Menge Beistand, die fortwhrend
verbraucht wird.)
    Diese Stadt ist voll von solchen, die langsam zu ihnen hinabgleiten. Die
meisten struben sich erst; aber dann giebt es diese verblichenen, alternden
Mdchen, die sich fortwhrend ohne Widerstand hinberlassen, starke, im
Innersten ungebrauchte, die nie geliebt worden sind.
    Vielleicht meinst du, mein Gott, da ich alles lassen soll und sie lieben.
Oder warum wird es mir so schwer, ihnen nicht nachzugehen, wenn sie mich
berholen? Warum erfind ich auf einmal die sesten, nchtlichsten Worte, und
meine Stimme steht sanft in mir zwischen Kehle und Herz. Warum stell ich mir
vor, wie ich sie unsglich vorsichtig an meinen Atem halten wrde, diese Puppen,
mit denen das Leben gespielt hat, ihnen Frhling um Frhling fr nichts und
wieder nichts die Arme auseinanderschlagend bis sie locker wurden in den
Schultern. Sie sind nie sehr hoch von einer Hoffnung gefallen, so sind sie nicht
zerbrochen; aber abgeschlagen sind sie und schon dem Leben zu schlecht. Nur
verlorene Katzen kommen abends zu ihnen in die Kammer und zerkratzen sie
heimlich und schlafen auf ihnen. Manchmal folge ich einer zwei Gassen weit. Sie
gehen an den Husern hin, fortwhrend kommen Menschen, die sie verdecken, sie
schwinden hinter ihnen weiter wie nichts.
    Und doch, ich wei, wenn einer nun versuchte, sie liebzuhaben, so wren sie
schwer an ihm wie Zuweitgegangene, die aufhren zu gehn. Ich glaube, nur Jesus
ertrge sie, der noch das Auferstehen in allen Gliedern hat; aber ihm liegt
nichts an ihnen. Nur die Liebenden verfhren ihn, nicht die, die warten mit
einem kleinen Talent zur Geliebten wie mit einer kalten Lampe.

Ich wei, wenn ich zum uersten bestimmt bin, so wird es mir nichts helfen, da
ich mich verstelle in meinen besseren Kleidern. Glitt er nicht mitten im
Knigtum unter die Letzten? Er, der statt aufzusteigen hinabsank bis auf den
Grund. Es ist wahr, ich habe zuzeiten an die anderen Knige geglaubt, obwohl die
Parke nichts mehr beweisen. Aber es ist Nacht, es ist Winter, ich friere, ich
glaube an ihn. Denn die Herrlichkeit ist nur ein Augenblick, und wir haben nie
etwas Lngeres gesehen als das Elend. Der Knig aber soll dauern.
    Ist nicht dieser der Einzige, der sich erhielt unter seinem Wahnsinn wie
Wachsblumen unter einem Glassturz? Fr die anderen beteten sie in den Kirchen um
langes Leben, von ihm aber verlangte der Kanzler Jean Charlier Gerson, da er
ewig sei, und das war damals, als er schon der Drftigste war, schlecht und von
schierer Armut trotz seiner Krone.
    Das war damals, als von Zeit zu Zeit Mnner fremdlings, mit geschwrztem
Gesicht, ihn in seinem Bette berfielen, um ihm das in die Schwren
hineingefaulte Hemde abzureien, das er schon lngst fr sich selber hielt. Es
war verdunkelt im Zimmer, und sie zerrten unter seinen steifen Armen die mrben
Fetzen weg, wie sie sie griffen. Dann leuchtete einer vor, und da erst
entdeckten sie die jsige Wunde auf seiner Brust, in die das eiserne Amulett
eingesunken war, weil er es jede Nacht an sich prete mit aller Kraft seiner
Inbrunst; nun stand es tief in ihm, frchterlich kostbar, in einem Perlensaum
von Eiter wie ein wundertuender Rest in der Mulde eines Reliqurs. Man hatte
harte Handlanger ausgesucht, aber sie waren nicht ekelfest, wenn die Wrmer,
gestrt, nach ihnen herberstanden aus dem flandrischen Barchent und, aus den
Falten abgefallen, sich irgendwo an ihren rmeln aufzogen. Es war ohne Zweifel
schlimmer geworden mit ihm seit den Tagen der parva regina; denn sie hatte doch
noch bei ihm liegen mgen, jung und klar wie sie war. Dann war sie gestorben.
Und nun hatte keiner mehr gewagt, eine Beischlferin an dieses Aas anzubetten.
Sie hatte die Worte und Zrtlichkeiten nicht hinterlassen, mit denen der Knig
zu mildern war. So drang niemand mehr durch dieses Geistes Verwilderung; niemand
half ihm aus den Schluchten seiner Seele; niemand begriff es, wenn er selbst
pltzlich heraustrat mit dem runden Blick eines Tiers, das auf die Weide geht.
Wenn er dann das beschftigte Gesicht Juvenals erkannte, so fiel ihm das Reich
ein, wie es zuletzt gewesen war. Und er wollte nachholen, was er versumt hatte.
    Aber es lag an den Ereignissen jener Zeitlufte, da sie nicht schonend
beizubringen waren. Wo etwas geschah, da geschah es mit seiner ganzen Schwere,
und war wie aus einem Stck, wenn man es sagte. Oder was war davon abzuziehen,
da sein Bruder ermordet war, da gestern Valentina Visconti, die er immer seine
liebe Schwester nannte, vor ihm gekniet hatte, lauter Witwenschwarz weghebend
von des entstellten Antlitzes Klage und Anklage? Und heute stand stundenlang ein
zher, rediger Anwalt da und bewies das Recht des frstlichen Mordgebers,
solange bis das Verbrechen durchscheinend wurde und als wollte es licht in den
Himmel fahren. Und gerecht sein hie, allen recht geben; denn Valentina von
Orleans starb Kummers, obwohl man ihr Rache versprach. Und was half es, dem
burgundischen Herzog zu verzeihen und wieder zu verzeihen; ber den war die
finstere Brunst der Verzweiflung gekommen, so da er schon seit Wochen tief im
Walde von Argilly wohnte in einem Zelt und behauptete, nachts die Hirsche
schreien hren zu mssen zu seiner Erleichterung.
    Wenn man dann das alles bedacht hatte, immer wieder bis ans Ende, kurz wie
es war, so begehrte das Volk einen zu sehen, und es sah einen: ratlos. Aber das
Volk freute sich des Anblicks; es begriff, da dies der Knig sei: dieser
Stille, dieser Geduldige, der nur da war, um es zuzulassen, da Gott ber ihn
weg handelte in seiner spten Ungeduld. In diesen aufgeklrten Augenblicken auf
dem Balkon seines Htels von Saint-Pol ahnte der Knig vielleicht seinen
heimlichen Fortschritt; der Tag von Roosbecke fiel ihm ein, als sein Oheim von
Berry ihn an der Hand genommen hatte, um ihn hinzufhren vor seinen ersten
fertigen Sieg; da berschaute er in dem merkwrdig langhellen Novembertag die
Massen der Genter, so wie sie sich erwrgt hatten mit ihrer eigenen Enge, da man
gegen sie angeritten war von allen Seiten. Ineinandergewunden wie ein
ungeheueres Gehirn, lagen sie da in den Haufen, zu denen sie sich selber
zusammengebunden hatten, um dicht zu sein. Die Luft ging einem weg, wenn man da
und dort ihre erstickten Gesichter sah; man konnte es nicht lassen, sich
vorzustellen, da sie weit ber diesen vor Gedrnge noch stehenden Leichen
verdrngt worden sei durch den pltzlichen Austritt so vieler verzweifelter
Seelen.
    Dies hatte man ihm eingeprgt als den Anfang seines Ruhms. Und er hatte es
behalten. Aber, wenn das damals der Triumph des Todes war, so war dieses, da er
hier stand auf seinen schwachen Knieen, aufrecht in allen diesen Augen: das
Mysterium der Liebe. An den anderen hatte er gesehen, da man jenes Schlachtfeld
begreifen konnte, so ungeheuer es war. Dies hier wollte nicht begriffen sein; es
war genau so wunderbar wie einst der Hirsch mit dem goldenen Halsband im Wald
von Senlis. Nur da er jetzt selber die Erscheinung war, und andere waren
versunken in Anschauen. Und er zweifelte nicht, da sie atemlos waren und von
derselben weiten Erwartung, wie sie einmal ihn an jenem jnglinglichen Jagdtag
berfiel, als das stille Gesicht, ugend, aus den Zweigen trat. Das Geheimnis
seiner Sichtbarkeit verbreitete sich ber seine sanfte Gestalt; er rhrte sich
nicht, aus Scheu, zu vergehen, das dnne Lcheln auf seinem breiten, einfachen
Gesicht nahm eine natrliche Dauer an wie bei steinernen Heiligen und bemhte
ihn nicht. So hielt er sich hin, und es war einer jener Augenblicke, die die
Ewigkeit sind, in Verkrzung gesehen. Die Menge ertrug es kaum. Gestrkt, von
unerschpflich vermehrter Trstung gespeist, durchbrach sie die Stille mit dem
Aufschrei der Freude. Aber oben auf dem Balkon war nur noch Juvenal des Ursins,
und er rief in die nchste Beruhigung hinein, da der Knig rue Saint-Denis
kommen wrde zu der Passionsbrderschaft, die Mysterien sehen.
    Zu solchen Tagen war der Knig voll milden Bewutseins. Htte ein Maler
jener Zeit einen Anhalt gesucht fr das Dasein im Paradiese, er htte kein
vollkommeneres Vorbild finden knnen als des Knigs gestillte Figur, wie sie in
einem der hohen Fenster des Louvre stand unter dem Sturz ihrer Schultern. Er
bltterte in dem Kleinen Buch der Christine de Pisan, das Der Weg des langen
Lernens heit und das ihm gewidmet war. Er las nicht die gelehrten Streitreden
jenes allegorischen Parlaments, das sich vorgesetzt hatte, den Frsten ausfindig
zu machen, der wrdig sei, ber die Welt zu herrschen. Das Buch schlug sich ihm
immer an den einfachsten Stellen auf: wo von dem Herzen die Rede war, das
dreizehn Jahre lang wie ein Kolben ber dem Schmerzfeuer nur dazu gedient hatte,
das Wasser der Bitternis fr die Augen zu destillieren; er begriff, da die
wahre Konsolation erst begann, wenn das Glck vergangen genug und fr immer
vorber war. Nichts war ihm nher, als dieser Trost. Und whrend sein Blick
scheinbar die Brcke drben umfate, liebte er es, durch dieses von der starken
Cuma zu groen Wegen ergriffene Herz die Welt zu sehen, die damalige: die
gewagten Meere, fremdtrmige Stdte, zugehalten vom Andruck der Weiten; der
gesammelten Gebirge ekstatische Einsamkeit und die in frchtigem Zweifel
erforschten Himmel, die sich erst schlossen wie eines Saugkindes Hirnschale.
    Aber wenn jemand eintrat, so erschrak er, und langsam beschlug sich sein
Geist. Er gab zu, da man ihn vom Fenster fortfhrte und ihn beschftigte. Sie
hatten ihm die Gewohnheit beigebracht, stundenlang ber Abbildungen zu
verweilen, und er war es zufrieden, nur krnkte es ihn, da man im Blttern
niemals mehrere Bilder vor sich behielt und da sie in den Folianten festsaen,
so da man sie nicht untereinander bewegen konnte. Da hatte sich jemand eines
Spiels Karten erinnert, das vllig in Vergessenheit geraten war, und der Knig
nahm den in Gunst, der es ihm brachte; so sehr waren diese Kartons nach seinem
Herzen, die bunt waren und einzeln beweglich und voller Figur. Und whrend das
Kartenspielen unter den Hofleuten in Mode kam, sa der Knig in seiner
Bibliothek und spielte allein. Genau wie er nun zwei Knige nebeneinander
aufschlug, so hatte Gott neulich ihn und den Kaiser Wenzel zusammengetan;
manchmal starb eine Knigin, dann legte er ein Herz-A auf sie, das war wie ein
Grabstein. Es wunderte ihn nicht, da es in diesem Spiel mehrere Ppste gab; er
richtete Rom ein drben am Rande des Tisches, und hier, unter seiner Rechten,
war Avignon. Rom war ihm gleichgltig, er stellte es sich aus irgendeinem Grunde
rund vor und bestand nicht weiter darauf. Aber Avignon kannte er. Und kaum
dachte er es, so wiederholte seine Erinnerung den hohen hermetischen Palast und
beranstrengte sich. Er schlo die Augen und mute tief Atem holen. Er frchtete
bs zu trumen nchste Nacht.
    Im ganzen aber war es wirklich eine beruhigende Beschftigung, und sie
hatten recht, ihn immer wieder darauf zu bringen. Solche Stunden befestigten ihn
in der Ansicht, da er der Knig sei, Knig Karl der Sechste. Das will nicht
sagen, da er sich bertrieb; weit von ihm war die Meinung, mehr zu sein als so
ein Blatt, aber die Gewiheit bestrkte sich in ihm, da auch er eine bestimmte
Karte sei, vielleicht eine schlechte, eine zornig ausgespielte, die immer
verlor: aber immer die gleiche: aber nie eine andere. Und doch, wenn eine Woche
so hingegangen war in gleichmiger Selbstbesttigung, so wurde ihm enge in ihm.
Die Haut spannte ihn um die Stirn und im Nacken, als empfnde er auf einmal
seinen zu deutlichen Kontur. Niemand wute, welcher Versuchung er nachgab, wenn
er dann nach den Mysterien fragte und nicht erwarten konnte, da sie begnnen.
Und war es einmal so weit, so wohnte er mehr rue Saint-Denis als in seinem Htel
von Saint-Pol.
    Es war das Verhngnisvolle dieser dargestellten Gedichte, da sie sich
immerfort ergnzten und erweiterten und zu Zehntausenden von Versen anwuchsen,
so da die Zeit in ihnen schlielich die wirkliche war; etwa so, als machte man
einen Globus im Mastab der Erde. Die hohle Estrade, unter der die Hlle war und
ber der, an einen Pfeiler angebaut, das gelnderlose Gerst eines Balkons das
Niveau des Paradieses bedeutete, trug nur noch dazu bei, die Tuschung zu
verringern. Denn dieses Jahrhundert hatte in der Tat Himmel und Hlle irdisch
gemacht: es lebte aus den Krften beider, um sich zu berstehen.
    Es waren die Tage jener avignonesischen Christenheit, die sich vor einem
Menschenalter um Johann den Zweiundzwanzigsten zusammengezogen hatte, mit so
viel unwillkrlicher Zuflucht, da an dem Platze seines Pontifikats, gleich nach
ihm, die Masse dieses Palastes entstanden war, verschlossen und schwer wie ein
uerster Notleib fr die wohnlose Seele aller. Er selbst aber, der kleine,
leichte, geistige Greis, wohnte noch im Offenen. Whrend er, kaum angekommen,
ohne Aufschub, nach allen Seiten hin rasch und knapp zu handeln begann, standen
die Schsseln mit Gift gewrzt auf seiner Tafel; der erste Becher mute immer
weggeschttet werden, denn das Stck Einhorn war mifarbig, wenn es der
Mundkmmerer daraus zurckzog. Ratlos, nicht wissend, wo er sie verbergen
sollte, trug der Siebzigjhrige die Wachsbildnisse herum, die man von ihm
gemacht hatte, um ihn darin zu verderben; und er ritzte sich an den langen
Nadeln, mit denen sie durchstochen waren. Man konnte sie einschmelzen. Doch so
hatte er sich schon an diesen heimlichen Simulakern entsetzt, da er, gegen
seinen starken Willen, mehrmals den Gedanken formte, er knnte sich selbst damit
tdlich sein und hinschwinden wie das Wachs am Feuer. Sein verminderter Krper
wurde nur noch trockener vom Grausen und dauerhafter. Aber nun wagte man sich an
den Krper seines Reichs; von Granada aus waren die Juden angestiftet worden,
alle Christlichen zu vertilgen, und diesmal hatten sie sich furchtbarere
Vollzieher erkauft. Niemand zweifelte, gleich auf die ersten Gerchte hin, an
dem Anschlag der Leprosen; schon hatten einzelne gesehen, wie sie Bndel ihrer
schrecklichen Zersetzung in die Brunnen warfen. Es war nicht Leichtglubigkeit,
da man dies sofort fr mglich hielt; der Glaube, im Gegenteil, war so schwer
geworden, da er den Zitternden entsank und bis auf den Grund der Brunnen fiel.
Und wieder hatte der eifrige Greis Gift abzuhalten vom Blute. Zur Zeit seiner
aberglubischen Anwandlungen hatte er sich und seiner Umgebung das Angelus
verschrieben gegen die Dmonen der Dmmerung; und nun lutete man auf der ganzen
erregten Welt jeden Abend dieses kalmierende Gebet. Sonst aber glichen alle
Bullen und Briefe, die von ihm ausgingen, mehr einen Gewrzwein als einer
Tisane. Das Kaisertum hatte sich nicht in seine Behandlung gestellt, aber er
ermdete nicht, es mit Beweisen seines Krankseins zu berhufen; und schon
wandte man sich aus dem fernsten Osten an diesen herrischen Arzt.
    Aber da geschah das Unglaubliche. Am Allerheiligentag hatte er gepredigt,
lnger, wrmer als sonst; in einem pltzlichen Bedrfnis, wie um ihn selbst
wiederzusehen, hatte er seinen Glauben gezeigt; aus dem fnfundachtzigjhrigen
Tabernakel hatte er ihn mit aller Kraft langsam herausgehoben und auf der Kanzel
ausgestellt: und da schrieen sie ihn an. Ganz Europa schrie: dieser Glaube war
schlecht.
    Damals verschwand der Papst. Tagelang ging keine Aktion von ihm aus, er lag
in seinem Betzimmer auf den Knieen und erforschte das Geheimnis der Handelnden,
die Schaden nehmen an ihrer Seele. Endlich erschien er, erschpft von der
schweren Einkehr, und widerrief. Er widerrief einmal ber das andere. Es wurde
die senile Leidenschaft seines Geistes, zu widerrufen. Es konnte geschehen, da
er nachts die Kardinle wecken lie, um mit ihnen von seiner Reue zu reden. Und
vielleicht war das, was sein Leben ber die Maen hinhielt, schlielich nur die
Hoffnung, sich auch noch vor Napoleon Orsini zu demtigen, der ihn hate und der
nicht kommen wollte.
    Jakob von Cahors hatte widerrufen. Und man knnte meinen, Gott selber htte
seine Irrung erweisen wollen, da er so bald hernach jenen Sohn des Grafen von
Ligny aufkommen lie, der seine Mndigkeit auf Erden nur abzuwarten schien, um
des Himmels seelische Sinnlichkeiten mannbar anzutreten. Es lebten viele, die
sich dieses klaren Knaben in seinem Kardinalat erinnerten, und wie er am Eingang
seiner Jnglingschaft Bischof geworden und mit kaum achtzehn Jahren in einer
Ekstase seiner Vollendung gestorben war. Man begegnete Totgewesenen: denn die
Luft an seinem Grabe, in der, frei geworden, pures Leben lag, wirkte lange noch
auf die Leichname. Aber war nicht etwas Verzweifeltes selbst in dieser
frhreifen Heiligkeit? War es nicht ein Unrecht an allen, da das reine Gewebe
dieser Seele nur eben durchgezogen worden war, als handelte es sich nur darum,
es in der garen Scharlachkpe der Zeit leuchtend zu frben? Empfand man nicht
etwas wie einen Gegensto, da dieser junge Prinz von der Erde absprang in seine
leidenschaftliche Himmelfahrt? Warum verweilten die Leuchtenden nicht unter den
mhsamen Lichtziehern? War es nicht diese Finsternis, die Johann den
Zweiundzwanzigsten dahin gebracht hatte, zu behaupten, da es vor dem jngsten
Gericht keine ganze Seligkeit gbe, nirgends, auch unter den Seligen nicht? Und
in der Tat, wieviel rechthaberische Verbissenheit gehrte dazu, sich
vorzustellen, da, whrend hier so dichte Wirrsal geschah, irgendwo Gesichter
schon im Scheine Gottes lagen, an Engel zurckgelehnt und gestillt durch die
unausschpfliche Aussicht auf ihn.

Da sitze ich in der kalten Nacht und schreibe und wei das alles. Ich wei es
vielleicht, weil mir jener Mann begegnet ist, damals als ich klein war. Er war
sehr gro, ich glaube sogar, da er auffallen mute durch seine Gre.
    So unwahrscheinlich es ist, es war mir irgendwie gelungen, gegen Abend
allein aus dem Haus zu kommen; ich lief, ich bog um eine Ecke, und in demselben
Augenblick stie ich gegen ihn. Ich begreife nicht, wie das, was jetzt geschah,
sich in etwa fnf Sekunden abspielen konnte. So dicht man es auch erzhlt, es
dauert viel lnger. Ich hatte mir weh getan im Anlauf an ihn; ich war klein, es
schien mir schon viel, da ich nicht weinte, auch erwartete ich unwillkrlich,
getrstet zu sein. Da er das nicht tat, hielt ich ihn fr verlegen; es fiel ihm,
vermutete ich, der richtige Scherz nicht ein, in dem diese Sache aufzulsen war.
Ich war schon vergngt genug, ihm dabei zu helfen, aber dazu war es ntig, ihm
ins Gesicht zu sehen. Ich habe gesagt, da er gro war. Nun hatte er sich nicht,
wie es doch natrlich gewesen wre, ber mich gebeugt, so da er sich in einer
Hhe befand, auf die ich nicht vorbereitet war. Immer noch war vor mir nichts
als der Geruch und die eigentmliche Hrte seines Anzugs, die ich gefhlt hatte.
Pltzlich kam sein Gesicht. Wie es war? Ich wei es nicht, ich will es nicht
wissen. Es war das Gesicht eines Feindes. Und neben diesem Gesicht, dicht
nebenan, in der Hhe der schrecklichen Augen, stand, wie ein zweiter Kopf, seine
Faust. Ehe ich noch Zeit hatte, mein Gesicht wegzusenken, lief ich schon; ich
wich links an ihm vorbei und lief geradeaus eine leere, furchtbare Gasse
hinunter, die Gasse einer fremden Stadt, einer Stadt in der nichts vergeben
wird.
    Damals erlebte ich, was ich jetzt begreife: jene schwere, massive,
verzweifelte Zeit. Die Zeit, in der der Ku zweier, die sich vershnten, nur das
Zeichen fr die Mrder war, die herumstanden. Sie tranken aus demselben Becher,
sie bestiegen vor aller Augen das gleiche Reitpferd, und es wurde verbreitet,
da sie die Nacht in einem Bette schlafen wrden: und ber allen diesen
Berhrungen wurde ihr Widerwillen aneinander so dringend, da, sooft einer die
schlagenden Adern des andern sah, ein krankhafter Ekel ihn bumte, wie beim
Anblick einer Krte. Die Zeit, in der ein Bruder den Bruder um dessen greren
Erbteils willen berfiel und gefangenhielt; zwar trat der Knig fr den
Mihandelten ein und erreichte ihm Freiheit und Eigentum; in anderen fernen
Schicksalen beschftigt, gestand ihm der ltere Ruhe zu und bereute in Briefen
sein Unrecht. Aber ber alledem kam der Befreite nicht mehr zur Fassung. Das
Jahrhundert zeigt ihn im Pilgerkleid von Kirche zu Kirche ziehen, immer
wunderlichere Gelbde erfindend. Mit Amuletten behangen, flstert er den Mnchen
von Saint-Denis seine Befrchtungen zu, und in ihren Registern stand lange die
hundertpfndige Wachskerze verzeichnet, die er fr gut hielt, dem heiligen
Ludwig zu weihen. Zu seinem eigenen Leben kam es nicht; bis an sein Ende fhlte
er seines Bruders Neid und Zorn in verzerrter Konstellation ber seinem Herzen.
Und jener Graf von Foix, Gaston Phbus, der in aller Bewunderung war, hatte er
nicht seinen Vetter Ernault, des englischen Knigs Hauptmann zu Lourdes, offen
gettet? Und was war dieser deutliche Mord gegen den grauenvollen Zufall, da er
das kleine scharfe Nagelmesser nicht fortgelegt hatte, als er mit seiner berhmt
schnen Hand in zuckendem Vorwurf den bloen Hals seines liegenden Sohnes
streifte? Die Stube war dunkel, man mute leuchten, um das Blut zu sehen, das so
weit herkam und nun fr immer ein kstliches Geschlecht verlie, da es heimlich
aus der winzigen Wunde dieses erschpften Knaben austrat.
    Wer konnte stark sein und sich des Mordes enthalten? Wer in dieser Zeit
wute nicht, da das uerste unvermeidlich war? Da und dort ber einen, dessen
Blick untertags dem kostenden Blick seines Mrders begegnet war, kam ein
seltsames Vorgefhl. Er zog sich zurck, er schlo sich ein, er schrieb das Ende
seines Willens und verordnete zum Schlu die Trage aus Weidengeflecht, die
Clestinerkutte und Aschenstreu. Fremde Minstrel erschienen vor seinem Schlo,
und er beschenkte sie frstlich fr ihre Stimme, die mit seinen vagen Ahnungen
einig war. Im Aufblick der Hunde war Zweifel, und sie wurden weniger sicher in
ihrer Aufwartung. Aus der Devise, die das ganze Leben lang gegolten hatte, trat
leise ein neuer, offener Nebensinn. Manche lange Gewohnheit kam einem veraltet
vor, aber es war, als bildete sich kein Ersatz mehr fr sie. Stellten sich Plne
ein, so ging man im groen mit ihnen um, ohne wirklich an sie zu glauben;
dagegen griffen gewisse Erinnerungen zu einer unerwarteten Endgltigkeit.
Abends, am Feuerplatz, meinte man sich ihnen zu berlassen. Aber die Nacht
drauen, die man nicht mehr kannte, wurde auf einmal ganz stark im Gehr. Das an
so vielen freien oder gefhrlichen Nchten erfahrene Ohr unterschied einzelne
Stcke der Stille.
    Und doch war es anders diesmal. Nicht die Nacht zwischen gestern und heute:
eine Nacht. Nacht. Beau Sire Dieu, und dann die Auferstehung. Kaum da in solche
Stunden die Berhmung um eine Geliebte hineinreichte: sie waren alle verstellt
in Tagliedern und Diengedichten; unbegreiflich geworden unter langen
nachschleppenden Prunknamen. Hchstens, im Dunkel, wie das volle, frauige
Aufschaun eines Bastardsohns.
    Und dann, vor dem spten Nachtessen diese Nachdenklichkeit ber die Hnde in
dem silbernen Waschbecken. Die eigenen Hnde. Ob ein Zusammenhang in das Ihre zu
bringen war? eine Folge, eine Fortsetzung im Greifen und Lassen? Nein. Alle
versuchten das Teil und das Gegenteil. Alle hoben sich auf, Handlung war keine.
    Es gab keine Handlung, auer bei den Missionsbrdern. Der Knig, so wie er
sie hatte sich gebrden sehn, erfand selbst den Freibrief fr sie. Er redete sie
seine lieben Brder an; nie war ihm jemand so nahegegangen. Es wurde ihnen
wrtlich bewilligt, in ihrer Bedeutung unter den Zeitlichen herumzugehen; denn
der Knig wnschte nichts mehr, als da sie viele anstecken sollten und
hineinreien in ihre starke Aktion, in der Ordnung war. Was ihn selbst betrifft,
so sehnte er sich, von ihnen zu lernen. Trug er nicht, ganz wie sie, die Zeichen
und Kleider eines Sinnes an sich? Wenn er ihnen zusah, so konnte er glauben,
dies mte sich erlernen lassen: zu kommen und zu gehen, auszusagen und sich
abzubiegen, so da kein Zweifel war. Ungeheuere Hoffnungen berzogen sein Herz.
In diesem unruhig beleuchteten, merkwrdig unbestimmten Saal des
Dreifaltigkeitshospitals sa er tglich an seinem besten Platz und stand auf vor
Erregung und nahm sich zusamm wie ein Schler. Andere weinten; er aber war innen
voll glnzender Trnen und prete nur die kalten Hnde ineinander, um es zu
ertragen. Manchmal im uersten, wenn ein abgesprochener Spieler pltzlich
wegtrat aus seinem groen Blick, hob er das Gesicht und erschrak: seit wie lange
schon war Er da: Monseigneur Sankt Michal, oben, vorgetreten an den Rand des
Gersts in seiner spiegelnden silbernen Rstung.
    In solchen Momenten richtete er sich auf. Er sah um sich wie vor einer
Entscheidung. Er war ganz nahe daran, das Gegenstck zu dieser Handlung hier
einzusehen: die groe, bange, profane Passion, in der er spielte. Aber auf
einmal war es vorbei. Alle bewegten sich ohne Sinn. Offene Fackeln kamen auf ihn
zu, und in die Wlbung hinauf warfen sich formlose Schatten. Menschen, die er
nicht kannte, zerrten an ihm. Er wollte spielen; aber aus seinem Mund kam
nichts, seine Bewegungen ergaben keine Gebrde. Sie drngten sich so
eigentmlich um ihn, es kam ihm die Idee, da er das Kreuz tragen sollte. Und er
wollte warten, da sie es brchten. Aber sie waren strker, und sie schoben ihn
langsam hinaus.

Aussen ist vieles anders geworden. Ich wei nicht wie. Aber innen und vor Dir,
mein Gott, innen vor Dir, Zuschauer: sind wir nicht ohne Handlung? Wir entdecken
wohl, da wir die Rolle nicht wissen, wir suchen einen Spiegel, wir mchten
abschminken und das Falsche abnehmen und wirklich sein. Aber irgendwo haftet uns
noch ein Stck Verkleidung an, das wir vergessen. Eine Spur bertreibung bleibt
in unseren Augenbrauen, wir merken nicht, da unsere Mundwinkel verbogen sind.
Und so gehen wir herum, ein Gesptt und eine Hlfte: weder Seiende, noch
Schauspieler.

Das war im Theater zu Orange. Ohne recht aufzusehen, nur im Bewutsein des
rustiken Bruchs, der jetzt seine Fassade ausmacht, war ich durch die kleine
Glastr des Wchters eingetreten. Ich befand mich zwischen liegenden
Sulenkrpern und kleinen Althaeabumen, aber sie verdeckten mir nur einen
Augenblick die offene Muschel des Zuschauerhangs, die dalag, geteilt von den
Schatten des Nachmittags, wie eine riesige konkave Sonnenuhr. Ich ging rasch auf
sie zu. Ich fhlte, zwischen den Sitzreihen aufsteigend, wie ich abnahm in
dieser Umgebung. Oben, etwas hher, standen, schlecht verteilt, ein paar Fremde
herum in miger Neugier; ihre Anzge waren unangenehm deutlich, aber ihr
Mastab war nicht der Rede wert. Eine Weile faten sie mich ins Auge und
wunderten sich ber meine Kleinheit. Das machte, da ich mich umdrehte.
    Oh, ich war vllig unvorbereitet. Es wurde gespielt. Ein immenses, ein
bermenschliches Drama war im Gange, das Drama dieser gewaltigen Szenenwand,
deren senkrechte Gliederung dreifach auftrat, drhnend vor Gre, fast
vernichtend und pltzlich mavoll im berma.
    Ich lie mich hin vor glcklicher Bestrzung. Dieses Ragende da mit der
antlitzhaften Ordnung seiner Schatten, mit dem gesammelten Dunkel im Mund seiner
Mitte, begrenzt, oben, von des Kranzgesimses gleichlockiger Haartracht: dies war
die starke, alles verstellende antikische Maske, hinter der die Welt zum Gesicht
zusammenscho. Hier, in diesem groen, eingebogenen Sitzkreis herrschte ein
wartendes, leeres, saugendes Dasein: alles Geschehen war drben: Gtter und
Schicksal. Und von drben kam (wenn man hoch aufsah) leicht, ber den Wandgrat:
der ewige Einzug der Himmel.
    Diese Stunde, das begreife ich jetzt, schlo mich fr immer aus von unseren
Theatern. Was soll ich dort? Was soll ich vor einer Szene, in der diese Wand
(die Ikonwand der russischen Kirchen) abgetragen wurde, weil man nicht mehr die
Kraft hat, durch ihre Hrte die Handlung durchzupressen, die gasfrmige, die in
vollen schweren ltropfen austritt. Nun fallen die Stcke in Brocken durch das
lochige Grobsieb der Bhnen und hufen sich an und werden weggerumt, wenn es
genug ist. Es ist dieselbe ungare Wirklichkeit, die auf den Straen liegt und in
den Husern, nur da mehr davon dort zusammenkommt, als sonst in einen Abend
geht.
    7(Lat uns doch aufrichtig sein, wir haben kein Theater, so wenig wir einen
Gott haben: dazu gehrt Gemeinsamkeit. Jeder hat seine besonderen Einflle und
Befrchtungen, und er lt den andern so viel davon sehen, als ihm ntzt und
pat. Wir verdnnen fortwhrend unser Verstehen, damit es reichen soll, statt zu
schreien nach der Wand einer gemeinsamen Not, hinter der das Unbegreifliche Zeit
hat, sich zu sammeln und anzuspannen.)
    Htten wir ein Theater, stndest du dann, du Tragische, immer wieder so
schmal, so bar, so ohne Gestaltvorwand vor denen, die an deinem ausgestellten
Schmerz ihre eilige Neugier vergngen? Du sahst, unsglich Rhrende, das
Wirklichsein deines Leidens voraus, in Verona damals, als du, fast noch ein
Kind, theaterspielend, lauter Rosen vor dich hieltst wie eine maskige
Vorderansicht, die dich gesteigert verbergen sollte.
    Es ist wahr, du warst ein Schauspielerkind, und wenn die Deinen spielten, so
wollten sie gesehen sein; aber du schlugst aus der Art. Dir sollte dieser Beruf
werden, was fr Marianna Alcoforado, ohne da sie es ahnte, die Nonnenschaft
war, eine Verkleidung, dicht und dauernd genug, um hinter ihr rckhaltlos elend
zu sein, mit der Instndigkeit, mit der unsichtbare Selige selig sind. In allen
Stdten, wohin du kamst, beschrieben sie deine Gebrde; aber sie begriffen
nicht, wie du, aussichtsloser von Tag zu Tag, immer wieder eine Dichtung vor
dich hobst, ob sie dich berge. Du hieltest dein Haar, deine Hnde, irgendein
dichtes Ding vor die durchscheinenden Stellen. Du hauchtest die an, die
durchsichtig waren; du machtest dich klein; du verstecktest dich, wie Kinder
sich verstecken, und dann hattest du jenen kurzen, glcklichen Auflaut, und
hchstens ein Engel htte dich suchen drfen. Aber, schautest du dann vorsichtig
auf, so war kein Zweifel, da sie dich die ganze Zeit gesehen hatten, alle in
dem hlichen, hohlen, ugigen Raum: dich, dich, dich und nichts anderes.
    Und es kam dich an, ihnen den Arm verkrzt entgegenzustrecken mit dem
Fingerzeichen gegen den bsen Blick. Es kam dich an, ihnen dein Gesicht zu
entreien, an dem sie zehrten. Es kam dich an, du selber zu sein. Deinen
Mitspielern fiel der Mut; als htte man sie mit einem Pantherweibchen
zusammengesperrt, krochen sie an den Kulissen entlang und sprachen was fllig
war, nur um dich nicht zu reizen. Du aber zogst sie hervor und stelltest sie hin
und gingst mit ihnen um wie mit Wirklichen. Die schlappen Tren, die
hingetuschten Vorhnge, die Gegenstnde ohne Hinterseite drngten dich zum
Widerspruch. Du fhltest, wie dein Herz sich unaufhaltsam steigerte zu einer
immensen Wirklichkeit und, erschrocken, versuchtest du noch einmal die Blicke
von dir abzunehmen wie lange Fden Altweibersommers -: Aber da brachen sie schon
in Beifall aus in ihrer Angst vor dem uersten: wie um im letzten Moment etwas
von sich abzuwenden, was sie zwingen wrde, ihr Leben zu ndern.

Schlecht leben die Geliebten und in Gefahr. Ach, da sie sich berstnden und
Liebende wrden. Um die Liebenden ist lauter Sicherheit. Niemand verdchtigt sie
mehr, und sie selbst sind nicht imstande, sich zu verraten. In ihnen ist das
Geheimnis heil geworden, sie schreien es im Ganzen aus wie Nachtigallen, es hat
keine Teile. Sie klagen um einen; aber die ganze Natur stimmt in sie ein: es ist
die Klage um einen Ewigen. Sie strzen sich dem Verlorenen nach, aber schon mit
den ersten Schritten berholen sie ihn, und vor ihnen ist nur noch Gott. Ihre
Legende ist die der Byblis, die den Kaunos verfolgt bis nach Lykien hin. Ihres
Herzens Andrang jagte sie durch die Lnder auf seiner Spur, und schlielich war
sie am Ende der Kraft; aber so stark war ihres Wesens Bewegtheit, da sie,
hinsinkend, jenseits vom Tod als Quelle wiedererschien, eilend, als eilende
Quelle.
    Was ist anderes der Portugiesin geschehen: als da sie innen zur Quelle
ward? Was dir, Helose? was euch, Liebenden, deren Klagen auf uns gekommen sind:
Gaspara Stampa; Grfin von Die und Clara d'Anduze; Louise Labb, Marceline
Desbordes, Elisa Mercoeur? Aber du, arme flchtige Ass, du zgertest schon und
gabst nach. Mde Julie Lespinasse. Trostlose Sage des glcklichen Parks:
Marie-Anne de Clermont.
    Ich wei noch genau, einmal, vorzeiten, zuhaus, fand ich ein Schmucketui; es
war zwei Hnde gro, fcherfrmig mit einem eingepreten Blumenrand im
dunkelgrnen Saffian. Ich schlug es auf: es war leer. Das kann ich nun sagen
nach so langer Zeit. Aber damals, da ich es geffnet hatte, sah ich nur, woraus
diese Leere bestand: aus Samt, aus einem kleinen Hgel lichten, nicht mehr
frischen Samtes; aus der Schmuckrille, die, um eine Spur Wehmut heller, leer,
darin verlief. Einen Augenblick war das auszuhalten. Aber vor denen, die als
Geliebte zurckbleiben, ist es vielleicht immer so.

Blttert zurck in euren Tagebchern. War da nicht immer um die Frhlinge eine
Zeit, da das ausbrechende Jahr euch wie ein Vorwurf betraf? Es war Lust zum
Frohsein in euch, und doch, wenn ihr hinaustratet in das gerumige Freie, so
entstand drauen eine Befremdung in der Luft, und ihr wurdet unsicher im
Weitergehen wie auf einem Schiffe. Der Garten fing an; ihr aber (das war es),
ihr schlepptet Winter herein und voriges Jahr; fr euch war es bestenfalls eine
Fortsetzung. Whrend ihr wartetet, da eure Seele teilnhme, empfandet ihr
pltzlich eurer Glieder Gewicht, und etwas wie die Mglichkeit, krank zu werden,
drang in euer offenes Vorgefhl. Ihr schobt es auf euer zu leichtes Kleid, ihr
spanntet den Schal um die Schultern, ihr lieft die Allee bis zum Schlu: und
dann standet ihr, herzklopfend, in dem weiten Rondell, entschlossen mit alledem
einig zu sein. Aber ein Vogel klang und war allein und verleugnete euch. Ach,
httet ihr mssen gestorben sein?
    Vielleicht. Vielleicht ist das neu, da wir das berstehen: das Jahr und die
Liebe. Blten und Frchte sind reif, wenn sie fallen; die Tiere fhlen sich und
finden sich zueinander und sind es zufrieden. Wir aber, die wir uns Gott
vorgenommen haben, wir knnen nicht fertig werden. Wir rcken unsere Natur
hinaus, wir brauchen noch Zeit. Was ist uns ein Jahr? Was sind alle? Noch eh wir
Gott angefangen haben, beten wir schon zu ihm: la uns die Nacht berstehen. Und
dann das Kranksein. Und dann die Liebe.
    Da Clmence de Bourges hat sterben mssen in ihrem Aufgang. Sie, die ohne
gleichen war; unter den Instrumenten, die sie wie keine zu spielen verstand, das
schnste, selber im mindesten Klang ihrer Stimme unvergelich gespielt. Ihr
Mdchentum war von so hoher Entschlossenheit, da eine flutende Liebende diesem
aufkommenden Herzen das Buch Sonette zueignen konnte, darin jeder Vers
ungestillt war. Louise Labb frchtete nicht, dieses Kind zu erschrecken mit der
Leidenslnge der Liebe. Sie zeigte ihr das nchtliche Steigen der Sehnsucht; sie
versprach ihr den Schmerz wie einen greren Weltraum; und sie ahnte, da sie
mit ihrem erfahrenen Weh hinter dem dunkel erwarteten zurckblieb, von dem diese
Jnglingin schn war.

Mdchen in meiner Heimat. Da die schnste von euch im Sommer an einem
Nachmittag in der verdunkelten Bibliothek sich das kleine Buch fnde, das Jan
des Tournes 1556 gedruckt hat. Da sie den khlenden, glatten Band mitnhme
hinaus in den summenden Obstgarten oder hinber zum Phlox, in dessen berstem
Duft ein Bodensatz schierer Sigkeit steht. Da sie es frh fnde. In den
Tagen, da ihre Augen anfangen, auf sich zu halten, whrend der jngere Mund noch
imstande ist, viel zu groe Stcke von einem Apfel abzubeien und voll zu sein.
    Und wenn dann die Zeit der bewegteren Freundschaften kommt, Mdchen, da es
euer Geheimnis wre, einander Dika zu rufen und Anaktoria, Gyrinno und Atthis.
Da einer, ein Nachbar vielleicht, ein lterer Mann, der in seiner Jugend
gereist ist und lngst als Sonderling gilt, euch diese Namen verriete. Da er
euch manchmal zu sich einlde, um seiner berhmten Pfirsiche willen oder wegen
der Ridingerstiche zur Equitation oben in weien Gang, von denen so viel
gesprochen wird, da man sie mte gesehen haben.
    Vielleicht berredet ihr ihn zu erzhlen. Vielleicht ist die unter euch, die
ihn erbitten kann, die alten Reisetagebcher hervorzuholen, wer kann es wissen?
Dieselbe, die es ihm eines Tags zu entlocken versteht, da einzelne
Gedichtstellen der Sappho auf uns gekommen sind, und die nicht ruht bis sie
wei, was fast ein Geheimnis ist: da dieser zurckgezogene Mann es liebte,
zuzeiten seine Mue an die bertragung dieser Versstcke zu wenden. Er mu
zugeben, da er lange nicht mehr daran gedacht hat, und was da ist, versichert
er, sei nicht der Rede wert. Aber nun freut es ihn doch, vor diesen arglosen
Freundinnen, wenn sie sehr drngen, eine Strophe zu sagen. Er entdeckt sogar den
griechischen Wortlaut in seinem Gedchtnis, er spricht ihn vor, weil die
bersetzung nichts giebt, seiner Meinung nach, und um dieser Jugend den schnen,
echten Bruch der massiven Schmucksprache zu zeigen, die in so starken Flammen
gebogen ward.
    ber dem allen erwrmt er sich wieder fr seine Arbeit. Es kommen schne,
fast jugendliche Abende fr ihn, Herbstabende zum Beispiel, die sehr viel stille
Nacht vor sich haben. In seinem Kabinett ist dann lange Licht. Er bleibt nicht
immer ber die Bltter gebeugt, er lehnt sich oft zurck, er schliet die Augen
ber einer wieder gelesenen Zeile, und ihr Sinn verteilt sich in seinem Blut.
Nie war er der Antike so gewi. Fast mchte er der Generationen lcheln, die sie
beweint haben wie ein verlorenes Schauspiel, in dem sie gerne aufgetreten wren.
Nun begreift er momentan die dynamische Bedeutung jener frhen Welteinheit, die
etwas wie ein neues, gleichzeitiges Aufnehmen aller menschlichen Arbeit war. Es
beirrt ihn nicht, da jene konsequente Kultur mit ihren gewissermaen
vollzhligen Versichtbarungen fr viele sptere Blicke ein Ganzes zu bilden
schien und ein im Ganzen Vergangenes. Zwar ward dort wirklich des Lebens
himmlische Hlfte an die halbrunde Schale des Daseins gepat, wie zwei volle
Hemisphren zu einer heilen, goldenen Kugel zusammengehen. Doch dies war kaum
geschehen, so empfanden die in ihr eingeschlossenen Geister diese restlose
Verwirklichung nur noch als Gleichnis; das massive Gestirn verlor an Gewicht und
stieg auf in den Raum, und in seiner goldenen Rundung spiegelte sich
zurckhaltend die Traurigkeit dessen, was noch nicht zu bewltigen war.
    Wie er dies denkt, der Einsame in seiner Nacht, denkt und einsieht, bemerkt
er einen Teller mit Frchten auf der Fensterbank. Unwillkrlich greift er einen
Apfel heraus und legt ihn vor sich auf den Tisch. Wie steht mein Leben herum um
diese Frucht, denkt er. Um alles Fertige steigt das Ungetane und steigert sich.
    Und da, ber dem Ungetanen, ersteht ihm, fast zu schnell, die kleine, ins
Unendliche hinaus gespannte Gestalt, die (nach Galiens Zeugnis) alle meinten,
wenn sie sagten: die Dichterin. Denn wie hinter den Werken des Herakles Abbruch
und Umbau der Welt verlangend aufstand, so drngten sich, gelebt zu werden, aus
den Vorrten des Seins an die Taten ihres Herzens die Seligkeiten und
Verzweiflungen heran, mit denen die Zeiten auskommen mssen.
    Er kennt auf einmal dieses entschlossene Herz, das bereit war, die ganze
Liebe zu leisten bis ans Ende. Es wundert ihn nicht, da man es verkannte; da
man in dieser beraus knftigen Liebenden nur das berma sah, nicht die neue
Maeinheit von Liebe und Herzleid. Da man die Inschrift ihres Daseins auslegte
wie sie damals gerade glaubhaft war, da man ihr endlich den Tod derjenigen
zuschrieb, die der Gott einzeln anreizt, aus sich hinauszulieben ohne
Erwiderung. Vielleicht waren selbst unter den von ihr gebildeten Freundinnen
solche, die es nicht begriffen: da sie auf der Hhe ihres Handelns nicht um
einen klagte, der ihre Umarmung offen lie, sondern um den nicht mehr Mglichen,
der ihrer Liebe gewachsen war.
    Hier steht der Sinnende auf und tritt an sein Fenster, sein hohes Zimmer ist
ihm zu nah, er mchte Sterne sehen, wenn es mglich ist. Er tuscht sich nicht
ber sich selbst. Er wei, da diese Bewegung ihn erfllt, weil unter den jungen
Mdchen aus der Nachbarschaft die eine ist, die ihn angeht. Er hat Wnsche
(nicht fr sich, nein, aber fr sie); fr sie versteht er in einer nchtlichen
Stunde, die vorbergeht, den Anspruch der Liebe. Er verspricht sich, ihr nichts
davon zu sagen. Es scheint ihm das uerste, allein zu sein und wach und um
ihretwillen zu denken, wie sehr im Recht jene Liebende war: wenn sie wute, da
mit der Vereinigung nichts gemeint sein kann, als ein Zuwachs an Einsamkeit;
wenn sie den zeitlichen Zweck des Geschlechtes durchbrach mit seiner unendlichen
Absicht. Wenn sie im Dunkel der Umarmungen nicht nach Stillung grub, sondern
nach Sehnsucht. Wenn sie es verachtete, da von Zweien einer der Liebende sei
und einer Geliebter, und die schwachen Geliebten, die sie sich zum Lager trug,
an sich zu Liebenden glhte, die sie verlieen. An solchen hohen Abschieden
wurde ihr Herz zur Natur. ber dem Schicksal sang sie den firnen Lieblinginnen
ihr Brautlied; erhhte ihnen die Hochzeit; bertrieb ihnen den nahen Gemahl,
damit sie sich zusammennhmen fr ihn wie fr einen Gott und auch noch seine
Herrlichkeit berstnden.

Einmal noch, Abelone, in den letzten Jahren fhlte ich dich und sah dich ein,
unerwartet, nachdem ich lange nicht an dich gedacht hatte.
    Das war in Venedig, im Herbst, in einem jener Salons, in denen Fremde sich
vorbergehend um die Dame des Hauses versammeln, die fremd ist wie sie. Diese
Leute stehen herum mit ihrer Tasse Tee und sind entzckt, sooft ein kundiger
Nachbar sie kurz und verkappt nach der Tr dreht, um ihnen einen Namen
zuzuflstern, der venezianisch klingt. Sie sind auf die uersten Namen gefat,
nichts kann sie berraschen; denn so sparsam sie sonst auch im Erleben sein
mgen, in dieser Stadt geben sie sich nonchalant den bertriebensten
Mglichkeiten hin. In ihrem gewhnlichen Dasein verwechseln sie bestndig das
Auerordentliche mit dem Verbotenen, so da die Erwartung des Wunderbaren, die
sie sich nun gestatten, als ein grober, ausschweifender Ausdruck in ihre
Gesichter tritt. Was ihnen zu Hause nur momentan in Konzerten passiert oder wenn
sie mit einem Roman allein sind, das tragen sie unter diesen schmeichelnden
Verhltnissen als berechtigten Zustand zur Schau. Wie sie, ganz unvorbereitet,
keine Gefahr begreifend, von den fast tdlichen Gestndnissen der Musik sich
anreizen lassen wie von krperlichen Indiskretionen, so berliefern sie sich,
ohne die Existenz Venedigs im geringsten zu bewltigen, der lohnenden Ohnmacht
der Gondeln. Nicht mehr neue Eheleute, die whrend der ganzen Reise nur
gehssige Repliken fr einander hatten, versinken in schweigsame
Vertrglichkeit; ber den Mann kommt die angenehme Mdigkeit seiner Ideale,
whrend sie sich jung fhlt und den trgen Einheimischen aufmunternd zunickt mit
einem Lcheln, als htte sie Zhne aus Zucker, die sich bestndig auflsen. Und
hrt man hin, so ergiebt es sich, da sie morgen reisen oder bermorgen oder
Ende der Woche.
    Da stand ich nun zwischen ihnen und freute mich, da ich nicht reiste. In
kurzem wrde es kalt sein. Das weiche, opiatische Venedig ihrer Vorurteile und
Bedrfnisse verschwindet mit diesen somnolenten Auslndern, und eines Morgens
ist das andere da, das wirkliche, wache, bis zum Zerspringen sprde, durchaus
nicht ertrumte: das mitten im Nichts auf versenkten Wldern gewollte,
erzwungene und endlich so durch und durch vorhandene Venedig. Der abgehrtete,
auf das Ntigste beschrnkte Krper, durch den das nachtwache Arsenal das Blut
seiner Arbeit trieb, und dieses Krpers penetranter, sich fortwhrend
erweiternder Geist, der strker war als der Duft aromatischer Lnder. Der
suggestive Staat, der das Salz und Glas seiner Armut austauschte gegen die
Schtze der Vlker. Das schne Gegengewicht der Welt, das bis in seine Zierate
hinein voll latenter Energien steht, die sich immer feiner vernervten -: dieses
Venedig.
    Das Bewutsein, da ich es kannte, berkam mich unter allen diesen sich
tuschenden Leuten mit so viel Widerspruch, da ich aufsah, um mich irgendwie
mitzuteilen. War es denkbar, da in diesen Slen nicht einer war, der
unwillkrlich darauf wartete, ber das Wesen dieser Umgebung aufgeklrt zu sein?
Ein junger Mensch, der es sofort begriff, da hier nicht ein Genu aufgeschlagen
war, sondern ein Beispiel des Willens, wie es nirgends anfordernder und strenger
sich finden lie? Ich ging umher, meine Wahrheit beunruhigte mich. Da sie mich
hier unter so vielen ergriffen hatte, brachte sie den Wunsch mit, ausgesprochen,
verteidigt, bewiesen zu sein. Die groteske Vorstellung entstand in mir, wie ich
im nchsten Augenblick in die Hnde klatschen wrde aus Ha gegen das von allen
zerredete Miverstndnis.
    In dieser lcherlichen Stimmung bemerkte ich sie. Sie stand allein vor einem
strahlenden Fenster und betrachtete mich; nicht eigentlich mit den Augen, die
ernst und nachdenklich waren, sondern geradezu mit dem Mund, der dem offenbar
bsen Ausdruck meines Gesichtes ironisch nachahmte. Ich fhlte sofort die
ungeduldige Spannung in meinen Zgen und nahm ein gelassenes Gesicht an, worauf
ihr Mund natrlich wurde und hochmtig. Dann, nach kurzem Bedenken, lchelten
wir einander gleichzeitig zu.
    Sie erinnerte, wenn man will, an ein gewisses Jugendbildnis der schnen
Benedicte von Qualen, die in Baggesens Leben eine Rolle spielt. Man konnte die
dunkle Stille ihrer Augen nicht sehen ohne die klare Dunkelheit ihrer Stimme zu
vermuten. brigens war die Flechtung ihres Haars und der Halsausschnitt ihres
hellen Kleides so kopenhagisch, da ich entschlossen war, sie dnisch anzureden.
    Ich war aber noch nicht nahe genug, da schob sich von der andern Seite eine
Strmung zu ihr hin; unsere gsteglckliche Grfin selbst, in ihrer warmen,
begeisterten Zerstreutheit, strzte sich mit einer Menge Beistand ber sie, um
sie auf der Stelle zum Singen abzufhren. Ich war sicher, da das junge Mdchen
sich damit entschuldigen wrde, da niemand in der Gesellschaft Interesse haben
knne, dnisch singen zu hren. Dies tat sie auch, sowie sie zu Worte kam. Das
Gedrnge um die lichte Gestalt herum wurde eifriger; jemand wute, da sie auch
deutsch singe. Und italienisch, ergnzte eine lachende Stimme mit boshafter
berzeugung. Ich wute keine Ausrede, die ich ihr htte wnschen knnen, aber
ich zweifelte nicht, da sie widerstehen wrde. Schon breitete sich eine
trockene Gekrnktheit ber die vom langen Lcheln abgespannten Gesichter der
berredenden aus, schon trat die gute Grfin, um sich nichts zu vergeben,
mitleidig und wrdig einen Schritt ab, da, als es durchaus nicht mehr ntig war,
gab sie nach. Ich fhlte, wie ich bla wurde vor Enttuschung; mein Blick fllte
sich mit Vorwurf, aber ich wandte mich weg, es lohnte nicht, sie das sehn zu
lassen. Sie aber machte sich von den andern los und war auf einmal neben mir.
Ihr Kleid schien mich an, der blumige Geruch ihrer Wrme stand um mich.
    Ich will wirklich singen, sagte sie auf dnisch meine Wange entlang,
nicht weil sie's verlangen, nicht zum Schein: weil ich jetzt singen mu.
    Aus ihren Worten brach dieselbe bse Unduldsamkeit, von welcher sie mich
eben befreit hatte.
    Ich folgte langsam der Gruppe, mit der sie sich entfernte. Aber an einer
hohen Tr blieb ich zurck und lie die Menschen sich verschieben und ordnen.
Ich lehnte mich an das schwarzspiegelnde Trinnere und wartete. Jemand fragte
mich, was sich vorbereite, ob man singen werde. Ich gab vor, es nicht zu wissen.
Whrend ich log, sang sie schon.
    Ich konnte sie nicht sehen. Es wurde allmhlich Raum um eines jener
italienischen Lieder, die die Fremden fr sehr echt halten, weil sie von so
deutlicher bereinkunft sind. Sie, die es sang, glaubte nicht daran. Sie hob es
mit Mhe hinauf, sie nahm es viel zu schwer. An dem Beifall vorne konnte man
merken, wann es zu Ende war. Ich war traurig und beschmt. Es entstand einige
Bewegung, und ich nahm mir vor, sowie jemand gehen wrde, mich anzuschlieen.
    Aber da wurde es mit einemmal still. Eine Stille ergab sich, die eben noch
niemand fr mglich gehalten htte; sie dauerte an, sie spannte sich, und jetzt
erhob sich in ihr die Stimme. (Abelone, dachte ich. Abelone.) Diesmal war sie
stark, voll und doch nicht schwer; aus einem Stck, ohne Bruch, ohne Naht. Es
war ein unbekanntes deutsches Lied. Sie sang es merkwrdig einfach, wie etwas
Notwendiges. Sie sang:

Du, der ichs nicht sage, da ich bei Nacht
weinend liege,
deren Wesen mich mde macht
wie eine Wiege.
Du, die mir nicht sagt, wenn sie wacht
meinetwillen:
wie, wenn wir diese Pracht
ohne zu stillen
in uns ertrgen?
(kurze Pause und zgernd):
Sieh dir die Liebenden an,
wenn erst das Bekennen begann,
wie bald sie lgen.

Wieder die Stille. Gott wei, wer sie machte. Dann rhrten sich die Leute,
stieen aneinander, entschuldigten sich, hstelten. Schon wollten sie in ein
allgemeines verwischendes Gerusch bergehen, da brach pltzlich die Stimme aus,
entschlossen, breit und gedrngt:

Du machst mich allein. Dich einzig kann ich vertauschen.
Eine Weile bist dus, dann wieder ist es das Rauschen,
oder es ist ein Duft ohne Rest.
Ach, in den Armen hab ich sie alle verloren,
du nur, du wirst immer wieder geboren:
weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.

Niemand hatte es erwartet. Alle standen gleichsam geduckt unter dieser Stimme.
Und zum Schlu war eine solche Sicherheit in ihr, als ob sie seit Jahren gewut
htte, da sie in diesem Augenblick wrde einzusetzen haben.
    Manchmal frher fragte ich mich, warum Abelone die Kalorien ihres
groartigen Gefhls nicht an Gott wandte. Ich wei, sie sehnte sich, ihrer Liebe
alles Transitive zu nehmen, aber konnte ihr wahrhaftiges Herz sich darber
tuschen, da Gott nur eine Richtung der Liebe ist, kein Liebesgegenstand? Wute
sie nicht, da keine Gegenliebe von ihm zu frchten war? Kannte sie nicht die
Zurckhaltung dieses berlegenen Geliebten, der die Lust ruhig hinausschiebt, um
uns, Langsame, unser ganzes Herz leisten zu lassen? Oder wollte sie Christus
vermeiden? Frchtete sie, halben Wegs von ihm aufgehalten, an ihm zur Geliebten
zu werden? Dachte sie deshalb ungern an Julie Reventlow?
    Fast glaube ich es, wenn ich bedenke, wie an dieser Erleichterung Gottes
eine so einfltige Liebende wie Mechthild, eine so hinreiende wie Therese von
Avila, eine so wunde wie die Selige Rose von Lima, hinsinken konnte, nachgiebig,
doch geliebt. Ach, der fr die Schwachen ein Helfer war, ist diesen Starken ein
Unrecht; wo sie schon nichts mehr erwarteten, als den unendlichen Weg, da tritt
sie noch einmal im spannenden Vorhimmel ein Gestalteter an und verwhnt sie mit
Unterkunft und verwirtt sie mit Mannheit. Seines starkbrechenden Herzens Linse
nimmt noch einmal ihre schon parallelen Herzstrahlen zusamm, und sie, die die
Engel schon ganz fr Gott zu erhalten hofften, flammen auf in der Drre ihrer
Sehnsucht.
    8(Geliebtsein heit aufbrennen. Lieben ist: Leuchten mit unerschpflichem
le. Geliebtwerden ist vergehen, Lieben ist dauern.) Es ist gleichwohl mglich,
da Abelone in spteren Jahren versucht hat, mit dem Herzen zu denken, um
unauffllig und unmittelbar mit Gott in Beziehung zu kommen. Ich knnte mir
vorstellen, da es Briefe von ihr giebt, die an die aufmerksame innere
Beschauung der Frstin Amalie Galitzin erinnern; aber wenn diese Briefe an
jemanden gerichtet waren, dem sie seit Jahren nahestand, wie mag der gelitten
haben unter ihrer Vernderung. Und sie selbst: ich vermute, sie frchtete nichts
als jenes gespenstische Anderswerden, das man nicht merkt, weil man bestndig
alle Beweise dafr, wie das Fremdeste, aus den Hnden lt.

Man wird mich schwer davon berzeugen, da die Geschichte des verlorenen Sohnes
nicht die Legende dessen ist, der nicht geliebt werden wollte. Da er ein Kind
war, liebten ihn alle im Hause. Er wuchs heran, er wute es nicht anders und
gewhnte sich in ihre Herzweiche, da er ein Kind war.
    Aber als Knabe wollte er seine Gewohnheiten ablegen. Er htte es nicht sagen
knnen, aber wenn er drauen herumstrich den ganzen Tag und nicht einmal mehr
die Hunde mithaben wollte, so wars, weil auch sie ihn liebten; weil in ihren
Blicken Beobachtung war und Teilnahme, Erwartung und Besorgtheit; weil man auch
vor ihnen nichts tun konnte, ohne zu freuen oder zu krnken. Was er aber damals
meinte, das war die innige Indifferenz seines Herzens, die ihn manchmal frh in
den Feldern mit solcher Reinheit ergriff, da er, zu laufen begann, um nicht
Zeit und Atem zu haben, mehr zu sein als ein leichter Moment, in dem der Morgen
zum Bewutsein kommt.
    Das Geheimnis seines noch nie gewesenen Lebens breitete sich vor ihm aus.
Unwillkrlich verlie er den Fupfad und lief weiter feldein, die Arme
ausgestreckt, als knnte er in dieser Breite mehrere Richtungen auf einmal
bewltigen. Und dann warf er sich irgendwo hinter eine Hecke, und niemand legte
Wert auf ihn. Er schlte sich eine Flte, er schleuderte einen Stein nach einem
kleinen Raubtier, er neigte sich vor und zwang einen Kfer umzukehren: dies
alles wurde kein Schicksal, und die Himmel gingen wie ber Natur. Schlielich
kam der Nachmittag mit lauter Einfllen; man war ein Bucanier auf der Insel
Tortuga, und es lag keine Verpflichtung darin, es zu sein; man belagerte
Campche, man eroberte Vera-Cruz; es war mglich, das ganze Heer zu sein oder
ein Anfhrer zu Pferd oder ein Schiff auf dem Meer: je nachdem man sich fhlte.
Fiel es einem aber ein, hinzuknien, so war man rasch Deodat von Gozon und hatte
den Drachen erlegt und vernahm, ganz hei, da dieses Heldentum hoffhrtig war,
ohne Gehorsam. Denn man ersparte sich nichts, was zur Sache gehrte. Soviel
Einbildungen sich aber auch einstellten, zwischendurch war immer noch Zeit,
nichts als ein Vogel zu sein, ungewi welcher. Nur da der Heimweg dann kam.
    Mein Gott, was war da alles abzulegen und zu vergessen; denn richtig
vergessen, das war ntig; sonst verriet man sich, wenn sie drngten. Wie sehr
man auch zgerte und sich umsah, schlielich kam doch der Giebel herauf. Das
erste Fenster oben fate einen ins Auge, es mochte wohl jemand dort stehen. Die
Hunde, in denen die Erwartung den ganzen Tag angewachsen war, preschten durch
die Bsche und trieben einen zusammen zu dem, den sie meinten. Und den Rest tat
das Haus. Man mute nur eintreten in seinen vollen Geruch, schon war das Meiste
entschieden. Kleinigkeiten konnten sich noch ndern; im ganzen war man schon
der, fr den sie einen hier hielten; der, dem sie aus seiner kleinen
Vergangenheit und ihren eigenen Wnschen lngst ein Leben gemacht hatten; das
gemeinsame Wesen, das Tag und Nacht unter der Suggestion ihrer Liebe stand,
zwischen ihrer Hoffnung und ihrem Argwohn, vor ihrem Tadel oder Beifall.
    So einem ntzt es nichts, mit unsglicher Vorsicht die Treppen zu steigen.
Alle werden im Wohnzimmer sein, und die Tre mu nur gehn, so sehen sie hin. Er
bleibt im Dunkel, er will ihre Fragen abwarten. Aber dann kommt das rgste. Sie
nehmen ihn bei den Hnden, sie ziehen ihn an den Tisch, und alle, soviel ihrer
da sind, strecken sich neugierig vor die Lampe. Sie haben es gut, sie halten
sich dunkel, und auf ihn allein fllt, mit dem Licht, alle Schande, ein Gesicht
zu haben.
    Wird er bleiben und das ungefhre Leben nachlgen, das sie ihm zuschreiben,
und ihnen allen mit dem ganzen Gesicht hnlich werden? Wird er sich teilen
zwischen der zarten Wahrhaftigkeit seines Willens und dem plumpen Betrug, der
sie ihm selber verdirbt? Wird er es aufgeben, das zu werden, was denen aus
seiner Familie, die nur noch ein schwaches Herz haben, schaden knnte?
    Nein, er wird fortgehen. Zum Beispiel whrend sie alle beschftigt sind, ihm
den Geburtstagstisch zu bestellen mit den schlecht erratenen Gegenstnden, die
wieder einmal alles ausgleichen sollen. Fortgehen fr immer. Viel spter erst
wird ihm klar werden, wie sehr er sich damals vornahm, niemals zu lieben, um
keinen in die entsetzliche Lage zu bringen, geliebt zu sein. Jahre hernach fllt
es ihm ein und, wie andere Vorstze, so ist auch dieser unmglich gewesen. Denn
er hat geliebt und wieder geliebt in seiner Einsamkeit; jedesmal mit
Verschwendung seiner ganzen Natur und unter unsglicher Angst um die Freiheit
des andern. Langsam hat er gelernt, den geliebten Gegenstand mit den Strahlen
seines Gefhls zu durchscheinen, statt ihn darin zu verzehren. Und er war
verwhnt von dem Entzcken, durch die immer transparentere Gestalt der Geliebten
die Weiten zu erkennen, die sie seinem unendlichen Besitzen wollen auftat.
    Wie konnte er dann nchtelang weinen vor Sehnsucht, selbst so durchleuchtet
zu sein. Aber eine Geliebte, die nachgiebt, ist noch lang keine Liebende. O,
trostlose Nchte, da er seine flutenden Gaben in Stcken wiederempfing, schwer
von Vergnglichkeit. Wie gedachte er dann der Troubadours, die nichts mehr
frchteten als erhrt zu sein. Alles erworbene und vermehrte Geld gab er dafr
hin, dies nicht noch zu erfahren. Er krnkte sie mit seiner groben Bezahlung,
von Tag zu Tag bang, sie knnten versuchen, auf seine Liebe einzugehen. Denn er
hatte die Hoffnung nicht mehr, die Liebende zu erleben, die ihn durchbrach.
    Selbst in der Zeit, da die Armut ihn tglich mit neuen Hrten erschreckte,
da sein Kopf das Lieblingsding des Elends war und ganz abgegriffen, da sich
berall an seinem Leibe Geschwre aufschlugen wie Notaugen gegen die Schwrze
der Heimsuchung, da ihm graute vor dem Unrat, auf dem man ihn verlassen hatte,
weil er seinesgleichen war: selbst da noch, wenn er sich besann, war es sein
grestes Entsetzen, erwidert worden zu sein. Was waren alle Finsternisse
seither gegen die dichte Traurigkeit jener Umarmungen, in denen sich alles
verlor. Wachte man nicht auf mit dem Gefhl, ohne Zukunft zu sein? Ging man
nicht sinnlos umher ohne Anrecht auf alle Gefahr? Hatte man nicht hundertmal
versprechen mssen, nicht zu sterben? Vielleicht war es der Eigensinn dieser
argen Erinnerung, die sich von Wiederkunft zu Wiederkunft eine Stelle erhalten
wollte, was sein Leben unter den Abfllen whren lie. Schlielich fand man ihn
wieder. Und erst dann, erst in den Hirtenjahren, beruhigte sich seine viele
Vergangenheit.
    Wer beschreibt, was ihm damals geschah? Welcher Dichter hat die berredung,
seiner damaligen Tage Lnge zu vertragen mit der Krze des Lebens? Welche Kunst
ist weit genug, zugleich seine schmale, vermantelte Gestalt hervorzurufen und
den ganzen berraum seiner riesigen Nchte.
    Das war die Zeit, die damit begann, da er sich allgemein und anonym fhlte
wie ein zgernd Genesender. Er liebte nicht, es sei denn, da er es liebte, zu
sein. Die niedrige Liebe seiner Schafe lag ihm nicht an; wie Licht, das durch
Wolken fllt, zerstreute sie sich um ihn her und schimmerte sanft ber den
Wiesen. Auf der schuldlosen Spur ihres Hungers schritt er schweigend ber die
Weiden der Welt. Fremde sahen ihn auf der Akropolis, und vielleicht war er lange
einer der Hirten in den Baux und sah die versteinerte Zeit das hohe Geschlecht
berstehen, das mit allem Erringen von Sieben und Drei die sechzehn Strahlen
seines Sterns nicht zu bezwingen vermochte. Oder soll ich ihn denken zu Orange,
an das lndliche Triumphtor geruht? Soll ich ihn sehen im seelengewohnten
Schatten der Allyscamps, wie sein Blick zwischen den Grbern, die offen sind wie
die Grber Auferstandener, eine Libelle verfolgt?
    Gleichviel. Ich seh mehr als ihn, ich sehe sein Dasein, das damals die lange
Liebe zu Gott begann, die stille, ziellose Arbeit. Denn ber ihn, der sich fr
immer hatte verhalten wollen, kam noch einmal das anwachsende Nichtandersknnen
seines Herzens. Und diesmal hoffte er auf Erhrung. Sein ganzes, im langen
Alleinsein ahnend und unbeirrbar gewordenes Wesen versprach ihm, da jener, den
er jetzt meinte, zu lieben verstnde mit durchdringender, strahlender Liebe.
Aber whrend er sich sehnte, endlich so meisterhaft geliebt zu sein, begriff
sein an Fernen gewohntes Gefhl Gottes uersten Abstand. Nchte kamen, da er
meinte, sich auf ihn zuzuwerfen in den Raum; Stunden voller Entdeckung, in denen
er sich stark genug fhlte, nach der Erde zu tauchen, um sie hinaufzureien auf
der Sturmflut seines Herzens. Er war wie einer, der eine herrliche Sprache hrt
und fiebernd sich vornimmt, in ihr zu dichten. Noch stand ihm die Bestrzung
bevor, zu erfahren, wie schwer diese Sprache sei; er wollte es nicht glauben
zuerst, da ein langes Leben darber hingehen knne, die ersten, kurzen
Scheinstze zu bilden, die ohne Sinn sind. Er strzte sich ins Erlernen wie ein
Lufer in die Wette; aber die Dichte dessen, was zu berwinden war, verlangsamte
ihn. Es war nichts auszudenken, was demtigender sein konnte als diese
Anfngerschaft. Er hatte den Stein der Weisen gefunden, und nun zwang man ihn,
das rasch gemachte Gold seines Glcks unaufhrlich zu verwandeln in das klumpige
Blei der Geduld. Er, der sich dem Raum angepat hatte, zog wie ein Wurm krumme
Gnge ohne Ausgang und Richtung. Nun, da er so mhsam und kummervoll lieben
lernte, wurde ihm gezeigt, wie nachlssig und gering bisher alle Liebe gewesen
war, die er zu leisten vermeinte. Wie aus keiner etwas hatte werden knnen, weil
er nicht begonnen hatte, an ihr Arbeit zu tun und sie zu verwirklichen.
    In diesen Jahren gingen in ihm die groen Vernderungen vor. Er verga Gott
beinah ber der harten Arbeit, sich ihm zu nhern, und alles, was er mit der
Zeit vielleicht bei ihm zu erreichen hoffte, war sa patience de supporter une
me. Die Zuflle des Schicksals, auf die die Menschen halten, waren schon
lngst von ihm abgefallen, aber nun verlor, selbst was an Lust und Schmerz
notwendig war, den gewrzhaften Beigeschmack und wurde rein und nahrhaft fr
ihn. Aus den Wurzeln seines Seins entwickelte sich die feste, berwinternde
Pflanze einer fruchtbaren Freudigkeit. Er ging ganz darin auf, zu bewltigen,
was sein Binnenleben ausmachte, er wollte nichts berspringen, denn er zweifelte
nicht, da in alledem seine Liebe war und zunahm. Ja, seine innere Fassung ging
so weit, da er beschlo, das Wichtigste von dem, was er frher nicht hatte
leisten knnen, was einfach nur durchwartet worden war, nachzuholen. Er dachte
vor allem an die Kindheit, sie kam ihm, je ruhiger er sich besann, desto
ungetaner vor; alle ihre Erinnerungen hatten das Vage von Ahnungen an sich, und
da sie als vergangen galten, machte sie nahezu zuknftig. Dies alles noch
einmal und nun wirklich auf sich zu nehmen, war der Grund, weshalb der
Entfremdete heimkehrte. Wir wissen nicht, ob er blieb; wir wissen nur, da er
wiederkam.
    Die die Geschichte erzhlt haben, versuchen es an dieser Stelle, uns an das
Haus zu erinnern, wie es war; denn dort ist nur wenig Zeit vergangen, ein wenig
gezhlter Zeit, alle im Haus knnen sagen, wieviel. Die Hunde sind alt geworden,
aber sie leben noch. Es wird berichtet, da einer aufheulte. Eine Unterbrechung
geht durch das ganze Tagwerk. Gesichter erscheinen an den Fenstern, gealterte
und erwachsene Gesichter von rhrender hnlichkeit. Und in einem ganz alten
schlgt pltzlich bla das Erkennen durch. Das Erkennen? Wirklich nur das
Erkennen? - Das Verzeihen. Das Verzeihen wovon? - Die Liebe. Mein Gott: die
Liebe.
    Er, der Erkannte, er hatte daran nicht mehr gedacht, beschftigt wie er war:
da sie noch sein knne. Es ist begreiflich, da von allem, was nun geschah, nur
noch dies berliefert ward: seine Gebrde, die unerhrte Gebrde, die man nie
vorher gesehen hatte; die Gebrde des Flehens, mit der er sich an ihre Fe
warf, sie beschwrend, da sie nicht liebten. Erschrocken und schwankend hoben
sie ihn zu sich herauf. Sie legten sein Ungestm nach ihrer Weise aus, indem sie
verziehen. Es mu fr ihn unbeschreiblich befreiend gewesen sein, da ihn alle
miverstanden, trotz der verzweifelten Eindeutigkeit seiner Haltung.
Wahrscheinlich konnte er bleiben. Denn er erkannte von Tag zu Tag mehr, da die
Liebe ihn nicht betraf, auf die sie so eitel waren und zu der sie einander
heimlich ermunterten. Fast mute er lcheln, wenn sie sich anstrengten, und es
wurde klar, wie wenig sie ihn meinen konnten.
    Was wuten sie, wer er war. Er war jetzt furchtbar schwer zu lieben, und er
fhlte, da nur Einer dazu imstande sei. Der aber wollte noch nicht.
                            Ende der Aufzeichnungen

                                    Funoten


1 Ein Briefentwurf.

2 Im Manuskript an den Rand geschrieben.

3 Der Tod, der Tod.

4 Im Manuskript an den Rand geschrieben.

5 Im Manuskript an den Rand geschrieben.

6 Im Manuskript an den Rand geschrieben.

7 Im Manuskript an den Rand geschrieben.

8 Im Manuskript an den Rand geschrieben.

