
                                  Wille, Bruno

                                 Die Abendburg

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                                  Bruno Wille

                                 Die Abendburg

                 Chronika eines Goldsuchers in zwlf Abenteuern

                              Das erste Abenteuer

                 Handelt von Frzeichen und heimlichen Knsten

Zu zweien Malen bin ich geboren, und beide Male hie meine Heimat eine Burg:
Magdeburg die eine, Abendburg die andere. Ward ich zu Magdeburg geboren fr das
Zeitliche, so geschah auf der Abendburg meine Wiedergeburt fr das Ewige.
    In der Stadt am Elbstrom, am Tage der sommerlichen Sonnenwende des
sechzehnhundert und sechsten Jahres drang ich aus dunklem Schoe zum Licht, ein
Sprling des Fleisches mit Odem und Geschrei. Johannes Martinus Tilesius, vulgo
Tielsch, ward ich in der Taufe benamset, weil ich ja am Johannistage geboren,
und weil berdies mein Vater zu Sankt Johannis Kirche ein Prdikante war. Sein
ehelich Weib, meine gute Mutter, hie Barbara Tilesia, und war eine geborene
Angern.
    Wie mir von den Eltern oft erzhlet worden, habe ich die ersten Monde meines
irdischen Aufenthalts schier Tag und Nacht geweinet, also da meine Mutter nicht
schlafen gekonnt und zu manchen Malen vor bergroer Mdigkeit ber dem
Tischgebete eingenickt ist. Es spricht aber ein alter Kirchenlehrer: So ein
neugeboren Kindlein anhaltend weinet, ist es ein Prophet trbseliger
Lebensjahre. Das ist gewilich bei mir eingetroffen. Zhle ich nmlich all die
ngste und Plagen, durch die ich in Junggesellen- und Mannesjahren Spieruten
gelaufen bin, all die Trnen, darinnen ich als in einem Flusse geschwommen,
Trnen ber Waffen- und Hungersnot, Trnen ber verloren Gut, entschwundene Lieb
und Treue, Trnen ohnmchtigen Zornes und enttuschter Hoffnung, auch Trnen der
Reue ber begangene Missetat, Trnen endlich des heien Verlangens, aus diesem
finstern Tale mich zu erretten zum heiligen Lichte droben ... dies alles
bedenkend, mu ich schon glauben, da mein kindisch Heulen eine Ahnung des
Zuknftigen gewesen und ein dunkel Begehren, unsere bange Welt recht balde
wieder zu verlassen. Zeiten sind kommen, da hab ich mir die Haare gerauft und
gejammert: Warum hat man damals das schreiende Kindlein nicht verstanden und
nicht lieber in der ersten Bademulde ersaufen lassen wie einen Katzenbalg! Doch
freilich, jetzo wei ich: Nicht um hier eitel Lust zu genieen, trieb uns der
Urquell herfr, sondern da wir uns von trber Tuschung erlsen zur verklrten
Abendburg.
    In meiner irdischen Vaterstadt lebte ich eilf Jahre. Alsodann verzogen meine
Eltern nach Hirschberg im Schlesierlande, dieweil den Vater Sehnsucht zum
Schlesischen Gebirge trieb, das seine angestammete Heimat ist. Also gelangte ich
in die Gegend der Abendburg.
    Magdeburg und Abendburg - beide Namen haben guten Klang. Magdeburg bedeutet
die Burg einer Magd, so mit ihrer Unschuld den Angreifer zurcke schlgt. Und da
ich als Kind die ersten Male von der Abendburg reden hrte, dachte ich an glden
Abendgewlk, anzuschauen als eine Burg; auch an eine Veste dachte ich, trutzig
in den Abendhimmel gerecket, gewappnet wider den Feind, der im Finstern
schleicht. Und es war eine Stimme in dem Namen wie Herbstwind, abendlich am
Gitterfenster suselnd, oder wie der verlassenen Jnger fromme Bitte: Bleibe
bei uns, Herr, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget.
    Magdeburg stehet in meiner Erinnerung als eine Hauptstadt, gelegen in der
Ebene am Elbstrome, hat einen Dom und andere stattliche Kirchen, groe schmucke
Huser, bewohnet von viel tausend Menschen, so mit Lrmen durch die Gassen
strmen. In den Werksttten pochen und basteln die Handwerker, in den Kauflden
und Schreibstuben wird gekramt, gebucht, bankerottiert und Geld in die Truhen
gescharrt. Schiffer verladen Ballen und Kisten in ihre Khne, die das gelbe
Wasser umsplet. Soldaten bauen auf den Schanzen, Bauern treiben Vieh und fahren
ber die lange Brcke, und die Windmhlen auf den Feldern schwenken ihre Flgel.
Sonntags vernehmen die Magdeburger die wohlgesetzten Kanzelreden ihrer eifernden
Prdikanten, dann schleppen die Weiber neumodischen Putz durch den Straenstaub,
auf den Tanzbden scharmieren Gesellen und Jungfern, Gevatter Handelsmann und
Lohgerber aber sitzen auf der Sudenburger Dingebank, kncheln und schandieren
ber Kaiser und Papst. Ihres hitzigen Hopfenbieres voll, pochen sie auf ihre
Freiheit, die vom ersten Kaiser Otto hergeleitet wird, und auf den Schutzgeist
ihrer Stadt, im Wappen abgebildet. Eine Magd ist es, so auf einer Burg steht und
in der Hand ihr Krnzel, der Reinheit Symbolum, stolz erhoben hlt.
    Es hat aber eine schaurige Bewandtnis mit diesem Schutzgeiste, wenn anders
ein scheu Geflster der Leute Wahrheit vermeldet. Mit der Magd soll nicht, wie
man in katholischer Zeit frgab, die Jungfrau Maria gemeinet sein, auch nicht
Frau Venussin aus der Heidenzeit, sondern ein unerwachsen Mgdlein, so lebendig
in die Burg ward eingemauert, dieweil man glubete, die konservierte Unschuld
habe Macht, den Angreifer zurckezuwerfen. Als den Platz, allwo vor Alters des
Mgdleins Burg gestanden, bezeichnet die Sage das jetzige Krkentor. Sooft im
Laufe der Zeiten der dicke Turm am Tor morsch geworden und von neuem auferbauet
werden gemut, versumete man niemalen, die Kraft des Schutzgeistes zu erneuern,
nmlich ein frisch Mgdlein einzumauern.
    Die steinalte Olsche des Bckermeisters Kahle hat uns Kindern diese Mr
anvertrauet. Gern sa sie an milden Abenden in unserm Kreise auf der steinernen
Freitreppe des Nachbarhauses und erzhlete von Zauberei und Ruberei, Spuk und
Gespenstern. Wollte auch wissen, da der runde Turm am Krkentor erst zu ihres
Grovaters Zeiten erbauet worden und auch damals nach altem Brauche sein
eingemauert Mgdlein erhalten habe. Des nheren beschrieb sie den Hergang also:
    Zuerst waren die Ratsherren unschlssig, woher das Mgdlein zu nehmen sei.
In alten Zeiten war es wohl vorgekommen, da eine Mutter freiwillig ihr Kind
geopfert, vermeinend, ein gut Werk zu tun. Jetzt aber dachten die Mtter allzu
christlich, wie denn berhaupt das Magdeburgische Volk dem Opfern also wenig
geneigt war, da es wie ein heimlich Gericht mute betrieben werden bei Nacht
und Nebel. Da nun die Eingeweiheten nicht wuten, wie ein Opferkind zu erlangen,
gab ihr Anstifter, der schwarze Burgemeister, den Rat, von den stdtischen
Waisenkindlein solle das Los gezogen werden. Gleicherweise ward beschlossen, und
wurden nun dreizehn Mgdlein, so ohne Vater und Mutter auf Stadtkosten Pflege
erhielten, ins Rathaus beschieden, angeblich, um mit Namen in ein Buch
eingetragen zu werden. Auf den Tisch aber hatte man mit Flei einen Apfel
gelegt, der die Kinder in Versuchung fhren sollte. Wie nun das kleinste
Mgdlein den Apfel sahe, nahm es ihn und bi hinein. Dies nun war das
verabredete Los; das Mgdlein ward daher still beiseite in Gewahrsam gefhret.
Des Nachts aber brachte man es in einem Wagen nach dem Krkentor, wo bei
Fackelschein Mnner stunden, die Angesichter geschwrzt. Man setzte nun das
Mgdlein in die offen gelassene Stelle der Mauer, gab ihm seinen Apfel in die
Hand und mauerte die Lcke mit Steinen zu. Wie es ringsum finster geworden, hub
das Mgdlein an zu weinen. Drauen freilich vernahm man nur ein leis Gewimmer.
Es zu bertnen, begunnte der schwarze Burgemeister seine Weiherede: Gleichwie
das Lamm Gottes am Kreuzesstamme sein Blut dahingegeben zur Erlsung der
Menschenkinder, also bist du, unschuldig Mgdelein, ein heilsam Opfer fr unser
Magdeburg. Gebenedeiet bist du! Denn was ist ser denn Honigseim? Hier wollte
er selber antworten: Zu sterben frs Vaterland. Doch aus der steinernen Gruft
drangen mit wimmernder Stimme die Worte herfr: Der Mutter Brust! Verwirrt
hrte es der Burgemeister, wollte aber die unheimlichen Laute bertnen und
sprach: Wo ruhet es sich weicher denn auf Daunenpfhle? Wollte nun fortfahren:
Im Grabe fr das gemeine Wohl. Doch es wimmerte abermals und sprach
vernehmlich: An der Mutter Herzen! Da ergriff ein Grausen die Anwesenden, und
einer flehete: Reiet das Gemuer nieder! Gebet das Kindlein frei! Doch ihm
wehrete der schwarze Burgemeister, das Wimmern im Gemuer verstummte, und
vollendet war das Werk. Zum Wahrzeichen aber ward an die Stelle, wo des
eingemauerten Mgdeleins Fe ruhen, ein Stein in die Mauer eingelassen, so zwei
Kinderflein abbildet.
    Wiederholt habe ich die kleinen Zehen betrachtet, wenn ich durch das
Krkentor ging. Als ich einmal mit meinem Vater vorbeikam, meinte ich: Das
Mgdlein htte lieber den Apfel nicht sollen nehmen. Ob es ihn wohl noch
gegessen hat in seinem Mauerloche?
    O mein Kind, antwortete mein Vater erschrocken, glaub doch nicht, was die
Leute schwatzen! Diese Flein sind nur zum Gedchtnis der alten Mr abgebildet;
es brauchet deswegen kein Mgdlein dahinter zu stecken. Zauberische
Menschenopfer hat man wohl in heidnischen Zeiten dargebracht. Jetzt aber sind
die Magdeburger Christenmenschen und kennen die Gebote: Du sollst nicht tten
und sollst nicht zaubern.
    Die Gebote kennen sie wohl, - schwatzete ich - deswegen aber zaubern und
tten sie doch. Hat man nicht vorige Woche einen Schiffer auf dem Marktplatz an
den Galgen gehenket? Und unser Kster erzhlt, als Junge habe er eine Hexe
brennen sehen, die auf einem Besenstiel zum Blocksberg gefahren sei. Eine
Nachbarin, die sie mitnehmen gewollt, habe alles vor Gericht ausgesagt.
    Da seufzete mein Vater: Ja, es ist eine arge Welt! Aber la uns lieber
nicht daran gedenken. Sollte es aber wirklich wahr sein, da ein Mgdlein
eingemauert ward, so ist das schlimm fr die Magdeburger. Htten lieber nach
eigener Unschuld trachten, als sich mit fremden Federn schmcken sollen. Durch
die geopferte Unschuld sind sie selber schuldig worden und mssen dafr ben.
Werden dereinst noch erleben, wie ihr gefeiet Krkentor von strmender Hand
genommen wird, und wie die stolze Stadt - ein ander Ilium und Jerusalem - in
Rauch und Asche aufgehet ...
    Nicht doch, Vater! sprach ich. Warum glubest du also?
    Es gehet der Krug zu Wasser, bis er bricht, und einer jeglichen Burg auf
Erden ward vom Himmel beschieden, frher oder spter zu fallen, wie ein
Kriegesmann zu fallen pflegt. Der Himmel meinet es gut mit solchem Verhngnis.
Blhet doch alles Lux herfr aus Crux, alles Licht aus Kreuz und Leide. Die
Menschen zu erleuchten, mu ihr irdisch Vaterland zerstret werden, da kein
Stein auf dem andern bleibet. Also werden sie vermahnet, die bessere Heimat
aufzusuchen - eine Burg der wahren Unschuld - eine Burg aus eitel Licht ...
    Hierauf so schwiegen wir lange. Ich aber dachte der Rede nach. Und wie wir
am Abend an einem Kornfelde lagerten bei dem Lusthaine, den die Magdeburger
Vogelsang nennen, kam ich noch einmal auf das eingemauerte Mgdlein zu sprechen.
ber dem Kornfelde schwebte eine Wolke, anzuschauen wie ein glden Gebirg, und
ich sprach: Siehe, Vater, da ist eine Burg aus eitel Licht - eine wunderschne
Abendburg!
    Mit groen Augen sahe mich der Vater an: Ei, Johannes, was weiest du von
der Abendburg?
    Ich wei nichts davon, aber du hast wohl einmal von der Abendburg geredet,
und nun dnket mich, das da sei solch eine Abendburg.
    Schmunzelnd nickte der Vater: Wie rotglden Wolkengebirg mag die Abendburg
allerdings ausschauen, id est in der Johannisnacht, wenn sie von ihrer
Verwnschung erlset wird. Aber fr gewhnlich ist sie nur ein wst
Felsengestein.
    Ist sie denn keine Burg?
    Mitnichten eine Burg, sondern gnzlich wild Gestein, an die zwo Stunden
entfernt von meinem heimatlichen Dorfe Schreiberhau. Raget jh aus den
Wettertannen jenes langerstreckten Gebirges, allwo der Queiflu und der Kleine
Zacken ihren Ursprung nehmen. Von der Abendburg schaust du gen Mittag ber
dunkle Wipfel nach den Riesenbergen. Die wogen dunkelblau, und in ihren
Abgrnden schimmert Schnee.
    Wahr, Vater, da kann man im Sommer Schneeblle machen?
    Freilich! In den hochgelegenen Felsenspalten gen Mitternacht ist es also
kalt, da der Schnee bis Ende Juli dauert.
    Wie hoch sind wohl die Riesenberge, Vater? Etwa so hoch wie unser Dom?
    Weit hher, Johannes! Oft ragen sie ber die Wolken hinaus.
    Ei wie denn, Vater? Wenn sie bis ber die Wolken ragen, so kann man von
dorten wohl ins Himmelreich schauen, allwo die schnen Engel auf Wolken wandeln?
Ach, ich mchte ber die hohen Berge gen Himmel klettern.
    Ei ja doch! lachte der Vater. Wie auf einer Leiter, nicht wahr? Nein,
Johannes, das Himmelreich ist nicht an einem entlegenen Orte und kommet nicht
mit ueren Gebrden; inwendig im Herzen tut es sich auf.
    Ich war enttuschet. So knnen uns die schnen hohen Berge nicht zum
Himmelreiche helfen? Warum verlangest du alsdann immer nach deinen lieben
Bergen?
    Der Vater lchelte fr sich und nickte: Ob sie zum Himmelreiche helfen? Das
knnen sie allerdings! So du nmlich Liebe fr sie hegest, tun sie dir das Herze
auf, und also wird dein innerlich Himmelreich offenbar. Solches ist mir
geschehen auf der Abendburg. Und glaube mir, so du dorten hoch vom Steine in die
blauen Weiten schauest, und dein Ohr dabei keinen Menschenlaut vernimmt, sondern
nur den Wind in den Nadelwipfeln harfen, einen Specht an Baumesrinde hmmern,
oder einen Hirschen rhren - und tage-und mondelang immer nur diese Gestalten
und Stimmen der Einde zur Gesellschaft hast, widerfhret dir wohl ein Mirakel,
hnlich dem, was ber die Abendburg gemeldet wird.
    Erzhle, Vater!
    Die Abendburg, so sagen die Leute von Schreiberhau, ist einmal eines Knigs
Schlo gewesen. Ward aber verwunschen und in wst Gestein verwandelt. Zuweilen
nur, je nach langem Raume, in Sankt Johannis heiliger Nacht, erscheinet es
wieder in alter Pracht. Aufgetan ist dann ein Tor, und wer eintritt, findet wohl
Mulden voll Gold und bunten Edelsteinen. Aber man mu des Sonntags geboren und
anoch unschuldig sein, sonsten kann man den Schatz nicht heben, kriegt auch die
entzauberte Abendburg nimmer zu schauen ...
    Aber du, Vater, hast sie zu schauen gekriegt.
    Ach nein, ich bin kein Sonntagskind.
    Aber sagtest du nicht, dir sei das Mirakel widerfahren?
    
    Ein ander Mirakel meine ich und auch eine andere Abendburg. Doch solches zu
verstehen, bist du noch zu jung, lieber Johannes.
    Ach, Vater, so erklre es mir - vielleichte, da auch mir solch Mirakel
widerfahren mag.
    Nun wohl, mein Kind, sagte der Vater, und seine Augen waren leuchtend
aufgetan. Die Abendburg, die ich jetzo meine, ist das Menschenherz. Verwunschen
ist es von einem bsen Geiste - demselbigen, so die schwarzen Mnner
angestiftet, das Mgdlein einzumauern. Dieser Geist kann die ewige Seele also
verstren, da sie einer Wstenei gleichet, dem dstern Felsen der Abendburg.
Doch einen Johannistag gibt es, der den Zauber lsen kann. Das ist die
Sonnenwende des Menschenherzens, da es spret, wie nun die Tage krzer werden,
und wie alles Leben vergehen mu gleich Heu. Nun seufzet es: Ach komm doch
endlich, du mein ewig Heil, denn ich bin mde, leibeigen zu dienen dieser
unwerten Welt! Da auf einmal ist ausgesprochen das heilige Wort. Die Abendburg,
so nichts anderes ist denn der innere Mensch, wird erlset und strahlet nun als
eines Knigs Schlo. Auf springet die heimliche Pforte, da gleiet in den tiefen
Kammern der Schatz des Menschensohnes, und nimmer fressen den die Motten und der
Rost. O mein Johannes, siehe zu, da selbige Abendburg dereinst dir nimmer
verwunschen und verschlossen bleibet.
    Ich hatte aufmerksam gelauschet, zwar nicht verstanden, was ich jetzo wei,
doch eine Ahnung verspret von dem Heiligtum tief im Menschen. Und wie mein
staunend Auge auf dem Vater ruhte, hatte ich gedacht: Also mu ein Prophete
aussehen!
    Nach einer Weile fragte ich: Aber wie ist es denn mit der richtigen
Abendburg, so bei Schreiberhau gelegen? Hat die jemals einer zu schauen
gekriegt?
    Die Mr vermeldet, in einer Johannisnacht sei eine arme Frau mit ihrem
Kindlein zur Abendburg gekommen. Da hat sich der Fels verwandelt, und die
Mutter, ihr Kindlein an der Hand, ist eingegangen in das strahlende Schlo und
hat in den Gngen Gold gefunden, das von der Decke herabhing wie Tannenzapfen
von den Nadelzweigen. Wie sie nun genung abgebrochen und zusammengerafft, ist
sie enteilet und hat in der Hast ihres Kindleins vergessen. Drauen erst hat sie
mit Schrecken sich umgewandt, es zu holen. Da ist ihr vor der Nase die Tre
zugeschlagen, und auf einmal die Abendburg wieder wster Fels gewesen, und
drinnen war das Kindlein. Geweinet und sich das Haar geraufet hat die Mutter,
auch vor Verzweiflung das Gold weggeworfen, weil das sie nicht glckselig machen
konnte, nun ihr Kindlein verloren. Aber wie sie nach Jahresfrist zur Abendburg
kommen ist, sich auszuweinen, hat sich der Felsen abermals zum Schlosse
verwandelt, und siehe, drinnen an einem steinernen Tische sitzet das Kindlein
frisch und gesund, einen Apfel in der Hand, und winket lchelnd der Mutter,
hereinzukommen. Diesmal hat die Mutter nicht nach den kalten Schtzen gegriffen,
sondern nach dem lieben Kindlein. Ist mit ihm eilend zum Burgtor hinaus und hat
das Wiedergefundene geherzet und geksset. Der Apfel aber ist eitel Gold worden,
also da die Mutter von ihrer Armut frder frei.
    Ei, Vater, sagte ich verwundert, wie gleichet doch das Kindlein im
Abendburgfelsen dem Mgdlein im Krkentor. Beide sind in Stein eingeschlossen,
und beide haben auch einen Apfel in der Hand.
    O schweig, mein Kind, la ruhen den alten Frevel!
    Aber kann nicht auch das Krkentor entzaubert werden wie die Abendburg und
das Kindlein herauslassen?
    Sinnend nickte der Vater: Wenn einst die Grber sich auftun, wird auch das
Mgdlein erlset, aus dem kalten dstern Gemuer kommt es lachend heraus, und
siehe, ein Mutterherz ist ihm beschert. Unschuld ist ewig bei der Liebe.
    Nach solchem Trostworte erleichterte ein Seufzer meine beklommene Brust. Ich
bedachte, es werde vielleicht, wie dem Krkentore, also gemeiniglich fr alles
Unheimliche, so mich ngstete, ein Stndlein der Erlsung und Verklrung
schlagen. Es gab des Unheimlichen nicht wenig in meiner Vaterstadt, und das
Mgdelein im Krkentor mag als ein zusammenfassend Symbolum gelten fr die
Finsternisse meiner Kindheit.
    Von einer Scheu vor der Gegenwart und einer Sehnsucht in die Ferne war
meines Vaters Seele stndig bewegt. Dem verlieh er gern einen stummen Ausdruck
durch kleine Gemlde, wie er denn den Tuschpinsel schier als ein Knstler zu
fhren wute. So hatte er einen Felsblock gemalt, aus dem ein Quell schumend
scho. Darunter stund geschrieben: Ich steh am Quell und drste. Als ich ihn
um die Bedeutung der Inschrift befragte, gab er zur Antwort: Ach wie oft stehet
ein Mensch am Quell und mu doch drsten, dieweilen er nicht trinken darf, nicht
trinken kann, nicht trinken mag. Zu einem andern Gemlde, das einen grauen
Wolkenhimmel und darunter ein violenfarben Gebirg frstellte, sprach der Vater:
Dies Gewlk bedeutet meine Trbsal, und darunter wallet der blaue Strom meiner
Sehnsucht. Gemeinet war wohl die Sehnsucht nach der ewigen Heimat; doch dies
allerinnigste Verlangen kleidete sich beim Vater gern in das irdische Gewand
seines Heimwehs nach dem Schlesischen Gebirge.
    Des Magdeburgischen Amtes waltete er ohne frischen heitern Sinn. Hatte es ja
nicht aus Herzensdrange bernommen, sondern mehr um meine Mutter ehelichen zu
knnen. Das mochte nun seine Kirchengemeinde spren; drum war sie khl gegen ihn
gesonnen. Redete ihm nach, er predige nicht fr das Volk, sondern fr sich
selber und fr Schwarmgeister seinesgleichen. Wie der Rat von Magdeburg einmal
uneins mit dem Administrator des Erzstiftes gewesen, und schier alle Prediger
auf der Kanzel die Brgerpartei verfochten, mein Vater aber gnzlich von solchen
Welthndeln schwieg, ward ein Gesptt ber ihn im Ratskeller laut. Davon ist er
vllig verschchtert worden; fhlte sich halt nicht zum Eifern geschaffen, wie
er denn von je mehr den Studiis gewogen war als dem Predigen, und insonderheit
den milden Gelahrten Melanchthon liebte, dem streitbaren Luthero indessen nur
Ehrfurcht entgegenbrachte. Was meines Vaters Kleinmut auf die Mutter bertrug,
war die Schmalheit seiner Besoldung, so noch aus der alten katholischen Zeit
stammte und wohl fr einen ledigen Mann zulangte, nicht jedoch fr einen
Familienvater. Solche Unzufriedenheit lie den Vater nach einem andern Amte
umschauen, und weil er bereits frher im Schuldienste sich herfrgetan, auch
eine angesehene Grammaticam herausgegeben hatte, so ward er von seinen
Hirschbergischen Landsleuten zum Konrektor ihres Gymnasii erkoren.
    Da nun beschlossen war, da wir gen Schlesien ziehen sollten, kam eine
freudige Aufregung ber meinen Vater und auch ber mich. Nur die Mutter
seufzete, und ihre Augen waren oft verweint. Mich deuchte es eine groe Sache,
bei dem Umzuge andere Lnder und Stdte zu schauen und gar nach dem ersehnten
Gebirge zu gelangen. Wie aber der Tag der Abreise nahe war, kam mir doch ein
Bangen, weil ich hinfrder von meiner guten Stadt Magdeburg geschieden sein
sollte. Beschlo derohalben, alle trauten Orte noch einmal zu besuchen und ihr
Bildnis getreulich meinem Gemte einzuprgen.
    Ging auf den Marktplatz, wo ich gern Ball oder Kreisel gespielt, und ber
den Breiten Weg, so die Stadt vom Krkentor bis zum Sudenburger Tor durchquert.
Prchtig sind allda die Brgerhuser, haben breite Freitreppen, knstlich
geschmiedete Gitter und am Dache speiende Ungetme. ber den eisenbeschlagenen
Pforten pranget mancherlei Zierat, als da sind Pferdekpfe, wilde Mnner, fromme
Sprche oder Sinnbilder, etwan ein steinern Rad, ein Pflug, eine fette Henne,
ein glden Hufeisen. Wenn ich einem stadtbekannten und kurisen Menschen
begegnete, dem dicken Hkerweibe, Appelolsche benamset, oder dem wilden Peter,
dessen Haare und Ngel seit Jahren unverschnitten geblieben, so dachte ich in
meinem Sinn: du ahnest nicht, da ich dich jetzo zum letzten Male anschaue und
die weite Reise ins Schlesingerland frhabe!
    Bei solchem Umherwandeln merkte ich, da mein Abschied nicht blo der
Vaterstadt galt, sondern auch bereits meinem Kindesalter. Zu manchen Malen ward
mir klar, wie ich bisher als rechter Einfaltspinsel in die Welt gegafft und mich
mit allerhand dummen Einbildungen getragen. Das Haus am Knochenhauer Ufer, drin
meiner Mutter Vater wohnte, trug auf dem Dach ein Trmlein, von wo mein Blick
oft ber das Gewimmel der Dcher ins Weite geschweift war, auch ber die Elbe
hinweg bis zur grnen Zollschanze, wo der Himmel sich emporzuwlben begunnte.
Dahier mu die Stelle sein, wo die Welt mit Brettern zugenagelt ist, hatte ich
stets bei diesem Anblicke gedacht - als ob hinter den grnen Wllen nichts
Irdisches mehr zu finden sei. Jetzo schlug ich mich vor die Stirn und schalt:
Welch Asinus bist du gewesen! Hat nicht der Vater gesagt, hinter der
Zollschanze sei die Stadt Wittenberg gelegen, und in dieser Richtung fhre die
Strae gen Hirschberg? Du Narre sollst noch das Maul aufreien, wie die Welt so
lang und breit.
    Eine andere kindische Einfalt hatte mir eingebildet, der Kaiser Otto, vor
dem Rathause hoch zu Rosse abgebildet, sei derselbige, von dem die Brgersleute
sprachen: Unser Kaiser, und die um den Kaiser Otto stehenden steinernen
Weibsbilder seien die Frau Kaiserin nebst ihren Mgden. Nunmehr zur
Nachdenklichkeit gestimmt, befragte ich meinen Vater nach dem Kaiser Otto und
erfuhr zu meiner Verwundernis, der habe schon vor vielen hundert Jahren gelebt,
und was ich fr Mgde angesehen, seien Symbola, Frtrefflichkeiten seiner
glorreichen Regierung, zum Exempel seine Justitia oder Gerechtigkeit, seine
Frmmigkeit und Tapferkeit; jetzo aber werde die Krone des Rmischen Reiches
Teutscher Nation vom Kaiser Matthiae getragen, der wohne im sterreiche, in der
Stadt Wien, zwiefach so entfernt wie Hirschberg.
    Das Besteigen unseres Dachtrmleins erinnerte mich daran, da ich ja noch
nicht auf dem Magdeburger Dome gewesen sei, von wo man, wie die Leute rhmten,
viele Meilen weit in die Runde sehen und bei klarer Luft sogar den Harz erkennen
kann. Bat derohalben meinen Vater, mich auf den hohen Turm zu geleiten, und
erhielt die Zusage. Sollte jedoch nicht zum Ziel gelangen. Denn wie wir eines
Sptnachmittages beim Kster des Domes vorsprachen, damit er uns den Turm
auftue, war weder der Kster noch sein Weib daheim, und also blieb uns der
Turmschlssel verwehret. Wir begngten uns damit, von unten zu betrachten, was
des Anschauens wrdig. Da staunte ich ber die mchtigen Trme mit ihrem aus
Stein gemeielten Zierate. Der Sonnenuntergang entzndete in den Scheiben der
hohen Fenster Purpurflammen, und rosig angehaucht war der graue Sandstein,
whrend die Schnrkel und Pfeiler bluliche Schatten warfen. So hatte ich den
Dom noch nie gesehen.
    Alsdann gingen wir zum Kreuzgang. In seine Wnde sind Steinplatten
eingelassen, auf denen geistliche Herren aus alter Zeit, mit Kutten angetan,
abgebildet sind; und ich war bisher, wei nicht aus was Ursach, der
erschrecklichen Meinung gewesen, hier habe man Mnche zur Strafe fr Ungehorsam
lebendig eingemauert, also da ihre Gestalt unter dem angeworfenen Kalke noch
erkennbar. Von diesem Aberglauben heilte mich mein Vater: Solch Einmauern,
sagte er, ist in den papistischen Klstern zwar vorgekommen, aber doch nicht
also oft, auch nicht in dieser Weise zur Schau gestellet.
    Ich fragte nun, ob es wahr sei, was ein Klosterschler mir anvertrauete, da
nmlich ein heimlicher Gang unter der Erde den Dom mit unserer Johanniskirche
und sogar mit dem Kloster Berge verbinde.
    Hierauf antwortete mein Vater: Also reden die Leute; wollen auch wissen,
da Kurfrst Moritz, wie er Magdeburg belagerte, durch den unterirdischen Gang
in des Dompredigers Wohnung gedrungen sei, um daselbst mit dem Stadtrate ohne
Wissen der Brgerschaft zu akkordieren. Das soll vor mehr denn sechzig Jahren
geschehen sein. Den frheren Domprediger habe ich gefragt, was Wahrheit daran
sei, und die Auskunft erhalten, in den Kirchenschriften werde nichts dergleichen
vermeldet. Was aber die Johanniskirche anlangt, so wei ich allerdings von einem
unterirdischen Gang; er fhret aus dem Keller unseres Predigerhauses in ein
Gewlbe unterhalb der Kirche, weiter jedoch nicht. Wenigstens hat unser Kster
keine Fortsetzung des Ganges gefunden.
    Wie denn? Aus dem Keller unseres Predigerhauses? fragte ich. Wir wohnen
ja im Predigerhause.
    Aus unserm Keller, besttigte der Vater. Hinter Germpel befindet sich da
eine kleine Tr, unser Kster hat den Schlssel. Ich bin niemals
hineingekrochen. Der Gang soll baufllig sein und gefhrlich zu betreten.
    Da diese Worte mir spter einmal zum Schicksal werden sollten, ahnte ich
damals nicht, prgte sie aber meinem Gedchtnisse ein, weil sie meine Phantasie
aufregten.
    Im weiteren Gesprche fragte ich, was fr Bewandtnis es mit jener Belagerung
durch den Kurfrsten Moritz habe. Es fiel mir bei, da Tages zuvor der Prediger
von Sankt Kathrinen zu meinem Vater die uerung getan: Ein neuer Kurfrst
Moritz tut dem Reiche not. - Wie denn? fragte ich jetzo verwundert. Kurfrst
Moritz war doch unser Feind. Hat er nicht Magdeburg belagert?
    Ja, weil es der Kaiser also gewollt hat, und weil Moritz damals
kaiserlicher Feldherr gewesen. Doch unser Feind war Moritz nicht. Denn nur ein
Gaukelspiel ist seine Belagerung gewesen. Mit dem Scheine des Gehorsams hat er
den Kaiser sicher gemacht, um dann auf einmal gegen ihn die Waffen zu kehren.
    Ei, so ist Kurfrst Moritz ja falsch und treulos gewesen.
    Das freilich, versetzte mein Vater, aber dem evangelischen Glauben hat er
durch solch Vorgehen groen Nutzen gebracht, und denen Politicis kommt es mehr
auf den Nutzen an, als auf die Treue.
    Also hat schon das Herannahen meines Abschiedes von der Vaterstadt mich aus
der Enge kindischer Meinung zu einem weiteren Gesichtskreis gefhrt. Wie
erstaunte ich aber erst, als wir die Reise angetreten, und jeder Tag meiner
Neugier frische Weide sattsam bescherte!
    Wir fuhren groe Landstraen dahin, zumeist auf Leiterwagen, die bei
schlechtem Wetter mit Leinewand bedeckt wurden. Rechts und links zogen Bume
vorbei, Wiesen und Stoppelfelder, Flsse und Smpfe, Gutshfe und Windmhlen;
und wenn die eine Kirchturmspitze hinter einer Erdwelle versank, war schon die
neue vorn aufgetaucht. Bald holperten unsere Rder ber das Pflaster einer
Stadt, bald schlichen sie mhselig durch Sand und Heide oder beklebten sich mit
der schwarzen Erde feuchter Wlder. In den Einden besorgten meine Eltern, es
mchte mausend Gesindel auf der Lauer liegen. Widerfuhr uns aber keine
Gewalttat, sintemalen wir gefhrliche Gegenden niemals ohne bewaffnete
Reisegesellschaft passierten.
    Wir begegneten Leuten mancher Art: Handwerksburschen und Bettlern, Bauern
und Viehhirten, reisenden Kaufleuten und Soldaten, auch Brenfhrern und
Komdianten. Sahen bei Lohburg eines Seiltnzers Knste, manchmal einen Galgen
mit Gehenketen dran, zu Wittenberg ein Blutgerst und im Wendischen Lande eine
schreckliche Balgerei bezechter Burschen.
    Tglich an die zehn Stunden ging die Reise. Dann waren wir so derbe
durchgerttelt, da uns alle Glieder wehtaten. Als wir in die Lausitz kamen,
fhlte sich meine Mutter elend. Und zu Wittichau muten wir ihrethalben zween
Tage im Gasthause verweilen, da sie aus kaltem Regenwetter ein Fieber
davongetragen.
    Bei der Stadt Grlitz schimmerte durch herbstlichen Dunst ein spitzer Berg,
die Landeskrone geheien, und frhlich sagte mein Vater: Jetzo fanget das
Gebirge an, und so Gott uns behtet, sind wir bermorgen abend am Ziele. Ich
sphete eifrig nach den Bergen aus, da es aber andauernd nebelig war, sah ich
nur die nchsten Hgel. Merkte aber an Felsen und schumenden Bchen, da wir im
Gebirge waren.
    Am Morgen ging es durch hohen Fichtenwald, ich nickte in Schlaf, fuhr aber
bei einem Ausruf meines Vaters empor. Der Nebel war gewichen, und die Frhsonne
strahlte von links; zur Rechten hub sich eine blaue Wolkenwand, nach der meine
Eltern heitern Antlitzes hinschauten. Da haben wir das Isergebirge, Johannes,
und heute abend sind wir in Hirschberg. Nun erst erkannte ich, da die blaue
Wand wellenfrmig gegliedert war und aus Bergen bestund, die hher und hher
ragten, immer hellblauer gefrbt, je ferner sie waren.
    Der Kegel ganz hinten ist der hchste Berg, Schneekoppe geheien. Dorten
wohnet der Herr der Berge, der verrufene Rbenzagel - doch das sind Fabulae,
sagte mein Vater. Nach einer Pause fgte er hinzu: Der wahre Herr der Berge ist
Gottes Geist; den sprest du in den Bergen. Willst du Gott schauen, so vergi
die Berge nicht - auch nicht das Meer. Nickend wiederholte er: Berge und
Meer!
    Zu Greifenberg angelangt, freuten wir uns der groen prchtigen Burg, die
ber dem Stdtlein am Berge liegt als ein gewaffneter Schirmherr. Heiet der
Greifenstein und ist Residenz des Freiherrn von Schaffgotsch.
    Als unser Wagen in der Laubaner Gasse Halt machte, kam aus dem Wirtshause,
von den Schlesingern Kretscham geheien, ein Mann, dem Aussehen nach ein
Viehhndler, und fragte den Vater in seiner Mundart, die ich schwer verstund, ob
er der neue Konrektor von Hirschberg sei. Drauf berichtete der Mann, da meines
Vaters Bruder, Tobias Tilesius, uns bis Hirschberg entgegengereiset sei und da
bereits zween Tage im Schwarzen Rssel unserer Ankunft harre, in Sorgen, es
mchte uns unterwegs ein Migeschick widerfahren sein.
    Mein Vater traktierte den Viehhndler mit einem guten Botentrunk und
forschte ihn nach seinem Bruder aus. Den nennete der Viehhndler immer nur den
Krutertobias, dieweilen mein Oheim die wertvollen Gebirgskruter sammelte und
zu Markte brachte. Frher ein kunstfertiger Glasmacher und Schleifer, hatte mein
Oheim sich in diesem Handwerk, das die Brust angreift und mit Glasstaube
anfllt, einen schweren Odem zugezogen und sich nun dem Laborantenwesen
zugewandt. Wohnte hoch im Gebirge zu Schreiberhau.
    Es dmmerte bereits, als wir an einem zweiten Schlosse des Herrn
Schaffgotsch, auf einem Berge ber dem Stdtlein Kemnitz gelegen, vorbeifuhren.
Noch ein paar Stunden, und aus der Dunkelheit schimmerten die Lichter von
Hirschberg. Unter einer Brcke scho rauschend Wasser dahin, und nun fuhren wir
durch ein festes Tor in die Stadt, um bald vor dem Schwarzen Rssel zu halten.
    Aus dem Gasthause trat ein hochgewachsener, doch im Rcken gebeugter Mann,
sphete nach dem Wagen und kam hastig herbei. Tobias! rief mein Vater froh,
sprang vom Wagen und umarmte seinen Bruder. Hierauf begrte der Oheim meine
Mutter und kte mich auf die Wange. Wie mein Vater war er lang und hager von
Gestalt, auch melancholischen Antlitzes. Whrend aber mein Vater versonnen und
sehnschtig aussah, beseelte den Oheim eine wilde Unrast. Grau und verwittert
seine Haut, wie Fichtenrinde, struppig der groe Bart, keuchend sein Odem. Die
Augen lagen in tiefen Hhlen unter buschigen Brauen und glommen dster.
    Wie wir so auf der Gasse stunden, nur trbe von der Wagenlaterne beleuchtet,
stumm und bewegten Herzens, da ja diese Stadt unser neues Vaterland sein sollte,
war mir seltsam zumute. Hrete die Mutter heimlich weinen, den Vater aber mit
gefalteten Hnden die Worte sprechen:

Arm zages Pilgramherze,
Irrst lange schon im Dunkeln.
Da siehst du eine Kerze
Durch Nacht und Nebel funkeln.
Gewi, wer die entzndet
Dem Irrenden zur Hut,
Hat also ihm verkndet:
Komm her, ich bin dir gut;
In meiner treuen Klause
Sei endlich nun zu Hause.

Du lieber Boberflu, dein Murmeln tnet hold durch mein Gedenken, so ich des
Nachts im Kmmerlein die zurckgelegte Lebensreise betrachte. Dann seh ich
frischgemut wie in den Knabentagen deine Wellen an der Sonne blinken und ber
moosige Felsen hpfen, vorbei an Stauden und Gebsch, an Husern und
Gartenmauern. Aus einem finstern Walde bei Schatzlar kommst du her, wo vorzeiten
eine Glashtte gestanden. Zwingest und windest dich schumend durch die Berge
bis zu meinem guten Hirschberg, dessen Stadtmauern du gen Mitternacht berhrest,
um dicht dabei den Zackenflu zu verschlucken.
    Als ich mit meinen Eltern nach Hirschberg gezogen kam, war die Stadt noch
schn gebaut und volkreich, hatte gedoppelte Mauern, Brustwehre, Schanzen und
Grben, drei starke runde Tortrme und andere Fortifikationen. War bewohnt von
Ackerbrgern, Kaufleuten, Handwerkern, insonderheit Webern. Die lebten ein
lustig Leben, liebten wackern Schmaus und Trunk, Gesang und Tanz. Zogen
Feiertags vor die Tore zum drfischen Kretscham, hatten viel Freude am
Armbrustschieen und kreten jhrlich einen Schtzenknig, so am besten den
Vogel auf der Stange getroffen. Waren dabei gar betriebsam und kunstfertig. Das
Weibesvolk wirkte Borten und Schleier, die weithin nach Polonien und Bheim,
sogar nach Reuenland zu den Moskowitern verfhret wurden. Vor der Stadtmauer
auf den Uferwiesen des Zacken und Bober lagen die schlohweien Gewebe
hingebreitet, hnlich Schneeresten im Mrzen. Schwatzende Mgde schritten
barfig ber den Rasen, aus gesiebten Kannen Wasser auf die Bleiche zu gieen.
    Das Hirschbergische Leben behagte uns allen weidlich. Gern war der Vater im
neuen Amte, die Mutter erfreute sich eines reicheren Haushaltes, und ich empfing
mit aufgeschlossenen Sinnen all das Neue und Wunderschne der Gebirgslandschaft.
Vernachlssigte dabei die Studia mit nichten. Nachdem ich allbereits zu
Magdeburg amo, amas, amat gelernt hatte, drang ich jetzo unter Vaters Leitung
in der Grammaticae tiefere Grnde ein und galt als ein tchtiger Scholar.
    Die Stunden meiner Mue verbrachte ich gern einsam vor den Stadttoren. Ging
abends etwa auf den Hausberg, wo vorzeiten ein fest Gehus gestanden, vom Herzog
Boleslao erbaut, von den Hussiten aber in Asche gelegt, da nunmehr blo etliche
Mauerfragmenta aus dem Busche ragen. Hier bin ich oft gesessen, in ein Buch
vertieft, zum Exempel in die Beschreibung Schlesiens durch Caspar Schwenkfeld.
Meditierete dann ber die wunderlichen Abenteuer, so dieser Autor vom verrufenen
Rbenzagel berichtet.
    Wie einmal mein Vater mit mir auf den Hausberg gegangen ist, habe ich den
Blick auf die blaue Schneekoppe geheftet und nach einer Weile gesprochen: Sage
mir, lieber Vater, was vermeinest du ber den Rbenzagel? Mag wohl etliche
Wahrheit in diesem Glauben an den Geist der Berge sein?
    Zur Antwort gab mein Vater: Was gemeiniglich in Spinnstuben und Schenken
vom Rbenzagel laut wird, sind Fabulae. Gleichwohl gibt es einen Geist der
Berge. Denn versenkest du dein Schauen in die Art unseres Gebirges, so sprest
du darin eine eigne Lebendigkeit. Sie ist ein Teil des gttlichen Odems, der die
ganze Welt durchflutet, und ohne dessen Spiritum kein Erdending bestehen mag -
das Wasser nicht ohne Undinen, der Fels nicht ohne Kobolde, und kein Elementum
ohne seine Elementargeister. Drum gebe ich Unrecht gleichermaen denen, so den
Rbenzagel fr eitel Aberglauben halten, als auch jenen anderen, so ihn fr eine
teuflische Riesengestalt ausgeben. Es lebt der Herr der Berge und ist ein Geist,
aber nur im Gemt sprest du ihn. Er ist gro und gtig, freilich auch rauh und
wetterwendisch, wie halt unseres Gebirges Art.
    Mich freute solcher Bescheid. So ist also der Rbenzagel kein Teufel, und
wir brauchen uns nicht vor ihm zu frchten?
    Nein, Johannes, das brauchen wir mitnichten. Der Teufel, den wir Menschen
zu frchten haben, hauset nicht in Wldern und Gebirgen, sondern in uns selber,
im menschlichen Herzen.
    Derweilen uns das Gesprch in solch Meditieren einspann, regten sich raunend
die Gebsche im Winde, und es erlosch mhlich das Abendrot ob den Tannenwipfeln.
Auf dem Heimwege blieben wir noch ein Weilchen stehen bei der Quelle an des
Hausbergs Fue, das Mirakelbrnel benamset. Gedachten der alten Mr, dorten
liege ein Schatz vergraben, den die Jungfer Praxedis bewache. Und in tiefer
Dmmerung, wann Fledermuse schattenhaft um uns huschten, und ein Nebel
aufstieg, schien aus dem Dickicht die Jungfer im weien Gewande mir zuzuwinken,
da ich den Schatz heben solle.
    Im zweiten Frhjahre unseres Hirschberger Aufenthaltes hat sich ein Omen
begeben. Durch die Luft kamen grausam viel Heuschrecken geschwirrt, aus dem
sdlichen Reuenlande. Haben im Fluge die Sonne verdunkelt, und wo sie
niederfielen, ward der Boden ein viertel Ellen hoch bedeckt, also da man in dem
grnen Gewimmel waten gemut bis an die Knchel. In ihrer Fresucht haben sie
Gras, Laub und Getreide abgebissen bis auf das letzte Hlmlein und Stmpflein,
und ist davon ein Gerusch gewesen, als ob eines Pappelhaines Bltter zittern.
Mit Dreschflegeln haben die entsetzten Landleute dreingeschlagen, auch in Karren
das Ungeziefer geschaufelt und verbrannt. Haben die Sue und Schafe auf diese
seltsamliche Weide getrieben und so die grnen Leiber zerstampfen lassen. Aber
die Sue haben so massenhaft vom Geziefer gefressen, da viele hernach einer
Seuche erlegen sind, und der rote Jrge, unser Schinder, genung tote Sue mit
seinem blinden Gaule hat hinausfhren und beim Gerichte verscharren mssen.
    Kaum waren die Heuschrecken so ziemlich fort, da ist eine neue Plage und
Beunruhigung losgegangen. Zigeuner, wohl an die hundert Hupter, sind gekommen,
auch zwanzig Zeltwagen mit kleinen zottigen Pferden. Haben vor dem
Schildauertore ein Lager gemacht. Um dieses Volkes wundersame Art und Sitte zu
betrachten, ist die Brgerschaft in Menge hinausgezogen, nicht ohne Waffen. Auch
mein Vater ist hingegangen und hat mich mit sich genommen. Da sah ich denn viel
braune Gesichter mit blitzenden Augen und Rabenhaar. Kauderwelsch haben sie
geschwatzt, auch mit Bettelei die Besucher angeschrien und um Geld aus der Hand
geweissagt. Mein Vater hat mancherlei von diesem Volk berichtet: Rechte
Zieh-Gauner sind es, ohne Vaterland, im Umschweifen geboren, allezeit Stehlens
und Raubens beflissen. Geben fr, ihre Urvter in Kleingypten seien vom
christlichen Glauben abgefallen, und hierauf habe ihnen Gott die Bue auferlegt,
da sie so viele Jahre im Lande umziehen sollten, als sie dem Unglauben
gehuldigt. Aber das ist schelmenhafte Heuchelei, zu dem Ende ersonnen, sich bei
den Christen lieb Kind zu machen.
    Unter solchem Gesprche waren wir an Zigeunerlagers Ende gekommen. Am Feuer
sa hier ein altes Weib und kochte Gerste mit gebackenen Pflaumen. Auch war sie
damit beschftigt, die stachlichten Krper etlicher Igel mit Lehm zu umhllen
und solchergestalt in der Glut zu rsten. Derweilen ich ihrem Treiben verwundert
zuschaute, sagte mein Vater: Ei, da ist ja der Tobias!
    Allerdings war mein Oheim in der Nhe; eifrig redend stund er bei einem
Zigeunermanne, dessen gepichter Schnauzbart schwarz und stechend wie sein Auge.
Der Vater schien ebenso befremdet, seinen Bruder im Gesprch mit einem
Zieh-Gauner anzutreffen, als dieser verlegen war, solchen Umganges berfhrt
worden zu sein. Indessen mein Vater und sein Bruder einander durch Zuwinken
grten, lief ich erfreut zum Oheim und gab ihm die Hand.
    Schucker tschawo, scheen Bub mit Weihand! sprach auf einmal eine helle
Stimme, und neben mir stund eine Zigeunerjungfer. Aus dem zartbraunen, von
schwarzen Locken umloderten Angesichte blitzten die groen dunkeln Augen in mein
Herz hinein, und ihrer geschmeidigen Glieder Form, kaum verhllt durch ein
zerrissen Hemde und ein kurz Rcklein, stiftete in mir eine seltsame Verwirrung
an.
    Schucker tschawo, mit Gldenhaar - wird sich rot wie Blut - ah bravo!
lachte die Jungfer, wobei ihre Zhne wie Perlen blitzten. Gib Hand, Bub!
Turkewawa, wahrsagen will Zigeunermadel. Tsi kosteles - kostet nix! Turkewawa
ohne Geld, wahrsagen ganze wahr!
    Der Zudringlichen lie ich willig meine Hand, die sie lchelnd streichelte
und betrachtete. Aufmerkend war der Oheim herbeigetreten, und die Wahrsagerin
sprach: Oh, oh, schucker tschawo werden wie Keenig Salomo - finden Stein der
Weisen - heben Schatz - oh, oh, groe Schatz! Und die Zigeunerjungfer lie
meine Hand und blickte mich an, als ob sie ber mein Glck staune. Der Oheim
schien erregt, da er oft hustete und unter den dstern Brauen die Augen rollte.
Seine Hand reichte er hin und sagte: Prophezeie sie auch mir! Spttisch
blinzelte ihn die braune Jungfer an: Will er auch Stein der Weisen? Und die
Hand betrachtend, schttelte sie verchtlich den Kopf: Eh, narbulo! ist sich
nix von Weisheit, nix Salomo! Ist sich narbulo - hier Linie von narbulo! Ist
sich narrisch - narbulo und wie ewige Jd - ha, ha, ewige Jd!
    Hhnisch auflachend sprang die Jungfer fort wie eine wilde Katze. Doch bevor
sie hinter den Zelten verschwand, drehte sie sich noch einmal um, tat beide
Hnde kssend an ihren Mund und streckte sie nach mir aus: Schucker tschawo -
Bub mit gldene Haar - oh, oh, Keenig Salomo!
    Nun aber komm, Johannes! rief mein Vater und fgte fr den Oheim hinzu:
Ade, Tobias! la dich hernach bei uns sehen.
    Wie bestrzt und verwirrt blieb der Oheim stehen, seine Augen suchten bald
die entwichene Wahrsagerin, bald die von ihr gedeutete Linie seiner Hand. Da ich
ihm Lebewohl sagte, blickte er mich stumm an.
    Auf dem Heimwege berichtete ich dem Vater, was mir widerfahren. Er aber
meinte: Ei ja doch! Sei kein Narr! Willst du etwan betrogen sein, wie das dumme
Volk, das blind vor Aberglauben? Einer zusammengeklaubten Schelmenrotte darf man
nicht trauen. Noch ist die Welt nicht witzig - sei du es wenigstens!
    Da die Zigeuner Getreide und Hhner stahlen, so sprachen die Bauern: Da
sehen wir nun, was die vorjhrigen Heuschrecken anzukndigen hatten. Ein
Frzeichen waren sie dieser zigeunerischen Landplage, haben anzeigen wollen, da
hinter ihnen menschliche Fresser und Mauskpfe kommen, und da wohl gar noch
schlimmere Verwster folgen werden, als da sein Tartern oder Trken - sintemalen
von den Zigeunern das Gercht geht, sie seien der Trken Ausspher, beflissen,
der Christen Land den Heiden zu verkundschaften.
    Solche Sorge ward genhret durch die seltsamliche Gestalt der Heuschrecken,
von denen etliche geblieben waren. Sehet doch - sprach man - wie gewappnete
Krieger ist dies Geziefer, mit festen Sturmhauben bedeckt und mit Fhlhrnern
als Spieen bewehret. Ihr Schwirren und Zirpen hrt sich an, als wetze man
Schwerter und rassele mit Rstungen. Frwahr auf Schlimmeres denn auf Zigeuner
deuten die Heuschrecken. Ein grausam Kriegesheer wird von Osten einbrechen,
ruberische Heiden, alles Land kahl und wste zu machen.
    Der Aberglaube fand an den Heuschrecken frchterliche Hieroglyphen. Meines
Vaters Collega, der Linguiste Hinschius, wollte auf den Flgeln Schriftzeichen
aus dem arabischen Alkoran erkennen; andere Zeichen glichen wiederum hebrischen
Buchstaben, und ein Scholar las auf einer Heuschrecke das lateinische Wort:
cave! - zu Teutsch: hte dich!
    So ward der Leute Sinn gemeiniglich voll Sorgen auf die Zukunft gelenkt.
Insonderheit erwartete man fr den evangelischen Glauben ein gro Unheil.
Munkelte, der Erzherzog Ferdinandus habe den Jesuitern angelobet, das ganze
Reich von der lutherischen Pest - dies Wort soll er gebraucht haben - mit dem
Schwerte zu kurieren. Bei den in sterreich und Bheim entbrannten
Streitigkeiten der Konfessionen war manchem nachdenklichen Menschen zumute wie
Pilato, da er die Frage tat: Was ist Wahrheit? Und wie der Parteien Hader im
ganzen Reiche enden werde, konnte kein Menschenverstand berechnen. Nur das eine
wute man, da grausame Kmpfe, jammervolle Zeiten bevorstnden. Ratlos starrte
man dem Himmel ins Angesicht, von ihm etwan zu ersphen, was im hchsten Rate
beschlossen sei. Damals kam der Spruch auf:

Sechszehnhundert zehn und acht,
Wenn ich dies Jahr recht betracht,
Geht darin die Welt nicht unter,
So geschehn doch schlimme Wunder.

    Zu Hirschberg lag ich mit Eifer den Studiis ob, ward dabei mitnichten ein
Stubenhocker. Zum langen starken Burschen emporgeschossen, trieb ich mich mit
andern Scholaren umher und machte gern ihren Rdelsfhrer. Zur Erinnerung an die
Hussitenzeit spielten wir Krieg auf dem Hausberge. Die kmpfenden Parteien aber
hieen wir Union und Liga. Fhrer der Liga war ein katholischer Junker namens
Zetteritz, whrend ich die Union befehligte. Den Anla dazu gab ein Mann
kindischen Gemts. Ehedem Kapuzinermnch, war er durch die Ausbreitung des
evangelischen Glaubens seines Klosters verlustig gegangen und fristete als
Dachdecker sein Leben. In diesem Handwerk war er einmal vom Dache gefallen, aber
so seltsam, da er auf beide Fe zu stehen gekommen, als sei er gesprungen. Mit
Gelchter ist er in den Schpsen zu einem Kruge Bier gegangen und bald auf
sein Dach zurckgekehrt. Doch es sollte wohl sein, da er zu Schaden kme, denn
kaum hatte er die Arbeit begonnen, so strzte er abermals, und diesmal so
schlimm, da er unbewut liegenblieb und eine Verkrzung des Verstandes
davontrug. Blieb indessen wohlgemut und nicht bel gelitten bei alt und jung.
Saen die Brger beim Trunke, so trat er pfiffig herbei, griff ungeladen nach
einem Kruge und sprach, erst nachdem er ihn geleeret: Mit Verlaub, Herr
Bruder! - Hol dich der Kuckuck, Kapuzinerwenzel! ward ihm entgegnet. Aber die
Herumsitzenden lachten und lobten den Kerl. Dieser Kapuzinerwenzel also war mit
uns, als wir Scholaren auf dem Hausberge Krieg spielten. Es ward aber die
Prpositio getan, unsere zween Haufen Union und Liga zu benamsen, nach den
beiden Religionsparteien, in die sich die teutsche Frstenschaft gespalten
hatte. Sintemalen nun die meiste Bevlkerung von Hirschberg lutherisch war,
begehrten die Knaben fast allesamt zur protestantischen Union, und das Los mute
entscheiden, wer der katholischen Liga angehren sollte. Zum Hauptmann der Liga
proponierte ich den Kapuzinerwenzel. Da trat der Zetteritz auf und rief: Eine
Schande, wenn vor die Katholischen ein abtrnniger Mnch gesetzet wrde, so sein
Ordensgelbde gebrochen hat. - Oho, rief ich, er hat wohl getan, sich vom
Papste zu wenden. Aber gut, der Kapuzinerwenzel soll nicht Hauptmann der
Ligisten sein, dafr ist er viel zu schade. Mag derohalben der Zetteritz selber
seine Partei anfhren. Was mich betrifft, so bin ich Hauptmann der Union.
Jubelnd traten mir viele Knaben bei. Der Zetteritz aber sprach grimmig zu seinen
Ligisten: Auf denn, streiten wir fr den Erzherzog Ferdinandum, so geschworen
hat, er werde alle Ketzer ausrotten. Da erhub sich gro Protestieren, selbst
unter den Ligisten: Mit dem papistischen Ketzerfresser haben wir nichts zu
schaffen. Ich ma den Zetteritz herausfordernden Blickes und sprach: Wrest du
nicht ganz ohne Beistand, ich mchte dir schon weisen, wie man denen
heimleuchtet, so uns Ketzer schimpfen und ausrotten wollen. Da fletschte der
Zetteritz die Zhne und stie mit der Faust nach meiner Brust. Ich aber packte
ihn flugs, warf ihn zu Boden und hielt ihm die Arme fest, bis der
Kapuzinerwenzel uns voneinander brachte.
    Der Vorfall legte den Grund zu einer Feindschaft, die spterhin
entsetzliches Unglck angestiftet hat. War auch ein Frzeichen der grimmen
Kmpfe, so demnchst zwischen den Konfessionibus entbrennen sollten. Zu
Hirschberg und in der Umgegend waren meist nur solche Leute katholisch, die aus
einem katholischen Lande stammeten oder wegen ihres Amtes zu den Papisten
hielten. Die Religionsparteien suchten einander den Rang abzulaufen bei den
hohen Herren, und solche Nebenbuhlerschaft trat ergtzlich zutage, als der
Warmbrunner Grundherr, Hans Ulrich Schaffgotsch, auf seinem Schlosse Kynast bei
Hermannsdorf seinen Geburtstag feiern wollte. Wiewohl Hirschberg nicht zur
Herrschaft Schaffgotsch gehret, waren Vertreter des Rates, der Kirche und
Schule, darunter mein Vater, abgeordnet worden, den Freiherrn beim
Hermannsdorfer Teich zu begren, wo er einem Fischzuge beiwohnen wollte.
    Von Bllern begrt, kam Hans Ulrich die Strae von Kemnitz dahergesprengt,
nebst einem Gefolge von Reitern. Feuer in den blauen Augen, antwortete er auf
unsern Jubel mit dem Schwenken seines Federhutes. Er war ein schner, langer,
blondlockiger Mann. Der Prediger von Giersdorf wollte seine Rede anheben; da
ward auf einmal zwischen den Scheunen eine Prozession sichtbar, Geprnge,
Fahnen, brennende Kerzen. Papisten waren es, gesonnen, um des Grundherrn Gunst
zu buhlen, der Meinung, auf seiner Reise durch Welschland und Hispanien habe er
sich dem Papismo zugeneiget. Auch der Zetteritz war bei der Prozession. Angetan
mit weiem Chorgewande, schwang er sein Weihrauchfssel und plrrete: Sanctus
spiritus, ri den Hals immer weiter auf: Adveni-i-sti, desiderabilis. Bei
Herrn Schaffgotsch angelanget, neigeten sich die Papisten devotest, und ihr
Fhrer kam dem Giersdorfer Prdikanten zuvor, indem er einen salbungsvollen
Glckwunsch sprach und dabei eine Schrift berreichte. Hans Ulrich las den Titul
Die wahre Religion der Schlesier und gab die khle Antwort: Wir danken euch,
sind aber nicht hergekommen, ber Religion zu disputieren. Und mit der Zunge
seinem Rosse schnalzend, galoppierte er zum nahen Teiche. Unsere Schar stund
verblffet, alsdann erhub sich ein Gemurmel, und die beiden Religionsparteien
sahen einander wie knurrende Hunde an, bis sie schlielich Herrn Schaffgotsch
zum Teiche folgten. Die Fischer waren bereits beim Einholen der Netze. Ihr
Fischzug war nicht sonderlich mit Beute gesegnet, und Hans Ulrich sprach: Wir
htten vermeinet, es msse dahier mehr Fische haben. Da brummte ein
graukpfiger Fischer: Ei ja doch, lieber Junker! Sollen wohl gar noch die
Fische prozessionsweise ins Garn gehen? Lange Gesichter machten die
Umstehenden. Hans Ulrich aber lachte und wandte sein Ro zu den Papisten:
Dieser Alte redet frisch heraus. Solch freier Mut, bar aller Schleicherei,
gehre alleweil zur wahren Religion der Schlesier. Nun ernteten die Papisten
schadenfrohe Blicke, und ich verspottete den Zetteritz durch Gebrden.
    Der nahm am Abend dafr Rache. Herr Schaffgotsch hatte Ritter, Prdikanten
und etliche angesehene Brger, auch meinen Vater, zum Festin geladen, auf da
mnniglich mit ihm frhlich sei und Gott fr alles Gute danke. Bei der
abendlichen Gasterei sollten etliche Scholaren eine artige Comdiam auffhren,
angezettelt von Herrn Schnborn, dem ehemaligen Lehrer des Freiherrn. Ich hatte
dabei kein geringer Amt, als Gott, den Vater, darzustellen, wie er vom Himmel
herniederschwebet, den verlorenen Sohn aus Hllenflammen zu erlsen. Die Rolle
des obersten Teufels aber war dem Zetteritz bertragen.
    Wie nun an mich die Reihe kam, war mein Antlitz rot bemalt, wei umrahmt von
Locken und Bart und gekrnt mit gldenem Heiligenschein; es umwallete mich ein
blauer Mantel mit Silbersternen. Auf einer Leiter stund ich, und unter meinen
Armen hindurch ging ein Strick, daran ich schweben sollte. In der Tiefe lohete
das Fegefeuer, und der Zetteritz als Satan befahl seinen Teufelsknechten, die
Zangen glhend zu machen, um den verlorenen Sohn weidlich zu peinigen. Da sprang
ich von der Leiter, schwebte in der Luft und hub mit Donnerstimme an:

Halt an, du Hllenfrst! Entfleuch, du Satansbrut!
Ich lsche diesen Brand mit meines Sohnes Blut.
Nicht alle Snder sind zur Hllenpein erkoren,
Und kein verlorner Sohn soll ewig sein verloren.
Komm, arme Seele, komm ....!

Auf einmal ward mein Strick losgelassen, und ich strzte zu den Teufeln.
Zetteritz starrete mich an, dann fiel er als ein Besessener ber mich her, der
ich auf dem Boden kauerte wie ein Vierfler. Das Sternengewand zog er mir prall
und gerbte mein Fell. Drhnend Gelchter erhub sich. Ich aber raffte mich auf
und vergalt meinem Widersacher, bis man herbeigesprungen kam und uns mit Mhe
trennte, worber der Vorhang fiel.
    Herr Schnborn, Autor und Rektor der Comdia, war indigniert, aber Hans
Ulrich trstete ihn durch Lobsprche, und der Hofnarr, Michel Puchhammer, so
unter der Schellenkappe Witz und Weisheit trug, klopfte dem Poeten beifllig auf
die Schulter, vermeinend: Der letzte Effektus war das wahre Kleinod Seiner
Comdia. Hand aufs Herze, ihr Herren, wre es nicht fast klglich und
vergnglich, wenn alle Hndel dieser Welt in Summa knnten ausgefochten werden
einzig durch unsere hchsten Potentaten, den lieben Gott und den leidigen Satan?
Machet nicht lange Gesichter, ihr Herren! Glaubet mir, das wre die erbaulichste
Comdia, so wir drften dem Duelle zuschauen, wie Israeliten und Philister
zuschauten, als ihre Sache durch David und Goliath ausgefochten ward. Wir htten
alsdann nicht ntig, unsere Schwerter widereinander zu wetzen und zu
disputieren, wie die wahre Religion beschaffen sei, wer die ledigen Klostergtel
bekommen, und wer Knig in Bheim werden solle. Ei ja, vermieden wre aller
Bruderzwist von Kain und Abel bis zu Liga und Union. Wir wten, da wir nichts
mit menschlicher Macht ausrichten und da wir uns ergeben mssen in das
Verhngnus von oben - wie solches ja auch die Kunst der Knste gebeut, die
himmlische Astrologia.
    Im Anschlu an solche Worte, die mir mein Vater berichtet hat, mag jenes
Mirakel vorgefallen sein, das spter in allen teutschen Landen erzhlet, aber
freilich auch angezweifelt worden ist. Ich vermag darber nichts Gewisses
auszusagen, sintemalen ich nicht wei, ob die Geschichte auf Angaben meines
Vaters beruht. Genung, ich will sie hier mitteilen; ob sie wahr, bleibe
dahingestellet.
    Der Narr Michel galt fr einen kundigen Astrologen, so die Zukunft des
Menschen aus dem Stand der Sterne berechnen knne. Wie er nun von der Kunst der
Knste rsonierete, fuhr Hans Ulrich auf einmal mrrisch dazwischen: Schweig,
Unglcksrab! Da die Beisitzenden befremdet stutzten, erklrte sich Hans Ulrich
folgendermaen: Dieser Narre, der mit seinem Sterngucken prahlet, hat auch mir
das Horoskop gestellet; und wisset Ihr, was er geweissaget hat? Ich werde
sterben einen gewaltsamen Tod, und zwar am kalten Eisen. Merket wohl, nicht am
heien Eisen der Feldschlacht, von dem ich gern fallen will als ehrlicher
Soldat; nein, am kalten Eisen, wie es der Scharfrichter schwinget. Pfui, du
grober Michel, deine himmlische Astrologia ist eher ein lausige Zigeunerin.
    Michel zuckte die Achseln: Kunst der Menschen kann irren, und ich wre
frohen Mutes, so ich Ihro Gnaden Nativitt als ein Irrender htte gestellet.
Aber bei Ihro Gnaden Geburt sind Saturnus und Mars ins vierte Haus der Sonnen
eingefahren, und was das nach den Regulis meiner Kunst andeutet, habe ich
aufrichtigen Sinnes bekennet. Doch wir wollen den Himmel fufllig bitten, da
er alles zum Besten unseres wertesten Herrn wenden mge.
    Herr Schaffgotsch blickte unruhig in die Runde, schttelte das Haupt und
sagte nach etlichem Besinnen: Ich htte nimmermehr gedacht, da unter Deiner
Kappe, so doch viel Witz heget, dergleichen nrrische und fanatische Dinge
stecken sollten. Glubet Er etwan, ein Fernglas zu haben, so ins Kabinett der
gttlichen Geheimnisse eindringet? Wie will Er Beweis und Rechenschaft davor
geben, da Er Zuknftiges in Wahrheit kann prognostizieren? Wohlan, stellen wir
Seine Sternguckerei auf die Probe ... Heda, Kuchelmeister Jochen, sage mir, ob
im Burgstalle dieser Tage etwas jung geworden, und ob man auch die Stunde seiner
Geburt erfahren kann.
    Ja, Euer Gnaden - vor fnf Tagen hat ein Mutterschaf ein Lamm geworfen,
gerade wie man zur Vesper lutete.
    Da sprach Hans Ulrich lauernden Blickes zu Michel: Wohlan, so erkunde aus
den Gestirnen, welchen Lebensgang das Lamm haben wird.
    Der Sterndeuter trachtete mit einer Schelmerei von der Aufgabe loszukommen
und meinte: Ei ja, stellen wir dem Vieh das Horoskop! Warum soll es nicht
gelingen? Wenn der Herrgott jedes Haar auf unserm Haupte gezhlet hat, so wird
er seine Sterne gewilich angewiesen haben, nicht blo der hochmtigen
Menschlein Schicksal zu regieren, sondern auch jedem Schflein, Grashupferlein
oder Flhlein frzuschreiben, wie es zu hupfen, zu grasen und zu sterben habe.
Ist denn berhaupt ein Unterscheid zwischen Mensch und Vieh? Nun ja, im Saufen
ist wohl einer. Suft doch das liebe Vieh nur, bis es seinen Durst gestillet
hat. Der Mensch aber, Herrgotts Ebenbild ...
    Herr Schaffgotsch schnitt die weitere Rede ab: Schon gut! Diesmal gilt es
keine Possen. Tu, was ich dich geheien! Geh alsogleich und erprobe deine
Kunst!
    Unter spttischem Gelchter der Tafelgste ging der Sterngucker. Nach einer
Stunde kehrte er mit dem Bescheide zurck, in den Sternen stehe geschrieben, der
Wolf werde das Lamm fressen.
    Da lchelte Hans Ulrich triumphierend und rief: He, Jochen, sage dem Koch,
er soll sogleich das Lamm metzgen und heute abend gebraten auftischen. Nun
erscholl lauter Jubel, in den auch Michel einstimmte, indem er rief:
Bravissimo! Ja, man mu dem Schicksal zu Leibe gehen und die Fortune
korrigieren.
    Der Abend kam, und allerlei Gebratenes war bereits aufgetragen. Da rief Hans
Ulrich: Wo bleibet das Lamm?
    Mit Verlaub, sagten die Tafeltrger verlegen - es br - brt anoch.
    Ei, ei, scherzte der astrologische Narr - so hat es wohl doch der Wolf
gefressen?
    Hans Ulrich ward verwirret und errtete. Possen! rief er. Wo bleibet der
Kuchelmeister? Holet ihn sogleich!
    Bleichen Antlitzes trat Jochen ein und stammelte offenbare Ausflchte. Wie
aber Hans Ulrich mit rauher Stimme rief: Leuge Er nicht, sondern gestehe, was
ist geschehen? Da fiel der Kuchelmeister auf seine Knie und berichtete unter
Zittern: Ach Gnaden, ein Mirakel! Wohl ist mit dem Lamm nach Ihro Gnaden Gehei
verfahren worden. Gemetzget haben wir's, abgehutet und auf den Bratspie
gestecket. Zum Drehen des Spiees aber haben wir eine Maschine, das ist ein
Kfig, so vom hineingesperrten Hunde gedrehet wird. Frher war's ein Hund. Seit
wir aber im Schlosse den Sultan haben, wie wir den zahmen Wolf heien, ist es
unsere Lust, von ihm den Bratspie drehen zu lassen. Wie nun das Lamm gebraten
auf der Schssel liegt, ist der Bratenmeister mit seinem Kucheldiener auf ein
Weilchen zu andern Verrichtungen aus der Kche gegangen. Da hat sich der Sultan
aus seinem Kfig gemacht und hat das Lamm gefressen.
    Erbleichend sprang der Freiherr auf und lie sein Tafelmesser fallen. Voller
Grauen starreten ihn die Gste an.
    Michel, sprach Hans Ulrich sanft zum Hofnarren - mit dem Lamm hat deine
Kunst recht gehabt. Wie es aber mit mir kommen wird, stehet in Gottes Hand. Eins
jedoch wei ich: So ich dereinst durch kaltes Eisen gerichtet werde, ich sterbe
unschuldig. Niedergeschlagenen Auges wie ein Betender, fgte er leise hinzu: 
Dulce decus, pro patria mori - s und ehrenvoll ist es, frs Vaterland sein
Leben zu lassen. Dein Wille, o Herr, geschehe - denn dein ist das Reich und die
Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen!
    Erschttert, zum Teil weinend, falteten die Tafelgste die Hnde zum stillen
Gebete. Den Herrn Schaffgotsch aber kam trotz seiner Gelassenheit eine
Alteration mit Fieberschauern an, also da er sich zu Bette legen mute, worauf
die Gste nach Hause kehreten, mit traurigem Bedenken, wie es wohl am Ende
kommen werde.


                              Das andere Abenteuer

                      Das Johanniskind will den winkenden

                                  Schatz heben

Den Krutertobias zu besuchen, hatte sich mein Vater mit mir im Frhjahr nach
geschehener bersiedelung aufgemacht. Fuhren auf einem Bauernwagen dem
Zackenflu entgegen, jedoch nur bis Petersdorf, wo wir abstiegen, um zu Fu das
steile Waldgebirge zu erklimmen. Zur Linken in der Felsenschlucht brausete der
Zacken. Rechts ging es einen schroffen Hang empor zu einem ragenden Stein.
    Von hier erscholl eines Mannes Zuruf. Der Oheim war es, so droben auf uns
geharret hatte und nun gelaufen kam. Nachdem er mit Freuden seinen Willkommen
geboten, berichtete er, wie ihm schon von weitem unser Wagen sichtbar gewesen.
Mein Vater antwortete: Allerdings gewhret dieser Stein, Wachstein geheien,
eine weite Aussicht ber das Zackental, wie man ihn schon in der Hussitenzeit
als Warte verwendet hat, den Pa nach Schreiberhau zu berwachen.
    Der Weg, den wir nun gingen, stieg fast steil durch einen Bachgrund. Anfangs
von schroffen Felsen und Fichten begleitet, fhrte er zu einer Aue, wo Bauden um
ein Kirchlein lagen, und Khe nebst weien Gnsen weideten. Hie beginnet
Schreiberhau, sagte mein Vater; es erstreckt sich eine gute Stunde in die
Lnge, und wir haben bis zu Oheims Husel noch ein Stck Weges.
    Nach frderem Ansteigen ward der Weg eben, wir hatten seine hchste Erhebung
erreicht und schauten in ein sanft abfallend Tal, breit und lieblich. Hinter
vorderen Waldhhen stieg jene Gebirgswand himmelan, die ich von fern oft
betrachtet hatte. Jetzo, da sie in der Nhe ragete, ward mein Gemt bewegt wie
von tiefem Orgeldrhnen. Ein weithin ausgereckter Riesenrumpf, mit Tannen
gleichwie mit blulicher Wolle bewachsen. Wo der Wald zu Ende, schimmerten
Matten, dann kam kahler Fels, mit dunkelgrnem Moose bedeckt. Droben in den
Abgrnden lag noch Schnee, und der Oheim wies mir, wie die weien Flchen
manchmal seltsame Formen bildeten, einen Stier oder eine Hose, von der die Leute
sagten, es sei Rbenzagels Hose. Der Gebirgskamm bildete eine Reihe von Kuppen,
die in der Ferne von zartem Blau waren. Gewlk kroch von der anderen Seite des
Gebirges ber den Sattel herber, wie graues Raubgezcht, wie Drachen.
    Derweilen mein Vater in den Anblick seiner lieben Berge versunken war, wies
der Oheim die einzelnen Gipfel: den Reiftrger, die Sturmhaube, das Hohe Rad,
den Mittagstein, die Schneekoppe. Erklrte mir auch, das graudstere Gewchs
zwischen den Felsen droben sei kein Moos, sondern Knieholz, ein struppicht
Nadelgebsch, so nicht in die Hhe wachse, sondern ber das Gerll hinkrieche,
die knorrigen Ruten wie zum Verhau verschrnkt.
    Bald langten wir bei Oheims Husel an. Es lag in der grnen Aue, wo
Murmelbchlein rannen. Neben der Wiese gab es Saatfelder, Grtlein und etliche
Bauden. Gleichwie ein freundlich Auge lugte ein Mhlteich aus des Tales Mitte.
Unweit waren dunkle Felsen und lichte Birken mit zarten Frhlingsblttlein.
Einen freundlichen Anblick gewhrte Oheims Husel. Baute sich aus rohen Steinen
auf, doch war die groe Stube aus Balken gezimmert, wobei Moos und Lehm die
Fugen verkitteten. ber das bemooste Schindeldach wlbeten zwo alte Linden ihre
Kronen. Am Hause war auch ein Viehstall, und ein paar Khe nebst Ziegen weideten
auf der Wiese.
    Als wir durch das Blumengrtel gingen, wo gelbe Mrzenbecher blheten,
whrend die Kirschbume gleich Silberwlklein prangten, sprang ein Hund aus dem
Hause auf uns zu und hpfte mit jauchzendem Gebell am Oheim empor. War mein
zuknftiger Freund, der gelbe Schferspitz Wchter. Vor der Tre des Husels
stund ein weihaarig Weibel und grte freundlich. Beate war es, des Oheims
Base, die ihm Haus hielt.
    Wir gingen in die Balkenstube, und hier war es sehr warm, da mchtige
Holzkltze im Ofen loheten. Weigescheuert die Diele, alles Hausgerte sauber
und traulich. Bunt bemalt der groe Schrank, sowie die Truhe daneben. Wir
setzten uns um den Tisch, und nachdem der Vater das Gebet gesprochen, lieen wir
uns Brot und Schinken munden.
    Da wir nun erquickt waren, sagte mein Vater: Lieber Bruder Tobias!
Schreiberhau und das elterliche Husel zu schauen, hat mich in der Fremde oft
inniglich verlanget. Nun wird meine Sehnsucht durch Gottes Gte gestillet. Die
Berge, Bume und Bche, alle lieben Orte und Dinge habe ich wiedergefunden. Nur
weniges dnket mich verndert. Neu ist jedoch die groe Backstube bei den Felsen
mit dem tchtigen Schornstein ...
    Keine Backstube ist das, antwortete der Oheim belustigt; das ist ja mein
Laboratorium.
    Laboratorium? Ei wie denn? Bist etwan ein Chymiste worden? meinte der
Vater befremdet.
    Und bedchtig versetzte der Oheim: Hum! Du weit ja ... hum! Glas kann ich
nicht mehr machen. Vom Blasen und staubigen Schleifen ist mir der Odem benommen.
Und wann die Berge verschneiet liegen, mag ich nicht immer blo Pillulen drehen.
Habe mich also der chymischen Kunst ergeben und mir ein Laboratorium angelegt.
    Und bist wohl gar dem Goldmachen auf der Spur?
    Es war dem Oheim ganz ernst, als er erwiderte: Aus menschlichem Vermgen
kann ich sagen: ich hoffe. Wirst nun freilich denken: da haben wir abermalen
einen neuen Grillenfnger, ruigen Kohlenblser und gefhrlichen
Schwarzknstler. So lauten ja wohl die Ehrentituli, mit denen die stolze
Disputiergelahrtheit gemeiniglich den Jnger einer Kunst beleget, die in der
ganzen untermondlichen Atmosphre zwar die unsicherste, aber auch die
allerkostbarste ist.
    Nun, nun, - begtigte mein Vater - will dich nicht schelten; alle Kunst
ist ja von Gott, wohl auch die alchymistische, wofern ...
    Amen, Amen, unterbrach ihn der Oheim freundlich und rttelte des Vaters
Schulter: Bruder Martin, hpfen tut mein Herze, bisweilen du nicht bist wie
jene trichten Prdikanten, so behaupten, da allen Goldmachern und
Schatzgrbern der Teufel im Nacken sitze. Solche Pfaffen mgen im Catechismo
Lutheri beschlagen sein - von Magia verstehen sie so viel wie die Kuh vom
Kanzelreden.
    Nun ja doch, Tobias, wohl, wohl! Indessen du hast mich unterbrochen. Von
Gott ist alle Kunst, wofern man sie rechten Sinnes bet. Sonsten aber schwarze
Kunst und verwerflich.
    Der Oheim winkte mit der Hand ab und kmpfte einen Hustenanfall nieder:
Schwarz? Ah, nur die falsche Kunst ist schwarz, die Gaukelei der
Afterchymisten! Was der Mensch aus seines Geistes hohen Krften suchet und
vermag, ist wei wie himmlisch Licht. Knnte es etwan wider Gottes Willen sein,
so einer die Natur zu urkunden und zu meistern trachtet? Soll ich mein Pfund
vergraben und faul liegen lassen? Wie spricht denn der Heiland? Werdet
vollkommen, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist.
    Die wahre Vollkommenheit - gab mein Vater zurck - bestehet im reinen
Herzen. Diene der Magiae reinen Herzens, nicht, wie die Schatzgrber, aus
Goldgier.
    Der Oheim stutzte: Als ob nicht auch ein Schatzgrber reinen Herzens sein
knnte!
    Schon gut, sagte mein Vater; wenn er mit dem Golde nicht seinen Lsten
dienen will, sondern dem Reiche Gottes.
    Selbiges will ich - versetzte der Oheim fest. Meine Lste? Die sind
abgestorben! Nur die Lust an der magischen Kunst ist briggeblieben; und so der
Himmel sie segnet, will ich gern nach seinem Willen das Gold verwenden.
    Zum Exempel, wofr?
    Zum Exempel fr deinen Sohn, unsern Johannem, damit er auf hohen Schulen
ein groer Physikus und Adepte werde - ein rechter Knig Salomo.
    Seit dieser Zeit hrte ich in mir eine Stimme mahnen: Halte zum Oheim, er
soll dich leiten! Je fter ich nun nach Schreiberhau kam, desto besser behagte
es mir daselbst. Die Wiesen mit ihrem Vieh, das Grtlein und Roggenfeld, die
groen Steine, das Laboratorium und der Stall, die Balkenstube, das Husel mit
allen Winkeln, auch die benachbarten Bauden, die Glashtte mit ihrer
Schleifmhle, rings die Hhen mit Tannen und Rauschebchen - das alles ward mir
bald so traut und lieb, da es mich in jeder Schulvakanz zum Oheim, zur alten
Beate und zu meinem Freunde Wchter zog. Selbst in den Tagen meines Hirschberger
Aufenthaltes ist manch heimlich Stndlein gekommen, wo meine Gedanken gen
Schreiberhau geflogen sind. Wenn ich zum Exempel vor dem Schlafengehen mit den
Eltern das Abendlied sang:

Ich danke dir von Herzen,
Da du an diesem Tag ...

und dann an die Worte kam:

Noch meinem Vieh was schade,
Es sei klein oder gro߫,

so dachte ich an des Oheims Khe und Ziegen, die ich mit Wchter, eine Peitsche
in der Hand, gern auf der Wiese htete. Schlo sie voll einfltiger Liebe in
mein Gebet mit ein, auch Gnse, Hhner und Karnikulein, auf da nicht etwa Fuchs
und Marder sie wrge.
    Whrend der langen Ferien begunnte des Oheims Laborantenwesen und
chymistisch Treiben meinen Sinn magnetisch zu fesseln. Von Wchter begleitet und
auf dem Rcken die Hucke, tat ich manche Suche nach Krutern. Lernte Pestwurz,
Eisenhut, Aronstab, Johanniskraut, Stolzen Heinrich, Taubenkropf, Goldraute und
Alraunknoblauch nebst ihren heilenden oder magischen Krften kennen. Dabei ward
mir auch das Gebirge immer bekannter.
    Im Laboratorio hatte ich mir bald die kleineren Fertigkeiten zu eigen
gemacht, als da sind Sfte pressen, Machandelmus kochen, Eibergeist
destillieren, Gestein im Mrsel zerreiben, Tiegel, Kolben und Retorten reinigen,
Phiolen verstpseln, Holzkohle bereiten und die Glut mit dem Blasebalg anfachen.
    Auch nahm der Oheim Gelegenheit, meine ziemliche Kenntnis des Lateinischen
zu nutzen, indem er mir ein Buch ins Teutsche zu bertragen gab De secretis
operibus artis et naturae - will heien: von den geheimen Werken der Kunst und
der Natur.
    Da ich nun die Arbeit vollendet hatte, legte der Oheim freundlich die Hand
auf meine Schulter und sprach feierlich: Lieber Johannes! Aus dem bertragenen
Buche wirst du vollends ersehen haben, wie falsch es ist, Schlimmes in den
geheimen Knsten zu sehen. ber die ganze Erde hat Gott den Menschen gesetzet,
also auch ber ihre geheimen Schtze. Wie die Abendburg ist die Erde - heget
Gold und Edelgestein, dem gemeinen Volke verschlossen, und nur dem Adepten
zugnglich. Werde drum ein Adepte, Johannes. Hebe den Schatz, so nach
himmlischer Bestimmung fr dich bereit lieget. Willst du das, Johannes? Nun
wohl, so werde ich Mittel und Wege dazu ausfindig machen. Bist du aber auch
bewandert in der Kunst des Schweigens? Gnzlich unerllich ist sie dem Jnger
geheimer Wissenschaft. Zu schweigen gilt es gegen jedermann - merke, auch gegen
deine Eltern. Bist gro genung, jetzt ohne der Mutter Schrzenbndel deinen Weg
zu gehen.
    Da ich nun beteuerte, ich habe zum Schweigen jeglichen guten Willen und auch
bereits etliche Kraft, loderten des Oheims Augen, und er sprach priesterlich:
Wohlan, so nehme ich dich zu meinem trauten Gesellen und Famulo an und
verheie, dich einzuweihen in alle Fertigkeiten, so ich errungen habe oder noch
erringen werde. Knftigen Sonntag soll die Lehre anheben. Dann wandte er das
Angesicht zum Fenster, starrte nach den blauen Bergen und murmelte dunkle Worte.
    Als wir am Sonntag aus der Kirche heimgekehrt waren und zu Mittag gegessen
hatten, richtete ich meine Augen ernst und fragend auf den Oheim. Er nickte mir
zu, erschlo den Riegel der bunten Truhe und langte geheftete Skripturen heraus.
Im Triumphe hielt er sie hoch: Siehe hier den Mittler, so dich zum Goldschatz
geleiten wird. Komm her und lies!
    Voll Ehrfurcht empfing ich die Skripturen, setzte mich an den Tisch und
wollte still fr mich lesen. Doch der Oheim nahm bei mir Platz und sprach: Lies
nur laut! Nicht oft genung kann ich diese Wissenschaft vernehmen. Auch ist
ntig, da wir Rates darob pflegen.
    So erhub ich denn die Stimme und las die verblichene Schrift, zu manchen
Malen stockend und vor Beklommenheit seufzend.
    Der verschnrkelte Titul aber lautete: Nachrichten von den Walen - wer sie
gewesen, wo sie Golderz aufgesuchet und gefunden, wie solches geschmelzet und zu
gut gemacht - auch wie sie aus Erzen und Krutern Gold gebracht - nach alten
Schriften denen Liebhabern des Bergwerkes und der chymischen Kunst erffnet.
    Walen - so sagte die Schrift - heiet ein fremdlndisch Volk. Von diesen
Leuten sind viele seit alter Zeit im Bergwerke wohl erfahren und haben ihre
Kenntnis der Erze oftmals in teutschen Landen probieret. Sind als Landfahrer und
Scholaren ins Erzgebirge und Schneegebirge gezogen, daselbst verborgene
Edelmetalle auszuspren. Nachdem sie erkundschaftet, wo die besten Goldkrner
oder Edelgesteine liegen, haben sie an Felsen und Bumen Erkennungszeichen
angebracht, auch in Bcher geschrieben, wie man zu den Orten gelanget.
    Wie kostbar aber der Walen Wissenschaft, geht aus folgender wohlverbrgten
Nachricht herfr. Vor mehr als einem Saeculo kam alle Jahr ein fremder Mann mit
einer Hucke vom Gebirgskamm niedergestiegen. Was aber der Hucke Inhalt gewesen,
ist hinterher an Tag gelanget. Ein Junker, so auf der Jagd hin und wieder dem
Manne begegnet ist, kommt nach Venedig und siehet denselbigen fremden Mann in
frnehmer Kleidung mit Dienerschaft in einer Gondel fahren. Den Junker
erkennend, lsset dieser Venediger anhalten, gret unsern Teutschen und ladet
ihn ein, seinen Palazzo zu besichtigen. Nach der Gasterei bezwingt der Junker
nicht lnger seine Begierde und forschet, wie es denn hergegangen, da aus einem
armen Huckentrger solch ein Nobile worden. Eben vom Huckentragen, antwortet
lchelnd der Venediger; denn in der Hucke ist eurer Berge Gold gewesen. Und es
hat nun der teutsche Junker vom Venediger vernommen: Hoch auf dem
Reiftrgergebirge, nahe bei dem zweispitzigen Steine habe er, der Huckentrger,
auf einer Wiese Markasit gewaschen bis zur Gre einer Erbse. Damit er nun desto
besser auf diesem goldreichen Gebirge ausdauere, habe er fr eine Woche Proviant
mitgenommen und bei klarem Wetter den Aupengrund hinter der Schneekoppe besucht.
In einer Einde seien Gerippe von Menschen gelegen, die sich vorzeiten an den
goldreichen Ort begeben haben, doch, nicht genugsam verproviantieret, Hungers
gestorben sind. Dorten nun habe er kostbare Edelsteine aufgelesen, auch viel
gutes Gold, Krner wie Haselnsse. Nachdem der Venediger solchen Bericht getan,
hat er seinem teutschen Gaste im Marmor der Speisehalle folgende Inschrift
gewiesen: Montes corconos fecerunt nos dominos. Zu teutsch: Das
Reiftrgergebirge hat uns zu groen Herren gemacht ...
    Hier stutzete ich und ri die Augen auf. Der Oheim nickte mir zu: Ja, ja -
unser Reiftrger, auf der bheimischen Seite Korkonosch geheien. Doch nun
schlage einmal das Kapitul auf, so mit einem Buchzeichen angezeiget ist. Und
ich las weiter:
    Bei Hirschberg in Schlesien ist ein Dorf, Schreibers Hau. Gehe oben zum
Dorfe hinaus ber den Schwarzberg, so kommst du zum Weien Bach. In einen
Trnketrog flieen zwei Wsserlein. Am Wsserlein zur Rechten geh immer fort gen
Abend. Findest auf Bergeshh die Abendburg, einen haushohen Stein. Ist hohl, und
tief innen liegt eines Kniges Goldschatz begraben. Wie aber der Schatz zu
heben, wird nur einem Adepten oder Johanniskinde offenbar ...
    Ich hielt inne und sahe den Oheim fragend an. Dabei stellte sich meinem
innern Auge die Abendburg dar, wie sie mein Vater geschildert. Den dstern
Felsen sah ich durch Zauber zum Schlosse werden, gleiend vom roten Golde wie
Abendgewlk. Und ich seufzete: Ach Oheim Tobias! Warum hast du mich noch
niemals zur Abendburg gefhret?
    Ich fhre dich hin, Johannes, und zwar ohne Verzug. Wohlan, mache dich
fertig!
    Froh und khn schlug mir das Herze, stracks rsteten wir zum Aufbruche. Das
kostbare Walenbchel tat der Oheim in einen Ranzen. Das nehmen wir mit, sprach
er und hing mir den Ranzen um. Drauf gab er noch ein Stck Brot in den Ranzen,
bewehrte seine Rechte mit der alten Partisane, die er auf seinen Gngen ebenso
als Sttze wie als Waffe zu verwenden pflegte, und rief die alte Beate herein.
    Gehab dich wohl, Beate! Vier gute Stunden bleiben wir aus.
    Mit Gott, ihr beede! Und seid mir au fr Dunkelheet wieder derheeme,
antwortete Beate und reichte uns die Hand.
    Mit freudigem Klffen kam Wchter gesprungen, da er uns zum Aufbruche
gerstet sah, und sein wedelnder Schweif fragte, ob wir ihn mitnehmen mchten.
Da des Oheims Antlitz gndig war, fuhr Wchter als bermtiger Strer in unsern
Hhnerschwarm und hpfte nach dieser Heldentat bellend ber die Wiese.
    Ins Weibachtal! sprach der Oheim. Nehmen wir selbigen Weg, der im
Walenbchel beschrieben stehet.
    Und wir stiegen den nchsten Pfad hinan, so durch Gebsch und Wiesen, vorbei
an Bauden und Steinrcken ber den Httberg fhrt, allwo sich der Blick ins
Weibachtal erffnet. Zur Linken blieb die neue Glashtte von Preisler liegen,
wir stiegen ber ein Fllein, der Rote Flo geheien, und bogen rechts ab, es
aufwrts zu verfolgen. Murmelnd und schumend kam das Wasser ber die moosigen
Blcke gehpft, als ein Geheimnis, geheget von den Fichten, so mit grauen
Bartzotten behangen wie alte Riesen aussahen. An einer Stelle war ein
feuchtquappig Waldmoos, davon wir na Schuhwerk bekamen.
    Hier hab ich oft nach Golde gesucht, sagte der Oheim; auch etlichen
Goldseifen ausgewaschen; doch lohnet sich nicht die Mhe.
    Bald nach dieser Stelle tat sich der Wald voneinander, und auf sonniger
Wiese reckte ein dicker Buchenbaum den mchtigen Wipfel. In den Stamm waren
Buchstaben, Kreuzlein, Herzen und andere Zeichen gegraben. Einen schier
verwachsenen Ri wies mir der Oheim in der Rinde: Siehe hier ein kstlich
Symbolum von einem Walen eingeschnitten, das ist ein Bischofsstab, wiewohl kaum
mehr zu erkennen. An dieser Sttte la uns niedersitzen, und du sollst frder
aus dem Walenbchel vorlesen.
    Ich kauerte mich zwischen ein paar glatte Felsen, indessen der Oheim aus dem
Ranzen das Manuscriptum holte. Von sem Bangen war mein Herz erfllt, wie ich
so den heiligen Baum mit den Rtselzeichen anstaunte und auf sein Wipfelsuseln
lauschte. Aus Waldestiefe lockte die gurrende Taube, und wie ein fern Glcklein
klang des Kuckucks Ruf.
    Da reichte mir der Oheim das aufgeschlagene Walenbchel, und ich fuhr fort,
zu lesen:
    Ich, der Jacobus Puschmller, ein Kaufmann zu Regenspurg, war durch des
Allmchtigen Verhngnus also verarmet, da ich mit zehn Floren von Weib und Kind
fortgemut, ein neu Brot ausfindig zu machen. Da bescherete mir Gott einen guten
alten Italiener, da er sich mein erbarmet und mit nachfolgender Beschreibung
reicher Schatzlager getrstet hat - wie ich denn an einem der beschriebenen Orte
Goldes genung gefunden und mich wiederum zu Ehren gebracht habe.
    In Schlesien ist die Stadt Hirschperg, an zween Flssen gelegen. Gehe von
dorten fnf Stunden weit ins Gebirg. Kommest in ein Dorf, geheien des
Schreibers Hau. Gehe auf den Schwarzen Berg und immer gen Abend durch Gehlz,
auf eines Pfades Spur, so durch hohe Beerenstauden fhret. Kommest zu groen
Steinen, sind aber noch nicht die rechten. Gehe vorbei, immer den Pfad entlang,
bis haushohe Felsen ragen, anzuschauen als eine Purg. Schwarz ist das Gestein,
hat aber eine weie Stelle, gleichwie eine Pforte aus Marmel. Davor gen Mittag
dreizehn Ellen weit findest du zwischen Felsen ein Loch. Stoe einen starken
Knittel hinein, wuchte und wiege, bis du den bergelegten Stein aufwiegest. Nun
lege ihm was unter und nimm die Kostbarkeit, so dir Gott bescheret, Goldkrner
arabischer Art, gleich Haselnssen; lassen sich pltzen. Tu aber den Stein
wieder an seine Stelle, sonsten mchte ein Gespenst dich erschrecken; denn
dorten ist es ungeheuer.
    So du aber keine Furcht kennest, begib dich zum weien Stein der Abendpurg
zu Walpurgis oder Johannis oder auch am ersten Advent eine Stunde vor
Mitternacht. Einen Zauberkreis mache, nach den Regulis Magiae, znde darinnen
ein Feuer an und koche in einem neuen Kessel eine Zaubersuppen. Wie die zu
bereiten, wei ich nicht genau zu sagen. Es gehret dazu eines Maulwurfes Pfote,
und unter strengem Stillschweigen mu gekocht werden. Ist der Nacht Mitte da, so
spritze etliches aus dem Kessel an die weie Marmelpforte, rufend: Woide, Woide,
Woide! Da wird der Felsen sich auftun mit Getos, und du darfst eingehen. In
einer Nischen des Stufenganges kauert eine vermummete Gestalt, reget sich nicht.
Gehe dreist vorbei, kommest alsdann in eine schneeweie Halle. An der Wand
stehen Truhen mit Golde. Inmitten der Halle aber springet aus einem Marmelbecken
ein brausend Sauerwasser an die fnf Ellen hoch, stubet nieder mit
Regenbogenglanz und besplet Edelgestein, so im Becken als Bachkiesel lieget:
violenblaue Amethyste, rotgelbe Hyazinthen, schwarze Bergkristalle, gelbe
Topasier, grne Saphire, schn durchsichtige Chalcedonier und dunkle Jasponichel
mit roten Tupfen gezieret. Nimm, was du willst. Doch eilen sollst du, da du
wieder hinausgelangest, sintemalen die Schatzkammer nur ber Mitternacht offen;
um ein Uhr tut sie sich zu, unter groem Krachen.
    Sei auch dessen wohlbedacht, da beim Kochen der Zaubersuppen kein einzig
Wrtlein werde geredet. Sonsten ist sie unmchtig, und der Herr der Berge mchte
ergrimmen. Einem Tlpel ist er bei der Abendpurg erschienen als langbrtiger
Riese, so auf einer Harfen gespielet hat, da die Erde bebete, hat alsdann die
Harfe wie einen Donnerkeil nach dem Tlpel geworfen. Der ist umgesunken und wre
nicht wieder erwacht, htte ihn nicht seine Sippe heim geholet, wobei ein
grausamer Hagelsturm tobete. Dies habe ich obgemeldeter Handelsmann von
Regenspurg von dem Italiener vernommen, habe auch das Mlderlein gefunden, so
der Pilgramstab aufweiset, und daselbst Goldkrner die schwere Menge. Doch in
die Abendpurg einzudringen, habe ich nicht das Herz gehabt. Zu Schreibers Hau
aber wohnet ein Mann, mit Namen Krebs, seines Zeichens ein Laborant, dem ist
manch Geheimnis bewut. Da frage nach, so der Alte oder sein Sohn Christoph noch
am Leben.
    Genung! unterbrach mich der Oheim; la uns nun zur Abendburg gehen. Nahm
aus meiner Hand das Walenbchel und verwahrte es im Ranzen, worauf wir
aufbrachen und quer durch den Wald immer bergan stiegen, um dann gen Mitternacht
abzubiegen und den Kamm des Berges zu verfolgen. Hier ging der Pfad durch hohes
Preielbeergestud, und ich merkte, da wir auf dem beschriebenen Wege zur
Abendburg waren.
    Oft muten wir von Felsblock zu Felsblock hpfen und Obacht geben, da nicht
der Fu in einen Spalt gleite. Die Tannen griffen mit ihren unteren sten, kahl
und hart wie Gerippe, zu mehreren Malen nach unserm Gewande, es zerfetzend.
Unheimlich pfiff der Wind durch die Wipfel, und lauschend glaubte ich eines
Waldgeistes Geheul zu vernehmen.
    Vor uns erhuben sich schroffe Felsen, und der Oheim sprach: Siehe, das ist
die Abendburg! Ich war etwas enttuscht, da meine Phantasei mir die Abendburg
gewaltiger und mehr einer Burg hnlich ausgemalt hatte, und nun eine Steinmasse
da lag, nicht grer, denn eine Scheuer. Wie ich aber das Dstere, Wste,
Einsame des Ortes empfand und dem wogenden Raunen des Windes lauschte, wandelte
mich ein Staunen und Schaudern an. Ich sprete nun wohl, da hier die Sttte von
Abenteuern und Wundern sein knne. Wir kletterten um den Felsen herum und dann
auf seinen Scheitel.
    So schaurig es unten bei der Abendburg war, hier oben lachte die Welt im
Sonnenlichte. Trunken schweifte mein Aug ber die Tler von Schreiberhau hinber
zum Breiten Berge und weiter links zum Kynast. Am Fue dieses festen
Bergschlosses dehnten sich lichtgrne Felder, freundliche Haine, friedliche
Drfer. Aus dem Dufte der Ferne grten die Kirchtrme meiner guten Stadt
Hirschberg. Ganz hinten waren ein paar blaue Maulwurfshgel; so sahen die
Falkenberge aus. Nach rechts mich wendend, sah ich das Reiftrgergebirge und die
ganze Kette der Riesenberge bis zur Schneekoppe und dem Landeshuter Kamme. Auch
gen Sonnenuntergang schauten wir, und dort ffnete sich das waldige Tal des
Queiflusses mit den Flinsberger Bauden.
    Nachdem wir unser Auge gesttigt, stiegen wir wieder vom Felsen. Der Oheim
winkte mich zu sich und sprach: Dies ist die Sttte, wo wir den Zauberkreis
machen werden. Nun schau! Siehest du den weien Stein? Das ist die Pforte! Er
deutete auf ein Stck Flins, das verwachsen mit der schwrzlichen Granitwand,
allerdings einer Pforte aus weiem Marmel hnlich war. Ich starrte hin und sah
im Geiste allbereits diese Pforte aufspringen, sahe den wsten Felsen sich
verwandeln in das strahlende Schlo und innerlich funkeln von Gold und bunten
Steinen. Der Oheim suberte die Sttte von Gestrpp. Auf sein Gehei sammelte
ich derweilen den Vorrat drren Holzes fr das knftige Feuer des Zauberkreises.
Nicht ohne Grauen betrachtete ich das weie Gestein und berlegte, wie es nur
geschehen knne, da dieser harte Felsen von einer bloen Zaubersuppen erffnet
werde.
    Aber Oheim, sagte ich, ist dir denn auch bekannt, woraus man die
Zaubersuppe bereitet?
    Unsicher schaute mich der Oheim an und hstelte dumpf. Dann loderte sein
Aug, als er entgegnete: O, das werde ich schon herausbringen! Ohne Sorge
Johannes! Ich wei einen Mann hochgelahrt in geheimen Wissenschaften. Ist ein
echter Italiener, Herr Doktor Giacomini mit Namen. Wohnet seit Wochen hier zu
Schreiberhau in Preislers Glashtte. Hat den Vorwand, er wolle die Kunst der
Glasmacherei studieren. Was er aber will, wei ich besser. Nach Golde schnffelt
er im Gebirg umher. Hat beim roten Flosse etliche Krnlein Markasit
ausgewaschen.
    Und du meinest, der Italiener verstehe sich auf die Zaubersuppe? Wird er
denn sein Geheimnis nicht fr sich behalten wollen?
    Nrrchen! sagte der Oheim. Ich werde ihm halt proponieren, er solle mir
sein Geheimnis enthllen und dafr das meinige nehmen. Gemeinsam mit ihm werden
wir dann den Schatz heben und teilen.
    Schweigsam traten wir den Heimweg an. Oft war mir, als webe in den Tiefen
des Waldes ein Spuk. Zwischen den mchtigen Tannen stund der Rbenzagel, ein
riesenhafter Khler, dann pltzlich verwandelt in einen knorrigen Baumstumpf mit
langem Moosbarte. Wenn ich so in den Wald starrte, ward Wchter unruhig und hub
an zu knurren, was dann wiederum mein Zagen steigerte. Zwischen den Steinen und
Baumwurzeln wisperte es manchmal, und die Unterirdischen kicherten: Hihi! Knig
Salomo!

Das schlimme Jahr sechzehnhundert achtzehn ging zu Ende, und es war im
Novembermond, als ich abermals nach Schreiberhau zum Oheim gereiset war. Bei dem
milden Wetter sa ich auf einem Kirschenbaum zwischen kahlen Zweigen, dran
rostrot noch etliche Blttlein hingen, und pflckte mir verschrumpfete Kirschen.
    Da kam auf Oheims Haus zugeschritten ein kleiner, hagerer Mann in schwarzem
Mantel, tief in das gelbe verkniffene Gesicht einen breiten Filz gestlpet,
unter dem die schwarzen uglein wie aus einem Hinterhalte herfrstachen. Unter
meinem Baume blieb er stehen und blinzelte nach mir, die Oberlippe mit den
dnnen schwarzen Hrlein schief in die Hhe gezogen.
    Eh! Der Famulusse? - sprach er hastig mit harter Stimme Ist Er nit
Famulusse von Signore Krutertobiasse?
    Ich verstund die Frage nicht, sprang vom Baume und sagte: Kommet nur ins
Stbel, ich rufe den Oheim. Fhrte also den Herrn in die Balkenstube und holte
den Oheim aus dem Laboratorio.
    Das ist der Giacomini, raunte der Oheim erwartungsvoll; komm mit herein,
Johannes! Ich ging also mit in die Balkenstube.
    Mit einer grinsenden Freundlichkeit grte Giacomini den Oheim, erkundigte
sich dann nach mir und hub unter verlegenem Ruspern an: Was ik wollte fragen,
caro mio - wo iste weie Stein bei Schreiberhau? wei unde glatte wie Marmo?
    Ihr meinet wohl den Flins? gab der Oheim zur Antwort. Etliche Blcke
davon liegen am Bheimischen Furt.
    Der Italiener nahm aus seines Rockes Tasche ein Stck Flins und fragte:
Diese Stein? Ah bene! Aber diese Stein soll sein auf Gebirge eingefuget in
swarze Granite als eine Porta von Marmo. Wo iste die Orte? Sag Er mir, caro
mio!
    Dergleichen Orte hat es viele im Gebirg, antwortete der Oheim ausweichend.
    Viele Orte? sagte Giacomini lauernd; no no, Signore, ik will nit viele
Orte, will diese eine Orte - gelegen auf Bergesrucken, wie swarze Burge mit
weie Porta.
    Da nickte der Oheim mit spttischem Lcheln und blickte scharf den Italiener
an: Freilich kenne ich diesen Ort - weise ihn aber Euch mitnichten - denn allda
ist verborgen ein Schatz - ja ein Schatz!
    Wie vor einer Natter prallte der Italiener zurck und starrte den Oheim an.
Dann verzog er sein Gesicht zu einem Grinsen und suchte zu beschwichtigen: Eine
Schatze? Ah Possen! Keine Rede von Schatze! Possen! Weie Stein iste gut fr
Glasse. Sage mir, Signore, wo iste weie Stein? Sage mir Orte, ik bitte.
    Der Herr Doktor tuschet mich nicht. So Er den weien Stein nur zur
Glasbereitung brauchet, ei warum lsset Er sich alsdann nicht gengen an den
Flinsblcken, so in Menge bei Schreiberhau liegen? Aber der Herr hat selber
bekennet, da Er nur nach der einen Stelle trachtet, wo der weie Stein
gleichwie eine Pforte eingefget ist in schwarzen Granitfelsen. Die Stelle ist
mir wohlbekannt, und dorten lieget ein Schatz - ja ein Schatz! Den soll aber
nicht der Herr heben, sondern ein anderer - ja ein anderer! So ist und bleibt
mein Wille, und darum verrate ich den Ort mitnichten.
    Zornig funkelten des Italieners Augen, dann griff er mit zitternder Hand in
seine Tasche und warf einen Beutel mit klirrender Mnze auf den Tisch: Prenda
denaro! Hier nimm Gelde! Weiset mir die Orte!
    Ich brauche Euer Geld nicht! entgegnete der Oheim kalt, dieweil ich den
Goldschatz selber heben werde.
    Ihr? Ihr? kreischte der Italiener und focht mit den Hnden vor Oheims
Angesichte. Schatze hebene? Nix hebene!
    Mein Famulus hier wird ihn heben, antwortete der Oheim; diesem Knaben ist
von einer Prophetin geweissaget, da er solle einen groen Schatz heben und wie
Knig Salomo werden. Zudem ist er ein Johanniskind.
    Mich funkelte nun Giacomini mit seinen schwarzen Augen an und meinte
verchtlich: Ah bah! Wie soll dumme Ragazzo bringen Schatze in seine Hand? Was
wei er von Magia? Eine Propheta weissagete? Soll er werdene Salomo? Ah bah,
Possen, nix! Nimm Gelde unde weise den Orte! prenda denaro, prenda, caro mio!
Und er suchte dem Oheim seinen Geldbeutel in die Hand zu drcken.
    Da aber der Oheim im Verschmhen standhaft blieb, lief der Italiener wie ein
gefangener Fuchs in der Stube umher, irren Auges und keuchenden Odems. Manchmal
blieb er stehen, die Hnde ringend, und ber sein Angesicht ging ein Zucken.
Endlich sank er wie gebrochen in den Lehnstuhl, sthnete und sprach mit matter
Stimme: So swre Er, swre auf sein Evangelio, da Er wolle weisen mir den
Orte, wo Schatze liegen und helfene mir mit Famulusse. Avanti! Bilden wir eine
Societa, zu hebene Schatze, unde ik gebene Euch Beutel mit Golde.
    Einen Beutel mit Golde? Nein! Halbpart will ich! sagte der Oheim fest.
    Gehssigen Blickes antwortete der Italiener kleinlaut: Also gute!
    Hierauf lie er sich Papier, Feder und Tinte reichen und schrieb den
Contractum auf. Alle drei unterzeichneten wir und beschwuren ihn ber der
aufgeschlagenen Bibel.
    Den Abend wollte der Oheim mit Giacomini allein sein, und da sagte die alte
Beate munter zu mir: Kumm ock; wir wollen zu Maiwalds spilla gihn. Maiwalds
wohnten im Nachbarhause, hatten drei mannbare Tchter und sammelten gern Gste
zum Spinnabend. Als wir in die Balkenstube traten, wo der qualmende Kienspan
leuchtete, entschuldigte uns Beate mit dem Scherzworte: Wir mechten amol sahn,
ob's Weibsvulk keene Schrzaschttler brauchet. Ju, ju! rief der Chorus der
Jungfern und Burschen frhlich. Kumm har, Beate, kumm ock, Johannes!
    Nun setzeten wir uns auf eine Bank, und ich bekam ein Messer, Kienspne zu
schnitzeln. Munter schnurrten die Spulen, und noch eifriger gingen die Muler.
Mnniglich plauderte oder sang, kauete Schnitzpfel und getrocknete Rben,
sprach auch dem Bierkruge zu. Die Junggesellen trieben mit den Madeln allerlei
Kurzweil. Maiwalds Kathrine ward verurteilt, das Kreuz anzubeten. Dies Kreuz
aber war Hollmanns Gottlieb, so kerzengrad inmitten der Stube stund, die Arme
ausgebreitet. Vor ihm kniete Kathrine nieder und sprach:

Heilig Kreuz, ich bet dich an,
Du brauchest eine Frau, ich einen Mann.
Bist du gesonnen als wie ich,
So kumm herab und ksse mich.

    Nun umfing der Gesell kosend das Madel, und die Leute lachten dazu.
    Pltzlich ward die Stubentr aufgerissen und ein Topf hereingeschleudert,
der zerschellend allerlei eingefllt Germpel ber den Boden verstreute. Dazu
rief eine Madelstimme:

Do breng ich euch an Aschentopp,
Seid gebeta, on wascht mern Kopp.

Das gab ein Lrmen, und hurtig sprangen die jungen Gesellen auf, das flchtende
Madel mit Wasser zu begieen. Wie nach solcher Kurzweil die Rder wieder
schnurreten, erzhlte Maiwalds Pauline von einem seltsamen Knaben; der sei
vorzeiten in die Schreiberhauer Spinnstube gekommen, schn von Angesicht, aber
mit richtigen Pferdehufen statt der Fe. Ju ju, hie es; der stammet aus dem
Breiten Berge, dorten hauset das Volk der Pferdehufer. Es hat aber auch ein
seltsam Weibesvulk, das watschelt auf Gansfen ... Hu! schrie ein Weibsbild
auf, weil drauen vor dem Fenster ein Totenkopf mit glhenden Augenhhlen
erschien. Bald erkannte man aber, da es nur ein hohler Krbis, von einem innern
Lichtlein erhellet. Nun kam das Gesprch auf den Berggeist. Ein Bursche
berichtete, wie er sich am Hohen Rad als ein Laborant gezeigt habe und pltzlich
als ein Truthahn hinweggeflogen sei. Die alte Beate, aus einer Baude beim
Mittagstein gebrtig, wollte den Rbenzagel am Groen Teiche gesehen haben. Ein
Mnch habe auf einem Felsen gekauert und sich alsdann aufgelset in quirlenden
Nebel. Ja, droben hausete der Herr des Gebirges! Hatte ja auch vorzeiten die
drei hausgroen Steine, neben den Teichen gelegen, hineinwerfen wollen, mit dem
berlaufenden Wasser die Welt zu ersufen. Whrend also gefabelt ward, erhub
sich drauen ein Brausen und Heulen, und man murmelte: Der Nachtjger kummet!
Ju ju, er jagt die Moosweibel, und die Bume luten aus!
    Ganz angefllt mit wunderbaren Mren machte ich mich zu spter Stunde mit
der alten Beate auf den Heimweg. Bleibet noch dahie! hatten Maiwalds gesagt.
Gleich ist Mitternacht, wir schmelzen Blei. Doch Beate hatte nicht gemocht.
Mit flackernder Laterne suchten wir unsern Pfad, gegen den Wind ankmpfend. In
Oheims Laboratorio war noch Licht. Da es eben Mitternacht lutete, blieben wir
stehen, und Beate sagte: Lege dich auf die Erde, Johannes, lausche, was die
Unterirdischen erzhlen. Ich legte mich und drckte das Ohr an den Grund, hrte
aber nur den Wind brausen und die Glocke luten. Indessen deuchte mich, als
knne ich in dunkle Tiefen sehen. Dorten glomm es blulich, und ich erkannte den
unterirdischen Goldbaum, wie er seine Metallste durch die Lande reckt. Einer
der ste schlich unter dem Laboratorio dahin, ein anderer wuchs machtvoll durch
das Isergebirge zur Abendburg und trug eine Frucht, gestaltet als eine Krone.
    Am Morgen tat der Oheim mit dem Italiener einen Gang auf das Gebirge.
Heimgekehrt rief er mich in die Balkenstube und sprach in freudiger Erregung:
Jetzo haben wir das Mittel, den Schatz zu heben. Giacomini wei, wie die
Zaubersuppe bereitet wird. Pferdeblut mu man mit alraunischem Lauche kochen. Wo
der wchst, ist mir wohlbekannt - auf der Iserwiese. In den Kessel gehren
alsdann eines Maulwurfes Pfoten. Endlich mu ein unschuldig Mgdelein oder ein
reiner Junggesell etliche Tropfen seines Blutes aus freien Stcken hineintun.
Der Junggesell bist du, Johannes - nicht wahr, du gibst ein wenig Blut her? Ist
ja nur eine Hautschramme vonnten. Johannes, mein Johannes! Wie erhoben und
riesenstark ist mein Herz! Mchte schier glauben, so msse unserm Herrgott zu
Mute gewesen sein, da er beschlossen hatte, die Welt zu erschaffen.. Und der
Oheim reckte die Arme und lief umher.
    Andern Tages begab er sich hinunter ins Hirschberger Tal, das fr den Zauber
bentigte Pferdeblut zu holen. Da der Abend dunkelte, und die alte Beate in der
Balkenstube den Kienspan angezndet hatte, war der Oheim noch immer nicht da -
was den Doktor Giacomini, der bei mir sa, unruhig machte, also da er auf
einmal emporsprang und ratlos die Hnde erhub: Wo bleibet Kruter-Tobiasse? Weg
iste swarze - scheinet nit Luna, nit Stella.
    Ich schwieg, mir war nicht heimelig zu Sinne. Unrastig aber wandelte
Giacomini durch die Stube, mit seinen geruschlosen Bewegungen und dem schwarzen
Habit hnlich einer huschenden Fledermaus. Pltzlich blieb er stehen und sahe
mich stechenden Blickes an: Johanniskind, sage mir, was tun Er mit Golde, wenn
wir hebene den Schatze? Mchte wissene, was Er tun - he?
    Ich stutzte und entgegnete nach etlichem Zaudern: Alsdann werden meine
Eltern nicht mehr arm sein. Und der Oheim sagt, alsdann solle ich Studente
werden in Prag und ein gelahrter Mann und ... Unde - unde - pah! Possen!
spottete der Giacomini. Was brauchen Er Golde fr Studente werdene!
    Ich entgegnete: Aber es ist doch besser, wenn ich kein armer Studente bin
...
    Ah - si si! Studente  la mode! studieret nix, stolzieret in Sammete und
Seidene, hat Losament in Palazzo, unde bei Pokulieren Moneta rollen wie
Wasserfall, addio! No no, Famulusse! Er tun nit klug mit Golde, Er werden keine
Salomo - denn wie spricht Salomo? Vanitas vanitatum vanitas! Eine Schatz darf
nit sein, was fortlaufet - eine Schatz soll bleibene getreu bei Salomo - eine
Schatz soll nit werdene geringer! War ein Haufen unde wird eine Berg - ah!
    Scheu starrete ich den Italiener an, der lodernden Auges mit Hnden, die vor
Gier bebeten, seinen Goldberg zu betasten schien. Wenn doch nur endlich der
Oheim kme! Es war bereits Nacht, und ein Sturm hatte sich erhoben, der am Dach
rttelte.
    Da ging die Haustr, ich vernahm des Oheims schleppenden Schritt, und nun
trat er ein. Nach Odem ringend, bot er guten Abend, stellete den mitgebrachten
Krug in die Ecke und warf sich chzend in den Lehnstuhl: Ah! In Petersdorf
bekam ich das Pferdeblut nicht - bis Warmbrunn hab ich mssen laufen, ah! - Als
er sich verschnaufet hatte, machten wir uns zum Aufbruch fertig. Der Oheim nahm
auf den Rcken die Hucke, in der sich der Krug mit dem Pferdeblut und eine Axt
befand. Seine Linke hielt eine brennende Laterne, die Rechte den Spie.
Giacomini war bewehret mit einem Reiterpistol und einem Degen. Ich trug
ebenfalls Hucke und Spie, auerdem eine brennende Laterne. Voran ging der
Oheim, dann kam ich, zuletzt Giacomini.
    Das am Himmel jagende Gewlk bildete zuweilen eine Lcke, und dann flog die
Mondsichel hindurch, in gewissem Abstande verfolgt von einem Funkelstern; es sah
aus, als eile durch Waldesgebsch ein Jger nebst seinem Hndlein. Wie rauher
Jagdruf und Hundegebell klang es im Sturme, und die Fichten wankten wie lutende
Glocken. Stumm schritten wir frba, htten einander auch schwerlich verstehen
knnen in dem Gebrause.
    Als wir bei einer Felsengruppe des Schwarzen Berges aus dem Walde traten,
fiel uns der heulende Sturm mit so hartem Stoe an, da ich mit meiner Hucke ins
Beerengestude taumelte, wobei mir die Laterne erlosch. Giacomini rief den
Oheim, der half mir auf und zndete aufs neue meine Laterne an.
    Es ging nun wiederum durch Wald. Hchst mhselig gestaltete sich der Weg in
der Nhe der Abendburg. Tastend klommen wir ber moosige Blcke, zuweilen glitt
der Fu in eine Felsenspalte. Die Fichtenste, hart wie Knochen, faten unsere
Kleider. Oft hrten wir Bume im Sturme brechen, und ein starker Ast schlug
neben uns wuchtig zu Boden. Doch freier von Wolken ward der Himmel und
verbreitete mit Mondsichel und Gestirnen einen dmmerhaften Schimmer.
    Nun sahen wir dicht vor uns dster die Abendburg ragen. Der Oheim zndete
sogleich den hergerichteten Holzsto an, und die prasselnde Flamme belichtete
rot die Felsenwand, whrend des Oheims Schatten wie ein schwarzer Riese
verzerrete Gebrden machte. Mir ward des Feuers Obhut anvertrauet, und mit Eifer
warf ich von Zeit zu Zeit neues Holz hinein.
    Inzwischen zogen Giacomini und der Oheim um uns her den Zauberkreis, wobei
sie einen Stab mit bergestreiftem Siegelringe anwendeten.
    Nachdem dies Werk vollfhret war, setzten wir uns ums Feuer. Der Oheim holte
Brot aus der Tasche und gab uns zu essen, wir tranken auch etliche Schlucke Wein
aus einer Flasche.
    Merke, Johannes, - sprach der Oheim - wenn wir die Zaubersuppe zu kochen
beginnen, darf frder kein Wrtlein gesprochen werden, und du mut schweigend
deine Blutstropfen hergeben. Wenn alsdann die Abendburg sich auftut, dringen
alsobald wir beide hinein, der Doktor will drauenbleiben.
    Mu Zaubersuppene rhrene, sonstene gehet Porta zu, entschuldigte sich der
Italiener.
    Sind wir in der Abendburg, - fuhr der Oheim fort - so fllen wir
geschwind unsere Hucken mit Gold und Edelgestein, eilen dann ohne Sumen
hinaus.
    Unter solchen Verabredungen verrann die Zeit, der Doktor verkndete, es sei
die eilfte Stunde und an der Zeit, die Zaubersuppe zu kochen. Wir winkten
einander zu und legten den Finger auf den Mund, zum Zeichen, da jetzo beginnen
solle das strenge Schweigen.
    Nun ward das Pferdeblut im Kessel auf das Feuer gesetzet, und der Oheim tat
Alraunknoblauch nebst den Pfoten eines Maulwurfes hinein. Der Italiener gab den
Liquor einer Phiole hinzu, dessen Bereitung sein Geheimnis war. Ich entblete
meinen Arm, nahm das Messer, so mir vom Oheim schweigend dargereichet ward, und
tat die Spitze an meine Haut. Einen Augenblick zauderte ich mit Bangen. Dann
zuckte Entschlossenheit in mir, und ich drckte die Messerspitze tiefer in den
Arm, als vonnten. Das herfrquellende Blut lie ich in den Kessel rinnen. Die
Wunde verband mir der Oheim.
    Allgemach begunnte nun die Suppe zu kochen, und mit einem Holzlffel rhrte
der Oheim, whrend Giacomini manchmal scheu ringsum sphete und sich duckte,
sobald die Fichten wanketen und knacketen. Das Feuer glhte, da mir Angesicht
und Hnde hei wurden, der Oheim rhrete und rhrete, eine Sturmwoge nach der
andern wandelte heulend ber die Wipfel hin, und ich starrete auf die weie
Pforte der Abendburg, die nun bald aufgehen sollte.
    Ein schaurig s Gefhl wandelte mich an, ein heimlich Hoffen und Bangen,
hnlich wie vor einer Weihnachtsbescherung. Heut war ja der erste Advent, und
von Haus zu Haus ging das Christkindel. Aus dem Sausen der Wipfel klang mir das
fromme Lied, so jetzo drunten in den Htten erscholl:

Vom Himmel hoch da komm ich her,
Ich bring euch gute neue Mr,
Der guten Mr bring ich so viel,
Davon ich singen und sagen will.

Und zur Tr herein trat das Christkindel, licht und holdselig wie ein Engel, mit
einem Tchel voller Gaben, und sagte seinen Spruch:

Ein schn guten Abend geb euch Gott!
Ich komm herein ohn allen Spott,
Befrag die kleinen Kindelein,
Ob sie auch fromm gewesen sein.
Und wenn sie fromm gewesen sein,
Hat's drauen einen Wagen stahn,
Der ist geschmckt mit schnen Gaben
Fr Mdelein und junge Knaben.
Ei Ruprecht, komm herein!

Da gab es ein Gepolter, und herein tappete Knecht Ruprecht, angetan mit Pelz,
rauher Mtze und Fausthandschuhen. Sein Huckepack rasselte, und in der Rechten
schwenkte er einen Besen. Er kicherte und grhlte:

Plietsch plaatsch Fladerwisch!
Draua is mers gor zu frisch.
War mich ei die Stube packa,
War a Kindern vertreiba's Lacha.
Bin vom Himmel gefolla,
Hab mir an Huckepack zerknolla.
Ich wnsch euch a langes Leba,
Hundertfufzig Ella lang,
Hicher als die Wulka schweba,
Lnger wie a Glockastrang.
Ich wnsch euch a Sack vull Dukota
Und a tichtiga Schweinebrota.
Un wenn noch was zu trinka wr,
Su wr schon alles nach Begehr.
Draua is mers gor zu frisch ...
Plietsch plaatsch Fladerwisch ...

    Hier reckte Knecht Ruprecht auf einmal seine Gestalt, da sie wie ein
schwarzer Riese in den Nachthimmel ragete. Ich sahe, wie er zum Hiebe mit der
mchtigen Rute ausholte, und ein Krachen und Prasseln geschah, als ob ein
Donnerwetter einschlge, davon die ganze Welt zusammenstrzte.
    Ich whnte zuerst, die Abendburg tue sich auf, und vor meinem Auge gleiete
bereits der lichte Eingang. Dann aber kam mir der Gedanke, dies Prasseln komme
von strzenden Bumen. Gleichzeitig sausete ein Fichtenwipfel auf uns hernieder,
in das aufstiebende Feuer und in die Zaubersuppe hinein. Eine Funkengarbe
sprhete, es zischte und qualmete.
    Krachend fuhr ein Feuerstrahl aus Giacominis Pistol. Donnernd rollete der
Widerhall drben den Kamm entlang, und an diesem starken und langen Drhnen war
zu erkennen, wie gewaltig der Baumsturz gewesen.
    Der Oheim griff nach mir und betastete meinen Kopf, den ich wimmernd in
Hnden hielt, weil ihn der Baumwipfel gestreifet hatte. Nun schaute ich mich um
und sahe, wie eine Fichte, vom Sturme mitsamt der Wurzel ausgerissen, ber uns
hergestrzt war, und wie eine Menge Bume in gleicher Weise vom Sturme gefllet
waren, also da die Stelle der dunkeln Waldeskrone auf einmal der Sternenhimmel
einnahm.
    Es ist aus! sagte der Oheim; die Zaubersuppe ist verschttet, und wir
haben das Schweigen gebrochen. Fort! Hier ist es ungeheuer. Auf, Herr Doktor
Giacomini!
    Der kauerte hinter dem Oheim und klapperte mit den Zhnen.
    Wir raffeten uns auf, lieen die Werkzeuge liegen, mit Ausnahme der Waffen
und der Laterne, und krochen mit vieler Mhe zwischen den Zweigen der
quergelegenen Fichten hindurch, bis wir endlich freien Pfad hatten. Ich fhlete,
wie mir Hnde und Knie zitterten. Mir war, als lache heiser der Riese hinter uns
her.
    Giacomini hielt sich dicht zum Oheim und schwieg. Als wir aber den
gefhrlichen Wald hinter uns hatten und auf gutem Wege waren, platzte der
Italiener los: Diavolo! Ihr habete Schulde! Eure Famulusse tauget nix zu Magia!
Wird keine Salomo!
    Schweiget! herrschte ihn der Oheim an. Eure Zaubersuppe hat nichts
getauget! Lasset den Knaben aus dem Spiel!
    Doch! Eure Famulusse tauget nix - ist keine Junggeselle - keine
Johanniskind.
    Halt er das Maul! brllte der Oheim.
    Auch mich packte Entrstung ber den Italiener. Ihr leuget, - rief ich -
ich habe keine Schuld - bin anoch ein Junggesell - ja, das bin ich! Dann kamen
mir die Trnen. Bestrzt berlegte ich, ob ich vielleicht doch eine Schuld habe.
Bedachte, wie mich des Schreiners Magd einmal kssen gewollt. Ich aber stie sie
von mir, mochte die Weibsbilder nicht ... Ja, ich war anoch ein Junggesell, und
geboren am Johannistag!
    Whrend des Zwistes stund auf einmal Giacomini still und starrte ins Weite.
Seinem Blicke folgend, sahe ich ein furchtbar Phnomenon. Am wolkenlosen Himmel
schwebete es, ungeheuer ber dunkeln Bergen: eine blutige Rute, ein glhender
Krummsbel, an den Nachthimmel angenagelt.
    Ecco Cometa! staunete Giacomini.
    Mit Grauen starreten wir schweigend nach dem unheimlichen Gast des
himmlischen Gezeltes.
    Dann meinte der Oheim: Oh, nun verstehe ich, warum der Zauber milang.
Unter solchem Schweifsterne ist kein Glck, er ist ein schrecklich Omen. Siehet
aus wie eine Geiel, mit der unser Herrgott die sndige Welt will zchtigen.
Barmherziger Heiland, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern
Schuldigern! Lassen wir das Zanken, Herr Doktor Giacomini! Bue tun ist ntiger.
Denn nunmehro soll anheben ein grausam Schlachten und Sengen, Hungersnot und
Pestilenz. Und wer wei, ob nicht gar der Spruch vom Jahre zehn und acht sich
erfllet und die ganze Welt untergehet .... Barmherziger Heiland!
    Wenige Tage nach diesem Abenteuer trieb mich und den Oheim die Neugier, bei
Tage zur Abendburg zu gehen, um nachzuschauen, was denn eigentlich sich begeben
habe. Wir machten uns bei klarem Wetter des Morgens auf und gingen auf dem
nchsten Wege ber den Hohen Stein zur Abendburg. Hu, welch grausig Bild! An der
Nordseite des Bergkammes war die ganze Waldwand vom Sturme niedergeworfen.
Hunderte von Fichten mit der Wurzel ausgerissen und quer ber den Preielbeerweg
geworfen. Ein paar mchtige Bume lehnten sich an den Abendburgfelsen, und einer
davon hatte mit seinen Zweigen in unser Zaubertreiben hineingehauen.
    Schweigend schttelte der Oheim den Kopf. Dann meinte er: Ist das nun ein
Naturereignis, oder ist es eine Strafe dafr, da wir unter dem Unglckssterne
gezaubert und dazu dem magischen Gebot zuwider unser Schweigen gebrochen haben?
    Aber Oheim, entgegnete ich, niemand hat das Schweigen gebrochen - nicht
eher, als bis die Fichte auf uns niedergestrzt ist. Drum wird es wohl nur ein
Sturm gewesen sein, was unser Frhaben vereitelt hat.
    In diesem Moment machte der Oheim ein erstaunt Gesicht und deutete auf eine
Hhlung im Abendburgfelsen: Das war doch frher nicht?
    Eine Tanne, so ihre Wurzeln hier in Felsenritzen eingelassen hatte, war vom
Windsto ebenfalls umgeworfen, hatte aber dabei mit den Wurzeln einen Stein
ausgehoben, unter dem nun die ffnung klaffte. Als wir hineinsphten, merkten
wir, da sich eine Hhlung erschlossen hatte.
    Prfend sahe mich der Oheim an: Hast du Mut, hineinzuklettern?
    Ich bezwang meine Furcht und nickte, worauf ich, die Fe voran, in den
Spalt rutschte. Gelangte in eine Felsengrotte, fand aber beim Umhertappen, da
sie nicht grer als eine Stube. Kroch nun wieder ins Freie und berichtete dem
Oheim.
    Der nickte gedankenvoll und meinte: Dabei ist dennoch Zauber im Spiel. Du
siehest ja, Johannes, die Abendburg hatte schon begonnen, sich aufzutun und wre
sicherlich gnzlich offen worden, wenn der vermaledeite Italiener nicht das
Schweigen gebrochen htte. Das Umwerfen der Bume war halt eine Versuchung, wie
sie mancher Zauberer zu bestehen hat. Ich werde doch selber in die Hhlung gehen
und forschen, ob sie vielleicht zu den Schtzen leitet.
    Darauf bearbeitete der Oheim mit seiner Axt die erdigen Stellen des
Felsenspaltes, so da man bequemer hineinschlpfen konnte und kroch in die
Grotte, worauf ich folgte. Doch die Prfung des Innern fhrte zu keinem
gnstigen Ergebnis. Die Hhlenwnde waren von Granit und ffneten sich an keiner
Stelle zu einem weiteren Gange. So muten wir denn, nicht ohne Enttuschung, den
Heimweg antreten.
    Als ich mich bereit machte, wieder zu meinen Eltern nach Hirschberg
heimzukehren, sprach der Oheim gebieterisch: Du weiest, da du, mein Famulus,
zum Schweigen verpflichtet bist. Sprich zu niemand, auch zu deinen Eltern nicht
von dem, was sich begeben hat, und bleibe des festen Glaubens, da es dir
dennoch gelingt, den Abendburgschatz zu heben. Kleinlaut aber fgte er hinzu:
Der Italiener wird uns doch nicht zuvorkommen? Wenn ich nur herausbrchte, was
in der Phiole gewesen! Alsdann getraute ich mir, ohne ihn die Zaubersuppe zu
bereiten.

Warum sollte es nicht eine geheime Kunst geben, vermge deren man in der Knospe
schon die Frucht, im Ei den werdenden Vogel erkennt? Da aber unscheinbaren
Dingen etwas von der Knospe und vom Ei eigen sein kann, wird an meiner
Jugendgeschichte offenbar, wie denn aus den Mren vom eingemauerten Mgdlein und
vom Schatz der Abendburg, aus meines Vaters Bericht ber den unterirdischen
Gang, aus der zigeunerischen Weissagung und aus den knabenhaften Streitigkeiten
mit Zetteritz die wichtigsten Ereignisse und Wendungen meines Lebens
herfrgewachsen sind.
    Auch mein Comdiaspielen im Schlosse Kynast war gleichsam eines Vogels Ei,
weil es dazu fhrte, da mir Hans Ulrich seine Gunst zuwandte. Wie ich ihm
einmal in der Rosenau begegnet bin, hat er mich ins Auge gefat, sein Pferd
angehalten und lustig gesagt: Ei das ist ja der liebe Gott, der sich mit dem
Teufel gebalgt hat. Und oft hat mich seitdem Hans Ulrich, wenn unsere Wege sich
trafen, mit dem spaigen Spitznamen angeredet. Hat den lieben Gott sogar in
seinen Dienst genommen und als ein Schreiberlein seines Dominiums zu Warmbrunn
installieret. Die kriegerischen Zeiten haben das so gefgt. Da ich nmlich das
Gymnasium absolviert hatte, meine Eltern aber wegen des bheimischen Aufruhrs
und der allgemeinen Unruhen nicht wagten, mich zur Universitt nach Breslau oder
Prag ziehen zu lassen, und da sie nicht wuten, was mit dem migen Burschen
anzufangen, habe ich von ihnen gern die Erlaubnis erhalten, brieflich den Herrn
Schaffgotsch um einen angemessenen Posten anzugehen. Meine Kammer ist im
Dominium dicht neben der Kanzlei gewesen, Essen habe ich aus des Herrn
Verwalters Kche empfangen und dazu jeden Sonnabend noch sechs, spter zehn
Groschen Besoldung. Zustatten gekommen ist mir spter, da ich in meinem Amte
mit Gewandtheit reiten, auch schieen und fechten gelernt.
    Auerdem ist der Aufenthalt zu Warmbrunn meinem Herzen zugute gekommen,
insofern es sich der ersten keuschen Minne zugeneigt und erschlossen hat,
hnlich wie einer Bltenknospe an der Frhlingssonne geschieht. Die Gelegenheit
dazu hat jener heilkrftige warme Brunnen gegeben, von dem Warmbrunn, ein
wohlgebaueter Ort, zwo Stunden von Hirschberg am Gebirge gelegen, seinen Namen
hat. Die heie Quelle ist gut fr Gliederweh und gilt als ein rechtes Kleinod
schlesischer Lande. Ward aufgefunden vom Herzog Boleslao Crispo, als dieser auf
der Jagd einen Hirschen verfolgte, der seine Wunde im heilkrftigen Wasser baden
gewollt. ber der Quelle, so fnf Ellen in der Tiefe aus dem Felsen sprudelt,
ist ein steinern Haus errichtet. Den heiligen Wassertufer Johannem hat man
dafr als Patronum erkiesen und ber der Pforte abkonterfeit. Das Volk aber ist
des Glaubens, am Sankt Johannis Abende, wie auch am nchsten Morgen, habe das
Wasser seine beste Heilkraft. Daher strmet zum Sonnwendtage eine bunte Menge
aus der Umgegend nach Warmbrunn, sich in das Badebecken zu tauchen.
Gichtbrchige und Lahme hoffen, ihre Krankheit solle sich wenden. Gesunde aber
mchten ihren gesunden Leib bewahren; oder, wofern sie das Bad verschmhen,
nehmen sie an der lustigen Feier teil, so bei hereinbrechender Dunkelheit auf
Wiesen und Hgeln begangen wird, unter Schwenken brennender Besen und Springen
durch flammende Scheiterhaufen.
    Anno 1622 zu Johanni war's, ich zhlte siebenzehn Lenze, als mir am
Mittagstische der Herr Verwalter sagte, aus Schreiberhau sei Frau Preislerin
nebst ihrer Tochter gekommen, um des Johannissegens im Bade teilhaftig zu
werden, und ich solle sie besuchen. Auf den Abend begab ich mich, in meinem
Sonntagsgewande, hin und traf die beiden Gste aus Schreiberhau in ihrem
Losament. Es waren Frau und Tochter des bhmischen Emigranten Preisler, so vor
fnf Jahren die Glashtte im Weibachtale angelegt hatte.
    Die Preislerin, gtigen Herzens und von einer heitern Beweglichkeit, grte
mich vom Oheim und berichtete, er komme in jngster Zeit hufig zur Glashtte,
da er einer neuen Bereitung von Rubinglas auf der Spur sei. Jungfer Elfriede,
ein Jahr lter als ich, war von einer zarten, engelhaften Bildung des Hauptes
und der Glieder. Ihr bleich Angesicht, von braunem Haar umkrnzet, glich einer
sanften Blume, und die dunkeln Rehaugen stauneten wehmtig in die Welt. Seit ein
paar Jahren fiel ihr das Gehen schwer, und schon redete sie davon, zum Tanzen
nie wieder fhig zu sein. Aus dem Erbarmen, das ich fr die sieche Schnheit
empfand, ward eine schwrmerische Zrtlichkeit. Es erglomm in mir ein Verlangen,
ihr Gutes und Liebes anzutun, und bald schien es mir, ihr Blick ruhe mit einer
frohen Bewunderung auf meinem Antlitz.
    Da die Dmmerung hereinbrach, htte Elfriede gern die Johannisfeuer
betrachtet und fragte die Mutter, ob sie an ihrem Arm auf die Wiese gehen drfe.
Erst besorgete Frau Preislerin, es mchte die Abendkhle der Patientin Schaden
tun. Weil sich aber die Jungfer mit Tchern wohl verwahrte, durfte sie an der
Mutter Arm hinaus. Nachdem ich eine Weile mit meiner Schchternheit gekmpft,
brachte ich stammelnd fr, vielleicht knne die Jungfer auch mich zur Sttze
annehmen. Sie dankte und hing sich sogleich an mich, wobei sie meinen Arm, wie
es mir schien, vertraulich drckte. Das brachte mein Gemt in eine se
Verwirrung. Wiewohl ich nicht sonderlich auf das Gesprch achten gekonnt, da ich
wie ein Trunkener wandelte, habe ich doch bewegten Herzens aufgemerkt, als wir
auf die Abendburg zu sprechen kamen und den ragenden Fels herauszulesen suchten
aus dem dunkelblauen Gewoge der Berge, die sich scharf vom verblichenen
Abendhimmel abzeichneten. Trumend sprach da Elfriede: An einem Johannisabend
ist einmal ein Sonntagskind auf dem Kynast gestanden, und da hat sich die ferne
Abendburg pltzlich zum Schlo verwandelt, und haben die Fensterscheiben das
Abendrot gespiegelt. Mich entzckete diese Mr, als stehe das Wunder leibhaftig
vor meinen Augen.
    Frau Preislerin aber scherzete: Geh mir mit dem dummen Gemahre von den
Sonntagskindern! Wenn jedem Sonntagskinde beschieden wre, Wunder zu erleben,
frwahr so wren die Wunder in unsrer Zeit so hufig wie die Spatzen.
    Verwundert meinte Elfriede: Aber nein, Sonntagskinder sind ganz rare
Vgel!
    Da lachte die Mutter: Jeder siebente Mensch ist ja ein Sonntagskind! Oder
glubest du einfltig Madel, am siebenten Tage halte der Storch Sabbatruhe?
    Ich und Elfriede waren berrascht und muten mitlachen; doch es kam auch mir
von Herzen, als die Jungfer schmollend zur Antwort gab: Warum soll uns immer
die Klugheit aus den Trumen und Mren wecken?
    Ach mein liebes Kind, - seufzete die Mutter - wer vom klugen Tage nichts
wissen mag, wird oft bitter genarret und enttuscht. Zu mir gewendet, fuhr sie
fort: Denk Er nur, wie meine Elfriede erst vor einer Stunde, kurz bevor Er
gekommen ist, bis zu Trnen enttuschet worden.
    Aus was Ursach?
    Sie hatte eine wundervolle Erwartung vom Johannisbade, das sie dem Teiche
Bethesda verglich. Wie den Teich Bethesda ein Engel vom Himmel besuchte und mit
Heilkraft erfllte, die versammelten Kranken gesund zu machen, so sollte nach
Elfriedens Sinne der heilige Tufer Johannes aus dem Sonnenuntergange
dahergeschwebt kommen und den warmen Brunnen mit segnender Hand bewegen. Wie wir
aber vorhin, nachdem wir lange in einem Gedrnge von Menschen harren gemut,
endlich in das Weiberbad eingelassen worden, ist meinem Kinde, dem schon von der
lrmenden Menge die Andacht verscheucht worden, auch die letzte Neigung zum
Baden vergangen. Badende Gnse benehmen sich adlig neben diesem Haufen von
Leuten, so einander zu verdrngen suchen, um eine gute Stelle zum Auskleiden zu
ergattern und unter den Ersten ins Wasser zu kommen. Wie wir das Stoen und
Schelten, das trbe Wasser, das haufenweise Hineinplatschen der Leiber, das
Kreischen und Pltschern wahrgenommen, sind wir durch einen Blick einig worden,
ungebadet hinauszugehen. Wie tricht ist doch wohl der gemeine Glaube, dem wir
bis Dato selber gehuldigt, zur Sonnenwende Sankt Johannis bringe Warmbrunn in
einer Viertelstunde mehr Heilung als sonst in einem Badeleben von mehreren
Wochen. Nunmehr sind wir entschlossen, morgen heimzureisen und meinen Eheherrn
um die Erlaubnis zu bitten, uns spter einmal zur lngeren Kur nach Warmbrunn zu
beurlauben.
    Dunkel war's indessen worden, schwarz lag das Gebirge. Funken taumelten
durch Laub und Halme - schwrmende Leuchtkferlein.
    Schau, Mutter! rief Elfriede in froher Aufregung, blieb stehen, indem sie
meinen Arm loslie, und deutete nach dem Kynast; das erste Johannisfeuer! In
der Tat leuchtete es auf dem Turme der Veste. Zur Linken noch eins! fgte
Elfriede hinzu; am Seidorfer Brnnel mu das sein; und dorten, ganz oben, wohl
bei einer Baude!
    Ich sehe eins ber Petersdorf, sagte ich; das ist bei den Wachsteinen;
desgleichen oben am Schwarzen Berge fackeln sie; das sind Schreiberhauer. Und
nun erglommen immer hufiger, immer lichter die Johannisfeuer in den dsteren
Bergen, hnlich wie Sterne am Nachthimmel erblhn. So auch in mir jene
kstlichen Freudenfeuer, mit denen das Herz seine erwachte Liebe feiert.
    Es war mir leid, zu hren, da Preislers bereits am nchsten Morgen nach
Schreiberhau heimkehren wollten. Da ich zu dieser Zeit von meinem Amte in
Anspruch genommen war, sagten wir einander gleich auf der Stelle Valet. Ich
drckte der Jungfer Hand: Auf gute Genesung - und Wiederschaun! - Sie lchelte
traurig: Wei Gott! - Ich versuchte zu scherzen: Auf Wiederschaun beim
Tanze! Sinnend nickte sie und tat einen Seufzer: Auf Krcken vielleicht.
    Seit dieser Zeit ist mir ein s Weh gleich dem duftigen Hauch einer
wunderbaren Blume gekommen, sooft ich in stiller Stunde Elfriedens gedachte.
Manch Gesprch voller Andeutungen unserer Herzensverfassung hat sich zwischen
uns in meinen Trumereien begeben, und als hchstes Glck deuchte es mich, im
Mondenschein der Juninacht Elfrieden an meiner Seite zu haben, ihr Kpfchen an
meine Schulter gelehnt.
    Mit Sorge und Gram aber hat es mich erfllt, da ich aus einem Briefe meines
Oheims vernommen, mit Preislers Elfriede sei es schlechter worden, sintemalen
sie gar nicht mehr gehen knne. Hierauf hab ich in der Bcherei des Herrn
Schaffgotsch Schriften nachgeschlagen, so von Krpergebresten und ihrer Heilung
handeln. Da ist mir eine Historia von der Kraft des Antimonii begegnet. Ich
bekam, so erzhlt ein Medikus, beraus groen Schmerz in meinem linken Arm,
da ich den lieben Gott wohl tausendmal gebeten, er mge mich doch endlich
empfinden lassen, wie einem Menschen zumute, so ein einzig Viertelstndlein
schmerzlos wre. Rat hab ich bei Gelehrten und Ungelehrten gesucht; hat alles
nichts helfen wollen. Recht henkermig ward ich gemartert mit Fontanellen auf
beiden Armen und Quacksalbereien, bis endlich ein Offizier anriet, ich solle
tglich eine Prise Antimoniumpulver einnehmen und allmhlich dies Quantum derart
vergrern, da ich in Schwei komme, ohne belkeit zu empfinden. Da ich des
Offiziers Ratschlag befolgte, hatte ich nicht zu bereuen, da ich durch
fortgesetztes Einnehmen dieses Medikamenti meine Glieder von Schmerz und
Lahmheit befreite.
    Mich brachte dieser Bericht in Aufregung und Ungeduld. Htte am liebsten
sogleich aus der Hirschberger Apotheke Antimon geholt und mich nach Schreiberhau
begeben, meine Elfriede zu heilen. Doch war mir bekannt, da Antimonium ein
Gift, und so besorgte ich, die Patientin knne Schaden nehmen.
    Nachdem ich etliche Wochen in Schwanken zugebracht, traf es sich, da ich
auf einem Botengange zu Herischdorf in eines Schreiners Stube ein artig Mgdlein
fand, so nicht von ihrem Stuhle aufstehen konnte und Krcken neben sich hatte.
Als ich mich nach der Patientin erkundigte, hub der Schreiner an zu seufzen, das
Kind sei seit dem fnften Jahre lahm, und es werde auch noch mit ihren Hnden
schlimm. Traurig lchelnd sagte der Vater zum Mgdlein, es solle mir doch
weisen, was es in der Hand halte, und da sahe ich, wie es vergebens sich mhte,
die Hand aufzutun, deren Finger zusammengekrmmt bereinander lagen.
    Ich dachte an mein Antimonium und fragte den Schreiner, ob er es mit einem
Mittel versuchen wolle, von dem ein berhmter Medikus groen Erfolg verspreche.
Er brauche dann nur aus der Apotheke pulvrisiertes Antimonium zu holen, so viel
wie eine Nu; ich werde mit aller Sorgfalt die Kur leiten und keinen andern Lohn
erwarten als die Freude, einem armen Menschenkinde geholfen zu haben.
    Der Mann betrachtete mich von oben bis unten und schttelte den Kopf, lie
sich aber den Namen des Medikamenti auf einen Zettel schreiben und war am
nchsten Sonntag bei mir mit dem Pulver, das er richtig in der Apotheke erhalten
hatte. Das erste, was ich tat, war, das Pulver in winzige Prisen zu teilen, die
ich durch Wgen auf einer Feinwage gleichmachte. Alsdann nahm ich, um die
Wirkung des giftigen Stoffes zu erproben, nchternen Magens eine Prise ein. Da
sie in keiner Weise Schaden brachte, nahm ich des andern Tages zwo Prisen und
versprte nach etlichen Stunden einen leichten Schwei. Verfertigte nun aus den
Prisen unter Beigabe von Brotkrumen Pillulen und ging nach Herischdorf zum
lahmen Mgdlein. Den Eltern schrfte ich ein, es solle die Patientin am nchsten
Morgen eine Pille, am bernchsten deren zwo erhalten. Als ich wiederkam,
vernahm ich, es habe sich keinerlei Wirkung gezeigt. Da ordnete ich fr jeden
Morgen drei Pillen an - worauf Patientin stark schwitzete. Mein Spruch lautete,
es solle mit dem Eingeben fortgefahren werden.
    Wie gro war meine Freude, als sich von Woche zu Woche des Mgdleins
Befinden besserte. Nach zween Monden stund es vor der Haustre und, mein
ansichtig, lie es seine Krcken fallen und hinkete freudestrahlend auf mich
los, um meine Hand zu kssen. Mir gingen darob die Augen ber, besonders auch,
weil ich nun ein Mittel zu haben glaubte, meine liebe Elfriede gesund zu machen.
    Selbigen Tages noch schrieb ich an die Preislerin, teilte ihr die ganze
Geschichte mit und erbot mich, ihre Tochter zu behandeln. Es kam jedoch anders
als ich erhofft.
    Denn wie ich den Sonntag darauf meine Eltern in Hirschberg besuchte und bei
dieser Gelegenheit aus der Apotheke Antimoniumpulver gekauft hatte, fand ich auf
dem Marktplatze einen Auflauf. Um einen Reiter drngte sich die Menge, seinem
Bericht zu lauschen, und da ich fragte, was es gbe, antwortete mir ein Brger:
Von Liegnitz her ziehet feindlich Volk gen Hirschberg, grausame Kosaken, Gnade
uns Gott!
    Wie ich nach Hause kam, stunden vor der Tre meine Eltern und redeten mit
Nachbarn in ngstlicher, aufgeregter Weise. Bald eilten Brger mit Bchsen und
Sbeln gewaffnet durch die Gassen, und es hie, die Stadttore seien geschlossen,
nachdem man etliche Haufen flchtender Landleute nebst ihrem Vieh aufgenommen
habe. Als ich mich in der Stadt umschaute, fand ich den Ring und andere Pltze
zu Lagern hergerichtet, wo die Flchtlinge nebst ihrem Vieh und anderer
beweglichen Habe kampiereten. Die Stadttore waren verrammelt, die Zugbrcken
emporgezogen und die Wassergrben gefllt. Auf den Wllen tummelte sich bewehrte
Brgerschaft, lud Kanonen und Musketen und war so gut auf dem Posten, da die
heranflutenden Reiterschwrme nach Empfang etlicher Salven flugs zerstoben und
in weitem Bogen die Stadt umkreiseten, endlich, da sie alles wohl verwahret
fanden und auf eine Belagerung nicht eingerichtet waren, das Weite suchten.
    Die Umgegend von Hirschberg allerdings litt von den Kosaken. Manche Baude
ward niedergebrannt, Korn und Heu aus den Scheuern geraubt und viele Familien
durch Grausamkeit in Jammer versetzt. Die Bewohner der Drfer, nahe an den
Waldbergen gelegen, hatten sich in die Wildnis zurckgezogen, wurden aber eine
Zeitlang von den Kosaken verfolgt, so ihre zottigen Hunde auf die Spur der
Flchtlinge hetzten. Immerhin kam die Gegend noch ziemlich heil davon.
    Indessen hat dies Ereignis meinen Besuch in Schreiberhau fr eine Woche
verhindert, und hieraus ergaben sich traurige Folgen. Zunchst, wie ich nach
Warmbrunn zurckkehrte, erffnete mir der Verwalter, ich habe andern Tages mit
ihm eine Reise nach Greifenberg anzutreten, wo Fohlen aus dem dortigen Gestt
des Herrn Schaffgotsch zu bernehmen seien. Wie wir nun nach Greifenberg
gekommen waren, hie es, neues Feindesvolk sei im Anzuge, und deswegen ward dem
Verwalter geboten, bis auf weiteres mit mir in Greifenberg zu verweilen. So ging
abermals Zeit dahin, ohne da ich mich der ersehnten Kur in Schreiberhau widmen
konnte. Da schlielich die Gegend vor Feinden sicher schien, muten wir nach
Grlitz reisen, und zwar ebenfalls in Angelegenheiten der Wirtschaft. So verlor
ich im ganzen sieben Wochen, und diese bse Sieben brachte Trauer und Reue ber
mich, wie ber die Familie Preisler.
    Wie ich nmlich endlich wieder nach Warmbrunn kam, fand ich einen Brief
meines Oheims mit der Nachricht: Betrbe Dich nicht zu sehr, mein lieber
Johannes! Deines guten Herzens Frhaben, Preislers Elfriede gesund zu machen,
ist durch Gottes Ratschlu vereitelt worden. Die Jungfer haben wir am gestrigen
Tage auf den Friedhof getragen. Ein Fieber ist zu ihrem Leiden hinzugetreten,
und ihr Leben wie ein Flmmchen ohne l erloschen. Kaum hatte ich diese Worte
gelesen, so war mir, als stocke mein Herz, und als tue sich zu meinen Fen das
Grab auf, mir die Ruhe zu geben, so ich nach Elfriedens Tode nimmer ber der
Erde glaubte finden zu knnen. Schluchzend lag ich am Boden, und es dauerte
Monde, bis ich mich von meiner Schwermut halbwegs befreit hatte. Hinterher fand
ich, da mein Gram der Abendburg vergleichbar, insofern jedwedes Herzeleid ein
heimlich Gold enthlt. Meine Neigung fr Elfrieden hatte eine Sehnsucht in mir
erweckt, zu lieben und zu heilen. Und also war mein besser Selbst gewachsen.
    Mein schlimmer Dmon aber war die Prophezeiung der Zigeunerin, des Oheims
Goldmachertreiben und die magische Beschwrung des Felsens. Vom Stein der Weisen
trumte ich, und auf den Schatz blieb all mein Trachten gerichtet - wiewohl er
mir unter wechselnden Gestalten, je nach den unterschiedlichen Stufen meines
Lebens erschienen ist, hnlich dem Gotte Proteus, so in tausend Verwandlungen
den forschenden Blicken der Sterblichen entschlpfet, indem er Feuer und Wasser,
Tier und Pflanze wird, und allein dem Starken, der ihn in allen Verwandlungen
festzuhalten wei, sein wahres Wesen offenbart. Hatte ich zuerst von
unterirdischen Kostbarkeiten getrumt, so lenkte sich bald mein Begehren auf die
alchymistische Goldmacherei. Nachdem auch sie mich genarret, ist es mir wie
Schuppen von den Augen gefallen; mein Proteus hat auf einmal Fleisch und Bein
gehabt, ein holdselig Weib. Abermals jedoch gab es eine Umwandlung, der Schatz
ward Herrentum und Ehre, als ein Knig gar hab ich walten wollen. Endlich hat
mich jener Stein der Weisen begnadet, den man nur aus Zhren der Enttuschung
und Entsagung kristallisieren kann. Indessen will ich nicht weiter vorgreifen,
sondern der Reihe nach von diesen Abenteuern Bericht geben.


                              Das dritte Abenteuer

                             Hexlein Schlangenglatt

Anno 1625 war die grausame Pest in Hirschberg eingekehrt. Als ich davon
vernommen, trachtete ich besorgt zu meinen Eltern; doch ein Brief des Vaters
befahl mir, in Warmbrunn zu bleiben, und wenige Tage darauf kam folgende Post:
Wie gern, lieber Sohn, wrde ich Dich herbeirufen, da wir mitsammen diese
Heimsuchung beweinen. Doch in Warmbrunn mut du bleiben, da unser Haus von der
Seuche infiziert ist. Willst Du Deine Mutter wiederfinden, so halte Dich zu
unserm treuen Gotte, bei dem sie nun weilet ganz und gar. Unvermutet schnell hat
er sie abberufen. Da sie nmlich eine enge Gasse passieren gemut, ist hinter
ihr ein Wagen mit Pestleichen gekommen, dem sie nicht ausweichen gekonnt, also
da das Rad sie am Gewande gestreift. Vermeinend, sich auf diese Weise die
Giftmaterie zugezogen zu haben, hat sie sich gleich mutlos zu Bette begeben und
des andern Tages bereits diese Welt verlassen. Ohne die Gute mssen wir nun
unsere Lebensreise fortsetzen, uns trstend mit dem ewigen Friedensheim, allwo
wir zu allerletzt beisammen sind. Amen, mein geliebter Johannes!
    Wie es tut, eine mutterlose Waise zu sein, hab ich bezeugt mit herben
Zhren. Sie sind aber die Vorboten gewesen einer frdern Bitternis, da denn
selten ein Unglck allein kommt. Schon im nchsten Jahre nmlich hab ich auch
den Vater verloren, und das hat sich also zugetragen: Nach Erstickung der
bheimischen Emprung ist in Schlesien die katholische Partei zur bermacht
gelangt und emsig darauf ausgegangen, die Evangelischen dem Papismo
zurckzugewinnen. Dominikaner hielten in Hirschberg geistliche Disputationes und
Bupredigten. Als weltlicher Beistand aber war den eifernden Apostolibus eine
halbe Kompagnie kaiserischer Dragoner zur Seite. Diese Seligmacher, wie man sie
bitter hie, haben sich zu den Sttzen des evangelischen Glaubens ins Quartier
begeben, sie durch Pressung mrbe zu machen. Auch zu meinem Vater sind welche
gekommen, haben die besten Gemcher beansprucht und Kche und Keller geplndert.
Wie nun eines Sonntags ein Dragoner in berauschtem Zustande, gestiefelt und
gespornt im Bette meines Vaters gelegen ist, hat diesen das eine Mal seine
sanfte Art verlassen, da er flammenden Auges Protest erhoben. Da hat der wste
Kerl sich beleidigt gefhlt und mit plumper Faust meinen widerstandslosen Vater
angefallen. Zur Tr hinausgestoen, ist der arme Vater so unglcklich die Treppe
hinabgestrzt, da er auf der Stelle den Geist aufgegeben. Die Entrstung ber
die Seligmacher, die mich wie auch die Brgerschaft hinri, hat mitnichten etwas
gebessert. Wie ich nmlich zu Vaters Bahre eile, geleitet von teilnehmenden
Nachbarn, begegnet uns auf der Gasse ein Dragoner-Cornet, ein hochfahrender
Junker. Betroffen ber unsere finsteren Blicke, zieht er voreilig den Degen. Da
brauset es in mir. Bluthund! schreie ich, packe den Degen und zerbreche ihn im
Nu. Aus dem folgenden Handgemenge werde ich von einem Brger hinweggerissen, der
mich den nahenden Hschern entziehen will.
    Da ich der sofortigen Verhaftung gewrtig sein und also ohnehin darauf
verzichten mute, dem Begrbnis meines Vaters beizuwohnen, so flchtete ich
durch einen Garten ber die Stadtmauer und begab mich, unter Vermeidung von
Warmbrunn, wo ich nicht sicher war, nach Schreiberhau, whrend der Oheim die
Reise zum Begrbnis seines Bruders tat. Es war nun mein Schicksal insofern
entschieden, als ich weder nach Hirschberg, noch auch nach Warmbrunn
zurckdurfte und einstweilen beim Oheim bleiben mute. Recht trb ist mir die
Zeit hingegangen, meine Toten hab ich beweint, und nur das Studium
laborantischer und alchymistischer Schriften, sowie die Arbeit mit dem Oheim ist
mir eine Beruhigung gewesen.
    Des ftern haben wir Abends mitsammen beraten, was aus mir werden solle, und
weil meine Verfolger htten erfahren knnen, da ich in Schreiberhau weile, so
kamen wir zu dem Entschlusse, ich solle nach Ablauf des Winters gen Prag ziehen
und bei einem Jugendfreunde meines Vaters, den der Oheim als einen erfahrenen
Arzt und Chymisten rhmte, in die Lehre gehen; er hie Herr Waldhuserus,
medicinae doctor. An ihn gab mir der Oheim ein Empfehlungsbriefel. Im Beisein
der alten Beate zhlte er dann drei Dukaten auf den Tisch. Hier hast du eine
Erbschaft von deinen Eltern, denen es in ihrer Drftigkeit doch gelungen ist,
dies Gold zu erbrigen. Aus meiner Ersparnis sind ein paar Gulden hinzugefgt.
Halte die Gabe so in Ehren, da du nur im Falle echter Not davon Gebrauch
machst. Beate wird die Dukaten in dein Wams einnhen. Sich die Augen wischend,
sprach die alte Beate: Schau dir die Goldstcke an, Johannes; ich habe sie
blank geputzt und in jedes ein Kreuzlein gegraben. Das mag dich an deine Heimat
erinnern und an deine Lieben, heimlich sprechend: Gib nicht leichtfertig aus!
Gerhrt dankte ich dem Oheim und der guten Beate, worauf diese ihre Brille
aufsetzte und die mit Wolle umhllten Dukaten in mein Reisewams einnhte.
    Der Oheim begleitete mich bers Isergebirge, wo noch viel Schnee lag, bis
ins Tal des Iserflusses, der geschwollen durch sein Felsenbett brausete. In der
Schenke des nchsten Dorfes nahmen wir Abschied von einander. Um seine
Traurigkeit zu vertreiben, lie der Oheim einen warmen Wrzewein bereiten. Beim
Trinken uerte er nicht ble Lust, mit mir in die weite Welt zu ziehen, doch
wegen unverrichteter alchymistischer Arbeit, auch wegen des Husels und der
alten Beate wollte er lieber einstweilen in Schreiberhau bleiben. Vom Weine
gesprchig, erzhlte er mir aus seiner Jugendzeit und gab allerlei Ratschlge.
Zuletzt kam er hoffnungsvoll auf die Prophezeiung der Zigeunerin, und sein
lodernd Auge drang zu meiner Seele Grunde. Dann umarmte und kte er mich, und
ich ging. Vor der Schenke stand er, den Blick auf mich geheftet, bis ich an des
Weges Wendung den allerletzten Gru gewinket hatte.
    Verlassenheit empfand ich, da ich im Waldtal neben dem brausenden Flusse
keine andere Gesellschaft hatte, als meine betrbten Gedanken. Doch wie nach
etlichen Stunden das Tal sanfter und grner ward, lachte im zwanzigjhrigen
Geblt der leichte Sinn. Was vor mir lag, deuchten mich lauter gute Dinge, frohe
berraschungen und Erfllungen, dabei half es nichts, da eine Stimme im Innern
mich warnte, nur ja nicht bermtig und unvorsichtig in die Welt zu tappen.
    Bei Espenbschen, die ihre Bltenktzchen sonnten, hielt ich Rast und
schaute zurck auf die entfernten schneebedeckten Berge. Indem machte sich ein
flatternd Waldvglein bemerkbar, so allerlei Gerstwerk zu seinem Neste
zusammentrug. Es setzte sich niemalen auf einen Zweig und hub kein Hlmlein auf,
ohne zuvor durch Umhersphen versichert zu sein, da ihm kein Feind oder Garn
drohe. Und bevor es seine Fittiche reckte, der Luft sich anzuvertrauen, drehete
es noch das Kpfchen prfend, ob auch kein Raubvogel laure. Leichtfertiger
Tlpel - sprach ich zu mir - Waldvgelein mag dich beschmen, weil du in der
argen Welt nicht so viel Frsicht anwendest, wie diese geringe Kreatur. Kaum
aber hatte ich mir selber diese Predigt gehalten, so spitzte ich schon das Ohr,
weil zween Wandrer gegangen kamen, deren einer mit schner tiefer Stimme ein
verfhrerisch Liedel sang:

Ein Hexlein aus der Hlle Brut,
Ein schmuckes, blond wie Flammenglut,
Ein Hexlein wei ich, schlangenglatt,
Das Myriaden Buhlen hat.
Es zu umarmen, drsten
So Bettler und so Frsten,
Soldaten, Juden, Christen,
Schatzgrber, Alchymisten.
Sie flehen s und lispeln hold:
Sei mein, o mein, Herzliebchen Gold!

Das Hexlein lacht: Wen ich begnad',
Ist vieler Leute Potentat.
Ich hex' ihm her, was auf der Erd
Ergtzlichkeit sein Herz begehrt -
Lustgrten und Palste,
Musik und noble Gste;
Was willst du? Pokulieren?
Ein Brutlein karessieren?
Befiehl! Ich klimpre klinglingling,
Und husch, da ist das liebe Ding.

    Der Snger war ein groer dicker Mann, den breiten Hut mit wogender Feder
schief auf dem dunkeln Lockenhaupte, und den Mantel in hnlicher Weise
umgeschlagen, wie es an heroischen Standbildern zu sehen. Auf dem Rcken das
Rnzel, in der Hand den Knotenstock, glich er gleichwohl mitnichten einem
wandernden Handwerksgesellen. Rollend blitzten groe schwarze Augen mit
dunkelgemalten Rndern, das Antlitz war bla und rasiert, die vorgeschobene
Unterlippe schien zu verkndigen: Respekt, ihr Leute! Mir ganz nahe gekommen,
musterte mich der Snger und blieb mit hochfahrender Miene stehen.
    Ei, guten Tag! sagte sein Begleiter. Ein Buckeliger war's, hatte listige
Augen mit gerteten Lidern, ein fahl und schlaff Gesicht. Etliche blonde Hrlein
ob dem Munde waren zu einer Art Schnurrbart zusammengedreht. Das geschorene
Haupt mit dem spitzen Hut suchte er aus dem Engpa der Schultern herauszurecken,
und das blaue spanische Mntelein sollte herabwallend den Rckenschaden
bemnteln.
    Wo hinaus des Weges? fragte der Lange, Dicke. Ich begegnete dem
hochfahrenden Blicke keck und bedachte mich ein Weilchen, ob ich berhaupt
Antwort geben solle. Sprach aber dann, den Hut lftend: Guten Tag, Ihr Herren!
Da Ihr mich fragt, wohin des Weges, so wisset, da ich gen Prag ziehe. Ei, da
gehen wir wohl ein Stcklein mitsammen, so es Ihm beliebt? sagte der Bucklige.
Warum nicht? antwortete ich, wofern der Herr an Eurer Seite Kameradschaft zu
halten gesonnen. Oho, warum nicht? Freilich doch! begtigte der Lange und bot
mir die Rechte, in die ich einschlug. Gemeinsam gingen wir des Weges und wuten
zunchst nicht, worauf unsere Rede kommen solle. Dann begann der Lange: Also
nach Prag gehet Seine Reise? Ist Er Studiosus, oder hat Er Geschfte? -
Studiosus mcht ich wohl werden, einstweilen aber bin ich der Apothekerei
beflissen. Meine Begleiter blieben wie angewurzelt stehen, schauten sich an und
brachen in Gelchter aus. Da htten wir ja den gesuchten Dritten, sagte der
Bucklige triumphierend; das heit, wenn er mittun will. Er mu wollen, gab
der Lange zur Antwort, pflanzte sich vor mich hin und sprach herablassend: Ich
bin der Apotheker Pomponius, und mein Freund hier ist der Wundermedicus
Schrepfeisen. Wir begeben uns zum Frhjahrsmarkte nach Jung-Bunzlau, unsere
Salben, Pillulen und Latwerge unter die Leute zu bringen. Wir suchen einen
dritten Mann, der unsere Waren bereiten hilft. Denn, was mich betrifft, so hab
ich eine besondere Begabung zum Ausrufen, der Medicus aber mu hinter dem Tische
sitzen, bei schwierigen Patienten seinen Rat zu geben. Wir machen nun Ihm,
junger Gesell, die Propositio, unser Helfer zu werden und dafr einen guten Sold
zu empfahen. Nicht ohne Mitrauen sahe ich bald den einen, bald den andern an
und schwieg. Hierauf setzten wir die Wanderung fort. Mit mir im Reinen, gab ich
folgenden Bescheid: Euer Antrag, Ihr Herren, ehrt mich; indessen wt' ich
nicht, aus was Grunde ich ihn annehmen sollte. Was ich als Laborant und
Apotheker gelernt habe, ist noch gar nicht viel, und so mu ich beflissen sein,
mir die rechte Kunst anzueignen. Bei einem erfahrenen Mediko zu Prag soll das
geschehen. - Hoho, meinte Pomponius, glubet Ihr etwan, der hochberhmte
Doktor Schrepfeisen sei nicht erfahren genung? - von mir gnzlich zu schweigen
.... Und kann Ihm denn Sein Prager Medicus etwas Besseres beibringen, als die
Kunst, aus den Gebresten der Leute Gold zu machen? setzte der Bucklige eifrig
hinzu. Ich wute nicht, was auf diese Einreden zu antworten, und ging stumm des
Weges. Der Bucklige redete weiter: Ein Haufen Geld wird auf den Jahrmrkten
zusammengescharrt, und Er soll davon sein gerecht Teil abhaben. Mein Wort
darauf, da fr Ihn ein Goldstck tglich abfllt. Da ich noch immer schwieg,
meinte Pomponius spttisch und etwas lauernd: Nun freilich, wenn Er selber Gold
genung im Wamse hat .... - Ich stutzte und sprte, wie mir das Blut in die
Wangen scho, da ich der Meinung war, meine Begleiter htten etwas von meiner
eingenhten Erbschaft bemerkt. Aber ich fate mich und gab die ausweichende
Antwort: Gold im Wamse haben, das freilich wre eine schne Sache und lockt
mich wohl; indessen mu ich ohne Zeitverlust nach Prag gelangen, da ich sonsten
mein Amt als Heilgehilfe versumen knnte. - Nach Belieben! meinte Pomponius
kalt. Der Bucklige aber fgte hinzu: Kommt Zeit, kommt Rat. Vielleicht berlegt
Er sich unsern Antrag noch im stillen. Nach lngerem Schweigen hub ich zu reden
an, indem ich den Pomponium ansahe: Was hat der Herr eine majesttische Stimme.
Man sollte meinen, Er gehre einer Truppe jener Snger aus Italia an, so
kunstreiche Singspiele auffhren. Pomponius antwortete aufgeblasen: Seine
Diagnosis, junger Gesell, hat etwas Zutreffendes. Allerdings war ich in frheren
Jahren Singens und Komdiespielens beflissen und bete meine Kunst vor manch
hoher Herrschaft. Mit schlauem Lcheln fgte der Bucklige hinzu: Und die
Komdiantenkunst soll uns auch in Jung-Bunzlau zustatten kommen, denn es gibt
keinen besseren Ausrufer als diesen ansehnlichen Jnger der Muse Thalia.
    Das unweit gelegene Schlo Gitschin, dem Herzog Wallenstein gehrig,
veranlate den Buckligen zu der Frage: Ist es wahr, da der Wallenstein seine
Pferde aus silbernen Raufen fressen lsset? - Allerdings, - besttigte
Pomponius - und in den Stllen fleut das Trinkwasser durch marmorne Becken,
manche Pferde haben gar glden Geschirr. Um sein Schlo herum dehnet sich der
schnste Garten mit seltenen Blumen. Aus Gebschen lugen marmorne Standbilder
glorioser Kriegeshelden, und zum Lustwandeln hat es dort prchtige Sulengnge
und Loggien. Ja, der Wallenstein, neuerdings von der kaiserlichen Majestt zum
Herzog erhoben, ist in teutschen Landen der reichste Frst, dem antiken Krso
vergleichbar. Was aber sonderliche Bewunderung verdient, ist dieses Mannes
Kunst, aus allem, womit er sich befasset, Gold zu machen. Frher ein armer
Edelmann, hat er es verstanden, mchtiger als der Kaiser selbst zu werden, und
zwar durch die Waffen, die ihn vom gemeinen Soldaten zum Generalissimo erhoben
haben und noch auf einen Knigsthron bringen werden, gebet acht! Hol mich der
Teufel, meinte der Bucklige, htt ich nicht meine vermaledeite Kriegskasse
hinten, mir wre das Waffenhandwerk willkommen, da es fr den Armen das beste
Mittel, emporzukommen. - Fr den Armen? fragte Pomponius. Doch wohl nicht!
Sondern mehr fr den Reichen. Der Reiche, wofern er nicht unternehmend, luft in
diesen Kriegszeiten stets Gefahr, seines Gutes beraubt zu werden; drum tut er am
besten, selber unter die Beutemacher zu gehen, sich mit einer Soldateska zu
umgeben und allerwegen die Leute auszubeuteln. Gelegentlich mag ja auch der Arme
als Krieger zu Reichtum gelangen. Aber die Offiziere nehmen ihm alleweil das
Beste weg, und der Arme verliert im Felde sein Leben leichter als der Reiche.
Sonsten htt auch ich schon das Glck der Waffen versucht. Doch ich rieche das
Pulver nicht gern und wei mir bequemere Regulen, den Leuten das Geld
abzunehmen. brigens bin ich schon in meinen Knabenjahren mehr darauf aus
gewesen, Geld zu vertun als mhselig zu erringen. Zu den epikureischen
Philosophis gehre ich und berlasse das martialische Heldentum solchen, die
sich dazu berufen fhlen. Und Pomponius trllerte stolz:

Ein Hexlein wei ich, schlangenglatt,
Das Myriaden Buhlen hat ...

    Weit du - nahm der Bucklige das Wort - an wen mich dein Hexlein
erinnert? An Jungfer Susannen! Du kennest doch das Wirtshaus in Prag, zur
pfelkammer geheien? Ei, diese Schnheit ist mir nicht bewut, sagte
Pomponius; indessen ich doch sonsten im dortigen Weibsvolk Bescheid wei.
Susanne? Erzhl Er des weiteren von dieser Tempeljungfer Bacchi et Veneris! -
Der Bucklige machte verliebte Augen: Denket euch des Rehes Wuchs, im Angesicht
Lilien mit Rosen vermenget, Augen wie Vergimeinnicht, korallenrote Lippen und
langes goldfarbenes Haar, so habet Ihr die schne Susanne, wie sie leibt und
lebt. Was aber Gemt und Sinn betrifft, so wei sie bald die hochgeborene Dame
zu spielen, bald wieder durch Schntun und Schelmerei dem Gast den Kopf zu
verdrehen und das Herz zu rauben. - Solch eine Rosenknospe hat es leicht, die
Leute zu betren, schmunzelte Pomponius; mu aber auch List dabei sein.
Wetter! wenn ich solch ein glatt Weibsbild wre, haha, ich getraute mir einen
Reichtum zusammenzuraffen, da ich gleich der gyptischen Rhodope eine Pyramide
aufbauen, oder wie die Phryne die Stadt Theben mit Mauern umgeben knnte. Denn
ich wte manchen seidenen Schnauzhahnen dermaen zu lausen, da ich der schnen
Lami nichts nachgbe, die dem verliebten Demetrio all sein Gold abgenommen. Oh,
wie manchem Hengst tt ich das Seil ber den Kopf werfen, da er fein artig in
meinem Dienst spazieren mte. - Der Bucklige nickte: An List fehlet es der
schnen Susanne mitnichten, und nur in einem Punkte soll ihr Verstand der
schwachen Ferse des Achilleus gleichen. Sie glubet alten Weibern, so sich fr
Prophetinnen ausgeben, und hat sich von ihnen ein schn Stck Geld abnehmen
lassen.
    Der Abend war hereingebrochen, als wir ins Stdtlein Turnau gelangten und im
Wirtshaus Zur Krone einkehrten. Da wir bernachten wollten, wies uns der Wirt
die Gemcher; in dem greren waren zwei Betten. Wiewohl es mir passend schien,
da die beiden befreundeten Wanderer das Zimmer mit den zwei Betten nhmen,
erklrte der Bucklige: Mit dir, Pomponi, schlaf ich nicht. Deine
Komdiantenkehle verstehet sich nicht blo aufs Singen und Saufen, sondern auch
aufs Schnarchen. Erlaube dahero mein junger Kamerad, da ich lieber mit Ihm das
Zimmer teile. Mir war dies Ansuchen nicht sonderlich genehm; da aber der Wirt
kein drittes Gemach hatte, so blieb mir nichts brig, als ja zu sagen. Nachdem
wir Ranzen, Mantel und Hut in den Kammern abgelegt, gingen wir hinunter in die
Gaststube und lieen Wein, Brot und Fleisch auftragen. Bald ward ich inne, da
meine Begleiter im Zechen viel leisten konnten. Wiewohl mich nun die innere
Stimme vor dem Weine warnte, tat ich doch des Guten zuviel. Denn ich hatte mir
einen tchtigen Durst an den Leib gelaufen und meiner Begleiter Zureden wie
Beispiel berwand stets von neuem meine Bedenken. Als wir in spter Stunde zu
Bett gingen, muten mir meine Reisegefhrten unter die Arme greifen. Ich hatte
noch soviel Besinnung, da ich mein Wams, drein die Goldstcke eingenht waren,
zusammengerollt unter mein Kopfkissen tat. Kaum hatte ich mich hingestreckt, so
schwankte das ganze Haus mit mir, und ich sank in Schlaf.
    Sakrament! Meine Hose! Von diesem Geschrei erwacht, richtete ich mich
verstrt im Bette auf. Mein Kopf tat weh. Im Hemd lief der Bucklige umher, als
ob er die Kammer durchsuche: Wo ist meine Hose? Ha, Spitzbuben!
    Besorgt griff ich unters Kopfkissen, mein Wams war verschwunden, das Wams
mit den eingenhten Dukaten. Sofort sprang ich auf, whlte in den Kissen, ri
Strohsack und Decken heraus, fand aber das Wams nicht. Auch meine Hose war fort.
Ha! hier sind die Spitzbuben eingestiegen! schrie der Bucklige zum offenen
Fenster hinaus, und zu ihm tretend, sahe ich auen eine Leiter an die
Fensterwand gelehnt. Die Faust schttelnd, lrmte der Bucklige: Meine Hose!
Bestohlen bin ich! Sakrament! - Himmel Herrgott, was hat's denn? rief der
eintretende Wirt. - Spitzbuben haben meine Hose gestohlen. Und meine
Dukaten! fgte ich weinerlich hinzu, in mein Wams eingenht - fort ist das
Wams! Gro sahe der Wirt bald mich, bald den Buckligen an, ging ans Fenster und
schttelte den Kopf: Die Kammertr war nicht verriegelt. Wo ist denn der
dritte? Er ging, und wir folgten. Pomponius lag in seinem Bett und schnarchte.
He, Pomponi! rief der Bucklige. - Halt's Maul! grunzte jener und wlzte sich
auf die andere Seite. Aber den Wasserkrug ergriff der Bucklige und taufte den
widerspenstigen Kameraden, da er prustend aus dem Bette sprang. Bist nrrisch,
Schrepfeisen? - Nein, aber bestohlen! Und wir berichteten, was geschehen. Der
Wirt indessen schaute im Gemache umher, prfte das Fenster und durchstberte die
Betten, als knne hier der Spitzbube seine Beute verborgen haben. Dem Pomponio
schien des Wirtes Gebaren nicht befremdlich; blo da er trocken sagte: Hier
ist alles in Ordnung. Mit Achselzucken meinte nun der Wirt zu mir: Ja, junger
Herr! Eine bse Welt! Sein Geld wird wohl hin sein. Drei Dukaten, ins Wams
genht, nicht wahr? Und das Wams unterm Kopfkissen? Hum! Ich ahne! - Was ahnet
Er? fragte Pomponius; der Wirt aber blickte ihn scharf an und versetzte: Ich
ahne, da Er fr alle drei Zeche und Herberge zahlen wird. - Wer? Ich? Oho!
... Nun ja doch! Aufs Zahlen soll mir's nicht ankommen. Sogar Kleider will ich
den Kameraden kaufen. Schaff Er welche, Kronenwirt! Schweigend, von oben bis
unten musterte der Wirt meine Kumpane, murmelte in sich hinein und ging.
    Nebst Schrepfeisen begab ich mich wieder in unsere Kammer und setzte mich
ratlos auf mein Bett, whrend jener behaglich nochmals in die Federn kroch.
Seinen Verlust hatte er bereits verschmerzt; denn er hub ein meckernd Lachen an:
Hehe, Lehrgeld war das! Hehe, nicht mehr gegreint! Heute verloren, morgen
gewonnen! Wahrlich, Johannes, ich verspreche Ihm einen halben Dukaten Tageslohn,
so Er als Apotheker mir und dem Pomponio Dienste leistet. Morgen beginnet der
Markt in Jung-Bunzlau. Da werden wir als ruhmreiche Heilknstler auftreten und
aus Rindsschmer Gold machen. Ist Er dabei? Nicht? Na, was will Er denn sonsten
beginnen? Ist ja kahl wie ein abgehuteter Esel, hat nicht mal Lumpen, seine
Ble zu decken, und seine Zeche mu der Pomponius zahlen. Nun freilich, das tut
der Pomponius aus Kameradschaft. Er aber, Johannes, sollte doch darauf sinnen,
wie Er's dem guten Pomponio vergelte. Den Teufel auch, umsonst ist der Tod.
Glubet Er etwan, da ihm die Kleider gehren, so ihm der Pomponius durch den
Wirt besorgen lt? Nur geliehen sind sie, und so Er sie nicht wieder hergeben
will, bleibt Ihm schon nichts brig, als mit uns zu halten. Siehet Er das ein,
hehe? - Ich schwieg eine Weile, und fragte klglich: Und ich soll an jedem
Markttag einen halben Dukaten haben? - Freie Herberg und Zeche dazu!
versicherte Schrepfeisen. - Nun, wohlan! So will ich Euer Gehilfe sein. -
Brav! erwiderte Schrepfeisen; was Er zu tun hat, will ich Ihm gleich sagen.
Wir haben Salben zum Verkauf ntig, Mixturen, Latwerge, Pflaster, Pillulen.
Alles mu Er tglich bereiten. Die Leute reien sich darum, wie Enten um
ausgeschtteten Unflat. - Doch wie soll ich als Anfnger in der Apothekerei
die Medikamente zustande bringen? - Der Bucklige lachte: Rindstalg mit Wachs
und etwas Wrze, Brotkglein mit Zimmet, Bier oder Tinte vermischt. Und wenn ich
nichts als Hhnerdreck htte, ich wollte dem dummen Volk eine Salbe bereiten. -
Machet solche Salbe allein, sagte ich ungehalten; dazu bedrfet Ihr keines
Dritten. Ich wenigstens mchte ein echter Heilkundiger werden, nicht ein
Quacksalber. - Hoho! brausete Schrepfeisen auf. Will Er die Nase hochhalten,
da Er doch Ursach htte, fein demtig zu sein? Mit berhmten Heilknstlern hat
Er zu tun, und wenn ich sage, da man dem Volke Hhnerdreck aufschmieren knne,
so meine ich nur, da es leichtglubig ist, und da wir uns seine
Leichtglubigkeit zunutze machen knnten. Mitnichten aber will ich unsere
Medikamenta schlecht machen. Einfach zwar sind die Verrichtungen, so wir von
Ihm, Johannes, erwarten; indessen tun wir zu den Salben, Mixturen und Pillulen
stets etliche Tropfen von einem Lebenswasser, das in heimlicher Kunst bereitet
und tausendfach erprobt ist.
    Obwohl mir auch nach dieser Beschnigung die Sache nicht richtig vorkam,
ward ich doch den Quacksalbern gefgig. Allzusehr schon hatte ich mich mit ihnen
eingelassen und durch den abends genossenen Wein mein Gewissen wie meinen
Verstand benebelt. Wie ich nun, gleichermaen auch der Bucklige, Gewand erhalten
und mich bekleidet hatte, gingen wir zur Wirtsstube hinab, wo drei Teller mit
Morgensuppe dampften. Pomponius bezahlte den Wirt, und wir setzten unsere
Wanderung fort. Noch vor Abend waren wir in Jung-Bunzlau, wo auf dem Ringe Buden
gezimmert wurden. Meine Begleiter ratschlagten, welcher Stand fr unsern
Warentisch am besten geeignet sei, und der listige Schrepfeisen tat den
Vorschlag, mit dem Lammwirt ein Abkommen zu treffen, da wir neben seiner Tr
unsere Waren auftischen durften. Da Pomponius reiche Zeche machte, war ihm der
Wirt gefllig, und nun gingen wir an unsere Geschfte. Einen Teil seines Kellers
gab der Wirt zum Laboratorio her. Von Steinen ward innen eine Feuersttte
errichtet, und meine Kumpane kauften Tpfe, Tiegel, gegerbte Felle, aus denen
Pflaster gemacht werden sollten, Phiolen, auch Mehl, Zucker, Zimmet, getrocknete
Kruter, Wachs und Rindstalg. Schrepfeisen brachte noch eine Flasche mit
himmelblauer Flssigkeit und sprach wichtig: Hier vertraue ich Ihm unser
Lebenswasser an. Tut Er in jeglich Medikamentum etliche Tropfen davon, so ist es
sicher heilsam.
    Nun hub ein Schmelzen und Sieden, Mrseln, Schmieren und Pillendrehen an,
und bald stank das Laboratorium nach verbranntem Fett. Schrepfeisen mahnte zur
Eile und gab auf meine Frage, wie dies oder jenes zu bereiten, halben Bescheid
unter meckerndem Lachen. Als ich das Laboratorium verlassen durfte, war ich
mimutig, Schrepfeisen aber rieb sich die Hnde; denn viele Tiegel, Phiolen und
Latwerge waren zum Verkauf fertig, auch fr das Auge einladend, die Gefe mit
buntem Papier beklebt, die Pillulen versilbert und in Schchtelchen verpackt. An
diesem Abend hielten wir uns vom Trinken zurck, um andern Tages frische Kraft
zu haben.
    Schon in der Frhe ward ich wach vom Lrmen, so auf dem Marktplatz erscholl,
wo man die letzten Hammerschlge tat, mit Handwagen Waren herbeischleppte und
die ersten Kufer durch schreiendes Ausbieten herbeilockte. Wir hatten aus
Brettern eine Erhhung gezimmert und darauf einen langen Tisch gestellt, wo
unsere Medikamenta prangten. An der Mauer des Gasthauses war ein Thron fr den
Doctorem Schrepfeisen. Beim Trdler hatten meine Kumpane sich auffllig
ausstaffieret, auch eine Kriegstrommel und eine Laute erworben. Wie nun der
ganze Kram in Ordnung war, begab sich jeder auf seinen Posten, ich also hinunter
in mein Laboratorium, wo das Schmelzen und Stnkern von neuem losging. Von oben
aber scholl des Pomponii Marktschreierei. Da ich mittags die Lcken der
Warenauslage ergnzen mute, fand ich Gelegenheit, meine Verbndeten bei ihrem
Gefecht zu beobachten. Kopf an Kopf drngten sich Gaffer um den Stand, und stolz
wie der Gott Hippokrates thronte Schrepfeisen, angetan mit Lockenpercke und
scharlachenem Mantel, auf der Nase eine Hornbrille. Dunkelrot im Gesicht, rhrte
Pomponius die Trommel, als solle ganz Bheim zum Aufruhr erwachen. Und wie sahe
der Kerl aus! Unter dem mchtigen Federhute wallten schwarze Locken ber einen
geflteten Kragen, der sich wie ein Wagenrad um den Hals legte. Das Wams war von
grasgrnem Sammet, mit Silber verscharmieret, ber den Rcken hing ein
buttergelber Mantel. Aus den Saiten zupfte er ein Prludium und sang wie ein
Possenreier:

Die Weibgen mit den Flhen
Hant ewiglichen Krieg.
Wie hetzen sie und sphen,
Da man die Flh' erschlg'!
Und htt ich allweil baren
Ein Gulden in der Hand,
So oft die Weibgen fahren
Noch Flhen unters G'wand,
Zwlf Kisten tt ich nageln,
Zu bergen meinen Zoll,
Die sollten tglich hageln
Von Gulden krachend voll.

    Weil des Gelchters ein reicher Tribut kam, warf sich Pomponius auf den
Hauptteil seiner Rolle. Wie eine Posaune drhnte sein Ausrufen: Jawohl, jawohl,
jawohl! Flhe, Luse, Wanzen - die nennt ein jeder sein - sie zwicken uns den
Ranzen - wie heie Hllenpein. Doch da kommt der famose, gloriose, hochberhmte
Medikus, Herr Doktor Schrepfeisen, nach Jung-Bunzlau und vertreibt alles
Geziefer mit dieser Mixtur, aus Wrzlein und Krutlein des Landes Arabia
kunstreich bereitet. Etliche Tropfen ins Gewand gesprengt, ins Hemd oder Bett,
betuben und vergiften das ganze Floh- und Wanzengeschmei. Aber wir haben hier
noch andere Raritten: Pillulen wider harten Leib, Pflaster fr Gliederweh und
Husten, wie wir denn alle Gebreste heilen oder doch zu lindern wissen. Da ist
insonderheit diese Wundersalbe. Schauet her, Leute! Hier hab ich ein irden
Bchslein voll. Zum Einreiben der kranken Glieder und ein wahrer Lebensbalsam.
Euch ist bewut, ehrbar Publikum: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, am
letzten Tage aber hat er den Menschen gemacht. Drum bezeugen alle Gelahrten, da
des Menschen Schmalz alle andern Schmlze bertrifft, so wie Gold weit mehr
wert, denn Zinn oder Blei. Wenn ich nun diese Wundersalbe mache, so nehm ich
erstlich dazu Menschenschmalz, danach Wachs, das haben die Bienen des heien
Landes Afrika aus denen afrikanischen Blten gesammelt. Drittens nehm ich dazu
Sankt Johannisl, fleuet im Lande Thucia aus den harten Steinfelsen durch
wunderbare Schickung Gottes. Endlich brauch ich das oleum popoleum oder Schmalz
einer wilden Katze, die schlft auf dem Schweizergebirg von Sankt Gallen bis
Sankt Jrgentag und wird davon so feist, da, wer es nicht mit eigenen Augen
gesehen, meinen sollte, das wre alles erlogen. Summirum summarum, ich nehme das
Krutlein Herba, gewachsen im Lande Regio auf dem Berge Mons, am lieblichen
Wasser Aqua, im Monat Mensis. Daraus hat meine Salb ihre wunderbarlichen Krfte,
und ich will nicht ehrlich sein, so mir jemand im ganzen Rmischen Reiche die
Salbe nachmachet. Herbei denn, alt und jung, Mann und Weib! Kauf in der Zeit, so
hastu in der Not! Und wenn die Gesunden tchtig mit der Salbe schmieren, so kann
ihnen keine Krankheit an den Leib. Kaufet, kaufet, das Salbenbchslein fr 5
Grschel! Ich hab auch kleinere, die kosten drei. Dahier, wer will? Und es
streckten sich gleich fnf, sechs, sieben Arme aus, die Toren gaben glubig ihre
Groschen. Hatte nun Pomponius eine Gattung von Medikamenten unter die Leute
gebracht, so fing das Getrommel wieder an, und stets aufs neue vernahm ich das
Getrller Die Weibgen mit den Flhen.
    So ging es Tag fr Tag; am vierten aber war ich von meinem Gewerbe derart
angewidert, da ich mich von den saubern Kumpanen scheiden wollte. Doch wie ich
beim Nachtmahl mit meiner Absicht herausrckte, fielen Pomponius und
Schrepfeisen mit wilder Beredsamkeit ber mich her. Rasselten mit dem
eingenommenen Gelde und meinten, das Geschft gehe ber Erwarten gut. Wie ich
den mir zukommenden Lohn forderte, wollten sie nicht damit herausrcken und
machten geltend, ich wolle sie im Stich lassen. Schlielich kamen wir berein,
ich solle zunchst die verdienten zween Dukaten, den dritten am sechsten Tage
empfahen. Da mich die Quacksalber nicht entbehren konnten, hielten sie ihre
Zusage.
    Ich atmete erleichtert, als ich nach Schlu des Marktes im Kmmerlein meine
erschpften Glieder zur Nachtruhe hingestreckt hatte. Und wie ein Vogel aus dem
Kfig schlpfte ich in der Morgenfrhe zum Stadttore hinaus. Bei der ersten Rast
im Walde wollte ich meine Goldstcke ins Wams einnhen und holte sie herfr. Sie
ersetzten die in Turnau mir entwendeten Dukaten, sahen auch nicht minder blank
aus. Indessen schien ein ekler Geruch daran zu haften, und sie weckten peinliche
Erinnerung. Hingegen gemahnten jene anderen Dukaten, die mir Beate ins Wams
eingenht hatte, an meine guten Eltern und den Oheim, an ehrliche Arbeit,
Sparsamkeit und treue Frsorge ... Doch was war das? Wie ich meine Dukaten so
betrachte, sind es genau dieselben, die mir Beate mit Kreuzen bezeichnet hatte.
Ei du tckischer Schrepfeisen, du also hast mir das Geld gestohlen und hast die
Leiter ans Fenster gesetzt, um auf falsche Fhrte zu leiten, und Pomponius war
dein Spiegesell. Nachdem ihr mich bestohlen, habet ihr mich obendrein zu eurem
Sklaven gemacht, zum Werkzeug eurer Betrgerei. Und schmtet euch nicht, mich
mit denselben Goldstcken zu besolden, die ihr mir abgenommen. Pfui! Ich war
versucht, das Geld von mir zu werfen; doch weil es ja auch ein Andenken an meine
Lieben war, so nhte ich die Dukaten wieder ins Wams, whrend des Oheims Gulden
mir zur Zehrung dienen sollten.
    Nachmittags trat ich aus dem Walde, und da lag im Sonnenschein unter mir, an
die weinbepflanzten Hnge geschmiegt, von starken Mauern umgeben, die Residenz
von Bheim. Das Gewimmel der Brgerhuser nebst Kirchen und Palsten stieg am
jenseitigen Berg hinan, den eine ausgedehnte Burg krnte. Rechts tat sich das
Moldautal mit dem blinkenden Strome auf. Der Lrm von Handwerkern und
Hhnekrhen scholl aus dem Tale herauf, indessen ich mit Wohlgefallen diese
bildschne Stadt betrachtete. Nachdem ich gerastet und mir den Staub abgeklopft
hatte, begab ich mich hinunter, Prag zu beschauen und eine Herberge zu suchen.

In einer engen Gasse sah ich ber einer Hauspforte drei gldene pfel benebst
der Inschrift: Gasthaus zur pfelkammer. Sogleich kam mir in den Sinn, was ich
von Schrepfeisen ber die schne Wirtstochter vernommen. Da ich meiner Neugier
nachgab und hier einkehrte, war das natrliche Emporsprieen jenes Samens, den
schlechter Umgang in mein Herz gestreut hatte. Die Gaststube war dunkel und
verruchert und erweiterte sich hinter dem groen Ofen zu einem stattlichen
Gewlbe. Ich war der einzige Gast. Als ich Ranzen, Hut und Mantel abgelegt und
an einem runden Tische Platz genommen hatte, erschien eine zierliche Jungfer.
Ein Quart? fragte sie etwas von oben herab. Als ich bejaht hatte, brachte sie
mir den Wein und machte Miene, wieder zu gehen. Bei der Tr aber kehrte sie um
und ging, ein Liedel trllernd, an mir vorbei zum hintern Gewlbe. Blieb dorten
gar nicht lange, kehrte zurck, setzte sich an einen Nebentisch, tat einen Blick
durchs Fenster und seufzete, als habe sie Langeweile.
    Durstig hatte ich mein Quart ausgetrunken, und sogleich trat die Jungfer zu
mir: Wnscht der Herr noch ein Quart? - Noch eins, auch Brot und Fleisch. -
Gut G'selchtes? - Wenn sich die Jungfer bemhen mag.
    Als sie das gewnschte vor mich hingestellt hatte, blieb sie an meinen Tisch
gelehnt stehen und betrachtete mich freundlich. Ist der Herr etwan ein
Studiosus? - Noch nicht, Jungfer, doch mcht ich ein Medikus werden.
Einstweilen will ich mich zu einem tchtigen Heilkundigen und Apotheker in die
Lehre tun.
    Und wei Er schon einen solchen Lehrmeister? fragte sie. - Habe da ein
Empfehlungsbriefel an Herrn Doktorem Waldhuserum. - So, so, an den
Waldhuser? meinte sie geringschtzig. Und ich: Kennt Sie den Waldhuser? -
Freilich, freilich, wie soll ich den Lumpenkurierer nicht kennen? Ph, den!
-Lumpenkurierer? Warum heiet Sie ihn also? Khl antwortete die Jungfer: Das
ist so ein Volkstitul. Der Lumpenkurierer ist halt ein Medikus fr arme Leut, so
kein Geld haben, einen angesehenen Arzt zu zahlen. - Also ist Herr
Waldhuserus kein angesehener Arzt? - Ah bah, entgegnete die Jungfer; der
Waldhuser ist, seit ich gedenken kann, ein Lapp und kommt nimmer auf den grnen
Zweig. Warum will Er sich auch ausgesucht zum Waldhuser tun? Sollte meinen, es
gbe fr Ihn doch angesehenere Lehrmeister. Zum Exempel den Medikus und
Apotheker Schmirsel, so hier gleich um die Ecke auf dem Ring wohnt. An dem
stattlichen Haus kann Er gleich sehen, wie eintrglich dieses Gelahrten Kunst.
Der Schmirsel ist oft bei uns zu Gaste, und so der Herr bis zum Abend ausharret,
kann Er die Bekanntschaft des Herrn Schmirsel machen.
    Ich schwieg und lie mir diese Auskunft durch den Kopf gehen. Dann meinte
ich: Bis zum Abend sind noch etliche Stunden, und ich kann doch nicht die ganze
Zeit hier sitzen bleiben. - Ei warum denn nicht? antwortete die Jungfer und
sah mich durch halbgeschlossene Augenlider schalkhaft an. Gleich werden ja auch
ein paar Studiosen kommen, wie gewhnlich nach Schlu ihrer Collegia. So mancher
Fuchs hat von der Susanne vernommen und mchte sie beugeln. Da spricht Er denn
mit seinesgleichen auf Latein, was ich nicht verstehen soll. Manches Mal hr ich
sie sprechen: formosa puella und pulcherrima. Kann der Herr mir wohl sagen, was
diese Worte bedeuten? Und Susanne machte ein Gesicht wie ein neugierig Kind.
    Ich schlug die Augen nieder, als ich zur Antwort gab: Die Worte heien: ein
wohlgestaltet, sehr sauber Mgdelein. Hell wie Silberglocken lachte die Jungfer
und deutete mit dem Finger auf sich, indem sie strahlenden Auges fragte: Und
das soll ich sein? - Wer denn sonsten? - Ei, knnt ich doch den Herren
Studiosis in ihrem Latein die rechte Antwort geben! Will mich der Herr eine
solche Antwort lehren? Ich bitte! Wie spricht denn der Lateiner, wenn er sagen
will: So ziemlich? - So ziemlich ist auf Lateinisch sic satis geheien. Da
wiederholte die Jungfer mehrere Male sic satis sprang vergngt auf und
tnzelte in der Stube umher: Sic satis, sic satis! Nun wartet, ihr grnen
Lateiner! Die Muler sollt ihr aufsperren, und der Herr mag des Zeuge sein.
Obacht! gleich werden Studiosen kommen.
    Und zur Tr herein traten zween junge Burschen, bestellten Wein und
beugelten die Jungfer. Dabei raunte der eine dem andern zu: Estne pulcherrima
puella? Mit boshaftem Triumphieren neigte sich Susanne und sagte dem
lateinischen Lobredner ins Gesicht: Sic satis! Die beiden Studenten schauten
einander mit einfltigem Staunen an, und einer sagte: Blitz und Kartaunen! Sie
verstehet Latein! Da Susanne kichernd wegging und sich nicht weiter sehen lie,
die Studenten folglich ihre Niederlage empfanden, legten sie die Zeche auf den
Tisch und schoben ab. Gleich darauf kehrte Susanne zurck und lachte aus vollem
Halse: Denen hab ich's gegeben! Die werden nun von der gelahrten Wirtstochter
erzhlen. Dem Herrn dank ich auch schn fr Seine lateinische Lectio. Zur
Vergeltung hab ich Ihm ja meinen Rat gegeben, zum Schmirsel zu gehen. Hat Er
sich die Sache berlegt?
    Ach Jungfer Susanne, entgegnete ich, Sie wei zu berreden, und wiewohl
noch nicht entschlossen, zum Schmirsel zu gehen, schwanke ich wie jener berhmte
Esel zwischen zwei gleich groen Heubndeln. - Sie sind nicht gleich gro߫,
eiferte Susanne: Der Schmirsel ist ein ganz groes, Herr Waldhuser nur eine
Handvoll. So Er aber aus Seinem Zaudern nicht herauskommt, will ich Ihm ein
Mittel an die Hand geben, das zur Entscheidung fhrt und auch unterhaltsam ist.
Losen wollen wir, ob Er zum Schmirsel oder zum Waldhuser geht. Kleinlaut
erwiderte ich: Um den Zufall entscheiden zu lassen, ist mir die Sache doch zu
ernst. - Zufall? rief Susanne. Htte nicht gedacht, da Er solch ein
schlechter Christ! Wenn ohne Gottes Willen kein Hrlein von unserem Haupte
fllt, so werden auch Wrfel und Los von seiner Hand gelenkt. Drum hat manch
groer Mann das Los als ein Gottesurtel betrachtet. Erst dieser Tage hab ich die
Geschichte eines berhmten Feldherrn von Venetia vernommen, Franziskus Sforza
geheien. War eines Winzers Sohn, gewohnt, mit dem Karst zu hacken. Wie er
einmal in groer Sommerhitze mit seinem Karst mrrisch im Weinberg arbeitet, und
etliche neugeworbene Soldaten singend ihres Weges ziehen, bekommt er Lust zum
Krieg, ist jedoch im Zweifel, ob er beim Karst bleiben oder den Degen whlen
solle. Wohlan, spricht er unter einem Nubaume; ich will eine Probe nehmen und
meinen Karst in diesen Wipfel werfen. Bleibt er droben, so ziehe ich in den
Krieg, fllt er wieder herunter, so soll mir's ein Zeichen sein, da ich
elendiger Tropf noch lnger hacken soll. Hiermit wirft er den Karst in den
Wipfel, und als derselbige droben bleibt, lsset er ihn hngen und ziehet der
Soldateska nach. Anfnglich ein Gemeiner, ward er bald Rottmeister, Feldweibel
und Offizier und schlielich ein ruhmreicher General. Ei junger Herr, tu Er' s
dem Italiener nach und entscheide durch Losen. Ich will Ihm helfen. Da schau,
die Handvoll Mnzen, die ich blindlings aus meiner Handtasche gerafft habe. Nun
Obacht! Ich zhle die Mnzen auf den Tisch, und die letzte Mnze soll
entscheiden, ob Er zum Schmirsel oder zum Waldhuser gehet. Ist Ihm das recht?
Dabei blickten mich ihre Augen holdselig an, und sie rasselte mit den Mnzen,
die sie hohl zwischen den Hnden hielt.
    Wohlan, entgegnete ich, aber ich wei noch nicht, auf welche Weise die
letzte Mnze bestimmen soll, zu wem ich gehe. - Ganz recht, erwiderte die
Jungfer und legte das Mnzenhuflein auf den Tisch. Zunchst hat Er zu
bestimmen, ob der Schmirsel Hund oder Has sein soll. - Hund soll er sein,
erwiderte ich, neugierig, wo, hinaus das wolle. Gut! sagte Susanne, der
Schmirsel ist Hund; dann ist der Waldhuser Has, und nun zhlen wir die Mnzen
auf. Dabei sage ich jedesmal: Hund gewinnt, oder: Has verliert; die letzte Mnze
entscheidet. Sodann zhlte die Jungfer die Mnzen langsam auf, indem sie
fortgesetzt sagte: Hund gewinnt, Has verliert, Hund gewinnt, Has verliert. Wie
nur noch drei Mnzen brig waren, starrte ich in Spannung auf diese Hantierung,
so mein Gottesurtel sein sollte, und Susanne sprach: Hund gewinnt, Has
verliert, Hund gewinnt! Und dabei bleibt's! Also hat Schmirsel gewonnen.
    Ich mag ein sorgenvoll Gesicht geschnitten haben, denn die Jungfer meinte:
Das mundet Ihm wohl nicht? Oder glubet Er etwan, ich habe falsch abgezhlt?
Wohlan, wir knnen ja noch einmal losen. Mag Er selber das neue Huflein
bestimmen und nochmals frei whlen, ob Schmirsel Hund oder Has sein soll.
Erleichterten Herzens griff ich etliche Mnzen, es waren sieben, reichte sie der
Jungfer und sagte: Diesmal soll Schmirsel der Hase sein. Die Jungfer kicherte
und zhlte die Mnzen auf: Has gewinnt, Hund verliert, Has gewinnt, Hund
verliert, Has gewinnt, Hund verliert, Has gewinnt! Also hat wieder der Schmirsel
gewonnen, denn der ist ja diesmal der Has. Ich kraute mir hinterm Ohr,
verdrossen; indessen sie mich auslachte. Darf ich noch bringen? fragte Susanne
und war mit Lust um mich beflissen. Vertraulich setzte sie sich zu mir, und
dreister gemacht, betrachtete ich ihre wohlgebildeten Hnde mit den feinen
Spitzenmanschetten. Warf auch auf das Antlitz manch verstohlenen Blick, und dann
klopfte mein Herz in ser Unrast. Frisch wie eine Rose blhete Susanne. Unter
dem bermtigen Nslein prangten Kirschenlippen. Verlegen war ich, wenn ihr
Blick auf mir ruhte und neugierig an mir herumzutasten schien, um meine Art zu
erforschen. Auch mit Fragen verfolgte die Jungfer dies Ziel, und vom Wein
gesprchig, hatte ich bald meine Lebensgeschichte berichtet. Als ich erwhnte,
da ich Alchymie treibe, horchte sie auf: Ei, da wr Er ja der rechte Famulus
fr den Schmirsel und kme wie gerufen. Ist doch dieser Medikus erst dieser Tage
zu einem hohen Herrn berufen worden, so an Hftweh leidet und viel Gold geben
will, so ihn einer heilt. Wenn hernach der Schmirsel kommt, will ich Ihn, Herr
Johannes, ihm prsentieren. Sei Er mir aber gescheit, falls Er beim Schmirsel
eintreten darf. Nur nicht Sein Medikament verraten! Das mu Geheimnis bleiben,
sonsten wird Ihm kein Vorteil davon. Der Schmirsel mu es jedesmal bezahlen, und
seh Er zu, da Er diesem Chymisten manches von seinen Knsten ablauschet.
Schwtzet man doch, der Schmirsel verstehe sich aufs Goldmachen. War ich bisher
noch nicht mit ganzer Seele entschlossen, den Schmirsel zu whlen, so entschied
diese Mitteilung, indem sie meine aberglubische Hoffnung anreizte, den
verheienen Goldschatz zu gewinnen.
    Da es Abend worden, traten neue Gste in die Stube. Susanne bekam zu tun,
und es tat mir leid, da sie gleichgltig an mir vorberging, als sei die
frhere Vertraulichkeit weggeblasen. Da trat ein hagerer Herr ein, steifen
Schrittes, hochnasig und gespreizt, stutzerhaft gekleidet und von einem
beklemmenden Wohlgeruch. Gr Gott, Herr Schmirsel, sagte Susanne knixend. Ich
horchte auf und betrachtete den Schmirsel. Sein drres, faltenreiches Angesicht
verriet, da er die Fnfzig weit berschritten habe. Sein schwarzes Haar, das,
wie ich spter erfuhr, knstlich gefrbt war, glnzte von Fett wie ein
gestriegelter Rappe. Um den Hals trug er einen breiten Spitzenkragen. Wams und
Hose waren aus schwarzem Sammet. Auf den rmeln war ein ganzer Kram von
gelbseidenen Bndchen aufgeheftet. Die roten Strmpfe gaben den Beinen etwas
Storchenhaftes, auf den Schuhen prangten knstliche Rosen. Der Degen ragte
hinten aus dem Rocke, so stolz, da fnf Dutzend Sperlinge Platz darauf gehabt
htten. Den blauen Mantel und Hut, dessen Krempe auf franzsische Art von einer
Agraffe hochgehalten wurde, hing er an einen Wandhaken, stellte seinen Stock,
der einen groen silbernen Knopf hatte, in die Ecke und trat mit Schritten wie
ein Tanzmeister, die Fuspitzen fein auswrts, zur Jungfer, verbeugte sich mit
Politesse und fhrte ihre Hand, die sie ihm lchelnd darreichte, an schmatzende
Lippen. Diese Lippen waren fortwhrend beflissen, noble Manieren zur Schau zu
tragen; der Odem zog sie bald nach innen, bald blies er sie wieder spitzig auf,
als gelte es, feinen Wein zu kosten. Die Augenbrauen hochmtig emporgezogen,
nahm er am groen Tisch in der Ecke Platz.
    Wie Susanne Wein gebracht hatte, setzte sie sich zu Schmirsel, und die
beiden pflagen des Gesprches mit gedmpfter Stimme, ohne da ich mehr als
einzelne Worte erhaschte. Jetzo kam mir die Jungfer fr wie ein schnurrend
Schmeichelktzchen, das sich den Pelz streicheln lsset und zuweilen schalkhaft
die Krallen unter den Sammetpftchen reckt. Auf einmal hielt Schmirsel das
Brillenglas vor seine Augen und forschte zu mir herber. Dann kam Susanne herbei
und lud mich zu Schmirsel. Sie nannte ihm meinen Namen, indessen ich mich
neigte.
    Schmirsel bot mir einen Stuhl und sprach mit gedmpfter Stimme: Vernehme da
mancherlei Gutes von Ihm, junger Gesell, zum Exempel, da Er sich auf
Medicamenta verstehet. Erzhl Er doch einmal, mit allen Umstnden, wie Er in
Schlesingen das lahme Kindlein kuriert hat. Das Mittel ist mir zwar bekannt,
doch mcht ich wissen, ob Er die rechte Bereitung getroffen hat. In diesem Falle
wr ich nicht abgeneigt, Ihn als Lehrling in mein Haus aufzunehmen.
    Ich war unschlssig, was zu antworten, da ich an Susannens Rat dachte, mein
Mittel ja nicht preiszugeben. Zum berflusse trat mir die Jungfer auf den Fu,
und nun sprach ich: Geehrter Herr Medikus! So glcklich ich mich preisen wrde,
falls mich der berhmte Herr in die Lehre nhme, mu ich doch das Geheimnis
meiner Medicamenta hten. Sie sind ja mein einziger Schatz, aus dem ich mein
Leben fristen und erquicken mchte. Wofern aber der Herr sich damit begngt, da
ich Ihm das Mittel wider lahme Glieder bereite und zum Verkauf an seine
Patienten anheimstelle, und wofern der Herr Medikus mich rechtens dafr
besoldet, will ich lieber bei Ihm eintreten als beim Herrn Waldhuser, an den
ich einen Empfehlungsbrief habe.
    Schmirsel warf mir einen harten Blick zu und erwiderte khl: So so, zum
Waldhuser will Er? Mag Er sehen, ob ihm der Lumpenkurierer seinen Schatz
geheimer Medikamente bezahlt. Ich schwieg, und auch Schmirsel wollte erst nicht
mehr die Lippen voneinander bringen, warf aber schlielich mit scheinbarer
Gleichgltigkeit hin: Welchen Preis will Er denn fr sein Mittel haben?
Vorausgesetzt, da es wirklich hilft und etwas Neues ist! Listig gab ich zur
Antwort: Erst mu ich wissen, ob der Patient mehr oder minder wohlhabend ist,
alsdann werde ich mein Medikament jedesmal zu einem angemessenen Preise
verkaufen. berrascht sah mir Schmirsel ins Auge, lachte dann suerlich und
reichte mir die Hand. Ich will's mit Ihm versuchen! Abgemacht! Geh Er nun
sogleich in mein Haus, um die Ecke links am Ringe gelegen, und installier Er
sich. Drauf lie der Medikus Feder, Tinte und Papier bringen und schrieb ein
Briefel an seine Haushlterin. Ich zahlte meine Zeche und neigte mich sowohl vor
meinem neuen Herrn als vor der Jungfer, die mir Glck wnschte.
    So brachte mich verliebte Torheit auf jene Bahn, wo Susanne und Schmirsel,
Rausch und Habgier herrschten. Was ich bei meinem Lehrmeister trieb, gewhrte
keinen anderen Lohn als Geld und Geld. Schmirsel, der mit meinem geheimen Mittel
einen hohen Herrn kuriert hatte, verlangte immer hufiger danach, und immer
kunstvoller machte ich aus Antimonium mein Medikament zurecht, vermengte es mit
wohlriechenden Krutern, frgebend, diese Kruter seien das Heilkrftige, damit
nmlich Schmirsel nicht hinter das Geheimnis komme. Auch mengte ich das Antimon
mit eingemachten Zitronen, Zimt und Rosenzucker zusammen. Solche Apothekerwaren
wurden von Schmirsel nicht blo fr seine eignen Patienten verwendet, sondern
sogar in den Handel gebracht, wo sie unter dem Namen Schmirsels Morsellen und
Gicht-Pillulen berhmt wurden. Fr mich wie fr ihn fiel genung Geldes ab.
Doch weil ich mich von Susannens eitlem Herzen leiten lie, verwandte ich meine
Einnahme auf Tand, kaufte Kleider  la mode, rauchte Tobak aus einer
hollndischen Pfeife und war jeden Abend in der pfelkammer zu finden, wo ich
trinkend, auch spielend mein Geld vertat und einen Umgang hatte, den ich besser
gemieden htte. Um Susannen zu gefallen, stund ich vor dem Spiegel, kmmte mein
langes Flachshaar und drehte das sprossende Brtlein. Mit den stutzerhaften
Kleidern und neuen Gewohnheiten hatte ich einen andern Menschen angezogen.
Vergessen und verschollen lag das Tchtige hinter mir, so mir in frheren
Jahren, frnehmlich durch meines Vaters Wort und Beispiel, zugekommen war.
    Meine Verliebtheit lie nicht locker und ward ein rechter Plagegeist, der
alle Ruhe und Besonnenheit strte. Susanne bewegte mich, wie der Puppenspieler
am Drahte seine Puppe. In einem fort trieb sie mich, fr meinen Wohlstand zu
sorgen. Leichtglubig erwartete sie, jene Prophezeiung der Zigeunerin werde sich
erfllen. Zwar dachte sie an keinen Schatz, der aus verwunschenen Schlssern
gehoben wird, hoffte indessen, meine alchymistischen Versuche wrden eines Tages
gelingen. Ich hatte diesen Glauben genhrt, zu nchtlicher Stunde von
Goldmachergeschichten schwtzend.

Der berchtigte Chymikus Sebaldus Schwertzer war verstorben, und wie nun seine
Hauseinrichtung zu Geld gemacht werden sollte, besttigte sich das Verslein:

Goldmacher lassen ihren Erben
Zerbrochne Glser nur und Scherben.

Aus dem Plunder des Nachlasses gelangten alchymistische Scharteken fr geringe
Zahlung an mich. In einer las ich das Rezept einer Tinktur, die geringes Metall
zu Golde wandle. An den Rand freilich hatte der Verstorbene eigenhndig
geschrieben: Werde nicht gierig; denn obwohl mir die Goldbereitung gelungen,
hat sie Unheil ber Unheil gebracht. Ich lie mich nicht warnen und suchte den
beschriebenen Proze zustande zu bringen. Etliche Krutlein, die das Rezept
angibt, verschaffte ich mir, verbrannte sie und tat die Asche mit Essig und
Eisenfeilspnen zusammen in ein Glas, das wohl versehentlich nicht ausgesplt
war. Es begab sich aber gleich hinterher, da ich auf Gehei meines Herrn
Schmirsel eine Reise tat, die mich einen Monat fernhielt. Wie ich nun in meine
Stube zurckkehre, kommt mir ein kstlicher Geruch entgegen, als seien Ambra und
Moschus in jenem Glase, und an der Oberflche der Mischung schwimmt ein
rosenfarben l gleich der beschriebenen Tinktur. Ich experimentiere damit, wie
es die Anweisung vorschreibt. Tue ein halb Lot Silberkalk in einen Tiegel, tunke
Baumwolle in mein l und lege sie zum Silberkalk. Nachdem im heien Ofen der
Silberkalk mit dem l sich verbunden hat, scheide ich den Kalk heraus und traue
meinen Augen nicht, dieweilen ich ein Quntlein allerschnsten Goldes behalte.
Schier nrrisch vor Freude gehe ich daran, mit meinem l eine grere Masse
Silbers zu tingieren. Da mir aber der Rausch in Kopf und Hand gedrungen ist, so
schtte ich aus Versehen mein l ins Feuer, da es alsobald mit starkem Dufte
verfliegt. Vergebens hab ich mich seitdem abgemht, die kostbare Tinktur von
neuem zu destillieren. Es bildete sich kein rosenfarben l. Hiezu mute wohl
jene Flssigkeit notwendig sein, von der ein Rest in dem ungesplten Glas
geblieben war. Vergebens grbelte ich, was das fr eine Flssigkeit gewesen.
    Den Narrheiten, die ich beging, fgte ich eine besonders unheilvolle hinzu,
indem ich Susannen von meinem Erfolge berichtete und das Quntlein Gold,
eingeschlossen in ein silbern Herzlein, ihr zum Angebinde gab. Dabei hatte ich
nicht mit der weibischen Geschwtzigkeit und Prahlsucht gerechnet. Wider mein
Gehei sprach Susanne etlichen bevorzugten Gsten davon, mir sei die
Goldbereitung gelungen, wobei der sichtbare Beweis herumgereicht ward. Von
Schmirsel zur Rede gestellt, gab ich ausweichenden Bescheid, jedoch so, da ich
den Glauben an meine Kunst nur verstrkte. Wochenlang plagte mich Schmirsel mit
Fragen, auch mit Spionieren auf meinem Zimmer, wo ich meine heimlichen
Experimente machte. Bei Tag und selbst bei Nacht war mir die Ruhe verleidet, und
sooft ich die pfelkammer besuchte, fhlte ich mich von Susannen zu neuer
Goldmacherei angestachelt. Zum berflu erschien unter den Gsten des
Wirtshauses ein Mensch, so peinliche Erinnerungen, auch dstere Ahnungen
knftigen Unheils wachrief; nmlich der Doktor Giacomini. Greise zwar an Haar
und Bart, war er derselbe geblieben an Habgier und Tcke. Versteckt suchte er
mich nach meiner Goldmacherei auszuforschen, trug freilich eine kalte und harte
Abweisung davon, worauf er mich einen Prahlhansen schalt.
    Unerwartet, wie ich in die pfelkammer gelangt war, kam ich auch wieder
heraus, so da ich mit Staunen jene labyrinthischen Verschlingungen und
launischen Abweichungen betrachte auf denen das Schicksal den Menschen fhrt.
Der letzte Abend, den ich im gewohnten Wirtshause verlebte, war von verdrossenen
Grbeleien erfllt. An einem Ecktische sa ich zu spter Stunde einsam, die
Wange auf die Hand gesttzt, und starrte auf das Spiel der Schatten, die ein
Schwarm lebhafter Gste im Scheine der Tischlaterne an meine Wand warf. Zuweilen
unterschied ich im Schattengewirr eine Hand, ein verzerrt Haupt und erhobene
Becher, derweilen Geschwtz und Lachen, Johlen, Glserklirren und Wrfelklappern
sich vermischten. Die Luft war schwer und schwl, erfllt vom Rauche jenes
Tobakkrautes, das Mode zu werden begann und aus niederlndischen Tonpfeifen
qualmte. Trbsinn drckte mich nieder, heimliche Reue nagte am Herzen. Auf
einmal war es mir, als tte mich mein Vater vorwurfsvoll anschauen, traurig
sprechend: Junge, Junge, du hier? - Verstrt richtete ich mich auf und sah
umher. Da war das Gesicht verschwunden, und zu mir trat ein Studiosus, so in der
pfelkammer verkehrte und mit mir Brderschaft getrunken hatte, wir hieen ihn
mit seinem Spitznamen das Ro. Warum so einsam, Johannes? lallte er. Willst
du nicht an unserm Tische mit uns kncheln? Magst nicht? Nun, so la uns beide
mitsammen um die Zeche spielen. Soll ich fr dich zahlen, oder willst du fr
mich zahlen, he? Das la uns jetzo durch Hund und Hase entscheiden. In die
Tasche griff das Ro und klimperte mit einer Handvoll Mnzen, legte sie auf den
Tisch und setzte sich neben mich. Ich stutzte, denn Hund und Hase war ja jene
Art zu losen, durch die Susanne entschieden hatte, ob ich zum Schmirsel oder zum
Waldhuser gehen solle.
    Ein Weilchen ohne Neigung, des Rosses Vorschlag anzunehmen, ging ich
schlielich darauf ein und erklrte, ich wolle der Hund sein. Hierauf zhlte der
Studiosus die Geldstcke auf, indem er sagte: Hund verliert, Hase gewinnt, Hund
verliert, Hase gewinnt. Natrlich kam bei solchem Abzhlen heraus, da ich
jeden Falles die Zeche bezahlen mute. Doch brachte dieser Verlust mir den
Gewinn, da meine finstere Torheit auf einmal von einem Lichtstrahl erhellt
ward. Ich erkannte, wie das Spiel Hund und Hase nichts war als possenhafter
Betrug, einen unbesonnenen Menschen zu bertlpeln. Und solch einen unsauberen
Kniff hatte Susanne fr ein Gottesurtel ausgegeben, ohne sich ein Gewissen
daraus zu machen, da ihre Leichtfertigkeit ber mein Geschick entscheide, da
ich doch hnlich wie Herkules am Scheidewege gestanden. Susanne kam mir auf
einmal gnzlich anders fr, als sie bisher erschienen. Es war, als sei eine
schne Blume welk und bla worden, oder als stelle sich heraus, da eines
Angesichtes prangende Farben nichts sind als heuchelnde Malerei. Auerstande,
der Jungfer freundlich ins Gesicht zu schauen, begab ich mich heim und fand
stundenlang keinen Schlaf vor Enttuschung und Gram.
    Andern Tages wollte ich Susannen zur Rede stellen, wie sie es habe bers
Herz bringen knnen, ein Spiel mit meinem Leben zu treiben, ohne wenigstens
hinterher einzugestehen, da sie sich vom Mutwillen habe fortreien lassen. Um
unter vier Augen mit ihr zu reden, ging ich bereits am Nachmittag in die
pfelkammer. Ohne besondere Absicht nahm ich diesmal in dem hinten gelegenen
Gewlbe Platz.
    Gleich darauf hrte ich jemand in die Gaststube eintreten, es war Schmirsel,
der seinen gewohnten Platz einnahm. Hinter ihm kam die Jungfer, setzte sich zu
ihm und begann zu reden, ohne zu wissen, da ich zuhre. Ei, welch ein schn
Balsambchslein! Hierauf er: Es ist nicht schn, als bis die Jungfer es in
Ihren schnen Hnden hlt. Sie behalte es, und mein Herze dazu. - Ich werde
Ihn nicht in solchen Schaden bringen. - Schaden? Mitnichten! Ich bin Ihr
Leibeigener, und ist es gleich, ob meine Sachen bei mir oder bei Ihr in
Verwahrung liegen. - Das ist gar edel von Ihm gedacht; doch ich bitte, nehm Er
das Balsambchslein lieber zurck, es ist ja von Golde. Was wrden die Leute
sprechen! Mgen sie sprechen, was sie wollen, uns beiden kann davon nicht
bles geschehen. Was aber die Kstlichkeit des Balsambchsgens betrifft, so ist
die lange nicht gro genung; meine holde Jungfer wre gar eines Bchsgens von
Demant wert. Er ist ein Schmeichler, aber ein lieber. Um Ihn nicht zu krnken,
will ich sein Angebinde nehmen und mit meinem allerschnsten Dank nicht
zurckhalten. - O ses Kind, wenn das Gold dieses Bchsgens wird bla werden,
nicht eher werde ich aufhren, Ihr aufzuwarten. Um die Ecke sphend, sah ich,
wie er sie beim Kinn ergriff und etwas tun durfte, wovon ich bisher kaum zu
trumen gewagt: Auf seinen Scho zog er sie, ich hrte Busseln und Schmatzen.
Eine Weile war ich starr vor trauriger berraschung, alsodann dmmerte es sacht
in meinem dummen Schdel, und ich gestund mir, die angebetete Jungfrau msse
wohl von der Gattung sein, die nichts umsonst und mancherlei um Geld tut. Wie
ein Flmmchen am Windsto erlosch zur selbigen Stunde die Liebe in meinem
Herzen. Ich stund auf, hustete laut und ging durch die vordere Gaststube an
Sicsatis und ihrem Galan vorbei, ohne auch nur einen Blick hinzuwerfen. In
meiner Stube angelangt, packte ich meine Habe zusammen und verlie Schmirsels
Haus.


                              Das vierte Abenteuer

                             Wie Gold gemacht wird

Als ein reuiger Snder lief ich schnurstraks zum Herrn Waldhusero, den ich auch
zu Hause traf. Der weibrtige Mann lie seine groen schwarzen Augen so
durchdringend auf mir ruhen, da ich den Blick zu Boden senkte. Demtig bergab
ich meinen Empfehlungsbrief vom Oheim. Als ihn Waldhuser gelesen, bot er mir
freundlich die Hand und lud mich zum Sitzen ein. Willkommen, Johannes! Ei, was
macht denn der gute Tobias? Nachdem ich Rede gestanden, fuhr Waldhuser fort:
Und nun erzhle Er mir von Seinem Vater, meinem lieben Freunde Martino Tilesio.
Das ist ein selten gotterfllet Herze, und der Sohn ist glcklich zu preisen, so
von diesem edlen Stamme Herkunft, Beispiel und Lehre empfangen. Bei so
liebreicher Anerkennung meines Vaters brach ich in Trnen aus, zumal das
Gewissen mir vorhielt, wie wenig ich zu Prag meines Vaters Lehre und Beispiel
beherziget hatte. Was weinet Er, Johannes? sprach Waldhuser vterlich. - Ach
Herr, ich bin nicht wert eines solchen Vaters Sohn zu heien. Seit der Zeit, da
ich allein in der Welt stehe, hab ich meinem Vater Unehre gemacht. Ach, da er
anoch lebte, mich von schlimmen Wegen abzubringen ..... - Wie denn?
unterbrach mich Waldhuser, lebt er denn nicht mehr? Unter anhaltenden Trnen
tat ich Bericht. Wie mich dann Waldhuser ber mein Treiben zur Rede stellte,
beichtete ich alles haarklein. Und nun, Johannes, sprach er, was willst du
beginnen? Mchtest bei mir bleiben? Nun wohl, bist willkommen, und ich will dir
ein andrer Vater sein. Versprich mir aber, nie wieder zur pfelkammer
zurckzukehren und alle Brcken, so dich dem trichten Leben wieder berliefern
knnten, hinter dir abzubrechen.
    In aufrichtiger Reue und Dankbarkeit gab ich meine ganze Seele Herrn
Waldhuser hin, worauf er: Es wohnen in dir zween Menschen, Johannes, die
streiten mitsammen. Der eine Mensch trachtet nach Schtzen, so die Motten und
der Rost fressen, und obwohl mir dein Oheim Tobias recht lieb ist, mu ich doch
tadeln, da er in dir den goldgierigen Menschen grogezogen hat. Hte dich vor
dem Dmon, der ber dich, wie ber Tobiam, schon eine gefhrliche Macht gewann.
Rettung findest du bei dem andern Menschen, so heimlich dir im Herzen lebt,
wiewohl, er lange geschlafen hat. Das ist dein besser Selbst, die kostbare
Erbschaft, von deinem Vater empfangen. Martinus Tilesius suchte alleweil mit
seinem unschuldsvollen Herzen ewig Gut. Es dir zu weisen, lieber Johannes, sei
meine Aufgabe, und nichts Geringeres kannst du von mir lernen, als wie jener
Stein der Weisen zu erlangen, so den Adepten zu allen wahren Schtzen leitet.
Ein Alchymist mchtest du sein und glubest gar, die Goldbereitung sei dir
gelungen. Ich aber sage dir: jenes Gold, so den Bereiter ins Unheil lockt, ist
nicht wert, gesucht zu werden, und kein Schatz, vielmehr des bsen Feindes
Kder. Was wrde es dir helfen, wenn du herausbrchtest, was fr ein Stoff in
jenem Glase gewesen, wo dein rosenfarben l sich bildete? berlege dir, was du
in deiner jetzigen Verfassung mit dem gewonnenen Golde beginnen wrdest? Tte es
dich nicht in deinen alten Torheiten bestrken und vielleicht zu argem Tun
verfhren? Glden lodern die Hllenflammen, und das Gold bereitet denen eine
Hlle auf Erden, so nicht den echten Stein der Weisen haben. Der ist nichts
andres als der Heilige Geist im Menschen. Auf ihn allein kommt es an. Hast du
ihn nicht, so hilft dir kein Gold der Erde, sintemalen du es nicht anzuwenden
verstehst. Hast du aber den Stein der Weisen, so bedarfst du keines Goldhaufens.
Verschmhest es nmlich, deine Staubhlle in ppigkeit zu betten und durch
dargereichtes Gold Menschenseelen zu knechten und zu verderben. Um froh und
friedlich zu leben, bedarfst du keines andern Gutes als rechter Arbeit.
    Lange war's her, seit einer so treuherzig und weise zu mir geredet hatte.
Meines seligen Vaters gedacht ich, und voll Zhren stund mir das Auge.
    Du hast mir erzhlt, Johannes, fuhr Waldhuser nach einer Pause fort, es
sei dir beim Schmirsel geglckt, Gold zu bereiten, und ich mchte dir meine
Ansicht darlegen. Ich glaube nicht, da menschlicher Kunst die Goldmacherei
gelingt, ebensowenig, wie es unser Witz fertig bringt, eine Kornhre
nachzumachen. Kornhren erhalten wir erst dadurch, da wir sie von der Natur aus
ihrem Samen herauswickeln lassen. Dieselbe Meisterin, so die hren
herauswickelt, gehrt auch zur Umwandlung der Stoffe in Gold. Menschliche
Wissenschaft kann vielleicht gewisse Reguln solcher Transmutatio herausfinden,
schwerlich aber derart anwenden, da unter unsern Fingern Gold entsteht. Was
aber ruhmredige Goldmacher von ihren gelungenen Experimenten schwtzen, dnket
mich Fabel. In deinem Falle, Johannes, hast du dich selber getuscht, da deine
Beobachtung der Umstnde ungenau war. Das herfrgekommene Gold war in den
verwendeten Stoffen zuvor enthalten. Um sicher zu gehen, httest du erst den
Silberkalk daraufhin prfen sollen, ob er keine Spur von Gold enthlt, httest
dich auch hten mssen, ein unrein Gef zu benutzen. Wer wei, ob im Gefe
nicht der leicht bersehbare Rest einer wasserklaren Goldlsung gewesen ist? -
Betreten schwieg ich, Waldhuser sah mir ins Auge und nickte. Dann stund er auf:
Wohlan! Das Nchste kommt zuerst: begib dich nunmehr auf deine Kammer, wasche
dich, tu auch von deinem Herzen das Unreine ab. Bis zum Nachtmahl magst du
einsam bleiben, auf deinem Kmmerlein oder auch im Garten. Gott befohlen, mein
Kind! Und Waldhuser rief nach seiner Haushlterin, einer freundlichen Witfrau,
die mich auf meine Kammer fhrte. Hier suberte ich mich und sann der Rede
Waldhusers nach. Auch in den Garten ging ich, der hinter dem Hause lag, von den
Nachbargrten durch hohes, mit Eppich bersponnenes Gemuer getrennt. Erster
Frhling hatte die Knospen aus den Bumen gelockt, im Gestruche raschelte ein
Gelbschnabel, der seinen Fltenruf erschallen lie. Ich sog der Erde Odem,
Trostes voll, wie ein Flchtling, so nach Gefahren auf einmal geborgen.
    Demtigen Schweigens nahm ich neben Waldhuser und seiner Haushlterin das
Nachtmahl ein, indessen mein neuer Lehrmeister weitere gute Rede tat. Hast du
dir auch klar gemacht, Johannes, zu welchem Zwecke du ein Heilkundiger werden
mchtest? Gelstet es dich, Geheimnisse der Natur zu ergrnden? Nun gut; aber
sage mir, ob du vom Schmirsel irgendein ander Geheimnis gelernt hast als Finten,
deinem Nchsten das Geld aus der Tasche zu locken? Jedenfalls bist du zwei Jahre
nur darauf ausgewesen, Geld zu gewinnen. Gesetzt nun den Fall, du httest einen
Haufen Goldes, was wrdest du damit beginnen? Ich wei wohl, da sich allerlei
kaufen lsset, danach einen eiteln Sinn gelstet, als Haus, Prunkgewand, Pferde,
Wagen und Diener, kostbar Tafelzeug, Pasteten und Gebratenes, duftige Weine und
Konfekt. Suchest du alle solche Dinge, Johannes? und willst du ihretwegen
heilkundig werden? Dann la dir sagen: bist kaum etwas Besseres, denn ein
gemeiner Beutemacher Darin bestehet kein groer Unterschied, da der
Beutemacher seinem Opfer die Degenspitze auf die Brust setzet und ruft: Geld her
oder stirb! Whrend du an Stelle des Degens den grimmen Knochenmann anwendest,
so da der Kranke denkt: Vor dem Sterben kann mich nur dieser Medikus erretten;
ich will ihm Geld geben, sonsten holt mich der Tod. Solch ein Beutemacher, so
den Spiegesellen Tod zum Ausbeuteln voranschickt, ist der Schmirsel, und auch
du, Johannes, wolltest einer werden. Ei schme dich, mein Kind, und suche
bessere Wrde. Hre, was mir gestern frgekommen, und was eigentlich, wiewohl in
wechselnder Form jeden Tag meinem Berufe begegnet. Zu einem Manne werd ich
geholt, und meine Untersuchung findet heraus, da er tdlich am Kopf erkrankt
ist, allenfalls aber gerettet werden kann, so ich ihm den Schdel mit einem
Meiel ffne. Wie ich ihm selbes dargelegt habe, so faltet der Mann die Hnde,
und, nachdem er sich mit seinem Gott beraten, spricht er voll Ergebung: Wohlan,
ffne Er mir den Schdel nach seiner Kunst. Nun gib stille Antwort, Johannes,
ist solch erstaunlich Vertrauen, das schier an ein Wunder grenzet, etwan wert,
da man Mibrauch mit ihm treibe? Wer um schndes Geld diesem Patienten den
gefhrlichen Schnitt beibringt, ist ein Kumpan von Totschlgern. Kannst du es
bers Herze bringen, deinem Nchsten, der dir wie einem Gotte Zutrauen schenket,
dadurch zu vergelten, da du hinter des Gottes Maske einen Geldschneider birgst?
Narr, la fahren allen Trug und trachte nach der Wahrheit. Ein Tor lsset sich
vom Schein begaukeln. Willtu wissen, worin dein wahres Heil zu suchen, so
bedenke ein Wort, das du oft gedankenlos in der Schulstube und auf der
Kirchenbank ins Ohr genommen hast: Wenn ich mit Menschen- und Engelzungen redete
und htte der Liebe nicht, so wre ich ein tnend Erz oder eine klingende
Schelle. Aus diesem Grunde, mein Kind, lerne zuvrderst lieben und finde dich
wieder zurck auf jenen rechten Weg, wo du schon einmal gewesen und Novize der
Heilkunst worden bist. Hast mir ja berichtet, wie du in Schlesien, vom Mitleide
bewegt, darauf gesonnen hast, ein lahm Kindlein genesen zu lassen, und wie du es
mit Antimon geheilt hast. Damals, lieber Johannes, mit sechzehn Jahren warst du
mehr heilkundig als unter Schmirsels Leitung. Komm morgen mit mir, meine Kranken
besuchen. Es sind zumeist Menschen ohne Geld und Gut, Beistandes und Trostes
bedrftig. Wenn du bei ihnen sitzest, findest du ein besser Gut und Glck als in
der pfelkammer bei der trichten Jungfrau und ihrem benebelnden Wein. Den
bessern Menschen werden die armen Patienten aus dir herauslocken, und das ist
hherer Sold fr dich, als wenn das schlimme Gold den Lumpen in dir immer
dreister und feister macht.

An einem Abend des Junimonds lustwandelte ich zur Moldaubrcke und starrte in
den finstern Strom, der hinter den Brckenpfeilern rauschend strudelte. Wie
diese unrastig tosende Flut kam mir das Treiben fr, dem ich zwei Jahre
gehuldigt hatte. Verblendet mute ich gewesen sein, da ich mich an Jungfer
Sicsatis hngen gekonnt. Aufseufzend fhlte ich mein Herz erleichtert, und
voller Vertrauen hub ich die Augen vom schwarzen Strom zu den Funkelsternen, so
auf der Himmelsaue bunt erblheten. Eine tiefe Sehnsucht ergriff mich,
Waldhusers Weisheit in mich aufzunehmen. Ich kehrte heim, und da in des
Meisters Museo noch Licht war, klopfte ich an. Er lie mich ein, und ich sahe,
da inmitten des Raumes auf der Bahre, neben der ein Totengerippe stund, eine
Kindsleiche lag, die der Meister eben seziert hatte. Er deckte sie mit einem
schwarzen Tuche und fragte nach meinem Begehr.
    Guter Meister, sagte ich, gestattet, da ich noch bei Euch bleibe,
solange Ihr wachet, um vielleicht die Wohltat Eurer Lehre zu genieen. So Ihr
aber noch mit der Leiche zu tun habet, will ich stille zuschauen oder Euer
Famulus sein. Ich plaudere gern noch ein Stndlein mit dir, antwortete
Waldhuser. La uns auf den Altan treten, der Sommernacht zu genieen.
    So gingen wir zur Altantr hinaus, und der duftige Odem des Gartens
umhauchte uns. Gestruche blhten, Nachtigallen wetteiferten mit sem Schlagen.
Da in den Nachbarhusern alle Lichter erloschen, so kam das Leuchten der Sterne
zu voller Pracht. Schweigsam empfanden wir den holden Zauber dieser Nacht. Dann
meinte Waldhuser sinnend: Wie sicher und ruhevoll wandeln droben die Sterne!
Hingegen wie unbestndig ist des Menschen Los! Kein Tag wird ihm vergnnet, ohne
da sich ein Zweifel begeben kann, so ihn aus seinem Gleise herauswirft, keine
Stunde, kein Augenblick ist in unserer Macht; es kann ein Wechsel mitten im
traulichen Wesen entstehen. Niemals ist die Gesundheit unbeweglich, und alle
sind wir dem Tode einen Dienst schuldig. Denke nur, wie es dem Menschenkindlein
ergangen, das entseelt auf der Bahre liegt. Es ist eine Waise, ein siebenjhrig
Knblein, hold von Angesicht und ein Liebling derer, so um ihn waren. Jauchzend
klettert der Knabe auf einen Lindenbaum, strzt aber mit dem brechenden Aste
herunter und ist im Nu eine Leiche. Da haben wir den raschen Wechsel, der auf
einmal zur Betrbnis fhret. Drum, Johannes, mach dich ledig vom Vertrauen auf
Fortunas Bestndigkeit. Die Gemahlin des Knigs in Hispanien hat nicht uneben
dies Sinnbild verwendet, da sie einen Pfauen auf eine Kugel gesetzt und die
Auslegung beigefgt: vanitas, Eitelkeit. Gleicherweis spricht auch der Prediger:
Es ist alles ganz eitel, und die Toten, so schon den Odem verhauchten, sind eher
zu preisen als die Lebendigen. Nun ja, drum war es nicht ganz recht von mir
gesagt, als ich den Sturz dieses Kindes ein Unglck nannte. Soll man etwan
klagen, da jemand zu frh in den Scho der Ewigkeit kommt, gleich als htte ein
Mensch den Himmel in diesem Angsthause gefunden? Als Trost sollten wir es
betrachten, da wir nicht ewig in dem irdischen Jammerwesen stecken bleiben.
    Nachdem wiederum Schweigen eingetreten war, wagte ich die leise Frage: Wo
mag nur das Himmelreich sein, das den abgestrzten Waisenknaben aufgenommen hat?
Ist es droben bei den Sternen? - Und Waldhuser: Das Himmelreich wird offenbar
an den Sternen, doch betrachte es nicht als einen entlegenen Ort. Gib acht, mein
Kind, da du zunchst begreifest, was ein Symbolum oder Bildnis. Das Auge schaut
etwan eine brennende Kerze, und die Seele denkt dabei an der Wahrheit Leuchten.
Gleichermaen bedeutet Sonnenwrme die Liebe, Klte hingegen Gleichgltigkeit
und Ha, Finsternis, Wahn und Lge. Bedenken wir nun, da durch den Himmel die
Sonne ihre Bahn zieht, die uns des Tages Licht beschert und unser Auge die Form
und Farbe aller Wesen erblicken lsset, so drfen wir das blaue Zelt als des
Lichtes Quellenland betrachten. Sehnet sich nun unser Herze nach der Wahrheit,
so lenkt es den Blick gen Himmel, als msse von dort auch dem inneren Menschen
Erleuchtung kommen. In diesem Verstande hast du recht, Johannes: das
Waisenkindlein ist bei den Sternen. Denn es ist dem ewigen Lichte einverleibet.
Dabei aber darfst du nicht vergessen, da unser aller Meister spricht: Inwendig
in euch ist das Himmelreich. In der Menschenseele soll es werden, wie droben am
himmlischen Gezelt; weit sei die Seele, das Unendliche zu umfahen, zahllose
Lichter mssen in ihr aufblhen, und ruhevoll in steter Ordnung und heimlicher
Melodei vollziehe sich des Menschen Trachten und Treiben. Nur so, mein Kind,
eroberst du das Himmelreich. Die Kunst aber und Kraft, es aufzuschlieen, ist
dem verliehen, so den Stein der Weisen hat. Ihn sucht der wahre Alchymist, und
auch du, Johannes, sollst danach trachten.
    Wie bei einem Wundertraume staunend fragte ich: Den Stein der Weisen? Wie
soll ich hoffen, den zu erlangen? - Und die Antwort lautete: Darfst nicht
denken, es sei ein Stein gemeint, aus irdischen Stoffen bereitet. Man sagt
freilich, der Stein der Weisen habe sich am Ringe Salomonis befunden. Inmaen
aber dieser Knig ein Buch von der Weisheit verfat hat, so bedeutet Salomonis
Ring sein Verlbnis mit der himmlischen Sophia oder Weisheit, der Stein am Ringe
die Kraft, das gttliche Licht zu spiegeln und auszustrahlen. So ist der Stein
der Weisen nichts anderes denn die heilige Weisheit im Menschen. Wahrlich, ich
sage dir, nur wer den Stein der Weisen hat, ist echten Goldes Bereiter. Du
machest groe Augen, Johannes, mchtest wohl wissen, was fr ein Gold ich das
echte heie. Wohlan, darunter versteht der alchymistische Adept kein irdisch
Metall, sondern etwas Geistliches, wie berhaupt smtliche Metalle, ihre
Mischungen und Umwandlungen, Gleichnisse fr Qualitten und Vorgnge der Seele
sind. Sobald du dein Auge fr das Reich der Sinnbilder aufschleuest, wirst du
seltsame Zusammenhnge und Entsprechungen darin entdecken. Sie haben den Grund
geliefert fr alle geheime Wissenschaft, so fr die Mysterien der Andacht, auch
fr die Sterndeuterei, endlich fr die Alchymie. Erinnere dich, da manche
Sterne den Namen von Gottheiten fhren: Jupiter, Mars, Venus und Saturn, der
Sonnengott Sol und die sanfte Luna wurden von den Alten als Gtter verehrt. Kein
Wunder, da man darauf verfiel, zwischen den Herzensqualitten dieser Gtter und
ihren Gestirnen eine heimliche Entsprechung anzunehmen. Von Menschen, zornigen,
herrischen Gemtes, sagte man, sie seien im Zeichen des roten Mars geboren. Den
Abendstern hielt man fr eine astralische Macht, von der verliebte Neigung
ausgehet. Nun aber bedenke, da die Planetennamen auch von Chymikern angewandt
werden, Metall zu bezeichnen: Sol oder sein Symbolum, der Kreis, bedeutet das
gelbstrahlende allerwertvollste Metall; Luna oder eine Mondsichel ist des
Silbers Bezeichnung. Das Eisen heiet Mars als des Kriegsgottes Werkzeug. Venus,
die cyprische Gttin, bedeutet das Kupfer; der trbselige Unglcksstern Saturn
das Blei. Dieser Hinweis nun sei fr dich, mein Johannes, ein Schlssel, das
edle Geheimnis der Alchymie zu erffnen. Unter den Metallen nmlich nicht minder
wie unter den Sternen werden Eigenschaften des inneren Menschen verstanden. So
ist das Eisen, auch Mars benamset, des Herzens wilder Drang, zu herrschen und zu
kriegen. Das schwerfllige Blei bedeutet niederdrckendes Unheil und Schwermut.
Venus oder das Kupfer ist die Minne, Silber oder Luna Keuschheit und Unschuld.
Das Gold aber bezeichnet das hchste Gut des inneren Menschen, jenen Schatz im
Acker, dem das Himmelreich gleichet. Wenn nun der wahre Alchymist danach
trachtet, aus niederen Metallen hhere zu bereiten, so kommt es ihm nicht darauf
an, den einen Erdenstaub in den andern umzuwandeln, sondern die niederen
Herzensqualitten zu adligen und in das allerhchste Gut, in des Herzens Gold,
zu transmutieren. Ich spre wohl, Johannes, da meine Lehre dir neben dem
Staunen auch etliche Enttuschung bereitet. Denn ich kann mir denken, da ein
unerfahren Kind noch nicht auf den rechten Sprsinn gekommen, so das Kstlichste
zwischen Himmel und Erde in seinem ganzen Wohlschmack empfindet. Doch harre nur,
wirst schon seiner schmecken lernen; la erst noch viel bitterer die
Enttuschung deine Zunge plagen. Enttuschung, dies bittere Kraut, ist ja ganz
unentbehrlich, willst du den Stein der Weisen bereiten.
    Nachdem ich diesen Worten staunend nachgesonnen, entgegnete ich: Eure
Lehre, weiser Meister, hat mir mit nichten Enttuschung beigebracht, wenigstens
fhlt sich zu dieser Stunde mein Herz so wunderbarlich frei und reich, da ihm
kein Zweifel an der von Euch gespendeten Wahrheit kommt. Drum, edler Meister,
treuen Dank!
    Waldhuser reichte mir freudig die Hand. Wohlan, mein Kind, halte den Segen
der Stunde fest, und damit du ihn tiefer in dich aufnehmest, la uns noch ein
Weilchen im Freien unter Sternen weilen, indessen ich, gleich den Nachtigallen
drunten, im Fltenton meine Andacht in die Nacht strme. Und er holte seine
Flte, auf der er kunstvoll zu spielen wute. Sanft und rein, klagend und doch
voll Seligkeit schwollen die Tne und bebeten in die Weite, zur Wunderwelt der
Lichtsymbola. Wie aber die rhrende Weise verklungen, nahm mich der Meister
sacht am Arm, trat mit mir ins Museum, wo noch immer die Lampe leuchtete, und an
der Bahre das Totengerippe Wacht hielt. Von der Leiche tat er das schwarze Tuch
hinweg; das entseelte Knblein lag wie ein schlafender Engel. Unter Zhren
lchelnd betrachtete ich die schne Bildung des erblichenen Antlitzes, den
sanften Mund, die zugeschlossenen Augen, die gldenen Locken. Auch Waldhuser
war in den Anblick versunken. Dank! flsterte er nickend; Dank fr
Unterweisung und Demonstratio! Dann tat er einen sehnschtigen Aufblick, als
ffne sich die Zimmerdecke und lasse die Sterne hereinstrahlen, und sprach in
einer melodischen Art, die nichts seinem Fltenspiel nachgab:

Fahre wohl, verklrte Seele!
Bis uns lacht ein Wiedersehn,
Wann auch ich aus Staubes Hhle
Darf zu Funkelsternen gehn.

Liebreich winkt ein Hirt: Willkommen
Auf besonnter Blumenweid!
Lmmlein, bist mir angenommen
In der Unschuld weiem Kleid.

Gnade Gott, wir knnten alle
Gleich so erdenledig sein,
Da wir zum Schalmeienschalle
Hpften in den Himmel ein.

Trumen lat mich, Funkelsterne!
Hebt mich ber Grber weit!
Ach, ich traue dir so gerne,
Heimweh nach der Ewigkeit.

    Mit diesem Erlebnis schlo mein Aufenthalt bei Waldhuser. Nie sah ich ihn
wieder, - so da sein Fahrwohl ungeahnt auch mir galt, - mit der Einschrnkung,
da ich nicht wie der tote Knabe mit Unschuld bekleidet war. Immerhin hatte ich
Sehnsucht nach dem himmlischen Kleide und war dessen sicher, da es sich weben
lasse aus Waldhusers Weisheit.


                              Das fnfte Abenteuer

                          Die Grfin vom Bhmerschlo

Zu den kostbaren Lehren, die ich von Waldhuser vernommen, gehrt auch eine, fr
die mein ganzer Lebensgang Zeugnis ablegt, und die gleich am Tage, so auf die
nchtliche Meditation folgte, eine traurige Besttigung fand. Im Anschlu an des
Evangelisten Predigt Im Anfang war das Wort hatte Waldhuser gesprochen:
Vergi niemals, mein Kind, da durch alles Erschaffene hindurch eine
Folgerichtigkeit waltet, vor der es kein Entrinnen gibt. Stellest du ein Ding an
die Sonne, so wirft es Schatten, und wenn es regnet, wird's na. Toren whnen,
ihnen werde Fortuna gestatten, den Folgen auszuweichen. Es mu halt jeder auf
sich nehmen, was er angerichtet hat. Wie die Saat, so die Ernte, und wer Wind
set, erntet Sturm. In Waldhusers Friedensreiche hatte ich schier vergessen,
wie nrrisch ich es getrieben, und mich in den Wahn gelullt, die Folgen seien
vermeidbar.
    Wie ich andern Tages das Haus verlie, um einen Gang fr Waldhuser zu tun,
der in aller Frhe seine Patienten aufgesucht hatte, trat ein Soldat zu mir und
sprach, ich solle allsogleich zum Herrn Grafen Slawata kommen, der eine wichtige
Sache mit mir zu besprechen habe. Da ich vermeinte, der Graf sei ein Patient, so
meine Pillen und Morsellen begehre, folgte ich dem Soldaten in des Grafen
Palast.
    In einem Gemache, das wie eine Kanzlei aussah, sa ein frnehm gekleideter
Herr ergrauten Bartes, und bei ihm war ein Dominikanermnch. Der Herr winkte mir
und suchte seinem frostigen Gesicht einen freundlichen Ausdruck zu geben. Ist
Er Johannes Tilesius, der Gold machen kann? - Nicht ohne Bestrzung versetzte
ich: Mein Name lautet also. Was aber die Goldmacherei betrifft, so geht es mir
wie andern Alchymisten: es kommt ein Stndlein, da glubet man, mchtig wie der
Herrgott zu sein, und gleich hernach ist man, was man war, ein armer Narre. Da
hielt der Herr in seiner Hand jene Silberkapsel empor, die ich Susannen
geschenkt. Verlegen gab ich zur Antwort: Das eine Mal nur ist mir die
Goldmacherei gelungen; aber was eine zufllige Konstellation der Umstnde
vermochte, hab ich mit Fleie nie wieder zustande gebracht. - Khl entgegnete
der Graf: So mu Er halt probieren, die Konstellation aufs neue
herauszubringen. Habe vernommen, da Er beim Mediko Waldhusero seine Zeit mit
Krankenbesuchen verliert, anstatt im Laboratorio dem Knig der Metalle zu
huldigen. Wohlan, ich will Ihm zu einem wrdigeren Amte verhelfen. In meine
Dienste soll Er treten und ein prchtig Laboratorium haben. Wenn er dann aufs
neue zustande bringt, was Ihm schon einmal gelungen, wird Er im Golde schwimmen
knnen. Das ist eine Aufgabe wrdiger, als die Waldhuserei. Dieser
Lumpenkurierer bringet Ihn vom rechten Wege ab. - Nicht doch! Herr Graf!
eiferte ich; vielmehr hat mich der Waldhuser auf den Weg der Wahrheit
gebracht, und den mcht ich nicht verlassen. Drum wolle mir der Herr erlauben,
da ich seinen Antrag, so ehrenvoll er ist, mit schuldigem Respekt ablehne und
mich wieder zu meinem Meister begebe. Der Graf warf mir einen stechenden Blick
zu und wandte sich zum Dominikaner: So redet Ihr mit ihm, hochwrdiger Pater!
    Nun richtete sich der Mnch herrisch auf, zog die Brauen zusammen und
heftete auf mich jenen Blick, mit dem die Viper ihr Opfer lhmet. Zischend
sprach er: Was in Gte nicht geht, das mu Strenge ausrichten. So gebe ich Ihm
denn zu bedenken, da Er nicht blo ein Ketzer ist, sondern sogar ein Zauberer.
Keine Widerrede! Wir haben Zeugen. Denk Er an den Doktor Giacomini!
    Wie vom Donner gerhrt, trat ich einen Schritt zurck: Der Giacomini will
gegen mich zeugen? Und hat doch selber die Zaubersuppe bereitet! Abwehrend
unterbrach mich der Mnch: Was der Giacomini getan, kommet nicht in Betracht.
Der Giacomini ist Zeuge, nicht Angeklagter. Johannes Tilesius ist der Zauberei
beschuldigt und hat der Jungfer Susanne vom Wirtshaus zur pfelkammer
eingestanden, da Er vor Jahren Zauberei getrieben.
    Krampfhaft zuckte mein Herz, da ich vernahm, da Susanne mich verraten
hatte, und ich gab alle Renitenz auf. Triumphierend betrachtete mich der Pfaff
und verzog das Gesicht zu einer tckischen Freundlichkeit. Nun Er wei, was Ihm
widerfahren kann, wird Er kirre sein und des Herrn Grafen Antrag annehmen. Tut
Er das, so soll Ihm christliche Milde werden, und im Dienst der Kirche mag Er
seinen Frevel shnen. In diesen Zeitluften, wo die Hllenschlange sich gegen
den gttlichen Menschensohn aufbumet, mu die heilige Kirche streitbar sein und
bedarf dazu der mchtigsten Waffe dieser Welt, des Goldes. Drum frisch ans Werk,
Herr Goldmacher, verstanden? Da ich wie vernichtet in Schweigen verharrte,
lchelte er spttisch und scherzte mit sich selber: Ei ja, warum soll man
Zauberer nicht in den Dienst der Kirche nehmen? Hat nicht der Heilige Wolfgang
den Teufel gezwungen, ihm die Steine herbeizukarren, draus eine Kapelle werden
sollte?
    Wieder im herrischen Ton wandte sich der Dominikaner zu mir: Sofort hat Er
sein Amt anzutreten. Man wird Ihn ins Laboratorium bringen. Was Er an Stoffen
und Werkzeugen bentigt, mag Er bei mir bestellen, falls Er es nicht vorfindet.
Eine Bibliothek stehet Ihm zur Verfgung. An gutem Essen und Trinken soll es
nicht fehlen. Aber das sage ich Ihm: wenn heuer das Laub von den Bumen fllt,
mu Ihm die Transmutatio Metallorum gelungen sein. Zum Abschied noch den Rat,
sich diesem Soldaten nicht zu widersetzen, der Ihn ins Laboratorium bringen
wird. La Er sich jetzo die Hnde fesseln.
    Entsetzt blickte ich nach dem Soldaten, der einen Strick in der Hand hielt
und Miene machte, ihn anzuwenden. Ich strzte zum Fenster und schrie aus voller
Kehle: Hilfe! Hilfe! Aber da hatte mich der Soldat auch schon gepackt,
blitzschnell meine Hnde gefesselt und einen Knebel in meinen Mund gezwngt, da
mir das Schreien verging. Gebieterisch streckte der Mnch den Arm nach der Tr,
und der Soldat zerrte mich fort. Ich mute neben ihm die Treppe hinuntergehen
und in einem Wagen, so im Hofe mit Pferden bespannt unser harrte, an seiner
Seite Platz nehmen. Gleich darauf fesselte mir der Soldat auch die Fe und
verband meine Augen. Die Wagentr ward zugeschlagen, und wir fuhren eilig ab.
    Auerstande, mir zu helfen, ergab ich mich in mein Schicksal. Da wir die
Moldaubrcke passierten, verriet das Rauschen des Flusses, dann ging es bergan.
Als kein Laut von Menschen mehr, nur Wipfelsuseln zu vernehmen, tat der Soldat
das Tuch von meinen Augen und erlste mich vom qualvollen Knebel, wofr ich ihm
meinen Dank sagte. Nachdem wir eine Stunde durch Wald gefahren waren, wurden mir
die Augen aufs neue verbunden, ich vernahm nahes Hundegebell und Hhnekrhen,
und merkte, da wir durch ein Dorf kamen. Wieder im Walde, ward ich von der
Binde frei, und der Soldat gab mir aus mitgenommenem Vorrate zu essen und zu
trinken, geno auch selber davon. Als die Sonne hinter die Tannenwipfel sank,
wurden noch einmal meine Augen verhllt, und ich merkte bald darauf am dumpfen
Widerhall und Klappern der Hufschlge, da wir durch ein Tor in einen
gepflasterten Hof fuhren. Dann hielt der Wagen, mir wurden die Augen frei
gemacht und die Fesseln abgenommen.
    Aus dem Wagen gestiegen, sahe ich mich um und war im Hofe einer Burg, deren
Tor hinter uns zugetan und von Soldaten bewacht war. Mein Begleiter bergab mich
einem Manne, der in der Rechten einen entblten Degen, in der Linken einen Bund
Schlssel hatte und mit einem scharfen Blicke mir gebot, frder seinen Weisungen
zu folgen. Whrend der Soldat zurckblieb, fhrte mich mein Vogt ein paar
Treppen hinan in einen langen dstern Gang und schlo an dessen Ende eine Tr
auf: Hier wird Er hausen.
    Mein Gemach war gerumig und von wohnlicher Einrichtung. Hatte ein stattlich
Himmelbett, einen runden Tisch von Eichenholz, geschnitzte Sthle und einen
Polstersessel. Trstlich ward mein Herz berhrt, als ich an der Wand ein Gestell
voller Bcher bemerkte. Das Fenster fhrte in den Burghof und war stark
vergittert. Sogleich wird der Herr sein Nachtmahl erhalten, mag Er inzwischen
das Laboratorium betrachten, es liegt hier nebenan. Hierauf verlie der Vogt
mein Gemach, nicht ohne es zu verschlieen.
    Ich begab mich in das Laboratorium und nahm in der Abenddmmerung seine
Hauptteile wahr. Ein Kreuzgewlbe mit zwo steinernen Sulen. Die vergitterten
Fenster fhrten zum Burghof. Am einen war ein groer Tisch mit Retorten,
Tiegeln, Phiolen. Lngs der Wnde gingen Gestelle, und in Bchsen, Ksten,
glsernen Gefen waren Minerale und Lsungen. In der Ecke hatte es Mrser
verschiedener Gre.
    Staunend trat ich an den seltsamen Schmelzofen. Aus gebranntem Ton war er
geformt, in Gestalt des biblischen Behemot oder Nilpferdes. Die Feuerung ward
eingefhrt durch des Ungeheuers Maul. Auf dem Rcken war eine Sttte fr den
groen Kessel. Um sie zu erreichen, mute man mehrere Stufen empor zu einer
gemauerten Erhhung steigen. Des Tieres Hinterteil ging ins Gemuer zum
Schornstein. Auffallend war noch, da zwischen den Nstern des Behemot der
Buchstabe A, auf der Hfte aber ein Z stund.
    Wieder in meinem Gemache, erhielt ich Speise und Wein. Dann erffnete mir
der Burgvogt, er werde mir in all meinen Wnschen gefllig sein, so zur
Befrderung der chymistischen Arbeiten dienen! Meine Wohnung drfe ich
einstweilen nicht verlassen, spter aber zum Lustwandeln den Burghof verwenden,
falls es der Pater Aloisius gestatte.
    Einfrmig gingen mir die Tage hin. Ich wute zunchst nichts anzufangen, als
die Bcherei zu durchstbern. Fand mehrere Schriften ber gttliche Dinge und
menschliche Weisheit. Hinein versunken, fhlte ich mich fr Stunden frei, und
die philosophische Materie pate besser fr meinen Seelenzustand als das Studium
der Chymisten. Die Goldmacherei war mir dermaen zuwider, da ich in den ersten
Wochen das Laboratorium mied. Meinen Vogt, der mich zur Rede stellte, betrog ich
mit der Ausflucht, es tue mir zuvrderst das Studium alchymistischer Bcher not,
deren Rezepte ich spter durch die Tat erproben werde.
    Da in schlaflosen Nchten Gram mich heimsuchte, ist aus der Natur eines
Menschen verstndlich, der erst dreiundzwanzig Sommer zhlte und die Beraubung
der Freiheit zum allerersten Male empfand. Manchmal hatte ich solch Mitleid mit
mir selbst, da ich in Trnen ausbrach und, die Hnde zusammengekrampft, gen
Himmel flehte, er mge mich doch durch ein Wunder erretten, mge mir einen
Ausweg ins Freie weisen. Allmhlich sammelte ich meine inneren Krfte, da mir
der Kummer weniger anhaben konnte. Zur Erbauung gereichte mir das Andenken an
Waldhuser. In tiefer Meditation prfte ich seine Worte ber die geistige
Bedeutung der Alchymie und setzete mir ernstlich fr, im Laboratorio meiner
Seele meine Triebe und Leidenschaften zu lutern und zu edlerem Metalle
umzuwandeln.
    Was mir dabei zustatten kam und innigen Trost spendete, waren dichterische
Versuche. In frheren Jahren hatte ich zwar hin und wieder ein Poem verfat,
aber nur nach Schulfuchsen-Weise. Erst in jener feierlichen Nacht, da Waldhuser
auf seinem Altan die Flte gespielt und an der Bahre des Knbleins ein Gedicht
gesprochen, war mir die Ahnung aufgegangen, es knne des Poeten Kunst weit mehr
sein, denn Spiel und Schmuck fr mige Stunden. Des Liedes Muse hatte mich
damals an eine Pforte gehoben, durch die ich den Himmel offen sahe; nun ward ich
inne, da ich zu selbiger Pforte einen eigenen Schlssel in mir trage. Wie
Gottesdienst war mir nun der hippogryphische Flug zum Olymp. Und seltsam,
whrend meine Trume zu Versen sich gestalteten, vernahm ich oft Musik in der
Nhe, so deutlich, als singe ein Engel zur Harfe.
    Wehmtig s war es mir, an die Tage zurckzudenken, die ich in Schlesien
und dann zu Prag verlebt. Als eine sanfte Blume schwebte vor mir Elfriedens
blasses Gesicht, und meine Liebe zu ihr ward um so zarter und geistiger, je mehr
ich in Sicsatis das Hexlein Schlangenglatt erkannte, das die Sinne bezaubert,
Eitelkeit und Untreue im Busen. Fr Elfrieden errichtete ich in meinem Herzen
einen Altar und schmckete ihn mit den Blten meiner Phantasei. Den ganz
flchtigen Verkehr mit der Patientin in Warmbrunn spann ich trumend zu einem
bunten Gewebe von Minneabenteuern aus, von Zusammenknften und Gesprchen, die
sich gar nicht begeben hatten. War das nun Alchymie nach Waldhusers Lehre?
    Monde waren vergangen, und ein gelbes Blatt, vom Wind in den Burghof
verweht, kndete den eingetretenen Herbst. Da rasselte der Schlssel meines
Gemaches, zu einer Stunde, wo ich sonst keinen Besuch des Vogtes empfing.
Schrecken durchfuhr mich, als der Dominikaner eintrat, whrend der Vogt an der
Tr Posto fate, den blanken Degen in der Faust, wie bei meiner Ankunft. Finster
sprach der Pfaff: Wie ich vernehme, macht Er einen schlechten Gebrauch von
seiner Mue und miachtet der Befehle, so ich Ihm zu Prag eingeschrft habe.
Warum unterzieht Er sich nicht seinen alchymistischen Aufgaben? Warum hat Er
kein einzig Mal den Schmelzofen heizen lassen? Bilde Er sich nicht ein, mit mir
sein Spiel treiben zu drfen. Da Er es wei: wir haben Mittel, Ihn zu kirren;
denn wie es mir freistehet, Ihm den Aufenthalt in dieser Burg angenehm zu
machen, so kann ich auch Weisung geben, da Ihm die gute Kost und die
Bibliothek, der Er allzuviel Eifer widmet, entzogen wird. Ja, mehr noch: zeigt
Er sich andauernd renitent, so mag Er im finstern Burgverlie logieren, und als
letztes Mittel, das dem Verbrechen der Zauberei rechtens gebhrt, bleibet noch
die Tortur.
    Meine Angst, bei dieser Rede immer mehr gesteigert, ging auf einmal in
rasende Emprung ber, und mit krallenden Hnden wollte ich den Feind erwrgen.
Doch den Degen gezckt, sprang der Vogt zwischen uns und stie mir die Faust ins
Gesicht, da ich taumelte. Dabei kam mir die Besonnenheit wieder, ich beruhigte
die keuchende Brust.
    Mit verchtlicher Klte sprach der Pfaffe weiter: Nun Antwort! Warum hat Er
das Laboratorium vernachlssigt? Ratlos rang ich nach Worten, bis mir eine List
beifiel. Zuckte also die Achseln und sprach wegwerfend: Was soll mir das
Laboratorium, da ich doch keinen Gebrauch davon machen kann!
    Der Mnch horchte auf: Warum denn nicht? Hundert Alchymisten wrden Ihn um
dies Laboratorium beneiden. Was fehlet daran? - Was daran fehlet? Ein
Gefngnis ist es; nur in Freiheit kann der Alchymist etwas ausrichten.
    Keine Flausen! lautete die Antwort. Ich aber fuhr fort, mich zu
verstellen: Foltert mich! Doch wenn ich auch in Stcke gerissen werde, bleibe
ich dabei: Wohl habe ich beim Schmirsel jenes Stcklein Gold hergestellt, so in
Eure Hnde gelangt ist. Es mag auch sein, da mir die Goldbereitung das eine Mal
wirklich gelungen ist, obschon Herr Waldhuser meint, das gewonnene Gold sei
schon zuvor in den vermischten Stoffen gewesen, ich habe es nur nicht gewut.
Angenommen, ich habe in Wahrheit Gold bereitet, so bin ich damals durch einen
Zufall begnstigt worden. Den aber hat die launische Fortuna nie wiederkehren
lassen, wiewohl ich mich abgemht, die gleichen Stoffe und Verhltnisse von
neuem zustande zu bringen. Ich knnte Euch ja nun freilich mit leeren Hoffnungen
eine Weile am Narrenseil herumfhren ... - Wehe ihm! druete der Pfaff. -
Eben darum! fuhr ich fort: ich will Euch nicht hinhalten, sondern beizeiten
ber die Schwierigkeit informieren. Wohlan, lasset mich eine Stelle zitieren aus
der Schrift: Mysterium chymicum. Ich holte das Buch, bltterte und las: Von
Paracelso sagt sein Schler Basilius, er habe mit Hilfe der Mondblume ein
rosenfarben l gewonnen und damit Silber tingiert, so da es gutes Gold worden.
    Da ich nun schweigend den Pfaffen ansahe, zuckte er hochmtig mit dem Kopfe:
Was soll mir das Zitat? hnliche Stellen, so auf Geschwtz und Aberglauben
zurckgehen, sind hufig in Goldmacherschriften.
    Ich nahm mich zusammen, da ich im Tone der berzeugung erwiderte: Mit
dieser Stelle hat es eine eigene Bewandtnis. Bedenket, da ich kurz vor meiner
Prager Goldbereitung aus einem Gemisch von Krutern, die mir meistens unbekannt,
einen Absud gekocht habe, und da hiervon ein Rest in jenem Glase verblieben
ist, das nach Aufnahme der Massae das rosenfarbene Wunderl herfrbrachte.
Wahrscheinlich ist die Mondblume unter den Krutern gewesen. - Nun, so schaffe
er die Mondblume herbei! sagte der Mnch. Ich aber erwiderte: Leicht gesagt.
Wenn mir nur bewut wre, welch Kraut mit dem Namen Mondblume bezeichnet wird.
Jedenfalls werden die Kruter, besonders seltene, in den unterschiedlichen
Gegenden nicht immer gleicherweise benamset. Es gilt, herauszubringen, wie die
Mondblume aussiehet. Erst dann bin ich in der Lage, sie zu beschaffen. Diesen
Zweck nun verfolget mein theoretisch Studium. Drum wollet mir nicht dazwischen
fahren. Dem Mitgliede eines hochgelahrten Ordens ist doch bewut, da alle
Kunstfertigkeit nur aus der Wissenschaft quillet. Sendet mir Bcher, in denen
sich Angaben ber die Mondblume vermuten lassen. Ohne sie gleiche ich mit allem
Experimentieren nur einem Narren, so um Mitternacht im Wald umhertappet, einen
Sonnenstrahl aufzufinden, den er zwlf Stunden zuvor deutlich gesehen.
    Forschend ruhte des Mnches Auge auf mir, nach etlicher berlegung sprach
er: Also gut, mag Er zunchst studieren, und was die Bcher betrifft, so will
ich Ihm schicken, wonach Er begehret. Indessen befehle ich hiermit, da Er neben
der Theorie auch das Experiment emsig betreibe. Kein Tag darf vergehen, ohne da
Er im Laboratorio arbeitet, und wofern mir hierber kein zufriedenstellender
Bericht wird, so sollen Strafen erfolgen. Ernstlich hat Er zu bedenken, da alle
Wnsche, die Er in seiner jetzigen Lage hegen mag, sich nur auf eine Weise
erfllen lassen, wenn Er nmlich die Transmutatio zustande bringet. Sein Glck,
sein Befreier, sein Heiland nchst Gott und unserm Herrn Jesu ... bei diesen
Worten bekreuzigte sich der Pfaffe ... heiet Gold. Und nun verlie mich mein
Qulgeist.
    Wie die Tr verschlossen war, sank ich zitternd in den Sessel. Hatte zwar
fr den Augenblick die Attacke abgeschlagen, wute aber, der mchtige Feind
wrde unerbittlich zurckkehren.

Wie seltsam verstehet doch das Schicksal seine Mittel zu whlen! Meine
alchymistischen Versuche waren nicht umsonst. Sie fhrten zwar nicht zur
Transmutatio, doch zu einer Erfindung, und diese half mir zur Freiheit.
    Ich hatte einen Absud von Krutern mit Alaun und Spirito vini vermenget und
versehentlich die Massa ber ein aufgeschlagen Buch flieen lassen. Die
wasserklare Flssigkeit machte zuerst keine Flecken. Wie erstaunte ich aber, als
ich einen Monat spter das Buch zur Hand nahm und die begossenen Stellen nunmehr
braun fand. Ich zog hieraus den Schlu, die ausgegossene Flssigkeit sei so
beschaffen, da ihre Flecken auf dem Papier, anfangs unsichtbar, erst nach
geraumer Zeit dunkel werden. Versuche ergaben, da nach drei Wochen das benetzte
Papier sich dunkel zu frben begunnte. Wie diese Tinte zu meiner Befreiung
angewandt ward, soll der nchste Verlauf meiner Chronica melden.
    Auch insofern half mir mein Experimentieren, als es mich dazu brachte, den
Schmelzofen nher zu untersuchen. Weil mir bei einer gewissen Witterung der
Rauch ins Gewlbe schlug, war ich auf Remedur bedacht. Kroch also in den Rachen
des Behemot hinein und richtete mich im Innern auf, so da mein Kopf in den
Schornstein kam. Mit einer Laterne leuchtete ich in den ruigen Schlund, er war
gerumig; im Gemuer waren Lcken, und den Fu hineinsetzend, konnte man wie auf
einer Leiter empor gelangen.
    Nach dieser Entdeckung begab ich mich gleich zurck ins Laboratorium. Htte
es bedauert, wenn mein Wrter mich innerhalb des Ofens gefunden und also diesen
Ausweg aus dem Gefngnis bemerkt htte. Mein erster Gedanke war, einen Strick zu
beschaffen. Von den Ton- und Glasgefen, so mit Pergament verschlossen waren,
tat ich die Fden hinweg und knpfte diese aneinander. Indem ich den so
gewonnenen Faden achtfach zusammendrehte, erhielt ich einen Strick von doppelter
Mannslnge. Ich verlngerte ihn noch dadurch, da ich ans eine Ende meinen
Leibgurt, ans andere ein zusammengerollt Linnentuch band.
    Pochenden Herzens harrete ich der Nacht, den entdeckten Ausweg nher zu
untersuchen. Wie sonst um die neunte Stunde lschte ich mein Licht, damit die
Wache vom Hofe her nicht zu ungewhnlicher Zeit Helligkeit bei mir bemerke. Um
zehn Uhr jedoch zndete ich die Laterne an, schob sie in den Schmelzofen und
kroch hinterdrein. Den Strick um den Leib, kletterte ich im Schornstein
aufwrts, indessen mir die unten verbliebene Laterne leuchtete.
    An der Mndung des Schornsteins reckte ich mich ins Freie. Der Mond netzte
silbern das Dach und beleuchtete waldige Hgel. Im Nachthauche suselten die
Tannenwipfel, eine Eule schrie. Den Riemen um den Schornstein geschlungen,
rutschte ich an den Rand des ueren Burgdaches und lugte hinab. Wie schwer, auf
diesem Wege zu entrinnen! Wofern ich selbst einen gengend langen Strick htte,
wrde ich in den tiefen Graben gelangen, der die Burg umzingelte; und wie sollte
ich hinausklettern? Whrend ich berlegte, vernahm ich drunten Schritte nebst
Waffengerassel und sah im Mondlicht einen Soldaten jenseits des Grabens den
Rundgang um die Burg tun. Derweilen ich mich anschickte, wieder rckwrts zu
kriechen, lste sich ein Dachziegel und strzte polternd in den Burggraben. Aber
der Wachtposten kehrte nicht zurck, und so rekognoszierte ich weiter. Die Burg
war in Form eines Vierecks gebaut und hatte an den Ecken vorspringende Trme.
Vom Dache einer jeden Burgfront ragten mehrere Schornsteine. Ringsum nichts als
Waldgebirge, keine Spur eines Dorfes. Wie ein Nachtvogel flog mein Trumen ber
die Wipfelwogen dem Isergebirge zu und suchte das traute Husel des Oheims, der
jetzo in friedlichem Schlafe lag, ahnungslos, da sein Johannes gefangen sei und
sehnschtig auf Befreiung sinne.
    Auf einmal klang ein melodisch Summen, das ich frher schon bemerkt, jedoch
fr Einbildung gehalten. Vom nchsten Schornstein kam es her. Ich rutschte
rittlings die Dachfirste entlang, und in den Schornstein hineinhorchend, vernahm
ich Harfenschall und den Sang einer weiblichen Stimme.
    Nach lngerem Lauschen beschlo ich, mich ein Stck in den Schornstein
hinunterzulassen, um zu erkunden, wer die Sngerin sei, und ob ihr Gemach meine
Flucht begnstigen knne. Den Strick befestigte ich oben am Schornstein, lie
das andere Ende in die Hhlung und glitt behutsam hinab. In die Schlinge des
unteren Endes steckte ich den Arm und schwebte nun im Schornstein nahe der
Mndung eines Kamins, durch den die Musik empordrang. Deutlich vernahm ich den
Harfenschall und die Worte, von sanfter Mdchenstimme gesungen:

Es kmmte die Grfin ihr flutend Haar,
Zur Minne tte sie taugen.
Da wallte vorbei der junge Scholar
Und hub die schmachtenden Augen.

Scholar, so halt deine Augen in Hut,
Da sie zu hoch nicht fliegen!
Wer nicht geboren aus Adelsblut,
Darf keine Grfin kriegen. -

Und ist mein Schatz auch hoch und fern,
Mein Minnen soll daran hangen,
Wie ich liebe des Himmels hehrsten Stern.
Wer mag ihn zur Erde langen? -

Scholar, von der Erde gehrst du fort,
Hast schon des Himmels Weihen,
Bist gar so rein wie die Engel dort,
Die lieben, ohne zu freien.

Du Keuscher bist hher geboren denn ich,
Dein Adel reicht ber die Frsten.
Du hebst mich hinan, ich fhle mich
Nach himmlischer Minne verdrsten.

    Das war kein Lied, wie es eine Tochter des Vogtes oder ein dienend Weib
htte singen knnen, im Ausdruck lag etwas Adeliges und Trauriges. Ich wute
nicht, was tun, ob ich mich wieder entfernen oder noch lnger lauschen solle.
Auf einmal ri das Linnentuch, mit dem ich meinen Strick verlngert hatte, und
ich strzte, wobei sich mein Kopf derart an einem vorspringenden Stein stie,
da mir die Sinne schwanden.
    In mein Gesicht gespritztes Wasser brachte mich wieder zu mir. Ich lag auf
der Diele eines fremden Gemaches, ngstlich starrten mich zwei von Kerzenschein
beleuchtete weibliche Gesichter an. Das eine gehrte einer etwa zwanzigjhrigen
schnen Jungfer. Die gro aufgetanen Augen hatten braune Sterne, bleich wie
Marmor die feine Haut, die Wangen rosa. Um die Schlfen wallten dunkle Locken.
Die zarte Hand hatte soeben meine Stirn mit Wasser benetzt, ich fhlte noch die
wohltuende Berhrung. Der Jungfer Kleidung war schlicht, doch voller Anmut. Die
andere Frau, schon ltlich, hatte eine trauervolle Gte im runden Gesicht; sie
war wohl eine Dienerin. Er kommt zu sich, Jungfer Grfin! sagte sie, die
Wunde scheint nicht schlimm.
    Gott sei gelobt! entgegnete die Jungfer mit beklommener Stimme. Mich
freundlich anblickend fuhr sie fort: Unbesorgt, junger Gesell! Wir sind Ihm
nicht feind. Knnen uns denken, Er ist der gefangene Goldmacher und hat
versucht, bers Dach zu entkommen. Was mich betrifft, so bin ich des Grafen
Schlick jngste Tochter, mit Namen Thekla, und dies ist meine treue Kammerfrau
Marianka. Wir beide sind auch nichts anderes denn Gefangene. Diese Burg
Wasenstein, die mein Vater seinen Kindern vermacht hat, ward unser Gefngnis.
Und dieselben Peiniger halten uns fest, so auch Ihn, junger Gesell, hier
eingesperrt haben. Vielleicht lsset sich zwischen uns gemeinsame Sache machen,
so da einer dem andern zur Freiheit hilft. Aber nun sag Er, wie Er sich
befindet, und ob seine Kopfwunde sehr schmerzet.
    Solche Worte waren mir noch holdere Musik, als das Lied zur Harfe. Ich
richtete mich auf und lchelte: Dank fr des Fruleins Gnade und ebenfalls
Euch, gute Kammerfrau, Dank fr den Beistand. Dem Himmel Dank, da ich euch
gefunden habe!
    Meinen Kopf betastend, erklrte ich die Verletzung fr unbedeutend und erhub
mich vom Boden. Auch die Frauen stunden auf, und nachdem sie ein nasses Tuch zu
meiner Khlung gereicht hatten, war unsere erste berlegung, wie wir uns vor
berraschung sichern knnten. Die Kammerfrau gab den Rat, ihre Herrin solle mit
Harfen fortfahren. Das sei der Wrterin, deren Schlafgemach hinter der einen
Wand gelegen, und auch der Burgwache im Hofe unverdchtig. Zur Musik mge ich
meine Geschichte erzhlen.
    Gesagt, getan. Und nun lauschten voll inniger Teilnahme die beiden Frauen
meinem Berichte. Als ich auf den Dominikaner und den Prager Herrn zu sprechen
kam, in dessen Schlo ich verhaftet worden, sagte das Frulein bitter: Mein
sauberer Oheim, der Graf Slawata! Und sein tckischer Helfershelfer Pater
Aloisius - auch uns gegenber ein rechter Teufel und Folterknecht. Mein Oheim
will seine Nichte um ihre Habe bringen, nachdem er dazu beigetragen, da mein
teurer Vater unter Henkers Schwerte verbluten gemut. Zum Klosterfrulein wollen
sie mich machen, und weil ich mich widersetze, ist diese Gefangenschaft ber
mich verhngt.
    Ich starrte die Jungfer an: Unter Henkers Schwerte ist Euer Vater
verblutet? - Nach einem tiefen Seufzer kam die Antwort: Mein Vater gehrte zu
jenen bheimischen Emprern, so fr die Glaubensfreiheit kmpften, jedoch am
Weien Berge geschlagen und zum Teil dem Scharfrichter berliefert wurden.
    Ergriffen neigte ich mich und hauchte einen Ku auf der Jungfer Hand.
Spielet weiter auf der Harfe! mahnte Marianka. Doch die Grfin versetzte trb:
Ich kann es nicht mehr, nachdem die schreckliche Erinnerung an meines Vaters
Tod heraufbeschworen ist. So wird es denn am besten sein, wir lschen das Licht
und fahren mit leiser Stimme in unserm Gesprche fort. Stelle dem Jngling Wein
hin. Er mag neben meinem Bette im Sessel Platz nehmen, derweilen ich mich
hinstrecke.
    Nun lauschte ich im Dunkeln dem Raunen der holden Jungfer. Es war eine Nacht
voll wundersamer Gefhle. Zu unserer Furcht vor Entdeckung gesellete sich das
Gaukelspiel der Hoffnung, zu den Seufzern, die unsere traurigen Berichte
erpreten, das heimliche Glck einer schnell geknpften Freundschaft.
    Mein teurer Vater - sagte die Grfin. Ich sehe ihn noch, wie sein
gebrunt Antlitz strahlete und keck sein Auge blitzete zur Zeit, da uns das
Glck noch lchelte. Was dann der Gram aus ihm machte, mag ein Bildnis zeigen,
das der Verurteilte mir berbringen lie. Gleichwohl war sein letzter Gang
aufrecht, da er der Sieger schien, whrend seine Gegner scheu zur Seite
blickten. Ich war damals noch ein Kind; aber deutlich steht in meiner Erinnerung
das grausige Schauspiel, das ich nebst meiner lteren Schwester Elisabeth und
meiner treuen Marianka vom Fenster eines Hauses auf dem Altstdter Ring mit
ansah. Kopf an Kopf wogte drunten die Menge, whrend Soldaten mit geladenen
Musketen und vorgestreckten Picken das Blutgerst umgaben. An den Fenstern des
Rathauses zeigten sich der Altstdter Rat, die Knigsrichter und andere
Wrdentrger in Prunkgewndern. Unten am Blutgerst harrete eine Schar von
Mnnern mit bleichen, finsteren Gesichtern, Ketten an Hnden und Fen, darunter
mein Vater, schwarz gekleidet. Es waren die verurteilten Rebellen, denen das
Haupt, zum Teil auch noch die Schwurhand abgeschlagen werden sollte. Ein
Bllerschu zeigte an, da die Exekution beginne. Wie der Oberrichter den Stab
zerbrochen hatte, traten unter Fanfarengetn drei rotgekleidete Scharfrichter
auf das Blutgerst, und einer entblete sein breites Schwert. Mit Namen
aufgerufen, kam mein Vater zuerst an die Reihe, und ihm wurden die Ketten
abgenommen. Stark und hoch gewachsen wie er war, sprang er mit zween gewaltigen
Schritten die Treppenstufen hinan, wechselte etliche Worte mit dem Scharfrichter
und entblete rasch den Nacken. Da trat neben ihn ein Jesuiter und hielt meinem
Vater unter Beschwrung den Kruzifixum vors Angesicht. Einen Triumphschrei fand
ich inmitten meiner Angst, wie auf einmal mein Vater den Jesuiter mit einem
Tritt vom Blutgerst in die johlende Menge warf. Gleich darauf ri mich Marianka
vom Fenster zurck und umschlang mich weinend, whrend drauen ein dumpfer
Schlag erscholl, worauf die Menge hohl wie sthnender Wald murmelte. Ich durfte
nicht mehr zum Fenster, und es weinten lange die Frauen, so um mich waren.
Marianka reichte mir zum Trost meines Vaters Bildnis, in eine silberne Kapsel
gemalt. Ich will es Ihm, Herr Johannes, weisen. Mach fr ein Weilchen Licht,
Marianka!
    Beim Kerzenschein nahm ich die dargereichte Kapsel und betrachtete das
Bildnis. Graf Schlick hatte ein brtig Antlitz, wachsbleich von der
Gefangenschaft, umrahmt von braunen Locken, mit blauen Augen, deren trutzige
Khnheit und Hoheit kein Kummer bewltigt hatte, obwohl Spuren davon den Mund
umzogen. Auffllig war die Art, wie die Hnde auf der Brust lagen. Die Linke
streckte Daumen und Zeigefinger rechtwinklig voneinander. Darunter lag die
Rechte mit gleichfalls gespreiztem Daumen, der den Zeigefinger der andern Hand
berhrte. So war angedeutet der lateinische Buchstabe:

    Die Jungfer erluterte das Zeichen folgendermaen: Mein Vater, dem es
whrend seiner Gefangenschaft bis zum letzten Stndlein verwehrt blieb, seinen
Kindern von Angesicht zu Angesicht oder auch nur brieflich zu begegnen, hat uns
eine Mahnung geben wollen, die er nur bildlich auszudrcken vermochte. Seinen
Maler, der zu ihm ins Gefngnis gekommen war, wies er an, diese symbolische
Geberde zu malen, vermutlich weil das Z als letzter Buchstabe ans Ende des
Lebens und an die letzten Dinge erinnert.
    Ich stutzte, bedenkend, da ja auch am Schmelzofen ein Z angebracht war, und
zwar am hintern Teil des Behemot, whrend auf dem Maule ein A stund. Als ich der
Jungfer davon Mitteilung machte, wechselte sie mit ihrer Kammerfrau einen Blick
der berraschung: Das ist allerdings seltsam und bringt auf die Vermutung, da
der Buchstabe Z doch eine andere Bedeutung haben kann, als ich bisher annahm.
    Als nach diesem Gesprch das Licht wieder ausgelscht worden, grbelten wir
alle drei eine Weile ber das Rtsel. Dann meinte ich: Die gndige Jungfer hat
etwas gesagt, was mir noch unverstndlich: da nmlich das Z auf dem Schmelzofen
von ihrem Vater herrhre. Wie denn? Hat er sich einmal hier aufgehalten? -
Gewi doch! entgegnete das Frulein. Habe ich das noch nicht erwhnt? Die
Burg, auf der wir uns befinden, ist meiner Familie Eigentum, gern hat mein Vater
hier gehauset und hat das Laboratorium nach eigenem Plane angelegt, selber der
Alchymie beflissen.
    Nach all den kummervollen Gesprchen schlug unsere Stimmung in jugendlichen
bermut um. Jungfer Thekla erhub sich vom Lager, nahm die Harfe und sang dazu
ein Lied von der Prinzessin zu Nirgendheim, die eine Krone aus Mondschein trage
und in ihrem Wiegenbettlein gleichwie in einer Karosse durch ihre bunten Lande
schaukle. Der Rundreim hie:

Hasche dein Glck, wann es kommt geschaukelt,
Weil es sonsten vorbergaukelt.

    Diese holdselige Grfin war mir die Prinzessin von Nirgendheim und war wohl
auch mein Glck. Der Mond schien durchs vergitterte Fenster und versilberte der
Jungfer Hnde, die hurtig und zart ber klingende Saiten glitten. Wie gern htte
ich sie erhascht und an mein Herz gedrckt, das sich strmisch nach Zrtlichkeit
sehnte und zum Zerspringen klopfte. Doch eine Hoheit war dem Frulein eigen, die
mich in Schchternheit hielt. Um so reiner aber war mein Glck, um so
zauberhafter mein Trumen. Zu sanftem Schall, zu Mondenschein und Schattenspiel,
zu sbangem Zittern, Schaukeln und Schweben ward alles, was mich umgab. Ich
gedachte der letzten Nacht, die ich bei Waldhuser verbracht, und wie an des
Knbleins Leiche mir das Geheimnis aufging: Der wahre Alchymist sucht
Herzensqualitten zu adligen und in des Herzens Gold zu transmutieren. Und in
mir jubelte es: Bist auf einmal ein echter Goldmacher worden, Johannes!
    Doch vorber ging das selige Stndchen; ich mute in mein Gefngnis zurck,
und wir sorgten uns, weil der Strick im Schornstein sich nicht mehr erreichen
lie. Schlielich gelang es mir, den Feuerhaken in des Strickes Knotung zu
bohren, und nun konnte ich mich emporziehen.
    Auf dem Dache angelangt, raunte ich durch den Schlot ein Valet und rutschte
auf dem Firste zum Schornstein meines Laboratorii. Beim Schein der Laterne, so
noch immer im Schmelzofen brannte, kletterte ich hinunter und kam wohlbehalten
in meinem Gemache an. Ich verbarg meine ruige Gewandung und wusch mir die
Schwrze ab. Aufs Bett gestreckt, fand ich bis zum Morgengrauen keinen Schlaf,
denn mein Kopf schmerzete, und die Abenteuer dieser Nacht gingen durch meinen
Sinn.
    Andern Tages untersuchte ich die Buchstaben auf dem Schmelzofen. Das A auf
der Schnauze war mit schwarzer Farbe hingemalt. Ich kratzte daran, fand aber
nichts Sonderbares. Wie ich dann den Buchstaben Z beklopfte, klang die Stelle
hohl. Ich lockerte die Kacheln, bis eine herausging, und siehe, da war eine
Hhlung. Einen Lederbeutel zog ich herfr, der war mit Goldstcken, ber
dreihundert an Zahl, angefllt.
    Wie ein Blitz kam mir nun die Einsicht, Graf Schlick habe durch seine
Gebrde andeuten wollen, da berall, wo sich auf seiner Burg das Z befinde,
eine Barschaft verborgen sei. Dem Scharfsinn seiner Kinder mute er es
anheimgeben, die Deutung herauszufinden, da ihm ja verwehrt war, in anderer
Weise als mit stummer Geberde zu seinen Erben zu sprechen.
    
    Kaum konnte ich die Nacht erwarten, die mich wieder zur Jungfer Grfin
bringen sollte. Nachdem es mir gelungen war, meinen Strick zu verbessern, zog
ich meinen ruigen Kittel ber und verrichtete unschwer die Reise durch die
Schornsteine zu den Gefhrtinnen, die mich froh empfingen und Leckereien von
ihrer Mahlzeit fr mich aufbewahrt hatten.
    Gleich nach dem Willkomm brachte ich fliegenden Odems meine Entdeckung vor
und berreichte dem Frulein den Beutel mit Golde. Marianka meinte jubelnd:
Dieser Schatz kann uns befreien! Die Jungfer freilich bezweifelte, da es
gelingen werde, unsere Hter zu bestechen. Nach etlichem Sinnen warf ich hin:
Vielleicht ist auerhalb der Burg jemand, der uns den Kfig auftut. Marianka
meinte: Ja, einer, der auch mchtig genung ist, dem Grafen Slawata die Spitze
zu bieten.
    Ich wte nur einen, sprach die Jungfer; das wre Herzog Wallenstein, der
mchtigste Herr in Bheim. Aber mit unsern dreihundert Goldstcken knnen wir
diesen Frsten nicht anlocken. Da ward der guten Marianka eine Erleuchtung:
Man knnte den Anschein erwecken, als wre allhie ein viel grerer Schatz zu
ergattern. Herr Johannes knnte ja so tun, als sei er wirklich ein Goldmacher.
Wrde er von den vorhandenen Mnzen etliche einschmelzen und fr
selbstbereitetes Gold ausgeben, so liee sich dem Wallenstein vielleicht der
Mund wssrig machen, da er Hunger bekme nach den Reichtmern, die solch ein
Goldmacher herfrzaubern kann. Wir stutzten. Jungfer Thekla wandte ein: Der
Wallenstein hlt nichts von Goldmacherei; wie ich von meinem Vater vernommen,
hat er die Alchymisten fr betrogene Betrger erklrt. Sein Steckenpferd ist die
Sterndeuterei. Doch ich habe vor drei Jahren von der alten Grfin Wresowitz
gehrt, Wallensteins Faktotum, ein italienischer Sterndeuter, Seno mit Namen,
halte zu den Alchymisten und sei goldgierig. Vielleicht knnten wir diesen Seno
durch Vorspiegelungen wild machen und darauf bringen, da er dem Grafen Slawata
den Goldmacher entwendet und hiezu die Macht seines Herrn Wallenstein in
Anspruch nimmt.
    Marianka griff sich an den Kopf: Aber wie liee sich ein Brief an Seno aus
der Burg hinausbringen? Der einzige, der etwas nach auen senden darf, ist Herr
Johannes, und an den Pater Aloisius geht jedes seiner Schreiben.
    Jungfer Thekla erhub sich hastig: Mein Vater hat versucht, sich auf andere
Weise mitzuteilen als durch die Schrift. Durch ein Symbolum wollte er zu seinen
Kindern reden. Vielleicht knnen wir ihn nachahmen und ein Schreiben
herausbringen, das dem Auge des Pfaffen unverfnglich erscheint, whrend Seno
den geheimen Sinn herausfindet.
    Ich sprang auf und ging im Gemache umher: Ich hab's, ich wei ein Mittel.
Bei meinen alchymistischen Experimenten hab ich eine Tinte erfunden, ist farblos
wie Wasser, da man zuerst nichts lieset. Doch wenn die Schrift drei Wochen alt,
wird sie gelb und lesbar. Es wre also ein Brief mit gewhnlicher Tinte zu
schreiben, der ber Aloisius an Seno gelangen mu, eine Nachschrift aber mit
meiner erfundenen Tinte, nur fr Seno lesbar, beizufgen. Pater Aloisius mte
den Brief zur Befrderung recht schnell erhalten, solange die Geheimschrift noch
unsichtbar.
    Mariankas Angesicht war sorgenvoll, und sie meinte zgernd: Gesetzt aber,
es kme so weit, da Seno den Herrn Johannes von hier wegnimmt, was haben wir
davon? Und was hat Herr Johannes davon? Wird nicht Seno den kostbaren Goldmacher
aufs neue hinter Schlo und Riegel bringen? Dieser Einwand war nun zwar
berechtigt. Doch hofften wir, der Zufall, der ja in allen Geschicken eine Rolle
spielt, werde uns irgendwie begnstigen. Schlielich berwand unser leichter
Jugendsinn die Bedenken, so da wir uns allbereits in Freiheit sahen und
ausmalten, in welcher Weise unser Leben frder verlaufen solle.
    Thekla sprach davon, ihre Schwester aufzusuchen, die an einen hessischen
Edelmann in schwedischen Diensten verheiratet sei. Unser Johannes mag mich dann
begleiten und desgleichen bei Schwedens Krone Dienste nehmen, da ich ihn
auerhalb dieser Mauern ebensowenig entbehren mchte, wie jetzo. Das war nun
ein Trost zum Abschied, und in mein Gefngnis zurckgekehrt, zehrte ich von der
empfangenen Sigkeit.
    Die Jungfer Grfin hatte derart mein Herz eingenommen, da ich ohne sie mich
verzehrte in seufzender Ungeduld. In meinem Gefngnis kam mir dann die Frage, ob
nicht eine Seele durch Sammlung und Aufmerken in solche Verbindung mit der
geliebten Seele treten knne, da des einen Gedanken auf den andern bergingen.
Einmal als Marianka leicht erkrankt im Nebenzimmer lag und ich also mit Thekla
allein war, tat ich das Gestndnis, wie hart mich die Trennung von meinem
angebeteten Sterne ankomme, und da ich durch gesammeltes Denken ein geheimes
Band der Sympathie knpfen mchte. Da nun die Holde merken lie, da sie wegen
solcher Keckheit mir nicht grolle, so wagte ich die Bitte: Wolle mir mein Stern
die Gnade erweisen, in jeder Nacht, wann die zehnte Stunde schlgt, des
entfernten Johannes zu gedenken. Meine Seele hingegen soll genau zur selbigen
Zeit entgegen wirken, und wenn wir so inniglich aneinander denken, mag es uns
gelingen, durch den Raum hindurch Gre zu tauschen und einer des andern Trost
zu sein. Sie sahe mich mit langem Blicke an, und daraus sprach so viel
Vertrauen und Zuneigung, da ich entzckt fortfuhr: Welch ein kostbar
Angedenken nehme ich fr die Zeit der Trennung mit mir, so ich diesen Blick
gleichsam wie ein blhend Krutlein recht in mein Herze hineinpflanzen darf.
    Da ward mir die Wonne noch einmal, und zwar nach Herzenslust, den Zauber
ihres Auges zu trinken. Und dieser Blick, eine stumme Verlobung zweier Seelen,
ist mir also lebendig im Gedchtnis geblieben, da es mir seitdem oft gelang,
die sen Vergimeinnichtblten wie krperlich vor mir zu haben. Vorausfhlend,
welchen Schatz mir dieser Augenblick bescherte, neigte ich mich zu der edeln
Jungfer Hand und kte mit heier Dankbarkeit die seinen Finger. Sie aber
drckte die Finger an meine Lippen und raunete kaum vernehmlich: Wag's, Knab!
Nun war ich versucht, die Arme um sie zu schlingen, doch Ehrfurcht hielt mich
zurck, ich atmete tief. Was soll ich wagen? fragte ich schchtern. Sie
lchelte: Ich sag's Ihm spter einmal. Und zu Marianka ging sie.
    Der Winter nahte, und wenn ich bers Dach kletterte, war es mit Reise
bedeckt. Als ich der Jungfer davon Mitteilung machte, geriet sie in Sorge und
bat mich, beim Klettern bers Dach alle Frsicht anzuwenden, da ich ja nicht
ausgleite. Besonders riet sie mir an, ein fr allemal die beiden Schornsteine
durch einen straffgespannten Strick zu verbinden. Schlielich bat sie instndig,
ich solle - so leid es ihr tun werde - lieber auf Besuche verzichten, wann
Schnee auf dem Dache liege.
    Gleich andern Tages tobte ein Schneesturm, der alles mit dichten Flocken
berschttete. Eingedenk des Versprechens, das mir die Jungfer Grfin abgenommen
hatte, unterlie ich die Wanderung bers Dach. Zu meinem Bedauern hielt das
Flockenwetter an. Hochverschneit lag das Dach, und wenn einmal ein Tag ohne
Gestber anbrach, brachte der Abend gleich wieder Schnee. Wochenlang mute ich
darauf verzichten, Thekla zu besuchen, und kmpfte mehr als einmal mit der
Versuchung, ihr Gebot zu bertreten.
    Whrend dieser einsamen Zeit hatte ich smtliche Teile des Fluchtplans
ausgearbeitet. Neu war dabei folgendes Rezept, Seno zu gewinnen. Ich wollte ihn
einladen, sich mit eigenen Augen davon zu berzeugen, da ich gemeines Metall
transmutieren knne; wollte dabei eine Gaukelei anwenden. Zween Schmelztiegel
von ganz gleichem Aussehen hatte ich ntig. Den Boden des einen wollte ich mit
Golde begieen, jedoch so, da es versteckt war durch eine dnne Eisenschicht.
Der andere Tiegel sollte ohne Gold bleiben, und ihn sollte Seno vor begonnener
Schmelzung besichtigen. Hinterher aber wollte ich ihn mit dem andern heimlich
vertauschen. So gedachte ich, den Anschein zu erwecken, es habe sich ein Teil
des Bleies zu Golde umgewandelt. Weil nun aber zu besorgen war, da ich, von
Seno weggefhrt, gleichsam vom Regen in die Traufe kommen, nmlich blo den
Tyrannen wechseln werde, so galt es auch, dem neuen Gefngnis zu entrinnen. Zu
diesem Zwecke wollte ich erklren, der Vorrat meiner Tinktur sei erschpft, und
um ihn zu erneuern, bedrfe ich der Mondblume, so im Schlesischen Gebirg in der
Schneegrube wachse. Vielleicht, da ich beim Krutersuchen meinen Aufpassern
entwischen konnte. Einmal drauen, hoffte ich, Mittel zu finden, auch die
Jungfer Grfin zu befreien.
    Da ich zu meinen Arbeiten im Laboratorio vom Burgvogte alle Gertschaften
und Stoffe erhielt, die ich verlangte, so brachte ich es bald fertig, die beiden
gleich aussehenden Schmelztiegel zu beschaffen und herzurichten. Zur
Verbesserung meines Plans erfand ich ein Mittel, um Senos Aufmerksamkeit
abzulenken, derweilen die beiden Tiegel zu vertauschen waren. Ich wollte im
entscheidenden Augenblicke das glhende Schreisen vor Senos Fe fallen lassen.
Proben, die ich mit den Gerten und allen ntigen Hantierungen vornahm, gelangen
aufs beste, und es galt nur noch, den Wortlaut der Briefe festzustellen. Ich
machte mehrere Entwrfe und beschlo, gemeinsam mit den Frauen die Entscheidung
zu treffen.
    Endlich war das Dach schneefrei genung, eine Wanderung zu gestatten. Wie
innig ich mit Thekla verbunden war, verriet mein Herz durch seinen Jubel.
Marianka verhehlte nicht, wie sehnlich die Jungfer Grfin nach mir verlangt
habe, wie schon manche Nacht das Feuer im Kamin ausgegossen, und wie gehorcht
worden sei, ob ich nicht endlich komme.
    Gro war die Freude, als ich meinen Plan in allen seinen Teilen darlegte.
Nach sorgfltiger Beratung gaben wir den Briefen folgenden Wortlaut:
    Der hochwrdige Pater wolle mir eine Bitte erfllen. Ich habe endlich
herausgebracht, wie die Mondblume aussiehet, deren ich zur Goldtinktur bedarf.
Mein Oheim, Tobias Tilesius, im Isergebirge zu Schreiberhau unweit der Stadt
Hirschberg wohnhaft, ist seines Zeichens ein Laborant. Wenn irgend einer die
Mondblume beschaffen kann, so ist er es, zumal diese in den Klften des hchsten
Schneegebirges vorkommet. Wenn nun Hochwrden beiliegendes Briefel recht schnell
an meinen Oheim befrdern und ihm Belohnung in Aussicht stellen mchten, so
wrde Tobias Tilesius durch Euren Boten das mir erwnschte Kraut senden. Sollte
aber mein Oheim die Mondblume nicht getrocknet vorrtig haben, so knnte er sie
nach eingetretenem Frhling beschaffen. Mit aller Zuversicht stelle ich in
Aussicht, Gold zu machen, wofern die Mondblume in meine Hand gelangt. Wolle dann
der Herr so gewogen sein mir die Freiheit zu geben. Um sein zuverlssiger Diener
zu bleiben, tut mir keine Gefangenschaft not. Seid zu Gnaden Eurem Diener:
Johannes Tilesius.
    Der beizulegende Brief, soweit er mit schwarzer Tinte zu schreiben war,
erhielt den Wortlaut: Lieber Oheim, in Prag ergehet es mir immer noch gut, und
ich bin mit groem Eifer der chymistischen Kunst beflissen. Darfst erwarten, da
mir auch frder die Goldbereitung gelinge, nachdem ich endlich herausbekommen,
welch Kraut zur Tinktur ntig; man heiet es die Mondblume, und so Du sie mir
beschaffest, werde ich so viel Gold machen, als das Quantum meiner Tinktur
gestattet. Die Mondblume, so benamset, weil ihre Blttlein rund wie Vollmond,
wchset bei Schreiberhau in der Groen Schneegrube, wo sich eine Basalt-Ader
durch den Granit ziehet. Kreucht unter Knieholz am Boden dahin, vergleichbar dem
Brlapp und trgt im Sommer rosenfarbene Glcklein, wrzig duftende. Lieber
Oheim! Sollte die beschriebene Blume sich unter Deinen getrockneten Krutern
befinden, so sende mir den ganzen Vorrat. Der berbringer dieses Briefes, ein
Diener des Herrn Grafen Slawata, wird Dir guten Preis dafr zahlen. Falls Du
aber die Mondblume noch nicht hast, so siehe zu, da Du sie findest, sobald der
Sommer auf die Berge steigt. Derohalben sollst Du diese Beschreibung der
Mondblume aufbewahren und wiederholt lesen. Nun Gott befohlen, guter Oheim, und
gre die alte Beate. Dein Johannes.
    Der nchste Teil des Schreibens, so mit meiner erfundenen Tinte geschrieben
werden sollte, erhielt diese Fassung: Ach Oheim! Diese Nachschrift ist mit
einer Tinte geschrieben, so in den ersten beiden Wochen bla wie Wasser, erst
spter dunkel wird. Geheime Schrift hab ich erwhlt, weil das, was ich Dir jetzo
mitteile, nicht fr die Augen derer ist, so den Brief an Dich gelangen lassen.
Diese Menschen sind meine bsesten Feinde. Der Graf Slawata zu Prag und sein
Helfershelfer, Pater Aloisius, ein Dominikaner, haben mich in die bheimische
Burg Wasenstein eingesperrt, soll da Gold fr sie machen. Das kann ich nun
freilich, und Du sollst wissen, lieber Oheim, dieselbe Tinktur, so mir durch
Zufalls Hilfe einmal in Prag gelungen ist und Blei zu Golde tingieret hat,
verstehe ich jetzo beliebig zu bereiten. Die Mondblume ist bereits in meine
Hnde gelangt, wiewohl in so geringer Quantitt, da ich nur ein winzig
Flschlein Tinktur gewinnen konnte. Unter diesen Umstnden erflehe ich von Dir
zween Dienste. Erstens sende mir durch den Grafen Slawata ein reichlich Quantum
der Mondblume, zum andern aber sollst Du mich befreien aus meiner
Gefangenschaft. Wirst nun fragen: wie vermag ein schlichter Krutermann eine
gewappnete Burg zu ffnen? Wohlan, hre: Begib Dich unverzglich nach Empfang
dieses Schreibens zum Herrn Wallenstein, Herzog zu Friedland. Brauchst aber
nicht den Herzog selber zu sprechen, da er sich vielleicht mit meiner Sache
nicht befassen mag, wiewohl sie fr ihn so wichtig wie ein Knigreich. Frage nur
nach Doktor Seno, einem italienischen Herrn, als Astrologus in herzoglichen
Diensten. Dem sage alles, was Dir von mir bewut. Magst ihm auch meinen ganzen
Brief weisen. Beschwre ihn, da er mit seines Herzogs Beistand mich befreie.
Ich verspreche ihm, dafr Gold zu bereiten, soviel er haben will. Wofern aber
Herr Seno nicht glubet, da mir die Goldbereitung mglich, will ich sie vor
seinen Augen vollbringen. Habe von meiner Tinktur einen Rest brig, der Gold fr
zehn Dukaten im Beisein des Herrn tingieren wird. Im brigen magst Du dem Herrn,
der etwas auf prophetische Vorhersagen gibt, zu wissen tun, was mir die
zigeunerische Wahrsagerin zu Hirschberg prophezeit hat: ich werde einen groen
Schatz gewinnen und reich wie Knig Salomo werden. Item ist mir von einem
Sterndeuter im Hause des Herrn Medikus Schmirsel eine Vorhersage gemacht.
Nachdem dieser astrologische Adepte vernommen, ich sei am Johannistage des
Jahres 1606 zu Magdeburg ans Licht gekommen, brachte er heraus, ich werde groen
Reichtum zusammenbringen und eines Frsten getreuer Diener werden. Da ich nun
die Frage tat, wer wohl dieser Frst sei, entgegnete der Sterndeuter: Kein
andrer als der knftige Bhmerknig! Aber nicht blo zu meinen Gunsten sollst Du
Herrn Seno bekehren; noch eines andern Menschenkindes Wohlfahrt liegt mir derart
am Herzen, da ich den Herrn in aller Instndigkeit um Hilfe bitte. Burg
Wasenstein, mein Gefngnis, birgt auch eine schuldlose Jungfer, die Tochter
jenes Grafen Schlick, so zu Prag wegen Rebellion enthauptet worden. Nicht
genung, da Frulein Thekla von ihrem Oheim, dem Grafen Slawata, ihres
vterlichen Erbes beraubt worden, ist sie gar seine Gefangene, ohne
Richterspruch. Ein Klosterfrulein mchte der Slawata aus seiner Nichte machen
und, maen sie sich weigert, den Schleier zu nehmen, sie hinter Schlo und
Riegel kirren. Die arme Jungfer verbindet ihr Flehen mit dem meinigen, Herr Seno
mge doch Seiner Hoheit, dem Herzog zu Friedland, das Herz zu Gnaden wenden, da
Frulein Thekla nebst ihrer Kammerfrau zur Freiheit gelange. Um Herrn Seno in
Stand zu setzen, seinem Herzog dies alles darzustellen, magst Du meinen Brief,
nachdem Du Copiam genommen, in seiner Hand lassen. Nun federe Dich, lieber
Oheim, und tue alles genau nach meinem Plane. Lege Herrn Seno meine Ehrfurcht zu
Fen und sei ein zweiter Vater Deinem armen Johannes.
    Diese Briefe wurden von mir geschrieben und in einer Hlle durch einen
Courier dem Pater Aloisio bersandt. Kaum war der Courier fort, so zeigte mir
Fortuna, wie wenig ihrem Lcheln zu trauen, und wie ihre Gunst an einem
Spinnenfaden hngt, leicht zerreibar. Es begab sich nmlich, da beim
Experimentieren mit Salpeter und anderen entzndlichen Stoffen das im
Schmelztiegel befindliche Gemenge sich entzndete und unter dumpfem Knall den
ganzen Schmelzofen zersprengete, so da die Mndung in den Schornstein sichtbar
ward. Vom Getse herbeigerufen, kam der Vogt und besah den Schaden. Wiewohl ich
bemht war, sein Aufmerken vom Schornstein abzulenken, erkannte er doch, da
hier ein Ausweg aus meinem Gefngnisse sei, und lie sogleich den Schmied holen,
der vor die Hhlung des Schornsteins schwere Eisenstangen ins Gemuer einfgen
mute. Hierauf erst ward mein Schmelzofen durch Mauern und Kitten
wiederhergestellt.
    Das war nun fr mich ein harter Schlag, denn es schien mir kaum mglich, die
Eisenstbe zu beseitigen. Dabei mute ich noch froh sein, da ich alles Wichtige
mit dem Frulein verabredet hatte. Von Tag zu Tag wuchs meine Beklommenheit und
Ungeduld.
    So waren bereits die Frhlingsstrme verrauscht und milde Tage gekommen.
Nach meiner Berechnung htte Seno schon vor sechs Wochen eintreffen knnen.
Pater Aloisius schwieg, und ich wute nicht einmal, ob mein Schreiben in seine
Hand gelangt sei. Seit die ersten Stare im Burghofe gezwitschert hatten, war nun
schon zweimal Vollmond gewesen, aber kein Zeichen der Auenwelt versprach mir
Hilfe. Die Hoffnung auf Seno hatte ich bereits aufgegeben, und in tiefer
Betrbnis grte ich den Tag, an welchem meine Gefangenschaft sich jhrte. Um
die Mittagszeit erscholl auf dem Hofe ein Lrmen und Hundeklffen, als ob eine
Jagdgesellschaft einziehe. In der Tat sah ich durchs Fenster Grnrcke, ber der
Schulter das Waldhorn, eine Koppel Hunde und Reiter mit Feuerrohren. Froher
Schrecken fuhr mir durch die Glieder, als Schritte sich meinem Gemache nherten
und ein fremder Herr eintrat, gefolgt vom Vogte und von Soldaten.
    Der Herr, von kleiner Gestalt, hatte ein fahles, durchfurchtes Angesicht,
Haupthaar und Bart ergraut; er trug frnehme Kleidung, wiewohl nicht nach Art
der Kavaliere. Sein stechend schwarzes Auge ruhte forschend auf mir, und dieser
Blick, der mein ganzes Wesen und Schicksal aussphen wollte, verriet mir: Seno
mu das sein!
    Hierauf wandte sich der Herr zum Vogte: Ich will mit diesem Goldmacher
allein sein. Der Vogt stutzte und tat den Einwand: Wolle der gndige Herr
verzeihen. Habe von meinem Herrn, dem Grafen Slawata, strengsten Befehl, diesen
alchymistischen Zauberer mit niemand verkehren zu lassen, und wenn ich ... Mit
gerunzelter Stirne schnitt Seno ihm die Rede ab: Ich wei wohl, da der Graf
Slawata Oberstkanzler von Bheim ist; aber einstweilen hat er auf Wasenstein
noch nicht zu gebieten, whrend ich hier stehe im Namen seiner Altezza, des
Herzogs zu Friedland. Wolle er das beachten, Vogt, widrigenfalls ich ihm durch
meine Leute demonstrieren lasse, wer allhie gebeut.
    Der Vogt rollte die Augen und tat gar einen Griff nach seinem Degen, doch
die zupackenden Soldaten machten ihn rasch gefgig. Und Seno befahl: Haltet den
Vogt in eurer Mitte und harret drauen vor der Tr. Ich habe mit dem Goldmacher
ein Stndlein zu reden.
    Nach einem Blick ins offene Laboratorium meinte Seno: Ist das Eure
Werkstatt? Treten wir ein! Wie ein Kundiger betrachtete er den Schmelzofen,
trat zu den Gestellen, auf denen die Gefe mit allerlei Stoffen geordnet
stunden, und las etliche Aufschriften. Das Antlitz zu mir wendend, sprach er mit
einem forschenden Blick: Will Er sich nun wirklich unterstehen, vor meinen
Augen Gold zu machen, dessen Er sich ja vermessen hat? Sein Oheim, der
Krutermann, ist mit dem Briefe zu mir gekommen. Ich bin der Doktor Seno, ein
Berater seiner Altezza, des Herzogs zu Friedland. Will sehen, ob Er in seinem
Briefe Possen getrieben hat, oder ob Er wirklich tingieren kann.
    Mein Herz pochte, ich atmete tief. Eine Verneigung tat ich und sprach mit
erheuchelter Ruhe: So der Herr befiehlt, bin ich auf der Stelle bereit. Wolle
der Herr in diesem Sessel harren, bis ich Feuer gemacht habe.
    Will Ihm doch lieber auf die Finger sehen, erwiderte Seno spttisch und
blieb an meiner Seite, whrend ich mit der Schaufel die Feuersttte suberte,
das Brennholz kunstgerecht schichtete, in Brand setzte und mit dem Blasebalg die
Glut anfachte. Hierauf nahm ich den Feuerhaken, schrte und lie ihn in der Glut
stecken, whrend der hlzerne Griff aus dem Ofen ragte. Je nher der Augenblick
kam, der ber mein Schicksal entscheiden sollte, desto ungestmer jagte mir das
Blut durch die Adern, aber auch desto gewaltiger nahm ich mich zusammen, um
nichts zu verfehlen. Hiebei kam mir zustatten, da die bentigten Gerte und
Stoffe lngst in Bereitschaft, und smtliche Hantierungen mehrfach durchgeprobt
waren.
    Ich ergriff zunchst den Schmelztiegel, in dem nichts war, und machte Miene,
ihn auf die Glut zu setzen. Mitrauisch verfolgte Seno alle meine Bewegungen.
Und was ich im Stillen erhofft, trat ein: Halt, sprach er, erst la Er mich
den Schmelztiegel besichtigen!
    Ruhig reichte ich ihm den Tiegel, worauf er aus Fenster trat und das Gert
durch genaues Beugeln, auch durch Beklopfen und Bekratzen untersuchte. Da
nichts verdchtig war, kam er wieder zum Ofen und gab den Tiegel zurck: Gut,
fahr Er fort!
    Ich stellte den Tiegel auf die Anrichte neben der Ofentr, wo ich unter
einem Tuche den andern, mit Gold ausgegossenen Schmelztiegel bereit hielt. Holte
vom Gestell ein Flschlein, das meine Wundertinktur frstellte, und reichte es
Seno: Wolle der Herr mir ein wenig beistehen und eigenhndig die Tingierung
ausfhren.
    Seno hielt das Flschlein aus Licht, zog den Pfropfen heraus und roch an der
Flssigkeit, die nichts war als ein wertloser Absud. Am Ofen vorbeischreitend,
stie ich mit dem Knie derart an den Feuerhaken, da er heraussprang und zu
Senos Fen fiel, der vor dem glhenden Eisen hastig zurckwich und dabei das
Flschlein fallen lie, da es zerbrach.
    Wohl hatte ich diesen Augenblick genutzt und rasch den in meiner Hand
befindlichen Tiegel mit jenem andern vertauscht, den das Tuch verborgen hatte.
Aber das Zerbrechen der Flasche brachte mich fr eine Weile auer Fassung.
    Mir ins Gesicht sphend, glubete Seno, mein Schreck rhre davon her, da
die kostbare Tinktur vergeudet sei, und sprach achselzuckend: Da werden wir
wohl auf die Probe verzichten mssen; der Rest seiner Tinktur ist ja nun
verschttet.
    Diese Wendung der Dinge durfte ich keineswegs zulassen. Allerlei Gedanken
wirbelten durch meinen Sinn, bis mir auf einmal eine Ausrede beifiel. Nahm mich
zusammen und sprach: Ei nicht doch, gndiger Herr! In dem Flschlein war ja
nicht die Tinktur, sondern ein Kruterabsud, der zwar gleichfalls zur
Goldbereitung dienet, von dem ich aber noch einen Vorrat habe. Blo deshalb fuhr
ich zusammen, weil der glhende Haken den Herrn htte verletzen knnen. Verzeihe
der Herr meine Ungeschicklichkeit.
    Nach dieser Ausrede trat ich ruhig zum Gestell, nahm eine groe Phiole mit
Kruterabsud und kehrte zu Seno zurck. Gab ihm hierauf jenen Schmelztiegel zu
halten, der in versteckter Weise das Gold enthielt, legte Blei in diesen Tiegel
und go etliches aus der Phiole hinzu. Ein rascher Blick in Senos Antlitz
berzeugte mich davon, da ihm die Verwechslung der Tiegel entgangen war. Ich
triumphierte heimlich, holte nun ein ander Flschlein und hielt es entstpselt
vor Senos Nase: Der Herr wird vermeinen, Baldrian zu riechen. Ist auch wirklich
Baldrian darin. Indessen hab ich Absud der Mondblume beigemengt. Pater Aloysius
htte mein Laboratorium durchforschen knnen, und mir mute daran gelegen sein,
die Mondblumentinktur nicht in seine Hnde geraten zu lassen. Da hab ich sie
kurzer Hand zum Baldrian getan, der die Wirkung der Mondblume nicht strt. Gebe
nun mein Herr Obacht, hier gie ich meine Tinktur in den Tiegel und werde gleich
das Blei zu Golde tingieren.
    Nachdem ich den Inhalt des Flschleins hineingetan, nahm ich den Tiegel aus
Senos Hand und setzte ihn auf die Glut, die ich mit dem Blasebalg anfachte.
    Seno starrte in den Ofen und beobachtete, wie die Flssigkeit verdampfte,
und wie das im Tiegel befindliche Blei zu schmelzen begunnte. Sobald ich die
Gewiheit hatte, auch das Gold sei geschmolzen, sagte ich feierlich: Die
Tingierung ist gelungen, und neben dem Blei, das brig blieb, weil ich zu wenig
Tinktur anwandte, haben wir ein klein Quantum Gold gewonnen. Beliebe der Herr,
das flssige Metall in diesen Eimer zu gieen.
    Seno ergriff den Schmelztiegel beim hlzernen Stiele, whrend ich den Eimer
hinhielt, und zischend flo die glhende Massa ins Wasser. Eigenhndig fischte
Seno das erstarrte Metall heraus und betrachtete es. Staunend sprach er:
Wahrhaftig, Gold ist dabei, das Experimentum ist gelungen. Werde derohalben
seine Bitte erfllen und Ihn mit mir nehmen. Und zwar soll Er gleich ins
Schneegebirge gebracht werden, einen guten Vorrat von der Mondblume zu sammeln.
Seine Altezza der Herzog zu Friedland will morgen auf der Hhe des Korkonosch
einen Bren hetzen, und bei dieser Gelegenheit mag die Mondblume gesucht werden.
Wir reiten noch heute abend gen Rochlitz.
    Auer mir vor Freude, fiel ich auf meine Knie und kte Senos Hand, indem
ich ihn meinen Befreier nannte. Vollende nun der Herr sein gtig Werk und
erlse auch die junge Grfin Schlick aus dieser Burg. Kalt jedoch gab Seno zur
Antwort: Nichts davon! Sei Er zufrieden, da Er selber hinausgelangt. Wegen der
Tochter eines gerichteten Rebellen mag ich nicht Hndel mit dem Grafen Slawata
beginnen. Wie flehentlich ich bat, Seno verharrete bei seiner Entscheidung und
lie mich barsch an. Es blieb mir nur der Trost: kommt Zeit, kommt Rat!
    Nachdem ich auf Senos Gehei Papier herbeigeholt hatte, hllte er die
Metallstcke sorgfltig hinein und steckte das Pcklein in seine Tasche. Nehm
Er jetzo, so sprach er, smtliche Gerte und Stoffe, so zur Goldbereitung
wertvoll, auch den Schmelztiegel, an sich und mach Er sich bereit, sofort die
Burg zu verlassen.
    Whrend ich den Auftrag ausfhrte, rief Seno seine Leute herbei und sprach
zum Vogt, den sie umgaben: Diesen Chymisten nehm ich mit mir. Ihn hier
festzuhalten, hat niemand ein Recht. So ihn aber Euer Herr zurckfordert, mag er
sich an Seine Altezza wenden. Der Vogt versuchte Widerrede: Der Gefangene ist
ein Zauberer und soll vor Gericht. Kopfschttelnd winkte Seno ab: Macht
nichts. Herr Graf Slawata wei ja nun, wo das Gericht den Zauberer finden kann.
Zu mir gewendet, fgte er spttisch hinzu: Das Vglein kommet halt aus Herrn
Slawatas Kfig in den meinen. Seno ging hinaus, und inmitten der Soldaten
verlie ich mein Gefngnis. Wiewohl Senos Worte eine trbe Aussicht erffneten,
lieen sie die Vorwrfe verstummen, die ich mir selber heimlich machte, weil ich
ja einen Betrug an Seno verbt. Jetzo durfte ich mir sagen: mit Feinden hast du
zu tun, und im Kriege ist Tuschung erlaubt, zumal wenn sie einem Schuldlosen
zur Freiheit verhilft. Da Seno den Befehl zum Abmarsch gab, bestieg alles die
Rosse, auch mir war eins gesattelt. Aufatmend ritt ich inmitten der Soldaten
durch das Burgtor ber die Grabenbrcke, hinunter ins Waldtal.
    Einen letzten Blick warf ich zurck. Da lag nun auf dem Berge die Veste, wo
ich lnger denn ein Jahr ein Gefangener gewesen. Stolz und wehrhaft ragete sie
mit ihren Trmen, Mauern und Zinnen. Ich fand die Stelle, wo ich bers Dach
geklettert war, und die beiden Schornsteine. Der heigeliebten Grfin galt mein
Herzenspochen. O da ich sie jetzo gren knnte mit der heimlichen Seelenmagie!
Thekla! Frei bin ich - und alles will ich dransetzen, auch dich zu befreien -
meine Braut!


                             Das sechste Abenteuer

                          Wie die Jungfer zu mir sagte

                                 Wag's Knab!

Im warmen Sonnenschein, den ich als Gefangener entbehrt hatte, begrt von den
rauschenden Tannen und Bergwssern, von Buchfink und Kuckuck, ritt ich mit
stillem Jubel dahin, versucht, meinem Ro in die Flanken zu treten und
dahinzufliegen wie ein Falk. Ich wollte ein Gesprch mit den Soldaten anknpfen,
ward aber abgewiesen. Wir kamen an einen schumenden Flu und verfolgten ihn
aufwrts. Auf einer Bergmatte lagen Bauden, und ich vernahm wieder das traute
Brllen der Khe. Dann ging es durch Wildnis, bis wir um Sonnenuntergang in ein
Dorf kamen. Hinter den Htten erhub sich das Gebirge, und der Wald vermochte die
hchsten Gipfel nicht zu erreichen. Wir kamen wieder an den rauschenden Flu,
und nachdem wir eine Stunde seinem Lauf entgegengeritten waren, scho von rechts
ein Bach daher, den sie Mummel nannten. Zwischen Scheuern und Bauden stund allda
ein herrschaftlich Haus, wir machten Halt und stiegen ab. Seno begab sich
hinein, willkommen geheien von einem Herrn. Whrend die Rosse durch Knechte in
den Stall gefhrt wurden, ging auch ich mit den andern in das Haus, wo in einer
groen Stube ein Tisch mit Speise und Trank bereitet war. Nach der Mahlzeit
gingen zween Soldaten mit mir in ein Gemach, wo eine Streu war. Die Tr schlo
der eine Soldat hinter sich ab, das Fenster war vergittert. Die Soldaten wiesen
mir meine Lagerstatt an und plauderten mitsammen ber die befrstehende Jagd.
Ich vernahm, da andern Morgens der Herzog von Friedland aus den Sieben Grnden
zum Hohen Rad hinanreiten werde, wo eines Bren Spur gefunden sei, und da Herr
Seno mit uns auf dem Wege durchs Mummeltal zur Jagdgesellschaft stoen wolle.
Ein Soldat meinte mit mrrischem Blicke auf mich: Es wre frwahr
unterhaltsamer, der Brenhatz beizuwohnen, als diesen Goldmacher bei seinem
Krutersuchen zu begleiten. - Begleite du nur, ich entspringe dir! dachte ich
lchelnd und sank in tiefen Schlaf.
    Bei Morgengrauen ertnte das Jagdhorn und Rossegewieher, und sogleich waren
wir auf den Beinen. Nach einem hastigen Imbi ging's an dem rauschenden
Mummelbach durch wilden Tann hher und hher. Wo das Wasser einen donnernden
Absturz tut, hielten wir an und stiegen von den Rossen; sie sollten hier
bleiben, da der frdere Weg zu steil. Lange Wanderstbe wurden Herrn Seno und
den anderen hohen Herren gereicht, und nun stiegen wir den Felsenpfad hinan.
Seno wandte sich zu mir: Droben auf der Elbwiese werd ich mich zu Seiner
Altezza begeben. Derweilen mag Er seiner Mondblume nachgehen, aber Soldaten
werden Ihn berall hin begleiten, wo Er die Blume sucht. So Er sich unterstehet,
wegzulaufen, wird Er niedergeknallt.
    Ein paar Stunden waren wir gestiegen, als die Tannen kurz und knorrig
wurden. Dann kam eine blumige Matte und ganz oben eine weite sumpfige Ebene. Da
gab es rostrotes Wasser und Binsen und verstreute Blcke mit Moos bedeckt. Diese
Moorwiese bildet den Quellengrund der Elbe. Zur rechten wie ein Hcker der kahle
Korkonosch. Geradeaus ein steiler Absturz. Drunten die Sieben Grnde, hinein
springt die rauschende Elbe. Dahinter wieder hohes Gebirge, gekrnt von der
Schneekoppe. Links kahle, felsige Gipfel, der Reiftrger, die Veilchensteine,
das Hohe Rad.
    Auf einmal schollen aus der Ferne Fanfaren, und Seno lie einen Hornisten
antworten. Vom Elbfall kam ein Trupp mit klffenden Hunden dahergezogen. Unter
den grnen Jagdgewndern leuchtete ein Scharlachmantel, und Seno sagte: Seine
Altezza! Dann wandte er sich zu mir: Er mag jetzo gehen, wie Er will.
    Ich und zween der Soldaten blieben zurck, whrend Seno mit den andern unter
Horngetn seinem Herzog entgegenzog. Nachdem ich eine Weile gerastet und mich
besonnen hatte, deutete ich nach dem Hohen Rade und sprach zu den Soldaten:
Dorthin mu ich, in die Schneegrube, allwo mein Kraut wchst. Hierauf prften
die Soldaten ihre Schierohre und verwarnten mich. Beruhigend winkte ich ab, und
dann ging es ber die Elbwiese. Von Block zu Block muten wir hpfen, um nicht
in den Sumpf zu patschen. Endlich auf trocknem Felsenboden, sahen wir den Nebel
wirbeln, so hier gern ber den Gebirgskamm jagt. Noch einen Blick taten wir
zurck; die Jagdgesellschaft hatte sich in mehrere Haufen geteilt, deren jeder
unter Fhrung einer klffenden Meute seine besondere Richtung verfolgte.
    Gleich darauf stund ich auf dem hohen Felsen, der gen Morgen ins
Schlesierland ausblickt. Mit wehmtigem Glcke sahe ich drunten die Htten von
Schreiberhau, Auen und Waldberge, weiter die Veste Kynast und Herrmannsdorf,
auch etliche Dcher von Warmbrunn und ganz hinten Hirschberg mit seinen Trmen.
Hold lchelte die Heimat, und mein Blick taumelte ber das Waldgewoge, verwirrt
vom Sonnengold und blauen Dufte der Ferne. Und es hpfte mein Herz. Bevor diese
Sonne sinket, bin ich frei, und schlafen tu ich in Oheims Husel. Frei - oder
tot! Ich hatte mir ausgedacht, die Soldaten in die Schneegrube zu fhren, wo
steile Wnde, Schneefelder, unwegsame Blcke und Knieholzgestrpp das Gehen
schwer machen, wofern der Wanderer nicht mit solchem Gelnde vertraut ist. Hier
wollt ich einen gnstigen Augenblick nutzen und entspringen.
    Unter meiner Fhrung begaben wir uns auf jenen schroffen Felsen, der hnlich
einer Burg zwischen der Kleinen und der Groen Schneegrube emporragt, und sahen
in die Groe Schneegrube zur Rechten, einen Felsenkessel, gro genung, ein
ganzes Dorf zu fassen. War aber nur Wildnis innen. Der Rand des Kessels ging an
manchen Stellen senkrecht, an andern war ein Abrutsch von Gerll. In
Felsenspalten und an schattigen Hngen lag Schnee, draus rannen Wasseradern in
den Grund. Im Kessel waren abgerissene Felsenblcke nebeneinander geset, vom
Wasser rundlich gesplt. Aus ihren Spalten wuchs das Knieholz, ein kriechend
Kieferngebsch, hart wie Rippen groer Tiere. Das Liebliche an diesem Bilde war
neben ein paar klaren Wasserbecken ein runder Teppich von Gras und bunten
Blumen. Einen Felsenhbel klommen wir hinab und gelangten auf den blumigen
Teppich, allwo wir rasteten. Heimlich sandte ich den Blick die steilen Hnge
hinan, einen Ort zu kren, so fr meinen Plan pate.
    Hatten wir bisher in der Schneegrube nur Windes Sausen, der Wsserlein
Rinnen und das Zwitschern der Berglerche vernommen, so horchten wir jetzo auf
das Jagdgetse, das verworren und schwach von den Rndern des Kessels
herniederscholl. Hrner bliesen, Hunde bellten, Treiber knallten mit Peitschen
und jauchzten. Da sprach ein Soldat: Es scheint, sie hetzen den Bren schon.
Zufrieden, abseits von den Jgern zu sein und so leichter entspringen zu knnen,
erhub ich mich: Ich mu nun den Hang hinan, mein Kraut zu suchen. Am Ranfte
eines Bchleins klomm ich zur Hhe, die immer schroffer ward. Halt! rief ein
Soldat, wir sind keine Ziegenbcke. Finster gab ich zur Antwort: Ich soll ein
Kraut suchen, so nur droben gedeihet. Hindert ihr mich, so werde ich es Herrn
Seno melden. Da die Soldaten schwiegen, setzte ich mein Aufwrtsklimmen fort.
berschritt ein steil Schneegefild, das dem Fue kaum Halt gab. Ein Soldat wre
abgerutscht, wenn er sich nicht an einem Zacken festgehalten htte. Des
Kletterns berdrssig, fluchte er und setzte sich auf einen Felsen, der aus dem
Schneefeld ragte. Das Gewehr ber seinen Scho gelegt, rief er dem Kameraden zu:
Mag der vermaledeite Goldmacher seinen Hals brechen! Er klettere, wie ihm
beliebt. Nach oben kann er ja doch nicht entrinnen, weil die Felsenwnde zu
steil. Hier unten aber bewachen wir den Pa. Das war dem andern Soldaten recht,
und er postierte sich einen Steinwurf seitwrts zwischen Knieholz. Ich tat, als
ob ich Kruter suche.
    Ein Wsserlein aber flo aus dem hchsten Schneefeld, und wie es gleich
einem Schlnglein zwischen Felsen dahinschlpfte, klang es silberhell, lachte
und lockte wie eine ferne Schalmei. Und des Lebens Lust, zwischen den grnen
Wldern und den Schflein der Himmelsaue hauchend, webend, schien mit diesem
Stimmchen zu raunen: Nun sei frei! Der Augenblick ist da! Auch klang mir im
Ohre meiner geliebten Jungfer Raunen: Wag's Knab! Schon tat ich sphende
Blicke ringsum, schon spannten sich meine Glieder zum Sprunge, als auf einmal
unter mir Hundeklffen erscholl. Und sieh, um den Hbel, den wir herabgestiegen
waren, kam eine Koppel Hunde gehastet, von einem Pagen gehalten. Hinterdrein ein
Jger mit einem Spie, ferner jener Rotmantel, und der war kein andrer, als
Wallenstein, Herzog zu Friedland. Wie ich eben sein ansichtig geworden,
strauchelt er und gleitet mit einem Beine derart in eine Felsenspalte, da er es
nicht herauszuziehen vermag. Dabei ist ihm das Jagdgewehr entfallen. Auf seinen
Zuruf wendet sich der andre Jger und sucht den Herzog aus dem Felsenspalt
herauszuziehen.
    In diesem Augenblicke erschallt ber mir ein gellend Posaunen, und wie ich
emporblicke, kommt ein schwarzbrauner Br auf dem Hinterteil ber das steile
Schneefeld herabgerutscht, gerade auf den einen Soldaten los. Dieser will hastig
ausweichen, strauchelt und strzt mit dem Kopfe voran den Hang hinab. Der andere
Soldat legt sein Gewehr auf den Bren an und feuert. Unverwundet gleitet Petz
weiter, springt mit gewandten Stzen ber die Knieholzbsche und ist nur noch
wenige Schritte vom Herzog entfernt. Indessen lsset der Page die Hunde frei,
und mit wtendem Geheul packen sie an. Zugleich strmet der Jger mit dem Spie
auf den Bren los, der sich auf die Hinterfe setzt und mit den Tatzen um sich
haut. Vom Spiee gestochen, brllt er und streckt mit einer Ohrfeige den Jger
nieder.
    Da beut sich mir nun die beste Gelegenheit zur Flucht: niemand kann ja
schieen, und die Gefahr des Herzogs lenkt die Obacht von mir ab. So springe ich
denn mit langen Stzen den steilen Hang hinunter. Wie ich nun ganz nahe dem
Untier bin, das aufstzig mit den Tatzen nach den Hunden haut und, mein
ansichtig, mit der glhenden Wut seiner roten Augen mich versengen mchte, da
zuckt auf einmal in meiner Brust ein wilder Grimm, und mir ist, als msse ich
meine Kraft nur daran wenden, die Bestie unschdlich zu machen. Auch hre ich
den Pagen um Hilfe schreien, dann ins Jagdhorn stoen, den Herzog aber mir
zurufen: Her zu mir! Nimm mein Gewehr! Und ich springe hin, hebe das Gewehr
vom Boden und lege auf den Bren an. Eben hat er sich von den blutenden Hunden
freigemacht, strzt heran und richtet sich dicht vor mir auf den Hinterfen
empor, zu seiner ungeheuerlichen Gre, reit den geifernden Rachen auf und
starrt mich mit glasigen Augen an. Schon holt die Tatze aus, da hab ich ihn gut
aufs Korn genommen, genau in der Richtung des Herzens, und brenne los.
    Dem Krachen folgt ein dumpfes Sthnen, das Untier strzt vornber, wlzt
sich mir zu Fen, mit den Tatzen um sich schlagend, und verrchelt, indes ihm
Blut aus dem Maule schiet, und die Hunde, heulend vor Wut, sich in sein Fell
verbeien. Noch einmal bin ich in Versuchung, mich zur Flucht zu wenden. Aber
der Herzog Wallenstein ruft mir zu: Braver Schtze! Her zu mir! Helf Er mir!
Da trete ich zu ihm. Nun kommt auch der Page gelaufen, und wir wlzen den Stein
weg, der des Herzogs Bein festgeklemmt hat. Wallenstein erhebt sich und streckt
das Bein, um es gelenkig zu machen; dann schaut er nach dem andern Jger, den
des Bren Tatze traf, und spricht zum Pagen: Flugs dem Grafen Max
beigestanden! Indem ist der Verwundete schon selber zu sich gekommen, richtet
sich auf, wischt sich das Blut von der Wange und nimmt seinen Filzhut ab, der
glcklich den Tatzenhieb gedmpft hat.
    Was nun meine beiden Wchter betrifft, so richtet sich der abgestrzte
ebenfalls auf. Der andere, so den vergeblichen Schu auf den Bren getan, kommt
atemlos herbeigerannt; wie von Sinnen reit er des Herzogs Gewehr aus meiner
Hand und packt mich am Kragen. Wallenstein herrscht ihn an: Mordsblitz! Was
hat's denn? Was packest du den Mann? Der Goldmacher ist das - stammelt der
Soldat - ihn sollen wir bewachen. Verchtlich lacht der Herzog: Ha ha, der
Goldmacher! Senos Mann! Und den solltest du mit deinem Kameraden bewachen? Ihr
seid mir ein paar Wchter! Bequem htte euch der Goldmacher durch die Lappen
gehen knnen. Hierauf wendet Wallenstein den starren Blick seiner dsteren
Augen auf mich: Und warum ist Er nicht durch die Lappen gegangen - he? - Wie
ich dem gewaltigen Manne ins Auge sehe, kommt mir der Gedanke: Der hlt dein
Geschick in Hnden, und jetzo gilt's, eine gnstige Entscheidung
herbeizufhren!
    Es war das einzige Mal, da ich diesem Helden der Geschichte von Angesicht
zu Angesicht genber gestanden bin. Der Mordstahl hat ihn hinweggerafft, doch
lebendig herrscht er noch in meinem Herzen. Majesttisch seine hagere Gestalt.
Wie einen Knig kleidete ihn der scharlachene Mantel, so ber das silbern
betrete Jagdhabit niederwallte. Das Angesicht schmal, die Stirne hoch, das
Haupthaar schwarz und straff, der Knebelbart ergraut. Die gelbliche Haut verriet
mrrischen Sinn, das feine Gest der Runzeln ein rastlos Grbeln, allezeit wache
Gedanken. Unter buschigen Brauen sprang die Nase wie ein Adlerschnabel herfr,
jedoch nicht spitz, sondern abgestumpft. Die Augen hatten schwarze Sterne, und
der bannende Blick verkndete den unbeugsamen Herrscher. Es wandelte mich jedoch
keine Furcht an, da ich auch seine gedankenvolle Ruhe und adlige Gromut sprte.
    Fand dahero meinen Freimut, zog den Hut, neigte mich und begegnete aufrecht
dem Blicke des Herzogs. Altezza fragen, warum ich nicht durch die Lappen
gegangen bin? Ei, es war doch besser, den Bren zu erlegen! Der Herzog sphete
mich noch immer an. Dann huschte Heiterkeit ber sein Antlitz: Besser? Nun
freilich, fr mich war's schon besser, sonsten htte die Bestie mir den Garaus
machen knnen. Auch fr den Grafen Max! Ob es aber fr einen Gefangenen besser
ist, seine Flucht zu versumen, ist noch die Frage.
    Mit Bestimmtheit erwiderte ich: Auch fr mich war es besser, denn durch
Euer Altezza Gnade werde ich eher frei als durch Ausreien. Der Herzog zog die
Augenbrauen hoch: Er tut ja, als hab Er meine Gnade allbereits im Sack!
    Schon wollte ich niederknien und meine Bitte aussprechen, als sich der
Herzog umwandte. Es kamen mehrere Jagdherren hinter dem Felsenhbel herfr. Auch
Seno war dabei. Lebhaft trat er auf seinen Herzog zu und neigte sich: Heil dem
Schtzen! Kalt erwiderte der Herzog, auf mich weisend: Der da ist der Schtz!
Seno stutzte: Das ist ja der Goldmacher -?
    Wallensteins Auge blickte trumerisch: Es ist derselbe Mann, dessen
Nativitt ergeben hat, er werde dem knftigen Knig von Bheim einen Dienst
leisten. Zu mir gewandt, fuhr er fort: Er ist doch jener Magdeburger, anno
1606 geboren am Tage Sankt Johannis? - So ist es, Altezza.
    Und ein Pfaff wird aus Ihm werden, fuhr der Herzog mit Bestimmtheit fort,
in den Sternen stehet geschrieben, da Er's zum Hohenpriester bringet. Er
sollte machen, da Er in ein Kloster kommt. Bedenk ich freilich, welch einen
Schu Er getan, so mein ich, auch zum Kriegsmann hab Er das Zeug. Werd Er
beides: ein Kriegsmann und ein Pfaff - nach der Mode des franzsischen
Kardinals, haha!
    Seno hub die Hand: Verzeihen Altezza, nach meiner Berechnung kommt es mit
diesem Menschen anders. Nicht Hohepriesterschaft liegt ihm bei, sondern ein
Goldschatz. Da ihn die Sterne dazu berufen, dem knftigen Bhmerknige einen
Dienst zu leisten, ist allerdings wahr.
    Hat ihn wohl allbereits geleistet! raunte Wallenstein seinem vertrauten
Sterndeuter zu; nur wei man nicht, ob ich der knftige Knig bin, oder obs
mein lieber Erbe Max hier ist. Jedenfalls hat der Mann uns beiden die Bestie vom
Leibe gehalten. Falls aber der Dienst, den er leisten soll, erst in Zukunft zu
erwarten, so ist es klug fr unsereinen, sich gut mit ihm zu stellen.
    Graf Max, der sich vom Hieb des Bren erholt hatte, war herangetreten, ein
Tuch an seine Wunde haltend. Ich zahle - sprach er kleinlaut - hundert Taler
fr seinen Schu.
    Spttisch meinte Wallenstein: Wer Gold machen kann, braucht deine hundert
Taler nicht. Hab ich nicht recht, Seno? Du willst ja dabei gewesen sein, wie er
mit Erfolg tingieret hat - he? - Ernsthaft nahm Seno aus seinem Gewande ein
Papier und wickelte das Gold heraus, das wir im Laboratorio gegossen hatten.
Dies Gold hat er vor meinen Augen tingieret.
    Wallenstein betrachtete nur flchtig das Metall und gab verchtlich zur
Antwort: Gaukelei! Alle Goldmacher sind Gaukler, und du, mein Seno, bist
geprellt, so du dich von diesem Menschen zum besten haben lssest. Sollst mir
endlich glauben, Seno: weise zwar bist du als Sterndeuter, doch deine Alchymie
ist nrrischer Wahn. Ich wette, dieser Mensch nasfhret dich, und da ich ihn
frei lasse, ist das Beste fr dich wie fr uns alle. - Warnend erhub Seno die
Hand: Will Euer Altezza die Henne fliegen lassen, so jeden Tag ein glden Ei
legen kann?
    Da warf mir Wallenstein einen gebieterischen Blick zu: Gesteh Er, da Seine
Goldmacherei eitel Blendwerk. Die Wahrheit will ich hren, und damit Er nicht
aus Angst zur Lge greift, hat Er mein Wort, da ich Ihn zur Stunde freilasse,
Ihn auch behten will, wofern mein Seno sich rchen mchte fr seine
Nasfhrung.
    Aufatmend sphte ich dem Herzog ins Auge, ob seiner Gnade zu trauen, dann
lie ich mich aufs Knie nieder: Altezza sollen die Wahrheit vernehmen. Zuvor
aber vergnnet mir eine Bitte. Wie die hundert Taler, die mir vom Herrn Grafen
geboten wurden, so wrde ich auch ein Geldgeschenk zurckweisen, falls Euer
Altezza mich damit belohnen wollten. Dafr aber flehe ich untertnigst um eine
andere Gabe ...
    Ungeduldig unterbrach mich Wallenstein: Will Er Bedingungen stellen? Hab
ich Ihm nicht befohlen, unverzglich die Wahrheit zu gestehen? So Er zu bitten
hat, mag's hinterher geschehn. Zuvrderst kommt mein Wille!
    Zu Befehl, Altezza, und wollet verzeihen! entgegnete ich, noch immer auf
den Knien, es ist, wie Ihr sagtet. Kein Goldmacher bin ich, sondern nur ein
Gaukler. Doch bei Gott, nicht einer von jenen, so schnden Gewinst suchen. Nach
dem edlen Gut der Freiheit tracht ich, ein schuldlos Gefangener; und ferner noch
einen zweiten Menschen, einen gnzlich unschuldigen, mcht ich befreien.
    Der Herzog unterbrach mich: Einen zweiten Menschen? Und wer ist das? -
Das ist die Tochter des Grafen Andreas Schlick, den man zu Prag enthauptet hat;
die junge Grfin Thekla ist es, eingekerkert in derselben Burg, die auch mein
Gefngnis war. Manch nchtliche Stunde hab ich gemeinsam mit dem Frulein
durchgrbelt, uns beide frei zu machen, und rund herausgesagt: die Gabe, so ich
von Euer Altezza erbitten mchte, ist der Jungfer Grfin Befreiung.
    Belustigt blickte Wallenstein auf Seno, wandte sich dann wieder zu mir und
meinte: Ei warum flog Er ins Freie, wenn sein Gefngnis ein so weich
Vogelnestlein? Als Goldmacher mit einer holden Grfin hausen, ist doch kein bel
Los. Mich wundert nur, da der Slawata die beiden Vgelein zusammensperrte. Oder
wie seid ihr beide zusammenkommen? Das alles soll Er jetzo beichten, dieweilen
wir auf diesem Bltenteppich rasten wollen.
    Und der Herzog schritt nach dem Rasenplatze inmitten der Schneegrube und
setzte sich auf einen Block. Die Jagdherren folgten und lagerten sich rings,
whrend Pagen und Diener, darunter meine beiden Wchter, ehrerbietigen Abstand
hielten.
    Auf Wallensteins Wink trat ich vor und berichtete nun alles so ziemlich der
Wahrheit getreu. Wie ich aufs Dach gekrochen und durch den Schornstein der
Jungfer Grfin vor die Fe gefallen sei, als sie gerade zur Harfe sang. Der
Herzog nebst seiner Begleitung brach in Gelchter aus. Ich erzhlte ferner von
meiner erfundenen Tinte und dem geheimen Brief an den Oheim. Glaubte aber
verschweigen zu sollen, da ich einen Schatz des Grafen Schlick gefunden, und
da der Buchstabe Z ihn angedeutet habe. Sagte blo, Jungfer Thekla habe mir
Dukaten gegeben aus dem Erbe ihres Vaters, und ich habe dies Gold angewandt, um
Seno vorzugaukeln, da ich ein Adepte sei. Wtend blitzte mich Seno an.
Wallenstein aber lachte und ermunterte mich, frei zu reden. So schilderte ich
denn, wie ich an Stelle des unverfnglichen Tiegels den andern mit dem
verborgenen Golde gebracht hatte. Abermals erhub sich Gelchter. Seno machte ein
mrrisch Gesicht. An seinem Verdru weidete sich der Herzog und sprach
bermtig: Goldmachen ist gewi eine wackere Kunst, doch mir ist nur ein einzig
Rezept dafr bekannt, auf das man sich verlassen kann. Nimm Salpeter, Schwefel,
Kohle und mache Schiepulver. Das kann zu Golde werden, so du es recht
verwendest. Gelb Metall ist genung von unserm Herrgott geschaffen worden, wir
Menschen brauchen dem Schpfer nicht ins Handwerk zu pfuschen. Es stehet uns
auch bel an, Kohlen zu blasen und im stinkigen Laboratorio unter Hsteln und
Spintisieren die Lebenszeit zu vertrdeln, genasfhret von aberglubischen
Idolen und wurmstichigen Scharteken. Ist es denn nicht wrdiger, der Drommete
und Trommel folgend, das Gold aufzuraffen, wie es Gott geschaffen hat?
Zusammenzuscharren, wo er es ber die Lande hin verstreute? Noch einmal
richtete Wallenstein sein Aug auf mich: Diese wahrhaftige Goldmacherei sollte
Er sich zu eigen machen, und ich will Ihm dabei helfen. Mag Er mir als Chymiste
dienen, aber nur in meinen Salpetermhlen und Pulverwerken. Ich rate Ihm gut -
zwingen mag ich Ihn nicht. Denn Er ist hinfro frei und kann auf der Stelle
gehen, wohin Er will. Auch seine Jungfer Grfin will ich in Freiheit setzen.
    Auer mir vor Freude strzte ich vor dem Herzog nieder und wollte seine Hand
kssen, die er mir jedoch entzog.
    Seno machte ein Bedenken geltend: Das wird Slawata Euer Altezza verbeln.
Grimmen Hohnes gab Wallenstein zurck: Um so besser! Diesen Oberstkanzler
rgere ich gern. Die bhmischen Rebellen taten nicht klug, da sie ihn aus dem
Fenster strzten - htten lieber capite rapite machen und ihn zu Stcken hauen
sollen. Die Canaglia ist schuld, da wir morgen nach Bayern aufbrechen, wo die
Kurhte sich zusammenrotten, mir das Generalat abzunehmen. Wohlan denn, wofern's
die Sterne wollen! Mag der Kaiser probieren, ohne mich auszukommen. Mir ist es
unertrglich, von jemand zu dependieren. Doch Ferdinandus dependiere von mir!
Bald soll er mich von neuem rufen. Es wehet allbereits ein rauher Wind aus
Mitternacht. Den nordischen Leuen hr ich brllen. Cave leonem, Ferdinande! Bei
diesen Worten war Wallenstein heftig und schiefrig worden, indessen seine
Begleiter in Spannung lauschten.
    Mir gab das dankbare Herz eine treffliche Losung ein. Ich schwenkete meinen
Hut und rief: Vivat Altezza! Da sprangen die Herren vom Rasen und umjubelten
unter Hteschwenken den Herzog: Vivat Altezza! Evviva! Auch in bheimischer
Sprache erschollen Zurufe.
    Stolz blickte Wallenstein in die Runde. Dann verabschiedete er mich mit
einem Wink und sprach zu einem Offizier, der mit Seno in Wasenstein gewesen:
Unverzglich soll Er nach Wasenstein zurck, die junge Grfin Schlick zu
befreien. Nehm Er aber mehr Leute mit und schau Er, da Er mit gutem Vorwande in
die Burg komme. Will unser Brenschtz mitgehn, so stehet ihm das frei.
    Noch einmal beugte ich das Knie vor dem Herzog, neigte mich vor dem Grafen
Max und den andern Herren und trat zum Offizier, der allsogleich den anwesenden
Soldaten den Befehl zum Abrcken gab. Ich schlo mich an, und nun ging es den
Weg zurck, den wir gekommen waren.
    Im Dorfe drunten, am Mummelbach, wo die Pferde harreten, nahmen wir rasch
ein Mittagsmahl und, nachdem der Offizier Verstrkung seiner Mannschaft
requiriert hatte, schwangen wir uns in den Sattel und trabten gen Wasenstein.
Die Sonne sank glutig hinter die Wlder, als wir vor dem Burgtor anlangten. Die
Zugbrcke war hochgezogen, aus den Schiescharten lugten Musketen, und des
Vogtes Stimme rief barsch: Was ist euer Begehr? - Obacht! gebot der
Offizier; la Er augenblicklich die Musketen einziehen und die Zugbrcke
fallen. Befehl des Herzogs von Friedland! Wer nicht gehorcht, soll ben. Morgen
reiset Seine Altezza unter starker Bedeckung nach Bayern und kommt hier nahe
vorbei. Drum verstndig, Herr Burgvogt! ffne Er das Tor. Hier bringen wir auch
den Goldmacher. - Nach etlichem Schweigen kam des Vogtes Antwort: So Ihr den
Goldmacher wiederbringet, sollet Ihr willkommen sein. Und nieder ging die
Zugbrcke, das Tor ward aufgetan, wir ritten hinein.
    Ich tat einen Jauchzer hinan zum Fenster der Jungfer Thekla. Ohne Verzug
ordnete der Offizier ihre Freilassung an. Dem Vogte half kein Protestieren. Als
aus ihres Gefngnisses Tre die Geliebte mir entgegen trat, frohes Hoffen im
Auge, da strzte ich wortlos zu ihren Fen und konnte nichts tun, als ihre Hand
immer nur kssen und glckselig aufschauen.
    Wir zgerten nicht, uns in die Freiheit zu begeben, und nur geringe Habe
lie die Jungfer durch Marianka zu einem Bndel schnren. Verstohlen tat sie
Goldstcke in meine Hand und flsterte: Nun rasch ins Weite, belohn Er die
Soldaten! Allsogleich nahm ich den Offizier beiseite und bat ihn, fnf Dukaten
anzunehmen. Wolle er uns mit seinen Leuten nach Tannwald geleiten, so werde sich
die Jungfer Grfin durch eine weitere Gabe erkenntlich zeigen. Das war der
Offizier zufrieden, hatte auch nichts dawider, da ich von den Soldaten fr mich
einen Karbiner, fr Thekla ein Pistol kaufte. Sogleich bestiegen wir die Rosse.
Thekla setzte sich hinter mich und schlang ihre Arme um meine Brust, whrend ein
Soldat Marianka zu sich nahm. So ging es zur Burg hinaus in den Wald, auf den
sich die Abenddmmerung senkte.
    Ohne Sumen verfolgten wir unser Ziel, und in leiser Zwiesprach berlegte
ich mit Jungfer Thekla, wie zu reisen fr uns das Ratsamste. Tat den Vorschlag,
in Tannwald die Soldaten zu beurlauben und uns daselbst drei Pferde zu
beschaffen. Da nmlich zu erwarten, da der Vogt uns nachsetzen werde, so galt
es, unsere weitere Spur zu verbergen. Es durfte niemand erfahren, wohin von
Tannwald unsere Reise ging. Die Jungfer Grfin stimmte meinem Plane bei, nderte
ihn jedoch in einem Punkte ab: Marianka mu in Tannwald bleiben. Sie kann das
Reiten nicht vertragen und ist bereits jetzt dem Hinfallen nahe. brigens hat
sie einen Bruder in Schwarzbrunn wohnen und wird froh sein, so wir ihr keine
weitere Reise zumuten. Spter einmal, wann ich eine ruhige Sttte gefunden, mag
sie zu mir kommen.
    Nach dieser Verabredung taten wir. In Tannwald belohnten wir den Offizier
und die Soldaten und lieen sie heim reiten, whrend wir von einem Gastwirte fr
gutes Geld zwei Pferde kauften, mit der Angabe, wir wollten ber Gablonz nach
Kursachsen reisen. Selbiges sagten wir auch Marianka und rieten ihr, im
Gasthause zu bernachten, andern Tages aber ihren Bruder aufzusuchen. Da ihr die
Jungfer Grfin reichlich Geld gab, so war die gute Dienerin zufrieden, wiewohl
sie unter Trnen und Schluchzen vom Frulein Abschied nahm.
    Nach einem kurzen Ritte in der Richtung von Gablonz bogen wir rechts in den
Wald und fanden im Mondschein einen Pfad, der gen Weisbach fhrte, lenkten
indessen gleich darauf wiederum ab, und zwar gen Morgen. Zween Bche
berschritten wir und kamen an den Kleinen Iser. Hier hatte mich vor drei Jahren
das Waldvglein gewarnet. Zur Linken lag der Wlsche Kamm. Wald dunkelte auf
beiden Seiten. Wir waren zum Hinstrzen mde und schwiegen. Einmal hielt ich
mein Pferd und des Fruleins Pferd an; Hufschlge glaubte ich hinter uns gehrt
zu haben, es war aber nur der Widerhall unseres Trabes. Der Nachthauch raunete
durch die Tannen, fernes Gewsser rauschte, manchmal schrie eine Eule, auch
Wlfe hrten mir bellen.

Als der Tag graute, waren wir unweit der Abendburg, trabten ins Weibachtal und
langten beim Lodern der Morgenrte vor Preilers Glashtte an. Unterwegs hatten
wir verabredet, Frau Preislerin zu bitten, die Jungfer bei sich aufzunehmen. In
Oheims Haus konnte sie nicht gut wohnen, weil er kein eigen Gemach fr sie
besa, auch aus dem Grunde, weil jegliches Aufsehen in der Nachbarschaft
vermieden werden mute. Es traf sich gut, da bei unserer Ankunft die Preislerin
gerade allein vor ihrem Wohnhause war, das Grtel begieend. Trotz des Bartes,
der mir gewachsen war, erkannte sie mich wieder, wobei sie einer traurigen
Rhrung unterlag, im Angedenken an ihre selige Elfriede. Als ich mein Anliegen
vorgetragen und fr die Jungfer um Schutz gebeten hatte, war die gute Frau gern
bereit und traf sofort Anstalten, ihren Gast zu beherbergen. Es sei ihr eine
Herzensfreude, sagte sie, einer Landsmnnin beizustehen, die gleich ihr des
evangelischen Glaubens halber aus Bheim habe flchten mssen, und sie wolle das
Frulein ansehen wie ihre eigene Tochter. Wir bedankten uns und machten
miteinander aus, die Jungfer solle fr eine Prager Verwandte der Familie
Preisler ausgegeben werden, ich aber sogleich weiter reiten und vor den Nachbarn
verschweigen, was sich mit mir und der Jungfer begeben hatte. Wir bedachten, da
der Graf Slawata vielleicht unsere Spur verfolgen lasse. Mein Pferd blieb, wie
das der Jungfer Grfin, bei Preislers, die einen Pferdestall besaen.
    Ohne da mich bisher, auer der Preislerin und ihrem Sohne, jemand gesehen
hatte, ging ich zu Fu ber den Httberg ins Tal des Bhmischen Furt und
begrte mit stillem Jubel des Oheims Husel. Der alten Beate, so ebenfalls die
Blumen bego, jauchzete ich unter Schwenken des Hutes zu. Sie hub die Hnde hoch
und eilte ins Laboratorium, aus dem sie gleich darauf nebst dem Oheim kam. Er
eilte mir entgegen und drckte mich schluchzend an seine Brust. In der
Balkenstube gab ich kurzen Bericht von meinem Schicksal und bat, den Nachbarn
nichts davon zu sagen. Zum Umfallen matt, legte ich mich schlafen und erwachte
erst bei sinkender Sonne. Als ich genauer die Begebenheiten erzhlt hatte, war
es mir lieb, zu vernehmen, da meine Ankunft von den Nachbarn nicht bemerkt war,
und da keine Rede ber den Gast bei Preislers ging. Absichtlich unterlie ich
in den nchsten Tagen einen Besuch bei Preislers.
    Wie ich schlielich hinging, wre ich beinahe dem Unheil in die Fnge
gelaufen. Bewaffnete Reiter kamen mir entgegen, und ich wute sofort, es seien
meine Verfolger, da ich unter ihnen den Vogt erkannte. Sprang also vom Wege ins
Gebsch und barg mich hinter Felsenblcken. Ich war nicht bemerkt worden und
hrte die Rosse vorber trappen. Hierauf schlich ich auf versteckten Pfaden zur
Glashtte. Beim Wohnhause traf ich die Preislerin, die ein erschreckt Gesicht
machte und mich in die Stube zog. Drinnen war Thekla mit dem Schnren eines
Bndels beschftigt. Ihr beide msset auf der Stelle fort, sagte die
Preislerin; eure Feinde sind gekommen, und wiewohl ich sie auf eine falsche
Fhrte gelockt habe, knnen sie jede Stunde zurckkehren. Also begebet euch in
einen Schlupfwinkel des Waldes, bis die Gefahr vorber. Und die Frau erzhlte,
wie soeben ein Trupp Dragoner vor ihrem Hause Halt gemacht und nach dem Husel
des Laboranten Tilesius, auch nach zween Reisenden aus Bheim gefragt habe, so
vor fnf Tagen nach Schreiberhau gelangt seien. Ich habe, berichtete Frau
Preisler, in ruhigem Ton erwidert, ein Mann und eine Jungfer seien allerdings
hier vorbeigekommen, einen Tag beim Laboranten Tilesius verweilet und gen
Hirschberg weiter gereiset. Gleich nachdem die Soldaten fort waren, hab ich
durch einen Knaben ein Briefel an den Krutertobias gesandt, ihn von meiner
Ausrede in Kenntnis zu setzen, damit er sie besttige. Hoffentlich werden sich
die Reiter tuschen und nach Hirschberg locken lassen. Aber wer wei, vielleicht
milingt meine List, und die Reiter kehren zurck. Drum machet, da ihr
fortkommet. Flchtet in die Abendburggrotte, allwo ihr tagelang hausen knnet.
In dem Bndel, das Thekla geschnret hatte, befand sich ein Vorrat von Brot und
Fleisch, auch eine Flasche Wein. Ich holte mir einen Spie, und Thekla waffnete
sich mit dem Pistol, das sie den Soldaten abgekauft hatte. Unbemerkt ging ich
zum Walde, bald darauf kam Thekla nach. Als wir das Dickicht hinter uns hatten,
durften wir aufatmen, da frs erste nichts zu befrchten war.
    Whrend wir nun bergan stiegen, sagte ich der Jungfer, was Sehnsucht ich in
diesen Tagen nach ihr empfunden habe, und da ich sie schtzen wolle bis zu
meinem letzten Blutstropfen. Thekla blieb stehen, drckte innig meine Hand und
schaute mir ins Auge mit einem dankbaren Blicke, der wie ser Feuerwein durch
meine Adern rann.
    Ich whlte den Weg ber den Weien Flins, um nach einer Wasserlache zu
sehen, die frher dort gewesen, und deren wir zum Trinken bedrfen konnten. Auf
den Flinsblcken, so gleich Schnee schimmerten, hielten wir Rast und schauten
hinunter ins waldige Tal des dumpfrauschenden Queiflusses. Ach hochgebornes
Frulein, seufzte ich, wollet mir erffnen, ob Ihr anoch gesonnen seid, mich
bei Euch zu behalten. Da wir mitsammen gefangen saen, habet Ihr geuert, ich
solle Euch zu Eurer Schwester begleiten. Wie dnket Euch jetzo? Es ist wohl an
der Zeit, da wir beraten, wie es knftig mit uns beiden werden soll. Was mich
bekmmert, will ich nicht hehlen: Das Frulein ist eine Grfin, Ihr Johannes
aber niedrig geboren und arm. Thekla schwieg. Da kam ein Rabe geflogen, setzete
sich auf einen weien Block und krchzete: Rah! rah! rah! Lchelnd sprach die
Jungfer: Hrt Er's nicht, Johannes? Dieser Vogel ruft vernehmlich: Wag's Knab,
wag's! Anderes wei auch ich nicht zu raten. Diese Worte erweckten in meiner
Brust einen schumenden Mut. Ich sprang auf, nahm den Spie in die Faust und
schleuderte ihn mit voller Kraft nach einer Tanne, da er bebend im Stamme
stecken blieb. Recht so! rief die Jungfer frohen Blickes an meiner Seite.
    Wir gingen nun auf schmalem Bergesrcken ber wirre Blcke durch
Tannendickicht zur Abendburg, die wir bei Sonnenuntergang erreichten. Ich fand
den Ort so, wie er in meiner Erinnerung stund - nur da zu meiner Knabenzeit der
Felsen grer erschienen war. Ich wies der Jungfer Grfin das Flinsgestein im
schwarzen Granit, das Giacomini eine weie Pforte genannt hatte, und sprach:
Hier ist die Sttte, wo ich vor zwlf Jahren jenen Schatz heben wollte, so mir
zigeunerische Weissagung verheien. Ein Schatz von Golde ist mir nicht worden -
so mag es ein Schatz der Herzenskammer sein, und den kann mir keine andere Magie
verschaffen, als des hochgeborenen Fruleins Gnade. - Thekla schttelte
freundlich das Haupt und erwiderte leuchtenden Auges: Der Zauberspruch, diesen
Schatz zu heben, lautet: Wag's Knab, wag's! Da war es nicht mehr die Abendburg,
was dster und hart vor mir ragte, sondern mein Schicksal, und ich ward inne,
da ein rechtes Sonntags- und Johanniskind den Felsen des Schicksals in ein
glden Schlo umzuwandeln wei. Ernsthaft nickte ich der Jungfer zu.
    Ich kletterte nun zur Grotte hinan und kroch in die ffnung, die einem
Menschen das Durchschlpfen verstattete. Kaum war Thekla ebenfalls eingedrungen,
so kam aus einem Felsenwinkel ein Knurren wie von einem Hunde. Den Spie
gezckt, starrte ich hin. Wie mein Auge der Dunkelheit gewhnt war, sah ich
funkelnde Augen und dunkle Krper. Junge Wlfe sind es! rief ich und wollte
eben zustoen. Aber Thekla hielt mir den Arm: Wenn es blo junge sind, so mgen
sie am Leben bleiben. - Es sind Raubtiere. - Aber sie haben eine Mutter. -
Die wird gleich kommen, gab ich zu bedenken. - Gerade deshalb, erwiderte
Thekla; wenn sie ihre Kinder nicht findet, wird sie die Grotte grimm umlauern.
Wir wollen lieber die Wlflein hinaussetzen. Dieser Rat leuchtete mir ein,
behutsam nherte ich mich dem Wolfsnest, packte eins der Tiere am Genick und
setzete es zur ffnung der Grotte hinaus. So verfuhr ich auch mit den brigen.
Schlielich kroch ich ebenfalls hinaus und trug die jungen Wlfe weiter weg.
    Drre ste brach ich hierauf von den Tannen und schleppte etliche Arme voll
in die Grotte, damit wir Feuer machen konnten. Nachdem ich die ffnung durch
eingezwngte Steine verschlossen und das Holz entzndet hatte, setzeten wir uns
ums Feuer und ffneten das Bndel, uns durch Speise und Wein zu erquicken. Auf
ihren Wunsch berichtete ich der Jungfer alles, was ich von der Abendburg wute.
Sowohl die Mren, die unter den Gebirglern umgingen, als auch die
Schatzbeschwrung, der ich als Knabe beigewohnt hatte. Ich will Ihm seine
Erzhlung durch eine andere vergelten, sprach die Jungfer, will berichten, was
fr Bewandtnis es mit dem von mir gedeuteten Ruf des Raben hat. Nach ihm
benennet sich das ritterliche Geschlecht der Wachsknapp, dessen Begrnder ein
Freund meines Oheims gewesen. Dieser Mann war unedler Abkunft und ein einfacher
Glasmacher namens Spiller. Wie er einmal eine Hucke mit Glaswaren durch den Wald
trug, wollten ihn Wegelagerer berauben. In diesem Augenblicke schrie ein Rabe,
und es deuchte unsern Spiller, er rufe ihm zu: Wag's Knab, wag's! Gefaten
Sinnes bat er die Ruber, sich zu gedulden, bis er seine Hucke hingesetzt htte,
damit die Glser nicht zerbrochen wrden, alsdann wrde er geben, was er zu
geben imstande. Kaum hatte er die Hucke abgetan, so wischte er mit seinem Stocke
dem einen Plnderer eins aus, da der gleich hinstrzte. Der andere bekam einen
Tritt in den Bauch und lie sein Schwert fallen. Dies griff Spiller auf und
stach beide Feinde tot. Nebst seinen Glsern brachte er auch noch gute Beute
heim, den Wegelagerern abgenommen. Dies Abenteuer, vor allem des Raben seltsamer
Zuruf, weckte ihm khnes Sinnen und Unternehmen. Durch seine Beute in den Stand
gesetzt, soldatisch Rstzeug zu kaufen, nahm er kaiserlichen Kriegsdienst,
brachte es in Ungarn zum Offizier, ward Oberst eines Reiterregiments und der
Gemahl eines grflichen Fruleins. Vom Kaiser in den Ritterstand erhoben, nannte
er sich Spiller von Wachsknapp. Aus dieser Begebenheit mag mein Johannes
ersehen, was aus Ihm noch werden kann, so Er, dem Spiller gleich, des Raben
Zuruf beherziget. In diesen Kriegsluften ist ja morgen oben, was heut unten
war. Da Er mich nun befraget, was mit uns beiden werden soll, so proponiere ich:
Begleit Er mich zu meiner Schwester; mein Schwher Falkenberg, in Knig Gustavi
Diensten, wird Ihn willkommen heien. Vielleicht, da mein Johannes ebenfalls in
schwedische Dienste tritt und beherziget, was hinfro seine Losung sei: Wag's
Knab, wag's!
    Auf hartem Lager suchten wir den Schlaf, nachdem ich fr Theklas Haupt eine
Art Pfhl zurecht gemacht. Mich wollte keine Ruh begnaden, da ich fortwhrend
den dstern Felsen meines knftigen Geschickes ungeduldig beschwur. Nach kurzem
Schlummer ward auch Thekla unrastig, weil drauen Wolfsgeheul anhub. Die Eltern
der Tiere waren gekommen und witterten Menschen. Es klang, als heule eine ganze
Meute von Hunden. Ich war versucht, Theklas Pistol auf die Tiere abzubrennen;
doch Thekla meinte, ich werde in der Finsternis nichts ausrichten und solle
lieber das Pulver sparen.
    Seltsam war die Nacht, die wir verbrachten. Bald wechselten wir Worte
miteinander, bald sank das Frulein in Schlaf, bald nickte auch mein Haupt auf
die Brust. Doch fuhr ich empor, weil die Tiere klfften und winselten, griff
nach des Fruleins Hand und drckte sie zrtlich. Nun gaukelte die Phantasei das
Schlo der Abendburg vor meine Sinne, die Fenster sah ich gleien und drang
durch die weie Pforte ins Gewlbe, wo Gold wie Tannenzapfen hing. Dann war ich
auf der Burg Wasenstein und hrte das wundersame Harfen. Immer von neuem aber
fuhr ich empor, wann das Geheul wieder losging.
    Doch der Morgen verscheuchte die Bestien, und als ich die Steine von der
ffnung tat, lachte im Sonnenscheine der Bergwald. Kaum hatten wir die Hhle
verlassen, so scholl fern ein Ruf. Anfangs beunruhigt, vernahm ich, da es der
Oheim war, der meinen Namen rief. Ich antwortete, und der Oheim brachte den
Bericht, die Luft sei rein, da unsere Verfolger sich htten nach Hirschberg
locken lassen.
    Wiewohl die geliebte Jungfer Thekla zugesagt hatte, mich bei sich zu
behalten, kam es nun doch zu einer zeitweiligen Trennung. Barbara Agnes, des
Herrn Schaffgotsch Gemahlin, an die sich Thekla brieflich um Beistand gewandt,
schrieb, sie mge zu ihr auf das Kemnitzer Schlo kommen, obzwar daselbst nicht
fr die Dauer ein Asylum zu erwarten sei. Dorthin wandte sich nun Thekla, von
bewaffneten Dienern der Schaffgotschin geleitet. Es war Thekla insonderheit
darum zu tun, ihre Schwester Elisabeth ausfindig zu machen. Ich blieb beim Oheim
- unter stetem Sehnen nach der geliebten Jungfer.
    Schon verfrbte sich das Birkenlaub, als ich folgenden Brief erhielt:
    Wiewohl noch weiter in die Ferne verzogen, hoffe ich doch, in wenigen
Wochen meinen treuen Johannem wiederzusehen, wofern er nmlich noch gesonnen,
mir zur Schwester Elisabeth zu folgen. Diese Zeilen schreibe ich aus Dresden, wo
ich im Hause einer bhmischen Emigrantin Zuflucht gefunden habe. Bei der
Schaffgottschin mochte ich nicht lnger bleiben, da ihr Mann Gefahr lief, dem
Grafen Dohna und anderen Herren, die ihn feindselig umlauern, Anla zur
Beschwerde bei Hofe zu geben, indem er der Tochter des Rebellen Schlick
Unterschlupf verstatte. brigens ist die Schaffgotschin krank und wird wohl
sterben. In Mannskleidern bin ich mit dem Kemnitzer Schlohauptmann nach Dresden
gereist, wo ich unter dem Namen Junker Jaroslaus bei der Wittfraue des edeln
Herrn Selnicki lebe und fr ihres Bruders Sohn gelte. Gestern nun ist Nachricht
von meiner Schwester aus den Niederlanden eingetroffen. Ihr Mann, Dietrich
Falkenberg, des Schwedenknigs Gustavi Hofmarschall, gehet auf Befehl seines
Herrn nach Magdeburg, und Elisabeth will ihn begleiten. Das Erzstift Magdeburg,
mit dem Kaiser vllig zerfallen, hat ein Schutz- und Trutzbndnis mit Knig
Gustavo geschlossen. Er kommet den Evangelischen in Teutschland zu Hlfe und
soll ein schlagfertig Volk zusammenhaben. Unsere gute Sache wird siegen. Zwar
tritt der ligistische Tilly den Schweden und Magdeburgern entgegen. Die
kaiserische Armada aber mu zerfallen, da ihre Seele, Wallenstein, ausgetrieben
ist. Diesen bisherigen Generalissimum hat der katholische Frstentag zu
Regensburg dem Kaiser verleidet. Auf da nun der Kaiser nicht in neue Angst
gerate und etwa gar am Wallenstein festhalte, hat man ihm die Schwedengefahr als
eine Winzigkeit hingestellt. Wie die Botschaft anlangte, Gustavus werde
einfallen, war die jagdlustige Majestt im Begriff, wieder einmal Dianen zu
huldigen, und lie sich nicht davon abbringen, indem sie achselzuckend sprach:
Haben wir halt ein Feindel mehr! - Oh du leichtsinniger Ferdinand, wirst das
Feindel noch anders einschtzen lernen. Dem Helfer aus Mitternacht jubeln die
Magdeburger zu. Mein Schwher aber wird als oberster Kommandant Magdeburgs
Verteidigung leiten. Da beut sich meinem Johanni Gelegenheit, seinem Vaterlande
und dem evangelischen Glauben, zugleich auch Seiner Freundin gute Dienste zu
leisten. Entscheide Er sich nun: Will Er mich nach Magdeburg bringen und ein
Soldat Falkenbergs werden? Voller Hoffnung harre ich des Bescheides. Sollte Er
ihn in eigener Person bringen, so wird Ihn froh willkommen heien Seine Ihm
gewogene Thekla.
    Mit Jubel erfllte mich dies Schreiben, und ich erffnete dem Oheim, da ich
unverzglich nach Dresden und dann nach Magdeburg reisen wolle, meine Vaterstadt
gen die Papisten zu verteidigen. Des Oheims trbselige Einrede und Beatens
Zhren nderten nichts an meinem Entschlusse. Nachdem ich von Preislers Abschied
genommen, holte ich aus ihrem Stalle das in Bhmen gekaufte Pferd. Vom Gelde,
das mir die Jungfer Grfin eingehndigt, lie ich einen Teil beim Oheim, auch
die drei gekreuzten Dukaten, so ich als Andenken an meine seligen Eltern bisher
im Wamse getragen. Nebst meinem Tiere reisefertig, auch mit Waffen und Zehrung
versehen, gab ich in der Morgenfrhe meinen Lieben Umarmung und Valet und ritt
bers Isergebirge. Andern Tages gings durch die Lausitz, und schon am dritten
Abende langete ich zu Dresden an, stellte mein Pferde in einem Gasthause ein und
suchte klopfenden Herzens die Wohnung der Frau von Selnicki. In seltsamer
Verwirrung begrte ich die Jungfer Grfin, die in mnnlichem Gewande, mit
kurzgeschnittenen Locken einem schnen Knaben hnlich war. Da ich zrtlich ihre
Hand kte, lchelte sie: Ich bin jetzo der Junker Jaroslaus.
    Unverzglich wollten wir nach Magdeburg reisen, weil es von Tag zu Tag
schwerer ward, in die von kaiserischen Vlkern umschwrmte Stadt
hineinzugelangen. Da Thekla alles zugerstet hatte, so brachen wir gleich den
nchsten Morgen auf, begleitet von den Segenswnschen der edeln Frau Selnicki.
Wir kamen noch vor Abend bis Meien und andern Tages nach einem zehnstndigen
Ritte ins Brandenburgische.
    Zu Wittenberg fanden wir einen schwedischen Feldwaibel mit dem Anwerben von
Sldnern fr Magdeburg beschftigt. Obwohl der Kurfrst Fremden keine Musterung
in seinem Lande verstattete, konnten die schwedischen Werber ihres Amtes walten,
weil Brger und Bauern die Magdeburgische Sache begnstigten. Vom Kaiser und
der Liga - so sagten sie - ist nur Schlimmes zu gewrtigen. Knig Gustavus
hingegen rettet vielleicht den evangelischen Glauben und unsern Kurfrsten dazu,
zumal er ihm verschwhert ist.
    Nachdem wir unsere Pferde in einer Herberge untergebracht hatten, begab ich
mich zum Werber, der unter Trommelwirbel und Pfeifenklang den herbeigestrmten
Gesellen das Laufgeld bot. Die bereits Angeworbenen hatten Tannenzweige auf die
Hte gesteckt und sprachen unter Johlen dem gespendeten Biere zu. Ich erffnete
dem Feldwaibel, auch ich wolle gern zur schwedischen Fahne, jedoch erst in
Magdeburg, wohin ich meinen Herrn, einen bhmischen Junker, zu begleiten habe.
So kommet auf meinen Kahn, sagte der Feldwaibel, morgen frh fhrt er abwrts
mit meinen Rekruten. Nur auf der Wasserstrae gelanget man nach Magdeburg, ohne
Gefahr zu laufen, von streifenden Parteien gefangen zu werden.
    Diese Mitteilung brachte mich in Verlegenheit. Ich mochte die Jungfer Grfin
nicht unter trunkene Soldaten bringen, aber auch nicht der Feindesgefahr
aussetzen. Schlielich machte ich mit dem Werber aus, da ich mit meinem Junker
mglichst weit zu Pferde reisen und erst zu Beginn des Magdeburgischen Gebietes
den Kahn besteigen werde. Zum Treffpunkt bestimmten wir das Stdtchen Aken, wo
der Kahn am bernchsten Tage eintreffen und einen zweiten Rekrutentrupp
aufnehmen sollte.
    Andern Tages ritt ich mit Thekla nach Aken, und nachdem wir daselbst
bernachtet hatten, langte der Kahn mit den Soldaten an. Ich stellte dem
schwedischen Feldwaibel meinen Junker Jaroslaus vor, und wir begaben uns nebst
den neuen Rekruten auf den gerumigen Kahn. Da der Wind in die Segel griff und
starke Strmung war, so hatten die Ruderer leichte Arbeit, hurtig flogen die
Weidengebsche, Wlder, Auen und Drflein vorber. Sonsten war unsere Reise
nicht anmutig, dieweilen die Soldateska unaufhrlich Bier trank und johlte.
Wiederholt mute ich Kerle zurckdrngen, wenn sie meinem Junker zu nahe kamen
oder Kameradschaft mit ihm trinken wollten. Htte mich nicht der Feldwaibel in
Schutz genommen, ich wre in Streit mit den Sldnern geraten. Denk ich an diese
Reise zurck, so klinget mir ein Lied vor den Ohren, das man auf dem Kahne
wieder und wieder sang:

Ein Schifflein sah ich fahren,
Kapitn und Leutenant.
Darinnen waren verladen
Zwei Fhnlein brave Soldaten.
Kapitn, Leutenant,
Fhnderich, Sergeant,
Nimm das Mdel, nimm das Mdel,
Nimm das Mdel bei der Hand -
Soldaten, Kameraden!

    ber dem linken Ufer sank rot die Sonne nieder, als in der Ferne der Dom von
Magdeburg auftauchte, und dann kamen wir an Buckau und Sudenburg vorbei. Eine
Zhre im Auge, begrte ich die vaterlndischen Gefilde und nennete meinem
lieben Junker die Drfer und die Insel Rotehagen. Bllerschsse donnerten uns
zum Grue vom sdlichen Rondell entgegen, und nun lag die Stadt in ihrer Breite
vor uns mit Wllen, Mauern und Verteidigungstrmen, mit wimmelnden Brgerhusern
und ihren zwanzig Kirchen, die dster in den gelben Abendhimmel ragten. Unter
der Brcke fuhren wir durch, die von den beiden Hunden flankiert wird, wie der
Volksmund zwei Geschtze wegen ihres Bellens und Beiens nennet. Von der Brcke
und noch mehr vom Fischerufer jubelten uns die Magdeburger zu, whrend auf
unserm Kahne gesungen ward:

O Magdeburg, halt feste,
Du wohlgebauet Haus!

    Da mit dem Schwedenknig ausgemacht war, die Soldaten htten auerhalb der
Stadtmauer zu quartieren, so muten wir an der Altstadt vorbei und legten erst
in der Neustadt an.
    Die Sehnsucht nach ihrer Schwester trieb Thekla, sich unverzglich in die
Altstadt zu begeben. Ich geleitete sie bis zur Hohen Pforte, wo ich nebst ihrem
Ade einen innigen Dank empfing und dann zurckkehren mute, dieweilen ich ja als
schwedischer Rekrut keinen Einla erhielt.
    In einem Bretterhause mit dem angeworbenen Volk kampierend, fand ich wenig
Schlaf, da mich der Kameraden Lallen und Schnarchen strte, und ich mit
Betrbnis von neuem inne ward, wie doch das Frulein Grfin gar so weit von mir
getrennet war.

Allsogleich des andern Tages sind wir geworbenen Sldner im Angesicht der
Neustdtischen Kirche versammelt worden und haben gemeiniglich zu ihrer
schwedischen Majestt Fahne geschworen. Da hat uns der Oberste Falkenberg, ein
fester teutscher Mann, vermahnt, hinfort wie zusammengeschmiedet Eisen stark und
treu beieinander zu stahn und die evangelische Freiheit, insonderheit itzo die
Magdeburgische Festung, unserm Schirm anvertrauet, allezeit aufrecht und
mannlich zu verteidigen, wie es ehrliebenden Kriegsleuten gebhre. So es aber
nicht anders sein knne, sei es preiswert, als redliche Mannschaft im Felde zu
sterben fr Gottes Ehre und unserer Nachfahren Libertt.
    Hierauf so sind wir abgeteilet, und ich bin nebst anderen Rekruten dem
Hauptmann Urstedt und seinem Feldwaibel Otten zum Drillen bergeben worden.
Zuvrderst haben wir unsere Wehr und Waffen empfangen, als Sturmhaube und
Harnisch, Picke, Schwert und Zubehr.
    Wie unser Exercitium losgegangen, hat der Oberste Falkenberg vor meiner
Kompagnie ausgerufen: Rekrut Tielsch! Ich antwortete laut und rannte hin. Wie
ich salutierend vor dem Herrn stund, blickte sein blaues Auge durchdringend,
aber freundlich: Ich danke Ihm, Tielsch, da Er khn und klug meine Schwherin
aus ihrer Gefangenschaft befreit und wohlbehalten hergebracht hat. Jungfer
Thekla ist Ihm eine Frsprecherin; so Er nur zur Hlfte ihrer Lobsprche wrdig
ist, wird aus Ihm ein tchtiger Soldat und - wofern der Herrgott unser Leben
erhlt, ein Offizier. - Solche Rede freute mich unbndig. Auf des Obersten Wink
trat ich wieder in Reih und Glied. Hei, wie voller Valeur hab ich nun in meiner
Kompagnie auf der Neustdtischen Schafweide Stechen, Hauen und Parieren, auch
allerlei Finten gebt, ferner das feste Stillestehen, hurtige Laufen und
Formieren nach den unterschiedlichen Befehlen und Hornsignalen. Schon die Woche
darauf sind uns Musketen und Hakenbchsen ausgehndigt worden, und nun hat das
Zielen, Laden und Scheibenschieen angehoben. Nicht der kalte Wind Decembris,
nicht herabgieender Regen und Schneegestber hat uns verdrossen. Und so wir
abends im Barackenquartier unser Kommisbrot mit Speck verzehreten, wohl gar
einen Trunk Zerbster Bieres dazu, lie unser Mut sich frhlich im Gesange aus:

Frisch auf ins weite Feld!
Zu Wasser und zu Lande
Bin ich Soldat ums Geld.
Weil alle Leute schlafen,
Soldaten mssen wachen,
Dazu sein sie bestellt!

    Ums Geld war ich nun freilich nicht Soldat. Doch wenn ich auch heimlich
schmunzelte Eia, mir steht nach edlerem Solde der Sinn, so hielt ich doch in
allen soldatischen Strapazen wacker mit den Kameraden. Die Wachen bekam ich fast
sattsam zu kosten. Doch oft fhlte sich mein Mut zu hnlicher Flamme angefacht,
wie in der Nacht des dritten Advents, da ich auf der Zollschanze Posten stund.
Mit den Fen stampfend vertrieb ich mir den Frost. Die Lunte meiner Muskete
glomm, und scharf lugete ich hinaus in die vom Sterngeflimmer bleich erhellte
Ebene, ob nicht etwan ein Feind daher geschlichen komme. In der nahen Wachtbude
intonierten die rauhen Kehlen meiner Kameraden:

Zu Magdeburg, der werten,
Tummeln sich Vlker viel,
Zu Fu und auch zu Pferden
Treiben sie Waffenspiel.

Im Schilde berm Tore
Da steht ein Mgdelein,
Sein Hndlein hat erkoren
Ein Rautenkrnzelein.

Das Mgdlein spricht: Hie schauet
Die Burg der freien Magd!
Der Unschuld anvertrauet,
Vor Feinden unverzagt.

So einer auf der Freiten
Mein Krnzelein begehrt,
Der mu zuvrderst streiten
Gen manches Helden Schwert.

Mich halten wohlbeschirmet
Geschtz und Mauerstein.
Komm nur herangestrmet,
Du freches Freierlein!

Hinter mir scholl es dumpf von den Trmen. Ich kannte sie alle von meiner
Kindheit her, die erzenen Munde von Sankt Johannis, Sankt Katharinen, Sankt
Jakobi, Sankt Ulrich, Sankt Sebastian, vom Liebfrauenkloster und endlich die
dumpfe Glocke vom Dome. Jetzo drhneten sie die Morgenstunde, kndend, da mir
die Ablsung nahe. Ich schaute zurck und sahe die dunkle Masse der Stadt,
Dcher und Trme scharf abgehoben vom dmmernden Osten. Und da deuchte mich,
droben zwischen den zween Domtrmen stehe die Magdeburgische Wappenjungfer mit
dem erhobenen Krnzel; und niemand anders war's als meiner Thekla seine Gestalt.
Sie lchelte mir zu in spttischer Herausforderung, als wolle sie rufen wie
einst auf der Abendburg: Wag's Knab, wag's! Und abermals wallete hei mein
Geblt, ich drckte die Faust auf mein pochend Herze, leise zu mir selber
sprechend: Harre, Johannes, harre! Wirst sie endlich doch erobern, die stolze
Feine! Wohlan, das sei hinfro all dein Ziel - dein Abendburgschatz, den du
gewilich heben wirst!
    Wie ich des andern Tages den Schlaf, so auf der Wacht versumet war,
etlichermaen nachholete, ward ich aufgewecket von meinem Korporal, dieweil ein
Bote fr mich gekommen. Es war ein Page des Obersten Falkenberg. Er fhrete mich
beiseite und tat in meine Hand ein Pcklein, auf dessen Siegel das grflich
Schlicksche Wappen gedrcket war, mir wohlbekannt von Theklas Ringe. Ich gab dem
Pagen einen Botenlohn und hie ihn beim Marketender harren, ob etwan eilige
Antwort auf diese Post vonnten.
    Klopfenden Herzens ffnete ich das Pcklein. Es enthielt einen Beutel mit
Dukaten nebst einem Briefel, also lautend:
    Mein getreuer Johannes wolle doch nit denken, da ich sein vergessen, seit
wir einander aus den Augen gekommen. Nehme Er meines Herzens Gru und meines
Dankes ein Zeichen. Soldaten bedrfen Geldes, sintemalen Kommisbrot trucken
schmecket, und bekanntermaen die Herren Offiziere nicht gern einen armen
Schlucker avancieren lassen. Ei ja, die Welt fordert zu einem guten Gemlde auch
einen gldenen Rahmen. Prsentier Er sich also den Herren Frgesetzten, wie sie
es gerne haben, mit etlichem Edelmetalle, auf da Er, wie zum Exempel der
heldenhafte Oberste Aldringen, eines Brgers Sohn, mit Gottes Beistand an eine
Stelle avanciere, wo Ihm freudig vor aller Welt die Hand reichen darf eine, so
Ihm wohlaffectionieret.
    Dies Schreiben erregte mir viel Freude, aber auch einen Beigeschmack von
Verdru und Trutz. Schrieb ohne Verzug die Antwort, tat sie nebst den Dukaten
zusammen und hndigte das Packet versiegelt dem Pagen fr die Jungfer Grfin
ein. Es lautete aber mein Briefel:
    In gebhrender Reverenz hab ich empfangen, was mein hochgeehrt Frulein mir
geschrieben. Hab's fr eine Gnade gehalten, da Sie bemhet gewesen, mich mit
einem Grue und Beistande zu wrdigen. Von Herzen danke ich Ihr die gute
Affektion, so Sie gen mich heget, und bitte den Himmel, da er Sie zu dem
Schlusse fhre, den mein adlig Frulein in Aussicht stellet. Indessen verzeihe
Sie ihrem Knechte, da er die beigelegte Gabe, so ehrenvoll sie ist, wieder in
Ihre Hand zurckgibt. Meine Dienste fr das holdselige Frulein haben mir einen
Lohn eingebracht, vor dem alles Gold nur eitel Armutei bedeutet. Was aber mein
Avancement anlangt, so mcht ich vor den Augen meiner Herrin einzig durch eigen
Verdienst und Kraft zu Rang und Ehren kommen. Avancement durch Fruleins Gunst
gibt es fr mich nur im Reiche des Herzens. Also ist einer gesonnen, so nimmer
die Losung vergisset: Wag's Knab. -
    Um sich der Stadt besser zu versichern und sein Kriegsvolk allmhlig
daselbst einzunisten, setzete Falkenberg durch, da etliche hundert Soldaten aus
den Vorstdten nach Magdeburg hinein quartieren durften. Auch meine Kompagnie
erhielt Befehl, sich marschfertig zu machen. Jedoch muten wir, bevor die Hohe
Pforte uns geffnet ward, dem Burgemeister, Herrn Khlwein, geloben, zu der
Stadt Versicherung in aller Treue das Bndnis zu wahren und gute Disziplin zu
halten.
    Hierauf so zog ich ins alte gute Vaterland, das ich kindlichen Alters
verlassen, aufs neue ein, diesmal ein mannhafter Verteidiger patriotischer
Freiheit. Mit Freuden nahm ich die Gassen und Huser, die Magdeburger Mundart
und Sitte wahr; alles war noch ebenso wie vor zwanzig Jahren. Da stund immer
noch das alte Rathaus und davor zwischen Krambuden und Marktkrben Kaiser Ottos
steinern Bildnis. Hier, auf dem groen Platze, machte meine Kompagnie Halt und
ward in die Brgerquartiere verteilet.
    Ich erhielt Befehl, mich nebst meinem Korporal zum Kaufherrn Schmidt zu
begeben, der ein gut steinernes Haus neben der Ringapotheke besa. Als wir zur
Stelle kamen, stund vor der Apotheke eine gedoppelte Schildwache, woran zu
erkennen, da allhie der Oberste Falkenberg sein Losament habe. Wie eine Lerche
jubelte mein Herz, als in einem oberen Fenster Jungfer Thekla sichtbar ward, und
unsere Blicke einander trafen, wobei eine holde Glut ihr Antlitz bergo. Da
wute ich, da nicht der Zufall mich an diesen Ort gefhret. Stumm, doch
inniglich dankete ich dem Frulein, die linke Hand auf mein Herze gedrckt.
    Da der Oberste Falkenberg mir wohlgesinnet, bewies er gleich in den ersten
Tagen meines neuen Quartiers. Es war kurz vor Weihnachten, und der Abend
dmmerte. Ich wollte eines dienstfreien Stndleins genieen und wandelte ber
den beschneiten Ring durch die Reihen der Buden, in denen allerlei Kram feil
geboten ward. Die aus Fichtenreisern geflochtenen, bunt gezierten
Weihnachtspyramiden betrachtete ich stillfrohen Sinnes, als wre ich noch ein
Knabe, und als gbe es keine Waffen, keine Feinde.
    Da vernahm ich hinter mir Sporenklirren, und als ich mich umwandte, stund da
der Oberste Falkenberg. Allsogleich grete ich ihn soldatisch und harrte des
Befehls. Er sahe mir scharf ins Auge und sprach: Ist es wahr, da Er ein
flotter Reiter?
    Ich entgegnete: Vor Jahren hab ich manch Ro des Herrn Schaffgotsch
probieret. Seines Gesttes Verwalter war mir gewogen und sah es gern, wenn ich
beim Zureiten half.
    Und als Magdeburger Kind findet Er sich in der Umgegend der Stadt zurecht?
Wie? Kennet Er den Weg nach Langenweddingen? Und trauet Er sich zu, allsogleich
als Courier dorthin zu reiten, aber noch diese Nacht zurck zu sein?
    Ja, Herr Oberster!
    So bring Er diese Post eilends dem Kapitn Rote zu Langenweddingen und
kehre sofort mit der Antwort heim. Doch seh Er sich fr; die Pappenheimer
streifen bereits bis Buckau. Wird Er von den Unsrigen angerufen, so nenne Er die
Losung: Vivat Gustavus und fge hinzu: Courier vom Obersten. Wohlan, melde Er
sich sofort der Hauptwache, wo man ihm ein Pferd geben wird, und Gott befohlen.
Falkenberg reichte mir den Brief, den ich in meinem Koller barg, worauf ich
frohen Mutes den Herrn grte und zur Hauptwache eilte. Der wachthabende
Offizier wies mir ein tchtig Pferd an, auch Sbel und Pistol. Ich lud die
Waffe, tat dem Pferde Zaum, Gurt und Sattel an, schwang mich hinauf und trabte
los.
    Als ich Sudenburg passiert hatte, ging's im Galopp voran. Die Nacht war
eingebrochen; der von Sternen angeflimmerte Schnee verbreitete ein Dmmerlicht,
darin die kahlen Hecken und Bume zu beiden Seiten der Landstrae dunkle
Wegweiser bildeten. Die Gegend war vllig einsam, nur hin und wieder verriet
Hundegebell ein Gehft in der Nhe.
    Dicht vor Langenweddingen kam ein Reiter mir entgegengetrabt, den ich fr
einen Posten des Kapitns Rote hielt. Zur Sicherheit aber spannte ich den Hahn
meines Pistols, hielt mein Pferd an und zielte auf den Reiter. Wer da? Losung!
rief er, und ich erwiderte: Vivat Gustavus! Courier vom Obersten!
    Da scho mir krachend ein Feuerstrahl entgegen, und mein Pferd brach unter
mir zusammen. Ich kam jedoch auf die Beine zu stehen und brannte auf den Reiter
ab, da er allbereits zum Hiebe ausholte. Er strzte und lag am Boden. Ich
haschte seines Pferdes Zgel und band es an einen Baum. Hierauf untersuchte ich
den Gefallenen. Er war tot, durch die Brust geschossen! Ich fand bei ihm eine
Brieftasche und einen gefllten Beutel, nahm seine prchtigen Reiterstiefel, die
mir paten, auch seinen Federhut, schwang mich auf das erbeutete Ro und
galoppierte weiter.
    Aus Langenweddingen kam mir ein Trupp Reiter entgegen, und ihr Fhrer war
Kapitn Rote. Ich folgte ihm in das Wirtshaus, wo er quartierte, bergab ihm die
Post von Falkenberg und berichtete, was vorgefallen. Er lie sich die
Brieftasche zeigen und fand darin ein chiffriertes Schreiben. Versum Er nicht,
gleich nach der Heimkehr dem Herrn Obersten dies Papier zu bergeben, schrfte
er mir ein. Dann schrieb er seine Antwort an Falkenberg, whrend ich mich an
Warmbier labete.
    Als ich gleich darauf wieder im Sattel sa, sprte ich, welch edeln Renner
ich erbeutet. Fortuna war mir hold, so da ich in krzester Frist wieder nach
Magdeburg gelangte. Fand den Obersten auf der Hauptwache, allwo er mit etlichen
Hauptleuten Rates pflag. Als ich Meldung getan und die Papiere bergeben hatte,
ma mich Herr Falkenberg heiter vom Haupt bis zu den Fen und sprach:
Dieweilen Er seine Sache also gut ausgerichtet, mag Er bleiben, wozu Er
unterwegs avanciert ist. Ein Dragoner soll er sein und gleich morgen in der
Schwadron des Rittmeisters Pfeifer exerzieren.
    So war ich ein Reitersmann worden und auf der Staffel des Emporkommens eine
Stufe hher gercket. Denn ein Reitersmann bertraf nicht blo an Solde den
Fuknecht, sondern auch an Ansehen und hatte mehr Aussicht, Offizier zu werden.
Als ich mich zu meinem Quartier begab, sahe ich ein Fenster der Falkenbergschen
Wohnung erleuchtet, und mir kam der Gedanke, dort mchte vielleicht Thekla
wachen. Dann wieder gestund ich mir, es werde wohl des Obersten Kammerdiener
sein, so seines Herrn harre.
    Ich pochte an die Tr meines Quartierhauses, durch dessen Schlsselloch ich
Licht bemerkte. Gleich darauf ward aufgetan, und die alte Schmidtin, eine
Laterne in der Hand, begrte mich mit Freuden: Gott sei gelobt, der Ihn von
dem schlimmen Ritte wohlbehalten heimgefhrt hat.
    Dank Euch, Witwe Schmidtin! Aber woher wutet Ihr denn von meinem Ritte?
    Flsternd gab die Alte zur Antwort: Ei, von der Jungfer Grfin! Am spten
Abend ist sie zu mir herbergehuscht und hat mir vertrauet, wie Ihn der Oberste
zu gefhrlichem Werke ausgesandt habe. Gebanget hat sich das Frulein - hat
gesagt, sie knne nicht schlafen und wolle ber der Bibel wachen. Habe ihr
versprechen gemut, gleich nach seiner Heimkehr durch Hndeklatschen anzuzeigen,
da alles gut gegangen. Und sie ging hinaus und klatschte in die Hnde. Gleich
darauf klirrete oben das Fenster. Ich drckte der guten Alten die Hand und begab
mich zur Ruhe.
    Nach kurzem Schlafe ward ich von meinem Korporal geweckt und aufgefordert,
seine Waffen zu putzen. Als ich dies Werk verrichtet und auch meine Kleidung
gesubert hatte, wobei ich dem Korporal mein nchtlich Abenteuer erzhlete,
wollte ich mich zum Exerzierplatze begeben.
    Vor die Haustr tretend, gewahrte ich einen Trupp Kurrendejungen, der vor
des Obersten Quartier Aufstellung nahm. Der Sitte gem sang die Kurrende zur
Adventszeit vor den Husern fromme Lieder und heischete Gaben. Um die Laterne
des Kantors geschart, intoniereten die Knaben: Allein Gott in der Hh sei Ehr!
Andchtiglich schaute ich gen Himmel, und die Sterne sprachen mit ihrem
friedlichen Schimmer: Wir waren dabei, haben geleuchtet, als seine Gnade dich
beschirmte diese Nacht. Und Dank fr seine Gnade!
    Da tat sich die Haustr des Falkenbergschen Quartiers auf, und zwo Mgde
brachten eine dampfende Schssel nebst Tassen und anderen Trinkgefen auf die
Strae. Eine Mehlsuppe ward den jubelnden Knaben verabreicht. Derweilen sie sich
erquickten, erschien droben am Fenster Jungfer Thekla. Triumphierend schwenkte
ich den erbeuteten Federhut. Und es sang die Kurrende: Vom Himmel hoch, da komm
ich her. Glckseligen Herzens begab ich mich nach dem Stadtmarsch zu den
Dragonern.
    Das Reiterwesen fiel mir gar nicht schwer. Im Sattel sa ich wie ein
altgedienter Reiter. Brauchte nur noch Sbelschlagen und Schwadron-Exercitium zu
ben. Alles ging mir so gut vonstatten, da ich nach sechs Wochen ein Gefreiter
war und allbereits Korporaldienste tun durfte. Gern verwendete mich der Oberste
als Courier und Ordinanz.
    Im Februario des Jahres 1631 bekam die Stadt, von den Pappenheimern
inzwischen immer schrfer blockiert, auf einmal Luft. General Tilly war auf die
Nachricht vom beln Zustande seiner Kriegsvlker an der Warthe und Oder mit drei
Regimentern dorthin geeilt und alsdann ins Mechelnburgische gezogen, wo er den
klglich ausweichenden Schwedenknig endlich zu fassen gedachte. Um aber zur
Entscheidungsschlacht mglichst gerstet zu sein, hatte Tilly von den
Magdeburgischen Belagerungstruppen weggezogen, was irgend abkmmlich erschien.
Also ward die Stadt derart von Feinden entblet, da es aussah, als solle das
Donnerwetter ziemlich unschdlich vorberziehen.
    Sdlich war der Feind bis Barby zurckgewichen. Seine Stellung zu erkunden,
ritten wir am rechten Elbufer stromauf bis zu einer bewaldeten Insel, die
Kreuzhorst geheien, wo sich Pappenheimer eingenistet hatten. Indessen die
Vorbereitungen zum berfall des Feindes getroffen wurden, zog ich nebst vier
anderen Dragonern auf Kundschaft ber die Stadt Barby hinaus, in der Richtung
auf Calbe.
    Die Feuerrohre schufertig, scharf die vereinzelten Ufergebsche
durchsphend, trabten wir lngs des Saaleflusses. Unter milden Sonnenstrahlen
war das Eis geschmolzen, die letzten Schollen trieben den gelben Flu hinab;
schon zierten sich die Weidenruten mit Silberktzchen, und aus dem winterlichen
Rasen lugten gldene Huflattichsternlein. Auf einmal in der Ferne
Pferdegewieher. Allsogleich hie ich meine Kriegsgenossen absitzen und die
Pferde im Gebsch verborgen halten, whrend ich geduckt vorwrts in der Richtung
des Schalles schlich. Bald nahm ich eines bewaffneten Reiters wahr, der mir
entgegenkam. Ich barg mich hinter einer alten Eiche, die der Feind passieren
mute. Den Karbiner ber die Schulter gehngt, kam er gerade auf meine Eiche
losgetrottet. Schon wollte ich zum Schusse anlegen, als mir beifiel, der Knall
mchte uns andere Feinde auf den Hals locken. Lauerte also mit gezogenem Sbel.
Da nun der ahnungslose Pappenheimer dicht an mir vorbeiritt, tat ich einen
Sprung und hieb seinem Pferde ins Hinterbein, da es zusammenbrach und den
Reiter in den Sand warf.
    Ich wie ein Wolf ber ihn her und packe seine Gurgel, whrend er mich bange
anglotzt und mit gequetschter Stimme um Pardon bittet. Ich frage, ob er fortan
der Stadt Magdeburg diene wolle, worauf er ja sagt. Hierauf binde ich seine
Hnde mit Weidenruten auf den Rcken und zcke den Sbel: Nun sag Er die
Wahrheit: kommen noch mehr Pappenheimer, und was haben sie vor? Gib genaue
Auskunft, und wehe dir, so du leugest!
    Ja doch, Herr Schweb, antwortete der Gefangene - alles will ich gestehen.
Vorreiter bin ich fr einen Kahn mit Proviant, so bald die Saale
herabgeschwommen kommet.
    Wie stark ist seine Mannschaft?
    Ein Korporal und fnf Musketiere.
    Und wohin soll der Kahn gebracht werden?
    Gen Barby, allwo der Ratskeller zum Proviantspeicher dient.
    Inzwischen war von meinen Gefhrten einer herbeigaloppiert, und ich rief ihm
zu:
    Schnell die drei besten Schtzen her! Zu Fue! Der vierte bleibt mit den
Pferden im Versteck. Derweilen mein Befehl ausgefhret ward, gab mir der
Kriegsteufel eine seiner Tcken ein, und ich herrschte den Gefangenen an: Wir
werden dich an deinem besten Halse aufhngen, so du nicht tust, was ich jetzo
befehle. Lege dich hier in den Sand, und wenn der Kahn kommt, rufe ihn herbei,
dein Pferd sei gestrzt, und du habest das Bein gebrochen.
    Vor Bestrzung bleich, versetzte der Gefangene: Das wolle der Herr mir
erlassen. Wrde Er selber etwan fertig bringen, seine Kameraden in die Falle zu
locken?
    Diese Frage machte mich verwirrt; da ich aber an mein Avancement dachte, und
wie ich als Offizier auf Theklas Hand hoffen durfe, tat ich hochmtig und
sprach: Du Hund, wir sind im Kriege, da gilt des Strkeren Gebot. Auch darfst
du nicht vergessen, da du jetzo schwedisch worden. Nun rede, wirst du das tun,
was ich gebiete? Sonsten wahrlich soll der Wind unter deinen Fen
zusammenschlagen. Du mut - mut!
    Da sagte der Mann, er wolle es tun, und ich hie ihn, allsogleich sich
niederlegen. Whrenddem waren meine Leute herbeigekommen, und wir verkrochen
uns. Es whrte nicht lange, so erscholl Ruderschlag, und der Kahn kam gefahren.
    Her zu mir! rief nun der Gefangene. Bin der Wenzel, mein Klepper ist
gestrzet. O weh, o weh! In ungeheuchelte Trnen brach er aus, und ich
besorgte, er mchte alles verderben.
    Doch im Kahne gebot eine Stimme: Aus Land! Musketen hier lassen! Richtig
kam der Kahn, drei waffenlose Soldaten stiegen aus und wateten aus Ufer. Da
krachte mein Schu, und der Befehlshaber des Kahnes strzte. Gleich darauf
feuerte ein zweiter von denen, so mit mir im Uferrohre lauerten, und auch der
Steuermann war getroffen. Nun sprangen wir auf und riefen den Soldaten, die
hastig zum Kahne zurckstrebten, zu: Ergebet euch! Wer ausreit, wird
niedergeknallt. Da baten zwei um Pardon. Der dritte jedoch strzte mit
gezogenem Messer auf den Wenzel los und schrie: Verrter! - ward aber vor
geschehener Rachetat von den Meinen niedergesbelt. Wie er rchelnd dalag,
drehte er das Angesicht zum Wenzel und sthnte grimmen Blickes: Judas! -
Nicht doch! antwortete Wenzel klglich, richtete sich vom Boden auf und hub
die Schwurfinger: Man tt mich dazu zwingen. Mit dem Haupt seitwrts gen mich
deutend, fgte er hinzu: Der da hat's getan!
    Und des Sterbenden Auge rollete vorwurfsvoll zu mir herber. Da zuckte mein
Herz, als ob ein Geier es in den Fngen hielte. Ratlos griff ich mir ans Haupt
wie einer, der sich nicht zu verantworten wei, und eine Stimme gleich der
meines seligen Vaters sprach dumpf in mir: Was hast du getan, Johannes?
Glubest du, also ins Paradeis einzugehen? Vor Scham sank mir das Kinn auf die
Brust, ich wandte mich zum Wenzel und wollte um Vergebung bitten.
    Aber da schwatzete allsogleich der bse Geist in mir dazwischen: Sei kein
Narre - bist halt ein Krieger. Erobere die Braut! Heilig magst du spter werden!
Wag's Knab!
    Immerhin drngte es mich, am Wenzel etwas gut zu machen; schnitt also die
Weidenruten durch, so seine Hnde gefesselt hielten, und sprach: Was krchzest
du, ruppige Krhe? Mich willst du verklagen? Sei froh, da du diesen Dienst
leisten gedurft. Er hat dir zum Leben die Freiheit gerettet. Ich lasse dich
frei; geh, wohin du magst.
    Was tust du? sprach ein Kamerad zu mir. Nehmen wir ihn doch lieber mit!
Er mag rudern helfen. Da seufzete der Wenzel und zuckte die Achseln: Meine
Freiheit - die ist hin. Mir bleibet keine Wahl. Wie knnte ich jetzo zu den
Meinen heimkehren? Mu schon bei euch bleiben.
    Inzwischen hatten meine anderen Kameraden sich des Kahnes bemchtigt und
erhuben ein Jubelgeschrei, sintemalen unter dem Segeltuche Korn und geruchert
Fleisch die schwere Menge. Nun hatte ich meine Fassung wiedergewonnen, sprte
sogar ein Frohlocken in der Brust. Meine Sorge war nur noch, wie sich dieser
Sieg am besten ausnutzen lasse.
    Und zum Lohn fr meine Folgsamkeit gab mir die Kriegsfuria eine neue List
ein. Durch Befragen erfuhr ich vom Wenzel, die Besatzung von Barby sei fnfzig
Reiter stark, auf die drei Mauertore verteilet, den Befehl habe ein Kornet, und
die heutige Losung laute  Maximilian. Ich gebot nun meinen Kameraden, nebst
dem Wenzel und den anderen Gefangenen, den Kahn gen Barby zu rudern, das
inzwischen von den Unsern erobert sein werde.
    Begab mich hierauf zu dem Posten bei den Pferden und befahl ihm, sie auer
dem meinigen in einen bezeichneten Busch zwischen Schnebeck und Barby zu
fhren. Dann bekam mein Renner die Sporen, und ich jagte zu meiner Schwadron
zurck. Kaum hatte ich dem Rittmeister den Vorfall berichtet, so ging er auch
schon auf meinen Plan ein und lie aufsitzen.
    Zunchst umritten wir Barby, da wir fr ein Pappenheimsches Detachement
gelten wollten und also von Sden her kommen muten. Die Dmmerung war
allbereits hereingebrochen, als wir vor Barbys sdlichem Tore anlangten.
    Ich und der Rittmeister trabten der Schwadron voran. Wir hatten grne
Feldbinden umgetan, wie sie die Pappenheimer trugen. Als wir eines Flleins
Brcke passieren wollten, wurden wir von einem Posten angerufen: Gebt Losung!
    Maximilian! entgegnete der Rittmeister.
    Passieret, sagte der Posten.
    Da brachte der Rittmeister sein Pferd an ihn heran und fragte: He, Kamerad!
Habet Ihr zu Barby auch einen guten Trunk? Gleich darauf sank der Posten
lautlos vom Pferde, da ein hurtiger Hieb des Rittmeisters seinen Kopf getroffen
hatte.
    Ich erhielt nun den Befehl, am Mauertor Einla zu begehren. Ritt also hin
und sagte dem Trupp Soldaten, die dort Wache hielten und ihre Karbiner auf mich
anlegten, die Losung Marximilian. Man beleuchtete mich mit einer Fackel und
sah meine grne Feldbinde. Gut! sagte der Wachthabende. Was ist Sein Begehr?
    Da Ihr das Tor auftuet fr ein Detachement vom Regiment Kufstein.
    Da der Wachthabende zgerte, fuhr ich fort: So gebet mir einen Mann zum
Herrn Kornet mit, der Euch befehligt.
    Hierauf schwand das Mitrauen der Pappenheimer, und sie taten das Tor auf.
Zugleich trabten die Meinen heran und hieben auf die verdutzte Torwache ein, die
sich dann ergab.
    Nun jagten wir durch Barbys Gassen und bemchtigten uns der brigen Tore.
Unser Verlust war gering; die Feinde gaben sich gefangen, sofern sie nicht
niedergemacht waren. Im Ratskeller fanden wir mindestens dreiig Mispel Korn,
Speck, Brot und Bier, ferner fnf Zentner Pulver, wonach wir sehr Verlangen
trugen. Da auch eine Herde Rinder im Stdtlein war, und meine Kameraden mit dem
Kahne anlangten, so hatte dieser Handstreich uns reiche Beute eingebracht.
    Mein Rittmeister beorderte mich, die angenehme Meldung Herrn Falkenberg zu
berbringen. Ich brach sogleich auf und traf am spten Abend den Obersten zu
Schnebeck. Genau mute ich alle Einzelheiten berichten; hierauf sandte
Falkenberg Verstrkung nach Barby und traf Anstalten, den erbeuteten Proviant
nach Magdeburg einzuheimsen. Zu mir aber sprach er: Tielsch, Er ist Korporal!
    Bevor ich diese Nacht einschlief, flogen meine Gedanken zu Thekla, und ich
sahe mich allbereits als Offizier vor ihr stehen, whrend sie liebevollen Auges
ihre Hand in die meine legte. Doch in mein Triumphieren mengete sich eine
Beklommenheit. Des Mrleins von der Abendburg gedachte ich, und Worte meines
Vaters kamen mir in den Sinn, die er in meiner Kindheit gesprochen: Das
Menschenherz ist die wahre Abendburg; verwunschen ist es von einem bsen Geiste,
in seinen tiefen Kammern aber ruhet ein Reichtum, den nimmer Motten noch Rost
fressen. Den sollst du heben, mein Johannes! Und traurig ward mein Gemte.
Zwischen Schlaf und Wachen kam ich mir vor wie jenes Weib, dem sich in der
Johannisnacht die Abendburg aufgetan. Wohl hatte sie Goldes eine Last
herausgeholt; doch wie sich der Felsen hinter ihr schlo, ward sie gewahr, da
ihr lieb Kindlein innen geblieben. So hatte auch ich mich bereichert an kalten
Schtzen und dabei das Kindlein Unschuld verloren. Nun wimmerte es gleich dem
eingemauerten Mgdlein im Krkentore.
    Morgens, als mein Ro mich im Galoppe wiegte, schalt ich mich einen
Grillenfnger, jubelnd: Vivat Soldateska!
    Wie ohnmchtig der Feind sich fhlte, ward in einer Sitzung der Magdeburger
Ratmannen von Herrn Falkenberg dargetan. Der Oberste wies einen Brief, darin ihm
Pappenheim viermal hunderttausend Taler und ein Landgut anbot, sofern er die
Stadt preisgeben wolle. Da sehet ihr - sprach Falkenberg - wie der Feind seiner
Tapferkeit also wenig zutraut, da er zum schleichenden Verrate seine Zuflucht
nimmt. Was bleibet ihm auch anders brig? Lebensmittel haben wir genung, um die
Blockade noch etliche Monde auszuhalten. Inzwischen wird die schwedische
Majestt ihr kniglich Wort einlsen und uns entsetzen. Schon jetzo spren wir,
wie Knig Gustavus uns Luft macht, indem er viel Feindesvolk von der Stadt
ablockt und im Lande umherschleppt. So harret aus, Glaubensbrder, und lachet,
weil der alte Ligistenkorporal an euern Mauern sich die morschen Zhne
ausbeiet. Und es sangen die Brger:

Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort
Und steur' des Papst und Trken Mord!

    Wie aber auf den Tag die Nacht folget, also brach nach dieser schnen
Abendrte unseres Waffenglckes bange Finsternis herein. Es erschien nmlich
wider Erwarten Tilly mit seiner Hauptmacht. Dieweilen er den ausweichenden
Schwedenknig nicht zu fassen gekriegt, war er nun resolvieret, mit unserer
Stadt aufzurumen, um nicht lnger vor den Blicken ganz Europiens am Narrenseile
herumgefhret zu werden.


                             Das siebente Abenteuer

                        Die Magdeburgische Bluthochzeit

Wenige Tage vor Tillys Anrcken erhub sich ein Sturmwind, wie seit
Menschengedenken nicht erhret worden. Ri von den Dchern Ziegel, da mehrere
Leute erschlagen wurden, und auf den Straen Haufen von Schutt lagen. Fnf
Windmhlen und drei Schiffmhlen sind zerbrochen. Vier Kirchentrme haben ihre
Spitzen verloren. Die emprte Windsbraut strzte heulend in die Vorhalle des
Domes, allwo Ereignisse des Alten und Neuen Testamentes abgebildet sind, ri den
Klugen Jungfrauen die Lampen aus der Hand und zerschmetterte sie. Das sahen die
Leute nicht mit Unrecht als eine Warnung drohenden Unglckes an.
    Auch andere schlimme Frzeichen sind geschehen. Ende Mrz haben die Bauern
des Dorfes Krakau, so Magdeburg genber an der Elbe gelegen, etwas Seltsames
beobachtet. Auf dem Kirchendache befand sich von altersher ein Storchennest,
drin stund mit frhlichem Klappern der heimische Storch nebst seiner Strchin.
Auf einmal scho ein fremder Storch heran, den Schnabel als einen Spie
gerecket. Da gab es ein grimmig Scharmtzel zwischen dem heimischen und dem
fremden Storche. Die Strchin aber sahe unttig zu, schwenkete nur etlichemal
die Fittige und klapperte mit dem Schnabel. Schlielich fiel der heimische
Storch blutend vom Dach zur Erde nieder. Obwohl nun der fremde das Feld
behalten, flog er doch hinweg, begleitet von der Strchin. Hinfro haben sich
keine Strche blicken lassen, und de ist das Nest geblieben - woraus manche
Leute den Schlu zogen, da es selbigen Ortes bald schlimm hergehen werde.
    Es war Tillys Plan, unsere Auenwerke jenseits der Elbe einzunehmen, um das
dorten erwartete Entsatzheer des Schwedenknigs von der Elbbrcke abzuschneiden.
So ist Anfang Aprilis kaiserisch Volk von Pechau herangezogen und zwischen
unsere feste Stellung in der Kreuzhorst und die Schanze bei Prester ins Holz
vorgedrungen. Hat Verhaue angelegt, Karthaunen und Stcke hineingepflanzet und
unsern Schanzen, zumeist aus losem Sande erbaut, die Contenance verdorben, da
sie sich nicht halten konnten. Ergrimmt, weil man ihnen so heie Arbeit gemacht,
haben die Kaiserischen auf ihre Gefangenen eingehauen. Doch Einhalt hat General
Tilly geboten, hat die noch Lebenden begnadigt und seiner Fahne untergestellt,
einen heldenmtigen Leutnant aber gelobt und frei nach Magdeburg entlassen.
    Zugleich mit diesem andern Leonidas langte in Magdeburg noch ein zweiter
Truppenrest an. Ein Kahn trieb die Elbe herunter, ohne Ruder, er enthielt viele
Tote, Verwundete und nur drei Heile. Das war alles, was aus einem unserer
Hauptwerke, der Kreuzhorstschanze mit dem bermtigen Namen Trutz-Tilly,
zurcke kehrte. Whrend die brige Besatzung sich dem Angreifer auf Gnade oder
Ungnade ergeben hatte, waren diese Flchtlinge in den Kahn gesprungen und durch
Abstoen mit den Musketen in die Strmung gelangt, dabei aber von vielen
Schssen bel zugerichtet worden.
    Gleich nach der Einnahme von Trutz-Tilly durch Tilly machte sich
Pappenheim an die bei Prester gelegene Schanze Trutz-Pappenheim, warf eine
Batterie auf und lie schwer Geschtz sattsam spielen. Hierauf ist er mit
strmender Hand vorgegangen, hat aber wegen vieler Pfhle mit Dornen, so wir
ringsum eingeschlagen hatten, wieder weichen mssen. Da die Unseren vermerketen,
da man sie von der Stadt abschneiden wolle, so haben sie sich Hals ber Kopf
aus dem Staube gemacht. Leider sind auf dieser Flucht viele von den Verfolgern
niedergemacht und in die Elbe geworfen worden, damit sie als Leichen gen
Magdeburg schwimmen sollten, den Brgern ein bitter hhnischer Gru vom Feinde.
Auch den befestigten Kirchturm des Dorfes Krakau - denselbigen, wo die ominse
Storchenbegebenheit sich zugetragen - hat Tilly also heftig beschossen, da
unsere Besatzung flchten gemut.
    Unser Herr Falkenberg hat jetzo seine ganze Auenmacht auf das Zollwerk, den
Brckenkopf jenseits der Elbe, beschrnkt und es mit gedoppeltem Wall und Graben
umzogen. Dieweil nun Tilly diese Beste mit Sturm nicht anfallen gemocht, so hat
er sich zur Geduld bequemt und von Krakau her Trancheen gezogen, willens, der
Zollbesatzung den Rckzug ber die Elbbrcke zu verlegen.
    Da bis zum 19. Aprilis die Nebenwerke der Zollveste und sogar die Schanzen
zum Roten Hagen gefallen waren, so lie Tilly an diesem Tage einen Angriff
unternehmen. Ein garstig Wetter jedoch hinderte ihn. Es wehete heftig, kalt
strmte der Regen, die Laufgrben flleten sich mit Wasser, das Pulver ward na,
die Soldateska mochte nicht ausdauern. So verschob Tilly den Sturm auf die Frhe
des andern Tages. Doch wie im Morgengrauen seine Truppen sich zum heien Straue
anschickten, gewahrten sie mit Verwundernis, da in der Schanze alles stille.
Kein Schu ward getan, kein Kommando laut, keine Waffe blitzte. Die Unserigen
hatten nmlich ber Nacht die Zollschanze gerumt.
    Schweren Herzens hatte sich Falkenberg dazu bequemt. Des Nachts, da ich ihm
eine Meldung berbrachte, sa er in der Faussebraye mit dampfenden Kleidern am
Feuer, dstern Gesichts. Korporal Tielsch, - sprach er dumpf - ist Er nicht
auch ein Stck Chymiste? Verstehet Er sich auf die Bereitung von Pulver? Arg
gebricht es uns daran. Mit der Schanze Trutz-Kaiser habe ich zehn Tonnen Pulver
verloren, und das gnzlich umsonst. Habe damit den Eroberer in die Luft sprengen
wollen; doch ist die angelegte Miene nicht losgegangen; die Zndfden sind in
dem Sauwetter feucht worden. Das allerschlimmste aber ist, da die Magdeburger
sich und mich getuscht haben ber den Umfang ihrer Munition. Wie ich um
Weihnachten die Magazine inspiziert habe, sind da Pulvertonnen genung gelegen.
Jetzo aber stellet sich heraus, da dreihundertundfnfzig Tonnen nicht Pulver,
sondern ungemahlenen Salpeter enthalten. Dieweil nun der Herr Administrator ganz
unsinnig mit den stdtischen Kartaunen gebummert hat, gebricht uns auf einmal
das Pulver, in einem Momente, da wir's am ntigsten brauchen. Denn behaupten
liee sich die Zollschanze nur, wofern wir mit allem Geschtz feuern, rasend
feuern knnten. So mu ich dies kostbare Auenwerk preisgeben - kann nicht
einmal Minen legen, den Feind, wenn er eingedrungen, in die Luft zu schmettern -
oh, oh! Sthnend sprang Falkenberg auf und schttelte die erhobenen Fuste.
    Bestrzt trat ich zurck. Preisgeben? Die Zollschanze? Ohne
Schwertstreich?
    Bleibet uns etwas anderes brig? erwiderte Falkenberg. Sollen wir etwan
unser letztes Pulver morgen hier verschieen? Die Geschtze der Stadtwlle
mten dann schweigen, wofern Tilly bermorgen die Sturmleitern anlegte.
    Wie knnte er das wagen? warf ich ein.
    Falkenberg zuckte die Achseln. Er braucht von den Verrtern, so er in
Magdeburg stecken hat, nur zu erfahren, da es uns an Pulver gebricht.
    Mir war, als ob ich einen Schlag aufs Herz erhielte, und ich stammelte:
Verrter?
    Freilich Verrter! Tglich erfhrt der Feind, was bei uns vorgeht. Drum
darf ich auf dem Rathause nicht einmal merken lassen, aus was Ursach ich die
Zollschanze quittiere. Und hr Er wohl: niemand darf erfahren, was ich Ihm
inbetreff des Pulvers anvertraut habe. Ihm sag ich's nur, auf da Er als
Chymiste mir soll raten.
    Ich kann dem Herrn nur raten, da sofort aller Schwefel in der Stadt
zusammengescharrt werde, und da die Wassermhlen Tag und Nacht Salpeter mahlen.
Wolle der Herr mich dem Pulvermeister beigeben!
    Gut, - sagte der Oberste - Er hat freie Hand. Beginn Er sofort mit der
Pulverbereitung. Drei Tage mindestens gedenke ich den Kampf hinhalten zu knnen.
Die Elbbrcke lasse ich noch diese Nacht abbrechen, und so wren wir gen Osten
durch den Flu gesichert. Westlich aber sind unsere Wlle und Mauern frs erste
uneinnehmbar. Nur die Vorstdte sind unsere schwachen Seiten. Werde sie daher
niederbrennen.
    Ich erstarrte. Niederbrennen?
    Freilich! entgegnete der Oberste mit kalter Ruhe. bermorgen geht
zunchst die Sudenburg in Flammen auf, dann die Neustadt. Sonst installieret
sich dorten der Feind und findet Deckung vor unseren Kugeln. Ja, Tielsch, hei
wird's. Geh Er nun stracks zum Pulvermeister und zeig Er, was ein Chymiste kann.
Den Stein der Weisen verlang ich nicht von Ihm - nur Pulver und aber Pulver -
das ist jetzo unser Stein der Weisen.
    Wiewohl ich vor Mdigkeit htte hinsinken mgen, verlieh meines Amtes
Bedeutung mir frische Kraft. Lie die Mllerinnung und smtliche Apotheker aus
den Federn holen. Um die hastige Pulverbereitung zu rechtfertigen, schtzte ich
vor, Herr Falkenberg gedenke den Feind durch Minengnge zu bekmpfen und
bentige einen berflu von Pulver. Allsogleich wurden die auf der Elbe
schwimmenden Wassermhlen zum Mahlen des Salpeters hergerichtet. Auch mit
Handmhlen und Mrsern, aus Apotheken und Brgerhusern herbeigeschafft, endlich
mit Mahlsteinen, von kreisenden Pferden bewegt, lie ich die Pulverisierung
betreiben. Es gelang uns, hundertundsiebzehn Tonnen Pulver zu bereiten. Dann
aber mute die Arbeit eingestellt werden, dieweil es an Schwefel fehlte, und ich
vergebens mit den Apothekern beriet, wie Sulphur sich formieren lasse.
    Am Nachmittag des 21. Aprilis hatte ich mich in mein Quartier begeben und
etliche Stunden fest geschlafen. Von Wehegeschrei und Getmmel, so durch die
Straen scholl, ward ich aufgescheucht. Es war dunkel, Feuerschein aber strahlte
zur Dachluke herein. Hastig begab ich mich hinunter und sahe Mnner, Weiber,
Kinder auf dem Ringe lagern, bei sich zusammengebndelte Kleidungsstcke und
allerlei Hausgert. Es waren Bewohner der eingescherten Sudenburg. Weinend und
jammernd starrten sie zum gerteten Himmel; ber die Dcher wlzten sich glutige
Rauchmassen; dicht wie Schneeflocken stberte glhend Gebrckel hernieder.
    Andern Tages ward auch die nrdliche Vorstadt, die Neustadt, den Flammen
preisgegeben. Nun hatte man in Magdeburg Hunderte von hungrigen Mulern mehr zu
fllen und sahe das nackte Elend der Flchtlinge.
    Als Flammen und Rauch entschwunden waren, erblickten wir von unseren
Stadtmauern und Kirchtrmen nur noch schwarze Ruinen, dahinter aber die eherne
Kette der teuflischen Belagerer, und die Luft erzitterte vom Brllen ihrer
Geschtze. Kein Wunder, da die Brgerschaft erstarrte, als habe man sie vor den
Kopf geschlagen. Auf diesen Eindruck bauend, sandte Tilly seinen Trompeter in
die Stadt. Noch sei die Gnadentre offen, so schrieb er. Um sie nicht gnzlich
zu verschlieen, solle man sich beizeiten unterwerfen, sintemalen die Stadt
unmglich zu halten. Ein Teil der Brgerschaft neigte zum Akkorde. Falkenberg
aber eiferte wider die Akkordbrder, und die Prdikanten sprangen ihm bei, indem
sie von den Kanzeln herab predigten, wer zu Akkord rate, habe kein Gottvertrauen
und wolle das Vaterland dem abgttischen Papismo in den Rachen werfen. Ein
ruinierter Brauer, Hans Herkel, der das Amt eines Rottmeisters bekleidete und
groen Einflu beim gemeinen Manne besa, sorgte dafr, da die Wortfhrer der
Kapitulation niedergeschrien wurden. Hiezu halfen etliche Gerchte und
Zeitungen. Der ersehnte Messias Gustavus Adolfus sei im Anmarsche, stehe
allbereits in der Mark und bitte bei seiner Seelen Seligkeit die Stadt, doch
getrost auszuharren, da er sie przise auf Tag und Stunde entsetzen werde. Vom
Dome sphete bei Nacht eine mehrkpfige Wache gen Morgen, ob etwan des
Entsatzheeres verabredet Signalfeuer aufleuchte.
    Gleich an dem Tage, da die strenge Belagerung ihren Anfang nahm, hatte
Falkenberg nebst seinen Offizieren smtliche waffenfhigen Brger, Shne,
Knechte und Handwerksgesellen zu den Waffen gerufen und mit den Soldaten
konjungiert, auch jedwedem seinen Posten angewiesen. Und ward die Brgerschaft
also abgeteilt, da sie den oberen Wall zu besetzen hatte, bei Nacht vollkommen,
bei Tage zur Hlfte. Die Soldaten aber sind auf die gefhrlichen Stellen in Wall
und Zwingmauer gelegt und haben allhie kampieren mssen.
    Mit Zagen freilich sahe man, wie die 5000 Wehrhaften, die man
zusammengebracht, ber die weitlufige Fortifikation verteilt, nur eine dnne
Verteidigungskette bildeten, indessen drauen die sechs- bis siebenfache Armada
wohlgerstet und emsig arbeitete. Leider stellete sich heraus, da manche Teile
des Walles und Grabens nicht in gutem Stande; und etliche Brger murreten wider
den Kommandanten, der, ein kecker Kibitz, ins Feld geflogen sei, anstatt
zuvrderst das Nest zu verwahren. Schlimm auch, da die Brgerschaft uneins war.
Der Arme mignnete dem Reichen seine Wohlfahrt und mochte nicht dulden, da
jener lnger zu Hause bleiben oder sein Gesinde an seiner Statt zu Walle
schicken durfte. Die Reichen aber wollten ihre Licenz mibrauchen, und haben
etliche, insonderheit die heimlich Kaiserischen, sich nicht ein einzigmal auf
dem Walle sehen lassen. Ging man zu Walle, so geschah es weniger, um dem Feinde
Abbruch zu tun, als vielmehr umherzulungern und Neues zu hren. Ein groer Teil
wute sein Bier und die dargereichten Wrste besser anzuwenden als die Muskete.
    Gleichwohl haben die Unseren in einem Ausfalle dem berraschten Pappenheim
Schanzkrbe und Schippen weggenommen, auch 18 Leute erschlagen. Einen greren
Sieg gewann der Oberstleutnant Trost auf der Elbinsel, genannt der Stadtmarsch.
Dorten hatte er die Ligisten also weit zurckgetrieben, da er die
Rote-Hagen-Schanze htte zurckerobern gekonnt, htte er nur zweihundert Leute
mehr gehabt. Aber weil der geschlagene Feind Sukkurs erhielt, muten die
Unsrigen mit der halben Viktoria zufrieden sein. In den Trancheen gab es mehr
denn hundert Feinde tot, also da man die ligistischen Truppen den ganzen Tag
damit hat schleppen sehen.
    Nach einem dritten Ausfalle, so dem Feind 40 Mann gekostet, hat Tilly sich
abermals aufs Paktieren gelegt und Briefe durch seinen Trompeter geschickt. Ist
aber nichts aus den Traktaten worden.
    Des Feindes Arbeit ist inzwischen besser vorwrts gegangen. An manchen Orten
ist er mit seinen Trancheen bis an die Kante des Grabens gelangt, hat auch
Brandkugeln und Granaten, etliche einen Zentner schwer, in die Stadt geworfen.
Nur weil wenig Heu und Stroh bei uns vorhanden, dazu gute Aufsicht gewesen, so
ist kein anderer Schaden angerichtet, als da eine Kuh zerschmettert worden und
an etlichen Stellen Feuer aufgegangen, das jedoch mit nassen Huten und
Wasserkbeln allsogleich gelscht worden.
    Es war fr uns schdlich, da bei der Zerstrung der Neustadt nicht Zeit
brig, alle Mauern und Keller zu ebenen. Diese Deckungen wurden nun von
Pappenheim genutzt. Von der Elbe bis zum Krkentor whlete er Laufgrben durch
die Neustadt und machte Approchen bis an unsere Fausse-braye, lie hier die
Pallisaden ausheben und mehrere hundert Leitern zum Sturme ansetzen. Die
Pappenheimschen Laufgrben waren so dicht mit Musketen besetzt, da, sobald von
den Unseren einer hinter der Brustwehr herfrlugte, augenblicklich sechs bis
acht Schsse auf ihn fielen.
    Am 7. Mai fing der Feind an, aus seinen vollendeten Batterien auf das
heftigste zu schieen, und seine Truppen waren in Bewegung, da wir glubten,
gleich werde der Sturm losgehen. Es gab ein Hin- und Wiederschieen, da der
Erdboden erzitterte und wie Hagel die Kugeln prasselten. Gleichermaen ging es
auch den folgenden Tag. Ein Turm bei der Hohenpforte, so allbereits an die 300
Kartaunenkugeln empfangen, hielt sich nicht lnger, sondern strzte krachend und
stubend zusammen.

Immer dsterer drueten die Wolken. Eine dumpfe Feierlichkeit lag auf der Stadt,
gemahnend, wie nunmehro das schwanke Znglein unserer Schicksalswage sich neigen
solle zum Leben oder zum Tode. Am Abgrund der Ewigkeit stund die Brgerschaft,
starrte schaudernd hinab und besann sich in banger Selbstprfung auf die letzten
Dinge. Aus war es auf einmal mit hoffrtigen Gebrden, mit bunten Rcken,
stolzen Hutfedern und gldenen Zieraten. In Trauerkleidung oder gar verwahrlost
als Ber strmten Frauen und Jungfern, Greise und Kinder, sowie die wenigen
Mnner, so gerade vom Kriegsdienste abkmmlich, in die Kirchen zum Tisch des
Herrn, das Abendmahl zu nehmen - vielleicht ihr letztes.
    Und seltsam, in diesen schwierigen Tagen fanden beraus viele Trauungen
statt. Manch armes Menschenherze wollte die anoch vergnnte, vielleicht ganz
kurze Lebensfrist ntzen, einen inniglichen Wunsch zu erfllen. Bei solchen
Trauungen nun kam die Sitte auf, da vor dem Altare rings um das Hochzeitspaar
Junggesellen und Jungfern, so heimliche Liebe zueinander im Herzen trugen, Hand
in Hand niederknieten, um fr den Fall des Todes als Verlobte fr das Jenseits
zu gelten.
    Am Morgen des 8. Mai, da ich von der Nachtwache heimkehrte und bei Sankt
Johannis Kirche vorberkam, ward ich im Kirchgngerzuge Theklas ansichtig und
folgte ihr allsogleich in die Kirche. Unter der Wlbung, im Anblicke des
Gekreuzigten und der frommen Gemlde, erschttert von der Orgel, oft die Augen
auf Theklas holdes Haupt gerichtet, fhlte ich Flammen der Andacht und der
zrtlichen Liebe in meinem Herzen zusammenschlagen. Der Prdikant sprach ber
die Schriftworte Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des
Lebens geben und schlo mit dem Gebete: Erwecke denn in uns die rechte Treue
bis in den Tod, so nichts anderes bedeutet, als eine heilige Mrtyrschaft, darin
unsere Seele erstarket, lieber Haus und Heimat, Gut und Blut dahinzugehen, als
ihren Glauben, ihre Liebe, ihre Hoffnung. Inbrnstig sang die Gemeinde:

Nehmen sie uns den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib,
La fahren dahin,
Sie haben's kein Gewinn,
Das Reich mu uns doch bleiben.

    Nach dem Segen wollten die aufgebotenen Paare - neun an der Zahl -
summarisch durch das Sakrament der Ehe kopulieret werden. Wie sie niederknieten,
gab es schier ein Getmmel von solchen Junggesellen und Jungfern, so bei diesem
Anla sich still einander verloben wollten.
    Thekla warf einen traurigen Blick hinter sich, ward mein ansichtig und
erschrak. Ich machte mich neben sie, und nun richtete sie ihre Augen trnenvoll,
doch zrtlich auf mich. Wie von Magie angezogen, reichten wir einander die Hand
und knieten zu den andern nieder.
    Taumeligen Fluges schwebte meine Seele im Himmel. Ich vernahm die Worte:
Was Gott zusammenfget, soll der Mensch nicht scheiden. Tillys Geschtze
brlleten ein hhnisch Amen. Alsdann nahmen sowohl die verlobten wie die
verehelichten Paare das Abendmahl.
    Kaum war die heilige Handlung vorber, so gingen Thekla und ich - wie es die
Sitte gebot - in Zchten voneinander, obwohl unsere schmachtenden Herzen uns
unlslich verbunden deuchten. Eine Weihe trug ich im Busen, die mein Quartier
mit seligen Phantasien erfllte, bis mich endlich der Schlaf unter sein Zepter
nahm.
    Um Mittage kam der Page von nebenan und holte mich zum Obersten. Ich fand
daselbst etliche Offiziere und ein Huflein Brger, zumeist Schiffer und
Handwerker.
    In unsere Mitte trat Falkenberg, dessen Angesicht in finsterem Trutze
erstarret schien. Magdeburger! - sprach er heiser; habe euch versammelt,
dieweilen ihr keine schelmischen Proditores oder mattherzigen Akkordbrder seid,
sondern wahrhaft patriotischen und treu evangelischen Sinnes. Schweigend
nickten die Brger.
    Nun denn, fuhr Falkenberg fort, wie ihr wisset, soll heute Tillys
Trompeter, der berbringer des Ultimatums, von der Stadt mit ihrem Bescheide
zurckgeschickt werden. Sintemalen nun der Rat all seine Courage eingebet, so
will er hinter die Menge retirieren. Hat aus diesem Grunde die ganze stimmfhige
Brgerschaft fr heute Nachmittag in die Huser ihrer Viertelsherren berufen,
auf da jedes Stadtviertel fr sich ein Votum abgebe. Bitt euch, ihr Brger,
wollet doch mit aller Macht die geplanten Verhandlungen hintertreiben! Der
Akkord wre unser Untergang. So wir aber dem Feinde durch kecke Ablehnung alle
Hoffnung nehmen, verbleibet ihm nur der Ausweg, entweder die Belagerung
aufzuheben, maen die schwedische Majestt mit dem Entsatzheere allbereits bei
Burg sein mu, oder aber an unserer Beste sich den Kopf einzurennen. Glubet
mir, nicht der Belagerer drauen ist jetzo unser schlimmster Feind, vielmehr in
unsern Mauern der schwache Mut und schleichende Verrat.
    Schelme sind die Akkordbrder! rief es aus der Versammlung.
    So vereitelt denn auf jede Weise den Akkord! Streuet aus, was ich jetzo
euch sage. Diese Nacht zwischen eilf und zwlf werden bei Biederitz drei Feuer
aufgehen. Lasset die Zweifler auf die Domtrme steigen, und dann saget ihnen:
Das ist Knig Gustavi Signal, anzeigen soll es, da die schwedischen Vorposten
schon da sind, und da Magdeburg nicht in letzter Stunde alles verderben soll.
    Ein paar der Versammelten nickten schlau, andere blickten bedenklich.
    Mit Verlaub, meinte ein Brger - knnen wir uns denn auf die Signalfeuer
verlassen?
    Feste wie up en Swur, platzte ein Schiffer heraus - - wat mien Fritze
wernehmen duht, is als fix und fardig.
    Da nun etliche Gesichter suerlich wurden, dieweil zutage getreten, da die
Signalfeuer nur Vorspiegelung seien, entschuldigte sich Falkenberg: Ja, es ist
weit gekommen, da wir mssen zum Truge greisen, die Brgerschaft vor
Desperation zu bewahren. Doch lasset gut sein! Hinterher wird man unsere
gewagten Mittel segnen. Im brigen kann ja der Knig wirklich nicht mehr ferne
sein. Da aber die Feuer brennen werden, ist so gut wie sicher. Dieses Mannes
Sohn, der Fritze, will mit zween anderen heute abend die Elbe hinunterschwimmen,
beim Biederitzer Busche an Land gehen und die Feuer anbrennen. Sorget nun.
Freunde, da recht viele Leute bei Nacht die Trme besteigen. Und ferner knnet
ihr sagen: Tilly will die Stadt, auch wenn sie sich ergibt, drei Tage plndern
lassen - hat seinen Kroaten vorgeredet, hier sei der Reichtum dreier
Knigreiche. Scheu blickten die Brger und grollten.
    Hret weiter, sprach Falkenberg, indem er ein Schriftstck aus seinem
Koller zog. Hier halte ich einen Brief von der schwedischen Majestt;
vernehmet, was darinnen geschrieben stehet. Hierauf tat der Oberste den Hut von
seinem Haupte und las: Meinem getreuen Falkenberg zu wissen, was Zeitung mir
worden. Herzog Wallenstein, vordem Kaiserlicher Feldherr, ist auf seinen
Nachfolger Tilly neidisch und ist rnkevoll beflissen, diesen Ligisten in die
Schwerenot zu bringen, auf da hernach der Kaiser keinen andern Rat wisse, als
den altbewhrten Generalissimum zum Retter des Reiches zu berufen. Vor den Augen
der Welt ist der Wallenstein ein Freund Tillys, heimlich aber sucht er seine
Lage zu verschlimmern. So hat er seinen mechelnburgischen Statthalter
angewiesen, dem Tilly nur ja keinen Proviant zu verschaffen. Ferner mchte der
Wallenstein dem Tilly, falls dieser Magdeburg in seine Gewalt bekommen sollte,
die Suppe gnzlich versalzen. Hat dahero seinem Freunde Pappenheim, so blind auf
ihn vertrauet, den teuflischen Rat gegeben, die Stadt nach der Kapitulation zu
plndern und dann durch Feuer vom Erdboden zu tilgen.
    Wie diese heillosen Worte ausgesprochen waren, erhub sich unter den
Versammelten ein Gemurmel des Entsetzens und der grenden Wut. Doch Falkenberg
las weiter: Die Vertilgung Magdeburgs soll der lutherischen Rebellion eine
klaffende Wunde reien. So heuchelt der Friedlndische Rnkeschmied, bauend auf
des Pappenheimers papistischen Sinn. In Wahrheit freilich will er seinen Rivalen
Tilly ruinieren; nicht zugute soll ihm Magdeburgs Einnahme kommen, auf da ja
nicht die Hauptstadt der Elbe ein Sttzpunkt der ligistischen Operationen
werde.
    Grimm lchelten und nickten die Zuhrer. So hat nun Pappenheim heimlich
angeordnet, es solle die Stadt gleich nach geschehener Plnderung an allen Ecken
und Enden angezndet werden. Die evangelische Brgerschaft soll gnzlich
verschwinden und an ihre Stelle eine neue aus papistischen Landen treten; auch
soll Magdeburg seinen ehrlichen Namen verlieren und hinfro Marienburg heien.
    Bleichen Angesichts antworteten die Brger mit Sthnen und Knurren.
Falkenberg warf das Schreiben auf den Tisch, schlug mit der Faust darauf und
lie seine Augen flammend im Kreise herumgehen. Und nun ihr? Was wollet ihr
tun? Werdet ihr den Akkord zulassen?
    Nimmermehr! Und Fuste erhuben sich. Nieder mit den Akkordbrdern!
    Falkenberg lie sie eine Weile toben, dann gebot er mit ausgebreiteten Armen
Ruhe und sprach dumpf: Was aber soll geschehen, so unsere Stadt gleichwohl in
Feindes Hnde gert?
    Ohne Laut, ohne Regung starrte ein jeder vor sich hin. Es war eine Schwle,
wie vor dem Losbrechen des Gewitters. Dann zuckte der zndende Blitz. Ein
hagerer Mann, grau von Angesicht, roten Bartes, trat aus der Versammlung. Es war
der Rottmeister Hans Herkel, eine Sule der schwedischen Partei. Wie Irrlichter
loheten seine dsteren Augen, in denen das Weie funkelte. Zhnefletschend
schttelte er die Fuste und sthnete wie von einem Dmon besessen: Meine Seele
sterbe mit den Philistern!
    Da wir verwundert den Mann anstarreten, winkte ein Schiffer raunend: Der
Geist kommet ber ihn.
    Simson, Simson! - fuhr Hans Herkel fort - in die Hand der Philister warst
du gegeben, die hatten dir die Augen ausgestochen. Was hast du da getan? Hast im
Philisterhause mit der Rechten die Mittelsule ertastet und hast dich geneiget
krftiglich: Meine Seele sterbe mit den Philistern! Und hei, da strzete das
Haus auf die Frsten und das versammelte Volk, und waren der Erschlagenen mehr,
die an Simsons Tode starben, denn die er bei Lebzeiten gefllet hatte. Simson,
Simson, dein Geist komme ber Magdeburg! Nach diesen Worten blickte Hans Herkel
als ein Erwachender im Kreise ringsum. Das war Gottes Ratschlag! sprach
jemand; dieser Prophete gibt uns ein Zeichen. Wohlan! Wenn wir schon mssen
untergehen, so sollen wir wenigstens Rache nehmen.
    Rache, Rache! rief Falkenberg. Ha, ihr Mnner, jetzo kommet euch die
Erleuchtung. Ja, tuet wie Simson! Oder wie die Brger von Saguntum, so ihre
Stadt nebst allen Schtzen verbrannten, um dem Eroberer Hannibal den Siegespreis
zu ruinieren.
    Znden wir die Stadt an! kreischte Herkel. Stutzig lauschte die
Versammlung, dann kam es ber sie wie grimme Freude: Recht so! Wir znden an!
Noch bevor der Feind die Stadt geplndert hat, mu sie allbereits in Flammen
stehen!
    Triumph blitzete aus Falkenbergs Augen, und er rief: Patrioten! Helden seid
ihr! Ja, unsere Stadt sei wie die rmische Jungfer Lukretia; die hat sich selber
entleibet, auf da kein Feind ihre Unschuld raube. O du edle Jungfer Magdeburg!
Znde lieber deine Burg an und stirb auf solchem Scheiterhaufen, als da du dein
Krnzlein verlierest.
    Ein hohl Gelchter erhub sich: Haha, Pappenheim, du Erzschelm! Siehe, nun
hast du deine Meister gefunden. Vermeinest, erst wird geplndert, dann gesenget.
Wir aber sagen: Erst wird gesenget - dann magst du whlen in rauchenden Trmmern
nach den Schtzen der drei Knigreiche ... haha! Einen Aschenhaufen vermachen
wir den papistischen Mauskpfen. - Wer tut mit? rief Herkel. Gehen wir
allsogleich in die Johanniskirche und schwren am Altare, da wir es tun
wollen.
    Wir tun mit! rief mnniglich und ging eifernd hinaus. Schweren Herzens
folgte ich bis zur Kirche, weiter nicht.
    Andern Tages, durch etlichen Schlaf gestrket, vernahm ich, da man auf dem
Rathause noch immer verhandle, was denn eigentlich geschehen solle, und da
derweilen Tillys Trompeter von kriechenden Liebedienern mit Braten und Wein
regalieret werde. Um zu beschlieen, welche Antwort er seinem General
heimbringen solle, sei die Brgerschaft zu den Husern ihrer Viertelsherren
berufen worden; da tobe nun das heie Ringen der Parteien, und es habe den
Anschein, als solle den Akkordbrdern die Oberhand werden.
    Ekel hatte mein Sinn fr die Krmerseelen, und ich brannte vor Begier,
endlich die Entscheidung herbeizufhren, Mann an Mann. Wir schttelten die
Fuste, knirschten mit den Zhnen, bissen uns die Lippen blutig in ohnmchtiger
Wut, da wir ber die Mauer lugend, gewahr wurden, wie der Feind unsere Pfhle am
Neustdtischen Bollwerk in aller Ruhe ausgrub, ohne da wir schieen durften;
wegen unseres Pulvermangels war ja befohlen worden, wir sollten Kraut und Lot
sparen. Der Feind aber berschttete uns fortwhrend mit Geschossen, also da
Wall und Zingel unter den schweren Kugeln erbebeten.
    Bis zur Raserei steigerte sich unsere Kampfbegier, wir ffneten die
Hohepforte und berfielen mit blanker Waffe den verdutzten Belagerer. In meiner
Wildheit hatte ich keinen anderen Vorsatz, als den Sbel immerfort in
Feindesblut zu tauchen, und sooft ich einen Pappenheimer vor mir hatte, fllte
ich ihn allsogleich. Zur Besinnung kam ich erst, als mir Blut ber die Augen
flo und unser Trompeter Rckzug blies. Unsere Schar war zusammengeschmolzen,
doch der feindliche Laufgraben angefllt mit erschlagenen Pappenheimern.
    Meine Stirnwunde hatte wenig zu bedeuten. Immerhin ward ich auf Anordnung
des Feldschers hinter die Zwingmauer geschickt, allwo die Wunde gewaschen und
verbunden ward. Nach einem erquickenden Trunke verfiel ich auf dem Strohlager in
tiefen Schlaf.

Unter sem Vogelzwitschern erwachte ich. In den grauen Morgen, wo ein rosenrot
Wlklein schwebete, erhub sich jubilierend eine Lerche. Und die Geschtze
schwiegen. Friede! Friede! O bliebe doch immer solch liebliche Ruhe! Ein Bangen
kam geschlichen, es mchte die Stille auf einmal unterbrochen werden. Ich atmete
nur verstohlen. Dann drehte ich das Angesicht seitwrts. Da lagen die
Verwundeten, und ein Brger kniete, die Hnde gefaltet.
    Ein Jubelgedanke zuckte mir durch durch den Sinn. Sollte Knig Gustav nahe,
und Tilly im Abzug begriffen sein? Warum schieet man nicht? Ist etwan der
Schwedenknig gekommen? fragte ich den Brger.
    Ja, er stehet bei Biederitz! Von dorten hat er Feuerzeichen gegeben.
    Ein Stich ging mir durchs Herze - so war der Lgenhaber aufgegangen und
narrete mich mit leeren Hlsen. Und Tilly? fragte ich weiter, indem ich mich
aufrichtete - warum schweigen seine Geschtze?
    Mag sein, da er sich rstet, den Schwedenknig zu bestehen. Vielleicht
auch siehet er ein, da zu einer Zeit, da die Magdeburger den Akkord beraten,
fglich Waffenstillstand sein msse. Ei Bruderherz, mich dnkt, der Tilly ist
gar nicht so grausam. Da trink einmal, Bruderherz!
    Und er reichte mir die Flasche dar, aus der ich einen guten Schluck nahm.
Auch er trank und redete listig blinzelnd weiter: So oder so, - heut hab' ich
mein Feuerrohr zum letztenmal auf den Wall getragen. Jetzt geh' ich heim und
schlafe mich endlich mal tchtig aus.
    Wie? Hat Falkenberg das erlaubt?
    Ei gewi, hat er denn nicht selber den Wall verlassen? Aufs Rathaus ist er
gegangen, allwo jetzunder der letzte Kampf tobt - Gott sei Dank ein Wortgefecht.
Mgen sie streiten! So oder so - wir kriegen Ruhe. Ach Gott ja, der se
Schlaf!
    Er ghnte und dehnte sich, raunte dann geheimnisvoll: Gott hat mir
offenbaret, da ich von heut ab Ruhe finden soll vor dem grausigen
Waffenhandwerk. Das ist gewilich wahr! Und mir zunickend ging der Brger. Vom
Wall herber scholl feierlich der Kriegsgenossen Sang:

Verzage nicht, du Huflein klein!

    Den Kopf auf mein Strohbndel zurckgelegt, trumte ich gen Himmel, allwo
noch immer die Lerche trillerte, derweilen der Friede so erquickend war.
    Da auf einmal sprete ich ein Zwngen an meinem Herzen; ein strender
Miklang, eines Weibes Wehklage, war an mein Ohr gedrungen. Ich versuchte, nicht
hinzuhren; aber deutlich vernahm ich die angstvolle Weiberstimme: Ach Gott,
ach Gott! Das ist ein Frzeichen - das bedeutet ein Unglck.
    Verstrt erhub ich mich - meine Stirnwunde schmerzete. Ich schnallte meinen
Sbel um, nahm mein Feuerrohr und trat zu der Gruppe von Leuten, wo solche Rede
ging. Eine Alte rang ihre knochigen Hnde. Das war der Gespensterwagen - der
hat allemal was zu bedeuten.
    Maul gehalten, herrschte ich die Alte an. Hret Sie denn nicht, da man
auf dem Walle Gottesdienst abhlt?
    Ach, Herr Soldate! Ein Spuk hat sich gezeiget. Meine Base liegt totkrank
von dem Anblick. Am Fischerufer wohnt sie, und heute nacht, da's eben zwlf
geschlagen, geht auf der Strae ein dumpf Getrappel los. Wie sie ans Fenster
tritt, siehet sie einen Trupp geharnischter Mnner mit Fackeln. Die geleiten
einen rasselnden Wagen. Ein ungefger eiserner Kasten war's, von starken Rappen
gezogen - die Huser haben vor ihm gebebet.
    Ich lachte verchtlich: Und das war der Gespensterwagen? Gans, die Sie
ist!
    Ach, hr Er nur weiter, Herr Soldate - jetzo kommt ja eben das Grliche.
Dicht an die Elbe ist der Wagen gefahren, und da haben die Geharnischten die
Fackeln auf einen Haufen zusammengeworfen, und lauter blutige Leichen haben sie
aus dem groen Eisenkasten geholt und alsodann ins Wasser geworfen. Und hat die
Elbe mit den schwimmenden blutigen Leichen vom Feuer beleuchtet wie ein
Schlachtfeld ausgesehen. Schlag eins ist der Spuk verschwunden, wie weggeblasen;
doch ist dabei ein schauxig Wimmern durch die Lfte gegangen. Und so wahr ich
allhie stehe, eine Menge Fischersleute haben das alles gesehen und haben die
Leichen ins Wasser plumpsen hren.
    Schwtzerin, Nrrin! Maul gehalten! Und ich ging zum Walle - wollte das
Getrtsch mir aus dem Sinne schlagen. Und doch hatte sich Unheimliches bei mir
eingenistet, Grauen empfand ich und wute nicht wovor.
    Begab mich zur Torwache, allwo die Leute auf ihrem Strohlager schnarcheten.
Aus dem Wasserkruge tat ich einen Trunk, khlete meinen brennenden Hautri und
verzehrete ein Stck Brot.
    Hierauf stieg ich durch den runden Turm zum Wall hinan. Auch hier fand ich
die Kameraden dem Schlaf ergeben - regungslos lagen sie in der strahlenden
Frhsonne, die Posten aber, die den Belagerer htten im Auge behalten sollen,
kehrten ihm den Rcken, an die Brustwehr hingekauert. Dem Geistlichen lauschten
sie, so vom Propheten Daniel predigte, wie er, vom Tyrannen in die Lwengrube
geworfen, gleichwohl heil geblieben und alsodann sein Dankgebet gesprochen:
Mein Gott hat seinen Engel gesandt, der den Lwen den Rachen zugehalten hat,
da sie mir kein Leid getan haben.
    Bei diesen Worten klang in der Ferne ein langgezogener dumpfer Ton, hnlich
dem Brllen eines Bullen. Es war das Horn des Trmers auf Sankt Katharinen.
Sollte eine Feuersbrunst ausgebrochen sein? Der Prdikant sprach unbekmmert
weiter, wiewohl etliche Zuhrer zum Turm emporblickten, von wo noch immer das
Horn erscholl.
    Auf einmal rief jemand dicht bei mir: Waffen! Waffen! Nach der Brustwehr
zugewandt, sah ich, wie zween feindliche Soldaten von auen herbergestiegen
kamen, dann ein dritter, ein vierter. Feindioh! riefen die Unseren. Waffen!
Meinen Karbiner hatte ich, doch - Teufel - keine Munition.
    Schon knatterten Schsse, und ein Gebrll von Geschtzen erhub sich. Einer
unserer Posten strzte, seine Muskete fiel vor meine Fe. Ich erhub sie wie
einen Dreschflegel und ging auf einen Feind los. Der legte sein Pistol auf mich
an und scho. Ich schlug ihn mit dem Kolben nieder, stund aber allbereits vor
einem neuen Gegner, der mit dem Schwerte nach mir stach. Ich parierte mit meiner
Muskete und stie sie ihm ins Gesicht, da er hintaumelte.
    Inzwischen hatten sich etliche der Unseren den Pappenheimer Eindringlingen
entgegengeworfen, sie niedergemacht und die Brustwehr gewonnen. Ratlos aber lief
ein Teil unserer Wallmannschaft durcheinander und schrie: Waffen! Waffen!
Manche hatten keinerlei Waffen, nicht einmal eine Partisane oder einen
Morgenstern.
    Ich eilte zur Brustwehr und sahe nun, wie schlimm es mit uns stund. Es
wimmelte von strmenden Pappenheimern. Wie Meereswellen zum Strande rollen, kam
Reihe auf Reihe herangeflutet. In der Ferne aber regte es sich hinter allen
Hgeln und Grnden von Reitergeschwadern und Pickenierbataillonen, von Fahnen,
Spieen und blinkenden Rstungen. Und war ein Gelaufe im Feinde wie in einem
aufgescheuchten Ameisenschwarme.
    Wie Katzen sprangen die Pappenheimer heran und renneten die Sturmleitern
herauf, trugen auch immer neue Leitern herbei und lehnten sie an die Wallmauer,
wiewohl die Unsrigen jetzo schossen und in rasender Wut Mauerbrocken auf die
Emporklimmenden warfen.
    Nur schwach freilich konnten wir uns wehren, da wir auf Deckung bedacht sein
muten. Hageldicht schwirrten die Kugeln aus den feindlichen Laufgrben, und
schon mancher Kamerad lag entseelt oder sthnend vor unsern Fen.
    Ich hatte die Lunte meiner Muskete entzndet und auch schon einen
Pappenheimer von der Leiter geschossen. Da rief mich Kapitn Schulz an:
Korporal Tielsch, im Stall bei der Wachtstube steht mein Pferd, - reit Er, so
schnell Er kann, zum Kommandanten Falkenberg - er ist auf dem Rathaus - Sukkurs
soll er schicken - Sukkurs so viel als mglich - sonst halten wir den Wall
nicht.
    Ich sogleich fort, den Auftrag auszufhren.
    Im Turme, der des Walles Eingang war, hasteten mir die Unsrigen entgegen, so
zum Kampfe eilten; - mhsam brach ich mir durch ihr Gedrnge Bahn, gelangte zum
Stalle der Wachtstube, fand das Pferd, schwang mich in den Sattel und
galoppierte durch die Gassen.
    Aus den Haustren strzten die Bewohner herfr, Weiber und Kinder rangen
heulend die Hnde, vom Katharinenturm brllte der Alarm, und immer wilder
knatterte das Gewehrfeuer.
    Zur Hohenpforte! rief ich den Brgern zu, die mit Waffen gelaufen kamen;
aus ihren Augen sprhete ein Grimm, der, angesammelt in der langen Zeit
qualvollen Ringens, jetzo sich entlud, angezndet von dem Gedanken, da Leib und
Leben, Weib und Kind, Gut und Ehre, Glauben und Vaterland auf dem Spiele stehe.
    Vor dem Rathause stund bei einer Gruppe von Brgersleuten der Page des
Obersten Falkenberg und hielt das Ro seines Herrn am Zgel. Ich hin zu ihm,
schwang mich aus dem Sattel, gab ihm auch noch mein Pferd zu halten und strmte
die Treppe hinan zum Sitzungssaal. In der Tr blieb ich eine knappe Weile
atemlos stehen.
    Falkenberg redete zur Ratsversammlung. Wiewohl auf seinem Angesichte Schwei
und Erschpfung lag, hielt er doch seine kalte, eiserne Trutzigkeit aufrecht.
Ich aber trauete meinen Ohren nicht. Was diese Mnner beschftigte, war ja noch
immer die Frage, ob mit Tilly zu ackordieren sei. Wute man denn allhie noch
nicht, wie die Dinge stunden?
    Nichts von Traktaten! rief Falkenberg; jede Stunde, die ihr heute lnger
ausharret, ist mit keiner Tonne Goldes zu bezahlen. Zum Abzuge ist Tilly
entschlossen, und die Schsse, so jetzunder gen unsere Mauern donnern, sind der
Abschiedssalut ...
    Mit Verlaub, Herr Oberst, rief ich und drngte mich durch die Versammlung.
    In diesem Augenblicke begann der Trmer der nahen Johanniskirche zu tuten.
Die Augen aufgerissen horchte die Versammlung, und Falkenberg stutzte. Gleich
darauf aber sprach er mit fester Stimme weiter: Sollte der Feind aber wirklich
wagen, unsere Mauern noch in letzter Stunde zu berennen, so mag er mit blutigem
Kopfe heimziehen. O, da er sich unterstnde! Er wird sich den Kopf
zerschellen!
    Indem ward hinter mir die Tr aufgerissen, und der Burgemeister Otto von
Gericke kam hereingestrmt: Der Feind ist allbereits in der Stadt - am
Fischerufer plndern die Kroaten! Mit Rufen des Entsetzens sprang alles von den
Sthlen und drngte zum Ausgang.
    Ich trat vor Falkenberg und meldete: Die Pappenheimer strmen bei der
Hohenpforte, Kapitn Schulz lt um schnellen Sukkurs bitten - der Feind ist
allbereits auf dem Oberwalle.
    Bleich und finster starrete mich der Oberst an. Dann verzerrte er das
Angesicht zu einem hhnischen Grimme, und aus der breiten Heldenbrust prete
sich ein seltsamlicher Laut, zugleich ein Sthnen und ein Triumphieren.
    Auf! rief er in pltzlicher Entschlossenheit und strmte mit Sporengeklirr
zum Saal hinaus, die Treppe hinab. Ich hinter ihm drein. Bei seinem Pferde
angelangt, das der Page - wie auch das meine - am Zgel hielt, wandte sich der
Oberst zu mir: Reit Er zur Marschschanze, Oberstleutnant Trost soll mit seinen
Reitern der Hohenpforte Sukkurs bringen - schnell, fort! Und schon saen wir
beide im Sattel, gaben den Pferden einen Sporenhieb und galoppierten nach
verschiedenen Richtungen.
    Ich den Johannisberg hinunter, ber die Strombrcke auf die Insel, so man
den Stadtmarsch heiet. Da kam mir der Oberistleutnant Trost mit seinen Reitern
entgegen. Ich tat ihm Meldung und trabte gemeinsam mit dem Geschwader zum Orte
des Kampfes, von wo das Schieen wie ein unaufhrlich Geknatter erscholl.
Munition hatte ich nun.
    Als wir in die Groe Lakenmacherstrae kamen, sahen wir das Mannsgetmmel
mit Pulverdampf und blitzenden Waffen. Hinten aus den Husern am Tore flogen
Steine, Hausgerte und Balken auf Feindes Haupt hernieder. Ein hlzern Haus
stund in Flammen, in der sonnigen Maienfrhe seltsamlich anzuschauen, gleich
einer Kerze, so milden Lichtes bei Tage brennt.
    Platz gemacht, Platz! rief der Oberistleutnant Trost, da wir den
kmpfenden Unseren im Rcken waren. Als diese nun zur Seite auswichen und eine
Gasse erffneten, rasselten wir wie ein Donnerwetter hindurch und pralleten
wider den Feind, der dicht zusammengedrngt die Picken vorstreckte, whrend
seine Musketiere wider uns eine Salve abgaben. Rings um mich brachen Rosse
zusammen und Reiter strzten, andere Rosse bumten mit Angstgewieher,
Blutquellen schossen aus Tieren und Menschen herfr, ein Sthnen und Rcheln,
ein Klappern aufschlagender Harnische und Waffen, ein Wehgeschrei und Wutgeheul
erfllte die Luft.
    Gleich darauf ward aus einem Fenster von nackten Weiberarmen ein Kessel
geschwungen, und unter hhnischem Gekreische siedend l auf Feindeshaupt
gegossen. Hinterher hagelte es Steine, Hausgerte, brennende Fackeln und
wuchtige Balken.
    Da gerieten die Pappenheimischen Picken in Unordnung. Den Moment nutzend und
angetrieben von der Lwenstimme Falkenbergs, der auf einmal unsere Fhrung
hatte, gab alles, was von den Unseren heil geblieben, darunter ich, dem Rosse
die Sporen und brach hauend oder mit Pistol und Karbiner schieend in die
feindliche Menschenmauer ein.
    Vor mir, neben mir hieben, stachen die Picken, Arme wurden geschwungen,
Sbel sauseten, Helme prasselten, man schrie und heulete. Ich hieb wie rasend
auf den Feind. Und abermals sahe ich Blutquellen herfrbrechen und manchen
Getroffenen strzen.
    Diesmal gewannen wir die Oberhand. Des Feindes Ordnung lste sich, und was
nicht liegen blieb, retirierte zur Hohenpforte. Gewonnen! Gewonnen! Mit diesem
Rufe spornten wir die Rosse zur Verfolgung, unsere Futruppen, so inzwischen
ihre Musketen geladen hatten, kamen hinterdrein gerannt, wir Reiter machten
ihnen eine Gasse, und sie brannten dem flchtigen Feinde ihre Kugeln auf den
Pelz, da die Lappen flogen.
    Schon waren die Pappenheimischen Eindringlinge ber den Oberwall zurck in
die Faussebraye geworfen, und wir vermeinten, nun werde uns der vllige Sieg
gelingen, als auf einmal eine furchtbare Salve groben Geschtzes aus der
Richtung des Krkentors in unsern Haufen schmetterte. Ich hrte, wie die Unseren
auf dem Walle schrien und wimmerten, und dann rief eine Stimme: Mit unserer
eigenen Batterie erschieen uns die Hunde! Auf! Schmeiet sie hinunter!
    Drauf so gingen die Unseren mit Wutgebrll vor. Wir Reiter wollten absitzen
und gleichfalls auf den Wall eilen. Aber da kam Herr Uslar herangesprengt: Her
zu mir! Vom Fischerufer kommen Kroaten! Mir nach!
    Nun wendeten wir die Pferde und folgten dem Offizier. An der Ecke, wo eine
Gasse zum Fischerufer hinunterfhret, wimmelte es von Menschen. Brger wollten
hastig Ketten ber die Gasse spannen. Doch der Oberste Falkenberg schrie: Noch
nicht! Lasset unsere Reiter durch!
    Hierauf so schwenketen wir in die Gasse ein und sahen uns einem kroatischen
Reitergeschwader gegenber. Mit Karbinern scho es nach den Fenstern, aus denen
Steine und Balken geflogen kamen. Auf und drein! rief Herr Falkenberg mit
geschwungenem Schwerte, wir rasselten an den Feind und warfen ihn, da er
ausri. Wir folgten ihm zum Fischerufer. Hier kamen Kroaten aus den Husern, wo
sie geplndert hatten. Wir hieben sie nieder.
    Doch da sahen wir, wie vom Rondel an der Elbe neue Kroaten geritten kamen;
der Wasserstand war also niedrig, da die Pferde bei der Mauer waten konnten. Es
half uns wenig, da wir auf den Feind schoen. Immer neue Schwadronen rckten
heran, und weil alle ihre Feuerrohre geladen waren, verloren wir viel Leute und
muten weichen.
    Der nachrckende Feind kam in der engen Gasse nicht weit. Denn gleich hinter
uns hatten die Brger Ketten gespannt und ihre Huser zu Festungen umgewandelt.
Aber nun flammte eine neue Feuersbrunst auf. Der Feind warf Pechkrnze in die
Huser, um durch Brand die Verteidiger auszutreiben.
    Wir hielten an der Ecke der Lakenmacherstrae, als auf einmal von der
Hohenpforte her eine wilde Flucht der Unseren kam. Gleich hinterher wurden
feindliche Harnischreiter sichtbar, und Rufe des Entsetzens gingen durch unsere
Reihen: Jesus! Sie haben die Hohepforte! Nun kommt die ganze Armada!
    Aber Falkenberg schwang sein blutig Heldenschwert mit dem Rufe: Wer rettet
die Stadt? Und allsogleich rannten wir wtend den Feind an. Gleich beim Anprall
erlegte ich mit dem Pistol einen Gegner. Doch brach mein Pferd zusammen, und ich
strzte mit dem Kopfe wider einen Prellstein der Strae, da mir die Sinne
schwanden.
    Als ich wieder zu mir kam und mich verwundert aufrichtete, war die Strae
ringsum beset mit Toten und sthnenden, zuckenden Verwundeten. Ich betastete
meinen Kopf, er schmerzte und blutete, doch fand ich keinen Bruch am Schdel.
    Nun ri mich die Kriegsfuria aufs neue in den Kampf. Ich sprang auf und lud
meinen Karbiner. Da flchteten etliche unserer Reiterei an mir vorber, und
siehe, einer war der Herr Administrator des Erzstiftes Magdeburg. Doch gleich
hinter ihm drein sprengten fnf feindliche Panzerreiter, von denen einer
kostbare Federn auf dem Helme trug. Dieser Ritter verlegte dem Administrator den
Weg und rief gebieterisch: Ergebet Euch! Ihr sollet Quartier haben! Da hielt
der Administrator sein Pferd an, steckte sein Schwert in die Scheide und gab
sich gefangen.
    Ich legte auf den Ritter an und wollte eben losbrennen, als pltzlich eine
weibliche Stimme Johannes schrie. Es war die Jungfer Grfin, meine Thekla, als
ein Mann gekleidet, mit Blute bespritzt, ein Schwert in der Rechten, ein Pistol
in der Linken. Zu Hilfe, Johannes! rief sie und lief zu einer kmpfenden
Gruppe.
    Ich folgte und sahe den Obersten Falkenberg, der vor sich auf dem Rosse
einen ohnmchtigen Verwundeten hielt und an drei Harnischreiter, so ihn
umzingelten, Schwerthiebe austeilte. Den wildesten Gegner des Obersten traf mein
Karbinerschu. Des andern Ro brach unter dem Schwertstich der Jungfer Thekla
zusammen. Da brannte der dritte sein Feuerrohr auf den Obersten ab, strzte aber
gleich darauf, getroffen von einem Beilhiebe des Rottmeisters Hans Herkel, jenes
Propheten, so gerufen hatte: Meine Seele sterbe mit den Philistern!
    Der Oberste Falkenberg lie sein Schwert fallen, griff sich nach der Brust
und sank nach vorne ber den Menschenkrper, der noch immer vor ihm lag. Ich
nahm des Obersten Linke, whrend Hans Herkel auf der andern Seite des Rosses die
Rechte ergriff, Thekla hielt des Rosses Zgel - und so fhrten wir den
verwundeten Obersten aus dem Kampfgetmmel.
    Unweit war der Jakobikirchhof. Dorthinein zu den grnen Grabhgeln ging
unser Zug. Bei der Wohnung des Totengrbers war ein Brunnen und eine Btte mit
Wasser. Ein unmndig Mgdlein, des Totengrbers Kind, stund dabei und staunete
uns an.
    Hier machten wir Halt, ich und Hans Herkel lieen den Obersten vom Ro in
unsere Arme gleiten und legten ihn an einen grnen Grabhgel, das Haupt zwischen
Stiefmtterchen und Narzissen gebettet. Jungfer Thekla hielt indessen den andern
Krper, den das Ro getragen und der noch immer querber lag, bei den Schultern
und schaute schluchzend in das bleiche Angesicht. Und siehe, dies Angesicht
gehrte der Frau Falkenbergin. Gleich Thekla hatte sich die edle Frau in
Mannesgewand getan und als ein Krieger in den Kampf gestrzt, an ihres Gatten
Seite zu fallen. Als wir sie neben den Obersten betteten, sprten wir, da sie
tot war.
    Falkenberg drehte seinen Kopf zur Gattin, und ihre Hand legte ich in die
seine. Er dankte mir mit einem Blicke und schaute mit wehmtiger Liebe nach
seiner entseelten Frau.
    Hans Herkel und ich stunden schweigsam dabei. Das Knattern und Donnern der
Schlacht scholl herber. Auf einmal aber ertnte aus dem nahen Bltenbusche das
Flten einer Nachtigall, so s, als sei in Todes Arm die holdeste Hochzeit.
Zugleich hrte ich des Totengrbers Kindlein jauchzen. Mit seinen Hndlein
pltscherte es in der Wasserbtte und freute sich der glnzenden Wellen und
sprhenden Tropfen.
    Da ging ich hin, schpfte meinen Hut voll Wasser und gab dem Obersten zu
trinken. Thekla wusch das Angesicht ihrer verblichenen Schwester und weinte
heie Zhren. Hans Herkel hatte des Obersten Koller aufgetan und suchte das Blut
der Brustwunde zu stillen.
    Sthnend richtete sich der Oberste auf. Da fielen Ascheflocken aus der Luft
bei uns nieder, und gen Himmel richtete der Sterbende sein Auge gro und gierig.
Droben flogen Rauchwolken und Funken.
    Herkel! - stie er mhsam herfr - es ist Zeit - ans Werk! Er hat das
Zeughaus bernommen.
    Ein heiser Schluchzen brach aus Hans Herkels Brust; dann rief er wild: Ich
tu's! und rannte spornstreichs fort.
    Mit einem Lcheln des Triumphes sank der Oberste zurck in die Blumen. Dann
sah er milden Auges abwechselnd mich und Thekla an. Tielsch, - hauchte er -
rette Er die Jungfer - in die Kirche - schnell fort! Keuchend rang des Helden
Brust, ein Blutstrom brach aus seinem Munde, er rchelte - und verschied.
    Thekla schrie auf, warf sich zu den Toten auf den Boden und umschlang ihre
Schwester schluchzend. Dann kte sie des Obersten Hand.
    Mein gndig Frulein, mahnte ich. Da sie aber nicht hrte und von neuem
aufschrie, so ergriff ich ihre Hand, hub die Jungfer empor und sprach: Bitt
Euch, gndig Frulein! Wollet doch den letzten Willen des Toten erfllen und
eilends mit mir gehen. Oder mchtet Ihr in Feindes Hand fallen?
    Sie starrte mich trnenvollen Auges an, besann sich und sprach: Ja doch,
Johannes! Ich komme allbereits.
    Nun eilten wir ber die Grber zur Pforte der Jakobikirche. Ich pochte
heftig und rief: Machet doch auf! Wir sind Magdeburger! Doch verschlossen
blieb die Pforte.
    Hierauf verlieen wir eilends den Kirchhof und liefen die Blaue Beilstrae
entlang, die von Menschen ganz leer war, da sich alles in die Huser verkrochen
hatte.
    Als wir auf den Breiten Weg kamen, rannten Brger, jammernde Weiber und
Kinder an uns vorber, nach links, whrend rechts vom Krkentore her ein
feindlich Reitergeschwader anrckte mit Heerpauken und Drommeten. Wie eine
blkende Schafherde vor dem Wolfe flchtete das arme Stadtvolk. Ich hielt der
Jungfer Hand und ri sie mit mir fort. Hinter uns krachte eine Salve, und
etliche Leute wlzten sich im Blute. Wir waren heil geblieben und bogen um die
nchste Straenecke.
    Zur Johanniskirche! rief ich, hoffend, dorten vielleicht Einla zu finden.
Und wir rannten durch die Gassen.
    An der Ecke der Marktstrae aber hatte Thekla derart den Odem verloren, da
sie nicht weiter konnte und stehen blieb. Es war gerade bei einer Gruppe
jammernder Menschen. Es stund allda ein Prdikant, angetan mit seines Amtes
Tracht, die Heilige Schrift mit der Linken an seine Brust gedrckt. Um ihn herum
zitterten etliche bange Herzen von Jungfrauen und lteren Weibsbildern. Das war
ein Weinen und Hnderingen: Was sollen wir denn tun? Was tun? Der bleiche
Prdikant aber erhub nur immer die Rechte und sprach: Gott allein wei das!
Gott allein!
    Da packte mich die Jungfer Grfin am Arm und schrie, die Augen wild
aufgerissen: Bring Er mich um, Johannes! Tu Er mir die einzige Liebe! Die
Kroaten kriegen mich sonst! Schie Er mich tot! auf der Stelle! Und sie reichte
mir ihr Pistol.
    Ich ri es aus ihrer Hand, steckte es in meinen Koller und sprach: Ja doch,
mein gndig Frulein! Lebendig soll Euch der Feind nicht kriegen - das gelobe
ich! Aber noch ist es nicht Zeit zum verzweifeln. Erst such ich, Euch zu retten!
So gebeut unseres teuren Obersten letzter Wille. Wollet ihn, mein Frulein, doch
respektieren!
    Nun gut! entgegnete sie. Johannes! Geb Er mir das Pistol zurck. Ich
folge Ihm! Doch unser Plan ist schlecht. Bedenk Er nur: So es uns wirklich
sollte gelingen, in die Johanniskirche hineinzukommen, was hilft uns das? Der
Feind wird die Pforten sprengen oder zu den Fenstern eindringen. Er verschonet
die Kirche nicht, fr ihn ist sie ein Ketzertempel.
    Da dieser Einwand richtig sei, leuchtete mir ein. Ich sah im Geiste das
Innere der Johanniskirche, sah die hineingeflchtete Menschenmenge, wie sie
teils betete, teils zwischen den Sulen herumirrte und nach einem Verstecke
suchte. Versteck! Ja, wenn ich einen Versteck fnde! Einen unterirdischen!
    Gott sei gedankt! rief ich. Ich wei Rat! Aus dem Keller des
Predigerhauses fhret ein unterirdischer Gang in die Johanniskirche und von
dorten nach Kloster Berge. In den wollen wir eindringen! Und wieder ergriff ich
des Fruleins Hand und ri sie mit mir.
    Da wir zur Johanniskirche kamen, hrten wir, wie die Pforte von innen
vernagelt und verrammelt ward. Wir liefen um die Sakristei herum, und da stund
nun das traute Haus, allwo ich als Knabe mit den Eltern gewohnet. Doch die
Haustr war verschlossen, und die Eisengitter vor den Fenstern hinderten das
Hineinsteigen.
    Ich pochte heftig und rief: Machet doch auf! Wir gehren ja zu euch! Sind
evangelisch! Ich bin allhie geboren - bin des ehemaligen Prdikanten Tielsch
sein Sohn - jetzo schwedischer Korporal! Machet auf! Wir wollen euch ja helfen!
Wir wissen Rettung. Ei, so machet doch endlich auf!
    Vergebens! Indessen blickte aus einem Fenster des Nachbarhauses ein
Weibsbild und sagte: Ach, ihr Soldaten! Seid ihr wirklich Freunde?
    Ja doch! entgegnete ich. Und damit Sie erkennet, da ich die Wahrheit
rede, so sag ich: Mein Quartier ist auf dem Ringe beim Kaufmann Schmidt; Sie
kennt wohl seine Mutter, die alte Schmidtin. Und nebenan logieret - ach Gott,
nein - hat logieret der Herr Oberste Falkenberg - Gott mache den Helden selig!
Und ich - bin ein Magdeburger Kind, vor 27 Jahren hier nebenan im Predigerhause
geboren.
    Ich mache schon auf! rief das Weibsbild und verschwand. Gleich darauf
wurde die Haustr aufgetan. Das Weibsbild, eine Hausmagd, Trude mit Namen, war
ganz allein, sintemalen der Hausherr benebst Weib und Kindern in die
Johanniskirche sich geflchtet. Schon wollte die Magd die Haustre hinter uns
verschlieen, als mir eine Kriegslist beifiel, den Feind zu tuschen, so jede
Minute erscheinen konnte.
    Hret mich an! sagte ich. Ich wei einen Rat! Wir wollen dies Haus also
zurichten, als ob die kroatischen Mauskpfe schon hieselbst gewesen wren.
Vielleicht da die Plnderer alsodann vorbergehen, weil sie denken: da ist
nichts mehr zu holen. Trude, bringe Sie mir eine Axt.
    Zur Jungfer Grfin aber sprach ich: Mein lieber Jaroslaus - so mu ich Euch
nun wieder heien - nimm den Sbel und schlitze die Betten auf - Stroh und
Federn sollen verstreut werden.
    Da Trude die Axt gebracht, gab ich ihr frder auf, in den Hausflur einen
Tisch zu setzen und Speisen und Bier aufzutragen. Whrend sie es tat, zerschlug
ich mit der Axt Ofen, Truhen und Schrnke, Tren und Fenster. Dann tat ich die
Haustre sperrangelweit auf. Jungfer Thekla schleppte indessen zerschlagene
Tpfe, Stroh und Bettfedern bis vorn in den Hausflur und auf die Strae. Wir
aen und tranken etliches von den Speisen und dem Bier. Und nun sahe das Haus
also wste aus, als sei hier fr Plnderer rein gar nichts mehr zu holen.
    Es war die hchste Zeit, denn schon hrten wir Schsse bei der
Johanniskirche. Von der Magd gefhrt, gingen wir die Treppe hinauf unters Dach
in eine Bodenkammer. Ich und Jungfer Thekla prften unsere Waffen, ob sie auch
in Ordnung. Die Magd aber hielt das Beil gefat und zitterte vor Begier, den
eindringenden Feind anzufallen.
    Trude, sprach ich - ist es mglich, da wir nebenan ins Predigerhaus
gelangen? Dorten ist im Keller sichere Zuflucht, nmlich ein heimlicher Gang, so
unterirdisch zur Johanniskirche fhrt. Die Magd starrte mich an, als begreife
sie nicht. Ins Predigerhaus mssen wir! fuhr ich fort. Aber die Haustr ist
verrammelt. Knnen wir nicht auf andere Weise hingelangen? Vielleicht bers
Dach.
    Sofort tat ich die Dachluke auf und sphete hinaus. Dicke Rauchwolken,
vermischt mit Funken, flogen ber die Dcher. Ein feuerschnaubender Drache
wlzte sich auf die Stadt. Drben in der Johanniskirche hub ein Choral zur Orgel
an. Von der Strae her scholl ein roh Gebrll und Jauchzen: All gewonnen! All
gewonnen!
    Ich prfte, ob der Weg bers Dach mglich. Es war nach unten steil, hatte
jedoch oberhalb der Luke eine platte Stelle, ber die man wohl sichern Fues zu
einer hnlichen Stelle der Predigerhauses gelangen konnte.
    Fort von hier! sagte ich. In wenigen Stunden steht das ganze Viertel in
Flammen. Wollen wir nicht verbrennen oder dem Feind in die Arme laufen, so
mssen wir den unterirdischen Gang im Predigerhause aufsuchen. Vorwrts,
klettern wir bers Dach! Die Magd rang die Hnde. Jungfer Thekla nahm
entschlossen einen Strick, so durch die Bodenkammer gespannt war, und knpfte
das eine Ende um ihren Leib.
    Ich kletterte nun zur Lucke hinaus und lie mir des Strickes anderes Ende
reichen, kroch zur platten Stelle des Daches empor und schlang den Strick um den
Schornstein. Hierauf kehrte ich zur Luke zurck und half der Jungfer Thekla auf
das Dach und hinan zur platten Stelle steigen. Ebenfalls mit Hilfe des Strickes,
den Thekla nun frei gab, holte ich die Magd herauf, versumte auch nicht, unsere
Waffen mitzunehmen. Dann kroch ich hinber zum Predigerhause, wo ich eine
Dachluke offen fand, und befestigte daselbst den Strick, der nun gespannt als
ein Gelnder vom Schornstein zur begehrten Stelle hinleitete. Uns gelang der
schwindelige Stieg bers Dach, und durch die Luke kamen wir in eine Bodenkammer,
wie sie vom Gesinde bewohnt wird.
    Also waren wir endlich angelangt, allwo ein Weg zur Rettung winkte. Doch
unsere Hoffnung ward gar bald verdstert. Da wir nmlich die Tr der Bodenkammer
auftaten, scholl von unten ein bestialisch Toben. Die Beutemacher waren also
doch gekommen.
    Und nun polterte ein schwerer Schritt die Treppe zu uns herauf. Nicht
schieen, raunte ich, ergriff den Strick und lauerte hinter der Tr. Thekla
trat neben mich mit gezcktem Degen, whrend die Magd auf der anderen Seite das
Beil erhub. Lebendig mssen wir ihn haben! Er soll uns die Losung sagen!
flsterte ich.
    Gleich darauf trat ein Soldat mit vorgestrecktem Degen ein. Im Nu hatte ich
den Strick um seinen Hals geworfen und wrgte ihn, da er vor Schwche
zusammenbrach. Thekla schlo die Tr der Bodenkammer, und whrend die Magd
druend das Beil ber dem Kopfe des Gefangenen hielt, herrschte ich ihn an:
Schweig! So du schreiest, bringen wir dich um! Hierauf lie ich den Strick
etwas lockerer, da der Gefangene wieder Odem bekam und sagte: Wie lautet eure
Losung? Antwort, oder du bist des Todes!
    Jesus Maria! krchzete der Soldat.
    Heiet die Losung Jesus Maria?
    Ja.
    Nun zog ich den Strick wieder fester und sprach zu Thekla: Was machen wir
mit ihm?
    Totschlagen, knirschte die Magd.
    Knebeln wir ihn! meinte Thekla, trennte mit dem Degen ein Stck vom
Bettlaken und rollte es zum Knebel zusammen.
    Der Gefangene setzte sich zur Wehr. Wie ich aber meines Schwertes Schneide
an seinen Hals hielt, ward er kirre und lie sich den Knebel ins Maul stecken.
Hierauf banden wir ihm Fe und Hnde hinterrcks zusammen und fesselten ihn an
einen Dachbalken.
    Trude! sprach ich zur Magd, so jetzo andere Beutemacher heraufkommen,
verbleibt uns nur ein Rettungsmittel:
    Ich und mein junger Kamerad hier mssen uns stellen, als ob wir zur
kaiserischen Soldateska gehren. Die Losung wissen wir ja. Du aber, Trude, bist
unsere Gefangene und mut immer sagen: Das Geld liegt im Keller, da ist ein
heimlich Gewlbe. Hrst du, Trude, hier im Keller des Predigerhauses ist ein
Gewlbe mit Geld ... Mut, Trude! Und wenn ich mich stelle, als sei ich selber
ein Beutemacher - und wenn ich dich sogar wrge ... Hiermit packte ich die Magd
an der Gurgel und schttelte sie, doch ohne ihr wehe zu tun. Entsetzt starrte
sie mich an. Macht nichts, fuhr ich fort. Es geschieht ja nur, den Feind zu
tuschen. Es kommt darauf an, da wir ins Gewlbe gelangen - es ist wirklich da
und fhrt vom Keller zur Johanniskirche ...
    Nun redete auch die Jungfer Grfin der Magd zu: Tu, was der Korporal
gebeut. Es ist eine Kriegslist. Der heimliche Weg kann uns retten.
    Auf einmal erhellte sich das Antlitz der Magd und sie sprach: Ja, nun
verstehe ich. Ja, ich will es tun. Aber mir ist bange. Herr Jesus, wenn die
Sache schief geht! ...
    Indem vernahmen wir Tritte auf der Treppe. Da galt es, nicht lnger zu
zaudern, sondern dem Feinde entgegenzugehen.
    Noch eins, sagte ich - wir gehren dem Grafen Mansfeld und sind von der
Sudenburg her in die Stadt gedrungen. Nun denn in Gottes Namen los!
    Packte also die Magd bei der Gurgel und rief: Wo ist der Geldschatz? Im
Keller? Fhre uns hin, Bestie! Dann tat ich die Tr auf, wiederholte recht
grimmig diese Worte und zerrte die Magd die Treppe hinab, whrend mein Junker
Jaroslaus folgte.
    Unten auf dem Flur stund ein Soldat, die Beine gespreizt und die Muskete mit
brennender Lunte auf uns angeschlagen. Losung! brllte er.
    Gleichmtig entgegnete ich: Jesus Maria! und schleppte die Magd vollends
hinunter. Da der Kroat noch immer stutzig und mitrauisch stund, sagte ich ihm
keck ins Angesicht: Holla, Kamerad! Komm Er mit mir in den Keller, dorten liegt
Gold - ja Gold - ein groer Schatz!
    Da blitzte freudige Gier aus seinen Augen, er setzte die Muskete ab und
schlo sich uns an, indessen wir die Magd auch die nchste Treppe
hinunterschleppten.
    Unten drangen auf einmal drei Beutemacher auf uns ein und riefen, mit ihren
Waffen druend: Losung! Jesus Maria! antwortete ich, whrend der Kroat in
fremder Sprache auf seine Kameraden einredete, worauf sie sich zufrieden gaben.
Nur einer - ein junger Offizier - hielt seinen Degen gezckt und sprach: Wos
seids denn s? Doch nit Pappenheimer! Mansfelder! entgegnete Thekla. Ich aber
fgte hinzu: Ja, wir Mansfelder waren allbereits frher da, als ihr. Was gaffet
ihr, Kameraden? Kommet lieber mit in den Keller - dorten liegt Gold - ja Gold -
ein groer Schatz - diese Magd wird ihn uns weisen.
    Die Soldaten redeten eifrig durcheinander. Der Offizier aber fragte
verdutzt: Sakrament noch emol! Sein die Monsfelder ollbereits in der Stodt?
Verflucht! Aber gut, Gold nehmen wir! Gehen wir in Keller!
    Nun lie ich die Magd los, hielt ihr die Faust unter die Nase und herrschte
sie an: Wehe dir, Bestie, so du lugest! Fhre uns sogleich in den Keller und
weise den unterirdischen Gang!
    Mit Verlaub, ihr Herren! antwortete die Magd weinerlich. Lasset mich nur
erst die Laterne anznden. Unten ist es stichdunkel. Hiermit ging sie in die
Kche, und ich folgte ihr. Mit dem Feuerzeuge machte sie Licht und tat es in die
Laterne, worauf ich das Feuerzeug in meiner Tasche barg.
    Nun drangen wir alle in den Keller, und ich leuchtete mit der Laterne umher.
Vom geheimen Gange nichts zu sehen; wohl aber lag in einer Ecke Germpel
aufgeschichtet, alte Tonnen und Kisten. Gesteh, da der Schatz dahinter liegt!
fuhr ich die Magd an. Ja doch, ihr Herren, entgegnete sie und begunnte, das
Germpel wegzurumen. Wir halfen, und siehe, in der Mauer war ein niedrig
Trlein, mit Eisen beschlagen. Da es unverschlossen war, taten wir es auf und
fanden einen Gang, den man nur gebckt passieren konnte.
    Mein lieber Jaroslaus! sprach ich laut zu Thekla. Nimm die Laterne und
suche den Schatz! Findest du, was wir begehren - du verstehst mich, Jaroslaus -
so rufe, da ich nachkommen soll.
    Sogleich ergriff Thekla die Laterne und kroch in den Gang.
    Da rief der Offizier etliche Worte in kroatischer Sprache und sagte dann zur
Magd: Geh mit Milivoi in Kuchel - holen mehr Licht - andere Laterne, auch
Fackel - ganz gleich - ist zu dunkel - fort Milivoi! Und es ergriff einer der
Soldaten die Magd am Arm und ging mit ihr hinauf.
    Ich war allein mit dem Offizier und dem andern Soldaten. Da konnte ich einen
Angriff wagen, zumal es so weit dunkel war, da nur aus dem Gange ein Schimmer
herfrdrang. Gebckt stund der Offizier am Eingange und schaute hinein.
    Hast du etwas gefunden, Jaroslaus? rief ich.
    Da antwortete Thekla in bhmischer Sprache: Ja, Johannes; der Gang biegt
links ab, wird ganz gerumig und geht weiter - ich glaube, er kann uns retten -
komm geschwind nach und la uns kmpfen.
    Wos sogt er? fragte der Offizier mitrauisch. - Er hat den Schatz!
antwortete ich und griff nach meiner Muskete. Hot er? sprach der Offizier und
kroch in den Gang.
    In diesem Augenblick erhub sich oben im Hause ein Poltern und Geschrei; die
Magd Trude eilte zum Keller herein und rief: Ach Gott, ach Gott - aus der
Bodenkammer kommt der Soldat - andere haben ihn frei gemacht.
    Da holte ich mit meiner Muskete zum Schlagen aus und traf den Soldaten, so
bei mir stund, da er lautlos zusammenbrach. Nun kam der Offizier wieder aus dem
Gange heraus, ich aber schlug ihn nieder, bevor er sich aufgerichtet hatte. Und
sofort flchtete ich in den Gang.
    Gleich darauf erscholl Rufen und Waffenklirren im Keller, Fackelschein
strahlte in den Gang, so da ich meinen Schatten sah. Ein Schu krachte.
    Johannes! rief Thekla ngstlich.
    Ich komme, antwortete ich.
    Schnell, schnell! rief sie - da du hierher um die Ecke biegst - da
trifft dich keine Kugel.
    Und es bog sich der Gang wie ein Knie, nach oben gerumig, so da man sich
aufrichten konnte. Hier stund Thekla hinter der Laterne, den Degen gezckt, ein
Pistol in der Linken. Verteidigen wir diese Stelle! sagte sie.
    Ich aber bedachte, ob man den engen Teil des Ganges nicht mit Steinen
verrammeln knne. An der Decke fand ich das Gemuer rissig und morsch, beschlo
daher, es mit Pulver zu sprengen.
    Ri aus meiner Feldbinde einen Fetzen, schttete reichlich Pulver darauf,
legte ein Stck Lunte hinzu und wickelte alles dermaen zusammen, da es ein
Pcklein bildete. Das zwngte ich tief in eine Mauerritze und stopfte Steine
hinterdrein, jedoch so, da die Lunte herausragte. Fort! sprach ich zu Thekla
und zndete das Ende der Lunte an. Wir liefen den Gang entlang.
    Auf einmal erscholl hinter uns ein furchtbar Krachen, und der Lufsto htte
mich beinahe zu Boden geworfen. Die Laterne war erloschen. Rauch und Staub
benahm mir den Odem. Thekla, sthnte ich. Sie antwortete erst nach einer
Pause: Hier bin ich.
    Nun holte ich das Feuerzeug aus meiner Tasche und zndete die Laterne wieder
an. Wir gingen rckwrts und sahen, da die Sprengung den Zugang mit
Mauerstcken versperrt hatte. Lauschend vernahmen wir des Feindes Stimmen nur
als ein verworren Gemurmel.
    Stumm blickten wir einander ins Angesicht. Thekla seufzete, und als ich ihre
Hand ergriff, versprete ich, wie sie zitterte. Mein gndig Frulein!
stammelte ich.
    Gemeinsam sanken wir auf die Knie, und mir war, als halte ich die Vaterhand
umklammert, die so gtig und so stark aus Feindesnot erretten kann. Nach ihrem
Gebete schaute Thekla auf, als erwache sie vom Traume, sie starrte auf die
Trmmer, so den Gang verschttet hatten, sah mich hierauf an mit stummer Frage.
    Ein Zurck gibt es nicht mehr, antwortete ich - und ob das Vorwrts zur
Rettung fhrt, steht bei demselben Gotte, der uns zu dieser Stunde so
wunderbarlich geleitet.
    Aufschluchzend umschlang Thekla meinen Hals und barg an meiner Brust ihr
trnenvolles Antlitz. Ich legte den Arm um die bebende Gestalt. Wir fanden keine
Worte. Mich deuchte, ich sei ein Nachtfalter und schwirre, vom Lichte trunken,
um eines Engels lichtes Angesicht.
    Wie ich meinen Sinn gesammelt hatte, sprach ich: O meine Thekla, liebe
Thekla, warum nur ist die Ewigkeit so kurz? Da sie mich liebreich, doch fragend
anschaute, meinte ich: Wir waren in der Ewigkeit - und sind auf einmal wieder
in der bangen Zeit.
    Mit einem schweren Seufzer prete sie meine Hand an ihren Busen, flsternd:
Ach, htte der treue Gott jetzo uns beide zu sich genommen!
    Es ist wohl noch nicht so weit - Pilger sind wir, und wer wei, wo unser
Ziel. Komm, liebe Braut! Ich bin bei dir, du bist bei mir.
    Und meinen Arm um ihre Schultern gelegt, sttzte und leitete ich sie.
    Bald hrte der Gang auf, eine sehr schmale Treppe von Stein fhrte aufwrts,
bis sie von einem hlzernen Dache abgeschlossen ward, geformt als ein
Sargdeckel. Ich drckte dawider, und es hub sich der Deckel. Ich lie mir von
Thekla die Laterne reichen und leuchtete in den aufgetanen Raum.
    Es war eine Gruft, darin etliche Srge stunden. Wir erkannten, da wir unter
der Johanniskirche waren. Die Tr, durch die ich eindrang, war ein Sarg inmitten
der anderen - ein Sarg ohne Boden; sein Deckel war der Verschlu unserer Treppe.
    Wir stiegen in die Gruft empor und taten den Sargdeckel hinter uns zu. Auer
den Srgen befand sich in der Gruft ein Schrein, dessen Tr verschlossen war.
Eine Leiter fhrte zur Decke, und hier mute eine Falltr sein. Ich kletterte
hinan und stemmte mich wider die eiserne Platte. Sie hub sich und klappte mit
dumpfem Falle seitwrts.
    Wir stiegen in ein Gewlbe, das wohl ebenfalls unterirdisch war, da es
keinerlei Fenster hatte. Nur eine Tr, mit Eisen beschlagen. Ich rttelte daran,
sie schien von auen mit einem Vorhngeschlo versperrt. Das Gewlbe enthielt
Truhen und Schreine, sowie etliche Fsser. Ich ward nun inne, da wir in einer
Gertekammer der Kirche waren, wohin ich als Knabe meinen Vater einmal begleitet
hatte.
    Tat eine Truhe auf und fand eine Altardecke von schwarzem Sammet.
Kirchengert! sprach ich. Vor den Plnderern hat man's geborgen. Hier mu ein
guter Versteck sein.
    Auch die Truhen waren mit seinen Geweben angefllt. Ein Schrein enthielt
kostbare Leuchter und Wachskerzen, ein anderer silberne Kelche und Kannen, ein
dritter ein Kstlein von Ebenholz, angefllt mit Oblaten des heiligen
Abendmahls. Da ich Thekla fragend ansahe, erschauderte sie und faltete die
Hnde. Ich versprete auf einmal nagenden Hunger, brennenden Durst.
    In den Fssern ist Altarwein, flsterte ich; sollen wir nicht ein Weniges
davon trinken? Thekla schwieg. Der Wein hat noch keine Weihe, - fuhr ich fort
- man darf ihn trinken.
    Wankend setzete sich Thekla auf eine Truhe, lie den Kopf hngen und
chzete: Ach - ich - verschmachte.
    Da holte ich hastig eine der silbernen Kannen, drehte am Zapfen eines
Fasses, lie dunklen Wein in die Kanne laufen und hielt sie an Theklas Mund.
Thekla tat einen langen Zug, und nun trank auch ich, flammend Leben rann durch
unsere Adern, neue Kraft und Hoffnung war auf einmal da.
    Auch essen drfen wir, sagte ich. Stehet nicht geschrieben, da Gottes
Knecht David sich Hungers halber vom Priester die heiligen Schaubrote geben
lie? berdies werden die Oblaten ja erst im Abendmahl der Leib des Herrn.
    Thekla blickte zuversichtlich: Und wren sie selbst schon geweiht, unser
Heiland wrde denken: Euch zwei armen Menschenkindern ist meine Speise Rettung
des Leibes und der Seele. Nehmet hin und esset!
    Amen! sprach ich und brachte meiner Braut das Kstlein mit dem heiligen
Gebck; wir aen und genossen dazu vom Weine.
    Taumelnd lehnte Thekla ihren Kopf an meine Brust, und fr ein Weilchen
kehrte wieder jenes Entzcken, so mich im unterirdischen Gange begnadet hatte.
Singen und klingen hrte ich die himmlischen Heerscharen. Bald freilich ward ich
inne, da man droben in der Kirche zur Orgel sang. Da ergriff mich Zagen. Hatte
allbereits vermeinet, seit unserer Flucht ber die Dcher, allwo ich das
Choralsingen der bangen Kirchengemeinde zuerst vernommen, sei eine lange Zeit
verflossen; und nun ward mir klar, da es wohl nur ein Viertelstndlein gewesen,
und da die Feindesnot erst eigentlich beginne.
    Was ist dir? fragte Thekla erschrocken.
    Ich sprang auf. Wir drfen der Gefahr nicht vergessen. Und ich leuchtete
mit der Laterne in der Gertekammer umher, beunruhigt von dem Gedanken, wir
mchten keinen Ausweg finden.
    Da vernahm ich Orgelton und Gesang, er kam von einer Ecke des Gemaches her,
und dort fhrte eine Schneckentreppe aufwrts. Ich stieg mit der Laterne hinauf
und gelangte in einen schmalen Raum, allwo ich nicht weiter konnte. Der Choral
aber scholl deutlich durch die eine Wand.
    Sie betastend ward ich inne, da sie aus schwanker Leinewand bestund, und
durch ein taghell schimmernd Lchlein sah ich in die Kirche, gerade auf den
Prdikanten, so am Altare betete, whrend die Gemeinde rings um ihn auf den
Knien lag. Nun erkannte ich, da ich in einer ausgehhlten Seitenwand der Kirche
war, nur durch eines Gemldes Leinewand vom Altarraume getrennt. Ein Ausweg aus
den unterirdischen Rumen war ja nun gefunden. Zugleich aber bildete dieser
Ausweg eine Gefahr.
    Da sprach ich zu Thekla, die neben mir stund und durch das Loch des Bildes
schaute: Wir mssen wieder hinunter zu den Srgen! In der Gertekammer ist
keine Sicherheit. Dringen die Feinde in die Kirche ein, so werden sie alles nach
Schtzen durchstbern. Und wimmern Kster und Prediger erst in der Folter, so
verraten sie wohl, wo die silbernen Gerte liegen. brigens braucht ein
Plnderer nur seine Picke in dies Gemlde zu stoen, so ist die Hhlung entdeckt
und wird fr einen Versteck von Schtzen oder Menschen gehalten. Und wird nicht
die nahende Feuersbrunst auch die Kirche ergreifen? Kann nicht der Dachstuhl
brennend zusammenbrechen? Wer wei, ob das obere Gewlbe den Einsturz aushlt?
Hinunter also!
    Wir kehrten zur Gertekammer zurck, Thekla nahm das Kstchen mit dem
Abendmahlgebck, ich zween Leuchter nebst Wachskerzen, und wir begaben uns durch
die Falltr wieder in die Gruft. Holten noch eine Kanne Weines, einen Becher,
die Truhe mit Altardecken und Tchern. Anfangs hatten wir vor, den ganzen
Kirchenschatz zu bergen; indessen schien es ratsam, den Plnderern etliche
Kostbarkeiten zu lassen, auf da sie nicht weiter suchen mchten.
    Um zu beobachten, was sich ereigne, waren wir aufs neue zur Gertekammer
emporgestiegen; da vernahmen wir, wie der Choral in der Kirche abbrach, wie dann
ein Poltern und Krachen losging, als ob man die Kirchenpforte erbreche, und auf
einmal ein vielstimmig Angstgeschrei und Weheklagen anhub.
    Ich fhlte mein Herz pochen und Kampfeswut mir zu Hupten steigen. Machte
meine Muskete bereit, hastete die Schneckentreppe hinan und lugete durch das
Loch.

Um den Prediger, der mit entsetzt aufgerissenen Augen und ausgebreiteten Armen
am Altare stund, drngten sich weinend und hnderingend Weiber und Kinder, wie
Kchlein, so unter der Mutter Fittig Schutz suchen. Etliche Mnner aber waren
handgemein mit der eingedrungenen Soldateska. Schsse krachten, Partisane und
Sbel blitzten, man brllte gleich wtenden Stieren, sthnend sanken die Opfer
hin, und aus ihren Krpern quollen rote Bche.
    Nun lsete sich der Menschenknuel um den Altar in einzelne Gruppen auf, wo
allerlei Drangsale vorgenommen wurden. Wie Teufel sahen die Beutemacher aus,
dunkelrot die Gesichter, blitzend die Augen. Da wrgete einer einen alten Mann,
einem Frauenzimmer ri man die Kleider vom Leibe. Zween Soldaten packten einen
Brger und qulten ihn durch Drehen seiner Arme, da er aufschrie. Dann lieen
sie nach und herrschten ihn an: Gesteh! Viele Plnderer schleppten ihre Opfer
fort, auf da sie in den Wohnungen verborgene Schtze angeben sollten.
    O wie schnitt mir die Folter der armen Menschen, das Sthnen und Kreischen,
das Wimmern und Rcheln ins Herze! Zu mehreren Malen bumte sich in mir die
Rachsucht auf, und ich htte mit der Muskete in die Plnderer hineinschieen
mgen. Doch zgeln mute ich mich, um meine geliebte Braut nicht zu gefhrden.
Und so schaute ich tatenlos zu, wie grausam der Feind meinen Landsleuten und
Glaubensgenossen mitspielete. Manchesmal wandte ich mich ab vor Entsetzen,
schttelte die Faust und bi hinein in ohnmchtiger Wut.
    Da legte sich eine Hand auf meine Schulter, Theklas Antlitz stund voll
Schmerz und Trnen. Das grausige Schauspiel hatte sie mit angesehen, da auch sie
eine ffnung im Gemlde gefunden. Nun stund sie erschttert und ratlos, die
Hnde ringend. Dann warf sie sich an meine Brust und schluchzte.
    Ich hielt die zitternde Braut umschlungen und streichelte wortlos ihre
Wange.
    Ach, Johannes, la uns nicht wieder hinschauen! Das ist ja die Hlle! Ihr
Anblick weckt bse Geister.
    Ich nickte, und wir kauerten uns in eine Mauernische.
    Aber nun vernahmen wir mit dem Ohre, was in der Kirche geschah; es war, als
ob ein Bann uns zwinge, darauf zu achten. Und es dehnte sich die Zeit - wir
seufzeten - aber des Schreckens war kein Ende.
    Horch, nun scholl aus rauhen Kehlen ein Sauflied und ein Jauchzen, als ob
man sich beim Weine verlustiere. Dann Weiberkreischen und wiehernd Gelchter.
Die Augen aufgerissen, als ob sie innerlich schaue, brtete Thekla schweigend.
    Ungeduld qulte mich. Dies Hinhorchen war ja schlimmer als das Zuschauen.
Sprang also auf und lugete wieder durch die ffnung des Gemldes.
    Ist das nicht der Prdikant? Ganz nahe lehnt er an einer Sule, matt zum
Hinsinken. Bleich sein Gesicht, der Priesterkragen mit Blut besudelt. Ein Kroat
hlt die Muskete auf ihn angeschlagen, whrend ein zweites Feuerrohr am Boden
liegt. Als eine reiende Bestia ist der Kerl anzuschauen, wie er die Augen
funkeln lt im gelben Gesicht und, den gepichten Schnauzbart wie Eisen spitzig,
in jeder Backe eine Mordkugel vorrtig hlt.
    Pfaff, gib Geld! stt er heiser hervor. Gib Geld - oder -
    Da wirst sich eine junge Frau, ihr Kindlein im Arm, vor den Kroaten hin und
ruft: Erbarmen! Gnade! Pardon! Wir haben ja kein Geld mehr! Gnade! Pardon! Mein
Mann ist geistlich!
    Ah, Ketzer! schnaubt der Kerl. Pfaff, gib Geld - oder -
    Nun legt die Frau ihr wimmernd Kind auf den Boden, nestelt an ihrem
Brustleibchen, reit etwas Glitzerndes ab und beut es dem Eisenbeier dar.
    Kalt blickt der Wterich, blset darauf die Lunte seiner Muskete an und will
schieen.
    Da ermannet sich die verzweifelte Frau, schlgt ihm die Muskete in die Hhe,
wobei der Schu losgeht, rafft das andere Feuerrohr vom Boden auf und legt es
wider den Feind an. Der glotzt wie versteinert.
    Indem aber tritt ein anderer Feind von hinten zur Frau und trifft sie mit
einer Keulhaue auf den Kopf, da sie taumelt. Zugleich springen von allen Seiten
Feinde herbei, geschwungene Sbel blitzen und zerhacken den hingesunkenen Krper
wie Fleisch auf dem Metzgerblocke. Hierauf so packen die Mrderfuste das am
Boden liegende Kindlein an den Beinen und reien es voneinander wie einen
Tuchfetzen.
    Da halte ich mich nicht lnger, und wie Thekla mir zuruft: Ja, schie!
stecke ich die Muskete durch die ffnung, nehme mir einen Bluthund aufs Korn und
brenne los. Zugleich knallt Theklas Pistol. Der Pulverdampf verhllt die Gruppe.
    Wie er sich verteilt, wlzen sich zween Soldaten im Blute, whrend die
anderen sich fortgemacht haben, und nur einer, den Karbiner angeschlagen, zum
Gemlde emporstarrt, verdutzt, weil zwar Rauch, aber kein Schtze zu erblicken.
Dann wendet der Soldat sein Gesicht ganz aufwrts, als ob er oben im Gewlbe
etwas Seltsamliches gewahr werde. Gleich darauf reit er die Augen auf und
schreit: Feurioh!
    Wie ich mich bemhe, durch das Loch emporzusphen, siehe, da bricht an einer
Stelle der gewlbten Decke schwarzer Qualm herfr und eine Funkengarbe. Und auf
einmal geht ein Gebrll los: Feurioh! Die Kirche brennt!
    Ein Teil der Plnderer rennt zur Kirchenpforte, der andre Teil scheint es
nicht eilig zu haben. Aber da kommt ein Soldat zurckgelaufen: Macht fort! Das
ganze Stadtviertel brennt!
    Nun geht die Flucht erst recht los, alles, was sich regen kann, drngt zum
Ausgange. Bis auf wenige Kerle, die entweder kaltbltig oder sinnlos fortfahren,
ihren ruberischen und bestialischen Gelsten zu frhnen. Einer zerrt am Fu
eines erschlagenen Brgers, ihm den Stiefel abzuziehen. Ein paar Saufbrder
wanken grhlend Arm in Arm, den gefllten Kirchenpokal erhoben.
    Bald aber sind die Menschenlaute verstummt, und nun haucht und wispert und
knattert die Feuersbrunst.
    Fragend sehe ich Thekla an: Sollen wir hinaus? Oder bleiben?
    Bleiben! meint sie. Denn so wir selbst der Feuersbrunst entgehen, wird
uns diese Soldateska empfahen.
    La uns zuvrderst kundschaften! Komm Thekla, wir wollen uns umschauen!
    Mit dem Schwerte zerschneide ich die bemalte Leinewand, hole aus der Gruft
die Leiter und lasse sie durch die gewonnene ffnung hinunter. Drauf steige ich
ins Kirchenschiff, gefolgt von Thekla. Den Sbel in der Rechten, in der Linken
das Pistol schufertig, nehmen wir den Weg nach der Pforte.
    Welch grlicher Anblick! Durch die ganze Kirche verstreut, besonders am
Altare, liegen die blutigen Opfer der Mordknechte. Hin und wieder zuckt noch ein
Glied; Sthnen und Rcheln. Auf der Kanzeltreppe sitzt ein bejahrter Mann,
reglos, verzerrten Angesichts. Sein Daumen ist in ein Pistol an Stelle des
Feuersteins festgeschraubt. Daneben ein Kind mit zerschmettertem Schdel. Mitten
in der Kirche haben die Bestien zur Bluthochzeit gesoffen und geschmauset. Roter
Wein ist aus einem Fasse gelaufen und mengt sich mit vergossenem Blute.
    Und dorten am Taufbecken - was ist das? Nackte Krper, zwei junge
Weibsbilder, gnzlich entblet, haben Kopf und Oberkrper im Taufwasser,
solchergestalt ersufet, indes die Beine heraushngen. Ein ander Weibsbild
lieget am Boden, die Arme gefesselt, hat schndliche Gewalt leiden mssen; reget
sich nicht mehr. Und neben dieser Leiche hockt ein lebendiger Plnderer. Seine
Augen glotzen aus gertetem Gesichte. Toll und voll grhlet er:

Zur Hochzeit immer feste
Blutwurst und Branntewein.
Dann komm du mir ins Neste,
Mein glattes Vgelein.

    Wie wir zur offenen Kirchenpforte kommen, schlgt uns sengendheier Odem
entgegen, ein einzig Meer von Flammen ist der Himmel; rings brennen alle Huser,
es rauscht und heult wie ein Orkan, prasselt und kracht von strzenden Balken
und Ziegeln. Unmglich, diese Glut zu bestehen. Zurck also, wieder zurck in
die Kirche.
    Aber seltsam! Von hehrem Orgelklang erbrauset auf einmal das Gewlbe. Spielt
uns der Todesengel den Sterbechoral? Oder ist das ein Mensch? Der Organist?
    Die Treppe zum Chore eilen wir hinan. Da sitzt vor der Orgel ein Mann mit
weien Locken, Wie ich ihm die Hand auf die Schulter lege, starrt er uns als ein
Trumender an und spielt weiter.
    Kommet mit uns! rufe ich ihm zu. Auf! Rettung bringen wir, so Gott will.
Wir sind Magdeburgische! Die Kirche hat einen unterirdischen Gang! Da hinein
wollen wir uns flchten! Auf!
    Der Organist schttelt lchelnd das greise Haupt. Dann hebt er mit klarer
Stimme zur Orgel zu singen an:

Ob Sodom und Gomorrha brennt,
Mein Herz bleibt ohne Zagen!
Denn zu Jehovahs Firmament
Holt mich sein Feuerwagen.

    Mit groen Augen, die Lippen schmerzlich zusammengepret, starrt Thekla
diesen Frommen an, dessen Seele, erhaben ob aller Leibesgefahr, im ewigen
Frieden schwebet.
    Derweilen nun die Orgel zum Gesange aufspielet, sind auf einmal etliche
Orgeltne zu einem heisern Sthnen worden, und am Knistern und Qualmen wird
vollends offenbar, da die langen Orgelpfeifen von der Feuersbrunst angesteckt
sind. Da packe ich den Organisten und will ihn fortreien.
    Doch er strubt sich mit vorwurfsvollem Blicke und abwehrenden Hnden und
ruft: Hie will ich ausharren, bis mein treuer Gott mich heimholet.
    Thekla, Trnen im Auge, lset meine Hand vom Arm des greisen Mannes: So la
ihn doch! Wozu sollen wir ihn aus seinen Himmeln reien? Und was vermagst du ihm
zu bieten? Ist uns denn selber Rettung des Leibes gewi?
    Seufzend nicke ich der Jungfer zu, und nun flchten wir, sintemalen die
auflodernde Flamme sengende Glut verbreitet. Am Fue der Chortreppe verweilen
wir noch ein kleines und horchen mit Staunen auf den Gesang, der wiederum
anhebet:

Denn zu Jehovas Firmament
Holt mich sein Feuerwagen.
Zween Cherubim sind frgespannt,
Gelenket von Elias' Hand.
Mein Christ mit seinen Frommen
Winkt droben mir Willkommen.

    Inzwischen sind die Orgeltne immer mehr entartet, und whrend ich, von
herabfallenden Feuerbrocken vertrieben, meine Braut an der Hand, weiterhaste,
den unterirdischen Schlupfwinkel zu erreichen, hren wir die seltsamliche Weise,
so das wilde Feuer auf den Orgelpfeifen aufspielet - ein Rauschen und Kreischen,
Kichern und Quieken. Also schaurig griff diese Verwandlung uns aus Herze, als
sei das Instrumentum der frommen Harmonie von hllischen Dmonen besessen und
zerstre sich selbst in heulender Tollheit.
    Der Organist mute allbereits emporgefahren sein zu seinem Gotte. In
prasselnden Flammen stund der Dachstuhl, glhende Sparren fielen, Rauch und
Schmauch erfllete die Kirche.

Kaum waren wir mittels der Leiter wieder in die Gruft gelangt und hatten die
Falltr hinter uns zugeklappt, so trieb uns brennender Durst, vom Weine aus der
Kanne zu trinken und vom kirchlichen Gebck zu essen. Thekla nahm eine Oblate
zwischen ihre feinen Finger und betrachtete sie mit zrtlicher Trumerei: Wie
seltsam, lieber Johannes! Von dieser heiligen Speise haben wir vor zween Tagen
in der Kirche droben am Altare genossen, einander gelobend, im Himmelreich Braut
und Brutigam zu sein. Und jetzo? Glubest du nicht auch, da die Stunde nahe,
da wir Hand in Hand zum Himmelreich eingehen?
    Mein Herz war vom Liebesrausche und, wie jedwedes arme Fleischgeschpf, vom
genossenen Weine stark und feurig worden. Ich ergriff des angebeteten Fruleins
Hand, drckte sie an meine Brust und sprach: Wohl sind wir Braut und Brutigam;
doch derselbige Herre Gott, so uns einander verlobet hat, offenbaret uns zu
dieser Frist in meinem Herzen: Ihr zwei Menschenkinder sollet nicht eher zum
Himmelreich eingehen, als bis ihr auf Erden einander Ehegemahl geworden.
    Da sahe mir Thekla ins Auge, gro, tief, unaufhrlich, wie durch Magie
gebannt. Hingerissen sank ich auf die Knie, bedeckte ihre Hand mit Kssen und
flsterte: Und du? Wie entscheidest du?
    Dein bin ich, - hauchte sie - dein, Johannes! Ach und dann schlo ich
sie in meine Arme, und jener Strom, der entsprungen, wo Adam und Eva einander
umfingen, seit Jahrtausenden durch die Menschheit rauschet und immer jubilieret:
Seid eins, wie ihr im Paradiese eins gewesen - der Strom ri uns hin mit
schmeichelnden Wellen.
    Wie ich nun die Braut an mich prete, drngte sie mich sanft zurck, und in
ihrem Liebesblicke war frommer Ernst, als sie flsterte: Ein Sakrament ist die
Ehe!
    Ich kte ihre Hand und gab zur Antwort: Unsere Liebe ist unser Sakrament.
Einen Priester haben wir nicht - einen Priester brauchen wir nicht - alles geht
ja zugrunde - unser letztes Stndlein nahet.
    Da strahlte Theklas Auge: Sei du unser Priester! Traue dich mir an in
frommer Feier, Johannes! Gib uns das Sakrament der Ehe - Gott wird es gelten
lassen - wie ihm eine Nottaufe gilt.
    Mit heiligem Glck erfllte mich die Aufgabe, und ich erhub mich stracks.
Ja, unser Priester will ich sein - zursten will ich einen Altar. Mag meine
Traute indessen hinunter sich begeben in den unterirdischen Gang, gleichsam in
ihre Kemenate, um abzutun das kriegerische Mannsgewand und hochzeitlich sich
einzukleiden, so gut es in dieser Verlassenheit gelingen will. Mag auch das
Bette nicht vergessen, allwo wir des Pfrtners harren wollen, so uns aus dieser
Gruft zur lichten Hhe erlset.
    Nun hielt ich Umschau im Gewlbe und plante die Feier, halb in Andacht, halb
wie ein spielend Kindlein. Breitete ber die Truhe das Altartuch von schwarzem
Sammet, stellte die zween dreiarmigen Silberleuchter darauf und besteckte sie
mit Kerzen, die ich anzndete.
    Thekla war indessen mit brennender Laterne, Tchern und Gewndern durch den
offenen Sarg hinunter in den Gang gestiegen.
    Da ich keinen Kruzifix fand, zog ich mein Schwert aus der Scheide und stie
es in den Altar, da es zwischen den Leuchtern aufrecht stund, mit seinem
kreuzfrmigen Griff anzuschauen wie des Gekreuzigten Symbolum. Obwohl ein
geistlich Gewand vorhanden, beschlo ich, als ein Kriegsmann die Trauung zu
vollziehen. Einen gefllten Silberbecher und das Kstchen mit den Oblaten
stellte ich auf den Altar.
    Da hub sich aus dem Sarge eine schimmernde Gestalt - meine Thekla, nicht
mehr als Jungfer Jaroslaus anzuschauen, sondern als sanfte Jungfrau, angetan wie
ein Engel mit wallendem Linnen, das die weichen Arme blo lie, ber der Hfte
durch einen Grtel zusammengehalten. Die dunkeln Locken krnzte Silberflitter
wie eine Hochzeitskrone.
    Ich ging der Braut entgegen, reichte ihr die Hand und fhrte sie zum Altar,
allwo wir in die Knie sanken zu stillem Gebet.
    Dann stund ich auf, hub die Braut mir zur Seite und legte ihr Haupt an meine
Schulter. Siehe, meine Traute, wie hold die Kerzen schimmern - vom ewigen Licht
der Gnade entzndet, da wir in dieser finstern de einander ins Auge schauen,
allwo noch holdere Lichtlein erblhn, ihren Docht aus unseren Herzen nhrend.
    Sie schlang ihre Arme um meinen Hals und bebete vor Weinen.
    Ich streichelte ihr Haar. Stille, mein Kind! Nun la uns Gott geloben,
einander als Gatten anzugehren - und la uns das Abendmahl darauf nehmen. Nicht
vom Geistlichen ist es geweiht, der Gekreuzigte und Auferstandene aber, so im
Geist und in der Liebe lebet, er wei auch ohne Priester die Herzen zusammen zu
tun. La uns denn bedenken, wie er tat. Und er nahm das Brot, dankete, brach's -
Das ist mein Leib, der fr euch gegeben wird - Desgleichen auch den Kelch - und
sprach: Das ist das Neue Testament in meinem Blute, das fr euch vergossen
wird.
    Nach diesen Worten lste ich mich aus der Jungfrau Armen, brachte ihr eine
Oblate an die feinen Lippen und tat eine zweite in meinen Mund. Auch den Kelch
reichte ich ihr, sie nippte - worauf ich selber trank.
    Und nun, mein Gott, habe Dank, Dank - und tue, wie du willst - wie du
willst! sprach ich, in die Knie sinkend. Aufschluchzend kniete Thekla neben
mir; und sie war, was ich lngst ersehnt, mein angetraut Gemahl.
    Doch in welcher Verfassung der irdischen Dinge! Meine Hoffnung, die frher
keck zu stolzen Hhen hinangeblickt, hielt nun die Augen verzweifelt
niedergeschlagen. Ehemann und Eheweib waren wir worden, doch nur, um in einer
Gruft, lebendig begraben, Arm in Arm den Tod zu erwarten, whrend ber uns die
Welt in Gluten zusammenstrzte.
    Auf einmal tut mein Herz einen heftigen Schlag und steht still; ein Krachen
droben, als sei das Dach ins Kirchenschiff herniedergefahren. Die Erde bebet,
wie lang hinrollender Donner poltert es ber unsern Hupten. Meiner lieben Frau
Arme schlingen sich um mich, ich fhle, wie sie schaudert. Dann wird es droben
wieder ruhig, nur die tolle Orgel hren wir heulen.
    
    Der Organist! - flstert mein Weib, und ich erwidere: Der ist uns lngst
vorangegangen - den trug sein Feuerwagen in die Ewigkeit - vielleicht, da er
uns jetzo anmeldet.
    Und aber dumpf Gepolter ob uns, die Balken der Decke chzen und beugen sich,
Staub und Schutt sprht hernieder und blendet die Augen.
    Doch mein Weib wischt sie mir aus mit ihrem sanften Gewande, nun schaue ich
ganz nah die holdesten Sterne, und ihre Blicke sinken s berauschend in meine
Seele. La ihn poltern droben, den groben Gesellen mit seiner knchernen
Faust! scherze ich.
    Sie drckt mich an sich: Ja, la ihn! So er jetzo eindringet, findet er
mich in meines Mannes Armen. Im Himmel sind wir - und im Himmel bleiben wir - so
oder so!
    Was drauf weiter geschehn im schaurigsen Hochzeitsgemache, lebt in meinem
Gedenken verschwommen als ein Traum. Wundersam hat die Phantasei Glitzerfden
gewoben in unseres Schicksals dster Gespinst. Ich erinnere mich, wie wir den
Deckenvorrat der Truhe auf den Boden breiteten, und wie ich scherzte: Wei nun
mein Lieb, wie den Waldtauben zumute, so sie ihr Nestlein bauen? Bald deuchte
uns, wirklich wren wir Tauben und schwebeten durch blauen Himmel, einander mit
dem Fittich streifend.
    Dann wieder fhlte ich, da wir Menschenleiber hatten, echte Kinder Adams
und Evas, und mein waren Theklas entzckende Glieder. Ich sprete den
angeschmiegten Busen mit dem pochenden Herzen, sprete den heien Odem, so meine
Sinne trunken machte. Unersttlich strmte unsere Zrtlichkeit, wie wenn
Gewitter mit Wolkenbruch und lohenden Blitzen auf die schwle, drstende Erde
niedergeht. Dann auch war's, als schaukelten wir in einem Nachen und trieben den
Strom hinunter, an dessen Ufer zwischen Zypressen morgenlndische Palste
schimmerten. Da stund ein Graubart in Purpur, die Krone auf dem Haupte.
Lachenden Auges winkte er uns zu, gleich der Sonne blitzte an seiner Hand ein
Ring, und wie Gesang war seine Stimme: O siegreicher Mann! Hold ist deine Braut
wie ein Reh! Halte fest den Schatz, erfreue dich der Perlen! Und entzckt sah
ich auf Thekla und flsterte: Wie hold bist du! Dein Auge wunderbar wie die
Nacht, dein Haar wie die Ziegenherden auf dem Berge Gilead. Deine Zhne gebadete
Lmmer, deine Lippen duftende Purpurrosen. Sie lchelte, und wie leiser
Freudensang scherzte ihre Antwort: Mein Freund ist mein, und ich bin sein - der
unter den Rosen weidet. Mein Blick ruhte gleich einem Schmetterling ihr auf
Stirn und Wangen, Nase und Kinn, wie alles so sanft gebildet war und sich bleich
von den dunkeln Locken abhub, und wie unter den seinen Brauen die langen Wimpern
den Traum der Minne verschleierten.
    Manchmal war's, als ruhe ihr Antlitz allbereits im Banne des Todes. Wenn
aber dann das dunkle Auge gro zu mir aufschaute, war auf einmal das Leben neu
erblht. Und ich prete an mich dies warme Leben und kte seine Blten, dazu
lchelte Thekla wehmtig.
    Es fehlte uns nicht das Gedenken an den Ruin der Dinge ringsumher. Zu drehen
schien sich die Kirche, schien sich mit uns herumzuwlzen, als knne sie so dem
Tode entrinnen. Eine Riesin war sie in Grimmen und Zucken, und wir pulseten
innen als letztes Leben, als banges Herz. Das Heulen und Sthnen der Riesin
drang dumpf zu uns herein und wandelte sich in das Fittichrauschen des
Todesengels.
    In solchen Schauern banger Seligkeit sah ich den Stein der Weisen gleien,
und ward meinem Innern ein tief Geheimnis enthllet: Ich schaute, wie Tod und
Leben zusammengehren seit dem Sndenfalle Adams und Evas, wie der Herr, whrend
er den Tod ber die Menschen verhngte, zugleich die Mutter alles Lebendigen mit
Kindern segnete ohne Zahl, wie jeglichen Ortes die Geburt zum Sterben fhret,
vor dem Winter aber all Gewchs Samen ausstreuen mchte. Von der Sndflut
trumte ich, von Paaren, die von der Flut umwogt, auf einer schmalen Insel den
Taumelkelch der Liebe schlrfen, indessen rings Ertrinkende krallende Hnde aus
den Todesgewssern strecken. Auch Sodom und Gomorrha sah ich - und wir zwei
lagen auf ppigen Fellen beim Klange goldener Saiten und waren bermtige
Frstenkinder, so all ihre Schtze in einer Stunde vergeuden und ihr brennend
Knigreich fr die allerschnste Hochzeitsfackel nehmen.
    Von neuem donnerte das Knochengerippe an unser Brautgemach. Und diesmal
vermeineten wir, aus sei alle Erdenlust und Erdennot. Der Kirchturm mute auf
unsere Hupter herniedergekommen sein und als ein ungeheurer Grabstein unsern
Tod besiegelt haben. Wie ein Schiff auf wilder See schwankte die ganze Kirche,
ber uns geschah ein Sthnen und Brechen, und von der Decke kam eine Masse
hernieder. Es war ein Brocken Gemuer, und der krachte auf den Schrein, so an
der Wand stund.
    Aus war es jetzo mit unserer himmlischen Abgeschiedenheit; als zitternde
Erdenkinder fhlten wir uns wieder verstoen aus dem Paradeis in eine Wildnis,
allwo der Sturm die brechenden Baumwipfel zauset, wo Dornen und Disteln starren,
und Giftschlangen den Wanderer in die Ferse stechen.
    Rette mich, Johannes!
    Ich sprang empor, sphete nach der Stelle des Einsturzes und leuchtete
umher.
    Da bemerkte ich, wie die Tr des Schreins, den wir bisher nicht weiter
beachtet hatten, vom Stoe des herabfallenden Gemuers aufgegangen - und siehe,
drinnen war eine ffnung ins Dunkle, steinerne Stufen fhrten zur Tiefe.
    Mein Ruf froher berraschung hatte Thekla an meine Seite gebracht, und wir
schickten uns an, den neu entdeckten Gang zu erforschen.
    Thekla, ses Weib, werde nun wieder ein Kriegsmann. Vielleicht, da wir
uns doch noch herauswinden aus den Gefahren. Ich setzte unsere Waffen in
Bereitschaft und tat einen Vorrat von Oblaten in meine Tasche, whrend Thekla
sich aufs neue zum Junker Jaroslaus umwandelte.
    Mit erhobenen Leuchtern drangen wir alsodann in den Gang. Nach etlichen
Stufen fhrte er eben und in gerader Linie dahin. Kaum den fnften Teil einer
Stunde knnen wir gegangen sein, doch endlos schien diese Zeit.
    Auf einmal ging es bergab, und gleich darauf trat mein Fu ins Nasse.
Hinleuchtend sah ich eine Tr, halb unter Wasser. Schritt durch das Wasser zur
Tr und fand, da ein von innen vorgelegter Eisenstab sich wegnehmen lie. Indem
ward die Tr durch den Druck des ueren Wassers aufgetan, drauen rauschte die
Elbe.
    Es war Nacht, doch von Glutschein war der Strom und das jenseitige Ufer
beleuchtet. Hoffnung im Herzen wandte ich mich um: Liebste Frau, nun stehet uns
doch noch ein Ausweg offen. Flach ist die Elbe, ich kann schwimmen, Gott wolle,
da ich dich rette.
    Und wir traten Hand in Hand durch die Pforte ins Strombett hinaus, wobei uns
das Wasser bis zu den Hften ging.
    Eine einzige Glut der Himmel, draus regneten Funken wie Schneegestber
hernieder. Zur Rechten kam ein brennend Fahrzeug dahergeschwommen, eine jener
Schiffmhlen, so schon zu meiner Kindheit zwischen Magdeburg und Buckau auf der
Elbe lagen. Von herabgefallenen Feuerbrocken entzndet, hatte sich die Mhle von
ihrem Anker gelst und trieb nun den Strom hinunter. Da sie uns ganz nahe kam
und der Wind ihre Brunst von uns wegblies, wateten wir hin und banden uns an
einer vom Feuer verschonten Stelle mit unseren Grteln derart fest, da uns das
Fahrzeug hinter sich her durch das Wasser schleifte, aus dem wir nur mit den
Kpfen ragten.
    So schwammen wir an der brennenden Stadt vorber. Wie eine Snderin im
hllischen Feuer, von den Qualen seltsam verwandelt, starrete meine Vaterstadt
angstvoll mich an. Die Fenster ausgebrannter Gemuer deuchten mich Augenhhlen,
deren Augpfel durch Blendung vernichtet waren. Die Balken und Dachsparren
glichen verkohlenden Gerippen, die zngelnden Flammen aber Dmonen, so
hohnlachend die hllische Qual bereiten. Und noch immer wuchs das Elend. Neue
Opfer gingen in Flammen auf, Rauchwolken quollen dick und dicker; wie
Springbrunnen, wie Strahlengarben schossen Funken gen Himmel; und hnlich dem
Flintenknattern einer Schlacht prasselten die brennenden Hlzer. Von den
ungezhlten Fackeln rot bestrahlt, doch unbeschdigt stund der Dom zu Sankt
Mauritz, als fhle er sich erhaben ber diese Vergnglichkeit. Andere Kirchtrme
freilich brannten wie Fackeln. Von den zween Trmen der Johanniskirche, aus der
wir entronnen, war nur ein rauchender Stumpf brig.
    Ich drehte meinen Kopf zu meiner Frau. Ihr Auge stund voller Trnen, ihr
Kinn bebete. Ich drckte ihr ermutigend die Hand. Und weiter schwamm mit uns die
feurige Mhle.
    Am Fischerufer liefen rotbeleuchtete Menschen, Plnderer und ihre Opfer.
Schsse krachten, Johlen mischte sich mit Jammergeschrei, Leichen sahen wir in
unserer Nhe schwimmen, ein Weib, im Arm ein schreiend Kindlein, strzte sich
von einer Mauer ins Wasser. Auch Khne mit Soldaten kamen geschwommen, eine
Kugel pfiff dicht an uns vorbei; doch beschirmend hielt der Herr anoch seine
Hand ber uns. Freilich nur, um uns fr die schwerste Prfung aufzusparen, wie
sich allzubald herausstellte.
    Fahl brach der Morgen herein, als die Mhle, bis zum Wasserspiegel
niedergebrannt, zwischen Weidenbschen an einem Ufervorsprunge landete; es war
hinter dem Dorfe Rotensee, dessen Kirchturm sich zeigte. Wir machten uns von der
Mhle los und gingen an Land. Unsere Glieder waren lahm vor Klte und bebeten.
    Als wir dorthin zurckschauten, wo einst eine Stadt gestanden, sahen wir nur
eine ungeheure rote Qualmwolke. Im Strome aber hinter dem Ufervorsprung war ein
Strudel, darin wurden etliche Leichen umhergetrieben, so da bald ein bleiches
Haupt, bald ein starrer Arm oder ein Fu aus dem Wasser ragte. Mit Grauen dachte
ich an die Spukhistoria, so ich gestern vernommen, wie man die vielen Leichen
aus dem Gespensterwagen ins Wasser geworfen, und wie dies Gesicht nun wahr
geworden.
    Indem vernahmen wir eine hohle Stimme, langgezogene Predigerworte, und von
der aschgrauen Morgendmmerung abgehoben, sahen wir einen Mann, in schwarzem
Talar, die Arme gen Magdeburg gereckt. Und wie nrrisch geworden, predigte er im
Klageton fr sich hin:
    Eli, Eli, lamah asabtani! O wehe, Zion, du groe schne Stadt! Wie arg bist
du verwstet! War nicht dein Antlitz licht wie Schnee und rtlich wie Korallen?
Warst du nicht bekleidet mit Seiden und Purpur und bergoldet mit den Schtzen
deiner Kaufleute und Schiffsherren? Wehe, nun ist dir abgefallen die Krone vom
Haupte, schwarz starrt dein Angesicht von Ru und Rauch, drr wie Baumrinde
hngt die Haut um dein Gebein. Denn der Herr hat dich voll Jammers gemacht am
Tage seines Grimms, hat Feuer herniederfallen lassen wie auf Sodom und dich
zertrmmert als ein tnern Gef. Nun mordet das Schwert in deinen den Gassen,
und durch die Trmmer schleichen Hunger und Pestilenz. Wer aber entronnen ist,
mu irren und bange girren wie die vom Schwarm verlorene Taube ....
    Und der Prediger verhllete sein Angesicht mit den langen rmeln seines
Gewandes und schluchzte. Dann erhub er die Stimme von neuem: Venit summa dies
et ineluctabile tempus ... o mein Magdeburg, vorbei, alles vorbei ... Fuimus
Troes, fuit Ilium et ingens gloria Parthenopae ... vorbei, vorbei, du arme Magd!
Da liegest du nun ohnmchtig in Asche. bermannet hat dich der geile Jesuiter,
bevor dein Trster und Brutigam hat kommen knnen. Und sie haben dich vom
Throne deiner Burg gestoen, die langen Haare dir abgeschnitten, das Krnzlein
zerzauset, den frommen Leib aber bei Trommeln und Pfeifen auf soldatisch
geschndet ... oh, oh!
    Verzweifelt rang der Prediger die Hnde. Auch uns ging das Unglck der edeln
Stadt so zu Herzen, da wir weinend niederknieten, hinstarrend nach den glutig
rauchenden Trmmern.
    Jetzo fiel des wunderlichen Predigers Blick auf uns. Er betrachtete uns eine
Weile, und da er unsere Trauer erkannte, sprach er mit Gebrden des Mitleides:
Weinet nicht! Glaubet nur! Der Glaube versetzet Berge. Gebet acht, ihr
klagenden Leute von Israel! Und auch du, blutige Erde, du rauchiger Himmel,
gebet acht und seid Zeugen des Wunders. Und die Arme gen Magdeburg ausgereckt,
predigte der irre Mann im Prophetentone: Eli, Eli, in deinem Namen tue ich
kund: Dies Mgdlein ist nicht tot - es schlft nur! Drum stille! Schlafe dich
aus, bleich Tchterlein! Balde kommt ja dein Trster, so deine Hand ergreifet:
Stehe auf und wandle! Und auferstehen wird die Magd. Drum getrost, Kinder
Israels! Hoffet, hoffet! Der Herr segne euch und behte euch! Zum Segen
breitete er die Arme, wandte sich dann und ging mit gefalteten Hnden, als ob er
von kirchlicher Amtierung abtrte.
    Wir starrten ihm nach, und fr ein Weilchen sah ich im Geiste die Stadt aufs
neue herrlich erstanden. Dann besann ich mich auf die eigenen Nte und erwog die
milichen Umstnde, in die wir beide trotz unsrer vorlufigen Rettung geraten
waren. Und wie der Geier seine Fnge um die Beute schlgt, ergriff mich die
Sorge um Leibesnotdurft und Leben.
    Dster betrachtete ich mein Feuerrohr. Es war vorerst zum Schieen
untauglich; desgleichen Theklas Pistol. Uns fehlte ja das Pulver. Umhersphend
gewahrte ich in der Ferne eine Staubwolke, aus der es blitzte wie Gewaffen.
Sogleich flchtete ich mit Thekla in das Weidengebsch, so sich am Elbufer
erstreckte. Hier blieben wir liegen, lauschend auf jedes Gerusch und in unseren
nassen Kleidern bebend. Verworren Kommandorufen drang an mein Ohr; dann ward es
still, und lange Zeit hrte ich nur das Weidenlaub im Winde suseln, dazu die
Lerchen ins glimmende Morgenrot trillern.
    Still wurden unsere Seelen. Wir schauten einander ins Auge und ergaben uns
einem sanften Gekose.
    Nicht lange, so nahm ich wahr, wie meiner Liebsten die Augen zufielen.
Bettete also ihr Haupt in meinen Arm, und sofort entschlummerte sie. Wiewohl
mein Herz an ihrem lieblichen Anblick sich weidete, und wiewohl ich gegen die
Angriffe der Mdigkeit ankmpfte, sank mir doch immer wieder das Kinn auf die
Brust, bis mich die Mattigkeit ganz berwltigte.


                              Das achte Abenteuer

                   Wie die kaum Getrauten sich muten trennen

Da ich das Auge wieder auftat, lag Thekla noch immer in festem Schlaf, und hoch
vom Himmel schien die warme Sonne. Hunger und Durst plagte mich. Sanft, um meine
Frau nicht zu wecken, zog ich den Arm unter ihrem Nacken herfr und bettete
ihren holden Kopf in den Rasen.
    Was nun? Ich gedachte der Oblaten, die ich beim Verlassen der Kirchengruft
zu mir gesteckt. In meiner Tasche waren sie vom Elbwasser zu Brei verwandelt,
doch immer noch brauchbare Nahrung.
    Behutsam erhub ich mich und schlich durch die Weidenbsche zum Strome. Eine
Leiche trieb auf ihm. Obschon ich mit Ekel zu kmpfen hatte, legte ich mich aus
Ufer und trank von dem Wasser. Hierauf pflckte ich Sauerampfer, der in Menge
auf der Uferwiese grnte. Da er nicht bel mundete, pflckte ich Hnde voll und
legte den Vorrat bei der noch schlafenden Gattin nieder.
    Endlich erwachte sie, fuhr schreckhaft empor und blickte wild umher.
Begtigend streichelte ich ihre Hand: Danken wir dem Himmel, da er uns so weit
bewahret hat! Thekla antwortete mit einem stummen Nicken und faltete die Hnde.
    Hierauf bot ich meiner Liebsten von dem Sauerampfer und vom Oblatenbrei, und
sie a. Da sie auch zu trinken begehrte, htte ich ihr gern den abscheulichen
Anblick der mit Leichen treibenden Elbe erspart, wute aber nach Verlust meines
Hutes keinerlei Mittel, Wasser zu transportieren. So blieb mir nichts brig, als
mein arm Weib zum Strome zu fhren.
    Gierig hingekauert, schpfte sie mit den Hnden und trank mehrmals.
Pltzlich aber krchzte dicht bei uns am Ufer eine Krhe, Thekla wandte ihren
Kopf hin, ward pltzlich bleich und spie das eben Genossene wieder aus. Dort lag
nmlich auf dem Sande, noch halb im Wasser, eine entkleidete Leiche, deren
Fleisch die Krhen speiseten.
    Meinen Arm um Thekla gelegt, fhrte ich sie hinweg, und sthnend vor Gram
saen wir wieder im Dickicht. Wie ein hilflos Kind weinte Thekla, und auch auf
meinem Herzen lastete die ganze Schwere unseres Migeschicks. Ach wren wir doch
beim Oheim in Schreiberhau geblieben! Wie still und glcklich lebten wir dann!
    Meine Gedanken erratend, ergriff Thekla meine Hand, die Augen voll Trnen:
Verzeih, Johannes, da ich dich verleitet, dein friedlich Gebirgsdrfel zu
lassen, um eine heimlose Jungfer durchs Elend zu geleiten.
    Die teure Hand streichelnd, entgegnete ich: Das war mein freier Entschlu.
    Und nun starrten wir vor uns hin. An einer Weidenrute hingen Maikfer, vom
Laube sich mstend. Ein garstiger Anblick. Wrde uns in unserer Verlassenheit
etwas anderes brig bleiben, als diesen Kfern hnlich Kraut zu speisen?
    Endlich sammelten wir unsere Gedanken und berlegten, was zu tun. Das
Ratsamste deuchte uns, hier in der Nhe des Feindes den Tag ber im Gebsch
verborgen zu bleiben, bei Einbruch der Nacht aber weiter zu ziehen. Nach welcher
Richtung indessen? Drben auf dem andern Elbufer htten wir schwedisch Volk
erreichen knnen. Weil aber Thekla des Schwimmens unkundig, so blieb uns nichts
brig als einstweilen auf dieser Seite des Stromes gen Mitternacht zu ziehen, in
der Richtung auf Tangermnde.
    Nachdem wir diesen Entschlu gefat, stellte sich bei Thekla aufs neue des
Durstes Plage ein. Da fiel mir bei, an manchen Uferstellen werde unschwer durch
Graben Wasser zu erreichen sein. Sie stimmte mir zu, und nun umgingen wir die
Stelle, wo der Leichnam lag, fanden auch wirklich stromaufwrts zwischen den
Weiden nackten Sand, in dem sich mit den Hnden graben lie. Mhsam war unser
Werk, doch schlielich kam Grundwasser, und nachdem es sich geklrt, stillten
wir unsern Durst.
    Aufs neue befiel uns Mattigkeit, und zum Schlafe streckten wir uns nieder.
Was htten wir auch Besseres beginnen knnen als unsern Kummer zu verschlafen
und zugleich Kraft zu sammeln fr die nchtliche Wanderung?
    Abendkhle weckte uns, grauer Dunst lag auf den Wiesen, die Maikfer
schwirrten. Diese Kfer, so scherzte ich wehmtig, tun uns alles vor; wohlan,
fliegen auch wir davon!
    Nun fllten wir meine Tasche mit Sauerampfer, tranken noch einmal aus der
Wassergrube, erfrischten durch Baden unsere Fe und brachten das Schuhwerk in
Ordnung. Ich schulterte mein Gewehr, zog den Sbel und ging als Spher an den
Rand des Gebsches. Wachtfeuer glhten in der Ferne, die nchste Gegend schien
gefahrlos. Das Weidengebsch zog weiter und weiter am Strom dahin.
    Und vorwrts schritten wir gen Mitternacht, uns mglichst im Gebsch
haltend. Erst wie es ganz dunkel geworden, und nur der Sternenhimmel matten
Schimmer gab, wagten wir, auf freier Wiese dahinzuschreiten.
    Hurtig ging unsere Wanderung vonstatten, und alle Gefahren schienen unsern
Weg zu meiden. Einmal freilich packte Thekla erschrocken meinen Arm und
flsterte: Da steht einer! Es war aber ein Weidenstumpf.
    Wir schwiegen lange und vernahmen nur unsern dumpfen Schritt, das Knirschen
der Halme und das Gemurmel des Stroms, zuweilen auch eines Fischotters Rascheln,
den klagenden Ruf der Unken oder das Krchzen einer Wiesenschnarre. Wachtfeuer
sahen wir nicht mehr, wohl aber einen Flammenschein in der Gegend von
Wolmirstedt und Neuhaldensleben, auch, sooft wir uns rckwrts wandten, die
Glutwolke ber meiner eingescherten Vaterstadt.
    Um die Mitte der Nacht stellte sich ein ernsthafter Grund zur Furcht ein.
Drben am andern Ufer begann ein Wolf zu bellen, gleich darauf ein zweiter, und
nun ging ein Heulen los, als balgten sich Hllenhunde um eine arme Seele. Es war
aber gut, da sich auf unserm Ufer keine Bestie vernehmen lie. So ergriff ich
denn Theklas Hand und sprach den grimmen Trost: Nicht bange, liebe Frau! Nur
drben sind die Untiere. Hben haben nmlich die streifenden Pappenheimer ihre
vierbeinigen Raubbrder verscheucht.
    Beschwerlich ward unser Gang, als wir zur Ohre kamen. Dieser Nebenflu der
Elbe mndet in einem sumpfigen, struppichten Gelnde. Nachdem uns dickes Gebsch
geplagt, zogen wir es vor, schnurstraks gen Morgen abzubiegen, um wieder den
Ufersand der Elbe zu gewinnen. Hier tat ich den Riemen von meinem Gewehr und
befestigte das eine Ende an meinem Grtel, whrend ich das andre Thekla zu
halten gab, die hinter mir ging. So wateten wir durch den Strom lngs des Ufers,
und wenn ich auch stets die flachste Stelle suchte, so konnten wir doch in
Triebsand und pltzliche Tiefen geraten. Nur langsam kamen wir vorwrts. Wie wir
die Mndung des Nebenflusses durchwateten, stie Thekla einen Angstruf aus, da
sie auf einmal bis an den Hals ins Wasser sank. Doch gleich darauf gelangten wir
wieder ins Flache und Seichte, wie berhaupt der Wasserstand niedrig war.
    Nach Passieren der Ohre ging es zunchst wieder im Wasser der Elbe weiter,
dicht am Ufer, bis das Zurckweichen der Gebsche uns einen freien Weg im
feuchten Sande darbot.
    Schon ein paar Meilen lag die Ohre hinter uns, als der Morgen graute, und
die Gegend deutlicher ward. Da sah ich auf einer Sandbank im Strome etwas wie
Geblk liegen. Blieb stehen und deutete hin: Hier beut mir Gott ein Mittel,
dich ber den Strom zu bringen. Und sogleich watete ich durch das seichte
Wasser auf den Fund los. Es war ein Gefge von Balken eines abgebrannten Hauses.
Ich zerrte es von der Sandbank, wo es gestrandet war, ins Wasser, und es schwamm
gut.
    Nun kam Thekla herbei, und wir rsteten uns zu dem neuen Unternehmen. Banden
die Waffen auf das Geblk, wo es am hchsten ber den Wasserspiegel ragte. Meine
liebe Frau befestigte ich am neuen Fahrzeug in derselben Weise, wie an jener
Schiffmhle, so uns aus Magdeburg glcklich entfhrt.
    Noch ein Bedenken hatte Thekla: Die Wlfe drben.
    Die halten sich an die vielen Leichen, so vom Strom angetrieben werden;
haben nicht ntig, mit uns zu raufen. brigens kommt uns der Tag zu Hilfe, und
ich hoffe, bevor es Abend wird, haben wir schwedisch Volk erreicht, da ist
Falkenbergs Schwherin sicher.
    Und ich schob das Geblk nach der Mitte des Stromes hin. Bald hatten wir
nichts mehr unter den Fen, Thekla hielt einen Balken umklammert, ich aber
schwamm und stie das Fahrzeug vor mir her.
    So waren wir etliche Minuten vorwrts gekommen, und der Tag war
hereingebrochen, als auf einmal stromaufwrts dumpfer Ruderschlag erscholl. Ich
schwamm so krftig ich vermochte, indem ich mir sagte: Schweden sind das nicht,
Feinde sind es!
    Johannes! raunte Thekla beklommen, weil nun ein groer Kahn erkennbar
ward.
    Bestrzt entgegnete ich: Tauche unter einem Balken hindurch, da dein Kopf
zwischen das Gefge kommt, und du versteckt bist; ich helfe dir.
    Zu spt! Der Kahn scho gerade auf uns los, und schon sprangen mehrere
Mnner aus dem Kahn in ein kleines Boot, das an ihm befestigt war. Wie sie
herangerudert kamen, legten sie Karbiner auf uns an: Ergebet euch!
    Wir sind hilflose Flchtlinge! entgegnete ich. Leise aber, nur fr Thekla
verstndlich, fgte ich hinzu: Sprich du mglichst gar nicht, und dann mit
mnnlicher Stimme.
    Vorn im Boot sah ich einen Offizier stehen, der meinte spttisch: Ei, ihr
habet ja Feuerrohr und Sbel; hilflose Flchtlinge fhren kein Gewaffen.
Magdeburger Rebellen seid ihr! Nur heran, ihr Fischlein, und sein willig!
Zappeln hilft nichts.
    Und der Feinde Arme griffen nach Thekla und zogen sie aus dem Wasser. Dabei
nun geschah ein Zerren an ihrem Gewand, da es ber dem Busen aufri, und einer
der Kerle rief: Ei, sehet doch, ein Weibsbild!
    Schonet ihrer! flehete ich, indessen man auch mich in das Boot zog. Seid
menschlich, um Jesu willen! Sie ist mein ehelich Weib.
    Hoho! Ist das nicht der Tielsch? Johannes Tielsch? Maria und Josef, ein
wunderlich Wiedersehen! - Dem vor mir stehenden Offizier starrte ich ins
Gesicht. Es war jener Zetteritz, der mit mir das Hirschbergische Gymnasium
besucht und beim Komdiespiel als Teufel mein Widersacher gewesen. Ein Adliger
katholischer Konfession.
    Nicht ohne Hoffnung entgegnete ich: Herr Ritter Zetteritz! Ja, ich bin der
Johannes Tielsch, Gott hat uns in Eure Hand gegeben, auf da Ihr uns Gnade
erweiset.
    Nun hielt Zetteritz den sphenden Blick auf Thekla geheftet und lachte:
Eia! Immer besser!
    Seid edelmtig! bat Thekla.
    Hfisch neigte sich Zetteritz vor ihr, eine gefhrliche Glut im Blicke: Um
Ihretwillen, schne Jungfer!
    Sie ist meine Frau! brausete ich auf.
    Halt Er das Maul! herrschte er mich an.
    Ein Blitz des Unwillens traf ihn aus Theklas Augen, sie stampfte mit dem
Fue auf: Und ich bin seine Frau!
    Zetteritz runzelte die Stirn und zuckte die Achseln.
    Das Boot hatte bei dem groen Kahne angelegt. Zetteritz schwang sich hinein,
und wir alle folgten nach.
    Gleich darauf befahl Zetteritz den Soldaten: Untersucht den Mann, ob er
keine schriftliche Botschaft bei sich hat. Alsdann bindet ihm die Hnde, sonsten
mag er sich frei bewegen. Der andere da ist ein Frauenzimmer, wie der holde
Busen verrt. Die Soldaten lachten, Zetteritz aber fuhr sie an: Da ihr
Schweinepelze euch gebhrlich benehmet, verstanden? Korporal, bring Er das
Weibsbild unter Deck und schaff Er ein trocken Wams herbei! Drunten mget Ihr
Euch umkleiden, Jungfer. Nehmet nur frder mit Soldatenhosen frlieb; Weibsrcke
fhren wir halt nicht. Da msset Ihr schon warten, bis wir in Gstrow sind.
    Nun durchsuchte der Korporal meine nassen Kleider, fand mein Geld sowie
meine Briefschaften und nahm alles weg.
    Thekla blickte mich ermunternd an, bevor sie dem Korporal unter das Deck
folgte. Zetteritz begab sich zum Vorderteil des Kahns, wo stampfend und wiehernd
Rosse stunden. Ich setzte mich auf eine Tonne, da ich Erschpfung sprte und vor
Klte mit den Zhnen klapperte.
    Die Ruderer, teils Soldaten, teils auch Schiffer vom Handwerk, hatten sich
aufs neue in die Riemen gelegt, und ihre taktmigen Rucke trieben den Kahn
hurtig stromabwrts.
    Wie zum Hohn huben auch jetzt die Soldaten jenes Lied an:

Ein Schifflein sah ich fahren -
Kapitn und Leutenant -
Darinnen waren verladen
Zwei Fhnlein brave Soldaten.
Kapitn, Leutenant, Fhnderich, Sergeant,
Nimm das Mdel bei der Hand -
Soldaten, Kameraden!

    Ich verbi meinen Gram und suchte Rat. Unser Leben mochte nicht ohne
weiteres bedroht sein. Theklas weibliche Reize indessen bildeten in dieser
Gefangenschaft fr uns beide eine Gefahr. Hier war List und Nachgiebigkeit
angebracht. Um meines lieben Weibes willen nahm ich mir vor, alle Demtigung zu
ertragen und Zetteritz nicht von neuem zu reizen.
    Nach einer Weile trat er sporenklirrend, mit strenger Miene zu mir.
Soldatisch stund ich vor ihm auf, und er sprach: Tielsch, wir sitzen nicht mehr
auf einer Schulbank, als Feind ist Er in meine Hand gegeben - wird ja nicht
leugnen, da Er von Magdeburg kommt.
    Da ich schwieg, herrschte er mich an: Antwort! Sein Verhr hat hiermit
begonnen. Und das sage ich Ihm, so Er verlogen ist, will ich schon die Wahrheit
herausbringen, oder ich ersufe Ihn wie einen jungen Hund. Still, halt's Maul.
Kein Mahnen an unsre Pennlerzeit kann da helfen, also kurz und gut, gesteh Er,
wie kommt Er hierher? und wer ist das Weibsbild?
    Mein Odem ging aufgeregt, doch festen Mutes gab ich die Antwort: Die
Schulbank, auf der wir Virgilium und Horatium lasen, hat uns gemeinsam in die
lateinischen Tugenden der Gromut und Gerechtigkeit eingefhrt, ganz zu
schweigen von dem Christensinne ....
    La Er den Christensinn aus dem Spiel; ein Rebell ist Er wider Christi
Kirche.
    Dem Evangelio diene ich, und meiner Vaterstadt Magdeburg hab ich geholfen,
ihre Libertt zu verteidigen, wie es einem Patrioten geziemet. Ach freilich,
mein gutes Magdeburg ist hin, der Himmel aber hat mich und mein Weib bis zu
dieser Stunde behtet und wird uns vollends erretten. Ja, erretten, Herr Ritter,
indem er nmlich Euer Herz aufschlieet - sei's auch nur um meines Weibes
willen, das Euch vorhin gebeten, edelmtig zu sein.
    Spttisch lchelnd nickte Zetteritz, schwieg eine Weile und meinte dann:
Nun gut. Er hat wenigstens sein Gestndnis abgelegt; ich werde nun das
Weibsbild verhren.
    Und er verlie mich und begab sich in den Raum unter Deck, worauf ich mich
wieder setzte und in finster Brten versank.
    Nach einer Stunde kam der Korporal und gebot mir, ihm zum Herrn Rittmeister
zu folgen. Eine schmale Treppe fhrte unter Deck.
    In dem engen Raum, so durch ein klein Fensterlein wenig Licht erhielt, saen
bei Thekla um einen Tisch Zetteritz und ein milchbrtiger stutzerhafter Kornet.
Bier in Kannen, Brot und Schinken war aufgetragen. Auf einer Laute klimpernd
trllerte der Kornet, ein polierter Affe, und blickte vergngt auf Thekla, die
traurig dasa, mit einem groben Soldatenwams angetan. Zetteritz betrachtete
ebenfalls frech genung meine Frau und weidete sich an ihrer Schnheit, wie auch
an ihrer Hilflosigkeit und Verlegenheit.
    Nun wandte sich Zetteritz zu mir: Setz Er sich in die Ecke, Tielsch, und
bedank Er sich bei der Jungfer Grfin; sie hat gebeten, da wir Ihm zu essen
geben. Glaub's schon, da Ihm der Magen knurrt. Wohlan, hier steht zu essen,
zugegriffen! Zapf ihm eine Kanne voll Bier, Korporal, und nimm dir selber eine!
Geh aber wieder auf Deck und sorge, da wir sein inmitten der Strmung bleiben.
Sollst auch immer scharf nach dem rechten Ufer sphen; die Schweden knnten
dorten streifen.
    Der Korporal stellte mir eine Kanne auf die Bank und trat ab, worauf
Zetteritz mit Stirnrunzeln mich ansprach: Warum isset Er nicht? Soll ich Ihm
etwan aufwarten?
    Erlaubet, sagte Thekla hastig, schnitt Brot und reichte mir eine Schnitte
nebst Schinken, wobei sie mir einen zrtlichen Blick schenkte, mich zu
ermuntern.
    Whrend ich meinen grimmen Hunger stillte, klimperte der Milchbart und sang
spttisch:

Nun fri, mein Schimmel, fri!
Und rhre dein Gebi!
Kannst du nicht mehr die Glieder rhren,
So la ich dich zum Schinder fhren.
Drum fri, mein Schimmel, fri!

    Zetteritz wandte sich an Thekla: Also eine Grfin Schlick ist das Frulein!
Ei, ei, wie seltsam doch das Schicksal sein Spiel treibt! Euer Vater war ein
hoher Herr, ein reicher, angesehener Herr. Meine Frau Mutter hat ihn wohl
gekannt. Wenn wir nach Gstrow kommen, kann sie Euch erzhlen, wie sie in ihrer
Jugend mit Eurem Vater verkehrt hat. Ja, ja, der stolze Graf Schlick - und solch
jmmerlich, unwrdig Ende hat er genommen! Doch freilich, Rebellion gegen Kaiser
und Kirche nimmt mit nichten ein gut Ende. brigens waren die bheimischen
Anfhrer unklug, da sie sich mit dem Winterknige eingelassen. Diese Memme hat
ihnen alles verdorben. Euren Vater, Jungfer Grfin, htten sie lieber zu ihrem
Knige whlen sollen. Der hatte eine Faust! Das war ein Soldat!
    Wie schade! witzelte der Kornet; dann wre die Jungfer Grfin jetzo eines
Knigs Tochter, und an Eures Thrones Schwelle, Prinzessin, wrde das Knie Euer
Snger beugen; denn auf Ehre, alsdann wre ich lieber bheimisch als
kaiserisch. Dabei neigte er sich mit spttischer Untertnigkeit; dann warf er
den Kopf zurck, griff in die Saiten und sang, indem er bald Thekla, bald
Zetteritz listig anblinzelte:

Es ritt ein Knecht wohl durch das Ried,
Da hub er an ein wildes Lied,
Gar strmisch tt er singen,
Da Berg und Tal erklingen.

Das hrt des Grafen sein Tchterlein
In ihres Vaters Prachtkmmerlein.
Sie flocht ihr Hrlein in Seiden,
Mit dem Knechte wollte sie reiten.

Wie beide nun zum Walde kamen,
Das Rlein mchte Futter haben.
Feinslieb, hie wllen wir rasten;
Mein Rlein will fein grasen.

Er spreitet den Mantel ins weiche Gras,
Gebot ihr, da sie zu ihm sa:
Feinslieb, nun mut du mich lausen,
Mein gelbkraus Hrlein durchzausen.

Des hrmt sich des Grafen sein Tchterlein,
Ihre Zhren glnzten wie Edelgestein.
Er schaut ihr finster ins Auge:
Was weinest du, schne Jungfraue?

Wie sollt ich nicht weinen und reuevoll sein?
Ich bin ja des Grafen sein Tchterlein!
Htt ich meinem Vater gefolget,
Frau Knigin war ich worden.

Da zog der Grobian Knecht sein Schwert
Und mhte der Jungfer Huptlein zur Erd.
Prinzessin, bin ich dir zu schlechte,
So reite mit keinem Knechte!

    Bravo, bravissimo! rief Zetteritz und warf Thekla einen Blick zu, dessen
bermut meinen Grimm anstachelte.
    Dann rollte er mitrauisch das Auge zu mir: He Tielsch! Erklr Er mir eins:
Wie gehet es zu, da Herr Falkenberg, ein Ritter und Wrdentrger, seiner
Schwherin, einer Grfin Schlick, erlauben gekonnt, einen Soldaten zu heuraten,
so weder adlig ist noch Offizier?
    Thekla blickte verwirrt, und auch ich stutzte, sammelte mich aber zu der
Antwort: Den Obersten Falkenberg haben wir nicht erst um Erlaubnis gefragt.
    Aber Zetteritz hatte unsere Bestrzung ber seinen Einwand wahrgenommen und
forschte weiter: Wie denn? Fand eure Trauung etwan heimlich statt? Wie konnte
das geschehn, da doch in Magdeburg des Kommandanten Schwherin bekannt war?
Welcher Prdikant hat sich zu solchem Wagnis verstanden?
    Thekla errtete und schwieg.
    Scharf beobachtend fuhr Zetteritz fort: Und was hat Falkenberg hinterher
gesagt, wie er es nun vernommen? He?
    Nichts davon hat er vernommen, erwiderte Thekla; erst als der Held
gefallen, sind wir Eheleute worden.
    Zetteritz machte groe Augen, stie einen leisen Pfiff herfr und nickte mit
listigem Lcheln. Dann inquirierte er weiter: Also erst vorgestern seid ihr
getraut? Whrend des Kriegsgetmmels und in der Plnderung? Und in der
Johanniskirche? Ei, wie denn? Habe ich nicht soeben zu hren bekommen, wie ihr
nicht bei dem Geistlichen der Johanniskirche und seiner Gemeinde, sondern in
einem Versteck, lediglich zu zweien euch befunden? Da stimmt etwas nicht!
Tielsch, mach Er sich wieder fort! Ich werde die Grfin allein befragen. Hernach
komme ich zu Ihm, und weh Ihm, so Er Flausen macht.
    Ich sprang auf und rang nach Worten: Ich selber - ich habe die Trauung
vollzogen - war mein eigener Priester - vor Gott sind wir Eheleute.
    Hoho, lachte Zetteritz. Vor Gott? Ohne Sakrament? Sag Er lieber, vor Frau
Venus, der Teufelin!
    Das Blut stieg mir zu Kopfe, zumal der freche Milchbart jetzt ein
hhnisch-hohl Gelchter anhub. Mit geballten Fusten htte ich mich auf die
Beleidiger strzen mgen und stund schwer atmend vor ihnen.
    Auch Zetteritz war aufgesprungen und ma mich druenden Auges, whrend ihm
dunkle Rte ins Gesicht scho. Untersteh Er sich! rief er hochmtig.
    Abwehrend trat Thekla zwischen uns. Mich sah sie flehend an, zu Zetteritz
aber sprach sie entrstet: Herr Ritter! Wie drfet Ihr an wehrlosen Gefangenen
so Euer Mtchen khlen? Meine Frauenehre verletzet ihr! Tut denn so ein
Edelmann?
    Zetteritz migte sich und kehrte ihr genber den Kavalier heraus: Halten
zu Gnaden, Jungfer Grfin. Nicht Euch will ich krnken. Mein ritterlicher Schutz
ist Euch sicher. Zu bedauern seid Ihr ja ob Eures Migeschicks, und da Ihr
obendrein an diesen Tropf geraten, der nach einer Grfin seine Kommispratzen
ausstreckt.
    Da erhub sich in mir der Zornteufel so hei, da ich aufbrllend meine
Bierkanne dem Verhaten ins Angesicht schleuderte und, ohne mich von Thekla
zurckhalten zu lassen, ihn anpackte und mit ihm rang. Aber der Kornet und die
Soldaten, vom Geschrei alarmiert, packten mich von hinten, und schnell war ich
gefesselt, da kein Struben etwas half.
    Whrend man mich hinauf zum Deck schleppte, hrte ich Thekla rufen: Gnade,
Herr Ritter! Ihr habt ihn aufgebracht. Er hat Ehre nicht minder wie Ihr!
    Bindet ihm auch die Fe! rief Zetteritz.
    Das letzte, was ich von Thekla vernahm, war ein Aufschluchzen und das Wort,
an das ich lange mit heier Dankbarkeit zurckdachte: Er ist mein ehelicher
Gatte!
    Wie ein Bndel, ohne da ich Arme und Fe regen konnte, hatte man mich auf
das Deck gelegt, wo scharrend die Rosse stunden, indes die Sonne mir wie zum
Hohn gerade ins Gesicht schien, und die Soldaten schimpften: Ins Wasser mit dem
Landstrzer! Solch Gesindel bringt uns noch die Pest an Bord. Soll man sich mit
unntzen Fressern herumplagen? Und beien will der Hund auch noch? Unsern
Rittmeister anzugreifen! Na warte, du Knollfink!
    Der Korporal aber nherte sich mir, und wiewohl er zum Schein ein finster
Gesicht machte, raunte er mir die trstlichen Worte zu: Ego tibi condoleo, nam
et ego addictus sum Augustanae confessioni - will sehen, da ich Euch
freimache.
    Gratias tibi ago! raunte ich zurck, worauf sich der Korporal entfernte
und hinunter zu Zetteritz ging.
    Nach einem Weilchen kam Zetteritz mit dem Korporal an Deck und lie drei
Dragoner antreten. Mit gedmpfter Stimme sprach er zu ihnen. Drauf machten sich
die drei Kerle an mich heran, und ehe ich ihr Vorhaben erraten konnte, hatten
sie mich am Kopf gepackt und meinen Mund geknebelt, so da ich nicht zu schreien
vermochte. Drauf erscholl ein Hornsignal, die Ruderer stellten ihre Arbeit ein,
und das Boot, mittels dessen unsere Gefangenschaft zustande gekommen, ward flott
gemacht. Mich hub man ins Boot hinunter und legte die Ruder ein.
    Eine Zgerung entstand noch dadurch, da der Korporal, an Bord geblieben,
den einen Soldaten zu sich heranrief und ihm etwas zuraunte.
    Hierauf ruderten die Soldaten dem rechten Elbufer zu. Man wollte mich also
von Thekla trennen, vielleicht gar umbringen. Das Boot fuhr auf den Sand, man
packte mich, warf mich ans Ufer und wollte sogleich wieder wegrudern.
    Doch der eine Soldat kehrte zu mir zurck und machte sich mit einem Messer
ber meine Fessel, als wolle er sie lsen.
    Zum Henker, was tust du? rief ein andrer Soldat und kam heran. Bist du
des Teufels? Du willst den Rebellen befreien?
    Wir knnen ihn doch nicht so hilflos liegen lassen - antwortete der
mitleidige Soldat kleinlaut.
    Aber der andere stie ihn rauh von mir weg und rief: Auf der Stelle packe
dich ins Boot!
    Nun gingen die beiden, und bald hrte ich, wie das Boot wieder zum Kahn
zurckkehrte, und wie dann nach einem neuen Hornsignal der Kahn weiter fuhr.
Immer ferner, dumpfer erschollen die Ruderschlge, bis ich hlflos allein lag.
Auf einmal fiel ein Schu, und ihm folgten mehrere Schsse. Es mute zwischen
dem Kahn und einer feindlichen Partei ein Gefecht entstanden sein. Indessen war
es bald gnzlich still. Ich suchte meine Fesseln zu zerreien und wlzte mich im
Sande. Der Knebel im Munde erschwerte das Atmen, so da ich Gefahr lief zu
ersticken, insonderheit wenn die Emprung ber mich kam. Bald lag ich erschpft
zum Sterben. Einmal kam es mir vor, als trabe in der Nhe ein Pferd. Die
Dunkelheit brach herein, und nun traten Gesichte vor meine Seele, als solle ich
mein ganzes Leben in dieser letzten Nacht noch einmal durchleben. Bses, das ich
getan, ngstete mich wie umherflatternder Spuk. Nicht los werden konnte ich den
Wahn, ich msse jetzo fr das ben, was ich dem kaiserischen Soldaten Wenzel
angetan. Wie er am Strande des Saaleflusses hatte liegen und sthnen mssen,
verzweifelt, weil er seine Kameraden an mich verraten sollte, so lag ich nun
hier am rauschenden Strom hilflos und gefesselt, dem unerbittlichen Gebot des
Schicksals untertan. Wenzels anklagende Augen waren auf mich gerichtet, ich
hrte ihn mit einem Fingerzeig auf mich sprechen: Der da hat's getan. Nun
erfllte sich der Fluch, den damals Wenzel im Herzen gen mich geschleudert
hatte. Bittere Zhren erprete mir die Reue, und ich dachte an meines Vaters
Lehre, die Hlle sei kein uerer Ort, sondern der unselige Zustand unseres
Herzens, den wir uns selbst durch Torheit und Snde bereiten. Oh, da es mir
gelnge, meine guten Geister zu sammeln, da sie mich beschtzten vor den
hllischen Dmonen! Da mich nur einmal noch das innere Himmelreich begnadete,
sei es auch nur wie den Drstenden Tautropfen laben! Da kam mir ein trstlich
Bild: Hoch ob den Talen des Riesengebirges war ich auf einmal bei suselnden
Tannenwipfeln, auf die der blaue Himmel warmes Sonnengold herniedergo. Hoch vom
Felsen der Abendburg sah ich die blauen Wogen der Waldberge und die lichten
Gefilde des fernen Tieflandes. Das alles war wie strahlende Augen und wie ein
Jauchzen. Und ich flehte zum geheimnisvollen Born, aus dem alle Geschicke
quellen: Oh, da mich der verlorene Garten Eden noch einmal umfinge, und ich
droben im Bergfrieden weilen drfte!
    Siehe, da stund mein Vater bei mir und sprach: Gewhrt ist dir dein Wunsch!
Wirst zur Abendburg gelangen. Dann zerflatterte das trstliche Gesicht, die
Sehnsucht nach dem Bergfrieden ward verscheucht, mich schauderte. Ein wiehernd
Geschrei vernahm ich, wie von einem gengsteten Pferde. Bald darauf stampfte es
im Galopp hinweg, dann heulten Wlfe. So sollte mir denn wohl das elende Los
beschieden sein, von Raubtieren zerrissen zu werden. Doch diese Sorge spornte
meine Lebenskraft, von neuem wlzte ich mich auf dem Sande, an meinen Fesseln
reiend. Auf einmal fhlte ich an der Hand, die mit der andern auf meinem Rcken
zusammengebunden war, einen Schmerz, wie von einem Schnitte, und meines Vaters
Stimme sprach: Greif zu! Da hielt ich in den Fingern die Schale einer Muschel,
wie sie hufig im Elbsande zu finden sind. Am Rande zerbrochen bildete sie eine
Schneide, und mir kam der Gedanke, sie als Messer zu brauchen. Mhte mich nun,
mit der einen Hand die scharfe Muschel an die Fessel zu bringen und daran zu
sgen. Die halbe Nacht hatte ich so zu tun. Endlich nach einem verzweifelten
Ruck sprengte ich den Rest der Fessel und konnte die Arme regen. Das erste war,
da ich mir den Knebel aus dem Munde nahm. Dann knpfte ich die Fesseln auf, mit
denen meine Fe gebunden waren, und war nun vllig frei. Halb abgestorben waren
die Beine, und ich ward inne, wie bald ich des Todes gewesen wre. Aber noch
waren die Gefahren nicht vorber. Von Zeit zu Zeit bellten und heulten die Wlfe
ganz in der Nhe. Vielleicht, so sagte ich mir, liegt dort vom Gefechte her ein
toter Schwede, und weil dann gewi auch Waffen dabei sind, wird es das Ratsamste
sein, die Leiche aufzusuchen. Mit diesem Vorsatz erwartete ich den Tag.
    Nachdem ich meinen Durst im Strome gelscht und auch Sauerampfer gegessen
hatte, suchte ich im Morgengrauen Waffen wider die Wlfe. In den linken Arm nahm
ich ein paar faustgroe Steine und hielt eine harte Baumwurzel in Bereitschaft,
die ich als Keule verwenden wollte. Nun beschlich ich die Wlfe, es waren zween,
sie fraen an einem menschlichen Leichnam. Ich warf einen Stein so gut, da der
eine aufheulend zur Seite sprang und mit eingezogenem Schwanz sich trollte. Der
andere fletschte die Zhne und strubte die Rckenborsten. Ohne Zaudern schritt
ich auf ihn los, und wie er sich zum Sprunge duckte, traf ihn mein zweiter
Stein, gleich darauf auch ein Keulenhieb. Davon brach die Vorderpfote, ihm blieb
nichts brig, als zu kmpfen. Fletschend und schnappend hinkte er auf mich los.
Ich aber hatte wieder einen Stein aufgehoben und traf so wuchtig die Schnauze,
da er umfiel und nicht mehr jappte.
    Nun wandte ich mich dem toten Menschen zu. Der bildete eine unfrmige Masse
von zernagten Gliedern. Ich zog Gewnder und Stiefel ab und reinigte sie im
Wasser. Die Kleidung war von frnehmer Art. Zum Trocknen breitete ich sie in die
Morgensonne. Besonders willkommen waren mir die Waffen des Toten, ein Karbiner,
auch Munition, ein Pistol und ein Stodegen, dazu ein Beutel mit einer
ansehnlichen Summe Geldes. Schlielich kam mir noch der Federhut zustatten. Bald
hatte ich meine geringe Kleidung mit der neuen Montur vertauscht. Nachdem ich
die Schrpe mit dem Degen umgehngt, Karbiner und Pistol geladen hatte, war ich
bemht, das entlaufene Ro des Toten auszusphen und verfolgte eine Stunde lang
die Stapfen, so kreuz und quer in der Gegend gingen. Auf einmal waren sie tief
in den Boden gestampft und fhrten schnurgerade aus. Weil nun dabei auch
Wolfsspuren waren, so zog ich den Schlu, die Raubtiere wrden das Pferd
gnzlich verjagt haben. Das war nun freilich ein groer Verlust, nachdem ich
schon gehofft hatte, durch Aneignung des Pferdes den Kahn einzuholen, der mein
Weib entfhrte. Mit Zhneknirschen gestund ich mir, da ich zu Fue dem
Zetteritz nicht zu folgen vermchte; mutlos warf ich mich ins Gras.

Nur das eine Ziel gab es jetzo fr mich: die verlorene Eheliebste wieder zu
gewinnen. Es fiel mir bei, da Zetteritz zu Thekla die uerung getan:
Weibsrcke fhren wir halt nicht; da mu Sie schon warten, bis wir in Gstrow
sind. Hieraus entnahm ich, da Zetteritz nach der Stadt Gstrow wolle; beschlo
also unverzglich dorthin aufzubrechen und mir baldigst ein Reisepferd
anzuschaffen. Aus meinem Magdeburger Schulunterricht wute ich, da Gstrow gen
Mitternacht in Mechelnburg gelegen. Wanderte also lngs der Elbe, so da die
Morgensonne meine rechte Wange beschien. Mittag war's, als mir ein breiter Flu
in die Quere kam, der in die Elbe mndete. Von einem Fhrmann, der hier hausete,
vernahm ich, es sei die Havel. Um Geld erhielt ich Wegzehrung und lie mich
bersetzen. Im Dorfe drben gingen mir die Leute scheu aus dem Wege. Doch mein
freundlicher Zuruf lockte einen Bauernknecht herbei, und auf meine Frage nach
einem Pferd erhielt ich von ihm den Bescheid, seines Vaters Bruder habe ein
herrenlos Soldatenro in seinem Stall geborgen; das werde kuflich zu haben
sein. Der Bauer, zu dem wir gingen, wollte anfangs nichts von einem
eingefangenen Rosse wissen, ward aber gefgig, sobald ich aus meinem Geldbeutel
eine gute Summe herfrholte. Nachdem das Tier gut gefttert, auch mit Zaum und
Sattelzeug versehen war, schwang ich mich hoffnungsvoll hinauf und trabte auf
die Stadt Pritzwalk los, die ich noch vor Abend erreichte. Wiewohl zum Umfallen
erschpft, begngte ich mich mit kurzer Rast und legte noch etliche Meilen
zurck, bis ich bei Nacht zu einem Stdtlein gelangte, an einem groen See
gelegen. Hier pochte ich einen Wirt heraus, lie mein Pferd einstellen, a und
trank, legte mich und schlief wie ein Stein. In sonniger Maienfrhe ging es
weiter, und bereits mittags langte ich am Ziel, in der Mechelnburgischen
Residenz Gstrow an. Im nchsten Gasthaus stieg ich ab, und auf meine scheinbar
gleichgltige, doch mit Herzklopfen getane Frage, ob kaiserisch Volk hier sei,
erfuhr ich, vor fnf Tagen seien hier allerdings Dragoner im Quartier gewesen,
aber nur eine Nacht, auf dem Rckzuge vor dem anmarschierenden Schweden. Ich
forschte nun behutsam weiter, ob etwan ein Rittmeister namens Zetteritz in
Gstrow erwartet werde. Zetteritz? versetzte der Wirt. So hie ja die adlige
Frau, die von den Dragonern geleitet wurde und bei mir Losament hatte. Die ist
aus Sorge vor dem Feinde nach Wittenberge gereiset - vor vier Tagen - ihrem
Sohne entgegen - und der soll sie nach Magdeburg holen. Ich hatte Mhe, meinen
Schrecken ber diese Enttuschung zu verhehlen. Doch whrend ich der Hoffnung
schon Valet sagte, kam der Wirt, der Rcksprache mit seinem Knecht genommen
hatte, wieder zu mir. Mein Krischan hier will vernommen haben, Frau Zetteritz
sei zu ihrem Schwher nach Rostock gereist, an dessen Verteidigung ihr Sohn, ein
Offizier, mitzuwirken habe. Ich atmete auf, wandte mich sogleich an den Knecht
und erhielt aus seinem Munde in glaubhafter Weise diese Auskunft. Nach Rostock
also! Unverzglich und mit verhngtem Zgel trabte ich gen Schwaan und erreichte
dies Stdtchen, an der Warnow gelegen, nach wenigen Stunden. Lie mich ber den
Flu setzen und begrte nach einem mehrstndigen scharfen Ritte von einer
Anhhe die Rostocker Trme.
    Zugleich aber sah ich drei bewaffnete Reiter mir entgegentraben, lenkte
daher mein Pferd flugs vom Wege ab, hinter Gebschen mich zu bergen. Doch
bemerkt hatten mich die Reiter, und ich gebrauchte die Sporen. Ein Schu krachte
hinter mir, die Kugel hrte ich sausen, und nun hub ein Wettrennen an. Mein
gutes Pferd blieb im Vorteil, und ein Buchenwald kam mir zustatten, zwischen
dessen hohen Stmmen sich reiten lie. Als ich darin einen Weg fand, verfolgte
ich ihn, die sinkende Sonne zur Linken. Damit die Verfolger meine Fhrte
verlieren sollten, bog ich vom Wege ab, wo der Waldboden mit welkem Laube
bedeckt war, ritt einen Bogen und kam dann wieder auf den Weg. Als der Wald
aufhrte und vor mir ein kahler Hgel lag, wollte ich mein Tier verschnaufen
lassen, stieg ab und band es an einen Baum. Seltsam war's, da ich ein Brausen
vernahm, wie Waldesbrausen, indessen doch kein Wind ging. Auf den Hgel stieg
ich nun und nahm mit Staunen wahr, da vor mir ein endlos Gewsser lag, die See.
Wolkenballen schwebten darber, angeglht von der Sonne, die zur Linken
unterging. Wellen rollten zum Strande und warfen sich rauschend auf den Sand,
eine nach der andern. Im Anschauen verga ich der Gefahr, die mich soeben
bedruet hatte. Klein war ich vor diesem riesenhaften Wogewesen, und mir fiel
bei, was mein seliger Vater gesagt hatte, als ich zum ersten Male das
Schlesische Gebirge von ferne sah: Willst du Gott schauen, so vergi nicht die
Berge, und nicht das Meer.
    Doch ich durfte nicht verweilen, weil es galt, meine Eheliebste zu suchen
und womglich noch vor Nacht Rostock zu erreichen. Kehrte also zum Pferde
zurck, das sich inzwischen an Gras und Lublein gtlich getan, lobte und
streichelte es und schwang mich aufs neue in den Sattel. Ich wollte lngs des
Strandes zur Warnowmndung reiten und mich von einem Schiffer nach Rostock
fahren lassen. Wie ich nun vom Hgel hinunter will, ist da ein Abhang, und ich
mu daran entlang reiten, bis sich quer eine Schlucht auftut. Mein Pferd strebt
die Schlucht hinunter, stolpert aber und strzt so unglcklich, da ich mit dem
linken Bein unter seinen Krper komme, vermeinend, das Bein sei mir gebrochen.
Das Tier sprang wieder auf, ich aber blieb liegen, da ich das Bein nicht
brauchen konnte. Da mir die Weile nicht lang ward, dafr sorgte mein
Gliederweh. Das Pferd stund geduldig in meiner Nhe und wieherte manchmal. Ich
wnschte, da es zu mir kme, weil ich hoffte, mich an ihm aufzurichten und
vielleicht gar in den Sattel zu gelangen. Doch wie ich auch lockte und
schnalzte, es kam nicht. Schon war der Abendglanz an den Wolken verglommen und
die Dmmerung brach herein, als ich eines Mannes gewahr wurde, der am Strande
ging. Wie ich um Hilfe schrie, stutzte er, kam dann zgernd nher und rief mir
zu: Wer da? Schwed oder Kaiserischer? Zur Antwort gab ich, da ich ein
Reisender und mit meinem Pferde gestrzt sei. Der Mann, dem Aussehen nach ein
Knecht, war anfangs mitrauisch. Als ich ihm aber guten Lohn fr Beistand
versprach, holte er mein Pferd, richtete mich auf, da ich auf mein heiles Bein
zu stehen kam, und hub mich in den Sattel. Am Zgel fhrte er das Pferd ber die
sandige Dne zu einem Bauernhof, so zwischen Bschen versteckt lag.
    Bellende Hunde kamen gesprungen, und auf der Schwelle des Wohnhauses
erschien ein brtiger, martialischer Mann, halb wie ein Soldat, halb wie ein
Bauer gekleidet. Der Knecht berichtete ihm, wie er mich gefunden habe, und ich
bat den Herrn Rittmeister, wie ihn der Knecht nannte, mich aufzunehmen. Da
ordnete dieser an, es solle mir in der Scheune ein Lager aus Stroh und
Wolldecken bereitet werden. Als man mich darauf gebettet hatte, betastete der
Rittmeister mein Bein und sagte, ich habe mir einen Bruch des Knochens zugezogen
und werde wohl wochenlang liegen mssen. Mir war nicht anders, als hre ich mein
Todesurtel. Denn nun war die Mglichkeit, Thekla wiederzufinden, vllig dahin,
und ohne meine Liebste deuchte mich die Welt ein leeres Nichts. Die Trauer
machte mich so schweigsam, da mein Wirt auf seine Fragen nur einen kargen und
wirren Bescheid erhielt. Das hinderte ihn nicht, meine geschwollenen Gelenke mit
nassen Linnen zu khlen und den Bruch mit einer festen Hlle zu umgeben, wobei
er uerte, als alter Soldat habe er dem Feldscher etliches von seiner Kunst
abgesehen. Wenig Schlummer fand ich, unaufhrlich raunete mir die Sorge zu, wie
Thekla weiter und weiter entfhrt, und ihre Spur immer mehr verwischt werde. In
meiner Hilflosigkeit schluchzete ich, da mein Wirt es im Hause hrte. Er kam,
schalt gutmtig und sagte, ich solle ihm offenbaren, was mich bekmmere. Da er
alsdann meine Geschichte vernommen, war er gerhrt und erbot sich, sofort nach
dem Schwher der Frau Zetteritz in Rostock zu forschen. Ferner tat er mir wohl,
indem er mich aus der Scheune ins Wohnhaus bringen lie und mir ein Gemach
einrumte. Hier lernte ich die Frau Rittmeister kennen, ein groes, starkes
Weib. Sie labte mich mit Trank und Speise, hrte teilnehmend meine Geschichte
und gab mir den Trost, ich werde schlielich doch noch meine Eheliebste
ausfindig machen; das Leben werde man ihr ja nicht gleich nehmen, ich msse nur
Geduld haben. Andern Tages tat mein Wirt die Reise nach Rostock und blieb eine
ganze Woche aus. Doch keine frohe Kunde brachte er heim, nichts wute man in
Rostock, nichts auf den umliegenden Hfen von einem Schwher der Frau Zetteritz
und einem kaiserlichen Offizier dieses Namens. So war ich denn darauf
angewiesen, der Frau Rittmeister Mahnung zur Geduld zu beherzigen.
    Eine seltsame Kurzweil ward mir in den Monden meiner Krankheit. Nach all der
erlittenen Trbsal schien der Himmel mich aufheitern zu wollen, indem er etwas
zum Lachen auftischte. Der Rittmeister, Schulte mit Namen, und sein Weib zeigten
oft ein wunderlich Gebaren. Im polnischen Kriege hatte er Dienste getan und sein
Weib geehelicht, das Marketenderin gewesen und ein gut Stck Geld
zusammengebracht hatte. Diese Mitgift hatte ihn befhigt, den Hof zu kaufen. Er
fand jedoch kein Gefallen am Bauernleben, zumal der Krieg in Mechelnburg ihn um
sein reiches Gestte gebracht hatte. Am Soldatenleben hing immer noch sein Herz,
und wenn er an seine Kriegsfahrten zurckdachte, geriet er derart in Eifer, da
er zum nrrischsten Prahlhansen aufschwoll. Zum Exempel reichte er mir seinen
Sbel und warf sich in die Brust: Das ist die Waffe, die mir im polnischen
Kriege groe Ehre eingebracht hat. Ich wre wohl ein reicher Mann, htt' ich
soviel Dukaten, als von meinem Sbel Tarternkpfe abgeflogen sind. Ich ward bei
der kstlichen Klinge des Blutvergieens so gewohnt, da ich oft mit meinen
besten Freunden Hndel anfing. Sie wutens auch alle, drum schickten sie mich
gern auf Rekognoszierung und Parteigngerei, nur da sie im Quartier
unbeschdigt blieben. Ja, Czernitzky hatte Glck, da er mir aus den Hnden
entwischte; ich hatte ihm - soll mich der und jener - schon die Charpe vom Leibe
weggehauen; doch man wei wohl, was die polnischen Klepper vor Krten sein, wie
sie durchgehen. Sonsten htt' es geheien: Bruder, gib eine Tonne Goldes, oder
ich haue dich, da dir die Kaldaunen am Sattelknopf hngen bleiben. Ach, das war
ein Leben! Drei Teutsche, sieben Polacken, zehn Kosaken, vierzehn Tartern und
ein halb Schock Moskowiter dienten mir als Morgenbrot. Htt' ich meinen
Schecken, der mir leider unter dem Leibe weggeschossen ist, behalten knnen, ich
gbe zehntausend Taler darum. Er ging in einem Futter dreiig Meilen hin und
her, und einmal, von einer ganzen Kompagnie Tartern umringt, sprengte ich ber
die Feinde hinweg, wobei mein Schecke seine Hinterbeine dem Rittmeister um die
Ohren schlug. Was das Beste war, das Tier hatte Menschenverstand, es legte sich
flugs auf die Streu zu mir und schlief die ganze Nacht mit. Hatte ich Met und
Branntewein, das Pferd soff einen so tchtigen Rausch wie ein Kerl. Ewig schade,
da es so liederlich hat draufgehen mssen und ich es nicht wenigstens
ausstopfen gekonnt. Jawohl, es ist eine brave Sache um den Krieg, wenn einer
Courage hat und wei sie zu brauchen. Wiewohl nun Schulte mit dem Munde solch
ein Held war, hatte doch tatschlich seine Frau, wie man sagt, die Hosen an.
Manchmal hrte ich in meinem Bette, wie sie ihrem Manne die Leviten las, da das
ganze Haus davon hallte. Was? Du ehrvergessener Vogel willst wieder ausfliegen?
Httest mgen ein Landstrzer werden, so httest dir lieber eine Zigeunerin
aussuchen sollen, nicht mich. Jetzo aber bist du mein Mann, und ich habe dich
mit meinem sauer verdienten Gelde in diesen Hof eingesetzt, da du mir parierest
- Potzregiment! Treib es nicht zu bunt! Sonsten machen meine Ngel mit deinem
Gesichtsspiegel Kameradschaft. Hier fiel der sonst so kriegerische Mann mit der
allersanftesten Stimme in ihre Rede: Ach herzliebste Frau, erzrne dich nicht
um so geringe Sache! Soll ich daheim bleiben, so brauchst du es blo zu sagen.
Im guten sag es doch, tu deiner Gesundheit keinen solchen Schaden. - La dein
Winseln, du Bettelhund! fing sie wieder an; bildest dir wohl gar ein, da ich
mir deinetwegen das Herze abfresse? Rede mir kein Wort dazwischen, sonsten
wollen wir sehen, wer Herr im Hause. Wer anders hat dich denn zum Manne gemacht,
als eben ich? Ein drrer Tropf warst du, ein Schuldenmacher, vom Sauf- und
Spielteufel besessen, ein prahlender Hanswurst. Ein fetter Gutsherr bist du
worden durch meine Mitgift. Nun sei's auch recht, du eingemachter Eselskopf, und
bleib mir fein zu Hause sitzen! Und damit du nicht hinwegschleichest zu deinen
Kumpanen, so magst du heut und morgen deine Schuh und Strmpfe suchen. Gleich
darauf hrte ich die Tre zukrachen, Herrn Schulte aber klglich murmeln.
    Etliche Stunden nach diesem ehelichen Dialogo besuchte er mich, blo
Strmpfe an den Fen, und diesmal war auf seinem Angesicht nichts von dem
gemeiniglichen Heldenstolz verzeichnet. Lieber Tielsch, seufzete er, wie
heftig meine Eheliebste sein kann, wenn ihr krperlich bel sie befllt, hat Er
wohl vernommen. Er mu nmlich wissen, sie leidet an der Galle; im brigen ist
sie eine gute Seele, und man darf ihr die zeitweilige Hitzigkeit nicht
nachtragen. Ich mag sie in ihren Anfllen nicht obendrein reizen, denn ich habe
Mitleid mit ihr, und unser Herrgott hat mir zwar die Khnheit verliehen, Feinde
niederzusbeln, doch vor Gttinnen, wie Venus oder Juno, ist selbst der wilde
Mars ein Lamm. Begtigend stimmte ich meinem Wirte bei, und er war mir dankbar
dafr. Bald darauf hrte ich aus dem Gesprch im Nebenzimmer, da die Frau
Rittmeister sich nicht allzu lange damit aufhielt, ihren Zorn zu kochen. Sie
traktierte ihren Mann mit Koseworten und erlaubte ihm, den Ausgang zu tun, den
sie zuvor versagt hatte.
    Als er fort war, machte sie mir einen Besuch. Die beleibte Frau nahm im
Sessel Platz, und aus dem Vollmondgesicht blickten die ugelchen freundlich.
Der Herr hat mit angehrt, da es in diesem Hause, gleichermaen wie im
Himmelsgewlbe, zuweilen ein Wetter gibt. Das mu Er schon exksieren; solch
Wetter kommt aus dem Geblt und hat wenig zu sagen. Diesmal hat mein Mann seinen
saubern Kumpan, einen emeritierten Leutnant, besuchen wollen, und den mag ich
nicht sonderlich leiden. Nahm daher meinem Mann das Schuhwerk weg, da er daheim
bliebe. Doch mein Zorn ist wie ein Hagelwetter; rasch vorber geht's, und dann
scheint die Sonne. Mein Mnnchen hat mir versprochen, zur Nacht daheim zu sein,
und da hab ich ihm seine Schuh gegeben. Ich fand das ganz in Ordnung, erlaubte
mir aber die Frage: Nichts fr ungut, ehrsame Frau Rittmeister! Wie kommt es
nur, da Ihr Eheherr, eine so heroische Natur, sanfter als ein Lamm ist, wenn
Ihr ihm entgegentretet? - Ha, das will ich Ihm erzhlen, schmunzelte die
Frau. Wir haben gleich am ersten Tage unserer Ehe durch einen Zweikampf
entschieden, wer das Kommando hat. - Zweikampf? staunete ich. Allerdings!
versetzte sie. Hret zu! Wir waren also ein neugebacken Paar, hatten die erste
Nacht zusammen im Rittmeisterzelte verbracht, und das Frhrot lugte herein. Da
ruft mein Mann seinen Kommijungen, der soll einen Prgel beschaffen. Der Junge
geht, und da ich mir einbilde, der arme Schelm solle die Schlge bekommen, so
bitte ich fr ihn. Mein Hochzeiter aber spricht: Nicht fr ihn sind die Prgel.
Meine Liebste wei ja, da jedermann im Regiment prophezeiet, Sie werde die
Hosen tragen. So aber soll es bei uns nicht sein. Drum will ich Ihr beizeiten
mit dem Prgel weisen, wer dem andern ber ist. Indem kommt der Junge und legt
mit verschmitztem Lcheln den Prgel auf den Tisch. Wie er wieder hinausgeht,
merke ich, da vor dem Zelte ein paar Offiziere lauschen, von meinem Hochzeiter
hinbestellt, auf da sie Zeugen seien, wie er seine Frau zum Gehorsam ziehe. Da
geht mir meine Galle ber, und wahrlich alsdann ist mit mir nicht gut Kirschen
essen. Ehe sichs mein Mann versieht, habe ich den Prgel erfat und wische ihm
eins ber den Kopf, da er drmelt wie ein geschlagener Ochs. Beim Kragen
schmei ich ihn zum Zelt hinaus, da er lang hinschlgt und als ein Betubter
von seinen Kameraden mit Wasser wieder zu sich selbst gebracht werden mu. Ja,
ja, so bin ich, und so hab ich meinen Mann gekirrt, da er seitdem meinen
Widerspruch, wo ich ihn fr gut befinde, mit gebhrender Sanftmtigkeit
entgegennimmt.
    Diese Geschichte hatte fr mich das Gute, da ich nach einer langen Zeit des
Grams wieder einmal empfand, was lachen heit, und vom Hinstarren auf mein trb
Geschick abgelenket ward. Mit meinem Beinschaden ging es aber so schlecht, da
sich die Entzndung steigerte. Rittmeister Schulte holte einen Wundarzt aus
Rostock, der schnitt an mir herum und stellte die Prognose, da ich vor Herbst
das Bein nicht werde brauchen knnen. In der Tat, erst als der rauhe Wind das
verblichene Laub von den Bumen ri, konnte ich humpeln. Wie dann mein Fugelenk
hinreichend erstarkt war, besuchte ich die Stelle, wo mein Pferd zu Fall
gekommen.
    Um die See zu betrachten und dabei meinen Gedanken nachzuhngen, setzte ich
mich auf einen der groen Steine, die hier lagen. ber den Sand zu meinen Fen
splte die Welle, flo dann zurck und schlug mit der nchsten Welle schumend
zusammen. Und es war das Heer von schwarzen, schumenden Wellen anzuschauen wie
ein Volk von Eisenrittern, gekrnt mit weien Federn, zum Kampfe heransprengend.
Seltsamer Kampf, ohne Ziel, ohne Sinn! Mein Auge starrte dorthin, wo Meer und
Himmel sich berhren. Und sieh, auf der dstern Schneide unter finstern
Wolkenballen schwebete ein Segel. Du armer Kahn, auf den Wogen wankend, bist du
ein Bildnis meiner Liebe. Ins Ungewisse treibst du dahin, und wie rasch haben
Sturm, Woge, Klippe dich zertrmmert. Alsdann aber, ach wofr ist dann mein
Kmpfen gewesen? Ist es nicht umsonst, wie dies Branden der Flut wider den
Strand? Und lohnt es sich, nach dem Scheitern meiner Hoffnung noch lnger dies
wste Spiel des Lebens zu treiben, all das grausige Streiten, Blut, Angst und
Schuld weiter auf mich zu nehmen? - Ein Auge fhlte ich auf mir ruhen, und mit
einem sen Schauder vermeinete ich zuerst, Thekla betrachte mich mit dem
Blicke, den sie mir in der Gefangenschaft gespendet. Dann aber sah ich, da aus
dem Gewlk der Abendstern winkete, den sie auch den Stern der Meere heien.

Ach Liebe, da du wankest auf den Wogen,
Ein morscher Kahn,
Zerfetzt das Segel, steuerlos gezogen
Auf Nebelbahn.

Des Tages Herz ist blutig hingesunken
In dstre See.
Wo bist du, armer Kahn? Zerschellt, ertrunken?
Ach Lieb, ade!

Nun will auch ich hintaumeln und versinken
In feuchte Gruft.
Doch warnt ein Stern, der Meere Stern, mit Winken
Aus blauem Duft:

Nur Unrast wirf hinab, die eiteln Sorgen
Der wsten Welt!
Dein Lieben gib empor! Es sei geborgen
Im Sternenzelt!

Was in der Zeiten Brandung ging verloren,
Mu nichtig sein.
Ein Herz allein, dir liebend eingeboren,
Bleibt ewig dein.

Und schlug es auch an deinem nur fr Stunden,
Doch Reim bei Reim
Seid ihr dem Chor der Seligkeit verbunden
Und seid daheim.


                              Das neunte Abenteuer

                    Wie das Lichtreich aus der Goldhhle kam

Was im Traumgesicht der qualvollen Nacht mein Vater mir verheien, hat sich
erfllt. Zur Abendburg bin ich wieder gelangt.
    Den Sommer ber war mein Fu heil geworden, und nach treuherzigem Abschied
von meinen Pflegern hatte ich mich auf die Suche nach Theklas Spur begeben. Da
bei vergeblichem Kreuz- und Querreisen mein Pferd verunglckt, mein Geld aber
zur Neige gegangen war, litt ich Hunger und konnte das abgerissene Gewand und
Schuhwerk nicht durch besseres ersetzen. Statt der Stiefel Lappen an den Fen,
war ich vom Wandern bis zur Verzweiflung erschpft. Durfte auch noch keine
Stunde davor sicher sein, streifenden Parteien in die Hnde zu fallen.
    Als Ende Septembris endlich das Schlesische Gebirge ferne blaute, begegnete
mir ein invalider Soldat, dem in der Breitenfelder Schlacht ein Hieb den rechten
Arm gelhmt hatte. Von diesem Menschen ward mir wichtige Kunde. Als Rittmeister
im Regiment Kronenberg habe Zetteritz die Breitenfelder Schlacht mitgemacht, und
in einem Bleihagel, mit dem die schwedischen Musketiere die kaiserlichen Reiter
berschttet htten, sei er vom Pferde gesunken. Der Invalide schwur mit
heiligem Eide, er habe das mit eigenen Augen gesehen. Von Thekla wute er
nichts.
    Obwohl nun ihr Geschick ganz ungewi, schpfte ich neue Hoffnung. Je nher
ich dem Gebirge kam, desto lebhafter bildete ich mir ein, Thekla werde mich im
Husel des Oheims umhalsen. Hatte sie durch den Tod des Zetteritz ihre Freiheit
wiedererlangt, so wrde sie mich in Schreiberhau suchen. Wie ich aber beim Oheim
anlangte, hatte mich die Hoffnung betrogen.
    Trostlose Zeiten kamen. Wenn der Novembersturm die Nacht durchheulte und am
Dache rttelte, da die Balken krachten, so lag ich schlaflos und sahe Thekla im
Elend irren oder fhlte mich vom Geiste der Verstorbenen umwittert. Wochenlang
staken die Schreiberhauer Htten so tief im Schnee, da Nachbarn kaum einander
besuchen konnten. de und traurig war auch dem Oheim und der alten Beate zumute,
da sie mich dem Trbsinn nachhngen sahen. Einen Hauch von Frieden fand ich in
Bchern geistlichen Inhalts. Von alchymistischen Arbeiten, zu denen mich der
Oheim gern gebracht htte, mochte ich nichts wissen.
    Wie endlich der Schnee schmolz, konnte ich mich neuer Hoffnung nicht
erwehren, wiewohl ich ihr nicht traute. Ich hielt es nmlich fr mglich, da
Thekla, durch den Winter am Reisen verhindert, im Frhjahr nach Schreiberhau
kommen werde. Doch April und Mai vergingen, und es erschien keine Thekla, auch
keine Nachricht von ihr.
    Lngst hatte mich die Sehnsucht angewandelt, auf der Abendburg zu hausen.
Menschenscheu war ich, htte am liebsten selbst den Oheim und Beaten gemieden.
Vollends im Frhjahr beunruhigte mich das Schreiberhauer Leben; denn es brachte
schier tglich Gerchte von jener schlimmen Welt, die mir abscheulich geworden.
Nichts sehen und hren mochte ich von Kriegszgen und Gefechten, Sengen und
Plndern und von den teuflischen Qulgeistern, so in Hirschberg und anderen
Orten lngs des Gebirges quartierten.
    Machte mich also bei Sommeranfang nach der Abendburg auf, mir dorten ein
Gehus herzurichten. Der Oheim half mir, hatte mir auch jene Summe Geldes
eingehndigt, die ich vor der Reise nach Magdeburg bei ihm gelassen. Wir
brachten die Grotte in wohnlichen Zustand, vergrerten den Eingang und
schlossen ihn durch eine starke Tr. Einen Steinwurf unterhalb des Felsens fand
sich eine Quelle, zu ihr machten wir einen Stufengang hinunter. Um den
Abendburgfelsen herum fllten wir in betrchtlichem Umkreise die Bume, weil wir
eine Balkenhtte bauen und zugleich Weideland fr ein paar Ziegen gewinnen
wollten. Die Balkenhtte wurde derart an den Felsen angelehnt, da sie einen
Vorraum der Grotte bildete. Aus Steinen errichteten wir daneben einen
Ziegenstall. Die Grotte sollte als Kche und Werkstatt dienen. Um den Rauch aus
ihr abzuleiten, brachen wir einen Spalt in die Decke, schmal genung, da kein
Raubtier hindurchschlpfen konnte, zumal ein paar Eisenstangen quer angebracht
waren. Den Herbst verwendeten wir zum Sammeln von Blaubeeren und Pilzen, die fr
den Winter getrocknet wurden. Auch einen Vorrat von Mehl, Speck und Schinken,
hartem Kse und Beerensaft legte ich mir an. Meine Balkenhtte war in traulichem
Zustande, als Tobias von mir gegangen, und ich nun allein hausete. Die Fugen
zwischen den Balken verschlo Moos, das Fensterlein hatte kleine Glasscheiben
und war von auen durch Eisenstbe vergittert; aus Stein war der Ofen gemauert,
der gut heizte. Auf einem Simse stunden Npfe, Teller, Kannen und Becher. Unter
dem Fenster war ein Tisch mit einem Stuhle, am Ofen die Bank. Ich hatte auch
etliche gute Bcher auf einem Gestell. Neben der Tr hingen mein Jagdrohr, mein
Sbel und ein Pistol. In der Ecke lehnte der Spie. Zween starke Schferhunde
hauseten bei mir. Wenn mich der eine auf meinen Waldwegen begleitete, so blieb
der andere daheim und war so abgerichtet, da er zuverlssig meine Htte und den
Ziegenstall bewachte. Der Trost, den ich in frheren Jahren inbrnstig ersehnt
und damals nirgends gefunden hatte, begann mich nun zu segnen, zumal bis in den
November hinein die Sonnenstrahlen, selten nur durch Wolken zurckgehalten,
glden und warm rings auf die Berghupter niederfluteten.
    Das kostbarste Gert meines Heims war eine Harfe. An Thekla gemahnte sie
mich, und es war mir Erquickung, mein Leiden und Sehnen in holden Klngen vom
Herzen zu strmen. Tglich bte ich das Schlagen der Saiten und sang dazu
Lieder, die ich selbst ersonnen, und es kamen Zeiten, da Verse aus mir sprossen
wie Blten am Frhlingsbaum. Bei solch einsamem Hausen trank meine Seele den
Bergfrieden und ward immer stiller. Zuweilen freilich fiel mich Unrast an, und
es nagte der Gram am Herzen. Vom Buche, drin ich Trost suchte, sprang ich dann
auf, hing das Jagdrohr ber die Schulter und bewehrte mit dem Spiee die Faust.
Durch Tannen und Knieholz streifend, scho ich nach dem Auerhahn und der
fliehenden Hirschkuh. Wollte mir nachts der Schlaf nicht gelingen, so konnte ich
lange drauen beim Felsen sitzen und war unter finsterm Himmel auf der Suche
nach inneren Sternen.

Gewlk hat umgebracht
Den letzten Sternenfunken;
In rabenschwarze Nacht
Ist Fels und Tann versunken.

Ich bin ein Erlenstumpf,
Dran bleicher Moder glimmert,
Ein grend fauler Sumpf,
Wo scheu das Irrlicht flimmert.

Unheimlich dstre Welt,
Du Tummelplatz fr Toren!
Bin gnzlich unbestellt
In dich hineingeboren.

Sag an, was hast du fr
Mit deinem bangen Kinde?
Und hast du keine Tr,
Wo ich den Ausgang finde?

Gewlk hat umgebracht
Den letzten Sternenfunken;
In rabenschwarze Nacht
Ist Fels und Tann versunken.

Mein Leben schumend rann,
Ein Sturzbach zwischen Steinen.
Was ich dabei gewann?
Oh bitter mcht ich weinen!

Einst ward ich schmuck und neu
Als Menschlein eingekleidet.
Doch alles Fleisch ist Heu,
Und horch, die Sense schneidet.

Ach wohl, die Jugend reicht
Den sen Taumelbecher.
Doch Rausch und Minne weicht,
Und Reue weckt den Zecher.

Um jeden Bissen Brot
Mu hart der Frohner schanzen;
Sonst hockt die hagre Not
Ihm auf dem leeren Ranzen.

Mach dich nicht gar zu breit,
Du Herr im gldnen Hause!
Ohn' End ist Ewigkeit,
Und schmal die letzte Klause.

Poch nicht auf Ehr und Zier!
Fortuna hat's geliehen.
Der Hobler wird auch dir
Ein Linnenkleid anziehen,

Zum Pfhle untern Kopf
Zwo Handvoll Spne schieben ...
Nun denke nach, du Tropf,
Wie nrrisch du's getrieben!

Gewlk hat umgebracht
Den letzten Sternenfunken;
In rabenschwarze Nacht
Ist Fels und Tann versunken.

Und wie ich ratlos bang
Ins dunkle Rtsel staune,
Horch, sanfter Wiegensang,
Ein wogend Waldgeraune:

Nur stille, Menschenkind!
Was helfen deine Sorgen?
Die Augen schliee lind!
Derweilen wchst das Morgen.

Die Nacht hat ihren Tau,
Auf da der Maien blhe,
Und aus dem Wolkengrau
Entspriet die Purpurfrhe.

Soll nicht der Sagenstein,
Wo wste Tannen dunkeln,
Ein Knigspalast sein
Und einst entzaubert funkeln?

Zuvor im Puppenkleid,
Soll unsere trbe Erden
Am Glanz der Ewigkeit
Ein Himmelsfalter werden.

Und ob die Wolke hllt
Den letzten Sternenfunken,
Dein Traum wird noch erfllt:
Du schaust, von Sternen trunken.

    Eines Abends im November stieg ich auf den Felsengipfel, die Nacht zu
belauschen. Stumm starrten rings die Tannenwipfel, vom bleichen Dmmern
beleuchtet, das der Mond durch Wolkendunst ber die Berge go. Feiner
Wasserstaub schwebte hernieder und khlte die heie Stirn. Es tat wohl, zum
bleichen Firmament hinanzustarren. Ich sehnte mich, ein Baum zu sein, allhie
Wurzel zu schlagen und grne Arme gen Himmel zu breiten. In der groen Stille
ward jetzo Vogelschrei vernehmbar, Wildgnse schnarrten und kamen geflogen. Ob
meinem Haupte sauseten die Fittiche, vorber zog das dunkle Keilgeschwader. Fern
und ferner das Krchzen, und wie der Vgel Raunen von der de verschlungen war,
schrie mir im Herzen die Sehnsucht auf. Ihr geflgelten Geschwister eilet aus
dem Nebellande gen Mittag, wo warm die Sonne blhet. Ich aber bleibe in der de
hausen, wo mich Sturm und Regen an den Herd bannen und des Schnees Woge begraben
wird. Ja, komm geschlichen, kalte Winternacht. Was soll die warme Sonne dem
Verdsterten? Trost ist es ihm, wenn auch die Welt ein trbes Antlitz macht.
Wohl blhet in der Seele heimlich eine Blume, doch nie darf ich sie kosen. Des
Traumes Glck allein ist mir vergnnt - ich sinne, seufze in der Nebelnacht. -
Hinunter in meine Klause ging ich, stimmte die Harfe und ersann schwermtige
Weisen.
    Bald hatte ich auf ein ander Lied zu lauschen: der Sturm heulte um Felsen
und Tannen, rttelte an Balken und Dachsparren. Tag und Nacht ging es so fort,
Nacht und Tag. Als dann die Luft wieder lautlos war, sanken Flocken hernieder,
dicht und dichter, und es ging ein Schneetreiben los, da die weie Decke an
mein Fenster reichte, schlielich gar die ganze Htte einhllte und
verfinsterte. Wie ich durch den Spalt der Grottendecke wahrnahm, da kein Schnee
mehr fiel, und klarer Frost eingetreten, tat ich behutsam die Tr des
Blockhauses auf und grub durch die Hlle einen Schacht. Den ausgeschaufelten
Schnee schmolz ich im Kessel, und mit dem heien Wasser erweiterte ich den
Schacht. Machte dann einen Aufstieg, der mich ber die glitzernde Flche lugen
lie. Ein Gefangener war ich nun wohl, htte beim Ausgehen ja versinken mssen
in der weien Woge. Doch ein Trutz erhub sich in mir, ein keck Gelsten, dem
Vogel gleich zu triumphieren ber Erdenleibes Schwere, zu schweben, zu gleiten
bers glatte Flockenfeld. Ich bedachte, was mir ein schwedischer Soldat zu
Magdeburg erzhlt hatte. Da nmlich die Bewohner der nordischen Berge leichte
Brettlein von Mannslnge an die Sohlen riemen und dann wie auf Schlittenkufen
ber den Schnee gleiten, ohne einzusinken, inmaen des Krpers Schwere durch die
Flche des Brettes auf eine ebenso groe Schneeflche verteilt wird. Ich
verfertigte mehrere Schneeschuhe nach verschiedenem Plane und fand, nach
tagelangem Erproben im Schnee, ein Paar fr meinen Zweck geeignet. Mit der Zeit
bekam ich solche bung, da ich auf schrgem Schneegefild wie der hurtigste
Schlitten abwrts flog. Wollt ich bergan, so ging ich Schritt fr Schritt,
gesttzt auf einen Stab, der ber seinem Stachel ein dnnes Querbrett hatte, um
Halt auf der Schneedecke zu finden. Dann war ich ein Vogel, flog die Abhnge
hinunter und berraschte manches Wild beim Lagern - so schnell war mein Kommen.
In einem Zauberreiche deuchte ich mich, wenn ich die eingeschneiten Tannen
betrachtete. Die niedergedrckten Zweige trugen zackig geformte Schneeklumpen,
an der Wetterseite hingen weie Mntel, Mnchskutten mit Kapuzen. Auf dem
Knieholz bildete der Schnee wunderliche Tiere, weie Bren, die auf den
Hinterbeinen liefen. Wie Rauhreif kam, war alles Grn und Braun der Bume
versilbert. Jede Fichtennadel ergraut, von seinem Kristall eingepudert. Erneuter
Rauhreif machte die Kruste immer dicker, und ich staunte, was doch der harte
Winter ein Feinbcker sein kann, so mit kunstvollstem Zuckergusse die dsteren
Bume zum glitzernden Zauberwalde zu wandeln wei. Aber auch als Schmiedemeister
lie sich der Winter bestaunen, da er den Bumen klirrende Rstungen schmiedete.
An der Mittagssonne schmolz der Schnee von den Zweigen, und das Trpfeln gefror
zu Zapfen. Purpurn gleite der Morgenstrahl darauf, und erhub sich ein Hauch, so
klirrten und klimperten die Eiszapfen an den wankenden Wipfeln wie Glas und
Glocken. Fegte der Wind ber die Berghnge und Talflchen, so wirbelten
Schneesulen empor, wallenden Geistern in weier Gewandung gleich. Einmal
glitzerte ein ganzes Heer solcher Schneewirbel im Sonnenschein. Ein Jauchzen
brach aus meiner Seele, und ich sprte, wie voll Gttlichkeit diese Welt fr
den, der zu schauen wei.
    Bei solcher Betrachtung dachte ich oft an meines Vaters Reden vom
Himmelreich, wie Gott nicht fern ber den Sternen sei, sondern allenthalben bei
uns, in uns zugegen. Das Ganze ist Gottes Leib; Sonne, Mond und Sterne hat er
als Augen; mit dem Lichte, das in alle Grnde flutet, schaut er; im Finstern
spret er, lauscht, tastet und sinnt. Sein Odem ist die Luft und das Leben aller
Kreatur; gttlich Blut trufelt aus der Wolke; Bach und Strom sind Allvaters
Adern, und in unserm Pulse regt sich der unermdliche Schpfer. Freilich tut es
uns not, unsere gttliche Erborenheit und Naturam zu spren. Das erst ist die
Erlsung, da wir uns fhlen als Gottes Kind. Wer aber nicht ahnt, da sein
Wesen im unendlichen Geiste weset, der dnket sich wohl klein, arm und verloren.
Eine Hlle leidet er, denn die ist nichts andres, als da wir uns getrennt und
abgestckelt fhlen vom Ewig-Einen. Finde dich heim, seufzende Seele, spre
durch alle Kreatur hindurch den Urgrund, unsern All-Vater. Solche Andacht
deuchte mich der wahre Schatz meiner Wohnsttte. Zu deuten wut ich die Mr von
der Abendburg, wie der wste Stein sich dem Johanniskinde zum strahlenden
Schlosse wandelt, und wie es blhet im Felsenherzen von Gold und buntem
Edelkristall.
    Seliger noch ward meine Andacht, als der Frhling mit warmem Hauche den
Schnee schmolz, da die Decke von Tag zu Tag dnner ward, bis im Tal die Matten
grneten, und auf meiner Hhe die Tannen und Felsen vom Schnee frei wurden, der
nur noch an Hngen gen Mitternacht lag und schlielich in die kalten Schluchten
sich zurckzog. Wenn ich den Oheim besuchte, schimmerten auf grnender Wiese die
gelben Schlsselblumen und wie blaue Flmmchen die Krokusblten. Erlst war mein
Herz, und wie neugeboren kam ich mir in der Frhe vor, wenn ob den dunkeln Talen
der Himmel matt erglnzete, wie aus Opal gebildet - wenn sich dann aus den
Waldschluchten weie Dnste huben und zu einem breiten Gewebe zusammentaten,
indessen das dunkelblaue Gewlk ob der fernen Ebene von Feuerbchen durchronnen
ward und immer mehr erglhte, bis es sich auftat wie ein Augenlid, und rot das
Weltenauge bers Bergreich blitzte. Manchmal hllte der Nebel die ganze Tiefe
unter mir, da nur die Berggipfel herfrrageten. Die weite, wellige Dunstflche
sahe dann aus wie wogende See, drin Felseninseln schwimmen. Beim Auftauchen der
Sonne erglhten die starren Wogen, und die Stirnen der steinernen Riesen badeten
im flutenden Tagesstrahl. Freudig regten sich die grnen Wipfel unter mir.
Geheimnisvoll kam aus dem Nebel, so alle Tler deckte, das Rauschen der
Giebche und Brnnlein. Dann flog wohl bei mir eine Berglerche trillernd empor,
und wenn sie ins Blaue entschwebete, deuchte sie mich meines Herzens Jauchzen.
Was konnte bei solchem Schauen mein alter Gram noch sein? Zerflattern mute er
wie dstere Traumgesichte, die der Morgen scheucht.

Willkommen, Ritter Morgen!
Vor deinem gldnen Haupt
Entfliehn die Wlfe Sorgen,
So mir den Schlaf geraubt.

Der Fels vor meiner Klause
Starrt feierlich mich an,
Die Wipfel mit Gebrause
Wiegt unter mir der Tann.

Steingraue Wolkenwogen
Verhllen noch das Tal,
Darob der Himmelsbogen
Matt leuchtender Opal.

Und aus dem Dunstmeer ragen
Die Berge drben steil.
Ihr Stirnenglanz will sagen:
Ganz oben thront das Heil.

Nun blht von Purpursonne
Das Nebelmeer wie Klee,
Und auch mein Gram ward Wonne,
Dieweil ich drber steh.

Als Lerche schwebt mein Schauen
Hoch ob dem Erdennest
Durch selig freie Auen ....
O Himmel, halt mich fest!

Doch ob ich auch in den Himmel zu tauchen verstund, fest hielt er mich nicht,
und wie die Lerche vom jauchzenden Hhenfluge wieder zur Erde sinkt, so geschah
auch mir. Ich sehnete mich nach meiner Gattin und kam mir verwaiset fr wie
Adam, da ihm der Herr das Paradeis genommen. Auch peinigte mich das Mitleiden
mit meinen Landsleuten, die immerfort von der Kriegsfuria Folter litten. Sooft
mir Kunde aus den Tlern ward, sthnte ich vor Grimm, und konnte schon gar nicht
zum Oheim hinuntergehen, ohne vor dem zu beben, was ich zu hren bekommen
sollte. Die Wachsteinposten berichteten von einer Hungersnot, die seit Pfingsten
die Ebene heimsuche. Hagere Bettler in Lumpen htten nach Schreiberhau herauf
gewollt, und da man ihnen den Weg versagen gemut, klglich um Speise gebeten.
Htten erzhlt, wie das Korn so rar, da nur noch der Reiche Brot habe. Von
Kleien und gemahlenem Moose bereite sich der Arme sein Gebck und esse gekochte
Nesseln nebst anderm wilden Kraute. Dabei hre das Plndern und Plagen durch die
Soldateska nimmer auf. Erst sei kurschsische Reiterei in Hirschberg gewesen,
und mancher Hausbesitzer habe ein Dutzend Soldaten speisen mssen. Endlich, wie
pestartige Seuchen herumschlichen, seien die Sachsen aus Scheu vor Ansteckung
abgezogen, nicht ohne Abschiedsgeschenke zu erpressen. Im Juli sei abermals
Einquartierung gekommen, diesmal kaiserische, und ihr Oberster habe dem
Burgemeister unter Flchen in Aussicht gestellt, die Stadt fr die Aufnahme der
Sachsen zu zchtigen. Unbarmherzig plnderte sein Volk die Vorstdte und Drfer.
Als eine mrderische Pest auch diese Einquartierung vertrieben hatte,
berrumpelte eine Partei Plnderer das Schildauer Tor. Mit xten schlugen sie
den Brgern Tren und Schrnke auf und raubten den Kirchen, was noch Wertvolles
drin vorhanden. Dabei muten die Einwohner Mihandlungen ber sich ergehen
lassen. Als eine Deputation des Rates beim kaiserlichen Kommissar ob der
soldatischen Greueltaten Klage fhrte, kam der trutzige Bescheid: Ihr seid ja
selber schuld; was habt ihr die Tore nicht besser verwahrt? Wart', ich werde
euch eine Sicherheitswache senden. Nun hatten die Hirschberger ihre liebe Not,
die Sicherheitswache abzuwenden, denn solche Salvegarden waren allenthalben im
Kriege Plagegeister, nicht minder schlimm denn der Feind. Nach und nach hatte
sich in der Stadt auch lderlich Gesindel eingefunden, das eine Rotte bildete,
mehrerlei Unfug trieb und sogar eine Hochzeit auf Kosten der Stadt feierte, von
den Brgern Zehrung und Bier erpressend. Etzlers unterirdisch Weingewlbe
rumten die Mauskpfe aus, soffen sich voll und erschlugen ein paar
Brgersleute. Schlielich wurden sie vertrieben, nicht ohne blutigen Kampf. Als
zu Friedland kaiserisch Hauptquartier war, kam ein Kommando, Hirschberg solle
all seine Geschtze und Glocken ausliefern. Die Stadt verlor drei Mrser und
eine Kirchenglocke. So ward das Reich von Hllengeistern gepeitscht; bis in
unsere abgeschiedenen Tler drang das Seufzen der Verzweiflung.
    Fr die Schreiberhauer kam eine Gewissensnot hinzu. Unser Prdikant hatte
das Zeitliche gesegnet, und obwohl seitdem aus Giersdorf der evangelische
Geistliche kam, die Neugeborenen zu taufen, die Toten zu begraben und die Paare
zu trauen, war doch keine rechte Seelsorge vorhanden. Endlich ward dem
Giersdorfer verboten, sein Amtieren ber seine Gemeinde hinaus zu erstrecken.
Wie denn berhaupt der evangelische Glaube im Lande vom Kaiser und seinen
jesuitischen Helfern drangsaliert ward. Wegen meines Gesanges zur Harfe hatten
mich die Schreiberhauer wiederholt zu Feierlichkeiten geladen, die ich durch
Lieder verschnern sollte. So war ich zu einem Begrbnisse gegangen, und als der
Giersdorfer Prdikant, nachdem wir lange gewartet, nicht erschien, baten mich
die Trauernden, ein Gebet zu sprechen, da ich eines Seelsorgers Sohn und ein
halbstudierter Mann. Auf diese Weise kam ich zu meiner ersten Predigt, und die
Leute waren erbaut. Da nun die Gemeinde sahe, da kein rechter Prdikant zu
erlangen, drang sie in mich, jeden Sonntag zu predigen. Ich sagte zu und sprach,
wie es mir ums Herze war. Der Kirche indessen fremd geworden, sahe ich fr das
schnste Gotteshaus den freien Himmel an. Proponierete also der Gemeinde, bei,
gutem Wetter nicht zwischen Mauern, sondern im Waldesdom der Andacht zu pflegen.
Kanzel und Altar war ein Felsen, statt der Kirchenbnke dienten Moos und
Beerengestude, als Glocken summten die vom Wind geschwungenen Fichten. Nur die
Orgel war von Menschenhand - meine Harfe - sie gab im Walde guten Klang.
    In meinen Predigten tat ich kund, woher das Elend teutschen Landes komme,
und wie es zu heilen sei durch die Wahrheit. Die Konfessionen hadern
miteinander, jede whnt, ihre Pfaffen besen in den Glaubensartikeln einen
Pakt, durch den der Herrgott verbunden sei, den Schflein die Himmelsweide
aufzutun. Dabei gehet es den Parteien keineswegs blo um geistlich Gut,
irdischer Reichtum ist hauptschlich der Zankapfel. Die evangelischen Frsten
haben der Papistenkirche die Gter genommen, und nun mchte kaiserliche Majestt
die Hand darauf legen. Hin und her gezerrt wird das arme Volk von den
Confessionibus. In Strmen fleut Menschenblut, die Saaten werden zerstampft,
die Scheuern niedergebrannt, jeder blhende Gau wandelt sich zur Wste, und zur
Hlle das liebe Vaterland, wo Menschenbestien als Teufel hausen. Woher aber das
Streiten um den Glauben, aus dem allerdings dieser unselige Krieg
herfrgewachsen? Gibt es denn keine Instanz, wo die Hadernden zum Frieden
gelangen knnen? Ist denn nichts Hheres ausfindig zu machen als die Konfession?
Ja, das Hhere lebt! In allen Menschenkindern lebt es! Der eine gemeinsame
Urquell ist es, dem jede Kreatur entquillt! Er allein, der Ewige, Eine,
Unteilbare sei unsere Konfession! Lasset uns nicht geringer sein denn diese
frommen Waldbume! Nadeln und Zweige der Tanne spren, da sie demselben Stamme,
derselben Wurzel angehrig sind. Doch wehe, die argen Pfaffen predigen einen
andern Gott als den Allwesenden, darinnen wir leben, weben und sind. Schwatzen
dem trichten Volke vor, Gott sei ferne der Welt, hoch ber den Sternen, durch
eine Kluft geschieden von seinen Geschpfen. Ja, wer das glubet, ist von Gotte
hinweggewandt, denn Gott lsset sich spren nur im Zuge nach dem Einen, das
seine Geschpfe mit ihm verbindet. Wer solch Heimweh nach der Ewigkeit
vermisset, ist frwahr eine rechte Waise und irret hllenwrts. Die Hlle ist
nmlich die Abkehr von Gotte. Diese Abkehr wird von den papistischen Pharisern
befrdert, und auch die Evangelischen mu ich anklagen, dieweilen sie den fernen
Gott lehren und fr seinen Stellvertreter ihren Papst von Papier ausgeben. Nicht
also, liebe Seele, traue nicht denen, so dir vorspiegeln wollen, ihnen habe der
ferne Gott seinen heiligen Geist eingehauchet, oder das Bibelbuch habe ein fr
allemal die Offenbarung in sich geschluckt. Hoffe nicht, vom Pfaffen Gnade zu
erlangen und die ewige Seligkeit. Babel schreit: Hier ist die Kirche, hie
Christus, laufet all herzu! Wenn aber dann die Wahrheit in Gestalt eines
Redlichen nahen will, geschieht ein Geschrei: Meidet, ihr Schflein, diesen
schwarzen Teufelsbock! Er sei verflucht, Feuer her! - Ach diese Gleisner!
Dieselben sind es, so den Heiland ans Kreuz geschlagen haben. Hochmtig blhen
sie sich auf und setzen eine Wrde auf die Nase: Wir sind Herrgotts Amtsleute,
und alles Volk soll uns gehorsamen! Die auf Sankt Petri Stuhle sitzen, nicht
minder die andern Schriftgelehrten, tun als besen sie des Himmelreiches
Schlssel, vergeben Snden um Geld, schndlichen Handel treiben sie damit. Jesus
war arm auf Erden und hatte nicht, wo er sein Haupt hinlegte; sie aber wollen an
seiner Statt reich und fett sein. Zur Botmigkeit beugen sie die Nacken ihrer
Glubigen, heischen den Mammon und hufen ihn derart, da es dann nicht
verwunderlich, wenn beutegierige Herren sich darber hermachen.
    Da hab ich hingewiesen, woher das ganze Elend kommt. Wir Schreiberhauer
wollen nun die Glaubensfehler meiden, die bers teutsche Vaterland den Ruin
gebracht. Keinen Gtzen wollen wir verehren, vielmehr den Vater unser, so in uns
waltet. Wir haben ja alle einen Odem und sind aus einer Seele erboren. Die reine
Gottheit ist berall gegenwrtig, an allen Orten und Enden, wohin du sinnen
magst, auch mitten in der Erde, in Stein und Felsen. Drum laufet nicht zur
Mauerkirche, wo der Pfaffe herrscht; sondern unter freiem Himmel, wo euch das
Herz aufgeht, ist Gottes Tempel. Kein Pfaffe soll sich zwischen ihn und unsere
Seele drngen. Beten wir ihn an in der Wahrheit, die uns die Bume predigen und
die Berge, die Murmelbchlein und die wehenden Lfte. Gott lchelt aus jedem
Stern und jeder Blume, sein Himmel erschleut sich dem Menschenherzen, wenn es
ihn sprt, wie er schpft und wirkt, wie er heilt, erleuchtet und durchfriedet.
Das Paradeis, so dem verschlossen, der sich von Gotte verirrt, stehet offen
allen, die sich zu ihm wenden, nur einzugehen brauchen wir. Gedenket der Mr,
die in euren Spinnstuben von der Abendburg geraunet wird. Der de Felsen droben,
so sagt man, sei ein heimlich Schlo, verwunschen vom bsen Geiste. Wer aber die
Kraft Magiae besitzt, kann den Felsen zur strahlenden Knigsburg wandeln. Ich
deute euch diese Mr, die mitnichten ein dummes Gemare. Eine Abendburg ist die
ganze Welt, der Himmel mit den Sternen, die Erde mit ihren Gewchsen und Tieren,
mit uns Menschenkindern, mit Bergen und Gewssern, mit Meer und Luft.
Verwunschen und verstrt ist die Welt durch den schlimmen Wahn, sie sei von
Gotte verlassen und dem Teufel zum Tummelplatz berliefert. Wer so glubet, dem
freilich macht sie ein trb Gesicht, dem grauen Steine gleich. Wachet auf, ihr
Augen, und schauet mit dem magischen Blick, so wandelt sich die Welt zum
Gottesleib, drinnen seine Kraft und Herrlichkeit sich auswirkt allerorten, von
Ewigkeit zu Ewigkeit. Wer also die unendliche Abendburg entzaubert, dem blhet
innen der verheiene Schatz. Es ist die gewisse Zuversicht, da jedes
Menschenkind in sich den Gott heget, mag er auch nur wie ein Krnlein keimen.
Der Erlser in uns lebt und wchst heran zu Schpfers Ebenbilde. Die Geheiligten
lobsingen miteinander und sind auf einmal in der Stadt des ewigen Lichtes. Da
lchelt sie nun, unsere Heimat, und alles Heimweh ist selig gestillt. Friede mit
uns allen!
    Also ging von der Abendburg ein glden Schimmern aus. Der Traum vom
Lichtreiche, der mir beim Sagenstein gekommen war, teilte sich durch mein Wort
den Schreiberhauern mit und ward eine Schwarmgeisterei. Bauen wir die neue Burg
Zion! hie es - auf da erfllet werde, was der Psalmist gesprochen: Ihr seid
Gtter und allzumal Kinder des Hchsten. - Wohl gut! Doch was sich leicht
ersinnen lt in der Bergeinsamkeit und ungestrt seine phantastischen Ranken
und Wunderblten treibt, - ach welch ander Wesen entfaltet es, bertragen auf
den harten Acker der Wirklichkeit, wo es gedeihen soll auf unfruchtbaren
Steinen, zwischen widerwrtigen Dornen ... Das sollt ich nun erfahren.

Anno 34 war's, an einem Sonntage des Mrzen, und ich hatte abermals vom
Lichtreiche gepredigt. Warm schien die Sonne in den Waldwinkel, obwohl zwischen
den Felsen am Bache noch dicker Schnee lag. Als nach dem Amen die Gemeinde
schwieg, ging Windesharfen durch den Tann, die Erlenzweige wiegten ihre
rostroten Bltenktzlein, und der angeschwollene Bach orgelte einen dumpfen
Choral. Da erscholl eines Mannes Zuruf von fern, und zwischen den Baumstmmen
tauchte einer von denen auf, so beim Wachstein unser Bergdrfel vor feindlichem
Volk behteten. Auf einem Pferde aber sa ein Mgdlein in herrschaftlicher
Tracht, und es folgte ein Trupp Leute. Schauet doch! raunete man; ist das
nicht unser adlig Frulein? Ei freilich, die junge Schaffgotschin! Mit Maiwalds
Karle kommt sie zu uns. Und da sind ja auch die Knblein des gndigen Herrn! Und
der Kemnitzer Rentmeister. Den Ankmmlingen ffnete man eine Gasse und neigte
sich vor der jungen Herrschaft. Als ein rechtes Prinzelein anzuschauen war Anna
Elisabeth, Hans Ulrichs zwlfjhrig Tchterlein, schn, zart wie die Mutter
selig. Unter den vier blondlockigen Knaben hatte einer schon etwas vom hohen
Wuchse seines Vaters. Der kleinste mochte sieben Lenze zhlen. Zuerst vermeinete
ich, es werde nun auch der Freiherr kommen. Doch nein. Und es schlo nun die
Menge den Kreis um unsere Gste.
    Das Pferd ward vor mir angehalten, und die junge Schaffgotschin sprach mit
traurigem Lcheln: Gr euch, ihr Leute! Ihr wisset, wir sind eures Grundherrn
Kinder. Stehet uns nun bei, bitt euch! Unser Vater - ach, unser Vater ... Nicht
weiter konnte sie und brach in Trnen aus, das Tchel vor dem Angesicht. Weiber
kten ihres Gewandes Saum, und mnniglich murmelte bestrzt: Was hat's denn
mit dem gndigen Herrn?
    Gute Leute! nahm der Rentmeister das Wort und zog den Hut vom ergrauenden
Haupte - eine Heimsuchung hat die edeln Schaffgotsche betroffen; unser gndiger
Herr ward auf Befehl des Kaisers verhaftet ... - Mein Gott! rief alles
entsetzt. Verhaftet? Auf Befehl des Kaisers? Was tat denn unser Herr?
    Die Verhaftung ist geschehen durch den General Colloredo ... - Da haben
wir's! rief ich aus, Italiener und Spaniolen erwrgen unser Volk. - Die
Pfaffen sein schuld! meinte der Bauer Dreler. Die Jesuiter! schrien andere.
    Der Rentmeister fuhr fort: Im Ohlauer Schlosse war's - da quartierte unser
Herr. Wollte grade ausreiten, die Feldwachen zu besichtigen. Da ziehet
klingenden Spiels Colloredosches Fuvolk auf und besetzt sogleich die
Schlopforten. Unseres Herrn Kammerdiener kommt hereingestrzt: Flugs machet
fort, Herr! Doch ihm auf den Fersen sind Colloredos Offiziere, die Degen
entblt. Einer weiset den Haftbefehl vor: Im Namen des Kaisers! Herr
Feldmarschall Colloredo gebeut, da wir Ihro Gnaden nach Glatz transportieren,
ohne Verzug, lebendig oder tot. - Unser Herr, zuerst starr und sprachlos,
schumte nun wie ein wilder Eber: Lebendig oder tot? Ich will euch zeigen, wer
den andern tten wird. - Und strmte zur Ecke, wo die Standarten lehneten, und
wo sein Degen hngen sollte. Doch der Degen fehlte, ein Schelm hatte ihn
entwendet, und den Wehrlosen packten die Offiziere ... - Mein Gott! jammerten
die Schreiberhauer, und es weineten die jungen Schaffgotsche. Dreler rief:
Unser Herr ist halt ein Evangelischer, das ist sein Verbrechen! Der Bericht
aber lautete des weitern: Noch gleichen Tages waren alle Schriftstcke unseres
Herrn von den Obersten genommen und versiegelt, und bei anbrechender Dunkelheit
fuhr die Karrete mit dem Gefangenen zur Glatzer Feste. Hinterher ging das
Gercht, Herr Schaffgotsch habe benebst dem Herzog Wallenstein und dessen
Schwager Tercky Hochverrat am Hause Habsburg begangen, nmlich den untergebenen
Obersten befohlen, dem Wiener Hofe nicht Order zu parieren, dieweilen der
Generalissimus mit Wien uneins sei und als Fhrer der Armada ber der
kaiserischen Regierung stehen msse. Da alles betreten schwieg, nahm Dreler
das Wort: Wie dem auch sei - an unserm gndigen Herrn ist kein Falsch. - Dann
sprach wieder der Rentmeister: Ein gut Gewissen mu unser Herr haben,
sintemalen er sein Eigentum, ja seine Kinder, ohne Schutz mitten unter
Colloredoschem Volke gelassen hat. Das ist nach Lage der Dinge nun freilich
schlimm. Es druet den Schaffgotschischen Besitzungen, und in puncto religionis
auch den Kindern Gefahr von seiten der Jesuiter, so ja den Kaiser beherrschen.
Stellet doch der Kardinal Dietrichstein allbereits das Ansinnen, es sollen
evangelische Diener hinfrder den jungen Schaffgotschen fern bleiben ... -
Hoho! murreten die Schreiberhauer. - Man will unsere Herrschaft ausrauben,
nahm ich das Wort. Raunet man doch, es bestehe bei Hofe das tgliche Brot aus
konfiszierten Gteln. Da wird ihnen das Maul wssern nach dem Reichtum der
Schaffgotsche. Ich mchte die hochgeborenen Kinder nicht bekmmern; jedoch, Herr
Rentmeister, sowie ihr lieben Schreiberhauer, man mu der Gefahr ins Auge
schauen. Der Papismus recket seine Hand bers Gebirge, will uns Gut und Glauben
nehmen. Da gilt es, fest und treu zueinander zu halten. Drum wollen wir unserm
Grundherrn beistehen, so gut es unserm schwachen Vermgen gelingt. Nicht also,
ihr Leute? - Wir stehen bei! riefen sie. Ich selber bin ein armer Eremit der
Iserwildnis ... - Unser Prdikant ist er! rief man dazwischen. Einen
Buschprediger heien sie mich. Ohne kirchliche Bestallung predige ich unsern
Schreiberhauern, weil sie, geistlich verwaiset, mein Wort nicht ungern vernehmen
und mein Saitenspiel. Ich suche ewiges Heil, suche den Frieden fr unser armes
Vaterland und bin unserm gndigen Herrn Hans Ulrich ergeben. Seine Kinder haben
eine Zuflucht bei uns, und ihre Feinde werden wir zurckscheuchen ... Dreler,
der reckenhafte Bauer, schttelte die Faust: Wir halten Wacht beim Wachstein,
und wehe denen, so ihn berennen! Felsen schmettern wir in ihre Reihen ... -
Gut und Blut fr die Herrenkinderla! rief der lteste Mann des Dorfes, mit
einfltigem Lcheln sich neigend. Sie sein unsre Gste - wenn sie mchten
frliebnehmen - wir sein geringe Leute! rief man, und ein Weiblein platzte
heraus: Die Preislerin, die hat's frnehmste Husel. - Da hat's Speckeier und
Brathhnla, lallte der lteste Mann. Nu freilich - ein Unterscheid mu halt
doch sein zwischen Adelsblut und gemeinen Menschern. Hellauf lachte das
Frulein unter Trnen. Dreler entschuldigte: Halten zu Gnaden! Die Preislerin
trat aus der Menge und neigte sich: Htte mir's nicht nehmen lassen, die junge
Herrschaft zu bewirten. Ebenfalls den Herrn Rentmeister und unsern Prediger.
Wollet mir folgen, meine geehrten Gste! Zum Danke reichte das Frulein der
Witfraue die Hand, und nach einem Gren und Vivatruf der Menge wurden die
Schaffgotsche zur Glashtte geleitet.
    Ich ging neben dem Rentmeister und vernahm noch mancherlei von dem
Vorgefallenen. Eine Parteiung - erzhlte er - zerreit die kaiserische
Armada. Wallensteinisch sind die einen, hfisch die anderen. Unser Herr hat
stets zu Wallenstein gehalten; der hinwiederum hat nicht vergessen, da der
Steinauer Lorbeer insonderheit den Schaffgotschischen Dragonern zu verdanken. Im
Januar ist unser Herr im Pilsener Hauptquartier gewesen und hat aus Wallensteins
eigenem Munde seine Ernennung zum Obergeneral aller schlesischen Vlker
vernommen. Wie er dann aber in Glogau seine neue Charge dem Generalleutnant
Gallas meldet, schttelt dieser spttisch das Haupt und weiset einen
schriftlichen Armeebefehl vor, wonach Colloredo der schlesische Obergeneral ist.
Da stund unser Herr, der mir selber solche Krnkung geklagt hat, wie ein
Schulbub errtend und zhneknirschend. Unter Vorbehalt weiterer Schritte hat er
Urlaub genommen und nach lngerer Ratlosigkeit einen Diener, den hurtigen
Trompeterhans, nach Pilsen zum Generalissimo gesandt und um Aufklrung ersucht.
Doch bevor der Trompeterhans zurcke war, hat die Verhaftung unseres Herrn
stattgefunden. - Und welchen Bescheid hat schlielich der Trompeterhans aus
Pilsen gebracht? - Er ist noch immer nicht zurck. Seit ein paar Wochen haben
wir schier jeden Tag gesprochen: Heut mu er endlich kommen. Gebe Gott, da ihm
nichts Schlimmes widerfahren ist. Seltsamerweis konnten wir auch ber die
Vorgnge im Hauptquartier nichts Gewisses in Erfahrung bringen - als seien alle
Botschaften dorther abgeschnitten. Ein Gercht will wissen, der Kaiser habe den
Wallenstein abermals abgesetzt. Wallenstein aber wolle sich das nicht gefallen
lassen und wende sich gegen den Hof; wolle mit den Sachsen rasch Frieden
schlieen, ihre Truppen an die seinen angliedern und den Kaiser zu Wien
besuchen. Anders, so scheint's, gibt der Kaiser nicht nach; abpochen mu man
ihm, was not tuet. Es wre wohl besser gewesen, unser Herr Schaffgotsch htte
das frher eingesehen und nicht so lange mit der Tat gezgert. Htte sollen dem
Colloredo zuvorkommen und diesen selber beim Kopfe nehmen, den Gallas dazu und
die ganze welsche Canaglia, so uns am Marke zehrt, den Piccolomini und Collalto,
Diodati und Caretto, Maradas und Mora ...
    Whrend dieser Rede hatten sich die Schaffgotschischen Knaben an uns
herangemacht und lauschend ihre zagen Herzlein mit Hoffnung geletzet. In
Preislers warmer Balkenstube, wo Brathhnla und Speckeier tatschlich dufteten,
tauete die kindliche Munterkeit auf, indessen ich mit dem Rentmeister beim Biere
des weitern ber die Zeitlufte redete. Der Herr legte dar, weshalb neuerdings
der alte Gegensatz zwischen Wallenstein und dem Hofe zur rgsten Schrfe geraten
sei. Zwar zuerst nach dem Siege bei Steinau schien der Jubel zu Wien kein Ende
zu nehmen, und Wallenstein war der glorreichste Held. Im Sptherbst jedoch gab
es lange und bleiche Gesichter, da auf einmal der Weimaraner Bernhard die Hand
auf Regensburg gelegt hatte, den Schlssel zu sterreich und Bayern. Der Kaiser
machte fr solch gefhrliche Schlappe den Wallenstein verantwortlich, weil
dieser den Sden vernachlssigt habe. Vom Kaiser herbeigerufen, versuchte
Wallenstein zuerst, in Eilmrschen Entsatz zu bringen, blieb aber auf halbem
Wege in bhmischen Winterquartieren liegen. Zur Rechtfertigung machte er
geltend, ein Winterfeldzug werde das Heer ruinieren, die Soldateska werde
entweder meutern oder desperieren und krepieren. Nun flsterten die Hflinge,
der Generalissimus sei ein gar zu groer Herre worden und habe Absichten auf die
bhmische Krone. Wallenstein, der wohl sah, wie man in Wien seine Stellung
untergrub, suchte sich der Treue seines Heeres zu versichern. So kam im Jnner
jener Oberstenkonvent im Pilsener Hauptquartier zustande, dem auch Herr
Schaffgotsch beiwohnte; einer seiner Diener hat mir davon Bericht gegeben. Den
aus allen Lagern herbeigerufenen Kommandanten lie der bettlgerige
Generalissimus durch Feldmarschall Ilow erffnen, wie er der ewigen
Verdchtigungen und Zumutungen von Wien mde und hchlich disgustiert, berdies
alt und gichtbrchig sei und deshalb lieber auf sein Generalat verzichten und
ins private Leben zurcktreten wolle. Darob gerieten die Herren in nicht geringe
Bestrzung. Weil viele ihre Regimenter aus eigenem Beutel geworben und all ihre
Wohlfahrt in die Armada gesteckt hatten, so liefen sie Gefahr, alles zu
verlieren, sintemalen sie allein in Wallenstein ihre Brgschaft sahen. Ihn
umzustimmen und zum Ausharren zu veranlassen, sollte ein Bankett verhelfen, das
Ilow in seinem Losamente gab. Nach dem Mittagsmahle blies Ilow die vom Weine
schon heien Kpfe durch eine Ansprache zur Glut an. Der Hof wolle die Armada um
Quartier, Sold und Beute bringen. Die Pfaffen htten einen Anschlag auf Herzog
Wallenstein gemacht und ihn mit Gifte vergeben wollen. Der Herzog bedeute nicht
blo des Reiches, sondern zugleich des Kaisers Rettung und msse zu diesem Ende
seine Macht ohne jede Schmlerung gebrauchen. Er sei auch solchem
vaterlndischen Werke trotz aller Gegenminen immer noch geneigt, wofern die
Obersten ihm Treue schwren, seine Person und die Armada zu konservieren. Der
das nit tuet, soll vertilgt werden, ruft Herzog Julius Heinrich. Und wie der
hitzige Losy alle Obersten, so nicht mitmachen mgen, vor Hundsnasen
ausschreiet, antwortet ihm einer aufbrausend, er verdiene, fr dies Wort zum
Fenster hinausgeworfen zu werden. Der Kroat Isolano sucht den Tumult mit
gezogenem Degen zu stillen und vermehrt ihn nur. Piccolomini gert mit Tercky in
Wortwechsel, heiet ihn einen traditore, heuchelt indessen Trunkenheit und hpft
lachend mit Isolano umher, worauf sich Tercky beschwichtigen lt. Inzwischen
wird ein zu Papier gebrachter Schlu zur Unterzeichnung aufgelegt, der die
Offiziere an Stelle eines krperlichen Eides verpflichtet, zum Friedlndischen
Herzog ohne Absonderung zu halten, wohingegen dieser beim Heer bleiben solle.
Die Unterschriften wurden der Reihe nach geleistet; auf den Herzog Julius
Heinrich und den Feldmarschall Ilow folgte Herr Schaffgotsch. Manche
unterzeichneten rasch, andere unter Bedenken und dissimilando. Etliche, die
nicht ganz eingeweiht waren oder so taten, schrien in das Stimmengewirr: 
Dchirez la lettre! Wascherei! Pochen wir's dem Kaiser ab! Es war eine volle
Mette, und viele mgen sich nach so starkem Trunke kaum entsonnen haben, was
alles getan und geredet worden. Doch mitnichten bergangen hat's der Wiener Hof,
der seine Lauscher und Spher halt mitten unter Wallensteins Vertrauten hat. Fr
Meuterei schreien die Spaniolen den Pilsener Schlu aus, und der Parteien
Feldgeschrei lautet: Hie Ferdinandus - hie Wallenstein! - Ja, rief ich aus,
Wallenstein ist der Mann, unser armes Vaterland zu retten. Wenn's doch wahr
wre, da er die bhmische Krone erstrebt! Ich wnschte ihm gar des Reiches
Krone. Er wrde die Frsten und Pfaffen bndigen, den Welschen heimleuchten und
den teutschen Stmmen nach dem schndlichen Bruderzwiste Ruhe und Erholung
gnnen. Auf der Grundlage eines Toleranzfriedens! Doch freilich, Gott sei's
geklagt, der Pfaff will keine Toleranz, die Soldateska keinen Frieden, und der
Kaiser ist diesen Fressern unserer Landeskraft zu Willen. Donner und Hagel! So
zwinge doch Wallenstein seinen patriotischen Willen dem Ferdinando auf!
    Der Trompeterhans! rief auf einmal einer der Junker, so am Fenster
gesessen war, und strmte zur Stube hinaus. Pferdetrappen nahte, und durchs
Fenster sphend, sagte der Rentmeister: Wahrlich, der Trompeterhans - er bringt
Botschaft von Wallenstein. Wir eilten vor die Tr, und da stieg ein Reiter ab,
ein junger Gesell mit sprossendem Bart, in rotem Wams, bewaffnet. Kurz und
leicht war er, doch sehnig, behend, feurigen Auges. Was bringst du? rief der
Rentmeister. Ein dsterer Blick war die Antwort, und wir errieten, da es eine
Hiobspost sei. Der Trompeterhans grte die jungen Schaffgotsche und den
Rentschreiber, atmete tief und brachte heraus: Wallenstein ist hin - gemeuchelt
haben ihn die Kaiserischen! Nach dieser grauenvollen Mr war mir zuerst, als
narre mich ein bser Traum. Wallenstein ermordet? Unsere groe Hoffnung mit
einem Schlage vernichtet? Wie denn? Der reichste Frst, der gewaltigste
Sldnerfhrer, von dem alles zitterte, der Kriegsgott, der des Vaterlandes
Schicksal in Hnden hielt, er sollte auf einmal hin sein? Und gar gemeuchelt?
Wir waren bleich und rangen nach Odem. Es qulte mich, da die Sonne schien und
eine Lerche trillerte. Wir gingen langsam in die Balkenstube. Der Trompeterhans
nahm den dargereichten Trunk, setzte sich zum Herd und kam mit dem Bericht
heraus:
    Nahe bei Pilsen, in einer Dorfschenke, vernehm ich, der Wallenstein sei
zween Tage zuvor nach Eger aufgebrochen, wo er sicherer sei und nher den
Schweden, denen er sich nun gnzlich in die Arme werfen wolle ... - Den
Schweden? unterbrach der Rentmeister bestrzt. Ja, dem Feinde! antwortete der
Trompeterhans. Vom Kaiser gechtet, wollte er halt sein Leben retten. - Er
hatte doch den Wall seiner Regimenter um sich! - Keinen Wall! Verlassen hatten
ihn sein falscher Freund Piccolomini, Diodati und mehrere Regimenter. Nur noch
fnf Kompagnien hielten zu Wallenstein. Nicht mehr stolz zu Rosse kommandierte
er seine Vlker. In einer alten Snfte, von Pferden getragen, barg er den
siechen, von Schmerz zerwhlten Leib, und einer Flucht glich dieser Zug. Nur
wenige Getreue umgaben den Herzog, seine Schwher Ilow und Tercky nebst deren
Gemahlinnen, etliche Karreten und Snften. Den Beschlu machte ein tckischer
Auslnder namens Buttler mit seinen Dragonern. Das war der Judas, der seinen
Meister verkaufte. In Mies, wo Wallenstein bernachtet hatte, erfuhr ich, wie
schlecht es mit ihm stehe, und in Plana kam mir gar ein Patent vom Hofe unter
die Augen; der Kaiser - so hie es darin - erklre den Herzog von Friedland fr
einen Majesttsverbrecher und lasse ihn durch Gallas, Piccolomini und Maradas
lebendig oder tot einholen. Am nchsten Tage sah ich hinter dem Flusse Eger die
Burg mit ihrem Turme und die Stadtkirche in die graue Winterluft ragen und
meldete mich bei der Torwache als Kurier fr den Herzog von Friedland ... -
Und hast ihn gesprochen? fragte der Rentmeister ungeduldig. Der Trompeterhans
schttelte das Haupt: Man hat mich nicht zu ihm gelassen. Oberst Gordon, der
Kommandant von Eger, war bereits abtrnnig und mit Buttler einig, den Herzog und
seine Partei umzubringen. Ich witterte Unrat, da man mich unter einem Vorwande
entwaffnet und auf die Burgwache gebracht hatte. Dorten ward mir gewi, ich sei
ein Gefangener. Durch das Gitterfenster der Wachtstube konnt ich hren,
teilweise auch sehen, was auf dem Burghofe und im Bankettsaale vor sich ging.
Whrend, wie es hie, der kranke Herzog von Friedland in der Brgermeisterei am
Ringe seine einsame Erholung suchte, hatten seine Vertrauten, die Grafen Kinsky
und Tercky, der Feldmarschall Ilow und der Rittmeister Neumann, die Einladung
des hinterhaltigen Gordon zur frhlichen Tafel angenommen. Da nach dem Schmause
die Fenster geffnet wurden, konnte man hren, wie der Wein die Zungen gelst
hatte. Ein Wallensteinischer prahlte, in wenigen Tagen werde der Herzog eine
Armee zusammengebracht haben, der ganz Europien nicht widerstehen knne. Ein
anderer rief im bermut der Trunkenheit: Ihr Brder, wahrlich ich will mein
Haupt nicht eher sanfte legen, als bis diese Hand in Habsburgs Blute gewaschen
ist, - ja in Habsburgs Blute, dixi! Lautlos still ward alles, dann ging neues
Toben los. Soeben war Friedlands Wohl getrunken, als im Hofe dumpf Waffen
klirrten und Soldaten sachte schritten. Auf einmal rief eine Stimme im
Bankettsaale: Nieder mit Friedland! Viva la casa d'Austria! Holla, wer ist gut
habsburgisch? Dies war das Feldgeschrei fr die kaiserische Partei und das
verabredete Zeichen zum Beginne der Mrderei. Unter solchen Rufen hatten Gordon,
Leslie und Buttler die drei Kerzenleuchter vom Tische genommen und sich auf die
Seite begeben, indessen andrerseits Dragoner mit blanker Waffe auf die
berraschten Freunde Wallensteins eindrangen. Und nun ging ein Waffenrasseln
los, ein Hilferufen, Wutgebrll und Sthnen. Wie man spter sagte, war Kinsky
der erste, der in sein Blut sank. Ilow, der seinen Degen von der Wand nehmen
will, empfngt den mrderischen Sto durch den Rcken. Tercky, dem es gelingt,
seines Degens habhaft zu werden, wehrt sich wie ein Leu. An die Wand gelehnt,
fordert er Gordon und Buttler als schndliche Verrter heraus, ritterlich mit
ihm zu fechten. Die Dragoner, von denen er schon zwei niedergestreckt hat,
stutzen vor seinen Hieben und Sten und halten ihn schon fr gefeit und
gefroren, indem sein Lederkoller wie ein Panzer schtzt. Da findet Deveroux mit
schlitzendem Dolche den Weg zum Herzen, und dies hat ausgeschlagen. Neumann ist
zwar aus dem Saale entronnen, doch nur, um in die Spiee der Auenposten zu
strzen. Gleich mir und der ganzen Wachtstube hatten die in einem Gemache neben
dem Saale speisenden Diener das Hilfegeschrei ihrer Herren vernommen, konnten
aber nicht beistehen, da sie eingesperrt waren. Wohl sprangen etliche aus dem
Fenster, wurden jedoch von den unten postierten Soldaten niedergemacht. Ein
einziger entkam aus der Burg und rannte, whrend eine Kugel hinter ihm drein in
die Nacht sauste, zur Brgermeisterei, um den Frauen der getteten Grafen die
Schreckenspost zu berbringen. Schaurig war's fr mich, manches von diesen
Vorfllen aus der Nhe wahrzunehmen, ohne helfen, ja ohne meine friedlndische
Gesinnung verraten zu drfen. In der Wachtstube verblieb ich die ganze Nacht,
von den Soldaten als ein Gefangener gehalten, wiewohl sie kameradschaftlich mit
mir redeten und nichts dagegen hatten, da ich ber ihre Schultern durchs
Fenster lugte, sobald sich auf dem Hofe etwas zutrug. Bald nach der Mordtat trat
der Oberstwachtmeister Leslie zu uns in die Wachtstube und sagte, es sei soeben
ein Befehl des Kaisers vollstreckt; hinfrder gelte nur noch des Kaisers Wille,
und man solle Seiner Majestt schwren; mit der Friedlndischen Tyrannei sei es
nun endlich aus. Unverzglich leistete die Wache den verlangten Eid. Drauf
beobachteten wir, wie bei Fackelschein die Ermordeten aus dem Burghause in den
Hof geschleift und nebeneinander in die Ecke gelegt wurden. Whrend man in der
Wachtstube zechend und knchelnd disputierte, lag ich auf meinem Strohsack und
berlegte, ob Herzog Wallenstein ermordet, gefangen oder entkommen sei, und was
aus diesen Ereignissen fr unsern Herrn Schaffgotsch zu erwarten. Als der erste
Hahn krhte, ward ein Trupp trunkener Offiziere in die Burg eingelassen, und aus
ihren Reden entnahmen wir, was in der Stadt vorgefallen war. Bis gegen
Mitternacht hatte sich Wallenstein mit seinem Astrologo ber das Geheimnis der
Sterne beraten und das Verhngnis der kommenden Stunden enthllen wollen. Seno
hatte ihn vor einer groen Gefahr gewarnt, doch nun vermeinte Wallenstein, die
Gefahr sei vorber, und hatte sich zu Bette begeben. An den Fensterscheiben
rttelte der Sturm, und es klirrte ein scharfer Regen. Auf einmal erschallt
weibliches Jammergeschrei; es sind die Grfinnen Tercky und Kinsky, denen der
entsprungene Diener den blutigen Tod ihrer Gatten gemeldet hat. Zugleich stampft
die Meuchelbande die Wendeltreppe heran und sprengt die Tr. Im Hemde steht
Wallenstein beim Fenster, als Deveroux mit gefllter Partisane auf ihn
losstrmt: Bist du der Schelm, der des Kaisers Volk dem Feinde zufhren und der
Majestt die Krone vom Haupte reien will? Da Wallenstein verchtlich schweigt
und die Brust entblt, seine Arme ausbreitet, so stt der Mrder zu. Ohne
Schmerzenslaut, stumm sinkt der Herzog zu Boden. Ein paar Augenblicke stund die
Meuchelbande starr vor ihm, dem sie bisher zitternden Gehorsam entgegenbrachten.
Dann verga ihre Furia jede Ehrfurcht und vergriff sich an dem Leichnam. Ein
paar Dragoner wollten ihn zum Fenster hinauswerfen. Deveroux lie ihn die Treppe
hinunterschleppen und aufs Pflaster legen. Gegen Morgen brachte ihn ein Wagen
auf die Burg, wo er neben die anderen Leichen zu liegen kam. Da hab ich ihn
gesehen, den Kriegsfrsten, bleich, blutig und starr, in einen roten Teppich wie
in einen scharlachenen Knigsmantel gehllt ...
    Der Trompeterhans verstummte, whrend das grfliche Frulein aufschluchzete,
und die Junker klagten: Vater! Was wird nun aus unserm Vater? - Nach einem
dstern Schweigen fragte der Rentschreiber: Und wann ist die Untat geschehen?
- Am 25. Feber. - Den Tag zuvor geschah die Verhaftung unseres Herrn
Schaffgotsch. - Nicht zeitig - so fuhr der Trompeterhans fort - hab ich die
Meldung der Vorflle heimbringen knnen, da ich erst vor fnf Tagen aus der
Egerschen Gefangenschaft entlassen worden bin. - Was wird aus unserm Vater?
klagten die Kinder aufs neue. Nun ist er auf die gerhmte Klemenz des Hauses
Habsburg angewiesen, sagte der Rentmeister kleinlaut und bitter. Wir trsteten
die jungen Schaffgotsche, so gut es gehen wollte. Ich dachte indessen: Da hat
nun der kaiserliche Hof neue Beute; die reichsten Herren des Schlesischen und
Bhmischen Gebirges liegen auf der Strecke; die Gter der Friedlndischen
Herrschaft sowie Terckys und Kinskys werden konfisziert, und wer wei, ob nicht
auch die Schaffgotschischen an die Reihe kommen. Mir scheint, das
Hauptverbrechen unseres Herrn ist sein Reichtum. Den Teufel auch!
    Als wir die besten Mnner von Schreiberhau zur Beratung versammelt hatten,
schlug uns eine neue Hiobspost aus Kemnitz nieder. Der kaiserliche Fiskal von
Knobelsdorf schrieb dem Rentmeister, es seien die Schaffgotschischen Gter dem
Fisco Ihrer Majestt verfallen; was aber die Kinder des Freiherrn anlange, so
werde ihnen eine Alimentation gewhrt, vorausgesetzt, da sie sich der
kaiserlichen Gnade unterwerfen. Nach manchem Hin und Wider der Meinung kamen wir
schlielich berein, es sei fr die Herrenkinder das Ratsamste, doch lieber
nicht im Gebirge versteckt zu bleiben, sondern ins Kemnitzer Schlo
zurckzukehren. Schwer und grimm war mein Herz, als ich diesen Abend den
einsamen Gang zur Abendburg tat.
    Friede! seufzete ich droben bei meinem Felsen, und in den lichtbesten
Nachthimmel sank mein Schauen ... Friede, warum meidest du wie ein Gechteter
das Volk der Erdbewohner? Ist unsere Kreatrlichkeit daran schuld, da wir so
unaufhrlich in Habgier und Streite lodern, nicht anders denn Holz, wann es
angesteckt in Flammen aufgeht? Von der Erbsnde reden die Gottesgelahrten, und
es mu wohl so sein, da der Mensch durch einen Sndenfall sein ganz Geschlecht
aus dem Garten Eden verbannt. Selbstschtig hat die Kreatur sich abgesondert von
der Einigkeit ihres Ursprungs und ist dem Schweifen in der Fremde verfallen, wie
der verlorene Sohn, oder wie der Engel Luzifer, so in den Abgrund strzte. Und
nun - was kann die verlorene, vereinsamte Seele erlsen und heimfhren?
Zerreien mu sie den Schleier des Wahns, es seien die Geschpfe gentigt,
einander zu befehden. Das brauchen sie mitnichten; vielmehr soll sich eines im
andern wiederfinden und mit ihm heimkehren zum allgemeinsamen Vatergrunde.
    Oh ich ahne die Seligkeit dieser Heimkehr. Du gabst sie mir zu kosten, meine
Thekla! Drum glaub ich gern, was die Sprachkundigen sagen: der Name Thekla sei
griechisch und bedeute Gottesschlssel. Allerdings hast du, Geliebte, mir
aufgeschlossen das Sternenland, wo Ich und Du im Ewigeinen zusammenflieen.

O Schwester fern im Sternenland,
Ich gre dich mit heiem Weinen.
All meine Tiefen sind entbrannt,
Mich deinem Lichte fromm zu einen.

Du mahnest an den Vatergrund,
Der uns einander eingeboren.
Ein Sndenwahn zerri den Bund;
Mein Garten Eden ging verloren.

Geschieden aus der Ewigkeit,
Trieb ich der Fremde nach vermessen.
Fort splte mich die Woge Zeit -
Und meine Schwester war vergessen.

Doch eines Nachts am Felsenstrand,
Als dumpf das Lied der de toste,
Da ward ich heimlich s gebannt,
Weil mich ein Sternenauge koste.

Du warst es, und ich sog den Seim
Der alten Lieb aus diesem Auge.
Nun fhl ich treu, wo ich daheim,
Und da ich noch zur Heimkehr tauge.

Nun trag ich treu der Fremde Not
Und sehne mich zur Strahlenferne -
Bis alle Fremdheit in mir tot..
O selig Grab im Schwestersterne!

Es war an einem Abend des Julimonds, und ich molk meine Ziegen, als der Oheim
nebst einem Fremden auf meine Klause zuschritt. Der war jung, von hohem,
schlankem Wuchse, hatte groe stahlblaue Augen und schwarzes Haar. Im gebrunten
Antlitz spro der erste Bart. Waffen trug er und sahe wie ein Soldat aus. Als
wir einander begrt hatten, sprach der Oheim: Hier ist ein Bote vom
Schmiedeberger Stadthauptmann Pretorius, bringet trbe Kunde. Schmiedeberg ist
von einer streifenden Partei niedergebrannt. Seufzend nickte der Bote: Bis auf
wenige zerschlagene Huser stehet nunmehr alles ganz de und wst. Schweigend
sahen wir einander an, verdstert die Stirnen. Dann fragte ich: Und hat Er
sonst noch etwas von seinem Hauptmann zu vermelden? - Allerdings, entgegnete
der Bote, Pretorius hat einen Teil der Brgerschaft in den Meltzer Grund
gerettet, wohin kein Feind zu dringen wagt. Wir haben ein wenig Vieh und
Getreide. Das gengt indessen nicht, und so hat Herr Pretorius Boten in die
unterschiedlichen Ortschaften des Gebirges abgesandt, anzufragen, ob fr Geld
und gute Worte Lebensmittel zu haben seien. Ich bin nach Schreiberhau gekommen,
und der Gemeinderat ist meiner Bitte, wie es scheint, geneigt, hat es aber fr
ratsam befunden, den Herrn Johannes um seine Meinung zu befragen. Da bin ich
nun, dein Oheim hat mich hergeleitet. Du wohnest hier dem Himmelslichte nahe und
predigest, wie ich vernehme, so wahr, da ich hoffen darf, auch du wirst uns
Lebensmittel bewilligen. - Ich stimme bei, entgegnete ich, in diesen
schlimmen Zeiten sollen wir Bergbewohner zusammenhalten. Der Bote blickte
dankbar und drckte meine Hand. Dann betrachtete er meine Balkenklause, Felsen,
Stall und Ziegenweide und schaute ber die Bergwlder zur blauen Ferne. Im
Seufzer schien ihm eine Brde vom Herzen zu sinken. Hier ist es still; wir
Schmiedeberger wissen kaum noch, was Frieden ist. Nachdem er wieder in Sinnen
verfallen, meinte er mit traurigem Lcheln: Denket nur, selbst das Vieh ist der
Kriegsunruhe so gewohnt, da es ohne Antreiben der Hirten auf die Stadt zulief,
sobald man anfing, mit dem besondern Hammer die Sturmglocke zu schlagen. Die
Tiere wuten dann sogleich, da Feinde kommen. Bitter fgte er hinzu:
Freilich, durch das viele Anschlagen ist die Sturmglocke zersprungen.
    Ich lud meine beiden Gste ein, mit mir das Mahl zu teilen und in meinem
Gehus die Nacht zuzubringen. Da der Bote gern einwilligte, so gingen wir in die
Balkenklause. Ich zndete Kienspne an und trug Brot, Schinken, Milch und
Beerenwein auf. Da wir uns zum Essen hingesetzt hatten, faltete ich nebst Tobias
die Hnde, der Bote aber tat dies nicht, sondern sttzte sein Haupt in die Hand.
Als wir nun aen, konnte ich die Frage nicht zurckhalten: Wie kommt es, lieber
Mann aus Schmiedeberg, da Er vorhin gesagt hat, ich predige Wahrheit, und da
Er gleichwohl an unserm Gebete nicht teilgenommen hat? - Ich habe
teilgenommen, erwiderte der Bote, jedoch auf meine Weise. Wir Putzkeller
falten beim Beten nicht die Hnde, weil wir nicht droben, nicht jenseits den
Gott suchen. Wir schmiegen die Stirn in die Hand, weil in solcher Stellung der
Mensch nachzusinnen pflegt. Im Sinnen finden wir den Lichtvater, so nicht im
Himmel wie ein Regente waltet, sondern innen im Menschenherzen. - Recht so,
Schmiedeberger, erwiderte ich, des Menschen Herz ist die rechte Kirche, wo er
beten soll. Mit unverhohlner Freude sprach der Bote: So bist du einer der
Unseren, gehrst zu den Putzkellern, ohne es zu wissen. - Wer sind denn die
Putzkeller? fragte Tobias, und der Bote antwortete: Ich habe Euch noch nicht
gesagt, da ich Segebodo heie, mit dem Beinamen Putzkeller, den auch mein Vater
und Grovater fhrten. So werden seit alter Zeit Anhnger meines Glaubens
benamset. Putzkeller waren schon unsere teutschen Urvter, ehe denn die Kirche
sie irregeleitet und geknechtet hat. - Ei, was glauben denn die Putzkeller
sonst noch? fragte ich, will Er zum Exempel offenbaren, wie Sein still Gebet
gelautet hat? - Das will ich, entgegnete Segebodo, sttzte dann seinen Kopf
auf die Hand und raunte feierlich:

Licht-Vader use!
Tovorn wrstu ower uns,
Nu awers bistu under uns,
Un dyn Ryk shall warden binnen uns.

    Hast du verstanden, Tobias? sprach ich zum Oheim; er hat eine hnliche
Mundart, wie man sie im Magdeburgischen redet. Er betet: Licht-Vater unser,
zuvor warst du ber uns, nun aber bist du unter uns, und dein Reich soll werden
innen uns. Frwahr, ein schn Gebet. Segebodo, sag Er mir, aus welchem Gaue
teutschen Landes Er stammt. - Im Harzgebirg bin ich geboren, zu Elbingerode,
nahe dem Berge Brocken. - Und wie kam es, da Er nach Schmiedeberg verschlagen
ward? - Mein Vater, das Haupt unserer heimlichen Gemeinde, hat, da ich
zwanzig, meine Schwester Berthulde achtzehn Jahre zhlte, zu uns gesprochen: Nun
gehet, wie es sich fr Erleuchtete geziemet, hinaus in die Welt und kndet den
blinden Geschwistern das Heil! So bin ich mit Berthulden zunchst nach Goslar
kommen. Daselbst haben sie an Berthulden ein rgernis genommen und sie der
Hexerei angeschuldigt. Beide aber sind wir entwichen und nach den Schlesischen
Bergen gezogen. - Tobias erstaunte: Wie denn? Eine Hexe soll deine Schwester
sein? Und ich fgte hinzu: Was hat sie denn getan? - Eine Lichtjungfer ist
sie, entgegnete Segebodo; das will heien, sie ist geweiht, fromme Dienste zu
tun, wenn wir in heiliger Nacht den Vater des Lichts mit Flammen feiern, wie es
von alters her auf dem Brocken geschieht. - Wie feiert ihr denn? fragte ich.
Segebodo schlug die Augen nieder: Nichts fr ungut, wenn ich auf diese Frage
schweige. Unsern Lichtdienst offenbaren wir nur den Eingeweihten. Wir haben
unsere Geheimnisse. - Und ist euer Geheimnis verraten worden? Hat man euch
etwan beim Brockenfeuer belauscht und die Lichtjungfer angegeben? - Nein! Wir
sichern die heilige Handlung vor Beobachtern durch ausgestellte Wachen; aber zu
Goslar hat Berthulde, wiewohl vom Lichte begnadet, einer torenhaften Minne
gehuldigt. - Wie das? sagte ich, oder mchte Er auch darber schweigen?
    Ich denke wohl, Euch darf ich es sagen. Erst wenige Tage wohnten wir zu
Goslar, als Berthulde ihr Herz an einen Schmiedegesellen verlor, der ein schner
Jngling war. Ganz unsinnig aber hat sie ihre Minne gemacht, da sie kaum andere
Gedanken gehabt, als ihrem Schatz nachzuschleichen und ihn zur Gegenminne
magisch zu bestimmen. Der Geselle jedoch hat nicht ein einzig Mal sein Aug auf
sie geworfen. Da hat Berthulde wahrgenommen, wie er des Sonntags gern einen Wald
besuchte, wo ein Bach ber Steine rauscht. Eines Sonntags nun ist sie
rechtzeitig dorthin gegangen, der Zuversicht, ihr Liebster werde sich auch
diesmal einstellen. Ihn zu betren, betrieb sie einen seltsamen Plan. Bis auf
die weie Haut hat sie sich entkleidet und die Kleider im Walde versteckt, ihr
langes Flachshaar mit Glasperlen durchwirkt und ein Krnzlein von Schilf aufs
Haupt getan. So ist sie am Bache gesessen, die Fe netzend, als der Jngling
daherkam. Verwundert blieb er stehen und vermeinete anfangs, es bade sich eine
Dirne vom nchsten Gehft. Berthulde aber hat ein Putzkellerlied mit ihrer
schnen Stimme gesungen und mit dem Haarschmuck, den zarten, geschmeidigen
Gliedern und ungewhnlichen schwarzen Augen dem Beschauer mehr und mehr ein
bermenschlich Wesen gednket. Schlielich hat er seinen Hut gezogen und nach
demtigem Neigen gesprochen: Gndige Jungfer, oder wie immer Sie zu benamsen! Es
mag sich nicht geziemen, da ein unadliger Mensch sich einem solchen
ansehnlichen Frauenzimmer nhert. - Das mu Er nicht sagen, antwortete mein
listig Schwesterlein; es ist ein Gottesgeschpf des andern wert. berdies hab
ich schon hundert Jahr auf Ihn gewartet. Sintemalen es der Himmel nun fget, da
wir diese lngst erwnschte Stunde mitsammen erleben, so bitt ich um Gottes
willen, Er setze sich zu mir und vernehme, was ich zu reden habe. Der
Schmiedeknecht setzte sich, und sie wartete ihm mit folgendem Mrlein auf: Mein
allerliebster Herzfreund, meine Hoffnung und Zuversicht, Sein Name, nicht wahr,
ist Jakob? Nun gut! Ich bin Miranda, der Melusine Tochter, die sie mit dem
Ritter Stauffenberg erzeugt, leider aber verflucht hat. Drum so soll ich bis zum
Jngsten Tag in diesem Wald verbleiben, es sei denn, da mich der Schmiedeknecht
Jakob aus Goslar zum Ehegemahl erwhle. Nur durch ihn werde ich erlst -
freilich mit dem ausdrcklichen Geding, da er aller andern Weibsbilder mig
gehe und unsere geheime Heurat ein Jahr lang verschwiegen halte. Darum, so seh
Er nun, wie Er's recht mache. Will Er mich ehelichen und diese Dinge halten, so
werd ich selig und mach Ihn zum reichsten, glckseligsten Mann auf Erden. So Er
mich indessen verschmhet, mu ich zu Wasser zerrinnen. Der einfltige
Schmiedeknecht, so die Fabulam der Melusine gelesen, gelobte auf den Knien, der
Miranda Ehegesponst zu werden. Gleich hinterher aber nahm er in seiner frommen
Scheu unter Verneigungen den Rckzug. Geriet dabei zur Stelle, wo Berthulde ihre
Kleider abgelegt hatte, und es dmmerte ihm nun wohl, da er mit einem
gewhnlichen Menschenkinde zu tun gehabt. Daheim bei seiner Schmiedemeisterin
vermochte er nicht reinen Mund zu halten. Er sagte, das nixenhafte Weibsbild
habe zusammengewachsene dunkle Augenbrauen gehabt. Die Berthulde kannten, rieten
sogleich auf sie, und wegen der Emprung, so im Goslarer Weibsvolk laut ward,
konnte der stdtische Rat nicht umhin, den Fall zu erwgen. Doch hat's die
Schicksalsfrau so gefgt, da im Rate ein Mann war, so auf meine Schwester ein
Auge geworfen. Wie der nun sahe, da man sie zur Hexe machen wolle, hat er sich
still aus der Sitzung entfernt und uns gewarnet. Rechtzeitig konnten wir aus
Goslar entweichen, und das war gut, denn sie haben meine Schwester zum
Scheiterhaufen verdammt. - Aber warum denn? fragte ich. Nur eine Komdiantin
aus Liebestollheit, keine Hexe ist sie gewesen. - Schon recht, erwiderte
Segebodo; doch kam im Rate noch eine andere Sache zur Sprache. Berthulde hatte
ein Zauberding, und nun hie es, sie stehe mit dem Bsen im Bunde. - Was fr
ein Zauberding? fragte mein Oheim. Segebodo wollte nicht mit der Sprache
heraus. Wie aber Tobias, die Hand auf seinen Arm gelegt, lodernden Blickes in
ihn drang, und wie ich hinzufgte, hier seien keine Hexenbrenner, erwiderte
Segebodo: Es war ein Spiritus flammarum. - Was ist das? fragten wir. Aber
nun erhielten wir keine Auskunft, und Segebodo stellete uns anheim, das Nhere
von seiner Schwester selbst zu erkunden. Da es Schlafenszeit war, machte ich in
der Balkenstube fr meine Gste ein Lager zurecht und bat den Oheim, er mge
sehen, ob der Ziegenstall verwahret sei.
    Kaum war der Oheim hinausgegangen, so rief er jammernd: Mein Gott!
Hirschberg stehet in Flammen! Wie wir nun kamen, sahen wir den Nachthimmel
gertet, als ob die Sonne aufgehe. Das ganze Hirschberger Tal war best mit
Feuersbrnsten und hinten die Stadt eine einzige Glut. Der Oheim schlug die
Hnde zusammen und sagte nur immer: Mein Gott! Mein Gott! Segebodo knirschte:
Bestien! Ich prete die Faust auf mein Herz, das sich schmerzlich zusammenzog.
Lange blieben wir unter dem Nachthimmel und berieten, wie sich dem Vaterland
oder mindestens den Bewohnern unseres Gebirges helfen lasse. Das ganze Gebirge
sollten wir zur uneinnehmbaren Feste machen, meinte Segebodo, und sollten uns
abschlieen gen alles, was von auen unsern Bergfrieden stren will. Ist nicht
zum Exempel die Sttte hier wie zu einer Burg geschaffen? Vor Zeiten hat hier
wohl auch eine Burg gestanden, wie der Name Abendburg verrt. Tobias stimmte
bei und berichtete dem Boten die Mr von der Abendburg. Daran knpfte er die
Frage: Kann deine Schwester, geheimer Knste kundig, wohl eine Zaubersuppe
bereiten, die in Sankt Johannis Nacht den Felsen ffnet? Haben wir erst das Gold
der Abendburg, so knnen wir die schnste Burg erbauen und das ganze Gebirge zu
einer Feste machen. Wir haben alsodann, woran es uns mangelt: Geld, viele
Menschen zu unterhalten und zu besolden. In stummen Gedanken nickte Segebodo.
    Des andern Morgens geleitete ich meine Gste hinunter zu Oheims Husel, und
wir vernahmen, was sich mit Hirschberg zugetragen. Obwohl die Stadt vom General
Colloredo mit einer Schutzwache versehen war, hatten 2000 kaiserische Soldaten
die Vorstdte berfallen und geplndert. Hierauf begehrten sie Einla in die
Stadt. Da man nun die Tore verschlossen hielt, trugen sie Leitern ans
Langgassentor, um berzusteigen. Vergebens lie die Sicherheitswache durch einen
Trompeter die Soldateska von Gewaltttigkeit abmahnen. Als Antwort erfolgte
heftig Musketenschieen, und ein Vorwerk vor dem Langgassentor ging in Flammen
auf. Jetzo gebot der Stadtrat, auf jeden Mordbrenner Feuer zu geben, den man nur
erreichen knne. Diese aber zogen sich hinter das Hospital zurck, und am Abend
hatten sie Kartaunen aufgefahren, die mit geschmierten Kugeln die Stadt
beschossen. Dadurch gerieten ein paar hlzerne Huser in Brand, und das Feuer
flog weiter. So kam es, da die ganze Stadt in Flammen aufging. ber hundert
Menschen, so hie es, und tausend Stck Vieh htten dabei das Leben verloren.
Viele Hirschberger seien dadurch den Flammen ausgewichen, da sie ber die
Stadtmauer in den tiefen Graben gesprungen und hierauf von den Feinden gefangen
seien. Sehr geringe Beute sei jedoch den Mordbrennern zugute gekommen, da sie
den Rckzug htten nehmen mssen vor einem Regiment, das Colloredo zum Entsatze
der Stadt gesandt habe.
    Betrbt stieg ich wieder zur Abendburg empor, und mich qulte ein Zweifel,
der mir schon frher zuweilen gekommen war: Wenn Gott in der ganzen Welt lebt
und webt, so mu er auch im Mordbrenner sein. Wie lsset sich das nun
zusammenreimen? Als Antwort kam mir ein Wort in den Sinn, das ich einmal in
einem Buche Philosophiae gelesen: Niemand kann wider Gott sein als Gott selbst.
Ist denn also Gott ein Wesen, das mit sich selbst im Widerspruch? Es mu wohl
also sein. Was Gott aus sich heraus schpft, das setzt er sich genber; indem
das Geschpf anders ist denn Gott, stellt es einen Abfall dar vom Schpfer. Das
eben ist der Sndenfall, da die Kreatur ihrem Gotte sich entfremdet und
Eigenwillen angenommen hat. Doch neben dem Drange, der von Gott absondert, lebt
in aller Welt auch noch ein andrer Drang, so fest an Gotte hlt und die
Geschpfe wieder hineinreien mchte in die ewige Einheit, aus der sie
gequollen. Solch Heimweh nach dem einen Urgrunde, das sich in mehreren Stnden
des Herzens auswirkt, ist des Menschen himmlische Natura, und weil ein Keim
davon in jeglichem Geschpf, verbleibt doch die Lehre sicher: Gott ist in allem,
was lebt und webt, auch im Mordbrenner. Ich bedachte noch, wie leichtlich ich
selber solch ein Mordbrenner htte werden knnen. Magdeburgs Ruinen stunden vor
meiner Seele. Da diese Stadt in Flammen aufging, war ja das Werk patriotischer
Brger, sowie des Obersten Falkenberg, und auch mich htte man dafr gewinnen
knnen. Wer in der Notwehr, darf Gewalt wider Gewalt setzen. Und so wird es in
der gegenwrtigen Lage recht sein, wenn wir angefochtenen Gebirgsbewohner uns
verteidigen und nach Segebodos Rate das Gebirge zu einer Feste machen. Auch das
Lichtreich hat Mauern und Zinnen ntig, wofern nicht Engel seine Brger sind.
Der Heiland zwar spricht zu Petro: Stecke dein Schwert in die Scheide! Wofr
indessen hat der Schpfer den Kreaturen Gebi, Gehrn und Kralle gegeben, wenn
sie sich nicht wehren sollen? Nicht aller Eigenwille der Sonderwesen kann Snde
sein.
    In diesem Jahr hat sich nichts Sonderliches mehr begeben. Fern von der
schlimmen Welt verblieb ich im Frieden der Abendburg. Das Laub der Birken und
Eschen ward gelb und rot. Novemberstrme tobten, dann kehrte wieder die weie
Woge, Tal und Hhe zu berfluten. Als der Frhling des Jahres 35 den Verkehr in
den Bergen wieder mglich gemacht hatte, kamen neue Schreckensposten. Die
Hirschberger hatten zwar ihre Ruinen notdrftig zum Wohnen eingerichtet. Die
Schweden aber waren erschienen und hatten die Auslieferung der kaiserlichen
Sicherheitswache gefordert. Nach fruchtlosen Unterhandlungen kam es zur Gewalt,
und nun muten die umliegenden Drfer, Hfe und Mhlen ben. Endlich verglich
sich der Stadtrat mit dem Feinde, da dieser 200 Taler Abzugsgelder nahm.
    Was Herrn Schaffgotsch anlangt, so stund er vor dem Kriegsgericht zu
Regensburg, angeklagt der Meuterei und des crimen laesae majestatis, und war der
Stand seines Prozesses fr ihn sehr ungnstig. Es hie, man wolle die Folter
ber ihn verhngen, damit er seine Schuld gestehe und die Mitschuldigen angebe.
Von den Schmiedebergern kam Botschaft durch meinen Oheim, der ihnen etliches
Vieh ber den Gebirgskamm zugetrieben hatte, da sie weiteren Proviantes
bedurften. Der Oheim berichtete, die Schaffgotschischen Kinder seien bei
Pretorius, nachdem sie Armut und alle schwere Not zum Erbarmen htten leiden
mssen. Die herrschaftlichen Gter seien ganz enervieret und ausgeschpfet, so
da es an Speise und Kleidung mangele.

Wie ich an einem Sonntage Aprilis zur Sttte kam, wo ich meine Buschpredigten
hielt, war beim Oheim eine Jungfer von seltsamer Schnheit. Hatte feine Glieder,
groe schwarze Augen unter dunkeln Brauen und ein zart Gesicht. ppig umwallte
sie langes Flachshaar, darauf sie ein blau Kopftchel trug. Bekleidet war sie
mit einem buntbestickten Hemd und einem roten Rock. Die zierlichen Fe waren
blo. Als der Oheim sagte: Das ist Segebodos Schwester, neigte sie sich
errtend. Auch den andern Sonntag war sie da, und whrend meiner Predigt ruhte
ihr Auge glhend auf mir.
    Das nchste Mal wollte ich ber Mittag bei Tobias bleiben, dieweilen
nachmittags eine Trauung stattfand. Berthulde war nicht bei der Predigt. Zu
Hause wirst du sie finden, sagte der Oheim; sie hilft Beaten das Mahl
bereiten. Meinen Besuch zu feiern, hatten die Weibsbilder einen leckern Braten
gemacht, auch Kuchen gebacken fr das Hochzeitspaar. Das Tischgebet verrichtete
Berthulde in derselben Weise, wie Segebodo getan. In sich gekehrt und schweigsam
blieb sie whrend der Mahlzeit. Zuweilen rollte ihr Auge nach mir und
betrachtete mich verstohlen. Als Beate das Tischgeschirr abrumte, half
Berthulde, und derweilen sie beide in der Kche waren, raunte der Oheim: Denke
nur, diese Jungfer versteht sich auf Magie und versichert, sie knne
Zaubersuppen bereiten wie der Giacomini. Hat mir auch ihr flammarisch Zauberding
gewiesen. Auch du sollst es betrachten. Wie die Kchenarbeit besorgt war, sagte
Berthulde, sie wolle sich ihr Krnzel fr die Hochzeit machen. Sintemalen nun
der Oheim in seiner khlen Stube der Mittagsruhe pflegte, so begleitete ich
Berthulden hinaus auf die Wiese. Nimm blaue Krokusblten, sagte ich; die
passen fr dein Goldhaar. Mit einem freundlichen Blicke dankte sie mir. Und wir
gingen durch Maiwalds Wiese, sie pflckte einen Krokusstrau. Hierauf wandelten
wir das Bchlein abwrts, der Bhmische Furt geheien. Murmelnd hpfte es ber
die Steine durchs Wiesental. Am Ranfte waren Erlen, Birken, Haselstauden, auch
groe Felsen. Weiter unten kam hoher Wald, zwischen bemoosten Blcken bildete
das Wasser rauschende Flle. Wo dazwischen ein kleiner Spiegel war, sahen wir
die Forenfischlein gleich dunklen Stben, bei unserm Nahen schlpften sie
zwischen Steine. Durch die Luft taumelte ein gelber Falter, setzte sich zum
Schneeglckchen in die Sonne und klappte behaglich mit den Flgeln. Ein
Schlnglein lag auf besonntem Stein und flchtete zwischen Gestude. Der Sturz
des Wassers hauchte feuchten Odem. Weil allhie gut sein, setzten wir uns auf
einen moosigen Block, der bers Wasser hing. Berthulde legte ihre Krokusblten
hin und hub an, das Krnzel zu winden. Wie ich den Hnden zusah und die
zierlichen Glieder betrachtete, kam mir in den Sinn, was Segebodo von ihr
erzhlt hatte, als holdselige Nixe habe sie ihre Fe im Bach gebadet. Willst
du nicht auch mir den Spiritum flammarum weisen? fragte ich; hast ihn ja doch
den Oheim sehen lassen. Sie sphte mir ins Auge und schwieg. Traust mir nicht,
Berthulde? - Sie errtete und schlug die Augen nieder. Um sie zu foppen, neigte
ich mich: Wollet getrost Euer Schicksal mir darlegen, holdes Wasserfrulein
Miranda. Ein Zornblitz fuhr aus ihrem Auge: Pfui, der Segebodo hat
geschwatzet! - Begtigend ergriff ich ihre Hand: Macht nichts! Ich bin
verschwiegen. Finster blickte sie seitwrts, vom hastigen Odem wallete ihr
Busen. Nach einer Weile blickte sie mich fest an und sprach: Der Segebodo hat
nicht alles erzhlt, die Hauptsache fehlt, und die sollet Ihr nun erfahren. Es
hat eine sonderbare Bewandtnis mit meinem Zauberdinge. Vor drei Jahren war's,
als mein Herz zum erstenmal in Flammen stund ... Abermals atmete sie rasch und
zgerte fortzufahren. Ich wei, sagte ich - Jakob, der Schmiedeknecht ... -
Sie errtete: Nein, das war mein Zweiter. Der Erste war ein Junker, und es kam
mich bitter an, da er kein Auge auf mich warf. Sein Reiz nahm alle meine
Gedanken, es mied mich der Schlaf, bla und schmal ward mir das Antlitz. Da
begab es sich, da ein jung Soldatenweib, dem ich mich anvertraute - auch eine
Putzkellerin -, mir das Zauberding zum Kaufe anbot. Dieser Spiritus flammarum,
so sprach sie, hat die Kraft, seinem Eigentmer dreimal im Leben einen Schatz zu
verschaffen - gleichviel ob der Schatz Gold ist oder Minne. Mehr als dreimal
aber darf man den flammarischen Spiritum nicht anwenden, sonsten hilft er nichts
und versetzet einem auch noch einen Stich. Hat man also dreimaligen Nutzen von
ihm gehabt, so soll man trachten, ihn weiterzuverkaufen. Ich bin nun in dieser
Lage, so sprach das Soldatenweib, denn mir hat das Zauberding erstens meinen
Ehemann, zweitens einen holden Buhlen nebenbei, drittens den Perlenschmuck einer
Grfin eingebracht. Nun mu ich das magische Stacheltier los werden, es mchte
mich am Ende durch seine Kapsel hindurch stechen. Willst du mir's abkaufen, so
gib drei Groschen. Also sagte das Soldatenweib. Wie ich nun verwundert war, aus
was fr einem Grunde ein so kostbar Ding fr den hchst geringen Preis feil sei,
entgegnete sie: Es ist mit dem flammarischen Ding nicht wie mit anderer Ware,
bei der man nach einem mglichst hohen Preise trachtet. Dieser Talisman mu von
jedem, der ihn weiter verhandelt, um weniger verkauft werden, als dafr gezahlt
worden. Ich habe ihn um 31/2 Groschen erworben, so mu ich denn weniger fodern.
- Wie denn aber, so fragte ich, wenn der Kaufpreis immer kleiner werden mu, so
gibt es doch eine Grenze, dann kann niemand mehr den Talisman kaufen. Ach
freilich, entgegnete das Soldatenweib, und das ist schlimm fr den letzten
Eigentmer. Denn wisse, wer das Ding nicht los wird, nachdem er es dreimal
angewendet hat, der mu in Flammen sterben und fhrt zum Teufel, wie die Pfaffen
sagen. Aber nicht blo der letzte Eigentmer hat dies Los, sondern auch jeder
dreizehnte. Da er der Dreizehnte ist, zeigt ihm der Spiritus flammarum an,
indem alle drei Anwendungen des Zaubers milingen und also keinen Schatz
verschaffen. Ist die dritte Anwendung milungen, so stirbt der Dreizehnte im
selben Jahre den Flammentod ... Das Auge gro und dster, starrte Jungfer
Berthulde vor sich hin; ich aber griff ihr an den Arm und rttelte: Nrrchen!
Und daran glubest du? Sie nickte: Bei uns Putzkellern gilt die Magie. Aber
hret nur weiter, die Hauptsache kommt erst noch. Wie ich das flammarische Ding
- das um drei Groschen mein ward - angewandt habe, den Junker in meine Arme zu
bringen, hat es nicht geholfen. Da bin ich denn erschrocken und habe gedacht: Du
bist der Dreizehnte! Wie alsdann in Goslar abermals die Minne mich besessen und
als ein rechter Qulgeist mich getrieben hat, das Herz des Schmiedeknechts zu
erobern, da ist noch die Angst hinzugekommen, und ich habe bei mir gesprochen:
Nun aber siehe zu, da dir nicht auch die zweite Anwendung des Zauberdinges
fehlschlgt! Und so bin ich auf das verzweifelte Mittel geraten, meinen Liebsten
als Nixe zu betren. - Auch das hat aber nichts geholfen, wie mir dein Bruder
erzhlt hat. Wirst du dich denn nun hten, zum drittenmal den Spiritum
anzuwenden, Berthulde? - Wei nicht - entgegnete sie. Das eine aber wei
ich: Sollte mich so heftige Minne befallen, da ich den dritten Versuch wagete,
und sollte auch der fehlschlagen - so mcht ich gar nicht lnger dies Leben
behalten und wte nichts Besseres, als in den Flammen zu sterben, denen ich
diene als eine Lichtjungfer. Bei uns Putzkellern - das mget Ihr wissen - geben
sich manche Lichtjungfern dazu her, Lichtbrute zu werden. Sie springen dann ins
heilige Opferfeuer und werden von den Flammen in Lichtvaters Reich getragen. Die
Pfaffen nennen es Hlle.
    Betreten entgegnete ich: Aber Kind! Frchtest du denn das Reich des Teufels
nicht? Im Winkel des blhenden Mundes zuckte ein spttisch Lcheln gleich einem
Schlnglein, als sie erwiderte: Was soll ich ihn denn frchten? Wir Putzkeller
wissen ja besser als die Kirchenschflein, was der Teufel ist. - Nun, was ist
er denn? - Sie hatte ihr Krnzel zustande gebracht und setzte es auf ihr
Huptlein. Wie ein seltsam schn Musikspiel von Flte und Harfe stimmte zusammen
das Goldhaar mit den dunkelblauen Blumen und dazu das nachtende Auge im
zart-weien Gesicht. Sogar dies will ich dir anvertrauen, sagte sie, neigte
sich zu meinem Ohr, und es kam ein Flstern, davon ich zuerst nichts verstund,
weil mich ihr Hauch verwirrte und ihre Lippe mir das Ohr streifte. Warum sagst
du es nicht laut? - Ich sage es so, wie man es mir gesagt hat. Denn es gehrt
zu den Heilslehren der Putzkeller, wie ich sie vom Vater gelernt habe, und die
darf man nur leise weitersagen. - So sag es leise! - Wieder bog sie sich zu
mir, und diesmal hrte ich sie raunen: Der Teufel ist hold. Schn blhen lsset
er alle Wesen und ist der Eigenwille der Kreatur. Staunend berdachte ich das
Wort und entgegnete: Darfst du weiter darber reden? Sie nickte. Mut du auch
das Weitere leise sagen? Sie schttelte den Kopf: Nur die Formeln mu ich
leise sagen, sonsten darf ich frei reden. - So sage mir, warum er die Kreatur
schn blhen lt. - Nach kurzem Sinnen meinte Berthulde: Sieh meinen Kranz,
stehet er gut zum Flachshaar? Nun also! So stehet auch die Nacht zum Tage, und
so jedes Geschpf zum andern. Immer mu sich eins vom andern abheben. Siehst du
das nicht ein? - Allerdings, entgegnete ich; ohne Unterscheidung blhen
keine Farben und singen keine Tne. Wenn alles nur eins wre, es gbe wahrlich
keine Kreatur. - Nicht wahr? sagte sie eifrig und fuhr fort: Was wre dies
alles, Gras und Laub, Stein und Stamm, Wasser und Luft? Was wre das bunte
Prangen der holden Welt, so es nicht Eigensinn gbe, eins vom andern zu
scheiden? Und aber neigte sie sich zu meinem Ohr und flsterte: Urvater ist
die ewige Ruh. Schaffen hat er erst gekonnt durch seinen eingeborenen Sohn.
Durch Christum? fragte ich verwundert. Nicht doch, versetzte sie. Der
eingeborene Sohn, den ich meine, ist der Teufel. Aber ich meine den holden
Teufel. Er ist nicht also, wie ihn die Pfaffen schildern. Sie lgen, wenn sie
sein Reich eine Foltersttte heien. Es ist vielmehr die Lust dieser Welt,
nichts anderes. - Verstehe ich dich recht, so heiest du Teufel, was die
Kreatur herfrgebracht und in ihr die Lust am eignen Sonderleben ist. - Sie
nickte eifrig: Ja, es will ein jedes seine Lust han. Und warum soll es nicht
drfen, wozu Urvater ihm den Drang eingegeben? - Aber oft dnket die eine
Kreatur lustig, was der andern ein Leid ist. Berthulde zuckte die Achseln:
Willst du Lust erbeuten, so siehe, wo du bleibest, und wenn auch der andre
davon Leides hat, so bleibet doch die eigene Lust alleweil lustig. - Aber wir
drfen nicht immer nur dem Streite leben, entgegnete ich; siehest du nicht an
diesem unaufhrlichen Kriege, wie der Eigensinn der Kreatur aus der schnen Erde
allerdings eine Foltersttte machen kann? Erlsung von solcher Hlle gibt es nur
in dem andern Drang, so neben dem Eigensinn die Kreatur erfllt. Dieser andere
Drang will nicht absondern, er will einen. Es ist die Minne - aber nicht jene,
so Lust fr sich begehret - vielmehr will diese Minne der geminnten Seele lauter
Liebes antun. Glhend senkte ihr Blick sich in den meinen, und sie schwieg. Du
bist annoch sehr jung, meine Tochter, sagte ich. Der Schalk sa ihr im Nacken,
als sie lachenden Auges erwiderte: Bist du denn schon so alt, mein Vater? Hast
doch noch kein Fltlein im schnen braunen Angesicht, und dein Aug ist frisch
wie aufblhende Kornblume. - Wieviel Lenze zhlst du? fragte ich. Zwanzig,
und du? - Ich mute lcheln, als ich antwortete: Freilich nur zehn mehr als
du; doch ich habe mehr gelebt als mancher alte Mann und habe viel darber
nachgesonnen. - Ich wei, sagte Berthulde ehrerbietig, du bist ein
Erleuchteter, und du sollst auch mich erleuchten, sintemalen ich eine
Lichtjungfer bin, dem Lichte geweiht. Nun aber la uns gehen, auf da wir nicht
spt zur Hochzeit gelangen. Hastig erhub sie sich, und ich scherzte: Wie soll
die Trauung versumen, wer mit dem Prediger gehet?
    Whrend wir den Bach entlang heimwandelten, den Oheim und Beaten abzuholen,
sang die Jungfer leise vor sich hin mit ser Stimme. Auf einmal wandte sie
sich: Werden die dreiig Lenze mit den zwanzig Lenzen tanzen? - Das gbe ja
schon ihrer fnfzig, gab ich scherzend zurck. Sie lachte: Die fnfzig sind
noch lange nicht zu alt zum Tanzen. - Nun gut! Aber du mut mir den Spiritum
flammarum zeigen; sonsten tue ich keinen Tanz mit dir. Da sahe sie mich an mit
langem Blick, und sorgend Verlangen war darin. Scheu sphete sie in die Runde
und raunete: Sollst ihn sehen! Da du mir aber nicht bse wirst! Und sie
nestelte an ihrem Busen, zog eine hrnene Kapsel, so an einer Schnur um ihren
Hals hing, unter dem Brusttchel herfr, entnahm ihr eine abgeplattete Glaskugel
und reichte sie mir. Im Glase war ein wunderlich Tier eingeschlossen, nicht
unhnlich einer Spinne, aber mehr wie ein Skorpion. War feuerfarben, und wenn
man das geschliffene Glas bewegte, schien das Tier mit den Gliedern zu zappeln.
Ich war versucht, den Talisman in den Bach zu werfen. Wie garstig! sagte ich;
wirf doch das Ding weg, es verdrehet dir den Kopf. - Sie erwiderte: Wirf es
in Wasser oder Feuer, verliere es oder stecke es einem Menschen heimlich zu,
umsonst! Bald ist das Zauberding wieder bei dir, und du hast nichts anderes
erreicht, als da es dir bei seiner Rckkehr durch das Glas hindurch mit seinem
Sporn einen Stich versetzt. Hierauf tat Berthulde das Glas wieder in die Kapsel
und barg sie am Busen. Sie sann und seufzete: Nun schilt mich wohl auch der
Herr Johannes eine Hexe? - Ein Nrrchen bist, nichts weiter! - Zrtlich sahe
sie mich an: Magst mich ein wenig leiden? Auch wenn ich bse Augenbrauen habe?
- La doch einmal schauen, sagte ich, zog sie zu mir her und nahm sie beim
Kinn. Sie schlo die Augen und lehnte den Kopf zurck. Ihre dunkeln Brauen waren
ob der Nasenwurzel zusammengewachsen, seltsam, doch nicht unhold. Fein und
lieblich war diese Jungfer, und wie die Lippen gleich einer Rosenknospe lockten
und zu drsten schienen, neigte ich mich und tat einen sachten Ku darauf. Sie
sahe mich gro an, lchelte und sang jubelnd wie der Buchfink.
    Wir gingen Hand in Hand zu Oheims Husel und gleich darauf nebst der alten
Beate zur Hochzeit. Eine Reue wandelte mich an, da ich die liebestolle Jungfer
gereizt habe, und ich wollte mich von ihr zurckhalten. Gleichwohl konnte ich
nicht umhin, mein Wort einzulsen und nach dem Hochzeitsmahl mit ihr zu tanzen.
Wie ich sie in den Arm nahm, schmiegte sie den Busen an mich, leicht und s
tanzte es sich mit ihr. Auf einmal aber drckte das Zauberding, und in meiner
Brust fhlte ich einen Stich, als habe das magische Tier den Stachel durch Glas
und Kapsel gereckt. Mit einem Blick voll Grauen lie ich Berthulden los. Sie
ward bleich und schlug die Augen nieder. Die Brust tat mir weh, sagte ich;
bin des Tanzens ungewohnt. Und ich fhrte sie zur Bank. Den Bierkrug reichte
ich ihr und machte mich bald von ihr los. Gleich darauf hing sie einem jungen
Burschen im Arm, und keinen Tanz sah ich sie verpassen.
    Als ich abends von den Hochzeitern Urlaub nahm, heimzukehren, war sie
verschwunden. Drauen im Mondschein stund sie, beim Gartenbusch, wo ich vorbei
mute. Mit einem Scherz suchte ich davonzukommen: Gute Nacht, Hexlein! Sie
trat zu mir und meinte frostig: Wei schon, der Herr Prdikant ist zu denen
bergegangen, so mich eine Hexe schelten. - Das sei ferne von mir, Berthulde!
Hab ich dir nicht gesagt, du seiest ein Nrrchen und keine Hexe? Da stund sie
dicht vor mir und sphete mitrauisch in mein Angesicht: Warum hast du beim
Tanze dich von mir gewandt? Wegen meiner Hexenaugen, wie? - Schmucke Augen
hast du! entgegnete ich. Freude huschte ihr bers mondbeglnzte Angesicht, zart
und lieblich war ihr Lcheln, ich nahm ihre Hand und drckte sie. Bist auch der
Nixe nicht bs, die um den Gesellen zu Goslar freite? hauchte sie, ihr Antlitz
war dem meinen nahe. Ich schttelte den Kopf. - Aber der Spiritus flammarum
mifllt dir? Aufrichtig, Johannes! - Ja, sagte ich, tu ihn fort! Sie
atmete tief, als kmpfe sie einen Kampf. Dann entschied sie hart: Wenn ich
Gewalt habe ber das Zauberding, werd ich es los nach deinem Wunsche. Wenn ich
aber sein dreizehnter Besitzer bin, so holt mich der Spiritus in die Flammen.
Einen nur gibt es, der dies verhindern, der mich erlsen kann. - Und wer ist
das? - Der, den ich liebe! So er mich wieder liebt, mag ich der magischen
Kapsel ledig werden. Hab ich jedoch kein Glck bei ihm, kein Glck in der Minne,
dies dritte-, letztemal, alsodann ist es ausgemacht, da ich der Dreizehnte bin
und auf roten Schwingen fliegen mu, wohin manch putzkellerische Lichtbraut
vorangegangen. Mir war, als wolle mich ein Zwang in der Jungfer Arme bringen,
doch wiewohl sie meine Sinne lockte, war in mir eine Scheu. Das Kosewort, so mir
schon von den Lippen wollte, hielt ich zurck, schlo meinen Mund und blickte
streng. Da war's, als zische aus Berthulde eine Schlange: Liebst du sie noch,
die andre, deine Grfin? Ich wei alles, Johannes. Doch gib sie auf! Fort ist
sie, tot! Hrst du? Nimm mich, dein bin ich! Das war ein Stich in mein Herz,
Rebellengeist erhub sich in mir, weil sie Thekla verdrngen wollte, ich lie
ihre Hand los und sagte dumpf: Tot, nun ja, tot mag sie sein - glaub schon.
Doch meine tote Eheliebste lebt mir im Herzen ewiglich. Stehen lie ich
Berthulden und ging, ohne umzuschauen.

Etliche Tage spter war's, und auf meinen Bergen schmolz der letzte Schnee. Es
regnete und strmte, ich blieb in meiner Klause, drauen war's unwirtlich. Die
Tannen troffen, hinter Wolken hielt sich die Sonne, die Luft schnob feucht. Lie
der Regen nach, so stiegen aus den Waldgrnden weie Nebel und ballten sich zu
grauen Massen, die ber den Gebirgskamm hinkrochen, hnlich einem Rudel riesiger
Wildschweine. Das Getier der Wildnis blieb versteckt in Schlften und Steinen.
Ich belauschte eine Hirschkuh, die sich an eine trockene Wand des
Abendburgfelsens geschmiegt hatte und ihr nasses Fell leckte. Bei des Windes
Schweigen toseten in Tlern und Schluchten die Bergwasser. Trbe schossen sie
dahin, hpften an Felsen schumend hinan, zerwhlten das Erdreich und rissen
groe ste, ja Bume und Steinblcke fort. Kam ich vom Waldgange heim, so mute
ich mein Schuhwerk und Gewand am Feuer trocknen. Ging daher ungern hinaus und
brachte meine Zeit mit Lesen und Sinnen zu, auch mit Zurstungen, die mir die
Grotte hnlich der Balkenstube wohnlich machen sollten.
    Nachts fuhr ich jh aus dem Schlafe empor, weil es im Grunde der Abendburg
drhnte, als ob eine eiserne Tre zuschlage. Ich dachte an die Mr von den
unterirdischen Schatzkammern. Geschah drunten ein magischer Vorgang? Hatte des
Goldes Hter, fr gewhnlich in seiner Nische kauernd, im Schlafe sich geregt?
Nicht doch, ihr Trume der Phantasei! Das Drhnen kam wohl von einer Fichte, die
drauen im Walde hinsank. - Beim Lauschen war's, als ob es tief im Grunde tose,
und wie ich das Ohr an den Felsen drckte, kam ein leis Rauschen wie von
unterirdischen Wasseradern. Mit einem Steinwurf gen Mitternacht war ja auch der
Quell des Kleinen Zacken zu erreichen, und nahe dabei entsprangen noch andre
Bchlein. Mir kam nun der Plan, den Boden der Grotte zu untersuchen, ob sich
nicht darin ein Brunnen anlegen lasse. Ich brauchte alsdann mein Trinkwasser
nicht vom Bergabhange heraufzuholen.
    Am Morgen zndete ich die Laterne an, nahm Hacke und Spaten und prfte den
Boden der Grotte. Fast gnzlich war er zusammenhngender Fels, aber an einer
Stelle Schottergestein, und es fiel mir auf, da der Schotter scharfe
Bruchstellen hatte, also von Menschenhand hergerichtet sein mute. Da lag mir
nun die Frage nahe: Aus welchem Grunde haben Menschen an dieser Stelle Stein
zerschlagen und mit dem Schotter den Boden bedeckt? Wollten sie blo ein Loch
ausfllen, oder ist vielleicht unter dem Schotter etwas vergraben? Man wird hier
schon frher einen Brunnen gehabt haben, dachte ich. Als ich mich an den Boden
legte und das Ohr aufdrckte, vernahm ich abermals das unterirdische Rauschen.
Arbeitete nun emsig mit Hacke und Spaten, rumte den Schotter weg und stie auf
eine Steinplatte, in die ein Eisenring eingelassen war. Mit Hilfe einer Stange,
die ich in den Ring schob, gelang es mir, den Stein aufzuwuchten und beiseite zu
schaffen.
    Mit Staunen sah ich ein offnes Loch, steinerne Stufen fhrten in die dunkle
Tiefe. Feuchte Luft strmte empor, es tosete drunten wie Wasserfall. Mit
Schauder hatte ich zu kmpfen, da es mich deuchte, die Abendburg sei magisch
aufgetan, und ich solle nun das gefhrliche Abenteuer bestehen. Doch dann schalt
ich mich einen Toren und bedachte, da ja alles mit natrlichen Dingen
zugegangen. Lud nun mein Pistol und steckte es in den Grtel, nahm in die Rechte
den Spie, in die Linke eine Fackel und stieg durchs Loch hinunter. War es
anfangs von Menschen hergerichtet und mit Stufen versehen, so ging es bald in
einen natrlichen Hhlengang ber, der in Windungen tiefer fhrte. Das Gestein,
bisher Granit mit Flinsadern, ward morsch, kalkig und wsserig wie getrnkter
Schwamm. Neben dem Pfade rann ein Murmelbchlein die Steinstufen hinab. Abermals
dstere Granitwnde, die verengten sich zu einem schmalen Spalt. Und immer
lauter ward das Wassertosen. Gleich darauf kam eine Weitung wie Kirchengewlbe.
Quer hindurch klaffte eine Schlucht, an die fnf Mannslngen tief, und drunten
scho das tosende Wasser. Zusammen rann es von beiden Seiten aus Felsenspalten
und kleinen Hhlengngen. ber die Schlucht fhrte ein schmaler Steg von Stein.
Hinber ging ich und folgte dem Schluchtwasser abwrts. An einer quergelagerten
Granitwand bildete es einen Kessel, einen Strudel, und strudelte durch ein Loch
ins dunkle Eingeweide der Erde. Zur Steinbrcke zurckgekehrt, lie ich mich
durch einen Pfad, den Menschenhand bearbeitet hatte, in einen Seitengang fhren;
ein Nebenfllein rann mir entgegen. Aufwrts ging es durch Granit, dann kam
eine Kalkader, endlich Flins, und auf einmal weitete sich dies weie Gestein.
Gebannt blieb ich stehn und leuchtete mit der Fackel umher. Ein Dom war das, wie
aus Schnee und Eis. Schimmernde Sulen, etliche stark wie Fichten, ragten zum
Gewlbe, und droben hing Zierat bei Zierat, alles aus weiem Gestein, Eiszapfen
hnlich. Wasser trpfelte herab, und wo es auf den Boden fiel, wuchs ein Zapfen
empor. Es war, als habe ein Knstler wunderliche Trume von Wlbungen und
Grotten, Flechten und Schleiern, von Astwerk, Durchbrechungen und Schnitzerei in
Marmor ausgefhrt und mit einer glitzernden Gltte berzogen. Wie ich mit dem
Schafte des Spiees an einen groen Zapfen schlug, klang er voll wie eine
Kirchenglocke. An einer Stelle glich das Tropfgestein einem faltig hngenden
Linnentuche. In einer niedrigen Grotte schien ein Volk von weien Zwergen und
Elfen zu wimmeln. Auch fand ich ein Wasserbecken, dessen Spiegel zur Hlfte mit
einer Kruste von milchigem Gestein bedeckt war. Die grte berraschung aber kam
noch, als ich um eine dicke Sule herum ging.
    Schrecken fuhr in meine Glieder, da in der erhabensten Wlbung zwo
Riesengestalten auf einem Throne saen: Ein Mann mit wallendem Bart- und
Lockenhaar, einen mattgldenen Reif um die Stirn, in der Rechten ein Schwert,
neben ihm eine Frauengestalt in wallender Gewandung. Erst whnte ich, lebendige
Wesen vor mir zu haben. Wie ich dann ihrer Reglosigkeit inne ward, dachte ich an
balsamierte Leichen. Bald aber war zu erkennen, da hier die Stmpfe mchtiger
Sulen, schon durch natrliche Bildung menschlichen Gestalten hnlich, mit dem
Meiel hergerichtet, dann durch herabtrpfelndes Kalkwasser berkrustet waren.
Ein seltsam Gemisch von Lebendigkeit und Verschwommenheit war zustande gekommen,
ein phantastisch Gebild. Wie ein Knig hielt der Mann das Haupt, es rollten die
Augen unter der mchtigen Stirn. Der weie Bart, den das trpfelnde Wasser bis
zu den Fen verlngert hatte, bezeugte ein ungeheures Alter. Die Knigin zu
seiner Rechten hielt das Haupt trumend geneigt. Ein weier Schleier umflo ihre
Gestalt bis hinunter, sanft war das Angesicht. Zu den Fen des thronenden
Paares stund eine groe sargartige Truhe aus Stein. Knochen und Waffen waren
darin. Wie ich Mut gefunden hatte, nachzusehen, war ich auer mir vor freudigem
Staunen; zwischen Menschengebeinen, die in der Truhe lagen, gab es eine Menge
von Gold und kostbaren Gerten. Da waren gldene Kronen mit Edelsteinen,
Armgeschmeide, Fingerringe, gldene Ketten und ein paar silberne Kessel, ganz
mit Goldmnzen angefllt. Da sich nur zween Menschenschdel fanden, so vermutete
ich, in dieser Steintruhe sei nebst dem Schatze das Gebein des Paares
niedergelegt, das hier in Tropfstein abgebildet war. In uralten Zeiten mochte
dies Frstenpaar das Isergebirge beherrscht haben, und in der Hhle hatte das
dankbare Volk eine heilige Grabsttte bereitet, die niemand betreten durfte, und
die in spteren Zeiten, nach Besiegung und Ausrottung des alten
Herrschergeschlechtes, vergessen ward. Wer kann das steinerne Rtsel lsen?
Vielleicht war dies der Teutschen Stammvater Tuisko. Vielleicht auch ein
Gtterbild, das Urbild des Berggeistes, den man spter den Rbenzagel hie. Vor
mir lagen die Knochen, die ich aus der Truhe geholt hatte, und daneben die
Kostbarkeiten, die meinen Sinn verwirrten. Ich griff aus dem Silberkessel eine
Handvoll Goldes und sahe, da die Mnzen ein seltsam Geprge hatten. Keine
Schrift war darauf, sondern meistens nur ein Rad oder eine Sonnenscheibe mit
einem Kreuz innen. Ich starrte auf das gelbe Gleien, lauschte dem Klimpern der
Mnzen, whlte im Golde, nahm die Zierate und weidete daran mein Herze, da es
trunken ward. Da hast du nun, wonach du seit der Knabenzeit getrachtet! Erfllt
ist dein Hoffen, die Abendburg spendet, wovon die Mren raunen.
    Was nun? So sprach es in mir, und vor meinen Augen regte sich das Gold und
wuchs, wie Bume wachsen, und Sulen wurden daraus, Mauern mit strahlenden
Fenstern, ragende Dcher, Zinnen, Trme und Tore, Zugbrcke, Graben und Wall.
Die verheiene Abendburg strebte vom Bergesgipfel himmelan, aus wildem Gestein
herfrgezaubert durch des Goldes Magie, und ich war der Zauberer und Herr. Die
Steinbilder der Hhle, des teutschen Volkes uralte Frsten, die hier
Jahrtausende geschlafen hatten, regten sich, das arme Vaterland zu retten, und
machten mich zu ihrem Erben, boten mir den Schatz und eine Krone. Wohlan, es
sei! Erbauen will ich die Burg und herrschen ber die Berge. Nicht, um zu
prunken und zu schwelgen, sondern um meinen Landsleuten zu helfen, aus dem
Gebirge eine unberwindliche Feste zu machen und so den Grund zu legen zu des
Reiches Libertt.
    Doch wiewohl mir bei diesem khnen Gedanken hoch das Herze schlug, war doch
mein Geist von Zweifeln bedrngt. Wie die Zgel der Herrschaft ergreifen? Wie
den ersten Schritt tun auf der neuen Bahn? Je mehr ich sann, desto heier
verlangte mich nach einem Menschen, der mir raten knnte, da ich die Wucht
meines Erlebnisses kaum zu ertragen vermochte. Ich beschlo, sogleich den Oheim
einzuweihen und zu meinem Helfer zu machen. Verlie also den Felsendom - nicht
ohne scheue Blicke hinter mich zu werfen, ob auch der Schatz noch da sei, und
nicht etwan der steinerne Hter wie ein Gespenst mich packen wolle. Doch es
blieb alles, wie ich es mit Aug und Hand wahrgenommen.
    Taumelig berschritt ich die Brcke der Felsenschlucht und stieg den engen
Gang empor, bis ich in meiner Grotte war. Hier merkte ich, da mir die Knie
zitterten und das Herze wild pochte. Mute mich setzen, betastete meinen Kopf
und starrte auf das Loch im Boden, da ich noch immer nicht fassen konnte, da
alles mehr sei als Traum. Dann aber trat meine Tatkraft auf den Plan. Die
Steinplatte deckte ich auf das Loch und schaufelte den Schotter darber.
Beflgelten Fues strebte ich zu Tal. Wiederholt freilich hemmte meinen Lauf die
Sorge, es mchte in meiner Abwesenheit der Schatz aufgesprt werden. Es war mir,
als msse das Gold magnetisch die Menschen herbeiziehen.
    Den Oheim fand ich in seinem Laboratorio. Ich mu wohl seltsam dreingeschaut
haben, denn er sahe mich gro an und fragte: Was hat's denn? Ich legte die
Hnde auf seine Schultern und schttelte ihn, da ich zunchst keine Worte fand.
Dann fuhr es mir heraus: Ich habe den Schatz! Noch mehr weiteten sich des
Oheims dunkle Augen, und er flsterte scheu: Machst du keine Possen? - Nein,
wahrhaftig, der Schatz ist unser, du sollst ihn sehen, sollst alsogleich mit mir
kommen. Doch streng verschwiegen mssen wir sein; selbst Beate darf nichts
erfahren. Sag ihr, du mssest mich begleiten, weil mir etwas Alchymistisches
gelungen sei. Da sah ich zum ersten Male in meinem Leben den Oheim strahlen vor
Freude. Seinen Mund tat er auf, als wolle er jauchzen, brachte aber nur ein
Lallen herfr, dann fate auch er mich bei den Schultern und schttelte mich wie
einen Baum, der voller Frchte hngt. Wie wir einander gefat hielten, kamen wir
ins Drehen und tanzten lachend umher. Nachdem nun der Oheim die alte Beate
verstndigt hatte, da er mit mir gehe, war er leichtfig wie ein junger
Bursch. Unterwegs im Bergwalde tat ich ber alles Bericht. Abermals kam mir die
Sorge, es mchte die Hhle mit dem Schatz ein Traum gewesen sein oder ein
magisch Phantom, das inzwischen der gewhnlichen Wirklichkeit Platz gemacht
habe. Doch sieh, unter dem Schotter kam die Steinplatte herfr, und als wir sie
weggerumt hatten, klaffte der dunkle Eingang. Hinstarrend und auf das Tosen
horchend, schauderte der Oheim, blickte dann scheu um sich und meinte: Bist du
auch sicher, da kein Unberufener hier eintritt, derweilen wir drunten sind? La
uns die Pforten verriegeln! - So taten wir, und da die Hunde in der Balkenstube
lagen, fhlten wir uns ziemlich sicher vor berraschung.
    Brennende Fackeln in der Hand, stiegen wir in die Tiefe. Nachdem wir den
engen Gang hinter uns hatten, kam die Felsenschlucht, darin das Wasser toste;
ber die Steinbrcke ging's und jenseits wieder aufwrts, dem Nebenfllein
entgegen. Im weien Felsendom erstarrte der Oheim, wie er die Gebilde aus
Tropfgestein betrachtete. Weiter wandelnd, kam er zu den beiden Bildsulen, fuhr
zusammen und tat einen Schritt rckwrts. Wie aber sein Blick auf die Truhe
fiel, wo der Schatz funkelte, schlug er die Hnde zusammen und trat heran.
Schwer atmend griff er sich nach dem Herzen, als schlge es zu heftig. In dem
Blicke, den er mir zuwarf, loderten Freude und Furcht zugleich. Geschwind!
raunte er heiser. Angefat! Bergen wir sogleich den Schatz! Wer wei denn, ob
die Hhle nicht bald zugehet, wie ja die Leute sagen. Und mit zitternden Hnden
griff er nach dem Goldtopfe. Nicht doch, entgegnete ich; sei unbekmmert,
hier waltet kein Zauber. Das bleibt alles, wie es ist. Was die Mren berichten,
ist ja Aberglaube. Freilich enthlt die fabelhafte Hlle einen Kern der
Wahrheit, der hat sich uns jetzo erschlossen. Die Sage vom Abendburgschatze ist
ein dunkel Angedenken an uralte Zeiten, wo dies Frstenpaar hier eine Burg hatte
und in der Hhle seine Goldkammer. Mich anstarrend, nickte der Oheim und
ergriff mich lachend bei den Armen: Hast recht, Johannes, das ist kein Spuk.
Junge, mein Junge, habe ich dir's nicht immer gesagt, da du den Schatz wirst
heben? Die Zigeunerin hat also doch recht gehabt, da sie verhie, du sollest
werden wie Knig Salomo. Gold hast du nun und eine Knigskrone dazu. So halte
fest, was das himmlische Schicksal dir beschert.
    Eine Weile schwieg er in starrem Grbeln. Dann rhrte ihn wieder Unrast:
Da du ja nicht den Leuten verrtst, was du hier gefunden hast. Sonsten mchten
Habgierige dich beiseite schaffen, um allein das Gold zu haben. - Aber Oheim,
wandte ich ein, wie soll ich das Gold anwenden, ohne zu verraten, da ich
welches habe?
    Und er: Sage den Leuten, das Goldmachen sei dir gelungen, solle jedoch dein
Geheimnis bleiben. Dann bist du die Henne, so gldene Eier legt, man wird dein
Leben hten, du gackerst und bist Herr der Berge. Etwas Garstiges lugte aus
diesem Ratschlage, das mich peinigte. Ich starrte auf die rtselvollen
Bildsulen, der langbrtige Knig schien mir der Gtze Mammon, indessen die
Knigin mit sanfter Trauer dreinschaute. Und von dieser Sanftmut ward der gute
Geist in mir angesprochen. Soll ich den Leuten etwas vorgaukeln? wandte ich
kleinlaut ein; das Lichtreich mcht ich doch grnden, da darf ich nicht die
Lge zum Grundstein machen. Der Oheim zog die Achseln hoch und spreizte die
Hnde: Geht es etwan anders? Willst du das Reich grnden, so mut du den Leuten
kostbar, unentbehrlich erscheinen. Sprichst du nun, in der Hhle sei ein Schatz
aus alten Zeiten, so wird mancher sagen: Was brauchen wir den Johannes? Ich
selber will des Schatzes genieen! Nein, Kind, fr die lautere Wahrheit ist
unsere Welt nicht reif. Die lautere Wahrheit eignet sich wohl nur frs
Himmelreich. Die Welt will betrogen sein, wie der Lateiner spricht. Buben
scheuchet man mit dem schwarzen Mann. Wer den Zweck will, dem mu auch das
Mittel gelten. La dir ja nicht den Reichtum entwinden. Nimm ein Exemplum an
diesem steinernen Knig. Vermeinest du, der wre gro worden, htte er nicht
verstanden, das Heft in Hnden zu halten? Siehe doch, wie er so fest sein
Schwert trgt, so sicher, so stark!
    Unschlssig blickte ich auf den steinernen Gtzen. Der starrte gebieterisch
und kam mir auf einmal vor wie der leibhaftige Hllenfrst. Rollenden Auges
deutete er auf den gleienden Schatz, aus seinem Schweigen donnerte mir jenes
Wort entgegen, mit dem er den Heiland in der Wste versucht: Dies alles will
ich dir geben, so du niederfllst und mich anbetest. Und eine Macht strmte mir
ins Herz, ich reckte mich, straffte Nacken und Arm, entschlossen, nach des
Oheims Rate zu tun.
    Wohl bedachte ich, da der Schatz nicht mir, sondern dem Grundherrn gehre.
Doch der Grundherr war nebst seinen Kindern in der Gewalt von Beutemachern.
Sollte ich denen auch noch den Schatz in die Klauen liefern? Nicht doch! Ich,
den des Himmels Walten zum Entdecker auserkoren, wollte das Gold lieber zur
Verteidigung des Vaterlandes, ja zur Befreiung des gefangenen Grundherrn
verwenden. Hinterher wrde Hans Ulrich mich segnen fr meine Eigenmchtigkeit. -
Als ich diesen Plan dem Oheim darlegte, stimmte er bei, obwohl zgernd.
    Nun hub eine Zeit wilder Unrast an. Hinweggescheucht war alle Herzensstille.
Wie Wetterodem strmte es in mir. In einem fort hetzte die Arbeit, und war ich
aufs Lager hingesunken, so scheuchte mich bald Sorge wieder empor. Und nicht
anders erging es dem Oheim. Gleichwohl waltete eine Spannkraft in uns, als
begnade Gott wundersam seine neuen Reichsverweser. Unser erstes Werk war, den
Schatz besser zu verstecken, fr den Fall, da ein Unberufener in die Hhle
eindrnge. ber der Schlucht, darin das Wasser toste, entdeckten wir einen
Felsenspalt, der sich nach innen erweiterte. Hier hinein schleppten wir den
Schatz. Zur frderen Sicherung lieen wir durch den Schreiberhauer Schmied eine
eiserne Gittertr nebst Schlo verfertigen. Wir selber brachten sie an der
Stelle an, wo der erste enge Felsengang endet und die Weitung mit der Schlucht
kommt.
    Viel Mhe machte uns das Umprgen der alten Mnzen. Es ging ja nicht, da
wir sie in ihrer ursprnglichen Form den Leuten einhndigten. Man htte alsdann
erraten, wir seien keine Goldbereiter, sondern Entdecker eines alten Schatzes.
Zu Hirschberg lie der Oheim einen Stempel verfertigen, der die Mnze des neuen
Reiches prgen sollte. Auf der einen Seite war die Sonnenscheibe mit einem
Hakenkreuz innen, auf der andern Seite die Inschrift: Herr der Berge. Um die
alten Stcke umzuprgen und glaubhaft zu machen, da durch Alchymie unser Gold
entstehe, war ein Laboratorium ntig. Dazu richteten wir die Grotte ein. Wie sie
fr unsern Zweck fertig war, schwang ich einen mchtigen Hammer, indessen der
Oheim den Prgestock hielt. Unter drhnenden Schlgen sprangen die Goldmnzen
herfr, mit denen das neue Reich zu grnden war. Nach einer Arbeit von etlichen
Wochen betrug unser Mnzschatz bereits 10000 Dukaten.
    Inzwischen hatten wir beraten, wer unter den Mnnern des Gebirges
auszuwhlen sei, um beim Grnden unseres Reiches mitzuhelfen. Zum Ersten erkies
ich Segebodo, der feurigen Sinnes, aufrecht, klug und tapfer. Ein Fhrer der
Schreiberhauer sollte Dreler sein, ein Fnfziger, Riese von Gestalt, fest und
treu, ehrbar und mnniglich geachtet. Auch der Trompeterhans mute dabei sein.
Nachdem auf kaiserlichen Befehl die evangelische Dienerschaft des Hauses
Schaffgotsch entlassen war, hatte der Trompeterhans zu Schreiberhau Unterkunft
gefunden. Ich wollte den kecken Gesellen zu Hans Ulrichs Befreiung verwenden.
    Wir luden diese Mnner zur Abendburg, und wie sie in meiner Balkenstube
saen, tat ich eine Handvoll Goldmnzen auf den Tisch: Das da hat mein
Schmelzofen nebenan zustande gebracht, und das Hundertfache kann ich schaffen.
Der Schatz soll aber nicht fr mich sein, sondern fr euch, fr das ganze
Gebirge. Lasset uns diese Bergwildnis zur Feste umwandeln und reich mit Proviant
versehen. Dazu diene uns das Gold. Wollet ihr drei nebst mir und meinem Oheim
dies Werk unternehmen? Ich frage, gebet Antwort! Segebodo war aufgesprungen,
ber den Tisch gebeugt, starrte er mich glhenden Auges an; dann schlug er mit
der Faust auf die Platte, da die Mnzen tanzten, und streckte in heller Freude
seine Hand entgegen: Johannes, wir bauen die Burg! Der Trompeterhans hatte
hastig ein paar Mnzen aufgegriffen und stand beim Fenster, sie betrachtend und
durch Geklimper prfend. Wahrhaftig, meinte Dreler, das ist wie Gold. - Es
ist Gold, echtes, reines Gold, sagte ich. Dreler sahe bald auf mich, bald auf
das Gold und griff sich an den Kopf. Und mehr davon kannst du machen? fragte
er. Alle Tage so viel wie dies, frohlockte der Oheim. Wieder schlug Segebodo
auf den Tisch: So glaubet doch, ihr Mnner, und reichet die Hnde her,
schlieen wir ein Bndnis, zu tun, was unser Herr Johannes will. Nun trat
freudig der Trompeterhans herzu, und wie wir im Kreise einander die Hnde
reichten, sprach ich: Wir fnfe halten frder zusammen wie Finger einer Hand.
- Und du bist unser Zeigefinger, meinte Segebodo. Ja, du sollst uns fhren,
riefen alle. Indem warf die Sonne aus Wolken lugend ihren Strahl durchs
Fensterlein, und Dreler sprach: Frau Sonne gibt die Weihe! - Sie weihet das
neue Reich, sagte ich, ein Lichtreich soll es werden. Segebodo tat die Hand
an seine Stirn und murmelte wie ein Verzckter. Der Oheim brachte einen Krug
Heidelbeerwein nebst Bechern. Wir stieen an und tranken des Reiches Heil. In
der Beratung stellten wir fest, was zunchst geschehen solle. Der Oheim und
Segebodo meinten, sogleich sei die Abendburg zu einer Feste herzurichten.
Dreler machte geltend: Auch der Wachstein mu befestigt werden, damit der
Feind nicht vom Hirschberger Tal herauf kann. Der Trompeterhans fgte hinzu:
Auch gehrt ein starker Posten ins Jammertal, an den Zackensteig. - Recht
so, sagte der Oheim, durch diese drei festen Pltze sind den Feinden die Psse
nach Schreiberhau verlegt. - Vor allem Soldaten und Werkleute her, und
tchtigen Proviant! sagte ich, und wir machten aus, Segebodo solle, mit Gold
versehen, hinunter ins Hirschberger Tal, Leute und Lebensmittel zu schaffen,
indessen Dreler die nchsten Bauden und Ortschaften zu besuchen und die
Gebirgler unserm Reiche zu gewinnen habe. Der Trompeterhans, auf den wir alle
bauten, erhielt so viel Gold, als sich in seinem Wams und seines Pferdes Sattel
verbergen lie. Unverzglich brach er auf und trabte ins Bhmische. Durch
Bestechung der Wchter sollte er unsern Herrn Hans Ulrich aus der Regensburger
Gefangenschaft befreien. Heie Wnsche geleiteten ihn.
    Mit dem Oheim war ich nun beflissen, einen guten Plan zur Befestigung der
Abendburg herauszubringen. Ein Brief von Segebodo meldete, er habe schon mehr
als fnfzig Soldaten beisammen, lauter Haudegen, werde auch Korn und Vieh
bringen, wisse jedoch in einer Sache keinen Rat. Bei den Soldaten seien Weiber
und Dirnen. Was solle mit denen werden? Die Soldaten begehreten, sie
mitzubringen, und ich solle lieber dafr sein, sonsten mchte die Soldateska das
Weibesvolk von Schreiberhau verderben. Ich solle unverzglich meine Entscheidung
kundtun. Betroffen war ich, hatte zuvor nicht bedacht, was Neuerung unser
Sldnerwesen mit sich bringen knne. Weg mit den Dirnen, sprach ich zum Oheim,
das Lichtreich mu ohne Gesindel begrndet werden. Der Oheim aber meinte:
Engel findest du halt nicht, mut schon mit dieser rauhen Welt frliebnehmen.
Wer Soldaten braucht, mu ihre Art gelten lassen. Nach vielem Fr und Wider
entschied ich, es sollen nur solche Sldner heraufgebracht werden, die keine
Dirnen mit sich fhren. Wer aber ein Eheweib habe, drfe es bringen. Den
Verschmhten solle der Laufpa gegeben und durch den Sold einer Woche verset
werden.
    Etliche Tage spter kam Segebodo mit sechzig Sldnern, vielen Weibsbildern,
auch Werkleuten. Sie geleiteten drei Ochsenwagen, drauf waren Scke voll Korn
und Rauchfleisch, Gewandstoffe, Rstungen und Waffen, Blei und Pulver, dazu ein
Fa Branntewein. Ich teilte die Angeworbenen und bestimmte die grere Hlfte
fr den Wachstein, dessen Befestigung in Angriff genommen ward. Die andern Leute
sollten der Abendburg angehren. Zu ihrem Lagerplatz whlte ich einen Ort, eine
halbe Stunde davon auf dem Bergeskamm gelegen. Hier ward aus Fichtenstmmen ein
rauhes Obdach hergerichtet, auch fr das Vieh ein Stall, und die Vorratskammer.
Nun zogen wir um das knftige Burghaus in weitem Bogen einen Graben. Nach innen
aufgeworfen, bildete das Erdreich einen Wall, hinter dem gespitzte Pfhle als
Brustwehr starrten. Eine Zugbrcke sollte ber den Graben fhren und durch ein
steinern Tor gesichert sein. Mit diesen Anlagen zu beginnen, schien das
ratsamste, weil das Gercht von meinem Golde leicht Beutemacher uns auf den Hals
laden konnte.
    Wie Wall und Graben notdrftig fertig waren, bat mich Segebodo, der als
Hauptmann ber die Soldaten gesetzt war, ihnen eine Festlichkeit zu gewhren.
Ich willigte ein und versprach, selber zum Fest zu kommen. Der zweite Sonntag
Junii war's, ich hatte im Walde meine Predigt gehalten, unter groem Zulauf aus
dem Gebirge, und es umjubelte mich der Haufe. Berthulde war darunter; blitzenden
Auges, Glut auf den Wangen, sprach sie zu den Umstehenden, die beifllig
lauschten. Vom Lichtreiche schwrmte sie, das alle teutschen Lande einen solle
im Glauben an den Allvater in uns. Wie ich als Mittagsgast zu Oheims Husel
ging, berholte ich die Preislerin, die nebst ihrem Sohne Christiano von der
Predigt heimkehrte. Seit Jahren eine Witwe, war sie gealtert, doch immer noch
stattlich. Da ich traulich ihre Hand schttelte, kamen ihr die Trnen. Ach,
Herr Johannes, wei Er annoch? wie wir vor zwanzig Jahren zu Warmbrunn mit
meiner Elfriede ... Sie konnte nicht weiter, und auch mich machte die Wehmut
wortlos, ich drckte der Mutter Hand und ging.
    Von Elfrieden hatte sich mein Sinnen zu Thekla gewandt. O da sie unter den
Lebenden, und an meiner Seite weilte! Sie erst gbe mir die rechte Freudigkeit
und Kraft, deren ich zu meinem Unternehmen bedarf. Wohlan, sprach ich zu mir -
sei unermdlich, ihre Spur auszufinden! Bist ja nicht mehr der hilflose Eremit,
hast Gold wie ein Frst. Suche, reise, sende hundert Kundschafter aus!
Vielleicht sollst du sie noch in die Arme schlieen. Wenn du sie dann heimfhrst
zu deinem Felsennest, magst du strahlen und lachen: Wei meine liebste Grfin
noch, wie sie an dieser Sttte zu mir Wag's Knab gesprochen? Nun mach ich das
Wort wahr. Der Schatz ist mein, eine Burg ragt in die Lfte, und ich walte drin
als Herr der Berge, die holdseligste Frstin an meiner Seite! - Aufjauchzen
wollt ich, doch dann schluchzete ich in mich hinein. Ach, ich war jener Mutter
gleich, die das kalte Gold der Abendburg gehoben, ihren Herzensschatz aber
verloren hatte.


                              Das zehnte Abenteuer

        Wie die Goldburg zusammenbrach und einer von neuem geboren ward

Nach dem Mittagsmahl ging ich allein, derweilen der Oheim sein Schlfchen tat,
zum Lager der Soldateska; Branntweinstein hatten die Schreiberhauer neuerdings
den Platz benamset. Ich fand meine Leute bei Spiel und Tanz, und mancher hatte
dem Becher schon weidlich zugesprochen. Im Zelt der Marketender ward mit
Kncheln der Sold vertan, dazu gellte die Pfeife, und aus rauhen Kehlen
erschollen Lieder. Unweit auf ebener Matte drehten sich zur Fiedel Soldaten,
auch Schreiberhauer Burschen und etliche Drferinnen. Jauchzen grte mich, und
gute Miene mute ich machen zu diesem Treiben, das mir anfangs nicht behagte.
Wie ich aber selber einen guten Trunk getan und mit den Leuten mich gemein
machte, ward ich ihnen hnlich und zutunlich.
    Als die Sonne sank, kam aus dem Walde ein bewaffneter Haufe, voran der
Fhrer in blauem, silberbetretem Wams. Grend schwenkte er den Federhut und
rief: Juhu, Viktoria! - Ist das nicht Maiwald? Und Dreler? Sie sind's!
meinte die Preislerin, und man stimmte bei: Wahrhaftig, der Maiwald! Ei, so
schauet doch, wie ein Herr gekleidet! Ich ging dem Zuge entgegen und ergriff
die Hand, die Maiwald freudestrahlend mir bot: Viktoria, Johannes, gute
Botschaft! Ich bringe, was wir brauchen! Da sein zuvrderst dreiig tapfre
Schmiedeberger, zwanzig andere hab ich in Drelers Auftrage angeworben, als wir
ber Hirschberg zogen. Was aber das beste, wir han als Kriegsknechte gleich gute
Arbeit getan. Drunten bei der Kirche sein drei Wagen und sechs Gule davor, auch
neun Reitpferde. Die haben wir als Beute mitgebracht. Und denke nur, was
Kostbarkeit unter den Wagenplanen! Silbergeschirr, eia, schwere Becher und
Kannen, Tafeldecken und Tapezereien mit Bildern darauf, Prachtgewnder, wie ich
eins anhabe; feine Zeuge, Sammet und Seide, Federbsche und Hte. berdies ein
paar Flein edlen Weines. Das alles bringen wir heim, mit unsern Waffen
erbeutet. Wie wir nmlich zwischen Warmbrunn und Hermannsdorf unsere Strae
ziehen, kommt einer von meinen Kundschaftern dahergeloffen und meldet: Vom
Kynast nahen drei Planwagen mit zwanzig Reitern. - Mit denen werden wir fertig!
sag ich und lasse alsogleich meine Leute an einen Ort zurckgehen, wo der Weg
von Wald umgeben. Hier machen wir unsere Feuerrohre fertig und kauern im
Hinterhalt. Wie nun die Wagen kommen, strecken unsere Schsse gleich fnf Reiter
zu Boden, die brigen schlagen wir nieder. Nur einen Mann haben wir verloren.
Leicht ist es freilich nicht gewesen, die Beute herzuschaffen, ohne von der
Kynastbesatzung erspht zu werden. Wir muten einen Umweg durch Waldung nehmen.
Nun aber sind wir hier und mchten unsern Sieg feiern.
    Vivat Maiwald! schrien die Leute. Viktoria! Da man mich fragend
anblickte, nahm ich das Wort: Ich danke dir, Dreler, da du nach meinem
Auftrag getan und im Gebirge verkndet hast, was wir wollen. Auch dir, Maiwald,
weil du Soldaten bringest, danke ich. Was aber das Beutemachen anlangt, so kann
ich es nicht billigen. Wenn wir ein neues Reich grnden, besser als die alte
Haderwelt, drfen wir nicht mit Mausen beginnen. Merket ihr alle (und meine
Stimme ward scharf): da mir keiner ein Gartbruder werde! Unrechten Gutes
bedrfen wir nicht. Erhaltet ihr nicht reichen Sold? Und knnen wir nicht genung
Lebensmittel kaufen mit dem Golde, das ich schaffe? Maiwald ri vor
berraschung Aug und Maul auf, Murren erhub sich unter den Leuten. Ich aber
befahl mit Strenge: Maiwald, sorge sofort, da keiner sich an dem Gut
vergreife. Das gehrt den Kindern unseres armen Herrn Schaffgotsch, den seine
Widersacher ausplndern mchten. Morgen soll ein Bote nach Kemnitz zu Herrn
Gottwald, ihrem Vormund, und melden, da wir den Kaiserischen Wagen genommen,
die zum Gute der jungen Schaffgotsche gehren. Weil ihr es aber gut vermeinet
habt, ihr neuen Soldaten, so gebe ich jedem von euch ein Goldstck, eurem
Anfhrer Maiwald aber zehn. Wohlan, nun ist es gut, lasset uns mitsammen
frhlich sein, ihr seid zum Feste geladen. So war denn alles begtigt. Dreler
hielt Maiwalds Arm gefat und redete auf ihn ein: Unser Johannes hat ganz
recht, aber freilich du bist ein Hauptkerle, ein kecker Fuchs. Drauf so hub die
Musika wieder an, und die Angekommenen nahmen teil am Schwatzen, Trinken und
Tanzen. Ich zog Maiwald, der noch immer betreten war, zum Marketender und lie
Wein geben. Bald stimmte er mir bei, und seine Verdrossenheit bezog sich nur
darauf, da er sein prchtig Herrengewand wieder lassen solle. Aber Dreler
meinte: Was willst du mit dem Pfauenkleid in unsern Bergen? Mach dir ein
Lederwams!
    Mein Aufmerken ward jetzo auf eine Gruppe von Soldaten gelenkt, die einem
der mitgebrachten Soldatenweiber lauschten. Von Magdeburg ging das Gerede: Wie
die Magdeburger sollten auch wir's machen. Dann kann unsere Burg nicht
eingenommen werden. - Was sollen wir wie die Magdeburger machen? sprach ich
hinzutretend. Da eiferte das Weib: Die Magdeburger haben ein Stadttor
uneinnehmbar gemacht. - Uneinnehmbar? entgegnete ich; wei Sie denn nicht,
da Magdeburg lngst ber und zerstrt ist? Ich selber bin Magdeburger und hab
unter Falkenberg die Stadt verteidigen helfen. - Das wei ich wohl. Mein Mann
war ja einer von den Pappenheimern und hat mir gute Beute ins Lager von
Neu-Haldensleben gebracht. Aber das Krkentor ist doch beim Sturme
festgeblieben, ist nur durch Umzingelung eingenommen; die Pappenheimer sind
durch die Hohe Pforte in die Stadt gedrungen, und da blieb dem Krkentor
freilich nichts brig als zu kapitulieren. Dster starrte ich drein: Solch
toller Aberglaube darf hier nicht aufkommen. Da Sie davon frder schweige! Das
Weib zuckte die Achsel und murrte frech. Abseits wandte ich mich, lieber bei
suselnden Tannen war ich als bei diesen Menschen; meine Verdrossenheit galt es
zu beschwichtigen. War das ein neues Reich, was also anhub? Ein Lichtreich, wie
es Berthulde nannte? Durfte es sich grnden auf dieselbigen Mngel und Laster,
die es doch bekmpfen wollte? Waren mir rechte Helfer zur Seite, und war ich
selber meines Unternehmens wrdig? Hatte ich nicht mit Gaukelei begonnen und mit
meinem Golde dies Gesindel an mich gelockt? Wo ein Aas ist, da sammeln sich die
Raben. Und nun was weiter? Wie bessere ich das Verfehlte?
    Herr Johannes! Eine Freudenpost! Viktoria! rief es hinter mir, und zween
Mnner hasteten herbei; der eine war Christianus, der Preislerin Sohn, mit einem
Papier winkte er, als bringe er wichtige Botschaft. Ich stutzte, und etwas
sprach in mir: Wie deine Leute kncheln, so wirft eine dunkle Hand die Wrfel
deines Geschickes, und da ist nun wieder ein Wurf geschehen, einstweilen
verdeckt durch den Wrfelbecher, sogleich aber offenbar; vielleicht sind die
Wrfel dir zum schwrzesten Unheil gefallen ... doch nein, wohl eher zum Glck
... Freudig blickt Christianus. Sie lebt! ruft er - und es durchzuckt mich die
Hoffnung, Thekla sei gemeint. Vor Beklommenheit kann ich kaum sprechen: Wer
lebt? - Nun ist Christianus bei mir und beut mir das Papier: Hie stehet es
geschrieben von ihrer eigenen Hand! - Zitternd nehme ich den Brief: Rede doch,
Christian! Wer denn, wer lebt? Da kommt die Antwort, nach der meine Sehnsucht
oft flehend verlangt hat: Sie - Eure Eheliebste - die Grfin Thekla lebt! -
Das war zu viel des Glckes so auf einmal; gelhmt stund ich, wie vom Blitze
getroffen, es wankten die Tannen rings und die Berge, es drehte sich alles, ich
taumelte. Halt ihn! rief Christianus. Dann sa ich im Beerenkraut, die beiden
Mnner waren um mich bemht, aus einer Flasche sollte ich trinken. Ich strich
mir ber die Stirn. Sie lebt! ging es mir durch den Sinn. Sagt nicht Christianus
also? Von ihrer eigenen Hand stehe es im Briefe geschrieben? Da ist ja der
Brief! Hastig entfaltete ich ihn, whrend Christianus sprach: Dieser Bote hat
ihn vor kurzem meiner Mutter gebracht.
    Ich erkannte die Schriftzge, Theklas Hand, und las:

                    Liebwerte Preislerin! Ehrsame Witfraue!

    Nachdem ich meinen Johannes verloren und vor wenig Wochen auch noch meine
zweite Mutter, die edle Frau Zetteritz, wei ich niemand sonsten in der kalten
Welt, bei dem ich Zuflucht suchen knnte, als meine gtige Preislerin, wofern,
sie berhaupt noch am Leben. Denn der Oheim Tobias ist ja wohl verstorben.
Wenigstens sind zween Briefel, so ich vor drei und vier Jahren durch Soldaten an
Tobias Tielsch gesandt, ohne Antwort geblieben, und mein zweiter Bote hat mir
die Kunde gebracht, der alte Tielsch sei tot. Damit Sie aber wei, liebwerte
Preislerin, welche Lebensumstnde mich treiben, in Schreiberhau Zuflucht zu
suchen, so vermelde ich, da jetzo, nachdem meine Beschtzerin, die edle Frau
Zetteritz, verstorben, ihr Sohn, ein kaiserlicher Obrist, mich heuren will,
wiewohl ich ihn nicht mag. Da will ich nun heimlich entweichen. Darf ich nach
Schreiberhau kommen? Sollten diese Zeilen an einen andern guten Menschen
gelangen, mag der sich mein erbarmen. Wiewohl als Grfin geboren, bin ich kein
mig Frulein. Arbeit ist meine Lust; ich will mich ntzlich machen, wie ich
kann. Ich weile in Altenhof, einem festen Hause des Ritters Zetteritz, gelegen
bei Melnik in Bheim. Mit Zhren trauernder Liebe gedenk ich der Stunden, da ich
von meinem Johannes aus der Gefangenschaft zu Euch gebracht ward und an seiner
Seite im Schreiberhauer Bergwald hausete. O da ich wiederkehren drfte! Meine
Gre sind so innig wie dieser Wunsch, und ich verbleibe treulich Eure

    Witfrau Thekla Tilesia, geborene Grfin Schlick.

    Auf sprang ich und lachte laut, den Brief an mein Herze gepret. Sie lebt,
sie kehrt wieder, sie ist mein! rief ich und berflog von neuem die kstliche
Botschaft. Dann griff ich den Boten, der den Brief gebracht hatte, bei den
Armen: Lebt sie wirklich? Sprich, wie fandest du meine Thekla! Ich meine sie,
die den Brief dir gab. - Nun ja doch, nickte er, freilich lebt die Witwe
Tilesia und ist wohlauf, wie mir scheint. Sonsten wei ich nichts; ich sah sie
nur das eine Mal. Bin ein Rohndler, so auf der Reise im Wirtshaus zu Melnik
herbergte. Da nun die Witwe Tilesia vernommen, da ich nach Schlesingen reise,
hat sie mir ein gut Stck Geld geboten, wenn ich den Brief besorge. Ich drckte
dem Manne die Hand. Gehet zum Feste, lasset mich allein! Christian, gib dem
Mann zu essen, zu trinken! Feiert, freuet euch! Ich komme bald nach. Sie
gingen, und tief atmend starrte ich ins grne Dmmern der Tannen. Vor mir
schwebte ein Traumgesicht. Wie Flackern war's und gaukelte und lockte, da ich
der Flamme folgte. Doch da ich nach ihr haschte, sank mein Fu in Schlamm und
Moder. Zugleich verblate die Flamme und zuckte matt, derweilen das Morgenlicht
geflutet kam. Kommst du, Sonnenbraut, reine, strahlende? Bist endlich da, meine
Thekla? Auf die Knie warf ich mich ins Moos und rang vor Jubel die Hnde. Dann
sprang ich auf und kehrte zum festlichen Treiben froh zurck, begrt von einer
Gruppe, die soeben von Christian vernommen hatte, welch Heil mir widerfahren.
Die meisten Feiernden merkten auf eine Prozession weigekleideter Jungfern, die
jetzo singend von Schreiberhau her aus dem Walde kam.
    Voran schritt Berthulde, um deren Gewand sich eine Purpurschrpe schlang,
whrend das Haupt mit dem aufgelsten Goldhaar Fichtenzweige krnten. Die
anderen Festjungfern waren ebenfalls bekrnzt. Ein Schwarm von Kindern, lterem
Weibsvolk und Mnnern gab das Geleite, auch Beate und der Oheim waren dabei. Die
Junggesellen auf dem Festplatz krhten vor Lust, lachend bildeten die Jungfern
einen Halbkreis, und in dessen Mitte trat Berthulde. Durch einen Baumstumpf
erhht, gebot sie mit winkender Hand Stille und sprach: Will Mannsvolk Freude
ha'n, so darf das Weibsvolk nicht fehlen. Wir Jungfern sind kommen, mit euch zu
feiern. Zur Lust hat uns Allvater geschaffen, und das Lichtreich, das unser Herr
der Berge mit uns grndet, es sei ein Garten der Lust. Lasset dieses Gartens
Blmelein euch gefallen, ihr Kriegsmannen! Heiloh! Jauchzend stimmte das
Mannsvolk zu, Berthulde aber sprach weiter: Bringet Wein her! Sogleich tat man
desgleichen. Sie nahm den Becher und erhub ihre Stimme: Heil der Burg und
denen, die sie bauen! Heil dem Reiche, das wir grnden! Heil dem Herrn der
Berge, unserm Knig! - Vivat unser Knig! erscholl es unter Hteschwenken.
Heiloh! Hoch, hoch! Nun trat Berthulde mir entgegen, blickte in mein Auge und
tat den Becher an ihre Lippen. Wie sie ihn kredenzt hatte, und ich ihn leerte,
rief ein Soldat: Vivat auch die Knigin! Und aber schrie man: Vivat!
Berthulde warf mir einen Blick voll zrtlichen Feuers zu und schlug die Augen
nieder, ihr Busen wogte.
    Mich indessen berkam Verwirrung, mir war, als solle ich in ihre Arme
gefhrt werden, und widerstrebte doch. Zwar nicht immer hatte ich so
widerstrebt; ich dachte an den Ku, den ich ihr vor wenigen Tagen gegeben; hatte
der ihr den Kopf verdreht? Ich schmte mich und beschlo, ohne Verzug die rechte
Antwort zu geben auf Berthuldens stummes Bekenntnis, nmlich offen zu verknden,
da ich meine Eheliebste wiedergefunden. Auf dem Baumstumpf, von wo Berthulde
geredet hatte, stund ich, von frohlockenden Menschen umringt, und sprach, die
Arme erhoben in Heller Freude: Vivat auch die Knigin! So hat einer gerufen,
und das ist ein Prophet. Erfllt hat sich sein Spruch; eure Knigin ist da; die
ich verloren glaubte, lebt. Hier ist ein Brief, von ihrer Hand geschrieben, und
dorten schmauset der Mann, so vor wenig Tagen sie gesehen hat. Meine liebe Frau
ist es, meine Thekla ... Ich sah, wie Berthulde erblich. Leid tat sie mir. Doch
wie unter den verfinsterten Hexenbrauen ein druender Blick herfrscho, zuckte
ich die Achsel und sprach weiter, ohne nach ihr zu sehen: Thekla ist eine
Tochter des Grafen Schlick, jenes bhmischen Helden, den die Jesuiter aufs
Blutgerst gebracht haben. Nachdem ich mit ihr aus Bheim gen Magdeburg
geflohen, ward sie die Meine in jenen Schreckensstunden, die meine Vaterstadt in
Blut und Asche legten. Am zweiten Tage drauf ward mir mein Weib entrissen, und
wie ich auch seitdem geforscht, ganz ausgelscht blieb jede Spur, bis nun auf
einmal der Brief .... der Brief .... Und wie ich ihn ob meinem Haupte
schwenkte, schrien die Leute: Hoch! Um zu danken, erhub ich aufs neue die
Stimme: Ihr sollet meine Freude teilen. Morgen reise ich, mir unsre Knigin zu
holen, und in wenigen Tagen fhr ich sie heim. Sintemalen nun nchste Woche
Johannis, der Sonne lngster Tag, an dem sie triumphieret, so wollen wir alsdann
ein ganz gro Festin feiern; unserm Lichtreich soll es gelten und zugleich
unsrer Knigin, meinem trauten Weibe. Zum Hochzeitsmahl, zu Spiel und Tanz seid
alle geladen. Des Lichtreiches Sonne sei meine Liebste! - Vivat! Heil dem
Goldmacher! Heil dem Herrn der Berge und seiner Knigin! Und in der Jauchzenden
Arme sank ich, man ri sich um mich mit Lachen, indessen Pfeife und Fiedel
gellten. Wie trunken traf ich nun meine Anordnungen. Eine Handvoll Gold gab ich
dem Boten und verhie ihm eine zweite, so er mein Fhrer nach Altenhof sein
wolle. Auf, Segebodo! sprach ich, la die Pferde holen, die Maiwald bei der
Kirche hat. Wir beide reisen, wenn der Tag graut und nehmen funf gute
Reitersleute mit. Noch eine Weile blieb ich beim Feste. Sa beim Oheim und der
alten Beate. Meine Hnde hatte ich diesen Getreuen dargereicht, und stumm vor
Glck streichelten sie die Hnde, wie man einem Kindlein schn tut. Dann trieb
es mich vom Getmmel hinweg; ich sehnte mich nach der Abendburg, nach meiner
stillen Klause und dem Gott im Herzen, von dem der Friede kommt.

Wie ich einsam mit meinen Hunden heimwrts schritt, war die Nacht
hereingebrochen. Doch der ziemlich volle Mond lugte ber die Waldberge und
streute blulich Licht auf den Felsenpfad und das Beerenkraut. Der Nadelzweige
sachtes Sausen war meinem Herzen frommer Jubelsang, des Mondes Strahlen klangen
dazu als heimliche Harfensaiten.
    Da schlugen die Hunde an, und hinter einem Felsen, wo es zur Linken steil
hinuntergeht, trat herfr eine schimmernde Gestalt. Berthulde war's im weien
Gewand, und nahe gekommen, sah ich unter dem Fichtenkranz vom Monde beglnzt ein
hchst trauervoll Angesicht. Unter den niedergeschlagenen Augen hingen Zhren,
die sonst schwellenden Lippen waren zusammengepret, matt neigte sich das Haupt,
schlaff hingen die Arme. Was ist mit dir, Berthulde? sprach ich bestrzt. Da
kam ein Wimmern: Mir ist so weh! Erbarmen trieb mich zu ihr, ich legte die
Hand an ihre Schlfe: Still, mein Kind, grme dich nicht! Sie lehnte die Wange
mir an die Brust und weinte leis. Ich enthielt mich nicht, ihr Haupt zu
streicheln: So sprich dich aus. Warum denn ist dir wehe? Hab ich dich
gekrnkt? Da hing sie schluchzend an meinem Halse, ich fhlte die weichen
geschmeidigen Mdchenglieder in meinem Arm, sie zitterte, durchschauert von der
Minne Feuer. Oder zitterte sie vor Sorge, ich knne verschmhen, was schmachtend
sich mir bot? Ich sprte wohl, wie Zrtlichkeit mich lockte, doch warnend erhub
sich eine Stimme in meines Herzens Kammer: Was willst du tun? La du das
Irrlicht gaukeln und folge nicht. Magst du denn deiner Sonnenbraut vergessen?
Und ich wand mich aus Berthuldens Arm, sie schlug ihre Hnde vors Angesicht, als
schme sie sich. Ihr stummer Gram ging schneidend durch mein Herz, mein Blick
mied sie und starrte in den Mond. Da ward an meinem Wams gezerrt, und auf den
Knien lag sie wimmernd: Johannes, bleibe doch, verla mich nicht! Ich zog sie
empor. Was tust du? Wer will dich denn verlassen? Wild griff sie mit den
Hnden sich ins Haar, da ihr der Kranz zu Boden glitt. Doch, Johannes! Willst
ja die andere holen. Tu es nicht, tu es nicht! Mich sollst du minnen, mich
allein! Bin ja so hei entbronnen, dein bin ich ganz. Dir dienen will ich, deine
Magd; will alles tun, gebeut nur! Schaffen la mich an deiner Seite, da dir das
Lichtreich gelinge, la mich helfen mit dieser Herzensglut, helfen mit
Lichtvaters Kraft, der mich zu seiner Huldin geweiht, helfen mit meiner Magie.
Ich bin dein wrdig, Herr der Berge, du mein Knig, mein Gott!
    Bestrzt machte ich mich los: Aber Berthulde! du bist von Sinnen; komm zu
dir! Wie kann ich der Deine sein? Sie lebt ja, mein Eheweib lebt! Mit einem
grlichen Schrei sprang Berthulde auf, verzerrt das Angesicht; wie Krallen
spreizten ihre Finger sich, sie griff nach ihrem Halse. Doch wie ich schon
glaubte, sie wolle sich wrgen, hielt ihre Hand die Kapsel, so ihr Busen trug.
Sie starrte darauf hin und knirschte mit den Zhnen: Verfluchtes Zauberding! Du
hast ihn mir entrissen! Du scheuchest ihn, da er sich von mir wendet. Hinweg
mit dir! Sie ri die Kapsel von der Schnur und warf sie hinter den Felsen, in
die Tiefe, man hrte das Ding drunten aufschlagen, und Berthulde zischelte: Ha,
chze nur, flammarischer Dmon! Was gilt mir noch dein Druen? Ich spotte dein,
du tckischer Betrger, und wenn du wiederkommst, mir deinen Stachel
einzubohren, so triff dies Herze, dies zuckend arme Ding, triff es gleich recht!
Ich mag nicht weiterleben, da mein Liebster mich verschmht. Dann sphte die
Rasende mit ngstlich aufgerissenen Augen mir ins Angesicht und schrie, den Arm
erhoben: Johannes, kannst du mich verstoen? Bringst du es ber dich, nun ich
dir alles opfere und ledig bin des Zauberdinges, vor dem du Abscheu hast? Weg
ist es - da! Frei bin ich; und so es wiederkommen will, wei ich mir einen
Retter, das bist du, ja einzig du! deine Minne kann mich lsen. Doch freilich,
wenn du mich nicht magst, so holt mich der flammarische Dmon in seine Flammen.
Denn ich bin der Dreizehnte, so ihn besitzt - habe kein Glck in der Minne - zum
drittenmal kein Glck!
    Klglich waren die letzten Worte gesprochen; aus meinen Worten und Mienen
entnahm sie, da ich nicht in ihre Arme mochte. Pltzlich greift sie in ihre
rote Schrpe, und ein Messer blinkt in der erhobenen Hand, die Augen rollen, da
ich das Weie sehe, und zurcksinkend, will sie die Schneide in ihren Busen
senken, als ich zugreife und ihr den Stahl entwinde, um ihn gleich darauf hinter
dem Zauberdinge dreinzuschleudern. Sie blickt mich wie eine reiende Wlfin an,
pret die geballte Faust an ihren fletschenden Mund und knirscht: Ha warte,
Knigin - ha warte! Nach dieser wtenden Drohung rennt sie weg wie ein
gehetztes Wild, fern ein gellender Aufschrei, und nur der Tannen Sausen ist noch
zu vernehmen. Jetzo klang dies Sausen bang, als raune die Sorge. Ein Dmon!
sprach ich in mich hinein. Hat denn ein Dmon diese Jungfer besessen? Zuvor war
sie so liebreich, und nun -! Doch fort damit, fort mit allem Dstern! Thekla ist
ja mein! Nur etliche Tage noch, und ich halte die Se umschlungen. Aufatmend
machte ich mich wieder auf den Weg, und weiter ist mir nichts in dieser Nacht
begegnet. Nur da noch ein zweites Mal die Hunde anschlugen, und ich links unten
auf der Iserstrae Hufschlag vernahm. Jemand von den Iserbauden, dachte ich,
wird vom Feste heimgeritten sein. Die gleiche Meinung sprachen die Soldaten aus,
so die Wache bei der Abendburg hatten.
    In der Morgenfrhe erhub ich mich von kargem, unrastigem Schlummer und
stieg, zur Reise gerstet, den kurzen Pfad hinunter zur Iserstrae, wo Segebodo
mit den andern fnf Reitern, die zum Mitreisen beordert waren, sowie dem Boten
harrte. Sie hatten mein gesattelt Reisepferd. Ich grte meine Leute, in der
Morgenfrische beglckt von meinem Vorhaben. Segebodo tat die Meldung, in der
Nacht sei eins der Pferde, die Maiwald erbeutet, weggekommen. Nach Einbruch der
Nacht sei ein junger Bursch, den man in Schreiberhau nicht erkannt habe,
pltzlich in den Sattel gesprungen und spornstreichs hinweggetrabt, in der
Richtung nach dem Festplatze. Vermeinend, er begehre noch spt daselbst etwas
Freude zu erhaschen, habe man ihn nicht verfolgt. Doch seien Ro und Reiter
bisher nicht zurckgekehrt. Es wird derselbe gewesen sein, entgegnete ich,
den ich nach der Iserwiese traben hrte. Gewi ein Junggeselle, dorten
heimisch, der hier mit seinem Lieb getanzt hat.
    Wiewohl ich vom Boten aus Bheim mehr ber Thekla herauszubringen suchte,
wute er nichts als das schon Berichtete. Dies mute er oft wiederholen, und
jedes Wort, jede Gebrde Theklas, jeden Zug in ihrem Angesicht beschreiben. Dann
hielt ich mich an Segebodo und erzhlte, was ich mit Thekla durchlebt. Nicht
ohne Unruhe dachte ich an Zetteritz. Wie ging es zu, da Thekla so lange in
seinem Hause verweilen konnte? Was hielt sie? Seine Mutter? Thekla nennt sie
ihre Beschtzerin. Nun freilich, das lt sich hren. Geduld! Alles wird bald
klar!
    Am dritten Reisetage zhlte ich die Stunden und jeden Schritt des Rosses.
Wie ein Schmachtender nach Labetrunk verlangt, so brannte mein Herz und konnte
kaum sein Heil erwarten. Nun wies der Bote auf eine Husergruppe hinter Bschen:
Da ist Altenhof. Segebodo zgelte sein Pferd. Halt! Erst gilt es zu beraten.
Den Boten, denk ich, kannst du entlassen, Johannes! Ich stimmte bei und gab dem
Boten seine Handvoll Gold. Er strahlte ob der reichen Gabe und nahm Urlaub unter
Dank und Hutschwenken.
    La mich allein hinreiten, sprach Segebodo; ich werde kundschaften, ob
die Luft rein. Denn es knnte ja der Zetteritz bereits gekommen sein. Wenn ich
pfeife, so komme du mit den Leuten nachgeritten. Ich nickte und hielt mit den
Vieren auf der Strae, indessen Segebodo nach dem Hause ritt. Bald darauf hrte
ich ihn mit erhobener Stimme sprechen, doch waren die Worte nicht zu verstehen.
Dann kam er im Galopp, sein Feuerrohr in der Faust, finstern Blickes. Ich wute
nun schon, da er nichts Gutes bringe, zog den Degen und lie die Feuerwaffen in
Bereitschaft setzen. Der Zetteritz ist da, meldete Segebodo; wie ich hinkam,
starrten mir aus Schiescharten Rohre entgegen, und eine Stimme rief: Halt, was
gibt's? Reie nicht aus, sonsten schieen wir, steh Rede! Was willst du? - Ich
sagte nun: Wohnet allhie die hochgeborene Grfin Schlick, Frau Tilesia? Dann
habe ich Botschaft fr sie. - Richte die Botschaft aus! Wer sendet dich? hie
es. Ich gab zur Antwort: Mein Herr ist bei mir und wnscht Frau Tilesia zu
sprechen. - Dann mu er erst mich sprechen, ich bin der Ritter Zetteritz,
kaiserlicher Obrist. Bring deinen Herrn her! - Und ich erwiderte: Vor Eure
Feuerrohre mag ich ihn nicht bringen. So Ihr aber ohne Waffen mit ihm verhandeln
wollet, wird er sich einfinden. Kommet unbewaffnet heraus, in ziemlichem
Abstande von Euren Leuten mag die Unterredung stattfinden. Auch wir werden ohne
Waffen kommen. - Diese Proposition hat der Zetteritz angenommen. War's recht von
mir getan, Johannes, und bist du einverstanden? Ich nickte dster und seufzete,
den Hoffnungen grollend, die mir ein nahes Glck vorgegaukelt hatten. Dann gab
ich meine Waffen in die Hnde meiner Leute, Segebodo tat desgleichen und befahl,
man solle abwarten und nicht eher herbeieilen, als bis er pfeife.
    Zu Fue nun begaben wir uns nach dem Hause. Es war von Steinmauer und einem
Graben umgeben, den ein Bach mit Wasser gefllt hatte; hinber fhrte eine
Zugbrcke zum festen Tor. In angemessener Entfernung blieben wir stehen,
Segebodo winkte mit dem Hut. Da kam durch die Torpforte ein Mann in frnehm
soldatischer Tracht, und ich erkannte Zetteritz. Bleich und finster sah er aus,
seine hhnische Art verzerrte ihm die Miene, als er sprach: Sehet doch, der
Tielsch! Ich ahnte ja, der steckt dahinter. Doch warum kommt Er nicht allein,
Tielsch? Hab ich nicht mit Seinem Boten ausgemacht, da nur wir zwei mitsammen
reden? Ich schwieg, Segebodo gab zur Antwort: Nichts fr ungut! Der Herr
Ritter mag es halten wie mein Herr, und von seinen Leuten einen zur Unterredung
herzuziehen. Nicht anders hab ichs gemeint. Da winkte Zetteritz nach seinem
Hause und rief einen Namen, worauf ein Soldat aus der Pforte kam und
herbeieilte. Es fiel mir auf, da der den Degen an der Seite trug, doch ich
sagte nichts dawider, weil meine peinliche Ungeduld Auskunft ber Thekla
begehrte. Zetteritz kam mir im Reden zuvor mit einem grimm lauernden Blicke: Wo
hast du sie? Gib Thekla heraus! Auf den Grund seines Herzens suchte ich meinen
Blick zu bohren, als ich versetzte: Ebendiese Worte wollte ich an dich richten,
Zetteritz. Die Zornrte scho ihm ins Gesicht, er starrte wie ein lauernd
Raubtier und polterte heraus: Keine Flausen, Schelm! Gib sie heraus, sage ich!
Hast sie ja entfhren lassen. Ob dieser Rede, die keine Lge sein konnte,
stutzte ich und tat einen fragenden Blick auf Segebodo. Der zuckte die Achsel:
Entfhrt ist Thekla? stammelte ich beklommen. Mich immerfort anstarrend
lchelte Zetteritz bs: Heuchler! Mich tuschest du nicht. Vor drei Stunden war
ein Weib hier, das sie entfhrt hat. - Ich schrak zusammen; mir kam der
Einfall, die eiferschtige Berthulde knne mir zuvorgekommen sein und Thekla
beseitigt haben. Ein Weib? Wie sahe das Weib aus? Zetteritz winkte mit
rollendem Auge dem Soldaten, der bei ihm war, und dieser antwortete: Eine
saubere Jungfer mit gelbem Haar und dunklem Auge - so sagt die Magd, die sie
gesehen. Ich zuckte und wandte mich an Segebodo. Er war gleich mir bestrzt und
raunete: Berthulde war's! - Heuchler! schrie Zetteritz, du hast dich
verraten. Hast sie entfhren lassen! Und mchtest den Unschuldigen spielen! Gib
sie heraus! Wo ist sie? Ich erwrge dich! Schumend vor Wut wollte er mich
packen, ward aber von Segebodo zurckgestoen. Nun zog der Soldat seinen Degen
und wollte einen Hieb auf Segebodo tun. Ich fiel ihm in den Arm und rang mit
ihm. Da packte mich eine Faust im Genick und ri mich, da ich taumelte. Gleich
darauf blitzte die Klinge mir vor den Augen, und an der Schlfe getroffen,
strzte ich.

Von dem, was weiter geschehen, ist mir kein deutlich Empfinden worden - nur da
mir zuweilen wie durch dunkle Hlle Gesichte kamen und wirre Reden. Es war, als
schwebe ich zwischen Rossen und Reitern. Das Trappen der Pferde durchrttelte
mich, brennend schmerzte mein Haupt. Dann wieder lag ich still, mit Wasser
khlte jemand meine Schlfe.
    Eine Zeit voll Angst und Sthnen durchlebte ich, wei aber nicht, was mir
begegnete. Kein Fiebertraum war's, da ich in meiner Balkenklause lag. Was ist
mit mir? Ach ja, verwundet bin ich, habe eins ber den Schdel bekommen. Thekla
wollte ich heimholen. Wo ist Thekla? Entfhrt? Von Berthulden entfhrt! - Da
fhl ich einen Ku auf meiner Hand. Wer ist das? Thekla? - Mhsam richt ich mich
empor. Nicht Thekla, Berthulde ist bei mir. ber mich gebeugt starrt sie
ngstlich. Im todblassen Angesicht lodern die schwarzen Augen, schmerzlich sind
die dichten Brauen emporgezogen. Du, Berthulde? Wehmtig lchelnd flstert
sie: Johannes, erkennest mich? Und abermals drckt sie die Lippen auf meine
Hand. Ich aber zucke zurck: La mich, Tckische! In meinem Herzen kocht es,
jh aufgerichtet pack ich ihren Arm: Wo hast du Thekla? Gib sie heraus! Sie ist
mein ehelich Weib! Versteinert schweigt Berthulde, nun pack ich auch den andern
Arm. Sie wehrt sich nicht, die Lippen zusammengepret. Antwort! - Von Thekla
wei ich nichts. - Lgnerin! Hast sie entfhrt. Zetteritz hat es gesagt. Wo
ist Thekla? Was hast du ihr angetan? O wehe, Leides hast du ihr angetan! Da
entwindet sich Berthulde mir, ich sinke zurck und liege chzend. Und wieder
beugt sie sich ber mich. Still doch, Johannes! Sei lieb zu mir! Ich bin ja
dein! Bin deine Magd! In meiner Hilflosigkeit kommen mir Trnen, und ich
wimmre: So gib doch Thekla heraus! Gib mir mein Weib heraus! - Das kann ich
nicht! zischelt sie; es geht nicht mehr. Fort ist sie, ganz fort, kehrt nie
wieder, gib sie auf! Mich hast du ja, ich bin dein! Zuckend windet sich mein
Herz, nicht fassen kann ich das Entsetzliche. Nie kehrt sie wieder? O
Berthulde, warum denn nicht? Ist sie tot? Ach tot! ermordet! Und auf einmal seh
ich Berthulden wie in jener Mondnacht, da ich vom Festin heimkehrte. Sehe das
mondbeglnzte Messer in der erhobenen Faust, die rollenden Augen, die
fletschenden Zhne. Entsetzen schttelt mich, abermals fahr ich empor und
klammere mich an Berthulden: Du hast sie umgebracht! Leugne nicht! Offenbar ist
deine Tcke! Die Hexenbrauen hochgezogen, starrt sie mich an, den Mund weit
offen vom erstickten Angstruf. Sie schweigt, aus ihrem stechenden Auge lugt das
Bse, nicht verhehlen lt sich ihre Untat. Mrderin! kreische ich und kralle
nach ihrer Kehle. Sie stt mich zurck, schwarz wird es mir vor den Augen, ich
sinke hin und chze: Teufelin! Mir aus den Augen! Fluch dir, Fluch! Da lacht
es grlich: Mein Messer traf sie gut, Viktoria! Sie ist in ihrem
Pfaffenhimmel, du bist mein, wir kommen mitsammen in Lichtvaters Halle. Der soll
uns trauen! Bist mein, du sprder Brutigam! Dich ksset deine Knigin! Und auf
meinem Munde fhl ich ihre Lippen. Schwindel packt mich, ich sinke und sinke ...
    Dann toset es dumpf, als weile ich beim unterirdischen Bache. Ach ja, das
ist die Hhle, das sind Tropfsteinzacken, von Fackelschein beleuchtet, und da
hlt der steinerne Knig sein Schwert erhoben. Grausiger Gtze, was hast du mir
getan? Willst mich richten mit deinem Schwert? Soll ich ben, da ich dir die
Ruhe gestrt und dein Gold entwendet?
    Schritte kommen gestampft, ein Schu fllt, noch einer. Vergebens tracht
ich, mich aufzurichten. Und finster wird's, der Fackelschein erstirbt, es toset
das Hhlenwasser und toset. Dann kommt ein Sthnen, und wieder ein Sthnen. Wer
ist das? Ich selber bin's wohl! Meine Lippen brennen, am Gaumen klebt die Zunge.
    Wasser! So chzete jemand. Wer war's? Kam dies Wort aus meinem Munde? Oder
liegt hier noch einer? Ich lausche gespannt. Und abermals chzt es: Wasser!
Ich richte mich auf und fhle mehr Kraft als zuvor. Mu wohl geschlafen haben,
seit die Schsse fielen. Hat hier ein Kampf stattgefunden? Und liegt hier wer
verwundet? - Von neuem das Sthnen, und jetzt wei ich, etliche Schritte
seitwrts mu ein hilfloser Mensch liegen. Ich greife mir an den Kopf, der ist
mit einem nassen Tuch verbunden. Um mich tastend, find ich einen Krug mit
Wasser. Zitternd heb ich ihn empor und trinke.
    Nun fhl ich mich gestrkt und krieche, den Krug mit mir nehmend, zum
Verwundeten. Ich betaste ihn, er sthnt. Der Oheim ist es nicht, dieser Mensch
hat langes Haar und einen breiten Spitzenkragen. Wer bist du? raune ich, doch
er antwortet nur mit Sthnen, dann hre ich wieder das Flehen um Wasser. Es
gelingt mir, ihn ein wenig aufzurichten und zu trnken. Doch von der Anstrengung
ermattet, werde ich selber hilflos, und chzend liegen wir nun beide
nebeneinander. Hilfe! Bin ich hier ganz verlassen? Wo sind meine Leute?
Tobias! rufe ich. Doch es antwortet nur des Hhlenbaches Tosen.
    Da kommt mir in den Sinn, wie ich schon einmal so verzweifelt lag, am Ufer
der Elbe, durch Zetteritz in Fesseln geschlagen, zu den Wlfen ausgesetzt.
Damals flehte mein Herz zum Himmel, er mge mir vergnnen, nur einmal noch den
Frieden der Bergeinsamkeit zu atmen und die Abendburg zu schauen. Meinem
Geistesaug erschien damals mein Vater, verheiend, ich werde gewilich zur
Abendburg gelangen. Und nun lieg ich hier, aufgetan hat sich die Abendburg und
gar ihr heimlich Gold mir dargereicht. Gleichwohl bin ich nicht besser dran als
in jener Nacht, da den Gefesselten die Wlfe umheulten. Todwund bin, meine
Stunden sind gezhlt, und von neuem ist mir die kaum gefundene Thekla entrissen.
Ist das nun der Schatz, der mir verheien ward und mich seit jungen Jahren
lockte, als knne mein Leben nichts Wrdigeres finden? - Und siehe, wiederum
schwebt vor mir mein Vater, ich sehe den Reinen, wie er in der Schulstube das
Evangelium auslegt, sehe das gtige, traurigmilde Antlitz, die ernste klare
Stirn, die trumenden Augen, und sanft spricht seine Stimme, als hauche in ihr
Gottes Friede: Merket, Kinder, was die Welt einen Schatz heiet, ist Staub und
tut dem Menschen nicht anders, als da ihm Herz wie Hand mit Staube besudelt
wird. Einen andern Schatz weiset unser Heiland. Nennet ihn einen Schatz im
Himmelreich, den nicht die Motten und der Rost fressen. Es ist aber selbiges
Himmelreich nicht ferne von einem jeglichen, maen ja das ewige Licht
offenbaret: Inwendig in euch ist das Himmelreich! So haben wir denn in uns
selber den wahren Schatz. Nicht in der Erde Tiefen whle - lieber steige
hinunter zu deines Herzens Grunde. So mein edler Vater. O du weiser Deuter, wie
nrrisch ist dein Kind von deinem Worte abgefallen! Und bin doch ein Weilchen
allbereits auf rechtem Wege gewesen. Die letzten Jahre, da ich als armer Eremit
allhie hausete, ward mir jene Gnade, die dem Johanniskinde bei der Abendburg
widerfahren soll: Die Allnatur ward mir kenntlich als meine Abendburg und hat
sich magisch umgewandelt zum wundervollen Knigsschlosse. Ja, weil du reinen
Herzens warst, mein Kind, so hre ich meinen Vater in mein Sinnen hineinreden.
Aufs Herz kommt alles an; die wahre Abendburg, davon das Mrlein gilt, ist das
Menschenherz. Es ist verwunschen gemeiniglich, verstrt vom bsen Geiste. Erlse
drum dein armes Herz, Johannes, den rauhen Felsen wandle zum Palast, in dem du
Knig bist. - O Vater, wie gerne mcht ich, hilf mir nur, o Hilfe! Und aber
whn' ich mich in der Lateinschule zu Hirschberg, lese auf Vaters Gehei die
heiligen Worte: Du sollst Gott deinen Herrn lieben von ganzem Herzen, von
ganzer Seele, von allen Krften und von ganzem Gemt, und deinen Nchsten als
dich selbst. Jesus aber sprach: Du hast recht geantwortet, tue das, so wirst du
leben. Er aber wollte sich rechtfertigen und sprach: Wer ist denn mein Nchster?
Da antwortete Jesus: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab gen Jericho
und fiel unter die Mrder; die zogen ihn aus und schlugen ihn und gingen davon
und lieen ihn halbtot liegen ....
    Das Wimmern neben mir mahnte mich, da nicht blo von Jerusalem und Jericho
die Rede galt, sondern da ich hier zu dieser Stunde erweisen solle, ob ich ein
tricht plappernder Heide sei oder in mir jenen Christus habe, der da verheiet:
Tue das, so wirst du leben! Und ich wute auf einmal: keinen andern vermeinet
der Heiland als mich, wie er weiter erzhlt: Ein Samariter aber reisete und kam
dahin. Und da er ihn sahe, jammerte ihn sein, ging zu ihm, verband seine Wunden
und go drein l und Wein und hub ihn auf sein Tier und fhrte ihn in die
Herberge und pflegte sein. Wiewohl das Fieber mich kalt durchschauerte, war mir
im Herzen, als erblhe tief innen die lieblichste Sonne. Mein Nchster und ich
sind eins! sprach es in mir, und mir war wie einem, der sich den Schlaf aus den
Augen reibt und durch zerreiende Schleier die heilige Wahrheit erschaut. O
Menschenkind, was ist das nur mit dir, da du so wirr in Gottes Welt
hineingeblickt hast und dich narren lieest vom Wahn, der dir die Sinne
verklebte? Halte einen Stab schrg ins Wasser, so siehest du ihn gebrochen; und
doch ist er das nicht; betaste ihn, so ist er ganz. Nicht anders war ich
betrogen, da ich vermeinete, ich und mein Nchster seien zweierlei. Ich spre
jetzo jenen tiefen Grund, allwo die Wesen eins sind, und jener Spuk der
Eigensucht, der den Menschen trennt, zerflattert im Morgenstrahl. Im Lichte
lchelt das neue Reich, ich hab es grnden wollen, doch meine Mhe war umsonst,
ein Irrlicht hat mich genarrt. Das Himmelreich kommt nicht mit ueren Gebrden,
ein innerlich Einswerden ist es, ein Hirt und eine Herde, ein heiliger Leib, der
uns zu Gliedern hat, ein durchdringend Strahlen, so in die heimlichen Herzwinkel
leuchtet, eine Gte, die alles versteht und alles verzeiht, ein jauchzend Leben
im Reichtum des Menschensohnes und ein Aufsteigen von einem Himmel zum noch
hheren. Gleich in der Hhle hier ist eine Stufe solchen Aufstieges, hier ist
die dunkle Schwelle meines Himmelreiches. Hilflos neben mir liegt mein Nchster,
und sein Gott ist eben der, so in mir waltet, ich mu ihm sein der Vater im
Himmel, mein Nchster ist mein Kind, mein armes, liebes.
    Und mit den letzten Krften, die ich zu sammeln vermochte, richtete ich mich
auf und tastete nach dem Verwundeten. Benetzt ward mir die Hand von einer warmen
Feuchte, die aus dem Lederkoller quoll; hier war die Wunde, die mute ich
stillen und khlen. Und ich tat des Kollers Knpfe auf und zerrte das
blutgetrnkte Hemd von der Brust; das Tuch, das meinen Kopf verband, nahm ich
ab, go Wasser darber, wusch des Sthnenden Brustwunde, prete mein nasses Tuch
darauf und knpfte den Koller drber. Dann kroch ich zurck zum Orte, wo ich
zuvor gelegen, vermutend, auer dem Wasserkruge, den ich daselbst gefunden,
knne man mir sonst noch etwas Heilsames hingetan haben. In der Tat fand ich
eine Schale mit saurer Milch, auch Eier nebst Brot. Sogleich kroch ich zu meinem
Nchsten zurck und flte ihm Milch ein, dann nahm ich selber Nahrung zu mir.
Doch meine Krfte, bermig anstrengt, wurden hinfllig, ich streckte mich auf
den harten Stein. Meine Stirn begann wieder zu schmerzen, und ich war zu matt,
ihr einen neuen Verband zu machen. Zugleich fhlte ich mein inneres Himmelreich
getrbt, als ob ein Wolkenschatten darber gleite. O wehe mir, Thekla, du bist
ja fort, Berthulde hat dich umgebracht. Oder war's ein Traum, da sie es
eingestanden, da ich sie zur Rede gestellt? Berthulde war doch bei mir droben in
der Grotte! Sie wollte mich betren mit ihrer Liebeswut, die Ruberin, die
Mrderin! Sie rhmte sich, ihr Messer habe Thekla gut getroffen!
    Wie ich mich in erneutem Seelenschmerze winde, seh ich auf einmal wieder
meines Vaters gtig Angesicht: Was tust du, ungestmer Johannes? Vergeben
sollst du, nicht verdammen! Wenn sie gemordet hat, so wute sie nicht, was sie
tat, verblendet von demselbigen Wahn der Eigensucht, der dich selber lange
verstrte. Bedenke doch auch, die Minne war's, die tolle Brunst des jungen
Blutes, was der Eiferschtigen das Meuchelmesser in die Hand gab! Minne war's zu
dir, mein Sohn, und du selber hast sie ihr ins heie Herz gepflanzt. Begreife
doch! Willst du das neue Reich grnden, so mut du verstehen und vergeben.
    Auf meines Vaters Rede folgt erneutes Sthnen des Verwundeten neben mir, und
horch, Thekla! ruft er. Ich schrecke zusammen. Wie kommt er zu dem Namen? Oder
hat mich mein Sinn getuscht? Hab ich selber den Namen gesprochen? Von neuem und
ganz deutlich sthnt der Mensch: Thekla! und wlzt sich wie gefoltert von
innerer Unrast. Ich richte mich auf und taste voll Bangen nach des Mannes
Haupte. Sollte es Zetteritz sein? Wahrhaftig! Er hat sein langes Haar, und hier
ist der gedrehte Schnurrbart, am Kinn der Spitzbart, auch der breite Kragen.
Zetteritz, bist du es? Ich rttle ihn, da sthnt und haucht er: Ja, Johannes!
Hilf mir und sage mir, wo hast du Thekla? Nun seh ich rote Flecke tanzen, es
wankt der Erde Grund ...
    Wirre Gesichter trieben lange ihr dmonisch Spiel mit mir, doch ich rang
mich empor aus dieser neuen Versuchung, und immer klarer ward es mir, wie nur in
ihres Wahnes Nten die Menschenkinder sich sorgen und vor Angst einander
berauben, unwissend, wo der wahre Schatz zu finden. Und wie sie immer nur
meinen, der Irrwisch, dem sie nachjagen, sei das Kstliche. So tat der
Zetteritz, nicht anders tat auch ich.
    Wie denn aber? Thekla ein Irrwisch? Nicht doch! Nur was Zetteritz von ihr
erlangen wollte, war sein Irrwisch. Wie aber stund es denn mit mir? War's etwa
auch von mir Verblendung, da ich mein Weib zurckbegehrte? Nicht doch, sie
liebte mich ja, wie ich sie liebte; uns beide einte jenes gtige Verstehen, aus
dem das gttliche Reich wie aus einem Keim erwchst. Aber ist nicht solch ein
Keim auch in Zetteritz? Liebt er denn nicht denselben Engel, der mir ein Bote
Gottes ist? Und kann nicht unsere Liebe zu Thekla uns beide so einig machen, da
jeder einsieht: dein Nchster bist du selbst?
    Wiederum kam ber mich stilles Glck. Auf Stufen klomm ich, die fhrten
hinan zur lichten Friedenshhe. Mir nach aber schleppte sich der matte
Zetteritz. Da war Thekla auf einmal bei uns. Mit flehender Liebe sahe sie mir
ins Auge, und meine Hand reichte sie dem sich anklammernden Zetteritz. Was dann
geschehn, liegt mir umschleiert, da ich die wirren Bilder nicht mehr zu deuten
vermag.
    Besinnung kam mir erst, als mir ein Licht ins Antlitz fiel und ich ber mich
gebeugt den Oheim erkannte. Auch er mute am Kopfe eine Wunde haben, denn der
war verbunden. Die Schlfen wusch er mir, feuriger Wein rann in meinen Mund.
Tobias, lallte ich und tastete nach seiner Hand; hilf auch dem Zetteritz! Er
ist mein Nchster!
    Seitdem ward es heller in und bei mir. Ein wrmend Holzfeuer hatte Tobias
angezndet, es flammte vor dem thronenden Riesenpaar, und der rote Flackerschein
huschte ber die rtselvollen Steingesichter. Khle Verbnde machte mir der
Oheim und letzte mich mit Nahrung. Wie ich nach erquickendem Schlummer abermals
bat, Zetteritz solle doch ja nicht vergessen werden, erhielt ich zu meinem
Staunen die Antwort: Der Zetteritz ist allbereits seit dreien Tagen droben in
der Grotte und so genesen, da er morgen helfen wird, dich hinaufzutragen.
    Richtig stund nach etlicher Weile neben dem Oheim Zetteritz vor mir. In
seinem Angesicht, das die Laterne beleuchtete, zuckte es seltsam, als ringe ein
weich Gefhl den Trutz des Mannes nieder. Herkniend ergriff er meine Hand und
stammelte: Dank, Johannes, du hast mich gerettet, und ich war dein Feind.
Vergib mir! Antworten wollt ich, konnte aber nur stumm seinen Hndedruck
erwidern. Dann berwltigte mich erneutes Leid um jene, die uns beide
widereinander gebracht, weil wir beide sie begehrten; und die wir gemeinsam nun
verloren hatten. Oder war's vielleicht doch nur ein Traum gewesen, da Berthulde
sie umgebracht? Gewiheit mut ich haben! Ich bitte dich, Oheim, und auch dich,
Zetteritz, wollet alsogleich mir Aufschlu geben ber Thekla. Ist sie wirklich
tot? Beschwichtigen wollte der Oheim, Zetteritz schwieg dster, an seine Lippe
die Faust gepret. Ihr foltert mich, rief ich flehend. Da seufzete schwer der
Oheim: Fasse dich! Ja, sie ist tot. Nun erlosch meines Hoffens letztes
Fnklein, nichts blieb mir brig, als jenem heiligen Schatze nachzutrachten, den
mein Vater angedeutet. Dumpf fragte ich weiter: Wie starb sie? Ist es wahr, da
Berthulde sie umgebracht? Traurig nickte der Oheim: Berthulde hat es
eingestanden. - Bringt mir Berthulden, ich mu sie sprechen! Der Oheim wehrte
mit der Hand: Berthulde ist tot, selbst hat sie sich gerichtet, doch frage
jetzo nicht weiter. Das alles ist so voller Grauen, da du es nicht hren
darfst, solange du krank. Versuche jetzo, aufzustehen, mein armer Johannes. Lege
den Arm um meinen Nacken; Herr Zetteritz, wollet auf der andern Seite als Sttze
dienen, recht so, vorwrts ans Tageslicht! Mach dich aber bereit, Trauriges zu
schauen. Was wir unternommen haben, arg hat es sich gewandelt in diesen sechs
Tagen. - In sechs Tagen? staunte ich. Der Oheim versetzte: Da du die Wunde
davontrugest, ist noch lnger her. Das war ja ein paar Tage vor Johanni. - Und
vor sechs Tagen? forschte ich weiter - was hat sich denn da zugetragen? - Da
hat der Feind die Abendburg erstrmt und alles wst gemacht. Zusammenzuckend
nahm ich meinen Arm von des Zetteritz Schulter. Er blickte trbe und sagte
dumpf: Ich tat das nicht, brauchst mir darob nicht zu grollen. Sttze dich nur
wieder fest auf mich, ich mchte dir vergelten, was du mir Gutes getan - wiewohl
ich nicht hehle, da ich zu deinen Feinden gehrte und damals gern getan htte,
was die andern taten. Ich hatte wieder den Arm um seinen Nacken gelegt,
schleppenden Schrittes ging es vorwrts. Welcher Feind hat die Abendburg
berwltigt, und was ist aus unsern Leuten geworden? - Colloredos Volk, die
Besatzung des Kynast hat den Wachstein erstrmt und ist zur Abendburg
heraufgedrungen, hat uns einen Tag und eine Nacht belagert und dann mit blutiger
Waffe berwltigt. Alles haben sie geplndert und wste gemacht. Haben auch
drunten des Dorfes nicht geschont, wie denn mein Husel, mein lieb Husel
niedergebrannt, mein Laboratorium zerstrt ist. Beate, unsre gute Beate - vor
Schrecken starb sie - der Schlag hat sie gerhrt, oh! - Und es weinte der
Oheim, auch mir kamen Zhren. Nach einer Pause sprach er weiter: Was unsere
Leute betrifft, so sind die einen tot, die andern gefangen, die letzten
geflchtet. Doch la gut sein, Johannes, uns bleibt ein Trost: Das
Niedergerissene werden wir neu errichten. Diese Hhle ist geblieben, wie sie
war. Niemand ist eingedrungen oder hat davon erfahren, niemand sonsten als hier
der Ritter, der aber hat gelobt, verschwiegen zu sein. Zetteritz beteuerte das
aufs neue, und der Oheim meinte: Es ist ja nur, Herr Ritter, weil wir bei den
vielen Feinden, die uns erstanden sind, einen Schlupfwinkel haben mchten. -
Ich verrate nichts, versicherte Zetteritz. Seufzend stund ich da; doch dieser
Seufzer machte leichter mein Herz. Ich danke dir, Zetteritz, und sinnen will
ich, ob ich nicht das Rechte finde fr uns alle. Wir waren an den Hhlenbach
gekommen, ber den die schmale Steinbrcke fhrt. Da wir nicht nebeneinander
hinberkonnten, ich aber allein bei meiner Schwche in die Felsenschlucht htte
taumeln knnen, so trugen mich die Mnner; der Oheim hielt mich um die Brust
gefat, Zetteritz bei den Beinen. Auch durch den schmalen Gang mit der Eisentr
trug man mich. Endlich ging es die obersten Stufen hinauf, und in der Grotte
waren wir, erschpft sank ich auf das bereitete Mooslager.
    
    Umherblickend vermite ich den Ofen und alle Gerte des Laboratorii. Der
Oheim deutete auf tnerne Trmmer: Die Plnderer haben hier alles nach dem
Schatz durchwhlt, den sie beim Goldmacher erwarteten. Wie ein seltsam trauter
Gru mutete es mich an, da an der Felsenwand meine Harfe lehnte. Wie kommt es,
da die verschont ist? - Sie war nicht hier, antwortete der Oheim, sondern
im Dorfe bei Hollmanns, wo du sie gelassen, nachdem sie bei deiner letzten
Predigt ertnte. Ich habe sie gestern heraufgeholt. - Erklre mir, warum die
Plnderer nicht in die Hhle hinuntergedrungen sind, da sie doch hier in der
Grotte waren?
    Der Oheim setzte sich zu mir: So hre denn, Johannes! Wie ich und Dreler
gesehn, da wir uns gegen die Belagerer nicht halten konnten, hat Dreler
gesprochen: Retten wir den Johannes! Er wenigstens mu brigbleiben, er schafft
das Gold und kann das neue Reich grnden auch ohne uns. Ich gab Dreler recht
und ging mit ihm in die Grotte, wo du in deinem Wundfieber lagest. Da hab ich
dem Dreler den Hhleneingang entdeckt, und wir haben dich hinuntergetragen,
auch Nahrung mitgenommen. Bleibe du mit Johannes unten, sprach Dreler, ich will
den Stein wieder auflegen und mit Schotter verbergen. Da war ich nun mit dir,
Johannes, wie lebendig begraben. Bald darauf ist der feindliche Sturm
losgegangen. Hinter der verschlossenen Eisentre hab ich das Poltern droben
vernommen, zum Schusse fertig die Muskete, falls einer eindrnge, und
entschlossen, die Tr zu verteidigen bis zum letzten Odem. Aber sie haben unsere
Hhle nicht entdeckt und sind gegangen, wie aus den den Felsen nichts mehr zu
holen war. Zwei Tage drauf hab ich gewagt, den Steindeckel hochzustemmen und ans
Tageslicht zu gehen. Habe die Verwstung erschaut und viele Erschlagene
gefunden, zumeist Leute von uns; auch Dreler ist dabei gewesen. Als
Kundschafter bin ich zum Hohen Stein geschlichen. Da ist mir eingefallen, da
ich ja den Hhleneingang offengelassen. Voller Angst bin ich zurckgehastet,
gleich zu dir hinunter. O Heiland! Da fand ich einen Mann, der gezckten
Schwertes mich anherrschte: Des Todes bist du, so du nicht sogleich gestehst, wo
der Tielsch meine geraubte Braut verbirgt! Vom Oheim, der hier innehielt,
wandte ich fragend den Blick auf Zetteritz. Ja, ich war's, sagte er. Nach dem
Treffen mit dir, das mich meine wenigen Leute gekostet hatte, war ich deiner
Spur gefolgt, um Thekla wiederzugewinnen. Bedenke, Johannes, die Liebe zu ihr
trieb mich. Ich nickte, und der Oheim fuhr fort: Wer mir so entgegentrat,
mute mein Feind sein. Und ich brannte mein Pistol los, erhielt freilich gleich
darauf einen Hieb, da mir die Sinne schwanden. Ei ja doch, eine starke Klinge
fhret der Herr Zetteritz; nur war sie nicht so hurtig wie meine Kugel, an der
er schier verblutet wre, wenn du ihm nicht geholfen httest. Ich lag derweilen
betubt vom Hieb. Wie ich zu mir kam, fand ich euch beide und habe ihm geholfen,
weil du darum batest, Johannes.
    Stumm nickte Zetteritz. Ehrfurcht sprach aus seinen Augen. Sein Antlitz,
matt beleuchtet vom Tageslicht, das durch den Spalt der Grottendecke kam, war
bleich, die finstern Falten zwischen den Brauen, die roten Narben auf Stirn und
Wange mahnten an seine Wildheit. Wst starrten um den Knebelbart sprossende
schwarze Stoppeln. In seinem Lederkoller war noch das Loch, wo des Oheims Kugel
eingedrungen, und den seinen Kleidern war anzusehen, da ihnen erst jngst Blut
ausgewaschen war. Traurig schttelte ich den Kopf, bedenkend, wie sonderbar und
gnzlich unvermutet das Schicksal unsere Lage umzuwandeln wute. Das war nun
derselbige Mensch, mit dem gemeinsam ich in die Lateinschule zu Hirschberg
gegangen. Gerauft hatte ich mit ihm, da wir Union und Liga spielten, ferner auf
dem Kynast in der Comoedia vom verlorenen Sohn. Vor vier Jahren hielt er mich
auf dem Elbkahn gefangen und lie mich schlielich gefesselt ans Ufer werfen, um
Thekla fr sich allein zu behalten. Nun aber blickten wir beide einander an,
geschlagen und gedemtigt. In der Felsenwste hatten wir nebeneinander liegen
mssen, hilflos, der eine auf den andern angewiesen. Und der ewige Grund, aus
dem alles quillt, hatte es so gefgt, da dem Verblutenden von seinem
Nebenbuhler geholfen ward, und da die Feinde ineinander den gemeinsamen
Menschensohn erkannten.
    Auch Zetteritz mochte dies alles bedenken, in seinem Blick war starres
Staunen, kopfschttelnd meinte er: Seltsam bin ich verwandelt. Mu wohl
verblendet gewesen sein, als ich dir feind gewesen. Was aber war's, das mich
verblendet? Sie doch nicht, die ich liebte, die ich lieben werde bis zu meinem
Grabe. Und es zuckte ber sein Antlitz wie verhaltenes Weinen. Auch ich blickte
starr auf das Geheimnis unserer Herzen und fand nach schweigendem Sinnen die
Worte: In uns beiden lebt die eine Liebe. Wenn sie nun bisher nicht vermocht
hat, uns zu einen, so mu wohl ein Strendes in ihr gewesen sein, so jeden von
uns eigenschtig vom andern abweichen lie. Es wollte halt jeder ihm allein
solle Thekla gehren, wie ein kstlich Ding, das man eigentmlich besitzt. So
freilich mute jeder des anderen Nebenbuhler sein. - Und jetzo? fragte
Zetteritz, die Hand auf seine Stirn gelegt, wie kommt es, da du mir nicht mehr
Nebenbuhler bist? - Sie ist ja tot! erwiderte ich mit bebender Stimme;
genommen ward sie uns beiden, entrckt von dem Schicksalsgrunde, darin wir
wurzeln und weben. Verblieben ist uns eine Thekla, um die zu hadern vllig
sinnlos wre. Ihr Bildnis hat sie jedem unserer Herzen hinterlassen. Wohlan,
Zetteritz, verehren wir eintrchtiglich diesen heiligen Schatz. Aufschluchzend
warf sich der Kriegsmann zu meinem Lager auf die Knie und prete mir die Hand,
indem er stammelte: Bruder! - Genung! sagte da der Oheim fest, wiewohl ihm
Trnen im Auge stunden. Hret auf, von Thekla zu reden. Bedenket, die Kopfwunde
ist noch nicht heil. - Schon recht, guter Tobias, gab ich zur Antwort; doch
Aussprache gibt mir eher Ruhe als Verschweigen. Unkenntnis foltert mich. Drum tu
Bericht ber alles, was sich zugetragen, vom Tag an, als ich die Abendburg
verlie. Da sahen der Oheim und Zetteritz einander an, als sei zwischen ihnen
stilles Einvernehmen, und Zetteritz sprach: Sag ihm, Tobias, was er wissen mu,
mir aber wollet derweilen Urlaub geben; ich werde drauen graben. - Was will
er graben? fragte ich, und seufzend kam die Antwort: Wir haben Grber ntig.

Wie wir beide allein waren, vernahm ich vom Oheim folgenden Bericht: Berthulde
hat durch einen Burschen, dem sie's angetan, vom Boten den Weg zu Thekla
erkunden und ein Pferd stehlen lassen und ist dann in der Nacht des Festes
davongaloppiert. So ist sie dir zuvorgekommen und hat dein Weib entfhrt,
vorgebend, zu dir solle die Reise gehn. Du hast dann zu Altenau die Wunde
davongetragen und bist von deinen drei briggebliebenen Leuten heimgebracht. -
Nur drei sind briggeblieben? fragte ich; und Segebodo? Segebodo ist mit den
zwei andern in Altenau gefallen. Nach trauervollem Schweigen bat ich den Oheim,
fortzufahren, und er sprach: Mit dir langten die Reiter am Morgen der
Johannisfeier hier an. Tags zuvor schon war Berthulde gekommen ... Angstvoll
unterbrach ich den Oheim: Hatte sie Thekla bei sich? Dster schttelte er das
Haupt und ergriff beschwichtigend meine Hand: Unterwegs hat die Eiferschtige
die Untat verbt - wo, wei keiner. Aber sie hat es eingestanden, hat sich der
Tat gerhmt. Ich fuhr zusammen, als habe ich eine Viper berhrt. Ruhig,
Johannes, hre weiter. Eine Hexe ist sie gewesen, des Teufels Anbeterin. Ich
Blinder, der ich das nicht gleich gesehen, der ich gar die Zauberin dir
empfohlen habe! Nun hat sie all dies Unheil ber uns gebracht. Schon das
flammarische Ding htte mich warnen sollen. Denke nur, diese Putzkeller bringen
ihrem Moloch lebendige Menschen zum Opfer. - Woher willst du das wissen?
fragte ich. - Woher? Hat sie denn nicht ihre heidnische Ketzerei unseren Leuten
hier in den Kopf gesetzt und mit ihrem Aberglauben selbst etliche aus
Schreiberhau verseucht? Hat sie nicht eine heimliche Partei gebildet, am
Johannistage dem Feuergtzen Menschenopfer darzubringen? Und ist sie nicht vor
meinen eigenen Augen in die Opferflamme gesprungen? Tobend hatte der Oheim
diese Worte herausgeschrien; verzerrt das Angesicht, schttelte er die Fuste.
Wie versteinert war ich, dann murmelte ich: In die Opferflamme gesprungen? Der
flammarische Dmon hat ihr den Kopf verrckt! Mit scheuem Raunen fuhr der Oheim
fort: Wie die Verruchte am Tage vor Johanni hier wieder auftauchte, hielt sie
sich von mir zurck. Heimlich war sie beflissen, die Johannisfeier
vorzubereiten, damit das Lichtreich, wie sie sagte, wrdig beginne. Ihrer
Krnzeljungferngilde hat sie eigne Lieder beigebracht und, in ihrer tollen
Brunst fr ihren Knig, wunderliche Anordnungen getroffen, wie man dich empfahen
und wie man abends die Lichtmette begehen solle. Ihre Helferin ist ein
Soldatenweib gewesen, und schier alle fremden Soldaten haben der jungen Hexe
gehuldigt. Schrecken aber hat uns befallen, wie du auf einmal halbtot gebracht
wurdest. Aufgekreischt hat die erblichene Berthulde, nach ihrem Herzen getastet
und mit blauen Lippen gemurmelt: O wehe, da sticht mich mit seinem Stachel das
Zauberding - verfallen bin ich ihm, habe ja kein Glck in der Minne! Denn es
stirbt mir mein Liebster, o weh! Johannistag aber ist heut, und huldigen wollten
wir dem Herrn der Berge. Gebet nun acht, ihr Leute, schauen sollet ihr, wie ich
ihm huldige. Ich opfere mich fr sein Lichtreich - fliege gleich dem roten Hahn
hinauf zu Lichtvaters Halle - meinem Liebsten voran, der bald folgen wird. Ich
hielt solche Rede fr Narretei, ohne zu ahnen, welch ein Vorhaben sie andeute.
Berthuldens Anhnger blickten auf sie mit scheuem Staunen. Dann heischte sie, um
dich zu sein und dein zu warten. Ich habe nichts dawider gehabt. Verzweifelt hat
sie sich gebrdet, da du bewutlos und rchelnd in der Balkenklause lagst.
Inzwischen war das Festgetmmel im Gange, denn ein Verwundeter bekmmert wenig
die Soldateska, und man wollte sich das vorbereitete Fest nicht stren lassen.
Sie tranken und sangen, knchelten und tanzten, und bald waren die Kpfe hei.
Da vernahm ich, es sei vom Soldatenweibe das Gerede aufgebracht, du liegest im
Sterben, und so werde der Goldquell bald versiegt sein. Gruppen tuschelten, und
ich besorgte, man sinne auf Meuterei. Wie ich nun mit Dreler derohalben Rates
pflag, meinte er, man solle das fremde Gesindel baldigst wieder abschieben,
solle zu diesem Zwecke sagen, mit dem Herrn der Berge werde die Goldmacherei
endigen, weil ja niemand sonsten das alchymistische Geheimnis kenne. Einstweilen
freilich sei des neuen Reiches Sckel annoch gefllt. Kaum hatte Dreler solchen
Bescheid dem Soldatenweib erffnet, als ein Wachstein-Soldat angehastet kam und
von Maiwald, der dorten das Kommando hatte, die Botschaft brachte, ein
Feindeshaufe mache Miene, den Wachstein anzufallen, und es solle meine
waffenfhige Mannschaft lieber das Lichtfest aufgeben und Sukkurs bringen. Oho!
schnarchten da etliche Saufkehlen, wir wlln uns verlustieren. Die vom Wachstein
mgen sich alleine plagen. Sie gnnen uns das Feiern nicht. Und dieser
Meutergeist nahm berhand. Nur wenige Sldner hatten die Zucht, mir zum
Wachstein zu folgen. Dorten sah es nicht so bel aus. Die Angreifer, der
Besatzung Kynast angehrig, waren ohne berlegenheit und von ihrem Angriffe mit
blutigen Kpfen heimgeschickt, die Unseren hatten dabei kaum einen Schu zu tun
brauchen. Hatten, um Kraut und Lot fr den Nahkampf zu sparen, auf den Feind
Felsblcke gewlzt, whrend er grade in enger Bachschlucht sich zusammendrngte.
Weiter unten im Tale sah ich - es schien mir so ... Hier machte der Oheim eine
Pause und starrte, die Stirn gerunzelt, vor sich hin. Nun? fragte ich
beunruhigt. Der Oheim schttelte das Haupt: Ich habe mich wohl versehen. Aber
wisse, Johannes, mir war's, als sei unter Colloredos Volk der Giacomini
gewesen. - Wie? Unserer Schatzbeschwrung Kumpan? Das wre schlimm! Ich habe
dir wohl schon gesagt, da er zu meinen Angebern in Prag gehrte. - Ich sah
einen kleinen Buckligen bei den feindlichen Fhrern; er sa zu Pferde und blieb
behutsam in der Ferne. - Wie dem auch sei, sprach ich - erzhle weiter! Und
der Oheim fuhr fort: Zur Abendburg ging ich, fr den andern Tag das Rechte zu
bestellen. Da fand ich alles in Bestrzung und Rumor. Die Pest sei ausgebrochen,
sagte Dreler, whrend umstehende Weiber die Hnde rangen. Und er fhrte mich
abseits, indessen die Leute scheu zurckblieben. Im Tann auf dem Moose lag
reglos ein Soldat. Ihm war das Wams abgezogen, da man den nackten Oberkrper
sah. Er ist unlngst verendet, sprach Dreler, und man hat an ihm das Zeichen
der Pest gefunden. Es berrieselte mich kalt, da ich auf das fahle Antlitz
blickte, dem die erloschenen Augen nicht zugedrckt waren und die blulichen
Lippen voll Schaum stunden. Lassen wir ihm gleich hier sein Grab scharren, um
Gold wird sich ein Totengrber finden, meinte ich. Zum Festplatze zurckgekehrt,
sahen wir ltere Leute aus Schreiberhau heimziehen, wiewohl das Festin, da die
Sonne unterging, erst seine Hhe erreichen sollte. Die brigen gaben sich um so
wilder dem Taumel hin. In einer Ansprache prahlte das Soldatenweib: Seid
unbekmmert! Mit Pest und Feindesgefahr werden wir schon fertig. Berthulde ist
Zaubers mchtig und will das Unheil durch ein Opfer beschwichtigen. Obacht! das
gibt ein Schauspiel! Wir gingen nun in die Balkenklause, um nach dir zu sehen.
Bei deinem Lager hockte Berthulde, du warfest dich im Fieber hin und her.
Jhlings aufgerichtet schriest du Berthulden an: Mir aus den Augen, Mrderin!
Berthulde fuhr zurck und zitterte bei der Tre, bleich und stumm. So geh doch!
fuhr Dreler sie an; du machst ihn wild! Sie rollte die Augen und stampfte mit
dem Fue: Der Meine ist er doch! Hhnisch auflachend schlpfte sie dann zur Tr
hinaus. Sie darf nicht wieder zu ihm, sagte Dreler; wir mssen einen Mann zur
Pflege bestellen. So taten wir, da wir beide andern Ortes ntig waren. Um
nmlich vor dem Feinde unsern Proviant zu sichern, wollten wir unverzglich Vieh
und Vorrte vom Branntweinstein nach einem Versteck am Roten Flo schaffen.
Nebst etlichen besonnenen Leuten, die wir noch auftrieben, gingen wir ans Werk.
Als die Sterne lngst glommen, war es getan, so da wir zur Abendburg heimkehren
durften. Schon von weitem sahen wir roten Rauch und Funken aufgehen. Man
schwenkte Fackeln und rollte flammende Rder den Bergeshang hinab. Beim Felsen,
nicht auf der Seite der Balkenklause, sondern auf der andern, wo er steil
abfllt, loderte prasselnd ein gro Feuer, von Mnnern genhrt mit aufgeworfenen
Fichtenstmmen. Whrend etliche Leute, darunter das Soldatenweib, schrien,
lachten und einander umhalseten, als wren sie voll und toll, schluchzeten
andere und rangen die Hnde, die dritten aber starrten dster oder bekundeten
Abscheu. Was hat's denn? fragte ich. Da umringten mich etliche Schreiberhauer
und, ganz auer sich, redeten sie auf mich ein: Der Teufel ist los! Das fremde
Gesindel begeht eine Teufelsmette! Fort von hier! - Eine Teufelsmette? fragte
ich. Was tun sie denn? Was ist geschehn? - Da kam die grauenvolle Antwort: Das
Feuer frit zween Menschenleiber - lebendige Menschen werden hier dem Teufel
geopfert. Berthulde, die Hexe, hat vom Felsen zum Volke geredet, man solle den
Lichtvater vershnen, durch das kostbarste Opfer solle man ihn bestimmen, da er
die Pest stille und die Burg uneinnehmbar mache. Dann ist diese putzkellerische
Lichtbraut in die Flammen gesprungen.
    Schwer atmend, hielt der Oheim inne. Ich war zuerst wie versteinert, dann
ri mich Entsetzen empor, und ich raunte heiser: Verbrannt? - Starren Blickes
nickte der Oheim und fgte dumpf hinzu: Das Kindlein mit ihr. - Wie denn? Ein
Kindlein? Was fr ein Kindlein? Der Oheim wollte nicht mit der Sprache heraus,
so da ich schon besorgte, jetzo werde das Allerschrecklichste kommen. Dann aber
zuckte er die Achseln und gab seufzend den Bescheid: Es war halt ein Opferkind,
so nannten es die Leute. Wem es gehrte, was wei ich? Ein fremdes Kind, das sie
auf ihrer Reise aufgelesen haben mag, die Teufelsbraut! La uns nicht weiter
davon reden, frag auch den Zetteritz nicht danach. Ruhe tut uns allen not, Ruhe!
Nun du alles erfahren, schlafe und werde bald gesund. Ich will dem Zetteritz
beim Graben helfen.
    Wie Tobias gegangen war, schlug ich die Hnde vor mein Antlitz und flehte
zum Menschensohn in meiner Tiefe, da er mir Kraft gebe in dieser Bitternis.
Rief meines Vaters Geist herbei und beriet mit ihm, wie ich es denn nun anfangen
solle, dem dstern Felsen meines Herzens seinen Abendburgschatz abzugewinnen.
Erschpft von der Seelenfolter, die mir diese Stunde beigebracht, sank ich
endlich in Schlummer.
    Vom leisen Eintreten des Oheims erwacht, sprte ich an meiner Erquickung,
da ich sattsam geschlafen hatte. Gib mir zu trinken und zu essen, Oheim,
sprach ich. Auch verlangt mich, ans Sonnenlicht zu kommen. Ich glaube wohl, ich
kann alleine gehn. Erhub mich also und trat zur Grottentr hinaus ins Freie.
Ach sieh, da war keine Balkenklause mehr, am Boden lag Asche und halbverbranntes
Holz. Der Anblick schnitt mir ins Herz. Dann aber hing mein Blick an der Sonne,
die ob dem blulichen Tann im goldklaren Abendhimmel glhte. Getrost! Es gab
noch eine Sonne! - Zetteritz war herbeigekommen und sa nebst dem Oheim bei mir
im Beerenkraut. Nachdem ich mich an der Bergwelt erquickt hatte, lie ich das
Auge ber die Sttte der grausigen Heimsuchung schweifen. Vom Festgetmmel und
dem darauffolgenden Kampfe waren Rasen und Kraut niedergestampft. Des Burgwalles
Umzunung, die aus zugespitzten Pfhlen bestund, klaffte hier und dort
auseinander. Ein Aschenhaufen bezeichnete die Sttte des Opferfeuers. In
Steinwurfes Weite war ein offenes Grab. Wer soll da begraben werden? fragte
ich, und der Oheim antwortete: Dreler; sein Leichnam liegt im Walde. Ich
glaube, es wird dir lieb sein, wenn du sein Grab in der Nhe hast. Den andern
Gefallenen haben wir ein Massengrab im Walde bereitet. Neben Drelers Grube
siehest du einen kleinen Hgel, drunter liegt, was ich vom Opferkindlein brig
fand. Erschaudernd schwieg ich. Dann sorgte ich mich um die Schreiberhauer und
fragte: Wie ist die Lage im Dorfe? Ist es von der Pest heimgesucht? - Auer
dem einen Pestfall, versetzte der Oheim, von dem ich berichtet, wei ich nur
noch von einem zweiten. Am Tage nach der Johannisfeier war's, als Colloredos
Volk den Wachstein erstrmt und uns oben umzingelt hatte, da erlag ein zweiter
Soldat der Seuche. Um den Leichnam zu entfernen und zugleich die Belagerer zu
schrecken, haben wir ihn in eine Ochsenhaut gehllt und den Abhang
hinuntergerollt, hier, wo die Bume niedergeschlagen sind. Den Feinden vor die
Fe ist der schlimme Gast gelangt. Haben sich aber nicht abschrecken, sondern
zu unverzglichem Sturme reizen lassen und, wiewohl wir uns das erstemal
gehalten haben, ist im erneuten Sturm die Feste genommen. Was aber das Dorf
betrifft, so wei ich nichts von Pesterkrankung daselbst. - Und wie behilft
man sich im Dorfe nach der Plnderung? Hat man Proviant bewahrt? - Ich
frchte, versetzte der Oheim, mancher leidet Not, da unser Vorrat, den ich
nach dem Roten Flo geschafft, vom Feinde hinweggefhrt ist und die Plnderer
den Htten alles erreichbare Gut geraubt haben. - Aber Tobias! sprach ich
vorwurfsvoll, da mssen wir ohne Verzug helfen! Zu Zetteritz gewandt, fuhr ich
fort: Mit Tobias hab ich zu ratschlagen und bitte dich, fr ein Weilchen uns
allein zu lassen. Zetteritz ging, und ich redete hastig auf den Oheim ein: Geh
sogleich ins Dorf und gib den Leuten Gold, la sie ins Bhmische reisen, Vieh
und Korn zu kaufen. Wir wollen jetzo aus der Hhle das bentigte Gold holen. -
Das brauchen wir nicht, entgegnete der Oheim; ich habe viele Mnzen bei mir.
- Gib sie hin, ans Werk! Bevor der Oheim ging, rief er Zetteritz zurck und
empfahl ihm, mir Speise und Trank zu holen. Dann setzte er sein Pistol in
Schubereitschaft und entfernte sich in der Richtung zum Hohen Stein.
    Zetteritz kam nun aus der Grotte mit einem Laibe Brot und einem Kruge. Habe
zwar schon bessern Trunk getan, sprach er lchelnd, doch man gewhnt sich an
euern herben Beerenwein. Er reichte mir den Krug, und ich erquickte mich.
Darauf so tat er mir Bescheid: Auf treue Brderschaft! Beisammen saen wir und
lieen auch das Brot uns munden. Wie das Mahl beendet war, verglomm die Sonne
hinter den Iserbergen, und zugleich kam von der andern Seite ein Summen
geschwommen, sanft wie ein Vogel auf reglosen Schwingen. Es war das Abendgelut
der fernen Dorfkirche. Zetteritz faltete die Hnde und versank in Gebet. Wie er
nach einer Weile aufseufzete, sah ich sein Auge feucht. Durch eine Bewegung
seines Kopfes wies er auf den Abendstern, so zart am erblichenen Himmel
schimmerte, und sprach leise: Weit du, an wen der Stern mich erinnert? An
Thekla! Ich redete einmal mit ihr vom Abendstern. Wie Zetteritz sinnend
verstummte, bat ich ihn, weiterzuerzhlen. Aus Theklas Briefe hast du, mein
Bruder Johannes, wohl bereits entnommen, da ich oft in Thekla gedrungen bin,
sie solle mein Weib werden. Dich hielten wir ja fr tot, und hei war meine
Liebe zu ihr. Weil ich nun ein anhnglicher Sohn der heiligen Kirche bin, so
htte ich gern Thekla in ihren Scho zurckgebracht. Da haben wir zuweilen
mitsammen ber den Glauben geredet, und von der Gottesmutter hab ich ihr
gesprochen. Sintemalen ich nun als Kind von meiner guten Amme vernommen, auf dem
Abendstern wohne die Gottesmutter, so ist mir solches in den Sinn kommen, wie
ich einmal mit Thekla diesen Stern betrachtet habe; und ich habe es ihr gesagt.
Da hat sie die Frage getan, wie ich zur Gottesmutter bete, worauf ich ihr mein
Ave vorgesprochen habe. Seitdem nun mahnet mich der Abendstern an Thekla, und
ich bete dann zur Gottesmutter. So war's im Feldlager, und so ist es jetzo
hier. - Willst du nicht auch mich dein Ave lehren? fragte ich weich. Da
faltete Zetteritz abermals die Hnde: Gegret seist du, Maria! Bist voller
Gnaden, der Herr ist mit dir, gebenedeiet ist die Frucht deines Leibes, Amen!
Verlegen lchelnd wie ein Scholar, der unzulnglich gelernt hat, fgte er hinzu:
Wie es der Priester spricht, lautet das Ave wohl etwas anders; ich hab's
vergessen, ich halte mich an das, was ich kann und gewohnt bin. Die
Gottesmutter, denk ich, wird es auch so gelten lassen. Sie ist voller Gnaden.
Das hab ich in mancher Feldschlacht erfahren, mein Schlachtgebet war stets dies
Ave. - Ein schn Gebet, erwiderte ich und berdachte die Worte. Da ergriff
Zetteritz meine Hand und drckte sie: Versuche du doch auch einmal, zur
Gottesmutter zu beten! Ich kann nicht reden wie ein Pfaff, doch glaube mir: nur
in der wahren Kirche findest du den Stab und Halt, ohne den deine Seele in die
Irre schweift. Haben dich diese Unglckstage nicht belehrt, da du Gefahr
lufst, gnzlich vom Himmel abzukommen? Hast ja nicht blo den katholischen
Glauben, sondern auch noch den evangelischen verloren. Dieweilen es unmglich,
da der Mensch auf nichts stehe, so bleibet dem Unglubigen, in Ermangelung
kirchlichen Beistandes, nichts brig, als selber sich ein Bildnis vom Gttlichen
zu machen. Aber ach, dabei ist er auf seinen Eigenwillen angewiesen, und
wunderlich webt seine Willkr, bis er sich schlielich gnzlich in Ketzerei
verstrickt und in seinem Gtzendienste gar auf den Teufel fllt. La dich
warnen, Johannes, durch den Frevel, der an dieser Sttte sich ereignet hat. Die
Saat des Heidentums hat ihre Giftfrucht getrieben. Wende dich ab von der Bahn,
die zur Teufelsmette fhrt. Bete zur Gottesmutter! Er war bei diesen Worten ein
Eiferer worden, doch seine Treuherzigkeit rhrte mich, und ich antwortete: Habe
Dank, du meinst es gut, und still fr mich will ich deine Rede prfen, zumal mir
wundersam friedevoll zumute beim Schauen des Abendsternes und bei deiner Mahnung
an Thekla und die Gottesmutter. Ach, Bruder, hole mir meine Harfe! Es drngt
mich, mein schweres Herz im Gesange zu erleichtern.
    Gern erfllte er den Wunsch, ich stimmte die Saiten und griff trumerisch
leise Akkorde. Den Worten vom Himmelreiche sann ich nach, die meines Vaters
Geist zu mir gesprochen: Inwendig ist das Himmelreich. Ist dem so, mu alles,
was frommer Glaube heilig hlt, im innern Himmelreiche wohnen. Nicht auf dem
Abendstern, im Menschenherzen hat die Gottesmutter ihr Heim, und hier auch suche
die gebenedeiete Frucht ihres makellosen Leibes. Ja, Menschenkind, so deine
Seele nicht selbst Maria wird, kannst du den Heiland nicht empfahen. In dir mu
der Gottessohn geboren werden ... Und zum Klange ward dies Sinnen, heimlich
fgten sich die Worte und vermhlten sich mit einer alten Weise. Wie mir das
neue Lied vor der Seele schwebte, sprach ich zu Zetteritz: Nun la mich sagen
und singen, wie ich zur Gottesmutter bete, und welcher Glaube mich der wahre
deucht. Im nchtlichen Dunkel lagen die starren Wogen der Waldberge. Wie eine
blumenbeste Aue schimmerte das himmlische Gezelt von Sternen, als ich nun
harfend anhub:

Marie, Gebenedeite,
Mit Kind und Myrtenkrone,
O bleib nicht in der Weite,
Auf hehrem Sternenthrone!
Komm in dies Httelein
Und mir im Busen wohne!

Es hat das Reich der Himmel
Hier innen allen Raum.
Da fern im Morgenland
Mein Eden blht, ist Traum!
Die wache Seele fand
In sich den Lebensbaum.

Sei, Seele, selber du
Die keusche Himmelsmaid,
Vom Licht aus Sternenscho
Umflutet und umfreit,
In Minne makellos
Zur Mutterschaft geweiht.

Zu Bethlehem die Krippe
Ist jeder Herzensschrein;
Soll mich und meine Sippe
Der Gottessohn befrein,
Er mu aus Menschengrunde,
Aus mir erboren sein.

    Auf diesen Sang schwieg Zetteritz und meinte dann: Bin ein rauher Soldat,
des Geistes Geheimnisse bleiben mir verschlossen. Mir ist es am besten, wenn ich
dem traue, was Gottes Kirche seit 1600 Jahren verkndet. Doch lieblich und fromm
klingt deine Weise, ich danke dir. La mich nun eine Bitte tun. Ich vermisse
meinen Rosenkranz, den ich betend noch in Hnden hielt, wie ich verwundet in der
Hhle lag. Er wird mir dorten entglitten sein. Ich will freilich nicht hehlen,
da ich nur mit Scheu in die Hhle zurckkehre. Indessen mcht ich doch morgen
das Rosenkrnzel suchen. Willst du es erlauben? - Mitsammen wollen wir gleich
in der Frhe hinuntergehen, entgegnete ich, aber nun ist Schlafenszeit. Auf
Tobias knnen wir nicht warten. Wir begaben uns zur Grotte, und wohl tat uns
das Mooslager.
    Vom Schlafe fuhr ich auf, als Tobias die Laterne anzndete. Um den
schnarchenden Zetteritz nicht zu stren, fragte ich leise: Nun, Tobias, wie
steht's? - Schlimm, raunte er, ich war bei Hollmann. Die Feindesgefahr ist
nicht vorber. Colloredos Volk hlt den Wachstein besetzt. Mein Rat ist, da wir
uns gleich morgen von hier wegbegeben. Allerdings whnt der Feind, das ganze
Goldmachernest sei ausgerottet, doch Hollmann meint, wenn mich etwan jemand
gesehen habe, so knne die Abendburg leichtlich neuen Besuch erhalten. - Hat
dich denn wer gesehen? - Ich glaube nicht. Doch wenn mich der gesehen hat, den
ich sahe, so stehet es schlimm. Wie ich nach meinem Husel schaue, wandelt bei
den Trmmern ein fremder Mann. Mit breitem Hut, grauhaarig, in schwarzem
Spaniolenmantel, dreht mir den Buckel - ja, ein Buckel war's - du errtst wohl,
wen ich meine. - Giacomini? Also wirklich? fragte ich bestrzt. Er wird's
gewesen sein, wiewohl ich es nicht behaupte. - Dann fort von hier, Tobias! Wir
wollen gleich morgen zu den Iserbauden. Diese Nacht wird uns wohl niemand hier
oben stren. Der Oheim streckte sich nun gleichfalls hin, und unser Sorgen ward
durch Schlummers Gnade beschwichtigt.
    Als der Morgen ob den Bergen glhte, rsteten wir uns zum Aufbruch. Tobias
und Zetteritz wollten erst Dreler bestatten. Whrend sie den Leichnam aus dem
Walde holten, vernahm ich hinter dem Felsen ein Gerusch wie von einem
abgerutschten Steine. Ich ging hin und sah etwas Dunkles in die Tannen
schlpfen. Das kann doch kein Rotwild gewesen sein? denn es war schwarz. Wie
sollte aber ein Schwarzwild hierherkommen? Derweilen ich so berlegte, brachten
der Oheim und Zetteritz Drelers Leichnam, ich ging mit zur Bestattung. Wie wir
das Grab zugeschttet und still gebetet hatten, sagte Tobias: Vom Ritter
Zetteritz vernehm ich soeben, da er gern seinen verlorenen Rosenkranz wieder
htte. Mich dnket zwar, solch ein Ding wre zu missen. Doch gehet nur in die
Hhle hinunter, ich halte hier oben Wache.
    Nebst Zetteritz begab ich mich also in die Grotte, und wir taten die
Steinplatte beiseite. Mit brennender Laterne stiegen wir in die Tiefe und kamen
nicht ohne Grauen an die Sttte, wo wir etliche Tage zuvor nebeneinander mit dem
Tode gerungen hatten. Gleichwohl muten wir daselbst verweilen, denn kein Sphen
machte den Rosenkranz ausfindig. Wie ich mich nun pltzlich wende, an einer
andern Stelle zu suchen, lauert wenige Schritte vor mir geduckt eine Gestalt,
und ich erkenne Giacominis stechende Augen, das scheue, verkniffene Gesicht, die
hohen Schultern, den gepichten Spitzbart. Im selben Augenblick wird auch
Zetteritz des Eindringlings gewahr und hat ihn gleich bei der Gurgel.
Giacomini! zische ich grimm; wie kommt Er hierher? Zetteritz schttelt den
tckischen Zwerg. La ihn los! sage ich, er soll uns Rede stehen. Giacomini
sinkt chzend auf die Knie: Gnade, ihr Herren! Was hab ich denn verbrochen? Da
ich hier eingedrungen bin, gibt euch kein Recht, mich anzupacken. Erdrosselt bin
ich ja schier. - Wie hat Er es angestellt, in die Hhle zu gelangen? forschte
ich weiter, war denn nicht Tobias oben vor dem Eingange? - O freilich,
entgegnete Giacomini und erhub sich; aber Kruter-Tobias ist nicht dageblieben,
ist nach dem Grabe gegangen, in das ihr eben eine Leiche getan habt. Ich sah
alles vom Walde, und da ich zu Ihm wollte, Herr Johannes, so hab ich den
Augenblick genutzt, hinter Seines Oheims Rcken in die Grotte zu schlpfen. -
Was untersteht sich der Schleicher? rief Zetteritz und packte ihn von neuem
an. Gnade, ihr Herren! heulte der Italiener, seid nicht so streng mit einem
armen Goldsucher. Oh! Johannes! sind wir nicht Kameraden? Bedenk Er doch, wie
wir vor 25 Jahren mitsammen den Schatz der Abendburg heben gewollt. Was folget
daraus? Ich hab ein Recht, hier zu sein; damals haben wir ja den Pakt getan, das
Gold zu teilen. So geb Er mir mein Teil, Johannes, ich bitte, ich flehe! Dies
Herz ist ausgedrrt vom Drsten nach Golde. O wie hab ich gesucht und alles
getan, nichts gescheut, den Schatz ausfindig zu machen. Vergebens! Betrogen hat
mich mein Hoffen! Ich verschmachte, verzweifle. Rette mich, Johannes! Du kannst
es, du hast den Schatz! Ja, leugne nicht! Kein Goldmacher bist du, ein
Schatzgrber bist du! Und hier mu dein Gold stecken. Gib mir davon! Wo ist es,
wo? Und entschlpft war er der Faust des Ritters. Wie eine schwarze Ratte
rannte er im Felsendom umher. Pltzlich der steinernen Riesen vor sich gewahr,
kreischte er vor Angst, und ihm schlotterten die Knie. Dann scho er auf die
steinerne Truhe los und griff hinein. Nur Gebeine aber hatten wir darin
gelassen. Mit einem Laut des Abscheus warf er weg den Fund und wollte
weitersuchen. Doch wieder packte ihn Zetteritz und schob ihn vor sich her dem
Ausgange zu. Anfangs strubte sich der Italiener, dann bat er, man solle ihn
loslassen, ruhig werde er ja mit uns gehen. Wir wir an den Hhlenbach kamen,
wich Giacomini vor der Steinbrcke zurck. Ich werde fallen, sprach er
furchtsam. Ratte! herrschte ihn Zetteritz an, bist doch soeben
herbergekommen, so mut du auch wieder zurck. Seid still! antwortete
lauernden Blickes der Mensch; schon gut, ich werde kommen, lasset mir nur Zeit,
meinen Schwindel zu meistern. Zeiget mir, wie man hinberschreitet. - -
Vorwrts, Zetteritz! Er wird schon nachkommen. Und ich schreite mit der
Laterne ber die Brcke, Zetteritz folgt. Auf einmal hinter mir ein Schrei:
Schelm, verfluchter! Und wie ich mich wende, taumelt Zetteritz in die
Felsenschlucht. Im Strzen krallt er nach Giacominis Mantel und reit den
Aufkreischenden hinter sich drein. Mir ist, als solle mein Herz stillstehen. Es
beben mir die Knie, ich hebe die Arme empor und schreie ...
    Wie es dann aber in mir ruft: Rette! - so raff ich mich zusammen und leuchte
hinunter. Da wlzt es sich dunkel und zappelt, umsplt von Wassergischt, und
chzet, dann keucht Zetteritz halberstickt: Ratte! Zappele, schluck Wasser,
krepiere! - Zetteritz! ruf ich, bist du heil? Dumpfes Sthnen antwortet,
und es rchelt, als halte der Tod hier Ernte. Vergebens suche ich nach einer
Stelle, um die Steinwand hinabzuklettern. Ein Strick fehlt mir. Her einen
Strick! Tobias! Hilfe! Ins Felsenbett ruf ich: Halt aus, Zetteritz, ich hole
den Oheim! Und ich eile zum Hhlenausgang.
    O du scharfe Geiel des Schicksals! Wie ich ans Tageslicht komme, liegt am
Fue des Felsens Tobias in seinem Blute. Ich rttele ihn; er ist unbewut wie
ein Sterbender. Am Hinterkopf hat er die Wunde, und wie ich sie befhle, ist da
eine breitgedrckte Kugel, und ich hoffe nun, das Hirn werde nicht zerrissen
sein. Den Wasserkrug hol ich, wasche die Wunde, unterbinde die blutende Ader und
lege um den Kopf ein nasses Tuch. Dann haste ich wieder in die Hhle hinunter.
Abermals leucht ich ins Felsenbett und rufe nach Zetteritz. Keine Antwort, keine
Regung. Die dunkeln Menschenleiber sind vom reienden Wasser stromabwrts
getrieben zum Felsenloche, wo es in die Tiefe strudelt. Von Angst gepeitscht,
will ich eine Stange oder einen Strick ausfindig machen. Da fllt mir jene
Felsenkammer ob dem Hhlenbache ein, wo wir den Goldschatz geborgen und die
angewandten Werkzeuge untergebracht hatten. Ich haste hinan zur Schatzkammer und
finde einen starken Strick, auch eine hlzerne Rolle zum Hochwinden. An einem
Steinzacken ber dem Bachloche befestige ich Strick und Rolle und gleite ins
Felsenbett hinab. Die mitgenommene Laterne zeigt mir die beiden Menschenkrper
vom Tode erstarrt in der Umschlingung eines wtenden Kampfes. Der starke
Zetteritz hat den buckligen Zwerg erdrckt, erwrgt, ersuft, und noch immer
hlt seine Faust dessen Gurgel. Giacomini aber ist mit einem Dolche dem Ritter
zwischen die Rippen ins Herz gefahren. Weder am einen noch am andern zeigt sich
eine Spur von Leben.
    Ich trenne die aneinandergeklammerten Leichname und binde den Strick um
Zetteritz. Emporgeklommen, mhe ich mich eine Weile, den schweren Mann
heraufzuziehen. Von meiner Krankheit sind meine Krfte noch schwach. Abermals
begeb ich mich ins Felsenbett und schlinge den Strick um Giacomini, der ja
leichter ist, den ich denn auch bald heraufbringe. Wie soll ich aber nunmehr
Zetteritz holen, da doch niemand zu meinem Beistand vorhanden? Da kommt mir
schauerlicher Rat, und bitter lach ich auf: Hilf du mir, Meuchelmrder, der du
dies Arge angerichtet! Hilf dein Opfer heraufziehen! Und mit grimmer Laune fhr
ich den Plan aus: Whrend Giacomini an des Strickes einem Ende befestigt bleibt,
schling ich das andere Ende um Zetteritz. Wieder oben, geb ich dem Meuchelmrder
einen Tritt, da er in die Schlucht gleitet und am gestrafften Strick, der ber
die Rolle geht, als Gewicht schwebt. Ist seine Schwere auch nicht gro, so hilft
sie doch, hinabsinkend, Zetteritz emporziehen. Wie ich Giacomini zum zweitenmal
hoch gebracht habe, befllt mich Zittern, und ich mu niedersitzen, mich zu
erholen. Endlich schleife ich die beiden Krper aus der Hhle ans Tageslicht.
Auch jetzto find ich an ihnen weder Hauch noch Puls. Da brech ich Tannenzweige
und decke mit Grn das grausige Bild.
    Den Tag brachte ich nun mit des Oheims Pflege hin. Beerenwein, den ich ihm
einflte, schluckte er, und es schien um etliches besser mit ihm zu werden.
Gegen Abend sank ich in Schlaf, wachte aber mitten in der Nacht auf und lag
schlummerlos. Gebieterisch verlangte etwas in mir, da ich mein Leben berdenken
und Rechenschaft ablegen solle. Auch diesmal suchte mich heim ein guter Geist.
Waldhuser war's; er redete in seiner Treue: Das liegt nun hinter dir,
Johannes. La gut sein! Das Beste bleibt dir ja: der Schatz der Ewigkeit! Doch
wisse: Willst du ihn haben, so mut du ihn heben, mut dein Teil dazu beitragen.
Also ist einem jeglichen Menschenkinde verordnet. Denk an die wahre Alchymie und
wandle deines Herzens Trachten zu Golde um. Warst bisher in dieser Kunst ein
Stmper. Was dir noch fehlte, war Enttuschung. Soll sich die Seele vom
Nichtigen wenden, mu sie bitter davon enttuscht sein. Nun hast du ja solche
Bitterkeit. Eine Hlle hat dir das gleiende Metall bereitet. Drum sage dich los
vom Gtzen Mammon. Ich schluchzte, Waldhuser begtigte, mein Herz ward still
und fest. Ich folge dir, Meister, gab ich zur Antwort, ich sage mich los vom
Schatz, will nur noch davon eine Spende an die armen Gebirgler tun, da sie ihre
zerstrten Htten aufbauen knnen. Waldhuser hub abwehrend die Hand: Nicht
doch, Johannes! Hte dich, der Habgier Gift noch frder in deines Nchsten Herz
zu sen. Hast du denn nicht am Italiener gesehn, wie der Durst nach Golde die
Seele zur Hlle bereitet? Sorgenvoll wandte ich ein: Soll denn das
Menschenkind gar keine Habe sammeln und drftig bleiben sein Leben lang? -
Denk an des Heilands Warnung vor dem Reichtum. Den Armen fllt es leichter,
selig zu werden als jenen, so ihre Seele an den gleienden Staub verloren. -
Ich fand noch immer keine Klarheit und meinte mutlos: Hast du denn nicht selber
Geld empfangen von deinen geheilten Patienten? - Freilich, mein Kind,
erwiderte Waldhuser mit stillem Lcheln; aber dies Geld war nicht seelenlos.
Unterscheide zwischem totem Gelde und lebendigem. Eine Seele hat jedes Gut, das
du erworben hast in redlicher Arbeit fr Menschenwohl. Wenn du aber einen
vergrabenen Schatz findest, so ist es nicht viel besser, als habest du ihn
geraubt. Kein Recht hast du darauf, es fehlt ihm ja die Seele, die dein Schaffen
verleiht. Schatzgrber und Goldmacher, Diebe und Ruber erstreben ungerecht Gut,
wollen Macht und Lust erlangen, ohne sie zu verdienen. An solchem Gute haftet
nicht Segen, sondern Fluch. Verbanne deshalb den Dmon der Abendburg, senke das
Gold in unerreichbare Tiefe. Auf, Johannes! Es gilt! Deines Lebens Wende ist
gekommen und die Stunde, da dir die wahre Goldmacherei gelingen soll.

O schicksalreiches Jahr 1635! Seit deinem Johannistage hast du mir
absonderlichen Anla gebracht, das Hinsterben der Staubgeschpfe zu beseufzen.
Bei welkenden Blumen und vergilbenden Halmen, im Birkenhain, wo schon falbe
Lublein taumelten, sah ich manchen Schatten der Unterwelt, mir bekannte
Menschen, vom Schnitter Tod gemht. Und im Septembersturm, im Rauschen des
geschwollenen Baches sthnte die Losung Vorber! Gedemtigt, vom Gold
enttuscht, einsam mit dem schwerverwundeten Oheim hausete ich bei Grbern und
Ruinen. Mit ihrem Leben hatten die meisten meiner Freunde dafr gebt, da sie
mir gefolgt waren. Tot war Segebodo, tot Dreler, tot der ganze Kern meiner
Mannschaft. Verlaufen hatte sich der Rest, dem Verrate hingegeben ein Teil
meiner Sldner. Tobias hatte nach hitzigem Wundfieber unter meiner Pflege zwar
neue Rstigkeit des Leibes gewonnen, doch aus dem Kopfschaden eine Schwche des
Verstandes davongetragen. Tot war der ungestme Ritter Zetteritz, tot auch sein
Mrder Giacomini. Zu Asche gebrannt die eiferschtige Berthulde, wie auch das
unschuldige Opferkindlein. Und du, meine Thekla? Warum mutest du dem Messer der
Rasenden verfallen? Keine Knigin hab ich an meiner Seite; zerbrochen ist der
Thron des neuen Reiches, zerstoben mein Traum von Minneglck, von Herrschermacht
und gloriosen Taten. Und hilflos weiter sthnet das arme Vaterland, blutig,
zertreten ... Vorber, vorber!
    Ach, wo sind denn nun jene Helden, einst wie Gtter von mir angestaunet? Wo
ist der knigliche Leu aus Mitternacht, zu dessen Fahne ich geschworen? Wie ein
Triumphator durch Teutschland gezogen, hat er sich bei Ltzen die Mordkugel
geholt. Und seine Gegner, wo sind sie? Auch Tilly, Pappenheim am Waffenhandwerk
gestorben. Der reichste aller Gekrnten gar, Friedlands Herzog, so die
Kurfrsten und selbst die kaiserliche Majestt von sich dependieren lie, dieser
Abgott der Soldateska, dem die Gttin Viktoria verlobt schien, dieser Csar,
reiend wie ein Br und listig wie ein Fuchs, - schndlich ward er umgebracht
wie ein zahnloser Hund. Vorber, vorber! Schlielich du, mein armer Hans Ulrich
- wie mag nun dein Schicksal verlaufen sein? Schreckensposten durchliefen das
Gebirge. Erst raunte man, gefoltert sei der Freiherr. Dann hie es, zu
lebenslnglicher Einkerkerung sei er nach Wien transportiert. Zuverlssige Kunde
war nicht herauszubringen. Wo bleibet der Trompeterhansel? seufzete ich. Wenn
doch der Schatz der Abendburg wenigstens seinem rechtmigen Eigentmer, dem
Grundherrn, ein Gutes brchte, ihm zur Flucht aus dem Kerker verhelfend! Sollte
denn nicht ein einziger Segen vom Golde ausgehen knnen? - Seltsam, es kam und
kam kein Trompeterhansel, selbst kein Gercht ber ihn.
    Einmal im Regensturm, als mir beim Sthnen des Waldes die allgemeine
Vergnglichkeit das Herz abdrcken wollte, war es mir, als trabe durch den Nebel
ein Reiter daher. Doch war's nur Spuk; eine schwarze Krhe flog vorbei, und im
Bache polterte hohl ein losgerissener Stein.

Im Regengeprassel, im Windesrauschen -
Vorber, vorber -
Immer dem einen nur mu ich lauschen:
Vorber!

Wie dstere Pilger die Wolken ziehn
Vorber, vorber.
Wirbelnd des Waldbachs Wellen fliehn
Vorber.

Aus kahlen Wipfeln hr ich es sthnen:
Vorber, vorber!
Schaurig ein Echo im Herzen hhnen:
Vorber!

Da hab ich gehastet, hoffend geharrt -
Vorber, vorber!
Fiebertraum hat mich gehetzt und genarrt.
Vorber!

Wie Wasserwirbel mein Leben zerstieben,
Vorber, vorber.
Treu ist mir nur das eine geblieben:
Vorber.

Hei, meine Geschwister Regen und Wind,
Vorber, Vorber!
Bin ja wie ihr des Irrwahns Kind -
Vorber!

Einen Reiter seh ich in Wolken traben;
Bist du's, Vorber?
Den hagern Rappen umflattert von Raben -
Vorber.

Nun, dunkler Ritter, willkommen, Trster,
Du herbes Vorber!
Mich dnkt, ich werde noch dein Erlster,
Vorber.

Wir strmen ein Weilchen noch um die Wette,
Vorber, vorber -
Und trotten zuletzt an ein friedlich Bette -
Vorber.

Da wirst du die Morgenfanfare blasen,
Mein Heiland Vorber:
Trumer, nun ist dein Reiten und Rasen
Vorber.

Nur immer ins Weite langte dein Hasten:
Vorber, vorber!
So ward dein Leben ein einzig Fasten -
Vorber.

Was du im Weiten nicht fandest, die Ruhe -
Vorber, vorber -
Hat Raum genung in der schwarzen Truhe.
Vorber!

    Als ich am Sonntagmorgen zur Stelle kam, wo ich zuvor meine Predigten
gehalten hatte, fand ich die Leute um einen Mann gedrngt. Ich erschrak; denn
das war der Trompeterhansel und war's auch wieder nicht. Dem feurigen Reiter von
frher glich er nicht anders als drres, halbverbranntes Holz dem grnen
Eichbaum. Erloschen waren ihm die Augen, ausgehhlt und fahl die Wangen, schwach
alle Glieder, zerlumpt die Kleider. Auf dem Steine blieb er sitzen, als ich in
den geffneten Kreis der Leute trat, bot mir trben Blickes die Hand und brachte
kaum die Worte hervor: Ich kann halt nichts dafr .... In Weinen brach er aus,
und ich fragte die Leute: Was ist geschehen?-Enthauptet - enthauptet - haben
sie unsern gnidgen Herrn, lautete eines Schreiberhauers Antwort. Der
Trompeterhans nickte, es bebeten seine Lippen, und nachdem er etliche Fassung
errungen, kam unter chzen und Husten folgender Bericht heraus: Meine Brust ist
krank - es verschlgt mir den Odem - eine Kugel sitzt innen. Wegelagerer haben
sie mir zwischen die Rippen gejagt, die feigen Schelme! Vor Regensburg war's,
dicht an meinem Ziele mut ich einben, womit ich unsern Herrn htte retten
knnen. Ausgeraubt haben mich die Mauskpfe, da ich halbtot und splitternackt
im Walde gelegen bin. Endlich las mich ein reisender Edelmann auf, fhrte mich
im Wagen nach der Stadt und lie mich von seinem Arzte kurieren - soweit die Kur
meiner zerfetzten Lunge noch angedeihen konnte. Da mein Wohltter, begtert in
Polonien, nicht zu den Parteigngern des Wiener Hofes gehrte, durfte ich ihm
anvertrauen, da ich des Herrn Schaffgotsch Befreiung habe betreiben wollen.
Braver Diener, sagte der Polnische, als ich vom Krankenbette aufgestanden war -
zwar nicht zur Befreiung des Gefangenen mag ich Ihm verhelfen, doch dazu, da er
Seinen armen Herrn ein letztes Mal sehen und sprechen kann. Dahin gehet auch der
Wunsch des Herrn Schaffgotsch, den ich heimlich habe informieren lassen. Eile
aber tut not, denn schon zimmern sie am Blutgerst. - Ich erschrak und konnte
nicht fassen, wie es so weit habe kommen knnen. - Ach ja, guter Trompeter -
sprach der Polnische - die Wiener Politici brauchen einen gerichteten Anhnger
der Friedlndischen Partei, um den Meuchelmord zu Eger als eine Vollstreckung
Rechtens erscheinen zu lassen. Den hfischen Tonangebern gefgig, hat nun das
Kriegsgericht Herrn Schaffgotsch fr schuldig erklrt, durch Verschwrung mit
dem Friedlnder Sedition begangen und die Kaiserliche Majestt hochverrterisch
verletzt zu haben. Das Haupt vor die Fe wollen sie ihm legen und warten nur
noch die kaiserliche Besttigung des Todesurtels ab, so stndlich aus Wien
eintreffen kann. - Als mir diese Schreckenskunde kam, schrieb man bereits Mitte
Julii, meine Krfte aber waren so gering, da ich mich kaum fortschleppen
konnte. Wenige Tage darauf besuchte mich Wegerer, des gndigen Herrn
Kammerdiener, der treue Konstantin. Gramvoll drckte er meine Hand und konnte
zuerst kein ander Wrtlein herausbringen als immer nur: Trompeterhansel - es ist
aus! - Dann vernahm ich, wie abscheulich sie dem armen Herrn mitgespielt hatten.
Sein Gefngnis war ein Stbel im Rathause, bewacht von zwei Dutzend Mann. Unten
in der Erden aber war ein Gewlb, dessen Bekanntschaft dem Gefangenen nicht
erspart geblieben. Ihr starret mich an - ja, Leute, gefoltert - gefoltert haben
sie den edeln Schaffgotsch - haben ihm die Wippe beigebracht - zentnerschwere
Steine an seine Fe gebunden und ihn mit einem Strick an den Armen
hochgewunden, da die Gelenke krachten. Dabei hat ihn ein Auditor der
Obstination geziehen, weiterer Ungelegenheiten gewarnt und der Wahrheit
erinnert. Ihr Schelme! hat unser Herr geschrien - habet mich bereits verurteilt
- und hinterher erst wollet ihr die Wahrheit herausbringen? Oder vielmehr den
Schein eurer Gerechtigkeit, da sie selber euch fehlet, soll ich euch geben, ihr
henkermigen Erpresser! Wie darf man einem schon Verurteilten noch die Tortur
applizieren? Schande ber solchen Bruch des Rechtes! - Hierauf so hat der
Auditor mit der Tortur innehalten lassen und diese feige, saumig
rechtsverdreherische Ausflucht ergriffen: Mein Herr Schaffgotsch tuet ihm
selbsten unrecht, weil er nicht alle nheren Umstnde seiner Missetat frei
heraussaget und folglich Ursach gibt, da man also strenge mit ihm prozedieren
mu. Vermeinet vielleicht, durch Verschwiegenheit den guten Namen der Seinigen
zu erhalten. Aber der Herr mu wissen, da nicht allein Mutmaungen, sondern
Beweise fr seine Schuld vorliegen. Darum ist er auch zum Tode verurteilt. Was
aber diese Tortur betrifft, so soll sie Ihn zu mehrerer Heraussagung der
Umstnde und der Mitschuldigen anhalten. Befugt zur peinlichen Befragung ist das
hohe Gericht, weil ein zum Tode Verurteilter bar des Rechtes ist, das nur
Lebendigen zukommt. Drum mag der Henker mit Euer Gnaden verfahren wie mit einer
toten Kreatur. Ihr seid so gut wie ein Leichnam ...
    Hllenhunde! schrie bei diesen Worten des Trompeterhans ein alter
Schreiberhauer, und es jammerte, sthnete, grollte die ganze Gemeinde.
    Nach einem keuchenden Husten fuhr der Erzhler fort: Ja, Hllenhunde,
teuflische Phariser sind sie alle, so auf den Wink der Pfaffen und Hofschranzen
zu Regensburg das Recht verflscht haben. So hat denn die Tortur ihren Fortgang
genommen, und eilf Fragepunkte hat man dem Gefolterten vorgehalten. Der aber hat
anfangs nur immer geschrien: Schelme! Ist dann in Sthnen verfallen und hat
schlielich Antworten gegeben - als zum Exempel: Nein! Ich wei nichts! Nicht
doch! Ist nicht wahr! Ein einzig Mal ist er konfuse worden und hat gestammelt:
Ja doch, ich will alles sagen - haltet ein! Wie aber dann der Auditor
gesprochen: So bekennet, Herr Schaffgotsch, - hat die Antwort gelautet:
Tintenfresser! Ich bin kein Herr mehr und bin kein Schaffgotsch mehr - ein
Kadaver bin ich, den die Aasgeier zerfleischen - nehmet mir nun endlich meinen
letzten Odem - je eher, je lieber - ich mag euch nimmer sehen, ihr
Teufelslarven! ... Da nun die Tortur schon drei Stunden gedauert und trotz aller
Kunst des Scharfrichters nichts Neues effektuiert hatte, so wurden auf des
Auditors Wink dem Opfer die Bande gelst und die bel zugerichteten Gliedmaen
wieder eingerenket. Den Halbentblten, der sich nicht aufrecht halten konnte,
trugen sie in sein Gefngnis, wo er dem wehklagenden Konstantin die Worte
zurief: Sieh, wie die Schinderknechte mich armen Wurm fr meine dem Vaterlande
geleisteten Dienste zugerichtet haben! Mit Begier, ohne die Arme heben zu
knnen, trank er dargereichtes Bier. Drei Wochen hat er die vom Scharfrichter
gelieferten Salben brauchen mssen, bis endlich die Glieder wieder geschmeidiger
waren und brauchbar zum allerletzten Gang. Drei Abgesandte des Kriegsgerichts
traten ins Stbel und machten Komplimente, Exzellenz hin, Exzellenz her, ohne
Worte fr ihren traurigen Auftrag zu finden. Bis der edle Herr, ihres Kommens
Ziel erratend, ihnen entgegenkam. Lieben Herren - meine Exzellenz ist mir mit
Gewalt genommen, und ihr mget euren Auftrag nur geradeheraus sagen. Ich wei
ohnedies, da mein Blut lngst eingeschenket und nur noch ausgetrunken werden
soll. Darauf haben sich die Offiziere ihrer Person halber entschuldiget und
endlich ihm auf kaiserlichen Befehl das Leben abgesagt. Nun, o Wunder, hat des
Herrn Antlitz gestrahlt. Welch angenehme Post! so lautete seine sanfte Antwort.
Wahrlich, so s euch das Leben ist, mir ist es wie Galle, seit mich der Kaiser
fr meine Dienste also traktieren lassen. O balde, balde mcht ich mich scheiden
vom Gelsten und Hasten dieser eitlen, falschen Welt. Aus enttuschtem Herzen
quillet ein himmlisch Verlangen, alles Unreine hinwegsplend, bis sich am
Menschenkinde das Wort erfllt, so der Heiland bei Jakobs Brunnen gesprochen:
Wer das Wasser trinket, das ich ihm gebe, den wird ewiglich nicht drsten,
sondern das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm ein Brunnen ewigen Lebens. -
Hierauf hat ein Offizier die Hnde gefaltet und die Worte der Samariterin
wiederholt: Herr, gib mir dasselbe Wasser! Der Auditor war auch dabei und meinte
herablassend: Kaiserliche Gnade wird erlauben, da die Hinrichtung hier auf dem
Zimmer stattfinde. - Nicht doch! entgegnete aufrecht unser Herr. Mein Gewissen
ist nicht scheu, und ich will nach meiner Lebensart lieber unter Gottes Himmel
vor aller Welt sterben, als im Winkel abgetan werden. Fr mich und die Meinen
ist mein Tod keine Schande. - Siehe, da stunden die Richter gleich armen
Sndern, sprend, da sie es wirklich waren. Nun stellten sich auch Jesuiter
ein, um noch einmal ihren Bekehrungseifer anzuwenden. Lasset gut sein, Patres,
sprach Herr Schaffgotsch. Da ich euch wiederholt das Ohr geliehen, ist nur zu
meiner Unterhaltung geschehen. Nun ich mich ernsthaft um die Himmelsreise zu
bekmmern habe, soll mich allein jenes Wort geleiten, so im Anfang bei Gott war
und das Licht der Menschen geworden. Hiermit legte er die Hand auf die offene
Bibel Lutheri und tat einen Blick auf die Seligmacher, da sie die Augen
niederschlugen und mrrisch gingen. Einer aber sagte auf Latein: Halsstarrigkeit
ist nicht die letzte Ursach seines Todes. - Mit seinem Junker Melchior und dem
treuen Konstantin allein, besprach unser guter Herr, was noch zu ordnen war.
Lie einen schwarzen Sarg bestellen, fr seine hohe Gestalt gerumig. Dem
Scharfrichter ward nebst einem Geldgeschenk der Auftrag, einen Schemel
bereitzuhalten und dem Sitzenden den Todesstreich unverzagt und getrost
beizubringen. Um seinem Heiland eine nchterne Seele zuzufhren, nahm Hans
Ulrich bis zu seiner Hinrichtung nur ein paar Bissen in Bier getauchten Brotes
zu sich. Die Nacht brachte er in Andacht zu, sowie mit Schreiben der Valetbriefe
an seine Kinder, Verwandtschaft und Freundschaft. Der nchste Tag war ein
Sonntag, und da ist es mir gelungen, im Talar eines evangelischen Geistlichen zu
unserm lieben Herrn zu gelangen. Bleich und zergrmt sah er aus, doch aufrecht
und manchmal wie ein Verklrter. Willkommen, guter Trompeterhans, hat er
lieblichen Mundes gesprochen, - ach, wie schade, da dir die Mauskpfe so bel
mitgespielt haben! Ihr Schreiberhauer habet es gut gemeint, da ihr mich
befreien gewollt. Doch ich wre nicht aus dem Gefngnis entwichen, selbst wenn
du mit dem vielen Gelde meine Wchter ihrer Pflicht abspenstig gemacht httest.
Soll ich denn umsonst gelitten haben? Nein, es hat mir mein bitter Leiden die
Gewiheit eingebracht, da es sich nicht verlohnet, ein verdorben Erdenleben auf
unrechte Weise festhalten zu wollen und darob das ewige Gut zu verabsumen. Denn
so spricht der Heiland: Wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren; wer
aber sein Leben verliert um meinet- und des Evangelii willen, der wird es
behalten. Sage dem Tielsch-Johannes, dessen ich mich gern erinnere: ich danke
ihm fr seinen guten Willen, und er solle nur immer so tun, wie damals auf dem
Kynast, da er in der Scholarenkomdia als Herrgott, in die Hlle gefallen, dem
Teufel das Leder gerbte. Mag er fortfahren, den guten Schreiberhauern beizustehn
und dem Vaterlande. Doch soll sich der Goldmacher hten, wie des Aesopi Hund,
nach einem Schatten schnappend, das Fleisch der Weisheit aus dem Maul zu
verlieren. Gold ist verderblich, Gunst der Menschen launisch, irdische Macht
wankend, nur Wahrheit und Liebe besteht in Ewigkeit ...
    Diese Mahnung des gottseligen Mrtyrers, mir berbracht durch einen zweiten
Zeugen irdischer Vergnglichkeit, erschtterte mich bis ins Mark, wie ein
Posaunensto vom Jngsten Gericht. Ich schluchzete auf und htte sogleich auf
mein Angesicht niederfallen und meine Snde wider die heilige Wahrheit bekennen
mgen. Doch schien es mir angebracht, zu warten, bis der Trompeterhans seinen
Bericht zu Ende getan.
    Und er fuhr fort: Kurz war meine Unterredung mit dem edeln Herrn, und ich
merkete wohl, da ihm meine geistliche Verkleidung unlieb. Er betrauete mich mit
einem mndlichen Valet fr seine Kinder und Freunde. Briefe und Andenken werde
sein Hofjunker berbringen. Dann mute ich aus dem Stbel, weil Herr Prediger
Lentzius zum Gottesdienst und Abendmahl erwartet wurde. Ich blieb jedoch im
Rathause. Was nun fr hochwichtige Worte zwischen Herrn Schaffgotsch und seinem
Beichtvater gefallen, hat dieser beschlossen, mit in die Grube zu nehmen. Bei
der Kommunion war die Tr zum Korridor offen, so da die Diener nebst dem
protestantischen Teile der Wache kniend bei Gesang und Gebet mittun konnten.
Geschahe nicht ohne Vergieung reichlicher Trnen. Habe mein Lebenlang keinen
Menschen in dergleichen Andacht und ehrerbietigen Sitten am Tische des Herrn
gesehn. Andern Morgens, es war der Hinrichtungstag, wagte ich mich abermals ins
Rathaus. Konstantin berichtete, der Herr habe festen Schlaf gehabt, gar
geschnarchet und beim Erwachen den Sonnenstrahl mit dem Wunsche begrt: Gebe
mir mein Heiland nach diesem Lichte das ewige Licht! Bald tat sich uns Besuchern
die Tre auf, und lchelnd stund da unser geliebter Herre in schwarzen
Unterkleidern, gespornten Reiterstiefeln, einem Koller von Elenshaut mit
schwarzen Atlasrmeln, weiem Spitzenkragen, Federhut und gelben Handschuhen. Er
kte den erschienenen Predigern die Hand, segnete seine weinenden Getreuen und
nickte mir freundlich zu. Da inzwischen der Oberstfeldprofo mit seinen Knechten
die im Stbel vorhandenen Teppiche und Utensilien aufrumte, sprach unser Herr
gtig: Nehmet alles hin; doch die Bcher gehren den evangelischen Geistlichen.
Hierauf folgte er dem Profossen in den Rathaussaal, wo der gesamte Regensburger
Rat mit tiefen Komplimenten dem Freiherrn die Reverenz machte. Der nun gab allen
die Hand und bedankte sich dafr, da sie ihm an ihrer Dreifaltigkeitskirche
eine letzte Ruhestatt vergnnen wollten. Sobald er aus dem Rathause ins Freie
trat, hub die zahlreich zusammengestrmte Menge zu schluchzen an, und viele
sagten: Ach, welch schner, hoher, lieber Herre! Von solchem Mitgefhl, das aus
selbstlosen Herzen ungewhnlich herfrbrach, war Hans Ulrich gerhrt. Er stieg
nun in die schlechte, elende Karosse, mit sechs Schimmeln bespannt. Vorreiter
war der Feldprofo, und als einziger Diener, dem dies vom Kriegsgerichte
verstattet worden, ging nebenher der treue Konstantin. Wo unterwegs aus den
Fenstern Frauen oder Jungfern heraussahen, zog der ritterliche Herr seinen Hut.
Ist so frei im Wagen gesessen, als ging es zum Tanze, nach den Fenstern winkend
und lchelnd. Vor dem Gasthause zum goldnen Kreuz hat der Wagen gehalten, weil
innen im Saale das Kriegsgericht zur Verlesung des Todesurtels versammelt war.
Wie nun General Gtz den Vorwurf des Verrats und Eidbruches aussprach, verlie
unsern Herrn seine Ruhe, da er sich auf die Brust schlug und mit erhobenen
Schwurfingern aufbrausete: Das leugest du, Gtz; am Tage der Auferstehung
zitiere ich dich und manchen andern vor das Jngste Gericht. Nicht schuldig
dessen bin ich, was ihr mir zur Last leget! - Der erblichene Gtz mute sich
erst sammeln, um fortfahren zu knnen, da der Beklagte kaiserlichen Pardons
nicht fhig, sondern Ihrer Majestt mit Ehr, Leib und Gut heimgefallen sei,
dessenwegen er als ein abscheulich warnend Exempel dem Freimann berantwortet
werde, um vom Leben zum Tode zu gelangen, und zwar mittelst des Schwertes
derart, da der Kopf der kleine, der Leib der grere Teil bleibe. Was aber die
zuerkannte Abschlagung der Schwurhand betreffe, so sei diese ihm durch
kaiserliche Gnade erlassen. - Nicht ohne einen Anflug von Spott hat sich Hans
Ulrich geneiget. Dann hat er die Frage getan: Ist es wahr, da der Platz meiner
Hinrichtung die Heide geheien? Wie Gtz dies besttigte, lchelte unser Herr
wehmtig: Also soll ich doch auf grner Heiden mein Leben lassen. Habe mir oft
gewnscht, mein Herzblut dorten zu vergieen, wo ein Kriegsmann hingehrt.
Furcht vor dem Tode hat mich nie angewandelt, obwohl er mir oft so nahe, da ich
ihn mit dem Finger konnt erreichen. Allerdings sterb ich auf grner Heiden am
kalten Eisen. Doch stirbt es sich auf jede Weise wohl, so man bereit, vor Gottes
Angesicht zu treten. - Hier tat ein Oberster einen tiefen Seufzer und meinte:
Herr Schaffgotsch machet, da wir bald mitsterben mchten. - Da sei Gott vor!
antwortete unser Herr. Vielmehr mget ihr alle lange leben und, falls es
gestorben sein soll, im heien Kampfe fallen frs Vaterland. Bis dahin gehabt
euch wohl, Kameraden! Ist Zeit, da ich mich auf jenen Weg begebe, den man
nimmer zurckgehen kann. - Wie nun unser Herr vom versammelten Kriegsgericht
Urlaub genommen und den Saal verlassen hatte, stunden bei der Treppe zween
Jesuiter und baten ihn um des Jngsten Gerichtes willen, seine Seele nicht so
halsstarrig dem Teufel zuzufhren. Ich habe meine Seele schon versorgt,
antwortete Hans Ulrich; mchtet ihr dem Jngsten Tag vertrauensvoll
entgegensehen wie ich! Da aber die Pfaffen weiter zudringlich waren, schlug er
mit den Hnden hinter sich, wie man Mcken scheuchet. Vor dem Gasthause begrte
die Wache den heraustretenden ehemaligen General unter Gewehr, mit
Trommelwirbel, die Offiziere den Degen gesenkt. Erfreut dankte der Geehrte und
versicherte, er sterbe als redlicher Soldat. Von hier gings im Wagen zur Heide,
wo das Blutgerst war, von zwei Fhnlein umzingelt; und unter Schwenken der
Standarten wirbelten die Trommeln, da man sein eigen Wort nicht htte verstehen
knnen. Voll Todesmut stieg Hans Ulrich die Treppe zum Schafott empor, gefolgt
vom Profossen und dem treuen Konstantin. Dieser nahm seinem Herrn hurtig den
Halskragen ab und band ihm das Haar mit einem weien Tuche in die Hhe, da der
Nacken frei war. Nun faltete unser guter gndiger Herr zum allerletzten Gebet
die Hnde und setzte sich fest und gerade auf den Schemel. So will ich denn
diesen Leib verlassen und dies arme Leben; Dir zu eigen geb ich meine Seele,
gndiger Herr Gott - sprach er mit fester Stimme, wie hinterher der treue
Konstantin berichtet hat. Dann auf einmal stund hinter ihm der schwarzgekleidete
Scharfrichter. Von rckwrts war er hinzugetreten, lie nun den roten bers
Schwert gebreiteten Mantel fallen, schwang es - ich sehe es noch in der Sonne
blitzen, - und im Nu war der Streich verrichtet.
    Die Hand ber die Augen gelegt, hielt der Trompeterhans inne - und ein
einziger dumpfer Seufzer entrang sich den Zuhrern - wie die Bume
zusammensthnen, wann der Herbstwind sie ergreift. Mnner schlugen die Hnde
vors Angesicht und schauderten, das Weibsvolk schluchzete. Der Trompeterhans
aber raffte sich auf, um noch das Letzte zu berichten, und sprach leise unter
Kopfnicken: Ein glcklicher Streich! Wie ein Springbrunnen scho das Blut, und
zu Boden rollte der Kopf, auf dem der Hut noch sa. Der Krper aber blieb fest
auf dem Schemel sitzen, damit er noch auf diese Weise knde, von welchem Geiste
er bewohnt gewesen. Konstantin nahm das blutige Haupt, kte die Stirn und
wickelte es in ein schwarzes Tuch. Die anderen Diener traten herzu und betteten
die Leiche in den bereitstehenden Sarg, unabgewaschen und ohne da der Kopf
angenhet worden. Legten auch das blutbefleckte schwarze Tuch sowie den Degen
hinein. Dies hatte Herr Schaffgotsch ausdrcklich befohlen; so wie er
zugerichtet war, wollte er am Jngsten Tage dem Kaiser unter Christi Augen
genbertreten. Und ohne Zweifel, dieser edle Herr, ein vaterlndischer Mrtyrer,
verdient mit Gottes Gnade das ewige Leben.
    Nach dieser Rede sank der Trompeterhans erschpft zurck und war chzend an
einen Baumstamm gelehnt. Amen! murmelten die Zuhrer, und es weinten selbst
Mnner.
    Nun sahe ich das Stndlein zu meiner Beichte und Bue gekommen, fate mich
und sprach: Ich danke dir, guter Trompeterhansel, fr die Treue, so du unserm
Grundherrn gezollt hast, und ich bedaure nur, da dir aus unserm Unternehmen ein
schwerer Leibesschaden kam. Das Gold, davon ich dir mitgegeben, war dein
Unglck. O wie wahr hat unser verklrter Herr Schaffgotsch gesprochen, da er
mich warnete vor dem Golde. Es verdirbet die Seele, indem es vom wesentlichen
Gute abziehet und auf nichtswrdige Dinge lenkt. Wre mir doch eher solch
Einsehen gekommen! Doch es mu wohl sein: nicht eher wird das Kind klug, als bis
es, vom Glanz des Feuers betrogen, hineingegriffen und sich die Finger verbrannt
hat. Nun hat mich der Schaden kuriert und mir ein Wahrheitslicht angezndet. Das
soll nicht unterm Scheffel stehen. So vernehmet, ihr Leute, mein Bekenntnis. Ich
hab euch zuvor gesagt, ich knne Gold machen. Das ist nicht wahr gewesen. Mein
vorgebrachtes Gold war in der Erde gefunden, ein alter Schatz der Iserberge,
eigentlich also unserm Grundherrn gehrig. Da ich mich fr einen Alchymisten
ausgab, geschah, um mich wichtig zu machen und euer Fhrer zu bleiben.
Allerdings war mein Trachten ohne Selbstsucht - euch nmlich wollt ich helfen,
eine Beste zur Abwehr des Feindes wollt ich bauen, und nur deshalb Herr der
Berge sein, weil ich mich zum Anfhrer berufen fhlte. Ein Tor freilich war ich,
weil ich die Mittel falsch whlte. Mit Golde hab ich Menschen habgierig gemacht
und zu Trug, Raub und Mord angereizt. Wer Wind set, wird Sturm ernten. Was ich
erreichen gewollt, ist klglich milungen. Zusammengebrochen ist die Goldburg,
und es haben die strzenden Trmmer manchen von uns begraben, auch friedliche
Htten zerschmettert. Ich bin daran mitschuldig. Ich bekenne, bekenne! Und
bitten tu' ich reuevoll: Vergebet mir!
    Zuerst war alles starr, Augen und Mund rissen sie auf. Dann sah ich finstere
Blicke auf mich gerichte. Noch schwieg die Gemeinde. Dann murmelten die Leute
mit einander, immer unwilliger. Schlielich kam ein bitter Auflachen, und
Maiwald hhnte: Das also war dein Lichtreich, Johannes! Mich hast du
gescholten, weil ich Beute gemacht, in offenem Kampfe dem Feinde was abgenommen
und es der Gemeinde geben gewollt. Du aber eignest dir heimlich einen Schatz an,
Gold aus unsern Bergen, und statt mit uns zu teilen, legst du deine Hand darauf
und wirst ein Lgner, ein Grosprecher. Als Goldmacher blhest du dich auf, um
unser Knig zu sein. Ei ja doch! Und nun du den Karren in den Dreck geschoben,
flennest du: Vergebet mir! Was haben wir davon, da du bereuest, und da wir
vergeben? Wer bauet unsere Htten wieder auf? Wer schafft uns Vieh und Getreide?
Her mit deinem Golde! Wo ist es? Her damit! - Ja, her damit! Entschdige uns!
riefen rauh die anderen. Meine Demut war in Gefahr, in einem Aufbrausen
unterzugehen, mein Odem strmte. Doch die Hand auf die Brust gepret, sprach ich
heimlich zu mir selber: Stille! Recht geschiehet dir, auch wo Unrecht dich
geielt. Ich zog meinen schmalen Geldbeutel und sprach: Was ich zu eurer
Entschdigung bieten kann, ist dies wenige - drei Dukaten, ererbt von meinen
Eltern .... Hhnisch lachte Maiwald. Ich aber sah ihm frei ins Auge und fuhr
fort: Lache nicht, habe Achtung vor diesen Mnzen! Mit Kreuzlein sind sie
bezeichnet, weil sie, von meinen Eltern in ehrbarer Arbeit erworben und fr den
Sohn aufbewahrt, nichts gemein haben mit dem gottlosen Mammon. Nimm das gute
Geld fr die Gemeinde, Maiwald! Vor dem ausgegrabenen Schatz aber behte euch
hinfrder der Himmel. Versteckt liegt er, da ihn kein Mensch mehr findet.
Machet keine langen Gesichter! Lasset uns keine Toren mehr sein! Wie denn? Jenes
Gift, das so viele Opfer gefordert hat und meine Eingeweide abscheulich grimmen
macht, soll ich das wie Zuckerbrot an euch austeilen? Lasset mich zufrieden, da
ich nun endlich euer Heil im Auge habe. Und wehe euch, so ihr nach dem Schatz
Gelsten traget! Ich verfluche das Gold. Zu den Dmonen der Tiefe ist es
versenkt, und wer ihm nahet, soll das Grauen der Hlle kosten.
    Solche Einschchterung - Gott sei's geklagt - wirkte mehr, als selbst der
weise Salomon durch Predigt htte ausrichten knnen. Scheu glotzten mich alle an
und schwiegen. Hierauf legte ich den Beutel mit den drei Dukaten hin, tat einen
tiefen Seufzer und ging. Man schimpfte hinter mir her, ich nahm es ruhig hin und
hrte bald nur die guten Waldbume summen. Und wie frh Morgens durch
schwindende Flore der Nacht immer holder und farbiger die Blten der Erde
schimmern, so kam aus all dem Trben, das mich umschleiert hielt, nunmehr ein
sacht Gren, als ob unschuldige Kindlein mich anlchelten. Und da ich beim
Abendburgfelsen einsam war, strahlte rings die Welt so rein, als gb es keine
Schuld. Wie ein Freiersmann kam ich mir vor, der nach nchtlichem Irren endlich
sich heimgefunden hat zur Braut.

Ein Wandrer tappt in Nacht und Dnsten;
Wonach er suchte, wut er nicht,
Da hat verlockt mit Gaukelknsten
Zu Smpfen ihn ein Flackerlicht.
Er taumelte hinein und hielt den Rausch der Sinne
Fr benedeite Minne.

Und falsche Schtze sah er strahlen,
War allen Leibeslsten hold,
Vernahm mit Gier der Groen Prahlen
Und griff nach Purpur, Lorbeer, Gold.
Er rang und raufte drum, im wirren Fiebertraum,
Doch seine Hand griff Schaum.

Wach auf, Genarrter! Herold Morgen
Macht alle Nachtgespenster fliehn.
Von Bergeseinsamkeit geborgen,
Im heilgen Lichtstrom darfst du knien.
Gib hin die dumpfe Stirn! Der rote Sonnenmund
Kt dich von Schuld gesund.

In Weiheschauern wird nach oben
Zur spt gefundnen Sonnenbraut
Der Freier auf den Thron gehoben
Und Herz dem Herzen angetraut.
O tiefes Auge, gib mir Ewigkeit zu trinken!
La mich in dir versinken!

    Wie ich so lag, war mir, als wolle mich mein Schpfer umbilden, und der
ewige Friede weihete mich zu seinem Kinde.
    Hernach stund ich auf und tat den Gang in die Hhlentiefe. Der Schatzkammer
galt er. Eine Last Kostbarkeit nach der andern holte ich und trug sie dorthin,
wo der Hhlenbach ins Loch strudelt. Gold und Silber, Geschmeide und Edelstein
warf ich hinein. Und wie die Felsengurgel ihren letzten Schluck getan und den
Mammon in der Erde Eingeweide hinuntergeschlungen hatte, fhlte ich mich frei
und verstund an mir des Heilands Wort zu Nicodemo: Wahrlich, ich sage dir: Es
sei denn, da jemand von neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht
sehen. Was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch, und was vom Geist geboren
wird, das ist Geist. La dich's nicht wundern, da ich dir gesagt habe: Ihr
msset von neuem geboren werden. Der Wind blset, wo er will, und du hrest sein
Sausen wohl, aber du weit nicht, von wannen er kommt und wohin er fhrt. Also
ist ein jeglicher, der aus dem Geist geboren ist. Ich ahnte, da ich von neuem
geboren, aus dem Geiste geboren werden solle fr das wahrhaftige neue Reich, so
da ist ein Reich des Lichtes, der Unschuld und Liebe in Ewigkeit.


                              Das eilfte Abenteuer

                    Wessen wird sie im Himmelreiche sein?

Als ein rechter Liebhaber eremitischen Lebens hausete ich auf der verdeten
Abendburg, und es trieben die Tannen einen Sommerwuchs nach dem andern.
Herbststurm und Schneewoge, Lenzhauch und Sonnenglut bezogen stets aufs neue in
alter Reihe den Posten. Von meiner ragenden Warte sah ich die Morgendnste unter
mir brodeln und dann den Tag sein glutig Auge auftun, - beobachtete, wie Wolken
gleich Marmorburgen im Blauen schwebeten, und wie der Abend rote Rosen um sie
spann - trumte und lauschte empor, wann in der nachtenden Halle vieltausend
Himmelsbrger feierlich stunden und ganz lautlos, nur mit sanftem Lodern und
buntem Funkeln zueinander redeten. Schauend und sinnend gewann ich Andacht und
Erkenntnis und ward immer deutlicher inne, worin das wahre Gold der Abendburg
bestehe.
    Vom schnden Golde gnzlich abgewandt, lebte ich rmlich und mhselig. Neben
dem Oheim, so von seiner Kopfwunde einen schwachen und irren Geist
davongetragen, hatte ich nur den Hund zur Gesellschaft, Ziegen und Zicklein;
auch ein paar Bienenschwrme, in hohlen Stmmen angesiedelt. Des Oheims Acker im
Tale trug unser Brot, der Wald gab Beeren her und Pilze, Holz, Wildfleisch und
Felle. Wiederhergestellt war unser traulich Balkengehus. Nach Tages Arbeit las
ich in Bchern, grub in den Tiefen des Geistes und war fleiig im
Niederschreiben meiner Lieder, Abenteuer und Gedanken. Vor dem Schlafen sang ich
zur Harfe, der Oheim lauschte, dazu erfreute sich das Herz an Beerenwein oder
Meth. Nach Menschenumgang stund nicht unser Sinn. Seitdem ich die Schreiberhauer
enttuscht hatte, blieben sie abseits. Ich sei ein Schwarzknstler, rauneten
sie, der in seiner Grotte Dmonen dienstbar halte. Dem drfischen Gottesdienste,
den ein vom Kynast verordneter Pfaffe abhielt, blieb ich fern, und nur wenn
Glockengelut, Festschalmei oder Begrbnischoral vom Tal erscholl, ward ich
daran erinnert, da man drunten schaffte und feierte, da es Lachen und Weinen,
Hochzeiten, Kindtaufen und Bestattungen gab. Hinweg ber Menschengetriebe
schaute ich gern in die Ferne und verlor mich in ihrem zarten Dufte. Dabei
deuchte mich, dort msse sich ein Ersehntes erfllen. Was dies eigentlich war,
wut ich nicht zu fassen.
    Versunken in den lockenden Himmel ber mir, vernahm ich manchmal, wie er
gtig mahnete: Bleibe bei dir, Kind! In dir selber suche, was ich verheie!
Deinem Herzen bin ich ja nur ein Spiegel. So lerne dich selbst erkennen in mir.
Verschmilz das Ferne mit dem Allernchsten, vergi die trgende Scheidung
zwischen dem Deinen und dem Andern! Besiegelst alsodann fr dich den
Friedenspakt der Kreatur mit Gotte - mag auch die verblendete Welt ihres
Streitens kein Ende finden.

Droben kreist ein Knigsaar.
Auf zu ihm ins Blau der Lfte
ber Tann und Hhlengrfte!
Himmlische Ferne
Lockt und lchelt wolkenlos klar.

Bist du droben, Heimatland?
Sturm und Woge rauscht hienieden,
Und ein Pilgram seufzt um Frieden,
Weil er die Heimat
Immer nur ahnt - und nirgends fand!

Nur im Traume wird sie sein.
Bette, Fels, dies mde Haupt,
Das enttuscht noch immer glaubt!
Kehre nun, Seele,
In die Gefilde tief innen ein!

Werde Hauch und Melodie,
Leiser Mondgesang auf Auen,
Sommernchtig Niedertauen!
Brutliche Blumen
Wecken im Ku dir fromme Magie.

Dring ins Herz der Kreatur,
Hr aus jeder Tiefe tnen
Heimweh nach dem Allvershnen!
Heim denn, vershnt euch!
Glubig verfolget des Lichtstroms Spur!

Schaut das Gnadenreich enthllt -
Wo aus Zhren werden Wonnen
Und aus Sndern bunte Sonnen,
Wo sich der Liebe
Zrtlich Schmachten endlos erfllt. -

Droben kreist ein Knigsaar.
Auf zu ihm ins Blau der Lfte
ber Tann und Hhlengrfte!
Himmlische Ferne
Lockt und lchelt wolkenlos klar.

    An einem sonnigen Tage Septembris wandelte ich lngs des Schwarzen Berges,
ber der Schulter einen Sack voll gesammelter Pilze. Bedachte gerade, wie das
menschliche Leben gar so traumhaft sei; sintemalen die Dinge kommen und gehen,
nicht anders denn Traumbilder - unberechenbar, von einer rtselhaften Macht
eingegeben. Bei solchem Sinnen beschlich mich ein bang Gefhl; sagte mir: dein
neues Schicksal ist allbereits unterwegs und lauert im Dunkeln, um pltzlich auf
dich zu stoen. Wer wei, was auf einmal hier aus diesen Waldgrnden kommen mag.
Da hast du nun endlich deine Ruhe gefunden als ein Eremit; doch eine
auftauchende Vernderung mchte dich vielleicht stren und zu wilder
Leidenschaft hinreien.
    Whrend mein Auge starr auf dem entfernten Waldpfade verweilte, sah ich
zween Menschen daher kommen, einen Mann, in der Faust eine Partisane, auf dem
Rcken eine Hucke, hinter ihm ein buerlich gekleidet Weib.
    Ich ging ihnen entgegen und bot guten Tag. Freundlich gaben sie den Gru
zurck. Dann blieb der Mann stehen und sahe mich durchdringend an: Seid Ihr
Herr Johannes, der Buschprediger von der Abendburg?
    Der bin ich. Was ist euer Anliegen? So ihr in meine Htte kommen mchtet,
haben wir ein Stndlein zu gehen.
    Fragend blickte der Mann auf das Weibsbild und versetzte: So der Herr
Prdikant erlaubet, lsset sich auch an diesem Orte besprechen, was wir auf dem
Herzen haben.
    Ich wies auf einen Felsen, von Heidelbeergestruch umwachsen: Lasset uns
niedersitzen!
    Nun sah ich mir die beiden nher an. Der Mann von kurzer, breiter Gestalt
mute starke Krfte haben. Haar und Bart waren ergraut; eine breite Narbe im
braunen Gesicht und ein soldatischer Koller von Leder lieen vermuten, da er in
diesen Kriegszeiten die Waffe gefhrt.
    Das Weibsbild mochte vierzig Jahre zhlen, war gesund, etwas breit von
Angesicht, doch angenehm anzuschauen. Ihr blaues Auge frei aufgetan und voll
sanften Feuers. Sie sahe dem Manne hnlich, wiewohl er verschlossen und streng
blickte.
    Da die beiden schwiegen, wollte ich ihnen Mut zum Reden machen: Seid ihr
Mann und Frau?
    Geschwister! versetzte der Mann. Ich bin Heinrich Kiesewald geheien, der
Hirte vom Breiten Berge, und dies ist meine Schwester Sibylle.
    Da er wieder in Schweigen verfiel, forschte ich weiter: Hat Er keine Frau?
    Er nickte. Die hab ich, und um deren willen sind wir gekommen. Sie mchte
etliches von Euch, Herr Prdikant, vernehmen.
    Warum ist sie nicht selber gekommen? Ist sie krank?
    Das nicht. Aber so verschmt, da sie einem fremden Manne nicht leicht ihr
Herz erffnet.
    Sie hat gleichwohl gro Vertrauen zu Euch, Herr Johannes, sagte Sibylle
eifrig. Ihr Sinnen und Trachten, so dnket mich, ist wie das Eure darauf aus,
das himmliche Reich hienieden auszuwirken. Kein ander Begehren hat sie, als
immer nur treu und demtig ihre Pflicht zu erfllen und allen wohlzutun. Dazu
ist sie klugen Geistes, eine feine Frau und gehrt eigentlich nicht unter
geringe Hirten; heget aber gar keinen Hochmut, sondern mchte immer nur Dienerin
sein.
    Der Mann nickte, und ich wandte mich zu ihm: Da ist Er glcklich zu
preisen.
    Hrst du? sagte Sibylle in scherzender Munterkeit; dann erklrte sie:
Mein Bruder ist nmlich noch nicht zufrieden. Denkt sich halt, sein Glck solle
noch grer sein.
    Und was fehlt daran, Heinrich Kiesewald?
    Ich habe einen Kummer, und meine Frau hat auch einen. Sie trgt an meinem
Kummer mit. Darum aber sind wir kommen, da Ihr unsere Herzen erleichtert.
Wollet Ihr also tun, Herr Prediger? wollet Ihr mit Eurer Weisheit einen Zweifel
heilen, so ich Gottes Worte gegenber hege?
    Wenn ich kann. Fraget nur frei! Welch Gotteswort ist es denn?
    Es stehet geschrieben .... Hier verstummte der Mann und besann sich.
    Luc 20 und Matthi 22, sagte Sibylle und fuhr fr ihren Bruder fort:
Dorten wird erzhlt von sieben Brdern. Der erste nahm ein Weib und starb
erblos. Da nahm der zweitgeborene Bruder selbiges Weib, nach dem Gebote Mose,
damit ein Erbe entstehe. Doch auch er starb erblos. Nun nahm der dritte das
Weib, es erging ihm jedoch nicht anders denn seinen lteren Brdern. So
heirateten auch die anderen Brder der Reihe nach und starben insgesamt ohne
Erben; zuletzt starb auch das Weib. Diese seltsamliche Begebenheit trugen die
argen Sadducer unserm Heilande vor und fragten: Nun sage, Herr, wie wird es in
der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie zum Weibe gehabt; wessen wird sie
im Himmelreiche sein? - Sehet nun, Herr Johannes, die gleiche Frage richten wir
an Euch, weil mein Bruder Heinrich hier mit Zweifeln sich bekmmert und auch
noch seine Frau friedlos macht.
    Ich erwiderte: Warum gengt Ihm nicht der Bescheid, den Christus gegeben?
Die Kinder dieser Welt freien und lassen sich freien; wer aber wrdig sein will,
ins Himmelreich einzugehen, der mu wissen, da man dorten weder freiet noch
sich freien lt; denn im Himmel ist man den Engeln gleich und Gottes Kind.
    Nachdenklich nickte der Mann: So saget auch Agnete, und so mu es wohl
sein. Ich aber bin ganz irre an der verheienen Seligkeit; denn wofern nicht
wenigstens im Himmel meine Agnete gnzlich mein ist. Hier prete er die Lippen
zusammen, dster blickte sein Auge.
    Nicht gnzlich Sein? fragte ich. Wie soll ich das verstehen? Ist sie denn
nicht Seine liebe Ehefrau?
    Da der Mann schwieg, suchte Sibylle nach Worten: Ja sehet, Herr Johannes,
sein ist sie wohl, wen sollte die Gtige nicht lieben? Und ihm hat sie ja vor
Gotte die Hand zur Ehe gereicht; nur ist das eine andere Ehe, denn die
gewhnliche.
    Ihr habet keine Kinder?
    Hierauf Heinrich: Was meine jetzige Frau ist, die hat von mir kein Kind.
Sehet, Herr Prdikant, wir leben mitsammen nicht anders denn Bruder und
Schwester.
    Ist das euer freier Wille? Oder gehorchet ihr einem Zwange?
    Ihr Wille ist es, und frei, ja frei mu er wohl sein. Denn mein weiser
Lehrer Herr Albertus sagte: ein heilig Gemte ist frei. Meine Agnete dnket mich
eine Heilige; Geschwisterschaft hat sie mit mir ausgemacht, als sie mich zum
Manne nahm.
    Und warum nahm sie Ihn?
    Sein Auge lohte, als er zur Antwort gab: Weil ich nicht leben konnte ohne
sie - und weil sie mir Gutes anzutun gedachte. Dankbar wollte sie sein und
glaubete, eine Schuld shnen zu sollen, die sie gen mich habe. Aber Schuld hat
sie keine, es war ja nur ein blind Geschick, das mir mein Kind entri, ...
verzeih mir's Gott, wenn ich seine Schickung blind nenne. Will nur sagen: sie
hat keine Schuld.
    Nein, nein, eiferte Sibylle, sie hat keine. Denket nur, Herr, welche
Heimsuchung uns betroffen. Erst stirbt meinem Bruder die Frau, seine erste Frau.
Vor drei Jahren ist's gewesen, und sie hatte ein Kindlein hinterlassen. Was ein
herzig frisch Mdelein war Anneliesel! Wie nun die Mutter auf dem Sterbebette
gelegen ist, hat sie ihren Mann gebeten, dem Kindlein bald eine zweite Mutter zu
geben. Das geschah auf der Reise, in einem Gasthause. Es war aber daselbst eine
andre Mutter, eine unglckliche. Der hatte man ihr einzig Kind geraubt, dazu
einen Dolchsto versetzt. Ihr Kind zurckzuerlangen war ihr flehentlicher
Wunsch; da half ihr denn mein Bruder ... Heinrich fate erregt meinen Arm:
Herr Johannes, das war ... Doch seine Schwester erhub abwehrend die Hand: La
gut sein, Heinrich, schweig davon! Hast du vergessen, was Agnete uns ans Herz
gelegt? Rege nicht die hllischen Geister auf! Sollen sie auch noch des Herrn
Johannes Herz qulen? - Lasset gut sein! entgegnete ich. Ist Bses geschehen
und nicht wieder gut zu machen, so mag man darber schweigen. In der Hauptsache
erzhlet jedoch weiter! Sprachet von einer Mutter, so ihr Kind verloren. Mich
dnket, die pate zu dem Kinde, das seine Mutter verloren. - Sibylle nickte
lebhaft: So ist es! Hchst liebreich war sie um Klein Anneliesel beflissen, als
deren Mutter diese Welt verlassen hatte! Mochte sich von uns gar nicht trennen
und zog mit mir und der Kleinen auf einem Trowagen hinter dem Regimente her,
als Heinrich noch Feldweibel war. Da sie auch von Antlitz und Gestalt holdselig
war, hat mein Bruder keine andere als sie zur zweiten Ehefrau begehrt. Sie aber
hat nein gesagt und hat innig gebeten, da man ihr nicht grolle. Sie habe vor
Jahren geheiratet und im Getmmel des Krieges ihren Mann verloren.
Wahrscheinlich werde er tot sein; doch sei das unsicher. Drum widerrate ihr
Gewissen den neuen Eheschlu ...
    Bei diesen Worten stutzte ich, da ich an Thekla dachte, die mit der Frau in
diesem Schicksal bereinstimmte. Doch Thekla war ja tot, und gar vielen Frauen
war in den wirren Zeiten der Gatte abhanden gekommen, ohne da sie von seinem
frdern Geschicke wuten.
    Welchen Namen hat das Weib? fragte ich.
    Agnete! Es ist meines Bruders jetzige Ehefrau, von der er berichtet hat.
    Nicht ohne Enttuschung vernahm ich solchen Bescheid, als wre ich ganz
heimlich ein wenig der trichten Hoffnung gewesen, in diesem Weibe Thekla zu
finden. Und ich versank in trbes Sinnen, indessen Sibylle schwieg.
    Endlich kehrte ich zur Gegenwart zurck: Und nun weiter! Agnete hat also
doch wieder geheiratet! Was hat sie denn andern Sinnes gemacht?
    Frnehmlich jene Heimsuchung, antwortete Heinrich, und seine Stimme
bebete. O mein Anneliesel, warum hast du dich locken lassen von den
Bachblumen? Ratlos griff er an sein Haupt und seufzete. Auf dem Marsche ist es
gewesen, mein Regiment quartierte an der Unstrut. Maen wir nun einen sonnigen
Tag im Aprilmond hatten, ist Agnete mit dem Mdelein an den Flu gangen und
unter einem Weidenbaum niedergesessen. Im Sonnenschein ist die mde Frau
eingenickt. Derweilen hat sich das Kindlein von ihrem Scho gemacht, am steilen
Fluranft zu den gelben Blumen hinunter begeben und ...
    Des Mannes Stimme versagte, indessen Sibylle die Hnde vor ihr Antlitz
schlug.
    Dumpf fuhr Heinrich fort: Na und kalt ist klein Anneliesel gewesen, bleich
und stumm, da man den Krper in meine Arme tat, das Hndlein hat noch die gelben
Blumen gehalten. Agnete ist schier von Sinnen worden, und wir haben besorgt, das
Herz werde ihr brechen.
    Schreibet sie sich denn Schuld an des Kindleins Tode zu? fragte ich.
    Ja, antwortete Sibylle; sie hat aber keine Schuld. Sie litt damals an
Blutspeien und war so schwach. Mattigkeit hat sie berwltigt.
    Schuld hat sie keine, versicherte auch Heinrich. Das hab ich ihr oft
gesagt. Aber sie hat sich angeklagt, hat ihr Haar geraufet und mich um Vergebung
angefleht, auf den Knien angefleht - und ich - ich habe sie emporgehoben - und
begtigt - habe mich dann vor ihr auf die Knie geworfen - und unsere Trnen sind
geflossen. Wie Agnete sich gesammelt, hat sie zu mir gesprochen: Ich will dir
dienen, wie eine Magd. Und so du mich noch zur Frau begehrst, bin ich
einverstanden. Nur grolle nicht, weil ich dir kein ander Kindlein schenken kann;
denn sieh, ich hab ein Geheimnis, da ich dir jetzo erffnen will. Agnete hat
mir hierauf alles gesagt, was Sibylle Euch, Herr, berichtet hat. Sie sei vor
Jahren eines andern Weib worden, und dieser andere befinde sich vielleicht noch
am Leben. Doch selbst wenn sein Tod gewi wre, vermge sie mir nur Schwester zu
sein. Nicht als ob sie eine Heilige wre - hat sie gesagt, - sondern weil sie
des andern Bildnis im Herzen trage und tglich in Treuen anschaue. Zuletzt hat
Agnete gesprochen: So du mich nach dieser Enthllung noch zum Weibe begehrest,
so la uns zum Prdikanten gehen; hat der nichts einzuwenden wider den
Eheschlu, so will ich dir die Hand reichen. Dann hab ich freilich noch eine
Bitte: Gib das Waffenhandwerk auf! La uns friedlich wohnen und lieber hart
arbeiten, als von Blutvergieen und Beutemachen leben. - So hat Agnete
gesprochen, und meine Schwester hier, lngst von Abscheu wider das Soldatenleben
erfllt, ist mit Flehen und Beschwren der Bitte beigetreten. Da sich nun gerade
Gelegenheit geboten, da ich mit Fug meine Fahne verlassen gekonnt, sind wir
unseren eigenen Weg gezogen. Der nchste Prdikant hat unsere Trauung vollzogen,
nachdem er meiner Ansicht beigetreten, Agnete solle ihre Zweifel am Tode jenes
andern getrost fahren lassen. Ich habe seitdem in einer seltsamen Mischung von
Frohsinn und Leide gelebt. Agnete hat fr mich wohl ein Lcheln, hat traute
Rede, Trost und gtig Tun, sie blickt mir liebevoll ins Aug und streichelt meine
Hand. Doch lebt sie nur als Schwester neben mir. Da mu ich denn oftmals
seufzen; und also merkt Agnete, wie mir zumute und bittet dann traurig: Vergib
mir! - Doch nein, Schuld hat sie keine.
    Nach lngerem Stillschweigen hub ich an: Nicht Agnete hat eine Schuld, eher
ist Er, Heinrich, in ihrer Schuld.
    Das bin ich, Herr Prdikant - und dieweilen ich ihr so viel schulde, will
ich alles tun, die Schwermut von ihr zu nehmen, mit der ich sie belaste, solange
mein Herz nicht leicht. Drum, Herr Prdikant, erlaubet mir und den beiden
Frauen, in Eurer Gemeinde anwesend zu sein, so Ihr wieder einmal eine Predigt
haltet. Und ferner bitten wir Euch, alsdann zum Texte ein Wort der Schrift zu
whlen, so meinen Kummer beschwichtigen kann.
    In meiner Gemeinde? fragte ich nicht ohne Bitterkeit. Ich habe keine
Gemeinde. Bin auch kein Prdikant. Woher kommt euch die Meinung, da ich
Predigten halte?
    Gro sahen die beiden einander an, und Sibylle versetzte: Zu Petersdorf und
Hermannsdorf nennen Euch die Leute einen Buschprediger, so unter den
Schreiberhauern Anhang habe.
    Vor Jahren hab ich Anhang gehabt und auch dem Wahne gelebt, eine Gemeinde,
ja weit mehr, ein Reich des Lichtes, begrnden zu knnen. Weil ich nun damals
Predigten im Busch gehalten, ist der Name Buschprediger aufgekommen. Bald aber
sind mir in herber Enttuschung die Augen aufgegangen, da ich eingesehen, wie
nrrisch mein Unternehmen, wie eitel meine Predigt. Seitdem hause ich als
Einsiedler und habe zur Gesellschaft auer meinem Hunde und meinen Ziegen nur
den greisen Oheim, der an Verstrung des Geistes leidet. Den Namen Buschprediger
lasse ich mir auch jetzo noch gefallen, doch nur in dem Sinne, da ich den
Bschen predige - was nicht so vermessen ist, als Menschenprediger zu sein.
    Da Heinrich und Sibylle verlegen drein schauten, fuhr ich fort: Weil ihr
jedoch eine Ausnahme unter den Menschen seid und nach meinem geistlichen
Zuspruch verlanget, so will ich eine Ausnahme machen und euch dreien eine
Predigt halten. Will auch gern zu diesem Zwecke zu euch auf den Breiten Berg
kommen. Wann ist euch das genehm?
    Wir danken, sagte Sibylle erfreut, und werden Euch einen Brief senden.
    Ja, Dank Euch, sprach Heinrich und drckte mir die Hand. Doch mit
Verlaub, ich habe noch einen Wunsch. So Eure Predigt vielleicht auf die sieben
Brder zu sprechen kommt, die ein und dasselbe Weib geehelicht, habet alsdann
die Gte, uns auch die Frage zu beantworten: wo ist das Himmelreich? Denn Ihr
werdet zugeben, da hierauf alles ankommt. Bestehet nmlich das Himmelreich im
Jenseits, so hat Christus von einer Kraft des Herzens gesprochen, die erst den
Auferstandenen eigentmlich. Wir gebrechlichen Kinder der Erdenwelt sind dann
wohl zu entschuldigen, so wir nicht die Gesinnung finden, die unser Heiland
meint.
    Ich verwunderte mich ber diese Tiefe des Nachdenkens, ungewhnlich bei
einem Hirten und ehemaligen Soldaten, und ber seine wohlgesetzte Sprache, die
einen unterrichteten Geist verriet. Drum fragte ich: Ihr habet wohl viel ber
solche Fragen gesonnen und auch gelesen? Wes Standes waren Eure Eltern?
    Mein Vater besa reich Gut bei Schatzlar, und ich ward mit Sibylle unter
Anwendung gelahrter Bcher erzogen. Drauf hat man meinem Vater den Proze
gemacht wegen seiner Teilnahme an der bhmischen Glaubensverteidigung, hat
unsere Gter konfisziert und uns an Leib und Leben bedruet. Nach Sachsen sind
wir entwichen, und da mein Vater bald darauf verstorben, hab ich die Muskete
ergriffen und zur schsischen Fahne geschworen - teils um das Leben zu fristen,
teils um den Glauben zu verteidigen. Nach jahrelangem Soldatenleben hat sich
ereignet, was der Herr Prdikant bereits wei. Meine Schwester Sibylle aber ist
es gewesen, die mit Agnetens Hilfe mich dem blutigen Handwerk abspenstig
gemacht. La uns in Frieden leben, hat sie gesagt, denn der Krieg ist die Hlle,
das Himmelreich aber ist bei uns, wir brauchen nur seine Pforten aufzutun, so
gehen wir allsogleich, noch im diesseitigen Leben, hinein, und kein hart Brot
darf uns solch Himmelreich verleiden. Ein gndig Geschick hat es damals gefgt,
da ich einem Offizier begegnet bin, dem ich bei Steinau das Leben gerettet. Der
war invalide worden. Wie er nun vernommen, ich wolle den Kriegsdienst verlassen,
hat er zu mir gesprochen: Ich bin ein Fiskal der konfiszierten Herrschaft
Schaffgotsch, und so Er ein friedlich Leben in buerischer Arbeit fhren mag,
will ich Ihm Anstellung gewhren. So sind wir zuerst auf das Vorwerk Reibnitz,
diese Ostern aber in die Baude am Breiten Berge gekommen. Vor drei Wochen haben
wir erfahren, da Ihr, Herr Johannes, auf der Abendburg hauset und einer
Weisheit mchtig seid, so meine Zweifel heilen kann.
    Es dnkte mich, Sibylle habe noch etwas auf dem Herzen, und so sagte ich:
Rede Sie frei heraus, liebwerte Jungfer, so Sie zu reden begehret!
    Sie errtete. Da Ihr keine Predigten zu einer Gemeinde haltet, bedauern
wir zwar; doch ist das Euer freier Wille, so wollen wir darob nicht mit Euch
rechten. Sollten aber die Leute zu Schreiberhau, denen Ihr doch frher gepredigt
habt, von Euch abgefallen sein ...
    Sie zgerte fortzufahren; ich half ihr: Wren sie es nicht, auch dann htte
ich aufgehrt, ihnen zu predigen. Zum berflusse aber sind sie abgefallen. Einen
Schwarmgeist schilt mich ihr neuer Kanzelprdikant, und manche Leute sagen mir
Schlimmeres nach. Nicht wahr, ihr habet auch davon vernommen? Da nimmt es mich
wunder, da ihr berhaupt gekommen seid.
    Verlegen schlug Sibylle die Augen nieder, um mich gleich darauf freundlich
anzublicken: Wir trauen Euch.
    Und Heinrich fgte hinzu: Nun ja, ein Mann von Giersdorf hat Euch einen
Schwarzknstler geheien, so in seiner Abendburghhle Dmonen halte, die ihm bei
der Goldbereitung zu Diensten. Weil aber die Leute gleichzeitig berichtet haben,
da Ihr in Drftigkeit lebet, so ward ihnen von mir die Antwort: Ein armer
Eremite kann doch kein Teufelsbndler sein; wer sich auf schwarze Kunst
versteht, Gold machen und Dmonen beschwren kann, der nhret sich nicht von
Beeren und Pilzen, sondern schwelget in Saus und Braus.
    Dster blickte ich drein; Waldhusers Wort, niemand knne den Folgen seiner
Werke entgehen, war an mir erfllet. Ich selber war schuld an dem Gerede, da
ich Gold in der Abendburg bereite. Ttendes Gift war allbereits meiner Aussaat
entsprossen, und noch wucherte sie weiter - das Vertrauen der Leute zu vergiften
...
    Aus meiner Nachdenklichkeit weckte mich das Sausen der Tannen. Mein Blick
schweifte hinber zum Breiten Berge und suchte nun die Baude, bei der die
seltsamliche Frau Agnete jetzo ihre Herde hten mochte. Da meinte Sibylle:
Links an der Kuppe des Breiten Berges liegt unsere Baude, auf der grnen Matte,
nahe dem Walde. Ihr sehet den Rauch emporsteigen. Aber nun lebet wohl! Wir
mssen heim.
    Ich erhub mich: So lebet wohl und habet Dank fr euren Besuch. Entbietet
eurer Agnete meinen Gru und am nchsten Sonntage werde ich euch dreien die
gewnschte Predigt halten.
    Durch ein Briefel will ich Euch nhere Nachricht geben, sagte Sibylle und
drckte meine Hand.
    Nun gingen die beiden, ich schaute nach, bis sie im Walde verschwunden.
    Wessen wird sie im Himmelreiche sein? Diese Worte gingen mir durch den
Sinn, und nicht auf Agneten, sondern auf Thekla bezog ich sie. Bestehet das
Himmelreich im Jenseits? hatte Heinrich gefragt. In uns ist das Himmelreich;
wir brauchen nur seine Pforten aufzutun, so sind wir darin, noch im diesseitigen
Leben. Also meinte Agnete, und ich stimmte ihr bei. Dorten wird man nicht
freien, noch sich freien lassen; denn im Himmel ist man den Engeln gleich und
Gottes Kind. Diese Antwort des Heilands hatte ich zur meinen gemacht. Nun aber
fragte ich mich: Und du selber? Beherzigest du fr dich, was du anderen
predigst? Bist du deiner Thekla genber der himmlischen Minne fhig?
    Ach, ich suchte tglich in mir die verlorene Eheliebste, und zrtlich kam
sie mir alleweil entgegen. Mein Herz war der Abendburgfelsen, sein heimlicher
Schatz aber meine Thekla. Ein ses Feuer rann durch meine Adern, wenn ich das
dunkle Auge betrachtete und der Stimme lauschte, die weich wie einer Rose Scho.
Und am sanften Busen lag ich tausendmal, wie damals in der Gruft der
magdeburgischen Kirche. War das nun jene Minne, die bei den Seraphim gilt?
Allerdings nicht.
    Immerhin verschmolz mit meiner Zrtlichkeit eine Anbetung, wie man sie
Engeln erweist. Wenn ich gar bedachte, da ich sie nimmer irdisch umarmen knne,
erschien mir Thekla als eine rechte Geisterbraut, nicht unhnlich der weien
Knigin im Felsendom.

Aus Bergen schleicht der Abendhauch, ein Raunen
Im wsten Hain.
Das Tannenvolk umringt mit scheuem Staunen
Den Sagenstein.

Hie stund ein Schlo; sein Glitzern machte trunken
Wie Abendstrahl.
Verwunschen ward's. Und wo die Pracht versunken,
Bezeugt dies Mal.

Verdstert hockt der Stein, wie seinen Sorgen
Ein Bettler grollt.
Verkappter Frst! Im Grunde dir geborgen
Ruht Perl und Gold.

Kein Grber drang noch durch die Felsenrinde
Zum gldnen Schacht.
Ein Glimmen winkt nur dem Johanniskinde
In Zaubernacht.

Sein Trumeraug erschaut in Hhlenwildnis
Den Perlenschrein.
Auch marmorwei ein Kniginnenbildnis
Im Dom von Stein.

Ich kenne sie, die heilgen Heimlichkeiten
Der Innenschau.
Verwunschen sank auch mir ins Grab der Zeiten
Mein Knigsbau.

Doch was dereinst an Seligkeit erblhte,
Ist nimmer tot,
Es bleibt mein Schatz, versunken im Gemte,
Der magisch loht.

Ich selber bin das Schlo mit gldner Tiefe,
Der Sagenstein.
Und ob ich ganz der Oberwelt entschliefe,
Der Traum ist mein.

Die Knigin ward diesen heien Sinnen
Hinweggebannt.
Verklrt zum Engel weiht sie nun mein Minnen
Dem Geisterland.

Ein Dom von Tropfgestein, soll mich umflechten
Die Innenwelt.
Braut meiner Jugend, throne mir zur Rechten
Im Hhlenzelt!

    Am Tage nach dem Besuch der Kiesewaldischen kam ein Brief, den ein Knabe vom
Breiten Berge brachte.
    Lieber Herr Johannes! Nichts fr ungut, da ich nicht aufhre, um
Vergnstigungen zu bitten. Ihr habt uns eine Predigt zugesagt. Meine Schwherin
Agnete ist darob hoch erfreut. Doch hanget der Sache noch ein Bedenken an. Wie
schon gesagt, hat Agnete ein sehr verschmt Gemte. Nur mit Beben knnte sie
Euch unter die Augen treten, nachdem Heinrich ihre Art Euch enthllet hat.
Spter wird sie ihre Schchternheit Euch gegenber abtun. Bei der allerersten
Begegnung jedoch ist sie befangen und wrde keinen vollen Gewinn von Eurer
Predigt heimtragen, so Ihr nicht ihrer Schwche schonet. Darum so hab ich zu
Agneten gesprochen: Komm du getrost zur Predigt des Herrn Johannes; ich will ihn
bitten, da dabei jedes nahe Zusammensein mit uns vermieden werde, und da weder
vor der Predigt noch hinterher Gesprche mit uns erfolgen. Habet also die
Gewogenheit, lieber Herr Johannes, einen derart geeigneten Ort zur Predigt zu
whlen und Euch diesmal von uns zurckzuhalten, gleichwie ja auch ein Prdikant
in der Kirche von erhabener Kanzel auf seine Gemeinde niederschaut. Mir ist
allerdings nicht klar, wie dies zu ermglichen. Ihr aber findet wohl Rat.
Insonderheit wollet die Sache so einrichten, da Agnete sich nicht vor Heinrich
zu schmen braucht. Ist es mglich, lieber Herr, so werde von Euch der Vorschlag
getan, es solle diesmal keinerlei Gesprch erfolgen. Bitt Euch! Ihr wrdet zagen
Frauenherzen eine Wohltat erweisen, so ihr ein Briefel an unsern Heinrich
schriebet und darin ausmachtet, unter welchen Formen und Konditionen die Predigt
erfolgen soll. Vielleicht knnet Ihr geltend machen, da jedwedes nhere
Beisammensein den Prediger wie die Gemeinde zerstreuen und die Andacht
beeintrchtigen wrde. Das ist ja auch keine Unwahrheit.
    Drfen wir nach der Predigt die Grabkreuze betrachten, so Ihr nahe Eurer
Klause habt, so mag Euer Oheim uns den Ort weisen. Ehrerbietig grt Euch Eure
Jngerin Sibylle.
    Durch meinen Oheim lie ich dem Knaben Speise und Trank reichen und
berlegte, wie auf den Brief zu antworten. Kam zu dem Ende, Agnetens bergroe
Schchternheit msse geschont, Sibyllens Vorschlag beherziget werden. Verfate
dahero folgendes Schreiben:

    Lieber Heinrich Kiesewald! Euren Wunsch, ich solle in einer Predigt die
Zweifel Eures seufzenden Herzens behandeln, mchte ich am nchsten Sonntag
erfllen und lade Euch nebst Eurer Ehefrau und Eurer Schwester ein, um die Zeit
des Kirchenlutens auf der Abendburg einzutreffen. Doch wollet mich
entschuldigen, so ich an diesem Tage jedwedem Gesprche mit euch dreien
ausweiche, also da ihr von mir lediglich eine Predigt vernehmet. Ohne mein
Beisein wird Euch mein Oheim Tobias empfangen. Alsodann wollet zunchst in
meiner Stube rasten und einen Imbi nehmen. Hernach wird euch Tobias in meinen
Felsendom fhren. Gleich nach der Predigt wollet den Heimweg antreten. Die Hand
reichen wir uns eine Woche spter, wann ich euch in eurer Baude besuche. Diesmal
indessen wollet mir erlauben, da ich nicht anders zum Vorschein komme, denn auf
der Felsenkanzel. Halte nmlich dafr, da es Herzen gibt, deren Sammlung
gestrt wird, so sie durch weltliche Unterredung beansprucht werden. Was aber
den sogenannten Dom anlanget, das ist die groe Hhle, so ich im Grunde der
Abendburg entdeckt habe. Ihr brauchet nicht zu besorgen, da sie Dmonen
beherberge und mir als Laboratorium schwarzer Kunst diene. Ich whle sie zur
Sttte unserer gemeinsamen Erbauung, weil aus ihrem Schlunde ein Psalm
erbrauset, unsern Schpfer zu rhmen, und weil Felsen und Tropfgestein ein
Gewlbe bilden, darin die menschliche Stimme voller Wohllaut erklingt. Auch dem
Auge beut die Hhle Abenteuer. Es sind allda zwei Gtterbilder, von einem Volke
grauer Vorzeit aus Tropfgestein gemeielt. Betrachtet sie mit Flei, bevor ich
meine Predigt anhebe, und scheltet nicht die alten Heiden. Sie haben auf eigne
Art ihr Sehnen und Glauben gestaltet. Mehr zu tun vermgen auch wir nicht. Euch
erffne ich den unterirdischen Dom. Sonsten mag ich ihn den Leuten nicht
preisgeben, bin deshalb sogar ein wenig mit jenem bsen Leumund zufrieden, so
die aberglubischen Gemter vor der Abendburghhle warnet. Seid aber gebeten, an
niemand zu verraten, da euch ein Geheimnis offen, so auer mir und meinem Oheim
keinem Lebenden bekannt. Wollet bedenken, da ich vor Neugier und vor Goldgier
die Hhle zu hten habe. Eure Herzen wei ich rein davon, inmaen sie nach dem
Schatz des Himmelreiches trachten. Folget also, ich bitte, meiner Einladung in
den Felsendom und tut nach meinen Wnschen. Ich bin euer Freund
                                                                      Johannes.

    Versiegelt bergab ich dies Schreiben dem Knaben, da er es seinem Herrn
Kiesewald bringe.
    Seit diesen Begebenheiten schweifte mein Blick gern vom Hohen Stein zum
Breiten Berge, und wenn mich der Ferne Holdseligkeit bezauberte, stellte sich
der Wunsch ein: Bewahre mich mein Schicksal vor jener Enttuschung, die nicht
erspart bleibt, sobald die Ferne zur Nhe wird! Ach, von den Menschen gilt das
wie von allen Dingen. Noch sind die Leute drben in der Baude am Breiten Berge
mir fern, und ein holdes Rtsel ist Frau Agnete. Wer wei, ob nicht, wann sie
nahe kommt, und wann ich eindringe in ihre Art, statt einer Heiligen ein
krankes, wirres Weibsbild vor mir steht? Doch ich will beflissen sein, auch in
der Nhe die Ferne zu schauen.

Da nun der Sonntag gekommen, unterwies ich in der Frhe meinen Oheim, wie er die
Gste von der Kiesewaldbaude bewirten, alsdann in den Felsendom einfhren, nach
der Predigt wieder hinausgeleiten und mit den Grbern bekannt machen solle. Mit
Oheims Hilfe tat ich die Steinplatte vom Eingang des unterirdischen Bereiches
und legte Kienfackeln bereit.
    In meiner Balkenklause meditierte ich, wie die Geschichte von dem Eheweibe
der sieben Brder auszulegen sei.
    Ein Summen der Kirchenglocke von Schreiberhau drang an mein Ohr, als der
Oheim die Stubentr auftat: Sie kommen! Durch das Fenster lugend gewahrte ich,
wie die erwarteten Gste aus dem Walde getreten waren und ber die Weidematte
auf mein Gehus zuschritten. Voran Heinrich, wie vormals auf dem Rcken die
Hucke und in der Faust den Spie. Etliche Schritte hinter ihm kam Sibylle mit
der andern, einer schlanken, zarten Frauengestalt, deren Antlitz nahezu
verhllet war. Der Weg mute Agneten schwer fallen, sie sttzte sich auf ihre
Schwherin.
    Wie ausgemacht war, mied ich meine Gste, nahm die Harfe ber die Schulter,
begab mich zunchst in die Grotte, und, nachdem ich meinen Kienspan angezndet,
durch das aufgetane Loch hinunter zur groen Hhle. Whrend ich die steinernen
Stufen abwrtsstieg und mit dem Brande umherleuchtete, bedachte ich, wie meinen
Gsten bei diesem Gange zumute sein werde.
    Mit ihren Sinnen erlebte ich die dstern, triefend feuchten, rot
angestrahlten Zacken, das Unheimliche der Schlucht, wo die Wasser mit dumpfem
Tosen in jene Felsengurgel hinuntergeschluckt werden, der ich den heillosen
Goldschatz berliefert hatte. Wie ich den Abgrund berschritt, glaubte ich noch
einmal den Schrei zu hren, mit dem mein Bruder Zetteritz hinunterstrzte,
seinen goldgierigen Mrder mit sich reiend. Und von der Raubtierwelt wandte
sich meine Seele zur Friedenspforte, so mein sehnschtig Suchen entdeckt und
auch schon aufgeschlossen hatte.
    Ich tat den Aufstieg zum Dome. Das weie Flinsgestein war wie ein Gewlb aus
Schnee, von der Decke zum Boden strebten Sulen aus Tropfstein gleich
riesenhaften Eiszapfen. Und lebendig ward das Gewimmel der Gestalten, vom
trpfelnden Kalkwasser gebildet; es regten sich die milchigen Behnge der Decke,
in Grotten lauerten wei vermummte Gestalten, Hulemnnlein mit grauen
Spitzkappen kamen durch enge Seitengnge aus der Tiefe geschlichen. Dazu
wisperten die feinen Brnnlein, pinkten die fallenden Tropfen, gurgelten und
tosten die Fluten der Schlucht. In feierlicher Starrheit aber schauten die
beiden Gtzenbilder vom Throne ber ihr Reich. Hoheit lag auf des Mannes
gekrnter Stirne, trutzig rollte sein Aug; ein Adlerschnabel seine Nase, ein
Wasserfall sein Bart. Wie zum Gerichte hielt er das Schwert erhoben. Lieblich
hingegen wre das Antlitz der weien Knigin, stnde nicht zu ihren Fen die
Steintruhe mit den Menschengebeinen, Pferdeschdeln und Waffen.
    Von der Felsenkanzel beschaute ich dies Abenteuer, wie es beleuchtet ward
durch den qualmenden Kienspan. Whrend dsterrote Lichter ber die Zacken und
Zapfen huschten, stimmte ich meine Harfe.
    Da hrte ich des Oheims hohles Husten und sah ihn, eine Fackel in der Hand,
die Kiesewaldischen herbeifhren. Auch ich entzndete eine Fackel, die strker
leuchtete als der Kienspan, und steckte sie in einen Felsenspalt bei der Kanzel.
Staunend betrachteten meine Gste den Dom und die Gtterbilder. Nach einer Weile
saen sie nieder auf dem Stein, so unterhalb der Kanzel eine natrliche Bank
bildet, und schauten erwartungsvoll zu mir hinan. Frau Agnete schien
geflissentlich im Schatten zu bleiben und hielt noch immer das Angesicht
verhllt.
    Auf der Harfe spielte ich ein Prludium; wie Glocken hallten die Akkorde.
Dann hub ich diese Rede an:
    Liebe Freunde! Von der lichten Oberwelt sind wir herabgestiegen in ein
dster Reich. Aber noch ist unser Sinn erfllt von der Sonne, von dem blauen
Himmel, dem grnen Walde und dem magischen Schimmern der Ferne. Blicket in euch
hinein, findet dorten noch einmal all die Berge und Abgrnde, waldigen Hgel und
Weidematten: Bchlein blitzen, von den Bauden steigt der Rauch, jedwedes Ding
blickt und haucht uns an mit seinem eigentmlichen Wesen. Eine besondere Kunde
gehrt dazu, sich zurecht zu finden in der Landschaft und auf dem ganzen
Erdenball, und solche Wissenschaft von den irdischen Orten dnket jedem Menschen
ein wrdig Ziel. Wenige aber lassen sich trumen, wie not eine andere Ortskunde
tut. Wir haben ja nicht blo ein leiblich Auge, sondern sind zu geistigem
Schauen berufen. Auch im inneren Reiche gibt es Tler, dunkle Abgrnde, sonnige
Berggipfel und prangende Matten. Wohlan, liebwerte Gste, suchet mit dem
Geistesauge zu schauen, wenn ich euch jetzo ein Traumgesicht zeige, darin ich
die Essentiam geistiger Ortskunde erfate. Ich befand mich in einem
Felsenschlunde. ber Zacken klommen seltsame Wesen, und ich klomm mit ihnen,
emporzukommen aus der Unheimlichkeit und das Licht zu erreichen, so von der
Bergkuppe herniederflo. Angst hatte ich vor denen, so mit mir um die Wette nach
oben strebten; denn es waren reiende Wlfe und Bren, zischende Schlangen und
feuerschnaubende Drachen. Argwhnisch schnappte das wilde Geziefer, und ich
schlug um mich mit einer Keule. Ein hllischer Zustand! Und ich hatte nur einen
Trost: die Hoffnung, hher zu kommen und obzusiegen. Allmhlich kam ich wirklich
hher, die Finsternis ward Dmmerung, und je mehr Licht mich umflo, desto
minder feindselig erschienen mir die anderen Wesen. Mit Staunen erkannte ich,
da es keine reienden Tiere waren, sondern Menschen, wiewohl sie allerdings
Wlfen und Bren, Schlangen und Drachen hnlich sahen. Wie ich nun inne hielt
mit Keulenschlagen, so griffen auch sie mich nicht mehr an; alle waren wir mde
der wechselseitigen Fehde. Und eine Stimme sprach: Mag jeder ungehindert seines
Weges ziehen! Eine zweite Stimme fgte hinzu: Helfen wir einander! So kommen wir
alle besser vorwrts! Da reichten etliche ihrem Nchsten hilfreiche Hand, und
auf einmal waren die Gesichter der Menschen adlig. Mit Macht kamen wir nun
empor; jauchzend begrten die Obersten das Sonnenlicht. Ich gelangte auf eine
leuchtende Bergmatte, wo Blumen gleich bunten Sternen flammten. Schn waren die
Menschen, und sie reichten sich die Hnde und kreisten in feierlichem Reigen bei
Fltenspiel und Harfenklang. An einer noch hheren Stelle des Berges stund ein
Jngling, blitzend seine Stirn; der rief mit starker Stimme:
    Noch hher! Hier ist schon das Schauen Musik. Neben mir folgten etliche
meiner Menschenbrder der Einladung.
    Da wir nun die Hhe erreicht hatten, trat der Jngling in unsere Mitte und
sprach: Reichet euch die Hnde und schauet einander tief ins Antlitz. Da findet
ihr ein und dasselbe: den Menschensohn, dem ewigen Licht zum Tempel erkoren.
Bisher habt ihr vermeinet, ein jeder sei dem Nchsten feind oder doch fremd.
Bisher hat jeder gesprochen: Nur ich bin ich, du aber bist du! Nunmehr kndet
das ewige Licht aus eures Tempels Fenstern: Aufgewacht vom wsten Traum, mit dem
die Finsternis verstrte! Du bist ich, und ich bin du; und alles Menschliche,
aus dem einen Lichte geboren, ist nur ein einziger Mensch. Erkenne ein jeder
sich selbst im Mitmenschen wieder, schlinge die Arme um ihn und bitte: Vergib
mir, da ich so lange dich verkannt!
    Hier stockte meine Rede, ich ward gewahr, wie Agnetens Blick sich glhend in
mich bohrte. Und ich fuhr fort:
    Wird euch nun klar, liebe Freunde, was ich mit der geistigen Ortskunde
meine? Wir mssen im Reiche des Geistes unterscheiden zwischen niedrig und hoch.
Zwischen den finstern Abgrund der Nichtigkeit und die himmlische Hhe
hineingestellt, fhlen wir uns berufen, zum bessern Zustand zu gelangen. Doch
von Gier besessen, besorgen wir, das Bessere msse unser Nchster uns streitig
machen. Da ergrimmen wir und eifern widereinander als reiende Bestien. Und
fahren so lange fort mit unseligem Tun, bis wir beim Emporklimmen endlich zur
Eintracht uns bekehren. Was hold und schn, erfllt mit ser Minne; die heilige
Weisheit macht licht und sanft, das klare Schauen der Schpfung, das liebreiche
Zusammenklingen mit allen Geschpfen begnadet uns paradiesisch.
    Ja, Freunde, was wir Himmelreich heien, ist mitnichten hinter den Sternen
und ist auch an keinem besonderen Punkte der Zeit, wie jene whnen, so erst vom
jngsten Tage erwarten, da er ihnen das Paradeis auftun werde. Nicht an einem
fernen Orte thronet der himmlische Geist, hat auch keine Wallmauer um sich
gezogen, sich abzuschlieen von seinen Geschpfen. Sonsten redete ja unwahr der
Psalmist: Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehest alle meine Wege.
Fhre ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich in die Unterwelt, siehe,
so bist du auch da. Nhme ich Flgel der Morgenrte und bliebe am uersten
Meere, so wrde mich doch deine Hand daselbst fhren und deine Rechte mich
halten. Auch wrde der Apostel irre reden zu den Mnnern von Athen am Altar des
unbekannten Gottes: Er ist nicht fern von einem jeglichen unter uns, denn in ihm
leben, weben und sind wir. Ja, allenthalben gegenwrtig ist der ewige Urgrund;
alles ist aus ihm erboren und urkundet von ihm. Wer aber jemals das
Versunkensein ins heilige Herz der Schpfung empfunden, wer sich bezaubern lie
durch das magische Zusammenstimmen und in seliger Anbetung sich einer Mitseele
geweiht, der hat in sich das Himmelreich, hat es jetzo und allhienieden. Nicht
anders vermeinet der Heiland, indem er den Menschensohn, das ist den einen
ewigen Menschen verkndet: So jemand zu euch wird sagen, siehe an diesem Orte
ist der Menschensohn, an jenem - so sollt ihr es nicht glauben. Wenn sie zu euch
sagen werden, siehe er ist in der Wste, so gehet nicht hinaus, siehe er ist in
der Kammer, so glaubet es nicht. Denn in einem Nu allgegenwrtig wie die Helle
des Blitzes, der vom Aufgang bis zum Niedergang leuchtet, also wird auch sein
die Anwesenheit des Menschensohnes.
    Nachdenklich hatten meine Gste den Kopf geneigt, bis auf Agneten, die noch
immer zu mir emporstarrte. Heinrich griff sich an die Stirn und blickte mit
traurigem Ernste. Mit bezug auf ihn fuhr ich fort:
    Ihr habet den Wunsch geuert, ich soll von den sieben Brdern und der
siebenfach vermhlten Frau reden! Nun wohlan! Wollet selber das Urteil fllen
und entscheiden, wem von den Sieben die Frau im Himmelreiche gehren soll. Etwa
dem ltesten, der ihr erster Mann gewesen? Und soll ihr dann verwehrt sein, ihre
spteren Gatten lieb zu haben? Wre das ein Himmel fr die Frau und fr die
sechs Brder? Ist der lteste Bruder etwa paradiesischer Wonne teilhaftig, so er
diese, wie einen irdischen Schatz, fr sich allein begehret? Seid eins! so
rauscht der Baum des Lebens im Garten Eden, und solche Einheit ist die wahre
Minne. Alle Gattenminne soll sich dazu verklren; wer aber diese Verklrung
verschmht, hat erst hineingelugt zur Himmelspforte. Wahre Minne bleibet
eingedenk, wie viel seliger geben denn nehmen. Will immer nur Liebes erweisen;
und an all ihrem Sonnenschein schmilzt das letzte Eis der Fremdheit, so da zwo
Seelen zu Einem Menschen zusammengetraut sind. Drum heie ich die wahre Minne
das Tor zum Himmelreiche.
    Wohlan, liebende Seele, bleib nicht unter dem Torbogen stehen, ganz geh
hinein! Frchtest du aber, in all dem Lichte zu verlieren, was du insonderheit
liebst, so sei getrost: Innen findest du auf Schritt und Tritt alles wieder, was
du zuvor lieben gelernt hast, und die geliebte Seele schaut dir entgegen aus den
Augen aller Verklrten. Drum so gibt es im Himmelreiche kein eiferschtig Minnen
mehr, nicht jenes Freien, vor dem Adam und Eva errten muten. O finde jene
Liebe, so nicht Genu will, sondern Andacht! Ganz oben in lichter Hhe hauset
sie, auf dem Gipfel der Verklrung, und ist eine wunderschne Jungfrau.
Erschauen lt sie sich von manchem Menschenkinde, und am Strahle ihrer
Schnheit entzndet, spricht das Menschenkind: Du meine liebste Braut, gern
mcht ich kosten deine Sigkeit. Doch die himmlische Jungfrau erwidert: So
deine Liebe mein ewig Gut erstrebt, sei sie willkommen. Bedenke aber, da du dem
ewigen Gute nicht nher kommst, so du es in die Arme schleuest, wie Menschen
mit irdischer Habe tun, die sie fr sich allein begehren und den andern
wegnehmen. Das ewige Gut ist jenes Wunderbrot, mit dem der Heiland die
Fnftausend speiste, ohne da es weniger ward. Wann du aber noch nicht die Kraft
hast, aus aller Verblendung dich zu reien, so wisse, da deine Umarmung meine
Strahlenkrone raubt und trbe macht mein weies Gewand. Ach, mancher
Erdenjngling hat im Rausch der Sinne sein Ohr verschlossen solcher Mahnung und
hat sich selbst hinausgetrieben aus dem Garten Eden, dieweilen der verbotene
Apfel ihm die Enttuschung beigebracht, so als ein Schatten sich heftet an
Habgier und Genusucht. Da mu der Verstoene irren in Dsterkeit und Regen,
durch Dorn und Distel, Gefahr und Sorge, Schande und Reue. Doch wenn er
schlielich verzweifelt am Bergeshang gen Mitternacht liegt, wenn als ein Drache
schnaubt der Sturm und alle Bume heulen, so gehet dem armen Jngling wohl ein
Traum wie erlsende Morgensonne auf. Und siehe, diese Morgensonne ist seine
Jungfrau, sie bestrahlt ein fernes Tal, da es engelgleich lchelt. - Ist das
nicht Eden? frgt mit frohem Staunen der Jngling. Und die Antwort lautet: Das
ist die liebe Erde, nur anders angeschaut als sonsten von dir. Im Fegefeuer der
Enttuschung lerntest du nach Unschuld dich sehnen, mit deiner Sehnsucht aber
ist auch die Erfllung erwachsen. Im Auge blhet dir dein Himmelreich. Sei denn
mit uns allen der Unschuld Friede!
    Nach dieser Rede griff ich wieder in die Harfe und sang dazu dies Lied:

Es sprach die Ewigkeit:
Nur still, ihr Kindlein, ruht!
Bewahrt vor allem Streit,
Bleibt Gottes Fleisch und Blut!
Doch ein Geschrei erwacht:
La uns geboren werden!
- So wurden Tag und Nacht,
Luft, Wasser, Himmel, Erden.

Das Menschenkindlein sog
Mit Auge, Mund und Ohr.
Die Sondergier betrog,
Da es sein Herz verlor.
Von Habsucht ausgefllt,
Denkt es der Herkunft kaum;
Die Heimat liegt verhllt,
Vergessen wie ein Traum.

Und wenn es rckwrts lauscht,
Grt keine Mutter mehr;
Ach, nur ein Garten rauscht,
Ein wogend Wipfelheer.
Mit lichtem Schwerte droht
Ein Wchter vor der Pforte,
Wie Blitz sein Auge loht,
Wie Donner seine Worte:

Im Heim der Ewigkeit
War einer bei dem andern.
Die unrastvolle Zeit
Lt euch entfremdet wandern.
O Wste Einsamkeit,
Wo jeder einzeln irrt!
Die Vlker sind entzweit,
Die Sprachen sind verwirrt.

Und weil um Rache schreit
Vergones Bruderblut,
Nun denn, ihr Mrder, seid
Einander Hllenglut! -
So grollt der Rachegeist.
Doch horch, der Garten Eden,
Er suselt und verheit:
Herbei! Ich heile jeden!

Erlsung wird beschert,
Wenn ihr, der Wste leid,
Euch reuevoll belehrt
Zur treuen Ewigkeit.
Herbei, ihr Zagen! Kommt
An meine Gartenmauer!
Zu eurem Troste frommt
Der ahnungsvolle Schauer.

Wenn meine Wipfel raunen,
Und Nachtigallen singen,
Will euch vor sem Staunen
Das volle Herz zerspringen.
Und wo sich zwei vereinen
In Lieben und Erbarmen,
Da halten sie mit Weinen
Ihr Eden in den Armen.

    Dem Nachhall lauschte die kleine Gemeinde. Wie ich die Harfe ber die
Schulter nahm, erhuben sich die Frauen von der Steinbank, es gingen meine
Zuhrer. Ich ergriff die Fackel und verlie die Hhle.
    In meiner Klause fand ich auf dem Tisch ein Krblein mit Brot und Eiern.
Dazu ein Schreiben von Sibyllens Hand:
    Fr die Speise, so Ihr bedrftigen Seelen gespendet, danken wir mit Liebe
und mchten Euch gern etwelche Wohltat erweisen. Nehme dahero der Herr Johannes
diese geringe Gabe fr sein leiblich Wohl und bleibe uns frder gewogen.
    Durch das Fenster blickte ich meinen Gsten nach und sahe sie bei den
Grbern. Entblten Hauptes stund Heinrich neben dem Oheim am Kreuze meines
Bruders Zetteritz. Vor des Kindes Kreuzlein knieten die Frauen; Agnete hielt die
Hnde vors Gesicht, als weine sie. Mute wohl vernommen haben von des Kindes
Opferung.
    Wiederum sah ich den Scheidenden nach, bis sie im Walde verschwanden, und
meine Seele, sonst ruhig, war erfllt von heimlicher Unrast. Machte mir den
Vorwurf, in meiner Rede weit mehr empfohlen zu haben, als ich selber zu leisten
imstande.

Nchsten Sonntag in der Frhe begab ich mich auf den Weg zur Kieselwaldbaude.
Ich whlte den Weg durchs Jammertal, schritt ber den Steg des Zacken und fand
mich in den Pfaden zurecht, so den Forst durchqueren. Den Kochelbach, vom
trockenen Sonnenwetter Septembris seicht gemacht, konnte ich auf Steinblcken
berschreiten und klomm nun die Waldhhe hinan, deren hchste Kuppe der Breite
Berg.
    Dann hrte ich Rinder brllen, und auf der Weide war ein alter Mann nebst
dem Knaben, der mir Sibyllens Brief berbracht hatte. Die Hunde klfften, bis
sie der Knabe durch Steinwrfe von mir zurcktrieb.
    Oben auf der Matte, nahe dem Walde, lag die Balkenbaude, mit einem Unterbau
aus Felsen. ber das Schindeldach stieg Rauch, ein Ktzlein sonnte sich unter
der Haustr. Hinter der Baude dehnte sich zum Walde die aus Baumstmmen gefgte
Hrde. Ein Bchlein flo hindurch und fllte etliche Holztrge. Von Tannen war
die Weidematte umzingelt. Gleich einem Helm wlbte sich der Breite Berg.
Seitlich an ihm vorbei blickte ich in die Schneegruben, gen Abend lag der
Schwarze Berg mit dem Hohen Stein. Wieder zu Kiesewalds Baude gewendet, sah ich
Heinrich auf mich zukommen, von Sibyllen gefolgt.
    Guten Morgen, Herr Johannes! sprach er freundlich und bot mir die Hand.
    Seid willkommen! fgte Sybille hinzu, und sitzet an unserm Herd. In
beider Antlitz war zu lesen, mit welcher Freude sie mich aufnahmen. Wir traten
in die Stube, wo es warm war. Setzten uns um den Tisch, darauf hatte es
Buttermilch, Brot und Kse, auch Hammelschinken und eine Flasche
Eibereschengeist.
    Nehmt frlieb, sprach Heinrich, strket Euch nach dem Wege. Wie er
hrte, da ich bers Jammertal gekommen, meinte er: ber den Schwarzen Wog
httet Ihr es nher gehabt. Gern will ich Euch auf dem Heimweg bis dorthin
geleiten.
    Whrend ich a und trank, verwunderte ich mich, da Agnete nicht sichtbar.
Sybille merkte, wen mein Blick suchte, und gab Aufklrung: Agnete lsset Euch
gren und um Entschuldigung bitten, da sie abwesend. Sie begibt sich alle
Sonntage hinunter gen Petersdorf oder Giersdorf zu Kranken sowie zu einsamen
Leuten und Kindern, so in diesen schweren Zeiten verwaiset oder sonst
hilfsbedrftig sind. Den Kindern ist sie Mutter, so gut sie vermag, unterweiset
sie im Lesen und Schreiben, legt auch die Schrift aus, da es zu Herzen geht.
Bei einbrechender Dunkelheit wird Agnete von Dorfleuten heimgeleitet. So lange
aber, Herr Johannes, drfet Ihr nicht bei uns bleiben, zumal Agnete Euch bitten
lt, nicht auf sie zu warten.
    Es war mir leid, die Frau zu verpassen, deren edle und geheimnisvolle Art
eine sonderliche Teilnahme in mir wachgerufen. Meine Enttuschung mag ich nicht
ganz verhehlt haben, da ich zur Antwort gab: Htte ich frher erfahren, da
Agnete heute nicht daheim, wrde ich Euch an einem andern Tage besucht haben.
    Errtend versetzte Sibylle: Ich will gestehen, Agnete wre auch dann Eurem
Besuche ausgewichen. Doch denket nichts Arges. Sie verehrt Euch. Aber sie
wnscht, bei Eurem ersten Herkommen mchtet Ihr blo Heinrich und mich sprechen.
Den Grund mag Euch Heinrich nennen.
    So ist es, - sagte der Mann zgernd. Meine Frau hat den Wunsch, ich soll
mich mit Euch aussprechen, ohne da ihr Beisein unsere Offenherzigkeit beengt.
    Ja, redet frei mitsammen, meinte Sibylle und verlie die Stube. Heinrich
suchte nach Worten: Ich danke Euch fr Eure Auslegung des Evangeliums, und ich
mu Euch wohl beistimmen, da man im Himmelreich nicht also freiet, wie irdische
Menschen tun. So Ihr aber vom schwachen Sterblichen verlanget, er solle gleich
hier auf Erden ebenso heilig und verklrt sein, wie die Engel, und solle ein
geliebtes Weib nicht fr sich allein begehren, so mutet Ihr dem Sohne des
Staubes zu, da er mit einem Sprung ber eine Kluft hinweggelange. Wann wir
hinuntersteigen zum Schwarzen Wog, kommen wir an solch eine Kluft. So breit ist
sie, da, ich keinen Stein hinberschleudern kann, und tief im Abgrunde strudelt
ber Felsblcke der Zackenflu. Wer nicht Flgel an den Schultern hat, wie die
Engel, vermag nicht stracks hinber zu gelangen. Fein behutsam mu er den
Abstieg nehmen ber Gerll und durch Gestrpp, mu den Fu auf die Baumstmme
setzen, so eine Brcke bilden, und mu am andern Ufer mhselig die Felsen
emporklimmen. Die Sinnenwelt, so habet Ihr gesagt, ist ein Gleichnis fr das
Reich des Geistes. Nun freilich, an einen andern Abgrund, nicht unhnlich dem
Schwarzen Wog, hat Eure Predigt mich gefhrt und heiet mich nun einen
bermenschlichen Sprung durch die Luft hinbertun. Hinter der Kluft lchelt
verklrt jenes Himmelreich, allwo man nicht freiet und nicht freien lsset.
Hinber aber wei ich nicht zu gelangen, habe nicht einmal solch einen mhsamen
Pfad durch den Abgrund, wie er vom Schwarzen Wog zum Zackenberge fhrt. Bedenk
ich nmlich, es knne ein andrer Mann kommen und meines ehelichen Weibes Minne
auf sich lenken, - o Herr, ich htte nicht die Kraft, zu beherzigen, da schon
hienieden das Himmelreich anhebet. Wie denn? Soll ich etwan zu Agneten sprechen:
gehe hin und lebe mit dem andern? Soll ich wie ein Heiliger zuschauen, wenn sie
jenen herzet, wie sie mich nie geherzt hat? Ratet Ihr mir, ich solle verzichtend
beiseite schleichen, so wr ich vielleicht, wofern Gott mich strkt, hiezu
imstande. Doch gebrochenen Herzens wrd ich es tun, und nicht im Himmelreiche
wr ich, vielmehr an einer Sttte hllischer Pein. Wahrscheinlich aber wird
meine Kraft zum Verzichte gar nicht ausreichen; mag sein, da mein Nebenbuhler
qulenden Neid, grenden Ha in mir weckt, und wer wei, was ich dann tue. O
Heiland, steh mir bei, da nicht die Snde Kains mich hinreie. Heinrichs
Angesicht glhte, unter finsteren Brauen rollten die Augen. Beschwichtigend
ergriff ich seine Faust und lste die zusammengekrampften Finger. Ihr sagtet,
Heinrich, da ich Euch zumute, ohne Pfad und ohne Sttze ber den Abgrund zu
gelangen. Aber der Abgrund im inneren Menschen hat wohl Pfad und Brcke; hat
auch einen Freund, der dem Unkundigen weiset, wie er gehen soll. Weiset Ihr
mich, lieber Heinrich, ber den Abgrund am Schwarzen Wog, so lasset mich
hinwiederum Euch helfen, ber den Abgrund des Herzens zu gelangen.
    Seid Ihr das imstande? fragte Heinrich, und vor seinem durchdringenden
Auge irrte mein Blick zur Seite. Wirklich? Seid Ihr das imstande? wiederholte
er mit erhobener Stimme; oder gehret Ihr zu jenen Prdikanten, so da meinen:
Richtet euch nach meinen Worten und nicht nach meinen Taten?
    Er hatte mir weh getan; doch ich gab im stillen zu, da er wahr gesprochen.
    Ja Heinrich, zu denen gehre ich. Auch ich sage: Richtet Euch nach meinen
Worten und nicht nach meinen Taten.
    Da er mich stutzig ansah, gab ich die Erklrung: Knnet Ihr denn nicht
begreifen, da eines Menschen Auge weiter reicht, als die Kraft seiner Fe?
Wenn ich den Gipfel der Verklrung schaue, so bin ich doch nicht alsogleich
imstande, hinaufzugelangen, obwohl ich mich anstrenge, nicht blo im Schauen,
sondern auch im Wandeln. Bittet mich nun ein Zweifler, ihm die Wahrheit zu
zeigen, wie ich sie schaue, so schildere ich zwar den Gipfel der Verklrung,
mchte aber nicht derart verstanden sein, als ob ich mich selber zu den
Verklrten rechne; vielmehr knie ich demtig in der Tiefe neben demselbigen,
dessen Auge sich fhren lsset von meinem Auge.
    Heinrich war milde worden: Verzeihet, Herr Johannes; ich schme mich des
rauhen Wortes, so mir aus dem Munde gefahren, und ich wei nun, da Ihr
mitnichten den heuchlerischen Prdikanten angehrt. Wer die Kraft hat, ohne
Zrnen sich mahnen zu lassen an seine Unzulnglichkeit, der ist ein Wegweiser
zum Heil, nicht blo mit Aug und Mund, sondern zugleich mit Herz und Wandel. Ihr
habet mich still gemacht mit Eurer guten Antwort. So fahret fort, das Strudeln
meines Abgrundflusses zu snftigen und zeiget mir, wie Schritt fr Schritt die
Kluft mag berwunden werden.
    Getrstet fuhr ich zu reden fort: Wohlan, betrachtet noch einmal den Fall,
da jener andere kommt und spricht: ich bin Agnetens erster Mann. Wrde er
ebenso wie Ihr voll Eifersucht toben, so wre jeder von euch beiden in Gefahr,
den Platz zu verlieren, zu dem euch Agnetens Minne gefhret. Erinnert Euch, wie
nach meiner Auslegung die Gattenminne unter die Himmelspforte zu fhren vermag.
Ihr beide also wrdet im eiferschtigen Hader den Eingang zum Paradiese
verlieren und wohl gar miteinander in einen hllischen Abgrund taumeln - es sei
denn, da der andere strker ist denn Ihr, lieber Heinrich, und eben das
vollbringt, was die Wahrheit Euch zumutet.
    Betroffen fragte Heinrich: Strker denn ich? Er sollte vollbringen, was die
Wahrheit mir zumutet? Was mutet sie mir zu?
    Ich entgegnete: Nehmet einmal an, der andre sprche zu Euch mit Trnen im
Auge: Dich liebt Agnete, wie sie einst mich geliebet hat. Aber vielleicht liebt
sie mich noch immer. Sei es, wie es sei; ihr Herz ist mir so heilig, da ich
sein Lieben nicht hemmen mag. Darum, lieber Bruder, der du ebenso, wie ich von
ihr unter des Himmelreiches Pforte gefhrt bist, la uns eintrchtiglich vor ihr
Antlitz treten; mag sie dann entscheiden, in welcher Verfassung wir drei die
wenigen Tage durchleben sollen, so uns - wer wei - anoch beschieden sind. Wenn
sie aber ratlos ist, oder wenn du, ihr jetziger Mann, nicht dulden magst, da
wir als drei Geschwister beisammen bleiben, so will ich still beiseite
schleichen und darin Trost suchen, da ich uns erspart habe, bles zu tun, und
da ich auch in der Trennung tief im Herzen eins bin mit unserer
Schwesterseele.
    Gro sahe mich Heinrich an und schttelte den Kopf: Das ist kein Mensch,
von dem Ihr redet. Menschen gehorchen dem Trieb der Kreatur. Diesen Trieb
beobachtet doch an Kampfhhnen, die eiferschtig hadern mit Schnabel und Sporn
... - Aber, Heinrich! unterbrach ich ihn lchelnd. Soll dem Menschen
unvernnftig Getier ein Muster sein? Erklret Ihr seines Herzens Sehnsucht nach
Hoheit fr eitel Narretei? Und verdient Eure Agnete, die zur Stunde in
Petersdorf auf lichten Pfaden wandelt, wie eine Beute dem Strksten zugeeignet
zu werden? Heinrich errtete. Ich aber fuhr fort: Eure Frau ist nicht Euer
Eigentum. Ein Herz hat Frau Agnete, und darin lebt der heilige Urgrund. Dieses
Herzens Neigung soll niemand antasten mit rauher Hand. Angenommen, Ihr ttet es,
was kme Euch davon Gewinn? Mag sein, im Kmpfen wret Ihr dem andern ber, -
wrde dann aber nicht Agnete, wofern sie Liebe fr jenen hegt, seine Wunden in
sich fhlen? Und wrde sie ihn, der um sie gelitten, nicht noch inniger lieben,
Euch aber fr einen Wterich halten?
    Verwirrt antwortete Heinrich: So soll ich mich von ihm verdrngen lassen?
- Wie wunderlich Ihr redet! Wohnt jener in ihrem Herzen, so vermag kein
Ankmpfen ihn daraus zu entfernen; schafftet Ihr ihn auch aus ihren Augen, so
erlangtet Ihr nichts weniger als Befrderung in ihrem Herzen. Und so wenig Ihr
ihn von dort verdrngen knnet, so wenig ist er imstande, Euch diejenige Liebe
zu rauben, die Euch Agnete gewhrt ... Des Mannes Angesicht ward heller: Ihr
meinet also? - Ganz gewi! Wie knnte Agnete, sintemalen Treue sie beherrscht,
jemals vergessen, was ihr Heinrich war und ist. - Doch ihre Liebe teilt sich
zwischen zweien. - Lasset gut sein! Liebe ist nicht wie ein irdisch Ding. Ein
Laib Brot freilich, das zweien ausgeteilt wird, gewhrt einem jeden nur die
Hlfte. Die Liebe jedoch gleichet der Sonne; wen sie bescheinet, der hat die
ganze Sonne, und mgen es Myriaden Sonnenkindlein sein.
    Leuchtenden Auges legte nun Heinrich Kiesewald die Hand auf meine Schulter,
sah mir ins Aug und raunte, als wr's ein Geheimnis: Ja, wenn ich wte, da
mir Agnetens Liebe also sicher wre, und wenn ich wte, da der andre ... Doch
wer wei denn, was er bringen kann! Sehet, dieser Zweifel nagt an meinem Herzen,
und meine Sorge ist wie eine Krankheit auf Agneten bergangen. Das ist der
Grund, warum wir Euch, Herr Johannes, bemhen mit unserer Herzensangelegenheit.
Agnete ist beglckt von Eurer Antwort und mchte auch mir das Heil zuwenden. Hat
drum zu mir gesprochen: Sei du allein mit Herrn Johannes, damit du frei dein
Herz ihm offenbaren kannst. Vielleicht, da er dich heilt von deiner Sorge, er
hat Macht ber die Herzen, inmaen ihm die Wahrheit nicht blo in der Rede lebt,
sondern zugleich in der Tatkraft. Sehet nun, Herr Johannes, wie sie so zu mir
gesprochen, ist mir das ungefge Spottwort beigefallen: richtet euch nach meinen
Worten und nicht nach meinen Taten. Nicht wahr? Saget selbst, es ist ein harter
Weg zum Gipfel der Verklrung, und solang ich nicht wei, ob jener andre
wirklich sprechen wrde, wie Ihr ihn sprechen lasset, so lange fehlt mir der
Glaube. Was dieser rechte Glaube ist, wei ich nun allerdings, seit Ihr mir das
Glauben vorgemacht. Denn frwahr, der rechte Glaube ist das Vertrauen auf eine
Kraft, so als Keim im Menschenherzen wohnet.
    Recht so, Heinrich, das Vertrauen auf das bessere Selbst, so im Menschen
sich entfalten soll zum Baume himmlischen Lebens.
    Heinrich nickte sinnend: Wie gleichet Ihr doch in Eurer Lehre meiner
Agnete. Auch sie hat uns oft gesagt: Gott und das Himmelreich sind im
Menschenherzen und sollen allbereits auf Erden zur Macht gelangen. Was mich
betrifft, so bin ich ein Kleinglubiger. Doch ist meine Schwester Sibylle wie
Agnete gesonnen. Wren diese edeln Weibsbilder nicht an meiner Seiten gestanden
gleich Abgesandten des Lichtes, ich wre wohl gnzlich verkommen im blutigen
Schlamm der Heerstrae. Denn meines vterlichen Erbes beraubt und aus der Heimat
vertrieben, bin ich der Widerspenstigkeit voll geworden und der Rachsucht. Habe
mir frgesetzt, der Menschen Hrte mit gleicher Hrte zu vergelten. Getreulich,
wenn auch traurigen Herzens ist meine Schwester Sibylle mit mir gezogen auf den
Kriegsfahrten; hat gemildert und gesnftigt, wo ich zu rauh, hat alle Tage mich
gemahnt an den Schatz im innern Acker, da ich den nicht vergessen solle. Wie
wir nun in diese Baude hier gekommen und von den Petersdorfern erfuhren, auf der
Abendburg hause ein Buschprediger, so das Himmelreich allbereits hienieden
grnden wolle, hat Sibylle gleich gesagt: zu dem mssen wir hin! Und vollends,
seit wir Eure Predigt vernommen, ist Sibylle Eure Jngerin geworden. Ja, lieber
Herr Johannes, meinen Weibsbildern habet Ihr es angetan. Doch wo ist Sibylle?
Sie hat sich hinausbegeben, auf da wir ungestrt uns bereden knnten. Und
Heinrich rief: Sibylle!
    Gleich darauf trat Sibylle in die Stube, eine Rolle Papier in der Hand.
Seid ihr zwei beide denn nun einig worden? fragte sie.
    Ich stund auf und versetzte: Euer Bruder hat mir sein Herz aufgetan, und
ich habe an seinem Schicksal Anteil genommen. Das ist vorerst genung der
Einigkeit.
    Nachdem wir eine Weile in Nachdenken geschwiegen, begunnte Sibylle: An das
Evangelium von der Frau, die mit sieben Brdern in die Ehe getreten, klinget
eine Mr an, die ich euch beiden erzhlen mchte, so es euch beliebt.
    Da ich nebst Heinrich zustimmte, setzte sie sich zum Spinnrade, spann aber
nicht, sondern hub in getragenem Tone an:

Eine Knigstochter war ins Elend gekommen. Ihr Vater hatte seine Krone vom
Haupte fallen lassen in einen schwarzen See, und seitdem hat ihn sein Volk nicht
mehr als Herrscher anerkannt. Da er nun vor Gram verstorben, ist die
Knigstochter weinend durch die Welt geirrt. Doch nicht immerfort kann der
Mensch traurig sein, zumal wenn er jung und schn ist. Wie also die
Knigstochter besserer Laune geworden, ist ihr einmal ein junger Bergmann
begegnet, der hat mit frischer Stimme das Liedlein gesungen:

Das Gold zur blanken Krone
Liegt in der Tiefe Schrein,
Und wer den Schatz gehoben,
Soll bald ein Knig sein.

    Aufhorchend hemmte die Knigstochter ihren Schritt, betrachtete den
Jngling, und da sie ihn schn befunden, sprach sie schelmisch zu ihm: Magst
lange in der Erde tappen und schrfen, bis du Gold genung gefunden zu einer
Knigskrone. Eher wird dein glden Haar wie Silber bleich, als da dein Handwerk
den Goldschatz hebt. Wte dir wohl ein ander Mittel, die Knigskrone zu
gewinnen. Hr einmal, was ich fr ein Liedlein singe:

Im dunkeln See vom Grunde
Winkt einer Krone Gold,
Und hast du sie gefunden,
Wird Minne dir zum Sold.

    Der Jngling sphte in der Knigstochter Auge, das ihm nicht anders frkam,
denn wie solch ein See, der am Grunde einen Schatz birgt; und fragte pochenden
Herzens: Wie soll ich dein Liedlein deuten?
    Da antwortete sie: Ich wei einen See, drin liegt wirklich und wahrhaftig
die Knigskrone, nach der dein Streben geht. Mein Vater hat sie verloren und mit
ihr sein Knigreich. So du aber die Krone vom Grunde holst, mir auf das Haupt
setzest und mich zurckleitest in mein verloren Knigreich, wird mich das Volk
als seine Frstin anerkennen. Um dich zu besolden, will ich dir alsdann meine
Hand reichen, auf da du neben mir auf dem Throne sitzest, mein ehelich Gemahl.
    Da erglhte der Jngling im Angesicht und antwortete blitzenden Auges: Ich
nehme dich beim Wort. Will dir die Krone vom Grunde holen; doch tue ich das
nicht, um reich zu werden und zu herrschen, sondern um deine Hand zu gewinnen;
denn du bist mir ein grerer Schatz als alles Gold und alle Kronen. Wohlan,
fhre mich hin, wo die Krone liegt.
    Hierauf so gingen die beiden zum schwarzen See. In dessen Schlamm aber
hausete eine Sumpfhexe. Wie nun der Jngling hinuntertauchte in die Flut, tat
ihm die Hexe einen Zauber an, da er nicht mehr aus dem Wasser zurckkehren
konnte und bei ihr auf dem Grunde bleiben mute. Vergebens harrte oben am Ufer
die Knigstochter in banger Sorge, vergebens rang sie ihre weien Hnde, weinte
und betete; ihr Liebster kam und kam nicht.
    Nachdem ihre Verzweiflung bis zum Abend getobt, ward sie schwach und
wimmerte nur noch leise; dann sank sie zur Erde und verfiel in einen tiefen
Schlaf. Und es ward ihr dies Traumgesicht:
    Zwischen Felsenblcken stieg sie angstvoll bergan, dornige Ranken zerfetzten
ihr Gewand und Fe. Der Sturmwind raufte das flatternde Haar, und Hagel
peitschte schneidend ihr Gesicht. Wie sie endlich die Hhe erreicht hatte, ward
der Himmel blau, und von warmer Sonne beschienen lag auf blumiger Wiese eine
trauliche Htte, bei der eine Schafherde weidete. Die Knigstochter ging voll
Hoffnung auf die Htte zu und ffnete die Pforte. Da sa eine weihaarige Alte,
mit Spinnen beschftigt, und nickte freundlich mit einem Gesicht, das viel Gram
durchgemacht, aber kstlichen Frieden gewonnen.
    Weinend kniete die Knigstochter zu der Alten Fen und hub an, ihr
Schicksal zu beichten. Doch die Alte unterbrach sie begtigend: Wei schon,
liebe Tochter, alles ist mir wohlbekannt. Nur nach dem einen la dich fragen
.... nicht als ob es mir unbewut wre, sondern blo aus dem Grunde, damit du
selber dir klar darber werdest -: Wenn dein junger Bergmann wieder aus dem
schwarzen See zurckkehrte, jedoch ohne deines Vaters Krone, sag an, wie wrdest
du ihn dann empfangen?
    Da ward die Knigstochter sehnschtigen Verlangens voll, und hastig gab sie
zur Antwort: Wie ich ihn empfangen wrde? O herzen wrd ich ihn und kssen;
jauchzend sprch ich zu ihm: Was kmmert mich die Knigskrone, so ich nur meinen
Liebsten habe! O hilf mir, hilf mir, gute Mutter, da ich des Liebsten Leben
rette. An seiner Seite will ich gern niedrigen Standes bleiben. Seine Liebe ist
mein wahres Knigreich.
    Lchelnd nickte die Alte: Schn, mein Kind! Dieweilen du so liebevollen
Sinnes, will ich dir helfen und dir sagen, wie du den Liebsten wiederfindest,
und dazu einen Schatz, besser noch als deines Vaters Krone. Freilich wird dir
dabei frder Leid mitnichten erspart. Allein frchte dich nimmer vor dem Leide;
faltig macht es das Angesicht, doch spiegelklar die Seele. Und wenn du wieder
einmal leidvoll zu meiner Htte kommst, so sollst du meiner Lehren gedenken und
dein Gemt zur Klarheit bringen, indem du spinnst und meine Schafe weidest. Was
aber deinen Liebsten anlangt, so kehre zurck zum schwarzen See, und wenn nach
Untergang der Sonne der Vollmond vom Walde aufsteigt, dann sprich mit starker
Stimme zum Wasser:

Was gibst du, Hexe, mir zum Lohne,
So deinem Sumpf verbleibt die Krone?
Gib meinen Liebsten aus dem Teich,
Denn der gehrt ins Himmelreich!

    In dem Augenblicke erwachte die Knigstochter und hrte noch im Ohre die
Worte der Alten klingen. Es war heller Tag, warm schien die Sonne auf die
Erwachte nieder. Sie erhub sich, und nachdem sie zunchst abermals ihrer Trauer
nachgegeben und vorwurfsvoll in den schwarzen See gestarrt hatte, fate sie den
Entschlu, ihren Traum zu beherzigen.
    Getrstet ging sie in den Wald und sammelte Beeren zu ihrer Speise. Lang
ward die Zeit fr ihre Ungeduld. Wie es endlich dmmerte, ging sie zum See und
setzte sich auf einen berhngenden Felsen. Nun stieg vom schwarzen Wald am
veilchenblauen Himmel der rote Vollmond auf, eine Eule schrie, und im Nachthauch
begunnten die Bume zu raunen. Gespannter Erwartung erhub sich die Knigstochter
und sprach mit starker Stimme:

Was gibst du, Hexe, mir zum Lohne,
So deinem Sumpf verbleibt die Krone?
Gib meinen Liebsten aus dem Teich,
Denn der gehrt ins Himmelreich!

    Da regte sich die Mitte des Wassers, als ob es kochte. Brausend schwollen
kreisfrmige Wellen, und daraus tauchte der verlorene Jngling empor. Mit
starkem Arme teilte er die Flut und schwamm unter Winken und Jauchzen auf die
Knigstochter zu, die sich vor Freude kaum zu lassen wute. Hinter dem Jngling
aber schwoll auf einmal das Wasser zu einem ungeheuren Berge, rollte auf den
Schwimmer los und ri ihn mit sich, ging dann bers Ufer und erfate auch die
Knigstochter. Die Wasserwoge, der ganze schwarze Teich, strmte donnernd weit
bers Land. Die Knigstochter schluckte Wasser, da ihr die Sinne vergingen.
    Wie sie die Augen wieder auftat, lag sie am Hange desselben Berges, den sie
im Traume erschaut. In banger Unrast suchte sie nach ihrem Liebsten, fand aber
keine Spur von ihm und nicht einmal vom schwarzen See. Gnzlich verndert war
die Gegend; die Wasserwoge mute eine weite Strecke ins Land hinein gesplt und
ihre Opfer hoffnungslos voneinander getrennt haben.
    Nachdem die Knigstochter das Suchen aufgegeben, dachte sie an die Worte der
Alten und beschlo, deren Htte auszufinden. Stieg also auf rauhem Pfade durch
Dornenranken aufwrts, bis sie auf einer Wiese in der Tat die Htte fand, bei
der Schafe weideten. In der Stube freilich war keine Alte zu finden, obwohl der
Spinnrocken, wie im Traume, bereit stund. Etliche Tage wartete die Knigstochter
auf die Ankunft der Alten, spann Flachs, den sie oft mit ihren Trnen netzte,
htete auch die Schafe, deren Milch ihr Nahrung gab. Es kam und kam keine Alte.
So vergingen Jahre und abermals Jahre; die Knigstochter war eine Spinnerin und
Hirtin worden, und das Leid hatte allerdings, wie die Alte vorhergesagt, ihr
Angesicht faltenreich, ihre Seele aber spiegelklar gemacht. Ihres Liebsten hatte
sie in den ersten Jahren oft mit heier Sehnsucht gedacht. Doch war mit der Zeit
ihr Herz stille worden, bis die Stunden der ersten Liebe sie nur ein holder
Traum deuchten, von dem keine Brcke zur wirklichen Welt fhrt.
    Wie nun der Frhling wieder einmal Gras und Blumen aus der Matte
herfrgetrieben, ging die Schafherde, der die bejahrte Hirtin folgte, ber ihren
gewhnlichen Weideplatz hinaus und nahte einer andern Herde, bei der ein alter
Hirte war. Nun konnte es nicht ausbleiben, da die beiden Menschen miteinander
redeten. Es fand ein jeder im andern ein Herz voll Gte und Weisheit; und das so
geschlungene Band der Freundschaft ward hinfro nicht locker. Von nun an trieben
sie tglich ihre Herden zueinander, und wiewohl sie nicht viel redeten, fhlten
sie sich doch so recht einmtig und gewannen mitsammen immer mehr
Glckseligkeit.
    Zuweilen nahm der Hirt aus seiner Tasche die Flte und blies ein
friedevolles Lied. Da sagte einmal die Hirtin: Kannst du auch singen?
    Und es gab ihr silberhaariger Freund den Bescheid: In meiner Jugend sang ich
manch Lied. Jedoch ist mir das Singen vergangen. Ein Lied nmlich hat mich fr
viele Jahre traurig gemacht.
    Was war denn das fr ein Lied? fragte die alte Hirtin.
    Und mit leiser Stimme summte der Greis:

Das Gold zur blanken Krone
Liegt in der Tiefe Schrein,
Und wer den Schatz gehoben,
Soll bald ein Knig sein.

    Da sah ihn seine Freundin eine Weile mit groen Augen an und nickte. Erst
war ihr Nicken voll Wehmut, dann aber leuchtete ihr Blick verklrt, und sie
sagte: So will auch ich dir ein Lied singen, du mein Guter; worauf sie mit
zitternder Stimme sang:

Im dunklen Seelengrunde
Winkt einer Krone Gold,
Und hast du sie gefunden,
Wird Minne dir zum Sold.

    Nun glitt auch dem greisen Hirten die Decke von den Augen, und in der
Freundin, mit der er etliche Jahre bereits beisammen gewesen, und die er
liebgewonnen wie eine Schwester, erkannte er seine allerliebste Knigstochter
wieder.
    Anfangs verfiel er in langes Weinen und meinte trbe: Wo sind die Jahre
unserer Jugend geblieben? Ach, verfehlt dnkt mich meine Lebenszeit. Welch ein
Schatz ist mir entgangen, da wir so frhe voneinander gerissen und erst jetzt,
nun wir verblht, wieder vereinigt wurden.
    Sei still, mein Liebster, gab die Hirtin zur Antwort. Nun sind wir ja so
weit, wie wir ersehnt; nur da freilich unser Schicksal anders gestaltet ist,
als unser Jugendsinn erwartet hatte. Wir haben erreicht, was wir erreichen
konnten, nur da wir nicht den Weg der Lust gegangen sind, sondern Trennung und
Trnen erlitten haben. Doch dieser andere Weg hat einen Vorzug, den mir im
Traume die weise Alte angedeutet hat. Blieben denn nicht unsere Herzen bewahrt
von Gier und Schuld? Sind sie nicht rein worden, so wie auf diesen Bergwiesen
die Lfte rein sind, die Blumen und Quellen? Und im klaren Spiegel unserer
Herzen drfen wir nun einander schauen, darin lesend, wie lieb ein jeder den
andern hat, und wie himmlisch diese Liebe. Komm, Liebster, la uns jauchzen und
la uns jung sein, gedenkend an jeden Augenblick, den wir in unserer Jugend
mitsammen verlebt.
    Da ward der Hirt getrstet und stimmte in seiner Liebsten Jubel ein. Wie sie
nun in der Sonne bei einem Quell sich niedergesetzt hatten, einander zu
erzhlen, sprach der Hirt: Sag mir doch, liebste Knigstochter, ob mein
Gedchtnis irrt. Mir scheint, das Lied, so du gesungen, lautet eigentlich etwas
anders. Sangest du nicht damals:

Im dunklen See vom Grunde
Winkt einer Krone Gold?

    Mag sein, entgegnete die Liebste. Doch das ist falsch. Es mu heien: Im
dunklen Seelengrunde winkt einer Krone Gold. Dabei la uns bleiben; denn die
Krone, so uns beide krnen soll, hat nicht im Sumpf gelegen und ist kein harter
kalter Erdenstoff. Gleicherweise ist auch das Reich, zu dessen Herrschaft wir
berufen sind, ganz anders denn meines Vaters Knigreich.

Hier machte die Erzhlerin Sibylle eine Pause und meinte dann: Nun saget, ihr
zwei, die ihr meiner Mr gelauschet habt: Ist nicht das Reich, in dem die beiden
alten Hirtenleute mit ihrer unsichtbaren Krone herrschen, ebendasselbige, von
dem der Heiland sagt, da man darinnen nicht freiet, noch sich freien lsset,
sondern mitsammen Gottes Kind ist?
    Mein Herz war weich worden, und auch Heinrich schien ergriffen. Ich danke
Euch, Sibylle, sprach ich fr dies Mrlein, so ich voll Freude dem Schatze
meiner Andacht einverleibe. Wo habt Ihr diesen Fund getan?
    Ja, sprich, meinte auch Heinrich, woher dir die Mr kommt; ich habe sie
bisher noch nie vernommen.
    Sibylle zauderte und blickte schelmisch, wobei ihr mtterlich volles
Angesicht auf einmal jugendlich schien. Eine Poetin bin ich, scherzte sie.
Doch nein, ich will gestehen: es hat mir jemand, eine Frau, das alles erzhlt.
Und da der Herren Neugier endlich Frieden habe, mgen sie wissen, die
Knigstochter selber hat mir das erzhlet. Nun aber frage keiner mehr! Ich
bleibe stumm; denn meine Mr ist aus.
    Nach diesen Worten kam mir der Gedanke, fr diesmal sei wohl auch mein
Besuch aus; denn was ich in Kiesewalds Baude ausrichten und vernehmen wollte,
schien vorlufig zu einem Ende gediehen. Inmaen stund ich auf und dankte fr
Gastfreundschaft. Auch Heinrich erhub sich: Euer Besuch hat mich erquickt, ich
danke Euch. Und nicht wahr, wir werden uns des fteren sehen, so es Euch
beliebt.
    Als ich zustimmte, sagte Sibylle ernst vor sich hin: So der Himmel alles
gndig fgt.
    Heinrich, der mich ja ein Stck Weges geleiten wollte, ging hinaus, seine
Partisane zu holen. Da reichte mir Sibylle die Rolle Papier mit den hastigen
Worten: Nehmet und berget es in Eurer Tasche. Agnete gibt es Euch und bittet,
da Ihr morgen leset, was auf dem Papiere geschrieben steht. Nicht heute aber
drfet Ihr es lesen, weder abends noch bei Nacht, sondern erst, wenn Ihr
ausgeschlafen habt. Fraget nicht weiter; alles, was Ihr wissen mchtet, findet
Ihr in dem Schreiben.
    Da nahm ich das Pcklein und steckte es zu mir, indem ich erwiderte:
Bestellet Eurer Schwgerin meinen Gru! Ich will tun nach ihrem Gehei.
    Als nun Heinrich wieder eintrat, reichte ich Sibyllen die Hand, und wir
gingen. Sturm werden wir bekommen, sagte ich mit einem Blick auf den
Gebirgsrcken, da ber den Sattel schwarz Gewlk herbergezogen kam.
    Schweigend schritten wir zur Kochelschlucht hinunter. Sibyllens Mrlein ging
mir durch den Sinn. Dachte mir wohl, Agnete werde die Geschichte ihrer
Schwherin erzhlt haben mit dem Auftrage, sie uns Mnnern mitzuteilen.
Rtselhaft aber deuchte mich Sibyllens Wort, von der Knigstochter selber habe
sie alles vernommen. Wie konnte denn Agnete sich mit der Knigstochter
vergleichen, da doch Agnetens Lebensgang kein Recht hiezu begrndete? Hier wob
ein Geheimnis. Und welche Bewandtnis hatte es mit der mir anvertrauten Schrift?
Warum ward sie verstohlen mir bergeben? Durfte Heinrich von dem Inhalt nichts
erfahren? Und was sollte mir die Bitte, nicht heute noch die Schrift zu lesen?
Da mich Agnete heute gemieden, mute wohl noch einen andern Grund haben, als
ihre mtterliche Frsorge fr die Petersdorfer Kinder.
    Erzhlet von Eurer Frau, Heinrich. Was hat sie denn veranlat, ihr
mtterlich Amt bei den Petersdorfern zu bernehmen?
    Sie kann es nur schwer verwinden, da ihr das eigene Kind geraubt und
Klein-Anneliesel, der Sprling meiner ersten Ehe, durch den Tod entrissen
worden ist. Da sucht nun ihr liebreich Herz sich in fremden Kindern und in
allerlei hilfsbedrftigen Menschen Ersatz zu schaffen. Mir ist es recht, da ihr
Sinn heiter wird bei der Jugend drunten im Tale. Nur werd ich die Sorge nicht
los, da der schwierige Weg ihrem Krper zum Schaden gereichen knne. Denn ihre
Brust ist schwach von jenem Unfall her, der sie mir zugesellte.
    Was war das fr ein Unfall?
    Haben wir das noch nicht erzhlt? Ein Messerstich hatte ihr von der
Schulter her die Lunge verletzt, und wiewohl die Wunde geheilt ist, blieb doch
eine Schwche zurck, und einmal hat sich Blutspeien eingestellt. Deshalb bin
ich nicht ohne Sorge, wenn sie an jedem Sonntag sich den Weg zu Tal und wieder
herauf zumutet.
    Warum ist sie denn aber neulich sogar bis zur Abendburg gegangen, und warum
habt Ihr sie nicht davon zurckgehalten? Es htte ja gengt, wenn Ihr bei Eurem
ersten Besuche mich zu Eurer Baude eingeladen httet.
    Ich wei nicht, warum Agnete also begierig war, mit eigenen Augen Eure
Klause zu schauen. Genung, sie hat gebeten, den Gang mitmachen zu drfen, und
wenn sie ernstlich bittet, kann ich nicht widerstreben. Bin auch gewohnt, nicht
mit ihr zu feilschen und zu rechten.
    Nun verfielen wir in sinnendes Schweigen. Zum Kochelgrund gelangt,
berschritten wir das Fllein mittels einer quer darbergestrzten Fichte und
klommen jenseits auf rauhem Pfade die Felsenhhe hinan, bis wir aus dichtem Tann
auf eine kleine Wiese traten und nun freien Blick ins Tal des Zacken hatten. Der
brausete drunten ber Felsenblcke, und drben ging es wieder steil empor.
    Hier ist der Schwarze Wog, sagte Heinrich, und dieser geschlngelte Pfad
fhrt Euch hinber. Gebt mir nun Urlaub, denn ich mchte zurck, um meiner Frau
nach Petersdorf entgegenzugehen.
    Dankend schttelte ich Heinrich die Hand und verfolgte meinen Weg, indem ich
den Spie als Sttze gebrauchte. Bald ward mir klar, da allerdings hier der
nchste Weg zwischen meinem Heim und der Kiesewaldbaude gehe, wiewohl der
Abstieg zum Zacken und noch mehr der Aufstieg zur jenseitigen Felsenhhe also
beschwerlich war, da ich mit lchelnder Zustimmung Heinrichs Wunsch bedachte,
auf Engelsfittichen ber diese Kluft zu schweben.
    Wie ich am Zackenberge oberhalb des Baches, Bhmischer Furt geheien, durch
den Tann schritt, neigten sich die Wipfel mit Brausen und kndeten, da der
Sturm beginne. Wiederum gedachte ich des Mrleins von der Knigstochter und
versetzte mich in ihren Liebsten hinein, wie er als alter Mann die Braut seiner
Jugend endlich wiedergefunden, jedoch zu spt, als da die heie Sehnsucht
junger Jahre sich jetzo erfllen konnte. Mein Trumen verlieh der Knigstochter
Theklas Zge, und ich legte mir die Frage vor, wie wohl mir zu Sinn sein mchte,
so auf einmal jetzt, nach zwlfjhriger Trennung von einer lieben Frau, ein Weib
vor mich hintrte, sprechend: Ich bin deine Thekla!
    Von jhem Schrecken fhlt' ich mich betroffen, da mir der Einfall kam,
Agnete, von der das Mrlein ausging, knne Thekla sein. Aber nein, Thekla war ja
tot, erdolcht von der eiferschtigen Berthulde! Oder war das ein falscher
Bericht? Lebte Thekla vielleicht? War denn nicht auch Agnete, trotz des Stiches,
so ihre Lunge getroffen, wieder genesen? Und was ist das? Agnete ist gestochen,
Thekla desgleichen! Und Agneten ward ein Kind geraubt? Brausend wie die Luft
flatterten mir die Gefhle, und mein Schritt strmte dahin. Dann blieb ich
stehen und nahm aus meiner Tasche das Pcklein, so Agnete mir vermacht. Mein
brennender Blick htte die Hlle durchdringen mgen; doch ihr Wunsch, da ich
vor morgen nicht lesen solle, zgelte meine Ungeduld.
    Daheim angelangt, sah ich meines Oheims Auge erschrocken auf mich gerichtet,
da er aus seiner Geistesverwirrung heraus die Worte stammelte: Was ist? Geht's
wieder los mit den Dmonen? Ja, ja ich habe mir's gedacht; es hat sich wieder
was angemeldet. O Jesus und Vater!
    Wie ich am prasselnden Ofen sa, und ein Krug Beerenwein mein bnglich Herz
ermunterte, ward ich geneigt, mich einen Trumer zu schelten, der an wilder
Phantasei schier dem verstrten Oheim gleichkomme. Wie denn? Agnete sollte
Thekla sein? Unsinnige Einbildung! Und doch! und doch! Die Art, wie Agnete sich
gab, pate auf Thekla. Zwar hatte ich in Thekla nichts von einem Trachten nach
Heiligkeit gesprt. Doch konnten zehn Jahre wohl den Sinn also umwandeln; und
solche Wandlung war meiner edlen Frau zuzutrauen, zumal sie die Schule des
Leidens durchgemacht. berdies gemahnte Agnetens Wuchs an Thekla. Freilich lebte
diese in meiner Erinnerung als eine ebenso straffe wie schlanke Gestalt, whrend
Agnete mich kleiner deuchte und in ihrer zusammengesunkenen Haltung krperliche
Schwche verriet. Doch auch diese Vernderung konnte sich ergeben haben aus
alledem, was ihr inzwischen begegnet.
    In solchen Gedanken verbrachte ich den Abend, und nur durch strenges
Meditieren und heies Ringen um Seelenfrieden gelang es mir, etliche Ruhe zu
finden.

Die Sonne neigt sich abe
Zum blauen Hgelgrabe.
So leb denn wohl, du rotes Liebesfeuer!
Ich stehe ganz allein
Auf dem Berggestein.
Wohl heime mcht ich gahn
Und wei doch nicht, wo Herberg han ...
Schon drun die Wolken schwarz wie Ungeheuer.

Da mahnt die Sonn im Sinken:
Sieh dort die Zinnen winken!
Den irren Wandrer laden sie, zu hausen.
Des Burgherrn Trostlicht wacht
Getreu die ganze Nacht.
Entznde dran dein Herze
Als eine fromme Klausenkerze!
Ums Fenstergitter la Unholde sausen!

    Am Morgen allerdings kam ich mir verstrt fr, als htten der Sorge Unholde
die ganze Nacht mein Gehus umraunt. Zur Vorbereitung auf Agnetens Erffnung
sammelte ich meinen Sinn und dachte an das Ewige, vor dem wie Spreu verwehen
mu, womit die Zeit uns ngstigt.

Wohlan, tritt nun ber meine Schwelle, dunkles Schicksal, und enthlle dich! Du
findest mich gefat! Und ich nahm das Packet aus meiner Tasche und tat seine
Hlle ab. Papiere waren mit hastigen Schriftzgen bedeckt. Und ich las: Mein
Johannes! Mich durchzuckte ein freudiger Schrecken. Thekla! Waren das nicht
ihre Schriftzge?
    Fliegenden Blickes las ich weiter: Durch meine Schwherin hab ich Dich
bitten lassen, Du mgest erst nach durchschlafener Nacht diesen Brief lesen. So
tat ich, weil mir wohl bewut, da alle Deine Kraft beisammen sein mu, um Dein
Herz in seiner Hoheit aufrecht zu erhalten vor dem, was ich Dir zu erffnen
habe. Das Mrlein von der Knigstochter hast Du vernommen und hast vielleicht
vermeinet, es sei insonderheit an Heinrichs Ohr gerichtet. Dem ist nicht also;
es gilt vor allem Dir. Ich hab's ersonnen, um durch ein Gleichnis zu Dir zu
sprechen. O da sich doch mein Wunsch erfllete, und Deiner Wahrheit Kraft auf
den Wachtposten gerufen wrde durch mein Mrlein, wie durch unser Gesprch ber
die sieben Brder, so dasselbe Weib geehelicht. Jener Friede, den die alte
Hirtin ihrem Liebsten mitgeteilt hat, sei mit Dir, Herzliebster! Hast Du wohl
darber nachgesonnen, wer die beiden sind, der Goldgrber und die Knigstochter,
so nach langer Trennung im Hirtenleben einander wiederfanden? Das sind wir zwei,
Du und ich! Ja, Deine Thekla lebt! Ich bin es, seit etlichen Jahren Agnete
geheien ...
    Geblendet war mein Auge - konnte nicht weiter lesen. Um mich schwankte die
Welt. Auf sprang ich und taumelte. Dann kam ein Schrei: Thekla! Ich warf mich
auf die Knie und krampfte die Hnde zusammen: Mein Gottesquell - du lebst -
hast mich nicht verlassen!
    Aber wie denn? Agnete? Nicht mehr Thekla? Eines anderen Weib? - Hastig
setzte ich mich wieder zur Schrift:
    Fr Dich bin ich noch immer Deine Thekla und will es bleiben in Ewigkeit.
Fr die anderen freilich bin ich Agnete; so hab ich mich vor Heinrich benamset,
da wir einander begegnet sind. Ich wollte meine Vergangenheit verhllen - als
Agnete Kiesewaldin bin ich ihm vom Priester angetraut ...
    Das war nun die hrteste Prfung! Auseinandergerissen fhlte sich mein Herz,
zerspalten mein Wesen. Es trieb mich strmisch zu Thekla, die Gattin zrtlich zu
umarmen; eine strenge Macht aber gebot mir Halt ... Hei fielen Zhren auf meine
Hand, o wie zitterte die Hand! Endlich fate ich mich und las weiter:
    Kraft freilich ist vonnten, so wir den Gipfel der Verklrung erreichen
wollen. Du wirst sie zusammenbringen, da ja in Dir ein reicher Quell himmlischen
Lebens strmt. Was mich betrifft, so bin ich Deine geistliche Tochter, und Du
wirst mich emporfhren. Nun aber la uns unverzglich beginnen mit dem Sammeln
unserer Kraft. Sei denn stark, mein armer Liebling, bei dem Allertraurigsten,
das ich jetzunder zu erffnen habe ...
    Neuer Schrecken fuhr mir in die Glieder. Wie denn? Noch etwas Schlimmes
kommt? - Mein ganzer Krper bebte, als ich weiter las:
    Es betrifft jenes Knblein, so auf der Abendburg den Opfertod starb, und
dessen Asche Du unter dem Kreuzlein beigesetzt hast. Wessen ist dies Kind? Wer
ist sein Vater? Bleib aufrecht, wenn ich Dir jetzo sage: Da wir Hochzeit hielten
im unterirdischen Gewlbe zu Magdeburg, ward uns beiden dies Kind geschenkt - -
der kleine Johannes ...
    Keuchend sank ich vornber, gewaltsam aber richtete ich mich wieder auf.
Laut hinausschreien wollte ich meinen Schmerz. Wie ich dann schluchzte, trat
Tobias in die Balkenstube und legte die Hand auf meine Schulter, bang loderten
die Augen in den dsteren Hhlen. Tobias! rief ich verzweifelt. Mein Kind
war's! Meins! Blde starrte er und schttelte das greise Haupt: Nicht weinen!
Zugleich begunnte mein Hund zu winseln. Ich griff mir an den Kopf und sammelte
mich. Dem Oheim drckte ich die Hand, schickte ihn hinaus, tat einen Aufblick
zur Hhe und wandte das Auge wieder zur Schrift.
    Friede sei mit Dir, Johannes! Ergib Dich drein! Unser Kind ist ja geborgen
- ruhet in des Ewigen Schoe. - Damals freilich, als das Grausige geschah - als
der kleine Johannes der Teufelsmette zum Opfer fiel ... doch das alles sollst du
spter hren. Einstweilen will ich nur sagen: Eine Mutter, die mit eigenen Augen
zuschauen mute, wie ihres Leibes Frucht dem Flammentode preisgegeben ward von
wahnwitzigen Menschen - sie hat mit solchem Leid einen Dmpfer empfangen, der
den Trieb ihrer Sinne, falls er hinfro einmal unbndig werden will, zu
beschwichtigen wei.
    Nun aber la mich der Reihe nach erzhlen, wie das alles mit mir gekommen
ist, seit ich Dich verlor.
    In Scham und Zittern hatte mich Dein jhzorniger Handel mit dem Ritter
Zetteritz versetzt. Als man Dich fesselte und auf Deck schleppte, war ich
versucht, hinterdrein zu strzen und wie ein Raubtier um Dich zu kmpfen. Dann
aber drckte ich hilfloses Weib die Hand auf mein wild Herze: Stille, still!
und nicht den Kopf verloren! Raserei kann hier nur schaden, Hilfe wird nicht
ohne Besonnenheit erlangt.
    Ich beobachtete den Zetteritz. Aufgebracht ma er den Schiffsraum mit groen
Schritten und zischte mit hhnischem Lachen zwischen den Zhnen: Hei warte nur,
Tielsch, das sollst du mir ben! Gar nicht schildern mag ich, welch wilde
Drohungen er ausstie. Besorgt, man knne Dich tten, sank ich dem Tobenden vor
die Fe: Erbarmen, Herr Ritter; Ihr werdet edelmtig handeln. Habet mir ja
angeboten, meiner Hilflosigkeit beizustehen. Nun erfllet Euer Versprechen, so
Euch wirklich an meinem Wohle gelegen.
    Solch Flehen aus Frauenmunde machte den Ritter verwirrt, da er mich aufhub:
Verzeihe die Jungfer Grfin meine Wildheit; aber dieser kecke Rebell ...
    Da ich ihn bat, innezuhalten, migte er sich: Gebiete das Frulein ber
mich. Soweit Sie fr sich selbst etwas begehrt, bin ich Ihr Kavalier. Den
Tielsch aber lasse Sie endlich aus dem Spiele. Danke Sie mir lieber, da ich Sie
befreiet von diesem lstigen Kommihund. Sakrament, er soll Elbwasser schlucken
wie eine versaufende Katze. Und von neuem lief er wtend umher.
    Da berfiel mich Verzweiflung. Im Geiste sah ich Dich gefesselt in die
Todesflut sinken, hilflos Entsetzen auf Deinem erbleichenden Angesicht. Ich
schrie auf, und ein Toben kam ber mich, das ich bisher nicht gekannt. Das
Messer, so auf dem Tisch gelegen, zckte ich wider meinen Busen.
    Die Augen aufgerissen, stund Zetteritz vor mir, ohne mir in den Arm zu
fallen, da er wohl besorgte, in meiner Raserei mcht ich ihm zuvorkommen und
zustoen. Halt! Besinnt Euch! rief er heiser. Mein Blut ber Euch!
entgegnete ich und fhlte des Messers Spitze auf meinem Busen. Zetteritz machte
ein ganz entsetztes Gesicht, streckte zitternde Hnde aus und rief: Ich
begnadige den Tielsch! Messer weg!
    Hebet erst die Hand zum Schwur, bei Eurer Ehre schwret, da Ihr ihn nicht
ttet!
    Er tat nach meinem Gehei: Bei meiner Ehre!
    Nun lie ich das Messer fallen, atmete tief und sank auf die Bank.
    Da rief Zetteritz nach seinen Leuten, und ein paar Dragoner kamen von oben.
Tut das Messer weg und verweilet bei der Jungfer Grfin. Ihr habet sie zu
bewachen, da sie sich kein Leides antut. Mit keinem Schritte darf sie auf Deck,
und wenn sie nach dem gefangenen Rebellen fragt, da mir keiner mit einem
Wrtlein antworte! Sonsten aber sind des Fruleins Wnsche zu respektieren und
mir zu melden, wie denn die Jungfer Grfin als eine Person von Stand zu
behandeln.
    Zu mir wandte sich Zetteritz mit den Worten: Wolle die Jungfer Grfin
bedenken, da unser Kahn durch unsicheres Gebiet fhrt, wo feindliche Parteien
herumschweifen, die mit ihren Kugeln auf Deck leicht Schaden anrichten. Hier
unten aber ist ein sicherer Ort. Drum hab ich befohlen, Sie solle diesen Raum
nicht verlassen. Hfisch neigte sich Zetteritz und ging.
    Da sa ich nun, zwar etwas beruhigt, doch sattsam in banger Unsicherheit.
Durch Lauschen wollt ich erraten, was auf dem Deck vorging. Vernahm nur die
dumpfen Ruderschlge, zuweilen das Wiehern der Pferde.
    Auf einmal scholl Hornsignal, und die Ruderschlge hrten auf. ber mir
stampften die schweren Reiterstiefel, und bald darauf schienen Ruderschlge
jenes kleine Boot, mittels dessen unsere Gefangennahme erfolgt war, vom Kahn
wegzutreiben.
    Ich sprang auf und rief: Was geschiehet meinem Gatten? ich will es wissen!
Doch die Dragoner griffen mich bei den Handgelenken, da ich mich nicht rhren
konnte. Hilflos hub ich zu weinen an.
    Eine Zeitlang blieb alles still. Dann hrte ich die Ruderschlge sich wieder
nhern; das Boot ward am Kahne befestigt, und am Stampfen ber mir erkannte ich,
da seine Bemannung an Bord zurckkehre.
    Auf einmal knallte ein Schu vom Ufer her. Sogleich hrte ich Zetteritz
kommandieren, und dann gab man ber mir mehrere Schsse ab. Das Rudern ward
wieder aufgenommen und beschleunigt.
    Die Dragoner bei mir hatten Worte gewechselt, aus denen ich entnahm, da
eine Partei Schweden auf unsern Kahn geschossen habe. Mir gereichte das Gefecht
zum Troste, denn ich sagte mir: Zum Kundschaften ist das Boot benutzt worden,
und so wird meine Sorge, man knne den Johannes weggeschafft haben, wohl
unzutreffend sein.
    Beruhigten Herzens blieb ich bis zur Abenddmmerung an meinem Platze. Dann
kam Zetteritz und hie seine Leute, einen Verschlag neben der Kajte fr mich
mit einem Strohlager versehen. Mich streifte sein scheuer Blick, und da ich
wegen Johannes ihn befragte, wehrte er mit dsterm Schweigen ab. Man brachte mir
eine Lampe, Speise und Trank. Ohne die Nahrung anzurhren, warf ich mich auf
mein Lager, und da ich sehr erschpft war, erbarmte sich mein der Schlummer.
    Erwacht, sah ich den Tag durch einen Trspalt in mein Kmmerlein lugen. Da
ich keine Ruderschlge mehr vernahm, dachte ich mir, unser Kahn msse gelandet
und also wohl am Ziel sein. Flehend hub ich meine Hnde zum Himmel: Was wirst
du heute ber uns verhngen? Darf ich mit meinem lieben Manne heute deine Gte
erfahren, oder mchtest du uns noch lnger prfen? Nun, wie du willst, dein
Wille geschehe! So sprachen meine Lippen, das Herz wute nichts von solcher
Ergebung. Vielmehr suchten die Gedanken in banger Unrast nach Mitteln, mich und
meinen Mann aus den Nten herauszuwinden. Da meine Jugendblte Eindruck auf den
Ritter gemacht hatte, konnte ich mir nicht hehlen. Sorgsam richtete ich mein
Antlitz, Haar und Gewand fr diese eitle Welt her. Wie ich nun aus dem
Schlafraum trat, sa Zetteritz schmausend am Tische. Errtend stund er auf,
neigte sich und lud mich ein, am Frhstck teilzunehmen. Auf den ersten Blick
erkannte ich, da er eine Schuld auf dem Herzen habe, und dieser Argwohn brachte
mich in solche Erregung, da ich meinen Blick in sein Auge bohrte und wie eine
gereizte Tigerin losfuhr: Wo ist mein Mann? Was habt Ihr mit ihm getan?
    Da Zetteritz keine Worte fand, brach ich in lautes Weinen aus und schalt ihn
ins Gesicht einen wortbrchigen Kavalier.
    Schweige Sie, Jungfer, herrschte er mich an und stampfte mit dem Fue:
was ich versprochen, das habe ich gehalten. Habe den Tielsch nicht ersuft, wie
er es verdient hatte, sondern an Land setzen lassen.
    Tckischer Jesuiter! schrie ich. Das nennet Ihr begnadigen? Ich wollte
noch weiter toben, doch er eilte an Deck, und die Dragoner vertraten mir den
Weg, als ich nachstrzen wollte. Wiederum verfiel ich in Schluchzen und Klagen.
Da lie sich auf einmal eine gebieterische Frauenstimme vernehmen, und in die
Kajte hinunter stieg eine Frau in dunklem Sammetkleid, auf dem weien Haar
einen Federhut. Sie blickte gro und mild auf mich, und sprach streng zu
Zetteritz: Tu die Kerle weg! Worauf die Soldaten an Deck muten.
    Und Zetteritz zog seinen Hut: Wolle die Jungfer Grfin hier meine Mutter
begren, die Edelfrau Katharina Zetteritz. Meine Mutter hat sich in Mechelnburg
aufgehalten, und mit dem Kahn, drauf wir uns befinden, bin ich ihr
entgegengeeilt, um sie vor den andrngenden Schweden zu sichern.
    Mein armes Frulein, sprach die edle Frau und griff nach meiner Hand;
mein Sohn hat mir gebeichtet, wie bel er Euch mitgespielt, da bin ich nun
resolvieret, kraft meiner Mutterwrde darauf zu halten, da er seine rauhe
Soldatenart zgele und als Edelmann den Willen eines hochedel geborenen
Fruleins erflle. Euern Vater habe ich verehrt, und wenn er sprechen knnte, so
wrde er besttigen, wie gern er sich der Freiin von Smiritzky entsinnt.
    Nun herrschte die Edelfrau den Sohn an: La unverzglich das ganze Ufer
absuchen, an dem der Gatte meiner Schutzbefohlenen ausgesetzt worden. Wir mssen
alles tun, die voneinander getrennten Gatten wieder zu vereinigen. Seid getrost,
Grfin, harret in Geduld! Zuvrderst will ich Euch Kleider aus meiner Truhe
schicken.
    Dankbar warf ich mich vor meiner Retterin auf die Knie und bedeckte ihre
Hand mit Kssen. Sie zog mich empor, streichelte mein Haupt, drckte mich sanft
auf die Bank und ging, von ihrem Sohne gefolgt. Gleich darauf hrte ich ber mir
ein Stampfen von Rossen, und durfte nun hoffen, da Zetteritz dich suchen lassen
wolle, teurer Gatte.
    Es dauerte nicht lange, so kamen Soldaten in die Kajte und brachten eine
Truhe. Dann erschien Frau Zetteritz, grte mich abermals, schlo die Truhe auf
und suchte eine feine weibliche Tracht aus, worauf sie mich bat, mich
einzukleiden und mit ihr einen Gang durch das Stdtlein zu tun, damit ich mir
die Sorgen aus dem Sinn schlage. Der Kahn sei am Ziel, in Wittenberge; und nun
werde die Rckfahrt nach Magdeburg unverzglich beginnen, da der Nordwind
tchtig in die Segel blase. Nach meinem Gatten sei man schon auf der Suche.
    Der Gang durchs Stdlein tat mir wohl. Bei unserer Rckkehr zum Kahn war man
mit den letzten Zurstungen zur Abfahrt beschftigt. Ein Mast war aufgerichtet,
bald blhte sich das Segel, und nun stieen Schiffer und Soldaten mit Stangen
vom Ufer ab, whrend Ritter Zetteritz nebst seinem Leutnant Befehle gab.
    So schnell, wie wir vorher gefahren waren, ging es jetzo nicht, da wir ja
gegen den Strom angingen. Immerhin kamen wir bei dem guten Segelwinde zu des
Ritters Zufriedenheit vorwrts. Mehrfach wandte ich mich an Zetteritz mit der
Frage, ob die Soldaten auch wirklich meinen Gatten ausfindig machen wrden, und
jedesmal ngstete es mich, da er seine zuversichtlichen Worte durch die Miene
scheuen Bedenkens Lgen strafte.
    Der Abend rtete den Himmel, als ein Hornsignal erscholl, und das Rudern
eingestellt ward. Unsere Leute! rief der Korporal, worauf der Steuermann den
Kahn auf das havellndische Elbufer zusteuerte.
    In zitternder Spannung sphte ich zum Ufer, wo etliche Reiter nebst einem
Hunde zwischen den Weidenbschen erschienen. Meine Knie wankten, als ich von
Dir, mein Johannes, nichts wahrnahm. An dem Angesicht des Ritters erkannte ich,
da auch er von Schrecken erfllt war. Ich fhlte, wie ein Weinen mich
anwandelte, da ich nun den Kopf zur Frau Zetteritz wandte und mit brechender
Stimme sagte: Sie haben ihn nicht, haben ihn nicht ... O weh, mein lieber
Mann!
    Dann sank ich unmchtigen Geistes hin und kam erst wieder zu mir, als man
mich in der Kajte auf die Bank gelegt hatte und meine Schlfe mit Wein rieb.
Mein erstes Wort war: Mein Mann - warum hat man ihn nicht? Was ist mit ihm?
    Frau Zetteritz suchte zu beschwichtigen: Er wird ja wohl am Leben sein. Nur
gefunden hat man ihn nicht.
    Aber warum suchen die Reiter nicht lnger? rief ich vorwurfsvoll.
    Verlegen blickte Frau Zetteritz ihren Sohn an. Der starrete dster zu Boden
und zuckte die Achsel. Dann sprach er kleinlaut: Es ging nicht, bisweilen
schwedische Vlker durch das Brandenburgische streifen und unsere Leute
zurckgejagt haben.
    Frau Zetteritz fgte hinzu: Drum so drfet Ihr annehmen, Grfin, da Euer
Gemahl bei den Schweden ist.
    Diese Hoffnung blieb in der nchsten Zeit mein einziger Trost. Allerdings
machte es mir Unruhe, da die Dragoner auf alle meine Fragen nach dem, was ihnen
beim Suchen begegnet sei, immer nur ausweichend, mit schweigendem Achselzucken
antworteten und zu guter Letzt erklrten, sie htten dem Ritter alles gemeldet
und nichts mehr hinzuzufgen.
    Nach vielem Weinen in einsamen Stunden ergab ich mich in des Himmels
Schickung und stellte ihm die Zukunft anheim. Wie nun Frau Zetteritz sahe, da
ich mich in mein Unglck gefunden, erffnete sie mir eines Tages, sie habe
bisher nicht die volle Wahrheit gesagt, weil sie mir nicht auf einmal einen so
groen Schmerz habe antun wollen. Es sei kein Zweifel, da der Verlorene nicht
mehr unter den Lebenden weile; eine Beute der Wlfe sei er worden. Von den
ausgesandten Dragonern seien nmlich an der Stelle, wo man meinen Gatten ans
Ufer gesetzt habe, die Reste eines Menschen gefunden, der von Wlfen zerrissen
gewesen; dabei seien die Kleidungsstcke gelegen, die mein Gatte angehabt. Zum
Wahrzeichen habe ein Dragoner ein ledern Wams mit schwarzer Stickerei gebracht.
    Nachdem ich mich ber diese Schreckenskunde ausgeweint, hat Frau Zetteritz
mir das Wams gezeigt, und es war das Deinige, mein Johannes, wie Du es in den
gemeinsam verlebten Schreckenstagen an Deinem Krper getragen hast. So deuchte
mich nun gewi, Du werdest mir nimmermehr auf Erden begegnen.
    Ich brauche nicht zu berichten, wie wir aus dem Magdeburgischen nach
Altenhof in Bheim gereiset sind. Genung, ich folgte der Witfrau Zetteritz in
ihr Haus und verblieb daselbst jahrelang als ihre Gefhrtin und Helferin.
    Nach etlichen Monden kam mir ein wehmtig Glck, indem nun sichtbar war, da
ich in den kargen Stunden unserer Ehe gesegneten Leibes worden. Am 6. Hornung
des Jahres 1632 hat mir Gott unser Knblein, den kleinen Johannes, geschenkt,
und der ist mir sowohl, wie auch meiner mtterlichen Freundin ein rechter
Sonnenschein worden und die wenigen Jahre hindurch geblieben, so er in meinen
Armen verlebte. O da es mir dereinst noch vergnnt sein mchte, teurer Mann,
Dir all die lieblichen Stunden zu schildern, da ich unseres Knaben Stammeln
belauschte, da ich ihn gngelte und dann die ersten Male frei laufen sah, da
sein lieblich Stimmlein singend mit meiner Stimme zusammenging, da wir jauchzend
einander im Garten haschten und den Ball in die Lfte warfen. Fr jetzo darf ich
nicht verweilen bei solchen Wonnen; schon trben Zhren mein Aug, indessen ich
doch weiter schreiben mu. Zu bemerken wre noch, da Zetteritz sich vergebens
bemht hat, von Kaiserlicher Majestt ein Gnadengeschenk fr mich zu erwirken;
denn es hat der Kaiser die Bitte nur unter der Bedingung erfllen gewollt, da
ich zur papistischen Kirche mich bekehre. Solch Ansinnen hab ich abgelehnt,
nicht blo aus Treue fr den Glauben, den mein teurer Vater mit seinem
Mrtyrertode besiegelt, sondern auch, weil mir die Lehren der Brdergemeinde
nahegekommen und dann gar lebendig ins Herze gepflanzt worden sind. Ein Gesuch,
das ich an den Schwedenknig richtete, kam zu spt, da dieser Held etliche Tage
vorher auf dem Schlachtfelde von Ltzen den Geist aufgegeben.
    Meine Armut ist mir insofern zum Segen gediehen, als Frau Zetteritz meiner
Verheiratung mit ihrem Sohne widerstrebte, indem sie ganz offenherzig geltend
machte, bei seinem geringen Vermgen msse ihr Sohn eine begterte Frau haben.
Ich hatte nun guten Vorwand, die dargebotene Hand des Ritters abzulehnen. War
gewillt, nicht mehr zu ehelichen, insonderheit nicht den Mann, durch dessen
Verschulden mein Gatte ums Leben gekommen. Aber die Dinge nderten sich, als
meine mtterliche Freundin unerwartet das Zeitliche segnete, und Ritter
Zetteritz etliche Wochen spter sein ererbtes Gut bezog. Da er mich jetzo des
fteren sah, entflammte aufs neue sein Herz, also da er vor seinem Abschied
unter Beteuerungen der Liebe in mich drang, einstweilen sein Haus zu verwalten,
dann aber als Gattin ihm die Hand zu reichen. Ich wies ihn abermals zurck,
wiewohl ich mich geneigt stellte, ihm als Schaffnerin zu dienen. Dabei beruhigte
er sich, hoffend, die Zeit werde mich willig machen, und zog wieder in den
Krieg. Hierauf hatte ich nur gewartet, entschlossen, sein Haus zu verlassen.
Doch wohin mich wenden? Dich hielt ich ja fr tot, Verwandte hatte ich nicht
mehr, und von Marianka war keine Spur zu finden. Wute sonst niemanden, wo ich
Zuflucht suchen konnte, als die Preislerin in Schreiberhau. Ging sie also
brieflich an, mich bei sich aufzunehmen, damit ich vom Ritter Zetteritz nicht zu
einer mir widerstrebenden Ehe gedrngt werde. Wenige Tage nachdem ich den Brief
abgeschickt hatte, erhielt ich Botschaft, Zetteritz sei auf dem Heimwege und
knne jede Stunde eintreffen. Unverzglich raffte ich meine geringe Habe zum
Bndel zusammen und wollte mit meinem Knaben eben aus der Wohnung gehen, als
meine Magd meldete, es sei da ein Weib zu Pferd gekommen und habe Wichtiges mit
mir zu reden.
    La eintreten, sagte ich, und es kam eine Jungfer, gut gekleidet, fein und
schn von Antlitz und Gestalt; hatte flchsern Haar und eine weie Haut, jedoch,
was selten dabei zu finden, kohlschwarze Augen; die dunklen Brauen waren ob der
Nase zusammengewachsen. Sie neigte sich und kte mein Gewand; sie komme von der
Preislerin, sagte sie, mich nach Schreiberhau zu holen. Gab sich fr eine
Emigrantin aus, so glaubenshalber verfolgt, zu Schreiberhau ein ander Heim
gefunden habe. Nannte sich Berthulde. Ungeachtet sie liebreich tat, entging mir
nicht etwas Lauerndes, Wildes in ihrem Blicke. Doch ich beschwichtigte mein leis
Mitrauen, zumal sie alsogleich eine lebhafte Neigung fr den Knaben zeigte. Als
sie vernommen, es sei mein Kind, fragte sie, ob Zetteritz der Vater. Nicht
doch! entgegnete ich und konnte meinen Unwillen nicht ganz verhehlen. Nichts
fr ungut, gndige Grfin, bat die Jungfer; Ihr habt ja der Preislerin
geschrieben, da Ihr lngst im Hause eines Ritters weilet, der Euch zum Weibe
begehrt. Aber wollet mir sagen, wie Euer Knabe geheien. - Johannes,
entgegnete ich. Da verschlang sie ihn mit lodernden Augen und nickte: Wie sein
Vater. Ich stutzte: Was wei Sie denn von seinem Vater? Sie lchelte: Ich
habe nur sagen wollen, da er seinem Vater hneln mu, inmaen die Frau Grfin
ja braune Augen und dunkles Haar, der kleine Johannes aber blaue Augen und
gldene Locken hat. Dabei kniete sie zum Kinde, schaute ihm zrtlich ins
Gesicht und kte es. Lieb war mir, von der Jungfer zu hren, da sie Pferde fr
uns bereithalte. An einem Bachbrcklein unweit des Dorfes wollten wir uns
treffen. Vor den Augen der Magd nahm Berthulde Urlaub und ritt davon, indessen
ich mit dem kleinen Johannes in den Garten ging und durch ein Hinterpfrtlein
ins nahe Gebsch schlpfte. Auf einem Umwege gelangte ich zum Bachbrcklein und
fand die Jungfer mit zwei Reisepferden. Unverzglich stieg ich in den Sattel und
lie mir den Knaben reichen. Berthulde schwang sich gleichfalls aufs Pferd, und
wir trabten los. Meine Fhrerin whlte lauter einsame Waldwege.
    Abends kamen wir in ein Dorf namens Altenhain und wollten daselbst
herbergen. Die Jungfer besorgte im Gasthause fr uns Quartier. Die Pferde wurden
in den Stall gebracht, und wir aen zu Nacht. Berthulde war gern um den kleinen
Johannes beflissen und htschelte ihn. Derweilen kamen andere Gste. Ein
Planwagen, mit zwei Pferden bespannt, ward von einem Mann soldatischen Aussehens
in den Hof gefhrt. Herunter stiegen zwo Frauen mit einem Kinde. Als die Pferde
eingestellt waren, kamen die Leute in die Wirtsstube und setzten sich. Des
Kindes Mutter war bleich und krank. Der Mann bestellte beim Wirt zu essen. Die
neuen Gste sprachen nur leise mitsammen. Ich hrte, wie der Mann Heinrich
genannt wurde und das gesunde Weib Schwester Sibylle anredete. Nach beendeter
Mahlzeit suchten wir unsere Kammer, wo eine Streu mit Decken belegt war. Der
kleine Johannes schlief sofort ein, wir aber beredeten noch dies und jenes.
Berthulde brachte das Gesprch auf den Ritter Zetteritz, und mich berraschte
ihr Wort: Warum will die gndige Grfin nicht den Ritter heuren?
    Von neuem stieg mir Mitrauen auf, und ich fragte, wie sie dazu komme, mir
den Ritter Zetteritz zu empfehlen. Es wre doch fr den kleinen Johannes gut,
einen Vater zu haben, zumal wenn es ein Ritter ist, antwortete sie. Ich
schwieg, und wir legten uns schlafen. Ich fand aber wenig Ruhe, da ich mir
Gedanken ber der Jungfer verdchtige Art machte.
    Mitten in der Nacht ward ich inne, wie Berthulde sich aufrichtete und nach
mir lauschte, wie sie dann behutsam sich erhub und aus dem Gemach schlich.
Argwhnisch folgte ich ihr und sahe, wie sie ber den Hof in den Pferdestall
ging. Nach einer Weile kehrte sie zurck, ich huschte vor ihr in die Kammer und
stellte mich schlafend, whrend sie auf leisen Sohlen kam und sich niederlegte.
Was hatte sie bei den Pferden zu schaffen? Es lie mir keine Ruhe, und wie ich
bald darauf die Jungfer schnarchen hrte, schlich ich zur Kammer hinaus, die
Treppe hinunter, zndete eine vorgefundene Laterne an und trat in den
Pferdestall. Durchleuchtete ihn, um herauszufinden, was Berthulde Heimlichkeit
getrieben, fand aber nichts Absonderliches. Auffllig war nur, da mein Pferd
mit dem einen Vorderfu scharren wollte und dabei zusammenzuckte. Da entdeckte
ich unterm Huf eine Nadel, die an einer empfindlichen Stelle hineingesteckt war.
Ich zog die Nadel heraus, und nun konnte das Pferd schmerzlos auftreten. Nun
wute ich, da Berthulde mir eine Tcke antun wollte; resolvierete mich,
unverzglich meinen Knaben zu holen und mit dem besseren Pferde davonzureiten.
    In diesem Augenblicke erschien Berthulde in der Stalltr. Warum hat Sie
meinem Pferde eine Nadel beigebracht? herrschte ich sie an. Sie tat unschuldig,
konnte aber das Feindselige ihres Blickes nicht hehlen. Sie will meine Reise
aufhalten, sagte ich ihr ins Gesicht; warum das? Und weshalb hat Sie mir
gestern geraten, ich solle den Zetteritz heuren? Stehet Sie etwan gar im Bunde
mit ihm? - Berthulde bi sich auf die Lippe, scheu rollte ihr Auge unter den
finstern Brauen: Weil ich dem kleinen Johannes wohl will. Was soll denn der
Knabe in Schreiberhau, wo doch nur ein Glasmacher aus ihm wird. Indessen er als
Sohn des Ritters zu Ansehnlichem gelangt. Auch hehle ich nicht, da die
Preislerin ebenso gesonnen wie ich. Was? entgegnete ich befremdet; die
Preislerin ebenso gesonnen? Wie kann sie mich alsdann zu sich laden und holen
lassen? Hart versetzte die Jungfer: Die Frau Grfin irrt, oder vielmehr, ich
habe ihr nicht die Wahrheit gesagt. Die Preislerin mag nichts davon wissen, da
Ihr in ihr Haus kommet, will hingegen, da ich Euch in die Hand des Ritters
Zetteritz liefre. Den habe ich auch bereits verstndigt, wohin Ihr entweichen
wollet, da ich Euch geleite und in Gewahrsam halte. Jede Stunde kann der Ritter
hier eintreffen, und mget Ihr Euch wenden, wohin Ihr wollt, er wird Euch
einholen. Wie eine Betubte wankte ich bei dieser Enthllung. Dann witterte ich
das Falsche darin und gab entrstet zurck: Du willst mich tuschen! Was du
vorgibst, ist ohne Sinn. Die Preislerin ist eine gute Frau; sie kann nicht also
gesonnen sein. Du leugest, und das wird an den Tag kommen, sobald ich in
Schreiberhau anlange. Wie ein Tier, das sich in der Schlinge gefangen hat, lie
Berthulde ihre Augen umherirren, dann ballte sie die Faust und knirrschte mit
den Zhnen: Wehe Euch, so Ihr waget nach Schreiberhau zu kommen! Des Todes seid
Ihr! Verchtlich entgegnete ich: Des Todes? Ha, blinder Lrm! Wer sollte denn
in Schreiberhau wider mich sein? - Wer? Der Zetteritz! ich hetze ihn hinter
Euch drein. - Man wird mich vor ihm schtzen. - Scheu tat die Jungfer einen
Blick hinter sich nach der Stalltr. Dann verzog sich ihr Mund zu einem grimmen
Lcheln: Wer wird Euch schtzen? Wer denn? Etwan Euer Buhle? Der ist ja tot.
Da berwltigte mich das Leidvolle meiner Verlassenheit. Ich schlug die Hnde
vors Gesicht und schluchzte: Tot! tot! - Ihr habt es ja selber gesagt, er sei
lngst tot, setzte Berthulde hinzu und lachte auf. Entrstet fand ich wieder
meinen Mut und fuhr meine Feindin an: Teufelin! Es sind noch andere Mnner zu
Schreiberhau, die mich schtzen. Unschlssig stund sie da und schien nach Rat
zu suchen. Ihr Angesicht war verzerrt, und sie zitterte wie von Fieberfrost
geschttelt. Fletschte dann die Zhne wie ein Hund, und auf einmal blinkte in
ihrer erhobenen Rechten ein Dolch, whrend ihre Linke meinen Arm packte und mich
auf die Knie ri. Die Schwurhand hoch! zischte sie; Schwret, Euch nicht in
Schreiberhau blicken zu lassen. Auf der Stelle seid Ihr sonst des Todes. Ich
rang mit der Entsetzlichen, und in meiner Hilflosigkeit entfuhr mir der Schrei:
Johannes! - - Johannes? kreischte sie. Den bekommst du nicht! Nimm lieber
das da! Und sie stach nach mir, da ich den Stich bei der Schulter fhlte. Der
Odem ging mir aus, ich taumelte und verlor die Besinnung.
    Wieder zu mir gekommen, lag ich entkleidet in der Kammer, wo ich die Nacht
zugebracht hatte. Der Gast, den man Heinrich nannte, und seine Schwester waren
bei mir. Meine Wunde brannte, war mit nassen Linnen verbunden. Hastig sah ich
mich um, wo der kleine Johannes wre. Aber das Weib, Sibylle mit Namen, fate
mich beim Arm: Stille, bleibet liegen; Ihr seid ja verwundet. - Aber wo ist
mein Kind? wiederholte ich in Angst und wollte aufspringen. Der Mann lief
sogleich hinaus und rief: Wo ist ihr Kind? Schrecken malte sich auf Sibyllens
Angesicht; Euer Kind? Ich wei, gestern abend, da sa es bei Euch. Ja, wo ist
es nur? In dieser Kammer war es nicht. Da schrie ich auf: Sie hat's
mitgenommen, mein Kind geraubt, geraubt! Hinterdrein! Und ich sprang auf. Doch
es drehte sich alles um mich, und ich sank in Sibyllens Arme. Dann kamen
Heinrich, der Wirt und andere Leute, und man rief: Sie ist mit dem Kinde davon.
Hat es bei sich auf dem Pferde. - Ich habe sie reiten sehen, besttigte der
Knecht. Hinterdrein, hinterdrein! rettet mein Kind! - Fort, Heinrich, riefen
seine Frau und Sibylle. Er flugs hinaus, rief drunten nach einem Pferde und
trabte davon. Hilflos faltete ich die Hnde und konnte nur wimmern. Trnen im
Auge, suchten mich die Frauen zu beschwichtigen; die Kranke streichelte meine
Hand, Sibylle trstete: Heinrich wird sie einholen, er ist Soldat. Ich fand
keine Ruhe. Mich verlangte, selber mein Kind zu suchen. Wie nun eine heilkundige
Frau kam, die Wunde zu behandeln, bat ich um einen festen Verband, der mir
unverzgliche Reise gestatte. Die Heilkundige warnte, doch ich erklrte, die
Sorge um mein Kind werde mich eher umbringen als die Wunde. Bald darauf kehrte
Heinrich zurck und sagte: Die Spur der Ruberin ist wie weggeblasen, habet
denn Ihr keine Vermutung, wohin sie sich gewandt? - Ich reise mit Euch,
entgegnete ich, und wir wollen bers Isergebirge ins Schlesierland nach
Schreiberhau. Dorthin wird sie trachten. Denn sie forderte von mir, ich solle
mich nicht in Schreiberhau blicken lassen. - Ich werde allein hinreiten,
sagte Heinrich. Aber ich stund von meinem Lager auf und berwand alle Schwche.
Da sagte Heinrichs kranke Frau zu Sibyllen: Geh auch mit, derweilen ich hier
bleibe; eine lngere Rast kommt mir und dem Kinde zustatten. Helfet erst dieser
armen Mutter. Indessen nun meine Wunde einen neuen Verband erhielt, sorgte
Heinrich fr drei Pferde, dann brachte man mich behutsam in den Sattel. Erst
ritten wir langsam. Wie es aber gut mit mir ging, setzten wir uns in Trab.
Heinrich sphte immerfort nach der Spur der Ruberin. In der Hand trug er ein
Feuerrohr, an der Hfte das Schwert. Wir Frauen waren mit Pistolen und Dolchen
bewaffnet. Nach mehrstndigem Ritt hielt Heinrich sein Pferd an und deutete auf
den Weg: Hier ist vor kurzem jemand aus dem Walde geritten. Das wird die
Ruberin sein. Die Hufspur hat sie zuerst dadurch verborgen, da sie vom Weg an
einer felsigen Stelle in den Wald abgebogen ist; hier jedoch hat sie wieder den
Weg aufgesucht. Er fhrt zum Isergebirge. Als wir eine Strecke weitergeritten
waren und die Spur noch immer sahen, meinte Heinrich: Jetzo mssen wir rasten;
Eure Wunde bedarf der Ruhe. Unterwegs holen wir die Ruberin doch nicht ein. Es
gengt, da wir wissen, wohin sie sich gewandt. Wir finden sie in wenigen Tagen.
Keine Sorge, sie wird dem Kinde nichts tun. Mein Herz ward leichter, da ich
bedachte, wie die Entfhrerin zum kleinen Johannes zrtlich gewesen. Was sollte
sie ihm denn auch antun? Nur fr sich haben mchte sie das Kind. Aber wir werden
es zurckgewinnen. Nach einer ausgiebigen Rast, bei der wir Speise und Trank zu
uns nahmen, ging es weiter, bis wir abends zu Htten gelangten und Quartier
fanden. Es war mir trstlich, zu vernehmen, am Mittag sei hier eine Reiterin mit
einem Kinde vorbergetrabt in der Richtung auf Starkenbach. Da sich beim
Untersuchen meiner Wunde herausstellte, da keine Blutung erfolgt sei, so
durften wir hoffen, bald am Ziele zu sein.
    Andern Tages ging die Reise bis Tannwald, am bernchsten ward uns mittags
bei einer Baude im Tal des Iserflusses die Auskunft, gestern sei hier ein Weib
mit einem Kinde gen Schreiberhau geritten. Wir waren auf demselben Wege, den ich
vor Jahren mit Dir, Johannes, bei Nacht zurckgelegt hatte. Im Schritt ging es
weiter, und als die Sonne in die Wlder sank, waren wir nahe der Grnen Koppe.
    Bei einbrechender Dunkelheit sahen wir Leuchtkferlein ber Wiesen taumeln,
dann glomm an einem Berge, so bei einer Waldlichtung sichtbar geworden, ein
Feuer auf, und Heinrich sagte: Morgen ist Sankt Johannistag, dorten gren sie
ihn mit Fackeln. Wir kamen nun zur Abendburg; es war Nacht; beim Felsen droben
wirbelte roter Rauch mit Funken. Viele Menschen jauchzten und johlten zu Harfen
und Geigen. Was gab es dorten? Sonst war die Abendburg doch gnzlich einsam. Ich
sprach mich darber zu Heinrich aus, und er beschlo, als Kundschafter
vorzugehen, derweilen wir Frauen harren sollten. Wir banden die Pferde an Bume,
und ich setzte mich nebst Sibyllen, indessen Heinrich, in der Hand sein
Feuerrohr, durch Dickicht schlich. Immerwhrend scholl Geschrei und Singen von
der Abendburg. Endlich knackte ein Ast im Walde, und Heinrich war wieder bei
uns. Das Kind ist da! raunte er froh, und mir sank die schwere Last vom
Herzen. An seine Hand geklammert, stammelte ich heien Dank. Wo ist es? -
Droben! sagte Heinrich. Sie feiern die Johannisnacht; im Feuerschein hab ich
Euer Kind bei seiner Entfhrerin gesehen. Toll mu sie sein, und die Menge
trunken. Berthulde, schlohwei gekleidet, auf dem Haupte einen Kranz, hat vom
hohen Felsen, an dessen Fu ein gro Feuer lodert, zum Volke geredet. Mann und
Weib sind hierauf wie nrrisch um die Glut getanzt; schwingen brennende Besen,
gleich Flammenrdern. Burschen hpfen mit ihren Dirnen jauchzend ber kleinere
Feuer. Kerle taumeln mit erhobenen Bechern, aus Tonnen wird Bier gezapft. -
Gehen wir sogleich hin, sagte ich mit erneuter Angst. Aber Heinrich tat den
Einwand: Hinter dem Graben stehen gewappnete Wchter, die mchten uns
leichtlich gefangen nehmen, weil wir fremd. Drum wollen wir uns gleichfalls mit
Fichtengrn krnzen und so tun, als gehrten wir zum Sonnwendfeste. Ich nhere
mich sachte dem Kinde und fhre es unbemerkt beiseite. Ihr lauert indessen
nahebei und deckt mit euren Pistolen meinen Rckzug, wann ich den Knaben
bringe. Sogleich schnitt Heinrich Zweige von den Fichten, und wir Frauen
machten Krnze. Dann prften wir die Pistolen und schlichen hinter Heinrich her
zum Felsengipfel. Wie wir zur Lichtung kamen, war ich erstaunt, die Sttte
gnzlich verndert zu finden. Wo frher Wald gestanden, war eine Matte. An den
Felsen lehnte ein Balkenhaus, im weiten Kreise umgeben von Graben und Wall. Das
groe Feuer war nicht bei dem Gehus, sondern auf des Felsens andrer Seite. Wie
besessen tanzten bekrnzte Mnner und Frauen in bunten Kleidern um die lodernde
Flamme, in die soeben ein Tannenwipfel gestrzt war, da es prasselte. Vom Walde
geborgen, schlichen wir an eine Stelle, wo wir aus nchster Nhe den Vorgang
betrachten konnten. Was uns hinderte, vollends heranzukommen, war der Graben und
dahinter der Wall, so mit zugespitzten Pfhlen versehen war. Auf der Matte, die
sich innerhalb dieser Wehr zum Abendburgfelsen hinan erstreckte, waren
vereinzelte Mnner mit Feuerrohren und Partisanen. Sie bewachten den Platz.
    Auf einmal kam neue Bewegung in die Menge, weil jemand etwas ausgerufen
hatte. Man lief und drngte zum groen Feuer. Ein paar Geigen intonierten eine
wildfeierliche Weise, und dann sangen Kranzjungfern:

Komm ins Leuchten, komm ins Leuchten,
O du wunderweie Braut!
Deine trben Erdentage
Sind nun alle, alle aus.
O weh und juchhe! O weh und juchhe!
Weinet und lachet: Lichtbraut ade!
Bald mit Flgeln angetan,
Fleugst du wie der rote Hahn.

    Da war auf einmal die bekrnzte Berthulde auf dem Felsen, in ihrem weien
Gewand rot angestrahlt. Nicht weit von ihr stund mein kleiner Johannes,
ebenfalls wei gekleidet und bekrnzt. Staunend hielt er das Fingerlein an
seinen Mund. Mir jauchzte das Herz, da mein Kind heil und munter. Ich wollte
hineilen, ward aber von Sibyllen zurckgehalten.
    Den Arm erhoben, gebot Berthulde Stille, und dann brachte man ihr eine
Harfe. Wie eine Verzckte starrte sie in die Glut und redete getragen zum
Harfenschall: Lichtsonne, Born der Lust! Wie eine betende Prozession murmelte
die Menge: Lichtvater in uns, nicht ber uns. Und Berthulde fuhr fort: Zu
deines Gottesleibes Gliedern heilige uns! Absterben la dein Kind der
Schattentiefe, begrabe das Opfer in luternden Flammen. Gleich einem Widerhall
scholl es: Lichtvater in uns, nicht ber uns. Nach diesem Gebet gab Berthulde
die Harfe zurck und sprach, erhoben die Hand: Hret mich an! Heilig ist die
Stunde, da wir feiern des Lichtes Triumphieren, und weil allhie eine Braut
stehet, sich hinzugeben der Flamme. Wohlan, lasset mich bekennen, wer diese
Lichtbraut ist. Von Mitternacht aus dem Harzgebirge bin ich kommen, eine
Flchtige, nebst meinem Bruder. Dieweilen ich schon in der Heimat dem Lichtvater
gehuldiget, haben mich die dummen Pfaffenknechte zu Asche brennen wollen. Eine
Hexe haben sie mich gescholten, unwissend, da die Hexen mit Magie das Beste zu
erlangen suchen, was die Erde ihren Kindern darbeut: Lust und Minne! Gern wr
ich eine Hexe worden, habe mir auch ein magisch Ding zugelegt, denn auf
minnigliche Lust ging all mein Seufzen aus. Ein ander Los indessen ward mir vom
Lichtvater bestimmet. Zu seiner Lichtbraut hat er mich erkoren; blieb mir doch
das Glck der Minne alleweil versagt, als habe Frau Venussin den Auftrag, mir
den Rcken zu kehren. Den ich zuletzt und am heiesten liebgewann, dessen Burg
heut eingeweihet wird, auch er hat mich verschmht - oh, verschmht ...
Schmerzlich prete die Tolle die Faust auf ihre Brust und starrte in die Glut.
Und warum verschmht? Ein sanft Weibsbild hat es ihm angetan und mir sein Herz
entwendet. Ich aber habe meinen Dolch in ihr Herzblut getaucht, da sie
hingegangen ist, wohin sie gehrt. Mag sie Halleluja singen in ihrem
Pfaffenhimmel! Ihr Herz hab ich bluten lassen, denn sie hat das meine zuvor
bluten lassen. Und weil sie an mir zur Ruberin worden, hab ich ihr Kind geraubt
... Hie stehet es ja, das Schtzchen.
    Heinrich wandte in stummer Frage sein Angesicht zu mir, Sibylle prete meine
Hand, ich war wie versteinert vor Angst. Die unsinnige Lichtbraut aber sank nach
dem Auflodern ihrer Wildheit wieder in dumpfen Trbsinn. Griff sich an die
Schlfe und sahe ratlos umher: Was soll ich anoch allhie? Will lieber tun, was
mir bestimmt ist. Sterben will ich ... Wie Verzckung kam es ber sie: Doch in
Minne sterb ich, fr meinen Liebsten sterb ich, fr sein Lichtreich sterb ich,
fr euch alle sterb ich! Die Menschen drunten, mit aufgerissenen Augen regten
sich murmelnd, und Zurufe kamen: Heil Berthulde! Lichtbraut! Lichtvater in uns,
nicht ber uns! - Ja, Lichtvater in uns - triumphierte die Besessene. Er
bleibt in mir, ich bleib in ihm. Stirb dem finstern Abgrunde, so gewinnst du
Geburt im seligen Lichtreiche. Gehet nun auch mein Liebster in das Reich - und
bald wird er mir folgen -, hei, welch selig Willkommen beut ihm seine Verlobte!
Denn ich verlobe mich ihm, werde unauflslich ihm angetraut durch freien
Opfertod in den Flammen ... Um Gottes willen! raunte Heinrich. Ich mu hin.
Bleibet hier, rhret Euch nicht! Ich will auf der andern Seite ber Graben und
Wall gelangen. Und geduckt schlich er hinweg, whrend ich zitterte und vor
Angst kaum vernahm, was die Tolle weiter redete. Doch klingt mir noch ein
Kreischen im Ohre: Und vor Lichtvaters Thron will ich weisen das Pfand meiner
Minne, das ich mit mir nehme von dieser Erde ... Und sollt ich nicht rein genung
sein, euch zu entfhren, mag denn das andere Opfer die Erlsung vollbringen. Die
geopferte Unschuld macht uneinnehmbar diese Burg. Nun ade, ihr alle! Ein Ade
auch meinem Liebsten! Hineilen soll er, wo ich sein harre. Fr mich hebet jetzo
an der Hochzeitstanz. - Und drunten sangen sie; spter - wie oft habe ich
darber grbeln mssen! - sind mir die grausigen Worte, alles Einzelne, wieder
deutlich geworden:

Springe denn, springe denn
Deinen allerletzten Tanz.
Morgen darfst du schweben
In des ew'gen Vaters Glanz.
O weh und juchhe! O weh und juchhe!
Weinet und lachet: Lichtbraut ade!
La die schwarze Erde stahn,
Heim ins Lichtmeer sollst du gahn.

    Indessen hatte sich die Hexe umgewandt und mit Lcheln meinem Knaben
gewinkt. Ich war vor Grauen gelhmt, der Schrei erstickte in meiner Kehle. Und
zur lockenden Teufelsbraut kam der kleine Johannes, wie ein Vgelchen vom Blick
der Schlange in ihren offenen Rachen gelockt. Jauchzend nahm sie das Kind auf
den Arm, kte es und sprang in die Glut - mit meinem Kind in die Glut! Ich sah
Funkengarben, hrte den Aufschrei der Menge, dann fhlte ich in meiner wunden
Brust einen Stich, hei quoll es mir vom Munde, hintaumelnd verlor ich die
Sinne.
    Wieder erwacht, lag ich im finstern Walde am rauschenden Bache. Sibylle
netzte mir den Mund. Mein Kind! wimmerte ich und hrte Heinrich schluchzen.
Still, still, sagte Sibylle weinend. Ergebt Euch in des Ewigen Schickung;
einst werdet Ihr Trost finden ob der harten Prfung. Nur stille, stille! Und
sie streichelte mir die Hand. Ach, wie hhnische Hllengeister kamen mir jetzo
die Leuchtkfer vor, so trunken durchs Dunkel taumelten.
    Was soll ich weiter sagen? Hllenpein leide ich, sooft ich bedenke, was
damals geschehen. Von Heinrich vernahm ich, er habe die tolle Berthulde
niederschieen wollen, doch sei sie ihm mit ihrem Sprunge zuvorgekommen.
Zurckgekehrt, habe er mich ohnmchtig gefunden, und auch Sibylle sei halb von
Sinnen gewesen. Das Blut sei mir aus dem Munde gequollen, aus meiner Wunde msse
es sich in die Lunge ergossen haben.
    Ein wilder Taumel habe nach dem Opfer die Versammlung hingerissen. Ein
Weinen und Jauchzen sei losgegangen, Weibsbilder seien in Entrckung
hingesunken, schluchzend habe man einander umarmt, sei dann lachend ums Feuer
gesprungen und habe emsig Holz hineingeworfen. Htten damals die Grabenwchter
besonnen gesphet, wir wren entdeckt worden und dann wohl des Todes gewesen.
Aber die Wchter hatten sich nach dem Schauspiel umgewandt, und die ganze
Teufelsgemeinde war von dem Opfervorgang derart hingerissen, da sie fr nichts
andres Augen hatte.
    Auf mein Flehen trugen mich Heinrich und Sibylle fort. Ich wimmerte nur
immer: Fort von hier! Die Hlle ist hier! Erst wie kein Laut und kein
Feuerschein von der Teufelsmette mehr zu spren, ward Rast gemacht, und ich lag
zum Sterben erschpft, von Fiebergesichten gengstet. Mein Gatte kann mitfhlen,
was in der Mutter vorging, da sie ihr Kindlein, ihren einzigen Trost, so
schaurig ins Flammengrab sinken sah. Verzweifelt bin ich zuerst an Gottes
Barmherzigkeit, und die Folter htte mir bald das Hirn zerrissen. Dann aber, im
tiefsten Abgrund des Leides, sprte ich ein Fnklein, und innen klang mir ein
sanftes Lied. Aus der Finsternis dmmerte und leuchtete ein Lichtkreuz. Und ich
betete immerfort: Selig, die da Leid tragen, denn sie sollen getrstet werden.
So bin ich langsam, ein neuer Mensch worden. Gottes Stille ist ber mich kommen,
ich habe gelernt, demtig alles hinnehmen, was seine Hand mir schickt. Im
brigen hat es sich mit mir folgendermaen begeben. Heinrich und Sibylle hatten
ihre liebe Not, als ich wegen meines Kindes Opferung halb von Sinnen und vom
Blutverlust erschpft war. Auf der Iserwiese war eine Baude gelegen; dorthin
brachten sie mich und pflegten mein lnger als eine Woche. Wie ich dann halbwegs
zu Krften gelangt war, reiseten wir zurck nach Altenhain, wo Heinrichs krankes
Eheweib nebst dem Kinde geblieben war. Ach wie blind waren wir - blind vor
Entsetzen. Wir unterlieen es, Nheres ber die Teufelsmette zu erforschen -
wiewohl die Rede der Lichtbraut ein Rtsel enthielt, von dem eine geheime Stimme
in meiner Tiefe sagte: Sollst es aufklren! Wir unterlieen es, weil ich
nichts hren mochte von dem grausigen Erlebnis, auch weil wir bald darauf von
einem neuen Schmerz in Anspruch genommen wurden. Wir fanden nmlich Heinrichs
Frau dem Tode nahe und kamen kaum rechtzeitig, ihren letzten Willen zu
vernehmen. Mich bat sie, ihr Kind frder als das meine anzusehen und bei ihren
Lieben zu verbleiben. So hab ich es denn auch gehalten und habe mit Heinrich,
der Feldweibel eines kurschsischen Regimentes war, lnger denn ein Jahr
Heereszge mitgemacht. Immer herzlicher mir zugetan, hat er mich zum Eheweibe
begehrt, von mir aber die Antwort erhalten, mein Gatte sei vielleicht noch am
Leben. Mit Betrbnis hat Heinrich diesen Bescheid vernommen, sich aber nicht
zufrieden gegeben und oft angedeutet, wie er auf meine gnstige Antwort noch
immer hoffe.
    Wie sein Regiment einmal am Flusse Unstrut quartierte, hat sich jenes
Unglck zugetragen, das Du kennst. Klein Anneliesel, das mir anvertraute
Mgdlein, ist, da ich im Behten nachlssig gewesen und unter einem Weidenbaume
eingeschlafen bin, beim Blumenpflcken ins Wasser gefallen und ertrunken. Drauf
hab ich heftige Anklagen wider mich erhoben und nur den einen Trost vor mir
gesehn, dem unglcklichen Vater durch alle mgliche Gte die Herzenswunde zu
heilen, wenn anders dies mglich. Und aufs neue ist Heinrich in mich gedrungen,
da ich die Seine werden solle. Da deuchte es mich Pflicht, die Lcke in seinem
Herzen auszufllen, die seines Kindes und Weibes Verlust ihm gerissen. Und da er
endlich meine Bedingung, da ich ihm nach unserer Trauung nur Schwester sein
wolle, bewilligte, gelobte ich ihm vor dem Geistlichen alle Treue, so er von mir
beanspruchen durfte.
    Ein Trost ist es mir bei diesem Schritte gewesen, da ich Heinrich bestimmen
gekonnt, sein blutig Handwerk aufzugeben und nach einem friedlichen,
unschuldigen Brote zu trachten. Schlielich ist uns das Glck zuteil worden, da
Heinrich das Hirtenamt auf dem Breiten Berge erhielt. Aber die Ruhe, so in den
ersten Tagen unseres Hirtenberufes in den klaren Berglften mein Herz
besnftigte, hat gar bald einem wilden Sturme weichen mssen.
    Wie ich nmlich einen Besuch bei Petersdorfer Leuten gemacht und das
Gesprch auf die Teufelsmette gelenkt habe, um Genaueres zu erkunden, da ist mir
das Herz schier stillegestanden, als ich vernommen, Johannes Tielsch, der die
Hexe Berthulde zu unsinniger Minne entzndet und so die Teufelsmette veranlat
habe, sei anoch am Leben und in den Trmmern der ehemaligen Beste als Eremite
wohnhaft. Meine Aufregung, ein seltsam Gemisch von Schrecken und Jubel, von
Gram, Reue und Trost, hab ich vor den Leuten kaum hehlen knnen, als sie mir des
weiteren ber Dein Geschick berichteten. Zuerst mit Verzweiflung, dann mit
trber Ergebung hab ich bedacht, wie nah uns das Glck gewesen, da Du und ich
und unser Kind auf dem engen Raum der Abendburg beisammen gewesen, und wie eine
herbe Schickung gleich darauf den kleinen Johannes uns entrissen, seine Eltern
aber voneinander geschieden hat, da sie erst nach Jahren ihr Wiedersehen
gefunden haben und dabei zgern mssen, einander in die Arme zu schlieen.
    Und was nun weiter? Was soll hinfrder mit uns zwei armen Herzen geschehen?
Mit stets erneuter Wildheit wird diese Frage meinen Johannes bestrmen, und alle
Leiden wird er durchmachen, mit denen ich selber ringen gemut. O wie bitter hab
ich den Himmel verklagt: Warum nur hast du der Frau, die ihren Gatten suchte,
dicht vor ihrem Ziel ein Hemmnis in den Weg geworfen, das ihr Hoffen vereitelte
und auch noch ein hchst jmmerlich Klagewort heraufbeschwrt? Mein Johannes
kennt dies Wort; es heit: beinahe! Beinahe wr's geglckt - so klagen unsere
armen Herzen. Es fehlte nur diese oder jene Winzigkeit. Eine milungene
Botschaft, ein eitel Gercht, falsche Deutungen, dazu Tcke und
Unzuverlssigkeit der Menschen - das alles hat neue Wirren zwischen den
getrennten Gatten angestiftet, also da sie nicht zueinander gelangten - nicht
rechtzeitig ... Zu spt, ach zu spt! Erst als ich des festen Glaubens, du
seiest tot, Heinrichs Ehehlfte worden, hat die Sonne den Nebel zwischen uns
beiden verscheucht, so da wir einander mit unsern Augen gefunden haben.
    Da geht nun zugleich ein Jauchzen und ein Schluchzen durch unsere Seelen.
Beglckt sind wir, weil jeder den andern noch am Leben wei und nahe bei sich
hat. Und doch knnen wir nicht unterlassen, bitterlich zu weinen, weil wir nicht
unverzglich einander in die Arme eilen knnen. Vor mir ist ja eine Kluft und
hinter mir ein Band; halt an, du ungestm Herze, so weh es auch tut, wenn der
Zgel zurckreiet und Sorge verstrt. Solches Weh durchzumachen ist nunmehr
Dein Los, teurer Mann. Und ich, obwohl allbereits etlichen Friedens teilhaftig,
werde im Geiste bei Dir, Deine schaurigen Seelenstrme mitfhlen. Da ich
indessen tief innen ein Pltzlein des Friedens gefunden, so mcht ich gern
meinen armen Liebling aus seinen Kmmernissen an meine Seite retten und aus
meinem gesammelten Seelenschatze erquicken. Wohlan denn, erwge folgenden Trost,
den ich fr dich wie fr mich ausfindig gemacht:
    Zum ersten: Wir drfen nicht unbescheiden im Wnschen sein. Ein unsagbar
Glck allerdings scheint es auch mir, so wir zwei beide endlich dauernd und
friedreich einander als Gatten angehren. Ja, himmlisch wre solch Los hier auf
den einsamen Weidematten im Schutze der Waldberge. Doch nur des Himmels Gte -
und ich meine den Himmel im Menschenherzen - nicht Ungestm und Kampf, kann
dieses Glck bescheren. Harren wir in Demut, bis er alles zum Besten fgt,
trsten wir uns einstweilen mit der Gunst, die uns allbereits beschieden. Ist
denn nicht das, was wir jetzunder schon haben, weit besser, denn ein ander Los,
so uns doch auch nahe lag? Mein Johannes htte ja wirklich des Todes sein
knnen, so da uns in diesem Leben kein Stndlein des Wiederfindens mehr
vergnnt wre. Und Berthuldens Dolch htte ein wenig tiefer treffen knnen, wo
das Herz liegt. Nun aber leben wir beide und wohnen sogar nahe beisammen, drfen
wohl bald, ich hoffe in etlichen Monden, mit Heinrichs Einwilligung einander
Liebes erweisen. Gestehe, Johannes: Ist das nicht ein Heil? Drum sollst du stets
ermessen, was du gewonnen hast, und sollst bedenken, da die Entbehrung nur da
Schmerzen macht, wo das Verlangen ber die Habe hinausgreift.
    Zum andern: In dem jetzo eingetretenen Zustande haben wir beide Gelegenheit,
jenes Eden zu erschlieen, das mein Johannes seiner Thekla in einer
unvergelichen Predigt gewiesen hat. Ist denn nicht die Minne, so wir
freinander hegen, wert, zu jener adligen Verklrung zu gelangen, so mein
Johannes in Gesichten gekostet hat? Ich nehme Dich beim Wort, verehrter
Prdikante; zeige jetzo, da Du nicht blo mit Traum und Rede gen Himmel zu
fliegen verstehst, sondern da die Beherzigung auf Adlers Fittichen nachfolgt.
Auch das Wort ist ja wie der rauhe Abendburgfels. Die Tat erst wandelt ihn zum
Knigsschlo, drin gldne Schtze funkeln. So la uns heben den wahren
Abendburghort, geliebter Schatzbeschwrer!
    Endlich wisse: unheilbaren Schmerz wrdest Du mir zufgen, so Du es wagen
solltest, vor mein Angesicht zu treten, ehe die Strme Deines Herzens ausgetobt
haben. Dies ist mein fester Wille: erst mu uns beiden die Luterung gelungen
sein, bevor wir einander der Gefahr aussetzen, durch das geliebte Bild zu neuer
Glut entzndet zu werden. Insonderheit mssen wir an Heinrichs Seelenheil
denken. Das ist gefhrdet, sobald er in Dir den Nebenbuhler wittert; Dich wrde
er verantwortlich machen fr meine Sprdigkeit, und es grauset mir, so ich an
die Heftigkeit seines Willens denke. Seiner ersten Frau, zu deren Tode, wie zum
Tode ihres Kindes, mein Schicksal beigetragen hat, hab ich in die erkaltende
Hand gelobet, ihre Lieben getreulich zu sttzen. Heget nun mein Johannes anoch
Minne fr mich, so mu er mir beistehen in allem guten Trachten. Drum so darf
nichts geschehen, was Heinrich in Eifersucht und Grmen strzen knnte. Er wei
nicht, was Du mir bist - und einstweilen soll er nichts davon ahnen. Was den
kleinen Johannes betrifft, den hlt er fr das Kind meines ungestmen Freiers
Zetteritz. La ihn bei diesem Glauben! Fhren wir ihn zu dem Ziel, das Deiner
heiligen Sehnsucht vorschwebt! Bringen wir ihn dahin, da er ohne Groll an
meiner Linken, wie Du an meiner Rechten, die Schwelle des Himmelreiches
berschreitet. Fhlen wir, da uns diese Aufgabe gelingen wird, so mag es sein,
da wir beide einander von Angesicht zu Angesicht schauen.
    Vorerst suche keinen anderen Verkehr zwischen uns als den heimlichen
Austausch von Briefen! Ich flehe Dich an, la dies unser Gesetz sein. Mag jeder
dem andern schreiben, wie es ihm ums Herz. La uns aber zuvor die Herzen rein
und schn machen. Den allerersten Brief sollst Du nicht eher senden, als bis
diese Woche vergangen ist. Am Sonntag um die Mittagszeit, doch keinen Tag frher
- es hlfe nichts - entznde beim Hohenstein ein Feuer, nachdem Du Dein
Schreiben wohlverwahrt in den hohlen Buchenbaum beim Kesselstein getan, Du
kennst den Felsen mit der kesselartigen Grube gegenber dem Schreiberhauer
Wachstein. Sehe ich Deine Rauchsule, so sende ich meine Schwherin Sibylle, in
allem meine treue Vertraute, zum Kesselstein, Dein Briefel zu holen. Im Baume
wirst Du ein Schreiben von mir jedesmal vorfinden, wenn vom Breiten Berge eine
Rauchsule das Zeichen gegeben hat.
    Nun denn, mein Hirt und Heil, halte stets den Geist der Gte und Weisheit im
Herzen und bertritt nicht das Gesetz, so unverbrchlich zwischen uns beiden
walten mu. Die Treue zu Heinrich darf nicht verletzt werden. Harre aus,
Geliebter - ringe nieder, so heies Ungestm Dich hinreien will - la den
Winter vergehen - dann im Lenze vielleicht ... Einstweilen gibt es keinen
anderen Weg fr Dich als den von Deiner Thekla gewiesenen. Liebst Du sie
wahrhaft, so mut Du den Gott in ihrem Herzen walten lassen. Gewi, das tust Du,
fromme Seele, und so wirst Du nach Versuchungen und Schmerzen als Sieger
vereinigt werden mit Deiner Dich segnenden Hirtin Thekla.


                              Das letzte Abenteuer

                           Vom Frieden der Abendburg

Nachdem ich diesen Brief gelesen und aber gelesen, verfiel ich in langes Weinen
- wie ein schwaches Kind, ohne Beistand, ohne Rat. Unverdientermaen peinvoll
nannte ich mein Los und wute vorerst nichts besseres, als mich zu bedauern. Und
wie ich dem Geschicke grollte, so mengte sich Bitterkeit sogar in meine Liebe.
Wohl lohete sie auf wie ein Waldfeuer, doch beizender Qualm kam heraus. O
Thekla - jammerte ich - bringst du es bers Herz, mich von dir wegzubannen?
Warum eilt die Gattin nicht in ihres Gatten Arme? Warum versteckst du dich
hinter dem andern Mann und erkennst ihm Rechte zu, die er doch gar nicht hat?
Ungltig ist ja deine Trauung mit ihm. Mir warst du frher angetraut, und nicht
zur Witfrau hab ich dich gemacht. Die Meine bist du, Thekla, zgere nicht! Was
soll mir, der ich lang auf dich geharret und nun vor Sehnen verschmachte, was
soll mir noch frdere Wartezeit? Bin ich ein Ber, der fasten soll? O grausam
wre das!
    So machte mein Ungestm einen Rebellen wider den Wunsch der Liebsten. An
ihre flehentliche Bitte, vorerst nur brieflich mit ihr zu verkehren und nicht
vor dem siebenten Tage zu antworten, mochte ich mich nicht binden. Nein doch,
Frau - sprach ich heimlich - la lieber unseres Schpfers Wort gelten, zur Eva
gesprochen: Deinem Manne sei dein Wille untertan, es seien Mann und Mnnin ein
Fleisch. Und es brausete mein Blut wie vor vielen Jahren zu Magdeburg, da ich
mit der Geliebten unter der Erde Hochzeit gehalten. Alle Reize des sen Weibes
erblhten von neuem und waren entzckender noch als damals in der Kirchengruft;
mich verzehrte das Schmachten, eine Wstenei galt mir das Leben ohne Thekla.
    Unsinnige Plne beschwur meines Blutes Grung herauf. Umlauern wollt ich
Kiesewalds Baude und bei guter Gelegenheit Thekla zur Rede stellen, sie
berzeugen, da sie mir zu folgen habe, und dann mit ihr auf Schleichwegen
entfliehen. Wrde Heinrich uns verfolgen, dann wehe ihm! Schon im Kampfe mit dem
Nebenbuhler sah ich mich, sein Blut flo wie das meine. Und nieder zwang ich
ihn, frei war nun die Bahn fr mein erobert Glck. Nach Dresden wollten wir uns
wenden und ein friedlich Gtlein erwerben beim schnen Elbestrome. An Gelde
sollt es nicht fehlen; des Abendburgschatzes wollt ich von neuem habhaft werden.
Es reuete mich, ins Felsenloch ihn gesenkt zu haben. Indessen lie sich der
Schaden noch gut machen. Ich plante, das Hhlenwasser zu stauen und das
Felsenloch trocken zu legen. Hineinkriechen wollt ich und das Gold wieder
herausholen. Falls das Loch zu enge wre, lie es sich auseinandersprengen. Das
Sprengmittel besa ich; drei Fa Pulver waren in den kriegerischen Tagen der
Abendburg drunten verborgen und noch unverbraucht. Die nchsten Tage schaffte
ich in der Hhle, um den Schatz wieder in meine Hnde zu bringen. Durch das
eisige Wasser patschte ich und griff ins Felsenloch. Verschwunden aber blieben
die Kostbarkeiten, hinabgesplt in den Schacht harten Gesteins. Meine Mhe, das
Wasser zu stauen, wollte nicht gelingen; zerrissen war das Felsenbett, und wenn
ich mit Steinen, Moos und Schotter eine Sperre gemacht hatte, kam das Wasser aus
tiefen Spalten herfrgeschossen. Da mut ich mich schon auf langwierige Arbeit
einrichten. Abgemattet und verzagt griff ich mit zitternder Hand an meine Stirn:
Was tust du, Narr? Erst verwirfst du das Gold, wie man eine Giftschlange
wegschleudert; und jetzo suchst du wieder danach, als ob es dein Heil sei. War
nun der Verwerfende ein Narr, oder ist es der reuige Sucher? Besinne dich,
Mensch! Und es raunte mein besser Selbst: Verworfen hast du den Mammon, weil
er Unfrieden und Schuld, Habgier und Neid, Trug und Totschlag heraufbeschwur und
solchergestalt als echter Hllenfrst sich zu erkennen gab. Um dich ein fr
allemal loszusagen von dem Seelenverderber, hast du ihn hinabgestrzt in den
schwarzen Erdenschlund. Friede hat dich seitdem begnadet, schon tat der Himmel
sich dir auf. Nun aber wendest du dein Angesicht wieder zur Tiefe. Was suchst du
drunten? Meinst du, aus dem schaurigen Hllenkessel knne dein Glck
emporsteigen? Das Gold holst du vielleicht heraus, dafr aber wirst du dein
besser Selbst hinuntersenken. So haderte ich, und es reuete mich allgemach, da
in dem Briefe, den ich dem hohlen Baum beim Kesselstein anvertraut hatte, eine
Sinnesart zum Ausdruck gelangte, keineswegs dem Edelmetall des Herzens
angehrig, wie es Waldhuser empfohlen. Da ich mich schmte, im ersten Brief an
Thekla mich also wst zu geben, so eilte ich zum Kesselstein, den Brief wieder
zurck zu nehmen. Er war aber bereits abgeholt. Theklas Antwort lie nicht lang
auf sich warten. Eine Rauchsule am Breiten Berge gab das Zeichen, da ich zum
Kesselstein kommen solle. Ich eilte hin und zitternd entnahm ich der Baumhhlung
das Papier. Und las Theklas Zeilen, die hastig hingeworfen und zuweilen durch
Zhren verwaschen waren:
    Wie zerrissen mu Dein arm lieb Herze sein, teuerster Mann! Wilde Geister
mchten Dein Heiligtum erobern und haben mit blendenden Kriegslisten fr ein
Weilchen Boden gewonnen. Gewilich nur fr ein Weilchen! Bald wird mein Johannes
aus seiner Verstrtheit erwachen und dann erst recht ein Gotteskind sein. Die
unbeholfene Schreiberin hat im vorigen Brief verschwiegen, welch Entzcken ihr
Deine Predigt im Felsendom erweckte. Sinne Dich, Geliebter, in eines
anschmiegsamen Weibes Seele hinein, wenn sich der verlorene Gatte wiedergefunden
hat, voller Adel wie ein Demant, der dem Besitzer abhanden kam, um kstlich
geschliffen zurckzukehren. Nicht als ob ich in den Jahren unserer Jugend Mngel
an Dir empfunden. So wie Du warst, hast Du meine wonnige Anbetung gehabt. Und
nicht minder zrtlich umfinge Dich jetzo meine Liebe, wrest Du des Kriegsgottes
Anhnger geblieben, obwohl ich alsdann zum Himmel flehen wrde, da er Dich ber
die rauhe Ritterschaft hinaushebe in jenen Stand, zu dem die Sterne Dich
bestimmt haben. Herzog Wallenstein war ein astrologischer Prophete, als er
sagte, Du werdest kein Kriegsmann sein, sondern Hoherpriester. Ja, einen Born in
Dir hat sich die Weisheit bereitet. Denke doch, wie darob eine Frauenseele
jubilieren mu, die in langjhriger Trennung vom Geliebten zum selbigen Gipfel
der Verklrung aufschauen lernte, den Deine Hohepriesterschaft feiert. So sind
wir beide ja im tiefsten Grunde eins, von einer Andacht zum gleichen Pilgerziel
bewegt. O reiche mir Deine Hand, ich halte sie fest. Vertrauend will ich ihr
gehorsamen, soweit ich vermag. Nachsicht aber, Erbarmen erflehe ich, falls ich
vor Schauder zittere und meinen ungestmen Fhrer zurckzerre von der finstern
Tiefe, in die ein Taumel uns strzen mchte. - Ach es mu wohl sein, da die
sen Pfirsche bittere Steine bergen, da zur Liebe Leid gehrt und Straucheln
zum Emporklimmen. Hat denn nicht selbst der Heilige am Kreuz geseufzet: Mein
Gott, warum hast Du mich verlassen? Ist er nicht zur Hlle niedergesunken, bevor
er zum Himmel emporfuhr? Hatte nicht Satan Gewalt, ihn zu versuchen? Und war es
nicht von hchster Weisheit vorherbestimmt, da nur durch Einkleidung ins
niedere Staubgewand Gott zum Erlser werden konnte? Unumgnglich - so scheint es
- begibt sich alle Kreatur in den Eigensinn des Sndenfalls und wiederholt
Luzifers Absturz. Erst aus der Enttuschung, aus der Friedlosigkeit quillt und
drngt das Heimweh nach der himmlischen Unschuld. So will ich denn geduldig mit
meinem armen Liebling gehen, will Sorgen und Leiden mit ihm teilen, dieweil ja
meinetwegen, aus Lust an dieser Evanatur, mein Adam sich verirrte. Ohn' Unterla
aber will ich ihn anflehen: La mich nicht eine gar zu arge Versucherin sein!
Genung, da ich zur Gedankensnde, zum bsen Plane Dich verfhrte, nun hte Dich
vor der Ausfhrung! Halt! Keinen Schritt weiter! Unterla die Untat! Es warne
Dich das Grauen, so allbereits den Vorschauenden anfllt! Schau doch her, ich
zeige Dir, was die Hlle mit uns vorhat. Der Rat, den ihr giftiger Odem raunet,
heit Wortbruch, Flucht, Lge, Verrterei, Beleidigung, Anreiz zu Eifersucht und
Rache, Fehde und Totschlag, Schuld und Selbstqual. Mein Johannes und mein
Heinrich, beide meiner Liebe anvertraut, sollen heimgesucht werden von diesen
hllischen Folterknechten. Johannes begehrt mich zu seinem Eigentum, wie der
Besitzer eine Sache einzig haben will. Heinrich aber wird alsdann zrnen: Halt,
Ruber, nimm erst mein Leben, oder la das deine! So verkehrt sich die Minne,
die doch Wohltat sein sollte, zur Untat. Mu das sein? Meinest Du etwan,
Heinrich mache Dir mein Herz abspenstig? Angenommen, er frchte, von Dir in
Schatten gestellt zu werden, alsdann wre diese Sorge nicht so tricht, wie
Deine; und ein Recht auf unsere Nachsicht htte der Arme, der sich betrbt, weil
ich ihm nur Schwester bin. Darf ich nicht einmal das? Zrnest Du, weil Heinrich
Deiner Thekla gut ist? Ja, gut ist er, Dir und mir hat er lauter Liebes getan.
Unser kleiner Johannes war von Berthulden geraubt; da hat Heinrich sich erbarmt
des gefhrdeten Kindleins und des gengsteten Mutterherzens, hat sein eigen
Kind, sein krank Weib verlassen und die Verfolgung der Ruberin unternommen.
Derweilen er Deiner Gattin in ihren grlichen Nten treulich beigestanden, ist
seine eigene Gattin dem Tode verfallen. Dies Opfer hat Heinrich fr uns
gebracht. Wie ich nun vielleicht dazu beigetragen habe, da er Witmann ward, so
hab ich sicher seines Mgdeleins Tod verschuldet; denn wr ich wachsam gewesen,
wie ich gesollt, so htte klein Anneliesel die Wassergefahr gemieden. Schlimm
genung hab ich dem guten Heinrich mitgespielt. Hab berdies sein Herze betrt,
da es nicht mehr lie von mir, hab es dann geqult, da ich nur mit
Schwesterliebe sein glhend Verlangen beantworten konnte. Langmtig und
bescheiden hat er alles Leid ertragen, so ich ber ihn gebracht, und hat
treulich gehalten, was er aus freien Stcken angelobt: mein Beschtzer zu sein
bis zum Grabe. - Und diesem Manne soll ich mit Verrat lohnen? Aus seiner Htte
stehlen soll ich mich und den Stachel der Eifersucht in seinem Herzen lassen?
ber ihn und ber Dich heraufbeschwren die Zorn- und Racheteufel? Zwingen und
foltern soll uns aufs neue jene Welt, der wir uns schon gnzlich entronnen
glaubten? Die Welt der blinden Gier, des wsten Tobens und blutdrstigen Haders?
Die wahre Hlle ist das! O mein Liebling! Ich war einmal in solcher Hlle und
habe davon genung fr immer. Als Kind mut ich zuschauen, wie Eiferer meinen
teuern Vater umbrachten. Alsdann sperrten sie mich hinter Schlo und Riegel, und
nach ihrem Sinn ist es wahrlich nicht gegangen, als Du dorten mein Sonnenschein,
mein Befreier worden bist. Kurz nur hat uns damals das Glck gelchelt; dann ist
wieder bange Finsternis hereingebrochen. Das groe Morden zu Magdeburg raffte
Schwester und Schwager an meiner Seite hin. Du, Johannes, halfest mir abermals
entrinnen. Denk aber an die Greuel, so uns hierauf begegnet, denk an die
Beutemacher im Predigerhause, an den unterirdischen Gang, an den Versteck hinter
dem Kirchengemlde, wo wir Zeugen waren jenes Heulens und Zhneklappens, das die
Geister der Habgier heraufbeschwren, wo auch immer sie losgelassen sind.
Erinnere Dich auch der ngste, mit denen Zetteritz uns beide qulte, da er
liebende Herzen voneinander ri. Lies endlich noch einmal meine Schilderung der
Folter, so Berthuldens Eifersucht ber mich verhngte. Die wilde Gier mit dem
heien Odem hat den mrderischen Stahl in meine Brust gestoen, hat unser Kind
geraubt und in die Glut der Teufelsmette gerissen, hat dem Abgrund der
Verzweiflung ein Mutterherz berantwortet. Der Retter, so mich erhub aus der
schaurigen Tiefe, ist der gtige Himmel, Heinrich aber und Sibylle waren seine
dienenden Werkzeuge. Keine Zaubermacht ber den Wolken vermeine ich, sondern den
Gott im Menschengemte - sein Name ist Erbarmen, Friedfertigkeit, Besonnenheit,
Seelenruhe. Diesem Himmel sei anheimgegeben unsere Fhrung. Er allein beschert
das Heil. Er findet den Ausweg aus jeglichem Irrsal; lsbar sind ihm die
verworrensten Fden des Schicksals. Das ist mein Glaube, mein Trost - la mich
selig in ihm werden, mein Johannes! Willst Du es tun, so gib Antwort, je eher,
je besser; ich vergehe vor Bangen. Sobald Du entschlossen bist, meine Sehnsucht
zu erfllen und ganz einig mit mir zu sein, entznde das Feuer am Hohen Stein.
Ich wei dann Bescheid und bin getrstet. Freilich erst am Sonntag kann Sibylle
zum Kesselstein gehen. Da Du also Zeit hast, so la Dein Schreiben reichlich
sein; tu mir die Liebe, Dein Leben zu schildern, soweit es mir noch unbekannt.
Vertraue Deiner Gattin an, was in den Jahren unserer Getrenntheit Dein Herz
bewegt hat. Vergi auch nicht, Gedichte beizufgen, die Du ersonnen. Deine
Weisen sollen mich in Schlummer wiegen, dabei will ich lcheln, Du wirst an
meinem Lager sitzen und die treue Hand ber meine geschlossenen Augen halten.
Oh, trenne Dich nie von mir, Du Meiner! Ewig bin ich Dein.
    Unter dem Buchenbaum am Kesselstein, wo ich diese Worte Theklas gelesen,
warf ich mich ins Beerenkraut, wie ein Kmpfer, der vor seinem Gegner reuig und
gehorsam die Waffen streckt. Die Hnde gefaltet, ergab ich mich der heiligen
Seele, die ich anbetete. Ich kte den Brief und flsterte flehentlich: Du
reine Quelle, verzeih, da ich dich trben wollte! Und Dank dir, da du mit
Wohltat mein garstig Ungestm vergelten, das Unlautere von mir tun willst!
Zhren brachen aus meinem Auge, es schwand die Welt, nur das zuckende Herz war
zu spren, zugleich aber Linderung wie von einer sanften Hand, ses Schaudern,
stilles Aufjubeln, als sei ein Engel nah. Und ich begab mich zu einer Senkung
des Gelndes, wo Rstern einen dunklen Hain wlbten, und zwischen moosigen
Blcken ein dnn Wsserlein wimmerte. Drauen aber auf die Wipfel schien die
Herbstsonne warm hernieder und kosete die grnen Kindlein, so auf den Zweigen
saen in dichtem Gewimmel. Und diese Sonne, ihre Gte ergieend ber tausend mal
tausend schmachtende Kreaturen, deuchte mich Thekla. Waren denn nicht die
Waisen, Kranken und Einsamen zu Petersdorf, waren nicht Heinrich und ich selber
wie die grnen Sonnenkinder, denen die mtterliche Gttin mit einem Lcheln
myriadenfach wohltut? Und da sollte ich neidisch sein auf ein Geschwister?
sollte grollen, weil nicht blo mir das lichte Heil zugute kommt? sollte meinem
Bruder Heinrich sein Teilchen Sonnenschein mignnen, obwohl ich selber doch
nicht im Schatten stund? Nicht doch! gelobte ich inbrnstig; la schwinden die
Habsucht, meine Seele, der Liebesflut gib dich hin, so aus dem Sonnenherzen
quillt! - Und im lauschigen Hain, wo durch dunkles Laubdach gldene Lichter
ugelten, wo winzige Flgeltierlein ihren Luftreigen summten und das
Wasserseelchen weinte, hub mein Herz zu singen an:

Wie traurig diese Wlder dstern!
Kein Sonnengold tiefinnen lacht.
Das tun die felsengrauen Rstern,
Von Laubgeflechten berdacht.
Auch ich so trb! Der Liebe Gnade
Darf strahlen nicht zu meinem Grund.
Die Sorg umdstert meine Pfade;
Bin gar ein der Dickichtschlund.

Doch duld ich lchelnd, fromme Sonne,
Da sich dein Brautku mir verschliet -
Wenn drauen nur die gldne Wonne
Um all die Sonnenkindlein fliet.
La lieben dich mit jener Liebe,
So nicht Genu, nur Andacht will.
Und ob ich ewig dunkel bliebe,
Von deinem Leuchten trum ich still.

    Wiewohl so unter Theklas Fhrung mein besser Selbst wiedergefunden und
gesichert war, vermochte ich meinen Trost nicht festzuhalten. Zweifel und Gram
berfielen mich aufs neue, und ich fragte: Mu denn Tugend so streng und herbe
sein? Du gttliche Macht der Liebe, warum lssest du zwei deiner Getreusten
solche Entbehrung leiden? Ist das dein Heil, wenn Gatte und Gattin, die endlich
einander wiederfanden, nachdem sie in Trennung ihre jungen Jahre vertrauerten,
jetzunder vor der Umarmung zurckweichen, als wren sie Mnch und Nonne? und nur
verstohlene Zwiesprache wagen, hnlich dem griechischen Liebespaar Pyramus und
Thisbe, so nichts anderes fr sein Schmachten hatte als zrtlich Gewisper durch
den Spalt der grausamen Wand? Mit Sthnen sah ich meines wallenden Bartes
ergrauend Haar und bedachte, da verlorene Jugend nicht zurckkehre. Versumt,
armer Johannes, hast du dein Liebesglck. Es lchelt dir zwar wieder - doch
spt, und dann nur von ferne!
    Solche Gedanken trug ich bei Tage mit mir herum, nachts machten sie das Herz
schwer und den Kopf hei, kein Schlummer brachte Trost. Da bermannte mich die
Erschpfung eines Mittags, als die Herbstsonne noch einmal wrmte, und ein
duftiger Heuhaufen auf Preislers Wiese lockte. Und es kam mir ein sbanger
Traum: Sonntag war's und Erntefest, ich aber hatte der kstlichen Zeit nicht
wahrgenommen, hatte im Heu die Stunden verschlafen. Traurig zumute war meinem
Schtzchen, der Hirtin Thekla, die gekommen war, mit ihrem Johannes zu tanzen,
und nirgends ihn fand, bis er endlich vom Abendluten wach wurde. Da war's nun
zu spt, Versumtes nachzuholen, Milungenes wieder gut zu machen. Ein anderer
Mann hatte ihr den Arm geboten, die Einsame hatte ihn angenommen, der andere
fhrte sie heim. Noch einmal schaute sie nach dem sumigen Liebsten zurck,
unsagbare Trauer im Auge. O Trumer, Versumer! Den verlorenen Tag kann die
Allmacht nicht zurckbringen. Die Welt geht ihren starren Gang. Nun fhle,
Nrrchen, was es heit: zu spt! Aufschluchzend erwachte ich, einen Augenblick
war's, als wandle unweit Thekla an Heinrichs Arm, dann verschwand das Gesicht.
Unter Zhren starrte ich unablssig in meines Traumes seltsame Welt und kam
nicht los vom unerbittlichen Zuspt. Schlielich lste sich mein Gram in Versen.
Ratloses Irren durch ein Labyrinth ahmten sie nach, durch dstere Gnge, die
verschlungen immer wiederkehren, obwohl der Verlaufene sie schon einmal
durchgemacht hat. Verzweifeln mu er, statt des Gebetes kommt ihm ein bitter
Lachen, hin legt er den wirren Kopf, um endlich zu vergessen ...

Und wie ich mich erhub vom Heu,
Und wie mein Blick ging staunend um,
Da schlug aufs Herze mir die Reu:
O weh, du hast verschlafen
Den ganzen Sonntag schier - wie dumm!

Und wie mein Blick ging staunend um,
Stund dort mein Schatz und sah zurck -
An eines Fremden Arm - wie dumm!
Mein Seelenschatz vom Himmel!
Sein drstend Auge leer von Glck!

Verdrstend sah mein Schatz zurck:
Was schliefest, Nrrchen, auch so lang!
Vertrumt ist unser Minneglck,
Im Sinken schon die Sonne ...
Ade! Mir ist wie dir so bang!

Was schliefest, Nrrchen, auch so lang!
Und was nun weiter? Bleib im Traum!
Beliebt vielleicht ein Schlendergang,
Recht einsam, ohne Hoffen?
Vielleicht zu Totenackers Saum?

Ja, was nun weiter? Bleib im Traum!
Die Welt geht ihren starren Gang,
Und Zhrenfluten lindern kaum,
Wo mdchenschwach ein Schtzchen
Mit seinem harten Schicksal rang.

Die Welt geht ihren starren Gang.
Wohin? Mein armer Kopf ist irr.
Mag sein, mir wre minder bang,
So ich noch knnte beten.
Ich hab's verlernt, vom Heuduft wirr.

Wohin? Mein armer Kopf ist irr.
Denk wohl, ich bette mich aufs neu
Und schlaf' im duftgen Halmgewirr
Und von verblichnen Blumen
Trum ich zu Tode mich im Heu.

    All dies wechselvolle Seelenwetter beichtete offenherzig mein neuer Brief.
Zugleich erstattete ich ausfhrlichen Bericht ber mein Geschick, wie es seit
meiner Trennung von Thekla verlaufen war. Indem ich schilderte, wie die
Begebenheiten meine innere Welt gewandelt hatten, gewann ich Klarheit ber mein
Wesen, und ein gut Teil Beruhigung. Hatte Thekla diesen Erfolg herbeifhren
wollen? Zuzutrauen war das ihrem klugen Zartsinn. Jedenfalls hatte sie es
verstanden, auf Beschaulichkeit, forschende Wahrhaftigkeit mich hinzulenken, was
mir eine Wohltat war, insofern ich abgezogen wurde von selbstschtigen
Ansprchen und Anklagen. Hatte das Eremitenleben der letzten Jahre keinen
anderen Dmpfer fr meine Launen gehabt, als die einfrmig harte de, die mich
umgab, und meinen Hang zum Meditieren, so ward ich anitzo von der geliebtesten
Menschenseele vor Aufgaben gestellt, die meine besseren Krfte planvoll zur
Entfaltung brachten. Gleich der nchste Brief Theklas trug zur Ordnung meines
wirren Gemtes bei.
    Armer Johannes - schrieb sie - Dein Gram teilt sich mir mit, bittere
Trnen vergo ich, so oft ich Dein Gedicht las vom Schlaf im Heu und dem
versumten Glck. Menschlich ist es ja, einem unfruchtbaren Grame zu
unterliegen, und wer solche Menschlichkeit in wahren Worten ausdrckt, ist ein
Trster ihm selber und auch seinen Mitmenschen. In dieser Hinsicht erkenne ich
an, da die Wunde, die das Schicksal vor etwelcher Zeit meinem Herzen
geschlagen, von Deinem Gedicht zwar aufs neue zum Bluten gebracht, zugleich aber
mit linderndem Heilbalsam versehen worden. Eine Beigabe dieses Balsams jedoch
macht mir brennenden Schmerz. Es ist die Art, wie Du Heinrich beurteilst, wie Du
die Rolle deutest, die er in meinem Leben spielt. La Dir doch nicht vorgaukeln,
da er mich Dir entfhrt, und da mein Auge leer von Glcke sei, als ob dieser
Mann mich in der Gefangenschaft halte. Wie gut er ist, und wieviel echtes Glck
ich ihm verdanke, wirst Du dereinst noch erkennen, wenn ihr beide so weit sein
werdet, harmlos miteinander umzugehen. Einstweilen bedenke, teurer Johannes, was
Du selber in Deiner Predigt gesagt hast, da nmlich zu unterscheiden sei
zwischen der wahren und der falschen Minne. Die falsche Minne stelle ich mir als
jenen Drachen fr, den alte Mrlein beschreiben, wie er einen Goldschatz htet
oder auch eine Maid, die er sich geraubt hat. Wehe dem Ritter, der den Hort
erlsen mchte; mit sengendem Odem und giftigem Geifer, mit geringeltem Schweif
und krallender Klaue, mit hauendem Flgel und schnappendem Rachen greift das
Ungeheuer den Vermessenen an, Blut besudelt den Goldschatz, Grauen entstellt die
Jungfrau, die Blumen welken, die Lfte wimmern, es verhllt die Sonne ihr
Angesicht. Will meines Evangelisten geweihtes Herz solch einem Drachen
Unterschlupf gewhren? Und soll ich die Maid sein, die der Drache htet? Wenn
dem nicht so ist, so mag der Drache wenigstens willig sein, sich entzaubern zu
lassen. Es raunen ja doch die Mren, er sei ein verwunschener Knig, und seine
Maid knne ihn erlsen durch einen Zauberspruch. Den nenne ich Dir; der Heiland
ruft ihn allen Erlsungsbedrftigen zu: Wisset ihr nicht, da ihr Gtter seid?
Wohlan, du mein Born, der mich erquicken kann, bleibe doch stets Gottes voll und
Knig im Reiche der Himmel! Ja Du bist Knig, wiewohl Du es zuweilen vergissest.
Deine Enttuschungen fhle ich schmerzlich nach. Doch zu segnen sind sie, da sie
dir Luterung bescherten. Ich bejuble die heilige Macht, die der
Abendburgklausner in sich gefunden hat, absagend jenem Gtzen, der zu Taumel,
Fehde, Mord verlockte. Ich Glckliche, die ich einen Fhrer habe, der nicht blo
predigt von Gotteskindern, sondern auch selber eins wird. Was wahre Minne ist,
hat so herrlich deine Brderschaft mit Zetteritz dargetan. Jedem war vom anderen
bewut, da er mich liebt, und frher waret ihr beide darob arge Nebenbuhler.
Gleichwohl habet ihr ineinander den Menschensohn gefunden und vom Hasse euch zur
Friedfertigkeit und Freundschaft bekehrt. Nicht mehr verbelt hast Du Deinem
Bruder Zetteritz, da er seiner Minne dasselbe Ziel gab, wie Du. Im Gegenteil,
inniger hat dies Ziel eure Seelen geeint. Fr tot freilich habet ihr mich
gehalten. Ei ja doch, mu ich denn wirklich erst sterben, um Nebenbuhler in
Freunde zu verwandeln? Kannst Du nicht schon zu meinen Lebzeiten Heinrichs
Bruder sein, damit auch ich etwas davon habe? Sei es, Johannes! Voran schreite
zum Ziele, das Deine Predigt gewiesen hat. Heinrich wird folgen, sicherlich,
wiewohl wir ihm Zeit lassen mssen, sein besser Selbst zu sammeln. Ich werde
still ihn locken und lenken.
    Immer mehr nun verklrte sich Thekla vor meinem Auge. Zugleich ward ich
williger zu der Aufgabe, in keuscher Andacht ihr fern zu bleiben und allen Trost
in der Vermhlung unserer Seelen zu finden. Wenn ich nachts einen besonders
reinen Funkelstern ob dem dstern Gebirgskamm schweben sah, deuchte er mich
Thekla zu sein, whrend ich mich dem Teiche bei der Schneekoppe verglich, der in
seiner den Felsenhaft von der Sternenbraut trumt, ohne mehr zu besitzen als
ihr Spiegelbild.

Es trumt aus dsterm Felsenschacht
Ein totenstiller See
Zur grenzenlosen Sternenpracht:
O Seligkeit und Weh!

Lat taumeln mich, ihr Himmelshhn,
Versinken ganz in Schau!
Mein Funkelstern, so brutlich schn
Wie eine Perle Tau!

Und bleibst du, Engel, weltenfern,
Streu deinen Silberschein,
Dein Seelengleichnis, keuscher Stern,
In meine Tiefen ein!

In meine Tiefen lockt ein Grund -
O find ihn, Sternenbraut! -
Wo Erd und Himmel Mund an Mund
Zur ewgen Ruh sich traut.

    Theklas Antwort waren die wenigen Worte: Dankbar lodert mein Herz, doch es
beschmt mich die bergroe Verehrung, die du mir entgegenbringst. O mache mich
zu dem, was dein Zutrauen in mir sieht! Versinken mcht ich wohl im geliebten
Bergsee! Diesem Schreiben war, gehllt in zart Papier, eine Locke beigegeben.
Welch Entzcken, se Gattin, dein braun weich duftend Haar bei mir zu haben, es
kssen, auf dem Herzen tragen zu drfen! Aber ach, dies Stck vom Krper der
Geliebten, an dem ihr Hauch, ihr Wesen haftete, berauschte meine Sinne, und des
Gebltes Grung trieb heies Trumen von Zrtlichkeit herfr. Ich lag mit Thekla
unter einem Schleier, der unsere Krper gnzlich verhllte. Im gleichen Gemache
mit uns befanden sich Heinrich und Sibylle. Wo ist Agnete? fragte Heinrich,
und Sibylle antwortete: Mag sein, bei Herrn Johannes. Unter unserm Schleier
blieben wir musleinstill und fhlten, wie uns die gndige Heimlichkeit einander
antraute.

So heimlich s war unsre Hochzeitsfeier:
Wir lagen dicht
Beisammen, berwallt von einem Schleier,
Man sah uns nicht.
Wir hrten, wie die Leute nach uns fragten
Im gleichen Raum.
Wir unterm Flore blieben reglos, wagten
Zu atmen kaum.

Nur unsre Hnde durften sacht sich drcken,
Wie kssend fand
Sich Hauch zu Hauch, mein Knie war mit Entzcken
An deins gebannt.
Mein glhend Auge, das im Dunkeln schaute,
Versank in deins;
Ich war in dir, du warst in mir, uns traute
Die heilige Eins.

Wohlan, was Edens Glut zusammenglhte,
Trennt keine Welt.
Hinweg denn, Angst, da uns die Hand der Gte
Geborgen hlt.
Wir ruhn verhllt; zum Baldachin, zum Himmel
Ward unser Flor.
Uns singt von Flgelkpfchen ein Gewimmel
Den Wonnechor.

    Als ich Thekla den Traum aufschrieb, fgte ich hinzu: Hat meine Gattin
schon bedacht, da der kleine Johannes uns wiederkehren kann? - Eine Woche
spter kam die Antwort: Du kennst die Mr von der schlafenden Maid, deren
Schlo desgleichen schlft, eingesponnen von Rosendorn. Da dringt durch die
abwehrende Hecke der Knigssohn und erlst mit seinem Kusse die Maid; sie
erwacht, das Hausgesinde, das ganze Schlo erwacht, Rosen erblhen aus dem Dorn,
und Hochzeit wird gefeiert. In Deiner Thekla ist etwas hnlich dieser Maid. Die
arge Spindel der Spinnerin des Schicksals hat mich gestochen, und da ist der
lange Schlaf ber meine Sinne gekommen. Ach wohl, Johannes, Dein Schtzlein ist
nicht mehr die frische kecke Jungfer von einst. Schwach und zahm ward mein Blut,
kaum ein leis Seufzen ist in mir des Weibes Trieb nach Mutterschaft. Die Mnner,
so mich umwarben, seit ich Dich verlor, haben nicht vermocht meine Sinne aus dem
Dornrsleinschlaf zu wecken, und selbst im trben Licht des Felsendomes wirst Du
wohl bemerkt haben, was fr ein hinfllig Weibel die Agnete Kiesewaldin, die
halt nimmer den Dolchstich der Kindesruberin verwunden hat. - Und nun auf
einmal bricht der Knigssohn durch meine Dornenhecke. Was tust Du, Ser! Ich
schaue Dein Auge, spre Deinen Hauch, Deinen Ku, Deine Umarmung - erweckt aufs
neue, aufgestrt ist ein glhend Sehnen in mir. Und gar vom kleinen Johannes
raunest Du, der knne uns wiederkehren ... O Liebling, wie verfhrerisch kannst
Du locken! Ein Wirbelsturm tobt in meinem Herzen, ich wnsche hei, doch zage
zugleich vor der Erfllung. Wiederkehren soll der kleine Johannes aus des Ewigen
Schoe, wo er doch geborgen ruht? In diese Welt der Unrast, Not und Schuld soll
er zurck? Ist das ein weiser Wunsch? - Und dennoch! Vom Geschlecht jener Eva
bin ich, deren Name bedeutet: Mutter der Lebendigen. Und mit Entzcken lauscht
auch mein Herz, von Deinem Zaubersang erweckt, dem Wonnechor der Flgelkpfchen.
Nur da ich nicht von gndiger Heimlichkeit unser Glck erhoffe, sondern von
Heinrichs Gte.
    Mitnichten linderte solcher Bescheid das Schmachten, so Theklas Haarlocke in
mir wachgerufen. Wagemut ri mich hin, Theklas Verordnung zu bertreten. Ich
konnte mich nicht gedulden, konnte dies Harren auf die mgliche Gunst einer
vielleicht fernen Zukunft nicht aushalten. Machte daher einen Boten ausfindig,
der nach Kiesewalds Baude gehn und folgendes Briefel verstohlen in Agnetens Hand
geben sollte: Ich ertrag es nicht - mu die hei Ersehnte mit leiblichem Auge
schauen. Gewhre sie mir baldigst diese Gunst, ich bitte flehentlich. Der Bote
mag die Antwort mitnehmen. Und sieh, mein Wunsch ging in Erfllung; das
Schreiben, das ich noch gleichen Tages erhielt, lautete: Sei morgen nach Mittag
um die zweite Stunde, wo der Zackenberg jhlings zum Zackenflu abstrzt; der
Schwarze Wog ist der Felsenkessel geheien. Dann komm ich in Deine Nhe, auf die
Waldwiese jenseits. Aber Kluft und Flu mssen zwischen uns bleiben. La Dich
nicht hinreien, zu mir hinber zu streben. Sobald Du Miene machtest, dies
Gesetz zu brechen, wrd ich in den Wald flchten, Du fndest mich nicht, und
Trbsal tte mir Dein strmisch Wesen an. Sollen unsere Seelen fest in Hnden
das Zepter behalten, so drfen die Sinne nicht in Versuchung geraten; sonsten
werden sie leichtlich Aufrhrer. Einstweilen wenigstens besteht solche Gefahr.
Mit der Zeit mag dies strenge Gebot Milderung finden - bis vielleicht
dermaleinst ... Doch still, du ungestmes Herz!
    Innerlich jauchzend und beflgelten Fues begab ich mich andern Mittages zur
beschriebenen Stelle. Es war viel zu zeitig, als ich am Felsenabsturze stund, wo
tief unten der Zackenflu brausend ber die Blcke gischtet. Drben von der
steilen Halde zwischen blaugrnem Tann und Birken, so bereits von Herbstgolde
loderten, lchelte verheiend die lichte Wiese. Da nichts von Thekla zu sehen
war und ich wohl noch eine Stunde zu harren hatte, suchte ich die Qual der
Ungeduld durch Ttigkeit zu lindern. Ein Feuer wollte ich machen, das weithin
der Ersehnten meine Ankunft melden sollte. Hastig sammelte ich Holz, und wie
Erlsung war mir die Prasselflamme. Durch aufgeworfene Rasenstcke und feuchtes
Holz steigerte ich den Rauch, so da bald eine mchtige Sule himmelan wirbelte.
Dann entsprang meinem erleichterten Herzen ein frohgemut Singen; ein Lied nach
dem andern mischte sich ins Tosen des Bergstromes. Derweilen flog das lchelnde
Auge ber Kluft und Strom. Drben links wlbte sich wie ein Eisenhut der
bewaldete Breite Berg. Unsichtbar blieb Kiesewalds Baude, weil vor ihr eine Hhe
lagerte. Nur Einsamkeit und Wildnis fern wie nah, Abgrnde und wogende Berge,
finstre Tannen und graue Steine, hin und wieder lichtes Beerengestruch.
Geradeaus das hchste Gebirge, ein ungeheurer Wall, in die Ferne erstreckt, wo
rundliche Kuppen blauten. Zur Rechten unweit die Schneegruben, steiles Gerll,
Wasseradern, graugrne Steinvlker, dunkle Knieholzgebsche. Und all dieser
mannigfache Erdenstoff unter der klaren Stahlglocke des Himmels war ein
sanftbunt Leuchten, ein wehmtig Lcheln und heimlich Locken. Ein Traum jener
Sehnsucht, die nicht wei, wonach sie greifen soll, weil sie die Seligkeit fr
ungreifbar und unendlich hlt. Aus meines Schauens Versunkenheit erwachte ich
aufseufzend und ward wieder inne, worauf ich harrte. Mit Adlergier sphte mein
Blick in der Richtung des Breiten Berges, ob nicht ein Stck des Pfades sich
zeige, der die Waldung durchschnitt, ob nicht ein Weibes Gewand schimmere.
    Pltzlich pochte mein Herz - drben auf der Waldwiese stund die Ersehnte.
Winzig wie ein Blmlein war die ferne Gestalt, doch ich erkannte Thekla an der
inbrnstigen Gebrde und an der schlanken Zierlichkeit, so in den Jahren der
Jugend mein Entzcken gewesen. Beide Hnde prete sie aufs Herz, breitete dann
die Arme mir entgegen. So blieb sie eine Weile wie versteinert, whrend eine
Macht in mir mich trieb, ihre Gebrden nachzuahmen. Sie trug ein stahlblau
Gewand und ein gleichfarben Kopftuch, das sie aber abnahm, worauf ich das schne
Braun der Locken wiedersah. Ihr Gesicht blieb bei der betrchtlichen Entfernung
undeutlich. Doch glaubte ich hinstarrend ihren Blick zu spren, ihr glhend
Auge, und es sank all mein Selbst durch dies rtseldunkle Auge in die wonnigste
Heimat. Dasselbe Entzcken durchschauerte mich, das ich einst im bhmischen
Waldschlosse empfunden, wenn beim verabredeten Stundenschlag die Liebe mit
magischer Kraft durch die Kerkermauern drang, und ein Schmachten dem andern
begegnete. Eins sind wir, jubelten jetzunder wie damals unsere Seelen; du und
ich selig verschmolzen! Und offenbar ward mir das Geheimnis der wahren Minne:
Nur da erblht sie, wo zwei Herzen ineinander ihre selbe gttliche
Eingeborenheit finden; und ist solche Minne Gewiheit der ewigen Habe, nicht
aber Gier. Wer in der Minne nur Lust begehrt, verschliet sich eigenhndig die
Himmelspforte. In solcher Erleuchtung ward ich auf einmal mit Schrecken inne,
wie ich beinahe Todesgefahr ber meine Liebe heraufbeschworen htte. Wr ich
meiner Gier, Thekla hinwegzufhren, gefolgt und also in den Abgrund der Ichsucht
getaumelt, so htt ich mich innerlich von ihrem Herzen geschieden und jene wahre
Ehe zerstrt, so im Himmel geschlossen wird. Bewahrt vor dem Sndenfalle hatte
mich die sanfte Macht der Unschuld, hatte mich Thekla, die gewilich mein
Schutzgeist war. Engel! jauchzete ich ber den tosenden Abgrund und hub
gefaltete Hnde. Mit gleicher Gebrde antwortete sie, als habe sie mich
verstanden.
    Und manch ses Wort rief ich hinber, whrend sie die Hand ans Ohr hielt
und manchmal sich neigte, als danke sie fr Gehrtes. Auf einmal wandelte sie
zum Waldsaum, und schon besorgte ich, die Frist unseres Minnespiels sei
abgelaufen; da bckte sie sich, und ich ward inne, da sie Holz zu einem Feuer
sammelte. Beifall winkte ich und beobachtete, wie sie auf einem Felsen inmitten
der Waldwiese das Holz schichtete, alsdann mit einem Feuerzeug das gelbrote
Flackern erweckte und den blauweien Dunst. Eifrig holte sie weitere Nahrung fr
die Flamme, und es hub sich die Rauchsule, verfolgt von Theklas Blick wie vom
meinigen. Auf ihres Feueraltars Schwelle lie sich nun meine liebe Vestalin
nieder und trumte, das Haupt an den Stein gelehnt, zu mir herber. Ich sang ihr
feierliche Lieder, die sie zu vernehmen schien, derweilen die Rauchsulen hben
und drben hoch in die stille Luft stiegen und zusammenschmolzen, bedeutend, da
kein Auen, nicht Kluft noch Strom, zu trennen vermge zwo Seelen, so im Himmel
tiefinnen ihre Vermhlung fanden. Wie Theklas Feuer niedergebrannt war, erhub
sie sich, legte abermals aufs Herz ihre Hnde und winkte mir Abschied. Ich
antwortete mit Zuwerfen von Kssen. Langsam, unter wiederholtem Zurckschauen,
stieg sie zum Waldrande empor, zuletzt warf auch sie einen Ku ber die Kluft
und verschwand zwischen den Tannen. -
    Aus Theklas folgenden Briefen hebe ich noch die Stelle heraus: Vielleicht
wann die Zeit unser Haar gebleicht hat, das Angesicht faltig ist, und in unseren
Herzen die jugendliche Unrast durch friedliche Weisheit abgelst worden, so
sonnen wir uns im gldenklaren Sptherbst, und geschieht uns wohl wie den beiden
alten Hirtenleuten, von denen ich Dir sagen lie:

Im dunkeln Seelengrunde
Winkt einer Krone Gold,
Und hast du sie gefunden,
Wird Minne dir zum Sold.

Unter dem Austausch unserer Briefe ging der Herbst zur Rste, nach langwierigem
Sturme regnete es tagelang, und dann war der Winter da. Erst brachte er klares
Frostwetter, am zweiten Advent aber ein Schneetreiben, das Weg und Wildnis
berwogte, also da Sibylle auerstande war, ihres Botenamtes zu walten. Endlich
am Sonntage vor Weihnachten stieg Rauch vom Breiten Berge, auf Schneeschuhen
flog ich bergab zum Kesselstein und sahe schon an der Fuspur, da ein Mensch
durch den Schnee gewatet war. Die gute, treue Sibylle! Im hohlen Baume fand ich
ein Pcklein, das enthielt auer dem erwarteten Briefe ein handgro Bildnis
Theklas, auf Glas gemalt. Unverkennbar war ihr Angesicht, vom braunen Gelock
umrahmt - wiewohl die Frische und Keckheit der Jugend einer blassen Zartheit und
wehmtigen Gte gewichen war. Das dunkle Auge, grer und tiefer als ehedem,
sprach so rhrend von Sehnsucht und Liebe, da ich hingerissen das Konterfei mit
Kssen bedeckte.
    Der Brief lautete: Nur noch ein paarmal tagt es, dann kommt der Heilige
Abend. Da mu ich meinem Liebling doch ein Christkindel bescheren. Dies Bild hat
der alte Werner zu Petersdorf gemalt, so in besseren Zeiten ein begehrter
Glasmaler gewesen. Besser hat er mich gemacht, als ich wirklich bin; wenn es uns
vergnnt sein wird, einander in der Nhe zu betrachten, wirst Du Deine Thekla
gealtert und mager finden. Habe Nachsicht, guter Johannes! Und noch eine andere
Gabe nimm freundlich auf. Begib Dich vom Kesselstein nach Schreiberhau zu Jakob
Liebig, dem Schmied, und heische den Korb, den Kiesewalds Sibylle fr Dich
abgegeben. Den Mohnstollen hat mir Sibylle backen helfen. Die Wolle der
Kleidungsstcke ist von unseren Schafen, und selber haben wir sie gesponnen. Vor
zween Tagen war's, da wir den Korb zu Tale brachten, im Hrnerschlitten fuhr
uns Heinrich nach Petersdorf. War das ein glckselig Stndlein! Als ich neben
Sibyllen im Schlitten sa, von Heinrich mit Wolldecken und Stroh gut verwahrt,
blhte Zrtlichkeit aus seinem Herzen, da er mich auf Mund und Hnde kte,
gerhrt sprechend: Ich danke jedem Tage, der die liebe Agnete gesund und froh
sein lsset. Alsdann zog der Gute seine Pelzkappe ber die Ohren, begab sich
vor den Schlitten zwischen die beiden Kufen, so gleich mchtigen Ziegenhrnern
sich emporkrmmten, packte sie mit behandschuhter Faust und zog den Schlitten.
Immer hurtiger stampften seine hohen Stiefel durch den Schnee, und dann kam das
Abwrtsgleiten. Mit eisenbeschlagenen Hacken lenkend, sperrte sich der starke
Mann, da der aufgewhlte Schnee wie Wassergischt umherspritzte, und blieb
alleweil des Schlittens Meister. Indessen jauchzete Sibylle; mir aber war, als
schaukle ich in der Wiegen und schwebe zugleich als Schwalbe. Frisch und rein
die Winterluft, Wrme und Glck rann durch meine Adern. Rechts und links die
Tannen von Rauhreif dick versilbert, von der Schneelast gebeugt. Am violenblauen
Himmel erglommen die Sterne. Sibylle hielt mich umschlungen, und das fromme
Klingen unserer Seelen scholl zweistimmig in die magische Nacht:

Da drauen, da drauen
Vor der himmlischen Tr,
Da steht ein' arme Seele,
Schaut traurig herfr.

Arme Seel mein, arme Seel mein,
Komm mit mir herein,
Und da werden deine Kleider
So wei und so rein.

Ja so wei und so rein,
Viel weier, denn Schnee.
Und so wolln wir mitsammen
Ins Himmelreich gehn.

Ins Himmelreich, ins Himmelreich,
Ins himmlische Paradeis,
Wo Gott Vater, Gott Sohne,
Gott heiliger Geist.

    Beschere nun die holde Weihnachtszeit meinem Liebling Frieden und
Wohlgefallen! Sei glcklich, wie ich es bin. Und wenn Dein Liedergeist Dir
gndig ist, so bitte ihn, da er eine Weise beschere, wie Deine Thekla sie
ersehnt. Sprich darin von dem, was ich liebe, bedenke auch den kleinen Johannes
und klein Anneliesel. Zrtlich und fromm mag es klingen, zugleich ein Stndchen
und ein Nachtchoral. Im Bette mcht es heimlich meine Seele singen und den
Ruheengel gtig stimmen, auf da er der sehnsuchtsvollen Kiesewaldin Snftigung
und Vergessen, Schlaf und unschuldige Trume zubillige.
    Mit neuem Heile segnete mich diese Botschaft, und inne ward ich, wie mein
Herz, aller Trennung spottend, so fhlbar an ihrem schlug, da ihr Glck das
meine ward. Heier Dank erfllte mich, und tags vor Weihnachten sandte ich einen
zuverlssigen Petersdorfer zu des Breiten Berges Baude. In Sibyllens Hnde
sollte er einen Korb tun, der meine kleinen Gaben fr Heinrich, Sibyllen und
Thekla enthielt. Unter vier Augen sollte er der Kiesewaldin ein Pcklein
bergeben. Darinnen war das Buch Abaelardi und Heloisae Briefe. Unter den
Masken dieses Paares, dem ein strenges Schicksal die Herzen zu heiliger Minne
lenkte, wollte ich fr uns beide eine neue Form geheimer Zwiesprach einfhren.
Randbemerkungen, von meiner Hand geschrieben, begleiteten den Druck. Der Mnch
Abaelardus hatte nicht immer meinen Beifall; eisig hauchte sein Gottesfriede.
Doch ich dankte ihm ein Wort, das er in warmer Jugend gesprochen: Habe nur
Liebe, du magst alsdann tun, was du willst. Heloisa, die liebreiche, war mein
Entzcken, und verstohlen hoffte ich, auch aus Thekla werde diese Glut
herfrbrechen, die doch der Jungfer Grfin nicht fremd gewesen. Um sie zu
entznden, hatte ich gewisse Stellen der heloisischen Briefe angestrichen; zum
Exempel: Da ich nun einmal Deiner Gegenwart beraubt bin, so la doch in Worten
der Liebe, die Dir so reichlich zu Gebote stehn, Dein ses Bild bei mir
einkehren ... Da Du bei Gott Deine Zuflucht suchtest, bin ich Dir gefolgt; nein
vorausgeeilt ins Kloster bin ich Dir. Und doch, bei Gott, ich wre auf Dein Wort
ohne Zgern Dir in die Hlle vorangeeilt oder gefolgt. Mein Herz war ja nicht
mehr mein, ich hatte es an Dich verloren. Und so es itzo auch bei Dir keine
Statt mehr findet, alsdann hat es berhaupt keine Heimat mehr; ohne Dich mag es
ja nirgendwo sein. Ach la es denn bei Dir geborgen sein, ich bitte. Auch ein
Schreiben meiner Hand war dem Buche beigefgt, und es hie darin: Hier ist das
Lied, das meine Sternenbraut sich ausgebeten hat. In Dein Herze bin ich
eingegangen und habe von denen gesprochen, die ich darin vorgefunden. Gelingt es
meiner Weise, Dich in Schlummer zu singen, la uns alsdann beide denken, da ich
auf meinen Armen Dich schaukle, Du mein Wiegenkindlein:

Wenn mit Dunkel und mit Schweigen
Mutter Nacht dein Bett umhllt,
Lausche, wie mein Zaubergeigen
Heimlich deine Kammer fllt.
Lausche, wie dich Wunderglocken
Fromm zu deiner Tiefe locken.
In der Tiefe wohnt die Ruh -
Und die Tiefe, das bist du.

Frieden ihm, so dir zur Seiten
Atmend ruht; er ist dein Schild.
Frieden allen Erdenbreiten,
Jedem Gottes-Ebenbild!
Gib den Htten dein Erbarmen
Und dem Glck ein froh Umarmen.
Ohne Gte keine Ruh;
Jedes Antlitz, das bist du.

Engel, heitre Lichtgestalten
Steigen aus dem dunkeln Land
Und in deine Hnde falten
Kosend sie die Kinderhand.
Sieh doch, deine toten Lieben
Sind dir alle treu geblieben;
Mutterherz heit ihre Ruh.
Deine Kinder, das bist du.

Sprst du auch, wie auf dein Gren
Harrt ein treuer Paladin?
Aus der Ferne dir zu Fen
Kann ihn deine Sehnsucht ziehn.
Gib dein Auge seinem Auge!
Eins im andern sauge, sauge
Heimatwonne, Heimatruh ...
Du bist ich, und ich bin du.

Horch, mein Lieb, die Zaubergeigen
Singen Hochzeitsmelodein,
Und der bunte Sternenreigen
Stimmt und funkelt ppig drein.
Welten schwrmen dort bei Welten,
Wiegen sich in blauen Zelten,
Summen uns in sel'ge Ruh ...
Ich bin Stern, und Stern bist du.

    Mein siegreicher Johannes - so lautete Theklas Antwort - juble mit mir!
Was wir kaum zu hoffen gewagt, es gelingt! Das Wunder, verheien dem erhhten
Menschensohne, Du vollbringst es. Machst Blinde sehend, Lahme gehend. Heinrich
ist genesen von der Sorge, Agnetens erster Gatte werde wiederkehrend ihn
verdrngen. Und Du bist es, Dein Gedicht ist es gewesen, wovon Heinrichs Auge
aufgeschlossen ward, da er nunmehr schaut, wie das Himmelreich keimt und wchst
in des Menschen Brust, und da er an gtige Liebe glaubt. La Dir berichten, wie
alles gekommen ist. Du weit schon, Sibylle ist meine Vertraute. Ermissest Du
nun, mit welchem Entzcken, welchem Stolze mich Deine Lieder erfllen, so wird
es Dich nicht berraschen, da sie von Sibyllens Hand in ein Buch eingetragen
worden sind, darein sie im Laufe der Jahre ihre liebsten Gedichte gesammelt hat.
Am Heiligen Abend nun, da wir drei Kiesewaldischen einander unsere Gaben
gereicht hatten und beim Kerzenschein unseres dreiarmigen Festleuchters
andchtiglich um den Tisch saen, tat Sibylle ihr Buch auf und las zu meiner
bnglich frohen berraschung dein Lied von der Menschenseele, die sich zur
Gottesmutter weihen soll:

Zu Bethlehem die Krippe
Ist jeder Herzensschrein -

Wie solches von der schnen tiefen Stimme verkndet war, sann Heinrich bewegt
der Botschaft nach. Hierauf tat er die Frage: Wer hat dies fromme Lied
gemacht? Ich erschrak, doch Sibylle sprach mit Fassung: Es ist ein Mann, so in
der Enttuschung harter Schule gelernt hat, den wahren Schatz im eignen Acker zu
suchen. - Und sein Name? forschte Heinrich. - Mit Geistesgegenwart stellte
meine Schwherin als Verfasser nun jenen Waldhuser hin, von dem Du berichtet
hast; und frwahr, wenn irgend ein Mitmensch Anteil haben knnte an dieses
Liedes Urheberschaft, so wr's der Mann, der Dich die Umwandlung der Gefhle zu
Edelmetall lehrte. Des weitern aber spann Sibylle ihr Mrlein also aus: Als
junger Gesell liebte dieser Waldhuser eine Jungfer, htete jedoch dies
Geheimnis, indem er daran verzagte, da seine Angebetete einem geringen
Menschen, als den er sich betrachtete, ihr Herz widmen werde. Weil er also nicht
um sie warb, reichte sie schlielich einem andern Manne ihre Hand. Unser Poet
aber blieb unbeweibt und hegte unaufhrlich seine heimliche Liebe. Wie er nun
bereits graue Haare bekam, bescherte ihm die Gelegenheit eine vertrauliche
Aussprache mit seiner Herzensherrin; da erfuhr er denn, stets habe sie ihn
geliebt. Zu spt, ach zu spt! seufzete Waldhuser. Meine Jugend ist hin,
versumt mein Glck ein andrer hat es heimgefhrt. Dann fragte er die Frau, ob
sie denn wenigstens zufrieden mit dem andern sei. Ich liebe sein Herz,
antwortete sie; er ist sehr gut zu mir, und ich bin ihm wieder sehr gut; nie
mag ich ihn betrben, nur der Tod scheidet mich von ihm. Doch gleichfalls bis
zum Tode klopft mein Herz voll Sehnsucht nach Dir, Du mein Sternenbrutigam!
... Sibylle ward hier unterbrochen durch Heinrich, der nach gespanntem Zuhren
auffuhr: Was? Zween Mnner zugleich konnten in diesem Weibesherzen wohnen, und
keiner hat den anderen verdrngt? - Ruhig und fest kam die Antwort: Die beiden
Mnner wurden halt Brder, und des ftern hat einer dem andern bedeutet: ber
der lieben Frau Herz zu gebieten, hat keiner von uns Gewalt und Recht. Dich
guter Freund, mag sie nicht missen; drum schleiche dich ja nicht von hinnen, la
uns beisammen bleiben. Und niemals, fragte Heinrich kopfschttelnd, ist ein
Nebenbuhler dem andern an die Gurgel gefahren? - Nicht doch, du Wildfang! Als
Verbndete fhlten sie sich und waren wie zusammenstimmende Tne. - Aber nur
einer war Gatte, der andre Bruder der Frau; ist es nicht also? warf Heinrich
ein. - Mag sein, entgegnete Sibylle errtend, war aber gleich wieder freimtig
und sprach im Buche bltternd: Hier ist noch ein Lied von Waldhuser; an die
geliebte Frau ist es gerichtet und darin segnet er ihren Gatten. - Segnet
ihn? staunte Heinrich. - Und nun las Sibylle Dein Gedicht, da Du zur
Weihnachtsgabe mir bestimmt.

Frieden ihm, so dir zur Seiten
Atmend ruht; er ist dein Schild.

    Bei diesen Worten weitete sich Heinrichs Auge, Rhrung zuckte ber sein
Antlitz. Schlielich seufzte er, wie einer, dem eine Brde abgenommen ist, sah
uns Weibsbilder heiter an und nickte: Frwahr, ein gtig Lied! Wer mchte
solchem Nebenbuhler gram sein? - Ich konnte mich kaum enthalten, laut
aufzujubeln. Zu ihm tretend, legte ich den Arm um seinen Nacken, indessen er
mich umfing. Da ich keine Worte fand, gab sich die kluge Sibylle zu meinem Munde
her: Wohlgesprochen, lieber Bruder! Gebe nun der Himmel, da du nicht mehr
eiferschtig bist auf Agnetens ersten Mann. Nimm an, da er wie Waldhuser ist.
- Ja, wenn er so wre, antwortete Heinrich trunken mich anschauend. - Zweifle
nicht, eiferte Sibylle, so ist er. La dir doch endlich einmal erzhlen,
nachdem dein gereizter Sinn all die Jahre hindurch nichts hren gewollt von
ihm. - Ich wute nicht, entschuldigte sich Heinrich, da es Mnner gibt wie
dieser Waldhuser. - Nun du es aber weit, fuhr Sibylle fort, wirst du
Vertrauen haben zu Agnetens erstem Gatten; und wenn er sich am Leben fnde ....
Hier schlo ich die Augen vor Bangigkeit, fhlte aber Heinrichs sphenden Blick,
dann flsterte seine Seele in meine hinein: Ja, wenn er nun wiederkehrte, wie
wrde Agnete entscheiden, was ihren Heinrich betrifft? Und flsternd gab ich
zurck: Bei Gott, ich wrde nicht minder Treue wahren, denn jene tat, die
Waldhuser liebte; ich wrde sagen: Nie mag ich meinen Heinrich betrben, nur
der Tod scheidet mich von ihm. - Dankbar prete er mich an sich, dann raunte er
hastig: Weiter aber! Was wrdest du weiter sagen? wrdest ihn auch
Sternenbrutigam heien? - Wenn deine Gte es erlaubte, ja! - Heinrich
stutzte: Meine Gte? Zweifelst du daran? - Voll schlug ich den Blick nun auf:
Nein, Guter! - Hierauf schwieg er, doch ein neuer Glanz strahlte aus seinem
Auge, und sieh, in dieses Auges schwarzem Spiegel, vom blauen Krnzlein umrahmt,
flimmerten winzig die drei Flammen unseres feierlichen Leuchters. Sibylle
blickte aufmunternd, als wolle sie mir sagen: Wohlan, nutze die Stunde! Ich
aber war bereits so glckselig, da ich nicht denken konnte, wie uns noch
Besseres solle werden als die wunderbare Bekehrung Heinrichs. Da er nun den
rechten Glauben gefunden, und da dein Glaube, mein Psalmist, den seinen geweckt
hatte, war meine Seligkeit. Nicht lockte mich, was Vorteil uns beiden
Liebesleuten erwachsen knne aus Heinrichs Nachgiebigkeit. Und hiermit sei es
gestanden: Schmachtend nach dir, bin ich doch bange vor der Erfllung dieses
Schmachtens. Denn sie wird uns nderung bringen. Alles hat ja seine Zeit, und
sobald die Frucht ansetzen will, mu die Blte welken. Versteht mein Johannes,
was ich meine? Sieht er das graue Gespenst, vor dem ich zage? Ach da es unserer
Liebe erspart bliebe, seine Macht zu fhlen.

Wem vertraut ist der Minne Art - wie sie nach langem Drsten entzckt wird, da
auf einmal dem Schmachtenden ganz nah die liebliche Quelle von Stillung flstert
- der mag ohne meine Worte erraten, welch Triumphieren in mir anhub, und wie
voller Lachen mein Herz den Lenz begrte, so mit sonniger Gunst mich begnaden
wollte. Ganz jugendschn, nicht Frau Agnete, sondern meine Magdeburger Braut
schwebte Thekla um mich auf allen Pfaden; in des Schneegefildes Lichtfunken, aus
den Eiszapfen der Tannen strahlte ihr Blick, ihr Lcheln war im Goldgewlk, ihr
zrtlich Geflster vernahm ich lauschend, von ihrer Umarmung trumte ich, mein
Haupt lag ihr im Schoe, indessen sie bergeneigt ihr aufgelstes Haar
niederwallen lie, so da mich eine duftige Laube umgab. All meine zrtlichen
Gedanken schrieb ich fr Thekla auf. Es schlo aber mein Brief folgendermaen:
    Mich nennest Du siegreich? Dir einzig gebrt die Palme. Du hast unser
Schicksal gelenkt. Ohne Dich wr ich erlegen der Versuchung, die schon den
schwarzen Drachenfittich um mich schlug. Deine Gte hat mich erlst, hat mein
Minnen geadelt. Und wenn mein Lied fr Heinrich heilsam war, Du hast es mit
solchem Heil erst erfllt. Drum vertraue ich Dir mein Dasein an. Der Himmel in
Dir hat alle Fhrung, und folgen will ich, sogar wenn ich des weitern den Weg
der Entsagung zu gehen htte. Da Deine Hoheit ihn mir anweiset, wrde meine
Trauer mit Trost und sanfter Schnheit erfllen. Aber sage mir, mein Engel, ob
Deines Briefes Schluworte den Weg der Entsagung meinen. Und verstndlicher
sprich mir von dem grauen Gespenst, so Deine Hoffnungen verdstern will. Es ist
wohl nur ein Spuk schwermtiger Laune. Oder was sonst? Warum bangt der
Schmachtenden vor ihres Schmachtens Erfllung?
    Eine Woche, nachdem ich mein Schreiben zum Kesselstein gebracht, fand ich
daselbst die Antwort. Sie bestand nur in einem Gedicht, von Sibyllens, nicht von
Theklas Hand geschrieben, und ich selber war der Verfasser. Entstanden war es,
kurz bevor ich Kiesewalds ersten Besuch erhalten hatte. Nebst anderen Gedichten
hatte ich es Thekla mitgeteilt. Wie ein Echo kam es nun zurck, bedeutend: Den
Bescheid auf seine Frage mag Johannes sich selber geben, mag er ihn ableiten aus
seinen eigenen Worten.

Zur Fernesucht geboren,
Wird nie der Pilgram froh.
Seine Heimat ging verloren -
Er wei nicht wo.

Ihn rhrt ein stummes Mahnen
Von blauer Hhen-Wand.
Darf er dahinter ahnen
Sein Wunderland?

Im Tale Bauden winken,
Zum Dorfe traut gereiht.
Er aber mu versinken
In Einsamkeit.

Er haust auf Bergesklippen
In dumpfer Schwermut Bann,
Umstarrt von Knieholz-Rippen
Und wstem Tann.

Verworren trumt im Grunde
Des Mhlenrads Gesumm.
Er lauscht mit zuckendem Munde;
Sein Lied bleibt stumm.

Er schmachtet - wie im Staube
Ein welkes Blumenhaupt.
Doch ward sein frommer Glaube
Ihm nicht geraubt.

O Pilgram, du mut lernen
In Demut abseits stahn,
Du darfst den blauen Fernen
Nie tppisch nahn.

Wenn ungestme Minne
Dich ri zum Gtterweib,
Umarmten deine Sinne
Nur Menschenleib.

So bleib dem Wunderlande
In keuscher Andacht hold,
Dann splst du aus dem Sande
Das ewige Gold.

Es sammelt alle Zhren
Die treue Ewigkeit.
Sie sollen sich verklren
Zum Krongeschmeid.

O sieh, ein Fenster glhet
Im letzten Abendglast!
Das Baudenhaus erblhet
Zum Goldpalast.

Die Felsenschatten dehnen
Sich weit ins Talgefild.
So wird gar manches Sehnen
Noch spt gestillt.

Erst wann im groen Dunkel
Versank die wirre Welt,
Erblht das Trostgefunkel
Am Sternenzelt.

Und birgt sich in der Erden
Ratlos dein Angesicht,
Tief innen soll es werden
Auf einmal Licht.

    Was war das nun? Es beunruhigte mich, da kein Wrtlein von Thekla
geschrieben war. Sollte sie erkrankt sein? Angstvoll bedachte ich, da mehrfach
von ihrer Hinflligkeit die Rede gewesen. Nicht gnzlich hatte sie sich erholen
knnen von Berthuldens Stich. Wenn sie mir entrissen wrde - wie ein betubender
Schlag traf mich dieser Gedanke. Sofort mute ich Gewiheit schaffen. Begab mich
also zu meinem erprobten Boten, der sollte unauffllig in Sibyllens Hand dies
knappe Briefel geben: Ist Agnete krank? Euren Bescheid mag mein Bote sogleich
mitnehmen. Da kam folgende Antwort, von Theklas Hand geschrieben, doch ohne die
Festigkeit ihrer frheren Schriftzge: Wohl war ich krank. Ich genese. Frohen
Dank fr die Nachfrage, doch ich flehe: Wollet nimmermehr einen Boten schicken.
Es genge, was ich mitteile. Geduld, bis der Rauch aufsteigt!
    Halbwegs beschwichtigt war meine Sorge, ich beschlo, mich in Geduld zu
fassen. Sann nun darber nach, was Thekla mit meinem Gedicht andeuten wolle. Ach
freilich, ihre Edelschnheit bewahrt die Ferne nur, wenn sie fern bleibt. Drum
in Demut lerne abseits stahn und taste nie an ihr keusch Geheimnis. Oft hab ich
das erfahren, wenn mein Aug bers Wiesental, ber die Zackenschlucht und die
bewaldeten Hgel zum hchsten Gebirgswall schweifte und im Zauberhaften des
Anblicks schwelgte. Ganz heimlich singt und orgelt das Wallen feiner Linien, das
Leuchten der Farben und die innigste Bedeutung aller geschauten Dinge. In
schwebenden Duft hat sich aufgelst der trbe schwere Erdenstoff. Fels und Erde,
Holz und Laub, sengendes Feuer und beizender Rauch ist zarter Hauch worden, ein
Gewebe aus Licht, reiner Geist. Wehmtig lchelt die Ferne, als wolle sie sagen:
Liebe mich, doch umarme mich nie! Unschuldig schaut das Drflein im Tale aus.
Kommst du aber den Htten nahe, so findest du Unrat und Siechtum, finstere
Geister, wste Herzen. So scheint in deinem Leben manches verklrt, da du es
noch ersehnst; fad und welk aber wird es, wann du es hast. - Wunderliche Ferne!
Soll ich dich nun des Truges anschuldigen, weil du nicht hltst, was dein
Lcheln verheit? Oder bist du preiswrdig, weil du Unedles ausscheidest aus der
gemeinen Welt und nur den Adel zeigst, so in Dingen und Menschen sich birgt
gleich dem Schatz im Abendburgfelsen?
    Nach etlichen Tagen kndete eine Rauchsule, da ein Schreiben fr mich
befrdert sei. Im Fluge trug mich der Schneeschuh zum Kesselstein, Futapfen
fhrten zum hohlen Baum, und ich fand den Brief. Kte ihn beglckt, da ich
Theklas Handschrift erkannte. Zwar nicht mehr so unsicher wie letztes Mal war
sie, immerhin zart, schchtern. Getrost, mein Liebling! las ich. Stille
erfllt mein Herz, Sonnenklarheit. Manchmal ist mir, als gleite ich noch immer
im Hrnerschlitten, vom Himmelreiche singend. Auch schaukelt mich jemand auf den
Armen. Bist Du das? Oder ist es meine Huldin Hoffnung, die neuerdings so gtig
um mich beflissen ist. Sie hat ein leis Lcheln, wie Hauch ist ihr Geflster.
Ich lauschte ihr diese Nacht, derweilen Tauwind am Dache rttelte. Willkommen,
Herold des Lenzes! Nun schmilz mir wacker den Schnee, da wir balde wieder die
liebe Matte zu sehen kriegen. Dann spriet es zart im Gestruch, winzige
Silberktzlein sitzen auf Weiden und Weipappeln. Die Amsel pfeift, und Stare
jauchzen. Erst wie ein Anhauch ist das Grn, doch an Sonnenpltzen lugen
Schneeglcklein aus winterlichem Gestrpp. Eine trumende, jngst verlobte Braut
ist die Erde, und frwahr, ihr mrzlich Trumen ist schner, als was spter
wirklich kommt. Mai und Junius schwelgen in Saftgrn und Blten, in Sonnenwrme
und Vogeljubilieren. Doch die ppigkeit, die satte Lust hat nicht den Adel der
Sehnsucht. O selig, wer in seinem Herzen den ersten Lenz verewigt! Erinnere
Dich, mein Brutigam, wem das gelang! Der Knigstochter und ihrem Liebsten! Den
Schatz der Brutlichkeit hielt noch mit greisem Haar das Hirtenpaar bewahrt im
Seelengrunde. ber sie hatte keine Gewalt das graue Gespenst. - Begreifst Du
jetzunder, wen ich meine mit dem Gespenst? Alles Lebendige whrt seine Zeit, das
reinste Wei ergraut einmal, es trbt sich jeder Glanz. Kann nicht auch das
heiligste Entzcken altern? Diese Sorge ist das Gespenst! Nicht, als ob ich
davor scheue, Silberhaar zu bekommen und Falten im Angesicht. Wenn aber unsere
Seelen verblhen, wenn ihre Frische welkt, ihr Schwung erlahmt, wenn die
staubige Gewhnlichkeit auf unsere Blumen und Schtze sinkt - schau, mein
Brutigam, mt es so kommen mit uns, ei so wollt ich doch lieber bald ins Grab
flchten, gelt? In Balsam hllen mcht ich mein Herz, da es immer bleibt, wie
es ist. Hilf mir doch nachsinnen, wie solches knne geschehn.
    Eine Wehmut ging von dem Briefe aus, da mir wie einem Brutigam war, wenn
am Altar seine Braut in Weinen ausbricht. Ach ja, die Erfllung ist ein Abschied
von der Sehnsucht. Gleichwohl suchte ich der Braut ihr Zagen auszureden. Mit
frohen Farben malte mein Schreiben die Zukunft. Ich schilderte, wie jeder Tag
zum Feste werden knne, wenn unser Auge nicht mit flachem Behagen auf der Nhe
ruhen bleibe, sondern neue Fernen entdecke, die selbst im Busen der Nhe sich
auftun. Auch frder wird der Himmel ob uns sich wlben und immerdar an einer
Stelle die Erde berhren, wo unsre Fernesucht ihr Wunderland ahnet.
    Es war, als wolle Thekla mein trstlich Zureden berhren; eine Woche spter
kam nur diese kurze Antwort: Mein Brutigam schwrmte davon, sein Haupt mir im
Schoe ruhen zu lassen, von meinem Haar wie von einer Laube umwallt. Ich denke
dabei an die Mondkugel im Wolkenschoe. Wundervoll freilich sind Silberschleier
und leuchtende Glieder der Wolkenfrau. Doch vom Monde kommt solche Pracht, mit
seinem Strahl verklrt er das Gewlk, das ohne ihn trber Dunst wre. Wei mein
holder Schwarmgeist, wie die Wolkenfrau geheien?
    Glhend widersprach ich dieser Demut, die ich Kleinmtigkeit nannte. Nicht
erborgten Glanz hat meine Thekla, sie leuchtet eigen, und nie verbleichen soll
mir dieser schnste Stern. Sorgenvoll bat ich alsdann, sie mge doch endlich
deutlichen Bericht ber ihr Befinden geben; was ihr gefehlt habe, und ob sie
genesen sei. Und Heinrich? wie lt er sich an? Das graue Gespenst macht mir
halt nur insofern bange, als Heinrichs Seelenschwung ermatten und seine
Bekehrung welken knnte.
    Seltsam lautete Theklas Antwort: In der Chronika derer von Schlick ist der
Lebenslauf manches Ahnen beschrieben. Von meines Urgrovaters Schwester Veronika
heit es, sie sei eine ebenso hochsinnige wie schne Jungfer gewesen. berreich
an Freiern, trat sie ins dreiigste Jahr, ohne ihr Herz verloren zu haben. Da
kam auf ihres Bruders Schlo ein Gast, war anoch ein Jngling, obwohl bereits
mit gldenen Sporen angetan, dazu ein gekrnter Sangesmeister. Als er nun wieder
scheiden gemut, lief Veronika heimlich hinterdrein. Mit ihrem sesten Lenze
hielt Frau Minne die beiden bezaubert. Und wiewohl sie ein ehelich Paar htten
werden drfen, war eine andere, ungewhnliche Hochzeit mehr nach ihrem Sinn.
Aufs Hochgebirg wallten sie Hand in Hand und mgen auf blumigen Matten bei
Felsen und Wolken, erhaben ob dem Getriebe drunten, wie Engel gewesen sein. Nach
dreien Tagen aber fand man sie entseelt in einem Abgrunde, wohinein sie in der
Umarmung sich gestrzt hatten. Ein hinterlassener Zettel war von des Ritters
Hand also beschrieben:

Wen du begnadet in der Zeit,
Hat Eines nur zu sorgen:
Nit welken darfstu, Seligkeit!
Wohlan, im Heim der Ewigkeit
Bleib alterlos geborgen!

    Dieser Liebesleute Beispiel zu empfehlen, sei ferne von mir. Herbeizwingen
darf man den Tod nicht. Doch ich fhle, wie durch meine Adern rollt der Veronika
Blut.
    Denn ich mchte nicht wieder ins trbe Tal sinken aus der klaren Hhe, zu
der mich des Himmels Gte emporgehoben. In reinster Liebe aufblhen, dann nicht
erst das Welken abwarten, sondern gleich eingehn zur stillen Ewigkeit!
Unschuldig sterben, wie jenes Knblein, an dessen Bahre Waldhuser Heimweh nach
der Ewigkeit empfand. Und unser kleiner Johannes - wiewohl Grauen seinen
Opfertod umgibt -, im weien Kleide als ein Lmmlein ist er zum guten Hirten
gekommen. So preist ihn ein Lied, das im Herzen seiner Mutter erklungen, bald
auch von ihr gelten mag:

Am offenen Fenster
Ein Flmmchen wacht,
Es flirrt und flackert
In wehender Nacht.

Ein Windsto wrgt es;
Da beugt es sich md,
Als ob ein Blmchen,
Ein blaues, verblht.

Aus lischt sein Auge;
Ein letzter, Strahl
Hinan zum heiligen
Sternensaal. -

Arm Flackerseelchen,
Du Bettelkind,
Gern wrst du worden
Was Sterne sind.

Mut nun versprhen
In Nacht und Tod.
Jedoch getrost:
Der Lichtborn loht!

Dein Lichtborn droben,
Die glhenden Sonnen,
Dran heilige Sehnsucht
Dir ist entbronnen.

Und was du liebtest
In armer Zeit,
Dein Reichtum ist es
In Ewigkeit.

Der Sternenliebe
Ergib dich ganz;
So wirst du selber
Zu Sternenglanz.

    Ich weinte. Ein Lied von ihr! ein Lied auf unser Kind! So war nun Klein
Johannes ein zitternder Klang im Elternherzen. Wie denn aber? Auch von der
Mutter sollte bald dies Lied der Wehmut gelten? So meint sie - oh!
    Bange Zweifel bestrmten mich. Immer rtselhafter ward Thekla. Weshalb diese
Todesgedanken? Warum ging sie mit keiner Silbe auf meine Fragen ein? War mein
Schreiben nicht in ihre Hand gelangt? Wollte sie die Antwort vermeiden? War
etwas vorgefallen? Ich beschwre Dich, Thekla - so schrieb ich - sprich
gerade heraus: Vermeinest Du, ein Hindernis vereitele unser ehelich Glck, und
willst Du mir Enttuschung ersparen, indem Du vorschnelle Hoffnungen zgelst?
Oder hast Du eine wirkliche Scheu vor unserm Zusammenleben, selbst wenn Heinrich
es gestattet? Darf ich nie als Gatte bei Dir einkehren? Willst Du bleiben, was
Du bist, mchtest nur meine Braut sein? In Zeit und Ewigkeit nichts weiter als
das?

Der Mrzmond war kommen, in den Tlern und selbst an den sonnigen Hngen meiner
Iserberge hauchte, spro und zwitscherte der erste Lenz, nicht anders, als
Thekla ihn geschildert. Da erhielt ich, nach siebentgigem Harren, ein neues
Schreiben. Du ewig Meiner! Wie soll ich danken fr all Deine Gte, Treue und
Geduld, fr die Wonnen, so mir Deine Liebe gab, und dafr, da Du mich zu einem
neuen, besseren und glckseligen Menschen gemacht. Immerdar nun mcht ich das
bleiben in Deinem Herzen. Als mein Vater endete, hat es die gute Marianka den
Kindern erspart, des Vaters Blut und Leichnam zu sehen; so ist es gekommen, da
mein Vater nur rstig und strahlend mir im Gedchtnis lebt. Nicht wahr, auch dem
Bilde, so ich Dir hinterlasse, vergnnest Du, da es nicht entstellet werde!
Wenn einmal der gute Tod mein Abendstndlein lutet, mcht ich mich
hinwegstehlen aus dieser Enge wie ein Hauch. Die am Sterbebette weinen, sollen
lieber ber das, was rchelnd hier unterlag, recht bald ein Tchel decken; ich
schme mich der armseligen Krperlichkeit. Ich bin nicht Staub; in dieser Ruine,
die vordem eine saubere Htte gewesen, hat mein Geist gehauset und geschafft.
Die zertrmmerte Klause meidet er, sein Heim ist ein hohes, weites Knigszelt.
Diese Mahnung gilt meinem guten Heinrich. Hilf ihm verstehen! Wer wie Du und
Sibylle gelernt ins Ewige zu schauen, der findet mich darin, und darf nicht
traurig bleiben. Fr Dich, mein Liebling, mcht ich noch besonders vorgesorgt
haben fr den Fall meines Todes. Das beste wre, wenn Du von meinem Krankenlager
gar nichts erfhrest. Schttelt mich der peinvolle Husten, so drft ich denken:
Gottlob, er ahnt nicht diesen Verfall. Aus meinen Briefen an Dich, die ich
gebieterisch der matten Hand abringen wrde, liee ich nur so viel durchblicken,
als meinem Ziele dient.

Nit welken darfstu, Seligkeit!
Wohlan im Heim der Ewigkeit
Bleib alterlos geborgen!

    Sei nicht bange, Johannes, versteh mich recht: Nur gesetzt den Fall, da ich
dem Tode nahe, wrd ich so tun. Sanft ablenken mcht ich Deine Sehnsucht von der
Gattenschaft, da Dir vertraut der Gedanke werde, mich nie in Deine Arme zu
schlieen, sondern immer nur eine Sternenbraut zu haben. Selbst wenn ich schon
in der Erde ruhete, wrden an Dich noch immer Briefe abgehen, auf Vorrat von mir
geschrieben. Sibyllen htt ich eingeschrft: Jeden Sonntag bis auf weiteres
gnne ihm sein Briefel!
    Schlielich allerdings, nachdem meine Betrachtungen Dich vorbereitet htten,
mtest Du wohl die Wahrheit erfahren; und also sollte dies geschehen: Wenn mein
letzter Brief in Deinen Hnden wre, kme Heinrich zur Abendburg und sprche:
Lieber Bruder, ich soll Dir melden, sie sei nun bei uns alle Tage! - Will dann
mein Liebling weinen, so sinke er an Heinrichs treue Brust. Bei jedem weitern
Anfall des Leides aber lausche in Dich hinein, bis Du die Worte vernimmst: Dies
ist derselbe Kummer, den auch sie empfunden hat, und nun sind Braut und
Brutigam wieder eins, wenn auch nicht in Lust. Mein Wunsch, falls ich bald
sterben sollte, wre noch, es mchten Heinrich und Sibylle Dir zureden, die de
Abendburg doch zu verlassen und lieber in der Baude am Breiten Berge zu hausen.
Nicht weil mein Staub daselbst ruht - Dein Herz ist ja mein wahres Grab;
vielmehr weil Du wohnen sollst in meinem Stbel. Da mgen Dich tglich gren
die Zeichen meiner Zrtlichkeit und meines Wandels Spuren. Auch wirst Du Dir
viel zu erzhlen haben mit Heinrich und Sibyllen. Behalte sie lieb; auch in
ihnen lebt Deine Thekla ...
    Verzeihe nun, mein Liebling, dies seltsamliche Gedankenspiel, nur ein
Vorsorgen ist es ja fr den Fall meines Todes. Nicht bekmmern darf es Dich, es
soll Dich rsten und beruhigen, wie es mir selber Trost gab. Ich bin im Frieden;
und seliger ist keine Erdenbraut, denn Deine Thekla, berufen zum Altar der
Ewigkeit.

Ein Bettlein ward mir zugedacht,
Wie's keine Mutter sanfter macht.

Ich bette mich in seine Ruh,
Wann ich den letzten Seufzer tu.

Und trume lchelnd: O was hab
Ich fr ein wunderses Grab!

Von deiner Liebe eingewiegt
Und wie in Gottes Scho geschmiegt!

Nun drcke noch, als weien Stein,
Die Hand auf diesen Ruheschrein.

Die Hand aufs Herz dir selber, du!
Drin ich so treu geborgen ruh.

    Diese Zeilen lieen wiederholt mein Herz vor Bangen stocken. Wenn Thekla so
gesonnen war, konnte ich ja gar nicht wissen, ob der Fall, den sie errterte,
nicht schon eingetreten. Wr's mglich? Lag sie vielleicht wirklich bereits
unter der Erde, und waren ihre letzten Briefe nur gtige Tuschung?
    Erst schlug mich der Schrecken nieder, und ich zitterte. Dann faltete ich
die Hnde, von Andacht durchschauert. Hehr und khl ward es innen wie in einem
Dome, und ein Flstern ging durch die Stille: Hie bin ich, Liebling! Schau mir
ins Auge, wie du bereits im Bhmerschlosse schauen gelernt. Im Seelenblick sei
eins mit mir, mich findest du, sooft dein Sehnen lodert, sei's an der
Zackenschlucht, sei's wo du magst. In allem Schicksal web' ich dir, aus tausend
Verstecken lach' ich dich an. Ich trste dich, bin dir Beraterin und
Schaffnerin, ich wirke mit bei allem Tun, das unsere Seelen einen kann. Nimm
mein Bestes in dich auf, setze fort mein Lieben und mein Trachten! So hast du
nichts verloren. Seit wir einander aufs neue hienieden begegnet sind, durft ich
ja nie ein andres sein denn deine heimliche und ferne Braut. Wohlan, nichts
Minderes bin ich worden; alles bleibt, wie es war, und wir haben noch den
Vorteil, da unser Minnen gerettet ist vor dem grauen Gespenst. Briefe tauschen
wir, solange du atmest - nur da du nicht erst zu schreiben, vielmehr blo an
mich zu denken brauchst, und da dein Herz an Stelle des Baumes dient. Sei nun
zufrieden, weil alles doch in Ordnung. Ich wut es nicht besser einzurichten. Da
mir der Tod so nahe bevorstund, wollt ich dir sein Bild ersparen und lieber das
holde Geheimnis der Ferne dir verewigen. So flsterte es in mir, eine sanfte,
gtige Hand lag in der meinen, und am Altare kniet ich mit der Sternenbraut.

Komm, Sonnenmund, du Hochzeitsbecher,
Zum Abendmahle mir geweiht!
Im Kusse sterbend saugt der Zecher
Das Feuerblut der Ewigkeit.
La trinken, trinken deinen Gatten -
Bis ihm die Seele feierstill,
Ein Himmel ohne Wolkenschatten,
Ein Sonntag, so nicht enden will.

    Wie ich in der folgenden Frhe vor die Tr meiner Klause trat, siehe, da
kamen aus dem Walde Heinrich und Sibylle gegangen. Ich schrak zusammen. Das war
ja, wie Thekla es angekndigt. Wie versteinert stund ich. Und nun war Heinrich
bei mir, schwer atmend. Weh lag auf seinem Antlitz, feierlich blickte sein
blaues Auge, dann kamen die bebenden Worte: Lieber Bruder - ich soll dir melden
- sie - ist nun bei uns alle Tage. Aufschluchzend lagen wir einander in den
Armen, indessen Sibylle still fr sich weinte. Du weit alles, Bruder? fragte
Heinrich weich. Ich nickte. Und wirst zu uns kommen? Ich drckte seine Hand
und auch Sibyllens Hand: Sie will es so; gerne komm ich mit; ich danke euch.
Lasset mich nur noch das Liebste aus meiner Habe zusammenraffen.
    Wir saen beisammen und weinten still. Dann hub der Umzug an. Sibylle fhrte
die Ziege; Heinrich trug meine Waffen, in seiner Hucke waren meine Bcher;
hinterdrein wankte irr der Oheim mit der Harfe. So schwanden sie im Walde. Auch
fr mich lag ein Bndel bereit. Doch ging ich noch nicht, mir blieb noch etwas
zu tun. Ich durfte ja die Abendburg nicht lassen, wie sie war. Sonst htte sie
in goldgierigen Menschen aufs neue den Dmon reizen knnen, der doch schon
genung des Unheils hier angerichtet. Trmmer sollten den Hhleneingang
verschtten. Da kamen mir nun zustatten die vorhandenen Pulverfsser. Ich
brachte sie in Spalten der Grotte und leitete Zndschnur zur Balkenklause.
    Ein letzter Abschiedsblick ins alte Heim, dann zerrte ich aus dem Ofen
Feuerbrnde und zndete an. Von Ferne beobachtete ich, wie die Flammen aus
Fenster und Dach loderten. Pltzlich huben sich Stcke des Felsens, als ob ein
riesiger Maulwurf den Grund emporwhle, dicke Feuerstrahlen schossen herfr, es
krachte, als berste der ganze Berg. Und zusammen in sich sank die Abendburg wie
ein zertrmmerter Turm, dann war alles in schwarzen Qualm gehllt, aus dem die
Funken stoben. Bald legte sich der Aufruhr, die Balken verkohlten und
verglhten, ich trat herzu und vergewisserte mich, da der Felsen ob der Hhle
zusammengebrochen war und den Eingang zur Tiefe, den ohnehin auer mir, dem
Oheim und Kiesewalds kein Lebender mehr wute, vllig begraben hatte. Ein
Seufzen; dann lud ich mein Bndel auf und lie die Sttte hinter mir. Auf des
Zackenberges Rcken schaute ich zurck, berm Hohen Stein schwebte noch Rauch.
Der war wie ein letztes finstres Mahnen an die Welt der Gier und Fehde. Mein
Hund schnopperte unruhig und glotzte scheu. Dann zog er den Schwanz ein, hub den
Kopf und heulte aus tiefer Brust. Er heulte, und ich schluchzete. Endlich fate
ich mich und ging.
    Wie ich nun an die Schlucht des tosenden Bergstroms kam, allwo ich vor einem
halben Jahr Thekla erwartet und das Feuer entzndet hatte, flog mein Blick
hinber zur Waldwiese, als liee sich aufs neue die Braut finden. Und sieh doch!
ich traute meinem Auge nicht: sie stund, wo sie damals gestanden. Wenigstens
schien es eine Menschengestalt zu sein. Einmal meinte ich, Sibylle sei es. Bei
schrferem Sphen kam es mir vor, es msse ein Baumstumpf sein - oder ein Felsen
- vielleicht gar nur ein Schatten. Sei's, wie es wolle! Mir war dies Gebilde
meine Thekla, ich erkannte ihr stahlblau Gewand und Kopftuch, sogar das Braun
der Locken und ihr liebes Angesicht, still lchelte sie mich an.
    Dem Schauen hingegeben, war ich ins Beerenkraut gesunken, sanfter Jubel sang
mir im Herzen: Se ferne Braut! Mein Schatz der Abendburg! Dazu vernahm ich
in weiter Ferne Glockenluten, als begebe sich zu Hirschberg, im ganzen Tale
drunten, ein gro Feiern. Und ich trumte, die Stadtruinen seien bekrnzt, auf
den Knien lgen die wenigen Bewohner: Friede! Das lange Sengen und Morden ist
aus! Endlich Friede! Und leibhaftig erschien der Friede, ein weigekleidet
Kindlein. So mag gelchelt haben jenes Kindlein, das der Abendburgfelsen seiner
Mutter zurckgab; und so mag strahlen das Mgdlein vom Krkentor, wann die
lichte Ewigkeit ihm seine finstre Mauerklause hat aufgetan.
    Und nun sieh! Ksse warf mir von drben meine Braut zu; war dann um ein
Freudenfeuer beflissen - und nun sollte auch das meinige lodern.

Waldfeuer drben an der Bergeshalde,
Dein Wlkchen Rauch
Schwebt einsam nicht; aus meinem Tannenwalde
Steigt gleicher Hauch.

Ob dort und hier zwei treue Herzen flammen,
Getrennt durch Kluft und Strom -
Den Rauch, die beiden Sulen, schmilzt zusammen
Ein Himmelsdom.

Die Ferne hat ein Minnen uns gegeben,
Das nicht geniet,
Nur segnend grt - und sanft zu Gottes Frieden
Hinberfliet.

Waldfeuer drben an der Bergeshalde,
Dein Wlkchen Rauch
Schwebt einsam nicht; aus meinem Tannenwalde
Steigt gleicher Hauch.

