
                                   May, Karl

                                  Winnetou IV

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                                    Karl May

                                    Winnetou

                                    4. Band

                                 Erstes Kapitel

                                        

                                   Vorzeichen

Es war in der Frhe eines schnen, warmen, hoffnungsreichen Frhlingstages. Ein
lieber, lieber Sonnenstrahl schaute mir zum Fenster herein und sagte Gr dich
Gott! Da kam das Herzle aus ihrem Erdgescho herauf und brachte mir die erste
Morgenpost, die soeben vom Brieftrger abgegeben worden war. Sie setzte sich mir
gegenber, wie alltglich mehrere Male, so oft die Briefe kommen, und ffnete
zunchst die Kuverts, um mir dann den Inhalt vorzulesen. Aber noch ehe sie damit
beginnen kann, hre ich die Frage klingen: Wer ist das Herzle? So heit doch
eigentlich Niemand. Das mu ein Kosename sein.
    Ja, es ist allerdings ein Kosename. Er stammt aus dem ersten Bande meiner
Erzgebirgischen Dorfgeschichten. Da kommt ein Musterbergle, ein
Musterdrfle, ein Mustergrtle und ein Musterhusle vor, in dem das
Herzle mit ihrer Mutter wohnt. Dieses Herzle ist der, wenn auch nicht
krperliche, aber doch seelische Abglanz meiner Frau, und wenn ich das Portrt,
indem ich an ihm arbeitete, so lieb gewann, da ich es Herzle nannte, so
versteht es sich wohl ganz von selbst, da dieser Name so nach und nach auch auf
das Original mit berging. Doch nicht fr alle Flle! Nmlich wenn Wolken am
Himmel stehen, an denen ich aber immer nur selbst schuld bin, so sage ich
Klara. Sind diese Wolken im Verschwinden, so sage ich Klrchen. Und sind sie
weg, so sage ich Herzle. Meine Frau aber sagt zu mir niemals anders als nur
Herzle, weil sie eben niemals Wolken macht.
    Sie hat, whrend die obere Etage meine Zimmer enthlt, das ganze Parterre
des Hauses inne. Da waltet sie als unermdlicher, fleiiger Wirtschaftsengel,
empfngt die immer zahlreicher werdenden Besuche meiner Leser und beantwortet
alle die vielen Briefe, deren eigenhndige Erledigung mir selbst unmglich ist.
Vorgelesen aber werden sie mir alle, wobei sie derart zu verfahren pflegt, da
die besonders wichtigen oder besonders interessanten einstweilen beiseite gelegt
und bis zum Schlusse der Vorlesung aufgehoben werden.
    So auch heute. Als alles Andere erledigt war, blieben zwei Sachen, die uns
gleich beim ersten Blick als Besonderheiten erschienen und darum ausgeschieden
worden waren, nmlich ein Brief aus Amerika und ein anthropologisches Fachblatt
aus Oesterreich. Im letzteren war die Ueberschrift eines lngeren Artikels durch
Blaustrich hervorgehoben. Sie lautete: Das Aussterben der indianischen Rasse in
Amerika und ihr gewaltsames Verdrngen durch die Kaukasier und Chinesen. Ich
bat das Herzle, den Artikel sogleich vorzulesen, denn ich hatte zuflligerweise
Zeit dazu. Sie tat es. Der Verfasser war ein wohlbekannter, hervorragender
Universittsprofessor. Er schrieb mit groer Herzenswrme, und Alles, was er
ber die Roten sagte, war nicht nur wohltuend, sondern auch gerecht. Ich htte
ihm dafr die Hand drcken mgen. Aber er beging einen Fehler, der ebenso
allgemein wie unbegreiflich ist. Nmlich er verwechselte die Indianer der
Vereinigten Staaten mit der ganzen Rasse, die ber Nord und Sdamerika
ausgebreitet liegt. Er verwechselte ferner den seelischen Schlaf der Rasse mit
ihrem krperlichen Tode. Und er schien die Hauptaufgabe des Menschengeschlechtes
in der Entwickelung der vlkerschaftlichen Sonderheit und Individualitt zu
suchen, nicht aber in der sich immer mehr ausbreitenden Erkenntnis, da alle
Stmme, Vlker, Nationen und Rassen sich nach und nach zu vereinigen und
zusammenzuschlieen haben zur Bildung des einen, einzigen, groen, ber alles
Animalische hoch erhabenen Edelmenschen. Erst dann, wenn die Menschheit sich von
innen heraus, also aus sich selbst heraus, zu dieser harmonischen, von Gott
gewollten Persnlichkeit geboren hat, wird die Schpfung des wirklichen
Menschen vollendet sein und das Paradies sich uns, den bisher Sterblichen, von
neuem ffnen.
    Der Brief aus Amerika war hchst wahrscheinlich im Fernen Westen zur Post
gegeben worden, aber wo, das war an dem ungeffneten Kuvert nicht zu ersehen,
denn beide Seiten desselben zeigten so viele Stempel und mit der Hand
geschriebene Ortsnamen, da das Alles unleserlich geworden war. Nur die Adresse
hatte, wohl infolge ihrer echt indianischen Krze, ihre ursprngliche
Deutlichkeit behalten. Sie bestand nur aus drei Worten und lautete:

                                      May.
                               Radebeul. Germany.

Wir ffneten den Umschlag und zogen ein Stck Papier heraus, welches sichtlich
mit einem groen Messer, wahrscheinlich Bowieknife, beschnitten und dann
zusammengefaltet worden war. Es enthielt folgende Zeilen in englischer Sprache,
die ich natrlich verdeutsche; sie waren von einer schweren, ungebten Hand mit
Bleistift geschrieben:

                    An Old Shatterhand.
    Kommst Du nach dem Mount Winnetou? Ich komme ganz gewi. Vielleicht sogar
        auch Avaht-Niah, der Hundertundzwanzigjhrige. Siehst Du, da ich
        schreiben kann? Und da ich in der Sprache der Bleichgesichter schreibe?
                                                                     Wagare-Tey.
                                                     Huptling der Schoschonen.
    Als wir das gelesen hatten, schaute ich das Herzle berrascht an, und sie
mich ebenso. Nicht etwa das frappierte uns, da wir einen Brief aus dem fernen
Westen bekamen, und zwar von einem Indianer. Das geschieht sehr oft. Aber da
dieser Brief von dem Huptling der Schlangenindianer kam, der mir noch nie
geschrieben hatte, das verwunderte mich. Sein Name Wagare-Tey bedeutet so viel
wie Gelber Hirsch. Ich bitte, ber ihn in meinem Bande Weihnacht
nachzulesen. Damals, also vor nun ber dreiig Jahren, war er noch jung und
ziemlich unerfahren, aber ein guter, ehrlicher Mensch und ein treuer,
zuverlssiger Freund meines Winnetou und mir. Sein Vater Avaht-Niah war ber
achtzig Jahre alt, ein Ehrenmann durch und durch, und hatte den groen Einflu,
den er besa, stets nur zu unsern Gunsten in Anwendung gebracht. Wegen dieses
seines hohen Alters und weil ich nie wieder von ihm hrte, hatte ich ihn dann
fr tot gehalten. Nun aber ersah ich aus dem Briefe, da er noch lebte und sich
in guter krperlicher und geistiger Verfassung befand. Denn, wre dieses
Letztere nicht der Fall gewesen, so htte der Schreiber desselben unmglich
sagen knnen, da der oberste Kriegsanfhrer der Schoschonen vielleicht auch mit
nach dem Mount Winnetou kommen werde.
    Zwar hatte ich nicht die geringste Ahnung davon, wo dieser Berg lag. Ich
wute nur, da die Apatschen sich mit den ihnen befreundeten anderen Stmmen
dahin einigen wollten, irgend einen nach seiner Lage, seinen Eigenschaften und
seiner Wichtigkeit ausgezeichneten Berg nach dem Namen ihres geliebtesten
Huptlings zu nennen. Davon, da dies geschehen sei, hatte ich nichts gehrt,
und noch viel weniger war mir mitgeteilt worden, auf welchen Berg die Wahl
gefallen war. Doch so viel konnte ich mir denken, da es nicht einer war, der
auerhalb des Bereiches, in dem die Apatschen sich bewegen, liegt. Und weil die
Schlangenindianer ihre Lager- und Weidepltze viele Tagesritte davon im Norden
haben, so war es gewi ein ganz auerordentlicher Fall, da ein Mann, der ber
hundertundzwanzig Jahre zhlte, es sich zutraute, diese Reise machen zu knnen,
ohne von der Not, sondern nur von seinem jung gebliebenen Herzen dazu getrieben
zu sein.
    Und warum wollte er mit seinem Sohne so weit nach Sden kommen? Das wute
ich nicht. Ich fand auch durch kein noch so scharfes und noch so kompliziertes
Nachdenken eine einwandfreie Antwort auf diese Frage. Ich konnte nichts tun, als
warten, ob sich auch von anderer Seite dergleichen Zuschriften einstellen
wrden. Den Brief zu beantworten, war unmglich, weil ich den jetzigen
Aufenthaltsort der beiden Huptlinge nicht kannte. Auf alle Flle aber war es
kein unwichtiger Grund, der sie veranlate, das ihnen so fern liegende Gebiet
der Apatschen aufzusuchen. Ich nahm an, da dieser Grund sich nicht auf enge,
rein persnliche Verhltnisse bezog, sondern eine allgemeinere Bedeutung hatte,
und da meine Adresse da drben bekannt ist und ich mit vielen, dort lebenden
Personen, von denen ich in meinen Bchern erzhlt habe und noch erzhlen werde,
im Briefwechsel stehe, so durfte ich wohl hoffen, bald weiteres zu erfahren.
    Und wie gedacht, so geschehen! Kaum zwei Wochen spter kam ein zweiter
Brief, aber von einer Seite, von welcher ich am allerwenigsten ein Lebenszeichen
oder gar eine Zuschrift erwartet htte. Das Kuvert zeigte genau dieselbe
Adresse, und der englisch geschriebene Inhalt lautete, in die deutsche Sprache
bersetzt, wie folgt:

    Komm an den Mount Winnetou zum groen, letzten Kampfe! Und gieb mir endlich
        Deinen Skalp, den Du mir schon zwei Menschenalter lang schuldig bist!
        Dieses lt Dir schreiben
                                                                    To-kei-chun,
                                        der Huptling der Racurroh-Comantschen.
Und nur eine Woche spter erhielt ich, auch wieder unter derselben Adresse,
folgende Zuschrift:

    Hast Du Mut, so komme herber nach dem Mount Winnetou! Meine einzige Kugel,
        die ich noch habe, sehnt sich nach Dir!
                                                                         Tangua,
                                                   ltester Huptling der Kiowa.
    Geschrieben von Pida, seinem Sohne, dem jetzigen Huptling der Kiowa, dessen
        Seele die Deinige grt.

    Diese beide Briefe waren im hchsten Grade interessant, und zwar nicht nur
psychologisch. Fast schien es, als ob sie von To-kei-chun und Tangua an dem
gleichen Orte und unter dem gleichen Einflusse diktiert worden seien. Beide
haten mich noch genau so unvershnlich wie ehedem. Ganz eigenartig war es, da
der Sohn des letzteren mich trotz dieses Hasses grte, doch fiel es mir nicht
schwer, diese Dankbarkeit zu verstehen. Aber wichtiger, viel wichtiger als das
Alles war, da auch die Feinde der Apatschen hinauf nach dem Mount Winnetou
wollten. Es wurde da von einem groen, letzten Kampfe gesprochen. Das klang
auerordentlich gefhrlich. Ich begann, besorgt zu werden, ernstlich besorgt!
Oder gab es da drben Jemand, etwa einen alten, frheren Gegner, der sich jetzt,
in meinen alten Tagen, den Spa machen wollte, mich zu foppen und zu einer
Einfaltsreise nach Amerika zu bewegen? Aber nach der Hlfte eines Monates
erhielt ich folgenden Brief, der in Oklahoma aufgegeben war und fr mich ein
Dokument bildete, dem ich vollsten Glauben zu schenken hatte:

                    Mein lieber, weier Bruder!
    Der groe, gute Manitou in meinem Herzen gebietet mir, Dir zu sagen, da ein
        Bund der alten Huptlinge und ein Bund der jungen Huptlinge nach dem
        Mount Winnetou berufen ist, um ber die Bleichgesichter zu Gericht zu
        sitzen und ber die Zukunft der roten Mnner zu entscheiden. Du wirst
        kommen, und ich werde kommen. Meine Seele freut sich auf die Deinige.
        Ich zhle die Tage, Stunden und Minuten, bis ich Dich sehen werde!
    Dein roter Bruder
                                                                  Schahko Matto,
                                                          Huptling der Osagen.
    Auch dieser Brief war englisch geschrieben, und zwar von seinem Sohne,
dessen Handschrift ich kannte, weil ich im Briefwechsel mit ihm stehe. Zudem
hatte Schahko Matto sein ledernes Totem beigelegt, wie er immer tat, wenn es
sich um etwas Wichtiges handelte. Ich konnte also die Vermutung einer Fopperei
fallen lassen. Die Sache war Wirklichkeit, war Ernst. Der Gedanke,
hinberzugehen, begann, mich lebhaft zu beschftigen. Freilich aber war es, um
diesen Gedanken zum Entschlusse zu bringen, ntig, vorher erst noch Nheres und
Bestimmteres zu erfahren. Und das lie nicht lange auf sich warten. Ich erhielt
einen grobogigen, wie amtlich zusammengelegten Schreibebrief, welcher den Zweck
hatte, eine Einladung zu sein, aber seines Tones wegen war er schon richtiger
als eine Zufertigung zu bezeichnen. Ich gebe ihn in deutscher Uebersetzung,
die Ueberschrift abgerechnet:

                    Dear Sir,
    In den vorjhrigen Versammlungen der Huptlinge wurde einmtig beschlossen,
        den hierzu geeignetsten Berg des Felsengebirges forthin mit dem Namen
        Winnetous, des berhmtesten Huptlings aller Nationen, zu bezeichnen. Es
        wurde hierzu die hchstwahrscheinlich auch Ihnen wenigstens geographisch
        bekannte Kulmination gewhlt, auf welche der geheimnisvolle Medizinmann
        Tatellah-Tatah (Thousand-jears) sich zurckgezogen hat. Am Fue resp.
        auf den Stufen dieses Berges sollen um die Mitte des heurigen September
        folgende Versammlungen abgehalten werden:
        1. Das Campmeeting der alten Huptlinge.
        2. Das Campmeeting der jungen Huptlinge.
        3. Das Campmeeting der Huptlingsfrauen.
        4. Das Campmeeting aller auerdem berhmten roten Mnner und roten
        Frauen.
        5. Das Schlumeeting unter der Leitung des hier unterzeichneten
        Komitees.
    Es wird in Ihr Belieben gestellt, sich hierzu persnlich einzufinden und bei
        dem Vorsitzenden oder dessen Stellvertreter zu melden, wobei Ihnen der
        Gegenstand aller dieser Beratungen bekannt gegeben wird. Zugleich werden
        Sie darauf aufmerksam gemacht, da diese Meetings ebenso wie smtliche
        Vorbereitungen zu ihnen vor den Angehrigen anderer Rassen vollstndig
        geheim zu halten sind. Wir verpflichten Sie hiermit zur strengsten
        Diskretion und fhlen uns berechtigt, anzunehmen, da wir Ihre
        ehrenwrtliche Versicherung, zu schweigen, bereits bekommen haben.
        Nummermarken fr die bei unsern Zusammenknften Ihnen anzuweisenden
        Pltze haben Sie sich bei dem unterzeichneten Schriftfhrer persnlich
        abzuholen. Smtliche Reden zum Beratungsgegenstande sind des bessern
        Verstndnisses wegen in englischer Sprache zu halten.
    Hochachtungsvoll
                                                                    Das Komitee.
    Gezeichnet:
                                                      Simon Bell (Tscho-lo-let),
                                    Professor der Philosophie, als Vorsitzender.
                                                      Edward Summer (Ti-iskama),
                                             Professor der Klassikal-Philologie,
                                            als Stellvertreter des Vorsitzenden.
                                                     William Evening (Pe-widah),
                                                       Agent, als Schriftfhrer.
                                             Antonius Paper (Okih-tschin-tscha),
                                                         Bankier, als Kassierer.
                                                                   Old Surehand,
                                                     Partikulier, als Direktor.
    Ganz unten am Rande dieses Schriftstckes stand die von dem letzteren selbst
geschriebene Privatbemerkung:

    Ich hoffe, das Du auf alle Flle kommst. Betrachte mein Haus als das
        Deinige, auch wenn wir nicht daheim sind. Ich bin als Direktor jetzt
        leider stets unterwegs. Es gibt fr Dich eine ungeheuer freudige
        Ueberraschung. Du wirst entzckt sein ber die Leistung unserer beiden
        Jungens.
                                               Dein alter, treuer Old Surehand.
    Ich fge zu diesem langen Briefe gleich den folgenden, krzeren, der bei mir
eintraf. Er lautete:

                    Mein Bruder!
    Ich wei, da Du eingeladen bist. Versume ja nicht, Dich einzustellen! Ich
        freue mich unbeschreiblich auf Dich. Die beiden Boys werden Dir noch
        besonders schreiben. Dein
                                                                    Apanatschka,
                                              Huptling der Kanean-Komantschen.
    Diese beiden Boys oder wie Old Surehand sich ausgedrckt hatte, unserer
beiden Jungens, schrieben mir hierauf folgende Zeilen:

                    Hochverehrter Herr!
    Als Sie uns einst von unsrem falschen, niedrigen Kunstwege so streng hinber
        nach dem hheren, ja allerhchsten wiesen, versprachen wir Ihnen, nur
        erst dann an die Oeffentlichkeit zu treten, wenn wir imstande seien,
        durch wirkliche und unanfechtbare Meisterwerke zu beweisen, da die rote
        Rasse in keiner Weise weniger begabt ist, als irgend eine der andern
        Rassen, auch in Beziehung auf die Kunst. Wir erbten unsere Begabung von
        unserer Gromutter, die, wie Sie wissen, eine Vollindianerin, ja, in
        rein uerer Beziehung sogar ein Vollindianer war. Wir sind bereit, den
        von Ihnen verlangten Beweis jetzt nun zu fhren. Sie versprachen uns,
        wenn diese Zeit gekommen sei, sich trotz der weiten Entfernung hier bei
        uns einzustellen, um unsere Werke zu prfen. Wir sind der Meinung, da
        wir diese Prfung nicht zu frchten haben, und erwarten Sie um die Mitte
        des September am Mount Winnetou, um Sie willkommen zu heien. Wir haben
        erfahren, da Sie, wie sich ganz von selbst verstand, eingeladen sind,
        an diesen verschwiegenen und hochwichtigen Beratungen teilzunehmen, und
        hegen die feste Ueberzeugung, da Sie sich durch nichts abhalten lassen
        werden, zur rechten Zeit am angegebenen Orte zu erscheinen. In grter
        Hochachtung sind wir Ihre ganz ergebenen
                                                                 Young Surehand.
                                                             Young Apanatschka.
    Diese Zuschrift hatte Hnde und Fe. Sie machte mir Freude, obgleich sie
von den beiden Jungens nur zu dem Zwecke, mir einen tchtigen Rippensto zu
versetzen, in dieser Weise verfat worden war. Wer meine beiden Reiseerzhlungen
Winnetou und Old Surehand gelesen hat, kann sich sehr leicht denken, wer
diese beiden Boys sind. Wer sie noch nicht gelesen hat, den mu ich bitten, dies
nachzuholen, um den vorliegenden Band, der zu gleicher Zeit auch der vierte Band
von Old Surehand und Satan und Ischariot ist, verstehen zu knnen.
    Wie man sich erinnern wird, hatte sich herausgestellt, da Old Surehand und
Apanatschka Brder waren, die man ihrer Mutter, einer krperlich, seelisch und
geistig hochbegabten Indianerin, unterschlagen hatte. Um diesen Raub
aufzuklren, hatte sie, als Indianer verkleidet, unter dem Namen Kolma Putschi
viele Jahre lang die Stdte des Ostens, die Savannen und die Urwlder
durchforscht, ohne dieses Ziel zu erreichen, bis es Winnetou und mir gelang, die
von ihr gesuchten Spuren und infolge dessen dann auch die beiden Shne zu
entdecken, den einen als hochberhmten Westmann und den andern als nicht weniger
berhmten Komantschenhuptling, zwei auerordentlich wertvolle Menschen, deren
Freundschaft mir treugeblieben ist, trotz aller Wandlungen, welche sowohl ihr
als auch mein Leben seit damals durchzumachen hatte.
    Beide heirateten spter ein schnes, intelligentes Schwesternpaar aus dem
besonderen Stamme Winnetous, also der Mescaleroapatschen, und jedem von ihnen
war sodann die Freude beschert, einen Sohn zu besitzen, auf den alle Begabungen
Kolma Putschis in noch vermehrtem Grade vererbt worden waren. Sie hatten die
Mittel, diese Gaben ausbilden zu lassen. Young Surehand und Young Apanatschka
wurden nach dem Osten gebracht, um Knstler zu werden, der Erstere Architekt und
Bildhauer und der Letztere Maler und Bildhauer. Die auf sie gesetzten Hoffnungen
erfllten sich. Sie gingen spter auf einige Jahre nach Paris, um dort die
berhmtesten Ateliers zu studieren, dann nach Italien und endlich gar nach
Aegypten, wo sie sich die Aufgabe stellten, sich dort mit den Gesetzen der
einstigen Gigantenkunst vertraut zu machen. Auf dem Rckwege kamen sie ber
Deutschland, um mich aufzusuchen. Sie waren mir sehr sympathisch. Ich hatte
meine Freude an ihnen, und zwar nicht allein deshalb, weil sie meinen
unvergleichlichen Winnetou fast als einen Halbgott verehrten. Auch ihr
knstlerisches Wollen und Knnen war hervorragend und schien noch wachsen zu
knnen. Leider aber war es in echt amerikanischer Weise auf den Abweg der
Busine hinbergeleitet worden, und so geschah es, da sie von mir anstatt eines
Lobes eine sehr ernste Warnung zu hren bekamen, die sie mir, wie ich aus ihrem
Briefe ersah, bis heut noch nicht vergessen und vergeben hatten. Dies war wohl
auch der Grund, da ich weder von ihren Vtern noch von ihnen selbst ber ihre
Zukunftsplne und ihr jetziges knstlerisches Schaffen unterrichtet worden war.
Ganz besonders schweigsam gegen mich aber verhielt man sich ber die Grnde,
welche die beiden jungen Leute veranlat hatten, grad die Kolossaldarstellungen
der alten Aegypter zu studieren. Das hatte Geheimnis bleiben sollen. Jetzt aber
begann ich zu ahnen, da die Meisterwerke, zu deren Begutachtung ich
eingeladen war, hierzu in Beziehung standen.
    Ich kann ganz und gar nicht behaupten, da die Briefe, welche in so
schneller Folge bei mir anlangten, mir Freude bereiteten. Warum sagte man mir
nicht gleich offen und ehrlich, um was es sich eigentlich handelte? Wozu diese
heimliche Campmeetingspielerei? Groe und fruchtbare Gedanken werden in
heiliger, unberhrter Einsamkeit geboren, nicht aber in langen Reden, die doch
nur auf kurze Erfolge berechnet sein knnen! Warum diese Trennung der alten
Huptlinge von den jungen? Wozu noch extra die roten Frauen? Wer waren die
auerdem berhmten roten Mnner und roten Frauen? Etwa die Herren dieses mir
so sonderbar, ja sogar verdchtig vorkommenden Komitees? Sie wollten das
Schlumeeting leiten, also die Beschlsse smtlicher Versammlungen beeinflussen
und korrigieren! Die Namen der beiden Professoren, geborener Indianer, kannte
ich. Sie hatten einen guten Klang. Aber den Ton, in dem sie an mich schrieben,
htte sich kein Sam Hawkens, kein Dick Hammerdull und kein Pitt Holbers gefallen
lassen. Der Schriftfhrer und der Kassierer waren mir vollstndig fremd. Und Old
Surehand als Direktor? Was sollte das heien? Wozu hier einen besonderen
Direktor? Etwa um die moralische Verantwortung oder gar die pekunire Garantie
auf ihn zu werfen? Old Surehand war ein Westmann allerersten Ranges gewesen;
aber ob er auch imstande war, es mit der geschftlichen Smartne eines
geriebenen, amerikanischen Pfiffikus aufzunehmen, das wute ich leider nicht.
Die Sache kam mir umso bedenklicher vor, je lnger und intensiver sie mich
beschftigte. Auch meiner Frau gefiel sie nicht. Und weil ich sie hierbei mit
erwhne, so sei zugleich gesagt, da auch sie in Schreiben bekam, nmlich
folgendes:

                    Meine liebe, weie Schwester!
    Nun werden meine Augen Dich endlich, endlich sehen; meine Seele sah Dich
        schon lngst. Der Gebieter Deines Hauses und Deiner Gedanken wird nach
        dem Mount Winnetou kommen, um mit uns ber Groes und Schnes zu
        beraten. Ich wei, er wird diese Reise nicht tun, ohne da Du ihn
        begleitest. Ich bitte Dich, ihm zu sagen, da ich das beste unserer
        Zelte fr Dich und ihn bereit halten werde und da ich Dein Kommen
        vorempfinde als einen lieben, warmen Strahl der Sonne, die meinem Leben
        unbekannt gewesen ist bis nun, da es zum Scheiden gehen will. So komm
        also, und bring mir Deine Menschenliebe, Deine Herzensgte und - - -
        Deinen Glauben an den groen, gerechten Manitou, den ich gern ebenso
        deutlich fhlen mchte, wie Du, meine Schwester, ihn fhlst.
                                                                 Kolma Putschi.
    Ich mu erwhnen, da das Herzle mit Kolma Putschi in Briefwechsel stand und
heut noch steht und da diese Zuschrift nicht ohne Einflu auf unsere
Entschlieungen war. Wenn ich wirklich ging, so verstand es sich nun ganz von
selbst, da ich diese Reise nicht allein unternahm. Es liefen noch mehrere
Briefe ein. Ich whle unter ihnen nur noch einen aus, weil er mir als der
wichtigste von allen erscheint, die ich ber diesen Gegenstand bekam. Er war von
einer geradezu kalligraphisch gebten Hand auf sehr gutes Papier geschrieben und
in das groe Totem dessen, der ihn diktiert hatte, gehllt. Dieses Totem bestand
aus papierdnnem Antilopenleder, welches durch eine Behandlung, die nur die
Indsmen kennen, die Weie des Schnees und die Gltte des Porzellanes erhalten
hatte. Die einpunktierten Charaktere waren mit Zinnober und einer andern, mir
unbekannten Farbe rot und blau gefrbt. Der Inhalt lautete:

                    Mein weier, lterer Bruder!
    Ich fragte Gott nach Dir. Ich wollte wissen, ob Du noch unter Denen weilst,
        von denen man sagt, da sie leben. Die Antwort kam durch die
        Benachrichtigung, da man Dich eingeladen habe, an den
        Septemberberatungen hier in meinen Bergen, deren heilige Stille und Ruhe
        fr immer vernichtet werden soll, teilzunehmen. Sei um aller Derer
        willen, die Du einst hier liebtest und vielleicht noch heute liebst,
        gebeten, diesem Rufe Folge zu leisten. Eile herbei, wo Du auch seist,
        und rette Deinen Winnetou! Man will ihn falsch verstehen, und man will
        auch mich nicht begreifen. Du hast weder mich, noch habe ich Dich jemals
        gesehen. Wie ich nie einen Laut Deiner Stimme vernahm, so hrtest auch
        Du niemals den Klang der meinigen. Heut aber schreit meine Angst weit
        ber das Meer hinber zu Dir, so laut, so laut, da Du es hren wirst
        und unbedingt kommen mut.
    Niemand wei, da ich Dich rufe. Nur der dies schreibt, mute es erfahren.
        Er ist meine Hand; er schweigt. Wende Dich, bevor Du hier erscheinst,
        nach dem Nugget-tsil. Die mittelste der fnf groen Blaufichten wird zu
        Dir sprechen und Dir sagen, was ich diesem Papier nicht anvertrauen
        kann. Ihre Stimme sei Dir wie die Stimme Manitous, des groen, ewigen
        und allliebenden Geistes! Ich bitte Dich noch einmal: Komm, o komm, und
        rette Deinen Winnetou. Man will ihn Dir erwrgen und erschlagen!
                                                                 Tatellah-Satah,
                                               der Bewahrer der groen Medizin.
    Was den in diesem Briefe erwhnten Nugget-tsil betrifft, so versteht man
unter Nuggets die mehr oder weniger groen, gediegenen Goldkrner, welche von
den Goldsuchern entweder einzeln, zuweilen aber auch in ganzen, reichhaltigen
Nestern gefunden werden. Tsil bedeutet in der Apatschensprache so viel wie Berg.
Nugget-tsil heit also so viel wie Goldkrnerberg. Auf diesem Berge sind
bekanntlich der Vater und die Schwester meines Winnetou von einem gewissen
Sander ermordet worden. Spter, kurz vor dem Tode Winnetous, den er im Innern
des Hancockberges fand, teilte er mir mit, da er sein Testament fr mich auf
dem Nugget-tsil vergraben habe, und zwar zu Fen seines dort bestatteten
Vaters; ich werde da viel Gold zu sehen bekommen, sehr viel Gold. Als ich
hierauf nach dem Nugget-tsil ritt, um das Testament zu holen, wurde ich dabei
von diesem Sander berrascht und von einer Schar von Kiowa-Indianern, bei denen
er sich befand, gefangen genommen. Der Anfhrer dieser Schar war der damals noch
jugendliche Pida, der mich jetzt, nach ber dreiig Jahren, in dem Briefe seines
Vaters, des ltesten Huptlings Tangua, aus seiner Seele grte. Sander stahl
das Testament und entfloh mit ihm, um das Gold zu holen, dessen Fundstelle in
der letztwilligen Verfgung Winnetous beschrieben war. Ich machte mich von den
Kiowas frei und eilte ihm nach. Ich kam an Ort und Stelle an, als er den Schatz
soeben gefunden hatte. Das Versteck lag auf einem hohen Felsen am Ufer des
einsamen Bergsees, den man Das dunkle Wasser zu nennen pflegt. Als er mich
sah, scho er auf mich. Was dann geschah, das ist im letzten Kapitel von
Winnetou, Band III, zu lesen.
    Und in Beziehung auf Tatellah-Satah, den Bewahrer der groen Medizin, mu
ich gestehen, da es stets einer meiner Herzenswnsche gewesen war, diesen
geheimnisvollsten aller roten Mnner einmal zu sehen und zu sprechen; nie aber
hatte eine Gelegenheit bereit gestanden, mir dieses wirklich herzliche Verlangen
zu erfllen Tatellah-Satah ist ein Name, welcher der Taossprache angehrt und
wrtlich bersetzt Tausend Sonnen heit, in seiner Anwendung aber Tausend
Jahre bedeutet. Der Trger desselben hatte also ein so ungewhnliches, ja
auerordentliches Alter, da man die Hhe des letzteren unmglich bestimmen
konnte. Ganz ebenso wenig wute man, wo er geboren worden war. Er gehrte keinem
einzelnen Stamme an. Er wurde von allen roten Vlkern und Nationen gleich hoch
verehrt. Was Hunderte und Aberhunderte von einzelnen Medizinmnnern im Laufe der
Zeit an Geistesgaben und Kenntnissen besessen hatten, das sprach man ihm, dem
Hchstgestiegenen, in voller Summe zu. Um zu begreifen, was das heit, mu man
wissen, da es grundfalsch ist, sich einen indianischen Medizinmann als einen
Kurpfuscher, Regenmacher und Gaukler vorzustellen. Das Wort Medizin hat in
dieser Zusammensetzung nicht das Allergeringste mit der Bedeutung zu tun, die es
bei uns besitzt. Es ist fr die Indianer ein fremder Ausdruck, dessen Sinn sich
bei ihnen derart verndert hat, da wir uns dabei grad das Gegenteil von dem zu
denken haben, was wir uns bisher dabei dachten.
    Als die Roten die Weien kennen lernten, sahen, hrten und erfuhren sie gar
manches, was ihnen gewaltig imponierte. Am meisten aber erstaunten sie ber die
Wirkung unserer Arzneimittel, unserer Medizinen. Die Sicherheit und
Nachhaltigkeit dieser Wirkung war ihnen schier unbegreiflich. Sie erkannten die
unendliche Gre der gttlichen Liebe, welche sich in diesem Geschenke des
Himmels an das Geschlecht der Menschen offenbarte. Sie hrten das Wort Medizin
zum ersten Male, und sie verbanden mit ihm den Begriff des Wunders, des Segens,
der gttlichen Liebe und des fr die Menschen unbegreiflichen Geheimwirkens in
heiligster Verborgenheit. Kurz, der Ausdruck Medizin wurde fr sie
gleichbedeutend mit dem Worte Mysterium. Sie nahmen die Benennung Medizin in
alle ihre Sprachen und Dialekte auf. Alles, was mit ihrer Religion, ihrem
Glauben und ihrem Forschen nach ewigen Dingen in Beziehung stand, wurde als
Medizin bezeichnet. Ebenso auch alle diejenigen Tatsachen europischer
Wissenschaft und europischer Zivilisation, die sie nicht begreifen konnten,
weil sie weder die Anfnge noch die Entwickelungen derselben kannten. Sie waren
aufrichtig und ehrlich genug, unumwunden zuzugeben, da die Vorzge der
Bleichgesichter zahlreicher und grer seien als diejenigen der roten Mnner.
Sie trachteten, den ersteren nachzueifern. Sie nahmen von ihnen vieles Gute,
leider aber auch vieles Bse an. Sie waren so kindlich und so naiv, so manches,
was bei den Weien nur auf dem Fue des Gewhnlichen oder gar des Niedrigen
stand, fr ungewhnlich, fr hoch, fr heilig zu halten und sich fr immer
anzueignen, ohne vorher zu prfen und ohne zu fragen, welche Folgen das bringen
werde. So nahmen sie auch das Wort Medizin bei sich auf und bezeichneten damit
ihr Allerhchstes und Allerheiligstes, ohne zu wissen, da sie grad dieses
Hchste und Heiligste damit beleidigten und entwrdigten. Denn zu der Zeit, als
sie dies taten, hatte der Ausdruck Medizin nicht etwa den guten, ehrenden Klang
wie heut. Er besa den starken Beigeschmack von Hokuspokus, Quacksalberei und
Windbeutelei, und als die Indianer in ihrer Unbefangenheit die Trger ihrer
allerdings noch bei den Anfngen stehenden Theologie und Wissenschaft als
Medizinmnner bezeichneten, ahnten sie nicht, da sie damit den bisherigen
guten Ruf dieser Leute fr immer vernichteten.
    Wie hoch diese letzteren standen, ehe sie Gelegenheit hatten, die
Zivilisation der Weien kennen zu lernen, ersehen wir heutigen Tages erst nach
und nach, indem wir unsere Forschung tiefer und tiefer in die Vergangenheit der
amerikanischen Rasse hinuntersteigen lassen. Diese Vergangenheit zeigt uns
zahlreiche Punkte, auf denen die Vlker Amerikas auf gleicher Stufe mit den
Weien standen. Alles, was bei jenen Vlkern und in jenen Reichen Gutes, Groes
und Edles geschah, entsprang jenen geistigen Quellen und den Kpfen jener
Mnner, welche von ihren Nachkommen spter als Medizinen und Medizinmnner
bezeichnet wurden. Hiermit sind Theologen, Politiker, Strategen, Astronomen,
Tempelbaumeister, Maler, Bildhauer, Quipu-Entzifferer, Professoren, Aerzte,
kurz, alle diejenigen Personen und Stnde zusammengefat, durch welche die
intellektuellen und ethischen Potenzen jener Zeiten sich bettigten. Es gab
unter diesen spter als Medizinmnner bezeichneten Koryphen genau ebenso
berhmte und hochberhmte Namen wie in der Entwicklungsgeschichte der
asiatischen und europischen Rassen, und sie sind nicht fr immer, sondern nur
fr einstweilen verschollen, weil unsere Kenntnis und unser Verstndnis noch
nicht so weit vorgeschritten ist, jenes geschichtliche Dunkel zu erleuchten.
Wenn die Medizinmnner der Gegenwart nicht mehr die Medizinmnner der
Vergangenheit sind, so trgt der Indianer gewi nicht allein die Schuld daran.
Die geistige Elite der Inkas, der Tolteken und Azteken, also die
Medizinpflegerschaft der Peruaner und Mexikaner, stand gewi nicht auf einem
sehr viel niedrigeren Niveau als die Abenteurer eines Cortez und Pizarro, und
wenn diese damalige Hhe sich infolge der spanischen Invasion zur heutigen Tiefe
neigte, so da wir jetzt die Indianer einfach und kurzerhand als Wilde
bezeichnen, so brauchen wir uns nicht darber zu wundern, da auch ihre
Medizinmnner mit herabgekommen sind. Sie waren gezwungen, diesen Niedergang
mitzumachen.
    Trotzdem aber sind sie noch lange nicht das, wofr wir sie halten. Ich habe
noch keinen Weien kennen gelernt, der von irgend einem Medizinmann in seine
Geheimnisse und Anschauungen eingeweiht worden ist oder der wenigstens die
Symbolik der betreffenden Gebruche derart begreift, wie sie begriffen werden
mu, ehe man behaupten kann, ber sie sprechen oder gar schreiben zu drfen. Ein
wirklicher Medizinmann, der es ernst mit seinem Amte und seiner Wrde nimmt,
gibt sich nie zu Schaustellungen her. Die sogenannten Medizinmnner der von Zeit
zu Zeit hier bei uns herumvagabundierenden Vlkerwiesenindianer sind alles
andere, aber nur keine wirklichen Medizinmnner, und an ihren Verrenkungen,
Sprngen und sonstigen Possen wrde ein solch letzterer gewi ebensowenig
teilnehmen, wie zum Beispiel bei uns ein ernstgesinnter Gottes- oder
Weltgelehrter auf den Gedanken kommen knnte, auf einem Jahrmarkt oder
Vogelschieen fr Geld und ffentlich einen Schuhplattler oder einen
Purzelbumler zu tanzen.
    Ich bitte meine Leser, diese Ausfhrungen ja nicht fr langweilig oder gar
fr berflssig zu halten. Ich mute das sagen, denn es gilt, von nun an gerecht
zu sein und von den bisherigen Fehlern, die wir in der Psychologie der roten
Rasse begingen, endlich einmal abzulassen. Wenn wir in Tatellah-Satah einen
jener alten, hochstehenden Medizinmnner der Vergangenheit kennen lernen, die
wie Sulen im Bilde eines Tagesscheidens stehen, so war ich als gewissenhafter
und wahrheitstreuer Zeichner verpflichtet, den forschenden Blick auf die
Betrachtung dieses Gemldes vorzubereiten.
    Der geheimnisvolle Mann, von dem ich mit so groer Hochachtung spreche, war
nicht etwa mein Freund gewesen, o nein! Aber ja auch nicht mein Feind! Er war
berhaupt keines Menschen Feind. Sein Denken und Fhlen war absolut gerecht und
absolut human, sein Handeln ebenso. Aber wie er zu mir stand, das war noch
schlimmer und noch niederdrckender, als wenn er mein Feind gewesen wre. Ich
war nmlich fr ihn gar nicht vorhanden. Er bersah mich vollstndig. Warum?
Weil er mich seit dem Tage, an welchem der Vater und die Schwester meines
Winnetou ermordet worden waren, als ihren eigentlichen Mrder betrachtete. Sie
war aus eigenem Wunsch und auf Wunsch ihres ganzen Stammes zu meiner Frau
bestimmt gewesen, ich aber hatte sie abgewiesen. Sie hie Nscho-tschi, und sie
trug diesen Namen mit Recht. Nscho-tschi heit auf deutsch Schner Tag, und
als sie starb, ging eine helltagende, schne Hoffnung der Apatschen mit ihr aus
dem Leben, besonders eine liebe, groe Hoffnung des alten Medizinmannes
Tatellah-Satah. Sie war fr ihn die schnste und beste Tochter smtlicher
Apatschenstmme, und er behauptete, da sie damals nicht erschossen worden wre,
wenn ich mich nicht abweisend, sondern entgegenkommend verhalten htte. Ich gab
dies zwar unumwunden zu, fhlte mich aber von jedem Selbstvorwurf so vollstndig
frei, als ob die liebe, aufopferungsvolle Freundin heut noch lebte. Sie hatte
nach dem Osten gewollt, um sich eine hhere Bildung anzueignen, und war
unterwegs mit Intschu tschuna, ihrem Vater, erschossen worden, um beraubt zu
werden. Nie war es Winnetou, ihrem Bruder, eingefallen, deshalb, weil sie diese
Reise meinetwegen unternommen hatte, auch nur den Schatten einer Anklage gegen
mich zu richten; Tatellah-Satah aber hatte mich dafr aus seinem Buch, aus
seinem Leben und aus allen seinen Berechnungen gestrichen, und zwar fr immer
und ewig, wie es schien. Er wohnte seit Menschengedenken in grter Einsamkeit
hoch oben im Gebirge. Nur Huptlinge durften sich ihm nahen, und auch das so
selten wie mglich. Es mute sich um Angelegenheiten von hchster Wichtigkeit
handeln, ehe jemand die Erlaubnis bekam, zu ihm emporzusteigen. Nur Winnetou,
sein ganz besonderer Liebling, durfte kommen, so oft es ihm beliebte. Ihm wurde
jeder Wunsch erfllt, dessen Erfllung berhaupt mglich war, aber nur der eine
nicht, den er oft vergebens uerte, nmlich der, mich einmal mitbringen zu
drfen.
    Und nun jetzt, nach so langer Zeit, auf einmal diese dringende Einladung!
Das konnte nur sehr ernste und sehr gewichtige Grnde haben, Grnde, die keine
gewhnlichen und alltglichen Ziele verfolgten, sondern sich auf Besseres und
Wertvolleres bezogen, als ich jetzt, da ich seinen Brief soeben erst erhalten
hatte, schon zu durchschauen vermochte. Aber es stand nun fest, da ich
hinberging und da ich zur rechten Zeit auf dem Nugget-tsil eintreffen wrde,
um die mir bezeichnete Blaufichte zu mir sprechen zu lassen. Und ebenso bestimmt
war es, da das Herzle mich begleitete.
    Als sie das hrte, jubelte sie nicht etwa auf, sondern sie zeigte mir ganz
im Gegenteile ihr ernsthaftestes Gesicht. Sie dachte an die Anstrengungen einer
solchen Reise und an die Gefahren eines solchen Rittes durch den Westen. Denn
da die von nah und fern herbeieilenden vielen Huptlinge sich nicht der
Eisenbahn bedienen wrden, verstand sich ganz von selbst; das war berhaupt
schon durch die Heimlichkeit, mit der Alles zu geschehen hatte, ausgeschlossen.
Aber sie dachte, indem sie von diesen Anstrengungen und Gefahren sprach, nicht
an sich selbst, sondern nur an mich. Es gelang mir jedoch sehr leicht, sie zu
berzeugen, da man jetzt zwar noch von einem Westen, aber schon lngst nicht
mehr von einem wilden Westen sprechen knne und da ein solcher Ritt fr mich
nur eine Erholung, nicht aber eine Beschwerde sei. Was sie selbst betrifft, so
war sie gesund, mutig, geschickt, ausdauernd und frugal genug, um mich begleiten
zu knnen. Sie beherrschte die englische Sprache, und sie hatte durch das
fleiige Zusammenstudieren und Zusammenarbeiten mit mir sich so ganz nebenbei
auch eine Menge indianischer Worte und Redensarten angeeignet, die ihr zustatten
kommen muten. Auch was das Reiten betrifft, so war ihr unser letzter lngerer
Aufenthalt im Orient eine gute Lehrzeit gewesen. Sie hatte sich da ganz
geschickt benommen und nicht nur Pferde, sondern auch Kamele gut zu behandeln
gelernt.
    Und wie stets und berall, so zeigte sie sich auch hier als klug
berechnende, wirtschaftlich vorausschauende Hausfrau. Ich hatte von einigen
amerikanischen Verlagsbuchhndlern Offerten erhalten, die sich auf die
Herausgabe meiner Werke in englischer Sprache fr da drben bezogen. Diese
Herren sollte ich, so meinte das Herzle, bei dieser Gelegenheit persnlich
aufsuchen, um, falls sie auf meine Bedingungen eingingen, mit ihnen bequemer
abschlieen zu knnen, als es aus der Ferne und brieflich mglich war. Um die
Deckelbilder vorzeigen zu knnen, machte sie sich von den Originalen derselben
photographische Kopien im Groformat, die ihr sehr gut gelangen, denn das Herzle
versteht das Photographieren viel, viel besser als ich. Am besten gelang ihr der
Sascha Schneidersche zum Himmel aufstrebende Winnetou. Von demselben Knstler
besitze ich auch zwei prchtige, ergreifende Portrts von Abu Kital, dem
Gewaltmenschen, und Marah Durimeh, der Menschheitsseele. Auch diese beiden, die
fr die nchsten Bnde bestimmt sind, wurden photographiert, um mitgenommen zu
werden, und zwar nicht auf Karton, sondern unaufgezogen, also so dnn, da sie
im Koffer fast gar keinen Raum einnahmen und zusammengerollt oder
zusammengebrochen in die Rocktasche gesteckt werden konnten.
    Ich bitte, auch diese rein geschftlichen Bemerkungen nicht fr langweilig
oder gar fr berflssig zu halten. Man wird im Verlaufe der Erzhlung sehen,
da einige dieser Bilder eine nicht gewhnliche Wichtigkeit in der Kette der
Ereignisse erhielten. Wer mich kennt, der wei, da es fr mich keinen Zufall
gibt. Ich fhre Alles, was geschieht, auf einen hhlen Willen zurck, mag man
diesen Willen als Gott, als Schicksal, als Fgung oder sonst irgendwie
bezeichnen. Diese Fgung waltete auch hier, de bin ich berzeugt. Die
Buchhndlerofferten verliefen und zerrannen spter zu nichts; ich fand gar keine
Zeit, diese Herren aufzusuchen. Ihr Zweck war nur, den Ansto zu dem Gedanken zu
bilden, die Buchdeckel zu kopieren und diese Abzge mitzunehmen.
    Noch klarer und noch deutlicher trat dieser Schicksalszweck bei einer andern
Verlagsofferte hervor, die mir aber nicht schriftlich, sondern mndlich gemacht
wurde, und zwar aufflligerweise genau zu derselben Zeit und auch von einem
Amerikaner. Besonders beachtenswert sind hierbei die Nebenumstnde, durch welche
der Gedanke, es nur mit einem Zufall zu tun zu haben, vollstndig ausgeschlossen
wurde.
    Ich habe hier in Dresden einen Freund, der ein viel in Anspruch genommener
Arzt und Psychiater ist. Besonders auf dem letzteren Gebiete hat er ganz
bedeutende Erfolge errungen. Er wird da als Autoritt bezeichnet und von Fremden
nicht weniger als von Einheimischen zu Rate gezogen. Dresden ist bekanntlich
eine vielbesuchte Fremdenstadt.
    Bei einem Besuche, den dieser Freund uns machte, nicht etwa Sonntags, wo er
frei war, sondern mitten in der Woche, und zwar abends spt, als zu einer Zeit,
in der wir noch niemals von ihm aufgesucht worden waren, kam die Rede auf unsern
Entschlu, mit dem Norddeutschen Lloyd nach New York zu fahren.
    Etwa um Nuggets zu holen? fragte er so schnell, als ob er nur auf diese
unsere Mitteilung gewartet htte.
    Wie kommen Sie grad auf Nuggets? antwortete ich.
    Weil ich heut eines gesehen habe. Es war so gro wie ein Taubenei und
wurde, als Berloque gefat, an der Uhrkette getragen, antwortete er.
    Von wem?
    Von einem Amerikaner, der mir brigens noch viel interessanter war als
dieses sein Klmpchen Gold. Er sagte mir, er sei nur fr zwei Tage hier, und
erbat sich mein Gutachten in einer Angelegenheit, die fr jeden Psychologen,
also auch fr Sie, mein lieber Freund, ein Fall allerersten Ranges ist.
    Wieso?
    Es handelte sich um den in einer Familie sich vererbenden Zwang zum
Selbstmord, einen Zwang, der unbedingt smtliche Glieder der Familie ergreift,
ohne auch nur ein einziges zu verschonen, und bei dem Einzelnen ganz leise,
leise beginnt, um nach und nach an Strke zu wachsen, bis er unwiderstehlich
wird.
    Ich hrte schon von solchen Fllen und lernte einen derart Belasteten sogar
persnlich kennen. Es war noch dazu ein Schiffsarzt, mit dem ich von Suez nach
Ceylon fuhr. Wir verbrachten eine ganze, helldunkle Sternennacht auf dem
Oberdeck ber psychologische Fragen. Da gewann er Vertrauen zu mir und teilte
mir mit, was er sonst Keinem sagte. Ein Bruder und eine Schwester hatten sich
bereits das Leben genommen; der Vater ebenso. Die Mutter war vor Gram und Angst
gestorben. Eine zweite Schwester schickte ihm jetzt whrend seiner Auslandstour
Briefe nach, da sie dem unglckseligen Drange unmglich lnger widerstehen
knne, und er selbst war nur deshalb Arzt geworden, um, falls kein Anderer
helfen knne, vielleicht selbst den Weg der Rettung zu finden.
    Was ist aus ihm und seiner Schwester geworden?
    Das wei ich nicht. Er versprach mir, zu schreiben und mir seine
heimatliche Adresse anzugeben, hat dies aber nicht getan. Er war Oesterreicher.
Stand es mit diesem Ihrem Amerikaner ebenso traurig?
    Ob mit ihm selbst, kann ich nicht sagen. Er nannte keine Namen, auch den
seinigen nicht, und tat so, als ob er nur von Bekannten spreche, nicht aber von
seiner eigenen Familie. Aber der Eindruck, den er auf mich machte, war ein
solcher, da ich ihn fr persnlich beteiligt halte. Er hatte so unendlich
traurige Augen. Er schien ein guter Mensch zu sein, und es tat mir wirklich
aufrichtig leid, ihm keine sichere Hilfe in Aussicht stellen zu knnen.
    Aber doch wenigstens Trost?
    Ja, Rat und Trost. Aber denken Sie sich so eine Flle von Unheil: Die
Mutter hatte Gift genommen. Der Vater war spurlos verschwunden. Von fnf
Kindern, die lauter Shne waren, lebten nur noch zwei. Sie alle sind verheiratet
gewesen, aber von ihren Frauen verlassen worden, weil bei ihren Kindern der
Drang zum Selbstmord schon im Alter von neun oder zehn Jahren eingetreten ist
und sich derart schnell entwickelt hat, da nur ein einziges von ihnen das Alter
von sechzehn Jahren erreichte.
    Sie sind also alle tot?
    Ja, alle. Nur die erwhnten beiden Brder leben noch. Aber sie kmpfen mit
dem Mordzwange Tag und Nacht, und ich glaube nicht, da einer von ihnen so stark
sein wird, diesen Dmon in sich zu besiegen.
    Schrecklich!
    Ja, schrecklich! Aber ebenso rtselhaft wie schrecklich! Dieser
unglckselige Drang existiert nmlich nur erst in der zweiten Generation; vorher
war er nicht vorhanden. Leider konnte mir nicht gesagt werden, bei wem er sich
zuerst uerte, ob bei der an Gift gestorbenen Mutter oder bei dem verschollenen
Vater. Auch erfuhr ich nicht, ob diese Krankheit etwa seit irgend einem
Ereignisse datiert, welches mit groen oder gar unheilvollen seelischen
Erschtterungen verbunden war. Das wrde doch wenigstens einen Anhalt geben. So
aber mute ich mich darauf beschrnken, anstrengende Arbeit fr Krper und Geist
anzuraten, treue Pflichterfllung, die mit heiterer, aber ja nicht niedriger
Zerstreuung abzuwechseln hat, und vor allen Dingen fortwhrende Uebung und
Weitersthlung der Charakter- und Willenskrfte, auf die es hier in diesem Falle
am meisten anzukommen hat.
    Haben Sie den Stand dieser unglcklichen Familie erfahren?
    Ja. Das war ja eine der Hauptfragen, die ich vorzulegen hatte. Der
verschollene Vater war Westmann, Squatter, Trapper, Goldsucher und sonst alles
Derartige gewesen und hat von Zeit zu Zeit das, was er dabei erbrigte,
heimgebracht. Das sind oft ganz ansehnliche Summen gewesen. Er hat die Manie
gehabt, Millionr werden zu wollen. Das wurde zwar nicht erreicht, aber reich,
ziemlich reich ist die Familie doch geworden. Die fnf Brder vereinigten sich
zu einem Grogeschft in Pferden, Rindern, Schafen und Schweinen - -
    Sie hatten also wohl viel mit den groen Schlchtereien zu tun? unterbrach
ich ihn.
    Allerdings.
    Das konnte bei dieser Veranlagung nur schdlich sein, sehr schdlich!
    Unbedingt! Massenttung von Schlachtvieh! Warmer Blutdunst! Immerwhrender
Fleisch- oder gar Kadavergeruch! Hieraus folgende Verhrtung des Mitgefhles!
Frmliche Aufftterung und Anmstung jenes innerlichen Dmons! Ich habe das dem
Amerikaner ganz offen gesagt und ihn gewarnt. Da teilte er mir mit, da er das
gar wohl gefhlt habe und darum fr die beiden Brder der Ratgeber und Helfer
gewesen sei, das Geschft zu verkaufen. Das sei im vorigen Jahr geschehen, doch
ohne da sich hierauf eine Vernderung oder gar Verringerung des Leidens
eingestellt habe. - Doch, da unterhalte ich Sie noch am spten Abend mit Dingen,
die Ihnen und mir nur die Nachtruhe verderben knnen. Ich bitte um Verzeihung
und bin so pfiffig, mich, um nicht von Ihnen fortgewiesen zu werden, jetzt
selbst hinauszuwerfen. Schlafen Sie wohl!
    Er brach so kurz ab und entfernte sich so schnell, wie es sonst seine Art
gar nicht war. Genau ebenso verhielt es sich berhaupt mit seinem heutigen
Kommen. Es war, als habe er uns so ganz auerhalb der gewohnten Zeit nur deshalb
aufgesucht, um uns auf diesen Amerikaner aufmerksam zu machen. Das Herzle hatte
dasselbe Gefhl wie ich.
    Er ist mir heut gar nicht wie ein besuchender Freund, sondern wie ein Bote
vorgekommen, sagte sie. Sollte es mit diesem Yankee irgendeine Bewandtnis
haben, die auch uns angeht? So darf ich freilich nur dich fragen, nicht aber
Andere, die es fr selbstverstndlich halten wrden, mich auszulachen!
    Ich gab ihr Recht. Aber siehe da: Am nchsten Vormittag, zur Besuchszeit, so
um elf Uhr, sa ich bei der Arbeit. Da hrte ich die Hausglocke. Es wurde Jemand
eingelassen. Ich hatte gesagt, da ich heut absolut fr Niemand zu sprechen sei.
Dennoch kam nach einiger Zeit das Herzle zu mir herauf, legte eine Visitenkarte
vor mich hin und sagte:
    Verzeih! Ich kann nicht anders; ich mu dich doch unterbrechen! Es ist gar
zu sonderbar - du wirst dich wundern.
    Ich warf einen Blick auf die Karte. Hariman F. Enters stand darauf, nur
dieser Name, weiter nichts. Ich sah das Herzle erwartungsvoll an.
    Ja, es ist wirklich erstaunlich, nickte sie. Er hat das taubeneigroe
Nugget an der Uhrkette.
    Wirklich? - Wirklich?
    Ja! Und die ganz auffallend traurigen Augen sind auch da!
    Und was will er?
    Mit dir reden.
    Ich habe keine Zeit. Hast du ihm das gesagt? Er mag wiederkommen!
    Er mu noch heut fort, sonst versumt er das Schiff. Er sagt, er gehe nicht
fort, ohne mit dir gesprochen zu haben. Er bleibe sitzen, bis du kommst. Du
sollst ihm sagen, was die Zeit kostet, die du dadurch versumst; er werde sofort
bezahlen.
    Das ist amerikanischer Unsinn! Hat er dir gesagt, was er ist?
    Verlagsbuchhndler. Er scheint kein Wort Deutsch sprechen zu knnen. Er
will dir den Winnetou abkaufen.
    Hast du ihm hierauf vielleicht schon Bescheid gegeben?
    Ich teilte ihm mit, da wir schon hnliche Offerten von drben bekommen
haben und nchstens mit dem Lloyd hinbergehen werden, um das zu erledigen.
    Du, Herzle, das war nicht sehr gescheit von dir!
    Warum nicht?
    Wer nach dem Westen gehen will, der hat sich vor allen Dingen in der
Schweigsamkeit zu ben, ganz gleich, ob es da drben noch wild zugeht oder
nicht.
    Aber wir sind ja noch gar nicht drben!
    Ich habe gesagt, schon wenn man hinber will, verstanden, will! Uebrigens
brauchen wir, um schweigsam sein zu mssen, gar nicht erst hinber, denn er ist
schon hier hben bei uns.
    Wo?
    Unten bei dem Amerikaner. Dieser Mr. Hariman F. Enders ist der
amerikanische Westen.
    Meinst du?
    Gewi! Du wirst bald sehen, da dies richtig ist. Mag er sein, wer er will,
und mag er wollen, was er will, wir spielen jetzt Amerika. Er ist gekommen, sich
bei uns anzuschleichen. Drehen wir den Spie um! Geh jetzt hinab und sag, da
ich kommen werde; aber teile ihm nicht mehr mit. Sprich mit ihm berhaupt so
wenig wie mglich!
    Sie ging, und ich folgte ihr nach einiger Zeit nach. Mr. Enters war ein
wohlgebauter, glattrasierter Mann im Alter von ungefhr vierzig Jahren. Er
machte einen wohlwollenerweckenden Eindruck, ohne grad das Benehmen eines
hochgebildeten Mannes zu zeigen. Er trat bescheiden auf, war aber trotzdem dabei
auch ein wenig Protz. Das von den traurigen Augen, das stimmte. Lachen schien er
gar nicht zu knnen, und wenn er ja einmal lchelte, so machte das mehr den
Eindruck der Qual als der Heiterkeit. Meine Frau stellte uns einander vor. Wir
verbeugten uns und saen uns dann einander gegenber. Ich bat ihn, mir zu sagen,
womit ich ihm dienen knne. Er antwortete, indem er fragte:
    Ihr seid Old Shatterhand?
    Man nannte mich so, erwiderte ich.
    Auch jetzt noch?
    Hchst wahrscheinlich.
    Ihr geht nchstens wieder hinber?
    Ja.
    Wohin? Bis wie weit?
    Wei ich noch nicht.
    Mit welchem Schiff?
    Ist noch unbestimmt.
    Auf wie lange?
    Das wird sich erst drben entscheiden.
    Ihr besucht alte Bekannte?
    Vielleicht.
    Werdet Ihr Euch mehr nach dem Norden oder nach dem Sden der Staaten
wenden?
    Da stand ich von meinem Sitze auf, verbeugte mich, drehte mich um und ging
nach der Tr.
    Wohin wollt Ihr, Mr. May? rief er da hastig hinter mir her.
    Ich blieb stehen und antwortete:
    Wieder an meine Arbeit. Ich habe Euch aufgefordert, mir mitzuteilen, was
Ihr von mir wnschet. Anstatt dies zu tun, legt Ihr mir eine ganze Reihe von
Fragen vor, zu denen Euch absolut kein Recht gegeben ist. Hierauf zu antworten,
habe ich keine Zeit!
    Ich habe Mrs. May gesagt, da ich sofort bezahle, was das kostet, warf er
ein.
    Das knnt Ihr nicht. Ihr seid zu arm dazu, viel zu arm!
    Glaubt Ihr? Mache ich wirklich einen so armen Eindruck? Ihr irrt Euch,
Sir!
    Gewi nicht. Denn selbst wenn Ihr Euch im Besitze von tausend Milliarden
befndet, so wret Ihr trotzdem auer Stande, sogar dem allerrmsten Teufel auch
nur eine Viertelstunde der ihm von Gott gegebenen, vollstndig unersetzlichen
Lebenszeit zu bezahlen!
    Wenn Ihr das so betrachtet, so mag es sein. Bitte, setzt Euch wieder
nieder! Ich werde mich so kurz wie mglich fassen.
    Er wartete, bis ich diesen seinen Wunsch unter scheinbarem Zgern erfllt
hatte, und fuhr dann fort:
    Ich bin Verlagsbuchhndler. Ich kenne Euern Winnetou - - -
    Sprecht und lest Ihr Deutsch? unterbrach ich ihn.
    Nein, antwortete er.
    Wie knnt Ihr da diese Erzhlung kennen? Sie ist meines Wissens noch nicht
in das Englische bersetzt.
    Sie wurde in einer mir befreundeten Familie, in welcher auch deutsch
gesprochen wird, gelesen und mir zuliebe gleich whrend des Lesens bersetzt.
Was ich da hrte, interessierte mich derart, da ich einen jungen, stellenlosen
Deutschamerikaner zu mir nahm, um sie mir in voller Mue nach und nach derart
vorlesen zu lassen, da ich Alles verstand und mir die notwendig erscheinenden
Notizen machen konnte.
    Ah, Notizen! Wozu Notizen?
    Ich bemerkte, da diese Frage ihn in Verlegenheit brachte. Er versuchte,
dies zu verbergen, und antwortete:
    Natrlich nur rein literarische, als Buchhndler, selbstverstndlich! Ich
habe dann auf meinen weiten Ritten durch den Westen diese Notizen bei mir gehabt
und Alles, was in Euern drei Bnden steht, nachgeprft. Darum bin ich imstande,
Euch sagen zu knnen, da Alles stimmt, Alles, sogar oft die geringsten
Kleinigkeiten.
    Danke! sagte ich kurz, als er mich hierbei ansah, ob dieses Lob einen
Eindruck auf mich machen werde.
    Nur zwei Orte, fuhr er fort, konnte ich noch keiner Prfung unterziehen,
weil ich sie noch nicht aufzufinden vermochte.
    Welche, Sir?
    Den Nugget-Tsil und das Dunkle Wasser, in welchem Sander sein
wohlverdientes Ende fand. Werdet Ihr vielleicht auf Eurer jetzigen Reife an
diese Stellen kommen?
    Vielleicht, vielleicht auch nicht. Aber ich hre, da Ihr schon wieder so
berflssige Fragen bringt, anstatt mir zu sagen, was Ihr wollt - - -!
    Ich machte Miene, wieder aufzustehen.
    Bleibt sitzen, bleibt sitzen! rief er schnell. Ich bin ja sofort wieder
bei der Sache, oder vielmehr, ich habe mich von ihr noch gar nicht entfernt. Ich
wollte Euch nur zeigen, da ich Eure Bcher geprft und der Uebersetzung in die
englische Sprache fr wert gefunden habe.
    Geprft? Dazu gehren lange Jahre!
    Haben es auch, haben es auch! nickte er eifrig, ohne zu bemerken, da
jetzt ich der Anschleichende war. Es hat eine sehr lange Zeit gedauert, ehe ich
alle die Orte berhren konnte, um die es sich da handelte.
    Vertrug sich das mit Eurem Geschft?
    Gewi, gewi. Wir hatten damals ein Grossogeschft in Pferden, Rindern,
Schweinen und Schafen und trieben uns bei unsern Einkufen sehr viel im alten
Westen herum.
    Ihr sagt wir. Also Kompagnons?
    Ja, aber keine Fremden, sondern brderliche Kompagnie. Wir waren fnf
Brder, sind aber jetzt nur noch zwei. Auch noch Kompagniegeschft, aber nicht
in Pferden und Rindern, sondern in Bchern. Wir wollen Euch Euern Winnetou
abkaufen - - -
    Nur ihn? fiel ich ihm in die Rede.
    Ja, nur ihn, erwiderte er.
    Warum nicht auch de andern Bcher, die doch auch Reifeerzhlungen sind?
    Weil sie uns nicht interessieren.
    Ich denke, es kommt hierbei mehr darauf an, was die Leser interessiert?
    Mag sein; bei uns aber ist das anders. Wir wollen nur den Winnetou, weiter
nichts.
    Hm! Wie denkt Ihr Euch dieses Geschft?
    Sehr einfach: Ihr verkauft ihn uns mit allen Rechten, ein fr allemal, und
wir bezahlen ihn Euch ein fr allemal.
    Wann geschieht diese Zahlung?
    Sofort. Ich bin imstande, Euch eine Anweisung an jede Euch beliebige Bank
zu geben. Wieviel verlangt Ihr?
    Wieviel bietet Ihr?
    Je nachdem! Wir drfen drucken, so viel wir wollen?
    Wenn wir einig werden, ja.
    Oder auch, so wenig wir wollen?
    Nein.
    Wie? Was? Nicht?
    Nein! Natrlich nicht!
    Wieso? Warum?
    Ich schreibe meine Bcher, damit sie gelesen werden, nicht aber damit sie
verschwinden.
    Verschwinden? fragte er unter einer Bewegung der Ueberraschung. Wer hat
Euch gesagt, da sie verschwinden sollen?
    Gesagt wurde es allerdings noch nicht; aber Ihr erwhntet doch, da auch so
wenig gedruckt werden darf, wie Euch beliebt.
    Ganz natrlich. Wenn wir shen, da die Bcher im Englischen keinen Anklang
fnden, so wrden wir eben darauf verzichten, sie zu drucken. Das versteht sich
doch wohl von selbst!
    Ist das Euer Ernst?
    Ja.
    Sagt, hat Eure Reise nach Deutschland und Dresden noch andere Zwecke?
    Nein. Ich habe keinen Grund, Euch zu verheimlichen, da ich nur dieser
Eurer drei Bcher wegen herbergekommen bin.
    So tut es mir leid, da Ihr diese Reise so ganz umsonst gemacht habt. Ihr
bekommt die Bcher nicht.
    Ich war whrend dieser Worte aufgestanden. Auch er erhob sich von seinem
Stuhle. Er war nicht imstande, die vllig unerwartete, groe Tuschung zu
verbergen, die ihn ergriff. Sein Blick wurde ngstlich, und seine Stimme
vibrierte, als er fragte:
    Verstehe ich Euch da recht, Sir? Ihr wollt den Winnetou nicht verkaufen?
    Wenigstens nicht an Euch. Ich gebe meine Bcher nicht einzeln zur
Uebersetzung. Wer eins oder nur einige wnscht, der ist gezwungen, sie alle zu
nehmen.
    Aber wenn ich Euch nun fr diese drei Bnde so viel zahle, wie Ihr fr alle
verlangt?!
    Auch dann nicht.
    Seid Ihr denn gar so reich, Mr. May?
    Nein, keineswegs. Von Reichtum ist bei mir keine Rede. Ich habe nichts als
mein gutes, fr mich und meine Zwecke grad so zureichendes Auskommen, mehr
nicht. Aber das gengt mir vollstndig. Und wenn Ihr meine Erzhlung Winnetou
wirklich kennt, so wit Ihr, da ich berhaupt nicht nach Reichtum trachte,
sondern nach hherstehenden, wertvolleren Gtern, mit denen ich meine Leser
erfreuen und segnen will. Dazu ist notwendig, da meine Bcher den richtigen
Verleger finden, und da Ihr der nicht sein knnt, davon habt Ihr mich soeben
berzeugt.
    Meine Frau sah und hrte es mir an, da an diesem meinem Entschlusse nicht
zu rtteln war. Der Yankee tat ihr leid. Er stand mit einer Miene und in einer
Haltung vor uns da, als ob ein nicht wieder gut zu machendes Unheil ber ihn
hereingebrochen sei. Er zgerte, meinen Bescheid als mein letztes Wort zu
betrachten. Er machte Einwendungen. Er brachte Grnde. Er gab Versprechungen,
doch vergeblich. Schlielich, als gar nichts helfen wollte, sagte er:
    Ich gebe die Hoffnung trotz alledem nicht auf, da ich den Winnetou doch
noch von Euch bekomme. Ich sehe, da Mrs. May dieser Sache viel weniger
abgeneigt ist, wie Ihr. Beratet Euch mit ihr, und gebt mir Zeit, inzwischen mit
meinem Bruder, der doch mein Kompagnon ist, zu reden.
    Wollt Ihr dann etwa wieder herberkommen? Das wrde ebenso nutzlos sein wie
Eure jetzige Reise, erklrte ich.
    Herber zu kommen, habe ich nicht ntig, weil Ihr ja, wie ich hre,
baldigst hinbergehet. Gebt mir irgend eine Adresse da drben an, und bestimmt
mir einen Tag, an dem Ihr dort zu treffen seid, so stelle ich mich ein.
    Auch das htte keinen Erfolg! versicherte ich.
    Knnt Ihr das jetzt schon wissen? Ist es nicht mglich, da ich nach der
Besprechung mit meinem Bruder Euch ein Anerbieten machen kann, welches Euern
Zwecken und Wnschen besser entspricht als das heutige?
    Ich fhlte, da er innerlich davor zitterte, auch noch hiermit abgewiesen zu
werden. Auch ich hatte Mitleid, aber ich durfte diesem Gefhle nicht die
Herrschaft ber meine Entschlsse einrumen. Das Herzle bombardierte mich mit
bittenden Blicken, und als dies nicht schnell genug wirken wollte, ergriff sie
gar meine Hand. Da sagte ich:
    Gut, so mag es sein. Geben wir uns Zeit zum Ueberlegen! Meine Frau war noch
niemals mit da drben. Sie erwartet ganz besonders, den Niagarafall zu sehen.
Wir werden also von New York aus mit dem Hudsondampfer nach Albany fahren und
von da mit der Bahn nach Buffalo, von wo aus es bis zu den Fllen nur noch eine
Stunde ist. In Niagara-Falls wohnen wir auf der kanadischen Seite, und zwar im
Clifton-Hotel, wo ich - - -
    Das kenne ich; das kenne ich sehr gut! unterbrach er mich. Da ist man
sehr gut aufgehoben. Ein Hotel allerersten Ranges, still, vornehm, mit allen
Errungenschaften der Neuzeit ausgestattet und - - -
    Well! fiel nun ich ihm in die Rede, um ihm dieses Lob, mit dem er nur sich
selbst in das Licht stellen wollte, abzuschneiden. Wenn Ihr es kennt, so ist es
ja gut. Also dort sind wir zu finden.
    Wann?
    Das wei ich jetzt noch nicht. Am besten ist es, Ihr setzt Euch mit der
Verwaltung dieses Hauses in Verbindung, da sie Euch von unserer Ankunft
sofortige Nachricht gibt.
    Richtig! Das ist das Beste, und das werde ich tun!
    Dabei blieb es. Es gab hben und drben noch einige hfliche Abschiedsworte,
dann war dieser Besuch, der viel grere Wichtigkeit besa, als selbst ich jetzt
dachte, beendet.
    Das Herzle konnte nicht ganz mit mir zufrieden sein. Sie ist so sehr zum
Mitleid und Erbarmen geneigt, und der ngstliche, gequlte Blick dieses Mannes
wollte ihr noch tagelang nicht aus dem Sinne kommen. Sie meinte, da ich nicht
hflich genug und zu abweisend mit ihm verfahren sei.
    Warum tatest du das? fragte sie.
    Weil er mich belog, antwortete ich. Weil er nicht offen und ehrlich war.
Weit du, wer er ist?
    Ja.
    Nun, wer?
    Einer der beiden briggebliebenen Shne jener unglcklichen Familie, deren
Glieder alle durch Selbstmord sterben.
    Ja, das ist er allerdings, aber zugleich auch etwas Anderes. Er heit nicht
Enters.
    Du glaubst, er fhrt einen falschen Namen?
    Ja.
    Hltst ihn also fr einen Schwindler, einen Hochstabler?
    Nein. Grad weil er ein ehrlicher Mann ist, trgt er nicht seinen
eigentlichen, richtigen Namen. Er schmt sich desselben. Ich vermute sogar, da
er nur infolge meiner drei Bnde Winnetou auf diesen Namen verzichtete.
    Sie war so erstaunt hierber, da sie mich weiterzufragen verga. Darum fuhr
ich unveranlat fort:
    Hltst du es fr mglich, da ich berzeugt bin, seinen wirklichen Namen zu
wissen?
    Sage ihn! forderte sie mich auf.
    Dieser Mann heit nicht anders als Sander.
    Da warf sie mir im hchsten Erstaunen die atemlose Frage hin:
    Welchen Sander meinst du? Den Mrder von Winnetous Vater und Schwester?
    Ja. Der Mann, der bei uns war, ist sein Sohn.
    Unmglich, unmglich!
    Gewi, gewi!
    Beweise es!
    Das ist eigentlich gar nicht ntig. Du mtest es ebenso schnell und leicht
erraten haben wie ich.
    Wirklich? Bis jetzt erkenne ich nur das Eine, da du ihn fr einen Lgner
hltst, weil er sich Enters anstatt Sander nennt.
    Wie falsch von dir, wie falsch! Wchsen meine Folgerungen nur aus diesem
einen Punkte heraus, so wre ich ein auerordentlich schlechter Fhrtenleser,
ein Greenhorn, ein Hans Tapps, und htte mich meiner Logik wegen rot und blau zu
schmen. Ich bitte dich aber, daran zu denken, da er sich extra einen Vorleser
engagierte, um sich sofort Notizen machen zu knnen. Wie lange ist es wohl her,
da er dies tat?
    Eine ganz betrchtliche Reihe von Jahren. Das sagte er ja selbst.
    Schn! Und wozu hat er sich diese Notizen gemacht?
    
    Aus rein literarischen Grnden, zu Buchhndlerzwecken. Auch das sagte er
selbst.
    Ganz richtig! Und hier liegt die Lge, bei welcher die Fhrte beginnt, die
zu seinem richtigen, wirklichen Namen fhrt Er selbst hat zugegeben, da er
damals Grohndler in allerlei Schlachtvieh war, und du weit sehr genau, wann
er aufgehrt hat, dies zu sein. Oder nicht?
    Doch! Dieses Geschft wurde erst im vorigen Jahre verkauft. Das hat er
gestern beim Arzte gesagt.
    Und dennoch schon vor so langen Jahren bereits rein buchhndlerische
Notizen? Glaubst du das?
    Nein! Jetzt nicht mehr! Du, jetzt fange auch ich an, klar zu sehen.
Vielleicht ist es gar nicht einmal wahr, da er jetzt Buchhndler ist!
    Fllt ihm gar nicht ein! Aber mit diesem Gedanken hast du dich neben mich
auf die richtige Fhrte gestellt! Ueberlege folgendes: Kaum hat er bei einem
Bekannten von meinem Winnetou gehrt, so engagiert er sich einen besonderen Mann
zum Uebersetzen und Vorlesen dieser Erzhlung. Ist etwa anzunehmen, da er bei
diesem Bekannten dem Vorlesen aller drei Bnde beigewohnt hat?
    Gewi nicht.
    Das ist auch meine Meinung. Er hat nur Einiges oder gar nur Weniges gehrt.
Wenn er sich sofort hierauf einen besondern Privatbersetzer engagierte, um das
ganze Werk unter vier Augen kennen zu lernen, so mu dieses Einige oder dieses
Wenige von auerordentlicher Wichtigkeit fr ihn gewesen sein, mu irgend einen
Punkt seines tiefsten Seelenlebens gepackt und ergriffen haben. Oder glaubst du,
da diese Wichtigkeit vielleicht doch schon eine rein literarische, eine
buchhndlerische gewesen ist?
    Nein.
    Oder eine geschftliche?
    Ebensowenig. Sie war, wie du ganz richtig vermutest, eine psychologische,
eine seelische.
    Das heit mit andern Worten, da sie sich auf sein Innenleben, auf sein
Privatleben, auf sein Familienleben, also auch auf seine Familienverhltnisse
bezog. Er machte whrend der Vorlesungen Notizen. Warum und wozu? Doch nicht
etwa nur, um nichts zu vergessen. Was Einen so tief in der Seele packt, das
merkt man sich gewi, auch ohne Notizen zu machen. Er hat zugegeben, da diese
Notizen ihm als notwendig erschienen seien und ihm auf seinen Nachforschungen im
Westen jahrelang als Fhrer gedient haben - -
    Etwa nach dem verschollenen Vater? fiel da das Herzle schnell ein.
    Da nickte ich ihr zu und antwortete:
    Du, das war fein, sehr fein! Ja allerdings, nach dem verschollenen Vater!
Ich wollte noch einige andere Folgerungen und Schlsse herbeiziehen, um mich dir
begreiflich zu machen; da du mir aber gleich mit diesem Hauptergebnisse kommst,
so ist das, wenigstens fr einstweilen, nicht mehr ntig. Ich habe nur noch auf
die Dringlichkeit zu zeigen, mit welcher er die Lage der beiden Orte zu erfahren
versuchte, die er, wie er sich ausdrckte, noch nicht aufzufinden vermochte. Ich
meine selbstverstndlich den Nugget-tsil und das Dunkle Wasser.
    Mu sich diese Dringlichkeit nur auf Sander beziehen?
    Ja.
    Nicht auf irgendeine andere Person? Und auch nicht auf die Nuggets?
    Nein. Von Personen kme nur ich allein in Betracht, denn alle Andern sind
unwichtig oder gar tot, und anzunehmen, da er grad meinetwegen so jahrelang den
Westen durchforscht habe, wre lcherlich. Er hat ja durch seinen heutigen
Besuch bewiesen, da er sehr wohl wei, wie schnell und wie leicht ich zu finden
bin. Und was die Nuggets betrifft, so hat er ja gelesen, da sie fr immer
verloren sind und von keinem Menschen mehr gefunden werden knnen. Also: Von den
Ereignissen am Nugget-tsil und am Dunkeln Wasser kommen nur zwei Personen in
Betracht, nmlich Sander und ich; alle Andern sind unendlich nebenschlich, sind
verschwunden; ich aber habe auszuscheiden; folglich bleibt nur noch Sander. Und
nun, pa auf, Herzle, kommt noch ein Hauptgrund, auf den ich mich sttze! Dieser
sogenannte Mr. Enters will meinen Winnetou kaufen. Wozu? Etwa um ihn bersetzen,
drucken und verbreiten zu lassen?
    Nein, sondern um zu verhindern, da die Erzhlung da drben in englischer
Sprache erscheint. Da hattest du Recht. Das hrte man den Worten dieses Mannes
an, besonders auch dem Schreck, den er nicht verbergen konnte, als er gegen alle
seine Erwartung hrte, da er die Bcher nicht bekommt. Man soll da drben die
Vergangenheit und die Taten seines Vaters nicht kennen lernen.
    Ja. Zwar wollte ich das erst folgern, und du kommst meinem logischen
Schlusse vor; aber es ist das fr mich eine Tatsache, an der ich nicht im
geringsten zweifle. Er hat geglaubt, mich mit einer Tasche voll Dollars
bertlpeln zu knnen, obwohl er aus dem Winnetou wissen mute, da ich auf
solchen Kder nicht gehe. Dieser sein Besuch bei mir und sein Antrag war
eigentlich eine Beleidigung, die ich ganz anders htte beantworten sollen, als
ich sie beantwortet habe.
    So zrnst du mir nun wohl?
    Zrnen? Wofr?
    Dafr, da ich dich veranlat habe, ihn nicht ganz endgltig abzuweisen und
ihm noch eine Zusammenkunft zu gewhren.
    O nein! Ich lasse mich selbst von dir nicht dazu bestimmen, irgendein
hheres, vielleicht gar ethisches Gut fr niedriges Geld zu verkaufen, und du,
du wrdest ganz gewi die Allerletzte sein, mir so Etwas zuzumuten. Ich bin auf
das Wiedersehen am Niagara eingegangen, weil es sehr triftige Grnde dafr gibt,
die beiden Brder Enters oder Sander von nun an nicht wieder aus dem Auge zu
lassen. Du weit ja, da es eine Gewohnheit jedes erfahrenen Westmannes ist,
gefhrliche Leute sich niemals in den Rcken kommen zu lassen.
    Gefhrlich? fragte sie.
    Allerdings.
    Wieso? Ich halte diesen Enters, obwohl er ein Sander zu sein scheint, doch
fr einen guten Menschen.
    Ich auch. Aber kann nicht selbst die personifizierte Gte einmal obstinat
werden? Liegt in der Niedergeschlagenheit und, ich mchte fast sagen, in dem
krankhaften Tiefsinn dieses Mannes nicht etwas Explodierbares, vor dem man sich
zu hten hat? Und kennen wir seinen Bruder? Du weit, Geschwister brauchen nicht
von gleichem Charakter und gleichem Temperament zu sein. Ich bin berzeugt, da
wir ihn in Niagara kennen lernen werden, und dann wird es sich ja finden, wie
wir uns zu Beiden zu stellen haben, um sie nicht zu zwingen, in die Fustapfen
ihres Vaters zu treten. Der Doktor sprach gestern von einem Dmon in ihnen.
Dieser Dmon hat uns hier aufgefunden, hat uns entdeckt. Es ist der Sandersche
Zwang zum Morde. Du siehst, unsere Reise beginnt, sehr interessant, ja
hochinteressant zu werden, noch ehe wir die ersten Schritte tun.
    Siehst du Gefahr voraus?
    O nein! Ich sehe nur, da wir hinber mssen, um den Mount Winnetou und
Tatellah-Satah, den Bewahrer der groen Medizin, kennen zu lernen. Er schreibt
mir, da ich meinen Winnetou retten soll. Habe ich das zu tun, so gibt es fr
mich keine Gefahr. Etwa fr dich?
    Fr mich ebensowenig. Ich gehe frhlich mit!
    Dann vorwrts also, und wohlauf zur glcklichen Fahrt! - - -

                                Zweites Kapitel

                                        

                             Nach der Teufelskanzel


Und nun waren wir bei den Niagarafllen. Wir wohnten im Clifton-House, unweit
der kanadischen Mndung der Hngebrcke. Man hat von diesem Hotel aus einen
geradezu unvergleichlichen Blick auf das grandiose Schauspiel der strzenden
Wassermassen. Die besten Zimmer liegen in der ersten Etage und sind den Fllen
zugewendet. Sie mnden alle auf eine lange, vielleicht acht Schritte breite
Plattform, die ein gemeinschaftliches Sulendach berragt. Wer vom Korridor aus
seinen Raum betritt, ihn quer durchschreitet und sich durch die
gegenberliegende Tr hinaus auf die Plattform begibt, der hat beide Flle, den
geraden und den hufeisenfrmigen, genau in eindrucksfhiger Perspektive vor
seinen Augen.
    Wenn dieses Hotel in Deutschland lge, so wrde man die Gemeinschaftlichkeit
dieses Altanes fr alle Bewohner dieser Zimmerreihe als einen Uebelstand
empfinden, der durch Zwischenwnde schleunigst zu beseitigen sei. Da drben aber
hat jeder Gast eine zwar unsichtbare aber so hohe und so starke Mauer um sich
gezogen, da gar keine hlzernen Scheidewnde ntig sind, um Jedermann gegen
Zudringlichkeiten und Indiskretionen zu sichern. Dennoch freute ich mich
darber, da, als wir kamen, grad die den Fllen nchstgelegene Ecke dieser
Zimmerreihe freigeworden war, so da wir also anstatt zwei nur einen einzigen
Nachbar haben konnten. Und dieser Eine war ein Paar, und dieses Paar hie - -
Hariman F. Enters und Sebulon L. Enters.
    Es hatte mir geahnt, da die Brder nicht warten, sondern sich hier
einquartieren wrden, um bei unserer Ankunst sofort anwesend zu sein. Aber da
unsere beiderseitigen Zimmer aneinander stieen, das war ein Umstand, den man
mit einer Ahnung wohl kaum htte erreichen knnen. Ich mu gestehen, da es mir
keineswegs unlieb war, grad diese Beiden neben mir zu haben.
    Ein jeder neu eingetretene Gast des Clifton-Hotels hat sich sofort in der am
Parlour liegenden Office einzutragen. Das ist die einzige Auskunft, die man von
ihm verlangt. Ich schrieb uns als Mr. Burton und Frau in das Buch. Dieses
Pseudonym war deshalb notwendig, weil man mich verpflichtet hatte, den
eigentlichen Grund, der mich hinberfhrte, geheimzuhalten. Ich war also
gezwungen, auf meinen wirklichen Namen, den man da drben sehr wohl kennt, fr
jetzt zu verzichten.
    Unsere Wohnung bestand aus drei Rumen, die, wie bereits gesagt, eine Ecke
ausfllten. Das Zimmer meiner Frau lag nach dem Hufeisenfalle, war grer als
das meinige, hatte aber keinen Balkon. Das meinige hatte die Aussicht nach dem
Vereinigten-Staaten-Katarakt, war kleiner, ffnete sich dafr aber nach der
groen Plattform, auf der ich mich so huslich einrichten konnte, wie es mir nur
immer beliebte. Zwischen diesen beiden Zimmern lag der Garderobe- und
Toilettenraum, der sie in amerikanisch praktischer Weise vereinigte. Als uns
dieses Logis angewiesen und gezeigt wurde, fragte ich den Kellner, der dies tat,
wer neben uns wohne.
    Zwei Brder, antwortete er. Sie sind Yankees und heien Enters. Aber sie
wohnen eigentlich nur halb in unserm Hause. Sie schlafen nur hier; sie speisen
anderswo. Sie gehen frh fort und kommen erst abends wieder, wenn es keine Tafel
mehr gibt.
    Er machte dabei ein so eigenartiges Gesicht, da ich mich erkundigte:
    Warum tun sie das?
    Er zuckte die Achsel und antwortete:
    Unser Clifton-House ist ein Hotel ersten Ranges. Wer diesem Range nicht
angehrt, der wird wohl hier schlafen, nicht aber auch hier speisen und mit den
andern Gsten verkehren knnen. Er versucht es vielleicht einmal, fhlt sich
dabei aber derart schnell erkannt und abgestoen, da er den Versuch gewi nicht
wiederholt.
    Das war sehr aufrichtig gesprochen! Wenigstens sechzig Prozent der dortigen
Kellner sind Deutsche oder Oesterreicher. Dieser aber war ein kanadischer
Englnder; daher dieser ebenso selbstndige wie selbstbewute Ton. Als er mich
dabei schon mehr taxierend als forschend betrachtete, so sagte ich ihm, da ich
zu der Klasse gehre, in der man den Betrag der Trinkgelder teilt. Die eine
Hlfte gibt man sofort bei der Ankunft, um zu zeigen, da man gern
zufriedengestellt sein will, und die andere Hlfte entrichtet man dann bei der
Abreise, oder man zahlt sie auch nicht, um zu zeigen, ob man zufriedengestellt
worden ist oder nicht. Bei diesen Worten drckte ich ihm die erste Hlfte in die
Hand. Er betrachtete die Note sehr ungeniert, um zu sehen, wie viel sie betrug;
dann aber machte er eine Verbeugung, wie kein Deutscher und kein Oesterreicher
sie hochachtungstiefer htte machen knnen, und sprach:
    Zu jedem Befehl bereit! Werde das auch der Chambermaid1 anempfehlen! Sind
diese beiden Enters vielleicht unbequem, Mr. Burton? Wir quartieren sie sofort
aus!
    Bitte, sie zu lassen; sie genieren uns nicht.
    Er verneigte sich ebenso tief wie vorher und ging dann, vor lauter Respekt
und Wohlwollen strahlend, ab. Als sich uns hierauf, damit wir sie kennen lernen
sollten, die Chambermaid vorstellte, sahen wir ihr an, da sie von der Teilung
des Trinkgeldes bereits unterrichtet war, und ermglichten ihr einen ebenso
wirkungsvollen Abgang wie dem Kellner. Das taten wir natrlich nicht, um mit
unserm Gelde zu prahlen, und noch viel weniger erzhle ich es hier aus diesem
oder einem hnlichen Grunde. Ich habe ja bereits gesagt, da ich keineswegs
reich bin, sondern nur so grad mein Auskommen habe. Aber die Wirkungen dieser
Art und Weise, den Bediensteten nicht erst dann, wenn es zu spt ist, zu zeigen,
da man Einsicht und Dankbarkeit besitzt, stellten sich sehr bald ein, und aus
ihnen mag man erkennen, warum ich so tat.
    Wir waren am Nachmittag angekommen und machten gleich noch an diesem Tage
die zwei bekannten Fahrten, welche jeder Besucher der Niagaraflle unbedingt
gemacht haben mu. Es ist das eine Bahn- und eine Dampfbootfahrt. Das Geleise
der Bahn geht hart am kanadischen Ufer des Niagara hinab und dann drben am
Vereinigten-Staaten-Ufer wieder herauf. Tief, tief unten kocht und brodelt der
Strom: die Felsen steigen vollstndig senkrecht in die Hhe, und die Schienen
der Bahn liegen oft hchstens zwei Meter von der Kante des Abgrundes entfernt.
An diesem letzteren rast man mit der Schnelligkeit des Fluges dahin, und man
hat, da man nur den geffneten Schlund und das jenseitige Ufer sieht, vom
Anfange bis zum Ende dieser Fahrt das Gefhl, als ob man direkt in die Luft
hinausfahre, um dann in die Tiefe hinabzuschmettern. Die Bootsfahrt macht man
auf der wohlbekannten und beliebten Maid of the Mist2, welche khn bis in die
nchste Nhe der Flle steuert und am geeigneten Orte diejenigen Touristen
landet, welche daheim von sich rhmen wollen, da sie sogar hinter dem Wasser
gewesen seien.
    Spter aen wir bei den Klngen eines ausgezeichnet spielenden doppelten
Streichquartetts das Abendbrot in dem groen, im Parterre des Hotels liegenden
Speisesaale und zogen uns dann in unsere Wohnung oder, richtiger gesagt, auf
meinen freien Altan zurck, welcher uns den unbeschreiblichen Genu gewhrte,
die Flle von dem geheimnisvollsten Schimmer des Mondes besucht und verklrt zu
sehen. Hierbei war es ungefhr elf Uhr geworden, als das Zimmermdchen eiligst
herbeigehuscht kam und uns meldete:
    Die Enters sind da.
    Wo? fragte das Herzle.
    Noch unten in der Office. Sie pflegen allabendlich, wenn sie kommen, im
Buche nachzuschlagen, und dann gehen sie auf ihr Zimmer.
    Zu welchem Zwecke schlagen sie nach?
    Um zu sehen, ob ein deutsches Ehepaar hier angekommen ist, ein Mr. May mit
seiner Frau. Erst fragten sie. Jetzt aber schlagen sie nach, weil sie fhlen,
da man sie hier fr berflssig hlt. Auch ich spreche nicht mit ihnen.
    Sie entfernte sich, und wir verlieen die Plattform, um nicht gesehen zu
werden. Diese Mitteilung war die erste Frucht des vorausgezahlten Trinkgeldes.
Zur Erluterung ihrer Ntzlichkeit fr uns mu ich die Tr beschreiben, durch
welche meine Stube von der Plattform getrennt wurde. Jeder Besucher des
Clifton-House wei, da alle diese Tren, welche auf den freien Altan mnden,
die gleiche Konstruktion besitzen. Sie sind vorhanden, die Wohnungen vollstndig
abzuschlieen, so da niemand von drauen hereinsehen kann, aber doch grad so
viel Luft und so viel Licht hereinzulassen, wie die Bewohner wnschen. Darum
sind sie sowohl mit Fensterscheiben wie auch mit Jalousieklappen versehen. Die
letzteren knnen beliebig geffnet und geschlossen und die ersteren mit
Vorhngen verhllt werden. So kann man also zu jeder Zeit hinausschauen und
hinaushren, ohne aber selbst gesehen und selbst gehrt zu werden. Wir brannten
darum kein Licht an, blieben in meinem Zimmer und ffneten die Jalousie. Denn
wir erwarteten mit Bestimmtheit, da die Brder nicht in ihrem Raum bleiben,
sondern aus den Altan kommen wrden.
    Und wie gedacht, so geschehen: Es dauerte gar nicht lange, so erschienen
sie. Der Mond stand noch am Himmel. Wir erkannten den Einen, der bei uns gewesen
war, sofort. Sie sprachen mit einander und gingen dabei auf und ab. Spter
setzten sie sich, und zwar grad an den Tisch, der drauen in unserer Ecke stand.
Ich hatte mir ihn hinstellen lassen, um daran schreiben zu knnen. Wir hrten
und verstanden jedes Wort, doch war der Gegenstand ihres Gesprches zunchst ein
fr uns gleichgltiger. Spter aber trat eine Pause ein, welche der von ihnen,
den wir noch nicht kannten, also Sebulon, durch die Interjektion beendete:
    Unangenehm! Hchst unangenehm, da wir so lange hiersitzen mssen! Das kann
noch Wochen dauern, ehe sie kommen!
    Gewi nicht! antwortete Hariman. Sie kommen doch schon vorher, ehe sie
die Verleger besuchen, hierher. Jeder Tag kann sie bringen.
    Und du bleibst bei deinem Vorsatze?
    Ja. Ehrlich sein! Dieser Mann hat mich zwar nicht sehr gut behandelt, aber
wir kommen mit Unehrlichkeit nicht gegen ihn auf; das ist der Eindruck, den er
mir mitgegeben hat. Und von seiner Frau kann ich fast sagen, da ich sie
liebgewonnen habe. Es wrde mir geradezu wehe tun, nicht rechtschaffen gegen sie
sein zu drfen.
    Pshaw! Nicht rechtschaffen! Was heit rechtschaffen. Rechtschaffen hat man
zunchst doch gegen sich selbst zu sein. Und wenn wir ein Geschft machen
wollen, welches uns, klug angefangen - - -
    Pst! Still! warnte ihn der Andere.
    Warum?
    Der Alte knnte es hren.
    Bei diesen Worten deutete er nach unserer Tr.
    Der Alte? fragte Sebulon. Du weit doch, da der tglich bis Punkt
Mitternacht unten im Lesezimmer sitzt und dann noch bis ein Uhr hier oben in
seiner Stube liest. Es brennt kein Licht; er ist also noch unten.
    Trotzdem! Und zudem bin ich md. Ich gehe jetzt schlafen. Morgen frh nach
Toronto und erst bermorgen zurck. Wir mssen ausgeruht haben. Komm!
    Sie standen vom Tische auf und gingen in ihren Raum. Es war nicht viel, was
wir erfahren hatten, aber wir wuten nun doch wenigstens so viel, da Hariman F.
Enters es ehrlich mit uns meinte. Und wir waren berzeugt, da Sebulon L.
Enters, sein Bruder, wohl auch noch zu durchschauen sein werde.
    Als wir am nchsten Morgen zum Frhstck hinuntergingen, sagte uns der
Kellner, da unsere beiden Nachbarn das Hotel schon zeitig verlassen und die
Weisung gegeben htten, wenn Mrs. und Mr. May hier ankmen, ihnen zu sagen, da
die Gebrder Enters nach Toronto gefahren seien und erst morgen am Abend
wiederkommen knnten. Er machte eine geringschtzende Handbewegung und fgte
hinzu:
    Rowdys, diese beiden Enters! Haben sich hier beinahe unmglich gemacht.
Diese Mrs. und Mr. May aus Germany, die nach solchen Leuten suchen, passen wohl
nicht fr uns. Werden keine Zimmer bekommen!
    Wie gut, da ich einen andern Namen eingetragen hatte! Auch diese Aeuerung
des Kellners mahnte zur Vorsicht, obgleich ein Rowdy zwar ein roher, aber
immerhin noch kein schlechter Mensch zu sein braucht.
    Dieses erste Frhstck war splendid im hchsten Grade: Kaffee, Tee, Kakao,
Schokolade, eine Menge Fleisch- und Eierspeisen, Trauben, Ananas, Melonen und
andere Frchte, so viel man wollte. Bedient wurden wir von unserm Zimmerkellner.
Er hatte sich das von der Direktion ausgebeten. Mir war das lieb.
    Es gibt im Clifton-House nur Einzeltische, keine groe, gemeinschaftliche
Tafel. Am besten sitzt und speist es sich in einer langen, an den groen Saal
stoenden Veranda, die so schmal ist, da da nur zwei Reihen von Tischen Platz
finden. Es gibt von da aus eine prchtige Aussicht nach den Fllen. Wir hatten
uns einen dieser Tische gewhlt und beschlossen, ihn fr uns zu belegen. Als wir
den Kellner fragten, ob man das knne, antwortete er:
    Gewhnlich nicht, aber Mrs. und Mr. Burton knnen das. Ich werde es
besorgen. Der beste Tisch wre allerdings nicht dieser, sondern der hinterste,
weil man da nur von einer Seite aus gesehen, gehrt und belstigt werden kann.
Den aber haben schon zwei Gentlemen in Beschlag genommen. Man schlug ihnen
diesen Wunsch nicht ab.
    Das hatte er in gewhnlichem Tone gesagt. Mit gesenkter Stimme aber fgte er
hinzu:
    Sie bezahlen nmlich Alles nur mit Nuggets! Sie haben eine ganze, schwere
Tasche mit gediegenen Goldkrnern in Verwahrung gegeben!
    Viele, welche kamen und nach diesem Tische gingen, um dort Platz zu nehmen,
wurden abgewiesen, bis wir fast am Schlusse der Frhstckszeit zwei Mnner
eintreten sahen, welche sofort Aller Augen auf sich zogen. Sie standen ungefhr
im gleichen Alter und waren Indianer. Das sah man gleich beim ersten Blicke.
Hoch und breitschulterig gebaut, mit scharf, aber, ich mchte beinahe sagen,
edel geschnittenen Zgen, gingen sie, scheinbar ohne Jemand anzusehen, langsam
und wrdevoll nach dem erwhnten Tische und setzten sich dort nieder. Sie waren
nicht indianisch gekleidet, sondern sie trugen seine Stoffanzge nach
gewhnlicher Fassung, und ihr Haar war genau so verschnitten wie anderer Leute
Haar; aber man konnte unbesorgt die hchste Wette darauf eingehen, da sie im
Sattel, auf der Savanne und zwischen den Kolossen des Felsengebirges wohl noch
gebieterischer erscheinen wrden als hier. Jedoch trotz der tiefen Sonnenbrune
ihrer Gesichter zeigte sich auf ihnen eine sehr sichtbare Spur jenes
eigenartigen Hauches, den es nur bei Leuten gibt, welche viel nachgedacht haben
und gewohnt sind, dieses ihr Nachdenken auf hhere Pfade zu lenken. Man pflegt
bei solchen Personen von durchgeistigten Gesichtern, von durchgeistigten
Zgen zu sprechen, und der Eindruck dieses Durchgeistigtseins ist um so
grer, um so tiefer und um so dauernder, wenn dabei der Blick des Auges jene
tiefe Schwermut, jene seelische Trauer bekundet, welche verschwindenden Jahren,
zu Ende gehenden Tagen und sterbenden Vlkern eigen ist. Diese stille, aber doch
laut sprechende, unbeschreibliche Elegie des Auges war hier bei diesen Indianern
vorhanden.
    Das sind die Gentlemen, sagte der Kellner. Feine Leute, wenn auch nur
Indianer! Hochfein!
    Er schnippste dabei mit dem Daumen und Mittelfinger, um seinem Lobe
Nachdruck zu geben.
    Woher sind sie? fragte ich.
    Wei es nicht genau. Der Eine von weither, sehr weit, der Andere von nher.
Kamen Beide ber Quebek und Montreal den Flu herauf.
    Ihre Namen?
    Mr. Athabaska und Mr. Algongka. Schne Namen, was? Klingen fast wie Musik!
Ist aber auch Musik: Zahlen nur mit Nuggets!
    Das war nun so sein Mastab, und er scheute sich nicht im geringsten, ihn
auch in unserer Gegenwart anzulegen. Er sagte uns noch, da die beiden
Gentlemen auch oben in der von ihm bedienten Zimmerreihe wohnten und da die
grten und teuersten Rume htten, die es gebe. Dann bekam er anderweit zu tun.
    Mr. Athabaska und Mr. Algongka frhstckten sehr langsam und sehr mig,
und zwar in einer Weise, als ob sie in Hotels von dem Range des Clifton-House
aufgewachsen seien. Es war eine Lust, ihnen zuzusehen. Das taten wir natrlich
so unauffllig wie mglich. Das Herzle freute sich besonders ber die Wrde, die
in jeder, auch der geringsten Bewegung dieser hochinteressanten Mnner lag, und
ber ihre Bescheidenheit. Es war bei ihnen kein Ring, keine Uhrkette und kein
sonstiger Gegenstand zu sehen, der auf Wohlhabenheit oder gar Reichtum schlieen
lie. Das war so recht nach dem Gusto meiner Frau, die ich ja fast zwingen mu,
sich einen neuen Hut oder ein neues Kleid zu kaufen! Meine besondere
Aufmerksamkeit richtete sich auf einen andern Umstand, nmlich auf den, da sie
sich, der gewhnlichen indianischen Schweigsamkeit ganz entgegengesetzt, sehr
lebhaft unterhielten und dabei sehr fleiig Eintrge in zwei Bcher machten, die
sie mitgebracht hatten, Jeder eins, sein eigenes. Das schienen Notizbcher zu
sein, aber sehr, sehr wichtige, denn sie wurden mit einer Vorsicht und Liebe
behandelt, als ob sie der beste und teuerste Besitz seien, den es fr ihre
Eigentmer gebe. Die Eintrge, welche gemacht wurden, geschahen mit einer
Gelufigkeit und Sicherheit, welche auf vollste Schreibbung schlieen lie. Man
sah, da diese Leute nicht etwa nur den Tomahawk und das Jagdmesser, sondern
auch Feder und Bleistift zu fhren verstanden und sehr gewhnt waren, sich
geistig zu beschftigen.
    Im Clifton-House wird nach jeder Mahlzeit, die man einnimmt, das Trinkgeld
sofort bezahlt. Als wir dies jetzt nach dem Frhstck taten, erkundigte sich der
Kellner, dem unser Interesse fr die Indianer nicht entgangen war:
    Wnschen Mrs. und Mr. Burton vielleicht den Tisch ganz neben den beiden
Gentlemen?
    Ja, antwortete das Herzle schnell.
    Fr alle Tafelzeiten?
    Fr stets!
    Well! Werde das besorgen!
    Als wir dann zum Mittagessen kamen, waren die Huptlinge schon da. Auch alle
andern Tische, auer dem von uns bestellten, waren schon besetzt. Unser Kellner
stand schon wartend da und teilte uns mit, da die Direktion uns bitte, fr
immer hier an diesem Platz zu sitzen. Wir befanden uns nun also so nahe bei den
zwei Indsmen, da wir, wenn sie sprachen, jedes ihrer Worte hrten. Sie hatten
ihre Bcher wieder mit und machten besonders in den Pausen zwischen den
einzelnen Gngen zahlreiche Notizen, oft aber auch gleich whrend des Essens,
indem sie Messer und Gabel einstweilen weglegten. Und man denke sich mein
Erstaunen, als ich hrte, da sie sich in der Sprache meines Winnetou
unterhielten und sich die Aufgabe gestellt hatten, das innige
Verwandtschaftsverhltnis aller athabaskischen Zungen, zu denen auch das
Apatsche gehrt, zu ergrnden und festzustellen! Fr Athabaska war das eine
Beschftigung mit den verschiedenen Abarten seiner Muttersprache, fr Algongka
aber nicht. Dieser schien vom kanadischen Stamme der Krih zu sein und machte im
Laufe der sehr regen Unterhaltung die fr mich hochinteressante Bemerkung, da
er mehrere groe Wrterverzeichnisse des Nahuatl, also der alten Aztekensprache,
besitze, die mit seiner Muttersprache verwandt sei. Das fr mich wichtigste
Ergebnis unserer allerdings nur zuhrenden Teilnahme an ihrem Gesprche aber war
eine nur so hingeworfene Beifgung, aus der ich entnahm, da auch sie nach dem
Dschebel Winnetou wollten und sich jetzt ausschlielich in der Mundart der
Apatschen unterhielten, um am Ziele ihrer Reise nicht ungebt zu sein oder gar
als unwissend zu erscheinen. Welche Sprachkenntnisse muten diese beiden Mnner
besitzen! Ja, sie waren Huptlinge, ganz gewi! Aber sie waren jedenfalls noch
mehr, noch viel mehr als das! Doch was? Mit dieser letzteren Frage brauchte ich
mich jetzt nicht zu beschftigen. Sie hatten ja dasselbe Reiseziel wie ich, und
ich war berzeugt, da ich sie dort gewi nher kennen lernen wrde, als es
jetzt hier am Niagara mglich war.
    Am Nachmittag fuhren wir nach Buffalo, um auf dem dortigen Forest Lawn
Cemetary3 das Grab und die Statue des berhmten Huptlings Sa-go-ye-wat-ha zu
besuchen und ihm einige Blumen mitzubringen. Ich habe eine ganz besondere
Zuneigung und Hochachtung grad fr diesen groen Mann, den man noch heutigentags
als den strong and peerless orator4 aller Seneca-Indianer bezeichnet. Dieser
Gottesacker ist schn, fast einzig schn. Ueberhaupt besitzt der Amerikaner in
Beziehung auf die Anlage von Friedhfen eine, beinahe mchte ich sagen,
Genialitt. Er berwindet auch knstlerisch den Tod, indem er keine Hgel
duldet, die doch weiter nichts als Ausrufezeichen der Verwesung seien. Er
verwandelt den Tod vielmehr in das Leben, indem er als Beerdigungssttte fr die
Verstorbenen gern ein auf- und absteigendes, also reich bewegtes Terrain
auswhlt, welches er als lichten, sonnenklaren, froh grnenden Park behandelt,
dessen nicht eng, sondern weitverteilten Denkmler in die Ferne hin den
Auferstehungsgedanken predigen. Und es herrscht auf diesen Friedhfen eine
geradezu rhrende Gleichbehandlung aller derer, die verstorben sind. Da ist der
Arme der Gast des Reichen der Ungelehrte ruht mit im Grabe des Gelehrten, und
der Niedrigstehende bekommt ganz unentgeltlich ein Ruhebett unter der
Marmorplatte hochgestellter Patrizier. Ein armer, unbekannter, namenloser Mensch
wird berfahren. Er ist tot. Ein Millionr kommt dazu. Er bleibt stehen. Er
fragt, ob man den Verunglckten kenne. Die Antwort lautet nein. So gehrt er
zu mir, sagt der Millionr, nimmt den Toten mit sich heim und gibt ihm einen
Platz in seinem Familiengrabe. Das tut der Yankee. Wer tut es noch?
    Es war ein schner, klarer, sonnenwarmer Tag. Als wir die Blumen an dem
Huptlingssteine niedergelegt hatten, setzten wir uns auf die unterste Kante des
Postamentes, auf welchem sein Standbild bis hoch in die Wipfel der umstehenden
Bume ragt. Wir sprachen von ihm, und zwar fast leise, wie man an den Grbern
Derer, die man besucht, zu sprechen pflegt, wenn man an die Auferstehung und an
ein anderes Leben glaubt. Darum wurden wir von Denen, die sich hinter uns dem
Denkmal nherten, nicht gehrt. Und ebenso wenig wurden sie von uns gehrt, weil
weiches Gras rundum den Boden deckte und das Gerusch ihrer Schritte in Nichts
verwandelte. Auch sehen konnten sie uns nicht eher, als bis sie um die Ecke des
Postamentes getreten waren, welches uns ihnen verbarg. Dann sahen sie uns, und
wir sahen sie. Und wer waren sie? Die beiden Indianerhuptlinge aus dem
Clifton-House! Auch sie hatten den berhmten Seneca-Redner besuchen wollen und
bemerkten nun, da wir von demselben Gedanken herbeigefhrt worden waren. Aber
sie taten gar nicht, als ob sie uns bemerkten. Sie schritten langsam weiter, an
den Steinen hin, die man an der Vorderseite des Denkmales fr ihn und die
einzelnen Glieder seiner Familie in die Erde gesenkt hat. Da lagen unsere Blumen
Als sie diese sahen, blieben sie stehen.
    Uff! sagte Athabaska. Hier hat Jemand in der Sprache der Liebe
gesprochen! Wer mag das gewesen sein?
    Ein Bleichgesicht jedenfalls nicht, antwortete Algongka.
    Er bckte sich nieder und hob einige der Blumen auf, um sie zu betrachten.
Athabaska tat dasselbe. Beide wechselten einen schnellen, berraschten Blick.
    Sie sind noch frisch, vor noch nicht einer Stunde abgeschnitten! meinte
Athabaska.
    Und vor noch nicht einer Viertelstunde hierhergelegt, stimmte Algongka
bei, indem er die Spuren unserer Fe, die im Grase noch deutlich zu sehen
waren, betrachtete. So sind es also doch Bleichgesichter gewesen!
    Ja, diese hier! Sprechen wir mit ihnen?
    Wie mein roter Bruder will. Ich berlasse es ihm.
    Die Huptlinge hatten ganz richtig vermutet. Wir hatten die Blumen nicht von
Niagara mitgebracht, sondern sie waren von hier, und zwar ganz frisch
geschnitten. Das Herzle hatte zwei davon zurckbehalten, fr sich eine und fr
mich eine. Die bisherigen, kurzen Stze der beiden Indianer waren im Apatsche
gesprochen worden. Jetzt legten sie die Blumen sehr zart und vorsichtig wieder
dahin, wo sie gelegen hatten, und Athabaska wendte sich in englischer Sprache an
uns:
    Wir glauben, da ihr die Spender dieser Blumen seid. Ist das richtig?
    Ja, antwortete ich, indem ich mich hflich von meinem Sitze erhob.
    Fr wen sollen sie sein?
    Fr Sa-go-ye-wat-ha.
    Warum?
    Weil wir ihn lieben.
    Wen man liebt, den soll man kennen!
    Wir kennen ihn. Und wir verstehen ihn.
    Verstehen? fragte Algongka, indem er seine Augen ein ganz, ganz klein
wenig verkleinerte, um seinen Zweifel anzudeuten. Habt ihr seine Stimme gehrt?
Er ist lngst tot! Es ist schon fast acht Jahrzehnte her, da er starb.
    Er ist nicht tot. Er ist nicht gestorben. Wir hrten seine Stimme sehr oft,
und wessen Ohren offen sind, der kann sie heut noch ebenso deutlich hren wie
damals, als er zur Gemeinschaft der Wlfe seines Stammes sprach. Sie hrten ihn
leider nicht!
    Was htten sie hren sollen?
    Nicht den oberflchlichen Klang seiner Worte, sondern ihren tiefen, vom
groen Manitou gegebenen Sinn.
    Uff! rief Athabaska aus. Welchen Sinn?
    Da kein Mensch, kein Volk und keine Rasse Kind und Knabe bleiben darf. Da
jede Savanne, jeder Berg und jedes Tal, jedes Land und jeder Erdteil von Gott
geschaffen wurde, um zivilisierte Menschen zu tragen, nicht aber solche, denen
es unmglich ist, ber das Alter, in dem man sich nur immer schlgt und prgelt,
hinauszukommen. Da der allmchtige und allgtige Lenker der Welt einen jeden
Einzelnen und einer jeden Nation sowohl Zeit als auch Gelegenheit gibt, aus
diesem Burschen- und Bubenalter herauszukommen. Und da endlich ein Jeder, der
dennoch stehen bleibt und nicht vorwrts will, das Recht, noch weiter zu
existieren, verliert. Der groe Manitou ist gtig, aber er ist auch gerecht. Er
wollte, da auch der Indianer gtig sei, besonders gegen seine eigenen roten
Brder. Als aber die Indsmen nicht aufhren wollten, sich untereinander zu
zerfleischen, sandte er ihnen das Bleichgesicht - - -
    Um uns noch schneller umbringen zu lassen! fiel mir Algongka in die Rede.
    Beide sahen mich in sichtlicher Spannung an, was ich auf diesen Vexierausruf
antworten werde.
    Nein, sondern um euch zu retten, entgegnete ich. Sa-go-ye-wat-ha hat das
begriffen, und er wnschte, da sein Volk, seine Rasse es ebenso begreife; aber
man wollte ihn nicht hren. Es wre zu dieser Rettung sogar heut noch Zeit, wenn
der Kind gebliebene Indianer sich aufraffte, Mann zu werden.
    Also Krieger? fragte Algongka.
    O nein! Denn selbst bei der Rasse ist grad das Krieger- und Indianerspielen
der sicherste Beweis, da sie kindisch geblieben ist und von hherstrebenden
Menschen ersetzt werden mu. Mann werden, heit nicht, Krieger werden, sondern
Person werden. Das hat der groe Huptling der Seneca, an dessen Grabe wir hier
stehen, tausendmal gesagt. Lat es nicht meine, sondern seine Stimme sein, die
es euch jetzt abermals sagt. Tut ihr das, so ist er auch fr euch nicht
gestorben, sondern er lebt und wird in euch weiterleben!
    Ich grte mit dem Hute, um mich zu entfernen. Da ergriff zu meiner
Verwunderung auch das Herzle das Wort. Sie sagte:
    Und nehmt diese beiden Blumen! Sie sind nicht von mir, sondern von ihm! Die
Blumen der Einsicht, der Gte und der Liebe, die er einst zu seinem Volke
sprach, sind nur uerlich verwelkt, ihr Duft aber ist geblieben. Seht, wie der
Sonnenstrahl sich langsam, leise nhert, um die Namen, die da in Stein gegraben
sind, zu beleuchten und zu erwrmen! Und hrt ihr das Flstern der Bltter, aus
denen der Schatten flieht? Auch dieses Grab ist nicht tot. Wir gehen.
    Sie gab Jedem eine der beiden Blumen.
    Geht nicht, sondern bleibt! bat Athabaska.
    Ja, bleibt noch hier! schlo Algongka sich ihm an. Wenn ihr ihn liebt, so
gehrt ihr hierher!
    Jetzt nicht, antwortete ich. Ich bin sein Freund; ihr aber seid seine
Brder. Dieser Platz gehre euch. Wir haben Zeit.
    Wir gingen. Als wir uns, ohne uns einmal umzudrehen, weit genug entfernt
hatten, um nicht mehr gesehen zu werden, fragte das Herzle:
    Du, haben wir keinen Fehler gemacht?
    Nein, antwortete ich.
    Vielleicht aber doch!
    Welchen wohl?
    Du hast ihnen gleich sofort eine lange Rede gehalten. Und ich habe sie, die
uns doch vollstndig Fremden, sogar mit Blumen beschenkt. Ist das wohl
ladylike?
    Wahrscheinlich nicht. Aber grme dich ja nicht darber! Es gibt
Augenblicke, in denen derartige Fehler das Beste sind, was man tut. Und ich bin
sehr berzeugt, jetzt war so ein Augenblick. Freilich andern Leuten htte ich
ganz gewi keine Rede gehalten; aber ich glaube, die Indianer zu kennen, und
auerdem bercksichtigte ich die vorliegenden Verhltnisse, die mir nicht nur
erlaubten, sondern es mir sogar zur Pflicht machten, mehr zu sagen, als ich in
jedem andern Falle wahrscheinlich gesagt htte. Uebrigens zeigt uns ja der
Erfolg, wie richtig das war, was wir taten. Sie luden uns ein, zu bleiben!
Bedenke gar wohl! An diesem Grabe zu bleiben! Bei ihnen, den Huptlingen! Das
ist eine Auszeichnung, und zwar eine sehr groe! Wir haben uns nach ihren
Begriffen also sehr gut benommen. Einen Fehler gemacht? Gewi nicht!
    Da ich da Recht hatte, zeigte sich gleich bei unserer Heimkehr, die erst
gegen Abend erfolgte, weil wir nicht per Bahn, sondern per Boot zurck nach
Niagara gefahren waren. Kaum hatte der Kellner gehrt, da wir wieder da seien,
so stellte er sich bei uns ein und begrte uns mit einer womglich noch
tieferen Verbeugung als bisher.
    Verzeihung, da ich sogleich stre! sagte er. Es ist etwas Groes, etwas
ganz Ungewhnliches, was ich zu melden habe!
    Nun, was? fragte ich.
    Mr. Athabaska und Mr. Algongka speisen heut abend nicht unten, sondern oben
bei sich selbst!
    Er sah uns hierauf an, als ob er uns etwas ganz Welterschtterndes
mitgeteilt oder noch mitzuteilen habe.
    So? machte ich. Ist das vielleicht Etwas, was uns interessiert?
    Das meine ich gar wohl! Ich bin nmlich mit dem Auftrage beehrt worden,
Mrs. und Mr. Burton hierzu einzuladen!
    Das war allerdings etwas ganz Unerwartetes. Ganz selbstverstndlich aber tat
ich so, als ob es uns nicht einfallen knne, hierber auch nur im Geringsten zu
erstaunen, und erkundigte mich in gleichgltigem Tone:
    Fr welche Zeit?
    Neun Uhr. Die beiden Gentlemen werden sich erlauben, die Herrschaften
persnlich abzuholen. Ich aber habe mglichst bald zu melden, ob die Einladung
angenommen wird oder nicht.
    Hierber hat Mrs. Burton zu entscheiden, nicht ich.
    Als er seinen fragenden Blick infolgedessen auf meine Frau richtete, gab
diese den Bescheid:
    Wir nehmen die Einladung an und werden pnktlich sein.
    Danke! Werde es sofort melden. Die Gentlemen lassen in Beziehung auf die
Toilette bitten, als Freunde betrachtet zu werden, die nicht auf den Anzug
schauen.
    Diese letztere Bemerkung war uns lieb, und zwar nicht um unsertwillen,
sondern weil wir wnschten, da die Huptlinge nicht etwa wegen uns eine
Unbequemlichkeit auf sich nehmen mchten, die uns ebenso wie ihnen als unntig
erscheinen wrde. Sie stellten sich Punkt neun Uhr bei uns ein, um uns
abzuholen. Das war ein Schritt von ihnen, der deutlicher sprach, als Worte
htten sprechen knnen. Sie waren ber den Korridor des Innenhauses zu uns
gekommen, baten uns aber, den Weg zu ihnen ber die Plattform zu nehmen, auf
welcher sich ihre Wohnung ebenso ffnete wie die unsere. Als wir demzufolge
durch die schon beschriebene Glas- und Jalousietr hinaus auf den Altan traten,
schien der Mond noch klarer als gestern abend. Die beiden Flle lagen wie ein
Mrchenwunder vor unsern Augen, und ihr Brausen drang wie die Stimme eines
ewigen Gesetzes zu uns herber, dem ein Jeder verfallen ist, der es nicht
beachtet. Da zgerten die beiden Huptlinge, weiter zu gehen. Sie blieben
stehen, und Athabaska sagte:
    Nicht nur die Weien, sondern auch die Roten wissen jetzt, da Alles, was
die gegenwrtige Welt uns bietet, weiter nichts als nur ein Gleichnis ist. Eines
der grten und gewaltigsten Gleichnisse, die Manitou uns predigt, liegt hier
vor unsern Augen. Betrachten wir es!
    Er trat mit Algongka bis an den Rand der Plattform vor. Ich folgte ihnen mit
dem Herzle, die ihren Arm in den meinen gelegt hatte und mir durch einen leisen
Druck ein Zeichen gab, welches ich sehr wohl verstand. Wir haben fast immer
einen und denselben Gedanken miteinander. Auch jetzt fhlte sie ebenso wie ich
den Grund, weshalb der Huptling grad diese Worte sprach und keine andern. Er
beabsichtigte, uns zu examinieren, wenn auch nur durch eine einzige Frage. Der
Erfolg dieses Examens sollte entscheiden, wie wir zu behandeln seien, ob als
gewhnliche, ganz alltgliche Menschen oder nicht. Denn das, was ich am Grabe
des groen Seneca-Redners gesagt hatte, konnte ich irgendwo gelesen oder
sonstwie aufgeschnappt und mir gemerkt haben, um es bei passender Gelegenheit
mit Vorteil an den Mann zu bringen. Das war es, was meine Frau mir durch den
Druck ihres Armes sagen wollte, und dadurch, da ich dieses ihr Zeichen durch
einen ebenso leisen Druck erwiderte, teilte ich ihr mit, da ich sie verstanden
habe und auf das Examen vorbereitet sei.
    Wir standen wohl einige Minuten lang still an der Balustrade. Da hob
Algongka seinen Arm, ber den Abgrund hinber nach den strzenden Fluten
zeigend, und sagte:
    Das ist ein Bild des roten Mannes. Ob wohl ein Weier das begreift?
    Warum sollte er es nicht begreifen? fragte ich.
    Weil es nicht sein eigenes, sondern ein fremdes Schicksal betrifft.
    Glaubt Ihr, da wir Weien nur eigene, nicht aber fremde Dinge begreifen?
    Nun, knnt vielleicht Ihr mir dieses Rtsel lsen?
    Rtsel lsen? Ihr habt nicht von einem Rtsel, sondern von einem
Gleichnisse gesprochen. Gleichnisse aber werden nicht gelst, sondern gedeutet.
    Nun, so deutet es, bitte!
    Gern! Wir sehen hier die strzende, die zerschellende und zerstubende
Flut. Aber den See, den groen See, aus dem sie kommt, den sehen wir nicht. Und
auch der See, in den sie sich ergiet, ist uns unsichtbar. Beide sind unserm
Auge verborgen.
    Wohl! Das ist das Gleichnis, nickte Athabaska ernst. Aber die Deutung?
    Die Gegenwart sieht nur den schweren, tiefen, erschtternden Fall der roten
Rasse. Sein Brausen ist die Summe der Todesschreie aller Derer, die da
untergegangen sind und noch untergehen werden. Wo haben wir das groe, das
mchtige, das herrliche Volk zu suchen, dessen Kinder diese Zerschmetterten und
noch zu Zerschmetternden sind? In welchem Lande gab es dieses Volk? Und in
welcher Zeit? Wir wissen es nicht, und wir sehen es nicht! Wir sehen nur, wie
der eine, strzende Strom da unten in der Tiefe in hundert und aberhundert
Vlker, Stmme, Herden, Rotten und Banden zerfllt, deren einer oder eine oft
kaum mehr als hundert Personen zhlt. So wirbelt und treibt der Fall sie weiter
und weiter, bis sie verschwunden sind! Und wir hren nur die unzhligen kleiner
und immer kleiner werdenden Zungen, Sprachen, Idiome, Mundarten und Dialekte, in
welche der strzende Strom in dem Wirbel des Abgrundes zermalmt, zersplittert,
zermahlen, zerknirscht, zerpulvert und zerrieben wird, so da der
Sprachforscher, der sich khn in diesen Strudel wirft, in die Gefahr kommt, ganz
ebenso zugrunde zu gehen wie Die, nach denen er sucht! Und wo ist das noch
grere, das noch mchtigere, das noch herrlichere Volk zu finden, dem die
zersprengten, zerrissenen und zerstubten Fluten dieses sprachlichen und
ethnographischen Niagara zuzustrmen haben, um sich wieder zu einem Ganzen zu
vereinigen und wieder zur Ruhe und gesegneten Gesetzlichkeit, zum Beginn einer
neuen, besseren Entwicklung zu kommen? In welchem Lande wird es dieses Volk
geben? Und in welcher Zeit? Wir wissen es nicht, und wir sehen es nicht. Wir
knnen von dem hier niederstrzenden Flusse, der uns als Gleichnis dient, nur
sagen, da er aus dem Eriesee in den Ontariosee sich ergiet. Genau ebenso
wissen wir von der hier zerstubenden roten Rasse nur, da sie aus der Zeit und
aus dem Lande des Gewaltmenschen stammt und der Zeit und dem Lande des
Edelmenschen entgegenfliet, um dort in neuen Ufern neue Vereinigung zu finden.
Dies, Gentlemen, ist das Gleichnis, und dies ist seine Anwendung!
    Sie waren still. Wir standen noch einige Zeit, bis wir den Kellner unter der
offenstehenden Tr ihrer Wohnung erscheinen sahen. Da nahm Athabaska den Arm des
Herzle in den seinen und schritt mit ihr dieser Tr zu, ohne ein Wort zu sagen.
Ich folgte ihm mit Algongka, der sich ebenso schweigsam verhielt.
    Die beiden Huptlinge bewohnten, ganz ebenso wie wir, mehrere Rume. In dem
grten von ihnen war serviert. Ich mu zu ihrem Lobe sagen, da keine Spur von
dem Bestreben, zu prahlen oder uns zu imponieren, vorhanden war. Es gab nichts
Anderes als nur dieselben Gerichte, die wir im Speisesaale vorgesetzt bekommen
htten. Vor unsern Gedecken stand Wein, vor den ihren aber Wasser. Das Herzle
erklrte aufrichtig, da wir daheim viel lieber Wasser als Wein beim Essen
trnken; da bekam der Kellner einen Wink, die Flaschen zu entfernen. Aber jeder
von ihnen hatte in einer kleinen, mit Wasser gefllten Vase die ihm von meiner
Frau geschenkte Blume vor sich stehen, wofr sowohl ihr als auch mir je eine
einzige, aber ausgesucht schne Rose beschieden war. Hierber wurde kein Wort
verloren!
    Gesprochen wurde nur in den Pausen, whrend des Essens nicht. Sie sagten
kein Wort ber sich und fragten mit keinem Worte nach uns und unsern
Verhltnissen. Es gab nur einen einzigen Gegenstand, mit dem unsere Fragen und
Antworten sich beschftigten, nmlich die Vergangenheit und die Zukunft der
Indianer, also das Schicksal der roten Rasse. Und da mu ich der Wahrheit die
Ehre geben, indem ich gestehe, viel, sehr viel von diesen beiden Mnnern gelernt
zu haben, trotz ihrer Einsilbigkeit und trotz der Krze der Zeit, die wir bei
ihnen verweilten. Denn aus ihrem Munde kam kein einziges Wort, welches nicht
seinen besonderen Wert besa. Oft hatte ein einziger Satz den Wert einer ganzen,
vollen Lebenserfahrung. Diese beiden Huptlinge glichen Giganten, welche groe,
vielzentnerschwere Gedanken aus den Felsenbergen brechen und hinab in die Ebene
rollen lassen, damit die dortigen kleinen Menschen daran Arbeit fr ihre
feineren Werkzeuge finden. Es war ein sehr schner, wenn auch sehr ernster
Abend, der unser Denken, Fhlen, Wissen und Wollen bereicherte und gewi,
solange wir leben, uns im Gedchtnis bleiben wird.
    Es war grad Mitternacht, als wir uns trennten. Wir hatten nicht etwa die
ganze Zeit bis dahin im Zimmer gesessen, sondern uns einen Tisch mit Sthlen auf
die Plattform stellen lassen. Da saen wir nach dem Essen, um dem vor unserm
Auge niederstrzenden Niagara einen seiner Gedanken nach dem andern zu
entringen. Erst im letzten Augenblick, als wir uns verabschieden wollten,
erfuhren wir, da Athabaska und Algongka schon morgen abreisen wrden und uns
also ihren letzten Abend geschenkt hatten. Daran war das Herzle mit ihren Blumen
schuld!
    Keiner von Beiden ahnte, da wir Deutsche seien, noch weniger aber, da wir
dasselbe Reiseziel hatten wie sie. Sie fragten nicht nach unserer Adresse; sie
schwiegen darber, ob sie ein Wiedersehen wnschten oder nicht. Aber als ich
ihnen meine Hnde reichte, wurden diese von ihnen lnger festgehalten, als
eigentlich gebruchlich ist. Dann trat Athabaska so nahe an meine Frau heran,
wie mglich war, ohne ihre Gestalt zu berhren, legte beide Hnde an ihren Kopf,
zog ihn noch nher an sich und drckte seine Lippen auf ihr Haar.
    Athabaska segnet Euch! sagte er.
    Algongka folgte diesem Bespiele und sprach dabei dieselben Worte, die aus
dem Herzen kamen. Das hrte man den beiden Mnnern an, und das ersah man auch
aus der Schnelligkeit, mit der sie dann in ihrer Wohnung verschwanden.
    Diese Wohnung lag so ziemlich in der Mitte der Zimmerreihe, die unsere aber,
deren Tr wir offen gelassen hatten, am Ende derselben. Wir muten also, um nach
der letzteren zu kommen, an dem neben uns liegenden Raum der Gebrder Enters
vorber. Als wir uns diesem nherten, sahen wir, da er erleuchtet war. Zwar
stand die Tr nicht offen wie die unsere, aber die Klappen der Jalousie waren
geffnet, und es drang nicht nur das Licht heraus, sondern auch der laute Klang
zweier Stimmen, die grad in diesem Augenblick sich in Erregung zu befinden
schienen. Die Brder waren schon heut zurckgekehrt. Sie schritten, sich
zankend, in ihrer Stube auf und ab. Wir gingen selbstverstndlich nicht vorber,
sondern wir blieben an ihrer Tr stehen und hrten, da Hariman soeben sprach:
    - - also wiederhole ich: Schrei nicht so! Wir wohnen bekanntlich nicht
allein in diesem Hotel!
    Der Teufel hole es, dieses Clifton-House! Kein Mensch hlt uns fr voll!
Uebrigens bezahlen wir dieses Zimmer, und ich kann also hier schreien, so laut
es mir beliebt! Der Alte kann es nicht mehr hren; er ist fort. Sein Name ist
ausgestrichen. May aber steht noch immer nicht da. Das pat mir schlecht! Wie
lange soll man da warten! Jetzt, wo wir heut wieder hrten, wie sehr es mit der
Devils pulpit5 eilt! Kommen wir auch nur einen halben Tag zu spt, so verlieren
wir Summen, deren Hhe sich jetzt gar nicht bestimmen lt!
    Der so sprach, war Sebulon. Hariman antwortete:
    Das befrchte ich allerdings auch. Aber knnen wir fortgehen, ohne die
Ankunft dieses fr uns hochwichtigen deutschen Ehepaares abgewartet zu haben?
    Warum nicht? Wenigstens Einer von uns Beiden kann fort, um Kiktahan Schonka
6 festzuhalten, bis der Andere ihm folgt! Aber das ist es doch gar nicht, was
mich so erregt, sondern mich rgert deine sogenannte Ehrlichkeit, die mir in
unsern Verhltnissen so wahnsinnig vorkommt, da es mir geradezu unmglich ist,
sie zu begreifen! Ja, wir wollen und mssen den Nugget-tsil und das Dunkle oder
meinetwegen auch Finstere Wasser kennen lernen, und dieser Deutsche ist der
Einzige, der imstande ist, uns diese Orte zu zeigen. Aber das ist noch lange
kein Grund, ihm so, wie du willst, mit ganz besonderer Liebe zugetan zu sein!
    Wer hat hiervon gesprochen? Ich nicht! Ich habe nur Ehrlichkeit verlangt,
keine besondere Liebe!
    Pshaw! Ehrlichkeit gegen den Mrder unsers Vaters!
    
    Das ist er nicht! Vater war selbst daran schuld, da er in dieser Weise
zugrunde ging! Und er holt uns nach, uns alle, uns alle! Nur wir Beiden sind
noch brig. Und wenn wir nicht ehrlich sind, geht es mit uns in doppelter Eile
zu Ende! Ich hoffe und hoffe noch immer auf Rettung! Die aber ist nur dann
mglich, wenn das Geschehene Verzeihung findet. Und auch hier ist der Deutsche
der Einzige, der sie gewhren kann; die Andern sind ja tot! Siehst du das nicht
ein?
    Sebulon antwortete nicht gleich. Es wurde fr kurze Zeit still. Wir hrten
ein Ruspern, welches aber schon mehr wie Schluchzen klang. Von wem kam das? Von
Hariman? Von Sebulon? Dann sagte der Letztere, aber mehr klagend als erregt:
    Es ist frchterlich, geradezu frchterlich, wie das innerlich schreit und
lockt, wie es treibt und schiebt, wie es drngt und drngt, immer weiter, immer
weiter! Ich wollte, ich wre schon tot!
    Ich auch, ich auch!
    Wieder trat eine Pause ein, nach welcher wir Sebulon sagen hrten:
    Es rechnet in mir, es rechnet. Unaufhrlich! Bei Tag und bei Nacht! Wenn
wir den Schatz, der mit dem Vater in das Wasser ging, doch heben knnten! Und
wieviel wrde Kiktahan Schonka zahlen, wenn wir ihm den Deutschen an das Messer
lieferten! Wie viele, viele Beutel voller Nuggets, vielleicht eine ganze
Bonanza, ein ganzes Placer!
    Um Gotteswillen! rief Hariman erschrocken aus. Diesen Gedanken la ja
fallen!
    Kann ich? Der Gedanke kann wohl mich fallen lassen, aber nicht ich ihn! Er
kommt; er kommt! Und wenn er kommt, ist er da, viel strker und viel mchtiger
als ich mit dem bichen Kraft, das ich noch besitze! Und jetzt - - jetzt
berkommt mich ganz pltzlich eine Angst, eine Angst! Was das nur ist? Steht
vielleicht Jemand da drauen vor der Tr, um uns zu belauschen - - -?!
    Da nahm ich meine Frau am Arme und zog sie schleunigst in mein Zimmer,
welches gleich daneben lag, hinein. Wir nahmen uns gar nicht Zeit, die
offenstehende Tr zuzumachen, sondern wir huschten durch den ganzen Raum
hindurch bis in das Kabinett, wo wir stehen blieben und lauschten. Wie gut war
es, da wir die Tr offengelassen hatten! Die Brder kamen heraus. Sie standen
an unserer Tr.
    Es ist Niemand da, sagte Hariman. Du hast dich getuscht.
    Wahrscheinlich, antwortete Sebulon. Es war auch nur in mir. Gehrt habe
ich nichts, gar nichts. Aber diese Thr! War sie nicht schon offen, als wir
kamen?
    Ja. Der Alte ist fort, und man hat sie offengelassen, um zu lften.
    Ich gehe doch einmal hinein!
    Unsinn! Wre ein Horcher da drin, so htte er die Tr hinter sich
zugemacht; das ist doch gewi!
    Wenigstens wahrscheinlich.
    Er kam aber doch herein, ging einige Schritte vorwrts und stie dabei an
einen Stuhl.
    Mach keinen Lrm! warnte Hariman.
    Da wendete sich der Andere zurck und ging hinaus. Sein Bruder schob die
beiden Flgel der Jalousietr heran, da sie nun zu war, und dann verschwanden
sie wieder in ihrer Stube. Wir aber gingen in das Zimmer meiner Frau, wo wir,
weil es nach der andern Seite lag, Licht machen konnten, ohne da die Enters es
bemerkten.
    Das Herzle war sehr erregt.
    Dich an das Messer liefern! sagte sie. Denke dir! Wer ist dieser Kiktahan
Schonka, von dem sie sprachen?
    Wahrscheinlich ein Siouxhuptling. Ich kenne ihn nicht, habe nie von ihm
gehrt. Du bist besorgt, liebes Kind? Hast keine Veranlassung dazu, gar keine!
    So? Man will dich an das Messer liefern! Dich also abschlachten! Das nennst
du keine Veranlassung?
    Da ich es wei, wird es nicht geschehen. Auch ist es noch gar nicht etwa
eine beschlossene Sache, sondern nur erst ein Gedanke, mit dem der arme Teufel
kmpft. Und drittens: Selbst wenn es Ernst wre, wrde man doch sicher nicht
eher Etwas gegen mich unternehmen, als bis man sich an dem See befindet, in
welchem Sander damals ertrunken ist. Bis dahin bin ich meines Lebens vollstndig
sicher. Es ist das Alles gar nicht so schlimm, wie es klingt.
    Auch das mit der Teufelskanzel? Schreckliches Wort!
    Schrecklich finde ich es nicht, sondern hchstens romantisch.
Teufelskanzeln gibt es in diesem Lande ebensoviele, wie es drben bei uns in
Deutschland Orte mit dem Namen Breitenbach, Ebersbach oder Langenberg gibt. Wo
die Devils pulpit liegt, welche hier gemeint war, werde ich morgen frh im
Prospect-House erfahren.
    Was ist das fr ein Haus?
    Ein Hotel, in dem ich heute Nacht schlafe.
    Schlafen? Du? fragte sie berrascht.
    Ja! Schlafen! Ich! nickte ich.
    In einem andern Hotel?
    In einem andern Hotel!
    Ich erstaune!
    Ich aber nicht! Und in einer guten, glcklichen Ehe kommt es bekanntlich
nur darauf an, ob der Mann erstaunt ist oder nicht! Ich glaube kaum, da ich dir
alle mglichen Grnde erst vorzulegen und mhsam zu erklren habe. Ich gehe
jetzt nach dem Prospect-House, esse Etwas, lasse mir ein Zimmer geben und
schicke zwei oder drei Zeilen hierher an Mr. Hariman F. Enters, um ihm zu sagen,
da ich in Niagara-Falls angekommen bin und im Fremdenbuch des Clifton-House
gelesen habe, da er da wohne. Hierauf sei ich aus guten Grnden nach dem
Prospect-House gegangen, wo ich morgen frh von acht bis zehn Uhr fr ihn und
seinen Bruder zu sprechen bin, spter aber nicht, weil ich mich dann mit meiner
Frau zu beschftigen habe, die noch nicht mit angekommen ist. Bist du
einverstanden?
    Hm, das mu ich wohl sein! lchelte sie. Die Grnde brauchst du mir
natrlich nicht einzeln aufzuzhlen. Meine Erlaubnis zum Umzug sei dir hiermit
erteilt. Aber geht das denn? So spt in der Nacht?
    Hier geht Alles!
    Auch ohne Koffer? Soll ich dir nicht wenigstens ein Paket machen? Du wirst
ungeheuer rmlich aussehen, wenn du so ohne Alles und mit vollstndig leeren
Hnden im Hotel erscheinst!
    Das wird nur imponieren, weiter nichts! Ich habe nur noch die Bitte, die
eigentlich berflssig ist, an dich: La dich ja nicht etwa sehen!
    Allerdings sehr berflssig! gab sie zu. Darf ich dich ein Stck
begleiten? Vielleicht nur bis hinunter vor die Tr?
    Danke! Du hast unsichtbar zu bleiben! Wir trennen uns hier oben!
    Unten im Parlour war man noch wach; aber Niemand achtete auf mich. Ich ging
hinaus, spazierte ber die Brcke nach der andern Seite des Ortes, wo ich eine
Viertelstunde spter im Prospect-House ein Zimmer besa, ein Billett an Mr.
Hariman F. Enters schickte, zu Abend speiste und mich dann, mit meinem Tagewerk
zufrieden, zur Ruhe niederlegte. Ich hatte mich natrlich auch hier als Mr.
Burton eingetragen.
    Als ich am andern Morgen halb acht in den Saloon trat, um Kaffee zu trinken,
saen die beiden Enters schon da. Hariman beeilte sich, mir Sebulon
vorzustellen, und teilte mir mit, da sie zunchst sehr erfreut gewesen seien,
zu hren, da ich angekommen sei, dann aber hier ganz enttuscht, weil kein
Mensch im Hotel von einer Mrs. May und einem Mr. May Etwas gewut habe.
    Ich reise pseudonym, unter dem Namen Burton.
    Well! nickte Hariman. Der Leser wegen, die Euch nicht in Ruhe lassen
wrden, Sir, wenn sie Eure Anwesenheit erfhren.
    Allerdings.
    Und Mrs. Burton? Man sieht sie nicht.
    Sie ist noch nicht mit hier. Ihr werdet sie spter sehen. Vielleicht morgen
oder bermorgen. Ich war natrlich zuerst im Clifton-House. Da aber standen eure
Namen im Buche. Darum wendete ich mich hierher. Ich hoffe, das ist euch recht?
    Gewi, gewi! Was aber Mrs. Burton betrifft, die wir sehr gern gleich heut
begrt htten, so mssen wir, wenn sie noch nicht da ist, leider darauf
verzichten, ihr morgen oder bermorgen zu begegnen. Wir reisen nmlich heut
schon ab.
    So? Dann ist es ja genau so, wie ich Euch vorausgesagt habe: Auch die
jetzige Unterredung hat keinen Erfolg.
    Das kann man nicht behaupten. Wir hoffen ganz im Gegenteil, mit Euch zum
Abschlu zu kommen, Mr. Burton.
    Welcher Umstand ist es, der euch diese Hoffnung gibt?
    Eure Klugheit, Eure Einsicht. Aber sprechen wir spter hiervon! Ich sehe,
hier ist nicht der Ort dazu.
    Da hatte er allerdings Recht. Der Saloon war voller Kaffee-, Tee- und
Kakaotrinker, und man hatte sich also zu hten, etwas Diskretes zu besprechen.
Ich beeilte mich darum, mein Frhstck zu beenden, und dann machten wir einen
kurzen Spaziergang lngs des Stromes, um uns auf einer der am Ufer stehenden
Bnke niederzulassen. Da konnten wir alles Mgliche besprechen, ohne da uns
irgend Jemand hrte. Hariman war noch so, wie ich ihn im ersten Kapitel
beschrieben habe. Sebulon besa dieselben traurigen Augen, schien aber ein
mehr verbissener und dabei unzuverlssiger Charakter zu sein. Was mich selbst
betrifft, so war ich entschlossen, nicht viel, wie man sich auszudrcken pflegt,
Federlesens mit ihnen beiden zu machen, sondern mich so kurz wie mglich zu
fassen. Als wir uns niedergesetzt hatten, begann Hariman sofort:
    Ich habe Euch gesagt, da wir auf Eure Einsicht und auf Eure Klugheit
rechnen, Sir. Drfen wir mit dem Geschftlichen beginnen?
    Ja, antwortete ich. Doch mu ich mich bei euch erkundigen, mit wem ihr
berhaupt zu sprechen habt, mit dem Westmann oder mit dem Schriftsteller?
    Mit dem Ersteren vielleicht spter, zunchst aber nur mit dem Letzteren.
    Well! Sie stehen euch beide zur Verfgung; jeder fr sich aber hchstens
nur eine Viertelstunde. Meine Zeit ist mir nmlich nur sehr sparsam zugemessen.
    Ich zog meine Uhr, zeigte ihnen das Zifferblatt und fgte hinzu:
    Es ist, wie ihr seht, jetzt genau acht Uhr. Ihr knnt also bis Viertel auf
neun mit dem Schriftsteller und bis halb neun mit dem Westmann reden; dann ist
unsere Zusammenkunft zu Ende.
    Aber, warf Sebulon ein, Ihr habt uns doch geschrieben, da Ihr zwei volle
Stunden fr uns haben werdet!
    Allerdings! Ich hatte da anderthalb Stunden fr den Freund gerechnet. Da
ihr aber nur mit dem Schriftsteller und nur vielleicht auch mit dem Westmann
reden wollt, aus den Freund aber gar nicht reflektiert, so bleibt es eben bei
der halben Stunde.
    Wir hoffen aber, da wir Freunde werden. In diesem Falle drfen wir auf
zwei Stunden rechnen?
    Sogar auf noch mehr. Also, beginnen wir! Von der ersten Viertelstunde sind
bereits drei Minuten vorber - - -
    Ihr habt eine eigentmliche Art, Geschfte zu besprechen! rief Sebulon
rgerlich.
    Nur dann, wenn ich schon abgelehnt habe und dennoch gezwungen werde, von
Neuem Zeit fr die erledigte Angelegenheit zu opfern. Also - - bitte - -!
    Da nahm Hariman das Wort:
    Es handelt sich also um Eure drei Bnde Winnetou, die wir Euch abkaufen
wollen - - -
    Um sie drucken zu lassen? fiel ich ihm in die Rede.
    Kauft man etwa Bcher, um - - -
    Bitte, keine Verstecke! Kurze Antwort! Ja oder nein! Wollt ihr sie
bersetzen und drucken lassen?
    Sie schauten einander verlegen an. Keiner antwortete. Da fuhr ich fort:
    Da ihr schweigt, will ich an eurer Stelle antworten: Ihr wollt sie nicht
drucken, sondern verschwinden lassen, und zwar aus Rcksicht auf euern
eigentlichen Namen und auf euern toten Vater.
    Da sprangen Beide zu gleicher Zeit von der Bank auf und warfen mir
Ausrufungen und Fragen zu, denen ich mit einer energischen Armbewegung ein Ende
machte, indem ich rief:
    Still, still! Ich bitte, zu schweigen! Den Schriftsteller knntet ihr
vielleicht tuschen, den Westmann aber nicht. Euer Name ist Sander. Ihr seid die
Shne jenes Sander, der mich leider zwang, von ihm so viel nicht Angenehmes zu
erzhlen. Ich hoffe, da ich von euch Besseres berichten kann als von ihm!
    Sie standen zunchst unbeweglich, wie Bildsulen aus Holz. Dann setzten sie
sich wieder nieder, Einer nach dem Andern, als ob ihnen die Kraft fehle, stehen
zu bleiben. Sie sahen vor sich nieder und sagten nichts.
    Nun? fragte ich.
    Da wendete sich Hariman an Sebulon:
    Ich sagte es dir voraus; du aber glaubtest es nicht. Ihm darf man nicht in
dieser Weise kommen! Soll ich reden?
    Sebulon nickte. Da drehte Hariman sich wieder mir zu und fragte:
    Seid Ihr bereit, uns die Erzhlungen zu verkaufen, um sie verschwinden zu
lassen?
    Nein.
    Um keinen Preis?
    Um keinen, sei er auch noch so hoch! Aber nicht etwa aus Rachsucht oder
Halsstarrigkeit, sondern weil ein solcher Kauf Euch berhaupt nichts ntzen
wrde. Was ich geschrieben habe, kann nicht wieder verschwinden. Es sind viele
tausend deutsche Exemplare des Winnetou hier in den Vereinigten Staaten
verbreitet, und nach den hiesigen Gesetzen bin ich als Verfasser ungeschtzt.
Jedermann hat das Recht, zu bersetzen oder nachzudrucken, so viel ihm nur
beliebt. Das wei jeder Buchhndler, und Ihr habt mir durch Eure Offerte also
schon drben, als Ihr bei mir waret, bewiesen, da Ihr keiner seid. Ich knnte
Euer Geld einstecken und hinter Euch lachen. Wollt Ihr das?
    Hrst du es? fragte Hariman seinen Bruder. Er ist ehrlich!
    Da stand Sebulon von seinem Platze wieder auf und stellte sich gerade vor
mich hin. Seine Augen brannten, und seine Lippen bebten.
    Mr. Burton, sagte er, zeigt mir Eure Uhr!
    Ich erfllte ihm diesen Wunsch.
    Nur noch zwei Minuten; dann ist die Viertelstunde zu Ende! nickte er. Ihr
seht, ich gehe auf die Zeitportionen, die Ihr uns zuteilt, ein. Ich mache es
genau so kurz, wie Ihr es wollt. Die Folgen aber kommen dann nicht ber uns,
sondern ber Euch und Euer Gewissen! Ja, wir heien Sander, und unser Vater war
der, den Ihr kennt. Verkauft Ihr uns den Winnetou?
    Nein!
    Fertig mit dem Schriftsteller! Die Zeit ist vorber, genau bis auf die
Sekunde. Nun fnfzehn weitere Minuten fr den Westmann! Ich frage Euch: Was
haben wir Euch dafr zu zahlen, da Ihr uns Beide nach dem Nugget-tsil und nach
dem Dunkeln Wasser fhrt?
    Ich tue das berhaupt nicht; ich bin kein Fremdenfhrer.
    Aber wenn man es gut, sehr gut bezahlt?
    Auch dann nicht. Ich brauche kein Geld. Ich tue niemals Etwas fr Geld.
    Auch fr die hchsten Summen nicht?
    Nein!
    Da fragte Sebulon seinen Bruder:
    Soll ich? Darf ich?
    Nun nickte dieser, und Sebulon fuhr, zu mir gewendet, fort:
    Ihr werdet es dennoch tun, wenn auch nicht fr Geld; darauf knnt Ihr Euch
verlassen! Kennt Ihr die Sioux?
    Ja.
    Und die Apatschen?
    Welche Frage! Wenn Ihr meinen Winnetou wirklich gelesen habt, so wit Ihr
ebensogut wie ich, wie berflssig sie ist!
    So hrt, was ich Euch sage! Fr die Wahrheit dieser meiner Worte legen wir
Beide unsere Hnde in das Feuer. Nmlich die Huptlinge der Sioux sind von den
Huptlingen der Apatschen eingeladen. Weshalb und wozu, das wei ich nicht; ich
habe nur so viel gehrt, es solle Friede sein zwischen ihnen. Nur Huptlinge
sollen erscheinen, Niemand weiter. Die Sioux aber haben beschlossen, diese
Gelegenheit zu benutzen, sich mit smtlichen Gegnern der Apatschen zu
vereinigen, um die Letzteren zu vernichten. Glaubt Ihr das?
    Man mu es prfen, antwortete ich kalt.
    So fahre ich fort: Es ist ein Ort bestimmt, an welchem sich die Feinde der
Apatschen zusammenfinden, um den Kriegs- und Vernichtungsplan zu besprechen. Ich
kenne diesen Ort.
    Wirklich?
    Ja.
    Woher? Von wem?
    Das ist Geschftssache; Euch aber will ich es sagen, weil ich annehme, da
Ihr mir dann dankbar seid. Ich kenne die Sioux, und sie kennen mich. Unser Beruf
als Pferde- und Rinderhndler hat uns hufig zu ihnen gefhrt. Jetzt haben sie
uns ein Geschft angeboten, welches so gro und so gewinnbringend ist, wie
niemals eines zuvor. Wir sollen die Beute, die sie bei den Apatschen machen,
bernehmen. Versteht Ihr, was ich meine?
    Sehr wohl.
    Und Ihr glaubt also, da wir gut unterrichtet sind?
    Auch das hat sich erst noch zu zeigen!
    Es soll zum Kampfe kommen, zu einem beispiellosen Blutvergieen. Ich wei,
da Ihr ein Freund der Apatschen seid. Ich will sie retten. Ich will Euch
Gelegenheit geben, die Plne ihrer Feinde zunichte zu machen. Ich will Euch an
den Ort bringen, an welchem diese Feinde sich beraten. Ich will auf allen
Gewinn, der uns in Aussicht gestellt worden ist, verzichten. Und ich verlange
dafr nur das Eine, da Ihr uns zu den beiden Orten fhrt, die ich Euch
bezeichnet habe. Nun sagt, ob Ihr das wollt! Aber sagt es schnell, bestimmt und
deutlich heraus! Wir haben keine Zeit!
    Er hatte sehr rasch gesprochen, um mglichst wenig Zeit zu verbrauchen. Das
klang doppelt ngstlich und doppelt eindrucksvoll. Ich erkundigte mich trotzdem
in langsamer, gemchlicher Weise:
    An den Ort, wo die Beratung stattfindet, wollt Ihr mich fhren? Wohin geht
dieser Weg?
    Hinauf nach Trinidad.
    Welches Trinidad meint Ihr? Es gibt ihrer mehrere.
    Im Kolorado.
    In diesem Trinidad wohnte ein alter, guter Bekannter von mir, namens Max
Pappermann, einst ein sehr brauchbarer Prriejger, jetzt aber Besitzer eines
sogenannten Hotels. Er war von deutscher Abstammung und hatte die
Eigentmlichkeit, seinen Namen fr die Quelle alles Unheiles, welches ihn traf,
zu halten. Er sprach seinen Vornamen nicht mit dem englischen e, sondern noch
mit dem deutschen a aus, konnte aber infolge eines Sprachfehlers mit dem x nicht
fertig werden; sein Max wurde stets zum Maksch. Obgleich er sich hierber tief,
tief unglcklich fhlte, kam es ihm doch gar nicht in den Sinn, das zu tun, was
jeder Andere an seiner Stelle getan htte, nmlich diesen Namen mglichst zu
vermeiden; er gab ihn ganz im Gegenteile bei jeder Gelegenheit zu hren und
wurde darum aus diesem und noch einem andern Grunde von Jedermann der blaue
Maksch genannt. Er hatte nmlich auf einem seiner Streifzge durch den Westen
das Unglck gehabt, sich die linke Seite des Gesichtes durch explodierendes
Pulver zu verbrennen. Dabei war ihm zwar kein Auge verloren gegangen, aber die
von dem Pulver getroffene Hlfte des Gesichtes hatte sich fr immer blau
gefrbt. Er war unverheiratet geblieben, aber ein lieber, prchtiger, treuer und
aufopferungsvoller Kamerad, mit dem ich einige Male fr nur kurze Zeit
zusammengetroffen war. Ich hatte dabei im Verein mit Winnetou Gelegenheit
gefunden, ihm bei einem Ueberfalle durch die Sioux helfend beizustehen, und er
vergrerte diesen doch nur gelegentlichen Dienst in der Weise, da er sich uns,
wie er sich auszudrcken pflegte, zur ewigen und eternellen Dankbarkeit
verpflichtet fhlte. Er war einer von den Westmnnern, die ich wirklich und
herzlich liebgewonnen hatte.
    Zur Vervollstndigung will ich hinzufgen, da dieses Trinidad die
Hauptstadt der Grafschaft Las Animas im nordamerikanischen Staate Kolorado ist,
den Knotenpunkt mehrerer Bahnen bildet und noch heutigen Tages einen nicht
unbedeutenden Viehhandel treibt. Dieser letztere Umstand war wohl die Ursache,
da auch die beiden Enters sowohl die Stadt als auch ihre Umgegend sehr gut
kannten. Sebulon fuhr in seiner Auskunftserteilung fort, indem er mich fragte:
    Seid Ihr schon einmal da oben in Trinidad gewesen, Mr. Burton?
    Ich antwortete ausweichend:
    Mu mich erst besinnen. Bin an so vielen Orten gewesen, da ich nicht
wenige von ihnen aus dem Gedchtnis verloren habe. Also da oben liegt das
Rendezvous aller Feinde der Apatschen?
    Ja, aber nicht etwa in Trinidad selbst, sondern ein bedeutendes Stck von
da in die Berge hinein.
    So?! Ihr scheint mich fr einen Abcschtzen zu halten, weil Ihr mir
zumutet, anzunehmen, da die Roten, deren Absichten doch wohl geheimbleiben
sollen, eine so belebte Stadt zum Stelldichein whlen. Diese Eure Ansicht ber
mich ist wohl nicht geeignet, mich zu einem Anschlu an Euch zu bewegen. Ich
will nun nur noch fragen, wann man da oben einzutreffen htte.
    Wir reisen schon heut von hier ab, weil wir einen ganzen Tag in Chicago und
zwei volle Tage in Leavenworth zu tun haben. Ihr knntet nachkommen. Die
Beratung soll genau heut ber zehn Tage sein. Wir wrden Euch aber drei volle
Tage vorher in Trinidad erwarten.
    Gebt die Stelle nher an! Oder ist Trinidad so klein, da ihr uns, wenn wir
kommen, sofort sehn mt?
    Fragt nach dem Hotel des alten Pappermann, den man den blauen Maksch zu
nennen pflegt. Da bleiben wir ber Nacht. Haben uns dort schon angemeldet. Aber,
Sir, es sind schon elf Minuten vorber. Wir haben also nur noch vier Minuten.
Besinnt Euch schnell, und gebt uns Bescheid, sonst wird es zu spt!
    Habt keine Sorge! Wir werden genau mit fnfzehn Minuten zu Ende sein.
    Hoffentlich! Das liegt ja noch viel mehr in Eurem eigenen Interesse, als in
dem unserigen!
    Wieso?
    Weil Ihr ohne uns die Apatschen nicht retten knntet!
    Jetzt mute mein Schlager kommen, mit dem ich ihre Ansprche und berhaupt
ihre Selbstabschtzung herunterzustimmen hatte. Ich schaute ihm also wie
belustigt in das Gesicht und sprach:
    Irrt ihr euch da nicht vielleicht? Glaubt ihr wirklich, da es mir so
schwer fallen wrde, den Huptling Kiktahan Schonka an der Devils pulpit zu
finden?
    Das schlug ein! Und zwar sofort und uerst wirkungsvoll! Hariman fuhr jetzt
auch von seinem Sitze in die Hhe und rief erschrocken aus:
    Heavens! Er wei es schon! Seid Ihr allwissend, Sir?
    Ja, seid Ihr allwissend? fragte auch Sebulon.
    Sie standen nebeneinander vor mir wie zwei Knaben, die beim Apfelstehlen
erwischt worden sind. Ich nahm meine Uhr heraus, sah auf das Zifferblatt und
antwortete:
    Allwissend ist kein Mensch, kein einziger; aber da ich in diesem
Augenblicke nicht mehr Schriftsteller, sondern Westmann bin, versteht es sich
ganz von selbst, da ich meine Augen offen halte. Was ihr fr ein Geheimnis
hattet, das kannte ich, schon ehe ihr es mir jetzt sagtet. Ihr seid also auf
einem vollstndig falschen Wege, wenn ihr meint, da ich euch eure Mitteilungen
mit dem Nugget-tsil und mit dem Dunkeln Wasser zu bezahlen habe. Das Verhltnis
liegt vielmehr grad umgekehrt: Ihr knnt nicht durch die Sioux, sondern nur
durch die Apatschen Etwas gewinnen, und nur ich wrde es sein, der euch diesen
Gewinn besorgt.
    Nun stand auch ich von meinem Platze auf und fuhr fort:
    Ich werde heut ber sieben Tagen in Trinidad sein, in dem Hotel, welches
ihr mir bezeichnet habt. Von diesem Tage an werde ich euch prfen: Besteht ihr
diese Prfung, so bekommt ihr sowohl den Nugget-tsil als auch das Dunkle Wasser
zu sehen, sonst aber nicht! Haltet zu den Sioux oder haltet zu den Apatschen,
ganz wie es euch beliebt; die Folgen aber kommen nicht, wie ihr vorhin sagtet,
ber mich, sondern ber euch! - - - So! Auch diese fnfzehn Minuten sind zu
Ende, genau auf die Sekunde. Lebt wohl, Mesch'schurs! Und auf Wiedersehen beim
alten Pappermann in Trinidad!
    Ich steckte die Uhr wieder ein und entfernte mich, ohne mich einmal nach
ihnen umzusehen. Sie machten keinen Versuch, mich zurckzuhalten. Sie sagten
kein Wort; sie waren vollstndig verblfft. Ich ging direkt nach dem
Clifton-House, wo Niemand ahnte, da ich whrend der Nacht fortgewesen war. Wer
mich jetzt berhaupt beachtete, mute annehmen, da ich von einem
Morgenspaziergang zurckkehre.
    Das Herzle hatte ihr Zimmer, seit ich fortgewesen war, nicht verlassen, also
noch gar nicht gefrhstckt. Ich ging mit ihr hinab an unsern Tisch, damit sie
das Versumte nachhole. Die beiden Huptlinge waren schon abgereist; auf ihren
Pltzen saen Andere. Ich berichtete meine Zusammenkunft mit den beiden Enters
Wort fr Wort und erntete die mir als Eheherrn auf jeden Fall gebhrende
Anerkennung. Das Fenster, an welchem wir saen, lag, wie bereits gesagt, nach
dem Flusse zu. Man sah von ihm aus die Personen, die ber die Brcke kamen. Eben
hatte ich meinen Bericht beendet, so bemerkten wir das Brderpaar, welches von
drben herber nach dem Hotel kam. Der Kellner sah sie auch und sagte, nach
ihnen deutend:
    Das sind die Nachbarn! Sie gingen heut sehr zeitig fort. Haben einen Brief
bekommen. Sind nie am Tage zu sehen gewesen; heut aber kehren sie zurck. Werde
nachschauen, was das fr eine Bewandtnis hat!
    Nichts konnte uns lieber sein als diese seine Neugierde. Er ging hinaus.
Schon nach einigen Minuten kam er wieder herein und meldete:
    Sie gehen! Sie reisen ab! Jetzt nach Buffalo und von da aus mit dem
nchsten Zuge nach Chicago. Ganz so, wie die beiden Gentlemen heut frh, die
auch nach Chicago gingen. Schade, jammerschade um sie! Bezahlten nur mit
Nuggets!
    Nach kurzem sahen wir die Gebrder Enters das Hotel verlassen und ber die
Brcke wieder hinbergehen. Das Gepck, welches sie trugen, bestand aus je nur
einer Ledertasche. Mich etwa noch nachtrglich zu erkundigen, wo und wie sie des
Tags ber ihre Zeit verbracht hatten, dazu gab es fr mich keinen Grund; ich
war, wenigstens fr einstweilen, mit ihnen fertig.
    Nun reisen wohl auch wir bald ab? fragte meine Frau.
    Ja, morgen frh, antwortete ich.
    Bis wie weit?
    Hm! Wre ich allein, so wrde ich in einer ununterbrochenen Tour sogleich
bis Trinidad fahren.
    Du glaubst, ich halte das nicht aus?
    Es ist eine Anstrengung, liebes Kind!
    Fr mich nicht! Wenn ich will, so will ich! Warte, ich werde nachsehen.
    Sie ging nach der Office, um sich die betreffenden Fahrplne zu holen. Wir
schauten nach und rechneten. Es galt, uns weder in Chicago noch in Leavenworth
sehen zu lassen. Das war nicht schwer, zumal wir gar nicht ber Leavenworth,
sondern ber das ihm allerdings ziemlich naheliegende Kansas City kamen. Von da
aus gab es allerdings noch eine gewaltige Strecke bis Trinidad, aber bei der
Einrichtung der amerikanischen Eisenbahnwagen, die alles bieten, was an
Bequemlichkeit berhaupt erreichbar ist, war dies gewi nicht allzu schwer zu
berwinden.
    Wir machen es! sagte das Herzle. Wir fahren ununterbrochen! Ich selbst
werde die Tickets7 besorgen!
    Wenn sie in diesem bestimmten Tone spricht, dann wei sie, was sie will, und
so saen wir denn schon am nchsten Morgen im telegraphisch vorausbestellten
Abteil des Pullmancar und dampften dem fernen Westen und den uns dort
erwartenden, hoffentlich nicht gefhrlichen Ereignissen entgegen. Anstatt die
ebenso lange wie interessante Fahrt zu beschreiben, will ich nur sagen, da wir
in der besten Verfassung in Trinidad ankamen und uns mit unsern zwei Koffern
nach dem Hotel des blauen Maksch bringen lieen.
    Ich hatte das Herzle darauf aufmerksam gemacht, da wir von dem Augenblicke
an, in welchem wir in Trinidad den Eisenbahnwagen verlassen wrden, fr lngere
Zeit auf einen nicht unbetrchtlichen Teil der Zivilisation verzichten mten.
Es stellte sich heraus, da ich da sehr, sehr Recht gehabt hatte. Trinidad sah
zwar keineswegs mehr so aus wie damals, als ich es zum ersten Male so grad
zwischen Prairie und Gebirge liegen sah, aber zu wnschen gab es doch gar Vieles
noch. Als ich mich auf dem Bahnhofe nach Mr. Pappermann und seinem Hotel
erkundigte, antwortete der betreffende Beamte kurz:
    Gibt es nicht mehr!
    Was? fragte ich. Ist es mit dem Hotel aus?
    Nein. Es existiert noch.
    Aber Mr. Pappermann ist tot?
    Nein. Er lebt noch.
    Aber Ihr sagtet doch soeben, da es beide nicht mehr gebe!
    Beide zusammen, ja! Aber beide einzeln sind noch da! Sie sind nur
auseinander!
    Der Mann freute sich unendlich ber seinen billigen Witz, belachte ihn eine
ganze Weile und fuhr dann fort:
    Mr. Pappermann hat verkauft, hat verkaufen mssen! Sein unglckseliger Name
ist schuld!
    Damit ging der Mann, noch immer lachend, von dannen. Das Hotel verdiente
nicht, so genannt zu werden. Ein deutscher Dorfgasthof pflegt einladender und
besser auszusehen; aber wir waren nun einmal hierhergewiesen, und auerdem wre
ich schon um meines alten Kameraden willen in kein anderes Haus gegangen. Wir
bekamen zwei nebeneinander liegende Stuben, die zwar klein und fast rmlich
ausgestattet, aber sauber waren. Diese sogenannten Zimmer hatten, wie man ganz
besonders hervorhob, den groen Vorzug, da ihre beiden Fenster hinaus nach dem
Garten gingen. Als wir nach diesem Garten schauten, sahen wir ein von vier
halb verfallenen Mauern eingefates Quadrat, auf dem sich folgende Gegenstnde
befanden: zwei alte Tische mit je drei noch lteren Sthlen; ein fast ganz
bltterloser Baum, der sich die allergrte Mhe gab, entweder eine Linde oder
eine Pappel zu sein; vier Strucher, die mir vllig unbekannt waren, zumal sie
ihre eigenen Namen wahrscheinlich selbst nicht wuten; zuletzt und endlich
einige Dutzend Grashalme, denen man wohl schon seit Jahren vergeblich zugemutet
hatte, irgend eine Art von Rasen zu werden. An dem einen Tisch sa ein Mann, und
an dem andern Tisch sa auch ein Mann, beide so, da wir ihre Gesichter von der
Seite sahen. Der Eine hatte ein Bierglas in der Hand; aber er trank nicht, denn
es war leer. Der Andere hatte eine Zigarre in der Hand; aber er rauchte nicht,
denn sie war ausgegangen. Beide sahen einander nicht an, sondern sie kehrten
einander die Rcken zu. Beide waren Wirte. Der mit dem leeren Glase war, wie wir
spter erfuhren, der neue Wirt. Und der mit der ausgelschten Zigarre war, wie
wir sogleich dachten, der alte Wirt. Beide sahen nicht sehr glcklich aus,
sondern sie machten den Eindruck, als ob beide bereuten, der Eine, das Hotel
ver-, der Andere, das Hotel gekauft zu haben und nun sehr eifrig darber
nachdachten, in welcher Weise aus diesem Handel noch Etwas herauszuschlagen sei.
    Du, sagte das Herzle, der, welcher rechts sitzt, scheint dein Freund
Pappermann zu sein. Soeben drehte er sich einmal halb um, und da sah ich die
linke Seite seines Gesichtes; sie ist blau.
    Ja, er ist es, antwortete ich. Alt geworden, alt und grau! Sieht aber
noch ziemlich krftig aus. Pa einmal auf! Ich bringe ihn in Trab, aber wie! Nur
la dich nicht sehen!
    Ich nherte mich dem Fenster noch mehr, doch so, da ich im Schutze der Wand
verblieb, steckte den Zeigefinger in den Mund und ahmte das gellende
Kriegsgeschrei der Sioux nach. Die Wirkung war eine sofortige. Beide Wirte
schnellten augenblicklich von ihren Sthlen auf, und der blaue Maksch rief
aus:
    Halloo, halloo, die Sioux kommen, die Sioux!
    Beide schauten sich nach allen Seiten um, und weil sie keinen einzigen
Menschen oder gar Feind entdeckten, sahen sie einander selber an.
    Die Sioux? fragte der neue Wirt. Mchte doch wissen, wo die hier
herkommen sollten, mitten in der Stadt! Und so viele Tagereisen von der Gegend
entfernt, in der es noch welche gibt!
    Es war einer! behauptete Pappermann.
    Unsinn!
    Oho! Ich mache keinen Unsinn! Ich kenne es! Ich wei sogar, von welcher
besondern Nationalitt! Es war ein Siou Ogallallah!
    La dich nicht auslachen! Wenn so ein - - -
    Er sprach nicht weiter, denn ich lie das Geheul zum zweiten Male hren.
    Na, horch! Wenn das kein wirklicher Ogallallah ist, so soll man mir am
Marterpfahle die Haut zu Riemen schneiden!
    So sag mir doch, wo er steckt!
    Wei ich es? Es kam, wie es scheint, von oben, hoch ber uns!
    Ja, von unten, tief unter uns, kann es nicht gut kommen, das ist sehr
richtig! Es ist ein Schabernak, weiter nichts!
    Nein, es ist Ernst! Zwar kein Kriegsruf, sondern ein Zeichen, ein
wirkliches Zeichen!
    Ich wiederholte den Schrei noch einmal.
    Hrst du! rief Pappermann. Das ist kein alberner Scherz! Der Mann ist
entweder wirklich ein Siou Ogallallah oder ein alter Westlufer meines Schlages,
der es versteht, das Schlachtgeheul der Roten nachzuahmen, um sie selbst zu
tuschen. Das ist ein alter Kamerad, der mich hier sitzen sah und mir sagen
will, da - - -
    Er wurde unterbrochen, denn von der Hintertr des Hauses her ertnte eine
Frauenstimme:
    Schnell herein, herein! Ich wei nicht, was ich kochen soll!
    Kochen? Man will nicht blo trinken?
    Nein! Auch essen! Und sogar logieren!
    So ist ein Fremder da?
    Sogar zwei!
    Gott sei Dank! Endlich, endlich wieder einmal! Wo sind sie denn?
    In Nummer drei und vier! Ein Ehepaar!
    Da fiel Pappermann schnell ein:
    Nummer drei und vier? Die liegen nach hinten! Nach hier heraus! Die Fenster
stehen auf! Jetzt wei ich, wo geheult worden ist!
    Abermals Unsinn! wiedersprach der neue Wirt. Seit wann hrt man denn
Ehepaare heulen?!
    Sehr oft! Aber hier hat natrlich nicht die Frau geheult, sondern der Mann!
Er ist ein Kamerad von mir! Dabei mu es bleiben, oder man soll mich teeren,
federn, lynchen und - - -
    So kommt doch nur endlich herein! wurde er von der weiblichen Stimme
unterbrochen. Die Fremden wollen essen, und ich habe doch kein Fleisch und auch
kein Geld!
    Sie verschwanden unten im Hause. Das Herzle aber sagte mit lachendem Munde:
    Du, da sind wir in eine uerst glnzende Wirtschaft geraten! Dein alter
Pappermann aber ist kein dummer und auch kein bler Kerl! Er beginnt schon
jetzt, mir zu gefallen, und ich - - -
    Da klopfte es laut und krftig an die Tr.
    Herein! rief sie, indem sie sich selbst unterbrach.
    Wer trat herein? Natrlich Pappermann!
    Pardon! entschuldigte er sich. Ich hrte da unten den Kriegsschrei der
Sioux Ogallallah und wollte - - - und da dachte - - - und da schien es mir - - -
und - - - und - - - Mr. Shatterhand, Mr. Shatterhand - - - halloo, welkome,
welkome!
    Er hatte seine Rede in flieender Weise begonnen, dann aber, als er mich
erblickte, gestockt und wieder gestockt, bis er mich erkannte und jubelnd auf
mich losstrzte. Er breitete die Arme aus, als ob er mich umfassen und kssen
wolle, besann sich aber, da dies wohl nicht angngig sei, und fate nur meine
Hnde. Die aber drckte er in Einem fort, zog sie an sein Herz, an seine Lippen,
erging sich in allen mglichen Ausrufungen der wahrsten, herzlichsten Freude,
betrachtete mich dazwischen mit trnenden Augen wieder und immer wieder; kurz,
es war, als ob er sich vor Entzcken nicht lassen knne. Man sagt, da man einen
Menschen nicht mit einem Tiere vergleichen solle; hier aber war es wirklich wie
die Liebe und unsgliche Freude eines treuen Hundes, der seinen Herrn
wiedersieht, ihn jauchzend umspringt und gar nicht wei, was er vor lauter Wonne
tun und angeben soll. Dem Herzle traten vor Rhrung die Trnen in die Augen, und
auch ich mute mich zusammennehmen, um scheinbar ruhig zu bleiben.
    Nicht wahr, Ihr habt geheult, Ihr, Ihr, Mr. Shatterhand? fragte er, als
der erste, innere Sturm vorber war.
    Ja, ich war es, gab ich zu.
    Wute es! Wute es! Das konnte nur so Einer sein wie Ihr!
    Ja, nur ich, lachte ich. Nicht aber hier meine Frau, wie Ihr ganz richtig
zu Euerm Kollegen sagtet.
    Eure Frau? Eure Frau? 'sdeath - - - Tod und Teufel, da habe ich ganz
vergessen, mein Kompliment zu machen! Es ist doch in jeder Prrie und in jeder
Savanne gute Sitte, da man zunchst die Frau und erst dann den Mann begrt!
Pardon! Ich hole das hiermit nach!
    Er versuchte, eine sehr devote und sehr elegante Verbeugung zu machen; da
bemerkte ich ihm in seiner und meiner Muttersprache:
    Sie knnen deutsch mit ihr reden, lieber Pappermann; sie ist eine
Deutsche.
    Deutsch? Auch das noch! Da ksse ich ihr gar die Hand! Oder lieber gleich
alle beide!
    Er tat es, aber freilich mit der Grazie eines Bren, doch war es gut
gemeint. Dann wollte er sofort meine Schicksale erfahren, um mir hierauf die
seinigen zu erzhlen. Darauf ging ich ganz selbstverstndlich nicht ein, denn
erstens galt es, Distanzen zu halten, und zweitens mu man zu solchen Dingen die
ntige freie Zeit und die richtige Stimmung besitzen. Ich lud ihn ein, mit uns
zu speisen, und bat ihn, unten zu sagen, da wir wnschten, im Garten zu essen,
und zwar erst nach Verlauf einer Stunde. Bis dahin werde ich mit meiner Frau
einen Spaziergang unternehmen, damit sie die Stadt kennen lerne, in welcher
einer meiner alten Kameraden dieses schne Hotel besitze.
    Nicht besitzt, sondern besessen hat, verbesserte er mich. Ich werde Ihnen
das erzhlen.
    Aber nicht jetzt, sondern spter einmal! Hieran schliee ich die Bitte,
auch in Beziehung auf mich so wenig wie mglich zu sprechen. Es soll hier
Niemand wissen, wie ich heie und da ich ein Deutscher bin - - -
    Schade! Jammerschade! unterbrach er mich. Ich wollte soeben hier von
Ihnen erzhlen - - -
    Ja nicht, ja nicht! fiel ich ihm in die Rede. Ich wrde sofort gehen und
Sie nie wieder ansehen! Sie mgen meinetwegen sagen, da auch ich ein alter
Westmann bin - - -
    Und zwar ein berhmter, ein sehr berhmter!
    Nein, keinesfalls! Ich habe meine guten Grnde, ber mich nur
Schweigsamkeit zu ben. Ich heie jetzt Burton, und Sie sind viel, viel
berhmter gewesen als ich. Verstanden?
    Ja.
    Wir reden also auch kein Deutsch mehr miteinander. Machen Sie mir ja nicht
etwa Fehler!
    Keine Sorge! Ich heie Maksch Pappermann, und wenn es darauf ankommt, bin
ich stumm und taub. Ich vermute, es handelt sich um irgend eines Ihrer alten
oder vielmehr nun wieder neuen Abenteuer?
    Mglich! Vielleicht vertraue ich mich Ihnen an, aber nur dann, wenn ich
mich berzeuge, da Sie wirklich schweigsam sind. Jetzt gehen Sie!
    Er machte eine zweite Verbeugung und entfernte sich, den ihm gewordenen
Auftrag auszufhren. Wir aber unternahmen den beabsichtigten Rundgang durch die
Stadt, von dem wir pnktlich zur angegebenen Zeit heimkehrten. Wir gingen da
zunchst nach unsern Zimmern. Von dort aus sahen wir, da neue Gste gekommen
waren, nmlich ein halbes Dutzend junger Menschen, die auch im Garten essen
wollten. Fr uns war bereits gedeckt, fr sie aber nicht. Man hatte ihnen eine
Art von Tafel mit Sthlen herausgestellt. Da saen sie nun vor einer Flasche
Brandy und vollfhrten einen Heidenlrm, weil das einzige weie Tuch, welches
der Wirt besa, ber unsern Tisch gebreitet war, nicht ber den ihren. Auch
verlangten sie das fr uns soeben fertig gewordene Essen. Sie hatten Pappermann
gezwungen, sich zu ihnen zu setzen und mit ihnen zu trinken, und er war so klug
gewesen, sich ihnen zu fgen. Nun schrien sie alle auf ihn ein. Sie wollten ihn
nicht nur rgern, sondern auch foppen; er aber zeigte sich dabei so ruhig und
unberhrt, wie es ihm als alten Wald- und Savannenlufer geziemte. Der von
ihnen, welcher das grte Wort fhrte, hie, wie wir spter erfuhren, Howe. Eben
als wir in unsere Rume, deren Fenster noch offen standen, getreten waren,
hrten wir ihn sagen:
    Wer ist denn eigentlich dieser Mr. Burton, der das Alles vor uns
voraushaben soll?
    Pappermann warf einen Blick nach unsern Fenstern. Er sah mich stehen. Da
nickte er leise vor sich hin und antwortete.
    Er ist Musikant.
    Musikant? Was soll das heien?
    Er blst die Ziehharmonika, und seine Frau spielt die Gitarre dazu.
    Blst - - blst die Ziehharmonika! Warum blst da seine Frau die Gitarre
nicht auch?
    Ein johlendes Gelchter belohnte diesen billigen Witz.
    Warum redet er so dumm? zrnte das Herzle.
    La ihn! bat ich. Er hat seine Absicht. Und die ist gut. Ich vermute, es
entspinnt sich da unten eine jener Szenen, an denen der Westmann immer eine
groe Freude hat, nmlich die Zurechtweisung von Menschen, die ihn fr albern
oder sonstwie minderwertig halten.
    Sind diese Menschen etwa Rowdies?
    Ich glaube nicht, aber sie gebrden sich wie solche. Darum verdienen sie
eine gute Lehre noch viel mehr, als wenn sie wirklich welche wren. Ich vermute
- - - ah, diese Pferde! Die scheinen ihnen zu gehren!
    Sind sie gut?
    Gut? Dieses Wort sagt viel zu wenig!
    Also wertvoll?
    Ich zgerte, zu antworten, weil meine Aufmerksamkeit jetzt ganz
ausschlielich auf die Tiere gerichtet war, denen diese Frage galt. Nmlich
durch die hintere Gartenmauer ffnete sich eine Tr auf ein von Gebuden freies
Oedland, welches vorhin bei unserer Ankunft vollstndig leer gewesen war; jetzt
aber gab es da einige Peone8, welche beschftigt waren, ein Zelt zu errichten.
In ihrer Nhe bewegten sich zwei Gruppen von Pferden, die mein ganzes Interesse
in Anspruch nahmen. Die eine Gruppe bestand aus neun Pferden und vier
Maultieren. Die Ersteren waren das, was man gute Pferde nennt, nicht mehr und
auch nicht weniger; die Letzteren stammten jedenfalls aus Mexiko und gehrten
jener ganz vorzglichen Zchtung an, die man dort mit dem Worte Nobillario9
bezeichnet. Ihr Preis betrug selbst unter Brdern wenigstens tausend Mark pro
Stck. Die andere Gruppe zhlte nur drei Pferde, aber was fr welche! Sie waren
Fliegenschimmel, doch nicht etwa schwarz und wei, sondern schwarz und rotbraun
gefleckt, eine ganz einzige, hchst vornehme Farbe, die nur durch lange,
mhevolle Zucht zu erreichen gewesen war. Krperbau, Haltung und Gebaren
erinnerten mich an die berhmten Rapphengste meines Winnetou, zugleich aber auch
an jene ausdauernden Dakotatraber, die es jetzt nicht mehr gibt. Sie wurden von
einigen nrdlichen Indianerstmmen gezchtet und erreichten durch ihre
ununterbrochene Stetigkeit mehr, als man selbst mit dem besten Renner erreicht.
    So dachte ich jetzt, einstweilen, denn um Gewisses sagen und behaupten zu
knnen, mute man hingehen, um sie in der Nhe zu betrachten und zu untersuchen.
Aber da diese drei Fliegenschimmel besten Blutes waren, ergab sich auch schon
daraus, da sie sich abgesondert hielten und zrtlich mit einander waren. Sie
leckten und liebkosten einander; sie jagten einander hin und her und schmiegten
sich dann wieder so eng zusammen, da man sie unbedingt fr Geschwister oder
doch wenigstens fr nahegeborene Gespielen halten mute, die noch nie
voneinander getrennt worden waren.
    In der Nhe des Zeltes lag ein Haufen von Decken und anderen Reise- und
Lagerutensilien. Auch viele Sttel gab es, wohl mehr als zwanzig Stck. Es waren
auch einige Damensttel darunter. Wozu? Gehrten zu den sechs berlauten, jungen
Mnnern vielleicht auch einige Frauen, die man jetzt noch nicht sah? Und bestand
die Gesellschaft aus soviel Personen, wie Sttel vorhanden waren, also aus ber
zwanzig? Bis jetzt sah man nur die Sechs und die drei Peone. Jedenfalls hatte
ich mich vorhin nicht geirrt, als ich annahm, da diese Leute keine Rowdies
seien, aber so ziemlich aus dem Huschen waren sie jedenfalls, und wahre
Bildung, also Herzensbildung, besaen sie nicht; das bewiesen sie durch die Art
und Weise, wie sie den frheren Wirt behandelten und hierauf auch uns selbst zu
behandeln wagten. Sie konnten auch etwas noch Schlimmeres als nur Rowdies sein!
Ich nahm meine beiden Revolver aus dem Koffer, lud sie und steckte sie zu mir.
    Um Gottes willen! Was tust du da? fragte das Herzle.
    Nichts, was deine Besorgnis erregen kann, antwortete ich.
    Aber du willst schieen!
    Nein! Und selbst wenn ich schiee, so aber doch nicht auf Menschen.
    Trotzdem! Wollen doch lieber hier oben essen!
    Willst du mich in deinem eigenen Innern blamieren?
    
    Nein! sagte sie entschlossen. Komm!
    Wir gingen hinab und setzten uns, ohne zu gren, an unsern Tisch. Es trat
eine kurze Stille ein. Man betrachtete uns; man taxierte uns ab. Pappermann
stand drben von ihrer Tafel auf und kam herber zu uns, weil wir ihn eingeladen
hatten, mit uns zu essen. Da steckten sie die Kpfe zusammen, und aus der Art
und Weise, in der sie miteinander sprachen, war zu ersehen, da es sich um
irgend einen Streich handelte, den sie an uns verben wollten.
    Sie sind Knstler, sagte Pappermann, indem er sich bei uns niedersetzte.
    Welcher Art? fragte ich.
    Maler und Bildhauer. Sie wollen nach dem Sden, zu den Apatschen, sagen
sie.
    Ah! Was wollen oder sollen sie dort?
    Wei es nicht. Sie sagten mir nichts; ich schliee es nur aus ihren Worten.
Sie scheinen eingeladen zu sein. Sie wollen schon morgen frh wieder fort. Haben
tausend Teufel im Leibe. Keiner von ihnen ist dreiig Jahre alt. Grne Jungens.
Tun aber, als ob ihnen die Gescheitheit gleich schaufelweise in den Kopf
geworfen worden sei. Habt Ihr gehrt, was sie fragten?
    Ja.
    Und was ich ihnen sagte, wer Ihr seid?
    Auch das?
    War es richtig?
    Weder richtig noch falsch. Was diese Leute von mir denken, ist
gleichgltig.
    O, vielleicht doch nicht! Sie rgern sich ber euch. Ich ahne irgend eine
Teufelei!
    Mgen sie kommen!
    Kaum hatte ich das gesagt, so gingen die Worte in Erfllung. Howe stand auf
und kam langsam zu uns herber.
    Es geht los! warnte Pappermann.
    Ist mir nur lieb, antwortete ich. Lat mich nur machen, und redet mir
nicht darein!
    Da hatte Howe uns erreicht, machte mir eine ironische Verbeugung und fragte:
    Mr. Burton, wenn ich mich nicht irre?
    Ja, nickte ich.
    Ihr blast die Harmonika?
    Warum nicht? Fr Euch ganz besonders gern.
    Und das ist Mrs. Burton?
    Er deutete dabei auf das Herzle.
    Gewi, antwortete ich.
    Sie spielt auf der Gitarre?
    Wnscht Ihr vielleicht, sie zu hren?
    Jetzt noch nicht, vielleicht aber spter. Jetzt brauchen wir nur erst das.
    Er zog uns das weie Tuch vom Tisch, trug es fort und breitete es drben auf
die Tafel.
    Das ist stark! Das ist sogar unverschmt! zrnte Pappermann.
    Das Herzle verzog keine Miene.
    Nur ruhig bleiben! sagte ich. Wir lassen uns Alles gefallen, Alles!
    Da kam der neue Wirt, um uns selbst zu bedienen. Er brachte zunchst die
Teller und Bestecke. Kaum hatte er den Rcken gewendet, so kam Howe, nahm uns
diese Sachen weg und trug sie hinber. Hierauf brachte der Wirt die Suppe. Er
sah, wie die Sache stand, blieb aber still und stellte die Terrine zu uns auf
den Tisch. Sofort wurde sie hinbergeholt und geleert. Dann brachte man sie uns
wieder herber. So ging es nicht nur mit der Suppe, sondern auch mit den brigen
Speisen, bis ganz zuletzt auf die Frchte. Die vollen Teller, Schsseln und
Schalen wurden uns genommen, und geleert brachte man sie uns wieder. Dabei gab
es ein immerwhrendes Spotten und Lachen sondergleichen.
    Das sind keine Nigger! sagte Pappermann. Das sind auch keine Indsmen!
Sondern das sind Weie! Was sagt Ihr dazu, Sir?
    Das werdet Ihr wahrscheinlich sehr bald hren, antwortete ich.
    Ich bestelle natrlich sofort anderes Essen fr uns!
    Nein, jetzt noch nicht. Erst mu diese Posse hier zu Ende gespielt worden
sein. Wann werden diese Gentlemen ihr Essen bekommen?
    Das kann wohl noch ein ganzes Stndchen dauern. Meine alte, gute Kchin ist
fort, und die neue Wirtin, die selbst kocht, nimmt sich gewaltig Zeit. Ehe die
eine junge Henne rupft, verflieen gewi drei Monate, denn sie holt jedes
Federchen einzeln heraus. Die Bande hat sich nmlich Hhnersuppe bestellt; es
gab aber nur noch eine alte, sechsjhrige Henne. Bis die gerupft ist, knnen,
wenn ich mich nicht ganz und gar verrechne, fnf bis sechs Monate vergehen. Nun
fragt Euch selber, wann diese Gentlemen ihr Essen bekommen werden!
    Vortrefflich! Herzle, hast du Lust, Gitarre zu spielen?
    Wie meinst du das? erkundigte sie sich.
    Das wirst du spter erfahren. Sage jetzt nur, ob du Lust hast! Die
Ziehharmonika und die Gitarre stecken in meinen Taschen.
    Ach, die Revolver?
    Ja.
    Ist es gefhrlich?
    O nein, ganz und gar nicht!
    So spiele ich mit!
    Schn! Ich glaube, der zweite Akt der Posse beginnt. Der Vorhang hebt sich
bereits.
    Howe kam nmlich wieder zu uns herber, stellte sich mit weit ausgespreizten
Beinen vor uns hin und sprach:
    Ich komme mit einer Bitte. Wir sind nmlich Maler. Wir wnschen Mrs. und
Mr. Burton abzukonterfeien, auch Mr. Pappermann mit.
    Also ihr alle Sechs? fragte ich.
    Ja.
    Uns alle Drei?
    Ja. Werdet Ihr uns das erlauben?
    Sehr gern, sehr gern. Ich mache nur eine einzige Bedingung.
    Welche?
    Da wir genau so bleiben knnen, wie wir jetzt sitzen.
    Well! Wollten euch zwar gern in anderer Stellung haben, in ganz anderer,
geben uns aber auch hiermit zufrieden. Aber sitzt so, da ihr euch so wenig wie
mglich bewegt, sonst wird nichts wahrhaft Knstlerisches fertig! Es kann
beginnen!
    Sie zogen Papier und Bleistifte aus den Taschen und fingen an, zu zeichnen.
Da sahen wir Jemand von weit drauen her nach dem Eindplatz kommen. Er war
indianisch gekleidet und trug auf dem Rcken eine in Leder gebundene Last, die
nicht leicht zu sein schien. Er ging gebckt und langsamen Schrittes. Er war
auerordentlich ermdet. Bei den Pferden blieb er stehen und betrachtete sie.
Dann ging er weiter. Als er so nahe gekommen war, da sein Gesicht uns deutlich
wurde, sahen wir, da er vielleicht zwei- oder dreiundzwanzig Jahre zhlte.
Seine Zge waren sehr sympathisch. Er hatte sein Haar, ganz wie einst Winnetou,
in einem Schopf gebunden und lie es dann weit ber den Rcken herunterhngen.
Er schien die Oertlichkeit zu kennen, denn er kam grad und genau auf die Tr zu,
die von drauen herein in den Garten fhrte.
    Egad, er ist's! sagte Pappermann.
    Kennt Ihr ihn? fragte ich.
    Ja. Es ist der junge Adler. Er kam vor nun vier Jahren vom Gebirge herab,
nicht zu Pferde, sondern zu Fu, genau wie heut. Er blieb zwei Tage bei mir, um
sich auszuruhen. Er hatte auer dem Anzug, den er trug, noch einen neuen,
besseren mit. Den gab er mir, als er ging, in Aufbewahrung. Er sagte, wenn er
nicht sterbe, werde er in einigen Jahren wiederkommen, um ihn abzuholen. Er
hatte kein Geld bei sich, sondern Nuggets, aber nicht viel; es war kaum fr
drei- bis vierhundert Dollars. O weh, sieht er matt und angegriffen aus!
    Er hat Hunger! fgte ich hinzu.
    Glaubt Ihr?
    Ich glaube es nicht nur, sondern es ist wirklich so. Ich sehe es ihm an.
    Auch ich fhle es! sagte das Herzle. Er ist ganz erschpft! Er wankt! Er
soll mit uns essen! Ich sage es ihm. Holt schnell noch einen Stuhl heraus, Mr.
Pappermann!
    Der Genannte eilte fort, um diesen Wunsch zu erfllen. Das Herzle stand auf,
ging zur Tr, auf welche der junge Indsman zugeschritten kam, ffnete sie,
empfing ihn dort, nahm ihn bei der Hand, fhrte ihn nach unserm Tisch und bat
ihn, unser Gast zu sein. Und da brachte Pappermann auch schon den Stuhl. So
ermdet der Indianer war, er setzte sich nicht sofort, sondern er blieb noch
stehen, seine groen, dunkeln Augen auf das Gesicht Derjenigen richtend, die
sich in so unherkmmlicher Weise seiner bemchtigt hatte.
    Ganz wie Nscho-tschi, die stets Erbarmen war! sagte er; dann sank er auf
den Sitz und schlo die Augen.
    Er war so ermdet, da er gar nicht daran gedacht hatte, die Last, die er
trug, erst abzulegen. Wir nahmen sie ihm vom Rcken, indem wir die Riemen
lsten. Es war ein langer, schwerer, in festes Leder gebundener Pack, dessen
Gewicht wohl zwischen dreiig und vierzig Kilo betrug. Das mute Eisen sein! Wir
legten diese Last neben dem Stuhle zur Erde nieder. Pappermann ging nach der
Tafel hinber und bat um ein Glas Brandy.
    Fr wen? wurde er gefragt.
    Fr den Indianer dort, wie ihr seht! antwortete er.
    Der Brandy ist nicht fr Rote, sondern fr Weie, nicht fr ihn, sondern
fr uns! Macht Euch fort von hier!
    Der alte Westmann war wtend ber diese Zurckweisung; ich beruhigte ihn mit
der Versicherung:
    Aergert Euch nicht! Sie werden es uns bezahlen! Lauft in die Kche, und
holt einen Teller Suppe, mgt Ihr sie hernehmen, woher Ihr wollt! Das ist besser
als all Euer Brandy!
    Er gehorchte dieser Weisung. Der Indianer hatte meine Worte gehrt. Er hielt
zwar die Augen noch geschlossen, aber er sagte leise:
    Nicht Brandy! Niemals Brandy!
    Er hatte den Namen Nscho-tschi genannt, der Schwester meines Winnetou. War
er vielleicht ein Apatsche? Pappermann brachte die Suppe.
    Nur Bouillon von der alten Henne, sagte er. Ist aber trotzdem gut!
    Er setzte sie vor den Indsman hin; der aber rhrte sich nicht. Da griff das
Herzle zum Lffel und begann, ihrem Gaste die Suppe einzuflen. Darber gab es
drben an der Tafel ein allgemeines Gelchter.
    Die Hhnerbrhe ist eigentlich unser! sagte Howe. Aber um des schnen
Bildes willen wollen wir auf sie verzichten. Das Sujet heit nun: Die dreifach
heilige Barmherzigkeit oder der verhungerte Indianer. In fnf Minuten fertig!
Wer lngere Zeit braucht, zahlt eine Flasche Brandy!
    Da flogen die Stifte, und noch waren die fnf Minuten nicht vorber, so
wurden uns die sechs Karikaturen vorgelegt. Es waren aber gar nicht einmal
Karrikaturen, sondern ganz ordinre Schmierereien. Man hatte angenommen, da wir
uns ber sie rgern und dadurch zu irgendeiner Albernheit verleiten lassen
wrden; wir aber taten ganz im Gegenteile, als ob wir uns ber das, was uns in
Zorn bringen sollte, freuten.
    Prchtig! sagte ich. Wirklich prchtig! Wieviel kostet so ein Bild?
    Bild, Bild! lachte Howe. Ein Bild nennt er so Etwas! Nichts kostet es,
nichts! Wir schenken es Euch!
    Umsonst? fragte ich.
    Ja.
    Alle sechs?
    Ja doch, ja!
    Danke!
    Ich legte die Bltter zusammen, steckte sie ein und fuhr dann fort:
    Aber ich bin ein anstndiger Kerl. Ich lasse mir nichts schenken, ohne mich
erkenntlich zu zeigen. Kann mich vielleicht Einer von euch zu Pferde zeichnen?
Es soll mir auf drei, vier oder fnf Dollars nicht ankommen, die ich dafr
zahle.
    Fnf Dollars? Thunder storm, das ist ja ein Vermgen! Ich laufe, ich renne,
ich eile! Ich hole sogleich das Pferd! rief Einer von ihnen.
    Er ging fort und die Andern folgten ihm, um das allerschlechteste
auszusuchen.
    Habt Ihr irgendeine Absicht dabei? fragte mich Pappermann.
    Natrlich! Jetzt kommt die Strafe! Lauft schnell zum Wirt hinein und sagt
ihm, da ich zwei bis drei gute, vollgltige Zeugen brauche, womglich
Advokaten, Polizisten oder sonst Leute von der Stadtbehrde. Die mgen hinauf in
unsere beiden Zimmer gehen, wo sie Alles, was geschehen und gesprochen wird,
sehen und hren knnen.
    Well, well! Wird besorgt, sofort, sofort!
    Er eilte fort und war, als man das Pferd brachte, schon wieder da. Howe
verlangte die fnf Dollars prnumerando. Ich bezahlte sie. Dann durfte ich
aufsteigen. Ich tat, als ob ich noch niemals auf dem Rcken eines Pferdes
gesessen habe, und setzte dreimal an, ohne hinaufzukommen. Beim vierten Male war
dann der Schwung, den ich mir gab, zu stark, so da ich nicht nur hinaufkam,
sondern drben gleich wieder hinunterfuhr. Das gab ein drhnendes Lachen.
Schlielich hob man mich hinauf und gab mir die Zgel in die Hand. Dann begann
das Zeichnen von Neuem.
    Es wird groartig, wirklich groartig! rief einer der Knstler aus. Mr.
Burton sitzt hoch und stolz zu Pferde wie ein Held und Rittersmann, der jedes
Turnier gewinnt!
    Natrlich war aber gerade das Gegenteil der Fall.
    Ist das wahr? Ist das wahr? fragte ich hocherfreut und stolz.
    Gewi, gewi! Man sieht, da Keiner von uns es Euch im Reiten gleichzutun
vermag!
    Wirklich?
    Ja, wirklich!
    So sagt, was kostet so ein Pferd?
    Wollt Ihr eins kaufen?
    Vielleicht mehrere! Wenn ihr sagt, da ich ein so vorzglicher Reiter bin,
so wre ich doch dumm, wenn ich mit der teuren Bahn weiterfhre! Das Reiten ist
doch wohl billiger! Oder nicht?
    Natrlich viel billiger, ganz natrlich! Wir haben einige brig. Vielleicht
verkaufen wir Euch eines davon.
    Sie blinzelten einander zu. Das sollte heimlich sein; ich sah es aber doch.
    Nur eines? fragte ich. Ich brauche fnf oder sechs!
    Oho! Fr wen?
    Fr mich und Mrs. Burton - -
    Welche die Gitarre spielt? fiel Howe spottend ein.
    Ja. Und es kommen noch einige gute Bekannte dazu.
    Die auch Musikanten sind?
    Wenn es euch Vergngen macht, ja. Am liebsten wrde ich drei Pferde und
drei Maultiere nehmen und die ntigen Sttel dazu. Was kostet das?
    Sie waren zunchst verblfft. Sie sahen mich an, sie sahen einander an; dann
fragte Howe prfend:
    Drei Pferde und drei Maultiere? Welche denn?
    Ich deutete auf die Maultiere und antwortete:
    Von den Pferden mchte ich die nehmen, die sich jetzt gelegt haben, dort,
rechts, mit den langen Ohren.
    Da verlor sich der Ernst auf ihren Gesichtern sofort wieder. Ich aber fuhr
fort, indem ich nach den drei Fliegenschimmeln zeigte:
    Und die Maultiere dort gefallen mir ebenso. Ich zahle jeden Preis!
    Das Lachen erscholl von Neuem.
    Die Maultiere dort! Und die Pferde dort! Das ist kstlich, kstlich,
unbertrefflich!
    So riefen sechs Stimmen durcheinander, und als die Heiterkeit etwas
nachgelassen hatte, fragte Howe:
    Ihr zahlt jeden Preis? So? Wieviel Geld habt Ihr denn eigentlich bei Euch,
Sir?
    Volle zweihundertfnfzig Dollars! brstete ich mich. Das ist doch gewi
bedeutend mehr, als eure ganze Reiterei kostet!
    Jetzt wurde das Gelchter ein schmetterndes. Sie steckten die Kpfe
zusammen, um einen Plan auszuhecken, der auf alle Flle fr mich nur vorteilhaft
war. Sie dachten gar nicht mehr an mein Konterfei zu Pferde, sondern sehr
wahrscheinlich nur noch daran, meine zweihundertfnfzig Dollars in die Hnde zu
bekommen.
    Steigt wieder ab! forderte Howe mich auf. Ihr gefallt uns
auerordentlich, ja auerordentlich, Mister Burton! Ihr sollt die Pferde und die
Maultiere haben, und auch die Sttel dazu. Ihr knnt das Alles sogar umsonst
haben, wenn Ihr wollt!
    Umsonst? Wieso? fragte ich.
    Wir mchten Euch reiten sehen, reiten! Auf den Pferden und auch auf den
Maultieren! Wir satteln sie Euch jetzt, alle sechs. Ihr steigt da drauen auf
und reitet im Galopp hier herein, aber nicht etwa durch die Tr, sondern ber
die Mauer!
    Also im Sprunge? fragte ich.
    Ja. Getraut Ihr Euch das?
    Warum nicht? Ihr habt ja selbst versichert, da ich ein sehr guter Reiter
sei! Kann man denn etwa herunterfallen, wenn man die Fe in den Steigbgeln hat
und die Zgel in den Hnden?
    Nein, gewi nicht! lachte er, und die Andern wieherten mit. Also jedes
Pferd und jedes Maultier, welches Ihr im Galopp glatt ber die Mauer
hereinbringt, ohne da es den Hals bricht und ohne da Ihr abgeworfen werdet,
ist Euer!
    Darf ich dabei den Hut absetzen und den Rock ausziehen?
    Da brllten seine Kumpane frmlich vor Vergngen; er aber beherrschte sich
und antwortete:
    Ihr drft ausziehen oder meinetwegen auch anziehen, Alles, was Euch
beliebt. Selbst wenn Ihr Euch dabei als Harlekin oder als dummer August kleiden
wolltet, htten wir nichts dagegen. Nun aber kommt der Hauptpunkt, auf dessen
Erfllung es ankommt, ob aus dem Handel etwas wird oder nicht. Ihr habt nmlich
die zweihundertfnfzig Dollars sofort zu erlegen. Gelingen Euch die sechs
Sprnge, so bekommt Ihr sie zurck und die Pferde und Maultiere dazu. Miraten
sie Euch aber, so bekommt Ihr nichts, und auch das Geld ist unser. Ihr seht doch
wohl ein, da das gar nicht anders geht?
    Natrlich! Ihr riskiert eure Pferde, und so habe ich ganz
selbstverstndlich auch Etwas zu riskieren. Mein Geld ist zwar mehr wert, als
alle eure Pferde, aber ich will der Noble sein!
    Wieder lachten sie Alle; dabei antwortete er:
    Ganz recht, ganz recht! Und da wir Euch die Pferde und Maultiere
augenblicklich stellen, so seid Ihr verpflichtet, auch Euer Geld sofort zu
erlegen.
    Ja, sofort, sobald der Kontrakt gemacht worden ist.
    Kontrakt? fragte er.
    Gewi! Kontrakt! Ich habe gehrt, da die Pferdehndler die pfiffigsten
Kreaturen sind, die es gibt, und da man sich bei ihnen in jeder Weise
vorzusehen und sicherzustellen hat.
    Aber wir sind doch keine Pferdehndler, sondern Knstler!
    Trotzdem! Es ist ein Pferdehandel, ganz gleich, wer oder was wir sind!
    Well! Bin einverstanden. Papier her!
    Und ich diktiere! sagte ich.
    Dabei stieg ich vom Pferde, und zwar in einer Weise, die mehr eine
Rutschpartie als ein guter Absprung war. Howe setzte sich. Ich sagte ihm den
Wortlaut vor, und er schrieb ihn nach, ohne eine Silbe daran zu ndern. Er war
ja vollstndig berzeugt, alles Mgliche unterschreiben zu knnen, ohne ble
Folgen davon zu haben, weil es fr ihn feststand, da ich gleich bei den ersten
Schritten des ersten Rittes aus dem Sattel fliegen werde. Ich diktierte mit sehr
erhobener Stimme, denn ein Blick nach unsern Fenstern hinauf zeigte mir die
gewnschten Personen, die jedes Wort zu hren und zu verstehen hatten. Ich fgte
hinzu, da ich mein Geld einem Unparteiischen zu bergeben habe, da er und kein
Anderer die Pferde und Maultiere satteln msse und da dieser Unparteiische Mr.
Pappermann sei. Howe zeigte sich ebenso wie seine Kameraden seiner Sache so
gewi, da er so unvorsichtig war, auch auf diese Bedingungen einzugehen. Dann
wurde von ihnen Allen unterschrieben, zuletzt auch von mir. Ich gab dem alten
Westmanne den Kontrakt, und er steckte ihn ein. Von diesem Augenblicke an durfte
ich die sechs prchtigen Tiere als mein Eigentum betrachten. Ich zog die
Brieftasche und fgte die vereinbarte Summe mit Vergngen bei. Auch das Herzle
lchelte. Sie nickte mir heimlich zu. Der bei ihr am Tische sitzende Indsman
hatte sich inzwischen so weit erholt, da er dem Vorgange mit Interesse folgte.
Sein Auge hing mit prfendem Blicke an mir, und dieser Blick verriet, da er das
Kommende ahnte.
    Und nun hinaus zum Satteln! gebot Howe.
    Er strmte mit seinen Kumpanen zur Tr hinaus, der alte Pappermann hinter
ihnen her. Ich folgte ihnen in bedchtiger Langsamkeit und beobachtete sie
dabei. Sie teilten den Peonen mit, was sich jetzt ereignen sollte. Peone sind
Pferdeknechte, sind Diener, sind Untergebene. Gewhnlich whlt man Mexikaner
niedersten Standes dazu; diese hier aber waren ganz entschieden Yankees, und
zwar ganz erfahrene Patrone, auch nicht mehr jung, sondern gewi schon ber
vierzig Jahre hinaus. Als sie jetzt mit den Knstlern sprachen, standen sie
nicht wie ihre Dienstboten, sondern schon mehr wie ihre Herren vor ihnen. Das
fiel mir auf. Doch schienen sie mit dem schlechten Witze, dessen Opfer ich
werden sollte, einverstanden zu sein, denn sie stimmten schlielich in das
Gelchter der Andern ein. Als Howe sich mit Zweien von ihnen entfernte, um zu
den Fliegenschimmeln zu gehen, rief ihnen der Dritte in heiterem Tone nach:
    Schade, da Sebulon und Hariman nicht dabei sind! Wrden sich krank lachen!
Wenigstens der Erstere!
    Man kann sich denken, wie diese beiden Namen auf mich wirkten! Also die zwei
Enters! Denn da diese Beiden gemeint seien, verstand sich fr mich sofort und
ganz von selbst. Auch die Reihenfolge, in der die Namen genannt wurden, stimmte:
Sebulon voran. Er pate zu diesen Menschen viel besser als Hariman, sein Bruder,
und wrde sich ber den beabsichtigten Streich gewi auch mehr freuen als der
letztere. Aber ich hatte jetzt keine Zeit, diesen Gedanken weiter auszuspinnen,
denn ich war bei dem Sattelzeug angekommen und hatte auszuwhlen, was mir
gefiel. Ob ich es dann auch wirklich brauchte, war im jetzigen Augenblicke
Nebensache, doch hegte ich schon jetzt gewisse Absichten, die sich zwar
einstweilen nur auf Vermutungen sttzten, sich dann aber als richtig erwiesen.
Meine Wahl fiel auf einen Frauensattel und die fnf besten Reitsttel. Von den
letzteren hatte ich, falls ich recht vermutete, spter zwei Stck gegen zwei
Packsttel umzutauschen.
    Von jetzt an war es mir klar, da diese sechs Personen weder Knstler noch
sonst etwas Anstndiges seien, und es tat mir fast leid, ihnen gegenber die
Rolle eines beinahe Minderwertigen gespielt zu haben, whrend sie es doch waren,
denen es, mochten sie sein, was sie wollten, an der gewhnlichsten Intelligenz
gebrach. Denn da ich aus einem Haufen von zwanzig Sttel grad die fnf besten
auszusuchen verstand, mute ihnen ganz unbedingt sagen, da ich hchst
wahrscheinlich nicht der Tolpatsch sei, fr den sie alle mich hielten. Sie aber
waren derartig blind dafr, da mir der eine Peon sogar seine groen Sporen
brachte, um sie mir anzuschnallen. Ich lie das ruhig geschehen.
    Pappermann sattelte zunchst die drei Maultiere, sodann die Fliegenschimmel.
Diese lieen es sich gefallen, duldeten aber dann nicht, da sich ihnen Jemand
von der Seite her nherte. Ich mute erfahren, ob dies nur die linke, also die
Aufsteigeseite, betraf oder auch die rechte. Ich tat also, als ob ich auch von
dieser her nahe an sie herantreten wolle, doch wendeten sie sich dabei stets so,
da sie mich vor sich behielten. Auch von hinten lieen sie Niemand heran. Sie
flitzten da ganz lebensgefhrlich mit den Hufen aus, und zwar alle drei, der
eine genau so wie der andere und der dritte. Nun wute ich genug. Mit diesen
drei Hengsten war es viel leichter, ber die Mauer zu kommen, als mit den
Maultieren, von denen es sich erst zu zeigen hatte, ob sie Schule besaen oder
sich nur zum Lasttragen eigneten.
    Jetzt Anfang, Mr. Burton! forderte Howe mich auf. Es wird Zeit! Lat uns
nur erst noch nach dem Garten zurck, damit wir Euch sehen und bewundern knnen,
wenn Ihr angesaust kommt!
    So helft mir nur erst hinauf! bat ich, zu einem der Maultiere tretend.
    Man hob mich hinauf und eilte dann lachend dem Garten zu. Die Peone aber
blieben im Freien, Pappermann auch. Er wich ihnen nicht von der Seite und sagte
mir durch ein heimliches Nicken, da ich mich hier auf ihn verlassen knne. Er
war der umsichtige, Alles berlegende Mann geblieben, als den ich ihn vor Jahren
kennen gelernt hatte.
    Nun setzte ich das Maultier in Bewegung. Es sah ganz so aus, als ob es aus
eigenem Willen vorwrts gehe, erst langsam, dann etwas schneller. Es lief
geradeaus, nach links, nach rechts, scheinbar ganz nach Belieben. Es drehte sich
um, machte einen Bogen, wendete wieder, trottete weiter und versuchte sogar
einen Trab. Ich rutschte hin und her. Ich schukkerte. Ich verlor zuweilen die
Zgel, und ich fuhr hier und da aus den Bgeln. Das sah Alles so urgemtlich aus
und war doch in Wirklichkeit ein scharfes, sehr scharfes Examen, welches ich mit
dem Maultier unternahm. Es geschah kein Schritt, kein einziger, ohne meinen
Willen, und ich bemerkte sehr bald, woran ich war. Das prchtige Geschpf besa
die beste mexikanische Schulung. Als ich es leise, ganz leise zum Sprung
zusammennahm, gehorchte es so genau und so schnell, da ich kaum Zeit fand,
diese Aufforderung durch Gegendruck zu widerrufen. So nherten wir uns der
Gartenmauer mehr und mehr, bis wir uns nur noch vier oder fnf Schritte von ihr
befanden. Drben gab es ein hhnisches Gelchter. Man war berzeugt, da das
Maultier mit mir nur so spazierengegangen sei.
    Nun, herber, herber, Mr. Burton! Herber! rief Howe mir zu.
    Ja, soll ich denn wirklich? fragte ich.
    Natrlich!
    So nehmt es mir dann aber auch nicht bel!
    Fllt mir nicht ein! Also kommt!
    Salto! Alto! Elevado!
    Whrend ich diese drei, beim Sprunge gebruchlichen Worte rief, schnellten
wir hoch empor, ber die Mauer hinber und standen dann so unbeweglich und ruhig
dadrben, als ob wir uns gar nicht von der Stelle bewegt htten. Mein erster
Blick war auf den Indsman gerichtet. Seine Augen leuchteten.
    Donnerwetter! fluchte Howe.
    Seine Kameraden ergingen sich in hnlichen Ausrufungen.
    Nun? fragte ich ihn. Bin ich jetzt hben oder noch drben?
    Hol Euch der Teufel! schrie er mich zornig an. Wie es scheint, knnt Ihr
dennoch reiten?
    Scheint? Dennoch? - Habe ich etwa behauptet, nicht reiten zu knnen?
    Ich glitt aus dem Sattel herab, fhrte das Maultier aus dem Garten in den
Hof und band es dort an.
    Warum schafft Ihr das Vieh da hinaus? wurde ich gefragt.
    Ich antwortete nicht, nickte dem Herzle frhlich zu und ging, um das nchste
Maultier zu holen. Dieses tat den Sprung ganz ebenso wie das erste.
    Da habt ihr es! schrie Howe. Der Kerl kann reiten! Er hat gelogen!
    Ich lie diese Beleidigung ungergt und schaffte das Maultier ebenso in den
Hof wie das vorige. Dann bat ich das Herzle:
    Bitte, la, whrend ich das dritte hole, meinen Koffer herunterbringen,
hierher auf unsern Tisch!
    Als ich dann an die Stelle kam, wo die Peone warteten, sagte der eine von
ihnen zu mir:
    Sir, es scheint, Ihr wollt Euch einen Spa mit uns machen?
    Wenn dies der Fall wre, so htte ich nur ganz dieselbe Absicht wie Ihr!
antwortete ich.
    Nehmt Euch in acht, da nicht etwa Ernst daraus wird!
    Bei mir wird jeder Spa zum Ernste. Ist das bei Euch etwa anders?
    Da trat er hart an mich heran und drohte:
    Ich warne Euch!
    Pshaw! machte ich wegwerfend.
    Ja, ich warne Euch! Aber aus ganz anderem Grunde, als Ihr denkt. Pferde
sind keine dummen Maultiere. Es werden Euch entweder die Knochen zerschmettert,
oder Ihr brecht den Hals!
    Das wartet ruhig ab!
    Ich hielt es nun nicht mehr fr ntig, mich zu verstellen. Ich schwang mich
auf das Maultier, welches Pappermann am Zgel hielt.
    Wie wird es mit den Pferden? fragte er mich leise.
    Ganz ebenso! antwortete ich.
    Aber sie lassen doch Niemand an sich heran!
    Habt keine Sorge! Ich komme nicht nur hinan, sondern auch hinauf!
    Nach diesen Worten flog ich ber den Platz und ber die Mauer hinber. Als
ich den Mulo10 in den Hof brachte, stand dieser schon fast ganz voller Menschen.
Die Sache war publik geworden, und die Leute kamen herbei, ihr beizuwohnen. Dem
Wirte war das lieb, weil er dadurch Gste bekam. Auch die benachbarten Hfe und
Grten hatten begonnen, sich mit Zuschauern zu fllen.
    Mein Koffer war da. Das Herzle war selbst mit oben gewesen. Sie sagte mir,
da vier Zeugen an unsern Fenstern stnden, drei Polizisten und ein Herr, den
man ihr als Corregidor bezeichnet habe.
    Das heit so viel wie Brgermeister. Die Leute mexikanischer Abstammung
pflegen sich dieses spanischen Ausdrucks zu bedienen, erklrte ich ihr.
    Er ist erst nachtrglich gekommen. Er wurde nmlich von einem der
Polizisten geholt, und zwar aus einem mir unbekannten Grunde, welcher uns aber,
wie er mir versicherte, auerordentlich interessieren wird. Er war sehr hflich.
Brauchst du etwas aus dem Koffer?
    Ja. Zunchst meinen Beratungsrock.
    Ich ffnete den Koffer und entnahm ihm das bezeichnete, aus weiem Leder
gefertigte Kleidungsstck, dessen Nhte mit Skalplocken verziert sind.
    Uff! verwunderte sich der Indsman in halblautem Tone. Das darf nur ein
Huptling tragen! Aber auch nur am Beratungsfeuer und bei
Stammesfestlichkeiten!
    
    Ich zog meinen Rock aus und legte dafr dieses indianische Gewand an.
    Warum? fragte das Herzle. Hrst du, wie deine Kontrahenten darber lachen
und spotten?
    La sie es tun. Es kommt sogar noch der Huptlingsschmuck dazu. Es ist der
Pferde wegen. Sie haben indianische Dressur. Sie lassen auer ihrem Herrn kein
Bleichgesicht zu sich heran, und auch ich kme, ohne mich umzukleiden, gewi
nicht in den Sattel.
    Ah! Darum die Bedingung, dich aus- und anziehen zu knnen, ganz wie es dir
beliebt?
    Ja. Du siehst, da jedes Wort erwogen war, obgleich auch du selbst nicht
wutest, warum und wozu.
    Als ich den Huptlingsschmuck aus seiner Hlle rollte, stie der Indsman
einen zweiten Ruf der Verwunderung aus:
    Uff, uff! Das echte, wirklich echte Gefieder des Kriegsadlers, den es jetzt
nicht mehr gibt! Sind es fnfmal zehn Federn?
    Noch mehr, antwortete ich.
    Da stand er ehrerbietig auf und sprach:
    So mu ich meinen Gru und meine Bitte um Verzeihung - - -
    Still, still! unterbrach ich ihn. Wir sind hier nicht am Beratungsfeuer,
und nur um zu den kstlichen Pferden zu gelangen, enthlle ich diese
Heimlichkeit, deren Bedeutung man glcklicherweise hier wohl nicht kennt.
    Zu der Art von Schmuck, um die es sich hier handelt, durften nur die zwei
uersten Schwungfedern des Kriegsadlers genommen werden. Der meinige reicht
hinten vom Kopfe bis auf die Erde herab, ist von sorgfltigster, indianischer
Arbeit und hat seine eigene, sehr ergreifende Geschichte. Als ich ihn aufsetzte,
begannen zwei oder drei von den Sechs von Neuem zu lachen. Da aber fuhr Howe sie
zornig an:
    Schweigt! Seht ihr denn nicht, was es nun geben wird! Er kennt das
Geheimnis der drei Hengste! Da gibt es nichts zu lachen! Aber ich hoffe, er
bricht trotzdem noch den Hals!
    Ich ging mitten zwischen ihnen hindurch, hinaus zu den Pferden. Da standen
die Peone. Keiner von ihnen sagte ein Wort; aber wenn Blicke die Wirkung von
Bchsenkugeln besen, so wre ich unter den ihren sofort zusammengebrochen. Die
Fliegenschimmel hielten sich noch eng beisammen. Ich schritt langsam auf sie zu.
Sie betrachteten mich, ohne sich zu bewegen. Ihre rtlichen Nstern blhten
sich. Ihre kleinen Ohren begannen, zu spielen. In ihre langen, prchtigen
Schwnze kam Bewegung. Zwei von ihnen lieen mich heran; der dritte aber
schnaubte. Er wich zurck, doch ohne nach mir zu schlagen oder zu beien. Der
war der Klgste. Den hob ich mir auf bis zuletzt. Er hatte eine kleine,
hellweie Mouche grad ber der Nase, kaum so gro wie ein Pfennig, ein
tiefklares und gesundes Auge, ein charaktervolles, trockenes Kpfchen, eine
seidenglnzende Haut und einen so tadellosen Bau, da ich schon jetzt, wo er mir
noch gar nicht gehrte, beschlo, ihn fr mich selbst zu nehmen. Jetzt aber
schwang ich mich auf einen der beiden andern. Er lie sich das ohne jeden
Widerstand gefallen, trug mich zweimal im Galopp und im Kreise herum und flog
dann mit mir ber die Mauer, als ob sie nur eine niedrige Stufe sei. Lauter
Beifall erscholl in den Hfen. Die sechs Knstler aber waren still. Ich
brachte das Pferd bei den Maultieren unter und ging dann hinaus, um das zweite
zu holen. Auch das gelang. Als ich dann zum letzten Male hinaus zu den Peonen
kam, trat der von ihnen, welcher mich schon einmal angesprochen hatte, auf mich
zu und sagte:
    Sir, Ihr gebt doch wohl zu, da Ihr darauf ausgegangen seid - -
    Euch eine Lektion zu erteilen? unterbrach ich ihn. Ja, das wollte ich
allerdings.
    Nun gut! Es ist geschehen. Dabei soll und mu es aber nun sein Bewenden
haben! Wir machen nicht mehr mit!
    Ich auch nicht! Ist berhaupt gar nicht ntig! Wir werden ja gleich fertig
sein!
    Noch nicht ganz. Denn auf dieses Pferd kommt Ihr nicht!
    Er ging von vorn auf den Hengst zu, um ihn am Zgel zu fassen; ich aber war
schneller als er. Das Pferd, welches ihn kommen sah, dachte, er wolle in den
Sattel. Es wendete ihm Kopf und Brust zu und schnaubte ihm drohend entgegen. Das
benutzte ich. Mit einigen schnellen Schritten kam ich von hinten - - ein
krftiger Ansatz, ein Sprung, ein Schwung, und ich sa oben. Nun aber schnell in
die Bgel und an die Zgel! Da ging der Schimmel auch schon mit allen Vieren in
die Luft. Der Peon war gezwungen, auf die Seite zu springen, um nicht von den
Hufen getroffen zu werden.
    Hund! brllte er mich an. Das sollst du mir ben! Und zu seinen
Kameraden gewendet, fgte er hinzu: Kommt schnell hinein in den Hof! Die
Abmachung darf nichts gelten! Er mu sie alle wieder herausgeben, sie alle!
    Er rannte mit ihnen fort. Da ich nun einmal auf dem Pferde sa, konnten sie
mich nicht mehr daran hindern, nun auch den letzten Sprung noch auszufhren. Es
galt also nur noch, mich um den wohlverdienten Ertrag meiner Mhe zu bringen.
Darum beeilten sie sich, mir womglich noch vorauszukommen. Sie waren nmlich
berzeugt, da dieses letzte Pferd mir nicht so willig gehorchen werde wie die
beiden vorangehenden. Aber da irrten sie sich. Nun ich einmal fest im Sattel
sa, unternahm es keinen Versuch, mich abzuwerfen. Das war die Wirkung der
indianischen Kleidungsstcke. Aber es hatte mich trotz derselben doch
wiedererkannt. Es wute, da ich kein Roter, sondern ein Weier sei, und darum
zgerte es. Ich htete mich, es durch die Sporen zu zwingen. Ich gab vielmehr
gute Worte. Weil ich der Ansicht war, da es einer Dakotakreuzung entstamme,
versuchte ich es erst in dieser Sprache, und zwar mit den bei den Dakotastmmen
gebruchlichen Anfeuerungsworten fr Pferde:
    Schuktanka waschteh, waschteh! Tokiya, tokiya - sei gut, sei gut, liebes
Pferd! Lauf, lauf; geh weiter!
    Diese Aufforderung war ohne allen Erfolg. Ich setzte den Versuch also im
Apatsche fort:
    Yato, yato! Tatischah, tatischah - - sei lieb; sei gut! Lauf, lauf!
    Es spitzte die Ohren und wehte mit dem Schwanze. Es kannte also diese Worte,
die aber noch nicht die richtigen waren. Darum probierte ich es nun mit dem
Komantsche:
    Ena, ena! Galak - - geh weiter; geh - -
    Ich hielt mitten in diesem Zurufe inne. Ich hatte nicht ntig, ihn zu
vollenden, denn der Hengst stie einen tiefen Ton der Freude aus und begann
sofort, mit allen Hufen zu spielen. Und da kam mir eine Idee, die eigentlich
weit hergeholt erschien, sich aber dann spter als wahr erwies. Es fiel mir
nmlich der edle, dunkle Rotschimmel ein, den mein Freund Apanatschka, damals
noch Huptling der Naiini-Komantschen, mit groer Vorliebe geritten hatte. Ich
habe dieses Pferd in Old Surehand Band 3 Seite 51 erwhnt und beschrieben. Und
ich wute, da sowohl Apanatschka wie auch Old Surehand sich groe Mhe gegeben
hatten, diesen schnen Komantschenschlag mit Winnetous Lieblingen und besten
Dakotatrabern zu vereinen, um Pferde zu ziehen, in denen die Vorzge dieser drei
Rassen zusammenflossen. Dieses Vorhaben war gelungen. Sie besaen nun Beide
mehrere groe Zchtereien, deren bedeutendste drben am Bijou-Creek liegt, der
ein Nebenflu des sdlichen Platte ist. Dort hatte Old Surehand sich zu den
Wirtschaftsgebuden ein Wohnhaus bauen lassen, in dem er einige Monate des
Jahres zuzubringen pflegte. Dieser mit sehr gutem Geschmack eingerichtete
Landsitz war gemeint, als er mir in seiner auf Seite 10 befindlichen Mitteilung
schrieb: Betrachte mein Haus als das Deinige, auch wenn wir nicht daheim sind.
Sollten die drei Fliegenschimmel von dorther kommen? Vielleicht auch die
Maultiere? Sollten die sechs sogenannten Knstler samt ihren Peonen
Pferdediebe sein? Unmglich war das keineswegs. Trinidad ist seines
Pferdehandels wegen weithin bekannt und fr derartiges Gesindel ein ebenso
bequemer wie gesuchter Ort, die geraubte Ware an den Mann zu bringen.
    Das Alles fuhr mir jetzt blitzschnell durch den Kopf, ohne da ich aber Zeit
hatte, den Gedanken festzuhalten und weiter zu bewegen. Der Rappschimmel begann,
wie bereits gesagt, mit allen vier Hufen zu tnzeln und zu spielen. Seine beiden
Freunde und Verwandten waren fort. Er wollte ihnen nach, wollte zu ihnen. Ich
nahm ihn fest zusammen und legte ihn dann in Galopp, aber nur bis an die Mauer.
Da blieb ich halten. Er bat in tiefknurrenden Tnen, ihn doch hinber zu lassen.
Das hatte ich hren wollen. Er war nicht stumm; er sprach! Nun erfllte ich
seinen Wunsch. Die Mauer wurde, wie der Reiter vom Fach sich auszudrcken
pflegt, von dem Hengst mit hchster Eleganz genommen.
    Gewonnen, gewonnen! Die Pferde sind sein, sind sein! ertnte ein
vielstimmiger Ruf.
    Pappermann war schleunigst hinter mir hergerannt. Ich bergab ihm das Pferd,
um es zu den andern in den Hof zu schaffen.
    Halt! Dableiben! rief Howe ihm befehlshaberisch zu. Der Hengst gehrt
uns, und die andern alle auch. Sie mssen wieder herein, hierher, zu uns!
    Er griff nach den Zgeln. Da trat ich zu ihm heran und antwortete:
    Hand ab vom Gaul! Ich zhle bis drei: Eins - - zwei - - drei - -!
    Er lie nicht los. Darum stie ich ihm bei drei die Faust in die Seite,
da er mitten unter seine Kameraden hineinflog und dann zur Erde strzte. Er
wollte sich augenblicklich aufraffen, um mir diesen Sto schleunigst zu
vergelten, brachte dies aber nicht fertig. Er konnte sich nur langsam wieder
erheben, und ehe dies geschah, hatte sich schon ein Anderer seiner Sache
angenommen, nmlich der Peon, von dem ich ein Hund genannt worden war. Er kam
mit geballten Fusten auf mich zu und schrie:
    Schlagen, schlagen willst du auch? Das soll dir wohl nicht gut - - -
    Er kam nicht weiter. Er wurde von dem neuen Wirt unterbrochen, welcher
soeben in den Garten trat, gefolgt von einigen robusten, muskelstarken Mnnern,
die er sich schnell zusammengewinkt hatte, um grad im entscheidenden Augenblicke
mit ihnen dazwischen zu treten.
    Still, still! Haltet den Schnabel! berschrie er den Peon. Hier kommt das
Essen! Die Suppe! Macht eure Sache aus, wenn gegessen worden ist! In meinem
Hotel ist es nicht erlaubt, sofort mit allen Fusten dreinzuschlagen! Sondern
hier heit es, erst die Henne und dann das Geschft!
    Der Mann war pfiffig. Um den Peon zu beruhigen, warf er die Schuld zunchst
auf mich, winkte mir dabei aber mit den Augen die Bitte zu, mir das sofort mit
allen Fusten dreinschlagen nicht etwa zu Herzen zu nehmen. Whrend die Andern
hinter ihm die Teller und Bestecke brachten, trug er die Terrine mit der
Hhnersuppe. Er griff whrend seiner Worte hinein, zog die alte, ausgekochte
Henne an einem Beine heraus und hob sie so hoch empor, da Jedermann sie sehen
konnte. Was er so klug berechnet hatte, das geschah. Aus den anliegenden Hfen
und Grten scholl ein lautes Gelchter zu uns herber, und eine Menge von
lustigen Stimmen rief durcheinander:
    Ganz richtig! Ganz richtig! Erst die Henne und dann das Geschft! Vivat die
Henne! Sie lebe hoch!
    Das wirkte.
    Well! rief der Peon. Es sei! Erst die Henne und dann die Pferde! Setzt
euch! Wir essen! Dieser Mr. Burton kann warten, bis wir fertig sind!
    Nein! Er soll nicht warten! entgegnete Howe, der nach seinem Stuhle
hinkte, um sich zu setzen. Er soll uns Musik machen! Tafelmusik! Er blst die
Ziehharmonika, und Mrs. Burton spielt Gitarre!
    Ja, das soll er, das soll er! stimmte der Peon ihm bei, indem er mir
gebieterisch winkte. Her mit der Ziehharmonika! Und her mit der Gitarre!
    Sogleich! antwortete ich. Sogleich!
    Ich trat zum Herzle, nahm die zwei Revolver aus den beiden Auentaschen des
vorhin abgelegten Rockes und fragte sie:
    Kannst du dir denken, was jetzt kommen mu?
    Ja, antwortete sie.
    Und hast du Mut?
    Ich denke es!
    So komm!
    Ich spannte beide Revolver und gab ihr den einen in die Hand. Bis jetzt
hatte ich so gestanden, da man die Waffen nicht sehen konnte. Nun aber drehte
ich mich um und ging auf die Tafel zu, das Herzle folgte mir sogleich. Die
rechte Hand mit dem Revolver hebend, sagte ich:
    Hier meine Ziehharmonika!
    Hier meine Gitarre! drohte das Herzle.
    Das Spiel beginnt! fuhr ich fort. Wer von euch etwa auch nach der Waffe
greift, bekommt auf der Stelle eine Kugel! War unser Essen vorhin fr euch, so
ist das eure nun fr uns! Bitte Mr. Pappermann greift zu! Hinber zu uns mit dem
Tafeltuch! Hinber mit Besteck und Geschirr! Und hinber mit der Henne!
    Einige Augenblicke lang herrschte rundum tiefes Schweigen. Ich sah, da der
Revolver in der Hand meines Herzle leise bebte. Sie griff mit der andern Hand
nach meinem Arm, um fest zu sein. Aber die Drohung wirkte. Keiner der Knstler
und Peone wagte, sich zu rhren. Und nun brach rundum ein jubelnder Beifall los.
    Hinber auch mit der Henne! rief, schrie, lachte und spottete Alles, was
eine Stimme besa. Hinber, hinber! Mit der Henne, mit der Henne!
    Pappermann griff zu, meine Weisung auszufhren, und Niemand hinderte ihn, es
zu tun. Da entstand ein Gedrnge drauen im Hof. Es wollte Jemand von dort
heraus in den Garten.
    Der Corregidor kommt! hrte ich sagen. Der Corregidor!
    Also der Herr Brgermeister selbst! Und hinter ihm die drei Polizisten. Also
unsere Zeugen. Aber sie kamen nicht nur als Zeugen, sondern aus einem noch ganz
anderen, viel gefhrlicheren Grunde. Der Corregidor wendete sich, als er uns
erreichte, zunchst an mich:
    Steckt die Revolver ein, Mr. Burton! Sie haben ihren Dienst getan und sind
nun, da ich mich der Angelegenheit selbst annehme, nicht mehr ntig. Die Pferde
und Maultiere sind Euer. Kein Mensch kann sie Euch nehmen. Und auch Euer Geld
gehrt Euch wieder!
    Oho! rief der schon wiederholt erwhnte Peon, der unsere Waffen nicht mehr
auf sich gerichtet sah. Dazu gehren wir wohl auch!
    Allerdings gehrt Ihr auch dazu! Grad Ihr! Besonders Ihr! Es verlangt mich
sehr, Euern Namen zu erfahren! Aber nicht etwa einen falschen, sondern nur den
richtigen!
    Meinen Namen? fragte der Peon. Warum? Wozu? Falsche Namen fhre ich
berhaupt nicht!
    Ich kenne wenigstens zehn bis elf, die Ihr bisher brauchtet, um Euch zu
verstecken. Euer wirklicher Name ist Corner. Unter dem letzten falschen Namen
wurdet Ihr wegen Raub und Pferdediebstahl unten in Springfield verurteilt, seid
aber ausgerissen!
    Das ist nicht wahr! Das ist eine Lge! Das ist eine Schndlichkeit! Ich bin
ein ehrlicher Mann und habe niemals einen andern Menschen auch nur um den Wert
eines Cent gebracht!
    Wirklich? - Wollt Ihr eine Person sehen, welche das Gegenteil nicht nur
behauptet, sondern dasselbe auch beweist?
    Bringt sie mir!
    Da ist sie!
    Der Beamte tat bei diesen Worten einen Schritt zur Seite, damit der bisher
hinter ihm stehende Polizist zu sehen sei. Dieser nickte dem Peon ironisch zu
und sagte:
    Ihr kennt mich wohl, Mr. Corner? Ich war es, der Euch in Springfield
arretierte, und wiederhole das nun heut mit groem Vergngen. Bin inzwischen
hier in Trinidad angestellt worden!
    Kaum hatte der Peon diesen Polizisten gesehen und seine Worte gehrt, so
rief er aus:
    Dieser Schurke ist hier, dieser Schurke! Hole Euch alle der Teufel - der
Teufel! Kommt, kommt!
    Indem er diese letzte Aufforderung an seine Kumpane richtete, tat er einen
Sprung, der ihn aus unserer Nhe brachte, und rannte spornstreichs davon, aus
dem Garten auf das Oedland hinaus und nach der Stelle zu, auf welcher die Pferde
standen.
    Ihm nach, ihm nach! Er will fliehen! befahl der Corregidor, indem er
gleich in eigener Person hinter ihm herrannte. Aber der Peon floh nicht allein.
Seine smtlichen Komplizen waren aufgesprungen und folgten seinem Beispiele mit
einer Schnelligkeit und Gewandtheit, aus welcher zu sehen war, da sie in
Beziehung auf derartige Vorkommnisse bedeutende Uebung besaen. Auch ich bin
gewohnt, sehr schnell zu handeln, wenn es einmal zu handeln gilt. Ich griff also
so rasch wie mglich zu, aber es gelang mir nur, grad den Letzten von ihnen noch
zu erwischen und festzuhalten. Er wollte sich zwar wehren und losreien, aber
Pappermann, der beraus krftig war, nahm ihn mir aus den Hnden, warf ihn zu
Boden und kniete ihm derart auf die Brust, da er sich nicht mehr rhren konnte.
    Nun sah man sie laufen, alle, alle. Voran die Fliehenden, hinter ihnen her
ihre Verfolger. Die Ersteren erreichten ihre Pferde, schwangen sich auf und
jagten davon, indem sie das vierte Maultier und auch das Pferd ihres von uns
berwltigten Kameraden mitnahmen.
    Schurken! rief dieser zornig aus, als er das sah. Was wird nun aus mir!
    Das kommt auf dich an, antwortete ich.
    Wieso? fragte er.
    Warte!
    Meine Aufmerksamkeit wurde nmlich durch die fast drollige Szene, die sich
jetzt da drauen entwickelte, angezogen. Es hatten sich nicht etwa nur einige,
sondern alle Anwesenden an der Verfolgung beteiligt. Ausgenommen waren nur
Pappermann, der Wirt mit seinen Leuten, der Indianer, meine Frau und ich. Auch
die Nachbarn mit ihren Zaun- oder vielmehr Mauergsten waren herbergesprungen
und den Flchtlingen nachgerannt. Es fiel ihnen jetzt, da diese davonritten, gar
nicht etwa ein, stehen zu bleiben oder gar umzukehren, sondern wir hrten den
Corregidor rufen:
    Schnell nach den Corrals! Und dann hinter ihnen her!
    Corrals sind umzunte, freie Pltze, in denen man die Pferde unterbringt.
Solcher Pltze gab es fr die Bewohner von Trinidad mehrere. Ihnen eilte man
jetzt zu, um sich schleunigst auch beritten zu machen und dann den Spuren der so
schnell Verschwundenen zu folgen. Nun waren wir allein, und ich wendete mich an
den Gefangenen, der von Pappermann noch immer festgehalten wurde:
    Steh auf, Bursche! Und hre, was ich dir sage!
    Da lie Pappermann ihn halb los, so da er sich erheben konnte. Ich fuhr
fort:
    Wenn du mir meine Fragen aufrichtig und wahr beantwortest, geben wir dich
frei.
    So da ich fort kann, wohin ich will? fragte er schnell.
    Ja.
    Er sah mich prfend an; dann sagte er:
    Ihr seht nicht wie ein Lgner aus. Ich hoffe, da Ihr Wort halten werdet.
Also gebt mir an, was Ihr wissen wollt!
    Von wem sind die drei Schwarzschimmelhengste?
    Von der Farm eines gewissen Old Surehand.
    Und die Maultiere?
    Von eben daher.
    Gestohlen?
    Nein, eigentlich nicht. Es war nur Betrug, ein kleiner, allerliebster
Betrug. Corner hatte erfahren, da die besten Pferde und Maultiere Old Surehands
fr einen Deutschen bereitgestellt waren, der mit seiner Frau erwartet wurde.
Auch erwartete man einige junge Maler und Bildhauer, die ausgerstet werden
sollten - - -
    Ausgerstet? Wozu? unterbrach ich ihn.
    In das Apatschenland zu einer groen Schaustellung zu reiten. Der junge
Surehand hatte sie dazu eingeladen, war aber, ebenso wie sein Vater, lngst
vorangereist. Da stellten wir uns ein. Es gab eine Art von Maskerade, von
Fastnachtsspiel. Der Verwalter glaubte uns und gab Alles, was wir verlangten,
her.
    Ah! Darum seid Ihr auch jetzt noch Bildhauer und Maler!
    So ist es! lachte er. Fragt weiter!
    Ich bin fertig. Wenn ich weiter in Eure Geheimnisse eindrnge, wrde es mir
wohl sehr schwer oder gar unmglich sein, Euch mein Wort halten zu knnen. Ich
mag also weiter nichts wissen.
    Und ich darf fort?
    Ja.
    Ich danke! Ihr seid ein Ehrenmann, Sir! Aber ich bin ohne Pferd!
    Da kann ich Euch nicht helsen.
    Knnt Ihr mir nicht wenigstens eines der Maultiere geben?
    Gestohlenes Gut. - Nein!
    Aber, nun Ihr wit, da die Tiere eigentlich gar nicht unser sind, drft
auch Ihr sie nicht behalten!
    Will ich auch nicht. Ich kenne Old und auch Young Surehand. Ihr knnt Euch
darauf verlassen, da er wiederbekommt, um was er von Euch bestohlen worden ist,
wenigstens so viel, wie ich retten konnte. Auch das Zelt behalte ich.
    Well! Mir egal! Aber ohne Pferd kann ich nicht fort. Ihr werdet heut
erfahren, da hier irgendwo und irgendwem eines abhanden gekommen ist. Wird das
Euer Gewissen nicht beschweren?
    Nicht im geringsten. Denn es fllt mir gar nicht ein, es fr das, was
Andere tun, mit herzugeben. Also geht!
    Gut! Fertig! Lebt wohl!
    Er wendete sich, zu gehen. Da sagte der Wirt, welcher zugehrt hatte, zu
ihm:
    Wenn Ihr partout ein fremdes Gewissen zu Rate ziehen wollt, so stelle ich
Euch das meinige zur Verfgung. Ich werde sofort dafr sorgen, da heut und hier
kein Pferd abhanden kommt! Nicht irgendwo und auch nicht irgendwem! In zehn
Minuten wird die ganze Stadt es wissen, da Ihr uns ausgerissen seid und Pferde
stehlen wollt. Fort mit Euch!
    Schon wollte der Mensch dieser Weisung Folge leisten, da nahm Pappermann ihn
noch einmal beim Arme und sprach:
    Noch auf ein Wort! Diese beiden Gentlemen, die Euch laufen lassen wollen,
haben die Hauptsache vergessen. Ihr habt doch Geld?
    So viel, wie ich brauche, ja.
    Wo?
    Hier in der Tasche.
    Er zog einen wohlgefllten Beutel heraus, um ihn uns prahlerisch zu zeigen,
und fgte hinzu: Warum fragt ihr nach meinem Gelde?
    Der Zeche wegen! antwortete Pappermann, indem er ihm in das Gesicht
lachte. Ich heie nmlich Mach Pappermann und lasse mich von solchen Kerls, wie
Ihr seid, nicht an der Nase fhren, Ihr werdet die Zeche zahlen, fr Euch und
Eure Genossen!
    Fr mich, meinetwegen! Aber auch fr die Andern, fllt mir gar nicht ein!
    Das wird Euch gar wohl einfallen! Her mit dem Beutel!
    Er ri ihn ihm aus der Hand, gab ihn mir schnell und sagte:
    Habt Ihr die Gte, zu bezahlen, Sir! Ich halte den Hallunken einstweilen
fest.
    Wie gesagt, so getan. Der neue Wirt machte die Rechnung; ich bezahlte sie
und gab dem Manne dann den Beutel mit dem brigen Gelde zurck. Hierauf
verschwand er, zwar fluchend und wetternd, aber doch so schnell wie mglich. - -
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                                Drittes Kapitel

                                        

                               Am Ohr des Manitou


Nachdem der Pferdedieb sich entfernt hatte, gab ich den Huptlingsschmuck und
die Revolver in den Koffer zurck. Dann konnten wir endlich, endlich essen. Der
junge Adler hatte wieder Lebensfarbe bekommen. Es war ihm sichtlich hchst
unangenehm, da wir Zeugen seiner Schwche gewesen waren. Es lag ihm daran, von
uns geachtet zu werden. Darum teilte er uns mit, da ihm vor nun fast vier Tagen
unten am Carriso-Creek sein Pferd gestohlen worden sei, und zwar mit dem ganzen
Inhalte der Satteltaschen. Unterwegs gab es zu seiner Nahrung nur einige ebare
Wurzeln oder Beeren, weiter nichts. Er hatte sein schweres Paket nun selbst zu
tragen, und so war es kein Wunder, da er in so groer Uebermdung hier
eingetroffen war. Er erfuhr, da sein Lederanzug unangetastet bereit fr ihn
liege. Jetzt nun a er mit uns, langsam und in der Weise eines Mannes, der sich
in gebildeten Kreisen bewegt. Das Herzle sieht es auerordentlich gern, da es
ihren Gsten schmeckt. Ihr Gesicht strahlte jetzt vor Vergngen.
    Ich hatte so meine eigenen Gedanken ber ihn, sagte aber nichts. Auch
Pappermann htte wohl gar zu gern etwas Nheres ber ihn erfahren; aber der
Indianer machte trotz seiner Jugend einen derartigen Eindruck auf ihn, da er es
nicht wagte, ihn mit Fragen zu belstigen. Aber meine Frau, meine Frau! Der ist
jede Unklarheit zuwider! Die mu in allen Dingen genau wissen, woran sie ist.
Von indianischer Geduld und Zurckhaltung ist sie uerst wenig entzckt. Sie
beobachtete den jungen Adler. Ich sah es ihr an, da er ihr auerordentlich
gefiel. Und wehe dem, der ihr gefllt! Sie klopft ihm an das Herz, und was da
drin ist, mu heraus, er mag wollen oder nicht. Nicht etwa, da sie neugierig
oder gar zudringlich ist; nicht im geringsten. Aber wenn sie Jemand in
Verlegenheit sieht und ihm helfen will, so hat sie eine ganz eigene Art, zu
erfahren, in welcher Art und Weise das am besten zu geschehen vermag. So auch
hier! Wir waren der alten Henne, die man uns auch mit vorgesetzt hatte, noch
nicht bis auf das Gerippe gekommen, so hatte der junge Adler ihr schon gesagt,
und zwar scheinbar ganz von selbst, da ihm seine Waffen mit gestohlen worden
seien, da er kein Geld mehr habe und da er nach dem Sden wolle; wohin, das
gab er aber doch nicht an. Hierauf warf sie mir einen Blick zu, den ich
verstand. Ich sollte ihn einladen, mit uns zu reiten. Und das war ja grad der
Grund gewesen, weshalb ich drei Pferde und nicht nur zwei hatte haben wollen.
Ich legte ihm die betreffende Frage vor. Da ging ein frohes Leuchten ber sein
Gesicht. Er sprang auf, setzte sich aber sogleich wieder nieder, denn ein
Indianer soll weder Freude noch Schmerz so offen zeigen. An diesem Aufleuchten
seines Gesichtes sah ich, da er, obwohl er mich nie gesehen hatte, doch
vermutete, wer ich war.
    Ich bin Apatsche, antwortete er. Ich wollte zunchst nach dem
Nugget-Tsil.
    Whrend er dies sagte, sah er mich nicht an, sondern er schaute vor sich
nieder; aber ich fhlte frmlich, wie gespannt er darauf lauschte, was ich
hierauf antworten werde.
    Wir auch, erwiderte ich so ganz unbefangen, als ob ich garnicht daran
denke, ihn zu beobachten und zu durchschauen. Und mich an Pappermann wendend,
fragte ich ihn: Kennt Ihr vielleicht die Devils pulpit, die hier in der Nhe
liegen soll?
    Ja, antwortete er. Und der junge Adler kennt sie auch, denn er sagte mir
damals vor vier Jahren, da er von da oben heruntergekommen sei. Wollt Ihr hin?
    Ja.
    Soll ich Euch fhren?
    Wenn Ihr wollt?
    Welche Frage! Ob ich will! Ich habe nur eine Bedingung, eine einzige.
    Welche?
    Ich getraue mich kaum, sie Euch zu sagen.
    Nur heraus damit! Alte Kameraden drfen aufrichtig miteinander sein!
    Auch wenn sie Papperman heien? Maksch Pappermann? Verteufelt
unglckseliger Name! Sprecht ihn doch einmal englisch aus! Da klingt er noch
viel schlimmer! Alle Welt lacht ber ihn!
    Heit, wie Ihr wollt, doch redet von der Leber weg!
    Well! So sei es gewagt! Also, ich fhre Euch nach der Devils pulpit, wenn
Ihr mir erlaubt, dann noch weiter mit Euch zu reiten!
    Da fiel das Herzle schnell ein:
    Er erlaubt es - er erlaubt es!
    Oho, oho! warf ich in strengem, widerstrebendem Tone ein.
    Oho, oho! lachte sie. Lat Euch ja nicht abschrecken, Mr. Pappermann! Er
hat Euch gern, sehr gern, und ich auch. Und er hat drei Pferde und drei
Maultiere, also mehr, als wir brauchen. Und vor allen Dingen, wenn er Euch nicht
mitnehmen will, so mu er allein reiten, denn ich bleibe hier sitzen und weiche
und wanke nicht von Eurer Seite!
    Da wurden die Augen des alten, guten Menschen feucht. Er reichte ihr seine
Hand hinber und sagte:
    Gott segne Euch, Mrs. Burton! Wie dankbar bin ich Euch! Er mu mich nun
schon deshalb mitnehmen, weil ich mich verpflichtet fhle, fr Euch durch jedes
Wasser und jedes Feuer zu gehen!
    Aber Euer Hotel hier - Euer Hotel? fragte ich.
    Geht mich nichts mehr an! Habe weder Etwas darunterliegen, noch Etwas
darauf stehen. Bin berhaupt abgebrannt vollstndig abgebrannt. Bin rmer, als
eine Kirchenmaus. Und nun so alt, so alt! Ja, wenn ich anders hiee! Nicht
Pappermann! Das ist ja der Grund, der einzige Grund, da ich stets nur durch
Pech und Elend waten mute! Nehmt mich mit, bitte ich, nehmt mich mit! Noch bin
ich nicht ganz unbrauchbar geworden, und meine letzte Kraft und mein letztes
bichen Leben soll Euch gehren, Mr. Shatterhand - - -
    Er hatte sich von seinem Herzenswunsche fortreien lassen; er war zu weit
gegangen; er hielt erschrocken inne. Da ging ein liebes, sonniges und dabei doch
gerhrtes Lcheln ber das Gesicht des jungen Indianers, und er sagte:
    Nicht erschrecken, nicht erschrecken! Es ist kein Verrat. Ich wute es. Und
ich htte es nicht verschwiegen, da der Bruder unsers groen Winnetou und der
beste Freund meines Volkes von mir erkannt worden ist. Ich war verpflichtet, ihm
dies zu sagen.
    Da schlug das Herzle die Hnde hoch zusammen und rief aus:
    So wird es ja, wie ich wnsche! Sie drfen Beide mit, Beide?
    Ja. antwortete ich. Der junge Adler wird den dritten Schwarzschimmel
reiten. Unser Pappermann bekommt die drei Maultiere mit dem Zelte. Er wird unser
Majordomo. Er fhrt die Aufsicht ber die Hauswirtschaft und natrlich auch ber
die Frau!
    Wie glcklich der alte Westmann war! Er erging sich in allen mglichen
Ausdrcken der Dankbarkeit. Der Indianer aber war still, ganz still, umso tiefer
aber grub sich das Glck in sein Inneres ein.
    Nach dem Essen sorgten wir zunchst dafr, da das Zelt wieder abgebrochen,
zusammengeschnallt und mit allen dazugehrenden Utensilien von dem freien Platze
herein in das Haus geschafft wurde; da war es mir sicherer als drauen. Whrend
dies geschah, zeigte Papperman hinaus nach dem erwhnten Platze und sagte:
    Schaut da hinaus! Was kommt dort gelaufen?
    Das Maultier, das vierte Maultier! antwortete meine Frau.
    Ja! Es ist den Spitzbuben entkommen! Es ist obstinat geworden! Es hat sich
losgerissen! Es wollte zu seinen Kameraden zurck! Ich hole es herein, sogleich
- sogleich!
    Hierdurch gewannen wir eine Kraft zum Tragen des Gepckes mehr, und die Zahl
der Tiere, welche man Old Surehand gestohlen hatte, war nun wieder voll.
    Spter ging ich noch einmal in die Stadt, um fr den jungen Adler ein
Gewehr und einen Revolver zu kaufen; sein Messer hatte er noch. Dann diktierte
ich dem guten Pappermann einen Brief, den ich nicht gern selbst schreiben
wollte. Er war an Hariman F. Enters gerichtet und lautete:

    Habe Wort gehalten und mich hier eingestellt. Lernte hier Eure Freunde
        Corner und Howe kennen. Bin darum weit eher fort, als ich eigentlich
        wollte. Trotzdem bleibt, was ich versprach. Wenn Ihr ehrlich seid, werde
        ich wieder zu Euch stoen und Euch nach den beiden Orten fhren, die Ihr
        sehen wollt. Aber nur eben dann, wenn Ihr ehrlich seid!
                                                                        Burton.
    Es war keine Kleinigkeit fr Pappermann, diesen Brief zu schreiben. Er
schwitzte dabei wie ein Holzhacker. Gegen drei Stunden dauerte es, ehe er fertig
war, denn er mute wegen Fehlern, Fettflecken und Klexen, die er machte, so oft
wieder neu anfangen, da er schlielich wtend ausrief:
    Ist das eine Plage! Und ist das eine Qual! Einmal und nie wieder! Lieber
sterben und verderben, als weies Papier mit Tinte so schwarz machen mssen, da
man es dann lesen kann! Ich bin wahrhaftig zu Allem bereit fr Euch und fr Eure
Frau, fr solche Marter aber nicht; nehmt es mir nicht bel!
    Da ich mich unter den jetzt gegebenen Umstnden nicht nach Trinidad setzte,
um die Ankunft der Brder Enters abzuwarten, verstand sich ganz von selbst. Wir
hatten Besseres und Wichtigeres zu tun. Wie mein Name verschwiegen worden war,
so sagten wir auch keinem Menschen, wohin wir von hier aus gingen. Auch der Wirt
erfuhr es nicht.
    Am Abend kehrten die Verfolger der Pferdediebe heim; sie hatten keinen
Einzigen von ihnen erwischt. Und der, welchen wir freigelassen hatten, schien
doch nicht gleich wieder zum Dieb geworden zu sein, denn wir hrten davon, da
irgend Jemandem ein Pferd weggekommen sei, nichts. Schon am nchsten Morgen
verlieen wir die Stadt, um in westlicher Richtung zunchst hinauf nach dem
sogenannten Parkplateau zu kommen. Nicht einmal einen ganzen Tag waren wir in
Trinidad gewesen. Und doch, so kurz dieser Aufenthalt, so bedeutend waren seine
Folgen fr uns. Das Wenigste davon war, da wir nun zu Vieren anstatt nur zu
Zweien ritten und da wir nun infolge des Zeltes und seiner Ausstattung imstande
waren, uns die Reise bequemer zu machen, als dies uns vorher als mglich
erschienen war. Die Verteilung der Tiere war so, wie ich schon angegeben habe.
Meine Frau, ich und der junge Adler hatten die Rappschimmel, whrend
Pappermann das beste der Maultiere ritt und die drei andern zum Tragen des
Zeltes und des Lederpaketes des Indianers verwendete. Was fr Dinge oder was fr
einen Gegenstand dieses Paket enthielt, das wuten wir nicht. Wir fragten auch
nicht danach. Dem Gewicht nach schien es Eisen zu sein, aber kein gewhnliches,
sondern sehr wertvolles Eisen. Das schlossen wir aus der Sorgfalt, welche der
Eigentmer whrend des Auf- und Abladens auf das Paket verwendete.
    Es ist mir fr das, was ich zu erzhlen habe, leider nur der Raum eines
einzigen Bandes gestattet, whrend ich mit diesen Ereignissen doch recht gut
vier oder auch fnf Bnde fllen knnte, ohne meine Leser zu ermden. Darum mu
ich so kurz wie mglich sein und so Manches auslassen, was ich nur sehr ungern
bergehe. Dahin gehrt vor allen Dingen die ausfhrliche Beschreibung des Weges,
den wir nahmen. Ich mu mich darauf beschrnken, zu sagen, da es hinauf nach
dem Ratongebirge ging, hinter dem das herrliche Tal des Purgatorio sich
niedersenkt, um es von den gigantischen Massen des spanischen Pik zu trennen.
    Es war ein groes, ein herrliches Gebirgspanorama, dem wir entgegenritten.
Wir kamen ihm von Stunde zu Stunde nher, bis wir es erreicht hatten und uns
dann immerfort inmitten von landschaftlichen Schnheiten befanden, die kein Ende
nehmen wollten, sondern sich im Gegenteile stetig vermehrten und vergrerten.
Meine Frau, die jetzt zum ersten Male mit da drben war und stets gelchelt
hatte, wenn ich der Meinung gewesen war, da die Schnheiten des Harzes, des
Schwarzwaldes, ja sogar der Schweiz sich unmglich mit den landschaftlichen
Wundern der Vereinigten Staaten vergleichen knnten, sah sich jetzt gezwungen,
diese Zweifel fallen zu lassen. Sie wurde still, ganz still. Und wenn sie das
wird, so stre ich sie nicht, denn ich wei, da diese Wortlosigkeit bei ihr die
Stille der Anbetung ist.
    Es war um die Mittagszeit des dritten Tages, als wir an einem klar
flieenden Wasser Halt gemacht hatten. Da sprach ich mit ihr ber die
Unterschiede der landschaftlichen Schnheiten der Ebene und der Berge. Der
junge Adler hrte nach seiner Gewohnheit bescheiden schweigsam zu. Pappermann
gab zuweilen ein treffendes Wort dazu, denn er hatte sehr viel gehrt und sehr
viel nachgedacht und war trotz der Niedrigkeit seines Lebensweges keineswegs
unbegabt. Jetzt sagte er:
    Diesen Unterschied werdet Ihr morgen in einem sehr sprechenden Beispiele
vor Augen haben. Da kommen wir an einen See der Ebene, der aber zwischen
himmelhohen Bergen liegt.
    Kenne ich ihn? fragte ich.
    Wei nicht, antwortete er. Es ist der Kanubisee.
    Von dem habe ich gehrt. Sein Ebenbild oder vielmehr sein Urbild liegt im
Staate Massachusetts. Ich bin von Lawrence aus dort gewesen. Dieser
letztgenannte Kanubisee spielt in der Vergangenheit einiger Indianerstmme,
besonders der Seneca eine sehr wichtige Rolle. Seine im Sonnenscheine funkelnden
Wasser, seine weit und schn ausgebuchteten, mit sattem Grn geschmckten Inseln
und Ufer waren so recht geeignet, der friedlichen Entwickelung des Stammeslebens
als Unterlage zu dienen. Ich konnte mich von dem Anblick dieses Sees kaum
trennen. Ich wei, da man einem hier oben liegenden Bergsee denselben Namen
gegeben hat, und bin neugierig, zu sehen, ob er ihn verdient.
    Wahrscheinlich verdient er ihn, sagte Pappermann.
    Er holte dabei tief, tief Atem.
    Waret Ihr mehrmals da? fragte ich.
    Wie oft! - Wie oft!
    Wieder tat er einen tiefen Atemzug. War dieser See vielleicht eine Sttte
trber Erinnerungen fr ihn? Ich schwieg, um ihm nicht wehe zu tun. Er sah
lange, lange vor sich hin, dann begann er selbst damit:
    An diesem See habe ich jenen niedertrchtigen Schu in das Gesicht
bekommen, der mich fr das ganze Leben entstellte und verbitterte.
    Von wem? fragte ich.
    Von einem gewissen Tom Muddy. Habt Ihr vielleicht jemals von diesem
Schurken gehrt?
    Nein.
    Er hie wohl eigentlich nicht so, sondern anders. Seinen eigentlichen Namen
habe ich nicht erfahren.
    Seid Ihr ihm wieder begegnet?
    Niemals, niemals, leider, leider! - Obgleich ich ein ganzes Menschenleben
lang nach ihm gesucht habe, wie der Bettler nach dem ersparten Dollar, den er
verloren hat und nicht wiederfinden kann. Ich spreche nicht gern davon; aber
wenn es mich berkommt, wie stets, sobald ich den See erblicke, so erzhle ich
es Euch vielleicht heut Abend. Fr jetzt will ich Euch nur sagen, da das mit
den Seneca richtig ist.
    Was?
    Da sie da unten in Massachusetts am Kanubisee wohnten. Wit Ihr ihren
eigentlichen Namen? Wie sie eigentlich heien?
    Ja. Senontowana.
    Das stimmt. Der Name Seneca ist ihnen von den Weien gegeben und
aufgezwungen worden. Einer ihrer grten Huptlinge hie Sa-go-ye-wat-ha. Er
liegt in Buffalo begraben. Man hat ihm da ein groes Denkmal gesetzt - - -
    Obgleich er vor seinem Tode gebeten hat, ihn nur unter seinen roten Brdern
zu begraben, nicht etwa bei Bleichgesichtern! fiel meine Frau da ein.
    So kennt Ihr ihn? Habt von ihm gehrt? fragte er sie.
    Wir waren an seinem Grabe, antwortete sie.
    Gott segne Euch dafr! Ich meine nmlich, wenn Ihr ein Grab besucht, so tut
Ihr das nicht aus Neugierde, sondern weil Euch das Herz dazu treibt. Und ich
habe eine ganz besondere Vorliebe grad fr die Nation der Seneca.
    Aus welchem Grunde?
    Weil - - weil - - weil - - - hm! Ich werde es Euch heut Abend erzhlen,
nicht aber jetzt. Herunter mu es nun doch einmal, weil diese alte Saite
begonnen hat, zu klingen und zu zittern und gewi nicht eher wieder aufhrt, als
bis wir den See im Rcken haben. Fr jetzt aber erlaubt, da ich schweige!
    Der Nachmittag fhrte uns immerwhrend bergan, bis wir eine Hhe erreichten,
von welcher aus wir ber eine weite, unter uns liegende, sich nach Westen
dehnende Hochebene blickten. Die Sonne war im Sinken. In ihrem Strahle leuchtete
aus der Mitte der Ebene ein groer funkelnder Diamant herauf zu uns, der rundum
von einem weiten Kranze grner Smaragde eingefat schien, deren Konturen
flimmerten und glhten.
    Das ist der Kanubisee, sagte Pappermann. So nahe er uns zu liegen
scheint, so weit ist er entfernt. Drei Stunden sind es von hier aus, bis man ihn
erreicht. Darum lagern wir hier. Und zwar, wenn es Euch recht ist, an demselben
Orte, an dem ich schlief, als ich zum ersten Male in diese Gegend kam.
    Er fhrte uns nach einer auf drei Seiten ganz und auf der vierten auch noch
halb eingeschlossenen Stelle, welche sehr guten Schutz gegen den hier oben sehr
khlen Nachtwind bot. Ein Wasser war in der Nhe. Futter fr die Pferde gab es
auch. So konnten wir uns also keinen bessern Lagerplatz wnschen. Das Zelt wurde
schnell errichtet und ein Feuer angebrannt. Das Zelt war immer nur fr meine
Frau. Wir Mnner zogen es vor, im Freien zu schlafen. Es war jetzt die
wundersame Zeit des Indianersommers, in der man es selbst auf solcher Hhe des
Nachts auerhalb des Zeltes aushalten kann.
    Whrend des Essens wurde es Abend. Der Mond ging auf. Er stand im ersten
Viertel. Die Luft war ohne Nebel, vollstndig rein und klar. Wir konnten weit
sehen, fast so weit wie am Tage, nur da die Konturen jetzt unbestimmter waren
und ineinander flossen. Der leuchtende Diamant war jetzt zur weisilbernen Perle
geworden. Pappermann begann, ohne von uns aufgefordert worden zu sein, zu
erzhlen.
    Genau so wie heut, sagte er, lag der See damals vor meinen Augen. Es zog
mich zu ihm hinab. Ich wachte sehr zeitig auf und setzte mich auf das Pferd, um
fort zu reiten, ohne eigentlich ausgeschlafen zu haben. Es war in der
Morgenfrhe khl. Darum ritt ich ziemlich rasch und erreichte grad mit
Sonnenaufgang den See. Ich sah im Grase Spuren von Menschen, von Indianern. Ich
nahm mich also in Acht, versteckte mein Pferd und ging den Spuren vorsichtig
nach. Sie fhrten durch die Bsche an das Wasser. Dort angekommen, sah ich
Htten stehen, oder vielmehr Huser. Nicht halbwilde Wigwams oder Zelte, sondern
wirkliche Huser, aus Balken, Bohlen, Planken und Schindeln hergestellt, genau
so wie die Gebude, aus denen frher, ehe die Weien kamen, die Stdte und
Drfer der Indianer bestanden. Mehrere Boote lagen am Ufer. Fischernetze waren
zum Trocknen aufgehngt. Auerrordentliche Sauberkeit berall. Nirgends ein
Schmutz, eine Waffe, ein blutiger Rest eines Wildes, ein Zeichen von Jagd und
Tod. Tiefes Schweigen rings umher. Nichts regte sich. Die Tren waren
geschlossen. Man schlief noch, und zwar ganz ohne Sorge, denn einen Wchter sah
ich nicht. Es schien heut ein Ruhetag zu sein.
    Ich schlich mich nher, bog um eine Ecke des Gebsches und sah - - sah - -
sah das schnste Mdchen, ja bei Gott, das schnste, das allerschnste Mdchen,
welches meine alten Augen, so lang ich lebe, jemals erblickten! Ich bitte, es
mir zu glauben! Sie sa auf einem hohen Steinblock des Ufers und schaute nach
Osten, wo die Sonne soeben erschien. Sie war in weiche, weigegerbte Tierhaut,
mit roten Fransen verziert, gekleidet, und ihr langes, dunkles Haar hing, mit
Blumen und Kolibris geschmckt, weit ber den Rcken herunter. Als die Kolibris
im ersten Strahle der Sonne zu funkeln begannen, erhob sie sich von ihrem Sitze,
breitete die Arme aus und sagte im Tone der Andacht und Bewunderung:
    O Manitou, o Manitou!
    Weiter sagte sie nichts. Dann faltete sie die Hnde. Aber ich sage Euch, da
ich niemals in meinem Leben ein besser gemeintes und aufrichtigeres Gebet gehrt
habe, als diese einzigen zwei Worte. So stand sie lange, lange, in die Sonne
schauend. Ich blieb nicht stehen. Sie zog mich an wie ein Magnet, dem man nicht
widerstreben kann. Ich schritt auf sie zu, aber langsam, zgernd, leise, in
beinahe heiliger Scheu. Da sah sie mich. Sie erschrak nicht etwa. Sie bewegte
keinen Fu, keinen Finger, kein einziges Glied. Sie sah mich nur an. Aber mit so
groen, offenen, erwartungsvollen Augen! In diesen Augen lag dieselbe Sonne, die
dort im Osten aufgegangen war. Vor so viel Seltenheit und Schnheit wurde ich
zum Dummkopf, zum Tlpel. Ich verga, zu gren. Heut kann ich mir wohl denken,
wie klug und wie geistreich ich damals ausgesehen habe! Ich wute und bemerkte
nur das Eine, nmlich da sie erwartete, von mir angesprochen zu werden. Das tat
ich denn auch. Aber anstatt hflich zu sein und zu gren, beging ich die grte
Unhflichkeit, indem ich sie fragte: Wie heiest du? Sie antwortete: Ich heie
Aschta! Das kam mir zunchst wie ein Kosename vor; spter aber erfuhr ich, da
Aschta ein wirkliches Indianerwort ist und so viel wie Gte bedeutet. Also, sie
hie die Gte, und das war sie auch. Ich habe sie niemals anders als still,
fromm, wohlttig, rein und gtig gesehen. Kein Flecken war je an ihrem Gewande,
und kein unlauteres Wort ist je ber ihre Zunge gekommen. Ich kann Euch sehr
wohl sagen, da ich damals sehr oft am Kanubisee gewesen bin und mich monatelang
in seiner Nhe herumgetrieben habe. Ich bin stundenlang und tagelang an ihrer
Seite gewesen, habe aber nicht ein einziges Mal Etwas von ihr gesehen und
gehrt, wovon ich sagen konnte, das war nicht schn, das war nicht gut von ihr.
Darum war ich auch nicht etwa der Einzige, dem sie so ausnehmend gefiel. Wer da
kam, der wollte nicht wieder fort, allein nur ihretwegen. So auch Tom Muddy und
- - - der Siou Ogallallah.
    Er machte hier eine Pause. Das benutzte meine Frau, ihn auf eine
Unterlassungssnde aufmerksam zu machen:
    Aber, Mr. Pappermann, Ihr habt doch noch gar nicht gesagt, wem die Huser
am See gehrten und wer ihr Vater war!
    Habe ich noch nicht? Hm! Ja, ganz richtig. Sie kommt bei mir immer voran,
und dabei vergesse ich alles Andere. So war es schon damals auch. Ihr Vater war
ein Medizinmann der Seneca. Nicht etwa einer jener Quacksalber und Possenreier,
die sich heutzutage Medizinmnner nennen lassen, sondern ein wirklicher und
berhmter! Der hatte, von den Weien wegen seines groen Einflusses auf die
Roten verfolgt und bedrngt, mit noch einigen ihm gleich edelgesinnten Indianern
seine Heimat verlassen, um sich vor ihnen nach dem wilden Westen zu retten. Er
kam in diese Gegend. Er sah diesen See. Er war entzckt ber seine Aehnlichkeit
mit dem heimatlichen, schnen Wasserbecken. Er blieb da, mit seinen Begleitern.
Sie bauten sich Huser, ganz in der alten Weise ihres Stammes, und nannten den
See so, wie der in der Heimat geheien hatte, nmlich Kanubisee. Diese neue
Ansiedelung wurde sehr bald unter den weien und roten Jgern des Westens
bekannt und viel besucht. Sie bildete eine Friedenssttte fr sie, an der sich
Rot und Wei, Freund und Feind treffen durften, ohne den Ausbrchen des Hasses
unterworfen zu sein. Denn es war zur Gewohnheit, ja, zum Gebot geworden, da
jede Feindschaft zu schweigen und nur Liebe und Friede zu walten habe.
    Er hielt fr einige Augenblicke inne, holte tief Atem und sagte:
    Es war eine liebe, schne Zeit! Die einzige Zeit meines Lebens, in der ich
einmal wirklich Mensch gewesen bin, und zwar ein guter Mensch. Ich bitte Euch,
mir das zu glauben!
    Dann fuhr er in seiner Erzhlung fort:
    Zu den Weien, welche am Kanubisee verkehrten, gehrte Tom Muddy, und zu
den Roten ein junger Medizinmann der Sioux Ogallallah, der zu dem Vater von
Aschta gekommen war, um sein Schler zu sein und die Geheimwissenschaften der
roten Rasse bei ihm zu studieren. Wo er eigentlich wohnte, das wute niemand. Er
verschwieg es, um in der tiefen Einsamkeit, die er fr seine Studien brauchte,
nicht gestrt oder nicht etwa gar von einem Feinde belstigt zu werden. Aber ich
vermutete, da er sich unten an einem Nebenwasser des Purgatorio seine Htte
errichtet habe, die er nur verlie, um zu seinem Lehrer hinaufzusteigen und neue
Anweisungen zu holen. Er war ein schner, junger Mann, in allen Waffen gebt,
und dennoch so friedlich gesinnt, als ob es auf der ganzen Erde berhaupt noch
nie eine Waffe gegeben habe. Da Aschta ihn allen andern, die da kamen, vorzog,
war gar kein Wunder. Ich aber wute hievon nichts, sondern ich erfuhr es erst
durch Tom Muddy.
    Der war weder ein schner, noch ein hlicher Kerl, aber zudringlich und
roh. Niemand wollte etwas von ihm wissen. Er hatte ein Auge auf Aschta, oder
sogar alle zwei; sie aber wich ihm auf Schritt und Tritt aus und vermied so viel
wie mglich alle Gelegenheit, mit ihm sprechen zu mssen. Das rgerte ihn
gewaltig. Denn er hatte es sich wirklich in den Kopf gesetzt, da sie seine Frau
werden solle. Ich glaube gar, er liebte sie nicht nur, sondern er hate sie
auch, eben weil sie ihm ihre Abneigung so offen und ehrlich zeigte. Das stritt
und kmpfte in seinem Innern. Am liebsten verkehrte er mit mir. Warum, das wei
ich eigentlich noch heute nicht. Wahrscheinlich weil ich der wertloseste von
allen war und es nicht ber das Herz brachte, mich von ihm derart
zurckzuziehen, wie die andern es taten. Ich htete mich natrlich sehr, ihn
merken zu lassen, da auch in meinem Herzen eine herrliche, groe und von allen
Snden reine Liebe aufgegangen war und da ich mein Leben tausendmal hingegeben
htte, um der schnen Indianerin dies beweisen zu knnen. Zuweilen kam mir
freilich der Gedanke, sie stehe mir zu hoch, aber in gewissen Stunden, in denen
ich mich selbst betrachtete, fate ich doch eine Art von Mut. Da sagte ich mir,
da ich doch kein so ganz bler Bursche sei und mich mit manchem, manchem andern
sehr wohl vergleichen und messen knne. Das waren die Augenblicke, in denen ich
mir vornahm, offen und ehrlich mit ihr zu reden. Aber sobald ich dann in ihre
Nhe kam, sank mir das Herz wieder vor die Fe, und es fiel mir kein einziges
Wort von alledem ein, was ich ihr hatte sagen wollen.
    Da kam ich eines schnen Tages von einer lngeren Jagdstreife zurck und
erfuhr von Tom Muddy, da der Siou Ogallallah bei dem Vater von Aschta um sie
geworben und die Erlaubnis erhalten habe, sie des Nachts zu rauben - - -
    Zu rauben? wurde er von meiner Frau unterbrochen. War das notwendig?
    Nicht nur notwendig, sondern auch schicklich. Ich habe mir sagen lassen,
da alle diese Gebruche einen tiefer liegenden Grund und ihre eigene Bedeutung
haben. Vater und Mutter haben ihr Kind, ihre Tochter erzogen, unter tausend
schlaflosen Nchten, unter noch mehr Sorgen und Opfern. Da kommt ein fremder
Mensch und nimmt sie von ihnen weg. Er raubt den Eltern den grten Teil des
Herzens ihres Kindes, und dieses folgt ihm gern, ohne zu fragen, ob er es auch
verdient. Diese innern Vorgnge sollen durch die indianischen
Verlobungsgebruche uerlich dargestellt werden. Die Tochter ist bereit, sich
rauben zu lassen; aber die Eltern geben sich alle Mhe, dies zu verhten. Sie
wird eingesperrt, sehr wohl versteckt und scharf bewacht. Der Geliebte gibt sich
ebenso groe Mhe, die Eltern zu berlisten, und hilft das nicht, so greift er
gar auch zur Gewalt. Es gibt da einen hochinteressanten Kampf zwischen dem
gegenseitigen Scharfsinn, und der ganze Stamm befindet sich in Spannung, die
einzelnen Phasen dieses Kampfes zu erfahren oder wohl gar daran teilzunehmen.
Man hilft der einen oder der andern Partei. Es kommt dabei zu Taten der
Schlauheit und des persnlichen Mutes, durch welche der Werbende zeigt, was der
Stamm dann spter im ffentlichen Leben, in Krieg oder Frieden von ihm erwarten
darf.
    Als ich diese Neuigkeit von Tom Muddy erfuhr, war es mir, als ob ich von
ihm einen schweren Faustschlag gegen die Stirn bekommen htte. Das Gehirn begann
mir zu brummen. Ich fhlte mich zunchst ganz dumm im Kopfe. Tom Muddy aber war
wtend. Er schwor das Blaue vom Himmel herunter, da der Siou das Mdchen nicht
entfhren werde; es sei dafr gesorgt, da ihm das nicht gelingen knne. Als ich
ihn fragte, wodurch er das zu verhindern gedenke, verlangte er von mir einen
Schwur, seinen Plan nicht zu verraten; dann solle ich ihn erfahren. Ich leistete
den Schwur, doch natrlich nur, um die Ausfhrung dieses Planes zu verhten. Da
zeigte er mir seine Pistole. Sie war bis oben herauf mit Pulver geladen. Dieses
Pulver sollte dem Siou in die Augen geschossen werden, um sein Gesicht zu
entstellen und ihn zu blenden, fr immer blind zu machen. Dann fllt es ihr
gewi nicht ein, seine Squaw zu werden! fgte er hinzu, bevor er sich entfernte.
Aber noch ehe er ging, erinnerte er mich an meinen Schwur. Sollte ich ihn etwa
verraten, so werde er nicht nur den Siou blenden, sondern auch mich.
    Der ist ja gar kein Mensch gewesen, sondern ein Teufel! rief das Herzle
aus.
    Wenn kein Teufel, so aber doch ein Schurke, dem nichts und nichts zu
schlecht war, wenn es nur zum Ziele fhrte, antwortete Pappermann. Ich hielt
es natrlich fr meine Pflicht, die Missetat zu verhten. Freilich, verraten
durfte ich nichts. Doch htten einige andeutende Worte gewi gengt, den Siou
die Gefahr, in der er sich befand, wenigstens ahnen zu lassen. Aber er war ja
weder zu sehen noch zu sprechen. Von dem Augenblicke an, an dem er die Erlaubnis
erhalten hatte, Aschta zu rauben, hatte er sich in die tiefste Heimlichkeit zu
hllen und sich so vorsichtig anzuschleichen, als ob es sein Leben gelte. Da
verstand es sich ganz von selbst, da er nicht am Tage kommen konnte und da ich
mir die Nchte hindurch alle Mhe gab, ihn irgendwo zu erwischen. Das war gar
nicht ungefhrlich fr mich, denn ich wute, da Tom Muddy genau dieselben
Anstrengungen machte, an ihn heranzukommen. Ich hatte also die Doppelaufgabe,
den einen zu vermeiden, den andern aber zu entdecken, und ich sage Euch, da es
gar nicht so leicht war, die ntige Vorsicht zu entwickeln. Es gehrte Uebung
dazu. So ging es ber eine Woche lang, ohne da meine Anstrengungen das
geringste Ergebnis hatten. Dann kam eine mond- und sternenlose, feuchte Nacht,
in der es zwar nicht regnete, aber es nsselte in Einem fort. Trotzdem blieb ich
nicht auf meinem warmen Lager, sondern kroch drauen herum, denn es war, als ob
mir Jemand sage, da grad in dieser hchst ungemtlichen Nacht Etwas geschehen
werde, was ich nicht versumen drfe. Ich kroch leise, leise an der Hinterseite
des Hauses bis zur Ecke hin. Dort wollte ich liegen bleiben, um nach beiden
Seiten hin lauschen zu knnen. Ich schob mich also, als ich die Ecke erreicht
hatte, ein wenig vor und - - - Herrgott! Da lag schon Einer! Drben auf der
andern Seite! Wir stieen fast zusammen. Er sah mich ebenso wie ich ihn, trotz
der Dunkelheit und trotz der dicken, feuchten Luft. Aber wie ich ihn nicht
erkannte, so konnte er auch mich nicht erkennen. Wer war es? Der Siou oder Tom
Muddy? Schon ffnete ich den Mund, um ein leises, leises Wort zu sagen; da erhob
der da drben den Arm. Er hatte Etwas in der Hand. Ich konnte nur schnell das
Gesicht zur Seite wenden, da krachte auch schon der Schu. Ich bekam die ganze
Ladung. Es ging kein Krnchen verloren. Doch glcklicherweise nicht in die
Augen, sondern in die durch meine schnelle Bewegung dem Schurken zugewendete
linke Seite des Gesichtes. Ich hatte ihm zurufen wollen: Schie nicht, schie
nicht! war aber nicht dazu gekommen und gab auch jetzt keinen Laut von mir, weil
ich die Besinnung verloren hatte. Es war zwar nur ein armseliger, lumpiger
Pistolenschu und zwar ohne Blei oder Kugel, aber doch so ganz und gar nahe
abgeschossen, da ich aus meiner kauernden Lage niederfiel wie ein Sack, den man
umgestoen hat, und leblos liegen blieb, bis man mich fand und in das Innere des
Hauses trug, um mich in das Leben zurckzubringen.
    Man hatte nmlich den Schu gehrt und war herausgeeilt, um seiner Ursache
nachzuforschen. Der Medizinmann kam; seine Frau kam; Aschta, seine Tochter, kam,
und Andere kamen auch. Whrend sie alle um mich beschftigt waren, kam noch ein
Anderer, nmlich der Siou Ogallallah. Er kam geschlichen wie ein unhrbarer
Windeshauch und war klug genug, die Situation sofort fr sich auszunutzen. Als
man mich in das Haus gebracht und dort niedergelegt hatte, erscholl drauen der
laute Siegesruf der Ogallallah. Man horchte auf. Man vermite die Tochter. Man
wute, woran man war: die Entfhrung war gelungen. Der Siou brauchte sich nur
mit Aschta zu entfernen, so war sie sein. Aber das tat er nicht; er hatte es
nicht ntig. Er hatte sie geholt, und sie war ihm gefolgt, aus der Aufsicht der
Eltern hinaus. Das gengte! Er brachte sie wieder herein und wurde von den
Eltern als Sohn empfangen. So war durch den Schu Tom Muddys also grad das
begnstigt und herbeigefhrt worden, was er hatte verhten sollen. Ich aber lag
lange Zeit im Delirium und habe vor Schmerzen gepfiffen wie ein Hund, den irgend
ein Vivi lebendig zu Tode schindet. Dann habe ich mich, sobald ich wieder auf
den Beinen war, aus dem Staub gemacht, ohne Etwas zu verraten. Kein Mensch, als
nur ich und Tom Muddy, kannte den Tter und den eigentlichen Grund des Schusses.
Und dieser Schuft ist seit jener Nacht verschwunden, spurlos verschwunden, so
hei auch mein Verlangen gewesen ist, ihm wieder zu begegnen. Als ich dann nach
einigen Jahren zum ersten Male wieder nach dem Kanubisee kam, fand ich die
Huser leer; sie waren verlassen. Die Seneca waren von einer Bande weier
Buschklepper berfallen und gettet worden bis auf den letzten Mann. Von ihnen
allen lebte nur noch Aschta, weil sie den See verlassen hatte, um dem Siou
Ogallallah zu seinem Stamme zu folgen.
    Habt Ihr sie wiedergesehen? fragte meine Frau.
    Nein, nie! Ich habe die Ogallallah stets als Feinde der Weien betrachtet
und mich gehtet, viel mit ihnen in Berhrung zu kommen. Erkundigt habe ich mich
freilich einige Male. Da erfuhr ich, da die schne Senecasquaw des
Medizinmannes sehr glcklich sei. Er habe droben am Niobrara fr sich und seine
Schler eine eigene Reservation gegrndet und lebe dort nur fr alte Totems und
Wampums, die er sammle und fr die Bcher, die er sich von den Bleichgesichtern
schicken lasse. Er sei sogar unter den Weien ein sehr geehrter und sehr
berhmter Mann.
    Bei diesen letzten Worten Pappermanns fragte ich ihn schnell:
    Ihr kennt natrlich den Namen dieses Indianers?
    Ja, nickte er.
    Heit er Wakon?
    Ja, nur Wakon.
    Es steht kein anderes Wort, kein anderer Name dabei?
    Nur Wakon! wiederholte er.
    So kenne ich ihn, obgleich ich ihn noch nie gesehen habe. Er hat sein
ganzes Leben und seine ganze Kraft dem Studium der Geschichte der roten Rasse
gewidmet und Werke ber sie geschrieben, die leider noch nicht erschienen sind,
weil er sie erst dann verffentlichen will, wenn auch der letzte Band
vollstndig vollendet ist. Man ist auf dieses sein Lebenswerk mit Recht
ungewhnlich gespannt.
    Wie alt ist er jetzt? fragte das Herzle.
    Das ist Nebensache, antwortete ich. Wahrhaft groe Mnner pflegen nicht
eher zu sterben, als bis sie wenigstens innerlich das erreicht haben, was sie
erreichen wollten oder sollten. Die sogenannten Helden des Krieges und der
Schlachtfelder sind hiervon natrlich ausgenommen. Seid Ihr md?
    Diese letztere Frage richtete ich an Pappermann, der sich in seine Decke zu
wickeln begann, als wolle er sich niederlegen.
    Md eigentlich nicht, antwortete er; aber fast wie wieder von dem Schusse
Tom Muddys getroffen. Das ist die Erinnerung! Ich habe sie sehr lieb gehabt,
diese Indianerin, sehr! Ich habe niemals, niemals wieder ein Frauenzimmer
daraufhin angesehen, ob ich sie zum Weibe haben mchte. Ich bin ein einsamer
Mensch geblieben und werde wohl, wenn meine Stunde kommt, auch ebenso einsam
sterben - - -. Ich will versuchen, zu schlafen. Gute Nacht!
    Wir erwiderten seinen Wunsch gute Nacht, doch ging er nicht in Erfllung,
weder bei ihm noch bei uns. Er wlzte sich wohl zwei Stunden lang von einer
Seite auf die andere; dann wickelte er sich wieder aus seiner Decke, stand auf
und ging fort, um sich durch eine Wanderung zu beruhigen. Er war um Mitternacht
noch nicht wieder da; da schlief ich ein. Aber schon vielleicht nach zwei
Stunden wachte ich wieder auf. Da sa er an seiner Stelle; er war zurckgekehrt,
hatte sich aber nicht niedergelegt. So setzte ich mich also auch auf. Und kaum
hatte ich das getan, so richtete sich der junge Adler in die Hhe. Da erklang
vom Zelte her die Stimme meiner Frau:
    Auch ich schlafe nicht! - Darf ich einen Vorschlag machen?
    Welchen? fragte ich.
    Sie ffnete die Leinwandspalte, an der sie gestanden hatte, noch weiter,
trat ganz hervor und antwortete:
    Wollen aufbrechen! Fort! Hinunter nach dem See! Wir schlafen doch nicht
wieder ein! Das sind die Folgen so alter Geschichten!
    Da sprang Pappermann auf und stimmte bei:
    Well! Aufbrechen! Fort! Dann kommen wir genau zum Sonnenaufgang an, wie
damals ich! Seid Ihr es zufrieden?
    Ich stimmte bei, und der junge Adler natrlich auch. Das Zelt wurde
abgebrochen. Dann ritten wir den breiten, bequemen Terrainabfall nach der
Hochebene des Sees hinunter. Der Morgen begann leise zu grauen. Wir hatten grad
genug Dmmerlicht fr die Augen unserer Pferde, da sie sahen, wohin sie traten.
Dann wurde es heller und heller.
    War es wirklich nur die Folge der Erzhlung Pappermanns, da wir nicht
hatten schlafen knnen? Oder gab es irgend eine Bestimmung, die uns veranlat
hatte, um so viel frher aufzubrechen, als erst in unserer Absicht gelegen
hatte? Sonderbar!
    Wir ritten still neben einander her. Wir erreichten die Ebene, auf der wir
schneller vorwrts kamen. Der Morgen nahte. Es wurde Tag. Und grad als die Sonne
aufging, erreichten wir den uern Rand des grnen Laub- und Bltterwaldes, der
den See von allen Seiten umsumte. Eine schmale, wiesenartige Lichtung fhrte in
diesen Wald hinein. Sie wurde immer schmaler und bildete schlielich einen Weg
von nur fnf oder sechs Meter Breite.
    Das ist derselbe Weg, den ich damals kam, sagte Pappermann. Nur ist der
Wald jetzt hher und dichter geworden. Hier fand ich die Spuren. Und nur eine
kurze Strecke weiter sehen wir das Wasser des Sees.
    Er ritt diese Strecke voran. Dann wendete er sich nach uns um, deutete aber
vorwrts und sagte:
    Da sind die letzten Bsche. Und nun kommt der See und der hohe Stein, auf
dem Aschta damals sa - - - mein Himmel!
    Er war um die erwhnten letzten Bsche gebogen, ritt aber nicht weiter,
sondern blieb halten, stie diesen Ausruf der Ueberraschung, des Erstaunens aus
und starrte nach einem Punkte, der uns noch hinter dem Gestruch verborgen war.
Wir ritten schnell hin. Da sahen wir nun freilich, da er sehr wohl Veranlassung
hatte, zu erstaunen. Ja, unser Erstaunen war ebenso gro wie das seinige.
    Wir hatten den See erreicht. Wir befanden uns an seinem stlichen Rande. Ja,
er war es wert, mit dem gleichnamigen Kanubisee in Massachusetts verglichen zu
werden. Doch hatten wir jetzt nicht Zeit, uns mit seiner Schnheit zu
beschftigen. Rechts von uns lagen die Ueberreste der einstigen Senecahuser,
von dem ersten Grue der Sonne berflutet. Vor uns die vom leisen Morgenhauche
bewegte, durchsichtig grnblaue Wasserflche, deren reich eingebuchtete Ufer
sich wie Kulissen aus- und ineinander schoben, von ppigem Grn bewachsen,
dessen Bltter wie eingetaucht in flssiges Metall erschienen. Und links von
uns, wo die Bsche bis ganz nahe an das Ufer traten, der hohe, weie,
glattgewaschene Stein, und auf ihm stehend - - - eine junge Indianerin, genau,
ganz genau so, wie Pappermann sie uns gestern am Abend beschrieben hatte: Sie
war in weiche, weigegerbte Tierhaut, mit roten Fransen verziert, gekleidet, und
ihr langes, dunkles Haar hing, mit Blumen und Kolibris geschmckt, weit ber den
Rcken herunter. Die Kolibris funkelten im Sonnenstrahle in allen Farben
leuchtender Edelsteine; aber das Mdchen schaute nicht, wie damals, der Sonne
entgegen, sondern ihr Angesicht war nach der Stelle gerichtet, an der wir ihr
jetzt erschienen. Und dieses Mdchen war schn, sehr schn, sowohl von
Angesicht, als auch von Gestalt. Sie bewegte kein Glied. Sie sagte kein Wort.
Sie sah uns still und erwartungsvoll aus ihren groen, dunklen Augen entgegen.
    Und, sonderbar! Pappermann glitt langsam von seinem Maultiere herab, schritt
ebenso langsam, ganz wie mechanisch auf sie zu, als ob ihn eine tiefe, heilige
Scheu umfange, und fragte:
    Wie heiest du?
    Ich heie Aschta, antwortete sie, genau wie ihm damals geantwortet worden
war.
    Und wie alt bist du?
    Achtzehn Sommer.
    Da strich er sich mit der Hand ber das Gesicht und sagte, als ob er trume:
    Also nein! Das konnte ja gar nicht sein! Sie ist eine Andere, wenn auch ihr
hnlich, so ganz auerordentlich hnlich!
    Sprichst du von meiner Mutter? fragte nun sie. Man sagt, da ich ihr
beraus hnlich sehe.
    Du hast eine Mutter?
    Ja.
    Wie heit sie?
    Aschta, wie ich.
    Und dein Vater?
    Heit Wakon. Wir wohnen weit im Norden von hier, am Niobraraflusse.
    Da schlug er die Hnde zusammen und rief:
    Sie ist eine Tochter von ihr - eine Tochter!
    Da bog sie ihren Oberkrper weiter vor, als ob sie vom Steine
herunterspringen wolle, und sagte:
    Du kennst meinen Vater und meine Mutter? Und die Hlfte deines Gesichtes
ist vom Pulver verbrannt! Heiest du vielleicht Pappermann?
    Ja, so heie ich.
    Du warst zu derselben Zeit hier am Kanubisee, als Vater und Mutter einander
kennen lernten?
    Ja, zu derselben Zeit.
    Da stieg sie vom Steine herab und bat:
    Reiche mir deine Hnde!
    Er tat es. Sie ergriff sie, kte sie ihm einmal, zweimal, zog dann seinen
Kopf zu sich heran, kte ihn einmal, zweimal auch auf die dunkle Wange und
sprach:
    Du bist der Retter meines Vaters! Hast dich fr ihn geopfert! Warum kamst
du nie zu uns? Vater und Mutter haben niemals aufgehrt, sich nach dir zu
erkundigen, doch ohne zu erfahren, wo du bist!
    Der alte Westmann zitterte vor Aufregung und Rhrung. Er weinte.
    Woher wei dein Vater, da jener Schu nicht mir, sondern ihm gegolten
hat? fragte er. Ich habe es nie verraten!
    O doch! Aber ohne da du es wolltest. Du hast es im Fieber erzhlt. Vater
hat jenen Menschen zweimal wieder gesehen, doch ohne ihn fassen zu knnen. Sein
richtiger Name war nicht Tom Muddy, sondern Sander. Als gestern Abend Euer Feuer
wie ein ganz, ganz kleiner, flackernder Stern vom Berge leuchtete, sagte Mutter
zu mir: So leuchtete damals das Lagerfeuer unseres weien Retters von genau da
oben herab, am Abend, bevor ich ihn zum ersten Male sah.
    Deine Mutter ist hier? erkundigte er sich schnell.
    Sie war hier, ist es aber nicht mehr, antwortete sie. Es waren viele
Frauen und Tchter hier, die aber mit dem Morgengrauen fortgeritten sind. Ich
blieb allein zurck - - - als Wache, als Kundschafterin.
    Als Kundschafterin? fragte er lchelnd. Wenn wir nun Feinde wren?
    So httet ihr mich nicht zu sehen bekommen.
    So hast du wissen wollen, wer wir sind?
    Weil wir Euer Feuer gesehen hatten, ja.
    Und woraus erkanntest du, da wir nicht gefhrlich seien?
    Weil eine Squaw sich bei euch befand.
    Ah! Ganz richtig, ganz richtig! Nun mut du wohl schnell von hier fort?
    Ja, um die Andern einzuholen. Doch werde ich diesen Ort nicht mehr
verlassen, ohne von dir erfahren zu haben, wann und wo wir dich sehen und
treffen knnen.
    Wohin reitet ihr?
    Das darf ich nicht sagen.
    Da stieg der junge Adler vom Pferde, trat hinzu und sagte:
    Du darfst! - Schau her! Ich bin dein Bruder.
    Er trug den neuen Lederanzug, den Pappermann ihm aufgehoben hatte; den alten
hatte er weggeworfen. In diesem neuen Anzuge nahm er sich sehr stattlich aus. Er
deutete auf die rechte Seite der Brust, wo ein kleiner, zwlfstrahliger Stern
aus Perlen eingestickt war. Ich sah an ihrem Gewande an derselben Stelle ganz
denselben Stern.
    Du bist ein Winnetou? fragte sie, ihn jetzt genauer betrachtend.
    Ja.
    Und ich bin eine Winnetah. Wir tragen also beide den Stern des groen
Winnetou und sind also Bruder und Schwester. Ich bin eine Siou Ogallallah. Und
du?
    Ein Apatsche vom Stamme der Mescaleros.
    Also von Winnetous Stamm. Ich bitte dich, mir deinen Namen zu sagen. Oder
hast du noch keinen?
    Ich habe einen, lchelte er. Man nennt mich den jungen Adler.
    Da machte sie eine Bewegung der Ueberraschung.
    Man wei, da ein Lieblingsschler des berhmten Tatellah-Satah diesen
Namen trgt. Er bekam ihn schon in frher Jugend, wo Andere noch lange Zeit ohne
Namen sind. Kennst du ihn?
    Ja.
    Er war der Allererste, dem Tatellah-Satah erlaubte, den Stern unsers
Winnetou zu tragen. Weit du, wo er sich jetzt befindet?
    Ja.
    Darfst du es mir sagen?
    Niemand verbietet es mir. Er steht vor dir.
    Du, du bist es? Du selbst, du selbst? fragte sie, indem ein Glanz
aufrichtiger Freude ihre Wangen berflog. Man sagte, du seiest verschwunden?
    Man sagte die Wahrheit, antwortete er.
    Um den heiligen Ton der Friedenspfeife zu holen?
    Ja. Und noch Schwereres dazu.
    Man erzhlte, du habest dir selbst dabei eine schwere, sehr schwere Aufgabe
gestellt?
    Auch das ist wahr.
    Ist dir die Lsung gelungen?
    Sie gelang. Unser groer, guter Manitou hat mich gefhrt und beschtzt.
Seit ich den Mount Winnetou verlie, sind ber vier Jahre vergangen. Nun kehre
ich zurck. Du hast denselben Weg?
    Ja.
    So will ich nicht fragen, wohin ihr heute reitet, denn ich wei, da ich
dich wiedersehen werde.
    Wnschest du das?
    Ja. Und du?
    Ich auch.
    So bitte, gib mir deine Hand!
    Ich gebe dir beide!
    Sie reichte sie ihm und schaute ihm mit groen, offenen Augen in das
mnnlich schn gezeichnete, ernste Gesicht. Er aber sah ber den See hinber,
wie in eine weite, weite Ferne hinein. Es gab eine kurze Zeit des Schweigens.
Dann sagte er:
    Die Enkelin des grten Medizinmannes der Seneca, welche die Tochter Wakons
ist, des Forschenden und Wissenden, und der Schler des unerreichbaren
Tatellah-Satah, bei dem die zertretene Seele der roten Rasse ihre einzige und
letzte Zuflucht fand: das bist du, und das bin ich. Manitou ist es, der uns hier
zusammenfhrte. Wir trennen uns nur zum Scheine. Es soll ein Segen, ein groer
Segen ausgehen von dem Orte, an dem wir uns wiederfinden. Sei gesegnet, du
liebe, liebe, du schne Winnetah!
    Er kte ihr beide Hnde und fragte dann:
    Wann verlssest du diesen See?
    Sofort, antwortete sie. Aber ehe ich gehe, mu ich dich fragen, wohin
euer Ritt von hier aus zunchst gerichtet ist.
    Nach der Devils pulpit. Kennst du sie?
    Ja. Wie gut, da ich dich fragte. Ich warne dich!
    Vor wem?
    Vor Kiktahan Schonka, dem alten Kriegshuptling der Sioux Ogallallah.
    Vor deinem eigenen Huptling?!
    Pshaw! rief sie stolz aus. Aschta kennt keinen Huptling ber sich. Es
geht ein tiefer, tiefer Ri durch die Dakotahstmme. Die jungen Krieger sind fr
Winnetou, die alten aber gegen ihn. Nimm dich in Acht! Ich wei, da Kiktahan
Schonka nach der Devils pulpit kommt, um sich dort mit den Huptlingen der Utah
zu treffen und zu beraten. Hte dich, ihnen in die Hnde zu fallen! Weit du,
da man sagt, Old Shatterhand werde kommen?
    Ich wei es.
    Und glaubst du, da dieses Gercht begrndet ist?
    Ich glaube es.
    So werden wir ihn sehen, wenn es ihm gelingt, den Gefahren zu entgehen, die
auf ihn lauern.
    Kennst du sie, diese Gefahren?
    Nein. Ich wei nur, da man hofft, ihn, wenn er wirklich kommen sollte, zu
ergreifen. Ihn am Marterpfahle sterben zu lassen, war der glhende Wunsch aller
Feinde seines Bruders Winnetou. Man sagt, er sei sehr alt und grau geworden. Im
Alter kommt die Kraft dem Krper und die Energie der Seele abhanden. Wie wrde
man jubeln, wenn dem Hochbetagten jetzt nun geschhe, was er in der Jugend so
oft vereitelt hat! Wenn ich wte, wann und wo er kommt, so stellte ich Spher
aus, um ihn warnen zu lassen.
    Sorge dich nicht um ihn, Aschta! Denn was deine Spher ihm sagen wrden,
das wurde ihm bereits gesagt.
    
    So ist er gewarnt?
    Ja.
    Dem Manitou sei Dank! Nun kann ich gehen. Warte! Nur einen Augenblick!
    Sie entfernte sich nach der Ruine des nchsten Hauses, hinter welcher, wie
wir dann sahen, ihr Pferd verborgen war. Sie stieg dort auf, kam herbeigeritten
und blieb bei uns halten, um dem jungen Adler die Hand zu reichen.
    Leb wohl! sagte sie. Wir sehen uns wieder!
    Dann fragte sie Pappermann:
    Weit du auch, da ich diesen Ort nicht eher verlassen werde, als bis ich
wei, wo wir dich treffen werden? Sag mir einen Ort, der dir beliebt. Wir
kommen!
    Pappermann wute nicht, was er antworten sollte, darum erwiderte er:
    Ich reite mit dem jungen Adler wohin, das wei ich jetzt noch nicht.
    Du wirst bei ihm bleiben?
    Ja.
    Wie lange?
    So lange es ihm gefllt.
    So bin ich zufrieden! Ich wei, da ich dich ganz bestimmt wiedersehen
werde.
    Hierauf wendete sie sich zu meiner Frau und mir. Sie reichte auch uns beiden
die Hand und sprach:
    Es wurde mir nicht gesagt, wer ihr seid; darum ist es verboten, zu fragen.
Lebt wohl!
    Dann ritt sie davon, an den Ruinen vorber, um nach den Bschen einzubiegen,
hinter denen sie verschwand. Pappermann und der junge Adler schauten hinter
ihr drein, bis sie fort war; dann ging der Erstere ihr langsam, wie ein
Trumender nach. Der junge Indianer blieb noch eine Weile an derselben Stelle
stehen; dann wendete er sich mit einem Rucke um, als ob es ihm Anstrengung
verursache, sich von dem Eindrucke ihrer Persnlichkeit loszureien. Wir beide
aber stiegen nun auch von den Pferden, und ich machte mich darber, die Spuren
derer, welche hier gewesen waren, zu untersuchen. Das Herzle ging indessen an
die Zubereitung des Morgenkaffees.
    Frher hatten wir uns diesen Ritt natrlich ohne Kaffee und sonstige
hnliche Gensse gedacht; aber da wir in Trinidad so ganz unerwartet zu
Maultieren und einem sehr guten Zelte gekommen waren, so hatten wir uns vor
unserer Abreise von dort mit einigen jener angenehmen und ntzlichen Dinge
versehen, welche dem sogenannten zivilisierten Menschen sogar im wilden Westen
beinahe unentbehrlich sind. Da hierzu auch der Kaffee gehrte, versteht sich
ganz von selbst.
    Ich ersah aus den Spuren, da ungefhr vierzig Personen hier gewesen waren,
unter ihnen nur zwei mnnliche, in denen ich die Fhrer vermutete. So etwas
htte frher nie stattfinden knnen; sie wren alle verloren gewesen. Allerdings
waren sie lauter Indianerinnen und also, wenn auch nicht persnlich, so doch
durch die Tradition mit den Eigenheiten und den Anforderungen der Wildnis
vertraut.
    Als Pappermann wiederkam, meldete er, da Aschta genau nach Sd geritten
sei, wohin auch alle andern Spuren fhrten; unser Ziel aber lag westlich von
hier. Dann fragte er, indem er sich zu uns niedersetzte:
    Ist das nicht ein Wunder, ein wahres Wunder? Genau wie damals, ganz genau?
Und sie wissen es, da der Schu damals nicht mir gegolten hat! Und gesucht
haben sie nach mir! Gesucht bis heutigen Tages! Diese guten, guten Menschen!
Heut ist der grte Feiertag meines Lebens! Ja wahrlich, der grte Feiertag!
Wenn es Winter und Dezember wre, so wrde ich sagen: Heut ist Weihnacht fr
mich, und der Herrgott hat beschert. Ja, der Herrgott selbst, denn kein Anderer
kann so Etwas geben, so ein Glck! So ein wirklich groes und wirklich wahres
Glck!
    Hierauf wurde er still, sehr still. Denn je tiefer und reiner das Glck ist,
desto weniger macht es Worte! Auch fr mich hatte das Zusammentreffen mit dieser
jungen, schnen Indianerin eine groe Bedeutung, und zwar nicht nur eine rein
uerliche. Ich hatte von hier aus in die Zukunst, in die Ferne zu folgern und
zu schlieen. Besonders interessant muten mir die zwei Perlensterne sein. Sie
waren ein Erkennungszeichen. Der junge Adler sagte nichts hierber; so fragte
ich also auch nicht. Ich wute ja auch ohne Frage und Antwort, woran ich war. Es
handelte sich hier ganz einfach um den groen Unterschied zwischen Stamm und
Clan bei der roten Rasse.
    Das ist ein Gegenstand von grter Wichtigkeit, obgleich es selbst ernsten
Forschern noch nicht gelufig gewesen ist, ihm die Aufmerksamkeit zu widmen, die
er ohne alle Frage verdient. Wie viele Menschen, besonders sogenannte Volks-
oder gar Jugendschriftsteller, haben schon Indianerbcher geschrieben, ohne
von dem Auen- und Innenleben der amerikanischen Rasse auch nur die geringste,
positive Kenntnis zu besitzen! Und das wird dann von Andern, die noch weniger
wissen, gelobt und warm empfohlen! Ich wurde schon von vielen, sogar von sehr
vielen Indianerschriftstellern besucht; aber es gab keinen, wirklich keinen
Einzigen unter ihnen, der von dem Allerersten, was man da zu studieren hat,
nmlich von den Clanverhltnissen, etwas wute.
    Wie in der Entwickelung der Menschheit im allgemeinen, so machen sich auch
in der Entwickelung jeder einzelnen Rasse zwei einander grad entgegengesetzte
Bestrebungen bemerkbar, nmlich der Zug der Zerklftung und der Zug nach
Vereinigung, oder sagen wir, der Zug nach Einheit und der Zug nach Vielheit. Die
Zerklftung beginnt ihren Weg bei dem, was man als Menschengeschlecht
bezeichnet, geht ber die Rasse, die Nation, das Volk, die Stadt, das Dorf immer
weiter herab und hrt erst beim abgelegenen Eindhof auf, dessen Besitzer sich
nur bei gewissen Gelegenheiten darauf besinnt, da er auch mit zur Menschheit
gehrt. Das ist der Weg des Patriotismus, der Vaterlands- und Heimatliebe, aber
auch der Weg der nationalen Selbstberhebung, der politischen
Rcksichtslosigkeit. Der andere Weg ist dem direkt entgegengesetzt. Er fhrt zur
Vereinigung aller Einzelnen durch einen einzigen, groen Gedanken zu einem
einzigen, groen Volke. Welcher von diesen beiden Wegen der Weg zum wirklichen,
zum wahren Glcke ist, das hat die Menschheit noch bis heute nicht erkennen
wollen, also mu sie es durch bittere Erfahrung kennen lernen.
    Wie schmerzlich, ja, wie grausam diese Erfahrung ist, das zeigt sich bei
keiner Rasse so deutlich wie bei der amerikanischen. Sie ist es, welche die
Zerklftung, die Zerspaltung am allerweitesten getrieben hat. Nirgends, selbst
im fernsten, dunkelsten Oriente nicht, ist die einst mchtige, imponierende
Einheit in so kleine, winzige, ohnmchtige Brocken und Brckchen zerrieben und
zerkleinert worden wie bei den Indianern. Jeder dieser Brocken, jeder dieser
vielen Stmme und jedes dieser unzhligen Stmmchen ist stolz auf sich selbst
und stets bereit, aus lauter Selbstschtzung vollends zugrunde zu gehen. Diese
Zersetzung htte schon lngst zur vlligen Vernichtung gefhrt, wenn die groen
Medizinmnner der Vergangenheit nicht bemht gewesen wren, ihr
entgegenzuarbeiten, und zwar in doppelter Weise, nmlich zunchst in
theologischer und sodann in sozialer.
    Der theologische Weg der Vereinigung lag in dem Gedanken, Groer Geist
oder Groer, guter Manitou. Die Forschung hat gezeigt und wird noch weiter
zeigen, da der echtbltige Indianer glubiger Monotheist war und sich dabei
glcklich fhlte, bis die zersetzende Vielgtterei sich von auen her tief in
sein Inneres bohrte und den groen Niagarafall des Rassensturzes und der Rassen-
und Sprachzerstubung vorbereitete. Und der soziale Weg der Vereinigung wurde in
dem Gedanken der Clans gegeben, durch welche die uerlich zerspaltenen Stmme
innerlich wieder verbunden und zusammengehalten werden sollten. Freilich darf
man das Wort Clan11 hier nicht im englischen resp. schottlndischen Sinne
nehmen. Es wurde ein Clan der Wahrhaftigkeit, der Treue, der Wohlttigkeit, der
Beredsamkeit, der Ehrlichkeit gegrndet. Wer sich in der Beredtsamkeit ben
wollte; wer sich vornahm, das ganze Leben hindurch wohlttig zu sein; wer sich
stark genug fhlte, niemals eine Lge zu sagen, niemals untreu oder unehrlich zu
sein, der konnte dem betreffenden Clan beitreten und sich durch Wort und
Handschlag verpflichten, das betreffende Gebot zu erfllen und lebenslang zu
halten. Wer es auch nur einmal bertrat, der wurde ausgestoen und galt als
ehrlos fr immer. Der leichteren Unterscheidung wegen und um ein sichtbares
Erkennungszeichen zu ermglichen, nahm jeder Clan den Namen irgend eines Tieres
an, dessen Bild als Merkmal diente. So habe ich bereits gesagt, da der groe
Redner der Seneca, dessen Grab wir in Buffalo besuchten, zum Clan der Wlfe
gehrte. Es gab einen Clan der Adler, der Geier, der Hirsche, der Bren, der
Schildkrten und so weiter.
    In einen solchen Clan konnte ein Jeder eintreten, we Stammes er immer war.
Selbst der Todfeind wurde angenommen und aus allen Krften beschtzt und
untersttzt, wenn er die ihm auferlegte Bedingung treu und ehrlich erfllte. So
sehr zum Beispiel die Kiowas und die Navajos einander haten und sich
gegenseitig bis auf Blut und Tod verfolgten, sobald sie sich als Mitglieder
eines Clan erkannten, war diese Feindschaft augenblicklich und fr stets
vergraben. Man kann sich denken, wie segensreich diese Clans wirkten! Leider,
leider aber hrte das auf, als die Bleichgesichter erschienen und ihnen
gestattet wurde, auch beizutreten. Sie ntzten die Clans nur fr ihre
persnlichen Zwecke aus und steckten die Vorteile ein, die ihnen daraus
erwuchsen, ohne aber ihren Verpflichtungen nachzukommen. Dadurch bten die
Clans ihren guten Ruf, ihre moralischen Kredite ein und somit auch die groen,
sozialen Wirkungen, auf welche hin sie von ihren einstigen Grndern berechnet
waren. Es blieb der Zukunft vorbehalten, ob sie berhaupt wieder aufleben wrden
oder nicht.
    Immer waren die Clans nach Tieren benannt, niemals aber nach einem Menschen.
Wenigstens ist es mir nicht erinnerlich, von einem solchen Fall gehrt zu haben.
Vielmehr war ein solches Beispiel jetzt soeben zum ersten Male an mich
herangetreten: Ein Clan mit dem Namen Winnetou! Denn da es sich um einen Clan
handelte, verstand sich ganz von selbst, und das Erkennungszeichen fr die
Zugehrigen war der zwlfstrahlige Stern, den der junge Adler und Aschta an
ihren Gewndern trugen. Wann war dieser Clan gegrndet? Vor wenigstens vier
Jahren. Denn so alt war der Anzug, den der junge Adler jetzt trug. Dieser
junge Indianer war der Allererste, der in den neuen Clan aufgenommen wurde, und
zwar von Tatellah-Satah, der also der Grnder dieser Winnetou-Vereinigung war,
deren mnnliche Mitglieder sich als Winnetou und die weiblichen sich als
Winnetah bezeichnen durften. Welchen hheren Zweck hatte dieser Clan? Und
welche Verpflichtungen legte er seinen Mitgliedern auf? Ich fragte nicht, denn
ich hoffte, es sehr bald zu erfahren. Da seine Ziele eminent friedliche waren,
konnte man schon aus der Stammesangehrigkeit der beiden Mitglieder ersehen, die
ich jetzt kannte: ein Apatsche und eine Siou Ogallallah, also zweien Nationen
angehrig, die sich unbedingt als Todfeinde zu betrachten hatten! - - -
    Whrend des Kaffeetrinkens sagte uns Pappermann, da wir heut Abend die
Devils pulpit erreichen wrden.
    Er bat nur um eine Stunde Aufenthalt hier am Kanubisee, um sich da wieder
einmal umsehen zu knnen. Dagegen hatten wir nichts. Wir htten ihm sehr gern
noch viel lnger Zeit gegeben. Aber die Stunde war noch nicht vorber, so kehrte
er von seinem Rundgange schon zurck und sagte:
    Wollen aufbrechen, wenn es Euch recht ist! Und wenn ich noch lnger hier
herumkrieche, so finde ich doch mehr Bitterkeiten als Sigkeiten, und das
brauche ich mir alten Kerl doch wohl nicht anzutun!
    Recht hatte er. Auch dieser Kanubisee war schn, sehr schn, aber seine
Wasser hatten fr uns keinen frohen, sondern einen mehr als elegischen Schimmer,
und so blieb er in unserer Erinnerung nur als der Ort einer kurzen Rast, auf
welche neue Wanderung zu folgen hatte. Wir ritten in das Tal des Purgatorio
hinab und folgten dort einem schmalen, kristallklaren Wasser, welches uns nach
unserm Ziele zu fhren hatte. Wir erreichten es, doch erst dann, als es bereits
fast dunkel geworden war, so da ich vorschlug, lieber heut noch auerhalb des
Bereiches der Teufelskanzel zu bleiben, weil wir vor diesem Orte gewarnt
worden waren und wegen der Dunkelheit keine Zeit mehr hatten, ihn auf die
Anwesenheit von feindlichen Indianern hin vorher zu untersuchen.
    Well! sagte Pappermann. So fhre ich Euch nach einem Verstecke, welches
wohl kein Roter, und habe er noch so gute Augen, ausfindig machen wird. Ich fand
es nur durch Zufall und glaube nicht, da es jetzt auer mir einen Menschen
gibt, der es kennt.
    Das ist viel gesagt! bemerkte ich.
    Aber jedenfalls richtig! antwortete er. Wir haben nur noch wenige
Schritte zu reiten und dann einem kleinen Seitenwsserchen zu folgen, welches
aus einem stillen, verborgenen Weiher quillt. Dieser Weiher ist nicht gro. Hohe
Felsen, die man nicht ersteigen kann, umgeben ihn. Diese Felsen haben keine
Lcke; nmlich so scheint es. Aber wenn man grad durch den Weiher bis zur
gegenberliegenden Seite reitet, macht man die Bemerkung, da es doch eine
Seitenspalte gibt, die schief hindurchschneidet und nach dem eigentlichen Quell
des Wassers fhrt, welches nicht im Weiher entspringt, sondern weiter drin, eben
da, wo wir bernachten werden.
    Ist die Lcke breit genug fr unser Gepck? erkundigte ich mich.
    Ja, antwortete er. Nur die Zeltstangen habe ich lang zu packen, anstatt
quer.
    Und wie tief ist der Weiher?
    Hchstens einen Meter.
    Damals!
    Hm! Meint Ihr etwa, da er tiefer geworden ist? Das habe ich in meinem
Leben noch nicht gehrt Stehende Wasser pflegen mit der Zeit seichter zu werden,
aber doch nicht tiefer. Doch halt! Da sind wir am Seitenwsserchen! Werde hier
also umpacken. Dann reiten wir nach dieser Seite zwischen die Felsen hinein.
    Wir halfen ihm, die Zeltstangen anders zu legen, und lieen ihn dann mit den
Maultieren voran, um unser Fhrer zu sein. Es war grad noch so viel Tageslicht
vorhanden, da wir sehen konnten, wohin wir ritten. Wir kamen an den Weiher, der
dunkel wie ein Rtsel erschien, ritten hindurch und sahen, drben angekommen,
da es im Felsen allerdings eine von dichtem Grn maskierte Lcke gab, der wir
seitwrts folgen konnten. Dann ging es noch eine Strecke am Wsserchen steil
aufwrts, bis wir seinen Quellpunkt erreichten, der in einem groen,
kreisfrmigen Felsenloche lag, dessen Wnde, wie es schien, sich senkrecht und
unersteigbar in die Hhe reckten.
    So! Das ist der Ort! sagte Pappermann. Da knnen wir hundert Jahre lang
kampieren, ohne da uns ein Mensch entdeckt.
    Aber feucht, sehr feucht? fragte ich.
    Keineswegs! Die Feuchtigkeit fliet ja ab. Uebrigens haben wir
Indianersommer, schon wochenlang ohne eine Spur von Regen.
    Kann man da an den Wnden hinaufklettern?
    Wei nicht. Habe es damals nicht versucht. Bin niemals ein Kletterspecht
gewesen.
    Und kann Jemand von da oben herunterschauen?
    Da mte er erst von hier hinauf. Von drauen bringt es Keiner fertig.
    So bin ich beruhigt. Machen wir also erst ein Feuer, um sodann das Zelt
aufzuschlagen!
    Beides war in Zeit von einer halben Stunde geschehen. Wir banden die Pferde
und Maultiere nicht an, so da sie sich bewegen konnten, wie sie wollten. Sie
tranken sich erst tchtig satt. Dann wlzten sie sich ebenso tchtig im Moose,
was sie gern tun, so lange sie gesund in den Knochen und Gelenken sind. Und
hierauf fanden sie so viel Blatt- und auch anderes Grn, da wir getrost mehrere
Tage hier bleiben konnten, ohne befrchten zu mssen, da es ihnen an Futter
mangele. Sie bedurften aber der Ruhe mehr als der Nahrung, denn der Ritt von dem
Kanubisee bis hierher war doch weiter und anstrengender gewesen, als wir nach
Pappermanns Worten vermutet hatten. Auch wir selbst fhlten uns ermdet. Darum
dauerte es nach dem Abendessen gar nicht lange, bis wir uns niederlegten. Und
das war heut abend ganz anders als gestern. Heut schliefen wir sofort ein, und
ich mu zu meiner Schande gestehen, da ich nicht eher aufwachte, als bis
Pappermann mich weckte. Mrs. Burton ist schon munter! entschuldigte er sich.
Sie hat schon heies Wasser bestellt, um - - - hrt Ihrs? Sie mahlt den Kaffee
im Zelt, um Euch nicht aufzuwecken. Sagt Ihr ja nichts, da ich es dennoch fr
richtig hielt, Euch einen Sto zu versetzen! Der Mann sei doch immer Mann! Das
ist er aber nicht, wenn er schlft!
    So habt Ihr mich also nur um meiner Ambition willen geweckt? lachte ich.
    Yes! Old Shatterhand, und schlafen, wenn seine Frau schon munter ist! Das
geht auf keinen Fall!
    Jetzt betrachtete ich mir die Oertlichkeit. Sie bot allerdings ein selten
schnes Versteck. Es gab nirgends auch nur die geringste Spur, da jemals ein
Mensch an diesem abgelegenen Ort gewesen sei. Die Felsenwnde waren beraus
steil, aber nicht unersteigbar. Es gab Riesenbume, die mehrere hundert Jahre
alt waren und sich mit ihren Aesten und Zweigen so eng an das Gestein
schmiegten, da sie das Klettern erleichterten und untersttzten. Der junge
Adler hatte kaum seinen Kaffee zu sich genommen, so begann er den Versuch, in
die Hhe zu kommen. Es gelang ihm ohne Schwierigkeit. Kaum war er oben
angelangt, so ertnte sein lauter Ruf:
    Uff, uff! Ich sehe ein Wunder, ein Wunder!
    Nicht so laut! warnte ich hinauf. Wir wissen noch nicht, ob vielleicht
doch Menschen in der Nhe sind!
    Hier kann es keinen geben, der uns hrt! antwortete er herab. Da ist
ringsum nichts als nur Luft!
    So hoch! Und was liegt unten?
    Devils pulpit!
    Die Teufelskanzel? Wirklich?
    Ja.
    Das ist unmglich, ganz unmglich! widersprach Pappermann.
    Warum? fragte ich ihn.
    Weil ich es wei. Und was Maksch Pappermann wei, das wei er ordentlich!
Der Weg nach der Teufelskanzel fhrt tief nach links hinunter; wir aber sind
rechts abgewichen. Und sie ist von allen Seiten von hohen, steilen Felsen
umgeben, die kein Mensch erklimmen kann. Wie ist es da mglich, da er sie
sieht!
    Er behauptet es aber!
    Er irrt!
    Ist es nicht auch mglich, da Ihr Euch irrt?
    Nein!
    Da der Weg von hier nach der Teufelskanzel Krmmungen macht, die Euch
tuschen?
    Es kann sich kein Mensch und kein Tier und kein Weg so sehr krmmen, da er
es fertig bringt, mich zu tuschen!
    Ich fragte den Indianer noch einmal, und er blieb bei seiner Behauptung, da
er die Devils pulpit sehe. Da auch er sie kannte, ergab das einen Widerspruch,
der mich bestimmte, dem jungen Adler zu folgen. Meine Frau ist keine ble
Kletterin. Sie besucht Gebirgsgegenden sehr gern und zeigt sich da zuweilen
khner, als ich ihr erlauben darf. Sie kam mir nach. Doch Pappermann blieb
sitzen.
    Bin mein Lebtage keine Gemse gewesen, behauptete er, und werde auch nun
nicht erst eine werden. Ein ebener Weg, ein gutes Pferd und ein festgeschnallter
Sattel; das ist es, was ich haben will. Steigt, so hoch ihr wollt; ich mache
nicht mit!
    Als wir hinaufkamen, bot sich uns ein wunderbarer Anblick dar. Ich hatte die
Teufelskanzel noch nie gesehen, war aber doch gleich beim ersten Blick
berzeugt, da sie es war, nichts Anderes. Das rief ich dem alten Westmann
hinab. Da stand er denn doch auf und begann, sich langsam und sehr vorsichtig in
die Hhe zu kraxeln. Es dauerte ziemlich lange, bis er uns erreichte.
    So! Da bin ich! sagte er. Nun will ich einmal hinunterschauen, um zu
sehen, welch ein unbegreiflicher Unsinn sich da - - -
    Er hielt mitten im Satze inne, verga aber den Mund zuzumachen.
    Welchen Unsinn meint Ihr? fragte ich.
    Den Unsinn, da, da - - - Alle Teufel! Was ist mir da passiert!
    Nun, ist es die Devils pulpit? Oder ist sie es nicht?
    Sie ist es! O Pappermann, Maksch Pappermann, was bist du fr ein
Riesenschaf oder gar was fr ein Kamel! Daran ist aber nur dieser unglckselige
Name schuld! Denn nur, wer Pappermann heit, kann sich eine so entsetzliche
Blamage auf das Gewissen laden! Dieser Name, dieser Name! Der ist mein Unglck
gewesen, so lange ich lebe! Htte mein Vater Mller oder Schulze oder Schmidt
geheien, meinetwegen auch Hanfstngel, Zuckerkant oder Pumpernickel, so wre
ich ebenso gut ein Glckskind gewesen wie andere Leute auch. Aber Pappermann,
Pappermann, das ist das Schrecklichste, was es gibt! Das hat mich verfolgt bis
hierher! Und das wird mich auch noch weiter verfolgen, bis es nichts mehr an mir
gibt, was berhaupt verfolgt werden kann!
    Er fhlte sich in hohem Grade unglcklich. Handelte es sich doch um seine
Westmannsehre, die ihm ber Alles ging. Eines derartigen Irrtums darf sich kein
Berg-, Wald- und Savannenlufer schuldig machen, wenn er es nicht darauf
ankommen lassen will, seinen guten Ruf auf das Spiel zu setzen. Glcklicherweise
aber war Niemand da, der Lust hatte, ihn bei diesem Fehler zu fassen, und als
ich ihm versicherte, da auch mir solche falsche Berechnungen schon wiederholt
passiert seien, begann er, sich zu beruhigen.
    Man denke sich ein plattes Dach, dessen steinernes Gelnder aus schweren
Felsenbrocken besteht. Dieses Dach ist mit Bumen und dichtem Gebsch besetzt,
so da man, wenn man da oben steht, von unten nicht gesehen werden kann. Tritt
man an das Gelnder heran und schaut hinab, so sieht man, da die Felsenwand
fast senkrecht in die Tiefe fllt. Auf diesem platten Dache befanden wir uns,
und tief unter uns lag die Teufelskanzel.
    Wer sich mit Geometrie beschftigt hat, der wei, was man unter einer
Ellipse versteht. Weil aber nicht alle meine Leser Geometer sind, will ich mich
hier nicht geometrisch, sondern als Laie ausdrcken, um leichter verstanden zu
werden: Eine Ellipse ist ein Kreis, der so lang ausgezogen ist, da er zu dem
einen Mittelpunkte noch einen zweiten bekommen hat. Diese beiden Mittelpunkte
werden auch Brennpunkte genannt. Wer einen Fischkessel in der Kche hat, der
kennt die lnglich runde Form einer solchen Ellipse. Und der Fischkessel mag
zugleich auch ein Bild des lnglich runden Bergkessels sein, zu dem sich unsere
Felsenwand hinuntersenkte. Dieser Kessel bildete so genau eine Ellipse, als ob
er nicht von der Natur, sondern von Menschenhand mitten in das gewaltige Kompakt
der Bergmasse hineingebrochen worden sei. Wie ich dann spter freilich sah,
hatte die Natur allerdings zwar vorgearbeitet, die berechnende Kraft des
Menschen aber nachgeholfen. Das war vor alten, ja uralten Zeiten geschehen und
so lange her, da die Felswnde, welche erst ganz gewi senkrecht und nackt
gewesen waren, infolge der Verwitterung nun Risse, Sprnge, Ecken, Kanten,
Hhlungen, Altane und andere Abweichungen von der lotrechten Linie zeigten, auf
denen und in denen sich nach und nach ein krftiger Baum- und Strauchwuchs nebst
anderem Kruter-, Stauden-, Gras- und Moosgrn angesammelt hatte. Auch der Boden
des Kessels war mit grnender Vegetation bedeckt, doch machte ich in Beziehung
auf diese Vegetation sofort zwei in die Augen fallende Beobachtungen. Nmlich es
schien hier ein Pflanzenwuchs ursprnglich nicht beabsichtigt zu sein, denn es
gab da einen vollstndig sterilen Untergrund, und der mute mit voller
Berechnung hergeschafft worden sein, denn so weit das Auge reichte, gab es nur
fruchtbares Land. Die Bume, die da unten auf dem Grunde des Kessels standen,
hatten alle, so alt und so stark sie waren, keine Wipfel mehr. Und wo es noch
welche gab, da waren sie vertrocknet. Das deutete darauf hin, da sie sich nur
von einer dnnen, angewehten Erdschicht nhrten, mit den Wurzeln aber nicht in
die Tiefe konnten oder dort keine Nahrung fanden. Und in der Tat, als ich spter
hinunterkam und nachschaute, fand ich, da so weit die Ellipse reichte, ihr
ursprnglicher Boden so dicht, da keine Pflanze einzudringen vermochte, mit
starken Steinplatten belegt war, auf denen sich im Laufe der Zeit eine Schicht
von Humuserde gebildet hatte, von welcher sich das spter entstandene Baum- und
Strauchwerk durch die Seitenwurzeln ernhrte. Pfahlwurzeln gab es nicht. Daher
die Verdorrung smtlicher Wipfel!
    Wozu einst diese Belegung des Bodens mit Platten? Das war die erste Frage,
die ein aufmerksamer und vorsichtiger Beobachter hier zu beantworten hatte.
    Die andere in die Augen fallende Beobachtung war die, da ein Drittel dieser
Vegetation vollstndig unberhrt zu sein schien, whrend man es den andern
beiden Dritteln gleich beim ersten Blicke ansah, da da Menschen verkehrt
hatten, und zwar nicht allzu selten. Die Scheidelinie zwischen dem greren,
berhrten Teile und dem kleineren, unberhrten war sogar auffllig scharf
gezogen. Es sah so aus, als ob ein strenges Verbot herrsche, dieses sehr dicht
bewachsene Drittel der Ellipse zu betreten.
    Weshalb und zu welchem Zwecke diese Unterscheidung? Das war die zweite
Frage, der man nachzuspren hatte, wenn man den Anspruch erhob, fr einen
scharfen und zuverlssigen Beobachter zu gelten.
    Und nun kommt die Hauptsache, die von allerhchstem Interesse ist.
Wenigstens war sie das fr mich. Es gab nmlich auf dem sonst vollstndig
ebenen, ellipsenfrmigen Boden des Felsenkessels zwei ziemlich bedeutende,
knstlich hergestellte Erhhungen, welche ganz das Aussehen hatten, als ob der
Kessel einst in der Absicht hergestellt worden sei, ihn mit Wasser zu fllen und
also eine Art von See zu bilden, aus dem die beiden Erhhungen als Inseln
hervorschauten. Im Lause der Jahrhunderte hatte sich das zu- und abflieende
Wasser so tief eingefressen, da der Boden des Bassins erreicht und dieses
einfach durch Auslaufen und spteres Versiegen des Wassers trocken geworden war.
    Diese Beobachtung an sich htte weiter nichts ergeben, als da in uralter
Zeit hier Menschen vorhanden gewesen seien, welche in Beziehung auf ihre
Bauwerke und in Folge dessen auch anderweit bedeutend hher standen als die
spteren Indianer, oder sagen wir richtiger, als die spteren Generationen. Aber
diese beiden Erhhungen - ich will dem Bilde treu bleiben und sie Inseln nennen
- hatten die hchst auffllige Eigentmlichkeit, da sie in den zwei
Brennpunkten der Ellipse lagen, und zwar ganz genau. Das konnte nicht Zufall,
sondern das mute Berechnung sein. Da entstand nun sofort die Frage: Welches war
der Zweck dieser Berechnung, das Fazit dieses Exempels? Etwas Gewhnliches,
Alltgliches jedenfalls nicht. Ich dachte an die schwierigen, astronomischen
Berechnungen, welche dem Baue der gyptischen Pyramiden zu Grunde liegen, an die
noch unaufgeklrten Geheimnisse der Teokalli und anderer Tempelwerke aus
frherer Zeit, doch bin ich weder Fachmann noch Gelehrter und darf es unmglich
wagen, mich auf so schwierige, wissenschaftliche Spekulationen einzulassen. Aber
ein Gedanke kam mir doch, wenngleich die Aufrichtigkeit mich zwingt, zu
gestehen, da er mir bedeutend khner erschien, als ein einfacher Westmann, der
nur die Absicht verfolgt, auf seine Sicherheit bedacht zu sein, sich gestatten
darf. Aber er stellte sich wieder und immer wieder ein; er packte mich fester
und fester und lie mich nicht wieder los. Es war der Gedanke an jene im
Altertum oft auch baulich behandelte Tatsache, da man innerhalb einer gewissen
geometrischen Figur an einem Punkte ganz deutlich das hrt, was an einem
anderen, entfernten Punkte leise gesprochen wird. Dieser Gedanke kam ohne mein
Zutun, also ohne da ich grbelte. Ich wies ihn ab. Aber er kehrte zurck, als
der junge Adler zu sprechen begann, und wollte seitdem nicht wieder weichen.
Der Indianer deutete nmlich von da oben, wo wir standen, hinab in die Tiefe und
sagte:
    Das ist die Kanzel. Wir stehen auf dem hchsten Teile der Wand, von der sie
umschlossen wird. Es gibt zwei Kanzeln. Die eine, nmlich diese hier, ist den
Bleichgesichtern bekannt; von der andern aber wissen sie nichts. Die eine wird
von ihnen die Kanzel des Teufels genannt; die andere wrden sie wohl als die
Kanzel des guten Manitou bezeichnen. Die roten Mnner aber nennen diese hier
Tscha Manitou12 und die andere Tscha Kehtikeh13.
    Welchen Punkt bezeichnet Ihr als Kanzel? fragte ich ihn. Die lngliche
Runde dieses Felsenkessels erstreckt sich von Ost nach West. Es gibt eine
Erhhung im stlichen und eine im westlichen Teile. Welche von beiden ist die
Kanzel?
    Die im westlichen Teile, antwortete er.
    So ist also die andere das Ohr?
    Er sah mich an und wute nicht, was ich meinte. Da erklrte ich ihm:
    Von der Kanzel herab pflegt man doch zu sprechen. Und was der Redner
spricht, soll gehrt werden. Ihr aber erwhntet hier ein Ohr, welches hrt. Ihr
nanntet es Das Ohr Gottes. Wo liegt es?
    Das wei ich nicht. Jedenfalls ist derselbe Punkt gemeint, den die Weien
als Kanzel bezeichnen. Was ich hierber wei, das habe ich von Tatellah-Satah,
meinem Lehrer, erfahren. An der einen Kanzel, nmlich an dieser hier, hrt Gott,
was der Teufel spricht, und verurteilt ihn zur Verdammnis. Und an der andern
Kanzel, welche den Weien noch unbekannt ist, hrt der Teufel, was Gott spricht,
und wird dadurch von der Verdammnis erlst.
    Das ist ein tiefer, ein sehr tiefer Sinn, der jedenfalls hier irgendwo und
irgendwie in ein ueres Gewand gekleidet ist, nach dem ich suchen werde. Ihr
seht doch, da der stliche Teil des Kessels ein frmliches Pflanzendickicht
bildet, whrend der westliche, grere Teil viel weniger bewachsen ist. Man
scheint dort sogar zuweilen Holz niedergehauen zu haben, um Feuer zu machen.
    Das tut man stets, wenn man zur Beratung hier versammelt ist.
    Zur Beratung? Doch auch zur Jagd oder zu einem sonstigen Zwecke?
    Nein. Dieser Ort ist jedem roten Manne heilig. Er ist nur fr groe,
wichtige Beratungen bestimmt, die zwischen verschiedenen Nationen abgehalten
werden. Nie wird man hier ber unwichtige Dinge beraten! Und nie wird ein roter
Mann diesen Ort betreten, ohne da es eine groe Zusammenkunft zweier oder
mehrerer Nationen gilt!
    Ah! - Wirklich?
    Ja, versicherte er. Ich wei das ganz genau! Und selbst bei groen
Beratungen, wo viele, viele Krieger sich hier versammeln, wird es keiner von
ihnen wagen, den stlichen Teil dieses Platzes zu betreten.
    Warum?
    Man sagt, da wohne der bse Geist, der Teufel, nach dem man die Kanzel
benennt.
    Hchst interessant, hchst sonderbar und hchst unklar! Was man sich von
diesen beiden Kanzeln erzhlt, ist jedenfalls viele hundert Jahre alt. Da lt
sich wohl denken, wie sehr man die Wahrheit verwischte. Glaubt Ihr daran?
    Ich glaube an den Kern dieser Wahrheit.
    Kennt Ihr ihn, diesen Kern?
    Nein. Ich hoffe aber, ihn von Tatellah-Satah zu erfahren.
    Es fragt sich, ob er selbst ihn kennt. Wenn er ihm bekannt wre, htte er,
als er hier von dieser Kanzel sprach, sich anders ausgedrckt. Er htte nicht
Kanzel und Ohr als denselben Punkt bezeichnet. Glaubt auch Ihr, da dort im
stlichen Teile des Platzes sich der bse Geist aufhlt, der Teufel?
    Ich achte den Brauch meiner Vter, ohne zu fragen, ob er sich auf Wahrheit
grndet oder nicht.
    So werdet Ihr es also vermeiden, den heiligen Ort da unten zu betreten?
    Wird Mr. Burton hinuntergehen?
    Ja, ich gehe.
    Mrs. Burton vielleicht auch?
    Ja, ganz bestimmt auch sie.
    So gehe ich sehr gern mit, wenn Beide es wnschen. Ich war vier Jahre lang
bei den Bleichgesichtern und habe bei ihnen gelernt, die Seele eines Dinges vom
Dinge selbst zu unterscheiden. Die Seele ist mir heilig; ihr sichtbares Kleid
aber verehre ich nicht. Doch ich achte es und wrde es nur dann verletzen oder
gar zerreien, wenn ich Grund htte, es fr bs, also fr schdlich zu halten.
    Wie dieser junge Indianer sprach! Wre er mir nicht schon so sehr
sympathisch gewesen, so wre er es mir nun jetzt geworden. Jetzt fragte
Pappermann, der sich bisher still verhalten hatte:
    Ich hre, Ihr wollt da hinunter?
    Natrlich! Die Devils pulpit ist doch unser Ziel! antwortete ich.
    Wann?
    Sofort!
    So mssen wir satteln.
    Ist nicht ntig. Wir laufen.
    Oho! rief er verwundert aus. Glaubt Ihr, da Maksch Pappermann luft,
wenn er ein Pferd oder ein Maultier am Zgel hat?
    Das glaube ich freilich nicht. Aber es hat Euch auch niemand zugemutet, zu
laufen. Ihr bleibt nmlich hier.
    Ich - -? Bleibe - -? Hier - - -? fragte er erstaunt.
    Ja.
    Bin ich etwa nicht wert, mitgenommen zu werden?
    Redet keinen Unsinn! Ich brauche Euch hier oben notwendiger als da unten.
Wir wissen, da die Feinde kommen. Ja, wir wurden extra gewarnt. Aber leider
wissen wir keine bestimmte Zeit. Jeder Augenblick kann sie uns bringen. Sie
knnen sich grad dann einstellen, wenn wir da unten sind und sie nicht kommen
sehen. Grad darum beabsichtige ich ja, zu laufen, nicht zu reiten. Pferde machen
deutlichere Spuren als Menschen. Und es knnte sich ereignen, da wir wohl ganz
glcklich entkommen knnten, uns aber, um dann auch sie zu retten, blostellen
und in Gefahr begeben mten - - -
    Ah! Errate, errate! unterbrach er mich.
    Nun, was erratet Ihr?
    Da ich hier oben bleiben soll, um Wache zu halten, um aufzupassen?
    Allerdings!
    So ist das etwas Anderes! Ich tue es gern und bitte, mich zu unterweisen.
    Das ist sehr schnell geschehen. Wir wissen, da die Sioux und die Utahs
kommen werden. Die Ersteren sind von Norden, die Letzteren von Westen her zu
erwarten. Fr beide Flle liegt der Talkessel so, da sie nicht von der Seite
kommen knnen, von der wir gestern kamen, sondern von der entgegengesetzten. Und
diese Seite liegt hier so deutlich und so ausfhrlich vor Euren Augen, da Ihr
die Roten schon lange, ehe sie kommen, bestimmt entdecken mt. Da gebt Ihr uns
ein Zeichen.
    Was fr eins?
    Einen langen, scharfen Pfiff.
    Etwa so?
    Er steckte den gekrmmten Zeigefinger in den Mund und lie eine Probe hren.
    Ja, das gengt.
    Schn! Aber wie steht es mit dem Wege hinunter zur Kanzel? Ihr seid noch
nicht unten gewesen.
    Ist auch nicht ntig. Der junge Adler kennt ihn ja. Und selbst wenn dies
nicht der Fall wre, glaubt Ihr doch nicht etwa, da ich mich verlaufen wrde,
nachdem ich die Devils pulpit von hier aus so deutlich vor mir liegen sah.
Kommt!
    Wir stiegen wieder zum Lager hinab; nur Pappermann allein blieb oben. Ich
nahm den zerlegten Henrystutzen aus dem Koffer und schraubte ihn zusammen.
    
    Willst du schieen? fragte das Herzle.
    Aengstige dich nicht. Ich denke nur an Wild, beruhigte ich sie. Der junge
Adler wird sein Gewehr auch mitnehmen.
    Sie winkte verstohlen nach ihm hin. Mein Blick folgte dieser Richtung ebenso
verstohlen. Ich sah, was sie meinte. Es war rhrend, mit welch einer andchtigen
Spannung er den Stutzen betrachtete und jeden Griff beobachtete, den ich tat,
indem ich ihn lud.
    Uff! sagte er. Das ist er! Das also ist er! Wie oft hrte ich von ihm
sprechen! Darf ich ihn einmal berhren?
    Hier ist er!
    Er nahm ihn in die Hand, doch ohne sich zu erlauben, ihn untersuchen zu
wollen. Dann drckte er ihn wie in einer pltzlichen Aufwallung an sich und
sagte:
    Wie oft wurde Winnetou durch ihn gerettet, wie oft! Ein einziges, ein
einziges Gewehr!
    Bei diesen Worten gab er mir den Stutzen zurck. Ich nahm ihn und
antwortete:
    So einzig, wie Ihr denkt, ist er lngst nicht mehr. Ja, man hat mich
ausgelacht, wenn ich von fnfundzwanzig Schssen sprach. Es hat sogar kluge,
sehr kluge Menschen gegeben, welche mich dieses Gewehres wegen einen Lgner und
Schwindler nannten, obgleich sie von Handfeuerwaffen und vom Schieen so wenig
verstanden, da es mich geradezu erbarmte. Nun aber ist es schon lange her, da
ich nicht nur gerechtfertigt, sondern sogar bertroffen worden bin. In Italien
erfand Major Cei-Rigotti ein fnfundzwanzigschssiges Armeegewehr, und dem
englischen Kriegsminister wurde sogar ein achtundzwanzigschssiges, welches 3100
Meter weit trgt, von einem schottischen Erfinder vorgelegt. Uebrigens wird
dieser Stutzen zu seiner Zeit genau denselben Weg gehen, den jetzt Winnetous
Silberbchse geht.
    Habt Ihr auch diese mit? fragte er, indem seine Augen leuchteten.
    Ja.
    Darf ich sie sehen?
    Spter. Jetzt mssen wir jeden Augenblick fr die Untersuchung der Devils
pulpit sparen, denn wenn die Feinde angekommen sind, ist es zu spt dazu.
Verlieren wir keine Zeit.
    Als ich das sagte, hrten wir ber uns ein Lachen. Pappermann war es. Er kam
herabgestiegen. Er hatte uns schon fast erreicht; da sagte er:
    Ja, obenbleiben soll ich! Und laufen wollen diese drei klugen Leute! Werden
aber doch reiten mssen! Und werden mich dazu brauchen, sehr, sogar sehr.
    Indem er das sagte, fiel mir ein, wie recht er hatte. Das Herzle aber
fragte:
    Reiten? Und Euch dabei auch brauchen? Gewi nicht! Wir gehen!
    Nein, Ihr reitet! lachte er frhlich. Werdet mir schon einmal gehorchen
mssen, ganz gleich, ob Ihr wollt oder nicht! Oder will Mrs. Burton vielleicht
nasse Fe haben, einen Schnupfen, einen Husten, einen Katarrh und andere schne
Dinge? Das Niesen gar nicht gerechnet!
    Das war allerdings sehr richtig. Ein Westmann fragt freilich nicht danach,
ob er feucht wird oder nicht, aber wenn er es vermeiden kann, so ist er
einverstanden. Wir setzten uns also alle auf und ritten hinaus, ber den Weiher
hinber. Dann schaffte Pappermann die Pferde wieder zurck. Wir aber folgten dem
schmalen Wsserchen abwrts, bis wir die Stelle erreichten, an welcher wir
gestern von der Richtung nach der Teufelskanzel abgewichen waren. Von da an
hatte der grere Bach unser Fhrer zu sein, bis er allzu mutig wurde und sich
in verschiedenen Sprngen und Kaskaden direkt in die Tiefe strzte. Das konnten
wir nicht mitmachen. Wir stiegen also langsam und in bequemen Schlangenwindungen
hinunter und machten dabei die Bemerkung, da wir da nicht der geraden Richtung
folgen konnten, sondern einen ganz ansehnlichen Bogen schlagen muten, was
Pappermann aber nicht mit berechnet hatte und darum zu der irrigen Ansicht
gekommen war, da das, was der junge Adler sah, nicht die Teufelskanzel sein
knne.
    Unten in der Tiefe angekommen, sahen wir zunchst die schmale Spalte, welche
das Wasser in uralter Zeit fast senkrecht in den Felsen gefressen hatte. Es sah
fast aus, wie mit einer riesigen Sge hineingeschnitten. Ganz dasselbe hatte
auch uns gegenber am Ausgange des Kessels stattgefunden. Es war also erwiesen,
da der letztere einen halb natrlichen, halb knstlichen See gebildet hatte und
spter, als der Wasserabflu seinen Grund erreichte, vertrocknet war. Welchen
Zweck hatten die beiden Inseln gehabt. Etwa den, berhaupt nur Inseln zu sein?
Das wollte mir nicht einleuchten. Ebenso wichtig war mir die Frage: Wurde dieser
Zweck mit Hilfe des Wassers erreicht, so da nun jetzt, wo es kein Wasser mehr
gab, auch er nicht mehr nachgewiesen werden konnte? Der Bach war freilich noch
da. Er flo auch noch immer lang durch den ganzen Kessel. Aber er hatte die
Steinplatten nicht durchdringen und sich eine tiefere Rinne bohren knnen,
sondern sie bildeten seinen Grund, auf dem er sich durch angeschwemmtes Gerll
seine eigenen Ufer gebaut und befestigt hatte. Wir wurden von ihm zunchst in
den stlichen, dichter bewachsenen Teil des Kessels gefhrt, verweilten uns da
aber nicht, sondern hoben ihn uns fr spter auf, weil es galt, zunchst den
westlichen Teil des Terrains kennen zu lernen, weil von dieser Seite die Roten
zu erwarten waren. Wir muten also vor allen Dingen dort fertig sein, bevor sie
kamen.
    In diesem westlichen Teile gab es einige Stellen, an denen unter der
aufgewhlten Erde die Steinplatten hervorschauten. Die Bume, die es da gab,
waren nicht hoch, und die Bsche nicht dicht. Sie hatten nur allzuoft das
Material zu Lagerfeuern liefern mssen. Die zwischen ihnen liegenden,
zahlreichen, lichten Stellen waren so gro, da hunderte von Lagernden Platz
finden konnten, ohne einander zu beengen. Die hier befindliche Insel war hher
als der hchste Baum; was aber nicht viel sagen will, weil die Bume ja keine
bedeutende Hhe besaen. Sie war nicht mit Grn bewachsen, sondern vollstndig
kahl. Eine Reihe von Stufen fhrte hinauf. Oben gab es in der Mitte einen hohen,
steinernen Sessel und rund um ihn einen Kreis von niedrigeren Sitzen. Das war
die Teufelskanzel, auf welcher die Huptlinge zu beraten und das Ergebnis dann
durch den Sprecher dem unten versammelten Publikum zu verknden hatten.
    Wir stiegen hinauf. Es war nicht das Geringste zu sehen, was uns als
beachtenswert erschienen wre. Natrlich visierte ich von hier aus, doch ohne
Etwas davon zu sagen, die im stlichen Teile liegende andere Insel. Sie war
genau ebenso hoch wie diese hier, doch umfangreicher und auerdem dicht
bewachsen. Auch bis zu ihrer Oberflche reichte keiner der Bume herauf, und
wenn es sich wirklich, wie ich mehr und mehr vermutete, um ein akustisches
Geheimnis handelte, so gab es auf unserer jetzigen Hhe rundum keinen
Gegenstand, durch den die Schallwellen htten aufgefangen oder unterbrochen
werden knnen. Hierauf stiegen wir wieder hinab. Wir waren mit diesem Teile des
Kessels fertig und schauten einmal zur Hhe empor, ob es wohl mglich sei,
unsern Pappermann zu sehen. Jedenfalls beobachtete er uns; aber da er
wahrscheinlich so klug war, sich nicht ganz vor an die Brstung zu wagen,
konnten wir ihn nicht entdecken.
    Nun begaben wir uns nach dem andern, dem dichter bewachsenen Teil der
Ellipse. Ich steuerte da direkt auf die zweite Insel zu, hemmte aber gar bald
meinen eiligen Schritt, denn ich stie auf Spuren, doch glcklicherweise auf
solche, die man gern, sehr gern zu sehen pflegt. Auch dem jungen Adler fielen
sie auf der Stelle auf. Es sah fast so aus, als ob Kinder wiederholt durch die
Him- und Brombeerstrucher gebrochen seien. Wir waren zunchst still, aber als
wir uns einmal rund um die Insel geschlichen hatten und nun wuten, woran wir
waren, fragte ich:
    Herzle, hast du Appetit auf Brenschinken oder Brentatzen?
    Mein Schreck! antwortete sie schnell und sogleich erregt. Gibt es etwa
Bren hier?
    Ja.
    Wohl gar Grizzlies?
    Nein. So schlimm ist es nicht. Es ist ein ganz niedertrchtig unschdlicher
schwarzer Br, der auf dem linken Hinterbeine hinkt. Er scheint einmal verwundet
worden zu sein und hat sich also die Gefhrlichkeit abgewhnen mssen. Ich
vermute in ihm einen leidenschaftlichen Vegetarier, der sich nicht die geringste
Mhe geben wird, dir als Menschenfresser zu erscheinen. Er steckt hier droben
auf der Insel.
    Da oben? Sie schaute empor und fgte sofort hinzu: Du hast Recht! Ich
sehe ihn! Da guckt er herunter! Da, da!
    Sie zeigte mit der Hand hinauf. Da hob der junge Adler auch schon sein
Gewehr.
    Schiet nicht; schiet nicht! bat sie. Er macht ein gar zu liebes,
albernes Gesicht!
    Aber ihr Wunsch kam zu spt. Der Schu krachte. Die Kugel war in das Auge
gezielt und drang direkt in das Gehirn. Der Br hatte hart am Rande der Insel
gelegen und, als er uns sah, eine Bewegung gemacht sich aufzurichten. Nun sank
er wieder nieder, wlzte sich unter der Wirkung des Schusses einmal nach vorn
und kam dann heruntergerutscht, um tot vor unsern Fen liegen zu bleiben.
    Wie schade, wie schade! meinte das Herzle. Wir konnten ihn leben lassen!
    Zu seiner eigenen Qual? fragte ich, indem ich ihn untersuchte. Schau her!
Er war nicht verwundet, sondern er hatte das Hinterbein gebrochen, und da ihn
keine Universittsklinik aufnehmen wollte, so schleppte er es hinterher, bis ihn
unsere Kugel erlste.
    Aber gebrochene Beine esse ich nicht! erklrte sie energisch.
    Ich auch nicht! stimmte ich ihr bei. Sie mssen unbedingt erst
eingerichtet und dann verbunden werden, natrlich in Gips. Hierauf spickt und
bratet man sie, und dann werden sie gegessen!
    Du bist ein lasterhafter Mensch! bestrafte sie mich, halb lachend und halb
ernst. Was wird nun mit dem Br? Ich trage ihn nicht hinauf, wo wir wohnen.
    So wird er von unserm Maksch geholt! Er ist ber vier Jahre alt und wiegt
wohl einige Zentner, aber wir haben ja Maultiere, ihn zu tragen. Wir mssen
Alles fortschaffen, drfen nichts von ihm hier lassen, der Indianer wegen, die
wir erwarten. Jetzt ziehen wir ihm den Rock aus.
    Das ging sehr schnell. Der junge Adler half und zeigte sich als geschickt
und sauber. Als wir das Wild dann wieder in sein eigenes Fell gewickelt hatten,
setzten wir unsere unterbrochenen Nachforschungen fort. Auch hier fhrten Stufen
hinauf, die aber von Ranken fast unwegsam gemacht worden waren. Zu beiden Seiten
dieser Stufen gab es je eine groe Steintafel mit ziemlich wohlerhaltenen
Meielarbeiten. Diese Tafeln waren jedenfalls erst dann angebracht worden, als
das Bassin kein Wasser mehr hatte. Sie enthielten Abbildungen der Insel. Aus der
ersten Tafel sahen wir eine mnnliche Figur, welche hinaufsteigen wollte. Auf
der zweiten erschien oben ein schreckliches Ungetm, welches diesen Khnen
verschlang, noch ehe er hinaufgelangt war. Also eine Warnung, die Insel zu
betreten! Warum das? Es schien hier also doch Etwas vorhanden gewesen zu sein,
was Niemand wissen durfte! Wir kletterten hinauf.
    Oben angekommen, sahen wir, vom Gebsch vollstndig berwuchert, ein
kleines, niedriges Gebude, ungefhr einer Feldwchterhtte hnlich, aber aus
Steinplatten bestehend, sowohl die Wnde als auch das Dach. Gleich daneben hatte
sich der Br sein Lager hergerichtet gehabt. Drinnen htte er es wohl bequemer
gehabt, aber er hatte nicht hineingekonnt, denn die Tr war zu. Sie ging in
einer steinernen Standangel, die in den Platten selbst angebracht war. Wir
ffneten. Die Htte war leer, vollstndig leer. Es konnten vier Personen da
sitzen, mehr aber nicht. Fr wen war dieses Huschen bestimmt gewesen? Etwa fr
den Lauscher? Er sa hier versteckt und ungesehen. Auf der andern Insel aber gab
es weder ein solches Huschen, noch verbergende Bsche. Er konnte also alles
sehen; die aber, die er beobachtete, sahen ihn nicht.
    Eine weitere Entdeckung war auch hier oben nicht zu machen, und zwar aus dem
sehr triftigen Grunde, weil es berhaupt weiter nichts gab. Wenn das Geheimnis,
nach dem ich suchte, wirklich vorhanden war, so fute es ganz gewi nicht auf
scharfsinnigen, raffinierten Komplikationen, sondern auf der auerordentlich
schlichten Anwendung eines hchst einfachen Naturgesetzes. Ich war im hchsten
Grade gespannt, hielt aber meine Gedanken jetzt noch geheim. Doch zgerte ich
nicht, die entscheidende Probe zu machen. Ich bat meine Frau, mit dem jungen
Adler nach der andern Insel zurckzukehren und sich dort auf den groen Stuhl
der Huptlinge zu setzen.
    Wozu? fragte sie.
    Es gilt eine Ueberraschung, welche ich dir bereiten mchte.
    Eine gute?
    Ja, eine gute. Wenn es gelingt, wirft du dich freuen! Oder willst du dich
lieber schlimm berraschen lassen? Das kann ich auch!
    Nein! Lieber gut! Aber, mu es denn sein?
    Ja! Ganz unbedingt!
    Du bist seit einiger Zeit so auerordentlich geheimnisvoll! Hoffentlich ist
das nur vorbergehend! Ich werde gehorchen.
    Sie entfernte sich mit dem Apatschen. Ich trat an den Rand der Insel und
schaute ihnen nach. Ich sah sie beide ber den Platz gehen, indem sie
miteinander sprachen, bis an die Kanzel des Teufels. Sie stiegen hinauf. Ich
mu sagen, da ich mich in groer, sehr groer Spannung befand. Ich lauschte.
    Da erklang, nicht vor mir, also von da her, wohin ich schaute, sondern
hinter mir die muntere Stimme meiner Frau:
    Er ruht nicht eher! Er wird es durchsetzen, hinter diese Ohr- und
Kanzel-Sache zu kommen! Ich kenne ihn!
    Sie standen jetzt Beide oben auf der Insel. Ich hatte das, was meine Frau
sagte, erst von dem Augenblicke an gehrt, an dem sie auf der Hhe der Kanzel
erschienen waren. Ich sah sie stehen, aber nicht deutlich. Die Gesichter konnte
ich nicht erkennen; dazu war die Entfernung zu gro. Auch die Arm- und
Handbewegungen waren fr mich unsichtbar. Es trat nach dem letzten Worte eine
Pause ein; dann hrte ich das Herzle wieder:
    Nein; ich habe keine Ahnung. Er hat ja noch keine Zeit gehabt, es mir zu
sagen oder gar zu erklren.
    Aus diesen Worten war zu schlieen, da der Apatsche auch Etwas gesagt
hatte, was meinem Ohre aber entgangen war. Wahrscheinlich stand ich falsch,
nmlich so, da mich die von seinem Munde ausgehenden Schallwellen nicht treffen
konnten. Meine Frau war am Rande ihrer Insel stehen geblieben. So stand auch
ich. Der junge Adler aber stand mehrere Schritte von ihr entfernt in der
Mitte. Darum verlie auch ich den Rand und ging nach der Mitte zu. Die lag hier
bei mir allerdings grad da, wo das Huschen stand, also tief im Gestruch, und
es fragte sich also, ob dieses Gebsch die Schallwellen nicht auffangen und
unhrbar machen werde. Das geschah aber nicht. Denn kaum hatte ich das Huschen
erreicht, so hrte ich meine Frau viel deutlicher als vorher:
    Leider habe ich noch keinen gebraten. Ich mu mich da also ganz auf Euch
verlassen. Sind die Tatzen wirklich das Beste? So delikat?
    Ganz ebenso deutlich hrte ich hierauf den jungen Apatschen antworten:
    Ohne allen Zweifel! Es gibt berhaupt nichts Delikateres!
    Und mssen sie wirklich vorher so lange liegen, bis sie Wrmer bekommen?
    Eigentlich, ja.
    Pfui!
    Warum pfui? Man entfernt die Wrmer. Man it sie doch nicht mit!
    Aber sie waren doch da! Das ekelt!
    So wartet man nicht so lange!
    Da machte ich mir den Spa, mit lauter Stimme dazwischen zu rufen:
    Auf keinen Fall! Man hat unbedingt zu warten, bis die Wrmer da sind! Dann
werden die Tatzen gebraten; die Wrmer aber verfttert man an die Rotkehlchen
und Nachtigallen!
    Gleich sofort hrte ich das Herzle lachend sagen:
    Das ist mein Mann, der Schalk! Er ist uns nachgeschlichen. Wo steckt er
denn?
    Ich vermutete, da sie sich nach mir umschaute. Sehen konnte ich sie nicht
mehr. Darum rief ich:
    Hier bin ich - hier!
    Wo denn? fragte sie.
    Hier oben! Bei Maksch Pappermann!
    Scherz! Sag es ernst!
    Nun gut: Ich sitze da auf dem nchsten Baume!
    Nichts als Allotria! Nimm doch Verstand an, und sprich vernnftig!
    Ganz wie du willst! Der junge Adler mag in seine linke Westentasche
greifen. Da stecke ich!
    Uff, uff! rief der Genannte. Jetzt wei ich es, jetzt, jetzt!
    Was? fragte sie.
    Er ist gar nicht da, gar nicht hier! Seine Stimme klingt bald von oben,
bald von unten, bald von rechts und bald von links. Er steht noch da, wo wir ihn
verlassen haben; aber er hat die Fhigkeit entdeckt, uns seine Stimme bis
hierher zuzusenden!
    Sollte das wirklich sein?
    Gewi!
    Dann wre das wohl die Ueberraschung, von welcher er sprach?
    Sehr wahrscheinlich. Ihr sagtet soeben, da er nicht eher ruhen werde, als
bis er hinter diese Ohr-und Kanzel-Sache gekommen sei. Nun kann er ruhen. Er hat
es schon entdeckt!
    Da sprach ich hinein:
    Er hat Recht. Ich ruhe!
    Wo? fragte sie.
    Hier auf meiner Insel. Ich stehe vor dem Huschen.
    Wirklich? Oder foppst du noch immer?
    Nein. Jetzt bin ich ernst. Ich habe Bildung angenommen. Ich stehe wirklich
hier am Inselhuschen und hre euch ebenso gut, wie ihr mich hrt. Das ahnte
ich. Ich werde euch den Sachverhalt erklren. Ich schickte euch nach der andern
Insel, um die Probe auf meine Vermutung zu machen. Sie ist gelungen. Sie stellt
mich auerordentlich zufrieden, wirklich auerordentlich!
    Wenn das so ist, wie du sagst, so gleicht es fast einem Wunder! rief sie
aus.
    Und ist doch ganz und gar kein Wunder, sondern nur die kluge, sorgfltige
Anwendung eines einfachen Naturgesetzes.
    Da knnen wir doch von da aus, wo du jetzt bist, die Verhandlungen der
Indianer belauschen!
    Ja! Vom Anfang bis zum Ende! In aller Gemchlichkeit und Sicherheit! Denke
dir!
    Hrst du mich denn wirklich ganz deutlich?
    Genau so, als ob du hier bei mir stndest!
    Ich dich ebenso!
    Schn! Aber machen wir trotzdem einmal eine Probe auf die Strke oder
Schwche des Tones und auf den Punkt, auf dem man stehen mu, um ja kein Wort zu
verfehlen!
    Auch diese Probe gelang sehr gut. Nur was geflstert wurde, war nicht zu
verstehen; es klang wie ein Hauch, der keine Worte hat. Und wenn man laut rief,
so rollte es fast wie Donner. Man konnte fast darber erschrecken. Dabei ging
die Deutlichkeit um einen Teil verloren, doch nur um einen sehr geringen. Aber
Alles, was zwischen diesem Flstern und diesem Donnern lag, klang genau so, als
ob man sich nicht an zwei so entfernten Punkten, sondern an einem und demselben
Orte befnde.
    Schlielich machte das vorsichtige und stets sichergehende Herzle den
Vorschlag, unsere beiden Positionen einmal zu vertauschen.
    Du kommst hierher nach meiner Insel, und ich komme nach der deinen, sagte
sie. Unterwegs treffen wir einander. Du aber legst irgend Etwas, was ich dir
jetzt sage, in das Huschen hinein, damit ich mich berzeuge, da du dich jetzt
wirklich dort befindest.
    So glaubst du jetzt immer noch, ich scherze?
    Nein, denn hier bei uns bist du nicht, auch nicht in unserer Nhe. Wir
wrden dich sehen. Aber ich verstehe von Eurer Akustik und Euren Naturgesetzen
so wenig, da ich nur meinen Augen trauen kann, nicht aber der Wissenschaft oder
gar deinem Schalk im Nacken!
    So sag, was soll ich herlegen? Meine Uhr, mein Messer?
    Nein, sondern etwas Poetisches!
    Nun, was?
    Einen Liebesbrief!
    Oho! An wen?
    An mich natrlich. Es ist ja keine Andere da. Nimm also ein Blatt aus
deinem Notizbuche, und schreibe darauf, was ich dir jetzt diktiere!
    Gut! Das Blatt ist da, der Bleistift auch. Nun sprich!
    Sie diktierte Folgendes:
    Mein teures Herzle! Ich liebe Dich und bleibe Dir treu bis in den Tod. Zu
Deinem nchsten Geburtstage bekommst Du fnfzig Mark fr das Radebeuler
Krankenhaus. Ich halte Wort und unterschreibe es mit meinem eigenen Namen!
    Nun unterschreib aber auch! fgte sie hinzu.
    Ist hiermit geschehen! meldete ich.
    So komm!
    Ich legte den Zettel in das Huschen, stieg von meiner Insel hinunter und
ging nach der ihrigen. Unterwegs trafen wir einander. Sie wollte mir wegen den
fnfzig Mark einen triumphierenden Blick zuwerfen, brachte es aber nicht fertig.
Sie reichte mir vielmehr die Hand, um sich zu bedanken, und ging dann mit dem
jungen Adler weiter. Ich beeilte mich, schnell nach der andern Insel zu
kommen. Als dies geschehen war und ich dann oben stand, verhielt ich mich sehr
still und lauschte. Da hrte ich sie kommen. Sie sprachen mit einander. Klrchen
ging sofort nach dem Huschen. Ich hrte sie sagen:
    Da liegt das Blatt! Wirklich, wirklich! Sie las es und fuhr dann fort:
Genau so, wie ich es diktierte! Es kann also kein Zweifel mehr sein - - -
    O doch! unterbrach ich sie schnell.
    Ah, du bist auch schon dort? fragte sie.
    Ja.
    Und zweifelst?
    Ganz bedeutend. Ich mu auch eine Probe machen, um mich zu berzeugen!
    Welche Probe?
    Du hast doch wohl auch deinen Bleistift bei dir?
    Ja.
    So nimm mein Blatt, und schreibe auf die andere Seite, was ich dir jetzt
diktiere!
    Schn! Ich habe das Blatt und den Stift. Es kann beginnen!
    Ich diktierte:
    Die gehorsamst Unterzeichnete gesteht hiermit vor der Staatsanwaltschaft
des Kniglich Schsischen Landgerichtes zu Dresden reumtig ein, da sie sich
auf der Devils pulpit des amerikanischen Staates Colorado einer raffinierten
Erpressung von 50 Mark, sage und schreibe fnfzig Mark schuldig gemacht hat und
hierfr - - -
    Halt, halt! Nicht weiter! fiel mir ihre Stimme in das Wort. Ich habe
meine Snden nur dir einzugestehen, nicht aber der Staatsanwaltschaft, die ich
fr Alles, was auf der Teufelskanzel geschieht, fr vllig inkompetent erklre.
Deine fnfzig Mark gehren von jetzt an meinen Kranken; dabei hat es zu bleiben!
Wenn es noch weiterer Proben bedarf, so mache andere, aber nicht solche!
    Ich verzichte!
    So komm, und bitte mir es ab! Was mich betrifft, so bedarf deine Entdeckung
fr mich keiner weiteren Beweise.
    So gehen wir jetzt, um nach unserm Lager zurckzukehren. Ich komme nicht
erst zu Euch, sondern wir treffen uns am Wasser, drauen vor dem Kessel.
    Als ich dort ankam, waren sie noch nicht da. Es dauerte noch einige Zeit,
ehe sie sich einstellten.
    Wir muten dich warten lassen, entschuldigte sich meine Frau. Es galt
doch, es dir so bequem wie mglich zu machen.
    Was?
    Deinen Lauscherposten, das Huschen, in dem du dich doch wohl stundenlang
oder wohl gar noch lnger aufzuhalten haben wirst. Es mute gereinigt werden.
Dann haben wir trockenes Laub hineingeschafft, so viel, da du es dir so
behaglich machen kannst, wie die Verhltnisse es gestatten. Steigen wir jetzt
nach oben?
    Ja. Aber nur wir Zwei. Der junge Adler kann hier bleiben und auf Pappermann
warten, der den Br zu holen hat. Das Tier ist zu schwer fr Einen; es gehren
Zwei dazu.
    Der Apatsche war einverstanden. Er legte sich in das Moos, um auf den alten
Westmann zu warten; wir beiden Andern aber machten uns auf den Weg nach dem
Lagerplatz hinauf.
    Dort angekommen, erfuhren wir, da Pappermann uns vom Anfang bis zum Ende
beobachtet hatte. Auch den Schu hatte er gehrt und sich gleich gedacht, da er
irgend einem Wild gegolten habe. Aber was fr ein Wild das sei, das wute er
nicht. Nun freute er sich darber, da es ein Br gewesen war, und machte sich
schleunigst mit zwei Maultieren auf, um ihn zu holen.
    Da es der Sioux und der Utahs wegen galt, wachsam zu sein und der bisherige
Wchter sich entfernt hatte, so berzeugte ich mich zunchst, da es den Pferden
an nichts mangelte, und dann kletterten wir nach unserm hochgelegenen
Lauscherposten hinauf. Von da oben aus hatten wir die Ellipse der Devils pulpit
so deutlich und so instruktiv unter uns liegen, da es mir nicht schwer wurde,
meiner Frau geometrisch nachzuweisen und zu erklren, in welcher Weise es
zustande kam, da man an je einem Brennpunkte Alles, was an dem anderen
gesprochen wurde, so deutlich hren konnte. Als dann der Br gebracht wurde,
bernahm der junge Adler die Wache hier oben, und wir stiegen wieder zum Zelt
hinab, wo Pappermann dem Herzle ausfhrlich erklrte, wie man Brentatzen
einzuschnren und in die Erde zu graben hat, so da sie schnell mrbe werden,
ohne da Maden und Wrmer sich einzustellen haben. Die Schinken wurden
sorgfltig von allem Fett befreit, in Asche gewlzt und dann auch eingeschnrt,
um aufgehoben und mitgenommen zu werden. Die Vorderkeulen aber unterwarf der
alte Westmann einer andern, sehr anstrengenden Prozedur. Sie sollten zuerst
verzehrt werden und wurden darum von ihm geklopft, wohl eine Stunde lang, mit
einer kurzen, starken Keule, die er sich aus einem Aste schnitt. Ich aber suchte
inzwischen die verschiedenen Kruter zusammen, welche ein jeder Kenner des
wilden Westens fr unerllich hlt, wenn er sich ber am Spie oder unter
heien Steinen gebratenes Brenfleisch lobend aussprechen soll. So hatte ein
Jeder zu tun, das Herzle aber am allermeisten, denn sie buk heut auch Brot,
gleich fr drei oder vier Tage, dazu einen leckern Brombeerkuchen, zu dem die
Beeren massenhaft in nchster Nhe unseres Zeltes standen. Hierdurch wurde die
erste der von Trinidad mitgenommenen Mehlbchsen leer, und das Herzle beeilte
sich, sie mit dem zerlassenen Brenfett zu fllen. Brenfett ist nmlich im
Westen ein sehr wichtiger Artikel, der sehr vielfach zur Bentzung kommt und
jeden Braten, sogar jedes Backwerk, wie Kenner behaupten, schmackhafter macht.
Diese Wichtigkeit besa er schon in alter, alter Zeit bei den Indianern, noch
ehe die Weien kamen. Fast jede Stadt und jedes Dorf besa einen besonderen
Stall oder Zwinger, in welchem Bren gezchtet, gefttert und gemstet wurden,
um dann geschlachtet zu werden. Auch das ist einer jener Punkte, welche denen,
die ber die rote Rasse schreiben, ohne die hierzu ntigen Kenntnisse zu
besitzen, noch vllig unbekannt sind. Die Vergangenheit der Indianer ist eben
eine ganz andere, als man denkt!
    Die Sioux kamen heut und auch morgen noch nicht. Wir, nmlich der junge
Adler und ich, benutzten diese freie Zeit, den Wortschatz, den meine Frau aus
der Sprache und der Ausdrucksweise der Apatschen besa, mglichst zu vermehren.
Sie hatte den Wunsch, besonders Kolma Putschi damit zu erfreuen.
    Erst am dritten Tage stellten sich die Erwarteten ein, und zwar gegen Abend.
Wir sahen sie schon von weit drauen her kommen, ber einen fernliegenden,
kahlen Bergesrcken. Sie ritten einzeln hintereinander, im sogenannten
Gnsemarsch, ganz so, wie es frher geschah, als man den Westen noch als wild
bezeichnete. In jener Zeit aber htten sie sich gewi sehr gehtet, ihren Weg
ber diesen nackten Berg zu nehmen, der ihnen so wenig Deckung bot, da man sie
sofort entdecken mute. Da es sich um keinen Kriegszug handelte, wenigstens
jetzt noch nicht, so waren sie noch nicht mit den Farben des Krieges bemalt, an
denen es mglich ist, die Stmme und Nationen genau von einander zu
unterscheiden. Dennoch gab es einige Kennzeichen, besonders in Beziehung auf
ihre Lanzen und besonders auf die Anschirrung, Ausschmckung und Halfterung
ihrer Pferde, aus denen ich ersah, da wir es da mit Utah-Indianern zu tun
hatten, und zwar in sehr gemischter Zusammensetzung. Wir sahen - um mich eines
gebruchlichen Ausdruckes zu bedienen - wilde, halbwilde und zahme Utahs. Sie
gehrten zu den Unterabteilungen der Pah-Utahs, der Tehsch-Utahs, der Kapote-,
Wihminutsch- und Elkmountain-Utahs, der Yamba-, Pahwang- und sogar der
Sempisch-Utahs. Unter den Kapote-Utahs sah ich einen alten, graukpfigen
Huptling, bei dessen Anblick ich an Tusahga Saritsch14 denken mute, von dem
ich im dritten Bande von Old Surehand erzhlt habe. Ich bitte, das
nachzulesen. Aber die Entfernung war leider so gro, da ich die Gesichtszge
nicht deutlich erkennen konnte. Spter stellte es sich heraus, da ich mich
nicht geirrt hatte; es war Tusahga Saritsch, der mir bekannte Huptling der
Kapote-Utahs, der sich damals nur notgedrungen mit uns ausshnte, jetzt aber, wo
er am Rande des Grabes stand, wieder zu unseren Feinden gehrte.
    Als diese Utahs den Felsenkessel erreichten, ersahen wir aus ihrem
Verhalten, da dieser Ort auch fr sie ein heiliger war. Sie betraten ihn nur
mit Scheu. Sie brachten sich sogar Feuerholz mit, um die Bume und Strucher der
Devils pulpit schonen zu knnen. Und sie blieben nur im westlichen Teile; den
stlichen, wo wir den Br erschossen hatten, wagten sie nicht zu betreten. Und,
was fr uns das wichtigste war, sie umlagerten die Teufelskanzel nur im weiten
Kreise. Keiner nahte sich ihr, und noch viel weniger hatte Einer von ihnen den
Mut, sie zu ersteigen. Die Verhandlungen und Beratungen begannen jedenfalls erst
nach dem Eintreffen der Sioux. Dann befanden sich verschiedene Nationen
beisammen, und hierauf erst war es erlaubt, die Kanzel zum Zwecke der Diskussion
zu betreten. Was dann besprochen wurde, das wollten wir hren, Unwichtiges aber
nicht. Darum verzichteten wir darauf, uns jetzt schon anzuschleichen und um
bloer Neugierde willen uns in die Gefahr zu begeben, entdeckt zu werden, ohne
da wir irgend einen Nutzen davon hatten. Wir blieben also in unserem Lager und
nahmen uns vor, recht auszuschlafen, weil wir nicht wissen konnten, ob wir
hierzu so bald wieder Gelegenheit hatten.
    Am Abende sahen wir unten einige Feuer brennen, die aber so klein waren, da
sie fr uns nicht ausreichten, die Gestalten der an ihnen sitzenden Indianer zu
erkennen. Auch still ging es da unten zu, auerordentlich still. Es gab keinen
Laut, der bis herauf in unsere Hhe drang. Wir schliefen gut. Nichts strte
unsere Ruhe. Der nchste Tag verging, ohne da die Sioux kamen. Aber am darauf
folgenden Morgen sahen wir, da die ausgestellten Posten sich einstellten, um
das Erscheinen der Erwarteten zu melden. Diese kamen genau so im Gnsemarsch wie
vorgestern die Utahs. Voran ritt ein sehr alter, sehr langer und sehr hagerer
Huptling, der sein Pferd von zwei gewhnlichen Indianern fhren lie, da es ja
keinen Fehltritt tue. Er schien also nicht mehr gut bei Krften zu sein. Da er
trotzdem einen so weiten Ritt unternahm, lie darauf schlieen, da der Gedanke,
der ihn jetzt nach dem Sden fhrte, ihn innerlich fanatisierte.
    Er wurde von den Utahs mit groer Achtung empfangen. Als man ihn vom Pferd
gehoben hatte, sah man erst, wie bermchtig lang und schmal und dnn er war.
Wre es nicht lichter Tag gewesen, so htte man ihn fr ein Gespenst halten
knnen. Das war, wie ich dann bald feststellte, Kiktahan Schonka, der wachende
Hund, welcher den Apatschen und allen ihren Freunden den Untergang geschworen
hatte. Man breitete fr ihn einige weiche Decken gegenber dem Utah-Huptling
Tusahga Saritsch aus und setzte ihn wie ein Kind da nieder. Hinter ihm wurden
einige Pfhle eingeschlagen, damit er sich daran lehnen mge. In solchen
menschlichen Ruinen pflegen Ha und Rachgier sich lnger zu erhalten als in
gesunden, widerstandsfhigen Personen.
    Nun war es Zeit fr uns, unsern Lauscherposten zu beziehen. Das Herzle wre
gar zu gern mitgegangen; sie konnte mir aber nichts ntzen, sondern mich nur
hindern. Pappermann verzichtete darauf, mich zu begleiten.
    Was soll ich da unten? fragte er. Wer die Indsmen belauschen will, mu
ihre Sprache besser, viel besser kennen als ich. Ich heie zwar Maksch
Pappermann und bin mit dem Gewehr in der Hand wohl kein unebener Kerl; aber grad
da, wo die Sprachen und Dialekte anfangen, da hrt meine Klugheit auf,
vollstndig auf! Ich bleibe also hier oben bei unserer Mrs. Burton und lasse mir
von ihr einen neuen Brombeerkuchen backen. Oder nicht?
    Sie nickte.
    So stieg ich also mit dem jungen Adler durch den Wald den Berg hinab. Wir
nahmen unsere Gewehre mit, um fr alle Flle auch eine weittragende Waffe in der
Hand zu haben. Es versteht sich ganz von selbst, da wir alle Vorsicht
anwendeten, keine Spuren zu machen und nicht gesehen zu werden. Denn morgen war
der Tag, den die beiden Sander uns bezeichnet hatten. Da kamen sie
wahrscheinlich hier an. Es war aber auch mglich, da sie sich eher einstellten
und sich heimlich hier herumtrieben, um die Indianer zu belauschen, bevor sie
sich von ihnen sehen lieen. Wir stiegen also nur an solchen Stellen hinab, die
jeder Andere vermieden htte, und taten, wie wir dann spter bemerkten, sehr
wohl daran. Unten angekommen, drangen wir sofort in das tiefste Dickicht ein, um
so schnell wie mglich zu verschwinden.
    Als wir unsern Lauscherposten und unser kleines Inselhuschen erreicht
hatten, sah ich, da meine Frau uns da allerdings eine sehr bequeme Gelegenheit
zum Sitzen und auch Liegen geschaffen hatte. Zunchst aber machten wir davon
noch keinen Gebrauch, weil wir nun doch nahe genug waren, um uns die Roten
betrachten zu knnen, wenn auch nicht mit den bloen Augen, so aber doch durch
mein Fernglas, welches ich mitgebracht hatte. Wir zhlten genau vierzig Utahs
und vierzig Sioux. Diese Zahl schien also vorher bestimmt worden zu sein.
Jedenfalls handelte es sich nur um die Ober- und Unteranfhrer. Die gewhnlichen
Krieger, also die eigentlichen Truppen, von denen die Apatschen angegriffen
werden sollten, waren nicht ganz bis hierher mitgenommen worden. Die beiden
obersten Huptlinge habe ich schon genannt. Auer ihnen gab es fnf
Unterhuptlinge der Sioux und fnf Unterhuptlinge der Utahs. Die Uebrigen waren
Leute, die sich in irgend einer Weise hervorgetan hatten und darum das Vertrauen
der Anfhrer besaen. Was mir auffiel, das war, da man nicht die Friedenspfeife
sofort und allgemein im Kreise herumgehen lie.
    Man hatte sich in ganz gewhnlicher Weise begrt und setzte sich dann
zunchst zum Essen und zum Ausruhen nieder. Ich beobachtete vor allen Dingen
Kiktahan Schonka und Tusahga Saritsch. Die Andern gingen mich jetzt weniger an.
Den Letzteren erkannte ich, als ich mein Glas auf ihn richtete, sofort wieder.
Er war alt, sehr alt geworden, viel lter als seine Jahre, und auerordentlich
runzelig. Solche Leute befinden sich ja nicht im Besitze der Seelenkraft, die
auch uerlich jung erhlt. Der Letztere hatte eine frchterlich hervorstehende,
sehr schmale und, fast mchte ich sagen, messerscharfe Nase, einen
auerordentlich breiten Mund mit gar keinen Lippen, tief in ihren Hhlen
liegende Augen und eine falsche, aus lauter Skalpen zusammengesetzte Percke.
Man soll ja nicht unlieb ber seine Nebenmenschen urteilen, aber wenn ich
ehrlich sein will, mu ich sagen, da dieser Indsman mir gleich bei dem ersten
Blicke, den ich auf ihn warf, auerordentlich widerlich erschien.
    Das Essen dauerte ziemlich lange, wohl ber zwei volle Stunden. Dann begaben
sich die Huptlinge hinauf auf die Kanzel. Kiktahan Schonka konnte die Stufen
nicht ersteigen. Er wurde mit Hilfe von Lassos gezogen und von unten
nachgeschoben, bis er oben war. Von diesem Augenblicke an begannen wir, zu
hren. Die Friedenspfeifen wurden angezndet. Der Oberhuptling der Utah stand
auf, blies den Rauch nach den sechs Richtungen und hielt die erste Rede. Der
Oberhuptling der Sioux konnte sich nicht erheben; aber er wiederholte dieselben
Ste des Rauches und sprach sodann im Sitzen. Die Unterhuptlinge folgten
diesem Beispiele einer nach dem andern. Wenn ich diese zwlf Reden hier
wiedergeben wollte, mte ich fast einen ganzen Tag lang schreiben, um mit ihnen
fertig zu werden. Und doch bildeten sie nur die Einleitung zu den Verhandlungen,
die gepflogen werden sollten. Man hatte hierfr drei volle Tage angesetzt, die
wir also hier bei oder in der Htte verbringen muten, um ja nichts zu
versumen. Davor graute mir schon im voraus! Glcklicherweise aber stellte sich
sehr bald eine triftige Veranlassung ein, diese lange Zeit derartig abzukrzen,
da aus den drei Tagen nur drei Stunden wurden, und diese Veranlassung - - - die
war ich selbst!
    Aber interessant, hoch interessant waren diese zwlf Reden; das darf ich
gestehen. Sie begannen alle mit der Versicherung, da die Apatschen und die mit
ihnen verbndeten Nationen die niedertrchtigsten Menschen seien, die man sich
denken knne, da aber der Gipfel dieser Niedertrchtigkeit nur von Winnetou und
Old Shatterhand, seinem Freunde, erreicht worden sei. Und diesem Winnetou solle
jetzt ein Denkmal gesetzt werden! Auf dem Berge, der nach seinem Namen benannt
worden ist! Ein Denkmal von purem, glnzendem Golde! Und dieses Gold haben alle,
alle Stmme der Indianer zu liefern! Aus all den Bonanzen, Lagern und
Nuggetverstecken, die man den Bleichgesichtern jahrhundertelang so sorgfltig
verheimlicht habe! Da kme das Gold ja viele, viele Zentner schwer zusammen! Fr
diesen einen, verchtlichen Menschen, den man nie anders genannt habe als nur
den Hund, den Coyoten, den Pimo, den Apatschen! Und von wem soll dieses Denkmal
gefertigt werden? Von einem Bildhauer und von einem Maler! Von Young Surehand
und Young Apanatschka, deren Vter Verrter an der ganzen roten Rasse und
nichtswrdige Geschpfe der Bleichgesichter waren! Dieses Denkmal ist jetzt
einstweilen auf Leinwand gemalt und aus Thon zusammengeklebt. Es wird am Mount
Winnetou ausgestellt, und die Huptlinge, die berhmtesten Mnner und Frauen
aller roten Nationen sind eingeladen, sich dort einzustellen, um diese Figuren
und Bilder zu sehen! Sogar Old Shatterhand wurde eingeladen, der rudige Hund!
    Diese wahnsinnige Ueberhebung der Apatschen mu verhindert werden! Sie
mssen erfahren, da man wohl einem Utah- oder einem Siouxkrieger ein goldenes
Denkmal setzen kann, nicht aber einem klffenden Kter vom Rio Pecos her! Das
Wann und das Wie zu beraten, sei man hier an der Kanzel des Teufels
zusammengekommen. Und was da beschlossen werde, das habe man auszufhren, und
wenn die ganze indianische Rasse dabei vollends zugrunde gehe!
    So weit war man gekommen; da trat eine Strung ein, die nicht nur von den
Roten, sondern auch von uns Beiden gesehen wurde. Sie kam in Gewalt eines
Menschen am Bache dahergeschritten, und dieser Mensch war kein Anderer als
Sebulon L. Enters. Er hatte Sporen an den Stiefeln, war aber ohne Pferd. Er trug
ein Gewehr und war genau so ausgerstet, wie noch vor dreiig Jahren ein
Westmann ausgerstet zu sein pflegte. Die Sioux kannten ihn. Sie hinderten ihn
nicht, heranzukommen. Sie fhrten ihn nach der Kanzel. Er mute hinaufsteigen.
Das sahen wir. Und nun hrten wir auch wieder Stimmen.
    Wer ist dieses Bleichgesicht? fragte Tusahga Saritsch.
    Ein Mann, den ich kenne, antwortete Kiktahan Schonka. Ich habe ihn an die
Kanzel des Teufels bestellt. Er sollte erst morgen kommen. Warum kommt er schon
heut?
    Diese Frage war an Sebulon gerichtet. Sie klang gar nicht etwa hflich. Der
Indianer pflegt den Weien, den er als Spion gebraucht, stets nur verchtlich zu
behandeln. Sebulon antwortete.
    Ich mute mich beeilen, so bald wie mglich hierher zu kommen, um euch zu
warnen.
    Vor wem?
    Vor eurem rgsten Feinde, vor Old Shatterhand.
    Uff, uff, uff, uff! ertnte es rund im Kreise, und auch Kiktahan Schonka
selbst rief aus:
    Uff, uff! Old Shatterhand! Vor ihm warnen! Warum?
    Er kommt hierher.
    Uff, uff! Woher weit du das?
    Er sagte es.
    Wem?
    Mir.
    So sahst du ihn wohl?
    Ja.
    Und sprachst mit ihm?
    Ja.
    Wo?
    Am fallenden Wasser des Niagara.
    Uff! Wir wissen, da er kommen soll. Aber da er schon gekommen ist, das
wuten wir noch nicht. Und er kommt nach der Devils pulpit?
    Ja.
    Was will er hier?
    Euch belauschen.
    Uff, uff! Das klingt ja, als ob er wte, da wir hierher kommen, und was
wir hier wollen!
    Er wei es.
    Von wem?
    Das sagte er nicht. Er reiste ab. Wir folgten hinterher. Wir trafen in
Trinidad seine Spur. Er ist dort wieder fort, wahrscheinlich geraden Weges
hierher.
    Uff, uff, uff, uff! ging es wieder rund im Kreise, und Kiktahan Schonka
rief zornig aus:
    Ist dieser Hund denn noch nicht alt genug, die Schrfe des Auges, der Ohren
und der Nase zu verlieren? Konnte er nicht drben, jenseits des groen Wassers,
in seinem stinkenden Wigwam bleiben?
    Und seine Frau mit ihm! fgte Sebulon hinzu.
    Seine Squaw, sagst du? - Hat er sie mit?
    Ja.
    Wirklich? Ist das wahr?
    Natrlich! Ich sage es doch!
    Sie war mit am Falle des Niagara?
    Ja. Und auch in Trinidad war sie bei ihm. Wir hrten es, als wir hinkamen
und uns erkundigten.
    Uff, uff! Das ist ein gutes Zeichen, ein sehr gutes Zeichen fr uns! Sein
Kopf ist schwach geworden! Er ist ein Greis, ein schwach gewordener Greis! Wer
seine Squaw mit sich ber das Wasser und nach dem wilden Westen schleppt, der
ist verrckt, der kann keinem Menschen mehr etwas schaden. Er mag immerhin
kommen. Wir frchten ihn nicht. Er kommt an den Marterpfahl, und sein Weib mache
ich zu meiner Squaw!
    Da fiel Tusahga Saritsch, der Oberhuptling der Utahs, ein:
    Mein Bruder spreche nicht zu schnell! Old Shatterhand kennt seine Squaw; du
aber kennst sie nicht. Wenn er sie mitgenommen hat, so wei er ganz bestimmt,
da er dies wagen darf, ohne da er sich damit schadet. Er mag alt geworden
sein; aber so hat er doch immer nur erst das Alter erreicht, in dem man weise
und doppelt vorsichtig und bedenklich wird, nicht aber das, in dem gewhnliche
Menschen kindisch zu werden pflegen. Es ist wohl mglich, da wir ihn jetzt noch
mehr zu frchten haben als frher, da er ber dreiig Sommer jnger war!
    Und er ist nicht allein! stimmte Sebulon bei.
    Wer ist bei ihm? fragte Kiktahan Schonka.
    Ein alter, erfahrener Westmann, Namens Max Pappermann.
    Uff! Ich habe von Einem gehrt, der so heit. Die Hlfte seines Gesichtes
ist blau.
    Das ist er!
    Dieser, dieser! Er hat meinem grten Gegner im eigenen Stamme, dem Siou
Wakon, das Leben gerettet. Mge der bse Geist ihn vernichten! Er ist tapfer und
listig zugleich. Wenn er bei Old Shatterhand ist, so haben wir ihn zu frchten!
    Und noch ein Anderer ist bei ihm, fuhr Sebulon fort. Nmlich ein junger
Mescalero-Apatsche, welcher der junge Adler heit.
    Etwa der junge Adler, der zu den Bleichgesichtern ging, um fliegen zu
lernen?
    Da wei ich nicht. Aber ich hrte in Trinidad, er sei vier Jahre lang bei
den Bleichgesichtern gewesen und kehre jetzt zu seinem Stamm zurck.
    So ist er es! Er ist ein Schler Wakons. Er schickt ihm viele Briefe und
bekommt viele Antworten darauf. Er ist einer der Ersten unter denen, die sich
Jungindianer nennen und von weiter nichts als von Humanitt und Bildung, von
Vershnung und Liebe reden. Und er ist auch einer der Ersten vom Clan Winnetou.
Er soll berhaupt ein Blutsverwandter von Winnetou sein. Wenn er sich bei Old
Shatterhand befindet, so mssen wir uns alle Mhe geben, diese drei Mnner und
die Squaw in unsere Hnde zu bekommen. Wo hast du dein Pferd?
    Jenseits des Berges bei meinem Bruder, antwortete Sebulon. Er blieb bei
den Pferden zurck. Ich aber schlich mich zu Fu hierher, um nach Spuren zu
suchen und die Gegend zu erkunden.
    Welchen Weg von Trinidad aus schluget ihr ein?
    Wir kamen ber den Kanubisee.
    Habt Ihr auf diesem Wege Spuren von Old Shatterhand gefunden?
    Nein. Aber Spuren vieler Weiber, die am See gelagert haben.
    Das waren die verfhrten Frauen unsers eigenen Stammes, die sich
Jungindianerinnen nennen. Sie ziehen auch nach dem Mount Winnetou, um das
Denkmal zu sehen und ihre Nuggets dafr hinzugeben. Wir knnen sie nicht
hindern, das zu tun; aber wir werden die Apatschen dafr bestrafen. Hat Old
Shatterhand von dem Mount Winnetou gesprochen?
    Nein.
    Auch nicht von dem Wege, den er einschlagen will?
    Auch nicht. Wir erfuhren nur, da er beabsichtigte, nach der Devils pulpit
zu gehen, um Kiktahan Schonka, den Huptling der Sioux, dort zu sehen.
    So ist er immer noch der unermdliche, listige Spher, der er immer war!
Aber dem Marterpfahl dem er so oft entgangen ist, dem entkommt er dieses Mal
nicht. Wenn er sich nhert, kann er nur da von der stlichen Hhe kommen, von
welcher wohl auch du gekommen bist?
    Ja.
    Ich werde sofort die ganze Umgebung hier durchsuchen lassen. Du aber kehre
zurck zu deinem Bruder, und bringe ihn her! Die Beratung ist unterbrochen, bis
wir uns berzeugt haben, da Old Shatterhand sich nicht in der Nhe befindet.
    Sebulon L. Enters entfernte sich. Wir sahen ihn nach dem Wege zurckgehen,
den er gekommen war. Es war der unserige. Wie gut also, da wir so vorsichtig
gewesen waren, erkennbare Spuren zu vermeiden. Auch Tusahga Saritsch verlie mit
smtlichen Unterhuptlingen die Kanzel. Sie stiegen hinab, um sich alle an der
Nachforschung nach uns zu beteiligen. Nur Kiktahan Schonka allein blieb zurck.
Es schlichen sich also vierzig Sioux und vierzig Utahs von dannen, um nach uns
zu suchen. Das war keine Kleinigkeit. Zwar traute ich weder Pappermann noch
meiner Frau die Unvorsichtigkeit zu, ihr Versteck whrend unserer Abwesenheit zu
verlassen, aber der kleinste und geringste Umstand konnte Veranlassung zu der
Entdeckung werden, da ein verborgener Pfad aus dem stillen Weiher noch weiter
fhrte. Und was uns Beide selbst betraf, so durften wir uns keinesweges so
sicher fhlen, da jede Entdeckung ausgeschlossen war. Es brauchte unter den
achtzig Indianern nur ein einziger zu sein, der keine Angst vor dem bsen
Geiste hatte und sich nicht scheute, in den stlichen Teil der Ellipse
einzudringen, so mute er unsere Spuren unbedingt sehen. Es war notwendig,
meinem Gefhrten zu sagen, was in diesem Falle zu geschehen hatte. Wir hatten
bisher nur immer englisch mit ihm gesprochen, aus dem einfachen Grunde, weil
meine Frau berhaupt keinen indianischen Dialekt verstand und auch Pappermann
sich hchstens nur im halb englischen, halb indianischen Slang auszudrcken
vermochte. Nun aber, da wir allein waren, konnte ich dem jungen Adler die
Freude machen, seine Muttersprache zu hren.
    Hat mein junger Bruder Alles verstanden, was gesprochen wurde? fragte ich
ihn.
    Ich hrte Alles, antwortete er.
    Wei er, da nun hundert und ein halbes hundert Augen nach uns suchen?
    Ich wei es.
    Glaubst du, da man uns findet?
    Nein.
    Ich ebenso. Aber ein vorsichtiger Krieger hat sich auf Alles vorzubereiten.
Es sind zwei Flle zu bedenken. Wei mein junger Bruder, welche ich meine?
    Ja.
    So sage sie!
    Man kann uns hier entdecken, und man kann unser Lager da oben entdecken.
    Ganz richtig! Es ist also ntig, zu wissen, wie wir uns in beiden Fllen zu
verhalten haben. Sollte man uns hier finden, so wre es eine unverzeihliche
Torheit, hinauf zu Pappermann und meiner Squaw zu fliehen und uns von den Utahs
und Sioux belagern zu lassen. Mein junger Bruder htte sofort hinaufzueilen und
Beide mit den Pferden und Maultieren herauszuschaffen. Ich aber wrde die Roten
mit meinem Stutzen inzwischen im Zaume halten. Der Ausgang aus diesem Kessel ist
eng. Es kme keiner von ihnen hinaus, ohne von meiner Kugel getroffen zu
werden.
    Und wenn man nicht uns, aber unser Lager entdeckt? fragte er.
    So htte ich auch da keine Sorge. Pappermann hlt doch Wache. Er hat
unbedingt gesehen, da alle Roten sich pltzlich entfernten, da sie
nachforschen gegangen sind. Er wird sich also mit seinem Gewehre am Weiher
verstecken und aufpassen. Auch der dortige Ein- und Ausgang ist sehr eng. Es
gengt ein einziger Mann, ein ganzes Heer zurckzuweisen. Und wir Beide kmen
den Indsmen dann in den Rcken. Wir haben also nicht den geringsten Grund,
besorgt zu sein. Warten wir darum ruhig ab, was geschieht!
    Es dauerte ber eine Stunde, ehe der erste Indianer zurckkehrte. Ihm
folgten nach und nach auch die andern. Man hatte nichts gefunden. Aber man
fhlte sich nun zu grerer Vorsicht veranlat. Man stellte Wchter aus,
allerdings zu spt. Leider aber standen sie auch da, wo wir unbedingt vorber
muten, wenn wir uns entfernen wollten.
    Dann kamen die beiden Enters geritten. Da wurde mit der Beratung wieder
begonnen. Die Huptlinge stiegen wieder auf die Kanzel. Sie sprachen aber nicht
laut, sondern so, da wir ihre Stimmen nur als unterdrcktes Gemurmel vernahmen,
jedenfalls der beiden Weien wegen, die man ausnutzen wollte, ohne sie in das
Vertrauen zu ziehen. Als man dann bereingekommen war, welchen Auftrag sie
auszufhren hatten, lie man sie auf die Kanzel kommen, und Kiktahan Schonka
fragte sie in seinem bereits angedeuteten, nicht sehr achtungsvollen Tone:
    Ihr wit noch ganz genau, was ich mit euch besprochen habe?
    Ganz genau, antwortete Sebulon, der berhaupt das Wort fr sich und seinen
Bruder zu fhren schien.
    Und seid ihr noch heut bereit, die Bedingungen, welche zwischen euch und
uns vereinbart wurden, zu erfllen?
    Ja, noch heut.
    So kommt eine neue Aufgabe fr euch dazu, nmlich uns Old Shatterhand und
seine Squaw in die Hnde zu treiben. Seid ihr bereit dazu?
    Nur dann, wenn es lohnt.
    Es lohnt!
    Was zahlt ihr fr sie und ihn?
    Viel, sehr viel! Doch ist es heut noch nicht Zeit, ber diesen Preis zu
reden. Wenn wir ihn selbst fangen, bezahlen wir euch natrlich nichts. Wir
bleiben noch drei volle Tage hier und passen auf. Kommt er, so entgeht er uns
sicherlich nicht; wir nehmen ihn fest. Dafr bekommt ihr nichts. Aber da er
Trinidad schon vor euch verlassen hat und noch immer nicht da ist, so sind wir
berzeugt, da er seinen Plan gendert hat und gar nicht nach der Devils pulpit
geritten ist. Er ist vielmehr am Kanubisee auf unsere Squaws getroffen, die ja
so wahnsinnig sind, fr ihn und Winnetou zu schwrmen, und da hat es dem alten
Manne wohlgetan, von den Weibern sich preisen und anbeten zu lassen. Er ist mit
ihnen gezogen.
    Das ist mglich, sehr leicht mglich, sagte Sebulon schnell. Wir sahen
nmlich auch einige Mnnerspuren.
    Das gengt! Er ist es gewesen. Und nun ist es an euch, nach dem Preise zu
ringen, den wir auf seine Ergreifung setzen. Glcklicherweise kennen wir das
nchste Ziel, nach dem diese Frauen jetzt reiten. Es ist nmlich der
Tavuntsit-Payah15. Kennt Ihr ihn?
    Nein.
    Mein berhmter Bruder Tusahga Saritsch kennt ihn sehr genau und wird euch
den Weg dorthin sofort beschreiben.
    Auch ich hatte von einem Tavuntsit-Payah noch nie gehrt und pate also
scharf auf, um mir jetzt kein Wort entgehen zu lassen. Der Oberhuptling begann
die Beschreibung des dorthin fhrenden Weges. Er war sehr ausfhrlich dabei, und
man denke sich meine Ueberraschung und meine Freude, als ich am Schlusse
erkannte, da dieser Tavuntsit-Payah kein anderer Berg war als mein Nugget-tsil,
nach dem auch wir ja wollten! Die Brder Enters machten sich einige Bemerkungen
in ihre Notizbcher; dann fuhr Kiktahan Schonka fort:
    Ihr reitet also dorthin, um euch an Old Shatterhand zu hngen, und lat ihn
nicht wieder los. Getraut ihr euch, dies zu erreichen?
    Ganz gewi! Aber wie bringen wir ihn euch? Wann und wohin? Und wird er uns
gutwillig folgen?
    Er wird. Ist euch der Name Pa-wiconte16 bekannt?
    Nein.
    Dorthin ziehen wir von hier aus, um uns mit den Komantschen und Kiowas
gegen die Apatschen zu vereinigen. Ihr sollt ihm das nicht etwa verraten,
sondern ihr sollt ihm nur sagen, da, wie ihr erfahren habt, die Kiowas und die
Komantschen sich dort versammeln. Seine ungeheure und unbezhmbare Neugierde
wird ihn verfhren, dorthin zu reiten, um sich anzuschleichen und uns zu
belauschen. Dabei ergreifen wir ihn.
    Und unser Lohn?
    Den besprechen wir, wenn ihr kommt und uns meldet, da er nahe.
    Und wenn wir nicht einig mit euch werden?
    So braucht ihr ihn doch nur zu warnen, dann bekommen wir ihn nicht!
    Warum sagt ihr uns nicht schon heut den Preis?
    Weil wir heut noch gar nicht wissen, womit wir ihn spter zahlen knnen, ob
in Tieren, ob in Nuggets oder in Waren, Waffen und Sachen, die wir erbeuten.
Glaubt ihr uns etwa nicht?
    Wir glauben euch.
    So seid ihr jetzt entlassen und knnt gehen. Wir raten euch, keine Stunde
zu versumen, um Old Shatterhand so bald wie mglich einzuholen. Je schneller
und gewissenhafter ihr verfahrt, desto sicherer ist der Erfolg und desto grer
wird der Lohn.
    Sie stiegen von der Kanzel hinab und gingen zu ihren Pferden. Hariman F.
Enters hatte whrend der ganzen Zeit kein einziges Wort gesagt. Die Huptlinge
schwiegen, bis sie die Beiden fortreiten sahen. Dann sagte der Oberhuptling der
Utahs nur das eine Wort:
    Schufte!
    Schurken! fgte Kiktahan Schonka hinzu. Sie sind nicht des Anspeiens
wert! Glaubt mein Bruder etwa, da sie fr ihren Verrat auch nur so viel
bekommen werden, wie ein Grashalm oder eine ausgeraufte Vogelfeder wert ist?
    Und das ganze, groe Geschft, welches sie mit euch und uns machen wollen -
- -? fragte Tusahga Saritsch.
    Wird ihnen nicht ein einziges Pferdehaar einbringen, lachte der alte Siou.
Sie zahlen den Preis; wir aber behalten, was wir haben. Ist mein roter Bruder
einverstanden?
    Ja. Mein Bruder ist sehr klug!
    Pshaw! Es gehrt keine Klugheit dazu, ein Bleichgesicht zu betrgen!
    Aber die Verrter werden fordern, da wir unser Versprechen halten und
ihnen den Preis zahlen.
    Das werden sie nicht. Wer nicht mehr lebt, kann keine Forderung stellen.
Ist mein roter Bruder auch hiermit einverstanden?
    Ja.
    Und die Andern auch?
    Ja, ja, ja, ja - - -! rief es rund im Kreise.
    Da konnte ich mich nicht halten; ich rief mit lauter Stimme ganz dasselbe
Wort:
    Schufte!
    Es folgte eine tiefe Stille. Dann hrte ich:
    Uff, uff - - - uff, uff! Wer war das? Was war das? Woher kam das?
    Ich legte das Glas an die Augen und sah, da sie die Kpfe bewegten und nach
allen Seiten schauten.
    Schurken! fgte ich ebenso laut hinzu.
    Wieder tiefe Stille. Aber ich sah, da sie sich von ihren Sitzen erhoben,
Einer nach dem Andern. Sogar der ewig lange Kiktahan Schonka stand auf.
    Auch ihr seid nicht des Anspeiens wert! fuhr ich fort.
    Abermals tiefe Stille. Dann hrten wir die halblaute, hastige Stimme des
alten, langen Siou:
    Uff, uff! Das ist kein Mensch!
    Kein Mensch! stimmte Tusahga Saritsch bei.
    Wei mein roter Bruder, was man in alten Wampums ber die Kanzel des
Teufels, auf der wir uns befinden, lesen kann?
    Ja.
    Da hier der gute Geist Alles hrt, was der bse Geist spricht?
    Ja.
    Und ihn dafr bestraft?
    Sogar sehr streng, sehr streng! Meist mit dem Tode!
    Ob er es war, der jetzt sprach, der gute Geist? Was ist zu tun? Ich bleibe
nicht hier!
    Ich auch nicht!
    Fort mit euch! gebot ich ihnen. Fort, fort!
    Das wirkte sofort. Sie rannten und sprangen alle spornstreichs die Stufen
hinab. Nur Kiktahan Schonka konnte das nicht. Und doch war grad er derjenige der
sich am allermeisten frchtete.
    Helft mir; helft mir! brllte er. Ich will hinunter, ich auch, ich auch!
    Aber die Huptlinge hatten es sehr eilig. Sie halfen ihm nicht. Es muten
einige Andere kommen, um ihren Allerobersten hinunter zu schaffen. Dabei verlor
er die Skalppercke. Er achtete gar nicht darauf. Sie mute hinter ihm
hergetragen werden, bis er sein Pferd erreichte. Da setzte er sie auf und
erteilte den Befehl, sofort von hier auszubrechen und die Devils pulpit zu
verlassen, deren Ansehen jedenfalls nun in der Weise gestiegen war, da sie noch
zehnmal heiliger galt als vorher. Man war nun nur darauf bedacht, sich so
schnell wie mglich aus dem Staube zu machen. Man verzichtete sogar darauf, auf
Old Shatterhand zu warten, um ihn hier zu fangen. Die Posten und Wchter wurden
zurckberufen, und dann ritten sie davon, alle Achtzig, im Gnsemarsch, wie sie
gekommen waren.
    Indem wir ihnen nachschauten, spielte ein frhliches Lcheln um die Lippen
des jungen Adlers, und ich glaube, ich habe auch nicht geweint.
    Dieser Sieg freut mich mehr, sagte er, als wenn wir mit ihnen gekmpft
und sie alle erschlagen htten. Es ist ein Sieg der Wissenschaft, nicht des
blutigen Tomahawk.
    Ist dir dieser Teil der Wissenschaft bekannt? fragte ich ihn.
    Ja. Ich mute ihn kennen lernen. Die Akustik gehrt zur Lehre von der Luft.
Ich ging zu den Bleichgesichtern, um die Aerostatik und Aeronautik zu studieren.
Ich wei, da schon die alten Assyrier, Babylonier und gypter das Geheimnis
kannten, an dem einen Punkte sehr deutlich zu hren, was an einem andern,
entfernten Punkte gesprochen wird. Ich bin so froh und so stolz, heut erfahren
zu haben, da die Ahnen der heutigen roten Raffe in diesem Wissen nicht hinter
jenen Vlkern zurckgestanden haben. Es ist unsere Pflicht, Alles, was uns
seitdem verloren gegangen ist, in die erwachende Seele unserer Nation
zurckzurufen. Wir bitten den groen, guten Manitou, uns Kraft und Frhlichkeit
zu diesem wichtigen und schnen Werke zu verleihen!
    Es war zum ersten Male, da er aus sich herausging und in dieser Weise
sprach. Ich wunderte mich keineswegs ber das, was ich hrte. Er war ein
stiller, hochbegabter junger Mann. Und er besa die ntige Energie, auch
Ungewhnliches zu erreichen. Auf seinem schnen, ernsten Gesicht lag jetzt ein
warmer, beinahe sonniger Schein, so kstlich lieb und sympathisch, wie er so oft
die Zge meines herrlichen Winnetou durchgeistigt und umflossen hatte. Es kam
mir vor, als sei der junge Adler in diesem Augenblicke meinem unvergelichen
roten Freunde auerordentlich hnlich geworden, fast wie Bruder und Bruder!
    Als der letzte der achtzig Indianer verschwunden war, verlieen wir unsern
Lauscherposten. Doch kehrten wir nicht direkt nach oben zurck, sondern wir
gingen zunchst nach dem vorderen Teile des Kessels, wo die Indsmen gewesen
waren, und schritten den Platz ab, um nachzuschauen, ob aus ihren Spuren
vielleicht etwas fr uns Brauchbares zu lesen sei. Es gab nichts. Aber als ich
schlielich noch einmal hinaus auf die Pulpit stieg, wo die Huptlinge gesessen
hatten, sah ich auf einer der Stufen, ganz im hintern Winkel derselben, einen
Gegenstand liegen, der vor der Ankunft der Indianer sicher noch nicht dagelegen
hatte, weil er sonst ganz bestimmt von mir bemerkt worden wre. Ich hob diesen
Gegenstand auf und betrachtete ihn. Es waren zwei kleine, niedliche
Hundepftchen, nicht etwa nur die Krallen, sondern die Pftchen, glatt
abgeschnitten und an den Schnittflchen mit Hirschsehne sehr sorgfltig
zusammengenht, so da sie ein Doppelhndchen bildeten, dessen Finger nach
entgegengesetzter Richtung lagen. Ich zeigte es dem jungen Adler.
    Eine Medizin! rief er aus.
    Sehr wahrscheinlich! - Aber wessen Medizin? fragte ich.
    Kiktahan Schonka!
    Hoffen wir es! Aber wie konnte er sie verlieren? Medizinen pflegt man doch
im verschlossenen Medizinbeutel zu tragen! Es sind Hundefe, nicht vom Fuchs
oder Wolf, und der Huptling der Sioux heit der wachende Hund. Ich zweifle also
nicht, da er es ist, der sie verloren hat. Aber wie war es mglich, da dies
geschah? Mein junger, roter Bruder schaue nach!
    Ich gab sie ihm. Er betrachtete sie sehr aufmerksam, reichte sie mir dann
zurck und antwortete:
    Diese Medizin hat nicht im Medizinbeutel gesteckt, sondern sie war an den
Grtel genht. Man sieht sehr deutlich die Stiche. Sie ist losgerissen worden,
als man den Huptling am Lasso ber die Stufen emporzog oder als man ihm wieder
herunterhalf. Dieser Fund ist auerordentlich wichtig!
    Allerdings, aber auch gefhrlich. Wenn Kiktahan Schonka seinen Verlust bald
bemerkt, kehrt er unbedingt nach hier zurck, um zu suchen. Bemerkt er ihn
spter, so wei er freilich nicht genau, wo er die Medizin verloren hat, ob hier
oder nachtrglich unterwegs. Auf keinen Fall aber drfen wir jetzt noch lnger
hier verweilen. Gehen wir!
    Ich steckte die Medizin sorgfltig ein. Dann verlieen wir den Platz und
stiegen nach unserem Lager empor. Wir waren von dort aus so scharf beobachtet
worden, da Pappermann wute, da wir kamen. Er brachte uns die Pferde, damit
wir nicht ntig htten, durch das Wasser des Weihers zu waten.
    Ist schnell gegangen, ungeheuer schnell! sagte er. Kommen sie wieder?
    Nein, hoffentlich nicht, antwortete ich.
    Sonderbar! Man pflegt sonst oft tagelang zu beraten! Warum sind sie so
schnell fort? Und habt Ihr Etwas erlauscht?
    Wartet, bis wir drin bei meiner Frau sind! Die will dasselbe wissen!
    Das war sehr richtig. Sie schaute uns, als wir kamen, so gespannt entgegen,
da ich es nicht ber das Herz brachte, sie auch nur einen Augenblick warten zu
lassen, sondern ihr sofort entgegenrief:
    Gelungen! Alles gelungen!
    Wirklich - wirklich? fragte sie.
    Ja.
    So steig ab; setz dich her, und erzhle!
    Dabei setzte sie sich auch schon selbst nieder und klopfte mit der Hand auf
die Stelle neben sich, wo ich als gehorsamer Ehemann mich schleunigst
niederzulassen hatte. Ich befolgte diesen Befehl und gab dem jungen Adler
einen Wink, nach der Hhe zu steigen und inzwischen Wache zu halten, damit ich,
falls Kiktahan Schonka zurckkme, es sofort erfhre. Ich machte meinen Bericht
so kurz wie mglich. Als ich mit ihm zu Ende war, sprang das Herzle in ihrer
energischen, schnell entschlossenen Weise wieder auf und rief:
    Also einpacken, einpacken! Wir mssen augenblicklich fort!
    Damit griff sie auch schon nach Kochtopf und Kaffeemhle. Ich aber blieb
sitzen und fragte:
    Wohin?
    Den beiden Enters nach!
    Du allein?
    Allein? - Ich? - Wieso?
    Ja, wenn du fort willst, so mut du das eben allein tun! Ich nmlich bleibe
noch hier.
    Was gibt es hier noch zu tun?
    Nichts.
    Und da willst du bleiben? Sie war erstaunt. Sie wendete sich an
Pappermann: Nichts! Und doch will er bleiben! Versteht Ihr das, Mr.
Pappermann?
    Wenigstens noch nicht ganz, antwortete dieser. Aber wenn er noch warten
will, so hat er seine Grnde, und gegen diese wird wohl nichts zu machen sein!
    Grnde? Hm! Die hat er immer! Wenigstens ich habe ihn noch niemals ohne
irgend einen Grund gesehen!
    Taugten sie etwas, oder taugten sie nichts? fragte der Alte.
    Hm! Triftig waren sie fast immer!
    Na, also! Setzt Euch in Gottes Namen wieder nieder, und habt zu diesem
Manne Vertrauen! Er wei, was er will. Wir bleiben jetzt noch hier.
    Fr wie lange?
    Wahrscheinlich bis morgen frh.
    Ist das wahr? fragte sie mich.
    Ja, nickte ich.
    So willst du also die beiden Enters laufen lassen?
    Wenigstens fr heut, aber nicht fr lnger. Ich kenne ja ihren Weg! Oder
wnschest du, da wir sie schon heut einholen und uns dann ganz unntz mit ihnen
schleppen? Ja, wir brauchen sie; sie werden in gewissen Dingen die Quellen sein,
aus denen wir schpfen; aber ich halte es trotzdem nicht fr ntig, sie Tag und
Nacht und immer und immer bei uns zu haben. Wenigstens mir wre das lstig.
    Mir auch. Du hast Recht.
    Schn! Wir reiten also erst morgen frh. Es steht uns zu jeder Zeit frei,
sie einzuholen.
    Da war sie einverstanden. Wir brauchten nicht zu hetzen. Wir konnten uns in
Mue auf den kommenden Ritt vorbereiten. Von den Indianern kam keiner zurck.
Der Wachende Hund hatte also seinen Verlust noch nicht bemerkt. Wie gro
dieser Verlust war, das wei nur der zu ermessen, der ber die Entstehung, die
Bedeutung und den Wert einer indianischen Medizin unterrichtet ist. Die Folge
wird zeigen, welche Wirkung das Abhandenkommen der beiden Hundepftchen auf den
alten Kiktahan Schonka uerte.

                                Viertes Kapitel

                                        

                                 Am Nugget-tsil


Wir hatten das Ohr des Manitou verlassen und waren nach den Mugworthills
unterwegs. Aus meinem Buche Winnetou Band III Seite 481 ist zu ersehen, da
diese Mugworthills dieselbe Berggruppe sind, welche von Winnetou und seinem
Vater mit dem Namen Nugget-tsil bezeichnet worden waren. Die beiden Brder
Enters wollten auch dorthin. Ich hatte den Weg, der ihnen vorgeschrieben worden
war, erlauscht; ich kannte ihn also. Es gab einen noch krzeren, den ich ebenso
kannte. Den schlugen wir ein. Und da wir besser, viel besser beritten waren als
sie, so kamen wir ihnen voraus, obgleich wir die Devils pulpit viel spter als
sie verlassen hatten. Wir brauchten sie also nicht mhsam einzuholen, wie wir
erst gewollt hatten, sondern wir konnten, wann und wo es uns beliebte, auf sie
warten, um sie zu uns stoen zu lassen. Der Augenblick hierzu war am
gnstigsten, als wir den Gualpaflu erreichten, und zwar an der Stelle, an
welcher ich damals nach Winnetous Tode auf Gates, Clay und Summer gestoen war.
Es gab da Wasser zum Trinken, Gras fr die Pferde und ein weit ausgedehntes,
dichtes Gebsch, in welches wir uns zurckziehen konnten, um von Jemand, der da
kam, nicht eher gesehen zu werden, als bis wir gesehen sein wollten. Es lag
inmitten dieses Gestruches eine kleine, lichte Stelle, an der frher einmal ein
Lagerfeuer gebrannt hatte. Die hierdurch vernichtete Vegetation hatte sich noch
nicht wieder erneuert. Hier wurde das Zelt aufgeschlagen.
    Whrend wir dies taten, bereitete uns meine Frau das Mittagsmahl. Der Br
reichte noch fr lange. Auerdem hatten wir unterwegs eine Turkeyhenne und
mehrere Prairiehhner geschossen. Wir hatten also nicht ntig, uns den Braten
erst hier an Ort und Stelle mhsam zu erjagen. Nach dem Essen ruhten wir,
obgleich wir nicht ermdet waren. Aber wir befanden uns hier im Gebiete der
Comantschen und Kiowas und muten alles vermeiden, was geeignet war, unsere
Anwesenheit zu verraten.
    Es war gegen Abend, als wir da, woher wir die Enters erwarteten, zwei Reiter
erscheinen sahen. Sie nherten sich langsam. Ihre Pferde waren ermdet. Als sie
das Gebsch beinahe erreicht hatten, erkannten wir das Brderpaar. Sie waren
ganz in der Weise der frheren, gefhrlichen Zeit mit Messer, Revolver und
Bchse bewaffnet. Da wir nicht aus derselben Richtung gekommen waren, sahen sie
unsere Spuren nicht. Sie stiegen drauen vor den Bschen ab, lieen ihre Pferde
trinken und suchten drres Holz zu einem Feuer zusammen. Dieses Feuer wurde
nicht hinter dem deckenden Gestruch, sondern auch drauen im Freien angebrannt,
so da es dann, wenn es Abend wurde, weithin leuchten mute. Das unsere war
schon lngst wieder ausgegangen. Da nicht nur sie, sondern auch wir durch dieses
ihr Feuer verraten werden konnten, stand ich auf, um mich ihnen zu zeigen und
sie zu warnen. Da fragte Pappermann:
    Darf ich mit? Mchte gar zu gern die Gesichter sehen, die sie machen, wenn
sie Euch erkennen!
    So kommt!
    Wir gingen hin, doch ich nicht ganz, sondern ich blieb hinter einem dichten
Gest stehen, um zunchst Pappermann allein an sie zu lassen. Er trat von hinten
an sie heran und grte:
    Good day, Mesch'schurs! Darf ich euch vielleicht fragen, ob ihr sofort
skalpiert werden wollt oder es vorzieht, erst morgen oder bermorgen am
Marterpfahle zu sterben?
    Sie sprangen beide erschrocken auf.
    Skalpiert? Von wem? Warum? fragte Sebulon.
    Uns am Marterpfahl umbringen? fragte Hariman. Wer? - Weshalb?
    Die Comantschen und die Kiowas, welche behaupten, da ihnen diese Gegend
gehre, antwortete der alte Westmann. Ihr brennt ja ein Feuer, als ob es ganz
ausgerechnet eure Absicht sei, euch diese Halunken auf den Hals zu locken! Warum
habt ihr euch nicht damit hinter die Bsche versteckt?
    Weil wir weder die Kiowas noch die Comantschen zu frchten haben, erteilte
Sebulon die Auskunft.
    So seid ihr also befreundet mit ihnen?
    Wir sind Freunde aller Menschen, die uns begegnen, aller Roten und aller
Weien!
    Well! So seid ihr also auch die meinigen! Ich habe die Angewohnheit, die
Namen meiner Freunde wissen zu wollen. Darf ich bitten, mir die eurigen zu
sagen?
    Wir heien Enters. Ich Sebulon Enters und mein Bruder Hariman Enters.
    Danke! Aber weiter: Woher und wohin?
    Wir kommen von Cansas City herber und wollen nach dem Rio Grande del
Norte. Wer aber seid Ihr?
    Ich heie Pappermann und komme aus Trinidad. Wohin ich will, wei ich
selbst noch nicht.
    Da machten Beide eine Bewegung der Ueberraschung, und Sebulon erkundigte
sich schnell:
    Pappermann? Etwa Max Pappermann?
    Ja. So habe ich stets geheien, und so heie ich leider noch.
    Wie sich das trifft! Wir waren nmlich in Eurem Hotel. Wir hatten uns sogar
da angemeldet.
    Wei nichts davon. Das Hotel ist nicht mehr mein.
    Das hrten wir. Aber Ihr habt bis zu Eurer Abreise bei dem neuen Wirt
gewohnt. Ein sehr einsilbiger und ungeflliger Mann! Wir wollten eine Auskunft
haben, die er uns partout verweigerte. Wir muten darum Andere fragen, die aber
auch nichts wuten, wenigstens nichts Ausfhrliches. Vielleicht knnen wir von
Euch erfahren, was wir wissen wollen.
    Was ist das?
    Es handelt sich um ein Ehepaar Burton, welches nach Trinidad ging, um in
Euerm Hotel zu wohnen und dort auf uns Beide zu warten. Wir hrten bei unserer
Ankunft, da diese Personen zwar dagewesen seien, sich aber schon am nchsten
Tage wieder entfernt htten. Wohin, das konnte uns niemand sagen. Wit Ihr
vielleicht Etwas hierber?
    Hm! Ob ich Etwas wei? Ihr seid mit dieser eurer Frage grad an den
richtigen Mann gekommen.
    Wirklich? Das ist uns lieb, sehr lieb! Also, wenn Ihr der richtige Mann
seid, so sagt uns schnell, ob...
    Da unterbrach ihn Pappermann:
    Ich der richtige Mann? Das habe ich nicht gesagt.
    Ihr nicht, wer denn sonst?
    Dieser da!
    Er deutete auf mich, der ich jetzt hinter dem Gestruch hervortrat, um diese
Einleitung zu beenden, weil Pappermann in seiner Unbefangenheit leicht Etwas
sagen konnte, was die Brder nicht zu wissen brauchten. Meine Anwesenheit
berraschte sie auerordentlich, doch nicht auf unangenehme Weise. Sie freuten
sich, mich getroffen zu haben, mochten die Ursachen dieser Freude nun lautere
sein oder nicht. Ich forderte sie auf, ihr Feuer augenblicklich auszulschen und
mit ihren Pferden zu uns ins Gebsch zu kommen. Sie taten das. Meine Frau wurde
von ihnen mit einer Hflichkeit begrt, welche von Hariman sehr wahrscheinlich
eine wohlgemeinte war, von Sebulon aber nicht. Er gab sich zwar alle Mhe, einen
guten Eindruck zu machen, aber sein Blick war dabei falsch, und sein Auge hatte,
wenn er sich unbeobachtet whnte, etwas Lauerndes, etwas zuwartend Drohendes,
was mir und meiner Frau unmglich entgehen konnte. Grad das Herzle besitzt fr
solche Dinge einen auerordentlich scharfen Sinn. Als wir gefragt wurden, warum
wir nicht in Trinidad gewartet htten, antwortete ich:
    Weil ich Veranlassung fand, auf eure Gesellschaft zu verzichten. Habe euch
das wohl auch geschrieben. Ist der Brief in eure Hnde gekommen?
    Ja; der Wirt gab ihn uns, sobald wir kamen und unsere Namen nannten,
erwiderte Sebulon. Ihr nennt in diesem Briefe den Corner und den Howe unsere
Freunde. Wir weisen das ganz entschieden zurck. Wir haben als Pferdehndler
geschftlich mit ihnen zu tun gehabt, sie aber, als wir sie nher kennen
lernten, sofort fallen lassen; sie sind nicht ehrlich. Aber wie kommt Ihr dazu,
diese ihre Unehrlichkeit grad uns aufzuladen? Darf ich fragen, wohin Ihr Euch
von Trinidad aus gewendet habt?
    Da fiel das Herzle schnell ein:
    Auf die Brenjagd!
    Das war eine ebenso kurze wie vortreffliche Antwort durch welche wir allen
Fragen in Beziehung auf die Devils pulpit entgingen.
    Seid Ihr glcklich gewesen? erkundigte er sich.
    Ja, antwortete ich. Es gibt bei uns nun Brenschinken. Die Tatzen werden
aber erst am Tavuntsit-Payah angeschnitten.
    Am Tavuntsit-Payah? fragte er rasch, indem er seinem Bruder einen sehr
befriedigten Blick zuwarf. Kennt Ihr den?
    Ja. Von frher her.
    Wir wollen auch hin!
    Auch ihr? Weshalb?
    Auf Wunsch der Sioux- und Utahhuptlinge.
    Ah! So habt ihr sie getroffen?
    Ja.
    An der Devils pulpit?
    Ja. Schade, da ihr fort waret! Wir htten euch so gern mitgenommen!
    Es ist nicht schade darum. Ich htte mich doch nicht sehen lassen drfen!
    Aber es wre Euch mglich gewesen, die Sache von fern mit anzusehen oder
vielleicht gar Einiges zu belauschen.
    Wozu das? Ich hoffe, jetzt von Euch zu erfahren, was sich zugetragen hat
und was da Alles besprochen worden ist.
    Soll ich erzhlen?
    Ja. Ich bitte darum.
    Er begann seinen Bericht. Er nannte uns die Namen der beiden Oberhuptlinge.
Er machte aus den achtzig Indianern, die es gewesen waren, volle vierhundert. Er
verwandelte die paar Stunden ihres Aufenthaltes in drei Tage. Er sprach von
auerordentlich wichtigen Verhandlungen, denen er mit seinem Bruder beigewohnt
habe. Und er stellte das Alles so dar, als ob sie. Beide die Hauptpersonen
gewesen und mit ganz besonderen Ehren berhuft worden seien. Besonders ihren
Abschied von den Roten schilderte er als einen sehr freundschaftlichen. Kiktahan
Schonka und Tusahga Saritsch seien, als sie fortritten, zwei-, dreimal wieder
umgekehrt, um ihnen noch einmal die Hand zu drcken.
    So sind die Roten also eher fort als ihr? fragte ich.
    Ja, antwortete er.
    Wohin?
    Das ist ein tiefes Geheimnis, welches wir um keinen Preis verraten sollen.
Euch aber will ich es sagen, damit Ihr erkennt, wie gut und wie ehrlich wir es
mit Euch meinen. Sie sind nach einem Orte, den sie Pa-wiconte nennen. Ist er
Euch vielleicht bekannt?
    Ja. Es ist ein Wasser. Oder nicht?
    Doch. Man hat uns den Weg dorthin genau beschrieben.
    So sollt also auch ihr hin?
    Allerdings. Wir sollen dort den ganzen Feldzugsplan gegen die Apatschen und
ihre Verbndeten erfahren. Ihr seht, wie unendlich wichtig das fr Euch ist.
Wnscht Ihr, da wir das, was wir dort erfahren, Euch mitteilen?
    Selbstverstndlich!
    Wir sind bereit, es zu tun, und hoffen dabei auf Eure Dankbarkeit.
    Ihr werdet ernten, was ihr set.
    Ist dieses Pa-wiconte, dieses Wasser des Todes, sehr weit entfernt von dem
dunkeln Wasser, in dem unser Vater starb?
    Wenn ich mich recht erinnere, liegen beide gar nicht weit auseinander.
Sobald ich hinkomme, werde ich besser im Bilde sein als jetzt.
    Es wre nicht klug gewesen, ihm zu sagen, da unter den beiden verschiedenen
Namen ein und derselbe See zu verstehen sei.
    Ah! Ihr habt also die Absicht, selbst auch mit hinzukommen? fragte er.
    Gewi. Oder ist Euch das nicht recht?
    Der Blick, den er jetzt seinem Bruder zuwarf, war ein triumphierender. Er
war entzckt darber, da ich seinen Plnen so ahnungslos entgegenkam, whrend
er doch derjenige war, dem jede Ahnung fehlte.
    Uns nicht recht? rief er aus. Welchen Grund htten wir dazu? Wir sind
Eure Freunde. Wir haben Euch lieb gewonnen. Wir mchten uns am liebsten nie
wieder von Euch trennen. Wir nehmen Euch unendlich gern mit nach dem Wasser des
Todes. Doch setzen wir voraus, da Ihr uns dafr den Nugget-tsil und das dunkle
Wasser zeigt.
    Das werde ich tun. Wie aber kommt es, da Kiktahan Schonka euch nicht
gleich mitgenommen hat? Warum schickt er euch nach dem Tavuntsit-Payah?
    Um die Squaws der Sioux zu beobachten, die nach diesem Orte geritten sind,
und ihm dann Bericht hierber zu erstatten. Er hat uns den Weg genau
beschrieben. Nach dieser Beschreibung knnen es von hier bis hin nur noch zwei
Tage sein?
    Das stimmt. Und nun bitte ich nur noch um Eins; dann bin ich
zufriedengestellt. Nmlich, es ist doch eigentlich sehr auffllig, da Ihr Euch
an mich gewendet habt, um zu erfahren, wo der Nugget-tsil und das dunkle Wasser
liegen. Es erscheint als fast unglaublich, da Ihr diese beiden Orte nicht schon
lngst gefunden habt. Ihr brauchtet Euch in Beziehung auf den Nugget-tsil nur
bei den Kiowas zu erkundigen, bei ihrem Huptling Tangua und seinem Sohne Pida.
Und in Beziehung auf das dunkle Wasser war es doch wohl nicht unmglich, einen
der Apatschen zu finden, die damals mit mir dort gewesen sind.
    Das klingt nur so leicht, ist es aber nicht, entgegnete er. Ich bin bei
den Kiowas gewesen. Der alte Tangua war wohl bereit, mir Auskunft zu erteilen,
aber Pida, sein Sohn, hinderte ihn daran; warum, das wei ich nicht. Und unter
all den Apatschen, die ich nach dem dunkeln Wasser fragte, hat es keinen
einzigen gegeben, der mich nicht sofort als Feind betrachtete und mit Mitrauen
von sich wies. Sie sind unendlich vorsichtig, diese Halunken!
    Diese Halunken sind meine Freunde, Mr. Enters. Beliebt es Euch, nur noch
ein einzigesmal ein solches Wort zu gebrauchen, so sind wir geschiedene Leute!
Meine Frau mag jetzt das Abendessen bereiten. Ist das vorber, legen wir uns
schlafen. Und morgen frh bei Tagesanbruch verlassen wir diese Stelle, um nach
dem Tavuntsit-Payah zu reiten. Ist euch das recht?
    Ja. Doch werden wir unser Lager aber nicht hier, sondern ein wenig nach der
Seite suchen. Wir sind arge Schnarcher, und es ist eine Lady hier, die wir nicht
belstigen wollen.
    Das war eine sehr durchsichtige Ausrede. Sie wollten allein sein, um
ungestrt sprechen zu knnen. Sogleich kam mir der Gedanke, sie dabei zu
belauschen; aber ich verzichtete darauf, ihn auszufhren. Was ich wissen wollte,
konnte ich auf direktere und leichtere Weise erfahren, als durch das unbequeme
Anschleichen und immerwhrende Horchen und Lauschen nach allen Seiten, welches
anstrengender ist, als man glaubt.
    Die soeben berichtete Unterhaltung war nur zwischen mir und Sebulon Enters
gefhrt worden. Sein Bruder Hariman hatte kein einziges Wort dazu beigetragen.
Es schien, als ob die Beiden miteinander uneinig seien, und zwar in nicht
gewhnlichem Grade. Sie vermieden, einander anzusehen oder doch ihre Blicke
einander begegnen zu lassen.
    Ganz ebenso still hatte sich der junge Adler verhalten. Er tat so, als ob
die Brder gar nicht anwesend seien. Das erffnete keine allzu freundliche
Perspektive auf unser Zusammensein mit ihnen. Sie sonderten sich so, wie Sebulon
gesagt hatte, nach dem Abendessen von uns ab und kamen erst am frhen Morgen
wieder, als der Duft des Kaffees ihnen verriet, da auch wir, schon munter
seien. Als die Sonne erschien, war das Zelt abgebrochen, und der Weiterritt
konnte beginnen. Hierbei fiel uns erst auf, da jeder von ihnen einen
sogenannten Stockspaten am Sattel hngen hatte. Als Pappermann sah, da meine
Augen verwundert an diesen Werkzeugen hingen, fragte er die Brder:
    Ihr habt euch mit Spaten versehen. Wollt ihr Schtze graben?
    Vielleicht, antwortete Sebulon mit einer Betonung, welche Pfiffigkeit
bedeuten sollte.
    Aber was fr welche?
    Wei ich noch nicht. Jedenfalls haben wir Werkzeuge zum Graben, wenn wir
welche brauchen. Kiktahan Schonka hat uns kein Geld versprochen, sondern Beute,
Ware, Pferde und hnliche Dinge. Auch Metalle, also Silber, Kupfer oder gar
Gold. Da es sich da um Bonanzen oder Diggings handelt, die wir erst untersuchen
mssen, versteht sich ganz von selbst! Darum haben wir die Spaten mit!
    Dieser Mann hatte, wie man sich vulgr auszudrcken pflegt groe Rosinen im
Kopfe. Und bei aller seiner Einbildung stand ihm der Gedanke fern, da er nur
ein Werkzeug war, welches spter, wenn man es nicht mehr brauchte, weggeworfen
werden sollte.
    Wir ritten heut genau denselben Weg, den ich damals mit Gates, Clay und
Summer geritten war. Und am Abend lagerten wir an derselben Stelle der offenen
Prairie, wo wir damals geschlafen hatten. Wir machten kein Feuer. Am andern
Morgen sagte ich den beiden Enters, da wir gegen Mittag den Tavuntsit-
erreichen wrden. Den Namen Mugworthill htete ich mich sehr, auszusprechen. Er
steht in meiner Schilderung, welche sie gelesen hatten. Sie kannten ihn also und
htten sofort gewut, da es sich um den Nugget-tsil handele. Das aber sollten
sie, wenigstens jetzt, vorher noch nicht erfahren. Zu meiner Verwunderung wurde
ich von Sebulon gefragt:
    Kennt Ihr diesen Berg nur von weitem, nur vom Hrensagen, Mr. Burton, oder
seid Ihr selbst schon dort gewesen?
    Schon wiederholt war ich dort, antwortete ich.
    Es sollen einige Grber dort sein. Drei oder vier. Ist das wahr?
    Zwei habe ich gesehen, die andern nicht. Wer mag wohl da begraben sein?
    Einige Huptlinge der Kiowas.
    Wirklich?
    Ja. Das wurde mir von Einem erzhlt, der auch schon fters dort gewesen
ist.
    Wir werden an den beiden Grbern, die ich gesehen habe, lagern. Es ist das
der beste Platz dazu.
    Whrend dieses Vormittages war meine Frau sehr nachdenklich. Wir nahten uns
einem Orte, der fr sie von einem nicht nur groen, sondern auch heiligen
Interesse war. Sie hlt das Andenken an die schne Schwester Winnetous hoch,
sehr hoch. Sie hatte wohl oft schon gesagt, da sie herzlich wnsche, wenigstens
das Grab der schnen, lieben Indianerin einmal zu sehen. Dabei war sie aber
stets berzeugt gewesen, da sie niemals nach Amerika kommen werde. Und nun war
sie doch drben, und die Erfllung ihres Wunsches stand bevor.
    Auch der junge Adler schien sich mit ernsten Gedanken zu tragen. Bezogen
sie sich etwa auf mich? Er sah mich zuweilen so eigentmlich prfend an, senkte
aber schnell den Blick, wenn der meinige ihn dabei berraschte.
    Die beiden Enters kamen uns Dreien nicht zu nahe. Sie hielten sich hinter
uns zu Pappermann, der heut sehr genau wute, was er ihnen sagen durfte und was
nicht. Ich hatte ihn gestern abend vor dem Schlafengehen genau instruiert.
    Es war noch nicht Mittag, als die Berge im Sden auftauchten. Sie wurden
umso hher, je nher wir kamen. Auf ihrer hchsten, bewaldeten Kuppe stand noch
immer jener Baum, der ber alle andern emporragte. Auch dem Herzle fiel er auf.
    Wie das so stimmt! sagte sie. Nicht wahr, da hinauf hatte Winnetou seinen
Spher geschickt?
    Ja, nickte ich.
    Sag, wie ist es dir nur zu Mute? Ich mchte weinen. Du nicht auch?
    Ich antwortete nicht.
    Wir umritten die dunklen Hhen auf ihrer westlichen Seite und bogen dann im
Sden nach links ein, um an das tief hineinfhrende Tal zu kommen, welches meine
Leser alle kennen. Diesem folgten wir bis an die betreffende Seitenschlucht, die
uns weiter hinaufleitete und dann sich teilte. Da stiegen wir ab und kletterten,
die Pferde an den Zgeln fhrend, zu der scharfkantigen Hhe empor, hinter
welcher das Terrain sich wieder senkte. Dann ging es jenseits hinab und in
gerader Richtung durch den Wald, bis wir unser Ziel erreichten. Da standen sie
beide, das Grabmal, in welchem Intschu tschuna, der Vater meines Winnetou, hoch
auf dem Rcken seines Pferdes sa, und die Steinpyramide, aus welcher der Baum
zur Hhe stieg, an dessen Stamm Nscho-tschi zur Ruhe bestattet worden war. Ich
hielt an. Es berkam mich ein Gefhl, als ob ich erst gestern zum letzten Male
hier gewesen sei. Die Bume waren hher geworden und das Unterholz etwas
dichter. Sonst aber schien es, als ob die tiefe, ergreifende Ruhe dieses Ortes
Jahrzehnte lang von keinem Windeshauch gestrt worden sei.
    Da liegen die Huptlinge der Kiowas, sagte Sebulon Enters. Wir sind also
an Ort und Stelle. Bleiben wir heute da?
    Ja. Vielleicht auch morgen noch, antwortete ich.
    Schaffe die Beiden wenigstens einstweilen fort! bat meine Frau leise. Sie
sollen mir diese erste Stunde nicht verderben!
    Schon wollte ich ihr diesen Wunsch erfllen, da kam Sebulon mir zuvor:
    Soll ich vielleicht mit meinem Bruder gehen, um einen frischen Braten zu
schieen? Oder gibt es gleich jetzt die versprochenen Brentatzen?
    Ja, geht und versucht, ob ihr irgend Etwas vor das Rohr bekommt! fiel
Klrchen schnell ein. Ihr habt mehrere Stunden lang Zeit. Wir essen erst am
Nachmittag.
    Sie entfernten sich. Ich schlug mit Pappermann das Zelt auf. Der brave Alte
vermied dabei so viel wie mglich alles Gerusch. Er sah, da das Herzle am
Grabe der Schwester kniete und betete. Ich darf es wohl verraten: sie betet oft
und gern. Dann kam sie zu dem Grabe des Huptlings. Am Fue desselben, genau an
der Westseite, gab es eine kleine, etwas eingesunkene Stelle, die aber auch, wie
ihre Umgebung, mit moosigem Gras berwachsen war.
    Hier hast du wohl damals gegraben? fragte sie.
    Ja, antwortete ich. Ich habe das Loch zwar sehr sorgfltig wieder
geschlossen, aber whrend des Grabens ist doch so viel Erde verloren gegangen,
da sie spter fehlte, als die Fllung sich nach und nach setzte. Daher diese
Vertiefung.
    Die aber auch Andere auf den Gedanken bringen kann, nachzugraben!
    Mgen sie es tun! Sie wrden wohl nichts finden.
    Ich bitte dich, das nicht so sicher zu sagen. Ich habe nmlich einen
Gedanken.
    Ah! Wirklich?
    Ja, wirklich! Und zwar nicht erst jetzt, sondern schon whrend des ganzen
Vormittages.
    Du schienst allerdings sehr nachdenklich zu sein. War es das?
    Ja, nichts Anderes.
    So bitte, la es mich wissen!
    Ich bin nmlich gewohnt, die Gedanken und Gefhle meiner Frau in allen
Stcken mit in Erwgung zu ziehen. Ihr angeborener Scharfsinn kommt mir oft zu
Hilfe, whrend mein mhsam erworbener Scharfblick mich in die Irre fhrt. Ich
gebe gern zu, da die Frau dem Manne in Beziehung auf die feineren Instinkte
berlegen ist. Darum freue ich mich immer, wenn die meinige mir sagt, da sie
einen Gedanken oder eine Ahnung habe, denn ich wei, da es mir zur Hilfe
dient. So auch jetzt. Sie antwortete:
    Je nher wir heut diesen Bergen kamen, desto deutlicher und
zusammenhngender trat Alles, was du von ihnen erzhlt hast, vor mich hin. Und
da kam mir ein Wort in den Sinn, welches nicht wieder weichen wollte. Winnetou
hat es zu dir gesagt, und zwar wiederholt. Weit du noch, wie er das Gold, die
Nuggets, zu nennen pflegte?
    Meinst du etwa deadly dust?17
    Ja, deadly dust. Noch ganz kurz vor seinem Tode, als er mit dir von seinem
Testamente sprach, hat er zu dir gesagt, da du zu Besserem bestimmt seist, als
nur um Gold zu besitzen. Und dennoch grubst du hier am Grabe seines Vaters nur
nach Gold, nach weiter nichts. War das nicht ein Fehler, lieber Mann?
    Ich glaube nicht. Das Gold, welches hier vergraben lag, war nicht fr mich,
sondern sehr wahrscheinlich fr wohlttige, edle Zwecke.
    Sollte es wirklich nichts, gar nichts gegeben haben, was persnlich fr
dich, seinen besten Freund und Bruder, bestimmt war? Und sollte Winnetou, der
Weitsehende und Hochdenkende, grad bei Abfassung seines Testamentes vergessen
haben, da man auch fr wohlttige, edle Zwecke noch weit Besseres geben kann
als nur Gold und immer wieder nur Gold? Bitte, berlege doch!
    Hm! Weit du, Herzle, was du da sagst, ist richtig, unzweifelhaft richtig.
Ich habe zwar die Ausrede, da ich damals nur unter Lebensgefahr und in grter
Eile nachsuchen konnte, aber das ist doch nicht geeignet, mich zu entschuldigen.
Ich hatte ja spter jahrelang Zeit, die versumte Umsicht nachzuholen. Daran
habe ich aber gar nicht gedacht - niemals, niemals.
    Ich auch nicht. Ich habe mir also ganz dieselbe Gedankenlosigkeit
vorzuwerfen, wie du dir. Willst du mir einen Wunsch erfllen?
    Welchen?
    Noch einmal nachzugraben? Aber besser, sorgfltiger und tiefer als damals?
    Gern - sehr gern.
    Ich glaube nmlich, wir finden noch Etwas, und zwar die Hauptsache. Die
Goldanweisung lag nur zum Schutze des eigentlichen, wirklichen Schatzes oben
darauf!
    Wie du das sagst! Als ob du es ganz genau wtest!
    Ich wei es nicht, aber ich fhle es. Winnetou war abgeklrter und grer
als damals du, lieber Mann. Sein eigentlicher, sein unschtzbarster Wert lag
nicht im Umgange mit dir, lag berhaupt nicht in deiner Nhe. Wir haben doppelt
nachzugraben, nmlich hier, an der Gruft seines Vaters, und sodann ebenso in
deiner Erinnerung. Da werden wir gewi keinen deadly dust finden, wohl aber
Perlen und Edelsteine, die aus tiefen, seelischen Bonanzen stammen. Wollen wir
nicht gleich beginnen? Es pat so gut, weil die beiden Enters abwesend sind.
    Dieser Grund ist nicht magebend, weil die Spuren nicht so schnell zu
verwischen wren, da die Brder nicht bemerkten, was whrend ihrer Abwesenheit
hier vorgenommen worden ist. Wo ber dreiig Jahre vergangen sind, wird es wohl
keinen bsen Schaden machen, wenn noch einige wenige Stunden vergehen. Wir
drfen nicht vergessen, da ich von Tatellah-Satah an die mittelste der fnf
groen Blaufichten gewiesen bin. Er schreibt: Ihre Stimme sei dir wie die Stimme
Manitous, des groen, ewigen und allliebenden Geistes! Das ist also so wichtig
und so eilig, da es allem Anderen vorauszugehen hat.
    Ganz gewi, ganz gewi! - Aber wo sind diese blauen Fichten? Wo stehen
sie?
    Gar nicht weit von hier. Komm!
    Ich fhrte sie nach einer Stelle des Waldes, wo aus dem Boden sich mehrere
Felsen erhoben, an deren Fu ein Wassertmpel lag. Da standen die fnf
Silber-Blaufichten, welche Tatellah-Satah meinte. Sie waren bis ganz herunter
auf den Boden bestet. Unter diesen Aesten gab es einige wenige drre. Kaum war
mein Blick auf den mittelsten dieser Bume gefallen, so wute ich, woran ich
war. Das Herzle aber stand da, schaute die Bume ratlos an, schlug die Hnde
zusammen und seufzte:
    Da sieht ja eine genau wie die andere aus, nur da die mittlere ihre
Schwestern um einige Ellen berragt! Und auch ein Ast genau wie der andere! So
gedrungen, so reich und dicht benadelt! Und dieser Baum, diese Fichte, soll zu
dir sprechen? Wie denn, wie? Weit du es?
    Ja.
    Ich nicht.
    Das glaube ich wohl!
    Also wie? - Sag es mir!
    Kannst du Fichte und Tanne unterscheiden?
    Ich denke!
    So betrachte die mittlere Fichte genauer! Es gibt da unten einige drre
Zweige, an denen sich nur noch wenige Nadeln befinden. Bitte, zhle sie! Von
unten herauf! Und zeige dabei mit dem Finger hin!
    Sie tat es.
    Eins, zwei, drei, zhlte sie. Vier, fnf, sechs...
    Halt! unterbrach ich sie. Betrachte diesen sechsten, drren Zweig! Ist
das auch Fichte?
    Nein, sondern Tanne.
    Merkst du nun, da der Baum zu reden beginnt?
    Ah! So ist das, so, so?
    Ja, so! Kann dieser Tannenzweig an der Fichte gewachsen sein?
    Gewi nicht. Man hat den richtigen entfernt und diesen falschen an seine
Stelle gebracht. Aber ist das nicht unvorsichtig oder gar gefhrlich. Konnte das
nicht ebensogut auch jeder Andere auer dir entdecken?
    Nein. Wenn es grne Zweige wren, dann ja. Da wrde der Tannenzweig mit
seiner ganz anderen Benadelung sofort auffallen. Da es aber vertrocknete Aeste
sind, an denen man nur wenige Nadeln sitzen lie, konnte nur ich allein den
Treffer machen, und zwar auch nur deshalb, weil ich vorher ganz besonders
aufmerksam gemacht worden war. Bitte, entferne diesen Zweig!
    Abbrechen?
    Nein, sondern herausziehen.
    Sie tat es. Es war an der Stelle ursprnglichen Astes ein Loch gebohrt und
der Tannenzweig dann hineingesteckt worden. Dieses Loch war jetzt zu sehen; aber
es hatte nur der Zweig darin gesteckt; es war leer. Nun untersuchte ich den
Stamm in der Nhe des Bohrloches. Ganz richtig! Man hatte die Rinde in Form
einer Klappe losgelst und dann mit dem Ast wieder fest angesteckt. Als ich
diese Klappe ffnete, fiel ein weies Papier heraus. Das Herzle griff eiligst zu
und rief freudig aus:
    Das ist die Stimme des Baumes! Das ist sie! Oder nicht?
    Gewi ist sie es.
    Was so ein Indianer fr ein scharfsinniger und gescheiter Mensch ist!
    Ja, lachte ich. Und welch eine beispiellose Klugheit von einer weien
Squaw aus Radebeul, die das Alles sogleich entdeckt!
    Da lachte sie mit und sagte:
    Habe ich diese Entdeckung etwa nicht dadurch eingeleitet, da ich den
Unterschied zwischen Tanne und Fichte sehr wohl kannte? La uns lesen!
    Da sie daheim meine Sekretrin ist und fast meine ganze Korrespondenz
besorgt, hielt sie sich fr berechtigt, auch dieses Blatt zu ffnen und
vorzulesen. Sie zog schon die Augenbrauen in die Hhe, um ein mglichst
wichtiges Gesicht zu machen; aber diese Wichtigkeit fiel sofort wieder in sich
zusammen, und in sehr enttuschtem Tone erklang die Klage:
    Das kann ich aber nicht lesen - leider, leider!
    Wohl indianische Bilderschrift?
    Nein. Es sind englische Buchstaben; aber die Sprache ist fremd.
    Zeig her!
    Da! Hier! Aber setzen wir uns! Im Stehen begreift man schwerer.
    Sie setzte sich nieder und klopfte mit der Hand neben sich auf den Boden.
Man wei wohl bereits, was ich da zu tun hatte: Ich setzte mich neben sie nieder
und las die Zeilen vor. Sie waren im Apatsche von derselben kalligraphisch
gebten Hand auf dasselbe sehr gute Papier geschrieben wie der Brief, den ich
daheim von Tatellah-Satah erhalten hatte. Die Uebersetzung lautete:
    Warum suchtest du nur nach deadly dust? Nach tdlichem, goldenem Staub?
    Glaubtest du wirklich, Winnetou, der berschwnglich Reiche, knne der
Menschheit nichts Besseres hinterlassen?
    War Winnetou, den du doch kennen mutest, so oberflchlich, da du es
verschmhen durftest, in grerer Tiefe zu suchen?
    Nun weit du, warum ich dir zrnte. Sei mir willkommen, wenn du verstehst,
es mir zu sein!
    Das war der Brief des alten Tausend Jahre. Ich faltete das Papier zusammen
und steckte es ein. Wir sahen einander an.
    Ist das nicht sonderbar? fragte das Herzle.
    Hchst sonderbar! nickte ich. Er schreibt ganz dasselbe, was du gesagt
hast. Ich bin beschmt, auerordentlich beschmt!
    Nimm es dir nicht zu Herzen!
    O doch! Ich habe da eine Snde an Winnetou begangen, die ich mir unmglich
verzeihen kann. Und nicht nur an Winnetou allein, sondern an seiner ganzen
Rasse! Jetzt bin auch ich berzeugt, da wir noch mehr und noch viel Wichtigeres
finden werden, als ich damals gefunden habe.
    Weil der alte Tatellah-Satah es sagt?
    Nicht nur deshalb, sondern noch viel mehr aus dem Grunde, der in Winnetous
Charakter liegt. Ich habe tief unter diesem hohen, edeln Charakter hinweg
gesehen und tief unter ihm hinweg gehandelt. Das ist meine Snde. Er wrde gtig
lcheln und mir verzeihen; ich aber lchle nicht. Bedenke, da ber dreiig
Jahre unntz vergangen sind! Ein volles Menschenleben! Komm, Herzle, wir mssen
graben!
    Ja, solange die Enters fort sind, stimmte sie bei.
    Nicht das! Mir ist es jetzt gleich, ob sie da sind oder nicht. Horch! Ich
hre ihre Stimmen. Sie sprechen mit Pappermann. Sie sind also schon zurck.
    Ja, sie waren wieder da, und zwar mit einem Prairiehasen, der sich in die
Berge herein verlaufen hatte. Sebulon tat Wunder, was das fr eine Heldentat von
ihnen sei; ich aber fiel ihm kurz entschlossen in die prunkende Rede:
    Legt das Hslein her! Vielleicht braten wir es, vielleicht auch nicht. Es
gibt jetzt Wichtigeres zu tun.
    Ich hatte die Absicht gehabt, ihnen erst spter, wenn wir von hier fort
waren, zu sagen, da wir dagewesen seien, denn ich frchtete den Einflu dieses
Ortes und seiner Erinnerungen auf ihren Seelenzustand. Oder mit andern Worten,
ich hatte psychiatrische Bedenken. Nun aber trieben mich ganz andere Grnde. Ich
hatte hhere Rcksichten zu nehmen und fuhr darum fort:
    Ich habe euch eine Entdeckung zu machen, die ich fr spter aufheben
wollte. Ihr befindet euch nmlich ber den Ort, an dem wir heut und morgen
lagern werden, im Irrtum. Hier liegen nicht Kiowahuptlinge begraben, sondern
der Vater und die Schwester meines Winnetou. Der Tavuntsit-Payah ist unser
Nugget-tsil.
    Der Eindruck dieser meiner Worte war ein groer, ja ein sehr groer. Die
Brder standen still; sie bewegten sich nicht; sie sagten kein Wort.
    Habt ihr mich verstanden? fragte ich.
    Da setzte Hariman sich, als ob er zu Boden falle, nieder, schlug die Hnde
vor das Gesicht und begann laut und bitterlich zu weinen. Nun hob Sebulon seinen
finstern und doch flackernden Blick zu mir empor und fragte:
    Ist das wahr, was Ihr sagt?
    Was knnte ich fr einen Grund haben, euch zu belgen?
    Well! Wir glauben Euch! Das sind also die Grber von Intschu tschuna und
Nscho-tschi?
    Ja.
    Deren Mrder unser Vater war?
    Euer Vater, ja, kein Anderer.
    Erlaubt, da ich mir die Grber betrachte.
    Er ging zunchst zum Grabe des Huptlings und dann zu dem seiner Tochter. Er
nahm sie sehr eingehend in Augenschein. Er schien innerlich ruhig zu sein; aber
ich sah, da er, wenn er sich bewegte, wankte. Es war, als ob er auf einem hohen
Turmseile gehe und sich heimlich bemhe, die Balance nicht zu verlieren. Dann
ging er langsam wieder dahin zurck, wo der Hase lag. Er stie ihn mit dem Fue
an und sagte in leise knirrschendem Tone:
    Auch nur so ein armes Hschen! Wir! Grad wie damals Gates und Clay. Ihr
seht, Mr. Burton, da ich Alles gelesen und mir Alles gemerkt habe, sogar das
mit dem Hasen und den alten Tauben, die niemand genieen konnte. Ich mchte Euch
bitten, uns einen Dienst, einen Liebesdienst zu erweisen.
    Welchen?
    Uns zwei Bilder aus der Vergangenheit dieses Ortes zu zeigen, die zwei fr
uns wichtigsten Bilder. Versteht Ihr mich?
    Ich verstehe. Ihr wnschet, da wir uns jetzt auf die Pferde setzen und ich
euch herumfhre, um euch Alles zu zeigen, was damals geschehen ist, zum ersten
Male, als Intschu tschuna mit seiner Tochter erschossen wurde, und zum zweiten
Male, als euer Vater mir das Testament entri?
    Ja, das meine ich.
    Das wollte ich tun, um Mrs. Burton die betreffenden Orte zu zeigen. Wollt
ihr uns begleiten, so habe ich nichts dagegen. Ich denke aber, da es besser fr
euch ist, darauf zu verzichten.
    Warum?
    Weil meiner Ansicht nach ein Sohn sehr starke Nerven haben mu, um einen
Rundritt zu den Orten auszuhalten, an denen sein Vater solche Taten beging.
    Wir sind gesund, und unsere Nerven sind es auch. Also ihr wollt?
    Ja.
    Wann?
    Wann es euch beliebt.
    Also sofort! Ich habe nmlich nicht den Vorzug, sehr geduldig zu sein.
    Werdet es schon noch werden, wenn nicht jetzt, so doch spter. Wir reiten
also. Mr. Pappermann bleibt als Wache hier.
    Sehr gern! nickte der Alte. Habe nicht die geringste Lust, mich um
derartige alte Stapfen zu bekmmern!
    Er htte sich wohl gern noch krftiger ausgedrckt, denn er konnte die
Brder nicht leiden, und besonders Sebulon war ihm direkt verhat, doch lie er
es bei dieser Andeutung bewenden. Wir Andern konnten gleich wieder aufsteigen,
denn die Pferde waren noch gar nicht abgesattelt. Wir ritten den Weg, den wir
gekommen waren, wieder zurck und dann sdwrts bis zu dem Spring, an dem ich
damals mit Winnetou, Intschu tschuna, Nscho-tschi, Sam Hawkens, Dick Stone, Will
Parker und den dreiig Apatschen gelagert hatte. Das ist in Winnetou Band I
Seite 483 zu lesen. Von da aus verfolgten wir die Wege, die ich dann teils
gegangen und teils geritten war, bis die Schsse fielen, von denen Vater und
Tochter getroffen wurden. Hierdurch gewannen meine Frau und die Brder ein
klares Bild von der Ermordung derer, die mir so lieb gewesen waren. Wir waren
hierbei zu unserem Zelte zurckgekommen, wo ich dann gleich an Ort und Stelle
erzhlen und erklren konnte, wie es bei dem Raube des Testamentes zugegangen
war. Hariman Enters hatte whrend dieses ganzen Rittes und dieser ganzen
Instruktion kein einziges Wort gesprochen und mich kein einziges Mal angesehen.
Er tat mir leid. Seine Wangen glhten zuweilen; oft wischte er sich den Schwei
von der Stirn. Er fieberte. Ganz anders sein Bruder. Dieser schien ganz
unberhrt. Er zeigte eine Ruhe, die selbst ein guter Menschenkenner vielleicht
fr echt gehalten htte. Aber seine Augen - seine Augen! Die hatte er nicht in
der Gewalt! Die verrieten Alles, Alles. Er war wtend darber, da die Streiche
seines Vaters nicht so geglckt waren, wie es in dessen Absicht gelegen hatte.
Er hate mich wahrscheinlich noch tiefer und noch glhender, als dieser mich
gehat hatte. Er war eines jeden Verbrechens, sogar des Mordes, gegen mich
fhig. Und doch brauchte ich ihn nicht zu frchten, wenigstens jetzt noch nicht,
weil er mich an Kiktahan Schonka abzuliefern hatte, und zwar, wie sich ganz von
selbst verstand, lebendig und vollstndig heil.
    Auch er bemerkte jetzt die kleine Bodenvertiefung am Huptlingsgrabe. Er
betrachtete sie, sann nach und fragte mich dann:
    Hier habt Ihr wohl gegraben, damals?
    Ja, nickte ich.
    Da lag das Testament?
    Ja. Und nicht nur das Testament.
    Was noch?
    Das wei ich nicht; ich werde es aber erfahren. Ich bitte euch, mir eure
Spaten zu borgen.
    Wozu?
    Um zu graben.
    Noch einmal? - Hier? - An dieser Stelle?
    Gewi, noch einmal! Und an derselben Stelle!
    So glaubt Ihr wirklich, wirklich, da damals nicht Alles herausgenommen
worden ist?
    Das glaube ich, grad das!
    Da leuchteten seine Augen infolge einer inneren Flamme glhend auf, und
seine Stimme klang vor Erregung heiser, als er rief:
    Und da soll ich Euch unsere Spaten borgen! Fllt mir gar nicht ein! Nicht
im Traume! Wir graben selbst, wir selbst, mein Bruder und ich!
    Er rannte dorthin, wo die Spaten lagen, holte sie, hielt seinem Bruder einen
hin und forderte ihn auf:
    Steh auf, und heule nicht, alte Memme! Du hrst es ja: Das Nest ist nicht
ganz ausgenommen worden! Es gibt noch was zu holen! Wahrscheinlich viel, sehr
viel! Steh auf; steh auf! Arbeiten heit es jetzt, arbeiten!
    Hariman hatte sich wieder niedergesetzt und den Kopf gesenkt! Er stie den
ihm angebotenen Spaten von sich und sagte:
    La mich! Ich arbeite nicht! Ich rhre keine Hand! Verflucht sei all das
Gold und deine Sucht, es Andern zu entreien! Du wirst an ihr zugrunde gehen,
genau wie er - wie er!
    So willst du nicht?
    Nein! Gib dir keine Mhe! Ich habe genug!
    Feigling! Verdammte Memme! zischte Sebulon ihn verchtlich an.
    Da erhob sich Hariman mit einem schnellen Rucke, trat hart an ihn heran und
fragte in zornigem Tone:
    Wer ist die Memme? Du oder ich? Ich habe den Mut, zu kmpfen; du aber hast
ihn nicht! Ich will frei sein, frei von diesem Teufel, der uns besessen hat und
auch heute noch besitzt. Er ist ohne Gnade und ohne Erbarmen. Er gebietet uns,
ihm zu gehorchen oder zugrunde zu gehen. Er fordert von uns das Verbrechen oder
den Shnetod fr den Vater. Dir fehlt der Mut, gegen ihn zu kmpfen; darum
whlst du das Verbrechen; ich aber whle... den Tod. Ich wiederhole also die
Frage: Wer ist die Memme? Du oder ich?
    Ich whle nicht das Verbrechen, sondern ich whle das Gold, das Gold! Und
wenn du nicht hilfst, so nehme ich mir es allein!
    Er warf den einen Spaten hin und begann, mit dem andern zu graben. Hariman
setzte sich wieder nieder. Da trat Pappermann herbei, griff nach dem am Boden
liegenden Spaten und sagte:
    Ich helfe mit. Zwei frdern mehr als Einer.
    Sebulon aber fuhr ihn schnell an:
    Fort mit Euch! Ihr habt hier nichts zu suchen! Ich dulde keinen Andern!
    Well! Ganz wie Ihr wollt! Ich glaubte, Euch einen Gefallen zu tun!
    Er lie den Spaten wieder fallen. Sebulon aber arbeitete in einer Weise, als
ob er von Sinnen sei. Er tat Stich um Stich, und zwar mit einem Ueberma von
Kraft und Eile, als ob keine Minute zu verlieren sei und es sich um Leben und
Seligkeit handle. Das Loch wurde tiefer und tiefer. Er starrte nur immer hinein.
Er sah weder nach rechts noch nach links. Der Schwei lief ihm von der Stirn und
ber die Wangen herunter.
    Das ist Wahnsinn - der offenbare Wahnsinn! flsterte meine Frau mir zu.
Er tut, als ob ihm Alles gehre! Was soll daraus werden?
    Nichts Gefhrliches fr uns, antwortete ich ebenso leise.
    Aber wenn er Etwas findet - was dann?
    Wenn es kein Gold oder Geldeswert ist, wird er es verschmhen.
    Und wenn es Etwas ist, was er nicht verschmht? Dann kommt es unbedingt zum
Kampfe zwischen dir und ihm!
    Zum Kampfe? Keinesfalls! La mich nur machen, und habe keine Sorge! Es
handelt sich hier um unendlich wichtige psychologische Vorgnge, die ich in
dieser Weise gewi niemals wieder zu sehen bekomme.
    Was hast du von all diesem psychologischen Interesse, wenn du es mit dem
Leben bezahlen mut!
    Bitte doch, sei vernnftig sei ruhig! Es geschieht mir nichts, wirklich
nichts!
    Ich mchte es wohl glauben. Aber gib mir trotzdem einen von deinen
Revolvern! Ich schiee diesen wahnwitzigen Menschen augenblicklich nieder, wenn
er es wagt, die Hand an dich zu legen!
    Das war ihr Ernst. Sie hatte wirklich Angst. Die Gute, der es ganz unmglich
ist, einen Wurm oder Kfer unzart zu berhren, wollte aus Liebe zu mir einen
Menschen niederschieen! Ich war gerhrt, verbarg dies aber und antwortete
lachend:
    Liebes Kind, wenn geschossen werden soll und mu, so tue ich es selbst. Ich
ziele besser als du. Und nun sei gut und...
    Horch! unterbrach sie mich. Was ist es?
    Sebulon hatte nmlich einen Ruf ausgestoen, einen Jubelruf, und verdoppelte
seine Anstrengung. Die Erde flog nur so aus dem Loche heraus. Ich trat hin, um
hinabzuschauen.
    Fort, fort! brllte er mich an.
    Ich will nur einen Blick hinuntertun! entschuldigte ich mich.
    Auch das nicht! Fort, oder ich schlage zu!
    Er hob den Spaten hoch empor und sah mich mit drohenden Augen an. Sie waren
wie mit Blut unterlaufen. Ich trat zurck und fuhr in beruhigendem Tone fort:
    Darf man denn nicht einmal fragen, warum Ihr jetzt gerufen habt?
    Das will ich Euch wohl sagen: Ich bin auf Gold gestoen.
    Wirklich?
    Ja - auf etwas Hartes, Breites. Das Loch ist zu schmal. Ich mu es grer
machen. Aber ich allein, ich allein! Wer mir zu nahe kommt, den schlage ich
nieder, sei er, wer er sei!
    Er arbeitete weiter; ich aber kehrte an meinen Platz zurck.
    Siehst du, da ich Recht habe? begann das Herzle ihre Warnungen aufs Neue.
Er wollte dich erschlagen!
    Wird es aber nicht tun. Bitte, kompliziere mir die Situation nicht durch
deine Angst! Du hast absolut keinen Grund, dich zu beunruhigen!
    Da beruhigte sie sich, obgleich der Eindruck, den Sebulon machte, keineswegs
geeignet war, dieser Beruhigung Vorschub zu leisten. Bisher hatte er sich den
Schwei von Zeit zu Zeit abgewischt; nun tat er das nicht mehr. Die Nsse rann
in groen, schweren Tropfen herunter. Das Gesicht erschien geschwollen; die
Augen traten mehr und mehr hervor. Er chzte und sthnte, erst nur zuweilen, nun
aber fast bei jedem Spatenstich. Er ermdete. Er mute dann und wann innehalten,
um Atem zu holen. Seine Arme begannen zu zittern. Seine Bewegungen wurden
ungewi. Es war ein hlicher, ein beraus hlicher Anblick, den er bot. Er
glich einem Dmon, einem bsen Geiste, dessen Betrachtung fr sterbliche Augen
unertrglich ist.
    Da endlich wieder ein Freudenruf! Und wieder einer und abermals einer!
    Vater, Vater, du bist hier! Du hilfst mir! Ich wei es; ich fhle es! Ich
danke dir; ich danke dir!
    Nachdem er dies im Tone des Entzckens ausgerufen hatte, wendete er sein
verzerrtes Gesicht uns zu und drohte:
    Keiner darf heran, Keiner! Wer es wagt, diese Schtze zu berhren, den
schlage ich tot, sofort und augenblicklich tot! Merkt euch das!
    Das Loch war breit und tief geworden. Er stieg hinein. Es ging ihm bis an
den Grtel. Er bckte sich nach innen und hob Etwas empor. Er legte es auf den
Rand. Es war ein tnernes Gef. Er brachte noch eines zum Vorschein und noch
eines; dann ein viertes und fnftes. Hierauf grub er noch eine Weile tiefer,
stieg sodann heraus, tat einen langen, schweren Atemzug und sagte:
    Fertig! Das ist Alles! Weiter gibt es nichts!
    Hariman hatte von ihm abgewendet gesessen. Jetzt drehte er sich um, sah die
Gefe, stand auf und nherte sich seinem Bruder.
    Ah, da kommst du doch! hhnte dieser. Aber glaube ja nicht, da du Etwas
davon bekommst! Es ist mein, Alles mein, Alles mein!
    Nichts ist dein! antwortete Hariman.
    Wem sonst?
    Es gehrt Mr. Burton, keinem Andern. Winnetou hat es fr ihn vergraben, fr
ihn allein!
    Beweis, Beweis! lachte Sebulon. Dieser Mr. Burton hat sich vor dreiig
Jahren geholt, was ihm gehrte. Das Testament. Alles Andere lie er liegen; es
war nicht sein! Heut habe ich es gefunden. Ein Fund wie jeder andere
Prairiefund. Nach dem Gesetz des Westens gehrt er dem Finder, also mir, nur
mir!
    Falsch, grundfalsch! widersprach Hariman. Was wutest du von diesem
Schatz? Mr. Burton aber kannte ihn. Er wollte ihn holen, wollte graben. Er bat
um unsere Spaten. Du hast ihm nicht nur deinen Spaten, sondern auch deine Arme,
deine Arbeitskraft geliehen. Du grubst in seinem Namen; Du grubst fr ihn. So
ist es; so steht es, und niemand kann es ndern.
    So? So? zischte Sebulon. Das sagst du, mein eigener Bruder! Woher weit
du, da ich fr ihn gegraben habe, nicht aber fr mich, fr mich? Hast du das
etwa von mir gehrt? Nein! Oder von ihm? Nein! Er hat ruhig zugesehen, als ich
arbeitete, und nicht gesagt, da es fr ihn sein soll. Und als er an das Loch
kam, um hinabzuschauen, und ich ihn fortwies, da hat er gehorcht; da hat er sich
entfernt, ohne auch nur den allergeringsten Anspruch auf das zu erheben, was
sich in dem Loche befand. Verstanden? Diese fnf Schatzgefe sind also mein
Eigentum. Und ich will den sehen, der den Mut besitzt, sie mir streitig machen
zu wollen! Jetzt hilf! Ich will sie ffnen!
    Das Herzle sah mich besorgt und fragend an. Ich antwortete leise:
    Warten wir, was sich drin befindet. Auf keinen Fall ist es Gold.
    Vielleicht doch.
    Nein. Ich habe aufgepat. Fr Gold war es nicht schwer genug. Nur Geduld!
    Die Tongefe waren von quadratischer Gestalt, von blaubrauner Farbe und mit
indianischen Figuren verziert. Man erkannte sie sofort und auch schon von weitem
als gebrannte Tpferarbeiten aus einem Moqui- oder Zuni-Dorfe. Sie waren aus
einem oberen und einem unteren Teile zusammengesetzt, der erstere auf den
letzteren gestlpt, die Verbindungslinie mit einem Kitt berzogen, der keine
Feuchtigkeit hindurchlie. Auerdem waren sie noch mit starken, gelten
Bastschnren umwickelt und verknotet. Ich vermutete auch aus diesem Grunde, da
der Inhalt kein Metall, sondern irgend ein Gegenstand sei, der vor allen Dingen
vor Feuchtigkeit zu beschtzen gewesen war.
    Also komm, und hilf! forderte Sebulon seinen Bruder nochmals auf. Aber
nimm dich in acht, da wir nichts zerbrechen!
    Sie setzten sich miteinander zu den Gefen nieder und begannen, zunchst
die Umschnrung zu entfernen. Hariman tat dies in ruhiger und bedchtiger Weise,
Sebulon aber hastig, nervs und ohne Geduld. Wie vorhin seine Arme gezittert
hatten, so bebten jetzt seine Hnde und Finger.
    Die verfluchten vielen Knoten! klagte er. Es geht so langsam, so langsam!
Und doch ist der Vater da, der Vater! Ich fhle es an der Aufregung, an der
Leidenschaft, die mich zersprengen mchte. Mach schnell, mach schnell! Aber
zerbrich nichts, ja nichts! Es darf kein einziger Bruch, kein Ri entstehen!
    Als die Schnre von den ersten zwei Gefen entfernt waren, machten sich die
Beiden daran, den Kitt mit den Messern zu entfernen. Das war eine zeitraubende
Arbeit, weil er sich im Verlaufe der Zeit in Stein verwandelt hatte. Dabei
sprach Sebulon in Einem fort auf seinen Bruder ein, von Silber, von Gold, von
Perlen, von alten, mexikanischen, toltekischen, aztekischen oder gar
altperuanischen Schmucksachen und Geschmeiden. Er bildete sich das Teuerste, das
Kstlichste ein, was es gibt. Das artete nach und nach in hirnverbranntes,
verrcktes Schwatzen aus, welches man eben nur des psychologischen oder vielmehr
psychiatrischen Interesses wegen ertrug. Sie hielten gleichen Schritt in ihrer
Arbeit. Als der Eine fertig war, war es auch der Andere. Jeder konnte sein Gef
nun ffnen, tat es aber noch nicht. Die Spannung war zu gro. Man holte erst
Atem.
    Rate! Was ist drin! rief Sebulon mit zuckenden Lippen und fast
kreischender Stimme. Gold? Diamanten...?
    Ich rate nicht, antwortete Hariman. Machen wir auf!
    Gut! Ich zhle! Eins.. zwei.. drrrrrrrei...!
    Die beiden Deckel flogen zu gleicher Zeit auf. Jeder schaute in sein Gef.
Jeder griff hinein, um den Inhalt herauszunehmen, aber still, ganz still. Es
ertnte kein Ruf der Ueberraschung, der Freude oder gar des Jubels. Sie
betrachteten, was sie in den Hnden hielten.
    Ein Lederpaket! sagte endlich Sebulon.
    Ja, ein Lederpaket, stimmte Hariman bei.
    Etwa mit Gold?
    Nein. Dazu ist es zu leicht.
    Diamanten? Geschmeide?
    Auch zu leicht.
    Gar Banknoten?
    Seine Augen blitzten wieder auf. Fnf solch Pakete mit Banknoten! Welch ein
Vermgen!
    Auf, auf! Schneiden wir auf! Schnell, schnell! rief er aus.
    Die Riemen wurden zerschnitten und die Lederteile auseinander geschlagen.
    Bcher! sagte Hariman enttuscht.
    Bcher! Tod und Teufel! Nur Bcher! brllte Sebulon. Weg mit ihnen, weg,
weg!
    Er schleuderte sie fort.
    Aber was fr Bcher? warnte Hariman. Schau doch erst nach! Es kann ja
Geld drin liegen!
    Sofort holte Sebulon das weggeworfene Volumen wieder her, um es zu prfen,
warf es aber sehr bald noch weiter von sich als vorher.
    Geschriebene Seiten, lauter geschriebene Seiten! zrnte er. Mit
nichtssagenden Ueberschriften und mit dem geliebten Namen Winnetou!
    Bei mir hier auch, erklrte Hariman, der sein Paket inzwischen auch einer
Untersuchung unterworfen hatte.
    So weg damit, immer weg! Und dafr die andern drei her! Ich hoffe, da sie
Besseres enthalten!
    Man kann sich denken, da ich den Verlauf dieser Szene nicht so gleichgltig
verfolgte, wie ich mir den Anschein gab. Hier war mir jedes einzelne Blatt oder
Blttchen, jedes Stckchen Leder oder Bastschnure heilig. Ich lie die Beiden
nur deshalb gewhren, weil sie mir die Arbeit abnahmen. Aber verletzen oder gar
verderben durften sie mir nichts; das verstand sich ganz von selbst. Jetzt nun,
als sie die beiden nchsten Gefe hernahmen, ging das Oeffnen derselben dem
ungeduldigen Sebulon nicht schnell genug. Er schnitt und ri die Umschnrung in
bebender Eile herunter und rief dabei aus:
    Das geht Alles zu langsam, viel zu langsam! Der Kitt wird nicht wieder
aufgekratzt, denn das erfordert zu viel Zeit. Wir schlagen die Gefe einfach
entzwei. Da sehen wir sofort, was sie enthalten!
    Da ging ich schnell zu ihnen hin und sagte:
    Entzweigeschlagen wird hier nichts! Diese Gefe enthalten das Vermchtnis
eines groen, edlen Verstorbenen. Sie haben fr mich einen greren Wert als
Gold und Edelsteine. Ich dulde nicht, da man sie zerbricht!
    Er stellte das, was er in den Hnden hatte, neben sich hin, griff zum
Spaten, sah mich drohend an und fragte:
    Und wenn ich sie dennoch zerbreche, was dann?
    Pshaw! Ihr kommt ja gar nicht dazu!
    Wieso?
    Ich schlage Euch nieder, da Ihr zur Erde fliegt wie ein umgefallener
Sack!
    Ah, wirklich, wirklich? Versucht das doch einmal! Merkt aber vorher auf,
was ich Euch sage: Ihr seht den Spaten in meiner Hand. Mit ihm zerschlage ich
zunchst das Gef, und dann, wenn Ihr nur die geringste Bewegung gegen mich
wagt, zerschmettere ich Euch mit ihm den Schdel! Nun tut, was Ihr wollt!
    Er hob den Spaten hoch, um seine Drohung auszufhren, und ich ballte schon
die Faust zum angekndigten Hieb; da aber stand auch schon das Herzle neben mir
und sagte:
    Nicht du, sondern ich!
    Sie schob mich zur Seite, trat hart an Sebulon heran und befahl:
    Nieder mit dem Spaten, nieder!
    Sie streckte dabei die Hand gebieterisch aus. Man sah ihr an, da es ihr gar
nicht einfiel, einen Widerstand zu erwarten. Er fuhr, fast mchte ich sagen,
erschrocken zusammen und schaute ihr in die Augen. Ihre beiderseitigen Blicke
hingen fr kurze Zeit aneinander. Da senkte er den seinen, und er senkte auch
den Spaten.
    Werft ihn weg! kommandierte sie.
    Er lie ihn fallen.
    Setzt Euch wieder nieder! forderte sie ihn in weniger strengem Tone auf.
    Er tat auch das.
    So! Nun fahrt in Eurer Arbeit fort, aber vorsichtig und anstndig! Es darf
nicht der geringste Ri oder Sprung entstehn! Ich hoffe, Ihr tut mir das zu
Liebe!
    Zu Liebe, ihr zu Liebe! erklang es kleinlaut aus seinem Munde. Was soll
man von mir denken, da ich gehorche! Diese Augen, diese Augen! Hariman, sag es
ihr, sag es ihr, damit wenigstens er mich nicht fr einen Feigling hlt, der
sich vor ihm frchtet!
    Was ist's? fragte sie den Genannten.
    Er antwortete:
    Mein Bruder kann Eure Augen nicht ertragen, Mrs. Burton. Gleich vom ersten
Augenblicke an. Er sagte es mir sofort, nachdem er Euch gesehen hatte, und er
hat es mir bis jetzt schon zehnmal, schon zwanzigmal wiederholt.
    So ist es! klagte Sebulon. Diese Augen, diese niedertrchtigen,
unausstehlichen blauen Augen! Sie tun mir weh! Sie plagen und qulen mich!
Schaut weg von mir, Mrs. Burton, schaut weg! Sonst tue ich Alles, Alles, was Ihr
wollt!
    Da setzte sie sich neben ihn nieder, berhrte mit ihrer Hand leise seinen
Arm und antwortete:
    Wenn Ihr doch immer nur ttet, was ich will, so ttet Ihr stets das
Richtige!
    Er zuckte den von ihr berhrten Arm und sthnte:
    Alle Teufel! Nun fat sie mich sogar an!
    Ich werde es nicht wieder tun. Es geschah ganz ohne Absicht, entschuldigte
sie sich. Nun aber bitte, die Gefe wieder zur Hand! Ich bleibe dabei und
schaue zu.
    Er griff gehorsam nach dem seinen und sagte, zu Hariman gewendet:
    Also, entfernen wir den Kitt! Aber behutsam, sehr behutsam, damit ja nichts
zerbricht! Verstanden?
    Er nahm, als ob gar nichts vorgefallen sei, die unterbrochene Arbeit von
neuem auf. Und er tat sie so sorgfltig und so bedchtig, da ich mich im
stillen schier verwunderte. Das Herzle aber lchelte leise und glcklich Sie
fhlt sich immer so froh, wenn es ihr gelungen ist, etwas Bses in Gutes zu
verwandeln. Zwar kehrte die frhere Hast bei Sebulon nach und nach zurck; aber
er widerstrebte ihr; es gelang ihm, sich zu beherrschen, wenigstens bis zu dem
Augenblicke, an dem er so weit war, das Tongef ffnen zu knnen. Da holte er
tief, tief Atem und rief dann aus:
    Verzeihung, Mrs. Burton! Wenn es wieder nur Bcher sind, so sollen sie Euer
sein! Wenn es aber Gold oder dem Aehnliches ist, so gebe ich es nicht her! Um
keinen Preis! Soll ich nachschauen?
    Ja, antwortete sie.
    Er entfernte den Deckel und sah hinein.
    Ganz dasselbe Lederpaket! sthnte er.
    Er nahm es heraus, ffnete es und durchsuchte es.
    Wieder nur geschriebene Zeilen, weiter nichts, weiter nichts! Es ist ein
Unglck, ein Jammer, eine Schande! Und du?
    Diese Frage war an seinen Bruder gerichtet, der sein Paket soeben auch
geffnet hatte. Er zeigte es her und antwortete:
    Auch nur Schreibereien, nichts Anderes!
    Da sprang Sebulon auf und jammerte:
    Ich mu Atem holen, Atem! Es packt mich die Wut! Mich rhrt der Schlag!
    Er warf die Arme um sich und rannte auf und ab. Hariman aber griff still
nach dem fnften, also letzten Gef und begann, zunchst die Schnuren zu
entfernen. Das Herzle griff mit zu, um ihm zu helfen. Als Sebulon das sah, kam
er schnell herbei, schob sich zwischen sie und seinen Bruder hinein und bat:
    Nicht Ihr, nicht Ihr, Mrs. Burton! Schont Eure Hnde! Ich mache das fr
Euch!
    Das war nicht etwa bs, sondern gut gemeint. Wie sonderbar! Es dauerte nicht
lange, so war auch dieser letzte Behlter geffnet. Er hatte denselben Inhalt
wie die andern vier. Da beugte sich Sebulon ganz so, wie sein Bruder es vorher,
nur aus ganz anderem Grunde, gemacht hatte, tief nieder, legte sein Gesicht in
beide Hnde und begann zu weinen. Seine Brust arbeitete konvulsivisch. Wir
Andern verhielten uns still. Nach einer Weile stand er mit einem pltzlichen
Rucke auf, sah sich um, als ob er aus einem Traume erwache und rief in zornigem
Tone:
    Wie sagte ich? Wie habe ich gesagt? Er sei da, unser Vater, unser Vater?
Verrckter Kerl, der ich bin! Von dem alten Lump ist lngst keine Faser, kein
Atom, kein Stubchen mehr brig! Nur die Schande hat er uns gelassen, die
Schande! Und den Trieb zum Bsen hat er uns vererbt, den Drang zum Mord, zur
Selbstvernichtung! Das ist Alles, was wir ihm zu verdanken haben, Alles, Alles!
Und das will Vater gewesen sein und hat sich Vater genannt! Pfui!
    Er spuckte dreimal aus und wendete sich von uns, sich zu entfernen. Aber
schon nach wenigen Schritten blieb er stehen, drehte sich nach uns um und sagte:
    Mrs. Burton, ich verzichte auf die Schreibereien. Ich mag sie nicht. Ich
schenke sie Euch, hrt Ihr es, Euch, nur Euch! Mit einem jeden Andern wrde ich
um sie kmpfen, sogar mit Old Shatterhand. Euch aber will ich sie berlassen,
ohne da ich Etwas dafr verlange. Sie sind also Euer Eigentum. Macht damit, was
Euch beliebt!
    Hierauf wendete er sich wieder von uns ab und schritt davon, in den Wald
hinein, hinter dessen Bumen er verschwand.
    Trichter Mensch! sagte sein Bruder, der ihm, ebenso wie wir, nachgeschaut
hatte. Weiter sagte er nichts.
    Das Herzle hatte nun eigentlich jetzt das Essen zu bereiten; sie tat es aber
nicht. Sie wollte zunchst wissen, was fr ein Schatz es war, den wir da
ausgegraben hatten. Ich bat vor allen Dingen Pappermann, noch einmal tiefer zu
graben, der Ueberzeugung wegen, da nicht etwa auch heut wieder Etwas liegen
gelassen werde. Hariman Enters erbot sich sofort, ihm dabei zu helfen. Sie
gingen noch volle zwei Fu tiefer, fanden aber nichts und schtteten dann die
Bodenffnung vollstndig wieder zu. Inzwischen untersuchte ich mit meiner Frau
den Inhalt smtlicher fnf Gefe.
    Es waren lauter zusammengebundene Hefte, Manuskripte, geschrieben von
Winnetous eigener, mir wohlbekannter Hand. Man kann sich wohl denken, welchen
Eindruck diese kalligraphisch nicht schnen, aber auerordentlich
charakteristischen Schriftzge auf mich machten. Die Buchstaben hatten peinlich
genau dieselbe Lage und Lnge. Die Schrift war klar und harmonisch, wie die
Seele dessen, von dessen Hand sie stammte. Er hatte eigentlich nicht
geschrieben, sondern gezeichnet und gemalt. Kein einziger Fleck, keine Spur
irgend einer Unsauberkeit war da zu sehen. So war er ja immer, und so war er in
Allem gewesen! Und das waren nicht etwa nur zwanzig, dreiig, fnfzig Seiten,
sondern viele, viele hunderte! Wo hatte er sie geschrieben? Auf den Umschlgen
einiger Hefte war es zu sehen. Da stand: Geschrieben am Nugget-tsil - -
Geschrieben am Grabe meines Vaters - - Geschrieben am Grabe Klekih-petra's -
- Geschrieben in Old Shatterhands Wohnung am Rio Pecos - - Geschrieben bei
Tatellah-Satah - - Geschrieben fr meine roten Brder - - Geschrieben fr
meine weien Brder - - Geschrieben fr alle Menschen, die es gibt. Viele der
Hefte aber waren ohne solch eine Ueberschrift. Die Sprache war englisch. Wo ihr
der richtige, individuelle Ausdruck fehlte, traten die bezeichnenderen
indianischen Worte an ihre Stelle. Er hatte von mir so manchen deutschen
Ausdruck gehrt und im Gedchtnis festgehalten. Nun war es so rhrend, zu sehen,
wie sehr und wie gern er sich in diesen Blttern befleiigt hatte, an hierzu
geeigneten Orten diese Ausdrcke in Anwendung zu bringen.
    Am Schlusse des letzten Heftes fand ich ein vollstndiges Inhaltsverzeichnis
und einen an mich gerichteten Brief. Das Inhaltsverzeichnis werde ich spter
verffentlichen. Der Brief lautete folgendermaen:

                    Mein lieber, lieber, guter Bruder!
    Ich bete zum groen, allgtigen Manitou, da Du kommst, um Dir diese Bcher
        zu holen. Und wenn Du sie beim ersten Male verfehlst, weil Du nicht tief
        genug grbst, so ist es noch nicht an der Zeit, da sie in Deine Hnde
        kommen. Dann werde ich nicht eher aufhren im Gebete, bis Du endlich
        doch noch kommst und sie findest. Denn sie sind nur fr Dich, fr keinen
        Andern.
    Ich habe dieses mein Vermchtnis nicht bei Tatellah-Satah niedergelegt, weil
        er Dich nicht liebt. Aber auch hier sind seine Grnde edel, wie immer.
        Und ich habe es auch keinem Andern anvertraut, weil mein Vertrauen zum
        allmchtigen und allweisen Vater der Welten grer ist, als zu den
        Menschen. Ich grabe diese Bcher tief in die Erde, denn sie sind
        wichtig. Hher oben liegt ein zweites Testament, um dieses hier zu
        verbergen und zu beschtzen. Ich werde Dir nur von diesem oberen sagen,
        damit das untere liegen bleibe, bis seine Zeit gekommen ist. Und ich
        habe Tatellah-Satah mitgeteilt, da hier zwei Vermchtnisse fr Dich
        liegen, damit sie, wenn Du ja nicht kommen solltest, trotzdem nicht
        verloren gehen.
    Und nun ffne mir Dein Herz und Deinen Geist, und vernimm, was ich, der
        Verstorbene und doch Lebende, Dir sage!
    Ich bin Dein Bruder. Ich will es sein und bleiben. Auch dann, wenn die
        Trauerkunde durch die Stmme der Apatschen geht: Winnetou, unser
        Huptling, ist tot! Du hast mich gelehrt, da der Tod die grte aller
        Erdenlgen sei. Ich mchte Dir beweisen, da dieses kstliche Geschenk,
        welches Du mir brachtest, die Wahrheit enthlt. Ich will, wenn man von
        mir sagt, da ich gestorben sei, die Hnde ebenso ber Dich breiten, wie
        ich sie ber Dich breitete, als ich noch lebte. Ich will Dich schtzen,
        mein Freund, mein Bruder, mein lieber, lieber Bruder.
    Der groe, gute Manitou fhrte uns zusammen. Wir sind nicht Zwei, sondern
        Einer. Wir werden es bleiben. Es gibt keine Macht auf Erden, die stark
        genug ist, dies zu verhindern. Auch das Grab ghnt nicht zwischen uns.
        Ich werde seine Tiefe berspringen, indem ich in diesem meinem
        Vermchtnisse zu Dir komme und fr immer bei Dir bleibe.
    Du bist, seit ich Dich kenne, mein Schutzengel gewesen, und ich war in
        gleicher Weise der Deine. Du standest mir hher, als jeder Andere, den
        ich liebte. Ich eiferte Dir nach in allen Dingen. Du gabst mir viel. Du
        brachtest mir Schtze fr Geist und Seele, und ich versuchte, sie
        festzuhalten und mir anzueignen. Ich bin Dein Schuldner; aber ich bin es
        gern, denn diese Schuld ist nicht drckend, sondern erhebend. Konnten
        die Bleichgesichter nicht alle so zu uns kommen, wie Du, der Einzelne,
        zu mir, dem Einzelnen, kamst? Ich sage Dir, alle, alle meine roten
        Brder wren ebenso gern ihre Schuldner geworden, wie ich der Deine
        geworden bin! Der Dank der roten Rasse wre ebenso gro und ebenso
        aufrichtig gewesen wie der Dank Deines Winnetou fr Dich. Und wo
        Millionen danken, da wird die Erde zum Himmel.
    Aber Du hast noch mehr getan, unendlich mehr als das! Du hast Dich nicht nur
        Deines roten Freundes, sondern auch seiner ganzen verachteten,
        verfolgten Rasse angenommen, obgleich Du ebenso wutest und weit wie
        ich, da die Zeit kommen wird, in der man Dich dafr ebenso verachtet
        und verfolgt wie sie. Doch zage nicht, mein Freund; ich werde bei Dir
        sein! Was man Dir, dem Lebenden, nicht glaubt, das wird man mir, dem
        Verstorbenen, glauben mssen. Und wenn man das, was Du schreibst, nicht
        begreifen will, so gib ihnen das zu lesen, was ich geschrieben habe. Ich
        bin berzeugt, es war gewi die khnste, aber wohl auch die beste Tat
        Deines Winnetou, da er in stillen, heiligen Stunden das Gewehr zur
        Seite legte, und fr Dich zur Feder griff. Sie ist mir schwer geworden,
        diese Tat, sehr schwer, dieser Feder wegen, die sich strubte, mir, der
        Rothaut, zu gehorchen. Und doch auch leicht, so leicht, des Herzens
        wegen, dessen Stimme aus jeder Zeile spricht, die ich dem Volk der
        Menschen hinterlasse.
    So wird Dein Winnetou auch noch im Tod an Deiner Seite stehen, denn meine
        Liebe lebt. So wird er fr Dich kmpfen, indem er fr sich selbst und
        seine Rasse kmpft. So hab ich mich zu Deinem Schutz zu Dir emporgehoben
        und bitte Dich, vergnne mir den Platz! Dann wird auch ebenso mein Volk
        sich zu dem Deinigen erheben, und alle Leiden meiner Nation sind
        ausgelscht, wenn nicht aus der Geschichte, so doch vor Manitou, der
        gtig richtet, wenn er kann und darf.
    Du weit, ich bin bei Dir, wenn Deine Augen diese Zeilen lesen, doch nicht
        als Geist, als irre Spiritistenseele, sondern als mein treuer, warmer
        Puls, der fortan mit dem Deinigen vereint in Deinem Herzen schlgt.
        Knnte dieser Puls der Puls der ganzen Menschheit sein!
    Bin ich ein Tor, indem ich dieses schreibe? Ich gre Dich! Was Du von mir
        noch Alles hren mchtest, wirst Du in diesen Blttern finden. Ich
        brachte sie zum Nugget-tsil. Die Grube ist geffnet, sie fr Dich
        aufzunehmen. Bin ganz allein! Wie habe ich Dich geliebt! Wie liebe ich
        Dich noch! Du warst mir Geist und Seele, Herz und Wille. Was ich Dir
        bin, das wurde ich durch Dich. Es gibt so Viele, so ungezhlte Viele,
        die ganz dasselbe werden mchten, fr Euch - - fr Euch - - - fr Euch!
                                                                 Dein Winnetou.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

    Das Herzle sa eng neben mir. Ich hatte ihr mit halblauter Stimme
vorgelesen. Als ich nun fertig war, sagte sie nichts. Sie schlang ihre Arme um
mich, lehnte ihren Kopf an meine Schulter und weinte. Auch ich war still. So
saen wir lange Zeit. Dann packten wir die Manuskripthefte in die Tongefe und
trugen sie in das Zelt, um sie dort aufzubewahren. Den Brief aber behielt ich
zurck.
    Wirst du ihn dem jungen Adler zeigen? fragte sie mich.
    Ich hatte soeben denselben Gedanken gehabt. Wieder einer jener hufigen,
alltglichen Flle, da sie in ganz demselben Augenblick auch ganz dasselbe
denkt wie ich.
    Ja, er soll ihn lesen, und zwar sogleich, antwortete ich.
    Wir gingen zu ihm hin. Es schien, als habe er sich gar nicht um uns
bekmmert. Aber als ich ihm den Brief mit einigen erklrenden Worten zum Lesen
berreichte, ging es wie heller Sonnenschein ber sein Gesicht. Er sprang
schnell auf, griff nach dem Brief und sagte:
    Ich danke Euch, Mr. Burton! Glaubt mir, ich wei ganz genau, was es heit,
einen solchen Brief aus solcher Hand zu bekommen!
    Ich zeige ihn Euch nicht ohne egoistische Absicht, erwiderte ich. Ich
stelle dieses Vermchtnis meines Winnetou unter Euern besondern Schutz. Ich kann
nicht stets in der Nhe des Zeltes sein und bitte um Eure Wachsamkeit, so oft
ich gezwungen bin, mich zu entfernen. Zum Beispiel gleich jetzt. Ich gehe
nmlich, um nach Sebulon Enters zu sehen.
    Und ich habe inzwischen fr des Leibes Nahrung zu sorgen, erklrte das
Herzle. Ich mache wahr, was du ihm und seinem Bruder versprochen hast - -
nmlich die Brentatzen. Ich hoffe, da mir das mit Pappermanns Hilfe gelingen
wird.
    Der Gedanke, nach Sebulon auszuschauen, war mir nicht nur wegen meiner
eigenen Sicherheit gekommen. Noch viel mehr als das drngte mich das Mitleid,
ihn jetzt nicht fr lngere Zeit aus den Augen zu lassen. Es galt, auch ihn zu
retten, nachdem sein Bruder so ziemlich als gerettet gelten konnte. Ich ging ihm
nach, indem ich seinen Spuren folgte. Sie fhrten in die Tiefe des Waldes, nicht
in gerader Linie, wie die Stapfen eines Menschen, welcher wei, wohin er will,
sondern bald nach rechts und bald nach links, bald vorwrts und bald wieder
zurck, als ob er in der Irre sei und nicht wisse, wo aus oder ein. Zuweilen war
er stehen geblieben, aber nicht an einer und derselben Stelle, sondern sich nach
allen Seiten drehend und wendend, als ob er rundum von unsichtbaren Wesen
bedroht worden sei, gegen die er sich hatte wehren mssen. Das waren seine
Gedanken.
    Durch diese Beobachtungen aufgehalten, kam ich nur langsam vorwrts. Endlich
aber hrte ich ihn, noch ehe ich ihn erblickte. Er sprach laut, sehr laut. Ich
folgte der Richtung, die mir der Schall verriet. Er stand unter einer hohen
Buche, an ihren Stamm gelehnt. Es gab in der Nhe ein dichtes Unterholz, hinter
dem ich Deckung fand. Er sprach, als ob er greifbare Gestalten vor sich habe. Er
gestikulierte; er nickte ihnen zu. Ich hrte Folgendes:
    Ihr Alle seid schon tot, ihr Alle! Nur wir Zwei sind noch brig! Mssen
auch wir noch fort? Hariman will sterben; ich aber will leben. Ich will den
Willen des Vaters tun, damit er nicht auch noch mich, den Letzten, ermordet! Ich
will ihm diesen Old Shatterhand an das Messer liefern, ich will, ich will! Ich
will diesen seinen grten Feind vernichten und verderben, damit ich selbst am
Leben bleibe. Aber kann ich - - kann ich - - - kann ich - - -?
    Er bewegte bei dieser dreimaligen Frage den Kopf so, als ob er einen
Halbkreis von Zuhrern vor sich habe. Er lauschte, als ob ihm von dorther
geantwortet werde. Dann fuhr er fort:
    Diese Frau, diese Frau ist schuld! Diese Frau mit den blauen Augen und mit
der Herzensgte im Gesicht! Die stellt sich mir in den Weg!
    Er legte die beiden hohlen Hnde wie ein Schallrohr an den Mund und erklrte
geheimnisvoll:
    Das sind die blauen Augen unserer Mutter. Diese lieben, guten, blauen
Augen, die so unzhlbar oft weinten, bis sie vor Herzeleid brachen und sich
schlossen! Habt ihr diese Aehnlichkeit auch bemerkt? Und das ist das Wohlwollen
und die Gte unserer Mutter, genau, genau! Wie das lchelt! Wie das bittet! Wie
das verzeiht! - - Sollen diese Augen sich in Trnen ergieen, meinetwegen? Soll
so viel Gte vernichtet werden? In Ha, in Rache verwandelt? Kann ich das? Darf
ich das? Eines Schurken wegen? Eines Schurken - Schurken - Schurken?!
    Er neigte den Kopf zur Seite, als ob er auf Etwas lausche, was ihm zugerufen
wurde, machte dann eine Bewegung zornigen Widerspruches und antwortete:
    Nein! Er hat mich betrogen, der Alte! Betrogen, betrogen, betrogen! Es war
kein Gold; es waren nur Bltter, nur Bltter! Will er mich mit Kiktahan Schonka
etwa hnlich betrgen? Er hat, als er lebte, alle Welt betrogen. Nun er tot ist,
kann er nur uns noch betrgen. Aber betrogen mu sein, betrogen, betrogen! Soll
ich mir das gefallen lassen? Wahrlich, ich habe groe Lust, ihm das
zurckzugeben, ihn so zu betrgen, wie er mich betrgt, ihn mit diesem Old
Shatterhand zu betrgen! Vielleicht tue ich es, vielleicht. Sogar
wahrscheinlich! Dieser blauen Augen wegen! Und dieses lieben, gtigen Gesichtes
wegen! Ich will einmal - -
    Er hielt in seiner Rede inne. Er wurde unterbrochen. Sein Bruder erschien
jenseits der Buche und rief, indem er sich ihm nherte:
    Still, still, Unvorsichtiger! Dein einsames Schreien und Brllen wird uns
noch Beide verderben!
    Sie waren alle da, alle! entschuldigte sich Hariman.
    Unsinn! Niemand ist da, Niemand! Aber Einer kann kommen, jeden Augenblick.
Und wenn der hrt, was du da den Bumen erzhlst, ist Alles entdeckt, was du
doch sonst so sorgsam verschweigst!
    Wen meinst du?
    Old Shatterhand. Er ging in den Wald, und zwar genau in der Richtung, in
welcher du verschwandest. Ich kenne den Dmon, der dich zwingt, so laute Reden
zu halten. Darum bin ich schnell hinter dir her, um dich zu warnen. Aber ich
wute nicht, wo du warst. Es dauerte lange, bis ich dich fand. Endlich hrte ich
dich schreien.
    So ist dieses Schreien doch zu Etwas gut gewesen. Du httest mich sonst
nicht gefunden!
    Rede doch nicht so lcherlich, sondern komm! Man wird in kurzer Zeit zum
Essen rufen.
    Ah! Die Brentatzen?
    Ja. Bin neugierig, ob sie ihr gelingen. Sie hat noch niemals welche
gebraten.
    O, die bringt Alles fertig, Alles, sogar Brentatzen! Und wenn sie ihr
nicht gelngen, so e man sie doch, und sie wrden schmecken, sage ich dir,
schmecken. Also komm!
    Sie gingen miteinander fort. Ich beeilte mich, ihnen unbemerkt
vorauszukommen, und das gelang. Als sie den Lagerplatz erreichten, sa ich dort
schon an der Seite des jungen Adlers, und es schien, als sei ich nicht erst
vor wenigen Augenblicken, sondern schon vor lngerer Zeit zurckgekehrt.
    Fr Leser, welche gern Alles wissen, auch so nebenschliche Dinge, erklre
ich hierdurch mit grter Feierlichkeit, da die Zensur, die ich den Brentatzen
gab, auf IIa lautete. Das Herzle ist zwar meine Frau, und ich wre also wohl
verpflichtet gewesen, ihr eine I mit Stern zu verleihen; aber das wre
geschmeichelt und also unwahr gewesen, und hierzu gebe ich mich sogar in
Kchenangelegenheiten nicht her. Htte Klrchen die Tatzen trotz der lebhaften
Mithilfe Pappermanns verdorben gehabt, so wre es mir berhaupt nicht
eingefallen, ihr eine Zensur zu erteilen, denn nach Paragraph 51 der
Strafprozeordnung fr das Deutsche Reich vom 1. Februar 1877 habe ich in
allen derartig heiklen Fllen als Ehemann das Recht, meine Aussage zu
verweigern. Aber die Leistung war keine schlechte. Sie stand vielmehr, besonders
was die beigefgten Wacholderbeeren, die Pilze und den Beifu betrifft, so hoch
ber dem Niveau der Gewhnlichkeit, da ich unbedingt zu einer I oder gar einer
Ia gegriffen htte, wenn die Tatzen noch zwei bis drei Tage lter gewesen wren.
Der Grund lag also nicht am Herzle, sondern die Tatzen selbst waren schuld. Wenn
ich hierdurch zu einer IIa gezwungen wurde, so fhle ich mich stark
verpflichtet, der Wahrheit gem hinzuzufgen, da sich die II nur auf den Br,
das a aber nur auf meine Frau bezieht.
    Nach dem Essen unternahmen wir Beide, nmlich sie und ich, einen Ritt nach
dem schon erwhnten Aussichtsbaum auf der Bergeshhe. Es kam mir darauf an, eine
weite Umschau zu halten. Die Squaws der Sioux hatten nach dem Nugget-tsil
gewollt. Sie htten schon lange vor uns hier eintreffen mssen, und doch war
keine Spur von ihnen zu entdecken. Wir hatten berhaupt weder die Fhrte noch
den Stapfen eines einzigen Menschen zu sehen bekommen. Darum ritt ich jetzt nach
der dominierenden Kuppe, um von dort aus Umschau zu halten.
    Als wir da oben ankamen, gab es eine schne, reine, klare, den Blick weithin
tragende Luft. Ich stieg auf den Baum, so hoch mich seine Zweige trugen. Die
Bergesgruppe des Nugget-tsil lag unter mir. Sie war bewaldet. Jenseits dieser
Waldregion breitete sich die von mir schon frher geschilderte, sprlich
bewachsene Prairie. Ich konnte sie sehen, und noch weit in sie hinein, rundum.
Aber es war kein Mensch zu entdecken, auch kein Tier. Ich hatte mein Fernglas
mitgenommen. Ich suchte mit ihm die ganze Gegend ab. Keine Spur eines lebenden
Wesens. Wir konnten sicher sein, heut nicht gestrt zu werden. Wir ritten also
wieder nach unserem Lager hinab und kamen dort an, als es zu dunkeln begann.
    Pappermann hatte fr trockenes Feuermaterial gesorgt, welches fr die ganze
Nacht reichte. Er lag vor dem Zelteingange wie ein treuer Hund, der sich
verpflichtet fhlt, ihn zu bewachen. Der junge Adler sa in seiner Nhe. Die
beiden Enters hockten am Feuer und brieten ihren Hasen. Sie teilten davon spter
auch an uns aus, und wir weigerten uns nicht, kameradschaftlich mitzuessen. Sie
kamen uns verndert vor. Sie erschienen uns unbefangener als sonst. Sie nahmen
an unserm Gesprche bescheiden, aber doch in einer Weise teil, als ob gar nichts
zwischen uns und ihnen liege. Wie kam das? Hatten sie jetzt ein besseres
Gewissen als frher? Oder richtiger, waren ihre Absichten jetzt weniger
feindlich als vorher? Wahrscheinlich! Sogar auch in Beziehung auf Sebulon, der
sich so ruhig und vernnftig benahm, als ob die heutige Schatzgrberszene
vollstndig aus seinem Gedchtnisse verschwunden sei.
    Es lag im heutigen Milieu, da wir ausschlielich von Winnetou und seinen
Apatschen sprachen. Ich erzhlte einige sehr bezeichnende Episoden, die ich mit
ihm erlebt hatte; Pappermann berichtete ber die Art und Weise, in welcher er
ihn kennen gelernt hatte, und der junge Adler schilderte in verschiedenen
Charakterzgen den tiefen Einflu, den der Verstorbene auch noch nach seinem
Tode auf die Indianer, besonders aber auf die Apatschen und die ihnen verwandten
Vlkerschaften uerte. Die beiden Enters hrten nur zu. Sie sprachen nicht,
kein Wort, aber man sah ihnen an, wie ganz und gar sie bei der Sache waren. Das
freute mich. Sie hatten wahrscheinlich von Seiten ihres Vaters und seiner
Genossen so viel Feindseliges ber mich und Winnetou gehrt, da es ihnen gar
nichts schaden konnte, jetzt einmal etwas Besseres und Richtigeres zu erfahren.
Der junge Adler fhlte in seiner Feinsinnigkeit, welche stillen Absichten ich
whrend dieses Gesprches mit dem Brderpaar verfolgte, und er ging auf diese
Absichten ein, indem er mich in dem Bestreben, ihren Ha in Achtung umzuwandeln,
untersttzte.
    Das Abendessen brachte hierin eine nur kurze Unterbrechung Als es vorber
war, griff Pappermann nach einer der Zigarren, von denen er sich aus Trinidad
einen Vorrat mitgenommen hatte. Die beiden Enters zogen, dies sehend, ihre
kurzen Pfeifen und die Tabaksbeutel aus den Taschen. Sie schauten fragend zu dem
Herzle herber und bekamen die gewnschte Erlaubnis bereitwillig zugenickt. Der
junge Adler rauchte nicht. Er behauptete, nur bei Beratungen zu rauchen, und
zwar nur aus dem Kalumet, sonst nicht. Was mich betrifft, so wei man, da ich
sehr, sehr stark rauchte. Ich gestehe sogar ein, da ich der strkste von allen
Rauchern war, die ich kennen gelernt habe. Jetzt bin ich es nicht mehr. Es sind
nun fnf Jahre her, da bat mich das Herzle, nicht mehr so viel zu rauchen. Sie
meinte, ich habe meinen Lesern noch auerordentlich viel zu sagen und msse also
trachten, so lange wie mglich zu leben. Da legte ich die Zigarre, die ich im
Munde hatte, weg und sagte: Das ist die letzte gewesen im Leben; ich rauche nie
wieder! Warum htte ich meiner Frau nicht gehorchen sollen? Sie hatte doch
Recht! So stand ich also nun auf demselben Punkte wie der junge Adler:
Hchstens nur noch bei indianischen Beratungen zu rauchen, und zwar aus dem
Kalumet, sonst nie! Trotzdem fllt es mir nicht ein, die anregende Wirkung einer
guten, verstndig genossenen Zigarre oder Pfeife zu leugnen, und ebensogut ist
mir sehr wohl bekannt, da unsere alltgliche Phantasie am liebsten und wohl
auch am bequemsten auf Tabakswlkchen aus der Tiefe in die Hhe steigt. Das
Gedchtnis scheint geffnet und die Seele zur Mitteilung bereitwilliger zu
werden. Das beobachtete ich jetzt auch am jungen Adler. Er rauchte zwar nicht
selbst, aber seine Hand spielte mit den Ringeln und Ringen, die der neben ihm
sitzende Pappermann seinen Lippen entgleiten lie. Er sog den Duft von dessen
Zigarre mit Behagen ein und schien hierdurch eine ganz andere Gedankenrichtung
und Ausdrucksweise zu bekommen. Es ist gewi mehr als sonderbar, da der freie
Indianer niemals zum Gewohnheitsraucher wird und doch, oder vielleicht grad
deshalb den besseren und feineren Wirkungen des Nikotin zugnglich ist. Er
raucht nur in besonders wichtigen und heiligen Augenblicken.
    Der junge Adler besa ein reiches Innenleben; aber er war schweigsam. Heut
trat er zum ersten Male, seit ich ihn kannte, ein wenig aus sich heraus, aber
auch nur vorsichtig, und so nach und nach. Von sich selbst sprach er nicht,
sondern ausschlielich nur von Winnetou, und ich hatte das Gefhl, da es der
Einflu des narkotischen Duftes war, der ihm die Lippen ffnete. Das Herzle
benutzte diese Gelegenheit zu einer Frage, deren Beantwortung ihr schon seit
unserem kurzen Aufenthalt am Kanubisee auf dem Herzen lag. Der junge Apatsche
hatte soeben von dieser unserer Begegnung mit der schnen Aschta gesprochen, da
fragte meine Frau:
    Ich sah den Stern auf ihrem Gewande, und ich sehe ihn auch hier bei Euch.
Was ist es mit diesem Stern? Und was ist es mit Winnetou und Winnetah? Oder
drft Ihr es nicht sagen? Ist es ein Geheimnis?
    Er schlo fr kurze Zeit die Augen. Dann ffnete er sie wieder und
antwortete:
    Es ist kein Geheimnis. Jedermann darf es hren. Ja, wir wnschen sogar, da
alle Welt es erfahre und dasselbe tue wie wir. Aber soll ich grad hier davon
sprechen und grad jetzt?
    Whrend dieser Worte berhrte sein Blick die beiden Enters. Ich verstand ihn
und erwiderte:
    Warum nicht? Es gibt kein Hindernis.
    So sei es!
    Er schlo die Augen wieder und dachte nach. Dann begann er:
    Ich wollte, ich drfte in der Sprache der Apatschen zu euch reden; denn
diese Sprache bildet das Gewand, in welchem das, wovon ich spreche, mir in das
Herz gestiegen ist. Die Sprache der Bleichgesichter wirft hliche Falten um
diese Gestalten meines Innern.
    Er hatte die Augen noch geschlossen gehalten. Jetzt schlug er sie auf und
fuhr fort:
    Es gibt in weiter, weiter Ferne von hier ein Land mit dem Namen
Dschinnistan. Nur uns, den roten Mnnern, ist es bekannt, den Weien aber
nicht.
    Man kann sich meine Ueberraschung denken, als ich diesen Namen und diese
Worte aus diesem Munde hrte. Dem Herzle ging es ebenso. Sie griff rasch nach
meiner Hand, als ob sie eine Sttze brauche, um nicht schnell mit der Mitteilung
herauszuplatzen, da er sich ber unsere Unwissenheit in hohem Grade irre.
    Dschinnistan? fragte ich. Ist dieses Wort aus der Sprache der Apatschen?
    Nein, sondern aus einer hier vollstndig unbekannten Sprache. Es sind
viele, viele tausend Jahre her, da war Amerika noch mit Asien verbunden. Es gab
im hohen Norden eine Brcke von dort nach hier herber. Diese Brcke ist jetzt
in einzelne Inseln zerrissen und zerfallen. Zu dieser Zeit, also vor Tausenden
von Jahren, kamen groe, herrliche Menschen, die krperlich und geistig wie
Riesen gestaltet waren, ber diese Brcke zu unsern Ahnen herber und brachten
Gre von ihrer Herrscherin, der Knigin Marimeh.
    Wieder drckte das Herzle mir heimlich die Hand. Sie fhlte ebenso wie ich,
da unsere Marah Durimeh gemeint sei. Der junge Adler fuhr fort:
    Ihre Boten hatten kstliche Geschenke zu berreichen. Es war ihnen
verboten, Gegengeschenke zu nehmen, denn eine Gabe, die erwidert werden mu, ist
kein Geschenk, sondern eine Erpressung. Die Gesandten Marimehs erzhlten von dem
hochgelegenen Reiche Dschinnistan. In diesem gibt es nur ein einziges Gesetz,
welches das Gesetz der Schutzengel heit. Darum wird Dschinnistan auch das Land
der Schutzengel genannt. Nmlich ein jeder Untertan dort hat im Stillen der
unbekannte Schutzengel eines andern Untertanen zu sein. Wer sich entschliet,
der Schutzengel seines eigenen Feindes zu sein, der gilt als Held, denn er hat
sich selbst berwunden. Das gefiel unseren Urvtern, denn sie waren ebenso edel
wie die Bewohner des Erdteiles Asien. Sie baten die Gesandten der Knigin
Marimeh, ihnen zur Einfhrung dieses Gesetzes hier in Amerika behilflich zu
sein. Diese waren gern bereit. Sie taten, um was man sie gebeten hatte, und
zogen dann wieder heim.
    Kamen sie wieder? fragte das Herzle.
    Dieselben nicht, aber andere. Nach jedem Menschenalter kam eine
Gesandtschaft, um Geschenke zu bringen und nachzusehen, ob das Gesetz auf dieser
Seite der Erde noch gelte. So vergingen mehrere Jahrtausende. Der Himmel wohnte
auf Erden. Das Paradies stand weit geffnet. Es gab keinen Unterschied mehr
zwischen Engel und Mensch, weil jeder Mensch ein Engel war, nmlich der
Schutzengel eines andern. Da pltzlich blieb die Gesandtschaft aus, die nchste,
die bernchste auch. Man erkundigte sich, man schaute nach. Die Brcke von
Asien nach Amerika war eingestrzt. Nur noch die Pfeiler standen, die von einer
wilden See umtobten Inseln.
    Wenn ich mich nicht irre, stehen sie heute noch, fiel Pappermann ein. Ich
glaube, man nennt sie die Aluten.
    Das stimmt, nickte das Herzle. Ihr seid ein guter Geograph, Mr.
Pappermann!
    O, das will gar nichts sagen, lachte er. Als ich in die Schule ging,
drben in Deutschland, da kannten wir die Aluten und die Behringsstrae besser
als unsere eigenen Stdte und unsere eigenen Gassen!
    Es vergingen viele, viele Menschenalter, ohne da sich eine Gesandtschaft
sehen lie, fuhr der junge Adler fort. Die Verbindung blieb unterbrochen.
    Konnte man nicht versuchen, sie wieder anzuknpfen? fragte meine Frau.
    Der Gefragte lchelte trbsinnig.
    Von unserer Seite geschah nichts hierzu, antwortete er. Wir waren ja
Rote! Wir waren Indianer! Wir wollten glcklich und selig sein, doch ohne Mhe
und Anstrengung. Das hielten wir fr unser gutes Recht. Ein erkmpftes Glck war
uns zu teuer. Wir glaubten, es billiger haben zu knnen. Wir ahnten nicht, da
der groe, allweise Manitou uns prfte, da das Ausbleiben der Gesandtschaft von
ihm verordnet war, um uns aufzurtteln und zur eigenen Ttigkeit zu spornen.
Unsere Ahnen aber regten sich nicht; sie blieben sitzen. Sie hatten keinen Dank
fr das Gesetz von Dschinnistan. Sie hatten keine entgegenkommende Tat fr
Manitou, fr die Knigin Marimeh, fr die Erhaltung ihres Paradieses, ihrer
Seligkeit, ihres Glckes. Das ist die groe, die unverzeihliche Snde unserer
Ahnen, deren Folgen wir zu tragen haben bis auf den heutigen Tag!
    Da sthnte Sebulon leise:
    Die Ahnen - die Ahnen - die Vter!
    Schweig, und stre nicht! bat sein Bruder.
    Der junge Apatsche fuhr fort:
    Dem Gesetz von Dschinnistan fehlte die bisher von Generation zu Generation
bewirkte Erneuerung der Heimatskraft. Es wurde schwach; seine Wirkung ging
verloren. Die Engel wurden wieder zu Menschen. Der Himmel verlie die Erde. Das
Paradies verschwand. Die Liebe starb. Der Ha, der Neid, die Selbstsucht, der
Hochmut begannen wieder, zu regieren. Das eine, groe Reich mit dem einen,
groen Gesetz fing an, zu wanken. Der einen groen Rasse, die sich an dem einen,
groen Gesetz aufgerichtet und emporgebildet hatte, ging diese Sttze, dieser
Pfeiler verloren. Sie fiel in sich zusammen, zwar langsam, langsam, Jahrhunderte
hindurch, aber sicher. Die Herrscher wurden zu Despoten, die Patriarchen zu
Tyrannen. Hatte es erst nur ein Gesetz der Liebe gegeben, so regierte nun nur
noch ein Gesetz des Zwanges. Was vorher segnete, das fluchte; was vorher
zusammenstrebte, das bestand jetzt darauf, sich zu meiden. Die einzig mgliche
Rettung schien in der Hand der Macht, der schonungslosen Strenge zu liegen. Und
sie kamen, die Bedrcker, die Zuchtmeister, die Gewaltherrscher. Sie regierten
mit eisernen Fusten, aber nur einige wenige Jahrhunderte lang. Jeder Druck,
auch der Tyrannendruck, erzeugt Gegendruck, erzeugt Wrme, erzeugt innere Hitze,
die nach auen und sich zu befreien strebt. Dieser Druck der nur durch Gewalt
zusammengehaltenen Wasser wuchs, bis die Ufer nicht mehr widerstehen konnten.
Das Gewicht der verflossenen Jahrtausende begann, zu wirken. Ich bediene mich
eines geographischen Bildes zur Verdeutlichung dieser geschichtlichen Tatsache:
Der obere See drngte auf den Michigansee, dieser auf den Huronensee und dieser
auf den Eriesee. Von dieser ungeheuren Schwere muten selbst Felsenufer brechen.
Und sie brachen! Der Niagara bildete sich. Erst der Flu, dann der Fall, der
frchterliche, der entsetzliche, der unaufhaltsame Fall, durch den die rote
Rasse in Atome zerstubte und noch weiter zerstubt, wenn nicht aus der Tiefe
dieses Sturzes sich ein groer, rettender Gedanke erhebt, in dem die Macht
verborgen liegt, die Stubchen, Tropfen, Wellen und Wasser zu sammeln und im
zuknftigen Ontario zur Einheit zurckzubilden. Dieses Bild wird euch fremd und
also nicht gelufig sein - - -
    Es ist uns gelufig, fiel das Herzle schnell ein. Es hat sich auch in uns
selbst, ohne Zutun Anderer, gebildet. Wir haben oft, sehr oft darber
gesprochen, daheim und auch hier im Lande. Das letzte Mal am Niagara selbst, mit
Athabaska und Algongka, den Huptlingen der - - -
    Mit Athabaska? fuhr der junge Adler in froher Ueberraschung auf.
    Ja.
    Und mit Algongka?
    Auch mit ihm.
    Zu gleicher Zeit?
    Zu gleicher Zeit. Sie waren beisammen.
    Diese Nachricht lie ihn von seinem Sitze aufspringen. Seine Freude war so
gro, da er gar nicht daran dachte, da ein Indianer sich weder vom Schmerz
noch von der Freude berwltigen lassen darf.
    Sie waren beisammen, beisammen! rief er aus. Der Eine hat die mhselige,
weite Reise zu dem Andern gemacht! Dann sind beide nach dem Niagara gekommen,
dem groen, erschtternden Bilde unserer Vergangenheit und Gegenwart. Und dann -
- dann - -. Wit Ihr, wohin sie von dort aus wollten?
    Nach dem Mount Winnetou.
    Ist das wahr? Wit Ihr das gewi und wirklich, Mrs. Burton?
    Gewi und wirklich! versicherte das Herzle, und ich besttigte es.
    Da legte er die Hnde zusammen, hob den Blick empor, als ob er beten wolle,
und sagte im Tone einer tief, tief innerlichen Freude:
    Nach dem Mount Winnetou! Gerettet - - gerettet - - gerettet!
    Was ist gerettet, was? fragte meine wibegierige Gattin, die Klara, nicht
das Klrchen.
    Er zgerte mit der Antwort, gab sie aber doch, indem er sich langsam wieder
niedersetzte:
    Der groe Gedanke, der aus der Tiefe des Niagara sich erheben soll, ist
gerettet.
    So ist er also schon da? Ist schon gefunden?
    Er brauchte nicht gefunden zu werden. Er ist schon lngst, schon seit
Jahrtausenden da. Er wurde mit in das Verderben, in den Sturz, in den Strudel
des Niagara gerissen. Aber er wurde nicht zerschmettert und nicht zermahlen und
nicht zermalmt wie wir, sondern grad als ihn die Wasser fr immer verschlungen
zu haben schienen, tauchte er rein, klar und wie ein Wunder glnzend aus ihren
Wirbeln auf, um von den Nachkommen Derer erfat und festgehalten zu werden, die
es einst der Mhe nicht fr wert erachteten, ihn, den Gast aus Dschinnistan, in
bleibenden Schutz zu nehmen.
    Er hatte in schner, lieber Begeisterung gesprochen. Man sah und hrte ihm
an, da er mit seinem ganzen Denken und Fhlen bei dieser Sache war. Auch die
neugierige Klara wurde wieder zum Klrchen, ja, zum Herzle, indem sie, ebenso
enthusiasmiert wie er, ausrief:
    Ich wei, was Ihr meint! Ich kenne ihn, diesen groen, rettenden Gedanken!
    Das ist fast unmglich, warf er ein.
    O nein, o nein! Wir kennen diesen Gedanken wahrscheinlich schon eher, viel
eher als Ihr! Ihr meint doch das Gesetz von Dschinnistan, nichts Anderes: Ein
jeder Mensch soll der Engel eines andern Menschen sein!
    Habe ich Recht?
    Ein tiefes, aber frohes Staunen ging ber sein Gesicht. Er rief aus:
    Wirklich, wirklich, Ihr habt mich begriffen! Wie ist das mglich, Mrs.
Burton?
    Weil wir dieses Gesetz, wie ich Euch schon sagte, ebenso kennen wie Ihr,
antwortete sie. Und weil - - pat auf, was ich Euch sage - - - weil wir
Dschinnistan kennen und auch die Knigin Marimeh, obwohl Ihr behauptetet, da
nur die Roten das wissen, die Weien aber nicht.
    Er wute zunchst nicht, was er hierauf sagen sollte. Er sah mich fragend
an.
    Sie hat recht, besttigte ich. Wir wissen sogar den richtigen Namen der
Knigin. Sie heit nicht Marimeh, sondern Marah Durimeh. Diese fnf Silben
wurden im Laufe der Zeit von euch in drei zusammengezogen.
    Wenn Ihr es sagt, Ihr selbst, dann mu ich es glauben, erwiderte er. Wie
froh ich darber bin, wie froh! Ihr kennt die Knigin; ihr kennt Dschinnistan,
und ihr kennt auch das groe, das wunderbar einfache und doch allumfassende
Gesetz dieses Landes. Da seid Ihr uns ja eine viel, viel grere und eine viel,
viel wirksamere Hilfe als Athabaska und Algongka, die Ihr auch schon kennen
lerntet! Wissen sie, wer Ihr seid?
    Nein. Ich verschwieg es ihnen. Wir waren Mrs. und Mr. Burton, weiter
nichts.
    Da strahlte sein sonst so ernstes Gesicht vor Vergngen frmlich auf.
    Wie mich auch das erfreut, auch das! sagte er. Welch eine Ueberraschung,
wenn man euch erkennt! Welch ein tiefer, schner und beglckender Eindruck auf
Tatellah-Satah, meinen geliebten Meister, wenn er erfhrt, da Old Shatterhand
nichts Anderes will als er! Ihr wurdet gewnscht, aber doch gefrchtet, Mr.
Burton!
    Warum gefrchtet?
    Weil Tatellah-Satah Euch uerlicher nimmt, als Ihr seid. Weil er
befrchtet, da Ihr dem geplanten Denkmale, diesem Prunkwerke oberflchlicher
und kurzsichtiger Denker, beistimmen werdet. Eure Stimme wiegt schwer; das wei
er, und das wissen wir alle. Fllt sie auf die Seite der Prahler, so erwartet
uns anstatt der ersehnten Neugeburt die vllige Vernichtung. Die Seele unserer
Nation, unserer Rasse ist erwacht. Sie streckt sich; sie bewegt sich. Sie
beginnt zu denken. Sie will ihre Glieder als ein Einiges, als ein
Zusammengehriges, als ein groes Ganzes empfinden. Alle Einsichtigen streben
nach diesem beseligenden, Strke verheienden Einheitsgefhl. Nun aber seht die
Sioux, die Utahs, die Kiowas, die Comantschen! Sie greifen zu den Waffen, nicht
gegen die Weien, sondern gegen sich selbst, gegen ihre eigene Seele. Sie stehen
bereit, diese Seele, die soeben erst im Erwachen ist, wieder niederzutreten, sie
fr immer zu vernichten. Warum?
    Er wollte diese seine Frage wohl selbst beantworten, aber das Herzle kam ihm
schnell zuvor:
    Weil Old Surehand, Apanatschka, ihre Shne und ihr Anhang das
wohlberechtigte Nationalgefhl dieser Stmme verletzen, indem sie im Begriff
stehen, dem Huptling der Apatschen eine beispiellos berschwngliche Ehre zu
erweisen, die ihm nicht gebhrt.
    Da warf er einen erstaunten, ja fast erschrockenen Blick zunchst auf sie
und dann auf mich. Es war, als ob er glaube, seinen Ohren nicht trauen zu
drfen.
    Wie sagte Mrs. Burton? fragte er. Sie nennt diese Ehre eine beispiellos
berschwngliche?
    Ja, das tue ich! antwortete das Herzle.
    Und da diese Ehre ihm nicht gebhre?
    Auch das behaupte ich!
    Und Ihr liebt unsern Winnetou, Mrs. Burton? Und Ihr achtet ihn?
    Er war sehr ernst geworden. Er hatte in diesem Augenblicke das Aussehen, als
ob sein Gesicht aus Marmor gehauen sei. Denselben Ernst zeigte auch meine Frau.
Sie erwiderte:
    Ich liebe ihn, und ich achte ihn, wie auer meinem Mann keinen andern
Menschen!
    Und doch sprecht Ihr von Ueberschwang und von Unverdienst?
    Er stand langsam wieder von seinem Sitze auf. Das Herzle tat ebenso. Das
Gefhl, da der gegenwrtige Augenblick ein hochwichtiger sei, lie Beide nicht
sitzen bleiben. Auch ich erhob mich von der Erde. Ich hatte nicht nur dieselbe
Empfindung, sondern mir war sogar, als ob in diesem Augenblicke eine
Vorentscheidung getroffen werde, von welcher Vieles und Groes abhngig sei. Ich
war dreimal lter als dieser junge Mann, aber es fiel mir trotzdem nicht ein,
mich nun auch fr dreimal klger zu halten. Fr mich personifizierte sich in ihm
nicht nur die soeben beginnende Bewegung, die mit dem Worte Jungindianer
bezeichnet worden war, sondern das Schicksal und die Zukunft der ganzen
indianischen Rasse. Er war vier Jahre lang bei den Weien gewesen und hatte es
da, wie es schien, zu ungewhnlichen Erfolgen gebracht. Er kannte Athabaska und
Algongka. Er korrespondierte mit Wakon, dem Berhmten. Er war der Schler und,
wie ich vermutete, der Liebling von Tatellah-Satah, also der Nachfolger meines
Winnetou im Herzen und in der Seele des grten Medizinmannes aller roten
Nationen. Da mute ich wohl bescheiden sein. Da hatte ich mich zu hten, mich zu
berheben. Er stand trotz seiner Jugend vollstndig geistig ebenbrtig vor mir.
Darum entlie ich meine Frau aus dem Gesprch und antwortete an ihrer Stelle:
    Grad weil wir ihn in dieser Weise lieben und in dieser Weise achten, darf
und kann ich nicht dulden, da man ihn mir fr die Nachwelt lcherlich macht.
Man baue sein Monument noch so hoch, in Wahrheit steht er noch hher! Man
zeichne sein Abbild noch so schn, er selbst war tausendmal schner! Wer ihm ein
sichtbares Denkmal setzt, der erhht ihn also nicht, sondern der zwingt ihn,
herabzusteigen. Er entehrt ihn, anstatt ihn zu ehren. Winnetou war weder
Gelehrter noch Knstler weder Schlachtensieger noch Knig. Er besa kein
einziges ffentliches Verdienst. Wofr also ein Monument? Und wozu ein so
beispiellos seltsames und kostspieliges? Ein so beispiellos schreiendes? Womit
hat unser unvergleichlich edler Freund eine solche Krnkung, eine solche
Beleidigung verdient? Es ist wahrlich keine Herabsetzung, wenn ich von ihm
behauptete, er sei nicht Gelehrter oder Knstler, nicht Schlachtensieger oder
Knig gewesen, denn er war mehr als das Alles: Er war Mensch! Er war Edelmensch!
Und er war der erste Indianer, in dem die Seele seiner Rasse aus dem Todesschlaf
erwachte. In ihm wurde sie neu geboren. Darum war er nur Seele und wollte nur
Seele sein! Und darum hat er nur Seele zu sein und Seele zu bleiben! Weg also
mit allen Monumenten! Er hat in unserem Herzen gewohnt und soll diese Wohnung
behalten! Wer da glaubt, ihn uns aus dem Herzen reien und in Metall oder Stein
begraben zu knnen, der bekommt es mit uns zu tun! Verstanden? Er soll leben und
leben bleiben, in mir, in uns, in Euch, in seinem Volke, in - - - der Seele
seines Volkes, die in ihm zu neuem Bewutsein kam, und zwar zu dem Bewutsein,
da fr eine dem Untergang geweihte Nation das groe Gesetz von Dschinnistan der
einzige Weg ist, sich von diesem Untergange zu retten. Er htte sich gar wohl
als Held, als Feldherr aufspielen knnen. Er verzichtete darauf, denn er
erkannte, da dies das Ende nur beschleunigt htte. Er riet zum Frieden, und
wohin er nur kam, da brachte und gab er nur Frieden. Er war der Engel der
Seinen! Er war der Engel eines jeden Menschen, der ihm begegnete, ob Freund, ob
Feind, ganz gleich! Als die Seele seines Volkes in ihm erwachte, erwachte sie
notwendigerweise zum Bewutsein jenes Engelsgesetzes, in dessen letzten Tagen
sie einst eingeschlafen und hingeschwunden war. Winnetou war also der seelisch
direkte Nachfolger des letzten, groen, altindianischen Herrschers, zu dem die
Gesandten der Knigin Marimeh kamen, um dann nicht wieder zu erscheinen. Habt
ihr das begriffen, ihr, seine roten Brder? Habt ihr begriffen, da es keinem
Volk erlaubt ist, Kind zu bleiben? - Da ihr einst Kinder waret und nur darum
dem Untergange zugetrieben wurdet, weil ihr nicht aufhren wolltet, Kinder zu
sein? Habt ihr begriffen, da ihr als Kinder eingeschlafen seid, um nun nach
schweren Niagaratrumen als Mnner zu erwachen? Habt ihr begriffen, da ihr nun,
wenn ihr nicht Mnner werdet, fr immer verloren seid? Habt ihr begriffen, was
es heit, ein Mann zu werden? Eine Persnlichkeit, die aus eigener Energie zu
tun und zu handeln beliebt, ohne mit sich handeln zu lassen? Eine
Persnlichkeit, die ihre Ziele kennt und nach ihnen strebt, ohne nach irgend
einer Seite abzuweichen? Habt ihr begriffen, wie es geshnt werden mu, wenn
Hunderte von kleinen und immer kleineren Indianernationen und Indianernatinchen
sich tausend Jahre lang untereinander bekmpfen und vernichten? Da es ein
millionenfacher Selbstmord war, an dem ihr zugrunde gegangen seid? Da der Blut-
und Lnderdurst der Bleichgesichter nur eine Zuchtrute in der Hand des groen,
weisen Manitou war, deren Schlge euch aus dem Schlaf zu wecken hatten? Da ihr
nur durch Liebe shnen knnt, was ihr durch Ha verschuldetet? Da der Himmel
eurer Ahnen verloren ging, sobald ein jeder rote Mann zum Teufel seines Bruders
wurde? Und da dieser Himmel sich nur dann wieder zur Erde neigt, wenn jeder
rote Mann sich bestrebt, der Engel seiner Brder zu sein, wie es war zu jener
Zeit, in welcher Marimeh, die Knigin, noch nicht gezwungen war, euch
aufzugeben?
    Das war ein langer, langer Satz, den ich gesprochen hatte, fast so, als ob
eine ganze Menge von Zuhrern vorhanden sei, und doch waren ihrer so wenige.
Aber es stand in Winnetous Brief, da in meinem Herzen von heute an sein Puls
mit dem meinigen schlagen werde, und so kamen mir Gedanken und Worte ber die
Lippen, die ich sonst vielleicht zurckgehalten htte. Der junge Adler stand
vor mir, als ob sein Blick mir jedes einzelne Wort vom Munde nehmen wolle. Ich
sah, da er staunte und da dieses Staunen wuchs. Kaum hatte ich das letzte Wort
ausgesprochen, so erklang seine verwunderte Frage:
    Sagt, Mr. Burton, waret Ihr wirklich noch nicht bei Tatellah-Satah?
    Niemals, antwortete ich.
    Was habt Ihr aus seiner groen Bchersammlung gelesen?
    Nichts. Kein einziges Buch jemals gesehen, viel weniger gelesen.
    Sonderbar, hchst sonderbar! Auch von Winnetou knnt Ihr das nicht haben!
    Was?
    Die Gedanken, die Ihr soeben in Worte kleidetet.
    Ein jeder Mensch hat seine eigene Gedankenwelt. Ich stehle nicht aus andern
Welten. Auch die Fragen, die ich Euch vorlegte, gehren mir. Es steht Euch frei,
sie zu beantworten oder nicht.
    Ich antworte gern. Nicht nur durch das Wort, sondern auch durch die Tat.
Ihr fragtet mich, ob wir begriffen haben. Vielleicht nicht Alles, aber doch wohl
das meiste. Der Beweis liegt hier.
    Er deutete auf den zwlfstrahligen Stern auf seiner Brust und fuhr fort:
    Mrs. Burton wnscht zu wissen, was das zu bedeuten hat, und ich antworte:
Da wir bereit sind, die Vergangenheit zu shnen. Da wir nicht lnger hassen,
sondern lieben wollen. Da wir aufgehrt haben, die Teufel unserer Brder zu
sein, und uns bemhen, des verlorenen Paradieses wrdig zu werden. Kurz, das
Gesetz von Dschinnistan soll wieder bei uns gelten. Wir wollen innig verbunden
sein, nicht lnger auseinander streben. Wir wollen uns umschlingen, so eng, da
keine Macht dazwischen treten, dazwischen greifen kann. Wir haben keinen
Herrscher, der uns das befehlen knnte; wir befehlen es uns selbst. Von
Tatellah-Satah, dem Meister, ging dieser Gedanke aus. Ich war der Erste, den er
zum Winnetou ernannte. Bald wurden es zehn, dann zwanzig, fnfzig, hundert;
jetzt zhlen sie schon auf tausende.
    Warum gabt ihr euch grad Winnetous Namen? fragte das Herzle.
    Gab es irgendwo einen lieberen oder besseren? War Winnetou nicht ein
Vorbild in der Erfllung aller unserer Gebote und Verpflichtungen? Hatte er
nicht alle diese Gebote erfllt, ohne hierzu verpflichtet zu sein? Und vor allen
Dingen die Hauptsache: Sind die Namen Winnetou und Old Shatterhand nicht bei der
roten Nation zum Sprichwort geworden? Zum Symbol der Freundes- und der
Menschenliebe, der Hilfsbereischaft und der Aufopferung sogar bis in den Tod?
Gab es jemals, so weit die Geschichte reicht, zwei aufrichtigere und treuere
Freunde als diese Beiden? Wo ist das Wort, da Einer der Schutzengel des Andern
war, wohl richtiger als bei ihnen? Was wir getan haben, ist nichts Besonderes.
Wir haben einen Clan, einen neuen Clan gegrndet, wie es deren so viele gab und
heut noch gibt bei den roten Mnnern. Ein jedes Mitglied verpflichtet sich, der
Schutzengel eines andern Mitgliedes zu sein, das ganze Leben hindurch, bis in
den Tod. Wir htten diesen Clan also den Clan der Schutzengel heien knnen,
haben ihn aber den Clan Winnetou genannt, weil dies bescheidener und praktischer
klang. Wir treffen damit das Richtige, und wir ehren dadurch zu gleicher Zeit
das Andenken des besten und geliebtesten Huptlings aller Zeit und aller
Apatschenstmme. Aber wir wollen bei der Wahrheit bleiben. Wir wollen nicht
bertreiben. Es soll dies das einzige Denkmal sein, welches ihm die rote Rasse
setzt. Es gibt kein besseres und kein wahreres. Ein Denkmal von Gold oder
Marmor, in Riesengre, auf herrschender Bergeshhe, weit ber Land und Volk
hinschauend, wrde Lge, wrde Ueberhebung sein. Ueberhebung und Lge von uns,
nicht aber von Winnetou. Er log nie, und er war bescheiden. In dieser
Wahrhaftigkeit und Bescheidenheit haben wir ihm zu gleichen. Er soll unsere
Seele werden, unsere Seele sein. Dann steht er hher als der hchste Punkt der
Felsenberge! Und dann ist er grer, unzhligemal grer als die Kolossalstatue,
die ihm kleine Menschen jetzt errichten wollen! Es macht mich glcklich, gehrt
zu haben, da Old Shatterhand derselben Meinung ist. Ich wnsche, da
Tatellah-Satah dies so bald wie mglich erfhrt. Erlaubt Ihr mir, es ihm durch
einen Boten sagen zu lassen?
    Sehr gern. Aber wer soll dieser Bote sein? fragte ich.
    Keiner von uns. Ich rufe ihn.
    Er wendete sich vom Feuer ab, nach Sden, legte die Hnde an den Mund und
lie die drei Silben Win - - ne - - tou! erschallen, nicht berlaut, aber
dennoch weit hinausgetragen.
    Win - - ne - - tou! klang es zurck.
    Ist das ein Echo? fragte das Herzle.
    Nein, antwortete der junge Adler. Es ist ein Winnetou.
    Es war Nacht. Die Sterne leuchteten. Bei ihrem Scheine sahen wir nach kurzer
Zeit eine Gestalt sich unserem Feuer nhern, langsam, mit sicherem Schritt und
ohne Eile. Sie trug den gleichen Lederanzug wie einst mein Winnetou. Ihr Haar
war oben in einen Schopf gewunden und hing dann weit auf den Rcken herab.
Waffen trug sie nicht. Sie blieb still vor uns stehen. Nun traf der Schein des
Feuers ihr Gesicht. Wir sahen, da es ein Mann im Alter von vielleicht vierzig
Jahren war.
    Du bist der Beschtzer des Nugget-tsil? fragte der junge Adler.
    Ich bin es, antwortete der Andere.
    Sende sofort einen Boten an Tatellah-Satah. La ihm sagen, da der junge
Adler zurckgekehrt ist und seine Aufgabe lste. La ihm ferner sagen, da auch
Old Shatterhand gekommen ist und Winnetous Nachla fand. Und la ihm endlich
sagen, da er sich im Denkmalskampfe auf Old Shatterhand verlassen kann wie auf
sich selbst!
    Dies wurde selbstverstndlich in der Sprache der Apatschen gesagt. Hierauf
machte der junge Adler eine Handbewegung des Grues, worauf der Winnetou sich
entfernte, ohne ein weiteres Wort zu sprechen.
    Wie seltsam! sagte das Herzle zu mir.
    Nicht seltsam, sondern im Gegenteil sehr leicht erklrlich, entgegnete er.
Ihr werdet bei Tatellah-Satah, also am Mount Winnetou, die Organisation unsers
Clan genau kennen lernen und an ihr keine Spur von Seltsamkeit entdecken.
    Drfen wir nicht schon jetzt Eingehendes erfahren? fragte sie.
    Ich bin ein Heimkehrender, also kein zuverlssiger Belehrer. Zwar stand ich
auch in der Ferne mit dem Mount Winnetou im Verkehr, aber nur in Beziehung auf
Hochwichtiges und Allgemeines. Um Auskunft zu erteilen, bin ich jetzt selbst
nicht unterrichtet genug.
    Die beiden Enters hatten sich bisher vollstndig schweigsam verhalten. Es
fiel uns also auf, da Hariman sich grad in diesem Augenblick hren lie, indem
er sagte:
    Aber diese Sache ist doch unendlich interessant fr mich! Darf man nicht
wenigstens erfahren, ob auch Weie Mitglieder dieses Clan Winnetou werden
knnen?
    Der Gefragte antwortete:
    Er wurde ursprnglich nur fr Indianer gegrndet, doch wrde es gegen
seinen Grundgedanken sein, die Weien auszuschlieen. Wir wnschen, da die
Nchstenliebe, nach der wir streben, nicht nur uns, sondern die ganze Menschheit
vereine.
    Knnte man uns wohl verbieten, fr uns einen besondern Clan Winnetou zu
grnden?
    Kein Mensch besitzt das Recht zu diesem Verbote.
    Kann ein jedes Mitglied sich das andere Mitglied whlen, welches es
beschtzen will?
    Nein. Er hat seine Wnsche zu melden, und es wird ihnen, wenn es mglich
ist, Rechnung getragen. Aber wenn einem Jeden die Wahl seines Schtzlings
freistnde, so wrde es bald sehr viele Personen geben, welche zahlreiche
Beschtzer haben, und ebenso viele, die gar keinen Schutzengel besitzen. Jemand,
den man liebt, zu beschtzen, ist kein Verdienst. Aber der Engel eines Verhaten
oder gar Verachteten zu sein, das ist ein schwerer, steiler Weg zur edlen,
wahren Menschlichkeit empor.
    Und kennt man ffentlich den Beschtzer und seinen Beschtzten?
    Nein. Das ist Geheimnis. Nicht einmal der Beschtzte kennt seinen
Beschtzer.
    Auch spter nicht?
    Doch! Nmlich nach dessen Tod. Beide werden eingeschrieben. Und jeder
Beschtzer trgt den Namen seines Schtzlings auf der Innenseite des Sternes auf
seiner Brust. Lst man nach seinem Tod diesen Stern vom Gewande los, so sieht
man, wessen Engel er gewesen ist.
    Well! Das soll man auch bei mir sehen!
    Bei dir? fragte sein Bruder erstaunt.
    Ja, bei mir! antwortete Hariman in sehr bestimmtem Tone.
    Da lachte Sebulon auf und fragte:
    Bist du etwa auch ein Winnetou, nmlich ein verkappter?
    Nein, aber ich will einer werden!
    La dich nicht auslachen! Meinst du, da man dich, grad dich, als ersten
Weien zulassen wrde?
    Nein. Das bilde ich mir nicht ein. Aber ich werde trotzdem und trotzdem ein
Winnetou sein. Die Sache gefllt mir; sie gefllt mir sogar auerordentlich. Ich
will sie zu der meinigen machen. Und da es mir unmglich ist, ein roter Winnetou
zu werden, so werde ich ein weier!
    Auf welche Weise?
    Auf die einfachste Weise, die es gibt: Ich grnde einen Clan fr weie
Winnetous.
    Wann?
    Heut, hier, jetzt, sogleich!
    Verrckter Kerl.
    Er machte bei diesem Ausrufe eine geringschtzende, wegwerfende
Handbewegung. Hariman aber lie sich nicht irre machen. Er sagte:
    Lach, wie du willst! Und spotte darber! Ich tue es doch! Ich mu, ich mu!
Und du wirst wohl auch noch mssen!
    Ich? Mssen? Fllt mir nicht ein!
    Ob es dir einfllt oder nicht, ist Nebensache. Mir ist es auch nicht
eingefallen. Es kommt, ohne da man es will. Und wenn es da ist, hat man zu
gehorchen. Also, ich grnde jetzt einen Clan Winnetou fr Weie. Ob ich das
erste und einzige Mitglied dieses Clans bin und bleibe, darauf kommt in diesem
Augenblicke nichts an. Und ob ich mich damit lcherlich mache, ist mir
gleichgltig. Ich wnsche aber, da wenigstens noch Einer beitritt, und dieser
Eine bist du, Sebulon!
    Darauf rechne nicht, ja nicht! antwortete dieser.
    Ich rechne dennoch darauf, dennoch, und du wirst sehen, da du mut - da
du mut! Mrs. Burton, Ihr seid eine Dame, und darum vermute ich, Ihr habt
Nhzeug mit?
    Allerdings, antwortete das Herzle.
    Ich bitte um eine Nhnadel und um einen Faden guten, schwarzen Zwirn! Auch
um eine Schere!
    Das sollt Ihr haben, sagte sie und ging nach dem Zelte, um das Gewnschte
zu holen.
    Und Ihr, Mr. Burton, seid Schriftsteller, wendete er sich an mich. Ihr
habt also wahrscheinlich Tinte und Feder, sogar hier, so tief im Westen?
    Ein Reiseschreibzeug ist da, erklrte ich.
    So bitte, gebt mir eine Feder und einige Tropfen Tinte! Papier habe ich
selbst.
    Meine Frau wird Beides mitbringen.
    Was willst du mit Tinte und Feder? fragte Sebulon.
    Den Namen der Person aufschreiben, die ich beschtzen will.
    Wahnsinn, wirklich Wahnsinn! Darf ich nicht wenigstens wissen, wer diese
Person ist?
    Nein! Kein Mensch soll es wissen! Du am allerwenigsten!
    Nachdem das Herzle die gewnschten Gegenstnde gebracht hatte, schnitt
Hariman aus dem Fell des heut verzehrten Hasen einen kleinen, zwlfstrahligen
Stern heraus, von dem er mit Hilfe seines scharfen Messers die Haare schabte.
Dann schnitt er sich ein Stckchen Papier zurecht und schrieb, es auf sein Knie
legend, in langsamen, sorgfltigen Zgen den betreffenden Namen darauf. Hierauf
bezeichnete er die betreffende Stelle auf der Brust seines Rockes, zog ihn aus
und schickte sich an, den Stern dort festzunhen. Sebulon folgte jeder dieser
seiner Bewegungen mit mehr als gespannten Blicken. Auf seinem Gesicht wechselte
der Ausdruck des Spottes mit dem eines tiefen, ngstlichen Interesses. Hariman
hatte kein Geschick zum Nhen. Schon nach den ersten Stichen trennte er sie
wieder auf. Das wiederholte sich. Er wurde ungeduldig.
    Es ist, als ob es nicht sein sollte; ich tue es aber doch! zrnte er.
    Da fragte meine Frau:
    Wollt Ihr nicht mir erlauben, den Stern festzunhen? Ich bringe das wohl
leichter und schneller fertig.
    Wolltet Ihr wirklich, Mrs. Burton? Wie lieb Ihr seid, wie lieb! Ja, da habt
Ihr den Rock, den Stern, das zusammengeschlagene Papier, welches unter den Stern
zu liegen kommt, die Schere, die Nadel und Alles! Aber bitte, schlagt das Papier
ja nicht etwa auf, um es zu lesen!
    Sie legte das Papier an die bezeichnete Stelle des Rockes, den Stern darauf
und begann, die Arbeit in sehr sorgfltiger Weise auszufhren. Zwlf Strahlen
erforderten viele, viele Stiche.
    So groe Mhe htte ich mir nun freilich nicht gegeben! gestand Hariman.
Und nach einer Weile fgte er, wie zu sich selbst sprechend, hinzu: Es ist doch
eigentmlich, ganz, ganz eigentmlich mit dieser Sache! Als ich den Namen
schrieb, war es mir, als unterschriebe ich mein Todesurteil. Und doch war es mir
so leicht und so wohl dabei!
    Auch Sebulon pate auf. Er verwandte fast keinen Blick von meiner Frau. Aber
seine Aufmerksamkeit hing mehr an ihrem Gesicht als an ihrer arbeitenden Hand.
Zuweilen schlo er die Augen, als ob ihm etwas darin wehe tue. Und - - was war
denn das? - - ich sah einen Tropfen von seiner Stirn rinnen, und noch einen und
wieder einen! Schwitzte er? Seine Hnde zuckten nach dem Hasenfelle. Er schien
nicht zu wollen, ergriff es aber doch. Dann nahm er die Schere und schnitt, ganz
wie vorhin sein Bruder, einen zwlfstrahligen Stern daraus. Das geschah so
zgernd, so widerwillig, fast wie im Traume. Dann schabte er die Haare herunter,
schob dem Herzle den Stern zagend hin und ersuchte sie:
    Bitte, Mrs. Burton, mir dann auch!
    Annhen? fragte sie.
    Annhen, nickte er.
    Mit einem Papier?
    Ja, mit einem Papier und dem Namen. Den schreibe ich jetzt.
    Also doch! Habe ich es nicht gesagt? rief Hariman aus.
    Schweig! fuhr sein Bruder ihn an. Ich tue es nicht, weil du es wolltest,
sondern weil ich es will! Ich kann auch beschtzen! Verstanden?
    Aber wen? fragte Hariman.
    Das ist mein Geheimnis! Hast du mir etwa den von dir geschriebenen Namen
gesagt? So erfhrst also auch du den nicht, den ich schreiben werde!
    Er griff zu Feder und Papier und schrieb. Es handelte sich nur um einen
kurzen Namen, also um eine Arbeit von wenigen Silben; aber er brachte doch
lngere Zeit damit zu. Er unterbrach sich mehrere Male. Er holte tief, tief
Atem. Endlich war er fertig, lie die Schrift trocken werden, legte das
Papierchen dann mehrfach zusammen und schob es dem Herzle hin.
    Was die Brder da taten, das war eigentlich ganz und gar nichts
Auergewhnliches. Wohl Mancher an meiner Stelle htte es als Kinderei, als
Spielerei bezeichnet. Und doch wre es mir vollstndig unmglich gewesen,
darber zu lcheln. Ich hatte das Gefhl, als ob dabei ein innerer Zwang
vorhanden sei, dem weder der Eine noch der Andere widerstehen konnte.
    Als das Herzle mit der Arbeit fertig war, zogen die Brder ihre Rcke wieder
an. Sie betrachteten einander, erst ernst, fast feindselig, dann freundlicher
und immer freundlicher. Endlich lachte Hariman; Sebulon aber lchelte nur.
    Weit du nun, was du bist? fragte der Erstere.
    Ein Winnetou, antwortete der Letztere.
    Ja. Aber weit du auch, was das bedeutet?
    Da ich der Engel eines Andern bin, den ich zu beschtzen habe.
    O, nicht nur das! Das meine ich berhaupt gar nicht, denn das versteht sich
ganz von selbst. Sondern du fhrst jetzt den Namen dessen, den wir gehat haben,
wie man eigentlich keinen Menschen hat, sondern nur Bestien und Teufel!
    Du doch ebenso!
    Freilich wohl! Aber hast du dir berlegt, da es nun mit diesem Ha zu Ende
ist? Zu Ende sein mu - mu?
    Nichts, gar nichts habe ich mir berlegt! brauste Sebulon auf. Ich tue
das, was ich will! Das Ueberlegen bringt nur fremden Willen. Ich bin ein
Winnetou geworden, und - - -
    Nein, Ihr seid keiner geworden, fiel der junge Adler ein.
    Es war das erste Mal, da er freiwillig zu Sebulon sprach.
    Nicht? fragte dieser. Fehlt etwa noch Etwas daran?
    Ja.
    Was?
    Der Schwur.
    Der Schwur? Man hat zu schwren? Etwas zu beeiden? Was?
    Da man seiner Schutzengelpflicht getreu sein will bis in den Tod. Die
roten Mnner brauchen keinen Schwur. Bei ihnen gengt der Handschlag, denn er
ist ihnen ebenso heilig wie der Eid.
    Uns auch! rief Hariman.
    Ja, uns auch! rief Sebulon.
    So steht auf! gebot er ihnen.
    Sie taten es. Auch er erhob sich von seinem Sitze. In diesem Augenblicke
warf Pappermann ein groes, harziges Holzstck in das Feuer. Die Flamme loderte
auf. Sie zngelte nach allen Richtungen. Da schien sich der Wald mit
geistergleichen Wesen zu beleben. Die nchtlichen Schatten der Bume und
Strucher bewegten sich. Sie huschten hin und her. Sie sprangen empor und sanken
zu Boden.
    Reicht euch die Hnde! befahl der junge Indianer.
    Sie gehorchten. Da trat er ganz zu ihnen heran, legte seine Hand auf die
ihrigen und forderte sie auf:
    Sprecht mir die Worte nach: Unsern Schtzlingen treu bis in den Tod!
    Unsern Schtzlingen treu bis in den Tod! erklang es vereint aus ihrem
Munde.
    Dieses Wort ist unser Schwur! Sprecht das nach!
    Dieses Wort ist unser Schwur! fgten sie hinzu.
    So! Nun erst knnt ihr behaupten, Winnetou geworden zu sein. Denn nicht der
Stern tut es, sondern der Wille. Und diesen Willen habt ihr kund gegeben. Des
bin ich Zeuge. Gebt auch mir, dem Zeugen, eure Hnde!
    Hier ist die meine, sagte Hariman, indem er sie ihm gab.
    Und hier die meine, sprach Sebulon.
    Der junge Apatsche ergriff beide, die eine mit seiner Rechten, die andere
mit seiner Linken und fragte:
    Seid ihr euch der Wichtigkeit dieses Augenblicks bewut?
    Keiner antwortete. Da fuhr er fort:
    Was ihr nicht wit, wei Manitou, und was ihr nicht knnt, kann er. Wer
Andere beschtzt, beschtzt sich selbst. Indem ihr euch vorgenommen habt, die
Engel eurer Schtzlinge zu sein, sind in Wirklichkeit sie eure Engel geworden.
Bleibt euch und ihnen treu! Das ist der einzige Dank, den sie von euch
verlangen! - - -

                                Fnftes Kapitel

                                        

                                  Am Deklil-to


Ich hatte den nchsten Tag dazu bestimmt, einen Ueberblick ber die
ausgegrabenen Skripturen zu gewinnen, sah mich aber leider in der Hoffnung, dies
tun zu knnen, getuscht. Wir saen noch beim Morgenkaffee, da tauchte am
sdlichen Rande der Lichtung die Gestalt eines Indianers unter den Bumen hervor
und kam auf uns zu. Es war der Winnetou von gestern abend. Er wendete sich nur
an den jungen Adler. Uns Anderen schien er mit keinem Blicke zu berhren. Er
sprach seine Muttersprache, nicht englisch.
    Es kommen Reiter, meldete er.
    Woher? fragte unser junger Freund.
    Zwischen Nordwest und West.
    Wie viele?
    Eine groe Schar. Man konnte sie nicht zhlen. Sie waren noch zu weit
entfernt.
    So komm wieder, sobald es mglich ist, ihre Zahl zu bestimmen!
    Der Winnetou entfernte sich, kehrte aber schon nach vielleicht zehn Minuten
zurck und berichtete:
    Es sind Reiter und Reiterinnen. Zwanzig Mnner und viermal zehn Squaws, mit
vielem Gepck auf Maultieren hinterher.
    Wie weit entfernt von hier? fragte der junge Adler.
    Sie werden in einer Viertelstunde den Nugget-tsil erreichen.
    Sie mgen kommen. Man beobachte sie, aber ohne sich von ihnen sehen zu
lassen. Es sind die Squaws der Sioux, die nach dem Mount Winnetou wollen. Wer
die Mnner sind, das wei ich jetzt noch nicht. Wir reiten von hier nach dem
Deklil-to. Ich glaube nicht, da ich deiner Hilfe noch einmal bedarf.
    Hierauf entfernte sich der Winnetou, ohne eine einzige Silbe, die nicht von
seiner Pflicht geboten war, auszusprechen. Das war Disziplin! Als unser alter,
guter Pappermann erfuhr, wen wir hier bei uns zu erwarten hatten, kam er in eine
Aufregung, die er zwar verbergen wollte, aber nicht verbergen konnte. Die
Gebrder Enters fhlten sich unsicher. Sie fragten, ob sie sich vielleicht
zurckziehen sollten.
    Ihr gehrt jetzt zu uns, und ihr bleibt bei uns, antwortete ich. Wie ich
eigentlich heie, ist zu verschweigen.
    Damit war diese Sache abgemacht. Ich sah mit meinem Herzle den Nahenden mit
groem Interesse entgegen, obgleich ich es bedauerte, auf die Durchsicht der
Manuskripte nun verzichten zu mssen. Es verging eine Viertelstunde nach der
andern. Diese Leute nahmen sich Zeit. Endlich, nach ber einer Stunde, hrten
wir schon von weitem den Lrm, den sie machten. Sie kamen zu Fu. Die Pferde
waren wegen der steilen Stellen, die es gab, unten am Berg gelassen worden. Wir
wurden bemerkt, noch ehe sie unter den Bumen hervorgetreten waren. Das
schlossen wir aus dem Umstande, da die lauten Stimmen jetzt pltzlich
verstummten. Hierauf sahen wir einen sehr langen und sehr hageren Menschen
erscheinen, der sich in einem sonderbar hochbeinigen, schlingernden Gang auf uns
zu bewegte. Er war nicht indianisch gekleidet, sondern er trug einen sehr
eleganten Yankeeanzug mit einem sehr weien und sehr hohen Kragen und ebenso
weien, glnzenden Manschetten. An seiner Brust prahlte eine groe, echte
Nadelperle, und an seinen Fingern glnzten verschiedene Diamanten nebst andern
Edelsteinen. Aber seine Hnde waren gro, sehr gro, seine Fe ebenso, und
seine Nase - - o, diese Nase! Die konnte nur von einer riesennasigen
indianischen Mutter und einem noch riesennasigeren armenischen Vater stammen und
war dann an ihren beiden Seiten derart abgeschliffen worden, da sich nur die
dnne Scheidewand erhalten hatte. Zu dieser Nase erschienen die wimperlosen,
zudringlichen Aeuglein viel zu klein. Das Gesicht war schmal. Der Kopf glich
einem Vogelkopfe, aber dieser Vogel war ganz gewi kein khner Adler, sondern
nur ein monstreschnabeliger Pfefferfresser.
    Also dieser Mann kam auf uns zugeschlingert, blieb vor uns stehen, ohne zu
gren, betrachtete uns, Einen nach dem Andern, wie leblose Gegenstnde oder wie
vllig wertlose Personen, die sich das gefallen lassen mssen, und fragte dann:
    Wer seid ihr?
    Seine Stimme klang scharf und spitz. Leute mit solchen Stimmen pflegen
gefhl- und rcksichtslos zu sein. Er erhielt nicht sogleich eine Antwort, darum
wiederholte er seine Frage:
    Wer seid ihr? Ich mu das wissen!
    Mir und dem Herzle fiel es nicht ein, ihm Rede zu stehen, dem jungen Adler
noch viel weniger. Die beiden Enters hatten Grund, sich nicht hervorzutun, und
so war es schlielich Pappermann, welcher das Wort ergriff:
    Ihr mt das wissen? Ihr mt? Ah, wirklich? Wer zwingt Euch dazu?
    Zwingt? fragte der Mann erstaunt. Von einem Zwange ist keine Rede. Ich
will!
    Ah, Ihr wollt! Das ist freilich etwas Anderes! Nun, so wollt einmal! Bin
neugierig, wie weit Ihr es mit diesem Eurem Willen bringt!
    Genau so weit, wie ich eben will! Wenn es Euch etwa beliebt, mir mit
Albernheiten zu antworten, so haben wir die Mittel in den Hnden, Euch zu
zwingen, ernst zu sein!
    Wir Andern alle saen. Nur Pappermann hatte gestanden, als der Fremde kam.
Er schritt jetzt langsam auf ihn zu, stellte sich gewichtig vor ihm auf und
fragte:
    Zwingen? Uns zwingen? Etwa Ihr? Den Mann, der das sagt, mu ich mir doch
einmal genauer betrachten!
    Er fate ihn bei den Armen, drehte ihn nach rechts, nach links, schlielich
ganz um sich herum, schttelte ihn, da alle Knochen wackelten, und sagte dann:
    Hm! Sonderbar! Bin doch sonst nicht so dumm! Aber aus diesem Kerl werde ich
mir nicht klug. Ihr seid kein Ganzindianer, sondern nur ein halber? Ist das
richtig?
    Der Gefragte wollte aufbrausen, anstatt willig und direkt zu antworten, da
aber schttelte der alte Westmann ihn zum zweiten Male und warnte:
    Halt! Keine Grobheiten oder gar Beleidigungen! Die vertrage ich nicht! Wer
hierher kommt und uns, ohne zu gren, zwingen will, uns aushorchen zu lassen,
wie es ihm beliebt, der ist erstens ein ungezogener Mensch und zweitens ein
Schafskopf sondergleichen. Hier ist unser Lagerplatz. Nach den Gesetzen der
Prairie gehrt er uns, bis wir ihn verlassen. Wir waren eher da als Ihr. Wir
sind hier daheim. Wer unser Heim betritt, der hat hflichst zu gren und sich
auszuweisen, wer er ist und was er will. Verstanden? Und nun sagt mir vor allen
Dingen erst einmal Euern Namen! Aber schnell! Ich scherze nicht! Sondern ich
pflege solche Vgel, wie Ihr seid, sehr schnell richtig pfeifen zu lehren!
    Er hielt ihn noch an beiden Armen fest, so fest, da der Fremde das Gesicht
vor Schmerz verzog und kleinlaut antwortete:
    So lat doch wenigstens los! Mein Name ist Okih-tschin-tscha. Bei den
Bleichgesichtern heie ich Antonius Paper!
    Antonius Paper und Okih-tschin-tscha? Schn! Aber ein Ganzindianer seid Ihr
nicht?
    Nein.
    Sondern nur ein halber, ein Mischling?
    Ja.
    Eure Mutter war Indianerin?
    Ja.
    Von welchem Stamme?
    Sioux.
    Und Euer Vater?
    Der kam aus dem gelobten Lande herber und war von Geburt Armenier.
    Schade, jammerschade!
    Wieso?
    Es tut mir so leid um das gelobte Land, da es sich die Ehre, Euch geboren
zu haben, hat entschlpfen lassen! Die Armenier sind, wenn sie herberkommen,
immer Hndler. Ihr wohl auch?
    Ich bin Bankier! erwiderte der Fremde stolz. Nun aber lat mich los! Und
sagt auch, wer Ihr seid!
    Das soll geschehen. Ich bin ein alter, wohlbekannter Prairielufer und
heie Pappermann, Maksch Pappermann, verstanden? Nebenbei ist es mein ganz
besonderes Metier, grobe Leute hflich und dumme Menschen gescheit zu machen.
Ihr seid nicht allein? Eure Begleiter stecken noch da drben unter den Bumen?
    Ja.
    Es sind Frauen dabei?
    Ja.
    Siouxfrauen, die nach dem Mount Winnetou wollen?
    Ja. Woher wit Ihr das?
    Das ist meine Sache, nicht Eure. Wer sind die Mnner dabei?
    Das sind die Herren vom Komitee mit ihrer Dienerschaft und den Fhrern.
    Was fr ein Komitee?
    Das Komitee fr den Denkmalbau eines - - -
    Er hielt inne. Es fiel ihm ein, da Weie als Mitwisser ja eigentlich
ausgeschlossen seien. Darum fuhr er fort:
    Fragt sie selbst! Ich bin nicht ermchtigt, ber die Zwecke dieses Komitees
Auskunft zu erteilen! Und lat mich nun doch endlich los!
    Da schttelte Pappermann ihn noch einmal tchtig durch, gab ihn dann frei
und sagte:
    So kehrt zu ihnen zurck, und sagt ihnen meinen Namen! Besonders den Damen!
Es sind einige dabei, die mir beistimmen werden, da man hier zu gren hat!
    Herr Antonius Paper schlingerte wieder ber die Lichtung hinber, bis er
unter den Bumen verschwand. Sein Indianername Okih-tschin-tscha bedeutet in der
Siouxsprache so viel wie Mdchen. Er schien sich also schon von Jugend auf
durch mnnliche Taten und mnnliche Eigenschaften nicht allzusehr ausgezeichnet
zu haben. Er war der Kassierer des Denkmalkomitees fr Winnetou. Man wird sich
erinnern, da grad er und sein Verhltnis zu Old Surehand mir gleich von Anfang
an als nicht vertrauenswert erschien. Nun ich ihn heut zum ersten Male sah, war
der Eindruck, den er auf mich machte, kein gnstiger. Das Herzle dachte ebenso.
    Ein Mischling! sagte sie. Du bist doch immer der Meinung, da diese
Halbblutleute meist nur die schlimmen Eigenschaften ihrer Eltern erben?
    Ja, meist. Aber schau! Man kommt!
    Kaum hatte der Halbindianer da drben den Namen Pappermann genannt, so
hrten wir den frohen Ruf einer weiblichen Stimme, und gleich darauf erschienen
zwei Frauengestalten, die mit eiligen Schritten ber die Lichtung herberkamen.
Die Eine war Aschta, die wir am Kanubisee gesehen hatten, die Andere
wahrscheinlich ihre Mutter. Die brigen Ladies folgten ihnen auf dem Fue,
hinter ihnen die Mnner in langsameren, wrdigeren Schritten.
    Wir standen alle auf.
    Mir wird ganz schwach! sagte Pappermann.
    Er lehnte sich an den nchsten Baum. Aber seine alten, guten, treuen,
ehrlichen Augen standen weit offen und waren mit seligem Ausdruck auf die
beiden, sich nhernden Frauen gerichtet.
    Man sah sofort, da diese Beiden Mutter und Tochter waren, so sprechend
hnlich, so fast vllig gleich zeigten sie sich nicht nur in Beziehung auf ihre
Gesichtszge, sondern auch in Hinsicht auf ihren Gang, ihre Haltung und die Art,
sich zu bewegen und sich auszudrcken. Dazu kam, da sie vllig gleich gekleidet
waren. Die vierzig Indianerinnen stimmten in ihren Anzgen berhaupt alle
berein. Auch trugen sie alle den Stern des Clan Winnetou.
    Aschta hieen beide. Sie kamen Hand in Hand. Die Mutter war beinahe fnfzig
Jahre alt, aber immer noch schn, und zwar von jener Schnheit, an welcher die
Seele nicht weniger Anteil hat als der Krper.
    Da ist er! sagte die Tochter, indem sie auf Pappermann zeigte. Und dort
steht der junge Adler, von dem ich dir auch erzhlte.
    Aber die Mutter achtete jetzt nicht auf den Letzteren, sondern nur auf den
Ersteren. Sie gab die Hand ihrer Tochter frei, blieb einen Augenblick stehen,
lie ihren Blick ber ihn gleiten und sagte:
    Ja, er ist es, der Liebe, der Gute, der Bescheidene!
    Sie trat bis ganz zu ihm heran, ergriff seine Hnde, hob ihre schnen,
dunkeln aber klaren Augen zu seinem Gesichte empor und fragte:
    Warum kamt Ihr nicht? Warum seid Ihr uns ausgewichen, immer und immerfort?
Es ist grausam, den Dank der Herzen, die es ehrlich meinen, abzulehnen. Bitte,
gebt mir Eure Stirne; ja, gebt sie mir!
    Er bog den Kopf nieder. Sie hob die Hnde, zog ihn nher und kte ihn auf
die Stirne und auf die beiden Wangen. Da konnte er sich nicht lnger halten. Er
brach in ein lautes Schluchzen aus, drehte sich um und entfernte sich mit
eiligen Schritten, in den Wald hinein.
    Hier wird gekt! hrte man eine scharfe, spitze Stimme erklingen.
    Das war der Halbindianer, der bei den andern Mnnern hinter den Frauen
stand. Aller Augen richteten sich auf ihn.
    Welch ein Wort, rief Aschta, die Tochter, aus. Er soll es ben!
    Sie hob drohend den Arm und eilte zornig auf ihn zu.
    Aschta! erklang da die Stimme der Mutter. Berhre ihn nicht! Er ist
schmutzig!
    Die Tochter hemmte ihren Schritt und ging zur Mutter. Diese nahm sie wieder
bei der Hand und sagte, so da Alle es hrten:
    Komm, wir gehen, den Andern, den Freund, den Retter zu suchen, denn er
steht hher, tausendmal hher als Jener dort, der es wagt, ber Dankbarkeit zu
spotten!
    Beide entfernten sich in der Richtung, nach welcher Pappermann den Platz
verlassen hatte. Ich war der Meinung, da hierauf zwischen uns und den
Neuangekommenen ein kurzer Verlegenheitszustand eintreten werde, der unbedingt
berwunden werden mute, aber ich hatte mich geirrt. Mr. Antonius Paper oder
vielmehr Mr. Okih-tschin-tscha schien eine dicke Haut zu besitzen, durch welche
Strafreden, wie die soeben angehrte, nicht zu dringen vermochten. Er tat, als
ob nicht das Geringste vorgefallen sei, und ergriff sofort wieder das groe
Wort, indem er sich an die bei ihm stehenden Gentleman wendete, die alle
indianisch gekleidet waren, obgleich man ihnen ansah, da sie nicht mehr der
Prairie oder dem Urwalde angehrten:
    Der Sprecher der hier lagernden Gesellschaft hat sich leider entfernt. Er
kann uns also nicht sagen, wer die Andern, die Zurckgebliebenen sind. Wir
werden es aber doch sofort erfahren. Ich sorge dafr!
    Er kam auf uns zu.
    Der Unglckselige! sagte das Herzle. Er wird doch nicht etwa mit Dir
anbinden?
    Er wrde sofort wieder abgebunden sein! lachte ich vergngt.
    Ihre Befrchtung erwies sich als begrndet. Der Mann wendete sich an mich.
Alle Welt schaute nach ihm und war auf seine Fragen und meine Antworten
gespannt.
    Mr. Pappermann hat es fr gut gehalten, sich zurckzuziehen, begann er;
ich frage also nun Euch. Wie ist Euer Name?
    Ich heie Burton, antwortete ich.
    Und die Lady da neben Euch?
    Ist meine Frau.
    Die beiden Gentlemen, die hinter Euch stehen?
    Sind Brder. Mr. Hariman Enters und Mr. Sebulon Enters.
    Den jungen Adler sah er nicht, weil dieser abseits stand. Er fuhr in
seinem Verhr fort:
    Wo kommt Ihr her?
    Aus dem Osten.
    Wo wollt Ihr hin?
    Nach dem Westen.
    Redet nicht so dumm! Das ist ja eben der Westen, wo Ihr seid! Und wenn ich
einmal frage, so will ich Namen und Orte wissen, nicht aber alberne Ausdrcke,
aus denen man sich nichts nehmen kann!
    Er hatte noch nicht ganz ausgesprochen, so bekam er eine derartige Ohrfeige
von mir, da er sich halb um sich drehte und dann niederstrzte. Hierauf wendete
ich mich nach rechts:
    Die Ladies wollen verzeihen, da es hier genau so aus dem Walde schallt,
wie hineingesprochen wird; wir sind ja eben im Walde!
    Und nach links hinber fgte ich hinzu:
    Ich bitte einen der andern Gentlemen, die Unterhaltung mit mir
fortzusetzen. Mr. Paper wird wahrscheinlich darauf verzichten.
    Verzichten? rief er aus, indem er sich vom Boden aufraffte. Fllt mir
nicht ein! Ich bin geschlagen worden - geschlagen! Das erfordert Strafe -
sofortige Strafe!
    Er suchte hastig in seinen Taschen herum und brachte zunchst ein Messer
hervor, eine sehr elegante, sogenannte Sicherheitsklinge, die er sehr behutsam,
um sich ja nicht selbst zu stechen, ffnete. Dann kam ein kleiner, allerliebster
Salonrevolver zum Vorschein, den er entsicherte und spannte. Nach diesen
groartigen Vorbereitungen wollte er sich von neuem an mich machen. Die Folge
wre eine noch grere Blamage gewesen, zu der es aber nicht kam, denn einer der
Gentlemen schob ihn beiseite und sagte:
    Steckt diese Waffen wieder ein, Mr. Paper! Mit gewaltttigen Leuten spricht
man anders!
    Er tat mit verbindlichem Lcheln zwei Schritte auf mich zu, machte mir eine
noch verbindlichere Verbeugung und begann:
    Wir wnschen, uns Euch vorzustellen, Mr. Burton. Ich bin Agent, Agent fr
alles Mgliche, und heie Evening. Hier steht Mr. Bell, Simon Bell, Professor
der Philosophie. Und da seht Ihr Mr. Edward Summer, der auch Professor ist,
nmlich Professor der Klassikal-Philologie. Gengt Euch das?
    Man sah es ihm an, da er erwartete, mir auerordentlich imponiert zu haben,
und ich gestehe auch gern ein, da diese beiden Professoren bisher meine
Hochachtung besaen; gesehen hatte ich sie noch nie. Ich war also gern bereit,
so hflich wie mglich zu sein und ihnen in jeder Weise entgegenzukommen, zumal
diese vier Mnner im Verein mit Old Surehand ja das Komitee bildeten, in dessen
Hnde das Schicksal des geplanten Winnetoudenkmals gegeben war. Ich verbeugte
mich also ebenso verbindlich, wie er es getan hatte und antwortete:
    Ich fhle mich geehrt, so hervorragende Mnner der Wissenschaft kennen zu
lernen, und erklre mich bereit, dies, wenn ich Euch dienen kann, zu beweisen.
    Das ist mir lieb, sehr lieb! Ich werde Euch sofort Gelegenheit geben,
diesen Beweis zu fhren. Wir sind nmlich in einer wichtigen Angelegenheit
gekommen, diesen Platz hier zu besichtigen. Wir glaubten, Niemand hier zu
finden. Eure Gegenwart ist uns strend.
    So unendlich hflich, wie er das sagte, so unendlich rcksichtslos war es
auch. Ich sah die beiden Professoren an und antwortete nicht sogleich.
    Ihr versteht mich doch? fragte er.
    Gewi, erwiderte ich. Es ist ja deutlich genug.
    Nun?
    Ihr wnscht, da wir uns entfernen?
    Ja.
    Wir alle?
    Alle!
    Wie weit?
    Welch eine Frage! Ich meine ganz selbstverstndlich nicht nur zehn oder
zwanzig oder fnfzig Schritte! Ihr sollt fort von hier, vollstndig weg, weg,
weg!
    Wnschen das auch die Herren Professoren?
    Die Herren bejahten diese Frage sehr energisch, und der Agent fgte noch
berdies erklrend hinzu:
    Ihr scheint ein bermig gewaltttiger Mann zu sein. Unsere Angelegenheit
aber ist eine so zarte, feine und diskrete, da Ihr ganz gewi an keine Stelle
pat, an der wir uns befinden.
    Das sehe ich ein, Mr. Evening; ja wirklich, das sehe ich ein. Wir werden
diesen Platz also verlassen.
    Nicht nur zum Scheine?
    Nein.
    Und wann?
    Sofort. Ich bitte nur um so viel Zeit, als wir ntig haben, das Zelt
abzubrechen und die Pferde zu satteln.
    Die sei Euch gern gewhrt. Ich sehe, Ihr seid vernnftiger, als wir
dachten!
    Ich wendete mich mit meiner Frau nach dem Zelte und bat die beiden Enters,
uns zu helfen.
    Wie schade! Jammerschade! klagte das Herzle leise. Diese uns so heilige
Sttte in dieser Weise verlassen zu mssen!
    Ich sah ihr an, das Weinen stand ihr nahe.
    Sei ruhig, Schatz! bat ich. Wir kommen auf dem Rckweg wieder her, und
gewi in anderer Weise und in anderer Begleitung!
    Aber mu es denn sein? Mssen wir denn weichen? Grad diesen Menschen
weichen? Haben wir nicht ein viel, viel greres Recht, hier zu sein, als sie?
Ist es nicht vielleicht eine Schwche von dir?
    Im Gegenteil, ein Sieg.
    Da mchte ich dich fast bitten, mir dies zu beweisen!
    Ist gar nicht ntig, du wirst es ganz von selbst einsehen, und zwar noch
ehe wir gehen. Wir liefern hier unser erstes, bedeutendes Avantgardegefecht fr
unser Ideal. Du wirst den Sieg bald sehen, vielleicht auch hren! Ich bitte,
dich mit dem Einpacken so viel wie mglich zu beeilen!
    Mit diesem Einpacken ging es bedeutend schneller, als wir dachten. Die
Herren vom Komitee hatten die Gte, uns einige von ihren Hands18 zur Hilfe zu
stellen, so da wir grad fertig und zum Aufbruch bereit waren, als Aschta, die
Mutter und Aschta, die Tochter mit Pappermann aus dem Walde zurckkehrten. Sie
kamen Hand in Hand, er in der Mitte, auf beiden Seiten von Mutter und Tochter
gefhrt. Sein altes, liebes Gesicht strahlte im Ausdruck einer tiefen, reinen,
heiligen Freude. Als er die Maultiere bepackt sah, uns bei den Pferden stehend
und den jungen Adler sogar schon im Sattel sitzend, rief er verwundert aus:
    Was ist das? Wollt ihr etwa fort?
    Ja, fort, antwortete ich. Steigt auf!
    Unmglich! Ich habe versprochen, zu bleiben!
    So bleibt! Wort mu man halten! Ich aber habe versprochen, den Nugget-tsil
zu verlassen, und zwar sofort.
    Wem?
    Den Gentlemen da.
    Ich deutete dabei auf die Herren vom Komitee.
    Wir sind ihnen zu gewaltttig! fgte Hariman Enters hinzu, um seinem
Aerger Luft zu machen.
    Nicht zart, nicht fein, nicht diskret genug! vervollstndigte Sebulon
Enters. Sie meinen, da Mr. Burton an keine Stelle pat, an der sie sich
befinden!
    Das ist eine Lge, eine ganz unverschmte, flegelhafte Lge! brauste
Pappermann auf. Mr. Burton ist ein Gentleman, wie es hier unter uns wohl keinen
-
    Still! unterbrach ich ihn. Wem habt Ihr versprochen, hier zu bleiben?
    Diesen beiden Ladies.
    Wie lange hier zu bleiben.
    Das wurde nicht gesagt. Gewi aber war gemeint, bis wenigstens morgen. Wir
haben uns so viel zu erzhlen. Mt Ihr wirklich fort, wirklich?
    Ja, unbedingt! Ihr knnt ja hier bleiben und morgen nachkommen!
    Was? Euch allein lassen, Euch und Mrs. Burton? Da wre ich ja der grte
Halunke, den es gibt! Nein, nein! Ich reite mit! Ich bitte die Ladies, mir mein
Wort zurckzugeben! Sie werden es tun, gewi, gewi! Denn ich verspreche ihnen,
da wir uns bald, sehr bald wiedersehen!
    Er kte ihnen in brenhafter, aber um so rhrender Zartheit die Hnde und
ging zu seinem auch schon gesattelten Maultiere. Da richtete sich die Mutter
hoch auf und fragte mit lauter, gebieterischer Stimme ber den Platz hinweg:
    Was ist hier geschehen? Ich will es wissen, ich, das Weib Wakons, des
Unbestechlichen, der sich weigerte, Mitglied dieses Komitees zu sein! Wer sagt
es mir, wer?
    Der wird es dir sagen, der da kommt, antwortete ihre Tochter, indem sie
auf den jungen Adler deutete, der sein Pferd in tnzelndem Schritte nach der
Stelle trieb, wo Beide standen.
    Als er sie erreicht hatte, rief er mit weithin vernehmbarer Stimme:
    Ich bin ein Winnetou vom Stamme der Apatschen. Ich kehre aus den Wohnorten
der Bleichgesichter heim zur Sttte meiner Ahnen. Man nennt mich den jungen
Adler - - -
    Der junge Adler - - der junge Adler - - der junge Adler! raunte es von
Mund zu Mund. Man kannte diesen Namen, obgleich sein Trger noch so jung an
Jahren war.
    Er fuhr fort:
    Ich erklre hiermit im Namen aller Winnetous vom Stamme der Apatschen, da
dieses Komitee nicht wrdig ist, die groe Frage, vor deren Lsung wir hier
stehen, zu entscheiden! Der Schlag in das Gesicht war wohl verdient, war die
einzig richtige Antwort, die es gab! Nicht nur Antonius Paper, sondern das ganze
Komitee hat ihn erhalten. Ich habe gesprochen. Howgh!
    Er nahm sein Pferd vorn hoch, um den Platz zu verlassen.
    Auch du willst fort? fragte die Mutter.
    Auch ich? Vor allen Dingen ich! Doch sehen wir uns wieder, antwortete er.
    Wann und wo? fragte die Tochter.
    Am Mount Winnetou.
    Diese beiden Fragen und Antworten wurden nicht in englischer Sprache,
sondern im Apatsche ausgesprochen Die Mutter fgte in leiserem Tone hinzu:
    Du bist ein Liebling Wakons, meines Gatten. Du wirst auch ihn am Mount
Winnetou sehen. Kommst du vielleicht schon vor den Tagen der Ausstellung zu
Tatellah-Satah?
    Ich hoffe es.
    So sag ihm, da Aschta, das Weib Wakons und zugleich die Tochter des
grten Medizinmannes der Seneca, im Kampfe gegen den Unverstand mit allen
Frauen der roten Rasse an seiner Seite steht.
    Ich danke dir in seinem Namen. Wie kommt es, da ihr trotzdem mit dem
Komitee dieses Unverstandes reitet?
    Der Zufall fhrte uns mit ihnen zusammen. Sie hingen sich an uns, obgleich
wir das nicht wnschten. Sie wollen erfahren, was wir in unserm Campmeeting am
Mount Winnetou beraten und beschlieen werden. Wir teilen es ihnen nicht mit.
Wir bergeben dir unsern Freund und Retter und bitten dich, ber ihn zu wachen.
Wer ist das Bleichgesicht, welches sich mit seiner Squaw bei dir befindet?
    Hat Pappermann es euch nicht gesagt?
    Nein. Wir fragten ihn, aber er schwieg. Doch scheint er diese Beiden sehr,
sehr hochzuachten.
    Ich hielt so nahe bei ihnen auf dem Pferde, da ich diese Worte hrte. Die
Mutter glaubte, von mir, dem Weien, nicht verstanden zu werden. Der junge
Adler warf einen fragenden Blick herber. Er htte den beiden Frauen gar so
gern gesagt, wer ich war. Ich gab ihm mit den Augenlidern die Erlaubnis dazu. Da
trieb er sein Pferd noch einen Schritt weiter an sie heran und sprach:
    Wenn dieser Weie und seine Squaw nicht erfahren sollen, was ihr jetzt mit
mir redet, so mt ihr leiser sprechen.
    Warum.
    Er versteht die Sprache der Apatschen.
    Sie erschrak.
    So hat er uns ja schon verstanden! hauchte sie schnell und verlegen.
    Allerdings, und zwar jedes Wort. Aber du hast nicht ntig, zu erschrecken.
Er ist ein Freund Winnetous, und er ist auch der deinige, der Eurige. Er will
nicht, da man jetzt schon seinen Namen erfhrt; aber wenn ihr mir versprecht,
verschwiegen zu sein, so darf ich ihn euch nennen.
    Wir werden verschwiegen sein!
    Nun wohl, es ist Old Shatterhand.
    Old Shat - - -! Sie konnte den Namen vor Ueberraschung nicht ganz
aussprechen. Sie erbleichte fr einen Augenblick. Dann rtete sich unter der
zurckkehrenden Blutwelle ihr Gesicht um so mehr. Ist das wahr? - Ist das
wahr?
    Ja, es ist wahr; er ist es, versicherte der junge Adler.
    Der beste, der wahrste, der treueste Freund und Bruder unseres Winnetou!
Zum ersten Male im Leben sehe ich ihn! O knnte ich - - knnte ich - -!
    Sie sprach auch diesen Satz nicht ganz aus. Sie schlug die Hnde zusammen
und schaute wie hilflos zu mir empor. Ihre Tochter aber trat zu mir heran und
kte, ehe ich es verhindern konnte, meinen Steigbgelriemen. Ebenso schnell zog
sie auch den Rocksaum meines Herzle an die Lippen.
    Und das ist seine Squaw - - - seine Squaw! fuhr die Mutter fort. O, htte
ich doch nicht versprochen, zu schweigen! Ich wrde vor Freude jubeln, jubeln,
jubeln!
    Da schwang das Herzle sich vom Pferde, umarmte sie, kte sie auf Mund und
Wangen und sagte in englischer Sprache:
    Ich verstehe nicht, was Ihr sprecht, aber ich lese es aus Euren Augen und
von Euren Lippen. Ich liebe euch beide! Ich begre euch! Wir sehen uns wieder,
bald, bald! Jetzt aber mssen wir fort!
    Sie gab der Tochter denselben dreifachen Ku wie der Mutter und stieg dann
wieder auf das Pferd. Ich reichte den beiden lieben, schnen Indianerinnen die
Hand und sagte:
    Wakon, der unermdliche Forscher und Finder, steht hoch in meinem Geiste
und noch hher in meiner Seele; denn es ist die Seele seiner Nation, nach der er
sucht. Ich freue mich, gehrt zu haben, da ich ihn am Mount Winnetou sehen
werde. Und ich bin stolz darauf, schon heut seiner Squaw und seiner Tochter
begegnet zu sein. Am meisten aber beglckt es mich, zu wissen, da wir
Verbndete sind. Das Andenken Winnetous gehrt in die Herzen unserer Mnner und
Frauen, in die Seelen unserer Vlker, nicht aber auf die kahlen, windigen Hhen
prahlerischer Oeffentlichkeit. Ich bitte, zu verschweigen, da ihr mich hier
getroffen habt. Wir sehen uns wieder! Zur rechten Zeit an der richtigen Stelle!
    Wir ritten fort, mit hflichem Gru fr die Frauen, doch ohne einen Blick
fr die Mnner. Es ging langsam dieselben Steilungen hinab, die wir
heraufgekommen waren. Unten sahen wir die Pferde derer stehen, die uns
vertrieben hatten; sie kmmerten uns nicht. Dann, als der Weg eben wurde und wir
aus dem Wald herauskamen, konnten wir eine grere Schnelligkeit entwickeln und
unsern Ritt beeilen. Denn nun wir einmal den Nugget-tsil verlassen hatten, galt
es, unser nchstes Ziel, den Deklil-to19, so bald wie mglich zu gewinnen, weil
der grte Teil der Strecke zwischen hier und dort aus feindlichem Land bestand.
Die alten, blutrnstigen Zeiten waren ja, Gott sei Dank, vorber, aber der Ha,
der damals regierte, war noch nicht tot; der lebt heute noch. Das war sehr
deutlich aus den Briefen zu ersehen, die ich von To-kei-chun, dem Huptling der
Raeurroh-Comantschen, und von Tangua, dem ltesten Huptling der Kiowa, erhalten
hatte. Unser Weg fhrte durch das Gebiet dieser beiden Stmme, und ich war mir
sehr wohl bewut, da ich, wenn auch keinen wirklichen Leichtsinn, aber doch
gewi ein Wagnis beging, indem ich mit meiner Frau, die den doch immerhin
mglichen Gefahren nicht gewachsen sein konnte, grad diese schlimme Gegend
durchquerte. Ich hatte kein ganz gutes Gewissen, htete mich aber, ihr dies zu
sagen.
    Sie hatte keine Ahnung von diesen meinen Gedanken. Sie war ganz unbefangen.
Ja, noch mehr, sie war sogar sehr heiter. Whrend wir auf ebenem Boden im
kstlichen Galopp nebeneinander dahinflogen, warf sie mir von der Seite her
zuweilen einen heimlich sein sollenden Blick zu, den ich aber doch wohl
bemerkte. Ich verstand diese Blicke. Sie kann kein Unrecht ertragen, auch dann,
wenn dieses Unrecht nicht in einer Tat, sondern nur in einem Gedanken besteht.
Es mu heraus. Sie mu es bekennen. Eher lt es ihr keine Ruhe. Sie hatte jetzt
so Etwas, was sie loswerden wollte. Daher ihre Blicke. Endlich, als sie wieder
einmal so forschend herberschaute, sah ich ihr voll in das Gesicht und forderte
sie lachend auf:
    Na also, heraus damit!
    Womit? fragte sie.
    Mit dem Gestndnis!
    Gestndnis? Was sollte ich wohl zu gestehen haben?
    Irgend Etwas.
    Aber was?
    Das hoffe ich, von dir zu erfahren!
    So? Hre, was hltst du wohl von einer Ehe, in welcher die arme,
unglckliche Frau ihren Mann nie ansehen darf, weil er bei jedem Blick, den sie
auf ihn richtet, glaubt, sie habe ihm ein Gestndnis zu machen?
    Meine Meinung lautet dahin, da diese arme, unglckliche Frau sehr
glcklich verheiratet ist, denn sie hat einen Mann, der sie kennt und
durchschaut!
    Hm! Der aber trotzdem nicht wei, was sie ihm bekennen und gestehen soll,
denn er sagt immer nur: Ich hoffe, es von dir zu erfahren! Leider ist es in
diesem jetzigen, einen, einzigen Falle endlich, endlich einmal richtig, da ich
dir Abbitte zu leisten habe. Ich war nicht einig mit dir. Wenn auch nur im
Stillen, aber doch.
    Nicht einig? Inwiefern?
    Ich wre so gern da oben geblieben. Ich wollte nicht weichen. Ich hielt es
wirklich fr eine Schwche von dir, ihnen Platz zu machen.
    Und aber nun?
    Ja, aber nun! Du hattest Recht! Wren wir geblieben, so htte es nur
Gehssigkeiten gegeben, herber und hinber. Also eher eine Niederlage als einen
Sieg. Auch an eine ruhige Durchsicht der ausgegrabenen Manuskripte wre nicht zu
denken gewesen. Hier aber sind wir frei, ohne Zank und Streit und Bitterkeit,
und - - das erste, groe Avantgarde-Gefecht, von dem du sprachst, ist gewonnen.
    Das siehst du ein?
    Aber gern, sehr gern! Diese ltere Aschta, die Frau Wakons, hat mir
imponiert. Sie ist ein Charakter, eine gro angelegte Frau. Kein einziges von
all den Komiteemitgliedern reicht geistig an sie heran. Die ist wahrlich nicht
nach dem Mount Winnetou unterwegs, um dort Suffragettenreden zu halten! Die
wei, was sie will! Aber sie sagt es nicht; das imponiert mir ganz besonders!
Indem du dich vertreiben lieest, hast du dir in ihr eine Helferin gewonnen, die
nicht zu unterschtzen ist.
    Ja, lachte ich frhlich, es wird eine Amazonenschlacht zwischen ihr und
dem Komitee! Ich bin auerordentlich gespannt auf die Entwickelung, der wir
nicht etwa nur als Zuschauer entgegengehen, sondern an der wir als Mitwirkende
sehr eng beteiligt sind. Wir hrten, da Kiktahan Schonka ein unerbittlicher
Feind von Wakon ist. Ich vermute, da Wakon an der Spitze der jungen Sioux
ebenso nach dem Mount Winnetou kommen wird, wie Kiktahan Schonka die alten Sioux
nach dem dunklen Wasser fhrt. Zwei feindliche Richtungen desselben Stammes, die
auf fremdem Gebiete aufeinanderplatzen! Wie kurzsichtig! Grad hieran ging die
Rasse zugrunde! Dem mu gesteuert werden! Also du bist wieder einverstanden mit
mir?
    Vollstndig. Wo lagern wir heute abend?
    An der Nordgabel des Red River. Morgen kommen wir an die Salzgabel
desselben Flusses, an welcher damals das Dorf der Kiowas lag. Das ist jetzt
nicht mehr der Fall. Wir werden aber trotzdem die Stelle vermeiden, um unser
mglichstes zu tun, Niemanden zu begegnen.
    Es geschah, wie ich gesagt hatte. Wir erreichten gegen Abend die Nordgabel
des roten Flusses und machten an ihrem Wasser Lager. Sehr interessant war, was
wir whrend unseres Gesprches da von Pappermann erfuhren. Er hatte nmlich
whrend seiner Unterhaltung mit den beiden Aschtas aus einigen uerungen der
Mutter geschlossen, da der Kassierer Antonius Paper bemht gewesen war, sich um
die Hand der Tochter bewerben zu drfen. Man hatte ihn rundweg abgewiesen, und
nun benutzte er jede Gelegenheit, hierfr in seiner ihm eigenen Weise Rache zu
nehmen.
    Als der Alte dies erzhlte, beobachtete ich den jungen Adler. Er tat, als
ob er es gar nicht hre. Er sagte kein Wort und bewegte keinen Zug seines
Gesichtes. Aber grad diese Unbeweglichkeit sprach deutlicher, als lauter Zorn
htte sprechen knnen.
    Noch ehe wir uns an diesem Abend schlafen legten, beschrieb ich meinen
Gefhrten den Weg, den ich damals, um Sander zu verfolgen, von dem Dorfe der
Kiowa aus gemacht hatte. Von da aus nach dem Rio Pecos und von dort hinauf nach
dem dunklen Wasser. Es gab von der Stelle aus, an der wir uns heut befanden,
einen direkteren, einen nheren Weg. Schlugen wir diesen ein, so konnten wir uns
sofort von hier aus nach West wenden, ohne erst nach der Salzgabel des Red River
zu reiten. Ich hatte damals nur darum nicht den krzeren, sondern den weiteren
Weg gemacht, weil er von Sander, den ich verfolgte, eingeschlagen worden war.
Ich stellte es nun jetzt meinen Begleitern anheim, sich eine von beiden Routen
zu whlen. Sie waren so klug, sich fr die krzere zu entscheiden, und so kam
es, da wir eher in die Nhe des Zieles gelangten, als sie anderen Falles von
uns erreicht worden wre.
    Die Gegend durch welche wir zuletzt ritten, war d und wasserlos. Kein Baum,
kein Strauch, kein Grashalm erfreute das Auge. Es gab nur Stein und Felsen,
weiter nichts. Das Gelnde war bisher ziemlich eben gewesen, begann aber nun,
langsam zu steigen. Es war schon Mittag. Wir hielten aber nicht an, um zu essen
oder auszuruhen, denn es fehlte das Wasser, auf das wir erst spter, wenn wir
hher hinaufkamen, rechnen durften. Da sahen wir einen Reiter, weit vor uns
drauen, der hinter einer kleinen Anhhe verborgen gewesen war und nun langsam
hervorkam, um uns entgegen zu reiten. Er hatte uns von diesem seinem Versteck
aus beobachtet. Warum blieb er nicht verborgen? Warum kam er schon jetzt hervor?
Er konnte uns ja noch gar nicht genau erkennen. Ein erfahrener Krieger htte
gewartet, bis er uns in grerer Nhe hatte. Lag der Grund etwa nur darin, da
die alten Zeiten der Gefahr vorber waren und man darum berhaupt nicht mehr so
vorsichtig zu sein brauchte wie frher?
    Es war ein Indianer. Er lenkte sein Pferd langsamen Schrittes auf uns zu.
Dann hielt er an, um uns an sich kommen zu lassen. Er war keineswegs von hoher,
breiter, sehniger Gestalt, sondern eher klein als gro zu nennen. Seine Kleidung
bestand aus buntem Pueblostoff. Unter dem aus Agavefasern geflochtenen Hut flo
das dunkle Haar lang auf den Rcken hernieder. Im Grtel trug er ein Messer, am
Riemen ein leichtes Gewehr. Sein Pferd war kein gewhnlicher Gaul, und die
Haltung des Reiters durfte als selbstbewut, ja, ich mchte sagen, als
indianisch-edel bezeichnet werden. Das Gesicht, ganz selbstverstndlich
vollstndig bartlos, wollte mir bekannt erscheinen; nur wute ich nicht gleich,
warum, woher und wohin. Er hatte weichere Linien und eine hellere, wrmere
Farbe, als Indianer gewhnlich zu haben pflegen. Und der Blick seines milden,
ernsten, offenen Auges, welches fast an Winnetous Schwester Nscho-tschi
erinnerte - ah, da kam es mir, da wute ich es mit einem Male, wo und wann ich
diesen Indianer gesehen hatte! Und in demselben Augenblick wurde ich auch von
ihm erkannt. Ich war zufllig am Ende unseres kleinen Trupps geritten. Darum
traf mich sein Auge zu allerletzt. Es vergrerte sich unter dem Eindruck der
Ueberraschung, der Freude. Die Wangen rteten sich zusehends, fast wie bei einem
jungen Mdchen, dem von dem erregten Pulse das Blut in das Gesicht getrieben
wird. Er wollte das zwar verbergen, brachte es aber nicht fertig, whrend er es
aber mir ganz gewi nicht ansehen konnte, da ich mich seiner erinnerte. Ich
konnte mich beherrschen er aber nicht; ich war ja ein Mann; er aber war keiner.
Und nun wute ich auch, warum er so gegen alle mnnliche Vorsicht nicht
versteckt geblieben, sondern auf uns zugeritten war! Er sah fast verlegen aus
und verga, uns anzureden. Darum ergriff Pappermann, der an unserer Spitze ritt,
das Wort. Er hielt sein Pferd an und sagte:
    Wir gren unsern roten Bruder. Ist das der richtige Weg nach dem
Pa-wikonte?
    Der Gefragte antwortete:
    Ich gehre zu dem Stamme der Kiowa. Pa-wikonte aber ist ein Siouxwort, doch
kenne ich es. Ja, dieser Weg ist der richtige nach dem See. Wollen meine Brder
hin?
    Ja.
    So warne ich sie.
    Warum.
    Pa-wikonte heit Wasser des Todes. Reitet ihr hin, so kann der See
allerdings sehr leicht zu einem Wasser des Todes fr euch werden.
    Pappermann hatte in seinem indianisch-englisch-spanischen Kauderwelsch
gefragt; die Antwort war ihm in einem ziemlich guten Englisch geworden. Die
Stimme des Kiowa klang wie die Stimme einer Frau, die sich bemht, tief wie ein
Mann zu sprechen.
    Warum drohst du uns mit dem Tode? erkundigte sich der alte Jger.
    Ich drohe nicht, sondern ich warne, erwiderte der Rote.
    Beides ist gleich, wenn wir nur den Grund erfahren!
    Grnde, wie dieser, sind nicht billig. Man teilt sie nur den besten
Freunden mit.
    Wir sind deine Freunde!
    Das sagst wohl du; ich aber kenne dich nicht.
    So wisse, wer wir sind: Ich heie Maksch Pappermann und bin schon vierzig
Jahre lang als Westlufer bekannt. Da sind zwei Gentlemen, die Hariman und
Sebulon Enters heien. Der dritte Gentleman dort hinten ist Mr. Burton, und die
Lady hier ist Mrs. Burton, seine Frau. Und unser roter Bruder da an meiner Seite
ist ein Sohn der Apatschen und wird der junge Adler genannt.
    Der Kiowa sah uns in der Reihenfolge, in der wir nacheinander aufgezhlt
wurden, mit scharfem, forschendem Auge an. Nur bei mir lie er den Blick sinken.
Bei meiner Frau war es, als ob er sie durchbohren wolle. An den jungen Adler
ritt er nahe heran und sprach:
    Man erzhlt bei uns von einem jungen Adler der Apatschen, welcher aus dem
Stamme Winnetous und sogar sein Verwandter ist. Bist du etwa dieser?
    Ich bin es, antwortete unser Begleiter.
    Du hast diesen Namen schon als Knabe bekommen, weil du einen freien
Kriegsadler fesseltest und ihn zwangst, dich durch die Luft vom hohen Horst zur
Erde zu tragen. Ist das richtig?
    Es ist richtig.
    So reiche ich dir meine Hand. Ich sehe den Stern der Winnetou auf deiner
Brust. Auch ich bin ein Winnetou, doch habe ich jetzt noch Grund, es nur Wenigen
sehen zu lassen. Schau her! Vertraust du mir?
    Er hob den Aufschlag seiner Jacke; da kam der zwlfstrahlige Stern zum
Vorschein.
    Ich vertraue dir! versicherte der junge Adler.
    So erlaube mir, euer Fhrer zu sein! Ich habe euch erwartet.
    Du - -? Uns - -? fragte der Apatsche. Unmglich!
    Es ist nicht nur mglich, sondern wirklich. Glaube es mir!
    Der junge Adler schien doch irre werden zu wollen. Ein Angehriger der
feindlichen Kiowa! Der Stern konnte leicht den Zweck haben, bse Absichten zu
verdecken! Ich bekam einen schnellen, fragenden Blick herbergeworfen und gab
mit einem bejahenden Augenzwinkern heimliche Antwort. Da entschied der junge
Adler:
    Ja, sei unser Fhrer!
    Er wollte weiter sprechen, kam aber nicht dazu, denn Sebulon Enters richtete
die schnelle, ganz unvorbereitete Frage an den Kiowa:
    Sind die Sioux schon da?
    Was fr Sioux? fragte dieser.
    Die von dem alten Huptling Kiktahan Schonka angefhrt werden und nach dem
Pa-wikonte wollen. Und die Utahs mit ihrem Anfhrer Tusahga Saritsch?
    Da verschwand der freundliche Ausdruck aus dem Gesicht unsers neuen
Bekannten; sein Blick wurde schrfer, und er fragte:
    Kennt Ihr diese beiden Huptlinge?
    Ja, antwortete Enters.
    Ich hrte, ihr seid Brder?
    Die sind wir.
    Kiktahan Schonka hat euch nach dem Pa-wikonte gesandt?
    Ja.
    So beeilt euch, schleunigst hinzukommen! Ihr werdet dort erwartet. Meldet
euch bei Pida, dem Huptling der Kiowa, dem Sohn des alten berhmten Huptlings
Tangua! Der wird euch zu Kiktahan Schonka und Tusagha Saritsch bringen.
    Beeilen sollen wir uns? Warum?
    Das wei ich nicht. Es wurde mir gesagt.
    Aber was wird dann aus euch? Wann und wo treffen wir euch wieder?
    Diese Frage wurde an mich und meine Frau gerichtet. Ich antwortete:
    Sorgt euch nicht um uns! Wenn ich euch jetzt verspreche, da ihr uns zur
rechten Zeit und an der richtigen Stelle treffen werdet, so werde ich ebenso
Wort halten, wie ich in Beziehung auf die Teufelskanzel Wort gehalten habe.
Reitet also getrost weiter! Ihr knnt euch auf jedes Wort, welches hier dieser
Kiowa euch sagt, verlassen.
    Und dieser Pa-wikonte ist wirklich das dunkle Wasser, in dem unser Vater
starb?
    Ja. Ihr habt die Beschreibung der Oertlichkeit in meinem Buch gelesen. Ihr
werdet sie sofort erkennen.
    Aber der Weg ist uns unbekannt. Wie lange reitet ihr noch mit?
    Da antwortete der Kiowa schnell an meiner Stelle:
    Ihr reitet von jetzt an allein. Die Andern weichen von der bisherigen
Richtung ab. So will es Kiktahan Schonka, und dem habt ihr zu gehorchen! Euer
Weg braucht euch nicht zu sorgen. Er geht genau gerade aus. Sobald ihr in die
Nhe des Sees gelangt, werdet ihr auf Posten treffen, welche euch zu Pida
fhren.
    Er sagte das in einem Tone, der keinen Widerspruch duldete. Die beiden
Enters gehorchten. Sie trennten sich von uns und ritten weiter. Es schien, als
ob sie uns nur ungern verlieen, obgleich sie doch darauf gefat gewesen waren,
sich von uns scheiden zu mssen, um uns an die Feinde zu verraten. Als sie auer
Hrweite waren, wendete sich der Kiowa an den jungen Adler:
    Kennt mein Bruder diese zwei Mnner?
    Wir kennen sie genau, nickte dieser.
    Wit ihr, da sie eure Feinde sind?
    Ja.
    Da sie euch an Kiktahan Schonka auszuliefern haben?
    Auch das wissen wir.
    Und dennoch reitet ihr mit ihnen? Uff, uff! Das ist ganz genau wie einst
Winnetou oder Old Shatterhand! Lieber mitten in der Gefahr, als nur an ihrem
Rande!
    Bei diesen Worten glitt ein warmer Seitenblick ber mich hin. Dann fuhr er
fort:
    Aber warum begleitetet ihr sie nach dem See, der euch Verderben droht? Etwa
nur, um sie zu entlarven und zu bestrafen? Nein! Ihr hattet auch noch andere,
viel wichtigere Grnde. Darf ich sie erraten?
    Tue es!
    Ihr wolltet die Zusammenkunft der Kiowa und Komantschen mit den Sioux und
Utahs belauschen. Habe ich recht?
    Mein roter Bruder scheint sehr scharf zu denken!
    Jetzt lchelte der Kiowa und sagte:
    Pida, der Freund Old Shatterhands; denkt noch viel schrfer!
    Bist du etwa sein Abgesandter? Handelst du in seinem Auftrage?
    Da hob der Kiowa seine schnen, ehrlichen Augen zu mir empor und antwortete:
    Nein! Er wei nichts von dem, was ich tue. Er ist der Huptling seines
Stammes und der Sohn seines Vaters. Als dieses Beides hat er Euer Feind zu sein.
Aber er liebt Old Shatterhand, und er verehrt ihn wie keinen andern Menschen.
Darum wnscht er in seinem Herzen, da Old Shatterhand, wie er immer siegte, so
auch jetzt wieder siegen mge, aber nicht mit den Waffen, sondern in Liebe und
Vershnung. Er will nicht wissen, was ich tue; darum tue ich, was ich will, ohne
ihn zu fragen. Ich fhre euch nach dem besten Orte, den es fr euch und eure
Absichten gibt.
    Nicht nach dem Wasser des Todes?
    O doch! Aber auf einem Umwege, damit man euch nicht sehe. Auf diesem
gelangt ihr nicht nur an das Wasser des Todes, sondern auch an das Haus des
Todes. Frchtet ihr euch vor Geistern?
    Nur Lebende sind zu frchten, nicht aber die Toten. Ich hrte noch nie von
einem Haus des Todes. Wo liegt es?
    Am See. Es war unbekannt. Es wurde erst vor zwei Jahren entdeckt. Man fand
es voller Gebeine aus uralter, uralter Zeit, mit zahllosen Totems, Wampums und
anderen heiligen Dingen. Das Alles hat man geordnet, wohl mehrere Wochen lang.
Dann wurde das Kalumet des Geheimnisses darber geraucht, und Niemand mehr darf
es betreten. Wer es dennoch wagt, sich der Stelle des Ufers zu nhern, die nach
dem Hause fhrt, wird von den Geistern derer, die einst hier starben, gettet.
    Und dennoch willst du es wagen?
    Ja.
    Welch ein Mut!
    Es war nicht zu ersehen, ob der junge Adler diesen Ausruf ernst oder
ironisch meinte. Der Kiowa sah vor sich nieder, hob dann schnell den Kopf und
antwortete lchelnd:
    Allein wrde ich es nicht tun; mit Euch aber kann mir nichts geschehen. Das
wei ich so genau, als htte ich es aus dem Munde unseres groen guten Manitou
selbst gehrt. Ihr kennt mich nicht. Ihr drft mir wohl mitrauen. Aber ich
bitte Euch, mir dennoch zu folgen! Ich kann Euch keine andere Sicherheit als
hchstens nur die Frage geben: Kennt Ihr vielleicht Kolma Putschi?
    Ja.
    Sie ist meine Freundin. Und kennt Ihr vielleicht gar auch Aschta, die Squaw
von Wakon, des berhmtesten Mannes der Dakotastmme?
    Auch diese.
    Wir wohnen weit voneinander entfernt, aber wir verkehren fters durch
besondere Boten. Ich hoffe, beide in nchster Zeit persnlich zu sehen, trotz
der Feindschaft, die zwischen unsern Vlkern waltet. Habt Ihr nun Vertrauen zu
mir?
    Diese Mhe, uns Zuversicht einzuflen, war rhrend. Wer wei, was er alles
wagte, um uns zu Diensten zu sein! Und er schien gar nicht zu ahnen, da er
dadurch, da er diese beiden Frauen seine Freundinnen nannte, sich selbst als
Weib bezeichnete. Ich antwortete:
    Wir haben Vertrauen. Wir hatten es gleich vom ersten Augenblicke an, als
wir dich sahen. Fhre uns also! Wir werden dir folgen.
    So kommt!
    Die beiden Enters hatten sich schon eine groe Strecke entfernt. Wir folgten
zunchst langsam ihrer Spur, damit sie nicht sehen mchten, nach welcher Seite
wir ritten, und erst als sie am Horizont verschwunden waren, wichen wir von
unserer bisherigen Richtung nach rechts ab, weil wir, um nach dem Haus des
Todes zu kommen, nicht in direkter Linie nach dem See zu trachten hatten,
sondern ihn umgehen muten. Der Kiowa ritt voran, und Pappermann hielt sich an
seiner Seite, jedenfalls um ihn auszufragen und kennen zu lernen. Ich hrte, da
er sich zunchst bei ihm erkundigte, woher er die Brder Enters kenne.
    Ich kenne sie nicht, lautete die Antwort. Aber Kiktahan Schonka hat einen
Boten gesandt, um seine Ankunft zu melden. Er lie durch diesen Boten sagen, da
zwei Bleichgesichter eintreffen wrden, die Brder seien und sich verpflichtet
htten, Old Shatterhand, seine Squaw, einen alten, weien Jger, der ein blaues
Halbgesicht habe, und den jungen Adler der Apatschen an die Sioux auszuliefern;
diese Vier seien dem sichern Tode geweiht. Da machte ich mich auf, sie zu
retten. Ich entfernte mich einen halben Tagesritt vom See und blieb an einer
Stelle, an der sie vorber muten, sobald sie kamen. Ich wartete gestern und
heut. Da sah ich euch erscheinen. Die Zahl stimmte: Ein Indianer, vier weie
Mnner und eine weie Squaw. Ich ritt auf euch zu und nahm mir vor, euch vor
allen Dingen von den gefhrlichen Brdern zu trennen. Das ist geschehen.
    So glaubt Ihr also, Mr. Burton sei Old Shatterhand?
    Ja. Irre ich mich?
    Fragt ihn selbst!
    Das ist nicht ntig. Wre er es nicht, so httet Ihr sogleich mit einem
Nein geantwortet. Die Auskunft, die Ihr nicht gegeben habt, ist also deutlich
genug.
    Weiter war nichts zu hren, weil die beiden Voranreitenden jetzt den Schritt
ihrer Pferde beschleunigten. Aber das Herzle sagte zu mir:
    So ist es mit deinem Inkognito also vorbei!
    Noch nicht, antwortete ich.
    Glaubst du, da dieser Kiowa schweigt?
    Wenn ich es wnsche, ja.
    So gefllt er dir?
    Gewi!
    Mir auch. Weit du, er hat so etwas Aufrichtiges und zugleich Wehmtiges an
sich. Die Wehmut blickt allerdings fast aus jedem indianischen Auge, aber hier
tritt sie doppelt deutlich hervor. Es ist, als ob dieser Mann einen tiefen,
andauernden Gram in sich trage. Man sollte helfen knnen! - Meinst du nicht?
    Hm! Mein Herzle mchte freilich gern allen Leuten helfen, doch ist innerem
Kummer nicht so leicht beizukommen, wie du denkst. Man mu ihn vor allen Dingen
erst kennen lernen, und du weit, die Indianer sind verschwiegen.
    O, was das betrifft, da kennst du mich. Was ich einmal wissen will, das
frage ich gewi heraus!
    Ja, leider, leider!
    Sogar aus Indianern!
    Gewi, gewi! Ich kenne dich! Du fragst es heraus, ganz gleich, ob die
Menschen wei oder rot, gelb, grn oder blau aussehen! Aber der hier ist
verschwiegen.
    Denkst du?
    Ja. Der sagt dir nichts!
    Hm! Wollen wir wetten?
    Ich wette nie. Das weit du doch.
    Was zahlst du mir, wenn ich schon morgen frh seinen ganzen Kummer kenne?
    Was forderst du?
    Nochmals fnfzig Mark fr unser Radebeuler Krankenhaus!
    Kind, werde mir nicht zu teuer! rief ich erschrocken aus. Wieviel zahlst
du denn, wenn du morgen frh nichts erfahren hast?
    Das doppelte, nmlich zur Strafe hundert Mark!
    Das ist freilich hchst anstndig, ja sogar nobel! Das Krankenhaus knnte
also bei dieser Wette nur gewinnen. Aber woher nimmst du die hundert Mark?
    Von meinem Kredit bei dir!
    Ich danke, danke! Fr Wetten kreditiere ich keinen Pfennig. Versuche es
dort mit dem alten Pappermann! Vielleicht gelingt es dir, ihn fr dein
Krankenhaus zu interessieren!
    Der arme Teufel! Hat weder in seinem Hotel noch auf seinem Hotel noch etwas
stehen! So sagte er doch wohl? Uebrigens bitte ich dich, ihn von dem Kiowa zu
trennen.
    Warum?
    Weil ich von jetzt an hingehre!
    Ah? Du willst deine Forschung sogleich beginnen?
    Ja. Ich mu unbedingt erfahren, was dieser Indianer auf dem Herzen hat.
Denke dir, wenn man ihm helfen knnte! Also bitte, ruf Pappermann von ihm weg!
    Ich tat es mit heimlichem Vergngen, denn es verstand sich fr mich ganz von
selbst, da auch der Kiowa den herzlichen Wunsch hegte, sich an meine Frau zu
machen und sie so grndlich wie mglich auszufragen. Diese Beiden blieben von
jetzt an whrend des ganzen Nachmittages beisammen. Sie fanden sichtlich
Wohlgefallen aneinander. Und ich hatte keinen Grund, sie dabei zu stren.
    Das Terrain stieg hher und hher. Wir nherten uns zusehends den Bergen,
zwischen denen das Dunkle Wasser liegt. Gegen Abend sahen wir seitwrts von
uns die Linie des Waldes, welcher den See verkndet. Dort hatten wir damals am
Abend gelagert, ehe wir frh vollends bis an das Wasser geritten waren. Heut
schlugen wir einen Bogen um Wald und See herum, berschritten einen breiten,
aber nicht sehr tiefen Bach, welcher den Ausflu des hochinteressanten
Wasserbeckens bildete, lieen die Pferde hier trinken und lenkten sie dann
zwischen steilen Felsen nach einer dicht bewaldeten Hhe empor, auf welcher die
Stelle lag, die fr heut unser Ziel zu bilden hatte. Das Haus des Todes noch
zu erreichen, war es zu spt, denn es dunkelte bereits so sehr, da wir uns
beeilen muten, noch vor vollstndiger Nacht das Zelt aufzuschlagen und aus
Steinen eine Feuerstelle zu errichten, durch welche die Flamme fr Andere
unsichtbar wurde. Uebrigens versicherte uns der Kiowa, da wir hier oben vor
Lauschern vllig bewahrt seien. Der Ort, an dem wir uns befanden, gehrte schon
zu dem Gebiete, welches nicht betreten werden sollte. Es bedurfte nur noch eines
kurzen Abstieges, um an das Haus des Todes zu gelangen, doch war dieser
Abstieg so steil, da er whrend der Abenddmmerung nicht hatte gewagt werden
knnen. Wir waren gezwungen, damit bis morgen frh zu warten. Unten am See
lagerten, getrennt voneinander, die Kiowa und die Komantschen. Die Sioux und die
Utahs waren noch nicht da, wurden aber fr jeden Augenblick erwartet.
    Whrend der junge Adler die Pferde besorgte, errichtete ich mit Pappermann
das Zelt. Der alte Westlufer befand sich in schlechter Laune. Er hustete und
knurrte vor sich hin, als ob er etwas sagen wolle, aber den Anfang nicht finden
knne. Darum fragte ich ihn direkt, was mit ihm sei.
    Was soll mit mir sein! antwortete er, doch so, da ich es allein hrte.
Ich rgere mich!
    Worber?
    Und ich traue nicht!
    Wem?
    Dem Kiowa!
    Warum?
    Das fragt Ihr noch? Seht Ihr denn nichts, gar nichts? Habt Ihr nicht selbst
auch Augen?
    Wofr?
    Wofr? Sonderbares Fragen! Worber? Wem? Warum? Wofr? Und auf solche
abgerissene Silben soll man eine verstndige Antwort geben knnen! Wit Ihr, wie
lange es her ist, seit wir diesen Kiowa getroffen haben?
    Fast sechs Stunden.
    Richtig! Und was hat er in diesen sechs Stunden gemacht?
    Uns hierher gefhrt.
    Das meine ich nicht. Das war seine Pflicht. Er hat aber etwas getan, was
ganz und gar nicht seine Pflicht gewesen ist! Ja, ganz und gar nicht! Aergert
Ihr Euch nicht auch darber?
    Ich? Es ist mir nichts bekannt, worber ich mich zu rgern htte!
    So? Wirklich? Nichts, gar nichts? Ist das nichts, wenn dieser Indianer
sechs volle Stunden lang unaufhrlich neben Eurer Lady reitet und derart mit ihr
spricht, da sie weder Augen noch Ohren fr andere Leute hat, auch nicht fr
Euch selbst? Ist das wirklich nichts?
    Also das war es! Er war eiferschtig auf den Kiowa! Er hatte meine Frau
gern, sehr gern, und es machte ihn, den alten, vereinsamten Menschen, glcklich,
wenn sie sich unterwegs mit ihm ein Viertel-oder ein halbes Stndchen
unterhielt. Um dieses Glck sah er sich heut gebracht. Ich tat aber, als ob ich
kein Verstndnis dafr habe und antwortete:
    Ja, das ist allerdings nichts. Es gab whrend der ganzen Zeit nichts
Wichtiges, was ich mit meiner Frau htte besprechen mssen. Ich ersehe also gar
keinen Grund, der mich htte veranlassen mssen, ihre Unterhaltung mit diesem
unserm neuen Freunde abzubrechen.
    Freund? Freund nennt Ihr ihn? Hm!
    Soll ich nicht?
    Nein! Man hat vorsichtig zu sein! Ich heie Maksch Pappermann und bin ein
alter, erfahrener Kerl. Ehe ich Jemand meinen Freund nenne, pflege ich tage-,
wochen- und monatelang zu prfen! Auch Ihr pflegt sonst auerordentlich
vorsichtig zu sein, noch vorsichtiger als ich. Heut aber seid Ihr ganz wie aus-
oder umgewechselt. Ich warne Euch! Ich meine es gut! Ich bitte Euch, nehmt es
von mir an! Wollt Ihr?
    Ja. Sie sollen nicht wieder sechs Stunden lang miteinander reden.
    So recht, so recht! Ich finde das auerordentlich vernnftig von Euch. Wenn
Ihr in dieser Weise redet, werfe ich meinen Aerger ber den Haufen und fange
wieder an, zu lachen. Glaubt Ihr, da wir hier wirklich sicher sind? Nichts zu
befrchten haben?
    Vollstndig sicher.
    Es ist doch toll, was fr ein Vertrauen Ihr zu diesem Roten habt!
    Ihr irrt. Ich vertraue ihm, weil ich mir selbst vertraue. Ich hre nicht
auf ihn, sondern nur auf mich. Es war doch auch bei Euch von Mitrauen keine
Rede!
    Ja, zuerst! Aber diese Schwatzhaftigkeit kam mir verdchtig vor. Mir
scheint, er hat Mrs. Burton ausgefragt und wird nun das, was er hrte, da unten
bei den Kiowa und Komantschen erzhlen!
    Das befrchte ich nicht. Uebrigens ist er noch gar nicht unten bei ihnen.
    Well! Ich passe auf! Mir soll nichts entgehen! Ich lasse mich nicht
betrgen!
    Damit war die Sache fr jetzt abgemacht. Als ich das Herzle nach dem Essen
ein wenig ironisch fragte, ob es ihr gelungen sei, hinter das Geheimnis des
Indianers zu kommen, antwortete sie:
    Leider noch nicht. Er ist verschwiegen.
    Aber du hast doch beinahe sechs Stunden lang nur allein mit ihm gesprochen!
Nennst du das schweigen oder verschwiegen sein?
    Man kann sprechen, ohne zu plaudern. Wir haben nicht ber sein eigenes,
kleines Leid, sondern ber das groe, erhabene Leid der ganzen roten Rasse
gesprochen. Er denkt sehr richtig, und er fhlt tief. Ich habe ihn liebgewonnen,
sehr lieb!
    Oho!
    Ja, wirklich! Es ist mir da freilich Etwas begegnet, was ich dir gestehen
mu.
    Schon wieder ein Gestndnis?
    Leider, leider! Ich begreife es nicht! Wenn er so lieb und warm fr seine
Nationen sprach, wenn er es so tief beklagte, da wir Weien die Roten fr
minderwertig halten, da wurden seine schnen, ehrlichen Augen feucht, und es
stieg in mir auf, als msse ich ihn auf Stirn und Wange kssen und ihm die
Trnen mit meinen Hnden trocknen. Das mu ich dir sagen. Er ist ein Mann. Ich
wiederhole: Ich verstehe es nicht!
    Wenn nur ich es verstehe, liebes Kind, antwortete ich.
    Und verstehst du es?
    Ja.
    Und erteilst du mir Absolution?
    Sehr gern. Sprechen wir morgen weiter hierber. Hast du vielleicht
erfahren, wo das Kiowadorf jetzt liegt, in dem ich damals zu Tode gemartert
werden sollte?
    Ja. Es lag an der Salzgabel des Red-River. Jetzt aber liegt es weit im
Westen davon, auch an einem kleinen Flchen, dessen Namen mir aber entfallen
ist. Er hat dich sofort erkannt, als er dich heut erblickte.
    Ah? So sah er mich also nicht zum ersten Male?
    Nein. Er kennt dich von damals her. Er war im Dorf, als man dich brachte.
Er stand dabei, als du mit Hnden und Fen an die Pfhle gebunden warst. Er hat
mir Alles erzhlt, so ausfhrlich, wie ich es nicht einmal von dir selbst
erfahren habe.
    Sprach er auch vom alten Sus-Homascha20, der mich so gern retten wollte?
    Ja. Sus-Homascha hatte zwei Tchter. Die eine war die Frau des jungen
Huptlings Pida. Ihre Ehe war auerordentlich glcklich und ist es auch noch
heute. Sie war von Santer berfallen und mit einem Schlage auf den Kopf betubt
worden. Man hielt sie fr tot. Man holte dich. Man behauptet noch heut, da du
ihr das Leben gerettet habest. Darum ist Pida noch heut in unerschtterlicher
Dankbarkeit dein Freund. Denke dir, seine Frau ist mit hier?
    Unten am See? Bei den Kiowa?
    Ja. Als man erfuhr, da auch Old Shatterhand mit nach dem Mount Winnetou
geladen sei, lie sie sich nicht halten. Sie wollte ihren Retter wieder sehen.
Es scheint berhaupt mit den Frauen der Kiowa eine hnliche Bewandtnis zu haben
wie mit den Squaws der Sioux. Auch sie haben sich zusammengetan; auch sie wollen
mit beraten. Sie sind nicht in den Drfern zurckgeblieben, aber wo sie sich
befinden, das konnte ich noch nicht erfahren.
    Du vergissest dein eigentliches Thema. Du sprachst von den zwei Tchtern
des alten Sus-Homascha. Die Eine war Pidas Frau. Die Andere - - -
    Da fiel das Herzle schnell ein:
    Ja, die Andere, die hie Kakho-Oto21. Sie wollte und sie sollte deine Squaw
werden, damit du gerettet wrdest; du aber wiesest sie ab. Sie war trotzdem so
edel, dir zur Flucht zu verhelfen. Sie lebt noch. Sie ist ledig geblieben. Nie
hat ein Mann sie berhren drfen, und sie ist es, die alle die vielen Jahre,
welche zwischen damals und jetzt liegen, dazu verwendet hat, dein und Winnetous
Andenken auch bei den Kiowa zu heiligen und Eure Ideale der Edelmenschlichkeit,
der Friedfertigkeit und der Nchstenliebe in ihnen wachsen und gro werden zu
lassen. Sie wnscht nichts sehnlicher, als nach dem Mount Winnetou kommen und
dich dort sehen zu knnen. Du aber sollst sie nicht wieder erkennen. Sie ist
inzwischen alt geworden und wohl auch hlich dazu. Sie hofft, da du sie sehen
kannst, ohne zu wissen, wer sie ist. Sie hat uns den Kioma entgegengeschickt, um
uns zu warnen und hierher zu fhren. Wir knnen uns auf ihn verlassen. Er wird
sich so verhalten, als ob er nicht zu seinem Stamme, sondern ganz zu uns gehre,
und uns jeden Wunsch erfllen, der mit seiner Heimatliebe und Indianerehre
vereinbar ist. Freust du dich darber?
    Ja, herzlich! Und deine eigene Freude wird eine doppelte sein, wenn du
diesen treuen Mann noch nher kennen lernst. Bitte, la uns heut' zeitig zur
Ruhe gehen. Es ist mglich, da morgen ein ereignisvoller Tag wird, der
ausgeruhte Krfte von uns verlangt.
    Sie war einverstanden. Sie zog sich sehr bald in ihr Zelt zurck, und auch
wir anderen legten uns schlafen. Unter anderen Umstnden htte ich fr diese
Nacht die Wache unter uns verteilt, da ich aber wute, wer der Kiowa war und da
ich ihm vertrauen durfte, war es nicht ntig, diese Vorsichtsmaregel zu
treffen. Unser alter Pappermann aber war anderer Meinung ber ihn. Er legte sich
in seine Nhe, um ihn whrend der Nacht zu beaufsichtigen. Ich hatte keinen
Grund, ihn daran zu verhindern.
    Am andern Morgen wachte ich nicht von selbst auf, sondern ich wurde geweckt,
und zwar von dem, von dem ich soeben gesprochen habe, von Pappermann. Er sah
ganz erregt aus, hatte ein rotes Gesicht und sagte:
    Verzeiht, Mr. Burton, da ich Euch aus dem Schlafe stre! Es sind Dinge
geschehen, schreckliche Dinge! Dinge, die mich veranlaten, Euch sofort zu
wecken!
    Was ist es? fragte ich, indem ich schnell aufsprang.
    Etwas Entsetzliches! Etwas Frchterliches!
    Also was? Sagt es schnell!
    So schnell, wie Ihr wollt, kann ich das nicht. Ich mu Euch da erst
vorbereiten.
    Ist nicht ntig! Nur heraus damit!
    Es ist ntig! Sogar sehr! Wenn ich Euch nicht vorher vorbereite, fallt Ihr
vor Schreck um wie ein Klotz, den niemand wieder aufheben kann.
    Ich?
    Ja!
    Vor Schreck?
    Wie ich sage: vor Schreck!
    Nur ich allein?
    Ja!
    Nicht auch Ihr?
    Nein, ich nicht! Obgleich auch ich erschrak, als ich es sah. Ja,
wahrhaftig, auch ich erschrak! Ich erschrak so, als ob sie meine eigene Frau
wre, nicht aber die eurige!
    Ah! So betrifft es meine Frau?
    Ja! Natrlich! Eure Frau!
    Gott sei Dank!
    Ich holte tief Atem. Der alte, brave Jger sah so aus, als ob es sich
wirklich um ein sehr bses, nie wieder gut zu machendes Ereignis handle.
Vielleicht gar um ein Ereignis, durch welches unsere guten Plne vernichtet
wrden. Darum hatte er mir, dem sonst so Ruhigen, denn doch eine Art von Schreck
eingejagt. Nun er aber von dem Herzle sprach, war ich sofort beruhigt.
    Gott sei Dank? fragte er. Ihr habt Gott gar nicht zu danken!
    Ist ihr ein Unglck geschehen?
    Hm, wie man es nimmt! Vielleicht ihr nicht, aber Euch! Ihr werdet mit
Hnden und Fen dreinschlagen!
    Das glaube ich nicht.
    Oho! Ich bin zwar niemals verheiratet gewesen, aber ich kann mir trotzdem
denken, wie es einem zumute ist, wenn so etwas geschieht. Ich wrde den Kerl
zerreien!
    Welchen Kerl?
    Welchen? Ihr ahnt also immer noch nichts?
    Nichts! Rein gar nichts!
    So mu ich es Euch sagen, wirklich sagen! Aber versprecht mir vorher, nicht
umzufallen!
    Gut! Also, ich falle nicht um!
    Und nicht sofort zuzuschlagen, besonders auf mich!
    Auch das; ich schlage nicht zu!
    Well, so will ich es wagen. Also hrt!
    Anstatt noch nher an mich heranzutreten, wie man es bei intimen
Mitteilungen zuweilen zu machen pflegt, trat er zwei Schritte zurck und sagte:
    Sie ist Euch untreu!
    Wer?
    Welch eine Frage! Wer! Natrlich Eure Frau! Das Herzle, wie Ihr sie nennt,
wenn Ihr deutsch mit ihr sprecht!
    Gott sei Dank! wiederholte ich. Nun wird mir das Herz vollends leicht!
Ich dachte wunder was fr ein Unheil Ihr mir zu beichten httet!
    All devils! Mir bleibt der Verstand stehen! Ich sage diesem Manne da, da
ihm seine Frau untreu geworden ist, und da schreit er zum zweiten Male: Gott sei
Dank! Und da versichert er allen Ernstes, da ihm das Herz vollends leicht
geworden sei! Begreife, wer das kann! Ich nicht!
    Und wieder nher zu mir herantretend, fuhr er in sehr ernstem Tone fort:
    Auch ich habe sie lieb gehabt, sehr lieb, euer Herzle. Ich habe sie
geachtet und verehrt. Ich habe sie fr die beste, die liebste, die vernnftigste
und die vortrefflichste Frau der ganzen Welt gehalten. Ich wre fr sie in das
Feuer und in das Wasser gesprungen. Ich htte fr sie mein altes Leben gelassen,
zehnmal, hundertmal und tausendmal! Das ist nun vorbei, vollstndig vorbei! Es
kann mir nicht einfallen, fr sie auch nur in ein kleines Streichholzflmmchen
oder in einen Kaffeelffel voll Wassers zu springen. Sie ist es nicht wert,
nicht wert! So einen Mann zu haben, so einen! Und ihm dennoch untreu zu werden!
Und zwar mit was fr einem, mit was fr einem!
    Wer ist denn dieser eine? Oder vielmehr dieser andere?
    Erratet Ihr das nicht?
    Nein.
    Ja, begreiflich! Es ist auch wirklich gar nicht zu erraten. Wenn nur
wenigstens ich es wre! Oder irgend ein anderer Weier! Aber Euch um einer
Rothaut willen untreu zu werden, das ist stark, das ist sogar noch strker als
stark! Das ist einfach niedertrchtig!
    Rothaut sagt Ihr? Der junge Adler liegt noch dort an seiner Stelle; der
Kiowa aber ist nicht mehr da; er ist fort. Ihr meint also den?
    Ja, den! Eure Frau ist nmlich auch fort!
    Ist das alles?
    Nein, sondern es kommt noch viel, sehr viel dazu. Soll ich es Euch
erzhlen?
    Ja, bitte!
    Das kam so: Ich war wtend auf den Kerl, weil er gestern am Nachmittage so
lange und so unausgesetzt mit ihr gesprochen hatte. Ich habe Euch schon gesagt,
da dies meinen Verdacht erregte. Ich nahm an, da er Eure Frau aushorchen
wollte, um uns alle dann an die Indianer da unten zu verraten. Ich beschlo, ihn
zu beobachten, und ich tat es. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Am
frhen Morgen erwachte er sehr zeitig. Eure Frau trat aus ihrem Zelte. Sie
pflegt des Morgens und des Abends zu beten; das wei ich nun. Sie tut das nie im
Zelte, sondern stets unter freiem Himmel. Sie geht dabei zur Seite, damit man es
nicht sehe. So auch heut. Als sie sich entfernt hatte, stand der Kiowa auf und
folgte ihr. Das kam mir verdchtig vor. Ich lie eine Zeit vergehen, und als
weder sie noch er zurckkehrte, schlich ich mich ihnen nach. Was denkt Ihr, was
ich sah?
    Nun, was?
    Sie saen auf einem Steine!
    Weiter nichts?
    Neben einander!
    Weiter nichts?
    Er sah mich verwundert an und fuhr in erhhtem Tone fort:
    In inniger Umarmung!
    Weiter nichts?
    Da rief er mich an:
    Sie schnbelten miteinander!
    Weiter nichts?
    Der Rote gab Eurem Herzle einen Ku! schrie er mir zu.
    Weiter nichts?
    Und Euer Herzle kte ihn wieder! brllte er mir in das Gesicht.
    Weiter nichts? Weiter gar nichts? fragte ich sehr freundlich und ruhig.
    Da wich er von mir zurck, schlug die Hnde zusammen und jammerte:
    Hab' mir's gedacht; hab' mir's gedacht! Nun ist das Unglck da! Wenn auch
in anderer Gestalt, als ich mir dachte! Er fllt nicht um, und er schlgt nicht
zu; aber er ist verrckt geworden vor Schreck! Er ist bergeschnappt,
vollstndig bergeschnappt! Er sagt weiter nichts als weiter, immer weiter!
    O, ich kann auch noch anderes sagen, lachte ich. Sitzen sie denn noch
dort - auf dem Steine?
    Ich hoffe es!
    Was? Ihr hofft es?
    Ja! Ich hoffe es sogar sehr! Um sie berfhren zu knnen! Um sie mit Euch
zu berraschen!
    Das wollen wir tun!
    Wirklich?
    Ja, und zwar sofort!
    So kommt! Ich fhre Euch!
    Wartet nur noch einen einzigen Augenblick! Ich mu Euch nmlich vorher
sagen, da ich mit diesem Kiowa nicht so streng verfahren werde, wie Ihr
wahrscheinlich erwartet. Wir haben in den letzten Tagen verschiedene Male ber
die Kiowa gesprochen. Ihr wit, was ich bei ihnen erlebte, als ich zum letzten
Male dort war?
    Ja. Jedermann wei es. Und Eure Frau hat es mir unterwegs noch einmal ganz
ausfhrlich erzhlt. Da Ihr zu Tode geschunden werden solltet und nur durch die
Tochter eines berhmten Kriegers, welcher Eine Feder hie, gerettet wurdet.
    Richtig! Diese Tochter hie Kakho-Oto. Ihr habe ich mein Leben zu
verdanken.
    Wollt Ihr um ihretwillen etwa diesem Kiowa verzeihen, der Euch um Eure Frau
betrgt?
    Ja.
    Hrt! Das geht nicht! Das wre Schwche, unverzeihliche Schwche!
    Das bestreite ich. Nun kommt!
    So wollt Ihr wirklich nichts tun, wirklich gar nichts?
    Gar nichts!
    Auch Eurer Frau nicht?
    Nein.
    Da fuhr er auf:
    Herr - - -! Mr. Burton! Ich mu Euch sagen, da - da - - - da ich eine
Bitte, eine sehr, sehr groe Bitte habe.
    Welche?
    Erlaubt wenigstens mir, diesen roten Hallunken bei der Parabel zu nehmen
und ihm ein Dutzend Ohrfeigen herunter zu hauen!
    Wrde Euch das ein Vergngen machen?
    Ein groes, ein ganz unbndiges!
    So tut es!
    Ihr habt nichts dagegen?
    Ganz und gar nichts. Schlagt zu, so viel und so krftig Ihr wollt!
    So rufe nun jetzt ich: Gott sei Dank! Das sollen Ohrfeigen sein, wie es
nicht gleich wieder welche gibt! Nun kommt! Schnell, schnell!
    Er schritt voran, und ich folgte. Er fhrte mich durch das Gebsch nach
einer kleinen Ble, die er aber nicht sofort betrat, sondern er blieb zwischen
den beiden letzten Struchern stehen, deutete hindurch und sagte leise:
    Da schaut! Dort sitzen sie noch! Wie gefllt Euch das?
    Das Herzle sa mit dem Kiowa auf einem niedrigen Felsstcke, welches einen
sehr bequemen Sitz bildete. Sie hatte den rechten Arm um seine Schulter
geschlungen und hielt mit der linken Hand seine beiden Hnde fest. Er war etwas
krzer als sie. Sein Kopf lehnte zrtlich an ihrer Seite. Pappermann sah mich
an, als ob er einen gewaltigen Zornesausbruch erwarte. Ich lchelte aber. Das
regte ihn auf.
    Ihr lacht? fragte er, zwar leise, aber doch sehr eindringlich. Ich frage
Euch allen Ernstes, wie Ihr das findet?
    Etwas intim, weiter nichts, antwortete ich.
    Etwas intim - - -! Weiter nichts -! wiederholte er. Nun, ich finde es
weit mehr als nur intim von diesem Hallunken; ich finde es verbrecherisch! Und
da Ihr mir gestattet habt, ihm ein Dutzend Maulschellen herunter zu hauen, so
werde ich ihn keinen Augenblick lnger, als ntig ist, darauf warten lassen!
Also pat auf! Es geht los! Sofort - sofort!
    Er drang zwischen den beiden Bschen durch und eilte auf die Gruppe zu. Ich
folgte ihm mit derselben Schnelligkeit. Die beiden vermeintlichen Inkulpaten
standen auf, sobald sie uns erblickten. Pappermann schien sein Rcheramt ausben
zu wollen, ohne dabei ein einziges Wort zu sagen. Er packte den Kiowa mit der
Linken bei der Brust und holte mit der Rechten aus, um zuzuschlagen. Da griff
ich rasch zu, hielt ihm diese Rechte fest und sagte:
    Halt, lieber Freund! Lassen wir ja keine der Vorschriften auer acht, die
einem jeden Gentleman fr solche Flle gegeben sind!
    Welche Vorschriften? fragte er, indem er sich bemhte, mir seinen Arm zu
entziehen.
    Wenn zwei Gentlemen die Absicht haben, einander zu beohrfeigen, so sind sie
unbedingt verpflichtet, vorher sich einander vorzustellen!
    Was heit das, sich einander vorzustellen?
    Einander zu sagen, wer und was sie sind.
    Das ist hier unntig, denn wir kennen uns ja schon. Dieser rote Hallunke,
den Ihr einen Gentleman nennt, wei, da ich Maksch Pappermann bin, und ich
wei, da er kein Gentleman, sondern eben ein roter Schurke ist. Darum kann ich
- - -
    Aber seinen Namen habt Ihr noch nicht beachtet. Dieser Gentleman ist
nmlich eigentlich eine Lady und wird, so lange ich es wei, Kakho-Oto genannt.
So! Nun schlagt zu!
    Ich gab ihm seinen Arm frei. Aber er bewegte ihn nicht. Er schaute mir
wortlos in das Gesicht, als ob er verstummt sei.
    Ka-kho - O-to? fragte er endlich wie geistesabwesend.
    Ja, nickte ich.
    Kein - - Gentleman - - sondern eine Lady!
    Ganz so, wie ich sagte!
    Also wohl gar die Tochter von Eine Feder, die Euch damals das Leben
gerettet hat?
    Ja, dieselbe!
    Da holte er tief, tief Atem, machte ein uerst verzweifeltes Gesicht und
rief aus:
    Alle guten Geister! Das kann nur mir passieren, mir, der ich Maksch
Pappermann heie! O dieser unglckselige Name, dieser unglckselige Name! Wo hat
sich jemals, wenn irgend einer einen anderen ohrfeigen wollte, herausgestellt,
da dieser andere eine Lady ist! Und nun ich so selig war, einmal so aus ganzem
Herzen zuhauen zu knnen, mu das mir, grad mir passieren! Ich bin blamiert fr
alle Zeit! Sogar fr alle Ewigkeit! Ich trete ab! Ich werde unsichtbar! Ich
verschwinde!
    Er drehte sich um und rannte fort. Doch, an den Bschen angekommen, blieb er
fr einen Augenblick stehen und rief zurck:
    Aber, Mr. Burton, ein Freundschaftsstreich war das ganz und gar nicht von
Euch!
    Wieso? fragte ich.
    Ihr httet mir diese Blamage sehr wohl ersparen knnen! Brauchtet mir nur
zu sagen, da diese Lady kein Mann, sondern ein Frauenzimmer ist!
    Euch dieses Geheimnis zu verraten, dazu war ich nicht befugt. Ich hatte
Euch nicht verschwiegen, da der Kiowa Vertrauen verdient. Das war genug. Warum
habt Ihr mir nicht geglaubt?
    Weil ich ein Esel bin! Ein kompletter Esel! Mit allem mglichen, was zu
einem wirklichen Esel gehrt! Ich Schaf!
    Nun verschwand er. Kakho-Oto stand mit gesenkten Augen vor mir. Ihre Wangen
waren vor Verlegenheit tief gertet. Ich zog sie an mich, kte sie auf die
Stirn und sagte in ihrer Muttersprache:
    Ich danke dir! Ich habe dein gedacht, bis ich Dich wiedersah. Willst du uns
Schwester sein? Uns beiden?
    Wie gern! Dir und ihr! antwortete sie. Dann eilte sie in tiefer Bewegung
fort.
    Das Herzle fragte mich zunchst, warum Pappermann ausgeholt habe, um
zuzuschlagen. Einige Worte gengten, sie hierber zu verstndigen. Sie lachte
herzlich. Dann bedankte sie sich bei mir dafr, da ich ihr nicht mitgeteilt
hatte, wer der Kiowa eigentlich sei. Htte ich das getan, so wre ihr die
kstliche Ueberraschung des heutigen Morgens verloren gewesen. Dann kehrten wir
zum Zelte zurck, wo ich ein kleines Feuer machte, an dem sie den Kaffee
bereitete. Zu diesem stellten sich Pappermann und Kakho-Oto ein. Beide bemhten
sich, mglichst gleichgltig zu erscheinen. Aber dem alten, braven Westmann ging
der Pudel, den er geschossen hatte, doch zu nahe. Er betrachtete die Indianerin
immerwhrend von der Seite her. Als Frauenzimmer schien sie ihm ausnehmend zu
gefallen. Pltzlich griff er nach ihrer Hand, zog sie an seine Lippen und
knurrte reumtig:
    Und so etwas habe ich beohrfeigen wollen! Bin ich da nicht selbst
Maulschellen wert?
    Damit war die Sache zwischen beiden abgemacht; sie wurden die besten
Freunde.
    Nach dem Frhstck wurde das Zelt abgebrochen. Wir sattelten die Stangen
desselben lang anstatt quer, weil Kakho-Oto sagte, da der Weg nach dem Hause
des Todes ein sehr schmaler sei. Er fhrte zuweilen so steil bergab, da wir
bald nicht mehr reiten konnten, sondern absteigen muten. Wir folgten einem
schmalen, aber sehr reienden Bache, welcher eine tiefe Schlucht gegraben hatte,
die in zahlreichen Windungen zur Tiefe ging. Eine Aussicht gab es da nicht. So
waren wir weit ber eine halbe Stunde lang abwrts geklettert, da sahen wir
pltzlich eine hohe, fast vollstndig nackte Schutthalde vor uns liegen, die
aber nicht aus gewhnlichem, kleinem Schutt, sondern aus groen Felsstcken
bestand, welche den Anschein hatten, als ob vor vielen Jahrhunderten hier ein
gewaltiger Bergsturz stattgefunden habe.
    Wir sind beim Haus des Todes angekommen, sagte Kakho-Oto, indem sie auf
diese Felsentrmmer deutete.
    Das ist es? fragte ich. So sind die Felsen hohl?
    Ja. Sie sind nicht von oben herabgefallen, sondern knstlich aufgebaut.
Kommt!
    Sie fhrte uns um eine Ecke der Felsensttte, und da standen wir vor einem
massiven, mehr breiten als hohen Tore, welches keine bogenfrmige, sondern eine
gerade Schlieung hatte. Die beiden Seitensteine hatten eine Breite von ber
zwei Metern. Sie zeigten gut erhaltene Relieffiguren von Huptlingen, welche im
Begriff standen, durch das Tor in das Innere des Tempels zu treten. Die
Huptlinge waren charakterisiert durch ein, zwei oder drei Adlerfedern, die sie
im Kopfhaar trugen. Auch der Oberstein war mehrere Meter hoch. Er zeigte die
Figur eines Beratungsaltares, auf welchem Huptlinge ihre Medizinen opferten.
    Aber das ist ja gar kein Haus des Todes, gar keine Begrbnissttte, sagte
ich, sondern ein Beratungstempel, in dessen Altar die Medizinen aufbewahrt
werben, bis das, was man beraten hat, ausgefhrt worden ist!
    Kakho-Oto lchelte.
    Das wei ich wohl, sagte sie, aber wir drfen das dem gewhnlichen Volk
nicht sagen, sonst wrde die Sttte nicht so heilig gehalten, wie die Huptlinge
es wnschen. Uebrigens gibt es so viele Leichen hier, da der Ausdruck Haus des
Todes gar wohl auch berechtigt ist. Gehen wir sogleich hinein?
    Wie weit ist es von hier bis zum See?
    Bis zum Wasser nur zweihundert Schritte.
    So mssen wir vorsichtig sein. Es kommen nicht nur einheimische, sondern
auch fremde Indianer her, welche das Verbot, diesen Ort hier zu betreten, wohl
kaum beachten werden. Wir mssen also vor allen Dingen unsere Pferde verbergen
und uns Mhe geben, keine Spuren zu verursachen. Erst wenn das geschehen ist,
betreten wir den Tempel. Suchen wir also nach einer Stelle, die sich zum
Versteck fr uns und die Pferde eignet!
    Die ist bereits gefunden, sagte Kakho-Oto. Ich habe gesucht, noch ehe ich
den See verlie, um euch entgegen zu reiten. Kommt!
    Sie fhrte uns eine kurze Strecke zurck und dann in eine Seitenschlucht
hinein, aus welcher wieder eine dritte Vertiefung abzweigte, die grad gro genug
war, sich fr unsere Zwecke ganz vortrefflich zu eignen. Es gab da Wasser und
Grnfutter mehr als genug. Wir sattelten ab, hobbelten die Pferde und die
Maultiere an und gaben ihnen unsern alten Pappermann als Wchter. Er war ganz
damit einverstanden, nicht berall mit herumkriechen zu mssen; so drckte er
sich aus. Wir andern aber kehrten nach dem Haus des Todes zurck.
    Dort wieder angekommen, schritten wir zunchst die Umgebung ab. Es war die
Spur weder eines Menschen noch eines Tieres zu sehen. Wir verwischten mit Hilfe
von Zweigen unsere Fhrte sofort hinter uns her. Als wir vorhin von der Hhe
unseres gestrigen Lagers herabkamen, waren wir an die Rckseite des Baues
gelangt. An dieser Seite befand sich, wie bereits beschrieben, das Tor. Dies war
hinter Bschen und Bumen derart verborgen gewesen, da kein Mensch geahnt
htte, da hier ein Tempel stehe. Erst als zufllig ein verlassenes, aber nicht
ausgelschtes Lagerfeuer weiter um sich gefressen und das Gebsch zerstrt
hatte, war das Tor sichtbar und das Geheimnis verraten worden. Man sah die
Spuren des Feuers noch jetzt am verrucherten Gestein. Als wir von der Hinter-
nach der Vorderseite des vermeintlichen natrlichen Felsensturzes gelangten,
sahen wir das Wasser des Sees in der bereits angegebenen Entfernung vor uns
liegen. Die an- und bereinandergehuften Quader und Steinbrocken waren also vom
See aus sehr deutlich und auch weithin zu sehen, machten aber einen so
natrlichen Eindruck, da gewi kein Mensch von selbst auf den Gedanken gekommen
wre, da es sich um ein knstliches Bauwerk handle. Der Felsenabsturz war so
steil und derart angeordnet, da man ihn unmglich ersteigen konnte. Nur in den
Winkeln, wo sich im Laufe der Zeit der Staub der Lfte angesammelt hatte, gab es
ein wenig Grn, sonst aber war alles nur glatter, lebloser Stein.
    Hierauf konnten wir zur Betrachtung des Innern gehen. Durch das Tor
eingetreten, befanden wir uns in einem nicht allzu weiten, aber sehr hohen Raum,
dessen Bau ein ganz eigentmlicher war. Man denke sich einen
auseinandergeschnittenen, also halben Zuckerhut, der mit seiner geraden,
senkrechten Schnittflche am Felsen lehnt, whrend seine gebogene,
halbkegelfrmige Wand von den Felsenstcken gebildet wurde, aus denen der
vermeintliche Bergsturz bestand. Diese Wand ging also nicht senkrecht, sondern
schief nach innen empor. Sie bildete keine glatte Flche, sondern ihre riesigen
Quader lagen derart neben- und bereinander, da immer auf einen vorstehenden
ein zurckliegender folgte. Hierdurch wurden Nischen gebildet, die zur
Aufbewahrung von Mumien, Skeletten oder einzelnen Knochenteilen dienten.
    Am Boden, genau auf der Mitte desselben, stand ein steinerner Altar. Er
besa, wie wir erst spter bemerkten, im Innern eine Hhlung, auf welcher eine
schwere, glatte Platte lag. Die Seitenflchen dieses Altares zeigten
vierundzwanzig Relieffiguren, nmlich zwlf Adlerfedern und zwlf
festgeschlossene Hnde. Es wechselte je eine Hand mit einer Feder ab. Die
geschlossene Hand ist das Zeichen der Verschwiegenheit. Die Figuren sagten also,
da nur Huptlinge sich diesem Altare nahen durften und da ber alles, was da
beraten und vorgenommen wurde, die Geheimhaltung zu beobachten sei. Die Platte
sah in ihrer Mitte schwarz aus. Es hatte bei jeder Beratung ein Feuer auf ihr
gebrannt. Besondere Sitze, wenn auch nur aus Stein, sah man nirgends.
    Die Beleuchtung dieses fremdartigen Raumes war, fast mchte ich sagen, eine
magische. Es herrschte, genau abgemessen, ein Zweidritteldunkel. Das wenige
Licht, was es gab, kam durch die Quadermauer. Man hatte von Stelle zu Stelle in
ihr einen Quader ausgelassen, so da Oeffnungen entstanden waren, durch welche
der Schein des Tages Zutritt finden konnte. Aber die Mauer war auerordentlich
dick, so da eine jede dieser Oeffnungen schon mehr einen tiefen Gang nach auen
bildete, dessen Ende von unten aus nicht zu ersehen war. Zudem waren die
Oeffnungen von drauen sehr frsorglich verkleidet worden, damit man sie nicht
etwa vom See aus bemerken mge. Es ging also von dem hereinbrechenden Lichte der
grte Teil verloren, noch ehe es das Innere des Tempels erreichte. Ich habe
eine hnliche geheimnisvolle Beleuchtung in einigen gyptischen Knigsgrbern
gefunden, die allerdings sehr niedrig sind. Dieser Tempel am See des Todes
hatte aber eine solche Hhe, da die Wirkung sich unendlich steigerte. In jeder
Nische eine dunkle, hockende Mumie, die kaum zu erkennen war, oder ein helleres
Skelett in kauender Stellung, oder eine Sortierung von Schdeln, Arm- oder
Beinknochen, die keinen Zusammenhang besaen. Das alles Ueberreste einstiger
Existenzen! Denn ber jeder Nische war eine Adlerfeder eingehauen, zum Zeichen,
da diese Krperteile einst Huptlingen gehrten.
    
    Die Luft, in der wir uns befanden, war gut, denn die Oeffnungen waren
zahlreich. Sie gingen bis hinauf an die Spitze. Es war also genug Zusammenhang
mit der ueren Atmosphre vorhanden. Und, was mir besonders als wichtig
erschien, man konnte von Oeffnung zu Oeffnung, also, um mich so auszudrcken,
von Fenster zu Fenster gelangen. Oder vielmehr, man hatte das frher gekonnt,
denn es fhrten von Fenster zu Fenster und von Nische zu Nische freie, aus der
Mauer ragende Stufensteine empor, die bis zum Boden hinabgereicht hatten. Jetzt
aber fehlten die untersten dieser Stufen. Man hatte sie abgehauen. Da dies erst
vor kurzer Zeit geschehen war, sah man an der zurckgebliebenen Flche, die von
ihrer dunkleren Umgebung hell abstach.
    Schade, da diese Stufen jetzt nun fehlen, sagte das Herzle.
    Warum? fragte ich.
    Weil ich gern da einmal hinauf mchte.
    Klettergemse! scherzte ich.
    Sie klettert nmlich gern. Ich mu bei Gebirgswanderungen sie immer
besonders abhalten, gefhrliche Stellen zu betreten.
    Tyrannisiere mich nicht! antwortete sie. Ich kenne dich genau; niemand
wnscht so sehnlichst wie du, da hinaufzusteigen. Du mut in alle Nischen
gucken. Und du mut durch jedes Fenster hinaussteigen, um zu wissen, was drauen
zu sehen ist. Willst du das leugnen?
    Nein. Zwar, da ich in jede Nische gucken will, ist bertrieben. Aber da
ich unbedingt einmal zu irgend einem Fenster hinaussteige, dazu fhle ich mich
geradezu verpflichtet. Es ist unerllich, von da oben aus Umschau zu halten.
Ich mu wissen, wie weit man von da aus den See berschaut. Vielleicht sieht man
von hier oben aus etwas, was man sonst nicht sehen wrde.
    Aber wie kommst du bis da hinauf, wo die Stufen beginnen?
    Sehr einfach: Wir bauen eine Leiter.
    Sehr richtig, sehr richtig! spendete sie mir Beifall. Wir bauen eine
Leiter, und zwar sofort. Komm, schnell!
    Wir gingen hinaus. Ich fand sehr leicht zwei lang aufgeschossene
Stangenhlzer und schnitt die ntigen Quersprossen dazu. Riemen waren genug da.
Bald war die Leiter fertig. Wir gingen wieder hinein, legten sie an und stiegen
hinauf. Sie reichte grad bis zu der niedersten der noch vorhanden Stufen. Von
dieser aus stiegen wir weiter nach oben, ohne Gelnder, auf frei aus der Mauer
ragenden Steinen, die als Stufen galten. Das war nicht ungefhrlich. Ein jeder
dieser Steine mute geprft werden, bevor man sich ihm anvertraute. So kamen wir
an vielen Nischen vorber, deren Inhalt wir untersuchten. Ich sehe davon ab,
diese Mumien und Skelette zu beschreiben. Ich liebe es nicht, als Schriftsteller
zu gelten, der seine Erfolge im Sensationellen, Blutigen oder
Schaudererweckenden sucht.
    Als wir hoch genug gekommen waren, stiegen wir in eine der obersten
Fensterffnungen. Sie war so gro, da wir aufrecht in ihr stehen konnten, ja
sogar noch bedeutend grer. Sie glich einem Gange. Wir hatten neun Schritte zu
tun, ehe wir aus ihr in das Freie traten. Da standen wir hoch oben auf dem
knstlich aufgefhrten Bergsturz und berschauten einen groen Teil des Sees.
Aber wir waren vorsichtig; wir blieben nicht aufrecht, sondern wir setzten uns.
Wie leicht konnte ein Kiowa oder ein Komantsche in der Nhe sein, der uns sofort
bemerken mute, wenn wir so gedankenlos waren, uns in ganzer Figur zu zeigen.
Und richtig! Es war nicht nur einer da, sondern wir sahen viele, sogar sehr
viele. Sie ritten zweihundert Schritte entfernt am Ufer des Sees an uns vorber,
langsam, md und still, im Gnsemarsch, immer einer hinter dem andern.
    Das sind die Sioux des alten Kiktahan Schonka, sagte ich. Die Utahs sind
entweder schon vorber, oder sie kommen erst hinter ihnen her.
    So sind wir gerade zur rechten Zeit gekommen, sagte das Herzle. Nun gibt
es wohl Gefahr?
    Fr sie, ja, aber nicht fr uns, antwortete ich.
    Der junge Adler war still; aber Kakho-Oto meinte:
    So mu ich euch verlassen. Werdet ihr mir aber vertrauen? Werdet ihr mir
zutrauen, da ich nichts tue, was euch schaden knnte?
    Wir glauben an dich, anwortete ich ihr in ihrer Muttersprache. Wann
drfen wir dich wieder erwarten?
    Das wei ich nicht. Ich gehe, um zu beobachten, was geschieht, um es euch
dann zu sagen. Habe ich euch nichts zu berichten, so komme ich nicht. Erfahre
ich aber Wichtiges, so kehre ich sehr schnell zurck. Wo treffe ich euch?
    Da, wo du willst.
    So bitte ich dich, mglichst dort, wo jetzt die Pferde stehen, zu bleiben.
Begib dich nicht unntig in Gefahr! Unternimm es vor allen Dingen nicht, uns zu
beschleichen! Ich wache fr euch. Meine Augen sind eure Augen! Ihr werdet alles
erfahren, was ich selbst erfahren kann.
    Ich versprach, ihr diesen Wunsch zu erfllen; dann entfernte sie sich. Wir
aber blieben noch hier oben, um die vorberziehenden Roten zu beobachten. Es
dauerte lange Zeit, ehe die Sioux passiert waren. Dann kamen die Utahs. Es tat
mir innerlich wehe, diese kurzsichtigen, haerfllten Leute so daherschleichen
zu sehen.
    Wer wird gewinnen? fragte das Herzle; sie oder wir?
    Wir! antwortete ich zuversichtlich. Siehst du nicht ganz deutlich, da es
nicht unser Verderben ist, welches da an uns vorberzieht, sondern unser Sieg?
    Woran soll ich das merken?
    An ihrer Langsamkeit, ihrer Haltung, ihrer Gleichgltigkeit und, vor allen
Dingen, an ihren leeren Futterbeuteln und Satteltaschen?
    Wieso?
    Auch der junge Adler sah mich fragend an.
    Ich fuhr fort: Sie haben keinen Proviant, nieder fr sich, noch fr ihre
Pferde.
    Den bekommen sie doch jedenfalls von ihren jetzigen Verbndeten, den Kiowa
und Komantschen.
    Das ndert nichts, denn das ist nur fr einstweilen. Diese alten Indianer
sind leichtsinniger, viel leichtsinniger, als frher die jungen jemals waren.
Sie denken nur an die Vergangenheit und sind unfhig, die Gegenwart zu
begreifen. Zog man frher in den Krieg, so tat man das in einzelnen Trupps,
nicht aber gleich in der Strke von tausend Mann. Und diese Trupps waren leicht
zu erhalten und zu pflegen. Es gab Bffel zur Jagd, und der Weg wurde mglichst
ber die grasigsten Prrien genommen, die den Pferden das ntige Futter
spendeten. Der Indianer machte im Frhling Fleisch fr sechs Monate und im
Herbst wieder Fleisch fr sechs Monate. Da gab es so groe Vorrte von
geriebenem und getrocknetem Fleisch, da es zu jeder Zeit leicht war, sich fr
lange Kriegszge zu verproviantieren. Wo sind jetzt die Bffel? Wo die anderen
jagdbaren Tiere? Wo gibt es jetzt einen Indianer, der in seinem Zelte
Fleischvorrte fr Monate hat? Wo sind die Pferde, die es frher gab? Auf die
man sich in Hunger und Durst, in Frost und Hitze, in Wind und Wetter, in jeder
Gefahr und selbst beim schwersten, verwegensten Todesritt verlassen konnte? Das
gab es frher; jetzt aber ist alles anders. Wer da glaubt, in der alten Weise
verfahren zu knnen, der ist verloren. Mein Brentter hngt daheim. Mein
Henrystutzen und meine Revolver stecken im Koffer. Sie haben sich berlebt. Was
aber tun Kiktahan Schonka und Tusahga Saritsch? Sie sind ausgezogen mit tausend
Sioux und tausend Uthas. Mit Leuten und mit Pferden, die keine Spur von
Kriegsgewohnheit besitzen. Und, vor allen Dingen, ohne den ntigen Proviant! Nun
sind sie gezwungen, bei den Kiowa und Komantschen zu betteln. Wo aber haben die
ihre Fleisch- und Brotvorrte? Sie haben nichts! Auch sie werden ausziehen zu
zwei Tausenden, zusammen also wahrscheinlich viertausend Mann und viertausend
Pferde, ohne den mitzuschleppenden Tro! Woher den tglichen Proviant, das
Futter, das Wasser fr so unvernnftig viele nehmen? Es braucht kein einziger
von ihnen erschossen oder erstochen zu werden. Sie kommen vor Hunger um, vor
Hunger und Durst, alle, alle! Indem ich sie hier an uns vorbeireiten sehe, ist
es mir, als ob sie nicht Krper seien, sondern verschmachtete Seelen, die nach
dem Jenseits ziehen, um dort in ihren leeren, ewigen Jagdgrnden vollends zu
verhungern!
    Uff, uff! rief der junge Adler, dem meine Darstellung sofort einleuchtete.
    Das Herzle aber war still. Auch sie sah ein, da ich recht hatte; aber diese
Einsicht erhob sie nicht, sondern sie drckte sie nieder. Ihr gutes Herz sah
sofort viertausend untergehende Menschen vor sich, und da es unsere Aufgabe
war, an diesem Untergange mitzuwirken, das tat ihr leid und wehe.
    Als der letzte der Utahs vorber war, stiegen wir wieder hinab, versteckten
die Leiter sehr sorgfltig, so da sie selbst von einem scharfen Auge nicht
entdeckt werden konnte, und kehrten dann zu Pappermann und unseren Pferden
zurck.
    Kakho-Oto war hier, meldete er. Sie sattelte sehr eilig und ritt dann
sort. Sie sagte, Ihr wtet schon, wohin.
    Nun schlugen wir das Zelt auf und machten es uns bequem. Ich war
entschlossen, dem Wunsche unserer Freundin gehorsam zu sein und uns keiner
Gefahr auszusetzen. Es war auf alle Flle am besten, wir blieben hier still
verborgen, ohne uns zu regen. So gab es also Zeit und Gelegenheit, das
Vermchtnis meines Winnetou vorzunehmen und durchzusehen. Ich ffnete die
Pakete, und dann waren wir beide, sowohl das Herzle als auch ich, fr den ganzen
Vor-und Nachmittag in ihren Inhalt vertieft. Ueber diesen Inhalt habe ich an
anderer Stelle zu sprechen; fr jetzt will ich nur sagen, da wir noch nie etwas
hnliches gelesen hatten, und da der Schatz, der sich uns hier auftat,
unendlich grer war, als wenn er Geld und Edelsteine im Gewicht von vielen
Zentnern enthalten htte.
    Gegen Abend stellte sich Kakho-Oto ein. Sie meldete uns, da die Kiowa,
Komantschen, Utahs und Sioux nun alle versammelt seien, und zwar ber
viertausend Mann stark, von jedem Stamme etwas ber tausend Krieger. Also genau
so, wie ich es vermutet hatte. Am Vormittage hatte man gegessen. Am Nachmittage
waren die verschiedensten Vorberatungen abgehalten worden. Es hatte sich nach
langen Widersprchen endlich Einigkeit ergeben, so da eine nachtrgliche
Hauptberatung eigentlich berflssig gewesen wre, wenn sie nicht als
Schluzeremonie alles Vorhergehende zu krnen gehabt htte.
    Also diese Hauptberatung findet statt? fragte ich.
    Ja, antwortete die Freundin.
    Wann?
    Grad um Mitternacht.
    Wenn ich doch dabei sein knnte, ohne gesehen zu werden!
    Da fiel das stets besorgte Herzle schnell ein:
    Nein! Daraus wird nichts! Das ist zu gefhrlich!
    Wieso gefhrlich?
    Wenn sie dich erwischen, ist es um dich geschehen! Ich als deine Frau habe
vor allen Dingen darauf zu sehen, da du zu jeder Zeit mir wenigstens am Leben
bleibst!
    Kakho-Oto lchelte. Das tat ich auch und fragte das Herzle:
    Aber wenn es sich nun herausstellt, da es nicht gefhrlich ist?
    So gehe ich mit, um die Sache zu prfen! Als Junggeselle Westmann sein, ist
keine Kunst. Aber sich noch als Westmann geberden, wenn man schon lngst
verheiratet ist, und seine Frau bei sich hat, das wird einem jeden vernnftigen
Mann so fern wie mglich liegen! Wenn wir Frauen einmal jemand belauschen, so
wird gleich ein groes Hallo darber gemacht. Aber wenn die Herren Mnner im
Walde herumkriechen, um Indianer zu behorchen, da behauptet man, es sei erstens
notwendig und zweitens gehre es zur Khnheit und zum Heldentum. Ich habe da
einen sehr guten Gedanken, der diese gefhrliche Lauscherei vollstndig unntig
macht.
    Welchen?
    Kakho-Oto nimmt an dieser Hauptberatung teil und sagt uns dann, was
gesprochen worden ist.
    Da lachte ich laut auf und entgegnete:
    Diesen Gedanken nennst du gut? Er ist so tricht wie mglich! Nie wird ein
gewhnliches weibliches Wesen an einer derartigen Huptlingsversammlung
teilnehmen drfen!
    Wirklich nicht?
    Nein!
    Das ist eine Schande! Aber erfahren mssen wir auf alle Flle, was beraten
worden ist! Wie fangen wir das an?
    Da lchelte die Freundin abermals und antwortete:
    Ihr werdet bei dieser Versammlung zugegen sein.
    Wir? Wir beide? fragte das Herzle schnell.
    Ja.
    Ich denke, als Frau darf ich nicht!
    Es geschieht im Geheimen. Niemand wird euch sehen. Die Huptlinge kommen
nmlich nach dem Haus des Todes. Der Medizinmann der Kommantschen will es so,
und der Medizinmann der Kiowa stimmt ihm bei. Sie behaupten, das Haus des Todes
sei schon vor Jahrtausenden ein Beratungshaus der Anfhrer gewesen und solle es
nach seiner Entdeckung jetzt nun wieder sein. Zugleich sei es die
Begrbnissttte der Huptlinge. Weibern sei es bei sofortiger Todesstrafe
verboten, gewhnlichen Kriegern ebenso, auer sie kommen zur Bedienung der
Huptlinge mit.
    Das ist ja vortrefflich! meinte das Herzle. Sie kommen also um
Mitternacht?
    Ja, kurz vorher, denn die Zeremonie hat genau um Mitternacht zu beginnen.
    Da stellen wir uns zeitig ein, vielleicht schon um elf!
    Aber du doch nicht! sagte ich.
    Warum nicht? fragte sie.
    Du hast doch soeben erst gehrt, da Weibern der Zutritt bei sofortiger
Todesstrafe verboten ist! Das ist mir zu gefhrlich! Ich als dein Mann habe vor
allen Dingen darauf zu sehen, da du zu jeder Zeit mir wenigstens am Leben
bleibst! Ich fhle mich also zu der Erklrung verpflichtet, da du von der
Teilnahme an diesem nchtlichen Abenteuer vollstndig ausgeschlossen bist!
    Oho! Ich verweigere den Gehorsam! Nimmst du deine Erklrung nicht sofort
zurck, so gehe ich auf der Stelle nach dem Haus des Todes und verstecke mich
dort bis Mitternacht, um euch alle miteinander zu belauschen, nicht nur die
Indianer, sondern auch euch!
    Wohin willst du dich verstecken?
    Das wei ich noch nicht.
    Das mu man aber wissen!
    Schon vorher?
    Gewi! Es ist sehr schnell gesagt: ich verstecke mich. Aber den richtigen
Platz zu finden, das erfordert Ueberlegung, die nicht zu spt kommen darf. Wir
wissen noch nicht, wieviel Personen sich einstellen werden - - -
    Ich wei es, fiel Kakho-Oto ein. Es kommen Kiktahan Schonka, Tusahga
Saritsch, Tokeichun und Tangua, die vier Oberhuptlinge, sodann die beiden
Medizinmnner der Kiowo und der Komantschen und auerdem fnf Unterhuptlinge
von jedem der vier Stmme. Auch einige gewhnliche Krieger sind dabei, um das
ntige Feuerholz und Tangua zu tragen, der nicht gehen kann. Jeder Stamm wird
sein eigenes Beratungsfeuer brennen. Das Feuer fr alle aber wird auf dem Altare
angezndet, der die Medizinen der Oberhuptlinge zu empfangen hat, bis das, was
die Beratung ergeben hat, auch ausgefhrt worden ist.
    So knnen wir also annehmen, fuhr ich nun fort, da wenigstens dreiig
Personen vorhanden sein werden. Wo und wie sie sich verteilen und plazieren, das
wissen mir nicht. Es gibt somit im unteren Teil des Hauses, im Parterre, im
Flur, auf dem Fuboden, keine einzige Stelle, an der wir sicher sein knnten,
nicht bemerkt zu werden. Es ist da berhaupt kein einziger Gegenstand vorhanden,
hinter dem wir uns verstecken knnten. Es steht da ganz allein nur der Altar, um
den sie sich versammeln werden.
    So verstecken wir uns oben! rief das Herzle. Mit Hilfe der Leiter! In den
Nischen, in den Luftlchern, in den Fenstervertiefungen!
    Ganz recht! nickte ich. Aber denkst du dabei auch an die Feuer?
    Soll ich das? Wozu?
    Wozu? Welche Frage! Um nicht zu ersticken oder durch immerwhrendes
Ruspern und Husten dich wenigstens zu verraten! Es werden fnf Feuer brennen,
vier Stammes- und ein Altarfeuer. Diese Feuer werden mit Holz, Reisig usw.
genhrt. Das gibt, zumal wenn dieses Material nicht ganz trocken ist, einen so
bedeutenden Rauch und Qualm, da es da oben, wohin du steigen willst, gar nicht
auszuhalten ist, auer wir finden einen Platz, wo dieser Qualm und Rauch uns
nicht erreicht.
    Denkst du, da es einen solchen gibt?
    Ich hoffe es. Unten knnen wir uns freilich nicht verstecken; wir mssen
hinauf. Aber auch nicht zu hoch, weil wir da nichts hren wrden. Es gilt, die
Windrichtung zu kennen und den Luftzug zu berechnen. Das Tor und alle
Fensterffnungen stehen offen. Es wird also Luftzug mehr als genug vorhanden
sein. Aber nach welcher Seite geht er? Ich schlage vor, da wir probieren! Wir
haben fast noch eine Viertelstunde Zeit, ehe es Abend wird. Gehen wir schnell
nach dem Hause, um ein Feuer anzuznden und zu sehen, wohin der Rauch
entweicht.
    Und dabei erwischt zu werden! warnte Pappermann.
    Es kommt niemand, versicherte Kakho-Oto. Wir knnen es unbesorgt tun.
    Mein Vorschlag wurde also ausgefhrt. Wir begaben uns nach dem alten
Bauwerke und sammelten unterwegs so viel drres Holz, wie ntig war, den
geplanten Versuch zu machen. Die Leiter wurde wieder hervorgeholt. Als das Feuer
brannte, blieb Pappermann unten, um es zu schren; wir vier andern aber stiegen
hinauf und beobachteten die durch die Wrme verursachte Luftbewegung und den
abziehenden Rauch. Hierdurch entdeckten wir die fr uns am besten geeignete
Stelle und stiegen wieder hinab, um das Feuer auszulschen und jede Spur
desselben sorgfltig zu vertilgen. Dann kehrten wir nach unserem Lagerplatz
zurck. Kakho-Oto aber verabschiedete sich von uns, um sich zu ihren Kiowa zu
verfgen und am nchsten Morgen zeitig wiederzukommen. Whrend meine Frau uns am
Lagerfeuer das Abendessen bereitete, gossen wir uns mit Hilfe des vorhandenen
Brenfettes und einer aufgedrehten, ungefrbten Baumwollenschnur einige kleine
Kerzen, die wir ntig hatten, um bei unserem nicht ungefhrlichen Aufstiege in
die Hhe des Hauses nicht ganz und gar im Dunkeln zu sein. Denn gefhrlich war
es immerhin, auf den frei aus der Mauer ragenden Stufensteinen, die keine Spur
von Brstung oder Gelnder hatten, ohne hellere Beleuchtung emporzuklimmen.
Jedem Ausgleiten mute unbedingt der Absturz folgen. Darum wollte ich mit dem
jungen Adler allein hinauf. Das Herzle war da eigentlich recht berflssig,
zumal sie von den Verhandlungen, die ganz selbstverstndlich indianisch gefhrt
wurden, kein Wort verstehen konnte. Aber gerade, weil sie die Gefahr erkannte,
bestand sie darauf, uns begleiten zu drfen, weil sie mehr Besorgnis fr mich
als fr sich selbst hatte und die Ueberzeugung hegte, da ich in ihrer Gegenwart
vorsichtiger sein wrde als ohne sie.
    Als die elfte Stunde nahte, brachen wir auf und hinterlieen unserem
Pappermann die Weisung, falls wir gegen Morgen noch nicht zurck sein sollten,
vorsichtig nachzuschauen, was uns im Haus des Todes festgehalten habe. Wir
nahmen unsere Revolver mit, obwohl wir keineswegs glaubten, sie brauchen zu
mssen. Im Hause angekommen, zndeten wir die drei Kerzen an. Der Aufstieg war
noch schwieriger, als ich vorausgesehen hatte, und zwar der Leiter wegen. Wir
brauchten sie, um zur untersten Stufe hinaufzukommen, und da wir sie unmglich
stehen lassen konnten, weil sie uns verraten htte, muten wir sie mit
hinaufnehmen. Ich stieg voran; dann folgte das Herzle, der junge Adler hinter
ihr her. Indem ich vorn und er hinten die Leiter wagrecht fate, bildete sie fr
meine Frau ein mitwandelndes Sicherheitsgitter, an dem sie sich im Falle der Not
zu halten vermochte. Wir gelangten langsam, sehr langsam, aber doch glcklich
hinauf. Da schoben wir die Leiter in die tiefe Fensterffnung, so da sie in ihr
vollstndig verschwand, lschten unsere kleinen, fast ganz unzureichenden Lichte
aus und stiegen durch die Oeffnung, welche auf den knstlichen Felsensturz
mndete, hinaus ins Freie.
    Es gab ber uns einen hellen Sternenhimmel. Das von ihm niederfallende Licht
reichte hin, uns den See als eine mattsilberne Flche zu zeigen, die im
Schattenrahmen der Uferstrucher lag. Wir brauchten nicht lange zu warten, so
bewegte es sich da vorn. Es kamen Gestalten, langsam und einzeln, eine hinter
der andern. Je nher sie kamen, um so deutlicher konnten wir sie erkennen.
Freilich, ihre Gesichtszge nicht. Auch die Gestalten waren nicht scharf
konturiert. Aber da es Indianer waren, darber gab es keinen Zweifel. Auch die
Bahre sahen wir, auf welcher der Huptling der Kiowa getragen wurde. Sie bestand
aus einer Decke, welche zwischen zwei Stangenhlzern befestigt war. Andere
trugen groe Holz- und Reisigbndel. Wir zhlten vierunddreiig Personen. Wir
warteten, bis die letzte von ihnen im Innern des Hauses verschwunden war, und
schlpften dann auch hinein. Wir hatten da eine undurchdringliche Dunkelheit vor
uns und setzten uns nieder.
    Geheimnisvolles Gerusch lie sich in der Tiefe unter uns hren, weiter
nichts. Niemand sprach, kein Ruf, kein Befehl, kein Kommando erscholl. Es schien
alles sehr genau vorherbesprochen worden zu sein. Da sprang irgendwo ein Funke
auf, noch einer und noch einer. Diese Funken verwandelten sich in kleine
Flmmchen. Die Flmmchen wurden zu Flammen, die Flammen zu brennenden Feuern. Es
gab vier Feuer, welche die Ecken eines Quadrates bildeten, in dessen Mitte der
Altar stand. Um diese Feuer lagerten sich phantastische Indianergruppen, die
Huptlinge jedes Stammes um ihre besondere Flamme. Der Rauch stieg empor, aber
er belstigte uns nicht; er verschwand durch die Oeffnungen der
gegenberliegenden Seite. Auch der Schein der Feuer stieg empor; aber je hher,
um so ungengender und geheimnisvoller wirkte er. Beim Flackern der Flammen
schien sich nicht nur unten, sondern auch hier oben alles zu bewegen, die
Nischen, die Mumien, die Gerippe, die verworrenen Teile der Knochen. Das Herzle
griff nach meiner Hand, drckte sie krampfhaft fest und flsterte mir zu:
    Wie geisterhaft, ja, gespensterhaft! Fast frchte ich mich!
    Wnschest du dich weg von hier? fragte ich.
    Nein, nein! So etwas gibt es ja niemals, niemals wieder! Denke, wir sind im
Inferno!
    Das Bild, welches sie da brachte, war nicht unzutreffend; ich aber htte
lieber gesagt, im Fegefeuer. Was da unten beschlossen werden sollte, war Snde,
ja; aber es hatte nicht unbedingt zur Verdammung zu fhren; wir selbst waren ja
da, um ihm ein besseres Ende, einen glcklichen Ausgang zu geben. Mir kamen die
Gestalten da unten vor, nicht als ob sie Abkmmlinge vergangener Jahrtausende,
sondern die zu erlsenden Seelen jener uralten Zeiten seien, die sich hier
versammelt hatten zur letzten, bsen Tat, in deren Scho die Befreiung aus der
Finsternis zu suchen und zu erfassen war. Indem ich dies dachte, erklang das
erste Wort, welches gesprochen wurde:
    Ich bin Avat-towah22, der Medizinmann der Komantschen. Ich sage: es ist
Mitternacht!
    Und eine zweite Stimme schlo sich an:
    Ich bin Onto tapa23, der Medizinmann der Kiowa. Ich fordere auf, die
Verhandlung zu beginnen!
    Sie beginne! rief Tangua.
    Sie beginne! rief To-kei-chun.
    Sie beginne! rief Tusahga Saritsch.
    Sie beginne! rief Kiktahan Schonka.
    Auch jetzt konnten wir die Gesichtszge der Genannten nicht erkennen. Wir
sahen nur ihre Gestalten und hrten ihre Stimmen wie aus einer nicht mehr zur
Erde gehrenden Unterwelt herauf. Da trat der Medizinmann der Komantschen an den
Altar und sprach:
    Ich stehe vor dem heiligen Bewahrungsort der Medizinen. Im Tempel unseres
alten, berhmten Bruders Tatellah-Satah hngt die Riesenhaut des lngst schon
ausgestorbenen Silberlwen, auf welcher folgendes geschrieben steht: Bewahret
eure Medizinen! Das Bleichgesicht kommt ber das groe Wasser und ber die weite
Prrie herber, um euch eure Medizinen zu rauben. Ist er ein guter Mensch, so
wird es euch Segen bringen. Ist er ein bser Mensch, so wird es ein Wehklagen
geben in allen euern Lagern und in allen euern Zelten.
    Hierauf trat auch der Medizinmann der Kiowa an den Altar und sprach:
    Aber neben diesem Felle des Silberlwen hngt die Haut des groen
Kriegsadlers; auf der steht geschrieben: Dann wird ein Held erscheinen, den man
den jungen Adler nennt. Der wird dreimal um den Berg der Medizinen fliegen und
sich dann zu euch niederlassen, um euch alles wiederzubringen, was das
Bleichgesicht euch raubte. Ich frage euch, die Oberhuptlinge der vier
vereinigten Stmme: Wollt ihr den Beschlssen treu bleiben, welche heut unter
euch getroffen worden sind?
    Wir wollen, antworteten alle vier.
    Und seid ihr bereit, eure Medizinen hier niederzulegen zum Pfande dafr,
da ihr alles tun werdet, es auch auszufhren?
    Ein lautes, vierfaches Ja erscholl.
    So bringt sie her, und gebt sie ab!
    Sie taten es. Sogar Tangua lie sich zum Altare tragen, um seine Medizin mit
eigener Hand abzugeben. Kiktahan Schonka klagte, indem er dem Medizinmanne die
seinige berreichte:
    Es ist nur die Hlfte. Die andere Hlfte ging unterwegs verloren, als
Manitou seine Augen von mir wendete. Er kehre mir sein Antlitz wieder zu, damit
mir nicht auch diese andere Hlfte noch verloren gehe! Die Last meiner Winter
drckt mich dem Grabe zu. Soll ich jenseits des Todes ohne Medizin erscheinen,
und fr ewig verloren sein? Schon um mich vor diesem Untergang zu retten, bin
ich gezwungen, alles zu tun, um zu halten, was ich heut versprach!
    Die Platte wurde vom Altare gehoben und dann, als die Medizinen im Innern
desselben verschwunden waren, wieder daraufgelegt. Dann hufte man Holz und
Reisig darber und steckte es in Brand, doch nicht nach unserer, sondern nach
indianischer Weise, so da nur ein kleines Feuer entstand, in welches nur die
Spitzen der Hlzer ragten, die, wenn sie verzehrt waren, immer nachgeschoben
wurden. Das war das Feuer der Beratung, die nun begann. Sie war sehr
feierlich. Sie wurde durch das sehr umstndliche Rauchen der Friedenspfeife
eingeleilet. Man hielt trotz der vorangegangenen Vorberatungen noch sehr
ausfhrliche Reden. Es wre wohl interessant, wenn ich diese Reden hier wrtlich
wiederholte. Einige von ihnen gestalteten sich zu wahren Meisterstcken der
indianischen Redekunst. Aber der Mangel an Raum gebietet mir, nicht so
umstndlich zu sein, wie diese Indianer es waren. Es gengt, zu sagen, da wir
auf unserem Platze alles, was gesprochen wurde, sehr deutlich verstanden. Es
ging uns fast kein einziges Wort verloren. Das Resultat der Verhandlungen war
fr uns folgendes:
    Die vier Stmme planten einen Ueberfall des Lagers der Apatschen und ihrer
Freunde am Mount Winnetou. Durch diesen Ueberfall sollte die geplante
Verherrlichung Winnetous vereitelt werden. Zugleich hoffte man, dadurch in den
Besitz groer Beute und all der Schtze zu kommen, welche jetzt in diesem Lager
zusammenflossen. Es waren das besonders die freiwilligen Gaben an Nuggets und
anderen Edelmetallen, die, entweder von ganzen Stmmen, Klans und Gesellschaften
oder von einzelnen Personen gespendet, herbeigetragen wurden. Man wollte hier am
dunkeln Wasser noch einige Tage bleiben, um von dem bisherigen langen Ritte
auszuruhen, und dann nach einem Orte marschieren, den sie das Tal der Hhle
nannten. Dieses Tal lag in der Nhe des Mount Winnetou und bot, wie man sagte,
selbst fr eine so groe Zahl von Kriegern ein sicheres Versteck. Aus diesem
Verstecke heraus sollten dann die Apatschen und ihre Verbndeten berfallen
werden.
    Von hchstem Interesse fr uns war ein ganz besonderer Punkt, den wir
erlauschten. Die vier verbndeten Stmme hatten nmlich einen Kumpan bei den
Apatschen, der es bernommen hatte, sie ber alles zu unterrichten, ihren
Streich mit vorzubereiten und ihnen die passendste Zeit zu seiner Ausfhrung
anzugeben. Dieser Spion und Verrter war um so gefhrlicher, als er nicht zu den
gewhnlichen, gleichgltigen Personen gehrte, sondern mit im Denkmalskomitee
sa und als Mitglied desselben alles mgliche wute und allseitig ein besonderes
Vertrauen geno. Das war Mr. Antonius Paper, mit dem indianischen Namen
Okih-tschin-tscha und dem schlingernden Gange. Dies zu erfahren, hatte ganz
besonderen Wert fr uns. Fr diese seine Mitwirkung war ihm ein bedeutender
Anteil an der Beute, ber dessen Hhe man aber nicht sprach, verheien worden.
Die Oberhuptlinge schienen eine Scheu zu haben, sich vor ihren Unterhuptlingen
ber diesen Punkt deutlich auszudrcken. Es wurden da die Gebrder Enters
mitgenannt, welche das, was man ihnen versprochen hatte, nicht bekommen sollten,
weil man es diesem Antonius Paper auszuzahlen hatte, dem man seinen Lohn aber
auch vorenthalten wollte, weil er an die beiden Enters zu entrichten wre. Es
handelte sich da jedenfalls um eine groe Lumperei, ber die man nicht gern
sprach. Ich vermutete, da man alle drei, sowohl Paper als auch die Enters, um
ihren Lohn betrgen und sie dann auf Nimmerwiedersehen verschwinden lassen
wollte.
    Als die Zeremonie zu Ende war, wurde das Beratungsfeuer auf dem Altar von
den beiden Medizinmnnern ausgelscht. Sie strichen die Asche von der Platte und
traten dann um einige Schritte von dem Altar zurck. Hierauf sagte der
Medizinmann der Komantschen in feierlichem Tone:
    So oft das heilige Feuer ber den Medizinen erlischt, ist das Wort des
Silberlwen zu wiederholen: Bewahret eure Medizinen! Das Bleichgesicht kommt
ber das groe Wasser und ber die weite Prrie herber, um euch eure Medizinen
zu rauben!
    Und der Medizinmann der Kiowa fgte hinzu:
    So oft das heilige Feuer ber den Medizinen erlischt, ist auch das Wort des
groen Kriegsadlers zu wiederholen: Es wird ein Held erscheinen, den man den
jungen Adler nennt. Der wird dreimal um den Berg fliegen und sich dann zu euch
niederlassen, um euch die geraubten Medizinen wiederzubringen. Dann wird die
Seele der roten Rasse aus ihrem tausendjhrigen Schlaf erwachen, und was
getrennt war, wird zur geeinigten Nation und zum groen Volke werden!
    Von jetzt an sprach niemand mehr, aber man blieb sitzen, bis die Feuer nach
und nach verlschten und schlielich auch der letzte noch glimmende Funke
verschwunden war. Dann geschah der Aufbruch. Die Indianer verlieen das Haus
genau so, wie sie gekommen waren: langsam und still, einzeln, einer hinter dem
andern. Unsere Blicke folgten ihnen, bis sie das Wasser des Sees erreichten und
dann nach beiden Seiten abschwenkten. Das Herzle holte tief, tief Atem.
    Welch ein Abend! Welch eine Nacht! sagte sie. Das werde ich nie, nie
vergessen! Was tun wir jetzt?
    Wir steigen hinab und holen uns die Medizinen, antwortete ich.
    Drfen wir das?
    Eigentlich ist es verboten. Es steht der Tod darauf. Kein Indianer wrde
wagen, sich an ihnen zu vergreifen. Fr uns ist es einfach ein Gebot der
Notwendigkeit.
    Der junge Adler hrte das. Er sagte nichts dazu. Wir brannten unsere drei
Lichter wieder an, griffen zu unserer Leiter und stiegen langsam und uerst
vorsichtig wieder hinab. Unten angekommen, traten wir an den Altar. Da fragte
der junge Apatsche in seiner Muttersprache:
    Du willst sie wirklich nehmen?
    Ja, unbedingt, antwortete ich. Sie sind eine Macht in meiner Hand, und
zwar eine groe, segensreiche Macht.
    Das wei ich. Aber ich bin Indianer, und ich kenne die Bedeutung und die
Unverletzlichkeit der Medizinen, die an solcher Stelle niedergelegt worden sind.
Weit du, was meine Pflicht mir hier gebietet?
    Ja. Du hast zu verhindern, da ich sie berhre. Sogar Gewalt hast du zu
gebrauchen. Aber, habe ich etwa die Absicht, sie nicht heilig zu halten, sie zu
verletzen?
    Nein. Die hast du nicht. Und du bist Old Shatterhand, ich aber bin ein
Knabe. Ein Kampf mit dir wre mein Tod. Dennoch bitte ich dich um die Erlaubnis,
eine Bedingung stellen zu drfen!
    Du darfst.
    Wenn du das Bleichgesicht des Silberlwen sein willst, welches zu uns
herberkommt, uns unsere Medizinen zu nehmen, so la mich der junge Indianer des
Kriegsadlers sein, der vom Mount Winnetou herniederkommt, um seinen Brdern ihre
Medizinen zurckzugeben!
    
    Kannst du das?
    Wenn du willst, ja!
    Fliegen?
    Ja.
    Dreimal um den Berg?
    Ja!
    Das war ein ganz eigenartiger, vielleicht sogar ein groer Augenblick.
Dieses Dunkel! Dieser schauerliche Ort! Ein Bleichgesicht im Greisenalter. Ein
hochbegabter, khner Indianer im hoffnungsreichsten Jugendalter! Beide hier am
Altar einander gegenberstehend, mit kleinen, winzigen Lichtern in den Hnden,
deren sprlicher Schein von der Finsternis schon zwei, drei Schritte weit
verschlungen wurde! Er sprach vom Fliegen. Er versicherte, es zu knnen, und
zwar mit einer Stimme und in einem Tone, der jeden Zweifel ausschlo! Er meinte
krperliches Fliegen. Ich aber dachte ebenso sehr auch an den seelischen, an den
geistigen Flug, den er, der Typus seiner verjngten Nation, zu nehmen hatte,
wenn er ihr die im Verlaufe der Jahrtausende verloren gegangenen Medizinen
zurckbringen wollte. Aber ich hatte ein groes, ein warmes und ich mchte
sagen, ein heiliges Vertrauen zu ihm.
    Ich glaube dir! antwortete ich. Ich nehme sie jetzt. Aber ich gebe sie
dir, sobald du sie von mir verlangst.
    
    Deine Hand darauf!
    Hier!
    Wir reichten einander die Hnde.
    So nimm sie! sagte er und griff nach der Platte, um mir zu helfen, sie auf
die Seite zu schieben. Sie war fast noch hei. Ich nahm die Medizinen aus dem
geffneten Altar. Wir schoben die Platte in ihre vorige Lage zurck und
verlieen dann, nachdem wir die Lichter verlscht hatten, das Haus, um nach
unserm Lagerplatz zurckzukehren. Die Leiter nahmen wir mit, damit sie nicht
nachtrglich noch zur Verrterin an uns werde. Unser Aufenthalt am Dunkeln
Wasser hatte von jetzt an als beendet zu gelten. So kurz er gewesen war, so
sehr konnten wir mit seinen Ergebnissen zufrieden sein.

                                Sechstes Kapitel

                                        

                               Am Mount Winnetou


Es war ungefhr eine Woche spter. Wir hatten whrend der letzten Nacht am
untern Klekih Toli gelagert und ritten nun am frhen Morgen an seinem Ufer
aufwrts. Klekih Toli ist ein Apatschewort. Es heit so viel wie weier Flu߫.
Dieser Flu hat ein bedeutendes Geflle. Er kommt in zahlreichen Kaskaden vom
Mount Winnetou herab. Der weie Schaum dieser Kaskaden ist es, der ihm seinen
Namen gegeben hat. Er ist tief eingeschnitten. Darum sind seine Ufer hoch und
steil, oben mit Wald und unten mit Buschholz bewachsen. Da, wo er aus dem
gewaltigen Massiv des Mount Winnetou tritt, bildet er mehrere Wasserflle,
welche ihrer Umgebung ein hchst energisches Aussehen erteilen.
    Wir waren vier Personen; das Herzle, der junge Adler, Pappermann und ich.
Die beiden Enters hatten wir am Dunkeln Wasser nicht wieder zu sehen bekommen,
zumal kein besonderer Grund fr uns vorhanden war, ein solches Wiedersehen
herbeizufhren. Da wir ihnen irgendwo und irgendwann wieder begegnen wrden,
verstand sich ganz von selbst. Kakho-Oto war am Morgen nach der Beratung im
Hause des Todes zu uns gekommen und hatte uns berichtet, da im Lager der
Roten nichts Besonderes geschehen sei. Sie fragte uns nicht, was wir erlauscht
htten; darum schwiegen auch wir darber, um sie nicht mit sich selbst und ihren
Stammespflichten in Konflikt zu bringen. Vor allen Dingen wurde ihr
verheimlicht, da wir uns in den Besitz der Medizinen gesetzt hatten. Je weniger
Personen das wuten, um so besser war es fr uns. Als wir ihr unsern Entschlu
kundgaben, sofort weiter zu reiten, tat ihr diese schnelle Trennung wehe. Sie
htte uns gern begleitet, sah aber wohl ein, da dies mehr eine Belstigung als
eine Erleichterung fr uns gewesen wre, und da sie mehr und besser fr uns
wirken konnte, wenn sie bei den Kiowa blieb. Doch wurde verabredet, uns unter
allen Umstnden am Mount Winnetou wiederzusehen.
    Diesem Berge waren wir jetzt nun nahe, obgleich wir ihn noch nicht sahen,
der tiefen Flurinne wegen, in der wir ritten. Es gab vom Dunkeln Wasser aus
einen anderen, bequemeren Weg nach dem Mount Winnetou, den wir aber vermieden
hatten, weil wir annahmen, da er unter den jetzigen Verhltnissen belebter sein
werde, als wir wnschten. Wir wollten unntze Begegnungen vermeiden und am
liebsten dort pltzlich eintreffen, ohne vorher gesehen und beachtet worden zu
sein. Darum kamen wir von einer nicht gerade bermig wegsamen Seite her und
waren nun aber doch gezwungen gewesen, nach dem Klekih Toli einzubiegen, um
nicht an unserem Ziele vorberzugehen. Da wir dadurch auf einen jetzt viel
betretenen Weg geraten waren, bemerkten wir an den Spuren von Menschenfen und
Pferdehufen, die uns in die Augen fielen. Und gar bald sahen wir auch einige
Indianer, welche an einer Stelle, an der wir vorber muten, zwischen den
Bschen hockten. Es waren ihrer vier. Ihre Pferde weideten am Wasser. Sie waren
unbemalt und nur mit der Lanze bewaffnet, trotzdem aber sofort als
Kanean-Komantschen zu erkennen. Als sie uns erblickten, richteten sie sich aus
ihrer hockenden Stellung auf und schauten uns entgegen. Sie bildeten einen
Posten, den man hier aufgestellt hatte, um alle, die hier vorberkamen, zu
kontrollieren. Der junge Adler ritt uns voran und still grend an ihnen
vorbei. Ihn lieen sie passieren, uns aber hielten sie an.
    Wohin wollen meine weien Brder? fragte der Aelteste von ihnen.
    Nach dem Mount Winnetou, antwortete ich.
    Was wollen sie dort?
    Wir wollen zu Old Surehand.
    Der ist heut nicht dort.
    Und zu Apanatschka, dem Huptlinge der Kanean-Komantschen.
    Auch der ist nicht dort. Sie sind beide miteinander fortgeritten.
    So werde ich dort warten, bis sie wiederkommen.
    Das ist unmglich.
    Warum?
    Es drfen jetzt keine Bleichgesichter nach dem Mount Winnetou.
    Wer hat es verboten?
    Das Komitee.
    Wem gehrt der Mount Winnetou? Gehrt er dem Komitee?
    Nein, antwortete er verlegen.
    So hat dieses Komitee auch nichts zu befehlen und nichts zu verbieten!
    Ich trieb mein Pferd zum Weitergehen an. Da griff er mir in die Zgel und
sagte:
    Ich mu Euch anhalten. Ich darf Euch nicht vorberlassen. Ihr habt
umzukehren!
    Versuche es!
    Bei diesen Worten nahm ich mein Pferd vorn hoch und schttelte ihn ab. Die
drei andern wollten Pappermann und das Herzle zurckhalten. Mein Pferd tat einen
Satz mitten zwischen sie hinein und trieb sie auseinander. Pappermann rief
lachend aus:
    Mich zurckweisen! Den Maksch Pappermann festhalten! Hat man schon einmal
so etwas erlebt? Wer es wagt, mich anzufassen, den steche ich auf der Stelle
nieder!
    Er lie sein Maultier einige Sprnge dorthin tun, wo die vier Lanzen in der
Erde steckten. Im nchsten Augenblick war ich auch dort. Zwei rasche Griffe, und
die Lanzen befanden sich in unseren Hnden. Er nahm die eine durch die
Lederschlinge an den Arm und senkte die andere zum Stoe. Ich tat ganz dasselbe.
    So! lachte er. Wer nicht erstochen sein will, der mache sich aus dem
Wege! Vorwrts!
    Wir ritten weiter.
    Die Komantschen waren junge Leute. Der lteste von ihnen zhlte gewi noch
nicht dreiig Jahre. Sie stammten also nicht aus der alten kriegerischen Zeit.
Sie wuten vor Verlegenheit nicht, was sie machen sollten. Sie schwangen sich
auf ihre Pferde und kamen hinter uns her. Sie baten uns, ihnen ihre Lanzen
wiederzugeben und ja nicht weiterzureiten, sondern zu warten, bis sie uns nach
vorn gemeldet htten. Dann wrden wir erfahren, ob wir unsern Weg fortsetzen
drften oder nicht. Da es nicht in unserer Absicht liegen konnte, sie vor ihren
Kameraden zu blamieren, so gaben wir ihnen ihre Lanzen wieder, setzten unsern
Weg aber ununterbrochen fort. Sie getrauten sich nicht mehr, dies zu verhindern,
und ritten hinter uns her, denn ohne Beaufsichtigung durften sie, wie es schien,
uns nicht lassen.
    Nach ungefhr einer Stunde kamen wir an einen zweiten Posten, der auch aus
vier Personen bestand. Diese machten denselben Versuch, uns anzuhalten. Wir
weigerten uns, zu gehorchen. Die ersten vier fhlten sich jetzt strker als
vorher. Da stieg ich vom Pferde, ging zu dem Maultier, welches meinen Koffer
trug, ffnete ihn, nahm die beiden Revolver nebst Munition heraus, steckte die
letztere zu mir, spannte die Revolver, ging fnfundzwanzig Schritte zur Seite,
zielte und gab schnell hintereinander acht Schsse ab. Jeder der Komantschen
bekam einen Ruck in den Arm, in dem er die Lanze hielt. Ich hatte alle acht
durchlchert. Ich lud wieder, kehrte dann zu meinem Pferde zurck, stieg auf und
sagte:
    Jetzt habe ich nur auf die Lanzen gezielt. Von jetzt an aber ziele ich auf
die Mnner. Merkt euch das!
    Wir ritten weiter. Sie blieben eine kleine Weile, leise miteinander
sprechend, halten; dann kamen sie hinter uns her, alle acht, ohne es aber zu
wagen, sich uns mehr, als wir wnschten, zu nhern.
    Nach wieder einer Stunde erreichten wir den nchsten Posten, der ebenso wie
die vorigen aus vier Mann bestand, die nur Lanzen trugen. Auch sie wollten sich
uns in den Weg stellen; als sie aber sahen, da wir begleitet wurden, wichen sie
zur Seite, lieen uns vorber und schlossen sich ihren hinter uns reitenden acht
Stammesgenossen an. Das machte dem Herzle Spa.
    Nun ist es genau ein Dutzend! sagte sie. Und wir sind nur drei Mnner und
eine Frau! Sind das jene khnen Rothute, von denen man liest und erzhlt? Sind
das jene Komantschen, die man als die verwegensten unter allen Indianern
schildert?
    Irre dich nicht, antwortete ich. Sie sind jung, sind ungebt. Gib ihnen
eine Handvoll Erfahrung, so wirst du sehen, da sie ihren Vtern nichts
nachgeben. Wir haben sie einfach verblfft; das ist alles!
    Jetzt hatten wir anderthalb Stunden zu reiten, ehe wir den nchsten Posten
erreichten. Da stand eine gerumige Blockhtte, bei der zahlreiche Holzkltze
lagen, die als Sessel dienen sollten. Hier waren mehr Menschen als nur vier. Ich
zhlte zehn: acht Indianer und zwei Weie. Der Pferde waren ebenso viele. Den
beiden Weien schienen die Roten nicht vornehm genug zu sein. Sie hatten sich
abseits von ihnen gesetzt. Sie frhstckten aus ihren Satteltaschen und tranken
Brandy dazu. Die Flasche stand zwischen ihnen. Das sahen wir von weitem. Als wir
aber nher kamen, erkannten wir den Irrtum: die zwei waren nicht Weie, sondern
ein Indianer und ein Halbindianer, aber so wie Weie gekleidet, whrend die
Komantschen die Tracht ihres Stammes zeigten. Und diese beiden waren uns nicht
einmal fremd, sondern Bekannte, sehr gute Bekannte von uns. Nmlich der
Halbindianer war Herr Okih-tschin-tscha, genannt Antonius Paper, und der
Ganzindianer hatte sich uns als Mr. Evening vorgestellt, Agent fr alles
mgliche. Neben ihnen lagen ihre Flinten und einige geschossene Vgel. Sie
schienen sich also auf einer Jagdpartie zu befinden.
    Sie sprangen beide auf, als sie uns erkannten.
    Halloo, Halloo! rief Paper aus. Das ist ja dieser ekelhafte Burton mit
seinem blauen Boy! Also darum ritt der junge Adler so schnell vorber! Er will
sie einschmuggeln! Haltet sie auf! Sie drfen nicht weiter! Ergreift sie! Nehmt
sie gefangen!
    Diese Aufforderung war an die Indianer gerichtet. Mr. Evening aber fgte
warnend hinzu:
    Nehmt euch aber in acht! Gewaltttige Menschen! Dieser Burton ist gewohnt,
augenblicklich zuzuschlagen!
    Wir achteten nicht auf diese Rufe, sondern lenkten unsere Tiere nach dem
Wasser und stiegen ab, um sie trinken zu lassen. Es war die Zeit dazu. Indem wir
das taten, erstatteten unsere zwlf bisherigen Begleiter Bericht ber uns. Wir
hrten zwar nicht, was sie sagten, konnten uns aber sehr wohl denken, da sie
sich nicht in Lob und Preis ber uns ergingen.
    Dieser Paper wird doch nicht etwa so tricht sein, wieder mit dir
anzubinden! meinte das Herzle besorgt.
    Er wird es sehr wahrscheinlich! antwortete ich. Derartige Menschen werden
niemals klug!
    Schlgst du wieder?
    Nein.
    Gott sei Dank! Ich sehe das gar nicht gerne!
    Hier ist ein anderer Ort. Da kann man sich auch anders wehren.
    Kaum hatte ich das gesagt, so kam der Genannte auf uns zugeschlingert,
stellte sich grad vor mich hin und sagte:
    Heut rechnen wir ab, Mr. Burton, vollstndig ab. Ihr seid mein Gefangener!
    Ich antwortete nicht.
    Habt Ihr es gehrt? fragte er. Gbe es hier Handschellen, so wrde ich
sie Euch anlegen lassen. Denn solche Halunken - - -
    Halunken? fragte ich schnell, ihn unterbrechend.
    Ja, Halunken! Denn nur ein Halunke kann - - -
    Er konnte den angefangenen Satz nicht vollenden, denn ich packte ihn mit
beiden Hnden oberhalb der Hften, trat mit ihm ganz nahe an das Wasser heran
und schleuderte ihn, soweit ich konnte, in den hier ziemlich tiefen Flu hinein.
    Hilfe, Hilfe! brllte er noch in der Luft.
    Dann sank er unter, kam aber schnell wieder zum Vorschein, begann wie ein
Hund zu paddeln und wurde von der reienden Strmung fortgetragen.
    Hilfe, Hilfe! schrie er weiter.
    Holt ihn heraus! Holt ihn heraus! rief William Evening, der Agent fr
alles. Lat ihn nicht ertrinken, lat ihn nicht ertrinken!
    Die Indianer beeilten sich, dem im Wasser Treibenden zu folgen und ihn mit
Hilfe ihrer Lanzen an das Ufer zu ziehen. Ich aber ging auf den Agenten zu,
lchelte ihn ebenso verbindlich an, wie er mich am Nugget-tsil angelchelt
hatte, machte ganz so, wie er dort, eine noch verbindlichere Verbeugung und
sagte mit seinen eigenen, dortigen Worten:
    Wir sind in einer wichtigen Angelegenheit an diesen Platz gekommen. Wir
glaubten, niemand hier zu finden. Eure Gegenwart ist uns strend.
    Er sah mich gro an.
    Ihr versteht mich doch? fragte ich ihn genau so, wie er mich gefragt
hatte.
    Da kam ihm die Einsicht. Er erinnerte sich der Szene und begann zu ahnen,
da ich jetzt im Begriff stand, den Spie herumzudrehen.
    Gewi, antwortete er. Es ist ja deutlich genug.
    Nun?
    Ihr wnschet, da wir uns entfernen?
    Ja.
    Wann?
    Sofort! Sonst helfe ich nach!
    Ich zog den Revolver. Zugleich nahm Pappermann den seinen aus der Tasche.
    Wir gehen; wir gehen! versicherte der Agent fr alles sehr eindringlich
und sehr schnell. Da bringen sie Mr. Paper. Hoffentlich hat ihm der Schreck
nicht die Kraft geraubt, auf das Pferd zu steigen!
    Sollte dies der Fall sein, so bin ich sehr gern bereit, ihn sofort wieder
stark zu machen. Wem gehrt der Hut, der dort am Aste hngt?
    Mr. Paper.
    So pat auf, was ich tue!
    Die Indianer hatten Herrn Okih-tschin-tscha aus dem Wasser gezogen. Er
triefte. Er hatte, wie es schien, genug. Er beeilte sich, in das Innere des
Blockhauses zu kommen. Noch hatte er es nicht erreicht, so hob ich den Revolver
und zielte nach dem Hute. Ich traf. Paper erschrak so ber den Schu, da er
stehen blieb. Ich deutete nach der durchlcherten Kopfbedeckung und sagte:
    Das war der Hut! Nun kommt der Mann, der mich arretieren wollte! Ich gebe
Mr. Antonius Paper nur fnf Minuten Zeit. Hat er sich dann nicht davongemacht,
so bekommt er ein zweites Loch, aber nicht durch den Hut, sondern durch den
Kopf. Fare well, Mr. Evening! Ich hoffe, Ihr macht Euch ebenso schnell von
dannen!
    Da hob Pappermann auch seinen Revolver und rief mir zu:
    Also fnf Minuten, nicht mehr! Dann ich den einen und Ihr den andern!
    Da griff Herr Okih-tschin-tscha schnell nach seinem durchlcherten Hute,
stlpte ihn auf und rannte nach seinem Pferde. Der Agent fr alles packte alles,
was er aus der Satteltasche genommen hatte, auch die Brandyflasche, wieder
hinein, raffte die beiden Gewehre auf, denn Antonius Paper hatte das seinige vor
Angst vergessen, und noch waren die fnf Minuten nicht vorber, so ritten beide,
ohne sich umzusehen, in grter Eile davon.
    Nichts imponiert dem Indianer mehr als Mut und Energie. Unser Verhalten
flte den Komantschen Achtung ein. Die Folge hiervon zeigte sich sofort. Der
Aelteste von ihnen kam zu uns heran und fragte:
    Meine weien Brder kennen, wie man mir sagt, Old Surehand?
    Ja, antwortete ich.
    Und auch Apanatschka, unsern Huptling?
    Auch ihn. Ich kenne sogar Joung Surehand und Joung Apanatschka. Die beiden
Vter und die beiden Shne nennen mich ihren Freund.
    Haben sie dir gesagt, was hier geschehen soll?
    Ja. Sie haben mir Briefe darber geschrieben. Sie haben mich eingeladen,
nach dem Mount Winnetou zu kommen.
    Hast du diese Briefe mit?
    Ja.
    Ich bitte dich, sie mir zu zeigen, damit ich sie lese!
    Sehr gern, sehr gern!
    Ich mute zwar den Koffer wieder ffnen, zgerte aber gar nicht, es zu tun.
Das Herzle half mir dabei. Es gibt Augenblicke, in denen ihr der Schalk im
Nacken sitzt; dann hat man sich vor ihr in acht zu nehmen. Jetzt war ein solcher
Augenblick. Sie ffnete nicht meinen, sondern ihren Koffer, nahm vier quittierte
Hotelrechnungen aus Leipzig, Bremerhaven, Neuyork und Albany heraus, reichte sie
dem Komantschen hin und sagte:
    Hier! Von den beiden Vtern und von den beiden Shnen!
    Er machte mit der Hand ein Zeichen der Hochachtung und griff nach den
Papieren. Er betrachtete sie sehr eingehend. Sein Gesicht nahm dabei mehr und
mehr den Ausdruck an, den man als Kennermiene bezeichnet. Er wendete sich an
seine Leute und besttigte, indem er die Rechnungen einzeln emporhob:
    Es stimmt; es ist wahr! Hier ist der Brief von Old Surehand und hier von
Joung Surehand, hier von Apanatschka und hier von Joung Apanatschka. Auf allen
diesen Briefen steht, da diese Bleichgesichter Freunde sind, und da sie nach
dem Mount Winnetou kommen sollen!
    Seine Kameraden wuten wahrscheinlich sehr genau, welche Knste ihm
zuzutrauen seien und welche nicht, denn einer von ihnen fragte:
    Kannst du es denn lesen?
    Nein, antwortete er; aber ich sehe es. Howgh!
    Er gab dem Frager die Briefe hin. Dieser prfte sie ebenso eingehend und
rief dann, indem er sie weitergab:
    Auch ich sehe es. Howgh!
    So gingen die Rechnungen weiter von Hand zu Hand. Ein jeder gab sein
entscheidendes: Auch ich sehe es, Howgh! dazu, und dann bekamen wir sie
zurck, wobei der Anfhrer unser Schicksal entschied:
    Also drfen meine weien Brder mit ihrer Squaw getrost weiterreiten. Die
Krieger der Kanean-Komantschen haben ihren Huptlingen mehr zu gehorchen als dem
Komitee!
    Wir steckten die Rechnungen wieder in den Koffer. Das Herzle reichte dem
wackeren Schriftverstndigen die Hand zum Abschiede und sprach:
    Mein roter Bruder ist nicht nur klug und verstndig, sondern auch in der
Deutung unserer Totems und Wampums sehr wohl bewandert. Er hat ein sehr gutes
Herz. Ich danke ihm und werde mich seiner stets gern erinnern.
    Das war ihm fast zu viel. Er war beinahe starr vor Glck. Seine Augen
strahlten. Er hielt ihre Hand fest, als ob er sie nicht wieder hergeben wolle,
und stammelte endlich:
    Meine weie Schwester hat strahlende Worte, wie die Sonne klingende
Strahlen hat. Ich danke ihr! Ich hoffe, wir sehen sie wieder!
    Auch wir gaben ihm die Hand; dann ritten wir weiter.
    Meine Frau nahm an, da der uns vorangeeilte junge Adler an irgendeiner
Stelle anhalten werde, um auf uns zu warten. Ich aber war anderer Meinung. Er
hatte sich von uns getrennt, um uns bei den zu erwartenden interessanten Szenen
nicht zu stren. Er wollte denen, die innerlich gegen uns standen, Gelegenheit
geben, sich zu blamieren, und um das zu erreichen, durfte er nicht bei uns sein.
Ich war also berzeugt, da wir ihn erst an Ort und Stelle wiedersehen wrden.
    Wir kamen an noch mehreren anderen Wachtstationen vorber. Die dort
befindlichen Indianer hielten uns nicht an. Sie wichen vor uns zur Seite. Die
argwhnischen Blicke, die sie dabei auf uns warfen, sagten nur zu deutlich, da
sie eine Instruktion erhalten hatten, die fr uns keine freundliche war. Ich
vermutete, da uns durch Mr. Okih-tschin-tscha ein Empfang bevorstand, auf den
uns zu freuen wir keine Veranlassung hatten.
    Es gab Anzeichen, da wir uns unserem Ziele nherten. Bei gewissen
Krmmungen des Flusses erschien uns ein ganz eigenartig gebildeter Bergkolo,
der, je weiter wir vorrckten, immer hher und hher stieg und alle anderen
Hhen, zwischen denen der Flu sich hindurchzuwinden hatte, weit berragte.
Schlielich lag ein Zelt oder ein Halbzelt an unserem Wege, bald wieder eins,
hierauf wieder und wieder eins. Sie mehrten sich. Sie traten immer enger
zusammen. Es sah ganz so aus, als ob wir durch die uerste Gasse einer weit
ausgedehnten Lagerstadt nach ihrem Mittelpunkte ritten. Vor diesen Zelten saen
Indianerinnen, die uns neugierig und mit ungewhnlichem Interesse betrachteten.
Man sah ihnen an, da sie von unserm Kommen unterrichtet waren. Kinder gab es
keine. Die hatte man nicht mit nach dem Mount Winnetou bringen drfen. Auch
Mnner sahen wir nicht. Die waren uns schon voraus, um bei der Szene zugegen zu
sein, die uns erwartete.
    Nun verbreiterte sich das Tal des Flusses sehr schnell, bis die Uferhhen
pltzlich derart nach beiden Seiten zurckwichen, da wir die ganze vor uns
liegende Hochebene mit einem einzigen Blicke zu berschauen vermochten. Der
Eindruck, den das, was wir sahen, auf uns machte, war ein derartiger, da wir
wie mit einem gemeinsamen Rucke unsere Pferde und Maultiere anhielten.
    Herrlich! Herrlich! rief ich aus.
    Mein Gott, wie schn, wie schn! sagte das Herzle. Gibt es denn wirklich
so etwas auf Erden?
    Und der alte Pappermann stimmte ein:
    So eine Stelle habe ich freilich noch nicht gesehen, noch nie, noch nie!
    Man denke sich einen gigantischen, weit ber tausend Meter aufsteigenden
Riesendom, vor dem sich ein ebenso riesiger, freier Platz ausbreitet, der durch
mehrere Stufenreihen in eine obere und eine untere Hlfte geschieden ist. Der
Dom steht auf der westlichen Seite dieses Platzes und geht nach und nach in
viele andere Trme ber, die in perspektivischer Verjngung im geheimnisvollen
Blaugrau des Westens verschwinden. Auf den anderen drei Seiten ist der Platz von
niedrigeren Bergen rundum derart eingefat, da es nur eine einzige Lcke gibt,
nmlich das Flutal im Osten, durch welches wir heraufgekommen sind. Dieser
Riesendom ist der Mount Winnetou. Sein Hauptturm steigt wie eine von den
khnsten Naturgewalten improvisierte Gotik hoch ber die Wolken empor. Seine
Zackenspitze besteht aus nacktem Gestein, welches aus weichen, grnschimmernden
Mattendchern emporwchst. Zwischen diesen Zacken liegt weiglnzender Schnee,
den unaufhrlich die Sonne kt, bis er sich, in Liebe aufgelst, aus
Wasserstaub in Wasserstrahl verwandelt und dann von Stein zu Stein, von Schlucht
zu Schlucht zur Tiefe springt. Da, wo der Turm sich zum eigentlichen Domgebude
weitet, sammeln sich diese Wasser und bilden mit den von den Nachbarbergen
strmenden Bchen einen See, aus dem zu beiden Seiten je ein Wasserfall wohl
ber sechzig Meter schroff hinunterstrzt und dann, der eine nach Sden, der
andere nach Norden fliet, um die Hochebene, also den freien Domplatz, zu
umfassen und dann im Osten sich zu dem Klekih Toli-Flusse zu vereinen, an dem
wir heut heraufgeritten sind. Unterhalb der grnen Matten hoch oben auf dem
Riesenturme beginnt der erste lichte, dann aber immer dunkler und dichter
werdende Wald, der den See geheimnisvoll umfat und dann am Dom herniedersteigt,
bis er den freien Platz erreicht und hierauf, sich in Gebsch verwandelnd, in
die saftgrasige Prrie der Ebene bergeht. Dieser See heit Nahtowapa-apu24. Am
stlichen Teil des dicht bewachsenen Domes liegt das Portal, ein breit
geffnetes Hhental, in welchem man zum hohen, langen First des eigentlichen
Bergmassives und zu dem See der Medizinen steigt. Ueber diesem Portal erhebt
sich der Nebenturm des Mount Winnetou, welcher zwar nicht so hoch und nicht so
schwer wie der Hauptturm ist, aber z.B. in Tirol doch als eine Dolomitennadel
allerersten Ranges gelten wrde. Auch er ist dicht bewaldet. Aus dem dunkeln
Grn der Tannen und Fichten steigen die helleren Hochgebirgswiesen empor. Auf
halber Hhe steht ein altindianischer Wartturm, von dem aus man die ganze Ebene
und die oberen Windungen des Flusses zu berschauen vermag. Und einige Fu
weiter herab weichen Berg und Wald zurck, um ein weit hervorragendes Plateau zu
bilden, auf welchem, einer uneinnehmbaren Festung hnlich, eine nach beiden
Seiten lang ausgestreckte Reihe von Gebuden steht, deren Alter ganz gewi noch
ber die Tolteken- und Aztekenzeit zurckreicht und auf jene graue Vergangenheit
deutet, deren Reste jetzt so auerordentlich selten sind. Da oben wohnt
Tatellah-Satah, der Bewahrer der groen Medizin. Man geht durch den vorderen
Teil des Tales und dann durch ein Seitental hinauf zu ihm. Doch ist es keinem
Menschen gestattet, ohne seine besondere Erlaubnis diesen Weg zu betreten.
    Der Hauptturm des gigantischen Domes ist der eigentliche Mount Winnetou, der
Nebenturm aber der Berg der Medizinen. Und dieser letztere ist es, von dem es
heit, da der junge Adler dreimal um ihn fliegen werde, um dem roten Manne
die verloren gegangenen Medizinen zurckzubringen.
    Die hochebene Prrie vor dem Mount Winnetou war so gro, da ihr Durchmesser
die Lnge fast einer ganzen Reitstunde betrug. Sie war jetzt nicht leer, sondern
mit Htten und Zelten besetzt, welche in ihrer Gesamtheit eine ganze Stadt
bildeten. Weil nun die eine Hlfte der Ebene hher lag als die andere, zerfiel
diese Stadt in eine Ober- und eine Unterstadt. Dies nur der Lage nach. Ob auch
in anderer Beziehung ein Unterschied zwischen beiden herrschte, war in der
kurzen Zeit, die wir betrachtend auf sie hinblickten, nicht zu sehen. Die untere
Stadt war dichter besetzt als die obere. Die letztere enthielt nur Zelte; in der
ersteren gab es auch kleinere Blockhtten und weitlufige Holzbauten, deren
Zweck wir nicht sogleich erkannten. Einige von ihnen schienen Lagerhuser zu
sein. Andere hatten das Aussehen von Hotels oder Restaurationen. Vielleicht
waren es auch Versammlungshuser. Vor den Zelten steckten die Lanzen ihrer
Besitzer. Zwischen ihnen weideten die Pferde. Zahlreiche Feuer brannten, an
denen gebacken und gebraten wurde, denn es war kurz ber Mittagszeit. Es
herrschte berhaupt ein reges Leben. Man sah keinen einzigen Weien, nur lauter
Rote. Die meisten von ihnen trugen indianische Kleidung. Ein groer Platz war zu
Kampf- und Reiterspielen abgesteckt, ein anderer fr Beratungen und andere
ffentliche Angelegenheiten. Auf dem letzteren sah ich ungefhr zwanzig
nebeneinanderliegende Sitzpltze, welche hher waren als der ebene Boden.
Wahrscheinlich fr das Komitee und andere hervorragende Personen. Es waren grad
jetzt eine Menge Menschen dort, deren ganze Aufmerksamkeit auf uns gerichtet zu
sein schien, denn sie deuteten, sobald wir erschienen, zu uns herber und
sprachen auch sehr laut dabei.
    Grad vor uns ging eine uralte, steinerne Brcke ber den Flu, eine von der
Art, da man hben hoch hinauf und drben wieder tief hinunter mu. Solche
Brcken eignen sich sehr gut zur Verteidigung des betreffenden Fluberganges.
Diese Stelle war also schon in uralter Zeit als eine geographisch und
strategisch sehr wichtige betrachtet worden. Drben auf der anderen Seite hielt
eine Schar von Indianern zu Fu. Sie sahen uns an, als ob sie auf uns warteten.
Wir aber nahmen uns Zeit. Wir genossen den Anblick des grandiosen,
unvergleichlichen Gebirgspanoramas und der hochinteressanten Staffage, welche
sich innerhalb der gegebenen Riesenlinien klein und belanglos bewegte. Waren die
Menschen frherer Jahrtausende vielleicht grer gewesen als die heutigen?
Hierher gehrten doch eigentlich wohl Enaksshne, die auf elefantengroen
Pferden reiten, und Frsten, deren Trone bis in die Wolken reichen! Die Sonne
stand hoch, scheinbar senkrecht ber uns. Sie warf nur geringen Schatten um
unsere Fe. Sie leuchtete in jeden Winkel, in jede Spalte und Ritze, in alles
Verborgene. Kein Wlkchen stand am Himmel; kein Lftchen ging vorber. Die Erde
war hier so bedeutend, so hoch, so stark, so kerngesund. Ein Duft von Kraft und
Willensfreude erquickte Auge und Herz. Hier oben war der rechte Platz fr neue,
gute und glckliche Menschheitsgedanken!
    Nun ritten wir weiter, die Brcke hinauf und hinunter. Drben wurden wir
sofort von den Roten umringt. Ja, sie hatten auf uns gewartet. Sie waren
beauftragt, uns gefangen zu nehmen. Ein jeder von ihnen trug ein farbiges Band
um den Arm; sie bildeten, wie wir dann erfuhren, die Ordnungspolizei des
Komitees. Als sie uns zwischen sich genommen hatten, fragte der, welcher ihr
Anfhrer war, in englischer Sprache:
    Ihr seid die Bleichgesichter, welche unsern Mister Antonius Paper in das
Wasser geworfen haben?
    Ja, die sind wir, antwortete Pappermann in frhlichem Tone.
    So werdet ihr bestraft!
    Von wem?
    Vom Komitee!
    Pshaw! Wo ist denn dieses famose Komitee?
    Da drben!
    Er deutete nach dem Beratungsplatz.
    So geht hinber und sagt, wir kommen gleich! Solche Leute mu man sich
einmal genau betrachten!
    Wir tun, was uns beliebt! Wir gehen nicht voran, sondern wir gehen mit
euch! Wir arretieren euch! Wir bringen euch hinber!
    Ihr uns? lachte er. Versucht es einmal!
    Er lie sein vortreffliches Maultier einen Kreis um sich selbst schlagen,
und wir folgten seinem Beispiele. Die Roten flogen auseinander; mehrere wurden
zur Erde gerissen. Wir aber jagten davon, direkt nach dem Platz hinber. Sie
sprangen schreiend hinter uns her. Dort angekommen, sprengten wir mitten in den
Menschenhaufen hinein, jagten ihn auseinander und sprangen dann aus dem Sattel.
    Dieser Platz ist gut, sagte ich, hier bleiben wir. Herunter mit dem
Gepck!
    Oho! rief da eine Stimme hinter mir, der tut ja, als ob er gar nicht
Gefangener sei, sondern hier zu befehlen htte!
    Ich drehte mich nach ihm um. Es war Herr Okih-tschin-tscha, genannt Antonius
Paper. Neben ihm stand William Evening, der Agent fr alles.
    Gefangener? fragte ich, indem ich, die Hnde nach ihnen ausstreckend, auf
sie zuging.
    Da verschwanden sie schnell hinter den anderen. Ihre Stelle wurde sofort von
Simon Bell und Edward Summer, den beiden Professoren, eingenommen. Der erstere
machte eine gebieterische Handbewegung und sprach:
    Zurck mit Euch! Ich bitte, das Verhltnis zwischen uns und Euch nicht zu
verkennen! Ihr seid arretiert!
    Von wem?
    Von uns! Ihr habt schon am Nuget-tsil gehrt, da Eure Gegenwart uns
strend ist. Sie ist es auch noch heute!
    Ah, wirklich?
    Ja, wirklich!
    Hm! Das ist doch nicht zu glauben!
    Glaubt, was Ihr wollt, doch was ich sage, gilt: Ihr seid arretiert!
    Das heit doch wohl, wir werden von euch festgenommen und festgehalten?
    Allerdings; das heit es!
    Also, wenn jemand Euch strend ist, so arretiert Ihr ihn, so haltet Ihr ihn
fest! Sonderbar! Diese Art der Logik konnte ich von einem Professor der
Philosophie wohl kaum erwarten!
    Da fuhr er mich an:
    Schweigt! Wir arretieren Euch nicht, weil uns Eure Gegenwart unangenehm
ist, sondern weil Ihr es gewagt habt, Euch an einer Person unseres Komitees zu
vergreifen! Das mu bestraft werden!
    Hiebe bekommt er, Hiebe! rief Antonius Papper.
    Da ballte Pappermann die Faust und drngte auf ihn zu. Dadurch bildete sich
eine Lcke zwischen den uns umringenden Anwesenden, welche uns erlaubte, zwei
Personen zu sehen, die sich dem Versammlungsorte genhert hatten und auf die
sich da abspielende Szene aufmerksam geworden waren. Sie trugen jetzt nicht
europische Kleidungsstcke, sondern indianische Anzge. Trotzdem oder vielmehr
grad darum erkannte ich sie sofort, nmlich Athabaska und Algongka, die beiden
Huptlinge aus dem Hotel am Niagarafall.
    Was tut man hier? fragte der erstere, indem er sich an Professor Bell
wendete.
    Wir arretieren zwei gefhrliche Tramps mit ihrer Squaw, die sich an
Okih-tschin-tscha vergriffen und ihn in das Wasser geworfen haben. Es wird ein
Prriegericht abzuhalten sein, um sie zu bestrafen. Wir bitten, an dieser
Sitzung teilzunehmen.
    Er hatte im Tone groer Hochachtung gesprochen.
    Zeigt sie uns! gebot Algongka.
    Man machte ihnen Platz, so da sie uns sahen. Ja, das waren noch Huptlinge
von altem Schrot und Korn! Ihre Gesichter zeigten nicht die geringste Spur von
Ueberraschung. Ganz so, als ob wir erst gestern Abend auseinandergegangen seien,
so kten sie dem Herzle die Hand, drckten mir die meinige und wendeten sich
dann an die Professoren.
    Von Tramps ist hier keine Rede, versicherte Athabaska. Das sind Mistre
und Mister Burton, die wir sehr achten und lieben. Wer sie beleidigt, beleidigt
auch mich! Howgh!
    So richtig, stimmte Algongka bei. Wer sie beleidigt, beleidigt auch mich!
Howgh!
    Aber dieser Burton hat mich in das Wasser geworfen! begehrte Antonius auf.
    Athabaska mochte ihn schon kennen. Er fragte ihn in halb ironischem und halb
geringschtzendem Tone:
    Solltet Ihr etwa ertrinken?
    Ja, gewi! antwortete er.
    Seid Ihr denn ertrunken?
    Nein!
    Mr. Burton tut gewi nichts ohne Grund. Geht also hin, und springt wieder
hinein, und wenn Ihr dann ertrinkt, so seid Ihr quitt mit ihm!
    Herr Okih-tschin-tscha war also abgetan. Professor Summer aber fhlte sich
in seiner Wrde als stellvertretender Vorsitzender gekrnkt. Er als jetziger
Theoretiker konnte sich dem Eindrucke der kraftvollen Persnlichkeiten dieser
beiden durch die schwere, praktische Lebensschule gegangenen Huptlinge nicht
entziehen. Sie imponierten ihm, und das war ihm wohl rgerlich. Darum versuchte
er, ihnen gegenber seine Autoritt geltend zu machen, indem er sich mit den
Worten an sie wendete:
    Ich mache euch darauf aufmerksam, Meschschurs, da es nach unseren
Satzungen jedem Weien verboten ist, sich am Mount Winnetou sehen zu lassen. Und
diese Personen hier sind ja Weie!
    Er sagte das in ziemlich scharfem Tone. Es klang ganz so, als ob hier schon
gewisse Reibungen stattgefunden htten, von denen wir noch nichts wuten.
    Athabaska richtete sich in seiner ganzen Lnge auf. Um seine Lippen spielte
ein stolz ironisches Lcheln, als er mit der Frage antwortete:
    Darf ich fragen, von wem die Satzungen stammen?
    Von uns, dem Komitee! Wir haben sie aufgestellt, und zwar aus guten,
wohlerwogenen Grnden!
    Und von wem stammt dieses Komitee? Wer hat es eingesetzt? Wer hat ihm die
Macht erteilt, Gesetze zu geben und gewaltsam auszufhren? Knnt ihr euch auf
die Autoritt Gottes oder der Vereinigten Staaten berufen? Ihr seid ein Komittee
von Old Surehands und Apanatschkas Gnaden, weiter nichts? Ihr habt euch selbst
gewhlt. Nun aber kommen wir, um diese Wahl und eure Satzungen zu prfen!
    Er sprach ernst und stolz, fast wie ein Knig. Die beiden Professoren
stachen von dieser seiner Gre ganz entschieden ab. Er warf einen Blick rundum
und fuhr dann fort:
    Dies ist der Beratungsort, an dem sich das Schicksal der roten Nation
entscheiden soll. Wer sind die Mnner, die diese Entscheidung treffen? Ich sehe
hier zwanzig Sitze. Fnf von ihnen sind sehr hoch, die anderen etwas niedriger.
Fr wen sind diese fnf?
    Fr uns, das Komitee.
    Und die anderen?
    Fr die Huptlinge, welche zu den Beratungen eingeladen werden.
    Wie heien sie?
    Er nannte die Namen. Athabaska und Algongka waren auch mit dabei, auch alle,
die mir geschrieben hatten. Athabaska fuhr fort:
    Ich vermisse einen Huptling, und zwar gerade denjenigen, dessen Namen ich
am allerliebsten hrte, nmlich Old Shatterhand.
    Er ist ein Weier!
    Wohl gar nicht mit eingeladen?
    Doch! Wir haben ihn angewiesen, sich die Nummermarke fr seinen Platz beim
Schriftfhrer zu holen.
    Und ihr meint, da er dies tue? Was fr Menschen ihr seid? Und das nennt
sich ein Komitee! Ich sage euch, falls Old Shatterhand wirklich kommt, wird er
sich den Platz nehmen, der ihm beliebt, nicht aber den, den ihr ihm bietet! Und
wir beide, Athabaska Algongka, verzichten berhaupt auf diese, von euch
bestimmten Sitze. Wie kommt das Komitee dazu, sich hher zu setzen als die
alten, berhmten Huptlinge der eingeladenen Nationen? Wer hat sie befugt, ber
unsern Sitzen sich Throne zu errichten? Macht Platz! Wir gehen. Wir gehren
nicht hierher!
    Er nahm mich und meine Frau bei der Hand und schritt vorwrts. Die Roten
wichen vor uns zurck. Gleich aber blieb er wieder stehen, wendete sich an die
Professoren zurck und sagte:
    Es ist der grte aller Fehler, grad Bleichgesicher, die unsere Rasse
lieben, von den Beratungen am Mount Winnetou auszuschlieen. Kein Mensch steigt
ohne die Hilfe anderer Menschen empor. So auch die Vlker, die Nationen, die
Rassen. Streicht euren steinernen Winnetou und euch so rot an, wie ihr wollt,
Ihr werdet durch alle diese Rte es doch nicht verhten, da ihr dann gezwungen
seid, ber euer trichtes Werk noch tiefer als tief zu errten!
    Dann wendete er sich zu mir:
    Ich kenne Eure Gesinnungen und Gefhle fr das arme Volk der Indianer. Und
dennoch bin ich berrascht, Euch hier zu sehen. Wit Ihr, um was es sich hier
handelt?
    Ich vermute, da man Winnetou ein gigantisches, steinernes oder ehernes
Denkmal setzen will.
    So ist es. Diese Idee geht von Old Surehand und Apanatschka aus, die ihre
Shne gern berhmt wissen wollen. Denn diese sind es, welche das Denkmal zu
fertigen haben. Es wurde ein Komitee eingesetzt, diese Sache zu leiten. Es
ergingen Einladungen an alle Stmme der roten Nation. Diese Angelegenheit wurde
mit derselben Smartne behandelt, wie man eine Eisenbahn- oder Oelgesellschaft
grndet. Man begann sehr zeitig und sehr still. Man legte vor allen Dingen
Beschlag auf die herrliche Gotteswelt, in der Ihr Euch hier befindet. Der Berg
wurde Mount Winnetou genannt. Man will hier eine Stadt grnden, die
Winnetou-City heien soll und nur von Indianern bewohnt werden darf. Man pumpt
in der Nhe schon Oel. Man hat den einen Wasserfall schon in Ketten geschlagen,
um Elektrizitt zu gewinnen. Dadurch ist mit der Zerstrung des herrlichen
Landschaftsbildes und der Entweihung und Beschmutzung aller Ideale unseres
groen Tatellah-Satah begonnen. Man fllt den Wald. Man zerstrt ihn durch
Steinbrche, die man in den Felsen schlgt, um Material fr den Kollossalbau des
Denkmales und der Huser zu gewinnen. Man will sogar das Wunder dieser Gegend,
den herrlichen Schleierfall, vernichten, um Platz fr Profangebude zu gewinnen.
Das wit Ihr wahrscheinlich noch nicht. Ihr werdet es aber sehr bald erfahren,
dies und noch viel mehr dazu.
    Er machte eine Pause, welche Algongka benutzte, einzufallen:
    Man gibt vor, durch dieses Denkmalsprojekt alle roten Stmme vereinen zu
knnen. Es ist aber gerade das Gegenteil, welches man erreicht. Man entzweit uns
mehr und mehr, innerlich und uerlich. Ihr seht das schon an dem Platz, der vor
Euch liegt: hier die Unterstadt und dort die Oberstadt. Hier unten haben sich
die Anhnger des Denkmalplanes festgesetzt; droben wohnen die Gegner desselben,
zu denen auch wir gehren. Und hoch oben ber uns allen grollt Tatellah-Satah
und lt sich vor niemand sehen. Seit man hier baut, ist er kein einziges Mal
herabgekommen und hat auch keinem einzigen Menschen erlaubt, zu ihm
hinaufzukommen. Er verkehrt nur mit den Winnetous, durch welche er mit der
Menschenwelt in Verbindung steht. Auch wir sahen ihn noch nicht. Wir lieen ihm
unsere Ankunft melden; er aber forderte Geduld, bis Einer gekommen sei, den er
mit Schmerzen erwarte. Dann sei es Zeit fr ihn, sein Haus zu verlassen und sich
denen zu zeigen, die gleichen Gefhles und gleichen Willens mit ihm sind.
    Wer mag der Eine sein? fragte das Herzle.
    Das wissen wir ebensowenig, wie der Winnetou, der uns diese Botschaft
brachte. Aber wir warten, und wir wnschen, da der Betreffende bald kommen
werde. Euer Ziel, Mr. Burton, ist uns unbekannt. Sei Ihr nur aus Zufall hier?
    Nein, antwortete ich.
    So war es Eure Absicht, nach dem Mount Winnetou zu kommen?
    Ja.
    Und hier zu bleiben?
    Und hier zu bleiben, bis die Verwickelungen gehoben sind.
    Wo werdet ihr wohnen? In der Unter- oder in der Oberstadt?
    Droben bei Euch.
    So bitten wir Euch, Euer Zelt in unserer unmittelbaren Nhe auszuschlagen.
Vielleicht erfahren wir dann auch, wenn es euch beliebt, wer euch, den Weien,
veranlat hat. Eurer Reise grad und genau nur dieses Ziel zu geben.
    O, was das betrifft, so knnt Ihr das schon jetzt erfahren. Ich wurde
eingeladen, herzukommen. Und auerdem wre ich auch ohnedies nach dem Mount
Winnetou geritten, weil Ihr so viel und so interessant nicht nur von diesem
Berge spracht, sondern auch von den Plnen, welche hier zur Ausfhrung kommen
sollen.
    Wir? Wir beide? fragte er.
    Ja, ihr beide.
    Wann und wo?
    Im Clifton-Hotel, am Niagarafall.
    Dort? Ja, da haben wir Euch zwar kennen und und sehr, sehr schtzen
gelernt, aber doch nicht von dem Mount Winnetou gesprochen!
    Ja, nicht mit mir, aber doch miteinander! Ich hrte zu, denn ich sa am
nchsten Tisch.
    Uff, uff! rief er aus.
    Uff, uff! rief auch Athabaska. Wir unterhielten uns in der Sprache der
Apatschen. Wir waren berzeugt, da dort niemand sie verstehe. Ihr aber
verstandet uns doch?
    Ich wollte antworten; da aber ertnten von der Oberstadt her laute Rufe. Es
ging durch die Zeltgassen eine Bewegung, die uns nher kam. Man eilte nach allen
Seiten, um eine Botschaft zu verbreiten. Nicht mehr lange, so verstanden wir,
was man sich sagte.
    Tatellah-Satah kommt! Tatellah-Satah kommt! rief man einander zu.
    Ist es mglich? fragte Algongka.
    Ist es wahr? erkundigte sich Athabaska. Dann mte ja der hier
eingetroffen sein, auf den er wartete! Wer ist das? Wer hat ihn gesehen?
    Und da erschienen zwei Reiter oder vielmehr zwei Reiterinnen, die aus der
Oberstadt im Galopp herabgeritten kamen. Sie berflogen mit ihren Blicken die
Unterstadt, sahen den Menschenhaufen, den wir bildeten, und lenkten ihre Pferde
auf uns zu. Es waren die beiden Aschta's, Mutter und Tochter.
    Bei uns angekommen, sprangen sie von ihren Pferden, eilten, ohne eine andere
Person anzusehen, auf uns zu und begrten uns mit rhrender, mir beinahe
unverstndlicher Freude. Aber das Verstndnis kam mir sofort, als die Mutter
ihrem Grue die Worte hinzufgte:
    Nun sind wir erlst; nun sind wir erlst! Und zwar durch Euch, Mr. Burton!
    Erlst? Durch mich? fragte ich.
    Ja, durch Euch! Denn nun ist das Warten zu Ende, und Tatellah-Satah wird
mit Taten begannen, mit Taten! Der junge Adler kam hier an und ritt sofort zu
ihm hinauf, um Euch zu melden. Vom Wachtturm aus wurde ausgeschaut und, als ihr
kamet, das Zeichen herabgegeben. Nun verlt der grte Medizinmann aller roten
Vlker zum erstenmal seit langer Zeit sein hohes Felsenschlo, um Euch entgegen
zu kommen. Wir sind so froh, so froh!
    Sie drckte mir wieder und wieder die Hand und kte dann das Herzle. Dann
bekam auch unser alter, braver Pappermann den ihm gebhrenden Teil des
herzlichen Willkomms. So sehr Athabaska und Algongka ihre Gesichtszge in der
Gewalt hatten, jetzt konnten sie doch ihr Erstaunen nicht verbergen; aber sie
fanden keine Zeit, es in Worten auszudrcken, denn es nahte sich von der
Oberstadt her ein Reiterzug, der unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.
    Voran ritt der junge Adler. Dann folgte in zwei Abteilungen die Leibgarde
des Medizinmannes, auf kohlschwarzen Rossen, deren Schabracken aus den Fellen
von Silberlwen bestanden. Die Reiter waren auserlesene junge Leute, alle genau
so gekleidet wie einst Winnetou sich zu kleiden pflegte, nicht mit Lanzen und
Flinten bewaffnet, sondern nur mit Messer und Revolver im Grtel und den Lasso
in Schlingen von der Schulter zur Hfte herab. Ein jeder trug das Zeichen des
Winnetou auf der Brust. Als sie in unsere Nhe gelangten, lenkte der junge
Adler zu uns herber, deutete auf unsere Gruppe und hielt dann an. Auch alle
anderen hielten. Ihre Reihen lsten sich, und aus ihrer Mitte ritt der Gebieter
hervor, langsam auf uns zu, fast bis zu uns heran, parierte da sein Tier und
berflog uns mit prfendem Blicke.
    Er wurde von einem herrlichen, schneeweien Maultiere getragen, dessen Mhne
in langgeflochtenen Zpfen fast bis zur Erde niederhing. Die Schabracke bestand
aus jenem unvergleichlichen altindianischen Federgeflecht, von dem jeder
Quadratdezimeter ein ganzes Vermgen kostet. Die Bgel waren von purem Golde,
inkaperuanisch ziseliert. Ein Mantel hllte ihn ein, so da man den Anzug, den
er darunter trug, nicht sah. Dieser Mantel war von blauer Farbe, aber von einem
Blau, wie ich noch niemals eines gesehen habe, und wahrscheinlich auch keines
wiedersehen werde. Der Stoff war auerordentlich fein, wie allerfeinste,
indische Seide, aber dennoch keine Seide, sondern von jenem lngst
verschwundenen sagenhaften Gewebe, von dem man erzhlt, da nur die Frauen der
alten, sdamerikanischen Herrscher es herzustellen verstanden. Sein Kopf war
unbedeckt, und dennoch aber wohlbedeckt, und zwar von einem auerordentlich
reichen, starken, silberglnzenden Haar, welches zu beiden Seiten in langen
Zpfen bis auf die Steigbgel niederfiel.
    Marah Durimeh! flsterte das Herzle mir zu.
    Sie hatte recht. Genau so trug auch meine alte, herrliche, meinen Lesern
wohlbekannte Marah Durimeh ihr Haar. Auch seine Gesichtszge waren den ihren
derart hnlich, da es mich beinahe erstaunte. Vor allem die Augen, diese
groen, weit offenen, unerforschlichen, selbst aber alles erforschenden Augen,
in denen der Ausdruck einer unerbittlichen Strenge und doch auch wieder einer
heiligen Gte lag, die alles verstehen und alles verzeihen konnte. Und als er zu
sprechen begann, erschrak ich fast. Es berlief mich kalt. Seine Stimme war
unbedingt die Marah Durimehs, so voll, so tief, so wirkungsstark, ein klein
wenig mnnlicher gefrbt, aber doch genau dieselbe!
    Wer von euch ist Old Shatterhand? fragte er, indem sein Blick uns prfte.
    Bei seinem Erscheinen war jedermann verstummt, so tief wirkte seine
geheimnisvolle, unwiderstehliche Persnlichkeit. Als er aber diesen Namen
nannte, flsterte es rund um mich her:
    Old Shatterhand? Old Shatterhand? Ist doch nicht hier! Kann unmglich hier
sein! Oder doch, oder doch?
    Ich bin es, antwortete ich, indem ich hervortrat und langsam auf ihn
zuschritt.
    Eine Sekunde lang war es, als ob sein Blick mich umfassen und verbrennen
wolle, dann schwang er sich mit jugendlicher Leichtigkeit aus dem Sattel, um mir
einige Schritte entgegenzukommen und dann meine Hnde zu fassen. So standen wir
nun vor einander, ernst, unendlich ernst, und doch mit inniger Freude. Auge in
Auge. Fest ineinandergetaucht. Uns beide der Wichtigkeit des gegenwrtigen
Augenblickes voll und ganz bewut. Da begann er wieder zu sprechen:
    Man sagte mir, du seist ein Greis geworden. Du bist keiner! Das
Menschenleid kann zur Matrone werden, doch nie die Menschenliebe, die uns
vereint, obgleich ich dich seit kurzem erst verstehe. Ich heie dich
willkommen!
    Er kte mich, drckte mich an sich und kte mich wieder und wieder. Dann
ergriff er meine Hand und wendete sich an die Schar der Anwesenden:
    Ich kenne euch nicht. Ich bin Tatellah-Satah, und hier an meiner Seite
steht Old Shatterhand. Aber, irrt euch nicht in uns! Wir sind nicht nur das,
sondern wir sind mehr. Ich bin die Sehnsucht der roten Vlker, welche, nach
Osten schauend, auf Erlsung warten. Und er ist der anbrechende Tag, der ber
Lnder und Meere wandert, um uns die Zukunft zu bringen. So soll ein jeder
Mensch zugleich auch die Menschheit bedeuten, und was ihr hier an meinem Berge
tut, mag es recht oder unrecht sein, das tut ihr nicht fr euch und nicht fr
den heutigen Tag, sondern fr Jahrhunderte und Jahrtausende und fr die Vlker
aller Erdenlnder!
    Und das Wort nun wieder an mich richtend, fuhr er fort:
    Steig' auf dein Pferd, und folge mir! Du bist mein Gast! Der liebste, den
ich kenne! Was mein ist, sei auch dein!
    Ich bin nicht allein, antwortete ich.
    Ich wei es. Es wurde mir vom Nugget-tsil gemeldet. Bring' mir die Squaw,
von der meine Spher sagen, sie sei wie Sonnenschein! Bring' mir ihr Pferd! Und
bring' mir auch den alten, treuen Jger!
    Ich holte das Herzle. Es war ihr, als msse sie vor ihm niederknieen und ihm
die Hnde kssen. Er aber zog sie an sich und sprach:
    Noch nie berhrten meine Lippen ein Weib. Du sollst die erste sein, die
erste, und die letzte, die einzige!
    Er kte sie auf die Stirn und auf die Wangen. Dann bat er:
    Steig' auf! Ich hebe dich!
    Pappermann hatte ihr Pferd gebracht. Der Bewahrer der groen Medizin
faltete seine Hnde zum Bgel. Das Herzle trat hinein und wurde von ihm in den
Sattel geschwungen. Hierauf bekam auch Pappermann einen gtigen Hndedruck und
den Befehl, sich mit dem Gepck uns anzuschlieen. Bevor Tatellah-Satah selbst
wieder aufstieg, hielt ich es fr geraten, ihm zunchst unsere Freundinnen, die
beiden Aschtas, und dann auch Athabaska und Algongka vorzustellen. Er gewann
sich ihre Herzen sofort durch die Art und Weise, in der er das entgegennahm.
Dann schwang er sich wieder auf sein Maultier und geleitete uns zu seinen
Trabanten, welche mit uns in derselben Ordnung davonritten, in der sie gekommen
waren: Voran der junge Adler, dann die Hlfte der Winnetous, hierauf
Tatellah-Satah mit dem Herzle und mir, hinter uns Pappermann mit den
Gepckmaultieren, und dann die andere Hlfte der Leibgarde. So ging es aus der
Unterstadt hinauf in die Oberstadt und dann dem Innentale zu, welches ich als
Portal des Mount Winnetou bezeichnet habe. Ueberall, wo wir vorberkamen,
standen rechts und links die Indianer, um ihrem grten und berhmtesten
Forscher und Gelehrten in ihrer stillen und doch so laut sprechenden Art und
Weise ihre Hochachtung und Huldigung darzubringen. Es war als ob ein Knig oder
ein Heiliger an ihnen vorberziehe, nach ihrer Anschauung vielleicht beides
zugleich. Das Herzle war sehr bleich, war tief ergriffen, und mir ging es nicht
anders.
    Als wir die von Zelten besetzte Vorebene des Mount Winnetou hinter uns
hatten, ffnete sich die kompakte Masse des Vorderberges zu einem hohen, breiten
Felsentor, durch welches wir das in das Innere des Berges fhrende Tal betraten.
Die Wnde dieses Tales stiegen hoch an; sie waren bewaldet.
    Bevor wir hinauf zum Schlosse reiten, fhre ich euch zu meinem Wunder,
sagte Tatellah-Satah. Ich meine den Schleierfall, den es nur hier, sonst
nirgends gibt. Ihr werdet vorher noch anderes sehen, nmlich das berhmte Ohr
des Teufels, dessen Zweck man nicht mehr kennt, und das Modell zur
Winnetoustatue, an welchem Young Surehand und Young Apanatschka arbeiten.
    Ich antwortete nicht; ich blieb still. Ich tat, als ob mich dieses Ohr des
Teufels gar nicht interessiere. Bekanntlich hatten wir den alten Kiktahan
Schonka und seinen Verbndeten Tusahga Saritsch in der Bergellipse kennen
gelernt, welche den Namen Tscha Manitou, Ohr Gottes fhrt. Wir erfuhren dort,
da es eine zweite, derartige Ellipse gibt, die man Tscha Kehtikeh, das Ohr des
Teufels nennt. War damit der Ort gemeint, von dem der Medizinmann jetzt sprach?
Das Herzle schaute mich an. Sie war der Meinung, da es meine Pflicht sei, mich
ber diesen Gegenstand zu uern. Ich aber schttelte leise den Kopf. Als der
junge Adler an der Devils pulpit von dem Ohr Gottes und dem Ohr des
Teufels sprach, hatte er gesagt, da er das Geheimnis dieser beiden Orte von
Tatellah-Satah zu erfahren hoffe; ich aber war der Meinung gewesen, da der
Medizinmann selbst noch nicht alles wisse. Darum hielt ich es fr richtiger,
nicht eher hierber zu sprechen, als bis ich erfahren hatte, wie weit seine
Kenntnis dieses Gegenstandes reiche.
    Der Boden, auf dem wir ritten, glich keineswegs einem Wildnispfade, sondern
einer alten, jmmerlich ab- und ausgefahrenen deutschen Dorfstrae, auf welcher
schwere Lastwagen verkehren. Es gab tief eingeschnittene Wagengeleise und
Pferdespuren, die darauf schlieen lieen, da die hier transportierten Lasten
nicht ohne Tierqulerei bewegt worden waren. Das Herzle konnte nicht umhin, eine
bedauernde Bemerkung hierber zu machen. Ich antwortete. Tatellah-Satah war
still. Aber seine Brauen zogen sich zusammen, und sein Gesicht legte sich in
strenge Zge.
    Dieser Fahrweg fhrte bergan, doch so langsam, da man es kaum bemerkte.
Bald zweigte links ein breiter Reitweg ab, der schneller zur Hhe stieg.
    Unser Weg hinauf zum Schlosse, erklrte der Alte. Wir aber bleiben jetzt
noch unten; wir reiten weiter.
    Nach vielleicht einer Viertelstunde mndete das Tal ganz pltzlich auf einen
freien Platz, der schmal begann, aber nach und nach immer breiter und breiter
wurde. Mit dieser Breite wuchs die Steilheit der Felsen. Diese letzteren zeigten
zu beiden Seiten unseres Weges je einen nicht genau kreisfrmigen Einschnitt.
Beide Einschnitte lagen einander gegenber. Sie bildeten riesige Felsennischen,
zur rechten und linken Seite des Platzes gelegen. Es fiel mir auf, da die eine
so tief und breit und auch genau so abgerundet wie die andere war. Ich gewann
den Eindruck, da zwar die Natur die Bildnerin gewesen war, da aber die
Menschenhand nachgeholfen hatte, und zwar vor mehreren Tausenden von Jahren. Da
diese Menschenarbeit nicht nur einen besonderen Zweck, sondern auch einen
tieferen Sinn gehabt hatte, verstand sich ganz von selbst. Ich hatte sogleich
meine eigenen Gedanken hierber, zumal mir ein Umstand in die Augen fiel, der
mich sofort an die Devils pulpit erinnerte, wo wir die Beratung der Utahs und
der Sioux belauscht hatten. Nmlich im vorderen Teile der beiden Nischen bestand
der Boden aus sehr fest zusammengefgten Steinplatten, die keine Vegetation
aufkommen lieen. Und ber diese Platten erhob sich in beiden Nischen ein
kanzelartiger Felsen, der einer kleinen, frheren Insel glich und Stufen hatte.
Das gemahnte direkt an jene Beratungskanzel, auf deren Stufen ich die kleinen
Hundepftchen gefunden hatte, welche einen Teil der Medizin des alten Kiktahan
Schonka bildeten. Der hintere Teil beider Nischen aber war derart mit Gestrpp,
Gestruch und Bumen besetzt, da man sich hinter diesen Bschen leicht eine
zweite Kanzel denken konnte, hnlich derjenigen, auf welcher der Br sein Lager
aufgeschlagen hatte und von uns erlegt worden war. Wenn man nicht tiefer dachte,
konnte man also sehr wohl auf den Gedanken kommen, da jede dieser Nischen eine
Wiederholung des ellipsenfrmigen Talkessels bedeute, der uns als die Devils
pulpit bekannt geworden war. Ich sage mit Absicht, wenn man nicht tiefer
dachte, denn ich hatte groe Lust, diesen Vergleich nicht fr einen
tiefsinnigen, sondern fr einen oberflchlichen zu halten, fand aber keine Zeit,
weiter nachzudenken, weil Tatellah-Satah jetzt das Schweigen unterbrach, indem
er, nach rechts und links deutend, sagte:
    Das sind die Ohren des Teufels, auf dieser Seite eines und auf der anderen
Seite eines. Hast du schon einmal von ihnen gehrt?
    Nicht von zweien, sondern nur von einem, antwortete ich.
    In Wirklichkeit ist auch nur ein einziges da; denn das eine ist richtig,
und das andere ist falsch. Aber welches das richtige und welches das falsche
ist, das wei man bis heute noch nicht.
    Aber frher hat man es gewut?
    Ja. Dieses Wissen ist aber wieder verloren gegangen. Ich gab mir alle Mhe,
es zurckzufinden, doch leider ohne Erfolg. Es gibt zwei Teufelskanzeln, die
eine hier, die andere droben in Colorado. Die dortige ist das Ohr Gottes; die
hiesige ist das Ohr des Teufels. Ich werde dir erzhlen, was diese Namen
bedeuten, doch nicht jetzt, sondern spter.
    Wir ritten weiter.
    Der Platz, auf dem wir uns befanden, war jetzt noch von ber
tausendjhrigen, breitwipfeligen Laubbumen besetzt gewesen, die uns die
Aussicht benahmen, doch als wir an ihnen vorber waren, wurde der Blick in die
Ferne frei, und wir hielten unsere Pferde an, denn das, was wir sahen, fesselte
uns sofort und derartig, da es uns innerlich und uerlich ganz in Anspruch
nahm.
    Das ist das Wunder, von dem ich sprach, der Schleierfall, sagte der
Medizinmann, indem er vorwrts deutete.
    Wir konnten den hohen, hinteren Teil des breiten Platzes bersehen. Da oben,
aber fr uns unsichtbar, weil wir uns in der Tiefe befanden, lag der bereits
erwhnte Geheimnis- oder Medizinensee. Von ihm aus warf sich die Hhe so steil
zu uns herab, da ihre Bewegung eine genau senkrechte war, und zwar in ihrer
ganzen Breite. Ich habe schon erwhnt, da dieser See zwei Wasserflle speiste,
welche zu beiden Seiten des Mount Winnetou niederfielen, um den Weien Flu߫ zu
bilden. Aber in diesen Katarakten entfernte er nicht das ganze Wasser, welches
ihm berflssig war, sondern es gab noch einen dritten Weg, sich von ihm zu
befreien, nmlich eben durch den Schleierfall. Whrend der See nach auen die
beiden schmalen Flle speiste, lief er nach innen in breitester Weise ber, von
einer bis zur anderen Seite des Platzes, auf dem wir uns unten befanden. Die
Linie, auf der er dies tat, war vollstndig gerad und vollstndig horizontal, so
da das Wasser gleichmig verteilt, glatt und eben, wie ein polierter Spiegel,
in das Tal herniederstrzte.
    Dieser Spiegel war gewi fnfzig Meter hoch. Seine Gltte wurde an keinem
einzigen Punkte getrbt und sein Zusammenhang um keinen Zentimeter unterbrochen.
Und da er die ganze Breite des Innentales einnahm, so kann man sich wohl denken,
was fr einen tiefen, tiefen Eindruck er machte! Es war jetzt kurz nach Mittag.
Die Sonne stand hoch. Ihre Strahlen fielen schrg auf den Wasserspiegel und
wurden von ihm derart gebrochen und zurckgegeben, da es schien, als ob er
nicht aus Wasser, sondern aus flssigem Gold, Silber und Kupfer und aus
fallenden Strmen von Diamanten, Rubinen, Saphiren, Smaragden, Topasen und
anderen Edelsteinen bestehe. Das erschien allerdings wie ein Wunder! Noch
wunderbarer aber war, da dieser Fall unten nicht etwa einen See oder eine
andere, derartige Wasseransammlung bildete, sondern sofort und restlos in der
Erde verschwand.
    Wo sieht man dieses Wasser wieder? fragte ich Tatellah-Satah.
    Im Tal der Hhle, fnf Reitstunden weit von hier, antwortete er.
    Das war mir sehr interessant, denn dieses Tal der Hhle war ja der Ort, an
dem Kiktahan Schonka mit seinen Verbndeten sich verstecken wollte.
Tatellah-Satah fuhr fort:
    Um diese Tageszeit ist der Fall wie von Gold und Edelsteinen gewebt, nicht
aber ein Schleierfall. Doch schaut ihn Euch spter an! Des Abends oder des
Nachts, im Dunkel, im Halbdunkel, im Mondschein, im Sternenschein, im
vereinigten Mond- und Sternenschein! Da ist es, als ob man sich auf einem
anderen Sterne, in einer anderen Welt befinde, nicht aber auf dieser Erde, der
nichts mehr heilig gilt!
    Er deutete dabei auf ein im Entstehen begriffenes Bauwerk, welches in kurzer
Entfernung vor dem Wasserfall aus der Erde und derart zum Himmel strebte, als ob
ihm die Aufgabe gestellt sei, dieses Wunder zu entweihen. Es bestand jetzt aus
einem ungeheuer schweren, massigen Postamente von zehn bereinander liegenden
Riesenstufen, die so breit und so hoch waren, da ihr Gewicht viele Tausende von
Zentnern betrug und jedenfalls darauf berechnet war, ungeheure Lasten zu tragen.
Auf diesem Piedestal erhoben sich zwei Balkengerste, mit deren Hilfe an dem
unteren Teile einer Kolossalstatue gearbeitet worden war. Das eine Bein war bis
zum Knie, das andere bereits bis zur Hlfte des Oberschenkels entwickelt. Man
sah deutlich, da die Figur eine indianische Reithose und Mokassins tragen
sollte.
    Welch eine Snde! klagte das Herzle. So ein formloses Menschenwerk grad
vor so ein Gotteswunder zu stellen! Wer ist der Mann, der das ersonnen hat?
    Es ist nicht einer, sondern es sind vier! antwortete Tatellah-Satah. Old
Surehand, Apanatschka und ihre Shne!
    Was? Wie? rief ich aus. Soll diese Figur hier etwa Winnetou werden?
    Der Medizinmann nickte nur.
    Unmglich! Hierher!? Ich denke, man will ihn auf die Hhe des Berges
stellen!
    Seit wir uns in diesem Tale befanden, waren wir nicht mehr in der Mitte,
sondern an der Spitze der Trabanten geritten. Der junge Adler befand sich also
bei uns. Er antwortete:
    Das ist richtig. Die endgltige Figur soll auf den hohen Bergesvorsprung,
den ich Euch noch zeigen werde. Das Modell steht in der Unterstadt in einem
besonderen Gebude. Dieses hier soll der Probeversuch sein. Von ihrem Gelingen
hngt es ab, ob der Plan auszufhren ist oder nicht. Zu so einem Kolossalwerke
sind auch kolossale Mittel ntig. Um diese Mittel zusammenzubekommen, mu man
die Geber fr das Werk begeistern. Darum hat man gerade diesen Platz fr die
Probestatue gewhlt. Old Firehand und Apanatschka bauen sie aus ihren eigenen
Mitteln. Die Mittel zur Ausfhrung des eigentlichen Werkes erwartet man von der
roten Nation. Um diese zu begeistern, ist der Platz hier am Schleierfall am
geeignetsten. Da soll die Statue vorgefhrt werden. Da soll sie beleuchtet
werden, des Nachts, mit Elektrizitt, mit Lampions und knstlichem Feuerwerk.
Man rechnet dabei auf die jedenfalls groartige, berwltigende Mitwirkung des
Schleierfalles.
    Und das duldet Ihr? fragte das Herzle, das auerordentlich
kunstempfindlich ist und sich durch diesen Plan wie innerlich verwundet fhlte.
    Ich nicht! antwortete Tatellah-Satah, indem er wie schwrend die Hand
erhob. Doch stand ich allein. Ich konnte nur vorbereiten und mute warten. Nun
aber der gekommen ist, auf den ich hoffte, gebe ich ihm dieselbe Frage: Und das
duldest du?
    Er richtete sie an mich. Da stieg etwas ganz Eigentmliches, etwas
Unbeschreibliches in mir auf.
    Habe ich Einflu auf dein Volk, auf deine Rasse? fragte ich ihn. Nein!
    Nein? fragte er. Und httest du ihn nicht, so bist du doch, der du bist.
Ich brauche dein Auge; ich brauche dein Ohr; ich brauche deine Hand; ich brauche
dein Herz. Wenn du mir das gibst, so werde ich siegen!
    Da reichte ich ihm die Hand und antwortete:
    Hier Auge und Ohr, hier Hand und Herz. Ich bin dein!
    Da drckte er mir die Hand, da es mich fast schmerzte, und sprach:
    So heie ich dich zum zweiten und zum hchsten Male willkommen! Du sollst
mein Gast sein, wie noch niemand mein Gast gewesen ist - - -
    Schnell unterbrach ich ihn:
    La mich dein Gast sein, wie ich es wnsche, anders nicht!
    Und was wnschest du?
    Ein freier Mann zu sein, kommen und gehen zu drfen, ohne gehindert zu
werden. Vertrauen bei dir zu finden, so wie du dir selbst vertraust!
    So sei es! Du bist dein eigener Herr, und alles, was ich habe, ist dein!
    Da kam es wieder ber mich, wie vorhin. Ich deutete auf das schwer lastende
Bauwerk und sprach:
    So sage ich dir: Eher werden diese Quadern von selbst in der Erde
verschwinden, auf die man sie gegrndet hat, als da man meinen Winnetou mit
Lampions und Feuerwerk beschimpft! Doch, versuchen wir es zunchst in Liebe!
    Ja, zunchst in Liebe, stimmte er bei. Kommt, kehren wir um; wir sind
hier fertig!
    Wir ritten den Weg, den wir gekommen waren, zurck, bis wir die Stelle
erreichten, an welcher der Reitpfad zur Seite ab hinauf nach dem Schlosse
fhrte. Dem folgten wir. Unterwegs erfuhren wir von dem jungen Adler, da der
Platz am Schleierfalle jetzt regelmig von Arbeitern wimmele und heut' nur
deshalb so leer und einsam gewesen sei, weil alle Krfte nach den Steinbrchen
muten, um neue Quadern zu holen. Das Herzle war sehr ernst und nachdenklich
geworden. Sie sah, da ich sie daraufhin beobachtete und wohl gern den Grund
erfahren htte; darum sagte sie, ohne diese meine Frage abzuwarten:
    Dein Wort, da diese Quadern wohl eher in die Erde verschwinden werden, als
da du Lampions und Feuerwerk duldest, hat sich wie ein Gewicht auf mich gelegt.
Es kommt bei dir so hufig vor, da das, was du sagst, in Erfllung geht, selbst
wenn andere es fr vollstndig unmglich halten. Zuweilen ist diese Erfllung
eine geradezu wrtliche. Und als du vorhin sprachst, hatte ich das Gefhl, als
ob das, was du sagtest, eine solche Prophezeiung sei, aus dir selbst
herausgestiegen, ohne alle Ahnung, woher es kommt.
    Und das bedrckt dich nun? fragte ich.
    Bedrcken? Nein! Es hebt mich ganz im Gegenteile innerlich empor. Es macht
mich fest. Es ist mir, als ob ich ein unerbittliches Schicksal nahen hre,
welches uns zu Hilfe kommt. Das macht mich still und sinnend.
    Whrend dieses kurzen Redewechsels hatten wir eine Stelle des Weges
erreicht, von welcher aus man frei nach der Spitze des Vorberges zu schauen
vermochte. Da hielt Tatellah-Satah sein Maultier an, deutete empor und fragte:
    Seht ihr innerhalb der sdlichsten Felsennadel das riesige Adlernest,
welches fr Menschen nicht erreichbar scheint?
    Wir sahen es. Der Medizinmann fuhr fort:
    Da hinauf stieg der junge Adler, als er noch Knabe war. Er wollte sich aus
dem Horste des groen Kriegsadlers seinen Namen und seine Medizin holen. Aber
der Riemen zerri, an dem er hing. Er strzte in das Nest und konnte nicht
wieder hinauf. Er ttete die zwei Jungen. Da kam die Alte. Er kmpfte mit ihr
und zwang sie, ihn aus jener frchterlichen Hhe herunter in das Tal zu tragen.
Nun sind ihre Federn, ihre Krallen und ihr Schnabel sein Schmuck, die Krallen
und Schnbel der Jungen aber seine Medizin. Er wird seitdem der junge Adler
genannt. Ich aber bin sein Pate, denn als er mit der Adlerin geflogen kam, sa
ich vor meiner Tr, und er landete gerade vor meinen Fen.
    Das klang wie ein Mrchen oder gar wie eine Mnchhauseniade, und doch war es
wahr; das verstand sich ganz von selbst. Der junge Adler hatte es nicht
gehrt; er war weiter fortgeritten, und wir folgten ihm, ohne da ich den Alten
bat, uns den Vorgang ausfhrlicher zu erzhlen. Dem Herzle aber sah ich es an,
da sie entschlossen war, es sobald wie mglich zu hren und sich zu diesem
Zweck an den jungen Mann selbst zu wenden.
    Der Reitweg fhrte in zahlreichen Windungen so weit an der Innenseite des
Berges empor, bis die Hhe des Schlosses erreicht worden war. Dann wendete er
sich nach der vorderen, also nach der stlichen Seite des Mount Winnetou, von
welcher aus, als wir sie erreichten, wir die Ober- und die Unterstadt in der
Tiefe vor uns liegen sahen. Von da unten war der junge Adler hier
heraufgeritten, um Tatellah-Satah unsere Ankunft zu melden. Hoch ber uns sahen
wir den Wachtturm ragen. Der Bewahrer der groen Medizin deutete da hinauf und
sagte zu dem jungen Adler:
    Da oben wirst du wohnen. Jetzt aber kommst du mit uns, die Pfeife des
Friedens und der Gastlichkeit zu rauchen.
    Das Schlo߫ bestand nicht etwa aus nur einem oder nur einigen Gebuden. Es
bildete eine Felsenstadt fr sich. Die Jahrhunderte und Jahrtausende hatten an
ihr gebaut. Darum waren alle amerikanischen Bauarten und Baustile hier
vertreten, von dem erstbewohnten Felsenloche und der ersten Kordillerenhtte bis
zur altperuanischen Festung, zum altmexikanischen Versammlungshause und zum
steinernen Wigwam nrdlicher Gegenden. Es gab da gewaltige Felsen- und
Adobeswerke nach Art der Pueblostmme. Die wurden, wie ich dann spter sah, als
Vorratshuser benutzt, in denen seit undenklichen Zeiten groe Mengen von
Getreide und getrockneten Nahrungsmitteln aufbewahrt wurden, ohne verderben zu
knnen. Da ragten Mauern, die aus noch greren Riesensteinen bestanden, als ich
z.B. in Baalbek und anderen berhmten orientalischen Orten gesehen hatte. Wir
ritten an allen mglichen indianischen Zelten, Htten, Husern, Palsten,
Balkonen, Veranden, Dchern, Tennen, Scheunen und Schuppen vorber, die sich wie
ein langgestrecktes, festes Mauerband um die Hhe des Berges legten und als
steinerne Gre aus uralter Zeit hinunter in die Tiefe schauten, wo in der Ober-
und Unterstadt das kleine Volk der Gegenwart sich mit allen Krften dagegen
wehrte, endlich einmal grer werden zu sollen. Aber so aufrichtig ich die rote
Rasse liebe und so gern ich nur Gutes, Edles und Groes von ihr berichten
mchte, so mu ich doch der Wahrheit die Ehre geben, und darum offen bekennen,
da alle diese Bauwerke trotz ihrer teilweisen Riesenhaftigkeit mir doch so
niedrig und so geistesabwesend vorkamen, da sie mir weder imponieren, noch mich
erfreuen konnten. Sie machten alle einen so - so - - indianischen Eindruck auf
mich. Es war nichts an ihnen, was zum Himmel strebte. Wir sahen so wenig
Fenster. Es gab kein Verlangen nach freier, gesunder Luft, nach Licht und
Tageshelle. Und es gab unter allen diesen Gebuden kein einziges, welches gleich
einer Kirche oder einer Moschee empor zur Hhe strebte. Hiervon bildete der
Wachtturm die einzige Ausnahme; aber sein Zweck wies doch auch nur nach unten,
nicht nach oben. Er war zur Beherrschung der Tiefe da, nicht aber als Fingerzeig
fr ein geistiges Aufwrtsstreben.
    Diese Beobachtung tat mir wehe. Und dem Herzle auch; das sah ich ihr an. Sie
empfindet viel zarter, viel feiner als ich. Ihre Seele steht dem Leide des
Erden-und des Menschenlebens viel offener als die meine. Und hier lag das
ungeheure Leid einer ganzen, groen, fast untergegangenen Rasse in untrglichen,
steinernen Beweisen vor unsern Augen! Selbst der Wachtturm hatte nicht
eigentlich Turmesgestalt, sondern er bildete ein niedriges, vierseitiges Prisma
mit vollstndig ebener Dachflche. Die Indianer haben keine Trme, keine
Minareh. Sie haben die Winke ihrer Riesenbume nicht verstanden; sie haben keine
Dome gebaut. So sind sie auch geistig an der Erde geblieben. Sie sahen den Vogel
fliegen. Der Adler stand ihnen hoch. Ihr stolzester Schmuck bestand aus seinen
Federn. Aber es ihm nachzutun und sich ber den Boden zu erheben, dieser Gedanke
bewegte sie nicht. Fliegen lernen! Fliegen lernen! Wer das nicht will, bleibt
unten, sei er Volk oder sei er Person. Die andern berholen ihn. Er aber kriecht
aus der Erde weiter und wird in ihr so ganz und gar verschwinden, da von ihm
kaum ein Gedchtnis brig bleibt. Das ist das Schicksal des Indianers, wenn er
nicht im letzten Augenblick noch fliegen lernt.
    Dieser Eindruck des Felsenschlosses wurde dadurch gemildert, da es
wohlbevlkert war. Ueberall standen Leute, auf den Zinnen, auf den Dchern, an
den Luken, vor den Tren, auf den Gassen; Mnner, Frauen und Kinder. Die Mnner
genau wie Winnetou gekleidet, mit dem Sterne auf der Brust, auch die Frauen
auerordentlich sauber und intelligenten Auges, die Kinder ebenso. Nirgends die
indolenten Papusengesichter, denen man anderwrts begegnet. Und auch nirgends
auf den Gesichtern der Ausdruck der stummen Klage oder jenes nationalen
Trbsinnes, der auf jede Freude und auf alles Glck verzichtet zu haben scheint.
Ich sah nur intelligente Zge, nur heitere Mienen. Man freute sich. Man lachte.
Tatellah-Satah wurde mit tiefen Verneigungen und respektvollen Handbewegungen
begrt. Man widmete ihm die grte, die aufrichtigste Ehrfurcht, und - man
liebte ihn. Mit grter Wibegier waren die Augen auf mich und das Herzle
gerichtet. Man wute, wer es war, den der Bewahrer der groen Medizin in
eigener Person abgeholt hatte. Man nannte meinen Namen; man rief ihn mir jubelnd
zu; denn man wute, da nun die so lange hinausgeschobene Aktion beginnen werde.
    Und das ist seine Squaw - - seine Squaw - - - seine Squaw! hrte ich
sagen.
    Ich erwhne, da das Wort Squaw nicht etwa einen unterschtzenden
Beigeschmack besitzt. Es gibt Romanschriftsteller, welche die Indianerfrauen als
rechtslos, als die Sklavinnen ihrer Mnner schildern. Das ist grundfalsch. In
Wahrheit hat es schon Indianerfrauen gegeben, welche Huptlinge gewesen sind.
Die Stellung der Frau wird besonders auch dadurch erhht, da die Erbfolge sich
gewhnlich in weibliche Linie vollzieht. Dem Verstorbenen folgt nicht sein
eigener Sohn, sondern der Sohn seiner Schwester. Es war also keineswegs etwas
Ungewhnliches, da man dem Herzle dieselbe Aufmerksamkeit schenkte wie mir.
    Wir ritten durch das breite, sehr tiefe Tor eines sich lang ausstreckenden
Gebudes, dessen Auenmauer durch schmale, schieschartenfrmige, aber sehr hohe
Oeffnungen unterbrochen wurde. Jede dieser Oeffnungen fhrte auf einen
steinernen Balkon, von welchem aus man die ganze Vorebene des Mount Winnetou
berblicken konnte. Durch dieses Tor gelangten wir in einen sehr gerumigen Hof,
in welchem uns ein zweites, hnliches Gebude gegenberstand. Auch dieses hatte
ein Tor, welches in einen zweiten Hof, zu einem dritten Gebude fhrte. So stieg
eine ganze Folge von miteinander abwechselnden Hfen und Gebuden in einer
Felsspalte empor, die unten sehr breit war und nach oben immer enger wurde.
Demgem waren auch die Gebude und Hfe unten sehr breit und wurden dann um so
schmler, je hher sie stiegen. Die Seiten der Hfe wurden von den beiden Wnden
der Felsenspalte gebildet, und an allen diesen Seiten fhrten tief eingehauene
Pfade rechts und links nach dem Walde empor, auf dessen Wiesen der kostbare
Pferdebestand des berhmten Medizinmannes weidete.
    Im untersten, grten Hofe stiegen wir ab. Tatellah-Satah fhrte uns in das
Haus, mich, das Herzle und den jungen Adler. Niemand durfte uns folgen. Er
leitete uns ber Stufen zur Etage empor, nach einem ziemlich groen und ziemlich
hohen Raume, in dessen Mitte eine von sechs ungeheuren Grizzlybren getragene
Platte stand. Auf ihr lagen wohl ber ein Dutzend Friedenspfeifen mit allem
Zubehr. Hier wurden die gewhnlichen Gste empfangen; uns aber fhrte er
weiter, durch eine ganze Reihe der verschiedensten Rume, bis wir an einen
ledernen, kstlich gegerbten und bemalten Vorhang gelangten, den er mit der
Aufforderung zurckschlug:
    Tretet ein, und setzet euch nieder; ich kehre schnell zurck.
    Wir taten es und sahen gleich mit dem ersten Blicke, da wir uns in einem
kleinen, mit groer Liebe behteten Heiligtume befanden. Zwei mit Glas
verschlossene Luken spendeten helles Licht. Das Ganze war als Zelt eingerichtet,
doch nicht als Kriegs- sondern als Friedenszelt, dessen Bahnen abwechselnd aus
hchst seltenen weien Biber- und weien Prriehuhnfellen bestanden. Vier
schlohweie Bffelfelle lagen am Boden, derart arrangiert, da sie weiche Sitze
bildeten, whrend die Kpfe mit den starken Hrnern als Ellbogen- und
Rckensttze dienten. Zwischen ihnen trugen vier Jaguarkpfe eine groe,
polierte Schale, die aus dem heiligen Pfeifenton des Nordens geschnitten war.
Auf ihr lag ein Kalumet. Es war nicht gro, nicht kostspielig, sondern weit eher
klein und ganz gewhnlich. Es zog durch nichts, durch gar nichts den Blick auf
sich, und doch erkannte ich es sofort als die wertvollste und unschtzbarste
Friedenspfeife, die es hier gab und berhaupt geben konnte.
    Winnetous Pfeife! rief ich aus. Die Pfeife, die er trug, als ich ihn
kennen lernte! Welch eine Ueberraschung, welche Freude!
    Irrst du dich nicht vielleicht? fragte das Herzle.
    Unmglich!
    So mu ich sie betrachten.
    Sie wollte hintreten und zugreifen.
    Halt! bat ich. Rhre ja nichts an! Ich sehe, hier ist ein heiliger Ort;
den haben selbst Freunde, wie wir sind, heilig zu halten!
    Ich fhrte sie zu den Fenstern. Wir hatten die Ebene mit ihren Zelten und
Blockhusern unter uns liegen. Es schienen soeben wichtige Personen angekommen
zu sein; das ersahen wir aus der Bewegung, die es gab. Wir fanden aber keine
Zeit zur Beobachtung, denn Tatellah-Satah kam jetzt. Er hatte den Mantel
abgelegt, und nun sahen wir, was fr ein Gewand er darunter getragen hatte,
nmlich einen ganz gewhnlichen indianischen Anzug von weichgegerbtem,
naturfarbenem Leder, ohne eine Spur von verschnender Stickerei oder sonstigem
Schmuck.
    Er nahm zunchst das Herzle bei der Hand und fhrte sie dahin, wo sie sich
setzen sollte. Sein Sitz war ihr gegenber. Ihm zur Rechten war mein Platz und
zur Linken der des jungen Adlers. Der alte Pappermann war unten bei den
Pferden geblieben. Tatellah-Satah setzte sich zunchst nicht. Er blieb stehen
und sprach:
    Mein Herz ist tief bewegt, und meine Seele kmpft mit dem Leide vergangener
Zeiten. Als zum letzten Male hier an dieser Stelle das Kalumet geraucht wurde,
war es ein Rauch des Abschiedes. Hier, wo jetzt unsere weie Schwester sitzt,
sa Nscho-tschi, die schnste Tochter der Apatschen, die Hoffnung unseres
Stammes; hier wo jetzt Old Shatterhand sitzt, sa Winnetou, mein Liebling, den
keiner so kannte, wie ich; hier, an Stelle des jungen Adlers, sa
Intschu-tschuna, der kluge und tapfere Vater dieser beiden. Sie waren gekommen,
um Abschied von mir zu nehmen. Nscho-tschi wollte nach dem Osten, in die Stdte
der Bleichgesichter, um ein Bleichgesicht zu werden. Im Innern meines Auges
standen Trnen. Die Trgerin aller unserer Wnsche und Hoffnungen verlie uns
weil ihre Liebe uns nicht mehr gehrte. Es war ein trber Tag; drauen heulte
der Sturm, und in meiner Seele war es dunkel. Sie gingen. Nscho-tschi kehrte
nicht zurck. Sie wurde mit ihrem Vater ermordet. Nur Winnetou kam. Ich haderte
mit ihm. Ich zrnte dem, um dessentwillen die Tochter unseres Stammes sich von
uns gewendet hatte. Da legte Winnetou sein Kalumet in diese Schale und schwor,
da er diese Pfeife nicht eher wieder berhren werde, als bis ich erlaube, da
sein Bruder Shatterhand sich hier zu uns setze und den Gru des Friedens mit uns
rauche. Er war noch oft, noch oft bei mir. Er wohnte und bte und arbeitete
monatelang am Mount Winnetou, nie aber hat er dieses Zelt wieder betreten, und
nie hat es ein anderer betreten drfen. Nur sein Schwur sa hier und wartete,
wartete lange, lange Zeit. Winnetou starb. Er starb am Herzen Old Shatterhands.
Ich zrnte mehr als vorher. Mir schien, als sei die Zukunft der Apatschen mit
ihm gestorben. Ich war der Bewahrer der Medizinen. Ich ahnte die Geschichte und
die Geheimnisse unserer Rasse. Ich hatte diese Rasse vom Untergange, vom Tode
retten wollen. Ihre Seele sollte erwachen, in Winnetou, dem gedankentiefsten,
dem edelsten der Indianer. Nun war er tot, und die Seele seiner Rasse war
gestorben. So glaubte ich, ich Tor!
    Er hielt inne, schaute eine kleine Weile durch das Fenster, welches ich
geffnet hatte, und fuhr dann fort:
    Es kamen helle, sonnige Tage. Die Stimme des Lebens drang wieder zu mir
herein. Und wo ich sprechen hrte, sprach man von Winnetou. Er lebte. Er kam vom
Hancockberg, wo er erschossen wurde, ber Prrien, Tler und Berge in seine
Heimat zurck. Immer nher und nher. Er war nicht tot. War er berhaupt
gestorben? Seine Taten wachten auf. Seine Worte wanderten von Zelt zu Zelt.
Seine Seele wurde laut. Sie begann zu sprechen, zu predigen. Sie schritt durch
die Tler. Sie stieg auf die Berge. Sie kam zu uns herauf, zum Berg der
Medizinen. Sie kam zu mir herein, und als ich sie erkannte, da war es zwar die
Seele Winnetous, zugleich aber auch die Seele seines Stammes, seines Volkes,
seiner Rasse. Sie lie sich bei mir nieder. Ich hrte sie tglich und stndlich.
Zu allen Tren, zu allen Luken, zu allen Oeffnungen drang der Name Winnetou zu
mir herein. Er war im Munde aller roten Nationen. Er wurde zur Turmesflamme, die
ber die Savannen und ber die Berge leuchtet. Wer Gutes, Reines und Edles
wollte, der sprach von Winnetou. Wer nach Hohem, nach Erhabenem trachtete, der
redete von ihm. Winnetou wuchs zum Ideal. Er ist die erste geistige Liebe seiner
Rasse! Ich lernte viel begreifen, was ich frher nicht begreifen konnte. Ich
lernte, still und ruhig sein, wenn ich oft und oft Old Shatterhand neben
Winnetou nennen hrte. Ich stieg zu der Erkenntnis empor, da diese beiden
unzertrennlich sind im groen Menschheitsgedanken. Trat ich dann in Stunden
inneren Kampfes in dieses Zelt, in dem ich jetzt zu euch spreche, so sah ich
Winnetou seelisch vor mir stehen, wie er das Kalumet in die Schale legte und
seine Hand zum Schwur erhob, sie ohne seinen Bruder Shatterhand nicht wieder zu
berhren.
    Wieder machte er eine Pause. Wir hrten ferne Stimmen durch das offene
Fenster klingen. Sie stiegen von der Stadt herauf. Es waren Begrungsrufe.
Tatellah-Satah ging hin, schaute hinab und sagte:
    Es sind Huptlinge angelangt; sie tragen den Federschmuck. Wer sie sind,
werden wir bald erfahren.
    Dann kehrte er zu uns zurck und fuhr fort:
    Nie habe ich so deutlich wie jetzt, in diesem Augenblick, gefhlt, da
Winnetou noch lebt. Old Shatterhand kam ber Land und Meer herber, und es geht
von ihm eine geheimnisvolle Besttigung aus, da es fr seinen roten Bruder
nicht die alten, lgenhaften ewigen Jagdgrnde gibt, die nur fr die Herdenmenge
erfunden waren. Ich habe Old Shatterhand geschrieben. Ich habe ihn gebeten, zu
kommen, um seinen Bruder Winnetou zu retten. Aber ich bin berzeugt, da Old
Shatterhand sehr wohl wei, von wem diese Bitte ausgegangen ist: nicht von
Tatellah-Satah, sondern von Winnetou, von der Seele der roten Nation, die von
ihren eigenen Shnen niedergerungen und erstickt werden soll. Sie will empor!
Sie will fliegen lernen! Sie will nicht nur essen und trinken und daran
verhungern, sondern sie will mehr. Sie will Teil haben an allem, was Manitou der
ganzen Menschheit gab, nicht nur einzelnen Nationen. Sie will nicht lnger Kind
bleiben, denn wehe dem Volke, welches sich strubt, mndig zu werden! Sie will
wachsen. Da aber eilt die Torheit der Unverstndigen herbei, dem Kinde
vorzulgen, da es ein Mann, ein Held, ein Riese sei, und diese Lge in Erz und
Marmor zu verewigen. Das ist ein Mord, und, da er von Personen unserer eigenen
Rasse ausgeht, eine Vernichtung unserer selbst. Das kann Tatellah-Satah nicht
dulden, und das darf auch Old Shatterhand nicht dulden! Ich bin so froh, so
glcklich, da er gekommen ist, uns seine Hand zu bieten. Er sitzt zu meiner
Rechten, wie damals Winnetou. Es drngt mich, zu denken, er sei wirklich
Winnetou. Und ebenso sei unsere weie Schwester keine andere als Nscho-tschi,
der Liebling unseres Volkes. Ich bin Tatellah-Satah, der Bewahrer der groen
Medizin. Ich heie euch willkommen. Ich fhle tief in mir die Nhe dessen, den
ich liebte, wie ich keinen andern liebte. Er sehe und hre, da heut' sein
Schwur in Erfllung geht. Old Shatterhand ist hier. Ich habe ihn gehat; nun
aber liebe ich ihn. Er sei mein Bruder, wie ich der seine bin. Das Kalumet
unseres Winnetou soll es bezeugen!
    Er griff nach der Pfeife, fllte sie, setzte sie in Brand, tat die sechs
ersten Zge, blies den Rauch nach oben, nach unten und nach den vier
Himmelsrichtungen, sprach die gebruchlichen Formeln dazu und reichte dann mir
die Pfeife. Ich stand auf und sprach:
    Ich gre meinen Winnetou, und ich lausche dem Erwachen seines Volkes. Ich
war stets er, und er war stets ich. So sei es auch heut, und so bleibe es
immerdar! Dies genug der Worte; lassen wir Taten sprechen! Die Zeit dazu ist
schon heut!
    Hierauf tat ich dieselben sechs Zge und gab dem Medizinmann das Kalumet
dann wieder. Er reichte es dem Herzle und sprach:
    Nimm du es hin, wie unsere Nscho-tschi! Sie spreche jetzt zu uns aus deinem
Munde!
    Das war eine groe Ehre. Ich freute mich darber, doch nicht ohne eine
kleine Bangigkeit. Sie sollte sprechen! Was wrde sie sagen? Und sie sollte
rauchen! Den scharfen, mit Sumach vermischten Tabak! Sie hatte nur ein einziges
Mal in ihrem Leben geraucht, zum Scherz, eine halbe Zigarette. Sie schaute mich
an und las in meinen Augen die Warnung: Herzle, ich bitte dich um Gottes
willen, blamiere mich nicht etwa! Sie aber lchelte zuversichtlich, nahm die
Pfeife, stand auf und sprach:
    Ich liebe Nscho-tschi die Tochter der Apatschen. Ich kam an ihr Grab und
betete. Da fhlte ich, da es kein Grab, kein Tod, keine Leiche sei. Nur
Ueberflssiges verwest; alles andere aber bleibt. So wie sie, schwand auch dein
Volk; seine Seele aber blieb. Und, seid ihr stark genug, so wird sie sich den
neuen, herrlichen Krper schaffen, der ihr schon lngst gebhrte. Gib mir dein
Herz, o Tatellah-Satah; das meinige ist schon dein eigen!
    Sie tat mutig alle sechs Zge und gab die Pfeife dann zurck. Als sie sich
wieder niedersetzte, hatte sie feuchte Augen; aber es war nicht zu
unterscheiden, ob es die Rhrung oder eine Folge des Tabaks war.
    Hierauf bekam auch der junge Adler das Kalumet. Er erhob sich und sprach:
    So weit die Erde reicht, ist jetzt eine groe Zeit. Doch ist diese Zeit
nicht vollendet; sie steht nur erst im Werden. Sie ist noch jung; sie hat sich
zu entwickeln, und wir mit ihr. Die Menschheit steigt zu ihren Idealen auf.
Steigen auch wir! Bleiben wir nicht unten, wie bisher! Schon regt der junge
Adler seine Schwingen. Fliegt er dreimal um den Berg, so fhrt der rote Mann aus
dem Scheintode auf, und der Tag, der ihm gehrt, bricht heran!
    Auch er tat die vorgeschriebenen sechs Zge und gab das Kalumet dann an den
Bewahrer der groen Medizin zurck.
    Dieser hatte es langsam auszurauchen, ohne da weiteres dabei gesprochen
wurde. Hierauf war die Zeremonie vollendet. Tatellah-Satah geleitete uns nach
dem erstbeschriebenen, groen Raume mit den vielen Friedenspfeifen. Da zeigte er
auf einen dort wartenden, riesenhaften Indianer und sagte:
    Das ist Intschu-inta25, euer Diener. Er wird euch nach eurer Wohnung
fhren. Er sagt euch alles, was ihr wissen wollt. Er war der Liebling Winnetous.
Sei er nun auch der eurige! Nur einmal bitte ich euch, meine Gste auch beim
Essen zu sein, nur heut am ersten Tage, in einer Stunde; dann aber seid ihr
stets und in allem frei, knnt aber zu mir kommen, so oft es euch beliebt.
    Er reichte uns die Hand und zog sich dann zurck. Wir gingen zunchst nach
dem Hof hinab, wo wir unsere Pferde gelassen hatten. Da stand aber nur der
Hengst des jungen Adlers und das Maultier, welches sein Paket trug. Er stieg
auf und ritt davon, hinauf nach dem Wachtturm, der ihm zur Wohnung angewiesen
war. Unsere Pferde und Maultiere waren, wie wir von Intschu-inta erfuhren, von
Pappermann nach unserm Quartier gefhrt worden, wohin wir ihnen jetzt
nachfolgten.
    Intschu-inta war, wie bereits gesagt, ein wahrer Hne von Gestalt, gewi
schon ber 60 Jahre alt, doch von noch jugendlicher Rstigkeit. Ein
wahrheitsliebender, treuer, stolzer Charakter. Wenn er als unser Diener
bezeichnet worden war, so war er das freiwillig. Es hatte nichts mit dem Begriff
der Unterordnung, der Gehorsamleistung zu tun. Er war trotzdem in jeder
Beziehung sein eigener, selbstndiger Herr. Er fhrte uns durch die schon
erwhnten Tore nach dem zweiten, dritten vierten, fnften und sechsten Innenhof.
Das dort stehende Gebude war fr uns bestimmt, ganz allein nur fr uns.
    Es ist Winnetous Haus, erklrte uns das Gute Auge.
    Wohnte er da? fragte ich.
    Stets, so oft er kam, antwortete der Diener. Die Rume, in denen Old
Shatterhand wohnen wird, sind noch ganz genau so, wie sie von Winnetou verlassen
wurden, als er zum letzten Male hier war. Wenn Intschu-tschuna kam, wohnte er
bei seinem berhmten Sohne. Und ebenso Nscho-tschi. Unsere weie Schwester wohnt
in den Stuben, welche von der schnen, gtigen Schwester Winnetous bewohnt
worden sind.
    Auch dieses Gebude hatte Balkone vor den schmalen Schartenffnungen der
Mauerfronten. Infolge der hohen Lage mute es da einen noch weiteren Fernblick
geben als unten bei Tatellah-Satah. Unsere Pferde und Maultiere waren in einem
stall- oder schuppenartigen Nebengebude untergebracht. Wir aber stiegen die
Treppe zu den Wohnrumen empor und gelangten da zunchst in eine groe,
indianisch ausgestattete Stube, in welcher hohe Tongefe zum Waschen standen.
Es gab da zahlreiche Sitze verschiedener Art und auch eine Platte mit
Friedenspfeifen.
    Das ist der Empfangssalon, lchelte das Herzle.
    Die Wnde waren mit allerlei Waffen ausgestattet. Ich sah einige Messer,
Pistolen und Flinten, die ich kannte. Sie hatten Jagdgenossen von uns gehrt.
Der Diener fhrte uns durch das ganze Gebude. Es htte bequemen Raum fr 30-40
Gste gehabt, und ich mte mehrere Druckbogen fllen, um die Einrichtung und
Ausstattung auch nur einigermaen zu beschreiben. Darum unterlasse ich das
jetzt, zumal ich spter, wenn ich Winnetous Testament verffentliche, auf
dieses Haus und seine Rume zurckzukommen habe.
    Mit welchen Gefhlen ich die drei nebeneinanderliegenden Stuben betrat,
welche den Zweck gehabt hatten, Winnetou zum eigentlichen Gebrauch zu dienen,
kann man sich wohl denken. Links lag die Schlafstube. Hieran stie die bedeutend
grere Wohnstube. Hierauf folgte die ebenso groe Arbeitsstube. Aus jedem
dieser drei Rume konnte man hinaus auf den Balkon treten, um die herrliche
Aussicht, die sich da bot, zu genieen. In der Schlafstube gab es ein sehr
weiches, sehr hohes und auerordentlich sauberes Lager von Fellen und Decken.
Hierzu einige Wassergefe zum Waschen und Trinken, weiter nichts. Die Wohnstube
war halb europisch, halb indianisch eingerichtet. Es gab niedrige und hohe
Sitze, niedrige und hohe Tische. Auf diesen Tischen lag und an den Wnden hing
gar mancher Gegenstand, den ich kannte, weil er von mir stammte. Darunter zwei
Photographien, die ich fr gut getroffen gehalten hatte. Jetzt waren sie
ziemlich verblichen. An der einen Wand hingen wohl gegen 20 Bltter mit
Versuchen, diese Photographien nachzuzeichnen.
    Er mu dich doch sehr, sehr lieb gehabt haben! sagte das Herzle, indem sie
diese Bltter eingehend betrachtete. Seine Hand ist nicht talentlos gewesen. Er
traf, war aber ungebt, noch nicht einmal Schler! Es ist das so auerordentlich
rhrend!
    In der Arbeitsstube stand - - ein Schreibtisch, ja, wirklich ein
Schreibtisch, mit Ksten, Federn, Tinte und vielem Papier. Die Tinte war
eingetrocknet. Hier hatte er, der Herrliche, sich im Schreiben gebt. Hier war
er, der Bndiger der wildesten Pferde, der Meister im Gebrauche einer jeden
Waffe, auf die Jagd nach orthographischen Schnitzern gegangen! Mein lieber,
lieber, mein einziger Winnetou! Und hier hatte er die bedeutsamsten Kapitel
seines Testaments geschrieben, dessen Verffentlichung mir bertragen worden
ist!
    Auch anderes hatte er hier gearbeitet, mit Messer und Zange, mit Hammer und
Feile, sogar mit Nadel und Zwirn! Nichts war ihm zu niedrig und zu klein
gewesen. Sogar eine Ledermappe zu machen, hatte er versucht. Als ich sie
ffnete, lag ein einziges Blatt darin. Darauf stand in groen Buchstaben
geschrieben: Charly, mein Charly, wie liebe ich Dich! Und als ich es
umwendete, war auch die andere Seite beschrieben, doch klein und wie mit
zitternder Hand: Charly, ich sterbe fr Dich. Ich wei es, ich wei es! Dein
Winnetou.
    Intschu-inta stand dabei und sah, da das Herzle, als wir das lasen, weinte.
Auch mir stand ein Tropfen im Auge. Er, der starke Mann, drehte sich um und fuhr
sich mit der Hand ins Gesicht.
    Es ist hier alles so sauber! Grad als ob er erst vor einer Stunde hier
gewesen sei! sagte sie. Wer hat hier auf Ordnung gehalten? Wer hat gewischt?
    Ich, antwortete er.
    Wann?
    Jeden Tag.
    Seit wann?
    Seit er zum letzten Male hier war.
    Diese lange, lange Zeit? Jeden Tag? Trotzdem er nicht mehr kommen konnte?
Trotzdem er nicht mehr lebte?
    Da schttelte er leise den Kopf, lchelte ebenso leise und antwortete:
    Er sagte stets, es gbe keinen Tod; das habe ihm sein Bruder Shatterhand
versichert. Und ich glaubte ihnen beiden. Ich glaube es auch noch heut.
    Er strich mit der Hand ber den Lederanzug, der da an der Wand hing, und
fuhr fort:
    Diese Leggins und diese Jacke trug er stets, wenn er die Absicht hatte, die
Wohnung nicht zu verlassen. Bin ich hier allein, so ist es mir oft, als hre ich
die Lederfalten dieses Anzuges rauschen. War das Winnetou? Ging er unsichtbar
hinter mir vorber? Wenn ich hier eintrete, ist es mir oft, als stehe er da
drauen auf dem Altane, die Hnde gefaltet, um zu beten, wie er zu tun pflegte,
wenn ihn eine Sehnsucht oder ein Leid bewegte. Er nannte mich seinen Freund; ich
aber war stolz darauf, mich seinen Diener nennen zu drfen. Ich legte ihm die
Hnde unter die Fe und wre tausendmal gern fr ihn gestorben. Aber er hat
sterben mssen. Denn nicht sein Leben, sondern sein Tod hat alle Stmme der
Apatschen und alle roten Vlker aufgeschreckt, doch endlich die Augen zu ffnen
und einzusehen, wie kstlich das Leben eines einzelnen Menschen ist, um wie viel
kstlicher und unersetzlicher also das Leben einer ganzen Nation, einer ganzen
Rasse! Wir waren blind. Wir sind nun sehend geworden! Wie habe ich ihn lieb
gehabt, wie lieb, wie unendlich lieb!
    Und pltzlich stand er vor mir, fate meine Hand und bat:
    Nimm seine Stelle ein! Nimm sie ein! Nicht nur hier im Hause, sondern auch
hier bei mir!
    Er klopfte sich an die Brust. Dann nahm er auch das Herzle an der Hand und
fuhr fort:
    Und dich flehe ich an, sei uns Nscho-tschi! Sprich zu den Frauen, die sich
hier versammeln wollen! Fhre sie nicht zu Worten, sondern zur Tat!
Tatellah-Satah ist Priester, aber nicht Krieger. Bedenkt das wohl! Darum war es
die Sehnsucht unseres groen Winnetou, seinen weien Bruder in dieses Haus zu
leiten. Die Seele, die hier erwacht, braucht Schutz und Schirm vor ihrem eigenen
Volke. Sie hofft auf euch, auf euch!

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Der Mount Winnetou liegt im sdlichen Winkel zwischen Arizona und Neumexiko. Die
dortigen freien Indianer erkennen keine Regierung ber sich an. Das Komitee des
Denkmales fr Winnetou war so pfiffig gewesen, sich an den
Vereinigten-Staaten-Kongre zu wenden, und hatte die Erlaubnis erhalten, am
Mount Winnetou eine Stadt namens Winnetou anzulegen, dem einstigen Huptling der
Apatschen dort ein Denkmal beliebiger Hhe und beliebigen Umfanges zu setzen und
alle Einrichtungen zu treffen und alle Bauten vorzunehmen, die zur Erreichung
dieser lblichen Zwecke ntig sind. So lautete die Genehmigung, welche der
betreffende Delegierte ihnen erwirkte.
    Hierauf hin hatten sie ihr Werk begonnen, ohne sich um die Traditionen und
Rechte Anderer zu bekmmern. Die Stmme der Apatschen waren leicht gewonnen,
weil es sich angeblich um ihren Liebling Winnetou handelte. Auch einige
Komantschenstmme dazu, denn Apanatschka war ja der Huptling der
Kanean-Komantschen. Einen Huptling, auf den alle Stmme der Apatschen hrten,
gab es seit Winnetou nicht mehr, und was den alten Tatellah-Satah betraf, dessen
Einflu sich ber alle roten Stmme erstreckte, so war er zwar nicht zu bewegen
gewesen, in das Projekt zu willigen, aber Old Surehand und Apanatschka glaubten,
da es ihnen doch noch gelingen werde, ihn auf ihre Seite hinber zu ziehen. Sie
rechneten hierbei auf den Zwang der Tatsachen, der unwiderstehlich ist, und
begannen also, zu schaffen und zu bauen, ohne seine Einsprche zu beachten. Ein
jeder seiner Einwrfe wurde mit der allerdings sehr wahren Behauptung
zurckgewiesen, da man die Genehmigung des Kongresses habe und eine hhere
Autoritt nicht anerkenne. Old Surehand und Apanatschka waren nicht mehr die
Indianer resp. die Westmnner, als die ich sie vor Zeiten kennen gelernt hatte.
Sie waren infolge ihrer Reichtmer und weit verzweigten Geschftsverbindungen
hoch ber ihre frheren Anschauungen und Verhltnisse hinausgewachsen. Sie
gehrten innerlich schon lngst nicht mehr zu den Roten, sondern zu den Weien.
Dafr, da der Indianer in jedem Augenblicke bereit ist, fr seine rote Farbe zu
sterben, war ihnen das Verstndnis abhanden gekommen. Sie wollten mit ihrem
Projekte ein Geschft machen, und sie wollten ihre Shne zu einer Berhmtheit
emporschrauben, aus welcher immer neue Reichtmer zu schpfen waren.
    Aber Tatellah-Satah war nicht der Mann, der auf das, was er fr richtig
hielt, so leicht verzichtete, wie sie dachten. Er wich zunchst dem Zwange, aber
nur scheinbar. Er konnte sie nicht hindern, den Wasserfall in elektrische Drhte
zu fesseln, den Wald durch Steinbrche zu entweihen und eine Menge roter
Arbeiter herbeizuziehen, die sich ganz gewi nicht hierzu hergegeben htten,
wenn sie nicht von ihren Stmmen ausgestoenes Gesindel gewesen wren. Aber er
sandte zu den Mescaleros, den Llaneros, den Jicarillas, den Taracones, den
Nawachos, den Tschiriguais, den Pinalenjos, den Kojoteros, den Gilas, den Lipans
den Mimbrenjos und den Kupferminenindianern. Das sind lauter Apatschenstmme,
welche den Bewahrer der groen Medizin als den bedeutendsten Mann ihrer ganzen
Rasse verehren.
    Er lie ihre Huptlinge kommen. Er sprach mit ihnen. Er erklrte ihnen, da
es sich hier weniger um die Ehrung ihres Winnetou, als vielmehr um eine Ehrung
Young Surehands und Young Apanatschkas handle und berhaupt um ein ganz
gewhnliches Geschft. Es gelang ihm sogar, ihnen klar zu machen, da es eine
Versndigung an Winnetou, dem in jeder Beziehung Bescheidenen, sei, ihn auf ein
so laut hinausschreiendes Piedestal zu heben. Er bewies ihnen, da dies den
Untergang ihres Volkes nicht verzgern, sondern nur beschleunigen knne, weil es
die anderen Stmme neidisch gegen die Apatschen reize. Kurz, er erwirkte sich
bei den Huptlingen einen durchschlagenden Erfolg und schickte sie zu ihren
Leuten zurck, um nun ihrerseits auf diese einzuwirken. Der Clan der Winnetous
war bereits gegrndet; der wirkte mit. Die eigentliche, offene Aktion gegen das
Stadt- und Denkmal-Komitee verschob Tatellah-Satah auf die Zeit der groen
Meetings, die am Mount Winnetou abgehalten werden sollten. Diese Zeit war nun
fast nahe. Er wollte zunchst sondieren. Er mute wissen, wer von den
Huptlingen fr und wer gegen das Projekt war. Doch hatte er sich bis jetzt noch
niemandem gezeigt. Er war auf seinem Schlosse verborgen geblieben und heute
zum ersten Male seit langer Zeit herabgekommen, um mich zu sich hinaufzuholen.
    Das erzhlte er uns whrend des Mittagessens, zu dem er uns geladen hatte.
Es fiel ihm dabei gar nicht etwa ein, diese streitigen Dinge zu beklagen. Sein
Blick war scharf und weitschauend. Er erkannte sehr wohl, da es fast nur allein
auf ihn ankam, die gegenwrtigen Verhltnisse zur Basis einer neuen,
hoffnungsreichen Zukunft auszugestalten. Ein derartiges Zusammenstrmen aller
Arten von Indianern wie jetzt war wohl in Jahrhunderten nicht wieder zu
erwarten, ganz abgesehen davon, da diese Rasse berhaupt zu verschwinden hatte,
wenn es nicht jetzt gelang, ihr neues, inneres Leben einzuhauchen. Darum war er
fest entschlossen, diese Gelegenheit beim Schopfe zu fassen und der erwachenden
Seele seiner Rasse eine breite Bahn zu schaffen. Die Eigenschaften, welche
hierzu ntig waren, besa er wohl alle, auer einer einzigen. Ich meine die
initiative Offenheit, die aggressive Ehrlichkeit. Die besitzt der Indianer
nicht. Er hat sie besessen, gewi; aber sie ist ihm im Umgange mit den niemals
worthaltenden Bleichgesichtern verloren gegangen. Er war gezwungen, sich auf die
heimliche List zurckzuziehen, und das ist ihm schlielich zum Charakter, zum
Merkmal geworden. Nur ganz hervorragend edle Indianer, wie z.B. Winnetou, haben
sich nicht gescheut, dann, wenn es ntig war, zum ehrlichen, offenen Angriff zu
schreiten und dies sogar schon vorher anzuknden; gewhnlich aber hlt der
Indianer es nicht fr klug, in dieser Weise zu verfahren. Darum hatte
Tatellah-Satah so lange gezgert. Und darum hatte er mein Kommen erwnscht. Ich
will mich eines bekannten, vulgren Ausdruckes bedienen, indem ich sage: Er
traute mir den Mut zu, ganz offen das Karnickel sein zu wollen, welches
angefangen hat. Darum war es ihm von grter Wichtigkeit gewesen, sobald wie
mglich zu erfahren, auf welcher Seite ich zu suchen sei, auf der seinen oder
auf derjenigen der Denkmalbauer. Seit er vom Nugget-tsil aus benachrichtigt
worden war, da ich treu zu ihm stehen werde, fhlte er sich von einer seiner
grten Sorgen befreit. Er hatte von Tag zu Tag gehofft, da ich kommen werde,
und nun ich endlich eingetroffen war, fragte er mich, ob ich bereit sei, in
Wirklichkeit sein Shatterhand, seine Schmetterhand zu sein, mit deren Hilfe es
ihm mglich werde, seine Gegner niederzuwerfen.
    Ich bin bereit, antwortete ich. Und ich schlage vor, da wir sofort
beginnen, womglich gleich jetzt, noch heut. Zunchst in Gte und Liebe, dann
aber, wenn das nicht wirkt, mit allen mglichen Fusten!
    Das befriedigte ihn vollstndig. Er gab mir Generalvollmacht, zu tun, was
mir beliebte, und ber alles zu verfgen, was mir als ntig erschien. So war ich
also Herr meiner selbst und ohne jede Fessel oder Schranke, die mich beengen
konnte. Das nutzte ich ganz selbstverstndlich ohne Zgern aus.
    Es galt zunchst, das Modell der Statue zu sehen. Darum ritten wir gleich
nach dem Essen hinab nach der Stadt, ich, das Herzle, Pappermann und
Intschu-inta, der Diener. Der letztere bat mich, sechs junge, aber trotzdem
erfahrene und rstige Winnetous mitnehmen zu drfen, die meine Leibgarde
seien. Tatellah-Satah wnsche das so. Ich willigte sehr gern ein. Ich hatte sehr
viel vor, wobei mir diese Leute von groem Nutzen sein konnten.
    Wir ritten nicht direkt nach der Stadt, sondern ich lenkte, unten im
Innentale angekommen, zunchst nach dem Schleierfall ein. Wir untersuchten seine
ganze Umgebung, auch die zwei Teufelskanzeln zu beiden Seiten des freien
Platzes. Wir taten das so unbefangen, wie mglich, um nicht aufzufallen, und ich
uerte kein einziges Wort ber die Gedanken, die ich dabei hatte. Aber der
Diener war, wie ich sehr bald bemerkte, ein sehr scharfer Beobachter, was mich
gar nicht wundernahm, da Winnetou ihn erzogen hatte. Er forschte nach jedem
meiner Blicke. Er dachte nach. Er kombinierte. Er kam infolge seines wohlgebten
Scharfsinnes sehr bald auf die richtige Fhrte. Als wir umkehrten, um nun auf
dem schon beschriebenen, tief ausgefahrenen Talwege hinaus nach der Stadt zu
reiten, lenkte er sein Pferd fr einige Augenblicke neben das meinige und sagte:
    Old Shatterhand wollte nicht den Schleierfall sehen.
    Ich schaute ihn fragend an.
    Auch nicht den angefangenen Winnetou, den man bauen will, fuhr er fort.
    Was denn? forschte ich.
    Die zwei Ohren des Teufels, das richtige und das falsche.
    Er hatte recht. Nur dieser beiden Ohren wegen hatte ich den Weg nach dem
Innental eingeschlagen. Sie waren mir auerordentlich wichtig. Noch viel
wichtiger als der herrliche Wasserfall an sich.
    Hm! brummte ich.
    Das trieb ihn an, aus sich herauszugehen.
    Ich kenne sie, versicherte er. Aber es ist nicht wahr, was man von ihnen
sagt. Man kann stehen, wo man will, so hrt man nichts.
    Hast du schon berall gestanden?
    Ja, berall. Sogar hinten, wo niemand hingehen darf, weil es verboten ist.
Aber auch da hrt man nichts.
    Versprichst du mir, verschwiegen zu sein?
    Er legte die Hand auf das Herz und antwortete:
    Dir ebenso gern, wie einst unserm Winnetou!
    So wirst du bald hren lernen. Ich werde dir zeigen, wie man das macht.
Kennst du vielleicht das Tal der Hhle am Mount Winnetou?
    Ganz genau!
    Vielleicht auch die Hhle?
    Ebenso.
    Ist sie gro? Ist sie lang?
    Sehr gro und sehr lang! Man reitet von hier aus fast fnf Stunden, bis man
sie erreicht, und doch ist sie so lang, da sie bis zum Schleierfall geht und
erst in seiner Nhe endet.
    Wir reiten morgen frh hin, um sie zu untersuchen. Bereite alles vor. Doch
sage keinem Menschen ein Wort!
    Jetzt war dieser Redewechsel zu Ende, denn wir hatten nun das Innental
hinter uns, ritten durch das Felsentor und sahen die Zeltstadt vor uns liegen.
Es herrschte jetzt in ihr ein regeres Leben als zur Stunde unserer Ankunft. Eine
Reiterschar kam uns entgegen. Sie wollte allem Anscheine nach hinauf nach dem
Schlosse. Als diese Leute uns erblickten, hielten sie an. Nur zwei von ihnen
ritten weiter, bis sie uns erreichten. Das waren Athabaska und Algongka. Sie
saen wunderbar zu Pferde. Nachdem sie in indianisch hflichster Weise gegrt
hatten, sagte Athabaska:
    Wir wollten nach dem Berge, um Old Shatterhand, den Gast der roten Mnner,
zu begren. Wir hatten ihn lieb, noch ehe wir ihn sahen. Wir achteten ihn sehr
hoch, als wir ihn dann kennen lernten, ohne seinen Namen zu wissen. Und nun er
hier eingetroffen ist, und sich genannt hat, drfen wir nicht warten, bis er zu
unsern Zelten kommt, sondern wir reiten zu ihm, weil er der Hhere ist.
    Kann es unter Brdern einen geben, der hher steht als die andern? fragte
ich. Wir gehren einem einzigen Vater, und der heit Manitou. Wir stehen
einander gleich. Ich besuche meine Brder. Ich bitte, an ihren Zelten die Pfeife
des Willkommens mit ihnen rauchen zu drfen!
    Diese Hflichkeit erfreute sie. Algongka antwortete:
    Wir sind stolz auf diesen Wunsch unsers weien Bruders. Er komme mit uns.
Er wird Freunde sehen. Bekannte aus frherer Zeit, die hier angekommen sind. Als
sie hrten, da er schon anwesend sei, baten sie uns, mit nach dem Berg reiten
zu drfen, um sich an seinem Angesicht zu erfreuen. Dort warten sie.
    Er zeigte auf die Gruppe, welche halten geblieben war. Wir ritten hin. Wer
waren sie? Wen erkannte ich sofort, trotz der langen Zeit, die zwischen dem
damals und der jetzigen Stunde lag? Es waren Wagare-Tey, der Huptling der
Schoschonen, Schahko Matto, der Huptling der Osagen, und mehrere ihrer
Unterhuptlinge. Wie gro unsere Freude war, uns wiederzusehen! Auch Avaht Niah
war da, der Hundertundzwanzigjhrige! Sollte man das fr mglich halten? Ganz
selbstverstndlich hatte er jetzt nicht mit nach dem Berge reiten knnen. Er war
vor seinem Zelte sitzen geblieben und ich bat, ihn zuerst aufsuchen und begren
zu drfen. Man hatte Wagare-Tey und Schahko Matto veranlassen wollen, ihre Zelte
in der Unterstadt aufzuschlagen; sie aber waren so klug gewesen, sich nach den
Verhltnissen zu erkundigen, und was sie da hrten, hatte sie veranlat, nach
der Oberstadt zu reiten, um sich Athabaska und Algongka beizugesellen.
    Wir ritten zunchst nach dem Zelte Wagare-Teys, der mit seinem alten Vater
beisammen wohnte, hatten uns aber kaum hierzu in Bewegung gesetzt, so kamen uns
zwei Kanean-Komantschen entgegen, die auch hinauf nach dem Schlosse wollten,
aber, als sie uns sahen, halten blieben und sich an mich wendeten. Sie waren von
Young Surehand und Young Apanatschka geschickt, um mich zu diesen beiden jungen
Knstlern einzuladen, die bei unserer Ankunft abwesend gewesen waren. Sie
hatten, als sie dann kamen, gehrt, da ich eingetroffen sei, und forderten mich
nun durch diese ihre Boten auf, zu ihnen zu kommen, weil sie beabsichtigten, mir
gleich noch heut ihr Kunstwerk, die Statue Winnetous, zu zeigen. Schon ffnete
ich den Mund, um Antwort zu geben, da forderte Athabaska mich durch eine
Handbewegung auf, still zu sein, und nahm die Sache selbst in die Hand, indem er
zu den beiden Komantschen sagte:
    Ihr seht hier Athabaska und Algongka, die Huptlinge der fernsten,
nrdlichen Vlker, ferner Schahko Matto, den Huptling der Osagen, und
Wagare-Tey, den Huptling der Schoschonen. Kehrt sofort zu Young Surehand und
Young Apanatschka zurck, und sagt ihnen, da wir sogleich mit ihnen zu sprechen
haben, sogleich! Sie sollen augenblicklich kommen. Es handelt sich um etwas sehr
Wichtiges!
    Er sprach in einem derartigen Tone, da die beiden Boten kein Wort zu
entgegnen wagten und sich schleunigst davonmachten. Dann setzten wir unsern Weg
nach den Zelten fort. Die, welche Athabaska, Algongka, Wagare-Tey und Schahko
Matto gehrten, standen nahe beisammen. Wir sahen, noch ehe wir sie erreichten,
den Hundertundzwanzigjhrigen sitzen. Sein weies, nach hinten gebundenes Haar
hing ihm lang ber dem Rcken herab. Er war kein Skelett wie Kiktahan Schonka.
Er konnte sich noch ziemlich leicht bewegen. Sein Auge war klar und der Ton
seiner Stimme so frisch und bestimmt, wie bei einem Fnfzig- oder
Sechzigjhrigen. Er stand, als er uns kommen sah, ohne fremde Hilfe von der Erde
auf und erfuhr von Wagare-Tey, seinem Sohne, da der Trupp so schnell
zurckkehre, weil man mich ganz unerwartet getroffen habe, mich und meine Squaw.
Sein Gesicht war voll unzhliger, kleiner Fltchen, die es aber nicht im
geringsten verunzierten. Es hatte keinen einzigen Flecken, keinen einzigen Zug,
keine einzige hliche Stelle, durch welche seine Reinheit, was im Alter doch
hufig vorzukommen pflegt, beeintrchtigt worden wre. Er war ein schner, ein
wirklich schner Greis! Als er mich sah, erkannte er mich sofort. Seine alten,
guten Augen strahlten vor Freude. Er kam auf mich zu, legte beide Arme um mich,
zog mich an sich und rief aus:
    O Manitou, o Manitou, du Groer und du Gtiger! Wie danke ich dir fr
dieses Glck, fr diese Freude! Wie sehnte ich mich, den besten, den
aufrichtigsten Freund aller roten Vlker noch einmal zu sehen, bevor ich das
unbekannte Wasser des Todes mit khn schwimmendem Arm zerteile! Meine Sehnsucht
ist erfllt. Ich erfuhr, da er kommen werde. Da beschlo ich, auch zu kommen.
Das Alter streckte den drren Arm nach mir aus, mich festzuhalten. Ich aber
fhlte mich jung und ri mich los. In meinem Herzen erklang eine Stimme, die mir
sagte, da ich zu meinem weien Bruder eilen msse, denn er bringe uns die Gte,
die Liebe und die Einheit zurck, die uns einst verlassen haben. Und kaum bin
ich gekommen, so kommt auch er! Und du bist seine Squaw?
    Diese Frage war an das Herzle gerichtet. Wir waren von den Pferden
gestiegen. Sie stand neben mir.
    Sie ist es, antwortete ich.
    Da streckte er den Arm nach ihr aus, zog sie grad so an sich wie mich und
fuhr fort:
    Er bringt uns eine Freundin, eine weie Schwester. Sie sei uns willkommen
in unseren Zelten und in unseren Seelen! Ich bin der Aelteste von allen. Setzt
euch im Kreise, und bringt mir das Kalumet. Es soll eine der letzten und der
schnsten Ehren sein, die Versammlung des Grues zu leiten. Old Shatterhand
setze sich zu meiner Rechten, seine Squaw zu meiner Linken. Man entznde das
Feuer der Freude!
    Wie gesagt, so getan. Es war ein auerordentlich rhrendes, gegenseitiges
Willkommenheien, welches sich nun entwickelte. Die Pfeife ging unaufhrlich von
Hand zu Hand. Tausend Erinnerungen tauchten auf, sie alle mit dem herzlieben
Namen Winnetou verknpft. Doch hatten wir jetzt keine Zeit, uns ihnen
hinzugeben. Das mute fr spter verschoben werden.
    Mitten in diese lebhafte, frohe Szene hinein kamen Young Surehand und Young
Apanatschka. Sie waren zu Pferde, wie berhaupt dort jedermann. Sie stiegen ab.
Aber niemand schien sie zu sehen. Sie wollten sich zu uns setzen, aber keiner
rckte zu, und keiner machte ihnen Platz. So standen sie eine ganze, lange
Weile. Dann gingen sie zu ihren Pferden, um wieder forzureiten. Nun endlich
wurden sie beachtet. Athabaska rief ihnen zu:
    Die Shne von Old Surehand und Apanatschka mgen nher treten!
    Sie kehrten wieder um. Seine Stimme hatte jenen unwiderstehlichen Ton, dem
man gehorchen mu, auch wenn man nicht gehorchen will. Alles war pltzlich
still. Niemand sprach. Man konnte das leise Knistern des kleinen Feuers hren.
Da fragte Athabaska die beiden:
    Sind Young Surehand und Young Apanatschka Huptlinge?
    Nein, antworteten beide.
    Ist Old Shatterhand Huptling?
    Ja.
    Es sind schon fast siebzig schwere Winter, die er verlebte; sie aber haben
noch nicht einmal dreiig leichte Sommer hinter sich. Und doch gehen sie nicht
zu ihm, sondern sie verlangen, da er zu ihnen komme! Seit wann ist es bei den
roten Mnnern Sitte, da das Alter der Jugend zu gehorchen hat und die
Erfahrenheit der Unerfahrenheit? Wir wollen, da unser Volk vom Schlafe
auferstehe. Wir wollen, da es seine Rechte und seine Pflichten erkennen lerne.
Wir wollen, da es sich zu den gebildeten Nationen zhle. Wie aber sollen wir
das erreichen, wenn wir nicht einmal das Gesetz der wildesten unter den Wilden
achten, da die Jugend das Alter ehre?
    Da warf Young Surehand stolz ein:
    Wir sind Knstler!
    Uff, uff! rief Athabaska aus. Ist das etwas Besseres, als Mensch zu sein
und als alt und erfahren zu sein? Ihr seid Knstler? Habt ihr das schon
bewiesen? Vielleicht ist Old Shatterhand auch einer. Er hat sich noch nicht als
Knstler bezeichnet. Ihr aber nennt euch so. Darum werden wir euch prfen, ob
euch dieser Name zukommt oder nicht. Und selbst wenn ein Knstler etwas so Hohes
und so Herrliches wre, da kein anderer Mensch ihn zu erreichen vermchte, so
mte man doch von ihm wohl erst recht die Tugenden fordern, die man an jedem
gewhnlichen Menschen zu sehen verlangt. Fragt eure Vter, und fragt Kolma
Putschi, was sie Old Shatterhand verdanken! Hat er nun fr diese seine Taten und
fr alle Liebe, die er ihnen erwies, den Shnen nachzulaufen, weil diese von
sich behaupten, Knstler zu sein? Was soll denn diese eure Kunst? Uns ein
Riesenbild von Winnetou geben! Knnt ihr das? Ich glaube, nicht! Unser groer
Winnetou war vor allen Dingen bescheiden. Er diente. Er achtete und ehrte das
Alter selbst im geringsten Menschen. Seine grte Lust war, zu helfen, zu
tragen, zu beglcken. Ihr aber seid zu stolz, selbst seinem besten Freunde den
ersten Besuch, den Hflichkeitsbesuch, der nicht euch, sondern ihm gebhrt, zu
machen. Ihr habt also Winnetou niemals verstanden und begriffen. Wie knnt ihr
uns da ein Bild von ihm geben, welches wahr und ehrlich und nicht erlogen ist?
Wo sind eure Vter? Sind sie anwesend?
    Noch nicht. Sie ritten heute frh fort. Sie kehren erst am Abend wieder.
    So sagt ihnen, wenn sie kommen, folgendes: Die hier versammelten Huptlinge
verlangen von ihnen, da sie zu Old Shatterhand kommen, um ihn fr ihre Shne um
Verzeihung zu bitten. Wir aber werden nach Verlauf einer Stunde bei eurem
tnernen Winnetou eintreffen, um zu prfen, ob ihr Knstler seid oder nicht.
Jetzt knnt ihr gehen!
    Sie stiegen auf ihre Pferde und ritten fort, ohne ein einziges Wort der
Entschuldigung zu sagen oder der Verteidigung zu wagen. Und als wir nach Verlauf
der angegebenen Zeit bei dem groen, hohen Blockhause ankamen, in welchem sie an
dem Modell gearbeitet hatten, standen sie an der Tr und empfingen uns still und
ehrerbietig wie Leute, die gern zrnen mchten und aber doch nicht drfen. Sie
waren brigens ganz prchtige und sympathische junge Menschen, und ich sah es
dem Herzle an, da sie im Innern gern bereit war, sie zu verteidigen. Sie nickte
und lchelte ihnen heimlich zu; ich aber durfte ihnen nur einen grenden Blick
geben, weiter nichts, um Athabaska nicht zu beleidigen.
    Als wir in das Gebude traten, sahen wir da smtliche Herren vom Komitee
versammelt. Sie hatten sich eingestellt, um auf die Huptlinge einzuwirken,
wurden aber von diesen derart als Luft behandelt, da sie es gar nicht wagten,
sich ihnen zu nhern oder gar etwa einen von ihnen anzusprechen.
    Das Haus war rund wie ein Zirkus gebaut und enthielt nur einen einzigen
Raum. Die mit Leinwand berkleidete Holzblockmauer zeigte ein wohlgelungenes
Panorama des hiesigen Platzes mit dem Mount Winntou und seinen beiden riesigen
Felsentrmen. Den vorderen, kleineren Turm mit dem Schlosse Tatellah-Satahs,
und den greren, hheren mit der von hoch oben stolz herabschauenden
gigantischen Winnetoufigur, selbstverstndlich jetzt nur erst projektiert. Als
Modell vollendet aber ragte diese Figur in der Mitte des Raumes. Sie war
ungefhr acht Meter hoch und stand unter der gnstigen Wirkung des durch die
offenen Dachfalten hereinbrechenden Oberlichtes. Fr die dunklen Abendstunden
war elektrische Beleuchtung vorhanden, die hierzu ntige Elektrizitt wurde ohne
groen Kostenaufwand am Wasserfall erzeugt. Es war berechnet, da sie spter fr
die ganze Stadt Winnetou ausreichen werde.
    Mein erster Blick war nach dem Gesicht Winnetous. Es war getroffen,
berraschend getroffen. Und doch erschien es mir fremd. Es waren seine Zge,
ganz genau seine Zge; aber sie waren nicht so freundlich ernst, so gtig und so
lieb, wie ich sie kennen gelernt hatte, sondern sie zeigten einen fremden
Ausdruck, der ihm im Leben niemals eigen gewesen war. Dieser Ausdruck
harmonierte allerdings mit der aggressiven Bewegung, welche der Figur von ihren
Verfertigern erteilt worden war. Die Kleidung war mit peinlichster
Gewissenhaftigkeit ausgefhrt. Die mit Stachelschweinsborsten geschmckten
Mokassins, die gestickten Leggins, der eng anliegende, fast faltenlose, lederne
Jagdrock, die ber die Schulter geschlagene, prchtige Santillodecke, unter
welcher die Schlingen des von der rechten Achsel nach der linken Hfte gehenden
Lassos hervorschauten. Am Grtel hing der Pulver- und Kugelbeutel frherer Zeit.
Daneben steckte das Messer, unweit davon eine Pistole und ein Revolver. Den
rechten Fu wie zum Sprunge vorgesetzt, sttzte sich die Figur auf die in der
linken Hand gehaltene Silberbchse, whrend die rechte Hand einen geladenen
zweiten Revolver drohend vorstreckte. In dieser vorwrts strebenden Bewegung
hatte die Gestalt etwas aal- oder schlangenhaftes. Oder man dachte an einen
Panther, der sich aus seinem Hinterhalt hervorschnellt, um sich auf die Beute zu
strzen. Hierzu pate der nicht etwa nur drohende, sondern gierige Ausdruck des
Gesichtes, welcher umso befremdender oder abstoender wirkte, je deutlicher die
Schnheit dieses Gesichtes trotz alledem hervortrat.
    Schade, jammerschade! flsterte mir das Herzle zu.
    Leider, leider! antwortete ich. Und sie sind Knstler, wirkliche
Knstler!
    Ganz zweifellos! Nur die Auffassung ist falsch. Es ist eine Snde, eine
ungeheure Snde. Wie man Winnetou so etwas antun konnte, das begreife ich nicht!
Und diese Figur soll auf die Hhe des Berges!
    Niemals, niemals! Ich dulde das nicht. Und wenn man mich nicht hrt, so
greife ich zum letzten Mittel und zertrmmere sie vor aller Augen!
    Die Huptlinge waren still. Sie schritten langsam rund um das Bild, um es
von allen Seiten zu betrachten, sagten aber nichts. Young Surehand und Young
Apanatschka standen in der Nhe. In ihren Gesichtern drckte sich nicht die
geringste Spannung aus. Sie waren vollstndig berzeugt, da der Eindruck ihres
Werkes auf uns ein unvermeidlich imponierender sei. Die Herren vom Komitee waren
derselben Meinung. Sie hatten erwartet, uns in Ausrufe des Entzckens ausbrechen
zu hren. Als aber Minute um Minute verging, ohne da einer von uns ein Wort
verlautete, begannen sie, uns Vorspann zu leisten, indem sie nun ihrerseits das
taten, was wir unterlieen. Sie ergingen sich in lobenden Interjektionen, um uns
zu verleiten, diesem ihrem Beispiele zu folgen. Aber die Wirkung, die sie
erreichten, war dieser ihrer Absicht gerade entgegengesetzt: Die Huptlinge
wendeten sich dem Ausgange zu. Sie schritten hinaus, einer nach dem andern. Ich
folgte mit dem Herzle. Da kam das Komitee, die beiden Knstler voran, uns
nachgeeilt. Sie wollten Auskunft haben. Athabaska war der erste, der in den
Sattel kam. Er wartete, bis wir andern oben saen, und wendete sich dann an die
Fragenden:
    Dieser euer Winnetou ist die grte Lge, die jemals hier zwischen den
Bergen erklang. Zerschmettert sie! Da hinauf kommt sie mir nie, nie, nie!
    Er deutete bei diesen Worten nach der Hhe, auf welcher die Figur errichtet
werden sollte.
    Nie! stimmte Algongka bei.
    Nie - - nie - - nie - nie! fielen auch die anderen Huptlinge nebst ihren
Unterhuptlingen ein.
    Und sie kommt hinauf! rief Young Surehand.
    Ja, sie kommt hinauf! behauptete auch Young Apanatschka. Beweist es, da
es eine Lge ist!
    Und Mr. Antonius Paper, der immer Voreilige, kam demonstrativ zu uns
herangeschlingert und schmetterte uns an:
    Wir sind das Komitee zur Errichtung des Winnetoudenkmals. Was wir
beschlieen, das geschieht. Die Figur kommt hinauf, hinauf, hinauf!
    Er fuchtelte dabei mit den Armen, grad vor Schahko Mattos Pferd. Dieser gab
schnellen Schenkeldruck, ritt ihn ber den Haufen und antwortete:
    Wirklich? Ihr seid das Komitee? So setzen wir euch ab und whlen ein
anderes!
    Ja, ein anderes, ein anderes! riefen die Unterhuptlinge, whrend Mr.
Antonius Paper sich vom Boden aufraffte und hinter den andern Mitgliedern des
Komitees Schutz suchte.
    Da kam dem ersten Vorsitzenden, Professor Bell, eine Ahnung, da es mit
ihrem Vorhaben denn doch nicht so sicher stehe, wie er bisher angenommen hatte,
und da der jetzige Augenblick vielleicht wohl gar der entscheidende sei. Er tat
einige Schritte zu mir herbei und fragte:
    Welcher Meinung seid denn Ihr, Mr. Shatterhand? Ich bitte Euch, mir das zu
sagen!
    O, auf das, was ich denke, kommt es hier doch gar nicht an, antwortete
ich.
    Das ist nicht wahr! entgegnete er. Ich bin berzeugt, da man tun wird,
was Ihr vorschlagt. Darum ersuche ich Euch, mir zu sagen: Was schlagt Ihr vor?
    Dazu ist jetzt wohl nicht die richtige Zeit und hier auch nicht der
richtige Platz. Ich kenne berhaupt den mir angewiesenen Platz noch nicht. Ich
kann also erst dann sprechen, wenn ich meine Nummermarke habe. Vielleicht hat
euer Schriftfhrer die Gte, sie mir nach meiner jetzigen Wohnung zuzustellen.
    Hierauf ritt ich davon. Die anderen folgten sogleich. In der Oberstadt
angekommen, gab es nur noch eine kurze Beratung. Wir alle waren der Ansicht, da
nichts geschehen konnte, bevor wir mit Old Surehand und Apanatschka gesprochen
hatten. Das war also abzuwarten. Hierauf verabschiedeten wir uns von den
Huptlingen und ritten nach den Zelten der Siouxfrauen, um unsere Freundinnen,
die beiden Aschtas, fr heute Abend zu uns einzuladen. Sie sagten freudig zu.
Dann kehrten wir nach dem Schlosse zurck, bergaben dort unsere Pferde und
stiegen durch den Wald zu Fu nach dem Wachtturm hinauf, um den jungen Adler
aufzusuchen und fr den Abend auch mit einzuladen. Es waren mehrere Indianer und
Indianerinnen bei ihm, die er mit leichten Zimmer- und Flechtarbeiten
beschftigte, warum und wozu, das fragte ich nicht.
    Tatellah-Satah war heut nicht mehr zu sehen. Er hielt es fr richtig, mich
ganz mein eigener Herr sein zu lassen, wie auch ich mir vorgenommen hatte, ihn
nicht eher aufzusuchen, als bis es ntig war. So blieben wir am Abend mit unsern
drei lieben Gsten allein und beobachteten mit stiller Freude, in wie unendlich
zarter Weise die Herzen der jungen Leute sich einander mehr und mehr nherten.
Ich hatte es fr mglich gehalten, da Old Surehand und Apanatschka sich noch
heut am Abend bei mir einstellen wrden. Das geschah aber nicht. Dafr aber fand
ich, als ich am andern Morgen aufstand, einen Boten von ihnen vor. Sie lieen
mir sagen, da ich wohl wte, wie sehr sie mich liebten und achteten, und wie
sehr sie sich freuten, mich wiederzusehen; aber es sei ihnen unmglich, mich in
der Wohnung ihres Feindes Tatellah-Satah aufzusuchen. Ich htte zu entscheiden
zwischen ihnen und ihm ein Drittes gebe es nicht. Uebrigens seien sie, falls ich
zu ihnen nach der Unterstadt komme, zu jeder Zeit fr mich zu sprechen. Abbitte
zu leisten, liege kein Grund vor, da es fr ihre Shne unmglich gewesen sei,
mich auf dem Schlosse aufzusuchen.
    Es fiel mir nicht ein, mir diese Botschaft zu Herzen zu nehmen. Es wirkten
da jedenfalls Dinge, die ich nicht kannte, und auch nicht kennen zu lernen ntig
hatte. Es gab hier nur eines zu beachten, nmlich: Wer nicht will, der mu! Und
heut frh hatte ich am allerwenigsten Lust und Zeit, mich mit persnlichen
Streitfragen zu befassen. Ich mute nach dem Tal der Hhle, um topographisch
orientiert zu sein, wenn die Feinde kamen, sich dort zu verstecken.
    Intschu-inta, unser riesiger Diener, stand mit seiner Leibgarde schon seit
dem Morgengrauen bereit, uns dorthin zu begleiten. Er hatte fr alles gesorgt,
fr Speise und Trank, fr Lichter, Fackeln, Stricke, Haken und alle mglichen
anderen Gegenstnde, deren wir bedurften, um die Hhle so, wie es notwendig war,
kennen zu lernen. Sie hatte fr mich eine ungewhnliche Wichtigkeit. Es wre mir
wohl schwer geworden, bestimmte, klare Grnde hierfr anzugeben. Es handelte
sich dabei mehr um eine Ahnung als um ein bestimmtes, sicheres Wissen. Aber seit
ich gesehen hatte, wie pltzlich der Schleierfall in der Erde verschwand, und
seit ich wute, da die unterirdische Hhle bis nahe an diesen Fall
heranreichte, war es mir, als ob sie in unsern hiesigen Erlebnissen eine nicht
ganz unbedeutende Rolle spielen werde.
    Zum besseren Verstndnis dessen, was nun kommt, erinnere ich an die berhmte
Mammuthhle in Kentucky in den Vereinigten Staaten, die mit ihren Seitenhhlen
eine Lnge von ber dreihundert Kilometern besitzt. Ihr Hauptgang erstreckt sich
unter der Erde sechzehn Kilometer weit. Es gibt da unzhlige Schchte, Stollen,
Gnge, Schluchten, Hallen, Stuben, Sle, Grotten, Dome, Teiche, Seen, Bche,
Flsse und Wasserflle. So ungefhr dachte ich mir die Hhle am Mount Winnetou,
und die Folge zeigte, da ich mich da nicht geirrt hatte. Sie war zwar nicht von
gar so riesigen Dimensionen, aber der Wunder gab es auch hier genug. Besonders
war es die beraus reichliche und unvergleichliche Stalaktitenbildung, welche
wir bestaunten.
    Der Weg nach der Hhle ging nicht durch die Stadt und dann den weien Flu߫
entlang, sondern man ritt auf der anderen Seite von der Hhe hinab und hatte
dann einem Bache zu folgen, der den Vorsatz gefat zu haben schien, alle
diejenigen, die sich seiner Leitung anvertrauten, dahin zurckzufhren, woher
sie gekommen waren. Es ging immer rundum, doch in Schraubenlinien immer tiefer
hinab. Dabei bekamen wir besonders den kleinen Mount Winnetou, auf dem
Tatellah-Satah wohnte, von allen mglichen Gesichtpunkten aus zu sehen. Einmal
konnten wir das groe Kriegsadlernest, welches unser Freund, der junge Adler,
erklettert hatte, besonders deutlich erkennen. Das war der Grund, da das Herzle
den Diener fragte, ob er ber diesen Vorgang unterrichtet sei. Heut war nur
Pappermann, nicht aber auch der junge Adler bei uns; so konnten wir also ber
dieses sein Erlebnis sprechen, ohne indiskret zu sein.
    Ja, ich wei alles, antwortete Intschu-inta. Ich stand ja neben
Tatellah-Satah, der vor seiner Tr sa, als der junge Adler vom Horste des
Kriegsadlers herabgeflogen kam und grad zu unsern Fen landete. Ich habe dieses
Weibchen, welches viel, viel grer als das Adlermnnchen war, dann mit
erschlagen helfen. Einen strkeren, greren und gewaltigeren Vogel als dieses
Weibchen gab es nie im ganzen Leben. Wie alt sie war, das wute man schon lngst
nicht mehr. Jedermann kannte sie. Sie litt kein Mnnchen bei sich; sie bi und
jagte es fort. Man schrieb ihr ungeheure Krfte zu. Man behauptete, sie knne
einen ausgewachsenen Prriewolf zum Horste tragen. Damals zhlte der junge Adler
zwlf Jahre. Er wohnte hier bei uns. Er war ein Verwandter Winnetous und der
Liebling aller derer, die ihn kannten. Trotz dieser seiner groen Jugend ging er
nach Norden, um sich den Ton zu seiner Friedenspfeife aus den heiligen
Steinbrchen von Dokota zu holen. Als er mit dem Ton zurckkam und die Pfeife
geschnitten war, erklrte er, da er sich nun auch seine Medizin erbeuten wolle.
Er ging vierzig Tage in die Wste, um zu fasten, und da trumte ihm, da er der
junge Adler heien werde und darum die beiden jungen Kriegsadler aus dem Horste
holen solle; ihre Krallen und Schnbel seien seine Medizin. Er war vom Fasten
schwach. Er wog kaum noch die Hlfte von vorher. Dennoch wagte er es, das Gebot
des Traumes sofort auszufhren, ohne sich recht zu erholen. Er nahm einen Lasso,
steckte ein Messer und viele Riemen zu sich und begann den Aufstieg in die Hhe
des Horstes. Droben angekommen, fand er das Nest unzugnglich. Um es zu
erreichen, mute man ein Stck darber hinausklettern und sich dann am Lasso
herablassen. Er tat das. Er befestigte den Lasso am berhngenden Felsen und
griff sich dann daran hinunter. Aber der Lasso war zu kurz. Als er das Ende
erreichte, schwebte er noch hoch ber dem Neste und die Krfte verlieen ihn. Er
ffnete die Hnde und sprang in das Nest herab. Der Lasso schwebte hoch ber ihm
hin und her und war nicht mehr zu erreichen.
    Wie frchterlich! rief das Herzle aus. Gab es keinen Weg aus dem Neste?
    Nein, lchelte der Erzhler. Adler pflegen nicht an Wegen zu horsten. Die
Adlermutter war abwesend; die beiden Jungen aber lagen da. Sie rissen die
Schnbel auf und kreischten den Eindringling angstvoll an. Er ttete sie,
schnitt ihnen die Kpfe und die Krallen ab, steckte diese ein und warf die
Krper in die Tiefe. Dann begann er zu berlegen, wie er sich wohl entfernen
knne. Aber es war keine Mglichkeit zu ersehen. Hoch ber ihm der Lasso, den er
nicht erreichen konnte, unter ihm die grausige Tiefe, und er selbst im
schwindelnden Felsenhorste, aus dem keine Ratte, keine Maus einen Rettungsweg
gefunden htte, viel weniger ein Mensch! Und indem er das erkannte, sah er die
Alte kommen, mit einem kleinen Wild in den Fngen, welches sie fr ihre Jungen
erbeutet hatte. Sobald sie ihn sah, lie sie es fallen und scho mit heieren
Schreien auf ihn zu. Er zog sein Messer, um sich zu verteidigen. Aber in
demselben Augenblicke war es, als ob eine laute, warnende Stimme ihm zuriefe:
Tte sie nicht, und verletze sie nicht, sonst bist du verloren! Sie ist deine
einzige Rettung!
    Ah, fliegen! sagte das Herzle, tief Atem holend.
    Ja, fliegen, nickte Intschu-inta. Das war das Einzige; weiter gab es
nichts.
    Der arme Knabe! Wie ermglichte er das?
    Nicht der arme Knabe! Sondern der khne, der kluge, der mutige Knabe! Hier
kann es kein Bedauern geben, sondern nur ein Bewundern! Der Horst liegt auf
einem kleinen Felsenvorsprunge, von dem aus ein schmaler Ri in das Innere des
Gesteines fhrt, um aber bald zu enden. Da lagen die Hlzer und Knppel der
frheren Jahrgnge des Horstes, denn der Kriegsadler baut sein Nest jhrlich
immer neu und also immer hher. Es gelang dem Knaben, sich in diesen Ri zu
retten, noch ehe das kreischende Raubvogelweib den Horst erreichte und den
wtenden Angriff begann. Er kroch nach und nach fast ganz unter die Hlzer und
verteidigte sich mit ihnen. Dabei dachte er eifrig darber nach, wie er sich
retten knne. Er war so klug, einzusehen, da dies nur dadurch mglich sei, da
der Adler ihn hinunter in die Tiefe trage. Er fragte sich, ob er trotz seiner
jetzigen Leichtigkeit nicht doch zu schwer fr diesen Vogel sei. Indem er das
dachte, lie die Alte von ihrem Angriffe ab, um nach ihren Jungen zu suchen.
Dadurch gewann er Zeit zu ruhigerem Ueberlegen.
    Er war zu schwer! fiel das Herzle ngstlich ein.
    Allerdings war das anzunehmen, stimmte Intschu-inta bei. Einen sicheren,
ruhigen Flug konnte es also nicht geben, ganz abgesehen davon, da der Adler
sich aus allen Krften struben wrde, ihn zu tragen. Aber wenn kein
eigentlicher Flug, so war es doch wohl auch kein eigentlicher Sturz in die
Tiefe. Es war vorauszusehen, da die Flgelschlge die Jhheit und Strke dieses
Sturzes mildern wrden. Es galt also, den Adler so zu fesseln, da er den Knaben
weder mit dem Schnabel, noch mit den Krallen verletzen, aber doch fliegen
konnte. Schlingen und Fesseln, mit denen man dies erreicht, sind einem jeden
Indianer, sogar auch den Kindern, gelufig. Kaum war der Gedanke gefat, so
wurde seine Ausfhrung vorbereitet. Riemen waren mehr als genug da. Mit Hilfe
eines passenden, aus dem Horst gezogenen Holzes und dreier Riemen wurde
schleunigst ein Knebel gefertigt, der den Adler zwang, Kopf und Hals gradeaus zu
strecken. So war ihm der Gebrauch des gefhrlichen Schnabels verwehrt. Fr die
Fnge oder Krallen gab es eine fnffache Schlinge, die spter noch zu verstrken
war. Fr den Leib eine Schleife, welche den Zweck hatte, die Flgel zu schlieen
und eng an den Krper zu zwingen, natrlich nur bis zu dem Augenblick, an dem
der Flug zu beginnen hatte. Mehrere Hlzer wurden fest in die Felsenspalte
geklemmt, so da sich eine Art von Gitter zum Schutze des darinsteckenden Knaben
bildete. Wollte der Adler ihn fassen, so war er gezwungen, den Kopf durch dieses
Gitter zu stecken, der dann sehr leicht mit der Schlinge gepackt und
festgehalten werden konnte.
    Meine Frau war auerordentlich gespannt, ich nicht viel weniger. Pappermann
las dem Erzhler die Worte fast von den Lippen weg. Intschu-inta fuhr fort:
    Kurze Zeit, nachdem diese Vorkehrungen getroffen waren, kehrte die
Adlersfrau zurck. Sie schien die Leichen ihrer Kinder gefunden zu haben, denn
sie fuhr in einer bedeutend greren Wut als vorher auf ihren Feind los. Sie
besann sich nicht im Geringsten, den Kopf durch das Gitter zu stecken. Sofort
legte sich ihr die Schlinge um den Hals, und mochte sie sich noch so sehr
wehren, einige Minuten spter war ihr der Knebel angelegt, der sie zwang, Kopf
und Hals geradeaus zu strecken. Sie wehrte sich aus Leibeskrften, mit den
Flgeln und den Krallen. Die letzteren wurden sehr leicht in Schleifen gefangen
und dann fest aneinander gebunden. Um die ersteren zur Ruhe zu bringen, mute
der Knabe den gewaltigen Raubvogel, der sich aber nun schon nicht mehr wehren
konnte, halb zu sich in den Felsenspalt ziehen, um ihm die Schwingen an den Leib
zu drcken und dann mit Riemen festzubinden. Als dies geschehen war, konnte der
Adler sich nicht mehr bewegen. Er war vollstndig berwltigt; der Sieger aber
hatte nicht die geringste Verletzung davongetragen, der Vogel allerdings ebenso.
Das Schwierigste war vorber; das Khnste konnte beginnen, nmlich der fliegende
Sturz oder der strzende Flug in die grausige Tiefe.
    Gott sei Dank, da ich es nicht war! meinte Pappermann. Mir wre dieses
Wagnis gewi nicht gelungen. Wen das Schicksal dazu verurteilt hat, Pappermann
zu heien, der mu auf fester Erde bleiben, sonst geht er sicher kaput! Doch
weiter, schnell weiter! Ich bin gespannt!
    Der Diener fuhr fort:
    Nun das Raubtier gebndigt war, konnte der Knabe die Felsenspalte wieder
verlassen. Er trat vor und schaute in den Abgrund. Es kam keine Spur von Zagen
ber ihn. Es fiel ihm nicht ein, auch nur einen Augenblick zu zgern. Jetzt war
der Adler noch bei voller Kraft. Je schwcher er wurde, desto gefhrlicher war
der Sprung von dem Horst in das ghnende Nichts hinaus. Der Vogel stank nach
Wild und Blut. Seine groen, runden Augen glhten vor Ha und Wut. Und doch
konnte nur er allein der Retter sein, weiter niemand, weiter nichts! Das sind
Rtsel, die nur Einer lsen kann, ein Einziger, und dieser Einzige ist gut, ist
ewig gut! Der Knabe befestigte sich die besten seiner Riemen unter den Armen
hindurch ber Brust und Rcken, band sie an die Krallen des Adlers, doch so, da
ihm die schlagenden Flgel des Vogels das Gesicht nicht verletzen konnten, und
zog den letzteren bis hart an den Rand des Abgrundes. O Manitou, o Manitou! rief
er aus. Dann durchschnitt er die beiden Riemen, welche die Flgel fest an den
Leib gehalten hatten. Der Adler regte sie; er bemhte sich, sie auszubreiten,
aber er konnte sich nicht aufrichten, weil ihm die Krallen zusammengebunden
waren. O Manitou, o Manitou! betete der Knabe noch einmal. Dann schlo er die
Augen, glitt langsam ber den Rand des Felsens hinaus und zog den Vogel nach.
    Weiter, weiter! rief Pappermann. Ich kann es nicht erwarten!
    Ja, schnell, schnell! bat auch das Herzle. Intschu-inta gehorchte:
    Ich habe gesagt, da der Knabe die Augen schlo. Strzte er? Nein. Er wre
in einigen Sekunden unten in der Tiefe aufgeschlagen. Aber die Sekunden
vergingen, und er lebte noch. Ueber ihm rauschten Flgel. Er schwankte hin und
her. Der Adler schrie in einemfort. Sein Kreischen klang ber Berg und Tal, da
jedermann zur Hhe schauen mute. Da ffnete der Knabe die Augen. Er sah, da er
fiel, bestndig fiel, aber nicht strzend, sondern langsam, in einer abwrts
gehenden Schraubenlinie. Der Adler wehrte sich. Er wollte nicht nieder. Er
arbeitete mit allen Krften seiner Schwingen. Aber der Knabe war zu schwer; der
zog ihn hinab, bis in die Nhe des Schlosses. Da erreichten sie den festen
Boden. Aber der Knabe war noch nicht gerettet. Er hatte sein Messer nicht mehr.
Er konnte die Riemen nicht durchschneiden, sich nicht vom Vogel befreien, der
sich bemhte, wieder aufzusteigen. Es entspann sich ein Kampf, in dem der Adler
strker als der Knabe war. Er schlug ihn mit den Schwingen; er ri ihn hin und
her. Leute eilten herbei. Die Angst vor ihnen verdoppelte die Krfte des Adlers.
Er berwand die an ihm hngende Last. Er ging noch einmal in die Luft, wenn auch
nicht hoch. Er flog eine kurze Strecke weit, dann sank er wieder zur Erde, die
er grad vor uns erreichte, vor Tatellah-Satah und vor mir. Da lag ein Stein. Ich
hob ihn auf, und wir erschlugen den Riesenvogel. Der Knabe war gerettet. Die
Flgelschlge hatten ihn arg mitgenommen; aber er lchelte. Er jubelte sogar.
Denn er hatte erreicht, was er erreichen wollte, nmlich seine - - Medizin.
Seitdem wird er der junge Adler genannt, und das Fliegen ist es, wovon er am
liebsten spricht. Er ist sogar nach den Stdten und Drfern der Bleichgesichter
gegangen, um es dort zu lernen.
    Und kann er es? fragte das Herzle.
    Das wei ich noch nicht. Aber er ist schon seit gestern dabei, sich eigene
Flgel zu bauen. Also scheint er es doch zu knnen. Das drfen aber nur wir
wissen, andere nicht.
    Wir waren whrend dieser Erzhlung eine gute Strecke vorwrts gekommen und
folgten nun einer ganzen Reihe von Tlern und Schluchten, welche miteinander im
Zusammenhange standen, aber nach so verschiedenen Richtungen fhrten, da es oft
schwer war, zu sagen, ob wir nach Nord oder Sd, nach Ost oder West ritten.
Schon waren wir ber drei Stunden unterwegs. Da stieen wir auf einen kleinen
Flu, dessen klarem Wasser man es ansah, da es nicht aus einer erdigen oder gar
lehmigen, sondern aus einer felsigen Gegend kam.
    Das ist das Wasser der Hhle, an dem wir nun aufwrts reiten werden, sagte
Intschu-inta. Es kommt aus der Hhle und fhrt uns also direkt nach unserem
Ziele.
    Wir schwenkten in diese Richtung ein. Als wir an dieses Wasser kamen, hatten
wir den tiefsten Punkt unseres heutigen Weges erreicht. Nun ging es wieder
aufwrts, dem Mount Winnetou zu, wenn auch von einer anderen Seite. Wir hatten
einen groen Umweg gemacht. In der Luftlinie standen wir dem Berge ganz
bedeutend nher. Das Tal des Flchens war eng und dabei dicht mit Nadelholz
bewachsen. Oft fanden wir vor lauter Baumwuchs kaum genug Platz zum
Vorwrtskommen. Das dauerte weit ber eine Stunde lang. Dabei wurden die Seiten
des Flutales immer hher und hher. Dann kam eine Stelle, wo sie pltzlich weit
auseinandertraten und wohl eine halbe Reitstunde lang in schnurgerader Richtung
verliefen. Dadurch entstand eine groe, lange, pfannenhnliche Bodenvertiefung,
deren Sohle der Flu wie eine mit dem Lineal gezogene Schnur durchschnitt. Eine
ganz erstaunliche Vegetation von Riesenbumen stieg zu beiden Seiten hoch empor.
Zwischen den gigantischen Stmmen gab es dichtes Unterholz in Menge. Dicht war
auch das Gestruch, welches den Boden dieser Felsenpfanne bedeckte. Einzelne
Laub- und Nadelkronen ragten daraus empor. Hier gab es Laub und Gras in reicher
Menge, zum Futter fr die Pferde. Allerdings, wenn die Pferde nach Tausenden
zhlten und nicht nur einige Tage, sondern lngere Zeit zu bleiben hatten, so
reichte auch diese Menge nicht aus.
    Das ist das Tal der Hhle, sagte Intschu-inta.
    Und wo ist die Hhle? fragte das Herzle.
    Ganz hinten, am Ende des Tales, wo es direkt an den Mount Winnetou stt.
Kommt!
    Wir ritten weiter.
    Also hier war es, wo die verbndeten Sioux, Uthas, Kiowa und Komantschen
sich verstecken wollten. Der Platz war gar nicht bel von ihnen gewhlt. Nur lag
er von uns sehr weit entfernt, und wer uns von hier aus berfallen wollte, der
hatte vorher einen fnf Stunden langen, mhsamen Weg zurckzulegen. Oder gab es
vielleicht einen krzeren, bequemeren Weg? Und war er unsern Gegnern bekannt?
Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf. Sie erschienen mir der Beobachtung
wert. Und sonderbar, kaum hatte ich ihnen Raum gegeben, so parierte ich mein
Pferd und winkte den anderen, auch innezuhalten. Ich sah nmlich eine Spur. Ich
stieg ab, sie zu untersuchen. Sie stammte von zwei Pferden, die nicht denselben
Weg wie wir gekommen waren, sondern links von der Hhe herab, und zwar vor
hchstens einer Stunde. Es gab also zwei Reiter, die da vor uns waren. Wer sie
waren, konnte ich aus den Spuren nicht ersehen, jedenfalls aber Indianer. Ich
nahm meinen Revolver aus der Tasche. Wir ritten weiter, aber langsam und
vorsichtig, so geruschlos wie mglich, immer einer hinter dem andern, ich
voran. Wir folgten den Spuren, die in dem weichen, von den Hhen
herabgeschwemmten Boden sehr deutlich zu sehen waren. Sie fhrten am Flusse hin,
zwischen den Bschen hindurch, nach dem hinteren Teile der Talpfanne.
    Sie sind nach der Hhle, sagte Intschu-inta. Sie kennen sie!
    Und zwar so gut, fgte ich hinzu, da sie quer ber die wilden Vorberge
gekommen sind und sie dennoch gefunden haben. Ihre Kenntnis ist also genauer
noch als die deine.
    Wir nherten uns dem Ende des Tales. Es hrte da auf, wo der Flu direkt aus
dem Innern des Berges trat. Eine Oeffnung fhrte hinein. Sie war dreimal breiter
als der Flu und nur so hoch, da ein Reiter hinein konnte, ohne sich bcken zu
mssen. Das war der Eingang zu der groen Hhle, die wir kennen lernen wollten.
Vor diesem Eingange gab es einen kleinen, freien Platz, der von dem
herabstrzenden Steingerll bestrichen wurde und darum vegetationslos war. Am
Rande dieses Platzes angekommen, hielten wir an, denn nun sahen wir die beiden
Reiter, die wir suchten. Sie waren abgestiegen und lagen auf dem Bauche an der
Erde, mit den Kpfen ber etwas Weies gebeugt, was ein Papier oder sonst dem
hnliches zu sein schien. Ihre Pferde knusperten von den letztjhrigen Zweigen
der Bsche. Die beiden Sttel lagen in der Nhe, dabei einige Taschen und
Pakete, auch die Gewehre.
    Wir stiegen ab und fhrten unsere Pferde eine kleine Strecke zurck, um sie
dort anzubinden, sonst konnten wir durch sie verraten werden. Dann kehrten wir
wieder nach dem Buschrand zurck, um die beiden Mnner zu beobachten.
    Kennst du sie? fragte ich das Herzle.
    Nein, antwortete sie.
    Du hast sie aber gesehen!
    Nein, gewi nicht!
    Aber doch! Sogar mehrere Stunden lang!
    Wo?
    Im Hause des Todes, bei der Beratung der Huptlinge. Es sind die beiden
Medizinmnner der Kiowa und der Komantschen, welche den Altar ffneten.
    Wirklich?
    Ganz gewi!
    Dein Auge ist sicherer als das meine. Ich habe sie nur bei dem ungewissen,
flackernden Licht der Feuer gesehen.
    Ich auch. Aber der Westmann gibt sich vor allen Dingen Mhe, sich die
Gesichtszge derer, die ihm wichtig sind, so gut wie mglich einzuprgen. Darin
bist du nicht gebt. Das Papier, mit dem sie sich beschftigen, kann kein
gewhnliches sein. Mir scheint, es ist eine Karte oder so etwas. Sie fahren mit
den Fingern darauf herum, heftig, als ob sie sich stritten. Sie sprechen dabei
so laut, da man es sogar hier bei uns fast hren kann. Ich schleiche mich hin,
sie zu belauschen.
    Ich mit?
    Nein liebes Herzle, lachte ich. In welcher Sprache willst du lauschen?
Und dein Anschleichen drfte wohl etwas laut ausfallen.
    Schade! Ich mchte gern auch mittun! Wie nun, wenn sie dich ermorden
wollen? Erschieen, erschlagen oder erstechen?
    So kommst du schnell, mir zu helfen!
    Das darf ich?
    Ja, das darfst du! Du darfst sogar dabei schreien und brllen und heulen,
so sehr und so viel du nur willst!
    So geh! Ich komme sogar auf alle Flle!
    Ich gab Pappermann und Intschu-inta die ntige Anweisung und trat dann
zwischen die Bsche, um mich zu den Indianern hinzuschleichen. Das fiel mir
nicht schwer, denn sie waren so sehr mit sich selbst beschftigt, da sie weder
Augen, noch Ohren fr etwas anderes zu haben schienen. Ich kam so nahe an sie
heran, da ich von dem Strauche aus, der mich verbarg, mit meiner Hand den Fu
des auf dem Bauche ausgestreckten Kiowa htte ergreifen knnen. Das Thema,
welches sie behandelten, war von grter Wichtigkeit, nicht nur fr sie, sondern
ebensosehr auch fr mich.
    Das, was ich fr Papier gehalten hatte, war nicht Papier, sondern Leder,
seidendnn pergamentartig zubereitetes Leder, auf beiden Seiten beschrieben oder
wohl auch bemalt. Die eine Seite enthielt eine genaue Zeichnung des Mount
Winnetou und den Situationsplan des Schlosses, welches der Bewahrer der
groen Medizin bewohnte. Auf der anderen Seite befand sich eine ebenso genaue
Karte des Inneren der groen Hhle, vor welcher wir uns befanden. Das wute ich
schon nach Verlauf der ersten Minute, in der ich lauschte. Die Unterhaltung war
sehr bewegt. Die Karte wurde bald hinum- und bald wieder herumgedreht. Man
nannte, suchte und fand die verschiedensten Namen, Stellen und Punkte. Das alles
hrte ich und merkte es mir. Ich erfuhr, da die Karte dem Medizinmann der
Komantschen gehrte. Sie war ein ur-, uraltes Erbstck seiner Familie. Niemand
auer ihm durfte von ihr wissen, und nur der groe, hochwichtige Zweck, der heut
und hier zu verfolgen war, hatte ihn veranlat, dieses Geheimnis zu lften. Der
Medizinmann der Kiowa war auerordentlich begierig darauf, den Inhalt dieser
ledernen Urkunde genau kennen zu lernen und sich einzuprgen.
    Also es ist gewi und wahrhaftig und wirklich so, wie es hier steht?
fragte er.
    Ja, wirklich! nickte der Komantsche.
    Wir liegen jetzt hier, an dieser Stelle?
    Dabei deutete er auf den betreffenden Punkt der Karte.
    Ja, antwortete der andere.
    Und von hier aus kann man unterirdisch bis auf den Mount Winnetou kommen?
Nicht nur gehend, sondern sogar zu Pferde?
    Gewi, zu Pferde.
    Und auf diesem Wege willst du uns und unsere viertausend Krieger nach oben
fhren, um Tatellah-Satah und seinen ganzen Anhang zu berfallen? Uff, Uff! Das
ist ein groer Plan, ein sehr groer Plan! Hat mein roter Bruder diesen Weg
schon einmal gemacht? Ist er schon einmal oben gewesen?
    Nein aber einer meiner Ahnen hat es heimlich versucht, und es gelang. Der
Weg endet an mehreren Stellen; es gelang ihm aber nur, das eine Ende zu
erreichen, nach dem auch ich gelangen will.
    Das ist hinter dem Schleierfall?
    Ja. Das ist der einzige Punkt, den man zu Pferde erreichen kann. Zu den
anderen Punkten kann man nur zu Fu kommen.
    Aber wenn es nicht gelingt? Wenn ber viertausend Menschen in der Hhle
stecken, ohne vor- oder rckwrts zu knnen? Bedenke mein Bruder, was so viele
Menschen und so viele Pferde brauchen!
    Ich habe es bedacht. Ich bin darum vorausgeritten, um die Hhle vorher zu
untersuchen. Und ich nahm dazu nur dich, meinen roten Bruder, mit, keinen andern
Menschen, weil du ebenso ein Bewahrer der Medizinen bist wie ich und
Tatellah-Satah. Dir darf ich vertrauen.
    So la uns keine Zeit verlieren, sondern beginnen!
    Er stand auf.
    Sie hatten sich also nicht gezankt, sondern es hatte infolge ihrer
Lebhaftigkeit nur so geschienen. Der Komantsche erhob sich auch vom Boden. Er
legte die Karte mit groer, sorgfltiger Langsamkeit zusammen, um sie dann
einzustecken. Da richtete auch ich mich auf, trat hinter dem Gezweig hervor und
sagte:
    Meine roten Brder werden wahrscheinlich doch ein wenig Zeit verlieren, ehe
sie beginnen!
    Uff! rief der Kiowa erschrocken. Ein Weier!
    Uff, uff! Ein Bleichgesicht! rief zu gleicher Zeit auch der Komantsche.
    Ich ri ihm das Pergament aus der Hand, steckte es nicht in seine, sondern
in meine Tasche, stellte mich so, da sie nicht zu ihren Gewehren konnten, und
fuhr fort:
    Ich nehme diese Karte einstweilen zu mir, weil ich euch helfen werde, den
darauf bezeichneten Weg durch die Hhle zu finden!
    Nun hatten sie sich von ihrer Ueberraschung erholt. Sie richteten sich hoch
und kampfbereit auf.
    Wer bist du, da du es wagst, mich zu bestehlen? fragte der Komantsche.
    Dabei nherte er sich mir, um zu seinem Gewehre zu gelangen. Ich zog den
Revolver, spannte ihn und antwortete:
    Ich stehle nicht! Wenn diese Karte dein rechtmiges Eigentum ist, wirst du
sie wiederbekommen. Weg von den Gewehren, sonst schiee ich! Ich bin nicht
allein!
    Ich winkte. Da kamen Pappermann, Intschu-inta und die Winnetous, das Herzle
langsam hinterher.
    Uff, uff! rief der Kiowa, als er Pappermann erblickte. Ein halbes, blaues
Gesicht!
    Und eine weie Squaw! fgte der Komantsche hinzu, jetzt wirklich
erschrocken.
    Ihr habt von diesem blauen Gesicht und von dieser Squaw gehrt. Wer also
bin ich? fragte ich.
    Old Shatterhand! antwortete der Komantsche.
    Old Shatterhand! rief auch der Kiowa. Unser Feind, unser grimmigster
Feind!
    Das ist eine Lge! Ich bin keines Menschen Feind. Ja, ich knnte wohl eher
der Feind eines Weien als eines Roten sein! Fragt eure Huptlinge, wie ich sie
geschont habe! Fragt eure alten Krieger, ob sie ein Wort des Hasses von mir
hrten oder euch eine einzige Tat der Rache von mir berichten knnen! Ich liebe
alle Menschen, und ich liebe auch euch. Ich will euer Glck und trete darum
jeder eurer Absicht entgegen, die euch zum Unglck fhrt. Eine solche Absicht
ist es, die ihr heut verfolgt. Ich dulde nicht, da sie zur Ausfhrung kommt.
Setzt euch wieder nieder, und gebt eure Messer ab. Ihr seid gefangen!
    Wir sind nicht gefangen, sondern - - -
    Mit diesen Worten sprang der Komantsche auf mich ein, doch wich ich einen
Schritt nach rechts, fate ihn an der Seite und warf ihn zur Erde. Intschu-inta,
der Riese, kniete ihm auf die Brust und berwltigte ihn ohne alle Mhe. Ebenso
verfuhr der wackere, alte Pappermann mit dem Kiowa. In krzester Zeit waren die
beiden Gefangenen derart gefesselt, da sie sich nicht rhren konnten. Wir
setzten uns zu ihnen nieder. Die Winnetous holten unsere Pferde. Ich aber nahm
vor allen Dingen die Karte wieder aus der Tasche und schlug sie auf, um sie
genau zu betrachten. Sobald ich den ersten Blick auf sie geworfen hatte, wute
ich, woran ich war. Ich wendete mich an den Komantschen:
    Avat-towah, der Medizinmann der Komantschen, mag mir sagen, ob er eine
groe Sammlung von Bchern, also eine Bibliothek, besitzt.
    Ich habe keine, antwortete er. Es gibt bei allen Mnnern der Komantschen
keine.
    Wei Avat-towah vielleicht, wo es eine gibt?
    Hier am Mount Winnetou, bei Tatellah-Satah.
    Sonst nirgends?
    Ich wei keine andere.
    So wirst du diese Karte nicht wiederbekommen. Ich habe sie ihrem
rechtmigen Eigentmer auszuliefern. Sie gehrt Tatellah-Satah. Sie wurde ihm
gestohlen.
    Das ist eine Lge! brauste der Medizinmann auf.
    Das ist keine Lge, sondern die Wahrheit.
    Beweise es!
    Sofort! Nur besitzest du wahrscheinlich nicht die Kenntnisse, welche dazu
gehren, zu verstehen, was ich sage. Diese Karte ist nmlich numeriert, und zwar
im alten Pokontschidialekt der Mayasprache. Hier unten, in dieser Ecke, stehen
die Hunderter: Io-tuc: d.h. fnfmal vierzig; das bedeutet also zweihundert. Und
hier in der anderen Ecke stehen die Zehner und Einer: wuk-laj; das heit sieben
und zehn, also siebzehn. Diese Karte ist also Nummer zweihundertsiebzehn der
betreffenden Bibliothek oder einer ihrer Abteilungen. Ich werde sie
Tatellah-Satah zeigen, und es wird sich herausstellen, da sie ihm gehrt.
    Nichts hast du ihm zu zeigen, und nichts hat ihm zu gehren! Diese Karte
ist allerdings gestohlen, aber erst jetzt von dir! Du bist der Dieb!
    Schweig, sonst geb' ich dir eins auf das Maul, alter Spitzbube! unterbrach
ihn Pappermann. Wo sind die Brder Enters?
    Das war kein bler Trick, da er diesen Namen brachte. Die beiden Roten
erfuhren dadurch in bequemster Weise, da wir nicht so unwissend waren, wie sie
wahrscheinlich annahmen. Sie konnten ihre Ueberraschung nicht ganz verbergen,
doch beherrschten sie sich schnell, und der Komantsche fragte in gleichgltigem
Tone:
    Enters? Wer ist das?
    Das sind die zwei Brder, die versprochen haben, uns an euch auszuliefern.
Nun wit ihr genug, um berzeugt sein zu knnen, da wir gar keinen Grund und
gar keine Lust haben, euch in Samt und Seide einzuwickeln. Sagt noch ein
einziges Wort, was uns nicht gefllt, so setzt es Hiebe, ganz gewaltige Hiebe
ab!
    Es wre zwar besser gewesen, wenn Pappermann mich htte reden lassen; aber
heut war es nach seinen frheren Jahren zum ersten Male seit langer, langer
Zeit, da er wieder einmal Gefangene vor sich hatte, und so gnnte ich dem
alten, braven Burschen ganz gern die billige Genugtuung, ein wenig zu
bramarbasieren. Die beiden Medizinmnner waren von jetzt an still. Der Name
Enters hatte sie bedenklich gemacht.
    Wir muten zunchst essen. Des Herzle packte also die mitgebrachten Speisen
aus und legte uns vor. Die Pferde wurden abgesattelt. Sie durften trinken und
sich dann ihr grnes Futter suchen. Mir war die Karte ganz selbstverstndlich
wichtiger als das Essen. Ich studierte sie genau und zog dabei Intschu-inta zu
Rate, der mir versichert hatte, da er die Hhle genau kenne. Da stellte sich
ein Widerspruch zwischen ihm und der Karte heraus. Nach der letzteren gab es
hier unten im Tale allerdings nur den einen Eingang zur Hhle, vor dem wir uns
befanden, droben auf der Hhe aber drei verschiedene Ausgnge, zwei schmale und
einen breiten. Der breite war der Pferdeweg, der hinter dem Schleierfall
mndete. Die beiden anderen waren Fuwege, die an einer gewissen Stelle von dem
Pferdeweg abzweigten, noch eine Strecke beisammen blieben und dann sich teilten.
Der eine mndete droben im Schlosse; an welcher Stelle, das war nicht zu sagen;
es genau zu bestimmen, war die Zeichnung zu klein. Der andere stieg nicht ganz
so hoch. Er ging im Binnentale aus; wie es schien, in der Nhe der angefangenen
Riesenstatue Winnetous oder einer der beiden Teufelskanzeln. Intschu-inta aber
kannte keinen dieser drei Ausgnge. Er wute zwar, da frher, in alten Zeiten,
mehrere Ausmndungen der Hhle vorhanden gewesen seien, doch habe man sie
zugeschttet. Warum, das wute er nicht. Er behauptete, da der Hhlenweg immer
breit und sehr gut gangbar, im Innern des Berges aufwrts fhre, bis er
pltzlich schmal werde und dann vor einer Tropfsteingruppe ende. Diese Gruppe
liege etwas seitwrts vor dem Schleierfalle, den man noch in der Hhle strzen
hre, wenn man scharfe Ohren habe.
    Wer hatte nun recht? Intschu-inta oder die Karte? Jedenfalls die letztere.
Ich beschlo also, mich auf sie zu verlassen, wenigstens in Beziehung auf den
oberen Teil der Hhle und die dort befindlichen Ausgnge. Bis dorthin aber
konnte ich der Ortskenntnis des Dieners vollstndig trauen. Darum beschlo
ich, die Pferde nicht hier zu lassen, sondern mitzunehmen. Wir hatten
angenommen, nach dem Eingang zurckkehren zu mssen; aber wenn es oben einen so
breiten und bequemen Ausgang gab, wie er auf der Karte verzeichnet war, so
befanden wir uns dort ja schon daheim und hatten nicht ntig, den Rckweg durch
die Hhle zu machen und dann noch fnf Stunden weit nach Hause zu reiten.
Intschu-inta blieb zwar dabei, da wir, zumal mit den Pferden, unbedingt
gezwungen sein wrden, wieder umzukehren; ich aber war der Ansicht, da kein
vernnftiger Mensch auf den Gedanken gekommen sein knne, die drei Ausgnge
vllig zuzuschtten. Ich nahm vielmehr an, da sie nur maskiert, also versteckt
worden seien, und verlie mich da auf meine Kombination und auf meine guten
Augen.
    Sofort nach dem Essen bereiteten wir uns zur Durchforschung der Hhle vor.
Wir selbst hatten Fackeln und Lichter mitgebracht, und als wir die Pakete der
beiden Gefangenen ffneten, sahen wir, da auch sie sehr reichlich damit
versehen waren. Der Feuchtigkeit und Khle wegen hatten wir uns groe, dnne,
aber wasserfeste indianische Decken mitgenommen, die wir wie Mntel um uns legen
konnten. Die Pferde wurden wieder gesattelt, die Medizinmnner auf die ihrigen
festgebunden, einige Fackeln angebrannt, und dann begannen wir den
unterirdischen Ritt, von dem ich mir so gute Erfolge versprach, obgleich ich gar
nicht wute, woher sie kommen sollten.
    Ich wrde mehrere Druckbogen brauchen, um das Innere dieser wunderbaren
Hhle auch nur einigermaen zu beschreiben, doch kann ich dies einstweilen
unterlassen, da sich mir spter reichlich Gelegenheit geben wird, sie so zu
schildern, wie sie es verdient. Sie kommt in Winnetous Testament des fteren vor
und ist dort der Schauplatz von Begebenheiten, ber die ich jetzt noch schweigen
mu. Wir ritten durch eine geradezu herrliche Unterwelt. Voran Intschu-inta mit
einem Winnetou als Fackeltrger, hinter ihnen ich mit dem Herzle, hierauf die
Gefangenen, dann Pappermann mit den brigen Winnetous, von denen einer die
zweite Fackel trug. Wo es ntig war, zndeten wir uns zu den Fackeln auch noch
Lichter an.
    Der Weg ging unausgesetzt aufwrts, und zwar oft ziemlich steil. Die Hhle
war sogar an ihren niedrigsten Stellen so hoch, da wir nirgends von den Pferden
zu steigen brauchten. Kein einziger der unterirdischen Rume, durch die wir
kamen, glich einem anderen. Es folgte Abwechslung auf Abwechslung, Ueberraschung
auf Ueberraschung. Oft war die Ueberraschung so gro, da wir uns lauter Ausrufe
der Bewunderung nicht enthalten konnten. Es war ein Reich der herrlichsten
Tropfsteinmrchen, welches wir da kennen lernten. Die kstlichsten Gedanken, zu
Spat, Aragonit und Sinter erstarrt, wuchsen als Stalaktiten von oben herab.
Ebenso kstliche Stalagmiten stiegen ihnen von unten aus entgegen, um sich mit
ihnen zu Pfeifen, Sulen, Orgeln und anderen Gebilden zu vereinigen, von denen
man kaum glauben konnte, da sie der Erde angehrten. Wir aber hatten leider
nicht Zeit zu eingehender Betrachtung, die wir uns fr spter aufheben muten.
Es drngte uns vorwrts, vorwrts, hinauf nach der Stelle, wo es sich zu
entscheiden hatte, ob wir weiter konnten oder nicht. So ritten wir durch Gnge
und Tunnels, durch kleine Kammern und riesige Sle, durch Refektorien und
Kirchen, durch Vorhfe und weite Sulenhallen, durch Veranden und Korridore. Wir
kamen an Abgrnden vorber, in deren Tiefe der Flu rauschte. Wir schlpften
zwischen dnnen Wasserfden hindurch, die wie aus unsichtbaren Gartenschluchen
spritzten. Wir kamen ber Stellen, wo es zu regnen schien. Wir sahen Kaskaden
springen und Wasserstrahlen aus unsichtbaren Dachtraufen strzen. Aber wir
verweilten uns nicht: weiter ging es, immer weiter, bis endlich der breite Weg
zu Ende war. Er wurde mit einem Male so schmal und so unbequem, da nur noch
Fugnger vorwrts konnten.
    Du siehst, da ich recht hatte, sagte Intschu-inta. Der Weg fr Pferde
ist zu Ende. Er fhrt nicht weiter. Es gibt keine Mndung, die hinter dem
Schleierfall einen Ausgang bildet.
    Er schien recht zu haben. Wir befanden uns in einem breiten Gange, der vor
einer Doppelgruppe von Stalaktiten und Stalagmiten Halt machte und sich dann als
sehr schmaler Weg von dieser Gruppe nach rechts wendete. Nach der Karte aber
machte er diese Wendung nicht, sondern er ging geradeaus, nachdem er den
schmalen Pfad von sich abgezweigt hatte. Das war der entscheidende Punkt! Jetzt
mute es sich zeigen, ob ich mich auf meine Augen und auf mein
Kombinationsvermgen verlassen konnte oder nicht! Ich begann, die
Tropfsteingruppe zu untersuchen, und sah sehr bald, da es gar keiner groen
Klugheit bedurfte, das Richtige zu entdecken.
    Stalaktiten sind nmlich die Tropfsteine, die sich von oben, also von der
Decke herab, bilden. Unter Stalagmiten aber versteht man die Tropfsteine, die
aus dem Boden in die Hhe wachsen. Treffen beide in der Mitte zusammen, so
bilden sich nach und nach Sulen und Sulengruppen. Die Stalagmiten entstehen
anders als die Stalaktiten. Beide sind sehr leicht voneinander zu unterscheiden,
weil sie nicht dieselbe Struktur besitzen. Hier nun sah ich sogleich, da die
von oben herabhngenden Tropfsteine echt waren; die von unten emporragenden aber
waren nicht echt; sie waren Stalaktiten, keine Stalagmiten. Sie waren nicht hier
an dieser Stelle entstanden, sondern man hatte sie hergeschafft und hier
zusammengestellt. Warum und wozu? Sehr einfach: Um den breiten Pfad
abzuschneiden, um ihn zu maskieren, zu verbergen, ganz genau so, wie ich
vermutet hatte.
    Ich rttelte an dem uersten dieser Steine; er lie sich bewegen. Ich
schaffte ihn zur Seite. Um das zu tun, war ich vom Pferde gestiegen. Die anderen
folgten diesem Beispiele und halfen, auch die nchsten Steine zu entfernen.
Dadurch wurde schon nach kurzer Zeit der breite Weg wenigstens so weit frei, da
wir uns von seiner Fortsetzung berzeugen konnten. Wir vergrerten die Bresche,
bis ein Mann hindurch konnte. Da forderte ich Pappermann und einen der
fackeltragenden Winnetous auf, mir in die Lcke zu folgen. Ich wollte sehen, was
dahinter lag. Die anderen sollten warten und inzwischen noch so viele Steine zur
Seite schaffen, bis auch die Pferde passieren konnten.
    Wir drei nahmen zu der einen, brennenden Fackel noch eine zweite als Reserve
mit und drangen dann weiter vor, natrlich zu Fue. Es ging jetzt noch steiler
empor, als vorher. Bald hrten wir es vor uns rauschen, dann brausen, dann
donnern, ganz wie in der unmittelbaren Nhe des Niagarafalles. Dieses Brausen
und Tosen wurde so stark, da wir unsere eigenen Worte nicht mehr hrten. Die
Wand zu unserer Rechten sank in die Tiefe; die zu unseren Linken blieb. Von oben
dmmerte es, als ob der Tag durch eine starke Milchglasscheibe zu uns
herniederschaue. Und pltzlich, nach einer Biegung des Weges, sahen wir ihn
strzend herniederbrausen, den Schleierfall, in die Unterwelt, in der er sich zu
dem Flchen bildete, an dem wir vorhin nach der Hhle geritten waren. Es wehte
ein so scharfer Wind, da wir die Hte festhalten muten. Wir schritten wie auf
einer Felsenstrae der Schweiz. Auf der einen Seite die Felswand, auf der
anderen der ghnende Abgrund, in dem der Wasserfall verschwand. Keine Barriere
schtzte uns. Aber der Weg war fest und so breit, da vier Pferde nebeneinander
gehen konnten. So passierten wir den Wasserfall in seiner ganzen Breite, bis wir
an ihm vorber waren, das Oberlicht verschwand und wir uns wieder nur auf das
Licht unserer Fackel verlassen muten. Hierauf ging es durch einen sehr aufwrts
strebenden Stollen, der nicht geraden Laufes, sondern gebogen war. Hier lie
sich das Gerusch des Wasserfalles wieder vernehmen. Es wurde immer strker und
strker, und als es so stark geworden war, da es uns beinahe betubte, sahen
wir wieder den Schein des Tages, doch nicht von oben, sondern von vorn. Wir
gingen darauf zu und befanden uns wenige Augenblicke spter im Freien. Oder
vielmehr nicht eigentlich im Freien, sondern zwischen der tosenden Masse des
Schleierfalles und dem hochaufstrebenden Felsen, von dem sie sich
herunterstrzte. Wir standen hart an dem Abgrunde, in dem sie verschwand. Da
unten waren wir soeben vorbergekommen. Wir befanden uns genau in derselben
Lage, wie die Besucher des Niagarafalles, die sich hinter die
herniederschmetternde Wogenwand bringen lassen, um dann spter davon erzhlen zu
knnen. Man brauchte nur zwischen Wasser und Felsen nach dem uersten Ende des
Falles zu gehen, um durch ein dort befindliches Pflanzengestrpp hinaus auf die
feste, trockene Erde zu gelangen.
    Ich wute nun genug. Wir kehrten also nach der Stelle zurck, an der sich
unsere Begleiter befanden. Als wir dort ankamen, waren sie mit ihrer Arbeit noch
nicht fertig. Die fortzuschaffenden Steine besaen ein derartiges Gewicht, da
lange Zeit dazu gehrte, sie zu entfernen. Das benutzte ich zu einer weiteren
Exkursion. Ich wollte nun auch wissen, wohin der schmale Weg uns fhrte. Hiezu
lie ich mich aber nicht von Pappermann, sondern von Intschu-inta und einem
Fackeltrger begleiten. Das Herzle bat, mitgehen zu drfen, und ich willigte
ein, obgleich ihre Gegenwart uns das Suchen nicht erleichtern, sondern nur
erschweren konnte.
    Ich rechnete, da wir uns hier fast genau unter der Stelle befanden, auf
welcher da oben die gewichtige Winnetoustatue sich im Bau zu erheben begann. Von
hier aus bis zu der Stelle, wo der schmale Weg sich nach der Karte in zwei noch
schmlere Wege teilte, war gar nicht weit. Als wir hingelangten, sah ich
augenblicklich, da hier wieder Stalaktiten anstatt Stalagmiten lagen. Man hatte
also auch da maskiert. Intschu-inta merkte nichts. Er blieb nicht stehen. Er
ahnte nicht, da sich hier einer der schmalen Wege abzweigte, und ging mit dem
Fackeltrger weiter. Ich folgte ihnen, ohne etwas zu sagen. Der Weg, den sie
versumten, war jedenfalls derjenige, der bei den Teufelskanzeln mndete. Den
wollte ich mir aber fr mich allein aufheben. Der weitere Weg fhrte nach der
Karte hinauf zum Schlo, und den htte ich sehr gern heut noch kennen gelernt.
Wir folgten darum dem schmalen Weg so weit, bis er zu enden schien.
    Da hrt er auf, sagte Intschu-inta, indem er stehen blieb.
    Und geht nicht weiter? fragte ich.
    Nein. Genau wie vorhin!
    Ja, genau wie vorhin! Nimmt man die Steine weg, die ihn verhllen, so sieht
man sofort, da er nicht alle ist, sondern sich hinter den Steinen fortsetzt.
Fort mit ihnen!
    Diese Stalaktiten waren nicht schwer. Ich hob einige zur Seite. Intschu-inta
half. Was ich gedacht hatte, das zeigte sich: der Weg ging weiter. Hier war es
gar nicht ntig, alle Steine zu entfernen. Es gengte, ber sie hinwegzusteigen.
Dann hinderte uns nichts mehr, weiter zu gehen. Wir taten es. Aber von hier an
hrten die Tropfsteine auf. Es gab nur noch Hhlen ohne Sinterbildung. Und sie
lagen immer eine hher als die andere. Man hatte zu steigen. Schlielich hrte
diese Bildung natrlicher Hohlrume ganz auf, und es ging zwischen Felsenspalten
empor, auf knstlichen Stufen und Gngen, die bermauert waren. Dabei war die
Luft auerordentlich trocken und rein. Ich hatte nicht nach der Uhr gesehen und
auch weder die Stufen noch unsere Schritte gezhlt; aber es war mir, als ob wir
schon weit ber eine Viertelstunde emporgestiegen seien; da hrten die Stufen
pltzlich auf. Wir konnten nicht weiter. Wir befanden uns auf einer schmalen
steinernen Treppe. Unter uns die Stufen, rechts Mauer, links Mauer, ber uns
Mauer. Nirgends eine Tre, ein Fenster, eine Oeffnung oder sonst etwas dem
Aehnliches! Wie da hinauskommen?
    Grad ber der letzten, also obersten Stufe war eine Steinplatte angebracht.
Sie konnte nicht schwer sein, denn sie war hchstens drei Spannen im Geviert.
Ich versuchte, sie zu heben. Es ging nicht. Sie hatte zwei Vertiefungen, die
jedenfalls nicht ohne Absicht angebracht worden waren. Ich konnte das Heft
meines Messers hineinstecken. Dadurch gewann ich einen Griff, die Platte zu
verschieben. Ich versuchte dies nach vorn, nach hinten, nach rechts - -
vergeblich. Aber nach links bewegte sie sich endlich. Ich hatte das Gefhl, als
ob sie auf einer Rolle laufe. Es entstand ber mir eine viereckige Oeffnung,
durch welche ich steigen konnte. Ich tat dies aber nicht sofort, sondern ich war
so vorsichtig, meinen Kopf nur erst bis zu den Augen hineinzustecken. Was sah
ich?
    Einen sehr hohen, achteckigen, gemauerten Raum mit zwei Tren. Die Wnde
waren vollstndig mit Passifloren26 berwachsen, deren Ranken bis hinauf an die
Decke reichten, wo es rundum zahlreiche Oeffnungen gab, das ntige Licht
hereinzulassen. Die Ranken waren so dicht, da man von der darunterliegenden
Mauer nichts sehen konnte. Sie grnten und blhten, und zwar fast berreich. Da
dies noch jetzt, in der ziemlich spten Jahreszeit, geschah, war wohl eine Folge
der Hhenlage und auch des Umstandes, da die Vegetation nicht im Freien
stattfand, sondern auf das Innere eines geschlossenen Raumes angewiesen war. Die
Passionsblume hat bekanntlich ber zweihundert Arten; hier aber waren nur zwei
derselben vertreten. Die eigentliche Flchenbekleidung wurde von Passiflora
quadrangularis gebildet, deren Prachtblumen, innen rosenrot angehaucht, einen
Durchmesser von zehn Zentimeter besaen. Das ergab rundum eine Bltenpracht
sondergleichen. Von diesem Untergrunde stach an der einen Wand eine vollstndig
wei blhende Passiflora incarnata ab, die so gezogen und beschnitten war, da
sie ein vier Meter hohes, aufrechtstehendes Kreuz bildete, ein ganz aufflliges
Zeichen des Christentums hier an diesem mir fremden, geheimnisvollen Orte. Mir
gegenber gab es eine Tr, welche nicht geffnet war. Und da, wo ich mich
befand, schien auch eine zu sein, nur konnte ich sie nicht eher sehen, als bis
ich hher stieg und dann aus der Oeffnung heraustrat. Da stellte es sich denn
heraus, da hier auf unserer Seite des Passiflorenraumes mehrere Stufen zu einem
Ausgange emporfhrten, welcher verriegelt war. Ich stieg hinauf, schob den
Riegel zurck und ffnete. Da stand ich drauen im Freien, nahm mir aber nicht
Zeit, die Stelle zu bestimmen, an der ich mich befand, sondern machte die Tr
wieder zu, ging die Stufen wieder hinab und forderte Intschu-inta auf,
heraufzukommen und mir zu sagen, ob er wohl wisse, wo wir seien. Er tat es. Kaum
sah er den Raum, so rief er verwundert aus:
    Uff! Das ist die Blumenkapelle, in welcher Tatellah-Satah zu beten pflegt!
    Zu wem betet er da? fragte ich.
    Zum groen, guten Manitou. Zu wem sonst?
    Aber da ist doch das Kreuz, das Sinnbild des Christentums!
    Das stammt von Winnetou. Er hat es gepflanzt. Er sagte, das sei das Zeichen
seines Bruders Old Shatterhand. Er verstehe es noch nicht, aber er werde es
verstehen lernen, je hher es hier wachse. Er hatte dich so lieb, so unendlich
lieb!
    Man kann sich wohl denken, wie tief mich das ergriff! Aber ich mute diese
Rhrung schnell berwinden und fragte weiter:
    Wohin fhrt die Tr, die uns da gegenberliegt?
    Nach Tatellah-Satahs Schlafgemach.
    Und die hier ber den Stufen?
    Hinaus auf den Berg. Niemand hat geahnt, da es auerdem eine Falltre
gibt, durch die wir jetzt gekommen sind!
    Der Verschlu dieser Falltre bestand in der Platte, welche ich von ihrem
Platze entfernt hatte. Sie war unter den Fubodensteinen derjenige, welcher von
der Seite her direkt an die unterste Stufe stie, in die er, weil sie hohl war,
hineingeschoben werden konnte. Indem ich das getan hatte, war die Falltre
geffnet worden. Ich brauchte ihn nur in seine vorige Lage zurckzuschieben, so
war sie wieder zu.
    Nun stieg auch das Herzle mit dem Fackeltrger herauf. Sie brach beim
Anblick der unzhligen Leidensblumen in einen Ausruf der Bewunderung aus. Sie
hatte da unten im Gange nicht gehrt, was mir von Intschu-inta gesagt worden
war. Dennoch erriet sie sofort den Zweck dieses Raumes.
    Das ist ein Zimmer zum Gebet!
    Mit diesen Worten schritt sie nach der Mitte der Stube. Dort stand eine
Bank, die mit einem Fell berkleidet war. Sie setzte sich darauf, dem Kreuz grad
gegenber, und sprach weiter:
    Hier sitzt Tatellah-Satah, um mit Gott, seinem einzigen Herrn, zu sprechen.
Er hat das Kreuz vor sich, das Erdenleid, welches den einzelnen Menschen und
ganze Vlker erlst. Da betet er fr die Erlsung seiner Rasse. Hier mchte ich
sitzen und mit ihm beten, da ihn der Herrgott erhre!
    Tue es! antwortete ich. Wir gehen jetzt fort, doch nur, um
wiederzukommen.
    Hierher? fragte sie.
    Ja, hierher.
    Wann?
    Vielleicht schon in einer halben Stunde. Ich kehre in die Unterwelt zurck,
um die beiden Gefangenen zu holen und auf diesem verborgenen Wege in das Schlo
zu bringen. Da sieht sie kein Mensch auer uns. Ich wnsche, da niemand von
ihren Angehrigen und Genossen erfahre, wo sie sich befinden. Es hat keinen
Zweck, da du uns in die Hhle zurckbegleitest. Du mtest doch mit uns wieder
hier herauf.
    Gut, so bleibe ich. Aber was tue ich, wenn mich jemand hier erwischt?
    Du wrdest als Freundin behandelt werden, sei es, wer es sei. Uebrigens ist
es gar nicht ntig, da du dich erwischen lssest. Du brauchst nur hier die
Stufen hinauf und in das Freie zu gehen, so bleibst du ungesehen. Es wrde wohl
niemandem einfallen, nachzusehen, ob die Tr angelehnt ist oder nicht.
    Ja, richtig! Also, ich warte hier.
    Sie setzte sich wieder auf die Bank. Wir anderen aber stiegen wieder in den
Gang hinab. Wir lieen ihn nicht offen, sondern ich schob die Steinplatte wieder
vor. Dann kehrten wir nach der Stelle zurck, wo unsere Gefhrten auf uns
warteten. Sie waren mit ihrer Arbeit, die Stalaktiten wegzurumen, fast zu Ende.
Ich setzte mich nieder, um die wenigen Minuten zu warten. Als ich still sa,
fhlte ich, da es von der Decke auf mich niedertropfte. Aber es war nicht
Wasser, sondern zerriebenens Gestein. Es streute wie Mehl oder Sand auf mich
herab. Zuweilen war auch ein erbsen-, bohnen- oder nugroes Stck dabei. Ich
schaute empor. Das Licht unserer Fackeln reichte nicht bis ganz hinauf, trotzdem
sah ich grad ber mir einen schmalen Ri, aus dem es brckelte. Das war in einer
solchen Hhle nichts Aufflliges. Darum kam ich gar nicht auf den Gedanken, nach
den Ursachen dieses Risses zu fragen. Und doch war es, wie sich spter zeigte,
von auerordentlicher Wichtigkeit fr uns.
    Als der breite Weg freigeworden war, sagte ich, da wir uns hier zu trennen
htten. Die beiden Medizinmnner hatten mit mir, Intschu-inta und einem
Fackeltrger zu Fu nach oben zu steigen. Die andern aber ritten, indem sie
unsere ledigen Pferde mitnahmen, unter Pappermanns Fhrung den vorhin von uns
entdeckten Weg empor, der hinter dem Schleierfalle mndete. Von dort aus hatten
sie sich sogleich nach dem Schlosse zu wenden. Wir warteten, bis sie fort waren.
Dann verband ich den Medizinmnnern die Augen und verbat mir alles Widerstreben.
Hierauf nahm ich den Komantschen und Intschu-inta den Kiowa beim Arme. Der
Fackeltrger schritt voran. So stiegen wir den schon einmal gemachten Weg nach
dem Passiflorenraum empor. Das ging, weil die Augen der Gefangenen verbunden
waren, so langsam, da wir nicht, wie ich gesagt hatte, nach einer halben
Stunde, sondern erst nach ber einer ganzen Stunde droben bei den letzten Stufen
ankamen. Da machte ich mich daran, die Platte auf die Seite zu schieben. Indem
ich dies tat, hrte ich Stimmen. Es schien jemand bei meiner Frau zu sein. Ich
ffnete die Falltr so geruschlos wie mglich. Dann schob ich vorsichtig nur
den oberen Teil meines Kopfes, bis an die Augen, hinaus, um zu sehen, wer da
sprach. Das Herzle war verschwunden, jedenfalls durch die Treppentr hinaus, in
das Freie. Jetzt sa Tatellah-Satah auf der Bank, dem Kreuze gegenber. Bei ihm
standen zwlf Apatschenhuptlinge, jngeren Alters, von denen ich keinen kannte.
Der lteste von ihnen war nicht ber fnfzig Jahre alt. Der alte Bewahrer der
groen Medizin sprach mit sehr bewegter Stimme zu ihnen. Ich hrte die
Fortsetzung des angefangenen Satzes:
    Unser guter Manitou ist grer, millionenmal grer, als die roten Mnner
bisher glaubten. Sie nahmen an, er sei nur ihr Gott, nicht aber auch der Gott
aller Anderen, die da leben. Falls dies auf Wahrheit beruhte, wie klein wre er
da, wie klein! Der Gott einiger armen Indianerscharen, die von den
Bleichgesichtern zermalmt, zerquetscht und zertreten werden! Wie gro und wie
mchtig mte dagegen der Gott der Weien sein! Und wie sehr mten wir da
wnschen, da dieser Gott der Weien an Stelle des ohnmchtigen Manitou der
Indianer trete! Doch dieser Wunsch wurde uns erfllt, noch ehe wir ihn
empfanden. Schaut hin auf das Kreuz! Es blht, um uns zu erlsen. Es nimmt uns
Manitou, um Manitou uns zu geben. Es sagt uns, da es nur einen einzigen gibt,
den Allmchtigen, den Allweisen, den Allstarken, den Allgtigen, und da wir ihn
seiner Allstrke und seiner Alliebe berauben, indem wir ihn nur fr uns haben
wollen, fr uns allein, die wir die unglcklichste aller Nationen sind und die
schwchste aller Rassen. Das Kreuz ruht in der Erde und ragt zu Gott empor. Das
ist das eine, was es bedeutet. Aber es breitet seine beiden Arme aus, um
jedermann und alle Welt zu umfangen. Das ist das andere, was es bedeutet.
Niemand von uns hat das gewut. Old Shatterhand war es, der uns dieses Wissen
brachte. Wir aber nahmen es nicht an. Ein Einziger nur bewegte diese Kunde in
seinem Herzen. Dieser Einzige war Winnetou. Er beobachtete; er prfte. Er
begann, zu glauben. Und je fester dieser sein Glaube wurde, desto fter kam er
zu mir, um mich zu bitten, diese Leidensblumen und dieses Kreuz an die
Lieblingssttte meiner Gebete pflanzen zu drfen. Es war sein inniger Wunsch,
Old Shatterhand zu mir zu bringen. Sein weier Bruder sollte hier, an dieser
Stelle, sehen, wie der Kreuzesgedanke und die Ueberzeugung von einem einzigen,
groen Manitou im Herzen seines roten Bruders Wurzel gefat und sich zur Blte
und Frucht entwickelt habe. Ich aber war dagegen. Ich hate Old Shatterhand. Da
ging Winnetou, der Herrliche, der Unvergleichliche, hin und kam nicht wieder.
Doch was in seinem Herzen lebte, das kehrte zurck. Das kam zu mir. Das trieb
mich tagtglich hierher, in diesen Raum. Das lehrte mich nachdenken. Das brachte
mir Licht. Das lehrte mich beten, nicht zu dem schwachen, kleinen Manitou der
roten Mnner, sondern zu dem gewaltigen, unendlichen, erhabenen Manitou Old
Shatterhands, der allein imstande ist, uns, seine roten Kinder, neu zu beseelen,
damit wir endlich werden, was wir werden sollten, aber nicht geworden sind. Heut
ist er da, Old Shatterhand, dem ich mein Haus und mein Herz versagte. Heut liebe
ich ihn. Heut wei ich es, da ich nichts vermag ohne ihn, ganz ebenso, wie die
rote Rasse ohne die weie nichts vermag. Er wird das Bleichgesicht sein, welches
die uns verloren gegangenen Medizinen zurckzubringen hat. Wit ihr, was das
bedeutet? Er wird es sein, der uns in Liebe vereint, obgleich wir uns im Ha
zerstren wollen. Und whrend wir - -
    Er hielt mitten im Satze inne. Unsere Fackel, die wir noch nicht hatten
auslschen knnen, begann sehr laut zu knistern. Sie sprhte Funken. Sie gab
Rauch, der neben mir aus der Oeffnung stieg und von den Indianern sofort
gerochen und gesehen wurde. Sie schauten alle zu mir her. Tatellah-Satah stand
berrascht von seinem Sitze auf. So blieb mir nichts anderes brig, als, um mich
sehen zu lassen, aus der Bodenffnung zu steigen.
    Old Shatterhand! rief er aus. Old Shatterhand, von dem ich spreche!
    Old Shatterhand! Er ist's? Er ist's? wurde er von den Huptlingen gefragt.
    Ja; er ist es! antwortete er. Ein Loch im Boden! Wo fhrt es hin? Wo
kommst du her?
    Diese letzteren Worte waren an mich gerichtet. Ich ging auf ihn zu, zog die
Karte, die ich dem Medizinmann der Komantschen abgenommen hatte, aus der Tasche,
faltete sie auseinander, gab sie ihm und antwortete:
    Schau hier nach! So wirst du sehen, woher ich komme.
    Er sah die Ueberschrift, und er sah die Zahl, da rief er auch schon aus:
    Aus der geheimen Bibliothek! Die hochwichtige Karte, die einem meiner Ahnen
gestohlen worden ist! Nach deren Dieb wir bisher vergeblich forschten! Im
Verdacht stand der damalige Medizinmann der Komantschen, der mehrere Wochen lang
hier Gast gewesen war und die Bibliothek sehr oft betreten hatte. Und jetzt
bringt Old Shatterhand sie mir! Welch ein Wunder, welch ein groes Wunder! Von
wem hast du sie?
    Von dem Urenkel des Diebes. Ich zeige dir ihn.
    Es gengte ein Ruf von mir, so kamen Intschu-inta und der Fackeltrger zu
uns heraufgestiegen und brachten die beiden Gefangenen mit. Sie wurden von den
Apatschenhuptlingen sofort erkannt. Diese letzteren wollten in laute Ausrufe
der Verwunderung ausbrechen, ich aber wehrte ihnen durch eine Handbewegung ab
und sagte leise:
    Still! Sie drfen nicht sehen und hren, wo sie sind! Ich erzhle nachher.
Gibt es hier im Schlosse einen Ort, wo es mglich ist, Gefangene derart
aufzubewahren, da sie weder entfliehen noch von anderen Leuten gesehen werden
knnen?
    Wir haben sehr gute und sehr sichere Gefngnisse hier, antwortete
Tatellah-Satah.
    So mag Intschu-inta sie dort unterbringen und dann wiederkommen. Ich
brauche ihn noch.
    Tatellah-Satah gab seinem riesigen Diener mit unterdrckter Stimme die
ntigen Befehle, worauf dieser sich mit den beiden Medizinmnnern und dem
Fackeltrger entfernte, um sie nach dem Verlie zu schaffen. Da wurde ber den
Treppenstufen die Tr geffnet, die ins Freie fhrte, und das Herzle lie sich
sehen. Es war ihr gelungen, sich rechtzeitig zurckzuziehen. Nun, da sie durch
die angelehnte Tr sah, da ich wieder da war, glaubte sie, sich auch mit sehen
lassen zu drfen. Man kann sich denken, da dies das Erstaunen der Huptlinge
nicht verringerte.
    Ich erzhlte ihnen, so viel ich zu erzhlen fr ntig hielt, denn zum
vollstndigen Mitwisser meiner Ansichten und Plne wollte ich keinen von ihnen
machen. Grad als ich fertig war, kehrte Intschu-inta zurck. Er meldete, da die
Gefangenen fest eingeschlossen, und da Pappermann und seine Begleiter vom
Wasserfalle her auf dem Schlosse eingetroffen seien. Ich teilte ihm mit, da er
mich jetzt noch einmal hinunter in die Hhle zu begleiten und zu diesem Zweck
zwei neue Fackeln zu besorgen habe. Das Herzle fragte, ob auch sie dabei sein
msse. Als ich das verneinte, bat mich Tatellah-Satah, ihm meine Squaw
anzuvertrauen. Er erwarte den Besuch von Kolma Putschi und werde sich sehr
freuen, die beiden Frauen miteinander bekannt zu machen. Ich hatte natrlich
nicht das geringste dagegen und stieg, als Intschu-inta mit den Fackeln kam, mit
ihm wieder in die Hhle hinunter. Es sei bemerkt, da die zwlf
Apatschenhuptlinge erst heut whrend unserer Abwesenheit hier angekommen waren
und ihre Zelte in der Oberstadt aufgeschlagen hatten. Sie bildeten den Stab
smtlicher Apatschenstmme, auf welche Tatellah-Satah sich verlassen konnte.
    Ich hatte meinen ganz besonderen Grund, noch einmal hinunter in die Hhle zu
steigen. Da ich einmal darber war, sie kennen zu lernen, wollte ich sie auch
gleich ganz kennen lernen; denn es gab einen kleinen Teil, den ich noch nicht
kannte. Ich erinnere daran, da der breite, reitbare Weg, der vom Tale der
Hhle aus durch die letztere fhrte, droben hinter dem Schleierfall in das
Freie mndete. An der Stelle, wo er mit Stalaktiten versetzt worden war, die wir
entfernt hatten, zweigte von ihm ein schmaler Weg nach rechts, der nur fr
Fugnger zur Hhe fhrte. Sein eigentliches Ende fand dieser schmale Weg ganz
oben im Passiflorenraume. Bis dorthin waren wir ihn gegangen. Aber schon unten
in der Hhle zweigte von ihm ein zweiter, schmaler Weg ab, an dem wir
vorbergekommen waren, ohne da meine Begleiter etwas von ihm bemerkten. Nur mir
allein war die Stelle aufgefallen, an welcher die als Stalagmiten verwendeten
Stalaktiten andeuteten, da auch hier ein frher gangbarer Weg mit Steinen
versetzt und maskiert worden sei. Nach dieser Stelle kehrten wir jetzt zurck.
Ich hatte nur Intschu-inta mitgenommen, weil er der Vertraute des Medizinmannes
war, denn um eine sehr vertrauliche Sache handelte es sich jetzt bei der neuen
Entdeckung, die ich machen wollte. Nmlich wenn ich die oberirdischen und die
unterirdischen Oertlichkeiten miteinander in Verbindung brachte, so ergab sich
fr mich folgendes: Der breite Weg mndete im Bergtale, hinter dem Wasserfalle.
Der schmale Weg mndete an seinem letzten, hchsten Ende droben im Schlosse. Die
zwischen beiden liegende Abzweigung dieses schmalen Weges, die ich jetzt suchte,
mute also zwischen dem Wasserfall und dem Schlosse mnden. Und wenn ich mich da
fragte, welcher Ort hierzu wohl am geeignetsten sei, so stie meine Vermutung
immer nur auf die Teufelskanzel, oder, wie sie hier genannt wurde, auf das Ohr
des Teufels, an dem wir vorbergekommen waren, als der Medizinmann uns den
Schleierfall zeigte. Es stimmte in jeder Beziehung, da dieser Ort mit der
geheimnisvollen, groen Hhle in Verbindung stand. Wer wei, was fr wichtige
Zusammenhnge vor Jahrtausenden hier oben und da unten stattgefunden hatten.
Darum war es jetzt fr mich, der ich diesen Zusammenhngen nachsprte, sehr wohl
geraten, dies so diskret wie mglich zu tun und keinen Menschen in das Vertrauen
zu ziehen, der dieses Vertrauen nicht verdiente. Dies der Grund, weshalb ich nur
den altbewhrten, treuen Intschu-inta mitgenommen hatte.
    Als wir die betreffende Stelle erreichten, an der ich eine Abzweigung des
schmalen Weges vermutete, blieben wir stehen, um die am Boden liegenden Steine
zu untersuchen. Auch sie waren nicht Stalagmiten, sondern Stalaktiten, also
nicht hier an Ort und Stelle entstanden, sondern zu irgendeinem Zwecke
hergeschafft. Wir beseitigten so viele von ihnen, wie ntig war, um Einsicht zu
gewinnen, und entdeckten da nun allerdings sehr bald den offenen Pfad, der
hinter ihnen aufwrts fhrte. Meine Vermutung hatte mich also nicht getuscht.
Es fragte sich nur noch, wo er oben mndete. Wir muten ihm folgen.
    Wir ruhten zunchst einige Augenblicke von der Anstrengung aus, welche uns
das Beiseiteschaffen der schweren Steine verursacht hatte. Es war fr diese
kurze Zeit still, vollstndig still um uns, und so hrten wir ein eigenartiges,
prasselndes Gerusch, welches aus der Ferne zu uns drang, wahrscheinlich aus der
Gegend, in welcher unser schmaler Weg vom breiten abzweigte. Was war das, oder
wer war das? Befand sich jemand dort? Unsere Sicherheit erforderte, dies
schleunigst zu erfahren. Wir nahmen also die Fackeln hoch und eilten nach der
Richtung, aus welcher der Schall zu uns gedrungen war. Dort sahen wir, da es
sich nicht um die Anwesenheit von Menschen handelte, sondern um ein
Herabbrckeln des Deckengesteines, und zwar genau an derselben Stelle, an
welcher ich gesessen und den beginnenden Spalt ber mir bemerkt hatte. Dieser
Spalt war jetzt breiter und grer als vorher. Es waren ganz betrchtliche
Sinterstcke herabgefallen. Jedenfalls lockerte sich etwas da oben. Wer hier
vorber wollte, der hatte von jetzt an vorsichtig zu sein. Doch nahm ich diesen
Gedanken sehr gleichgltig auf, denn ich hatte nicht die geringste Ahnung von
der eigentlichen Ursache dieses Phnomens.
    
    Wir kehrten zu der Stelle zurck, an der wir beschftigt gewesen waren, und
folgten von da aus dem neu entdeckten, schmalen Seitengang, dessen Mndung wir
noch nicht kannten. Der riesige Intschu-inta war erstaunt.
    Es ist, als ob du Winnetou seist, sagte er. Alles hrst du; alles siehst
du; alles findest du! Wir aber, die wir schon ewig hier wohnen, hren nichts,
sehen nichts und finden nichts! Du bist wie er, und er war wie du!
    Auch dieser Pfad fhrte von Hhle zu Hhle empor, aber viel steiler als der
andere. Dann gab es knstliche Stufen, die in harten Stein gehauen waren.
Schlielich standen wir vor dem Ende. Aber dieses Ende bestand nicht aus einer
Tr, einer Mauer, einem Steine, sondern aus unzhligen Wurzeln und Wurzelfasern,
die aus dem Boden traten, der hier nicht aus Stein, sondern aus Erde gebildet
war, und die schier undurchdringlich vorwrts strebten. Da muten wir unsere
Messer zu Hilfe nehmen. Und sie halfen. Indem wir alles, was uns im Wege war,
wegschnitten und hinter uns schafften, drangen wir Schritt fr Schritt vor und
standen schlielich nicht mehr vor Wurzeln und lichtscheuen Ranken, sondern
hinter einem dichten Gebsch, durch dessen Gezweig hindurch das Tageslicht uns
grte. Wir lschten die Fackeln aus.
    Das Gebsch wuchs mit noch anderem Gestruch aus einem Steinhaufen heraus,
der jedenfalls nicht natrlich entstanden, sondern knstlich hierhergebracht
worden war, um den Gang, aus dem wir kamen, zu verbergen Indem wir
hindurchkrochen, gaben wir uns Mhe, die Aeste und Zweige so wenig wie mglich
zu verletzen. Dann standen wir - - - wo? Am linken Ohr des Teufels, also ganz
so, wie ich vermutet hatte; das rechte Ohr lag jenseits des Fahrweges grad
gegenber.
    Uff, uff! sagte Intschu-inta. Es geschehen Wunder!
    Die Neuentdeckung von etwas so sehr Altem ist kein Wunder, antwortete ich.
Wir befinden uns an eurer Devils pulpit.
    Deren Geheimnis kein Mensch entdecken kann!
    Nicht? Wirklich nicht!
    Nein. Nicht einmal Winnetou hat es gekonnt!
    So warte! Vielleicht bist du es, der es kann!
    Ich? fragte er erstaunt.
    Ja, du!
    Unmglich!
    Ganz und gar nicht unmglich, sondern sogar sehr wahrscheinlich. Willst du
schweigen, sogar gegen Tatellah-Satah, wenigstens einstweilen?
    Ich will! versicherte er, mich erwartungsvoll anschauend.
    
    Gut! Sehen wir uns erst um! Steigen wir hinauf, auf das Ohr des Teufels, um
seine Verhltnisse kennen zu lernen!
    Wir stiegen hinauf. Als wir oben waren, befand ich mich fast ganz genau in
derselben Lage und in denselben Verhltnissen, wie auf der ersten Devils pulpit,
wo der junge Adler den Br erlegte und ich mich dann mit dem Herzle von Kanzel
zu Kanzel unterhielt. Es gab auch hier zwei Kanzeln, genau wie dort. Und drben
ber der Strae gab es wieder zwei, die in ganz derselben Ausmessung zueinander
standen. Fr einen oberflchlichen Denker schien es hier also nicht nur eine,
sondern zwei Ellipsen zu geben, in deren Brennpunkten man das leise Gesprochene
laut hren konnte, nmlich die eine diesseits und die andere jenseits des
Fahrweges. Der schrfer Denkende aber mute gleich bei dem ersten Blicke sehen,
da es weder hben noch drben eine besondere, wirkliche Ellipse gab, sondern
da diese Figur erst dann zustande kam, wenn man beide Abteilungen durch
Verbindungslinien ber den Fahrweg herber vereinigte. Dann gab es allerdings
eine groe Doppelellipse mit vier Brennpunkten, hben zwei und drben zwei, bei
deren richtiger Benutzung sich verschiedene Schallexperimente ermglichten, die
dem nicht Eingeweihten als Wunder erscheinen muten.
    Das sah man, wie gesagt, schon bei dem ersten Blicke. Doch wurde dieser
Blick schnell wieder von seinem Gegenstande abgezogen, und zwar durch eine
hchst augenfllige Vernderung, die sich seit unserm letzten Hiersein in der
umgebenden Szenerie vollzogen hatte. Nmlich die angefangene Winnetoustatue war
inzwischen gewachsen, und zwar in einer Weise, die mir nur dann begreiflich
wurde, wenn ich sah, wie gro heut' die Zahl der Lastgeschirre war, auf denen
die fix und fertig zubereiteten Quader von den Steinbrchen herbeigeschleppt
wurden, und wie gro die Zahl der Arbeiter, welche damit beschftigt waren,
diese Quader zur Figur zusammmenzusetzen und mit schon vorgebohrten eisernen
Spindeln, Klammern und Bolzen zu befestigten. Die Figur war bereits bis zum
Unterleib gediehen; der knstliche Felsen, an den sie sich anzulehnen hatte, war
im Entstehen, und die Gerste, auf denen die Monteure zu arbeiten hatten, waren
zwar erst heut entstanden, lieen aber Dimensionen vermuten, die in das
Riesenhafte gingen. Als Intschu-inta sah, da ich meine Aufmerksamkeit jetzt
darauf richtete, sagte er:
    Sie arbeiten wie im Fieber. Sie sind ihrer Sache nicht mehr sicher. Sie
sehen jetzt tglich mehr und mehr, da nicht alle Welt ihrer Meinung ist. Darum
soll diese Figur schleunigst fertigstellt werden, um auf die Tausende von
Festgenossen, welche man erwartet, den Eindruck zu machen, den man sich von ihr
verspricht. Als ich vorhin die Fackeln holte, erfuhr ich, da man entschlossen
ist, jetzt Tag und Nacht an der Figur zu arbeiten, weil man gehrt hat, da auch
du dagegen bist. Man hatte geglaubt, dich leicht auf die Seite schieben zu
knnen.
    Ah! Besonders wohl Mr. Okih-tschin-tscha, genannt Antonius Paper? La ihn
schieben, la ihn schieben! Wir aber wollen zu unsern jetzigen Pflichten
zurckkehren. Es war doch unsere Absicht, zu versuchen, ob du es nicht
vielleicht bist, der imstande ist, das Geheimnis eurer Devils pulpit zu
entdecken. Wir haben hier zwei Kanzeln. Drben sind auch zwei. Wir befinden uns
hier auf der ersten; da bleibe ich jetzt; du aber gehst hinber, auch auf die
erste. Da stellst du dich hin und nennst in ganz gewhnlichem Tone zehn Zahlen.
Ich kann das hier hben nicht hren, werde dir aber sofort dieselben Zahlen
sagen.
    Mir sagen? fragte er. Hre ich es denn?
    Ja.
    Unmglich!
    Warte es ab! Jetzt geh'! Aber tue geheim! Sag' niemand, wohin du gehst und
was du dort willst!
    Er machte ein sehr unglubiges Gesicht und entfernte sich. Ich schaute ihm
nach, ohne mich aber von den Arbeitern und Fuhrleuten, welche auf dem Fahrwege
verkehrten, sehen zu lassen. Sie beachteten ihn nicht. Er ging ber den Weg
hinber und stieg auf die erste Kanzel. Man kann sich wohl denken, wie gespannt
ich darauf war, ob das Experiment gelingen werde. Ich lauschte. Da, Gott sei
Dank, da kamen sie, die zehn Zahlen, nmlich alle geraden der Reihe nach von
zwei bis zwanzig. Ich wartete nur einen Augenblick, dann wiederholte ich sie
ebenso langsam und deutlich, wie er sie ausgesprochen hatte.
    Uff, uff! hrte ich ihn dann verwundert rufen. Bist du das wirklich, oder
bist du es nicht?
    Ich bin es, antwortete ich.
    Und du hast mich gehrt?
    So genau wie du jetzt mich. Nun gehst du jetzt auf die andere Kanzel, auf
die zweite, und sagst etwas anderes.
    Was?
    Irgend etwas. Du sprichst eine Frage aus, und ich antworte dir. Also,
jetzt!
    Gut, ich geh'!
    Auch ich stieg von meiner Kanzel herab und ging nach der anderen. Da gab es
kein Gebsch; ich war also schnell oben. Da hrte ich ihn drben kommen. Bsche
raschelten, Zweige knackten. Dann war er oben und fragte:
    Bist du noch dort? Hrst du mich?
    Ja, ich hre dich, antwortete ich ihm, ohne ihm aber zu sagen, da ich
inzwischen auch meinen Platz gewechselt hatte.
    Soll ich vielleicht wieder zhlen?
    Ja. Zehn andere Zahlen.
    Er sagte die ungeraden Zahlen von einunddreiig bis neunundvierzig auf, und
ich wiederholte sie ihm. Dann lie ich ihn wieder nach der ersten Kanzel
zurckkehren, um noch weitere zehn Zahlen auszusprechen. Ich sah ihn drben
kommen. Er stieg hinauf. Jedenfalls zhlte er jetzt; ich hrte aber nichts. Nun
wute ich alles. Es handelte sich wirklich um eine Doppelellipse. Man konnte
hren oder nicht hren, gehrt werden oder nicht gehrt werden, ganz wie es
einem beliebte. Es kam nur auf die Orte an, die man whlte. Ich stieg von meiner
Kanzel herab und ging nach dem Fahrweg zu. Da sah er mich und kam auch.
    Du hast beim letztenmal nicht geantwortet, sagte er. Oder habe ich dich
berhrt? Welch ein Wunder, welch ein Wunder! Uff, uff! Auf so weit kann kein
Mensch das gewhnliche Wort verstehen, und doch habe ich dich verstanden! Wie
ist das zu erklren?
    Denke darber nach! Du bist es doch, der das Geheimnis erraten soll!
    Du scherzest! Warum soll ich mhsam erraten, was du genau schon weit! Denn
wtest du es nicht, so httest du mir nicht die richtigen Pltze anweisen
knnen. Werde ich es erfahren?
    Wenn Tatellah-Satah es erlaubt, ja.
    Aber jetzt darf ich ihm nichts davon sagen?
    Keinem Menschen! Du knntest groes Unheil anrichten, wenn du es auch nur
einem einzigen verrietest. Jetzt komm' hinauf nach dem Schlo; die Sonne geht
schon unter!
    Der Himmel war, so weit man ihn hier im Tale sehen konnte, von
golddurchsichtigen Wlkchen berhaucht. Ein diamantenes Flammenzucken ging von
Westen aus. Das blitzte und flimmerte im herrlichen Spiegel des Schleierfalles
wider. Wie schade, wie jammerschade, da die grad vor dem Falle sich erhebende
tote steinerne Figur den Genu dieser Schnheit fast unmglich machte! Wir
standen an der Krmmung der Strae und des Tales, an welcher man, von der oberen
Stadt kommend, den Schleierfall zum erstenmal erblickte. Wir waren da stehen
geblieben, um seinen Anblick zu genieen. Und nun strte uns diese fatale Figur,
die, dem leichten duftigen Schleier entgegengesetzt, so schwer, so belastend, so
bedrckend wirkte. Die Holzgerste, welche sich vor diesem Schleier erhoben,
taten dem Auge frmlich wehe, zumal man sie ohne Lot errichtet zu haben schien.
Sie standen schief. Es gab nur einen einzigen Trger, der wirklich senkrecht
stand. Diese Beobachtung machte ich nur so nebenbei. Sie erschien mir vllig
unwichtig. Aber im Verlaufe der irdischen Ereignisse gibt es nichts wirklich
Bedeutungsloses; das sollte ich auch hier bald sehen.
    Wir gingen nun nach dem Schlosse. Intschu-inta war unterwegs sehr still. Das
Ergebnis unserer Nachforschung beschftigte ihn innerlich. Oben angekommen,
trennten wir uns. Er ging zu Tatellah-Satah, ich aber nach meiner Wohnung, wo
ich das Herzle vermutete. Sie war auch da, und zwar nicht allein. Kolma Putschi
war bei ihr. Beide saen nebeneinander, Hand in Hand. Als ich eintrat, standen
sie auf und kamen mir entgegen. Ihre Gesichter hatten den Ausdruck tiefer,
ernster Rhrung. Der Name Kolma Putschi ist dem Moquidialekte entnommen. Er
bedeutet so viel wie Schwarzauge oder Dunkelauge. An diesem Auge, welches seinen
Glanz noch immer besa, erkannte ich sie sogleich wieder, obwohl sie sich
brigens sehr verndert hatte. Sie war bedeutend lter als ich. Ihre frher so
elastische Gestalt hatte sich gebeugt. Ihr grauglnzendes Haar war in dnn
gewordenen Zpfen um den unbedeckten Kopf gelegt. Ihr sehr gealtertes Gesicht
bestand aus lauter kleinen, winzigen, eng aneinander liegenden Fltchen. Und
doch war es schn, dieses Gesicht. Es besa jene von innen heraus sprechende
Schnheit, welche man als Altersschnheit bezeichnet. Sie pflegt das Produkt
vielen Leidens und Denkens zu sein. Ganz selbstverstndlich war Kolma Putschi
nicht mehr mnnlich, sondern weiblich gekleidet. Sie blieb vor mir stehen,
schaute mich lange, lange prfend an und sagte dann, indem ihr ernstes Gesicht
zu lcheln begann:
    Ja, das ist er! Noch ganz wie frher! Trotz der vielen vielen Jahre, welche
vergangen sind, seit wir uns nicht mehr sahen! Darf ich Old Shatterhand
begren?
    Sie fragte das, ohne mir die Hand entgegenzustrecken. Ich antwortete:
    Was gbe es fr einen Grund, dies nicht zu drfen?
    Die Feindschaft!
    Welche Feindschaft? Ich kenne keine.
    Auch ich kannte sie nicht; nun aber habe ich sie kennen gelernt. Old
Shatterhand ist in Beziehung auf das Denkmal unser Gegner!
    Vielleicht Gegner, keineswegs aber Feind. Ich habe Kolma Putschi geachtet,
geliebt und bewundert, so lange ich sie kenne, und werde ihr diese Freundschaft
bewahren, so lange ich lebe. Ich bitte um ihre Hand, die so khn und tapfer sein
konnte, und doch so mild und so edel zu gleicher Zeit.
    Da wurde ihr Gesicht wie heller, warmer Sonnenschein, der aus jedem Fltchen
zu mir aufstrahlte. Wir reichten uns die Hnde. Ich zog sie fest an mich heran
und kte sie auf die lieben, guten, einst so tieftraurigen Augen. Dann nahmen
wir beieinander Platz, um das durch mein Kommen unterbrochene Gesprch
fortzusetzen. Da sah und hrte ich denn, da Kolma Putschi im Verlaufe der
letzten Jahrzehnte viel, sehr viel gelernt hatte. Sie war mit Young Surehand und
Young Apanatschka, ihren Enkeln, geistig emporgewachsen, aber leider nicht ber
die Anschauungen und Ansichten dieser Enkel hinaus. Sie schwrmte fr die
geplante, rein uerliche Winnetou-Apotheose, und sie war berzeugt gewesen, da
ich und das Herzle ganz ebenso schwrmen wrden. Als Meinungsverschiedenheiten
und Spaltungen entstanden, hatte sie geglaubt, da es nur unseres Kommens
bedrfe, um diese Konflikte zu lsen. Sie war in den letzen Tagen nicht hier
gewesen und erst mit Old Surehand und Apanatschka zurckgekehrt. Da hatte sie
dann alles erfahren, da wir angekommen seien, da man uns abstoend und
geringschtzig behandelt habe, und da uns aber von Tatellah-Satah die groe
Genugtuung bereitet worden sei, von ihm persnlich nach dem Schlosse abgeholt zu
werden, um dort als seine besonderen Gste in seiner Nhe zu wohnen. Das hatte
die Spaltung zwischen Oberstadt und Unterstadt erweitert. Man befrchtete in der
Unterstadt, da nun grad Old Shatterhand, den man hatte auf die Seite schieben
wollen, sich in der Denkmalsfrage das entscheidende Wort anmaen werde, und das
hatte Old Surehand und Apanatschka veranlat, zu erklren, da sie fest
entschlossen seien, mich in meiner Wohnung bei Tatellah-Satah nicht aufzusuchen.
Kolma Putschi aber hatte es nicht ber das Herz gebracht, in derselben Weise
schroff zu sein. Sie hatte sich bei dem Bewahrer der groen Medizin anmelden
lassen, um ihn um die Erlaubnis zu bitten, uns bei ihm besuchen zu drfen, und
er hatte sehr gern eingewilligt. Nun hatten die beiden Frauen whrend meiner
Abwesenheit schon stundenlang beisammen gesessen und inniges Wohlgefallen
aneinander gefunden. Das war zwar nur eine kurze Zeit, aber dem Herzle schien es
trotzdem schon gelungen zu sein, ihrer Gastin das zu geben, was diese von ihr
erwartete. Der Brief, den Kolma Putschi zu uns hinbergeschrieben hatte, schlo
bekanntlich mit den Worten: So komm also, und bring mir Deine Menschenliebe,
Deine Herzensgte und - - - Deinen Glauben an den groen, gerechten Manitou, den
ich gern ebenso deutlich fhlen mchte, wie Du, meine Schwester, ihn fhlst.
Diese Liebe, diese Gte und dieser Glaube, sie waren jetzt da. Was ich als Mann
in scharfem Tone htte sagen mssen, das hatte das Herzle in freundlicher
Eindringlichkeit gesagt. Als ich jetzt kam war Kolma Putschi schon mehr als halb
zu unserer Ansicht herberbekehrt, und es bedurfte nur noch weniger Worte, um
ihr meine Ansichten und Entschlsse zu przisieren. Als sie mich bat, doch nach
der Unterstadt zu kommen und Old Surehand und Apanatschka aufzusuchen,
antwortete ich:
    Das darf ich nicht. Ich bin Gast Tatellah-Satahs, und wer ihn meidet, den
habe auch ich zu meiden.
    Steht es so, wirklich so? fragte sie besorgt.
    Ja so! besttigte ich. Nach den Gesetzen der roten Mnner ist das Haus
meines Wirtes auch mein Haus. Wer es verachtet, der verachtet auch mich!
    Verzeih! Wenn du von Verachtung sprichst, so irrst du dich. Niemand wird es
wagen, dich zu verachten!
    Falsch! Nicht ich bin es, der sich irrt. Ich wurde eingeladen, nach dem
Mount Winnetou zu kommen. Ich kam. Man hatte mich zu empfangen, mich zu
begren, mich willkommen zu heien. Wer hat das getan? Niemand kam zu mir. Ich
wurde aufgefordert, zu euch zu kommen, euch nachzulaufen. Nun sollst du die
Antwort hren, die ich euch hierauf erteile.
    Das Herzle gab mir einen heimlichen Wink, doch nicht in diesem energischen
Tone zu sprechen; es war ja doch eine Frau, die ich vor mir hatte. Ich aber
wute gar wohl, was ich wollte, und fuhr in derselben Weise fort:
    Ich bitte Kolma Putschi, zu Old Surehand und Apanatschka zu gehen und ihnen
zu sagen, da ich sie fr morgen zum Mittagessen zu mir einlade, hierher, in
meine Wohnung. Es werden auch noch andere Personen geladen sein, doch wer sie
sind, das wei ich jetzt noch nicht.
    Da wurde ihr Gesicht noch ernster, als es so schon war.
    Du meinst, da meine Shne kommen werden? fragte sie.
    Ich hoffe es!
    Zu Mittag?
    Genau zu Mittag, keine Minute spter.
    Und wenn sie nicht kommen?
    Bei dieser Frage waren ihre Augen in grter Spannung auf mich gerichtet.
Ich antwortete:
    So nehme ich das als die grte Beleidigung, die mir widerfahren ist; der
Kampfplatz wird sofort abgesteckt, und die Kugeln werden sprechen!
    Zwischen solchen Freunden, wie ihr gewesen seid?
    Ein Freund, der mich beleidigt, ist schlimmer als ein Feind! Sag ihnen das!
Teile ihnen mit, da ich zwar grau geworden, aber noch immer der Alte bin! Wenn
sie nicht kommen, schieen wir uns. Und dann wird euer ganzes Komitee zum Teufel
gejagt und ein anderes, wrdigeres gewhlt. Winnetou war Huptling der
Apatschen. In welcher Weise er zu ehren ist, darber haben nur Apatschen zu
bestimmen!
    Wenn Old Shatterhand droht, so ist das, was er droht, so sicher und gewi,
als sei es bereits geschehen. Du sprichst im Ernst?
    Im vollsten Ernst! Weshalb hat Winnetou gelebt? Weshalb ist er gestorben?
Etwa um einen jungen Maler und einen jungen Bildhauer berhmt zu machen? Und wie
haben diese beiden unerfahrenen Leute ihn dargestellt? Wo ist sein Geist, wo
seine Seele? Jeder Cowboy, Runner, Loafer oder Tramp kann genau in derselben
Rowdy-Pose stehen wie die tnerne Figur da unten, von der man uns sagte, da sie
Winnetou bedeute! Bitte, liebes Herzle, zeige ihr einmal einen anderen Winnetou,
nmlich den unseren!
    Meine Frau ging, den betreffenden Koffer zu ffnen, und brachte die
photographischen Abzge, welche sie daheim gemacht hatte. Als ich zu ihr trat,
um den betreffenden herauszusuchen, benutzte sie diese Gelegenheit, mir leise
zuzuraunen:
    Sei doch gut! Nicht so grob! Sie weint ja beinahe! Sie ist doch nicht
schuld daran!
    Mehr als du denkst! antwortete ich ebenso leise. Sie versteht nichts von
Kunst und vergttert ihre Enkel. La mich nur!
    Ich habe schon frher gesagt, da ich den Sascha Schneiderschen, zum Himmel
strebenden Winnetou mitgebracht hatte. Wir besaen mehrere Abzge davon. Ich
nahm einen und befestigte ihn mit vier Nadeln an die Wand; dann brannte ich die
Lampe an, denn es war inzwischen fast dunkel geworden. Das Licht fiel von beiden
Seiten auf das Bild. Das Kreuz, welchem Winnetou entgegenschwebt, begann zu
leuchten.
    Das ist unser Winnetou, sagte ich, nicht der eurige. Schau dir ihn an!
    Sie hob die Augen und sagte nichts. Sie trat nher hinzu und sagte nichts.
Sie trat wieder zurck, Schritt um Schritt, und sagte nichts. Dann, an der
gegenberliegenden Wand angekommen, lie sie sich in sitzende Stellung nieder,
hielt ihre Augen unablssig auf das Bild gerichtet und sagte noch immer nichts.
Aber in ihrem Gesichte glnzte der Schein einer hheren Freude. Es war etwas
seelisch Schnes und seelisch Glckliches ber sie gekommen, was sie nicht
verstand und nicht zu deuten wute. Da bewegte sich der Trvorhang neben ihr,
und es trat jemand herein, dessen Kommen wir am allerwenigsten erwartet hatten,
nmlich Tatellah-Satah. Er hatte mir vollstndige Freiheit gewhrt und sich
vorgenommen, mich so wenig wie mglich zu stren; nach der heutigen Entdeckung
aber und nach dem Bericht, den Intschu-inta ihm hchst wahrscheinlich erstattet
hatte, war es ihm Bedrfnis gewesen, mich auszusuchen, um Nheres zu erfahren.
Er sah das Bild, blieb unter der Tre stehen und beobachtete es mit immer grer
werdenden Augen. Dann trat er herein in das Zimmer, schritt langsam nher und
nher, wich wieder zurck, tat einige Schritte vorwrts, whrend in seinem
Gesicht die Gedanken kamen und gingen. Seine Augen leuchteten mehr und mehr. Es
kam ein frohes Erkennen ber ihn.
    Uff, uff! rief er endlich aus. Das ist Winnetou? Der wirkliche Winnetou?
Also unser Winnetou?
    Ich nickte.
    Aber nicht sein Krper, sondern seine Seele! fuhr er fort. Sie schwebt
zum Himmel! Ueber ihm das Kreuz! Aehnlich dem Passiflorenkreuz, welches er in
meinem Hause und in meinem Herzen pflanzte! Seinem Haar entfllt die
Huptlingsfeder! Das letzte Irdische, was noch an ihm haftete! Nun ist er
erlst! Nun ist er frei! Wie schn, wie schn!
    Er stand wie verzckt. Seine Lippen bewegten sich, doch hrte man die Worte
nicht, die ihnen entschlpfen wollten. Erst nach einiger Zeit sprach er laut:
    Das ist er; ja, das ist er! Knnten wir ihn unsern Vlkern doch so zeigen,
wie wir hier ihn sehen! Knnten wir ihm doch ein Denkmal setzen, welches ihn
genau so gibt, wie ich ihn in diesem Augenblick empfinde - - als Seele!
    Das knnen wir! antwortete ich.
    Wirklich? fragte er.
    Ja! Das knnen wir, und das werden wir!
    Unmglich!
    Warum unmglich?
    Ihn als Seele zu zeigen? In Erz, in Marmor oder in sonstigem Gestein?
    Nicht in Erz und nicht in Stein! Und doch hher und herrlicher ragend als
die steinerne Gestalt, welche sich auf dem Mount Winnetou erheben soll!
    Ich verstehe dich nicht!
    Du wirst mich verstehen. Vielleicht schon morgen. Komm! Setze dich! Ich
habe dir noch mehr zu zeigen.
    Er folgte dieser Aufforderung. Da erhob Kolma Putschi sich von ihrem Platze.
Sie hatte ihr erstauntes Schweigen bis jetzt beibehalten; nun aber sagte sie,
sich an mich wendend:
    Old Shatterhand hat gesiegt, wie immer. Doch nicht allein. Sondern mit
seinem Freund und Bruder Winnetou.
    Bei diesen Worten deutete sie auf das Bild und fuhr dann fort:
    Freilich, einen solchen Winnetou bringt weder Young Surehand noch
Apanatschka fertig! Ich gehe jetzt. Ich werde deine Einladung zum Mittagessen
berbringen, und ich hoffe, sie stellen sich ein, die du zu sehen wnschest.
Wrdest du ihnen deinen Winnetou zeigen?
    Wenn sie ihn zu sehen wnschen, ja.
    So lebt wohl! Ich wute bisher nicht, da es Bilder gibt, die mchtiger und
eindringlicher predigen, als Worte predigen knnen!
    Sie ging.
    Ja, sie hatte bisher nicht geahnt, welch eine Sprache die wahre Kunst
besitzt. Ich aber wute es. Und darum hatte ich ihr dieses Bild gezeigt, fr
dessen Stimme in ihrem Herzen die tiefste Resonnanz zu hoffen war.
    Sie hatte ihn ja persnlich gekannt, den es darstellte. Sie hatte ihn
verehrt und geliebt. Und sie hatte es ihm zu verdanken, da ihr einst so
freudeloses Leben eine so unerwartete Wendung zum Glck genommen hatte. Da
konnte sein Bild ja ganz unmglich ohne Wirkung auf sie sein. Und diese Wirkung
nahm sie jetzt mit sich heim. Meine Strenge war berechnet, und ich erwartete,
da diese Rechnung stimmen werde. Als sie sich entfernt hatte, begann
Tatellah-Satah:
    Ich komme, um dich ber deine Hhlenforschung zu hren und dir sodann die
Bibliothek zu zeigen, aus welcher die Karte gestohlen worden ist. Doch sprechen
wir vorher erst ber dieses Bild. Hast du vielleicht nur dieses eine? Dann darf
ich den Wunsch nicht aussprechen, den ich hege.
    Ich besitze mehrere.
    So bitte ich dich, mir eines davon zu schenken!
    Nimm dieses hier! Es ist dein!
    Ich danke dir! Ist es nicht sonderbar, da Old Shatterhand immer der
Gebende ist, so oft er zu seinen roten Brdern kommt? Was er von ihnen bekommt,
ist wenig, denn sie sind arm. Was aber er gibt, das sind innere Reichtmer, fr
die es keine uere Bezahlung gibt. Wenn ich in dieser Weise von Old Shatterhand
spreche, so meine ich ihn nicht allein, sondern das Bleichgesicht berhaupt, dem
wir von jetzt an nur noch Gutes zu verdanken haben werden. Glaubst du, mit
diesem Bild die Gegner zu besiegen?
    Nicht mit Winnetous Bild, sondern durch Winnetou selbst. Das Bild soll nur
der Schlssel sein, der mir die Herzen und das Verstndnis ffnet. Whrend die
da unten am Schleiersee am Monumente bauen, lasse auch ich bauen.
    Was?
    Auch eine Figur, eine Winnetoufigur. Aber unendlich grer, schner und
edler, als sie je ein Knstler herstellen knnte.
    Und wer baut sie? Du?
    Ich? O nein! Wenn kein Knstler das vermag, so vermag ich es doch noch viel
weniger! Der Baumeister, der Bildhauer ist Winnetou selbst! Und sein Werk ist
ein Meisterwerk. Es ist schon vollendet. Ich brauche es nur aufzustellen.
    Wo hast du es?
    Hier, im Nebenzimmer. Ich grub es aus. Am Nugget-tsil. Es ist sein
Vermchtnis. Es sind die Manuskripte, welche er schrieb. La also die Surehands
und die Apanatschkas da unten am Wasserfall bauen! Wir bauen auch! Hier oben,
bei dir, im Schlosse. Wessen Bau eher fertig wird und welcher der wertvollere
ist, das wird sich finden! Ich bitte dich um die Erlaubnis, morgen ein
Mittagessen zu geben. Punkt zwlf. Ich lie Old Surehand und Apanatschka durch
Kolma Putschi laden.
    Uff! Die kommen nicht!
    Sie kommen! Denn ich lie ihnen sagen, da ich, falls sie mich durch Absage
beleidigen, die Kugeln sprechen lassen werde.
    So kommen sie!
    Ich lade alle deine Huptlinge dazu. Auch Athabaska und Algongka,
Wagare-Tey, Avaht-Niah, Schako Matto und andere. Nur dich nicht. Denn du hast
hher zu stehen, als alle die welche ich nannte.
    Tue, was dir beliebt; Du weit, da du Herr hier bist. Sag' Intschu-inta
alles, was du brauchst, besonders die Speisen, welche du whlst. Er wird dir
alles besorgen. Darf ich fragen: Wozu dieses Mittagessen?
    Erstens, um Old Surehand und Apanatschaka herbeizuzwingen. Zweitens und
hauptschlich aber, um mit diesen Huptlingen allen das zu bilden, was die
Bleichgesichter als einen Lesezirkel bezeichnen. Sie haben tglich des Abends
hier oben im Schlosse zu erscheinen. Du bernimmst den Vorsitz, und ich lese
vor, was Winnetou geschrieben und allen roten, weien und anderen Menschen
hinterlassen hat.
    Uff, uff! Vortrefflich, vortrefflich! rief der Bewahrer der groen
Medizin aus.
    In diesen Papieren ist sein Geist und ist seine Seele enthalten. Whrend
ich lese, tritt aus ihnen seine klare, reine, edle und wahrhaft groe
Persnlichkeit hervor. Im Innern des Zuhrers bildet sich die seelische, also
die wirkliche, die wahrheitstreue Figur meines und deines Winnetou. Und wer
diese in sich fhlt, wer sie geistig gesehen und begriffen hat, der ist fr das
Komitee und fr Mr. Okih-tschin-tscha alias Antonius Paper verloren. Stimmst du
mir bei?
    Er reichte mir die Hand und sprach:
    Ich bin von ganzem Herzen einverstanden! Zwar kenne ich das, was unser
Winnetou geschrieben hat, nicht wrtlich, aber er hat mich oft einen Blick in
diese Gedanken tun lassen, und so vermute ich, da der von dir vorgeschlagene
Weg wahrscheinlich ohne hlichen Kampf zum Frieden fhrt. Also, ich bin
einverstanden.
    So nimm dein Bild, und erlaube mir, dir noch ein zweites zu zeigen.
    Ich gab ihm das erstere und steckte einen groen Abzug von Marah Durimeh an
dessen Stelle. Kaum sah er diesen, so erhob er sich von seinem Sitze und rief
aus:
    Wer ist das? Bin das ich? Ist das meine Schwester? Ist es meine Mutter?
Oder eine Ahne von mir?
    Es ist Marah Durimeh, von der ich dir noch viel erzhlen werde.
    Du sagst Marah Durimeh. Ist das gleichbedeutend mit unserer Knigstochter
Marimeh?
    Ja; doch davon spter. Da wir einmal hier bei den Bildern sind, zeige ich
dir noch ein drittes.
    Ich steckte neben Marah Durimeh einen Abzug von Abu Kital an die Wand. Es
war ein ganz eigentmlicher Eindruck, den dieses Portrt auf Tatellah-Satah
machte. Er sah es starr an, schlo hierauf die Augen, dachte nach und sagte
dann, ohne die Augen zu ffnen:
    Den kenne ich! Den hat mir Winnetou beschrieben. Und dabei sagte er mir, er
habe diese Beschreibung von dir! Das kann nur der Gewaltmensch sein, dessen
bloer Anblick schon dem Herzen wehe tut! Du hast ihn Abukal genannt.
    Richtig! Nur der Name ist falsch. Er heit Abu Kital, nicht Abukal. Ich
habe mit Winnetou oft ber ihn gesprochen.
    Ich kann ihn nicht ersehen, bitte dich aber doch, ihn spter einmal genau
betrachten zu drfen.
    Nimm ihn mit. Nimm auch Marah Durimeh mit. Du kannst sie beide behalten;
ich habe mehrere Exemplare.
    So schlage sie mir ein, und gib sie mir!
    Ich tat dies. Erst als er sie in der Hand hatte, ffnete er die Augen wieder
und sprach:
    Ich gehe; ich nehme sie mit, alle drei. Sie halten mich und meine Gedanken
fest. Ich bin ihr Gefangener. Nun fehlt mir fr heut' die Zeit, dir die
Bibliothek zu zeigen. Ich werde es morgen tun oder spter. Also, sprich mit
Intschu-inta ber alles, was du zum Mittagessen brauchst! Ich gehe.
    Es war ein eigentmliches Gefhl, welches er uns zurcklie. Unsere
Photographien hatten gar nicht den Zweck gehabt, mit nach dem Mount Winnetou
genommen zu werden, und nun schienen sie uns hier von Wichtigkeit zu sein. Fr
das Herzle aber gab es zunchst noch viel grere Wichtigkeiten, und es versteht
sich ganz von selbst, da sich diese alle auf das morgige Mittagessen bezogen.
Die Einladung war von mir ausgegangen; darum fhlte sie sich als Wirtin. Sie war
der Ansicht, da sie mit Intschu-inta den Speisezettel zu besprechen habe. Sie
lie also den riesigen Diener kommen. Das machte mir Spa. Als er sich
einstellte, gab er uns vor allen Dingen die Versicherung, da von allem, was wir
brauchten, Fleisch, Mehl und anderes, mehr als genug vorhanden sei. Das klang so
trstlich, da das Herzle Mut bekam. Sie stellte ein Men auf. Eine Suppe mit
Schaumklchen, Huhn, Fisch, Braten, Kochfleisch, Salat, se Speise, Kse usw.
Vor allen Dingen lag ihr sehr viel an einem Ragout von Wildbret und einem
Flammeri von Gries mit Beerensauce. Intschu-inta hrte andchtig zu und nickte
zu allem. Er hatte alles; er wute alles; er kannte alles; und er versprach
alles. In Wahrheit aber wurde sein Gesicht immer lnger und lnger. Als sie die
verschiedenen Gewrze erwhnte und dabei nach einer Peppermill27 fragte,
versicherte er, da mehr als zwanzig Stck vorhanden seien. Da strahlte sie vor
Vergngen.
    Hrst du, es ist alles, alles da! jubelte sie. Das wird ein Essen, mit
dem ich Ehre einlege!
    Liebes Herzle, willst du dir diese schnen Sachen nicht vielleicht erst
einmal zeigen lassen? fragte ich.
    Ja, das werde ich! antwortete sie. Aber du darfst nicht dabei sein!
    Warum nicht?
    Ich brauche dich nicht! Topfgucker verderben den Brei!
    So gehe hin, und koche! Meine Wnsche begleiten dich bis in die Kche!
    Ich danke dir! Leb' wohl! Ich komme bald wieder.
    Sie entfernte sich froh-elastischen Schrittes. Intschu-inta folgte ihr. Aber
ehe er ganz hinaus war, drehte er sich noch einmal um und warf mir einen derart
hilflosen und verlegenen Blick zu, da ich mir Mhe geben mute, nicht laut
aufzulachen. Nach einer Stunde brachte man mir das Abendbrot. Das Herzle lie
mir sagen, ich solle allein essen; sie kme noch nicht. Nach wieder einer Stunde
schickte sie Intschu-inta und gab mir durch ihn die Nachricht, da sie noch zwei
Stunden brauche, um fertig zu werden. Ich wollte ihn fragen, um nheres zu
erfragen; aber er verschwand so schnell, da ich gar nicht zum Worte kam. Ich
las in Winnetous Manuskripten. Als die zwei Stunden vorber waren, erklang
hinter mir von der Tr her die Stimme meiner Frau:
    Geh' immer schlafen, wenn du mde bist! Ich habe noch lngere Zeit zu tun!
    Ich drehte mich schnell nach ihr um, sah aber nur noch den Vorhang wackeln;
sie selbst war schon wieder fort. Ich wartete noch eine Stunde; dann ging ich
nach Winnetous Schlafzimmer und legte mich nieder. Wie lange ich geschlafen
hatte, das wei ich nicht. Da wachte ich auf. Ich fhlte ihre frische, gesunde
Krperatmosphre. Sie war da. Sie stand unter der Tr, die von meinem Zimmer
nach der Wohnung von Winnetous Schwester fhrte, die jetzt die ihrige war. Ich
rusperte mich. Da fragte sie:
    Bist du wach?
    Ja; soeben erst aufgewacht, antwortete ich. Wie viel Uhr ist es?
    Gleich drei Uhr.
    Und so lange warst du in der Kche?
    Ja; aber das ist gar keine Kche, sondern etwas ganz anderes, was ich dir
am Tage zeigen mu. Es ist hier alles kolossal -
    Wie steht es mit der Schaumklchensuppe?
    Die gibt es natrlich nicht.
    Mit dem Wildbretragout?
    Auch nicht.
    Mit dem Griesflammerie in Beerensauce?
    Hre, ich glaube gar, du willst mich hnseln!
    Und mit den zwanzig Peppermills?
    Bitte, sei still! Du bist ein hhnischer Charakter! Ein abstoender,
unsympathischer Mensch, vor dem man sich in acht zu nehmen hat! Ist das der Lohn
dafr, da ich mich so redlich plage, um deinem Mittagessen Ehre zu machen?
Bedenke doch: Neun Indianerinnen und vier Indianer in dem groen, riesigen
Gewlbe, welches man hier als Kche zeigt! Was haben die rennen, laufen und
arbeiten mssen! Und was werden sie noch zu arbeiten haben, bis das Essen
beginnen kann! Es wird groartig! Ich backe sogar Pfannkuchen. Es ist alles dazu
da! Nun aber gute Nacht!
    Auf wie lange?
    Auf nur zwei Stunden. Bis fnf Uhr. Dann mu ich wieder fort. Alle dreizehn
Personen sind wieder bestellt.
    Mein armes Herzle!
    O bitte! Hier gibt es gar nichts zu klagen! Ich fhle mich unendlich
glcklich, fr so viele und so berhmte Indianerhuptlinge kochen, braten und
backen zu drfen! Niemals htte ich mir das trumen lassen! Also, gute Nacht!
    Sie zog sich in ihre Wohnung zurck, und ich schlief wieder ein. Als ich
erwachte, war es schon spter Morgen, und auf meiner Decke lag ein vom Herzle
geschriebener Zettel, dessen Zeilen folgendermaen lauteten: Ich bin seit 5 Uhr
munter. Es geht alles prchtig. Das Essen wird groartig. Du kannst schlafen bis
halb 12. Da komme ich, dich zu wecken. Mit dem Speisesaal bin ich fertig; er
steht bereit. Solltest du eher aufwachen, so inspiziere ihn, ob vielleicht etwas
fehlt. Ueber die Gste haben wir nichts Bestimmtes besprochen; darum habe ich an
deiner Stelle alles eingeladen, was Huptling heit. Ist das ein Fehler? Zu
essen haben wir genug. Es gibt sogar chinesischen Tee aus gersteten
Erdbeerblttern und einen ganzen Haufen Corn-Salad aus wildgewachsenen
Rapunzeln. Dein Herzle.
    Das war so echt Klara! Alle Sorge nimmt sie mir ab. Ich soll womglich
nichts weiter tun, als essen, trinken und schlafen, damit ich so lange wie
mglich lebe. Ich stand schnell auf und rief nach Intschu-inta. Als er kam,
teilte er mir mit, da zwei Weie da seien, die seit einer Stunde auf mich
warteten.
    Zwei Weie? fragte ich. Ich denke, es ist Weien verboten, hierher zu
kommen!
    Sie sind Freunde von Okih-tschin-tscha. Der hat es ihnen erlaubt.
    Ah so! Haben sie ihre Namen genannt?
    Ja; sie sind Brder und heien Enters.
    Die kenne ich. Wo sind sie?
    Noch im Hofe. Soll ich sie heraufbringen?
    Nein. Ich gehe hinunter. Was tut meine Frau? Wo steckt sie jetzt?
    Noch immer in der Kche; da gebietet sie wie eine Knigin; da strahlt sie
wie eine Sonne, und da arbeitet sie wie das rmste Weib eines Coyoteindianers.
Sie hat heute frh eine Gehilfin bekommen, ber die sie sehr glcklich ist.
    Wen?
    Aschta, die unvergleichliche Frau Wakons, des berhmten Medizinmannes der
Sioux. Diese hatte unten im Lager gehrt, da Old Shatterhands Squaw es
bernommen habe, die Wirtin unserer heutigen Gste zu sein, und ging sofort
herauf zu ihr, um sie zu bitten, ihr helfen zu drfen. Nun werden es zwei
Wirtinnen sein, eine europische und eine indianische, die sich vorgenommen
haben, die Bedienung der Huptlinge selbst zu berwachen. Doch schau, wer kommt
da unten?
    Wir standen am Fenster. Er zeigte nach der Unterstadt. Dort war ein Zug von
vielleicht hundert Indianern angekommen, in Leder gekleidet und wie es schien,
sehr gut beritten. Welchem Stamme sie angehrten, konnten wir nicht erkennen.
Sie hielten sich dort nicht auf, sondern wendeten sich nach der oberen Stadt.
Eine hochgewachsene, stolz zu Pferde sitzende Gestalt ritt ihnen voran. Ich
hatte keine Zeit, sie weiter zu beobachten, denn die Brder Enters warteten auf
mich. Als ich in den Hof kam, hatten sie sich, um mglichst wenig beachtet zu
werden, in einen abgelegenen Winkel zurckgezogen. Hariman freute sich, mich zu
sehen; das war ihm anzumerken Sebulon war zurckhaltender, wie immer.
    Ihr seid gewi berrascht, uns hier zu sehen, Mr. Burton, sagte der
erstere. Wir knnen keine langen Reden halten, denn niemand da unten soll
wissen, da wir mit Euch verkehren. Warum habt ihr Euch am dunklen Wasser nicht
von uns sehen lassen?
    Weil wir schneller fort muten, als wir gedacht hatten, antwortete ich.
Sind die vier Stmme noch dort?
    Heut' nicht mehr; sie sind unterwegs. Sie kommen in drei Tagen hier an.
    Wie stark?
    Ueber viertausend Reiter.
    Wo verstecken sie sich?
    In einem fern von hier liegenden Tale, welches das Tal der Hhle heit.
    Kennt Ihr es?
    Nein. Wir werden es aber heut schon aufsuchen, um spter zu wissen, woran
wir sind. Die Hauptsache war, uns bei Euch anzumelden.
    Wie kommt es, da man Euch zugelassen hat? Man wollte doch keine Weien
hier dulden!
    Wir waren an Mister Antonius Paper empfohlen.
    Von wem?
    Von Kiktahan Schonka. Da lie man uns passieren.
    Wo haltet ihr euch jetzt auf?
    Eben bei Antonius Paper, dem Schurken!
    Was? Wie? Schurke? Wie kommt ihr dazu, ihn so zu nennen?
    Weil er einer ist! Wir kamen hierher, um ehrlich gegen ihn zu sein. Wir
richteten alles an ihn aus, was uns von Kiktahan Schonka anvertraut worden war.
Er tat, als sei er unser allerbester Freund. Er veranlate uns sogar, bei ihm zu
bleiben. Dann aber belauschten wir ihn im Gesprch mit dem Agenten Evening, und
da erfuhren wir, da er der grte Schuft ist, den es geben kann. Denkt Euch,
Mister Burton, wir beide sollen von Kiktahan Schonka, Paper und Evening
ausgenutzt werden, ohne etwas dafr zu bekommen. Ja, noch schlimmer: Wenn man
uns nicht mehr braucht, sollen wir auf die Seite geschafft werden und
verschwinden. Ist so etwas zu denken?
    Ich denke es mir nicht nur, sondern ich wei es schon lngst. Ich wei
sogar noch mehr. Nmlich Paper und Evening werden von dem alten Kiktahan Schonka
ebenso betrogen wie ihr. Auch sie sollen verschwinden, wenn der groe Streich
gelungen ist. Die verbndeten Huptlinge wollen nichts geben, sondern alles fr
sich behalten.
    All devils! Da seid Ihr ja der einzige ehrliche Mensch, den es hier gibt!
Wir stecken mitten zwischen Lgnern und Verrtern! Gebt uns guten Rat, Mister
Burton; wir brauchen ihn!
    Was ich ihnen riet, versteht sich ganz von selbst. Sie sollten bei Paper
bleiben, die Augen offen halten und mir alles mitteilen, was sie beobachteten.
Das weitere wrde sich dann finden. Als sie fortgingen, war ich ihrer bedeutend
sicherer als vorher. Doch ehe sie sich entfernten, fragte Sebulon in etwas
zaghafter Weise:
    Darf ich erfahren, wie es Mistre Burton geht?
    Ich danke, antwortete ich. Sie befindet sich sehr wohl. Sie spricht oft
von Euch.
    Wirklich, wirklich?
    Ja. Ich glaube sogar, sie hat Euch gern.
    Da nahm sein Gesicht einen ganz eigentmlichen, glcklichen Ausdruck an, der
alles Schlimme, was sonst von ihm zu denken war, vergessen lie. Seine Lippen
bewegten sich, als ob er noch etwas sagen wollte, doch wurde es nicht laut.
    Als sie zum Tore hinaus wollten, muten sie zur Seite treten. Ein Reiter kam
herein. Ich erkannte den hohen stolzen Mann, der den vorhin angekommenen
Indianern vorangeritten war. Er beachtete die Brder nicht, kam bis zu mir
herangeritten, schaute mich an und sagte in kurzer, bestimmter Weise:
    Noch sah ich dich nie! Aber du bist Old Shatterhand?
    Der bin ich, antwortete ich.
    Ich komme direkt zu dir, zu keinem Andern. Ich hrte, da du hier oben
wohnest. Da meine Squaw bei der deinen sei. Ich kam soeben an. Ich bin Wakon.
Ich bringe euch die auserlesene Jugend meines Stammes.
    In seinem Gesichte strahlte die Freude des Erkennens. Er schwang sich vom
Pferde und begrte und umarmte mich wie einen alten, sehr lieben und sehr
werten Bekannten.
    Ich bin dein Freund, fgte er hinzu. La mich dein Bruder werden. Zeig'
mir deine Squaw und auch die meine, damit ich beide begre!
    Ich hatte keine Ahnung, wo die sogenannte Kche zu suchen war. Zum Glck
erschien in diesem Augenblick unser riesiger Intschu-inta, der uns nach der
richtigen Stelle brachte. Das war im Parterre, hinter einer groen, offenen
Halle. Man sah uns kommen. Da traten sie heraus, die beiden, die wir suchten:
das Herzle die Aermel aufgeschlagen und die beiden Arme bis an die Ellbogen mit
Teig beklebt, und Aschta, die Mutter, auch beide Aermel aufgeschlagen, die Arme
aber glnzend von Backfett, Salatl und hnlichen guten Dingen. Wir lachten alle
vier. Eine gegenseitige Berhrung war unmglich. Darum nahm die Begrung einen
weniger intimen Verlauf, worauf wir beiden Mnner unsere Frauen ihrem
schmackhaften Berufe zurckgaben.
    Intschu-inta nahm das Pferd des Medizinmannes in Verwahrung. Ich aber hielt
mich fr verpflichtet, Wakon zunchst zu Tatellah-Satah zu fhren. In seinem
Hause angekommen, hrten wir, da er sich in der Bibliothek befinde. Diese lag
im zweiten Hause. Ich bergehe die Begrung dieser hochbedeutenden Mnner, auch
die sehr wichtige Konferenz und Aussprache, welche hierauf folgte. Dann
geleitete Tatellah-Satah uns durch die smtlichen Rume der Bibliothek und nach
dem dritten und vierten Hause, wo wir den Tempel und die weit ausgedehnten Rume
fanden, in denen die geheimnisvollen Zeugen vergangener Jahrhunderte und
Jahrtausende untergebracht waren. Eigentlich betrachten konnten wir nichts; dazu
war die Zeit zu kurz. Es handelte sich nur um einen schnellen, allgemeinen und
nur orientierenden Blick auf alle die Reichtmer und Herrlichkeiten, von deren
Vorhandensein die Angehrigen der aueramerikanischen Rassen gar nichts ahnten.
Wenn ich Winnetous Testament verffentliche, werde ich auf diese Rume
zurckkommen und habe dann Zeit, ihrer so ausfhrlich zu gedenken, wie sie es
verdienen. Eins nur will ich erwhnen. Nmlich wir sahen im Tempel die
Riesenhaut des lngst ausgestorbenen Silberlwen, von welcher der Medizinmann
der Komantschen im Haus des Todes gesprochen hat. Dieser Lwe war allerdings
ganz bedeutend grer gewesen, als die jetzigen Pumas sind. Die Schrift war noch
vorhanden. Daneben hing die Haut des groen Kriegsadlers, die von dem
Medizinmann der Kiowa erwhnt worden war.
    Wir waren mit diesem unserem Rundgange noch lange nicht zu Ende, so mute
ich Tatellah-Satah bitten, uns fr heut zu entlassen. Es waren nur noch Minuten,
so muten unsere Gste erscheinen. Es gab da zwei Punkte, an die ich mit groer
Spannung dachte. Der eine war, ob Old Surehand und Apanatschka erscheinen wrden
oder nicht. Hierauf kam sehr viel an. Der andere Punkt betraf das Mahl und das
ganze Arrangement dieses sehr wichtigen, festlichen Empfanges. In letzterer
Beziehung hatte ich mich auf Intschu-inta verlassen, der von Tatellah-Satah mehr
als gengend instruiert worden war. Und in ersterer Beziehung war abzuwarten, ob
wir uns mit den Knsten der roten und der weien Kchensee blamieren wrden oder
nicht. Ich bat Wakon, mir beim Empfange der Gste ebenso beizustehen, wie seine
Aschta meinem Herzle im Backen und Braten Hilfe leistete. Er war gern
einverstanden.
    Der Empfang fand nicht in demselben Raume statt, in dem spter gegessen
werden sollte, sondern in dem, wo die Platte mit den Friedenspfeifen stand. Kaum
hatten wir uns da eingestellt, so kamen die ersten Gste; die anderen folgten
schnell hinterher. Die beiden letzten waren - - Old Surehand und Apanatschka.
Als sie eintraten, suchten sie mit den Augen nach mir. Sie sahen mich, und da
brach alles, alles, was frher gewesen war, durch, und all der gegenwrtige
Zwist war verschwunden. Sie eilten jubelnd auf mich zu, drckten mich wieder und
wieder an sich und baten, sich zu meiner Rechten und Linken niedersetzen zu
drfen. Wie froh ich war! Ich wute nun mit einemmale, da ich gewonnen hatte.
    Die Pfeifen wurden gefllt. Ich hatte die Gste zu begren. Ich tat dies in
kurzer, doch herzlicher Weise. Die Zeremonie des Rauchens braucht nicht
beschrieben zu werden. Ein jeder antwortete. Als das vorber war, galt es, den
Hauptgegenstand des heutigen Tages in das Auge zu fassen. Eben wollte ich
aufstehen und eine hierauf bezgliche Ansprache halten, da ging die Tr auf, und
wer trat herein? Tatellah-Satah, der Bewahrer der groen Medizin. Sobald sie
ihn sahen, erhoben sich alle Anwesenden ehrerbietig von ihren Pltzen. Ich
brannte schnell eine Pfeife an und gab sie ihm. Er tat die vorgeschriebenen
sechs Zge der Begrung, gab sie mir wieder und sprach so kurz und prgnant,
wie nur jemand spricht, der zu gebieten versteht:
    Ich bin Tatellah-Satah. Ihr seid die Stimmen meines ber alles geliebten
Volkes. Ihr sollt erklingen, und ich will hren. Der edelste aller Mnner dieses
Volkes war Winnetou, der Huptling der Apatschen. Ihm soll ein Denkmal werden.
Was heit das? Der Gedanke Winnetou soll uerlich Gestalt gewinnen. Einige von
euch denken sich diese Gestalt von Erz oder Stein. Sie soll auf der kalten,
einsamen Hhe des Berges stehen. Wir andern denken uns diese Gestalt von Fleisch
und Blut, nicht tot, sondern lebend. Ein jeder, der zur roten Rasse gehrt, soll
ein Tropfen dieses warmen, edlen Blutes sein. Der Winnetou der Erstgenannten
wird gehmmert, gemeielt oder gegossen. Unser Winnetou aber soll sich von innen
heraus entwickeln, aus dem Herzen heraus. Die ganze rote Rasse soll sich zu
einem einigen Winnetou gestalten, der hoch ber allem, was niedrig ist, auf den
lichten Hhen des Lebens steht. Ein Stolz fr uns und eine Freude fr Manitou,
den Allergrten und Allerreinsten!
    
    Sich nun an Old Surehand und Apanatschka wendend, fuhr er fort:
    Ihr und eure Shne seid fr den steinernen Winnetou. Ob das richtig ist
oder falsch, will nicht ich allein bestimmen. Ihr selbst sollt auch mit
entscheiden. Ihr lat euern Winnetou am Wasserfall stehen, damit wir ihn sehen
und bewundern mgen. Wohlan, so bitten wir euch, dasselbe tun zu drfen. Ihr
sollt ganz ebenso unsern Winnetou kennen lernen. Er soll nicht nur vor euern
Augen, sondern in euch selbst entstehen. Ihr sollt ihn nicht nur sehen, sondern
auch fhlen und empfinden. Dann sollt ihr sie beide vergleichen, den eurigen und
den unsrigen. Und ist dies geschehen, so werden wir wissen, fr welchen wir uns
entscheiden. Wer stimmt mir bei?
    Howgh! antwortete ich.
    Howgh! fielen alle diejenigen ein, die bisher gleicher Meinung mit mir
gewesen waren.
    Howgh! riefen sogar auch Old Surehand und Apanatschka, teils hingerissen
von der Erscheinung und der Beredsamkeit des Alten, teils aber auch weil sie ihn
nicht ganz verstanden und darum ihr Projekt noch immer als siegreich
betrachteten. Hierauf sprach Tatellah-Satah weiter:
    Ich lade euch alle ein, zu mir zu kommen, heut abend, sobald es dunkel
geworden ist. Bringt auch Young Surehand und Young Apanatschka mit, die beiden
Knstler, die nur ihren steinernen Winnetou kennen, den andern, den lebendigen,
aber nicht. Sie sollen die wahre Kunst kennen lernen, welche nicht darin
besteht, das Irdische abzukonterfeien, sondern das Himmlische im Irdischen
nachzuweisen. Sie sollen heut abend bei mir den sprechen hren, den sie da oben
auf dem Berge versteinern wollen. Sie sollen erfahren, was er von ihnen
verlangt. Und haben sie das von ihm gehrt, so wollen wir sie fragen, ob sie
noch darauf bestehen, uns ein totes Bild zu geben, anstatt Leben, Fleisch und
Blut. Also, ich erwarte euch alle, alle. Ich habe gesprochen!
    Er winkte mit der Hand, drehte sich um und verschwand aus dem Zimmer.
Niemand sprach ein Wort, so tief war der Eindruck, den er hervorgebracht hatte.
Da erschien Intschu-inta und meldete, da das Mahl bereitet sei. Das brachte
wieder Bewegung in die Versammlung, welche sofort aufbrach, dem Rufe der roten
und der weien Kchin zu folgen.
    Das gute Herzle berraschte mich durch zweierlei. Erstens hatte sie ihr
indianisches Frauengewand angelegt, aus seidenweichem Leder gefertigt und mit
uralten Perlen und Fransen verziert. Und zweitens war das von ihr und Aschta
getroffene Arrangement ein so frappantes und gelungenes, wie ich es nicht hatte
erwarten knnen. Es waren, ohne da ich es gemerkt hatte, sehr viele Hnde ttig
gewesen, den Raum zu einem indianisch festlichen zu gestalten, und das Mahl war
geradezu raffiniert bereitet und zusammengestellt, wenn es auch dabei Gensse
gab, ber die ein englischer oder franzsischer Koch die Hnde ber den Kopf
zusammengeschlagen htte. Aber grad das, was ich fr am gewagtesten hielt, das
aen die Huptlinge am liebsten. Wenn mir angst ber ein neues Gericht wurde,
ber dessen Unbefangenheit ich sehr im Zweifel war, da griffen sie am
schnellsten zu. Sie fanden alles wunderbar. Was vorgelegt wurde, verschwand, als
sei es nie dagewesen. Aber es wurde ergnzt. Es kam immer mehr und mehr. Es
wollte gar kein Ende nehmen, bis schlielich doch der eine und der andere das
Messer beiseite legte und ernstlich erklrte, da es ihm am Atem fehle. Der rote
Mann it gern und it viel. Und grad da, wo alles aufhren wollte, wurden noch
ganze Berge von Pfannkuchen gebracht, mit allen mglichen und unmglichen Dingen
gefllt. Das kam von diesem nichtsnutzigen Wesen, dem Herzle, dem es ganz
gleichgltig ist, ob man an zu viel Pfannkuchen stirbt oder nicht, wenn sie
einem nur gut bekommen. Und sie wurden alle! Und sie bekamen! Dann aber saen
die wrdigen Huptlinge sehr still und sehr satt neben einander, und es war
beiden, sowohl der roten als auch der weien Kchin sehr deutlich anzusehen, da
sie sich in diesem Augenblicke als Siegerinnen fhlten; wir aber waren die
Geschlagenen.
    Natrlich war die Unterhaltung whrend des Essens eine auerordentlich
lebhafte gewesen. Kein Wunder, wenn man bedenkt, aus was fr Personen und
Charakteren sich die Gesellschaft zusammensetzte. Ich sa, wie bereits erwhnt,
zwischen Old Surehand und Apanatschka. Was whrend der Zeit, in der wir einander
nicht gesehen hatten, mit uns geschehen war, das hatten wir uns sehr bald in
groen, allgemeinen Zgen mitgeteilt. Auch ber die Frage, ob ich in Old
Surehands Landhaus vorgesprochen habe und wie ich zu seinen Pferden und
Maultieren gekommen sei, wurde verhltnismig schnell hinweggegangen. Jetzt lag
ihnen vor allen Dingen daran, mich womglich fr ihr Denkmalsprojekt zu
gewinnen, und so bildete dies das einzige Thema fr den ganzen weiteren Verlauf
des Essens. Ich aber lie mich in nichts ein. Ich stritt mich nicht. Aber indem
ich ihnen erzhlte, was wir am Nugget-tsil ausgegraben hatten, bereitete ich,
ohne da sie etwas davon bemerkten, die Wirkung des heutigen Abends vor. Old
Surehand und Apanatschka waren krzlich an der Pazific gewesen, von welcher aus
die Umgebung des Mount Winnetou zu verproviantieren und mit allen erforderlichen
Lebensbedrfnissen zu versehen war. Auch das war ein Geschft, bei dem man viel
Geld zu verdienen hoffte. Die Verbindung mit der Bahn mute durch einen regen
Wagen- und Packtierverkehr unterhalten werden. Diesen einzurichten, war die
hchste Zeit, weil die Menschenflut, die man erwartete, hier nun bald
einzutreffen hatte.
    Nach dem Festmahle kehrten alle in ihre Zelte heim. Nur Wakon blieb mit
seiner Squaw bei uns. Wir vier hatten uns gegenseitig schnell liebgewonnen. Ihre
Tochter war oben im Wachtturm bei den Arbeiterinnen, die von dem jungen Adler
beschftigt wurden. Ich schlug vor, zu ihm hinaufzuspazieren. Aschta war schnell
einverstanden und bat, auch den alten, guten Pappermann mitzunehmen. Wakon aber
hatte den Wunsch, in Winnetous Zimmer bleiben und dessen Testament durchsehen
zu drfen. Das gestattete ich ganz selbstverstndlich sehr gern. Pappermann
wurde gerufen; dann stiegen wir durch den Wald zu dem Adler empor.
    Dieser freute sich aufrichtig, als er uns sah, und fhrte uns auf das platte
Dach seiner Wohnung. Dort gab es groe Heimlichkeiten, von denen ich jetzt noch
nichts erzhlen mchte. Es handelte sich, soviel sah ich sogleich, um einen
Flugapparat, aber um keine der bis jetzt bekannten Konstruktionen. Ich sah fr
heut nur zwei eigenartige flordnne Flgel im Entstehen und zwei hohle Krper,
oder sagen wir, zwei eng anliegende Gewnder, welche auerordentlich kunstreich
aus stahlharten aber federleichten Binsen geflochten waren. Es gab hierzu einen
kleinen, nicht sehr schweren aber sehr wirkungsvollen Motor, den er sich aus dem
Osten mitgebracht hatte. Das war das Paket gewesen, welches er trug, als er in
Trinidad zu uns kam. Die Krper waren noch nicht fertig. Es wurde noch an ihnen
gearbeitet, und zwar schien Aschta, die Jngere, sich vorgenommen zu haben, sie
gnzlich fertig zu stellen.
    Es war eine wunderbare Aussicht hier oben. Darum blieben wir so lange da,
bis wir nicht lnger warten konnten. Dann stiegen wir wieder hinab nach unserer
Wohnung, wo wir Wakon so vertieft in seine Lektre fanden, da er es fast
berhrte, da wir bei ihm eintraten. Er legte das Heft, in dem er soeben
gelesen hatte, beiseite, stand auf und sprach:
    Ja, das ist Winnetou, Winnetou selbst! Wenn wir heut abend den vorlesen,
wird er sich riesengro und riesenstark in uns erheben und alle Gegner aus dem
Felde schlagen. Ich fhle ihn schon in mir mild, ernst, rein, keusch und edel,
nur aufwrts strebend zur irdisch mglichsten Vollkommenheit. Das wird ein
herrliches, ein schpferisches Entstehen in uns selbst. Davon soll meine Squaw
nicht ausgeschlossen sein. Ich nehme Achta mit!
    Und auch mich! bat das Herzle. Oder ist es uns Frauen verboten, mit
anwesend zu sein?
    Eigentlich ja, antwortete ich. Aber niemand wird wagen, euch
zurckzuweisen. Es handelt sich nicht um eine Huptlingsversammlung, denn Young
Surehand und Young Apanatschka sind auch geladen. Wo diese sein drfen, drft
auch ihr erscheinen.
    Eben als ich dies sagte, kam Kolma Putschi. Sie sagte uns, da Old Surehand,
Apanatschka und ihre Shne schon bei Tatellah-Satah seien. Sie habe sich mit
ihnen eingestellt, um bei uns anzufragen, ob Aschta und das Herzle gesonnen
seien, sich zu beteiligen. Da wnsche sie, sich ihnen anzuschlieen. Das wurde
ihr ganz selbstverstndlich gewhrt. Ich nahm, als wir nun gingen, nur die
ersten beiden der Hefte mit, die Winnetou fr mich geschrieben hatte.
    Als wir bei Tatellah-Satah ankamen, waren schon alle anderen Eingeladenen
anwesend. Er hatte sie nach dem herrlichen Passiflorenraum bringen lassen, nach
welchem er nun auch uns geleitete. Da waren aus Fellen zahlreiche Sitze
bereitet. Hohe, aus dem Wachse wilder Bienen bereitete Kerzen brannten. Damit
die kstliche Bltenluft nicht durch die vielen Lichterflammen verunreinigt
werde, stand die in das Freie fhrende Treppentr offen. Fr den Vorleser, der
war ich, gab es einen erhhten Sitz, zu dessen Seiten, um mir das ntige Licht
zu geben, die Kerzen vervielfacht waren. Als wir eintraten, standen die
Anwesenden alle auf. Da wir unsere Frauen mitbrachten, schien ihnen ganz
verstndlich zu sein. Tatellah-Satah forderte sie durch einen Wink auf, ihre
Sitze wieder einzunehmen. Er selbst blieb stehen, um einige Worte des Grues und
der Einleitung zu sprechen. Er erklrte den Zweck unserer heutigen Zusammenkunft
und Vorlesung und forderte die Versammelten auf, ihre Augen nach innen zu
richten, um die Ankunft dessen, dem dieser Abend gewidmet war, ja nicht zu
bersehen. Dann begann die Vorlesung. Die ersten Zeilen lauteten:
    Ich bin Winnetou. Man nennt mich den Huptling der Apatschen. Ich schreibe
fr mein Volk. Und ich schreibe fr alle, die da Menschen sind auf Erden.
Manitou, der Groe, der Allgtige, breite seine Hnde aus ber dies mein Volk
und ber alle, die es ehrlich mit ihm meinen!
    Als diese Worte erklangen, ging eine tiefe, fast mchte ich sagen, eine
heilige Bewegung durch die Versammlung.
    Winnetou! Winnetou! Winnetou! hauchte es rundum.
    Ich las weiter. Ein voller, inhaltsreicher Lapidarstil war meinem
unvergleichlichen roten Bruder eigen gewesen, wie stets im Sprechen, so auch
hier im Schreiben. Das wuchtete. Das hob empor! Und das ri hin! Den Inhalt
dessen, was ich vorlas, wird man kennen lernen, wenn das Testament im Druck
erscheint. Es entstand die Seele des Knaben Winnetou, die Seele der einstmals
jungen, roten Rasse. Sie entwickelte sich; sie wuchs. Die Schicksale Winnetous
waren die Schicksale seiner Nation. In dem ersten Hefte, aus dem ich vorlas,
beschrieb er seine Kindheit, in dem zweiten sein Knabenalter. Ich sa der
offenen Tr grad gegenber. Als ich zwischen den Zeilen einmal ausblickte, sah
ich eine Gestalt, welche drauen vor der Tr, im freien, erschien. Sie kam nicht
herein. Sie setzte sich drauen nieder, um zuzuhren. Die Gestalt war jung. Ich
konnte ihr Gesicht nicht erkennen. Das Haar hing ihr lang und voll ber den
Rcken herab. War es Winnetou? Hatte er sich aus jener anderen Welt
herniedergelassen, um dabei zu sein, wenn sein Vermchtnis laut zu sprechen
begann?
    Die Zuhrer waren bis tief in ihr Innerstes gefesselt. Ihre Augen hingen an
meinem Munde. Sehr hufig erklang ein leises oder auch ein lauteres Uff! Die
Spannung war gro. Sie lie nicht nach, sondern sie wuchs. Die sitzende Gestalt
drauen vor der Tr regte sich nicht, so gefangen war sie von dem, was sie
hrte. Ich las bis Mitternacht; da wollte ich aufhren; aber kein einziger der
Anwesenden war damit einverstanden.
    Weiter, weiter! bat man von allen Seiten.
    Wakon erbot sich, an meiner Stelle fortzufahren. Ich willigte ein. Er las
und las, noch stundenlang, bis drauen der Morgen tagte und man sehen konnte,
da der vor der Tr Sitzende und so aufmerksam Zuhrende der junge Adler war.
Da stand ich auf und bat, Schlu zu machen; heut abend sei bessere Zeit als
jetzt, in der Vorlesung fortzufahren. Nur in der Hoffnung auf dieses letztere
war man einverstanden. Man erhob sich von den Sitzen. Kein einziger sprach ein
Wort. Es erschien ihnen wie eine Entweihung, jetzt anderes zu sagen. Da deutete
Tatellah-Satah hinaus nach dem stlichen Horizont und sprach:
    Meine Brder mgen sehen, da der Tag im Erscheinen ist, der junge Tag, den
die Sprache der Menschen den Morgen nennt. Zur selben Zeit ist in mir, und, wenn
Manitou es will, in ihnen auch ein Tag erschienen, ein neuer, junger, schner
Tag, schner als alle die Tage, die vergangen sind. Ich meine den neuen, groen,
herrlichen Tag der roten Nation. Er wurde in diesen unserm Winnetou geweihten
Stunden in euch geboren. Fhlt ihr ihn? Und fhlt ihr tief in euch die Seele
dessen, um dessen Testament wir uns versammelten, zu erfllen, was er uns in ihm
erlutert und verheien hat? Fhlt ihr sein Bild, welches in euch wachsen will?
    Es ist da! antwortete Athabaska.
    Ja, es ist da! rief Aschta, die Begeisterte.
    Es ist da; es ist da! stimmten auch die anderen bei.
    Sogar Old Surehand und Apanatschka besttigten es. Nur ihre Shne sagten
noch nichts. Auch sie fhlten die tiefe Wirkung des Manuskriptes. Aber sie
wuten, da ihr Plan um so unausfhrbarer wurde, je mehr diese Wirkung sich
vertiefte. Darum drngten sie das, was ber ihre Lippen wollte, jetzt noch
zurck.
    Und kommen meine Brder heut abend wieder? erkundigte sich Tatellah-Satah.
Ich erwarte sie zu ganz derselben Zeit.
    Wir kommen, versicherte Algongka.
    Ja, wir kommen, sagte Kolma Putschi, die ganz gewonnen war.
    Wir kommen; wir kommen! riefen alle anderen. Und diesesmal waren auch die
Stimmen der zwei jungen Knstler dabei.
    So brachen wir auf und gingen heim. Bei uns angekommen, gestand das Herzle,
ehe wir zur Ruhe gingen:
    Glaubst du da ich wirklich ein neues Wesen, eine seelische Gestalt in mir
fhle, die vorher nicht vorhanden war?
    Ich glaube es. Doch bitte, sprechen wir ja nicht in Rtseln. Es ist die
Gedankenwelt Winnetous, die uns ergriffen hat und uns erobern wird, wir mgen
wollen oder nicht. Gute Nacht, Herzle!
    Gute Nacht! Ich glaube, wir siegen! - - -

                                 Achtes Kapitel

                                        

                                    Der Sieg


Die Vorlesung wurde tglich fortgesetzt. Sie bewirkte Wunder. Ihre grte
Wirkung war die, da Young Surehand und Young Apanatschka stets die ersten
waren, die sich einstellten. Sie konnten das Folgende kaum erwarten. So groe
Freude uns dies machte, so taten wir doch, als ob wir gar nicht darauf achteten.
Und sie ihrerseits versumten trotz dieses groen Interesses fr unseren
seelischen Winnetou doch keineswegs, den Aufbau ihres steinernen Bildes am
Schleierfalle so viel wie mglich zu frdern. Es wuchs zusehends empor, weil die
einzelnen Teile schon fertig behauen waren und nur noch zusammengesetzt zu
werden brauchten. Es war, als ob ein Wettstreit zwischen uns und ihnen herrsche,
welche Figur am ersten fertig sein werde, ihre steinerne oder unsere rein
geistige, die sich in den Vorleseabenden in immer grerer Hhe und Schnheit
entwickelte.
    Am Abende des dritten Tages, nachdem die Gebrder Enters bei mir gewesen
waren, wurde ich von Hariman, dem einen Bruder, wieder aufgesucht. Er hatte, um
nicht gesehen zu werden, zu dieser heimlichen Visite die spte Zeit der
Dunkelheit gewhlt. Es hatte kurz vor Abend neue Ankmmlinge gegeben, die in der
Unterstadt geblieben waren. Nach der Aufregung, die ihre Ankunft dort
verursachte, schienen wichtige Personen dabei zu sein, deren Namen wir aber
nicht erfahren hatten. Nun kam Hariman Enters, sie uns zu nennen. Ich empfing
ihn in Gegenwart meiner Frau.
    Wit ihr, Mr. Shatterhand, wer gegen Abend hier angekommen ist? fragte er.
    Nein, antwortete ich.
    Eure Todfeinde, die vier Huptlinge.
    Ah? Wirklich? Allein?
    Mit nicht viel ber dreiig Mann Begleitung, mehr nicht.
    Keine Unterhuptlinge?
    Nein.
    Wie unvorsichtig von ihnen! Daraus ist doch auf das zu schlieen, was sie
vorhaben! Die Unterhuptlinge gehren unbedingt zu ihnen. Fehlen sie, so
bedeutet das Gefahr. Sie sind natrlich bei den viertausend Reitern, die man
nach dem Tale der Hhle beordert hat?
    Ganz sicher! Aber das ist jetzt Nebensache. Hauptsache ist, da man Euch
morgen zum Zweikampf herausfordern wird.
    Uff! Hchst interessant!
    Da aber fiel das Herzle schnell ein:
    Das ist ganz und gar nicht hchst interessant, sondern hchst unverschmt
und hchst gefhrlich! Wer ist der Mensch, der sich vorgenommen hat, meinen Mann
umzubringen?
    Diese Frage war an Enters gerichtet. Er antwortete.
    Es ist nicht nur einer, sondern es sind vier.
    Wie? Hre ich recht? Vier? Wer sind denn diese vier?
    Kiktahan Schonka, Tusahga Saritsch, Tangua und To-kei-chun.
    Wollen sie etwa alle vier zu gleicher Zeit auf einmal auf meinen armen Mann
hineinhauen, hineinstechen oder hineinschieen?
    Nur schieen, weiter nichts.
    So! Weiter nichts! Als ob das gar nichts wre! Und alle vier zu gleicher
Zeit?
    Nein, sondern einer nach dem andern.
    Das verbitte ich mir! So hbsch einer nach dem andern! Etwa wie drben in
Deutschland beim Scheiben- oder Vogelschieen! Wenn der eine nicht trifft,
trifft der andere! Danke! Da kann doch kein Mensch lebendig davonkommen!
    Das meinen sie eben auch! Old Shatterhand mu unbedingt fallen. Dann ist
nicht nur ihrer Rache Genge geschehen, sondern auch der steinerne Winnetou
gerettet. Man meint nmlich, da er der einzige wirklich gefhrliche Gegner des
Denkmalbaues ist. Ist er tot, so ist mit Hilfe der viertausend Reiter alles
durchzusetzen - - - - - -
    Oho! fiel ihm das Herzle zornig in die Rede. Er wird aber nicht tot sein!
Ehe ich mir ihn erschieen lasse, schlage ich diese viertausend alle tot, auch
einen so ganz hbsch nach dem andern, und dann - - -
    Sie hielt inne. Sie bemerkte, was sie da eigentlich gesagt hatte, und brach
in ein frhliches Gelchter aus, in welches ich einstimmte. Dadurch glttete
sich ihre Erregung, und wir konnten in Ruhe weitersprechen.
    Es war richtig, da die vier unvershnlichen Huptlinge beschlossen hatten,
mich zu einem echt indianischen Kampf auf Leben und Tod zu fordern. Da sie
dabei ihre Bedingungen derart stellten, da ich unmglich entkommen konnte,
verstand sich ganz von selbst. Jetzt, heut abend, lie sich da weder etwas
beschlieen, noch etwas tun. Man mute die Bedingungen kennen lernen. Es war
beschlossen, da Pida, der Sohn Tanguas, mir die Forderung zu berbringen hatte.
Er war mir, wie man wei, freundlich gesinnt, und so lie sich hoffen, da es
mir mit seiner Untersttzung gelingen werde, alles fr mich Gefhrliche
abzuwenden.
    Als ich das dem Herzle vorstellte, beruhigte sie sich ganz. Sie erhob sich
sogar zu folgender Betrachtung:
    Die Sache ist allerdings nicht im geringsten gefhrlich, sondern einfach
lcherlich. Die vier Halunken werden riesenhaft blamiert. Du brauchst nur Mann
zu sein, weiter nichts!
    Hm! Wie meinst du das? erkundigte ich mich.
    Sehr einfach: Du bist doch Duellgegner?
    Sogar sehr!
    Nun also! Wenn diese Kerle dich fordern lassen, sagst du: Ich bin
Duellgegner und mache nicht mit! Da schleichen sie davon und mssen sich
schmen!
    Hm, hm! lchelte ich. Und da sagst du, ich htte nur Mann zu sein?
    Ja! Oder ist es etwa nicht mnnlich, seine Duellgegnerschaft offen und
ehrlich zu bekennen?
    O gewi! Ich bin ja auch ganz gern bereit, mich als Mann zu zeigen, sogar
als Doppelmann!
    Doppelmann? fragte sie. Du, das klingt verdchtig! Wenn du in dieser
Weise kommst, ist ganz gewi etwas nicht richtig! Ich schpfe Verdacht!
    Verdacht? kannst du nichts Besseres schpfen, wenn berhaupt geschpft
werden mu? Ich werde diesem Pida sehr mnnlich gestehen, da ich Duellgegner
bin. Und ich werde dann ebenso mnnlich hinzufgen, da ich trotzdem sehr gerne
bereit bin, mich mit den vier Huptlingen zu schieen. Ist das nicht doppelt
Mann?
    Nicht doppelt Mann, sondern doppelt falsch! Ich hoffe, da du scherzest!
    Ich scherze allerdings, und dennoch nehme ich es ernst, beides zugleich.
Offen gesagt, ich nehme diese Forderung einfach als Faxe und werde sie als Faxe
behandeln, obwohl sie von feindlicher Seite blutig ernst gemeint ist. In welcher
Weise ich das tue, und wozu ich mich berhaupt entschliee, das kann ich jetzt
nicht wissen. La Pida kommen, dann wirst du hren, was ich ihm antworte!
    Du hlst die Sache also nicht fr gefhrlich?
    Nein.
    Und glaubst, heiler Haut davonzukommen?
    Unbedingt!
    Daran haben die Huptlinge auch gedacht, fiel da Hariman Enters ein. Sie
trauen Eurer List und Findigkeit nicht. Darum lieen sie mich und meinen Bruder
kommen, und teilten uns ihren Plan mit, Euch im Zweikampfe umzubringen. Falls
Ihr dem Tode in irgendeiner Weise entgehen solltet, bin ich mit meinem Bruder
von ihnen beauftragt, Euch auf die Seite zu schaffen, Euch und Eure Frau - - -
    Auch mich? fiel ihm das Herzle in die Rede. Seid Ihr darauf eingegangen?
    Ganz selbstverstndlich!
    Aber nur zum Schein?
    Nur zum Schein! nickte er. Es fllt uns nicht ein, uns an Euch zu
vergreifen. Wir sind Euch treu. Wir werden Euch beschtzen, nicht aber
ermorden!
    Das glaube ich Euch! versicherte sie in schneller, aber aufrichtiger
Herzensregung.
    Ist es wahr? Glaubt Ihr das wirklich? fragte er, indem sein Gesicht sich
froh erhellte.
    Es ist wahr, antwortete sie.
    Und Ihr, Mr. Shatterhand?
    Auch ich glaube es, besttigte ich.
    Das freut mich! Das freut mich ungemein! Ich kann Euch sogar beweisen, da
wir es ehrlich meinen. Ich habe dafr gesorgt, da ich es kann. Ich bringe den
Beweis, den unumstlichen Beweis. Ich habe eine Art von Kontrakt.
    Etwa einen geschriebenen? fragte ich.
    Ja.
    Unglaublich! Von wem ausgestellt?
    Von den vier Huptlingen ausgestellt und von Mr. Evening und Mr. Paper als
Zeugen unterschrieben. Hier habt Ihr ihn.
    Er gab ihn mir. Es war kein Kontrakt, sondern ein Zahlungsversprechen,
dessen Ausstellung nur dadurch denkbar und mglich war, da sowohl die beiden
Brder als auch die beiden Unterzeichneten von den Huptlingen betrogen werden
sollten. Da diese Schrift auf absichtlichem Wege in die Hnde eines Gegners
gelangen knne, war fr die Aussteller eine Unmglichkeit gewesen. Sie hatte den
Brdern nur fr eine kurze Zeit ausgestellt, dann aber wieder abgenommen werden
sollen. Nachdem ich sie gelesen hatte, wollte ich sie Hariman Enters
zurckgeben; er aber sagte:
    Kann sie Euch ntzen, wenn Ihr sie behaltet?
    Sogar viel, antwortete ich.
    So mag ich sie nicht wieder. Betrachtet sie als Euer Eigentum!
    So danke ich Euch. Damit habt Ihr allerdings bewiesen, da Ihr es ehrlich
meint. Warum brachtet Ihr Euren Bruder nicht mit?
    Weil niemand etwas wissen soll und zwei viel eher beobachtet und entdeckt
werden als einer. Sobald wieder etwas zu melden ist, mag er es tun. Jetzt aber
bitte ich, mich zu entlassen.
    Er ist wirklich treu, sagte das Herzle, als er fort war.
    Ob aber auch sein Bruder? fragte ich.
    Ich glaube nicht, da er mir etwas Bses zufgt.
    Ja, dir! Aber mir? Mich liebt er nicht. Das ist gewi. Ich fhle mich nur
darum vor ihm sicher, weil alles Bse, was er mir zufgen knnte, ganz unbedingt
auch dich mit treffen mu. Ich stehe also, wie berall, auch hier unter deinem
Schutz!
    Den hast du allerdings auch ntig! scherzte sie mit. Besonders morgen,
wenn vier Huptlinge auf dich schieen, so recht hbsch einer nach dem andern!
Sei ja nicht etwa leichtsinnig! Dein Leben mu auf alle Flle erhalten werden.
Du gehrst nicht dir allein, sondern auch mir! -
    Am nchsten Morgen stellten sich zwei Kiowa-Indianer bei mir ein, die mir
meldeten, da Pida, ihr Huptling, mich zu sprechen habe. Ich solle ihm durch
sie mitteilen, wann ich ihn bei mir empfangen wolle. Ich bestellte ihn auf Punkt
die Mittagszeit. Als sie sich entfernt hatten, lie ich durch Intschu-inta alle
die Personen, die zur Vorlesung zu erscheinen pflegten, so einladen, da sie
eine Viertelstunde vor Mittag bei mir einzutreffen hatten. Sie kamen, und ich
teilte ihnen in Krze mit, um was es sich handelte. Ich wnschte, da bei der
Forderung soviel Zeugen wie mglich vorhanden seien.
    Pida kam in groer Begleitung angeritten, wurde aber nur allein vorgelassen.
Die bei ihm waren, standen nicht im Hnptlingsrang. Er suchte es zu verbergen,
aber man sah es ihm doch an, da er berrascht war, mich nicht allein, sondern
so viel andere bei mir zu sehen. Das Herzle, Aschta und Kolma Putschi waren auch
mit da. Als er eingetreten war, stand ich von meinem Platze auf, ging ihm einige
Schritte entgegen und sprach:
    Pida, der Huptling der Kiowa, hat einst mein Herz gewonnen. Er besitzt es
auch heute noch. Doch wei ich nicht, ob ich in der Sprache des Herzens mit ihm
reden darf oder nicht. Er sage mir, in welcher Eigenschaft er zu mir kommt, ob
als Gast, mich zu begren, oder als Bote seines Vaters, der mir den kleinsten
Gru verweigern wrde!
    Er war damals Jngling gewesen, jetzt aber ein Fnfziger. Sein Gesicht war
jetzt schrfer geschnitten als frher, aber noch immer sympathisch. Sein Auge
ruhte mit freundlichem Blicke auf mir, doch klang seine Stimme ernst, als er mir
antwortete:
    Old Shatterhand wei, ob Pida ihn liebt oder hat. Ich komme als Bote
meines Vaters und seiner Verbndeten.
    So mag Pida sich setzen und dann sprechen!
    Indem ich das sagte, kehrte ich nach meinem Platze zurck und deutete ihm
durch eine Handbewegung an, sich vor mir niederzulassen. Er aber lehnte ab,
indem er fortfuhr:
    Pida mu stehen. Nur der Friede darf sich niederlassen und ruhen. Old
Shatterhand sieht in mir den Boten von vier der berhmtesten Krieger. Ich nenne
ihre Namen: Tangua, der Huptling der Kiowa, To-kei-chun, der Huptling der
Racurroh-Komantschen, Tusahga Saritsch, der Huptling der Kapote-Utahs, und
Kiktahan Schonka, der lteste Huptling der Sioux. Es ist lange her, viele
Sommer und viele Winter, da diese Huptlinge von Old Shatterhand gezwungen
wurden, danach zu trachten, da er ausgelscht werde aus der Reihe der Lebenden.
Er entkam ihnen. Er lebt noch. Aber auch seine Schuld besteht noch, sie ist
ungeshnt. Er hat sie vergessen. Er hat geglaubt, sie sei auch von ihnen
vergessen. Er hat es gewagt, in ihr Land zu kommen und die Pfade zu betreten,
die seinem Fue verboten sind. Dadurch hat er sich ihnen ausgeliefert. Er ist
ihr Eigentum. Er mu sterben. Aber die Zeiten des Marterpfahles sind vorbei, und
die Huptlinge gedenken, edel und gtig zu sein. Sie wollen ihm Gelegenheit
geben, sich vom wohlverdienten Tode zu erretten. Sie wollen mit ihm kmpfen. Ich
bin gekommen, ihn zu diesem Kampfe einzuladen und aufzufordern. Was antwortet er
mir?
    Da stand ich auf und sprach:
    Nicht nur die Zeiten des Marterpfahles, sondern auch die Zeiten der langen
Reden sind vorber. Was ich zu sagen habe, ist kurz. Ich bin der Feind keines
einzigen roten Mannes gewesen. Ich habe weder Ha noch Tod verdient. Ich wandle
auch heute nicht auf verbotenen Wegen und fhle mich den Huptlingen keineswegs
ausgeliefert. Auch die Zeiten der Mordtaten, der Faust- und der Zweikmpfe sind
vorber. Ich bin alt und bedachtsam geworden. Ich verdamme jedwedes
Blutvergieen. Ich bin ein Gegner des Zweikampfes - -
    Da stie mich das Herzle heimlich an und flsterte mir zu:
    Recht so, recht so! Sei ein Mann!
    Sie konnte das tun, weil ich ganz dicht neben ihr stand. Ich aber fuhr fort:
    Aber weil ich die Berhmtheit der Huptlinge kenne und ihr weigewordenes
Haar achte, will ich es vermeiden, sie durch eine Absage zu beleidigen. Ich bin
also bereit, mit ihnen zu kmpfen.
    Bist du toll? flsterte mir das Herzle zu.
    Hierauf ergriff Pida wieder das Wort:
    Old Shatterhand ist der alte. Er hat nie Furcht gekannt. Aber er sehe sich
vor! Die Bedingungen, welche die Huptlinge stellen, sind scharf, sind
unerbittlich. Er wird dann zwar auch die seinigen stellen, aber es steht nicht
zu erwarten, da - - -
    Ich stelle keine, unterbrach ich ihn schnell. Ich gehe auf alles ein, was
die Huptlinge von mir verlangen.
    Da sah er mich ungewi an und fragte:
    Spricht Old Shatterhand im Scherz oder im Ernst?
    Im Ernste!
    So sage er das, was ich jetzt hrte, noch einmal. Vorher aber hre er, was
die Huptlinge fordern. Die Waffe sei das Gewehr. - - - Er hat mit einem jeden
der vier Huptlinge zu kmpfen. - - - Die Reihenfolge wird durch das Los
bestimmt. - - - Geschossen wird im Sitzen. - - - Es gibt fr jeden nur einen
einzigen Schu. - - - Die Gegner sitzen einander gegenber, nur sechs Schritte
voneinander entfernt. - - - Den ersten Schu hat stets der ltere. - - - Der
zweite Schu fllt genau eine Minute nach dem ersten. - - - Es wird gekmpft bis
zum Tode. - - - Wenn die vier Gnge mit den vier Huptlingen vorber sind und
Old Shatterhand ist noch nicht tot, werden sie von vorn angefangen. Das sind die
Bedingungen. Old Shatterhand mag sie erwgen!
    Er hatte immer da, wo die Gedankenstriche stehen, eine Pause gemacht und
mich prfend, ja beinahe besorgt angesehen. Jetzt antwortete ich:
    Sie sind bereits erwogen. Wer kommandiert die Schsse?
    Der erste Vorsitzende des Komitees.
    Wie lange hat der zweite Schu zu warten, wenn der erste nicht fllt?
    Nicht fllt? Die Huptlinge sind lter als Old Shatterhand, der noch nicht
siebzig Jahre zhlt. Keiner von ihnen wird zgern. Sie werden schieen, sobald
das Kommando fllt.
    Wer kann das behaupten? Ich sah schon manches, was man fr unmglich hlt,
mglich werden. Also, ich frage: Die Huptlinge haben jeder den ersten Schu;
ich aber habe den zweiten. Wenn der erste Schu nicht fllt, wann darf ich
schieen?
    Genau eine Minute, nachdem der erste htte fallen sollen!
    Einverstanden. Wohin soll geschossen werden?
    In das Herz, genau in das Herz.
    Nach gar keiner anderen Krperstelle?
    Nach keiner andern!
    Wo findet der Kampf statt?
    Auf der Scheide zwischen der Oberstadt und der Unterstadt. Der Platz wird
abgesteckt.
    Wann?
    Eine Stunde, bevor die Sonne hinter dem Mount Winnetou verschwindet.
    Wer sorgt dafr, da diese Bedingungen streng eingehalten werden?
    Zwei Personen auf jeder Seite. Die Huptlinge haben hierzu den Agenten
William Evening und den Bankier Antonius Paper gewhlt. Old Shatterhand whle
ebenso zwei!
    So nenne ich hierzu meinen Freund und Bruder Schahko Matto, den Huptling
der Osagen, und meinen Freund Wagare-Tey, den Huptling der Schoschonen. Sie
werden zu meinen Seiten stehen und jeden Huptling sofort erschieen, der sein
Wort bricht, indem er nach einer anderen Stelle als nur auf mein Herz zielt. Ist
Pida, der Bote meiner Feinde, einverstanden?
    Ich bin es, antwortete er. Und Old Shatterhand?
    Ich nehme den Kampf an, zu den Bedingungen, welche soeben besprochen
wurden.
    Um Gottes willen! raunte mir das Herzle so laut zu, da alle es hrten.
Ich gebe es nicht zu! Du bist verloren!
    Es war ein Glck, da sie deutsch gesprochen hatte, so da niemand es
verstand.
    Hat Old Shatterhand mir noch etwas mitzuteilen? erkundigte sich Pida.
    Nur da ich mich mit meinem Gewehre pnktlich einstellen werde, weiter
nichts. Pida, der Huptling der Kiowa, hat seine Botschaft ausgerichtet. Er kann
gehen!
    Er machte eine grende Handbewegung und drehte sich um, sich zu entfernen.
Aber noch unter der Tr blieb er stehen, besann sich, kehrte um, kam schnellen
Schrittes auf mich zu, ergriff meine beiden Hnde und sagte, indem sein Gesicht
ein ganz anderes wurde:
    Pida liebt Old Shatterhand. Er will nicht, da Old Shatterhand sterbe,
sondern da er lebe, und da er glcklich sei. Kann Old Shatterhand an diesem
Kampfe, der doch unbedingt zu seinem Tode fhren mu, nichts ndern?
    Ich knnte wohl, aber ich will nicht, antwortete ich. Pida ist mein
Bruder, und ich bin der seine. Dieser Kampf wird nicht zu meinem Tode fhren.
Old Shatterhand wei stets, was er sagt. Pida glaube auch jetzt an mich, wie er
frher an mich glaubte! Kein Komantsche, kein Kiowa, kein Utah und kein Sioux
wird mich tten! Nur noch kurze Zeit, so werden sie alle unsere Freunde sein.
Ich bitte dich, das zu glauben!
    Ich glaube es, und ich wnsche es, versicherte er. Old Shatterhand
spricht in Geheimnissen; aber jedes Wort hat bei ihm seinen Grund und seine
Absicht. Er sieht und hrt, was andere weder sehen noch hren. Darum wei er
voraus, was andere nicht wissen knnen. Ich habe gesprochen. Ich gehe!
    Ich schttelte ihm die Hnde und kte ihn auf die Stirn. Seine Augen
strahlten. Er grte rundum und schritt erhobenen Hauptes hinaus.
    Es lt sich wohl denken, da ich nun mit Fragen berschttet wurde. Es war
mir unmglich, so zu antworten, wie man wnschte. Wollte ich nicht den ganzen
Erfolg auf das Spiel setzen, so mute ich ber das, was ich vorhatte, schweigen.
Darum wuchs die Spannung der Anwesenden immer mehr und wurde, als sie sich dann
entfernten, hinunter in die Stadt getragen und dort verbreitet. Meinem Herzle
gegenber durfte ich freilich nicht schweigen. Ich mute sie beruhigen. Ich
sagte ihr, da ich im Besitze von vier kugelfesten Panzern sei, durch die kein
Schu zu dringen vermge. Diese Panzer waren die Medizinen, die wir vom Haus
des Todes mitgebracht hatten. Keinem Indianer kann es jemals einfallen, seine
eigene Medizin zu verletzen. Er gibt sich lieber den Tod, als da er dieses tut.
Die Medizin des alten Kiktahan Schonka bestand aus seinem Grtel und aus den
Hundepftchen, die ich damals auf den Stufen gefunden hatte. Was die Medizinen
der drei anderen Huptlinge vorstellten, das konnte man nicht sehen, weil sie in
lederne Medizinbeutel eingenht waren. Ich knotete die an ihnen vorhandenen
Riemen derart, da die Medizinen, wenn ich sie mir um den Hals hing, grad auf
das Herz zu liegen kamen. Das war die ganze Vorbereitung, die ich fr den so
gefhrlich erscheinenden Zweikampf zu treffen hatte. Als das Herzle das hrte,
war sie sofort beruhigt. Ja, sie begann sogar, sich auf dieses Duell zu
freuen.
    Nicht lange, so war die Aufregung zu sehen, die sich unten im Lager
verbreitete. Man steckte den Kampfplatz ab, und man war besorgt um Pltze fr
Hunderte von Zuschauern. Es herrschte sowohl in der Unter- als auch in der
Oberstadt eine lebhafte Bewegung. Man suchte einander auf. Man sprach von nichts
anderem als von dem bevorstehenden Kampf auf Leben und Tod zwischen Old
Shatterhand und den vier berhmten Huptlingen. Man sagte, da es von ersterem
geradezu wahnsinnig sei, auf so blutrnstige Bedingungen einzugehen. Aber man
hielt dem entgegen, da er oft ganz anders denke und ganz andere Wege gehe als
andere Menschen, und da man darum auch jetzt nicht voreilig urteilen drfe,
sondern einfach den Ausgang des Kampfes abzuwarten habe. Kurz, das Abenteuer war
in aller Mund, und es verstand sich ganz von selbst, da auch Tatellah-Satah
davon hrte, obwohl ich es unterlie, ihn zu benachrichtigen. Es war nach dem
Mittagessen; da suchte er mich auf. Ich war mit dem Herzle allein. Er setzte
sich nicht. Er sagte, er beabsichtige, gleich wieder zu gehen. Er sah mir
forschend in das Gesicht und fragte dann:
    Du wirst dich mit den Huptlingen schieen?
    Nein, antwortete ich.
    Da ging ein frohes Lcheln ber sein Gesicht, und er fuhr fort:
    Ich dachte es! Old Shatterhand ist kein Selbstmrder! Aber du wirst
pnktlich erscheinen?
    Ja.
    So frage ich nicht, was du vorhast. Du bist dein eigener Herr und hast
keinen anderen Menschen um Erlaubnis zu fragen. Aber ich komme auch!
    Allein? Oder mit deinen Winnetous?
    So, wie du es wnschest.
    So komm allein! Man soll erfahren, da wir nicht durch groe
Kriegerscharen, sondern durch uns selbst zu siegen wissen.
    Liesest du heut abend vor?
    Ja. Es ist ein Tag wie jeder andere. Das Duell ist eine Faxe, ein Schwank,
wenn auch mit sehr ernstem Hintergrund, weiter nichts.
    Wnschen wir, da dieser Schwank nicht anders ende, als du denkst!
    Er reichte uns beiden die Hand und ging. Einige Zeit darauf sahen wir ihn
unten im Lager. Er nahm den abgesteckten Platz in Augenschein und schien Befehle
zu erteilen. Die uns befreundeten Huptlinge hatten sich ihm zugesellt. Hierauf
machte ich mit meiner Frau einen Spaziergang, aber nicht nach der Lagerstadt,
sondern nach dem Binnental und dem Schleierfall hinunter. Auch dort gab es ein
reges Leben, wenn auch in anderer Weise und zu einem anderen Zwecke. Man schlug
hohe Pfhle ein. Man zog zahlreiche Schnuren und Drhte. Wir sahen ganze Haufen
Papierlaternen liegen. Es gab elektrische Kabel, Lichtbirnen, Tulpen, Kugeln und
andere derartige Glasformen. Hier und da hantierte man mit photographischen
Apparaten. Ein Ingenieur, aber auch Indianer, schien die Aufgabe zu haben, einen
groen Projektionsapparat am Felsen der Teufelskanzel anzubringen. Das
interessierte das Herzle im hchsten Grade. Sie photographiert so gern. Sie ist
da stets bereit, zum Alten Neues hinzuzulernen. Ich aber habe viel weniger
Interesse fr die Abbildungen, als fr die Gegenstnde selbst. Darum nehme ich
in ihrer photographischen Hochachtung keineswegs eine hervorragende Stelle ein.
Sie wei, sie ist mir ber. Das gengt ihr. Und es ist ihr eine hchst angenehme
Beruhigung, zu wissen, da ich niemals die Absicht habe, mich in ihre
lichtbildnerischen Geheimnisse einzudrngen. Sie ist da sehr resolut. Sie tut,
als sei ich gar nicht vorhanden. Sie gibt mir da sehr leicht und auch sehr gern
Gelegenheit, mich auf mich selbst und auf meine anderen Vorzge zurckzuziehen.
So lie sie mich auch jetzt ganz einfach stehen und eilte in groen Schritten zu
dem Ingenieur hin, um ihn - in das Verhr zu nehmen, denn anders kann man das
bei ihr nicht nennen. Was sie erfahren will, das bringt sie heraus, unbedingt
heraus! Ich setzte mich inzwischen fr mich nieder und beobachtete das rege
Treiben rund umher.
    Was hatte das fr einen Zweck? Es war mir, wie schon gesagt, mitgeteilt
worden, da man den steinernen Winnetou beleuchten und illuminieren wolle, um
die Zuschauer fr das Denkmalprojekt zu gewinnen. Ich hatte da gesagt, da das
Denkmal viel eher in die Erde versinken werde, als da ich dazu zu bringen sei,
eine solche Entwrdigung meines Winnetou zuzugeben. Sollte das, was ich hier
sah, etwa schon die Vorbereitung zu dieser Illumination sein? Aber die Figur war
noch gar nicht fertig! Sie war erst bis zur Schulter gediehen. Hals und Kopf
fehlten. Und sonderbar! Indem ich das dachte und mein Blick dabei an der Figur
auf- und niederglitt, war es mir, als ob sie nicht mehr gerade stehe, sondern
schief. Ich legte das Auge an verschiedene Stellen an und kam zu immer demselben
Resultate. Man wird sich erinnern, da ich die Figur am letzten Male von der
Straenbiegung aus betrachtet hatte. Da war es mir erschienen, als ob alle
Gersttrger senkrecht gestanden htten, nur einer von ihnen nicht. Ich ging
jetzt zu dieser Stelle. Wahrhaftig, Gerst und Figur hatten sich bewegt, hatten
sich nach der einen Seite gesenkt, wenn auch nicht viel, aber doch so, da ich
es deutlich bemerkte. Es war kein Zweifel mglich. Der Pfosten, der erst schief
gestanden hatte, stand jetzt gerade, und die anderen, welche gerade gestanden
hatten, waren ganz zweifellos nach rechts geneigt.
    Ich erschrak, als ich das sah. Ich dachte an die Risse und Sprnge, die ich
da unten an der Hhlendecke bemerkt hatte, an das Streuen, Sieben und
Niederbrckeln des Gesteins. War die Last der Figur fr die ausgehhlte
Erdunterlage zu gro? Konnte diese Unterlage das so viele Zentner schwere Bild
nicht tragen? Welch eine Katastrophe stand uns da allen bevor! Indem ich das
dachte, kam das Herzle zurck. Sie hatte den Ingenieur ausgefragt. Es handelte
sich einstweilen nur um eine Probebeleuchtung, die morgen abend vorgenommen
werden sollte. Man hatte vor, alle Anwesenden hierzu zu laden.
    Und was sollte der riesenhafte Projektionsapparat? fragte ich.
    Er enthlt die Bilder von Young Surehand und Young Apanatschka, welche auf
der Spiegelflche des Wasserfalles zu beiden Seiten des Denkmales erscheinen
sollen. Die Schpfer der Winnetougestalt, rechts und links neben ihrem Werke!
    Das dulde ich nicht! rief ich aus.
    Was willst du dagegen machen? fragte sie.
    Es verbieten! Das gengt!
    Ja, allerdings! Selbst wenn man deinen Willen nicht respektieren wollte,
wrdest du ihm Nachdruck zu geben verstehen. Aber bedenke, es ist nur erst zur
Probe! Ist es nicht ratsam, diese Probe ungestrt vorber zu lassen, um zu
warten, bis sie zur wirklichen Ausfhrung kommen soll?
    Ja, vielleicht ist das richtiger. Aber ich glaube, wir haben diese Sache
nicht mehr in unseren Hnden. Es hat sich eine Gewalt ihrer angenommen, der wir
nicht gewachsen sind.
    Wie meinst du das?
    Schau genau hin, und sag: Steht die Figur gerade oder schief?
    Sie prfte und antwortete dann:
    Sie steht gerade. Man wird sie doch wohl nicht schief aufstellen!
    Absichtlich gewi nicht. Aber sie steht dennoch schief. Du merkst das
nicht, weil dein Auge nicht so gebt ist wie das meine und weil die Abweichung
von der senkrechten Linie noch nicht so bedeutend ist, da sie dir
notwendigerweise auffallen mte. Vergleiche einmal genau mit der Fallrichtung
des Wassers, und sag mir - - -
    Da fiel sie mir in die Rede:
    Sie steht schief, ja sie steht schief! Herrgott! Welch ein Gedanke! Meinst
du, da sie versinkt?
    Ob ja oder nein, das kann man jetzt noch nicht sagen. Man hat abzuwarten,
ob und wie sehr die Abweichung steigt. Heut habe ich keine Zeit. Aber morgen
werde ich hinunter in die Hhle steigen, um nachzusehen, ob die Decke noch
brckelt.
    Ist das nicht lebensgefhrlich?
    Nein.
    Aber du hltst es doch fr mglich, da alles zusammenbricht!
    Nicht nur fr mglich, sondern sogar fr wahrscheinlich. Aber so schnell,
da der Zusammenbruch schon heut oder morgen erfolgt, geschieht das nicht. Da
mte die Senkung vorher eine bedeutend grere werden. Aber bitte, halte alles
geheim!
    Gegen jedermann?
    Ja.
    Auch gegen Tatellah-Satah?
    Auch gegen ihn. Ich mchte diese Situation allein beherrschen. Es soll mir
kein anderer dreinkommen und mich stren oder die Sache gar verderben!
    Weit du aber, was du da auf dich nimmst?
    Ja. Es ist viel, sehr viel. Aber ich glaube, es verantworten zu knnen.
Doch nun komm, Herzle! Wir mssen heim. Ich darf keine Minute zu spt zum Kampf
erscheinen.
    Leider bin ich da nicht ganz ohne alle Sorge! seufzte sie.
    Das ist berflssig, vollstndig berflssig. Du hast viel mehr
Veranlassung, zu lcheln, als bange zu sein!
    Als wir droben auf dem Schlosse angekommen waren, lie Tatellah-Satah uns
sagen, da er uns abholen werde. Von den Huptlingen kam ein Bote, der mir
meldete, da auch sie sich einstellen wrden, um mich hinunter zu begleiten. Ich
lie sie aber bitten, dies nicht zu tun, die Sache sei einer solchen Mhe gar
nicht wert. Ich war verpflichtet, bei dieser Gelegenheit den Huptlingsanzug zu
tragen, und lud den Henrystutzen, obgleich ich annahm, da es wahrscheinlich zu
keinem einzigen Schusse kommen werde. Die vier Medizinen durfte ich nicht
tragen. Das Herzle nahm sie in ihren Reisepompadour. Sie wollte, an meiner Seite
sitzend, in dieser Weise an dem Zweikampfe teilnehmen. Ich hatte nichts dagegen.
Als die Zeit da war und wir in den Hof kamen, wo Intschu-inta unsere Pferde
bereit hielt, fanden wir den jungen Adler und unseren alten Pappermann vor,
die es sich nicht nehmen lieen, mich nach dem Platze meines hoffentlichen
Sieges zu begleiten. Zu gleicher Zeit erschien Tatellah-Satah auf seinem weien
Maultiere, ganz allein. Da setzten wir uns in Bewegung. Der Bewahrer der groen
Medizin, das Herzle und ich voran, der junge Adler und Pappermann
hinterdrein.
    Wir sahen schon von oben, da alles, was in der Ober- und der Unterstadt
bisher zerstreut gewesen war, sich jetzt um den Kampfplatz eng zusammengezogen
hatte. Es war eine Versammlung vieler, vieler Menschen, doch gab es keine Spur
jener bekannten Unzutrglichkeiten, die bei Zusammenhufungen sogenannter
zivilisierter Mengen unvermeidlich zu sein scheinen. Jedermann war schon da.
Kein einziger, der hatte kommen wollen, fehlte. Wir waren die letzten, die
allerletzten.
    Meine vier Gegner saen bereit. Als wir in den Kreis traten, standen sie
auf. Nur Tangua blieb sitzen, denn er konnte nicht stehen. Tatellah-Satah hatte
seinen Sitz so bestellt, da er dann grad hinter mir sa und die vier Huptlinge
scharf im Auge hatte. Es wurde mir gesagt, da der erste Vorsitzende des
Komitees eine Rede halten werde. Hierauf werde jeder der vier Huptlinge auch
eine Rede halten. Zuletzt habe meine Rede zu kommen, worauf dann der Kampf
beginnen knne. Da trat ich vor und uerte mich so laut, da jedermann, der im
Kreise sa, es hren konnte:
    Old Shatterhand ist nicht gekommen, um zu reden, sondern um zu kmpfen.
Wenn die Gefahr naht, reit nur die Furchtsamkeit den Mund weit auf; der Mutige
aber schweigt und handelt. Von all diesen Reden ist zwischen mir und Pida kein
Wort erwhnt worden. Ich gestatte nur das, worauf ich eingegangen bin!
    Da vollfhrte der erste Vorsitzende des Komitees eine groe, imponierend
sein sollende Armbewegung und begann:
    Es wurde vom Komitee beschlossen, da ich zu sprechen habe, und was vom
Komitee beschlossen worden ist, das werde ich - - -
    Schweig! donnerte ich ihn an. Beschlossen worden ist nur zwischen Pida
und mir! Euer Komitee ist fr mich nicht vorhanden. Dich dulde ich nur. Ich habe
erlaubt, da du die Schsse der Huptlinge und genau eine Minute darauf auch die
meinigen kommandierst. Mehr ist dir nicht gestattet!
    Aber ich stehe doch nicht etwa hier, um - -
    Wenn du nicht stehen willst, so setze dich! unterbrach ich ihn, indem ich
schnell auf ihn zuschritt und ihn mit einem Griff und einem Druck auf die Erde
niedersetzte, wo er ganz erschrocken eine Weile sitzen blieb. Dann fuhr ich in
demselben lauten, energischen Tone fort:
    Ich habe mit Pida meine berhmten Brder Schahko Matto und Wagare-Tey
gewhlt, sich die Bedingungen des Kampfes genau zu merken und darauf zu sehen,
da sie ehrlich eingehalten werden. Sie mgen jetzt sprechen und diese
Bedingungen aufzhlen!
    Sie standen von ihren Sitzen auf und taten dies. Zwar hatten meine vier
Gegner ihren William Evening und ihren Antonius Papper zu dem gleichen Zwecke
gewhlt, aber es fiel mir gar nicht ein, dazu beizutragen, da diese berhaupt
in Aktion zu treten hatten. Darum lie ich durch Schahko Matto und Wagare-Tey
auch gleich die Lose besorgen, und die vier Huptlinge fgten sich dem allem mit
innerem Behagen, weil sie berzeugt waren, da dies doch sicher meine
allerletzte Willensverschwendung in diesem Leben sei. Das Los ergab, da meine
Gegner in folgender Reihe auf mich zu schieen hatten: Tusahga Saritsch,
To-kei-chun, Kiktahan Schonka und Tangua. Sie nahmen in dieser Reihenfolge in
einem Halbkreise meinem Sitze gegenber Platz. Sie waren alle mit Doppelgewehren
versehen, und in ihren Minen glnzte das Bewutsein des sicheren Sieges. Ehe ich
meinen Platz einnahm, ging ich nach der Stelle, wo Avaht-Niah, der
hundertundzwanzigjhrige Huptling der Schoschonen, sa. Ich beugte mich zu ihm
nieder, kte ihm die alte, treue Hand und sprach:
    Du bist der Aelteste von allen, die hier atmen. Auf deinem Haupte ruht der
Segen und die Liebe des groen Geistes, der dich nicht hierher geleitet hat, um
das Blut derer, die dir lieb sind, flieen zu sehen. Du bist der Weiseste und
der Erfahrenste von uns allen. Du wirst der erste sein, der aus dem Kampfe, zu
dem ich hier gezwungen werde, ersieht, da jeder Kampf zwischen den
Menschenkindern nichts weiter als eine Torheit ist, ber die man lachen knnte,
wenn ihre Folgen nicht so traurig wren.
    Er zog als Gegengru nun auch meine Hand an seine Lippen und antwortete:
    Old Shatterhand mag uns diese Torheit zeigen, damit die, welche nach uns
kommen, nicht mehr tun, was ihre Ahnen taten. Der Sieg sei dein!
    Nun ging ich zu der mir angewiesenen Stelle und setzte mich. Das Herzle lie
sich neben mir nieder. Da brauste Kiktahan Schonka zornig auf:
    Was soll die Squaw unter Kriegern? Fort, fort mit ihr!
    Frchtest du dich vor einer Squaw? antwortete ich. Dann geh! Sie aber
frchtet sich nicht; sie bleibt!
    Ist Old Shatterhand ein Weib geworden, da er die Beleidigung nicht fhlt,
die ich als Krieger fhle? fragte er.
    Als Krieger? Pshaw! Du fragst, was meine Squaw unter Kriegern solle?
Glaubst du wirklich, da ihr Krieger seid? Alte Weiber seid ihr, weiter nichts.
Darum habe ich alle eure Bedingungen angenommen, ohne sie genauer zu betrachten.
Es fllt Old Shatterhand nicht ein, mit euch zu kmpfen, denn er ist en Mann. Er
brachte euch seine Squaw, von der eine einzige Handbewegung gengt, einen jeden
von euch zu vernichten. Frchtet ihr euch vor ihr, so geht!
    Sie bleibe! rief Kiktahan Schonka ergrimmt. Aber meine erste Kugel gilt
dir, meine zweite ihr!
    Ja, sie bleibe, sie bleibe! Sie falle und sterbe mit ihm! stimmten die
drei anderen bei. Der Kampf beginne!
    Wir fnf Duellanten saen in der Mitte des abgesteckten Platzes. Unsere
Beigeordneten befanden sich in nchster Nhe. Tatellah-Satah sa, wie schon
erwhnt, direkt hinter mir. Den ersten groen Kreis um uns bildeten die
anwesenden Huptlinge. Auch die zwlf Apatschenhuptlinge waren da. Hinter ihnen
kamen die Unterhuptlinge und sonstigen Personen, welche eine Art von Rang
besaen. Und weiter hinaus gab es die gewhnlichen Leute. Unter diesen fielen
besonders die schon einmal erwhnten Arbeiter auf, welche in den Steinbrchen
und am Denkmalbau beschftigt waren. Sie hatten ihre Arbeit verlassen, um das
Schauspiel des Kampfes zu genieen, und betrugen sich als echte Rowdies,
obgleich sie in Gegenwart so vieler Huptlinge es nicht wagten, besonders laut
zu werden. Bei den Huptlingen saen neben Kolma Putschi und den beiden Aschtas
noch zwei andere Frauen, deren Gegenwart mir wichtig war, nmlich Pidas Frau und
ihre Schwester, die jetzt weibliche Kleidung trug. Beide hatten es also
durchgesetzt, mit nach dem Mount Winnetou genommen zu werden. Da sie sich mit
hier befanden, war fr mich der sicherste Beweis, da die viertausend Reiter
sich unten in dem Tale der Hhle eingestellt hatten.
    Da die Augen aller dieser Menschen mit grter Spannung auf uns gerichtet
waren, versteht sich ganz von selbst. Der Herr Vorsitzende des Komitees, den
ich niedergesetzt hatte, besann sich jetzt seines Amtes. Er stand auf und
stellte sich bereit, die Schsse zu kommandieren. Schahko Matto und Wagare-Tey
zogen ihre Revolver, spannten sie und versicherten drohend, da sie jeden meiner
vier Gegner, der etwas Nichterlaubtes tue, augenblicklich niederschieen wrden.
Sie waren fest entschlossen, diese Drohung auszufhren. Und nun ergriff auch
Tatellah-Satah das Wort. Er sprach:
    Jeder Teil des vierfachen Kampfes kann erst dann beginnen, wenn ich die
Hand erhebe, eher nicht. Wer die Schsse kommandiert, darf dies nicht eher tun,
als bis er mein Zeichen gesehen hat. Der erste Kmpfer ist Tusahga Saritsch, der
Huptling der Kapote-Utahs. Ist er bereit?
    Der Gefragte spannte sein Gewehr und antwortete:
    Ich bin bereit. Nun mag Old Shatterhand beweisen, da eine einzige
Handbewegung seiner Squaw gengt, einen jeden von uns zu vernichten. Sie tue
das!
    Ich nickte dem Herzle zu. Schnell nahm sie die Medizin dieses meines ersten
Gegners aus dem Reisepompadour und hing sie mir um den Hals. Mein Herz wurde von
ihr bedeckt. Hierauf meldete ich dem Bewahrer der groen Medizin:
    Auch ich bin bereit. Der Kampf kann beginnen. Tusahga Saritsch mag
schieen! Eine Minute spter dann ich!
    Alles war still. Jedermann schaute auf den Beutel, den meine Frau mir
umgehngt hatte. Niemand wute sogleich, warum dies geschehen war. Da befahl
Tatellah-Satah:
    Die Zeit ist da. Es beginne!
    Sofort erscholl das Kommandowort des Komiteevorsitzenden. Aber Tusahga
Saritsch scho nicht. Er hatte das Gewehr zwar in der Hand, aber er hielt es
gesenkt. Seine weit aufgerissenen Augen waren mit dem Ausdrucke des Schreckes
und der wachsenden Angst auf meine Brust gerichtet.
    Meine Medizin! Meine Medizin! stammelte er.
    Schie! rief ich ihm zu.
    Auf meine eigene Medizin schieen? jammerte er. Wo hast du sie her? Wer
gab sie dir?
    Frag nicht, sondern schie! forderte ich ihn zum zweiten Male auf.
    Da ging es wie ein lauter, erlsender Atemzug ber die Menge hin, in deren
Mitte wir saen. Man konnte zwar noch nicht begreifen, aber man sah nun doch,
da ich keineswegs so schutzlos war, wie man angenommen hatte. Die Gesichter
meiner Freunde erhellten sich zusehends. Und die Stimme Tatellah-Satahs klang
hell und froh, als er, die Hand zum zweiten Male erhebend, sagte:
    Warum schiet Tusahga Saritsch nicht? Und warum wird das Kommando fr Old
Shatterhand nicht gegeben? Er hat nur eine einzige Minute zu warten, lnger
nicht! Beginnen wir noch einmal! Old Shatterhand ergreise sein Gewehr!
    Das tat ich. Das Kommando fr meinen Gegner erscholl zum zweiten Male. Er
schrie auf:
    Ich kann nicht schieen! Ich darf nicht schieen! Wer seine eigene Medizin
erschiet, erschiet sein ewiges Leben!
    Die Minute ist vorber! rief Tatellah-Satah.
    Da ertnte das Kommando fr mich.
    Tusahga Saritsch, fahre in die ewigen Jagdgrnde! sagte ich und richtete
den Lauf meines Stutzens auf seine Brust.
    Uff, uff! brllte er, so laut er brllen konnte, sprang auf und rannte
davon.
    Gott sei Dank! raunte mir das Herzle zu. Nun wird mir erst wieder wohl!
Ich glaubte an dich und hatte trotzdem Angst!
    Es war lcherlich, den alten Huptling mit der Schnelligkeit eines jungen
Burschen davonspringen zu sehen; aber niemand lachte. Nach den alten, frher
geltenden Gesetzen der Prrie war er nun ehrlos. Er htte sich von mir
erschieen lassen mssen.
    Mein nchster Gegner war To-kei-chun. Der machte ein ganz eigenartiges, gar
nicht zu beschreibendes Gesicht. Er wute, da und wo die vier Medizinen
zusammengelegen hatten. Hatte ich die eine, so hatte ich hchst wahrscheinlich
auch die andern, also auch die seine. Ich lie ihn auch gar nicht lange in
Ungewiheit. Ich lie mir vom Herzle seine Medizin ber die vorige hngen und
meldete dann:
    To-kei-chun, der Huptling der Racurrah-Komantschen, ist am Schusse. Ich
bin bereit!
    Ich sah, da ihm vor Entsetzen der Atem ausging. Er schnappte nach Luft.
Seine Augen wurden klein und na.
    Ist To-kei-chun fertig? fragte Tatellah-Satah.
    Nein! Ich bin nicht fertig! schrie der Gefragte, sprang auf und eilte
ebenso schnell davon wie Tusahga Saritsch vorher.
    Jetzt begann man schon zu lcheln.
    Nun kommt Kiktahan Schonka, der Huptling der Sioux, sagte ich.
    Der aber fuhr mich in seinem grimmigsten Tone an:
    Old Shatterhand ist ein rudiger Hund, ein Schuft, ein Schurke. Er stiehlt
Medizinen! Hat er auch die meine?
    Ja, antwortete ich und lie sie mir von meiner Frau auf die beiden anderen
hngen, doch nur den Grtel.
    Er sah das, grinste mich hhnisch an und fragte:
    Glaubt Old Shatterhand etwa, da auch ich ausreie? Meine Kugel wird ihn
sicher treffen, denn halbe Medizinen wirken nicht. Die Hlfte fehlt.
    Die Medizinen, die ich habe, sind nicht halb, sondern ganz, behauptete
ich.
    Nein! widersprach er. Sie fehlt!
    Sie fehlt nicht! Sie ist hier! Kiktahan Schonka mag sich berzeugen!
    Ich lie mir die Hundepftchen geben, hielt sie so, da er sie deutlich
sehen konnte, und hing sie dann dahin, wohin sie gehrten.
    Er war zunchst starr vor Schreck. Dann zischte er mich in unbeschreiblich
gehssiger Weise an:
    Sind rudige Hunde allmchtig? Wer gab dir das, was ich verloren habe?
    Niemand gab es mir. Ich habe es gefunden.
    Wo?
    Auf den Stufen der Teufelskanzel, auf welcher die Huptlinge der Sioux und
der Utahs sich ber ihren Zug nach dem Mount Winnetou besprachen. Sie warteten
dort auf Old Shatterhand, um ihn zu fangen. Whrend sie miteinander sprachen,
erscholl die Stimme des groen Geistes. Sie erschraken und ergriffen die Flucht.
Auf dieser Flucht verlorst du deine Skalppercke und deine halbe Medizin. Die
Percke wurde dir nachgetragen. Die halbe Medizin aber steckte ich zu mir, um
sie nun jetzt zur anderen Hlfte zu fgen.
    So hast du uns belauscht? Dort auf der Teufelskanzel?
    Ja.
    Uff, uff!
    Er sah aus, als ob er augenblicklich sterben wolle. Er sank in sich
zusammen, und zwar so sehr, da sein Gesicht auf die Kniee zu liegen kam.
    Ich bin bereit zum Kampf, meldete ich dem Bewahrer der groen Medizin.
    Dieser fragte:
    Ist Kiktahan Schonka auch bereit?
    Da hob der Genannte den Kopf empor, schaute nach seinen Leuten aus und gab
ihnen einen Wink. Zwei von ihnen kamen herbei.
    Hebt mich auf, und fhrt mich fort! befahl er ihnen.
    Sie taten es, halfen ihm auf sein Pferd und schritten dann nebenher, um ihn
zu sttzen.
    Nun war nur noch Tangua, der Vater Pidas, brig, der allergrimmigste und
unvershnlichste meiner Feinde. Er sa gelhmt an der Erde und hielt die Augen
geschlossen, das Doppelgewehr in der Hand. Kein Zug seines unbewegten Gesichtes
verriet, was er dachte. Da sagte ich:
    Tangua, der lteste Huptling der Kiowa, lie mir schreiben: Hast Du Mut,
so komm herber nach dem Mount Winnetou! Meine einzige Kugel, die ich noch habe,
sehnt sich nach Dir! Ich bin gekommen. Hier sitze ich. Wo ist deine Kugel?
    Whrend ich das sagte, lie ich mir vom Herzle seine Medizin umhngen. Er
ffnete die Augen, schaute sie an und sprach:
    Ich dachte es! Auch die meinige ist da! Ich schiee nicht auf sie! La
kommandieren! Ich verzichte auf meinen Schu. Dich aber bitte ich: Gib mir nach
deiner Minute eine Kugel in das Herz! Und bin ich tot, so leg mir meine Medizin
in das Grab! Willst du das tun?
    Nein! antwortete ich.
    So habe ich mich in dir geirrt. Ich hasse dich, wie ich nie einen andern
Menschen hate. Ich will deinen Tod. Ich wrde alles tun, alles, alles, ihn
herbeizufhren. Aber ich habe dich fr einen ehrlichen Feind gehalten!
    Du irrst. Ich bin ehrlich, aber nicht dein Feind. Ich werde nicht auf dich
schieen. Ich will nicht deinen Tod. Ich habe also nichts in dein Grab zu legen,
auch nicht deine Medizin.
    Was hast du mit ihr vor? Was soll mit ihr geschehen? Willst du sie
vernichten?
    Nein. Eure Medizinen gehren mir nicht. Ich behalte sie nicht. Aber wem ich
sie gebe, das kann ich jetzt noch nicht sagen. Das werdet ihr selbst
entscheiden.
    Wir selbst? Wir vier?
    Ja. Ich werde euch prfen. Seid ihr es wert, so bekommt ihr eure Medizinen
wieder. Seid ihr es nicht wert, so bergebe ich sie Tatellah-Satah. Er ist der
Bewahrer der Medizinen und wird sie seinen Sammlungen einverleiben, damit die
Kinder eurer Kindeskinder erfahren, was ihre Urvter fr tricht bse Menschen
waren. Also: Ich schenke dir dein Leben; aber ich schenke dir nicht deine
Medizin. Verdiene sie dir! Ich habe gesprochen. Howgh!
    Ich stand auf. Das Herzle ebenso. Da erhob sich auch Tatellah-Satah und
verkndete laut:
    Der Kampf ist zu Ende! Old Shatterhand hat gesiegt! Ein Sieg ohne Blut! Und
darum ein zehnfacher Sieg!
    Wir gingen zu unsern Pferden und stiegen auf. Doch ehe wir den Platz
verlieen, ritt ich noch einmal zu Tangua hin und sprach zu ihm:
    Ich bin der Freund von Tangua, dem Huptling der Kiowa, ganz gleich, ob er
mich hat oder mich liebt. Aber um seinetwillen wnsche ich, da er mir
freundlicher gesinnt werde, als er es bis heute gewesen ist. Hat er mir hierber
nichts zu sagen?
    Ich hasse dich und werde dich hassen, ohne aufzuhren! antwortete er. Ich
werde dich verfolgen bis zu deinem Ende!
    Oder bis zu dem deinigen!
    Ganz gleich!
    So bitte ich dich, auch wieder nur um deinetwillen, wenigstens nicht mit
dem Komitee zum Denkmale verbunden zu bleiben und nichts gegen die, welche es
bekmpfen, zu unternehmen!
    Das verspreche ich nicht, sondern grad das Gegenteil!
    Ich sage dir, das fhrt zu deinem Verderben und zum Untergage deines
Stammes!
    Da richtete er sich so hoch auf, wie er konnte, nahm sein Gewehr zur Hand
und rief in drohendem Tone:
    Schweig! Und entferne dich! Wenn du das nicht sofort tust, jage ich dir
beide Kugeln durch den Kopf!
    Wage es, das Gewehr nur anzuschlagen, so bist du eine Leiche! antwortete
ich, auf Pappermann deutend, der schnell zu ihm getreten war und ihm den Lauf
seines Revolvers vor die Nase hielt. Erst habt ihr euch untereinander
verbunden, um gegen das Denkmal zu sein, und nun gesellt ihr euch zu dem
Komitee, um gegen dessen Gegner zu sein. Ist das eines Huptlings wrdig?
Handelt so ein ehrlicher Mensch? Du willst mein Verderben; ich aber warne dich
trotzdem in herzlicher Aufrichtigkeit: Hte dich vor dem Tal der Hhle und vor
allen Dingen vor der Hhle selbst!
    Da duckte er sich zusammen wie eine Katze, fauchte mich mit flackernden
Augen an und fragte:
    Was ist mit der Hhle? Und was ist mit ihrem Tale?
    Frage dich selbst. Du bist mir einst entgegengetreten und hast es ben
mssen, durch eigene Schuld! Dein Leben ist das eines Krppels gewesen, nicht
das eines Huptlings, durch eigene Schuld! Nun trittst du mir am Schlusse dieses
deines elenden Lebens wieder entgegen, um Schuld zur Schuld zu hufen. Bedenke
die Folgen! Du bist nicht Herr fr dich! Die Folgen, welche deine Person
treffen, magst du verantworten knnen; aber die Folgen, welche deinen Sohn,
Deine Familie und deinen Stamm treffen, wird Manitou dir vorhalten, wenn du in
jenem anderen Leben erscheinst, welches ihr die ewigen Jagdgrnde nennt. Man
wird dich dort nach deiner Medizin fragen. Was kannst du antworten? So! Nun bin
ich mit dir fertig. Howgh!
    Nun ritt ich fort, in derselben Begleitung, in der ich gekommen war. Die
Freunde riefen mir von allen Seiten jubelnd zu. Die Feinde verhielten sich
still. Nur als wir an der Menge der Arbeiter vorberkamen, hrte ich Worte
erklingen, welche sehr geeignet waren, meine Aufmerksamkeit zu erregen.
    Old Shatterhand! Schuft! Eindringling! Hund! Coyote! Feind! Rache!
Erwrgen! Totschlagen! das waren so einige der Drohungen, die ich da zu hren
bekam.
    Das verwunderte mich. Das hatte ich nicht fr mglich gehalten. Ich ersah
keinen Grund zu solchem Hasse. Als ich mich hierber zu Tatellah-Satah und dem
jungen Adler uerte, erklrte unser alter Pappermann:
    Ja, die Arbeiter hassen Euch, Mr. Shatterhand. Sie sind ergrimmt ber Euch,
vom ersten bis zum letzten. Und sie machen gar kein Hehl daraus. Sie wissen, da
besonders Ihr gegen den Bau des Denkmales seid. Sie behaupten, da Ihr sie um
ihre lohnende Arbeit, um ihre Existenz bringen wollt. Sie halten seit einigen
Tagen heimliche Versammlungen ab, in denen beraten wird, in welcher Weise man
sich von Old Shatterhand und Tatellah-Satah befreien kann. Und bei diesen
Versammlungen sind die Herren vom Komitee zugegen!
    Ah! So! Das ist wichtig, hochwichtig! gestand ich ein. Woher wit Ihr
das?
    Von Sebulon Enters!
    Nicht von Hariman?
    Nein, von Sebulon. Ich wei, Ihr traut diesem noch viel weniger als seinem
Bruder. Aber seit er erfahren hat, da er nur betrogen werden soll, ist er Euch
sicherer als jeder andere. Die Brder kommen des Abends heimlich zu mir. Ich
berate mit ihnen - - -
    Ohne mich zu fragen? fiel ich ein.
    Habt keine Sorge! antwortete er. Es gilt jetzt nur, Fhlung mit ihnen zu
behalten. Sobald ich etwas Positives oder berhaupt Wichtiges hre, stelle ich
mich ganz von selbst bei Euch ein. Am meisten wird ber Euch in der Kantine
gesprochen.
    In welcher Kantine?
    Ein Blockhaus bei den Steinbrchen, in dem sich die Arbeiter verpflegen.
    Kennt Ihr es, Mr. Pappermann?
    Ja.
    Ich noch nicht. Ich mu es sehen, und zwar sofort, noch ehe es Nacht wird.
Reiten wir miteinander hin!
    Im Huptlingskostm? fragte das Herzle.
    Ja. Ich kann nicht erst mit nach dem Schlosse, um mich umzukleiden. Den
Federschmuck lege ich ab. Du nimmst ihn mit heim. Auch den Henrystutzen.
    Ich denke, ich reite mit?
    Diesesmal nicht, liebes Kind. Es handelt sich um eine kurze, sehr schnelle
Rekognoszierung, die dich zu sehr anstrengen wrde.
    Ist Gefahr dabei?
    Keine Spur!
    So sei es dir erlaubt!
    Sie sagte das so ernst, da ich diese Erlaubnis fast selbst auch ernst
genommen htte. Ich gab ihr den Federschmuck, dem jungen Adler das Gewehr,
verabschiedete mich von Tatellah-Satah und bog dann mit dem alten Pappermann von
unserem Wege ab, um an dem Schleierfalle vorber auf einem wenig betretenen
Umwege nach den Steinbrchen zu reiten.
    Die Sonne war lngst hinter dem Mount Winnetou verschwunden doch hatte es
noch nicht begonnen, zu dunkeln. Wir ritten Galopp, kamen durch ein
Seitentlchen aus dem Innental heraus und ritten dann am ueren, nrdlichen
Fue des Mount Winnetou an den Steinbruchs- und verschiedenen anderen Anlagen
dahin, mit denen der herrlichen Natur hier so rcksichtslos Gewalt angetan
worden war. Die Brche sahen wie unheilbare Wunden aus, die man dem Berg
geschlagen hatte. Und die hlichen Gerste, Mauern, Drahtseile und Balken, mit
denen man den jugendlichen Wasserfall eingefangen und gefesselt hatte, um seine
Kraft in Elektrizitt zu verwandeln, konnten nichts als nur das Gefhl des
Bedauerns erwecken. Dort standen schmutzige Pferdeschuppen mit Reihen von
schweren Lastwagen. Eine tannenmrderische Sgemhle kreischte. Zerfetzte Zelte
krochen an der Erde hin. Niedrige Baracken lagen ordnungslos umhergestreut.
Pappermann zeigte mir ein groes, langgestrecktes Blockhaus.
    Das ist die Kantine, sagte er. Der Wirt ist ein Riese. Er wird der Nigger
genannt.
    Das ist fr einen Indianer ein Schimpfwort, eine Beleidigung! bemerkte
ich.
    Er ist es gewohnt. Er nimmt es nicht bel, ist aber sonst ein sehr roher,
gewaltttiger Mensch. Er ist kein reiner Indianer. Man sagt, da seine Mutter
eine Negerin gewesen sei. Die Brder Enters verkehren bei ihm.
    O weh! Warum?
    Um ihn auszuhorchen. Er ist der eigentliche Fhrer der hiesigen
Arbeiterschaft. Man sagt, da sogar gewisse Huptlinge ihm ihr Vertrauen
schenken. Gewi aber ist, da er ein Liebling der Herren vom Komitee ist. Man
sagt, da Mr. William Evening und Mr. Antonius Paper ganze Nchte lang im Trunk
und Spiele bei ihm sitzen. Wollt Ihr ihn vielleicht einmal sehen?
    Wenn es mglich wre, ja.
    Es ist mglich. Nur noch einige Minuten, dann ist es dunkel, und ich fhre
Euch an die besondere Stube, zu der nur seine Vertrauten Zutritt haben. Lassen
wir uns nicht sehen! Reiten wir diese kurze Zeit spazieren!
    Wir waren bisher einem Gebsch gefolgt, welches uns sehr gut verbarg. Wir
konnten sehen, ohne selbst gesehen zu werden. Nun ritten wir unter derselben
Deckung weiter, doch nicht, um noch ferneres zu entdecken, sondern nur, um die
Zeit bis zur Dunkelheit vergehen zu lassen. Das dauerte nicht mehr lange. Die
Dmmerung kam schnell. Sie ging ebenso schnell vorber. Dann war es dunkel,
vollstndig dunkel, denn wir standen im neuen Monde, und die Sterne besaen
jetzt, so kurz nach Tag, noch keine leuchtende Kraft. Wir lenkten nach der
Gegend um, in welcher die Baracke lag. Bei den letzten Bschen hielten wir an,
stiegen ab, hobbelten unsere Pferde fest und geboten ihnen, sich zu legen. Sie
taten es. Dann gingen wir vorsichtig dem Blockhause zu, um unbemerkt an seine
hintere Seite zu gelangen. Das war nicht schwer.
    Dort angekommen, bemerkten wir Kisten und Fsser, welche lngs der
Hinterwand standen. Das gab uns gute Gelegenheit, uns, wenn es sein mute, zu
verstecken. Aber es wurde glcklicherweise nicht ntig. Im Innern der Baracke
brannte Licht. Das lie erkennen, da sie aus mehreren Rumen bestand, einem
sehr groen und mehreren kleinen. Nach einem der letzteren wurde ich von
Pappermann gefhrt. Es gab da nur eine einzige Fensterluke, die nicht zu war,
sondern offen stand. Unter ihr gab es eine schwere, starke Kiste, auf die man
getrost steigen konnte, ohne befrchten zu mssen, da sie ein verrterisches
Gerusch von sich gebe oder gar zusammenbreche. Im Innern erklangen Stimmen.
    Das ist die Stube des Niggers, sagte Pappermann leise. Ich kenne sie. Die
Enters haben sie mir genau beschrieben. Hrt Ihr, da man drin spricht?
    Ja. Ich steige auf die Kiste und schaue nach.
    Gut. Ich halte Wacht!
    Als ich mich hinaufgeschwungen hatte, konnte ich ganz bequem in die Stube
sehen. Da standen zwei rohe Brettertische mit ebenso rohen Sitzen. Die
Sprechenden waren fnf Mnner, von denen ich vier sofort erkannte, nmlich die
beiden Enters, Tusahga Saritsch und To-kei-chun. Man denke sich mein Erstaunen
darber, da auch diese beiden letzteren sich hier befanden; der fnfte war
jedenfalls der Wirt. Ein Riese von Person, mit indianischen Gesichtszgen, aber
aufgestlpter Negernase und echter Mohrenhaut. Einen treffenderen Typ der
Brutalitt als ihn konnte man sich wohl kaum denken! Das Gesprch war ein sehr
lebendiges, erregtes. Grad als ich den ersten Blick vom Fenster hinunter in die
Stube warf, sagte der Nigger:
    Ich glaube, sie wissen es da oben selbst jetzt noch nicht, da die beiden
Medizinmnner entflohen sind. Verdammt sei dieser Old Shatterhand, da er die
Karte der Hhle erwischte! Glcklicherweise aber brauchen wir sie nicht. Die
Medizinmnner wissen genug, um den Weg zu finden. Dieser Shatterhand ist trotz
alledem ein Dummkopf. Als er nach dem Kampfplatz kam und sich mit den
gestohlenen Medizinen brstete, ahnte er nicht, da seine Gefangenen sich schon
wieder in Freiheit befanden und da der Plan fr morgen schon fertig war. Sein
angeblicher Sieg heut ntzt ihm nichts. Er hat einen Tag Zeit gewonnen, weiter
nichts! Morgen abend ist er mit seinem Weibe tot! Ihr haltet doch Wort?
    Diese Frage war an die Brder Enters gerichtet.
    Was wir versprochen haben, geschieht! antwortete Hariman.
    Und Sebulon fgte hinzu:
    Eine grere Rechnung, als wir mit diesem Manne und seiner Frau haben, kann
es gar nicht geben. Es fllt uns gar nicht ein, sie ihnen zu schenken!
    Wrde euch auch keinen Segen bringen! drohte der Nigger. Denn ich sage
euch: Zwei sterben morgen ganz unbedingt, entweder dieses deutsche Ehepaar, oder
die Brder Enters! Darauf knnt ihr euch verlassen! Ich traue euch nmlich noch
nicht ganz! Es handelt sich um unsere Arbeit, um unsere Existenz, um die vielen
Tausende, die wir hier verdienen wollen und knnen. Darum habe ich den
Huptlingen meine ganze Arbeiterschaft fr morgen zur Verfgung gestellt, und
darum drcke ich darauf, da alles ganz genau so geschieht, wie wir besprochen
haben. Wer sein Wort nicht hlt, wird abgeschossen oder abgestochen! Dabei
verbleibt es!
    Da stand To-kei-chun, der Huptling der Racurreh-Komantschen, auf und
sprach:
    Ja, dabei bleibt es! Wir sind alle zum Fest geladen. Wir kommen. Wir kennen
die Pltze, die uns angewiesen werden. Unsere viertausend Krieger werden von den
Medizinmnnern durch die Hhle gefhrt. Sie werden nicht reiten, sondern gehen.
Sie werden ihre Pferde im Tale zurcklassen, weil wir nicht wissen, ob der
letzte Teil des unterirdischen Weges auch wirklich geritten werden kann.
    Inzwischen stelle ich hier oben meine Arbeiter auf, fiel der Nigger ein,
und die beiden Enters haben sich an Old Shatterhand und seine Frau gemacht.
Sobald eure Krieger den Schleierfall hier oben erreicht haben, zeigen sie uns
durch einen Schu, da sie da sind. Sobald dieser Schu fllt, wird Old
Shatterhand mit seiner Frau von den Enters abgestochen, und ich werfe mich mit
meinen Arbeitern auf die ganze andere Bande, um euern Kriegern freien Weg und
freie Arbeit zu machen.
    Jetzt stand auch Tusahga Saritsch auf und sagte:
    So ist es richtig! So hat es zu geschehen! Soll etwas hieran gendert
werden, so sagen wir es dir oder senden einen Boten. Wir gehen.
    Sie entfernten sich, und der Wirt geleitete sie hinaus. Die beiden Enters
waren allein. Sie sahen einander bedenklich an.
    Das kann schlimm werden, sagte Sebulon.
    Wieso? fragte Hariman. Wir haben erfahren, was wir erfahren wollten.
Morgen frh gehen wir beide zu Old Shatterhand, um es ihm zu erzhlen und ihn zu
warnen. Was kann da Schlimmes daraus werden?
    O, um mich und dich ist es mir nicht; wir kommen durch. Aber dieses
Blutvergieen dann hier oben! Denn einen solchen Angriff ohne Kampf abschlagen,
das bringt selbst ein Shatterhand nicht fertig. Ich denke berhaupt weniger an
ihn, als vielmehr an seine Frau. Wenn alle sterben sollen, aber nur diese
nicht!
    Ich wute genug und sprang von der Kiste herab.
    Habt Ihr etwas Wichtiges gehrt? fragte Pappermann.
    Etwas unendlich Wichtiges! antwortete ich. Man mte hier wohl an Wunder
glauben. Es ist, als ob wir grad in diesem Augenblicke hierhergefhrt worden
seien, um den Schlu dieses Gesprches hren zu mssen. Ich werde es Euch
unterwegs erzhlen. Eins aber mu ich Euch sofort sagen, nmlich, da die beiden
Medizinmnner, die wir unten am Eingange der Hhle gefangen genommen haben,
entflohen sind.
    Unmglich!
    Ja, doch!
    Wann?
    Heut' frh wahrscheinlich! Ohne da wir es wissen. Sie haben sofort ihre
Huptlinge aufgesucht und mit ihnen den Plan besprochen, den ich soeben erfahren
habe. Kommt schnell! Wir mssen nach Hause!
    Wir schlichen nach unsern Pferden, hobbelten sie los, stiegen auf und ritten
fort. Unterwegs erzhlte ich dem alten, treuen Kameraden, was ich erfahren
hatte. E wute, da ein sehr zuverlssiger Indianer ganz ausschlielich mit der
Bewachung der beiden Medizinmnner betraut worden war. Dieser wohnte im Parterre
von Tatellah-Satahs groem Vorderhause, und da lag auch der Raum, in dem die
Gefangenen untergebracht worden waren. Wir gaben unsere Pferde ab und gingen
zunchst nach seiner Wohnung. Er war nicht da. Er war ein alleinstehender Mann,
wohnte allein, und niemand konnte Auskunft ber ihn geben. Dann suchten wir das
Gefngnis auf. Das lag weit ab, wo niemand wohnte und selten jemand hinkam. Es
war eine Art von Keller. Wir fanden die Tr von auen verriegelt. Kaum schickten
wir uns an, zu ffnen, so wurde von innen geklopft, und es erklang eine Stimme,
die uns bat, ja mglichst schnell zu machen. Als wir die Riegel zurckgeschoben
hatten - wer kam heraus? Der Gefngniswchter! Als er heut' frh den beiden
Gefangenen das Essen und Wasser gebracht hatte, waren sie pltzlich ber ihn
hergefallen. Sie hatten ihm mehrere Schlge versetzt, die ihm die Besinnung
raubten. Als er zu sich kam, fand er sich im finstern Keller eingeriegelt; sie
aber waren weg. Er hatte dann fast ohne Unterla gerufen und Lrm gemacht,
jedoch vergeblich. Es war niemand gekommen, der ihn hrte. Er befrchtete eine
strenge Strafe und bat, mich bei Tatellah-Satah fr ihn zu verwenden. Ich
versprach es ihm und lie ihn laufen.
    Dann begab ich mich nach meiner Wohnung. Das Herzle war nicht da. Sie hatte
einen Zettel zurckgelassen, durch den sie mir mitteilte, da sie, weil ich mich
nicht rechtzeitig eingestellt hatte, zu Tatellah- gegangen sei und die
Manuskripte mitgenommen habe. Wakon werde vorlesen; ich aber solle nachkommen.
Das tat ich denn.
    In der Wohnung des Bewahrers angekommen, ging ich bis in sein
Schlafzimmer. In dem daneben liegenden Passiflorenraume war es augenblicklich
still. Darum ffnete ich die Tr nur leise. Grad als ich das tat, erklang die
Stimme Old Surehands:
    Ja, wahrhaftig, er war grer, viel grer, als wir alle! Viel grer, als
wir dachten!
    Und ist darauf noch grer und grer geworden, ohne da wir es bemerkten!
stimmte Apanatschka bei.
    Wie steht es da mit Eurem Bilde? fragte Athabaska.
    Es ist zu klein, viel zu klein fr ihn, und bauten wir es noch so hoch!
rief Kolma Putschi aus.
    Und Aschta, die Mutter, fgte hinzu:
    Wir wollen kein Bild von Stein! Wir wollen ihn selbst, ihn selbst in unsern
Herzen! Die kstlichen Worte, die er soeben zu uns sprach, indem sie vorgelesen
wurden, sollen in der Seele unserer Nation erklingen, fort und fort, fr alle
Zeit!
    Da sah man mich unter der geffneten Tr.
    Du kommst zur rechten Zeit! begrte mich Tatellah-Satah. Wir machten
eine Pause; wir konnten nicht weiter; wir waren zu tief ergriffen; wir lasen
seine Beschreibung deines Sieges ber ihn und dann seinen Sieg ber die
smtlichen Huptlinge der Apatschen. Seine groe Umkehr vom Kriegsgedanken zum
Friedensgedanken, vom Hasse zur Liebe, von der Rache zur Verzeihung. Das hat uns
alle emporgehoben. Das hat den Vorhang aufgerollt. Nun sehen wir, was hinter ihm
und hinter unsern winzigen Taten liegt. Das hat sogar Old Surehand, Apanatschka
und ihre Shne aufgerttelt - - -
    Nicht aufgerttelt, fiel Young Apanatschka ein, aber sehend gemacht, wenn
auch noch nicht ganz. Ein Schleier ist gefallen. Ob der andere auch noch fllt,
das wissen wir nicht. Man sagt uns, da unsere Kunst eine uere sei, eine Kunst
ohne Seele und Gedanken, genau so, wie unser Bild. Wir haben euch eingeladen, am
morgenden Abend am Wasserfall unsere Gste zu sein. Dort werden wir versuchen,
den Stein durch Licht zu beleben. Gelingt es, dann gut; gelingt es nicht - -
    Es gelingt! fiel ihm Young Surehand siegesgewi in die Rede.
    Ich sah, da ihm gleich einige widersprechen wollten, darum ergriff ich
schnell das Wort:
    Er hat recht; warten wir es ab!
    Ja, warten wir es ab! stimmte Athabaska mir bei. Aber selbst wenn es
gelnge, wrde es nur ein belebter Rowdy sein, den wir zu sehen bekommen. Ein
Rowdy, zum Angriff vorgehend, mit dem Revolver in der Hand; hier aber hat man
einen andern, einen wirklichen Winnetou, der Geist, Gemt und Adel besitzt, und
Geist, Gemt und Adel von uns fordert. So wie er sollen auch wir nach oben
streben, wir, seine ganze Rasse. Er nimmt uns mit; er zieht uns frmlich
hinauf.
    Indem er dies sagte, zeigte er auf das Winnetou-Portrt, welches wir
Tatellah-Satah gegeben hatten. Dieser hatte es hier an das weie
Passiflorenkreuz geheftet und zu beiden Seiten die Bilder von Marah Durimeh und
Abu Kital, dem Gewaltmenschen, aufgestellt. Das hatte, als die Anwesenden kamen
und es sahen, einen groen, tiefen Eindruck gemacht, und diesem Eindrucke war es
unbedingt mit zuzuschreiben, da die heutige Vorlesung eine so ungewhnliche
Wirkung hervorgebracht hatte. Es htte eigentlich weitergelesen werden sollen;
aber man hatte nun einmal aufgehrt und kam nicht recht wieder in die
erforderliche innere Ruhe hinein. Darum beantragte Old Surehand, fr heut'
Schlu zu machen, zumal von seiner Seite fr den morgenden wichtigen Tag noch
sehr viel vorzubereiten sei. Man ging darauf ein. Hierauf entfernten sich alle,
und nur ich blieb mit dem Herzle bei Tatellah-Satah zurck.
    Es war heut ein Sieg, ein groer Sieg, sagte der letztere. Als sie kamen
und Euern nach dem Tode aufsteigenden Winnetou sahen, war das Schicksal des
steinernen Bildes besiegelt. Selbst die beiden jungen Knstler nebst ihren
Vtern und Kolma Putschi knnen sich dem nicht entziehen. Und sie sind ehrlich.
Sie leugnen es nicht. Sie werden morgen am Schleierfall versuchen, ihre Idee zu
retten; aber sie fhlen es schon heut und selbst nur zu gut, da auch diese ihre
grte Anstrengung vergeblich sein wird. Du rittest mit Pappermann nach den
Steinbrchen. Du kamst so spt zurck. Das lt vermuten, da ihr nicht umsonst
geritten seid.
    Allerdings, antwortete ich. Das Resultat ist mehr als befriedigend, wenn
auch nicht erfreulich. Wir haben sehr viel erfahren; zum Beispiel, da die
beiden Medizinmnner der Kiowa und der Komantschen entflohen sind.
    Uff, uff! rief er erschrocken aus.
    Das Herzle war nicht weniger berrascht. Ich fuhr fort:
    Das ist noch nicht das Schlimmste. Es kommt noch Schlimmeres. Setzen wir
uns. Ich will erzhlen.
    Ich berichtete, was ich zu berichten hatte. Als ich fertig war, sagte
Tatellah-Satah:
    Ich wrde wohl in aufgeregter Besorgnis sein, wenn ich nicht she, da du
so ruhig bist! Warum hast du das nicht erzhlt, als die Huptlinge noch da
waren?
    Muten sie es wissen? Brauchen wir sie dazu? fragte ich. Ich pflege das,
was ich allein tun kann, keinem andern zu bertragen.
    Du glaubst, allein fertig werden zu knnen?
    Ja.
    Mit allen diesen viertausend Feinden?
    Ja.
    Da sah er mich gro an, schttelte den Kopf und fuhr fort:
    Jetzt begreife ich an Winnetou, was ich frher, als er noch lebte, nicht
begreifen konnte, nmlich sein unbeschreibliches Vertrauen zu dir. Heut' fhle
ich es selbst, dieses Vertrauen. Und so sag': Was gedenkst du, gegen das alles,
was uns droht, zu tun?
    Das einfachste, was es gibt: Ich verlege ihnen den Weg durch die Hhle! Ich
sperre sie sodann im Tal der Hhle ein, bis sie vor Hunger um Erbarmen bitten
mssen. Und ich nehme ihre Huptlinge gefangen, um sie als Geiseln zu benutzen.
Wieviel bewaffnete Winnetous stehen dir zur Verfgung?
    Heut ber dreihundert; bis morgen abend knnen es fnfhundert sein und
spter noch weit mehr.
    Das ist bergengend. Fr jetzt brauche ich ihrer nur vielleicht zwanzig
und unsern treuen Intschu-inta dazu. Ich gehe jetzt zu mir, mich umzuziehen,
weil ich das indianische Gewand noch trage. Dann komme ich wieder und steige mit
ihnen durch die verborgene Treppe hier in die Hhle hinab, um die Stalaktiten
wieder derart aufzustellen, da die beiden Medizinmnner, wenn sie mit ihren
Scharen kommen, sich nicht weiterfinden knnen.
    Und wenn sie den Weg, den du ihnen verbergen willst, aber doch entdecken?
Wenn sie die Steine ebenso wegrumen, wie du sie weggerumt hast?
    Das knnte hchstens am breiten Wege geschehen, dessen Ausgang ich ihnen
aber hinter dem Schleierfalle derart verlegen werde, da sie nicht herausknnen.
Damit ist fr heut und morgen alles vorbereitet. Zum Einschlieen der Feinde im
Tale ist bermorgen noch Zeit.
    Hierauf schickte ich mich an, zu gehen; aber das Herzle hatte vorher erst
noch etwas anderes zu erledigen. Sie bat nmlich den alten Bewahrer der groen
Medizin um die Erlaubnis, ihn morgen photographieren zu drfen. Ich erschrak
fast. Das war eine Khnheit, die ich mir niemals gestattet htte. Er aber
lchelte gtig und fragte:
    Darf ich wissen, fr wen oder wozu das Bild sein soll?
    Das ist Geheimnis, antwortete sie mit ungeminderter Verwegenheit. Aber
ein liebes, gutes und sehr ntzliches Geheimnis, welches Vielen, Vielen groe
Freude machen wird.
    So ist es mir unmglich, der Squaw meines Bruders Shatterhand ihren lieben
guten und sehr ntzlichen, Wunsch abzuschlagen. Sie mag kommen, wann sie will;
ich bin bereit.
    Als wir hierauf gingen, fragte ich sie unterwegs, wozu sie die Photographie
wohl brauche. Sie antwortete:
    Sag', wer ist hier am Mount Winnetou die magebende Persnlichkeit: Du oder
Tatellah-Satah?
    Ganz selbstverstndlich er!
    Schn! Er hat sich begngt, zu fragen, ohne eine Antwort zu erhalten.
Verlangst du mehr als er?
    Ja.
    Mit welchem Rechte?
    Sag', wer ist in unserer Ehe die magebende Persnlichkeit, ich oder
Tatellah-Satah?
    Ganz selbstverstndlich er! lachte sie.
    Well! So mu ich mich bescheiden! Ich bin besiegt! Du kannst das Geheimnis
behalten!
    Und ich steige jetzt mit in die Hhle hinab.
    Nein.
    Warum nicht?
    Erstens bist du da unten kein brauchbarer Gegenstand, und zweitens bin ich
nun nicht mehr magebend genug, dir diesen Wunsch zu erfllen. Ich kann weiter
nichts tun, als dir, gute Nacht sagen.
    Das krnkt mich schwer! Weit du, ich teile dir lieber mein
photographisches Geheimnis mit und darf dich dann begleiten. Denn schlafen kann
ich doch nicht, wenn ich dich da unten wei.
    Gut! Einverstanden! Also? Das Geheimnis?
    Ich will das Bild unseres alten, berhmten Freundes fr den
Projektionsapparat.
    In welcher Weise?
    Heut abend sollen doch bekanntlich die Bilder der beiden Knstler zu beiden
Seiten des Denkmales auf dem Wasserfall erscheinen. Ich habe dieselbe Idee fr
unsern aufstrebenden Winnetou mit den Bildern von Tatellah-Satah und Marah
Durimeh zu beiden Seiten. Was sagst du dazu?
    Die Idee ist gut, sehr gut. Du brauchst da verschiedene Apparate,
verschiedene Linsen - - -
    Ist da, ist alles da! fiel sie schnell ein.
    Wo?
    Bei dem Ingenieur, mit dem ich schon gesprochen habe.
    Du denkst, da er es tut?
    Mit Vergngen!
    Und nichts vor der Zeit verrt?
    Gewi nicht! Ich garantiere!
    So bin ich einverstanden.
    Und nimmst mich jetzt mit nach der Hhle?
    Ja. Ich bin nun einmal verpflichtet, alles zu tun, was du befiehlst!
    Da du das tust, sind wir einander schuldig! -
    Als wir nach einiger Zeit wieder zu Tatellah-Satah kamen, stand Intschu-inta
schon mit seinen zwanzig Mann bereit. Sie hatten sich genugsam mit Fackeln und
mit einigem Werkzeug versehen. Wir ffneten den Treppenstein und stiegen in den
Gang, welcher uns nach unten fhrte. Dort angekommen, suchten wir zunchst die
Stelle auf, an welcher der schmale Weg von dem breiten abzweigte. Dort hatten
wir durch die Beseitigung der Stalaktiten Raum geschafft. Sie wurden wieder
herbeigeholt und an ihre frhere Stelle gebracht. Wir trugen auch noch eine
Menge anderer Stcke hinzu, die wir derart aufstellten, da die Maskierung des
Weges unmglich mehr entdeckt werden konnte. Der Gang war von unten bis oben
vollstndig zugefllt, und zwar in so natrlicher Weise, da der Gedanke an eine
knstliche Nachhilfe ausgeschlossen erschien.
    Whrend dieser Arbeit sah ich mich an der Stelle um, die mir schon vorher
verdchtig vorgekommen war. Aus dem einen Ri in der Decke waren mehrere
geworden. Am Boden lagen schon eine ganze Menge herabgestrzter Steintrmmer.
Und ein Regen von zerriebenem Kalksinter siebte ununterbrochen aus den
klaffenden Spalten hernieder. Zuweilen hrte man ein leises, aber
scharfschneidiges Gerusch, wie wenn gleichzeitig zwei Glastafeln aneinander
gerieben werden. Das klang unheimlich. Hier und da ertnte es irgendwo, wohin
man nicht schauen konnte, als ob Felsen prasselten und Steine aus der Hhe in
die Tiefe fielen. Das gab ein so ungewisses, bengstigendes Gefhl. Ich mute
mich sehr berwinden, um still an Ort und Stelle bleiben zu knnen. Ich hatte
eine ununterbrochene Sorge, pltzlich zerschmettert zu werden, und war froh, da
unsere Arbeit endlich fertig war und wir uns entfernen konnten. Und das betraf
nicht nur mich allein, sondern das Herzle sagte, indem wir gingen:
    Gott sei Dank, da das vorber ist! Mir war zuletzt ganz ngstlich zu
Mute.
    Warum? fragte ich.
    Weil es scheint, als ob hier alles zusammenbrechen soll!
    Hattest auch du dieses Gefhl?
    Gleich sofort, als wir kamen. Ich habe nichts gesagt, um dich nicht zu
beunruhigen. Was gibt es hier ber uns, zu unsern Huptern?
    Hchstwahrscheinlich die schwere Winnetoufigur. Wenigstens denke ich es.
Genau kann ich es nicht sagen.
    Da schrie sie auf:
    Du, die bricht zusammen!
    Still, still! La das keinen Menschen hren!
    Also darum, darum steht sie schief?
    Und stellt sich immer schiefer und schiefer!
    Hltst du diese Katastrophe fr mglich?
    Fast fr unvermeidlich!
    Wann?
    Die Zeit lt sich nicht bestimmen. Um dies zu knnen, mte man die
Felsenunterlage genau untersuchen. Ich hoffe aber, da es erst spter geschieht,
nicht etwa schon dieser Tage.
    Htte ich gewut, wie nahe uns dieses grliche Ereignis stand, so htte
mich nichts abhalten knnen, die hier zu erwartenden viertausend Indianer zu
warnen. Wir gingen nun auf dem schmalen Weg zurck, bis nach der Stelle, wo der
steile Pfad nach der Teufelskanzel abzweigte. Auch diese Mndung maskierten und
verbarrikadierten wir derart, da niemand hier einen verborgenen Abweg suchen
konnte. Von da ging es weiter aufwrts bis dahin, wo der Aufstieg nach dem
Passiflorenraume begann. Wir versperrten ihn ebenso sorgsam, doch nicht von
unten, sondern von oben her, weil wir uns ja hinter der Sperre befinden muten,
um nach dem Schlosse zurckkehren zu knnen. Als wir dort anlangten, graute fast
schon der Tag. Tatellah-Satah war nicht da. Wir verschlossen die geheimnisvolle
Treppe und trennten uns dann von unsern indianischen Begleitern, um heimzugehen
und noch einige Stndchen zu schlafen.
    Als wir erwachten, wartete Intschu-inta schon auf uns, um uns zu melden, da
die Gebrder Enters schon lngere Zeit hier seien und uns zu sprechen wnschten.
Wir lieen sie kommen und empfingen sie freundlich. Sie zeigten sich verlegen.
Sie wuten nicht, wie sie beginnen sollten. Da zerhaute ich den Knoten, indem
ich sagte:
    Ihr kommt, um uns zu sagen, da wir heut abend sterben sollen?
    Nun erschraken sie gar; ich aber fuhr ruhig fort:
    Die beiden Medizinmnner sind entflohen. Sie wollen die viertausend Feinde
heut abend durch die Hhle fhren, um uns zu berfallen. Die Arbeiter stehen
unter ihrem Anfhrer, dem Nigger, bereit, mit ihnen gemeinsame Sache zu machen.
Die Roten geben, sobald sie hinter dem Wasserfall angekommen sind, das Zeichen
durch einen Schu. Sobald dieser Schu fllt, haben die Brder Enters mich und
meine Frau zu ermorden, und die Arbeiter werfen sich auf die Huptlinge und
sonstigen Freunde von uns!
    Sie sahen mich starr und stumm an. Sie sagten zunchst kein Wort, so gro
war ihr Erstaunen.
    Nun? fragte das Herzle. Wie gefllt euch das? Gebt ihr es zu? Oder wollt
ihr es bestreiten?
    Da antwortete Sebulon:
    Bestreiten? Nein! Wir sind ja nur deshalb gekommen, um es euch zu sagen, um
euch zu warnen. Wir sind nur so betroffen, weil ihr schon alles wit. Und so
genau! Es soll ja das tiefste Geheimnis sein!
    Geheimnis? Pshaw! fiel ich ein. Wir haben stets alles gewut, und zwar
viel besser als ihr. Das habt ihr wohl nun endlich eingesehen! Und so wissen wir
auch das. Wir wissen sogar, da ihr gestern abend in der Kantine, als Tusahga
Saritsch und To-kei-chun fort waren, beschlossen habt, heut frh hierher zu
kommen und uns alles zu erzhlen.
    Wie ist das mglich? Ihr knnt doch nicht unter den Tischen oder Sitzen
gesteckt haben!
    O nein! So unbequem brauchen wir es uns gar nicht zu machen! Die Leute, die
unsere Feinde zu sein scheinen, erzhlen es uns selbst. Seid froh, da ihr es
ehrlich meint! Denn, wre dies nicht der Fall, so wrdet ihr heut abend die
ersten sein, die unter unseren Kugeln fallen.
    O, was das betrifft, so wrden wir wahrscheinlich gar nicht bs darber
sein, uns morgen tot zu wissen! Es gibt bei uns weder Glck noch Stern. Das ist
der Fluch, der vom Vater auf die Shne erbt.
    Nicht der Fluch, sondern der Segen! widersprach ich ihm.
    Wieso? fragte er.
    Der Segen, welcher darin liegt, Geschehenes gut zu machen und dadurch den
Vater erlsen zu knnen.
    Und daran glaubt Ihr, Mr. Shatterhand?
    Ja.
    Wirklich? Wirklich? Ich bitte Euch, sagt es mir aufrichtig!
    Gewi und wirklich!
    Gott sei Dank! So gibt es also doch noch einen Zweck fr uns! Wir wollen es
fernerhin tragen! Ihr wit also nun, da wir heute abend angewiesen sind, uns in
eure Nhe zu machen?
    Ja.
    Wollt Ihr uns das erlauben?
    Gern.
    Und uns dennoch nicht mitrauen?
    Wir sind berzeugt, da ihr es ehrlich meint.
    Gott segne Euch fr dieses Wort! Habt Ihr irgend einen Befehl fr uns?
    Jetzt noch nicht. Vielleicht heute abend. Wahrscheinlich kommt es gar nicht
zu einem Kampfe. Der Ueberfall wird auf alle Flle vermieden.
    So nehmt Euch aber, mag es gehen wie es will, vor dem Nigger in acht. Er
hat Euch glhend. Er schreibt alles auf Eure Schuld. Wenn er die Wahl hat, Euch
eine Kugel zu geben oder keine, so gibt er Euch sicherlich zwei! Jetzt mssen
wir gehen. Wir haben schon so lange gewartet, und doch soll niemand wissen, da
wir hier verkehren.
    Sie entfernten sich.
    Sie tun mir leid, unendlich leid! sagte das Herzle. Sie sind ganz anders
als frher. Ich wollte, sie htten ein recht, recht glckliches Leben vor sich
liegen!
    Als wir dann bei unserem verspteten Kaffee saen, stellten sich zwei andere
Personen ein, die uns aufzusuchen kamen. Das waren die Squaw des Huptlings Pida
und Dunkles Haar, ihre Schwester. Sie wurden ganz selbstverstndlich in der
herzlichsten Weise aufgenommen. Das Herzle setzte gleich noch einmal Kaffee an,
um sie an unserem Frhstck teilnehmen zu lassen. Wir erfuhren von ihnen, da
gestern abend die Frauen der Komantschen und der Kiowa hier angekommen waren.
Sie hatten sich sofort mit den Frauen der Sioux unter deren Fhrerin Aschta
vereinigt, um bei den Denkmalsberatungen auch ihre Stimmen zur Geltung zu
bringen. Heute frh waren sie alle nach dem Gebude gezogen, in dem die beiden
jungen Knstler ihr Rundgemlde und das Modell zur Winnetoufigur sehen lieen.
Sie hatten es ganz enttuscht verlassen. Was ihnen da gezeigt worden war, hatte
nichts mit dem herrlichen Winnetou zu tun gehabt, den man liebt und verehrt, so
weit die Zungen der roten Vlker erklingen. Nein! Den Winnetou, den sie da
gesehen hatten, den lehnten sie ab. Den wollten sie nicht haben. Und mir das
sofort zu sagen, waren sie gekommen.
    Aber es galt, mir noch eine andere Mitteilung zu machen, die weit
schwieriger war. Sie wuten nicht so recht, wie sie es anzufangen hatten, mich
gengend zu warnen, ohne einen Verrat gegen ihre eigenen Krieger zu begehen. Ich
machte ihnen Mut, indem ich ihnen erklrte, da ich bereits alles wisse. Ich
sagte ihnen, da die viertausend Indianer heute durch die groe Hhle ziehen
wrden, um den unsinnigen Plan der alten, gegen uns verschworenen Huptlinge zur
Ausfhrung zu bringen. Das machte es ihnen mglich, aufrichtig zu sein. Ich
erfuhr von ihnen, da Pida, ihr Mann und Schwager, heut frhzeitig nach dem Tal
der Hhle geritten sei, weil man ihn ausersehen hatte, den unterirdischen
Marsch zu kommandieren. Nun stand fr sie die Sache folgendermaen: Siegte er,
so mute ich zugrunde gehen, und siegte ich, so war es um ihn geschehen. In
dieser Herzensangst hatten sie es fr das Beste gehalten, mich aufzusuchen und
sich mir anzuvertrauen. Ich versprach ihnen Verschwiegenheit und gab ihnen die
Versicherung, da weder mir noch Pida irgend etwas Bses geschehen werde. Als
sie uns nach einiger Zeit verlieen, waren sie vollstndig beruhigt.
    Hierauf ging das Herzle zu Tatellah-Satah, um ihn zu photographieren. Ich
begleitete sie. Als die Aufnahme vorber war, verlie sie uns. Es trieb sie zum
photographierenden Ingenieur. Wir aber machten einen Spaziergang nach dem
Wartturm, um den jungen Adler aufzusuchen. Dieser schien von dem Kommen
unseres ehrwrdigen Freundes und Beschtzers unterrichtet zu sein, denn er rief
uns, als wir dort anlangten, von der Hhe seines Daches aus zu:
    Kommt herauf! Es ist alles bereit. Mein Adler ist fertig!
    Wir traten in den Turm und stiegen die vielen Stufen bis zum platten Dach
hinauf. Da stand auf vier Beinen ein groes, vogelhnliches Gebilde mit zwei
Lebern, zwei ausgebreiteten, mchtigen Flgeln und zwei Schwnzen. Die beiden
Leiber vereinigten sich vorn durch ihre Hlse zu einem einzigen Kopfe, zu einem
Adlerkopfe. Sie waren aus federleichten, aber auerordentlich festen Binsen
geflochten. Was sie enthielten, sah man nicht, hchst wahrscheinlich den Motor.
Im brigen bestand der Apparat aus fast gewichtslosen Stoffen, die aber
unzerreibar waren und groe Tragfhigkeit besaen. Die Schwnze waren hchst
eigenartig gestaltet. Zwischen den Leibern war ein bequemer Sitz angebracht,
welcher Platz fr zwei Personen gewhrte. Es gab verschiedene Drhte, deren
Bestimmung nicht gleich beim ersten Blick zu erkennen war, doch konnte man sich
denken, da sie zur Beherrschung und Lenkung des groen Vogels dienten. Auer
dem jungen Adler waren noch unser alter Pappermann und Aschta, die jngere,
da.
    Es ist mir nicht erlaubt, eine Beschreibung des Apparates zu geben, doch
darf ich versichern, da, als der junge Adler uns alles erklrt hatte, wir
beide Tatellah-Satah und ich, von der Sicherheit und der Verllichkeit des
Apparates derart berzeugt waren, da in uns sofort der Wunsch aufstieg, uns
seiner recht bald einmal bedienen zu drfen.
    Und er fliegt, er fliegt! versicherte Pappermann. Ich habe es selbst
gesehen!
    Wann? fragte ich.
    Heute frh, antwortete er. Als Jedermann noch schlief und nur die erste
Spur des Morgengrauens vorhanden war. Denn niemand sollte es sehen. Ich kam
herauf, um zu helfen. Da stieg der junge Adler auf den Sitz und zog an einem
Drahte. Sofort wurde es in den beiden Leibern lebendig. Der Vogel begann, zu
atmen. Noch ein Draht, und die Schwnze breiteten sich aus. Die Flgel bewegten
sich. Zwei, drei Schlge, und der Vogel stieg auf, verlie das Dach des Turmes
und flog ein Stck hinaus, hoch ber die Ebene. Er stieg hher und hher, schlug
einen Bogen, kehrte wieder zurck und lie sich langsam, ohne da es einen Sto
gab, wieder auf das Dach herab. Er steht noch genau so da, wie er angekommen
ist!
    Und das ist wahr? Wirklich wahr? fragte ich den jungen Adler.
    Er nickte mir lchelnd zu. Dieses Lcheln war kein stolzes, aber ein
unendlich glckliches! Tatellah-Satah schaute vom Dach in die Weite hinaus. Fast
war es, als ob sein Antlitz leuchten wolle.
    Kommt! erklang es erst nach lngerer Zeit aus seinem Munde.
    Er sagte das zu mir und dem jungen Adler und ging zur Treppe, um wieder
vom Turme hinabzusteigen. Unten angekommen, fhrte er uns in den Hochwald. Er
schritt voran; wir folgten hinterdrein. Keiner sprach ein Wort. Er fhrte uns
nach der anderen Seite des Berges, bis zu einer Stelle, von welcher aus wir
hinber nach dem See und hinunter nach dem Schleierfall schauen konnten.
Jenseits des Sees ragte der domartige Hauptberg des Mount Winnetou hoch empor,
und hinter diesem waren die gewaltigen Kuppen der benachbarten Giganten zu
sehen, unter ihnen einer, der seinen Gipfel so stolz und steil, so scharf und
senkrecht erhob, als ob es nie einem menschlichen Wesen gestattet worden sei,
seinen Scheitel zu betreten. Auf ihn deutend, sagte der Alte:
    Das ist der Berg der Knigsgrber. Bevor die Rasse der Indianer sich in
winzige Stmme auflste, wurde sie nicht von kleinen Huptlingen, sondern von
gewaltigen Kaisern und Knigen regiert, die alle auf der mchtigen, hoch ber
den Wolken liegenden Plattform dieses Berges begraben worden sind. Die Grber
sind von Stein gemauert. Sie bilden zusammen eine Totenstadt mit Straen und
Pltzen, auf denen es keine Spur von Leben und Bewegung gibt. Sie enthalten
nicht nur die Leichen der verstorbenen Herrscher, sondern in jeder Gruft liegen,
in goldenen Ksten unzerstrt erhalten, die Bcher ber jedes Jahr der Regierung
dessen, der hier seine letzte irdische Wohnung fand. Hier sind also nicht nur
alle die groen Herrscher der roten Rasse begraben, sondern ihre ganze
Geschichte und smtliche Berichte und Dokumente ihrer langen,
vieltausendjhrigen Vergangenheit. Aber man kann nicht zu ihnen gelangen. Man
kann nicht hinauf. Als der letzte Knig begraben worden war, vernichtete man die
Felsenstrae, die hinauf zu den Knigsgrbern fhrte, so da es keinem
Sterblichen mehr mglich war, hinauf zu ihnen zu gelangen. Es soll zwar einen
steilen Nebenpfad geben, der damals nicht mit vernichtet worden ist, aber
niemand hat ihn bisher gefunden. In einem meiner ltesten Bcher steht
geschrieben, da der Schlssel zu diesem Pfade vorhanden sei, aber er liege hoch
oben auf dem Berg der Medizinen, genau am Fue der letzten, hchsten
Felsennadel, unter einem Steine, der die Gestalt einer halben Kugel habe. Der
junge Adler, auf den die roten Mnner schon seit langen, langen Jahren warten,
wird, wie auf der Haut des groen Kriegsadlers zu lesen ist, dreimal um den Berg
fliegen und bei diesem Steine anhalten, um ihn zu heben und den Schlssel
hervorzunehmen. Ist dies gelungen, so kann der Berg der Knigsgrber bestiegen
werden, und die Berichte und Dokumente der verschwundenen Urzeiten drfen ihre
Stimmen erheben, um die Geheimnisse unserer Vergangenheit zu enthllen.
    Er schaute nach jener Felsennadel hinauf, an deren Fu der Schlssel liegen
sollte. Und er schaute hinber nach der Bergeskuppe, auf welcher die roten
Kaiser und Knige begraben lagen. Dann fuhr er fort:
    Das alles wute ich. In meiner Brust war die ganze, glhende Sehnsucht
unserer Rasse vereint. Da sa ich vor meiner Tr, und vor meinen Fen landete
aus hohen Lften der verwegene Knabe, der den mchtigsten der Vgel gezwungen
hatte, ihn ber die Abgrnde des Todes zur sicheren Erde herabzutragen. Er wurde
von nun an der junge Adler genannt. War er der Verheiene, der
Vorherverkndigte? Ich glaubte es. Ich nahm ihn zu mir. Ich erzog ihn. Er war
ein Verwandter meines Winnetou. Ich legte ihm die Sehnsucht, fliegen zu lernen,
in das Herz. Als ich hrte, da drben in Kalifornien die ersten Flugversuche
gemacht worden seien, beschlo ich, ihn zu den Bleichgesichtern zu senden, damit
er das Fliegen von ihnen lerne. Er ging und tat, was ich von ihm begehrte. Jetzt
ist er zurckgekehrt. Er behauptet, ein Flieger geworden zu sein. Er sagt, da
er einen eigenen Adler erfunden habe, auf dessen Flgel er sich verlassen knne.
Ich glaube es ihm, denn er ist mein erster und oberster Winnetou, und es kam
noch nie ein unwahres Wort ber seine Lippen. Dennoch frage ich ihn heut und
jetzt, in diesem wichtigen Augenblick: Getraust du dich, da hinaufzufliegen und
nachzusehen, ob wirklich ein Stein vorhanden ist, unter dem der Schlssel zu den
Grbern der Knige verborgen liegt?
    Der junge Adler antwortete sofort und in zuversichtlichem Tone:
    Ich getraue es mich nicht nur, sondern es ist sogar leicht, sehr leicht.
    Und wann kannst du es tun?
    Sobald du es wnschest. Jetzt oder spter. Die Zeit, die du bestimmst, ist
mir gleich!
    Dann jetzt noch nicht. Der heutige Tag hat seine Aufmerksamkeit auf anderes
zu richten. Aber ich danke dir fr deine Zuversicht. Sie macht mich fest in
meinem Zukunftsglauben! Wir werden die Grfte der toten Kaiser und Knige
ffnen. Wir werden die Bcher finden und die Seele unserer Rasse, die in ihnen
schlummert, aus dem tausendjhrigen Schlafe auferwecken. Sie wird wachsen und
gro werden, wie die Seelen der anderen Rassen gro geworden sind, und niemand
wird uns mehr hindern, die Hhen zu gewinnen, die uns von Manitou zur Wohnung
angewiesen sind!
    Unser Blick reichte, wie bereits gesagt, von da aus, wo wir uns jetzt
befanden, bis hinunter nach dem Schleierfall. Da sahen wir jetzt das Herzle mit
dem Ingenieur und einigen Indianern, welche photographische Apparate trugen. Sie
befand sich also in voller Ttigkeit und hatte, wie es schien, den Ingenieur fr
sich gewonnen. Wir aber kehrten nach dem Turm und von da nach dem Schlo zurck,
wo ich dadurch berrascht wurde, da ich Old Surehand und Apanatschka auf mich
wartend fand.
    Wundert euch nicht, da ihr uns bei euch seht, redete mich der erstere an.
Es ist eine etwas unklare, aber, wie es scheint, hchst wichtige Sache, die uns
zu euch fhrt. Kennt ihr den sogenannten Nigger, der die Arbeiterkantine
bewirtschaftet?
    Ich habe ihn einmal gesehen, antwortete ich.
    Mit ihm gesprochen?
    Nein.
    Habt ihn also nicht beleidigt?
    Nie.
    Dennoch hat er einen frchterlichen Ha auf euch. Weshalb, das knnt ihr
euch wohl denken. Er steht auf unserer Seite. Wir knnen ihm also nicht zrnen.
Aber er ist ein hchst unbedachtsamer, jhzorniger und gewaltttiger Mensch und
scheint jetzt mit seinem Hasse gegen euch zu weit gehen zu wollen. Er war vorhin
in einer geschftlichen Angelegenheit bei uns und hat bei dieser Gelegenheit in
einer Weise von euch gesprochen, welche uns in Besorgnis versetzt. Er sagte,
heut sei euer letzter Lebenstag; es wrden auch noch andere daran glauben
mssen; heut habe es sich zu zeigen, wer Herr und Meister am Mount Winnetou sei.
Er schien betrunken zu sein. Wir haben ihn bisher fr treu gehalten; diese
Redensarten aber erregen unser Bedenken. Wir sind gekommen, euch zu warnen. Es
scheint etwas gegen euch unterwegs zu sein, doch konnten wir leider nicht
erfahren, was.
    Ich danke euch! antwortete ich. Ich bin bereits gewarnt.
    Wirklich? Das soll uns freuen! Ihr seid noch immer der Alte. Ihr wit immer
mehr als wir! Sagt also, ist unsere Vermutung richtig? Hat man etwas gegen euch
vor?
    Nicht nur gegen mich, sondern auch gegen euch.
    In der Tat? - Was?
    Man will mich und euch, berhaupt uns alle, beiseite schaffen. Ich bin von
allem unterrichtet und wollte nicht eher davon sprechen, als bis alles vorber
ist. Aber da ihr so ehrlich seid, mich, euern Gegner, zu warnen, so will ich
euch in das Vertrauen ziehen.
    Ich erzhlte ihnen fast alles, was ich wute. Die Wirkung lt sich denken.
Sie wollten sofort mit allen vorhandenen Krften nach dem Tale der Hhle
ziehen, um den Feinden in die Hhle zu folgen und sie da drin niederzumetzeln.
Zum Glck aber hatte ich ihnen von der Beschaffenheit der Hhle und da ich ihre
Ausgnge kannte, nichts mitgeteilt. Es kostete mich groe Mhe, sie zu beruhigen
und ihnen das Versprechen abzuringen, die Leitung dieser Angelegenheit einzig
und allein in meiner Hand zu lassen. Eines aber konnte ich nicht verhten,
nmlich da sie sofort hinaus nach der Kantine wollten, um den Nigger zur Rede
zu stellen und sich seiner Person zu bemchtigen. Es konnte mir dadurch sehr
leicht ein Strich durch alle meine Berechnungen entstehen, und so mute ich wohl
oder bel mit ihnen reiten, um wenigstens noch das zu verhten, was noch zu
verhten war.
    Als wir whrend dieses Rittes am Schleierfall vorberkamen, gab es dort eine
auerordentlich rege Ttigkeit. Die Vorbereitungen zur Brillantbeleuchtung heut
abend nahmen alle Krfte in Anspruch. Als ich einen forschenden Blick auf die
neu eingegrabenen Masten warf, war es mir, als ob die Figur heut nicht
unbedeutend schiefer stehe als vorher und als ob sich auch die Gerste schon
geneigt htten. Ich sagte aber nichts.
    Bei der Kantine angekommen, fanden wir das Herzle mit dem Ingenieur. Sie
photographierten. Die beiden Enters waren dabei. Sie hatten, wie ich spter
erfuhr, in der Kantine gesessen und waren herausgekommen, um zuzusehen. Grad als
wir bei ihnen von den Pferden stiegen, kam der Nigger aus dem Hause. Old
Surehand und Apanatschka nahmen ihn sofort in Beschlag. Sie machten weder
Einleitungen, noch lange Umstnde. Old Surehand fiel gleich mit der Tr in das
Haus:
    Wir sind gekommen, dich zu arretieren! sagte er. Du kommst uns grad so
recht!
    Arretieren? Mich? fragte der Nigger. Mchte den sehen, der das fertig
brchte! Darf ich fragen, warum?
    Wegen des Theaters, welches heut abend gespielt werden soll.
    Der Mensch erschrak, fate sich aber schnell. Er machte nicht den geringsten
Versuch, zu leugnen. Er lachte laut auf und rief:
    Dafr, da ich euch eure Gegner vom Halse schaffen will, wollt ihr mich
arretieren? Well! Ist das Dankbarkeit?
    Glaubst du, uns zu tuschen? fragte Apanatschka. Wir wissen sehr genau,
da es sich nicht nur um unsere Gegner handelt, sondern auch um uns selbst!
Nicht nur sie, sondern auch wir sollen abgeschlachtet werden! Wir wissen es!
    Von wem?
    Die Augen des Niggers funkelten, indem er diese Frage tat. Apanatschka
antwortete:
    Waren To-kei-chun und Tusahga Saritsch etwa gestern abend nicht bei dir?
Ist da nicht deutlich genug davon gesprochen worden, was geschehen soll? Saen
nicht die beiden Enters auch dabei?
    Das war ein unverzeihlicher Fehler, den Apanatschka da beging. Die Folgen
stellten sich augenblicklich ein. Der Nigger griff mit der Hand in seine
Tasche, jedenfalls nach seinem Revolver. Er richtete seine Gestalt hoch auf, sah
einen nach dem andern von uns an und sagte, indem er die Worte wie pfeifend
zwischen den Zhnen hervorstie:
    Also verraten! Alles verraten! Doch schadet das nichts! Was werden soll,
wird doch!
    Das Herzle war an meine Seite geeilt. Sie glaubte mich in Gefahr. Auch die
beiden Enters hatten sich uns genhert. Sie standen jetzt grad neben dem
Nigger. Dieser betrachtete sie mit einem tiefverchtlichen Blicke und fuhr
fort:
    Und wit ihr, wer es verraten hat? Ihr, ihr, ihr! Denn die beiden
Huptlinge werden sich doch nicht selbst verraten! Eigentlich sollte ich euch
sofort niederschieen! Aber ihr kommt erst an zweiter Stelle! An erster Stelle
steht dieser fremde, deutsche Hund mit seiner Squaw, die ich sofort durchlchern
werde, um - -
    Er ri den Revolver aus der Tasche, spannte ihn und richtete ihn auf mich
und meine Frau. Da aber wurde er von den beiden Enters gepackt, so da er nicht
schieen konnte. Old Surehand und Apanatschka zogen ihre Revolver rasch auch.
Das Herzle stellte sich vor mich, um mir als Schild zu dienen; ich aber schob
sie hinter mich und warnte sie:
    Keine Torheit! Es geschieht uns nichts!
    Der Nigger versuchte, die Brder von sich abzuschtteln. Sie lieen nicht
los.
    Du sollst Old Shaterhand nicht schieen; schie lieber mich! rief Hariman
Enters.
    Nicht diese Frau sollst du treffen; nicht sie, nicht sie, sondern mich!
stimmte Sebulon bei.
    Da gelang es dem Nigger, seine Rechte frei zu machen.
    Wohlan, wohlan! brllte er. Also zunchst ihr beide, damit ich euch los
werde! Dann aber um so sicherer die beiden andern!
    Er richtete den Lauf seiner Waffe blitzschnell auf Sebulon und dann auf
Hariman. Die Schsse krachten. Zugleich aber fielen noch zwei andere Schsse,
nmlich aus den Revolvern Apanatschkas und Old Surehands. Diese Kugeln drangen
dem Riesen mitten in die Stirn. Er drehte sich halb um sich selbst, begann zu
wanken und strzte dann mit den beiden Enters, die in die Brust geschossen
waren, zu Boden. Apanatschka und Old Surehand warfen sich schnell auf ihn, um
seine Todeszuckungen unschdlich zu machen. Das Herzle kniete bei Sebulon und
ich bei Hariman nieder. Beide waren nur zu gut getroffen. Hariman ffnete noch
einmal die Augen.
    Ich war euer Winnetou, seit jenem Abende am Nugget-tsil, flsterte er.
Ist mir vergeben?
    Alles, alles! antwortete ich.
    Auch meinem Vater?
    Auch ihm!
    So - sterbe - ich froh -!
    Diese Worte hauchte er nur noch. Dann war er tot. Sebulon lag still; aber
seine geschlossenen Augenlider zitterten. Auch er war dem Tode verfallen. Das
Herzle weinte. Sie strich ihm leise die Wangen. Da ffnete er ganz pltzlich die
Augen, richtete sich auf dem einen Ellbogen halb auf, sah sie an und fragte mit
scheinbar ganz gesunder Stimme:
    Ihr weint, Mrs. Burton? Und ich bin so glcklich!
    Er lchelte und zog mit seiner letzten Kraft ihre Hand an seine Lippen.
    Lest den Namen unter meinem Winnetoustern! bat er.
    Sie nickte.
    Nach kurzer Pause fuhr er mit immer leiser werdender Stimme fort:
    Glaubt Ihr - - da mein Vater - - nun erlst ist - - - erlst?
    Ich glaube es, antwortete sie.
    Dann - - Gott sei Dank - - ist es doch nicht umsonst - - - umsonst!
    Er sank zurck und streckte sich. Dann war auch er erlst. Wir standen auf.
Der riesige Nigger lag mit toten, aber starr geffneten Augen zwischen seinen
Opfern.
    Mute das sein? fragte das Herzle.
    Nein! antwortete ich fast zornig.
    Ja, es mute nicht sein, stimmte Old Surehand bei. Wir konnten es
umgehen. Wir waren zu schnell; wir waren unbesonnen!
    Wie so oft, wie so oft, in frherer Zeit, stimmte ich bei, denn es war mir
unmglich, mit meinem Tadel ganz zurckzuhalten.
    Sie nahmen ihn ruhig hin.
    Was soll nun werden? fragte ich. Glaubt ihr, die Verschwrung der
Arbeiter durch den Tod ihres Anfhrers beseitigt zu haben? Oder wird nicht grad
dieser Tod das, was wir verhten wollen, zum schnelleren Ausbruch bringen?
    Hm, brummte Old Surehand verlegen. Richtig, richtig! Was ist zu tun?
    Sie sahen einander an, fanden aber keine Antwort auf diese Frage.
    Wie lange dauert es, bis ein Dutzend Eurer Kanean-Komantschen hier an
dieser Stelle sein knnen? erkundigte ich mich.
    Wenn ich sie hole, hchstens eine Viertelstunde, antwortete Apanatschka.
    Noch wei niemand, was hier geschehen ist. Die Arbeiter sind jetzt nicht
hier, sondern bei den Steinbrchen und am Wasserfall. Holt treue Leute, die den
Nigger fortschaffen und einstweilen verstecken. Dann wird man hren, er habe im
Streite die Gebrder Enters erschossen und sich der Strafe durch die Flucht
entzogen. So wissen die Arbeiter nicht, woran sie sind, und es steht zu
erwarten, da sie sich ruhig verhalten.
    Das ist ein Gedanke! stimmte Old Surehand bei. Schnell fort, und hole die
Leute!
    Diese Aufforderung galt Apanatschka, welcher sofort davongaloppierte und
nach wenig ber zehn Minuten die Komantschen brachte, welche den toten Nigger
auf ein Pferd banden und sich mit ihm entfernten. Zwei von ihnen blieben als
Totenwache bei dem erschossenen Brderpaar zurck.
    Das Herzle war tief erschttert. Sie verlangte heim. Darum ritt ich mit ihr
nach dem Schlosse, welches sie erst am Nachmittage, als sie sich beruhigt hatte,
wieder verlie, um mit dem bereitwilligen Ingenieur ihre photographischen
Studien fortzusetzen. Sie kam erst gegen Abend wieder heim, um zu melden, da
man unten schon beginne, sich auf dem Festplatze am Schleierfalle einzustellen.
Nach dem Essen stiegen wir mit dem Bewahrer der groen Medizin und dem jungen
Adler hinab. Pappermann, Intschu-inta und andere waren schon vorausgegangen.
    Tatellah-Satah hatte alles, was ntig war, mit mir besprochen und daraufhin
seine Anweisungen erteilt. Die Arbeiter hatten am Denkmal zu bleiben. Die
gewhnlichen Zuschauer waren nach dem groen Platze vor der Figur gewiesen,
welcher Tausende von Menschen fate. Dieser Platz zog sich bis nach den beiden
Teufelskanzeln zurck, welche nur von den Huptlingen und Unterhuptlingen
besetzt werden durften. Zwischen den Arbeitern und den Zuschauern gab es eine
dreifache Reihe von Winnetous, welche alle mit Revolvern bewaffnet waren und
dafr zu sorgen hatten, da die ersteren, also die Arbeiter, sofort berwltigt
werden konnten, wenn es ihnen etwa einfallen sollte, nach dem Plane des
Niggers und der verbndeten vier Huptlinge zu verfahren.
    Zu erwhnen ist, da im Verlaufe des heutigen Tages die ersten Wagenzge
angekommen waren, mit deren Hilfe die hier zu erwartende Menschenmenge von der
Bahn aus verproviantiert werden sollte. Mit diesen Wagen hatten sich zugleich
auch mehrere Scharen neuer Mount Winnetou-Pilger eingestellt, die mit Wonne
vernahmen, da sie schon am heutigen Abende das Glck haben wrden, die herrlich
erleuchtete Gestalt ihres geliebten Winnetou zu sehen. Sie waren nun auch schon
da, und so kam es, da der Zuschauerraum als vollbesetzt bezeichnet werden
konnte. Die Huptlinge waren, wie bereits erwhnt, um und auf die
Teufelskanzeln verteilt, und zwar in folgender Weise: Links vom Fahrwege lagen
die Kanzeln 1 und 2, rechts von ihm die Kanzeln 3 und 4. Die Kanzel 1
korrespondierte mit der Kanzel 3, die Kanzel 2 mit der Kanzel 4. Wer auf Kanzel
1 war, der hrte, was auf Kanzel 3 gesprochen wurde. Wer sich auf Kanzel 2
befand, der vernahm alles, was auf der Kanzel 4 zur Rede kam. Und so auch
umgekehrt: der Schall von 1 kam nach 3, der Schall von 2 ging nach 4. Da ich nun
alles zu hren wnschte, was von den uns feindlichen vier Huptlingen und ihrem
Anhange gesprochen wurde, so hatte ich sie auf die Kanzel 3 plazieren lassen,
whrend wir die Kanzel 1 in Anspruch nahmen. Sie hrten freilich auch alles, was
wir redeten, doch wuten wir das, und so brauchten wir nur das, was sie hren
sollten, laut zu sprechen, alles andere aber leise zu flstern. Von den Kanzeln
2 und 4 war nur die 4 besetzt; die 2 behielten wir fr uns leer.
    Als wir auf dem Festplatze anlangten, war er nur erst notdrftig erleuchtet,
und zwar nicht mit Oel, sondern ausschlielich elektrisch, auch die Laternen.
Das war bei der gewaltigen Menge der hier erzeugten Elektrizitt ungemein bequem
und billig. Man machte uns Platz, nach unserer Kanzel 1 zu kommen. Das war
dieselbe, von deren Fu aus der geheime Gang in die Hhle fhrte. Dort wurden
wir von den uns befreundeten Huptlingen empfangen. Sie waren alle da, sogar
auch Avaht-Niah, der Hundertundzwanzigjhrige. Ich hatte ihnen sagen lassen, da
sie die Kanzel ja nicht betreten, sondern sich einstweilen am Fue derselben
lagern sollten. Sie hatten das getan, ohne den Grund zu kennen. Jetzt beeilte
ich mich, ihnen diesen mitzuteilen. Wie erstaunten sie, als sie hrten, da es
sich hier um die Lsung dieses alten, sagenhaften Geheimnisses handelte! Ich
sagte ihnen, da sie nun auf die Kanzel steigen, dort aber ganz leise und mit
vor den Mund gehaltenen Hnden sprechen sollten; ich aber wrde jetzt zu unsern
Gegnern gehen, um mit diesen zu reden. Es werde jedes Wort hier zu verstehen
sein.
    Ich ging. Der alte Kiktahan Schonka sa mit seinem Anhange schon oben auf
Kanzel 3. Diese Kanzel war rundum von einer Schar bewaffneter Winnetous
besetzt; das hatte ich so angeordnet. Ich sagte ihnen, da sie alle
Obensitzenden als Gefangene zu betrachten und keinen von ihnen ohne meine
besondere Erlaubnis fortzulassen htten. Darauf stieg ich hinauf.
    Old Shatterhand! rief der alte Tangua, der mich zuerst sah und erkannte.
    Ja, ich bin es, antwortete ich laut. Ich komme, um euch Wichtiges
mitzuteilen, damit ihr nicht vergeblich wartet. Wit ihr, da der Nigger, euer
Verbndeter, geflohen ist?
    Wir wissen es, antwortete To-kei-chun. Aber er ist nicht unser
Verbndeter.
    Er ist es! behauptete ich. Ich stand gestern am offenen Fenster der
Kantine, als ihr mit ihm und den beiden Enters den Plan fr den heutigen Abend
bespracht!
    Uff, uff! rief er erschrocken aus.
    Ich fuhr fort:
    Nun sind die Enters tot, und er ist auch tot. Old Surehand und Apanatschka
haben ihn erschossen!
    Uff, uff! Uff, uff! ertnte es rundum.
    Und Pida, der nach dem Tale der Hhle geritten ist, um die viertausend
Sioux, Utahs, Kiowa und Komantschen durch die Hhle nach dem Wasserfall zu
fhren, wird nicht kommen, um uns zu berfallen. Wir haben ihm die Wege verlegt
und nehmen ihn mit allen seinen Kriegern gefangen.
    Uff, uff!
    Und euer Komitee ist aufgelst! Die Brder Enters haben mir die Schrift
gebracht, die von euch unterzeichnet worden ist. Eure ganze Betrgerei und euer
Trachten nach meinem Leben ist bekannt! Die Strafe folgt! Ihr seid hier
gefangen! Dieser Ort hier ist von unsern Winnetous umstellt. Sie haben euch
festzuhalten. Jeder von euch, der es wagt, zu entfliehen, wird augenblicklich
erschossen!
    Jetzt rief niemand uff, uff. Sie waren zu Tode erschrocken. Die vier Herren
vom Komitee befanden sich auch mit hier. Auch sie waren still. Keiner von ihnen
sagte ein Wort. Da war es, als ob die Erde unter uns wanken wollte. Ich fhlte
und hrte ein kurzes, aber scharfes Zittern und Knirschen unter mir. Ich hatte
mich zu beeilen, von hier fortzukommen.
    Hrt ihr es? fragte ich. Das war die Stimme der Hhle, in der sich eure
unglckliche Krieger befinden! Sie sind verloren!
    Nach diesen Worten stieg ich schnell von der Kanzel hinab und beeilte mich,
dorthin zu kommen, wohin ich gehrte. Es herrschte rundum tiefe Stille.
Jedermann war darber, da der Boden gewankt hatte, erschrocken. Da ertnte die
laute Stimme Old Surehands. Er befahl, da die Illumination beginne. Der
Ingenieur gehorchte; er ffnete den Projektionsapparat. Die Winnetoufigur wurde
tageshell erleuchtet, und ihr zu beiden Seiten erschienen auf dem Spiegel des
Schleierfalles die vielvergrerten Gesichtszge Young Surehands und Young
Apanatschkas. Hatte Old Surehand etwa Beifall erwartet? Es erfolgte keiner.
Jedermann blieb still. Die kopflose Steinfigur machte nicht den geringsten
Eindruck, und die Portrts der beiden jungen Knstler hatten so wenig
Charakteristisches an sich und so wenig tiefern Sinn, da sie jedermann
vollstndig gleichgltig lieen. Jetzt war es, wo ich meine Kanzel erreichte.
Ich gab den Anwesenden das Zeichen, ja nicht laut zu sprechen, und fragte leise:
    Habt ihr alles gehrt?
    Sie nickten.
    Auch das Beben der Erde?
    Auch das, antwortete das Herzle flsternd und die Hand an den Mund
haltend, um die Luftwelle abzuhalten, den Weg der Ellipse zu gehen.
    Die Katastrophe scheint nicht warten zu wollen, fuhr ich fort. Ich
vermute, sie ist da!
    Wieder grollte es in der Erde. Dann war es, als ob irgendwo etwas
zusammenbreche. Da erscholl Old Surehands Stimme zum zweiten Male. Der Ingenieur
schlo den Apparat und drehte die Leitungskurbel. Die Bilder verschwanden: dafr
aber begannen alle vorhandenen Lichter, groe und kleine, zu leuchten, von der
kleinsten Laternenbirne bis hinauf zu den Riesenkugeln auf hoch emporstrebenden
Masten. Aber auch das machte keinen Eindruck. Das Licht war kalt, und das
Steinbild blieb dasselbe. Man hatte es am Tage gesehen und sah es jetzt nicht
anders.
    Und doch! Ich sah es anders, ich! Ich sah, da es sich noch mehr zur Seite
geneigt hatte, und zwar ganz betrchtlich, so betrchtlich, da das Herzle
erschrocken meine Hand ergriff und mir zuraunte:
    Um Gotteswillen! Sie strzt, sie strzt, die Figur!
    Und kaum war das gesagt, so rollte es unter uns; es stob und knallte und
puffte. Die Figur neigte sich nach links, wankte nach vorn und bog sich nach
rechts; ein Donner rollte unter uns hin - - ein Krach, als ob die ganze Welt
untergehen wolle - - -
    Flieht, flieht! Rettet euch! brllten die Arbeiter, indem sie von der
Figur fortstrzten.
    Kaum war das geschehen, so gab es ein unbeschreibliches Getse, ein Poltern,
Prasseln, Knattern, Platzen, Bersten, Schmettern, Brausen und Drhnen. Der Boden
ffnete sich. Ein Abgrund ghnte. Die Figur drehte sich mit ihrer ganzen,
gewaltigen Unterlage langsam um sich selbst und verschwand dann mit einem
Schlage, als ob uns die Ohren platzen sollten, in der Tiefe. Und nicht nur die
Figur, sondern auch alles, was sich in der Nhe befand, die Gerste, die
Stangen, die Balken, die Masten mit den Beleuchtungskrpern, alles, alles wurde
mit hinabgerissen. Im nchsten Augenblick herrschte tiefste Dunkelheit. Tausende
von Stimmen vereinten sich zu einem einzigen, groen Schrei des Entsetzens. Dann
gab es fr einige Sekunden eine lautlose Stille, aus welcher sich nur die
verzweifelte Stimme des alten Tangua erhob:
    Pida, Pida! Mein Sohn, mein Sohn! Er ist verloren!
    Dann aber wurden alle die tausend Stimmen wieder laut. Sie vereinigten sich
zu einem Lrmen, Brllen und Zetern, welches klang, als ob diese ganze groe
Menge pltzlich wahnsinnig geworden sei. Niemand wollte auf seinem Sitze
bleiben. Alles drngte fort, zum Tal hinaus. Die Katastrophe konnte sich ja
wiederholen und weitergreifen. Auch unsere Huptlinge waren schnell von der
Kanzel gestiegen und berieten sich eiligst, was zu tun oder zu lassen sei. Nur
drei waren oben geblieben, nmlich Tatellah-Satah, das Herzle und ich. Der
erstere bat mich:
    La keinen wieder herauf! Nur wir drei wollen hren, was da drben auf der
andern Kanzel gesprochen wird.
    Nicht wir drei, sondern nur ihr zwei, antwortete ich. Ich habe jetzt
Zeit, zu lauschen. Hier gilt es, zu retten, was vielleicht noch zu retten ist!
    Ich schickte Intschu-inta und Pappermann nach dem Schlosse, um Fackeln zu
holen. Und ich suchte Old Surehand und den Ingenieur auf, um zu fragen, ob es
nicht mglich sei, schnell wieder elektrisches Licht zu machen. Sie versprachen,
dies zu tun Leitungsdrhte und Glhkrper seien genug vorhanden. Sodann
beauftragte ich sechs von den zwlf Apatschenhuptlingen, mit ihren Leuten
sofort, trotz des nchtlichen Dunkels, nach dem Tal der Hhle zu reiten und
mglichst schnell Bericht zu erstatten, wie es dort stehe. Und kaum hatte ich
das getan, so nahte die Gefahr in neuer Gestalt. Der Wasserfall verschwand nicht
mehr vollstndig in die Tiefe. Die hinabgestrzten Erd- und Steinmassen hatten
sich in den Abflu gelegt, und so stieg das Wasser in dem entstandenen
Riesenloche immer hher und hher. Nicht lange, so mute es das Tal
berschwemmen, und dann war es nicht mehr mglich, den in der Hhle
wahrscheinlich Verschtteten von hier aus Rettung zu bringen. Glcklicherweise
aber kam es nicht so weit. Die Gewalt des Wassers war grer als das Gewicht der
Erdmassen. Die aufsteigenden Fluten, von denen es schien, als ob sie einen See
bilden wollten, begannen zu mahlen, zu drehen und zu gurgeln. Sie hatten neuen
Weg gefunden. Es bildete sich ein wirbelnder Trichter, der mit den Wassern in
der Tiefe verschwand und dann nicht wieder erschien.
    Nun kamen Intschu-inta und Pappermann vom Schlosse. Sie brachten die
gewnschten Fackeln. Ich nahm zu den beiden Genannten noch einige zuverlssige
Winnetous und stieg mit ihnen, von andern unbemerkt, in den Gang, der unter der
Kanzel mndete. Die Fackeln brannten wir nicht schon auen, sondern erst drinnen
an; dann folgten wir den abwrts fhrenden Stufen. Dabei sahen wir, da die
Erschtterung bis hierher gereicht hatte. Es waren Steine von den Wnden und der
Decke des Ganges gefallen, und zwar um so mehr, je weiter wir kamen. Oft waren
es ihrer so viele, da wir sie wegzurumen hatten, um weitergehen zu knnen.
Darum kamen wir nur langsam vorwrts. Da, wo unser Gang in den andern, nach dem
Passiflorenraum fhrenden, mndete, sah es ziemlich arg aus. Zu den Stalaktiten,
die wir da aufgehuft hatten, war eine Menge anderes Gerll gekommen, so da wir
fast eine Stunde brauchten, uns den freien Weg zu bahnen. Von da ging es dann
nach der Stelle, an welcher der schmale Weg mit dem breiten zusammenstie, der
hinter dem Schleierfall mndete, also nach dem Punkte, an dem ich den ersten Ri
in der Decke und das Abbrckeln des Gesteins bemerkt hatte. Sie war verschttet,
vollstndig verschttet; wir konnten nicht bis ganz hin. Aber wir trafen auf
zwei Personen, die nebeneinander tief an der Erde saen und sich nicht rhrten,
als wir uns ihnen nherten. Eine ausgelschte, halbe Fackel lag neben ihnen. Es
waren die beiden entflohenen Medizinmnner, die an der Spitze unserer
viertausend Gegner durch die Hhle marschiert waren. Sie bewegten sich nicht und
kannten uns kaum. Der Schreck und die berstandene Todesangst hatten ihnen die
Sinne verwirrt. Sie starrten angstvoll vor sich hin und waren nur schwer zum
Sprechen zu bringen. Es kostete uns viele Zeit und groe Mhe, aus ihren
verworrenen Antworten uns zusammenzusetzen, was geschehen war. Sie halten die
Pferde unter Aufsicht im Tale gelassen und waren zu Fu in die Hhle
eingedrungen. Da sie Zeit hatten, rckten sie nur langsam vorwrts. Als die
Katastrophe hereinbrach, befanden sie sich grad am Ende des breiten Reitweges,
glcklicherweise nicht im Mittelpunkt, sondern an der Peripherie des
Zerstrungsbereiches. Es gab einen Luftsto, der smtliche Fackeln auslschte.
Die Wnde zitterten, der Boden bebte, die Decke krachte. Viele, viele wurden von
dem herabstrzenden Gestein verletzt. Es brach eine ungeheure Panik aus. Man
ergriff die Flucht. Aber wohin? Die einen drngten vorwrts, die andern
rckwrts. Alles schrie und brllte. Einer ri den andern nieder. Einer trat und
stampfte auf dem andern herum. Da versiegte pltzlich der Flu. Bald aber kam er
um so strker wieder. Das war, als droben ein See entstehen wollte, der aber
schnell wieder zusammenwirbelte und verschwand. Das ergab unten in der Hhle
eine gewaltige Hochwelle, die alles berflutete und einen jeden, der keinen
festen Halt fand, mit sich fortzureien drohte. Diese Flutwelle hatte eine
solche Gewalt, da sie groe, schwere Felsenstcke mit sich fortschleppte und
unten an der Mndung in solcher Menge absetzte, da eine undurchdringliche
Barriere entstand, welche den Roten die Flucht aus der Hhle in das freie Tal
zurck unmglich machte. Die Hhle war also nach unten vollstndig verstopft, so
da kaum noch das Wasser abflieen konnte. Den Indianern blieb also nur noch der
Weg, sich nach oben hinaus zu retten. Diejenigen von ihnen, welche
zurckgeflohen waren, kehrten also wieder um und drngten nach oben. Aber dort
war der Weg ja auch verschttet. Die gewaltigen Massen, welche da niedergestrzt
waren, lieen nur eine kleine, schmale Lcke frei, welche vorsichtig zu
untersuchen war, wie weit und wohin sie fhrte. Das zu tun, unternahmen die
beiden Medizinmnner, denen es infolge der durchnten Feuerzeuge nur schwer
gelang, eine Fackel anzuznden. Die Lcke erwies sich als gangbar; aber kaum war
sie passiert, und die beiden Fhrer wollten zurckkehren, um die ihrigen zu
benachrichtigen, so tat es einen neuen, donnerhnlichen Krach; die Erde bebte
und die ganze Umgebung schien in Bewegung zu sein und zusammenbrechen zu wollen.
Die beiden strzten, um sich zu retten, in wahnsinnigem Entsetzen vorwrts, bis
sie bereinander niederfielen und, ihrer Gedanken nicht mehr mchtig, ganz
einfach sitzen blieben, bis wir kamen und sie fanden.
    Hieraus wurde mir klar, da die Rettung der Verschtteten nur nach oben
mglich war, nicht aber nach dorthin, wo die Hhle unten in das Tal mndete. Es
galt, Arbeiter mit Hacken, Schaufeln, Lichtern und allen andern Dingen zu holen,
die sich als ntig erwiesen. Wir zwangen also die Medizinmnner, die partout
sitzen bleiben wollten, aufzustehen und mit uns zu gehen, und kehrten durch den
Gang ins Freie zurck, zur Teufelskanzel, wo es dem Ingenieur und seinen Leuten
inzwischen gelungen war, eine neue, wenn auch keine brillante, aber doch
gengende Beleuchtung herbeizuschaffen. Die Medizinmnnner fate ich, hben und
drben einen, an den Armen und fhrte sie nach der Kanzel, auf der Tangua mit
seinen Genossen gefangen sa.
    Gerettet! rief er aus, als er die Beiden erkannte. Gerettet! Diese sind
die Fhrer! Wenn sie mit dem Leben davon gekommen sind, so ist auch Pida, mein
Sohn, nicht tot!
    Ich antwortete nicht, schob sie zu ihm hin und entfernte mich, um mit Old
Surehand das Rettungswerk zu besprechen, denn er war es, dem die Arbeiter, die
wir brauchten, zur Verfgung standen. Diese Leute dachten gar nicht mehr an
Emprung. Sie waren schnell bereit, in die Hhle niederzusteigen und einen Weg
durch die niedergestrzten Massen zu bahnen. Da zeigte sich nun das elektrische
Licht von hohem Werte. Es konnte mit Hilfe der vorhandenen Drhte ganz bequem in
den Gang geleitet werden, so da die dster brennenden und rauchenden Fackeln
vollstndig berflssig wurden. Die Arbeit begann. Sie war eine sehr schwere und
nicht ungefhrliche. Es galt, ganz gewaltige Gesteinsmassen zu beseitigen. In
welcher Zeit dies zu ermglichen war, das konnte man nicht sagen; es mute
abgewartet werden. Tatellah-Satah stieg auch einmal mit in die Hhle nieder, um
diese Arbeit in Augenschein zu nehmen. Sonst aber blieb er am liebsten still auf
seiner Kanzel, von welcher aus er alles bersehen und beobachten konnte. Am
interessantesten war es ihm, auf seinem Sitze jedes Wort, welches von den
feindlichen Huptlingen gesprochen wurde, ganz deutlich zu vernehmen. Er hatte
schon die ganze Zeit lang zugehrt und wollte auch noch lnger hren. Er kam da
nicht nur hinter alles, was verschwiegen worden war, sondern er gewann auch
einen klaren Einblick in die Wirkung, welche die Katastrophe auf jeden einzelnen
dieser Leute hervorgebracht hatte. Hiernach konnte er dann sein Verhalten
richten.
    Das Herzle bekam viel Arbeit. Sie hatte sich mit Aschta, Kolma Putschi und
ihren anderen roten Freundinnen auf den Empfang der Geretteten vorzubereiten.
Von diesen waren wohl viele verletzt. Man konnte sogar auf Tote rechnen. Auch
Hunger war zu stillen. Da gab es viel zu berlegen und viel zu tun. Es dauerte
gar nicht lange, so waren alle am Mount Winnetou vorhandenen Frauen in regster
Ttigkeit. Auch wir Mnner durften nicht feiern. Wir konnten zwar die Rettung
der Gefhrdeten nicht beschleunigen, denn die ging ihren sicheren, ruhigen Weg;
aber es galt, ber das innere und uere Geschick von viertausend Menschen
Beschlu zu fassen, fr ihre Unterbringung und Ernhrung zu sorgen und sie
womglich aus Feinden in Freunde zu verwandeln. Diese Verwandlung der Feinde in
Freunde war brigens schon recht gut im Gange, nicht nur unten, bei den
Untergebenen, sondern noch viel mehr auch oben, bei den Vorgesetzten. Das
bemerkte ich zu meiner Freude, als ich whrend dieser Nacht einmal zu Old
Surehand und Apanatschka trat, die mit ihren Shnen im Gesprch beieinander
standen. Mein Kommen schien sie zunchst etwas verlegen zu machen; Old Surehand
aber berwand dieses Gefhl sehr schnell und sagte:
    Gut, da Ihr kommt, Mr. Shatterhand, grad jetzt, wo wir einen Augenblick
ungestrt unter uns sind. Wir berieten uns gerade darber ob wir Euch ein
offenes Gestndnis schuldig sind oder nicht. Ich meine, wir sind es Euch
schuldig, Euch und dem alten, prchtigen Tatellah-Satah, dem wir so viel Kummer
und Aerger bereitet haben. Wir bereuen es sehr. Bitte, sagt ihm das!
    Ja, bitte, sagt es ihm! fiel Apanatschka ein. Wir sind gern bereit, es
wieder gut zu machen. Das mit dem Riesendenkmal war kein sehr geistreicher
Gedanke von uns! Eure Vorlesungen haben da viel und tief gewirkt. Und was von
dieser Dummheit trotzdem in uns sitzen blieb, das wurde augenblicklich
weggefegt, als wir unser sogenanntes Kunstwerk pltzlich in die Erde
verschwinden sahen. Das war eine ganz gewaltige Ohrfeige fr uns! Und wir geben
zu, wir haben sie verdient! Freilich ist der Spa, den wir uns gestattet haben,
kein sehr billiger. Unsere Shne bezahlen ihn mit einem guten Teile ihres
knstlerischen Selbstbewutseins, und was uns, die beiden Vter betrifft, so
haben wir Summen an die Sache gewendet, die nicht unbedeutend sind und die wir
leider nun als verloren betrachten mssen - - -!
    Verloren? fragte ich. Keineswegs!
    O doch!
    Nein! Und auch das verletzte knstlerische Selbstbewutsein ist schnell zu
heilen. Htten die beiden jungen Herren damals, als dieser Plan in euch
entstand, mehr Vertrauen zu mir, ihrem alten, aufrichtigen Freunde gehabt, so
wren eure Gedanken in ganz andere Bahnen gelenkt worden, und ihr httet jetzt
nicht mit Verlusten zu rechnen, die eigentlich keine Verluste sind, weil sie
einen groen inneren Gewinn fr euch bedeuten. Und der ist nicht zu teuer
bezahlt!
    Wirklich nicht? fragte Old Surehand.
    Nein! Lat das Denkmal, wie wir es meinem, immerhin ber das, wie Ihr es
meintet, den Sieg davongetragen haben; der andere Teil Eures Planes bleibt doch.
Und er ist der pekunir eintrglichere!
    Welcher Teil?
    Die Grndung der Stadt Winnetou.
    Ihr meint nicht, da sie rckgngig wird, nun, nachdem wir mit unserer
Riesenfigur so abgefallen sind?
    Gewi nicht! Ich bin ganz im Gegenteile der Allererste, der mit grtem
Nachdruck auf diese Grndung dringt.
    Wenn das wre! rief er erfreut aus, und: Wenn das wre! stimmten auch
die drei anderen ein.
    Es wird! versicherte ich. Wenn wir wnschen, da die Seele der roten
Rasse erwache, gengt es nicht, nur allein fr ihre geistige Zukunft zu sorgen,
sondern wir mssen ihr auch eine uere Sttte bereiten, aus welcher sie die
ntige Erdenkraft zu ziehen vermag. Das soll und wird die Stadt Winnetou sein,
die Ihr geplant habt, ohne an die Volksseele, der sie als Residenz zu dienen
hat, zu denken. Fragt euch, was fr Straen, fr Pltze, fr Huser, fr Gebude
wir da brauchen! Ein Stammeshaus fr jeden einzelnen roten Stamm! Einen
Heimpalast fr jeden einzelnen Clan, den grten und schnsten fr den
neugegrndeten Clan Winnetou! Wieviel Monumentalbauten ergibt schon das allein!
Denkt euch hierzu das Schlo hoch ber der Stadt in wrdiger Weise ausgebaut!
Denkt euch ferner, da der Berg der Knigsgrber sich ffnen wird und ihr die
Schtze, die er euch sendet, in der Weise unterzubringen habt, wie man es
solchen unvergleichlichen Reichtmern schuldig ist! Das ist nur Einiges, was ich
euch fr jetzt und einstweilen sagen kann. Verlangt ihr mehr?
    Nein, nein! antwortete Old Surehand. Ihr ffnet uns da Perspektiven, von
denen wir bisher keine Ahnung hatten! Und das alles, alles soll beraten werden?
    Ja.
    Und wir drfen dabei sein?
    Ganz selbstverstndlich!
    Dann danken wir Euch! Wir danken! rief er ganz begeistert aus. Das ist ja
mehr, als wir jemals hoffen konnten! Htten wir doch frher mehr an Euch
gedacht!
    Holt das Versumte nach; noch ist es Zeit! riet ich ihm. An den
Projekten, die ich euch jetzt andeutete, knnen eure Shne sich noch ganz anders
knstlerisch bettigen als an der unglckseligen Figur, an welcher ihr alle eure
Krfte umsonst verschwendet habt! Jetzt gibt es keine Zeit mehr; wir sprechen
weiter hierber!
    Sie waren entzckt ber das, was sie gehrt hatten, und ich durfte berzeugt
sein, sie hiermit ganz fr unsere hhere und richtigere Anschauung gewonnen zu
haben.
    Gegen Morgen, grad als ich mit dem jungen Adler sprach, kam ein Bote der
Apatschenhuptlinge, die wir nach dem Tale der Hhle geschickt hatten, und
meldete uns, da sie dort glcklich angekommen seien und einen Teil der Hter
der Pferde berrumpelt htten; den anderen Teil werde man nach Tagesanbruch
berwltigen. Das war ziemlich ungengend. In den frheren kriegerischen Zeiten
htte sich wohl niemand zur Ueberbringung einer so halben Nachricht bereit
gefunden. Ich hielt es zwar nicht fr ntig, den Boten durch einen Tadel zu
krnken, aber der junge Adler sah es mir doch an, da ich nicht befriedigt
war. Er fragte, als wir wieder allein waren:
    Ich mchte gern bessere Nachricht bringen. Darf ich?
    Ich danke, wehrte ich ab. Fr solche Botenritte sind Andere da, die man
sonst nicht brauchen kann.
    Botenritt? - Ich will nicht reiten!
    Was sonst?
    Fliegen!
    Ah! Wirklich? fragte ich berrascht.
    Ja. Ich brauche nur eine halbe Stunde, um dort zu sein.
    Das wre freilich hchst vorteilhaft; aber die Gefahr - die Gefahr!
    Es gibt keine! lchelte er.
    Und wenn! Es ist mir doch zu waghaft, es zu erlauben!
    So will ich nur fragen: Ist es mir verboten?
    Verboten? Nein. Du bist dein eigener Herr!
    Ich danke dir! Und noch eines, da es sich um den fliegenden Adler handelt:
Du versprachst mir im Hause des Todes, mir die vier Medizinen zu geben, sobald
ich dich um sie ersuche. Darf ich dich hieran erinnern?
    Ja. Willst du sie haben?
    Brauchst du sie noch?
    Nein. Fr mich haben sie ihre Arbeit getan.
    Fr mich noch nicht. Ich soll der Mann sein, der die Medizinen, die du uns
genommen hast, wiederbringt.
    Du sollst sie haben!
    Gleich jetzt?
    Gleich jetzt! Komm mit mir nach meiner Wohnung auf dem Schlosse!
    Wir gingen hinauf, sogleich, obwohl es noch dunkel war. Dort nahm ich die
Medizinen aus dem Verschlusse und gab sie ihm. Er hing sie sich um den Hals.
    Ich danke dir! sagte er. Ich kann sie den Huptlingen geben, wenn ich
will?
    Ganz nach deinem Belieben!
    Sie ihnen einstweilen blo zeigen?
    Auch das! Diese deine Frage sagt mir, da du meine Absichten kennst und
nichts tun wirst, was nicht mit ihnen zu vereinigen ist. Ich bin beruhigt.
    So habe ich noch einen Wunsch. Du sollst von mir sehen, wie leicht und wie
sicher und ungefhrlich das Fliegen ist, wenn man den richtigen Apparat besitzt.
Bitte, begleite mich nach meinem Turm!
    Ich war einverstanden. Wir gingen hinauf. Oben angekommen, blieb ich am Fue
des Turmes zurck. Ich setzte mich auf eine Bank; er aber stieg nach der
Plattform hinauf. Im Osten begann es, leise zu dmmern. Nun noch einige Minuten,
so ging der lichte Streifen auch nach dem Sden ber. Die unter uns liegende
Landschaft wurde sichtbar und schaute erwachend zu mir herauf. Da hrte ich ber
mir ein leises Surren.
    Jetzt! Ich komme! erklang die Stimme meines jungen Freundes von oben.
    Ich schaute auf. Der Vogel erschien. Er tat wie einen Sprung. Von der
Plattform des Turmes in das Luftmeer hinaus. Er schlug einige Male die Flgel.
Dann begann er, zu gleiten, zu schweben, abwrts und aufwrts, nach rechts und
nach links, ganz wie der junge Adler es wollte. Dieser sa zwischen den beiden
Krpern auf bequemem Sitze und lenkte seinen Flieger wie ein sicher gehendes,
uerst gehorsames Pferd. Er glitt einige Male in Bogen- oder Schlingenform vor
mir hin und her. Dann rief er mir zu:
    Jetzt geht es in die Ferne hinaus, nach Sden, nach dem Tale der Hhle. -
Lebe wohl!
    Er wendete sich in die von ihm angegebene Richtung, stieg mehrere hundert
Fu hher und entfernte sich so schnell, da er schon nach kurzer Zeit meinem
Auge als kleiner Punkt entschwand. Das versetzte mich in eine ganz eigenartige
Stimmung. Ich fhlte mich als Mensch so stolz, und doch auch wieder so klein, so
auerordentlich klein! Es lag in mir wie ein Sieg ber alles Hemmende und
Niedrige und doch auch zugleich wie eine Angst, ob das Groe, was wir uns
vorgenommen hatten, wohl auch gelingen werde. So stieg ich wieder nach dem
Schleierfall hinab, wo es inzwischen vollstndig hell geworden war, so da wir
die Zerstrung nun sichtbar vor uns liegen hatten. Es htte keinen Zweck, sie zu
beschreiben. Auch das eigenartige, sorgenvolle Regen und Treiben an der
Unglckssttte will ich nicht schildern. Es sah wst um den groen Abgrund, der
gerissen worden war, aus, und es gab jetzt noch Keinen, der den zwecklosen Mut
besa, sich an seinen Rand heranzuwagen, um hinabsehen zu knnen. Menschen kamen
und gingen. Sie alle wurden von der Frage bewegt, wann die ersten Geretteten
wohl erscheinen wrden. Leider handelte es sich hierbei nicht nur um Stunden.
Der Gang, in dem gearbeitet werden konnte, war sehr schmal; es konnten also
nicht zahlreich vereinte Krfte in Ttigkeit gelangen. Darum schritt das
Rettungswerk so langsam vor sich, da mehr als ein voller Tag vergehen konnte,
bis man zu den Verschtteten gelangte. Zuweilen erklang ber den weiten Platz
der Jammerruf des alten Tangua:
    Pida, - mein Sohn - mein Sohn!
    Oder man hrte einen der anderen Huptlinge klagen:
    Meine Komantschen! Meine Utahs! Meine Sioux!
    Pltzlich aber gab es einen Augenblick, wo jedermann rief und jedermann
schrie und jedermann nach oben in die Lfte deutete:
    Ein Vogel! Ein Vogel! Ein Riesenvogel!
    Das war nicht ganz zwei Stunden, nachdem der junge Adler fortgeflogen war.
Jetzt kam er wieder. Er wute, wo ich zu suchen war. Er beschrieb einen weiten
Bogen hoch ber uns, verengerte ihn nach und nach und kam in einer
Schraubenlinie langsam und mit erstaunlicher Sicherheit zur Erde herab. Er fate
genau zwischen den Kanzeln, mitten auf der Fahrstrae, Fu.
    Der junge Adler, der junge Adler ist es! rief es berall.
    Jedermann drngte herbei, um ihm nher zu kommen. Da aber ertnte die
mchtige Stimme Athabaskas:
    Zurck! - Gebt Raum! - Er ist der verheiene Adler, der dreimal um den Berg
der Geheimnisse fliegt und euch die verloren gegangenen Medizinen wiederbringt!
    Da stockte der Zudrang. Man staunte. Man hielt sich fern.
    Der verheiene Adler - - - dreimal um den Berg der Geheimnisse - - - die
Medizinen wiederbringt! so erklang es berall und durcheinander.
    Tatellah-Satah stieg von seiner Kanzel herab und schritt zu dem khnen
Flieger hin; ich mit ihm.
    Du fliegst, ohne mich zu fragen? tadelte er. Aber auf seinem alten,
wunderlieben Gesichte glnzte eine groe, stolze Freude, denn nun war es ja
erwiesen, da der junge Adler fliegen konnte.
    Ich flog nicht fr dich oder mich, entschuldigte sich dieser, sondern fr
Old Shatterhand.
    Wohin?
    Nach dem Tale der Hhle.
    Wie steht es dort?
    Die Hter der Pferde sind alle gefangen. Man wird sie und die Pferde noch
heut hierherbringen. Der Eingang der Hhle ist derart mit heruntergeschwemmten
Felsen versperrt und verrammelt, da kein Mensch von dort aus zu den
Verschtteten zu kommen vermag. Ich habe es selbst gesehen. Sie knnen nur von
hier oben aus gerettet werden. Wann befiehlst du, Tatellah-Satah, da ich
dreimal um den Berg fliegen und nach dem Schlssel zu dem Berg der Knigsgrber
suchen soll?
    Heut, antwortete der Gefragte.
    Ich danke dir! Es wird genau zur Mittagszeit geschehen, wenn die Sonne ber
unsern Huptern steht. Aber ich darf nicht allein hinauf. Es mu noch jemand
dabei sein, sonst fliegt mir der Adler, whrend ich nach dem Schlssel suche,
fort.
    Er schaute sich bei diesen Worten unter uns um, sah Wakon mit anderen
Huptlingen in seiner Nhe stehen und sprach, seine Worte an diesen richtend,
weiter:
    Mit mir da hinaufzufliegen, ist eine Verwegenheit, die ich von niemand
fordern kann, der sie mir nicht freiwillig anbietet. Aschta, deine Tochter, hat
mich gebeten, sie mit hinaufzunehmen. Erlaubst du es?
    Wakon sah ihm mit einem langen, sehr ernsten Blicke ins Gesicht und
antwortete:
    Du bist khn? Weit du, was du von mir forderst?
    Ja, antwortete der junge Adler ebenso ernst.
    Kennst du die Folgen fr dich und sie, wenn sie sich dir auf diesem Fluge
zugesellt?
    Sie sind mir bekannt. Aschta hat mein Weib zu werden!
    Und kennst du ihren Wert? Kennst du die Gre der Gabe, nach welcher du
verlangst?
    Da zog der junge Adler die Brauen leicht zusammen und antwortete:
    Wrde ich mir diese Gabe wnschen, wenn ich ihren Wert nicht zu schtzen
wte? Bin ich weniger wert als sie?
    Da ging ein Lcheln ber Wakons schnes Angesicht, und er entschied mit
lauter Stimme, so da alle es hrten:
    Du bist der erste Winnetou, und du wirst deinem Volke das Fliegen lehren.
Du wirst ein groer, berhmter Huptling sein. Ich erlaube, da mein Kind dich
hinauf gen Himmel begleite!
    Ein lauter Jubel erscholl rundum. Der junge Adler griff in die Drhte
seines Apparates, lie die Flgel schlagen, stieg ein Stck in die Hhe und rief
herab:
    Wir danken dir, sie und ich. Ich hole mir sie zum Fluge. Vorher aber habe
ich ein Wort mit den Huptlingen zu reden, die unsere Gefangenen sind.
    Er stieg noch weiter empor, flog zum Erstaunen aller dreimal rund um den
Platz, kam dann in Windungen wieder nieder und erreichte die Erde grad vor der
Kanzel, auf welcher Kiktahan Schonka mit seinen Verbndeten sa. Er trug die
vier Medizinen, die ich ihm gegeben hatte, auf der Brust. Sie sahen sie sofort,
und To-kei-chun rief ihm zu:
    Unsere Medizinen. - Her damit! - Wer sie behlt, ist ein Dieb!
    Ja, es find eure Medizinen, antwortete der junge Adler. Wir stahlen sie
nicht, sondern wir bewahrten sie nur auf. Es wird Gericht ber euch gehalten
werden, wobei es sich zu zeigen hat, in welcher Weise sie mit euch vernichtet
werden. Old Shatterhand nahm sie euch. Er erlaubte mir, sie euch zurckzugeben.
Nun wir euch aber als Lgner, Ruber und Mrder erkennen, nehme ich sie wieder
mit!
    Uff, uff! Uff, uff! riefen sie erschrocken und streckten die Hnde nach
ihm aus.
    Er aber beachtete das nicht. Er flog wieder auf, schwebte wieder dreimal um
den Platz und verschwand dann hinter dem Berg der Medizinen, um sich auf
seinem Wartturm niederzulassen.
    Grad und genau zur Mittagszeit erschien er wieder, mit Aschta, seiner Braut,
neben sich auf dem Sitze. Tausende standen rundum und schauten erwartungsvoll zu
ihm auf. Die Herzen bebten ber die Khnheit des jungen, schnen, wagemutigen
Paares. Er flog in weitem Kreise und ruhiger, sicherer Haltung erst die
vorgeschriebenen drei Male um den Berg. Dann stieg er steil und hoch zur Spitze
empor, um am Fue der Felsennadel zu landen. Er selbst blieb sitzen, um den
Apparat in eigener Gewalt zu behalten. Aschta aber stieg aus. Das sahen wir
trotz der sehr bedeutenden Hhe. Sie verschwand. Nach einiger Zeit kehrte sie
zurck und stieg wieder ein. Der Riesenvogel trennte sich vom Felsen, schwebte
vom Berge ab und in Bogenlinien tiefer, immer tiefer, flog abermals dreimal um
unsern Platz und lie sich dann genau auf denselben Punkt der Fahrstrae, wo er
schon einmal gestanden hatte, nieder. Wir befanden uns in grter Spannung und
eilten alle hin - Tatella-Satah mit.
    Habt Ihr gefunden? fragte der letztere.
    Ja, antwortete der junge Adler. Den Stein, und unter ihm diese beiden
Teller.
    Er gab sie unserem alten Freunde. Es waren zwei kleine, uralte, irdene
Teller, deren Rnder mit einem sehr harten Bindemittel vereinigt waren. Wir
muten sie zerbrechen, um zu dem Gegenstande zu kommen, der sich zwischen ihnen
befand. Dieser Gegenstand war ein zusammengelegtes, weigraues Stck Zeug, mit
Nesselglanz. Nachdem wir es auseinandergeschlagen hatten, sahen wir, da es eine
Karte war, eine Wegesroute, mit einer sehr dauernden, farbigen Flssigkeit
gezeichnet. Kaum hatte Tatellah-Satah einen Blick auf diese Zeichnung geworfen,
so rief er im Tone der freudigsten Genugtuung aus:
    Er ist es! Er ist es, der Schlssel! Das ist der genaue Weg von dem Berg
der Medizinen bis auf die Spitze des Berges der Knigsgrber! Wir haben
gewonnen! Es ist ein Sieg, ein unendlich groer und unendlich wichtiger Sieg
ber die Schatten, mit denen die Geschichte der roten Rasse bisher zu kmpfen
hatte! Es wird hell um uns werden, hell, klar und warm! Wir werden schon morgen
oder bermorgen einen Entdeckungszug nach den hochgelegenen Knigsgrbern
veranstalten! Es soll Freude sein von heute an! Freude, Hoffnung und Zuversicht
fr alle, denen es ein Bedrfnis ist, sich an dem groen Aufstieg nach den Hhen
der Menschheit zu bettigen!
    Von jetzt an gab es trotz der ernsten Lage der Verschtteten eine frohe
Feststimmung rund um den Mount Winnetou. Es litt uns, nmlich Tatellah-Satah und
mich, nicht unten an dem Wasserfall, sondern wir stiegen nach dem Schlosse
hinauf, um in der Bibliothek den so glcklich gewonnenen Schlssel mit anderen
vorhandenen Karten zu vergleichen und die Passierbarkeit des Weges zu studieren.
Inzwischen war das Herzle mit dem Ingenieur und seinen photographischen
Apparaten beschftigt, bis sie gegen Abend kam und mir mitteilte, da nun alles
in Ordnung sei.
    Wer oder was ist in Ordnung? fragte ich.
    Unser Winnetou, antwortete sie, nicht der versunkene, der steinerne. Er
wird so schn, wie du es dir kaum denken kannst, auf dem Spiegel des
Schleierfalles erscheinen, zu beiden Seiten von ihm die charakteristischen
Portrts von Marah Durimeh und Tatellah-Satah. Aber ich werde diese Bilder erst
dann erscheinen lassen, wenn wir ber das Schicksal der Verschtteten beruhigt
sein knnen. Unser herrlicher Winnetou soll nicht Angst und Sorge, sondern
Erlsung und Glck bedeuten. Ist dir das recht?
    Alles, was du in dieser deiner Lieblingsatmosphre tust, ist mir recht. La
uns Abendbrot essen und dann hinuntergehen! Ich mu in die Hhle, um
nachzuschauen, warum denn immer noch kein Erfolg vorhanden ist.
    Dann spter in der Hhle angekommen, sah ich, da mit auerordentlichem
Eifer gearbeitet worden war; aber es gab eine so groe Menge von Gestein und
Erde zu bewegen, da noch immer nicht ersehen werden konnte, wann es ein Ende
nehmen werde. Es vergingen noch mehrere Stunden. Die Pferde der Verschtteten
waren inzwischen angekommen. Man nahm das ohne groe Aufregung hin. Die
allgemeine Aufmerksamkeit war einzig und allein auf die Rettungsarbeiten
gerichtet. Und endlich kam die Kunde, da man den Gesuchten so nahe gekommen
sei, da man ihr fernes Klopfen hren knne. Es war anzunehmen, da wenigstens
noch eine Stunde vergehen werde, bis man die Klopfenden erreiche, und so rief
ich smtliche, befreundete Huptlinge zusammen, um unter dem Vorsitze
Tatellah-Satahs ber das Schicksal unserer Gefangenen zu beraten. Diese Beratung
fand auf unserer Kanzel statt, denn sie sollte von denen, ber deren Schicksal
wir bestimmten, gehrt werden. Ich gab die Weisung, mglichst streng zu
verfahren, und so kam es, da die Sitzung einen sehr ernsten Verlauf nahm. Das
Urteil lautete: Simon Bell und Edward Sommer werden aus dem Komitee entlassen.
William Evening und Antonius Paper werden fortgejagt. Kiktahan Schonka Tusahga
Saritsch, Tangua und To-kei-chun kommen an den Marterpfahl, bis sie tot sind,
ihre Medizinen aber werden verbrannt. Ihre Unterhuptlinge werden erschossen.
Ihren viertausend Kriegern werden die Waffen, die Haarschpfe und die Medizinen
genommen; dann knnen sie laufen, wohin sie wollen!
    Das hatte einen harten Klang, war aber nur gut gemeint. Wir wuten ja alle,
da keiner von uns die Ausfhrung dieses Urteils wirklich wnschte. Alle die
Genannten hatten sich da drben auf ihrer Kanzel, obwohl sie jedes Wort unserer
Beratung deutlich hrten, vollstndig still verhalten. Wir hatten keinen
einzigen Laut von ihnen vernommen. Nun aber das Urteil verkndet war, gab es bei
ihnen eine nicht mehr zu unterdrckende Aufregung und einen Lrm, der uns der
beste Beweis dafr war, wie ernst sie uns und unsere Aussprche nahmen. Nur
allein Tangua beteiligte sich nicht an diesem Lrm. Er lie auch jetzt nichts
weiter als sein klagendes: Pida, mein Sohn! hren. Er mute diesen Sohn
auerordentlich lieb haben. Er war der achtbarste unter allen, die wir soeben
verurteilt hatten; ja, er begann sogar, mir sympathisch zu werden. Uebrigens
taten wir so, als ob wir den Lrm da drben gar nicht hrten.
    Und nun kam aus der Hhle die Botschaft, da die Verschtteten erreicht
worden seien, und da ihr Anfhrer Pida mit Old Shatterhand zu sprechen wnsche.
Ich gab die Weisung, ihn heraus zu mir zu bringen, aber nur ihn allein, denn sie
alle seien als unsere Gefangenen zu betrachten. Es dauerte nicht lange, so kam
er, ohne Waffen; man hatte sie ihm abgenommen. Ich reichte ihm die Hand und
sagte:
    Pida ist mein Gefangener, aber mein Freund. Er wird uns nicht entfliehen?
    Nein! antwortete er stolz.
    Er gehe zu seinem Vater, um sich mit ihm zu besprechen. Dann komme er
wieder zu mir! Je schneller er das tut, um so rascher werden seine verunglckten
Krieger aus der Hhle befreit!
    Ich gab ihm einen Fhrer mit. Er ging. Als er drben angekommen war, hrten
wir jedes Wort, welches nun dort verhandelt wurde. Dann kehrte er zurck. Ich
tat so, als ob wir nichts gehrt htten und nichts wten, und fragte ihn:
    Was hat Pida zu berichten?
    Die Huptlinge wnschen, mit Euch zu verhandeln.
    Worber?
    Ueber ihr Schicksal.
    Kennen sie es?
    Ja.
    Von wem? - Wer hat es ihnen mitgeteilt?
    Niemand. Sie haben es gehrt. Ihr habt beraten. Sie verstanden jedes Wort.
Es geschehen Wunder hier am Mount Winnetou!
    Ja, es geschehen hier Wunder! stimmte ich bei. Und das grte dieser
Wunder ist, da wir gesonnen sind, Gnade walten zu lassen. Aber nur in Beziehung
auf Eure Krieger! Wir wollen ihnen ihre Medizinen lassen. Aber ihre Waffen haben
sie in der Hhle abzulegen. Sie drfen einzeln kommen, einer nach dem andern.
Die Hungrigen werden gespeist, die Durstigen getrnkt und die Verletzten
verbunden. Wenn Pida uns sein Wort verpfndet, da alle diese Krieger sich
dankbar und friedlich verhalten, ist es sogar mglich, da wir auch gegen die
Huptlinge nachsichtig sind!
    Ich gebe dir dieses Wort. Aber dann mu ich noch einmal in die Hhle
zurck, um diese Leute anzuweisen, wie sie sich zu verhalten haben!
    So geh und komme bald wieder!
    Er wollte gehen, besann sich aber und sagte in etwas wrmerem Tone:
    Tangua, mein Vater, hrte von mir, da du dich selbst jetzt noch als meinen
Freund betrachtest. Er beauftragte mich, dir hierfr Dank zu sagen. Er hat mich
lieb. Seine Angst um mich war gro!
    Nun entfernte er sich. Das Herzle war bis jetzt bei ihren Freundinnen
gewesen, welche sich mit ihren Scharen bereit hielten, die aus der Hhle
Entlassenen mit Speise, Trank und Verbandzeug zu empfangen. Jetzt kam sie zu
mir, um mich zu fragen, wann der erste Gerettete erscheine.
    Der war schon da! antwortete ich. Nmlich Pida. Er ist in die Hhle
zurck, wird aber sofort wiederkehren. Und dann erscheinen sie alle, einer nach
dem andern.
    So ist es ja die hchste Zeit! Ich habe mich zu beeilen! Ich mu zum
Ingenieur! Nun die Geretteten kommen, soll auch unser Winnetou erscheinen!
    Sie entfernte sich schnell. Es hatten bis jetzt nur einige wenige
elektrische Glhlichter gebrannt, so da von einer Beleuchtung des ganzen,
groen, von Menschen wimmelnden Platzes keine Rede gewesen war. Jetzt kam Pida
zurck, und grad als er wieder bei mir stand, ffnete der Ingenieur seinen
Apparat, und sofort erschien auf der grandiosen, herabstrzenden Wasserflche
unser zum Himmel emporstrebender Winnetou, mit wehendem Haar und zur Erde
zurckkehrender Huptlingsfeder. Infolge der abwrts gehenden Bewegung des
Wassers hatte es den Anschein, als ob die Gestalt sich in Wirklichkeit nach oben
bewege, was einen Eindruck hervorbrachte, der gar nicht zu beschreiben ist.
    Das ist Winnetou! Mein Winnetou! Unser Winnetou! rief Tatellah-Satah ber
die in diesem Augenblicke todesstille, kaum atmende Menschenmenge hin.
    Und da hrte man Wakons sonore, weithin schallende Stimme:
    Ja, das ist Winnetou! Das ist seine Seele!
    Und nun lste sich die allgemeine Ueberraschung, das Staunen, die
Bewunderung in tausend laute, begeisterte Freudenrufe auf, bis der mchtige
Brustton des riesigen Intschu-inta erklang:
    Tatellah-Satah! Unser Tatellah-Satah!
    Das galt dem einen Kopfe, den man zu Winnetous rechter Seite erblickte.
    Tatellah-Satah! Unser Tatellah-Satah! jubelte die Menge.
    Der andere Kopf ist Marimeh, die Knigin der Sage, die Freundin aller
unserer Ahnen!
    Der junge Adler war es, der das rief.
    Marimeh! Die Knigin! Die Freundin! ging es wiederholend von Mund zu Mund.
    Eine Magik sondergleichen fr das Auge und fr das Herz, so lag der
Schleierfall vor uns! Niemand dachte in diesem Augenblicke an die gestern
versunkene Figur. Niemand achtete des ghnenden Abgrundes, in dem die Plne und
die Hoffnungen unserer Gegner vollstndig verschwunden waren. Aller Augen und
aller Sinne und Gedanken waren nur von dem wie lebend erscheinenden Bilde
gefesselt, von dem kein Blick sich wenden zu knnen schien. Und da kamen die
ersten Geretteten aus der Mndung des unterirdischen Ganges. Sie blieben stehen,
von dem strahlenden Anblick, der nach so langer und tiefer Dunkelheit sich ihnen
jetzt bot, wie fasziniert. Aber vorwrts, vorwrts! Sie muten weiter immer
weiter! Denn es kamen hinter ihnen andere, die ebenso entzckt stehen blieben
und doch ebenso auch weiter muten! Unsere Winnetous bildeten ein Spalier, durch
welche die dem Tode Entgangenen nach den fr sie reservierten Teilen des Tales
geleitet wurden, wo sie einstweilige Unterkunft und Verpflegung fanden. Das ging
so stundenlang. Es hatte ungefhr um Mitternacht begonnen, und es endete erst
gegen Morgen, als der Tag zu grauen begann.
    Inzwischen hatte Pida nicht die Hnde in den Scho gelegt. Er war zwischen
mir, dem Beauftragten von unserer Seite, und Tangua, dem Sprecher von jener
Seite, fast ununterbrochen hin- und hergegangen und hatte sich alle mgliche
Mhe gegeben, das ber die Huptlinge ausgesprochene Urteil mglichst zu
mildern. Wir sahen das sehr gern, taten aber so, als ob uns an diesen neuen
Verhandlungen gar nichts liege. Darum lie ich zunchst nur in Beziehung auf die
gewhnlichen Krieger unsere Bestimmungen fallen. Sie durften frei sein,
vollstndig frei, ihre Medizinen und ihre Pferde behalten und sich entfernen,
sobald sie wollten. Als sie das hrten, gab es einen groen Jubel unter ihnen.
Ihre Lage gestaltete sich, den Verhltnissen angemessen, so vorteilhaft, wie sie
es noch vor einigen Stunden gar nicht hatten ahnen knnen. Sie hatten trotz der
Gefhrlichkeit der Katastrophe keinen einzigen Toten gehabt. Die Verletzungen,
welche meist in Quetschungen bestanden, waren zwar schmerzhaft, aber nicht
gefhrlich. Sie wurden von den Frauen verbunden, und die Herren Patienten
fhlten sich in der ihnen gewidmeten Frsorge auerordentlich wohl. Sie fanden
es ganz angenehm, nun jetzt die Freunde derer zu sein, die sie noch gestern
hatten vernichten wollen. Sie sahen die Sterne, welche ihre Wohltter und
Wohltterinnen trugen. Sie fragten nach dem Sinn, nach der Bedeutung dieser
Sterne. Man erklrte sie ihnen. Man zeigte auf die herrliche Gestalt unseres
Winnetou. Man sagte ihnen, da es sich nicht mehr um die Aufstellung eines
toten, steinernen Bildes handle, sondern um die Schpfung eines groen, edlen,
lebendigen Winnetoukrpers, eines sich ber ganz Amerika und auch darber hinaus
verbreitenden Clan Winnetou, der von seinen Gliedern weiter nichts verlangt,
als edle Menschen zu sein, die nur Liebe geben, weil nur diese allein den
Menschen edel macht. Bald hrte man die belehrende Stimme des jungen Adlers
erschallen. Er war der erste Winnetou und gesellte sich jetzt zu ihnen, um
ihnen zu erzhlen und zu predigen, was ihnen, zumal in ihrer jetzigen Lage,
frderlich und heilsam war. An anderen Stellen hrte man die Stimmen anderer
Winnetous. Sie gingen, um mich eines biblischen Ausdruckes zu bedienen,
Menschen fangen.
    Als Pida das sah, freute er sich und sagte:
    Es ist ein wunderbarer Samen, den Old Shatterhand in das Herz seines
Bruders Winnetou legte. Dieser Same trug kstliche Frchte. Die Blten duften
weiter und weiter, und die Krner keimen weiter und weiter. Es wird nicht mehr
Stunden, sondern nur noch Minuten dauern, so werden alle diese eure Feinde
verlangen, in den Clan Winnetou aufgenommen zu werden. Wre ihnen diese Bitte zu
erfllen?
    Gewi! Sehr gerne! antwortete ich.
    Auch mir?
    Auch dir!
    Auch uns?
    Er deutete bei diesen Worten nach der gegnerischen Kanzel hinber. Ich
antwortete lchelnd:
    Mein Bruder Pida ist ein sehr, sehr kluger Vermittler. Wenn ich die
Wahrheit sage, da auch die gefangenen Huptlinge in den Clan aufgenommen werden
knnen, mu ich sie freigeben und ihnen alles verzeihen!
    Wenn du das tust, bist du ein Winnetou, sonst aber nicht! - Erlaubst du
mir, zu meinem Vater zu gehen?
    Geh! sagte ich, aber erst nach einer Weile. Doch kehre bald zurck. Der
Morgen ist schon unterwegs.
    Er ging. Als er bei den Seinen angekommen war, hrten wir hier hben wieder
alles, was er drben sagte. Er war auch dort ein vortrefflicher Vermittler. Die
in der Hhle ausgestandene Angst, der liebevolle Empfang von unserer Seite, der
unvergleichliche Eindruck der heutigen Beleuchtung und unserer kstlichen
Winnetoufigur, das alles wirkte zusammen, den jungen Huptling der Kiowa zu
untersttzen, seinen guten Zweck zu erreichen. Er kehrte zu mir zurck und
meldete:
    Tangua, mein Vater, der Huptling der Kiowa, wrde zu dir kommen, aber er
kann nicht gehen. Er mchte dich um Verzeihung bitten, sich mit dir vershnen!
    So bleibe er! antwortete ich froh. Ich gehe zu ihm. Ich bitte dich, mich
zu ihm zu bringen!
    Ehe ich mich mit ihm entfernte, bat ich die Huptlinge, hier sitzen zu
bleiben, zu lauschen und, falls ich von drben herber darum bitten sollte, mit
zu antworten. Am Fue unserer Kanzel erschien gerade jetzt der junge Adler, um
irgend eine Frage an mich zu richten. Ich lie ihn gar nicht zu Worte kommen,
sondern sagte:
    Die Huptlinge sollen sofort ihre Medizinen erhalten. Wie lange dauert es,
bis du sie bringen kannst?
    Mit dem Vogel? fragte er.
    Wenn es mglich ist, ja.
    Eine halbe Stunde.
    Das ist mir recht. Es wird dann, gerade so wie gestern, dmmern. Das ist
die rechte Zeit. Bitte, geh sogleich!
    Als ich mit Pida drben ankam, stand seine Frau mit ihrer Schwester an der
Kanzel. Wir stiegen hinauf. Pida setzte sich zu den Huptlingen nieder, ich aber
blieb stehen. Tangua ergriff das Wort. Er sagte, da er gern aufstehen mchte,
um zu mir zu sprechen, leider aber knne er sich nicht erheben. Ich lie ihn
nicht weiterreden, sondern fiel ihm in das Wort. Ich sagte, wenn hier um
Verzeihung gebeten werden solle, so sei gewi nicht der Indianer, sondern das
Bleichgesicht zuerst und zumeist hierzu verpflichtet, und dieses Bleichgesicht
sei ich. Hierauf griff ich in die Vergangenheit und erzhlte, wie das
Bleichgesicht ber das Meer gekommen sei, um seinem roten Bruder alle seine
Medizinen zu rauben. Ich ging hierauf der Geschichte nach. Ich bertrieb
nichts und bemntelte nichts. Ich erzhlte die Wahrheit, nackt und ungeschminkt,
wie sie wirklich, wirklich war. Ich sprach von den Fehlern der roten Rasse, von
ihren Tugenden, von ihren Leiden, vor allen Dingen von ihrer bisherigen
Zukunftslosigkeit. Das alles habe man vornehmlich dem Bleichgesicht zu
verdanken. Aber dieses Bleichgesicht sei zur besseren Erkenntnis gekommen. Es
wnsche, da sein roter Bruder leben bleibe und zum Volke werde, wie es ihm von
Anfang an beschieden sei. Dieses Bleichgesicht sei bereit, alle seine Irrtmer
einzugestehen und wieder gut zu machen. Es fhle vor allen Dingen, da es
verpflichtet sei, sein Herz und sein Gewissen zu reinigen, indem es seine roten
Brder um Verzeihung bitte.
    Indem ich dies sagte, trat ich zu ihnen hin und streckte meine Hnde aus,
sie ihnen zur Abbitte zu reichen. Einige Augenblicke lang waren alle still; dann
aber wurden mir alle Hnde entgegengereicht, und alle Stmme versicherten mir,
da sie ebenso gesndigt und ebenso um Verzeihung zu bitten htten, wie ich, das
Bleichgesicht.
    Einander verzeihen! Ihr uns und wir euch! rief Tangua. Und dann einander
helfen! Ich habe dich gehat, nun aber werde ich dich lieben! Wenn ich sterbe,
soll Friede sein ber meinem Grabe! Sind wir noch eure Gefangenen?
    Nein! erklang die Stimme Tatellah-Satahs, noch ehe ich antworten konnte.
    Uff! rief Kiktahan Schonka. Wer spricht da?
    Der Bewahrer der groen Medizin.
    Wo?
    Drben auf der anderen Teufelskanzel.
    So sind wir hier auch auf einer Kanzel?
    Ja. Ich belauschte euch auf der nrdliche Tenfelskanzel, die man Tscha
Manitou, das Ohr Gottes, nennt. Dort hrt der gute Mensch, was die bsen
Menschen sagen, und kann sich darum retten. Und nun belauschten wir euch hier
auf der sdlichen Teufelskanzel, die man Tscha Kehtikeh, das Ohr des Teufels,
nennt. Da hren die bsen Menschen, was die guten sagen, und sehen sich dann
gerettet. Der Huptling Tangua hat gefragt, ob ihr noch gefangen seid. Er mag
weiter fragen!
    Das lie er sich nicht zweimal sagen, sondern tat es sofort:
    Kommen wir an den Marterpfahl?
    Nein, antwortete Tatellah-Satah von drben herber.
    Wir mssen also nicht sterben?
    Nein.
    Wir behalten unsere Waffen und unsere Pferde?
    Ja.
    Drfen hier bleiben und Winnetous werden?
    Ja.
    Sind alle eure Huptlinge einverstanden?
    Alle, alle, alle, alle! ertnten so viele Stimmen, wie Huptlinge sich
jetzt bei Tatellah-Satah befanden.
    Und was wird mit unseren Medizinen?
    Schau zum Himmel auf! - Wen siehst du da?
    Es dmmerte jetzt so, da der Ingenieur den Apparat schlo. Winnetou
verschwand vom Schleierfall. Dafr aber erschien hoch oben der junge Adler,
lie sich tiefer und tiefer herab, flog dreimal um den Platz und landete dann
so, da er genau vor der Kanzel, auf der ich mich jetzt befand, den Boden
berhrte. Da stieg er aus, kam herauf und sprach:
    Old Shatterhand gibt euch durch mich eure Medizinen zurck. Ihr seid also
frei!
    Wie hastig sie zugriffen, um sie sich umzuhngen! Sie jubelten laut, und
dieser ihr Jubel verbreitete sich weiter und weiter. Dazwischen hinein aber rief
Tatellah-Satah zu ihnen herber:
    Ihr seid unsere Freunde! Morgen wird ein neues Komitee gebildet, welches
ber den Clan Winnetou zu beraten hat. Und bermorgen reiten smtlich Huptlinge
und Unterhuptlinge nach dem Berg der Knigsgrber, um nach der Geschichte
unserer Vergangenheit zu suchen. Howgh!
    Durch diese Nachricht wurde der Jubel verdoppelt. Der junge Adler flog
wieder nach seinem Turm zurck. Ich aber beschlo, mit meinem Herzle einen
Rundgang durch das Tal und alle die verschiedenen Gruppen, die sich da gebildet
hatten, zu machen. Wir kamen da bis hinauf nach der Kantine, in deren Nhe die
Brder Enters noch lagen, sorgfltig zugedeckt und von zwei Komantschen bewacht.
Niemand hatte Zeit gehabt, sich mit ihnen zu beschftigen. Nun aber war es
unsere Pflicht, in ernster, humaner Weise fr ihr Begrbnis zu sorgen. Wir
erfllten ihren letzten Willen: wir suchten nach den Namen in ihren
Winnetousternen. Hariman hatte meinen Namen, Sebulon den Namen meiner Frau
geschrieben. So waren sie, die uns erst nach dem Leben trachteten, durch innere
Wandlung zu unsern Beschtzern geworden und fr uns in den Tod gegangen!
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    Das ist der Schlu dieses vierten Bandes. Indem ich ihn jetzt, Ostern 1910,
beende, kommt das Herzle und legt mir eine deutsche Zeitung vom 23. Mrz dieses
Jahres vor, in welcher unter dem Titel Ein Denkmal fr die Indianer folgendes
zu lesen ist:
    Aus New York wird berichtet: Das groe Standbild der Columbia in der New
Yorker Hafeneinfahrt wird voraussichtlich in kurzer Zeit ein Gegenstck
erhalten. Am Hafen der amerikanischen Metropole soll ein groes, mchtiges
Denkmal entstehen, das bestimmt ist, kommenden Generationen die Erinnerung an
die rote Rasse aufrecht zu erhalten, die vielleicht in wenigen Menschenaltern
als solche ausgestorben sein wird. Der Plan dieses Denkmales geht auf Mr. Rodman
Wanamaker zurck und hat im ganzen Land sofort lebhaften Widerhall gefunden.
Auch Prsident Taft hat der Idee zugestimmt. An der Hafeneinfahrt soll das
Standbild eines riesigen Indianers errichtet werden, als ein Sinnbild dafr, da
das Volk Amerikas trotz aller der roten Rasse zugefgten Ungerechtigkeiten die
edlen Eigenschaften der Ureinwohner Amerikas vollauf wrdigt. Es soll die Schuld
des Landes gegen die aussterbende Rasse der ersten Amerikaner symbolisieren und
knftigen Geschlechtern die schnen Charakterzge der roten Rasse vor Augen
fhren. Der Indianer wird mit ausgestreckten Hnden dargestellt, wie er die
ersten weien Mnner willkommen hie, die Amerikas Kste beraten.
    Ich frage: Ist das nicht interessant?

                                    Funoten


1 Zimmermdchen.

2 Nebeljungfrau.

3 Friedhof.

4 Gewaltigen und unvergleichlichen Redner.

5 Teufelskanzel.

6 Siouxdialekt: Der wachende Hund.

7 Fahrkarten.

8 Diener, Pferdeknechte.

9 Adelig.

10 Maultier.

11 Sprich Klnn.

12 Das Ohr Gottes.

13 Ohr des Teufels.

14 Utahsprache: Schwarzer Hund.

15 Utahsprache: Der Fuchsberg.

16 Siouxsprache: Wasser des Todes.

17 Tdlicher Staub.

18 Dienerschaft.

19 Dunkles Wasser.

20 Eine Feder. Siehe Winnetou III, S. 553.

21 Dunkles Haar.

22 Groe Schlange.

23 Fnf Berge.

24 Geheimnis- oder Medizinensee.

25 Gutes Auge.

26 Passionsblumen.

27 Pfeffermhle.

