 I. Teil.  Im Jahre 1888, in meinem zwanzigsten Lebensjahre, kam ich nach Hamburg. Einige Monate vorher war ich zu Besuch bei einer Tante, die mir behilflich sein wollte, eine passende Stellung zu finden. Eine Annonce in den »Hamburger Nachrichten«, welche angab, daß die Stellungsuchende ein gesundes, kräftiges Mädchen von auswärts (Holstein) sei, sorgte dafür, daß viele, sehr viele Damen vorsprachen. Die meisten davon wollten mich gleich fest engagieren, führte ich doch ein Zeugnis bei mir, welches besagte, daß ich 21/2 Jahre in einer Lehrerfamilie zu deren vollsten Zufriedenheit treu und ehrlich meinen Pflichten nachgekommen war; hauptsächlich die 21/2 Jahre schienen zu imponieren. Aber meine Tante war weit davon entfernt, mich gleich der ersten besten auszuhändigen, wie sie sagte. Es wurde einer jeden Dame gesagt, wir wollten uns besinnen und würden dann im Laufe des Nachmittags vorkommen. Drei Damen, welche uns sehr gut gefallen hatten, wurden auf die engere Wahl gestellt. Zur ersten begaben wir uns nicht direkt, sondern holten Auskunft bei einem Krämer, welcher in nächster Nähe wohnte. Derselbe kannte die Herrschaft sehr gut, konnte oder richtiger wollte keine Auskunft geben. Meine Tante sagte, es wäre wohl nicht viel Gutes dran, darauf zuckte er die Achseln mit bedeutungsvollem Blick. Also mit dieser Herrschaft war es nichts, wir gingen zu Nr. 2. Es war ein großes, schönes Haus, von einem prächtigen Garten umgeben. Wir wurden von einem sauber gekleideten Mädchen empfangen. Sie fragte nach unserm Begehr; wir sagten unser Anliegen. »Ach so,« meinte sie gedehnt, »dann kommen Sie nur gleich mit hinauf, Sie werden erwartet.« Mir pochte das[3] Herz fürchterlich, wie wir die teppichbelegten Treppen hinaufstiegen. In diesem feinen Hause sollte ich Dienstleistungen tun? Ich, die vom Dorfe kam? Denn meine Tante hatte mir schon vorher gesagt, wenn wir uns einig würden, ich hier mein Glück versuchen sollte, weil es die Dienstboten in einem großen, feinen Hause meistens gut hätten, wenigstens erträglich. Im Zimmer, in welches wir hineingeführt wurden, befanden sich drei Personen, ein alter Herr, welcher ausgestreckt auf dem Sofa lag, eine alte, sehr korpulente Dame und eine junge Dame von ungefähr 30 Jahren, eben dieselbe, welche bei meiner Tante vorgesprochen hatte. Sie alle musterten mich mit kritischen Blicken, der Herr, wie mir schien, mit einem eigentümlichen Lächeln auf den Lippen, so, als wenn er wohl dächte: das dumme Landmädchen soll dir dein Essen kochen? Alles Blut stieg mir zu Kopf, ich fühlte es, ob vor Scham, ob vor Entrüstung, ich weiß es nicht, vielleicht war es beides. Die alte Dame fixierte mich sehr scharf mit ihren großen grauen Augen von unten bis oben. Ihr Blick blieb wohlgefällig auf meinem Gesicht haften und dann meinte sie zu ihrem Gemahl gewandt: »Frische, rote Backen hat sie, nicht wahr?« »Rot genug sind sie,« erwiderte der lakonisch. Er hatte recht, rot genug waren sie und besonders in diesem Augenblick. Es wurde hauptsächlich mit meiner Tante über mich verhandelt, und die verstand es, mich so darzustellen, daß ich ein brauchbares, williges, ja sogar geschicktes Mädchen sei, welchem natürlich noch Hamburger Manieren und dergleichen beigebracht werden müßten. Genug, wir wurden uns einig; den 1. Mai sollte ich antreten als Köchin, sollte 55 Taler Lohn pro Jahr erhalten und einer sehr guten Weihnachten. Für meine Begriffe war es sehr viel, hatte ich doch auf meiner andern Stelle nur 25 Taler bekommen, aber Familienanschluß gehabt und war wirklich wie ein Kind des Hauses behandelt worden. Den Wert dieser Behandlung lernte ich aber erst später, eben hier in Hamburg kennen. Wie ich mit meiner Tante wieder[4] auf der Straße war, atmete ich erleichtert auf, äußerte aber zu ihr meinen Zweifel über mein Können, hauptsächlich im Kochen. Aber sie sprach mir Mut zu und sagte mir, daß es sich viel schlimmer anhöre, wie es in Wirklichkeit sei, wenn man nur Lust und Liebe hätte und den festen Willen, etwas zu lernen. Na, den hatte ich, und nahm mir vor, alles daran zu setzen, um eine tüchtige Hamburger Köchin zu werden. So reiste ich dann wieder ab in meine holsteinische Heimat und berichtete nun alles meiner lieben Mutter. Auch die schien sich über meine Kühnheit zu wundern, mich gleich in einem feinen herrschaftlichen Haushalt als Köchin zu verdingen; aber ihr gegenüber ließ ich nichts von meinem Zweifel merken, im Gegenteil, ich sagte, daß es garnicht so schlimm sei, wenn man nur wolle, könne man alles, und ich sei nicht bange. So wurden denn die Vorbereitungen getroffen. Ganz besonders freute ich mich auf das Tragen von hellen Kleidern. Ich ahnte nicht, daß sie mir einst so verhaßt werden sollten. Der 1. Mai rückte heran und mit ihm der Tag, wo ich mich einstellen mußte. Der Abschied von meiner Mutter war kurz und innig. »Bleib' gut und brav,« das waren die Worte, die sie mir mit auf den Weg gab. Ein Nachmittagszug brachte mich nach Hamburg. Bei meiner Tante und meiner Schwester, welche hier auch in Stellung war, stattete ich noch einen Besuch ab. Letztere begleitete mich abends um 9 Uhr bis vor die Pforte meiner neuen Dienstherrschaft, auch sie gab mir noch allerlei gute Ratschläge und Belehrungen. Wieder wurde mir geöffnet von dem saubergekleideten, nett aussehenden Mädchen. »Guten Abend,« sagte sie freundlich, noch ehe ich gegrüßt hatte, »Sie sind wohl unsere neue Köchin, nicht wahr?« Ich bejahte beklommen. Sie nahm mich diesmal die Treppe hinunter und führte mich in ein geräumiges Zimmer mit zwei Betten. »Dieses hier ist unser Zimmer,« sagte sie, und ich heiße Margret und bin in diesem Hause als Kleinmädchen, und Sie heißen Doris, nicht wahr?« Die Damen hatten es ihr schon erzählt. Nachdem ich Hut und[5] Mantel abgelegt, führte Margret mich eine Treppe hinauf bis zum Parterre, wo sich das Eßzimmer befand. Hier war die Herrschaft, um das Kommen der neuen Köchin abzuwarten. Ich wurde sehr freundlich empfangen, und die alte Dame wünschte, daß wir gut miteinander fertig würden und recht lange zusammenblieben; jetzt sollte ich nur bald zu Bett gehen, morgen früh würde sie weiteres mit mir besprechen. Unten angekommen hatte Margret einen kleinen Imbiß für mich besorgt. Ich aß etwas, doch ohne sonderlichen Appetit. Ich dachte an morgen, an die neue ungewohnte Umgebung und Arbeit. Auch der Schlaf wollte nicht kommen, mir war ängstlich ums Herz; doch die Natur forderte ihr Recht, endlich war auch ich denn eingeschlafen. Des andern Morgens wurden wir durch ein lautes anhaltendes Klingeln geweckt. Margret sprang auf, eilte an die Tür und machte diese sehr laut zwei bis dreimal auf und zu. Sie bedeutete mir, daß dies in Zukunft zu meinen Obliegenheiten gehöre und ich es jeden Morgen, nachdem es geklingelt hätte, wiederholen müßte, damit der Herr höre, daß wir erwacht seien. Die Uhr war erst 51/2, also hier hieß es, früh aus den Federn. Das fiel mir nicht schwer, war ich das Frühaufstehen doch von Haus aus gewohnt; aber zu komisch wollte es mich dünken, daß ich nur heißes Wasser zu machen hatte, und keinen Kaffee zubereiten brauchte. Das tat der Herr selbst. Mir sollte noch viel mehr spaßig oder auch nicht spaßig vorkommen. Punkt 71/2 Uhr fuhr der Herr mit der Pferdebahn in sein Geschäft. Jetzt, sagte mir Margret, wäre der Zeitpunkt gekommen, um an unsre häusliche Arbeit zu gehen. Solange der Herr noch im Hause war, mußte absolute Ruhe herrschen. Margret ging nach oben, da ihr Arbeitsfeld sich dort befand; ich hätte die untern Räume in Ordnung zu halten, wie sie sagte, müßte aber erst warten, bis die Dame des Hauses alles mit mir besprochen hätte. Ich hatte nicht lange zu warten, ein wuchtiger, knarrender Schritt kam die Treppe herunter, und gleich darauf stand meine Herrin mir gegenüber. Nachdem wir unsern Morgengruß[6] gewechselt hatten, sagte sie mir zunächst, daß sie und der Herr es gewohnt seien, ihre Mädchen mit »Du« anzureden. Ich war damit einverstanden, denn im ländlichen Holstein war das Duzen üblich. Dann zeigte sie mir den Vorratskeller, die Speisekammer, auch alle andern Räume, welche ich zu reinigen hatte. Speisekammer und Keller waren vollgepfropft von schönen Eßwaren. Da standen Kisten mit Pflaumen, Backobst, Traubenrosinen, Prünellen und vieles dergleichen mehr, ganze Börter voll Eier, große Häfen Eingemachtes aller Art. Der Keller lag voll Wein an der einen Seite entlang, an der andern Seite waren die Börter leer. Frau Möller erklärte mir, daß diese für Obst bestimmt seien, welches in den großen Körben, die aufeinander gestapelt dastanden, in den Keller geschafft und auf diese Börter gepackt wurde, um es leichter sortieren zu können. »Denn Obst haben wir sehr viel,« sagte sie, »magst du auch Obst?« Und ob ich Obst mochte! Ich schwelgte schon im Vorgenuß, obgleich mir ja nicht gesagt wurde, daß ich davon bekam. Das nahm ich ohne weiteres an. Nun wurde mir mit großer Genauigkeit vom Kochen erzählt, wie ich dieses und jenes zu handhaben hätte. »Jeder einzelne Topf,« sagte sie, »ist für etwas Bestimmtes da,« ebensoviel verschiedene Siebe waren da. Dann wurde mir gesagt, was am heutigen Tage gekocht werden sollte. »Für uns,« sagte sie (sie meinte sich und ihre Tochter), »ist noch genug von gestern vorhanden; aber für den Herrn muß etwas frisch gebraten werden,« ich möchte nur beim Schlachter eine Kalbszunge bestellen, die äße der Herr so gerne, zur Bereitung derselben käme sie wieder runter, jetzt möchte ich nur an meine Hausarbeit gehen. Mit dem Reinemachen war ich schon besser vertraut als mit dem Kochen. Um 11 Uhr wurde gefrühstückt, und um 4 Uhr, aber präzise, wurde gegessen. Beim Frühstück erzählte Margret mir manches Interessante von der Herrschaft. Unser Frühstück bestand aus Bratkartoffeln und Schwarzbrot mit Butter, Margret bat mich, wenn es anginge, möchte ich doch immer dafür sorgen,[7] daß einige Kartoffeln übrig blieben vom Tage zuvor zum Braten; denn sonst hätten wir ja nur Brot und unsern Tee. Ich sagte ihr, daß es doch selbstverständlich wäre, wenn sie sie gern essen möchte, ich immer welche braten würde. Sie wollte mir etwas erwidern, aber Frau Möller betrat in diesem Augenblick die Küche, und aus war es mit unsrer Unterhaltung. Nachdem wir fertig gegessen, ging Margret wieder nach oben. Frau Möller und ich bereiteten mit großer Umständlichkeit das Mittagsmahl. Dabei sagte sie mir allerlei, was sie und der Herr gern hätten und was nicht. Wir sollten uns immer so leise wie möglich verhalten, vor allen Dingen nicht singen, nie mit den Lieferanten mehr sprechen, als absolut nötig sei, und dergleichen mehr. Also nicht singen sollte ich hier, das würde mir sehr schwer fallen; denn ich sang so gern, und meine Arbeit, hatte ich immer gemeint, ging dann noch einmal so flink von statten. Na, ich habe mich daran gewöhnen müssen; denn einmal hatte ich mir erlaubt, ganz leise ein Liedchen vor mir hin zu singen, noch dazu in einer Zeit, wo der Herr zu Hause war. Ich ahnte ja nicht, daß es oben zu hören war. Da kam Margret herunter und mußte mir vom Herrn sagen, singen könnte ich ja; aber er hätte schon mehrere Male Bötel gehört und wäre deswegen sehr verwöhnt; aber wenn ich durchaus einmal singen wollte, möchte ich mich ganz hinten in den Park verfügen; »da, wo die große Pappel steht, kann sie soviel singen, wie sie Lust hat, hat er gesagt.« Die Zurechtweisung habe ich mir gemerkt; aber ich habe viel darüber nachdenken müssen und dachte an das Wort, das mein guter Vater so oft sagte: »Wo man singt, da laß dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.« Warum mochten sie wohl durchaus kein Singen im Hause dulden? Selbst die Tochter des Hauses habe ich niemals singen oder laut lachen hören. Es war wohl nicht fein. Ach, was fragten wir, Margret und ich, danach, wir mochten so gern einmal recht vergnügt sein. Es sollte noch besser kommen. Amazon.de Widgets Es war wohl einige Monate später, an einem Sonntag.[8] Ein verheirateter Sohn nebst Frau, drei Kindern und Kinderfräulein waren sehr häufig am Sonntag bei uns zum Essen, so auch an diesem Sonntag. Das Kinderfräulein und die Kinder gingen um 7 Uhr nach Hause. Der junge Herr, wie wir den Sohn nannten, blieb mit seiner Frau dann noch zum Abendessen. An diesem Sonntag waren wir mit allem fertig; es war bald 10 Uhr. Wir gingen in unser Zimmer und unterhielten uns ein wenig über dies und jenes. Schließlich stimmten wir ganz leise auch noch ein Lied an; denn oben würden sie es ja nicht hören können, es war ja Besuch. Um 10 Uhr gingen sie immer fort und haben dann ja wohl das Singen auf dem Vorplatz doch hören können. Genug, in ein paar Sätzen kam jemand die Treppe heruntergestürzt, riß unsre Tür auf, und mit wutentbranntem Gesicht, in der Rechten einen Spazierstock schwingend, stürzte der junge Herr in unser Zimmer. Er schrie uns an: »Was ist hier los? Wer ist hier? Sie allein können solchen Spektakel nicht gemacht haben,« und dabei schlug er immer mit dem Stock auf unsern Tisch. Schnaubend durchstöberte er unsre Garderobe, unsern Kleiderschrank, die Fenstervorhänge riß er auseinander, die Spreitdecken von unsern Betten, und dabei schrie er immer: »Was ist hier los? Was geht hier vor?« Schließlich sagte Margret: »Wir haben ein wenig gesungen.« »Was,« polterte er los, »Sie haben gesungen, wissen Sie nicht, daß Sie nicht singen dürfen?« Dabei stand er mit geballter Faust vor ihr. Unsre Blicke trafen sich und wir konnten uns eines Lächelns nicht erwehren. Das sah er und: »Warum lachen Sie?« rief er nun ein übers andre Mal, dann zur einen, und dann wieder zur andern gewandt, bis ich dann sagte: »Wir lachen ja garnicht.« Mit allerlei schmeichelhaften Ausdrücken für uns verließ er wieder unser Gemach. Da haben Margret und ich aber erst gelacht, das andre war ja nur ein Lächeln. Er hatte inzwischen das Haus verlassen, zuvor aber noch seinen Eltern zugerufen, daß es eine böse Zucht da unten sei. Unser Lachen war bald verschwunden. Wir fragten[9] uns, was hatten wir verbrochen, um uns eine solche Behandlung gefallen zu lassen? Am andern Morgen, wie Frau Möller zum Ausgehen herunterkam, fragte ich sie, was es denn eigentlich gestern abend mit dem jungen Herrn gewesen wäre? »Was denn,« sagte sie mit ihrem tiefen Organ und in ihrer langsamen Sprechart, »Ihr wart ja auch ungehorsam, Ihr habt gesungen und sollt es nicht!« Dabei sah sie mich an, mit großen entsetzten Augen. Das tat sie immer, wenn sie uns was sagte, was gerade nicht sehr freundlicher Art war. »Ich habe gedacht, der junge Herr wäre plötzlich irrsinnig geworden,« mit diesen Worten machte ich meinem Ärger Luft. O, die Augen wurden noch größer und entsetzter, wie ich so was sagen könnte. Na ja, erwiderte ich, ich hätte noch nie gesehen und gehört, daß ein vernünftiger Mensch sich so betrage. Frau Möller und ich kamen sonst ganz gut zusammen aus. Sie lernte mich im Kochen an, das meiste allerdings viel zu umständlich. Sie schien ja auch mit mir zufrieden zu sein; denn sie hatte mir schon gesagt, daß ich vom November an 5 Taler Zulage haben sollte. Das freute mich sehr, ich dankte ihr dafür. Dennoch unterblieben nicht kleine Reibereien, mitunter wurden's auch große; unsre Ansichten gingen eben zu sehr auseinander. Sie nannte uns verschwenderisch, und wir glaubten, ein Recht zu haben, sie geizig zu nennen. Wir haben nicht zu hungern brauchen; aber sehr häufig hätten wir gern noch etwas gegessen und hatten nichts, trotz der aufgespeicherten Eßwaren in Kammer und Keller und trotz der vier Millionen, die, wie uns von glaubwürdiger Seite erzählt war, unsre Herrschaft ihr eigen nannte. Sonntags gab es immer einen großen Ochsenbraten, und davon aßen die Herrschaften nur am Sonntag und wir Mädchen die ganze Woche; denn das für »den Herrn« Bestellte beim Schlachter, Wildhändler oder Fischhändler war immer so reichlich, daß sie alle drei daran genug hatten. Sie hatten auch immer die schönsten Gemüse und Kompotts, wovon wir nur das Zuschauen hatten. Der Braten kam Sonntags rauf und blieb im großen Saal unter einer großen Glocke stehen, die ganze Woche, wenn es nicht allzu warm wurde. Dann kam[10] er hinunter in die Speisekammer hinter Schloß und Riegel. Er hätte gern in unserm Eßschrank stehen können. Wir hätten uns nicht mehr als nötig davon genommen; denn wir mochten ihn nicht mehr vor Augen sehen, wie man zu sagen pflegt. Margret hatte mich nun gleich aufmerksam gemacht, daß wir nie zu unsern paar Fleischscheiben Sauce bekämen, ich möchte doch für uns immer ein bißchen zurückbehalten, sonst hätten wir ja nur das trockne Fleisch und trockne Kartoffeln. In den ersten Wochen war es mir nicht möglich, dieses zu tun; denn Frau Möller blieb in der Küche, bis alles fertig und aufgetragen war. Alles, aber auch alles, kam nach oben, bis auf ein paar Kartoffeln, die gleich für uns unten bleiben konnten. Es waren ihr auch immer zuviel, welche ich schälte. Wie ich ihr denn mal sagte, daß wir uns zum Frühstück gerne welche brieten, meinte sie: »Ja, aber da gehört ja immer viel Fett zu.« Sie ließ es lieber verderben, als daß sie uns es gönnte. Von den Bratenknochen gabs die ganze Woche Suppe. Jeden Tag kam sie dann mit ein paar Knöchelchen runter und bestimmte, was für eine schmackhafte Suppe ich daraus kochen sollte. Erbsen, Reis und Bohnen wechselten miteinander ab. Von diesen Sorten gab sie pro Person einen gestrichenen Eßlöffel voll raus. Es kann sich jeder vorstellen, daß die Suppen nicht allzu lecker wurden. Es war immer ein Fest für uns, wenn es mal ausnahmsweise eine Frucht- oder Milchsuppe gab. Eines Tages machte Margret mich aufmerksam auf eine Schüssel voll Sauerampfer, welche vor fast acht Tagen gekocht worden war und auch im großen Saal aufbewahrt wurde. Der Saal wurde nicht benutzt, denn große Gesellschaften gab's nicht im Hause. Dieser Sauerampfer war verschimmelt und schon so schlimm, daß der Schimmel fingerlang und wie weiße Haare aussah. »Paß auf,« sagte Margret, »den kriegen wir heute.« Und richtig. Wir saßen wieder bei unserm frugalen Frühstück, als Frau Möller mit der Schüssel in der Hand zu uns in die Küche trat. Der Sauerampfer war fein gesäubert. Sie setzte ihn auf den Tisch und sagte[11] zu mir gewandt: »Diesen schönen Sauerampfer könnt ihr zu Mittag essen, das ist ein gesundes Gemüse und schmeckt sehr gut.« »Ja,« erwiderte ich, »ich esse ihn sonst auch sehr gerne; aber diesen esse ich nicht, weil er ja schon ganz verschimmelt war.« Ich bin nun mal so, ich kann nicht zu allem Ja und Amen sagen, ich muß auch mal meine Meinung sagen. Das hatte sie ja nicht erwartet. Glutrot im Gesicht, sah sie mich an. Endlich fand sie auch die Sprache wieder. Was ich im großen Saal verloren hätte, und wie ich ihr so antworten könne, ich wäre doch wohl von Hause nichts Besseres gewöhnt. O ja, erwiderte ich ihr drauf, ich wäre in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen; aber gutes und auch auskömmliches Essen hätte ich stets erhalten. Den Sauerampfer brachte ich noch in ihrer Gegenwart in den Ascheimer. Sie hielt sich an diesem Tage nicht lange unten auf. Das Kochen wurde mir nun auch schon mehr alleine überlassen, und so wurde es mir denn möglich, reichlich Bratensauce zu machen und für uns etwas zurückzubehalten. Margret meinte, ich sollte sie verstecken, es gäbe ja sonst doch wieder Krach. Aber ich war nicht für Heimlichkeiten, ich wollte mich lieber verteidigen. Es ging einige Wochen gut, sie hatte unsre Bratensauce nicht entdeckt, obgleich sie häufig in unsern Eßschrank sah. Da aber eines Tages kam sie, mit der Saucenschüssel in der Hand, auf mich zu und sagte, wie mir schien, angenehm überrascht: »Von dieser Kraftsauce kannst du heute eine Suppe bereiten.« »Ach nein, Frau Möller, bat ich freundlich, ?lassen Sie uns diese Sauce, wir mögen nicht immer das trockne Fleisch und die trocknen Kartoffeln.?« Ein langer, böser Blick traf mich; aber ich hielt ihm stand. Ich war mir nichts Schlechtes bewußt. Zögernd schob sie sich mit der Schüssel wieder ab und stellte sie wieder an ihren Platz. Sie hat sich daran gewöhnt. Freilich manchesmal hat sie später, wenn sie in unsern Schrank sah, gesagt: »Ach so, das ist ja eure Sauce,« wie mir schien sehr bedauernd, daß es nicht ihre sei. Einmal gab es saure Suppe. Es war Margrets Lieblingsessen,[12] und sie freute sich schon sehr darauf. Man muß sich nun nicht denken, wie es sonst üblich ist, auf einen Schinkenknochen mit etwas Fleisch daran gekocht, nein, verschiedene Gemüse wurden in Wasser gekocht, Birnen für sich und nachher hinzugetan. Wir hatten ja alles reichlich im Garten. Für »den Herrn« gab es natürlich was extra Gebratenes. Wir sollten uns an der Suppe satt essen. Das kann man auch sehr gut, wenn man genug davon bekommt. Ich hatte dieses Gericht noch nicht gekocht, und nun hatte sie ja Gelegenheit, bis zum Schluß des Kochens unten zu bleiben. Sie füllte für uns je einen nicht allzu vollen Teller auf. Jeder hatte zwei kleine Birnen und drei Hamburger Klöße (ohne Ei und ohne Fett) von Haselnußgröße. Alles andre kam in einer großen Terrine nach oben. Uns mundete die Suppe sehr, es war doch einmal etwas andres; aber satt waren wir nicht geworden. Von oben kam die meiste Suppe wieder herunter. Margret mußte mir sagen, ich sollte sie nur in unsern Eßschrank stellen, es reiche gerade noch für alle für morgen. Die Versuchung war groß. Wer kann es uns verdenken, wir waren nicht satt, und es war genug da. Wir beschlossen einfach, noch davon zu nehmen und füllten uns jeder einen halben Teller voll mit drei Klößchen auf und ließen es uns gut schmecken. Am andern Tage ging es nun wieder los. Frau Möllers erster Gang war nach unserm Eßschrank, um ihre Suppe zu besichtigen. Margret war auch in der Küche beschäftigt, sie gab mir schon einen Knuff, wie sie an mir vorüberging. Ich beobachtete bei meiner Arbeit Frau Möller. Ihr Gesicht wurde immer länger, ihre Augen immer größer. Sie ging mit der Terrine an ein Fenster, sah von der einen Seite hinein, sah von der andern Seite hinein, ging an ein andres Fenster und wiederholte hier dieselbe Prozedur. Schließlich sah sie mich groß an und fragte: »Ist einer bei der Suppe gewesen?« »Ja, ich,« sagte ich. »Du?« »Ja, ich habe für Margret und mich einen halben Teller und für jeden drei Klöße herausgenommen, weil wir noch hungrig waren.« »Das[13] ist frech von dir,« sagte sie. »So,« sagte ich, »also das nennen Sie frech, wenn Ihre Mädchen sich satt essen möchten, und ich nenne es eine Schande, daß reiche Leute ihre Mädchen hungern lassen; es wäre wert, gedruckt zu werden.« Und gleich darauf fragte ich in etwas verändertem Tone: »Kann ich heute abend ausgehen?« »Ja,« kam es gepreßt heraus, »du willst wohl gleich zu deinem Bruder und willst dem alles erzählen?« »Gewiß,« erwiderte ich, »das will ich auch.« Mein Bruder war Lehrer und schrieb häufig Artikel für eine Zeitung, die von der Herrschaft gelesen wurde. Diese Artikel schienen Frau Möller Respekt einzuflößen, denn sie hatte schon wiederholt zu mir gesagt: »Dein Bruder scheint klug zu sein.« »Ja,« sagte ich, »das wird er wohl, vor allem ist er gut und sehr gerecht.« Vor diesem gerechten Bruder war sie also in Angst, er könnte da so einen Artikel loslassen. Na, sie konnte ruhig sein, mit solchen Sachen gab mein Bruder sich nicht ab. Mir hat es oft leid getan, daß man der alten Dame so derb antworten mußte. Auch Margret hatte viele ähnliche Auftritte mit ihr. Aber leise Andeutungen verstand sie nicht oder wollte sie nicht verstehen. Margret war ein flinkes, sauberes und sehr arbeitsames Mädchen und tat ihre Pflicht. Auch ich hatte alles drangesetzt, um zur Zufriedenheit meiner Herrschaft zu leben. Trotzdem will ich nicht bestreiten, daß wir nicht vielleicht dieses oder jenes haben aus Versehen einmal falsch gemacht, oder auch einmal was vergessen. Dann haben wir auch unsre Schelte ohne Gegenrede hingenommen. Aber Mensch muß Mensch bleiben und sich zu jeder Zeit, wenn ihm Unrecht geschieht, verteidigen können. Leider wird dieses Recht einem Dienstboten gänzlich abgesprochen. Hier heißt es schweigen und immer ja sagen, oder man ist frech. Später habe ich mehrere Male versucht, mich in Güte mit ihr auseinanderzusetzen; aber ich erreichte dadurch nichts. Sie redete einen dumm, und man mußte schweigen, wenn man nicht immer neue unangenehme Auftritte haben wollte; aber immer ist der Mensch nicht zum Schweigen aufgelegt.[14] Im Garten war in diesem Jahre sehr viel Obst gewachsen, auch Johannisbeer- und Stachelbeersträucher hingen voller Früchte. Es wurde ab und zu ein Korb voll zu Verwandten geschickt, auch die Fruchtschale der Herrschaft wurde gefüllt. Aber die meisten Stachelbeeren blieben solange am Strauch, bis sie verdorben herunterfielen. Nicht ein einziges Mal hat sie uns welche gegeben. Ich frug Frau Möller einmal in dieser Zeit, ob Margret und ich die Stachelbeeren abpflücken sollten und dann der Straßenjugend geben, die würde sich königlich freuen, oder ob sie es selbst tun wolle, es müßte doch eine große Freude für sie sein, all die lieben Kinder zu beglücken. Aber da kam ich schön an. »Wo denkst du hin,« sagte sie zu mir, »die frechen Straßenkinder würden es ja garnicht zu würdigen wissen. Nein, das wollen wir lassen.« Und so blieben die Beeren am Strauch, bis sie herunterfielen und verfaulten. Margret und ich verschafften uns einige Male welche durch List. Wir baten unsern alten Gärtner, der immer das nötige Gemüse brachte, wenn Frau Möller unten beschäftigt war, er möchte doch einmal Petersilie, Salat oder dergleichen mit Willen vergessen, damit wir auch einmal Gelegenheit hätten, in den Garten zu gehen, um uns Stachelbeeren zu pflücken. Dies konnten wir ihm natürlich nur dann sagen, wenn Frau Möller sich einmal eine Minute verspätete, herunterzukommen, es ging bei uns alles genau nach der Uhr. »Ja Kinnings,« sagte er, »ich würde euch gern welche mitbringen, aber die Madam mag das nicht haben, und ich muß mich fügen; denn wenn ich rausflieg, bekomme ich alter Mann nirgends Stellung wieder.« Wir sahen das ja ein. Aber er hat doch ein paarmal dafür gesorgt, daß wir in den Garten kamen, und dann haben wir schnell ein paar Stachelbeeren gepflückt und uns geteilt. Die haben uns großartig geschmeckt; denn verbotene Früchte schmecken ja bekanntlich am besten. Auch sehr viele Äpfel und Birnen gab's in diesem Herbst, und Herrn Möllers Garten war ganz besonders gesegnet. Der alte Gärtner, von der[15] Herrschaft »Korl« genannt, brachte viele, viele Körbe voll in den Keller, und Frau Möller packte dann ganze Vormittage das Obst auf die Börter. Die weniger schlechten wurden mir zum Kochen gegeben, nur von den ganz schlechten gab sie uns ein paar zum essen. Die waren aber gewöhnlich ungenießbar, entweder unreif oder gänzlich vom Wurm zerfressen. Nicht eine gute Frucht haben wir von Frau Möller bekommen. Aber der Herr war anders. Er hat uns wenigstens einige Male gutes Obst und schöne Weintrauben in die Küche gebracht. Dann sagte er auf Plattdeutsch zu uns: »Dat stekt man weg för Ju, aber min Fru brukt dat nich to sehn.« Wir waren ihm sehr dankbar dafür und ließen es uns abends nach unsrer Arbeit gut schmecken. Herr Möller erlaubte uns auch einmal, an einem Sonntagmorgen seinen Park zu besehen, er war groß und wunderschön, ich hätte am liebsten den ganzen Tag darin gelustwandelt. Margret war ein halbes Jahr vor mir zu Möllers gekommen und wußte schon allerlei im voraus zu berichten. Eines Tages wurden Margret und ich beauftragt, nach dem Frühstück eine Besorgung zu machen. Margret sollte zur Stadt und Brot holen und ich sollte zu unserm ziemlich entfernt wohnenden Schlachter. An solchen Tagen, wußte Margret, mußte der Gärtner verdorbenes Obst aus dem Keller schaffen. Frau Möller genierte sich dann doch wohl vor uns oder sie fürchtete, wir könnten es noch erwähnen, warum uns denn nichts von diesem Obst gegönnt sei. Der alte Gärtner hat uns gelegentlich erzählt, daß er an solchen Tagen ganze Karren verdorbenes Obst nach dem Düngerhaufen fahren mußte. In diesem Hause habe ich so recht kennen gelernt, was doch der Geiz für eine schreckliche Leidenschaft ist. Diese Frau konnte alles eher verderben sehen, als andern davon geben. Es wurde Winter und nun belehrte sie mich, wie man Kohlen sparen könne auf eine einfache Art. Ich sollte eben keine mehr brennen, als irgend nötig wären zum Essenkochen. »Und die Tür hältst du immer gut zu, und es wird hier den ganzen Abend[16] mollig warm bei Euch bleiben,« sagte sie zu mir. Also sollten wir im Winter ja nicht mehr Kohlen gebrauchen, als im Sommer, das war der Schluß der Rede. Erst ging es ja auch noch; aber es wurde immer kälter. Wir hatten eine sehr große Küche, mit Fliesen ausgelegt, und es fror uns abends jämmerlich bei unsrer Näharbeit und bei unserm Strickstrumpf. Häkeln und Sticken durften wir nämlich nicht, das wäre Luxus und nur für reiche Leute bestimmt, hat sie mir einmal gesagt, als ich eine kleine Spitze für eine Schürze häkelte. Ich beschloß nun, das Feuer etwas länger anzulassen, damit es für uns nicht gar zu ungemütlich sei. Am andern Morgen mußte ich dann gleich beichten, warum ich denn noch Kohlen aufgeschüttet hätte. Sie hatte es also gehört. Ich sagte ihr, daß uns gefroren hätte und ich es mir deswegen erlaubt hätte. Da hat sie mir eine ganze Predigt gehalten, daß es nur Verwöhnung wäre, eine so warme Küche oder Stube haben zu müssen. Es wäre garnicht gesund und bei ihnen oben würde auch nur einmal am Tage geheizt. Ich erwiderte ihr dann, daß sie doch wohl nicht ihre Stube, wo der große Kachelofen den ganzen Tag warm hielte, Fenster und Türen mit dicken Portieren verhängt und der Fußboden mit Teppichen belegt sei, mit unsrer Küche oder Stube vergleichen könnte. Aber es half mir nichts, sie wußte noch soviel dagegen zu sagen, daß ich schließlich schwieg. »Denn,« schloß sie ihre Rede, »was ihr erspart, das habt ihr eurer Herrschaft verdient und dazu ist ein jedes Mädchen verpflichtet, möglichst viel zu sparen.« Wie Margret dann zum Frühstück runter kam, habe ich es ihr erzählt. »Das wäre schön,« meinte sie, »also sollten wir bei unsrer Herrschaft durch Frieren und Hungern wohl noch was zuverdienen, daraus wird nichts; wir wollen einen warmen Ort haben, wo wir abends sitzen können. Weißt du was! Wir heizen unser Zimmer, das liegt am andern Ende des Hauses, das wird sie nicht hören.« Einige Tage ging es gut; aber dann hatte sie es doch gehört und stellte mich darüber zur Rede. Sie war sogar ganz erbost, wie ich das tun könnte,[17] es würde ja soviel Feurung kosten, da könnte man ja garnicht gegen an. Ich beruhigte sie, daß ich im Zimmer nur ein paar Schaufeln gebrauchte, dann wäre es warm. Sie wollte aber durchaus nichts davon wissen. Es wäre Verschwendung. Im guten war also wieder nichts zu machen. Da sagte ich ihr, ich würde es dem Herrn einmal vorstellen, der würde gewiß nicht verlangen, daß wir frieren sollten. Das half. Sie lenkte ein. Sie wollte uns dann erlauben, daß wir jeden Mittwoch und Sonntag unser Zimmer ein wenig heizten. »Dann müßt ihr Fenster und Türen gut zuhalten,« meinte sie, »dann bleibt es für die ganze Woche warm.« Ob sie wohl etwas so Widersinniges selbst glaubte? Es war doch nicht anzunehmen. Ich versprach ihr, es so zu machen; aber es war doch nicht gut ausführbar. Erstens muß in einem Schlafraum überhaupt jeden Tag gut gelüftet werden und besonders, wenn er sich im Keller befindet, wie es hier der Fall war. Zweitens sorgte der Herr dafür, daß das Fenster schon um 71/2 Uhr geöffnet war. Um diese Zeit fuhr er ins Geschäft. Vorher ging er jeden Morgen in den Garten zu seinen Hühnern, und da kam er an unserm Fenster vorbei. Hatten wir nun einmal im Winter (im Sommer war es immer schon geschehen) unser Fenster noch nicht geöffnet, so trommelte er so lange mit seinem Schirm oder Stock an die Scheiben, bis eine von uns kam und das Fenster öffnete. »Luft, frische Luft,« waren dann gewöhnlich seine Begleitworte. »Ja,« sagte Margret dann wohl in ihrer drastischen Weise (hinter seinem Rücken natürlich), »frische Luft wollen wir schon kriegen, sorge nur lieber für warme Luft.« Manchesmal haben wir oben auf dem großen Küchenherd gesessen. Auf jeder Seite von der Gasflamme, die über dem Herd war, stellten wir unsre Stühle, und so war es dann eher erträglich. Mitunter haben wir uns über dies komische Bild großartig amüsiert und haben bis zu Tränen gelacht. Es gab aber auch Zeiten, wo uns sehr ärgerlich zu Mute war, daß man bei einem Millionär so etwas erleben mußte. Dann wären[18] wir lieber heute als morgen gegangen; aber wir waren gebunden. Es war abgemacht, wie es ja früher Sitte war, auf halbjährliches Bleiben. Wollten wir mit Ablauf dieser Zeit den Dienst verlassen, mußten wir schon ein Vierteljahr vorher kündigen. Das stand fest bei uns, wenn das Jahr um war, wollten wir beide fort. Wir mußten also schon am 1. Februar kündigen, um am 1. Mai gehen zu können. Es tat mir in andrer Hinsicht wieder leid; denn wir waren nicht mit Arbeit überhäuft. Es ging alles geregelt und wir hatten fast jeden Abend ein paar Stunden für uns, um unser Zeug in Ordnung zu halten. Das ist sehr viel wert. Aber wir mußten im Winter doch zu sehr frieren dabei. Mitunter heizten wir dann auch mal ohne Erlaubnis unser Zimmer. Dabei mußten wir natürlich sehr vorsichtig zu Werke gehen. Schaufeln durften wir nicht, uns blieb nichts andres übrig, als die Kohlen mit den Fingern in den Ofen zu befördern. Wenn unsre Hände dann so recht schwarz waren, nannten wir uns wohl scherzweise Herrn Möllers Kohlenarbeiter. Viel Kummer machte Frau Möller immer unser freier Abend in der Woche. Laut Abmachung mußte sie uns einen Abend jede Woche nach der Arbeit ausgehen lassen und jeden dritten Sonntag nach dem Essen. Nun konnte sie immer nicht begreifen, wo wir denn immer hin wollten. Ich habe ihr dann mal alle meine Verwandten aufgezählt, wo ich abwechselnd mal hinginge. Nachdem sagte sie mir nicht mehr soviel; aber die arme Margret mußte viele Fragen beantworten, bevor sie Erlaubnis bekam. Sie sagte oft: »Wie bin ich doch dumm gewesen, zu erzählen, daß ich nicht mehr Verwandte hier habe als nur eine Schwester, und daß diese sogar auch noch in Stellung ist. Das gibt mir Lehrgeld, einer andern Herrschaft werde ich nicht so genau meine Verwandtschaftsverhältnisse erzählen, sondern gleich einige Onkel und Tanten, Schwestern und Kousinen, ja auch ein paar Brüder und Vettern hinzufügen, damit dies Fragen aufhört.« »Wo gehst du denn hin?« Diese Frage richtete sie beständig an Margret, die antwortete dann:[19] »Nun, zu meiner Schwester.« »Aber Margret,« sagte Frau Möller dann, »du kannst doch nicht zu deiner Schwester gehen, das mag deren Herrschaft garnicht haben.« Wir sollten nämlich keinen Besuch haben. Nun nahm sie an, andre Herrschaften erlaubten es auch nicht. Es gibt aber auch vernünftig denkende Herrschaften, die nichts dagegen haben, wenn ihre Mädchen ab und zu mal Besuch von ihren Angehörigen haben. Frau Möller hat uns mehrmals den Rat gegeben, doch nicht immer auszugehen, es koste doch soviel Stiefelsohlen und Hacken, und unsre Kleider ruinierten wir auch dabei; wir könnten uns doch an unserm Zeug im Schrank freuen, wenn alles hübsch ordentlich und sauber bleibe. Wir haben es ja auch versucht. Margret stellte sich dann vor den geöffneten Schrank, schlug die Hände vor Freude zusammen mit einer furchtbar komischen Gebärde und nahm jedes Kleidungsstück in die Hand und bewunderte es unter fortwährendem Hersagen von Lobsprüchen. Wie z.B.: »Ach mein schönes Kleid, wie freue ich mich, daß ich es habe, daß es hier so schön trocken im Schrank hängen kann, der Saum ist noch so rein und heil. Ich will mich immer dazu freuen. Ich will es auch garnicht tragen, damit es nicht verdirbt!« Auch die Stiefel wurden hergeholt. Sie streichelte zärtlich die heilen Sohlen und die geraden Hacken mit den Worten: »Wie bin ich doch glücklich, daß ich euch habe.« Auch ich wußte natürlich mein Wort dazuzureden und so haben wir dann unser Leid hinweggelacht, aber in gedämpftem Ton, denn lautes Lachen war ja verboten. Aber es genügte uns doch nicht, wir gingen doch lieber mal aus, wenn unser Zeug auch etwas darunter litt. Wer kann es uns verdenken, daß wir mit unsern 20 Jahren und unserm frohen Mut gern mal ausgehen mochten. Es waren ja nur einige Stunden von 71/2 bis 10 Uhr. Und ganz präzise mußten wir sein, nicht eine Minute später. Dann empfing uns der Herr mit Schelte und drohte, das nächste Mal die Tür zu schließen, dann könnten wir sehen, wo wir blieben. Oder er sagte auf Plattdeutsch: »Paß op, kümst noch mal to spät, lat dick i von'n Schutzmann halen.«[20] Die Polizeiwache war uns nämlich gerade gegenüber, und er machte uns gern damit bange. Er scherzte überhaupt oft, aber dann nur auf Plattdeutsch. Er sprach aber auch plattdeutsch, wenn er sehr böse war. So ärgerte er sich immer über unsre Milchleute, wenn die sich nur eine Sekunde länger in der Küche aufhielten, wie nötig war. Drei verschiedene junge Leute kamen bei uns, morgens kam Otto, mittags Heinrich und abends Peter. Jeder brachte ein kleines Quantum. Sie waren nämlich alle drei bei einem Herrn angestellt. Otto kam früh, wenn der Herr noch nicht fort war und einige Male hat er ihn ganz gehörig auf'n Schwung gebracht. Er hieß Otto Hieber, und Margret, die ja immer von Übermut geplagt war, begrüßte ihn dann: »Guten Morgen, mein lieber Hieber.« Trotzdem er uns schon oft gesagt, er könne diese Art von Begrüßung nicht leiden, tat Margret es gerade, und so kamen sie oft in Wortwechsel. Dadurch kam dann die Verzögerung, d.h. mehr wie eine Minute ist es nie gewesen. Der Herr stand in der ersten Etage mit der Uhr in der Hand (so erzählten uns die Geschäftsleute). Er wußte also ganz genau, wieviel Sekunden zur raschen Abfertigung gehörten. Überschritt es diese, so war etwas nicht in Ordnung, und bei solcher Gelegenheit hat er dann diesen armen Otto draußen einige Male abgefaßt. Die Küchentür war ziemlich weit in den Garten hinein und der Weg ging um ein großes Bosquett herum, so daß der Herr in der Zeit bequem die Pforte von der Haustür aus erreichen konnte, und hier an der Pforte kriegte er seine Strafpredigt. »Wat hest so lang in de Kök dahn? Du hest nix mit de Mäd'ns to snacken, versteist du mi? Passeert datt noch mal, bring ick di mit'n Stock rut.« So und ähnlich lautete sie. Von der Küche aus führten nämlich auch zwei Fenster nach der Straße, so daß wir alles hören konnten. Sehen ließen wir uns nicht. Wir standen hinter den Gardinen, und wütende Blicke sandte er nach unsern Fenstern. Über solche Aufzüge haben wir uns immer köstlich amüsiert. Heinrich war überhaupt ruhig, der kam zu einer Zeit, wenn[21] die Damen beim Frühstück saßen in einem nach hinten belegenen Zimmer, und der Herr war nicht anwesend. Mit dem anzubinden, hatte für uns keinen Reiz. Aber abends, wenn Peter kam, waren wir immer beide in der Küche mit dem Abwaschen beschäftigt. Peter, von Margret immer »mien söten Peter« genannt, war ein großer Witzbold. Wie nun sein Kollege Otto morgens die Zurechtweisung vom Herrn erhalten hatte, kommt »mien söten Peter« abends in einer eigentümlichen Verfassung bei uns an. An allen Gliedern bebend, ohne uns zu grüßen, ist er mit einem großen Schritt schon am Schrank, wo der Topf für die Milch schon immer bereit stand. Als er die Milch ausgegossen hat, mit einem ebenso großen Schritt wieder zur Tür hinaus, sich immer ängstlich nach allen Seiten umsehend. Sprachlos schauten wir dem »söten Peter« nach. An der Pforte angelangt, sandte er einen noch viel ängstlicheren Blick nach oben, zu den Fenstern der Herrschaft, und mit einer komischen Schnelligkeit die Pforte hinter sich zuziehend, atmete er erleichtert auf, die eine Hand aufs Herz legend. »Was ist nur mit unserm ?söten Peter??« sagte Margret. Na, wir kannten ihn ja gut genug, er markierte die Angst vor dem Herrn. So ging es einige Tage fort. Margret frug ihn: »Mien söten Peter«, was fehlt Ihnen eigentlich? Sagen Sie doch wenigstens guten Tag.« Er aber sandte nur einen furchtbar ängstlichen Blick nach oben und raus war er. Margret sann nun auf etwas anderes, um Peter zum Sprechen zu bringen. Am nächsten Tage stellte sie sich hinter die Tür, und sowie Peters Kopf zum Vorschein kam, nahm sie ihm seine Mütze ab und ging damit hinter den großen Küchentisch. Das Gesicht, was Peter darauf machte, bin ich kaum imstande zu beschreiben; aber komisch war es, furchtbar komisch. Die leere Milchkanne zwischen den gefalteten, hocherhobenen Händen, sagte er mit angsterfüllter, flehender Stimme: »Greten, mien Mütz.« »Erst hübsch guten Tag sagen,« bestand Margret. Aber: »Greten, mien Mütz,« war alles, was er sagte. Bis Margret sie ihm dann wieder hinwarf.[22] Lange durfte so ein Spaß nicht ausgedehnt werden; denn der Herr stand ja mit der Uhr in der Hand am Fenster. Am nächsten Tage hatte Peter seine Mütze krampfhaft unterm Arm und sagte immer: »Guten Tag, guten Tag«, und verschwand mit zitternden Gliedern. Es hat uns viel Spaß gemacht. So bei kleinem wurde unser Peter wieder normal und hat uns unter anderm denn auch erzählt, daß der Herr am Fenster gestanden und den Kopf geschüttelt in der Zeit, wie er die Angst markierte. Daß auch der das bemerkt hatte, hat uns noch vielmehr Spaß gemacht. Er hat aber nie etwas zu uns darüber gesagt. Amazon.de Widgets Nach einiger Zeit hatte Margret auf einem Spaziergang mit ihrer Schwester einen jungen Mann kennen gelernt, der sich sehr für das lustige, niedliche Mädchen interessierte. Da er sie den Abend bis vor die Pforte begleitet hatte, wußte er, wo sie war. Eines Abends hatte er einen hübschen Blumenstrauß vor unser Fenster gelegt, wie sie erst später von ihm erfuhr. Solange oben Licht gewesen (bis 10 Uhr) hätte er sich nicht in den Garten gewagt und dann habe die Pforte fürchterlich geknarrt. Nun war aber das Schlafzimmer der Fräulein Möller in der zweiten Etage nach vorn belegen und wird sie ja wahrscheinlich, durch das Knarren der Pforte aufmerksam geworden, den jungen Mann gesehen haben. Nachdem haben Margret und ich mehrere Male in der Nacht flüsternde Männerstimmen und schlürfende Schritte hinter unserm Fenster gehört, die nach dem Garten hin verhallten. Wir waren ängstlich und hatten schon beraten, ob wir es auch lieber der Herrschaft sagen wollten; denn was konnte es sein? Aber bevor wir unser Vorhaben ausgeführt hatten, wurden wir auf die Spur gebracht von einem Schutzmann. Der kam an die Tür und wünschte den Herrn zu sprechen. Margret frug ihn, ob sie es nicht bestellen könnte, der Herr würde erst in einer halben Stunde nach Hause kommen. »Ja,« sagte der Schutzmann, »sagen Sie nur dem Herrn, daß wir nichts Verdächtiges entdeckt hätten.« »Aber,« fügte er gleich hinzu, »ich muß doch wohl[23] wiederkommen; denn ich muß doch selbst mit dem Herrn sprechen.« Margret erzählte es mir und gleich dem Fräulein, die ihr dann antwortete, es wäre vor einiger Zeit abends nach 10 Uhr ein anständig gekleideter junger Mann durch den Garten gegangen und man könnte doch gar nicht wissen, was der im Schilde führte, er würde ja wahrscheinlich bei passender Gelegenheit einbrechen und stehlen wollen, und um dieses zu verhüten, hätte der Herr zwei Schutzleute jede Nacht im Garten postieren lassen. Nach der abgelaufenen halben Stunde kam der Herr nach Hause, und auch der Schutzmann stellte sich wieder ein. Sie verhandelten auf dem Flur, und Margret hörte unterm Treppenvorsprung alles mit an. Der Schutzmann wurde mit klingender Münze und dem Bescheid, bis auf weiteres noch immer nachts im Garten aufzupassen, entlassen. Margret hatte natürlich nichts Eiligeres zu tun, als ihrem Blumenspender eine Karte zu schreiben, er möchte um alles in der Welt nur keine Blumen abends in den Park bringen, da er in Gefahr käme, »verschüttet« zu werden. Die Schutzmänner hörten wir noch einigemal des Nachts; aber wir fürchteten uns nicht mehr, im Gegenteil, wir fühlten uns sehr geborgen. Eines Morgens, der Herr hatte schon sein lautes, anhaltendes Klingeln besorgt und ich das noch lautere Auf- und Zumachen der Tür, wir waren noch mit dem Ankleiden beschäftigt, als wir wieder die murmelnden Männerstimmen hörten. Ich blies schnell die Lampe wieder aus (es war im Spätherbst, wo es um 51/2 Uhr noch dunkel ist) machte das Fenster auf und frug in barschem Ton: »Wer da?« »Konstabler,« bekam ich zur Antwort. »Was wollen Sie denn hier?« sagte ich. »Sie stören uns immer im Schlaf und machen uns gruselig mit ihren murmelnden Stimmen und schlürfenden Tritten.« »Ja, Fräulein, wir sind von Herrn Möller beordert, im Garten aufzupassen; denn es ist hier ein verdächtiger junger Mann gesehen worden.« »Ach so, na bemühen Sie sich nur nicht weiter, Sie finden doch nichts, es war ja einer von unsern Verehrern, und der ist längst gewarnt.« »Siehste, August,«[24] meinte der eine Schutzmann zum andern, »ick habe dat ja gleich gesagt,« und lachend zogen sie ab. Wie Margret an diesem Morgen das Kaffeewasser hinaufbrachte, ging der Herr mit auf dem Rücken verschränkten Armen ungeduldig im Zimmer auf und ab. Das war immer ein Zeichen, daß er noch was zu sagen hatte. Als Margret das heiße Wasser in den Kessel gegossen hatte, stellte er sich vor sie hin und sagte: »Wat hebbt Ji denn all so frö för'n Unnerholung hatt?« Margret in ihrer kecken Art, sagte ihm, daß es Konstabler gewesen seien, die Doris mal ordentlich auf'n Schwung gebracht hätte, da sie uns immer in unsrer Ruhe störten. Er hat dann geknurrt: »verflixten Deerns«, und seine Wandrung fortgesetzt. Wir haben von da an keine Konstabler wieder in unserm Garten gehört; aber die Konstabler drohten uns noch oft mit dem Finger, wenn wir uns am Fenster blicken ließen. Die ganze Geschichte hat uns viel Spaß gemacht. Das Weihnachtsfest verlief sehr gut für uns. Die Herrschaften waren viel bei ihren verheirateten Kindern, und so konnten Margret und ich mal nach Herzenslust singen. Zumal wir mit unserm Weihnachten sehr zufrieden waren; denn wir waren noch nicht so verwöhnt wie heute die Mädchen. Wir bekamen abends auch Fisch, wenn auch keinen Karpfen, zu essen und sogar eine Flasche Mosel dazu. So ein großartiges Essen waren wir in diesem Hause ja garnicht gewohnt. Es ging natürlich vom Herrn aus. Das wußten wir gleich. »Die Madam,« sagte Margret, »hätte sich ja lieber den kleinen Finger abgebissen, als uns eine Flasche Wein gegeben.« Bald nach Weihnachten mußten wir nun ja an unsre Kündigung denken; denn kündigen wollten wir beide, das stand fest. Wir hatten keine Lust, im Sommer wurmstichiges Obst und verschimmeltes Gemüse zu essen und im Winter auf den Ofen zu kriechen, nur um nicht zu erfrieren. Mir wurde das Kündigen sehr schwer gemacht dadurch, daß Frau Möller mir mehrmals sagte, daß sie dächte, wir blieben noch recht lange[25] zusammen, da ich mich so gut in ihre Kochmanieren hineingearbeitet hätte. Ich hatte dann nicht den Mut, ihr das Gegenteil zu sagen. Am 1. Februar mußte es aber geschehen. Margret und ich saßen beim Frühstück, als Frau Möller zum Rausgeben herunter kam. Kurz entschlossen brachten wir unser Vorhaben vor. Daß sie einen Kopf so rot wie Feuer kriegen und uns mit furchtbar großen Augen anstieren würde, wußten wir im voraus. Sie blieb sogar einige Minuten sprachlos. Diese Zeit benutzte Margret, um zu verschwinden. »Ja,« meinte sie dann endlich, »Margret wollte ich doch auch kündigen; denn die ist in letzter Zeit sehr frech geworden; aber ich wollte dich behalten. Warum willst du denn fort? Besinn' dich bis morgen eines Bessern und bleibe, hörst du?« Am andern Tage war meine Gesinnung aber noch dieselbe. Ich wollte fort, und dabei blieb's. Von der Zeit an gab's wieder allerlei unangenehme Aufzüge. Nie erlaubte sie uns, daß wir uns einen Augenblick am Tage freimachten, um uns einer Herrschaft vorzustellen. Dazu hätten wir unsern freien Abend, sagte sie. Ich sagte ihr dann, daß es aber nicht immer abends so spät mehr paßte, und daß in acht Tagen ja auch die Stellung, die man in Aussicht hätte, meistens schon besetzt sei. Das wäre nicht ihre Sache, gab sie mir kurz zur Antwort und fügte noch hinzu: »Schickt mir nur ja keine Dame auf die Tür zum Zeugnisholen. Ich kann nur von euch sagen, daß ihr frech seid und weiter nichts.« »Sie scheinen das achte Gebot nicht zu kennen,« entgegnete ich ihr, »das da heißt: ?Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider Deinen Nächsten!? und falsch wäre es, wenn sie nur das von uns sagen würde. Ich rate Ihnen, das nicht zu tun. Übrigens haben Sie selbst uns immer in die Lage versetzt, ?frech? werden zu müssen, wie eben auch jetzt. Sie haben uns zu scharfer Entgegnung gereizt.« »Solches mir zu sagen, geht über die Hutschnur,« meinte sie. »Wie so manches andre noch mehr hier im Hause,« vollendete ich den Satz. An diesem Tage hielt sie sich nicht lange auf in der Küche. Komischerweise brauchten[26] Margret und ich beide kein Zeugnis. Margret kam zu Herrschaften, die mit den Herrschaften ihrer Schwester bekannt waren und die mieteten sie auf deren Auskunft. Ich wurde von unserm Krämer bei einer Herrschaft empfohlen, die mich auf dessen Aussage hin nahm. Daß meine zukünftige Herrschaft mir sehr zusprach, konnte ich nicht sagen; aber ich mußte schon zufrieden sein, ohne Schererei mit Frau Möller Stellung erhalten zu haben. Nach längerer Zeit frug Frau Möller, ob wir schon Stellung hätten. Wir sagten ja. Aber sie wollte nun auch gern wissen, wo? Wir sagten ihr auch das. Obgleich, wenn wir »frech« sein wollten, wir ihr eine ganz andre Antwort gegeben hätten; denn sie hatte ja nichts dazu getan. Es schien sie auch sehr zu wundern, daß wir ohne ihr Zutun gemietet waren. Einige Tage später frug der Herr mich: »Na, du kömmst nach Frau Sparr?« »Ja,« antwortete ich. »Na, mien Deern, denn kümst du na 'n schönen Satan hen, dat kann ick di seggen, de kenn ick.« Es war gerade nicht angenehm für mich, solches zu hören. Ich stellte den Krämer noch darüber zur Rede, der machte mir wieder Mut. Am meisten tat mir bei diesem Wechsel leid, daß ich mich von Margret trennen mußte. Wir hatten Freundschaft geschlossen und waren uns innig zugetan. Ihr frisches, muntres Wesen half uns über manches Unangenehme weg. Unser »söter Peter« war auch garnicht mit unserm Weggehen einverstanden. Am letzten Tage haben wir uns noch sehr über ihn amüsiert. Unter Schluchzen und Weinen nahm er Abschied von uns und drückte immer wieder sein rotes Taschentuch an seine Augen und versicherte uns, er würde sterben vor Sehnsucht. Das konnte er so lebenstreu machen, als wenn er es wirklich so meinte. Wir kannten ihn besser. Er war ein Komiker durch und durch. An der Pforte zog er nochmals sein Taschentuch, drückte es an die Augen und ließ es dann hoch erhoben wie ein Banner in den Lüften wehen, so lange wir ihn sehen konnten. Wir haben gelacht, bis uns die Backen weh taten. O, schöne Jugendzeit! Man sollte sie keinem jungen Leben verkümmern! Der erste Tag im[27] Monat Mai sollte uns zu unsrer neuen Herrschaft bringen. Grünmann und Brotmann waren bestellt zur bestimmten Zeit, um unsre Sachen zu befördern; denn Margret und ich wollten nicht nacheinander, sondern miteinander das »stille« Haus verlassen. 
 IV. Teil.  [94] Meine neue Dienstherrschaft bestand aus Herr und Dame, einer 18jährigen Tochter und zwei Söhnen im Alter von 16 und 14 Jahren. Hier wurde sehr gut gekocht, feiner als bei Nielsons, überhaupt herrschte hier ein anderer Ton, wie soll ich mich ausdrücken, nicht unfreundlich, aber formell, steif würde der Hamburger sagen. Die Arbeit war ganz korrekt eingeteilt. Ich hatte nicht viel Hausarbeit, aber im Kochen wurde mehr von mir verlangt, nicht nur täglich, sondern auch viele Gesellschaften wurden gegeben, kleinere und auch große. Bis zu 25?26 Personen waren es meistens und die besorgten das Kleinmädchen (welches sehr tüchtig war) und ich alleine. Es war nicht so leicht; denn es war gewöhnlich ein sehr kompliziert zusammengesetztes Diner, 4?5 Gänge waren es wenigstens. Uns machte es aber selbst Spaß, wenn alles klappte. Frau Dähn kam gewöhnlich gleich nach Tisch zu uns in die Küche und sprach ihre Zufriedenheit aus, auch der Herr beglückte uns häufig mit einer Flasche Wein, ja einmal, als ganz besondere Ansprüche an unsere Künste gestellt waren und alles gut gelungen war, kam der Herr schmunzelnd zu uns und brachte nicht nur eine Flasche Wein, sondern legte auch für jede einen Taler auf den Tisch. Auf unseren Dank erwiderte er: »Nein, nein, keinen Dank, Sie haben es heute sauer verdient.« Auf Essen und Trinken wurde überhaupt großes Gewicht gelegt, ja es schien ihnen die Hauptsache zu sein; denn ein nicht gelungenes Gericht konnte ihnen für den ganzen Nachmittag die Laune verderben, und ganz besonders ließ der Herr sie schießen, indem er dann furchtbar mit den Türen knallte; aber auch bei jeder andern Widerwärtigkeit war dies seine Manier. Zuerst war's mir unangenehm, aber wie ich erst merkte, daß die kleinste, unbedeutendste Ursache ihn in Harnisch setzte, lachte man darüber. Häufig backte ich einen großen Klöben, der immer sehr gut geriet. Nun hatte ich einmal die Priese Salz daran vergessen, und der Herr war der erste, der es schmeckte. Da der Klöben 8 Tage ungefähr[95] vorhielt, hatte er auch 8 Tage schlechte Laune, und die Türen hatten was auszuhalten. Na, über eine solche Gereiztheit konnte man doch lachen, mir taten nur seine Angehörigen leid; vor uns ließ er sich in solchen Perioden nicht sehen. Ob er wohl selbst die Lächerlichkeit einsah und sich schämte? Denn wir haben es mehrfach erlebt, daß er einer Begegnung mit uns auswich, indem er sich hinter irgend eine Tür verbarg, bis wir vorüber waren. Die Dame, etwas burschikos veranlagt, hatte auch ihre Eigenarten (wer hat sie wohl nicht?), war aber sonst im ganzen recht verträglich. Unsympathisch war mir der älteste Sohn, woran dies lag, weiß ich selbst nicht. Seine Augen hatten einen unsteten, stechenden Blick, seine Gesichtsfarbe war grau und verlebt, und da er immer graue Anzüge trug, nannten wir ihn »den Griesen«, d.h. Grauen. Er wurde Kaufmann; der jüngere wollte die Landwirtschaft erlernen, sein ganzes Wesen sowie Äußere paßte gut dazu. Er war ein gutmütiger Junge, mit klaren blauen Augen und einem graden Sinn. Die Tochter, eine hübsche Blondine, war sehr nett; es fehlte ihr aber die jugendliche Frische, alles was sie tat, sah schüchtern und gezwungen aus. Bald aber verlobte sie sich mit einem jungen Kaufmann, und das Glück wirkte sehr vorteilhaft. Sie wurde gesprächiger, und in allen ihren Bewegungen elastischer. Nun gab's eine heiße Zeit. Diners, Soupers und Frühstücksbesuche wechselten miteinander ab. Dann kamen Näherin, Schneiderin und Stickerin ins Haus, um die pompöse Aussteuer anzufertigen. Die Damen fuhren zur Stadt und kauften ein, und der Herr mußte »berappen«; aber sonderbarer Weise war er fast immer bei guter Laune, das Geldausgeben schien ihn nicht zu drücken; es galt ja auch, seinem Liebling ein warmes Nest zu bauen. Amazon.de Widgets Meine liebe Freundin, die Kinderfrau, und auch das Kleinmädchen von Nielsons besuchten mich öfter. Frau Nielson hatte gesagt, auf dieser Stelle würde ich kein Jahr aushalten; denn die Leute wären für sehr komisch und eigenartig bekannt, und[96] da ich in den dreieinhalb Jahren in der Behandlung bei ihnen sehr verwöhnt sei würde es mir natürlich hier nicht gefallen. Sie konnte sich beruhigen; ihre Freundlichkeit war ja nicht immer echt gewesen, nach einer solchen hatte ich kein Verlangen. Übrigens stand ich mich sehr gut mit meiner jetzigen Herrschaft. Ich tat hier, sowie bei ihr, meine Pflicht, und das wurde gewürdigt, natürlich haben auch wir manche Meinungsverschiedenheit ausgefochten. So meinte eines Tages Frau Dähn zu mir, sie hätte es mir schon immer sagen wollen, daß der Herr wünsche, wir nehmen keinen Besuch für uns an; es wäre doch immer sehr störend. »Gut«, sagte ich, »wollen Sie dann dem Herrn sagen, daß ich am nächsten Ersten meinen Dienst verlasse; ich habe keine Lust, in Gefangenschaft zu leben.« Am andern Morgen sagte sie mir, so schlimm hätte es der Herr nicht gemeint, es möchte nur nicht so oft vorkommen. Ich konnte ihr darauf erwidern, daß sie es selbst wisse, daß dies auch nicht der Fall sei und daß, wenn wirklich mal Besuche kurz aufeinander folgten, sie dadurch keinen Abbruch litten; denn unseren Pflichten kämen wir trotzdem nach. Seitdem ist nie wieder ein Wort über unsere Besuche gefallen. Ein ander Mal war es über mein Nachhausekommen. Ich hatte eine Schwester weit draußen auf dem Hamburger Landgebiet wohnen, und deshalb war es mir nicht immer möglich, so ganz präzise, wie gewünscht wurde, zu erscheinen, zumal nur alle 20 Minuten Bahnverbindung war, und die Bahn am Sonntag abend leicht besetzt war. Ein paar Mal war es geglückt, dann war ich mal 10 Minuten zu spät gekommen. Na, die Türen waren aber im Gange, wie ich kam! Ich wußte gleich, warum. Am andern Morgen entschuldigte ich mich; aber es wurde mir gesagt, daß es nie wieder vorkommen dürfe; denn dem Herrn ginge die Hausordnung über alles. Ich sagte ihr, daß ich eine gesunde Hausordnung auch sehr nett fände und ich sie bisher doch auch noch nie verletzt hätte. Wenns aber mal nicht zu ändern sei, könnte ich doch nicht mehr, als mich entschuldigen, und dies[97] wäre schon gerade Strafe genug für die 10 Minuten. Sie könne nichts dazu sagen, erwiderte sie, sie wüßte nur ganz bestimmt, daß der Herr das nächste Mal die Tür verschließen würde, und ich könne dann bis zum andern Morgen bleiben, wo es mir beliebe. Das hätte er schon bei mehreren Dienstboten so gemacht. Ich erwiderte ihr, daß er es bei mir nicht nötig haben solle, ich verließe lieber einen Dienst, wo mir dergleichen geboten würde. Mit hochrotem, in den Nacken geworfenem Kopf verließ sie mich. (Das Kleinmädchen pflegte immer zu sagen: »Se smitt den'n Kopp in de Eck.«) Den darauffolgenden Morgen kam der Herr in höchsteigener Person in mein Kochrevier und machte wieder gut, was er angerichtet. Er entschuldigte sich, es wäre ein Irrtum seinerseits gewesen; er hätte geglaubt, es wäre das Kleinmädchen gewesen, und die wäre schon mehreremal recht spät gekommen; von mir wisse er, daß ich aus guter Familie stamme und in guter Gesellschaft meine freie Zeit verbringe, und er hoffe sehr, daß ich meine Kündigung rückgängig mache, seine Frau wäre ganz unglücklich darüber. Vorerst erbat ich eine bessere Beurteilung meiner Kollegin; denn ich kannte sie gut genug, um zu wissen, daß sie ein sehr gutes, ordentliches Mädchen war, trotz ihres öfteren Zuspätkommens. Dann sagte ich ihm, daß es beim alten bleiben könne unter der Bedingung, wenn ich, wenns sich nicht anders einrichten ließe, auch mal etwas später als 1/211 Uhr kommen dürfe, und er war damit einverstanden. So war der Frieden wieder hergestellt. Leider ging meine Kollegin bald fort; sie kam ins Eppendorfer Krankenhaus, um die Krankenpflege zu erlernen und später als Privatschwester zu fungieren. Ihre Nachfolgerin war das Gegenteil von ihr. Ihre Eltern sollten in einem Villenviertel wohnen und sie wollte nur aus »Vergnügen« in Stellung gegangen sein (wahrlich, ein sehr sonderbares Vergnügen). Sie besaß alle Eigenschaften, die nur ein schlechter Mensch haben kann; sie war faul, diebisch, lügenhaft, unordentlich sondergleichen.[98] Na, wir brauchten sie gottlob nicht lange mehr; denn die Tochter verheiratete sich, der älteste Sohn kam in ein überseeisches Geschäft, und der jüngste Sproß kam auf ein mecklenburgisches Gut. Herr und Frau Dähn bezogen eine elegante Etage, und ich übernahm, außer den groben Arbeiten, wozu ich eine Frau erhielt, die Versorgung des Hausstandes allein. Ob ich mir zu viel zugemutet hatte? Meine immer noch kranken, geschwollenen Beine, die ich von der Krankheit bei Nielsons durch Überanstrengung zurückbehalten hatte, machten sich unangenehm bemerkbar, auch meine Füße schwollen des Abends an, und besonders die Adern traten dick hervor. Nun hatte ich mich einmal ganz geringfügig mit kochendem Wasser verbrannt und dadurch wohl eine Ader blosgelegt, die blutete ohne Aufhören. Schließlich wurde ich denn doch ängstlich und teilte es meiner Dame mit, die mir dann auch gleich einen Notverband anlegte und zum Krankenkassenarzt schickte. Der kam, sah aber die Sache ganz leicht an und versicherte immer wieder meiner Herrschaft, daß sie nicht zu befürchten hätte, daß ich meine Arbeit nicht verrichten könne, in ein paar Tagen sei alles wieder gut. Er verband es mir und meinte dann lächelnd: »So, mein Kind, nun gehen Sie man an Ihre Arbeit.« Mit der Dame hörte ich ihn noch länger in sehr liebenswürdiger Unterhaltung, und die meinte auch nach seinem Fortgehn, daß es ja ein äußerst netter Arzt wäre, der Krankenkassenarzt. Ich konnte ihr ja beipflichten; aber merkwürdiger Weise habe ich ihn nie wieder so nett in seiner Sprechstunde gefunden. Im Gegenteil, es war mir ein Rätsel, wie dieser unfreundliche Herr derselbe sein sollte, der in Gegenwart der Dame so »nett« und freundlich schien. Na, mir konnte es gleich sein, wenn er nur meinen Fuß wieder gesund machte; aber damit haperte es sehr. Wie ich mich am folgenden Tage vorstellte, meiste er kurz: »Der Verband sitzt ja wunderschön; kommen Sie man in 3?4 Tagen wieder.« Auf meine Erwiderung, daß ich aber ziemliche Schmerzen verspüre, gab er mir kurz zur Antwort: »Das kann wohl so schlimm nicht[99] sein; also wie ich Ihnen gesagt habe.« Und damit war ich entlassen. Niedergeschlagen ob einer solchen Behandlung ging ich an meine Arbeit; aber es wollte nicht so recht gehen, die Schmerzen wurden immer heftiger, und der Gedanke wollte mich nicht verlassen: »Was sind wir Dienstboten doch für elende Geschöpfe, daß wir uns behandeln lassen müssen beim Krankenkassenarzt.« Die Nacht schlief ich nicht vor Schmerzen und noch mehr graute mir vor'm Aufstehn. So gern ich wollte, ich konnte meine Hausarbeit an diesem Tage nicht verrichten und mußte mich wieder zum unfreundlichen Arzt begeben. Mürrisch frug er, was ich denn schon wieder wolle, er hätte mir doch gesagt, daß ich erst in einigen Tagen wieder zu kommen brauche. Ich ersuchte ihn höflichst, einmal meinen Fuß zu untersuchen, da ich es vor Schmerzen nicht länger ertrage und er mir ja strengstens verboten habe, den Verband zu entfernen. Etwas verdutzt ob meiner Kühnheit sah er mich an und knurrte was von Einbildung und dergleichen. Dann riß er unwirsch den Verband herunter; aber sein Gesicht nahm einen sehr ernsten Ausdruck an, wie er sah, was er angerichtet hatte. Die ganze Oberfläche des Fußes bildete eine Wunde. Er erklärte mir, daß er meinen Fuß mit Jodoform verbunden habe und ich dieses offenbar nicht vertragen könne, was er aber nicht hätte wissen können. Auf meine Bemerkung, wenn es Personen gebe, die Jodoform nicht vertragen, es doch wohl seine Pflicht gewesen wäre, am vorherigen Tage nachzusehen, da ich ihm von meinen Schmerzen Mitteilung gemacht hätte, zuckte er die Achsel und meinte: »Ja, mein Kind, ich konnte es auch nicht wissen, daß es so schlimm werden konnte. Es bleibt Ihnen jetzt nichts anderes übrig, als so bald wie möglich ins Krankenhaus zu gehen. Ich werde Ihnen einen Schein ausschreiben und noch heut vor 4 Uhr müssen Sie hingehen.« ? Ins Krankenhaus! O, wie mir davor graute! Auch meiner Herrschaft kam diese Nachricht sehr ungelegen; sie mußte doch Ersatz haben. Amazon.de Widgets Im Krankenhaus waren die Ärzte viel netter, wie ich mir[100] vorgestellt hatte. Ich wurde untersucht, und es wurde konstatiert, daß eine Jodoform-Vergiftung vorläge; auch wurde mir geraten, mich einer Krampf adern-Operation zu unterziehen, da es für meinen Gesundheitszustand förderlich sei. So hatte ich denn nach einigen Tagen eine sehr schmerzhafte Operation ohne jegliche Betäubung überstanden. Die Ärzte lobten mich ob meines Verhaltens während der Operation, waren überhaupt freundlich, was sehr wohltuend wirkte. Über die Wärterinnen könnte ich noch manches schreiben, Gutes, aber viel mehr noch Mißbilligendes. Meine Genesung ging ziemlich schnell von statten, obgleich die Krankenpflegerin, entgegen der Anordnung des Arztes, nur einmal meinen Verband wechselte, und mindestens zweimal am Tage sollte es geschehen. Einmal war der Verband sehr flüchtig des Morgens (nach der Visite) angelegt und wurde mir infolgedessen recht unbequem. Ich bat des Mittags die Wärterin, mich zu behandeln, bekam aber die Antwort, heute habe sie so wie so viel zu tun, es wäre sonst auch schon mehreremale mit einem Verband am Tage gegangen und müßte heute auch so gehen. Die Abendvisite des Arztes fiel an diesem Tage aus, das wird sie gewußt haben, und am anderen Morgen mußte ich vor der Visite den Verband entfernen. Ich hatte die Nacht nicht geschlafen, da der Verband hin und her schob und mir Schmerzen verursachte. Der Arzt wunderte sich, daß ich fieberte, da ich doch schon längere Zeit ohne Fieber gewesen war. Ich wußte ja, woher es kam und ich hätte sprechen sollen; aber meine Leidensgefährtin, eine alte Frau, im Nebenbett hatte mich gebeten, doch nichts dem Arzt zu sagen, denn dann bekäme die Wärterin einen »Anschnauzer« und sie würde mehrere Tage einen »Koller« haben, wo wir alle darunter zu leiden hätten. Auch die alte, dicke Badefrau erdreistete sich allerlei, was gewiß nichts mit ihrem Beruf zu tun hatte. Mir hat sie immer nur all die schönen Handarbeiten gezeigt, die ihr die Kranken aus »Dankbarkeit«, schenkten, und mir erzählt, wie viel Sophie aus[101] Nr. 8, und Frau Schmidt aus Nr. 11. Fräulein Meier aus Nr. 15 ihr beim Verlassen des Krankenhauses an Trinkgeld gegeben hätten. Ich hatte nur ein paar lose Groschen mit ins Krankenhaus genommen; denn meine lieben Verwandten sorgten für alles, was ich gern hatte und das Essen war auskömmlich und gut, und so hatte ich denn schon beschlossen, meine paar Groschen auch der Badefrau beim letzten Bad zu geben. Wenn ich auch gerade nicht einsah, wofür, so wollte ich mich doch der Mode anschließen. Absichtlich hatte ich ihr den Tag meines Weggehens verschwiegen, um den falschen Schmeicheleien zu entgehen. Der Arzt hielt sich an diesem Tage länger in unserem Saal auf wie sonst, und es war Vorschrift, daß keine Patientin den Saal während des Besuches verlassen durfte. Nun kam ich 10 Minuten später, um mein Bad zu nehmen; aber da kam ich schön an. Die »Fee« dieses Raumes schimpfte in einem fort. Was das für eine Wirtschaft sei, und ich hätte mich nach ihr zu richten, und sie nicht nach mir, ich wäre doch keine Prinzessin, für die sie nur alleine da wäre usw. Ich sagte ihr, daß ich ja gerne auf das Bad verzichten wolle, aber davon wollte sie nichts wissen; sie schien doch zu fürchten, der Arzt könnte es erfahren. Im übrigen beruhigte ich sie und sagte ihr, daß ich noch heute das Krankenhaus verlassen würde und ihr somit keine Gelegenheit wieder gebe sich über mich zu ärgern. Das hatte sie nicht erwartet und so fing sie denn auch sofort wieder mit ihren widerlichen plumpen Schmeicheleien an. Aber es half ihr nichts; ich nahm beim Verlassen des Bades die für sie bestimmten Groschen im Strumpf wieder mit. Amazon.de Widgets Nachdem ich noch 8 Tage bei meiner Schwester zur Erholung gewesen war, ging ich wieder zu Dähns, die mein Wiederkommen mit Freuden begrüßten. ? Frau Nielsons Prophezeihung, ich würde kein Jahr bei den sonderbaren Menschen aushalten, ist nicht in Erfüllung gegangen. 51/2 Jahr habe ich bei Dähns meine Pflicht getan, treu und ehrlich, das bezeugen meine Abgangspapiere, und ich wäre wohl noch viel länger dort gewesen, wenn[102] ich mich nicht verheiratet hätte. Schon am letzten Weihnachtfeste hatten Dähns mich mit einem sehr schönen Eßservis überrascht, und bei meinem Fortgehen überreichten sie mir als Hochzeitsgeschenk zwei silberne Löffel und zwei silberne Forken mit unsern Namen eingraviert; ich war sehr erfreut und verließ mit aufrichtigem Dankesgefühl das Haus. Allen lieben Mitmenschen, die gezwungen sind, ihr Brot an anderer Leute Tisch zu essen, möchte ich zurufen: Tut immer eure Pflicht, voll und ganz; aber dann verteidigt euch auch, wo es nottut. Ende.[103] 
 II. Teil.  [28] Das erste Jahr hatte ich hinter mir, ich hoffte von dem kommenden besseres. Ob meine Hoffnung in Erfüllung ging, mußte die Zeit lehren. Ich mußte viel an Herrn Möllers Äußerung denken: »Dat ist en Satan«; aber bange machen gilt nicht, dachte ich, nur mit frischem Mut angefangen. In diesem Hause wurde ein Diener gehalten zur Aufwartung des Herrn, das war mir schon bei meiner Vorstellung von den Damen gesagt worden. Von den Damen sage ich; es war eine alte Dame, die Frau des Hauses, und eine jüngere, die Schwiegertochter da, welche zusammen den Haushalt führten. Der Diener war vom Herbst her schon in diesem Hause, wie er mir bald nach meiner Ankunft erzählte und wäre wohl die längste Zeit hier gewesen, fügte er gleich hinzu. »Warum denn?« frug ich, »hat man's hier denn nicht gut?« »O gewiß,« sagte er, »ich will nichts gesagt haben, aber erleben werden Sie hier noch allerlei.« »Wir haben auch vor ein paar Tagen ein neues Kleinmädchen bekommen,« erzählte er weiter, »sie wird gleich runter kommen, dann können wir zusammen Abendbrot essen. Für mich wird es die höchste Zeit; denn ich muß um 10 Uhr den Herrn zu Bette bringen.« »Den Herrn zu Bett bringen?« fragte ich. »Ja, wissen sie das denn garnicht, daß der Herr gelähmt ist und auch im Kopf nicht recht richtig ist?« »Nein,« sagte ich, »das hat mir keiner erzählt.« »Na,« fuhr er fort, »und bei ihr rappelts auch häufig.« »Schöne Aussichten!« denke ich. Das Kleinmädchen, Käthe, war ein kleines, zierliches, müde aussehendes Mädchen, den Kopf voll brauner Löckchen. Teilnahmsvoll fragte ich sie, ob sie müde sei. »Ach ja,« antwortete[28] sie, »man kommt hier ja auch den ganzen Tag nicht zur Ruh,« und müde ließ sie sich auf einen Stuhl nieder, um Abendbrot zu essen, aber eben hatte sie den ersten Bissen im Mund, da klingelte es. »Einmal, zweimal,« zählte sie und sprang schon wieder auf und ging nach oben. Das kleine Ding, sie tat mir leid, sie schien noch sehr jung zu sein und war auch wohl bleichsüchtig. Sie kam gleich wieder herunter, mit einem Gläschen in der Hand, das oben vergessen worden war. »Ja,« klagte sie, »so geht's hier immer, um jede Kleinigkeit muß man die Treppen steigen und das macht mich so müde.« »O, das kömmt noch besser,« meinte der Diener, »passen Sie mal auf, wenn die Alte ihre Umstände hat, dann bekommt sie auf'n Kopf einen Eisbeutel, auf'n Leib einen warmen Kleibeutel und an die Füße eine Wärmeflasche. Für's erste hab ich aufzukommen, für den Kleibeutel die Köchin und für die Wärmflasche das Kleinmädchen. Dann rennen wir uns auf den etwas schmalen Treppen fast um.« Wir lachten über den Witz und dachten: »So schlimm wird's wohl nicht werden.« Von mir wurde an diesem Abend nichts mehr verlangt, aber das arme, kleine müde Kleinmädchen mußte noch einige Male noch oben. Gern hätte ich ihr ja einen Gang abgenommen, aber ich war fremd und kannte nicht die Verhältnisse dieses Hauses. Endlich, so um 1/212 Uhr, konnten wir zur Ruhe gehn. Meine Kollegin war nicht sehr gesprächig, überhaupt auch nicht sonderlich freundlich zu mir. Ich verdachte es ihr weiter nicht; es war wohl mehr ihrer Müdigkeit zuzuschreiben. Ich fragte auch nichts mehr, hatte schon genug gesehen und gehört, was mir zu denken gab. Wer selbst in Stellung ist, oder gewesen ist, kann es mit mir empfinden, wie ungemütlich der erste Tag bei einer neuen Dienstherrschaft ist. Am andern Morgen mußte ich in diesem Haushalt den Kaffee bereiten. Käthe zeigte mir eine gefüllte Kaffeedose und bemerkte dabei: »Nur recht kräftig den Kaffee machen, so sind die Herrschaften ihn gewohnt.« Na, das wollte ich schon besorgen, wenn[29] ich nur was hatte dazu. Es war aber nicht so einfach, wie man sich das denkt, das Kaffeetrinken in diesem Hause. Für zwei Personen wurde im Eßzimmer gedeckt, Käte hatte dieses zu besorgen. Dann hatte ich ein Teebrett in Ordnung zu machen für den Herrn, welches um 7 Uhr von Heinrich, so hieß der Diener, geholt wurde. Auf dieses Teebrett mußte eine kleine gefüllte Kaffeekanne, ein kleiner Rahmguß und ein kleines Zuckertöpfchen, natürlich auch gefüllt, eine Tasse und ein Teller mit geschmierten Butterbrötchen gestellt werden. Das zweite Teebrett, etwas größer, wurde ein wenig später von Käthe nach oben getragen und war für die beiden Damen bestimmt. Auf dieses Brett mußte ich Kaffeekanne, Rahmguß und Zuckertöpfchen von etwas größerem Umfange setzen, dazu zwei Tassen und statt der geschmierten Brötchen ein silbernes Brotkörbchen mit Rundstücken und Schwarzbrot, eine Butterglocke mit Butter, zwei Teller und zwei Messer. »So, nun wäre also der dritte Kaffeetisch gedeckt,« dachte ich. Wie wurde es hier doch so ganz anders gehandhabt, als bei Möllers. Da habe ich nichts vom Kaffeeservieren gesehen noch gehört. Im Eßzimmer tranken die zwei Töchter der Schwiegertochter Kaffee, ein junges Mädchen von 18 Jahren und ein jüngeres von 12 Jahren. Die letztere mußte ja zur Schule, sonst würde die auch am liebsten im Bett ihren Kaffee trinken, so bequem und faul sei sie, sagte mir Käthe. Nur von der 18jährigen jungen Dame sprach sie mit Ehrfurcht und Verehrung. Auch mein Herz eroberte sie im Sturm, wie sie zu uns in die Küche kam. Ihr Wesen war einfach und fein. Sie bot uns einen freundlichen Morgengruß und sagte wahrheitsgetreu, sie wäre nur herunter gekommen, um die neue Köchin mal zu sehen. Bei diesen Worten nickte sie mir zu. Sie hatte wundervolles blondes Haar, einen Teint wie Milch und Blut, frische rote Lippen und herrliche Veilchenaugen. Ich hatte noch nie so viel Schönheit in einem Gesicht vereint gesehen. Sie fragte mich, ob's mir recht sei, wenn sie ab und[30] zu mal beim Kochen helfe, sie möchte es so gerne lernen. Ich bejahte die Frage, dann verschwand sie mit dem Bemerken: »Großmama und Mama werden gleich herunter kommen.« So war es auch. Auch diese Damen waren nett zu mir. Die jüngere Dame trug den Schlüsselkorb, und Frau Sparr das Kochbuch. Hier wurde es nicht so knapp bemessen, wie bei Möllers, das merkte ich sofort. Auch Nachtisch sollte es hier fast immer geben, hatte Frau Sparr mir beim Vermieten gesagt. Ich hatte ihr aber gleich geantwortet, daß ich darin schlecht bewandert sei, weil es bei Möllers so selten solche Leckerbissen gab, daß ich aber große Lust hätte, auch dieses zu lernen. Zu diesem Zweck brachte sie das Kochbuch mit. »In diesem Buche stehen so viel schöne Rezepte,« sagte sie zu mir, »wenn Sie die erst alle bereiten können, sind sie eine perfekte Köchin.« Es wurde ein leicht zu bereitender kalter Pudding für heute ausgesucht. »Lesen Sie das Rezept nur einige Male über, damit Sie wissen, wie es gemacht wird; wir nehmen das Kochbuch immer gerne gleich wieder mit nach oben,« sagte sie. Das war schade, ich dachte es stände mir zur Verfügung. Für heute wurde ich auch ohne Kochbuch fertig, aber es konnte doch auch mal anders sein. Frau Sparr sagte mir näher Bescheid über die Fleischspeise und Suppe, wie es bereitet werden sollte. »Nicht wahr, Gustchen?« endete sie fast jeden Satz, zu ihrer Schwiegertochter gewendet. »Ja, Mamachen, wie du meinst«, oder: »Mir ist es recht, Muttchen« antwortete diese, das »chen« spielte eine große Rolle. Wo es nur angewendet werden konnte, wurde es angewendet. Wie liebenswürdig sich das anhörte »Ach, was ich noch sagen wollte,« kam sie nochmal zurück, »wir mögen den Namen Doris garnicht leiden, das klingt ja so altfränkisch. Wir werden Sie Dora nennen, das hört sich ja viel netter an.« Ob ich damit einverstanden war, wurde nicht gefragt. Nun war ja ein früherer Wunsch erfüllt, Dora statt Doris genannt zu werden. Damals war ich 14 Jahre alt, dann hat man ja noch recht törichte Wünsche. Ich hielt einen regen Briefwechsel mit meinem Bruder, welcher damals schon[31] Lehrer in Hamburg war, auf dessen Wunsch, damit ich mich im Rechtschreiben übte. Die Fehler teilte er mir im nächsten Briefe mit und schrieb mir dann, wie es richtig heißen müßte. Es war dankenswert von ihm. Einen solchen Brief an meinen Bruder hatte ich mit »Dora« unterzeichnet, ich hoffte ja, er würde mich nun auch fortan mit Dora anreden, aber er tat es nicht ohne Zugabe. Die Anrede in den Briefen von meinem Bruder lauteten von da an: »Liebe Dora! (früher genannt Doris)!, bis ich denn wieder meinen ursprünglichen Namen schrieb. Mit meinen 21 Jahren dachte ich schon anders darüber. Nun war ich ohne meinen Wunsch eine ?Dora? geworden.« Hier gab's gutes und reichliches Essen, ja hier schien Essen und Trinken die Hauptrolle zu spielen. Obgleich schon um 3 Uhr zu Mittag gegessen wurde, mußte es um 11 Uhr ein warmes Frühstück geben. Ich hatte es natürlich zu besorgen, auch mußte ich recht viele Hausarbeit machen, daß es mir manchmal unmöglich schien, mit allem fertig zu werden. Das Schlimmste war, sie ließen uns nie in Ruhe unsre Arbeit machen. Zehnmal und mehr wurde man abgerufen, um dieses oder jenes zu besorgen, und nachher wunderten sie sich, daß wir noch so weit zurück mit unsrer Arbeit waren. Ich mußte z.B. jeden Morgen das große 12 jährige Mädchen an die Bahn bringen, welche 10 Minuten Weges von unserm Hause entfernt war, weil das kleine Fräulein den Weg alleine so »langweilig« fand; am liebsten hätte sie auch gesehen, daß wir sie wieder abholten, aber um die Zeit konnte keine abkommen. Käthe hatte es ja zuerst getan, sie konnte aber wirklich nicht zu der Zeit mit ihrer Arbeit fertig werden und ließ sie dann einfach liegen. Das sollte aber ja auch nicht sein und schließlich wurde denn beschlossen, daß »Hennichen« alleine nach Hause kommen mußte. Hennichen paßte überhaupt schlecht auf sie, denn sie war für ihr Alter sehr groß und dick; der Diener nannte sie immer »unser Elefantenküken«, fügte auch häufig hinzu, daß es einen nicht zu wundern brauche, wenn sie so dick würde, denn[32] die und ihr Großpapa äßen ja wie »so'n paar Scheunendrescher«. Der alte Herr war auch sehr dick, zum großen Leidwesen des Dieners, denn der mußte sich mit ihm abplagen; etwas gehen konnte er noch, wenn er kräftig gestützt wurde. Der Diener mußte ihn im Sommer jeden Tag eine Stunde spazieren führen, im Winter in einem Rollwagen fahren, und er wußte uns immer allerlei zu erzählen nach seiner Rückkehr von den komischen Einfällen des Herrn. So hat er eines Tages nicht am Postamt vorbei wollen, ein andermal mußte er mit ihm eine Zeit lang hinter einem Mädchen in hellen Kleidern herlaufen, weil er behauptete, das wäre »unsre Dora« und er wollte wissen, wohin sie ging; er ließ sich schwer von seinen Ideen abbringen. Seine Taschentücher mußte ich waschen, obgleich sonst alles, außer der Wollwäsche, nach dem Bleicher kam; er nahm aber kein Taschentuch an, das beim Bleicher gewaschen war, »das hat Dora nicht gewaschen«, mit diesen Worten warf er es beständig wieder weg, wahrscheinlich konnte er es ja riechen, da die Behandlung der Wäsche beim Bleicher ganz anders ist. Ich wurde darob natürlich immer weidlich geneckt von Käthe und Heinrich. Käthe war überhaupt nicht gut angeschrieben bei ihm, sie konnte ihn nicht leiden und war deshalb wohl nicht sehr freundlich zu ihm. Sie glaubte immer, er stelle sich nur krank, und er war doch wirklich nicht normal, wenigstens nicht immer. Wenn er dann mal irgend etwas von ihr wünschte, gab sie keine Antwort. Dann wurde er sehr böse und nannte sie nur Kathrin und das ärgerte sie, daß ihr schöner Name von ihm so verdreht wurde. So lebten die beiden immer wie Katze und Hund. Ich war vernünftiger und sah in ihm nur den kranken Mann, wenn es irgend angängig war, ging ich auf seine sonderbaren Wünsche ein; so kam ich ganz gut mit ihm aus. Aber später habe ich manchmal gewünscht, ich stände weniger in seiner Gunst; denn ich mußte manches verrichten, was sonst Käthe zugekommen wäre, wenn der Diener mal ausgegangen war. Aber dann sagte er bei jeder Gelegenheit: »Nein, die Kathrin soll es mir nicht bringen, Dora[33] soll es bringen, oder Dora soll es tun,« und ich hatte so wie so sehr viel um die Ohren, denn alle paar Stunden wollten die Herrschaften irgend etwas genießen, das ich als Köchin natürlich bereiten mußte. Wenn es einmal klingelte, war ich gemeint, wenn zweimal das Kleinmädchen und dreimal kurz aufeinander der Diener. Ich durfte auf mein Zeichen erst mal am Sprachrohr anfragen, was beliebte; Kleinmädchen und Diener mußten gleich nach oben stürzen; wie manches Mal nur um eine Bagatelle. Am Sprachrohr mußte ich fragen: Was ist beliebt? So wünschten es die Damen. Bekam ich dann keine Antwort, mußte ich mich nach oben verfügen, nun hatte ich aber sehr häufig etwas am Herd zu tun, was kein langes Davongehen vertragen konnte, wenigstens mußte ich es erst zurücknehmen, um es vor Überkochen und Anbrennen zu sichern, denn die Konferenz dehnte sich da oben mitunter sehr lange aus. Dann hatte es aber den Damen zu lange gedauert, es klingelte noch mal laut und anhaltend und womöglich noch einmal, ehe ich bei ihnen eintrat. Ungnädig mit bösen Blicken wurde ich empfangen. »Mein Gott, wo stecken Sie denn?« das war meistens die Anrede. Entschuldigungen meinerseits wurden nicht angenommen, »leere Ausreden,« nannte sie sie. Oft ist es vorgekommen, daß sie mich dann gerade immer wieder an dem Tage nach oben kommen ließ um nichts. Sie bemerkte dann höhnisch hinter mir her: »Seh'n Sie wohl, wie gut Sie abkommen können!« So jagten sie uns unnütz müde. Die kleine Käthe war am schlimmsten dran; wie haben sie sie gequält mit dem fortwährenden treppauf und treppab! Dann beklagten sie sich über ihre unfreundlichen Launen. Daß sie müde und abgespannt war, schienen sie nicht zu bemerken oder wollten es nicht merken. Der Diener war ein vergnügter 23jähriger junger Mann; er war im Herbst vom Soldatenstand frei geworden, hatte bei den Wandsbecker Husaren gestanden und wußte uns manchen lustigen Schwank zu berichten. Es half über vieles hinweg. Er[34] war aber nur selten unten beschäftigt, denn der Herr nahm ihn meistens in Anspruch. Abends von 9?10 Uhr war er aber unten, wir sollten dann zusammen Abendbrot essen, und er hatte allerlei Vorkehrungen für die Nacht zu treffen; u.a. mußte auch noch ein Teebrett voll Eßwaren und kalter Kaffee nach oben; denn der Herr schlief die Nächte schlecht und dann aß er zum Zeitvertreib. Ob der Diener seine Ruhe bekam, was frugen diese Menschen danach. Auch uns im Keller ließ der Herr keine Ruhe. Über seinem Bette war eine Klingel angebracht, welche unten klingelte; die sollte er benutzen, wenn er mittags ausgeschlafen hatte, damit, wenn der Diener grade unten war, er ihn dadurch nach oben rufen konnte. Diese Klingel setzte er mitunter ganze Nächte mit nur kurzen Unterbrechungen in Bewegung. Ich beklagte mich darob bei Frau Sparr und bat, die Klingel doch für die Nacht abzustellen, denn wir müßten doch auch Schlaf haben. Spät wurde es so wie so schon immer, ehe wir uns zur Ruhe begeben konnten, vor 12 Uhr nie, sehr oft 1/21 und 1 Uhr. Aber was antwortete sie mir? »Was fällt Ihnen ein? Zum Abstellen sind die Klingeln nicht da, sondern zum Klingeln. Wenn der Herr klingelt, wird er auch Wünsche haben und die sollen zu jeder Zeit respektiert werden.« Ich erwiderte, daß doch dazu der Diener bei ihm im Zimmer schliefe und er doch eine Glocke auf dem Nachtschrank hätte, um den zu wecken. »Na ja, er vergreift sich mal,« gab sie zurück, »stellen Sie sich nur nicht so an.« Die Frau war immer recht gewöhnlich in ihren Ausdrücken, Bildung schien sie überhaupt nicht zu besitzen, und eine bitterböse Zunge hatte sie. Sie konnte einen zur Verzweiflung bringen mit ihren spitzen Redensarten und falschen Verdächtigungen. Sie war es auch, die es kurz nach diesem anordnete, ich möchte doch von nun an jede Nacht um 2 Uhr dem Herrn eine frische Tasse Kaffee kochen, er möchte den kalten nicht und aufgewärmten erst garnicht. Ich sehe sie verwundert an und bemerke, daß ich aber wirklich nicht garantieren könne, daß ich immer aufwachen würde. »O«, gab sie in ihrem[35] gewöhnlichen höhnischen Ton zurück, »dafür lassen Sie mich nur sorgen, ich werde Sie schon wach kriegen.« »Nicht wahr, Gustchen?« wendete sie sich ihrer Schwiegertochter zu. Gustchen bestätigte mit Kopfnicken. Vierzehn Tage lang habe ich es getan, dann habe ich gestreikt. Auf meine Vorstellungen, daß ich es wirklich nicht auf die Länge aushalten würde, wenn ich so wenig Schlaf bekäme, gab sie mir zur Antwort: »Sie sind ja dick und fett, Sie halten es schon aus. Ich wünsche es so und dem Herrn ist's auch lieber, daß er frischen Kaffee bekommt.« Sie hatte bis dahin Recht behalten, sie hatte mich mit ihrem lauten anhaltenden Klingeln wunderbar gut aus dem Schlaf gekriegt, obgleich ich manches Mal der Versuchung, einfach liegen zu bleiben, kaum widerstehen konnte. Ich war dann gar zu müde, wo ich mich eben vor einer Stunde abgearbeitet niedergelegt hatte und dann auch noch oft das fortwährende Klingeln des Herrn anhören mußte. An diesem Abend sagte ich dem Diener Bescheid, er möchte doch so gut sein und den kleinen Spritofen mit nach oben nehmen, um den Kaffee des Herrn in der Nacht etwas anzuwärmen, ich würde nicht aufstehen und keinen frischen Kaffee hinaufbringen. Er fand es sehr richtig von mir, daß ich endlich mal dem Unwesen, wie er es nannte, energisch entgegentrat. Denn der Herr war es garnicht gewesen, der den Kaffee warm oder frisch gemacht verlangt hatte, sondern gerade die »Alte« hatte es ihm eingeredet. »Nicht wahr, Männchen, der alte kalte Kaffee schmeckt Dir garnicht des Nachts? Dora kann aufstehn und Dir immer eine frische Tasse Kaffee machen, das kann sie gerne um den alten kranken Herrn tun, Johannischen. Ich werd's ihr heute sagen.« Der Herr hat dann noch gemeint, daß man es doch wohl nicht verlangen könne. »Ach was,« hat sie gesagt, »wofür bezahlt man denn seine Domestiken.« Herr Möller hatte Recht, der Satan regte sich häufig in ihr. Der schien ihr sogar nachts keine Ruhe zu lassen; denn der Diener wußte zu erzählen, daß sie oben wie ein Gespenst umherspuke, oftmals gucke sie ins Zimmer des Herrn, und die Treppen[36] steige sie häufig hinauf und hinunter. Ich hatte sie bis jetzt nicht bemerkt, aber diese Nacht, wie ich nicht wach werden wollte, erschien sie plötzlich wie ein Geist in unserm Zimmer, in langwallenden weißen Nachtgewändern mit aufgelöstem Haar. Mich rüttelte sie an den Schultern grade nicht sanft. »Aufstehn! Aufstehn! Für den Herrn Kaffee machen!« rief sie einigemal hintereinander; ich überlegte noch, was wohl am besten wäre, ihr ins Gesicht zu springen, auch wie ein Geist, oder weiter verschlafen zu tun. Ich wählte das letztere. Aber es half nicht, ich mußte doch schließlich wohl aufwachen, aber aufstehen wollte ich nicht, das hatte ich mir fest vorgenommen. So frug ich denn, was sie von mir wünsche. »Das frägt das Mädchen noch,« rief sie, »aufstehen sollen Sie und Kaffee bereiten für den Herrn.« »Nein, Frau Sparr,« sagte ich, »ich habe Ihnen gestern schon gesagt, daß ich es künftighin nicht mehr könne. Ich stehe nicht auf, denn ich bin eben erst zur Ruhe gegangen und muß morgens um 6 Uhr wieder anfangen zu arbeiten. Übrigens ist Kaffee oben, und Heinrich will ihn für den Herrn gern etwas anwärmen.« Bei diesen Worten hatte ich mich doch aufrecht hingesetzt; denn ich befürchtete wirklich, sie würde mir »ein paar runterhaun,« wie der Hamburger sagt und da wollte ich doch selbst mit dabei sein. Na, es ging eben gut, sie ließ die geballte Faust wieder sinken. Sie mochte wohl daran gedacht haben, daß ich ja nicht allein im Zimmer war und daß Käthe meine Partei genommen hätte, denn die hatte es auch durchaus nicht gut auf sie, weil sie sie den ganzen Tag quälte, und so hätte sie wohl den kürzeren gezogen »bei der Keilerei« meinte Heinrich später, dem die Geschichte natürlich sehr viel Spaß gemacht hatte. Solche bodenlose Frechheit wäre ihr noch nicht vorgekommen, mit diesen Worten fegte sie schnaubend aus dem Zimmer. Schon wieder mal »frech« dachte ich, man wurde es bald gewohnt, daß einem bei jeder Meinungsverschiedenheit diese Eigenschaft zudiktiert wurde, und ich habe oft darüber nachgedacht nach solchen Szenen, ob ich mich denn[37] ohne Veranlassung so frech betragen hätte. Mit ruhigem Gewissen konnte ich nein sagen. Ich wollte nur »menschlich« behandelt werden, und dieses Recht wird einem Dienstboten leider nur zu oft gänzlich abgesprochen. Ich tröstete mich auch wie meine Schwester, die jetzt eine sehr gute Herrschaft hatte, aber auch hier in Hamburg das Gegenteil kennen gelernt hatte. Auch sie war mit dieser schmeichelhaften Eigenschaft belegt worden, und ich wußte gewiß, daß sie nichts weniger als frech war. Einen Fall muß ich doch noch einschalten, er ist zu komisch. Es war meiner Schwester von ihrer Dame befohlen worden, beim Bettenmachen immer eine weiße, saubere Schürze vorzutun. Dieser Befehl war ja auch nicht schwer ausführbar, und sie hat ihn auch befolgt. Aber eines Tages sind die reinen weißen Schürzen ausgegangen, und sie bindet sich statt deren eine reine blaue Schürze vor. Die Dame sieht es, meine Schwester bittet um Entschuldigung, aber mit hocherhobenen gefalteten Händen, den Blick gen Himmel gewandt, fleht sie: »Herr Gott, hilf mir, die Frechheit dieses Mädchens ertragen!« Was findet man nun frecher, Gott um eine solche Lappalie anrufen oder die blaue Schürze vorzubinden? Amazon.de Widgets An Schlaf war in dieser Nacht meinerseits nicht viel mehr zu denken. Solche Auftritte reizten mich mehr auf, als ich zugestehen wollte. Ich fing an, »Nerven« zu bekommen, was mir bis dahin ein unbekanntes Etwas gewesen war. Statt um 6 wurde ich diesen Morgen um 5 Uhr geweckt. Ich wußte, ein bitterböser Tag würde folgen. Um 6 Uhr verlangten die Damen Kaffee nach oben, der natürlich nicht taugte, er kam wieder runter; es mußte nochmal frischer gemacht werden, der auch nicht viel besser schmeckte. Aber leider hätte sie ja eine Köchin, die keinen vernünftigen Kaffee bereiten könne; so und ähnlich gings den ganzen Tag. Viele Beleidigungen habe ich einstecken müssen. Ob sie dachte, sie kriegte mich dadurch mürbe? Dann irrte sie sich sehr, mit Güte hätte sie mehr erreicht. Die folgende Nacht erprobte sie meinen Sinn in dieser Hinsicht. Sie klingelte wieder um 2 Uhr[38] aber ich kümmerte mich nicht darum, und unsere Stubentüre hatte ich verschlossen, um einem nächtlichen Überfall vorzubeugen. Wieder mußte ich des Morgens darauf um 5 Uhr aufstehn, zum letztenmal dachte ich bei mir. Ich nahm mir vor, der Dame auseinander zu setzen, daß mau nicht nötig habe, vor sechs Uhr an die Arbeit zu gehn. Mit Schelten wurde ich den Morgen begrüßt. »Heillose Wirtschaft,« »Faulenzereien« und dergleichen mehr regnete man so auf mich herab, das heißt mein Name wurde nicht genannt, aber ich mußte es mir zuziehn, denn ich war allein da. Ich kam überhaupt nicht zu Wort, aber aufgestanden bin ich nicht wieder um fünf Uhr, und die Damen haben sich dran gewöhnen müssen, ich habe natürlich manches bittere, niederträchtige Wort hinnehmen müssen. Dieselben Auftritte gab's mit Käte und Heinrich, aber mit jedem zu einer andern Zeit. Wenn sie's auf den einen nicht gut hatte, waren die andern Hahn im Korb, das war das widerwärtigste. Sie schien dann von uns zu erwarten, daß wir mit über den Verurteilten herrissen; damit hatte sie aber kein Glück. Ich fühlte mich unglücklich in dieser Umgebung und schrieb in diesem Sinne an meine liebe Mutter, ob sie es nicht auch meinte, daß ich am 1. August wieder kündigen solle, um am 1. November fort zu können. Wohlweislich hatten sie mich auf vierteljährliche Kündigung gemietet und ich hatte es mir vorreden lassen. Käthe und der Diener waren schlauer gewesen, die waren auf monatliche Kündigung. Meine Mutter schrieb mir wieder, daß es doch gar keinen guten Eindruck mache, wenn ich mit einem halben Jahre schon wieder wechseln wollte, so schlimm wäre es doch wohl nicht, ich möchte doch ihr zu Liebe ein Jahr aushalten. Was wußte meine gute Mutter von Hamburger Verhältnissen und schlechten Herrschaften? Sie meinte es gut mit mir, das wußte ich, und ich wollte sie nicht betrüben, so sagte ich nichts am 1. August. Merkwürdiger Weise war es in letzter Zeit auch ganz gut gegangen. Frau Sparr benahm sich erträglich, wir atmeten ordentlich erleichtert[39] auf. Der Diener freilich traute dem Frieden nicht. »Das ist man bloß so lange Sie noch kündigen können, nachher geht der Krieg wieder an,« sagte er zu mir. Bei der vorherigen Köchin hatte sie es ebenso gemacht, die war dann plötzlich erkrankt und mußte ins Krankenhaus, weil ihr vor Ärger die Galle übergelaufen war. So lächerlich sich das anhörte, wunderte ich mich doch nicht sonderlich darüber, denn ich wußte am besten, daß es bei dieser niederträchtigen Behandlung sehr gut angehen konnte. Heinrich wollte fort, er spürte keine Lust, sich hier noch länger schikanieren zu lassen. Nur alle drei Wochen ungefähr hatte er einen freien Abend, konnte zwischen 6 und 1/27 Uhr fortgehen und sollte um 1/211 Uhr wieder zu Hause sein. Das war er aber nur selten und dann war das Malheur groß. Präzise 1/211 Uhr wurde geklingelt; auf meine Frage am Sprachrohr: »Was ist beliebt, Frau Sparr?« rief sie: »Ist Heinrich noch nicht da?« Nein, Heinrich war noch nicht da. Dieses wurde alle 5 Minuten wiederholt. Dieselbe Frage, dieselbe Antwort. Schließlich brachten die Damen den Herrn zu Bett und mir wurde aufgetragen, möglichst schnell meine Arbeit fertig zu machen und dann beim Herrn zu wachen, bis der Diener käme, denn sie, die Damen, mußten doch zur Ruhe gehen. »Ich bin schon todmüde«, oder: »ich bin ganz ab, ich kann nicht mehr«, das waren die Worte gewöhnlich. Ob ich müde oder ab war, wurde nicht erwogen. Ich mußte nach oben kommen und mich im Zimmer neben dem Schlafgemach des Herrn aufs Sofa setzen und warten, bis der Diener, kam und es wurde mitunter sehr spät, 2?3 Uhr nachts. Von den Damen wurde mir dann eingepaukt, wie ich mich gegen den Herrn zu verhalten hätte. Ich solle mich nur hinlegen zum Schlafen und brauche nicht gleich hinzugehen, wenn er riefe, das täte er im Schlaf; ich möchte ihn nur beruhigen, wenn er gar zu laut würde, im schlimmsten Falle wären sie ja auch nebenan. Das erstemal überlief mich eine Gänsehaut bei dem Gedanken, mit dem verrückten Mann in der Nacht allein zu sein; daß er gelähmt war,[40] war mir ein Trost. Was eine Hamburger Köchin nicht alles muß! Aber was tut man nicht, alles des lieben Friedens wegen! Kaum hatten sich die Damen zurückgezogen und ich mir's auf dem Sofa bequem gemacht, fing der Herr schon an zu rufen: »Heinrich, Heinrich!« Erst ganz leise, dann immer lauter, immer lauter, bis er zuletzt fast schrie. Ich fühlte mich verpflichtet, ihn zu steuern und sagte dann in begütigendem Ton: »Herr Sparr, Heinrich ist nicht da und Sie müssen nun ruhig sein und schlafen.« Aber nun fing er an, auf den Diener zu schimpfen: »Der Schweinigel, der Lump, der Treulose, laß ihn sich mal wieder vor mir sehen! Ich dreh' ihm das Genick um.« Mir wurde wirklich ängstlich, obgleich ich wußte, er konnte sich nicht rühren. Aber konnte es nicht angehen, daß er plötzlich die Kraft hatte, um aufzuspringen? Von wahnsinnigen Leuten hatte ich schon so ähnliches gehört und gelesen. Mit solchen schrecklichen Geschichten quälte ich mich, und langsam strichen die nächtlichen Stunden dahin. Der Herr rief fortwährend abwechselnd nach Heinrich oder mir. Schließlich rief er nur noch meinen Namen, wie immer erst ganz leise anfangend, dann immer lauter, zuletzt mit dem Zusatz: »Kommen Sie mal her, ich will Ihnen was sagen.« Ich sagte ihm, ich käme nicht und wenn er nicht gleich still wäre, würde ich Frau Sparr, rufen. »Was, meine Frau wollen Sie rufen? Ja, laß die Kanalje man kommen, die kriegt ihre Belohnung. Nein, Sie sollen kommen, ich habe Ihnen was wichtiges zu sagen betreffs Heinrich und dann erst kann ich ruhig schlafen; also kommen Sie hier her vor mein Bett, ich befehle es Ihnen.« Hu, mir pochte mein Herz zum Zerspringen! Was sollte ich tun? Die Damen wecken? Da würde ich Schelte bekommen, ich wußte das. Ich nahm mir ein Herz und stellte mich in die Tür zum Zimmer des Herrn und frug dann scheinbar ganz gelassen, was er mir denn zu sagen hätte. »Sie müssen mir versprechen,« fing er an, »den Heinrich, den Schweinhund, nicht herein zu lassen, wenn er kömmt. Ich will ihn nicht wieder sehen, den treulosen Buben.« Ich versprach[41] es ihm natürlich und dachte dabei: »Wenn er doch nur erst käme, daß ich erlöst bin.« Der Herr wurde wirklich etwas ruhiger. »Nicht den Heinrich reinlassen, nein nicht reinlassen,« die Worte sagte er alle Augenblicke noch vor sich hin. Endlich gegen 3 Uhr kam der Diener; ich hatte nichts Eiligeres zu tun, als ihm die Tür zu öffnen, obgleich Herrn Sparrs Worte hinter mir ertönten: »Nicht einlassen, Dora, nicht einlassen!« Allzu freundlicher Empfang wurde ihm nicht zuteil, meinerseits nicht und oben bei seinem Herrn wohl erst recht nicht. Ich sagte ihm schon, der Herr sei sehr böse auf ihn. »Ha,« meinte er, »ich pfeif darauf; dem stopf ich mit Brot und Kaffee den Mund; das müssen Sie mal hören, wie ruhig er dann wird, und Sie kriegen morgen eine Flasche Wein von mir, ganz gewiß.« Damit stieg er die Treppen hinan. Ich beneidete ihn um sein leichtes Gemüt, wie viel besser kam er in diesem ungemütlichen Wirrwarr fort. So ähnliche Nächte habe ich öfter durchmachen müssen. Auch Frau Sparr war oft krank. Es war dann ein Leben im Hause, kaum zu ertragen. Was es eigentlich war, weiß ich nicht. Der Diener behauptete, sie und die Schwiegertochter hätten dann vorher Streit gehabt. Der artete eben so aus, wie ihre Liebenswürdigkeit in guten Tagen. Es war eben alles unnatürlich bei diesen Leuten. Die 12 jährige Tochter hat uns mal gesagt, daß ihre Großmama dann zu viel Morphium genommen hätte, das sie immer zur Beruhigung ihrer Nerven einnehmen müsse. Ein Arzt wurde merkwürdiger Weise nicht zu Rate gezogen. Der Diener sagte ganz einfach: »De Olsch hätt ehr Umstän'n« dann wußten wir Bescheid; dann kam die Zeit, wo Eisbeutel, Wärmflasche und Kleibeutel in Funktion traten. Der Diener hatte nicht zu viel gesagt, als er uns erzählte, daß alle drei Teile zu gleicher Zeit in Anwendung kommen. Es war so und außerdem mußte ich zweimal den Tag Frau Sparr durch Massage Erleichterung verschaffen, sogar manchesmal auch ihr Schlafzimmer säubern, denn die Käthe wäre ihr zu laut. Meine Arbeit blieb natürlich[42] dadurch sehr zurück. Ich mußte sehen, wie ich fertig wurde; denn es war dann ja fast alle 10 Minuten irgend etwas zum Essen und Trinken zu besorgen für die Kranke. Einmal hieß es: »Machen Sie doch für Frau Sparr ein Täßchen Kaffee und geben Sie ein recht appetitliches Butterbrötchen bei.« Nach einer Weile: »Frau Sparr schmeckt es garnicht, bereiten Sie ein schönes Täßchen Tee und belegen Sie das Brötchen mit einem pflaumenweich gekochten Ei und Sardellen. Sollten keine Sardellen mehr in der Speisekammer sein, dann müssen Sie sich selbst welche holen, denn Käthe kann hier oben nicht abkommen. Aber bitte, recht schleunig!« So ging's den ganzen Tag. Von morgens früh bis abends spät gingen die Teebretter vollbepackt nach oben und kamen leer wieder runter, trotz des Nichtschmeckens. Auch unsere »Heilapparate« waren nie so, wie sie sein sollten; der Kleibeutel war zu kalt, die Wärmflasche zu heiß und der Eisbeutel war mit zu großen Eisstücken gefüllt, der drückte. Das nächste Mal war's vielleicht umgekehrt, etwas fehlte immer dran. Mancher »Segen« ist durchs Sprachrohr auf mein Haupt niedergegangen. »Sie haben's gut,« meinte Käthe, »Sie brauchen bei der Schelte ihnen doch nicht immer Aug in Aug gegenüberzustehen.« Sie konnte sich nicht recht verteidigen, ließ sich allerlei Grobheiten sagen, die sie wirklich nicht verdient hatte, dafür trug sie aber Tagelang nach, gab unfreundliche, knappe Antworten, sie »maulte« und wurde deswegen von der Herrschaft als launenhaft bezeichnet. Wie kam auch wohl ein Dienstmädchen dazu, sich gekränkt zu fühlen? Der vergnügte Heinrich war fort, statt dessen hatten wir einen 40jährigen Junggesellen ins Haus bekommen. Er sah elend und krank aus, gab sich allerdings alle erdenkliche Mühe, munter und heiter zu erscheinen, aber er war den Strapazen und Aufregungen, deren es hier reichlich gab, nicht gewachsen. Der Arzt riet ihm, sich möglichst viel zu schonen. Schonen gab's in diesem Hause aber nicht. »Schonen und schinden wird beides[43] mit ein und demselben Anfangsbuchstaben geschrieben,« bemerkte Georg, so hieß der jetzige Diener. Der Herr hatte ihn ganz gerne um sich, bildete sich aber ein, er könne ihn die Treppen nicht allein hinaufbringen und wünschte, Dora möchte ihn an der andern Seite unterhaken, dann wird's schon gehen. Ich mußte wieder aushelfen; die Treppe erwies sich aber für uns drei zu schmal und der Herr ordnete an, Georg möchte von hinten etwas nachschieben und so ging's denn nach oben; ich den Herrn fest untergehakt, meine freie Hand von seiner Hand umklammert und der Diener mit gespreizten Händen auf dem Rücken des Herrn. Ein schönes Bild, nicht wahr? Wenn die Damen nicht in Sicht waren, gewann es noch dadurch, daß Georg dann eine Hand auf meinen Rücken legte. Wenn ich ihm sagte, er möchte doch den Unsinn lassen, dann meinte er: »Na, man muß hier jede Gelegenheit beim Schopfe nehmen und Unsinn machen, damit man das Lachen nicht ganz verlernt.« Er hatte nicht ganz Unrecht, meistens waren wir mißmutig, selten nur waren wir zum Lachen aufgelegt. Es gab immer etwas Neues, was uns bedrückte. Eines Tages hatte Frau Sparr mich zur Post geschickt; ich sollte 30 Mark aufgeben. Wie ich zurückkam, war Frau Sparr in der Speisekammer und gab Bier und Wein aus für den Tag. Das lag verschlossen hinter Gitterverschlag. Ich gab ihr die Postquittung und damit war ja die Sache für mich erledigt. Sie ging auch gleich darauf nach oben. Nach geraumer Zeit werde ich ans Sprachrohr gerufen: »Sagen Sie mal, warum haben Sie die Postquittung nicht abgeliefert?« hallt mir entgegen, »so was besorgt man gleich, bringen Sie sie mir sofort nach oben!« Ich erwiderte, daß ich die Quittung ihr doch gleich gegeben hätte, beim Weinschrank hätte sie sie in Empfang genommen. »I bewahre« gab sie zurück, »das würde ich doch wissen, ich bin doch nicht verrückt.« Und ich auch nicht, dachte ich, sagte es aber nicht, sondern wollte mal nachsehen, ob der Zettel in der Speisekammer wäre. Ich suchte aber vergeblich, den Schein fand ich nicht. Im[44] Begriffe nach oben zu gehen und Frau Sparr darüber Bescheid zu sagen, kommt sie schon herunter gestürzt, überhäuft mich mit Beleidigungen schlimmster Art: das Geld hätte ich natürlich nicht abgeliefert, ich sollt es nur gestehen, denn sie würde es doch gleich herausbekommen, das Fräulein wäre schon zur Post geschickt, um sich zu erkundigen. Sprachlos stand ich da, ich wußte nicht, wie mir geschah, mich als gemeine Diebin schelten lassen, es war doch fürchterlich! Das junge Mädchen kam auch bald von der Post zurück und sagte ihrer Großmama, es wäre alles in Ordnung. »Ach was,« fiel sie ihr ins Wort, »was sollt es in Ordnung sein, ich hab den Schein nicht, wer weiß, wie das zusammenhängt« und immer noch anzügliche Redensarten hervorstoßend, stieg sie die Treppen hinab. Das junge Mädchen warf mir noch einen mitleidsvollen Blick zu und folgte ihrer Großmama. Auch sie hatte viel zu leiden unter den Launen ihrer Stiefmutter und ihrer Großmutter. Oft sah man sie mit verweinten Augen umhergehen. Ich blieb mit meinem Kummer und der durch diesen Zwischenfall angehäuften Arbeit zurück. Nur der Mensch, der in seinem Leben immer ehrlich gewesen und so grob verdächtigt wird, kann mir nachfühlen, wie mir zu Mute war. Gegen Abend mußte das Fräulein noch etwas aus der Speisekammer holen, bei dieser Gelegenheit fand sie in einem Schrank verschlossen den Postschein. Sie kam in die Küche, sichtlich sehr erfreut, und zeigte mir den Schein. »Nur gut, Dora, daß er sich wieder gefunden hat, nicht wahr? Nun beruhigen Sie sich auch man wieder. Großmama ist ja immer gleich so aufgeregt, ich habe keinen Augenblick an Ihrer Ehrlichkeit gezweifelt.« Diese Worte und auch die Tatsache, daß der Schein sich gefunden, taten mir ja allerdings wohl, aber sie nahmen das bittere Empfinden nicht von mir. Mancher Leser wird sagen: warum ist sie nicht gegangen und hat sich ihr Recht anderswo gesucht? Auch ich selbst frage mich heute: Warum bliebst du nach diesem? Ja, heute ist nicht damals, ich war jung, wußte, daß ich meinen Unterhalt verdienen mußte, und was würde meine[45] gute, alte Mutter dazu sagen (die ihre Kinder so streng reell erzogen hatte), daß ihre Tochter aus der Stellung gelaufen wäre. Die Leute vom Lande fassen so etwas noch viel schlimmer auf. Nein, Kummer wollte ich meinem Mütterchen nicht bereiten. Es hieß also: aushalten. Ich erwartete nun bestimmt, ans Sprachrohr gerufen zu werden, wo man wir mitteilte, der Irrtum hätte sich herausgestellt, aber nichts davon! Noch nie war mir die Arbeit bis spät in die Nacht so schwer gefallen, wie heute, und mit kummervollem Herzen suchte ich mein Lager auf. Lange, lange habe ich gelegen und geweint, dann fing ich an, zu überlegen, wie ich in weniger auffälliger Weise so bald als möglich aus diesem Hause kommen könne und beschloß endlich, so lange zu hungern, bis sie mich krank nach dem Krankenhause bringen mußten. Mit diesem Entschluß, mit dick geschwollenen Augen und rasendem Kopfweh ging ich am andern Morgen an meine Arbeit. Im Stillen hoffte ich immer noch, Frau Sparr würde einsehen, daß sie mir Unrecht getan und würde diesen Umstand wenigstens erwähnen, aber vergeblich, sie fegte in ihrer fahrigen Art an mir vorbei und würdigte mich keines Blickes. Ich konnt's nicht aushalten, ich frug denn: »Haben Sie mir denn nichts zu sagen?« »Was sollt ich Ihnen denn zu sagen haben?« gab sie in ihrem verletzenden Tone zurück. »Sie könnten doch wenigstens Ihren Irrtum von gestern eingestehen,« sagte ich. Ein wegwerfendes »Pah« war alles, was sie darauf zu erwidern hatte. Zwei volle Tage habe ich gehungert, aber am dritten Tag konnt ich nicht widerstehen. Ich nahm meinen Kaffee und Brot in gewohnter Weise wieder zu mir. Es ist nicht so leicht, wenn man genug Eßbares um sich herum hat, sich selbst zum Hungern zu verurteilen und das Urteil wirklich zu vollstrecken. Ein andermal, als es mir wieder unmöglich schien, noch länger bei diesen Leuten auszuhalten, habe ich eine halbe Flasche Essig getrunken. Elend genug habe ich mich danach befunden, aber doch nicht krank genug, daß ich fort mußte. Ich wollte ja[46] durchaus kein simulierender Kranker sein, ich wollte wirklich vom Arzt krank befunden werden. Dann kam auch mal eine Zeit, wo ich mir vornahm, meine Pflicht ganz zu tun, und alles übrige Ungemach ruhig über mich ergehen zu lassen. Aber es wurde uns sehr schwer gemacht, ein derartiges Vorhaben auszuführen. Je ruhiger und gelassener wir die unverdienten Vorwürfe und Schelte hinnahmen, je gereizter war Frau Sparr. Sogar ihre Schwiegertochter wurde aufgestachelt gegen uns; es ist mir wenigstens so vorgekommen, als wenn sie es nicht immer aus eigener Überzeugung tat, wenn sie uns »zurechtsetzte«, wie Frau Sparr es nannte. Sie war wohl abhängig von ihren Schwiegereltern und mußte besonders der »lieben« Schwiegermutter gut zur Hand gehen, um nur einigermaßen in Gutem mit ihr durchzukommen. Es ging manchmal auch bei ihnen hoch her. Eines Morgens, es war wohl so um 1/27 Uhr, kam der Diener in die Küche, um den Kaffee für seinen Herrn zu holen. Er sieht aus dem Fenster, welches der Tür gerade gegenüber lag. »Was kommt denn da für eine Gestalt durch den Garten?« sagte er zu mir gewandt, »kommen Sie doch schnell mal her, Dora!« »Na, wer sollt es sein,« sagte ich, »es wird der Gärtner sein, der oft schon früh hier ist,« geh aber doch bei diesen Worten ans Fenster, und was seh ich? Frau Sparr mit aufgelöstem Haar, die Füße in großen weichen Latschen und den Körper in einen grauen Schlafrock gehüllt. Ehe wir uns noch von unserm Schreck erholt hatten, trat sie bei uns ein, setzte sich seufzend auf einen Stuhl und bat mich, ihr doch schnell eine Tasse Kaffee zu geben; denn sie hätte eine schreckliche Nacht hinter sich, seit 2 Uhr hätte sie im Hühnerstall zugebracht, es hätte sie nicht länger in der Nähe der Undankbaren da oben gelitten. Die »Undankbare« war natürlich die Schwiegertochter. Sie schalt und schimpfte ohne Aufhören über diese weiter, kein gutes Haar blieb an ihr. Den Kaffee, den ich ihr vorgesetzt, trank sie gierig hinunter, sie mochte ja auch frieren, denn es war im Herbst.[47] Es dauerte nicht lange, da kam die Schwiegertochter, fiel der Schwiegermutter um den Hals und bat fortwährend um Verzeihung. Ich habe mich entfernt, ich wollte nicht indiskret sein und im übrigen sind mir solche Rührszenen von Personen, bei denen es nicht vom Herzen kommt, zuwider. Sie hatten sich dann bald nach oben begeben, und der Diener und Käthe wußten den ganzen Tag nicht genug zu erzählen von den Liebenswürdigkeiten der beiden Damen zu einander. Das Küssen und Umarmen nahm kein Ende. »So lange wie's dauert,« sagte der Diener. Wir wußten, der Frieden hielt nicht lange an. Niemals habe ich diese Menschen ihres Reichtums wegen beneidet, das Schönste, was es gibt auf dieser Welt: den Frieden im Hause, den hatten sie nicht. Alles, was uns zugute kam, wurde so eingerichtet, daß es andere bewundern konnten. So mußte z.B. unser Tisch des Mittags vorschriftsmäßig vom Kleinmädchen gedeckt werden. Es durfte nichts fehlen, der Diener bekam seine Flasche Bier, Frau Sparr packte uns eigenhändig jeden Tag eine Fruchtschale mit allen Früchten, die es grade gab. Wir aßen mit versilberten Forken und Löffeln, auch durfte nie die Platmenage vergessen werden, ja selbst die Messerblöcke fehlten nicht. Der Tisch mußte stundenlang vor dem Essen fertig stehen, damit ihn auch noch die Lieferanten bewundern konnten, was diese denn auch zur Genüge taten. Wie oft haben wir hören müssen: »Wer's so haben kann, wie Sie!« und lüsterne Blicke nach unserem zierlich gedeckten Tisch begleiteten diese Worte. Meistens antwortete ich schon garnicht darauf, und wenn eine Antwort erfolgte lautete sie gewöhnlich so: »Es ist nicht alles Gold, was glänzt.« Denn wie selten haben wir mal alle drei zusammen an unserem schönen Tisch gesessen! Gewöhnlich wurde einer, oft zwei und manchmal wurden wir alle drei durch die Klingel bei unsrer Mahlzeit gestört. Dann wurden die Teller schnell in die Ofenröhre geschoben, und wenn wir dann die Befehle ausgerichtet hatten, war unsere Eßzeit vorüber, und mit unserem Teller[48] in der Hand schluckten wir dann unser Essen hinunter, und so hatte denn unser schön gedeckter Tisch, indem er von andern bewundert ward, seine Dienste getan. Mein und Kätes Zimmer war auch sehr hübsch möbliert; es fehlte nichts darin, was zu unserer Bequemlichkeit beitragen konnte, der Diener nannte es sogar »fürstlich ausgestattet«. Es war nur schade, daß wir von unserem fürstlich ausgestatteten Zimmer durchaus keinen Nutzen hatten, im Gegenteil; es mußte nur mehr Zeit zum Reinmachen darauf verwendet werden, und die hätten wir so gut zu anderen Zwecken gebrauchen können z.B. zum Strümpfestopfen und Wäscheausbessern. Dazu gab's überhaupt keine freie Zeit; das Notwendigste mußten wir nachts machen, wobei uns dann regelmäßig die Augen vor Müdigkeit zufielen. Einmal hat Frau Sparr mich auf ihrem nächtlichen Rundgang schlafend bei brennender Lampe vorgefunden. Da gab's aber Schelte fürchterlich; sie konnte es überhaupt nicht begreifen, warum ich mich denn noch so spät zum Nähen hingesetzt hätte, denn es wär doch so viel »liebe« Zeit, um Handarbeit zu machen, vorhanden. Ich sagte dann: »Bitte, Frau Sparr, nennen Sie mir nur eine Stunde am Abend, wann wir uns unsern Sachen widmen könnten, ich wüßte keine.« So dann in die Enge getrieben, konnte sie sich nur mit Beleidigungen gröbster Art verteidigen. Einige Male haben Käthe und ich unsern freien Abend, den wir ja auch nicht immer beanspruchen sollten, dazu benutzt, uns unser zerrissenes Zeug in Ordnung zu bringen. Die Damen durften es nicht wissen; wir blieben dann ruhig im Zimmer. Hörten wir dann Schritte von oben kommen, wurde die Lampe schnell ausgeblasen, und wir verhielten uns mäuschenstill, bis die Gefahr vorüber war. Eigentlich war es ja lächerlich, daß wir uns so einschüchtern ließen, aber wir wußten bestimmt, daß sie uns dann sofort angespannt hätte. Obendrein hätte Frau Sparr die Tugendhafte gespielt und hätte uns als Lügnerinnen fürchterlich[49] heruntergemacht und um solchen Szenen zu entrinnen, die es ja so wie so genug gab, ließen wir uns lieber verleugnen. Wir haben auch mitunter unsere freien Abende zum Ausschlafen geopfert, das war ja leichter zu bewerkstelligen, dazu brauchten wir kein Licht in unserm Zimmer und nichts verriet unsre Anwesenheit. Um 1/211 Uhr, um die Zeit, wenn wir zu Hause kommen mußten, wurde von der Nichtschlafenden die Tür geöffnet, damit die Damen hörten, daß ihr Mädchen präzise nach Hause kam. Mir war dies Gebahren sehr zuwider, aber ich wußte auch keinen Ausweg. Wir konnten uns ja gewärtigen, wenn sie uns beim Schlafen ertappte, daß sie uns gezwungen hätte, aufzustehen und an die Arbeit zu gehen. Und wie gut tat uns ein langer, ruhiger Schlaf! Er war uns sogar sehr nötig. Des Herrn Klingel hatten wir für die Nacht auch zum Schweigen gebracht, indem wir eine Hülle, weich und dick, grade um die Glocke passend, angefertigt hatten. Diese »Nachtmütze« wurde immer vor dem Schlafengehen über die Glocke gezogen und so konnte man fast garnichts vom Klingeln hören, nur ein gedämpftes Surren, das uns gewiß nicht in unserem festen Schlaf störte. Man sieht, nicht nur die Liebe macht erfinderisch, sondern auch die Not. Eines Nachts wurden wir aber trotz der »Nachtmütze« durch lautes Klingeln aus dem Schlaf geschreckt. Käthes erste Frage war: »Hat sie die Nachtmütze nicht auf?« Natürlich hatte sie die Nachtmütze auf, aber wir hatten solche Quälgeister mehr im Hause. Dies Klingeln kam aus dem Schlafzimmer der Damen. Was mochte wieder passiert sein? Lange brauchten wir nicht darüber nachzudenken, im nächsten Augenblick war Frau Sparr an unserer Tür. Sie mochte wohl nicht daran gedacht haben, daß wir die Türe jetzt immer des Nachts verschlossen hielten, denn sie fuhr mit solcher Gewalt dagegen, daß es nur so krachte; ihre etwas sehr spitze Nase ist gewiß nicht ganz verschont geblieben, und »Dora, Dora,« rief sie, »Sie müssen schnell mal rauf kommen; der Herr ist aufgestanden, und wir können ihn nicht allein wieder ins Bett[50] kriegen. Kommen Sie, Dora, so schnell wie möglich, bitte! bitte!« »Ja,« antwortete ich, »ich komme sofort.« In einigen Minuten war ich oben. Es bot sich mir ein tragi-komisches Bild: Der Herr lag im Wohnzimmer, an einen Tisch gelehnt, in den Knien, die Hände gefaltet und betete inbrünstig: »Herr, erbarme dich meiner und erbarme dich der Unglücklichen, die ich verlassen habe!« So ähnlich ging's noch weiter; der Diener stand dabei mit einer lächelnden Miene. Frau Sparr und ihre Schwiegertochter versuchten, ihn zu beruhigen; aber jedesmal, wenn seine Frau ihn mit Namen anredete, schrie er sie an: »Hebe dich hinweg von mir, Satan!« das letzte Wort zwischen den Zähnen hervorpressend; ihr Anblick schien ihn besonders stark aufzuregen. Dies erkennend, bat ich sie, sich doch in ihr Zimmer zurückzuziehen, wir drei würden ihn schon beruhigen. Sie sah es wohl selbst ein; im Hinausgehen sagte sie: »Gute Nacht, Johanneschen, beruhige dich und gehe wieder ins Bett, hörst du?« »Ich sage dir, hinaus! hinaus!« Das war seine Antwort auf ihren Gute-Nacht-Gruß. Er betete noch einmal und bat uns dann, wir möchten ihm empor helfen. Er wolle jetzt schlafen gehen, denn der Herr hätte ihm seine Sünde vergeben. Der Schwiegertochter, mir und Georg wurde es sehr schwer, ihn aus seiner knieenden Lage zu erheben, es gelang aber doch, und willig ließ er sich vom Diener in sein Zimmer führen. Nach einigen Wochen hat er wieder einen ähnlichen Anfall gehabt. Da hat er plötzlich mit geballten Händen vor Georgs Bett gestanden und ihn bedroht, er würde ihn ermorden, wenn er nicht alles eingestand. Der Diener hat natürlich einen gerechten Schreck erfahren, hat den Herrn aber mit starken Armen gepackt und auf sein Bett geworfen. Nachdem er noch einiges brummte und knurrte, ist er wieder eingeschlafen. Der Diener mußte nun doch zugeben, daß ich im Recht war, wenn ich befürchtete, er könnte mal des Nachts, wenn ich bei ihm wachen mußte, Wahnsinnsanwandlungen bekommen. Sonst hatte er mich immer ausgelacht[51] und behauptet, es wäre ganz unmöglich, daß der Herr sich mit seinen gelähmten Gliedern allein erheben könnte. Ich glaubte es ja auch nur zu gerne, denn es wiegte mich doch in Sicherheit, nun war auch diese hin. Mit wahrer Angst habe ich nach diesem immer die Kunde vernommen: Der Diener geht heute aus. Ich bat ihn sehr, doch zur rechten Zeit nach Hause zu kommen, was er auch meistens tat; aber einige Male habe ich doch noch mein Wachtpostenamt ausführen müssen, doch ging es ohne Zwischenfall vorüber. Ich hatte mir schon vorgenommen, nicht wieder die Aufpasserrolle zu übernehmen, aber Frau Sparr, welche wohl ahnte, daß ich nach diesen Vorkommnissen Angst hatte, wußte es mir mit solcher Liebenswürdigkeit und mit so artigem Bitten beizubringen, daß ich nicht nein sagen konnte. Dank hatte man nicht von solchen Gefälligkeiten. Es war nicht weit mehr von Weihnachten. Unsern Wunschzettel hatten wir schon geschrieben und auch abgegeben, so war es Sitte hier. Alles mußte an die große Glocke. Frau Sparr hatte sich wohl beim Weihnachtseinkauf mehr aufgeregt wie nötig war, oder sie hatte mit der Schwiegertochter wieder sehr ernstliche Auseinandersetzungen gehabt, eben bei diesem umständlichen, Aufsehen erregenden Einkauf. Morgens um 9 Uhr, um welche Zeit sie sonst immer noch in den Federn lagen, wurde aufgebrochen. Seit einer halben Stunde hielt schon eine Droschke vor unserm Hause, welche die Damen in die Stadt und von Geschäft zu Geschäft bringen sollte und alles, was irgend mitzunehmen war von dem Gekauften, wurde gleich mitgebracht. Kurz, vor Dunkelwerden fuhr die vollgepfropfte Droschke vor, und der Diener und der Kutscher mußten fast eine halbe Stunde Pakete ins Haus tragen. Na, das schafft doch Aufsehen, und so liebte es Frau Sparr. Nach diesem Aufzug wurde sie krank, es war gerade 4 Wochen vor dem Fest. Wir sollten noch in allen Zimmern reine Gardinen anmachen, eine große Arbeit und nun noch diese Krankheit. Eine[52] wahre Hetzjagd herrschte im Hause, aber wir kriegten sie doch immer wieder auf die Beine mit unserem Dreieinigkeits-Heilmittel, verbunden mit diversen Täßchen Tee und Kaffee und appetitlich belegten Butterbrötchen. Nach 14 Tagen hieß es: »Morgen kommt Frau Sparr wieder in die Küche.« Mich durchfuhr ein gelinder Schreck, es gab nämlich immer gleich wieder Krach, und jedesmal, wenn sie krank gewesen war, hatte sie sich im Bett allerlei zurechtgelegt und verordnete dann mancherlei Umwälzungen und Neuerungen, was gerade nicht immer angenehm ist. Die Schwiegertochter kündete mir denn auch das Erscheinen ihrer »lieben Schwiegermama« an, und bemerkte dann noch: »Na, Ihre Küche haben Sie ja immer hübsch in Ordnung, aber legen Sie heute ganz besondere Sorgfalt darauf, damit Frau Sparr keine Gelegenheit findet, sich zu erregen, denn gestern hat es oben mit Käthe schon so sehr viel Ärgernis gegeben, daß ich grade genug davon habe.« Ich versprach alles zu tun, was in meinen Kräften stand. Bis spät in die Nacht habe ich gearbeitet, alles habe ich vom Fleck gehabt, die Schränke habe ich von drinnen und von draußen geseift. Die Börter glänzten wie eitel Silber, denn wir hatten zwei große Börter voll Nickelgeschirr, und alles hatte ich einer gründlichen Reinigung unterzogen. Es war eine Freude, die blitzende Küche zu sehen, wenn hier überhaupt von Freude die Rede sein konnte. Um 2 Uhr nachts legte ich mich zwar müde, aber doch mit mir zufrieden ins Bett. Ich war überzeugt, Frau Sparr würde nichts in meiner Küche finden, was zu Ärger Anlaß geben konnte. Früh waren wir am andern Morgen wieder an unserer Arbeit, damit Kaffeegeschirr und alles, was es unten zu ordnen gab, erledigt war, bevor Frau Sparr kam. Sie kam, aber ohne Morgengruß fegte sie ein paarmal an mir vorbei durch die Küche, in die Speisekammer und wieder zurück; nirgends konnte sie wohl Anhalt finden. Da endlich fand sie was; sie stürzte an den Herd, riß die Ringe herunter und schürte mit dem Feuerhaken in der Asche. »Habe ich mir's doch gedacht,«[53] fuhr sie mich an, »nichts ist hier in Ordnung. Sie wissen doch, daß immer drei Soden Torf aufgelegt werden sollen und dann Asche darüber, damit Feuer zum Frühstückmachen da ist.« Ich erlaubte mir zu erwidern, daß ich alles ganz vorschriftsmäßig befolgt hätte. »Nein,« gab sie zurück, »es sind nur zwei Stück Torf aufgelegt, und überhaupt scheint hier eine heillose Wirtschaft während meiner Krankheit geherrscht zu haben.« Bei diesen Worten musterte sie die Küche mit Blicken, aus denen man alles andere lesen konnte, nur keine Zufriedenheit über die peinlich saubere Küche. Also all mein Arbeiten war umsonst gewesen. Wenn man von dieser Frau auch keinen Dank zu erwarten hatte, so war doch dieser schnöde Undank hart, sehr hart, und wieder stieg in mir der Gedanke auf: »O, könnte ich fort!« wie, war mir jetzt schon ganz gleich. Man wird mürbe mit der Zeit. Und blitzschnell kam es mir in den Sinn: »Wie, wenn ich die Arbeit niederlege? Dann wird sie mich fortschicken.« Ich brauchte auch nicht zu lügen, wenn ich ihr sagte, daß ich vor lauter Ärger, Arbeit und Aufregung rasende Kopfschmerzen hätte. »Bitte, Frau Sparr,« sagte ich ihr, »machen Sie Ihre Arbeit nur selbst; ich gehe ins Bett. Sie machen einen krank mit Ihrer ewigen Nörgelei und Schelten.« Und damit verschwand ich, ging in mein Zimmer und schloß die Türe hinter mir zu. Dann legte ich mich angekleidet aufs Bett und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Es gab ein Rennen, Schimpfen und Türzuschlagen im Hause, wie ich es noch nicht erlebt hatte. »Gustchen« kam an meine Türe und verlangte Einlaß, aber ich ließ mir nichts merken. Frau Sparrs keifende Stimme hörte ich dazwischen; es waren natürlich lauter »Schmeicheleien« für die »faule« Köchin, nur das ersehnte Wort: »Verlassen Sie sofort mein Haus!« konnte ich nicht vernehmen. Nach nochmaligem vergeblichen Klopfen und Rufen an meiner Tür begaben sie sich in die oberen Gemächer, wohl, um weitere Maßregeln zu beraten über ihren streikenden Dienstboten. Es währte auch garnicht lange, da kam Käthe[54] im Auftrage der Herrschaft, welche mir sagen ließ, ich möchte sofort an meine Arbeit gehen, sonst würden sie ihren Hausarzt holen lassen, der konstatieren sollte, ob ich wirklich krank sei oder simuliere. Ich sagte Käthe, sie möchte nur bestellen, daß es mir sehr lieb wäre, wenn der Arzt käme, ich fühlte mich wirklich sehr elend. Der Arzt wurde aber nicht geholt, sie mochten wohl an meine Vorgängerin denken, die der Hausarzt wegen Überlaufen der Galle ins Krankenhaus geschickt hatte. Dafür kam aber die Schwiegertochter an meine Türe, denn es wurde Zeit zum Kochen. Diesmal verlangte sie keinen Einlaß, sondern sie bat darum, und die Köchin gewährte ihn gnädigst. Ich war zu begierig, was sie mir zu berichten hatte, ich hoffte ja auf Fortgehen. Aber sie kam in ganz zerknirschter Verfassung zu mir: ich möchte doch alles als ungeschehen ansehen, sie wollten mir durchaus nichts nachtragen, wenn ich jetzt aufstehen und das Essen bereiten wollte. »Sie mir nichts nachtragen?« frug ich verwundert, »was hätten Sie mir nachzutragen? Ich habe immer meine Pflicht und sehr häufig noch darüber getan.« Dagegen wollte sie auch nichts sagen, aber daß ich die kranke Frau Sparr so geärgert hätte, denn krank sei sie doch, das wisse ich doch auch. »Ja, gewesen,« gab ich zur Antwort, aber streitsüchtig sei sie leider immer, ob sie das denn auch eine Krankheit nenne. O ja, meinte sie, es läge wohl in ihrer Krankheit, denn auch sie (die Schwiegertochter), hätte viel darunter zu leiden; man müßte eben alles ruhig über sich ergehen lassen. »Das sagen Sie mir?« frug ich, »wo Sie alle paar Tage so ähnliche Auftritte mit Ihrer Schwiegermutter haben!« Das wollte sie denn ja auch nicht abstreiten; sie hätte doch auch Nerven, ebensogut wie ihre Schwiegermutter und könnte nicht immer an sich halten. Ich sagte ihr, dann möchte sie gestatten, daß auch ich Nerven hätte, wenn ich auch nur 'ne Köchin wäre. Ich fühlte mich so bodenlos unglücklich in diesem Hause, sie möchten mich doch gehen lassen. Aber sie wußte mich doch zu überreden. Frau Sparr täte es jetzt ja auch schon sehr leid,[55] so erregt gegen mich gewesen zu sein; ich möchte den Zwischenfall wieder vergessen und jetzt das Mittagessen bereiten. Auf das letztere kam es immer wieder heraus, ich sollte kochen, und das hatte ich mir fest vorgenommen, das wollte ich heute nicht. Mochten sie sehen, wie sie ihr Essen fertig kriegten; denn Strafe muß sein. Ich sagte ihr denn auch ganz bestimmt in dieser Hinsicht meine Meinung, übrigens fühlte ich mich auch wirklich krank. Käthe und der Diener wußten nachher nicht genug zu sagen, wie schrecklich ungemütlich dieser Tag ohne Köchin gewesen sei. Einige Tage lang bekam ich Frau Sparr nicht zu Gesicht, und nachher hatten sich unsere »gekränkten« Gemüter etwas beruhigt. Weihnacht, das schöne Fest, rückte immer näher, man sagt auch im Volksmunde: »Die Vorfreude ist das Beste.« Hier war von einer Vorfreude keine Rede. Viel, sehr viel Arbeit harrte unser, denn am ersten Festtag sollte eine Gesellschaft stattfinden und mit einem fürchterlichen Durcheinander wurden die Vorbereitungen getroffen. Hatten wir eine Arbeit begonnen, dann meinte Frau Sparr: »Die hat wohl noch ein paar Tage Zeit, machen Sie lieber erst dies oder jenes.« Sie machte uns ganz konfus. Ich will ja gerne zugeben, daß es zu jeder Festlichkeit Vorbereitungen gibt und daß es einem auf etwas mehr Arbeit nicht ankommen darf; aber ich habe doch in Erfahrung gebracht, daß es sich gut in Ruhe und Besonnenheit abwickeln läßt. Schon acht Tage vorher jammerte sie immer: »Wenn Sie nur das Essen gut bereiten! Wenn nur der Braten so recht saftig bleibt und ganz besonders müssen Sie auf den Pudding passen!« So und ähnlich ging's jeden Tag. Des Nachts träumte ich vom angebrannten Braten, vom mißlungenen Pudding und wer weiß was alles. Am Weihnachtsabend war die Herrschaft mit den Töchtern eingeladen, auch der Diener mußte mit, des lahmen Herrn wegen. Käthe hatte um Urlaub gebeten, um den schönen Abend bei ihren Eltern zu verleben, welche in Hamburg wohnten. So blieb ich allein zu Haus. An jedem anderen Abend wäre[56] es mir eine Wohltat gewesen, so ruhig und ungestört meine Arbeit verrichten zu können; an diesem Abend hätte ich viel darum gegeben, wenn ich eine Menschenseele um mich gehabt hätte, nicht, weil ich Langeweile verspürte, denn dafür war gesorgt, daß die sich meiner nicht bemächtigte; aber den Christabend feiern, so ganz alleine, mit Arbeit überhäuft, hatte ich noch nicht erlebt. Ich war traurig, sehr traurig. Die heimatlichen Weihnachten stiegen vor mir auf. Wie schön, wie wunderschön waren sie gewesen im Kreise der lieben, guten Eltern und Geschwister! Wie manches frohe Weihnachtslied wurde gesungen, und wie groß und wahr war die Freude bei dem bescheidenen Geschenk unter dem strahlenden Tannenbaum! »O selig, o selig ein Kind noch zu sein!« Diese Worte paßten auf mein Gemüt, und manche Träne habe ich diese Stunden meines Alleinseins geweint. Wie banal kam es mir vor, Speis und Trank für Mund und Magen zu bereiten, wo Herz und Seele hungerten und dürsteten. Bescherung für uns konnte erst am zweiten Festtag stattfinden, war uns gesagt worden. Na, mir war es recht, aber Käthe hätte gar zu gerne ihren Eltern schon Mitteilung darüber gemacht, aber hier hieß es, sich gedulden. Der erste Feiertag sah uns früh auf den Beinen. Ich sollte mich heute als »perfekte« Köchin bewähren. Es war die erste größere Gesellschaft, wo mir das Kochen allein überlassen war. Ich habe mein Bestes dran gesetzt, und ich glaubte, es war zu aller Zufriedenheit ausgefallen. Nicht, daß mir von den Damen ein Wort der Anerkennung gezollt war, bewahre! aber Käthe und der Diener hatten manches Wort des Lobes übers Essen und deren Zubereitung beim Servieren aufgefangen und berichteten es mir. Es war doch eine kleine Beruhigung für mich, denn nun hatte Frau Sparr doch keine Veranlassung, andern Tags gar zu viele Reden über meine Unerfahrenheit los zu lassen, was sie bei jedem Mißlingen gerne tat. Unsere Bescherung fiel sehr gut aus, geizig war Frau Sparr nicht, das war eigentlich das einzige Gute an ihr. Unsere reichlichen[57] Geschenke waren schon in einem Stübchen, welches die Herren und Damen der Gesellschaft passieren mußten, am ersten Festtag ausgelegt; die mußten doch bewundern, wie reichlich die »gute« Frau Sparr ihre Dienstboten beschenkte. Auch wir mußten bei jeder kleinen Veranlassung später immer hören: »Wie undankbar, nicht wahr, Gustchen? Sie sind es garnicht wert, daß man sie so reich beschenkt.« Wir haben manchesmal unter uns gesagt, sie sollte diese Äußerung nur noch sparen, es würd eine Zeit kommen, wo sie besser angebracht wäre. Denn wir hatten alle drei die Absicht, am 1. Februar unsere Stellung zu kündigen. Käthe und der Diener gingen dann schon zum 1. März, ich mußte leider noch bis zum 1. Mai bleiben. Amazon.de Widgets Im Januar sollte Henny, unser »Nesthäkchen«, wie sie gern von ihrer Mutter genannt wurde, einen Kinderball geben. Die schauderhaften Vorbereitungen mit ihren ungemütlichen Umwälzungen, ohne die es in diesem Haushalt nicht ging, neigten sich ihrem Ende zu. Es war am Tage vor dem Fest, wie mir aufgetragen wurde von Frau Sparr, auch den weißen Spitz noch zu baden, damit auch er ein festliches Aussehen hätte. Es war erst Mittwoch, und Sonnabend war sein Badetag. Georg, Käthe und ich hatten diese Arbeit abwechselnd zu besorgen. Es stimmte, ich kam an die Reihe. Obgleich ich noch vielerlei am Herd zu tun hatte, behauptete Frau Sparr, es müßte noch vor dem Essen geschehen, denn ich sollte nicht nur den Spitz, sondern auch das weiße Kätzchen, unser »Miezchen«, baden. Ich bemerkte noch, daß ich noch nie gehört hätte, daß auch Katzen sich waschen ließen, aber schnippisch entgegnete sie: »Es gibt noch vieles mehr, wovon Sie noch nicht hörten und sahen.« »Also haben Sie verstanden?« sagte sie noch einmal, »gehen Sie jetzt gleich dabei, damit Miezchen zum Essen schon etwas angetrocknet ist, damit sie auch ihre Milch zur rechten Zeit genießen kann. Und wie wird unser Hennychen sich freuen, wenn nicht nur Spitzchen,[58] sondern auch Miezchen so fein säuberlich auf dem Ball erscheinen.« Nun hieß es sich dran halten, damit auch noch diese eingeschobene Arbeit mit fertig wurde. In der Waschküche stand eine große hölzerne Balje, die als Badewanne für den Hund benutzt wurde. Der ließ sich auch sehr gut baden und wurde nach dem Abtrocknen in eine alte wollene Decke gewickelt, worin er ruhig solange lag, bis er völlig trocken war. Anders kam es mit der Katze, welche heute zum erstenmal ein Bad nehmen sollte. Sowie ich sie ins warme Wasser setzte, fauchte und kratzte sie um sich ganz fürchterlich, und eh' ich es verhindern konnte, war sie an mir vorbei, durch die offen stehenden Türen die teppichbelegten Treppen hinauf, ihre nassen Spuren hinterlassend. Oben entstand denn auch gleich ein fürchterliches Zetergeschrei, die nasse Katze wurde eingefangen, und Frau Sparr kam scheltend mit ihr in die Waschküche. Ich entschuldigte mich und legte noch für die geängstigte Katze ein gutes Wort ein; aber meine wohlgemeinte Warnung garnicht beachtend, schrie sie mich an, sie wolle mir mal zeigen, wie gut sich Katzen baden ließen. Ich möchte mich nur nicht einbilden, daß es, weil ich es nicht verstände, nicht zu bewerkstelligen wäre. Mit diesen Worten hatte sie die Katze wieder dem nassen Element übergeben; aber sie hatte den Satz kaum vollendet, als auch schon das arme Tier, zischend und fauchend sich ihren Händen entwand und erst auf ihre Schulter, von da auf ihren Kopf sprang und hier sich festsetzte in einer so originellen Stellung, daß ich trotz der gefährlichen Lage für Frau Sparr laut lachen mußte; die beiden Vorderpfoten in je ein Ohr, die beiden Hinterpfoten vor die Stirn gesetzt und den leckenden Schwanz über die Nase herunter hängen lassend, war sie nicht zu bewegen, von ihrem Opfer los zu lassen, die natürlich fortwährend laut um Hilfe rief. Alle kamen gelaufen, sogar der nasse Spitz hatte sich ob solchen Lärms aus seiner warmen Umhüllung frei gemacht und sah mit eingezogenem Schwanz dem komischen Vorgang[59] zu. Alle Bemühungen, die Katze von ihrem hohen Sitz herunterzukriegen, blieben erfolglos, das arme Tier befürchtete natürlich, daß es dann wieder ins Wasser gesetzt wurde und beharrte wohl deshalb auf seinem ungemütlichen Platz. Es blieb Frau Sparr nichts übrig, als sich mit der Katze auf dem Kopf in ihre Gemächer zu verfügen, und da erst ist es der Schwiegertochter gelungen, sie zu entfernen. Georg hatte große Lust, die Feuerwehr zu bestellen, spaßeshalber, damit die Geschichte auch etwas in die Öffentlichkeit dringe, meinte er. Lange hat uns diese Badegeschichte Stoff zum Lachen gegeben. Frau Sparr war mit dem Schrecken und einigen Kratzwunden im Gesicht davon gekommen, aber der armen Katze hat ihre erste Badereise lange in den Gliedern gelegen. Tagelang lag sie in einem Korb hinterm Ofen, ehe sie sich so weit aufraffte, um Milch zu sich zu nehmen. Auf dem Kinderfest durfte sie sich natürlich nicht sehen lassen und ihre Späße und Purzelbäume sind nie wieder so lustig und fidel geworden wie früher. Der erste Februar war ein unruhiger Tag, denn wir alle drei kündigten, Käthe und Georg zum 1. März und ich zum 1. Mai. Frau Sparr bot alles auf, um mich zum Bleiben zu bewegen, unter anderem versprach sie mir eine ganze komplette hochfeine Küchenausstattung, wenn ich bei ihr bleiben wollte bis zu meiner Verheiratung. Leider hatte ich aber noch gar keine Aussicht, mich zu verheiraten. Ich wußte auch, ich hätte mir die »hochfeine Küchenausstattung« bitter sauer verdienen müssen, ich wollte lieber drauf verzichten. Einige Tage ging sie freundlich schmunzelnd um mich herum, wie die Katze um den Brei, am dritten Tag meinte sie dann mit einem freundlichen Lächeln zu mir: »Na, Sie werden doch wohl vernünftiger Weise auf meinen Vorschlag eingehen?« »Nein, bedauere sehr (log ich), es nicht zu können, meine Mutter gebraucht meine Hilfe, ich werde am 1. Mai nach Hause gehen.« Ich fürchtete mich vor ihrem Zorn, deshalb hatte ich diese Lüge gebraucht, und sie schien mir ja auch[60] geglückt zu sein. Wohl verschwand das katzenfreundliche Gesicht und machte einem lauernden Seitenblick Platz, aber ich war doch vorläufig von bösen Worten verschont. Sie wollte es wohl erst mit »Gustchen« beraten, mochte auch wohl bedacht haben, daß sie von mir noch die längste Zeit gut hatte. Käthe und der Diener taugten jetzt überhaupt nicht mehr, mit mir ging sie so einigermaßen erträglich um. Sie hatte jetzt auch was anderes zu denken, es sollte nämlich das ganze Haus noch vor unserm Weggehen renoviert werden. Das konnte ja noch gut werden! Zweimal in der Woche wurde von einem Krämer vorgefragt nach dem Bedarf seiner Waren, so auch heute, einige Tage nachdem ich Frau Sparr gesagt hatte, nicht bleiben zu können. Es war noch derselbe junge Mann, welcher mich vor einem Jahre hierher rekommandiert hatte. Es war meine Obliegenheit, nichts zu vergessen, Frau Sparr kümmerte sich selten um ihn, auch wenn sie gerade unten war. Anders war es heute. Als ich den Krämer abgefertigt hatte, rief sie ihn zurück, ging ihm bis zum Flur entgegen und zog die Küchentür hinter sich zu. Ich hätte keine Evastochter sein müssen, um nicht neugierig zu sein, was sie mit dem Manne zu verhandeln hatte. Wohl dachte ich gleich an das Sprichwort: Der Horcher an der Wand, hört seine eigne Schand. Es mochte ja anders ausfallen, wenn ich an der Tür horchte; wollte es gleich einmal probieren. Ich lehnte also meinen Kopf an die Türe und traute meinen Ohren kaum, wie ich hörte, daß Frau Sparr zum Krämer sagte: »Hören Sie mal Krämer, können Sie mir zum Mai nicht wieder eine Köchin besorgen? So ein Gegenstück zu Dora, aber verstehen Sie recht, kein Gegenstück von sondern zu Dora; denn ich bin jederzeit sehr zufrieden mit ihr gewesen, und sie wäre ja auch gewiß noch geblieben, aber ihre Mutter gebraucht sie.« »Na, und Sie wissen ja,« schloß sie ihren Redeschwall, »die Mädchen haben es gut bei mir.« »O gewiß, Frau Sparr,« war die letzte Antwort des Krämers, die andern hatte ich nicht so beachtet. Am liebsten hätte ich Widerspruch erhoben,[61] aber um des lieben Friedens willen schwieg ich. Also seht, lieben Leser und Leserinnen: der Horcher an der Tür hört schöne Sachen nur. Ich kam mir ganz fremd vor. Frau Sparr mit mir zufrieden? Und wie hatte sie mich behandelt! Wie mochte es dann erst einer ergehen, mit der sie nicht zufrieden war! In ein paar Tagen hatten wir das ganze Haus voll Handwerker, nicht ein und zwei Stuben wurden in Angriff genommen, sondern fast alle Räume auf einmal. Sie jagte die Handwerker ebenso wie uns immer von einem Ort zum andern. Wir mußten rein machen, wo es noch gar keinen Zweck hatte; so mußten wir viel Arbeit doppelt verrichten. Mit ihrem ewigen Gedibber machte sie uns ganz konfus. Eines Tages zählte sie denn Käthe schon vor, was sie heute sollte, was morgen, was übermorgen. Vergessen Sie nicht dies, vergessen Sie nicht jenes, so ging's eine ganze Weile. Käthe kam aus ihrem Gleichmut nicht heraus, antwortete immer mit dem drauf passenden nein oder ja. Plötzlich schrie Frau Sparr sie an: »Ja, Sie versprechen mir, alles zu tun, wenn Sie dann auch man Wort halten!« Käthe wieder ihr: »Ja« ? »Ja, ja immer Ihr ja und weiter kommen Sie nicht,« kreischte sie. »Nun gut,« entgegnete Käthe in ihrer ruhigen Art, »wenn's Ihnen lieber ist, dann sage ich nein.« Wie so ein Kampfhahn stand sie vor Käthe. Wären der Diener und ich nicht dabei gewesen, ich glaube, sie hätte sie geohrfeigt; jetzt begnügte sie sich mit Schimpfen und Schelten schlimmster Art. Das Wort »frech« wurde vorwiegend viel gebraucht. Der Diener lobte Käthe nachher: »Das haben Sie gut gemacht, so will Sie's ja haben.« Frau Sparrs Wunsch war, wir sollten bei jeder Antwort ihren verehrten Namen nennen. Käthe und ich konnten es nicht immer fertig bringen, dazu wurden wir zu schlecht behandelt. Der Diener machte sich gerne den Spaß; es hörte sich dann zu lächerlich an, wenn er bei einem ihm erteilten Befehl fortwährend antwortete: »Jawohl, Frau Sparr! Gewiß, Frau Sparr! Sehr gern, Frau Sparr! Natürlich, Frau Sparr!« Und wenn sie ihm[62] Befehle von oben herunterrief, wo sie ihn nicht sehen konnte, dann machte er noch bei jedem »Frau Sparr« einen tiefen Knicks. Wenn Handwerker im Hause sind, ist es natürlich sehr ungemütlich; es läßt sich nicht ändern und man hat sich in das Unabänderliche zu fügen. Ich frug in den ersten Tagen, wo wir doch noch nicht recht etwas anfangen konnten, ob ich des Abends auf ein paar Stunden fortgehen könnte. »Sind Sie verrückt?« gab Frau Sparr mir zur Antwort, »so wie wir hier dazwischen sitzen. In 4 Wochen können Sie nicht an Ausgehen denken.« Ich erlaubte mir zu bemerken, daß ich doch jetzt noch gut abkommen könne, später möge es ja schwerer fallen. »Sie wissens natürlich immer besser,« gab sie zurück, »ich habe nein gesagt und dabei bleibt's!« ? Wie viel klüger hätte sie doch gehandelt, wenn sie uns mal eine Abwechslung gegönnt hätte; mit wie viel frischerem Mut geht man wieder an seine Arbeit. Einige Tage später wurde mir gesagt, ich möchte mich heute nur gut dran halten (an die Arbeit natürlich), denn abends sollte ich das Fräulein von einem Ball abholen und wenn ich früh genug fertig würde, könnte ich ja die übrige Zeit für mich in Anspruch nehmen. Sie wußte ganz gut, daß es gerade heute sehr viel zu tun gab, denn die Tapezierer sollten den andern Tag in den oberen Räumen anfangen, also mußte der Malerschmutz beseitigt werden, und im Parterre sollten noch einige Zimmer geräumt werden. Es war nicht das erstemal, daß ich dem Fräulein das Geleit geben sollte. Käthe, der es als Kleinmädchen ja eigentlich zugekommen wäre, fanden sie zu klein und nichtssagend, wie Frau Sparr sich ausdrückte. Ich war aber groß und kräftig gebaut, von mir schien sie anzunehmen, daß ich es mit jedem Individuum aufgenommen hätte. Da war sie aber sehr im Irrtum, auch ich hätte im Falle der Not das Hasenpanier genommen. Schon einmal war ich an einem solchen Abholabend so spät fortgekommen, daß ich bei meinen Verwandten an verschlossene Türen kam, sie waren schon zur Ruhe gegangen. Es brauchte einen nicht zu wundern, denn es[63] war bereits 11 Uhr, als ich da ankam. Eine halbe Stunde Wegs hatte ich zu gehen dorthin, also war ich um 101/2 Uhr erst weggekommen. Nun war mir aber aufgetragen, nicht vor 1 Uhr nachts im Ballhaus zu erscheinen, um das Fräulein abzuholen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich auf der Straße so lange zu tummeln. Was mir da alles passieren konnte, darnach wurde nicht gefragt, wenn ich das Fräulein nur unversehrt ins Haus brachte. Eine wahre Höllenangst habe ich das erstemal ausgestanden. Ein schwarzbärtiger Mann, oder »Herr« seinen Kleidern nach, sein Benehmen war gewiß nicht das eines »Herrn«, verfolgte mich auf Schritt und Tritt, sagte irgend etwas zu mir, was ich nicht verstand. Er ging an mir vorbei und stellte sich unter eine Laterne, um mich in deren Schein mit seinen frechen Blicken zu verschlingen. Ging ich auf die andere Seite der Straße, so folgte er dreist und wiederholte sein Gebahren. Mein Herz klopfte mir bis zum Halse hinauf, wußte ich doch in einer Stunde noch nicht wohin. Eine Straßenbahn kam angefahren und plötzlich kam mir der rettende Gedanke: du fährst mit zum Rathausmarkt und wieder zurück, dann ist die Stunde um. Gedacht getan, aber, o Schrecken! Auch der Kerl sprang auf und stellte sich auf den Hinterperron. Auf dem Rathausmarkt lud er mich zu einem Glase Bier ein. Ich dankte natürlich und da er sich immer noch nicht entfernte, klagte ich dort einer nett aussehenden Frau mein Leid, welche mich in ihren Schutz nahm. Zum Glück wollte sie auch dieselbe Bahn benutzen, welche mich nach meinem Bestimmungsort bringen sollte, da erst verschwand das Ungeheuer. Was gibt den Herrschaften ein Recht, ihre Dienstboten in solche Gefahr zu bringen?! Dem Fräulein erzählte ich von meinem Erlebnis und schilderte ihr meine ausgestandene Angst; sie war gut und sah es ein, daß es unverantwortlich war von ihrer Großmutter, so zu handeln. »Aber,« erzählte sie weiter, »Mama und ich haben schon lange vergebens dagegen protestiert. Einen Wagen nehmen findet sie überflüssig, wenn man genug Dienstboten hat, die das[64] Abholen besorgen können.« Ich wußte, daß Frau Sparr bei jeder Gelegenheit sagte: »Wozu hat man denn seine Domestiken?« Das Fräulein und ich vereinbarten, wenn ich sie ein andermal wieder so spät abholen müsse, solle ich nur einfach hineinkommen und mich in der Küche bei den Mädchen aufhalten, die es gewiß gerne gestatteten. Wenn dann die Zeit des Abholens gekommen war, möchte ich mich nur melden lassen, und Großmama brauchte nichts von der Abmachung zu wissen. So geschah es auch später. Heute hatten wir uns so recht müde gearbeitet, ich aber sollte ja unser Fräulein noch abholen; nach 10 Uhr kam ich wieder aus dem Hause. Zum Glück traf ich meine Schwester noch auf und konnte ihr doch wenigstens noch erzählen, daß ich gekündigt hatte und bat sie, für mich sich doch gelegentlich nach einer andern Stellung umsehen zu wollen. Frau Sparr durfte ja nicht merken, daß ich nicht zu meiner Mutter ging. Dann trottete ich mit meinen müden Gliedern weiter. Ich ging abends so spät ungern alleine auf der Straße, so war es denn auch noch eine gute Stunde zu früh, aber die Mädchen waren immer sehr freundlich und fanden meine Gründe berechtigt. Dieses Mal wurde es ganz besonders spät. Fräulein und ich kamen erst nach 2 Uhr zu Hause an. Daß wir morgen, der Handwerker wegen, nicht viel rein zu machen brauchten, tröstete mich einigermaßen. Hoffentlich hatte Frau Sparr sich nicht ganz was Außergewöhnliches ausgedacht, man spannt so gern mal einen Tag aus. Am andern Morgen bekam ich mit der ersten Post einen Brief von meinem Bruder, welcher mich u.a. einlud, mit ihm des Abends den Hansasaal zu besuchen, wo Konzert war; er wollte mich von 8?1/29 Uhr vor dem Konzerthaus erwarten. Ich freute mich sehr, hatte ich doch meinen Bruder lange nicht gesprochen. Ich wußte aber auch, daß es schwer halten würde, fortzukommen. Ich teilte Käthe und dem Diener meinen Zweifel mit und bat sie, mir zu raten, ob ich es wagen sollte, Frau Sparr um Erlaubnis zu bitten. Sie meinten beide: »Gewiß, tun Sie es doch, es paßt doch heute so gut«, und der[65] Diener erbot sich, mir noch ein Geheimnis anzuvertrauen, wenn ich schweigen könne. Ich versprach es ihm und er erzählte mir, daß Frau Sparr vom 1. März bis zum 1. Mai nur einen Diener engagieren wollte, aber kein Kleinmädchen. Das könnte Dora die zwei Monate wohl alleine ab, hatte sie bemerkt. »Also,« schloß der Diener sein Erzählen, »sehen Sie zu, daß sie jetzt noch mal fortkommen, später ist's ganz unmöglich; denn wir kennen hier ja die Wirtschaft.« Auch das noch! Als Frau Sparr diesen Morgen in die Küche kam ohne Gutenmorgengruß sank mein Mut gewaltig, aber andrerseits war's doch wieder sehr verlockend, ein paar Stunden in Gesellschaft meines lieben Bruders ein gutes Konzert hören und den ermüdeten Gliedern Ruhe gönnen können. Mit aller Freundlichkeit brachte ich mein Vorhaben an. Sie stellte sich vor mich hin, die Hände in die Seite stemmend, und sah mich mit ihren wasserblauen Augen so mißbilligend an, daß ich auch ohne Worte verstand, wie sie meine Bitte auslegte. Endlich tippte sie mit einem Zeigefinger an ihre Stirn und sah hilfesuchend nach oben. Es sollte wieder dasselbe ausdrücken, was sie mir schon mal gesagt hatte, daß ich wohl verrückt sei. Heiß schoß mir das Blut ins Gesicht, mußte man sich denn alles gefallen lassen von dieser ungeschliffenen Frau, nur weil sie reich und ich arm war? Und wieder kam mir der Gedanke: »O könntest du fort aus diesem Hause für immer!« Wie sie nun mit Schelten und Schimpfen gar nicht aufhörte, konnte ich ihr in aller Ruhe sagen: »Es ist gut, Frau Sparr, ereifern Sie sich meinethalben nicht. Ich verlasse heute meinen Dienst, ich werde noch die Küche in Ordnung bringen und dann gehe ich.« Sie lachte hell auf und sagte: »Da gibt's noch Mittel, um störrische Dienstboten an ihre Arbeit zu bringen; ich will Ihnen schon zeigen, wie man mit Ihnen umgeht.« »Machen Sie mit mir, was Sie wollen, aber bleiben tu ich nicht,« sagte ich ihr. »Daß Sie man bleiben, denn ich gebe Ihnen keinen Groschen Lohn und ohne Geld werden Sie nirgends kommen können,« gab sie zurück. »Nun gut, behalten Sie meinen[66] vierteljährlichen Lohn.« Die Schwiegertochter wurde herunter gerufen, nun wurde mit der laut genug verhandelt, daß ich alles hören konnte. Sie wollte einen Polizisten holen, der mich ja natürlich zum Bleiben zwingen könne; denn so ein Gesetz gebe es ja nicht, daß die Dienstboten die Herrschaften, wenn es ihnen gefiele, man einfach so in Verlegenheit bringen durften. Was die Schwiegertochter sagte, konnte ich nicht verstehen. Nun dachte ich mit Schrecken, wenn sie dich zwingen können zum Bleiben, was dann? So genau kannte ich nicht die Gesetze und blitzschnell fuhr es mir durch den Sinn: »Dann ertränkst du dich! Nur nicht noch länger hier bleiben müssen.« Die unteren Fenster waren mit eisernen Stäben versehen, aber das Fenster im Treppenhaus befand sich in halber Höhe, da würde ich des Nachts hinaus können, und hinterm Garten war ein kleines Wasser. Frau Sparr ließ sich ein Schultertuch runter holen, tat es um und stürmte auf die Straße. Sie rief einen Schutzmann heran, gestikulierte fürchterlich und schien ihn bewegen zu wollen, mit ins Haus zu kommen. Der Schutzmann aber zuckte ein paarmal die Achsel und ging seiner Wege. Ich hatte es von einem kleinen Fenster im Kohlenraum aus beobachtet. Wutschnaubend kam sie wieder herein. Dann wurde der Diener zum Herrn Nachbar geschickt. Der Nachbar kam, ging aber bald wieder. Unterdessen hatte der Diener mir schon zugeraunt: »Wenn Sie Ihren Lohn im Stich lassen, kann Sie keiner zum Bleiben zwingen.« Ich bekam wieder Mut. Im nächsten Augenblick kam Frau Sparr wieder herunter mit einem recht erträglichen Gesicht und meinte zu mir: »Wir wollen uns man wieder vertragen, nicht wahr? Sie haben ja eigentlich Recht, es läßt sich heute ja sehr gut einrichten mit Ihrem Ausgang. Gehen Sie nur und dann bleibt alles beim alten. Ich kenne Sie ja genügend, Sie würden es ja gar nicht fertig bringen, mich so in Verlegenheit zu setzen. Sie sind ja ein so gutes, liebes Mädchen.« Bei den letzten Worten streichelte sie sogar meine Backen. »Schlange!« dachte ich. Laut sagte ich:[67] »Ach nein, ich bin diesmal nicht gut, sondern ich gehe.« Auch die Schwiegertochter war wieder hinzugetreten, und nun bearbeiteten mich beide. Unter anderm stellten sie mir vor, wie dumm es doch wäre, wenn ich meinen ganzen vierteljährlichen Lohn lassen müßte. »Ich laß ihn gern, wenn ich nur hier fort kann,« sagte ich. Das vergebliche Bemühen wohl einsehend, fing sie wieder an zu schelten und meinte: »Sie tun ja gerade, als wenn Sie in der Hölle wären.« »Na,« gab ich ihr zur Antwort, »viel schlimmer kann's in der Hölle beim Teufel nicht sein.« Da kam sie mit geballten Fäusten auf mich zu; hätte die Schwiegertochter sie nicht zurückgerissen, hätte sie mich geschlagen. Über mich war eine eigentümliche Ruhe gekommen, es mochte wohl der Gedanke sein, daß ich ging, so oder so. Ich ging in mein Zimmer, um meine Sachen zu packen. Da schrie sie mir nach: »Nun machen Sie aber, daß Sie sofort, sofort wegkommen, und auch ihre sämtlichen Sachen nehmen Sie sofort mit, sonst werf' ich sie Ihnen nach.« Ich hielt diese skandalösen Äußerungen keiner Antwort wert, sie würde es ja sehen, wie ich es machte, schloß mich vorsichtshalber ins Zimmer ein und packte ordentlich und sicher ein. Am meisten tat mir Käthe leid, welche unter Tränen meinte: »Wenn Sie doch wenigstens bis zum 1. März geblieben wären!« Ich tröstete sie, daß es doch nur noch acht Tage seien bis dahin. Auch die andern Hausgenossen würden unangenehmen Tagen entgegen gehen, das wußte ich wohl; aber ich hatte deren auch genug gehabt. Käthe schlich sich wieder nach oben, es war ihr von Frau Sparr verboten, noch mit mir zu sprechen. Bald darauf kam der Diener an meine Tür mit dem Auftrage, ich möchte ganz genau, auf Heller und Pfennig ausrechnen, was ich außer dem abgezogenen vierteljährlichen Lohn noch an Geld bekäme, sie hätte keine Lust, sich noch mit meiner Angelegenheit zu beschäftigen. Ich sagte dem Diener, daß es auch ganz unnötig wär, ich bekäme so und so viel Mark und so viel Groschen, und die Heller und Pfennige schenkte ich ihr noch zu dem vierteljährlichen Lohn. Nach einer kleinen Weile kam er wieder[68] und mußte mir sagen, daß ich das Geld oben selbst in Empfang nehmen solle. Wie ich nun meine Sachen alle zum Abholen bereit gestellt hatte, ging ich nach oben. Bärbeißige Gesichter bekam ich zu sehen, o jeh! Sogar der alte Herr, der sonst immer so freundlich zu mir war, verfolgte mich mit bösen Blicken. Auf dem Tische lag neben dem Gelde ein Papier. Frau Sparr zeigte gebieterisch darauf hin mit den Worten: »Bitte, unterschreiben Sie das!« »Ich unterschreibe nichts, was ich nicht gelesen habe,« gab ich zur Antwort. »Dann, bitte, bitte,« sagte sie mit schneidendem Hohn, »wenn Sie überhaupt lesen können.« »Vielleicht besser wie Sie,« sagte ich, ihr nichts schuldig bleibend. Ich las: »Unterzeichnete bescheinigt hiermit, kontraktbrüchig geworden zu sein.« Ich sagte ihr: »Den Wisch unterschreibe ich nur, wenn Sie hinzufügen: »wofür sie ihren vierteljährlichen Lohn ließ.« »Fällt mir gar nicht ein,« schrie sie mich an, »unterschreiben Sie es nicht, so geb ich Ihnen auch nicht dies Geld.« »Gut,« entgegnete ich, »ich werde mein Recht schon finden.« Damit wollte ich gehen. Aber die Schwiegertochter und auch der alte Herr meinten: »Das kann sie wohl verlangen, schreib es doch, damit die Geschichte aus der Welt kommt.« Unter Fluchen und Schimpfen schrieb sie es, und ich setzte meinen Namen unter dies lächerliche Schriftstück, strich mein weniges Geld ein und verließ auf Nimmerwiedersehen das unfreundliche Haus. Wohl war ich froh, daß ich meiner Peinigerin glücklich entronnen war, aber es lag doch wie ein Alp auf mir: »Wie fassen es deine Verwandten auf? Werden sie es billigen? oder wirst du auch da noch einen schweren Stand haben?« Ich ging zu meiner Tante, die mich zuerst in Hamburg vermietet hatte. Sie hörte meinen Bericht ruhig an und fand es ganz vernünftig von mir, daß ich diesem Leben ein Ende gemacht hatte. Sie wußte es zu beurteilen, war sie doch früher selbst in Stellung gewesen und hatte wohl Gutes, aber auch Böses erlebt. Auch der gute Onkel stimmte ihr bei und nahm mir die Sorge um meine Sachen ab, indem er sofort einen Mann schickte, der[69] sie abholen mußte. Am Abend traf ich meinen Bruder. Erst hörte er mit gerunzelter Stirn mein Erzählen an, dann, wie ich ihm die Szene vom Unterschreiben schilderte, lachte er sein gutmütiges Lachen und meinte: »Den Gefallen hättest du ihr nicht tun sollen,« setzte aber gleich hinzu: »Na, die Hauptsache ist, daß du aus diesem für dich so unpassenden Hause heraus bist; Ersatz wird sich schon finden.« Amazon.de Widgets Am nächsten Morgen durfte ich mal so recht ausschlafen, hatte meine Tante mir gesagt. Wie wohl das tat! Und nun berieten wir über meine Zukunft. Tante meinte, ich solle jetzt man erst mal einige Wochen zu meiner Mutter gehen und dann erst Stellung suchen, eine kleine Erholung könne mir nicht schaden. So verlockend der Gedanke war, wies ich ihn doch zurück. Ich sollte, wo ich stellungslos war, bei meiner Mutter weilen? Das wollte ich nicht, auch wußte ich, es würde mir sehr schwer fallen, ihr mein plötzliches Fortgehen von Sparrs zu berichten, wenn ich keine Aussicht auf eine andere Stellung hatte. Es würde meiner Mutter Sorge gemacht haben, und sorgen sollte sie sich in dieser Hinsicht nicht um mich. Die »Hamburger Nachrichten« erschienen, und ich machte mich gleich dabei, die Rubrik »Gesuche« zu studieren. U.a. wurde ein nettes Mädchen, welches gut bürgerlich kocht, auf zwei Monate zur Aushilfe gesucht. »Soll ich einmal hingehen?« sagte ich zu meiner Tante, »es ist hier ja ganz in der Nähe.« »Wenn du denn durchaus gleich wieder in Stellung willst, versuche es,« meinte sie. Meine Dienstkarte nahm ich mit. Ein recht dumm aussehendes Mädchen öffnete. »Was wollen Sie?« frug sie mich. Ich sagte ihr, daß ich mich um die Aushilfestelle bemühen möchte. »O,« meinte sie lächelnd, »es waren schon so viele hier, aber ich werde ?Ihnen? melden.« »Bitte, melden Sie ?mir? man.« Während dieser Worte kam die Dame schon die Treppe herunter und da sie vernahm, weshalb ich gekommen, nötigte sie mich in ein Zimmer. Es war eine feine vornehme Dame, besprach das Nötige in ruhiger Weise mit mir und bat mich, meine Karte da[70] lassen zu wollen und mir am Abend näheren Bescheid zu holen. Viel Hoffnung, die Stellung zu erhalten, hatte ich nicht, denn ich mußte ihr sagen, daß ich von meinen beiden vorherigen Damen leider keine Zeugnisse erhalten werde, auch die Gründe hatte ich ihr wahrheitsgetreu gesagt. Sie antwortete nur: »Ich kenne die Häuser.« Am Abend kam das Mädchen schon lächelnd an die Tür und sagte: »Das ist ?Sie? nicht geglückt, Frau Behrens hat schon eine.« Ich bat sie, mir meine Karte, welche ich hier gelassen, von Frau Behrens auszubitten. Frau Behrens kam, die Karte in der Hand, mit einem verstörten Gesicht herunter: »Und Sie wollen nicht zu mir?« »O ja,« entgegnete ich, »aber mir wurde gesagt, die Dame hätte schon ein Mädchen angenommen.« »Ja, aber meine Wahl ist gerade auf Sie gefallen,« sagte sie, »dann ist ja auch alles gut.« Am nächsten Tag ging ich schon hin, mit gemischten Gefühlen. Wie mochte es wohl hier sein? Viel Gutes erhoffte ich nicht, ich hatte den Glauben daran verloren. Na, mochte es ausfallen, wie es wollte, die zwei Monate hielt ich schon aus, sie wurden gut bezahlt und ich hatte ja alle Ursache, jetzt gerade darauf zu sehen. Die Familie bestand aus Mutter und zwei Töchtern, einem 19jährigen, anmutigen, reizenden Mädchen und einem 13jährigen lustigen Backfisch. Man sah es ihnen an, sie waren fein erzogen, sie gaben ihrer Mutter an Vornehmheit nichts nach. Dabei immer von gleicher Freundlichkeit. In den ersten Tagen traute ich dem Frieden noch nicht so recht, dachte vielmehr, es wäre nur die Stimmung der »Stutentage«; aber ich irrte, dieser freundliche vornehme Ton blieb. Befehle wurden überhaupt nicht ausgeteilt, sondern nur Wünsche geäußert und Bitten ausgesprochen, und in welcher Ruhe wurde die Arbeit vollbracht. Es war eine Lust, hier zu arbeiten. Ich war, wie von neuem geboren. Die Dame verehrte ich samt ihren Töchtern. Auch sie schienen ja mit mir zufrieden, sie haben mir wiederholt gesagt, wie leid es ihnen täte, mich nicht für länger behalten zu können. Aber Frau Behrens[71] hatte schon ein Kleinmädchen aus ihrer Verwandtschaft zum 1. Mai angenommen, welches verlobt war und gerne in einem kleinen Hausstand das Kochen vor ihrer Verheiratung erlernen wollte, und dieses hatte Frau Behrens übernommen; gewiß eine edle Tat, welche Zeugnis ablegte von einem guten uneigennützigen Charakter. Von meiner Vorgängerin wußten sie mir spaßige Geschichten zu erzählen. Sie hatten sie nur eine kurze Zeit gehabt, aber bald eingesehen, daß sie für die Stadt nicht taugte. Eine jede Arbeit mußte sie ihr jeden Tag wiederholen, sonst wurde sie nicht getan. Ebenso war es mit dem Essenbereiten; die einfachste Zusammenstellung konnte sie nicht begreifen. Hatten Frau Behrens und ihre Tochter nun mal Besorgungen oder Besuche zu machen und sie sollte den Mittag alleine besorgen, so hatte sie stets nur einen Teil, also nur Suppe oder nur Fleisch mit Kartoffeln bereitet. Gemüse, Kompot oder gar Salate waren für sie unfaßbare Begriffe. Das schlimmste aber war die Unzuverlässigkeit beim Gas. Sie öffnete z.B. drei Arme und zündete nur zwei an oder ließ, wenn geklingelt wurde, den geöffneten Gasarm im Stich und lief zur Tür, vielleicht erst nach 10 Minuten zurückkehrend. In der Zeit war natürlich das ganze Zimmer mit häßlichem Gasgeruch gefüllt und es hätte ja schlimme Folgen haben können. Um Gefahren vorzubeugen, hatte Frau Behrens sie lieber vor der Zeit gehen lassen und ihr den Rat gegeben, lieber wieder in ihre Heimat, einem mecklenburgischen Dorfe, zu gehen. Frau Behrens erzählte weiter, sie habe ihr ja leider kein Zeugnis auf ihre Leistungen geben können, aber desto mehr ihre Ehrlichkeit betont. So war sie immer auf das Fortkommen ihrer Mitmenschen bedacht, wahrlich ein edles Gemüt! Mein Zimmer lag in der ersten Etage und nicht im ungesunden Keller. Das Fenster ging nach einem freundlichen Garten hinaus, wo Schneeglöckchen und Narzissen aus der Erde hervorlugten. So wohl hatte ich mich noch gar nicht in Hamburg gefühlt. Freundliche[72] Behandlung, gute Nahrung, eine gesunde Schlafstätte, wohl ziemlich viel Arbeit, aber nicht überhäuft, auch gönnten sie mir mal ein Wort der Anerkennung, und alles dieses gab mir wieder Mut und Hoffnung für die Zukunft. Denn ich wußte, ich mußte noch lange weiter in dienender Stellung bleiben. Frau Behrens hatte großes Vertrauen zu meiner Kochkunst. Sie riet mir, doch in Zukunft nur Stellen als Oberköchin oder Mamsell anzunehmen, wo ich ausschließlich nur zu kochen hatte. Sie hatte schon was passendes für mich in Aussicht, aber ich wagte denn doch nicht, so hohe Ansprüche an mein Können zu stellen, und überdies war ich bleichsüchtig und litt am Magen, und für solche Leiden ist gerade das Kochen nicht sehr zu empfehlen. An einem Sonntagmorgen im April hatte Frau Behrens mir zwei Mädchen suchende Herrschaften notiert und meinte wohlwollend: »Versuchen Sie's da erst mal, es ist eine gute Gegend. Die Herrschaften kenne ich leider nicht, ein gutes Zeugnis, in jeder Hinsicht, kann ich Ihnen geben.« Das Mittagsmahl wurde möglichst einfach eingerichtet, und die jüngste Tochter rief mir zu: »Dorette, Sie brauchen heute Morgen garnicht erst nach oben zu kommen, meine Schwester und ich haben schon alles in Ordnung gebracht. Ich wünsche einen angenehmen Spaziergang und viel Glück.« Und ehe ich meinen Dank aussprechen konnte, war sie schon wieder davon gehüpft. Es war ein schöner Frühlingstag, aber dennoch war mir schwer ums Herz, weil ich wieder vor einer ungewissen Entscheidung stand. Wer konnte wissen, wie sich mein neues Arbeitsfeld gestaltete. Meine erste Vorstellung war in einem eleganten Parterre. Eine Dame in den mittleren Jahren stellte sich mir als die Suchende vor, musterte mich von unten bis oben und meinte: »Aber warum stellen Sie sich nicht in hellen Mädchenkleidern vor? Ich halte streng darauf, daß die Mädchen immer in hellen Kleidern und Mützen erscheinen.« Ich sagte ihr, daß es meine Lieblingskleidung grade nicht sei, ich aber nicht abgeneigt wäre, sie im Hause und bei Besorgungen[73] für die Herrschaft zu tragen, im übrigen mir aber in dieser Hinsicht keine Vorschriften machen ließe. Sie sah mich natürlich etwas verdutzt an ob dieser kecken Entgegnung, lenkte aber freundlich ein, daß sie es auch in diesem Sinne gemeint hätte. Sie frug nach allem Möglichen und Unmöglichen, auch nach der Adresse meiner jetzigen Herrschaft, damit sie sich Zeugnis holen könne und die Karte möchte ich nur gleich da lassen. »O nein,« entgegnete ich, »ich möchte mich noch bei mehreren Herrschaften vorstellen, und muß dazu meine Papiere gebrauchen.« »Ich habe es nämlich schon sehr schlecht getroffen,« fügte ich lächelnd hinzu »und werde diesmal vorsichtiger sein.« Wieder ein verwunderter Blick, so als wenn er sagen wollte: »Was nimmt die sich heraus!« Mochte sie denken von mir was sie wollte, ich wußte schon jetzt, daß ich nicht zu ihr ging, sie erinnerte mich in ihrem Benehmen zu sehr an Frau Sparr, und auch sie mochte sich für mich bedanken, denn ich war ihr ja ziemlich dreist entgegen getreten; aber, wie du mir, so ich dir, dachte ich. Was hatte sie sich gleich um meine Kleidung zu bekümmern? Damit hätte sie warten können, bis wir uns näher getreten waren, aber einem Dienstboten, scheinen viele Damen und Herren zu glauben, können sie alles bieten, und doch besitzen diese oft ein besseres Taktgefühl und richtigeres Empfinden wie jene. Ich ging zu Nummer zwei. An einem freundlichen Gartenhaus las ich den Namen der betreffenden Herrschaft. Ein junges Mädchen ließ mich in ein hübsches, freundliches Zimmer treten mit dem Bemerken, Frau Nielson würde sogleich erscheinen. So war es auch. Leichtfüßig kam jemand die Treppen heruntergesprungen und stand im nächsten Augenblick vor mir. Er war eine junge, hübsche Erscheinung mit freundlichen, lachenden Rehaugen. Freundlich zeigte sie auf einen Stuhl, ich möchte Platz nehmen, sie ließ sich mir gegenüber nieder und besprach das Nötige sachlich und ruhig mit mir. Ich erfuhr, daß sie drei kleine Kinder habe im Alter von 2?8 Jahren, zwei Knaben und ein Mädchen, womit sich aber das junge[74] Mädchen, das mir geöffnet, hauptsächlich zu beschäftigen habe, auch habe das junge Mädchen sich die Hausarbeit mit mir zu teilen. Siebzig Taler Lohn solle ich zuerst erhalten, und wenn wir länger zusammenblieben, was sie hoffen wolle, gebe sie gerne mehr. Wir hegten wohl gegenseitige Sympathie. Die Dame gefiel mir sehr, und sie meinte beim Fortgehen zu mir: »Bitte, bemühen Sie sich vorläufig nicht um eine andere Stellung, ich glaube wir werden gut zusammen passen.« Ich versprach es gern. Befriedigt kam ich bei Frau Behrens an, welcher ich das Resultat meiner Vorstellungen erzählen mußte. »Die erste Dame,« sagte ich, »wird wohl gar nicht kommen, denn unsere Meinungen waren in einigen Sachen sehr verschieden, aber Frau Nielson, hoffe ich, wird morgen wegen Zeugnis vorsprechen.« »Und an mir soll's nicht liegen, Dora, daß Sie die Stellung erhalten; möge sie dann nur gut ausfallen, das wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen,« fügte Frau Behrens hinzu. Kaum hatte ich mich umgekleidet und wollte ans Kochen gehen, als es an der Haustür klingelte. Ich öffnete und stand Frau Nielson gegenüber. »Sie wundern sich, nicht wahr?« sagte sie, nachdem sie mich freundlich begrüßt hatte, »aber wenn es angeht, möchte ich wohl heute schon mit Frau Behrens sprechen, man hat so gerne Gewißheit.« Frau Behrens empfing sie, und nach 10 Minuten schon hatte ich mich bei Frau Nielson vermietet und hatte mir ausbedungen, ehe ich meine Stellung antrat, auf ein paar Tage zu meiner Mutter zu reisen, was mir auch bereitwilligst gewährt wurde. Nach ungefähr einer halben Stunde kam auch noch die andere Dame und wollte auch lieber heute Gewißheit haben als morgen. Na, die konnte sie kriegen, nämlich die, daß ich nicht zu ihr ging, sondern eben schon anderweit vermietet sei. »Wie viel Lohn bekommen Sie da?« frug sie schnippisch. Wenn ich hätte ebenso unmanierlich sein wollen, wie sie, dann hätte ich gesagt: »Es geht Sie nichts an.« Ich war aber anständiger und sagte ihr: »70 Taler.« Sie warf den Kopf in den Nacken und sagte: »Und bei mir hätten[75] Sie 75 Taler bekommen.« Dann rauschte sie hinaus. Wie sie mich doch an Frau Sparr erinnerte! Ich dankte dem Schicksal, daß es mich nicht in ihre Hände gespielt hatte. Fräulein neckte mich später gerne, was ich doch für eine begehrenswerte Persönlichkeit sei, und wir machten uns natürlich über das unfeine Gebahren der letzten Dame lustig. Gar zu schnell gingen die paar Wochen hin, die ich noch in diesem Hause weilen konnte. Hier wäre ich gar zu gerne geblieben, und auch Frau Behrens und ihren Töchtern schien es aufrichtig leid zu tun. Ich mußte ihnen versprechen, sie bald einmal wieder zu besuchen. Ich durfte nun erst mal in meine Heimat. Das setzte mich leichter über den Wechsel hinweg. Meine liebe Mutter bot alles auf, um es ihrem großen Kinde recht behaglich zu machen; so flossen die paar Tage des Urlaubs in schönster Harmonie dahin. 
 III. Teil.  [76] Wieder begleitete mich der Segenswunsch meiner lieben Mutter! Möge er sich doch erfüllen! Einen ehrlichen Willen brachte ich dazu mit. Nach 8 Tagen konnte ich meiner Mutter einen zufriedenen Bericht erstatten; es ging mir hier recht gut. Herr und Frau Nielson waren ein vergnügtes, echtes Hamburger Ehepaar, das auch gerne seine ganze Umgebung lustig und heiter sah. Arbeit war natürlich genug vorhanden, das kann ja auch gar nicht anders sein, wo drei kleine Kinder und ein ziemlich geräumiges Haus vorhanden sind. Aber hier bewährte sich das Wort: Lust und Liebe zu einem Dinge macht alle Müh' und Arbeit geringe. Wir hatten hier eine menschenwürdige Behandlung, gutes Essen und Trinken und wie die Dame merkte, daß ich auch ohne ihr Zureden meine Pflicht tat, ließ sie mir in vielen Sachen freie Hand, und durch dies entgegenkommende Vertrauen fühlte ich mich frei und froh; es spornte mich an zu immer größerem Fleiß und größerer Anhänglichkeit an den Haushalt. Die Kinder, welche zuerst schüchtern[76] und von ferne standen, wurden bald meine Vertrauten. Der älteste, Paul, war etwas ernst veranlagt, hatte auch viel mit der Schule zu kämpfen; das Lernen fiel ihm nicht allzu leicht, und er hat mir dann immer so sehr leid getan, wenn er ängstlich mit der nicht allzu gut ausfallenden Zensur nach Hause kam. Das zweite Kind war ein kleines niedliches Mädchen von fünf Jahren. Gertrud hieß sie, wurde aber immer Trudel genannt, und nun erst das Nesthäkchen, ein allerliebster Bube von zwei Jahren mit hellblonden Locken und großen braunen Augen, Alli war sein Kosename. Nie habe ich später ein so hübsches Kind wieder gesehen. Er war ein kleiner zutraulicher Bengel; wie wir uns nun schon recht gut miteinander bekannt gemacht hatten, unterließ er es nie, mich jeden Morgen, wenn er fertig angezogen war, in der Küche zu begrüßen, frug aber immer erst an, ob er wohl angenehm wäre. Er stand dann oben an der Treppe, sich mit beiden Händchen krampfhaft festhaltend und rief: »Dodo, Dodo, Alli nunter gomm darf?« Bekam er dann eine bejahende Antwort mit dem Bemerken: »Aber Alli muß sich hübsch festhalten, sonst fällt Alli die Treppe hinunter,« kam er, so schnell es seine kleinen Beinchen erlaubten, die Treppe herunter; dabei sagte er dann fortwährend: »Alli fes hatten, Alli fes hatten (Alli fest halten).« Dann mußte ich natürlich seinen feinen Kittel, seine saubere Schürze und blankgeputzten Stiefel bewundern. Wenn das geschehen war, sagte er: »Nu Alli Dodo helfen.« Dann hatte ich schon irgend kleine Gegenstände für ihn, die er an ihren Platz befördern mußte. Dabei fühlte sich der kleine Kerl dann so wichtig, daß es spaßig war, ihm zuzusehen. Endlich meinte er dann: »Alli Mami ? hin, Mami ? weint ? Alli ? weg,« und mit seinem: »Alli fes hatten« stieg er dann wieder die Treppen hinauf. Alle 14 Tage hatte ich Kinderzeugwäsche, die andere kam zum Bleicher. An solchem Tag oder wenn der Schornsteinfeger da gewesen war, habe ich dann wohl manchmal gesagt. »Heute hat Dodo keine Zeit, heute muß Alli oben bleiben.« Später[77] brauchte ich nur zu sagen: »Morgen kann Alli runter kommen,« dann ergänzte er schon: »Heute Dodo wasch, warze Mann da is, Alli nicht nunter gomm!« Drollig waren seine Einfälle und sein Geplauder; ich habe mich sehr häufig gewundert, daß das junge Mädchen es langweilig fand bei Kindern; ich mochte mich so gerne mit ihnen beschäftigen. Gingen Herr und Frau Nielson aus, was recht häufig vorkam, dann baten sie mich stets, doch nach oben zu gehen, wenn es meine Zeit erlaube, die Kinder möchten so gern in meiner Gesellschaft sein. Ich tat es recht gerne, dann haben wir uns immer »großartig amüsiert«, wie Paul sich ausdrückte, zuletzt gab's dann noch ein »Büxentheater«, auch Pauls Erfindung. Wenn also die Zeit des Zubettgehens gekommen war, und die Kinder in ihren weißen Nachthöschen steckten, die bloßen Füße mit weichen Schuhen bekleidet, begann das Theater. Es wurde marschiert, stillgestanden, Kehrt gemacht, und schließlich tanzten sie, einzeln und zusammen, dabei machten sie so possierliche Bewegungen, daß selbst das junge Mädchen mitlachen mußte, das sich sonst ziemlich gelangweilt benahm. Und glücklich und zufrieden gingen sie in ihre weichen Bettchen. Hatten sie Geburtstag, überraschte ich sie stets mit einer ganz kleinen Aufmerksamkeit zu zehn Pfennig, legte es des Morgens in ihren Trinkbecher, und die Freude war immer groß, ein Kinderherz ist ja so leicht erfreut. Auch die Eltern waren vernünftig und faßten es wohlwollend und in dem Sinne, wie es gegeben wurde, auf. Die Kleinen ließen sich's aber auch nicht nehmen, an meinem Geburtstag mich mit einem Geschenk zu überraschen. Sie kamen dann alle drei mit einem Paket im Arm zu mir in die Küche, brachten allerliebst ihren Glückwunsch dar und warteten, bis ich die Sachen, die sie mir gebracht, genügend gelobt hatte, und wie strahlten dann ihre Augen in dem Bewußtsein, ein gutes Werk vollbracht zu haben. Ich versprach ihnen dann immer zu ihrem Geburtstag einen schönen, süßen Nachtisch auf den Tisch zu bringen, dann trotteten sie wieder ab. Und erst am Ostermorgen war es eine helle[78] Freude in meiner Küche; ich besorgte mir dann eine Tüte kleiner Ostereier, und versteckte diese, fein säuberlich in Papier gewickelt, hinter Tisch und Schrank, hinter Stuhl und Kasten; es machte ihnen, so wie mir, sehr viel Spaß. Frau Nielson hat mir gesagt, daß den Kindern das Eiersuchen in der Küche, obgleich es nur kleine einfache waren, ebenso sehr erfreute, als das Suchen nach den großen, viel hübscheren Eiern, und Paul hat einmal altklug gemeint: »Mama, solche Köchin wie die Dora haben wir noch garnicht gehabt, die soll immer bei uns bleiben, sie macht immer viel Spaß mit uns.« Wenn Frau Nielson sich nun wohl auch keine Köchin zum »Spaßmachen« hielt, so schien sie doch auch mit meinem Bleiben einverstanden. Auch ich war gern in diesem Hause, man fühlte hier nicht so sehr den Standesunterschied, weil Herr und Frau Nielson immer freundlich zu uns waren, und ganz besonders stand ich mit Frau Nielson auf vertrautem Fuße. Ich kannte bald ihre ganzen Familienverhältnisse und wußte, wer gern gesehen und wer weniger beliebt war. Eine besondere Abneigung legte sie für eine Schwägerin, die Schwester ihres Mannes, an den Tag, obgleich diese mir sehr sympathische Dame ihr stets mit gleicher Freundlichkeit begegnete. Dagegen genoß eine Dame aus Freundeskreisen ihre volle Gunst. Erst viel später konnte ich mir diese verschiedenen Gesinnungen erklären. Die Schwägerin, eine ebenso hübsche und graziöse Erscheinung wie Frau Nielson, war ihr im Wege im Verkehr mit der Herrenwelt, dessen ausgesprochener Liebling sie war. Sie mochte wohl einsehen, daß sie in der hübschen, immer heiteren Schwägerin eine Rivalin fand. Ganz anders mit der korpulenten, auch im Verkehr schwerfälligen Freundin, von dieser hatte sie nichts zu fürchten und deren Gemahl war der eifrigste Bewunderer ihrer Vorzüge. Daß ihr die Schmeicheleien dieses immer süßlich lächelnden Herrn so sehr gefielen, konnte ich nicht[79] begreifen, zumal Herr Nielson ein sehr aufmerksamer, liebenswürdiger Gatte war. Ich lebte hier ordentlich auf. Frau Nielson schien mit meinen Leistungen in jeder Beziehung zufrieden zu sein und kargte auch nicht mit Anerkennung und Vertrauen, mich spornte es zu immer größerem Fleiß an, und mit wirklicher Lust und Liebe tat ich meine Arbeit. Hier durfte ich auch mal ein Liedchen anstimmen, und wie Frau Nielson merkte, daß ich mich für Gesang und Musik interessierte, hat sie mir manches hübsche Lied mit ihrer klangvollen Stimme vorgesungen und -gespielt. Auch der Herr war musikalisch, überhaupt sehr lebenslustig und fidel, und so sang denn mitunter das ganze Haus. Auch fand ich Gelegenheit, mal ein gutes Buch zu lesen, oder Frau Nielson machte mich aufmerksam auf einen lehrreichen oder auch spaßigen Artikel in der Zeitung, und so gab es Stoff zur Unterhaltung, welche sich doch nicht immer nur um Reinmachen und Kochen drehte. Auch durfte ich mir erlauben, über ihre Toilette ein Wort zu äußern. Sie liebte es, daß ich mich für jedes neuangefertigte Kleid interessierte. Meine Kritik konnte aber immer nur lobend ausfallen; denn sie verstand es, sich elegant und schik zu kleiden. Auch uns Mädchen wünschte sie »hübsch« angezogen. Alle Kleider und Schürzen schenkte sie uns; wir bekamen eine sehr gute Weihnachtsbescherung, und alles was sie schenkte, war vom Besten. »Damit Sie Nutzen und Freude daran haben,« pflegte sie zu sagen. Amazon.de Widgets Im Sommer durften wir unsere freie Zeit auch im Garten zubringen, sogar im Vorgarten, damit wir die Tür beobachten konnten. »Die Laube ist ja wohl ziemlich dicht,« meinte der Herr, »denn sonst würden sich ja gar zu leicht Liebhaber anfinden für unsere feschen Mädels, und wir hätten das Nachsehen« und dabei lachte er dann selbst am meisten über seinen Witz. So ganz Unrecht hatte er nicht, vonwegen dem »Liebhaber«. Ein solcher hatte sich bald eingefunden; es war ein älterer Herr im Zylinder, der uns jeden Abend durch Lüften seiner »hohen« Kopfbedeckung begrüßte.[80] Dann eines Abends blieb er an der Pforte stehen und bat uns, doch mal etwas näher zu kommen, er hätte uns was zu sagen. Erst weigerten wir uns noch, aber na, der jugendliche Übermut gewann die Oberhand, und wir waren ja zu zweien, uns konnte nichts passieren. Er begrüßte uns sehr ehrerbietig; die Kratzfüße und Bücklinge hätten genügt, eine Exzellenz zu empfangen. »So,« meinte er, »nun kann man sich doch mal ein wenig näher kennen lernen« (die Anrede war ja gerade nicht exzellenzfähig). Vor allen Dingen wünschte er zu wissen, ob unsere Herrschaft denn auch wirklich verreist wäre; anzunehmen wäre es ja, da wir doch jeden Abend im Garten wären. »Gewiß ist die Herrschaft verreist,« war unsere Antwort, obgleich das Gegenteil der Fall war; es waren sogar einige Damen zum Abendessen geladen, das hinten auf der Veranda eingenommen wurde. Unser Gentleman erzählte uns, daß er am Nachmittage eine Vergnügungstour nach Blankenese gemacht hätte, vom Regen überrascht sei und sein erst eben vorher frisch aufgebügelter Zylinder wieder verdorben wäre. »Mir blieb nichts anderes übrig,« erzählte er weiter, »als ihn bei meiner Rückkehr nach Hamburg abermals aufbügeln zu lassen.« Während dieser Unterhaltung war des Nachbars großer Bernhardiner herangekommen und bellte nun den Erzähler fortwährend an. Der hatte schon einige Male mit seinen gelben Glacees nach ihm geschlagen, aber desto anhaltender kläffte der Hund; es mochte ihm nicht geheuer vorkommen. Unser »Liebhaber« fand es auch ohnedies schon recht ungemütlich an der Pforte und bat um die Erlaubnis, mit uns ins Haus gehen zu dürfen, er wolle uns Gesellschaft leisten und jeden Abend würde er seinen Besuch wiederholen, auch Blumen und Backwerk wollte er uns mitbringen, so viel wir wünschten. Hm, feine Aussichten! Ich gab ihm denn zur Antwort, daß es ja eigentlich nicht erlaubt sei, fremde Herren ins Haus zu lassen; aber mit so einem »ehrwürdigen« Herrn, wie er sei, könnte man wohl eine Ausnahme machen. Aber er müsse erst diesen kläffenden Hund wegbringen; die Leute[81] würden ja durch diesen schon aufmerksam. Das sah er ja auch ein. Er entfernte sich mit dem Hund, der hinter ihm her knurrte, als wenn er ihm nicht viel Gutes zutraue. Wir benutzten diese Zeit, um unsere Eingangstür zu verschließen und die Fenstervorhänge runter zu lassen. Dann begaben wir uns schleunigst nach oben, bewaffneten uns mit gefüllten Wasserkannen und erwarteten hinter den Gardinen das Wiederkommen des sauberen Herrn. Es dauerte länger, als wir gedacht hatten. Aber da! Schnellen Schritts mit einer mächtigen, gefüllten Konditortüte trat er in unsern Garten. O weh, die Tür war verschlossen. Er klopfte, erst zaghaft, dann lauter, er bat, wir möchten doch öffnen, er, unser Beschützer, sei da. Kosenamen ersten Ranges gab er uns, aber nichts erweichte uns. Schließlich forderte er, wir müßten unser Versprechen einlösen. Da, platsch! platsch! kam es wolkenbruchähnlich auf seinen frisch gebügelten Zylinder, unsere Wasserkannen waren leer, und schnell wie der Blitz waren wir vom Balkon verschwunden. Wie ein begossener Pudel, im wahren Sinne des Worts, schlich er von dannen, wütende Blicke flogen nach oben, kicherndes Lachen hallte nach unten. Wir hofften sehr, er würde vor Schreck die »süße Tüte« fallen gelassen haben, aber nichts verriet seine Anwesenheit, nur eine große Wasserpfütze erinnerte an unser Abenteuer. Herrn und Frau Nielson durften wir gern unsern Spaß anvertrauen, auch sie freuten sich, daß wir ihm so heimgeleuchtet. Wir durften auch den Besuch unserer Verwandten stets annehmen. Meine Schwestern hatten Herr und Frau Nielson persönlich kennen gelernt und waren ihnen freundlich gesinnt, das entnahm ich bald den Äußerungen Frau Nielsons, und ganz besonders schienen sie sich für die jüngere zu interessieren; denn wenn wir irgend einen Besuch des Abends gehabt hatten, frug Frau Nielson mich morgens darauf: »War Ihre Schwester Guste hier?« »Ist das eine fidele Seele,« oder »der sprüht die Lebensfreude aus den Augen.« Solche und ähnliche Bemerkungen[82] hörte ich immer. Es ging aber auch heiter her, wenn sie anwesend war; sie wußte immer etwas Lustiges zu erzählen, und lachen konnte sie so herzhaft heiter, man mußte mitlachen. Einmal, es war an einem Sonntagabend, unsere Herrschaft hatte einige Gäste zum Abendessen, kam meine Schwester Guste ganz besonders aufgeräumt bei uns an. Allerlei drollige Geschichten hatte sie schon zum Besten gegeben. »So,« sagte sie dann, »nun deckt man euern Tisch für die Herrschaft, und dann hab ich auch ganz was Schönes für euch mitgebracht.« Wie wir mit dem Decken fertig waren, mußten wir unsere Augen zumachen, denn wir sollten das Mitgebrachte erst mal riechen, ob wir eine so feine Nase hätten, um dann zu erraten, was es sei. Wir dummen Gänse tun, wie sie wünscht. Ein Irgendetwas hielt sie uns unter die Nase mit den Worten: »Müßt ordentlich aufriechen, sonst erratet ihr's ja nicht.« Wir taten wie uns geheißen, und ich sah dann ein ganz klein winziges Schächtelchen in ihre Tasche verschwinden; aber erraten konnten wir nicht, was darin sei. »Ach, besinnt euch nur, es wird euch schon einleuchten,« meinte sie. Hatschi! meinerseits, Hatschi! Hatschi! von meiner Kollegin. »Habt ihr euch aber erkältet!« Hatschi! Hatschi! ein unbändiges Kribbeln in der Nase, das verschmitzt lachende Gesicht unserer Auguste und das fortwährende Niesen ließen uns bald das Richtige erraten. Sie hatte uns mit Niespulver traktiert und gerade heute, wo Besuch da war! Es konnte jeden Augenblick geklingelt werden, um die Teller zu wechseln, und lachen mußten wir, ob wir wollten oder nicht; denn bei jedem Hatschi wollte Guste sich vor Vergnügen ausschütten. Da klingelt's! Wie mochte es verlaufen, mir war doch etwas beklommen zu Mute. Ich mußte die Herrschaften bedienen; denn meine Kollegin war noch zu neu und unerfahren im Servieren. Hatschi! hatschi! ging's die Treppe rauf, Augustes Lachen tönte mir nach. Mit einem Hatschi! trat ich ins Eßzimmer, Tränen traten mir in die Augen. Das Pulver wirkte großartig; bei jedem zweiten Teller, den ich fortnahm[83] mußte ich niesen. Einer der Herren hatte es mir schon mal nachgemacht, jetzt auch Herr Nielson. Die ganze Gesellschaft wurde aufmerksam; ich wollte mich entschuldigen, aber ich kam nicht fertig damit. Hatschi! Hatschi war das meiste, was ich hervorbrachte. Alle Gäste brachen in Lachen aus. »Ist die Guste wohl da?« frug Herr Nielson, mit Nicken des Kopfes und einem Hatschi antwortete ich. »Ach so, dann kann ich mir ja denken, was die ausgeheckt hat.« »Ein kreuzfideles Mädchen, die Guste, erläuterte er seinen Gästen, und sein schallendes Haha! konnten wir unten vernehmen. Beim Abschiednehmen versicherte uns Auguste, sich lange nicht so gut wie heute abend amüsiert zu haben. Wir glaubten es ihr, denn gelacht ward sehr viel, und lachen war ihr Element, selbst uns Geprellten hatte es sehr viel Spaß gemacht. Ich war nun schon einige Jahre in diesem Hause. Frau Nielson ließ mir mehr und mehr freie Hand, ich konnte mir meine Arbeit einrichten, wie es mir paßte und auch beliebte. Sie sah wohl ein, daß sie nicht dabei zu kurz kam. Sie ging denn auch mehr denn je ihrem Vergnügen nach. Seit einiger Zeit nahm sie Gesangunterricht, sie lief Schlittschuh und übte zu Theateraufführungen; alles dieses nahm so ziemlich ihre Zeit in Anspruch. Da wurde ich krank, die Influenza packte mich dermaßen, daß ich wohl fühlte, ich dürfte eigentlich nicht das Bett verlassen, aber die Hausstandssorgen ließen mir keine Ruhe, auch hatte Frau Nielson gerade diese Zeit sehr viel vor. Ein Ball ihres Vereins sollte bald abgehalten werden, und deswegen waren fast jeden Tag Proben für die Aufführung, worin Frau Nielson die Hauptrolle, die der Liebhaberin, zuerteilt war. Fremde Hilfe hatten wir nur bei großen Gesellschaften gehabt, also auch momentan keine Aushilfe an der Hand, die mich hätte vertreten können. Das Kleinmädchen, im Kochen gänzlich unerfahren, hatte mit ihrer Arbeit genug zu tun. Es blieb mir nichts übrig, als meine Obliegenheiten selbst zu besorgen, so schwer mir es fiel. Meine kranken Glieder waren kraftlos, der Kopf schmerzte, und fieberndes[84] Blut jagte durch meine Adern. Frau Nielson sah wohl, daß ich sehr krank sei, meinte aber, es ließe sich ja nichts dabei machen, ich solle nur alle Arbeit liegen lassen, wenn ich nur Essen besorgen wolle, sie hätte jetzt leider keine Zeit mir zu helfen, die Krankheit gebe sich auch in einigen Tagen wieder, sie fände, ich sehe jetzt schon etwas besser aus, und man müsse sich nicht so leicht geben usw. Ich hörte aus ihren Reden, daß sie nicht gewillt war, sich nach Aushilfe umzusehen und tat mein möglichstes, um den Haus stand, den ich lieb gewonnen, in Ordnung zu halten. Zwei Wochen lang fühlte ich mich sehr elend, morgens beim Anziehen hatte ich ohnmachtähnliche Anfälle, Schweiß brach aus allen Poren, nur ganz allmählich konnte ich mich so weit aufraffen, um mühselig meine Arbeit zu verrichten. Dann wurde es langsam etwas besser, aber in den Beinen behielt ich eine große Schwäche und Schwere. Nach einiger Zeit bemerkte ich zu meinem Schrecken, daß ich des Abends ganz dick geschwollene Kniee hatte, die schließlich auch morgens nicht mehr dünne geworden waren. Ich konnte die Treppe nicht rauf noch runter kommen, und Frau Nielson, der ich meine Not geklagt, meinte, es wäre etwas Schwäche von der Krankheit und würde sich, ebenso wie diese in kurzer Zeit verlieren. Es trat aber nicht so bald, wie ich hoffte, Besserung ein, im Gegenteil, es stellten sich auch heftige Schmerzen ein. Meine Geschwister rieten mir, doch einige Wochen Urlaub zu nehmen und wenn es nötig wäre, meine Stellung aufzugeben, um zur Erholung zu meiner Mutter zu gehen. Wohl hätte ich es gerne getan und wußte und fühlte auch, Ruhe tat mir gut, aber ich mochte es meiner Herrschaft oder vielmehr meiner Dame nicht antun; denn es hätte eine große Umwälzung im Hausstand verursacht. Frau Nielson hätte möglicherweise selbst kochen müssen und gerade jetzt, wo die Vergnügungszeit vor der Tür stand! Nein! ich schwieg, es würde sich hoffentlich auch so wieder geben. Mein Bruder und seine liebe Frau, welche immer sehr besorgt waren um das Wohl und Wehe anderer, nahmen die[85] Sache ernster. Da weder von mir noch von Seite meiner Dienstherrschaft etwas zu meiner Erleichterung geschah, hatte meine Schwägerin an Frau Nielson einen Brief geschrieben, worin sie bat, mich zum Arzt zu schicken und mir für grobe, schwere Arbeit Hilfe zu geben, da ich sonst wahrscheinlich in kurzer Zeit wegen Krankheit meine Stellung aufgeben müsse. Mit diesem Brief kam Frau Nielson, sichtlich beschämt, zu mir in die Küche. Daß es mit meinen Beinen noch so schlimm stände, hätte sie garnicht gedacht, natürlich solle ich zum Arzt und mich ganz nach dessen Verordnung verhalten. Der Arzt sagte mir, daß die Adern an den Beinen sämtlich entzündet seien, wodurch die Schmerzen entständen, und wenn ich mir nicht ernstlich Ruhe nehmen würde, Krampfadern entstehen würden. Zwei Tage sollte ich liegen und durch fortwährende Umschläge mit kaltem Wasser die Entzündung behandeln, am dritten Tag wollte der Arzt mir dann Binden anlegen. Das war leichter verordnet als auszuführen. Der Waschtag fiel gerade und zum Überfluß hatte sich der Schornsteinfeger angemeldet. Eine Frau zum Waschen und Reinmachen war nicht aufzustöbern, wie Frau Nielson mir sagte, oder sie hatte sich auch nicht sonderlich darum gekümmert. Genug, ich mußte die Arbeit, wie immer, selbst besorgen. Der Arzt machte ein böses Gesicht und sagte mir auf den Kopf, daß ich nicht gelegen und keine Umschläge in Anwendung gebracht hätte. Binden könne er bei solcher Entzündung nicht anlegen, und wenn ich nun nicht seinen Verordnungen nachkommen würde, wäre es am besten, er schicke mich ins Krankenhaus. Mit diesem Bescheid kam ich nach Hause, das zog. Noch am selben Tag hatte Frau Nielson eine Aushilfe engagiert. Es war eine liebe, gute Frau, die ich in der kurzen Zeit unseres Beisammenseins achten und lieben lernte. So wurde mir die peinliche Zeit meines Nichtstuns durch ihre Anwesenheit erträglicher. Mein Leiden hat sich ja gebessert, aber leider war es nicht ganz beseitigt, bei anstrengender Arbeit, ganz besonders beim Waschen, Plätten und langem Stehen am Herd machte es sich unangenehm bemerkbar.[86] Herr und Frau Nielson machten in diesem Winter sehr viel Vergnügungen mit, kaum daß sie einige Abende in der Woche zu Hause waren, und so fanden denn auch die lieben Kinder recht oft Gelegenheit, unter meiner Regie ihr beliebtes »Theater« aufzuführen; je kleiner, je niedlicher führten sie auf. ? Ich hatte wegen meiner kaum überstandenen Krankheit wenig mitgemacht, nur gegen den Frühling wurde ich zu einem kleinen Tanzkränzchen eingeladen, und ich hatte wohl Lust hinzugehen. Als ich Frau Nielson um Erlaubnis dazu bat, wurde sie mir gewährt. Sie bemerkte aber gleichzeitig dabei: »Denken sie an Ihre kranken Beine.« Sonderbar, den ganzen Winter, bei all meiner Arbeit ? große Gesellschaften und Feste waren im Hause abgehalten worden ? war niemals meine Krankheit auch nur erwähnt worden. Der Frühling war gekommen. Schöne Sonnentage pflegen Laune und Gemüt des Menschen in heitere Stimmung zu versetzen. Anders bei Frau Nielson; die sonst immer lustige war gereizt und unzufrieden. Der Winter mit gar zu vieler Abwechslung ist ihr auf die Nerven gegangen, dachte ich. Der Herr mochte derselben Ansicht sein und beschloß, seine liebe Frau auf Reisen zu schicken, und zwar ohne die Kinder, damit sie wirkliche Ruhe hätte. Ganz alleine aber wollte sie nicht reisen und so wurde denn die schon erwähnte gute Freundin gebeten, mitzukommen. Und so geschah es, im Monat Juni dampften sie ab nach dem schönen Harz. In einem Brief an ihren Mann hatte sie für mich einige Zeilen beigefügt, ich möchte ihr so allerlei besorgen, was da schlecht zu haben war, und es ihr schicken; u.a. schrieb sie, daß es da ja herrlich zu leben wär; aber sie glaubte nicht, daß ihre Stimmung sich bessere, sie fühle sich bedrückt und denke viel an zu Haus, obgleich sie ihren Mann und ihre Kinder in meiner Pflege gut aufgehoben wüßte. Zum Schluß teilte sie mir noch mit, daß ich von jetzt ab 5 Thaler Lohn mehr haben solle und sie hoffe, daß wir noch recht lange zusammen blieben. In meinem Dankschreiben erwähnte ich noch manches Drollige[87] von ihren Kindern, damit sie sich freue, sie hatte doch auch mir eine Freude bereitet, und schloß mich der Hoffnung auf ein langes Zusammenbleiben an. Wir hatten das Jahr 1892; nicht nur der Hamburger, wohl manch anderer Mensch wird sich dieser schrecklich traurigen Zeit erinnern. Frau Nielson war noch nicht allzu lange von ihrer Erholungsreise zurück, als der Herr eines Mittags mit der Nachricht nach Hause kam, die Cholera sei hier ausgebrochen. Es wurden umfangreiche Vorrichtungen getroffen, die geeignet waren, vor Ansteckung zu schützen und ganz besonders mußte mit dem Wasser vorsichtig umgegangen werden. In unserem Hause wurde kein Tropfen ungekocht verbraucht, den ganzen Tag hatte ich Töpfe auf dem Feuer, um so viel wie möglich in Vorrat zu kochen. Es gehörte nicht wenig dazu, denn nicht nur Wasch- und Trinkwasser, sondern auch Wasser zum Reinmachen mußte gekocht werden. Doch diese Mühen und Arbeiten waren gering gegen die innere Aufregung. Die Zeitungen berichteten traurige Szenen, die Zahl der Erkrankungen und Todesfälle wuchs von Tag zu Tag. In ziemlicher Nähe von uns war auf einem freien Platz eine Baracke für die Erkrankten errichtet, und es fuhren fortwährend Droschken mit Cholerakranken vorbei. Dann die Angst um die lieben Angehörigen, es könnte einer von dieser schrecklichen Seuche erfaßt werden, und auch noch die Sorge um sich selbst, man könnte von Unwohlsein befallen werden und man würde dann erbarmungslos als choleraverdächtig zwischen diese Kranken gebettet werden (denn man konnte täglich solche Vorkommnisse lesen) versetzte einen in einen aufgeregten, fiebernden Zustand. Geschäftsleute wurden am Fenster abgefertigt, damit man nicht in nähere Berührung mit ihnen kam. Ausgehen durften wir natürlich nicht, man hatte auch keinen Mut dazu. Nur einmal hatten meine Schwester und ich uns verabredet, um einmal bei unserem Bruder vorzusprechen, aber welcher Schreck durchfuhr uns, als uns an der Tür gesagt wurde, er sei[88] leicht an Cholera erkrankt, es wäre wohl besser, wir kämen nicht näher mit ihm in Berührung. Nein, das durften wir nicht, denn das hatten wir unserer Herrschaft versprochen, uns von jedem, wenn auch nur leicht Erkrankten fernzuhalten. Schweren Herzens gingen wir nach Hause. Gottlob bekamen wir am nächsten Tag günstige Nachricht, die Krankheit hatte nachgelassen. Einige Tage später kam unser Herr des Mittags per Droschke nach Hause, auch ihn hatte die Krankheit gepackt, wenn auch nur gelinde. Die größte Vorsicht war auch hier geboten, er wurde, ebenso wie mein Bruder, in Betten gepackt und mußte schwitzen. Das Mittel bewährte sich gut, es trat bald Besserung ein. Aber welch bange Besorgnisse man hegte, können nur die ermessen, welche selbst Krankheit in dieser schrecklichen Zeit in ihrer Familie hatten. Erleichtert atmete jeder auf, wie es hieß, die Epidemie ließe nach; aber Hamburg hat noch lange, lange unter dem Druck gestanden, den diese Seuche verursachte. Mögen solche Zeiten nie wiederkehren! In diesem Jahr hatte mich der Weihnachtsmann sehr reichlich beschenkt. Ich fand alles auf meinem Platz, Kleiderstoffe, Wäsche, Schürzen und noch vieles mehr und alles gute Sachen. Ein Kasten mit hübschen Taschentüchern fehlte auch nicht; ich hatte sie schon angesehn und mich gefreut über deren Feinheit; aber Frau Nielson kam nochmals auf die Taschentücher zurück, ob ich sie denn schon auseinandergenommen hätte. Ich fand es sonderbar, denn mich interessierte das feine Tuchkleid weit mehr; aber, um nicht gleichgültig oder gar undankbar zu erscheinen, willfahrte ich ihrem Wunsche. Wer kann sich meine Freude vorstellen, als ich unter den Taschentüchern ein Etui vorfand mit einer hübschen Uhr nebst Kette! Ich war sprachlos. Meine Frage: »Soll ich die haben?« muß sehr komisch gewirkt haben; denn sie neckten mich noch lange damit. Frau Nielson flüsterte mir zu: »Sie wissen, eine arbeitsreiche Zeit steht Ihnen bevor, und damit Sie nicht verzagen, bereite ich Ihnen die Freude. Aber ich will[89] nicht hoffen, daß Sie mich bald verlassen; schon zweimal schenkte ich Köchinnen eine Uhr, und beide haben bald nachher den Dienst verlassen.« Ich beruhigte sie, daß es bei mir nicht eintreten werde, wenn nicht besondere Umstände dazu veranlaßten. Mitte Januar wurden Herr und Frau Nielson durch die Geburt eines Söhnleins beglückt; am Vormittag hielt er seinen Einzug. Am Tage vorher war eine Frau Lembke eingetroffen, die die Pflege von Mutter und Kind übernehmen sollte; sie war in der Familie wohl bekannt. Paul hatte mich des Morgens, ehe er in die Schule ging, gefragt, ob Frau Lembke heute wieder fortginge, oder ob sie noch länger bliebe. Ich gab ihm keine genaue Auskunft. Als er nun am Mittage nach Hause kam, trat er erst zu mir in die Küche und erkundigte sich, was es Schönes zu essen gebe. Als ich ihm darüber Bescheid gegeben hatte, fragte ich: »Paul, nun rate einmal, was heute bei uns angekommen ist?« »Hm,« gab er zur Antwort, »ein Kind! denn wo die Lembke ist, da kommen immer Kinder!« Die Antwort hatte ich nicht erwartet. »Junge,« sagte ich, »bist du aber klug! Aber du bist doch wohl neugierig, ob es ein Bruder oder ein Schwesterlein ist.« »Nein!« gab er prompt zurück, »die sehn ja doch alle gleich aus.« Allzu freundlich schien er dem kleinen Erdenbürger nicht gesinnt. Herr und Frau Nielson haben sich köstlich amüsiert über den weisen Ausspruch ihres Ältesten. Ach, das gab Arbeit und Unruhe, vieles fand ich überflüssig, aber weil es gewünscht wurde, habe ich mich gefügt. Es ist eben was anderes, wenn so ein reicher Kaufmannssohn das Licht der Welt erblickt, als wenn ein armer Schlucker auf die Erde kommt. Amazon.de Widgets Sogar unser Haus erwies sich als zu klein, obgleich acht Zimmer vorhanden waren. Das Haus hatte nach hinten ein schrägabfallendes Dach, das sollte ausgebaut werden und würde zwei Zimmer ergeben. Brr, mir graute, denn Bauhandwerker machen immer viel Schmutz, und da alles durch den Keller transportiert werden sollte, kam es mir wohl zu, es wieder fortzuschaffen, hoffte aber[90] sehr, jetzt etwas mehr Hilfe vom Kleinmädchen zu haben; denn es war auch eine Kinderfrau ins Haus gekommen, und zwar dieselbe, die mich in meiner Krankheit vertreten hatte. Wir waren uns sehr zugetan, und sie hätte mir gerne in dieser unruhvollen Zeit etwas abgenommen; aber sie wurde oben zu sehr in Anspruch genommen. Aber manches Späßchen kann ich aus dieser arbeitsreichen Zeit berichten, uns hat es wenigstens Spaß gemacht. Unter all den andern Bauarbeitern war auch der unvermeidliche Maurerarbeitsmann, er mochte wohl 28?30 Jahre alt sein, so ein echter, plattdeutscher Hamburger. »Goden Morgn, Fröln«, begrüßte er mich jeden Morgen. Er schien sich für alles, was bei uns ein- und ausging sehr zu interessieren. Brachte die Post uns was, sagte er natürlich: »Na, hett de Schatz schreben?« Meistens sagte ich ja, der Einfachheit halber. Einmal sagte ich denn: »Schatz hab ich garnicht.« »Wat, Se hemm keen Schatz? dat kün'n S'wohl een'n vertelln, de noch keen Kneub an de Büx hett, awers doch man nich mi, son smucke Deern un keen'n Schatz, gifft ja garnich.« Ein ander Mal, ich hatte einen Brief von meinem Bruder erhalten, frug er mich ganz unvermittelt: »Seggens mol, Fröln, Ehr Liebster is wolln grotes Tier, watt? denn de Handschriff ob den'n Breef säg bannig studeert ut.« Eines Tages, es war ein sehr warmer Frühlingstag, klopfte er bei mir in der Küche an: »Och, Fröln, hem'n 'S woll'n Drubben gekoktes Wooder?« »Gewiß, wölln Se kooles oder heedes Wooder hem?« »Och, kooles, wenn't angahn kann, Se möten nähmlich weten, ik heff ganz schändlich de Cholero hatt, und nu he'k beus Manschetten för ungekoktes Wooder.« Wir hatten zwei weiße Emaille-Eimer, worin immer unser abgekochtes Wasser war. Einem davon gab ich seinen Platz in der Nähe der Tür, damit die Arbeiter sich nach Belieben mit Trinkwasser versehen konnten; denn ich war doch auch häufig oben beschäftigt. Dieses sagte ich unserem »Jan Maat«, wie wir ihn immer nannten; der aber schüttelte mit dem Kopf und sagte: »Ne, Fröln, na[91] Ehr Heiligtum gah ik nich rin, denn düsse widde, blank blitzende Kök is ja dat reine Heiligtum, und Se ? Se sünd de Engel darin.« ? Die Kinderfrau hatte natürlich täglich Kinderwäsche, die hinten im Garten getrocknet wurde. Eines Tages wehten die Frühlingswinde ziemlich stark. »Jan Maat« klopfte an mein »Heiligtum«: »Och, Fröln, (mit dem Daumen über die Schulter zeigend) dor buten sünd de »Sewjetten« för den'n Jüngsten losgahn, makn' 'S ehr man weller fas, sünst geiht de Wind dormit af.« ? An einem Sonnabend meinte er zu mir: »Seggens mol, Fröln, kenn'n Se Lindenau?« »Ne,« sagte ich, »dat kenn' ik nich.« »Aber Se kenn'n doch dat Leed: In Lindenau, dor is de Himmel blau?« »Gewiß, dat kenn ik,« sagte ich. »Jaa, dit Lindenau is min Stammlokal, kam'n Se morg'n man beten hin, denn wüllt wie mol links um de Eck danzen; dor kaamt veel Suppendragoners. ? Wat, de kenn'n S' nich, so nennt wie all de ol lütten Kökschen, und de Lüttmaids heet wie Bessens, denn de fegt und püschelt ja denn ganzen Dag son bitt'n rüm.« Bei aller Derbheit blieb er doch immer anständig und gemütlich. Als wir die Bauperiode hinter uns hatten, gab's wieder was anderes, die drei ältesten Kinder erkrankten an Keuchhusten. Frau Nielson begab sich mit dem Kleinsten zu ihrem Vater, damit der kleine Kerl verschont bliebe. Ich kochte Linderungsmittel aller Art, aber der abscheuliche Husten ließ wenig nach, er quälte die armen Kinder fürchterlich. Auch Frau Nielson kam bald mit dem Kleinen wieder nach Hause, er hatte den Keim wohl schon in sich getragen, und hustete fast noch schlimmer als seine Geschwister. Hauptsächlich wollte ich hier erwähnen, mit welch aufopfernder Sorgfalt und Liebe die Kinderfrau ihre Schützlinge behütete. Tag und Nacht war sie auf ihrem Posten. Frau Nielson konnte ruhig ihren Vergnügungen nachgehn und tat dies ausgiebig. Einen Abend in der Woche ging Frau Nielson immer in einen Kartenklub und Herr Nielson zum Kegeln. Sie ging[92] schon vor dem Abendessen fort und kam gewöhnlich um 11?1/212 Uhr wieder; der Herr dagegen kam ungefähr um 9 Uhr zum Abendessen und ging dann erst fort. Eines Abends war er erst später zum Essen gekommen, und er war eben fort, da kam Frau Nielson schon nach Hause. Ich hatte im Eßzimmer noch nicht abgedeckt, und es brannte infolgedessen noch Gas. Ihre schlechte Laune hatte ihr ich gleich an der Tür angemerkt, sie hatte ja wahrscheinlich Unangenehmes im Klub erlebt, darum kam sie auch wohl so früh. Unwirsch frug sie dann, warum denn das Gas noch brenne. Ich sagte ihr, der Herr wäre heute Abend sehr spät zum Essen gekommen und ich hätte noch nicht abgedeckt. Sie schien mir nicht zu glauben. Dies beleidigte mich sehr, aber ich schwieg, denn ich mußte ja zugeben, daß der Schein gegen mich war. Sie ging nach oben, da hörte ich sie mit der Kinderfrau auch recht unfreundlich sprechen. Wie konnte sie nur? Eine so pflichtgetreue Frau, die ihr Liebstes hütete, ihre Kinder! Ich war sehr ärgerlich. Sie kam nochmals zu mir ins Eßzimmer und sagte mir deutlich genug, daß sie nicht an meine Worte glaube; denn der Herr wär, noch nie so spät gekommen. Ein Wort holte das andere, und schließlich kündigte ich. Das schien sie nicht erwartet zu haben. Es war Ende August; zum 1. September konnte ich nicht mehr fort, mußte also bis zum 1. Oktober bleiben. Wir hatten also beiderseits Zeit genug, Ersatz zu finden. Die Kinderfrau war untröstlich, daß die Sache so geendet. Auch mir tat es sehr leid, mich von ihr trennen zu müssen. Sie redete mir zu, meine Kündigung bei Frau Nielson rückgängig zu machen, sie wüßte bestimmt, es würde mit Freuden angenommen. Dazu konnte ich mich aber nicht entschließen. Und doch, am dritten Tag nach der Kündigung hatte sie mich durch Bitten und Tränen soweit gebracht. Ich bekam aber von Frau Nielson den Bescheid, daß ich damit leider zu spät käme, sie hätte gestern schon eine andere Köchin gemietet. Es war eine große Niederlage für mich. Zu der Kinderfrau hat sie gemeint: »Ich weiß, wie schwer ihr das[93] gefallen ist, und werde es ihr hoch anrechnen.« Dies Hochanrechnen glaubte ich nun in der wirklich liebenswürdigen Behandlung erblicken zu können, bis ich durch das Kleinmädchen eines Besseren belehrt wurde. Zu der hatte Frau Nielson geäußert, daß sie jetzt doppelt freundlich gegen mich sei, damit es mir so recht leid täte, daß ich fortginge. Durch eine Geschäftsfrau wurde ich bei einer Herrschaft in derselben Straße empfohlen. Dies schien Frau Nielson gar nicht zu passen. Seitdem nahm ihre Freundlichkeit ab; auch die Frau, die mich dort empfohlen, ließ sie es entgelten, indem sie sie abschaffte. Es tat mir furchtbar leid. Es war eine arme Witwe, die sich mit ihren zwei kleinen Kindern redlich ernährte. Dreieinhalb Jahr war ich bei Nielsons gewesen, aber eine solche Gesinnung hätte ich ihr nicht zugetraut. Auch mir glaubte sie noch einen Schabernack antun zu müssen. Noch am letzten Tag hatte ich die Wäsche sortiert, welche nach dem Bleicher sollte; es war immer meine Arbeit, Frau Nielson hatte sich nie um die Wäsche gekümmert. Da mir nun von meiner zukünftigen Dame gesagt war, es wäre gar keine Wäsche im Hause, so hatte ich einige Stücke bei Nielsons mitgegeben; denn wo sollte ich sie behandeln? Ich ging denselben Abend zu meiner neuen Herrschaft, und ich hatte die Wäsche doch auch bei Nielsons Arbeit schmutzig gemacht. Also, es war anderen Tags gegen Abend, da kam das Kleinmädchen von Frau Nielson und brachte mir meine paar Stück Wäsche und sollte dabei bestellen, Frau Nielson hätte keine Lust meine »dreckige« Wäsche waschen zu lassen. Das Mädchen konnte mir noch viel mehr erzählen, was Frau Nielson hinter meinem Rücken noch Mißbilligendes gesagt, doch ich hatte kein Verlangen darnach. Ich war empört und hätte es für unmöglich gehalten, daß eine Dame, wie Frau Nielson, die doch zu den Gebildeten zählen wollte und bis dahin immer die Liebenswürdige gespielt hatte, sich so erniedrigen konnte. Auch meine neue Herrin, Frau Dähn, war höchlichst verwundert und fand es eine »Gemeinheit«. 
