 Die Verwandten  [61] Den Bildern aus dem Elternhause füge ich noch ein paar Mitteilungen über die Verwandten hinzu, bei denen ich aus- und einging. Im selben Ort wohnten eine Viertelstunde nach Osten die Geschwister des Vaters, drei Schwestern und Onkel Ipke, der jüngste von allen. Sie waren, wie schon berichtet ist, als mein Vater heiratete, auf der Stelle geblieben, in die sich die Familie nach der großen Flut 1825 gerettet hatte; der Vater hatte sie dem jüngeren Bruder vor allem wohl um der Schwestern willen überlassen und sich selber einen anderen Wohnsitz gesucht: er wollte ihnen nicht die Heimat nehmen. Sie blieben unverheiratet beieinander; sie fühlten sich ihr Leben lang wie eine Art Fremdenkolonie auf dem Festland, wie sie denn auch vielfach, nach mehr als dreißigjähriger Ansässigkeit, noch die »Halligleut« genannt wurden; so fest war in jener Zeit der Heimatzusammenhang. Ich war bei den Tanten natürlich wie Kind im Hause; ja ich wurde als der Sohn ihres über alles verehrten und geliebten ältesten Bruders, unter dessen Obhut und Führung sie nach des Vaters Tode zwanzig Jahre gelebt hatten, vielleicht zärtlicher geliebt und gehegt, als eigene Kinder es geworden wären. Jedenfalls wurde mir bei ihnen mehr Freiheit und Nachsicht zuteil als zu Hause, wo die Mutter unter dem Gefühl der Verantwortlichkeit mich strenger hielt. Natürlich merkte das der kleine Rechner bald, und so ging ich wohl auch einmal ohne Vorwissen und Erlaubnis der Mutter zu ihnen, um so mehr als ich dort auch fand, was ich zu Hause nicht hatte: eine Spielgefährtin. Die Tanten hatten die älteste Tochter einer im Dorf verheirateten älteren Schwester zu sich genommen, als diese seit der Geburt jüngerer Kinder kränklich blieb. Meine Cousine Tine, sie ist in diesem Jahre (1907) herzlich betrauert von uns gegangen, ist viele Jahre meine nächste und liebste Spielgenossin gewesen; ein paar Jahre älter als ich, wußte sie mich mit angeborener Sicherheit und Liebenswürdigkeit zu leiten[61] und zu beschäftigen. »Tine, was sollen wir nun?« das sei, so ist mir oft nachher gesagt worden, meine immer wiederkehrende Frage gewesen. Als ich in die erste Schule kam, die von dem Hause meiner Tanten bloß ein paar Schritte entfernt lag, war ich sehr häufig ihr immer willkommner Mittagsgast, und war das Wetter im Winter zu schlecht, so durfte ich auch zu Nacht hinübergehen. Als ich später einmal während anhaltender Krankheit der Mutter wohl ein ganzes Vierteljahr bei ihnen gewesen war, kostete es nachher sehr entschiedenes Auftreten der Mutter, um mich wieder in das Elternhaus zurückzugewöhnen. Die älteste der Schwestern hieß Brodine, wohl eine etwas willkürlich gebildete weibliche Form zu dem männlichen Broder, einem häufigen Vornamen, zu dem das eigentlich weibliche Seitenstück Soster (Schwester) ist, auch ein nicht ungewöhnlicher Name; nimmt man Namen wie Poppe, Sanke (Söhnchen) hinzu, so sieht man: es ist nicht ein Überschwang der Phantasie, der sie erfunden hat, sondern die Hausbezeichnung des Kindes blieb als allgemeiner Name, ähnlich wie bei den Römern. Tante Brodine war eine sehr merkwürdige Frau; streng abgeschlossen nach außen, führte sie ein eigenes Innenleben. Während sie sonst wenig sprach und immer mit abgewendetem Blick, erzählte sie uns Kindern, die wir mit ihr in einem großen Wandbett schliefen, gern sowohl aus der eigenen Jugend und ihren Erlebnissen, von der Hallig, von der Schiffahrt, von der Flut, als allerlei Geschichten, die sie mit treuem Gedächtnis bewahrte. Sie hatte ein ungemein sicheres Gedächtnis; die Bibel hatte sie durch und durch inne, es wurden unter uns wohl biblische Namen im Spiel gefragt: sie wußte sie alle mit allen ihren Beziehungen, von Kedor Laomer bis zu den drei Töchtern Hiobs; aber auch weltliche Dinge waren ihr aus dem Schulunterricht sicher haften geblieben. Als ich von Erlangen als Student in die Ferien kam und sie besuchte, wußte sie gleich Bescheid: »Erlangen«, wie sie aussprach, »Ansbach und Baireuth.« Im Haushalt hatte sie die Küchenverwaltung, bis sie sich in ihren späteren Tagen auf ihr Stübchen im Backhaus zurückzog, ganz der Einsamkeit und der Erinnerung lebend; im Winter saß sie ohne Licht stundenlang regungslos in ihrem alten Armstuhl, dabei ganz freundlich und teilnehmend, wenn man sie aufsuchte. Aber sie hatte kein Bedürfnis, weder nach Unterhaltung noch Arbeit. Was in ihr vorging und womit sie sich innerlich beschäftigte, sie hat es keinem Menschen mitgeteilt.[62] Die zweite Tante, meinem Vater im Alter am nächsten folgend, hieß Paulene. Sie war die Güte selbst, ich habe von ihr nie ein hartes oder auch nur ein minder freundliches Wort weder gegen jemand, noch über jemand in seiner Abwesenheit gehört. Eine tiefe, ganz innerliche Frömmigkeit machte ihr Wesen aus, sie sprach nicht viel davon, aber sie lebte ganz darin. Am Morgen ihres Todestages sagte sie mit ruhiger und freudiger Zuversicht zu den Geschwistern: »Heute wird mich mein Jesus holen.« Sie lebte längst mehr im Jenseits, als im Diesseitigen. Für mich hat sie immer die zärtlichste Zuneigung gehabt; als ich der Heimat den Rücken kehrte, hat es vielleicht niemand tiefer gefühlt, auch wenn sie es nicht sagte: überflüssiges Bereden und Beraten war überhaupt in diesem Hause nicht üblich. Jeder muß seinen Weg selbst finden, so galt es auch unter den Geschwistern: Zurückhaltung und Diskretion ist der erste Beweis guter Gesinnung; dem andern dreinreden ist unziemlich. Tante Josine, deren Namen doch wohl biblischen Ursprungs ist, mit dem König Josias zusammenhangend, der ebenso, wenn auch seltener als der alte Joachim in friesischen Taufnamen wiederkehrte, trat hinter den Schwestern zurück; sie war eine weniger bedeutende und innerlich reiche Natur. Lange Jahre hat sie dem Bruder bei der Feldarbeit geholfen, bis sich die Schwächen des Alters einstellten. Da eine Magd nicht gehalten wurde / die Geschwister mochten keine fremden Leute in ihrem Kreise haben, sie hielten oft, außer Tagelöhnern, nur einen Hütejungen / so war immer ein Übermaß von Arbeit zu tun: neben der Feldarbeit die Milchwirtschaft mit sechs bis acht Kühen, so daß im Sommer der Tag wohl von vier Uhr morgens bis 10 Uhr abends dauerte. Dennoch nie ein Wort des Unmuts über ein Zuviel: das ist nun so und von jeher so gewesen und damit muß man fertig werden. Wozu vergebliches Klagen? Wir wollen es so, und wir haben es so, wie wir wollen. Amazon.de Widgets Der Herr des Hauses war Onkel Ipke; er steht mir als eine jugendlich elastische Gestalt vor Augen, wie er denn bis an sein Lebensende die jugendliche Farbe des Haares und des Gesichts behalten hat. Er hatte ungern den Bauernhaushalt übernommen; er wollte irgendwo an einem Wasser sich niederlassen und Fischer werden. Er ist doch ein leidenschaftlicher Bauer geworden; sein Betrieb war größer als der des Vaters; vor allem zog er auch junge Pferde und gräste jütische Kühe; er kam daher viel mehr als der Vater in den Marktverkehr[63] hinein, vor dem dieser stets eine starke Abneigung hatte. Ich bin öfter mit dem Onkel auf die Märkte gekommen; er war ein sehr sicherer Beurteiler und ein zäher Händler; ohne viel Worte zu machen, wußte er seinen Willen durchzusetzen. Dabei arbeitete er im übrigen hart wie ein Knecht; es war ihm nichts zuviel und nichts zu schwer: mir ist nie wohler, pflegte er zu sagen, als wenn ich tüchtig arbeite, das Stillsitzen kann ich nicht vertragen. Er wunderte sich wohl im stillen über den Vater, der im Winter den ganzen langen Tag über seinen Papieren sitzen konnte, ohne auch nur einmal vor die Tür zu gehen. Onkel Ipke las wenig und schrieb gar nicht; er war den ganzen Tag im Stall und in der Scheune tätig, und auch das Dreschen, eine Arbeit, von der sich der Bauer sonst dispensiert, ließ er sich nicht nehmen. Bis in sein höchstes Alter tat er im Sommer über draußen alle Arbeit. Da er als der letzte von den Geschwistern starb, so fehlte es ihm zuletzt zu Hause sehr an nötiger Pflege; er konnte sich nicht entschließen eine Fremde ins Haus zu nehmen und sorgte selbst, so gut oder übel es ging, für die Küche. Die Verwandten redeten ihm wohl zu, sich anders einzurichten; aber er blieb bei seiner Art, ruhig, aber bestimmt jede Beratung in seinen Angelegenheiten ablehnend. Wer von außen in das kleine dürftige Haus hineinsah, das er sich nach Verkauf des alten Besitzes gekauft hatte, mußte denken, ein armer Tagelöhner wohne hier. Er hätte sich, ohne seinen Besitz an Kapitalien und Papieren zu erschöpfen, ein sehr ansehnliches Rittergut kaufen können; so war das Vermögen der Geschwister bei steigender Konjunktur und bei strenger Sparsamkeit in den langen Jahren gewachsen. Sinn und Bedürfnisse hatten sich völlig unabhängig von der Umgebung durchaus auf dem alten Fuß gehalten. Das alte Haus, in dem die Geschwister über 60 Jahre wohnten, war recht stattlich, viel stattlicher und reicher als unser Haus. Es war offenbar aus vollen Mitteln gebaut. Die geräumige Wohnstube zeigte eine reiche Holztäfelung im Stil des 18. Jahrhunderts, Türen und Bettläden waren mit Malereien versehen, Städte mit Türmen, Dörfer mit Mühlen usw. darstellend. Mit den alten Sesseln und Stühlen ausgestattet, die mit ihren gewundenen Säulenbeinen und ihrer bemalten Lederpolsterung auf das 17. Jahrhundert zurückwiesen, machte das Ganze einen altmodisch-vornehmen Eindruck. Der große Pesel enthielt manches alte Stück, das die Aufmerksamkeit des Knaben auf sich zog: einen großen Sekretär, auf dem eine gewappnete weibliche[64] Figur aus Gips, eine Minerva, wie ich später lernte, stand, ein paar alte blauweiße Bettvorhänge, auf denen eine Menge Figuren und Geschichten biblischer Herkunft gestickt waren usw. Auch die Schränke gaben Altertümliches und Fremdartiges her, das wohl einmal auf Wunsch gezeigt wurde: bunte Seidenkleider mit Silberschmuck von Filigran, Bernsteingeräte und Schmucksachen und Ähnliches. Einiges davon ist noch im Familienbesitz, das meiste an Händler verschleudert worden, die seit den 60er Jahren die Gegend absuchten und mit schrecklicher Beharrlichkeit den Willen auch der Widerstandsfähigsten brachen: man muß sie doch los werden. Der Hauptanziehungspunkt für mich war jedoch der Bücherschrank; in einem großen Wandschrank über einer der Wandbettstellen der Wohnstube waren die Bücher und Papiere aufbewahrt, die man von Oland mit herübergerettet hatte. Es waren fast lauter Bücher geistlichen Inhalts, höchst gewichtige Predigtbücher bildeten den Hauptbestand; viele zeigten die Spuren der Flut, wasserdurchtränkte und sich auflösende Blätter redeten von dem, was sie durchgemacht hatten. Daneben fand sich aber auch für mich Genießbareres; so erinnere ich mich zahlreicher Bände Baseler Missionsberichte; ferner eines dicken Buches mit Betrachtungen auf jeden Tag des Jahres, über die aber allemal irgendein Holzschnitt, ein Kompaß oder eine Windmühle, oder ein Bienenkorb gesetzt war, an den die geistliche Betrachtung mehr oder minder sinnreich anknüpfte. Ich weiß den Titel nicht mehr, sehe aber noch diesen und jenen Holzschnitt. Endlich waren zahlreiche Familienpapiere da, besonders eine Menge Skripturen vom Großvater Ipke Petersen, der auch noch in der Erinnerung der Tanten lebendig war. Abwechselnd Schiffer und Küster auf Oland, hatte er einen erstaunlichen Drang gefühlt, von seinem Innenleben auch schriftlich sich Rechenschaft zu geben. Eine Menge davon ist noch in meinem Besitz. In diesen Schrank pflegte ich als Knabe hinaufzuklettern und konnte dann stundenlang oben bleiben und in den Schätzen blättern und lesen. Die Tanten haben wohl einmal, wenn sie mich nur mit Mühe herunterbrachten, gesagt: der wird einmal Prediger werden, zum Bauer taugt er nicht. Ein zweites Verwandtenhaus im Ort war das des Schwagers meines Vaters, des Vaters der obengenannten Cousine Tine. Ich kam seltener hin, die Eltern standen sich nicht sehr nahe, doch haften auch an ihm manche Eindrücke. Und es war ein nicht uninteressantes Haus. Schon[65] das Haus selbst, es mochte aus dem Anfang des 17., vielleicht auch noch aus dem 16. Jahrhundert stammen. Die Räume waren niedrig, die Mauern nicht so hoch wie später üblich aufgeführt, die Fenster daher mehr breit als hoch, mit kleinen bleigerahmten Scheiben; über den Fenstern ging das Dach schräg aufwärts, inwendig in den Stuben verkleidet durch eine schräge Holztäfelung. Noch tiefer als auf der Südseite ging das Dach auf der Nordseite herunter, so daß die Tür, die hier ins Freie führte, nur eine Höhe von kaum 11/2 Meter hatte. Es ging die Sage: die siegreichen Dänen hätten einst verboten, höhere Türen zu bauen, damit die Friesen, wenn sie nach Norden hinausträten, sich jedesmal bücken müßten und damit an ihre Unterwerfung erinnert würden. In der Stube lief rings um die Wände eine Holzbank oder vielmehr eine Lade, die gleich als Sitz diente. Die Wände waren mit alten Majolika- und Zinnschüsseln verziert. Auch die Wirtschaftsräume waren niedrig, zeigten aber Eichenbalken, wie es sie im Lande nicht mehr gab. Auch die Bewohner des Hauses waren nicht ohne Interesse. Zwar die Mutter, die Schwester meines Vaters, war kränklich und stand unter dem Druck, sie trat wenig hervor und starb früh; seitdem mußte Tine nach Haus kommen und den Haushalt führen. Der Mann, Sönke Pferdedoktor, wie er in der ganzen Umgegend hieß, war weit und breit bekannt. Er war im Besitz der Kunst kranke Pferde und Vieh zu heilen. Er hatte sie nicht auf einer Schule gelernt, sondern von seinem Vater geerbt, der sie wohl wieder vom Vater hatte. Wieviel Vertrauen sie verdiente, weiß ich nicht, sie fand aber ein außerordentlich großes und verbreitetes; freilich kostete die Beratung nichts, der nicht gelernte Tierarzt durfte nicht gegen Entgelt praktizieren, und bei der Apotheke machte er den Leuten auch keine Kosten, seine Heilmittel waren einfach: das gewöhnlichste wohl der Aderlaß, den er selbst rasch und sicher ausführte, nicht selten, bis das Tier zu schwanken anfing. Innerlich wurde Bier und Butter, zusammengekocht, gegeben, der Trank pflegte den Tieren mit einer Flasche durch den Mund oder auch durch die Nase eingegossen zu werden; dazu kamen Klistiere, Salben, wobei grüne Seife eine beträchtliche Rolle spielte, und anderes. Die Heilerfolge waren wohl nicht selten überraschend. Jedenfalls, die Leute brachten kranke Tiere, vor allem Pferde, von weither oder schickten Wagen, ihn zu holen, so daß er sich des Andrangs oft kaum erwehren konnte. Im übrigen war er ein kleiner kränklicher Mann, er hatte es »auf der[66] Brust«, wie man bei uns sagte; er führte die Krankheit selbst auf die Teilnahme an dem Winterfeldzug gegen Bernadotte 1814 zurück. Doch brachte er sein Leben trotz manchem Ach und Krach auf über siebzig. Nach dem Tode des Vaters blieben die Kinder, außer Tine noch eine Schwester und ein Bruder, unter der Obhut des Vaterbruders, Ketel. Er war unverheiratet geblieben und diente seit Menschengedenken seinem nur ein paar Jahre älteren Bruder als erster Knecht; ich weiß nicht, ob er auch Lohn erhielt, ich halte es für wahrscheinlich, denn Pflicht um Recht war der herrschende Grundsatz. Im übrigen war er ein wohlhabender Mann, mit einem ganz stattlichen Vermögen; aber er wollte und suchte nichts andres, als eine Stelle, wo er leben und arbeiten konnte. Wie die Führung des Haushalts, so erbte er auch die Kunst des Bruders, die er übrigens vertretungsweise wohl auch früher schon geübt hatte. Mit ihm ist sie ausgestorben; der Vater wollte nicht, daß der Sohn sie lerne, es sei eine große Last ohne Ertrag. Ebenso war auch die altererbte ungelernte Menschenheilkunst, die in meinen ersten Jugendjahren auch noch an mir einmal mit Erfolg geübt worden ist, kurz zuvor ausgestorben. Ich war als kleines Kind bei einem Besuch auf dem Lande in einen tiefen trockenen Graben gefallen und hatte mir einen Arm aus dem Gelenk gefallen; sogleich wurde angespannt und ich zu unserem alten Ingwer Gliedsetzer (Lasetter) gebracht. Der renkte den Arm wieder ein, und die Sache war erledigt. Das dritte Haus, das mir sehr lieb und vertraut war, war das Elternhaus meiner Mutter; es lag in dem 11/2 Stunden entfernten Dorf Sande, Kirchspiel Enge. Hier lebten, als ich ein kleiner Knabe war, noch die Großeltern, bei ihnen im Hause der ältere Bruder der Mutter Ketel Moritz und die jüngere Schwester Agathe Margarete. Onkel Ketel war seit 1848 verheiratet mit der Schwester meines Vaters Tante Naëmie Johanna, so daß wir durch doppelte Verwandtschaft verbunden waren. Drei Kinder wuchsen ihnen heran, so daß die engen Räume des kleinen Hauses übervoll waren. Aber herzliche Neigung und Ehrerbietung aller Glieder des Kreises gegeneinander ließen die Enge keinen Augenblick zu lästiger Bedrängtheit werden. Ich habe ein klareres, herzlicheres, harmonischeres Gemeinschaftsleben, als es in diesem Hause herrschte, nirgends gesehen. Seit dem Tode des Großvaters (1854) war Onkel Ketel das Haupt des Hauses. Er war ein Mann von seltener Sicherheit und Klarheit[67] des Wesens. Gelernter Zimmermann, er hat noch für die Aussteuer der Mutter dies und das Stück mit eigener Hand gearbeitet, stellte er das Handwerk mehr und mehr beiseite und widmete sich, da auch der kleine Landbesitz allmählich vergrößert wurde, ganz der Landwirtschaft. Es war ein Betrieb ähnlich dem unsern, etwas kleiner. Onkel Ketel war ein vortrefflicher Erzieher, er besaß das Geheimnis der Leitung und Zucht: die rechte Mischung von Ernst und Freundlichkeit, oder mit E.M. Arndts Worten, von Liebe und Notwendigkeit, wobei der Ernst oder die Notwendigkeit voranstand, so daß die Liebe nie in Gefahr kam, mißverstanden zu werden. Bei der Tante Johanna war es umgekehrt, hier stand die Liebe so sehr voran, daß die Notwendigkeit Mühe hatte, irgendwo der Nachsicht ein Rändchen Boden abzugewinnen. Sie war der Schwester Paulene in ihrer Herzensgüte nächstverwandt, sie konnte niemand etwas abschlagen oder ihm entgegentreten. So war denn die Festigkeit des Vaters eine sehr glückliche Ergänzung. Die »Reisen« nach dem Sande waren für mich von klein auf Festtage. Ich erinnere mich eben, wie ich als ganz kleiner Kerl auf dem Hinweg neben dem Vater auf dem vordersten Wagenstuhl saß und die Peitsche in der Hand hielt, um am späten Abend, wenn es kühl geworden war, unter dem großen Mantel der Mutter schlafend wieder zu Hause anzukommen. Auf dem Sande war der große Anziehungspunkt der »Strom«, die Scholmerau, die eine Viertelstunde entfernt, den Landbesitz des Onkels durchschnitt, was ein Boot notwendig machte. Das Boot und die Fahrt über den Strom spielt in meiner Jugendphantasie eine bedeutende Rolle; es war das erste große lebendige Wasser, das ich so aus der Nähe kennen lernte; auf seinem Spiegel breiteten Wasserrosen, die mit unendlich langen Stengeln in die geheimnisvolle Tiefe hinabragten, ihre großen runden Blätter aus und entfalteten die weißen und gelben Blüten und die großen Samenkapseln, die wir pflückten und nach Hause brachten. Am Rande wuchs eine Schilfart (Bawelte), zwei, drei Meter lang und daumendick. Und die Niederungen am Ufer standen schon um Ostern, wo in der Regel nach der langen Winterpause die erste Ausfahrt gemacht wurde, in vollem Goldschmuck: die große gelbe Dotterblume bedeckte weithin die Wiesen an den Krümmen des Stromes. Als ich größer wurde, begann ich die Reise nach dem Sande allein und zu Fuß zu machen; ich war vielleicht sechs oder sieben Jahre, als ich zum erstenmal das Abenteuer bestand: es[68] war damals gar nicht so einfach; die Chaussee war noch nicht da, der Weg ging durch drei fremde Dörfer; mancher Irrweg war möglich, er wurde mir mit dem richtigen von der Mutter zu Hause sorgsam eingeprägt, und doch stand ich dann hinterher zweifelnd vor der Entscheidung. Dazu überall unbekannte Menschen und fremde Hunde, die mich fremd ansahen und mir beharrlich nachbellten. Ja fremde Hunde, das war keine Kleinigkeit; vor allem stehen mir noch zwei große schwarze zottige Pudel vor Augen, die an einem einsamen Haus am Deich schon von ferne dem kleinen Wanderer auflauerten und ihn weithin kläffend verfolgten; sie sind mir lange ein Schreckbild geblieben. Dafür war es dann kein kleiner Stolz, wenn ich geborgen aus soviel Fährlichkeit bei den Großeltern ankam und nun in Sicherheit davon erzählen konnte. Amazon.de Widgets Wie oft hab ich in der Folge den Weg nach dem Sande gemacht, zu jeder Jahreszeit, zuletzt auf allen möglichen selbstgesuchten Wegen, über Fennen und Gräben, über Dämme und Ströme, im Winter auf Schlittschuhen, immer gleich gern. Meist durfte ich eine oder zwei Nächte drübenbleiben, das Aufwachen am Morgen und das Innewerden: nun habe ich noch einen ganzen Tag hier, war der schönste Augenblick. Die Kinder, zwei Schwestern und ein jüngerer Bruder, wuchsen mir allmählich zu Spielkameraden heran, ich lehrte sie die Spiele, die ich von Hause mitbrachte; wir streiften über die Felder, wo an den Grabenrändern hie und da Brombeerbüsche wuchsen; oder der Strom mit dem Boot zog uns an, freilich war das Boot festgemacht, aber man saß doch darin, und ein wenig ließ es sich auch da und dorthin bewegen, und daß es eigentlich verboten war, gab der Sache noch einen Reizzuwachs. Am allerschönsten war es zu Weihnachten. Dann packte mir die Mutter alle Taschen voll und dazu wohl auch ein rundes Körbchen, und ich erschien drüben als Spender herrlicher Gaben: Puppen und Bälle, hölzerne Pferde und Kühe, ja ein ganzer Stall und eine ganze Stube kamen zum Vorschein, und ein andermal ein Bilderbuch oder ein kleiner Nähkasten, ein Tuch oder eine Mütze, dazu Kuchen in allen Formen und Größen, und Äpfel und Nüsse, was weiß ich alles; und die Augen der Kinder wurden immer größer, und die Tante Johanna meinte ganz wie die Weisen aus dem Morgenlande: und täten ihre Schätze auf, Gold, Weihrauch und Myrrhen. Es stimmte nicht ganz, aber die Stimmung war es doch; die Freude der guten Könige kann auch nicht größer gewesen sein, als sie das Kindlein beschenkten.[69] Daß aber meine Mutter eine solche Verschwenderin geworden war, ja, das lag wohl in der Zeit: als ich ein Kind war, gab es solche Herrlichkeiten noch gar nicht zu kaufen, wenigstens nicht in unserem Bereich; jetzt wurden sie von Umläufern für ein paar Groschen in jedem Haus angeboten; und die Mutter schenkte so gerne. Zur ferneren Verwandtschaft gehörten noch zwei Familien, die in Langenhorn wenigstens zeitweilig lebten, die Frau Dr. Rickertsen mit ihren vier Kindern, und der schon erwähnte Kapitän Nommensen, der eine Cousine meines Vaters zur Frau hatte. Dr. Rickertsen war ein Vetter meines Vaters, er wie die Cousine, Kinder der einzigen Schwester seines Vaters, Poppe Maria, die mit einem Hofbesitzer Rickertsen aus Fahretoft verheiratet gewesen war, dann in Langenhorn als Witwe gelebt hatte. Dr. Rickertsen hatte Medizin studiert, war aber, als er eben sein Studium vollendet, sich etabliert und verheiratet hatte, allmählich geisteskrank geworden. Er hatte zunächst noch eine Reihe von Jahren zu Hause gelebt, dann hatte ihn mein Vater nach Schleswig in die Irrenanstalt bringen müssen, wo er viele Jahre zugebracht hat, zuletzt lebte er wieder bei der Familie, die inzwischen nach Flensburg gezogen war. Der Vater führte als Kurator die Geschäfte für die Familie. Solange sie in Langenhorn wohnte, bin ich öfter ins Haus gekommen, die vier Söhne waren im Alter von mir nicht weit entfernt, etwas älter oder jünger. Doch wollte zwischen uns nicht ein ganz unbefangenes Verhältnis zustande kommen; sie wurden wie Stadtkinder gehalten und sprachen wie die Mutter hochdeutsch, was gleich einen beträchtlichen Abstand hervorbrachte. Am besten ging es mit der jüngsten Schwester, der Frau Doktor, die bei ihnen lebte; sie sprach plattdeutsch mit mir und nahm sich des etwas verlassen sich vorkommenden Bauernknaben überhaupt mit Freundlichkeit an. Sie kam auch öfter zu den Eltern und war überhaupt vielfach das vermittelnde Element. Sie hat mir auch den ersten und einzigen Weihnachtsbaum gebracht und angezündet, den ich als Knabe gesehen habe; der Tannenbaum war damals in unserer Gegend noch völlig unbekannt. Als die Familie fortzog, ich werde zehn oder zwölf Jahre alt gewesen sein, vermachte sie uns ihren Hund, Zampa. Er ist uns, nachdem er erst wochenlang seine alte Herrschaft mit Fasten und Heulen betrauert hatte, ein sehr treuer Hausgenosse geworden. Vor allem hing er an der Mutter in unaussprechlicher Anhänglichkeit. Mir wurde er ein regelmäßiger Begleiter auf allen Ausgängen, und oft haben wir tagelang[70] zusammen auf dem Felde zugebracht, wo er sich als überaus eifriger Jäger betätigte. Freilich waren nur Mäuse, Wiesel, Wasserratten usw. seine Beute. Die Beziehungen zur Familie blieben übrigens auch nach ihrem Wegzuge, der Vater behielt die Verwaltung des Vermögens, das in Marschland im Fahretofter Koog bestand und jährlich verpachtet wurde. Jeden Weihnachten kam eine Kiste mit allerlei Geschenken, unter anderem sind so die ersten Apfelsinen ins Haus gekommen, die als Wunderäpfel Staunen erregten. Auch kam hin und wieder ein Besuch, entweder die erwähnte Schwester, die immer gern gesehen war, oder der älteste Sohn, der in Plön das Gymnasium besuchte: Ich erinnere mich noch, wie er mich in der Geographie examinierte und mir den Petschora, der mir nicht bekannt war, auf der Karte zeigte. Einmal sind wir auch bei ihnen zu Besuch gewesen, es muß im Sommer 1859 gewesen sein; der Vater hatte Bauholz zu einer kleinen Erweiterung der Scheune aus Flensburg zu holen. Da entschloß sich die Mutter, wiederholter dringender Einladung zu einem Besuch zu folgen; ich kam auch mit. Die lange Reise, früh um drei Uhr angetreten, führte über den ganzen Geestrücken des Landes, bei Lindau sah ich zum erstenmal im Leben einen Wald, d.h. ein kleines Tannengehölz. Vor Flensburg begegneten wir exerzierenden Soldaten. Wir blieben bis zum Nachmittag des folgenden Tages; unter den vielen Erlebnissen und Wundern ist mir in der Erinnerung die Nacht in einer kleinen beweglichen Bettstatt, die bei jeder Bewegung knarrte und die Mutter nicht zum Schlafen kommen ließ, da war man doch in einer Wandnische sicherer verwahrt; der Hafen mit den vielen großen Schiffen und der Schiffbrücke, in Ockholm lag höchstens einmal ein kleines einmastiges Fahrzeug; ein Ausgang am Abend, um die hellbeleuchteten Läden zu sehen, was die Frau Rickertsen als ein ganz besonderes Glanzstück des Besuchs betrachtete, was aber von der übermüdeten Mutter nur mit Aufbietung der letzten Kraft ertragen wurde; ein Malheur am Hafen: mein weißer Strohhut, den ich zum Geschenk erhalten hatte, der aber keineswegs wie die gewohnte Mütze dem Kopf sich fest verbinden wollte, wurde vom Winde ins Meer entführt, aber von einem Bootführer glücklich wieder herausgefischt und zurückgebracht; die großen Schnecken und die dänischen Fahnen auf dem Kirchhof; endlich zu guter Letzt die erste Eisenbahnfahrt in meinem Leben. Gehört hatten wir schon davon, daß ein Engländer, ich weiß seinen Namen noch, Sir Peto, eine Bahn von[71] Husum nach Flensburg baue. Jetzt sollten wir sie sehen und sogar ein Stück darauf fahren: der Vater brachte unsern Wagen nach der nächsten Station, dem Holzkrug, voraus, und dann fuhren wir auf der Eisenbahn nach, II. Klasse, denn die Frau Dr. Rickertsen begleitete uns. Ich war eigentlich darüber verwundert, daß es nicht schneller ging, ich hatte gedacht, oder hatte man es uns erzählt? die Fahrt ginge so schnell, daß man draußen gar nichts unterscheiden könne. Dann setzten wir uns, nicht allzu bequem, auf unsern mit Brettern beladenen Wagen und ich kam, schlafend unter dem Sternenhimmel, von meiner ersten Reise in die große Welt nach Hause. Amazon.de Widgets Der Bau der Scheune gab übrigens zur Übung der Kletterkünste günstigste Gelegenheit. Ich benutzte Sparren und Latten, um auf den First des Hauses zu klettern und hier equilibristische Kunststücke zu machen, auf den Schornstein zu steigen und die Mädchen in der Küche zu erschrecken. Manche Stunde hab ich oben gesessen und ins Weite geschaut, auch wohl mit einem Buch oben gelegen. In das Haus des Kapitän Nommensen bin ich nicht oft gekommen. Er war ein wenig freundlicher, barscher Mann, die Familie befand sich, wenn er im Winter zu Hause war, unter einem starken Druck, der sie nicht recht aufatmen ließ. Die Mutter war eine Null. So fand eigentlich überhaupt kein Verkehr zwischen den Familien statt, nur daß der Kapitän hin und wieder zu uns kam und bei einer Tasse Kaffee eine mächtige lange Pfeife im Mund, von seinen Fahrten erzählte und über die schlechte Zeit räsonnierte: durch die aufkommenden Dampfschiffe werde den Segelschiffen der Verdienst genommen. Die Menschen pflegen das Schicksal und die Zeit anzuklagen, wenn sie sich zu ihrer Aufgabe verquer stellen; er hatte ein gutes, neugebautes Schiff, und an Gelegenheit zu Verdienst hätte es wohl nicht gefehlt, wenn er den rechten Weg eingeschlagen hätte; seine Großspurigkeit war wohl die Hauptschuld dafür, daß er nicht auf einen grünen Zweig kam und das Vermögen der Frau allmählich bei der Schiffahrt zusetzte, wie es der Vater mit wachsendem Mißvergnügen sah. Mich interessierten mehr die Seeabenteuer oder seine Erlebnisse in Archangel oder in Messina, von denen er nicht ohne Nachdruck zu erzählen wußte. Über den Ausgang des Kapitäns und die weiteren Schicksale der Familie ist schon oben berichtet worden. So eröffneten diese Beziehungen dem Knaben einen kleinen Durchblick in die größere Welt draußen. 
 Vorbemerkung  Erinnerungen aus dem eigenen Leben bei Lebzeiten zu veröffentlichen, scheint etwas Anmaßliches zu haben, als ob es mit diesem Leben etwas Besonderes wäre. Vielleicht wird es dem Pädagogen ein wenig leichter nachgehen, wenn er aus seiner Jugend und Schulzeit berichtet, es wird ja unvermeidlich sein, daß seine Anschauungen zu einem großen Teil aus seinem eigenen Erleben stammend und hieraus erst völlig verständlich werden. Und um so eher wird er auf Nachsicht rechnen dürfen, wenn er von einer glücklichen Jugend zu berichten hat. In dieser glücklichen Lage befinde ich mich. Und darum droht dieser Darstellung wenigstens die Gefahr nicht: daß sie ihren Gegenstand in der heut so beliebten tragischen Pose des verkannten und vereinsamten Kindes und Knaben zeigt. Ich bin in einem rechtschaffenen Bauerhaus aufgewachsen, von einem vortrefflichen Lehrer in die Schule genommen und in fröhlicher Gemeinschaft gediehen. Von alledem möchte ich einiges erzählen, in der Hoffnung, daß der günstige Leser für eine Welt, die nun im Versinken ist, einige Teilname gewinnen wird. Friedrich Paulsen Meiner Lieben und Guten in herzlicher Dankbarkeit Liebe und Treue gewidmet 
 Ersten Dozentenjahre 1875 bis 1877  [202] Im Herbst 1875 begann ich meine Vorlesungen. Zu einer Morgenvorlesung über Logik und Erkenntnistheorie fanden sich neun Zuhörer ein. Es ist das einzige Mal, daß ich über Logik gelesen habe, so sehr ich damals in der Erkenntnistheorie den Mittelpunkt meiner Studien sah; noch einmal habe ich sie angekündigt, aber, durch Krankheit verhindert, nicht gehalten. Ich habe meinen Zuhörern die empiristische Erkenntnistheorie der Engländer zuzuführen gesucht. J. St. Mills Logik war mein Leitstern. In einem Publikum legte ich die Grundunterschiede der philosophischen Systeme einem größeren Kreise dar; es ist die Vorlesung, aus der nachher die Einleitung in die Philosophie hervorgegangen ist. Ich kann ihren Ursprung bis in Aufzeichnungen des Jahres 1870 zurückverfolgen. Zugleich begann ich philosophische Übungen zu halten, in den Donnerstag-Abendstunden von 6?8, die ich viele Jahre dafür beibehalten habe. Kants Kritik der reinen Vernunft war das erste Buch, das ich diesen Übungen zugrunde legte. Von Anfang an löste ich mich von den Vorbildern, die ich gesehen hatte, los: ich ließ weder den Text in der Stunde lesen, wie es in den Aristotelesübungen Trendelenburgs oder den Spinozaübungen Diltheys geschehen war, noch ließ ich ein langes schriftliches Referat anfertigen und vorlesen, wie Harms getan hatte, sondern ich forderte von den Teilnehmern, daß sie zu Hause sich vorbereiteten, ließ dann einen unter ihnen ganz kurz mündlich über Inhalt und Zusammenhang berichten und besprach endlich mit ihnen das Ganze und das Einzelne, immer in der doppelten Absicht: erst das Verständnis des Autors zu sichern, dann aber auch anzuleiten, zu dem von ihm Gesagten mit eigenem Urteil Stellung zu nehmen. Im wesentlichen ist das die Form meiner Übungen geblieben, nur daß ich immer mehr dahin gekommen bin, von zu ausführlicher Erklärung und Behandlung des Einzelnen abzusehen, und andrerseits die Leitung der Verhandlungen immer mehr von dem Zufall der guten oder schlechten Einfälle der Teilnehmer unabhängig zu machen. Dem, der an die Lektüre philosophischer Werke zuerst herangeht, geschieht es allzuleicht, daß er über lauter einzelnen Schwierigkeiten, an denen er hängen bleibt, und die er vergeblich aufzulösen strebt, zum Sinn des Ganzen nicht kommt, aus dem allein das Einzelne Licht empfängt: so vor allem bei Kant,[203] aber ebenso bei Spinoza. Und das Ende vergeblicher Bemühungen ist dann der Abfall von der Philosophie überhaupt. Bringt man die Teilnehmer dahin, auf das Ganze zu sehen, seine Bedeutung zu fassen und daraus die Stellung der größeren Abschnitte zu bestimmen: dann kann man ihnen überlassen, bei wiederholter Lektüre die Dunkelheiten und Unebenheiten im einzelnen sich selber aufzuhellen. Was aber das Zweite anlangt, so ergab schon die wachsende Zahl der Teilnehmer, die einen großen Teil in passive Zuhörer verwandelte, die Notwendigkeit, die Zügel der Leitung straffer anzuziehen. Ich hatte es früher wohl als Unrecht gegen die Einsichtigeren und besser Vorbereiteten empfunden, wenn der Leiter von Übungen auf jeden Irrtum oder jede Torheit eines vordringlichen und hartnäckigen Teilnehmers, der das Wort an sich riß, einging. Dieses Unrecht wollte ich meinen Zuhörern in den Übungen nicht widerfahren lassen, und so hab ich mich gewöhnt, rasch zuzufahren, sobald ich sehe, daß die Diskussion auf ein totes Geleise kommt, törichte Einwendungen oder Fragen, die zu keinem Ziel führen, von vornherein abzulehnen. Amazon.de Widgets An diesen ersten Kantübungen nahmen zwei junge Landsleute von mir teil: F. Tönnies aus Husum und Kuno Francke aus Kiel. Die in jenen Stunden angeknüpfte Bekanntschaft, die übrigens bald auch zu anderweiter Begegnung im Hause und auf Spaziergängen führte, hat sich zu dauernder Freundschaft ausgewachsen. Beide waren damals dem Abschluß ihrer Studien nahe; alle möglichen Probleme sind von uns in leidenschaftlichen Erörterungen durchgesprochen worden, vor allem waren es wohl die sozialen Fragen, die eben damals in Deutschland die Jugend zu erregen begannen. Ich berühre damit einen Punkt, auf den ich doch ein wenig näher eingehen muß. Ich hatte, es wird schon 1873 oder 74 gewesen sein, die Reden Lassalles kennen gelernt; sie waren mir zuerst in Exemplaren begegnet, die deutlich die Spuren der Arbeiterhände an sich trugen, durch die sie gegangen waren: sie wurden mir durch Erdmanns Schwager zugeführt. Ich hab sie mir dann alle gekauft und mit leidenschaftlicher Teilnahme gelesen. Die Kraft und das Selbstvertrauen des Mannes imponierten mir ebensosehr, als mir seine sozialistische Auffassung von Staat und Gesellschaft einleuchtete, sie fand an meinen altbefestigten Anschauungen, Gneist, Wagner, Hobbes, Carlyle überall Anlehnung. Der Staat nicht bloß Rechtsinstitut, sondern der allumfassende[204] Zweckverband zur Selbsterhaltung des Ganzen, zur Ermöglichung und Steigerung der Kultur und Wohlfahrt aller seiner Bürger. Aus der Heimat mitgebrachte Empfindungen, alte Gleichheitsgefühle aus der nordfriesischen Bauernwelt bildeten den Resonanzboden für die politischen Gedanken. In der Idee des »sozialen Königtums« hatten sie ihre Spitze. Entschiedene Abneigung gegen Vulgärliberalismus, Manchestertum und Laisser- faire-Doktrin bildete die Kehrseite. Die Gründerära mit ihren Ausschreitungen, die Pöbelliteratur, die Rührpossen auf der Bühne, alle die Dinge, die den jugendlichen Nietzsche zum »Unzeitgemäßen« machten, haben auch mich damals stark berührt. Ich habe Ursache, zu glauben, daß Empfindungen und Gesinnungen auf meine jugendliche Umgebung einigermaßen abfärbten. Überhaupt war der propagandistische Trieb in meiner Natur niemals lebhafter als in diesen ersten Dozentenjahren. Im Besitz der ganzen Freiheit eines deutschen Privatdozenten fühlte ich aufs stärkste die darin liegende Verpflichtung, für die eigenen Überzeugungen rücksichtslos einzutreten. Von Rücksichten nehmender Klugheit hab ich niemals viel besessen; in jenen Jahren hielt ich es für geboten, an jedem Ort und zu jeder Zeit, bei passenden und bei unpassenden Gelegenheiten, meine Gedanken so schroff und so restlos als möglich auszusprechen. Die Zurückhaltung durch die Erwägung, ob der andere hören will und hören kann, hab ich erst sehr allmählich gelernt. So habe ich in dem Grunerschen Hause, so auch in meiner militärischen Umgebung aus meinen sozial-politischen Anschauungen kein Hehl gemacht, nicht selten Anstoß und Ärgernis erregt, öfter wohl noch ein erstaunt-skeptisches Lächeln hervorgerufen. Eines Tages, erinnere ich mich, ging ich mit P. Reichensperger im Grunerschen Garten spazieren: von den Vorgängen des Kulturkampfs kamen wir auf das begriffliche Verhältnis von Staat und Kirche; ich entwickelte die Gedanken der Souveränität als konstitutives Merkmal des Staats. »Das ist ja,« erwiderte er, »Hobbes' Lehre von der Staatsomnipotenz.« »Gerade das meine ich, sagte ich: es kann nicht ohne logischen Widerspruch zwei Souveränitäten und zwei Untertanenschaften auf demselben Boden geben. Ich bin ganz der Ansicht des Hobbes: der Staat kann nicht Unrecht tun.« Damit war dann der Boden für eine Verständigung uns unter den Füßen fortgezogen. Und ein andermal führte ein Gespräch im Tiergarten uns wieder an die Grenze: ich bezeichnete den[205] Begriff des Eigentums als einen vom Staat geschaffenen und daher formbaren; die Ersetzung des Privateigentums durch ein Kollektiveigentum sei daher rechtlich jederzeit möglich; und die Desorganisation der gegenwärtigen Gesellschaft müsse den Staat vor die Aufgabe der Organisation der Arbeit und der Produktion stellen. Meine rücksichtslose Dialektik brachte den Mitunterredner bald zum Schweigen, ein Erfolg, den ich mir damals höher anrechnete, als ich es jetzt tun würde: es war die mit dem zunehmendem Alter hervortretende Abneigung, über Prinzipien zu diskutieren, die ihn schweigend das Feld räumen ließ, nicht, wie ich damals wohl anzunehmen geneigt war, die Unfähigkeit, zu erwidern, und also die logische Nötigung zur Anerkennung meiner Argumentation. Die Jugend ist überhaupt geneigt, zu glauben, daß durch logische Argumente und also durch dialektische Siege Überzeugung bewirkt werden könne. Je älter man wird, desto mehr gewinnt man die Gewißheit, daß alle letzten Überzeugungen ihre Wurzeln in Anschauungen und Gefühlen, zuletzt in der Gesinnung und im Willen haben, und daß diese logischen Gründen keineswegs weichen. Und darum nimmt mit dem Alter die Freude an Prinzipiengefechten ab, sie sind doch vergeblich. Auch mein Glaube an Lassalle und die staatssozialistische Doktrin, das will ich hinzuzufügen nicht unterlassen, hat mit zunehmenden Jahren und zunehmender Erfahrung über Menschen und Dinge beträchtlich eingebüßt. Der Widerstand der Wirklichkeit gegen die Durchführung allgemeiner Ideen, besonders auch gegen die Durchführung von Staats- und Gesellschaftsidealen ist dem jugendlichen Blick kaum sichtbar und erscheint dem Kraftgefühl verächtlich. Erst mit zunehmendem Alter wird man durch tausend Erfahrungen belehrt, ein wie hart zu bearbeitendes Material die menschliche Natur ist: sie ist ein so krummes Holz, meint Kant, daß etwas völlig Grades daraus nicht gemacht werden kann. Im Sommer 76 las ich über Geschichte der Philosophie im 17. und 18. Jahrhundert; es ist die Vorlesung, aus der später die Geschichte der neueren Philosophie in Zusammenhang mit der allgemeinen Kulturgeschichte hervorgegangen ist. Unter den fünf Zuhörern war ein Amerikaner, Emerton, ein Freund Franckes, jetzt Professor der Kirchengeschichte an der Harward-University, der auch Francke angehört. Ein Russe gab die entsprechende Ausdehnung nach Osten, so daß ich scherzend an Emilie schrieb: der orbis terrarum säße in Vertretern[206] zu meinen Füßen. Kants Prolegomena wurden in den Übungen behandelt. In den Sommerferien machte ich meinen ersten Ausflug ins Gebirge: ich folgte Gruners in den Harz, nach Harzburg. Ich war, was ich mir heut noch nicht verzeihe, von Erlangen aus nicht ins Gebirge gekommen, abgesehen von einer Tour in die Fränkische Schweiz, die aber, im großen Haufen gemacht, nicht zur Natur hatte kommen lassen. Auch seither war ich in den Ferien regelmäßig gleich nach Hause gefahren, höchstens, daß ich mit Reuter ein paar Tage an der schleswig-holsteinischen Ostküste gewandert war. Jetzt lebte ich zum erstenmal im Gebirge, durchstreifte es allein auf großen und kleinen Wanderungen, sah mit empfänglichster Seele die Klippen und Höhlen, die Täler und Berge, die alten Städte und Ruinen. Ich glaube, ich könnte noch für jeden Tag den Weg angeben. Eine lange Nachtwanderung ist mir in besonders lebhafter Erinnerung; ich hatte mich im Bodetal verirrt, kam spät, um 9 Uhr nach Ilsenburg und ging nun noch durch den nächtlichen Wald, die Sterne zu Häupten als Wegzeichen, nach Harzburg hinüber, um zum Stelldichein am nächsten Morgen nicht zu fehlen. Die Töne der Nacht klangen mir wie Musik in den Ohren, denn meine Seele war voll inneren Singens und Klingens. Ein andermal mußte ich wohl mit Frau von Gruner und Fräulein Emilie eine Spazierfahrt machen, das Molkenhaus habe ich in der Erinnerung um einer kleinen Exkursion auf die Rabenklippen willen, die ich mit Emilien, begleitet von der guten Fräulein Zeipel, machte: ich konnte es mir nicht versagen, Himbeeren, die über dem Abhang schwebten, zu holen, ich glaube fast, um der besorgten Schelte willen, die sie mir von Emilie eintrugen. Als ich nach Hause kam, wußte ich mich, wenn auch nicht förmlich, verlobt. Ich verhehlte den Eltern mein Geheimnis nicht und fand herzlichstes Entgegenkommen. Emilie ging von Harzburg zu den Ihrigen nach Bissingen bei Höchstädt; mancher Brief ist zwischen Langenhorn und Bissingen damals hin und her gegangen. Auf diese hellen Tage sollten aber zunächst düstere folgen; sie haben mich bis dicht an den Rand des Grabes gebracht. Ich war Anfang Oktober nach Berlin zurückgekehrt; ein länger vorher empfundenes Unbehagen war die Ankündigung eines schweren Typhus, der am Ende des Oktober zum Ausbruch kam. Am 15. Oktober hatte ich noch Vorlesungen am Viktoria-Lyzeum begonnen, dem noch bestehenden[207] Damenkolleg, das kurz zuvor unter der Leitung einer Engländerin, Miß Archer, begründet worden war. Ich hatte die Geschichte der modernen Philosophie zum Gegenstand gewählt; die zweite Vorlesung hatte ich, wie mir nachher gesagt wurde, schon wie im Fieber gesprochen; ich ging noch mit Emilie durch den Tiergarten. Dann brach ich zusammen. Nach wenig Tagen wurde ich ins Augusta-Hospital übergeführt und habe hier mehr als drei Wochen in schweren Fieberphantasien gelegen; der Monat November ist so gut wie völlig aus meiner Erinnerung ausgeschaltet, nur einzelne flatternde Augenblicksbilder und Wahnvorstellungen haben sich erhalten. Ich war so abgefallen, als die Krisis überstanden war und ich wieder zu mir kam, daß mich der Diener wie ein Kind aus dem Bett nahm und in einen Stuhl setzte. Von Stehen und Gehen war die ersten Tage keine Rede. Amazon.de Widgets Als dann im Januar die Kräfte rasch wieder zu wachsen begannen, hielt ich es für möglich, wenigstens noch Übungen zu halten; ich hatte Humes Untersuchung über den menschlichen Verstand angezeigt. Es fanden sich ein paar Teilnehmer ein. Zwei von ihnen sind mir wieder liebe Freunde geworden und bis auf diesen Tag geblieben: C. Nohle aus Lübeck, als Jenaer Armine mir empfohlen, und ein Siebenbürger Sachse, Jos. Capesius, dieser jetzt als Direktor des evangelischen Landesseminars in Hermannstadt in reich gesegneter Wirksamkeit, jener als Professor am Falkrealgymnasium in Berlin tätig und seinen Primanern ein Führer zur Philosophie und zur Deutschen Literatur. Was der Wirksamkeit des Privatdozenten an Extensität abgeht, das ersetzt die Intensität: die Enge des Kreises, die Altersnähe, die Freude, erste Schüler zu finden, sie wirkten zusammen, was an Lehrkraft und Mitteilungslust in mir war, zur raschen Entfaltung zu bringen. Der Sommer 77 bildet den Abschluß dieser Epoche. In doppelter Hinsicht: er beschloß die langen Jahre des Junggesellentums: am 6. August war unsere Hochzeit. Ich hatte die letzten Jahre bei Frau Hofmann aus Wunstorf (Dorotheenstr. 50 III) gewohnt, tatsächlich so, daß sie als Haushälterin mir die äußeren Angelegenheiten, auch die Küche besorgte. Sodann machte das Ende des Sommer auch einen tiefen Einschnitt in meinen Studien: die Erkenntnistheorie und ihre Geschichte, die seit 1872 im Mittelpunkt gestanden hatte, wurde an die Peripherie gedrängt durch ein neues Interessengebiet: die Erziehung und ihre Geschichte. Es kam zunächst von außen an mich[208] heran. Am Anfang des Sommersemesters kam Professor Harms eines Tages zu mir und schlug mir vor, für den nächsten Winter eine Vorlesung über Pädagogik anzukündigen. Sie finde sich gar nicht auf dem Lehrplan, und es sei notwendig, daß sie gelesen werde. Voraussichtlich werde sich dann die Fakultät bereit finden, mich für ein Extraordinariat für Pädagogik in Vorschlag zu bringen. Ich hatte anfangs Bedenken; die Pädagogik hatte mir bisher eigentlich völlig ferngelegen; ich hätte gern mit Energie mich an die Vollendung meiner Geschichte der Erkenntnistheorie gemacht. Indessen ich entschloß mich doch zur Pädagogik. Und ich hab diesen Entschluß nicht bereut. Ja ich hab später wohl die Empfindung gehabt, als sei dadurch der Gesamtheit meiner bisherigen Studien eigentlich erst das Zentrum gegeben: Ethik und Politik, Sozialwissenschaften und Geschichte, Religionswissenschaft und Anthropologie, sie fanden alle nächste Verwendung in der Erziehungslehre. Und Metaphysik und Erkenntnistheorie waren ja auch notwendige Voraussetzungen für eine oder für die notwendige Voraussetzung der Erziehungslehre: für eine philosophisch gegründete Weltanschauung. Für eine große Leistung aber im Gebiet der Erkenntnistheorie und Logik fehlte mir, wie mir Wundts Logik später zum Bewußtsein gebracht hat, eine wesentliche Voraussetzung: die Vertrautheit mit den exakten Wissenschaften und der Mathematik. Ich muß es also als eine dankenswerte Fügung betrachten, daß ich durch die Anregung der Fakultät zum Anbau dieses für mich bald so fruchtbaren Gebietes der Lehre von der Erziehung bewogen worden bin.[209] 
 Auf dem Gymnasium in Altona  [113] Ostern 1863 kam ich nach Altona auf das Gymnasium. Die drei Gymnasien im Herzogtum Schleswig (Flensburg, Schleswig, Hadersleben) waren noch dänisch, Husum hatte seine alte Gelehrtenschule verloren. Den Weg nach Altona wiesen mehrere dorthin vorangegangene Schüler Pastor Thomsens. Dieser hatte mich und meinen Mitschüler bei Direktor Lucht für die Sekunda angemeldet. Wir stellten uns dem Direktor vor; er wies uns an den Konrektor Dr. Henrichsen, den Klassenlehrer der II. Der kleine freundlich-gesprächige Herr nahm uns mit viel Wohlwollen auf und bestellte uns auf einen nächsten Vormittag zur Aufnahmeprüfung. Noch drei von auswärts gekommene junge Leute fanden sich zur bestimmten Stunde mit uns ein. Wir nahmen um den großen runden Tisch in der Wohnstube des Herrn Konrektors Platz, wo Papier bereitlag. Er diktierte uns einen nicht eben allzu langen deutschen Text zum Übersetzen ins Lateinische. Die Sache fiel für alle fünf genügend aus, und wir wurden in die Sekunda aufgenommen, mein Latein verschaffte mir unter uns Neuen die erste Stelle. Eine Prüfung in anderen Fächern fand nicht statt, so sehr beherrschte das Lateinschreiben noch den ganzen Schulbetrieb. Das Christianeum in Altona galt als die vornehmste Gelehrtenschule der Herzogtümer, es war wohl auch die besuchteste. Im 18. Jahrhundert von König Christian V. gegründet (ich hab im Jahr 1865 das Anderthalb-Jahrhundertsjubiläum durch einen Umzug durch die Stadt feiern helfen), hatte es den Charakter eines »akademischen« Gymnasiums erhalten: die beiden Oberklassen bildeten eine Art Mittelstufe zwischen Schule und Universität, im Unterricht und auch in den äußeren Ordnungen. So erzählt der spätere Rektor Schumacher von Husum, der als geborner Altonaer am Anfang des 19. Jahrhunderts Schüler des Christianeums war, wie die Primaner nicht wenig stolz auf das Recht gewesen seien, ihre Plätze in der Klasse selbst zu belegen. Diese Reste alter Herrlichkeit waren inzwischen geschwunden. Das Christianeum hatte die allgemeine Form des neuhumanistischen Gymnasiums angenommen; die geltenden Klassen- und Lehrordnungen gingen auf die Reform des holsteinischen Gelehrtenschulwesens zurück, die K.W. Nitzsch als Professor der Philologie an der Universität Kiel und Inspektor der Gelehrtenschulen in den Herzogtümern in den 30er Jahren durchgeführt[114] hatte. Es war im ganzen die preußische Ordnung, wie sie unter Joh. Schulzes Regiment gestaltet worden war: der altklassische Kursus, ergänzt durch einen Kursus in den modernen Wissenschaften. Doch hatte Nitzsch aus seiner sächsischen Heimat (er kam aus Wittenberg und hatte in Leipzig studiert) die Anschauung mitgebracht und herverpflanzt, daß der modern-realistische Kursus sich mit der Stellung eines Nebenfaches begnügen, der Schwerpunkt durchaus in dem klassischhumanistischen Unterricht liegen müsse. Insofern schlossen sich die holsteinischen Gymnasien dem sächsisch-bayrischen Typus an; für Mathematik und Naturwissenschaften galt einigermaßen der Grundsatz: wenn's einer kann, ist's gut, wenn er's nicht kann, ist's auch nicht schlimm. Eine Erinnerung an die größere Vergangenheit der Anstalt, der übrigens auch mehrere in der Literatur nicht unbekannte Männer angehört hatten, waren die stattlichen Gebäude. Sie füllten eine Seite einer ganzen Straße, der »Hohenschulstraße«, fast vollständig aus. Drei große Häuser schlossen sich, da das mittlere etwa 15 Meter von der Straße zurücklag, um einen Vorhof zusammen; eine Reihe geschnittener Linden vor dem zweistöckigen Mittelgebäude gab diesem einen altmodisch-vornehmen Anstrich. Die beiden Seitengebäude lagen in der Straßenflucht. Diese drei Häuser enthielten die Klassenräume und die Lehrerwohnungen. Im Mittelgebäude waren im Parterre die vier oberen ungeteilten Klassen, I?IV, untergebracht; den oberen Stock bewohnte der Direktor. Im rechten Seitengebäude waren drei Lehrerwohnungen, darunter die uns schon bekannte des Konrektors; im linken zwei Lehrerwohnungen und die große Aula. Im Souterrain wohnte hier der Pedell, bei dem zwei alte Bekannte, ältere Schüler von Pastor Thomsen, darunter sein jüngerer Bruder, einlogiert waren. Es war der Anlaß, daß wir oft in der Wohnung des Pedells einkehrten. Hinter diesem Gebäudekomplex war ein Hof, auf dem das stattliche Bibliotheksgebäude und einige Turngeräte standen. Diese Gebäude erschienen damals außerordentlich ansehnlich und reich. Die Gegenwart würde sie wohl kaum mehr als eine auch nur erträgliche Unterkunft ansehen, die Lehrerwohnungen wie die Unterrichtsräume. Nicht nur fehlten Zeichen-, Physik- und Gesangsäle, es war nicht einmal ein Lehrerzimmer vorhanden. Die Lehrer versammelten sich vor den Stunden einfach auf dem offenen Flur, links neben dem Haupteingang vor der Tür zur Prima. Hier standen regelmäßig, Sommer[115] und Winter, wenn wir eben vor 8 oder vor 2 Uhr in die Schule kamen oder aus der Pause um 101/4 zurückkehrten, drei, vier, fünf unserer Lehrer, der Direktor meist unter ihnen, in lebhaftem Gespräch; der Direktor hielt sich dabei nicht zu vornehm, den Gruß der hier vorübergehenden Primaner und Sekundaner mit jedesmaligem Abziehen des Hutes zu erwidern; er hatte dabei die Gewohnheit, sich in den Hüften zu wiegen, so daß er aus lebhafter Bewegung nicht herauskam. Der Personalbestand der Anstalt war leicht übersehbar: 8 ordentliche Lehrer, 7 Klassen und 250?300 Schüler. Die Schüler der unteren Klassen waren fast ausschließlich aus der Stadt, Septima eine Art Vorschule, VI?IV die Unterstufe des Gymnasiums, die wohl auch von Schülern besucht wurden, die nicht dem Studium bestimmt waren. Mit der III und noch entschiedener mit der II nahm die Anstalt durchaus den Charakter der auf die Universität vorbereitenden Gelehrtenschule an; in den beiden oberen Klassen saßen kaum noch Schüler, die sich nicht als künftige Studierende betrachteten, höchstens daß ein künftiger Apotheker darunter war. Der Druck des Einjährigensystems führte damals den holsteinischen Gymnasien noch nicht die von Lagarde so genannten »Schnuraspiranten« zu; die dem Kaufmannsstand bestimmten Knaben zogen den Besuch höherer Bürgerschulen vor, die als öffentliche und als private Anstalten in größerer Zahl in den beiden eng benachbarten Elbstädten bestanden. So waren die holsteinischen Gymnasien damals viel mehr als die preußischen eigentliche Gelehrtenschulen. In den beiden ungeteilten Oberklassen war ein ansehnlicher Teil der Schüler von auswärts, vielleicht gegen die Hälfte, viele von ihnen draußen privatim vorbereitet, manche schon in höherem Lebensalter, so ein früherer Seminarist: er trat fast 20jährig mit mir in die II ein; so ein bärtiger Mann, der schon jahrelang zur See gefahren war. Von den 8 Lehrern der Anstalt waren die 6 Klassenordinarien natürlich klassische Philologen; dazu kam der Mathematiker und für die VII ein seminaristisch gebildeter Lehrer. Nicht zum Kollegium gehörte ein Franzose, der einige französische Stunden gab, und der Gesanglehrer. Vom Zeichnen und Turnen weiß ich keinen Bescheid zu geben; für die beiden Oberklassen, die ich allein aus eigener Anschauung kennen gelernt habe, gab es weder Zeichen- noch Turnunterricht: wer Lust hatte, hing sich in den Pausen einmal an die Geräte und machte einen Aufschwung, die Schule kümmerte sich nicht darum. Ebensowenig gab es[116] Jugendspiele oder Schulausflüge. Die Sorge für die leibliche Bildung lag noch ganz außerhalb des Gesichtskreises, ohne Zweifel ein sehr wesentlicher Mangel; die meisten taten gar nichts für den Körper, es sei denn, daß ein Spaziergang von 1 oder 2 Stunden oder einmal eine Ruderfahrt auf der Elbe gemacht wurde. Eine gewisse Verwahrlosung, gesteigert durch ein starkes Kneipenleben, war die Folge. Unsere Lehrer stellten noch ganz den alten Typus des Gelehrtenschullehrers dar. Sie erschienen vor unseren Augen kaum anders als im schwarzen Tuchrock; der klerikale Habitus, der dem ganzen Lehrerstand in meiner Heimat damals noch anhaftete, hätte den hellen Anzug oder gar die Joppe und den Schlapphut als ein indecorum empfinden lassen. Ebenso wäre es uns schlechthin absurd und unmöglich vorgekommen, daß ein Lehrer auf dem Turn- oder Spielplatz als Vorturner und Ordner sich gezeigt hätte. Übrigens war auch der Übergang aus dem gelehrten Schulamt in das geistliche Amt in den Herzogtümern damals noch nichts Ungewöhnliches. Preußen war in der Deklerikalisierung des Gymnasiallehrerstandes infolge der Heereseinrichtungen und des damit zusammenhangenden Turnwesens beträchtlich weiter vorgeschritten: der Reserveoffizier und der Turnlehrer hatten hier dem weltlichen Typus längst die Herrschaft gegeben. Inzwischen ist der neue Habitus überall in Deutschland druchgedrungen, in mancher Hinsicht sicherlich zum großen Vorteil der Schule und der Schüler; ob in jeder, ob im besonderen zum Vorteil der sozialen Einschätzung des Lehrerstandes, scheint mir nicht außer allem Zweifel zu liegen. Die Stellung neben dem geistlichen Stande, wie sie an sich der Berufstätigkeit des Erziehers entspricht, befreite auf der einen Seite von Repräsentationspflichten, auf der anderen gab sie an der Würde des Standes Anteil, zu dem die Bevölkerung mit Achtung und Ehrfurcht aufzublicken gewöhnt war. Neben den Offizier- und Beamtenstand sich stellend, wird der Lehrerstand immer mit merklichem Abstand die zweite Rolle spielen. Jeder einzelne unter den fünf Lehrern, in deren Händen der Unterricht in den beiden Oberklassen lag, stellt sich mir in der Erinnerung als eine eigentümliche, fest umrissene Persönlichkeit dar: es waren nicht Lehrkräfte, die nach Anweisung Stunden gaben, sondern, mit Ausnahme des Mathematikers, Männer, die jeder mit seiner Art ihre Klasse beherrschten. An der Spitze des Kollegiums stand Dr. Lucht als primus inter pares, nicht als Vorgesetzter; so wenigstens empfanden wir: der Konrektor und[117] Subrektor schienen uns ihre Sekunda und Tertia ebenso selbständig als der Direktor die Prima zu beherrschen. Wie das rechtliche Verhältnis war, weiß ich nicht, aber das tatsächliche war nicht Unterordnung, sondern Kollegialität, nur daß der Direktor nach außen die Anstalt repräsentierte. Er war ein Mann zwischen 50 und 60, eine hohe, schlanke, überaus biegsame Gestalt, in beständiger Bewegung; ein kräftig gebauter hoher Schädel, von weißen Haaren weniger verdeckt als umrahmt, gab ihm etwas Ehrwürdiges. Er stand bei uns im Ruf großer Gelehrsamkeit besonders im Gebiet der römischen Altertümer. Sein Unterricht büßte an Wirksamkeit durch einen gewissen Mangel an Energie ein, er hatte nicht das Vorwärtsdrängende, das die Jugend mitnimmt; schon die schleppende, mit eingeschobenen, mißtönenden Flicklauten, die sich oft zu ganzen Reihen häuften, überladene Sprache gab seinen Stunden oft etwas Schläfrig-Mattes. Doch hierauf komme ich später zurück. Das vollkommene Gegenstück dazu war der Subrektor Dr. Siefert. Er war Ordinarius der Tertia, hatte aber in den beiden Oberklassen den historischen und einen Hauptteil des griechischen Unterrichts. Eine kleine, untersetzte Figur, mit gemessensten Bewegungen und etwas starrem Ausdruck des immer glattrasierten Gesichts (es ging unter uns das Gerücht, daß er als Student ein Auge im Duell verloren habe und ein Glasauge trage), war er die verkörperte Energie. Im Unterricht war er von nie nachlassender Entschiedenheit und Zielstrebigkeit: man hatte beständig die Empfindung, daß es ihm höchster Ernst um die Sache sei. Goethes Wort variierend, konnte man von ihm sagen: Ich rede nicht, euch zu gefallen, Ihr sollt was lernen. Seine Sprache war ein wenig hart und stockend, nicht leicht und anmutig; auch darin trat uns die Entschiedenheit des Willens entgegen, mehr als der Mangel an Leichtigkeit und Beweglichkeit des Talents. Im Zorn, der nicht fern war, wenn er auf Unachtsamkeit und Leichtfertigkeit stieß, erhob sich die Stimme zu verhaltenem Donner: über wen die Scheltrede erging, der nahm sich vor, sich das nächste Mal zu hüten. Dr. Siefert wurde kurz nach meinem Abgang von Altona von der neuen preußischen Verwaltung zum Direktor des Gymnasiums in Flensburg ernannt. Leider hat er das Amt nur kurze Zeit verwaltet; er verunglückte ein paar Jahre nachher auf einer Reise in die Schweiz,[118] von allen, die ihn kannten, betrauert. Unter meinen Altonaer Lehrern habe ich ihm am meisten zu danken. Amazon.de Widgets Wieder eine durchaus eigenartige Persönlichkeit war der Konrektor Dr. Henrichsen, der als Beherrscher der Sekunda mein erster Ordinarius war. Ich sehe ihn vor mir: eine kleine Gestalt, in den Vierzigern, etwas zum Embonpoint neigend; das ausdrucksvolle Gesicht, von zahlreichen kleinen Falten durchzogen, von braunem Haar und Vollbart umrahmt, zeigt meist ein freundliches Lächeln, das freilich nicht von allen für ganz echt gehalten wird; die ungewöhnlich biegsame Stimme hat eine große Skala von Tönen: vom zartesten, einschmeichelndsten Flüstern erhebt sie sich zu starker, volltönender, dröhnender Deklamation. Ein wenig schauspielerisches Talent unverkennbar; er liebt es vorzulesen, und er liest gut und wirksam, gleichviel ob die rollenden Perioden Ciceronianischer Reden oder die prachtvollen Hexameter der Ilias oder eine intime Stelle aus Goethes Hermann und Dorothea. Seine Schüler redete er gern: meine lieben jungen Freunde an; kleine Moralisationen oder Erinnerungen aus dem eigenen Leben mit Nutzanwendung werden je zuweilen in den Unterricht eingestreut; er hörte sich offenbar gern sprechen, ein kleiner Anklang von Kanzelpathos steht ihm nicht übel. Seine Sekunda hat er in guter Zucht und beherrscht sie mühelos. Nicht ganz so gut gelingt es in der Prima, wo er einen Teil des lateinischen Unterrichts gibt; indem seine Freundlichkeit sich hier zuweilen zu einer fast schmeichlerischen Bewerbung um die gute Meinung der Klasse und der einzelnen zu steigern scheint, mindert sie die Achtung. Die Fähigkeit zur Selbstdarstellung, die der Sekunda imponiert hatte, erhält für die Primaner einen kleinen Beigeschmack von Eitelkeit. Ich habe lange nachher mit Bedauern gehört, daß er bei zunehmendem Alter, wo die Fehler unverhüllter hervorzutreten pflegen, völlig unter durch gekommen sei, auch in seiner eigenen Klasse. Es gibt wohl nichts, wovor der Lehrer sich mehr zu hüten Ursache hat, als zu stark aufgetragene Freundlichkeit: sie wird immer mißverstanden und bald mißachtet. Der vierte Lehrer war Herr Kirchhoff, Ordinarius der IV. Er hatte zu meiner Zeit den Religionsunterricht und das Englische in den oberen Klassen; später, nach meiner Zeit, übernahm er den griechischen Unterricht, wie er denn auch durch gelehrte Arbeiten aus dem Gebiet des griechischen Theaterwesens und der Musik hervorgetreten ist. Eine poetische Ader hat er in mehreren Dichtungen episch-erzählender Art[119] betätigt. Für uns blieben diese Qualitäten unsichtbar; im Unterricht war er wenig wirksam; der Religionsunterricht bestand in anhaltendem, die ganze Stunde füllenden Diktieren eines Hefts, aus dem dann hin und wieder, nach vorher angesagter Repetition, eine schriftliche Prüfungsarbeit gemacht wurde. Der Einförmigkeit des Diktierens und Nachschreibens zu entgehen, wurden allerlei Künste und Listen aufgeboten; vor allem wurde Herrn Kirchhoffs Neigung zu politischen Expektorationen ausgebeutet. Es waren die Jahre, da die Neugestaltung Deutschlands unter Bismarck sich vollzog; die Herzogtümer standen dabei in erster Linie. Da wurde denn wohl vor der Stunde verabredet, daß dieser oder jener ihn wegen eines neuesten Ereignisses, einer politischen Rede, von der die Zeitung berichtete, interpellieren solle. Und es gelang regelmäßig; manche Stunde ist so der Dogmatik oder der Kirchengeschichte oder der Lehre Pauli durch eine Rede Beusts oder des Darmstädter Metz, die der Anhänger der Trias lebhaft bewunderte, entzogen worden. Am Schluß der Stunde sprach dann wohl der gutmütige Mann mit den tiefliegenden Augen sich selber einen Tadel für die versäumte Aufgabe aus, ließ es sich aber auch gefallen, daß ihm aus der Klasse die Meinung entgegengebracht wurde, daß die Stunde auf diese Weise viel interessanter und lehrreicher verwendet worden sei. Und nun folgst du betrübteste Gestalt unter allen Lehrern, die ich jemals gehabt habe, armer Dr. Scharenberg, Mathematiker, Physiker und Geograph des Christianeums. Eine Figur von mittlerer Größe, stets tadellos mit schwarzem Rock, hohem, weißem Kragen und steifer Atlaskrawatte angetan, den Ausdruck hoffnungsloser Resignation auf dem blassen bartlosen Gesicht, so steht er vor meiner Erinnerung. Ich weiß nicht, wie es mit seinen wissenschaftlichen Fähigkeiten bestellt war, seine pädagogischen standen unter Null. Die Klasse in ihrer Gesamtheit kümmerte sich um seine Anwesenheit durchaus nicht, im günstigsten Fall waren es drei oder vier, die seinem Vortrag wenigstens gelegentlich zuhörten. Im übrigen trieb jeder, was er wollte: einige präparierten sich für die folgende Stunde oder erledigten eine versäumte schriftliche Arbeit, andere lasen einen Roman, die meisten plauderten und machten Unfug, oft mit einem Getöse, daß es auf der Straße muß zu hören gewesen sein. Wurde es gar zu arg, dann redete Dr. Scharenberg wohl einmal einen mit bittendem Ton in der Stimme an: Aber N., Sie sollten doch etwas aufmerksamer sein; worauf gar[120] nicht selten eine freche Antwort erfolgte: Ich? Ich passe ja die ganze Stunde auf! Und wenn der Dr. dann zaghaft erwiderte: Aber ich sehe doch, daß Sie etwas anderes treiben, Sie sind ja gar nicht auf Ihrem Platz; dann wurde er unter dem Gelächter der Klasse berichtigt: Sie müssen sich täuschen, Herr Doktor; sehen Sie nach, ich bin hier auf meinem Platz und habe das Buch vor mir. Ein andermal, wenn er vor Lärm sein eigenes Wort nicht mehr hören konnte, hörte er wohl eine ganze Weile auf zu sprechen, blieb ganz still am Katheder oder an der Tafel stehen und sah mit unaussprechlich wehmütigem Blick in das tobende Meer der durcheinanderwogenden, sich balgenden und schreienden Sekunda. Veranlaßte endlich sein dauerndes Stillschweigen einen Moment der Ruhe, dann begann er mit leiser, zitternder Stimme den Faden seiner Demonstration wiederaufzunehmen, aber alsbald schlugen die Wellen aufs neue darüber zusammen. Ich kann jetzt nicht ohne Pein an diesen Blick vollendeter Hilflosigkeit denken, den wir damals ohne das mindeste Gefühl von Scham oder Mitleid auf uns gerichtet sahen. Monsieur Demory, der Franzose, vollendet den Kreis meiner Lehrer. Er stand außerhalb des Lehrerkollegiums und liebte, das zu markieren: er war ein in der Stadt beliebter Privatlehrer und behandelte auch die Stunden im Gymnasium als zufällig erteilten Privatunterricht; er sprach in der Stunde französisch, das Deutsche war ihm sehr wenig geläufig, redete uns: Messieurs oder meine Erren an und kümmerte sich um die Disziplin und die Fortschritte seiner Schüler überhaupt nicht, nach der Maxime des Privatunterrichts: Sie zahlen, ich doziere, sehen Sie zu, was dabei für Sie herauskommt. Die Eitelkeit stand ihm auf dem Gesicht geschrieben; er liebte es, mit den fein gepflegten, zierlichen, beringten Händen seinen rötlich blonden, in langen Koteletten herabfallenden Bart zu streichen und mit süßlichem Lächeln, das die tadellosen Zähne sichtbar werden ließ, in echtem Pariser Ton (man fühlte den Wohlgeschmack, mit dem er die Phrasen über die Lippen gleiten ließ) Anekdoten zu erzählen. Sie haben uns nicht viel geschadet, denn die wenigsten hörten darauf, und die meisten wären wohl auch kaum imstande gewesen, zu folgen. Indem ich zu einem kurzen Bericht über meine Gymnasialjahre mich anschicke, kann ich nicht umhin, zunächst der allgemeinen Bemerkung Raum zu geben, daß ich auf die nun folgenden Jahre durchaus nicht mit der Befriedigung zurückblicke, mit der die Erinnerung auf den vorhergehenden[121] Langenhorner Jugendjahren ruht. Es sind Jahre der Selbstentfremdung, ja der Verwilderung des Lebens und des Urteils gewesen, die mir lange Zeit bitterer Selbstanklagen eingetragen haben, und deren widriger Nachgeschmack noch nicht völlig ausgelöscht ist. Der lebendige Eifer für die Studien erlahmte allmählich und machte einem trägen Schullernen Platz; das brennende Verlangen nach Wissen, das mich aus meines Vaters Haus und Beruf herausgerissen hatte, erlosch, um erst nach Jahren wieder sich zu entzünden. Ohne Zweifel hing diese ungünstige Veränderung mit der Versetzung in eine vollkommen neue Umgebung zusammen; die schützenden Hemmungen und Hilfen des Elternhauses und aller seiner Verhältnisse und Notwendigkeiten entbehrend, in dem gefährdetsten Lebensabschnitt ganz auf mich selbst und meine Willkür gestellt, verlor ich das sichere Gleichgewicht des Lebens, das ich bisher in glücklicher Unwissenheit um mich selbst besessen hatte. Es hat langer Kämpfe und schmerzlicher Erfahrungen bedurft, um an Stelle jener natürlichen und unbefangenen Klarheit der Lebensführung eine auf Überlegung und Selbstdisziplin beruhende Sicherheit wiederzugewinnen. Das erste Jahr des Altonaer Aufenthaltes brachte ich in der Sekunda zu. Hier ging es noch leidlich mit Arbeit und Fortschritt. Der mitgebrachte Fleiß hielt noch einigermaßen vor, den Anforderungen der Schule zu genügen, war leichte Mühe; im ganzen wurden die Aufgaben noch regelmäßig erledigt, abgesehen von der Mathematik und dem Französischen, die völlig liegenblieben. Es wurde sogar noch etwas privatim gearbeitet, Plutarchs Timoleon, von Dr. Siefert herausgegeben, wurde von einem kleinen Kreise gemeinsam gelesen, hier und da wohl auch etwas schriftlich übersetzt. Der Mittelpunkt des kleinen Kreises, mit dem ich während dieses Jahres hauptsächlich lebte, war der schon erwähnte Seminarist, Schacht mit Namen, der mit mir und drei anderen Auswärtigen gleichzeitig aufgenommen war. Er war uns übrigen wie an Alter, so auch an Charakter und Energie weit überlegen. Er hielt uns fünf beisammen und dirigierte unser Verhalten und Leben. So hielt er z.B. darauf, daß wir regelmäßig nach Schluß der Schule unsern Spaziergang machten, sei es am Elbufer hinaus gegen Blankenese zu oder nordwärts vor die Stadt nach dem Diebsteich hinaus. Auch den Mittagstisch hatten wir gemeinsam in einem Privathause bei der Schule, wo übrigens noch eine ganze Anzahl Sekundaner und Primaner um ein Bescheidenes (6 Schilling = 45 Pfennig) ihren[122] Hunger, freilich nicht immer vollständig, stillte. Abends speiste man allein zu Hause, vielfach von Vorräten, die das elterliche Haus spendete; jeder hatte in der Kommode beständig Brot und Butter, meist auch Wurst und Käse, wozu eine Tasse Tee oder im Sommer auch wohl eine Flasche Dünnbier getrunken wurde. War bei dem einen oder andern eine Sendung von zu Hause angelangt, dann fanden sich die Kameraden gern zu hilfsbereiter Teilnahme ein, besonders wenn Freund Schacht eine der delikaten geräucherten Gänsebrüste erhalten hatte. Öfter noch führte uns eine Neigung für das Kartenspiel zusammen, die sich allmählich zu einer wahren Leidenschaft entwickelte; wir haben nicht selten sechs, acht Stunden ohne Unterbrechung Solo gespielt, bis tief in die Nacht hinein. Die langen Pfeifen gingen dabei natürlich nicht aus, man mag sich die Atmosphäre, in der wir zuletzt atmeten, und in der der zurückbleibende Bewohner der Stube dann schlief, ausmalen. Getrunken wurde dabei übrigens nicht, wie denn das Kneipenleben erst in der Prima begann. Eine sogenannte »Fuchskneipe«, die mit Zulassung der Schule abgehalten wurde, brachte mir den ersten Rausch und den ersten schrecklichen Katzenjammer: ich hatte bisher niemals bayrisches Bier getrunken, ausgenommen einen Schluck auf dem Pferdemarkt zu Niebüll, der mir abscheulich geschmeckt hatte; als ich nun auf der Kneipe mit Todesverachtung den Forderungen des Komments nachkam, der mit unglaublicher Wichtigkeit gehandhabt wurde, war es natürlich bald um mich geschehen. Als ich am andern Morgen auf der Schulbank saß, empfand ich so unaussprechliche Gefühle, daß ich am Leben verzweifelte; ich hätte geschworen, niemals wieder einen Tropfen des schrecklichen Getränks über die Lippen bringen zu können. In der Klasse herrschte, wie gesagt, Dr. Henrichsen, der Konrektor; sein Unterricht umfaßte Lateinisch, Griechisch und Deutsch. Weitaus an erster Stelle stand das Lateinschreiben, es beherrschte das Interesse des Lehrers und der Schüler. Dr. Henrichsen war selbst ein gewandter Stilist, er schrieb und sprach ein elegantes, vielleicht ein wenig geziertes Latein. Der große Akt im Schulleben der Woche war die Stunde, wo die Exerzitien zurückgegeben wurden. Ihre Anfertigung bildete das Geschäft des Sonnabends und Sonntags; ein Stück aus Seifferts Materialien war die Vorlage. Es handelte sich darum, den deutschen Text nicht bloß in grammatisch fehlerlosem, sondern in gewähltem Latein wiederzugeben. Der color Latinus war der höchste zu erwerbende[123] Ruhm. Bei der Rückgabe herrschte die größte Spannung in der Klasse, die meisten hatten ein Blatt angelegt, auf dem die Fehlerstatistik regelmäßig eingetragen wurde, ganze, halbe und viertel. Dr. Henrichsen behandelte die Sache mit größter Wichtigkeit; jedem wurde sein Fehlerregister vorgelesen, mit Hervorhebung der gröbsten oder der interessantesten, an die sich eine belehrende oder auch eine witzige Bemerkung anknüpfen ließ. Die Beschämung, welche grammatische Schnitzer im ganzen hervorriefen, war ernst und tief; übrigens wurde dem, der über die nachbarlichen Böcke triumphierte und sich damit über die eigenen halben und viertel Fehler tröstete, wohl vorgehalten: die halben (die Verstöße gegen die Syntax, die consecutio temporum, Germanismen, übelgewählte Ausdrücke wurden so berechnet), das seien die schlimmen; eine falsch gebildete Form sei ein Versehen, jene aber ein Vergehen gegen die Logik und den Geist der römischen Sprache. Kein Zweifel, daß diese Übungen in nicht geringem Maße den Verstand und die Sprache bildeten, abgesehen davon, daß die Herrschaft über das lateinische Idiom dadurch gesteigert wurde. Ich bin auch der Überzeugung, daß im ganzen und großen die auf diese Leistung gegründete Abschätzung der Leistungsfähigkeit des Schülers überhaupt nicht allzu weit vom Ziel vorbeiging: im allgemeinen waren die besten Lateiner auch die besten Schüler und die fähigsten Köpfe. Freilich, die Mathematik fiel bei dieser Einschätzung aus; aber für die allgemeine Geisteskraft war dieser Betrieb des Lateinschreibens kein allzu ungenauer Maßstab. Neben den Exerzitien, die mit angestrengtestem Fleiß und von vielen auch mit Neigung gemacht, von anderen freilich als die Schreckgestalt der Woche gehaßt wurden, spielte das Extemporale keine Rolle; es wurde, wenn ich nicht irre, einmal in der Woche eine Stunde dazu verwendet, die Stilistik Nägelsbachs durchzugehen und hierbei deutsche Sätze und Perioden zur sofortigen lateinischen Niederschrift zu diktieren. Dann wurde einer aufgerufen, seine Übersetzung vorzulesen, worauf Kritik und Verbesserung durch die übrigen erfolgte. Die Lektüre diente auch dem Schreiben, ohne jedoch darüber ihren Eigenwert einzubüßen; namentlich den Virgil wußte Dr. Henrichsen geschmackvoll zu interpretieren und zu übersetzen. Auch Cicero lag ihm, die rhetorische Anlage war ihnen gemeinsam. Die Livius-Stunden beim Direktor traten dagegen zurück. Die Voraussetzung für das Gelingen dieses Lateinbetriebs ist natürlich: daß das Lateinschreiben bei den Schülern als die erste und eigentliche[124] Kunst des Gelehrten in Geltung steht. Sie traf für uns noch in vollem Maße zu; vor allem wußte uns eben Dr. Henrichsen in dieser Anschauung zu erhalten: das Latein macht den Gelehrten, mit einem guten lateinischen Stil kommt man durch die ganze Welt, pflegte er zu sagen. Und es kam nichts an uns, was uns hierin hätte zweifelhaft machen können. Wir verachteten getrost die modernen Sprachen, sie sind für den Kaufmann, nicht für den Gelehrten; wir schätzten die Mathematik gering, von Naturwissenschaften wußten wir nichts, und von Technik und Industrie war damals, wenigstens in unseren Kreisen, nirgends die Rede. Ebensowenig hörten wir von Schulreform und Überbürdung: wir lebten noch ungestört in den Anschauungen, mit denen der Neuhumanismus am Anfang des Jahrhunderts die allgemeine Bildung und die Gelehrtenschule durchdrungen hatte: das Altertum die vornehme Welt, in der heimisch zu sein, das Vorrecht des Gelehrten ist; der lateinische Stil das gemeinsame Erkennungszeichen und gleichsam die Legitimation der gelehrten Bildung. In anderen Teilen Deutschlands trafen diese Voraussetzungen schon damals nicht ganz mehr zu, das preußische Gymnasium entzog selbst durch die weit stärkere Betonung der modernen Bildungselemente den Altertumsstudien den Vorzug der Einzigkeit, was denn freilich durch seine völlig andere Stellung zum gesellschaftlichen Leben notwendig gemacht wurde. In den Herzogtümern war das Gymnasium, wie gesagt, so gut wie ausschließlich Gelehrtenschule, die Vorbereitung für die Universität seine erste und einzige Aufgabe; in Preußen hatte das bei uns unbekannte Berechtigungswesen, vor allem der Einjährigenschein, die Gymnasien zugleich zu höheren Bürgerschulen gemacht; die größere Hälfte der Schüler, bis in die III und II hinein, waren nicht dem Studium bestimmt, sondern verließen die Anstalt mit der Erreichung des Militärpapiers, um in das bürgerliche Leben einzutreten. An dieser Zwitterstellung des Gymnasiums hat sich L. Wieses Schulpolitik aufgerieben, mit ihr hat noch Bonitz vergeblich gerungen. Inzwischen ist eine andere Welt heraufgekommen; die große Flutwelle des neuen politisch-nationalen Lebens ist über Deutschland dahingegangen; die mächtig aufsteigende industrielle und kommerzielle Entwicklung hat neue Interessen in den Vordergrund gedrängt; die Gegenwart ist im Steigen, das Altertum im Sinken. Und die Schule folgt allmählich der Zeit, der dann die Jugend wohl schon hier und da auch voraufeilt. Ich hab mir freilich als Schüler in Altona nicht träumen[125] lassen, daß mir einmal der Beruf zufallen würde, diese große Wandlung der Zeit der Schulwelt zu deuten. Gerade das Lateinschreiben war in Altona meine Freude und mein Vorzug. Außer dem Lateinischen und dem Homer gab Dr. Henrichsen den deutschen Unterricht in II. Wir lasen im ersten Halbjahr Don Carlos, im zweiten Hermann und Dorothea. Es war meine erste Bekanntschaft mit Schiller und Goethe; ich weiß nicht, ob in meinem heimischen Dorf mich auch nur die Namen erreicht hatten. Von einem starken Eindruck weiß ich nicht zu berichten. Doch erinnere ich mich mit Vergnügen der Aufsätze, zu denen die Lektüre den Stoff bot: die Freundschaft des Don Carlos und Marquis Posa, die Gegend, worin Goethes Epopöe spielt und ähnlicher. Es waren meine ersten derartigen Versuche, ich freute mich, den Stoff zusammenzubringen und zu ordnen und meine Reflexionen daran zu knüpfen. Als gleich der erste Aufsatz mir ein Wort freundlicher Anerkennung eintrug, war ich sehr glücklich. Im Griechischen war es vor allem Dr. Siefert, der als höchst energisch wirkender Lehrer uns weiterbrachte. Sicherheit im Grammatischen das erste: die unregelmäßigen Verben wurden nach einer kleinen Tabelle von Zeit zu Zeit repetiert und zu voller Sicherheit gebracht; durch wöchentliche Exerzitien wurden die syntaktischen und etymologischen Formen befestigt; so ging auch die Lektüre, Lysias Reden und Herodots Erzählung der Perserkriege wurden gelesen, auf gebahntem Geleise. Beim Herodot wurde gelegentlich der Versuch der Übersetzung in das Lateinische gewagt: die beiden alten Sprachen wurden auf diese Weise in engste Beziehung gebracht. Auch die alte Geschichte wurde in II von Dr. Siefert vorgetragen und zu der Lektüre in Beziehung gesetzt. Wir gewannen so lebendige Anschauungen wenigstens für einen kleinen Ausschnitt der griechischen Geschichte. Nach einem halben Jahre wurde ich mit meinem Freunde Schacht in die erste Abteilung der II versetzt und zu Ostern 64 mit nochmaliger Überspringung eines Halbjahres nach Prima, das vorgeschrittene Lebensalter und der lateinische Stil gaben hierfür wohl den entscheidenden Anstoß. Dr. Henrichsen entließ uns mit herzlichen Worten und Wünschen in die neue Klasse. Ob diese so ungewöhnlich rasche Beförderung in jeder Hinsicht gut für mich war? Ich wage es nicht die Frage zu bejahen. War sie auch sachlich vielleicht nicht unbegründet, waren auch die Fähigkeiten den Forderungen der höheren Klasse gewachsen, so hatte eine so sichtbare Voranstellung[126] vor andern doch ihre großen Gefahren. Mit der Steigerung des Selbstbewußtseins, auch wenn sie nicht gerade zur Selbstüberhebung ausschlägt, ist eine Minderung der Energie allzuleicht verknüpft; der gewonnene Vorsprung scheint ein sorgloses Sichgehenlassen zu rechtfertigen, das zur Erschlaffung der Kräfte ausschlägt. Keiner dieser üblen Wirkungen bin ich entgangen. Dazu kamen ungünstige äußere Umstände. Die Prima war überfüllt, wir waren unser 36 Schüler. Der Direktor hatte nicht die Kraft, eine so große Zahl fest am Zügel zu halten; er hatte dazu die Gewohnheit, sich fast ausschließlich mit dem obersten Jahrgang, den demnächstigen Abiturienten, zu beschäftigen. Den zweiten Jahrgang behandelte er im Grunde als bloße Mitläufer, denen er es überließ selber zuzusehen, wieviel sie von der Anwesenheit in den Stunden zu profitieren vermöchten. Endlich ein Schlimmstes. Durch die Versetzung in die Prima wurde ich dem Verkehr mit dem alten Kreise entfremdet; dafür kam ich in die Gesellschaft von ein paar Landsleuten, darunter einem alten Schulkameraden aus Langenhorn, die mich bisher ein wenig von oben herab behandelt hatten. An Alter und mannigfachen Lebenserfahrungen, nicht immer löblicher Art, mir überlegen, imponierten sie mir, und ich fühlte durch ihren näheren Umgang mich geschmeichelt. Zugleich empfand ich es als Notwendigkeit, durch Mittun in allerlei Dingen, in denen sie mir voraus waren, bei ihnen mich in Respekt zu setzen. Eine Nachwirkung der Langenhorner Verhältnisse spielte mit hinein; mein Elternhaus war als ein »frommes« Haus bekannt, ich war schon in der Dorfschule geneckt worden; nun galt es, den Schein, als ob auch ich dieser Richtung angehöre, als einen schimpflichen Verdacht abzuwehren. So begann eine Zeit, die ich nicht besser als mit dem Wort des heiligen Augustinus bezeichnen kann: ich schämte mich nicht schamlos zu sein. Die Arbeit hörte vollständig auf, dafür begann ein wüstes Kneipenleben, in dem alle edlen und tüchtigen Bestrebungen erstickten. Die Lehrer merkten wohl die Veränderung, die in meinem Wesen vorging; es hat auch nicht an gelegentlicher Zusprache gefehlt, so hat mich Dr. Siefert einmal auf sein Zimmer kommen lassen und mir ins Gewissen geredet. Auch die Eltern sahen mit Kummer, daß es nicht wie früher stand: aber auch sie vermochten nicht zu helfen; es wurde einmal an eine Verpflanzung auf eine andere Schule gedacht, aber sie unterblieb. Die Schuld für diese Verirrungen lag bei mir. Doch kann ich die Schule[127] und besonders den Direktor nicht von aller Mitschuld freisprechen. Er brachte der Prima, seiner Prima, ein unbedingtes Vertrauen entge gen. Gewiß ist Vertrauen Lebensbedingung für das rechte Verhältnis von Lehrer und Schüler, aber es darf dem Lehrer die Augen für die Wirklichkeit nicht verschließen, und so war es hier in einigem Maße der Fall: er sah die Dinge nicht, die da waren; vielleicht wollte er sie auch nicht sehen. Er wollte von seinen Primanern nicht glauben, daß sie noch sehr zarte Pflänzlein seien, ein jeder cereus in vitium flecti. Die Stammkneipe, in der wir regelmäßig verkehrten, namentlich die Auswärtigen, stieß unmittelbar an das Gymnasium; wir gingen dort ungeniert, bei Tag und bei Nacht, aus und ein, unsere farbigen Mützen auf dem Kopf; eine ganze Reihe pflegte in der Schulpause hinüberzugehen, um sich mit Butterbrot, Bier und Schnaps für die nächste Stunde zu stärken. Unser Geschrei auf der Kegelbahn, unser nicht eben melodiöser Gesang bei nächtlichen Zechereien muß in den Räumen des Gymnasiums widergehallt haben; und bei Tage saßen wir vor dem freien Straßenfenster um den großen runden Tisch und würfelten eine Runde nach der andern aus. Ein Verbot des Besuchs von Wirtschaften hätte, bei dem Charakter der Großstadt und der Schülerschaft, gewiß nichts geholfen, hätte uns höchstens in andere Lokale gedrängt. Wohl aber hätte die Unterdrückung offensichtlicher Exzesse stattfinden sollen; und eine scharfe Kontrolle der Arbeit und der Gesichter hätte bald entweder zur Änderung des Lebens oder zum vollständigen Bruch mit der Schule führen müssen. Aber freilich, das letztere hätte Skandal gegeben, und der mußte unter allen Umständen vermieden werden. Zu meinem Glück verließ jener ältere Langenhorner nach einem Jahr die Anstalt; er ging, was damals in den Herzogtümern noch möglich war, ohne Reifeprüfung zur Universität. Ihm selber nicht zum Heil; der Prüfungszwang hätte ihn doch genötigt, sich in einigem Maße zusammenzunehmen und zu arbeiten; so hat er sich überhaupt nicht wiedergefunden. Nach langen Jahren wüsten Studentenlebens ist er nach Amerika gegangen und dort verdorben und gestorben. Er war nicht ohne Begabung und Kraft; auf seine Umgebung übte er überall einen bedeutsamen Einfluß, schon durch eine gewisse Stattlichkeit der Figur und des Auftretens. Aber die Selbstzucht fehlte, die Willensenergie wurde falschen Bestrebungen dienstbar; und so war das Ende durch verspätete Anläufe zu einer neuen Lebensgestaltung nicht mehr abzuwenden. Mein Verhältnis zu ihm hatte immer etwas Zwiespältiges;[128] wir waren äußerlich befreundet, aber es bestand zwischen uns niemals ein volles Vertrauen; ich konnte mich des Gefühls eines gewissen Drucks nie ganz erwehren, das von seiner Überlegenheit nicht nur in rühmlichen Dingen ausging; er vermochte wohl eine gewisse Empfindung nicht loszuwerden, die aus einem Element ursprünglicher Fremdheit unserer Natur und Herkunft und etwas Neid, auch wegen meiner rascheren Schulkarriere, gemischt war. Wir sind uns in der Folge noch oft in den Ferien zu Hause begegnet; ich gewann später, als ich mich selber wiedergefunden hatte, ihm gegenüber volle Freiheit; wir haben dann wohl auch ernst miteinander gesprochen; ich erinnere mich, daß ich ihm einmal sagte: Es handelt sich für uns jetzt um Arbeiten oder Untergehen. Er widersprach nicht; aber unsre Wege gingen immer weiter auseinander. Das letzte Jahr meines Altonaer Aufenthalts wurde so erheblich besser als das mittlere, das die Zeit der tiefsten Erniedrigung meines Wesens war. Das Vorrücken in der Klasse und das Herannahen der Abgangsprüfung brachte den notwendigen äußeren Antrieb zum Arbeiten; hinter dem, was hätte geschehen können und sollen, blieb es gleichwohl weit zurück. Immerhin retablierte ich mich bei den Lehrern wieder einigermaßen in meiner Stellung, und im letzten Halbjahr wurde manches repetiert und gelernt, vor allem in der Geschichte und Literatur. Der Unterricht in der Prima, um über ihn nur kurz zu berichten, lag in denselben Händen wie in der Sekunda, nur daß die Rollen zwischen dem Direktor und Konrektor wechselten. Dr. Lucht hatte als Ordinarius hier den lateinischen, griechischen und deutschen Unterricht in der Hand, in der Hauptsache, denn Dr. Henrichsen und Dr. Siefert hatten ihren Teil daran. Amazon.de Widgets Das Lateinschreiben stand auch hier im Mittelpunkt, doch hatte es weder für das Interesse der Schüler noch für die Schätzung ihrer Leistungen so sehr die herrschende Stellung als in der II. Die Exerzitien wurden einem Übungsbuch (Forbiger) entnommen, das nach unserer Meinung erheblich weniger Aufwand von Kraft und Nachdenken erforderte als Seiffert. Bei der Zurückgabe der Arbeiten fiel sowohl die Zusammenzählung und Klassierung der Fehler als ihre Besprechung fort: der Direktor erteilte nur Nummern, die uns öfter nicht so der Leistung, als dem Platz des Schülers in der Klasse angepaßt erschienen, was wohl auch von den Zensuren der deutschen Aufsätze behauptet wurde: die erste Abteilung erhielt Nr. 1 und so abwärts.[129] Übrigens war auf die Rückgabe nicht bald und nicht sicher zu rechnen. Kein Zweifel, daß Dr. Henrichsen in II einen lebhafteren Eifer für diese Arbeiten, eine stärkere Aufmerksamkeit bei der Zurückgabe und eine größere Scheu vor seiner Zensur erreichte. Hin und wieder wurde auch ein lateinischer Aufsatz geschrieben; ich glaube, daß er sich in der Regel auf eine Zusammenstoppelung von Reminiszenzen aus der Lektüre beschränkte und an Wert hinter den Exerzitien zurückblieb. Die Lektüre von Ciceros und Platos philosophischen Schriften litt unter dem allzu langsamen Tempo; sonst hätte sie sowohl als die Erklärung des Direktors Teilnahme erwecken können. Platos Phädon, das einzige, was ich auf der Schule von diesem Autor gelesen habe, wurde mit drei Stunden wöchentlich durch zwei Semester hindurch fortgesetzt; dabei ging jede Konzentration auf den Inhalt verloren, trotz oder soll ich sagen wegen der immer wiederkehrenden Aufnahme des Fadens durch den Lehrer. Freilich hat der Dialog auch unglaublich sterile Partien, wenigstens für den heutigen Leser, sie sind wohl nur durch rasches Durchgehen in einer Übersetzung zu überwinden. Von Thucydides lasen wir das erste Buch, von Demosthenes unter anderem die Kranzrede: beide gaben dem Direktor zu Ausführungen antiquarischen Inhalts Gelegenheit, die manche Belehrung brachten. Der deutsche Unterricht war wenig fruchtbar; gelesen wurde in der Klasse überhaupt nicht mehr, dafür trat ein Vortrag der Literaturgeschichte ein, in dem der Direktor einen Leitfaden (Pischon) durch sehr detaillierte Angaben über die Lebensverhältnisse der Dichter (ich erinnere mich besonders des 18. Jahrhunderts, Gerstenberg, Hamann, Herder) ergänzte. Daß diese Mitteilungen uns viel Gewinn gebracht haben, glaube ich nicht, wir hätten dazu mehr von den Dichtungen selbst lesen müssen; vielleicht war darauf gerechnet, aber schon die Schwierigkeit der Beschaffung ihrer Werke stand dem entgegen; es gab noch nicht die wohlfeilen Volksbibliotheken. Übrigens fiel die Stunde oft aus, und wir brachten sie auf der Kegelbahn der anstoßenden Kneipe zu. Für den deutschen Aufsatz fiel so die Verbindung mit der Lektüre fort; es wurden Themata reflektierenden, moralisierenden, philosophischen Inhalts gegeben, die vielfach über den Schülerhorizont hinausgingen. Weitaus am meisten verdanke ich in der I den Stunden Dr. Sieferts. Hier war es kaum möglich, sich ganz dem Arbeiten zu entziehen. Wenn für die übrigen Stunden die Präparation meist unterblieb (bei der großen Zahl der Schüler kam, namentlich bei dem Direktor, der einzelne[130] selten daran, vorzuübersetzen, und bei der Art des Aufrufens ließ sich die Stunde fast genau ausrechnen), so kam in die griechischen Stunden des Subrektors selten jemand ohne wenigstens einige Vorbereitung. Die Tragiker wurden gelesen, von Sophokles die beiden Oedipus und Antigone, ferner des Euripides Iphigenie bei den Tauriern. Die Erklärung war eindringend und lehrreich; Dr. Siefert war auf Sizilien und in Athen gewesen; er kannte das griechische Theater; Otfried Müller war sein Lehrer gewesen, ich erinnere mich noch der Bewegung, womit er vom Grab auf dem Kolonoshügel sprach, als der Oedipus uns dorthin führte. So waren dies fruchtbare Stunden. Auch das bot eine Anregung für mich, daß ich im letzten Semester eine Ausgabe der Iphigenie von G. Hermann besaß und gelegentlich abweichende Lesarten zur Sprache brachte, auf die Dr. Siefert nicht selten ein wenig einging. Für die Hinführung zu vertieftem Eindringen in den Autor gibt es vielleicht kein erregenderes Mittel, als hier und da eine gut gewählte varietas lectionum, mit freier Diskussion der Gründe, die für diese oder jene Lesart sprechen; so ist mir eine Stunde im Gedächtnis geblieben, wo Dr. Henrichsen uns die Stelle in der ersten Satire des Horaz: miles gravis annis oder gravis armis? mit Gründen für und wider erörtern ließ. Auch die griechische Grammatik mit den begleitenden schriftlichen Übungen blieb in der Hand Dr. Sieferts, und er ließ es zu keinem Vergessen kommen. Bei der Zurückgabe der Exerzitien lief fast regelmäßig eine Tücke, ich weiß nicht, ob des Objekts oder des Subjekts, unter; die falsche Akzentuierung der Enklitika, besonders des ärgerlichen ??; er regte sich jedesmal darüber, nicht selten bis zu heftiger Zornexplosion, auf. Vortrefflich und gründlich war auch der Unterricht, den uns Dr. Siefert in der Geschichte erteilte; er umfaßte in der I Mittelalter und Neuzeit bis 1815. Das Lehrbuch von Pütz wurde zugrunde gelegt; doch gab Dr. Siefert für alle wichtigeren Perioden eine Darstellung in eigenem freien Vortrag, der der Form nach wenig geglättet, dem Inhalt nach aber wohldurchdacht war und auf selbständiger Durcharbeitung des Stoffes und auch wohl der Quellen beruhte. Wir schrieben aus eigenem Antriebe nach, so gut es ging, und hatten auch daran eine nicht wertlose Übung. Zu Hause wurde dann ein Tableau der Materie angefertigt, in einem dicken Quartheft wurden zwei Kolumnen, für äußere und für innere Geschichte, angelegt, und die Hauptdaten mit den Jahreszahlen[131] eingetragen, ein vortreffliches Hilfsmittel für die Einprägung. Während des Semesters fand alle vier Wochen eine Repetition statt, bei der Frage und Antwort Schlag auf Schlag folgen mußte und in der Regel auch folgte. Am Schluß des Semesters war Generalrepetition, in der ein Versagen ebensowenig geduldet wurde. So war die große Repetition der gesamten Geschichte für das Abiturientenexamen vorbereitet, die uns einen Leitfaden der Begebenheiten und der Daten von den Anfängen bis aufs 19. Jahrhundert herab zu stets gegenwärtigem Gebrauch in die Hand gab. Ist seitdem auch manches von dieser Übersicht aus dem Gedächtnis geschwunden, so sind die großen Umrißlinien doch geblieben und dazu die Möglichkeit, nach Bedürfnis auch die verblaßten Teile rasch wieder aufzufrischen. Ich bin Dr. Siefert für diesen höchst energisch gehandhabten Geschichtsunterricht zu dauerndem Dank verpflichtet, er hat mir für alle meine folgenden Studien, und sie haben sich zu einem beträchtlichen Teile auf dem Boden der Geschichte bewegt, eine sehr haltbare Grundlage geboten. Habe ich einige Fähigkeit bewiesen, die Perioden geschichtlichen Lebens übersichtlich zusammenzufassen und ihr Wesen charakterisieren, so ist dafür in diesen Stunden der Grund gelegt worden. Noch erwähne ich eines Vortrags der griechischen und der römischen Literaturgeschichte und ebenso der »Antiquitäten«, tatsächlich des Staatsrechts. Dr. Siefert diktierte einen kurzen Abriß, der nach Gelegenheit erläutert und ausgeführt wurde. Es war eine Antizipation akademischen Unterrichts, die uns aber durchaus erfreulich und nützlich war; auch hier war selbstverständlich Repetieren und Lernen strenge Forderung. Mir sind auch diese knappen, aber festen Umrisse in der Folge sehr wert gewesen, manches davon haftet mir noch heute im Gedächtnis. Auf die übrigen Fächer will ich nicht eingehen; die Horaz-Stunden von Dr. Henrichsen wären etwa zu erwähnen: sie haben wohl beigetragen, mir den Geschmack an diesem Dichter, besonders an seinen Satiren und Episteln beizubringen, der bis auf diesen Tag nicht vergangen ist. So wenig es eigentlich Poesie ist, so sehr ist es lebhafte, witzige, springende Konversation, deren Reiz durch die oft so seltsam verrenkte Wortstellung, die der lateinische Vers möglich macht, erhöht wird. Und schließlich wird in der munteren und sorglosen Form auch manches Goldkorn echter Weisheit verstreut. Weniger wüßte ich von der Tacitusstunde zu sagen; er ist mir erst später aufgegangen. Die modernen Sprachen wurden von uns durchaus als quantité[132] négligeable betrachtet: das Französische bei Herrn Demory (Démory sprachen wir ihn zu seinem Verdruß: er heiße Demóry) ging seinen trübseligen Gang weiter; das Englische bei Herrn Kirchhoff brachte auch geringe Fortschritte, Shakespeares Antonius und Kleopatra war zu schwer für die meisten; im Dänischen wurden Ingemanns Romane gelesen: hier war ich vor der Stunde ein begehrter Berater und Vorübersetzer. Mathematik und Physik, allgemeine und topische Geographie bei Dr. Scharenberg schleppte sich auch so weiter hin. An die Mathematik versuchte ich wohl, als das Abgangsexamen in die Nähe rückte, heranzukommen; aber es wollte nicht mehr gelingen, unter den gegebenen Umständen kein Wunder. Ein wenig besser ging es mit den Naturwissenschaften. Es fehlte mir dafür durchaus nicht an Teilnahme, ja für Geographie hatte ich von klein auf ein leidenschaftliches Interesse gehabt. So brachte ich es denn, mehr durch das Lesen der Lehrbücher als durch den Unterricht des Lehrers, dahin, daß ich zu den Schülern gehörte, auf die er Hoffnungen setzte. Der Unterricht bestand übrigens in der Hauptsache in dem Vorlesen, Umschreiben und Erklären dessen, was in den Büchern stand. Das Experiment in der Physik stand nicht am Eingang, die Erscheinung dem Schüler vor Augen bringend, sondern kam hinterher als eine im Grunde überflüssige Bestätigung der Theorie: alle vier oder sechs Wochen versammelte sich die Klasse in der Aula, angeblich, um Experimente zu sehen, die übrigens vielfach nicht gerieten, tatsächlich, um in dem ungewohnten und größeren Raum neuen und größeren Unfug zu machen. Endlich kam das Abiturientenexamen. Es machte uns keine Sorge, wir wußten im ganzen, wie wir standen. Das Urteil lag ausschließlich in der Hand unserer Lehrer, es erschien kein Kgl. Kommissarius mit der Befugnis, die Noten zu korrigieren und etwa auch den von dem Kollegium für reif Befundenen auf Grund seiner Eindrücke zurückzuweisen. Nur einige Männer aus der Stadt, darunter der Bürgermeister und der Propst, erschienen zur mündlichen Prüfung, um unter dem Titel von Scholarchen tatsächlich die Rolle von Statisten zu spielen. Die Prüfung begann mit einer großen Anzahl schriftlicher Arbeiten, ein lateinischer und ein deutscher Aufsatz, ein lateinisches Exerzitium, mathematische, physikalische, geschichtliche und literaturgeschichtliche Aufgaben wurden schriftlich bearbeitet. Die historische Aufgabe war: Friedrich Barbarossas Beziehungen zu Italien, ich hatte die Römerzüge des Kaisers am Schnürchen; die literarhistorische: Herders Leben und Wirken. Das Thema[133] des deutschen Aufsatzes war: Glaube nicht alles was du hörst, sage nicht alles was du weißt, tue nicht alles was du kannst. Bei der Lösung der mathematischen Aufgaben wurde stark mit fremden Kälbern gepflügt, sonst würden die meisten wohl leere Blätter haben abgeben müssen. Die mündliche Prüfung dauerte vom frühen Morgen bis in den späten Abend; sie fiel ebenso befriedigend wie die schriftliche aus: es erhielten von, ich meine, 11 Abiturienten 9 die erste Note »völlig reif«, unter ihnen auch ich, 2 die zweite. Daß der Maßstab, der bei der Beurteilung der Leistungen angelegt wurde, kein allzu strenger war, wird man nach dem Vorhergehenden glauben. Allerdings war unter dem Jahrgang eine ganze Anzahl gut begabter Schüler; dazu kam, daß mehrere um eines bedeutenden Stipendiums willen, das nur alle drei Jahre zur Vergebung kam und diesmal verliehen wurde, ihren Aufenthalt in I etwas ausgedehnt und auch besonders dafür gearbeitet hatten. Im übrigen stand es mit der »völligen Reife«, die uns auf dem Zeugnis bescheinigt wurde, in Wirklichkeit bescheidener; was mich anlangte, so konnten meine Kenntnisse in den alten Sprachen und der Geschichte wohl auch vor größeren Ansprüchen bestehen. Dagegen waren sie in allen übrigen Fächern, auch die deutsche Literatur eingeschlossen, mangelhaft, und da und dort gingen sie nicht über das hinaus, was ich in die Sekunda aus Langenhorn mitgebracht hatte. Amazon.de Widgets Als wir von den alten schwarzen Mauern und den engen Klassenräumen des Christianeums Abschied nahmen, war uns nicht schwer ums Herz, auch nicht, als wir mit den alten Lehrern letzte Händedrücke und Abschiedsgrüße wechselten. Gefühle des Danks sprießen bei Schülern spät. Ich habe lange Zeit mit Widerwillen an jene Jahre zurückgedacht. Jetzt kann ich doch nicht ohne dankbare Empfindung an die Männer denken, die alle mit viel Geduld und Wohlwollen mich getragen, zum Teil auch mit redlichem Eifer mich gefördert haben. Daß es nicht in reicherem Maße geschehen ist, das war, ich wiederhole es, meine Schuld, nicht ihre. In fine laus, so stand über der Eingangspforte des Mittelbaus unseres Klassengebäudes. Es mag auch als Über- oder Unterschrift über die Zeit meiner vorbereitenden gelehrten Studien, unter die Arbeit meiner Lehrer gesetzt sein. Mit einem Wort will ich zum Schluß noch der politischen Verhältnisse und Vorgänge dieser Jahre gedenken, die doch auch in unser Leben und Empfinden hineinspielten. Als ich nach Altona ging, bestand noch der dänische Gesamtstaat unter Friedrich VII.; aber er ging seinem Ende[134] entgegen. Die Lage war gespannt: zwischen Dänemark und den Herzogtümern, zwischen dem deutschen Bund und dem Herzog von Holstein, in zwischen den Kleinstaaten und den beiden deutschen Großmächten, zwischen Preußen und Österreich, zwischen dem Volk und dem König in Preußen, überall Feindschaft und Mißtrauen. Auch wir Schüler fühlten uns als gute Deutsche zur Feindschaft gegen alles Dänische verpflichtet und äußerten sie, wo wir konnten. So ärgerten wir die dänischen Soldaten, die in Garnison lagen, indem wir sie vom Trittstein herunterdrängten; so vexierten wir die dänischen Zollgendarmen, die Altona, das mit Hamburg ein Freihafengebiet bildete, rings umgaben, indem wir z.B. beim Passieren der Zollgrenze durch Aufbauschen des Überziehers ihre Aufmerksamkeit erregten, als ob wir allerlei zollbare Sachen darunter verborgen trügen, um dann auf Anrede die Vermutung mit Entrüstung abzuweisen. Als am 18. Oktober 1863 in ganz Deutschland das Gedächtnis der Leipziger Völkerschlacht gefeiert wurde, wollten wir auch nicht zurückbleiben, trotz oder gerade wegen des Verbots. Am späten Abend zogen in der Dunkelheit auf mannigfachen Wegen Turner und Schüler nach einer Anhöhe bei Bahrenfeld, eine Stunde draußen vor der Stadt: hier wurde eine mitgebrachte Teertonne mit einem Holzstoß angezündet und patriotische Lieder gesungen. Auf einmal entstand eine Unruhe, es hieß: die Gendarmen kommen. Und eilends zerstob der Haufe; ich kam mit Freund Schacht erst spät in der Nacht auf allerlei Umwegen nach Hause. Da starb im November König Friedrich VII. Daß er der letzte Dänenkönig sein müsse, der zugleich Herzog von Schleswig und Holstein war, stand uns natürlich auch ohne alle Untersuchung der staatsrechtlichen Verhältnisse fest. In rascher Folge kam nun zuerst die Bundesexekution in Holstein: Hannoveraner und Sachsen zogen ein, und die verhaßten dänischen Uniformen verschwanden. Blau-weiß-rote und schwarz-rot-goldene Fahnen hingen aus allen Fenstern, wir legten Bänder und Kokarden in denselben Farben an, lasen eifrig die patriotischen Zeitungen und berauschten uns in Hoffnungen und Vorsätzen. Der Herzog Friedrich VIII. kam nach Kiel, es hieß, er werde bald auch nach Altona kommen: unter uns ging das Gerücht, es sei ein altes Privileg der Schüler der beiden Oberklassen des Christianeums, in solchem Falle bei Tisch aufzuwarten, und wir waren entschlossen, uns dieses Privileg nicht verkürzen zu lassen. Glücklicherweise sind unsere Dienste für diese Zwecke nicht in Anspruch genommen worden. Ebensowenig auch für[135] die herzogliche Armee, deren Bildung damals in Hamburg geplant und vorbereitet wurde: ich meine, daß auch einmal unter den Schülern eine Liste der Freiwilligen umgegangen ist und von uns unterzeichnet wurde; von wannen sie kam und wohin sie ging, ist mir nicht bekannt. Mit Eifer wurden von uns die öffentlichen patriotischen Vorträge besucht, die in diesem Winter Prof. Aegidi in der Aula des Johanneums hielt: er handelte von der Geschichte der Befreiungskriege, flocht aber politische und staatsrechtliche Exkurse über die Vorgänge der Gegenwart ein: so erinnere ich mich, wie er eines Abends uns demonstrierte, daß das Recht des Herzogs Friedrich VIII. durch den Verzicht des Vaters für sich und seine Familie keineswegs aufgehoben sei: das gelte zwar im Privatrecht, nicht aber im Staatsrecht, wo das Recht des Fürsten durch das Recht des Landes auf die Dynastie begrenzt werde. Im Februar 64 kam der Krieg; ich sehe noch die österreichischen Liechtenstein-Dragoner in ihren weißen Mänteln, die im flackernden Gaslicht von den schwarzen Mauern der alten Straßen wirksam abstachen, vom Berliner Bahnhof in Hamburg her in die Stadt ziehen, ein andermal bei Sonnenschein preußische Garderegimenter in blitzendem Helmschmuck durch die Königstraße marschieren. Bald kam die Nachricht von der Vertreibung der Dänen aus dem gefürchteten Dannevirke durch Österreicher und Preußen und rief großen Jubel hervor. Die Erstürmung von Düppel führte den König von Preußen zum erstenmal ins Land, ich hab, wenn nicht ihn selbst, so doch wehende Helmbüsche durch die Palmaille fahren sehen. Die politischen Verhältnisse nahmen damit freilich einen Verlauf, der den Wünschen der Bevölkerung der Herzogtümer und der großen Mehrheit des deutschen Volkes entgegenging. Der Herzog wurde nicht anerkannt, der Bund ausgeschaltet, die Hannoveraner und Sachsen ausgetrieben. Als ich eines Tages zur Nachmittagsschule über den Rathausmarkt ging, stand ein Bataillon Preußen vor der Wache, die noch von sächsischen Truppen besetzt war. Es herrschte die äußerste Spannung. Es hieß, die Preußen hätten die Forderung gestellt: bis 3 Uhr ist die Wache geräumt, oder sie wird erstürmt. Glücklicherweise kam es nicht dazu, die Sachsen erhielten Befehl, abzuziehen. Seitdem hatte Altona preußische Besatzung. Der Wiener Friede endlich brachte nicht die Selbständigkeit der Herzogtümer, sondern ihre Abtretung an Preußen und Österreich und jenen schwebenden Zustand des Kondominiums, der den Krieg zwischen den[136] beiden deutschen Großmächten im Busen trug. In Holstein wurden die Gefühle gegen Preußen immer feindlicher; das Bismarckische Regiment, dazu die Hoffnung, durch Österreich zum selbständigen Staatswesen unter dem Herzog zu gelangen, führten die Massen der österreichischen Seite zu. Ein kleiner rothaariger Jude May, der viel in der Wirtschaft verkehrte, wo wir Stammgäste waren, ich habe ihn oft dort gesehen, war das politische Orakel von Altona; ein großer Preußenfresser, interpretierte er uns im Altonaer Anzeiger die politische Lage im österreichischen Sinne. So wurde der Gasteiner Vertrag, der Holstein unter ausschließlich österreichische Verwaltung brachte, von der Altonaer Bevölkerung mit Freuden begrüßt. Die österreichische Besatzung wurde mit großen Sympathien aufgenommen, die Regimentskonzerte mit Leidenschaft besucht, die Offiziere überall fetiert. Vor allem auch von der Weiblichkeit; und man muß gestehen, sie wußten sich liebenswürdig zu machen. Unter anderem brachten sie auch den Import böhmischen Bieres zuwege; das »Leitmeritzer«, das besonders in einem großen Biergarten der Königstraße ausgeschenkt wurde, wurde das beliebteste Getränk; es hat auch uns oft dorthin gezogen und manchen Nachmittag bis in die Nacht hinein festgehalten. Auch unserem Christianeum brachte die österreichische Verwaltung eines Tages hohen Besuch. Der Statthalter, General Gablenz, der Sieger von Översee und später im Jahre 1866 von Trautenau, erschien in Altona und inspizierte bei der Gelegenheit auch unsere hohe Schule. Ein stattlicher Herr, in glänzender Husarenuniform, betrat er, vom Direktor mit tiefen Bücklingen eingeführt, die Prima und musterte die Klasse mit seinen lebhaften Augen. Auf die Frage des Direktors: welchen Unterricht Exzellenz zu sehen wünsche?, forderte er auf, das Gericht des Tages ihm vorzusetzen. Es wurde Thucydides gelesen und interpretiert; ich glaube nicht, daß der vornehme Besuch einen Buchstaben Griechisch verstand. Er machte denn auch bald der Sache ein Ende und hielt uns nun eine kleine Ansprache, worin er zunächst seine Befriedigung mit dem Stand der Anstalt und unseren Leistungen ausdrückte, dann aber zu einer Exhortation an die Primaner ausholte; ich erinnere mich daraus einer Stelle, die, in österreichischem Deutsch gesprochen, unseren Enthusiasmus für Österreich und seinen Vertreter niederzuschlagen recht geeignet war. Er forderte uns auf, unseren Lehrern dankbar zu sein und vor allem unsern Eltern, daß sie uns in eine so gute Schule schickten; »da draußen im Reich habe ich Kinder gesehen[137] auf der Landstraße den Mist aufsammeln, haben nix gelernt und sind in keine Schule gekommen.« Daß wir mit solchen »Kindern« in Parallele gestellt wurden, war wohl das ärgste Attentat auf unsere Primanerehre, das wir erlebt haben. Meine Sympathien hatten sich überhaupt schon länger von der österreichisch-herzoglichen der preußischen Seite zugewendet. Die Gründe dafür vermag ich selbst nicht anzugeben; vielleicht war ein wenig von dem allgemeinen Oppositionsgeist dabei, der mich von jeher geneigt gemacht hat, die Sache des allgemein Verworfenen lieber als die des allgemein Anerkannten zu führen. Dann wirkte wohl auch die Empfindung des Schleswigers mit, daß die Herzogtümer und im besonderen das nördliche gegen einen Rückfall in dänische Herrschaft doch nur durch Preußen wirksam geschützt werden könnten: ein Kleinstaat an der gefährdeten Grenze eine Unmöglichkeit. So war ich schon in Altona zuletzt entschieden für die Einverleibung in Preußen und habe in mancher erregten Debatte diese Lösung vertreten. 
 Spiele und Spielkameraden  [72] Um mit letzteren zu beginnen: meine täglichen Spielgefährten fand ich im nächsten Nachbarhause; es waren nur dreißig Schritt von Tür zu Tür. Fünf Kinder, drei Knaben und zwei Mädchen, bildeten seinen Reichtum; damals freilich wurden sie gar nicht so empfunden, vielmehr erschienen sie als fünf immer hungrige und versorgungsbedürftige Mäuler. Der Besitz war klein, eigentlich zu klein für eine richtige Bauernstelle; Dienstboten konnten nicht gehalten werden, und so waren die Eltern mit Arbeit überlastet, die Frau dazu kränklich und immer unzufrieden, obwohl sie aus ganz dürftigen Verhältnissen stammte. So war denn Schmalhans Küchenmeister; ich merkte wohl den Unterschied. Die Butter auf dem Brot wurde sehr viel sparsamer gestrichen als zu Hause, und bei Tisch wurden die Klöße jedem vorgezählt. Trotzdem schmeckte mir das Butterbrot bei ihnen wundervoll, und die Mutter hatte Mühe zu verhindern, daß ich nicht öfter mich mitfuttern ließ, so groß ist der Reiz des anderen und die Würze der Gemeinschaft. Das Haus, in dem ich als Kind jeden Tag aus und ein gegangen bin, steht nicht mehr, über seine Stelle geht der Pflug. Die Familie wanderte, als die Kinder herangewachsen waren, nach Amerika aus; die dreijährige Dienstzeit, die mit dem Übergang unseres Landes an Preußen vor der Tür stand, gab den letzten Anstoß. Die kleine Stelle wurde verkauft, aus dem Erlös konnten zwei große Farmen in Jowa angekauft werden. Und nun erwiesen sich die Kinder als der Reichtum der Familie: mit eigenen rüstigen Arbeitskräften brachte man es bald zu ansehnlichem Wohlstand. Doch das lag damals noch unsichtbar im Schoß der Zukunft. Wir ließen uns, als wir in der Schule zuerst vom Mississippi hörten und die Namen der Vereinigten Staaten auswendig lernten, nicht träumen, daß sie einige von uns einmal so nahe angehen sollten. Unsere Lebenswege, die nachher so weit auseinanderliegen sollten, gingen damals noch dicht nebeneinander her. Wir sahen uns jeden Tag, den Gott werden ließ; der Weg zu Hans Peters war von klein auf mein erster Gedanke, trotzdem ich dort vielleicht nicht immer willkommen war, was merkt ein Kind von solchen Dingen? und trotzdem die Mutter es nicht immer gern hatte, mich drüben zu wissen. Von den Kindern waren zwei mir die nächsten, ein Knabe, der im Alter mir einundeinhalb[73] Jahr voraus, ein anderer, der hinter mir ein Jahr zurück war. Sie waren grundverschiedene Naturen. Der jüngere, Heinrich, der weichste, lenksamste, aufrichtigste, treuherzigste Bursche, den man sich denken kann, der ältere dagegen hatte etwas Verschlagenes und Verstecktes, dabei etwas Anschlägiges und Verwegenes in seinem Denken und Tun, das das Mißtrauen meiner Mutter beständig wach hielt; sie suchte mich daher ihm nach Möglichkeit fernzuhalten, was nicht hinderte, daß er mich wiederholt in allerlei Mißgeschick brachte. Es war ein Glück, daß er oft abwesend war, bei einer Großmutter, die eine Zärtlichkeit für ihn hatte, und daß er früh das Haus verließ: er kam in die Stadt als Kaufmannslehrling, wozu ihn Natur und Neigung in der Tat prädestiniert hatten. Er ging später als der Vorläufer der Familie nach Amerika. So blieb der jüngere mir als täglicher Kamerad; mit der Erinnerung an ihn sind in der Tat fast alle meine Jugenderlebnisse und Spiele verknüpft. Wir waren unzertrennlich; natürlich haben wir uns auch einmal gezankt und miteinander gerauft, wie könnten Knaben es unversucht lassen, zu probieren, wer der Stärkere sei? Wir haben auch wohl einmal miteinander tagelang geschmollt und geglaubt: jetzt ist es für immer aus. Und dann fanden wir uns eines Tages unversehens wieder beisammen und wunderten uns, wie wir so lange ohne einander ausgekommen waren. Die übrigen nächsten Nachbarhäuser hatten keine Kinder, oder wenigstens nicht in unserem Alter; erst in einiger Entfernung kamen wieder kinderreiche Häuser. Wir trafen uns namentlich am Sonntag nachmittag, um größere Gesellschaftsspiele: Schlagball oder Kaak oder Lauf- und Versteckspiele und Ähnliches zu spielen. Auch vor dem Beginn der Schule wurde meist gespielt, man fand sich eine viertel oder halbe Stunde vorher ein, besonders vor dem Nachmittagsunterricht; dann wurden große Massenspiele gespielt, so daß es oft mit sehr erhitzten Köpfen in die Schule ging. Amazon.de Widgets Ich versuche nicht, die unendliche Mannigfaltigkeit der Spiele zu beschreiben, die uns als Erbe uralter Tradition zufielen; sie pflanzten sich von Geschlecht zu Geschlecht von selber fort, jedes nachfolgende wuchs hinein, spielte sie seine Zeit und übergab sie wieder dem jüngeren Nachwuchs. Kein Erwachsener kümmerte sich darum, kein Lehrer hätte es seiner Würde gemäß gehalten, sich in Kinder- und Knabenspiele zu mischen, sie wuchsen wild wie das Unkraut am Zaun, auf das niemand achtet. So wußten wir gar nicht, was für einen Schatz wir[74] an diesen Spielen besaßen, und niemand sagte es uns; und vielleicht sind das die besten Schätze, die man genießt, ohne von ihrem Wert zu wissen und zu reden. Wie die Spiele, so waren die Spielzeuge unser eigenes Werk; niemand lehrte sie machen, niemand kümmerte sich darum, wie wir damit zustande kamen, es stand alles auf dem eigenen Können und Wollen. Spielwarenläden gab es Gott sei Dank damals noch nicht, nicht in Langenhorn und nicht in Bredstedt; und um ein Geschenk verlegene Onkel und Tanten gab es auch nicht. Höchstens daß zu Weihnachten oder zum Jahrmarkt eine Kindertrompete für einen Groschen oder eine ebensolche Peitsche oder ein paar Holztiere in einer Bude gekauft wurden. Aber die eigentlichen Spielzeuge machten wir uns selber; die Mädchen machten sich ihre Puppen und zogen sie mit farbigen Läppchen an, sie stickten sich ihre Bälle, ein Kork diente als Unterlage, er wurde mit altem Wollgarn rund gewickelt und dann die Decke darauf »geflammt«, je bunter, desto schöner. Wir Knaben machten uns Bogen und Pfeile, aus Weidenzweigen und Rohr mit Eisenspitze, zu der ein Nagel verarbeitet wurde; doch erhielt ich später einmal, vom Nachbar Rademacher angefertigt, einen richtigen Flitzbogen mit Lauf, aus dem mit Murmeln oder geschwänzten Pfeilen geschossen wurde. Aus einem Lederstück mit zwei Schnüren daran wurde eine gefährliche Schleuder hergestellt, die wohl einmal einem Schaf ein Bein gekostet hat. Ein prachtvoll fernreichendes, wenn auch nicht ferntreffendes Werkzeug war auch eine schmiegsame Gerte, auf die eine kleine Kartoffel gesteckt und weggeschleudert wurde. Natürlich fehlte es nicht an Windbüchsen und Wasserspritzen, Hollunderzweige wurden dazu ausgehöhlt. Ein Blasrohr hab ich mir noch gemacht und mit gefiederten Pfeilen versehen, als ich schon die ersten lateinischen Vokabeln lernte. Wind- und Wassermühlen waren an jedem Hause und jedem Wasser, das Gefälle hatte oder aufgedämmt und zum Fließen gebracht werden konnte. Einen kleinen Schiebkarren, den wir so notwendig für die Bewegung von Steinen und Erde brauchten, machte mir der Onkel Ketel. Sehr beliebt waren Schaukeln und Wippen, jene in der Scheune, diese über einem Erdwall oder einem Hecktor angebracht. Im Herbst wurden Drachen gebaut, bis zur Lebensgröße, nur die Schnur dazu mußte gekauft werden, sonst machten wir alles selbst, Gestelle und Beklebung und auch den Kleister, womit sie befestigt wurde. Auch ein Kartenspiel haben wir wohl versucht selber[75] zu machen, sonst gab der Nachbar Wirt ein abgedanktes Spiel her. Würfel schnitten wir uns selber und brannten mit einem glühenden Draht die Augen ein; noch ein anderes Würfelgerät wurde gemacht, Punker genannt, ein sechsseitiges hölzernes Prisma, dem auf jeder Seite ein Zeichen eingeschnitten wurde. Mein größter Stolz aber in dieser Branche war ein selbstgefertigtes Schachspiel: ich schnitt die Figuren aus weichen Lindenzweigen, klebte die Stücke mit Siegellack zusammen und färbte sie mit Tinte. Ein Besuch aus Flensburg, der ein paar Tage bei uns war, hatte ein Spiel bei sich und mich die Züge gelehrt. Einen ganzen Winter lang habe ich mit Freund Heinrich, dem ich wieder die Züge zeigte, mit jenen Figuren fast jeden Abend gespielt. Ich habe nicht wieder gespielt, bis ich auf die Universität nach Berlin kam, hier hatte ich die Genugtuung, mit meinen selbstgelernten Künsten ganz mit Ehren zu bestehen. So lehrte uns die Not viele Künste, ohne »Knabenhandfertigkeitsunterricht«. Unser Hauptwerkzeug, ein Messer, wie man es auf dem Jahrmarkt für 10 Schilling erstand; dazu hatte der Vater in einem Kasten einiges Zimmermannswerkzeug. Er liebte auch die Selbsthilfe, wie er denn auch seine Wagen und Pflüge, seine Hecktore und Scheunenwände selber mit roter Farbe anstrich, die er selbst mischte. Die Spiele wechselten mit der Jahreszeit. Im Frühjahr begann das Ballspiel im Freien, abwechselnd mit dem Spiel um Murmeln, das von den Größeren im großen betrieben wurde und sich in manchen Formen dem Glücksspiel näherte, wie es denn auch in das Spiel um Geld überging, das zeitweilig sehr stark betrieben wurde. Es wurde mit kupfernen »Bankschillingen« nach einem Stein oder Strich geworfen; wer dem Ziel zuletzt am nächsten war, warf erst: Kopf oder Krone, und so der Reihe nach, wobei für unsere Verhältnisse ganz ansehnliche Umsätze gemacht, auch wohl einmal Spielschulden kontrahiert wurden, denen auch hier der Charakter von Ehrenschulden in besonderem Sinn anhaftete. Der Sommer brachte vor allem die Lust zum Wasser mit, es wurde im Wasser gewatet und gebaut, gebadet und gefischt; das begehrteste war das Kahnfahren, ein seltenes und fast immer erschlichenes Vergnügen. Die Wasserfreuden haben mich am häufigsten mit der Mutter in Konflikt gebracht. Sie begannen schon in den Kinderjahren und haben nie ganz aufgehört. An dem Nachbarhaus von Hans Peters floß ein kleiner Bach (Sill) vorbei. Hier waren wir schon als vier- bis fünfjährige Knaben im[76] Sommer fast täglich zu finden; wir fingen fingerlange Stichlinge, auch wohl einmal einen kleinen Hecht oder schwarze Wasserkäfer (Schuster) und sperrten sie in abgedämmte kleine Behälter, bauten Wassermühlen, vor allem aber wurde gewatet, die Hose wurde bis zum Knie und weiter aufgekrempelt und nun die tiefsten Stellen gesucht. Es war keine Gefahr dabei, es gab wohl nirgends viel über einen halben Meter Wasser. Aber die Hosen! Sie waren wie das böse Gewissen; versuchte man auch, sie rasch noch vor dem Nachhausegehen in der Sonne zu trocknen, sie wurden doch zum Verräter. Und so endete das nasse Vergnügen nicht selten zu Hause mit der salzigen Nachflut der Tränen. Im Herbst waren die Drachen an der Tagesordnung; auch die Windmühlen klapperten. Ein anderes Spiel war das, daß man einen Tonnenreifen (houp) von dem Winde vor sich hertreiben ließ; er setzte, wenn er einmal in Schuß war, über Gräben und Zäune, wohl eine halbe Stunde lang, und die wilde Meute querfeldein hinterher. Im Winter nahmen in erster Linie Schnee und Eis uns in Anspruch: allerlei Schneebauten wurden errichtet und in Schneeballenschlachten verteidigt, von den Dünen Schlitten gefahren, vor allem aber war das Schlittschuhlaufen die ersehnte Lust, die Gräben am Hause boten erste Gelegenheit. Später wurden stundenweite Ausflüge über die überschwemmten Wiesen gemacht. Am schönen Sonntagnachmittag fanden sich wohl ein paar hundert Schlittschuhläufer zusammen, es wurden Fangspiele gespielt, mit allerlei Künsten des Vor- und Rückwärtslaufens. Einen unwiderstehlichen Reiz übte auf die Schulknaben auch ein eben auftauender Graben; nachdem das Eis von den Rändern abgeschmolzen war, wurde es mit dem Beil durch Querschnitte in halbmeterlange Schollen geteilt; nun galt es, über sie so rasch hinzulaufen, daß, während der hintere Fuß die letzte Scholle unter Wasser drückte, der vordere schon auf der nächsten sich stützte, so daß man eben trockenen Fußes davonkam; natürlich, bis das Verhängnis einen doch ereilte, indem eine Scholle zerbrach oder man daneben trat. Das gab dann wieder eine häusliche Krise; die letzten Schläge, die ich von meinem Vater erhalten habe, folgten einem solchen Unfall, dann wurde ich ins Bett gesteckt; beides übrigens in jeder Hinsicht, der pädagogischen wie der medizinischen, die zweckmäßigste Form der Behandlung des Falles. Genug, die tausend Freuden unserer Spiele und auch die Schmerzen,[77] die, wie die Dornen an den Rosen, sich überall an die Freuden heften, zu vergegenwärtigen. Nur auf eine Leidenschaft muß ich doch noch mit einem Wort eingehen, die mich zeitweilig ganz besaß: die Leidenschaft des Fischfangs. Es geschieht mir noch heute nach fünfzig Jahren, daß ich im Traum die Erregungen der Fischjagd nacherlebe. Wir fingen Fische mit allen möglichen Mitteln, mit dem Netz, mit dem Aalstecher, mit der Schlinge, mit der Angel und nicht zuletzt mit der Hand. Zum Fischen mit dem Netz hat mich unser Knecht Andres Niß zuerst mitgenommen und angeleitet: das Netz wurde quer über den Graben oder den Sielzug gespannt, Bleiklümpchen zogen es von unten zu Boden, Holzklötzchen hielten die obere Kante an der Oberfläche; dann ging man 10 oder 20 Meter rückwärts und trieb die Fische, mit den sogenannten »Klotstöcken« ins Wasser stoßend, in das Netz, in dem sie sich verwickelten und mit ihm herausgehoben wurden. An einem guten Tag brachten wir wohl zehn Pfund Hechte und darüber, groß und klein, nach Hause. Das Zappeln der Holzschwimmer, ihr völliges Untertauchen, wenn ein großer Fisch ins Garn ging, kommt mir am häufigsten im Traum zurück. Von der Angel wurde nicht viel Gebrauch gemacht, desto mehr von der Schlinge: wir fertigten sie aus den langen Haaren, die wir dem Schweif der Pferde entnahmen; diese wurde an einer starken Schnur und mit ihr an einem Stocke befestigt. Wenn die Hechte in den Gräben im hellen Sonnenschein wie schlafend standen, dann schlichen wir heran, ließen leise die mit einem Bleiklümpchen beschwerte Schlinge herunter, führten sie unmerklich über den Kopf und die Brustflosse hinüber, und dann wurde der Fisch aufs Land geschnellt: eine sehr aufregende Jagd, die nur bei großer Sicherheit des Auges und der Hand gelang. Ich hab aber oft eine ganze Anzahl so in kurzer Zeit gefangen, wohl bis zu einem Pfund schwer. Amazon.de Widgets Sehr verhängnisvoll für die Wasserbewohner wurden die drei trockenen Sommer der Jahre 57?59. Die Gräben und vielfach auch die tieferen Gewässer trockneten aus; in den Wasserlachen konnte man die Fische mit den Händen greifen oder mit dem Rechen herausholen, namentlich wenn man das Wasser trübte; die Fische kamen dann, Luft zu schöpfen, an die Oberfläche und ließen sich mühelos fangen. Hechte, Schleie, Barsche usw. fielen uns auf diese Weise in die Hände. Aale hab ich vielfach mit den Fingern aus dem Schlamm gezogen; die Stelle, wo einer steckte, war an dem Luftloch erkennbar, das an die Oberfläche ging;[78] mit festem Griff gepackt, waren sie leicht gehoben. Die Mutter war oft wenig erbaut, wenn ich am Abend mit meiner Beute heimkehrte; man konnte sie doch nicht wegwerfen, andererseits war die Arbeit der Reinigung eine höchst unerwünschte Vermehrung notwendigerer Geschäfte. Andere Jagd als auf Fische habe ich nicht kennen gelernt, es sei denn auf Vögel, denen wir wohl einmal im harten Winter nachstellten: ein Sieb wurde schräg auf die Kante gestellt, an dem Pflock, der es hob, ein Bindfaden befestigt und dieser ins Haus geleitet. Wenn nun die Spatzen, Blaumeisen, Rotkehlchen dem unter das Sieb gestreuten Futter nachgingen, zogen wir den Pflock weg und das Sieb fiel über die Gefangenen. Es wurde ihnen aber nichts angetan, als daß sie höchstens einmal auf einen Tag in die Stube genommen wurden; dann sorgte die Mutter schon für ihre Befreiung. So viel von den mit den Jahreszeiten wiederkehrenden Spielfreuden. Von Festen ist wenig zu berichten. Die kirchlichen Feste waren so gut wie rein spiritueller Natur, durch gehäuften Kirchenbesuch, an den hohen Festtagen anfänglich wohl noch vor- und nachmittags, der Jugend keineswegs empfohlen. Zu Weihnachten gab es für die Größeren keine Geschenke mehr; hatte man einmal die verhängnisvolle Entdeckung gemacht, wie es mit den Gaben des »Kindjens« zugehe, dann schwand mit der holden Täuschung auch die Füllung des Tellers, höchstens, daß ein doch notwendiges Stück zum Fest überreicht wurde. Zu Ostern gab es bunte Ostereier, aber auch nur für die Kleinen. Familienfeste, Geburtstage wurden nur etwa bei Tisch einmal ein wenig ausgezeichnet; und ich gestehe, daß ich einigermaßen geneigt bin, ein Zuwenig in diesen Dingen weniger schlimm zu finden als ein Zuviel. Durch das Zuviel kann das Schenken zu einer wahren Landplage werden, für die Beschenkten ebensosehr wie für die Schenker, die ja übrigens in der Regel die Rollen wechselsweise spielen. Doch eines Festes muß ich noch gedenken, es war eigentlich das Fest des Jahres: der Langenhorner Jahrmarkt, gegen Ende August. Lange Zeit vorher wurden die Tage abgezählt, die es noch bis zum Jahrmarkt sei. Dann begann die Vorfreude: am Sonnabend kamen die Dorfstraße entlang Pferdekoppeln, mit allerlei Aufputz an Schweif und Mähne, geheimnisvolle Kastenwagen, aus denen hin und wieder ein fremdartiges Gesicht zum Fenster hinausguckte, das Karussell, die Pferde und Drachen und Boote auf Wagen verpackt, einige Kunstreiterpferde mit aufgeputzten Reitern usw. Wir lagen auf dem Erdwall[79] vor unserm Hof, und all diese Herrlichkeiten passierten, die Begierde weckend, vor unseren Augen vorüber. Am Sonntag nachmittag um vier Uhr wurde der Markt »eingeläutet«; natürlich waren wir schon zur Stelle: die Budenstadt, die auf unserem Spielplatz über Nacht entstanden war, wurde besichtigt, die Preise verglichen, die Obststände begehrlich angeschaut, das Karussell probiert, die Buden mit wilden Tieren sondiert, man wollte doch sicher sein, für sein Geld etwas zu haben, die Moritaten, die zur Drehorgel mit Demonstrationen an einem großen in Felder geteilten Tableau auf Wachsleinwand abgesungen wurden, so lange gehört, bis man sie auswendig konnte: ich erinnere mich noch einer gräßlichen Schauertragödie mit sechsfachem Mord aus Spanien. Halbtot vom Getöse, Gedränge, Hitze, Staub und Gerüchen kam man am Abend nach Hause, und doch glücklich in dem Gefühl, daß ja die Herrlichkeit erst im Angehen sei. Der Montag war erst der Haupttag: da kamen die Besuche, Verwandte und Bekannte von außerhalb stellten ihre Wagen und Pferde ein; überall war der Tisch gedeckt; für die Kinder fiel ein »Jahrmarkt« in die Börse, und so zog man mit Krösusgefühlen dem Marktplatz wieder zu. Man erwog und teilte ein, um das Menschenmögliche zu erschwingen; die ersten Äpfel und Birnen wurden erstanden, zehn Stück für einen Schilling, sie waren meist noch unreif, der Geruch unreifen Obstes ist bei mir noch heute mit dem Langenhorner Jahrmarkt unlöslich assoziiert; der Seiltänzer, der vor der Kunstreiterbude sich sehen ließ, wurde bewundert, ein Feuerfresser vor der Wildentier-Bude angestaunt; noch stärker zog das Brüllen des Löwen oder das Brummen des Bären, das man aus dem Zelt heraus hörte, und so faßte man sich ein Herz und riskierte seine paar Schillinge. In einer anderen Bude zeigte sich ein Mann ohne Arme; er konnte aber mit dem Fuß schreiben: Ich habe noch das Blatt, auf dem er eine Rose gezeichnet hat mit der Umschrift: Keine Rose ohne Dornen. Und so ging das weiter, bis der Tag sich neigte. Leer am Beutel, krank am Herzen zog man endlich heimwärts; der längste Arbeitstag machte nicht so müde und zerschlagen als dieser Jahrmarktstag. Das hinderte nicht, daß man sich bald auf den nächsten zu freuen begann. Außer dem heimischen Jahrmarkt wurde noch zuweilen der Bredstedter Markt im Oktober und der Lecker im Frühjahr besucht. In Leck wurden die jütischen Kühe gekauft, die auf den Marschweiden im Sommer sich mästeten, um dann auf dem Husumer Herbstmarkt verkauft zu werden. 
 Der Beginn meiner Studien  [101] Die gegebene und von den Eltern als selbstverständlich angesehene Bestimmung des einzigen Sohnes war natürlich: daß ich einmal ihr Nachfolger auf dem Bauernhof werden solle. Daß meine Natur und Begabung gerade hierauf gerichtet sei, ließ sich freilich nicht behaupten. Und auch meine Eltern täuschten sich darüber nicht; ich zeigte für Bücher seit langem ein lebhafteres Interesse, als es für einen Bauern sich zu schicken schien; dagegen war meine Teilnahme für Ochsen und Schafe und ihre Preise, meine Fähigkeit, die einzelnen zu erkennen und ihre Qualitäten zu würdigen, auch hinter mäßigen Erwartungen vielfach zurückgeblieben, so daß ich oft hatte in tadelndem Sinne hören müssen: aus dir wird im Leben kein rechter Bauer. Vor allem pflegte es mir so zu ergehen, wenn ich bei den Verwandten oder Nachbarn gewesen war und nun über das, was ich gesehen und gehört habe, über Stand der Äcker, Fortgang der Ernte, Gedeihen und Verhandeln der Pferde und Kühe zu berichten aufgefordert wurde und der Bericht dann ungenügend ausfiel; das Gespräch in diesen Kreisen dreht sich überhaupt fast ausschließlich um landwirtschaftliche Dinge und zwar durchaus im engsten praktischen Sinn: mir fehlte dafür mit dem Interesse das Gedächtnis, und so stand ich anderen Gleichaltrigen gegenüber als der Unwissende da, wurde wohl auch auf solche als ein der Nacheiferung würdiges Beispiel hingewiesen. Alles das erhöhte meine Neigung für diese Dinge nicht; auch wurden mir manche landwirtschaftlichen Arbeiten, so vor allem das Eggen, das mir meist zufiel, geradezu peinvoll und verhaßt: den ganzen Tag bei scharfem Wind über den Sturzacker hinstolpern und den Staub schlucken, den die Egge aufwühlt, gehört freilich nicht zu den Freuden des ländlichen Daseins; ich erinnere mich noch, wie ich einmal bei dieser Arbeit, mich unbeobachtet glaubend, vor Ungeduld, Zorn und Widerwillen laut aufschrie, was dann eine Nachbarsfrau hörte, die mich durch die Frage: was mir fehle? in Verwirrung und Scham versetzte. So geschah es denn eines Tages, es wird in meinem 14. Lebensjahr gewesen sein, daß mir, als ich mit den Eltern beim Abendtee saß, wieder Vorhaltungen in jenem Sinne: ich werde nie ein tüchtiger Bauer werden, gemacht wurden. Mit unvermuteter, aber nicht unüberlegter Antwort sagte ich rasch dazwischen: Ich will auch gar nicht Bauer werden.[102] Nun, was willst du denn werden? fragte die Mutter. Ich will studieren. Damit war denn auf lange Zeit das Thema für unsere Gespräche gegeben. Im ersten Erstaunen wurde meine Äußerung wohl kaum ernst genommen. Als ich aber beharrlich darauf zurückkam und mich mehr und mehr mit der der Jugend eigenen Hartnäckigkeit darauf versteifte, stieß ich auf nicht minder entschiedenen Widerstand. Vor allem war es die Mutter, die, mit rascherer Zunge begabt, alle möglichen Gründe solchem Vorhaben entgegenstellte, sie wußte die Vorzüge des Landlebens sehr lebendig darzustellen; vor allem kam sie immer wieder auf einen Punkt zurück: der Bauer ist der einzige freie Mann im Lande. Alle andern, vor allem alle Studierten, müssen andern dienen, er besorgt seine eigenen Angelegenheiten, und zwar so, daß ihm niemand dareinredet; wie er es für recht hält, so macht er es, und niemand fragt darnach. Dagegen müssen Beamte, Geistliche, Lehrer immer nach Geboten handeln und sich von andern ihre Leistungen beurteilen und kontrollieren lassen; und werden sie getadelt, dürfen sie nicht widersprechen. Ich habe seitdem oft an die Worte meiner guten Mutter denken müssen und hätte es wohl noch öfter getan, wenn ich nicht das Glück gehabt hätte, im akademischen Lehramt meinen Beruf zu finden: in der Tat, wenn ich nicht Professor geworden wäre, wäre es doch am Ende das beste für mich gewesen, Bauer zu werden. Indessen, damals machten diese Erwägungen, deren Bedeutung noch ganz außerhalb meines Gesichtskreises lag: ich hatte überhaupt einstweilen nur das Studium selbst, nicht den Beruf vor Augen, auf mich nicht den geringsten Eindruck. Ich hielt ihnen vor allem eines entgegen: wenn ich nun gezwungen würde, wider meinen Willen Bauer zu werden, was wird die Folge sein? Offenbar die, und ich wußte durch Hinweisungen auf konkrete Fälle die Sache sehr einleuchtend und dringlich zu machen, daß ich einmal als mein eigener Herr mich dem Müßiggang hingebe, mit der langen Pfeife im Mund Zeitungen und Bücher lese und bestenfalls einmal einen Spaziergang über die Felder mache, wie H. oder L. euch dies Ärgernis alle Tage vormachen. Ob sie, so tätige Menschen, wünschen könnten, daß ich einmal ein so unnützes Dasein führe? Allmählich gewöhnten sich so die Eltern an den Gedanken, und die Frage wurde erwogen: was ich denn studieren wolle? Nur eines nicht, meinte die Mutter: Advokat, das seien die schlechtesten Menschen, die[103] von anderer Leute Unglück lebten. Und als ich mich nun ohne große Schwierigkeit bereitfinden ließ, die Theologie zu wählen, da begann die Aussicht, ihren Sohn einmal auf der Kanzel zu sehen, auf das Mutterherz ihren Zauber auszuüben. Auch ihr Gewissen begann sich zu regen: wenn ich nun vielleicht berufen sei, ein auserwähltes Rüstzeug Gottes zu werden, ob es dann nicht Schuldigkeit sei, die eigenen Wünsche zurückzustellen? Sie selbst verdankte Predigern so Großes, ihr ganzes geistiges Leben und ihr Seelenheil, daß es für ihre Anschauung einen größeren und wichtigeren, freilich auch schwereren Beruf auf Erden nicht gab als den des »Priesters«, wie die friesische Sprache ihn heut noch nennt. War so die Mutter für eine freundlichere Betrachtung meiner Neigung gewonnen, so hatte auch der Vater, der von vornherein zurückhaltender gewesen war, vor dem geistlichen Amt und vor geistiger Arbeit überhaupt so viel angeborene und erworbene Hochachtung, daß er einem entschiedenen Willen, wie er ihn vor sich sah, ein entschiedenes Nein entgegenzusetzen nicht über sich gewinnen konnte. Zureden von seiten meines Lehrers Brodersen tat ein übriges, und so gewann ich im Sommer 1861 eine bedingte Gewährung meines Wunsches: er wolle mit Pastor Thomsen über mich sprechen, und wenn dieser bereit sei, mit mir einen Versuch zu machen, so wolle er einer Probe, ob ich die nötigen Fähigkeiten zum Studieren habe, nicht länger entgegensein. Pastor Thomsen, der schon mehrere junge Leute aus dem Ort und der Umgebung für das Gymnasium vorbereitet hatte, ließ sich bereitfinden, und so wurde der Beginn des Unterrichts auf den Anfang des Herbstes verabredet. Amazon.de Widgets Wie groß das Opfer war, das meine Eltern mir brachten, das habe ich damals nicht empfunden. Ich war voll Freude und Dank und dachte an mich und die nunmehr erlangte Freiheit, meiner Neigung zu den Büchern zu folgen; an die Eltern, und was für sie dieser Schritt bedeute, dachte ich überhaupt kaum. Es ist die naive Selbstsucht der Jugend; geschieht ihr der Wille, so ist alles in Ordnung. Daß für die Eltern die Einwilligung zum Studium den Verzicht auf lange gehegte Hoffnungen, die Übernahme langer und schwerer Sorgen, Sorgen um das innere und äußere Gedeihen des einzigen Sohnes, sie haben über zehn lange Jahre gedauert, endlich die Aussicht auf ein einsames Alter bedeute, das alles sind mir damals, wenn nicht ganz fremde, so doch unwirksame Vorstellungen geblieben. Jugend kennt kein Mitleid. Daß[104] dem alternden Vater, er war 56 Jahre alt, wenn er mit seinem langsam festen Schritt über die Felder oder hinter dem Pflug herging, nun nicht mehr die Hoffnung zur Seite schritt, daß nach ihm sein Sohn und Erbe die Früchte des Nachdenkens und Schweißes, die er an die Verbesserung des Bodens setzte, ernten werde: mir ist der Gedanke wohl kaum einmal gekommen. Und er sprach ihn sicherlich gegen niemand aus, am wenigsten gegen mich; er war nicht ein Mann vieler Worte, vor allem nicht vergeblicher Worte: hab ich meine Zustimmung gegeben, so sind die Folgen zu tragen; und leeres Klagen erleichtert die Sache nicht. Arbeiten, einfach weil die Sache es fordert, ohne viel Gedanken über den letzten Zweck der Arbeit, das war seine Art; er ist ihr bis in sein Alter treu geblieben und glücklich dabei gewesen. Ich weiß nicht, ob nicht, was ihn die Natur lehrte, auch der Weisheit letzter Schluß ist. Goethe scheint der Ansicht zu sein: »die Forderung des Tages erfüllen«, das war auch ihm die Antwort auf die Frage nach der Bestimmung des Menschen. Am 5. Oktober 1861, es war des Vaters Geburtstag, bin ich zum erstenmal zu Pastor Thomsen in die lateinische Stunde gegangen, nachmittags von 5 bis 6. Die Fenster in seinem Studierzimmer standen offen; aus dem Garten drang der Duft des Herbstes, Reseda und Astern, herein; der Geruch ruft mir noch heute die hellen Herbsttage jenes Jahres vor die Sinne. Anderthalb Jahre hindurch bin ich täglich zur selben Stunde nach dem 10 Minuten entfernten Pfarrhaus gewandert; ich glaube nicht, daß eine einzige Stunde ausgefallen ist, obwohl Pastor Thomsen verlobt war und während der Zeit heiratete. Der lateinische Unterricht, während des ersten halben Jahres der einzige (ich fuhr fort, daneben die Volksschule, allerdings nur vormittags, zu besuchen) fiel auf einen guten Boden. Der kleine Kühner wurde zugrunde gelegt; ich erhielt täglich ein Pensum aus der Grammatik zu lernen auf, dazu die Vokabeln und Übungsstücke. In wenig Tagen konnte ich die Deklination und ein paar Formen aus der Konjugation; ich erinnere mich noch wohl, wie ich einmal neben dem Vater am Pflug herging und ihm vorsagte, wie die alten Römer geredet hätten: agricola arat agrum; oder wie ich ein andermal im Garten auf und ab ging, das Paradigma pugna acris einübend, oder wie mir das Problem zu schaffen machte: ob es rana magna oder nicht vielmehr magnus heißen müsse; da doch der Frosch ohne Zweifel ein männliches Wesen sei wie die Kröte ein weibliches. Es ging rasch vorwärts; am Ende des Halbjahres[105] hatte ich den kleinen Kühner durch und las die angehängten Lesestücke aus des Curtius Geschichte Alexanders des Großen. Als ich einmal auf einen Druckfehler im Text hinwies: es müsse doch so heißen, sah mich mein Lehrer mit raschem Aufblick an: Wer sagt das? Ich erwiderte: Ja, es kann hier doch diese Form nicht stehen. Das war meine erste Konjektur. In demselben Winter besuchte ich den Konfirmationsunterricht, der dies Jahr bei dem anderen Pastor stattfand. Ich erinnere mich nicht, daß er auf mich Eindruck gemacht hätte; es war dieselbe Dogmatik, die wir in der Schule aus dem Katechismus gelernt hatten, um einige Sprüche vermehrt, und hier und da eine scholastisch-theologische Beweisführung. So wurde z.B. die Ewigkeit und Allgegenwart Gottes uns demonstriert: Gott habe doch Zeit und Raum geschaffen, also könne er nicht in Zeit und Raum beschlossen sein. Auch von der Konfirmation selbst oder der nach folgenden Beichte und Abendmahl habe ich keinerlei stärkeren Eindruck empfangen. Lebendig in der Erinnerung ist mir dagegen eines. Ich hatte für die Feier meinen ersten Tuchanzug erhalten. Durch irgendein Versehen hatte der Schneider die Ärmel verschnitten, so daß er ein kleines trapezförmiges Stückchen an der Naht oben an der Schulter hatte einsetzen müssen. Das Bewußtsein dieses Mangels verließ mich nicht, als wir im Kirchensteig aufmarschierten und uns in die Reihe stellten, um nacheinander das »Bekenntnis« abzulegen. Ich hatte die Empfindung: die ganze Gemeinde müsse auf das zugeflickte Loch in meinem Tuchrock hinblicken. Von da ab gehörte nun der ganze Tag meinen Studien. Sie setzen mit aller Wucht ein: zum Lateinischen kamen, fast gleichzeitig begonnen, fünf neue Sprachen: Griechisch, Hebräisch, Französisch, Englisch und Dänisch. Dazu wurde Mathematik und Geschichte vorgenommen und alle vier Wochen ein deutscher Aufsatz geliefert. Eine ganze Bibliothek von Lexiken, Grammatiken und Texten wurde angeschafft, so daß meine Mutter die Hände über dem Kopf zusammenschlug: die mußt du alle durchlesen? Wie das möglich war? wird man fragen in einer Zeit, wo man Scheu trägt, schon nach einem Jahr eine neue Sprache neben der bisherigen zu beginnen. Ja, es wurde eben nach der Möglichkeit gar nicht gefragt: in der Sekunda des Gymnasiums wurden bei uns damals die sechs Sprachen nebeneinander getrieben, also wird auch der Vorbereitungsunterricht sie behandeln müssen, denn daß die Vorbereitung[106] auf die Sekunda abziele, stand fest. / Ich habe ebensowenig als der Lehrer nach der Möglichkeit gefragt, sondern die Sache als selbstverständlich hingenommen; von Überbürdung wußte ohnehin in unserem glücklichen Ort kein Mensch. Übrigens hat mir Pastor Thomsen lange nachher, es war, als ich ihn im Jahre 1889 von Glücksburg aus in Sterup, seiner Gemeinde in Angeln, besuchte, erzählt: als mein Vater mit dem Anliegen, mir Unterricht zu erteilen, zu ihm gekommen sei, da habe er ihm gesagt: Herr Pastor, nehmen Sie ihn gleich gehörig vor, daß wir wissen, ob er es leisten kann. Und so habe er ihm versprochen: er wolle den Schritt so nehmen, daß er, wenn ich ihm halten könne, mit Sicherheit wisse, daß ich das Zeug dazu habe, zu studieren. In der Tat, ich muß meinem trefflichen Lehrer das Zeugnis geben, daß er Wort gehalten hat: er hat mich gehörig vorgenommen. Es ist mir aber nicht zuviel geworden. Ich erinnere mich kaum einer Zeit fröhlicherer Arbeit und gedeihlicheren Wachstums als dieses Jahres. Im Mittelpunkt der Arbeit blieb das Lateinische stehen. Ich fing an, miteinander Livius, Virgil, Cicero zu lesen. Es kostete anfangs Mühe; besonders die verstellten Wörter der Äneis zusammenzufinden, wie sie zusammengehörten, wollte zuerst nicht recht gelingen. Doch reichliche Übung gab bald den Blick; ich habe in dem Jahr die ersten zwei Bücher der Äneis durchgebracht. Pastor Thomsen gab nichts auf langes Erklären, weder des Sprachlichen noch des Sachlichen. Er ging von der, meiner Ansicht nach durchaus begründeten Anschauung aus: das Reden über die Sprache, das Vorsagen von Regeln und Ausnahmen, Tropen und Figuren, das Erklären von Feinheiten und Schönheiten hilft dem Anfänger nicht weiter, die Übung im Lesen und Nachbilden bringt von selbst die Sicherheit im Erfassen, und dann mag die Reflexion ein letztes zum Verständnis tun. Mit großer Freude las ich die beiden ersten Bücher des Livius, sie zogen gleichermaßen durch den Stoff und die Form an. Seine Perioden und der Versuch ihrer Nachbildung gaben mir zuerst einen Geschmack von der Eigentümlichkeit der lateinischen Sprache. Weniger wollte mir Cicero behagen, von dem wir mit der Rede für den König Dejotarus begannen, dann die Katilinarien lasen. Das Lateinschreiben wurde fleißig geübt; ich hatte dafür besondere Neigung, eine nach meiner Empfindung gutgelungene Umschreibung oder Umsetzung eines Substantivs in einen Satz, eine wohlgeratene oratio indirecta gab mir große Genugtuung. Ich übersetzte aus einer Version der Briefe des Muret, Pastor Thomsen hatte das Original[107] in der Hand, und wir verglichen von Zeit zu Zeit mein Anfängerlatein mit dem des eleganten humanistischen Stilisten: eine Übung, die ich für eine nicht unwirksame halte. Für die Erlernung des Griechischen wurde wieder die kleine Kühnersche Grammatik benutzt, die schon durch die vollständige Gleichartigkeit der Anlage die neue Sprache beinahe als eine bekannte erscheinen ließ. Auch sie wurde rasch durchgenommen, ich denke, daß wir ebenfalls in etwa einem halben Jahr das Ende erreichten. Dann begann die Lektüre des Homer; wir lasen Partien aus der Odyssee, den Anfang, die Ereignisse auf Ithaka und bei der göttlichen Kalypso, später die Fahrt in die Unterwelt, im ganzen 5 Bücher; dazu zwei Plutarchische Biographien; den üblichen Xenophon habe ich nie in die Hand bekommen. Einer bedeutenden Wirkung vom Homer vermag ich mich aus dieser Zeit nicht zu erinnern, obwohl er mir auch dem Stoff nach völlig neu war; der Anfänger ist wohl allzusehr durch die Sprache in Anspruch genommen, als daß er auf den Sinn viel zu achten imstande wäre. Auch nachher auf dem Gymnasium, wo die Ilias gelesen wurde, ging er, ohne viel Eindruck zu machen, am tauben Sinn vorüber. Erst als ich ihn nach Vollendung meiner Studien wieder las, gegen Ende der Zwanzig, ging mir der Verstand für seine Eigentümlichkeit und Schönheit auf. Vermutlich ist die Zeit, wo wir ihn als Schüler griechisch zu lesen pflegen, überhaupt das für ihn undankbarste Alter; der Knabe freut sich der bunten Fabeln, der Mann kehrt zu dem Spiel der Phantasie gern zurück, das Jünglingsalter ist vielleicht am stärksten auf das Reelle gerichtet und darum für das harmlose Fabulieren am wenigsten empfänglich. Geht's uns nicht mit den Schöpfungen der Phantasie im alten Testament ebenso? Sobald die Frage nach der Wirklichkeit dieser Hergänge, der Sintflut, der Schöpfung, erwacht, hört das naive Interesse des Kindes auf. Im Französischen und Englischen wurden die ersten Anfänge ebenfalls rasch überwunden. Ich erinnere mich kaum mehr des grammatischen Unterrichts, für den Ahns Lehrbücher gebraucht wurden. Im Englischen las ich den Vicar of Wakefield ohne Verständnis für die entzückende Kunst der Naivität; auf einen französischen Autor vermag ich mich nicht zu besinnen, vielleicht haben wir auch keinen gelesen, dagegen ziemlich viel ins Französische übersetzt. Eine französische oder englische Grammatik hab ich überhaupt seitdem nicht mehr in die Hand genommen, auch auf dem Gymnasium so gut wie nichts hinzugelernt; erst spätere Lektüre um der Sache willen hat mich weitergebracht.[108] Endlich das Dänische: die Elemente erlernte ich aus einem kleinen Büchlein von Blichert; ein Lesebuch gab so viel Übung, daß ich, als ich nach Altona kam, Ingemanns Romane, die in der Sekunda gelesen wurden, recht gut vom Blatt las, wie ich es denn noch heute tue. Da ich Theologie studieren sollte, wurde auch mit dem Hebräischen ein Anfang gemacht, mit einer Grammatik von Seffer. Die Formenlehre ging ohne zu große Schwierigkeit ein, dagegen hat das Behalten der Wörter mir stets große Mühe gemacht; es fehlt jede Anlehnung an das Bekannte, sowohl in der Etymologie als in der Wortbildung. Immerhin glänzte ich, als ich auf das Gymnasium kam, unter den Sekundanern als Hebräer. Geschichte wurde gelernt nach eigenen Heften des Lehrers; ich habe seine kleinen Oktavhefte der alten, der deutschen und der dänischen Geschichte abgeschrieben und auswendig gelernt: sie enthielten in allerknappster Fassung das Notwendigste, vor allem die Regentenreihen, wo es ihrer gab, mit kurzer Bezeichnung der Hauptbegebenheiten. Ich glaube nicht, daß ich zeitweilig auf die Frage nach den Regierungsjahren eines römischen oder deutschen Kaisers oder eines dänischen Königs die Antwort schuldig geblieben wäre: so unglaublich aufnahmewillig war damals das Gedächtnis. Am wenigsten kann ich den Unterricht in der Mathematik loben. Ich war hier durch den ausgezeichnet anschaulichen Unterricht der Volksschule verwöhnt. Als mir nun zugemutet wurde, in rascher Folge, wie in der Grammatik Paradigmen oder in der Geschichte Königsreihen, so hier lange Reihen von Lehrsätzen und Beweisen auswendig zu lernen, versagte ich. Und da der mathematische Unterricht auf dem Gymnasium gleich Null war, so bin ich, trotz späterer Anläufe, so ziemlich auf das beschränkt geblieben, was mir der treffliche Küster Brodersen für das Leben mitgegeben hat. Im Sommer 62 erfuhr meine Bibliothek eine große Bereicherung. Die Witwe unseres früheren Hauptpastors mit Namen Speckhahn, welchem Namen übrigens die beiden kurzen und fetten Figuren der Träger sich wohl angepaßt hatten, starb, und der Hausrat, darunter die Bücher ihres Eheherrn, kamen zur Versteigerung. Ich erwarb eine Menge zum Teil nicht wertloser Bücher, besonders lateinische Klassiker, meist für einen oder zwei Groschen (dänische Vierschillingstücke) den Band; ich war der einzige Bieter. So hab' ich unter anderem die zweibändige Döringsche Horazausgabe dort gekauft, die mir bis auf diesen[109] Tag nicht aus den Händen gekommen ist: ihre sehr planen und auch wohl einmal platten Erklärungen und Umschreibungen in lateinischer Sprache waren doch eine ganz gute Übung im Gebrauch der lateinischen Schulsprache. Tacitus und Juvenal, in deutscher Übersetzung aus dem 16. Jahrhundert, gaben Lesestoff. Eine dicke hebräische Bibel hat mich noch nach Bonn begleitet, wo sie in den Händen eines Studienkameraden geblieben ist. Auch ein syrisches Neues Testament mit Glossar war unter den Schätzen meines alten Pastors gewesen; es hat mich gereizt, die Buchstaben aus den Eigennamen zusammenzusuchen. Eine kleine Geschichte der Philosophie, von Socher, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, versuchte ich zu lesen, aber ohne Erfolg. Dagegen hat mir bei irgendeiner Gelegenheit Pastor Thomsen einmal einiges aus den Anfängen der griechischen Philosophie vorgetragen, was mich sehr beschäftigte. Amazon.de Widgets Im übrigen war der Unterricht, um auf diesen zurückzukommen, streng auf die Sache gerichtet; seine Maxime war: keine Zeit verlieren. Für Abschweifungen und Exkurse war keine Zeit; die tägliche Stunde reichte gerade aus, die Lösung der Aufgaben durchzugehen und neue zu stellen. Das gelesene Pensum, das ich mir selber absteckte, wurde rasch übersetzt, dann die schriftlichen Übungen mit dem Bleistift in der Hand durchgegangen; die unterstrichenen Fehler wurden gleich zu Fragen: wie muß es heißen? Dabei hatte er die Gewohnheit, da man Kopf an Kopf über dem Heft saß, mit dem Bleistift, wenn die richtige Antwort nicht sogleich erfolgte, recht derb auf den Kopf zu stoßen, um der Behendigkeit des Verstandes nachzuhelfen. Ein Mitschüler, der die meisten Stunden mit mir gemeinsam hatte, er war im Sommer 62 aus einer Nachbargemeinde auf Empfehlung des dortigen Pastors von meinem Lehrer in Haus und Unterricht aufgenommen worden, ist oft mit schmerzendem Kopf von der Stunde aufgestanden: er war von langsamer Fassungskraft und hat mir oft leid getan, wenn er, bei redlichstem Fleiß, den Anforderungen nicht gewachsen war und nun dem unbarmherzigen Bleistift sich zu entwinden suchte. Dabei wurde ich, wenn ich etwas versah, nicht im mindesten nachsichtiger behandelt. Ich erinnere mich nicht eines einzigen Lobes, das mir während der anderthalb Jahre wäre zuteil geworden, obwohl vielleicht die Leistungen den Lehrer selbst einmal überraschten. Dagegen ist mir mehr als eine entschiedene Zurechtweisung im Gedächtnis geblieben, wenn ich hinter dem, was ich nach seiner Ansicht wohl hätte leisten können, zurückgeblieben war.[110] Einmal habe ich sogar nachbleiben müssen; es war bei dem Paradigma der regelmäßigen griechischen Konjugation. Ich hatte das ganze Verbum ??????? durchzukonjugieren aufbekommen, oder war es, nachdem ich in der vorigen Stunde das Aktivum gelernt hatte, nur das Medium und Passivum? Gleichviel, im Passivum verwirrte ich mich und blieb stecken. Es wollte nicht mehr zurechtkommen. Da mußte ich, nachdem wir die übrigen Aufgaben erledigt hatten, dableiben und lernen, nicht mit sehr bereitem Kopf, bis die Sache ging. Einen Scherz oder ein Lachen hab ich von ihm während des Unterrichts überhaupt nicht gehört; er war sonst in der Unterhaltung mitteilsam, auch wohl zu einem Schnack oder Spaß geneigt: als Lehrer war er ernst und streng, bis an die Grenze der Härte, was vor allem mein eben erwähnter Mitschüler öfters erfuhr; ich hatte an ihm gewissermaßen einen Blitzableiter. Daß mir die Strenge übel bekommen wäre, kann ich nicht sagen; für meinen Kameraden wäre wahrscheinlich etwas mehr Geduld und Nachhilfe förderlicher gewesen als der unfühlende Bleistift. Ich mußte, als ich später in der Selbstbiographie J. St. Mills die Charakteristik des Vaters und des Unterrichts las, den er von diesem erhielt, an meinen Pastor Thomsen denken. Auch hier der gleichmäßige, unerschütterliche Ernst; auch hier das Prinzip: die Zeit aufs äußerste auskaufen; auch hier der völlige Ausfall des Lobes, der Anerkennung oder gar der Bewunderung des Schülers, der sie doch innerlich dem Vater ohne Zweifel durch seine Leistungen nicht selten abnötigte: ein Knabe von 9 Jahren, der griechische Schriftsteller, Plato z.B. und Plutarch, vom Blatt liest, war gewiß auch damals keine gewöhnliche Erscheinung. Mill schließt seine Darstellung mit der Bemerkung: ein Schüler, von dem nie etwas verlangt wird, was er nicht oder noch nicht leisten kann, wird nie alles leisten, wozu er fähig ist. Ein sehr wahres Wort; und so bin ich auch durchaus überzeugt, daß unter den beiden Fehlern des Lehrers: zu großer Strenge und zu großer Nachsicht, der letztere der gefährlichere ist. Allzu viel Nachsicht und Geduld, allzu leichtes Herabsetzen der Forderungen verwöhnt und verweichlicht; der Schüler gewöhnt sich, die Sache nicht ernst zu nehmen, weil auch der Lehrer sie als eine erläßliche anzusehen scheint, und habituelle Erschlaffung ist das Ende. Ich sagte, daß ich Pastor Thomsen im Unterricht niemals lachen gehört habe. Einer Ausnahme erinnere ich mich doch. Ich hatte die hebräische Konjugation auf; das Paradigma katal gab allerlei mir komisch in die[111] Ohren fallende Formen, die mich schon beim Lernen zu Hause zum Lachen gebracht hatten. Ich war überhaupt als Knabe für komische Lautbildungen sehr empfänglich, manche reizten mich unwiderstehlich zum Lachen; meine Mitschüler in der Volksschule wußten es und haben mir dadurch mehr als einmal eine Tracht Prügel eingetragen: die Zuflüsterung eines kauderwelschen Worts wirkte unwiderstehlich auf meine Lachmuskeln, und der Versuch der Unterdrückung endete regelmäßig mit lautem Herausplatzen. Also ich beginne in der Stunde das Paradigma von katal aufzusagen; das Unglück wollte, daß die Braut des Pastors gerade in der Stube anwesend war; das erhöhte die nur mühsam noch beherrschte Spannung. Als aber die Formen des Futurums daran kamen: jiktol, tiktol, tiktoli, da ging der Lachreiz mit mir durch, und ich platzte laut heraus. Der Braut, sie war noch ein junges Mädchen, nicht viel älter als ich, ging es ebenso, sie mochte schon länger den seltsamen Lauten gehorcht haben. Da konnte auch Pastor Thomsen seinen sonst so unerschütterlichen Ernst nicht festhalten, er mußte mitlachen, und das hebräische Paradigma mußte für diesmal beiseite gelegt werden. Die betreffenden Formen aber blieben für uns seitdem eine kitzliche Stelle, über die wir immer rasch und behutsam hinwegzukommen suchten. So viel von dem Unterricht bei Pastor Thomsen. Ihm und meinem Lehrer Brodersen bin ich unter allen meinen Lehrern am meisten zu Dank verpflichtet. Er hat mit nie nachlassendem Eifer und Ernst mir die Elemente des gelehrten Wissens, im besonderen des Sprachwissens, eingeprägt; ich weiß nicht, ob ich auf anderem Wege zu einem so sicheren Besitz der Grundlagen hätte gelangen können. Meine späteren Gymnasialerfahrungen lassen es mir überhaupt zweifelhaft erscheinen, ob ich auf dem langen Wege durch die unteren und mittleren Klassen jemals an das Ziel gelangt wäre; ich fürchte, ich wäre dabei bald in den üblichen Schulschlendrian gefallen und hätte dann, des nötigen Futters oder also der notwendigen strengen Arbeit entbehrend, durch die Neigung zu allerlei Allotriis mich ganz verloren oder wäre als hoffnungslos ausgeschieden worden. Der rasche Gang an scharfen Zügel war das meiner Natur Gemäße. Das erkannte auch mein Lehrer mit seinem sicheren Blick, und da diese Gangart auch seinem Naturell entsprach, so war das Verhältnis von Lehrer und Schüler das glücklichste. Bemerken will ich übrigens doch noch dies: das Honorar für den gesamten Unterricht hatte Pastor Thomsen auf 10 Speziestaler im Vierteljahr,[112] das sind 45 Mark, festgesetz, die ich ihm am Ende jedes Termins in einer kleinen Rolle mitbrachte. 270 Mark war demnach der ganze Aufwand für meinen Gelehrtenschulkursus von VI?U.II, etwa so viel, als jetzt oft in einem Semester für Nachhilfestunden ausgegeben wird. So bescheiden waren die Verhältnisse und Ansprüche jener Zeit. Amazon.de Widgets Auch das halte ich noch für der Erwähnung wert, daß ich zu Hause ganz und gar in der alten Stellung blieb; es wurden keinerlei Umstände mit mir gemacht. Von einer »Studierstube, wie sie jetzt schon der Sextaner braucht, um nicht in seinem tiefen Nachdenken gestört zu werden, war keine Rede, es gab sie einfach nicht im Hause. Im Sommer hatte ich freilich die Wohnstube in der Regel allein; im Winter aber wurde sie, da hier allein geheizt wurde, von den übrigen Bewohnern, namentlich den weiblichen, mitbenutzt. Am Abend sammelte sich die ganze Hausgenossenschaft um den großen Tisch und ein Licht, und ich präparierte meinen Virgil oder Homer unter dem Gespräch der arbeitenden, spinnenden, plaudernden Gesellschaft. Da niemand eine Ahnung davon hatte, daß es anders sein könne, so ging die Sache ohne allen Anstoß. Ebenso war es selbstverständlich, daß ich, wenn Not an den Mann ging, bei der Erntearbeit oder wo sonst ein paar Hände gebraucht wurden, mit zugriff: daß es hierfür als für das erste Notwendige an Zeit fehlen könne, kam wieder niemand in den Sinn. Auch mit den alten Schul- und Spielkameraden wurde die Gemeinschaft fortgesetzt, ohne daß es ihnen oder mir eingefallen wäre, daß es anders sein könne. Gesegnete Selbstverständlichkeiten, in denen ich damals so weiterlebte. Und nun, indem ich mich anschicke, von Elternhaus und Heimat Abschied zu nehmen, um in die Fremde zu ziehen, dem ungewissen Glück entgegen, kann ich nicht umhin, Gott aufs innigste zu danken für all den Segen, den er mir mit ihnen geschenkt hat. Ich weiß nicht, ob ich die Kraft gefunden hätte, die folgenden Jahre zu überstehen und aus allerlei Abfall und Entartung mich wiederzugewinnen, wenn ich nicht von dorther einen Fonds robuster Kraft und eine nie ganz erloschene, wenn auch zeitweilig fast verschüttete Anschauung von dem, was dem Leben allein Würde und Wert gibt, als Ausstattung mit erhalten hätte. Der Gedanke an das Elternhaus, durch häufige Rückkehr dahin immer frisch erhalten, hat nie aufgehört, mir als Mahner gegenwärtig zu sein; er hat den größten Anteil daran gehabt, daß ich mich endlich auf den rechten Weg zurückgefunden habe. 
 Der Haushalt und die Arbeit drinnen und draußen  [32] Den Mitteilungen aus der geschichtlichen und geistigen Welt, in der ich aufgewachsen bin, lasse ich nun einiges aus der äußeren, besonders aus der wirtschaftlichen Lebensumgebung folgen; auch ihre Gestalt hat sich inzwischen in allen Stücken auf das stärkste gewandelt, während sie in den vorausliegenden zwei Jahrhunderten, von der Mitte des 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, wohl so gut wie unverändert geblieben war: Zeugnis dessen die Bauernhäuser, die ihren Charakter und Zuschnitt in diesem Zeitalter durchaus festgehalten hatten, während sie in den letzten 50 Jahren sich von Grund aus verändert haben. Das wirtschaftliche Leben einer Bauernbevölkerung wird durch die natürliche Beschaffenheit der Landschaft wesentlich bedingt; daher hierüber zuerst ein Wort. Die Westküste des mittleren Schleswig erhält ihren Charakter dadurch, daß sich hier an den Geestrücken ein mehr oder minder breiter Saum von Marschen ansetzt; die Breite wechselt von einer halben bis zu etwa drei Stunden. Die inneren älteren Köge sind Flußmarschen, die häufigen Überschwemmungen ausgesetzt sind, die jüngeren, ans Meer stoßenden Köge sind höher und Überschwemmungen nicht ausgesetzt, sie haben zugleich den schwereren und fruchtbareren Boden. Die Besiedelung ist derart, daß die jüngeren Köge, die erst seit dem 17. Jahrhundert eingedeicht sind, mit großen Einzelhöfen, die inmitten ihres Besitzes liegen, besetzt sind, während die älteren Köge wenige oder gar keine Ansiedelungen haben; die Dörfer, zu denen sie gehören, liegen vielmehr in langen Häuserzeilen hingezogen auf dem Rande der Geest, dicht an der Marsch. So die Dörfer der Kirchspiele Langenhorn, Bargum, Enge; so Risum, Lindholm, Niebüll, Deezbüll, die Kirchspiele auf der Geestinsel des Risummoor. Damit ist Landverteilung und Anbau in diesen Dörfern gegeben: zu jeder Bauernstelle gehört in der Regel ein Streifen Ackerland auf der Geest und ein Streifen Weide- und Wiesenland in der Marsch: die Hofstelle in der Mitte zwischen beiden auf dem Geestrande. Mein Heimatsort, friesisch »de Horne« (die Hörner) genannt, ist ganz nach diesem Schema gebaut; er folgt in langer Häuserzeile von West[33] nach Ost in einer Länge von einer Stunde der hier einspringenden Marsch, die den Namen des alten Langenhorner Koogs führt; ein niedriger Deich, der ihn gegen Norden und Westen einschließt, stammt aus dem 16. Jahrhundert; im Süden und Osten stößt er an die Geest, auf deren Rand die Bauernhöfe liegen, hie und da sind kleinere und größere Gruppen, z.B. bei der Kirche vereinigt, Wirtshäuser, Handwerker, Krämer, Tagelöhner. Ungefähr in der Mitte des Orts liegt mein Elternhaus, ein langgestrecktes Bauernhaus, das, ebenso wie die übrigen, Wohn- und Wirtschaftsräume unter einem hohen Strohdach vereinigt. Es erstreckt sich von West nach Ost etwa 120 Fuß lang bei 25 Fuß Breite, wovon das östliche Drittel die Wohnräume enthält, der Rest kommt auf Stall, Tenne und Scheune. Durch die Haustür unter dem Giebel tritt man in die mit Fliesen belegte Vordiele; die Tür zur Rechten führt in die Wohn- oder »Süderstube«, eine Tür gradaus in die »Norderstube«; jene ist im Winter, diese im Sommer der gewöhnliche Aufenthaltsort, wo die Mahlzeiten und auch die häuslichen Arbeiten, Spinnen, Nähen, stattfinden. Durch die Wohnstube geht's in den mit weißen Fliesen ausgelegten Pesel, der in der Regel nicht gebraucht wird: hier stehen die Koffer und Schränke. Durch die »Norderstube« geht man in die Küche, an die sich der tiefe Keller und darüber die Vorratskammer anschließen. Die glänzend hellblau gestrichene Wohnstube ist zugleich die Schlafstube der Eltern, das Bett, ein eingemauertes Wandbett, wie es damals noch überall Sitte war, abschließbar durch Vorhänge oder Holztüren. Hier steht der eiserne Ofen, anfänglich ein sogenannter »Beileger«, der von der dahinter liegenden Küche aus geheizt wird, die Wände mit biblischen Darstellungen geziert, später ein moderner Aufsatzofen, in dem im Winter der Teekessel beständig brodelt. Am Winterabend sammelt sich die ganze Familie um den großen Klapptisch am Fenster, auf dem eine Talgkerze brennt, welche die Mutter selbst gegossen hat. Der Vater liest die Zeitung, die Mutter näht oder spinnt, die Magd kardet Wolle, der Knecht liest oder raucht im Hintergrund seine Pfeife, dreht auch wohl einmal auf eigene Rechnung Strohseile, wie sie beim Dachdecken Verwendung finden, und ich mache Schularbeiten oder lese in einem Geschichtenbuch. Den Schluß macht um 9 Uhr ein Abschnitt aus Goßners »Schatzkästlein« oder einem anderen Erbauungsbuch, den der Vater vorliest. Im Sommer sitzt man am Abend in der Norderstube[34] und plaudert, der Himmel bleibt hier bis gegen 10 Uhr so hell, daß ein Licht nicht nötig ist; um Mittsommer, wir sind unter dem 55. Breitengrad, bleibt es die ganze Nacht hindurch halbhell, bis gegen 11 Uhr kann man zur Not noch ohne Licht Gedrucktes lesen, nur zwischen 11 und 1 herrscht ein dämmeriges Halbdunkel. Der Schlaf wird im Sommer, vor allem wenn die Arbeit drängt, kurz gemacht, halb 10 zu Bett, 4 Uhr mit der Sonne wieder auf. Dazu 1 Stunde Mittagsschlaf. Im Winter kann man nachholen, da steht man erst nach 6 Uhr auf, immerhin noch so, daß auch am Morgen überall, in der Küche wie im Stall, Licht gebrannt werden muß. Denn die Sonne kommt spät und erhebt sich nur eben über den Horizont, manchen Tag sieht man sie überhaupt nicht. So das Haus und seine Räume. Süden vor dem Haus ist der Garten und der größere Hofraum, die »Werft«, ein hoher Erdwall schließt sie gegen die Dorfstraße ab. Zu beiden Seiten des Hauses liegen sodann die Felder, die das »Bohl«, die eigentliche Bauernstelle ausmachen, nach Süden und nach Norden je etwa 3 Kilometer lang in schmalem Streifen von ungefähr 40 Meter Breite sich erstreckend. Nach Norden liegt die Marsch, in Fennen, die von breiten fischreichen Wassergräben umgeben sind, abgeteilt; es sind 9 Fennen, von 2 bis 4 Demat (1?2 Hektar) groß. Sie werden in der Regel als Weide für Vieh und Schafe, die tieferen als Wiesen (Meedland) benutzt. Im Sommer ist's ein entzückender Anblick: der weite, grüne, von glänzenden Butterblumen gelbschimmernde Plan mit roten, weißen und bunten Rindern bedeckt, dazwischen vereinzelt weißwollige Schafe und wohlgenährte, meist kastanienbraune Pferde, die sich auf der Weide für den Langenhorner Markt einen blanken, glatten Rücken holen. Nach Süden liegt die Geest; erst kommen fruchtbare Koppeln, die vor allem für die Milchkühe die nahe Weide bieten, dann folgen ansteigend höher gelegene Äcker, zum Teil recht dürftiger Sandboden. Endlich geht die Geest in die Heide über, die in Gemeinbesitz ist; sie ist das Feld der armen Leute: hier kann jeder Heide hauen, Torf stechen, weißen Sand graben und waschen, um ihn den Hausfrauen zu verkaufen, die damit die Dielen bestreuen, oder Kiesgruben öffnen, die für die Wege das Material liefern. Über die Heide steigt man in einer Viertelstunde zu einer für das Flachland ansehnlichen Erhebung hinauf, worauf die Stolberger Windmühle als stolzes, weithin sichtbares Wahrzeichen der ganzen Umgegend ragt. Von hier aus hat man an einem hellen Sommertag einen weiten Ausblick auf das nahe schimmernde[35] Wattenmeer mit seinen Inseln, den Halligen. Oft wenn wir über Stolberg nach Bredstedt fuhren, hielt hier der Vater und zeigte, mit der Peitsche weisend, die Stätten, die ihm von seiner Jugend her so vertraut waren: das nahe Oland, dahinter Föhr mit Wyck, südlich Langeneß, weiter links das reiche Nordstrand und endlich, am Horizont verdämmernd, Eiderstedt, das Paradies eines Bauernherzens. Wendete man sich nach Norden, dann breitete sich die weite Ebene vor dem Blick aus, zuerst Heide und Geest, am Rand die lange Dorflinie, dahinter die grünen Marschen, bis im Nordosten der Langenberg, ein ähnlicher breiter Hügelrücken wie der Stolberg, von Osten her sich vorschiebend, den Horizont begrenzte. Auch diese Gegend hat ihre Schönheit! Steht man an einem Sommerabend bei Sonnenuntergang hier oben, ist Himmel und Erde und Meer in die Glut farbiger Wolken getaucht, dann wird auch der verwöhnte Blick gestehen: fürwahr, das ist schön und einzig. Neben dieser eigentlichen Bauernstelle besaß der Vater noch ungefähr ebensoviel »auswärtiges« Land, einzelne Fennen in den Kögen, die er teils geerbt, teils durch Ankauf erworben hatte; sie sind fast alle noch in meinem Besitz. Er bewirtschaftete sie aber großenteils nicht selbst, weil er den Betrieb nicht vergrößern mochte: es hätte das Haus sehr erweitert und die Zahl der Leute vermehrt werden müssen. Sie wurden von Jahr zu Jahr verpachtet, es fanden sich immer Liebhaber dafür, zum Teil aus der Ferne, von der Geest her, wo man Weiden und Wiesen für den wachsenden Viehstand brauchte. So blieb es ein bequemer Mittelbetrieb, für dessen Besorgung, abgesehen von den eigenen Arbeitskräften, ein Knecht, ein ständiger Tagelöhner mit weiteren gelegentlichen Aushilfen zur Zeit der Ernte und eine Magd ausreichten. Die Leute waren selbstverständlich Einheimische, von »Leutenot« war noch nicht die Rede, wenn auch die Löhne rasch stiegen. Die Knechte wechselten öfter, dagegen waren die Tagelöhner mehr ständig; sie besaßen ihr eigenes Haus, waren verheiratet, hatten eine Kuh oder wenigstens ein paar Schafe. Regelmäßig war das Verhältnis so, daß sie vom Hause bezogen, was sie außer dem selbst Erzeugten brauchten, Korn, Fleisch, Speck, Butter, in laufender Rechnung gegen den Arbeitsverdienst. Die Dienstboten kamen vielfach von den inneren Geestdörfern; sie wurden durchaus als zur Familie gehörig angesehen und behandelt. Längere Jahre diente ein Vetter der Mutter als Knecht bei uns,[36] Andres Niß Ketelsen mit Namen. Er war ein ungewöhnlich tüchtiger Arbeiter und ein liebenswürdiger, gescheiter Mensch, dem ich mich mit leidenschaftlicher Zuneigung anschloß. Er hatte die Feldzüge von 49?50 mitgemacht und wußte sehr lebendig von seinen Erlebnissen, bei Gudsoe, Kolding, Idstedt, zu erzählen; an Willisen und Idstedt konnte er nicht ohne Grimm denken: wir hatten die Dänen geschlagen, dann kam der Befehl zum Rückzug, wir mußten die Zähne zusammenbeißen und ihnen den Rücken wenden. Nach dem Frieden hat er noch in Kopenhagen ein Jahr dienen müssen; er liebte es, davon zu erzählen, wie die alten Schleswig-Holsteiner den dänischen Unteroffizieren jeden Schabernack angetan hätten; der Deutsche fühlte sich persönlich dem Dänen durchaus überlegen. Bald nach der Rückkehr, es wird 1853 gewesen sein, kam er zu uns und blieb 3 Jahre; er hat mich, ich war damals ein Junge von 7?10 Jahren, alle ländlichen Arbeiten gelehrt; ich war, wo ich immer konnte, um ihn, im Hause und auf dem Felde. Ein strenger Lehrmeister, wußte er mich doch so an sich zu ziehen, daß ich meinen Eltern zeitweilig etwas entfremdet wurde. Es war mir ein tiefer Schmerz, als er uns verließ, um nach Amerika zu gehen, als einer der ersten, die damals aus unserer Gegend den Weg über den Ozean angetreten haben. Als wenige Jahre später drüben der Krieg ausbrach, hat er ihn von Anfang bis zu Ende mit durchgefochten. Er ist aber nicht auf einen grünen Zweig gekommen; seine geselligliebenswürdige Natur wurde ihm zum Verhängnis. Schon in der Heimat war in der letzten Zeit, zum großen Kummer meiner Mutter, eine Neigung zum Wirtshausleben und Trunk immer stärker geworden; sie hat ihn auch drüben gehindert, zu erreichen, was so viele Minderbegabte mühelos erreicht haben: Selbständigkeit und Wohlstand. Er ist schließlich verdorben und gestorben, ohne daß wir nähere Kunde davon erhalten haben. Ich möchte nun den Leser einladen, in den Arbeitsbetrieb, wie er in meinem Elternhaus sich darstellte, einen Blick zu werfen. Er hatte einen erstaunlichen Umfang, er umfaßte beinahe alle ursprünglichen menschlichen Künste und Fertigkeiten, nicht unähnlich dem vielbewunderten antiken Haushalt, dem griechisch-römischen Oikos mit seiner gepriesenen Autarkie, nur daß bei uns das freie Handwerk in einigem Maß für die antike Sklavenarbeit ergänzend eintrat. Im übrigen aber erzeugte das Haus in einer unendlichen Fülle komplizierter Tätigkeiten fast alle Güter, die darin gebraucht und verzehrt wurden. Es ist nicht zu sagen,[37] wie arm an Künsten und Sachwissen dagegen ein großstädtischer Haushalt, der alles fertig vom Markt bezieht, sich darstellt, und sei es der großartigste. Beinahe nur noch das Verzehren ist übriggeblieben, die produktive Tätigkeit fast völlig ausgeschaltet, während in jenem Bauernhaushalt alle schaffende Arbeit, von der Urproduktion an durch alle Stufen der verfeinernden Formgebung hindurch, ihren Ort hat. Beginnen wir mit der Ernährung. Der landwirtschaftliche Betrieb mit seinen beiden Zweigen, der Viehzucht und dem Ackerbau, lieferte fast alles, was im Haushalt verarbeitet und verbraucht wurde: Weizen und Roggen als Brotkorn; das Mahlen besorgte allerdings die Mühle, die jede Woche mit ihrem Wagen das Nötige abholte und in Gestalt von Mehl wieder ablieferte; ebenso Gerste und Buchweizen, welche die Grütze lieferten, die fast das ganze Jahr hindurch mit Milch oder Bier abends und morgens auf dem Gesindetisch erschien, den ich übrigens am Abend lange Jahre mit den Leuten geteilt habe, während die Eltern Tee tranken. Der Garten lieferte das Gemüse, Kohl, Rüben, Schoten, Karotten, Rote Beete, Petersilie, Zwiebeln, Schnittlauch, auch die ersten Kartoffeln; alles das wurde im Sommer jeden Morgen frisch geholt, für den Winter zum Teil in Sandkästen aufgehoben. Die Kühe, zeitweilig auch die Schafe, gaben im Überfluß die nötige Milch, das zwei- oder dreimalige Melken am Tag war ein wesentliches Stück der Mägdearbeit; alltäglich wurde abgerahmt, allwöchentlich, oder wie oft es notwendig schien, Butter gemacht; im Sommer, wenn die Milch reichlich war, kam die Käserei dazu. Drei Arten Käse verstand die Mutter zu machen: außer dem gewöhnlichen weißen Käse einen gekochten und einen delikaten gebackenen Käse. Jetzt haben die Meiereien, die überall sich eingebürgert haben, dem Haushalt diese Künste abgenommen: man gibt die Milch, das Rohprodukt, her und kauft die Fabrikate. Nicht minder war alles Fleisch und Fett, was auf den Tisch kam, Erzeugnis der eigenen Wirtschaft. Im Sommer wurde von Zeit zu Zeit ein Hammel, im Herbst ein Rind, gegen Weihnachten ein oder zwei Schweine geschlachtet; die Schweine waren im Frühjahr von dänischen Händlern, die ganze Herden von jungen Tieren unter großem Geschrei durchs Dorf trieben, gekauft, den Sommer über mit Milch und Grünfutter durchgebracht und im Herbst gemästet. Das Fleisch wurde eingepökelt oder sauer eingemacht, oder geräuchert, oder zu Wurst verarbeitet, von der es 3 oder 4 Arten gab. So war der Haushalt auf das ganze Jahr versorgt; um zur Abwechslung öfter einmal frisches[38] Fleisch zu haben, tauschte man mit Nachbarn und Verwandten aus, wer geschlachtet hatte, teilte aus, um bei nächster Gelegenheit wieder zu empfangen. Auch mit dem Brot wurde es ähnlich gehalten. Eine große Abwechslung der Gerichte, von Tag zu Tag, von Jahreszeit zu Jahreszeit zeigte die Reichhaltigkeit ländlicher Kochkünste; zu den Fleischspeisen, die täglich auf den Mittagstisch kamen, gesellten sich mannigfache Mehlspeisen, Klöße und Pudding, Mehlbeutel und Pfannkuchen in allerlei Gestalt, nicht zu vergessen den herrlichen Ofenpfannkuchen, der beim Backen mit im Backofen hergestellt wurde: die Speckschnitte, in die knusprige Oberfläche eingebacken, gaben ihm einen besonders guten Geschmack. Gebacken wurde etwa alle 3?4 Wochen, Schwarzbrot und Graubrot, beide aus Roggenmehl, beide frisch von ungemeinem Wohlgeschmack, wie ich es nie wieder gegessen habe. Meist fanden auch einige Brezeln (Kringel) und Pfeffernüsse für die Kinder mit Unterkunft im Ofen. Zu Weihnachten oder auch zu anderen Fest- und Besuchstagen wurde Backwerk und Kuchen aller Art gemacht, ein ganzer Ofen voll; zu Weihnachten durfte ich als kleiner Knabe helfen und die ausgewalzten Teigplatten mit einem Zahnrädchen in Stücke zerschneiden, sie dann durch einen Schlitz in der Mitte umwenden und so das krause Gebäck zustande bringen helfen, das um Weihnachten auf keinem Kaffeetisch fehlte. Amazon.de Widgets Auch Getränke stellte das Haus selber her. Ich erinnere mich noch wohl, der Mutter beim Malzen und Brauen zugesehen zu haben. Der große kupferne Braukessel fehlte in keinem Bauernhause. Es wurde etwa alle vier bis acht Wochen ein Bräu getan; das Bier war leicht, durstlöschend, bekömmlich; in eine Tonne gefüllt, wurde es in den Keller gelegt und allmählich für den Gebrauch abgezapft, im Sommer in großen Steinkruken mit aufs Feld gegeben. Auch diese Hauskünste sind inzwischen eingegangen; in den 50er Jahren wurde in Bredstedt eine Bierbrauerei errichtet, die ein ähnliches Getränk zu wohlfeilem Preis wöchentlich ins Haus lieferte. Seit den 70er Jahren hat übrigens auch das »bairische« Bier seinen siegreichen Einzug bei uns gehalten; in Husum, Tondern, Flensburg sind Brauereien, die mit Flaschenbier auch in den Dörfern hausieren. Sofern dadurch der Genuß der alteinheimischen spirituosen Getränke, des Kaffee- und Teepunschs, einer Mischung von Kaffee oder Tee mit viel Rum und Zucker, die in den Wirtshäusern und vielfach auch in den Familien hergestellt wurden, beträchtlich eingeschränkt worden ist, darf darin ein Gewinn erblickt[39] werden; denn jene aus Tassen heiß genossenen Getränke, die sehr glatt einigen, wirkten furchtbar zerrüttend. Daß sie in unserem Hause nicht gereicht wurden, brauche ich nicht zu sagen. Auch den Gästen wurde nie etwas anderes als Kaffee und Tee vorgesetzt. Gekocht wurde, das will ich noch hinzufügen, auf dem offenen Herd unter dem offenen Schornstein. Ein Feuerloch mit Zug war für kleinere Kessel und Töpfe bestimmt, daneben wurde auch auf der freien Herdfläche offenes Feuer angezündet, über das die größeren Kessel an einer nach oben und unten verschiebbaren Eisenstange, die an einem im Schornstein befestigten Querbalken hing, aufgehängt wurden. Ebenso wurde unter dreifüßige Grapen und Pfannen freies Feuer gemacht. Als Feuerung diente ein sehr fester Torf, der im Sommer in langen Tagfahrten aus dem 6 Stunden entfernten Silleruper Moor geholt wurde; daneben auch ein lockerer, an der Oberfläche der Heide gestochener Torf, der vor allem gebraucht wurde, um ein langsames Feuer lange zu unterhalten: am Abend wurde damit auf dem Herd eine kleine Glut zugedeckt, die sich dann bis zum Morgen erhielt; »dat Il reke« war der Ausdruck für diese Art der Feuerbewahrung. War es trotzdem einmal ausgegangen, dann wurde bei der Nachbarin eine Glut geholt; die Phosphorzündhölzer kamen erst allmählich in den 50er Jahren auf, bis dahin hatte man »Schwefelhölzer«, kleine Holzspäne, die mit beiden Enden in flüssigen Schwefel getaucht waren und die von armen Leuten hergestellt und verkauft wurden. Sie zündeten aber nicht durch Reibung, sondern nur an glühender Kohle. Man hatte deshalb kleine Glutbecken auch nachts in der Nähe des Betts stehen, um Licht machen zu können; ebenso brauchten Raucher ein Kohlenbecken, wenn sie nicht etwa Stahl, Stein und Feuerschwamm in der Tasche bei sich führten, wie es denn sehr gewöhnlich war. Wir hatten als Jungen beständig diese Dinge in der Tasche, sowohl um die Pfeife, die wir früh brauchen lernten (ich hab' von dem obengenannten Andres Niß neben anderen besseren Künsten auch das Rauchen gelernt) anzünden, als auf dem Felde Feuer anmachen zu können. Man versteht von hier aus die Bedeutung des Herdfeuers, es war in Wahrheit ein ewiges Feuer, das nie ausging, daher man die Größe der Dörfer nach »Feuerstätten« rechnete. Der Rauch zog durch den Schornstein ab, in dem die Speckseiten und Würste hingen, bis die ängstlichere Brandpolizei dies untersagte; es wurde dann auf dem Boden eine eigene Räucherkammer an den Schornstein angebaut. Übrigens war der Rauch oft eigensinnig; bei[40] gewisser Windrichtung wollte er durchaus nicht den Weg durch den Schornstein nehmen und zog dann durch Türen und Fenster ab, nicht ohne zuvor das Haus zu erfüllen. Daß auch die Lichter im Hause gemacht wurden, erwähnte ich schon; die Mutter goß sie in einer Blechform: zuerst wurde ein Docht gedreht, dieser in die Form gespannt, dann geschmolzener Talg dazu gegossen. Im Hause meiner Tanten war noch eine ältere Herstellungsform in Übung, ein Großbetrieb: ein langer, schmaler, tiefer, hölzerner Kasten mit sehr dicken Wänden wurde mit geschmolzenem Talg gefüllt; in diesen Talg wurden ein paar Hundert Dochte, die von einer Stange herabhingen, hineingelassen, wieder herausgezogen, aufs neue, nachdem eine dünne Schicht Talg daran erstarrt war, hineingelassen und wieder herausgezogen, bis die gewünschte Stärke der Lichter erreicht war. Man nannte dies Verfahren: Jagde stiepe. Meine Mutter erhielt die dünnen Lichte für den Küchengebrauch von ihnen. Auch diese Künste sind jetzt ausgestorben. Die Petroleumlampe, die am Anfang der 60er Jahre, zuerst in sehr unzulänglicher Gestalt, ihren Einzug hielt, ist jetzt bis in die ärmste Hütte vorgedrungen. In meinen Knabenjahren hab' ich übrigens in einem Nachbarhause noch eine sehr primitive Öllampe in Gebrauch gesehen: aus Binsen, wie sie an jedem Graben wuchsen, wurde der lockere weiße Markfaden (siwwe genannt) herausgestreift und in einem kleinen Ölbehälter befestigt, wo er mit sehr kleinem Flämmchen sparsam genug und dürftig leuchtend brannte. Das Küchengerät, Kessel und Pfannen, Schüsseln und Teller, Tassen und Gläser, wurde natürlich gekauft. Eine Art großer grauer Töpfe, die besonders zum Sauereinmachen verwendet wurden, kamen aus Varde in Jütland; sie waren wenig geeignet, die Achtung vor der jütischen Kunst und Kultur, die ohnehin gering war, zu steigern. Sie wurden von umherziehenden Wagen gekauft und vorher mit prüfendem Finger beklopft, ob sie auch nicht »skrokk« seien, d.h. einen Sprung hätten, trotz des friesischen Sprichworts: skrokke Potte hule am longsten, angestoßene Töpfe halten am längsten. Glas kam so gut wie gar nicht auf den Tisch, Bier wurde aus dem Napf, Wasser mit der Schöpfkelle aus dem Eimer getrunken, der in der Küche stets gefüllt stand. So wurden die paar Gläser, die sich fanden, viele Jahrzehnte alt; wie denn überhaupt die meisten Sachen ein höchst respektables Alter erreichten. Hätte man der Mutter erzählt, was Berliner Dienstmädchen zerschlagen, ich denke nicht, daß ein Müllwagen im Jahr ausreicht, aus[41] einem größeren Hause es abzufahren, sie hätte es für die allergröbste Aufschneiderei gehalten. Teller gab es in drei Formen: die ältesten bloße Holzkreise, auf solche wurde in altmodischen Häusern bloß das Fleisch aufgegeben, im übrigen langte jeder in die gemeinsame Schüssel, die jüngeren eine Art rohbemalter Steingutschüsseln, die alles faßten, endlich für Sonntag oder im feineren Haushalt einfache weiße Teller. Bei den Vaterschwestern fand sich noch manches feinere, gelb und blau bemalte Stück, das die seefahrenden Vorfahren aus Holland mochten mitgebracht haben. Auch ein chinesisches Porzellan-Teeservice war vorhanden, kam aber niemals auf den Tisch. Die Mutter hatte von einem verwandten Kapitän, der öfter zu uns kam, manches englische Stück. Silberne Löffel waren wohl in jedem nicht ganz armen Hause vorhanden, sie waren das regelmäßige Taufgeschenk und sammelten sich durch Generationen, sie kamen aber nur bei Besuch auf den Tisch, sonst wurde mit Holzlöffeln gegessen, die von umlaufenden Verkäufern aus den Geestdörfern eingehandelt wurden; jetzt sind sie wohl durch allerlei metallene Fabrikware ganz verdrängt. Der Milchwirtschaft dienten zahlreiche flache Bütten, hölzerne, die der einheimische Böttcher herstellte, oder messingene, die beim Gelbgießer in Bredstedt gekauft wurden. Das Buttern geschah auf die altherkömmliche Weise durch Stoßen des Rahms im Butterfaß (sern), eine beschwerliche und zuweilen recht langwierige Arbeit, über die die Mutter oft geseufzt hat. Der Käse wurde in einer Holzform unter eine sehr primitive Presse gebracht: ein langes Brett, das an dem einen Ende unter einem Klotz an der Wand befestigt war, wurde am andern mit großen Steinen beschwert, und der in ein lockeres Tuch gepackte und in die durchlöcherte Holzform gezwängte Quark (kerl) dem Druck der Hebelwirkung ausgesetzt, bis die Molke (wai) herausgepreßt war. Die Käselaibe wurden dann in langer Reihe luftig aufgestellt und im Winter verzehrt, wenn sie »durch« waren, eine herrliche Zukost zu dem kräftigen Schwarzbrot. Käse wurde nur für den Hausgebrauch hergestellt. Dagegen wurde Butter in ziemlicher Menge verkauft. Jede Woche kam ein Aufkäufer, der sie abholte und nach Flensburg fuhr, wo er sie auf dem Markt oder in den Häusern freihändig verkaufte und danach den Bauerfrauen zu Hause verrechnete. Hier mag auch des Gartens gedacht werden. Er war die Domäne der Mutter. Sie hatte ihn selbst angelegt; als sie einzogen, war es ein wüster Fleck Erde mit einigen Sträuchern gewesen. Sie machte daraus[42] ein kleines Paradies mit unendlichen Schätzen und Herrlichkeiten für das Herz eines Kindes. Da waren vor allem zwei lange Rabatten mit Stachelbeerbüschen und Johannisbeeren; der fette Boden, dem übrigens jeden Frühling eine tüchtige Düngung zugeführt wurde, brachte sie zu kräftigster Entwicklung, so daß ihrer durch bloßes Naschen gar nicht Herr zu werden war. Erst als die Mutter von Frau Dr. Rickertsen die Kunst lernte, Gelée zu machen, Saft einzukochen und rote Grütze zu kochen, kam die Fülle der Beeren zur rechen Verwertung; der Tisch hatte das ganze Jahr davon gut. Auf den Rabatten wuchsen ferner kleine Obstbäume heran. Die Mutter hatte sie aus Kernen von Äpfeln und Birnen gezogen, die ihr besonders behagt hatten. Sie waren gerade so alt als ich, ihr Fruchttragen begann, als ich zu studieren anfing. Es waren mehr und minder wohlgeratene darunter: süße Äpfel, die früh reiften, darunter ein sehr wohlschmeckender, saure Daueräpfel, von denen einer so harte und saure Früchte trug, daß sie völlig ungenießbar waren; ließ man sie aber liegen und briet sie im Winter im Ofen, dann kriegten sie Geschmack und Wert. Von einem Baum habe ich noch wiederholt in diesen Ihren Früchte geschickt erhalten: sie sind ungewöhnlich saftig und aromatisch. In den Kinderjahren trugen ein paar Pflaumenbäume; es war mein erster Gang, wenn ich zur Zeit der Reife aus der Schule kam, nachzusehen, ob der Wind welche abgeschüttelt habe. Wichtiger für den Haushalt war der Gemüsebau. Der Grünkohl nahm ein ganzes Viertel ein, er hatte die Aufgabe, dem Wintertisch grünes Gemüse zuzuführen die er auch treulich erfüllte, wenn nicht der Kohlweißling ihn vernichtete: es gab Jahre, wo die Raupen des Kohlweißlings, nachdem sie die Blätter bis auf die Strunke abgenagt hatten, in so unermeßlichen Scharen zur Verpuppung an den Wänden des Hauses und über die Fensterscheiben emporkrochen, daß alles von ihnen und ihren Spuren bedeckt war. Ein anderes Viertel nahmen Frühkartoffeln ein: ich hab oft am Morgen, ehe ich zur Schule ging, der Mutter eine Schüssel voll für unseren Mittagstisch geholt und an Brunnen abgewaschen. Herrlich waren die Mohrrüben (gelbe Wurzeln) ein 4 Beete voll; ich sah mit Verlangen ihrem Wachstum zu: im Juli wurden die ersten gezogen und roh verzehrt; etwas so Zartes und Süßes und Saftiges als diese jungen Mohrrüben meine ich nie wieder gegessen zu haben. Übrigens gab es die allerersten regelmäßig bei unserer guten alten Tagelöhnerin; sie nahm mich um diese Zeit einmal abends mit[43] sich, dann wußte ich schon, ging's in den Garten, und ich wurde mit einer Handvoll Mohrrüben königlich beschenkt. Zu meinem Geburtstag durfte ich mir selbst in unserem Garten nach eigener Wahl ziehen, was ich wollte. Dazu kamen die Zuckererbsen, hochrankende und kriechende: mit jungen Mohrrüben und Kartoffeln in Rahm gekocht, gaben sie ein Gemüse, vor dem jedes andere verschwindet. Doch wer könnte alles aufzählen, was in diesem Garten noch wuchs: bitterliche Rüben, Rote Beete, Petersilienwurzeln, Poree, Kürbis, Erdbeeren, Wermut, an verborgenen Stellen auch mannshohe Nesseln. Und natürlich Blumen. Da gab's vor allem vor dem Stubenfenster das runde »Krautbeet«: es war eingefaßt mit blühendem Lavendel; darin standen, blühend nach der Jahreszeit, Primeln und Aurikeln, Rosen und Nelken, Astern und Reseda. Außerdem gab's noch ein Beet mit »allerlei«, auf Geratewohl gemischter Blumensamen wurde hineingestreut und setzte sich durch, wie er mochte. Leuchtende Georginen taten sich bald da, bald dort aus dem Gebüsch hervor. Als die Bäume größer wurden, ruhte die Mutter nicht, bis sie dem Vater für ihren Gemüse- und Blumengarten noch ein Stück sonnigen Landes nahe beim Hause abgewonnen hatte. Der Blumengarten setzte sich vor den Fenstern des Hauses fort. Fuchsien, Levkojen, Rosen, Nelken, Passionsblumen, an zierlichem Spalier gezogen, füllten die Fenster, manche als jahrelange Hausgenossen, die durch Ableger erneuert wurden. Der ganze Schmuck kostete gar nichts, nicht einen Pfennig: die Mutter hätte auch nichts dafür ausgegeben, selbst wenn Blumentöpfe zu kaufen gewesen wären: warum kaufen, was man selber ziehen kann? An keinem Punkt kommt mir die Roheit des großstädtischen Haushalts mehr als hier zur Empfindung: was wird im Jahr für Blumentöpfe und abgeschnittene Blumen ausgegeben, und der Erfolg? Sie prunken einen Augenblick auf dem Tisch, kümmern dann ein paar Tage oder Wochen und dann kommen sie in den Müll. Wie die Ernährung, so wurde auch die Bekleidung in der Hauptsache mit den eigenen Mitteln und Künsten des Haushalts bestritten. In meiner Jugend wurden fast nur eigengemachte Wollkleider getragen. Im Frühjahr wurden die Schafe erst gewaschen, dann geschoren, ein paar gute Schuren für den Eigengebrauch ausgesucht und der Rest verkauft. Es folgte die Verarbeitung meist im Winter: die Wolle wurde gekämmt, gekardet, gesponnen, auf der Garnwinde aufgewickelt, gewoben, das Zeug beim Färber gefärbt und endlich vom Schneider, der ins Haus[44] auf Arbeit kam, zu Hosen, Jacken, Westen und Röcken verarbeitet. Der übliche Stoff, den die männliche Welt so gut wie ausschließlich trug, hieß »Web«: ein festes, sehr dauerhaftes, regelmäßig dunkelblau gefärbtes Gewebe, ähnlich dem preußischen Militärtuch, übrigens in verschiedener Stärke und Qualität. Frauen trugen einen ähnlichen, nur gestreift farbigen Stoff als Rock, dazu Schürze und Mieder aus anderem, häufiger gekauften Stoff. Webstühle waren in vielen Häusern, so im Elternhaus des Vaters wie der Mutter, nicht in unserem: es fehlte an Zeit und auch an Raum dafür. Dagegen waren die Spinnräder im Winter wohl in jedem Hause in schnurrender Bewegung: nachmittags und abends saßen die Mutter und das Mädchen regelmäßig am Spinnrad. Jetzt sind Spinnrad und Webstuhl so gut wie verschwunden. Sie vertragen sich nicht mit dem Sofa und dem Klavier, die inzwischen auch in die Bauerstube ihren Einzug gehalten haben. In meinen Jugendtagen war das Sofa noch ein unbekanntes Möbel, ein paar Armlehnstühle am Klapptisch und vielleicht in einem alten Haushalt eine Bank mit Kissen in der Ofenecke boten für die alten Leute ausreichende Bequemlichkeit. Bei der Bank fällt mir ein: Die Kunst des Teppichknüpfens war zu meiner Zeit schon selten geworden; sie muß früher gewöhnlich gewesen sein, denn noch gab es überall bunte geknüpfte Kissen für alte Holzstühle, wie sie noch in älteren Häusern häufig waren, und besonders auch für die Wagenstühle, die man zu sonntäglicher Ausfahrt auf die Leiterwagen schnallte. Übrigens fand sich noch vor kurzem in Langenhorn eine alte Frau, die wundervolle Arbeiten dieser Art zu machen verstand. Die neumodischen Stühle und Wagen haben die Kunst vertrieben. Am Stricken hatten sich bis vor kurzem auch die Männer beteiligt; namentlich auf den Halligen war es üblich, daß im langen Winter, wo es für das Mannsvolk eigentlich nichts zu tun gab, wollene Jacken, Unterjacken, lange Kniestrümpfe, Zipfelmützen, Handschuhe und Halstücher angefertigt wurden. Ich hab auch noch Stricken gelernt, freilich nur zu raschem Vergessen, es war aus der Mode gekommen und galt nicht für passend. Wie die Kleidung, so war die Wäsche Erzeugnis des Hausfleißes. Die Mutter kaufte jeden Herbst einen »Stein« Flachs in Bredstedt ein. Er wurde von ihr eigenhändig »gehechelt«, erst durch grobe, dann durch feinere Kämme von Eisenstacheln gezogen und so von der »Heede« gesondert, in zierliche Bündlein (Knoke) aufgeknüpft und dann versponnen.[45] Die Leinwand, die sie aus dem Garn von einer Nachbarin weben ließ, wurde auf der Wiese gebleicht und dann zu Hemden, Bettlaken, Handtüchern Tischtüchern, Überkleidern verarbeitet. Daß die Reinigung der Wäsche im Hause geschah, ist selbstverständlich. Hier und da wurde wohl auch noch Seife im Haushalt gekocht, doch habe ich das nicht gesehen. Hingegen waren die Betten durchaus »eigengemacht«: Das Inlett wurde gewebt, genäht und mit den Federn und Daunen gefüllt, die von den Gänsen, die in jedem Hause gehalten wurden, gewonnen waren; zweimal im Sommer wurden die im Frühjahr eingetanen Gänse nicht ohne Geschrei und Seufzen gerupft. Endlich gaben sie im Herbst, wenn sie geschlachtet wurden, auch die Flügel und Federn her; die Flügel dienten als Flederwische und Feueranpuster; die großen Federn wurden sorgfältig aufgehoben, um als Schreibfedern Verwendung zu finden; in der ersten Schule mußten wir etwa alle 4 Wochen ein paar Federn mitbringen, die der Lehrer schnitt; Stahlfedern waren ihm eine verhaßte Neuerung. Um das Gebiet der Bekleidung zu absolvieren, bemerke ich noch, daß Knaben und junge Leute nicht Röcke, sondern Jacken von der Länge der Weste zu tragen pflegten. Nur Männer trugen Schoßröcke. Wer's dazu hatte, besaß außer dem Rock aus eigengemachtem Stoff für hohe Festtage auch einen Anzug aus gekauftem schwarzen Tuch; er reichte regelmäßig fürs ganze Leben, denn er kam nicht mehr als drei-oder viermal im Jahr aus dem Schrank, am Karfreitag, bei Begräbnissen und Hochzeiten. Die Kopfbedeckung war ganz allgemein die Mütze, sie war durch ihre Haltbarkeit bei dem beständig herrschenden Wind empfohlen, ebenso wie das stets getragene Halstuch durch den notwendigen Schutz gegen Erkältungen. Die Fußbekleidung war mannigfach: im Hause wurden meist ledergefütterte Holzpantoffeln (Klosse) getragen; draußen bei nassem und kaltem Winterwetter Holzschuhe, in die man ein Strohgeflecht legte: sie hielten die Füße ausgezeichnet trocken und warm, sie kamen aus Jütland und wurden am Anfang des Winters in ganzen Wagenladungen importiert. Bei trockenem Sommerwetter wurden Lederschuhe getragen; der Schaftstiefel gehörte mehr zur Sonntagstracht, außerdem wurde er im Winter bei grundlosen Wegen angezogen. Die Jugend erfreute sich im Sommer des Vorrechts barfuß zu gehen; und ich gestehe, daß es ein schönstes Stück der Naturfreiheit ist, auf freien Sohlen ohne die hemmende und beengende Umhüllung über weiche Wiesen und Weiden dahinzufliegen.[46] Übrigens wird der Fuß bald so abgehärtet, daß auch ein Stoppelfeld ihm nicht viel anhat, nur die gepflasterte Straße und die Chaussee wird bald unleidlich, glücklicherweise waren wir nicht genötigt, darauf zu gehen. Schmerzlich aber war es, wenn der Sonntag kam und nun der kirchlich-sittliche Anstand nötigte, die freien Füße in die harten Stiefel zu zwingen. Auch die Schule wollte die Barfüßer nicht leiden; wir brachten dann wohl Strümpfe und Schuhe oder Holzpantoffeln in der Hand mit und zogen sie vor der Tür an und wieder aus. Genug vom Hause und den häuslichen Verrichtungen. Ich lasse noch einiges über die ländlichen Arbeiten draußen und meine Beteiligung an ihnen folgen, sie aufreihend nach den Jahreszeiten, durch die sie auch in der Wirklichkeit bestimmt wurden. Wenn gegen Ende März die Sonne sich höher über den Horizont zu heben und Boden und Wetter für die Arbeit draußen aufzugehen beginnt, fängt das neue Jahr für den Landmann an. Die Winterarbeit ist abgeschlossen, das Ausdreschen des Korns beendigt; durch das sogenannte »Mäusebier«, ein stattlicheres Mittagessen, wurde der Tag gefeiert, an dem die letzte Garbe vom Boden in die Tenne wanderte, damit wurde den Mäusen der letzte Unterschlupf entzogen, und manche fiel der lauernden Katze in die Klauen. Auch der Dienstbotenwechsel war durch altherkömmliche Ordnung in diese Zeit gelegt; am Petritag (22. Februar) zogen Knechte und Mägde in den neuen Dienst, meist mit stattlichem Koffer, der es notwendig machte, sie mit dem Wagen abzuholen. Übrigens rechnete der Vater, um das hier beiläufig zu bemerken, noch regelmäßig nach dem mittelalterlichen Heiligenkalender, Johanni, Jacobi, Simon Judä usw. Die Außenarbeit begann mit der Düngung der Ackerfelder. Da der Vater regelmäßig noch einige Düngerstellen kleiner Leute aufkaufte, häufig auch gute Garten- und Stavenerde, so fing das Geschäft ziemlich früh an. Er ließ es sich nicht nehmen, selbst zu fahren, was ihm dann, bei den meist herrschenden scharfen Ostwinden, nach der winterlichen Verwöhnung beim warmen Ofen, Jahr für Jahr eine schwere Erkältung zuzog, die aber als ein Naturereignis, das sich nicht vermeiden läßt, hingenommen wurde. In den späteren Jahren bin ich hin und wieder auch zu dieser Leistung herangezogen worden, doch meist erst in vorgerückterer Jahreszeit: der Vater ließ fast den ganzen Sommer hindurch, wenn sonst keine Feldarbeit war, allerlei Erdarbeiten ausführen.[47] An der folgenden Ackerbestellung hab ich von klein auf teilgehabt. Zuerst wurde ich beim Pflügen als »Pflugjunge« gebraucht, der die Pferde lenkt. Manchen langen Apriltag habe ich mit dem Vater draußen die entfernten Haferfennen gepflügt; eine Mittagpause wurde kaum gemacht, die Kälte ließ es nicht zu, Pferde und Menschen futterten nur rasch das Nötigste. Dann hatte ich, während der Vater die Aussaat besorgte, die er nie aus der Hand gab, zu eggen, eine mir bitter verhaßte Arbeit: es gibt wohl kaum etwas Ermüdenderes, als über die Furchen des frisch gepflügten Ackers den langen Tag hinzustolpern. Später hab ich auch den Pflug selbständig geführt, eine Sache, die mir viel besser zusagte. Der Mai brachte die ersten Frühlingstage, freilich noch mit harten Rückfällen des Winters gemischt. Das Vieh, das bisher im Stall seinen Winterschlaf gehabt hatte, wurde auf die Weide getrieben: ein fröhlicher Tag, der als der eigentliche Sommeranfang mir in der Erinnerung steht. Auch von den Tieren selbst wurde der Auszug aus dem Stall mit ausgelassener Freude gefeiert, die sich in allerlei tollen Sprüngen und Ringkämpfen äußerte; manchmal ging bei dem Stoßen und Ringen ein Horn verloren, daher die Redensart: »sich die Hörner ablaufen«: was so in Verlust gekommen war, zog sich dann vor weiteren Kraftleistungen betrübt zurück. Den Kälbern, die zum erstenmal auf die freie Weide kamen, pflegte die Bedeutung der Wassergräben in einer praktischen Lektion eingeprägt zu werden: sie wurden herangeführt und dann unversehens von der Seite hineingestoßen. Der ausgestandene Schrecken hielt sie für lange Zeit, manche für immer, von dem Versuch der Grenzüberschreitung ab. Andere fröhliche Frühlingstage waren die Tage der Schafwäsche und der Schafschur, freilich nicht so sehr für die Nächstbeteiligten, die ziemlich jämmerliche Gesichter zu beiden Prozeduren machten. Übrigens hatte ich zu den Schafen ein besonderes Verhältnis. Schon die Ankunft der Lämmer im April hatte ich zu überwachen, für jedes Lebende erhielt ich einen Schilling; dafür mußte ich früh auf dem Felde nachsehen, ob was angekommen sei, und es, wenn es nötig schien, mitsamt seiner Mutter nach Hause bringen. Die armen Dinger fielen oft noch auf den Schnee, überstanden aber auch dies und konnten in der Regel schon nach ganz kurzer Zeit aufstehen und sich am Euter der Mutter erholen. Gefährlich wurden ihnen zuweilen die großen Raben, die ihnen, wenn die Mütter sie nicht abzuwehren vermochten, die Augen[48] aushackten und sie dann anfraßen. Geschah es, daß die Mutter ums Leben kam, dann zog man die Lämmer wohl »mit der Flasche« auf: eine Federspule, in ein Leinwandläppchen gewickelt, wurde auf einen alten Teetopf gesetzt, und sie gewöhnten sich rasch daran. Sie kamen dann, wenn ich ihnen rief, schon von weitem gelaufen und blieben ihr Leben lang besonders zahm und anhänglich. Im Sommer wurden sie öfters auf den Äckern oder Stoppelfeldern süden vom Hause »getüdert«, d.h. an einem 4?5 Meter langen Strick angepflöckt. Mein Geschäft war es dann, ihnen dreimal am Tag einen neuen Weideplatz zu geben und für Wasser zu sorgen. Manchmal brachte ich ihnen dann auch sonst etwas mit, besonders waren Mohrrüben ein sehr geschätzter Leckerbissen, nach dem ein besonders zahmes oder intelligentes Tier mir wohl die Taschen durchsuchte. Hin und wieder waren auch die Kühe auf einige Tage zu hüten, wenn etwa die Weide sonst knapp wurde. Es waren bequeme Tage, und über die Langeweile kam man durch allerlei Beschäftigung weg; meist waren auch Kameraden in der Nähe. Vor allem wurde eine Hütte aus Erdsoden und Hölzern mit einem Dach von Binsen gebaut, die gegen Regen Schutz gab. Es wurde Feuer angemacht, Bohnen oder Kartoffeln geröstet, Kaffee gekocht usw., natürlich auch geraucht. Feuerzeug hatten wir stets, meist in doppelter Gestalt, bei uns: Stahl und Stein und außerdem ein Brennglas, mit dem der Schwamm entzündet wurde. Als Feuerung dienten trockene Kuhfladen, auch trockenes Gras und Binsen. Nach der Frühjahrsarbeit trat gegen Mitte Mai eine größere Pause in der Feldarbeit ein, die bis Anfang Juli dauerte. Für mich war dann kaum etwas zu tun, und ich ging einstweilen wieder in die Schule, die meist auf einen kleinen Bestand zusammengeschmolzen war. Die größeren Kinder, vom 12. Jahr ab, auch früher, Knaben und Mädchen, gingen nach Ostern entweder in Dienst auf den Sommer oder sie wurden zu Hause verwendet. Die ärmeren wurden meist als Hütejungen vermietet, oft weit weg auf die Geestdörfer, wo es Einfriedigungen der Felder damals noch gar nicht gab. Der kleine Rest rückte dann enger zusammen, und auch der Unterricht leistete wohl mehr als in der überfüllten Winterschule, wo sich der Lehrer vor allem mit den Zurückkehrenden beschäftigen mußte, um bei ihnen die Elemente wieder aufzufrischen oder zu befestigen. Im Juli begann die Ernte, zuerst die Heu-, dann die Kornernte. Sie[49] brachte auch mir wieder Arbeit im Freien; es sind in meiner Erinnerung schöne glänzende Tage, vor allem die langen sommerlichen Tage auf den Wiesen beim Heumachen. Das Mähen begann meist in der ersten Juliwoche; mir fiel dabei die Rolle des »Vorstreichers« zu, d.h. ich hatte mit der Harke die gemähte Schwade umzuwenden, um für den Mäher den Anschlag wieder frei zu machen; es war nämlich bei uns nicht, wie sonst meist üblich, »aus dem Gras« zu mähen. Wenn ich mich nicht irre, habe ich im 8. Jahr, vielleicht schon im 7., mit dieser Tätigkeit begonnen und sie bis zum 15. regelmäßig 2?3 Wochen im Jahr geübt, anfangs für einen, später auch für zwei Mäher. Mit Sonnenaufgang wurde aufgebrochen, die Morgenzeit, wo das Gras vom Tau naß ist, ist für den Mäher die günstigste, oft war erst ein Weg von einer Stunde zu den entfernteren Wiesen zu ma chen. Um 8 Uhr war Frühstücks-, um 11 Uhr Mittagspause. Der mitgebrachte Proviant, Butter, Brot, Speck und Käse, dazu ein Trunk kühlen Biers, schmeckte den auf dem frisch gemähten Gras Hingestreckten herrlich; zuweilen hatte die Mutter wohl auch noch irgendeine Überraschung eingepackt, besonders an meinem Geburtstag, den wir zufällig fast immer in der Fenne »Zwischenbrück« feierten. Nachdem noch die Sense frisch geschärft war, legten sich die Mäher zum Mittagsschlaf nieder; er gelang mir selten, und so benutzte ich die Stunde zum Umherstreifen: vor allem übte das Wasser auf mich eine unwiderstehliche Anziehungskraft; ich badete, stellte Fischen nach und hab manchen als gute Beute nach Hause gebracht. Auch Honigernten wurden öfters eingebracht: Hummelnester, auf der Erde und unter der Erde, wurden aufgespürt und ihrer gefüllten Honigtöpfchen beraubt. In kleereichen Jahren waren sie häufig und gut versehen. Ich erinnere mich besonders eines Jahres, wo wir fast bis zum Überdruß Honig von Erdhummeln hatten: ich folgte dem Flug des einzelnen Tieres bis zum Eingang zum Nest und grub es dann aus. Die Jagdfreude ließ die schmerzhaften Stiche, die es setzte, kaum fühlen. Länger als der Vormittag wurde oft der Nachmittag, die Hitze nahm zu, die Frische der Arbeiter ab, nicht selten ging an heißen Tagen das Getränk vor der Zeit aus; dann wurde ich wohl auf eine Wasserexpedition geschickt nach dem nächsten Hause oder fließenden Wasserlauf; auch das stehende lauwarme Wasser der sumpfigen Gräben wurde in der Not getrunken; es hat uns auch nicht geschadet. Um 6 Uhr, wenn die Betglocke schlug, wurde Feierabend gemacht, und nun kam noch der Nachhauseweg, oft allerdings nahm die Müden ein[50] des Wegs kommender Wagen mit. Zu Hause gab's dann Mittagessen und frisches Bier, und nachdem man noch eine Stunde geplaudert oder den Garten heimgesucht hatte, in dem die Stachel- und Johannisbeeren jetzt reif wurden, ging's zu Bett. So folgte ein Tag dem andern. Amazon.de Widgets Dazwischen kamen dann Tage, wo das Heu, das in der Regel 5?10 Tage in Schwaden zum Ausdörren und Trocknen liegen blieb, zusammengebracht und entweder gleich auf Wagen verladen oder in Diemen (ruk) aufgesetzt wurde, die man später nach Gelegenheit, zuweilen erst im Spätherbst holte. Zum »Schwälen« (friesisch swalle) wurden auch Mägde und Taglöhnerfrauen, soviel ihrer man kriegen konnte, mitgenommen; in hellen Kleidern und »Helgoländer« Hüten erscheinend, bildeten sie für die grünen Wiesen eine muntere Staffage, überhaupt pflegte es dabei sehr lustig zuzugehen; die Scherze wurden allerdings nicht auf die Goldwage gelegt. Außer dem Wiesenheu wurde noch meist etwas Außendeichheu für den Winter eingebracht; das kurze Gras von stark salzigem Geschmack wurde vor allem von den Schafen gern gefressen. Das breite Vorland vor dem Louisenkoog war für uns der Gewinnungsort. Im Juni wurden die »Nummern«, die durch Steinzeichen abgeteilt waren, auf das Jahr zum Mähen verpachtet; meist nahmen mehrere Haushaltungen eine zusammen. Früh um 2 Uhr wurde aufgebrochen, das zähe Gras läßt sich nur solange es naß ist mähen. Drei, vier Wagen voll Mäher stellten sich ein und es entwickelte sich auf dem grünen Meeresboden auf kurze Zeit ein buntes und bewegtes Treiben. Wir Jungens hatten inzwischen Zeit, uns die befremdliche Welt draußen zu besehen, wir wateten in den Schlick hinaus, Krabben und »Porren« (Garnelen) zu fangen, oder sammelten blaue Mies- und weiße Sternmuscheln, auch die seltsame Pflanzenwelt zog die Aufmerksamkeit auf sich, der stark duftende Strandwermut, die bläulichen Strandnelken usw. War es 8 oder 9 Uhr geworden, dann wurde das Gras, noch naß und grün, auf Wagen verladen und soviel als möglich gleich mit nach Hause genommen; denn immer drohte die Flut, die es wegschwemmen mochte. Es geschah doch ziemlich häufig, daß ein stärkerer Westwind, mit der Springflut zusammenwirkend, auch im Sommer das ganze Meedland draußen unter Wasser setzte, dann wurde alles, was die Flut draußen antraf, Heu und fliegende Brücken, wie sie für die Priele notwendig waren, weggeschwemmt, meist freilich am nahen Ufer wieder abgesetzt. Es[51] fand dann eine Verteilung des angespülten Heus statt, das aber durch das lange Treiben in der trüben Salzflut an Wert sehr verloren hatte. Wenn die Heuernte sich dem Ende näherte, begann die Kornernte; Roggen, Gerste, Hafer machten den regelmäßigen Bestand. Weizen, Raps und Bohnen, wie sie in den Außenkögen gesät werden, gedeihen in der älteren Marsch weniger. Die Fenne im Louisenkoog, die der Vater in den ersten Jahren selbst gepflügt hatte, war später stets verpachtet. Das Kornschneiden, das bei uns damals noch durchaus mit der Hand verrichtet wurde, überließ der Vater so gut wie ausnahmslos einer Tagelöhnerfamilie; ich habe daher die Sichel kaum mehr als handhaben gelernt, nicht aber eigentlich damit gearbeitet. Dagegen war ich beim Einbringen des Korns regelmäßig mit tätig; ich besorgte das Verladen der Garben auf den Wagen. Ich habe viele Hunderte von Heu- und Kornladungen aufgebaut, mit der Freude, die eine kunstsichere Hand an ihrem Werk empfindet. Die Sache ist nicht ganz so einfach, wie sie der Laie sich vorstellen mag; Blick für Gleichgewicht und inneren Verband ist notwendig, um ein hochbeladenes Fuder gegen Umwerfen oder Ausrutschen einzelner Stücke auf tief ausgefahrenen, schlingrigen Wegen zu sichern. Der erste Wagen, ich erinnere mich des Tages noch wohl, war eine Roggenladung, die ich mit Andres Niß aufbauen sollte; die glatten Garben rutschten mir wiederholt reihenweis zur Seite herunter, und er war nicht ein Mann von sehr elastischer Geduld: so kostete es viel Mühe und Tränen, bis wir schließlich glücklich den Baum auf das Fuder bringen konnten. Und dann kam das Malheur nochmals auf dem Wege nach Hause. War die Ernte eingebracht, dann gab es für mich wieder eine Pause, die der Schule gehörte, etwa von Anfang oder Mitte September ab. Erst die Herbstbestellung der Äcker gab mir wieder zu tun, meist aber nur ein paar Tage. Dann kam allmählich der Winter heran. Das Vieh, das den ganzen Sommer auf der Weide zugebracht hatte, wurde am Anfang November aufgestallt; oft waren die Weiden und die Wege dahin schon halb überschwemmt; die großen Herbstregen brachten zuweilen schon im August eine vorübergehende Überschwemmung der tieferen Marschen; von Ende November ab standen sie regelmäßig bis in den April hinein zu einem erheblichen Teil unter Wasser. Ich hab oft Vieh und Schafe durch knietiefes Wasser auf den überschwemmten Wegen nach Hause gebracht. Das verstand sich von selbst, man wußte es nicht anders.[52] Den Winter über gab es für mich in der Wirtschaft eigentlich nichts zu tun, außer daß ich gelegentlich einmal aushilfsweise die Pferde und das Vieh fütterte und tränkte, oder bei starkem Schneefall den Schafen, die sich im übrigen selbst durchschlugen, Futter brachte. Da der Vater sich um die Stallarbeit so gut wie gar nicht kümmerte, so kam auch ich wenig dazu, wenn nicht etwa der Knecht mich einmal bat, ihn zu vertreten. Der Tag gehörte dann der Schule und die Abendstunden der Arbeit und dem Lesen, oder auch einmal dem Spiel mit Nachbarskindern. Zuweilen machte ich mich auch, als ich größer wurde, dem Vater nützlich durch eine hilfreiche Hand bei seinen vielen Schreib- und Rechnungsarbeiten. Er hatte einen für einen Landmann ungewöhnlich großen Umfang von derartigen Geschäften. Nicht nur hatte er die Vermögensverwaltung der Geschwister ganz in der Hand, sie scheuten sich vor jedem derartigen Geschäft: so leicht er die Feder führte, so schwer wurde es ihnen; dazu kamen allerlei mühvolle Gemeindeämter mit umständlicher Rechnungsführung und nicht selten auch allerlei Korrespondenz. Endlich noch eine ganze Reihe von Vormundschaftssachen: er hatte zeitweilig nicht weniger als vier Vormundschaften für zum Teil kinderreiche Familien. Die schwierigste Aufgabe dieser Art erwuchs ihm, als er die Regelung der Angelegenheiten eines zur See verunglückten ihm verwandten Kapitäns in die Hand nehmen mußte. Es war der Mann seiner Cousine, der einzigen Tochter der Schwester seines Vaters. Er besaß ein Schiff, eine schmucke Brigg, womit er vor allem nach England, auch wohl nach den russischen und mittelländischen Häfen fuhr. Da kam eines Tages, es war im Dezember 62, ein dänisch geschriebener Brief aus Kopenhagen: aus Säby in Jütland werde gemeldet, daß das Schiff Viktoria, Kapitän Nommensen aus Langenhorn, dort in einem Schneesturm gescheitert und daß mehrere Leichen an den Strand getrieben seien. Es war eine erschütternde Kunde; der Kapitän hatte seine beiden ältesten Söhne als Matrosen mit an Bord gehabt: miteinander hatten sie das Todesschicksal in der eisigen Nacht geteilt. Er war oft gebeten worden, nicht die Söhne mit auf das eigene Schiff zu nehmen, daß nicht einmal ein Schlag alle vernichte; eigenwillig, wie er war, hatte er sich darüber hinweggesetzt. Nun war es so gekommen. Und die Familie litt schwer unter dem harten Geschick. Auch sonst war die Lage schwierig. Die Witwe war mit fünf unversorgten[53] Kindern zurückgeblieben, der jetzt älteste Sohn in meinem Alter; die Vermögensverhältnisse verwickelt und nicht günstig; die wichtige Frage war: ob es gelingen werde, die 10000 Reichstaler, mit denen das Schiff versichert war, einzubringen. Es wurde nicht ohne Ursache bezweifelt, ob die Versicherungsprämie bezahlt sei. Natürlich war mein Vater, der auch sonst sich schon öfter der Angelegenheiten angenommen hatte, der nächste, an den man sich wendete. Es gelang ihm durch viele Schreiberei und Reisen nach Bredstedt und Flensburg die Sache zu ordnen. Die Todesurkunden aus Säby gingen ein, und die Versicherungsgesellschaft erkannte die Zahlungspflicht an. Im Frühjahr konnte er die Summe in Flensburg in Empfang nehmen. Ein paar Jahre darauf starb auch die Witwe, und die Kinder wanderten zusammen nach Amerika aus; nach Chikago hat er noch den mündig Gewordenen ihr Erbteil nachgeschickt. So viel vom Elternhaus, in dem ich als Knabe aufgewachsen, in dessen Lebensgemeinschaft und Lebensbetätigung ich von klein auf hineingewachsen bin. Ich kann nicht anders sagen: ich blicke mit unbegrenzter Befriedigung auf die Jahre zurück, die es mich gehegt und gebildet hat, gebildet nicht so sehr durch Reden und Hören, als durch unmittelbare Teilnahme an der Fülle von Leben und Wirksamkeit, die es in seinem engen Kreise beschloß. In der Tat, wenn ich ein solches Bauernhaus mit den Großstadthäusern vergleiche, in welchen nun ein immer mehr anschwellender Teil unseres Volkes lebt und aufwächst, dann kann ich nicht umhin, die fortschreitende Verarmung der Jugend zu beklagen, Verarmung an Bildungsmöglichkeiten und Verarmung an Freuden. Dort war die ganze Welt in lebendiger Wirklichkeit gegenwärtig: die Natur mit allem Reichtum ihrer Formen und Erzeugnisse war uns zugänglich und vertraut, Äcker und Felder, Wiesen und Weiden, Heide und Moor, fließende Bäche und stehende Gräben, Wehlen und Teiche, Dünen und Hügel, Deiche und Dämme, Watten und Priele, Flut und Ebbe, wir kannten sie, nicht von einem kurzen Sonntagnachmittagsausflug, sondern aus täglichem intimsten Umgang, in jedem Graben haben wir gewatet und Fische gefangen, in jedem Teich und Fluß gebadet, jeden Bach abgedämmt, auf jedem Acker gepflügt, in jeder Fenne gearbeitet, auf jeder Wiese Heu gemacht; über jede Heide sind wir gesprungen und haben Beeren gepflückt oder den Eidechsen zugesehen, auch wohl einmal eine Schlange gescheucht, von jeder Düne haben wir uns im Sommer heruntergewälzt oder im Winter auf Schlitten herabsausen[54] lassen. So haben wir den Himmel bei Tag und bei Nacht gesehen, am Morgen das Erblassen der Sterne und das Aufleuchten des Frührots erlebt, am Abend der untergehenden Sonne ins Angesicht geschaut und die ersten Sterne wetteifernd gesucht und gezählt, das heraufziehende Wetter beobachtet und die sengenden Blitze in fast fühlbarer Nähe niederfahren sehen, den Regen über uns niederrauschen lassen und in der glühenden Sonne nackt im Sande gelegen. Auf Pferden haben wir uns getummelt, ohne Sattel und Zaum manchen wilden Ritt getan, bis der Reiter zur Erde glitt oder auch einmal kopfüber in den Graben geschleudert wurde; mit Kälbern und Lämmern haben wir gespielt, mit Pferden und Kühen auf der Weide gelegen, mit Schafen und Ochsen, die den Weg nicht wollten, den sie sollten, sind wir um die Wette gelaufen; den Fischen haben wir mit Netzen und Schlingen nachgestellt, den Vögeln ihre Nester abgelauscht, den Kibitzen und Rebhühnern die Eier genommen, den Grasmücken und Bachstelzen die Jungen mit Fliegen füttern helfen, ob sie sie schätzten oder nicht. Kurz die ganze Natur lag innerhalb des Bereichs nicht nur unserer Augen, sondern auch unserer Hände und Füße, wir lebten mit ihr als ein Teil ihrer selbst. Und wie die Natur, so lag das ganze menschliche Dasein in unserem Bereich, nahe, faßlich, verständlich. Alle elementaren Künste der Kultur hatten im Haushalt ihren Ort; das Großstadtkind sieht nur die fertigen Dinge und ihre Verzehrung, wir sahen sie alle entstehen, vom ersten Anfang bis zur Vollendung, das Brot und das Bier, das Hemd und die Jacke, fast nichts kam in unseren Gesichktskreis, von dessen Herstellung wir nicht eine anschauliche Erkenntnis gehabt hätten. Denn auch die Dinge, die das Haus nicht selber herstellte, sahen wir entstehen: der Schneider kam und schnitt auf dem großen aufgeschlagenen Klapptisch nach großem Papiermuster den Stoff zum Anzug zurecht, dann setzte er sich, ein Wunder zu sehen, mit untergeschlagenen Beinen auf denselben Tisch und nähte die Stücke zusammen. Im Frühjahr und Herbst kam der Zimmermann auf einige Tage ins Haus, besserte aus und fertigte Neues, hobelte und sägte, natürlich wir immer dabei zusehend und wohl auch einmal Hand anlegend. Und was nicht ins Haus kam, das suchten wir auf; bei dem alten Schuhmacher waren wir häufige Gäste: man wartete eine Stunde, um das zum Ausbessern gebrachte Schuhwerk gleich wieder mitnehmen zu können und sahe ihm inzwischen zu, wie er mit Leder und Leisten, mit Ahle und Pechdraht,[55] mit Schusterhammer und Messer hantierte oder am Abend durch eine gefüllte Wasserkugel das Licht des dürftigen Öllämpchens auf einen Punkt sammelte. Und nicht minder kehrten wir gern beim Schmied ein: es war ein fröhlicher Mann, und er hatte es gern, wenn wir im Winter aus der Schule kommend vorsprachen und zusahen, wie er das weißglühende Eisen mit der Zange aus der Kohlenglut zog und mit dem Hammer bearbeitete, daß die Funken in alle Ecken der dunklen Werkstatt stoben und die Mädchen laut aufschrieen. Wie abstrakt und oberflächlich und dürftig bleibt hiergegen die Vorstellungswelt des Großstadtkindes. Die Natur sieht es nur auf dem Papier, das Bilderbuch und das Lesebuch geben blasse Vorstellungen von Feld und Wald, von Tieren und Pflanzen, höchstens daß es noch einmal am Sommernachmittag die Dinge selbst sieht, aber wieder nur von weitem und ohne an sie heranzukommen: alles ist vor ihm verschlossen und vergittert. Dagegen hat es täglich um sich eine Welt künstlicher Dinge und Vorgänge, in deren Inneres es nicht hineinzusehen vermag: die elektrische Lampe und die Straßenbahn, das Telephon und das Automobil, das Warenhaus mit seinen tausend die Begierde, aber nicht die Erkenntnis herausfordernden Dingen, das Museum mit seinen unverstanden angestarrten Kunstwerken oder Resten einer nur dem Gelehrten erreichbaren Vergangenheit. So wächst es auf unter lauter Dingen, die ihm stumm bleiben, und endlich gewöhnt es sich, nicht mehr zu fragen, sondern mit der Oberfläche und der unverstandenen Benutzung sich zufrieden zu geben. Und nicht viel anders steht es mit den menschlichen Verhältnissen, den privaten und den öffentlichen. Die Großstadtmenschen sehen sich nur von weitem und kennen sich von der Oberfläche, sie wissen voneinander Namen und Titel, Stellung und Parteirichtung und derlei Äußerliches, aber die Wurzeln des Daseins des andern, die erreichen sie nicht und darum wissen sie auch von dem Innersten des persönlichen Lebens so wenig. Ich bin oft erstaunt gewesen, nach dem Tode eines Mannes, den ich jahrelang gekannt, den ich täglich gesehen hatte, aus seiner Biographie zu erfahren, wie wenig ich im Grunde von ihm gewußt hatte. Dagegen im Dorf weiß jeder vom andern, nicht bloß von gestern und vorgestern, sondern von Eltern und Großeltern her; man sieht die Verhältnisse, unter denen er geworden ist, in denen er lebt, seine Frau und Kinder, seine Heimstätte und seine Arbeit, sein[56] Gedeihen und Mißlingen. Was weiß von allen diesen Dingen in der Großstadt der Kollege vom Kollegen? Sie sehen sich täglich, sie tauschen Gedanken und Meinungen über alle Dinge aus, aber von ihrem eigentlichen Erleben sehen sie meist so gut wie nichts; es bleibt eine schattenhafte Kenntnis von dem Reden, Meinen und Sichgeben des andern. Amazon.de Widgets Und ähnlich mit den öffentlichen Angelegenheiten. Man liest davon in der Zeitung und redet davon am Biertisch und vielleicht in der Volksversammlung. Aber wie am letzten Ende »der Staat« und »die Gesellschaft« aussieht und wirkt, davon gewinnt der Junge, der auf dem Lande aufwächst, viel eher eine lebendige Anschauung. Ich kannte den Landvogt und den Aktuar in Bredstedt, ich wußte, zu wem man geht, wenn man dies oder jenes Geschäft hat, ich kannte die Gemeindebeamten und die Kirchspielsversammlung und wußte, wie es darin hergeht, ich wußte, was der und jener zu tun hatte, der Vater hatte das Geschäft selbst jahrelang gehabt, und ich hatte ihm Handlanger- und Botendienste dabei verrichtet. Ich wußte von den Rechtsgeschäften, von Hypotheken und Stempelpapieren, von Kaufbriefen und Mietsverträgen, sie gingen früh durch meine Hände. Ebenso von Steuern und Abgaben, die »Quittungsbücher« über bezahlte Grundsteuern und Koogssteuern, Kirchen- und Schullasten lagen in der Schatulle des Vaters, und er verwehrte mir nicht sie durchzusehen. So hab ich auch von Einnahmen und Ausgaben des Haushalts früh konkrete Einsicht gehabt: was die Ochsen und Schafe, der Roggen und Hafer, das Heu und Stroh kosteten und also einbrachten, war das tägliche Gespräch. Und wie mit den Preisen der Erzeugnisse die Landpreise stiegen und fielen, wie die Art des Anbaus des Landes mit dem Wechsel der Konjunktur sich änderte, wie der Kornbau zurückging, als der Fettviehexport nach England in den 50er Jahren begann, wie bei steigenden Wollpreisen die Aufzucht von Schafen sich rasch vermehrte und wieder nachließ, als der große Import von Australien einsetzte, alles dies lag vor den Augen schon des aufmerkenden und aufhorchenden Knaben. Und nicht bloß die wirtschaftlichen Verhältnisse der Gegenwart, auch ihre Einordnung in den geschichtlichen Zusammenhang wurde ihm sichtbar. Meine Jugendjahre fielen in die Zeit mächtig aufsteigenden Gedeihens der Landwirtschaft; sie begann langsam in den 40er Jahren, ging dann stoßweise aufwärts in den 50er Jahren, man führte das Steigen aller Preise, der Pferde, des Hafers, des Fleisches, auf den Krimkrieg zurück, der die Nachfrage für den Militärbedarf rasch in die[57] Höhe trieb. Dann kamen die 60er Jahre mit der wachsenden Industrie, die Jahre des Aufschnellens nach dem Krieg von 1870, in denen das Land unbegrenzten Wert zu erhalten schien. Vorher war aber eine Zeit der Not gegangen, die den Eltern noch lebendig vor der Seele stand und oft in den Gesprächen vorkam: in den 20er, 30er Jahren waren die Erzeugnisse der Landwirtschaft fast wertlos und unabsetzbar gewesen; für einen dreijährigen Ochsen wurden 10?12 Taler Hamburgisch, für eine Tonne Hafer zwei Mark Lübsch, für ein Pfund Butter zwei Schilling (15 Pfg.) bezahlt. Kein Wunder, daß die Geldknappheit aufs äußerste stieg und daß die schönsten Bauernstellen in Masse für nichts im Konkurs verkauft werden mußten; wer Schulden hatte aus früherer besserer Zeit, oder wer ein wenig leichter das Geld ausgab, der kam alsbald von Haus und Hof. Von allen diesen Dingen hatte ich eine lebendige Anschauung, ehe ich die Namen von »Staat« und »Gesellschaft« gehört haben mochte: in der friesischen Sprache gibt es keine Wörter dafür. Was will gegen solche konkrete Belehrung der Unterricht besagen, den das Stadtkind, so Gott will, in der Schule über die »Verdienste der Hohenzollern um die Bürger und Bauern« oder über die »Verderblichkeit der sozialdemokratischen Lehren« erhält? oder den es sich selber aus Zeitungen oder Gesprächen gewinnt? Ich hab nachher zeitweilig mit Leidenschaft Nationalökonomie studiert; es war die Freude, das, was ich aus der Anschauung kannte, nun in der großen Theorie wiederzufinden; vor allem hat es mir aus diesem Grund Roschers Nationalökonomie des Ackerbaus angetan; ich hab sogar den Vater dahin gebracht, von mir Vorträge darüber sich halten zu lassen, natürlich nicht Kathedervorträge. Nicht minder lag auch die soziale Struktur in einfacher und durchsichtiger Gestalt vor Augen. Das Dorf bildete eine übersehbare Lebensgemeinschaft. Das tragende Grundgerüst machten die selbständigen Bauernhöfe aus. Daran lehnten sich die Handwerke: alle notwendigen Arbeiten waren vertreten, jeder Handwerker hatte regelmäßig eine Anzahl Bauern als seine Kundschaft, der Müller, der Schmied, der Rademacher usw.; ihre Aufträge waren die Unterlage seiner Lebenshaltung. Dazu kam als eine dritte Gruppe der Pastor, der Schullehrer, der Arzt, der Beamte: sie standen einigermaßen außer oder über der Gesellschaft, sie mit Leistungen versehend, die nicht auf einheimischen, bodenständigen Künsten beruhen. Ebenso trat die soziale Schichtung, die Klassenbildung[58] in primitiver Form faßlich zutage. Es gab Großbauern, sie waren mehr in den neuen Kögen heimisch, die nicht selbst mit Hand anlegten bei der Arbeit, dann eine sehr breite Schicht von mittleren Bauern, die regelmäßig mehr oder minder sich selber an der landwirtschaftlichen Arbeit beteiligten. Dann folgte eine Schicht kleiner Besitzer, die auf dem eigenen Landbesitz nicht mehr ausreichende Arbeit für die Familienglieder hatten und daher durch übernommene Dienste ihr Einkommen steigerten, sei es durch Fuhrdienste oder durch Krämerei, Tagelohn und Handwerk. Endlich kamen die eigentlichen Tagelöhner, die nur ein Haus mit Garten und vielleicht noch Land für eine Kuh oder ein paar Schafe hatten, sonst es mieteten, sie standen meist in regelmäßigem Arbeitsverhältnis zu einem Bauernhof, ihre Kinder gingen erst als Hütejungen, dann als Dienstboten in Stellung. Endlich am Rand eine sehr kleine Schicht von Armen, meist durch Krankheit und Unglück heruntergekommene oder auch durch eigene Schuld, durch Trunk und Trägheit verkommene Familien: sie lebten von gelegentlicher Arbeit und vom Betteln. Einige Insassen des Armenhauses, erwerbsunfähige Alte, unversorgte, meist uneheliche Kinder, Krüppel, Idioten, machten den Beschluß. So lag die Gliederung der Gesellschaft nach dem Besitz sichtbar vor Augen, man wußte von jedem Bauern, wieviel Demat Land er besaß, und von jeder Familie, in welchen Verhältnissen sie sich befand, sah auch, wie die Verhältnisse von dem Verhalten abhängig waren, warum diese Familie im Aufsteigen war, jene nicht auf einen grünen Zweig kommen konnte; alles Dinge, die in der Großstadt unsichtbar oder doch undurchsichtig bleiben. Womit es denn doch wohl zusammenhängt, daß allerlei seltsame Meinungen hier so leicht sich durchsetzen, z.B. daß das ökonomische Ergehen des einzelnen von seinem Verhalten überhaupt nicht abhängig sei oder daß seine Verhältnisse nun eben von den Verhältnissen kommen und ähnliche. Hinzufügen möchte ich noch dies, daß die soziale Gliederung die Einheit der Lebensgemeinschaft nicht aufhob. Es gab in dieser Bauerngesellschaft nirgends eine Spaltung, eine Kluft zwischen den Klassen, wie sie im Osten des Landes vorhanden ist, ja wie sie hier eigentlich die Grundlage der ganzen Gesellschaftsordnung bildet: die Spaltung in Rittergutsbesitzer und Tagelöhner, in offiziersfähige Familien und Gemeine, in Gebildete und Ungebildete, in Hochwohlgeborene und überhaupt Nicht-Geborene. Alle Stufen des Besitzes waren durch kontinuierliche[59] Übergänge verknüpft; zwischen allen bestand, wenn auch mit Abstufungen, conubium und commercium; man saß, wie in der Kirche, so in der Schule und im Wirtshaus beisammen. In der Schule hatten die Kinder der reichen Bauern neben denen der Tagelöhner ihren Platz, und selbst die Insassen des Armenhauses saßen durch die Klasse verteilt, je nachdem ihre Fähigkeiten und ihr Fleiß ihnen einen Platz verschafften. Im ganzen hatten natürlich die Wohlhabenden den Vorzug, schon wegen des regelmäßigeren Schulbesuchs; aber zuletzt gab doch die persönliche Leistungsfähigkeit den Ausschlag. Und nicht anders war es beim Spiel: jeder gilt, soviel er kann; eine Ausschaltung kam auch hier nicht vor, wenn einer sich nicht selbst unmöglich machte. Und dieses einheitliche Leben in der Jugend setzte sich fort auch bei den Erwachsenen. Zwar traten die Unterschiede des Besitzes stärker hervor; doch blieb auch hier die Gemeinsamkeit des Tanzplatzes und der Kegelbahn, der Liedertafel und des Ringreitens: auch der Knecht und das Dienstmädchen war nicht ausgeschlossen. Und so kamen denn Zwischenheiraten nicht so gar selten vor; ein tüchtiger und bewährter Knecht konnte um die Tochter eines Bauern oder die Hand seiner Witwe anhalten, ohne von vornherein der Ablehnung gewiß zu sein, und das Umgekehrte kam wohl noch häufiger vor, daß Bauernsöhne Töchter von Handwerkern oder kleinen Leuten, die dienten, heirateten. Dieser demokratische Charakter der Gesellschaft prägte sich auch überall in der Sitte und Sprache aus. Wie man bei der Arbeit und bei Tisch auf dem Fuß der Gleichheit verkehrte, es war selbstverständlich, daß die Dienstboten bei uns mit am Tisch aßen, so machte die Sprache in einer bemerkenswerten Weise alle zu Gleichen: alle Gleichaltrigen nannten sich Du, dagegen wurde die ältere Generation ohne Rücksicht auf die gesellschaftliche Stellung mit der Anrede durch den Namen, wie die Eltern durch die Anrede mit Vater oder Mutter, geehrt, während sie die jüngeren mit dem Du ansprach. Nur der Altersunterschied, ein allgemein menschlicher, nicht der gesellschaftliche Unterschied gab eine Vorzugsstellung. Ausgenommen waren nur die Pastoren, Lehrer, Beamte, die natürlich mit ihren Amtsnamen angeredet wurden, meist auch Fremde waren und nicht Friesisch redeten. So bin ich, wenn ich als Student oder junger Doktor nach Hause kam, von den älteren Leuten, auch unserem Tagelöhner, mit Du angeredet worden, vielleicht einmal mit einer Art Entschuldigung: eigentlich darf ich ja wohl so nicht mehr sagen; während ich sie mit dem Namen anredete. Es wäre[60] mir einfach gegen den eingeborenen Sprachsinn gegangen anders zu verfahren. So wenig ich gegen Vater und Mutter jemals das Du über die Zunge gebracht hätte: man konnte durchaus nur sagen: ich bitte Vater, dies oder das zu tun; so wenig konnte ich einen doppelt so alten Mann anders als mit Namen anreden: Wie geht es Carsten? 
 Heimat und Elternhaus  [20] Meine Heimat Nordfriesland lag, als ich als Knabe heranwuchs, noch ganz außerhalb der Welt. Keine Eisenbahn brachte die Landbewohner, wie jetzt, in wenig Minuten in die Stadt; nach Flensburg oder Husum, den nächsten Städten, kam man oft in Jahren nicht; manche, vor allem Frauen, haben kaum je eine Stadt gesehen. Wer Hamburg gesehen hatte, war ein weitgereister Mann. Von Kopenhagen brachten einzelne, die dort gedient hatten, bescheidene Kunde, nicht aus der[20] Vogel-, sondern mehr aus der Froschperspektive. Daß es auch ein Berlin gab, wußte man nur aus der Geographie, es war uns ferner als heute St. Louis oder Moskau. Auch der Verkehr innerhalb der Landschaft selbst war ein sehr beschwerlicher und eingeschränkter. Es gab keine Chaussee an der Westküste; die jetzige Straße zwischen Husum und Tondern, die auch durch den östlichen Teil der Gemeinde Langenhorn läuft, ist erst am Anfang der 60er Jahre gebaut worden; bis dahin gab es nur den uralten »Ochsenweg«, von den jütischen Ochsen, die auf ihm den Weg in die Marschen getrieben wurden, so genannt. In großem Bogen die Marschen selbst umgehend, zog er am Rande der Geest durch tiefen Sand von Tondern nach Leck, von Leck über Sollbrück nach Bredstedt, und nochmal mit großem Bogen von Bredstedt über Bohmstedt nach Husum. Daneben gab es noch einen Weg durch die Marschen, der aber nur während des kurzen Sommers passierbar war, im Winter nur bei Frost und dann kaum wegen der fußtief eingefahrenen Geleise: im Frühjahr und Herbst war der Weg bei ewig nassem Wetter ein bodenloser Morast; dazu ging er mit endlosen Krümmen und Kehren von Dorf zu Dorf, von Hof zu Hof. Etwas besser waren nur die Deiche. Übrigens fehlte es auch diesen Verhältnissen nicht an Lobrednern. Ich erinnere mich noch wohl, wie ein alter Schwager meines Vaters, der noch die Napoleonische Kriegszeit miterlebt und bei Sehestedt gegen die Schweden gefochten hatte, warnend die Stimme erhob, als der Chausseebau begann: haben wir erst die Chaussee, dann kriegen wir auch bald den Feind ins Land, das Militär und der Krieg folgt der Chaussee. Und in der Tat, kaum war die Chaussee da, da kam auch der Krieg von 1864 und brachte richtig die Preußen und Österreicher auch nach Langenhorn. Natürlich gab es bis dahin in Langenhorn auch keine Postanstalt, so wenig als in den übrigen Dörfern: die Post in Bredstedt war die einzige in der Landschaft. Die dort ankommenden Briefe wurden abgeholt oder durch Privatgelegenheit an den Empfänger befördert. Eine Art von Ersatz für den öffentlichen Briefträger bot ein altes Ehepaar in unserer Nachbarschaft, das erst einmal, später zweimal die Woche nach Bredstedt ging und wie andere Besorgungen, so auch Briefe hin und her mitnahm und im Ort austrug, das Stück für einen Schilling, später für vier Schilling (dänisch). Ich bin oft bei den Alten gewesen, der Vater hatte einen verhältnismäßig starken Postverkehr. Oft habe ich auch Geld hingetragen; es wurde in versiegelten Beuteln geschickt,[21] die die Mutter nähen mußte, Postanweisungen waren eine unbekannte Sache; sie hatten, da es nur Silbermünzen gab, manchmal ein recht ansehnliches Gewicht. Die ersten Goldmünzen habe ich erst mit 15 Jahren gesehen, es waren preußische Friedrichsdor, die der Vater in Zahlung für Vieh nicht gern annahm; ebenso wurden die dänischen Reichsbankzettel, die in den 50er Jahren auftauchten, mit Mißtrauen betrachtet und möglichst bald wieder fortgeschafft. Am meisten standen die alten Speziestaler in Ansehen: dänische Doppeltaler im Wert von 4,50 Mk. Solche in stattlichen Beuteln im Schrank wohlverwahrt zu wissen, war der Stolz altmodischer Bauern. Irgendwelche regelmäßige Wagenverbindung besaß der ansehnliche Ort überhaupt nicht; erst die Chaussee brachte den »Wochenwagen«, der zwischen Husum und Niebüll ein- oder zweimal die Woche fuhr. Und erst die Preußen brachten die Postanstalt. Jetzt hat der Ort zweimalige tägliche Briefbestellung; fünf Züge bringen täglich in einer halben Stunde nach Husum, in vieren nach Hamburg, in acht nach Berlin; und ein Omnibus fährt durch das ganze Dorf, um den Verkehr mit dem Bahnhof zu vermitteln. Der Postverkehr wird in einer Woche jetzt mehr Sendungen bringen als damals in einem Jahr. Die Folge von alledem war eine Abgeschlossenheit des Lebens, von der man sich heutzutage kaum eine Vorstellung zu machen imstande ist. Das Dorf oder vielmehr die Kirchgemeinde, die mehrere über etwa zwei Stunden zerstreute Dörfer zur Einheit zusammenfaßte, bildete einen durchaus in sich geschlossenen Lebenskreis. Die Erwachsenen kannten noch die größeren Bauern aus den friesischen Nachbardörfern im Süden und Norden, die Jugend sah nicht über die Grenzen der Heimatsgemeinde, wie sie allsonntäglich um die Kirche sich sammelte, hinaus. Fremde kamen selten ins Dorf; war einer städtisch gekleidet, erkennbar an weißem Halskragen und offener Weste, hatte er »Weiß vor der Brust«, so wurde er mit einiger Scheu von uns betrachtet und durch Abziehen der Mütze geehrt, denn er hatte die Vermutung für sich, ein Pastor aus einem Nachbardorf oder ein Beamter aus der Stadt zu sein; die Einheimischen trugen die Weste geschlossen und ein Tuch um den Hals. Nur mit dem eine Stunde südlich gelegenen Bredstedt, dem Mittelpunkt der gleichnamigen Landschaft, war der Verkehr ein etwas regerer; es war der Markt und der Sitz des Postmeisters, des Landvogts und des Aktuars. Hierher wurden die Erzeugnisse der Landwirtschaft,[22] soweit sie nicht an Ort und Stelle verzehrt oder abgesetzt wurden, zu Markt gebracht, von hier die notwendigen Geräte und Waren geholt. Es gehört mit zu meinen frühesten Erinnerungen, daß ich mit dem Vater auf einem mit Kornsäcken beladenen Wagen die langen Landwege nach Bredstedt gefahren und dort bei Kaufleuten, Käufern und Verkäufern eingekehrt bin, gelegentlich wohl auch auf einem Gang in das Bureau des Landvogts oder des Aktuars und Steuereinnehmers ihn begleitet habe. Ich war nicht wenig stolz, wenn der Herr fragte: ob ich der Sohn sei? und ein freundliches Wort an mich richtete. Amazon.de Widgets Was die politischen Verhältnisse anlangt, so erfreute sich die Westküste des Herzogtums Schleswig im Grunde tiefer Ruhe. Der Krieg von 48?50 hatte sich fast ganz an der Ostküste abgespielt. Die friesische Bevölkerung war selbstverständlich deutsch gesinnt, sie hatte an dem Krieg Anteil genommen, doch ohne großen Enthusiasmus, wie sie denn auch von irgendwelcher dänischen Bedrückung nichts gewußt hatte. Nach der Wiederherstellung des Friedens fügte man sich ohne Schwierigkeit in die alten Verhältnisse; man hatte die Erinnerung, von den Preußen verlassen und verraten worden zu sein, und die Empfindung, daß im Grunde Schleswig durch Geschichte, Gesamtcharakter und Verkehr mit Dänemark zusammengehöre. Mein Vater lebte ganz in dieser Empfindung, Friedrich VI. war der König, unter dem er aufgewachsen war, den er in der Jugend öfter gesehen hatte; auch Christian VIII. war noch ganz und gar der angestammte Landesherr, freilich hätte er den »offenen Brief« von 1846 nicht schreiben sollen: damit sei der erste Zwiespalt zwischen deutschen und dänischen Untertanen entzündet worden. Nur von Friedrich VII. hielt er nichts. Trotzdem hörte er nicht auf, die Verbindung mit Dänemark als natürlich und gegeben zu empfinden. An eine Trennung von diesem Lande, mit dem das Herzogtum Schleswig seit grauer Urzeit eng verknüpft gelebt hatte, gar an eine Angliederung an Preußen, das ferne und ungeliebte, dachte in den 50er Jahren in diesen Kreisen niemand. In Holstein lagen die Dinge schon etwas anders, aber die Eider bildete damals noch eine sehr tief einschneidende Grenze. Auch in den Städten und im Osten, vor allem in Angeln, wurde anders empfunden. Aber die Bauernbevölkerung der friesischen Westküste lebte im ganzen in tiefem politischen Frieden. Und man muß gestehen, es geschah von dänischer Seite kaum etwas, das geeignet gewesen wäre, diesen Frieden zu stören. Dänische Münze[23] wurde eingeführt, die alten lübschen und hamburgischen Schillinge und Sechslinge verschwanden, das war aber auch fast das einzige, woran der gemeine Mann den Wechsel spürte; und schließlich, den entsetzlich verschlissenen Schillingen, womit Hamburg die Herzogtümer überschwemmt hatte (sie gingen in großen Tüten um, die aber immer erst nachgezählt werden mußten, weil regelmäßig einige fehlten und falsche Mecklenburger dabei waren) nachzuweinen, hatte man auch keinen Grund. Dabei blieb die Rechnungsmünze die alte, für Vieh und Dienstbotenlohn der Hamburger Taler (3,60 Mk.), für Land und Korn die Hamburger Mark (zu 16 Schilling = 1,20 Mk.). Schikanen, wie sie möglich gewesen wären durch »Mißverständnis«, indem man dänische Reichstaler (2,25 Mk.) oder Reichsmark Pf (37 Pf.) verstanden zu haben vorgegeben hätte, kamen an der Westküste gar nicht vor, wohl an der Ostküste. Im übrigen blieb Verwaltung und Sprache dieselbe. Die alte Selbstverwaltung der friesischen Bauerngemeinden wurde nicht angetastet; die alten Namen und Funktionen blieben, der »Vollmächtiger« als Gemeindevorsteher, die »Zwölfe« als Kirchspielskollegium, das den »Vollmächtiger« und die übrigen Gemeindebeamten wählte; die »Bauervögte«, die in den einzelnen Dörfern die Polizeiverwaltung hatten usw. Der »Landvogt« in Bredstedt, der das Gericht hielt, war ein Einheimischer, der Bruder des Propstes Caspers in Husum. In schwereren Fällen war die Urteilsfindung bei dem alten »Bondengericht«, zwölf Bauern aus der Landschaft, die ihr Amt, wenn ich mich nicht irre, als lebenslängliches innehatten Nur der Aktuar, der die Polizei- und Steuerverwaltung hatte, war ein Fremder oder wurde wenigstens als »dänischer« Beamter gehaßt, übrigens mehr um seiner Sportelgier als um seiner Gesinnung willen. Wenn ich noch den Amtmann in Husum, der auch ein Deutscher war (Johannsen), und den Propst Caspers nenne, so sind das alle Beamten, von denen ich gehört habe. Amtmann und Propst kamen jährlich im Sommer einmal in das Dorf zur Kirchen- und Schulvisitation, wobei zugleich alle Gemeinderechnungen revidiert wurden. Ein Festmahl, das die Frau Hauptpastorin auszurichten hatte und bei dem das ganze Kirchen- und Gemeindekollegium mitbewirtet wurde, war die Krönung des Festes. Doch ich vergesse: in den ersten Jahren nach dem Krieg, es wird 52?53 gewesen sein, hatten wir auch einen dänischen Gensdarmen im Ort; er hatte seine Wohnung in einem einsamen Bauernhof eine Stunde[24] vom Dorf und ließ sich möglichst wenig sehen. Daß er jemand Verdruß gemacht habe, erinnere ich mich nicht gehört zu haben. Doch weiß ich noch, daß mir einmal ein älterer Junge plötzlich die Mütze vom Kopf riß und sie versteckte mit dem Ausruf: »Der Gensdarm kommt«; an der Mütze war eine blau-weiß-rote Troddel, die »Rebellenfarbe«. Im übrigen bin ich auf das »dänische« Regiment während der 18 Jahre, die ich unter dem Szepter der dänischen Könige gelebt habe, kaum irgendwo gestoßen. Die dänischen Farben, den Danebrog, das weiße Kreuz im roten Feld, habe ich in meinem Heimatsort überhaupt niemals gesehen; es wurde kein Königsgeburtstag gefeiert, auch in der Schule ist der Tag niemals erwähnt worden. Dänische Soldaten oder vielmehr Uniformen, denn es steckten Landeskinder darin, habe ich zum erstenmal, ich glaube in meinem 13. Lebensjahr, in Flensburg gesehen; hier begegnete ich auch den dänischen Farben zuerst, und zwar kleinen Fähnchen auf den Gräbern der dänischen Gefallenen von 1848?50 auf dem Kirchhof. Und auch die ersten dänischen Laute werde ich hier gehört haben, wenn nicht etwas früher auf einem Pferdemarkt in Handewitt, wohin Onkel Ipke mich einmal mitgenommen hatte. Sonst lebten wir ungestört im Gebrauch unserer alten angestammten Sprachen: das Hochdeutsche, die Sprache der Kirche, der Schule und des Staates, das heißt im schriftlichen Gebrauch, denn im mündlichen Verkehr bedienten sich die Beamten wohl auch des Plattdeutschen; Plattdeutsch die Sprache der Stadt, des Marktes und in wachsendem Umfang auch der Familie; Friesisch die alteinheimische Sprache der Bevölkerung, die aber nur Haus- und Dorfsprache war. Eine Literatur hat sie nie gehabt, im öffentlichen Leben ist sie jedenfalls seit der Reformation nicht mehr gebraucht worden: erst war Platt-, dann Hochdeutsch die Sprache der Kirche und Schule und ebenso der Kanzlei. Es ist von der dänischen Regierung kein Versuch gemacht worden, in diese alte Ordnung einzugreifen. Die Danisierungsbestrebungen haben sich, soviel ich sehe, auf das Gebiet des alten Wettbewerbs beider Sprachen an der Ostküste beschränkt; die Eroberung oder Wiedereroberung der zwiesprachigen Städte und des der dänischen Sprache während der Zeit des Übergewichts deutschen Wesens verloren gegangenen Landgebiets, vor allem zwischen Schlei und Flensburger Föhrde, war das Ziel, das man, wenigstens zunächst, ins Auge gefaßt hatte. Selbst in Gemeinden, zu denen auch ein paar kleine dänisch sprechende Dörfer[25] gehörten, z.B. Enge, der Heimatsgemeinde meiner Mutter, hat man die alten Verhältnisse gelassen und keine dänische Predigt durchzusetzen versucht. Und in der Landschaft Bredstedt, zu der auch zwei dänische Kirchspiele (Joldelund und Viöl) gehören, haben zwar die dänischen Prediger in den deutschen Gemeinden mit großer Mühe deutsche Vakanzpredigten gehalten, ich habe sie selber gehört; unsere alten deutschen Prediger waren aber gewiß nicht in der Lage, durch dänisch gehaltene Predigten den Liebesdienst zu erwidern. Erst Pastor Thomsen, ein Angliter von Geburt, konnte dänisch; bei ihm hab' ich es gelernt, als ich meine Studien begann. Die Sprache in meinem Elternhause war die friesische; ich habe sie mit meinen Eltern und Verwandten gesprochen, solange sie lebten; es macht mir noch heute keine Mühe, wenn ich in die Heimat komme, friesisch zu sprechen, wenn auch hie und da ein selteneres Wort sich nicht gleich einstellen will. Daneben gewöhnte sich das Ohr und die Zunge von klein auf an das Plattdeutsche; es war in nicht wenigen Familien Haussprache; wo eine plattdeutsche Mutter einzog, verschwand das Friesische alsbald als Umgangssprache; natürlich, jeder Friese kann auch platt, aber nicht umgekehrt: es kommt überhaupt kaum vor, daß ein geborener Plattdeutscher, ein Städter etwa, Friesisch sprechen lernt; selbst die plattdeutsche Dienstmagd trägt ihre Sprache ins Haus. Es ist daher kein Zweifel, daß die friesische Sprache in nicht ferner Zeit an der Westküste Schleswigs ausgestorben sein wird. Der Verlust wird, abgesehen von dem, was die Sprachwissenschaft an altertümlichen Formen und Wörtern damit einbüßt, nicht zu groß sein; die friesische Sprache ist wirklich eine arme Sprache; das heißt sie ist reich an Ausdrücken für alle sinnlichen Dinge, die in dem Umkreis des bäuerlichen Lebens liegen; für Tätigkeiten und Zustände, Dinge und Geräte aus jener Anschauungswelt hat sie einen sehr reich entwickelten Wortschatz, so daß man bei der Übersetzung in die deutsche Buchsprache beständig zu Umschreibungen genötigt ist. Aber für die geistige Welt ist man immerfort genötigt, Anlehen beim Deutschen zu machen, wie es denn ja auch das Plattdeutsche nicht vermeiden kann. Das Hochdeutsche habe ich wohl erst in der Schule sprechen gelernt; verstehen und lesen konnte ich es schon früher. Sichere Fertigkeit habe ich kaum erreicht, ehe ich es als Achtzehnjähriger auf dem Gymnasium in Altona täglich mit den Mitschülern zu sprechen genötigt war. Mein Vater hat es sein Lebenlang ungern gesprochen, er pflegte auch mit[26] Hochdeutschredenden plattdeutsch zu sprechen; er verstand vollkommen Hochdeutsch und schrieb es ganz gut, aber es war der Zunge nicht geläufig geworden, wogegen die Mutter mit der leichteren Zunge der Frau sich noch in späterem Alter leicht dazu bequemte; nur mit mir konnte sie es nicht sprechen: es wäre ihr gewesen, als ob sie zu einem Fremden redete. Daher meine Frau und Kinder, wenn wir später bei den Großeltern zum Besuch waren, oft in Verlegenheit kamen, wenn das Friesische bei Tisch oder sonst durchbrach. Der Vorstellungskreis des Elternhauses, wie er in der Unterhaltung zutage trat, bewegte sich natürlich zunächst um die Angelegenheiten des häuslichen und wirtschaftlichen Lebens. Mit Besuchern, die sich nicht selten einstellten, mit den Verwandten, mit denen man öfters am Sonntagnachmittag zusammenkam, wurden vor allem die Verhältnisse der Landwirtschaft, des Viehstandes, der Aussichten für Korn- und Heuernte durchgesprochen, selbstverständlich auch das Wetter, das für den Landbewohner und gar für den Landwirt eine so unermeßlich große Bedeutung hat: für den Städter ist es bloß eine Sache größerer oder geringerer Annehmlichkeit, für den Bauer ist es die Lebensfrage! Das ganze Gedeihen des Hauses, die Frucht langer und mühevoller Arbeit hängt davon ab. An diese Dinge schlossen sich die Gemeindeangelegenheiten, Dorf und Wege, Koog und Deiche, Kirche und Schule. Der Vater stand mitten in diesen Dingen drin und hatte ein lebhaftes Interesse dafür. Er besprach sie gern und eingehend mit sachkundigen Leuten; vor allem war es ein Nachbar, Carsten Oldsen, der oft auf eine Abendstunde herüberkam, ein sehr einsichtiger, ruhiger und rechtschaffen denkender Mann, mit dem man gern über alle Dinge des öffentlichen Lebens sich unterhielt. Ich habe ihm später oft über die politischen Vorgänge in Berlin, über Bismarck und den alten Wilhelm berichten müssen. Der Vater hatte für die politischen Dinge weniger Teilnahme, wo er nicht wirken konnte, hörte auch sein Interesse auf; um Parteien und Parteifragen kümmerte er sich nicht im mindesten. Der Staat war ihm der König; wie er denn bis an sein Ende nicht aufhörte, Staatseigentum, Land oder Gebäude als »Königs« zu bezeichnen, was in meinen jugendlichen Tagen von meiner Seite wohl einmal den Versuch unzeitgemäßer Belehrung hervorrief. Anders stand es mit den religiösen Dingen, für sie war in dem ganzen Kreise der väterlichen wie der mütterlichen Verwandtschaft ein sehr lebhaftes Interesse vorhanden. Die Mutter liebte es auch, sie in den[27] Kreis des Gesprächs zu ziehen, wie sie denn etwas Lehrhaftes und wohl auch Bekehrungseifriges in ihrem Wesen hatte. Der Vater dagegen war in diesem Punkt zurückhaltend, ja verschlossen, die innerlichsten Dinge bringt man nicht über die Lippen; ich erinnere mich kaum irgendeines Gesprächs über religiöse Dinge, an dem er sich aktiv beteiligt hätte; er ließ es geschehen, sah es auch nicht ungern, aber er sprach sich selber nicht aus. Und nicht anders hielt er es mit sittlichen Lebensfragen; sie bewegten ihn wohl innerlich, er konnte sich auch schriftlich darüber äußern, nicht aber mündlich; ein der Scham verwandtes Gefühl mochte ihm die Lippen schließen, während die Mutter auch hier leicht zum Worte war, auch ihr Urteil über andere nicht ängstlich zurückhielt. Literarische Gegenstände, Theater, Musik, Kunst, Dichtung und was sonst das Hauptgericht auf der Tafel großstädtischer Geselligkeit bildet, fehlte natürlich ganz, es kam einfach im Vorstellungskreis nicht vor. Gelesen wurden nur ernsthafte Sachen, die es mit dem Wirklichen zu tun haben; alles, was die Engländer fiction nennen, wurde auch grundsätzlich verschmäht. Es gab auch damals Frauen in Langenhorn, von denen man sagte, daß sie »Geschichten« (Romane) läsen; es kam meiner Mutter unbegreiflich vor, wie jemand seine Zeit mit dem Lesen von »Geschichten, die nicht wahr sind«, hinbringen könne. Gar plattdeutsche Geschichten und Erzählungen, wie sie in der Zeitung gelegentlich vorkamen, fand sie unaussprechlich läppisch: so was haben wir ja alle Tage zu Hause auch, und dabei kann es nicht einmal »richtig« geschrieben werden. Ihre Lektüre bewegte sich so gut wie ausschließlich im Kreis religiöser Stoffe: immer zur Hand waren Bibel und Gesangbuch und ihre Erbauungsbücher, von denen sie eine recht ansehnliche Zahl, namentlich Predigtbücher, zusammengebracht hatte. Mein Schrecken darunter war eine Postille von dem alten Angst Hermann Francke, den sie besonders hochschätzte; ich mußte an Sonntagnachmittag, wenn die Kameraden draußen spielten, eine Predigt vorlesen, das heißt es war nicht gerade Gebot, aber es war der stille Wunsch, dem ich mich ungefähr ebenso ungern entzog als fügte. Wurde nun der dicke Quartband von Francke geholt, dann kam ich gewiß nicht unter einer Stunde frei, es konnten auch anderthalb werden, das 18. Jahrhundert hatte Zeit und hielt darauf, daß seine Prediger ihr Brot nicht müßig aßen. Ich versuchte daher wohl die Wahl auf einen jüngeren zu lenken, L. Hofacker oder L. Harms in Hermannsburg, der später[28] durch seine Missionsarbeit ihre Gunst vorzüglich gewonnen hatte: ich liebte ihn keineswegs, aber er tat's doch mit einer halben Stunde. Der Vater las daneben nicht ungern geschichtliche und geographische Darstellungen, von denen er eine kleine Auswahl besaß. Ein seltenes Fest war es, wenn er in meinen ersten Knabenjahren einmal die Karte von Europa aufrollte und mir die Länder und Städte zeigte. Zuweilen geschah es auch, daß ich ihn dahin brachte, von Napolen zu erzählen: es war die große Erinnerung seiner Jugendjahre, wie der Gewaltige erst alle Länder Europas niedergeworfen hatte und dann auf den Eisfeldern Rußlands von einem Stärkeren überwältigt worden war. Auch Friedrich der Große und Peter der Große fanden sich in kleinen Volksdarstellungen in unserem Bücherschatz, ich hab sie mehr als einmal gelesen. Eine dänische oder schleswig-holsteinische Geschichte besaßen wir nicht, so wenig als eine deutsche oder Weltgeschichte. Dafür aber mehrere Geographiebücher; eines behandelte die dänische Monarchie; die ausführliche Darstellung von Island, Grönland und den Faröern machte es mir besonders wert. Später hat der Vater manches Geschichtsbuch und auch wohl eine populäre naturwissenschaftliche Darstellung, die ich mitbrachte, gelesen. Er war für jede Belehrung über die Wirklichkeit bis in sein Alter hinein empfänglich. »Geschichten« dagegen, Romane, Erzählungen, Dichtungen hat auch er sein Leben lang nicht gelesen, es sei denn John Bunyans Pilgerreise, die einmal in winterlichen Abendstunden gelesen worden ist: ihr lehrhaft-erbaulicher, nicht ihr poetischer Charakter verschaffte ihr Beifall. Amazon.de Widgets Dennoch ist mir manches von Unterhaltungslektüre in die Hände gekommen. Das erste ein Robinson Crusoe; die Frau des Buchbinders in Bredstedt, der auch für alle literarischen Bedürfnisse der Landschaft sorgte, hatte das Heftchen meinem Vater als Weihnachtsgeschenk für mich mitgegeben, ich weiß nicht, ob für Geld oder aus gutem Herzen. Ich habe in meinem Leben nicht viel Bücher mit solcher Leidenschaft gelesen; es steht mir noch mit seinem grauen Papier und den paar bunten Holzschnitten vor Augen. Wenn ich ein Stück gelesen hatte, mußte ich, ich mochte wohl 7 oder Jahre sein, erst in die Dreschtenne gehen und den Knechten erzählen, wie es Robinson nun weiter ergangen sei. Ich hatte überhaupt einen starken Mitteilungsdrang; so erinnere ich mich, daß ich auch Onkel Ketel, meinem sehr geliebten Mutterbruder, wenn wir unterwegs waren, das Vieh draußen auf entfernten Weiden[29] zu besehen oder umzuquartieren, allerlei Geschichten erzählt habe, die mir irgendwie in die Hände gekommen waren, vielleicht durch eine zirkulierende Lesebibliothek, die mein erster Lehrer eingerichtet hatte. Sammelte der Vater daraus landwirtschaftliche Kenntnisse, so war ich für die Erzählungen empfänglich, die in Volkskalendern und anderen ähnlichen Erzeugnissen mit verfrachtet waren. Später kam durch meinen zweiten Lehrer, den Küster Brodersen, manches andere dazu: Jugendgeschichten, Naturwissenschaftliches und Geschichtliches, auch erste Stücke aus der deutschen und nordischen Literatur. Ich hatte eine große Leselust und habe mir oft mit einem Buch drinnen oder draußen ein verborgenes Plätzchen gesucht, um nicht entdeckt und zur Arbeit oder einem Gang gerufen zu werden. Ein Lindenbaum am Hause, in dem ich mir hoch oben in den Zweigen einen Sitz gemacht hatte, bot ein vorzügliches Versteck. Eine Bemerkung über die kirchlichen Verhältnisse und das Verhältnis des Elternhauses zur Kirche mag diese Betrachtungen beschließen. Die Eltern waren beide kirchlich gesinnt und, der Vater wenigstens, regelmäßiger Kirchgänger; die Mutter wurde durch ihre große Körperschwäche viele Jahre vom Kirchenbesuch so gut wie ferngehalten. So war es selbstverständlich, daß auch ich jeden Sonntag in die Kirche ging, wo ich anfangs als Kind neben der Mutter, dann als Junge neben dem Vater meinen Platz hatte, bis ich später als Schüler der Küsterschule auf dem Schülerchor zu erscheinen hatte. Das innere Verhältnis zu unserer Kirche war dabei kein enges; unsere Prediger genügten dem religiösen Bedürfnis, namentlich der Mutter, nicht. Sie wußte es daher bei dem Vater durchzusetzen, daß er hin und wieder am Sonntag trotz der Abneigung, den Pferden den Sonntag zu nehmen, den Wagen anspannte und uns in eine Nachbarkirche fuhr, wo ein durch Wärme und inneres Leben ihr mehr zusagender Prediger des Amts waltete. So sind wir öfters erst nach Bargum, dann nach Ockholm gekommen, wo wir eine sehr merkliche Vermehrung der meist so gut wie leeren Kirche brachten. In der Tat waren die Prediger, die unserer Gemeinde in meinen Knabenjahren vorstanden, durch nichts hervorragend; der alte Hauptprediger, ein Rationalist dürftigen Zuschnitts, hatte auf gutes und bequemes Leben im Diesseits gesetzt; der Diakonus war ein Mann nicht ohne Eifer, aber ohne Begabung und persönliches Leben; seine Predigten kamen über allerlei Erinnerungen aus Katechismus und Dogmatik nicht hinaus. Trotzdem blieb damals[30] der Kirchenbeschin in der Gemeinde ein ziemlich regelmäßiger; die Sitte beherrschte daru iauch den Gleichgültigen und selbst den Widerwilligen. Erst nach 1870 ist das anders geworden. Seitdem konnte es geschehen, daß sich in der Kirche, die gegen 600?700 Personen faßte, nicht mehr als drei, vier Leute außer den paar gebetenen Besuchern einfanden. Die Prediger, von denen der eine unaussprechlich langweilig, ein anderer um seiner persönlichen Lebensführung willen unerträglich war, haben dazu das Ihre beigetragen. Aber ohne Zweifel hat auch ein großer Umschwung in der Sitte stattgefunden: das Band, das den einzelnen mit der Kirche als der geschichtlichen Lebensform verbindet, hat an Stärke sehr viel verloren. Der elterlichen Generation wäre ein Leben ohne Kirche noch undenkbar vorgekommen; von der jetzt heranwachsenden würde das Verschwinden der Kirche kaum noch als eine große Lücke in ihrem Leben empfunden werden. So rasch hat sich die Entfremdung gegen die Kirche auch auf die ländlichen Gemeinden eines an sich kirchlichen Landstriches ausgedehnt. Vor allem trägt dazu wohl der Umstand bei, daß das ganze Leben weltförmiger geworden ist, der gesamte Vorstellungskreis mit anderen Interessen sich erfüllt hat: die tägliche Zeitung, der Roman, die Vergnügungen, die Reisen haben die Kirche und den Sonntagsgottesdienst, die vor zwei Menschenaltern eigentlich noch die einzige Unterbrechung des Werktaglebens boten, entbehrlich gemacht. Denn darüber wird man sich freilich nicht täuschen, daß es auch damals nicht das persönliche religiöse Bedürfnis war, das die große Masse Sonntags in die Kirche führte. Noch eines halte ich der Erwähnung wert: der Aberglaube ist meiner Jugend in jeder Gestalt fremd geblieben. Im Elternhause hatte er keinen Ort schon wegen seiner Unverträglichkeit mit dem religiösen Vorsehungsglauben. Und in der ganzen Umgebung machte die nüchterne, verständige, im besten Sinne aufgeklärte Denkweise der Bevölkerung ihm das Aufkommen schwer. Kleine Spuren eines Glaubens an Hexerei oder an Vorzeichen sind mir begegnet, aber sie spielten in keiner Weise eine Rolle: jedenfalls in unserer Gemeinde und in der ganzen bekannten Welt gab es keine Hexen. Und ebensowenig waren Abwehrmittel, Amulette und dergleichen gegen bösen Zauber oder gegen Krankheiten von Mensch und Vieh im Gebrauch. Auf Träume gab niemand etwas, und die böse Wirkung der Dreizehn war ebenso unbekannt. All diese Dinge hab' ich erst in dem aufgeklärten Berlin kennen gelernt. Ich erinnere mich wohl des Erstaunens, als ich eines[31] Tages in einem Restaurant mit ein paar Berliner Familien, die der Crème der Aufklärung, der freireligiösen Gemeinde, angehörten, zusammensaß und plötzlich eine der Frauen aufschrie: Herrgott, wir sind 13 am Tische. Im Augenblick stob alles auseinander, um das böse Omen noch abzuwehren, und setzte sich dann in kleineren Gruppen wieder zusammen. So sind mir auch Traumbücher erst in Berlin bekanntgeworden; sie liegen noch heute neben Liebesbriefstellern und Hintertreppenromanen in den meisten Papierläden zum Kauf aus und werden fleißig gekauft und benutzt, nicht allein von Dienstmädchen, die sich daraus über ihre Zukunft informieren. Und selten wird man, wenigstens in den kleinen Berliner Wohnungen, über die Türschwelle schreiten, ohne ein Hufeisen darauf angenagelt zu finden. Auch in unserer Küche finde ich regelmäßig da oder dort solchen Fund aufgestellt. Ebenso hab' ich das Bleigießen in der Neujahrsnacht erst in Berlin kennen gelernt. Und in welchem Umfang kluge Frauen, die aus Kartenlegen und Kaffeegrund Zukunftsforschung treiben, in der Metropole der Intelligenz Zuspruch finden, wird ja durch gelegentliche Gerichtsverhandlungen bekannt. Daß meine Hochachtung vor dieser Intelligenz durch solche Erfahrungen nicht gesteigert worden ist, brauche ich nicht zu sagen. Übrigens hängt die Sache wohl mit zwei Dingen zusammen: der östlichen Provenienz der Masse der Berliner Bevölkerung und der Ansammlung der höfisch-aristokratischen Welt. Daß diese für den Aberglauben in jeder Form eine spezifische Empfänglichkeit hat, dürfte in dem gesteigerten Selbstgefühl dieser Gruppe seine Erklärung finden; der Intimität mit den himmlischen Mächten, die der Intimität mit den allerhöchsten Herrschaften auf Erden zur Seite geht, entspricht der Glaube, daß die persönlichen Schicksale des einzelnen Wichtigkeit genug haben, um durch besondere Vorgänge (Vorzeichen) vorbedeutet und je nachdem durch besondere Kräfte und Machenschaften, als z.B. das Gesundbeten, beeinflußt werden zu können. Unser gesunder Bauernstand stand der Natur nahe genug, um nicht zu erwarten, daß so besondere Umstände mit ihm gemacht würden. Und durch verdrehte Literatur sich den Kopf zu verwirren, ließ ernsthafte Arbeit, der beste Schutz gegen fratzenhafte Gedankenverirrungen, nicht zu. 
 Erste Kindheitserinnerungen  [16] Ein paar flatternde Bilder, wie sie das Gedächtnis in ziemlich zufälliger Auswahl aus den ersten Kinderjahren festhält, mögen sich hier anschließen. In mein drittes Lebensjahr reicht meine erste Erinnerung zurück; sie verflicht mich zuerst mit dem Lande Baiern, zu dem ich später so viele Beziehungen gewinnen sollte. Es war im zweiten Jahr des deutschdänischen Krieges, 1849. Ein Regiment Baiern, das vom Osten kam, wurde zu einem Rasttag in Langenhorn einquartiert. Die Mutter hat mir später oft erzählt, welche Angst sie in Erwartung des zu Mittag angesagten fremden Kriegsvolks ausgestanden habe, um so mehr als der Vater zur Kirchenvisitation mußte, die an eben dem Tag stattfand; sie habe erst etwas Mut gefaßt, als sie mich ganz harmlos unter die fremdartigen Gestalten mich habe mischen und sie gegen mich sehr zutunlich und freundlich sich benehmen sehen: sie hätten mich auf den Arm genommen, in die Höhe gehoben und ihren kleinen Friedrich den Großen genannt. Die Erinnerung der Mutter kehrte öfters zu jenem Tag zurück: wie das seltsame Deutsch der Leute ihr Schwierigkeiten gemacht habe, sie sprächen ja gar nicht Deutsch, wie es geschrieben werde; wie der fette Mittagstisch, der ihnen bereitet stand, nicht recht ihren Beifall habe finden wollen, sie hätten den guten Speck nicht essen können, aber ihn eingewickelt, um ihn dann kalt zu speisen; und Ähnliches. Ich erinnere mich bestimmter Vorgänge und Situationen, die mir nicht erzählt sein können. Auch der Zapfenstreich, zu dem ich mitgenommen wurde, hat mir Eindruck gemacht, zwar nicht die Musik, wohl aber die große Trommel, die ich für einen Braukessel ansah, es kam mir wunderlich vor, daß große Leute darauf so herumhämmerten. Aus dem folgenden Jahr ist mir ein anderes in Erinnerung. Ich bin draußen in unserm Garten; da höre ich von Zeit zu Zeit einen dumpfen Knall; es sind Kanonenschüsse, sagt man mir: bei Friedrichstadt fand im Herbst 1850 das letzte, nun längst sinn- und ziellose Ringen unserer Krieger mit den Dänen statt, vor der Einsargung der Herzogtümer durch die deutschen Großmächte. Ein friedliches Bild taucht neben dem kriegerischen auf. Es ist ein Winternachmittag; in der blauen Wohnstube sitzen die Mutter und das Mädchen spinnend in der Nähe des Ofens; der Vater hat seinen Platz[17] bei seinen Papieren am großen Tisch an der Fensterwand. Ich tummle mich als unruhiger Geist in der Mitte, bald auf einem Stecken reitend, die Elle diente mir als Steckenpferd, bald auf dem Fußboden den Sand zu einem Häuschen zusammenkehrend und mit dem Fingerhut der Mutter Kuchen backend; dann klettere ich hinter der Mutter auf ihren Stuhl und schlinge ihr ein Tuch um den Kopf, wie ich es bei Halligfrauen gesehen hatte. Der ewig rege Tätigkeitsdrang des Kindes kann nur von einer Mutter ertragen werden. Amazon.de Widgets Und wieder sehe ich mich im Bett liegen, der kleine Tisch steht davor, und an ihm sitzt die Mutter und schneidet mir aus Papier Pferde und Kühe, Schafe und Schweine aus. Ich war ihr blutüberströmt ins Haus getragen worden: das Pferd eines Nachbars, an das ich von hinten mit der Gerte herangetreten war, hatte mich mit dem Huf ins Gesicht geschlagen; die Oberlippe war ganz zerrissen, und an der Stirn war eine Wunde. Man hatte gleich angespannt und mich zum Doktor in Bredstedt gebracht, wo der Schaden geflickt wurde. Von alledem weiß ich nichts, wohl aber davon, daß ich nun im Bett lag und von der Mutter in der angedeuteten Weise getröstet wurde. Ich hatte zugleich einen kleinen Tuschkasten mitgebracht erhalten und malte nun die weißen Tiere rot und schwarz und blau an. Wenn man ihnen die Beine auseinanderspreizte, konnten sie trefflich stehen und gaben viel Beschäftigung. Später schnitt ich sie mir selber mit der Schere aus und kam so zu herdenreichem Besitz. Ein andermal liege ich auf unserer Süderwerft in der Sonne: Mit einem alten Messer werden kleine Gräben im Rasen ausgehoben und Hecktore aus dicken Schwefelhölzern geflochten und eingesetzt. Die so entstehenden Fennen werden dann mit bunten Flintsteinen, gelben, blauen, weißen und schwarzen besetzt, die der Großvater mir von Stollberg mitgebracht hat: das sind nun meine Pferde und Kühe. Und nun ist es Weihnachten. Lange ist davon gesprochen worden, daß das »Kindjen« dann vom Himmel herabkommt und die artigen Kinder beschenkt. Ich habe meine kleinen Gebetchen gelernt, vielleicht auch die zehn Gebote und das Vaterunser. Am Nachmittag habe ich meinen Teller vor dem Fenster im »Pesel« aufgestellt. Nun sitzen wir abends am Tisch, der Reisbrei, das Weihnachtsgericht, ist gegessen, das Evangelium gelesen und ein Weihnachtslied gesungen: da, horch, ein Klingeln, leise beginnend, stärker anschwellend, eine Pause, ich sage meine Gebete mit beklommener Stimme, es klingelt nochmals, und[18] dann ist's ganz still. Mit stockendem Atem öffne ich die Tür zum Pesel, da steht im Schein eines Lichts mein Teller, voll von Kuchen und Äpfeln und Nüssen, obenauf ein Reiter, aus weißem Teig gebacken, Sattel und Zeug mit allen Farben angestrichen. Und neben dem Teller liegt wohl auch noch ein Tüchlein oder eine kleine Peitsche, oder ein Messer und eine Gabel, ganz klein und zierlich, eigens für meine Kinderhand gemacht. Kein Tannenbaum, und sei er noch so reich geschmückt und behangen, kann größeren Eindruck machen, als dieser geheimnisvolle Vorgang auf mein Kindergemüt gemacht hat; ich kann die ängstlich gespannte, feierliche Stimmung noch heute nachfühlen, die mit den rätselvollen, an Glockenklang erinnernden Tönen über mich kam. Für die Prosabetrachtung war es die Magd, die an die Wände des Küchenmörsers klopfte und dann durch das geöffnete Fenster ihre Schürze auspackte. Zu Weihnachten 1849 wird es gewesen sein, daß ich eine Fibel neben meinem Teller fand; ich erinnere mich ihrer Bilder, des blauen Walfisches und des gelben Wickelkindes noch wohl. Wann ich begonnen habe, unter Leitung der Mutter die Buchstaben zu studieren, weiß ich nicht; vermutlich haben mir die krausen Zeichen nicht lange Ruhe gelassen. Jedenfalls konnte ich, als ich im fünften Jahr in die Schule kam, fertig lesen. Auch die ersten Besuche der Kirche gehen in frühe Jahre zurück. Ich hole der Mutter aus dem Garten ein Sträußchen Rosen und Lavendel, sie legt sie mit dem weißen Taschentuch auf das Gesangbuch, nimmt mich an die andere Hand, und wir wandern den Steig zur Kirche hinauf, von wo die Glocken uns schon entgegenklingen. Ich sitze neben ihr auf der lehnenlosen Bank und warte der Dinge, die da kommen sollen. Die Orgel beginnt, ich lasse sie mir wohl gefallen; dann steigt ein schwarzgekleideter Mann auf die Kanzel und beginnt zu reden, was ich nicht verstehe, eintönig und anhaltend, ich werde müde und nicke ein, und die Mutter hat Mühe genug, mich auf der Bank zu halten. Noch ein anderes Bild taucht in verschwimmender Anschauung auf: Der kleine Tisch, in dessen Schublade ich meine Spielsachen hatte, steht nicht an seinem gewohnten Ort in der Stube, sondern im Pesel, wo ich ihn aufsuche, meine Sachen zu holen, und darauf liegt aufgebahrt im weißen Kleidchen ein kleiner Leichnam, mein erstes Brüderchen, das bei der Geburt gestorben ist. Deutlich erinnere ich mich dagegen, wie beim Begräbnis des letzten die Frau Dr. Rickertsen ihre Kinder[19] und mich anstellte, Blumen und Grün auf den Weg und das Grab zu streuen. Ein letztes Bild und ich lasse den Schleier über die Kindheit fallen: Ich gehe zögernd an der Hand der Mutter zu einer Nachbarin, einen Strauß Blumen, es waren weiße Narzissen, in der andern Hand. Nicht zum Geschenk waren sie bestimmt, vielmehr handelte es sich um einen Raub, den ich zurückbringen mußte. Ein älterer Knabe hatte meine Augen auf die schönen Blumen im nachbarlichen Garten gelenkt und mir über den Zaun geholfen. Ich kam harmlos mit meinem Anteil nach Hause; die Mutter aber hatte die Herkunft der Blumen bald herausgebracht und nötigte mich sogleich zu dem beschämenden Gang. Die gute Nachbarin war gerührt und wollte sie mir lassen, aber dafür fand sie keineswegs die Genehmigung der Mutter, welche die Sache sehr ernst nahm. Bis hierher etwa war die Darstellung geführt, die ich vor 30 Jahren gemacht hatte, um diejenige, die sich entschlossen hatte, meine Lebensgefährtin zu werden, in die geschichtliche Welt einzuführen, aus der ich stammte. Ich wollte zugleich sie vorbereitend mit denen bekannt machen, die damals alle noch lebten und in deren Kreis ich hoffte sie in kurzem einzuführen. Nun sind sie alle längst hinübergegangen, die, für die ich schrieb, und die, von denen ich schrieb. In dem Folgenden will ich nun zunächst einige Bilder aus der Umgebung skizzieren, in der ich mit wachsendem Bewußtsein meine Knabenjahre verlebt habe. Bald wird es eine völlig versunkene Welt sein, sie ist in schneller äußerer und innerer Umwandlung begriffen; vielleicht wird es eben darum nicht unerwünscht sein, aus dieser Welt von einem, der noch darin gelebt hat, etwas zu vernehmen. 
 Meine beiden ersten Schulen  [80] Nach dem Bisherigen könnte der Leser fast auf die Vorstellung kommen, daß ich so ziemlich wie ein zweiter Rousseauscher Emil ohne Schule aufgewachsen sei. Dem war aber gar nicht so. Im Gegenteil, meine Schulzeit hat ungewöhnlich früh begonnen, schon in meinem fünften Lebensjahre wurde ich von der Mutter dem ersten Lehrer zugeführt. Die Ursache war, daß es ihr allzu schwer wurde, mich zu Hause zu hüten. Ein Kindermädchen zur ständigen Begleitung und Beaufsichtigung war nicht vorhanden; war nun die Mutter im Sommer oft allein zu Hause und durch die Wirtschaft ganz in Anspruch genommen, so konnte sie mich nicht immer im Auge behalten, und das um so weniger, als ich auf alle Weise strebte, ihrer Wachsamkeit mich zu entziehen, um die gewonnene Freiheit zu allerlei Freuden, vor allem jenen untersagten Wasserfreuden zu verwerten. Sie hat mir wohl erzählt, wie sie alle Türen des Hauses zugemacht habe, wie ich aber bald herausgebracht habe, auch unsere schwierigen quer-, nicht längsgeteilten Türen zu öffnen: ich habe die Klinke der oberen, von mir mit den Händen nicht zu erreichenden Türhälfte mit einem auf die Brust aufgestemmten Stock emporgehoben, dann mit beiden Händen die Klinke der untern Hälfte angefaßt und so mit allen Kräften ziehend die ganze Tür aufgebracht, dann habe ich mich eilig möglichst weit aus dem Gesichtskreis entfernt, um irgendwo Spielkameraden zu treffen. Dem wurde nun also dadurch vorgebeugt, daß ich seit Ostern 51 wenigstens für sechs Stunden des Tages der Schule in Verwahrung gegeben wurde; denn der Anfang mit beschränkter Stundenzahl war damals noch nicht erfunden, wie man denn auch von Hygiene und Überbürdung noch nichts wußte. Ich hab während meiner ganzen Schulzeit von diesen Dingen nichts gehört. Selbst die Wissenschaft von den Pausen war noch so unentwickelt, daß es nur eine Pause vor- und nachmittags gab. Sogar auf dem Gymnasium in Altona, wo wir doch vielfach fünf Stunden vormittags hatten, gab es nur einmal eine Pause von einer viertel Stunde, sonst folgte eine Stunde der andern auf dem Fuße. Und von Hitzeferien wußten wir erst recht nichts. Wenn die Widerstandsunfähigkeit gegen Anstrengungen aller Art in gleicher Progression von Generation zu Generation abnimmt wie bei der letzten, dann möchte es noch vor Ablauf dieses Jahrhunderts dahinkommen,[81] daß wir von Viertelstunde zu Viertelstunde mit dem Ergographen die Ermüdungsgröße und mit dem Thermometer die Zimmer- und die Bluttemperatur der einzelnen Schüler feststellen, auch den Puls fühlen und die Atmung kontrollieren und für jedes die Kurve aufzeichnen. Eine vortreffliche Aussicht für die Ärzte: wir werden dann mindestens ebensoviel Ärzte als Lehrer in der Schule brauchen. Ich hab vom fünften bis zum sechzehnten Jahr zwei Volksschulen in Langenhorn besucht: die eine im Osten, die andere, die Küsterschule, im Westen, jede eine kleine Viertelstunde vom Hause entfernt. Eigentlich gehörten wir zur Küsterschule; und die Nachbarskinder gingen dahin. Die Eltern schickten mich aber gegen ein Extraschulgeld in die Osterschule, weil jene damals in recht übler Verfassung war; der Lehrer war ein Trunkenbold, der nirgends etwas leistete außer im Prügeln; wogegen der Lehrer in der andern Schule erst vor kurzem gewählt worden war und für einen recht tüchtigen Mann galt. Das letztere mochte vergleichsweise der Fall sein. Was ein wirklich tüchtiger Volksschullehrer zu leisten vermag, das habe ich erst bei dem zweiten Lehrer, Küster Brodersen, erfahren, zu dem ich im elften Jahre in die Schule kam. Meine erste Schule ist mir noch ganz gegenwärtig. In einem großen Raum war die ganze Schülerschar beisammen, von kleinen Kindern bis zu halberwachsenen Burschen und Mädchen: es galt bei uns in Schleswig-Holstein die Ordnung, daß Mädchen erst mit fünfzehn, Knaben mit sechzehn Jahren konfirmiert wurden und die Schule verließen. Die Einteilung der Gesamtheit in eine Ober- und Unterklasse war durch einen breiten Gang markiert, der den Raum halbierte. In der Oberklasse saßen wohl etwa 40?50 Knaben und Mädchen, nach Bänken getrennt, in der Unterklasse mochten 60?80 sein, Knaben und Mädchen in den Bänken durcheinander. So im Winter, im Sommer schmolz die Zahl auf die Hälfte und weniger zusammen. Der Unterricht geschah in der Weise, daß der Lehrer sich bald der einen, bald der andern Klasse widmete, meist natürlich der Oberklasse; währenddessen beschäftigte sich die andere Klasse still für sich, die Oberklasse z.B. mit Rechnen oder Schreiben, die Unterklasse vor allem mit Lesenlernen. Das Lesenlernen war damals noch eine ungemein schwierige Kunst, deren Erlernung in der Schule nach der alten Methode jahrelang in Anspruch nahm und von manchem, bei unregelmäßigem Schulbesuch war es[82] fast Regel, nie zu einiger Sicherheit gebracht wurde. Die Übung geschah in der Weise: es wurden Tabellen an Gerüsten, die an den Tischen befestigt waren, aufgestellt; je zwei oder drei Schüler hatten, mit einem »Untergehülfen« als Lehrer, der einen Stock als Zeiger in der Hand hielt, eine zusammen. Zuerst eine Tabelle mit den Buchstaben; dann kamen Syllabiertabellen, a?b: ab, b?a: ba usw.; endlich Tabellen mit Wörtern: a?p: ap, f?e?l: fel, Apfel. Hatte sich einer in ein, zwei Jahren, es konnten aber auch drei oder vier und mehr werden, durch die Tabellen durchgearbeitet, dann kam er in den Katechismus, zuerst den kleinen, hierauf den großen, um nun endlich die Frucht der Lesekunst zu genießen: das Auswendiglernen. Ich konnte schon lesen, als ich zur Schule kam, und so fiel mir bald die Rolle des Untergehülfen zu: ich hab manche Stunde Jungen, die doppelt so alt waren, auf der Tabelle, mit dem Stab da- und dorthin zeigend, buchstabieren und syllabieren lassen, nicht immer ein dankbares oder angenehmes Geschäft: ein wenig Mißstimmung gegen den jugendlichen Besserwisser regte sich nicht selten, und sie wurde dadurch nicht geringer, daß mich der Lehrer wohl als rühmliches Vorbild hinstellte, wie es denn mit seiner pädagogischen Weisheit nicht immer zum besten bestellt war. Ein Schultag verlief nun etwa so. Er begann morgens und endete abends mit gemeinsamem Gesang und Gebet der ganzen Schule. Gesungen wurde stehend, oft bis zur Erschöpfung, und nicht bloß im figürlichen Sinn: ich bin wiederholt eigentlich zusammengebrochen, Hitze, Anstrengung und vor allem die unbequeme Stellung (man stand mit gebeugten Knien eingeklemmt zwischen Tisch und Bank) brachten mir ein paarmal einen Ohnmachtsanfall. Dann folgte der Religionsunterricht, an dem wieder die ganze Schule teilnahm, die Unterklasse mehr passiv, womit übrigens der Oberklasse nicht eben eine bedeutsame Aktivität zugeschrieben werden soll. Die Aufgabe bestand darin, die gegebenen Formeln des Katechismus herzusagen und die aufweichenden Erklärungen des Lehrers zu wiederholen, dazu Sprüche aus der Bibel aufzusagen oder aufzuschlagen und vorzulesen. Unser Ausdruck für dieses Ganze war: »Examel halten«. Ich sehe noch den Lehrer in dem breiten Mittelgang auf und ab humpeln, er hatte ein kurzes Bein und hinkte stark, und höre ihn mit etwas dröhniger Stimme die Formeln vorsagen und wieder einfordern, in denen Sünde und Buße, Gnade und Erlösung, ewige Seligkeit und ewige Verdammnis[83] definiert wurden. Die ewige Seligkeit wurde uns als ein immerwährendes und immer wachsendes Vergnügen vorgestellt. Warum immer wachsend? Wenn sie gleichbliebe, gewöhnte man sich daran und hätte kein Vergnügen mehr daran. Dann kam die Lesestunde: für die Kleinen das Buchstabieren usw., für die Großen das Bibellesen. Wer über die Tubalkain und Nebukadnezar ohne Stolpern hinwegkam, durfte schon immer ein wenig stolz auf seine Leistung sein. Eine besondere Übung war hier auch das Bibelaufschlagen: 2. Kor. 7 V. 14, oder 1. Makkabäer 5, 18: wer's am ersten hatte, durfte vorlesen. Was dort stand, war einerlei. Die Übung diente vor allem dazu, in der Reihenfolge der biblischen Bücher festzumachen. Nach der Pause, in der erst die Mädchen, dann die Knaben entlassen wurden, folgte die Rechenstunde, wo natürlich wieder den verschieden Geförderten verschiedene Aufgaben gestellt waren, vom Zahlenlernen und Addieren bis zur Regeldetri und dem Wurzelausziehen. In der Oberklasse wurde ebenso wie in der Unterklasse die Sache rein mechanisch vorgemacht: So setzt man bei Lösung einer solchen Aufgabe an, dann macht man dies und dies, dann kommt es so heraus. Es handelte sich lediglich darum, mit dem Gedächtnis den Ansatz und die Folge der Operationen festzuhalten, ganz wie beim Lernen des Katechismus; ein Versuch, die innere Notwendigkeit zu zeigen, wurde nicht gemacht. Daher denn das immer wiederkehrende Vergessen: bei der Regeldetri, bei der Bruchrechnung, beim Wurzelausziehen, immer kehrte die Frage wieder: »Wie wird das aufgesetzt?« Hatte man das Schema, dann rechnete man darnach 40 oder 50 Aufgaben aus dem Rechenbuch, und der Lehrer kümmerte sich nicht weiter darum. Mit dem Mittaggebet um elf Uhr war der ersehnte Schluß erreicht. Alles rannte in eiligstem Tempo nach Hause, denn ein Frühstück gab es nicht mit in die Schule. Wohl dem, dem der gedeckte Tisch bereit stand; da und dort hatte man aber noch nicht Zeit gehabt zum Kochen, da gab's dann lange Gesichter. Eine kleine Anzahl allzu entfernt Wohnender blieb übrigens über Mittag in der Schule und verzehrte ein mitgebrachtes Butterbrot. Seltsam genug, auch das eine Abwechslung, die auch ich bei schlimmem Winterwetter wohl einmal mitmachte und sehr reizvoll fand. So groß ist das Verlangen der Jugend nach dem »Anderen«. Der Nachmittagsunterricht begann mit der Schreibstunde. Die Kleinen[84] schrieben auf die Schiefertafel, die Größeren nach Vorlagen, die ausgeteilt wurden, mit Tinte ins Buch. Die allein erlaubte Form der Feder war der Gänsekiel. Der Lehrer saß jeden Tag die erste Hälfte der Stunde und schnitt Federn, die von Zeit zu Zeit eingeliefert werden mußten, ebenso wie ein Tintenschilling. In der zweiten wurde das Geschriebene nachgesehen und verbessert. Aufregender pflegte die zweite Stunde zu sein: es war die Aufsagestunde: einmal in der Woche wurden die aufgegebenen Gesangbuchverse und Bibelsprüche oder der Katechismus abgehört, der Reihe nach, jeder kam dran. Und an jeden kam auch, bald öfter, bald seltener, je nach Begabung, für das Memorieren und aufgewendeten Fleiß die Reihe der Strafexekution. Bei manchem wußte man es vorher, er war stets unter denen, die sich ihre Last Prügel holten. Mit einer gewissen Spannung, gemischt aus Angst, Schadenfreude und der Aufregung, welche die Anwesenheit bei jeder schmerzlichen Operation gibt, sah man dem Augen blick entgegen, wo das Tau, ein dickes Schiffstauende, zum erstenmal in Wirksamkeit trat, um dann in der Regel bis zum Schluß der Stunde nicht mehr zur Ruhe zu kommen. Daß durch dieses Universalwerkzeug, es diente zur Abstrafung aller Sünden, die Fähigkeit, sich zu besinnen und das Gelernte hervorzubringen, gesteigert worden wäre, glaube ich nicht beobachtet zu haben; eher brachten Geschrei und Tränen der Heimgesuchten und Aussicht auf gleiches Schicksal wohl Assoziationshemmungen hervor, die auch den hereinfallen ließen, der unter heiterem Himmel mit seinem Vers glücklich durchgekommen wäre. Gerade die Fleißigen und Ängstlichen litten darunter, die Trägen waren bald so abgebrüht, daß es ihnen nicht mehr ausmachte als der Vorübergang einer Wolke vor der Sonne. Da ich früh lesen konnte, so kam ich früh unter diese Disziplin. Ich erinnere es selbst nicht, aber meine Mutter hat mir erzählt, daß sie mich als Kind einmal nachts im Bett habe weinen hören. Auf die Frage: was mir sei? habe ich geantwortet: ich solle morgen das »Was ist das« zum zweiten Artikel aufsagen und könne es nicht lernen; und dann seien mir schon wieder Schläge angedroht. Sie sei darauf zum Lehrer gegangen und habe ihm vorgestellt: er könne doch nicht von dem Fünfjährigen verlangen, was sonst Zehnjährige leisteten. Und so sei das Unwetter von meinem Rücken noch abgelenkt worden. Amazon.de Widgets Ein andermal wurde die zweite Stunde zur Gesangübung verwendet. Auch das eine gefürchtete Stunde: zwar das Chorsingen machte keine[85] Schmerzen; aber dann kam das Einzelsingen: auch hier der Reihe nach, ob Gott Stimme und Mut dazu gegeben hatte oder nicht. Für manche war es die ärgste Pein, sich einzeln vor der ganzen Schule hören zu lassen und durch ihr Krähen sich dem Gelächter auszusetzen: nicht selten ließ sich einer eher abstrafen, als daß er einen Laut hervorgebracht hätte. In dieselbe Stunde fiel wohl auch der deutsche Sprachunterricht. Es wurden Deklinations- und Konjugationsschemata hergesagt, Verhältniswörter mit dem zweiten, dritten und vierten Fall auswendig gelernt und vor allem anhaltend Sätze gebildet, mit denen die Rektion er Verhältniswörter eingeübt wurde: längs des Wassers liegt ein Stein; mittels des Essens werden wir satt usw. Ein Lesebuch besaßen wir nicht; wie wir denn auch kein Gedicht außer den verhängnisvollen Gesangbuchversen gelernt oder gelesen haben. Nur dessen erinnere ich mich, daß uns einmal »Johann der muntre Seifensieder« vorgelesen worden ist, der durch seine fröhliche Tonart einen gewissen Eindruck gegenüber dem grauen Einerlei des Gesangbuchs machte. Auch »Aufsätze« wurden gemacht, aber nur drei- oder viermal im Jahr, ein Brief oder eine Erzählung oder eine »Abhandlung«. Nach dem auf der Tafel jeder so viel oder wenig Sinn oder Unsinn, als er zusammenbrachte und zu Hause zusammenfragte, aufgeschrieben hatte, wurde dann die Musterleistung des Lehrers diktiert und in ein Buch eingetragen, das bei Prüfungen vorgelegt wurde. So erinnere ich mich noch einer Wendung: es wurde ein Brief geschrieben, der einem Freunde von der stattgehabten Kirchenvisitation erzählt; darin hieß es, daß uns der Visitierende »schon durch seinen schönen Namen Bischof Vertrauen eingeflößt habe«. Ich weiß nicht, ob das mir unbekannte Wort einflößen oder der ebenso unbekannte Name Bischof (es war der dänische, statt des deutschen Generalsuperintendenten), mir die Phrase im Gedächtnis festgebohrt hat. Die letzte Stunde wurde für Geographie und Naturlehre verwendet. Der geographische Unterricht ging wieder vorzüglich auf das Auswendiglernen von Namen; in stereotyper Ordnung wurden Grenzen, Gebirge, Flüsse, Provinzen, Städte jedes Landes gelernt und aufgesagt; vorzüglich kamen Dänemark und Palästina in Betracht, wogegen ich mich Deutschlands nicht erinnere. Harz und Riesengebirge hab ich nie gehört, wohl aber Cote d'Or und Cevennen. Die 96 Städte des dänischen Reichs kriege ich wohl heute noch zustande. Auch die[86] physische Geographie kam vor, die Kugelgestalt der Erde und die Beweise dafür, die Einteilung durch Parallelkreise und Meridiane: wir mußten sie uns durch Einschneiden von Ringen auf einer Kartoffel verdeutlichen, denn ein Globus war nicht vorhanden. Überhaupt litten wir Mangel an Karten; hätte nicht der Vater ein paar alte gerollte Landkarten gehabt, auf denen ich fleißig alle Namen aufsuchte, so würde mir vieles noch wortmäßiger geblieben sein, als es so der Fall war. Die Naturlehre beschränkte sich auf das Vorsagen und Nachbeten einiger Definitionen von Eigenschaften der Körper: Elastizität ist diejenige Eigenschaft der Körper, vermöge welcher usw. Die Reproduktionskraft wurde uns als diejenige Eigenschaft bezeichnet, wodurch die lebendigen Körper von den toten sich unterscheiden; zur Veranschaulichung diente die Geschichte von König Christian II., der auf dem Schloß Sonderburg 22 Jahre gefangen saß und in einem Steintisch, um dessen Rand er mit aufgestemmtem Nagel herumzugehen pflegte, eine Rille eingeschliffen habe. Der Nagel hatte eben Reproduktionskraft, der Stein nicht. Im Sommer wurde ein- oder zweimal ein Ausflug gemacht: dann durfte man dem Lehrer Pflanzen bringen und nach ihrem Namen fragen. Ob wir grade die botanisch richtigen erhielten, dafür möchte ich nicht einstehen. Übrigens kannten wir die, die uns was angingen, die Kräuter und Unkräuter, am Ende reichlich so gut als der Lehrer. Wann ich in die Oberklasse gekommen bin, weiß ich nicht, es muß früh gewesen sein; dagegen erinnere ich mich noch wohl des Aufnahmeverfahrens. Es wurde eine Art öffentlicher Prüfung und Abstimmung vor der Oberklasse über die Würdigkeit zur Aufnahme abgehalten. Die Namen der Aspiranten wurden alle an die große Tafel geschrieben; darnach wurden die einzelnen vorgeführt: das Schreibheft wurde vorgezeigt, er mußte einen Abschnitt vorlesen, eine Aufgabe vorrechnen usw., in jedem Fach erhielt er ein Prädikat, das an die Tafel geschrieben wurde; aus der Klasse wurden Vorschläge dafür gemacht, der Lehrer schrieb an, was ihm angemessen schien. Dann wurde aus dem Ergebnis die Platzfolge ermittelt, und damit war der Akt beendet: man zog über den breiten Steig. Damit trat man zugleich in den Kreis derer ein, aus denen für jeden Tag ein »Obergehülfe« ernannt wurde. Er hatte in Anwesenheit des Lehrers vor allem die Aufsicht über die Unterklasse zu führen, auf[87] Stille zu halten, nachzuhelfen, wo die »Untergehülfen« nicht weiterkamen; es war wohl etwas vom System Bell-Lancaster in das Seminar, auf dem der Lehrer seine Bildung empfangen hatte, durchgesickert. In Abwesenheit des Lehrers hatte der »Obergehülfe« seine Vertretung auch in der Oberklasse; und das war die weniger dankbare Aufgabe: er oder sie, denn die Mädchen waren natürlich nicht ausgeschlossen, hatte dann die Ordnung überhaupt aufrechtzuerhalten und Übertreter oder Übeltäter an die Wandtafel zu schreiben zu nachfolgender Züchtigung. Zu was für Konflikten der Pflichten nicht nur sondern auch der Fäuste dies gelegentlich führte, bedarf keiner Ausmalung. Und der Lehrer war oft abwesend; er ging häufig auf eine Viertelstunde hinüber, um sich zu rekreieren bei einer Tasse Kaffee oder einer Pfeife Tabak. Übrigens brachte er letztere sehr oft auch mit in die Schule, eine lange Weichselpfeife mit silberbeschlagenem Kopf; wenn sie ausging, z.B. über einer Exekution, dann zog er Stahl und Stein aus der Tasche und schlug sich Feuer. Wobei es am Preise des Schwammes nicht fehlte, er sei viel besser und zuverlässiger als die niederträchtigen neumodischen Zündhölzer, die damals eben aufzukommen begannen. Und dazu wurde eine Geschichte aufgetischt: ein Junge wurde einmal vom König gefragt: Wenn du König wärest, was würdest du dann tun? Herr König, dann würde ich immer Schwamm rauchen. Der große Tag des Jahres war die Kirchenvisitation, zu der Propst und Amtmann aus Husum erschienen. Die vier Schulen der Gemeinde schickten jede ihre obersten Reihen, sie marschierten zuerst in der Kirche nach der Predigt in dem großen Mittelsteig auf und wurden hier von dem Pastor in der Kinderlehre vorgeführt, die der Propst Caspers bald selbst zu übernehmen pflegte, mit sehr viel mehr Geschick die Sache leitend als der Pastor. Nachdem der Kirchenakt mit einer mit eigentümlich schmetternder Stimme gehaltenen Ansprache des Propstes an die Gemeinde Langenhorn, das langgezogene -horn klingt mir noch im Ohr, geendet hatte, folgte die Schulprüfung. Die vier Lehrer führten nacheinander ihre Scharen ins Feld; in den ersten Jahren schnitten wir Oster-Langenhorner meist glänzend ab, unser Lehrer ging mit großer Zuversicht ins Gefecht, die sich uns mitteilte, während ein andrer, ein alter Mann mit weißen Haaren, von solchem Zittern der Hände und Stimme befallen wurde, daß er manchmal kaum ein Wort herausbrachte. Später, als jüngere Lehrer ins Amt[88] kamen, wendete sich die Sache, und unser Lehrer hatte gar nicht mehr Ursache, sich zu erheben. Namentlich geriet er bald gegen den neuen Küster, zu dem ich dann in die Schule kam, ins Hintertreffen. Die Prüfung bezog sich natürlich vor allem auf die Religion; wochenlang wurden hierfür Gesänge und Sprüche wiederholt, selbstverständlich auch der Katechismus mit großen und kleinen Erklärungen. Doch wurde auch aus den andern Fächern geprüft: Kopfrechnen, was unsere schwache Seite war, der Lehrer brachte selbst nichts fertig, wenn ihm eine Aufgabe aus dem Stegreif gestellt wurde; Geographie, wo wir mit den 96 Städten des dänischen Reichs und den 12 Stämmen Israels und ihren Sitzen desto mehr brillierten. Genug von dieser meiner ersten Schule, die ich sieben Jahre lang besucht habe. Sie stellt im ganzen noch durchaus den Typus der Volksschule dar, wie ihn das 16. Jahrhundert geschaffen, das 18. ein wenig ausgebaut hatte. Das Lesen und Schreiben das große Hauptstück des Unterrichts, der Sachunterricht zumeist Religionsunterricht, vor allem Katechismusunterricht, mit viel Auswendiglernen. Unser »großer« Katechismus stammte noch aus der Aufklärungszeit; er begann mit der Frage: »Was wünschen wir Menschen vor allen Dingen?« Worauf die Antwort lautete: »Wir Menschen wünschen vor allen Dingen, vergnügt und froh zu sein.« Zu welchem Vergnügtsein dann in den folgenden 163 oder wieviel Sätzen mit großen und kleinen Anmerkungen der Weg gewiesen wurde: das Christentum der Weg, hier zeitlich und dort ewiglich glücklich zu werden. Daß dieser Unterricht irgendwelchen Eindruck gemacht habe, ausgenommen die peinlichen Eindrücke aus der Aufsagestunde, dessen entsinne ich mich nicht. Auch der Unterricht in den übrigen Fächern war der Form nach dem Katechismusunterricht nachgebildet: auswendig zu lernende Antworten auf auswendig gelernte Fragen. Pestalozzi war offenbar noch nicht in den Gesichtskreis des Seminars getreten, wo unser Lehrer seine Künste gelernt hatte. Es war hohe Zeit, daß ich eine Schule verließ, die mir gar nichts mehr zu bieten hatte; ich hatte längst alles gelernt, was hier zu lernen war. Hätte ich noch vier Jahre, bis zur Konfirmation hier absitzen müssen, dann wäre wohl eine verhängnisvolle Stockung in meiner Entwicklung die Folge gewesen; und daß ich schon Primus der Schule war, hätte die Sache nur schlimmer gemacht. Da trat zu meinem Glück die Erledigung der Küsterstelle und ihre[89] Besetzung durch einen Lehrer ein, dem ich vielleicht von allen meinen Lehren am meisten verdanke: Küster Brodersen. Ich erinnere mich noch wohl seiner Wahl. Das Kirchspielskollegium hatte sie vorzubereiten, es präsentierte der Gemeinde drei Kandidaten. Die Stelle galt für eine gute; es gingen viele Meldungen ein, die mit den Zeugnissen bei den Mitgliedern des Kollegiums, den Zwölfen, zu denen auch mein Vater gehörte, zirkulierten. Auch fanden zahlreiche persönliche Vorstellungen statt. Die »Charaktere« wurden geprüft und drei Kandidaten mit dem »ersten Charakter« vorgeschlagen, unter ihnen Lehrer Brodersen, aus dem benachbarten Bargum stammend, seit einigen Jahren Lehrer in Oldensworth in Eiderstedt. Ein guter Ruf ging ihm voran, so daß er schon vor der Probe für so gut als gewählt galt. Ein junger Mann, das ernste, schmale, blasse Gesicht von einem dunklen Vollbart umrahmt, so trat er uns bei der Probelektion vor versammelter Gemeinde entgegen. Eine Probe im Orgelspiel in der Kirche war vorhergegangen; jetzt begann die Sache mit Gesang, es war nicht seine starke Seite, namentlich der eine unter den Mitbewerbern war ihm darin sehr überlegen. Desto besser ging es mit dem Unterricht, er hatte alsbald die sichere Führung der Schüler gewonnen. Und so wurde er mit großer Mehrheit gewählt. Ich bin vier Jahre sein Schüler gewesen; und diese Jahre sind von entscheidender Bedeutung für meine geistige Entwicklung geworden. In ihnen hat sich der Erkenntnistrieb in mir entzündet, sind die Erkenntniskräfte so gewachsen, daß das Verlangen zu studieren als die natürliche Folge sich einstellte. Ich weiß nicht, ob ohne den Unterricht Brodersens der Entschluß jemals in mir gereift wäre; bis dahin war wohl kaum ein Gedanke an die Möglichkeit im Bewußtsein aufgestiegen. Ich will mit ein paar Strichen den neuen Unterricht und seine Wirkung auf mich charakterisieren. Die äußeren Verhältnisse der neuen Schule waren im ganzen dieselben wie die der alten: die gleichen Schüler, das gleiche Schema der Unterrichtsgegenstände, die gleiche Tageseinteilung usw. Nur in einem Stück lagen die Dinge günstiger: es war die Teilung der Klassen auch äußerlich durchgeführt. Freilich nur durch eine hinterher in den Raum hineingezogene Wand, durch die eine Tür führte: die Unterklasse hatte ihren Eingang durch die Oberklasse. Aber es war für sie doch ein besonderer Lehrer, ein Präparand, vorhanden, der den Unterricht unter der Leitung des[90] Küsters selbständig erteilte, und auch das störende Zusammenunterrichten zweier Klassen in einem Zimmer, das wir freilich kaum empfunden hatten, kam in Wegfall. Vor allem aber, der Küster gehörte der Oberklasse ganz: er hatte sich nicht zwischen Kindern und Halberwachsenen zu teilen, sondern konnte sich ganz den Schülern der Oberstufe widmen, die erst nach einer Prüfung aufgenommen wurden. Es waren ihrer etwa 40?80 Knaben und Mädchen; auch hier war der Unterschied der Zahl im Sommer und Winter groß, doch kaum so groß als in der früheren Schule; der größere Wert des Unterrichts machte sich alsbald auch in der höheren Einschätzung seitens der Eltern und Schüler und in dem regelmäßigeren Besuch geltend. Lehrer Brodersen war, als er nach Langenhorn kam, in den Jahren seiner besten Kraft, er war um die Dreißig. Zwar ließ seine Gesundheit hin und wieder zu wünschen übrig, aber seine geistige Frische, seine Freude am Beruf war auf der Höhe. Auch die äußeren Verhältnisse begünstigten eine gehobene Lebensstimmung: er nahm bald eine sehr angesehene Stellung in der Gemeinde ein, in jedem geselligen Kreis war er geschätzt und gern gesehen, er selbst organisierte einen solchen in einer sogenannten »Liedertafel«; er fühlte sich ganz heimisch auf diesem Boden. Während in Eiderstedt die Stellung des Lehrers durch die entschiedene Spaltung der Gesellschaft in Großbauern und Tagelöhner, ähnlich wie im Osten, schwierig und unerfreulich gemacht wurde: er gehörte weder zur einen noch zur andern Gruppe, fand er sich hier in einem mehr homogenen sozialen Medium, demselben, aus dem er hervorgegangen war. Auch seine Frau, eine Schwester des späteren Generalsuperintendenten Jensen von Holstein, empfand den Wechsel in jeder Hinsicht wohltätig, auch für die Gesundheit, wie denn auch Brodersen sich bald steigender Rüstigkeit erfreute. Was dem neuen Unterricht seinen Charakter gab, das war, daß er sich nicht bloß an das Gedächtnis, sondern an den Verstand wendete. In jeder Stunde wurde das Nachdenken herausgefordert, man bemächtigte sich der Sache innerlich, und so behielt man sie als dauerndes Eigentum. So z.B. im Rechnen: man wurde angeleitet, sich Rechenschaft von dem Warum zu geben, nicht bloß einen Ansatz zu behalten. Ich erinnere mich, wie mir ein Licht aufging, als uns hier die Lehre von der Wurzelausziehung vorgetragen wurde. Wie entsteht das Quadrat aus einer zweistelligen Zahl? Und welche Elemente sind also[91] darin enthalten? Es wurde uns an Zahlen- und Buchstabenbeispielen klargemacht und auch an der geometrischen Darstellung veranschaulicht, daß das Quadrat der Zehner, das Quadrat der Einer und das doppelte Produkt aus Zehnern und Einern darin sei; und daß man also bei der Auffindung der Wurzel auf die Herausziehung dieser Elemente ausgehen müsse. So kamen wir ebenfalls bald hinter das Geheimnis der Dezimalrechnung, der Kubikwurzelausziehung usw. Die Geförderteren, es gab natürlich mehrere Abteilungen, mit denen sich der Lehrer abwechselnd beschäftigte, während die andern inzwischen Aufgaben rechneten, wurden auch in die Algebra und Geometrie eingeführt. Mit dem Gebrauch des x zur Bezeichnung einer gesuchten unbekannten Zahl fing die Sache an. Die lebhafte Freude ist mir noch gegenwärtig, die wir empfanden, als es uns gelang, mit diesem geheimnisvollen x Aufgaben aufzulösen, die sich sonst nicht wollten zwingen lassen: indem man ihnen gleichsam mit dem heimtückischen Werkzeug des x in den Rücken fiel und sie als gelöst voraussetzte, wurden sie widerstandslos. Ich hab in dem letzten Jahr lange Zeit allein aus einem Lehrbuch der Algebra von Saß meine Aufgaben gerechnet; hätte ich hier nicht gelernt, algebraische Gleichungen aufzulösen, dann hätte ich es vermutlich in meinem Leben nicht gelernt, jedenfalls nicht auf dem Gymnasium. Und auch die Elemente der Geometrie verdanke ich diesem Unterricht. Ich weiß nicht mehr, wie weit wir vorgedrungen sind und wie viele folgten, immerhin waren es einige, darunter auch Mädchen. Wir trugen unsere Sätze und Beweise mit sauber gezeichneten Figuren in ein Heft ein und waren stolz auf diesen Besitz. Manche Zeichnung mit Kreide an eine Wand gab Zeugnis von dem Eifer und der Freude, mit dem der Verstand sich dieses seines eigensten Gebietes zu bemächtigen begann: es war die zwingende Gewalt des Begriffs und der Logik über die Unendlichkeit der Erscheinungen, die uns mit stolzem Machtgefühl erfüllte. Besonders schön und aufregend waren auch die Stunden für das Kopfrechnen. Man lernte mit allerlei Schlichen und Kniffen, durch Ergänzung und Umformung usw. die unbequemen Ziffermassen handgerecht machen und bewältigen; wer's am besten konnte, hatte es erst heraus und durfte dann vorrechnend zeigen, wie er's gemacht hatte. So wurde der Verstand hier gleichsam mobil gemacht; hatten wir bisher nur stumpfsinnig nach einem gegebenen Schema Aufgaben aufgesetzt und mechanisch ausgerechnet, immer besorgt, den Ansatz[92] und das Schema nicht zu vergessen, so fühlten wir uns jetzt als Erfinder und Herrn der Sache. Nicht anders war es in den übrigen Gebieten, im Deutschen, in der Naturkunde, in der Geographie. Im deutschen Unterricht wurde die Satzlehre vorgenommen, wir lernten Subjekt und Prädikat, Hauptsatz und Nebensätze unterscheiden, die Freude am Analysieren verwickelter Gebilde stellte sich ein. Gelesen haben wir auch hier nicht, wir besaßen kein Lesebuch, wohl aber las der Lehrer uns Geschichten und Gedichte vor, die wiedererzählt wurden, mündlich und schriftlich. Wir machten jetzt alle 14 Tage eine schriftliche Arbeit, sie bestand zunächst meist in der Wiedergabe einer einmal vorgelesenen Geschichte. Da galt es denn aufmerken, den Faden festhalten, um die einzelnen Momente daran wieder aufreihen zu können. Ich hab mit großem Vergnügen diese Arbeiten gemacht, besonders als ich in anerkennenden Unterschriften des Lehrers eine weitere Aufmunterung fand. Auch kleine Ausarbeitungen aus andern Gebieten des Unterrichts, der Naturkunde, der Religion, der Geographie wurden gelegentlich aufgegeben. Und natürlich fehlten Briefe nicht. Die Stunde, in der die Aufsätze zurückgegeben wurden, wurde von allen mit Spannung erwartet, ein Zeichen für die Teilnahme, die auf ihre Ausarbeitung verwendet war. Zur Belohnung wurden hin und wieder am Schluß der Stunde Rätsel aufgegeben; manches derselben ist mir noch in der Erinnerung und die lebhafte Bewegung der Köpfe, die dadurch hervorgerufen wurde, nicht minder; ich halte sie für ein vortreffliches Mittel, das Interesse zu wecken und den Scharfsinn zu üben. Auch die Geographie und die Naturkunde erhielten ein andres Gesicht. Vor allem wurde die Anschaffung eines Atlas allen, die es vermochten, zur Pflicht gemacht. Mir ist der Schubertsche Atlas, soweit er hinter den neuesten Erzeugnissen der Kartographie zurückbleibt, ein wahrer Schatz gewesen, von dessen fleißiger Benutzung die noch in meinem Besitz befindlichen Blätter in zahllosen Spuren Zeugnis ablegen. Dadurch wurde erst ein sicheres Fundament für die Anschauung gewonnen. Freilich, Gebirge und Felsgestein wußte auch er nicht zu zeigen; und so werde ich wohl fortgefahren haben, Berge nach dem Bilde unseres Stolberges als große Anhäufungen von Sand und Lehm vorzustellen. Aber von der Zusammengehörigkeit von Gebirgs- und Flußsystemen wußte uns der Lehrer doch eine Vorstellung zu geben. Deutlich ist mir noch gegenwärtig, wie er die mitteldeutschen[93] Gebirge vom Fichtelgebirge als dem Grundstock ausgehen ließ und dazwischen den Flüssen, Main, Saale, Eger, Naab, ihren Lauf anwies. Mein starkes Interesse für Geographie fand durch eine derartige Hinweisung eine große Anregung. Es ist nur nötig, daß an einem Punkt einmal ein Licht aufgesteckt wird, dann findet, wer offene Sinne hat, sich schon weiter. Was ich von der Schule an geographischen Kenntnissen und Anschauungen mitgebracht habe, das geht alles auf die Dorfschule in Langenhorn zurück; aus Altona hab ich nichts mitgenommen. Da gegen hab ich später viel geographische Literatur gelesen, Reisebeschreibungen und Theoretisches. In der Naturkunde zog mich besonders der schlichte physikalische Unterricht an; Pflanzen- und Tierkunde kam überhaupt nicht vor, es sei denn, daß jede Woche eine Abbildung eines Tieres an dem Wandschrank aufgehängt und zu seiner Nachzeichnung ermuntert wurde. Dagegen hat der Unterricht in der Physik mich vielfach in Bewegung gesetzt. Versuche wurden in der Schule nicht vorgenommen, es fehlte auch an dem einfachsten Apparat. Wohl aber wurden die einfachsten Lehren aus der Statik und Mechanik sowie aus der Wärmelehre so faßlich-anschaulich vorgetragen, daß ich mich zu Hause daran machte, sie experimentell nachzuprüfen. So die Lehre vom Hebel oder vom Heber. Der Heber tat's mir schon durch seine Beziehung zu meinem Element, dem Wasser, an. Da es keine gebogene Glasröhre und keinen Gummischlauch gab, ich glaube, in der ganzen Landschaft Bredstedt wäre damals so etwas nicht zu finden gewesen, jedenfalls nicht in unserm Dorf, so mußte ich selbst erfinden, was ich brauchte: ich bog mir durch Einlegen in Wasser die langen Stengel des Löwenzahns, die überall auf dem Hof wuchsen, zu einer krummen Röhre zurecht und hing sie mit dem kurzen Arm in einen Eimer Wasser; und siehe da: das Wunder ging, das Wasser stieg über den Rand des Eimers herüber. Ich hab später noch mannigfachen häuslichen Gebrauch von dieser in wirkliches Leben übersetzten Einsicht gemacht. Noch manches Ähnliche gelang. Gerade daß es ganz dem eigenen Spürsinn und der eigenen Erfindung überlassen blieb, die Versuche und die Mittel dazu sich zu beschaffen, hat jene elementaren Dinge so tief in das anschauliche Erkennen eingeprägt, als es einem mit reichen Mitteln ausgestatteten Physikunterricht vielleicht nicht gelungen wäre. Die Armut macht erfinderisch, der Reichtum unterdrückt die Kräfte; so ist es auch hier: ist alles aufs schönste experimentell vorgemacht und[94] theoretisch in Ordnung gebracht, so bleibt nichts zu tun übrig, und in dem Gefühl, daß alles erledigt ist, legt sich der Schüler zur Ruhe. Amazon.de Widgets Seltsam ist, daß ich so gut wie gar keine Erinnerung an einen geschichtlichen Unterricht habe, weder aus der ersten noch aus der zweiten Schule. Gorm der Alte und Ansgar, das sind, kommt mir vor, die beiden einzigen Namen, die mir daher geblieben sind. Ich weiß nicht, ob wir überhaupt keine andern gehört haben. Von dänischer Königsgeschichte, von holsteinischen Herzögen, von deutschen Kaisern oder preußischen Königen finde ich in meiner Schulerinnerung gar nichts; vielleicht ist Gustav Adolf in Verbindung mit der Reformationsgeschichte vorgekommen; doch bin ich dessen nicht sicher. Ob mit Rücksicht auf die schwierigen politischen Verhältnisse von einem eigentlich geschichtlichen Unterricht überhaupt abgesehen worden ist? Oder ob er von der Art war, daß er keine Spuren in meinem Gedächtnis zurückgelassen hat? Ich kann es nicht sagen. Am wenigsten war der Religionsunterricht bei dem neuen Lehrer ein anderer und wirksamerer als in der alten Schule. Zwar der alte »große« Katechismus wurde durch einen neuen ersetzt, von Bischof Balslev in Ribe verfaßt; ich glaube, er war nach dem Schema der neulutherischen Orthodoxie abgefaßt und erhielt auf engstem Raum das System der Dogmatik im Sinne der neuen Rechtgläubigkeit; die Lehre von den zwei Naturen und den drei Ämtern Jesu, von der Ordnung des Heilsweges durch Erkenntnis und Bekenntnis der Sünde, durch Neue und Buße, Glaube und Rechtfertigung, Heiligung und Beseligung war darin ausführlich behandelt, und wir wußten von allen diesen Dingen auf Befragen mit kraftvollen Definitionen zu dienen. Aber irgendwelcher Einwirkung auf Verstand oder Gemüt erinnere ich mich nicht. Ohne Zweifel war der Unterricht so gut, als er in der Volksschule nur erwartet werden kann. Es lag an den Dingen, nicht an der Behandlung, daß sie keinen Eingang fanden. Und freilich, was weiß ein Knabe von Sünde und Gnade, was ist ihm ein Gott-Mensch und die durch ihn bewirkte Erlösung? Es werden dem normalen, fröhlich in der diesseitigen Welt lebenden jugendlichen Sinn ewig fremde Wörter bleiben, die er nachsprechen lernt, die aber nichts seinem Innenleben Erreichbares ausdrücken. Eher waren die biblischen Geschichten und die Evangelien, die wir allwöchentlich auswendig lernten, etwas für dieses Alter; manche lebendige Anschauung menschlicher Dinge, mancher scharf geprägte Ausdruck, manches sinnvolle[95] Wort ist mir daraus geblieben und hat Denken und Sprache geformt. Doch kann ich nicht sagen, daß in jener Zeit auch diese Dinge irgendein lebhafteres Interesse bei mir hervorgerufen oder mich beschäftigt hätten, wie der Unterricht im Deutschen oder der Naturlehre oder im Rechnen. Sie wurden hingenommen ohne Reflexion und ohne Widerwillen, mehr nicht. Eine lästige Zugabe war das Auswendiglernen, das natürlich auch hier fortdauerte, wenn es auch nicht mehr so im Vordergrund stand. Immerhin mußten wir unsere Gesangbuchverse auch hier lernen. Noch erwähne ich des Schreib- und Zeichen- und des Gesangunterrichts. Sie wurden auf ganz andre Art betrieben als bisher. Das Zeichnen kam überhaupt als ein Neues hinzu; es machte mir Freude, obwohl es sich so ziemlich auf Nachzeichnen von Vorlagen, besonders von allerlei Ornamenten, beschränkte. Ich hätte vielleicht etwas gelernt, wenn der Unterricht an die Dinge herangeführt hätte. Im Schreiben trat an die Stelle der gedruckten Vorlagen die Vorschrift des Lehrers an der Wandtafel mit taktmäßigem Nachschreiben nach Zählen: ein Verfahren, das die Handschrift des Lehrers in die Finger der Schüler prägte. Das Singen wurde vor allem durch einen bescheidenen theoretischen Unterricht unterbaut: wir lernten die Noten kennen und Tonleitern singen, erhielten ein kleines Notenbuch mit den üblichen Choralmelodien, lernten mehrstimmig singen und übten auch einige weltliche Lieder ein. Alles das hat mich doch auch in diese mir ziemlich fremde Welt einen kleinen Blick tun lassen; die Melodien mancher Lieder gefielen mir so, daß ich sie nicht bloß selbst im Freien für mich sang, obwohl mich Gott nicht gerade zum Sänger bestimmt hat, sondern sie auch einer Cousine beibrachte nebst den Noten. Zeitweilig lernte ich auch mit Leidenschaft patriotische Schleswig-Holstein- und deutsche Vaterlandslieder singen: ich hatte mir, ich weiß nicht mehr wie und woher, ein Liederbuch mit Melodien verschafft, denn in der Schule waren sie selbstverständlich ausgeschlossen, und übte mir nun selber Text und Melodie, so gut es gehen wollte, ein. Was ist des Deutschen Vaterland, das Blücherlied, Es war auf Jütlands Auen und natürlich Schleswig-Holstein meerumschlungen: ich konnte sie alle vom ersten bis zum letzten Vers und sang sie mir draußen auf dem Felde, wenn ich allein war. So gewann ein lebendiger Unterricht auch dem dürftigen Boden einige Frucht ab. Ein Leser war ich immer gewesen. Bisher hatte ich wenig Bücher in[96] die Hände bekommen, ich habe schon früher einiges genannt; ein Lesebuch, zu dem ich immer von Zeit zu Zeit wiederkehrte, war die Bibel gewesen, besonders die Geschichten des alten Testaments, Makkabäer, Tobias, das Buch Esther und derartiges. Nun erhielt der Lesetrieb neue Nahrung: der Lehrer richtete eine kleine Schülerbibliothek ein, es waren die üblichen Jugendbücher von Nieritz, O.v. Horn usw. Wöchentlich durfte man eins dieser Bücher leihen gegen eine Gebühr von einem Bankschilling (3 Pf.). Ich hab viele gelesen, ich gestehe, den heutigen Reformern der Jugendliteratur zum Trotz sei es gesagt, mit viel Vergnügen, und, soweit ich urteilen kann, ohne Schaden an meiner Seele oder an meinem Geschmack zu nehmen. Manche dieser kleinen Erzählungen ist mir in so lieber Erinnerung geblieben, daß ich sie noch meinen Kindern wiedergeschenkt habe: Friedl und Nazi, Aus der Franzosenzeit (ein patriotischer Schmugglerroman aus der Zeit der Kontinentalsperre), Fürst Wolfgang von Anhalt, Die Belagerung von Wien (1683) usw. Sie haben meinen Gesichtskreis erweitert, meine Fähigkeit, Deutsch zu sprechen und zu schreiben, gemehrt, überhaupt in jeder Hinsicht mich bereichert. Und ich kann in der Verfolgungswut, die gegen diese Schriftsteller jetzt unter den neunmal gescheiten hamburgischen Pädagogen ausgebrochen ist, nur ein Zeichen der maßlosen Reform- und Neuerungssucht erblicken, die in dieser Zeit wie ein brüllender Löwe umhergeht und irgend etwas sucht, das sie verschlinge. Natürlich ist auch Minderwertiges unter jenen Sachen, aber nicht minder ist gewiß, daß manches Gute darunter ist, und daß es töricht ist, eine besondere Jugendliteratur überhaupt zu verwerfen: es hat sie immer gegeben und wird sie immer geben. Man darf nicht den Geschmack der Erwachsenen als Maßstab an sie anlegen; die harmlose Freude an bunten Ereignissen, das natürliche Verlangen nach einem »guten Ausgang«, das sind Dinge, die man der Jugend nicht verargen und nicht verwehren soll. Mit einer Literatur, die sie nicht selbst schätzt, sie mag im übrigen so schätzenswert sein als sie will, ist nichts gewonnen. Der Unterlehrer gab mir wohl einmal aus seinem Bücherschatz etwas mit, einen Band Öhlenschläger oder Ähnliches, ich hab wohl einen Versuch damit gemacht, aber es ging mir nicht ein. Ja ich gestehe, daß ich noch als Sekundaner in Altona mit Schiller dieselbe Erfahrung machte: Don Carlos, Jungfrau von Orleans, ich hab sie gelesen, ich ehrte sie, wie Gretchen sagt, doch ohne Verlangen.[97] Mit einem Wort berühre ich hier eine gegenwärtig viel erwogene Frage: die Frage der gemeinsamen Schulerziehung der Geschlechter. Ich hab die Sache in zehnjähriger Erfahrung kennen gelernt und kann bezeugen, daß das Zusammenleben auch in der Schule uns immer als selbstverständlich vorgekommen ist. Ein Unterschied in der intellektuellen Leistungsfähigkeit zwischen den Geschlechtern ist uns wohl nie in den Sinn gekommen; von den Mädchen wurde dasselbe gefordert und geleistet. Dumme und Gescheite gab es auf beiden Seiten. Was den Einfluß auf das innere Verhältnis zueinander anlangte, so begann in der letzten Zeit die Verschiedenheit der Geschlechter wohl mit leisen und unbestimmten Anklängen gefühlt zu werden; kleine Anziehungsverhältnisse bildeten sich, die hier und da auch über die Schulzeit hinaus dauerten. Wobei, soviel ich mich entsinne, die Anknüpfung meist von der weiblichen Seite ausging, durch kleine Aufmerksamkeiten und auch wohl durch die kleinen Künste einer harmlosen Koketterie. Daß gelegentlich auch einmal nicht mehr ganz harmlose Begegnungen stattfanden, auch sie zuerst von der weiblichen Seite herbeigeführt, die Knaben waren spröder und verlegener, will ich nicht verschweigen. Ich möchte sie aber nicht der Schule und der Gemeinsamkeit, die sie herbeiführte, zur Last legen. Sich zu treffen, hätte es ohne sie auch nicht an Gelegenheit gefehlt, wenn sie gesucht wurde; und vielleicht war es doch gerade das lange tägliche Gemeinschaftsleben, das es auch bei jenen Begegnungen nicht zu eigentlichen Ausartungen kommen ließ. Hiermit ist nun freilich nicht entschieden, daß das, was dort möglich und angemessen war, auch an andern Orten, in der Großstadt, oder unter andern gesellschaftlichen und sittlichen Umständen möglich ist. Unser Lehrer war zugleich Küster, und das hat auch mich in den Kirchendienst hineingezogen: die beiden obersten Schüler waren seine Gehülfen und Stellvertreter. Der Küsterdienst hatte damals, wenigstens in unserer Gegend, nichts, was das Ansehen des Lehrerstandes zu mindern geeignet schien; im Gegenteil, er verlieh dem Küster persönlich zugleich die Stellung des Hauptlehrers in der Gemeinde. Früher war er vielfach der einzig seminaristisch gebildete Lehrer gewesen, wie denn einer der Lehrer in unserm Kirchspiel auch damals noch ohne Seminarbildung war. Da der Küster zugleich den Organistendienst verwaltete (früher hatte Langenhorn einen besonderen Organisten gehabt), so erfuhr auch sein Einkommen dadurch eine Steigerung.[98] Wir hatten also an dem ganzen Kirchendienst unsern Teil, am sonntäglichen Gottesdienst, am Abendmahlsdienst, vor allem am Leichenkondukt. Der Sonntag begann für uns mit einer Vorwirkung: am Sonnabend vormittag mußten wir bei dem Pastor, der die Predigt hatte, »die Nummern holen«, d.h. die Bestimmung der Gesänge und Verse, die am Sonntag gesungen werden sollten. Wir gingen dann, nachdem wir sie dem Küster überbracht, in die Kirche und malten sie mit großen Ziffern auf die durch die ganze Kirche und ihre vier Emporen verteilten Tafeln. Ebenso war die Uhr auf der Kanzel aufzuziehen, die neben der alten noch vorhandenen, aber nicht mehr benutzten Sanduhr ihren Stand hatte. Daß wir die alte Kirche mit allen ihren Winkeln dabei durchkrochen, ist selbstverständlich: es gab keine Geheimnisse für uns; auch auf den Kirchenboden gelangten wir und sprangen von Balken zu Balken: ein Fehltritt auf die alten von unten angenagelten morschen Bretter hätte wohl den Absturz in die Tiefe zur Folge gehabt. Hin und wieder bin ich auch mit dem Küster zum Stimmen der Orgel gegangen: ich mußte dann die Töne anschlagen. Am Sonntag hatten wir von neun oder zehn Uhr an, je nach Beginn des Gottesdienstes, Dienst, es wurden in der Küsterei die Anschläge für den »Stegel« (das Kirchhofstor) geholt: wir hatten sie auf hölzerne Tafeln aufzunageln und diese dann am Stegel anzuhängen. Das Läuten der Glocken (renge) mußte von stärkeren Armen besorgt werden, wohl aber war unsere Aufgabe, vor Beginn und nach Schluß der Predigt durch Anziehen des Klöppels mit einem an ihm befestigten Seil (Klempe) der Gemeinde von diesem Ereignis Kunde zu geben. Es geschah mit sechs durch längere Pausen getrennten Schlägen, denen zum Schluß drei rasche Schläge folgten. Es war offenbar die Betglocke, die auch die Daheimgebliebenen mit der versammelten Gemeinde verband. Dieselben Schläge der Betglocke riefen auch am Morgen und Abend des Werktags, im Winter um acht Uhr früh und vier Uhr abends, im Sommer um sechs zum Gebet. Ich weiß nicht, ob die Zahl der Schläge irgendeinem alten Gebet entspricht, denn dem Vaterunser will sie sich ja nicht ganz anpassen. An den hohen Festtagen und zur Abendmahlsfeier waren die großen, armdicken Wachskerzen auf dem Altar anzuzünden, ebenso vom Pastor die Geräte nebst Wein und Brot zu holen und zurückzubringen. Bei Kollekten setzten wir die Becken am Stegel aus und überwachten den Eingang der[99] Gelder, von denen uns für diesen Dienst gleich ein Präzipuum von je 20 Pf. ausgezahlt wurde. Amazon.de Widgets Am wichtigsten und einträglichsten war der Leichenkondukt. Man unterschied »stille Leichen« und solche, bei denen Hausandacht und Gesang der Schüler gefordert wurde. Das letztere war noch das Gewöhnlichere, namentlich in den abgelegeneren und kirchlicheren Teilen der Gemeinde. Die Zahl der Schüler wurde bestellt, sie wechselten von 6?16; der Küster wählte sie aus, die beiden »Kirchendiener« waren immer dabei, so daß ich in einem Jahr wohl 20?30 Leichen habe zu Grabe singen helfen. Wir fanden uns etwa eine halbe Stunde vor dem Beginn des Akts im Trauerhause ein, traten in die Tür des Pesels, wo der Tote, regelmäßig im noch offenen Sarg, aufgebahrt lag, und sprachen ein leises Gebet. Dann wurden wir in einen andern Raum geführt, wo Warmbier mit eingebrocktem Weißbrot auf dem Tisch stand, neben seinem Teller fand jeder einen großen Wecken, und in diesen war der Obolus für die zu erwartende Gesangleistung gesteckt, er variierte zwischen einem dänischen Vierschillingstück und einer Mark (etwa 9?40 Pf.). Vor der Ansprache des Geistlichen (der Abdankung) wurde gesungen, ebenso zum Schluß. Währenddem wurde der Sarg geschlossen und auf den bereitstehenden Wagen, den ein Nachbar stellte, getragen. Nun setzte sich der Küster oder sein Stellvertreter mit den Schülern an die Spitze des Zuges; unter Gesang wurde der Hof verlassen und auch auf dem Wege zur Kirche von Zeit zu Zeit ein Vers gesungen. Vor dem Kirchhofstor wurde haltgemacht, der Sarg von den Trägern, als welche wieder die Nachbarn des Gestorbenen fungierten, die ihm auch nach Anweisung des Küsters das Grab gegraben hatten, auf die Bahre gesetzt und zweimal um die Kirche getragen unter Vorangang des Sängerchors; dann wurde der Weg zur Grabstätte eingeschlagen und unter dem Gesang des Verses: »Begrabt den Leib in seine Gruft«, der Sarg hinabgelassen. Hierauf Gebet und Segen des Geistlichen, nochmaliger Gesang, und nun gings in die Kirche, wo die eigentliche »Leichenpredigt« stattfand, der regelmäßig ein kurzer Lebenslauf des Toten eingefügt wurde. Natürlich fehlte es nicht an Gesang vor und nach der Predigt. War die Entfernung des Trauerhauses von der Kirche groß, so konnte es über alledem ziemlich spät werden, und wir verzehrten dann wohl, dem Hunger zu wehren, den eingesteckten großen Wecken während der Predigt.[100] Daß die Trauer um den Toten oder die Scheu vor Tod und Grab uns dabei tief ins Gemüt gegangen sei, kann ich nicht sagen. Im Gegenteil, es waren öfters recht lustige Fahrten, die wir so machten, und unser Verhalten wohl nicht immer geeignet, Ernst und Würde der Feier zu erhöhen. So erinnere ich mich, daß einmal vor dem Zug ein Wagen mit Äpfeln denselben Weg gefahren war und von Zeit zu Zeit einen kleinen Teil seiner Ladung verloren hatte; der Anblick der ersten Äpfel und die Aussicht auf fernere Beute wirkte unwiderstehlich, unser Tempo wurde immer rascher, so daß wir zuletzt den Leichenwagen ganz aus den Augen verloren. Besonders reizvoll war durch ihre Ungewohntheit eine nasse Spätherbstfahrt nach einem entfernt gelegenen Hof, der nur mit dem Boot zu erreichen war, in das dann auch der Sarg gesetzt wurde: unser Gesang über den Wassern wird noch einmal so laut ertönt sein als sonst. Eine gewisse Abhärtung gegen die Eindrücke, die Tod und Grab machen, war überhaupt die Folge dieses Leichendienstes: der Anblick des Toten im Hause, der Anblick der aus dem Grab aufgeworfenen Gebeine und Schädel auf dem alten Kirchhof ließ uns allmählich so kalt, wie die Totengräber im Hamlet. Ostern 1862 verließ ich die Schule, der ich das letzte Halbjahr nur noch als Halbtagsschüler angehört hatte, ich hatte inzwischen meine gelehrten Studien begonnen. Waren es auch nicht schmerzliche Gefühle, mit denen ich Abschied von meinem Lehrer nahm (wann wären diese bei solchem Anlaß überwiegend?), so empfand ich doch, was ich ihm in diesen Jahren schuldig geworden war, mit lebhafter Dankbarkeit. In der Tat, er war ein Lehrer von Gottes Gnaden: klar und sicher, in der Sache lebend, daher heiter und frei, nicht ohne den notwendigen Ernst und, wenn's sein mußte, die gebührende Strenge, ich habe sie nicht so selten zu erfahren Gelegenheit gehabt, wenn mich der Hafer stach; aber ich glaube nicht, daß jemand sie ihm nachgetragen hat. Man fühlte in der Strafe die Notwendigkeit und zugleich die Unwilligkeit dessen, der sie erteilte, daß so etwas hier notwendig sei. Seine Fähigkeit, an die Dinge heranzuführen, war ungewöhnlich; alle Begabteren folgten dem Unterricht mit einem spontanen Eifer, wie ich ihm nur auf der Universität wieder begegnet bin. Daß ich ihm noch als Professor der Pädagogik mich habe vorstellen und ihm bezeugen können, was sein Bild mir auch hierfür bedeute, ist mir eine große Freude gewesen. 
 Vorfahren und Eltern  Am 16. Juli 1846 um die Mittagsstunde bin ich zu Langenhorn, einem Dorf an der Westküste des Herzogtums Schleswig, meinen Eltern als ihr erstes Kind geboren. Ich blieb das einzige, drei jüngere Brüder starben bei der Geburt aus Mangel an ärztlicher Hilfe. Meine Eltern waren Bauern; der Hof, auf dem ich geboren und aufgewachsen bin, war kurz vorher von meinem Vater gekauft worden, sie haben ihn bis in die Mitte der 80er Jahre bewohnt. Bis dahin bin ich jedes Jahr auf kürzere oder längere Zeit dahin zurückgekehrt; ich hatte das Gefühl, hier meine eigentliche Heimat zu haben. Beide Eltern waren von Herkunft Nordfriesen, daher die friesische Sprache auch meine Muttersprache ist. Sie gehörten aber beide nicht durch ihre Geburt der Gemeinde Langenhorn an: der Vater stammte von der Hallig Oland, die Mutter aus der eine Stunde nördlich gelegenen Gemeinde Enge. Beide brachten ein sehr bestimmt ausgeprägtes Eigenleben in das von ihnen begründete Haus mit. Ich will aus ihrer Vergangenheit und der Vorgeschichte der Familie einiges mitteilen. Die Wurzeln meines eigenen Daseins sind in diesen Boden eingesenkt. Der Vater stammte aus einer Schifferfamilie, die auf den »Halligen«, kleinen uneingedeichten Inseln des Wattenmeeres an der Westküste Schleswigs, einheimisch war; ich kann sie an der Hand alter Aufzeichnungen bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts zurückverfolgen. Der älteste Vorfahre, von dem ich den Namen, allerdings nichts als diesen, erreichen kann, hieß Thoms Jansen und wohnte auf Nordmarsch. Hier wenigstens wurde ihm im Jahre 1679 ein Sohn, Frerck Thomsen, geboren, dessen Sohn war Paul Frercksen, geboren auf Ludenswarf-Langeneß in Jahre 1725, der Großvater meines Vaters, mit dem die Familiengeschichte erst deutliche Gestalt gewinnt. Ich besitze von ihm ein Quartheft mit handschriftlichen Aufzeichnungen in halberloschener Schrift über sein Leben, besonders über seine Seefahrten, in den Jahren 1740?1771, die ich auch habe drucken lassen (in der Zeitschrift für Schleswig-Holsteinische Geschichte Bd. 35, 1905). Ich teile daraus einiges mit, weil es in das Leben und Empfinden der Halligbewohner jener Zeit einen unmittelbaren Einblick gewährt. Frerck Thomsen, der Vater von Paul Frercksen, verlor im Jahre 1728[2] mit seinem ältesten Sohn Jan auf einer Fahrt nach Norwegen in einem Novembersturm an der Jütischen Küste Schiff und Leben; zu Sönderhoe auf der Insel Fanö ist er begraben. Er hinterließ seine Witwe, Frau Poppe, mit fünf Kindern, vier Töchtern und einem Sohn, dem damals dreijährigen Paul. Als der kleine Paul ins fünfzehnte Jahr getreten war, da ergriff ihn das Verlangen, zur See zu gehen, mit solcher Gewalt, daß die Mutter, die auch ihn auf dem Meere zu verlieren fürchtete, vergebens ihn zu halten suchte. Er ging im Frühjahr 1740 mit dem Schiffsvolk nach Amsterdam und nahm dort als Kajütsjunge die Heuer auf einem Walfischfahrer, der nach Grönland segelte. Als es nun, so erzählt er in jenen Aufzeichnungen, nach dem kalten Norden zu ging, Sturm und Seekrankheit sich einstellten, und unter all dem fremden Volk, dessen Sprache er meist nicht einmal verstand, keine Seele um ihn sich kümmerte, da sei das Heimweh mit Macht über ihn gekommen und er habe oft in seinem Herzen geseufzt: O wäre ich noch bei der Mutter geblieben. Indessen, das ging auch wieder vorüber; die Fahrt ging im übrigen gut; und auch der Fang war gut: es gab zwei große Walfische. Als sie im September in Amsterdam wieder ans Land kamen, waren 47 fl. holländisch verdient. Und nun ging's heimwärts nach der Hallig. Vor dem Einlaufen in das Wattenmeer hatten sie noch einen schweren Sturm zu bestehen, der die drei kleinen Schiffe mit der Mannschaft fast verschlungen hätte; doch kamen sie glücklich binnen. Als man in Wyck ans Land steigt, ist gerade Jahrmarkt; und hier trifft der Sohn unversehens die Mutter, die von der Nes herübergekommen war: »wie herzinniglich wir beide uns miteinander freuten,« schreibt er in schweigender Erinnerung, »das kann hier nicht beschrieben werden.« Das war die erste Grönlandfahrt; ihr folgten noch zwei weitere in den nächsten Jahren. Ich verfolge nicht das Aufsteigen vom Jungen zum Matrosen, des Matrosen zum Steuermann; seit 1758 führte er selbständig als Kapitän ein Schiff, im Dienst Amsterdamer Reeder, meist seines dort etablierten Schwagers Nommen Pauls. Die Fahrten gingen gewöhnlich nach den norwegischen, finnischen, russischen und preußischen Häfen, hin meist mit Stückgütern, zurück mit Korn oder Holz. In der Regel wurden mehrere Fahrten im Jahr gemacht; die Schiffahrt beginnt Anfang April, meist schließt sie mit Oktober-November für das Jahr ab. Doch kamen auch Winterfahrten vor; auf einer solchen, die im Oktober 1760 von Amsterdam nach Petersburg angetreten wurde,[3] ging das Schiff, nachdem es schon mehrere schwere Stürme bestanden hatte, im Kattegatt verloren; es wurde in der Nacht vom 15. auf den 16. November am Vorgebirge Kullen auf den Grund getrieben, brach das Steuer und lief gleich voll Wasser. Mit Mühe rettete die Besatzung das Leben. Den ganzen Winter mußte der Kapitän bleiben, um von Schiff und Ladung zu retten, was zu retten war. Nach mancher Fahrt und manchem ausgestandenen Ungemach, auch vielfältiger Krankheit, entschloß sich Paul Frercksen im Frühjahr 1772, zum erstenmal das Schiffsvolk ausfahren zu lassen, ohne selbst dabei zu sein. Er lebte seitdem auf der Hallig von dem kleinen Renteneinkommen, das ihm sein in 31 Jahren saurer Arbeit erworbenes Vermögen abwarf; es betrug, nach Ausweis des von ihm geführten Hausbuches, das ich noch besitze, im Jahre 1778 15603 Mark Kurant mit einem Zinsertrag von 653 Mark Lübsch (786 Reichsmark). Zu dem Einkommen, das der Matrose als Heuer, der Kapitän als Fracht usw. verdient hatte, war regelmäßig noch der Gewinn aus eigenem Handel gekommen, der öfters ziemlich bedeutend ausfiel; hieraus wird jenes Kapital hauptsächlich stammen, denn das Arbeitseinkommen, das für die 31 Jahre auf 5169 holländische Gulden berechnet wird, mußte natürlich zum großen Teil für den Unterhalt, namentlich während des Winters, verwendet werden. Im Jahre 1757 hatte sich Paul Frercksen verheiratet, auch mit einer Poppe. Sie war im Jahre 1731 geboren als Tochter von Paul Ipsen (1685?1739), der selbst wieder ein Sohn des Schiffers Alte Ipke Paulsen war. Sie wohnte bei ihrer Mutter auf Oland. Weihnachten 1756 hatte er um sie angehalten: »Da mußte ich den ganzen Winter laufen, ehe ich den rechten Schluß erhielt, denn ihre beiden Brüder wohnten in Amsterdam und mußten auch ihre Meinung dazu schreiben.« Der Schluß fiel diesmal in der Tat recht aus, er hatte früher einmal von einer anderen »das Nein-Wort erhalten«. Im Oktober 1757 war Hochzeit, und er siedelte nun zu der Schwiegermutter nach Oland über. Im Frühjahr 1758 folgte die erste Trennung; sie sollte lange währen: das Schiff fror im Herbst bei Cronstadt ein und mußte den ganzen Winter im Eise liegen bleiben; erst im Juni 1759 kam er nach Amsterdam zurück: »ich fand allda mit großer Freude meine Frau (er hatte sie hinbestellt) bei Bruder Ipke Paulsen. Ich ließ mich ein neues Kleid machen, in Amsterdam zu tragen, und war recht in meinem guten Schicksal.« Aber das Glück ist von kurzer Dauer. Ende[4] Juli muß er wieder zu Schiff nach Petersburg: »wie ich nun wieder bei der Feuertonne kam, mußte meine Frau allda mit großer Betrübtheit am Lande sitzen. Da war mir grausamlich zumute.« Schifferleben! Im Jahre 1763 wurde ihm das dritte Kind geboren, es war das erste, das am Leben blieb: Frerck Paulsen, mein Großvater, dessen Namen ich trage. Amazon.de Widgets Frerck Paulsen ist der erste in der Reihe, der nicht mehr zur See ging; er war schwach auf der Brust. Als junger Mann hatte er die Müllerei erlernt, hat sie aber in der Folge nicht getrieben, sondern als kleiner Landbesitzer und Rentner auf Oland gelebt. Das Vermögen der Familie erfuhr einen kleinen Zuwachs durch ein Erbteil, das ihr nach dem einen der beiden erwähnten Brüder der Mutter zufiel. Nommen und Ipke Paulsen hatten beide, nachdem sie erst zur See gefahren waren, in Amsterdam ihr Glück gemacht und sich dort verheiratet; Nommen war zu großem Reichtum an Schiffen und Landbesitz gekommen. Ipke starb kinderlos, und nach dem Tode seiner Witwe beerbten ihn die Geschwister. Ich erinnere mich noch, von meinem Vater gehört zu haben: sein Vater habe das Gut in Amsterdam abgeholt; er sei eben noch mit seinem Schiff binnen gekommen, gleich darauf sei der Krieg mit England ausgebrochen, und das Schiff wäre von Kapern weggenommen worden. Frerck Paulsen verheiratete sich im Jahre 1799 mit Volig Christine, der ältesten Tochter des Schiffers und Küsters Ipke Petersen auf Oland (1747?1817) und seiner Frau Angens geb. Broders (1747?1829). Sie hatten noch drei Söhne, die alle zur See gingen und alle jung gestorben sind, zwei am gelben Fieber in Westindien. Von dem Briefwechsel der Eltern untereinander und mit den Kindern hat sich einiges erhalten; mehr aus den sonstigen Papieren des alten Küsters. Er muß ein sehr reges Innenleben geführt haben; das Religiöse bildet natürlich das durchschlagende Grundelement. Es haben sich eine Menge Aufzeichnungen tagebuchartigen Charakters erhalten, in denen er über seinen Seelenzustand reflektiert und Gott um Erleuchtung anruft. Mit dem Pastor von Oland hatten sich nämlich Differenzen mit Bezug auf Glauben und Lehre ergeben, die zu wiederholter Aussprache von seiner Seite führten, von denen wieder die Aufzeichnungen Kunde geben. Es kämpfte in ihm der angeborene Respekt vor dem geistlichen Amt mit der persönlichen Überzeugung, daß die Wege des Pastors vielfach Irrwege seien. Ein merkwürdiges Schriftstück ist bei den Papieren,[5] eine Eingabe an den König Christian VII., worin der Konflikt dargelegt und um Beilegung und Weisung gebeten wird. Ob sie jemals abgegangen ist, weiß ich nicht. Von dieser Seite her stammt nun, soviel ich sehe, auch die entschiedene Richtung auf das religiöse Innenleben, das in dem Hause meines Großvaters herrschte und von da der Familie vererbt ist. Bei Paul Frercksen kommt das Religiöse nur in der Form des Allgemein-Kirchlichen, ohne individuellen Ton vor. Bei dem Sohn ist in einer Aufzeichnung schon aus jugendlichen Jahren zuerst von erlebter Erweckung und Bekehrung die Rede. Ob solche Erlebnisse mit dem Küster zusammenführten oder ob sie schon von ihm angeregt worden sind, ist nicht ersichtlich. Sie bezeichnen aber den Grundton, auf den das Leben der Familie von da ab gestimmt war: Enthaltung von der Welt und ihren Freuden, entschiedene Richtung auf das Jenseitige als das allein wahre Leben. Die Erinnerung an Ipke Petersen war bei den Schwestern meines Vaters noch überaus lebendig, ich habe von ihnen seinen Namen oft gehört. Die Großmutter Angens ist noch mit dem Schwiegersohn nach Langenhorn übergesiedelt und hat ihn um einige Jahre überlebt. Aus der Ehe Frerck Paulsens mit Volig Christine sind 8 Kinder hervorgegangen, 6 Töchter und 2 Söhne. Der älteste der Söhne, mein Vater Paul (Frerck) Paulsen, ist am 5. Oktober 1805 geboren, Onkel Ipke, das jüngste der Kinder, 1820. Der Vater hätte, wie die beiden vor ihm geborenen Schwestern, eigentlich den Namen Paul Frercksen führen sollen, er ist auch sein Lebenlang so genannt worden; offiziell aber war sein Name Paulsen; durch königliche Verordnung war nämlich kurz zuvor die Bestimmung getroffen worden, daß der Zuname nicht mehr wie bisher wechseln, sondern als ständiger Familienname bleiben solle. Er hat dann selbst die Einschiebung Frerck in den Namen durchgeführt, um durch den auf dem Festlande nicht gebräuchlichen Namen Verwechslungen vorzubeugen. Das Leben des Hauses, in dem der Vater mit seinen 7 Geschwistern aufwuchs, bewegte sich im engsten Kreis, äußerlich und innerlich. Sein äußerer Rahmen war die kleine Hallig Oland (Ul-laun, das alte Land), damals vielleicht noch doppelt so groß als gegenwärtig; der Umfang mochte, wenn man sie am Rande umschritt, etwa 11/2 Stunden betragen. Auf dem flachen grünen, nur von Flutrinnen durchschnittenen Plan, der sich über den grauen Schlickboden des Wattenmeeres etwa 1?11/2 Meter erhebt, befanden sich damals noch zwei Werften, die Kirchwerft[6] mit etwa zehn Häusern, während auf der andern (de Püpp) etwa fünfzehn waren. Werften sind künstliche Erdhügel, die sich etwa 6?8 Meter über den Halligboden erheben. Auf ihnen liegen dicht zusammengedrängt die kleinen niedrigen Häuser; vielfach sind zwei oder drei unter einem fortlaufenden Strohdach vereinigt; die mehreren Türen und Schornsteine zeigen an, daß mehrere Familien hier ihre Wohnung und ihren Herd haben. Inmitten der Häuser liegt der kleine Süßwasserteich (Fäding), der von den Traufen mit Regenwasser gefüllt wird. Die zweimal täglich wiederkehrende Flut steigt im Sommer nicht allzu häufig über das Ufer; nur bei Springflut, wenn diese mit starkem Westwind zusammentrifft, wird die ganze Hallig überschwemmt, und bei starkem Sturm erreicht das Wasser wohl auch die Höhe der Werft, so daß die Häuser wie Schiffe auf dem Meere zu schwimmen scheinen. Ein Unglück ist's wenn es den Fäding füllt, aus dem der Bedarf an Trinkwasser für Menschen und Tiere entnommen wird: dann muß Wasser vom Festland geholt werden. Das Leben auf der Hallig ist damit gegeben. Ein Anbau des Bodens ist nicht möglich; wohl aber gewährt das kurze dichte, salzhaltige Gras des fruchtbaren Marschbodens Kühen und Schafen genügend Futter; die Fläche wird in jedem Jahr in zwei Hälften geteilt: Weide für den Sommer und Meedland, das für den Winter das nötige Heu liefert. Jedes Haus hat seinen bestimmten Anteil an der Gräsung und dem Meedland. Die Tiere bleiben im Sommer sich selbst überlassen, im Winter teilen sie mit den Menschen den engen Raum des Hauses, das in der Regel nur Vordiele, Wohnstube, Pesel, Küche und Stall enthält: für mehr ist weder Raum noch auch Bedarf; Heu und Feuerung werden auf dem Boden untergebracht. Die Feuerung besteht aus dem an der Sonne getrockneten und geformten Kuhmist. Pferde gibt es nicht; das Heu wird in großen Laken auf dem Kopf ins Haus getragen. Die Wirtschaft lag früher so gut wie ausschließlich in der Hand der Frauen: die Männer gingen vom 15. Jahr ab zur See; regelmäßig kam Ende März oder Anfang April ein Schiff oder auch mehrere nach Wyck und holte die ganze seetüchtige Mannschaft nach Amsterdam, die dann erst im Spätherbst oder Winter mit dem gewonnenen Verdienst nach Hause zurückkehrte. Korn oder Mehl und Kartoffeln mußten gekauft werden, ebenso der unentbehrliche Tee und Zucker. Wyck auf Föhr war der nächste, Husum der entferntere Markt, wo man seine Einkäufe machte. Im übrigen versorgte die Haushaltung sich selbst:[7] Milch, Butter, Käse, Fleisch, Wolle lieferte der Viehstand. Es wurde fleißig gebacken, außer den landesüblichen Schwarzbrot war stets auch allerlei Backwerk im Hause, das dem Besuch zur Tasse Tee vorgesetzt wurde. Tee war das jederzeit bereite Getränk, morgens und abends, vormittags und nachmittags; das Wasser ließ sich nur abgekocht genießen und andere Getränke gab es nicht, abgesehen von Spirituosen. Die Wolle wurde durch Hausarbeit, an der sich auch die Männer beteiligten, in Kleider und gestrickte Sachen verwandelt. So lebten die Halligbewohner einfach, aber nicht ärmlich, im ganzen auf gleichem Fuß. Der Einfachheit des äußeren Daseins entsprach die Gleichförmigkeit und Geschlossenheit des inneren Lebens. Der Kreis der Kinder, die in dem Hause des Großvaters aufwuchsen, war groß genug, um sich selber zu genügen; viel Umgang mit der Außenwelt gab es nicht, er wurde auch durch den herrschenden Geist des Hauses nicht begünstigt. Die Schule führte natürlich die Altersgenossen zusammen. Der Lehrer war ein alter ausgedienter Schiffer, der seine kleine Schar mit Strenge, ja mit Härte regierte: ich habe von den Tanten noch im späten Alter von seiner grimmigen Disziplin mit Bitterkeit reden hören. Übrigens wurde bei ihm etwas gelernt; an Schulbildung übertrafen die Halligbewohner überhaupt die Festlandbewohner. Auch innerhalb des Hauses war die Erziehung streng; wenn der Vater zu Hause war, mußte die Kindergesellschaft mäuschenstill über der Arbeit sitzen; freilich, wie wäre sonst in der engen Stube ein Auskommen gewesen? Ohne Zweifel hing die Neigung zu Einsamkeit und Schweigen, die meinem Vater mit seinen Geschwistern eigen war, auch mit dieser Jugendumgebung und Jugendgewöhnung zusammen. Allerdings ist sie im Wesen der Friesen überhaupt angelegt. Im ganzen liebt er nicht viele Worte, wem die Zunge lose sitzt, der wird leicht für einen Spaßmacher angesehen und nicht ernst genommen. Scherz und Ausgelassenheit, sie kommen natürlich auch vor, aber wer etwas auf sich hält, nimmt sich in acht, sich darin gehen zu lassen. Gesang und Spiel fehlen vollständig; läßt sich irgendwo Gesang hören, so ist die Vermutung gerechtfertigt, daß man es mit Trunkenen zu tun hat. Der Genuß von Spirituosen bricht erst die Scheu nieder, sich in solcher Weise vor andern hören zu lassen. Den Inhalt des Lebens bilden die praktischen Dinge, die Angelegenheiten des Hauses und der Familie, des Berufs und Erwerbs. Das frohe Spiel ist dem Stammescharakter fremd. Dagegen ist Neigung zum Grübeln ihm nicht fremd;[8] sie wirft sich leicht auf religiöse Dinge und führt dann wohl zu tiefsinnig-melancholischem Wesen. Dem Hause des Großvaters ist, wie gesagt, hiervon wohl etwas durch den Schwiegervater Ipke Petersen zugeführt worden. In diesen Verhältnissen lebte die Familie in tiefer Ruhe dahin, als ein schreckhaftes Naturereignis das Stilleben auf der Hallig unterbrach und zur Verpflanzung auf das Festland führte. Das war die verheerende Sturmflut, die im Winter 1825 über die Westküste dahinging. Sie bildete in der Erinnerung des Vaters und der Tanten das große Erlebnis, sie ist durch ihre Erzählungen auch mit meinen Kindheitserinnerungen eng verflochten. Es war im Februar, ein heftiger Südwest hatte die Springflut gegen die friesische Küste getrieben und den Wasserstand schon zu ungewöhnlicher Höhe gebracht. Nun sprang der Wind nach Nordwest um, und immer stärker zum Sturm anschwellend, staute er die Flut in der Nordseebucht auf; die Ebbezeit brachte kaum merkliches Fallen des Wassers. Da kam mit der Nacht die zweite Flut, das Wasser ergoß sich über die Werft und begann in die Häuser zu dringen. Man suchte sich durch Zustopfen aller Öffnungen zu wehren; vergebens, die Wellen schlugen bald Fenster und Türen ein, und man mußte sich auf den Hausboden flüchten. Es war eine lange furchtbare Nacht; in das Heulen des Sturmes und das Brausen des Meeres mischte sich das Jammern der Weiber, das Schreien der Kinder, das Brüllen der Kühe, die angebunden auf ihren Ställen standen. Bald schlugen die Wogen auch das Mauerwerk des Hauses ein, das Dach stand nur noch auf den in den Boden eingerammten Pfählen. Man mußte sich zu neuer Flucht entschließen: das Nachbarhaus, mit dem das eigene unter einem Dach vereinigt war, lag ein wenig höher und war dem Anprall des Meeres nicht so stark ausgesetzt: die Bretterwand, die die Hausböden trennte, wurde durchschlagen und Menschen und Habe hinübergerettet. Freilich, nur einiges eilig Aufgeraffte, wie es nächste Not erforderte oder die Unbesinnigkeit des Augenblicks in die Hand gegeben hatte, brachte man mit. Den Hausrat, die Kisten und Koffer mit lange gehüteten Schätzen mußte man auf den wilden Wassern umhertreiben sehen, bis sie zerschellten und ihren Inhalt verstreuten. Am jammervollsten war es, als die Kühe, endlich von ihrem Stand sich losreißend, eine nach der andern in die Wellen hinaustrieben und mit kläglichem Brüllen verschwanden: die Mutter habe diesen Eindruck gar nicht wieder verwinden können.[9] Endlich ging auch diese Nacht zu Ende; die Männer, die an der Luke von Zeit zu Zeit den Stand des Wassers maßen, konnten erst das Aufhören des Steigens, dann ein langsames Sinken melden. Die Angst um das Leben ließ nach, noch ein paar Stunden, und man konnte den Zufluchtsort verlassen und heruntersteigen. Freilich, um nun erst den ganzen Jammer der Verwüstung im einzelnen zu sehen: das Haus zerstört, so daß es völlig neu hätte aufgebaut werden müssen, das Ingut überallhin zerstreut und vernichtet, Trümmer von Gerät, Kleider und Leinen aus zerbrochenen Kisten und Kasten da und dorthin getrieben, an Zäunen hangend, in den Fäding verschwemmt: tagelang habe mein Vater, so erzählten mir die Tanten, den von Seewasser gefüllten Teich ausgefischt und bald dies, bald das aus eigenem und fremdem Hausrat ans Licht gebracht. Die Spuren der Salzflut habe ich noch als Kind an vielen Sachen, namentlich an den Büchern, aber auch an Leinen und Holzwerk beobachtet. Es galt nun einen Entschluß über die Zukunft fassen, er war bald entschieden: hier ist nicht mehr unseres Bleibens. Schon früher war die Frage der Übersiedelung auf das Festland erwogen worden, besonders seitdem der Großvater dort in Langenhorn halb wider Willen in den Besitz einer Landstelle gekommen war: er hatte Geld darauf stehen und mußte sie, sein Kapital zu retten, übernehmen. Mein Vater hatte sich schon mit dem Gedanken vertraut gemacht, Bauer zu werden. Er war den Sommer vorher ein halb Jahr in Marienkoog gewesen, um die Landwirtschaft zu lernen. Jetzt war der letzte Druck gegeben: die geretteten Sachen wurden in das große Boot gepackt, und die Familie verließ die alte Heimat der Vorfahren, dem »festen Wall« zusteuernd, wo sie den neuen Sitz schon bereit fand. Und so tiefes Grauen hatte in den Gemütern das letzte Erlebnis hinterlassen, daß keines der Geschwister jemals wieder den Fuß auf die Hallig gesetzt hat: nein, nein, hier ist es besser, sagten sie wohl, wenn ich als Junge einmal einen Besuch auf Oland, das vom Seedeich aus deutlich vor Augen lag, in Anregung brachte. Frerck Paulsen hat die Flut und die Umpflanzung nur um ein Jahr überlebt; er starb 1826 im Alter von 63 Jahren und ist auf dem Langenhorner Kirchhof als der erste begraben worden. Da die Mutter Volig Christine überhaupt sich nicht durch Kraft und Umsicht auszeichnete und besonders in den neuen Verhältnissen völlig fremd war, so ergab es sich von selbst, daß mein Vater, obwohl erst 20jährig, das[10] eigentliche Familienhaupt wurde: er übernahm die Führung des Haushalts, die Verwaltung des Vermögens und auch die Erziehung und Leitung der jüngeren Geschwister. Seine Sorge und Tätigkeit ist ihm mit unbedingtem Vertrauen und grenzenloser Anhänglichkeit von ihnen gedankt worden: es gab für sie auf Erden keine höhere Autorität als Bruder Paul, was er sagte, das galt unbedingt. Meine Mutter pflegte wohl einmal halb im Scherz zu sagen: er sei von den Schwestern grenzenlos verwöhnt worden. Zwanzig Jahre haben die Geschwister unter dem Schutz des Vaters zusammengelebt. Im Jahre 1845 verließ er das Haus, in dem sie heimisch geworden waren; der jüngere Bruder schien nun ihn dort ersetzen zu können. Er heiratete und gründete sein eigenes Haus. Er war ein reifer, in jeder Hinsicht fertiger Mann, als er in die Ehe trat. Ich bin ihm in seinem vierzigsten Lebensjahr als sein erster Sohn geboren worden; als älterer, gesetzter Mann steht er vor mir in der Erinnerung; sein Haar hatte er früh verloren, daher er noch etwas älter aussah als er war. Dabei war er in vollkommener Kraft und Rüstigkeit, bis in sein spätestes Alter ist ihm körperliche Gesundheit und Kraft treu geblieben. Auch geistig war er ein Mann von ungewöhnlicher Rüstigkeit. Das nordfriesische Wesen war in ihm in typischer Erscheinung dargestellt. Bedächtigkeit und Umsicht machten den Grundcharakter aus; klare Besonnenheit in der Überlegung und feste Energie in der Durchführung des gefaßten Entschlusses gehörten zu seinem Wesen. Sein würdevolles Gesicht hatte den Ausdruck ruhigen Ernstes, die hellen blauen, aufleuchtenden Augen brachten einen Zug von freundlicher Milde hinein: ich sehe ihn noch, wie er mir so, wenn ich später heimkehrend das Elternhaus besuchte, mit ausgestreckter Rechten entgegenkam. In der Rede war er zurückhaltend. Auch wenn er nicht seinen Schweigetag hatte, und es waren ihrer nicht wenige im Jahr, machte er nicht viel Worte. Der Inhalt der Rede war eigentlich niemals die Offenbarung persönlichen Wesens und Empfindens. Von seinem Eigensten und Innersten zu reden hatte er Scheu; das Objektive ist Gegenstand der Unterhaltung, das andere macht man mit sich selber ab. Auch dies ist ein Zug, der einigermaßen zum friesischen Charakter gehört: er meidet Intimität, und nicht bloß mit den Fernerstehenden, sondern auch mit den Nächsten; eine gewisse Zurückhaltung, die auch als Kälte erscheinen kann, bildet eine Seite seines Naturells. Dabei fehlt es nicht an Tiefe der Empfindung, aber sie scheut sich an[11] die Oberfläche zu kommen. Sie fehlte auch dem Vater nicht, aber er zeigte sie kaum jemals; ich erinnere mich keiner Zärtlichkeitserweisung oder Liebkosung von seiner Seite, es sei denn, daß er mir als Kind einmal die Hand auf den Kopf legte. Ebensowenig trug er Sorge oder Kummer auf der Zunge oder stellte sie auf dem Gesicht zur Schau, auch wenn sie ihm tief ins Gemüt gingen; er verschloß die Dinge im Schrein der Brust und verarbeitete sie still in sich. So beherrschte er auch den Zorn, obwohl einige Neigung zu plötzlicher Erregung in seinem Temperament lag; Fremde werden kaum etwas davon gemerkt haben. Harte oder heftige Worte habe ich aus seinem Munde kaum gehört, es sei denn einmal über offenbare Unbilligkeit, deren Zeuge er war. Amazon.de Widgets So war der Vater. Wenn er mit seinem festen, gewichtigen Schritt die Dorfstraße entlang am Sonntag früh zur Kirche ging oder am Nachmittag zu den Verwandten, dann blickte ich nicht ohne einigen Stolz auf ihn: ein Mann, dessen Ja und Nein galt, wo er sprach. Von erheblich anderer Art war Herkunft, Naturell und Bildung meiner Mutter Christine, geb. Ketelsen. Sie stammte aus der Nachbargemeinde Enge, wo ihre Vorfahren, soweit ich von ihnen weiß, als kleine Bauern seßhaft waren. Da das Schreiben bei diesen nicht, wie bei den Schiffern der Inseln, zum Beruf gehört und darum nicht in die Lebensgewohnheiten übergegangen ist, so reicht meine Kunde hier eigentlich nicht weiter als bis zu den Großeltern, die ich beide noch von Angesicht gekannt habe. So habe ich an den Familien von Vater und Mutter die lebendige Darstellung der Tatsache, daß die Schrift allein das Gedächtnis über die zweite Generation hinaus erhält. In den Verhältnissen des großstädtischen Lebens, mit seinem beständigen Wechsel der Wohnung und des Aufenthalts, wird es oft kaum noch die Erinnerung an die Großeltern in schattenhaften Umrissen erhalten. Meine Großeltern besaßen und bewirtschafteten eine kleine Bauernstelle »auf dem Sande«, der Boden war zur größeren Hälfte leidliches Ackerland, zur kleineren Weide und Wiese in der Flußmarsch der Scholmerau. Ein Pferd wurde gehalten, bei schwererer Arbeit, so beim Pflügen, wurde mit einem Nachbar, der in der gleichen Lage war, zusammengespannt. Sie hatten die kleine Stelle am Anfang des Jahrhunderts bei damals ziemlich guter Zeit zu verhältnismäßig hohem Preise gekauft; dann kamen die schlimmen Jahre des Niedergangs der Landwirtschaft, und da war denn allersorgfältigste Beschränkung in[12] den Ausgaben geboten, um die Stelle halten und die drückenden Abgaben zahlen zu können. Erst als in den dreißiger Jahren die Kinder heranwuchsen und die Zeiten allmählich sich zu heben begannen, wich der Druck. Der Großvater, Andreas mit Namen, hatte wohl aus der Zeit der Not etwas Herbes in seinem Wesen behalten; harte Arbeit hatte ihn ziemlich früh auch körperlich gebeugt; dazu hatte ein Schlaganfall ihm eine Lähmung der einen Gesichtshälfte zurückgelassen, so daß er eine schwarze Binde vor dem einen Auge trug. Die Großmutter Lene, übrigens eine Cousine ihres Mannes, war eine freundliche alte Frau, die ihren ersten Enkel zärtlich liebte. Meine letzte Erinnerung an sie sieht sie auf dem Krankenbett; ich war geschickt worden, mich nach ihrem Befinden zu erkundigen; sie sah mich mit halbwachem Bewußtsein am Fenster sitzen, eine besorgte irreredende Frage nach mir war das letzte Wort, das ich von ihr gehört habe. Von den fünf Kindern sind drei zu Jahren gekommen. Der älteste Sohn, der von klein auf krank gewesen war, starb um die 20; er war die beständige Extrasorge und Mühe seiner Mutter zu ihren übrigen Arbeiten und Sorgen gewesen. Jahrelang bettlägerig, hatte er sich, da er die Schule überhaupt nicht besuchen konnte, nicht nur selbst Lesen und Schreiben gelehrt, sondern auch im Zeichnen sich eine gar nicht geringe Fertigkeit erworben; ein Bilderbuch, das er wohl für die Geschwister gemacht hatte, ist auch noch viel in meinen Kinderhänden gewesen. Der jüngste Bruder starb mit 5 Jahren an Scharlach, von meiner Mutter, die damals ein 12jähriges Mädchen war, wie sie mir oft erzählt hat, lange bis zur Untröstlichkeit betrauert. Meine Mutter ist im Jahre 1818 geboren, zwei Jahre nach dem Bruder Ketel, sechs Jahre vor der Schwester Agathe Margarethe. Sie besaß ein sehr lebhaftes und fröhliches Temperament und eine nicht gewöhnliche geistige Regsamkeit; sie faßte leicht und lebhaft auf und hielt mit ihrem Urteil nicht zurück. Was die Schule des kleinen Dorfes, eine Nebenschule, die von einem Präparanden verwaltet wurde, ihr bot, war äußerst dürftig. Trotzdem hat sie sich ganz aus eigenem Vermögen eine sehr achtbare Leichtigkeit schriftlicher Mitteilung gewonnen. Ihr Interessenkreis war ursprünglich ein weiter, er hat sich dann mehr und mehr auf das Gebiet des Religiösen und der religiösen Schriftwelt gesammelt. Sie hatte viel Sinn für Kunst in jeder Gestalt; sie zeichnete, ohne jemals Unterricht erhalten zu haben, nicht ohne Geschick; sie sang gern und sicher ihre Choralmelodien, die einzigen, die[13] sie je gehört hat; sie liebte es, auch selbst Verse zu machen, natürlich nach dem Muster ihrer Lieblingsgesänge. So schmückte sie auch ihr Haus: ich erinnere mich noch wohl der Ausstattung unsrer Wohnstube mit Bildern, damals eine beinahe unerhörte Neuerung; es waren fünf große Holzschnitte aus der Passionsgeschichte, die sie kaufte und rahmen ließ. Sie liebte ihre Blumen, die Fenster entbehrten nie des Schmuckes; ebenso ihren Garten: sie legte ihn so schön an, als es ihre Mittel möglich machten, und hatte große Freude daran. Das große Erlebnis der Mutter war ihre Erweckung und Bekehrung. Am Anfang der Zwanzig war es über sie gekommen, nachdem sie bis dahin mit der Welt ehrbar und fröhlich gelebt hatte. Ein neuer Prediger, Iwersen mit Namen, war nach Enge gekommen. Der alte P. Hasberg war ein Mann des Lebens und Lebenlassens gewesen, der auch im Wirtshaus gern verkehrte. Eines Abends hatte er es verlassen, ein Geldstück auf den Tisch werfend mit der Aufforderung, es munter zu vertrinken; auf dem Weg nach Hause war er tot zu Boden gefallen. Der Nachfolger war ein junger Mann voll leidenschaftlichen Eifers, seinen neuen Glauben, den neu gewonnenen alten Christenglauben, nicht bloß zu predigen, sondern im Leben und Empfinden der einzelnen Seelen lebendig zu machen. Es war die große Bewegung der neuen tieferen Religiosität gegenüber dem alten Rationalismus, die in unserem Lande zuerst durch Cl. Harms in Kiel machtvoll zur Geltung gebracht worden war: vermutlich war Iwersen als Student von seiner Predigt ergriffen worden. So ziehen die großen Weltbewegungen der Geschichte ihre Ringe bis in die letzten Dörfer und Hütten. Die Mutter war ergriffen von diesen neuen Tönen. Mit der ihr eigenen Lebendigkeit erfaßte sie die Sache. Wenn es so ist, sagte sie sich, wie der Mann predigt, dann ist es notwendig, dein Leben auf ganz andern Fuß zu stellen. Und mehr und mehr wurde es ihr zur tiefsten Gewißheit: er hat wahrlich recht, das Leben hätte keinen Sinn, wenn es nicht über die Erde hinauswiese. Ist aber das ewige Leben das wahre Leben, dann ist es notwendig, darauf den Sinn zu richten und diese zeitlichen Dinge geringzuachten, um die ewigen Güter zu gewinnen. So geschah es, daß sie sich von alten Beziehungen löste und alte Neigungen fahren ließ, um ganz dem Neuen, Großen zu leben, das ihre Seele erfüllte. Und darin hat sie sich nicht irremachen lassen, so befremdlich es anderen vorkommen mochte. Auch die Geschwister gelang es ihr, auf ihre Seite herüberzuziehen: der Ernst und die Energie[14] des neuen Lebens in ihr war groß, daß es in jener ersten Zeit etwas Unwiderstehliches gehabt haben muß. Es ist ihr übrigens ihr Leben lang um ihre Heiligung großer Ernst gewesen. Ein zartes Gewissen begleitete sie auf allen ihren Schritten mit sicherer Bezeichnung des ihr Gemäßen. Zu Pastor Iwersen ergaben sich natürlich bald auch persönliche Beziehungen; sie war ihm wohl die erste Seele, die er gewonnen. Er blieb übrigens nicht lange in Enge; er kam bald nach Angeln (Neukirchen), wohin ihm die Schwester Agathe Margarete, die nach dem Tode seiner Frau als Pflegerin des von ihr zurückgelassenen Kindes in seinen Dienst eingetreten war, folgte. Nach einigen Jahren starb auch er, sein Andenken ist aber bei der Mutter lebendig geblieben, ich habe seinen Namen von ihr nie ohne dankbare Verehrung nennen hören. Sie suchte auch mich von klein auf mit ihrer Gesinnung und ihrem Glauben zu erfüllen und erzählte darum gern davon, wie sie selbst den Weg des Friedens gefunden habe; wie sie denn überhaupt viel mehr als der Vater bereit war, von ihren inneren Erlebnissen zu sprechen. So wenig er von seinem religiösen Innenleben sprach, so sehr war sie jederzeit geneigt, die Gelegenheit zu ergreifen, davon zu reden und für ihren Glauben Seelen zu gewinnen. Auch die Bekanntschaft mit dem Vater ist durch die Gemeinschaft des religiösen Lebens vermittelt worden. Durch eine der »Stillen im Lande«, einen Schuhmacher in Bredstedt, so ist mir lange nach dem Tode der Eltern von der Tante erzählt worden, sei seine Aufmerksamkeit zuerst auf meine Mutter gelenkt worden. Vaters Schwester Naëmi Johanna, die öfters nach Enge zu Pastor Iwersen in die Kirche ging, habe dann ihre nähere Bekanntschaft gemacht. Und das Ende sei gewesen, daß eines Tages der Vater nach dem Sande gekommen sei und bei den Eltern um die Hand der Tochter angehalten habe. Sie selbst sei gerade nicht zu Hause gewesen; auf die Mitteilung des Geschehenen habe sie zuerst eine etwas schnippische Antwort gegeben, schließlich aber doch gestattet, daß er wiederkomme und ihm dann ihre Zusage gegeben. Am 20. Juli 1845 wurde Hochzeit gefeiert. Der Bund fürs Leben ist für beide Teile glücklich gewesen. Zwar hat es auch an Schwierigkeiten nicht ganz gefehlt; Lebhaftigkeit der Gefühlsäußerung war dem Vater überhaupt nicht eigen, und so mag es auch der Gatte an den kleinen Zärtlichkeiten und Aufmerksamkeiten haben ermangeln lassen, wie sie von dem Liebenden erwartet werden. Die Mutter war aus dem Elternhause an ein etwas wärmeres Klima gewöhnt, als es in dem[15] neuen Hause aufkommen wollte; so rechtschaffen und gütig der Vater im großen war, so leicht konnte es ihm geschehen, über kleine Wünsche oder Abneigungen des andern sich mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit hinwegzusetzen: darauf kommt's ja doch nicht an. Er wußte nicht, wieviel leichter oft eine große Einschränkung oder Entsagung ertragen wird, als eine kleine Gleichgültigkeit. Mir sind diese Dinge sehr allmählich erst zum Bewußtsein gekommen. Als Kind habe ich gar nichts davon gemerkt; Streit zwischen den Eltern kam nicht vor, Unstimmigkeiten wurden nicht in meiner Gegenwart ausgeglichen. Eintracht und gegenseitige Achtung, das war es, was ich allein sah; vor allem war die Mutter darin unbedingt sicher, dem Kinde Achtung vor dem Vater und seinem Willen als dem selbstverständlich berechtigten einzuprägen. Übrigens entsprach dies auch ganz und gar ihrer Empfindung; sie empfand vor dem Vater und seiner Einsicht und Tüchtigkeit unbedingte Achtung. War sie einmal gekränkt, so wußte sie für ein freies Wort zur rechten Zeit Eingang zu gewinnen; die Gemeinsamkeit ihrer religiösen Lebensstimmung gab ihrem Wort Form und Wirksamkeit. Fehlte es dem Verhältnis ein wenig an der Innigkeit des persönlichen Füreinanderseins, wie es durch größere natürliche Lebhaftigkeit des Gefühls oder feinere Kultur des Innenlebens gegeben wird, so fehlte es ihm zu keiner Zeit an gegenseitiger wahrer Achtung; hierauf beruht der tiefe Friede, der den Grundton in meinem elterlichen Hause ausmachte. Zorn und Zank gab es nicht; und auch über einer inneren Verstimmung ließ die Mutter die Sonne des Tages, die sie hervorgerufen hatte, nicht untergehen. Soviel von den Eltern und Vorfahren. Von beiden habe ich ein Erbteil mitbekommen; vielleicht darf ich es wagen, mit den Worten Goethes ein jedes zu bezeichnen: Amazon.de Widgets Vom Vater hab ich die Statur Des Lebens ernstes Führen, Vom Mütterchen die Frohnatur Und Lust zum Fabulieren. Mit dem Fabulieren freilich ist's nicht weit her; doch ist die größere Lebhaftigkeit des Empfindens und Mitteilens gewiß mütterliches Erbe. Und des Vaters Statur sieht, wer ihn gekannt hat, mir von ferne an. 
 Bis zum akademischen Lehrer 1871 bis 1875  [173] Die Frage des künftigen Berufs hatte nach Aufgebung des ersten Ziels, des Pfarramts, einstweilen geruht; ich hatte Philosophie als Hauptstudium gewählt, daneben aber philologische und historische Studien getrieben, aus Interesse an der Sache, aber auch mit der Aussicht auf die Möglichkeit der Oberlehrerprüfung. Als ich das Doktorexamen glücklich bestanden hatte, wurde die Frage: ob auch gleich die zweite Prüfung machen? dringlich. Trendelenburg riet mir dazu, es gäbe mir eine auf jeden Fall erwünschte Sicherheit. Ich entschied mich doch dagegen. Vor allem: ich hatte jetzt die gewisse Empfindung, daß mein eigentlicher Beruf der akademische sei; ich fühlte wieder Mut und Kraft zur wissenschaftlichen Arbeit in unbegrenztem Maße in mir; der Drang zu produktiver Tätigkeit war durch die ersten Versuche, die Dissertation, die Vorträge für den philosophischen Verein in mir außerordentlich lebendig geworden. Ich sagte mir, daß die Oberlehrerprüfung mindestens ein Jahr für Erweiterung und Befestigung von Kenntnissen in Anspruch nehmen würde, die für den Dozenten der Philosophie nicht unentbehrlich seien. Dazu drängte die lange hinausgeschobene Militärpflicht. So entschloß ich mich definitiv auf das Oberlehrerexamen zu verzichten und die Habilitation für Philosophie als nächstes Ziel ins Auge zu fassen. Ich gewann auch die Zustimmung der Eltern hierfür, indem ich ihnen darlegte, daß ich auf diesem Wege der Sache nach, wenn auch nicht der Form nach, der von ihnen für mich ins Auge gefaßten[173] Bestimmung vielleicht am meisten entsprechen würde: das akademische Lehramt der freie Dienst der Wahrheit. Der Sommer 71 wurde in Verfolgung dieses Ziels einer Ausdehnung meiner Erkenntnis nach einer bisher zu kurz gekommenen Seite gewidmet: ich fühlte das Bedürfnis, in den Naturwissenschaften mich ein wenig umzusehen. Ich belegte daher bei Helmholtz, der vor kurzem nach Berlin berufen war, die Vorlesung über Experimentalphysik: sie hat mir wenig Nutzen gebracht, obwohl ich es an Eifer und Fleiß auch außerhalb der Vorlesung nicht fehlen ließ. Der Vortrag ließ viel zu wünschen übrig, und was ich suchte: grundlegende Begriffe und zusammenfassende Anschauungen, das wurde nun gar nicht geboten. Mehr leistete in dieser Absicht ein Kolleg über die Grundfragen der Chemie bei Dr. Wichelhaus; er wußte seinen wenigen Hörern die theoretischen Prinzipien der modernen Chemie sehr faßlich darzulegen, mit Demonstrationen durch mehrfarbige Holzkugeln, die durch Stifte aufs mannigfachste zusammengesetzt werden konnten, die Anschauung von der Verbindung und Trennung der Atome und ihre Anordnung in den Molekülen unterstützend. Auch eine Vorlesung von Munk über die Nervenphysiologie brachte mit ihren Versuchen an lebenden Fröschen, die ersten und einzigen Versuche dieser Art, die ich gesehen habe, lebendige Anschauungen. Gern hätte ich geographische Vorlesungen gehört; allein was in dieser Absicht damals an der Universität geboten wurde, war mehr als mangelhaft; bei einem alten Herrn, Professor Müller, versuchte ich Geographie von Deutschland zu hören; sie war völlig ungenießbar, ohne Unterstützung von Demonstrationsmitteln, eine bloße buchmäßige Herzählung. Nicht besser war, was Kiepert bot; der gelehrte historische Geograph und treffliche Kartograph war als akademischer Lehrer geradezu unerträglich: abgehackte, durch Hüsteln, Stottern, Verbesserungen beständig unterbrochene Mitteilungen brachten den Hörer zur Verzweiflung. Wäre mir geboten worden, was jetzt in Vorlesungen, geographischen Seminaren, in dem Institut für Meereskunde usw. geboten wird, ich hätte mit Leidenschaft diesen Studien mich hingegeben. Überhaupt blieb die Ausstattung der Universität gegen das, was sie gegenwärtig bietet, damals noch weit zurück. So fehlte die neuere Kunstgeschichte, die später H. Grimm so wirksam lehrte, noch ganz und gar; ebenso die neuere deutsche Literaturgeschichte, die erst mit Scherer ihren Einzug hielt; ich hatte nur Gelegenheit, ein Publikum des seltsamen Philosophen Althaus über Goethes Faust zu hören; der leidenschaftliche[174] Vortrag des stets im Frack das Katheder besteigenden Professors, dessen Gestalt durch dieses Kleidungsstück und durch eine große, spitze Nase mit der eines Marabu eine frappierende Ähnlichkeit erhielt, ist mir in der Erinnerung geblieben, vor allem die scharf zugespitzte Betonung des »Prinzips des Bösen«, das in Mephistopheles inkarniert sei. Auch die übrigen modernen Sprachen und Literaturen erlangten erst allmählich in den 70er Jahren selbständige Lehrstühle; damals waren sie, als außerhalb des Gebiets der eigentlichen Wissenschaft liegend (nur die klassische Literatur war nach der alten Anschauung der wissenschaftlichen Behandlung fähig und würdig) auf die Vertretung durch Lektoren angewiesen. Nur Werder pflegte ein Publikum über Shakespeares Hamlet zu lesen, auch er wirkte mit hitzigem Vortrag und allen Mitteln theatralischer Deklamation mehr auf die Nerven und die Einbildung als auf den Verstand. Da ich im Begriff bin, von meinen akademischen Lernjahren zu scheiden, obwohl ich auch noch in Folge manche Vorlesung gehört habe, so mag hier noch über diesen und jenen Lehrer der Berliner Universität, den ich länger oder kürzer gehört habe, eine Bemerkung eingefügt sein. Philosophie lehrte außer den beiden Ordinarien Trendelenburg und Harms eine Gruppe von Hegelianern, die in der Zeit der Geltung des Hegeltums zu unbesoldeten Extraordinarien befördert, dann aber als solche sitzengeblieben waren und nun als eine Art Fossilien von der Jugend, die anderen Spuren folgte, betrachtet und gelegentlich gehört wurden. Außer den schon genannten Althaus und Werder war noch Michelet da; ich hab ihn über Naturphilosophie eine im echten Hegelschen Begriffsschematismus sich bewegende Vorlesung halten hören. Durch eine große Heftigkeit des Vortrags suchte er seinen Zuhörern die Überzeugung von der Wahrheit und Wichtigkeit seiner Philosophie oder der Philosophie beizubringen, dabei auch den Gebrauch des Komischen und Lächerlichen nicht scheuend. Ich fürchte, der Erfolg ist hinter der Heftigkeit der Bemühungen weit zurückgeblieben. Althaus habe ich außer im ersten Berliner Semester über Faust nicht gehört; auch Werder nur gelegentlich. Dann war noch Professor Gruppe da, halb Philosoph, halb Poet, der über Geschichte der griechischen Philosophie las: die Vorlesung von Versen der älteren Philosophen pflegte er nie ohne die Erläuterung zu lassen: die Übersetzung ist von mir. Für Anthropologie habilitierte sich in jenen Jahren A. Bastian. Ich hörte seine erste Vorlesung: sie begann mit einer in rasendem Tempo[175] abgelesenen Übersicht über die Menschenrassen, denen die Namen aller Mischlinge bis ins dritte und vierte Glied folgten: Häcksel ohne allen Nährwert. Mit der zweiten Stunde erreichte die Vorlesung ihr Ende. Von Berühmtheiten, die ich gesehen und gehört habe, erwähne ich noch den alten Fr. v. Raumer, Ranke und Mommsen. Ranke sprach so leise, daß nur besonders darauf abgerichtete oder gehörbegabte Schüler, die sich dicht um das Katheder sammelten, ihn verstanden. Ich hab kein Wort verstehen können; und nicht viel besser ging es mir mit Mommsen, bei dem ich in einem der ersten Semester ein Kolleg zu hören versuchte. Müllenhoff regalierte uns in der ersten Vorlesung, die ich bei ihm hörte, mit Nibelungenhandschriften und hahnebüchen plump-grober Beschimpfung derer, die hierin nicht der orthodoxen Lehre folgten. Ich hatte für immer genug. Bei Haupt hospitierte ich öfter im Seminar über Lukrez: auch hier fehlte es nicht an der nötigen sittlichen Entrüstung über diejenigen, die falschen Göttern folgten, doch entschädigten seine Beobachtungen über Sprache und Sprachgebrauch. Lepsius behandelte in einem Publikum Ägypten und die ägyptische Welt, ich hab es nicht ganz ohne Nutzen gehört, Curtius verdanke ich die Einführung in die griechische Kunst: ich schloß mich gern den Führungen im Museum an, in denen er seinen Hörern die Denkmäler erklärte. Die feine Art des liebenswürdigen Mannes, die so merklich abstach von dem stacheligen oder plumpen Wesen, das sonst zur Berufsausstattung der Berliner Philologen zu gehören schien, zog mich ebensosehr an als die eindringliche Erläuterung der Kunstwerke, für die er uns die Augen öffnete. Auch die Geschichte der Stadt Athen hab ich bei ihm gehört, in deren Topographie eingeführt zu werden mir in jeder Hinsicht erwünscht kam. Ich hab später in dem Hause von Curtius viel verkehrt; seine edle, lautere und im schönsten Sinn urbane Persönlichkeit ließ es jedem in seiner Nähe wohl werden; und die geistige Welt, worin er mit den Seinen lebte, umfing alsbald auch den weiten Kreis derer, die in dem gastlichen Hause einkehrten. Unter den damals lehrenden Juristen habe ich Gneist, Beseler und Boretius gehört. Gneist pflegte ein Publikum über englische Verfassung und Verwaltung zu lesen, ich werde es im Winter 69/70 gehört haben; es war mir dadurch wichtig, daß es zuerst in das Verhältnis von Staat und Gesellschaft mir einen Einblick verschaffte: die Verschiedenheit der englischen gegen die preußischen Zustände ließ beide in ihrer Eigentümlichkeit[176] hervortreten. Beselers Vorlesung über amerikanische Verfassung hat mir wenig geboten, dagegen erinnere ich mich mit Vergnügen einer Vorlesung von Boretius über die preußische Verfassung, die ich im Sommer 71 hörte: er ging die einzelnen Artikel durch, sie erläuternd und ihre historische Herkunft aufzeigend. In diesem Kolleg passierte mir einmal eine kleine Geschichte, die mir in der Erinnerung geblieben ist. Wir saßen vielleicht 10 oder 15 Zuhörer im kleinen Saal, unter diesen pflegte einer, ein kleiner, schwarzer Jude, es sich bequem zu machen, indem er sich an die Wand lehnte und die Beine auf der Bank ausstreckte. Ich fand das unschicklich, und da er auf Blicke nicht reagierte, ging ich nach der Vorlesung zu ihm und sagte ihm, daß das keine Art sei. Er verbeugte sich höflich und sagte: Ich danke Ihnen. Und von da an hielt er sich musterhaft. Unter den Theologen hab ich Dorner, Hengstenberg und Vatke in ihren Auditorien aufgesucht, ohne daß mir irgendwelche bestimmteren Eindrücke davon geblieben wären. Auch in eine Klinik bin ich gelegentlich mit einem medizinischen Bekannten gegangen, wie schon in Erlangen in die Anatomie. Zu Langenbeck wurde ein kleines Kind mit sechs Fingern an beiden Händen gebracht. Er besprach den Fall, dann nahm er die Schere und schnitt das überflüssige Glied ohne Umstände weg. Das kleine Ding sah zunächst wie erstaunt darein, dann erst schien der Schmerz durchzudringen und es fing an zu schreien. Und nun, da ich von meinen Universitätsjahren und meinen Universitätslehrern Abschied nehme, will ich hier gleich eines schmerzlichen Ereignisses gedenken, das kurz nachher fällt: am Anfang des Jahres 1872 starb Professor Trendelenburg. Er hatte noch im Hause bei sich Übungen begonnen, sie aber wieder einstellen müssen; seine Kraft war seit dem Schlaganfall im Jahre 1870 gebrochen; nach kurzem Leiden starb er in einer Heilanstalt in Pankow. Ich hatte ihn noch wiederholt in dem Winter gesehen und wußte von der Krankheit nur von einem Hörensagen; um so schmerzlicher kam mir die Botschaft. Trendelenburg muß ich unter meinen akademischen Lehrern als denjenigen nennen, dem ich am meisten verdanke; vor allem, er hat mich zur Arbeit geführt. Von seinem philosophischen System hab ich mir vielleicht nicht allzuviel angeeignet, die Vorlesungen von Steinthal und Bonitz sind mir mehr gewesen als seine Psychologie und Geschichte der Philosophie. Aber er war ein vorbildlicher Lehrer und eine in sich vollendete Persönlichkeit voll echter Humanität; die freundliche Geduld und Nachsicht,[177] womit er den Anfänger ertrug, die ruhige Stetigkeit andererseits, womit er zum Achtgeben und zur Genauigkeit erzog, sie sind für mich eine große Wohltat gewesen. Mit einem »Erlauben Sie, das ist wohl noch nicht ganz in Ordnung,« rief er den über die Schwierigkeit Hinwegeilenden zurück; mit einem freundlich anerkennenden Blick oder einem »Richtig« tüchtige Arbeit belohnend, spornte er zugleich zu neuer Anstrengung. Manche gelegentliche Bemerkung ist mir in der Erinnerung geblieben. So sagte er einmal, auf die Art, wie Aristoteles sich selbst zitiert oder vielmehr nicht zitiert, aufmerksam machend: »Damals kannte man noch nicht das plumpe vide me da oder dort, wie es jetzt üblich ist.« Das vide me hat mich noch oft am Ohr gezupft. Und dann, daß er uns sein Haus öffnete! Ich verdanke dem Verkehr in diesem Hause die erste Anschauung feinerer Geselligkeit, die erste Politur in gesellschaftlichen Formen. Die treffliche Gattin und die liebenswürdig schlichten Töchter ließen es den alles Schliffs Ermangelnden nicht fühlen, wieviel ihm dazu fehlte, ein eigentlich erwünschtes und verwendbares Glied eines geselligen Kreises zu sein. Erst sehr allmählich lernte ich unter ihren duldsamen Händen die Verlegenheit und Steifheit ein wenig überwinden. Ich weiß nicht, ob die Töchter des schüchternen Studenten sich noch erinnerten, als im Jahre 1901 bei der Feier zu Trendelenburgs 100. Geburtstag in seiner Vaterstadt Eutin mir die Aufgabe zufiel, den Toast auf die Familie auszubringen. Ich habe es mit herzlicher Freude und Dankbarkeit getan. Und wenn in den langen Jahren, da seither bei uns Studenten als Gäste verkehren, ihnen in unserem Hause wohl geworden ist, so mögen auch sie mit Dank an das liebenswürdige Haus in der Charlottenstraße denken, in dem Frau Ferdinande die Hausfrau und Trendelenburg den Wirt machte. Am 1. Oktober 71 beginnt die Episode des einjährigen Militärdienstes. Ich hatte mich schon früh im Sommer bei dem Garde-Feldartillerieregiment gemeldet; die sehr bequeme Lage der Kaserne, am Kupfergraben, dicht bei der Universität und den andern wissenschaftlichen Instituten, gab den Ausschlag; der Einjährige durfte damals noch darauf rechnen, nicht den ganzen Tag im Dienst zu sein. Die sehr schnell erledigte, wie mir schien, sehr oberflächliche ärztliche Untersuchung ergab für mich die Tauglichkeit, während etwa die Hälfte der Gemeldeten auf irgendein Gravamen hin zurückgestellt oder befreit wurden. Die Ausbildung der etwa 40 Einjährigen geschah mit 3 Stunden Übungen[178] Vor- und 2 Stunden Nachmittag. Weder der Dienst noch die ungewohnte Disziplin machte mir Schwierigkeit; wir hatten mit den Unteroffizieren von vornherein ein gutes Verhältnis; es waren tüchtige Leute, die den Dienst verstanden und ernst nahmen, im übrigen aber niemand ohne Not plagten. Nur das Warten, der grundlose Zeitverlust mit überflüssigem Herumstehen wurde mir peinlich und ist mir das ganze Jahr hindurch das eigentliche Kreuz geblieben. Aber vielleicht ist es notwendig, daß der Soldat auch dies lernt: ohne Murren unbeschäftigt zur Disposition zu sein. Um Mitte November wurden wir dem Oberst vorgestellt und an die Batterien verteilt. Ich kam mit zwei anderen zur 2. schweren Batterie unter Hauptmann Weinberger. Von den beiden Leutnants Schmidt und Cretius kannte ich den letzteren, Sohn des Malers, schon von der Ausbildung her. Es waren drei treffliche, ebenso gebildete wie tüchtige Offiziere, alle drei haben es in der Folge zum General gebracht. Auch die Unteroffiziere waren brave und anständige Leute; der Feldwebel gehörte nicht zu den Dorophagen, wenn er auch eine bescheidene Dedikation bei sich bietender Gelegenheit nicht ablehnte. Der Dienst nahm nicht sehr in Anspruch; der Hauptmann befreite die Einjährigen alsbald von dem nicht notwendigen Dienst, Appell usw., so daß wir den Nachmittag so gut wie frei waren, wenn nicht etwa die Reitstunde, die er uns von Anfang an mit den Fahrern geben ließ, auf den Nachmittag fiel. Ich hab so den Winter hindurch viel Raum für meine Angelegenheiten gehabt. So konnte ich fast regelmäßig zwei vierstündige Nachmittagsvorlesungen von 4 bis 6 Uhr besuchen: bei Professor A. Wagner, der eben als junger Mann an die Universität berufen war, Nationalökonomie, bei Professor Boretius deutsche Reichs- und Rechtsgeschichte. Die erste Vorlesung hat mich besonders lebhaft interessiert; die Freude an dem jugendlich lebendigen Vortrag und an dem reichen, gut disponierten Inhalt hat mich kaum eine Stunde versäumen lassen. In der zweiten Vorlesung bin ich allerdings, namentlich wenn etwa eine Wache vorhergegangen war, wohl öfters eingeschlafen; Professor Boretius war schon damals nicht mehr gesund, man merkte seiner Haltung und seinen Bewegungen an, daß er oft an schweren Kopfschmerzen litt. Außer diesen Vorlesungen besuchte ich, sooft es möglich war, das dicht an der Kaserne gelegene Museum; besonders habe ich die Bildergalerie einigermaßen systematisch studiert: ich brachte oft den Katalog und die Geschichte der Malerei von Waagen, die ich mir angeschafft hatte, früh mit in die[179] Kaserne, um gleich nach dem Ende des Dienstes mit ihnen ins Museum zu gehen. Die freien Stunden und Tage zu Hause hab ich lange Zeit Shakespeare gewidmet, den ich damals erst kennen lernte; ich hab den größten Teil der Stücke in jenem Jahr gelesen und mir ein Schema der Handlung gemacht; auch Ulrici und Gervinus wurden benutzt; zu der unbedingten Verehrung des Dichters, wie sie hier gefordert wurde, habe ich mich allerdings niemals aufschwingen können. Auch meine erste Bekanntschaft mit Schopenhauer fällt in dieses Jahr. Am 1. April wurde ich Gefreiter, unter den Einjährigen der Batterie der einzige; seitdem wurde ich viel in Unteroffiziersdiensten verwendet und dadurch etwas stärker in Anspruch genommen, so daß für die Studien die Zeit knapper bemessen war. Das Bespanntexerzieren auf dem Tempelhofer Feld, die Abteilungs- und Regimentsübungen, dann vor allem die Schießübungen auf dem Schießplatz bei Tegel, zu denen ich regelmäßig beritten ausrückte, machten mir viel Vergnügen. Das Scharfschießen mit Granaten nach einem Ziel, dessen Entfernung nicht feststeht oder wechselt, hat etwas außerordentlich Erregendes: man sieht das Einschlagen, das luftige kleine Wölkchen zeigt, ob vor oder hinter dem Ziel; steht man hinter der Batterie, wie ich als schließender Unteroffizier nicht selten tat, dann kann man die ganze Flugbahn des Geschosses, wenn man es gleich auffaßt, verfolgen. Das Manöver im September führte über Spandau in die Gegend zwischen Nauen und Großbehnitz. Die mannigfachen neuen Verhältnisse und Aufgaben ließen die Zeit nicht lang werden. Die erste Nacht im Biwak bei Ruhleben vor Spandau vergesse ich nicht; es war bitter kalt, gelegentlich fiel ein Regenschauer, das Feuer war bald erloschen, die Windschirme von Stroh völlig unwirksam; lange vor Hellwerden stand ich auf und suchte durch Bewegung mich ein wenig zu erwärmen. Die Begierde, womit das kommende Licht, die aufgehende Sonne, endlich das Herankommen eines Marketenders begrüßt, die innige Befriedigung, womit das unter dem Namen Kaffee in irdenen Töpfen verkaufte schwärzliche Getränk genossen wurde, versteht nur, wer ähnliche Nächte draußen lag. Am folgenden Tag war erst ein langes Gefecht des Gardekorps hinter Spandau gegen einen von Westen herkommenden Feind, dann Paradeaufmarsch vor den drei Kaisern, endlich ein stundenlanger Marsch querfeldein bis zum Gut Schwanebeck, wo das warme Essen, Mohrrüben mit Hammelfleisch, das in großen Milchfässern aufgetragen wurde,[180] herrlich schmeckte, und der Schafstall, mit Stroh ausgelegt, stellte eine im Vergleich zur gestrigen wunderbare Nachtruhe in Aussicht. In den folgenden Tagen waren wir meist bei Bauern einquartiert; durchweg freundlich aufgenommen, wurden wir meist gut bewirtet, abends regelmäßig mit Pellkartoffeln und Heringen; Schlafsaal: der Heuboden. Ich erstand mir wiederholt von den Bauerfrauen ein Stück durchwachsenen Specks, das, in dem Protzkasten aufgehoben, mit Kommißbrot ein wundervolles Frühstück gab. Es ist erstaunlich, wie rasch man die Bedürfnisse des zivilisierten Menschen, Serviette, Messer und Gabel, selbst die Reinlichkeit nicht ausgenommen, abstreift: der Naturmensch steckt dicht unter der Haut; sowie die animalischen Bedürfnisse ernstlich ins Spiel kommen, sind jene eingebildeten gleich vergessen. Den Abschluß des Einjährigenjahres bildete das Offiziersexamen; es wurden allerlei schriftliche Aufgaben, Berichte, Krokis, Marsch- und Gefechtsdispositionen gemacht, außer der Beantwortung einiger technischer Fragen, Geschütze und Pulver usw. betreffend. Dann folgte die Führung einer Batterie im Gelände, mit Evolutionen, und schließlich ein Gefecht. Es gab doch eine große Genugtuung, den Trompeter zur Seite, die Bewegungen der Masse von Pferden und Mannschaften zu beherrschen. Ich wurde mit der Qualifikation zum Offizier bei der Gardefeldartillerie entlassen. Wenn ich auf das Jahr zurückblicke, so würde ich es doch nicht gern aus meinem Leben ausstreichen, so lang es mir zuweilen vorgekommen ist. Der Dienst läßt in einen Organismus von einziger Art und Bedeutung einen Einblick tun. Die Macht des organisierten Gemeinschaftswillens tritt an keinem Punkt so lebendig und faßlich dem einzelnen entgegen: was als einzelner keiner für möglich hält, das erscheint ihm, sowie er jenem Organismus eingegliedert ist, als schlechthin selbstverständlich. Ich sprach einmal mit Trendelenburg, nachdem ich wenige Wochen im Dienst war, über die Armee und die Sozialdemokratie; er sah trübe in die Zukunft, die Bande der Autorität überall gelockert; ich erwiderte: »Die preußische Armee wird niemals versagen«. Es ist auch jetzt meine Überzeugung. Es ist erstaunlich, wie mit dem Rock die Gesinnung sich wandelt. Der Bruder eines unserer späteren Mädchen, ein Märker, natürlich Sozialdemokrat, verschwor sich noch kurz vor dem Eintritt in die Armee, wie er sich halten und den Unteroffizieren und dem Militarismus die Zähne weisen wolle. Er war kaum einige Monate dabei, da erzählte er mit Stolz von seinem Hauptmann: der könne[181] kommandieren; und er habe vor, nach einem Jahr zu kapitulieren, so gut gefalle ihm der Dienst. Vor der starken Wirklichkeit waren seine Einbildungen und Träume wie Nebel zerstoben. Nur durch unerhörte Mißregierung oder schimpflichste Niederlagen nach außen könnte in Preußen dieses Kapital zuverlässiger Macht des Staatswillens vernichtet werden. Amazon.de Widgets Ich lege hier einen Bericht über meine persönliche Umgebung und meinen Verkehr in diesem und den folgenden Jahren ein. Das Einjährigenjahr brachte mir einen sehr lieben neuen Freund: Johannes Heller. Wir wohnten bei denselben Hausleuten und lernten uns dadurch zunächst kennen. Er diente schon ein halbes Jahr als Einjähriger beim zweiten Garderegiment. Er war eben erst vom Gymnasium, dem Lübecker Katharineum, gekommen; sein Vater war Pastor in Travemünde. Ein offenes Gesicht, ein heiteres Temperament, ein freies, aufrichtiges, »unabsichtliches« Wesen gewannen ihm sogleich, wohin er kam, die Herzen. Ich hab ihn rasch sehr liebgewonnen, und er, etwa 5 Jahre jünger als ich, schloß sich mir mit herzlichem Vertrauen an. Als sein Dienstjahr zu Ende ging, bestimmte ich ihn, nach Göttingen zu ziehen; eigentlich ein wenig gegen seinen Willen: er hatte vorgehabt, eine süddeutsche Universität zu beziehen und bei einer Verbindung aktiv zu werden. Meine Stimmung gegen das Verbindungsleben war damals noch derart, daß ich mit Rücksicht auf seine Person und seine Verhältnisse entschieden abriet; er müsse, da er Geschichte studieren wollte, nach Göttingen, zu Waitz, und in dessen Seminar baldmöglichst eintreten: da werde er auch die ihm gemäße Umgebung finden. Er hat meinen Rat befolgt und ist mir dankbar dafür gewesen; er gehörte bald zu den Lieblingsschülern von Waitz. Nachdem er promoviert hatte, schickte ihn Waitz zuerst auf ein halb Jahr zu Sickel nach Wien, dann nach Frankreich und Italien, um für die Monumenta Germaniae Arbeiten auszuführen. Hierauf kam er, nachdem Waitz die Leitung der Monumenta Germaniae übernommen hatte, nach Berlin, und hat die wenigen übrigen Jahre, die ihm noch beschieden waren, hier verlebt. Er gehörte zu meinen allernächsten Freunden; sein früher Tod im Jahre 1880 ist mir über die Maßen nahegegangen; der Verlust eines Bruders hätte mich nicht mehr schmerzen können. Sehr nahen und freundschaftlichen Verkehr hatte ich auch, wie schon oben gesagt, mit Benno Erdmann. Er führte mich auch in das Haus[182] seiner Mutter ein, ich bin oft und gern zu ihr gekommen. Sie war die Witwe des jung verstorbenen Predigers der freireligiösen Gemeinde in Berlin, eine treffliche Frau, heiteren Gemüts, voll gesunden, praktischen Sinnes, die sich in den engen Verhältnissen, in denen sie mit ihren beiden Söhnen zurückgeblieben war, tapfer durchsetzte und vollkommen frei erhielt. Ihr älterer Sohn Benno, 1851 geboren, hatte viel von ihrem liebenswürdig heiteren Wesen; er war erst der Buchhandlung bestimmt gewesen, war aber dann auf das Graue Kloster zurückgekehrt und hatte dort unter Bonitz die Abiturientenprüfung gemacht, um zu studieren. Erdmann widmete sich von Anfang an der Philosophie; von der Schule her brachte er eine gute mathematische und naturwissenschaftliche Bildung mit und trieb diese Studien auch auf der Universität weiter. So ergänzten wir uns, da meine Studien viel mehr auf dem philologisch-historischen und staatswissenschaftlichen Gebiet lagen. Seine allgemeinen Gedanken bewegten sich zur Zeit des Beginns unserer Bekanntschaft noch in den Anschauungen jener naturalistisch-radikalen Denkweise, wie ich sie etwa in den Erlanger Jahren gehegt, nun aber seit geraumer Zeit hinter mir gelassen hatte. Unter dem Einfluß des erheblich älteren Genossen wandelte sich allmählich auch die Denkweise des jüngeren; das Studium Kants und Lotzes half die ältere Schicht materialistischer Gedanken bald überwinden. Wir haben in den folgenden Jahren viele gute Stunden miteinander gehabt; sehr häufig wurden Tagesausflüge in die Umgegend von Berlin gemacht, die zugleich philosophische, oft auch historisch-politische Wanderungen waren. Durch Erdmann und den philosophischen Verein lernte ich in diesem Jahr ein paar in Berlin studierende Ungarn kennen: Bernhard Alexander und Josef Weiß, später Banoczi, beide jetzt Lehrer der Philosophie an der Universität Budapest. Sie waren mit einem Stipendium ihrer Regierung nach Berlin geschickt, es kann, wenn ein Schluß aus ihrer Einrichtung und Equipierung gezogen werden darf, nicht groß gewesen sein; sie lebten mit äußerster Einschränkung. Beide waren Juden, und das gab ihnen zu dem übrigen exotischen Wesen für mich noch einen besonderen Reiz: es waren die ersten Juden, mit denen ich überhaupt in näheren Verkehr getreten bin. In Altona war nur ein einziger Jude auf dem Gymnasium gewesen, er hatte sich, im übrigen ein durchaus freundlicher und beliebter Mitschüler, von jedem Verkehr außer der Schule völlig ferngehalten: er ist nachher als Rabbiner streng[183] orthodoxer Observanz gestorben. Hier dagegen begegnete ich Juden, die die Berührung mit der Welt suchten, denen die Eintauchung ihres Wesens in die westeuropäische Kultur der eigentliche Zweck ihres Hierseins war. Wir haben uns ziemlich oft gesehen und viel über philosophische Materien disputiert, auch noch brieflich, als sie im Herbst 72 nach Göttingen zu Lotze gingen; ich hab die Nachschrift, welche Weiß in der Vorlesung über Metaphysik gemach hatte, mir schicken lassen und abgeschrieben. Im Sommer 73 waren sie in Paris, und ich wäre gern auch dahin gegangen, wenn ich es gewagt hätte, meinen Eltern den Vorschlag zu machen. Aber sie hätten die Ersprießlichkeit eines Aufenthalts im Ausland nicht eingesehen und darin vielleicht nur die Neigung erblickt, den nächsten Aufgaben mich zu entziehen. Ich führe das Bild des Bekanntenkreises, in dem ich die nächsten Jahre in Berlin lebte, gleich hier weiter. Unter den älteren Bekannten stand mir Christian Belger am nächsten. Unser Verhältnis wurde, nachdem es einmal eine starke Spannung überstanden hatte, mit den Jahren immer mehr zu vertrauter Freundschaft. Unser Haus ist ihm später lange Jahre wie eine zweite Heimat gewesen. Wir waren uns, wie gesagt, in Trendelenburgs Übungen und in seinem Hause zuerst begegnet. Seine Studien bewegten sich im Gebiet des klassischen Altertums mit großer Freiheit; Philologie und Archäologie standen im Mittelpunkt, aber auch mit der griechischen Philosophie war er sehr gründlich vertraut; seine Dissertation: de Aristotele etiam in arte poetica componenda Platonis discipulo ist ein erstes Zeugnis davon. Er hat später Trendelenburgs Ausgabe der Psychologie des Aristoteles im Auftrag der Familie neu bearbeitet und herausgegeben, war auch für die Edition der Kommentatoren des Aristoteles engagiert und hat lange daran gearbeitet, schließlich aber doch die Sache als eine unfruchtbare Plage von sich geworfen. Die Archäologie gewann mehr und mehr das Übergewicht, besonders seitdem er ein Jahr in Griechenland gelebt hatte (1875); die Ausgrabungen nahmen nun sein Hauptinteresse in Anspruch: als Herausgeber der philologischen Wochenschrift berichtete er regelmäßig über das, was auf diesem Gebiete geschah. Neben der klassischen Welt war es die deutsche, ihre Kunst und Literatur, in der er durchaus heimisch war; Goethe stand im Mittelpunkt, er legte ihn nie aus der Hand und war mit ihm in seltenem Maß vertraut, jederzeit war ihm ein Vers, ein Wort oder Spruch aus seinen Werken gegenwärtig,[184] um eine Stimmung auszudrücken oder ein Urteil einzukleiden. Aber auch in der mittelalterlichen Poesie war er wohl versiert; er folgte darin seinem Lehrer Haupt, dem er in seinem Buche: M. Haupt als akademischer Lehrer, ein schönes Denkmal gesetzt hat. Was seine Herkunft anlangt, so stammte er aus Sachsen; sein Vater war Gerbermeister in Löbau; das Gymnasium hatte er in Bautzen absolviert. Er hatte eine in mancher Hinsicht gedrückte Jugend gehabt; der Vater war wiederholt geistesgestört, zeitweilig unter dem Einfluß der Krankheit sehr dem Trunk ergeben; die Mutter, der der Sohn mit zärtlicher Liebe anhing, litt schwer darunter. Sie war, wie ihre zahlreichen Briefe an den Sohn, die nach seinem Tode in meine Hand gekommen sind, zeigen, eine ungewöhnlich begabte und geistig regsame Frau, nicht unähnlich der Mutter Goethes, ich könnte auch sagen, meiner Mutter. Im Grunde heiter und der Welt und Weltfreude nicht abgeneigt, war sie durch Leben und Schicksal einer religiösen Auffassung zugeführt worden, die ihre Form durch die herrnhutische Frömmigkeit erhielt, mit der sie auch in vielfacher persönlicher Berührung stand. Sie hat, wie ihre Begabung und einiges von ihrem Temperament, so auch diese Hinneigung auf ihren Sohn vererbt; Goethes Freundin, Fräulein von Klettenberg, stand bei ihnen beiden in hoher Verehrung. Andererseits fehlte in dem Naturell des Sohnes auch nicht eine Beimischung von der unglücklichen Komplexion des Vaters; er neigte zeitweilig stark zur Schwermut und hat wohl einmal der Angst Ausdruck gegeben, daß das Schicksal des Vaters (der schließlich Hand an sich selbst legte) auch das ihm bestimmte sei. Auf diese Weise war etwas Unsicheres und Schwankendes in seinem Wesen, er konnte übermütig und lustig sein und bald darauf verzagt und niedergedrückt die Einsamkeit suchen. Damit hing zusammen ein Mangel an Entschlußfähigkeit, der zuweilen fast bis zur krankhaften Abulie ging: die geringste Entscheidung machte ihm oft die größte Schwierigkeit; er konnte, wenn er eingeladen wurde, zusagen, absagen, nochmals zusagen und im letzten Augenblick wieder absagen, um endlich doch noch zu kommen. Und dann war er vielleicht ganz heiter, zu jedem guten Gespräch aufgelegt. Ich habe wenig Menschen gekannt, die in glücklicher Stunde so harmloser, kindlicher Fröhlichkeit sich überlassen konnten wie unser Freund Belger. Alles in allem: ein liebenswürdiger Mensch, und wo er vertraute, von größter Offenheit und Hingebung. So viel über den Kreis von Menschen, mit denen ich in diesem und den[185] folgenden Jahren lebte. Daran schloß sich in weiterem und näherem Abstand noch mancher andere, sei es durch ältere Beziehungen, durch sachliche Begegnung oder durch einen der Freunde herbeigeführt. Ich kehre nun zum Bericht über meine Erlebnisse zurück. Am 1. Oktober 72 wurde ich entlassen und an den Strand des Zivillebens ausgesetzt. So ersehnt der Moment war, so setzte er nun doch in Verlegenheit, eine gewisse Leere machte sich fühlbar; wenn ein ganzes Jahr hindurch die Verfügung über das eigene Leben geruht hat und einem Tag für Tag durch Befehl die Leistung des folgenden Tages vorgezeichnet worden ist, so fällt die Aufnahme der Zügel in die eigene Hand zunächst etwas beschwerlich. Für mich war die Verlegenheit um so fühlbarer, als kein Beruf oder äußerer Zweck mir die Direktive gab; ich mußte sie aus mir selber herausfinden. Auch die Fähigkeit zu angestrengter geistiger Arbeit ist durch die längere Ablenkung des Interesses auf äußere und auch äußerlichste Dinge zeitweilig recht stark herabgesetzt, wie ich es in der Folge nach jeder Übung wieder empfunden habe; es bedarf erst einer Art Akklimatisation an die andere Atmosphäre. Ich hab in diesem Herbst recht peinlich mit diesen Nöten zu kämpfen gehabt. Allmählich begann sich der Sinn auf eine neue Aufgabe einzustellen. Ich sagte mir: für eine selbständige Stellungnahme zu den philosophischen Problemen sei eine sichere erkenntnistheoretische Orientierung die notwendige Vorbedingung. Die Sache lag damals in der Luft: es waren die Jahre des Wiederauflebens der Kantischen Philosophie. Ich ließ also die Ethik und Politik, die mich bisher vorzugsweise beschäftigt hatten, bis auf weiteres liegen und machte mich an das Studium der Erkenntnistheorie. Ich kann nicht sagen, womit ich anfing, vermutlich habe ich Kant in dieser Zeit wieder gelesen, immer nicht mit voller Befriedigung, weder hinsichtlich der Sache noch auch nur meines Verständnisses. Auch Lockes Essai hab ich wohl damals zuerst gelesen. Da kam mir wieder ein glücklicher Zufall zu Hilfe: J. St. Mills Logik kam mir in die Hände. Und hier fand ich nun, was ich suchte: eine durchgeführte Theorie in dem Stil, der mir zunächst gemäß war; überall waren hier die Gedanken zu Ende gedacht, die ich zu denken angefangen hatte. Mit großer Befriedigung habe ich dies Buch durchstudiert und dann nach und nach auch die andern Schriften Mills gelesen.[186] Allmählich tauchte der Gedanke einer Geschichte der Erkenntnistheorie vor mir auf. Mir schien, daß in den üblichen Darstellungen der Geschichte der Philosophie die Aufmerksamkeit so überwiegend den metaphysischen Problemen zugewendet sei, daß darüber die Erkenntnistheorie zu kurz komme, und ferner, daß eine zusammenhängende Darstellung dieser Disziplin auch für die Förderung der Einsicht von wesentlicher Bedeutung sein werde. Diese Aufgabe hat die nächsten Jahre hindurch, bis die Pädagogik seit 1877 dazwischenzutreten begann, meine Arbeit wesentlich beherrscht. Zeitweilig spielte dabei eine andere Aufgabe hinein, die sich mit dieser an vielen Punkten berührte, die von der Berliner Akademie gestellte Preisaufgabe: Einfluß der englischen Philosophie auf die deutsche. Umfangreiche Exzerpte, die der Lösung die ser Aufgabe zu dienen bestimmt waren, liegen unter meinen Papieren. Auszüge aus Descartes, Spinoza, Hobbes, Pufendorf, Thomasius, Leibniz, Locke, Berkeley müssen aus dem Winter 72/73 stammen. Nicht ganz ruhten dabei rechts- und staatswissenschaftliche Studien. Im Winter 72/73 hörte ich bei Gneist eine Vorlesung über deutsches Staatsrecht. Vor allem die Einleitung ist mir wichtig gewesen, indem sie die Grundbegriffe: Staat, Gesellschaft, Königtum, konstitutionelle Monarchie etwas eingehender entwickelte. Der Staat als Verwalter des Rechts gegenüber der Gesellschaft als der Organisation der selbstsüchtigen Interessen, das war die Grundanschauung, die Gneist entwickelte; von hier aus wurde die Notwendigkeit des Königtums als eines von der Gesellschaft nicht abhängigen Trägers der Staatsgewalt, andererseits der Volksvertretung und Selbstverwaltung als der unerläßlichen Teilnahme der Gesellschaft am Leben des Staates dargetan. Es war die Zeit des Kulturkampfes. Gneist, der dem Abgeordnetenhause angehörte, wurde durch die Beratungen öfters abgehalten oder zu früherem Schluß genötigt: ich bin dann oft ebenfalls nach dem Dönhoffplatz gegangen und habe einen ziemlichen Teil der Verhandlungen mit angehört. Bismarck hab ich damals häufig gesehen und reden hören, ebenso die Führer des Zentrums, Windthorst, Mallinkrodt, die Reichensperger. Ich war zunächst überzeugter Anhänger der Bismarckschen Politik auch in diesem Punkt. Erst sehr allmählich sind mir Zweifel gekommen. Um sichere historische Fundamente zu gewinnen, hab ich damals auch begonnen, die alten deutschen Volksrechte aus den Quellen zu studieren:[187] Auszüge aus der lex Salica, dem Recht der ripuarischen Franken, der Langobarden, der Friesen stammen aus dieser Zeit. Waitz' Verfassungsgeschichte wurde dazu gelesen; auch eine Vorlesung über den Sachsenspiegel von Berendt werde ich in dieser Zeit gehört haben. Das Studium der alten Volksrechte führte auch auf Studien zur Geschichte der nordfriesischen Heimat: Heimreichs Chronik, Schröders Topographie u.a. wurde mit großem Eifer studiert. In den folgenden Sommern hab ich die Nachmittage, wenn ich in den Ferien zu Hause war, vielfach zu kleineren und größeren Ausflügen verwendet, um die Geschichte des Landes und seiner Bevölkerung anschaulich kennen zu lernen. Im Frühjahr 73 (28.4.?15.6.) machte ich die sogenannte Vizefeldwebelübung, diesmal bei der 1. schweren Batterie meines Regiments. Ich hatte hier Gelegenheit, den Unterschied eines schlechten von einem guten Kommando kennen zu lernen. Der Hauptmann, eben erst mit der Führung der Batterie beauftragt, hatte bisher mehr im Hofdienst als im Frontdienst gestanden; weder seine Kenntnis des Dienstes und des Reglements noch seine Stimme reichte zur Beherrschung der Batterie aus, und so ergaben sich oft seltsame Verwirrungen. Übrigens war er ein gebildeter und liebenswürdiger Mann, gegen mich sehr freundlich gesinnt: dennoch hätte ich etwas darum gegeben, wenn ich wieder bei meinem alten Hauptmann Weinberger gewesen wäre. Es gibt nichts Peinlicheres, als wenn beim Exerzieren, namentlich beim Bespanntexerzieren der Batterie, die Sache nicht klappt, wie andererseits ein rasches und sicheres Ausführen eines guten Kommandos alle elektrisiert. Nach drei Wochen wurde ich zum Vizefeldwebel befördert und trug nun mit Stolz das silberne Portepee. Im Frühjahr 74 stellte ich mich zur Wahl und wurde nach günstiger Entscheidung zum Sekondeleutnant ernannt. Es ist der Gipfel militärischer Würden, den ich erstiegen habe. Als solcher habe ich, um das gleich zu erwähnen, im folgenden Jahr eine Übung gemacht, unter Hauptmann v. Ihlefeld, demselben, der meine erste Einjährigenausbildung geleitet hatte. Sie hat mir, obwohl ich mit dem Hauptmann vortrefflich stand, nicht viel Freude gemacht. Der Verkehr mit den Kameraden, auch außerhalb des Dienstes erwartet und halb gefordert, bot mir allzu wenig; auch die Art, wie über öffentliche Angelegenheiten, über sittliche Fragen, besonders auch aus der sexuellen Sphäre, oder über die Mannschaften[188] und ihre persönlichen Verhältnisse geschwatzt und geurteilt wurde, war mir oft recht peinlich: mein bei aller Überzeugung von der Notwendigkeit königlichen Regiments und militärischer Autorität demokratisches oder vielmehr volkstümlich fühlendes Herz empörte sich oft gegen die Geringschätzung, womit von dem Volk und den Massen in diesen Kreisen geredet wurde. Mit dem Dienst hatte ich keine Schwierigkeit, nur der Stalldienst war mir lästig, nicht um der Sache willen, sondern weil ich gar nichts davon verstand; der Hauptmann Weinberger hatte uns denselben während des Einjährigenjahres ganz erlassen, und das rächte sich nun an mir, indem ich kontrollieren sollte, was ich nie geübt hatte: Pferdeputzen, Anschirren, Füttern. Auch eine Lieferung Hafer hab ich einmal abgenommen, wo ich denn eher Sachverständiger war. Und noch etwas genierte gelegentlich: ich war kein guter Reiter; meine Figur, der schwere Oberkörper, disponierte mich nicht dafür. Auf dem dienstlichen Bocksattel war das nicht so merklich geworden, jetzt auf dem glatten englischen Sattel kam ich öfters etwas in Verlegenheit, vor allem mit dem Springen wollte es gar nicht gehen: weshalb denn auch mein Pferd, ein altes, verständiges Tier, sich in der Folge beharrlich weigerte, auch nur zu einem Versuch auszuholen. Nach Vollendung der ersten Vizefeldwebel-Dienstleistung ging ich nach Langenhorn. Der Sommer 73, von Juni bis September, den ich im Elternhause zubrachte, ist mir in besonders glänzender Erinnerung. Es waren Tage sehr angespannter Arbeit und sehr fruchtbaren Wachstums: meine erste größere Arbeit, die Entwicklungsgeschichte der Kantischen Erkenntnistheorie, ist in diesen Monaten konzipiert worden. Ich stand frühmorgens mit dem Hause um fünf Uhr auf, arbeitete ununterbrochen bis zum Mittag um halb zwölf Uhr; der Nachmittag war dann mannigfacher Lektüre und auch großen Spaziergängen durch die Marsch und über die Heide, an die See gewidmet. Die Bücher, die ich mir zum Studium mitgenommen hatte, waren in der Hauptsache die Werke D. Humes und I. Kants. Ich las erst den ganzen Hume in einer zweibändigen englischen Ausgabe, dann den ganzen Kant in der zweiten Hartensteinschen Ausgabe, anfangend mit den »vorkritischen« Schriften der beiden ersten Bände. Und nun ging mir der Sinn für die Kantische Philosophie auf. Ich sah die sukzessive Annäherung des von Wolffischer Metaphysik herkommenden deutschen Denkers an den Standpunkt Humes: die Schriften der[189] 60er Jahre ließen schrittweise diese Bewegung erkennen Ich sah dann, wie mit plötzlichem Ruck, die Schwenkung in der Dissertation von 1770 kommt: es ist, als habe ein Blick in einen plötzlich vor ihm aufgetanen Abgrund, den Abgrund des Skeptizismus, ihn auf einmal herumgerissen: die apriorischen Elemente der Anschauung und des Denkens, Raum und Zeit und die Kategorien ermöglichen a priori Erkenntnis, jene des mundus sensibilis, diese des mundus intelligibilis. Und das ist nun die bleibende Frontstellung der Kantischen Philosophie: Rettung der Vernunfterkenntnis, der Philosophie als Erkenntnis a priori, gegen den alles verschlingenden Skeptizismus Humes. Nun las ich die Kritik, und es fiel mir wie Schuppen von den Augen: natürlich, nicht die »Unerkennbarkeit der Dinge an sich« ist das Ziel der Beweisführung, wie es mir bisher vorgeschwebt hatte, wobei denn die ganze Argumentation immer etwas wunderlich Verqueres behielt, sondern die Möglichkeit »reiner« Erkenntnis und dann die Begründung einer »reinen« Moral und endlich die Begründung einer auf »Vernunft« sich gründenden Weltanschauung. Ich war in sehr gehobener Stimmung. Ich hatte meine erste wissenschaftliche Entdeckung gemacht, denn das hatte vor mir niemand gesehen, oder nur quasi per nebulam, weil niemand bisher mit Ernst der geschichtlichen Entwicklung Kants nachgegangen war. Ich war überzeugt, jeder, der den Dingen in dieser Folge nachgehe, müsse ebendasselbe sehen, was mir in durchsichtiger Klarheit vor Augen lag. Eine glückliche Illusion, die nachher durch minder erfreuliche Erfahrungen gründlich zerstört worden ist. Dennoch bin ich auch heute noch des Glaubens, daß niemand Kant verstehen kann, der ihn nicht von diesem Gesichtspunkt aus sieht. Ich hab gleich damals in raschem Entwurf das Schema des Entwicklungsganges und des Systems Kants in den Umrissen befestigt. Hätte ich es gleich ausgeführt, so hätte ich mir eine große Enttäuschung erspart, wovon in der Folge die Rede sein wird. Auch im Elternhaus war damals Sonnenschein. Der Vater war noch sehr rüstig, er hatte die Freude an seiner Landwirtschaft nicht eingebüßt; und da er sah, daß der Sohn auf gutem Wege war, so war auch der alten Enttäuschung über seinen Abfall vom Beruf der Stachel genommen. Der Mutter war die Last der Hauswirtschaft zum größten Teil abgenommen: ihre jüngere Schwester, Tante Margarete, die unverheiratet geblieben war, war vor ein paar Jahren in unser Haus[190] übergesiedelt. Ich hatte darauf gedrungen: auf dem Sande, wo sie bis dahin bei dem Bruder im elterlichen Hause geblieben war, waren die Töchter herangewachsen; sie wurde daher hier mehr und mehr entbehrlich; dagegen bedurfte die Mutter, die seit vielen Jahren nicht mehr im Besitz ihrer Kräfte war, dringend der Entlastung. Tante Grete war willig, und so ist sie die letzten 20 Jahre hindurch die Stütze des Langenhorner Haushalts gewesen. Auch mir war damit eine Last von der Seele genommen: die Einsamkeit des Elternhauses, die mich als meine Schuld gedrückt hatte, war nun gewichen. Und bald kam noch ein weiteres, ein jugendliches Element hinzu: ich veranlaßte, daß mein Vetter Friedrich vom Sande bei meinem alten Lehrer Brodersen die letzten Schuljahre in die Schule gehe; er kam also zu meinen Eltern zunächst für den Winter ins Haus. Auch hieraus ist ein dauerndes Verhältnis geworden; mein Vetter wurde in Langenhorn allmählich wurzelfest, wo er jetzt noch lebt. Ein paar kleine Ausflüge fallen ebenfalls in diesen Sommer. Der erste mit meinem alten Freunde Niß Nissen aus Fahretoft nach Sylt. Ich holte ihn Anfang September ab, wir fuhren über Wyck nach Nösse und suchten zunächst seinen Bruder auf, der als junger Lehrer in Archsum stand. Zu dritt wanderten wir dann nach List, wo wir spät abends ankamen. Wir gingen über Tinnum, wo der alte Tinghügel bestiegen wurde, nach Westerland, dann kreuz und quer mit herrlichem Freibad am Weststrand nach Norden. Die lange Dünenwanderung hatte zuletzt etwas Spukhaftes: immer meinten wir, wenn wir wieder einen Dünenhügel erstiegen, nun müßte List daliegen, und immer dehnten sich Sandberge vor uns, wie es schien, ins Endlose: war List verschwunden? Oder drehten wir uns im Kreise? Endlich, wir waren fast erschöpft, tat sich unerwartet die kleine Bucht vor uns auf, durch die Dämmerung schien ein Licht herüber, wir waren zur Stelle. Und ein Spukhaftes begegnete uns auch hier: wir hatten, als wir ankamen, ein größeres Segelboot einlaufen sehen. Wie wir aus dem Gastzimmer spät noch einmal hinausgehen, nach dem Himmel zu sehen, sitzt in einem Zimmer, das wir passierten, ein älterer Herr und eine verschleierte Dame. Wir fragten die Wirtsleute, wer die seltsamen Gäste seien? und erhielten zur Antwort: Wir kennen sie auch nicht, aber wir nennen ihn den Stiefelgrafen. Sie gehen hin und wieder hier ans Land, immer spät abends und sind am Morgen früh wieder fort. Man sagt: der Mann habe seinen Bruder erschlagen und habe nun keine[191] Ruhe. Stiefelgraf aber heißt er, weil er immer sehr weite Filzstiefel trägt; es soll ihm von einer Zigeunerin einmal gewahrsagt worden sein, daß er von einer Hühneraugenoperation den Tod haben werde. Als ich nach unruhigem Schlafe, er wurde durch raschelnde und knabbernde Mäuse gestört, früh hinaustrat, war das Segelboot mit dem rätselhaften Paar schon verschwunden. Den andern Ausflug machte ich mit Reuter nach Kopenhagen. Wir fuhren mit dem Dampfer von Kiel bei Nacht über die Ostsee, im Mondschein an Langeland vorbei nach Korsör, dann vormittags mit der Bahn nach Kopenhagen. Es war mir eigen, alle die Städte, deren Namen ich vor Jahren in meiner ersten Schule in Langenhorn auswendig gelernt hatte: Korsör, Slagelse, Sorör, Roeskilde, nun mit Augen zu sehen, ein Mögliches so in ein Wirkliches umwandelnd. In Kopenhagen nahmen wir in einem echt dänischen Hotel Quartier, Dannevirke oder wie es hieß, um recht der Fremde innezuwerden. Mein Dänisch erwies sich im übrigen bald als überflüssig, jedermann in Kopenhagen konnte etwas Deutsch, und als es einmal wirklich not tat, auf einem Ausflug, wo es spät abends geworden war, wollte ich mich in einem Bauernhaus nach dem Weg erkundigen, reichte es nicht aus: wir konnten es nicht zu einer Verständigung bringen. Was wir alles gesehen haben, ich weiß es nicht, das alte Königsschloß mit seinen Sammlungen, der Gemäldegalerie und den nordischen Altertümern war darunter und natürlich Thorwaldsen. Dagegen erinnere ich mich einer Posse in Tivoli, in deren Couplets Kaiser Wilhelm, der Schah von Persien und Frederik VII. eine Rolle spielten: dieser, weil eben sein Reiterstandbild vor dem Schloß enthüllt werden sollte; skal afslöves klingt mir noch ins Ohr. Was uns damals unter der grauen Leinwand verhüllt blieb, hab ich 33 Jahre später »entschleiert« gesehen: die mit phantastischem Helm aufgeputzte Gestalt des letzten Königs af gamle Danmark vor der Ruine des ausgebrannten Schlosses Christiansborg. Deutlich in der Erinnerung steht mir auch noch der Abend in Taarbaek. Wir hatten uns am Spätnachmittag von Kopenhagen nordwärts nach Klampenborg auf den Weg gemacht, in der Meinung, die Straße führe immer dicht am Sund hin. Die Sache kam anders; es wurde dunkel und begann zu regnen; wir tappten in der Finsternis weit, waren bald des Weges unsicher, fanden ihn auch sehr viel länger, als wir erwartet hatten: wobei jene eben erwähnte vergebliche Befragung stattfand. Endlich[192] ein Licht, ein Gasthaus, wir waren in Taarbaek gelandet; und als wir uns an den Tisch setzen und der Wirt uns begrüßt, ist's ein Landsmann, aus der Gegend von Apenrade. Und wie wir oben zwei Treppen in unser Zimmer kommen, ist auch der Sund da, den wir so sehnsüchtig vermißt hatten; der Regen hatte aufgehört, das Wasser glänzte im Mondschein herauf und von weit drüben ein Licht: es war das Feuer auf der Insel Hven, Tycho Braheschen Andenkens. Am folgenden Tag geleitete uns der junge Wirt, mit dem wir uns angefreundet hatten, durch den herbstlich schönen Tiergarten bis Holte, von wo wir nach Frederiksborg fuhren: das herrliche, entzückend im Waldsee gelegene Schloß Christians IV. war der letzte große Eindruck von unserem schönen Nachbarlande. Anfang Oktober kehrte ich nach Berlin zurück. Ich hatte hier eine neue Aufgabe übernommen: ein alter Schulfreund, der eine Stellung außerhalb angenommen hatte, fragte mich, ob ich geneigt sei, die Geschichtsstunden, die er bisher an einer privaten höheren Töchterschule gegeben hatte, zu übernehmen. Ich sagte zu, eine praktische Tätigkeit war mir längst ersehnt. Ein Jahr lang hab ich in den beiden oberen Klassen den geschichtlichen Unterricht mit je zwei Stunden wöchentlich erteilt. Die brandenburgisch-preußische Geschichte war der Stoff; mit heißem Bemühen sammelte ich für meine Schülerinnen, was mir für sie geeignet schien; Carlyles Geschichte Friedrich des Großen hat mir dabei sehr gute Dienste getan; ich las sie für mich mit leidenschaftlichem Interesse und entnahm daraus auch für meinen Unterricht nicht bloß charakteristische Züge und Anekdoten, sondern wohl auch Ton und Farbe der Darstellung. Ob die viele und redliche Mühe, die ich mir gegeben habe, den jungen Mädchen nicht bloß Geschichtsdaten beizubringen, sondern die Geschichte ihres Heimatlandes zu deuten und wert zu machen, von entsprechendem Erfolg gekrönt gewesen ist? Ich wage es nicht zu behaupten. Die Erfahrungen, die ich bei Wiederholungen öfter zu machen hatte, lassen es mindestens zweifelhaft erscheinen. So hatte ich einmal, wie ich glaubte, mit unwiderstehlicher Deutlichkeit der ersten Klasse das Wesen von Steuer, Zoll und Akzise dargelegt. Als ich auf meine Frage: »Also, Elise, was ist ein Zoll«? die rasch und sicher erfolgende Antwort erhielt: »Ein Zoll ist das kleinste Längenmaß,« fühlte ich mich in der Tat mit meiner Weisheit so ad absurdum geführt, daß ich vor Finanzfragen in der Folge in großem Bogen auswich. Auch bei der Schulprüfung schnitt[193] ich nicht glänzend ab: der alte Pastor hielt es, nachdem ich zunächst selbst aus der brandenburg-preußischen Geschichte hatte erzählen lassen, für angemessen, doch auch ein paar Fragen zu stellen; er fuhr auf das offene Meer der Weltgeschichte und erkundigte sich nach den vier Weltmonarchien. Meine höheren Töchter verstummten, und ich weiß nicht, ob ich selbst die Frage zu seiner Zufriedenheit beantwortet hätte. Amazon.de Widgets Für mich sind übrigens diese Stunden nicht ohne Wert gewesen. Ich habe manche interessante Beobachtung über Kinder und Schulklassen, über Mädchen und Mädcheneigenheiten, über das, was sie interessiert, und was sie fassen können, zu machen Gelegenheit gehabt. Auch der ungeheure Abstand im Verhalten und Wesen der Individuen ist mir dabei oft zum Bewußtsein gekommen: von zarter und bereiter Empfänglichkeit durch Leichtsinn und Flatterhaftigkeit bis zu entschiedenem Stumpfsinn und ausgesprochener Gleichgültigkeit gegen das Dargebotene, welch eine Skala von verschieden gestimmten Gemütern, und da soll dasselbe Wort Boden fassen! Und ich hatte es hier mit kleinen Klassen von gegen 20 zu tun: wie soll ein Lehrer in Klassen von 50 und 100 durchdringen? Der Unterricht nahm nach einem Jahr ein Ende, zugleich mit der Schule selbst; ich hoffe, daß das Zusammenbrechen der Anstalt, sie konnte sich ökonomisch nicht mehr halten, nicht mit meiner Tätigkeit in ursächlichem Zusammenhang steht. Zugleich hatte ich meine wissenschaftlichen Arbeiten aufgenommen. Ich ging aber nicht an die Ausführung des geschichtlichen Unternehmens, das mich seit einem Jahr beschäftigte und mit so glücklicher Entdeckung im Sommer belohnt hatte; vielmehr drängte es mich, zunächst einige theoretische Probleme der Erkenntnistheorie zu lösen, die ich ebenfalls schon länger im Auge gehabt und zum Teil in Vorträgen im Philosophischen Verein behandelt hatte. Ich entwarf drei Abhandlungen: über den Begriff des Begriffs, den Begriff der Ursache und den Begriff der Substanz. Den Entwurf über den Begriff der Ursache führte ich zuerst in einer umfangreichen Abhandlung aus, worin ich, in den Spuren Humes und Mills gehend, mit scharfer Polemik gegen den Apriorismus und Rationalismus, namentlich den halben und lahmen Rationalismus mancher Zeitgenossen, die empiristlische Auffassung vertrat: das Kausalverhältnis kein logisches, auch keine apriorische Denkform, keine eigentliche Notwendigkeit enthaltend, sondern eine aus der Urform der Assoziation allmählich entwickelte, zu präsumtiver[194] Allgemeingültigkeit gesteigerte axiomatische Forderung des Verstandes an die Dinge. Diese Abhandlung reichte ich im Februar 74 im Manuskript mit dem Gesuch um die der Fakultät ein. Hätte ich etwas mehr Menschenklugheit besessen, so hätte ich den Erfolg vorhersehen können: mein Gesuch wurde abgeschlagen. Ich will nicht sagen, daß die Entscheidung ungerecht war; ich würde jetzt in ähnlicher Lage vielleicht ähnlich urteilen. Der Ton der Abhandlung war petulant und wohl auch anmaßend, die Polemik absprechend, wie sie es bei jugendlichen Autoren zu sein pflegen, die sich noch im Vollgenuß der ersten Entdeckung der Wahrheit befinden. Aber auch der Inhalt ließ es wohl an Gründlichkeit der Untersuchung, an Umsicht und Besonnenheit der Behandlung vielfach fehlen. Daß die Fakultät oder ihre Referenten, es waren Harms und Zeller, der an die Stelle von Trendelenburg getreten war, diese Abhandlung nicht als ausreichend zum Nachweis der wissenschaftlichen Qualifikation als Privatdozent ansahen, habe ich längst aufgehört ihnen übelzunehmen. Und daß sie den Ton als ungehörig empfanden und bezeichneten, war ganz in der Ordnung. Mir ist die Lektion auch nicht übel bekommen; ich habe nicht wieder in dieser Form geschrieben, nicht bloß, weil ich die üble Wirkung sah, sondern weil ich das Unfeine empfand: den Leser, den man gleichsam bei sich zu Gast ladet, mit der schnöden Miene der Überlegenheit zu empfangen und zu behandeln, ist, so gewöhnlich es in Deutschland ist, im Grunde pöbelhaft. Ich nahm mir nun, wie ich es auch schon vorher hätte tun können, meine Engländer Hume und Mill zum Muster sowohl in der Höflichkeit gegen den Lehrer als in der Urbanität der Polemik; und das ist eigentlich das meiner Natur Gemäße: mir war die Grobheit und das fastidiöse Wesen der Philologen immer verhaßt gewesen. Aber unter allerlei Einflüssen, Schopenhauer, vielleicht auch Lassalle, war ich meiner Natur entfremdet worden. So kann ein Chok von außen auf die Selbstbefreiung eine höchst wohltätige Wirkung haben. Zunächst war freilich die Sache verdrießlich, vor allem auch um der Eltern willen, die nun schon so lange auf den Beginn einer Wirksamkeit des Sohnes warteten. Ich schrieb ihnen sogleich, meldend, wie es gegangen sei, und hinzufügend, was ja auch den Tatsachen entsprach, daß meine Auffassung von der der Richter sehr weit sich entfernt habe, und daß dies wohl auf den Ausfall des Urteils nicht ohne Einfluß[195] geblieben sei. Sie möchten Geduld haben, ich werde es noch einmal und dann besser machen. Ich selbst war gleich entschlossen, mich nun an die Ausarbeitung des historischen Themas zu machen und die Bewerbung zu wiederholen. Am Abend des Tages, wo mir der Dekan, es war Helmholtz, den Mißerfolg er öffnet hatte, ging ich ins Schauspielhaus und sah, wenn auch nicht ohne einen Bodensatz von Verstimmung auf dem Grunde des Gemüts, mit Vergnügen Freytags Journalisten. An den folgenden Tagen habe ich mit Harms und mit Zeller über die Angelegenheit gesprochen. Harms äußerte sich gekränkt, er war beleidigt und nicht ohne allen Grund: er betrachtete sich als meinen Lehrer, und nun war ich so weit abgefallen, abgefallen zu dem Skeptizismus Humes, den er stets bekämpft hatte. Es kam zu einer ziemlich heftigen Szene, so daß ich aufsprang und gehen wollte. Indessen fand er ein besänftigendes Wort, wie er denn im Grunde mir wohlgesinnt war, und so schied ich ohne Groll. Zeller behandelte die Angelegenheit ohne persönliche Animosität, obwohl ich auch gegen ihn polemisiert hatte. Auf meine entschieden gestellte Frage: ob er glaube, von einer Wiederholung der Bewerbung mir abraten zu müssen, antwortete er verneinend; seinerseits stehe der Einreichung einer neuen Arbeit nichts im Weg. Ich ging nun alsbald an die Ausführung jener historischen Untersuchung, sie beschränkend auf Kant und hier wieder auf die Entwicklung bis zur Kritik: die Darstellung des gesamten Systems der kritischen Erkenntnistheorie versparte ich absichtlich auf die Gesamtdarstellung der Geschichte der Erkenntnistheorie: die Entwicklungsgeschichte Kants sollte sich als ein Exkurs zu dem Werk verhalten. In der Meinung, daß ich die Arbeit jederzeit einreichen könne, beschleunigte ich die Fertigstellung, um die Scharte baldigst auszuwetzen und wenn möglich noch im Jahre 1874 zum Lesen zu kommen. Als ich die Abhandlung unter dem Titel: »Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Kantischen Erkenntnistheorie« einreichte, wurde mir aber eröffnet: eine neue Bewerbung sei vor Ablauf eines Jahres nicht zulässig. Das hatte denn zur Folge, daß ich für die Drucklegung Zeit gewann. Freilich war dabei zunächst das bittere Geschäft, einen Verleger zu finden, zu erledigen. Ich habe viele vergebliche Wege gemacht, bis ich endlich anfangs 1875 R. Reisland in Leipzig zum Abschluß des Geschäfts bereitfand, allerdings unter wenig erfreulichen Bedingungen: Einzahlung[196] von 250 Talern für Druckkosten, die dann nach Bestreitung aller Kosten der Firma aus dem Ertrag sollten zurückgezahlt werden; ein dann noch resultierender Überschuß sollte zwischen dem Autor und Verleger zu gleichen Teilen verteilt werden. Ich habe im Laufe einiger Jahre meinen Einschuß zurückerhalten und auch noch einen kleinen Überschuß; er würde größer gewesen sein, wenn der Verleger mehr Geduld gehabt hätte: als der Absatz Ende der 70er auf ein paar Exemplare im Jahr herabging, ließ er, ohne auch nur zu fragen, den Rest bis auf eine geringe Anzahl einstampfen. Später stieg die Nachfrage wieder stark; zu einem bloßen Neudruck mochte ich mich aber nicht entschließen, und für eine Neubearbeitung hatte ich nicht Zeit. So ist mein erstes Buch seit langem vergriffen. Ich kann nicht umhin, zu denken, daß ein etwas kulanteres Verfahren des Verlegers auch in seinem Interesse gelegen hätte; ich habe seitdem keine Geschäfte mehr mit ihm machen mögen. Überhaupt versehen es die Verlagsbuchhändler meines Erachtens darin, daß sie nicht mehr auf junge, aufsteigende Kräfte achten und solche sich durch Dienste zu verpflichten suchen. Um die Geschichte meiner Habilitation gleich zu Ende zu erzählen: ich legte nun im März 75 das gedruckte Buch der Fakultät vor; es fand Annahme. Durch die erneute Dienstleistung (April, Mai) wurde die Habilitation verzögert. Erst am 10. Juni 1875 hielt ich die Vorlesung in der Fakultät. Als Thema war unter den vorgeschlagenen gewählt worden: der Begriff der Substanz. Der Erfolg war gering, im Kolloquium wurde auf die Sache selbst überhaupt nicht eingegangen; Harms meinte: diese Anschauungen müßten zum Materialismus führen; ich versuchte vergeblich zu zeigen, daß der Begriff eines Seelensubstantiale vielmehr ein letzter Rest zugleich und ewig nachwachsender Keim der materialistischen Vorstellung sei: Substanz und Materie seien Wechselbegriffe. Zeller lenkte gleich auf allerlei Historisches ab, Spinozas Substanzbegriff u. dgl. Nach einer Beratung, die mir recht lang wurde, kam die Fakultät zu einem positiven Ergebnis. Die öffentliche Vorlesung fand am 19. Juni statt: sie handelte von den Kategorien, mit denen die Gegensätze philosophischer Anschauungen bezeichnet zu werden pflegen, Idealismus und Realismus usw. Auch von ihr hatte ich den Eindruck vollständiger Vergeblichkeit, weder der Dekan Zeller noch die wenigen Hörer schienen der Sache Bedeutung beizulegen, vielmehr mit Ungeduld das Ende zu erwarten.[197] Das war der wenig verheißungsvolle Eintritt in die akademische Laufbahn. Ich empfand mit Bitterkeit den Abstand gegen die Promotion: damals hatte mir Trendelenburg mit großer Herzlichkeit gratuliert. Jetzt wurde die Sache mit kalter Geschäftsmäßigkeit erledigt. Auch die Aufnahme, die mein Kantbuch fand, blieb hinter meinen Erwartungen beträchtlich zurück. Die erste Rezension kam von meinem alten Bekannten aus Bonn, Dr. Göring sprach im Literarischen Zentralblatt seine, wie mir vorkam, ziemlich matte Anerkennung aus: die Schrift verdiene Beachtung! Ich hatte gedacht, es werde heißen: die Schrift bedeute eine vollständige Revolution in der Auffassung der kritischen Philosophie. Statt dessen: Verdient Beachtung! Was verdient nicht Beachtung und erfährt sie auch, wenn es gedruckt ist! Ähnlich lauteten die Stimmen in andern Blättern. Nur ein Artikel der Westminster Review, der von J. St. Mill mitbegründeten Zeitschrift, erhob sich zu höheren Tönen: das Buch werfe das größte Licht auf die Philosophie des Königsbergers. Und ein paar Jahre darauf hatte ich die Genugtuung, daß ein Niederländer, Dr. Du Marchie-Voorthuisen, ein Buch über Kant schrieb, es ist nach seinem Tode veröffentlicht worden, das sich auf die von mir gelegte Grundlage stellte. Mit einem Wort gehe ich noch auf die übrigen Studien und Bestrebungen in diesem Jahre ein. Eine von der Akademie gestellte Preisausgabe über den Einfluß der englischen Philosophie des 18. Jahrhunderts auf die deutsche hat mich, wie schon erwähnt, zeitweilig gelockt und meine Lektüre bestimmt. Bacon, Hobbes, Cumberland, Shaftesbury, Mandeville, dann die Deutschen Pufendorf, Thomasius, Leibniz wurden studiert und exzerpiert; Hobbes gewann mir dabei durch seine scharfe, rücksichtslose, schroffe Durchführung bestimmter Prinzipien besondere Hochschätzung ab; seine politischen Gedanken haben auf meine Gedankenbildung nicht unerheblichen Einfluß geübt; daß einheitliche und gesicherte Macht das erste Hauptstück des Staats sei, ist mir durch Hobbes erst zu unverlierbarer Einsicht erhoben worden. Zur Ausführung der Preisarbeit bin ich doch nicht gekommen, die andern Arbeiten und Pläne haben es gehindert. Doch sind die mannigfachen Studien dafür meiner Vorlesung über die Geschichte der neueren Philosophie zugute gekommen, ebenso wie die Vorarbeiten für die Geschichte der Erkenntnistheorie. An ihr habe ich länger festgehalten, auch Anläufe zur Ausarbeitung gemacht; schließlich ist sie doch liegen geblieben: die Pädagogik trat dazwischen und hielt mich[198] jahrelang bei historischen Arbeiten fest, wovon in der Folge zu reden sein wird. Mit großem Interesse und bleibendem Gewinn habe ich in den Jahren 1873/5 Schopenhauer, den ich bisher nur gelegentlich und ohne tiefere Teilnahme gelesen hatte, studiert. Das unfreundliche Begegnis mit der Fakultät öffnete mir für seine pessimistischen Betrachtungen über die menschliche Natur überhaupt und den Gelehrten im besonderen das Verständnis oder schuf doch einen Resonanzboden im Gefühl. Seine schroffe und fast feindselige Art, die Wahrheit zu sagen, imponierte mir, sie hat auf den Ton meiner ersten Habilitationsschrift abgefärbt. Dauernde Wirkungen waren die voluntarische Auffassung des Seelenlebens und das Verständnis für die pessimistische Lebensauffassung. Habe ich diese auch niemals mir angeeignet, so ist mir doch durch Schopenhauer die Zufälligkeit und Subjektivität des natürlich-optimistischen Lebensgefühls und die Möglichkeit des Umschlags zum Bewußtsein gekommen. Auch für die großen Erlösungsreligionen war damit die Voraussetzung des Verständnisses gegeben; die christliche Religion gewann jetzt ein andres Gesicht, als sie in der Beleuchtung der intellektualistischen Dogmatik gezeigt hatte. Das Studium der Religion in ihrem Verhältnis zur Kultur wurde jetzt für mich ein Gegenstand dauernden Interesses. Aus diesem Gesichtspunkt habe ich damals Dunckers Geschichte des Altertums mit lebhafter Freude gelesen. Ich halte sie noch heute für ein Werk, das vortrefflich geeignet ist, in den Sinn der Völker einzuführen, deren Leben darin beschrieben ist; besonders ist die Geschichte des indischen Volkes mit tiefem Verständnis erfaßt: die großen Epochen seines Lebens und seiner Lebensstimmung treten darin mit erstaunlicher Deutlichkeit hervor. Bald kam Waitz' Anthropologie der Naturvölker dazu, ein unerschöpflicher Schatz der Belehrung für primitive Religion. Meine persönlichen Beziehungen erfuhren in dieser Zeit mehrfache Erweiterung. Vor allem ist hier das Haus des Unterstaatssekretärs a.D. von Gruner zu nennen. Ich wurde durch Freund Belger eingeführt, der seit Herbst 1872 die Aufgabe eines Erziehers für den einzigen Sohn des Hauses übernommen hatte. Sein Eintritt in diese Stellung war durch Bonitz vermittelt worden. Nachdem ich am Himmelfahrtstag 73 zum erstenmal zu Tisch im Hause gebeten war, wurde ich im folgenden Winter öfters eingeladen. Es war ein sehr gastfreies Haus, in dem auch jüngere Gelehrte gern gesehene Gäste waren. Man kam[199] entweder gebeten zu Tisch- oder Abendgesellschaften, oder man fand sich ungebeten zum Tee um 8 Uhr ein und verplauderte ein paar Stündchen in der Familie, die aus dem Hausherrn, der Frau Klara und Fräulein Emilie1, der Pflegetochter, bestand, übrigens oft durch ein paar freiwillige Gäste vermehrt wurde. Nicht selten wurde etwas gelesen, gelegentlich auch mit verteilten Rollen. Es war das erste, wenn nicht eigentlich auf großem Fuß, so doch in vornehmem Stil geführte Haus, das ich kennen gelernt habe. Manche Bekanntschaft, die für mich von Bedeutung geworden ist, habe ich dort gemacht, so vor allem die der beiden Reichensperger, die dem Hausherrn politisch befreundet waren. Durch meine Habilitation wurde ich um dieselbe Zeit mit zwei nah verwandten Familien bekannt: mit den Professoren Lazarus und Steinthal. Ich hatte meinem verehrten Lehrer Steinthal meine Erstlingsschrift überbracht, persönlich, ohne indessen zunächst den Eindruck zu haben, daß er für mich oder meinen Kant sich interessiere. Es war nicht seine Art, dem ihm sich Vorstellenden lebhaft entgegenzukommen: er ließ an sich herankommen und konnte wohl auch durch beharrliches Schweigen eine etwas unbehagliche Situation entstehen lassen. Als der Jüngere hatte ich die Empfindung, daß es geziemend sei, ihm die Frage und die Leitung des Gesprächs zu überlassen. Da er von dem Recht weiter keinen Gebrauch machte, empfahl ich mich bald, nicht ohne eine kleine Mißstimmung. Ich sollte später erfahren, daß es durchaus nicht Mangel an freundlicher Gesinnung gegen den sich vertrauensvoll Nahenden, sondern der natürliche Habitus des Mannes, vielleicht auch ein wenig Mangel an Übung im Verkehr mit jungen Leuten war, was mir als Kälte entgegentrat. Ich bin in seinem Hause bald so heimisch geworden, wie ich mich kaum in einem andern Hause gefühlt habe. Das war freilich vor allem das Verdienst seiner Frau, der Schwester des Professor Lazarus. Ich weiß nicht, wann ich sie zuerst gesehen habe, es wird im Laufe des Sommers 75 gewesen sein. Sie war damals noch eine jugendliche Frau, nicht gar viel älter als ich, ihr Mann war beinahe 20 Jahre älter als sie. Die Liebenswürdigkeit, mit der sie sich für die persönlichen Angelegenheiten, für Heimat und Herkunft, für häusliche Verhältnisse und wissenschaftliche Pläne des Gastes interessierte, die freundliche Art, wie sie ihn zum Sprechen zu bringen und zu hören wußte, nahmen mich[200] ebensosehr ein, als mir die ganze schlichte Geselligkeit, die den beschränkten Umständen entsprach, zusagte. Ich kam bald als regelmäßiger Gast jeden Dienstag abend zu ihnen, mit mir Dr. Bruchmann. Meist waren wir die einzigen Gäste, doch kam später noch hin und wieder der eine und andre Schüler Steinthals dazu. An äußeren Genüssen wurde ein Butterbrot und ein Glas Bier geboten, und davon wurde nicht abgegangen, auch wenn einmal ein geehrterer Gast, z.B. Professor Baron, dazukam. Die herzliche Freundlichkeit aber, womit man aufgenommen wurde, die Sorglichkeit, womit die Hausfrau die Wirtin machte, die Behaglichkeit der Plauderei über Tisch die Intimität des Gesprächs mit dem vielseitigen und tiefen Gelehrten, alles das gab diesen schlichten Abenden für uns unvergleichliche Reize. Sie fanden ihr Ende erst, als der eigne Hausstand seine Ansprüche und Hemmungen geltend machte; meine Braut und in der ersten Zeit auch meine junge Frau habe ich noch oft mitgebracht. Auch zu Lazarus kam ich ins Haus; sie hatten mich wohl bei Steinthals kennen gelernt. Wenn ich nicht irre, bin ich im Winter 75/76 zum erstenmal bei ihnen gewesen, in großer Gesellschaft, ohne Anschluß und ohne Freude. Es war das vollkommene Widerspiel der Geselligkeit bei der Schwester. Hier eine Zusammenführung von großen Namen, Titeln und Orden, mit denen das Haus Staat machte, und unter denen sich ein so unberühmtes Individuum, als ein junger Privatdozent ist, völlig verlor oder nur als bescheidene Raumfüllung wirkte, dort ein engster Kreis, in dem jeder als Persönlichkeit wirkte und galt. Ich bin nur noch ein- oder zweimal dort gewesen, das letztemal mit meiner Braut. Es war mir nicht wohler dabei als das erstemal. Es lag doch auch daran, daß ich zu den Wirten selbst kein Verhältnis zu gewinnen vermochte. In diese Zeit fällt auch meine erste schriftstellerische Tätigkeit, abgesehen von dem Kant. Die Anregung dazu kam von Steinthal. Er gab mir R. Flints history of the philosophy of history zur Besprechung für seine Zeitschrift mit beliebigem Spielraum. Ich hab in den Sommerferien 75 in Langenhorn die sehr eingehende Rezension gemacht. Hieran schloß sich alsbald der Aufsatz über St. Mills Religionsphilosophie, aus Anlaß der hinterlassenen three essays; ich habe ihn in den Weihnachtsferien 75 geschrieben; auch er erschien in Steinthals Zeitschrift. Endlich folgte noch Bagehot, on the origin of nations. Der Aufsatz über Mill gab zu einem kleinen Erlebnis Anlaß. Ich[201] hatte einen deutschen Rezensenten darüber zur Rede gestellt, daß er Mill von oben herab als stumpfsinnigen englischen Empiristen behandelt habe, mit Lebhaftigkeit aussprechend, daß derartiger Nationalismus uns vor dem Vorwurf des Teutonismus schamrot zu verstummen nötige. Ich erhielt einen Brief, worin mir der Autor aussprach, daß er die Zurechtweisung als begründet anerkenne und sein rasches Urteil bedauere. Fußnoten Amazon.de Widgets 1 Emilie Ferchet, P.'s erste Frau. 
 Die Universitätsjahre  [138] Im Frühjahr 1866 bezog ich die Universität Erlangen, mit mir noch zwei der Altonaer Schulkameraden, unter ihnen Freund Schacht. Ich holte ihn aus seinem Heimatsort Neritz bei Oldesloe ab, und wir machten die Reise nach dem Süden gemeinschaftlich. Wir waren zwei Tage unterwegs, in Leipzig wurde Station gemacht und die Messe auf dem Brühl besucht. In der Erinnerung ist mir auch geblieben, daß ich in Erlangen mit 5 Sorten deutschen Kleingeldes ankam: Hamburger Schillinge, von denen 40, Mecklenburger, von denen 48 auf den preußischen Taler gingen, dann preußische und sächsische Groschen, endlich bayrische Kreuzer. Nicht weniger mannigfaltig waren wohl auch die Kassenscheine, die ich von Hause mitbekommen hatte. Den ganzen deutschen Jammer trug man so in der Tasche. Was mich nach Erlangen führte? Ich weiß es selbst nicht; vielleicht unbestimmte Vorstellungen vom deutschen Süden und süddeutschen Studentenleben, vage Gerüchte von der Erlanger Theologie, die damals in großem Ruf stand, sicher wirkte mit der Ruf von der Wohlfeilheit des dortigen Lebens: ich hatte in Altona für meine Verhältnisse ziemlich beträchtliche Schulden abzuzahlen.[138] Ich ließ mich bei der theologischen Fakultät inskribieren, der alten Bestimmung folgend; innerer Antrieb war kaum dabei, religiösem Leben war ich völlig entfremdet; immerhin, tröstete ich mich, kann es nicht schaden, zu sehen, wie sich die Dinge, die mir doch von Kindesbeinen an nahegetreten waren, in der Beleuchtung der Wissenschaft ausnehmen; daß in der gelehrten Forschung sich manches anders darstelle als im überkommenen Glauben, davon war auch zu mir dieses und jenes gedrungen. Ich hatte nicht umsonst während der Gymnasialzeit mit Freunden die »Gartenlaube« gehalten. Von größerer Bedeutung für die Gestaltung meines Erlanger Lebens war, daß ich in die Burschenschaft eintrat. Auch hierfür wüßte ich die Beweggründe kaum anzugeben: eine unbestimmte Vorstellung, daß die Burschenschaft für Deutschlands Einheit und Größe eintrete, verbunden mit dem Gefühl der Leere des Daseins, das durch den Anschluß des Freundes Schacht an die Uttenruthia gesteigert wurde, mag den Ausschlag gegeben haben. Im übrigen wußte ich von der Burschenschaft, ihrer Geschichte und ihren Bestrebungen, den programmatischen und den tatsächlichen, wenig oder nichts. Überhaupt, was weiß die Jugend von den Schritten, die sie tut? Nicht viel mehr als der Neugeborne, wenn er ins Leben tritt, nicht wissend von Eltern und Volk, von Stellung und Schicksal, die ihm bereitet sind. Und wie wäre Leben sonst möglich? Die Wahl haben wir in den kleinen Dingen, die großen sind vorbestimmt. Die Burschenschaft Bubenruthia, so genannt nach dem kleinen Dorf Bubenreuth, eine Stunde nördlich von Erlangen im Tal der Regnitz gelegen, wo sie ihre vielgeliebte Exkneipe hatte, war eine der ältesten Burschenschaften; sie ging mit halben Unterbrechungen, die durch die politische Unterdrückung herbeigeführt worden waren, auf die alte Burschenschaft von 1817 zurück; ihr Stiftungsjahr datierte sie von 1833; neben ihr bestand als zweiter Zweig des alten Stammes die Germania, sie hatte sich im Jahre 1848 von der Bubenruthia als ihr politisch radikaler Flügel losgelöst. Der Bestand der Bubenruthia schwankte mit geringen Abweichungen um das halbe Hundert; sie war damit eine der stärksten farbentragenden Verbindungen Deutschlands. Alle Fakultäten waren in ihr vertreten, am zahlreichsten damals die Theologen, die auch an der Universität weitaus das Übergewicht hatten; Juristen und Mediziner waren etwa in gleicher Zahl vertreten, schwächer die philosophische Fakultät; ein paar Philologen machten ihren ganzen Bestand[139] innerhalb der Verbindung aus. Auch die Semester waren alle vertreten, am stärksten die Jungburschen, das 2. bis 4. Semester; doch fehlte nicht das 7. und 8., sie waren vielfach draußen gewesen und kehrten nun zum Examen nach Erlangen zurück. Mittel- und Oberfranken waren das eigentliche Stammland der Burschenschaft, das alte Ansbach-Bayreuth und Nürnberg stellten das Hauptkontingent; doch waren auch die übrigen bayrischen Lande, Unterfranken und die Pfalz, Schwaben und Oberpfalz, vertreten. Dagegen fehlten die altbayrischen Gebiete und auch Mitteldeutschland so gut wie ganz. Norddeutschland stellte sporadisch einige, zeitweilig auch eine ganze Anzahl Mitglieder; mit mir traten zwei Rheinländer, zwei Vettern, ein, Rehorn und Bungeroth, beide Theologen; ich bin ihnen später oft wieder begegnet. Die älteren Jahrgänge hatten zu meiner Zeit gar keine Norddeutschen, ein Umstand, der mir das Einleben sehr erschwert hat. Das Leben in der Burschenschaft war sehr ungebunden. Der einzelne hatte bei der großen Zahl große Freiheit, über sich und seine Zeit selbständig zu verfügen, viel mehr, als es bei kleineren Verbindungen möglich ist, als es gegenwärtig auch bei den größeren der Fall ist: eine Bindung, die den ganzen Tag des einzelnen in Anspruch nimmt, hätten wir damals wohl für unerträglich, vielleicht auch für unwürdig angesehen. Zwei Kneipabende in der Stadt, der Samstagnachmittag und -abend in Bubenreuth, die tägliche Fechtstunde, das war, abgesehen von den Ehrengerichten und später den Mensuren, alles, was offiziell gefordert wurde. Im übrigen verfügte jeder über seine Zeit nach Gutdünken. Die Kollegien wurden von den meisten ziemlich regelmäßig besucht; manche, vor allem natürlich die Älteren, arbeiteten auch mehr oder minder fleißig zu Hause. Ein Studienabschluß mit anständigem Examen zu rechter Zeit galt durchaus als Pflicht auch gegen die Verbindung; man war stolz auf Leute, die sich eine Stellung schufen. Unter den Leuten, mit denen ich in Erlangen zugleich war, sind eine ganze Anzahl zu hervorragenden, zum Teil zu hohen Würden im Staatsdienst und in anderen Stellungen gelangt. Natürlich fehlte es auch nicht an solchen, die ihre Tage der Kneipe, dem Kartenspiel und dem Bummeln widmeten. Getrunken wurde im ganzen nicht übermäßig, manche schränkten sich auf wenige Gläser an den Kneipabenden ein, andere leisteten ein mehreres; schwere Betrunkenheit war doch nicht allzuhäufig. Eigentliche Roheit kam kaum vor, sie wäre auch nicht geduldet worden. Im ganzen herrschte ein harmlos fröhlicher Ton mit[140] einer Hinneigung zu inhaltleerer sogenannter Gemütlichkeit. Für allgemeine, philosophische, wissenschaftliche oder politische Fragen war im ganzen das Interesse gering, das Gespräch drehte sich meist um studentische Angelegenheiten, sofern es nicht entweder in bloßem Ulk und Neckereien versimpelte oder einmal, namentlich unter den Medizinern, auf Fachwissenschaftliches sich bezog. Auf das Äußere wurde wenig gegeben, in der ganzen Studentenschaft herrschte noch große Einfachheit, bei der Burschenschaft gehörte sie gewissermaßen zum Grundsatz: die Patentheit überließ man den Korps. Als die eigentliche Heimstätte der Burschenschaft galt Bubenreuth. Hier war die Exkneipe, die am Sonnabend und Sonntag von fröhlichstem Leben erfüllt war: ein einfaches Dorfwirtshaus mit einem sehr großen und hübschen Garten, darin der »Salon«, ein kleines Gartenhäuschen, und eine von Linden ganz überdeckte große Laube, der »Pferch«, bidete die Szenerie. Im Hause waltete die »Madame«; sie nahm eine höchst eigentümliche Respektsstellung in der Verbindung ein; es war streng innegehaltene Sitte, daß man, wenn man kam und ging, sie in der Küche aufsuchte und mit Handschlag und Anrede begrüßte. Sie hatte schon die Anfänge der Bubenruthia gesehen und eine lebendige Erinnerung an die Schicksale der Verbindung und ihre einzelnen Mitglieder; ihr Urteil über die neu eintretenden Füchse galt als eine Art Orakel, ob sie einschlagen würden oder nicht. Ihr Mann, der alte Mörsberger, »Mörsch« genannt, kam daneben wenig in Betracht, weder für die Wirtschaft noch für die Verbindung. Er saß, bei irgendeinem Anlaß von einem Mitglied der Burschenschaft durch Zufall zum halben Krüppel geschossen, meist auf der Ofenbank und war durch seine Grobheit bekannt. Mit ihm und zwei erwachsenen Söhnen duzte man sich meist. An schönen Sommertagen kamen auch die Erlanger Honoratioren gern nach Bubenreuth, nach dem ein freundlicher Spaziergang durch den Wald oder am Kanal hinführte; dann war der Garten voll bunter Bilder; es wurde wohl einmal ein Spiel arrangiert, an dem auch die jungen Damen teilnahmen. Im Winter zog man sich in den »Salon« oder bei größerer Kälte in die Wirtsstube zurück; der enge Raum, in dem auch die Bubenreuther Bauern in der Ofenecke saßen, war dann bis zum Erdrücken gefüllt; wer von draußen hereinkam, sah die ersten Minuten in der von Talgkerzen dürftig erleuchteten Stube vor Qualm und Rauch überhaupt nichts. Spät abends zog man dann in größeren oder kleineren Gruppen, mit brennenden Pechfackeln ausgerüstet,[141] durch den nächtlich-finstern Wald nach der Stadt. Ein besonders beliebter Sport war es dabei, den verbotenen Weg durch den Tunnel zu nehmen; ein Wunder, daß den oft schwankenden Gestalten dabei niemals ein Unglück zugestoßen ist. Drei Semester blieb ich in Erlangen. Sie liegen trotz jener im ganzen günstigen Verhältnisse vor mir nicht wie bei so vielen im Glanz sonniger Jugenderinnerung. Es lag zum Teil an den Umständen, in der Hauptsache an mir selber: ich fand keinen vernünftigen Lebensinhalt; und so fehlte es mir auch in jenen Semestern selbst trotz scheinbarer Fröhlichkeit, die sich wohl auch als ausgelassene Lustigkeit drapierte, an rechter Freude. Langeweile und Verstimmung waren, wenn sie auch wenig nach außen sichtbar wurden, auf dem Grunde der Seele vorherrschend. In der Verbindung wurde ich zunächst als Schleswig-Holsteiner freundlich aufgenommen, der »verlassene Bruderstamm« spielte in der Gedankenwelt jener Tage gerade in Erlangen eine nicht unwichtige Rolle. Trotzdem wurde ich in ihr nur sehr spät oder eigentlich überhaupt nie ganz heimisch. Das erste Semester war der Kriegssommer: die Bayern rückten im Bund mit Österreich gegen die Preußen ins Feld. Eines Abends fanden wir die Kneipe von bayrischen Artilleristen ziemlich besetzt; es hieß: sie seien von einer anderen Korporation aufgehetzt worden, Streit zu suchen und die preußisch gesinnte Burschenschaft zu verhauen. Es kam zu keinem Streit und auch nicht zum Verhauen; die große Mehrheit der Verbindung war damals so preußenfeindlich als möglich, und so war man mit den Gästen bald auf bestem Fuß. Da ich aus meiner Gesinnung kein Hehl machte, so stand ich politisch fast isoliert da; nur ein paar Leute kamen meiner Anschauung näher, während andere ihrem Haß gegen Bismarck und Preußen nicht schroff und laut genug Ausdruck geben konnten. Die ersten falschen österreichischen Siegesnachrichten wurden mit Jubel aufgenommen. Freilich, die Freude dauerte nicht lange; die Wirklichkeit brachte bald die Ernüchterung und dann raschen Umschlag. In raschem Siegeslauf wurden, nachdem die österreichische Macht schon am Anfang Juli niedergeworfen war, die Streitkräfte des Bundes aufgerollt; die Bayern, überall geschlagen, gaben Franken preis, und eines Tages, es war gegen Ende Juli, wurde Erlangen durch das Einreiten mecklenburgischer Dragoner überrascht. Daß die wenigen Reiter, die Pistole in der Hand, ohne zu fragen, den direktesten Weg durch die ganze Stadt zum Bahnhof einschlugen und diesen[142] sogleich besetzten, erregte noch besonderes Staunen. Bald kam auch Infanterie; und am nächsten Sonntag nachmittag hatten wir zu unserer Überraschung einen »Feind« auf der Kneipe in Bubenreuth: es war ein Jenenser Armine, der als Einjähriger bei einem rheinischen Regiment diente. In der Verbindung und ebenso in der Bevölkerung erfolgte nun ein sehr rascher Umschwung in der Gesinnung: die Bewunderung der Kraft und Tüchtigkeit der bisher verachteten Preußen, die Erinnerung an alte geschichtliche Verbindungen mit der Dynastie, die Gemeinsamkeit der protestantischen Religion, für die Burschenschaft auch die jetzt am Horizont auftauchende Verwirklichung des Einheitstraumes und der Kaiseridee. Alles das wirkte zusammen, um die politischen Gesinnungen der Mehrzahl völlig umzuwandeln. Dennoch blieb auch nach der Beseitigung dieser Spannung eine gewisse Fremdheit des Süddeutschen gegen den Norddeutschen, wie sie denn auch heute noch besteht und in derselben Verbindung immer aufs neue gefühlt wird. Die Verschiedenheit der Sprache ist schon ein Hemmnis, anfangs wurde es mir wirklich schwer, den Schwaben oder Pfälzer zu verstehen und umgekehrt. Aber auch nachdem diese Schwierigkeit gehoben war, blieb eine gewisse Abneigung gegen die Sprechweise des Norddeutschen, sie klang, weil undialektisch und buchmäßig, geziert und absichtlich, als ob man seine Vornehmheit und Bildung gegenüber der volkstümlicheren Art des Süddeutschen hervorkehren wolle. Es kam keine volle Behaglichkeit des Tons dabei heraus. Dazu kam, daß der Norddeutsche die Heimat- und Schulerinnerungen, wodurch die meisten verbunden waren, und die vielfach den Gegenstand der harmlosen Plauderei oder auch Vexationen auf der Kneipe bildeten, nicht teilte. An den Einzeltischen setzten sich gerne Gruppen alter Schulfreunde zusammen, die einen Kreis engeren Verständnisses bildeten, der Fremdling fühlte sich hier überflüssig; und versuchte er seinerseits am Gespräch sich zu beteiligen, naturgemäß es auf allgemeinere Gegenstände hinlenkend, so gab er wieder dem Gefühl Nahrung, daß er höher hinaus und den Vornehmen spielen wolle. Endlich ein letztes: die bayrischen Gymnasien hatten nur Herbstentlassungen, die Zugänge zur Verbindung, die sogenannten Konfuchsien, bildeten ziemlich geschlossene Gruppen; der zu Ostern Eintretende stand zwischen zwei Jahrgängen und gehörte weder recht zu dem älteren noch zu dem jüngeren. Eine Rolle in der Verbindung zu spielen, war ihm schon dadurch so gut wie unmöglich gemacht.[143] Alles dies bewirkte, daß ich ein gewisses Gefühl der Fremdheit niemals ganz überwunden habe. Durch gelegentlichen Ausbruch feindlicher Stimmung gegen die Norddeutschen, wie er namentlich aus Anlaß der Lösung des Kartells mit den Bonner Alemannen in meinem zweiten Semester stattfand, wurde dies Gefühl zu bitterem Unmut gesteigert, und ich bin ernstlich mit dem Gedanken des Austritts umgegangen. Doch kam es nicht dazu. Ich blieb dabei, hab aber manchen Verdruß vertrunken und manche Stunde innerer Leerheit mit Spiel ausgefüllt. Die Kegelbahn sah mich als regelmäßigsten und ausdauerndsten ihrer Gäste; und viele lange Stunden der Langeweile habe ich in Ermangelung anderer Unterhaltung mit Kartenspiel zugebracht; Tarock war das beliebteste Spiel. Es waren so viele Versuche, mich selbst los zu werden, sie gelangen doch nur sehr unvollkommen; das peinvolle Gefühl der Nichtigkeit dieses Daseins hat mich im Grunde keinen Augenblick verlassen. Ich hatte keinen Inhalt für mein geistiges Leben. Denn das war nun der eigentliche Schaden. Zu der Wissenschaft, die ich vergeblich studierte, gewann ich gar kein inneres Verhältnis. Die Dogmatik, die uns der alte Thomasius in die Feder diktierte, durch Scharren eines weniger Behenden jeden Augenblick unterbrochen und aufgehalten, bot im Grunde nichts, als was uns auch schon in der Schule oder im Konfirmationsunterricht in Langenhorn dargereicht war; meine Mutter, der ich die Hefte mitbrachte, fand sie ebenso verständlich als mit ihrem Glauben stimmend. So konnte auch Delitzsch, bei dem ich Genesis hörte, mein Vertrauen nicht gewinnen, wenn er z.B. aus naturhistorischen Werken den Nachweis führte, daß die Schlangen unsichtbare Rudimente von Beinen unter der Haut hätten: ein offenbarer Hinweis darauf, daß sie erst durch den Fluch um diese ihre Fortbewegungsorgane gekommen und zum Kriechen auf dem Bauch gebracht worden seien; oder wenn er die Maße der Arche Noä ausrechnete und die Länge gerade der Länge des Berliner Schlosses entsprechend fand, was dann die Aufnahme so vieler Tiere und des zugehörigen Futters möglich erscheinen lassen sollte. Plitts Apostelgeschichte bot ebensowenig etwas, was mich hätte anziehen können. Wäre ich zu Strauß oder zu Baur gekommen, möglicherweise hätte ich dann ein Interesse für diese Wissenschaft gewonnen: so blieb sie mir völlig fremd. Ein kleiner Versuch mit der Philosophie schlug nicht besser aus: ich[144] hatte Fischers Geschichte der Philosophie von Thales bis Schopenhauer (sic!) belegt, hab sie aber wohl nur zwei- oder dreimal besucht, und ich glaube nicht, daß ich dabei viel für mich Genießbares eingebüßt habe. In welcher Richtung meine Gedanken sich damals bewegten, zeigt die Äußerung eines Theologen, mit dem ich über solche Dinge einmal sprach: »Das ist ja der reine Feuerbach.« Ich wußte von L. Feuerbach, der damals bei Nürnberg auf dem Bruckberg lebte, schwerlich mehr als den Namen, ließ es mir aber ohne viel Umstände gefallen, mit ihm zusammengestellt zu werden, und auch die Vorhaltung, daß ich Materialist sei, hat mich nicht weiter erschreckt: ich war es, soweit denn von einer Einheit des Denkens bei mir damals überhaupt die Rede sein konnte. Gearbeitet habe ich in diesen Semestern eigentlich gar nichts. Ich besuchte meine theologischen Vorlesungen im ganzen ziemlich regelmäßig, aus Gewohnheit, aus Langeweile, weil ich die andern es tun sah, schrieb aus denselben Ursachen auch nach; aber gezündet hat kein Wort. Gelesen habe ich dies und das, Literarisches, Historisches, auch Medizinisches, mein Hausgenosse, ein Pfälzer, war Mediziner: ich hab lange seinen Schädel und seine Anatomie von Hyrtl bei mir gehabt und wohl auch dies und das daraus gelernt. Aber alles war zusammenhang- und ziellos und vermochte mir keine Befriedigung zu geben. In meinem dritten Semester traten die beiden Erlanger Burschenschaften, des Haders und des Holzkomments müde geworden, in ein Paukverhältnis. Die nun regelmäßig alle Woche stattfindenden Mensuren brachten ein neues Element in das Leben, freilich auch nicht eben erhebender Natur, es war aber doch eine erregende Abwechslung. Ich hab dreimal gefochten, nicht ohne einiges Glück und nicht ohne einige Empfänglichkeit für den Reiz des blutigen Spiels. Doch brachte ich es nicht zu hervorragenden Leistungen. Als ich im August des Jahres 1867 von Erlangen Abschied nahm und durch das Werratal in langsamer Eisenbahnfahrt der Heimat zustrebte, konnte ich nicht umhin, mir einzugestehen, daß diese ersten drei Studiensemester für mich verloren seien. Bittere Erinnerungen und die sorgenvolle Frage: Was nun? beschäftigten mich. Hätte ich noch Freude gehabt, auch ohne sonstigen Gewinn, ich hätte es mir gefallen lassen. Aber so? Es war doch gar zu wenig gewesen. Wie hatte das Land der Freiheit lachend und lockend vor mir gelegen, als ich Ostern 66 über die schiefe Ebene ins Frankenland hinunterfuhr und bald darauf[145] an einem ersten sonnigen Frühlingstag von der Höhe des Ratsberges in das Regnitztal hinunterschaute: und nun, alles zu Asche geworden! Ich war sehr mißgestimmt. Amazon.de Widgets Im Oktober fuhr ich zur Fortsetzung des Studiums nach Berlin. Was mich zu dieser Wahl bestimmte, war wohl die große Universität und das große Leben, das dort in Aussicht stand. Was ich dort studieren wollte, wußte ich nicht, nur das stand mir fest: nicht Theologie. Ich ließ mich bei der philosophischen Fakultät inskribieren, in der unbestimmten Hoffnung, daß sich dort etwas mir Gemäßes bieten werde. Die Eltern gaben zum Wechsel ihre Zustimmung, sie hatten wohl eingesehen, daß es mit der Theologie nichts werde. Es folgen jetzt zwei Semester unruhigen Suchens, voll peinvoller Enttäuschungen und bitterer Gefühle der Ungewißheit und Ziellosigkeit. Ich hatte den Sinn auf das Studium der Philosophie gerichtet; Weltweisheit war es eigentlich gewesen, die zu suchen ich einst ausgezogen war. Aber wie an die Sache herankommen? Ich hörte Logik bei Harms, der eben damals nach Berlin gekommen war, mit wenig Erleuchtung und geringer Regelmäßigkeit. Ein Kolleg über vergleichende Sprachwissenschaft bei Steinthal ließ ich auch bald fallen, es war mir zu schwer. Ich las einiges aus Überwegs Geschichte, sie wollte mir keineswegs zusagen, und nicht besser ging es mit H. Ritters Enzyklopädie. Ich versuchte, die Wolken des Aristophanes bei Haupt zu hören, ich konnte dem lateinischen Vortrag nicht folgen. So überall Zurückweisung erfahrend, fiel ich, da sich auch Genossen aus Erlangen und Jena fanden, bald wieder in das alte Kneipleben zurück, ohne allen Genuß, es war, ganz wie es Tolstoi einmal ausführt, lediglich das Mittel der Selbstbetäubung. Die Ferien brachten wohltätige Unterbrechung, aber keine Ruhe. Ich las einiges aus meinen alten Klassikern, die ich zu Hause fand, besonders den Horaz, schrieb wohl einmal etwas Latein, was mir früher Freude gemacht hatte; die Stimmung blieb trübe. So auch, als ich nach Berlin zurückkehrte. Ich hörte ein paar Vorlesungen, bei Harms und Droysen, aber ohne viel Förderung. Ich versuchte Plato zu lesen, das Griechische wurde mir nach langer Pause schwer, ich sah die acht Bände der Teubnerschen Ausgabe verzweifelt an: die kann man doch nicht ganz durchlesen. Ein heißer Sommer, in einem heißen und eingeschlossenen Zimmer auf dem Hof, machte mir[146] auch äußerlich das Leben höchst unerfreulich; die alten Kameraden hatten Berlin meist verlassen: ich fühlte mich sehr einsam. Da führte mir ein glücklicher Zufall die nicht lange vorher erschienene Geschichte des Materialismus von F.A. Lange in die Hände. Es ist das erste Buch, das ich mit lebhaftem, ja leidenschaftlichem Interesse gelesen habe. Es kam mir wie gerufen in meiner Not: es half mir einerseits die Gedankenreihen, die ich spontan zu bilden begonnen hatte, zu Ende denken, indem es mit den großen Systematikern der materialistischen Weltanschauung von den ältesten bis zu den damals jüngsten mich bekannt machte; es wies andererseits darüber hinaus: das relative Recht einer naturalistischen Weltansicht, ihr Recht gegenüber dem wissenschaftsfeindlichen Dogmatismus der damaligen Theologie wurde überall rücksichtslos anerkannt, das gewann mein Vertrauen; auf der anderen Seite wurde einleuchtend gezeigt, daß es unmöglich sei, auf diesem Standpunkt als dem letzten stehenzubleiben: der Kantische Idealismus trat als der siegreiche Überwinder dem dogmatischen Materialismus gegenüber: kein Objekt ohne Subjekt, die Welt, wie sie dem Physiker sich darstellt, gesetzt in der Sinnlichkeit und dem Verstande eines denkenden Wesens. Der lebhafte, faßliche, auch an Gefühl und Imagination sich wendende Vortrag, der auch einmal eine derb-kräftige Wendung nicht verschmähte, nahm mich ganz für das Buch und seinen Verfasser ein. Die Folge war, daß ich seinen Spuren nun auch weiter nachging. Unter den lebenden Schriftstellern, die er erwähnte, wurde Ueberweg mit besonderer Hochachtung genannt. Das war für mich die Veranlassung, dessen vor kurzem veröffentlichtes System der Logik anzuschaffen. Ich benutzte, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, die Sommerferien 68, die ich wie gewöhnlich zu Hause zubrachte, zu einem gründlichen Durcharbeiten dieses Werkes; es hat mir durch seine faßliche Darstellung der Logik, durch die historische Entwicklung der Terminologie, endlich auch durch die erkenntnistheoretischen Ausführungen reiche Förderung und Anregung gebracht. Ich fing an, wieder Mut zu schöpfen, daß ich doch noch zurechtkommen und etwas Rechtschaffenes lernen und leisten werde. Daneben las ich Humboldts Kosmos, den ich in einer wohlfeilen Ausgabe gekauft hatte, nicht ohne mannigfaltige Belehrung daraus zu schöpfen: vor allem gewann neben dem Historischen das Geologische und Entwicklungsgeschichtliche darin mein Interesse. Freilich hätte ich das auf leichterem und kürzerem Wege haben können,[147] wenn ich ein kleines Lehrbuch angeschafft hätte; aber daß ich hier die Dinge selbst suchen und zusammentragen mußte, hatte auch seinen Wert. So kehrte ich in hoffnungsvollerer Stimmung im Herbst 68 nach Berlin zurück, entschlossen, mit aller Kraft an die Arbeit mich zu machen. Vor allem trat ich nun in Trendelenburgs philosophische Übungen ein. Ich hörte daneben seine Psychologie, eine Vorlesung bei Harms über Enzyklopädie, dann zum zweitenmal Steinthals Vorlesung über vergleichende Sprachwissenschaft und zugleich seine Einleitung in die Psychologie und Sprachwissenschaft, endlich Bonitz über Platos Leben und Schriften. Daneben wurde abends manches an öffentlichen Vorlesungen gehört: Dubois über physische Anthropologie, Dühring über politische Parteien usw. Es ist dies mein erstes eigentlich fruchtbares Studiensemester gewesen; ich fühlte mein Wachstum nach allen Seiten, und es begann jene peinvolle Unruhe der letzten Jahre von mir zu weichen. Die Anregungen, die von Universitätsvorlesungen ausgingen, und ein energisches Bücherstudium wirkten sehr glücklich zusammen, um mich innerlich weiterzubringen. Von großer Bedeutung war der Eintritt in Trendelenburgs aristotelische Übungen. Ich hatte mit einigem Zagen mich zur Meldung entschlossen, fürchtend, daß die gestellten Aufgaben für mich als Anfänger zu schwer seien. Ich sah mich bald angenehm enttäuscht: was meine Nachbarn leisteten, die zum Teil schon länger teilnahmen, das vermochte ich auch zu leisten, und bald meinte ich zu beobachten, noch ein wenig mehr. Ich zog die Aufmerksamkeit Trendelenburgs bald durch die schriftliche Lösung einer kleinen Aufgabe auf mich, die er gelegentlich bei einer Textschwierigkeit gestellt hatte. Zwar fand die Lösung, ich wollte eine Stelle des zweiten Buches der Physik durch Ausschaltung von einigen Wörtern, die auch an anderer Stelle wiederkehren, heilen, indem ich sie von dort erst an den Rand, dann in den Text unserer Stelle einwandern ließ, also die Lösung fand als zu gewalttätig nicht den Beifall Trendelenburgs, der mit einer Interpretation auskommen zu können meinte; aber sie hatte ihm doch meinen Namen vor Augen gebracht und gezeigt, daß ich ernstlich mitzuarbeiten entschlossen sei. Auch meine mächtige Ausgabe, ich hatte mir gleich die 4 Bände der großen Bekkerschen Ausgabe angeschafft und trug zweimal die Woche den Wälzer nach der Universität, mochte seine Aufmerksamkeit auf mich lenken. Kurz, nach Weihnachten erhielt ich zu meiner[148] größten Überraschung eine Einladung von ihm zu einer Abendgesellschaft, der ersten Gesellschaft außer meinen Langenhorner Gesellschaften, zu der ich geladen worden bin. Sie setzte mich in nicht geringe Verlegenheit, aber ich nahm an, weil ich nicht abzulehnen wußte und wagte; und damit begann für mich ein Verkehr in dem liebenswürdigen Hause, an den sich vielverzweigte Beziehungen für mich angeknüpft haben. Die Übungen, die Trendelenburg lange Jahre hindurch abhielt, bezogen sich regelmäßig auf den Aristoteles, dessen Philosophie zu erneuern und zeitgemäß auszubauen Trendelenburg von Anfang an sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte. Die idealistisch-te leologische Weltanschauung war ihm ebenso sympathisch wie seine Hinneigung zur Breite empirischer Forschung und im besonderen auch seine Freude an geschichtlicher Anknüpfung seiner Gedanken an frühere und an die Sprache. Er fühlte sich eigentlich ganz eins mit dem Denker seiner Wahl, wie er ihn denn im Vortrag der Geschichte der Philosophie als den philosophus perennis trotz einem Neoscholastiker pries: durch zwei Jahrtausende habe er geherrscht »bis herab zu uns«, höre ich ihn noch mit Betonung sagen. Dies Verhältnis gab auch seinen Übungen, die ich durch drei Semester mitgemacht habe, den Charakter: die Schriften des Aristoteles, Physik, Metaphysik und Ethik wurden als Textbücher behandelt; es wurde der Text in ganz kleinen Abschnitten gelesen, übersetzt, kommentiert, aus dem Zusammenhang und aus anderen Stellen, nicht eben viel anders als ein Autor in der Schule. Auf den Wert der Gedanken kritisch einzugehen liebte er nicht, auch gegen derartige Versuche der Teilnehmer verhielt er sich ablehnend, nicht so, daß er sie überhaupt zurückgewiesen hätte, wohl aber in der Form, daß er nach kurzer Verteidigung des Philosophen alsbald zum Text zurückrief. Ich bin damals nicht immer mit dieser Behandlung zufrieden gewesen, ich hätte oft gern über die Sache selbst etwas gehört und auch gesagt. Und ohne Zweifel können auch solche mehr »philosophischen« Übungen sehr fruchtbar sein, ja sie werden, wenn es sich um einen modernen Philosophen handelt, sich als ganz unvermeidlich von selber einstellen. Indessen, Trendelenburg hatte doch wohl recht, wenn er sich im wesentlichen auf die »philologische« Auslegung und Behandlung des Textes beschränkte. Die Aristotelischen Begriffe sind dem Studierenden zunächst so fremd und schwierig, daß es eine ganze Zeit dauert, ehe er damit umgehen und[149] denken lernt; die hierfür notwendige Einübung nicht durch materiale Kritik gleichsam stören und durchqueren zu lassen, ist ein gefunder pädagogischer Grundsatz: erst lernen, dann kritisieren. Da die Neigung des jungen Mannes mehr auf Kritik zu gehen pflegt, so wird es die Aufgabe des Lehrers sein, das Lernen in den Vordergrund zu stellen. In der Form des Verkehrs mit den Teilnehmern der Übungen war Trendelenburg von vollendeter Urbanität; er behandelte sie durchaus nicht als Schüler von oben herab, sondern nahm sie als Mitforscher und Mitdenker, vielleicht auch einmal mit zu großer Geduld Trägheit und Unfähigkeit schonend. Übrigens war die Zahl meist klein, es stellte sich bald ein persönliches Verhältnis zwischen den Teilnehmern untereinander und mit dem Lehrer her. Ich verdanke diesen Übungen vor allem die Bekanntschaft mit meinem nachmaligen langjährigen Freunde Christian Belger. Wir haben uns auch im Hause bei Trendelenburg gesehen, es freute diesen offenbar, junge Leute zusammenzuführen, von denen er glaubte, daß sie sich etwas sein könnten. Ich gestehe gern, daß ich diesen Übungen viel verdanke, mehr als ich oft im Augenblick empfinden mochte, wenn ich gern eine mehr in die Sache selbst eingehende Behandlung philosophischer Materien gesehen hätte. Sie haben mir vor allem wieder Sicherheit und Ausdauer des Arbeitens gegeben, ich hatte ein Ziel und eine kleine äußere Nötigung, es zu erreichen: Aristoteles mit seiner eigentümlichen Begriffswelt und Terminologie kennen zu lernen. So seltsam und wenig genießbar mir zunächst seine Physik, die Lehre von den vier Ursachen (wir lasen das zweite Buch), erschien, so drang ich doch allmählich so weit ein, daß ich die Vernunft auch in diesen dem modernen Denken so befremdlichen Formeln sehen lernte. Ich schätze es jetzt doch für einen großen Gewinn, daß ich durch Trendelenburg zu einem so eingehenden Studium des Aristoteles geführt worden bin: wäre ich erst zu der modernen Philosophie gekommen, dann hätte ich vielleicht den Weg rückwärts zu dieser Urform des philosophischen Denkens in der abendländischen Welt überhaupt nicht gefunden. Unter den Vorlesungen, die ich in diesem Winter hörte, war mir Bonitz' vierstündige Platovorlesung von besonderem Wert. Er las als Mitglied der Akademie der Wissenschaften, in übrigen war er Direktor des Grauen Klosters; ich glaube, es war seine erste Universitätsvorlesung in Berlin. Sie war in gewisser Weise das Vollendetste, was ich gehört habe: nur mit ein paar Notizen auf einzelnen Blättchen ausgerüstet,[150] so schien es uns wenigstens, stellte sich Bonitz auf das Katheder, meist auf der Treppenstufe stehenbleibend und sich an das Katheder bloß anlehnend, und entwickelte nun in dem leichtesten, fließendsten Vortrag ohne Unterbrechung zwei Stunden hindurch (er las Mittwochs und Sonnabends von 11 bis 1 Uhr) den Inhalt eines Platonischen Dialogs, so sicher, als ob er ihn leibhaftig vor sich sähe: die Gliederung, die einzelnen Teile, der Zusammenhang des Ganzen trat greifbar dem Hörer vor Augen. Ganz anders war die Art Steinthals. Er war damals in den Jahren seiner Vollkraft, eine kleine, schmächtige Gestalt, das blasse, schmale Gesicht von einem dunklen Vollbart umrahmt. Er saß auf dem Katheder, eine Fülle von Papieren vor sich, unter denen er sich zuweilen zu verwirren und zu verlieren schien. Der Vortrag war langsam, oft durch längere Pausen unterbrochen, in denen er den Faden zu suchen schien. Auch wenn er zusammenhängend sprach, lösten die Worte sich langsam von der Lippe. Dennoch bin ich seinen Vorlesungen mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt. Die Einleitung in die Psychologie und Sprachwissenschaft eröffnete nach allen Seiten weite Blicke: Physiologisches wurde vorausgeschickt, Psychologisches folgte, die Sprachtheorie machte den Beschluß. Vor allem die Psychologie war mir lehrreich, der Begriff der Apperzeption stand im Mittelpunkt seiner Auffassung des Seelischen: er diente vor allem zur Darstellung der Bildung der Begriffs- und Sprachwelt im Kinde. Auch die Elemente der Sprachvergleichung in der andern Vorlesung, die Entwicklung der Formen der indogermanischen Sprachen, die Übersicht über die Kulturwelt des gemeinsamen Ur- und Stammvolkes, wie sie sich aus dem Gemeinbesitz an Namen zu ergeben scheint, fesselte jetzt mein Interesse in hohem Grade: ein ahnungsvoller, dämmernder Hintergrund des geschichtlichen Lebens dieser Völker- und Sprachengruppe schien sich aufzutun, der in unermeßliche Fernen den Blick schweifen ließ. Die Vorlesungen gaben Anregung zu weiteren Studien. Sowohl bei Trendelenburg als vor allem bei Steinthal sah ich mich auf eingehenderes Studium der Physiologie hingewiesen. Ich verschaffte mir Joh. Müllers Handbuch und habe mit heißem Bemühen die fünf Bände durchgearbeitet und manche Frucht daraus gezogen; so daß ich nicht bedaure, nicht den bequemeren Weg des Kompendiums gewählt zu haben. Ferner studierte ich in diesem Winter Benekes Philosophie. Durch Überwegs hohe Schätzung dieses Mannes auf ihn geführt, habe[151] ich zuerst die neue Psychologie, dann auch die Metaphysik und andere Werke Benekes gelesen. Und auch das bedaure ich nicht; seine zugängliche Behandlung der erkenntnistheoretischen und metaphysischen Probleme hat mir in diesen Dingen zuerst auf den Weg geholfen; und bis zu einem gewissen Grade hat seine Denkweise auch dauernd auf mich abgefärbt, so vor allem an einem Punkt, dem Punkt, wo er, über Kant hinausgehend, die Phänomenalität der Erkenntnis für das Seelenleben ablehnt. Es ist der Punkt, an dem er, im Grunde in Übereinstimmung mit der ganzen deutschen Philosophie des 19. Jahrhunderts, in die Spuren des objektiven Idealismus wieder einlenkt. Auch seine Psychologie, ich hatte sie schon vor Beginn der Vorlesungen gelesen, gab mir diesen gegenüber eine gewisse Freiheit: ich brachte Kategorien mit, durch die ich zu dem dort Gebotenen Stellung zu nehmen in den Stand gesetzt war. Und gerade die, ich würde jetzt sagen, falsche Anschaulichkeit der Benekeschen Psychologie, die übrigens in überraschender Weise die falsche Anschaulichkeit der gegenwärtigen physiologischen Konstruktion des Vorstellungslebens aus Besetzung und Nichtbesetzung von Hirnzellen vorausnimmt, war mir damals bequem und hilfreich. Ich habe seitdem oft die damals gemachte Erfahrung wiederholt, daß der Wert eines Buchs für den Leser nicht allein auf seiner objektiven Bedeutung beruht, sondern ebensosehr darauf, daß es im rechten Augenblick ihm in die Hände kommt. Das an sich wertvollste Buch, verfrüht gelesen, kann zum größten Hemmnis werden, zur Sache zu kommen. Ich fürchte, daß die Kantischen Kritiken vielfach diese Wirkung haben; sie stoßen die Anfänger zurück und hinterlassen nichts als die dauernde Empfindung der Unfähigkeit zur Philosophie. Ich darf in dieser Absicht von Glück sagen, daß mir in Langes Geschichte, in Überwegs Logik und in Benekes Werken die rechten Bücher zur rechten Zeit in die Hände gefallen sind. Mein persönlicher Verkehr war in diesem Winter sehr beschränkt. Von dem Kneipleben hatte ich mich vollständig zurückgezogen. Genossen der philosophischen Studien fand ich nicht, und so war ich im wesentlichen allein mit mir selber, wobei ich mich übrigens durchaus nicht schlecht befand. Doch erinnere ich mich gern eines Erlanger Freundes, eines Juristen, mit dem ich öfter zusammenkam; wir lasen auch etwas Griechisch zusammen, die Wolken, Ritter und Frösche des Aristophanes. Das Sommersemester 1869 verbrachte ich in Bonn. Trendelenburg ließ mich, als ich mich von ihm verabschiedete, ziemlich unverhohlen[152] seine Mißbilligung dieses Entschlusses erkennen: er hatte recht, ich hätte in Berlin meine eben ernstlich begonnenen Studien fortsetzen sollen. Indessen der vorige heiße Sommer in Berlin war mir in allzu übler Erinnerung, und dazu kam eine unbestimmte Sehnsucht, noch etwas von deutschen Landen und Universitäten zu sehen; ich blieb also bei meiner Absicht. Und ich will nicht sagen, daß ich sie bereut habe, wenn auch das Bonner Semester hinter meinen Erwartungen vielfach zurückgeblieben ist. Vor allem gilt das von den Vorlesungen. Sie haben mir wenig geboten. Ich hörte Jürgen Bona Meyer über den Materialismus; es kam mir vor, daß er weder in der Darstellung noch in der Kritik von ferne F.A. Lange erreiche. Auch Useners Geschichte der griechischen Literatur bot mir wenig; es wurde eine Darstellung ihres »organischen Zusammenhangs« in Aussicht gestellt, aber alsbald wurden wichtige Glieder amputiert, so die philosophisch-wissenschaftliche Entwicklung. Die Aufzählung philologischer Arbeiten, schon gemachter und noch zu machender, war für den Fachphilologen vielleicht wertvoll, ich hätte gern darauf verzichtet. Und die Mühsal des freien, oft sich überhastenden peripatetischen Vortrags wurde auch peinlich. So blieb mir von größeren Vorlesungen, die ich leidlich regelmäßig hörte, nur Bernays über Lukrez, mit einer Einleitung über die Philosophie bei den Römern. Er las nachmittags von 3 bis 4 Uhr, im Sommer und in Bonn nicht eine günstige Stunde; die von Anfang an nicht große Zahl der Hörer sank bald auf 4 oder 5; Lukrez-Bernays vermochte die Konkurrenz mit dem Rhein und dem Siebengebirge nicht auszuhalten. Der Abfall wirkte wieder ungünstig auf den Vortrag; man hatte die Empfindung, daß der berühmte, wohl auch etwas eingebildete Gelehrte es eigentlich unter seiner Würde fand, die Perlen seiner Wissenschaft den wenigen und dazu wechselnden Zuhörern vorzulegen; vor allem machte die Art des Schlusses der Vorlesung den Eindruck: kaum begann die Uhr, die im Auditorium hing, zu schlagen, so hörte er mitten in der Darlegung auf und verließ den Saal, als ob er es bereue, schon so viel Zeit mit uns verloren zu haben. Viel anziehender war Sybels Vortrag über die Geschichte des 18. Jahrhunderts. Er las vor einem großen Kreise; seine klare Darlegung der jeweiligen politischen Situation war ebenso aufklärend wie seine Charakteristik der handelnden Personen anziehend und eindringlich; ich erinnere mich besonders Friedrich II. und Katharina II. von Rußland.[153] Auch Aegidi hörte ich hier wieder, er las ein Kolleg über den Zollverein, mit lebhaftestem nationalem Pathos, das mir nicht immer im rechten Verhältnis zur Sache zu stehen schien. Eine Karte an ihn habe ich nicht abgegeben: ich konnte eine gewisse Scheu und Unbeholfenheit zu meinem Schaden nicht überwinden. Ein Publikum über Horaz' Satiren bei Heimsoeth entsprach meiner alten Neigung für den Dichter. Clausius Wärmetheorie führte mich in die Betrachtungsweise der modernen mechanistischen Physik ein, wenn ich denn auch an der mathematischen Entwicklung bald scheiterte. Endlich habe ich in diesem Sommer noch einen Anlauf genommen, bei Gildemeister das Sanskrit zu erlernen; mein Interesse für die Sprache des fernen Ostens, zugleich des fernen Altertums, war durch Steinthal erregt worden. Ich habe es bis zum Lesen, d.h. zum Lesen der Wörter gebracht; dann sah ich: ein wirkliches Studium würde mich mehr Zeit und Kraft kosten, als ich für eine Liebhaberei, denn in diesem Licht stellte sich mir die Sache dar, zur Verfügung habe, und ließ die Sache fahren. Der Schwerpunkt meiner Arbeit lag während des Bonner Semesters in dem Studium Platos. Ich hab dort an der Hand der Nachschrift der Bonitzschen Vorlesung und mit Benutzung von Schleiermacher, Hermann und der Überwegschen Preisschrift über die Echtheit der Platonischen Schriften die lange Reihe der Dialoge sehr aufmerksam mit der Feder in der Hand durchgelesen, mit großem Gewinn für meine Lesefähigkeit: die Nötigung, Inhalt und Gliederung, die bei dieser Darstellungsform nicht wie bei der systematischen dem Leser mühelos dargeboten werden, durch genauestes Achten auf den Fortgang des Gesprächs und die kleinen Winke über Bedeutung und Zusammenhang der Teile, die nicht ganz fehlen, selbsttätig herauszubringen, ist eine unvergleichliche Erziehung zu aufmerksamem Lesen. Die Sprache, die mir vor einem Jahre noch als ein fast unübersteigliches Hindernis erschienen war, machte mir bald keine Mühe mehr, ich las den Text so gut wie ohne Unterstützung durch Lexikon oder andere Hilfe zu großer Genugtuung für mein philologisches Selbstbewußtsein. Mein Umgang in Bonn wurde wesentlich durch die alten burschenschaftlichen Beziehungen bestimmt. Ich besuchte öfters das »Schänzchen«, die herrlich am Rhein gelegene Kneipe der Alemannen. Ein kleiner Kreis von Auswärtigen, die hier verkehrten, darunter meine beiden Rheinländer aus Erlangen, schloß sich enger aneinander und bildete eine besonders lebhafte Ecke. In diesem Kreis fand sich auch[154] öfter ein etwas älterer Mann ein, Dr. Carl Göring, er hat sich später in Leipzig habilitiert und als Verfasser eines Systems der kritischen Philosophie bekannt gemacht. Wir haben manchen Abend über philosophische Probleme tiefsinnig disputiert, als dritter gesellte sich meist der Westfale, Osthoff, jetzt Professor der vergleichenden Sprachwissenschaft in Heidelberg, dazu. Göring hatte eine eigentümlich trockene, etwas sarkastische Art, die sich dem Jüngeren wohl auch als Überlegenheit fühlbar machte. Daß er im Grunde eine melancholisch angelegte Natur war, fühlten wir wohl auch damals schon; für harmlose Fröhlichkeit hatte er wenig Sinn, eher einmal für einen starken Trunk. Ich hab ihn zum letztenmal gesehen, als er mich als Kollegen d.h. als jungen Privatdozenten in Berlin wieder aufsuchte. Bald darauf hat er seinem Leben durch eigene Hand ein Ziel gesetzt. Daß es an Ausflügen in die schöne Umgebung nicht fehlte, ist selbstverständlich. Der Kreuzberg, Endenich, Kessenich, Godesberg waren die gewöhnlichen Tagesspaziergänge, das Siebengebirge der übliche Sonntagsausflug. Öfters habe ich auch einsam am frühen Sonntagmorgen die Wanderung zur Löwenburg angetreten, wo beim Förster Mittagsstation gemacht wurde. Über die Wolkenburg oder den Ölberg ging der Weg zurück. Nicht selten wurde ein Kahn genommen und von ihm aus im Rhein gebadet; ich bin wiederholt, halb dem Strome folgend, von einem Ufer zum andern geschwommen; es kam mir jetzt zugute, daß ich in Erlangen in der seichten Regnitz allein durch an haltende Versuche das Schwimmen gelernt hatte. In Bonn ist mir auch erst der Blick für das katholische Wesen aufgegangen. Auch von Erlangen aus wäre Gelegenheit gewesen, es zu sehen, in Bamberg und noch näher in den nördlich angrenzenden Dörfern; ich hab aber kaum etwas davon gemerkt. Am Rhein dagegen gewann ich den Blick dafür. Auf dem Kreuzberg hatten die Jesuiten damals eine Niederlassung; mit einem eigentümlichen, mit Abneigung und Scheu gemischten Interesse wurden die fremdartigen Gestalten betrachtet. Ich hab auch einmal einen der Väter predigen hören; seine klare, sachliche und eindringliche Darlegung rein praktischen Charakters war nicht übel, die Abwesenheit der abgestandenen Dogmatik und des gewohnten Kanzeltons war mir besonders überraschend; ich hatte eher erwartet, diese Dinge gesteigert hier anzutreffen. Natürlich wurde auch die Messe im Dom gelegentlich besucht. Die katholische Umgebung machte sich übrigens auf Schritt und Tritt bemerklich. Meiner[155] Wohnung, die nach dem Garten ging, gegenüber lag das Franziskanerkloster, das durch häufiges und frühes Läuten zuweilen beschwerlich wurde. Auf den Landstraßen sah ich mit Erstaunen die Weiber ihre Rosenkränze beten; die Öffentlichkeit und Geschäftsmäßigkeit, womit die Sache verrichtet wurde, war dem Protestanten nicht minder überraschend als jener Weltton in der Predigt des Jesuiten. Der Protestantismus ist Religion des einzelnen, der Katholizismus Volksreligion; jene sucht die Verborgenheit, diese die Öffentlichkeit. Dort hat auch der öffentliche Gottesdienst einen privaten, weltfremden Charakter, ganz wie der Kanzelton des lutherischen Predigers alten Schlages, die Kirche steht völlig außerhalb des alltäglichen Weltgetriebes, eine Welt für sich. Der katholische Gottesdienst hat viel von dem Charakter eines Volksfestes; er stellt sich als ein durchaus Zugehöriges mitten in die Welt hinein, selbst die Straße nicht scheuend: mit Erstaunen sah ich am Fronleichnamstag hier zum erstenmal die Ausschmückung der Straßen mit improvisierten, blumenbekränzten Altären, die Umzüge mit Gesang und Prunk jeder Art. In meiner Heimat wäre das alles als Profanierung empfunden worden, schon ein Blumenschmuck des Altars undenkbar; eingesperrte Luft und ein gewisser muffiger Geruch schien zur Feierlichkeit der Kirche wesentlich zu gehören. So seltsam paradox ist die Wirklichkeit: das Luthertum, das nach der üblichen Rede die Religion in die Welt geführt und den Gottesdienst mit dem Leben und den Berufsaufgaben versöhnt haben soll, hat tatsächlich zur völligen Entfremdung und Isolierung der Kirche gegen das wirkliche Leben geführt; wogegen die alte Kirche, trotz aller Überweltlichkeit, in Wahrheit sich in der Welt auf das vollkommenste heimisch gemacht hat, mit tausend Fäden das Gewebe ihres Lebens durchdringend und umspinnend. Zwei etwas größere Ausflüge haben mich, der eine zu Pfingsten in die Eifel, der andere am Schluß des Semesters bis Heidelberg geführt. Auf dem ersten hatte ich Freund Bungeroth zum Begleiter; wir sind das Ahrtal hinaufgewandert, über Höhen und Täler bis Adenau hinauf, unter mannigfachsten krausen Disputen: er war im Begriff, zum orthodoxen Theologen sich zu entwickeln, ich stellte meine Philosophie dagegen, die eben erste Umrisse zu gewinnen begann. Durch das Brohltal und über den Laacher See ging's wieder abwärts zum Rhein, von wo aus er seinen Weg zu Fuß nach Altenkirchen zu den Eltern einschlug; ich kehrte zu meinem Plato nach Bonn zurück. Die zweite Tour[156] hab ich einsam machen müssen, es fand sich kein Begleiter, auch wegen des Stiftungsfestes der Alemannen, das in diesen Tagen gefeiert wurde. Ich fuhr mit dem Dampfschiff an Oberwesel vorüber, wo eben die Genossen das Fest begingen, dem ich auswich; in Bingen stieg ich aus und ging über Rüdesheim durch den Rheingau nach Mainz. Die Römererinnerungen wurden hier aufgesucht; dann ging's nach Frankfurt, wo mich die Paulskirche besonders anzog: die Erinnerung an sie war in der Burschenschaft noch recht lebendig. Hans v. Raumer hatte der Bubenruthia angehört. An der Bergstraße hingehend, blieb ich in Auerbach die Nacht: mir ist in lebhafter Erinnerung, wie mir beim Auerbacher Rotwein sentimental zumute wurde: ich dachte an meine Einsamkeit und träumte von einem Gefährten oder einer Gefährtin, mit der ich platonische Gespräche führen könne. In Worms sah ich im Vorübergehen den Dom und den Luther mit seiner Umzäunung; dann fuhr ich nach Mannheim, von wo mir außer der Selbstgerechtigkeit der gleichgewachsenen Häuser und Straßen nur die Stimme eines badischen Majors im Gedächtnis geblieben ist, der in breitestem Dialekt an der Wirtstafel seine Weisheit zum besten gab. In Heidelberg sah und hörte ich Zeller und Treitschke zum erstenmal, mit denen mich später in Berlin der Beruf täglich zusammenführen sollte. Zeller diktierte seine Psychologie einer kleinen schläfrigen Schar in die Feder, es war freilich bei ausgehendem Semester; Treitschke riß seine Zuhörer durch das wuchtige Pathos seines Vortrags zu leidenschaftlicher Teilnahme hin, dem, der zum erstenmal seine monoton-hohle Stimme hörte, fast zum Erstaunen. Ich hab ihn nur noch einmal eine Reihe von Jahren später in Berlin gehört: unglücklicherweise behandelte die Vorlesung gerade englische Verhältnisse; mir wurden die Invektiven, mit denen er in blindem Haß englische Philosophie und Denkweise überschüttete, so unerträglich, daß ich den Hörsaal verließ. Sein unbändiges Temperament machte ihn für historische Gerechtigkeit in einem ganz ungewöhnlichen Maße unfähig; es gab für ihn nur zwei Kategorien: für und gegen die gute Sache; und gegen das, was gegen die gute Sache d.h. nur die preußische Sache war, war alles erlaubt. Womit eigentlich England seinen inbrünstigen Haß sich zugezogen hatte, ich weiß es nicht: er kannte keine Grenzen. Ich höre noch, wie er bei der Kunde von dem Fall Chartums und dem Tode Gordons im Sprechzimmer der Berliner Universität in laute Jubeltöne ausbrach: so sei es recht und so müsse es jedem ergehen! Da er taub war, war es unmöglich,[157] ihm zu erwidern: er hörte immer nur sich selbst, und das steigerte die Maßlosigkeit seiner Affekte. Auf der Rückreise nach Hause besuchte ich noch Düsseldorf, wo ich in einer bescheidensten Herberge, das Geld ging zur Neige, mit einem Handwerksgesellen das Zimmer teilte, und Elberfel-Barmen, wo eben die Wuppertalfestversammlung stattfand, von der ich freilich keine Erinnerung mitgebracht habe als die, daß mir die dortige Beredsamkeit einen recht fatalen Eindruck machte. Durch die Nacht zwischen feurig rauchenden Schornsteinen im Land der deutschen Großindustrie hinfahrend, kam ich endlich erschöpft in Altona an, von wo ich am folgenden Tage nach langweiliger Eisenbahn- und Postfahrt die Heimat erreichte. So endigte mein Bonner Semester. An die Ferien hab ich keine deutliche Erinnerung; doch weiß ich, daß ich darin die Platonische Republik, die ich im Sommer nicht mehr bewältigt hatte, mit großem Interesse las, ich habe die Exzerpte noch, in denen ich mir den Inhalt befestigte, und des Lucretius 6 Bücher De rerum natura: ich war in Bonn nicht dazu gekommen. Ferner die Ethik des Aristoteles, die für Trendelenburgs Übungen auf dem Programm stand. Auch Bernhardys Literaturgeschichte, die ich mir mit zahlreichen andern Büchern auf der Welckerschen Auktion gekauft hatte, war in meinen Händen. Im Wintersemester 69/70 war ich wieder in Berlin. Unter den Vorlesungen, die ich hörte, ist mir am meisten die von Bonitz über Aristoteles von Wert gewesen: sie war mir wegweisend für ein ausgedehntes Studium von dessen Schriften wie früher die Vorlesung über Plato. Seine Darstellung des Lebens und der Schriften des Philosophen war ebenso orientierend wie seine gelegentliche Kritik scharf und anregend; Bonitz war keineswegs wie Trendelenburg ein unbedingter Bewunderer des Aristoteles; er hatte zuviel moderne Gedanken, namentlich auch mathematisch-naturwissenschaftliche, in sich aufgenommen, um mit den Begriffen von Wirklichkeit und Möglichkeit alle Dinge konstruieren zu können. Steinthals Vorlesung über Enzyklopädie der Philologie war eine in mancher Hinsicht belehrende, wenn sie auch an anregender, suggestiver Wirkung hinter der Einleitung zurückblieb. Droysens neueste Geschichte erreichte nach meiner Empfindung nicht die letzten bewegenden Triebkräfte; mit viel schauspielerischem Pathos vor getragen, schauspielerisch auch darin, daß er sich den Schein gab, frei zu sprechen, tatsächlich aber von kleinen Blättern ablas, war es in der Hauptsache eine[158] Zusammenstellung der Haupt- und Staatsaktionen aus der trübseligen Zeit der heiligen Alliance. Die jüngste, zukunftsreiche Entwicklung, die mit Cavour-Bismarck eingesetzt hatte, kam überhaupt, soviel ich mich erinnere, nicht mehr zur Darstellung. Mehr befriedigte mich ein Publikum bei Erdmannsdörffer über die französische Revolution durch seinen schlichten Ton und seine sachlich eindringende Analysis. Die Übungen bei Trendelenburg, die Ethik wurde behandelt, wurden wieder aufgenommen, ich fühlte mich jetzt recht sicher darin. Auch an Übungen über Kants Kritik bei Harms habe ich mich beteiligt; sie waren wenig ersprießlich, die Abschnitte wurden verteilt an Referenten, die in der Stunde dann ein schriftliches Referat vom Katheder herab vorlasen; eine Verhandlung darüber war schon wegen der Schwerhörigkeit des Professors so gut wie ausgeschlossen. In diesen Übungen habe ich, wenn ich mich nicht irre, G.E. Müller, jetzt seit langem Professor in Göttingen, zuerst kennen gelernt. Das Hauptgericht auf der Tafel dieses Semesters war Aristoteles. Ich hab eine beträchtliche Zahl seiner Schriften durchgearbeitet und exzerpiert, sehr genau die Ethik in den drei Überlieferungen, von der ich eine bis ins einzelste gehende Disposition in lateinischer Sprache anfertigte, die ich noch besitze: ich dachte daran, einmal eine kommentierte Ausgabe zu machen, die sich neben Trendelenburgs Psychologie und Bonitz Metaphysik stellen sollte; ich achtete daher auch auf Lesarten, sammelte fremde und eigene Verbesserungen des Textes, machte Observationen über den Sprachgebrauch usw. Ich bin nicht dazu gekommen, die Sachen zu verwerten, aber die intensive Beschäftigung mit der Aristotelischen Ethik ist nicht vergeblich gewesen: sie hat mich eine der großen Grundformen der Konstruktion der sittlichen Welt kennen gelehrt, die Form, die ich schließlich für die einzig wahre halte: die einer teleologischen Lebenslehre. Außer der Ethik hab ich die Politik und die Rhetorik und Poetik genau durchgearbeitet, ich meine auch die Psychologie und die Analytik; die Metaphysik hab ich in den folgenden Osterferien studiert. Während des Semesters hatte ich mir längere Zeit aufgegeben: täglich ein Buch; ich habe öfter bis tief in die Nacht hinein über meinem Pensum gesessen, in erkalteter Stube, mit allen Mitteln der Umhüllung mir die notwendige Wärme erhaltend. Außer dem Aristoteles las ich Kants Kritiken und Schleiermachers Ethik. Auf letztere führte wohl Bonitz, der auf Schleiermachers Kritik der Sittenlehre mit Nachdruck hinwies; an die Ethik schloß sich die Dialektik,[159] die mir von Überweg her empfohlen war. Kants Werke hab ich mit heißem Bemühen durchgearbeitet; aber, ohne rechte Hilfe gelassen, habe ich es über ein nächstes und äußeres Verständnis nicht hinausgebracht; ich erinnere mich noch, wie ich in den Übungen das Kapitel vom Schematismus behandelte, zur Zufriedenheit des Lehrers, aber nicht zu meiner eigenen: ich hatte die sicherste Empfindung, keineswegs einzusehen, worauf denn diese Formeln eigentlich abzielten. Auch mit der Kritik der praktischen Vernunft ging es mir nicht besser; ich verstand wohl die Worte, aber der Sinn in seinem großen Zusammenhang wollte sich mir nicht ergeben. Amazon.de Widgets Als ich im April 70 aus den Ferien, die noch dem Aristoteles wesentlich gehört hatten, nach Berlin zurückkehrte, harrten meiner große Enttäuschungen: Trendelenburg und Steinthal, auf welche beiden ich vorzugsweise gerechnet hatte, waren beide erkrankt und abwesend. Unter diesen Umständen hielt ich den Sommeraufenthalt in Berlin, der mir ohnehin nicht verlockend vor Augen stand, für unmotiviert. Ich packte, auch von meinem Zimmer nicht eben befriedigt, meine Siebensachen zusammen und ging, es wird im Mai gewesen sein, nach Kiel. Was den Ausschlag für Kiel gab, war nicht die Universität, sondern vielmehr ein Freund, der dort am Gymnasium als Lehrer angestellt war, mein Freund Reuter, von dem zu reden schon längst Anlaß gewesen wäre. Es war bei der Rückkehr von meinem ersten Erlanger Semester, im Herbst 66, nachdem eben der Krieg sein Ende gefunden hatte: ich kam von Kassel, wo das verschlossene und leerstehende Wilhelmshöhe von der Umwälzung in Deutschland erzählt hatte. Man hatte mir in Erlangen gesagt: in Altona halte sich ein Philister Reuter vom Jahrgang vor meiner Ankunft auf, den ich unbedingt aufsuchen müsse. Ich hab ihn zum erstenmal im Hause von Reinkes in der Palmaille gesehen, wir sind dann ein paar Abende im Wirtshaus zusammen gewesen, zum Teil mit alten Mitschülern von mir, die noch auf die Schule gingen und die er sehr kurz und schneidig behandelte. Einem, der, etwas angetrunken, wiederholt darauf drang, ihm vorgestellt zu werden, sagte er z.B.: Herr, lassen Sie sich lieber etwas zurückstellen. Mir imponierte seine Art, die den alten, seiner selbst sicheren Studenten überall noch durchblicken ließ, und die doch zugleich den Studenten schon abgestreift und männliches Wesen angenommen hatte. Er war damals als junger Lehrer an einer Privatschule mit Internat, die vor allem auch von Ausländern oder im Ausland geborenen jungen Leuten besucht wurde:[160] die Bändigung der Wildlinge war eine ebenso interessante als übende Aufgabe für einen jungen Lehrer, sie gelang ihm vortrefflich. Für mich ist diese Begegnung von ungemeiner Bedeutung geworden. In jeder Hinsicht mir überlegen, ist mir Reuter, den, ich weiß nicht, was von Anfang an zu mir hinzog und mich festzuhalten bestimmte, zu einem wahren Mentor geworden, dem ich unschätzbar viel verdanke. Er dämpfte einerseits durch seine sichere Überlegenheit als Charakter und als Gelehrter mein noch von der Schule herstammendes Selbstbewußtsein, indem er mir, ohne es zu wollen, meine Blöße als Student überall zur Empfindung brachte, ich wäre ihm manchmal gern ausgewichen, um des Gefühls der Scham ledig zu sein; andererseits wußte er wieder mein Pflichtgefühl zu wecken und mein Selbstvertrauen zu heben: es hatte zeitweilig einen sehr bedenklichen Tiefstand erreicht; ich hab wohl einmal, ehe ich in Berlin festen Boden gewann, daran gedacht, das Studium, da es doch zu nichts führe, aufzugeben und in das elterliche Haus als Bauer zurückzukehren. Es ist daher auf alle Weise gerechtfertigt, von diesem meinem ersten und nächsten Freunde hier ein wenig eingehender zu handeln. Friedrich Reuter ist im Jahre 1843 in einem fränkischen Pfarrhaus, zu Martinsheim, nicht weit vom Main, wo dieser auf seiner ersten großen Schleife nach Süden Marktbreit erreicht, geboren. Sein Vater war früh gestorben; die tapfere Mutter hat es doch möglich zu machen gewußt, ihre zwei Söhne studieren zu lassen. Den älteren, meinen Freund, nahm das Alumneum zu Ansbach auf; unter dem Rektor Elsperger, der sich seiner besonders annahm, hatte er eine tüchtige Schulbildung erlangt. Im Jahre 1861 bezog er die Universität Erlangen, wo auch die Mutter ihren Wohnsitz nahm. Er trat in die Burschenschaft ein, wurde nach einem Semester konsiliiert, weil er einem unverschämten Studenten eine nach Aller Ansicht, auch der Richter, wohlverdiente Maulschelle gegeben hatte, ging mit einem Stipendium nach München und setzte hier ein Jahr lang das Studium der Philologie und Geschichte fort. Nach Erlangen zurückgekehrt, gewann er in der Verbindung bald eine bedeutende Stellung neben einem anderen Franken, dem Baireuther Renaud, dem Abkömmling einer Emigrantenfamilie, der später als Schulrat seine beste Kraft an die geistige Wiedereroberung des Elsaß gesetzt hat. Reuter und Renaud, das waren die beiden Namen, die mir, als ich in die Verbindung eintrat, wohl am häufigsten ins Ohr klangen, die beiden letzten »heroischen« Gestalten der Bubenruthia.[161] Zugleich Freunde und Konkurrenten, hatten sie immer um die erste Stelle gerungen, ohne daß je einer den Wert des andern zu verkennen oder herabzusetzen gedacht hätte. Renaud, der Poet, wurde mehr geliebt, Reuter, der Fechter, mehr gefürchtet, auch um der scharfen Zunge willen. Beide waren übrigens arm und verdienten sich den Unterhalt durch eigene Arbeit. Nach bestandenem Examen entschloß sich Reuter, die Heimat zu verlassen; die bayrischen Verhältnisse waren ihm zu eng geworden; er suchte das größere und freiere Leben des Nordens. Nachdem er in Altona sich die pädagogischen Sporen verdient hatte, wurde er durch L. Wieses Vermittlung in den preußischen Schuldienst übernommen. Er ist allmählich in Holstein völlig heimisch geworden: an drei Gymnasien, in Kiel, Glückstadt und Altona, hat er nacheinander gewirkt und viel Liebe ausgesäet. Als er, fast erblindet, seine letzte Stellung im Jahre 1901 aufgeben mußte, haben dankbare Schüler aus allen Orten des Landes und allen Jahrgängen sich zusammengetan, ihm ein Abschiedsgeschenk zu stiften. Er hat manchem armen Jungen die Vollendung der Schule und des Universitätsstudiums möglich gemacht; er hatte immer den einen und andern, dessen er sich mit besonderer Hilfe und Unterweisung annahm. Und auch sein Einkommen, er blieb unverheiratet, ging zu einem guten Teil denselben Weg. Reichte es nicht, so hielt er es auch nicht unter seiner Würde, bei wohlhabenden Leuten anzuklopfen und ihnen den Weg zu förderlicher Verwendung ihres Überflusses zu weisen. Und auch nach Absolvierung der Schule hörte seine Sorge nicht auf, ja man kann sagen: mit besonderer Freude nahm er sich seiner Studenten an; er beriet sie hinsichtlich der Studien und der Universität, er gab ihnen Briefe an die Professoren mit, jeden dem zuführend, bei dem er für ihn besondere Teilnahme und Förderung erwarten konnte. Seine Fäden waren dabei fast über alle deutschen Universitäten ausgespannt; er ließ nicht leicht eine Gelegenheit vorübergehen, eine Bekanntschaft zu machen, die in dieser Absicht einmal eine Anknüpfung zu verheißen schien. Und noch über die Universität hinaus ging diese hilfreiche Teilnahme: dem jungen Lehrer, der seine ersten Versuche machte, stand er mit Rat und Tat zur Seite; viele wendeten sich persönlich oder brieflich an ihn, um in ihren Nöten seine Stimme zu hören. Und für jede Schwierigkeit, für jede Verlegenheit war er zu haben: ich glaube, es hat wenig Menschen gegeben, denen es ein so intimstes Bedürfnis war, andern zu helfen und den Weg zu[162] weisen. Es wurde geradezu zur herrschenden Leidenschaft seines Lebens, einer Leidenschaft, die denn, wie alle Leidenschaften, auch einmal unbequem werden konnte. Die Kehrseite seiner Aufopferungsfähigkeit war die Strenge seiner Forderungen. Er gehörte durchaus nicht zu jenen weichlich-liebenswürdigen Naturen, die nicht weh tun können. Er konnte scharf und hart, ja, wenn er einmal Mißtrauen gefaßt hatte, unbarmherzig und selbst ungerecht werden. So zartfühlend und fein er in seinem Wohlwollen war, so rücksichtslos war er in seinem Zorn. Wo ihm Unwahrhaftigkeit oder Rücksichtslosigkeit oder gemeine Gesinnung entgegentrat, da haßte er mit der ganzen Leidenschaft seiner Seele. So war er als Kollege nicht gerade bequem. Zu jeder Hilfe, zu jeder billigen Verständigung bereit, lehnte er es doch durchaus ab, auf dem Fuß des: veniam damus petimusque vicissim, auf dem Fuß des Nachsehens und Gehenlassens, zu leben. Auch der Untergebene war nicht bequem, er hat seine ersten Direktoren, Bartelmann und Niemeyer, leidenschaftlich verehrt; er hat anderen schwere Stunden gemacht durch die entschiedene Weigerung, durch Leisetreten und Schweigen Ärgernis verhüten zu helfen. Und ähnlich mit den Schulräten: L. Wiese ist er bis ans Ende anhänglich geblieben, er wußte die ruhige Sicherheit, die mitis sapientia des Mannes, wie sie ihm im Verkehr mit den Schülern entgegengetreten war, nicht genug zu rühmen. Wo er aufgeblasener Amtsmiene, hohlem Besserwissenwollen begegnete, da regte sich in ihm der alte Burschenschafter, und er wog die Worte nicht aufs ängstlichste ab. Hat er doch noch als Oberlehrer ein paarmal Leute, die ihm quer kamen, vor die Klinge gefordert. Überhaupt: sein ganzes Wesen war Entschiedenheit; für oder wider, nicht das schwächliche Mittelmaß, warm oder kalt, nicht fade Lauheit. So der Charakter dieses Mannes. Von seiner geistigen Bedeutung empfing jeder, der ihm persönlich begegnete, einen starken Eindruck. Er war in der Unterhaltung, wenn er seinen guten Tag hatte, geistsprühend, voll treffender und eigentümlicher Wendungen, seine Sprache ungemein gedrängt und besonders, so daß es nicht immer leicht war, ihn zu verstehen. Er war ein ungemein scharfer Beobachter fremder Eigentümlichkeit, auch ihrer Schwächen, deren denn der Witz nicht immer schonte. Ein erstaunliches Gedächtnis stellte ihm Erinnerungen, Erlebnisse, Geschichten, Anekdoten, besonders auf Personen und Persönliches sich beziehende, in lebendigster Frische vor Augen, er erzählte,[163] wie wenn er jetzt Gegenwärtiges beschriebe. Dabei hatte er eine wahre Unersättlichkeit des Lernens; wo er jemand begegnete, der etwas Besonderes hatte oder wußte, es mochte ein Gelehrter oder ein Handwerker, ein Bauer oder ein Matrose, ein Einheimischer oder ein Fremder sein, da begann er alsbald, ihn zu befragen nach beruflichen und gesellschaftlichen, nach allgemeinen und persönlichen Verhältnissen. So hatte er in Kiel als junger Lehrer alle möglichen Vorlesungen gehört, philologische und historische, juristische und philosophische, um die Lücken seines Wissens, wegen deren er oft in leidenschaftlichen Ausdrücken seine verlorene Studienzeit anklagte, auszufüllen. In der Tat war er auf erstaunlich vielen Gebieten versiert, und sein ausgezeichnetes Gedächtnis stellte ihm den reichen Schatz des Erworbenen mühelos zur Verfügung. Seine Fähigkeit der Auffassung des Persönlichen und sein unermüdlicher Spürsinn hätten ihn zu einem hervorragenden literar-historischen Forscher gemacht, wenn ihm mehr Freiheit und die Gabe der Konzentration gegeben gewesen wäre. Seine Arbeiten zur Geschichte der Burschenschaft, über Rückert und Platen lassen die Eigenschaften des Schriftstellers erkennen, noch mehr seine Erstlingsschrift über Bartelmann (in 3 Kieler Programmen): die Freude am Sehen und Suchen, die Neigung, an jedem Punkt bis ans Ende zu gehen, immer wird er von einem zum andern und so weitergeführt, und der damit zusammenhangende Mangel an Beschränkung und Abrundung. Er kam auch in seiner leidenschaftlichen Liebhaberei für Bücher- und Briefesammeln zutage. Er selbst pflegte sich über den Mangel methodischer Schulung des Denkens und Arbeitens von der Universität her zu beklagen. Es war aber kein zufälliger Mangel; er hing mit dem Sprunghaften seiner Natur eng zusammen; er konnte nicht, in spanische Stiefel eingeschnürt, gelassen die Gedankenbahn hinschreiten. Das rasche, divinatorische, die Mittelglieder überspringende Kombinieren war seine Stärke. Es war zugleich seine Schwäche: aus geringfügigsten, zufälligsten Symptomen liebte er weitgehendste Schlüsse zu ziehen; die entferntesten Gegenstände wurden in Beziehung gebracht. Es fehlte seinem Denken nicht an Scharfsinn und Energie, aber an Nüchternheit, an Fähigkeit, die Dinge einfach zu nehmen wie sie sind; er trug nicht selten die wunderlichsten Phantasmen hinein. In der Verbindung hatte er den Spitznamen: Don Quichote. Und seltsam, seine Schüler in Kiel kamen bald auf denselben Namen. Die lange, hagere Gestalt, der Spitzbart, die aufgerissenen Augen mochten darauf führen.[164] Ebenso sichtbar war aber die innere Verwandtschaft: die Neigung zu phantastischer Interpretation, der heldenhafte Idealismus, der, unbekümmert um die eigenen Interessen, allein die großen Dinge für würdige Ziele des Willens hält. Endlich teilte er mit ihm auch die Eigenschaft, die nach Ablegung des Rittertums und der Abenteuerlust als das eigentliche innerste Wesen des sinnreichen Junkers übrigbleibt: nennt mich nicht mehr Don Quichote de la Mancha; nennt mich Don Alonzo der Gute. Ich kehre zu dem Anfang unserer Beziehungen zurück. Wann wir nach jener ersten Begegnung uns wiedergesehen haben, weiß ich nicht bestimmt, vermutlich in den Osterferien 68, wo eines Abends Reuter und ein zweiter Erlanger in Langenhorn ankamen, um mich zu besuchen. Der unvermutete Besuch brachte im Elternhaus nicht wenig Unruhe und Unbequemlichkeit hervor; auf Nachtgäste war das Haus überhaupt nicht eingerichtet. Aber es mußte gehen. Am folgenden Tage entschlossen wir uns rasch zu einer Exkursion nach Föhr; wir fuhren am Abend nach Dagebüll, tranken, da die Flut noch nicht da war, viel Teepunsch und kamen endlich in langer nächtlicher Fahrt im offenen Ruderboot nach Wyck, durch Kälte und Nässe von der Wirkung des im Krug zu Dagebüll getrunkenen Punsches befreit. Es war auch meine erste Meerfahrt, obwohl wir nur eine Stunde von der See wohnten und der Vater von den Halligen stammte. Im Winter 68/69 begann unsere Korrespondenz, die bis auf diesen Tag keine Unterbrechung erfahren hat. Ich mußte ihm jetzt von meinen Vorlesungen erzählen, auch wohl meine Nachschrift von Steinthals Vortrag schicken, der ihn nicht weniger als mich interessierte. Ostern 69 waren wir in Langenhorn wieder beisammen und lasen Platos Timäus, ebenso Ostern 70, wo wir den Prometheus des Äschylos lasen. Wann ich ihn in Kiel zuerst besucht habe, weiß ich nicht mehr, vermutlich Herbst 69; später war es Regel, daß ich, wenn ich von Berlin in die Heimat kam, erst ein paar Tage in Kiel blieb: ich ging nie ohne das Gefühl der Förderung in der einen oder anderen Hinsicht von ihm. So war es denn natürlich, daß ich auch im Mai 1870, als ich Berlin verließ, meine Schritte nach Kiel lenkte. Ich bin dort bis in den Herbst geblieben; es ist wohl kaum ein Tag vergangen, wo wir uns nicht sahen, meist schon bei Tisch, im Landhaus, wo ein kleiner Kreis jüngerer Lehrer und Studierender speiste, sonst auf kleineren oder größeren Spaziergängen, die meist über die Koppeln in der Richtung auf Düsternbrook,[165] Holtenau oder Knoop gemacht wurden, wir haben hier manche Stunde im Grase gelegen, geplaudert und in die blaue Ostsee hinausgeblickt; oder endlich am Abend im Seebad bei Düsternbrook. Und so wird es nicht viel Gegenstände im Himmel und auf Erden gegeben haben, die damals nicht unsere immer rege Gesprächslust gestreift hätte. Ich fing allmählich an, in der Philosophie ein Gebiet zu gewinnen, wo ich ihm auch etwas bieten konnte; er blieb in der Geschichte und Philologie der Gebende, wo mir auch seine schon damals rasch wachsende Büchersammlung zur Verfügung stand. Von der Universität hatte ich nicht viel, wie ich es denn auch nicht erwartete. Ich ließ mich gar nicht erst immatrikulieren, sondern besuchte so gelegentlich diese oder jene Vorlesung. So z.B. bei dem alten Hegelianer Thaulow; er galt als komische Figur, und er war es. In einer Aristotelesvorlesung (oder war es die Pädagogik, die ihn auf Aristoteles führte?), behandelte er mit breiter Zustimmung die Lehre des Philosophen über das richtige Alter bei der Heirat. Ich hatte wohl ein wenig die Empfindung, daß wir eigentlich die Plätze tauschen sollten: er auf die Bank und ich auf das Katheder. Seine Kenntnis der griechischen Sprache reichte nicht zur sicheren Unterscheidung von ????? und ?????? aus. An Dilthey, der eben von Basel nach Kiel gekommen war, hatte ich eine Empfehlung von Harms. Ich besuchte ihn in seiner Wohnung am kleinen Kiel und wurde freundlich empfangen. Er lud mich ein, an seinen Übungen über Spinoza teilzunehmen, was ich auch einige Wochen hindurch getan habe. Wir kamen zu viert in seiner Junggesellenwohnung zusammen, es wurde eine Tasse Tee gereicht und dazu gelesen, in der Form, daß einer nach dem andern ein paar Lehrsätze las und übersetzte und den Beweis dazu gab. Ich hab nicht viel Förderung davon gehabt; freilich waren die Teilnehmer zu einem Mehreren kaum imstande; eine umfassende, auf den Gehalt und Zusammenhang im großen gerichtete Lektüre wäre über die Kräfte gegangen. Auch die Vorlesung Diltheys über Geschichte der neueren Philosophie besuchte ich ein paar Wochen lang, ohne rechte Befriedigung zu finden; es schien mir an energischer Hervorhebung der großen und dauernden Gedanken zu fehlen, wogegen gern auf Widersprüche im einzelnen hingewiesen wurde; ich erinnere mich, wie in Spinozas amor intellectualis Dei ein »ganzes Nest von Widersprüchen« aufgedeckt wurde. Ich hab mich nie davon überzeugen können, daß dabei für den Hörer oder[166] angehenden Jünger der Philosophie etwas herauskommt, so wenig als bei Überwegs kritischen Anmerkungen. Meine Hauptarbeit in Kiel galt Lotze; daneben hab ich Herbarts Ethik und Psychologie gelesen. Auf Lotze bin ich vielleicht durch G.E. Müller hingeführt worden, jedenfalls war dieser von Berlin nach Göttingen gegangen, um Lotze zu hören. Ich hab den Mikrokosmos mit großem Eifer durchstudiert und exzerpiert; in einem dicken Oktavheft, das ich beständig in der Tasche trug, habe ich noch die Auszüge; ein solches Heft wurde mir jetzt zur Gewohnheit, es nahm alles Bemerkenswerte, Fremdes und Eigenes auf. Lotze hat einen nicht unerheblichen Einfluß auf meine Denkweise geübt; die idealistische Metaphysik ist mir durch ihn erst aus einem möglichen Denken zu einer wirklichen Überzeugung geworden, der »Glaube«, in dem Humeschen Sinne des Wortes, kam zu der bloß logischen Ansicht hinzu. Herbart, den ich daneben las, hat für mich immer etwas Abstoßendes behalten; ich fand bei Lotze in so viel höherem Maße Einheit und sinnvollen Zusammenhang. Herbarts gewalttätige Zweifelsucht war mir ebenso peinlich als der dann unvermittelt eintretende, ebenso gewalttätige Dogmatismus der Lehre von dem Realen. Amazon.de Widgets Außer den philosophischen Studien hab ich in dem Kieler Sommer nationalökonomische und sozialwissenschaftliche begonnen. Mit Roschers Werk fing ich an; vor allem hat mich der zweite Band, die Nationalökonomik des Ackerbaus, interessiert; hier brachte ich lebendige Anschauungen in Fülle mit. Schleiermachers Politik führte auf die moderne Staatslehre. Zugleich versuchte ich, mir von der Verfassung und Verwaltung des preußischen Staats einige Anschauung zu verschaffen, welche Bemühung ohne rechte Hilfen freilich ohne rechten Erfolg blieb. Auf der Universitätsbibliothek, die mir der alte Ratjen in liberalster Weise öffnete, hab ich in den Büchersälen manche Stunde zugebracht, um mir unmittelbar von den Büchern literarische Orientierung zu holen: ein umständliches und nicht recht zum Ziel führendes Verfahren. Daneben wurde das Neue Testament und die neutestamentliche Zeitgeschichte von Hausrath fleißig studiert. Auch die Nibelungen hab ich damals zuerst gelesen. Ich halte es doch der Anmerkung für wert, daß ich in Kiel mir alsbald das Rauchen abgewöhnte. Da ich keine Vorlesungen besuchte, saß ich den ganzen Vormittag von früh an bei der Arbeit; und da ich nach alter Gewohnheit zu Hause Pfeife oder Zigarre rauchte, so war das[167] Zimmer bald voll Rauch. Als ich davon ein gewisses Unbehagen und eine Verminderung der Schärfe des Aufmerkens spürte, sagte ich mir, an Aristoteles Ethik und die der Vernunft gebührende Herrschaft denkend: dem muß ein Ende gemacht werden. Und da ein vollständiges Ende wahrscheinlich leichter durchzusetzen ist als eine Beschränkung im Genuß, so ist das vorzuziehen. Ich kaufte mir nun ein Dutzend Zigarren, stellte sie auf den Tisch und sagte mir: die nächsten acht Tage wirst du keine rauchen; ist's dann nicht mehr auszuhalten, so stehen sie bereit. Nach 8 Tagen verlängerte ich den Termin wieder um 8 Tage, dann nochmals, und nun fühlte ich mich hinlänglich Herr der Situation, um den Tabak dauernd zu entlassen. Später hab ich als Einjähriger wieder zu rauchen angefangen, die Kaserne und die Wachstube ist eine sehr dringende Aufforderung dazu; dann wurde es wieder abgeschafft. Als für meinen Freund die Schulferien kamen, ließen wir Kiel und die Bücher und zogen nordwärts; wir wanderten über Sehestedt an den Wittensee; am folgenden Tage weiter über Ascheffel und die Hüttener Berge auf Schleswig zu. Von der Höhe bei Oberselk übersahen wir am Spätnachmittag das Gelände, wo vor sechs Jahren die ersten Kämpfe zwischen Österreichern und Dänen stattgefunden hatten. Unten an der Schlei lag vor uns die erinnerungsreiche Hauptstadt des Landes mit dem Schloß Gottorp und dem Dom und rechts die alte Kirche von Haddeby. Von Flensburg zogen wir am anderen Nachmittag nach Glücksburg und weiter nach Holnis, wo wir im Fährhaus übernachteten, am Abend mit den Matrosen des Zollkutters Grog zechend und uns an den renommistischen Erzählungen eines unter ihnen, eines pommerschen Pastorensohns, ergötzend. Nachdem ein Frühbad in der heiligen Salzflut die Spuren des Abends weggeschwemmt hatte, gingen wir über Broacker nach Düppel hinauf, wo an der zwischen den Schanzen hinlaufenden Chaussee zahlreiche Gräber auf beiden Seiten ernste Erinnerungen an das Jahr 1864 wachriefen. Wir stiegen nach Sonderburg hinunter und saßen am Abend lange Zeit am Alssund, der Vergangenheit und der Zukunft gedenkend: denn hier erreichten uns die ersten Mitteilungen, daß die politischen Verhältnisse, die wir ganz friedlich glaubten, plötzlich sehr gespannte geworden seien. Am anderen Tage kamen wir nach langer, einsamer Wanderung durch die Insel, wir hatten eigentlich nach Apenrade fahren wollen, spät abends nach Sonderburg zurück, alle Welt sprach vom Krieg. Am frühen Morgen wurden wir durch lebhaftes Treiben auf der Straße[168] geweckt: von Frankreich sei der Krieg erklärt. Es war an meinem Geburtstag. Am Nachmittag ging ein Schiff nach Kiel; wir machten den Vormittag noch einen Gang nach den Düppeler Schanzen: in der Tat begannen die Armierungsarbeiten. Für unsere Ungeduld viel zu langsam, wir erwarteten, jeden Augenblick dänische Schiffe in den Sund einfahren zu sehen. Die fieberhafte Spannung der dänisch gesinnten Bevölkerung wirkte ansteckend. Am Nachmittag hörten wir auf dem Dampfer, der uns nach Kiel zurückbrachte, zum erstenmal die Wacht am Rhein: ein Reservist, der zum Regiment ging, sang die bisher nach Text und Melodie uns unbekannte Weise. Am nächsten Tage fuhr ich nach Langenhorn, meine Militärpapiere zu holen, um sie auf dem Bezirksamt Bordesholm zu produzieren. Es war ein bewegter Abschied von den Eltern: wir erwarteten natürlich, wenn auch kaum davon gesprochen wurde, die Einberufung. Da sie nicht kam, ging ich an einem der nächsten Tage mit einem Bekannten von Jena her (Jeß) auf das Bureau des 36. Regiments, das damals in Kiel in Garnison lag, um mich zum freiwilligen Eintritt zu melden. Auf die Frage des Arztes: ob ich einen Fehler hätte, erwiderte ich: daß ich nicht wüßte, abgesehen von einer Neigung zum Wundwerden der Füße, die mir beim Wandern oft peinvolle Stunden gemacht hatte. Der Arzt riet: dann möge ich lieber verzichten; auf dem Kriegsschauplatz, wohin wir nach kürzester Ausbildung abgehen würden, sei dem Heere mit Marschunfähigen nicht gedient. Vielleicht könne ich bei der Kavallerie Verwendung finden. Mein Freund wurde eingestellt und begegnete mir am folgenden Morgen schon in Uniform, das Gewehr über der Schulter, nach dem Exerzierplatz eilend. An einem der nächsten Tage machte ich mich nach Schleswig auf, wo Dragoner lagen; ich wanderte früh nach Eckernföhrde hinüber, an der von 49 her berühmten Bucht nach dänischen Kriegsschiffen vergeblich Ausschau haltend. In Schleswig angekommen, wurde ich nach Schloß Gottorp gewiesen, das jetzt Kaserne der Dragoner sei. Ich brachte mein Anliegen auf dem Bureau vor; der Feldwebel fragte kurz: »Haben Sie ein Pferd?« Ich sagte: »Nein.« »Dann können Sie nicht eintreten, jetzt müssen die Freiwilligen ein Pferd mitbringen.« Ich zog verzagt ab: jetzt ein Pferd beschaffen, erschien so gut wie unmöglich, wo überall die kriegstüchtigen Pferde ausgehoben wurden. Und woher das Geld im Augenblick nehmen? Nach Hause fahren und den Eltern sagen: Ich will mich als Freiwilliger[169] stellen; gebt mir das Geld zur Anschaffung eines Pferdes, das kam mir auch kaum möglich und auch dem Erfolg nach zweifelhaft vor. Sie würden vermutlich gesagt haben: Du kannst es auch abwarten, bis sie dich rufen. So geschah es, daß ich den Krieg, in dem so viele meiner Erlanger Freunde mitgefochten haben, nicht mitmachte. Ich blieb in Kiel mit gemischten Empfindungen: einerseits verdroß es mich, daß ich nicht dabei sein sollte, andererseits war es mir doch ein die Sache erleichternder Gedanke, daß ich nun die Studien, die ich in kurzem zu einem Abschluß zu bringen hoffte, nicht abzubrechen brauchte. Als der Luxemburger Handel den Frieden ernstlich bedrohte, hätte ich viel darum gegeben, daß es zum Kriege gekommen und ich dadurch einstweilen aus den Nöten der Studienmüdigkeit oder -verzweiflung herausgehoben worden wäre: es war in der Zeit jener tiefen Depression, die auf die verlorenen Erlanger Semester folgte. Jetzt war mir die Unterbrechung mit zweifelhafter Aussicht auf Wiederaufnahme und Vollendung an sich höchst unerwünscht, um der Eltern willen, denen ich ein Zeugnis schuldig zu sein empfand, und um meiner selbst willen: mir war inzwischen der Glaube wiedergekehrt, daß ich noch eine Aufgabe in der Welt zu erfüllen habe. Bis in den Oktober blieb ich in Kiel. In den Herbstferien machte ich mit Freund Reuter noch eine kleine Wanderung über Gremsmühlen, das ich damals zum erstenmal gesehen habe, es hat uns später noch oft gastlich aufgenommen, nach Neustadt, dann auf langer mühsamer Wanderung immer dicht am Strand hin um die Bucht nach Niendorf, wo wir am Spätnachmittag erschöpft ankamen: wir hatten den ganzen Tag nichts gegessen außer einigen Eicheln, die wir unter einigen herrlichen alten Eichen am Strande liegend aufgelesen und zerkaut hatten. Nachdem wir uns erfrischt, gingen wir nach Travemünde und, da uns das Gasthaus dort nicht zusagte, in der Nacht noch weiter nach Lübeck, das wir erst um Mitternacht erreichten. Ich bewahre eine Erinnerung an diesen Tag: einige Eicheln, die ich unter jenen Bäumen in die Tasche gesteckt hatte, brachte ich mit nach Langenhorn und steckte sie dort in die Erde. Eine von den aufgegangenen Pflanzen hat sich erhalten: ich hab sie später aus dem Garten an den Brunnen verpflanzt, wo sie noch heute steht, als ein mächtiger Baum längst über Haushöhe emporgewachsen. Als ich nach Kiel zurückgekehrt war und auf einem Spaziergange[170] meinem Freunde sagte, ich sei nur gekommen, Abschied zu nehmen, nicht zu bleiben, da faßte er mich bei der Hand und erwiderte: »Ich wußte es ja, du mußt nach Berlin; mir ist es sehr schmerzlich, aber ich kann dich nicht halten.« In Berlin machte ich mich nun entschlossen an meine Dissertation. Trendelenburg hatte im Winter 69/70 unter anderen Aufgaben zur Aristotelischen Ethik auch die gestellt: Die Methode der Aristotelischen Ethik. Die Frage hatte mich schon länger beschäftigt, ich hatte die Form und Methode der Herbartischen, Kantischen, Schleiermacherschen Ethik in vergleichende Erwägung gezogen, und so begann ich die Ausarbeitung. Alle Freuden der ersten Konzeption sind mir aus dieser Aufgabe erblüht, ich hatte das Gefühl, daß ich der Sache mächtig sei. Und so brachte ich in der kurzen Zeit etwa eines Vierteljahres eine Arbeit zustande die ich, wenn ich mich nicht irre: de forma ac principiis systematum ethicorum überschrieben hatte. Trendelenburg schlug mir, nachdem er die Arbeit gelesen, als Titel vor: Symbolae ad systemata ethica historicae et criticae, welchen Titel ich, wenn auch nicht ohne einiges innere Widerstreben, annahm. Er war übrigens mit der Arbeit nicht ganz zufrieden; er hätte lieber eine Abhandlung über ein begrenzteres Thema in mehr philologisch-historischer Form gehabt, ließ mich aber die kleine Enttäuschung nicht entgelten. Als ich nach der mündlichen Prüfung, in der ich magna cum laude bestanden hatte, zu ihm kam und ihm sagte: das idoneum doctrinae et intelligentiae documentum der Dissertation scheine mir eine niedere Schätzung anzudeuten, widersprach er lebhaft, holte das lateinische Lexikon herbei und bewies mir daraus, daß das idoneum eine sehr anständige Wertung ausdrücke und einem »genügend« keineswegs gleichzustellen sei, vielmehr einem tauglich, tüchtig, zweckdienlich. Die Prüfung, sie wird im Februar stattgefunden haben, hat mir nur angenehme Eindrücke hinterlassen. Vor allem verständigte ich mich mit Trendelenburg vortrefflich. Er fragte mich nach dem Grundunterschied philosophischer Systeme; da ich nicht lange zuvor seine gleichnamige Abhandlung in den gesammelten Aufsätzen gelesen hatte, so befriedigte ihn meine Antwort gleich vollständig; wir gingen dann behaglich einige Hauptsysteme durch, sie nach jenen Prinzipien charakterisierend. Harms fragte nach Schleiermacher, den ich gut kannte, übrigens wurde die Sache durch seine Schwerhörigkeit sehr gehemmt. Ich hatte dann noch Geschichte und Griechisch: Droysen fragte mich hauptsächlich nach politischen Theorien der Griechen, die mir vertraut genug waren; ich war[171] auf viel mehr vorbereitet: ich hatte den Winter Curtius' griechische und Mommsens römische Geschichte, Rankes Reformation und Sybels Revolution gelesen und dazu den Pütz fleißig repetiert. Kirchhoff legte einige Verse aus der Odyssee vor, die ich glatt übersetzte. Als ich auf eine Vexierfrage: worin der Unterschied zwischen den Partikeln ?? und ??? bei Homer bestehe, antwortete: ich weiß es nicht, ich habe nie darauf geachtet oder darüber nachgedacht, sagte er mit Lächeln: »Trösten Sie sich, ich weiß es auch nicht.« Die öffentliche Promotion fand erst am 27. Mai statt, in den Ferien war ich zu Hause gewesen, wo große Freude über den glücklichen Ausgang des Studiums war: es hatte also richtig doch gelangt, wie P. Thomsen es ihnen vorausgesagt hatte. Von den übrigen Erlebnissen des letzten Studiensemesters ist mir eines in deutlicher Erinnerung geblieben: die Begründung eines philosophischen Vereins der Studierenden. Am Anfang des Winters fand sich eines Tages am schwarzen Brett eine Einladung zu einer Versammlung, die sich die Begründung besagten Vereins zur Aufgabe machen solle. Ich ging hin und fand schon eine ansehnliche Zahl von Kommilitonen beisammen. Als zur Konstituierung der Versammlung geschritten wurde, stellte sich als Einberufer ein junger Studiosus im ersten oder zweiten Semester vor, namens Erdmann, derselbe, der sich nachmals als philosophischer Lehrer und Schriftsteller einen Namen gemacht hat und jetzt als Professor der Philosophie in Bonn wirkt. Er begründete in sehr gewandter Rede das dringende Bedürfnis eines engeren Zusammenschlusses und regelmäßigen Austausches zwischen den Studierenden der Philosophie. Seine Worte fanden Beifall: der Verein wurde gegründet. Er hat, meine ich, etwa drei Jahre Bestand gehabt. Wöchentlich fand eine Sitzung mit Vortrag und nachfolgender Besprechung statt. Ich habe in einer der ersten Zusammenkünfte einen Vortrag, wenn ich nicht irre, über den Begriff der Wahrheit gehalten, woran sich später noch weitere Vorträge anschlossen. Unter den ersten Mitgliedern war ein Dr. Mayet, ich glaube zugleich der erste Vorsitzende; später war es Erdmann. Gelegentlich muß auch Dr. Avenarius, der spätere Züricher Professor der Philosophie, anwesend gewesen sein, ich meine, seine eigentümliche sächsisch-singende, näselnde Stimme noch zu hören. Unter den Mitgliedern, denen ich näher trat, war auch H. Jakobi, jetzt Professor des Sanskrit in Bonn. Ich kannte ihn schon länger, vielleicht aus dem Kolleg oder Konversatorium Steinthals. Wir[172] sahen uns in jener Zeit recht häufig und wurden gute Freunde; er hatte eine entzückende Kindlichkeit und Offenheit wie des äußeren, so auch des inneren Wesens. Er hat mir bei der Promotion opponiert zusammen mit Fritz Rehorn, dem alten Erlanger Freunde, und Z. Bruns, dem alten Seebären, mit dem ich in Altona auf der Schulbank zusammen gesessen hatte, er studierte damals in Berlin Medizin. Das freundschaftliche Verhältnis zu Jakobi hat sich noch lange in einem Briefwechsel und gelegentlichen Besuchen fortgesetzt. Auch mit Erdmann wurde ich bald näher bekannt, und es entspann sich ein Verhältnis philosophischen Gedankenaustausches, das uns manche Förderung gebracht hat. Bis zu seiner Berufung nach Kiel 1878 fand zwischen uns ein häufiger persönlicher Verkehr statt. 
